The Project Gutenberg EBook of Robur der Sieger, by Jules Verne

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Title: Robur der Sieger

Author: Jules Verne

Release Date: April 6, 2005 [EBook #15559]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBUR DER SIEGER ***




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Robur der Sieger

von

Julius Verne.



Bibliographische Anstalt Adolph Schumann.
Leipzig

Julius Verne's Reiseromane. Band 51.


[Hinweis: Andere bersetzungen des Romans "Robur-le-Conqurant"
erschienen unter dem Titel "Robur der Eroberer".]




I.

Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath wei, wie die
ungelehrte.



Paff! ... Paff!

Zwei Pistolenschsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben
in der Entfernung von fnfzig Schritten vorber trabte, bekam eine
Kugel in's Rckgrat ... und sie ging die Sache doch gar nichts an.

Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden.

Wer waren jene beide Herren? Niemand wei es, und gerade hier wre ja
Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu berliefern. Es lt
sich ber sie nichts weiter sagen, als da der ltere ein Englnder,
der jngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter lt sich die
Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkuer eben sein
letztes Grasbndelchen abgeweidet hatte; diese ist nmlich am rechten
Ufer des Niagara und unweit der Hngebrcke zu suchen, welche drei
Meilen unterhalb der berhmten Flle das canadische Ufer mit dem
amerikanischen verbindet.

Der Englnder schritt jetzt auf den Amerikaner zu.

"Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, da es die Melodie Rule
Britannia war, sagte er.

-- Nein, der Yankee Doodle!" versetzte der Andere.

Der Streit schien auf's Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der
Zeugen -- ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehs -- mit den
Worten einmischte:

"Nehmen wir an, es wre der Rule Doodle und der Yankee Britannia
gewesen und begeben wir uns nun zum Frhstck."

Dieses Compromi zwischen den beiden Nationalgesngen Amerikas und
Grobritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Lngs
des linken Niagara-Ufers zurckwandelnd, beeilten sich Amerikaner und
Englnder, an der einladenden Tafel des Htels auf Goat Island -- einem
neutralen Gebiete zwischen den beiden Fllen -- Platz zu nehmen.
Whrend ihrer Beschftigung mit gekochten Eiern und dem landesblichen
Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast
brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die
weltbekannten Wasserflle eiferschtig machen knnten, wollen wir sie
nicht weiter stren, zumal kaum anzunehmen ist, da von ihnen im Laufe
dieser Erzhlung noch ferner die Rede sein wird.

Wer hatte nun Recht -- der Englnder oder der Amerikaner? Es wre
schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes
Duell den Beweis fr die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht
allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar ber ein
Ereigni oder eine unerklrliche Erscheinung, welche seit etwa einem
Monate alle Kpfe verwirrte.

... Os sublime dedit coelumque tueri
hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gesungen. In der That hatte man
seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals
den Himmel so vielfach betrachtet.

Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nmlich eine Trompete aus
der Luft ihre metallenen Tne herabgeschmettert ber denjenigen Theil
von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt.
Die Einen hatten daraus den Yankee Doodle, die Anderen das Rule
Britannia zu hren vermeint, daraus entstand auch obiger
angelschsische Zweikampf, der mit dem Frhstck auf Goat Island
endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere
Nationalgesang gewesen; nur darber herrschte bei Niemand ein Zweifel,
da die betreffenden Tne die Eigenthmlichkeit gehabt hatten, als
schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen.

Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder
ein Erzengel geblasen htte? ... Waren es nicht vielmehr lustige
Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von
dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem
Ballon, von Luftschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen
Himmelsregionen vollzog sich ein auergewhnliches Ereigni, dessen
Natur und Ursprung kein Mensch zu entrthseln vermochte. Heute zeigte
sich dasselbe ber Amerika, vierundzwanzig Stunden spter ber Europa,
acht Tage spter in Asien ber dem Himmlischen Reiche. Wenn die
Trompete, welche das Vorberziehen jener Erscheinung ankndigte, nicht
die des Jngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann?

In allen Landen der Erde, in Knigreichen wie in Republiken, entstand
deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mute. Vernimmt
Einer in seinem Hause eigenthmliche und unerklrliche Gerusche, wrde
er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und
wenn das vergeblich wre, wrde er nicht sein Haus verlassen, um ein
anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die
Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit
dem Monde, Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des
Sonnensystems zu vertauschen.

Es galt demnach unbedingt, aufzuklren, was im unendlichen leeren
Raume, doch innerhalb der Erdatmosphre, vorging. Ohne Luft ist ja ein
Gerusch unmglich, und da man hier ein solches vernahm -- immer jene
fast sagenhafte Trompete -- mute die Erscheinung auch in der Lufthlle
stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert
und die sich ber unserem Sphroid nur wenige Meilen hoch verbreitet.

Natrlich bemchtigten sich die Tagesbltter der vorliegenden Frage,
behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder
verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen,
erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Hhe ihrer Auflage
-- und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig
auf. Welch' Wunder! Die Politik hatte den Laufpa erhalten und die
Geschfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es
sich berhaupt?

Man befragte alle groen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese
keine Antwort gaben, wozu ntzten dann solche Observatorien eigentlich?
Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend
Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen
aufzulsen vermgen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer
kosmischen Erscheinung zu ergrnden, die nur wenige Kilometer ber
ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen?

Man konnte auch in der That kaum schtzungsweise angeben, wie viel
Teleskope, Brillen, Fernrhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles
whrend der schnen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch
wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und
Vergrerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist
nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit
unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zhlt. Nein, noch keiner, auf allen
Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterni hatte
man solche Ehre angethan!

Die Observatorien antworteten, aber unzulnglich. Jedes gab seine
Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so da sich daraus
whrend der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein
wirklicher Brgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte.

Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurckhaltend. Keine
seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung fr
mathematische Astronomie hatte man es fr unter seiner Wrde gehalten,
Beobachtungen anzustellen; in der fr die Meridianmessung hatte man
nichts entdeckt; in der fr physikalische Beobachtungen hatte man
nichts wahrgenommen; in der fr Geodsie nichts bemerkt; in der fr
Meteorologie war Niemand etwas aufgefallen; in der fr die Berechnungen
hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Gestndni.
Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis,
wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor
der Wahrheit bewies das Lngenbureau. Nun ja, Frankreich heit ja das
Land, wo man "frank", d. h. offen spricht.

Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeuerung. Etwa in der
Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein
elektrischen Ursprunges gezeigt, der 20 Secunden nicht berdauerte. Am
Pic-Du-Midi war derselbe zwischen 9 und 10 Uhr Abends beobachtet
worden; im meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dme hatte man ihn
zwischen 1 und 2 Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der
Provence zwischen 2 und 3 Uhr; in Nizza zwischen 3 und 4 Uhr; auf den
Semnoz-Alpen endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im
Augenblicke, als der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob.

Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmglich in Bausch und Bogen
verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, da der Lichtschein an
verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden,
wahrgenommen worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren
Herden aus, die sich durch die Erdatmosphre hinbewegten, oder, wenn er
nur einem einzigen solchen angehrte, so mute dieser sich mit einer
Schnelligkeit fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde
erreichte.

Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der
Luft bemerkt?

Nein, niemals.

Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten?

Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den
leisesten Ton gehrt.

Im vereinigten Knigreich Grobritannien wute man nicht mehr aus, noch
ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei Uebereinstimmung.
Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verstndigen, obwohl Beide die
Behauptung aufstellten, "an der ganzen Sache sei nichts".

"Eine Gesichtstuschung! meinte das Eine.

-- Eine Gehrstuschung!" erwiderte das Andere.

Darber lagen sie im Streit; auf eine Tuschung lief es jedoch allemal
hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und der zu
Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu fhren. Ruland bewies
ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte zu Pulkowa, da
sie Beide Recht htten, das hnge nur von den Gesichtspunkten ab, auf
die sie sich bezglich Bestimmung der Natur jener Erscheinung stellten,
die in der Theorie unmglich schien und in der Praxis mglich war.

In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Sntis, im Canton Appenzell, auf
dem Rigi, im Gbris, in den Beobachtungsstationen des St. Gotthard, St.
Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen von Zrich und des
Sonnblick in den Hohen Tauern, befleiigte man sich einer ganz
besonderen Zurckhaltung gegenber einer Thatsache, die bisher Niemand
zu bekrftigen vermocht hatte -- was gewi recht vernnftig zu nennen
ist.

In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuvs und
des Aetna, welch' letztere sich in der alten Casa Inghlese befindet,
wie auf dem Monte Cavo, zgerten die Beobachter nicht im geringsten,
die Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des
Umstandes, da sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen
Dampfwlkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer Sternschnuppe
hatten wahrnehmen knnen. Ueber die eigentliche Natur derselben wuten
sie freilich ebenfalls nichts.

In der That begann dieses Geheimnis allmhlich die Vertreter der
Wissenschaft zu ermden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr die
Einfltigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen
Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet
haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen
und Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der
Sache zu beschftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der
Sternwarte zu Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28.
zum 29. auf der des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer
und die Schweden auf der anderen Seite in der Anschauung bereingestimmt
hatten, da inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein
gewaltiger Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es
auch nicht gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag
es doch keinem Zweifel, da derselbe kleine Krper ausgeworfen habe,
welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen.

In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von
Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders
merkwrdig erschien freilich, da die Schweden und die Norweger doch
einmal ber einen Punkt einig zu sein schienen.

Man lachte und spottete ber die angebliche Entdeckung auf allen
Sternwarten Sdamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La Plata,
auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, und
das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend.

Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich
zustimmend bei dieser Frage, trotz der Sptteleien, welche seine
Erklrung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der
Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer
ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche
bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont
umschliet.

"Es knnte ja sein, sagte er, da der Gegenstand, um den es sich
handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende Maschine
wre."

Welcher Scherz!

Waren die vielfachen Widersprche nun schon in der Alten Welt sehr
lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen
Welt gestalten muten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus
grte Gebiet einnehmen.

Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege -- er whlt gewhnlich den,
der am schnellsten zum Ziele fhrt. So zgerten auch die amerikanischen
Bundesstaaten nicht im mindesten, ihre Ansichten gegenseitig
auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht gleich die Objective ihrer
Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur daher, da sie dieselben
jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht wurden, erst htten wieder
ersetzen mssen.

In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von
Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna
denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Ann-Arbor in Michigan
feindlich gegenber. Ihr Streit betraf brigens nicht die Natur des
beobachteten Krpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, denn
Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur
gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn
des geheimnivollen Wanderers der Lfte nur in miger Hhe ber dem
Horizont liegen sollte. Von Connecticut bis Michigan, von Duna nach
Columbia ist aber die Entfernung eine so groe, da eine doppelte
Beobachtung zu ein und demselben Zeitpunkt als unmglich angesehen
werden konnte.

Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die Militrakademie,
gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer Zuschrift, welche die
gerade Aufsteigung und die Declination des bewuten Krpers bestimmte.

Spter stellte sich jedoch heraus, da diese Beobachter einem Irrthume
unterlegen waren und da der betreffende Krper nur eine Feuerkugel
gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten hinblitzte. Um
diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie knnte auch
eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben?

Was nun die erwhnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren
schmetternden Ton als eine einfache Gehrstuschung hinzustellen.
Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der Leute
ebenso wenig getuscht, wie deren Augen. Unzhlige Beobachter hatten
vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig gehrt. In der sehr
dunklen Nacht -- vom 12. zum 13. Mai -- war es den Beobachtern des
Yale-Collegs an der Hochschule von Sheffield sogar gelungen, einige
Tacte eines musikalischen Satzes in A-dur und im Viervierteltacte in
Noten zu fixiren, welche vollkommen mit einem Theile der Melodie des
bekannten Chant du dpart -- eines Soldatenliedes beim Auszug zum
Kampfe -- bereinstimmten.

"Sehr schn! riefen dazu die Witzbolde, da htten wir ja ein
franzsisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft ertnen
lt!"

Scherzen heit aber nicht antworten. Diese Bemerkung machte auch das
von der Atlantic Iron Works Company gegrndete Observatorium zu Boston,
dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie fr die
gelehrte Welt allmhlich schon die Bedeutung von Gesetzen gewannen.

Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im
Jahre 1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von
Cincinnati eine Erklrung ab, jenes Institut, das sich durch seine
mikrometrischen Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt
gemacht hat. Sein Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin
aus, da den weitverbreiteten Gerchten unzweifelhaft etwas zu Grunde
liege, da sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr
verschiedenen Stellen in der Atmosphre ein in Bewegung befindlicher
Krper zeige, da ber dessen Natur, Grenverhltnisse,
Geschwindigkeit und Flugbahn aber kein Urtheil mglich sei.

Da erhielt ein Journal von allergrter Verbreitung, der New-York
Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: "Noch drfte
der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen Jahren herrschte
zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem franzsischen
Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville und dem deutschen Ingenieur
Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche Beide im sdlichen
Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt waren.

"Man kann auch nicht vergessen haben, da Herr Schulze in der Absicht,
Franceville zu zerstren, ein ungeheures Gescho, schon mehr eine
Maschine, auf letztere Stadt schleuderte, welche dieselbe mit einem
Schlage vernichten sollte.

"Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, da dieses
Gescho, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der Mndung der
Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer sechzehnmal greren
Geschwindigkeit, als gewhnliche Geschosse -- nmlich fnfundsiebzig
bis achtzig geographische Meilen in der Stunde -- hinweg getragen
wurde, da es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem
Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren
Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen mu.

"Warum sollte dieses Riesengescho, dessen Vorhandensein nicht
anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Krper sein?"

Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald
... aber die Trompete ...? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte
sich bestimmt keine Trompete befunden.

Alle bisherigen Erklrungen erklrten also nichts, alle Beobachter
beobachteten einfach falsch.

Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey
aufgestellte Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese!

Man darf nicht etwa glauben, da sich der Bevlkerung der Alten und der
Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdru bemchtigt htte. Im
Gegentheil, die Errterungen dauerten in gleicher Lebhaftigkeit fort,
ohne da irgendwo eine Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat
einmal eine Art Pause ein. Es vergingen nmlich einige Tage, ohne da
etwas von dem fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es
sonst war, gemeldet wurde und ohne da sich der bekannte Trompetenton
aus der Luft hren lie. War jener Krper also irgendwo auf die Erde
niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden
besonders erschwerte -- etwa gar in's Meer? Lag er jetzt in der
unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen
Oceans? Wer htte das sagen knnen?

Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe
von Thatsachen, deren Erklrung durch die Annahme eines rein kosmischen
Phnomens schlechterdings unmglich war.

Im Laufe jener acht Tage fand man nmlich auf den entlegensten Punkten
eine Fahne gerade an den schwerst zugnglichen Stellen von Kirchen
u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger berrascht durch eine solche
an der Spitze des Thurmes von St. Michael, die Trken auf dem hchsten
Minaret der heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der
Spitze des metallenen Pfeiles ihrer Kathedrale, die Straburger am
obersten Punkte des Mnsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer
Bildsule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des
Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels
der fnfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk
der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Rmer am Kreuze des St.
Peters-Domes, die Englnder am Kreuz der St. Pauls-Kirche in London,
die Egypter an der obersten Spitze der Pyramide von Gizeh, die Wiener
an dem Reichsadler auf der Spitze des St. Stephansthurmes, die Pariser
am Blitzableiter des dreihundert Meter hohen eisernen Thurmes der
Ausstellung von 1889 und noch andere mehr.

Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte
eine goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt.




II.

In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten,
ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen.



"Und der Erste, der das Gegentheil behauptet ...

-- Oho, das wird man behaupten, wenn ein Grund dafr vorliegt!

-- Und auch trotz Ihrer Drohungen! ...

-- Achten Sie auf Ihre Worte, Bat Fyn!

-- Und Sie auf die Ihrigen, Onkel Prudent!

-- Ich bleibe dabei, da sich die Schraube nur am Hintertheil befinden
darf!

-- Wir auch! Wir auch! erschallten fnfzig Stimmen wie aus einer Kehle.

-- Sie mu am Vordertheil sein! rief Phil Evans.

-- Am Vordertheil! brllten fnfzig andere Stimmen eben so stark, wie
jene frheren.

-- Wir werden nie zu ein und derselben Ansicht kommen!

-- Niemals! ... Niemals!

-- Nun, warum streiten wir dann berhaupt noch?

-- Das ist kein Streit ... es ist nur eine Errterung!"

Das htte freilich kein Mensch geglaubt, der die scharfe Entgegnung,
die Vorwrfe und das Geschrei hrte, welche den Sitzungssaal seit einer
guten Viertelstunde erfllten.

Gedachter Saal war nmlich der grte des Weldon-Institutes ... und
jenes vor allen berhmten Clubs in der Walnut Street zu Philadelphia,
Pennsylvanien, Vereinigte Staaten von Nordamerika.

In genannter Stadt war es erst am Vortage bei Gelegenheit der Wahl
eines Gaslaternenanznders zu ffentlichen Kundgebungen, geruschvollen
Versammlungen und zu reichlich ausgetheilten Schlgen gekommen. Daher
rhrte eine noch nicht besnftigte Reizbarkeit und stammte wohl auch
jene auergewhnliche Erregung, welche die Mitglieder des
Weldon-Instituts eben zeigten. Und hierbei handelte es sich nur um eine
einfache Vereinigung von "Ballonisten", welche ber die noch heutigen
Tages brennende Frage der Lenkbarkeit der Ballons verhandelten.

Der Vorgang aber spielte sich in einer Stadt der Vereinigten Staaten
ab, welche an schneller Entwickelung selbst New-York, Chicago,
Cincinnati und San Francisco berholt hat -- einer Stadt, welche weder
ein Hafenplatz, noch der Mittelpunkt von Petroleum- oder
Steinkohlenbergwerken, auch kein Brennpunkt der Industrie, so wenig wie
der Kreuzungspunkt eines vielstrahligen Bahnnetzes ist -- in einer
Stadt, die an Gre schon Manchester, Edinburgh, Liverpool, Wien,
Petersburg und Dublin bertrifft -- einer Stadt, die einen Park
besitzt, in dem die sieben Parks der Hauptstadt von England zusammen
Platz finden -- einer Stadt endlich, welche jetzt nahezu 1,200.000
Einwohner zhlt und sich nach London, Paris, New-York und Berlin als
die fnfte Stadt der Welt betrachtet.

Philadelphia ist fast eine Stadt aus Marmor mit seinen vielen
monumentalen Gebuden und ffentlichen Anstalten, welche ihres Gleichen
nirgends finden. Das bedeutendste aller Collegs der Neuen Welt ist das
Colleg Girard, und das hat seinen Sitz in Philadelphia. Die grte
Eisenbrcke der Erde ist die, welche den Schuylkill berspannt, und
diese befindet sich in Philadelphia. Der schnste Tempel der
Freimaurerei ist der Maurertempel in Philadelphia; endlich besteht der
grte Club von Freunden und Befrderern der Luftschifffahrt ebenfalls
in Philadelphia, und wer Gelegenheit gehabt htte, diesen am Abend des
12. Juni zu besuchen, der wrde sich dabei ausgezeichnet unterhalten
haben.

In erwhntem groen Saale bewegten, drngten sich, gestikulirten,
sprachen, verhandelten und stritten -- Alle den Hut auf dem Kopfe --
wohl hundert Ballonisten unter dem hohen Vorsitz eines Prsidenten, dem
ein Schriftfhrer und ein Schatzmeister zur Seite standen. Es waren das
keine Ingenieurs von Fach; nein, einfache Liebhaber alles Dessen, was
mit der Aerostatik in Beziehung stand, aber begeisterte Liebhaber, und
vor Allem Feinde Derjenigen, welche den Aerostaten Apparate, "schwerer
als die Luft", fliegende Maschinen, Luftschiffe u. dgl. entgegenzustellen
beabsichtigen. Da diese wackeren Leute nimmermehr die Lenkbarkeit des
Ballons erfinden wrden, war gewi mehr als wahrscheinlich. Auf jeden
Fall hatte ihr Vorsitzender Noth genug, um sie selbst gehrig zu lenken
und zu leiten.

Dieser in Philadelphia sattsam bekannte Prsident war der Onkel Prudent
-- Prudent seinem Familiennamen nach. Was die weitere Bezeichnung
"Onkel" betrifft, so braucht man sich in Amerika ber diese nicht zu
wundern, wo Jeder zum Onkel werden kann, ohne einen Neffen oder eine
Nichte zu haben. Man sagt dort ebenso Onkel, wie anderwrts Vater von
Leuten, welche auf eine Vaterschaft nicht den geringsten Anspruch
haben.

Onkel Prudent war eine gewichtige Persnlichkeit und trotz seines
Namens oft genannt gerade wegen seiner Khnheit, daneben sehr reich,
was selbst in den Vereinigten Staaten nicht von Nachtheil sein soll.
Wie htte er das auch nicht sein sollen, da er einen groen Theil der
Niagarafall-Actien sein eigen nannte? Jener Zeit hatte sich nmlich in
Buffalo eine Gesellschaft von Ingenieuren zur Ausbeutung der berhmten
Flle gegrndet. Die 7500 Cubikmeter, welche der Niagara jede Secunde
hinabwlzt, knnen 7 Millionen Dampfpferdekrfte erzeugen. Diese
ungeheure, in einem Umkreise von 500 Kilometer nach allen Fabriken und
Werksttten vertheilte Kraftmenge lieferte eine jhrliche Ersparni von
1200 Millionen Mark, von dem ein Theil in die Cassen der Gesellschaft
-- speciell in die Taschen des Onkel Prudent -- zurckflo. Uebrigens
war er Junggeselle, lebte hchst einfach und hatte als huslichen
persnlichen Beistand niemand Anderen, als seinen Diener Frycollin, der
eigentlich am allerwenigsten verdiente, im Dienste eines so khnen,
unternehmenden Herrn zu stehen. Aber es giebt einmal Regelwidrigkeiten.

Da der Onkel Prudent Freunde hatte, da er so reich war, versteht sich
ja von selbst; aber er hatte auch Feinde, weil er Vorsitzender jenes
Clubs war -- unter Allen alle die, welche selbst nach diesem Amte
strebten; und als der hitzigsten Einer ist hier der Schriftfhrer des
Weldon-Institutes zu erwhnen.

Es war das der ebenfalls sehr reiche Phil Evans, der Director der
Walton Watch Company, einer gewaltigen Uhrenfabrik, welche tagtglich
500 Stck Zeitmesser erzeugt und Producte liefert, die sich den besten
der Schweiz an die Seite stellen knnen. Phil Evans htte also fr
einen der glcklichen Menschen der Welt selbst in den Vereinigten
Staaten gelten knnen, wenn man von jener Stellung des Onkel Prudent
absah. Wie letzterer, war auch er 45 Jahre alt, von scheinbar
unerschtterlicher Gesundheit, wie jener von unzweifelhafter Khnheit,
und sorgte er sich wenig darum, die gewissen Vorzge des
Junggesellenstandes gegen die oft zweifelhaften Vortheile der Ehe zu
vertauschen. Wahrlich, das waren zwei Mnner, wie geschaffen, einander
zu verstehen, die sich doch nicht verstanden, und Beide, was wohl zu
bemerken ist, von ungemein stark entwickeltem Charakter, der Eine,
Onkel Prudent, hitzig, der Andere, Phil Evans, eiskalt bis zum
Uebermae.

Und woher kam es, da Phil Evans nicht zum Vorsitzenden des Clubs
ernannt worden war? Die Stimmenzahl fr Onkel Prudent und fr ihn war
die genau gleiche gewesen. Wohl zwanzig Mal wurde die Abstimmung
wiederholt, aber auch zwanzig Mal ergab sich eine Majoritt weder fr
den Einen, noch fr den Anderen. Das war eine peinliche Lage, welche
wahrscheinlich die Lebenszeit der beiden Candidaten htte berdauern
knnen.

Da schlug ein Mitglied des Clubs ein Mittel vor, die Stimmengleichheit
aufzuheben. Es war Jem Cip, der Schatzmeister des Weldon-Institutes.
Jem Cip war eingefleischter Vegetarianer, mit anderen Worten,
ausschlielicher Gemseesser, einer der Leute, die jede Fleischnahrung,
wie alle gegohrenen Getrnke verwarfen -- halb Brahmanen und halb
Muselmnner -- der Rival eines Nievmann, Pitmann, Ward und Davie,
welche der Secte dieser unschuldigen Thoren einen gewissen Namen
gemacht haben.

Bei vorliegender Gelegenheit wurde Jem Cip von einem anderen Mitglied
des Clubs untersttzt, von William T. Forbes, dem Director einer groen
Anstalt, in der Glucose durch Behandlung von Lumpen mit Schwefelsure
hergestellt wurde -- ein Verfahren, nach dem man also Zucker aus alter
Wsche zu erzeugen vermag. Es war ein gut situirter Mann, dieser
William T. Forbes, und Vater von zwei reizenden, bejahrteren Tchtern,
der Mi Dorothee, genannt Doll, und der Mi Martha, genannt Mat, die in
der besten Gesellschaft von Philadelphia den Ton angaben.

Der von William T. Forbes nebst einigen Anderen untersttzte Vorschlag
Jem Cip's ging nun dahin, den Vorsitzenden des Clubs durch den
Mittelpunkt zu bestimmen.

Wahrlich, dieser Wahlmodus knnte in allen Fllen angewendet werden, wo
es sich darum handelt, den Wrdigsten zu erwhlen, und sehr viele,
hchst vernnftige Amerikaner dachten auch schon daran, denselben bei
der Ernennung des Prsidenten der Vereinigten Staaten zur Anwendung zu
bringen.

Auf zwei tadellos weie Tafeln wurde hierzu je eine schwarze Linie
gezogen. Die Lnge beider war mathematisch genau die gleiche, denn man
hatte dieselbe mit ebenso viel Sorgfalt abgemessen, als handelte es
sich dabei um die Grundlinien des ersten Dreiecks einer
Triangulationsarbeit. Hierauf wurden beide Tafeln am nmlichen Tage
inmitten des Sitzungssaales der Gesellschaft aufgestellt; die beiden
Wettbewerber versahen sich Jeder mit einer sehr feinspitzigen Nadel und
gingen wieder gleichzeitig auf die, Jedem durch das Loos zugefallene
Tafel zu. Derjenige der beiden Rivalen aber, welcher seine Nadel am
nchsten dem Mittelpunkte der Linie einstechen wrde, sollte damit zum
Vorsitzenden des Weldon-Institutes gewhlt sein.

