The Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Ohne den Vater
       Erzaehlung aus dem Kriege

Author: Agnes Sapper

Release Date: March 22, 2004 [EBook #11677]

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***




Produced by Charles Franks and the DP Team


[Transcriber's Note: There is no seventh chapter in the printed
book from which this etext was made.]






Ohne den Vater

Erzaehlung aus dem Kriege

von

Agnes Sapper




Erstes Kapitel.


Im gemuetlichen Wohnzimmer eines Forsthauses in Ostpreussen sass ein
kleiner Familienkreis eng und traulich beisammen: der Foerster Stegemann
mit seiner noch ganz jungen, lieblichen Frau, die ihr Kindchen in den
Armen hielt und versuchte, mit zaertlichen Worten und dem Spiel ihrer
Finger dem kleinen Geschoepf das erste Laecheln zu entlocken. Neben ihr
lehnte Gebhard, ein kraeftiger, etwa zehnjaehriger Junge; er sah nach dem
Schwesterchen, das so wohlig in der Mutter Armen ruhte, und wartete
gespannt, ob es noch einmal gelaenge, das Laecheln hervorzuzaubern, das
vorhin wie ein Sonnenstrahl ueber das Kindergesichtchen gehuscht war. Als
es gelang, sah er die Mutter beglueckt an und wandte sich lebhaft an
seinen Vater: "Hast du es diesmal gesehen?"

Nein, er hatte es wieder nicht gesehen, weil ihm etwas anderes noch
anziehender war, als das erste Laecheln seines Toechterchens. Er hatte auf
Mutter und Sohn gesehen. Ihn freute, dass diese beiden sich so gut
verstanden. Es war noch nicht lange her, dass er diese junge Frau
heimgefuehrt hatte, nachdem seine erste Frau, Gebhards Mutter, gestorben
war. Eine lange Reihe stiller Jahre hatte er mit dem Knaben verlebt, den
eine treue Magd schlicht und streng erzog. Innig nah standen sich Vater
und Sohn, ernst und pflichttreu war der Foerster, anspruchslos der Junge.
Kraeftig wuchs er in der frischen Waldluft heran und machte von seinem
sechsten Lebensjahr an taeglich einen stundenlangen Weg, um auf einem
benachbarten Gut an dem Unterricht mit den Knaben des Gutsbesitzers
teilzunehmen. Auf diesem Weg begleitete ihn ein treuer Hund des
Foersters, der schon immer sein Spielkamerad gewesen und jetzt sein
Beschuetzer auf einsamen Waldwegen war.

Bei einem Besuch seiner Mutter, die in Sueddeutschland lebte, hatte der
Foerster das froehliche, liebevolle Maedchen kennen gelernt, das dann seine
zweite Frau geworden war. Noch immer war's ihm wunderbar und erfreute
ihn in tiefster Seele, dass solch ein neues Familienglueck in seinem
Forsthaus erblueht war; und so sah er auch jetzt mit Wonne auf die junge
Frau, ohne dass diese es bemerkte, denn sie war ganz von der Kleinen
hingenommen.

Jetzt stund sie auf und legte das Toechterchen sorgsam in den Korbwagen.
"So Juengferlein," sagte sie, "nach dieser grossen Leistung, nachdem du
zweimal gelaechelt hast, wirst du herrlich schlafen, draussen am offenen
Fenster!" Sie fuhr sachte den Wagen in das Schlafzimmer.

Gebhard wandte sich dem Vater zu. "Es ist so nett, wenn die Mutter
"Juengferlein" sagt zu einem so kleinen Kind, hoerst du das nicht auch so
gern, Vater? Ueberhaupt ist es jetzt so eine schoene Zeit! So soll's immer
bleiben, wie es jetzt ist!"

Stegemanns Gedanken wurden durch diesen Wunsch herausgerissen aus der
friedlichen Umgebung.

"Gebhard, du denkst nicht an den Krieg, sonst koenntest du nicht von
einer schoenen Zeit reden, die bleiben soll."

"Aber wir siegen doch, und das gibt dann die allergroesste Freude."

"Vorher werden viele Tausende von unsern deutschen Soldaten sterben!"

"Viele Tausende?" Gebhard wiederholte sinnend diese Worte und blieb eine
Weile ganz nachdenklich. Dann aber trat er dicht an den Vater heran und
begann mit eifrigen Worten: "Das darf man doch nicht so traurig sagen,
Vater? Die Soldaten ziehen doch gern in die Schlacht und wollen fuers
Vaterland sterben? Wenn ich nur schon aelter waere, und wenn du noch
juenger waerst, dann zoegen wir miteinander in den Krieg, du waerst ein
Offizier und ich dein liebster Soldat und wenn du befiehlst:
'Freiwillige vor!' komme ich zu allererst. Aber mit zehn Jahren geht das
noch nicht, und du, Vater, gelt du bist schon zu alt, du hast doch schon
ein wenig graue Haare!"

"Die grauen Haare machen nichts; vielleicht komme ich doch noch daran.
Aber sei still, wir wollen damit der Mutter nicht angst machen."

Sie sahen beide nach der Tuere, durch die die junge Frau eben wieder
hereintrat. Es lag noch der Schimmer muetterlicher Zaertlichkeit auf ihrem
Gesicht, als sie sagte: "Mein Juengferlein schlummert schon."

"_Dein_ Juengferlein, Helene? Mir gehoert es auch!" Er zog seine Frau
zaertlich an sich.

"Und ein wenig gehoert es auch mir, nicht, Mutter?"

"Freilich. Du wirst sehen, die kleinen Maedchen moegen die grossen Brueder
am allerliebsten, lustig wird's, wenn sie erst mit dir spielen kann!"

Das konnte sich nun Gebhard noch nicht recht vorstellen, aber lustig
war's ihm schon jetzt zumute und er sprang hinaus und hinunter in den
Hof, mit seinem Leo zu tollen, seinem liebsten Kameraden. Bald ging auch
der Foerster, den sein Beruf oft halbe Tage lang abrief, und Helene blieb
allein.

Der Forsthof lag einsam am Waldessaum, nahe der russischen Grenze; nur
ein paar Niederlassungen waren in der Naehe, von denen die eine dem
Strassenwaerter gehoerte, der die Grenzstrasse zu hueten hatte, die andere
einem alten Waldhueter, der mit seiner Familie da hauste. Sonst waren
weit und breit keine menschlichen Ansiedelungen zu sehen, dunkler Wald
nach allen Seiten und grosse Stille.

Die da heimisch waren--wie der Foerster und sein Junge--, die liebten
diese Waldeinsamkeit, aber Fremden kam sie unheimlich vor. Auch Helene,
als sie aus ihrer sueddeutschen Heimat, aus staedtischen Verhaeltnissen
hieher versetzt worden war, hatte anfangs furchtsam nach dem
Waldesdunkel hinuebergeschaut und die Stille, waehrend ihres Mannes und
Gebhards Abwesenheit, hatte sie bedrueckt. Aber in ihren vier Waenden war
es ihr doch bald wohl geworden, denn da war sie von ruehrender Liebe und
Verehrung umgeben. Nicht nur Mann und Sohn, auch Knecht und Magd, ja
sogar die Hunde, vom grossen Kettenhund bis herunter zum kleinen Dackel,
alle zeichneten sie aus, wie wenn sie sich immer daran freuten, dass
etwas so feines, sonniges, froehliches in ihre Waldeinsamkeit gekommen
war. Und jetzt, seitdem sie Mutter geworden und ihr Kindchen jede Stunde
um sich hatte, jetzt konnte das Gefuehl der Einsamkeit gar nicht mehr
aufkommen. Sie war voll Glueck und Wonne, ja so sehr, dass sie manchmal
das schwere Geschick des Vaterlandes fast vergass. Kam es ihr dann in den
Sinn, so machte sie sich im stillen Vorwuerfe, sagte sich: kannst du denn
gar nicht ungluecklich sein mit den vielen, die jetzt in Sorge und
Herzeleid sind? Dann legte sie schnell das Tragroeckchen beiseite, das
sie besticken wollte, nahm den groben Soldatenstrumpf zur Hand, setzte
sich neben den Kinderwagen, strickte und strickte, sah dabei auf das
kleine Menschenknoespchen, das neben ihr schlummerte, und war eben wider
Willen doch gluecklich. Aber der Krieg mit seinen Schrecken und Aengsten,
mit Sorgen und Jammer kam bald genug, ihr Glueck zu stoeren.




Zweites Kapitel.


Es war eine stille Sommernacht zu Ende August, der Forsthof lag
friedlich, Mensch und Tiere hatten sich zur Ruhe begeben. Der Foerster
allein war noch auf; die Zeitungen, die er diesen Abend erhalten hatte,
lagen vor ihm. Sie sagten ihm, wie nahe die Gefahr eines feindlichen
Einbruchs fuer das Grenzland war. Auch einen amtlichen Brief hatte er von
seiner vorgesetzten Behoerde erhalten, den Befehl, zunaechst noch auf
seiner Stelle zu verharren.

"Zunaechst;" demnach konnte in Baelde die Anweisung kommen, den Forsthof
zu verlassen. Darauf wollte er alles vorbereiten. Er ordnete Papiere und
Wertsachen, um im Notfall alles Wichtige rasch bei der Hand zu haben,
und dann schrieb er an seine Mutter. Sie stand ihm sehr nahe, hatte
jedes Jahr in der Zeit seiner Vereinsamung die weite Reise von
Sueddeutschland unternommen, um nach ihm und seinem mutterlosen Kleinen
zu sehen. Bei ihr fragte er an, ob Frau und Kinder Zuflucht finden
koennten, wenn sie die Heimat verlassen muessten und er selbst sich dem
Vaterland zur Verfuegung stellen wuerde. Er hatte einst gedient und es war
ihm selbstverstaendlich, dass er an dem grossen Kampf Teil nehmen wuerde,
sobald ihn sein Amt im Forsthaus nicht mehr zurueck hielt.

So sass er heute bis spaet in die Nacht hinein am Schreibtisch, waehrend
seine Frau sorglos schlief. Er hatte ihr nichts mitgeteilt von seinen
Vorbereitungen. Sie kam ihm so jung und zart vor, besass nicht die starke
Natur, die er selbst von seiner Mutter geerbt hatte, schien so recht fuer
Glueck und Sonnenschein geschaffen. Wie sie mit Schwerem zurecht kaeme,
wie sie Leid und Entbehrungen ertragen wuerde, konnte er sich nicht
vorstellen. So wollte er ihr keine Last auflegen, so lange er allein sie
tragen konnte.

Mitternacht war es geworden, aber nun lagen auch alle Briefe und
Papiere geordnet und ueberschrieben vor ihm. Er hatte getan was geschehen
konnte und griff nun nach dem Neuen Testament; denn es trieb ihn, eines
von den Jesusworten zu lesen, die ihm oft schon Kraft gegeben hatten.
"Nicht mein sondern dein Wille geschehe." Er versenkte sich in die
Erzaehlung vom Kampf Jesu in Gethsemane.

Ploetzlich wurde die Stille des Forsthofes gestoert durch das Bellen des
Hofhunds. Stegemann horchte auf, hoerte nichts, was den Hund beunruhigt
haben konnte. Aber das Bellen wurde lauter und auch die andern Hunde
taten mit. Stegemann oeffnete das Fenster, schaute hinaus in die stille
Sommernacht, ging dann hinunter in den umzaeunten Hof, rief die Hunde,
die unwillig knurrten, zur Ruhe und lauschte. Jetzt unterschied auch
sein Ohr das Geraeusch von sich naehernden schweren Tritten draussen auf
der Landstrasse. Wer kam da bei Nacht? War es Freund oder Feind? Ihm
ahnte nichts Gutes. Er eilte rasch ins Haus zurueck und nahm den Revolver
zu sich. Auch den Knecht wollte er rufen; der war aber durch das Gebell
schon wach geworden und trat mit der Laterne in der Hand zum Foerster.

"Wenn's Russen sind, dann gnad uns Gott!" sagte der Knecht.

"Mach die Kettenhunde los; sie lassen keinen ueber den Zaun."--

Wuetend bellten die zwei grossen losgelassenen Hunde und liefen aufgeregt
am Zaun hin und her. Von aussen am geschlossenen Hoftor ertoente die
Glocke. Herr und Knecht sahen sich an. Wie aus einem Munde riefen sie:
"Russen sind das nicht, die klingeln nicht, die schlagen mit dem Kolben
an."

Der Foerster trat naeher.

"Wer ist draussen?" rief er. Und gut deutsch klang die Antwort:
"Preussische Infanteristen mit einem Befehl an den Foerster."

Noch ein paar Fragen und Antworten wurden zu groesserer Sicherheit
gewechselt. Dann rief der Foerster dem Knecht zu: "Mach die Hunde fest."

Erst als die aufgeregten Tiere angekettet waren, konnte man wagen, das
Hoftor zu oeffnen und die Soldaten einzuladen, die draussen harrten. Eine
Patrouille von fuenf Maennern war es, angefuehrt von einem jungen Leutnant.
Statt der gefuerchteten Feinde unverhofft einen Trupp wackerer Feldgrauer
auf dem einsamen Forsthof zu haben, das war ein Hochgefuehl, vor allem
auch fuer die geaengstigte junge Frau, die wie auch Gebhard vom Laerm der
Hunde erwacht war und mit dem Knaben am Fenster stehend den Vorgang im
Hof beobachtet hatte.

"Preussen sind's, Preussen!" rief Gebhard, der zuerst beim Laternenschein
die Uniform erkannte.

"Wirklich! Gott Lob und Dank," antwortete die Mutter und machte sich in
fliegender Eile zurecht, um die unverhofften Gaeste zu begruessen und fuer
sie zu sorgen. Aber noch ehe sie so weit war, suchte ihr Mann sie auf.

"Ich komme schon," rief sie ihm eifrig entgegen, "wollen die Soldaten
bei uns uebernachten? Soll ich Betten richten?"

"Das nicht, sie halten nur kurze Rast; dann geht ihr Marsch weiter und
ich, ich muss sie begleiten."

"In der Nacht? Wohin?"

"Das darf ich dir nicht sagen; es ist eine Vertrauenssache, ein geheimer
Befehl, von dem auch nur der Offizier weiss."

"Wie unheimlich, Rudolf! Wann kommst du wohl wieder?"

"Vielleicht schon in ein paar Stunden.--Wenn du nur schnell helfen
wolltest, Tee fuer die Leute zu machen. Die Soldaten haben schon Auftrag
erhalten, den Herd zu heizen und Wasser aufzusetzen."

"Die Soldaten heizen unsern Herd? Das muss ich sehen. Komm, Gebhard, geh'
mit mir hinunter! Ich habe noch nie Soldaten kochen sehen. Mit fuenf
Koechen, das muss ja schnell gehen!"

Ja, nach zehn Minuten war der Tee auf dem Tisch und nach weiteren zehn
Minuten war gegessen und getrunken, was eiligst aufgetragen worden; und
die fuenf Mann bedankten sich bei der jungen, froehlichen Foerstersfrau.

Der Foerster mit Flinte und Jagdhund sah aus, als wenn er auf die Jagd
ginge. Im letzten Augenblick nahm er seine Frau beiseite: "Behalte
Knecht und Magd bei dir, stelle dich aengstlich, rufe sie herein, lass sie
Tee trinken. Ich will nicht, dass uns jemand folgt. Kein Mensch soll
wissen, in welcher Richtung wir gehen."

Er gab rasch seiner jungen Frau einen Abschiedskuss--das war nichts
besonderes; aber dass er im Vorbeigehen auch Gebhard einen Kuss gab, das
kam dem Kind sehr verwunderlich vor, denn Zaertlichkeiten waren zwischen
Vater und Sohn nicht ueblich.--

"Wegen ein paar Stunden Trennung kuesst man sich doch nicht?" sagte sich
Gebhard und war sehr nachdenklich, waehrend er in sein Schlafzimmer ging,
um sich wieder zu legen. Zum erstenmal waren Soldaten ins Haus gekommen;
der Offizier hatte mit dem Vater Kriegsgeheimnisse besprochen, die kein
anderer Mensch erfahren durfte. Ein wenig unheimlich war die Sache, aber
doch sehr spannend. Heute Nacht war der Krieg ins eigene Haus gedrungen,
jetzt erst fing er so recht an fuer Gebhard.

Und die junge Mutter konnte, nachdem sie Knecht und Magd entlassen,
lange nicht wieder den Schlaf finden. An der Seite ihres Mannes hatte
sie noch nie den Krieg gefuerchtet; aber ohne ihn ueberkam sie eine grosse
Angst. Es war so finster, so still und schwuel. Vielleicht konnte sie
besser schlafen, wenn sie die Tuere aufmachte ins Nebenzimmer, zu
Gebhard. Sie tat es leise, um ihn nicht zu wecken, und freute sich doch,
als sie bemerkte, dass er noch nicht schlief.

"Bist du es, Mutter?" rief er und richtete sich ganz munter auf.

"Ja, es ist so schwuel; ich will die Tuere ein wenig offen lassen."

"Das ist nett, dann koennen wir plaudern. Ich moechte so gerne erraten,
warum der Vater mit den Soldaten gegangen ist. Aber vielleicht ist es
besser, wenn wir es nicht erraten; weil es doch ein Kriegsgeheimnis ist.
Nur der Vater darf es wissen; er muss stolz darauf sein. Ich waere auch
stolz darauf und wuerde das Kriegsgeheimnis niemand verraten; ausser
vielleicht dir, Mutter. Oder darf ich's auch dir nicht verraten?"

"Du weisst es ja gar nicht, Gebhard," sagte die Mutter und lachte
froehlich. Die Luft kam ihr schon nicht mehr schwuel vor; und bald
schliefen Mutter und Sohn ebenso ruhig wie das Kindchen im Korbwagen und
ahnten so wenig wie dieses, dass sie zum letzten Mal im Forsthaus
schliefen.

Am Morgen des folgenden Tages kam, angestrengt von langem, eiligem
Marsch, Stegemann zurueck. Nach der schlaflosen Nacht sollte er sich mit
einem guten Fruehstueck staerken und die verlorene Nachtruhe nachholen, das
war der Wunsch seiner jungen Frau; ungesaeumt wollte sie fuer seine
Bewirtung sorgen. Er aber hielt sie zurueck: "Das ist jetzt Nebensache,"
sagte er eilig, "wir haben viel Wichtigeres zu tun. Leutnant N. riet mir
dringend, heute noch mit Frau und Kind und, soweit moeglich, mit Hab und
Gut abzuziehen. Erschrick nicht so, Liebste, die Strasse ist noch frei
von Feinden; aber wir wollen auch gar keine Zeit verlieren. Jetzt gilt
es aufpacken, was das Noetigste und Wertvollste ist, um so schnell es nur
irgend geht, an die Bahn zu kommen. Ich sage gleich den Leuten, sie
sollen helfen, auch sie muessen fliehen. Es kann sein, dass die Russen der
Spur der Patrouille folgen, die heute nacht hier war. Nun, Gebhard,
hilf der Mutter!"

In wenigen Minuten war der stille Forsthof erfuellt von laermendem,
hastigem Treiben. Der Knecht fuhr den Wagen vor und lud auf, was ihm
zugereicht wurde: Betten, Kleider, Waesche, auch allerlei Vorraete aus
Kueche und Kammer. Gebhard lief aus und ein, fast froehlich in der
eifrigen Taetigkeit. Knecht und Magd trugen ihre Buendel herbei.

Keine halbe Stunde war verflossen; da suchte der Foerster seine Frau auf,
die an ihrem Waescheschrank stand und trieb zur Abfahrt: "Es ist genug,
lass alles andere, wir fahren!"

Ganz erstaunt schaute sie auf: "Dass du so aengstlich bist! Auf eine
Viertelstunde kommt es doch nicht an; die kleine Aussteuer vom
Juengferlein--" sie unterbrach sich: "Horch!" Die Hunde bellten, der
Foerster eilte ans Fenster. Er wandte sich sofort wieder zurueck: "Es ist
schon zu spaet," sagte er, "die Russen kommen!"

Er sprach ruhig; aber sein Gesicht verlor alle Farbe. Auch seine Frau
trat ans Fenster und fuhr erschreckt zurueck: "Um Gottes willen, was
sollen wir tun?" rief sie in Todesangst.

"Geh da hinein und schliesse dich ein!" rief ihr Mann. Er fasste sie
schnell, drueckte sie an sein Herz, kuesste sie stuermisch und fuehrte sie in
das Schlafzimmer zu ihrer Kleinen.

"Gott behuete euch," rief er, "schliesse zu!"

Sie schob den Riegel vor.

In diesem Augenblick kam Gebhard atemlos: "Vater, russische Reiter sind
im Hof, sie fragen nach dem Foerster. Was wollen sie denn von dir?"

Herr Stegemann zog sein Kind leidenschaftlich an sich: "Sie wollen
vielleicht wissen, wohin unsere Soldaten heute nacht gegangen sind."

"Aber das darfst du ihnen doch nicht sagen?"

"Nein."

"Was wird dann, Vater?"

"Was Gott will."

Der Anfuehrer der russischen Truppe, die aus etwa 15 Mann bestand, trat
in das Zimmer, den Revolver in der Hand; einige seiner Leute folgten,
andere hielten Wacht an der Tuere. Es kam, wie der Foerster vorausgesehen.
Der russische Offizier wollte wissen, wohin die deutsche Patrouille,
deren Spur sie gefunden hatten, gezogen sei. Offenbar war seine Absicht,
ihr zu folgen, sie abzufangen, ehe sie ihren Zweck erfuellen und ueber
ihre Erkundung den Deutschen Nachricht geben konnte. Ein polnischer
Waldarbeiter hatte ihm verraten, dass der Foerster die Patrouille gefuehrt
hatte. Und nun sollte er die Feinde fuehren, die zu Pferd die deutschen
Fussgaenger leicht einholen wuerden.

Der Foerster, die Rechte auf den Tisch gestuetzt, hoerte die Forderung.
Fest klang seine Antwort: "Sucht sie selbst. Ihr koennt vom deutschen
Mann nicht verlangen, dass er die Deutschen verrate."

Neben dem Vater stand Gebhard mit gluehenden Wangen. Wie ein Held
erschien ihm der Vater, da er dem russischen Offizier kurz und fest den
Dienst verweigerte.

Der Russe aber lachte hoehnisch, im Gefuehl der Uebermacht: "Sie sind ein
Tor. Wollen Sie nicht, so sind Sie mit Weib und Kind in 5 Minuten
niedergemacht."

Tief aufatmend antwortete der Foerster: "Ich werde nicht zum Verraeter."
Dem Offizier stieg der Zorn auf, aber ihm lag daran, einen willigen
Fuehrer zu gewinnen, so bezwang er sich. "Nehmen Sie Vernunft an," sagte
er. "Sie entschuldigt die Not. Sie sind machtlos in unseren Haenden.
Entschliessen Sie sich rasch, dass uns die kostbare Zeit nicht verloren
geht. Dann sollen Sie, auf Offiziersehre, unversehrt zurueckkehren,
sobald wir die Deutschen erreicht und noch ehe sie Sie gesehen haben.
Weib und Kind koennen Sie in Sicherheit bringen, Ihr Hab und Gut soll
unberuehrt bleiben."

Der Foerster schwieg.

"Vater, tu's nicht!" rief Gebhard leidenschaftlich. Der Offizier wandte
sich heftig gegen den Knaben, packte ihn, schob ihn beiseite und rief:
"Der soll der erste sein, der vor Ihren Augen erstochen wird, wenn Sie
nicht augenblicklich folgen."--"Haltet den Buben!" befahl er den
Soldaten. Die ergriffen Gebhard mit rauher Hand. Wuetend setzte er sich
zur Wehr; doch sie packten ihn so fest, dass er kein Glied mehr ruehren
konnte; aber das konnten sie nicht hindern, dass er immer lauter rief:
"Vater, tu's nicht!"

Der Foerster biss die Zaehne aufeinander; noch schien er unentschlossen.
Aber in diesem Augenblick wurde der Tuerriegel des Nebenzimmers
zurueckgeschoben und unter der halbgeoeffneten Tuere erschien seine Frau.
Ihr junges, rosiges Gesicht war totenblass; sie hatte gehoert, was die
Maenner verhandelten und wusste, dass ihr Leben und das von Mann und
Kindern auf dem Spiel stand. Bebend vor Angst wagte sie nicht, die
Schwelle zu ueberschreiten, hielt die Tuerklinke in der Hand und rief
ihrem Mann flehend zu: "Ich bitte dich um Gottes Willen, rette uns, o
denke an die Kinder!"

Der Russe nahm seinen Vorteil wahr. Er gruesste die Dame des Hauses: "Ja,
gnaedige Frau, sprechen Sie Ihrem Gemahl zu. Geht er mit uns, so moegen
Sie unbehelligt von hier fliehen, und Ihr Mann wird in kurzer Zeit
nachfolgen, auf Offiziersehre. Tut er es nicht, so gebe ich Sie meinen
Soldaten preis."

Schaudernd zog sich die geaengstigte Frau vor den Blicken der rohen
Soldaten zurueck.

"Ich gehe!" laut und fest sagte es der Foerster und wandte sich der Tuere
zu.