Es versteht sich von selbst, da hierbei jedes Hilfsmittel, jedes
Umhertappen verboten und nur die Sicherheit des Blicks entscheidend
war. Es galt, nach volksthmlichem Ausdruck, den Zirkel im Auge zu
haben.

Onkel Prudent stach seine Nadel ein und zu gleicher Zeit Phil Evans.
Darauf wurde nachgemessen, welcher der beiden Konkurrenten sich dem
Mittelpunkte am meisten genhert hatte.

Welches Wunder! Die beiden Mnner hatten so vortreffliches Augenma
entwickelt, da die Messungen keinen schtzenswerthen Unterschied
ergaben. War von ihnen auch nicht genau der mathematische Mittelpunkt
getroffen worden, so erwies sich der Raum zwischen diesem und den
beiden Nadeln kaum merkbar und schien bei beiden obendrein noch gleich
gro zu sein.

Die Versammlung befand sich nun in neuer Verlegenheit.

Zum Glck bestand eines der Mitglieder, Truk Milnor, darauf, die
Messungen mit Hilfe eines mit Perreaux' mikrometischer Maschine
getheilten Lineals noch einmal vorzunehmen, welche die Mglichkeit
gewhrt noch ein Fnfzehnhundertstel eines Millimeters abzulesen. Auf
dem Lineal waren in der That fnfzehnhundert Abtheilungen auf einem
solchen kleinen Raum mittelst Diamant eingeritzt, und bei Abmessung der
Entfernung der Stiche von den betreffenden Mittelpunkten erhielt man
folgendes Resultat:

Onkel Prudent hatte sich dem Mittelpunkt auf weniger als sechs
fnfzehnhundertstel Millimeter genhert, Phil Evans auf nahezu neun
fnfzehnhundertstel.

Daher kam es, da Phil Evans nur Schriftfhrer des Weldon-Institutes
wurde, whrend Onkel Prudent die Wrde des Prsidenten desselben
erhielt.

Einer Entfernung von drei fnfzehnhundertstel, mehr hatte es nicht
bedurft, um Phil Evans mit Ha gegen Onkel Prudent zu erfllen, mit
einem Ha, der, wenn er ihn auch in sich verschlo, doch nicht minder
grimmig war.

Jener Zeit, und zwar seit dem letzten Viertel dieses neunzehnten
Jahrhunderts, hatte die Frage der lenkbaren Ballons immerhin schon
einige Fortschritte zu verzeichnen, die mit Triebschraube ausgersteten
Gondeln, welche Henry Giffard 1852 an seinem verlngerten Ballon
anbrachte, ferner Dupuy de Lme, 1872, die Gebrder Tissandier 1883 und
die Capitne Krebs und Renard im Jahre 1884 hatten mindestens einige
Ergebnisse erzielt, denen man Rechnung tragen mute.

Doch wenn diese Apparate in einem schwereren Medium als sie selbst,
unter dem Drucke einer Schraube manvrirend, eine schrge Richtung
gegen den Wind einhielten, sogar gegen einen widrigen Luftzug aufkamen,
um nach ihrem Ausgangspunkt zurckzukehren, also wirklich gelenkt
worden waren, so konnte das doch nur unter ganz besonders gnstigen
Umstnden erreicht werden. In groen, geschlossenen ausgedehnten Hallen
allerdings! In recht ruhiger Atmosphre -- das ging auch noch recht
gut. Bei einem leichten Winde von fnf bis sechs Meter in der Secunde
war es vielleicht eben noch zu erzwingen -- Alles in Allem hatte man
eigentlich praktisch verwendbare Resultate aber noch nicht erzielt.
Gegen einen Windmhlenwind von acht Metern in der Secunde wrden jene
Apparate nahezu stationr geblieben sein; vor einer frischen Brise von
zehn Metern in der Secunde hatten sie in Gefahr geschwebt, zerrissen zu
werden; und bei einer jener Cyclonen, welche hundert Meter in der
Secunde berschreiten, wrde man von ihnen kein Stckchen wieder
gefunden haben.

Selbst nach den scheinbar glnzend gelungenen Versuchen der Capitne
Krebs und Renard drfte als bewiesen angesehen werden, da die
Aerostaten, wenn sie an Bewegungsfhigkeit auch ein wenig gewonnen
hatten, mit dieser doch gerade nur gegen eine schwache Brise
aufzukommen vermochten. Es war also nach wie vor als unmglich zu
betrachten, diese Art der Fortbewegung durch die Luft praktisch zu
verwenden.

Whrend man sich aber so eifrig mit dem Problem der Lenkbarkeit der
Aerostaten, das heit mit den Mitteln beschftigte, diesen eine eigene
Geschwindigkeit zu verleihen, hatte die Frage der Motoren unzweifelhaft
weit schnellere Fortschritte gemacht. An Stelle der Dampfmaschinen und
der Verwendung der bloen Muskelkraft waren allmhlich die elektrischen
Motore getreten. Die Batterien mit doppeltchromsaurem Natron, deren
Elemente auf hohe Spannung angeordnet waren, wie sie die Gebrder
Tissandier bentzten, erzielten eine Schnelligkeit von etwa vier Metern
in der Secunde. Die zwlf Pferdekraft entwickelnden dynamo-elektrischen
Maschinen der Capitne Krebs und Renard gestatteten, eine
Geschwindigkeit von im Mittel sechs Meter in der Secunde zu erreichen.

Bei ihren Versuchen waren Mechaniker und Elektriker bestrebt gewesen,
sich dem frommen Wunsche zu nhern, eine "Dampfpferdekraft in einem
Taschenuhrgehuse" zu erzeugen. Die Effecte der Sule, deren
Zusammensetzung die Capitne Krebs und Renard geheim gehalten hatten,
wurden ebenfalls bald bertroffen, und nach ihnen fanden die Aeronauten
Gelegenheit, Motore zu verwenden, deren Leichtigkeit im gleichen
Verhltni mit ihrer Kraftwirkung wuchs.

Die Anhnger der Mglichkeit einer Lenkbarkeit der Ballons hatten also
gewi Ursache, ihren Muth aufrecht zu erhalten, und doch, wie viele
klare Kpfe haben es verworfen, an die Bentzung solcher zu glauben. In
der That, wenn der Aerostat einen Angriffspunkt der ihm innewohnenden
Kraft in der Luft findet, so ist er doch mit seiner groen Masse in
diese eingetaucht. Und wie knnte derselbe, da er wieder den Strmungen
der Atmosphre eine so breite Angriffsflche bietet, jemals, und wenn
sein Triebwerk noch so mchtig wre, direct gegen einen widrigen Wind
aufkommen?

Diese Frage lag noch immer vor, man hoffte dieselbe jedoch durch
Anwendung sehr groer Apparate zu lsen.

Es ergab sich brigens, da bei diesem Wettstreite der Erfinder in der
Herstellung eines sehr krftigen und dennoch leichten Motors die
Amerikaner sich dem gewnschten Ziele am meisten genhert hatten. Ein
auf der Anwendung einer neuen Sule beruhender dynamo-elektrischer
Apparat, dessen Construction vorlufig noch Geheimni blieb, war seinem
Erfinder, einem bisher unbekannten Chemiker in Boston, abgekauft
worden. Mit grter Sorgfalt durchgefhrte Berechnungen und mit
uerster Genauigkeit entworfene Diagramme ergaben, da dieser Apparat,
wenn er auf eine Schraube von angepater Gre wirkte, eine
Fortbewegung von achtzehn bis zwanzig Metern in der Secunde
gewhrleisten mute.

Wahrlich, das wre groartig gewesen!

"Und das Ding ist nicht theuer!" hatte Onkel Prudent hinzu gesetzt, als
er dem Erfinder gegen regelrecht ausgefllte Quittung das letzte
Pckchen von hunderttausend Papierdollars einhndigte, mit dem man ihm
seine Erfindung bezahlte.

Unverzglich ging das Weldon-Institut an's Werk. Handelt es sich um ein
Versuchsunternehmen, das irgend welchen praktischen Nutzen verspricht,
so wird das Geld in amerikanischen Taschen stets leicht locker. Die
nthigen Mittel strmten zusammen, so da selbst die Grndung einer
Actiengesellschaft umgangen werden konnte. Dreihunderttausend Dollars
(also 600.000 fl. = 1-1/5 Millionen Mark) fllten gleich nach dem
ersten Aufruf die Cassen des Clubs. Die Arbeiten begannen unter Leitung
des hervorragendsten Luftschiffers der Vereinigten Staaten, Harry W.
Tinder's, der sich unter tausend Anderen vorzglich durch drei khne
Fahrten berhmt gemacht hat: die eine, bei der er sich bis 1200 Meter
erhob, d. h. hher aufstieg, als Gay-Lussac, Coxwell, Sivel,
Croc-Spinelli, Tissandier, Glaisher; die zweite, whrend der er ganz
Amerika von New-York bis San Francisco berflog und um mehrere hundert
Lieues die lngste Reise Nadar's, Godard's und vieler Anderen hinter
sich lie, ohne John Wise zu rechnen, der von St. Louis bis nach der
Grafschaft Jefferson elfhundertfnfzig Meilen zurckgelegt hatte; die
dritte endlich, welche mit einem furchtbaren Sturze aus der Hhe von
fnfzehnhundert Fu endigte, bei dem er sich doch nur den rechten
Daumen verstauchte, whrend der minder vom Glcke begnstigte Piltre
de Rozier bei einem Sturze von nur siebenhundert Fu augenblicklich den
Tod fand.

Zur Zeit, mit der diese Erzhlung beginnt, konnte man schon
beurtheilen, da das Weldon-Institut die Angelegenheit krftig
gefrdert hatte. In den Turner-Werften zu Philadelphia erhob sich schon
ein ungeheurer Aerostat, dessen Haltbarkeit durch Fllung mit stark
comprimirter Luft geprft werden sollte. Vor Allem wrde dieser den
Namen eines Monstre-Ballons verdienen.

Wie viel fate der Gant Nadar's? Sechstausend Cubikmeter. Wie viel der
Ballon John Wise's? Zwanzigtausend Cubikmeter. Welchen Fassungsraum
hatte der Ballon Giffard auf der Ausstellung von 1878?
Fnfundzwanzigtausend Cubikmeter bei achtzehn Meter Halbmesser.
Vergleicht man diese drei Aerostaten mit dem des Weldon-Institutes,
dessen Volumen vierzigtausend Cubikmeter betrug, so begreift man
leicht, da Onkel Prudent und seine Clubgenossen einigermaen Recht
hatten, sich vor Stolz aufzublhen.

Dieser Ballon, der nicht dazu bestimmt war, die hchsten Schichten der
Atmosphre zu erreichen, nannte sich nicht "Excelsior", eine
Bezeichnung, welche sonst bei den Amerikanern sehr beliebt ist, nein,
er war einfach Go a head, d. h. "Vorwrts" getauft, und es erbrigte
also nur noch, da er seinen Namen rechtfertigte, indem er der Leitung
seines Capitns allenthalben entsprach.

Jener Zeit war die dynamo-elektrische Maschine nach dem vom
Weldon-Institute angekauften Patente fast vollendet und man durfte
darauf rechnen, da der Go a head seinen Flug durch das Luftmeer
begonnen haben werde.

Immerhin waren bekanntlich alle mechanischen Schwierigkeiten noch nicht
berwunden.

Sehr viele Sitzungen waren zu diesem Zwecke abgehalten worden, nicht
etwa die Form der Schraube oder deren Grenverhltnisse festzustellen,
sondern um die Frage zu entscheiden, ob dieselbe am Hintertheil des
groen Apparates angebracht werden sollte, wie die Gebrder Tissandier
wollten, oder am Vordertheile, wie es die Capitne Krebs und Renard
schon gethan hatten. Es bedarf kaum der Erwhnung, da die Vertreter
dieser beiden Ansichten bei den bezglichen Verhandlungen darber fast
handgemein wurden. Die Gruppe der "Vordermnner" glich an Zahl genau
der der "Hintermnner." Onkel Prudent, dessen Stimme bei sonstiger
Stimmengleichheit die entscheidende gewesen wre, Onkel Prudent, der
unzweifelhaft aus der Schule des Professors Buridan hervorgegangen war,
vermied es klglich, sich zu uern.

Bei der Unmglichkeit, ein Einverstndni herbeizufhren, war es
natrlich auch unmglich, die Schraube an Ort und Stelle zu setzen. Das
konnte demnach lange dauern, wenn sich nicht etwa die Regierung in's
Mittel legte. In den Vereinigten Staaten liebt es die Regierung aber
bekanntlich nicht, sich in Privatangelegenheiten einzumischen oder um
das zu kmmern, was sie nicht direct angeht. Damit hat sie gewi ganz
Recht.

So war die Sachlage, und die Sitzung vom 13. Juni schien gar nicht
endigen oder vielmehr nur in einen ungeheuren Tumult auslaufen zu
wollen -- der wie gewhnlich mit Injurien begann, sich mit
Faustschlgen fortsetzte, dann zu Stockschlgen berging und mit dem
Knallen der Revolver abschlo -- als ein Zwischenfall um acht Uhr
siebenunddreiig Minuten diesen beliebten Verlauf strte.

Kalt und gemessen, wie ein Polizist inmitten der strmischen Wogen
einer Volksversammlung, hatte sich der Thrsteher des Weldon-Instituts
genhert und dem Vorsitzenden eine Karte eingehndigt. Er erwartete
eben noch die Befehle, welche der Onkel Prudent ihm zu ertheilen haben
knnte.

Onkel Prudent lie die Dampftrompete ertnen, die ihm als
Prsidentenglocke diente, denn hier htte, um durchzudringen, nicht
einmal die groe Glocke des Kremls hingereicht. Nichtsdestoweniger nahm
der Lrm nur noch zu. Da "entblte der Prsident den Kopf" und Dank
diesem allerletzten Hilfsmittel entstand wenigstens eine leidliche
Ruhe.

"Eine Mittheilung an den Club! rief Onkel Prudent, nachdem er sich eine
Prise aus der ungeheuren Dose, die ihn niemals verlie, zugelangt.

-- Reden Sie! Reden Sie! antworteten neunundneunzig Stimmen, die
hierber zufllig einer Meinung waren.

-- Ein Fremdling, geehrte Collegen, wnscht in unseren Sitzungssaal
Eintritt zu erhalten.

-- Nimmermehr! widersetzten sich alle Stimmen.

-- Er wnscht uns, fuhr Onkel Prudent fort, allem Anscheine nach den
Beweis zu liefern, da es der greulichste Wahnwitz sei, an die
Lenkbarkeit von Ballons zu glauben."

Allgemeines Murren beantwortete diese Erklrung.

"Herein, herein mit ihm!

-- Wie nennt sich denn diese merkwrdige Persnlichkeit? fragte der
Schriftfhrer Phil Evans.

-- Robur, antwortete Onkel Prudent.

-- Robur! ... Robur! ... Robur!" heulte die ganze Versammlung.

Und wenn bei Nennung dieses eigenthmlichen Namens der Trger desselben
so schnell Zulassung fand, geschah es eigentlich nur, weil das ganze
Weldon-Institut sich Hoffnung machte, auf den Mann den Ueberschu
seiner Erbitterung abzuschtteln.

Der Sturm hatte sich also einen Augenblick gelegt -- wenigstens
scheinbar. Wie knnte brigens ein Sturm so schnell vorbergehen bei
einem Volk, welches jeden Monat zwei bis drei solcher nach Europa unter
der Form von Wirbelwinden entsendet?




III.

In dem eine neue Persnlichkeit nicht besonders vorgestellt zu werden
braucht, da sie das selbst besorgt.



"Brger der Vereinigten Staaten, ich heie Robur[1] und bin dieses
Namens wrdig. Trotz meiner vierzig Jahre sehe ich aus wie dreiig,
habe eine eiserne Constitution, eine unerschtterliche Gesundheit,
hervorragende Muskelkraft und einen Magen, der selbst in der Welt der
Straue als vorzglich gelten wrde."

  [1] Zu Deutsch: Die Kraft.

Die Versammlung lauschte. Jedes Gerusch hatte vorlufig aufgehrt, als
man diese unerwartete Vorrede pro facie sua vernahm. War es ein Narr
oder ein Sptter, diese Persnlichkeit? Wie dem auch sein mochte, er
machte Eindruck und wute sich diesen zu erzwingen. Jetzt ging kein
Lufthauch durch diese Menge, in der doch kurz vorher ein Orkan wthete.
Die Windstille nach der hohen See.

Ueberdies schien Robur wirklich der Mann zu sein, fr den er sich
ausgab. Von mittlerer Gre mit geometrischer Gestalt, ein regelmiges
Trapez bildend, deren grte Parallelseite von der Schulterbreite
ausgefllt wurde; auf dieser Linie sa wieder auf einem krftigen Halse
ein gewaltiger sphroidaler Kopf. Welchem Dickkopfe mochte derselbe zu
vergleichen sein? Dem eines Stieres, aber eines Stieres mit
hochintelligentem Gesicht. Darin funkelten ein paar Augen, welche der
geringste Widerspruch sicherlich in volle Gluth versetzte, und ber
letzteren waren die Augenbrauenmuskeln -- ein Zeichen entwickelter
Energie -- fortwhrend zusammengezogen. Die Haare des Mannes waren
kurz, etwas kraus und von metallischem Glanze, als trge er ein Toupet
von eisernem Stroh; seine breite Brust hob und senkte sich mit
Bewegungen gleich einem Schmiedeblasebalg. Arme und Hnde, Beine und
Fe erwiesen sich des Rumpfes vllig wrdig.

Schnurr- und Backenbart sah man bei ihm nicht, nur einen starken
Seemanns-Kinnbart nach amerikanischer Mode, der die Anhaftepunkte der
Kinnlade frei lie, deren Kaumuskeln eine furchtbare Kraft entwickeln
muten. Man hat berechnet -- was berechnet man denn nicht? -- da der
Druck der Kinnlade des Krokodils unter gewhnlichen Umstnden dem von
vierhundert Atmosphren gleich kommt, whrend der eines Jagdhundes von
mittlerer Gre hundert erreichen soll. Daraus hat man auch folgende
merkwrdige Formel abgeleitet: wenn ein Kilogramm Hund acht Kilogramm
Muskelkraft entwickelt, so entwickelt ein Kilogramm Krokodil deren
zwlf. Nun, ein Kilogramm des genannten Robur htte deren gewi zehn
entwickelt. Er hielt also zwischen Hund und Krokodil in dieser
Beziehung die Mitte.

Aus welchem Lande dieses merkwrdige Menschenkind stammte, htte man
nur schwer errathen knnen. Jedenfalls drckte sich der Mann ganz
gelufig englisch aus und ohne jenen schleppenden Tonfall, der den
Yankee von Neu-England unterscheidet.

Er fuhr folgendermaen fort:

"Nun lassen Sie mich auch von meinen anderen Eigenschaften sprechen,
ehrenwerthe Brger. Sie sehen vor sich einen Ingenieur, dessen geistige
Natur seiner krperlichen nicht nachsteht. Ich frchte mich vor Nichts
und vor Niemand; besitze eine Willenskraft, die noch nie vor einem
Anderen gewichen ist. Hab' ich mir einmal ein Ziel gesetzt, so wrde
ganz Amerika, ja die ganze Welt sich vergeblich verbnden, mich von
Erreichung desselben abzuhalten. Hab' ich einen Gedanken, so erwarte
ich, da Andere ihn theilen, und vertrage keinen Widerspruch. Ich
betone diese Einzelnheiten, ehrenwerthe Brger, weil Sie mich grndlich
kennen lernen mssen. Sie finden vielleicht, da ich zu viel von mir
selbst spreche? Thut nichts! Jetzt aber berlegen Sie sich Alles, ehe
Sie mich unterbrechen, denn ich bin hierhergekommen, Ihnen Dinge zu
sagen, welche Ihnen vielleicht nicht recht gefallen drften."

Ein Grollen wie das der Brandung lief lngs der ersten Bnke des Saales
hin, ein Zeichen, da das Meer bald wieder hoch aufwogen werde.

"Reden Sie, ehrenwerther Fremdling," begngte sich Onkel Prudent, der
Mhe hatte, seine Ruhe zu bewahren, auf diese Ansprache zu antworten.

Und Robur sprach wie vorher, ohne sich irgendwie um Beifall oder
Mifallen seiner Zuhrer zu kmmern.

"Ja wohl, ich wei Alles! Nach einem Jahrhundert andauernder
Experimente, die zu Nichts gefhrt, nach Versuchen, die ergebnilos
verliefen, giebt es noch immer verkehrt beanlagte Geister, welche
hartnckig an die Lenkbarkeit von Ballons glauben. Sie erdenken irgend
einen Motor, einen elektrischen oder einen anderen, der an ihre
anspruchsvollen, dnnen Hllen angebracht wurde, welche letztere den
atmosphrischen Strmungen so breite Angriffsflchen darbieten. Sie
bildeten sich ein, Beherrscher eines Aerostaten werden zu knnen, wie
man etwa ein Schiff auf der Oberflche des Meeres beherrscht. Weil
einige Erfinder bei ganz oder doch fast ganz stiller Witterung den
Erfolg gehabt haben, entweder schief durch den Wind oder einer ganz
leichten Brise entgegen zu fahren, deshalb sollte die Lenkbarkeit von
Apparaten, welche leichter sind, als die Luft, zu praktischen Erfolgen
fhren? O gehen Sie! Sie sind hier an hundert Mnner, die an die
Verwirklichung ihrer Trume glauben und viele Tausende von Dollars
nicht in's Wasser, aber in die Luft werfen. Ich sage Ihnen, das heit
gegen eine Unmglichkeit kmpfen!"

Wunderbar, die Mitglieder des Weldon-Instituts sagten gegenber dieser
Behauptung jetzt kein Wort, als wren sie eben so taub wie langmthig
geworden, oder hielten sie nur an sich, um zu sehen, wie weit dieser
khne Widersacher zu gehen wagen wrde?

Robur fuhr fort:

"Nehmen wir einen Ballon. Um ein Kilogramm an Gewicht zu verlieren, mu
derselbe ein Cubikmeter Gas aufnehmen. Ein Ballon, der den Anspruch
macht, mit Hilfe seines Mechanismus dem Winde zu widerstehen, wenn der
Druck einer steifen Brise auf das Grosegel eines Schiffes der Kraft
von 400 Pferden gleichkommt, wenn man bei dem Unglcksfalle mit der
Taybrcke gesehen hat, da ein Orkan einen Druck von 444 Kilogramm auf
den Quadratmeter auszuben im Stande ist! Ein Ballon, wo die Natur doch
niemals ein fliegendes Geschpf nach diesem System geschaffen hat, ob
dasselbe nun mit Flgeln, wie die Vgel, oder mit Membranen, wie
gewisse Fische und Sugethiere, ausgerstet wurden ...

-- Sugethiere? rief eines der Mitglieder des Clubs.

-- Gewi, die Fledermaus, welche ja auch fliegt, wenn ich nicht irre.
Sollte der Herr, welcher mich unterbrach, wirklich nicht wissen, da
die Fledermaus ein Sugethier ist, oder hat er jemals eine Omelette aus
Fledermauseiern bereiten sehen?"

Darauf hielt der Heimgeschickte seine Unterbrechungen ferner fr sich,
Robur dagegen fuhr mit demselben Eifer fort:

"Wre damit aber gesagt, da der Mensch darauf verzichten msse, das
Luftmeer zu beherrschen und durch Nutzbarmachung dieses wunderbaren
Befrderungsmittels die Zustnde der alternden Welt umzuwandeln? Gewi
nicht! So wie er der Herr der Meere geworden durch das Schiff mit
Ruder, Segel, Rad oder Schraube, so wird er auch zum Herrn der Luft
werden durch Apparate, welche schwerer sind als diese, denn unbedingt
mssen jene schwerer sein, um mchtiger sein zu knnen."

Jetzt war in der Versammlung aber kein Halten mehr. Welche Breitseite
von Zurufen donnerte aus jedem Munde, die alle auf Robur zielten, wie
eben so viele Gewehrlufe oder Kanonenrohre! Sollten sie nicht
antworten auf solch' offenbare, in's Lager der Ballonisten
geschleuderte Kriegserklrung? Wurde hiermit nicht der Kampf zwischen
dem "leichter" und "schwerer als die Luft" ausgesprochener Maen wieder
aufgenommen?

Robur verzog keine Miene. Die Arme ber der Brust gekreuzt wartete er
es regungslos ab, bis wieder Ruhe eingetreten war.

Onkel Prudent befahl durch eine Handbewegung, das Feuer einzustellen.

"Ja, fuhr Robur fort, die Zukunft gehrt den Flugmaschinen. Die Luft
bietet den hinreichenden, soliden Sttzpunkt. Man verleihe einer Sule
dieses Mediums eine aufsteigende Bewegung von 45 Meter in der Secunde,
und ein Mensch wrde sich schon oberhalb derselben erhalten, wenn die
Sohlen seiner Schuhe nur ein Achtel Quadratmeter Oberflche boten.
Wrde die Geschwindigkeit der Luftsule auf 90 Meter gesteigert, so
knnte er mit bloen Fen darauf gehen. Treibt man nun durch die
Flgel einer archimedischen Schraube eine Luftmasse mit derselben
Schnelligkeit fort, so erzielt man dasselbe Resultat."

Was Robur hier sagte, hatten vor ihm alle Anhnger der sogenannten
Aviation ausgesprochen, deren Arbeiten langsam, aber sicher zur Lsung
des vorliegenden Problems zu fhren versprechen.

Die Ehre, diese einfachen Gedanken verbreitet zu haben, kommt Ponton
d'Anncourt, La Landelle, Nadar, Luzi, Louvrie, Liais, Blgnic,
Moreau, den beiden Richard, Babinet, Jobert, Du Temple, Salives,
Penaud, De Villeneuve, Gauchol und Tatin, Michel Loup, Edison,
Planavergue und noch einer Menge anderer Mnner zu. Mehrmals aufgegeben
und wieder aufgenommen, mute denselben doch eines Tages der Sieg zu
Theil werden. Und hatten von dieser Seite die Feinde der Aviation,
welche behaupteten, da der Vogel nur durch Erwrmung der Luft, mit der
er sich aufblht, fliege, auf Antwort warten mssen? Hatten die
Erstgenannten nicht vielmehr nachgewiesen, da ein 5 Kilogramm
wiegender Adler sich htte mit 50 Cubikmeter jenes erwrmten Fluidums
anfllen mssen, um sich dadurch allein frei schwebend zu erhalten?

Ganz dasselbe wies auch hier Robur mit unerbittlicher Logik nach, aber
inmitten eines Heidenlrmes, der sich von allen Seiten erhob. Zum
Schlu warf er den Ballonisten noch folgende Worte in's Gesicht:

"Mit Ihren Aerostaten knnen Sie nichts ausrichten, werden Sie zu
nichts kommen und niemals etwas wagen drfen. Der khnste Ihrer
Aeronauten, John Wise, mute, obwohl er schon eine Luftreise von 1200
Meilen ber das Festland Amerikas zurckgelegt hatte, doch auf die
Absicht, ber den atlantischen Ocean zu fahren, verzichten. Und seit
jener Zeit sind Sie um keinen Schritt, um keinen einzigen auf diesem
Wege vorwrts gekommen.

-- Mein Herr, begann da der Vorsitzende, der sich vergeblich bemhte,
ruhig zu bleiben, Sie vergessen offenbar, was unser unsterblicher
Franklin ausgesprochen hat, als die erste Mongolfire aufstieg, also
zur Zeit der Geburt des Ballons. "Jetzt ist das nur ein Kind, aber es
wird wachsen!" lautete seine Prophezeiung. und es ist gewachsen!

-- Nein, Herr Prsident, nein, es ist nicht gewachsen ... es ist nur
grer und dicker geworden, und das ist nicht das Nmliche". [2]

  [2] Wegen des Doppelsinnes des franzsischen grandir, welches sowohl
krperlich wachsen, als auch an Bedeutung und Ansehen zunehmen
ausdrckt, nicht ganz wiederzugebendes Wortspiel. D.Ueb.

Das war ein directer Angriff gegen die Plne des Weldon-Instituts,
welches die Herstellung eines Monstre-Ballons beschlossen, untersttzt
und betrieben hatte. Sofort kreuzten sich denn auch ziemlich
bedrohliche Ausrufe in dem gerumigen Saale, wie:

"Nieder mit dem Eindringling!

-- Werft ihn von der Tribne herunter!

-- Um ihm zu beweisen, da er schwerer ist als die Luft!"

Und Aehnliches mehr.

Man begngte sich indessen noch mit Worten, ohne zu Thtlichkeiten
berzugehen. Robur konnte also noch einmal seine Stimme erheben und
laut hinausrufen:

"Fortschritte, Brger Ballonisten, sind nicht mit dem Aerostaten,
sondern nur mit fliegenden Maschinen zu erwarten. Der Vogel fliegt
auch, und der ist kein Ballon, sondern ein Mechanismus! ...

-- Ja er fliegt wohl, schrie der vor Zorn keuchende Bat T. Fyn, aber er
fliegt gegen alle Regeln der Mechanik.

-- Ach so!" erwiderte Robur, die Achseln zuckend.

Dann fuhr er fort:

"Seit man den Flug der greren und kleineren fliegenden Thiere genau
beobachtet hat, ist folgender sehr einfache Gedanke in den Vordergrund
getreten: Es gilt auch hier die Natur nachzuahmen, denn diese tuscht
sich niemals. Zwischen dem Albatros, der kaum zehn Flgelschlge in der
Minute macht, und dem Pelikan, der siebenzig macht ...

-- Einundsiebenzig! rief eine schnarrende Stimme.

-- Und der Biene, bei der man hundertzweiundneunzig in der Secunde
zhlte ...

-- Hundertdreiundneunzig! rief ein Anderer aus Scherz.

-- Und der Stubenfliege, welche dreihundertunddreiig fertig bringt ...

-- Dreihundertdreiigundeinhalb!

-- Und dem Mosquito, der Millionen macht ...

-- Nein ... Milliarden!"

Robur lie sich durch alle diese Einreden nicht auer Fassung bringen.

"Zwischen diesen verschiedenen Zahlen ... nahm er wieder das Wort.

-- Ist ein groer Unterschied! lie sich eine Stimme hren.

... Wird man die richtige whlen mssen, um eine praktische Lsung der
Aufgabe zu finden. Schon an dem Tage, wo De Lucy nachweisen konnte, da
der Hirschkfer, jenes Insect, welches nur zwei Gramm wiegt, ein
Gewicht von vierhundert Gramm, d. h. zweihundert Mal so viel wie sein
eigenes Gewicht, aufzuheben vermochte, war eigentlich das Problem der
Aviation gelst. Auerdem wurde nachgewiesen, da die Flchenausdehnung
der Flgel in gleichem Verhltni abnimmt, wie die Gre und das
Gewicht des Thieres zunehmen. Seitdem hat man schon mehr als sechzig
verschiedene Apparate erdacht oder auch ausgefhrt ...

-- Die noch niemals haben fliegen knnen! rief der Schriftfhrer Phil
Evans.

-- Welche geflogen sind oder noch fliegen werden, antwortete Robur,
ohne sich irre machen zu lassen. Ob man sie nun Streophoren,
Helicopteren, Orthoptheren nennt, oder ihrem Namen nach dem
lateinischen navis die Silbe nef anhngt, meinetwegen auch nach dem
Worte avis die Silbe efs -- jedenfalls kommt man zu dem Apparate,
dessen endliche Herstellung den Menschen zum Herren des Luftmeeres
machen mu.

-- Aha, die Schraube! warf Phil Evans ein. Der Vogel hat aber keine
Schraube ... so weit man das wei!

-- Zugegeben, erwiderte Robur, wie Penaud gezeigt hat, arbeitet
eigentlich der Vogel selbst als solche und ist seinem Fluge nach
Helicoptere, darum ist auch die Schraube der Motor der Zukunft ...

... "Vor solchem Uebel,
Heilige Helice[3], behte uns!" ...

trllerte einer der Zuhrer, der zufllig dieses Motiv aus Hrold's
Zampa im Kopfe behalten hatte.

  [3] Der Name Helice in der Bedeutung Schraube gebraucht. D. Ueb.

Alle wiederholten den Refrain im Chor und mit Intonationen, bei denen
sich der Componist sicher im Grabe herumdrehte.

Dann, als die letzten Tne in einem entsetzlichen Durcheinander
verhallten, glaubte Onkel Prudent unter Bentzung eines
augenblicklichen Stillschweigens sagen zu mssen:

"Brger Fremdling, bis hierher haben wir Sie reden lassen, ohne Sie zu
unterbrechen ..."

Es scheint demnach, als ob der Vorsitzende des Weldon-Instituts die
frheren Einwrfe, die Zwischenrufe, das tolle Durcheinander nicht fr
Unterbrechungen, sondern nur fr einfachen Meinungsaustausch hielt.

"Jedenfalls, fuhr er fort, mu ich Sie daran erinnern, da die Theorie
der Aviation schon im Voraus durch die meisten amerikanischen und
fremden Ingenieure verurtheilt und vllig verworfen worden ist. Ein
System, auf dessen Debetseite der Tod Sarasin Volant's in Constantinopel,
der des Mnches Voador in Lissabon, der Letuo's im Jahre 1852 und der
Groof's 1864 steht, ohne die Opfer zu zhlen, die ich augenblicklich
vergessen habe, und wre es nur der mythologische Icarus ...

-- Dieses System, nahm Robur den Satz auf, ist nicht verdammenswerther,
als das, dessen Opferliste die Namen eines Piltre de Rozier in Calais,
der Madame Blanchard in Paris, eines Donaldson und Grimwood, welche in
den Michigan-See fielen, eines Swel, Croc-Spinelli, Eloy und so vieler
Anderer enthlt, welche gewi nicht so leicht der Vergessenheit
anheimfallen."

Das hie "mit einem Hieb parirt", wie man in der Fechtkunst sagen
wrde.

"Mit Ihren Ballons, fuhr Robur fort, werden Sie brigens, dieselben
mgen noch so vervollkommnet sein, niemals eine praktisch werthvolle
Schnelligkeit erzielen, zehn Jahre brauchen, um eine Reise um die Erde
zu vollenden -- was eine Maschine in etwa acht Tagen abmachen drfte."

Neue wthende Proteste und Verneinungen, welche drei ganze Minuten
anhielten, bevor dann Phil Evans das Wort ergreifen konnte.

"Mein Herr Aviator, Sie, der Sie uns so viel von der Herrlichkeit der
Aviation vorreden, sind Sie denn jemals in dieser Weise geflogen?

-- Ja, gewi!

-- Und Sie htten also den Kampf mit der Luft siegreich bestanden?

-- Vielleicht, mein Herr.

-- Hurrah, Robur, der Sieger! rief eine Stimme spottend.

-- Nun ja, Robur, der Sieger -- ich nehme diesen Namen an und werde ihn
fhren, denn ich habe das Recht dazu.

-- Wir erlauben uns inde daran zu zweifeln! rief Jem Cip.

-- Meine Herren, erklrte Robur, dessen Augenbrauen sich runzelten,
wenn ich eine ernsthafte Sache ernsthaft behandle, duld' ich es nicht,
da mir Jemand eine Unzuverlssigkeit meiner Worte vorwirft, und ich
wrde gern den Namen des Herrn kennen lernen, der mich in dieser Weise
unterbrach.

-- Ich heie Jem Cip ... und bin Vegetarianer.

-- Brger Jem Cip, antwortete Robur, ich wei, da die Pflanzenesser
gewhnlich lngere Eingeweide haben, als andere Menschen -- mindestens
um einen Fu lnger. Das ist schon viel ... Nun verleiten Sie mich
nicht, die Ihrigen noch mehr zu verlngern, indem ich bei den Ohren
anfange ...

-- Durch die Thr!

-- Hinaus auf die Strae!

-- Man viertheile ihn!

-- Lynchen, lyncht den Kerl!

-- Verdrehen wir ihn zu einer Schraube! ..."

Die Wuth der Ballonisten hatte ihren Gipfel erreicht. Schon sprangen
sie von den Sthlen auf und umdrngten die Tribne. Robur verschwand
unter einer Unmasse von Armen, welche sich, wie von einem Sturme
getrieben, auf- und abbewegten. Vergebens lie die Dampftrompete ihren
heulenden Ton durch die Versammlung brausen. An jenem Abende konnte
Philadelphia wohl glauben, eine Feuersbrunst verzehre eines seiner
Quartiere, und das ganze Wasser des Schuylkill-Stromes werde zum
Lschen desselben nicht hinreichen.

Pltzlich entstand in der lrmenden Masse eine Bewegung nach rckwrts.
Robur hatte eben die Hnde wieder aus den Taschen gezogen und streckte
sie gegen die vorderste Reihe der wthenden Gegner aus.

Seine beiden Hnde zeigten jetzt zwei sogenannte amerikanische Fuste,
welche gleichzeitig Revolver bilden und die schon ein Druck des Daumens
ihre berall verstndliche Sprache reden lassen -- zwei kleine
Taschen-Mitrailleusen.

Dann rief er, das Zurckgehen der Angreifer und die vorbergehende
Stille, welche dabei eintrat, schnell bentzend:

"Entschieden war es nicht Amerigo Vespucci, der die Neue Welt entdeckt
hat, sondern Sebastian Cabot. Sie sind keine Amerikaner, Brger
Ballonisten! Sie sind nur Cabo..."

In diesem Augenblicke krachten auch schon vier oder fnf Schsse in die
Luft, welche Niemand verwundeten. Inmitten des Pulverdampfes verschwand
der Ingenieur, und als jener sich zerstreute, entdeckte man von ihm
keine Spur mehr. Robur der Sieger war davongeflogen, als ob irgend ein
Aviations-Apparat ihn in die Lfte entfhrt htte.




IV.

In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den
Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht.



Sicherlich schon mehr als einmal hatten die Mitglieder des
Weldon-Instituts, wenn sie nach strmischen Verhandlungen aus den
Sitzungen kamen, Walnut-Street und die Nachbarstraen noch streitend
und lrmend durchzogen. Wiederholt waren von den Bewohnern dieses
Stadttheiles Klagen eingegangen ber die geruschvollen Auslufer
solcher Verhandlungen, welche bis in ihre Wohnungen eindrangen, und
mehr als einmal hatten Polizisten einschreiten mssen, um wenigstens
Verkehrsstrungen zu beseitigen, da doch die meisten Leute sehr wenig
oder gar kein Interesse an solchen, die Luftschifffahrt betreffenden
Fragen nehmen. Doch vor diesem heutigen Abend hatte der Tumult noch nie
so groe Verhltnisse angenommen, niemals wren jene Klagen mehr
begrndet und niemals die Einmischung der Policemen nothwendiger
gewesen.

Immerhin konnte man den Mitgliedern des Weldon-Instituts mildernde
Umbnde zubilligen, da sie sich eines Ueberfalles in den eigenen vier
Pfhlen, wie sie eben erlitten, gewi nicht versehen hatten. Den
bereifrigen Verfechtern des Grundgesetzes "leichter, als die Luft"
hatte ein nicht minder energischer Vertreter des "schwerer, als die
Luft" hchst unangenehme Dinge in's Gesicht gesagt; und als ihm dafr
die Behandlung zu Theil werden sollte, die er verdiente, war der Mann
spurlos verschwunden.

Das schrie nach Rache! Um derartige Beleidigungen ungestraft zu lassen,
htten sie nicht amerikanisches Blut in ihren Adern haben mssen. Die
Nachkommen Amerigo's als solche eines Cabot zu behandeln! War das nicht
eine Beschimpfung, die um so unverzeihlicher schien, weil sie
eigentlich richtig, wenigstens historisch berechtigt war?

Die Mitglieder des Clubs strzen sich also truppweise erst in die
Walnut-Street, hierauf in die Nachbarstraen und dann in das ganze
Quartier, wo alle Bewohner aufgescheucht werden.

Sie zwingen dieselben, eine Durchsuchung ihrer Huser vornehmen zu
lassen, um sich spter wegen des gewaltthtigen Angriffs in das
Privatleben ihrer Mitbrger zu entschuldigen, was gerade bei den
Vlkern von angelschsischem Stamme sonst ganz besonders respectirt
wird. Vergebliches Aufgebot von Belstigungen und Nachforschungen.
Robur wurde nirgends gefunden; er hatte nicht die leiseste Spur
hinterlassen. Und wenn er mit dem Go a head, dem Ballon des
Weldon-Instituts, davongefahren wre, htte er nicht mehr unauffindlich
gewesen sein knnen. Nach einstndigen Haussuchungen muten sie darauf
verzichten, und die Collegen trennten sich, aber nicht ohne die
eidliche Zusicherung, ihre Nachforschungen ber das ganze Gebiet Nord-
und Sdamerikas, das die Neue Welt bildet, auszudehnen.

Gegen elf Uhr war die Ruhe in dem Quartier nahezu wieder hergestellt.
Philadelphia konnte sich wieder in sanften Schlummer versenken, wozu
die Stdte, welche weniger Industrie haben, das beneidenswerthe
Privilegium besitzen. Die verschiedenen Mitglieder des Clubs dachten
jetzt an nichts Anderes, als an die Heimkehr an den eigenen huslichen
Herd. Um nur einige der hervorragendsten zu nennen, so begab sich
William T. Forbes eiligst nach dem Tische, auf dem Mi Doll und Mi Mat
ihm den Abendthee zubereitet und mit der selbstzubereiteten Glucose
verst hatten; Truk Milnor schlug den Weg nach seiner Fabrik ein,
deren Ventilator die ganze Nacht hindurch in einer der entfernteren
Vorstdte sauste. Der Schatzmeister Jem Cip, dem ffentlich nachgesagt
worden war, einen um einen Fu lngeren Darmcanal zu haben, als der
Mensch ihn sonst mit sich herumtrgt, begab sich nach seinem Ezimmer,
wo ihn ein vegetabilisches Abendbrot erwartete.

Zwei der bedeutendsten Ballonisten -- aber nur zwei -- schienen nicht
daran zu denken, ihr Heim sogleich aufzusuchen. Sie hatten die
Gelegenheit wahrgenommen, in hitzigster Weise weiter zu plaudern. Es
waren das die beiden Unvershnlichen, Onkel Prudent und Phil Evans, der
Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts.

An der Thr des Clubhauses erwartete Frycollin, der Diener des Onkel
Prudent, wie gewhnlich seinen Herrn.

Er folgte diesem auf Schritt und Tritt nach, ohne sich um den
Gegenstand des Gesprchs zu kmmern, der die beiden Collegen schon in
die Hitze gebracht hatte.

Wir gebrauchten auch nur euphemistisch das Zeitwort "plaudern" fr die
Thtigkeit, welcher der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Clubs
sich mit gleichem Eifer hingaben. In der That stritten und zankten sie
sich mit einer Energie, deren Ursprung in ihrer alten Rivalitt zu
suchen war.

"Nein, und dreimal nein! wiederholte Phil Evans, htte ich die Ehre
gehabt, dem Weldon-Institut bei der heutigen Sitzung zu prsidiren, es
wre niemals zu einem solchen Scandal gekommen!

-- Und was wrden Sie gethan haben, wenn Sie diese Ehre gehabt htten?
fragte Onkel Prudent.

-- Ich htte jenem ffentlichen Beleidiger das Wort abgeschnitten, noch
ehe er den Mund ffnete.

-- Mir scheint, um Jemand das Wort abzuschneiden, msse man ihm ein
solches wenigstens erst aussprechen lassen.

-- Nicht in Amerika, mein Herr, nicht in Amerika!"

Und whrend sie sich so mehr bittere als angenehme Redensarten in's
Gesicht warfen, schlenderten die beiden Mnner mehrere Straen dahin,
die sie immer weiter von ihren Wohnungen entfernten; sie durchschritten
Quartiere, deren Lage sie spter zu groen Umwegen zwingen mute.

Frycollin folgte noch immer nach, fhlte sich aber doch etwas
beunruhigt, seinen Herrn sich nach so menschenleeren Oertlichkeiten hin
verirren zu sehen. Er liebte diese Gegenden nicht, vorzglich nicht so
kurz vor Mitternacht. Dazu herrschte tiefe Dunkelheit, denn der
zunehmende Mond war eben nur dabei, "seine achtundzwanzigtgige
Rundreise" zu beginnen.

Frycollin sah sich scheu nach rechts und links um, ob sie nicht von
verdchtigen Schatten belauscht wrden, und wirklich, er glaubte fnf
oder sechs groe Teufel zu erkennen, die sie nicht aus den Augen zu
verlieren schienen.

Instinctiv nherte sich Frycollin seinem Herrn, um Alles in der Welt
htte er jedoch nicht gewagt, ihn inmitten eines Gesprchs zu
unterbrechen, von dem er zuweilen einzelne Brocken aufschnappte.

Der Zufall fgte es, da der Vorsitzende und der Schriftfhrer des
Weldon-Instituts sich, ohne darauf zu achten, bis nach dem
Fairmont-Park verirrten. Hier berschritten sie, in lebhaftem
Wortwechsel begriffen, den Schuylkill-Strom auf der berhmten
Eisenbrcke; sie begegneten nur sehr wenig Leuten und befanden sich
endlich mitten in jenen weiten Terrains, die sich auf der einen Seite
als ungeheure Wiesen ausdehnen, auf der anderen von herrlichem
Baumbestand beschattet sind und in ihrer Gesammtheit eine vielleicht in
der ganzen Welt einzig dastehende Anlage bilden.

Hier nahm der Schreck des Dieners Frycollin pltzlich noch mehr zu, und
das mit um so grerer Berechtigung, da fnf bis sechs jener Schatten
ihnen auch ber die Strombrcke nachgefolgt waren. Die Pupille seiner
Augen hatte sich dabei so erweitert, da sie bis an den Rand der Iris
reichte. Und gleichzeitig schrumpfte sein ganzer Krper zusammen und
zog sich zurck, als bese er jene eigenthmliche Zusammenziehbarkeit,
welche den Mollusken und auch gewissen Wirbelthieren eigen ist.

Der Diener Frycollin war nmlich ein vollstndiger Hasenfu.

Ein richtiger Neger und Sdcaroliner, mit vierschrtigem Kopfe auf
einem mageren Rumpfe. Er zhlte jetzt gerade 21 Jahre, war also nicht
einmal mehr zur Zeit seiner Geburt Sclave gewesen, taugte deshalb aber
nicht viel mehr, als ein solcher. Ein Grimassenschneider, Leckermaul
und Faulpelz, aber vor Allem ein Prahlhans sondergleichen, stand er
seit drei Jahren bei Onkel Prudent im Dienste. Hundert Mal war er schon
nahe daran gewesen, vor die Thre gesetzt zu werden, doch hatte man ihn
behalten -- um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Und doch
lief er hier bei einem Herrn, der jeden Augenblick zu den tollkhnsten
Unternehmungen bereit war, so oft Gefahr, in Lagen zu kommen, in denen
sein Hasenherz auf die hrtesten Proben gestellt werden mute. Dafr
fand er auch gewisse Entschuldigungen. Niemand machte ihm besondere
Vorwrfe wegen seiner Leckerhaftigkeit und noch weniger wegen seiner
Trgheit. Ach, armer Frycollin, httest Du in der Zukunft lesen knnen!

Warum war Frycollin auch nicht in Boston im Dienste einer gewissen
Familie Sneffel geblieben, die im Begriffe, eine Reise nach der Schweiz
anzutreten, darauf verzichtet hatte, weil daselbst Schneelawinen
vorkamen? War fr Frycollin nicht dieses Haus das geeignete, aber nicht
das des Onkel Prudent, wo das khne Wagen in Permanenz erklrt war?

Nun, er befand sich einmal hier und sein Herr hatte sich mit der Zeit
an seine Fehler gewhnt, brigens besa er doch _eine_ gute
Eigenschaft. Obwohl Neger von Abstammung, sprach er doch nicht, wie
diese gewhnlich -- und das hat einigen Werth, denn nichts ist so
widerlich, als der abscheuliche Jargon, in dem die Anwendung des
besitzanzeigenden Frwortes und des Infinitivs bis zum Mibrauch
getrieben wird.

Es steht also fest, da der Diener Frycollin ein feiger Prahlhans war,
und zwar nannte man ihn einen "Prahlhans gleich dem Monde".

Es erscheint brigens nur gerecht, gegen diesen fr die blonde Phbe
beleidigenden Vergleich Einspruch zu erheben; warum sollte man die
sanfte Selene, die keusche Schwester des strahlenden Apollo, der
Prahlerei zeihen, das Gestirn, welches, so lange die Welt steht, stets
der Erde gerade in's Gesicht geblickt hat, ohne ihr jemals den Rcken
zuzuwenden?

Doch wie dem auch sei, zu dieser Stunde -- es war jetzt bald
Mitternacht -- begann die "blasse, verdchtige Scheibe" schon im Westen
hinter den hohen Baumkronen des Parks zu verschwinden. Ihre durch das
Gezweige hereindringenden Strahlen erhellten nur noch da und dort den
Erdboden, so da es unter den Bumen noch etwas finsterer war.

Das gestattete Frycollin, einen forschenden Blick umherschweifen zu
lassen.

"Brr, machte er, die Schurken sind wahrlich noch da! Offenbar kommen
sie nher heran."

Da hielt es ihn nicht mehr und er schritt auf seinen Herrn zu.

"Master Onkel!" redete er ihn an.

So nannte er ihn gewhnlich und so wollte der Vorsitzende des
Weldon-Instituts auch genannt sein.

Eben jetzt war der Streit der beiden Rivalen auf das Hitzigste
entbrannt; und da sie einander spazieren fhrten, wurde Frycollin sehr
grob angewiesen, diesen Spaziergang mitzumachen, wie es seine Pflicht
und Schuldigkeit sei.

Und whrend die Beiden ohne Unterbrechung weiterstritten, gerieth Onkel
Prudent immer weiter hinaus nach den verdeten Grasgrnden des
Fairmont-Parkes und entfernte sich immer mehr vom Schuylkill und der
Brcke, die sie zur Rckkehr nach der Stadt unbedingt berschreiten
muten.

Alle Drei befanden sich jetzt inmitten einer Gruppe hoher Bume, in
deren Gipfeln noch das letzte Licht des Mondes spielte. An den Saum
derselben schlo sich eine grere Lichtung an, ein weiter, ovaler
Wiesenplan, wie geschaffen fr Wettrennen. Hier htte nicht die
kleinste Unebenheit des Bodens den Galopp eines Pferdes gestrt und
kein Busch oder Baum die Blicke der Zuschauer bei der Verfolgung der
mehrere englische Meilen langen Bahnlinie gehindert.

Und doch, wren Onkel Prudent und Phil Evans in ihre Streitigkeiten
nicht gar so sehr vertieft gewesen, htten sie sich nur einigermaen
aufmerksam umgesehen, so htte ihnen nicht entgehen knnen, da der
weite freie Platz heute einen ganz anderen Anblick darbot. War das ein
Zauberspuk, der hier seit gestern entstanden war? Wahrlich, man htte
das Ganze mit seinen vielen Windmhlen fr ein Zauberwerk erklren
knnen, wenn man die Mhlenflgel sah, die, jetzt unbeweglich, im
Halbdunkel Grimassen zu machen schienen.

Doch weder der Prsident, noch der Schriftfhrer des Weldon-Instituts
bemerkte diese auffllige Vernderung der Ansicht des Fairmont-Parks;
Frycollin sah sie ebenso wenig. Es schien ihm, als ob die unheimlichen
Gestalten sich nherten und zusammenduckten, als rsteten sie sich zu
einem ruberischen Ueberfalle. Er zitterte aus Angst an allen Gliedern
und war doch gleichzeitig wie gelhmt, so hatte ihn die Furcht vor den
nchsten Minuten ergriffen.