"Vater, tu's nicht!" Noch einmal kam der Ruf von Gebhard, der noch immer
umklammert war von harten Soldatenfaeusten.

Der Vater wandte sich an den Offizier: "Lassen Sie mein Kind frei, nach
Ihrem Ehrenwort."

Ein Wink des Offiziers und die Soldaten liessen den Knaben los; aber sie
draengten sich zwischen ihn und den Foerster und liessen die beiden nicht
zueinander kommen. Nur konnten sie nicht verhindern, dass ein letzter
Blick vom Vater zum Sohn ging, ein Blick voll Liebe und Stolz.

"Vorwaerts!" befahl der Offizier.

Sie verliessen das Zimmer; Gebhard rannte nach der Schlafzimmertuere, die
wieder verriegelt war. "Mach auf, Mutter, sie sind fort!" und ausser sich
vor Zorn und Jammer rief er. "Der Vater ist doch mit ihnen gegangen!
Jetzt muss er die Deutschen verraten!"

Helene war erschuettert durch die Verzweiflung des Knaben. Sie versuchte
ihn zu troesten, zog ihn in muetterlicher Zaertlichkeit an sich: "Der Vater
kommt morgen schon zurueck, der Offizier hat's auf Ehre versprochen.
Sieh, wenn er nicht nachgegeben haette, waeren wir alle umgebracht worden.
Er hat mitgehen muessen, er hat doch nicht anders gekonnt!"

"Aber der Vater darf doch die Deutschen nicht verraten," schluchzte das
Kind.

"Denke nicht mehr _daran_. Denke, dass wir jetzt alle grausam misshandelt
und getoetet wuerden. Gott Lob, dass der Vater uns davor behuetet hat."

Gebhard konnte sich nicht fassen, zornig stampfte er und rief: "Der
Vater darf doch kein Verraeter sein!"

Die Mutter sah den Knaben starr an: "Hast du kein Herz fuer den Vater,
fuer mich und fuer unsere Kleine? Wolltest du, wir waeren grausam
hingemetzelt, du und wir alle?"

Heftig antwortete Gebhard: "Ja, ja, viel lieber moechte ich das."

Der Mutter graute. Sie konnte das Kind nicht verstehen, und war im
tiefsten Herzen gekraenkt durch seine Antwort. Aber weiter mit ihm zu
reden war nicht moeglich; denn unter der Tuere erschien die Magd,
schreckensbleich mit verweinten Augen: "Der Knecht sagt, wir muessen
eilen, dass wir fortkommen, der Herr hat's ihm noch zugerufen. Unser
armer, armer Herr, sie haben ihn fortgefuehrt! Auf einem Russenpferd,
mitten unter den Feinden ganz allein! Und er hat sich noch so tapfer
umgeschaut, so todesmutig ist er davon geritten! Der arme Herr, was
werden sie mit ihm tun?"

Helene hatte auf den Lippen zu sagen: "Es geschieht ihm nichts, morgen
wird er uns nachkommen;" aber sie unterdrueckte die Worte. Die Leute
durften nicht wissen, dass der Herr sich bereit erklaert hatte, mit den
Feinden zu gehen. Schwer fiel ihr auf die Seele: Kein Deutscher durfte
das je erfahren. Es war ja Verrat, was ihr Mann beging. Ihr zuliebe tat
er's; nicht aus Angst ums eigene Leben, der tapfere, treue Mann! Wie
wollte sie ihm das danken ihr Leben lang!

Die Magd mahnte noch einmal zur Eile. "Was ist noch aufzuladen?" Hastig
griff Helene nach diesem und jenem, beladen eilte die Magd die Treppe
hinunter, rief Gebhard zur Hilfe; wie im Traum nahm er, was ihm
hingereicht wurde. Die Mutter aber suchte in Eile nach einem Blatt
Papier, sie musste ihm noch ein Wort schreiben, das sollte er finden,
wenn er in sein veroedetes Haus zurueckkaeme, mit einer schweren Last auf
dem Gewissen, einer Last, die er ihr zuliebe durchs ganze Leben tragen
musste. In fliegender Eile schrieb sie mit zitternder Hand: "Komm bald zu
mir, herzliebster Schatz, hab tausendmal Dank, dass Du uns das Leben
gerettet hast!" Mitten auf den Tisch legte sie das Blatt, dann noch
daneben, was ihn staerken sollte, Brot und eine Flasche Wein. Wieder kam
die Magd unter die Tuere: "Jetzt ist angespannt."

"Ich komme!" Sie nahm ihr Kindchen, das liebevoll eingehuellte. Die Magd
bemerkte Brot und Wein, wollte beides mitnehmen. Helene liess sie nicht
an den Tisch. "Das bleibt!" rief sie.

"Kein Wunder, dass die arme, junge Frau ganz verwirrt ist," dachte das
Maedchen.

Im Hof war alles zur Flucht bereit. Die Hunde sprangen um den Wagen. Sie
sollten mitlaufen bis zum Haus des Strassenwaerters, meinte der Knecht,
der solle sie aufnehmen. "Aber Leo gebe ich nicht her, den nehme ich
mit!" erklaerte Gebhard. Der Knecht machte Einwendungen. Unmoeglich sei
das auf der langen Reise, bei den ueberfuellten Zuegen. Ein Unverstand waere
es. Die Mutter sah ein, dass er recht hatte, aber sie wusste auch, was es
fuer Gebhard bedeutete, sich von seinem Leo zu trennen. Der Vater hatte
ihm vor Jahresfrist das junge Tier geschenkt; ihm gelehrt, es zu
behandeln; zu einem folgsamen, anhaenglichen Kameraden war es
herangewachsen und von seinem kleinen Herrn unzertrennlich gewesen. Auch
jetzt standen sie dicht beisammen, Gebhard und sein Hund, sahen sich an
und das kluge Tier schien zu merken, dass ueber sein Schicksal entschieden
wurde. Ein ungewohntes, kurzes Bellen gab es von sich.

Die Mutter wandte sich an den Knecht. "Wir wollen es doch versuchen, ob
wir Leo mitnehmen koennen!"

"O ja, bitte, Mutter!"

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Das Toechterlein auf der Mutter Schoss,
weich gebettet, schlief sanft ein. Gebhard sass der Mutter gegenueber. Sie
hielten bald bei dem Strassenwaerter, dann ging die Fahrt weiter, der Bahn
zu. Laengs der Strasse zog sich der Wald hin, aus dem jeden Augenblick die
Feinde auftauchen und die Wehrlosen ueberfallen konnten. Und in den
Haenden dieser Feinde war der geliebte Mann, der treue Vater.

"Gebhard," sagte die Mutter leise, dass es der Knecht auf dem Bock nicht
hoere, "Gebhard, du hast doch auch gehoert, dass der russische Offizier
gesagt hat: 'auf Offiziersehre.'"

"Ja. Zweimal hat er das gesagt."

"Solch ein Schwur wird doch sicher auch im Krieg gehalten," sagte Helene
und fuegte bei: "Also kommt der Vater sicher morgen oder spaetestens
uebermorgen. Wenn es nur schon morgen waere!"

Gebhard wandte sich ab und sagte kein Wort darauf. Mit fest
geschlossenem Mund sah er durchs Fenster.

Die Stille bedrueckte die Mutter. Sie redete ihn nach einer Weile wieder
an: "Warum bist du so still, Gebhard? Hast du Angst, dass die Russen aus
dem Wald kommen? Wir sind jetzt schon nahe der Station, hier ist's nicht
mehr so gefaehrlich."

"Ich habe keine Angst."

"Hast du Heimweh nach dem Forsthof? Nach dem Frieden kommen wir alle
wieder zurueck."

Aber Gebhard schwieg und die Mutter sah wohl, dass er kaempfte, die
Traenen zurueckzuhalten, die ihm in die Augen kamen.

Sie streckte die Hand nach ihm aus. "Komm, setze dich neben mich,
Gebhard; komm her zu mir, sage mir, was dir so traurig ist. Der Vater
kommt uns doch morgen nach."

Nun kam es unter lautem Schluchzen bebend heraus: "Ich kann mich ja
nicht auf den Vater freuen. Ich kann jetzt doch den Vater nie mehr lieb
haben und habe ihn doch so lieb!"

Helene erschrak in tiefster Seele. Sie selbst war so voll Liebe und
Sehnsucht nach ihrem Mann, sie hatte das innigste Verlangen nach ihm und
Gebhard, sein geliebter Bub, sprach solche Worte!

"Wie darfst du so reden, Gebhard," rief sie erregt, "wo er doch alles
nur uns zuliebe getan hat. Er konnte ja auch gar nicht anders!"

"Doch, Mutter, weisst du nicht mehr? Zuerst hat er ganz fest nein gesagt;
aber dann hast du die Tuere aufgemacht und hast gerufen 'rette uns'. Dann
hat dich der Vater angesehen. O haettest du doch die Tuere nicht
aufgemacht, dann waere der Vater kein Verraeter!"

Die Mutter erblasste und liess seine Hand los. Nach einer kleinen Weile
sagte sie in einem ernsten, fremden Ton: "Wenn der Vater zurueckkommt, so
sage so etwas nie zu ihm, sonst machst du ihn ganz ungluecklich. Nie
sollst du zu irgend jemand wieder so reden!" Dann wandte sie sich ab und
er fuehlte, dass es ihr jetzt lieb waere, wenn er nicht neben ihr saesse,
ging auf seinen ersten Platz zurueck und dachte: "Die Mutter kann mich
jetzt nicht mehr lieben und ich kann den Vater nicht mehr lieb haben,
alles, was schoen war, ist vorueber." Er sass wieder an seinem
Fensterplatz, Wald war nicht mehr zu sehen, unbekanntes Land, alles,
alles anders.

Eine Stunde darnach langten sie an der Station an, waren bald im aergsten
Gewuehl, hatten aber noch die Hilfe von Knecht und Magd, die erst spaeter
in anderer Richtung abfahren konnten. Am Schalter draengten sich die
Leute. Helene verlangte Karten fuer sich und Gebhard. "Und eine
Hundekarte."

"Das gibt's jetzt nicht."

"Darf er mit in den Personenwagen?"

"Keine Rede. Wir sind froh, wenn wir die Menschen unterbringen. Weiter!"

Helene wurde von den Nachdraengenden ungeduldig weggeschoben.

Was war nun zu tun mit Leo? Der Knecht troestete Gebhard, versprach ihm,
den Hund gut unterzubringen. Und Gebhard sah ein, dass es nicht anders
sein konnte; die Reisenden umdraengten Mutter und Kinder, im Strom wurden
sie fortgeschoben, keine Zeit zum Abschiednehmen von den treuen
Dienstboten, auch nicht von dem geliebten Hund. Ein Winseln hoerte
Gebhard noch--er wusste, das galt ihm.

Eingepfercht in den Wagen sassen unsere Fluechtlinge, mit Muehe hatten sie
noch Sitzplaetze erlangt. Immer mehr Reisende draengten herein. Gebhard
sah durchs Fenster in das Gewuehl. Endlich leerte sich der Bahnsteig,
das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben und eben in diesem Augenblick sah
Gebhard ploetzlich noch einmal seinen Leo auftauchen. Er hatte sich von
der Hand des Knechts losgerissen, raste auf den Wagen zu, aus dem
Gebhard sah, sprang blitzschnell auf und ueber alle Hindernisse hinweg
zwischen scheltenden Menschen hindurch bis in das Abteil, wo er sich
sofort unter den Sitz seines kleinen Herrn duckte und so fuer sich selbst
die Frage loeste, ob Hunde mitfahren duerften.

Gebhard war so ausser sich vor Freude, dass auch Helene, die zuerst ueber
den Eindringling erschrocken war, freundlich dem Tier zunickte, das ihr
gegenueber unter dem Sitz aengstlich hervorsah, nicht ganz sicher, ob es
geduldet wuerde. Allerdings versuchte auch ein Herr Einsprache zu
erheben. "Es gehoert sich nicht, dass solch ein grosser Hund in den Wagen
genommen wird." Aber ein aelterer Mann ergriff Partei fuer das Tier oder
mehr noch fuer die Familie.

"Freilich gehoert sich's nicht," bemerkte er, "aber es gehoert sich auch
nicht, dass so ein junges Frauchen mit dem kleinen Kind fluechten muss. Und
um eine Flucht wird sich's wohl handeln. Nach Vergnuegungsreisenden sehen
sie nicht aus. Habe ich's erraten?"

Helene konnte nur gegen Traenen ankaempfend mit unsicherer Stimme bejahen.

"Nun also; dann wird Ihnen auch niemand den Hund absprechen; so ein
treues Tier ist auch ein Schutz."

So blieb der Hund unbeanstandet und bewaehrte sich auf der Fahrt als
kluges Tier. "Hast du bemerkt, Mutter, wie Leo so schlau ist und sich
still haelt, wenn der Schaffner hereinkommt?" fragte Gebhard.

Nein, Helene hatte das nicht beachtet. Sie sass in schwere Gedanken
versunken. Zuerst hatte nur die Sorge sie bedrueckt, ob auch gewiss der
geliebte Mann morgen zurueckkaeme. Allmaehlich aber legte sich ihr schwer
aufs Herz der Gedanke, dass er wohl zurueckkommen koennte, aber mit einer
Schuld auf dem Gewissen, die nie, nie mehr zu tilgen war. Wenn schon
Gebhard diesen Verrat so tief empfand, wieviel mehr sein Vater! Und dazu
hatte _sie_ ihn veranlasst! Sein ganzes Leben hatte sie verdorben!

Und nun kamen noch andere schwere Ueberlegungen. Sie konnte sich nicht
entschliessen--wie es ihres Mannes Wunsch gewesen--zu seiner Mutter zu
gehen. Diese war eine tapfere aber auch strenge Frau. Helene fuehlte
nicht den Mut, ihr zu erzaehlen, was vorgefallen war, und es kam ihr
unmoeglich vor, ihr unter die Augen zu treten. So ueberlegte sie und
beschloss, bei ihrem Bruder Zuflucht zu suchen. Er und seine Frau hatten
sich schon bei Kriegsausbruch freundlich erboten, Helene mit dem
Toechterchen aufzunehmen. Damals hatte sie sich nicht von ihrem Manne
trennen wollen. Jetzt war es anders. Sie wollte dorthin, aber wohin
wuerde ihr Mann sich wenden?

In diesen Gedanken hatte Gebhards Frage sie unterbrochen. Nun sah er die
Mutter aufmerksam an und seinem teilnehmenden Blick fiel auf, wie
veraendert sie aussah. Sie hatte doch immer so helle Augen gehabt und
einen froehlichen Mund. Nun waren die Augen truebe und der Mund zuckte wie
von verhaltenem Schmerz. Gebhard dachte an seinen Vater. Wenn der jetzt
erschiene, ja dann wuerde die Mutter wieder so strahlend aussehen wie
sonst. Gerne haette er das auch so zustande gebracht wie der Vater, aber
das konnte er nicht; im Gegenteil: dass sie so veraendert aussah, war wohl
seine Schuld; seit dem Gespraech im Wagen war sie so still. Er haette
vielleicht das nicht sagen sollen, was er gesagt hatte. Was konnte er
aber jetzt machen? Lauter fremde Leute sassen herum, man konnte gar
nichts Liebes zu der Mutter sagen. Eine ganze Weile blieb er still und
nachdenklich, aber auf einmal kam ihm, was er suchte. "Mutter, unser
Juengferlein schlaeft so sanft, sieh nur, wie rosig ihre Baeckchen sind!"

Die Mutter blickte auf das Kind, streichelte die weichen Baeckchen, aber
dabei fuellten sich ihre Augen mit Traenen.

Auch das Juengferlein konnte die Freude nicht hervorlocken? Ja, dann
wusste Gebhard keinen Rat. Es ging eben nicht ohne den Vater!




Drittes Kapitel.


Im Verlauf der langen, muehseligen Reise erfuhr Gebhard, dass nicht der
Grossmutter Haus das Reiseziel sein sollte; in der Mutter Heimat, bei
Onkel und Tante Kurz, sollten sie ihre Zuflucht suchen. Es war eine
Enttaeuschung fuer ihn; die Grossmutter kannte und liebte er, die
Verwandten der Mutter waren ihm fremd. Helene suchte ihm Lust zu machen.
"Onkel und Tante haben uns laengst eingeladen; sie koennen uns viel
leichter aufnehmen als die Grossmutter; sie haben ein eigenes Landhaus
vor der Stadt, mit einem Garten; du wirst sehen, dass wir's gut bei ihnen
haben."

"Aber wenn der Vater zurueckkommt, der wird uns bei der Grossmutter
suchen!"

"Wir schreiben der Grossmutter, wo wir sind!"

"Kommt dann der Vater zu uns, weiss er, wo das ist?"

"Aber freilich weiss er das, Gebhard. Bei meinem Bruder und seiner Frau
war ja unsere Hochzeit, dort hat mich der Vater geholt, weil ich keine
Eltern mehr habe. Mein Bruder hat mich auch so lieb, weisst du, fast wie
wenn ich sein Kind waere. Er ist viel aelter als ich." Gebhard ueberlegte.
"Ja, dann kann ich das schon begreifen, dass du zu ihm moechtest."

Seufzend ergab er sich.

Nach manchem unfreiwilligen Aufenthalt und schier unertraeglicher Fahrt
kam Helene mit den beiden Kindern am spaeten Abend an ihrem
Bestimmungsort an. Wohl hatte sie ihr Kommen angekuendigt, aber Tag und
Stunde voraus anzugeben, war in dieser Zeit unmoeglich. So stand sie nun
in dunkler Nacht, mit den uebermuedeten Kindern, mit dem Hund und vielem
Gepaeck auf dem Bahnsteig, und wusste nicht, wie sie nun bis in ihres
Bruders Haus kommen sollte. Alles an dem Bahnhof hatte ein anderes
Aussehen als frueher. Befremdet sah Helene um sich. Sie hatte nicht
gedacht, dass auch auf dem Bahnhof dieser kleineren Stadt die Kriegszeit
sich so bemerklich machte. An ihr vorbei eilte eine weibliche Gestalt in
grosser, weisser Schuerze, am Aermel mit dem Roten Kreuz gezeichnet. Einen
Eimer heissen Tee am Arm ging sie von Wagen zu Wagen und bot den
durchreisenden Soldaten die Labung an. Einer derselben, ein
Landwehrmann, lehnte dankend ab. "Wir haben erst in der vorigen Station
Tee bekommen, aber wenn Sie sich um die junge Frau mit den Kindern da
drueben annehmen wollten, die haben mich schon lang gedauert, sie sind
aus ihrer Heimat vertrieben!"

Die Helferin wandte sich nach der bezeichneten Stelle, sah die hilflose
Gruppe und ging sofort darauf zu. "Reihen Sie noch weiter, kann ich
Ihnen helfen?" frug sie Helene. Aber als sie dicht voreinander standen,
erkannten sich die beiden Frauen. Sie waren einst zusammen in die Schule
gegangen.

"Ich habe dich gar nicht gleich erkannt, Helene; ist das dein Kindchen?
Hast du allein reisen muessen? Dein Mann ist wohl einberufen? Du Aermste,
du siehst so angegriffen aus. Wirst du nicht abgeholt? Nein? Warte nur
ein klein wenig, ich helfe dir. Sieh, dort ist eine Bank, setzt euch
einstweilen!" Sie eilte wieder an den Zug, da und dort wurde sie
angerufen und um Tee gebeten.

Ein blutjunger Freiwilliger reichte eine Postkarte heraus, bat, man
moechte ihm die Liebe erweisen, sie einzuwerfen, weil seine Mutter sich
gar so sehr um ihn sorge. So war sie voller Taetigkeit, bis der Zug
wieder davon fuhr. Dann aber eilte sie zu der kleinen Gruppe mueder
Menschen, die auf sie harrten, und es gelang ihr, einen Wagen fuer sie
aufzutreiben und sie samt Gepaeck und Hund gluecklich darin
unterzubringen. "Zu Fabrikant Kurz," lautete die Anweisung fuer den
Kutscher.

Die Fahrt ging durch dunkle Strassen, denn an den Laternen wurde gespart
in dieser Kriegszeit. Fast Mitternacht war es, bis sie am Haus hielten,
aber doch war ein Fenster noch erleuchtet und wurde bei dem Anfahren des
Wagens geoeffnet. "Wer kommt?" rief eine Stimme von oben. "Wir sind's,
Bruder!"

Einen Augenblick spaeter wurde die Haustuere geoeffnet und der Bruder,
Fabrikant Kurz, hiess seine naechtlichen Gaeste willkommen. "Verzeih, dass
wir euch so spaet bei Nacht ins Haus fallen," sagte Helene, "es liess sich
nicht aendern."

"Es ist fuer mich nicht spaet, ich habe jetzt oft bis in die Nacht hinein
zu arbeiten. Aber gehoert denn der Hund auch zu euch? Den habt ihr mit
hieher gebracht?" Missfaellig betrachtete er Leo, der sich an Gebhard
draengte.

"Es ist Gebhards Liebling, sie sind so anhaenglich aneinander!" Herr Kurz
beachtete jetzt erst seinen kleinen Neffen.

"Das ist also Gebhard? Wir waren eigentlich der Meinung, er kaeme zu
seiner Grossmutter; aber kommt nur herauf, es sind zwei Gastzimmer
gerichtet. Was ist mit deinem Mann, ist er einberufen?"

"Nein; er wird bald nachkommen."

"Warum hat er dich nicht auf der langen Reise begleitet? Muss er noch im
Forsthaus bleiben?"

Helene zoegerte mit der Antwort. "Ich erzaehle dir das morgen. Wir sind so
muede, wenn wir uns vielleicht gleich legen duerften!"

"Ihr muesst doch vorher essen!"

"Danke, wir bekamen unterwegs was wir brauchten, nur Ruhe moechten wir."

Der Hausherr hatte dem Stubenmaedchen geklingelt, das erschien nun um an
Stelle der Hausfrau, die nicht gestoert werden sollte, fuer die Gaeste zu
sorgen.

Ein schoenes Gastzimmer mit allen Bequemlichkeiten war fuer Helene
gerichtet, auch ein Kinderwagen stand bereit. Geruehrt dankte sie dem
Bruder fuer diese Fuersorge. Die Kleine, die schlafend angekommen war,
erwachte jetzt und fing kraeftig an zu schreien. Der Hausherr, der selbst
keine Kinder hatte, sah ratlos auf das kleine, ungebaerdige Wesen, befahl
dem Maedchen alles weitere zu besorgen und wuenschte der Schwester gute
Nacht. Gebhard nahm er mit sich, Leo folgte. "Wenn nur der Hund die
Nachtruhe nicht stoert!" sagte der Onkel, waehrend sie die Treppe hinauf
gingen.

"Vor meiner Tuer wird er gewiss ruhig liegen bleiben," versicherte
Gebhard.

"Das wird sich zeigen. Wenn Hunde in fremde Umgebung kommen, heulen sie
oft. Mich wundert, dass dir dein Vater erlaubt hat ihn mitzunehmen!"

"Der Vater war gar nicht da, als wir abgereist sind." Gebhard hatte das
kaum gesagt, so merkte er, dass er besser darueber geschwiegen haette.

"Wo ist denn dein Vater?" Was sollte Gebhard darauf antworten? Er wusste
es nicht.

"Ich meine wo dein Vater war, als ihr fluechten musstet? Blieb er im
Forsthaus zurueck?"

"Nein." Die sichtliche Verlegenheit des Knaben fiel dem Manne auf. Es
musste etwas geschehen sein, was Mutter und Sohn nicht gern sagten.

Er wollte nicht weiter in das Kind dringen. Im oberen Stock des Hauses
war ein zweites Gastzimmer bereitet, fein und vornehm war auch hier die
Einrichtung. "Kommst du allein zurecht?" fragte der Onkel, "oder soll
ich dir das Stubenmaedchen heraufschicken?"

"Nein danke, ich kann alles allein machen. Aber bitte, Onkel, wenn ich
Leo eine Strohmatte oder eine Decke vor meine Tuer legen duerfte; er
versteht dann, dass er da hingehoert."

Es fand sich eine Matte und der Hund nahm verstaendig seinen Platz ein.
Onkel und Neffe wuenschten sich gute Nacht. Gebhard lag bald in dem
feinen Gastbett. Aber unter dem fremden Dach in dem einsamen
Schlafgemach ueberfiel ihn ein bitteres Heimweh und trotz aller Muedigkeit
konnte er nicht einschlafen. So weit, weit weg war er vom Forsthaus! Und
der Vater, wo war der? Der Vater, von dem man jetzt gar nicht reden
konnte, waehrend man frueher so stolz auf ihn war! Dem kleinen Burschen
war zumute, wie wenn ihm der Boden unter den Fuessen wankte, da mit der
Heimat zugleich die klaren Verhaeltnisse der gluecklichen Kinderzeit
schwanden, in denen er festgewurzelt war.

Wenn wenigstens die Mutter nebenan schliefe oder etwas von der Kleinen
zu hoeren waere, aber gar so einsam war es hier oben! Lange wehrte sich
Gebhard als tapferer, kleiner Mann gegen die Traenen; endlich kamen sie
doch, das Schluchzen liess sich nicht mehr unterdruecken und schuettelte
seinen Koerper.