Obwohl ihm die Kniee frmlich schlotterten, gewann er doch noch die
Kraft, einmal zu rufen:

"Master Onkel! ... Master Onkel!

-- Nun, was giebt es denn?" antwortete Onkel Prudent.

Vielleicht wren er und Phil Evans nicht bse darber gewesen, ihren
Zorn dadurch abzukhlen, da sie dem unglcklichen Diener eine tchtige
Tracht Prgel ertheilten; dazu fanden sie aber ebenso wenig Zeit, wie
letzterer, ihnen eine weitere Antwort zu geben.

Unter den Bumen gellte pltzlich ein lauter Pfiff. Gleichzeitig
flammte inmitten der Lichtung ein heller elektrischer Stern auf.

Das war zweifelsohne ein Signal und im vorliegenden Falle die Mahnung,
da der Augenblick zu irgend einer Gewaltthtigkeit gekommen sei.

Schneller, als man es ausdenken kann, strzten sich schon sechs Mnner
durch das Unterholz, zwei auf Onkel Prudent, zwei auf Phil Evans und
zwei auf den Diener Frycollin. Die beiden Letzten ganz berflssiger
Weise, denn der Neger wre ganz unfhig gewesen, sich zu wehren.

Obgleich berrascht durch diesen Ueberfall, wollten der Vorsitzende und
der Schriftfhrer des Weldon-Instituts doch versuchen, Widerstand zu
leisten, hatten dazu aber weder Zeit, noch Kraft. Binnen wenigen
Secunden waren sie schon stumm gemacht durch einen Knebel im Munde,
blind durch eine Binde ber die Augen, und wurden, berwltigt und
gefesselt, schnell durch die Waldlichtung hin fortgeschleppt. Was
konnten sie anders annehmen, als da sie einer Rotte jener
gewissenlosen Herumlungerer in die Hnde gefallen seien, welche Jeden
ausrauben, den sie noch zu spter Stunde im Walde antrafen? Und doch
tuschten sie sich. Man durchsuchte nicht einmal ihre Taschen, obwohl
Onkel Prudent stets, seiner Gewohnheit nach und also auch heute,
mehrere Tausend Dollars Papiergeld bei sich fhrte.

Kurz, eine Minute nach diesem Ueberfalle fhlten Onkel Prudent, Phil
Evans und der Diener Frycollin, da sie, ohne da ein Wort zwischen den
Angreifern gewechselt worden wre, nicht auf den Rasen der Waldble,
sondern auf eine Art Fuboden niedergelegt wurden, der unter ihrem
Gewichte knarrte. Hier lehnte man sie dann Einen an den Anderen. Darauf
hrte man das Klirren eines Riegels in seiner Klappe und dies belehrte
die drei Mnner, da sie gefangen seien.

Nachher entstand ein seltsames, anhaltendes Gerusch, wie ein
Schnarren, ein frrr, dessen rrr sich ohne Ende fortsetzten, ohne da in
der so ruhigen Nacht etwas Anderes hrbar geworden wre.

      *       *       *       *       *

Welche Unruhe herrschte am folgenden Tage in Philadelphia. Schon in den
Morgenstunden erfuhr die ganze Stadt, was sich in der letzten Sitzung
des Weldon-Instituts zugetragen: Die Erscheinung jenes rthselhaften
Fremdlings, eines Ingenieurs, Namens Robur -- Robur der Sieger! -- die
Streitigkeiten, welche er offenbar absichtlich unter den Ballonisten
erregt, und endlich sein unerklrliches Verschwinden.

Es machte aber doch einen noch ganz anderen Eindruck, als man spter
davon hrte, da auch der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Clubs
in der Nacht vom 12. zum 13. Juni verschwunden seien.

Welche Nachsuchungen wurden da nicht in der Stadt und deren Umgebungen
angestellt! Vergeblich -- alle vergeblich. Die Zeitungen von
Philadelphia, nach ihnen die Journale von Pennsylvanien und endlich die
von ganz Amerika bemchtigten sich eifrig dieses Vorfalls und erklrten
ihn auf hunderterlei Weise, von denen keine die richtige war. Durch
Annoncen und Maueranschlge wurden betrchtliche Preise ausgesetzt --
nicht allein fr Den, der die ehrenwerthen Verschwundenen wieder finden
wrde, sondern auch fr Jeden, der nur auf eine Fhrte hinweisen
knnte, auf der man ihren Spuren folgen konnte. Nichts hatte Erfolg.
Und htte sich die Erde aufgethan gehabt, um sie zu verschlingen, so
konnten der Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts
nicht vollstndiger von der Oberflche der Erdkugel verschwunden sein.

Die Regierungsbltter traten bei dieser Gelegenheit mit dem Verlangen
hervor, das Personal der Polizei in betrchtlichem Mastabe zu
vermehren, weil hnliche Attentate gegen die besten Brger der
Vereinigten Staaten sich wiederholen knnten -- und sie hatten damit
Recht.

Freilich verlangten die Bltter der Opposition, da das Personal
vollstndig, und zwar als unntz verabschiedet werde, da derartige
Raubanflle sich doch wiederholen knnten, ohne da es mglich wrde,
die Urheber derselben zu entdecken -- und vielleicht hatten sie damit
nicht Unrecht.

Alles in Allem, die Polizei blieb, was sie war und immer sein wird in
der besten der Welten, die nicht vollkommen ist und es niemals werden
wird.




V.

In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden
und dem Schriftfhrer des Weldon-Instituts beschlossen wird.



Eine Binde ber den Augen zu tragen, einen Knebel im Munde, einen
Strick um die Handgelenke und einen solchen um die Knchel zu haben,
d. h. also jeder Mglichkeit zu sehen, zu sprechen und sich zu bewegen,
beraubt zu sein, das war fr den Onkel Prudent keine Lage, in der er
sich htte wohl fhlen knnen, und ebenso wenig fr Phil Evans und den
Diener Frycollin. Obendrein nicht einmal zu wissen, wer die Urheber
dieser Entfhrung waren, nicht zu wissen, wo man sich befand und
welches Loos man zu erwarten habe -- das mute gewi auch das
allergeduldigste Lamm in Wuth bringen, und bekanntlich gehrten die
Mitglieder des Weldon-Instituts, was ihre Geduld betraf, nicht im
geringsten zur Familie der Lmmer. Bercksichtigt man die natrliche
Heftigkeit seines Charakters, so kann man sich leicht vorstellen, in
welcher Gemthsverfassung Onkel Prudent sich jetzt befinden mochte.

Jedenfalls muten Phil Evans und er langsam einsehen, da es fr sie
Schwierigkeiten haben werde, am nchsten Abend ihre Pltze im Bureau
des Clubs einzunehmen.

Frycollin war es mit den verbundenen Augen und dem geschlossenen Munde
berhaupt unmglich, irgend etwas zu denken; er war schon mehr todt,
als lebendig.

Whrend einer Stunde trat in der Lage der Gefangenen keine Aenderung
ein. Kein Mensch lie sich erblicken, sie zu besuchen oder ihnen
wenigstens die Freiheit der Bewegung und der Sprache wieder zu geben,
nach der sie doch so sehr verlangten. Jetzt sahen sie sich auf
erstickte Seufzer, auf ein dumpfes, "Ach!" angewiesen, das sich kaum
durch ihre Knebel prete, und beschrnkt auf schwache Bewegungen, wie
sie etwa ein seinem natrlichen Element entrissener absterbender
Karpfen ausfhrt, und man begreift leicht, welchen stummen Zorn, welch'
verhaltene oder vielmehr eingeschnrte Wuth das in ihnen erzeugen
mute. Nach wiederholten vergeblichen Befreiungsversuchen verhielten
sie sich eine Zeit lang ganz still. Da ihnen der Gesichtssinn
augenblicklich abging, bemhten sie sich, vielleicht durch den
Gehrsinn einige Aufklrung ber diesen beunruhigenden Zustand der
Dinge zu erlangen. Vergeblich aber strengten sie sich an, ein anderes
Gerusch zu hren, als das ununterbrochene und unerklrliche "frrr",
das hier den ganzen Umkreis zu beherrschen schien.

Inzwischen gelang es Phil Evans, der hier mit mehr Ruhe aus Werk ging,
den Strick locker zu machen, der um seine Handgelenke lag. Dann lste
sich allmhlig der fesselnde Knoten, er schmiegte die Finger dicht
aneinander, und endlich erlangten seine Hnde wieder die gewohnte
Bewegungsfreiheit.

Durch krftiges Reiben stellte er den in ihnen halb unterbrochenen
Blutumlauf wieder her, und in der nchsten Minute schon hatte Phil
Evans die Binde abgerissen, die ihm die Augen bedeckte, den Knebel aus
seinem Munde gelst und alle Stcke mit der feinen Klinge seines
"Bowie-Messers" zerschnitten. Ein Amerikaner, der nicht stets sein
Bowie-Messer in der Tasche htte, wre eben kein Amerikaner mehr.

Wenn Phil Evans aber hieraus die Mglichkeit, sich zu bewegen und zu
sprechen, wieder erlangte, so war das doch eben Alles. Seine Augen
fanden keine Gelegenheit zu ntzlicher Thtigkeit -- wenigstens jetzt
nicht, denn in der Zelle, die sie einschlo, herrschte vollstndige
Finsterni. Ein ganz schwacher Lichtschein drang nur durch eine Art
Schiescharte herein, die in sechs bis sieben Fu Hhe in der Wand
angebracht war.

Es versteht sich von selbst, da Phil Evans keinen Augenblick zgerte,
auch seinen Rivalen zu befreien. Einige Zge mit dem Bowie-Messer
gengten zur Durchschneidung der Stricke, welche dessen Fe und Hnde
fesselten. In heller Wuth ri sich Onkel Prudent, als er sich kaum auf
den Fen aufrichten konnte, die Binde herunter und den Knebel heraus
und stammelte mit erstickter Stimme:

"Ich danke Ihnen!

-- Nein! ... Hier ist nichts zu danken, antwortete der Andere.

-- Phil Evans?

-- Onkel Prudent?

-- Hier giebt es keinen Vorsitzenden und keinen Schriftfhrer des
Weldon-Instituts, ich denke, auch keine Gegner mehr.

-- Sie haben Recht, besttigte Phil Evans. Hier sind wir nur zwei
Mnner, die sich zu rchen haben an einem Dritten, dessen Gewaltstreich
die strengste Wiedervergeltung herausfordert.

-- Und dieser Dritte ...

-- Ist jener Robur! ...

-- Ja, jener Robur!"

Hier fand sich also einmal ein Punkt, bezglich dessen die beiden
Ex-Concurrenten vllig bereinstimmten, ein Streit ber diesen
Gegenstand schien demnach ganz ausgeschlossen.

"Und Ihr Diener? bemerkte da Phil Evans mit einem Fingerzeig auf
Frycollin, der wie ein Seehund schnaufte, wir mssen auch ihn befreien.

-- Noch nicht, erwiderte Onkel Prudent, er wrde uns mit seinen
Klageliedern den Kopf warm machen, und wir haben jetzt Anderes zu thun,
als auf sein Jammern zu achten.

-- Und was denn, Onkel Prudent?

-- Uns zu retten, wenn es mglich ist.

-- Und selbst wenn es unmglich ist!"

Ein Zweifel daran, da diese Entfhrung jenem Fremdling, dem Robur,
zuzuschreiben sei, konnte dem Prsidenten und seinem Collegen gar nicht
in den Sinn kommen. In der That htten ja einfache, ehrsame Ruber sie
unzweifelhaft ihrer Uhren, Edelsteine, Brieftaschen und Portemonnaies
entledigt und sie dann mit einem Schnitt durch den Hals in den
Schuylkill-Strom geworfen, statt sie einschlieen in ... Ja, in was? --
Das war eine ernste Frage, welche die schleunigste Lsung verdiente,
ehe sie mit einiger Aussicht auf Erfolg an irgend welche Vorbereitungen
zu ihrer Flucht denken konnten.

"Phil Evans, nahm Onkel Prudent wieder das Wort, wir htten wahrlich
besser daran gethan, wenn wir beim Weggehen aus der Sitzung, statt
Liebenswrdigkeiten, auf welche wir hier nicht zurckkommen wollen,
auszutauschen, lieber etwas weniger zerstreut gewesen wren. Verlieen
wir die Straen von Philadelphia nicht, so wre das Alles nicht
geschehen. Offenbar hatte jener Robur schon eine Ahnung davon, was sein
Auftreten im Club bewirken wrde, er muthmate die Wuthausbrche,
welche seine Herausforderungen entfesseln muten, und hatte vor der
Thre sicherlich einige seiner Banditen, ihm im schlimmsten Falle
beizuspringen. Als wir dann die Walnut-Strae verlieen, sprten uns
seine Schergen auf, folgten unseren Spuren und als sie sahen, da wir
uns unkluger Weise in die Alleen des Fairmont-Parkes verirrten, da
hatten sie ja leichtes Spiel.

-- Einverstanden, antwortete Phil Evans. Ja, wir haben sehr Unrecht
gethan, nicht unmittelbar unsere Wohnungen aufzusuchen.

-- Man hat immer Unrecht, nicht Recht zu haben," versetzte Onkel
Prudent.

Da ertnte ein langgezogener Seufzer aus dem finsteren Winkel der
Zelle.

"Was war das? fragte Phil Evans.

-- O nichts ... Frycollin trumt nur."

Und Onkel Prudent fuhr ungestrt fort:

"Zwischen dem Zeitpunkte, wo wir wenige Schritte vom Anfang der
Lichtung ergriffen wurden, und dem, wo man uns in diesen Winkel warf,
sind kaum zwei Minuten verflossen. Es liegt also auf der Hand, da jene
Leute uns nicht ber den Fairmont-Park hinaus verschleppt haben.

-- Denn wenn das geschehen wre, htten wir doch von der Fortschaffung
etwas verspren mssen.

-- Einverstanden, erklrte Onkel Prudent. Es unterliegt also keinem
Zweifel, da wir in einer Abtheilung irgend eines Wagens eingesperrt
sind, vielleicht in einem jener langen Prairie-Reisewagen oder in dem
Gefhrte von Seiltnzern.

-- Ohne Zweifel. Befnden wir uns auf einem auf dem Schuylkill-Strom
vertuten Schiffe, so mte sich das durch ein leichtes Schwanken von
Bord zu Bord, veranlat durch die Strmung, zu erkennen geben.

-- Einverstanden, stets, stets, wiederholte Onkel Prudent, und ich
meine, es ist, wo wir uns noch in der Parklichtung befinden, jetzt oder
nie der geeignete Moment zur Flucht, um spter jenen Robur wieder
aufzuspren ...

-- Und ihn diesen Angriff auf die Freiheit zweier Brger der
Vereinigten Staaten von Amerika theuer bezahlen zu lassen!

-- Theuer ... sehr theuer!

-- Doch, wer ist dieser Mann? ... Woher kommt er? ... Ist es ein
Englnder, ein Deutscher, ein Franzose ...

-- Jedenfalls ein elender Wicht, das gengt, antwortete Onkel Prudent.
Und nun an's Werk!"

Mit ausgestreckten Hnden und gespreizten Fingern tasteten Beide an der
Wand des kleinen Raumes umher, um einen Ri oder eine Spalte zu
entdecken. Vergeblich. Es fand sich hier ebenso wenig davon, wie an der
Thr. Diese erwies sich fast hermetisch geschlossen, und es wre
unmglich gewesen, das Schlo derselben zu sprengen. Man mute also ein
Loch herzustellen suchen, um durch dasselbe zu entkommen. Dabei trat
nun die Frage hervor, ob die Bowie-Messer die Wand anzugreifen im
Stande seien, ob ihre Klingen sich nicht verbiegen oder bei dem
Vorhaben gar zerbrechen wrden.

"Doch woher stammt jenes Zittern, das gar nicht aufhrt? fragte Phil
Evans, der sich ber das immer fortdauernde frrr nicht beruhigen
konnte.

-- Es ist ohne Zweifel der Wind, meinte Onkel Prudent.

-- Der Wind? ... Bis Mitternacht schien mir, als ob die Luft ganz ruhig
gewesen wre ...

-- Gewi, Phil Evans, doch, wenn es der Wind nicht sein soll, was
halten Sie denn fr die Ursache?"

Phil Evans versuchte, nachdem er die beste Klinge seines Messers
aufgeklappt, in die Wand nahe der Thr einzuschneiden. Vielleicht
gengte es hier, eine Oeffnung zu machen, um diese von auen zu ffnen.
wenn sie nur durch einen Riegel versperrt oder der Schlssel im
Schlosse stecken geblieben war.

Wenige Minuten Arbeit reichten hin, die Klinge des Bowie-Messers zu
verderben, die Spitze desselben abzubrechen und es in eine
tausendzhnige Sge zu verwandeln.

"Es greift wohl nicht, Phil Evans?

-- Nein.

-- Sollten wir uns in einer Zelle aus Stahl befinden?

-- Das nicht, Onkel Prudent; diese Wnde geben angeschlagen keinen
metallischen Ton.

-- Also vielleicht aus Eisenholz?

-- Nein, weder aus Eisen, noch aus Holz.

-- Aus was bestnde sie denn dann?

-- Das ist unmglich zu entscheiden; unbedingt aber ist es eine
Substanz, welche der Stahl nicht angreift."

Onkel Prudent loderte in hellem Zorn auf, er fluchte, stampfte den
widerhallenden Boden mit den Fen und seine Hnde suchten einen
eingebildeten Robur zu erwrgen.

"Ruhig, Onkel Prudent, ermahnte ihn Phil Evans, ruhig. Versuchen Sie
einmal Ihr Glck."

Onkel Prudent versuchte es, das Bowie-Messer konnte aber nicht in eine
Wand einschneiden, die selbst dessen beste Klingen nicht zu ritzen
vermochten, als ob diese aus Krystall wre.

Eine Flucht erschien also ganz unausfhrbar, denn ohne Oeffnung der
Thr war an eine solche doch gar nicht zu denken.

Es galt demnach, fr jetzt darauf zu verzichten, was dem
Yankee-Temperament nicht eben leicht zu werden pflegt, und Alles vom
Zufall zu erwarten, was hervorragenden praktischen Geistern allemal
zuwider ist. Natrlich geschah das nicht ohne Verwnschungen,
furchtbare Drohungen und an die Adresse Robur's gerichtete schwere
persnliche Beleidigungen, whrend er doch gar nicht der Mann dazu
schien, sich deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen, wenn anders er
sich im Privatleben ebenso zeigte, wie bei seinem Auftreten im
Weldon-Institute.

Inzwischen gab Frycollin einige unzweifelhafte Zeichen seiner
unbehaglichen Lage von sich. Ob er nun krampfhaftes Krmmen im Magen
empfand oder die Einschnrung ihm einen Krampf der Glieder zugezogen
hatte, jedenfalls begann er jmmerlich zu lamentiren.

Onkel Prudent glaubte seinen Qualen ein Ende machen zu mssen, indem er
die Stricke, welche den Neger fesselten, durchschnitt.

Fast htte er Ursache gehabt, diese Regung von Mitleid zu bedauern.
Sofort begann Jener nmlich eine endlose Litanei, in der Ausbrche des
Entsetzens und -- Klagen ber Hunger die Hauptrolle spielten. Frycollin
litt ebenso sehr im Kopfe, wie im Magen, so, es wre schwierig gewesen,
zu entscheiden, welchem dieser beiden Organe am meisten Schuld an dem
Jammern des Negers beizumessen war.

"Frycollin!" rief Onkel Prudent.

"Master Onkel! Master Onkel!" antwortete der Neger mit klglichem
Geschrei.

"Es ist mglich, da wir verdammt sind, in diesem Gefngnisse Hungers
zu sterben. Wir sind aber entschlossen, Alles, was irgend verzehrbar
erscheint, zu verbuchen, um unser Leben zu verlngern.

-- Und mich aufzuzehren? jammerte Frycollin.

-- Wie man es unter solchen Umstnden mit einem Neger stets macht!
Sorge also, Frycollin, da Du Dich uns nicht zu sehr bemerkbar machst ...

-- Oder Du wirst fri--cas--sirt!" setzte Phil Evans hinzu.

Frycollin bekam wirklich Angst, da sein Leichnam in Anspruch genommen
werden knnte, das Leben zweier Mnner zu verlngern, das jedenfalls
werthvoller war, als das seinige. Er begngte sich also, nur noch im
Stillen zu seufzen.

Inzwischen verstrich die Zeit und alle Versuche, die Thr oder die Wand
gewaltsam zu ffnen, waren erfolglos geblieben. Woraus diese Wand
bestand, lie sich unmglich feststellen. Metall war das nicht, Holz
war es nicht und Stein war es auch nicht. Der Fuboden der Zelle schien
brigens aus demselben Material hergestellt zu sein. Stie man mit dem
Fue auf denselben, so gab das einen ganz seltsamen Ton, den unter die
bekannten Gerusche zu classificiren, Onkel Prudent gewi viele Mhe
gemacht htte.

Dabei bemerkte man noch, da der Fuboden entschieden hohl klang, so,
als ob er nicht direct auf dem Boden der Lichtung ruhte; ja, er schien
bei dem unerklrlichen frrr selbst leise zu erzittern. Alles das war
nicht gerade beruhigender Natur.

"Onkel Prudent, begann Phil Evans.

-- Phil Evans? antwortete der Gefragte.

-- Meinen Sie, da unsere Zelle ihre Lage verndert hat?

-- Keineswegs.

-- Und doch, als wir kaum eingesperrt waren, konnte ich deutlich den
frischen Geruch des Grases und den harzigen Duft der Bume des Parkes
wahrnehmen. Jetzt kann ich Luft einfangen, so viel ich will, es
erscheint mir, als ob davon nichts zu riechen wre.

-- Das ist freilich wahr.

-- Doch, wie soll man das erklren?

-- Erklren wir es auf ganz beliebige Weise, Phil Evans, nur nicht
durch die Hypothese, da unser Gefngni eine Ortsvernderung erlitten
habe. Ich wiederhole, da wir es unbedingt htten fhlen mssen, wenn
wir uns auf einem in Gang befindlichen Wagen oder auf einem
dahingleitenden Schiffe befnden."

Frycollin lie einen langgedehnten Seufzer hren, den man htte fr
seinen letzten halten knnen, wenn ihm nicht mehrere andere nachgefolgt
wren.

"Ich gab mich der Hoffnung hin, da Robur uns bald veranlagen werde,
vor ihn zu treten, fuhr Phil Evans fort.

-- Ich nicht minder, rief Onkel Prudent, aber ich werde ihm in's
Gesicht sagen ...

-- Was?

-- Da er erst wie ein Unverschmter in unsere Verhandlungen
eingegriffen hat, um schlielich gleich einem Schurken zu handeln!"

Eben jetzt bemerkte Phil Evans, da der Tag zu grauen begann. Ein noch
schwacher Lichtschein drang durch die enge, am oberen Theile der der
Thr gegenberliegenden Wand angebrachte Schiescharte herein. Es
mochte also gegen vier Uhr Morgens sein, denn im Juni und unter dieser
Breite frbt sich der Horizont von Philadelphia zu dieser Stunde mit
den ersten Morgenstrahlen.

Und doch, als Onkel Prudent seine Repetiruhr schlagen lie, ein
Meisterwerk, das aus der Anstalt eines Collegen hervorgegangen war --
meldete diese, da es erst dreivierteldrei Uhr war, obwohl die Uhr
inzwischen bestimmt nicht gestanden hatte.

"Seltsam! sagte Phil Evans. Um dreivierteldrei Uhr sollte es noch Nacht
sein.

-- Meine Uhr mte dann bedeutend nachgeblieben sein, bemerkte Onkel
Prudent.

-- Eine Uhr der Waldon Watch Compagnie!" rief Phil Evans beleidigt.

Auf jeden Fall begann es jetzt Tag zu werden. Nach und nach hob sich
die Schiescharte wei von der tiefen Dunkelheit der Zelle ab. Und
doch, wenn das Morgengrauen frhzeitiger auftrat, als es entsprechend
dem 40. Breitengrade, unter dem Philadelphia liegt, zu erwarten war, so
erschien es doch nicht mit der bekannten Schnelligkeit, wie in den
niedrigen Breiten.

Onkel Prudent machte diese neue Beobachtung und erwhnte der fast
unerklrlichen Erscheinung.

"Wir konnten vielleicht bis nach der Schiescharte hinaufklimmen",
bemerkte Phil Evans, um von da aus Rundschau zu halten, wo wir
berhaupt sind.

-- Das knnen wir," stimmte Onkel Prudent zu.

Dann wandte er sich an Frycollin:

"Nun munter, Fry, auf die Fe!"

Der Neger erhob sich.

"Lehne Dich mit dem Rcken gegen diese Wand, fuhr Onkel Prudent fort,
und Sie, Phil Evans, steigen geflligst auf die Schultern dieses
Burschen, whrend ich Sie von rckwrts halte.

-- Recht gern," antwortete Phil Evans.

Einen Augenblick spter kletterte er schon auf Frycollin's Schultern,
so da er zu der Schiescharte hinaussehen konnte.

Dieselbe war verschlossen, aber nicht durch ein Linsenglas, wie die
Lichtpforte eines Schiffes, sondern durch eine gewhnliche Planscheibe.
Obwohl sie nicht sehr stark war, verhinderte sie doch den freien
Ausblick Phil Evans', dessen Gesichtskreis dadurch ziemlich beschrnkt
wurde.

"So zerbrechen Sie doch die Scheibe, sagte Onkel Prudent, vielleicht
knnen Sie dann besser sehen."

Phil Evans fhrte einen heftigen Schlag mit dem Heft seines
Bowie-Messers gegen die Scheibe, welche einen fast silbernen Ton gab,
aber nicht zerbrach.

Ein zweiter, noch krftigerer Schlag hatte nur dasselbe Resultat.

"Schn, rief Phil Evans, unzerbrechliches Glas!"

Wirklich mute diese Scheibe aus dem nach der Methode des Erfinders
Siemens gehrteten Glase bestehen, da sie trotz der wiederholten
Schlge ganz blieb.

Uebrigens war es jetzt drauen hell genug, um ziemlich weit sehen zu
knnen, wenigstens innerhalb des Gesichtsfeldes, das die Einfassung der
Schiescharte frei lie.