Mitten in der naechtlichen Stille wurde ein Laut hoerbar. Gebhard setzte
sich auf, lauschte und vernahm ein leises Winseln vor der Tuere. Sicher
hatte das wachsame Tier seines kleinen Herrn Schluchzen vernommen und
war beunruhigt. Oder hatte es selbst Heimweh? Noch einmal derselbe
ungewohnte Laut. Es klang so traurig! Da musste Gebhard troesten. Er
tastete sich in der Finsternis an die Tuere und hatte kaum einen Spalt
geoeffnet, so zwaengte sich der Hund herein und draengte sich mit freudigem
Bellen an seinen Herrn.

"Still, still!" mahnte Gebhard und das gut gezogene Tier verstummte
sofort, aber es wedelte und bezeugte seine groesste Freude. "Ja, ja, du
darfst hier bleiben," fluesterte Gebhard, "du hast Heimweh; komm her!" Er
holte leise die Matte herein und legte sie neben sein Bett. "So, dann
sind wir beisammen, ganz nahe. Leg dich!"

Vom Bett aus konnte Gebhard seinen Leo streicheln. Nun wich das Gefuehl
der Einsamkeit, vorbei war's mit den naechtlichen Traenen. Schon nach
wenigen Minuten hatten die beiden guten Kameraden den Schlaf gefunden.

In der Fruehe des naechsten Morgen, noch ehe es heller Tag war, schreckte
Helene auf durch ein Klingeln an der Haustuere. Wer kam so fruehe? Sicher
ihr Mann oder doch eine Nachricht von ihm! Im Nu warf sie einen
Morgenrock um, eilte hinaus an die Treppentuere, denn sie selbst wollte
ihm oeffnen, ihn hereinfuehren in ihr Zimmer, ihn lieb haben.
Ach--beschaemt stand sie vor dem Milchmann und vor dem Kuechenmaedchen, die
beide mit erstaunten Augen auf die junge Frau schauten; ohne ein Wort
kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurueck.

Das war die erste Enttaeuschung und es folgten jede Stunde neue, denn der
sehnlich Erwartete kam nicht, und keine Post brachte Nachricht von ihm.

Bruder und Schwaegerin liessen sich's einen ganzen Tag gefallen, im
Unklaren zu bleiben ueber das Schicksal, das die Familie Stegemann
getrennt hatte; sahen sie doch, wie verstoert Mutter und Sohn waren und
dass sie sich nicht entschliessen konnten, von dem Erlebten zu sprechen.
Die Schwaegerin war eine gutmuetige Frau, hatte Helene lieb und wollte,
dass die Vertriebenen sich wohl fuehlten in ihrem Haus. Es war ja auch
alles in Huelle und Fuelle da und keine Kriegsnot zu verspueren; denn in
der Kurz'schen Fabrik, die in Friedenszeit allerlei feine Stahlwaren
herstellte, wurden nun Granaten gemacht; der Betrieb war Tag und Nacht
im Gang und es ging mehr Geld ein als je in frueheren Zeiten. Viele
beneideten die Familie Kurz und wollten ihr den wachsenden Reichtum
missgoennen. So kam es dem Fabrikherrn und seiner Frau ganz erwuenscht, dass
die Vertriebenen bei ihnen Zuflucht suchten. Jedermann konnte nun sehen,
dass von diesem Reichtum guter Gebrauch gemacht wurde. Aber unbequem
waren die Fragen der Bekannten nach den Schicksalen der jungen Familie,
nach dem Verbleib des Foersters Stegemann. Was sollte man antworten, wenn
man selbst nichts wusste?

Herr Kurz sprach mit seiner Frau. "So kann das nicht weiter gehen;
Helene weicht allen Fragen aus und sieht gleich so ungluecklich aus, dass
ich nicht in sie dringen mag; und der Bub hat etwas trotzig
Zurueckhaltendes, das einem die Lust nimmt, ihn zu fragen. Helene schrieb
immer so beglueckt ueber ihn, ruehmte sein offenes, zutunliches Wesen. Ich
finde nichts davon und wollte, er waere samt dem Hund anderswo
untergebracht. Aber nun, da er bei uns wie ein Kind vom Haus aufgenommen
ist, kann man wenigstens von ihm Antwort auf berechtigte Fragen
erwarten. Nimm du ihn einmal vor. Er soll sagen, wo sein Vater ist. Ich
will das wissen."

"Du hast ganz recht, habe nur Geduld, ich will es schon herausbringen,"
sagte Frau Kurz beschwichtigend. An diesem Tag, waehrend ihr Mann in der
Fabrik war, und Helene auf Zureden der Schwaegerin sich auf ihr Ruhebett
gelegt hatte, ergab sich's, dass Tante und Neffe allein beisammen waren
und sie benuetzte die Gelegenheit, brachte die Sprache auf das Forsthaus,
fragte, ob dieses nun ganz leer stehe, ob wohl Gebhards Buecher und
Spiele alle mitgekommen seien oder sie ihm neue kaufen solle. Da wurde
Gebhard vertraulich und mitteilsam; schilderte, wie hastig Hab und Gut
aufgepackt worden seien und dass das meiste zurueckgeblieben sei.

"Was dir oder der Mutter fehlt, werde ich euch alles neu kaufen," sagte
die Tante guetig, und der kleine, wohlerzogene Mann kuesste ihr dankbar die
Hand. Nun fragte die Tante weiter: "Hat dein Vater seine eigenen Sachen
selbst aufgepackt, und hat er euch begleitet bei der Abfahrt?"

"Nein," sagte Gebhard und wandte sich schon von der Tante ab, der Tuere
zu. Sie merkte, er wollte weiteren Fragen ausweichen. Aber so hatte sie
es nicht gemeint. Sie griff nach seiner Hand. "Nun bleibe noch da,
Gebhard, und erzaehle mir ganz genau, wann dein Vater fortgegangen ist,
warum und wohin. Das muessen wir wissen, dein Onkel und ich."

Da Gebhard schwieg, fuhr sie fort: "Die Mutter ist doch so traurig, das
siehst du ja und wenn sie ueber den Vater spricht, regt es sie auf, darum
will ich sie nicht fragen. Willst du ihr das abnehmen und ihr zulieb mir
alles sagen?"

"Nein, ich kann nicht!" rief Gebhard gequaelt und wollte entweichen. Aber
die Tante hielt ihn fest.

"Weisst du, dass du recht unartig bist? Nun haben wir die Mutter mit der
Kleinen und dich und sogar deinen Hund mitten in der Nacht bei uns
aufgenommen und sorgen fuer euch, weil ihr gar keine Heimat habt und du
willst mir nicht einmal anvertrauen, wo der Vater ist? So undankbar
willst du sein?"

"Nein, ich will nicht undankbar sein, aber ich kann's nicht sagen," rief
der Knabe entschieden und suchte sich loszumachen. Frau Kurz verlor die
Geduld, packte ihn fest und rief: "Gebhard, du musst!"

Da riss er sich mit Gewalt los, rief in heller Verzweiflung: "Ich will
die Mutter fragen, ob ich muss," und stuerzte aus dem Zimmer, hinueber in
das der Mutter. Die schrak aus ihrer Mittagsruhe auf, als Gebhard
ungestuem auf sie zukam und laut schluchzend rief: "Mutter, muss ich den
Vater verraten? Muss ich?" Erschreckt zog Helene das ganz erschuetterte
Kind an sich und wollte ihm troestend zusprechen, aber durch die
offengebliebene Tuere war die Tante dem Fluechtling gefolgt und hatte
Gebhards Ausruf gehoert. "Du hast ihn ja schon verraten," sagte sie, "geh
jetzt hinaus, ich weiss genug. Geh in dein Zimmer, du machst ja dein
Muetterchen noch krank mit deinem Ungestuem!"

Beschaemt und traurig zog Gebhard sich zurueck. In seinem Zimmer sass er
still, wusste nicht, wie es gekommen war, dass die Tante sagen konnte, er
habe den Vater verraten und er mache die Mutter krank, mochte sich
selbst nicht mehr leiden und wusste sich keinen Rat.

Inzwischen hatte Frau Kurz sich neben die junge Schwaegerin gesetzt,
troestete sie freundlich und brachte allmaehlich durch teilnehmende
Fragen und dringendes Zureden alles heraus, was sie wissen und ihrem
Mann berichten wollte.

Dieser empfand wohl volle Teilnahme fuer seine Schwester, aber er dachte
auch an sich selbst, an die Familienehre und an das Geschaeft. Es war
eine boese Sache. Er fuerchtete, die militaerischen Auftraege koennten ihm
entzogen werden, wenn des Schwagers Verrat ruchbar wuerde. Aufgeregt ging
er in seinem Zimmer auf und ab, waehrend er seiner Frau diese Gefahr
auseinander setzte. "Nie haette ich gedacht, dass durch Stegemann Unehre
in die Familie kaeme. Wie sah Helene an ihm hinauf, wie stolz sprach sie
von seinen und seiner Mutter edlen Grundsaetzen! Wie wenn die Familie
Stegemann viel hoeher stuende als unsere eigene! Nun, wenn wir auch
nuechterne Leute sind und unsern Geschaeftsvorteil wahren, einen
Vaterlandsverraeter haben wir doch nie in unserer Familie gehabt!"

"Sprich nur nicht laut davon," mahnte seine Frau, "das bleibt ganz
verschwiegen. Ich glaube nicht, dass ihn die Russen frei gegeben haben
und wenn ja, dann kann er nicht wagen, sich in Deutschland blicken zu
lassen, nach dem was er getan. Mach dir keine Sorgen. Wer sollte das
verraten? Helene nicht und der Bub auch nicht, auf den kannst du dich
verlassen!"

So beruhigte sie ihren Mann. Und es kam so, wie sie gesagt, niemand
erfuhr mehr von dem Vermissten als was sie selbst von ihm aussagten: er
sei im Krieg und man warte vergeblich auf Nachrichten.




Viertes Kapitel.


Die Tage, die Wochen vergingen--vom Foerster Stegemann drang keine Kunde
zu seiner Frau. Sie lebte still und eingezogen. Vom Krieg wollte sie
nichts hoeren, nichts lesen und wenn jemand sie darauf hinwies, dass gar
viele Frauen ihre Maenner, ihre Soehne vermissen mussten, so war ihr das
kein Trost. Andere Frauen durften stolz sein auf das, was ihre Maenner
taten fuers Vaterland--sie musste sich schaemen; die andern waren
unschuldig--sie hatte eine Schuld auf dem Gewissen. Wenn Gebhard sie
traurig ansah, musste sie an sein Wort denken: Haettest du die Tuere nicht
aufgemacht!

Gebhard ging in die Schule, aber er stand einsam unter den Mitschuelern,
fremd dem Lehrer gegenueber. Der sprach von Krieg und Sieg, von
Vaterlandsliebe und Heldentod--das konnte Gebhard nur mit bitterer Scham
anhoeren; und wenn die Kameraden von ihren Angehoerigen im Feld erzaehlten,
dann hatte er Angst vor ihren Fragen, ging ihnen aus dem Weg, spielte
lieber daheim mit Leo, seinem treuen, schweigsamen Freund aus der alten
Heimat.

Eines Abends, als er still und spaeter als sonst an seinen Schulaufgaben
in dem Zimmer neben dem Esszimmer sass und ihn wohl niemand dort
vermutete, hoerte er Onkel und Tante sprechen, was nicht fuer ihn bestimmt
war. Der Onkel sagte: "Das Beste waere, Stegemann bliebe verschollen, er
wuerde doch nur Schande bringen in unsere Familie."

"Ja," sagte die Tante, "aber ich denke, er ist laengst tot, wenn man es
nur bestimmt erfahren koennte."

Da tat dem kleinen Burschen nebenan das Herz so weh, wie noch nie und er
fuehlte, wie lieb er seinen Vater hatte, trotz allem was geschehen war,
und dass er ganz zu ihm gehoerte. Und ein Zorn kochte in ihm auf gegen die
Menschen, die den Vater gern gestorben wuessten. Aber er durfte ja nichts
sagen, denn gar oft schon hatte die Mutter ihm vorgehalten, wie dankbar
sie gegen Onkel und Tante sein muessten.

In diesem Augenblick kam die Mutter zu ihm herein, hatte ihr Toechterchen
im weissen Nachtgewand im Arm und zeigte sie Gebhard: "Sieh, wie die
Kleine nett aussieht, sie soll noch der Tante gute Nacht sagen, komm
mit."

Ungern folgte Gebhard. Im Esszimmer wurde der kleine Liebling bewundert.
Der Onkel, der fuer gewoehnlich um diese Zeit nicht da war und das Kind
selten sah, freute sich an dem netten Anblick, wollte auch der Mutter
eine Freude machen und sagte schmeichelnd zu der Kleinen: "Willst du
denn auch einmal zu mir kommen, mein schoenes Juengferlein?"

"Nein, sie soll nicht!" rief ploetzlich mit rotem Kopf in aufbrausendem
Zorn Gebhard. Erschrocken wandten sich alle nach ihm um, aber er achtete
nicht auf die vorwurfsvollen Blicke. "Es ist nicht dein Juengferlein,"
rief er, "es ist dem Vater sein Juengferlein, und mir gehoert sie auch
mit. Gib sie mir, Mutter, mir, nicht dem Onkel!" Er draengte sich an die
Mutter, die ganz blass geworden war. "Was faellt dir ein, Gebhard!" und
sie wandte sich an den tief gekraenkten Bruder: "Verzeih, ich weiss gar
nicht, was dem Kind in den Sinn kommt!"

Die Schwaegerin sah, wie ihrem Mann der Zorn aufstieg. Sie wandte sich an
Helene: "Wenn du irgend etwas von Erziehung verstehst, so musst du das
Toechterchen dem Onkel geben und musst den unartigen Jungen zur Tuere
hinausstecken!"

"Ja freilich, du hast ganz recht," sagte Helene. Sie sah ein, dass sie
einen solchen Ton nicht dulden durfte, aber sie fuehlte durch, und sah es
Gebhard an, dass er tief erregt war, und er tat ihr so leid. Sie konnte
ihn nicht verstehen. Es war doch gar nichts vorgefallen, was ihn so
aufbringen und seine Rede entschuldigen konnte. So zog sie das Kindchen
zurueck, nach dem er noch immer begehrte, reichte es dem Onkel hin, und
sagte unsicher: "Ich muss dich aus dem Zimmer weisen, Gebhard!" Er sah
sie einen Augenblick erstaunt an, weil er so etwas noch nie von ihr
erfahren hatte, dann folgte er ohne Widerspruch. Unter der Tuere blickte
er noch einmal zurueck und sah die Mutter mit Onkel und Tante beisammen
stehen, das Schwesterchen auf des Onkels Arm. Da war's ihm, als gehoerten
diese vier zusammen, er aber gehoerte nicht zu ihnen, sondern zu dem
armen, armen Vater, der so weit fort war und den er doch ueber alles in
der Welt liebte.

So wuchs allmaehlich eine Scheidewand zwischen ihm und der Mutter auf. Es
fehlte der Vater, der die beiden so innig verbunden hatte.

Aber es kam Hilfe von anderer Seite. Frau Dr. Stegemann, Gebhards
Grossmutter, kannte Helene nur wenig, aber sie hatte sie vor Jahr und Tag
herzlich als Schwiegertochter willkommen geheissen, manchen Brief mit ihr
gewechselt und sich innig gefreut ueber das Glueck, das sie ihrem Sohn und
Enkel von Herzen goennte. Sie konnte sich vorstellen, wie schwer die
junge Frau unter der Trennung von dem Gatten leiden musste. Aber sie
begriff nicht, warum die Schwiegertochter ihr jetzt nur selten und kurz
schrieb, ihr, der Mutter, die doch am besten mit ihr fuehlen konnte und
die laengst gebeten hatte, ihr die genaueren Umstaende ueber die
Verschleppung ihres Sohnes zu berichten. Die Schwiegertochter
entschuldigte sich damit, dass es sie zu sehr angreife, von diesem
schrecklichsten Tag ihres Lebens zu erzaehlen; aber Frau Dr. Stegemann
gab sich nicht laenger mit diesem Bescheid zufrieden. Als es Winter wurde
und immer dieselben duerftigen, traurigen Briefe kamen, schrieb sie der
Schwiegertochter, wofern sie und die Kinder gesund seien, moege sie mit
ihnen in Gebhards Weihnachtsferien zu ihr kommen. Es klang mehr wie ein
Verlangen als wie eine Bitte oder Einladung.

Helene zeigte den Brief ihren Geschwistern.

"Du haettest deiner Schwiegermutter laengst den ganzen Sachverhalt
mitteilen sollen," meinte der Bruder, "sie als Mutter kann erwarten, dass
ihr nichts vom Schicksal ihres Sohnes verschwiegen wird."

"Aber es kann ihr doch nur schrecklich sein! Sie hat uns bei Beginn des
Krieges voll gluehender Vaterlandsliebe geschrieben. Und dann--ich traue
mich nicht, ihr zu sagen, wie das alles gekommen ist, sie wird mich
verachten, denn sie ist so eine tapfere, strenge Frau!"

Die Schwaegerin fiel ihr ins Wort: "Immer quaelst du dich wieder so
unnoetig mit Vorwuerfen. Jede Frau haette so wie du fuer ihr und ihrer
Kinder Leben gebeten!"

"_Sie_ nicht!" sagte Helene bestimmt. Der Bruder wurde aergerlich. Er war
immer ein wenig eifersuechtig gewesen und hatte nie recht vertragen
koennen, dass seine geliebte Schwester eine so hohe Meinung von der
Familie Stegemann hatte.

"Du bist nicht schuld," sagte er; "ein Mann muss selbst wissen, was er zu
tun hat; es waere ohne deine Einrede wohl alles ebenso gegangen!"

Aber jetzt ereiferte sich Helene. "Nein, nie, ganz gewiss nicht. Ich
begreife mich selbst nicht mehr, warum ich nicht lieber mit meinem Kind
sterben wollte: der Tod ist nicht das schlimmste!"

Sie brach in Traenen aus. Der Bruder suchte sie zu beruhigen. "Du
brauchst deiner Schwiegermutter nicht zu erzaehlen, was _du_ bei der
Sache gesprochen hast. Darueber schweigst du einfach!"

"Ach, das kann ich nicht, wenn sie mich mit ihren klaren Augen ansieht,
so muss ich die ganze Wahrheit sagen. Sie wuerde es doch gleich merken,
dass mir noch etwas auf der Seele liegt."

"Ei, so bleibe hier!" riet die Schwaegerin. "Schicke ihr Gebhard allein,
sage, du koennest mit der Kleinen im Winter nicht reisen und ohne das
Kind nicht fort. Zwar waere sie ja bei mir und dem Maedchen wohl versorgt,
aber es ist doch eine gute Ausrede; versprich deinen Besuch fuers
Fruehjahr, dann wollen wir weiter sehen."

"Ja, das wird das Beste sein," sagte der Bruder, "sie kann die
Winterreise und dazu solch eine Aufregung nicht von dir verlangen und
Gebhard wird sehr gern zu seiner Grossmutter gehen mit seinem Hund,
na--er kann auch ganz dort bleiben, wenn sie es wuenscht."

"Er wird sich nicht gern von mir trennen wollen!"

"Das bildest du dir ein, so ist er nicht."

"Meinst du?" Nachdenklich fuegte sie hinzu: "Ja, es kann sein, dass er
mich nicht vermisst. Es ist alles nicht mehr so, wie es war. Aber dann
werden wir uns ganz fremd!"

"Du musst dich an dein Toechterchen halten, das wird alle Tage netter und
gehoert dir ganz und gar."

Aber die junge Mutter konnte sich nicht gleich mit dem Gedanken troesten,
dass ihr der kleine Liebling blieb. Es tat ihr weh, zu denken, Gebhard
werde sie nicht vermissen. Sie war doch so stolz gewesen auf des Knaben
Liebe und seine ruehrende Verehrung.

"Ich will selbst Gebhard die Einladung der Grossmutter ausrichten," sagte
der Bruder, die Beratung abschliessend. "Ruhe du dich ein wenig aus und
dann schreibe deiner Schwiegermutter. Gebhard ist ja bei ihr gut
versorgt und fuer dich wird es so am besten sein, meinst du nicht?"

"Ich weiss nicht," sagte Helene, "aber ich will es so machen, wie ihr
meint, ich danke euch, ihr seid so nachsichtig gegen mich."

Sie ging in ihr Zimmer und tat, wie man ihr geraten, legte sich auf ihr
Ruhebett. Ach, sie meinten es so gut mit ihr, aber sie hatten ja gar
keine Ahnung, wie traurig sie war, wie heiss ihre Sehnsucht nach dem
verlorenen Glueck.

Herr Kurz hatte es gut verstanden, Gebhard die Reise zur Grossmutter
verlockend darzustellen. Davon, dass er vermutlich dauernd bei ihr
bleiben sollte, hatte er nichts erwaehnt, das hatte noch Zeit. So behielt
der Onkel recht. Gebhard war nur vergnuegt ueber die Einladung fuer die
Weihnachtsferien, dachte gar nicht an die Trennung von der Mutter. Es
war ja natuerlich, dass das Kind sich freute zur Grossmutter zu kommen, die
in den Jahren der Einsamkeit im Forsthaus treulich jeden Sommer gekommen
war und ihm laengst nahe stand, ehe Helene zur Familie gehoerte.

Heute ging die Mutter mit ihm hinauf in sein Zimmer, um mit ihm
einzupacken. Frohgemut reichte er ihr zu, was sie verlangte, aufmerksam
verfolgte Leo dieses ungewohnte Treiben. "Jetzt deine Schulbuecher,
Gebhard?"

"Soll ich die mitnehmen?" Verwundert sah er die Mutter an und bedenklich
klang seine Frage: "Muss ich denn lernen in den Weihnachtsferien?"

"In den Ferien nicht, aber nachher, wenn die Schule wieder anfaengt, musst
du doch deine Buecher haben."

"Nach den Ferien komme ich doch wieder hieher?"

"So war's nicht gemeint, Gebhard. Die Grossmutter wird dich gerne
behalten. Hat dir davon der Onkel nichts gesagt?"

"Nein." Er wurde sehr nachdenklich. Die Mutter stand vor dem Koffer,
hatte die Hand ausgestreckt nach den Schulbuechern, die nicht kamen. Sie
sah, wie Gebhards Gesicht truebselig wurde. Jetzt schmiegte er sich an
sie. "Mutter, kannst du nicht mitkommen zu der Grossmutter? Hat sie bloss
mich ganz allein eingeladen?"

"Nein, aber das Schwesterchen ist noch zu klein fuer solch eine
Winterreise und sie braucht mich doch!"

"Ja, aber Mutter, du hast viel frueher einmal zu mir gesagt, wir blieben
jetzt immer beisammen, der Vater und du und ich; das war so schoen. Und
jetzt ist der Vater fort und dann habe ich auch keine Mutter mehr!"

"O doch, Gebhard, ich bleibe ganz gewiss deine treue Mutter!" Aber
Gebhard entgegnete trotzig: "So eine Mutter, die nicht bei mir ist,
hilft mir gar nichts. So eine habe ich immer schon gehabt, im Himmel,
aber ich moechte eine, die bei mir bleibt."

"Spaeter, Gebhard, kommen wir gewiss wieder zusammen, aber jetzt hast du
einstweilen die Grossmutter. Bei ihr warst du doch frueher so gern; und
hier--warst du denn gerne hier im Haus, bei Onkel und Tante?"

"Nein, gar nicht gern, weil sie den Vater nicht moegen. Neulich haben sie
so etwas Schreckliches ueber den Vater gesagt, das darfst du gar nicht
hoeren, Mutter. Darum mag ich sie gar nicht mehr!" Traenen des Zorns
kamen dem Kind bei der Erinnerung.

"Wann war denn das?"

"An dem Abend, wo der Onkel das Juengferlein wollte!"

"Ach, damals? Gebhard, sieh, du wirst gluecklicher sein bei der
Grossmutter. Sie hat den Vater so lieb und sie nimmt dich mit deinem Leo
so gerne zu sich!"

"So? hat sie das geschrieben?" Langsam machte er sich von der Mutter
los. "Da sind meine Schulbuecher."

Still vollendeten sie das Geschaeft des Einpackens; aber beunruhigt lief
der Hund hin und her, er merkte, dass Ungewohntes vor sich ging.

"Du darfst mit mir gehen, Leo, sei nur zufrieden, wir zwei trennen uns
nicht!" Bei diesen Worten nahm Gebhard den schmalen Kopf des Hundes
zwischen seine Haende. Ein leises Bellen bezeugte das Einverstaendnis des
klugen Tiers; es legte sich nun still neben den Koffer, bereit Hab und
Gut seines kleinen Herrn zu bewachen.

Sie waren fertig, das Zimmer sah oede aus.

"Komm nun, Gebhard," sagte die Mutter und es war ihr wehmuetig ums Herz
in dem leeren Zimmer, "komm, wir wollen nach dem Schwesterlein sehen."