"Was sehen Sie? fragte Onkel Prudent.

-- Nichts.

-- Wie? Keinen Wald?

-- Nein.

-- Nicht einmal die Gipfel der Bume?

-- Auch diese nicht.

-- Wir befinden uns also nicht mehr inmitten der Lichtung?

-- Weder in der Lichtung, noch berhaupt im Park.

-- Erkennen Sie denn auch nicht die Dcher der Huser, die Spitzen der
Denkmler? sagte Onkel Prudent, dessen Enttuschung schon in einem
Grade zunahm, da sie nahe an Wuth grenzte.

-- Weder Dcher, noch Spitzen.

-- Was? Auch nicht einen Mast mit Flagge, nicht einen einzigen
Kirchthurm, nicht einmal einen Fabriksschornstein?

-- Nichts -- nichts als die leere Luft."

Eben jetzt ffnete sich die Thr der Zelle, in der ein Mann sichtbar
wurde. Das war Robur.

"Ehrenwerthe Ballonisten, sagte eine ernste Stimme. Sie sind nun frei,
nach Belieben zu gehen, wohin Sie wollen ...

-- Frei! rief Onkel Prudent.

-- Ja ... das heit innerhalb der Grenzen des "Albatros"!

Onkel Prudent und Phil Evans strzten aus der Zelle.

Und was sahen sie da?

Zwlf- bis dreizehnhundert Meter unter ihnen die Oberflche eines
Landes, das sie vergeblich zu erkennen sich bemhten.




VI.

Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht am besten
berschlagen.



"Wann wird der Mensch einmal aufhren, in der Tiefe umherzukriechen, um
im Azur und im Frieden des Himmels zu leben?"

Die Antwort auf diese Frage Camille Flammarion's ist ziemlich leicht.
Das wird dann geschehen, wenn die Fortschritte der Mechanik das Problem
der Aviation, d. h. der Nachahmung des Vogelfluges, zu lsen gestatten,
und vor Ablauf weniger Jahre -- das sah man ja voraus -- mute eine
praktische Verwerthung der Elektricitt zur Lsung dieses Rthsels
fhren.

Schon im Jahre 1773, also ziemlich lange, bevor die Brder Montgolfier
ihre erste Montgolfire und der Physiker Charles seinen ersten
Wasserstoffballon construirten, hatten einzelne abenteuerliche Kpfe
davon getrumt, mittelst mechanischer Apparate die Luft so zu sagen zu
erobern. Die ersten Erfinder hatten also keineswegs an Apparate
gedacht, welche leichter als die Luft waren, was schon der Standpunkt
der physikalischen Wissenschaft ihrer Zeit nicht erlaubte. Sie gingen
darauf aus, die Fortbewegung durch die Luft durch specifisch schwerere
Apparate, durch Flugmaschinen, welche die Bewegung des Vogels
nachahmten, zu ermglichen.

Ganz dasselbe hatte schon jener Thor, der Icarus, der Sohn des
Daedalus, gethan, dessen mit Wachs angeheftete Flgel ihm bei der
Annherung an die Sonne abfielen.

Doch ohne bis auf mythologische Zeiten zurckzugehen, ohne eines
Archytas von Tarent zu erwhnen, begegnet man schon in den Arbeiten
eines Dante von Perousa, eines Leonard de Vinci und Guidotti der Idee
von Maschinen, welche bestimmt waren, sich in der Atmosphre zu
bewegen. Zweieinhalb Jahrhunderte spter traten weit zahlreichere
Erfinder auf. Im Jahre 1742 construirt sich der Marquis de Baqueville
ein System von Flgeln, versucht dasselbe ber der Seine und bricht
beim Herabfallen den Arm. 1768 entwirft Paucton den Plan zu einem
Apparat mit zwei Schrauben zum Heben und zur Fortbewegung. 1781 baut
Meerwein, der Architekt des Frsten von Baden, eine Maschine zur
Nachahmung des Vogelflugs und verwirft den Gedanken der Lenkbarkeit von
Ballons, welche eben erfunden worden waren. 1784 lassen Launoy und
Bienvenu eine Helicoptere aufsteigen, die von Federn bewegt wurde. 1808
Fliegversuch des Oesterreichers Jakob Degen. 1810 erscheint ein
Schriftchen von Deniau aus Nantes, in dem der Grundsatz des "schwerer,
als die Luft" beleuchtet ist. In den Zeitraum von 1811-40 fallen die
Untersuchungn und Versuche von Berblinger, Vigual, Sarti, Dubochet und
Cagniard de Latour. 1842 tritt der Englnder Henson mit seinem System
der geneigten Ebene und durch Dampf bewegter Schraube auf; 1845 Cossus
mit seinem Apparat mit Steigschrauben; 1847 meldet sich Camille Vert
mit seiner Helicoptere aus Federbgeln; 1852 Letur mit seinem lenkbaren
Fallschirm, dessen praktische Prfung ihm das Leben kostete. In
demselben Jahre tritt Michel Loup hervor mit seinem Vorschlage, bei dem
die gleitende Bewegung in Verbindung mit vier sich drehenden Flgeln
gebracht ist. 1853 Blguic mit seinem durch Zugschrauben bewegten
Aeroplan; Vaussin-Chardannes mit seinem lenkbaren Drachen; Georges
Cauley mit seinen Fliegmaschinen, die ein Gasmotor treiben sollte.
Zwischen 1854 und 1863 sind zu nennen: Josef Bline, der Patente auf
verschiedene Systeme der Luftschifffahrt besitzt, Brant, Carlingfort,
Le Bris, Du Temple, Bright, dessen Steigschrauben sich in verkehrter
Richtung bewegen; Smythies, Panafieu, Crosnier u. A. m. Endlich wird im
Jahre 1863 auf Betreiben Nadar's in Paris eine Gesellschaft "Schwerer,
als die Luft" gegrndet; hier fhren die Erfinder ihre Maschinen vor,
von denen schon verschiedene patentirt wurden, wie die von Ponton
d'Amcourt und seine Dampf-Helicoptere; de la Landelle's System einer
Verbindung von Schrauben mit geneigten Ebenen und Fallschirmen;
Louvri's Aeroscaph; Esterno's mechanischer Vogel; Groof's Apparat mit
durch Hebel bewegten Flgeln. Jetzt, nachdem der Ansto gegeben ist,
erfinden die Erfinder, berechnen die Rechner Alles, was die
willkrliche Fortbewegung durch die Luft ihrer praktischen Anwendung
zuzufhren verspricht. Bourcart, Le Bris, Kaufmann, Smyth,
Stringfellow, Prigent, Danjard, Poms und de la Panze, Moy, Rnaud,
Jobert, Hureau de Villeneuve, Achenbach, Garapon, Duchesne, Danduran,
Parisel, Dieuaide, Melkisff, Forlanini, Brearey, Tatin, Dandrieux,
Edison erdenken, construiren, erbauen und vervollkommnen -- die Einen
unter Anwendung von Flgeln oder Schrauben, die Anderen unter den von
geneigten Ebenen -- Maschinen, welche bereit sein werden, an dem Tage
zu functioniren, wo ihnen ein glcklicher Erfinder einen Motor von
hinreichender Kraft und auerordentlicher Leichtigkeit hinzufgt.

Wir bitten wegen dieses etwas langen Namensverzeichnisses um
freundliche Entschuldigung, doch es schien uns nothwendig, die
Einzelstufen jener Leiter der Luftschifffahrtserfolge, auf deren Gipfel
jetzt Robur der Sieger erscheint, vorzufhren. Ohne die schwachen
Versuche und die khnen Experimente seiner Vorgnger, htte der
Ingenieur ja unmglich einen so vollkommenen Apparat zu construiren
vermocht. Und wenn er nur ein verchtliches Achselzucken fr Diejenigen
hatte, welche noch immer starrsinnig dabei verharrten, die Lenkbarkeit
von Ballons erfinden zu wollen, so standen bei ihm die Anhnger des
Grundsatzes "schwerer als die Luft" in hohem Ansehen, ob das nun
Englnder, Amerikaner, Deutsche, Oesterreicher, Italiener oder
Franzosen waren -- vor Allem letztere, deren durch ihn vervollkommnete
Arbeiten ihn in den Stand gesetzt hatten, seine Flugmaschine, den
"Albatros", zu ersinnen und auszufhren, jenes Ungeheuer, das jetzt das
Luftmeer durchma.

"Die Taube fliegt! hatte einer der enthusiastischen Anhnger des
"Albatros" gerufen.

-- Man wird noch durch die Luft spazieren fahren, wie jetzt ber die
Erde! hatte darauf ein hochbegeisterter Vertheidiger derselben Theorie
hinzugesetzt.

-- Mit der Locomotive, der Aeromotive!" hatte der lustigste von Allen
hinaustrompetet, der sich mit Vorliebe der Presse bediente, um die Alte
und die Neue Welt fr die Sache zu interessiren.

In der That steht es ja durch Rechnung und Erfahrung fest, da die Luft
ein sehr widerstandsfhiger Sttzpunkt sein kann. Ein Kreis von einem
Meter Durchmesser vermag als Fallschirm nicht allein das Eindringen in
die Luft zu verlangsamen, sondern den Fall sogar isochronisch zu
machen. Das war schon lngst bekannt.

Ebenso wute man, da die Einwirkung der Schwerkraft, wenn die
Fortbewegung eines Krpers eine sehr schnelle ist, etwa im umgekehrten
Verhltnisse des Quadrats zur Schnelligkeit abnimmt und zuletzt
ziemlich bedeutungslos werden kann.

Man wute ferner, da sich bei zunehmendem eigenen Gewichte eines
fliegenden Thieres die zum Schwebenderhalten desselben nothwendige
Oberflche der Flgel nicht in gleichem Mae vergrert, obwohl die
Bewegungen, die es ausfhrt, etwas langsamer sein mssen.

Ein Aviations-Apparat mu demnach so construirt sein, da er diesen
Naturgesetzen entspricht und dem Vogel nachgebildet ist, "dem
wunderbaren Typus der Fortbewegung in der Luft", wie Doctor Marey im
franzsischen Institut sich ausgedrckt hat.

Die Apparate nun, welche allein dieses Problem zu lsen vermgen,
zerfallen in folgende drei Arten:

1. Die Helicopteren oder Spiraliferen, welche nur aus Schrauben mit
verticalen Achsen bestehen.

2. Die Orthopteren, das sind Maschinen, welche ganz den natrlichen
Flug der Vgel nachzuahmen bestimmt sind.

3. Die Aeroplanen, in Wirklichkeit geneigte Ebenen, wie die
Papierdrachen der Knaben, aber von horizontalen Schrauben getrieben
oder gezogen.

Jedes dieser Systeme hatte und hat selbst noch heute entschiedene
Anhnger, welche ihre Ansichten unabnderlich als die richtigen
hinstellen.

Aus mancherlei Grnden hatte Robur jedoch die beiden letzteren
verworfen.

Es unterliegt zwar keinem Zweifel, da die Orthoptere, der mechanische
Vogel, gewisse Vorzge aufweist. Die Arbeiten Renaud's haben dafr 1884
den Beweis beigebracht. Doch man darf, wie dem Genannten auch
eingeworfen wurde, die Natur niemals sclavisch nachahmen wollen. Die
Locomotiven sind auch nicht nach dem Vorbilde der Hasen und die
Dampfschiffe nicht nach dem der Fische gebaut. Den ersteren gab man
Rder, welche doch keine Beine sind, dem letzteren Schrauben, welche
gewi nicht den Flossen entsprechen. Und wir meinen, Beide laufen doch
recht gut. Uebrigens wei man noch gar nicht genau, wie der Flug der
Vgel, welche sehr complicirte Bewegungen ausfhren, eigentlich zu
Stande kommt. Doctor Marey z. B. hat die Vermuthung ausgesprochen, da
die Federn der Flgel sich beim Aufschlag ffnen, um die Luft
durchzulassen -- ein Vorgang, der durch eine knstliche Maschine
schwerlich herzustellen sein mchte.

Andererseits ist es nicht zweifelhaft, da auch die Aeroplane einige
gute Erfolge aufzuweisen haben. Setzen die Schrauben den Luftschichten
eine schiefe Ebene entgegen, so mte daraus eine ansteigende Bewegung
hervorgehen, und kleine Versuchs-Apparate haben bewiesen, da das
disponible Gewicht, dasjenige, ber welches man noch ber das
Eigengewicht des Apparates hinaus verfgen knnte, mit dem Quadrate der
Geschwindigkeit zunahm. Hierin liegt offenbar ein groer Vortheil, der
die der Aerostaten, welche aufgetrieben werden sollen, weit bertrifft.

Nichtsdestoweniger glaubte Robur, da, wenn es etwas noch Besseres
gbe, das auch noch einfacher sein msse. Auch die Schrauben -- die ihm
im Weldon-Institut durch ein glckliches Wortspiel direct an den Kopf
geworfen worden waren -- konnten ja wohl allen Ansprchen an seine
Flugmaschine gengen. Die Einen sollten dieselbe in der Luft schwebend
erhalten, die Anderen sie unter den besten Verhltnissen der
Schnelligkeit und Sicherheit in der Horizontalen fortbewegen.

Theoretisch mte man ja mittelst einer nur kurzen, aber in der Flche
groen Schraube, wie Victor Tatin es zuerst ausgesprochen hatte, dahin
gelangen, "wenn man es auf das Aeuerste triebe, in ungeheures Gewicht
durch verschwindend kleine Kraft zu heben".

Wenn die Orthoptere -- durch Flgelschlge gleich einem Vogel -- sich
erhebt, indem sie sich in normaler Weise gegen die Luft strzt, so
steigt die Helioptere auf, indem sie mit ihren Schraubenflgeln schrg
dagegen wirkt, als ob sie eine geneigte Ebene hinaufklimme. Im Grunde
hat sie ja nur schraubenfrmig gewundene, an Stelle der schaufelartigen
Flgel. Die Schraube bewegt sich nothwendig in der Richtung ihrer Achse
fort. Ist diese vertical, so bewegt sie sich vertical; ist sie
horizontal angebracht, so treibt sie in horizontalem Sinne.

Der groe Flugapparat des Ingenieur Robur beruhte nur auf diesen beiden
Wirkungen.

Wir geben hier eine genaue Beschreibung desselben, welche fglich in
drei Theile zerfallen kann, betreffend das Verdeck, die Schwebe- und
Treibmaschinen und die uere Maschinerie.

Verdeck. Das war ein dreiig Meter langes, vier Meter breites Bauwerk,
ein wirkliches Schiffsdeck mit Vordersteven in Form eines Rammsporns.
Darunter wlbte sich der festgefgte Rumpf, der die Apparate zur
Erzeugung der mechanischen Kraft barg, ferner befanden sich da die
Pulverkammer, die Werkzeuge, das allgemeine Magazin fr Vorrthe aller
Art, darunter auch die Wassergefe des Fahrzeugs. Rund herum standen
leichte Pfosten, die, mit Eisendraht unter einander verbunden, die
Reeling bildeten. Darauf aber erhoben sich drei Ruffs,[4] deren
Rumlichkeiten zur Wohnung fr das Personal und fr die Maschinerie
bestimmt sind. Im mittleren Ruff arbeitet die Maschine, welche das
Schwebewerk in Bewegung setzt; in dem vorderen die Maschine fr die
vordere Treibschraube, im hinteren die fr die hintere Schraube, so da
diese drei von einander vllig unabhngig wirken. Nahe dem Vordertheile
befindet sich der Ruff fr die Werkstatt die Kche und die
Mannschaftswohnung. Nahe dem Heck, im letzten Ruff, finden sich mehrere
Cabinen, unter anderen die des Ingenieurs, ein Speisezimmer und darber
ein kleiner verglaster Raum, in dem sich der Steuermann aufhlt, der
das Ganze mittelst eines gewaltigen Steuerrades lenkt und leitet. Alle
diese Ruffs werden durch Lichtpforten erhellt, deren Scheiben aus
Hartglas bestehen, das eine zehnfach grere Widerstandsfhigkeit als
gewhnliches Glas hat. Unterhalb des Rumpfes ist ein System von
biegsamen Federn angebracht, dazu bestimmt, etwaige Ste zu mildern,
obwohl eine Landung ungemein sanft bewerkstelligt werden konnte, so
sehr war der Ingenieur Herr seines Apparates.

  [4] Ruffs nennt man auf Seeschiffen die auf Deck stehenden kleinen
Holzbauwerke, welche als Wohnung fr die Mannschaft dienen.

Auftriebs- und Treibmaschinen. Auf dem Verdeck erhoben sich lothrecht
siebenunddreiig Achsen, von denen je fnfzehn an Back- und Steuerbord
und sieben hhere in der Mitte errichtet waren, so da das Ganze einem
Schiffe mit siebenunddreiig Masten hnlich wurde; nur trugen diese
Masten an Stelle der Segel jeder zwei horizontale Schrauben von kurzer
Steigung und geringem Durchmesser, denen aber eine ungeheure
Umdrehungsgeschwindigkeit ertheilt werden konnte. Jede dieser Achsen
empfngt ihre Bewegung unabhngig von der anderen, und auerdem drehen
sich je zwei und zwei in entgegengesetztem Sinne -- eine nothwendige
Maregel, um den ganzen Apparat nicht in wellenfrmige Bewegung kommen
zu lassen. Auf diese Weise aber halten sich alle Schrauben, whrend sie
eine wie die andere auf verticalen Luftsulen emporzusteigen streben,
gegenseitig das Gleichgewicht. Der Apparat ist demnach mit
vierundsiebenzig Schwebeschrauben ausgerstet, deren drei Arme
uerlich durch einen Metallring zusammengehalten werden, der, als
Schwungrad wirkend, die motorische Kraft besser ausntzen hilft. Am
Vorder- wie am Hintertheile drehen sich, auf horizontalen Achsen
montirt, zwei Treibschrauben mit vier Armen jede, welche der
Fortbewegung des Ganzen vorstehen. Diese Schrauben, welche an
Durchmesser die Auftriebsschrauben bertreffen, knnen sich ebenfalls
mit der grten Geschwindigkeit drehen.

Alles in Allem schliet sich dieser Apparat an die Systeme an, welche
von Cossus, de la Landelle und de Ponton d'Amcourt aufgestellt und vom
Ingenieur Robur verbessert wurden. Dagegen gebhrt ihm bezglich der
Wahl und der Verwendung der motorischen Kraft unbedingt der Ruhm des
Erfinders.

Maschinerie. Weder vom Dampf des Wassers oder anderer Flssigkeiten,
weder von der comprimirten Luft oder anderen elastischen Gasen und
endlich ebenso wenig von explosiven Gemischen, welche fhig sind, eine
mechanische Wirkung auszuben, entlehnte Robur die notwendige Kraft,
seinen Apparat schwebend zu erhalten und fortzubewegen, er nahm dazu
die Elektrizitt in Anspruch, jene Naturkraft, welche dereinst die
Seele der industriellen Welt zu werden verspricht. Eine
dynamo-elektrische Maschine verwendete er zur Erzeugung derselben
jedoch nicht, sondern nur Batterien und Accumulatoren; nur war es
Robur's Geheimni, welche Materialien er zur Zusammenstellung seiner
Elemente und welche Suren er zur Erregung derselben anwendete;
dasselbe galt fr die Accumulatoren. Niemand wute, woraus deren
positive und negative Platten bestanden. Der Ingenieur hatte sich aus
gewissen Grnden wohl gehtet, darauf ein Patent zu nehmen.
Unbestreitbar aber zeigten seine Batterien eine auerordentliche
Ergiebigkeit, die Suren eine fast vollstndige Widerstandsfhigkeit
gegen Verdunstung und Frieren, seine Accumulatoren eine unverkennbare
Ueberlegenheit ber die von Faure, Sellon, Volckmar, und endlich
lieferten seine Strme Ampres von bisher unerreichter Anzahl. Daraus
aber ergab sich eine so zu sagen unendliche Menge elektrischer
Pferdekrfte zur Bewegung der Schrauben, welche dem Apparate eine
seinen Bedrfnissen weit berlegene Schwebe- und Triebkraft unter allen
Umstnden verliehen.

Wir wiederholen jedoch, das war die Sache des Ingenieur Robur und
darber bewahrte er ein unverbrchliches Geheimni, und wenn der
Vorsitzende und der Schriftfhrer des Weldon-Instituts nicht das Glck
haben, dasselbe zu durchdringen, so drfte es wahrscheinlich auf immer
fr die Menschheit verloren sein.

Es versteht sich von selbst, da dieser Apparat infolge der glcklich
gewhlten Lage seines Schwerpunktes hinreichende Stabilitt zeigte. Man
brauchte also niemals zu frchten, da er mit der horizontalen
bedenkliche Winkel bilden oder gar umschlagen knnte.

Es erbrigt noch mitzutheilen, aus welchem Material der Ingenieur Robur
seinen Aeronef hergestellt hatte, ein Name, der fr den "Albatros"
besonders geeignet erscheint. Welches war der so harte Stoff, da das
Bowie-Messer Phil Evans' ihn nicht zu ritzen und dessen Natur Onkel
Prudent nicht zu erkennen vermochte? Ganz einfach -- Papier!

Schon eine Reihe von Jahren hatte die Fabrikation desselben groe
Ausdehnung gewonnen. Ungeleimtes Papier, dessen Bltter mit Dextrin und
Strkemehl imprgnirt wurden, bildet unter der Wirkung der
hydraulischen Presse ein Material von der Hrte des Stahls. Man erzeugt
daraus Rollen, Schienen und Wagenrder, welche haltbarer und
gleichzeitig leichter sind, als solche aus Metall. Diese groe
Haltbarkeit bei auerordentlicher Leichtigkeit eben hatte Robur bei der
Erbauung seiner Luftlocomotive zu bentzen gesucht. Alles, Rumpf,
Rippen, Ruffs, Cabinen, bestand aus Strohpapier, das unter hohem Drucke
metallhnlich geworden war und das sich -- ein Umstand, bei einem in
groer Hhe dahinschwebenden Apparate gewi von Werth -- auch als
unverbrennlich erwies.

Fr die verschiedenen Theile der Schwebe- und Treibmaschinerie, wie fr
die Flgel der Schrauben hatte gelatiniertes Fasergewebe als ebenso
widerstandsfhiges, wie biegsames Material gedient und von diesem auch,
da es sich allen Formen anpate, in den meisten Gasen und
Flssigkeiten, Suren und Salzen unlslich war -- ohne von seinen
isolirenden Eigenschaften zu sprechen -- in der elektrischen
Maschinerie des "Albatros" der ausgedehnteste Gebrauch gemacht worden.

Der Ingenieur Robur, sein Obersteuermann Tom Turner, ein Mechaniker
mit zwei Gehilfen, zwei Bootsmnner und ein Koch -- Alles in Allem
acht Personen -- bildeten die ganze Besatzung des "Albatros", welche
fr die bei der Fahrt durch die Luft nthigen Manver brig
ausreichte. Jagd- und Kriegswaffen, Fischergerthe, elektrische Lampen,
Beobachtungsinstrumente, Boussolen und Sextanten zur Erkennung der
Fahrtrichtung, Thermometer zur Messung der Temperatur; verschiedene
Barometer, die einen, um die erreichte Hhe, die anderen, um die
Vernderung des Luftdruckes zu messen, ein "Stormglas" zum Erkennen
drohender Strme, eine kleine Bibliothek, eine kleine tragbare
Druckerei, ein Geschtz auf Zapfen, in der Mitte des Decks, das, von
rckwrts geladen, ein Gescho von sechs Centimeter Durchmesser
schleuderte; der nthige Vorrath an Pulver, Kugeln, Dynamitpatronen;
eine Kche, in der die von Accumulatoren gelieferten Strme zur
Feuerung dienten, ein Vorrath von Conserven, Fleisch und Gemse, die in
einer Cambse ad hoc neben Gefen mit Brandy, Whisky und Gin
aufgestapelt waren, endlich Alles, was whrend einiger Monate gebraucht
werden konnte, ohne landen zu mssen -- das bildete das Material und
die Vorrthe des "Albatros" -- ohne die berhmte Trompete zu rechnen.

Auerdem befand sich ein leichtes, unversenkbares Kautschukboot an
Bord, das acht Mann auf einem Flusse, einem See oder auch auf ruhigem
Meer tragen konnte. Fallschirme in Voraussicht eines eintretenden
Unglcks fhrte Robur nicht mit sich. Er glaubte nicht an Unflle
dieser Art. Die Achsen der Schrauben waren alle von einander
unabhngig; der Stillstand der einen blieb auf die brigen ohne
Einflu. Selbst wenn nur das halbe Triebwerk in Gang blieb, reichte es
schon aus, den "Albatros" in seinem natrlichen Element zu erhalten.

"Und mit ihm, wie Robur der Sieger Gelegenheit fand gegen seine
Passagiere -- Passagiere wider Willen -- zu uern, mit ihm bin ich
Herr jenes siebenten Welttheiles, der an Gre Australien und Afrika,
Oceanien, Asien, Amerika und Europa bertrifft, jenes Icariens der
Luft, das eines Tages noch Tausende von Icarussen bevlkern werden!"




VII.

In welchem der Onkel Prudent und Phil Evans sich noch immer nicht
berzeugen lassen wollen.



Der Vorsitzende des Weldon-Instituts war hchst erstaunt, sein Gefhrte
geradezu verblfft. Aber weder der Eine, noch der Andere wollte sich
diese so natrliche Regung anmerken lassen. Der Diener Frycollin
dagegen verheimlichte sein Entsetzen nicht, sich an Bord einer solchen
Maschine in den Luftraum entfhrt zu sehen, im Gegentheil, er gab das
offen zu erkennen.

Inzwischen drehten sich die Schwebe- oder Auftriebschrauben hastig ber
ihren Kpfen. So schnell diese Bewegung auch vor sich ging, htte sie
doch noch um das Dreifache gesteigert werden knnen, im Fall der
"Albatros" hhere Zonen erreichen wollte.

Die beiden eigentlichen Propeller, die jetzt einen mittelmigen Gang
zeigten, verliehen dem Apparate nur eine Fortbewegung von zwanzig
Kilometern in der Stunde.