Er griff nach ihrer Hand, sah zu ihr auf und merkte, dass sie traurig
war. "Mutter," begann er, "jetzt denkst du an den Vater, das sehe ich
dir immer an. Aber du hast noch dein Juengferlein, das ist dir doch das
allerliebste und das bleibt bei dir."

Sie drueckte fest seine Hand. Nein, sie hatte jetzt eben nicht an ihren
Mann gedacht, sondern an den kleinen Mann, der da so liebevoll an ihrer
Hand ging und sie noch troestete, obwohl sie ihn von sich schickte.

Schon vor der Zimmertuere hoerten sie die Tante, die ihren Spass hatte mit
der Kleinen. Die lachte laut und uebermuetig vor Vergnuegen. Das lustige
Toechterlein--der traurige Bub--es gab der Mutter zu denken.

Am fruehen Morgen des folgenden Tags trat Helene in Gebhards
Schlafzimmer. Er erwachte bei ihrem Eintritt. Frisch und tatkraeftig
stand die Mutter vor ihm, wie schon lange nicht mehr. "Gebhard, steh
auf, es ist Zeit, dass wir reisen, wir zwei miteinander!" Und als er sie
mit grossen, fragenden Augen ansah, lachte sie hell, setzte sich zu ihm
auf den Bettrand und sagte: "Ich habe mir heute Nacht gedacht: das
Juengferlein ist schnoede, es macht sich gar nichts daraus, wenn ich
fortgehe, es jauchzt bei der Tante wie bei mir. Aber mein Bub, der
moechte mich gern bei sich haben; so will ich wenigstens fuer eine Woche
mit ihm gehen!" Da wurde die junge Frau stuermisch umarmt und gekuesst und
musste an ihren Mann denken.

Eine Stunde spaeter waren sie auf der Reise.




Fuenftes Kapitel.


Unsere zwei Reisenden waren diesmal allein im Abteil: Leo hatte sich
nicht eingedraengt; ganz verstaendig hatte er sich darein gefunden, in dem
fuer seinesgleichen bestimmten Raum Platz zu nehmen. Gebhard stand eine
ganze Weile am Fenster und sah in die Winterlandschaft hinaus; ihm war
so wunderlich gluecklich zu Mute, wie wenn ihm erst jetzt die Mutter
wieder gehoerte. Er haette nur gern gewusst, wie es ihr ums Herz war! Schon
einmal hatte er sich nach ihr umgewandt, sie sinnend angeschaut, aber
nicht die Worte finden koennen zu einer Frage. Nun sah er sie wieder an.

"Willst du etwas?" fragte sie.

"Nein.--Ja doch. Ich moechte nur wissen, ob es dich nicht friert?"

"Nein; warum meinst du? Kommt es dir kalt vor?"

"Mir gar nicht. Der Onkel meinte nur, du koenntest dich erkaelten; aber
gelt, es ist behaglich warm? Heute gefaellt mir das Fahren so gut, dir
auch, Mutter?"

Sie laechelte ihn freundlich an und schob die Reisetasche beiseite, die
neben ihr lag. "Setze dich zu mir her, Gebhard."

Dieser folgte schnell der Aufforderung und sie rueckten nahe zusammen.

"Gelt, das Juengferlein ist ganz vergnuegt bei der Tante?" sagte er.

"Ja freilich, das vermisst uns nicht."

"Das gefaellt mir eben so besonders gut, dass ich dich einmal ganz fuer
mich allein habe," erklaerte er, "da koennen wir auch vom Vater sprechen,
wenn wir wollen. Aber die Tante hat gesagt, ich soll dich nicht
aufregen; also reden wir lieber von etwas anderem. Sie hat mir auch
Essvorrat mitgegeben in meine Buechse; wollen wir das einmal ansehen?"

"Ja, sagte die Mutter, schauen wir nach den guten Sachen, das wird mich
ganz gewiss nicht aufregen." Sie lachte ihn freundlich an.

"Du siehst heute so aus, Mutter, wie frueher, so nett." Aber das haette er
nicht sagen sollen; denn auf einmal kamen ein paar Traenen in ihre hellen
Augen. Da packte er schnell die Buechse aus; und weil ihm dabei ein Apfel
auf den Boden kollerte und waehrend er sich darnach bueckte eine ganze
Anzahl Nuesse folgten, musste sie lachen und er lachte mit und sie waren
zum erstenmal froehlich miteinander ohne den Vater.

Gegen das Ende der Reise, waehrend Gebhard sich schon ungeduldig auf das
Wiedersehen mit der Grossmutter freute, wurde der jungen Frau das Herz
wieder schwer. Sie hatte sich wohl auf ihres Bruders Zureden
vorgenommen, nichts davon zu erzaehlen, dass sie ihren Mann ueberredet
hatte, mit den Russen zu gehen, und so durfte sie ja sicher sein, bei
ihrer Schwiegermutter nur Teilnahme zu finden und keinen Vorwurf zu
hoeren. Aber eben dieses Verschweigen und vorsichtige Ausweichen lag
nicht in ihrer Natur und deshalb bangte ihr vor dem Zusammentreffen mit
der Mutter.

Helene wusste, dass sie nicht erwartet wurde; nur Gebhard mit seinem
treuen Gefaehrten Leo war angekuendigt. Als die Reisenden in die
Bahnhofhalle einfuhren, fiel ihnen die Leere des Bahnsteigs auf. Er war
fuer die Menge gesperrt, da in Kuerze ein Lazarettzug mit einer grossen
Anzahl Verwundeter ankommen sollte. Eine ganze Reihe Sanitaeter mit
Tragbahren erwartete den naechsten Zug; aber mitten unter ihnen stand
eine einzelne grosse Frau in langem Mantel mit warmem Pelzzeug; unter
ihrem schwarzen Samthut sahen schlichte graue Haare hervor und
forschende Augen blickten dem einfahrenden Zug entgegen. Dies war Frau
Dr. Stegemann, die sich bei dem Kommandanten den Zutritt erbeten hatte,
um ihren allein reisenden Enkelsohn abzuholen.

Gebhard erkannte die Grossmutter sofort und eilte auf sie zu.

"Mein lieber, grosser Bub!" rief sie, "ich bin froh, dass du zu mir
gekommen bist. Und dein schoener Leo ist auch da! Nun komm nur gleich,
wir muessen moeglichst schnell den Bahnsteig verlassen."

"Aber die Mutter ist auch hier, ich bin nur vorausgesprungen!"

"Die Mutter? Kommt sie doch mit?"

Ja, sie kam eben zu den beiden und sah deutlich, dass bei dem
unerwarteten Wiedersehen das ernste Gesicht der Grossmutter freudig
aufleuchtete.

"So kommst du doch," sagte sie und streckte der jungen Frau die Hand
entgegen, "dann ist ja alles schoen und gut; wir gehoeren doch zusammen in
dieser Zeit!"

Das empfand auch Helene in diesem Augenblick. Wie wenn sie ihrem Manne
naeher waere, so war ihr zumute. Sie hatte gar nicht mehr gewusst, dass
Mutter und Sohn ganz die gleichen, klaren, seelenvollen Augen und
dieselbe tiefe Stimme hatten. Sie gingen miteinander hinaus auf den
Bahnhofplatz. Dort war die Haltestelle der Elektrischen; das Mitnehmen
von Hunden war aber nicht gestattet.

"Kann Leo nachspringen?" fragte die Grossmutter.

"Er kann wohl," sagte Gebhard, "aber der Vater laesst ihn nie gern neben
dem Wagen springen."

"Dann gehst du mit ihm zu Fuss; erinnerst du dich des Weges? Du hast ihn
vor zwei Jahren gemacht."

"Nicht so recht," meinte Gebhard bedenklich.

"Wir sollten vielleicht eine Droschke nehmen und den Hund zu uns
hereinlassen," schlug Helene vor.

"Bewahre. Ein grosser Bub mit solch gutem Hund _sucht_ sich eben seinen
Weg. Merke auf, Gebhard. Du folgst den Schienen der Elektrischen immer
zu bis an den Marktplatz. Dann fragst du. Weisst du Strasse und Nummer?"

"Jawohl, Johannessteg 5."

Die beiden Frauen stiegen ein und Gebhard ging mit seinem treuen
Begleiter zu Fuss. Helene wunderte sich ueber die Grossmutter, die dem
geliebten Enkel gleich Zumutungen machte. Ja, das war wieder die
Strenge, die sie in Erinnerung hatte; nicht der gutmuetige, weichherzige
Ton, den sie von den Ihrigen daheim gewohnt war. Nun wusste sie wieder,
warum ihr bange gewesen, und es ueberkam sie eine beklemmende Angst vor
der Unterredung, die nicht ausbleiben konnte.

Frau Dr. Stegemann bewohnte den obersten Stock eines Hauses in der
Altstadt. Die schoenen, bequemen Einrichtungen der Neuzeit fehlten dieser
Wohnung, hingegen war sie geraeumig, hatte viele Zimmer, Kammern und
Gaenge. Aus den altmodisch kleinen Fenstern blickte man hinweg ueber die
Daecher der gegenueberliegenden Haeuser, ueber Gassen und Strassen hinaus ins
Weite, wo Gaerten und Felder die Stadt begrenzten. Der letzte
Sonnenstrahl fand noch seinen Weg in die hochgelegene Wohnung.

Ausser einem Dienstmaedchen hatte Frau Dr. Stegemann noch zwei junge
Hausgenossinnen, zwei Enkeltoechter, die hier in der groesseren Stadt eine
Toechterschule besuchten. Von ihnen erzaehlte sie Helene, nachdem sie die
Elektrische verlassen und dem Haus zugingen, denn beide mochten nicht
auf der Strasse von dem sprechen, was ihre Herzen am meisten bewegte.
Waehrend sie im Haus angekommen Stockwerk um Stockwerk hinaufstiegen,
wunderte sich Helene ueber die Sechzigerin, die nichts von der
Anstrengung zu merken schien.

"Mutter, wie du steigen kannst!"

"Das macht die Gewohnheit."

"Aber ist dir's nicht laestig? Du duerftest dir's wohl auch leichter
machen."

"Warum? Ich bleibe gern in der Uebung. Solange ich gesund bin, schadet
mir das Steigen nichts. Es waere nichts als Bequemlichkeit, wenn ich es
nicht mehr tun wollte."

Ruestig stieg sie voraus.

Oben angekommen wurden sie vom Dienstmaedchen empfangen mit der
Nachricht, dass ein fremdes Fraeulein schon lange auf sie warte und sie
sprechen moechte. Gleichzeitig kamen eilig und lebhaft die beiden
Schwestern, Grete und Else, grosse Maedchen mit blonden Zoepfen und
frischen, froehlichen Gesichtern. Sie waren ueberrascht, statt des
erwarteten kleinen Vetters ihre Tante Helene zu sehen, die sie nur nach
dem Bild kannten. "Macht es der Tante behaglich, Kinder," sagte die
Grossmutter zu ihnen, "und du, Helene, lass dich nicht abschrecken, wenn
es bei mir unruhig zugeht; das ist eben so in diesem Kriegsjahr. Es gibt
so viele Maedchen, die im Ausland waren und jetzt stellenlos sind, die
wenden sich an uns 'Freundinnen der jungen Maedchen'. Um so etwas wird es
sich auch jetzt handeln."

Sie verliess das Zimmer. Helene war verwundert. Sie hatte sich das Leben
der Grossmutter still und abgeschlossen gedacht, merkte jetzt, dass diese
noch mitten im Leben und Wirken stand und sah bald, dass auch die beiden
Enkelinnen an allerlei Kriegshilfe teilnahmen und vom Geist der
Grossmutter beseelt waren.

Sie wandten sich jetzt lebhaft an die junge Tante, deren liebliche
Erscheinung ihnen gar sehr gefiel, halfen ihr ablegen, plauderten
zutraulich und kamen bald auf das zu sprechen, was sie erfuellte. "Duerfen
wir dir unsere Vorratskammer zeigen? Wir haben einen ganzen Stoss
Kinderwaesche genaeht fuer die vertriebenen Ostpreussen und haben Handschuhe
und Socken fuer die Soldaten gestrickt, magst du es ansehen?" Gerne
folgte Helene den eifrigen Maedchen in ihre Stube und liess sich an das
altmodische Pfeilerschraenkchen fuehren, in dem allerlei Arbeiten
aufgestapelt waren. Mitten in dieser Betrachtung kam, von seinem Hund
begleitet, Gebhard an. Er hatte sich nicht gern von seiner Mutter
getrennt; denn er wusste, sie war nur ihm zuliebe hieher gekommen, auch
hatte er so ein unbestimmtes Gefuehl, dass ihr bangte vor dem Zusammensein
mit der Grossmutter. So war er im Galopp mit seinem Hund der Elektrischen
gefolgt, hatte schnell den Weg zum Haus gesucht und trat nun angeregt
vom raschen Lauf, mit frischen, roten Backen ins Zimmer.

Grete und Else waren gleich fuer diesen kleinen Vetter eingenommen und
auch der Hund war ihnen anziehend. Sie hatten noch nie einen solchen als
Hausgenossen gehabt, wollten mit ihm Bekanntschaft schliessen, wichen ihm
aber doch aus, als er sie beschnueffelte.

Es dauerte aber nicht lang, so streckte sich Leo behaglich mitten unter
der Gesellschaft aus.

"Jetzt ist er schon heimisch," sagte Gebhard befriedigt, "er merkt, dass
wir nicht bei Fremden sind; in einem fremden Haus legt er sich nie von
selbst nieder." Das gefiel den Baeschen und freute Gebhard. Wo er gern
war und wo es Leo behagte, musste sich doch auch sein Muetterlein heimisch
fuehlen.

Nach kurzer Zeit kam auch die Grossmutter wieder. Sie hatte dem jungen
Maedchen Bescheid gegeben, das in England Erzieherin gewesen war, in
reichem Haus, bei einem einzigen Knaben; jetzt war ihr eine Stelle
angeboten, in einfacher Familie bei vier Knaben. Den juengsten sollte
sie selbst ausfahren, das passte ihr nicht.

"Ich habe ihr Mut gemacht," sagte Frau Dr. Stegemann, "im Krieg muss man
froh sein, wenn man irgendwo unterschlupfen darf, und uebrigens moechte
ich jetzt lieber zehn Deutsche erziehen als einen Englaender. Und warum
nicht den kleinen Buben ausfahren? Wir muessen ja froh sein, wenn es
recht viele deutsche Buben gibt! Sie will es nun versuchen und mir am
Sonntag berichten wie es geht. Aber nun kommt zum Tee!"

Sie fuehrte die Schwiegertochter ueber den langen, dunkeln Gang. Helene
dachte unwillkuerlich an die hell erleuchteten Raeume in ihres Bruders
Haus.

"Ueberall merkt man den Krieg," sagte Frau Stegemann. "Das Petroleum wird
bei euch auch knapp sein."

"Ich weiss nicht, es war nicht die Rede davon."

"Nicht? Es ist eine grosse Entbehrung fuer viele Leute. Manche Familien
koennen abends ihr Zimmer gar nicht beleuchten. Fuer solche ersparen wir
immer etwas von dem Petroleum, das auf uns kommt. Warum sollten wir auch
nicht ein wenig im Dunkeln tappen? Unsere Soldaten muessen sich auf ganz
anders schwierigen Wegen im Finstern zurecht finden."

Gebhard horchte hoch auf bei diesen und aehnlichen Aeusserungen der
Grossmutter. Waehrend des einfachen Abendessens erklaerten ihm die
Schwestern, was kriegsmaessig sei und was nicht; was sich die Familie
zugunsten des Vaterlandes versagte und wie sie beflissen war, sich von
dem zu naehren, was reichlich vorhanden und in Gefahr war, zu verderben.
Da nun Else und Grete sahen, wie neu ihm das alles war und dass er
gluehenden Eifer zeigte fuer alles Gemeinnuetzige, fragten sie, ob er
mittun wuerde, wenn sie naechsten Sonntag mit der Rotkreuzbuechse durch die
Strassen gingen, um Karten und Blumen zugunsten der Verwundeten
anzubieten. Er hatte das schon manchmal gesehen, aber nie daran gedacht,
dass man auch ihn irgendwie fuer solch vaterlaendische Taetigkeit brauchen
koennte. Stolz war er, gluecklich ueber diese neuen Aussichten.
"Grossmutter," rief Else, "das wird fein! Gebhard traegt die Buechse, wir
die Blumen und wir sagen zu allen, die uns begegnen: 'Hier, unser
Vetter, ist selbst ein Vertriebener, ein Fluechtling aus Ostpreussen!' Da
gibt uns jedermann doppelt so gern!"

"Und den Hund nehmen wir auch mit," schlug Grete vor, "er sieht so
polizeimaessig aus, mit ihm koennen wir uns in alle Winkel der Stadt
wagen!"

Die drei verwandten Kinder verbanden sich nach kurzer Bekanntschaft und
waren gluecklich miteinander. Helene staunte, wie schnell Gebhard sich
heimisch fuehlte. Am reichbesetzten Tisch ihrer Geschwister hatte sie ihn
nie so befriedigt gesehen, wie hier; das Wohlleben hatte ihm weniger
behagt, als die einfachen Verhaeltnisse, die er von Hause aus gewoehnt
war, und wie heimische Luft empfand er die vaterlaendische Gesinnung, die
auch im Forsthaus der herrschende Geist gewesen war.




Sechstes Kapitel.


Die Teestunde war vorueber, endlich musste auch der Augenblick kommen, auf
den Helene sich gefuerchtet hatte, die Aussprache ueber das, was im
stillen Herzen beide Frauen mehr beschaeftigte als all die Dinge, ueber
die sie sich mit den Kindern unterhalten hatten.

"Ich moechte jetzt ungestoert ein Stuendchen mit Tante Helene sein," sagte
Frau Dr. Stegemann zu den Schwestern. "Wer etwa kommt und nach mir
fragt, soll warten oder spaeter wiederkommen. Gebhard kann bei euch
bleiben; komm, Helene, wir gehen in dein Zimmer."

Aber Helene griff unwillkuerlich nach Gebhards Hand und hielt sie fest.
Die Grossmutter sah die fast aengstliche Bewegung der jungen Frau.

"Du moechtest Gebhard mitnehmen?" fragte sie erstaunt.

"O ja, bitte. Wir haben das alles miteinander erlebt."

"So komm mit, Gebhard. Ich zeige dir gleich deine Schlafstaette." Vor der
Tuere wartete der Hund, er schloss sich seinem kleinen Herrn an. Frau Dr.
Stegemann ging voran, fuehrte ihre Gaeste bis an das Ende eines langen
Ganges. "Hier ist das Gastzimmer, das wird fuer dich gerichtet, Helene;
wir wussten ja nicht, dass du kommst. Und hier gegenueber, ist deine
Kammer, Gebhard, sieh."

Sie traten in eine grosse, helle Kammer. Ein schlichtes Feldbett stand
darin. "Wie fuer einen richtigen Soldaten," sagte die Grossmutter, "nur
dass es ein Kopfkissen und ein Federbett hat. Das bekommen ja die
Soldaten nicht, aber du bist ja auch noch keiner, sondern willst erst
einer werden."

"Schlafen sie ganz ohne Federbetten, die Soldaten?" fragte Gebhard
nachdenklich, "dann will ich's doch auch ohne versuchen."

"Willst du? Das ist recht! Weisst du, Federn sind so etwas weiches,
warmes, je weniger ein Bub davon wissen will, um so besser."

"Also weg damit!" rief der kleine Mann, "Grossmutter, wohin?"

Er packte das Federbett. Aber Helene legte die Hand darauf. "O, bitte,
Mutter," sagte sie, "es ist doch zu kalt fuer das Kind, er ist es nicht
gewoehnt."

"So lassen wir das Bett hier. Du kannst es Nachts damit halten wie du
willst. Und sieh, da habe ich Platz gemacht fuer deine Kleider." Sie
schloss einen grossen, altertuemlichen Kleiderschrank auf. "Hier herein
kannst du deine Kleider haengen."

"Ich will ihm helfen, sie einzuraeumen," sagte Helene. Ihr war jeder
Vorwand erwuenscht, die Aussprache weiter hinaus zu schieben. Waehrend sie
nun an den geoeffneten Schrank trat, erhob sich Leo, der sich schon neben
Gebhards Bett gelegt hatte, folgte ihr, wurde unruhig, schob seine Nase
in den Schrank und fing an, zu winseln. Sie bemerkten alle das
wunderliche Gebahren. "Was ist da hinten in dem Schrank, Grossmutter,"
fragte Gebhard. Sie griff hinein. "Es sind nur Kleidungsstuecke." Sie
holte von den Haken, was da hing, ein Regenmantel, ein paar
Sommerkleider; immer aufgeregter folgte der Hund ihren Bewegungen und
jetzt, da sie wieder ein Kleidungsstueck hervorzog, eine Herrnjuppe,
jetzt sprang das Tier hoch und steckte seinen Kopf hinein. "Ach, das ist
noch eine Juppe von deinem Vater, ist's moeglich, dass er die erkennt?"

"Aber freilich, Grossmutter, sieh nur, wie er schnueffelt, wie er sich
freut und daran zerrt!" Ein Ruck--und der Hund hatte die Juppe auf den
Boden gezogen. Er legte sich daneben, streckte die Vordertatzen in
ganzer Laenge darueber, wuehlte mit Behagen den Kopf in das Kleidungsstueck
und nahm so fest Besitz davon, dass es nicht raetlich schien, es ihm
wegzunehmen. Gebhard warf sich neben seinem Hund auf den Boden,
streichelte ihn und redete mit ihm: "Wo ist denn der Herr, wo ist dein
guter Herr? Leo, denkst du an den Herrn?" Das Tier wedelte.

Geruehrt von der Treue des Hundes wandte sich Helene ab, liess sich
ueberwaeltigt von Sehnsucht und Schmerz auf dem Feldbett nieder und weinte
bitterlich. Frau Dr. Stegemann setzte sich neben die junge, von
Schluchzen erschuetterte Frau und redete ihr in einem weichen,
muetterlichen Ton zu, den Helene noch nie von ihr gehoert hatte. Da
schwand allmaehlich ihre Furcht und es ueberkam sie der Trieb, der Mutter
ihres Mannes das ganze Leid anzuvertrauen. Sie raffte ihre Kraft
zusammen. "Mutter," sagte sie, "es ist ja alles viel, viel
schrecklicher, als du ahnst!"

"Wie so? Weisst du mehr, als was du mir geschrieben hast? Hast du
Nachricht von Rudolf? Schlechte Nachricht?"

"Nein, nein; kein Wort habe ich von ihm gehoert seit jenem Tag. Aber es
war anders als du denkst, ich kann es so schwer ueber die Lippen
bringen!"

Frau Dr. Stegemann richtete sich stramm auf und der weiche Ton war nicht
mehr in ihrer Stimme als sie, gefasst auf die schlimmsten Mitteilungen,
zur Schwiegertochter sprach: "Rede endlich, Helene. Wir duerfen nicht
feig sein in dieser harten Zeit. Ich kann alles hoeren, auch das
grausamste. Und du musst jede Wahrheit aussprechen koennen. Sei doch auch
tapfer, was hilft das Weinen?"

Bei diesen Worten stand Gebhard, der neben dem Hund gelegen, auf, trat
rasch an Helenens Seite und streichelte ihre Hand. "Grossmutter," rief
er, "die Mutter kann nicht so tapfer sein wie du meinst, der Vater hat
mir gesagt, sie ist nicht aus so hartem Holz geschnitzt wie wir
Stegemanns. Man muss sie immer ganz zart behandeln!" Da schlang die junge
Frau den Arm um ihren Verteidiger und sagte zu ihm: "Die Grossmutter hat
aber doch recht und ich will ja auch, dass sie alles erfaehrt. Gebhard,
erzaehle du es, du warst ja dabei und du musst nicht immer so weinen, wie
ich!"

"Ja," sagte Gebhard, "die Grossmutter darf das wissen, sonst niemand auf
der Welt!"

Der kleine Mann gab sich einen Ruck, dass er stramm da stand und fing an:
"Grossmutter, so war's: Zuerst kam ein deutscher Offizier mit fuenf
Soldaten und besprach etwas ganz im geheimen mit dem Vater. Einstweilen
kochten die Soldaten auf unserm Herd und wir halfen ihnen. Dann sagte
uns der Vater, er muesse sie begleiten, aber kein Mensch duerfte wissen
wohin. Sie zogen bei Nacht miteinander fort. Am naechsten Tag kam der
Vater allein zurueck und sagte, wir muessten schnell fliehen, die Russen
koennten bald kommen. Wir fingen gleich an, unsere Sachen auf die Wagen
im Hof zu laden, aber mitten hinein kam ein ganzer Trupp Russen mit
einem Offizier. Sie gingen die Treppe hinauf und ich ihnen nach. Im
Wohnzimmer war der Vater, aber die Mutter mit dem Juengferlein war nicht
da. Der russische Offizier fragte, wohin die deutsche Patrouille
gegangen sei, die heute Nacht im Forsthaus eingekehrt sei und die der
Vater begleitet habe. Ich weiss nicht mehr genau, was der Vater zuerst
sagte, aber als der Offizier verlangte, er solle mit ihm gehen und ihn
denselben Weg fuehren, da sagte der Vater: "Nein, ich bin ein guter
Deutscher und werde nicht zum Verraeter." Aber der Offizier hat ihm
gesagt: er koenne doch nichts machen gegen so viele und er hat ihm
versprochen, er duerfte gleich wieder heimkommen, und uns allen solle gar
nichts geschehen; aber wenn er ihnen den Weg nicht zeige, muessten wir
alle sterben. Der Vater hat aber nicht nachgegeben und es war
schrecklich, wie zornig da der Offizier geworden ist, und weil ich auch
gerufen habe, der Vater soll nichts verraten, haben mich die Soldaten
ganz wuetend gepackt und fest gehalten, da oben am Arm, wo es so weh tut,
und ich habe vor lauter Zorn nur immer geschrien: "Vater, tu's nicht!
Aber dann--" Gebhard stockte. Er sah die Mutter an. "Soll ich denn alles
sagen, Mutter, alles?"