Sich ber das Verdeck hinausbeugend, konnten die Passagiere des
"Albatros" ein langes, gewundenes, flssiges Band wahrnehmen, das sich
gleich einem Bchlein durch wellenfrmiges Land schlngelte, in dem
auch einzelne kleinere Seen die Strahlen der Sonne glnzend
widerspiegelten. Dieser Bach war brigens ein Flu, und zwar einer der
bedeutendsten des betreffenden Gebiets. An seinem linken Ufer erhob
sich eine Bergkette, deren Fortsetzung sich ber Gesichtsweite hinaus
verlor.

"Werden Sie uns wohl sagen, wo wir uns befinden? fragte Onkel Prudent
mit einer vor Ingrimm zitternden Stimme.

-- Ich habe dazu gar keine Veranlassung, antwortete Robur.

-- Und werden Sie uns sagen, wohin wir fahren? setzte Phil Evans hinzu.

-- Durch den Luftraum.

-- Und das dauert, wie lange? ...

-- So lange es Zeit erfordert.

-- Wollen Sie etwa eine Reise um die Erde mit uns machen? fragte Phil
Evans ironisch.

-- Noch mehr als das, erwiderte Robur.

-- Und wenn eine solche Reise uns nicht pat? ... versetzte Onkel
Prudent.

-- So wird sie ihnen eben passen mssen!"

Das gab einen kleinen Vorgeschmack von den Beziehungen, die sich
zwischen dem Herrn des "Albatros" und seinen Gsten, um nicht zu sagen,
seinen Gefangenen, zu entwickeln versprachen. Offenbar wollte Jener
ihnen jedoch erst Zeit gnnen, sich zu sammeln, den auerordentlichen
Apparat zu bewundern, der sie durch die Lfte trug, und ohne Zweifel
auch, um dem Erfinder ihre Glckwnsche darbringen zu knnen. Dieser
schlenderte scheinbar ziellos von einem Ende des Verdecks zum anderen;
sie dagegen hatten vollstndige Freiheit, die Anordnung der Maschinerie
und die Gesammtausrstung des "Aeronefs" zu betrachten, oder auch ihre
Aufmerksamkeit ungetheilt der Landschaft zuzuwenden, deren Relief sich
unter ihren Fen so zu sagen aufrollte.

"Onkel Prudent, begann da Phil Evans, wenn ich mich nicht tusche,
mssen wir ber den mittleren Gebietstheilen von Canada hinschweben.
Jener nach Nordwest verlaufende Flu ist wahrscheinlich der St. Lorenz,
und die Stadt, die wir da hinter uns lassen, ist Quebec."

Es war in der That die alte Stadt Champlain's, deren Weiblechdcher
wie Reflectoren in der Sonne glnzten. Der "Albatros" hatte sich bis
zum sechsundvierzigsten Grade der Breite erhoben -- was den vorzeitigen
Anbruch des Tages und die abnorme Verlngerung des Morgenrothes
hinlnglich erklrte.

"Ja, fuhr Phil Evans fort, da liegt ja die Stadt in der Gestalt eines
Amphitheaters, der Hgel, der ihre Citadelle trgt, dieses Gibraltar
Nordamerikas! Dort erheben sich die englische und die franzsische
Hauptkirche, und da wieder das Zollamt mit seiner Kuppel und der
englischen Fahne darauf!"

Phil Evans hatte kaum ausgesprochen, als die Hauptstadt Canadas schon
wieder in der Ferne zu verschwinden begann. Der Aeronef trat in eine
Schicht kleinere Wolken ein, welche den Ausblick nach der Erde
allmhlich verhinderten.

Als Robur jetzt sah, da der Vorsitzende und Schriftfhrer des
Weldon-Instituts ihre Aufmerksamkeit der ueren Construction des
"Albatros" zuwendeten, trat er auf sie zu und sagte:

"Nun, meine Herren, glauben Sie endlich an die Mglichkeit einer
Fortbewegung durch die Luft mittelst Apparaten, die schwerer sind als
jene?"

Es wre ja schwierig gewesen, sich dem augenscheinlichen Beweise zu
widersetzen. Onkel Prudent und Phil Evans gaben jedoch keine Antwort.

"Sie schweigen? fuhr der Ingenieur fort. Aha, jedenfalls verhindert Sie
der Hunger am Sprechen ... doch, wenn ich es unternommen habe, Sie
durch die Luft zu transportiren, so glauben Sie nicht, da ich Sie auch
mit diesem wenig nahrhaften Fluidum ernhren wollte. Ihr erstes
Frhstck erwartet Sie."

Da Onkel Prudent und Phil Evans einen schon recht qulenden Hunger
versprten, hatten sie hier keine Veranlassung, Umstnde zu machen.
Eine Mahlzeit verpflichtet ja noch zu nichts, und wenn Robur sie erst
wieder auf der Erde abgesetzt htte, rechneten sie nach wie vor darauf,
ihm gegenber auch ihre ganze Handlungsfreiheit wieder zu erhalten.

Beide wurden nach dem hinteren Ruff geleitet und nach einem kleinen
dining-room, in dem sich ein sauber gedeckter Tisch befand, an
welchem sie whrend der Fahrt speisen sollten. An Gerichten trug
derselbe verschiedene Conserven und unter Anderem eine Art Brot aus
gleichen Theilen Mehl und pulverisirtem Fleisch, untermischt mit ein
wenig Speck, welches, in Wasser gekocht, eine vorzgliche nahrhafte
Suppe liefert; ferner Schnitte von geruchertem Schinken und als
Getrnk Thee.

Auch Frycollin war nicht vergessen worden. Auf dem Vordertheil erhielt
er eine tchtige Brotsuppe. Wahrlich, er mute gewaltigen Hunger haben,
um essen zu knnen, denn seine Kinnladen zitterten eigentlich aus
Furcht und htten ihm jeden anderen Dienst versagt.

"Wenn das entzwei ginge! Wenn das entzwei ginge!" wiederholte der
unglckliche Neger. Das machte ihm fortwhrend Angst. Aber man denke
nur ... ein Sturz von fnfzehnhundert Meter, der ihn in Pulver
verwandelt htte!

Nach Verlauf einer Stunde erschienen Onkel Prudent und Phil Evans
wieder auf dem Verdeck. Robur war nicht mehr hier. Am Hintertheile
folgte der Steuermann in seinem Glashuschen, das Auge auf den Compa
gerichtet, unentwegt dem ihm vom Ingenieur vorgezeichneten Curse.

Die andere Mannschaft mochte wohl auch durch das Frhstck in ihrem
Logis zurckgehalten werden. Nur ein Hilfsmechaniker, dem nun die
Ueberwachung der Maschinen oblag, wanderte von einem Ruff zum anderen
umher.

War die Geschwindigkeit des Apparats jetzt auch eine groe, so konnten
die beiden Collegen darber doch nur unvollkommen urtheilen, obgleich
der "Albatros" aus jener Wolkenschicht wieder hervorgetreten war und
sich der Erdboden fnfzehnhundert Meter unter ihnen deutlich zeigte.

"Man kann eigentlich gar nicht daran glauben! bemerkte Phil Evans.

-- So glauben wir nicht daran," antwortete Onkel Prudent.

Sie begaben sich hiermit nach dem Vorderdeck und lieen die Blicke ber
den Horizont im Westen schweifen.

"Ah, eine andere Stadt! rief Phil Evans.

-- Knnen Sie dieselbe erkennen?

-- Ja, es scheint mir Montreal zu sein.

-- Montreal? ... Aber wir haben doch Quebeck vor kaum zwei Stunden
verlassen!

-- Das beweist, da diese Maschine sich mit einer Geschwindigkeit von
mindestens fnfundzwanzig Lieues die Stunde bewegt."

Das war in der That die Gre der Geschwindigkeit des "Albatros", und
wenn die Passagiere davon keine Belstigung versprten, lag das daran,
da sie mit dem Winde forttrieben. Bei stillem Wetter htte sie diese
Schnelligkeit schon merkbar genirt, weil sie fast der eines Exprezuges
gleichkommt. Bei widrigem Winde wre dieselbe ganz unertrglich
gewesen.

Phil Evans tuschte sich nicht. Unter dem "Albatros" erschien Montreal,
das an seiner Victoria-Brcke, einer Rhrenbrcke ber den St. Lorenz
gleich dem Bahnviaduct ber die Lagunen von Venedig, leicht kenntlich
war. Bald unterschied man auch seine breiten Straen, die ungeheuren
Magazine, die Palste der Banken, die Kathedrale, eine neuerdings nach
dem Vorbilde des St. Peters-Domes in Rom erbaute Basilica und endlich
den Mont-Royal, der die ganze Stadt berragt und zu einem herrlichen
Park umgeschaffen ist.

Es war ein Glck zu nennen, da Phil Evans die Hauptstadt Canadas schon
frher einmal besucht hatte. Er konnte so Mehreres erkennen, ohne Robur
erst zu fragen. Nach Montreal kamen sie etwa einhalb zwei Uhr
Nachmittags, ber Ottawa hinweg, dessen Flle, von oben gesehen, einem
ungeheuren Siedekessel glichen, der durch sein furchtbares
Ueberschumen einen groartigen Effect hervorbrachte.

"Da ist der Parlaments-Palast," sagte Phil Evans.

Er wies bei diesen Worten nach einer Art Nrnberger Spielzeug, das auf
einem Hgel verloren war. Dieses Spielzeug mit seiner vielfarbigen
Architektur glich dem Parlamenthaus zu London, wie die Kathedrale von
Montreal der Peters-Kirche zu Rom. Doch nichtsdestoweniger war und
blieb die in Sicht befindliche Stadt eben Ottawa.

Auch diese schien von dem Standpunkte der Beschauer aus schnell dem
Horizonte zuzueilen und bildete bald nur einen etwas helleren Fleck auf
der Erde.

Es mochte gegen zwei Uhr sein, als Robur wieder erschien. Sein
Obersteuermann Tom Turner begleitete ihn. Er sagte zu diesem nur drei
Worte. Letzter bermittelte dieselben den beiden Gehilfen im Vorder-
und im Hinterruff. Auf ein Zeichen vernderte der Steuermann die
Richtung des "Albatros", so da dieser um zwei Grade nach Sdwesten
abwich. Gleichzeitig konnten Onkel Prudent und Phil Evans wahrnehmen,
da den Treibschrauben des Aeronefs eine grere Schnelligkeit
verliehen wurde.

Diese Schnelligkeit htte in Wirklichkeit noch verdoppelt werden
knnen, und man htte damit eine Maschine erhalten, welche alle
Erdmaschinen weit hinter sich lassen mute.

Man urtheile selbst: Torpedoboote knnen zwanzig Knoten oder vierzig
Kilometer in der Stunde zurcklegen. Die schnellsten Eisenbahnzge
bringen es wohl bis auf hundert; Schlittenboote auf den bereisten Seen
der Vereinigten Staaten bis auf hundertfnfzehn; eine in der Werkstatt
Patterson's erbaute Maschine mit Zahnrdern hat ber den Erie-See
hinweg hundertdreiig erreicht und eine andere Locomotive zwischen
Trenton und Jersey gar hundertsiebenunddreiig Kilometer.

Der "Albatros" aber konnte beim Maximum seiner Kraftuerung mittelst
seiner Treibschrauben sich zweihundert Kilometer in der Stunde, das
heit fast fnfzig Meter in der Secunde, fortbewegen.

Eine solche Schnelligkeit aber ist die des Orkans, der Bume
entwurzelt, die jenes Windstoes, der bei dem Sturm vom 21. September
1881 in Cahors hundertvierundneunzig Kilometer in der Stunde
dahinraste. Es ist die mittlere Geschwindigkeit der Brieftaube, welche
nur noch von der gewhnlichen Schwalbe (mit siebenundsechzig Metern in
der Secunde) und von der Mauerschwalbe (mit neunundachtzig Metern)
bertroffen wird.

Mit einem Worte, und wie Robur gesagt, der "Albatros" htte bei
Entwickelung der ganzen Kraft seiner Schrauben die Fahrt um die Erde
binnen zweihundert Stunden, d. h. also in noch nicht acht Tagen
zurcklegen knnen.

Ob die Erde jener Zeit schon 450.000 Kilometer Eisenstraen besa, d. h.
eine Lnge, welche elfmal den Aequator umspannt htte -- so blieb das
doch fr diese fliegende Maschine ohne Bedeutung. Stand ihr nicht das
ganze groe Luftmeer offen?

Brauchen wir jetzt noch mehr hinzuzufgen? Jenes Phnomen, dessen
Erscheinung die ganze Alte und Neue Welt in Aufruhr versetzt hatte, war
der Aeronef des Ingenieurs. Jene Trompete, welche die schmetternden
Fanfaren in den Lften ertnen lie, war die des Obersteuermanns Tom
Turner. Die Flaggen, welche man auf den Hauptbauwerken Europas, Asiens
und Amerikas aufgepflanzt gefunden hatte, war die Flagge Robur's des
Siegers und seines "Albatros".

Und wenn der Ingenieur bisher einige Vorsicht beobachtet hatte, um
nicht erkannt zu werden, wenn er mit Vorliebe nur in der Nacht gefahren
war, die er zuweilen durch jene elektrischen Lichtstrme erhellte,
whrend er den Tag ber jenseits der Wolken zu verschwinden trachtete,
so schien er sein Geheimni doch jetzt nicht mehr bewahren zu wollen.
Denn als er nach Philadelphia gekommen war und sich in dem
Sitzungssaale des Weldon-Instituts vorgestellt hatte, konnte er da
etwas Anderes beabsichtigen, als die Bekanntgebung seiner wunderbaren
Entdeckung, um selbst die Unglubigsten ipso facto zu berzeugen?

Wir wissen, wie er hier aufgenommen wurde, und werden sehen, welche
Repressalien er gegenber dem Vorsitzenden und dem Schriftfhrer des
bekannten Clubs zu ergreifen gedachte.

Inzwischen hatte sich Robur den beiden Mnnern genhert. Diese stellten
sich noch immer, als erstaunten sie nicht im geringsten ber das, was
sie vor sich sahen: offenbar setzte sich allmhlich unter diesen beiden
angelschsischen Schdeln ein Starrsinn fest, der nur schwierig
auszurotten sein wrde.

Robur seinerseits wollte sich auch nicht den Anschein geben, als fiele
ihm das auf, und begann deshalb, als setze er nur ein Gesprch fort,
das doch schon seit zwei Stunden unterbrochen war:

"Sie haben sich ohne Zweifel damit befat, meine Herren, ob dieser fr
die Bewegung durch die Luft ausgezeichnete Apparat auch eine noch
grere Geschwindigkeit annehmen knne. Er wre inde nicht wrdig, den
Luftraum sozusagen besiegt zu haben, wenn er sich denselben nicht
gnzlich unterwrfig machen knnte. Ich bin darauf ausgegangen, die
Luft als festen Sttz- und Angriffspunkt zu bentzen, und als solcher
dient sie mir. Ich sah lngst ein, da man, um gegen den Wind
anzukmpfen, strker sein msse, als dieser, und ich bin strker. Ich
bedarf keiner Segel, die mich ziehen, keiner Ruder oder Rder, die mich
treiben, keiner Schienen, um schneller und leichter fortzukommen -- nur
Luft ... nichts weiter! Luft, die mich ganz ebenso umgiebt, wie das
Wasser jedes submarine Fahrzeug, und in der meine Propeller sich
drehen, wie die Schrauben eines Dampfers. Das ist das ganze Geheimnis,
wie ich das Problem der Aviation lste; da haben Sie, was weder ein
Ballon, noch irgend ein Apparat, der leichter als die Luft ist, jemals
leisten wird."

Die beiden Collegen schwiegen still wie das Grab, ohne da sich der
Ingenieur dadurch aus der Fassung bringen lie. Er begngte sich,
verstohlen zu lcheln, und fuhr in folgenden Fragestzen fort:

"Sie fragen vielleicht, ob der "Albatros" mit dieser Kraft, die ihn
horizontal treibt, auch eine gleich wirkungsvolle Kraft verbindet, um
sich in verticaler Richtung zu bewegen, mit einem Worte, ob er, wenn es
sich darum handelte, groe Hhen zu erreichen, werde noch mit einem
Aerostaten wetteifern knnen? Nun, ich wrde Ihnen nicht rathen, den
Go a head mit ihm um den Preis kmpfen zu lassen."

Die beiden Collegen zuckten einfach mit den Achseln, das war vielleicht
der wunde Punkt, an dem sie den Ingenieur fassen zu knnen glaubten.

Robur gab ein Zeichen. Die Treibschrauben standen sofort still, und
nachdem der "Albatros" etwa noch eine Meile in gleicher Richtung dahin
geschwebt war, blieb auch er unbeweglich.

Auf ein zweites Zeichen Robur's setzten sich die Auftriebsschrauben in
Bewegung, und zwar mit einer Geschwindigkeit, welche man fglich htte
mit den zu akustischen Experimenten bentzten Sirenen vergleichen
knnen. Ihr frrr erhob sich in der Tonleiter um fast eine ganze Octave,
whrend dessen Intensitt wegen der jetzt dnneren Luft abnahm, und der
Apparat strebte lothrecht in die Hhe, wie eine Lerche, welche ihre
hellen Tne durch die Lfte schmettert.

"Herr! Bester Herr! ... rief Frycollin wiederholt, wenn nur nicht Alles
in Stcke geht!"

Ein verchtliches Lcheln war Robur's ganze Antwort. Nach wenigen
Minuten hatte der "Albatros" eine Hhe von zweitausendsiebenhundert
Metern erreicht, was den Gesichtskreis auf siebenzig Meilen ausdehnte
-- dann eine solche von viertausend Metern, was der bis auf
vierhundertachtzig Millimeter herabsinkende Barometer anzeigte.

Nach dieser gelungenen Vorfhrung sank der "Albatros" wieder herab. Die
Verminderung des Drucks in den hohen Luftschichten bedingt bekanntlich
eine starke Abnahme des Sauerstoffes in derselben und deshalb auch im
Blute. Das ist die Ursache der ernsten Unflle, welche schon Hunderten
von Luftschiffern zugestoen sind. Robur aber hielt es fr nutzlos,
sich einem solchem auszusetzen.

Der "Albatros" gelangte also nach derjenigen Hhe zurck, die er mit
Vorliebe einzuhalten schien, und seine wieder in Thtigkeit gesetzten
Treibschrauben fhrten ihn jetzt mit vermehrter Geschwindigkeit nach
Sdwesten hin.

"Jetzt, meine Herren, knnen Sie sich, wenn Sie nur darnach fragten,
selbst Antwort geben."

Hiermit neigte er sich ber die Reeling hinaus und blieb so in
Betrachtung versunken stehen.

Als er den Kopf wieder erhob, waren der Vorsitzende und der
Schriftfhrer des Weldon-Institut vor ihn hingetreten.

"Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, der sich vergebens zu
bemeistern suchte, das, was Sie zu glauben scheinen, haben wir uns
keineswegs gefragt. Doch wollen wir Ihnen eine Frage stellen, auf
welche wir jedenfalls Antwort erwarten.

-- Reden Sie!

-- Mit welchem Rechte haben Sie uns in Philadelphia, im Fairmont-Park
berfallen? Mit welchem Rechte uns in jene Zelle eingeschlossen? Mit
welchem Rechte entfhren Sie uns wider Willen an Bord dieser fliegenden
Maschine?

-- Und mit welchem Rechte, meine Herren Ballonisten, entgegnete Robur,
mit welchem Rechte haben Sie mich beleidigt, verspottet; in Ihrem Club
bedroht, und zwar in einer Weise, da ich mich selbst wundere, lebend
davon gekommen zu sein.

-- Fragen heit nicht antworten, erwiderte Phil Evans, und ich
wiederhole Ihnen, mit welchem Rechte handelten Sie?

-- Sie wollen das wissen? ...

-- Wenn es Ihnen gefllig ist.

-- Nun wohl, mit dem Rechte des Strkeren!

-- Das ist cynisch!

-- Aber es ist so.

-- Und wie lange, Brger Ingenieur, fragte Onkel Prudent, dem nun die
Geduld ausging, wie lange denken Sie, dieses Recht uns gegenber
auszuntzen?

-- Aber, meine Herren, antwortete Robur ironisch, wie knnen Sie nur
eine solche Frage stellen, da Sie nur den Blick zu senken brauchen, um
ein Schauspiel zu genieen, das in der Welt nicht seines Gleichen
findet?"

Der "Albatros" spiegelte sich eben in der ungeheuren Flche des
Ontario-Sees, er war eben ber das von Cooper so hoch poetisch
besungene Land gekommen, dann folgte er der Sdgrenze dieses weiten
Wasserbeckens und wandte sich dem berhmten Flusse zu, der ihm die
Gewsser des Erie-Sees, aber zerstubt im seinen Katarakten, zufhrt.

Einen Augenblick lang drang ein wahrhaft majesttisches Gerusch,
gleich dem Rollen des Sturmes, bis zu ihm hinauf, und als ob sich ein
feuchter Dunst in den Lften verbreitete, wurde die Temperatur merklich
khler.

Tief unten donnerten die ungeheuren Wassermassen in Hufeisenbogen
hinunter. Man glaubte wohl einen gewaltigen Strom von Krystall vor sich
zu sehen, den tausend, durch Refraction aus der Zerlegung des
Sonnenlichtes entstandene Regenbogen umglnzten. Es war ein wirklich
erhebender Anblick.

Vor diesen Fllen verband eine, gleich einem Faden ausgespannte schmale
Brcke ein Ufer mit dem anderen. Etwas weiter unten -- etwa drei Meilen
entfernt war eine Hngebrcke darber geschlagen, ber welche sich eben
ein Bahnzug hinschlngelte, der von dem canadischen Ufer nach dem
amerikanischen zu dampfte.

"Die Niagaraflle!" rief Phil Evans.

Und dieser Ausruf entfuhr ihm, whrend Onkel Prudent sich die
erdenklichste Mhe gab, alle Wunder, die sich vor seinen Augen
entrollten, scheinbar nicht zu beachten.

Eine Minute spter hatte der "Albatros" den Strom berschritten, der
die Vereinigten Staaten von der Colonie Canada scheidet, und er
schwebte nun ber den unendlich weiten Gebieten des nrdlichen Amerika.




VIII.

Worin man sehen wird, da Robur sich entschliet, auf die ihm
vorgelegte wichtige Frage zu antworten.



In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent
und Phil Evans zwei vorzgliche Lagersttten, Wsche, eine hinreichende
Menge Kleidungsstcke zum Wechseln, nebst Mnteln und Reisedecken
vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer htte ihnen mehr
Bequemlichkeiten bieten knnen. Wenn sie nicht in einem fort schliefen,
so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie mindestens sehr
beunruhigende Gedanken davon zurck. In welch' unberechenbares
Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und zwar wider ihren
Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie wrde die ganze
Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich der Ingenieur
Robur? -- Das war gewi genug Material, unausgesetzt ihre Gedanken zu
erfllen.

Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom
"Albatros" zusammenstoenden Cabine untergebracht worden. Diese
Nachbarschaft mifiel ihm keineswegs -- er liebte es, sich mit den
groen dieser Erde auf guten Fu zu stellen. Doch wenn er endlich
einschlief, so trumte der arme Teufel nur vom Herabstrzen durch die
Luft, was seinen Schlummer zum fortwhrenden Alpdrcken verunstaltete.

Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben
durch die Atmosphre, deren Strmung sich am Sptabend ganz gelegt
hatte. Auer dem Schwirren der Schraubenflgel drang kein Gerusch nach
dieser Hhe, hchstens zuweilen der schrille Pfiff einer irdischen
Locomotive, die auf ihrer Eisenstrae dahinrollte, oder kaum
vernehmbare Laute von Hausthieren. -- Ein eigenthmlicher Instinct
schien diesen Erdengeschpfen zu verrathen, da die Flugmaschine ber
ihnen hinglitt, und das veranlate sie, einen Angstschrei von sich zu
geben.

Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil
Evans schon frh fnf Uhr auf dem Verdeck des "Albatros". Eine
Vernderung gegen den Vortag zeigte sich nicht, der Ausguck stand am
vorderen, der Steuermann am hinteren Theile desselben. Wozu diente aber
hier ein Wachtposten? Frchtete man auch mit der ersten Maschine dieser
Art einen etwaigen Zusammensto? Nein, das gewi nicht. Robur hatte ja
noch keine Nachahmer gefunden. Die Mglichkeit, einem in den Lften
schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, da sie
fglich auer Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls wre der
Aerostat am schlimmsten daran gewesen -- wie bei einem Zusammensto des
eisernen Topfes mit dem irdenen. Der "Albatros" hatte von einer solchen
Collision ja so gut wie nichts zu frchten.

Doch konnte eine solche berhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht
ausgeschlossen, da der Aeronef unversehens auf eine Kste zusteuerte,
wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln kann, ihm den
Weg versperrte. Ein solcher Berg wre also eine Klippe in der Luft, und
diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe des Meeres zu
meiden hat.

Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capitn die Fahrtrichtung
angegeben unter Bercksichtigung der nothwendigen Hhe, in der sich der
Apparat halten mute, um auch die hchsten Berggipfel der betreffenden
Gegenden zu bersegeln. Da der Aeronef sich aber eben im stark
gebirgigem Lande befand, war es gewi nur ein Gebot der Klugheit,
sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem Grunde vom
richtigen Laufe abwich.

Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel
Prudent und Phil Evans einen groen Binnensee, dessen nach Sden
gelegene Spitze der "Albatros" bald erreichen mute. Sie schlossen
daraus, da sie whrend der Nacht ber den Erie-See in seiner ganzen
Lnge weggekommen wren. Da der Aeronef nun direct nach Westen
steuerte, so muten sie spter den uersten Theil des Michigan-Sees
erreichen.

"Hier ist kein Zweifel mglich, sagte Phil Evans, jenes Meer von
Dchern am Horizonte ist Chicago!"

Er tuschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn
Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die Knigin des Westens, das ungeheure
Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, Missouri
und berhaupt die aus allen Provinzen zusammenstrmen, welche den
westlichen Theil der Union bilden.

Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem
Ruff gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgebude jener
Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die ffentlichen Bauten,
die zahlreichen Elevatoren, ebenso wie das gewaltige Htel Sheeman
zeigen, das einem groen Wrfel, wie man solche zum Spielen gebraucht,
glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf jeder
Seite erschienen.

"Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen,
da wir etwas gar zu weit nach Westen entfhrt worden sind, als es
wnschenswert wre, um nach unserem Abfahrtspunkt zurckzukehren."

Der "Albatros" entfernte sich in der That in gerader Linie von der
Hauptstadt Pennsylvaniens.

Htte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun nach
Osten zurckzufhren, so wre das jetzt wenigstens unmglich gewesen.
Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar keine Eile zu haben,
seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit irgend welchen
Arbeiten beschftigt sein oder vielleicht nur noch schlafen. Die beiden
Collegen muten also frhstcken, ohne ihn gesehen zu haben.

Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht verndert. Bei
der Richtung des eben wendenden Windes wurde dieselbe nicht lstig, und
da der Thermometer sich nur um einen Grad bei der Erhebung um
hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur eine
ertrgliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent und Phil
Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben -- wenn
der Ausdruck erlaubt ist -- welche immerhin eine so schnelle
Drehbewegung einhielten, da die Strahlen ihrer Flgel zu einer
halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen.

In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise lngs seiner
Nordgrenze ber den Staat Illinois hinweg, und dabei ber den Vater der
Gewsser, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer nicht grer als
gewhnliche Khne erschienen. Dann wendete sich der "Albatros" nach
Iova, nachdem Iova-City gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war.

Einzelne Hgelketten, die "Bluffs", schlngelten sich von Sden nach
dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre mige Hhe machte keine
besondere Aufsteigung des Aeronefs nthig. Diese Bluffs muten auch
bald noch niedriger werden, um nachher den weiten Ebenen von Iova Platz
zu machen, welche sich ber dessen ganzen nrdlichen Theil, wie ber
Nebraska ausdehnen -- ungeheure Prairien, welche bis zum Fu der
Felsengebirge heranreichen. Da und dort glnzten zahlreiche Rios,
Zuflsse und Nebenflsse des Missouri. An ihren Ufern lagen Stdte und
Drfer, welche jedoch immer seltener wurden, je nachdem der "Albatros"
schneller nach dem Far-West ber sie hinwegglitt.

Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und
Phil Evans blieben sich gnzlich selbst berlassen. Kaum bemerkten sie
einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und die Augen
geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens litt er
nicht etwa an Schwindelzufllen, wie man htte glauben knnen. Wegen
Mangels an Vergleichsobjecten htte sich dieser Schwindel berhaupt
nicht in derselben Weise uern knnen, wie etwa auf dem Dache eines
hohen Gebudes; der Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in
der Gondel eines Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs ber ihm
schwebt, oder vielmehr unter dem Aeronauten ghnt gar kein Abgrund,
sondern der Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt
denselben.

Um zwei Uhr glitt der "Albatros" ber Omaha an der Grenze von Nebraska
hin, ber Omaha-City, den wirklichen Kopf der Pacific-Bahn, jenes
fnfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, der New-York und San
Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man die gelblichen
Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- und
Steinhusern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem Schlo
eines Grtels, der Nordamerika in der Taille umspannt.

Zweifellos muten, whrend die Passagiere des Aeronefs alle diese
Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den seltsamen
Apparat wahrgenommen haben.

Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lften hinschweben zu sehen,
konnte gewi nicht grer sein, als das des Vorsitzenden und des
Schriftfhrers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben zu
befinden.

Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der
Union besprochen wurde; eben diese lieferte eine Erklrung des
Phnomens, mit dem sich seit einiger Zeit die ganze Welt beschftigte.

Eine Stunde spter war der "Albatros" schon ber Omaha hinweg. Der
"Albatros" steuerte jetzt constant nach Westen, indem er sich vom
Platte-River entfernte, dessen Thal die Pacific-Railway durch die
Prairie folgt. Den Onkel Prudent und Phil Evans konnte diese
Wahrnehmung gerade nicht befriedigen.

"Die Sache wird ernsthaft mit diesem sinnlosen Project, uns zu den
Antipoden zu bringen, sagte der Eine.

-- Und noch dazu wider unseren Willen! bemerkte der Andere. O, dieser
Robur soll sich nur in Acht nehmen, ich bin nicht der Mann dazu, mit
mir spielen zu lassen!

-- Ich auch nicht! versicherte Phil Evans. Doch, folgen Sie meinem
Rathe, Onkel Prudent, versuchen Sie sich zu migen ...

-- Mich migen! ...

-- Und bemeistern Sie Ihre Wuth bis zu dem Augenblick, wo es an der
Zeit ist, sie ausbrechen zu lassen."

Gegen fnf Uhr und nach Ueberschreitung der mit Tannen und Cedern
bedeckten schwarzen Berge flog der "Albatros" ber jenen Gebieten hin,
die man mit Recht das "schlimme Land" genannt hat -- ein Chaos von
ockerfarbigen Hgeln, gleichsam von Bergstcken, welche der Schpfer
hatte auf die Erde fallen lassen und die dabei in Trmmer gegangen
waren. Von ferne gesehen, nahmen diese Blcke die phantastischesten
Formen an. Da und dort inmitten dieser ungeheuren Ansammlung von
Bruchstcken erblickte man Ruinen von mittelalterlichen Stdten mit
Forts, Wartthrmen, Laufgrben und Schanzen. Heutzutage bildet dieses
"schlimme oder bse Land" aber nichts als ein gewaltiges Beinhaus, in
dem die Reste von Pachydermen, Chelonien und der Sage nach sogar von
fossilen Menschen bleichen, welche durch eine unbekannte Erdrevolution
in grauer Vorzeit hierher geworfen wurden.

Mit einbrechendem Abend war schon das groe Becken des Platte-River
bersegelt. Jetzt dehnte sich vor dem "Albatros" eine weite Ebene bis
zu dem, durch dessen hohen Standpunkt sehr erweiterten Horizonte aus.

Whrend der Nacht waren es nicht mehr die scharfen Pfiffe der
Locomotive oder die heulenden Tne von Dampfbooten, welche die Ruhe des
gestirnten Firmaments strten. Lang anhaltendes Grunzen und Blcken
drang manchmal bis zu dem, brigens jetzt der Erde nheren Aeronef
hinauf. Dasselbe rhrte von den Bisonheerden her, welche bei Aufsuchung
von Wasserlufen und Weideland durch die Prairie trotteten. Und wenn
jene schwiegen, dann erzeugte das Rascheln des Grases unter ihren Hufen
ein dumpfes Gerusch, hnlich dem Rauschen einer Ueberschwemmung, und
sehr verschieden von dem Schwirren und Sausen der Schrauben.

Von Zeit zu Zeit lie sich wohl auch das Heulen von Wlfen, das Gebell
und Geschrei von Fchsen und Wildkatzen hren oder das scharfe Bellen
von Coyots, jenes canis latrans, dessen Name sich schon durch die
gellenden Tne des Thieres rechtfertigt.

Daneben verbreitete sich ein durchdringender Duft von Minze, Salbei und
Absinth, vermischt mit dem krftigen Harzgeruch von Coniferen, in der
reinen Nachtluft.

Endlich hrte man, um alle vom Erdboden kommenden Gerusche zu
erwhnen, auch eine Art recht unheimlichen Bellens, das aber nicht von
den Coyots herrhrte; das war der Schrei einer Rothhaut, welchen kein
Pionnier des fernen Westens mit dem Geschrei eines Raubthieres
verwechseln knnte.

Am 15. Juni verlie Phil Evans gegen fnf Uhr Morgens seine Cabine.
Vielleicht sollte er an diesem Tage den Ingenieur Robur endlich
wiedersehen.

Begierig, zu erfahren, warum Jener sich am vergangenen Tage gar nicht
gezeigt haben mge, wandte er sich an den Obersteuermann Tom Turner.

Tom Turner, von englischer Herkunft und etwa fnfundvierzig Jahre alt,
breit in der Brust, untersetzt von Gestalt und mit Knochen von Eisen,
hatte einen jener charakteristischen Kpfe  la Hogarth, wie sie dieser
Maler der angelschsischen Hlichkeiten aus seinem Pinsel
hervorgezaubert hat. Wer die Tafel IV von Harlots Progre genauer
betrachtet, der wird auf derselben den Kopf Tom Turner's auf den
Schultern des Gefngniwrters wiederfinden und wird erkennen, da
dessen Physiognomie nicht eben viel Ermuthigendes hat.

"Werden wir heute den Ingenieur Robur sehen? fragte Phil Evans.

-- Wei nicht, antwortete Tom Turner.

-- Ich frage Sie nicht, ob er etwa weggegangen ist.

-- Vielleicht.

-- Auch nicht, wann er zurckkehren knnte.

-- Vermutlich, wenn er mit seiner Cursbestimmung fertig ist."

Hiermit verschwand Tom Turner schon wieder in seinem Ruff.

Phil Evans mute sich wohl oder bel mit dieser Antwort begngen,
welche umso weniger beruhigend erschien, als eine fortgesetzte
Beobachtung des Compasses ihm lehrte, da der "Albatros" noch immer
nach Sdwesten weiter steuerte. Welcher Unterschied aber zwischen dem
seit der Nacht verlassenen Gebiete des schlimmen Landes und der
Landschaft, die sich jetzt unten auf der Erde entrollte!

Nachdem der Aeronef tausend Kilometer von Omaha aus zurckgelegt,
befand er sich ber einer Gegend, welche Phil Evans aus dem Grunde
nicht zu erkennen vermochte, weil er sie vorher noch niemals besucht
hatte. Einige Forts, mit dem Zwecke, die Indianer im Schach zu halten,
bekrnten die Bluffs mit ihren geometrischen Linien, welche mehr aus
Palissaden, als aus Mauerwerk bestanden; Drfer gab es nur wenige und
ebenso wenig Bewohner in diesem von dem goldfhrenden, einige Grade
sdlicher liegenden Gebiete Colorados so auffallend verschiedenen
Landstriche.

In der Ferne erhob sich, vorlufig nur in verschwindenden Umrissen,
eine Reihe von Bergkmmen, welche die aufsteigende Sonne mit feurig
leuchtendem Kranze schmckte.

Das waren die Felsengebirge.

Zum ersten Male an diesem Morgen beobachteten Onkel Prudent und Phil
Evans eine empfindliche Klte. Die Erniedrigung der Temperatur war aber
nicht etwa einem Witterungsumschlage zuzuschreiben, denn die Sonne
leuchtete fortwhrend in hellem Glanze.

"Das wird von der Erhebung des "Albatros" in der Atmosphre herkommen,"
meinte Phil Evans.

In der That war der an der ueren Seite der Thr des mittleren Ruffs
angebrachte Barometer bis auf fnfhundertvierzig Millimeter gesunken --
was einer Erhebung von etwa dreitausend Metern entspricht. Der Aeronef
hielt sich also in einer bedeutenden, brigens durch die gebirgige
Bodenbeschaffenheit bedingten Hhe.

Eine Stunde vorher hatte er sogar eine Hhe von viertausend Metern
bersteigen mssen, denn hinter ihm erhoben sich viele, mit ewigem
Schnee bedeckte Berghupter.

Weder Onkel Prudent noch sein Gefhrte konnten sich erinnern, welches
Land das wohl wre. Im Laufe der Nacht hatte der "Albatros" ja einen
anderen Weg nach Norden oder Sden einhalten knnen, und bei seiner
bermigen Schnelligkeit gengte das, sie schon sehr weit zu
verschlagen.

Nachdem sie verschiedene mehr oder weniger annehmbare Hypothesen
besprochen, einigten sie sich darber, da das vorliegende, von einem
kreisfrmigen Bergwall umrahmte Gebiet dasselbe sein werde, welches
durch Congreacte vom Mrz 1872 zum Nationalpark der Vereinigten
Staaten erklrt worden war.

Sie hatten hiermit Recht, und jenes Gebiet verdient vollstndig den
Namen eines Parks, aber eines solchen mit Bergen statt der Hgel, mit
Seen statt der Teiche, mit Strmen statt der Bche, mit tiefen Wldern
statt knstlich angelegter Labyrinthe, und als Springbrunnen schmckten
denselben wirkliche Geyser von erstaunlicher Mchtigkeit.

Nach wenig Minuten glitt der "Albatros", den Stevensonberg rechts
liegen lassend, ber den Yellowstone-Flu hin und gelangte nach dem
groen See, der den Namen jenes Flusses trgt. Welch' reiche
Abwechslung im Zuge der Ufer dieses Wasserbeckens, deren flachere, mit
Obsidianen und kleinen Krystallen besete Rnder die Sonnenstrahlen in
unzhligen Facetten widerspiegelten! Wie launenhaft liegen die Inseln
ber seine Oberflche zerstreut! Wie wunderbar blau wirft dieser
Riesenspiegel die Farbe des Himmels zurck! Und rings um diesen See --
brigens einer der hchstgelegenen der ganzen Erde -- schwammen und
flatterten ganze Wolken verschiedener Vgel, wie Pelikane, Schwne,
Mven, Gnse, Rothgnse und Tauchervgel. Einige der Strecken des
steiler abfallenden Uferlandes trugen ein immergrnes Gewand von
Fichten- und Lrchenbumen, whrend am Fue seiner Bschungen unzhlige
weie Dampfquellen emporwirbelten. Dieser Dampf entsteigt dem Erdboden
wie aus einem ungeheuren Kessel, in dem das Wasser durch das Feuer des
Erdinneren in fortwhrendem Sieden erhalten wird.

Fr den Koch wre jetzt oder niemals eine gnstige Gelegenheit gewesen,
sich mit reichlichem Vorrathe von Forellen zu versorgen, welche
Fischart die einzige ist, die der Yellow-See, aber auch zu Myriaden,
ernhrt. Der "Albatros" hielt sich jedoch stets in einer solchen Hhe,
da ein Fischzug, der unzweifelhaft von eintrglichem Erfolge gewesen
wre, sich nicht htte ausfhren lassen.

Uebrigens wurde der See schon binnen dreiviertel Stunden und wenig
spter das Gebiet der Geyser, die mit den schnsten in Island
wetteifern, berschritten. Ueber das Verdeck hinaus gebeugt,
beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans die flssigen Sulen, die
hoch aufstiegen, als sollten sie dem Aeronef noch ein neues
Kraftelement zufhren. Es waren das "der Fcher", dessen Dmpfe sich
kreisfrmig ausbreiten; "das befestigte Schlo", das sich gleichsam
durch Trombenschsse zu vertheidigen scheint; "der alte Treue" mit
seiner von Regenbogen begrenzten Flssigkeitssule, und "der Riese",
durch den der innere Druck einen lothrechten Strom von fnfundzwanzig
Fu Umfang auf mehr als zweihundert Fu Hhe emporschleudert.

Robur schien die Wunder dieses unvergleichlichen Schauspiels, das gewi
in der Welt einzig dasteht, schon zur Genge zu kennen, denn er
erschien nicht auf dem Verdeck.

Sollte er den Aeronef nur zum Vergngen seiner Gste ber dieses
National-Eigenthum hingefhrt haben? Wenn diese Voraussetzung auch
vielleicht zutraf, so entzog er sich doch ihren Dankesbezeugungen. Er
lie sich nicht einmal durch die khne Fahrt quer durch die
Felsengebirge, welche der "Albatros" gegen sieben Uhr Morgens
erreichte, aus seiner Ruhe stren.

Es ist bekannt, da dieses orographische System sich gleich einem
gewaltigen Rckgrat von den Lenden Nordamerikas bis zu dessen Halse hin
ausdehnt, indem es eine Fortsetzung der mexikanischen Anden bildet. Das
Ganze erreicht eine Lnge von dreitausendfnfhundert Kilometern und hat
seinen hchsten Punkt im Pic-James, der bis fast zwlftausend Fu hoch
aufragt.

Gewi htte der "Albatros" durch Vermehrung seiner Flgelschlge,
gleich einem im Aether dahineilenden Vogel, auch die hchsten Gipfel
dieser Ketten berfliegen knnen, um dann wie mit Riesenschwingen nach
Oregon und Utah hinabzusteigen. Dieses Manver war aber nicht einmal
nothwendig, da es hier Psse giebt, um durch die Bergkette zu gelangen,
ohne deren Kamm zu bersteigen. Man findet verschiedene solcher
"Caons", eine Art mehr oder weniger enger Schluchten, durch welche man
nur schwer gelangen kann -- die einen, wie der Bridger-Pa, dem auch
die Pacific-Bahn folgt, um in das Mormonengebiet einzudringen, die
anderen etwas weiter im Norden oder im Sden.

In einen dieser Caons lenkte der "Albatros" ein, nachdem er seine
Geschwindigkeit vermindert hatte, um jedenfalls ein Anstoen an die
Wnde der Schlucht zu vermeiden. Der Steuermann, dessen ungemein
sichere Hand die vorzgliche Wirksamkeit des Steuerruders in besonders
helles Licht setzte, lenkte denselben, wie er es mit einem Boote ersten
Ranges beim Wettfahren des Royal Thames Club gethan htte. Es war in
der That bewunderungswrdig anzusehen. Und trotz des Widerwillens, den
die beiden Feinde des "Schwerer, als die Luft" noch immer empfanden,
muten sie doch entzckt sein ber die Vollkommenheit dieser sich durch
den Luftraum bewegenden Maschine.

Binnen weniger als zweiundeinerhalben Stunde wurde die gewaltige
Bergkette durchfahren und der "Albatros" nahm seine gewhnliche
Geschwindigkeit von hundert Kilometer (in der Stunde) wieder an. Er
steuerte jetzt auf's Neue dem Sdwesten zu, um nicht gar zu hoch ber
dem Erdboden das Gebiet von Utah schrg zu durchschneiden. Dabei war er
bis auf wenige hundert Meter gesunken, als die Tne einer Pfeife die
Aufmerksamkeit des Onkel Prudent und Phil Evans' erregten.

Diese kamen von einem Zuge der Pacific-Bahn her, welcher der Stadt am
groen Salzsee zudampfte.

In diesem Augenblick senkte sich auf geheimen Befehl der "Albatros"
noch weiter, um dem mit voller Dampfkraft dahinfahrenden Zuge zu
folgen. Er wurde sofort bemerkt. Einige Kpfe erschienen an den Thren
der Waggons. Dann drngten sich bald zahlreiche Passagiere auf den
kleinen Laufbrcken, welche die amerikanischen "Cars" mit einander
verbinden. Einzelne wagten es sogar, die Doppelwagen des Trains zu
erklettern, um die Flugmaschine besser sehen zu knnen. Laute Hipps und
Hurrahs drhnten durch die Luft, hatten aber nicht den Erfolg, Robur
erscheinen zu lassen.

Das Spiel seiner Schrauben weiter verlangsamend, stieg der "Albatros"
noch immer tiefer hinunter und verminderte auch seine horizontale
Schnelligkeit, um den Bahnzug, den er bequem htte berholen knnen,
nicht hinter sich zu lassen. So flog er ber diesen hin, wie ein
ungeheurer Kfer, whrend er doch htte einem riesenhaften Raubvogel
gleichen knnen. Jetzt schwenkte er wie spielend nach rechts und nach
links ab, scho einmal vorwrts und kehrte auf demselben Wege wieder
zurck, auch hatte er stolz die schwarze Flagge mit der goldenen Sonne
gehit, worauf der Zugfhrer als Antwort das Banner mit den
siebenunddreiig Sternen der amerikanischen Union schwenkte.

Vergeblich versuchten die beiden Gefangenen, die sich jetzt darbietende
Gelegenheit zu bentzen, um Kunde davon zu geben, was aus ihnen
geworden wre. Vergebens rief der Vorsitzende des Weldon-Instituts mit
Stentorstimme:

"Ich bin Onkel Prudent aus Philadelphia!"

Und der Schriftfhrer.

"Ich bin Phil Evans, sein College!"

Ihre Rufe verhallten in den tausend Hurrahs, mit denen die Passagiere
des Zugs die merkwrdige Erscheinung des Luftschiffes begrten.

Inzwischen waren drei bis vier Mann vom Aeronef auf dem Verdeck
desselben erschienen und Einer von ihnen lie -- wie es Seeleute zu
thun pflegen, wenn sie ein langsamer fahrendes Schiff berholen -- nach
dem Zuge ein Stck Tau hinab -- ein ironisches Angebot, ihn in's
Schlepptau zu nehmen.

Dann nahm der "Albatros" sofort seinen gewhnlichen Gang wieder an und
nach einer halben Stunde hatte er jenen Exprezug, dessen letzte
Dampfwlkchen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, schon weit
hinter sich gelassen.

Gegen ein Uhr Mittags wurde eine sehr groe Scheibe sichtbar, welche
die Sonnenstrahlen gleich einem ungeheuren Reflector zurckwarf.

"Das mu die Hauptstadt der Mormonen, Salt-Lake-City, sein!" sagte
Onkel Prudent.

In der That war es die groe Salzsee-Stadt und jene convexe Scheibe war
das Dach des Tabernakels, das bequem zehntausend Heilige aufnehmen
kann. Wie ein erhabener Spiegel zerstreute derselbe die Strahlen der
Sonne nach allen Richtungen hin.

Hier dehnte sich die groe Stadt aus am Fue der Wasatsh-Berge, welche
bis zur halben Hhe mit Cedern und Fichten bedeckt sind, und am Ufer
jenes Jordan, der die Gewsser von Utah in den groen Salzsee ergiet.
Unter dem Aeronef breitete sich das Damenbrett aus, welches die meisten
amerikanischen Stdte bilden -- hier ein Damenbrett mit "mehr Damen als
Feldern", da die Polygamie bei den Mormonen in so hoher Blthe steht.
Die Landschaft im Umkreise zeigte sich jedoch gut bestellt und
cultivirt, auch reich an Spinnfaserpflanzen, whrend sich Schafheerden
von mehr als tausend Kpfen vielfach umhertummelten.

Aber das Ganze verblate wie ein Schatten, und der "Albatros" flog
jetzt nach Sdwest mit gesteigerter Geschwindigkeit, welche ziemlich
fhlbar wurde, weil sie die des Windes bertraf.

Bald darauf schwebte der Aeronef ber dem Staate Nevada und seinen
silberfhrenden Gebieten, die nur die Sierra von den goldfhrenden
Lndereien Kaliforniens trennt.

"Wir knnen auf jeden Fall erwarten, San Francisco noch vor dem Abend
zu sehen, sagte Phil Evans.

-- Und dann? ..." antwortete Onkel Prudent.

Es war jetzt um sechs Uhr Nachmittags, als die Sierra Nevada durch
denselben Einschnitt von Truckie berschritten wurde, der auch der Bahn
als Bergpa dient. Von hier aus hatte man nur noch dreihundert
Kilometer zurckzulegen, um, wenn nicht San Francisco, so doch
mindestens Sacramento, die Hauptstadt von Californien, zu erreichen.

Die dem "Albatros" jetzt verliehene Geschwindigkeit war eine so groe,
da noch vor acht Uhr die Kuppel des Capitols am westlichen Horizonte
auftauchte, nur um bald wieder am entgegengesetzten zu verschwinden.

Eben jetzt zeigte sich Robur auf dem Verdeck. Die beiden Collegen
gingen auf ihn zu.

"Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, wir befinden uns nun an den
Grenzen Amerikas. Wir meinen, dieser Scherz knnte nun sein Ende
finden.

-- Ich scherze nie," antwortete Robur.

Er gab ein Zeichen; der "Albatros" senkte sich schnell abwrts, doch
gleichzeitig nahm er eine solche Schnelligkeit an, da sich Alle in die
Ruffs flchten muten.

Kaum hatte sich die Thr der Cabine hinter den beiden Collegen
geschlossen, als Onkel Prudent rief:

"Nur noch etwas mehr und ich erwrge ihn!

-- Wir mssen versuchen, zu entfliehen, rieth Phil Evans.

-- Ja ... es koste, was es wolle!"

Da klang ein langes Gemurmel bis zu ihnen herein.

Das war das Grollen des Meeres, das gegen die Kstenfelsen brandete. Es
war der Pacifische Ocean.




IX.

In dem der "Albatros" fast zehntausend Kilometer zurcklegt und das mit
einem merkwrdigen Sprunge endigt.



Onkel Prudent und Phil Evans waren fest entschlossen, zu fliehen.
Htten sie es nur zu dreien mit den acht, allerdings sehr krftigen
Mnnern zu thun gehabt, welche die Besatzung des Aeronefs bildeten, so
wrden sie den Kampf vielleicht gewagt haben. Ein khner Handstreich
htte sie zu Herren an Bord gemacht und ihnen die Mglichkeit gegeben,
an einem beliebigen Punkte der Vereinigten Staaten niederzugehen. Zu
Zweien aber -- denn Frycollin konnte ja nur als verschwindende Gre
gezhlt werden -- war daran nicht wohl zu denken; da jede
Gewaltanwendung also ausgeschlossen blieb, muten sie, sobald der
"Albatros" einmal zur Erde hinabging, zur List ihre Zuflucht nehmen.
Das bemhte sich auch Phil Evans seinem wuthschnaubenden Collegen
beizubringen, da er von diesem immer noch eine gewaltthtige
Uebereilung frchtete, welche ihre Lage nur verschlimmern konnte.

Jedenfalls war jetzt kein gnstiger Augenblick. Der Aeronef glitt in
schnellster Gangart eben ber den Nordpacifischen Ocean hin. Schon am
nchsten Morgen, dem des 16. Juni, sah man nichts von der Kste, und da
diese von der Insel Vancouver bis zur Gruppe der Aluten -- das ist der
frheren russischen Besitzung in Amerika, welche 1867 an die Vereinigten
Staaten abgetreten wurde -- in einem groen Bogen verluft, so hatte es
den Anschein, als ob der "Albatros" letztere an dem vorspringendsten
Bogentheile kreuzen sollte, wenigstens wenn die jetzt eingehaltene
Fahrtrichtung nicht verndert wurde.