"Alles, Gebhard!"

"Dann hat die Mutter die Schlafzimmertuere aufgeriegelt und hat von ferne
gerufen und gebeten, der Vater soll uns nichts geschehen lassen. Der
Vater hat auf die Mutter hingeschaut und dann hat er nicht mehr 'nein'
sagen koennen. Er ist mit ihnen gegangen und hat versprochen, sie zu
fuehren. Sie sind dann fortgeritten und wir haben gedacht, der Vater kaeme
am Abend wieder, der Offizier hat es ihm doch auf Ehrenwort versprochen.
Das Ehrenwort muss doch ein Offizier auch im Krieg halten, nicht,
Grossmutter?"

Er bekam keine Antwort. Die Grossmutter, die still mit verhaltenem
Schmerz den Bericht angehoert hatte, sah ins Weite, wie wenn ihre Augen
den Sohn suchten, den sie verloren hatte. Helene griff nach ihren Haenden
und bat leise: "Mutter, verzeih mir und verachte mich nicht ganz. Ich
weiss, du waerest heldenmuetig gewesen und ich war feig, war in Todesangst;
das hat er nicht mit ansehen koennen und mir zuliebe ist er zum Verraeter
geworden. Ich bin schuld, dass nun diese Schuld auf seinem Gewissen
liegt. Darum habe ich mich nicht entschliessen koennen, dir zu schreiben.
Ich weiss ja, wie du mich verachten musst, dass ich deinen edlen Sohn dazu
gebracht habe."

"Du hast ihn _nicht_ dazu gebracht, Helene, du irrst dich. Nichts auf
der Welt haette ihn dazu bringen koennen. Ich kenne ihn. Er hat das nicht
getan!"

Heftig erregt erhob sie sich. Ihr Blick fiel auf Gebhard. "Schon als
Kind in deinem Alter haette er das nicht getan, wie viel weniger als
Mann! Du hast das von deinem Vater geglaubt?"

"Ich habe es gehoert, Grossmutter, dass er 'ja' gesagt hat, und habe es
selbst gesehen, dass er mit den Russen gegangen ist!"

"Ja. So hat er euch das Leben gerettet und die Bande fortgebracht vom
Forsthof. Eine Kriegslist war das. Ja, er ist mit ihnen geritten, aber
wohin? Dahin, wo die deutsche Patrouille nicht war! Gebhard, kennst du
deinen Vater so wenig?"

Der Knabe senkte nicht den Blick vor dem strengen Ausdruck der
Grossmutter; ein glueckliches Leuchten flog ueber sein Gesicht. "So ganz
gewiss weisst du das, Grossmutter? kann es gar nicht anders moeglich sein?"

"Gebhard, wird es jemandem gelingen, deinen Leo, dies treue Tier, gegen
_dich_ zu hetzen? Wenn man ihn lockt, ihm droht? Schaeme dich, zu denken,
dass irgend etwas auf der Welt deinen Vater vermocht haette, die Deutschen
an ihre Feinde zu verraten!"

Zaghaft warf Helene ein: "Mein Bruder sagt, wer einmal in den Haenden der
Russen ist, der wird muerbe gemacht, wenn er noch so tapfer waere!"

"Dein _Bruder_ kann das sagen, er hat Rudolf kaum gekannt, aber du?"
Nachdenklich sah sie auf Helene und dachte unwillkuerlich an die Worte:
"Aus anderem Holz geschnitzt." Wie biegsam war die junge Gestalt, wie
weich die Zuege und sanft der Blick! Nachsichtig sprach sie zu ihr.
"Weil du selbst in jener Stunde schwach warst, hast du auch ihn fuer
schwach gehalten und hast doppelt darunter gelitten. Aber jetzt glaube
du mir und lass dich durch keine Einrede mehr irre machen. Dein Mann ist
_kein_ Verraeter. Von den Treusten einer ist er. Glaube an ihn; ein
Maertyrer kann er geworden sein, ein Verraeter nicht!" Tief erregt wandte
sie sich an Gebhard. "Gott gebe, dass du so wirst wie dein Vater! Einen
besseren Wunsch weiss ich nicht fuer dich!"

Erschuettert verliess sie das Gemach, sie musste jetzt fuer sich allein
sein.

Ihr starker Glaube ging in dieser Stunde ueber in die Seele von Mutter
und Kind; die schwerste Last war der jungen Frau vom Herzen genommen.

Es blieb die Trauer um den Helden, aber das war ein edler Schmerz, der
ihr Herz erhob. "Gebhard," sagte sie, "wie waren wir so verblendet und
wie wollen wir von jetzt an stolz sein auf den Vater!" Und die beiden
waren fast gluecklich zu nennen in diesem Augenblick. Aber die Mutter des
Helden kaempfte jetzt in ihrem Zimmer allein mit der tiefen Bewegung, in
die diese Unterredung sie versetzt hatte. Sie war ueberwaeltigt von dem
Gedanken an das Leiden ihres Sohnes. Was mochten die Feinde ihm angetan
haben in der Wut darueber, dass er ihnen nicht den rechten Weg wies? Das
graesslichste, das sie ersinnen konnten. O wie grausig waren die Bilder,
die ihr vorschwebten! Hin und her ging sie in ihrem Zimmer und sprach
halblaut mit ihrem Sohn, wie wenn er sie hoeren koennte: "Du mein guter,
tapferer, treuer Sohn! So ganz allein. So weit fort von mir. Was haben
sie dir getan? Wirst du noch immer gequaelt und gepeinigt? Oder bist du
erloest von allem Leid, selig aufgenommen als einer, der reinen Herzens
ist und Gott schauen darf? O, die schreckliche Ungewissheit!"

An der Zimmertuere wurde geklopft, das Dienstmaedchen rief: "Frau Doktor,
die Schustersfrau aus dem Hinterhaus ist da und fragt nach Ihnen."

"Sie soll morgen kommen."

"Aber sie tut ganz verzweifelt. Sie hat schlechte Nachrichten."

"Ich habe auch schlechte und kann ihr keine guten verschaffen."

Das Maedchen wagte nichts mehr einzuwenden; aber dem fassungslosen jungen
Weib, das auf Trost und Hilfe wartete, gab sie auf eigene Verantwortung
den Bescheid: "Frau Doktor kommt gleich." Sie kannte ja ihre Frau; die
konnte wohl einmal schroff und abweisend sein, aber schliesslich half sie
doch immer. Auch diesmal. Nach kurzer Zeit kam sie ruhig und gefasst
heraus; kaum war ihr noch anzumerken, wie sie mit sich gekaempft hatte,
um wieder tapfer zu sein. Frau Siebel, die Schustersfrau, merkte
jedenfalls nichts davon; sie war vollstaendig vom eigenen Leid
hingenommen. Ihr lauter Jammer hatte auch Helene und die Kinder
herbeigerufen. Schluchzend zeigte sie eine Postkarte, die besagte, dass
ihr Mann schwer verwundet in der Pfalz liege und sich nach einem Besuch
von ihr sehne. "Sicher ist er schon tot," rief die junge Frau und hoerte
gar nicht auf die ermutigenden Worte, mit denen ihr von allen Seiten
zugesprochen wurde. Sie wusste ganz gewiss, ihr Mann war tot.

"Dann wollen Sie also nicht in das Lazarett reisen?" fragte Frau Dr.
Stegemann kurz.

"Ei doch," sagte Frau Siebel, "deshalb wollte ich ja Frau Doktor um Rat
fragen, ich waere so gern noch diese Nacht abgereist."

"So, nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst, dass Ihr Mann noch lebt. Nun
lassen Sie auch das Weinen, dazu haben Sie Zeit in der Bahn; jetzt
muessen Sie fuer Ihr Kind sorgen, was machen Sie mit dem?"

"Das ist's ja eben, ohne mein Buberl kann ich nicht fort. Ich habe es
die neun Monate nie aus der Hand gegeben. Ich vergehe vor Angst, wenn
ich das Kind hier lasse!"

"So wollen Sie es mit auf die weite Reise nehmen?"

"Nein, nein, das waere gar nicht auszuhalten, es zahnt und schreit so
viel!"

"Dann muessen wir eben eine Unterkunft suchen fuer den Kleinen. Am besten
in der Krippe."

"Mein Kind in die Krippe? Ach Gott, ich vergehe vor Heimweh nach dem
Kind!"

"Wenn Sie unter allen Umstaenden vergehen, kann ich Ihnen auch nicht
helfen," entgegnete Frau Stegemann ungeduldig. "Entweder mitnehmen oder
hier lassen--eines von beiden muessen Sie doch tun. Oder wissen Sie
einen dritten Weg?"

"Ach nein--aber--"

"Nun also. Seien Sie recht dankbar, dass wir eine Krippe haben, in der
man so einen kleinen Schreihals freundlich aufnimmt. Fuer heute nacht
will ich das Kind nehmen und morgen in der Krippe nachfragen. Jedenfalls
sorge ich fuer eine gute Unterkunft."

"Aber kann ich Ihnen denn das zumuten? Es ist doch gar zu viel!"

"Im Krieg hilft man zusammen. Ihr Mann ist ja auch fuer uns im Kugelregen
gestanden! So sorgen wir auch fuer sein Kind. Haben Sie denn das
Reisegeld?"

"Ich hoffe, dass es reicht!"

"Mit Hoffnungen kommen Sie am Schalter nicht aus. Ich will im Kursbuch
nachsehen und Ihnen im Notfall etwas vorstrecken. Gehen Sie einstweilen
und richten Sie alles!"

"Ach, ich bin ganz wirr im Kopf vor Schrecken!"

"Das passt jetzt gar nicht. Im Gegenteil, Sie muessen Ihre Gedanken fest
zusammennehmen, damit Sie nichts vergessen."

Die Frau eilte davon, Frau Dr. Stegemann ging in die Kueche zum Maedchen.
Das hatte die Verhandlung gehoert. "Frau Doktor," sagte sie, "wenn ich
nur haette dazwischen reden duerfen. Das Kind ist nicht gut zu haben, die
Frau ist so unvernuenftig mit ihm, traegt es und kocht ihm bei Nacht, alle
Leute im Hinterhaus sagen es. Frau Doktor, jetzt wird's doch zuviel fuer
uns!"

"Zuviel? Liese, im Kriegsjahr gibt's kein 'zuviel' fuer mich, und fuer Sie
hoffentlich auch nicht!"

"Aber seine Nachtruhe kann man doch wenigstens verlangen."

"Meinen Sie? Fragen Sie doch Ihren Braeutigam, ob er sagen darf: 'Bei
Nacht wird mir das Schiessen zuviel, da will ich meine Ruhe!'"

"Wenn man auch immer an den Krieg denkt! Das tun nur Sie, Frau Doktor!"

"Sie doch auch, Liese? Haben wir nicht miteinander zuerst das Backen
abgestellt, und die Kuebel fuer das Schweinefutter eingefuehrt, und nicht
geruht, bis sie nach und nach in der ganzen Strasse herauskamen? Ich
moechte jetzt gar keinen Menschen um mich haben, der nicht immerfort
fuehlt: 'Jetzt ist Krieg, wie helfe ich?'"

Liese ueberlegte. "Dann will ich eben den kleinen Balg nehmen bei Nacht."

"Den nehme ich schon selbst, denn Sie muessen morgens frueh heraus."

Aber weder die Frau noch die Magd bekamen den kleinen "Balg" ans Bett,
denn, als Frau Siebel das schlafende Kind brachte, streckte Helene die
Arme nach ihm aus, fand es reizend in seiner Unschuld und bat so
herzlich es ihr zu ueberlassen, dass niemand ihr die Freude nehmen wollte.
Getrost konnte Frau Siebel ihren Liebling verlassen.

In spaeter Abendstunde setzten Mutter und Schwiegertochter sich noch ein
wenig zusammen. "Mir ist es, wie wenn ich in eine andere Welt versetzt
waere," sagte Helene. "In deinem Haus weht ein ganz anderer Geist als bei
uns. Ihr alle steht im Zeichen des Krieges. In meines Bruders Haus ist
das nicht so, er ist von seinem Geschaeft hingenommen; auch wusste er, dass
ich nichts hoeren wollte vom Krieg. Ja, ich gestehe dir's, nicht einmal
an den Siegen konnte ich mich freuen, weil ich immer dabei empfand: mein
Mann gehoert nicht zu den Helden, ich selbst habe ihn hinausgedraengt aus
der tapferen Schar. Jetzt aber hast du diesen Druck von mir genommen;
ich bin so gluecklich und bitte dich: verachte mich nicht um meiner
Feigheit willen. Vielleicht kann ich auch noch tapfer werden; meinst du
nicht?"

Liebevoll zog die Mutter sie an sich.

"Wer weiss," sagte sie, "ob ich als junge Frau die Probe bestanden haette,
angesichts der rohen Maenner, die mit ihren Scheusslichkeiten die Frauen
bedrohen. Niemand soll da ueber andere urteilen. Du wirst noch viel
Gelegenheit haben, dich in Tapferkeit zu ueben, und ich auch. Wie lange
werden wir in Unsicherheit bleiben muessen ueber das Schicksal unseres
Helden. Und wenn eine Nachricht kommt, dann lautet sie vielleicht so
grauenvoll, dass wir allen Mut brauchen, um sie zu ertragen. Aber es wird
uns leichter werden, weil wir uns jetzt zusammen gefunden haben. Es ist
gut, dass du gekommen bist!"

"Ich moechte in dieser Zeit viel lieber bei dir leben. Aber ich muss doch
bei der Kleinen bleiben, und die macht so viel Arbeit mit der Waesche
und mit dem Ausfahren. Bei meinen Geschwistern mit den beiden
Dienstmaedchen geht das viel leichter als hier. Sie nehmen mir alle
Arbeit ab; meine Schwaegerin ist ruehrend besorgt und verwoehnt mich ganz."

"Ich bin nicht fuer solch ruehrend verwoehnende Liebe," war der Mutter
Antwort. "Aber," fuegte sie hinzu, "richte du dein Leben ein, wie du es
fuer richtig haeltst."

Helene wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte sie: "Fuer Gebhard ist
es ja viel schoener hier. Meinen Geschwistern ist er fremd geblieben und
er war auch gegen mich nicht mehr so zutraulich wie frueher. Erst hier
ist er wieder ganz mein lieber, praechtiger Bub. Mutter, lass ihn mir
nicht fremd werden!"

Helene blieb bis ueber die Weihnachtsferien und fuehrte selbst noch
Gebhard in die Schule ein. Sie sah, wie er jetzt dem Lehrer und den
Mitschuelern frei und offen gegenuebertrat, da er nichts mehr zu
verheimlichen hatte, und dass dem Kind warme Teilnahme entgegengebracht
wurde. Und als er am zweiten Tag in der Pause seinen Leo holte, um ihn
den Kameraden vorzustellen, da wusste sie, dass er heimisch wurde unter
diesen. Sie konnte ihn getrost verlassen. Sie selbst aber vermisste auf
der Heimfahrt ihren kleinen Reisekameraden und es war ihr, als entfernte
sie sich noch mehr von ihrem Mann, indem sie seinen Sohn und seine
Mutter verliess. Aber daneben wurde doch die Sehnsucht nach dem
Toechterlein immer lebhafter. Es schlief, als sie heim kam. Beim
Erwachen sah es befremdet nach der Mutter; fuer das kleine Menschenkind
war die Zeit lang genug gewesen, um sie zu vergessen; aber die
Erinnerung erwachte bald wieder. Es war ein lieblicher Anblick, wie die
junge Mutter mit Kosen und Schmeicheln das Fremdsein besiegte und
endlich von ihrem kleinen Ebenbild durch strahlendes Laecheln und
zaertliche Hingabe wieder anerkannt wurde. Die Geschwister hatten es mit
angesehen. "Wie erfrischt du aussiehst!" sagte der Bruder, "du hast dich
so schwer zu der Reise entschlossen, aber sie hat dir sichtlich gut
getan."

"Ja, ja. Das Schwerste, was mich am meisten bedrueckt hatte, das hat mir
die Mutter abgenommen. Ich habe ihr alles, alles anvertraut und das war
gut, denn es ist ganz anders, als wir uns gedacht hatten: Nur um die
Russen vom Haus wegzubringen und um sie falsch zu fuehren, ist mein Mann
mit ihnen gegangen. Er hat ihnen nichts verraten!"

"Woher habt ihr Nachricht bekommen? Erzaehle doch!" riefen die
Geschwister.

"Nachricht haben wir nicht, aber die Mutter weiss es dennoch, so gewiss
wie wenn sie Nachricht haette. Sie kennt ihn und weiss, dass es ihm ganz
unmoeglich ist, die Deutschen zu verraten."

"Ach so!" sagte der Bruder gedehnt. Enttaeuschung und Unglaube lag in
seinem Ton. Aber Helene sprach eifrig weiter: "Und ich bin auch fest
ueberzeugt, dass sie recht hat. Sie hat mir erzaehlt, wie er schon als Bub
so tapfer und treu war, aehnlich wie ja auch Gebhard ist, durch und
durch zuverlaessig. Ich haette es ja selbst wissen koennen, aber ich war
wie verblendet, weil ich selbst feig gewesen bin und mir das so schwer
auf dem Gewissen lag." Bruder und Schwaegerin schwiegen.

Helene fuehlte, sie waren nicht ueberzeugt. Was konnte sie noch sagen?
"Wenn ihr nur selbst seine Mutter gehoert haettet, und sie sehen koenntet,
wie sie so fest und wahr ist und wie sie und ihr ganzes Haus von dem
erfuellt ist, was fuer den Krieg, fuers Vaterland geschehen muss. Ein ganz
anderer Geist weht bei ihr als bei uns!"

"Bitte sehr," wehrte der Bruder, "bei uns geschieht alles was recht ist
und noch nie ist einer aus unserer Familie wegen Verrat in Verdacht
gekommen!"

"Ihr sollt auch von meinem Mann nichts Schlechtes mehr glauben, nein ihr
duerft es gar nicht mehr fuer moeglich halten, das kann ich nicht mehr
ertragen!" Sie zitterte vor Erregung.

Die Schwaegerin beruhigte sie: "Rege dich nicht auf, Helene, ich glaube
dir ja, aber von deinem Bruder kannst du das nicht gleich verlangen;
Maenner geben nicht so viel darauf, wenn eine Mutter sagt: das kann mein
Sohn nicht getan haben, denn keine Mutter will Schlechtes von ihrem Sohn
glauben. Maenner glauben erst, wenn Beweise vorliegen."

Beweise? Nein, _Beweise_ fuer seine Unschuld hatte Helene nicht, nur den
Glauben daran; den Glauben, der sie so gluecklich gemacht hatte. O, nur
fest daran halten und sich nicht irre machen lassen!

Sie sprachen nicht weiter darueber, denn keines wollte das andere
reizen. Freundlich fuehrte Herr Kurz seine Schwester an den reich
besetzten Tisch. Aber was sie noch vor wenigen Tagen harmlos angenommen
hatte, machte ihr jetzt Bedenken. Kriegsmaessig war das nicht, was hier
aufgetischt wurde. Die Geschwister liessen sich nichts abgehen, dachten
auch nicht weiter daran, welche Nahrungsmittel knapp waren im Land,
welche verbraucht werden sollten. Doch wagte sie nicht, dem Bruder
wieder das Haus Stegemann als Vorbild zu ruehmen. So schwieg sie darueber.
Aber waehrend sie die ueppige Mahlzeit mit ihnen teilte, bedrueckte es sie,
die Gastfreundschaft zu geniessen von Menschen, die ihrem Mann Schlechtes
zutrauten; sie konnte sich nicht wohl fuehlen bei ihnen, trotz aller
Liebe, die sie ihr erwiesen. In den Wochen, die nun kamen, kaempfte sie
einen schweren Kampf gegen das Heimweh nach ihrem verlorenen Glueck und
gegen die Sehnsucht bei denen zu sein, die mit ihr durch die Liebe zu
ihrem Manne verbunden waren. Sie klammerte sich an den Trost, den ihr
die treuen Briefe der Mutter brachten, und schrieb fast taeglich an sie
und an Gebhard. In seinen kindlichen Briefen suchte sie nach den
seltenen Worten, die etwas von der Anhaenglichkeit aussprachen, die ihr
so kostbar war. So vergingen ihr die dunklen Wintermonate langsam und
schwer.




Achtes Kapitel.


Unter dem offenen Tor des Schulhofes stand Gebhard mit einigen
Kameraden. Auch Leo war dabei. Er war heute wie so manchesmal gekommen,
seinen kleinen Herrn abzuholen. Es genuegte, dass Frau Dr. Stegemann dem
Tier die Tuere oeffnete und sagte: "Such den Herrn!" Er sprang dann in
grossen Saetzen der Schule zu, wartete am Hoftor, bis sich die Klassen
entleerten, erkannte sofort die Klasse, zu welcher Gebhard gehoerte,
draengte sich zwischen den Schuljungen hindurch zu dem einen, dem er
angehoerte. Viele der Kameraden hatten ihren Spass daran, einer beachtete
den Hund noch ganz besonders; ein lebhafter Pfaelzer war es. Er hatte
einen Vetter, der Sanitaetshundefuehrer gewesen, jetzt aber verwundet im
Lazarett untergebracht war. Dem hatte er schon oft von Gebhards Hund
gesprochen, und ebenso erzaehlte er Gebhard viel von den Leistungen des
Hundefuehrers. So waren die beiden laengst begierig, sich kennen zu
lernen. Heute nun, als Gebhard aus dem Schulhof trat, stand da an der
Mauer ein Feldgrauer, den Arm in der Binde. Ein ganz junger Soldat war
es, sah stramm und gesund aus. "Das ist der Sanitaetshundefuehrer," sagte
der kleine Pfaelzer und der Soldat begruesste Gebhard freundlich: "Ich
wollte mir nur einmal deinen Hund besehen," sagte er, "ich muss sagen, er
gefaellt mir wohl! Wie ein Pfeil ist er die Strasse daher gesaust und dann
regungslos am Tor stehen geblieben. Die Buben von der andern Klasse hat
er gar nicht beachtet. Es ist ein gut gezogenes Tier. Ich gehe naemlich
wieder als Hundefuehrer hinaus und da muss ich mich halt jetzt umsehen
nach einem andern Hund, denn der meinige ist im Feld geblieben."

Gebhard sah den Soldaten, der immer pruefend auf den Hund blickte, mit
grossen Augen an. "Aber meinen gebe ich nicht her!"

Der Hundefuehrer wandte sich an seinen jungen Vetter. "Ich war der
Meinung, er sei zu verkaufen, du hast doch so etwas gesagt?" Der
Schlingel lachte.

"Bloss damit du einmal an die Schule kommst und den Hund anschaust, ob
der wohl zum Sanitaetshund gut waere."

"Ja," sagte Gebhard, "dann ginge ich, wenn ich gross bin auch als Fuehrer
mit ihm in den Krieg."

Der Feldgraue lachte: "O Buben, was schwaetzt ihr! Bis ihr gross seid, ist
doch der Krieg laengst aus und _so_ aus, dass nicht gleich wieder jemand
sich traut mit uns anzubinden. Und der Hund waere auch bis dahin zu alt,
jetzt waere er gerade recht. Aber ich glaub's gern, dass du ihn nicht
hergibst," sagte er freundlich zu Gebhard, dessen Hand streichelnd auf
Leos Kopf ruhte. Dieser Ton ermutigte Gebhard zu Fragen, die ihn laengst
beschaeftigt hatten.

"Ich kann mir gar nicht denken," sagte er, "wie ich meinen Hund lehren
sollte, dass er Fremde aufsucht, Verwundete. Wie haben Sie denn das
gemacht?"

"Das ist nicht so schnell gesagt und hat ja fuer dich auch keinen Wert."

"Ich haette es nur so gern gewusst."

Der kleine Vetter legte sich ins Mittel. "Du kannst es ihm doch sagen!"

"Wenn ihr einmal herauskommt auf das Gelaende hinter dem Lazarett, kann
ich's euch zeigen."

"Vielleicht gleich naechsten Mittwoch? Da haben wir frei," rief Gebhard.

"Nun also, Mittwoch, um 3 Uhr. Ausgemacht!"

Gebhard kam ganz im Glueck ueber diesen Vorschlag nach Hause. Die
Grossmutter war gleich fuer den Plan zu haben. Aber am Mittwoch Nachmittag
wirbelte Schnee und Regen durcheinander, es war zweifelhaft, ob der
Verwundete bei diesem Unwetter ausgehen durfte. Missmutig stand Gebhard
am Fenster, schaute hinunter auf die Strasse, ob es denn wirklich so
schlimm aussaehe. Nur wenige Menschen waren zu sehen, unter diesen aber
ein Soldat, ein junger Feldgrauer, und der--Gebhard sah es mit
zunehmender Erregung--der war kein anderer als der Hundefuehrer und kam
geradewegs auf das Haus zu, drueckte auch schon auf den Klingelknopf!
Gebhard stuerzte hinaus, oeffnete und wurde ganz rot vor stolzer,
freudiger Erregung, dass dieser Feldgraue zu ihm kam. Zwar wollte der
nicht ins Zimmer hereinkommen, sondern bloss sagen, dass er bei dem
schlechten Wetter die Uebung leider nicht machen duerfe; aber er wurde
bald mit warmen Worten von Frau Dr. Stegemann wie von den beiden
Enkelinnen ueberredet, in das Wohnzimmer zu kommen und sich an den
Kaffeetisch zu setzen. Einen Feldgrauen zu Gast zu haben, war immer
eine Freude und so ein Sanitaetshundefuehrer war noch ganz besonders
willkommen. Die Hausfrau verstand es, den bescheidenen jungen Mann zum
Sprechen zu bringen. Im September war es gewesen, da hatte er, der
siebzehnjaehrige Freiwillige, zum erstenmal seinen Hund erproben koennen.
"Das war im Gefecht bei Ch.," erzaehlte er, "die Unsrigen hatten einen
harten Stand gegen die Uebermacht; aber am Nachmittag musste der Feind
weichen. Unsere Kompagnie sammelte sich, die Sanitaeter suchten die
Verwundeten auf und die Kameraden trugen die Toten zusammen. Am Abend
wurden alle Namen festgestellt; da hiess es: Es fehlen noch 5 Mann.
Jetzt, wo sind die? Niemand konnte Auskunft geben. Auf dem Feld lag
keiner mehr, aber vielleicht im Wald. Von dem Argonnerwald macht man
sich aber bei uns keinen Begriff, der ist so dicht mit Unterholz und
Gestruepp verwachsen, dass man gar nicht vorwaerts kommt; wenigstens ist's
so in der Gegend, wo wir waren. Wenn sich da ein Mensch hinein
verschlupft, sieht man ihn beim hellen Tag nicht, geschweige in der
Nacht. Also fuenf fehlen. Soll man die liegen lassen? Vielleicht
verbluten sie sich oder holen sie sich den Tod auf dem nassen, kalten
Waldboden. Ich war bei unserer Truppe der einzige, der einen Hund hatte.
Jetzt, denke ich, muss der seine Kunst zeigen. Ich fuehre ihn in der
Dunkelheit bis dicht an den Wald, dann mache ich ihn los vom Strick und
geb ihm den Befehl: 'Such verwundet.' Der Hund saust gleich davon, in
den Wald hinein. Eine Weile hoere ich noch rascheln und knacken, dann
wird's ganz still und ich steh da im Nebel und es rieselt eiskalt auf
mich herunter und wird mir ganz unheimlich, so allein in der
stockfinsteren Nacht. Mein elektrisches Laempchen habe ich wohl in der
Tasche, aber das spart man fuer die aeusserste Not. Ich weiss nicht, wie
lang das waehrte, mir kam's eine Ewigkeit vor, da hoere ich in der Ferne
so ein kurzes, wiederholtes Bellen und merke gleich: Mein Tell hat einen
gefunden! Da ist mir's siedheiss vor Freude aufgestiegen, ich pfeife und
lass mein Laempchen in den Wald blitzen und jetzt knistert und kracht es
wieder und mein Tell kommt mit einer Soldatenmuetze im Maul. Schnell lege
ich ihm die Leine an und rufe ihm zu: 'Fuehr mich!' Er zieht an und fuehrt
mich durchs Dickicht am Waldessaum eine ganze Strecke. Da bleibt er
ploetzlich stehen. Ich hoere ein Stoehnen und sehe vor mir einen unserer
Vermissten, ein Landwehrmann war's. Wie hat der Mensch sich gefreut und
wie war er dankbar fuer einen Schluck aus meiner Feldflasche! Einen Schuss
in den Oberschenkel hatte er, und so grossen Blutverlust, er hat sich
nicht ruehren koennen vor Schwaeche und Schmerzen. Ich habe ihm einen
Notverband angelegt, habe ihn mit seinem Mantel gut zugedeckt und ihm
versprochen, dass ihn die Traeger holen wuerden. Allein haette ich ja den
Weg in der Nacht nicht zurueckgefunden, es war mir selbst wie ein Wunder,
dass mich mein Tell wieder herausgeleitet hat aus dem finstern Wald und
bis zur Truppe. Dort waren gleich ein paar von unseren Leuten bereit,
den Verwundeten mit der Bahre zu holen. Mein Tell hat uns wieder
gefuehrt und wir haben unsern Landwehrmann gluecklich zum Verbandplatz
gebracht. In derselben Nacht haben wir noch einen zweiten aufgespuert und
errettet. Die andern fand Tell gegen Morgen; einer war aber schon
verblutet. Haetten wir mehr Hunde mit Fuehrern gehabt, waere der vielleicht
auch noch gerettet worden."

Der Soldat schien fertig mit seiner Erzaehlung; aber alle haetten gern
noch mehr gehoert.

"Bei welcher Gelegenheit sind Sie denn zu Ihrer Verwundung gekommen?"
fragte Frau Dr. Stegemann.

"Ja, das war eben einmal, wo unsere Verwundeten ganz nahe am Feind
lagen. Das ist immer das gefaehrlichste. Wenn es so steht, dann bindet
man den Hunden den Fang zu, dass sie keinen Laut geben koennen; das haben
sie zwar nicht gern. Mein Tell hat sich's anfangs gar nicht gefallen
lassen; aber er hat es doch gelernt. Auch wie ich das letzte Mal mit ihm
draussen war und mit den Traegern ganz nahe an den vordersten
Schuetzengraben der Franzosen gekommen bin, hat er uns nicht verraten,
sondern hat uns lautlos herangefuehrt; aber die Verwundeten haben
gestoehnt und um Hilfe gerufen, wie sie uns bemerkten. Darauf ist die
Schiesserei bei den Franzosen losgegangen. Sie haben aber nur mich
getroffen, so dass ich noch selbst habe zurueckgehen und mit der linken
Hand den Hund fuehren koennen; unsere Leute haetten sonst in der Nacht
nicht zurueckgefunden. So haben wir doch unsere Verwundeten noch
gerettet, das hat mich riesig gefreut. Nachher bin ich ohnmaechtig
geworden; und wie ich im Lazarett aufgewacht bin, haben mir die
Kameraden gleich zugerufen, ich bekaeme das Eiserne Kreuz. Nun, ich
will's spaeter noch besser verdienen; sobald es nur angeht, ziehe ich
wieder hinaus. Mein Tell wird jetzt von einem Kameraden gefuehrt, und ich
muss schauen, dass ich wieder einen Hund abrichte. Er muss halt folgen und
klug sein, bissig darf er auch nicht sein und nicht mit andern Hunden
raufen oder auf Wild jagen. Es gibt nicht viele solche und wer so ein
Tier hat, der verkauft's nicht, gelt du?" Er wandte sich mit dieser
Frage an Gebhard. Aber Grete und Else, die beiden lebhaften Maedchen, die
nicht weniger eifrig als Gebhard dem Soldaten zugehoert hatten, liessen
ihn nicht zur Antwort kommen: "Ich wuerde meinen Hund gleich verkaufen!"
rief Grete mit Begeisterung! Und Else: "Ich auch, recht teuer; um das
Geld wuerde ich lauter Sockenwolle, Zigarren und Schokolade kaufen und
Paeckchen an die Soldaten schicken oder ich gaebe es fuer die Ostpreussen."

"Die Fraeulein haben gut reden," sagte der Soldat, "die haben keinen Hund
und wissen nicht, wie lieb man solch ein Tier hat. Ich haette meinen Tell
auch um viel Geld nicht hergegeben, ich kann's von einem andern auch
nicht verlangen. Wo hast du denn deinen Leo?"

"Im Hof."

"Da hast du recht. Lass ihn nicht viel ins Zimmer, sonst wird er
verweichlicht."

Der Soldat hatte sich neben dem Erzaehlen den Kaffee wacker schmecken
lassen; Frau Dr. Stegemann nahm die leere Kanne, ging hinaus, zu sehen,
ob draussen noch Vorrat waere. Gebhard folgte ihr in die Kueche.
"Grossmutter, gelt, ich muss meinen Leo nicht hergeben?"

"Niemand kann das von dir verlangen."

"Grossmutter, gelt der Soldat hat recht, Grete und Else wissen nicht, wie
gern ich meinen Leo habe, aber du weisst es doch, Grossmutter!"

"Ich weiss es freilich, er ist dein liebster, treuster Kamerad! Und er
ist dir auch ein Andenken an den Vater, ans Forsthaus, an die liebe,
alte Heimat. Du wuerdest ihn alle Tage vermissen, weil dein Herz an ihm
haengt."

"Ja, ja, gerade so ist's wie du dir's denkst, Grossmutter. Leo koennte es
auch gar nicht verstehen. Vorhin war's mir, als muesste ich ihn hergeben,
weil man ihn im Krieg so noetig brauchen koennte, aber ich bin froh, dass
du selbst sagst, ich soll ihn behalten."

"Das habe ich nicht gesagt, Gebhard, und kann es auch nicht sagen. Nur
du selbst kannst wissen, ob du dein Liebstes fuers Vaterland hergeben
musst oder nicht!"

"Nein, Grossmutter, sage mir, was du meinst."

"Ich meine, du gehst jetzt einmal hinunter zu deinem Leo und ich trage
den Kaffee in das Zimmer!"

"Ich will aber doch wissen, was du denkst!"

Die Grossmutter ueberhoerte den aergerlichen Ausruf ihres Enkels und kehrte
in das Zimmer zurueck. Gebhard stand noch einen Augenblick voll Aerger
und Unmut da, dann tat er doch, was die Grossmutter gesagt; er ging
hinunter in den Hof, an dessen Zaun der Hund sofort hoch sprang und
freudig seinen kleinen Herrn begruesste, der ihn diesmal mit stuermischer
Zaertlichkeit umschlang und ihm einmal ums andere zurief: "Du wirst nicht
verkauft, Leo, nein, nein! Wir zwei bleiben beisammen!"

Droben im Zimmer machte der bescheidene junge Gast Umstaende, noch weiter
dem Kaffee zuzusprechen und noch laenger zu verweilen.

"Ich meine," sagte die Grossmutter, "nach dem wochenlangen Lazarettleben
duerfen Sie sich's wohl einmal wieder behaglich machen in einem
Familienzimmer. Sagen wir: noch eine Tasse, eine Zigarre und eine
Viertelstunde plaudern, und dann soll's genug sein. Wir gehen dann auch
wieder an unsere Arbeit."

"Ja, so ist's fein," meinte der junge Mann, sah auf seine Taschenuhr und
gab sich noch einmal dem seltenen Genuss hin, am behaglichen
Familientisch zu sitzen und von seinem Elternhaus erzaehlen zu duerfen.
Die Viertelstunde war fast verstrichen, da kam auch Gebhard wieder
herauf und trat ins Zimmer, seinen Leo an einer kurzen Leine fuehrend.
Stramm ging er auf den Soldaten zu, hochgemut leuchteten seine Augen; er
glich selbst schon einem Fuehrer, der mit seinem Hund einen schweren Gang
wagen will.

Der Soldat unterbrach seine Erzaehlung und wandte sich dem Knaben zu. Der
trat dicht heran und rief seinem Hund zu: "Leo leg dich still!" Das Tier
legte sich gehorsam neben den fremden Mann. Nun reichte Gebhard dem
Soldaten die Leine und sagte fest: "Ich schenke meinen Leo dem
Vaterland." Er liess die Leine los, sie lag nun in des Fuehrers Hand. Der
junge Soldat fand gar nicht gleich Worte, so ueberrascht war er, so
bewegt, als er sah, wie Gebhard zu seiner Grossmutter trat und zu ihr
sagte: "Ich habe es _doch_ tun muessen, Grossmutter!"

Sie zog ihn an sich heran. "Es wird dich nicht reuen," sagte sie.

Aber der Feldgraue machte Einwaende: "Ich kann das gar nicht annehmen von
dem Kind, es tut ihm weh. Nein, das Opfer ist zu gross!"

"Ei was, wer wird darueber so viel Worte machen," wehrte Frau Stegemann
und wandte sich an Gebhard: "So ein kleiner Bursche wie du hat nicht
leicht das Glueck, dass er dem Vaterland etwas wertvolles opfern kann, das
darf wohl auch wehtun, sonst waere es ja gar kein Opfer!"

"Es tut weh, Grossmutter!"

"Ich glaube dir's wohl, mein lieber Bub!"

Sie sah, dass der kleine Mann sich mit aller Macht wehrte, die Traenen
zurueckzuhalten und kam ihm zu Hilfe, indem sie sich an den Soldaten
wandte.

"Nun werden Sie erst erproben muessen, ob Leo wirklich brauchbar ist als
Sanitaetshund."

"Ja, aber ich zweifle nicht, es wird sich bald zeigen. Ein feines Tier
ist das. Ich kann's gar nicht so aussprechen, wie dankbar ich dafuer bin.
Nach dem Krieg--wenn wir's erleben--bringe ich dir aber deinen Leo
zurueck, Gebhard, dann soll er wieder dir gehoeren." Das war eine schoene
Hoffnung, Gebhard sah schon wieder froehlich aus.

"Und schreiben will ich dir auch und dir berichten, wieviel er leistet."

"Ja, ob er solche Verwundete aufspuert, die sonst umgekommen waeren."

"Gebhard saehe wohl gerne zu, wenn Sie den Hund abrichten. Koennten Sie
das einrichten?" fragte die Grossmutter.

"Aber natuerlich, das wollen wir schon so machen. Ich kann ja an das
Schulhaus kommen, dann verabreden wir es miteinander. Zuerst muss ich es
im Lazarett melden, so lange bleibt dir dein Leo noch. Lass doch sehen,
ob er sich nicht losreisst von mir, wenn du hinausgehst." Gebhard ging
auf die Tuere zu, der Hund erhob sich, zog an der Leine, wollte
folgen.--"Leo, liegen bleiben!" rief ihm sein kleiner Herr zu, und
verliess das Zimmer. Das Tier legte sich, aber es winselte leise. "Er ist
doch sonst hie und da im Zimmer ohne Gebhard, da winselt er nie!"
bemerkte Else.

"Er merkt, dass mir die Leine uebergeben ist und das beunruhigt ihn, Sie
werden gleich sehen!" Der Soldat liess die Leine zu Boden gleiten, sofort
war der Hund still. "Ein kluges Tier! Und so fein erzogen!"

"Mein Sohn versteht das, Gebhards Vater."

"Ist Ihr Herr Sohn auch im Feld?"

"Im Feld nicht, aber in russischen Haenden. Was sie ihm getan haben und
ob er noch lebt, das wissen wir nicht."

"Oh, ich habe keine Ahnung gehabt, dass Sie so eine Sorge haben," sagte
der junge Mann und stand auf. "Da sitze ich und plaudere Ihnen vor, und
nehme dem Kind noch seine groesste Freude weg, das geht doch nicht."

"Es geht schon. Gebhard ist ein tapferer, kleiner Mann, nach seinem
Vater geraten. Es ist gut, sich schon in jungen Jahren an Opfer und
Entbehrungen zu gewoehnen, so wachsen Helden heran."

Der Soldat verabschiedete sich, Gebhard gab ihm noch ein Stueck Weges das
Geleite. Der Hund ging zwischen ihnen, die Leine wanderte unversehens
von einer Hand in die andere. Soldaten gingen vorueber, gruessten den
Kameraden mit dem Hund, sahen auch freundlich nach dem kleinen Burschen,
denn der gruesste heute einen jeden. Er konnte gar nicht anders. Hatte er
doch den Soldaten zu lieb seinen Leo geopfert, so sah er sie alle mit
dem Gedanken an: Vielleicht rettet er euch einmal das Leben!




Neuntes Kapitel.


Wochen waren vergangen. Helene lag auf ihrem Ruhebett, das letzte
Briefchen Gebhards in der Hand. Sie hatte sich allmaehlich daran gewoehnt,
manche Stunde so liegend zu vertraeumen. Arbeit gab es nicht fuer sie in
diesem Hause; fuer ihr Toechterchen war ein Kindermaedchen gedungen
worden; denn die Geschwister wuenschten nicht, dass sie das Kind selbst
ausfahre; an dem geselligen Verkehr ihrer Schwaegerin mochte sie nicht
teilnehmen, dazu war ihr Herz zu schwer. Heute war fuer sie ein besonders
wehmuetiger Tag, ihr Hochzeitstag jaehrte sich zum zweiten Mal. Und sie
wusste nicht: war sie Witwe oder lebte der noch, der ihr ganzes Glueck
gewesen?

Nichts war ihr aus jener Zeit geblieben als das Kleine, das neben ihr
lag und schlief. Sie schaute nach dem Kind, aber sie konnte es nicht
mehr mit derselben Freude ansehen wie frueher, sie bedauerte es. Ohne den
Vater sollte es aufwachsen, mit einer Mutter, die nicht mehr frisch und
froehlich war wie einst. Sie kam sich selbst wie ein fluegellahmer Vogel
vor. Mutlos sank sie wieder auf ihr Ruhebett zurueck. Eine Weile spaeter
trat leise das Kindermaedchen ein, blickte nach der schlafenden Kleinen.
"Ich will nicht stoeren," sagte das Maedchen, "wollte nur die Post
bringen." Sie gab einen Brief ab und verliess das Zimmer.

Gleichgiltig oeffnete Helene den Umschlag. Es war ihr alles so einerlei,
nur wenn von seiner Mutter ein Brief kam, das freute sie, darin wehte
immer etwas von seinem tapfern Geist. Aber dies schien von einer
Maedchenhand geschrieben. Liegend las sie; es waren nur ein paar Worte,
aber Worte, die sie auffahren liessen, ihr Herz klopfen machten, ihr
schier unglaublich schienen, so dass sie ihren Augen nicht traute und
einmal ums andere las, was da stand: "Ihr Mann lebt und gruesst Sie
tausendmal!"

So lebhaft war Helene aufgesprungen, dass ihr Toechterchen davon
erwachte.

"Mam-mam," klang es aus dem Korbwagen. "Mam-mam? Ja, und Pa-pa!
Juengferlein, der Papa lebt und laesst uns tausendmal gruessen!"

Sie nahm das Kind heraus, drueckte es jubelnd an sich und lachte so, dass
das Kleine auf ihrem Arm ganz uebermuetig wurde. Aber nach dieser ersten
ueberquellenden Freude kamen der jungen Frau allerlei Fragen.--Warum
schrieb ihr Mann nicht selbst? Konnte er nicht? War er so krank? Wenn
man nur mehr wuesste! Aber es war doch eine Spur aufgefunden, die konnte
man verfolgen. Das musste sie mit seiner Mutter besprechen, zu der
gehoerte sie jetzt. Ein heisses Verlangen trieb sie zu ihr und zu Gebhard;
wie wuerde der jubeln!

Sie eilte hinaus, um Bruder und Schwaegerin den Brief zu zeigen und sich
mit ihnen zu beraten. Die Geschwister konnten zwar nicht einsehen, dass
Helene auf diese Nachricht hin unbedingt abreisen muesse, aber sie hatten
beide den Eindruck, dass gegen diesen stuermischen Wunsch gar nichts zu
machen sei. Sie war ja wie verwandelt, die vorher so matte,
niedergeschlagene Frau. Man musste sie gewaehren lassen.

So folgte Helene dem Drang ihres Herzens und frug bei der Mutter an, ob
sie zu ihr kommen duerfe mit dem Toechterchen und bei ihr bleiben, damit
sie alle beisammen waeren, wenn ihr Mann kaeme. Er lebte--also kam er, wer
konnte wissen, wie bald!

Frau Dr. Stegemann antwortete sofort und hiess Helene mit dem Kind
willkommen. In Eile wurden die Reisevorbereitungen getroffen.

Helene war beim Abschied bewegt. Wie gastfreundlich hatten die
Geschwister sie aufgenommen. "Ihr wart so geduldig mit mir in dieser
langen, truebseligen Zeit," sagte sie.

"Uns war es nicht zu lange," erwiderte der Bruder mit Herzlichkeit. "Du
kannst jederzeit wiederkommen, du weisst, wir haben dich lieb!"

"Und ich euch, von Herzen. Aber mein Mann gehoert auch dazu. Wenn ich ihn
erst wieder habe, muesst ihr ihn recht kennen lernen. Dann wird alles ganz
schoen!"

"Gott gebe es!"

Die Geschwister trennten sich, der Zug fuhr ab. Und kaum war Helene mit
ihrem Toechterlein allein, so zog sie wieder ihren Brief aus der Tasche;
denn sie konnte nicht oft genug die Worte lesen: "Ihr Mann lebt und
gruesst Sie tausendmal!"

Helene hatte nichts mitgeteilt von der Botschaft, die sie erhalten
hatte. Muendlich wollte sie der Mutter die Nachricht ueberbringen, wollte
ihre und Gebhards Freude miterleben. Da sie nun mit einem frueheren Zug,
als man sie erwartet hatte, ankam, fand sie die Wohnung fast leer, nur
das Maedchen empfing sie. So richtete sie sich ein in dem Gastzimmer,
besorgte ihr Kindchen und wartete gespannt, wer zuerst heimkaeme.

Immer wieder trat sie ans Fenster, sah endlich ein paar Schuljungen auf
das Haus zukommen und erkannte unter ihnen Gebhard. Die Kameraden hatten
sich viel zu sagen, konnten sich lange nicht trennen, sie hatten eben
einer Uebung des Sanitaetshundes Leo beigewohnt und waren noch erfuellt
davon. Die junge Frau konnte nicht laenger warten, oeffnete das Fenster
und rief Gebhards Namen; der blickte auf, loeste sich aus der Gruppe,
rannte der Haustuer zu und oben angekommen umschlang er die Mutter, die
strahlend vor Freude vor ihm stand. Er hatte gar nicht mehr gewusst, dass
sie so lieblich aussah, wie jetzt in ihrem Glueck, und es ueberkam ihn so
ploetzlich die Erinnerung, wie Vater und Mutter beisammen gewesen, dass
ihm Traenen in die Augen stiegen. Er begriff nicht, was ihn so bewegte
und sagte hilflos: "Ich freue mich doch so, aber das ist immer so dumm,
wenn man sich freuen will, dann kann man's nicht, ohne den Vater!"

"Doch Gebhard, jetzt koennen wir's wieder! Denn wir wissen jetzt, dass der
Vater lebt. Sieh nur, den Brief habe ich bekommen, darin steht: Der
Vater lebt und gruesst uns tausendmal!"

Kaum hatte Gebhard die Nachricht erfasst, so erklang draussen ein
wohlbekanntes Klingeln: "Das ist die Grossmutter, darf ich's ihr sagen,
Mutter?"

"Wir miteinander!"

Sie nahmen sich an der Hand, Gebhard lachte, wie die Mutter so
leichtfuessig mit ihm springen konnte. Sie kamen dem Maedchen noch zuvor.
Die Grossmutter wurde von beiden Seiten umfangen und hoerte nichts als:
Er lebt und gruesst uns tausendmal!

Auf diese freudige Erregung folgten Wochen des Wartens. Aber sie
brachten fuer Helene nicht mehr vertraeumte Stunden auf dem Ruhebett; in
diesem altmodischen Haus gab es ueberhaupt gar kein Ruhebett. Frau Dr.
Stegemann kannte auch keine Mittagsruhe. Sie war der Meinung, dass es fuer
gesunde Menschen genuege, bei Nacht zu ruhen und begriff nicht, dass junge
Menschen so viele Stunden ihres Lebens ohne Arbeit oder Vergnuegen, in
blossem Nichtstun zubringen mochten. Helene fand sich schnell in diese
Auffassung und kam durch Arbeit hinweg ueber die Enttaeuschung, dass der
ersten Nachricht keine zweite folgte und alle Nachforschungen fruchtlos
blieben. Sie besorgte ihr Kindchen selbst und war bald auch in allerlei
Arbeit fuer andere mit hineingezogen. Zuerst durch die junge
Schustersfrau, die inzwischen Witwe geworden war. Ihr musste man helfen
Verdienst zu suchen, und dabei hoerte man von anderen, die in aehnliche
Not geraten waren.

Da gab es fuer Helene viele Gaenge zu machen, aufzumuntern und Hilfe zu
schaffen. Ihre beiden jungen Nichten, Else und Grete, waren eifrige
Woll- und Metallsammlerinnen fuers Vaterland, hatten auch Gebhard mit
hereingezogen und so gab es in der ganzen Familie kaum eine Taetigkeit,
selten ein Gespraech, das nicht mit dem Krieg zusammenhing.