Wie lang erschienen die Nchte jetzt den beiden Collegen! Sie beeilten
sich auch jeden Morgen, ihre Cabine zu verlassen. Als sie heute nach
dem Deck kamen, war der Horizont im Osten schon vollstndig hell. Man
nherte sich ja der Sommersonnenwende, dem lngsten Tage auf der
nrdlichen Halbkugel, an dem es unter dem 60. Breitengrade eigentlich
kaum Nacht wird.

Der Ingenieur Robur dagegen schien -- ob aus Gewohnheit oder mit
Absicht -- keine besondere Eile zu haben, seinen Ruff zu verlassen; und
als das heute endlich geschah, begngte er sich, seine beiden Gste zu
begren, als er auf dem Hintertheile des Aeronef ihren Weg kreuzte.

Inzwischen hatte sich auch Frycollin mit vor Schlaflosigkeit gertheten
Augen, glanzlosem Blicke und schlotternden Beinen aus seiner Cabine
gewagt. Er ging dahin wie Einer, dessen Fu es empfindet, da dem Boden
darunter nicht recht zu trauen ist. Sein erster Blick richtete sich
nach der Auftriebsmaschinerie, die, ohne sich zu beeilen, mit
beruhigender Regelmigkeit arbeitete.

Danach begab sich der immerfort schwankende Neger nach der Reeling und
ergriff diese mit beiden Hnden, um sich, mehr Gleichgewicht zu
sichern. Offenbar wnschte er einen Ueberblick ber das Land zu
gewinnen, das der "Albatros" jetzt in der Hhe von hchstens
zweihundert Metern berflog.

Frycollin hatte sich tchtig zusammennehmen mssen, um einen solchen
Versuch zu wagen. Es bedurfte ja, seiner Meinung nach, einer gewissen
Khnheit, seine werthe Person einer solchen Gefahr auszusetzen.

Vor der Reeling stehend, hielt Frycollin erst den Krper nach rckwrts
geneigt, dann schttelte er an derselben, um ihre Haltbarkeit zu
prfen; nachher richtete er sich auf, beugte sich etwas nach vorwrts
und steckte endlich den Kopf ein wenig hinaus. Wir brauchen wohl nicht
zu bemerken, da er whrend der Dauer dieses Experimentes beide Augen
fest geschlossen hielt. Endlich ffnete er dieselben.

Hei, wie schrie er da laut, wie flog er eiligst zurck und wie verkroch
sich sein Kopf zwischen den Schultern!

Unter dem Abgrunde hatte er den ungeheuren Ocean erblickt. Wren seine
Haare nicht gar zu krank gewesen, sie htten sich gewi ber der Stirn
gestrubt.

"Das Meer! Das Meer! ..." schrie er auf.

Frycollin wre lang auf das Verdeck hingestrzt, wenn der Koch nicht
die Arme ausgebreitet htte, ihn aufzufangen.

Dieser Koch war ein Franzose, vielleicht ein Gascogner, obwohl er sich
Franois Tapage nannte. Wenn er nicht Gascogner war, so mute er
whrend seiner Kindheit die Brisen der Garonne eingesaugt haben. Wie
dieser Franois Tapage aber in die Dienste des Ingenieurs gekommen,
durch welche Reihe von Zuflligkeiten er unter die Mannschaft des
"Albatros" gerathen war, das wute kein Mensch. Jedenfalls sprach
dieser Schlaukopf englisch trotz jedem Yankee.

"Heda, aufrecht, zum Teufel, herauf! rief er, den Neger mit krftigem
Handgriffe aufrichtend.

-- Master Tapage! ... antwortete der arme Teufel, einen
verzweiflungsvollen Blick nach den Schrauben werfend.

-- Was willst Du denn, Frycollin?

-- Geht das manchmal entzwei?

-- Manchmal nicht, aber es wird einmal entzwei gehen.

-- Warum? ... Warum denn? ...

-- Weil zuletzt Alles einmal zum Kuckuk geht, wie man bei mir zu Hause
sagt.

-- Ja, aber da ist ja das Meer darunter? ...

-- Im Fall eines Sturzes ist das viel besser.

-- Doch da mu man ertrinken!

-- Man ertrinkt freilich, aber man behlt seine Knochen", erwiderte
Franois Tapage zuversichtlich.

Wie eine Schlange dahinkriechend, war Frycollin gleich darauf tief
hinein in seine Cabine geschlichen.

Im Laufe des 16. Juni hielt der Aeronef nur eine mittlere
Geschwindigkeit ein. Er schien an der Oberflche dieses so ruhigen
Meeres, das im vollen Sonnenschein glnzte, fast hinzustreichen, da er
sich kaum hundert Fu ber demselben hielt. Heute nun waren Onkel
Prudent und sein Gefhrte in ihrer Cabine zurckgeblieben, um Robur
nicht zu begegnen, der rauchend, bald allein, bald mit seinem
Obersteuermann Tom Turner, auf dem Deck umherging. Nur die halbe Anzahl
Schrauben war in Thtigkeit, doch gengte schon, den Apparat in den
niedrigeren Zonen der Atmosphre zu erhalten.

Unter diesen Verhltnissen htte die Mannschaft auer dem Vergngen
eines Fischzugs sich noch die Befriedigung bereiten knnen, in ihren
gewohnten Speisezettel eine Abwechslung zu bringen, wenn das Wasser des
Stillen Oceans fischreich genug wre. Auf dessen Oberflche zeigten
sich aber nur einzelne Walfische, von der Art mit gelbem Bauche, welche
gegen fnfundzwanzig Meter in der Lnge mit. Gerade diese kennt man
als die furchtbarsten Cetaceer der nrdlichen Meere. Die Fischer von
Beruf hten sich weislich, dieselben anzugreifen, so gefhrlich knnen
die Thiere werden.

Immerhin konnte man wohl die Harpunirung eines jener Walfische entweder
mit der Flechter'schen Rakete oder mit der Wurfbombe versuchen, und von
beiden hatte man eine Auswahl an Bord.

Wozu aber diese unntze Schlchterei? Wahrscheinlich wollte Robur nur
den beiden Mitgliedern des Weldon-Instituts zeigen, wozu er seinen
Aeronef Alles verwenden knne, und deshalb sollte auf einen der
gewaltigen Cetaceer Jagd gemacht werden.

Auf den Ruf: "Walfische! Walfische!" eilten Onkel Prudent und Phil
Evans aus ihren Cabinen. Vielleicht war ein Schiff, ein sogenannter
Walfischfahrer, in Sicht. In diesem Falle wren Beide, um ihrem
Gefngnisse zu entfliehen, entschlossen gewesen, sich in's Meer zu
strzen, auf die schwache Hoffnung hin, von einem Fahrzeug aufgenommen
zu werden.

Schon stand die ganze Mannschaft des "Albatros" geordnet und jedes
Befehls gewrtig auf dem Verdeck und wartete.

"Wir wollen's also versuchen, Master Robur? fragte der Obersteuermann
Tom Turner.

-- Ja, Tom," antwortete der Ingenieur.

In den Ruffs fr die Maschinerie standen der Mechaniker und seine
Gehilfen auf Posten, um jedes Manver auszufhren, das ihnen durch
Zeichen anbefohlen wurde. Der "Albatros" senkte sich sofort nach dem
Meere zu und hielt etwa fnfzig Fu darber an.

Wie die beiden Collegen sich berzeugen konnten, war hier kein Schiff
in Sicht, so wenig wie eine Kste, welche sie htten schwimmend
erreichen knnen, vorausgesetzt, da Robur sie nicht wieder ergreifen
lie.

Mehrere Dunst- und Wasserstrahlen, welche sie durch die Nasenlcher
austrieben, verkndeten die Anwesenheit von Walfischen, welche, um zu
athmen, einmal auf die Oberflche kamen.

Tom Turner hatte sich, untersttzt von einem seiner Kameraden, am
Vordertheil aufgestellt. Ihm nahe zur Hand lag eine jener Wurfbomben
californischen Fabrikats, welche mit einer Art Bchse abgeschossen
werden. Jene besteht aus einem Metallcylinder, der mit einer ebenso
geformten Bombe endigt, welche in eine Stange mit widerhakigen Spitzen
ausluft. Von dem Vordercastell aus, das er eben bestieg, gab Robur mit
der rechten Hand dem Mechaniker und mit der linken Hand dem Steuermann
die nthigen Zeichen, wie sie manvriren sollten; so beherrschte er den
Aeronef sowohl in wagrechter, wie in senkrechter Richtung.

"Ein Walfisch! ... Ein Walfisch!" rief Tom Turner noch einmal.

Eben tauchte wirklich der Rcken eines solchen Cetaceers etwa vier
Kabellngen vor dem "Albatros" auf.

Der Aeronef strzte gleichsam auf ihn zu und hielt, als er sich kaum
noch sechzig Fu ber dem Thiere befand, schnell an.

Tom Turner hatte seine, in einer an der Reeling befestigten Gabel
liegende Bchse angeschlagen. Der Schu krachte und das Gescho, das
eine lange, mit ihrem Ende am Verdeck angebundene Leine mit sich ri,
schlug in den Krper des Walfisches ein. Die mit leicht entzndlichen
Stoffen gefllte Bombe explodirte und schleuderte dabei eine Art
kleinere, zweiarmige Harpune, die sich in das Fleisch des Thieres
einkrallte.

"Achtung!" rief Tom Turner. Trotz ihrer herzlich schlechten Laune
betrachteten Onkel Prudent und Phil Evans dieses Schauspiel doch mit
aufrichtigem Interesse.

Der schwer verwundete Walfisch hatte das Meer mit dem Schwanze so
furchtbar gepeitscht, da das Wasser bis zum Vordertheil des Aeronefs
hinaufspritzte; dann tauchte derselbe bis zu groer Tiefe hinab,
whrend man die Leine schnell nachgleiten lie; letztere war brigens
in einem mit Wasser gefllten Fasse zusammengelegt, um durch die
Reibung nicht Feuer zu fangen. Als der Walfisch wieder an die
Oberflche kam, suchte er so schnell als mglich in der Richtung nach
Norden zu entfliehen.

Der Leser kann sich leicht vorstellen, mit welch' rasender
Schnelligkeit der "Albatros" dabei geschleppt wurde, denn die
Triebschrauben waren vorher angehalten worden. Man berlie das Thier
ganz sich selbst und hielt sich nur im gleicher Linie mit ihm. Tom
Turner stand bereit, die Leine zu kappen, wenn ein erneutes Tauchen
dieses Schleppen gefhrlich machte.

So wurde der "Albatros" etwa eine halbe Stunde lang und vielleicht eine
Entfernung von sechs Meilen weit hingezerrt; dann merkte man aber, da
der Cetaceer zu erlahmen anfing.

Jetzt lieen die Hilfsmaschinisten das Triebwerk nach rckwrts
arbeiten und die Triebschrauben setzten dem Walfisch, der sich dem Bord
mehr und mehr nherte einen gewissen Widerstand entgegen.

Bald schwebte der Aeronef nur noch fnfundzwanzig Fu ber demselben;
noch immer peitschte sein Schweif das Wasser mit fast unglaublicher
Gewalt, und wenn er sich vom Bauch auf den Rcken drehte, whlte das
Thier eine wirkliche Brandung auf.

Pltzlich richtete es sich, so zu sagen, gerade in die Hhe und tauchte
mit solcher Schnelligkeit unter, da Tom Turner kaum Zeit hatte, ihm
die Leine gehrig nachschieen zu lassen.

Mit einem Male wurde der Aeronef bis zur Wasserflche herabgezerrt; an
der Stelle, wo das Thier verschwunden war, hatte sich ein vollstndiger
Wirbel gebildet, und ber die Reeling hinein schlug das Wasser, wie es
ber den Bug eines Schiffes geht, gegen Wind und Wellen luft.

Glcklicher Weise trennte Tom Turner noch rechtzeitig mit einem
Axthiebe die Leine, und der nun befreite "Albatros" stieg unter dem
Drucke seiner Auftriebschrauben zweihundert Meter empor.

Auch whrend dieses aufregenden Zwischenfalls hatte Robur den Apparat
geleitet, ohne da ihn seine Kaltbltigkeit nur einen Augenblick
verlassen htte.

Einige Minuten spter kam der Walfisch wieder an die Oberflche --
diesmal aber todt.

Von allen Seiten flatterten die Seevgel herzu, um sich des Cadavers zu
bemchtigen, und stieen Schreie aus, welche einen sich zankenden
Congre taub gemacht htten.

Der "Albatros", der mit der todten Beute doch nichts beginnen konnte,
setzte seinen Weg nach Westen fort.

Am folgenden Tage, am 17. Juni, Morgens um 6 Uhr, erstreckte sich am
Horizonte Land hin. Es war die Halbinsel Alaska und die lange
Klippenreihe der Aluten.

Der "Albatros" zog ber dieser Barrire hin, an der es von Pelzseehunden
wimmelte, welche die Alutier fr Rechnung der russisch-amerikanischen
Gesellschaft jagen. Der Fang dieser sechs bis sieben Fu langen, fast
rosenrothen und zwei-, drei- bis fnfhundert Pfund wiegenden Amphibien
ist fr sie ein sehr gutes Geschft. Dieselben lagen hier in endloser
Reihe wie in Schlachtordnung und in Abertausenden von Exemplaren.

Wenn sie sich durch das Vorberkommen des "Albatros" nicht in ihrer
phlegmatischen Ruhe stren lieen, so war das nicht der Fall mit den
Tauchervgeln, Polarenten und Eistauchern, deren heiseres Geschrei die
Luft erfllte und welche unter dem Wasser verschwanden, als ob ein
entsetzliches Luftungeheuer sie bedrohte.

Die zweitausend Kilometer des Bering-Meeres von den ersten Aluten bis
zur uersten Spitze von Kamtschatka wurden whrend der vierundzwanzig
Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht zurckgelegt. Um ihren
Fluchtplan in's Werk zu setzen, befanden sich Onkel Prudent und Phil
Evans nicht gerade in gnstigen Verhltnissen, denn weder an dem den
Strande des nrdlichsten Asiens, noch ber dem Ochotskischen Meere
htten sie mit auch nur einiger Aussicht auf glcklichen Erfolg
entweichen knnen.

Allem Anscheine nach wandte sich der "Albatros" nach der Gegend von
Japan oder China zu. Wenn es auch nicht sehr weise sein mochte, sich
auf die Untersttzung von Chinesen oder Japanesen zu verlassen, waren
die beiden Collegen doch fest entschlossen, zu fliehen, wenn der
Aeronef an irgend einem Punkte dieser Lnder anhalten sollte.

Doch wrde er denn Halt machen? Es lag ja bei ihm nicht so, wie bei
einem Vogel, der durch langen Flug endlich ermdet, oder wie bei einem
Ballon, der wegen Gasmangel genthigt wird, einmal niederzugehen. Der
Aeronef besa noch fr mehrere Wochen aushaltende Vorrte aller Art,
und seine Organe von wunderbarer Soliditt straften jede Erwartung auf
Schwche oder Trgheit Lgen.

Nach scharfer Fahrt ber die Halbinsel Kamtschatka, von der man kaum
die Niederlassung von Petropaulowsk und den Vulcan von Klutschew sah,
und nach der weiteren, ber das Ochotskische Meer, nahezu in der Hhe
der Kurilen, welche darin einen von Hunderten von Canlen
unterbrochenen Damm bilden, erreichte der "Albatros" am 19. Juni die La
Prouse-Strae zwischen der Nordspitze von Japan und der Insel
Sachalien an dem kleinen Einschnitt, in welchen sich der groe
sibirische Strom, der Amur, ergiet.

Nachher erhob sich ein dichter Nebel, den der Aeronef unter sich lassen
wollte, wenn er auch nicht gezwungen war, denselben zu meiden, um
weiter zu fahren, denn in der von ihm jetzt eingenommenen Hhe hatte er
kein Hinderni zu frchten, weder hhere Bauwerke, an welche er htte
anstoen knnen, noch Berge, an welchen er sich im Fluge zu zertrmmern
Gefahr gelaufen wre. Das Land war kaum wellenfrmiger Natur. Die
Dnste machten sich aber doch zu unangenehm fhlbar, da sie Alles an
Bord durchnten.

Es bedurfte ja nichts weiter, als sich ber diese Nebelschicht, welche
drei- bis vierhundert Meter stark sein mochte, zu erheben. Die
Schrauben wurden also in schnelle Umdrehung versetzt, und oberhalb des
Nebels fand der "Albatros" wieder den reinen, vom Sonnenlicht gebadeten
Himmel.

Unter diesen Verhltnissen htten Onkel Prudent und Phil Evans Mhe
gehabt, ihren Fluchtversuch auszufhren, selbst wenn sie den Aeronef
htten verlassen knnen.

An diesem Tage blieb Robur, als er einmal an ihnen vorberkam, wie
zufllig stehen und sagte, ohne uerlich seinen Worten besondere
Bedeutung beizulegen:

"Meine Herren, ein Segel- oder Dampfschiff, das in einen Nebel gerieth,
dem es nicht entrinnen kann, ist immer sehr genirt, es fhrt nur unter
fortwhrendem Pfeifen oder unter den Tnen des Nebelhorns weiter. Es
mu seine Fortbewegung verlangsamen und hat trotz aller Vorsicht jeden
Augenblick eine Collision zu befrchten. Der "Albatros" kennt solche
Sorgen nicht. Was kmmern ihn die Nebel, da er sich ihnen entziehen
kann? Ihm gehrt das Luftmeer, die ganze weite Atmosphre!"

Nach diesen Worten ging Robur ruhig weiter, ohne eine Antwort
abzuwarten, die er auch gar nicht verlangte, und die blauen Wlkchen
seiner Pfeife zerflossen im Azur.

"Onkel Prudent, begann da Phil Evans, es scheint, als ob dieser
merkwrdige "Albatros" ganz und gar nichts zu frchten habe.

-- Das werden wir noch sehen!" antwortete der Vorsitzende des
Weldon-Instituts.

Der Nebel hielt drei Tage lang, den 19., 20. und 21. Juni, mit
beklagenswerther Zhigkeit an. Man hatte hoch steigen mssen, um
die japanesischen Gebirge von Fuji-Yama zu vermeiden. Als dieser
Nebelvorhang aber zerrissen war, gewahrte man eine ungeheure Stadt mit
Palsten, Villen, Thrmchen, Grten und Parks. Selbst ohne dieselben zu
sehen, htte Robur sie schon erkannt an dem Gebell der Tausende von
Hunden, an dem Schreien der Raubvgel und vor Allem an dem Leichengeruch,
den die Krper von Hingerichteten in weitem Umkreise verbreiteten.

Die beiden Collegen befanden sich auf dem Deck, als der Ingenieur eben
das Besteck machte, fr den Fall, da er seine Fahrt wieder im Nebel
fortzusetzen gezwungen wre.

"Meine Herren, begann er, ich habe keinen Grund, Ihnen zu
verheimlichen, da diese Stadt Yeddo, die Hauptstadt von Japan ist."

Onkel Prudent antwortete nicht. In Gegenwart des Ingenieurs keuchte er
nur, als wenn es seinen seinen Lungen an Luft fehlte.

"Dieser Anblick Yeddos ist wirklich recht merkwrdig.

-- So merkwrdig er auch sein mag ... versetzte Phil Evans.

-- So bleibt er doch hinter dem von Peking zurck, unterbrach ihn der
Ingenieur. Das ist meine Meinung auch, -- und Sie werden binnen Kurzem
selbst darber urtheilen knnen."

Unmglich htte der Mann liebenswrdiger sein knnen.

Der "Albatros", der bisher auf Sdost zuhielt, vernderte jetzt seine
Richtung um vier Compastriche, um im Osten eine neue Route
aufzusuchen.

Whrend der Nacht zerstreute sich der Nebel, dagegen erschienen
Anzeichen eines nicht weit entfernten Typhons, denn der Barometer fiel
sehr rasch, alle Dunstmassen verschwanden, am fast kupferfarbenen
Grunde des Himmels ballten sich groe elliptische Wolken zusammen und
am entgegensetzten Horizont glhten lange, carminrothe Streifen, die
sich vom schieferblauen Hintergrunde abhoben, im Norden aber war ein
Theil des Himmels vllig klar. Das Meer lag zwar still; sein Wasser
nahm jedoch mit Sonnenuntergang eine dunkle Scharlachfarbe an.

Zum Glck entfesselte sich dieser Typhon mehr im Sden und hatte hier
keine weiteren Folgen, als da er die seit drei Tagen angehuften
Nebelmassen zertheilte.

Binnen einer Stunde hatte man die zweihundert Kilometer der Meerenge
von Korea und nachher die vorspringendste Spitze dieser Halbinsel
berschritten; whrend der Typhon an den Sdostksten von China
wthete, wiegte sich der "Albatros" ber dem Gelben Meere, und whrend
des 22. und 23. ber dem Golf von Petscheli; am 24. glitt er das Thal
des Pei-Ho hinauf und gelangte endlich ber die Hauptstadt des
Himmlischen Reiches.

Ueber die Reling hinausgebeugt, konnten die beiden Collegen -- wie es
der Ingenieur vorausgesagt -- sehr deutlich die ungeheure Stadt sehen,
die Mauer, welche sie in zwei ungleiche Hlften, die Mandschu- und die
Chinesenstadt, theilt, ebenso wie die zwlf sie umgebenden Vorstdte, die
breiten, nach dem Mittelpunkte zu verlaufenden Alleestraen, die Tempel,
deren gelbe oder grne Dcher in der aufgehenden Sonne erglnzten, die
Parks, welche sich um die Palste der Mandarinen ausdehnen; ferner,
inmitten der Mandschustadt, die sechshundertachtundsechzig Hektar (=
1/8 geogr. Quadratmeile) groe Gelbe Stadt mit ihren Pagoden, ihren
kaiserlichen Grten, knstlichen Seen, dem die ganze Stadt berragenden
Kohlenberge, und endlich unterschieden sie in der Mitte der Gelben
Stadt, gleich einer jener wunderbaren chinesischen in einander
geschachtelten Arbeiten, die Rothe Stadt, d. i. den eigentlichen
Kaiserpalast, mit allen Phantasien seiner fast unglaublichen
Architektur.

Eben jetzt ertnte die Luft unter dem "Albatros" von einer seltsamen
Harmonie; man htte ein Concert von Aeolsharfen zu hren vermeint. In
der Luft schwankten nmlich gegen hundert verschieden geformte Drachen
aus Palmen- oder Pandanuspapier umher, deren oberen Theil eine Art
leichten hlzernen Bogens bildete, welcher durch ein ganz dnnes
Bambusstbchen gespannt erhalten wurde. Unter dem schwachen Windhauche
erzeugten alle diese saitenartigen, verschiedene, denen einer Harmonika
hnliche Tne gebenden Stbchen ein leises Gesumme von hchst
melancholischer Wirkung. Es machte den Eindruck, als ob man hier in der
Hhe -- musikalischen Sauerstoff einathme.

Da fiel es Robur ein, sich diesem Luftorchester zu nhern, und langsam
tauchte der "Albatros" in die tnenden Wellen herab, welche die Drachen
nach der Atmosphre entsandten.

Pltzlich entstand in der fast zahllosen Bevlkerung tief unten eine
auerordentliche Aufregung. Tamtamschlge und andere entsetzliche
Instrumente des chinesischen Orchesters erschallten, Flintenschsse
krachten und hundertfach hmmerten die Leute auf groen Mrsern herum,
Alles in der Absicht, den Aeronef zu verjagen. Wenn die Sternkundigen
des chinesischen Reiches an diesem Tage vielleicht erkannten, da diese
Flugmaschine die veranlassende Ursache zu so vielen Streitigkeiten der
ganzen gelehrten Welt gewesen sein mchte, so hielten die Millionen
Chinesen vom niedrigsten Manne bis zum vielknpfigen Mandarin sie
jedenfalls fr ein apokalyptisches Ungeheuer, das am Himmel Buddhas
erschien.

In dem unnahbaren "Albatros" kmmerte sich natrlich Niemand um jene
lrmenden Kundgebungen. Die Bindfden aber, welche die Drachen an
kleinen in den kaiserlichen Grten eingerahmten Pfhlen festhielten,
wurden entweder zerschnitten oder schnell eingezogen. Die leichten
"Spielzeuge", wie wir sagen wrden, kamen dadurch, einen nur noch
lauteren Ton gebend, entweder rasch zur Erde, oder sie fielen herab,
gleich flgellahm geschossenen Vgeln, deren Gesang mit dem letzten
Athemzuge verstummt.

Da drhnte eine gewaltige Fanfare aus der Trompete Tom Turner's ber
der Hauptstadt und bertubte die letzten Klnge jenes Lufttonwerks,
doch das machte dem Gewehrfeuer unten kein Ende. Als aber eine
Sprengkugel nur einige zwanzig Fu vom Verdeck des "Albatros" platzte,
stieg dieser nach den unerreichbaren Zonen des Himmels empor.

Im Laufe der nchstfolgenden Tage ereignete sich kein Zwischenfall, den
sich die Gefangenen htten zu nutze machen knnen. Die Richtung des
Aeronefs blieb unabnderlich eine sdwestliche, was darauf hindeutete,
da er sich Hindostan nhern sollte. Uebrigens bemerkte man, da der
fortwhrend hher aufsteigende Erdboden den "Albatros" nthigte, sich
nach den Linien seines Profils zu richten. Etwa zehn Stunden nach der
Weiterfahrt von Peking konnten Onkel Prudent und Phil Evans an der
Grenze von Chen-Si einen Theil der Groen Mauer erkennen. Dann kamen
sie, unter Umgehung der Bung-Berge, ber und durch das Thal von Wany-Ho
und berschritten die Grenze des chinesischen Kaiserreichs, da, wo
diese mit Tibet zusammenstt.

Tibet bildet eine vegetationslose Hochebene, da und dort mit
schneebedeckten Gipfeln, trockenen Schluchten oder von Gletschern
genhrten Bergstrmen, mit Abgrnden, aus welchen mchtige Salzlager
heraufschimmern, und mit vielen, von grnenden Forsten eingerahmten
Seebecken.

Das auf 450 Millimeter gesunkene Wetterglas zeigte jetzt eine Hhe von
viertausend Metern ber dem Meere an. In dieser Hhe berschritt