Ueber all dem verstrich rasch die Wartezeit und ging der kalte
Vorfruehling ueber in einen Mai, so wonnig, dass all die Krieger im Feld
und ihre Treuen daheim aufatmeten nach dem schweren Winter. Und einer
dieser wonnigen Maitage loeste auch das geheimnisvolle Dunkel, das bisher
ueber dem Schicksal des Foersters gewaltet hatte.

Helene war mit ihrem Toechterchen und den grossen Kindern den Nachmittag
im Wald gewesen, nun kamen sie zurueck mit grossen Straeussen von Waldblumen
und jungem Gruen; ein ganzer Fruehlingseinzug war es, als all diese Jugend
heimkehrte und froehlich die Grossmutter begruesste. Die musste sich
gleichzeitig von jedem erzaehlen lassen, wie schoen es im Wald gewesen,
musste die Straeusse in Empfang nehmen, die fuer sie gepflueckt waren, und
konnte sich in all der Kinderunruhe kaum Gehoer verschaffen. Aber als
Helene mit den Kindern in die grosse Wohnstube ging, da folgte ihnen die
Grossmutter nicht, sondern bemerkte nebenbei zur Schwiegertochter: "Wenn
du die Kleine besorgt hast, so komm zu mir herueber. Ich habe dir etwas
zu sagen." Helene sah die Mutter an und ein einziger Blick verriet ihr,
dass sie eine tiefe Bewegung beherrschte. Sie wusste: eine Nachricht war
gekommen!

"Else, Grete," bat sie, "tut ihr mir's zuliebe, die Kleine auszuziehen,
Gebhard hilfst du?" Und ehe noch Antwort gekommen, setzte sie das Kind,
das sie auf dem Arm gehabt, mitten unter die drei Grossen auf den Boden
und folgte der Mutter. "Ist ein Brief gekommen? Von ihm? An mich?"

"An mich, aber deswegen nicht weniger an dich. Komm, setze dich zu mir.
Und sei tapfer, Helene!" Bei diesem Wort wurde die junge Frau blass.
"Sind es keine guten Nachrichten?"

"Wie kannst du _gute_ Nachrichten erwarten? Nicht wahr, wir haben uns
laengst gesagt, dass wir aufs Schlimmste gefasst sein muessen. Aber er lebt
doch und wird wiederkommen!"

Sie nahm den Brief zur Hand. "Er ist von einer Pflegeschwester
geschrieben, aus einem Berliner Lazarett, Rudolf hat ihn diktiert. Ich
will dir ihn vorlesen." Sie las mit fester Stimme:

"Liebe Mutter, wie ein Traum ist mir's noch, dass ich dir einen Brief
schicken kann, wie ein Wunder, dass ich wieder im deutschen Vaterland
bin. Noch vor kurzem hatte ich keine Hoffnung, je aus dem Feindesland
herauszukommen. Fremde Menschen haben sich meiner angenommen, mich mit
eigener Lebensgefahr ueber die Grenze gebracht. Aber bald, bald werde ich
dir das alles muendlich erzaehlen, nur auf eines soll dich dieser Brief
vorbereiten, ehe du mich wiedersiehst. Deine starke Seele wird es
ertragen, wenn ich dir sage, was mir geschehen ist. Die Russen haben
grausame Rache an mir veruebt, als ich ihnen die Stellung der Deutschen
nicht verraten wollte. Mutter, sie haben mir das Augenlicht genommen.
Ich bin blind. Und nicht nur das, ich bin auch, das weiss ich, ein
grauenvoller Anblick, und dies quaelt mich vor allem bei dem Gedanken an
meine junge, weiche, fein empfindende Frau, die so etwas nicht ertragen
kann." Das Vorlesen wurde unterbrochen durch einen schmerzlichen
Aufschrei: "O Mutter, wie grausig!" Laut schluchzend drueckte Helene
beide Haende vor das Gesicht, wie wenn sie verdecken wollte, was sie im
Geist vor sich sah. Sie weinte bitterlich, es war nicht moeglich, weiter
vorzulesen. Mitleidig sah die Mutter auf die Trostlose. "Fasse dich,
Helene; nicht wahr, wir wussten schon lange, dass er in den Haenden
grausamer Feinde war, und hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet."

"Ich nicht, Mutter, ich habe mir solch schreckliche Gedanken immer fern
gehalten."

Das konnte Frau Stegemann nicht begreifen. In ihrer Natur lag es, fest
ins Auge zu fassen, was kommen musste. "Helene," sagte sie vorwurfsvoll,
"du wolltest doch tapfer sein!"

"Verzeih! Ich kann nicht, es ist zu schrecklich!" Vor der Tuere liess sich
eine Stimme hoeren.

"Grossmutter, darf ich kommen?" und Gebhard trat ein; er sah sein
Muetterlein aufgeloest in Traenen, daneben die Grossmutter mit dem strengen
Ausdruck, den er kannte. Ihm war er vertraut, aber die Mutter fuerchtete
ihn, das wusste er. Und als er sie so im Jammer sah, erregte es ihn, er
vergass sich und rief mit zornigem Ausdruck, waehrend ihm die Roete ins
Gesicht stieg: "Grossmutter, so darf man nicht mit der Mutter reden, dass
sie so weinen muss, das leidet der Vater nicht!"

Die Grossmutter, die ihm sonst nie solch ungebaerdiges Auftreten hingehen
liess, uebersah es diesmal; denn sein ritterliches Eintreten fuer die
Mutter gefiel ihr.

"Ich habe deine Mutter nicht traurig gemacht," sagte sie, "sondern
dieser Brief, obgleich darin steht, dass der Vater bald kommt. Nun sieh
nur zu, wie du sie troestest. Du kannst mit ihr den Brief fertig lesen!"
Sie gab das Blatt in seine Hand und verliess die beiden. Gebhard stand
ratlos mit dem Brief, denn eine fremde Handschrift war ihm noch eine
schwere Aufgabe.

"Vorlesen kann ich nicht," sagte er, "und troesten auch nicht."

Da raffte sich Helene zusammen: "Nein, mein armer, lieber Bub, du sollst
mich nicht troesten, du tust mir ja selbst so leid. Ich will dir sagen,
warum ich weine: Sieh, der Vater, dein herzlieber Vater, ist blind;
seine lieben, schoenen Augen sind ihm zerstoert worden aus Rache, weil er
die Deutschen nicht an die Russen verraten wollte." Sie zog ihn an sich,
wie entsetzlich musste ihm, der so treu an seinem Vater hing, diese
Nachricht sein! Aber es kam anders als sie dachte. Nicht Traenen kamen
ihm in die Augen, stolz leuchteten sie und fast frohlockend klang es:
"Jetzt muessen es alle glauben, dass der Vater kein Verraeter ist, alle,
auch Onkel und Tante! Mutter, schreibst du es ihnen gleich, heute noch?"

"Ja, ja. Jetzt haben sie den Beweis, den sie wollten! Einen so
schrecklichen Beweis!" Ihr graute wieder. Aber Gebhard, dieses Kind, das
in Monaten des Krieges unter den Kameraden von viel Schrecklichem gehoert
und im Lazarett allerlei Schwerverwundete gesehen hatte, konnte nicht
mehr so den Schauer empfinden. "Mutter," sagte er, "droben im Lazarett
ist ein Soldat, dem hat eine Granate beide Augen weggerissen. Aber der
hat schon oft mit dem Hundefuehrer und mir geplaudert und war ganz
vergnuegt!"

"Wie sieht er aus, Gebhard?" ganz aengstlich klang die Frage.

"Ich weiss nicht, ich habe ihn nicht so genau angeschaut."

"Hat er nicht furchtbare Schmerzen?"

"Nein, er hat sich nie beklagt und ich glaube, es wird auch dem Vater
nicht mehr wehtun."

"Vielleicht steht darueber noch etwas in dem Brief," sie griff darnach,
denn der kleine Mann hatte sie doch getroestet, sie war wieder gefasst und
las vor. Von Schmerzen stand nichts darin. Zuversichtlich klang es:
"Bald darf ich reisen; zunaechst komme ich noch nicht zu dir ins Haus,
sondern mit anderen Verwundeten in ein Lazarett; dort wirst du, meine
tapfere Mutter, mich besuchen. Ich weiss nicht, ob meine Lieben bei dir
sind, und ueberlasse es dir, ob du Helene die ganze traurige Wahrheit
mitteilen willst. Geh schonend um mit ihrem weichen Herzen; es ist mir
schwer an ihren Jammer zu denken. Aber _eine_ Mitteilung weiss ich doch,
die Euch freuen wird, Gebhard vor allem: Es wurde mir, der ich nicht
kaempfen durfte fuers Vaterland, das Eiserne Kreuz verliehen fuer die
_eine_ Stunde, in der ich meine Treue beweisen konnte, als ich die
Feinde seitab von der Spur fuehrte, die sie suchten, und ihre Rache auf
mich nahm. Erst kuerzlich ist der ganze Sachverhalt zur Kenntnis der
Heeresleitung gekommen."

Das Eiserne Kreuz! Wie leuchteten Gebhards Augen und welcher Glanz kam
ueber das Gesicht der jungen Frau! Sie atmete tief auf. Nie konnte jetzt
mehr die alte Reue sie ueberfallen, nie durfte irgend jemand an seiner
Ehre zweifeln. Als ein treuer, tapferer Held, der das Schwerste auf sich
genommen hatte, stand ihr Mann vor Gott und der Welt, und ihre eigene
Schwachheit hatte seiner Ehre nicht geschadet. Maechtig wuchs ihr
Verlangen nach ihm, wie wollte sie ihn lieben und pflegen und gluecklich
mit ihm sein!

"Wie heisst es in dem Brief? _Bald darf ich reisen._ Was heisst bald?
Komm, wir muessen die Grossmutter fragen; und an meinen Bruder muss ich
schreiben, gleich jetzt, komm Gebhard, komm!"

Hand in Hand, in einer gleichen, grossen Freude eilten sie hinaus, die
Grossmutter aufzusuchen. Im Wohnzimmer war sie nicht zu finden, nur die
Kleine sass da, im niedrigen Kinderstuehlchen; neben ihr Grete, die ihr
das Abendsueppchen gab. Im Augenblick kniete Helene neben dem Kind.
"Gebhard, wir muessen es dem Juengferlein auch sagen, dass der Vater kommt.
Hoerst du, Juengferlein? Sag: Papa!"

"Mam-ma!" rief die Kleine.

"Papa," wiederholte die Mutter, "Papa," bat Gebhard, "Papa" sagte Else
vor. Verwundert, schaute das Kind von einem zum andern, spitzte endlich
das Maeulchen, machte sichtlich eine grosse Anstrengung und rief--"Mama!"
Da lachten alle zusammen.

Frau Dr. Stegemann war nebenan und hoerte das Lachen; hell und froehlich
klang die Stimme der jungen Frau, die sie vor kurzem aufgeloest in
Traenen verlassen hatte.

"O Jugend!" sagte die Grossmutter vor sich hin; aber ihr ernstes Gesicht
erheiterte sich. "Es ist gut so. Komm nur, mein armer Blinder, es gibt
doch noch Herzensfreude fuer dich. Gottlob, dies Lachen hoerst ja auch du,
so gut wie wir, und viele innige Worte der Liebe wird dir deine Frau
zufluestern, die nur du hoeren wirst!"




Zehntes Kapitel.


An diesem Nachmittag, als Gebhard in das Lazarett ging, um den Soldaten
abzuholen, der eine letzte Probe mit Leo, dem geschulten Sanitaetshund,
abhalten wollte, begleitete ihn Helene. Auf dem Weg vertraute sie
Gebhard an, dass sie nicht nur wegen des Hundes mit ihm ginge. Nein, sie
hatte vor, den Verwundeten zu besuchen, der durch Granatsplitter um
seine Augen gekommen war. Es graute ihr vor seinem Anblick, aber sie
wollte sich daran gewoehnen, ehe der Vater kam. So gingen sie miteinander
vor die Stadt hinaus nach dem Lazarett und sie betrat es mit Bangen.

Gebhard fuehrte die Mutter die Treppe hinauf. Oben trafen sie die
Pflegeschwester. "Heute kommt meine Mutter mit," sagte Gebhard, und
Helene brachte schuechtern und zaghaft den Wunsch vor, den Blinden zu
sehen. "Da kommen Sie gerade noch rechtzeitig," antwortete die
Schwester, "ehe er zum Unterricht geht, in die Anstalt gegenueber." Sie
betraten einen kleinen Saal mit mehreren Betten, die meisten standen
leer, denn die Verwundeten waren schon so weit hergestellt, dass sie sich
im Garten aufhalten konnten; aber einer stand am weit geoeffneten
Fenster, durch das der Duft bluehender Linden hereinstroemte. "Das ist der
Blinde," sagte Gebhard und fuehrte ihm die Mutter zu. Helene blickte zu
ihm auf. Nein, es war kein schlimmer Anblick: ein Band war um seine
Stirne gebunden und an diesem waren zwei kleine Tuechlein befestigt, die
die Augenhoehlen verdeckten. Sie gab dem Verwundeten die Hand. "Mein Mann
hat auch beide Augen verloren," sagte sie mit tiefer Bewegung. Der
Blinde hoerte es ihrem Ton an. "Es ist freilich traurig," sagte er, "auch
fuer die Frauen. Die meinige hat auch gejammert. Aber man muss es halt
hinnehmen und auf Gott vertrauen. Wenn man erst eine Beschaeftigung
gelernt hat, wird einem die Zeit nicht mehr so lang. Ich habe jeden
Nachmittag Unterricht."

"Darf ich manchmal vormittags zu Ihnen kommen und Ihnen etwas vorlesen?"

"Ja, das waere mir wohl recht."

Ein Verwundeter, den Arm in der Binde, kam, er fuehrte den blinden
Kameraden zum Unterricht. Helene verabschiedete sich. Draussen sprach sie
mit der Schwester. "Darf ich oefter kommen?" fragte sie, "ich moechte so
gerne mehr von ihm hoeren," und zaghaft fuegte sie hinzu: "Ich moechte ihn
auch ohne die Binde sehen."

"Ja, kommen Sie nur, so oft Sie wollen. Die Binde traegt er bloss, wenn
er ueber die Strasse geht. Sie werden sich schnell an den Anblick
gewoehnen--wir Schwestern und seine Kameraden denken gar nicht mehr
daran, das ist nicht so schlimm!"

Erleichterten Herzens verliess Helene das Gebaeude. Der Blinde, die
Kameraden, die Schwester, sie alle waren so ruhig gewesen. Es war nicht
so schwer, als sie sich eingebildet hatte, gewiss nicht. Gleich morgen
wollte sie wiederkommen, denn wer konnte wissen, wann ihr eigener
geliebter Blinder kommen wuerde? Jeden Tag konnte das sein und er sollte
sie nicht mehr feig und schwach sehen, nein, wahrhaftig, er verdiente
eine tapfere Frau, und das wollte sie ihm sein!

Im Hof unten wartete schon neben seinem neuen Herrn stehend Leo, der
Sanitaetshund. Er trug heute zum erstenmal die feldgraue, mit dem roten
Kreuz geschmueckte Decke. Mit freudigem Bellen sprang er auf Gebhard zu.

"Heute sollst du sein Meisterstueck sehen, Gebhard," sagte der
Hundefuehrer. "Morgen wird's aber auch ernst, wir reisen in aller Fruehe
ab, gleich an die Front!"

Drei Soldaten waren schon vorausgegangen mit dem Auftrag, sich auf einer
kleinen Anhoehe in dem nahen Wald zu verstecken. Sie sollten die
Verwundeten vorstellen, die aufzusuchen waeren. Auf einem andern Weg
folgte nun der Fuehrer mit dem Hund. Ihm schlossen sich Helene und
Gebhard an. "Im Kasernenhof haben wir schon aehnliche Uebungen mit dem
Hund gemacht," sagte der Fuehrer, "aber im Wald noch nie. Ich bin aber
sicher, er wird auch da seine Sache gut machen." Oben angekommen, liess
er den Hund von der Leine los und rief ihm aufmunternd zu: "Leo, such
verwundet!"

Pflichteifrig raste der Hund im ersten Augenblick geradeaus. Dann schien
er sich zu besinnen, schnueffelte da und dort, aufgeregt, immer die Nase
auf dem Boden. Allmaehlich naeherte er sich dem Wald.

"Am Waldrand ist ein Bach," sagte der Fuehrer. "Der Steg ist weiter oben.
Die Soldaten werden sicher nicht ueber den Steg gegangen sein, sondern
durchs Wasser."

"Aber im Wasser verliert er die Spur!"

"Ja freilich, aber so ist's im Feld auch. Warte nur, sein Instinkt wird
ihn schon treiben, die Spur auf dem andern Ufer zu suchen." Richtig, Leo
verschwand ploetzlich in der Tiefe, tauchte am andern Ufer des Baches
wieder auf, schuettelte sich das Wasser vom Fell, suchte und verschwand
im Wald. Sie gingen nun dem Bach entlang bis zum Steg und hinueber an den
Waldessaum. Dort standen sie eine ganze Weile gespannt und lauschend.
Ploetzlich raschelte es im Laub und Leo tauchte auf.

"Er bringt eine Muetze!" rief Gebhard und rannte in hellem Vergnuegen dem
wackeren Tier entgegen, das in gestrecktem Lauf daher gesaust kam und
die Soldatenmuetze zu den Fuessen seines Herrn ablegte. "Brav, Leo, brav,"
lobte der Fuehrer und befestigte die Leine am Halsband. "Fuehre mich,
Leo!" Der Hund zog an, ging voraus, die kleine Gesellschaft folgte in
den Wald hinein, durch dick und duenn eine gute Strecke weit; dann gab
der Hund Laut und blieb stehen. Moeglichst im Unterholz versteckt lag ein
Soldat ohne Muetze. Der Fuehrer sprach ruhig und freundlich den Soldaten
an, waehrend er sich den Anschein gab, ihm aufzuhelfen. "Der Hund muss
merken, dass es gute Freunde sind, die wir aufsuchen," erklaerte er,
streichelte bald den Hund, bald den Soldaten und fuehrte diesen am Arm
mit sich fort.

Die Uebung wurde wiederholt, der neue Sanitaetshund bewaehrte sich
glaenzend, er fand alle Versteckten.

Im Abendschein kehrten die Soldaten in das Lazarett zurueck, der Fuehrer
begleitete Mutter und Sohn noch bis in die Stadt. Dann kam der Abschied.
"Reut dich's nicht?" fragte er und sah bedenklich nach dem kleinen Mann,
der seinen Hund zum letztenmal streichelte. "Nein, es reut mich gar
nicht. Ich glaube auch, dass Leo jetzt versteht, warum ich ihn hergebe.
Er weiss, dass er Verwundete suchen muss. Gelt Leo?" Das Tier wedelte; es
verstand jedenfalls so viel, dass von ihm die Rede war. Nun wandte sich
Gebhard ab, gab dem Fuehrer rasch die Hand und bat die Mutter: "Wir
wollen jetzt doch lieber gehen."

Sie verstand ihn und machte den Abschied kurz: "Viel Glueck!" rief sie.

"Viel Dank," antwortete der Feldgraue, "komm Leo!" So trennten sie sich.

Helene und Gebhard gingen Hand in Hand durch die Vorstadt. Die Strassen
waren ihnen fast unbekannt und dennoch vertraut was da vor sich ging. In
der Mitte der Strasse bewegte sich, von zwei bewaffneten Soldaten
begleitet, ein Trupp gefangener Franzosen. Sie zogen und schoben einen
Wagen voll Brot hinauf nach dem Gefangenenlager. Niemand kuemmerte sich
viel um den gewohnten Anblick.--Ein paar Frauen kamen des Weges, jeder
hing ueber dem Arm ein Pack grauer Kleidungsstuecke; man wusste: das sind
Frauen, deren Maenner im Krieg sind und die nun naehen fuer das Militaer, um
Geld zu verdienen fuer sich und die Kinder.--An einem Ladenfenster klebt
ein Blatt Papier, die neuesten amtlichen Berichte. Eine kleine Gruppe
steht davor, auch Helene und Gebhard bemuehen sich, sie zu lesen, koennen
aber nicht recht bei. "Nichts besonderes," sagt einer zum andern, "es
handelt sich halt wieder um Arras und Ypern."--Zwei voruebergehende
Frauen plaudern miteinander, man hoert nur drei Worte, nur den
gewichtigen Ausruf: "das Stueck 14 Pfennig!" aber man weiss: von den Eiern
reden sie.--Auch was die zwei aelteren Damen meinen, die so besorgt
aussehen, ergaenzt sich ein Jeder, wenn er gleich nur hoert: "Morgen
sind's schon drei Wochen!" dass keine Nachricht vom Sohn mehr
eingetroffen ist.--Ein paar muntere Maedchen eilen vorueber, die eine
ruehmt sich: "O wir haben im vorigen Monat _zehn_ uebrig behalten,"
Brotkarten natuerlich.

Und ploetzlich schauen alle, horchen alle--drei Schuesse? Ein Sieg? Da und
dort faehrt ein Fenster auf, Leute rufen auf die Strasse: Was ist's denn?
Und von irgend woher kommt die Antwort und pflanzt sich fort: "Przemysl
ist gefallen!"

_Eine_ Freude fliegt durch die ganze Stadt.

Unsere beiden, Mutter und Sohn, eilen, koennen kaum erwarten heim zu
kommen; und wie sie das Haus erreichen, fangen gerade die Glocken an zu
laeuten, die Fahnen kommen heraus und hoch oben an der Grossmutter Fenster
erscheint neben der deutschen zum erstenmal auch die schwarz-gelbe
oesterreichische; denn _eine_ kann nimmer genuegen, um die Siegesfreude
auszusprechen in dieser einzig grossen, schweren Zeit.

Monate lang hatte Helene mit all ihren Gedanken in der Vergangenheit
gelebt. Immer wieder hatte sie zurueckdenken muessen an den Tag, der ihr
Glueck vernichtet hatte. Jetzt aber, durch den Brief ihres Mannes tat
sich wieder eine Zukunft vor ihr auf und all ihr Sinnen ging dahin, wie
es werden sollte, wenn er zurueckkaeme. Seine Stelle konnte er ja nicht
mehr ausfuellen, das Forsthaus war keine Heimat mehr fuer sie. Vor
laengerer Zeit schon hatte die Mutter eine Anfrage eingesandt, um zu
erfahren, ob die Wohnungseinrichtung im Forsthaus unbeschaedigt geblieben
sei und geholt werden koennte. Heute war amtliche Mitteilung darueber
eingetroffen. Sie besagte, dass infolge russischer Pluenderung saemtliche
Moebel und Hausgeraete zertruemmert seien, die Betten aufgeschnitten und
besudelt, Buecher und Schriftliches verbrannt. Wahrscheinlich sei die
zerstoerte Wohnung spaeter noch durch Diebsgesindel durchsucht worden,
denn es sei nicht das Geringste mehr vorhanden.

Schmerzlich war diese Nachricht. Helene hatte als Braut eine reiche
kuenstlerische Ausstattung in das Forsthaus gebracht--nun war die ganze
schoene Einrichtung verloren. Und alles was Vater und Sohn besessen an
geliebten Gegenstaenden, jedes Andenken an fruehere Zeiten, die Spiele,
die Gebhards Kinderglueck ausgemacht hatten, alles war in die Haende roher
Gesellen gefallen und vernichtet worden.

Helene war tief gebeugt ueber diese vollstaendige Verarmung. Noch vor
kurzem haette sie sich wenig darum bekuemmert, aber eben jetzt, wo sie
ihren Mann erwartete, schmerzte es sie bitter. Nichts war mehr da von
ihrem Hausstand, sie konnte nicht, wie andere Frauen, den Heimkehrenden
im eigenen Haus empfangen. Aber das wusste sie: die Mutter wuerde Raum
schaffen fuer ihren geliebten Sohn; an seine Mutter hatte er sich ja
gewandt, nicht an sie; das konnte sie begreifen: die Mutter verstand ihn
doch am besten, sie allein hatte auch nie an seiner Ehre gezweifelt; zu
ihr kaeme er gerne und man musste dankbar sein, dass das moeglich war.

So ging sie zur Mutter und fragte bescheiden: "Wie soll es werden, wenn
Rudolf aus dem Lazarett kommt? Ich weiss, du wirst ihn mit Freuden
aufnehmen, aber wenn ich mit den Kindern auch dabei bin, wird es dir
dann nicht zu viel?"

"Freilich wird es mir zu viel," war die Antwort.

"Wie meinst du das, Mutter?" fragte Helene erschrocken.--"Ich meine zu
viel fuer mich, weil zu wenig bleibt fuer dich. Ich habe schon viel
darueber nachgedacht und moechte gerne herausbringen, dass Ihr eine kleine,
einfache Wohnung fuer Euch allein nehmen und einrichten koennt. Aber das
genuegt Euch jungen Frauen nicht. Da soll immer alles zusammenpassend und
stilgemaess sein. Dazu reicht es aber nicht. Es muesste eine ganz
bescheidene 3 Zimmer-Wohnung sein und auch alte Moebel dazu verwendet
werden, das koennten wir mit vereinten Kraeften schon bestreiten und dann
waeret Ihr vier beisammen; so kaeme es mir am besten vor."

"Und mir!" rief die junge Frau, und in aufwallendem Glueck umarmte sie
die Mutter und rief in uebermuetiger Freude: "Ohne jeglichen Stil soll
unser Heim werden, das verspreche ich dir, Mutter, so unkuenstlerisch als
du nur willst. Ein urgemuetliches Nestchen wird's dennoch! O Mutter,
gehen wir gleich Wohnungen ansehen?" Die Mutter sah gluecklich auf die
strahlende Freude, die der jungen Frau aus den Augen leuchtete. Und sie
dachte an ihren Sohn. Der beste Schatz war ihm doch geblieben.

In den naechsten Tagen kamen noch von zwei Seiten Briefe, die auf diesen
Zukunftsplan Einfluss hatten. Der erste war von Helenens Bruder. Er
sprach herzliche Teilnahme aus ueber das Schicksal des Erblindeten; aber
auch Stolz und Freude ueber das Eiserne Kreuz, das der ganzen Familie zur
Ehre gereiche. Er bat die Schwester, mithelfen zu duerfen bei der
Gruendung eines neuen Heims.

Der zweite Brief enthielt ein amtliches Schreiben und besagte, dass dank
der grossen Summen, die aus ganz Deutschland fuer die vertriebenen
Ostpreussen eingegangen seien, eine Entschaedigung fuer den verlorenen
Besitz bewilligt werden koennte, sobald der Antrag gestellt wuerde.

Zu Traenen geruehrt war Helene ueber diese freiwillige Hilfe von allen
Seiten. Jetzt hatte es keine Not mehr, sie konnte sich alles wieder so
schoen und reichlich anschaffen, wie einst als Braut.

Aber es ging ihr sonderbar: der Gedanke, hinzugehen, einzukaufen und
sich nur zu fragen: Herz, was begehrst du? freute sie nicht mehr. In der
Kriegszeit, wo so viel bittere Not herrschte, sollte sie sich alle
Wuensche befriedigen? Sie war so froehlich und eifrig gewesen bei dem
Gedanken, alles so schlicht und bescheiden wie moeglich einzurichten.
Eine Weile sann sie nach, dann kam sie zur Mutter. "Du hast doch
ausgerechnet, dass wir reichen, wenn wir uns sparsam einrichten. Dann
moechte ich lieber nichts annehmen von der Summe, die fuer die
Vertriebenen bestimmt ist. Es geht sonst an aermeren ab. Ich meine,
Rudolf wird es auch so auffassen. Was denkst du, Mutter?"

"Ich denke, dass du das Herz am rechten Fleck hast," war die Antwort.
Dieses gute Wort versetzte Helene in eine gehobene Stimmung, die ihr
auch blieb, waehrend sie die bescheidene Wohnung waehlte und mit
schlichten Moebeln ausstattete. Ein froehliches Vorbereiten, ein
braeutliches Erwarten erfuellte sie in diesen Tagen.




Elftes Kapitel.


An seinen Schulheften sass Gebhard und seufzte. Ihm wurde das Warten auf
den Vater unertraeglich lang. Die Mutter hatte es gut--ihre Tage waren
ganz ausgefuellt durch Vorbereitungen auf des Vaters Kommen; sie richtete
die Wohnung fuer ihn; sie ging um seinetwillen fast taeglich ins Lazarett
zu den Augenleidenden und Blinden und half bei ihrer Pflege.

Und die Grossmutter war von frueh bis spaet in allerlei Kriegshilfe taetig;
viele arme Frauen kamen zu ihr und sie verschaffte ihnen Arbeit, selten
hatte sie ein wenig Musse fuer ihren Enkel. Else und Grete waren in allen
Freistunden unterwegs, sie sammelten fuers Vaterland das Gold ein, von
dem noch viel bei aengstlichen und bei gedankenlosen Menschen steckte.
Das Schwesterchen spielte freilich gern mit dem Bruder, aber mehr als
"Kuckuck" liess sich noch nicht mit ihr machen. Der bessere Spielkamerad
war doch Leo gewesen und der fehlte jetzt.

Einmal, als die Mutter vom Lazarett heimkam, klagte er ihr: "Es dauert
so lang, so furchtbar lang, bis der Vater kommt!" Sie troestete ihn.
"Jetzt wird er sicherlich bald kommen. Warte nur ein Weilchen, dann wird
es um so schoener bei uns." Vom naechsten Ausgang brachte sie ihm ein Buch
mit, dass ihm die Zeit rascher vergehe ueber dem Lesen.

Aber das Buch war bald zu Ende. Er kam zur Grossmutter. "Wann kommt denn
endlich der Vater, ich kann es nicht mehr erwarten!"

"So, du kannst nicht warten? Wir daheim und unsere Soldaten draussen
muessen doch alle warten!"

"Ja, aber es ist keine schoene Zeit, wenn man so wartet, Grossmutter."

"Willst du denn eine schoene Zeit haben im Krieg, waehrend so viele
leiden? Sei froh, dass du auch etwas leiden darfst, wenn es auch nur eine
schwere Geduldsprobe ist. Es kann noch lange dauern, bis der Vater
kommt; ich will sehen, ob du die Probe bestehst, ob du geduldig
ausharrst."

So ernst nahm es die Grossmutter? Ja, wenn das eine schwere Probe war,
wie sie die Soldaten zu bestehen haben, dann wollte er sie schon auf
sich nehmen, das sollte die Grossmutter sehen. Er nahm sich zusammen und
ward wieder guten Mutes. Die Schule, die Kameradschaft waren ihm dabei
die beste Hilfe. Es war ihm wohl in seiner Klasse. "Sie sind alle nett
gegen mich," erzaehlte er daheim, "und das kommt, weil sie meinen Leo
gern gehabt haben und weil sie vom Vater wissen." Er hatte recht. Durch
den treuen Hund und durch das Schicksal des Vaters war die
Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden. Aber dass ihm alle Herzen zugetan
waren, das kam von seiner eigenen, tapferen, treuen Art; die zog die
andern an, ohne dass er's wusste.

Eines Morgens, als Gebhard in die Schule kam, zog ihn ein Kamerad
beiseite, tat geheimnisvoll, wollte ihm etwas sagen, das er doch
eigentlich verschweigen sollte. Endlich vertraute er, dessen Bruder
Sanitaeter war, Gebhard an, dass an diesem Vormittag ein Zug mit
Verwundeten ankaeme, er solle es eigentlich niemand sagen, damit nicht
die neugierigen Menschen an die Bahn kaemen. Sie wuerden alle in das
Lazarett gebracht, ausser einem, den muesse sein Bruder abholen und in die
Augenklinik fahren, der habe beide Augen verloren. Ob das nicht Gebhards
Vater sein koenne?

"Freilich kann er's sein!" rief Gebhard fast erschrocken durch die
ploetzliche Hoffnung auf das Wiedersehen. "Um wieviel Uhr? Wann kommt der
Zug?"

"Das weiss man nicht so genau und es hilft dir ja auch nichts, wir haben
doch bis zwoelf Uhr Schule. Aber es kann auch ein Uhr werden, bis der Zug
kommt."

Ruhig auf der Schulbank sitzen und denken, dass vielleicht der Vater
ankomme? das ging doch nicht? Aber es _musste_ gehen. Die Grossmutter
wuerde sagen: ausharren. Wie sonderbar, dass er da sass in dem grossen
Augenblick, auf den er so lange gewartet hatte! Aber vielleicht kam der
Vater gar nicht. Wenn man es doch nur wuesste! Wie qualvoll dieses
Stillehalten!--Es war eben Krieg, und darum war alles schwer, so
furchtbar schwer!

Der Unterricht hatte begonnen. Jetzt kam der Lehrer in seine Naehe und
richtete eine Frage an ihn. Gebhard stand langsam auf und atmete tief,
wie wenn er eine Last mit in die Hoehe zu heben haette. Der Lehrer lachte.
"Nun, ist das eine so schwere Frage? Du seufzst ja ordentlich!" Aus
gepresstem Herzen kam die Antwort: "Weil vielleicht gerade mein Vater
ankommt und ich in der Schule bin!"

"Dein Vater kommt? Heute frueh? Du haettest ihn gern begruesst? Ja! Moechtest
fort und fragst gar nicht? Ist's noch Zeit?"

Gebhard konnte kaum antworten vor Erregung.

"Naerrischer Bub! So etwas erlaube ich doch! Spring davon!"

Jetzt kam Leben in den kleinen Mann. Er fuhr von seinem Platz auf, der
Tuere zu.

"Deine Muetze!" riefen einige und lachten. Er wandte sich noch einmal,
sie sahen jetzt alle sein strahlendes Gesicht. Die Muetze vom Nagel, auf
und davon, dem Bahnhof zu.

Unterwegs schlug es neun Uhr, drei Stunden konnte er, wenn noetig, vor
dem Bahnhof warten, ohne dass er daheim vermisst wurde. So lange wollte er
ausharren, o leicht und gern!

Auf dem Bahnhofplatz war nicht wie sonst vor der Ankunft von
Lazarettzuegen ein Menschenauflauf. Auch fuhren keine Rotkreuzwagen vor.
Ein einziger stand leer und verlassen vor der Halle. Wenn nur auch der
Schulkamerad recht hatte. Vielleicht war es eine falsche Nachricht. Er
sah sich um. Sein Blick fiel auf zwei Weiber, mit Koerben am Arm, die da
standen und sich unterhielten. Er redete sie an, ob wohl bald die
Verwundeten ankaemen. Die eine lachte: "Da bist du zu spaet aufgestanden!"
und da Gebhard nicht verstand, was sie meinte, erklaerte die andere: "Die
sind schon vor einer halben Stunde gekommen und alle schon
heimgefahren, bis auf das eine Auto, das bleibt wohl leer. Man schickt
immer lieber eins zu viel als zu wenig." Die Frauen wandten sich und
gingen ihres Weges.

Also zu spaet, nicht zu frueh! Bitter enttaeuscht stand Gebhard, konnte
sich nicht gleich entschliessen den Platz zu verlassen; zoegernd, planlos
ging er noch auf den Bahnhof zu und stand ploetzlich betroffen still. Aus
dem Bahnhofgebaeude kam ein Sanitaeter, fuehrte zwei Maenner und diese
beiden hatten Binden um die Augen. Hoch klopfte Gebhards Herz. Er konnte
noch nicht recht unterscheiden, aber jetzt naeherte sich die Gruppe; der
Sanitaeter stuetzte den einen der beiden, der ein junger feldgrauer Soldat
war und auch am Fuss verletzt schien; sorglich fuehrte er ihn die breiten
Staffeln herunter auf die Stelle zu, wo das Auto stand. Inzwischen blieb
der andere, den Fuehrer erwartend, an einer Saeule der Vorhalle stehen,
und da nun seine stattliche, kraeftige Gestalt ganz zu sehen war,
erkannte Gebhard seinen Vater. Alles Zoegern war vorbei, in jubelnder
Freude sprang er herzu, die Staffeln hinauf und rief mit frohlockender
Stimme:

"Vater! Gruess dich Gott, lieber, guter Vater!" An dem ersten, trauten Ruf
hatte Stegemann sein Kind erkannt und nun griff er nach ihm mit beiden
Haenden und zog ihn in warmer Liebe an sein Herz. "Gruess dich Gott, mein
Maennlein, mein guter Bub! Ich haette nicht gedacht, dass du mich gleich
erkennst und dich so freust an deinem blinden Vater!"

"O, ich habe es gar nicht mehr erwarten koennen, bis du kommst; das
wissen wir ja schon lang, dass du blind bist, das macht _gar_ nichts,
Vater!"

"So, das macht gar nichts?" wiederholte Stegemann und lachte von Herzen.
Der Sanitaeter kam nun zurueck, um seinen zweiten Pflegbefohlenen zu
holen.

"Kannst du denn nicht gleich zu uns, Vater? Ich kann dich so gut
fuehren!"

"Zunaechst bin ich noch ins Lazarett ueberschrieben, aber bald darf ich
heim, vielleicht schon morgen, der Arzt wird das bestimmen."

"Willst du mitfahren und sehen, wohin dein Vater kommt?" fragte der
Sanitaeter und fuegte hinzu: "Wer hat dir denn verraten, dass heute
Verwundete ankommen?"

"Ein Schulkamerad."

"Aha, ich kann mir schon denken, welcher das war. Macht nichts, komm nur
mit!"

Sorgsam fuehrte der Sanitaeter den Blinden die Staffeln hinunter. Gebhard
ging auf der andern Seite.

"Kuenftig darf ich dich immer fuehren, gelt Vater?"

"Letzte Stufe," sagte der Fuehrer und wandte sich an Gebhard: "Immer
voraus sagen, sonst tut der Schritt weh; alles vorher ankuendigen, das
ist die Hauptregel, dann gewinnen die Blinden Vertrauen und gehen ruhig
und zuversichtlich. Darauf musst du achten!"

"Ja das will ich gewiss tun," versicherte Gebhard eifrig, "dann vertraust
du mir, gelt Vater?" Achtsam sah er zu, wie der Sanitaeter dem Blinden
das Einsteigen ermoeglichte, mehr durch kurze Zurufe als durch Hilfe.

Bald sassen sie nebeneinander, Hand in Hand und sprachen gar nicht viel,
weil sie noch kaum das Glueck fassen konnten, wieder beisammen zu sein.
Gebhard begleitete den Vater noch in den Saal. Die Neuangekommenen
sollten sich nach der langen Reise legen und ausruhen. Vater und Sohn
mussten sich trennen. "Bitte die Grossmutter, sie moechte zuerst allein zu
mir kommen; fuer die Mutter ist's ein schwerer Gang!" sagte der Blinde,
kuesste den Knaben und gab ihm leise den Auftrag: "Den Kuss gib der
Mutter!"

Gebhard ging heim wie im Traum. Mit all seinen Gedanken, mit dem ganzen
Herzen war er noch bei dem geliebten Vater, konnte selbst kaum an die
wunderbare Maer glauben, die er nun verkuendigen wollte: dass der Vater
angekommen sei!

Er traf aber zu Hause die nicht, die er suchte. Die beiden Frauen waren
nach der kuenftigen kleinen Wohnung hinuebergegangen; Helene war fertig
mit der Einrichtung, hatte die Mutter geholt, um ihr alles zu zeigen und
fuehrte sie jetzt durch die Zimmer. "Wie gefaellt es dir, Mutter? Ist
dir's recht so?"

"Mir freilich, du hast ja alles mehr nach meinem als nach deinem Sinn
eingerichtet. Es ist wohl ein Unterschied gegen deine fruehere reiche,
stilvolle Einrichtung!" Sie sah die Schwiegertochter an, wie wenn sie
erforschen wollte, ob es ihr schwer ums Herz sei. Aber Helene lachte
froehlich: "Es ist doch alles wieder stilvoll, Mutter, es ist Kriegsstil.
Wie wenn man Reste aus ein paar zerstoerten Haeusern zusammengetragen
haette: da ein paar schoene, alte Moebel von dir, dort schlichte, gebeizte
vom Schreiner, da der hochfeine Schreibtisch, den mein Bruder geschickt
hat, und davor ein gewoehnlicher Holzstuhl. Und an der ausgebesserten
Tapete Bilder in schwarzen, braunen und vergoldeten Rahmen und gar ein
kleiner Spiegel vom Troedelmarkt. Aber sieh, die sogenannte
Maedchenkammer, hat die nicht ein nettes Stuebchen fuer Gebhard gegeben?
Seine Kriegsbilder hat er selbst an die Wand nageln duerfen und sein
schmales Feldbett ist auch reinster Kriegsstil. Dazu passt auch statt
eines Maedchens die kleine Kriegswitwe, der du das Essen gibst; das alles
stimmt herrlich zusammen. Nun fehlt nur _er_ noch! Wie lange wohl?"

Draussen wurde geklopft. "Es muss jemand an der Vorplatztuere sein," sagte
Helene, "die Klingel geht naemlich nicht immer und der Aufzug ist auch
ein wenig launisch, das macht aber nichts, gehoert eben auch zum
Kriegsstil."

Sie gingen miteinander hinaus und oeffneten. Gebhard stand vor ihnen auf
der Schwelle, wusste vor uebergrosser Erregung nicht gleich, wie er
erzaehlen sollte, war auch so gesprungen, dass es ihm den Atem benommen
hatte. Aber die Mutter fing seinen strahlenden Blick auf, ahnte und
rief: "Der Vater kommt?"

"Der Vater ist schon da!" Glueckselig fiel er der Mutter um den Hals und
jubelte: "Da bringe ich dir einen Kuss von ihm!"




Zwoelftes Kapitel.


Am Bett ihres Sohnes sass Frau Dr. Stegemann; die andern Betten standen
leer, die Verwundeten waren an dem schoenen Nachmittag ins Freie gebracht
worden. So waren die Beiden allein in dieser ersten Stunde des
Wiedersehens und ungestoert hatte der Sohn seiner tapfern Mutter seine
Erlebnisse erzaehlen koennen. Sie wusste jetzt, was er durchgemacht von dem
Augenblick an, da er sich bereit erklaert, die Russen zu fuehren, in der
stillen Absicht sie wegzubringen von seinen Lieben im Forsthaus und sie
in die Irre zu leiten, um die deutsche Patrouille zu retten. Der
Offizier traute seinem Fuehrer nicht und bedrohte ihn, wenn er ihm nicht
zu Willen sei, solle er nie mehr seine schoene Frau wiedersehen, er wuerde
ihm die Augen ausstechen lassen.

So wusste er, welch grausame Marter ihm bevorstand. Noch hoffte er auf
irgend einen gluecklichen Zufall, der ihm zu Hilfe kaeme, und betete im
stillen. Aber das Misstrauen der Feinde wuchs immer mehr, er erkannte,
dass der bittere Kelch nicht an ihm voruebergehen sollte, und bereitete
sich innerlich vor auf das, was kommen musste.

Leute kamen des Weges, wurden ausgefragt und darnach wandte sich die Wut
der Feinde gegen ihn. Sie veruebten an ihm die grauenvolle Untat, liessen
ihn in seinen Qualen liegen und ritten davon.

Als Stegemann so weit erzaehlt hatte, spuerte er an der zitternden Hand
der Mutter, dass sie ueberwaeltigt war, und er hielt inne.

"Ist dir's so schwer, Mutter? Es ist ja ueberstanden, auch die
schrecklichen Qualen, die folgten. Aber ich will dir jetzt nicht weiter
davon erzaehlen; ich danke dir, dass du mich so tapfer angehoert hast. Dir
habe ich es zugetraut, darum wollte ich dich zuerst allein sprechen.
Aber nun will ich vergessen, was dahinten ist, und jetzt sage du mir,
Mutter, was liegt vor mir? Darf ich dies Elend meiner jungen Frau
aufladen? Kann sie es tragen, sie, die so weich und feinfuehlend ist und
mir immer erschien, als sei ihre Natur ganz auf Lust und Freude
angelegt? Zwar glaube ich nicht, dass wir Not leiden muessen. Das ganze
Vaterland hilft uns Invaliden, hilft vor allem, dass wir arbeiten lernen
und etwas verdienen koennen. Damit habe ich schon angefangen und werde
meine ganze Kraft einsetzen, um mitzusorgen fuer die Meinigen. Aber
dennoch--wie schwer ist es fuer Helene! Nie haette ich, so wie ich jetzt
bin, ihr junges Leben mit dem meinigen verbunden!" Er setzte sich auf in
seinem Bett und horchte gespannt zur Mutter hin. Die nahm seine Hand in
die ihrige und sprach in voller Ueberzeugung: "Da sei du ganz unbesorgt,
Rudolf, keine Braut kann verlangender dem jungen Braeutigam
entgegensehen, als sie ihrem Helden!"

"Weil sie nicht weiss, was fuer ein Anblick ihr bevorsteht und was es
heisst, einen hilfsbeduerftigen Blinden um sich zu haben, anstatt eines
ritterlichen Gatten, der ihr alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Weg
raeumt!"

"O, sie weiss das besser als du denkst, Rudolf; wir haben neun Monate
Krieg erlebt, die waren fuer deine Frau voll Angst und Reue, voll Sehnen
und Warten; sie hat sich durchgekaempft, ist stark geworden, um Leid und
Entbehrung mit dir zu tragen."

"Mutter, damit nimmst du mir die schwerste Sorge ab! Wenn es so ist,
dann, liebe Mutter, o dann bitte ich dich, gehe gleich zu ihr; ich habe
mich nach ihr gesehnt jede Stunde, seit wir getrennt sind; um keine
weitere Stunde soll die Trennung verlaengert werden."

"Ich gehe, Rudolf, sie wird bei dir sein schneller als du denkst. Ich
bringe ihr deine Botschaft."

Er richtete sich auf, tastete nach dem Tischchen nebenan, zog die
Schublade auf.

"Was suchst du? Kann ich dir helfen?"

"Ja, es wird eine Schachtel da sein, in der ist mein Eisernes Kreuz.
Wenn du mir das befestigen willst. Dass sie doch _etwas_ Schoenes sieht an
ihrem Mann!--So, nun ist's gut. Und die Augen sind bedeckt, nicht wahr,
man sieht die Zerstoerung nicht?"

"Nein."--Sie wollte hinzufuegen: "Deine Frau hat sich laengst geuebt, auch
das zu sehen," aber sie unterdrueckte es. Wer konnte wissen, wie es sie
im Antlitz des eigenen geliebten Mannes erschuettern wuerde?

Unten im Garten wurde Frau Stegemann von Helene sehnlich erwartet.

"Mutter, wie geht es ihm? Sage mir, warum wollte er dich allein
sprechen?"

"Er hat Mitleid mit dir, dass du ihn so wiedersehen musst, hat Angst, es
moechte dir zu schrecklich sein. Es ist auch schwer, Helene, mich hat es
furchtbar erschuettert; ich musste mich _so_ zusammennehmen, um die
Fassung zu bewahren."

Jetzt, da der Sohn nicht mehr darunter leiden konnte, jetzt verlor sie
diese Fassung und konnte die bittern Traenen nicht zurueckhalten. Das
hatte Helene noch nie erlebt; immer war die Mutter ihr an Seelenstaerke
ueberlegen gewesen. Sie hatte tiefes Mitleid mit der Mutter, die ihr in
ihrem Kummer zum erstenmal als eine alte Frau erschien. "Es hat dich
angegriffen," sagte sie herzlich zu ihr, "soll ich dich heimbegleiten?"
Aber Frau Stegemann wehrte ab. "Nein, nein, ich finde mich schon wieder
zurecht. Geh nur, Kind; halte dich nicht mit mir auf, geh zu ihm, er
wartet!"

Der Mutter Schwaeche wurde eine merkwuerdige Hilfe fuer die junge Frau.
Wenn die Mutter, die starke, versagte, dann musste sie die tapfere sein.
Alles Bangen wich von ihr, leichtfuessig eilte sie die Treppe hinauf, sie
wollte nichts aufkommen lassen als reinste Wiedersehensfreude in dieser
lang ersehnten Stunde.

Sie oeffnete die Tuere, sah, wie bei dem Geraeusch ein Kopf sich aus dem
Kissen hob, eine Gestalt sich halb aufrichtete und nach der Tuere wandte.

"Rudolf, ich bin's!" rief sie, war im Augenblick bei ihm, umarmte ihn
stuermisch und rief ihm froehlich zu: "Glaubst du, dass ich's bin, wenn du
mich gleich nicht siehst?"

Er spuerte ihre Froehlichkeit und zog sie an sein Herz.

"Ja, du bist's Helene, du Sonne in meiner Nacht! Gott sei Dank, dass ich
dich habe!" Er kuesste sie. Da schob sie sanft die Binde ueber seine Stirne
hinweg, drueckte einen Kuss auf jede der verheilten Wunden und sagte zu
ihm: "Das sind deine Ehrenzeichen, du mein Held. Wie bin ich stolz auf
diese Narben!"

Er legte sich zurueck, fuehlte sich aller Angst und Sorge ledig und gab
sich der Wonne des wiedergefundenen Glueckes hin.






End of the Project Gutenberg EBook of Ohne den Vater, by Agnes Sapper

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK OHNE DEN VATER ***

***** This file should be named 11677.txt or 11677.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        https://www.gutenberg.org/1/1/6/7/11677/

Produced by Charles Franks and the DP Team

Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
https://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
compressed (zipped), HTML and others.

Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
the old filename and etext number.  The replaced older file is renamed.
VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
new filenames and etext numbers.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
are filed in directories based on their release date.  If you want to
download any of these eBooks directly, rather than using the regular
search system you may utilize the following addresses and just
download by the etext year. For example:

     https://www.gutenberg.org/etext06

    (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
     98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)

EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
filed in a different way.  The year of a release date is no longer part
of the directory path.  The path is based on the etext number (which is
identical to the filename).  The path to the file is made up of single
digits corresponding to all but the last digit in the filename.  For
example an eBook of filename 10234 would be found at:

     https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234

or filename 24689 would be found at:
     https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689

An alternative method of locating eBooks:
     https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL


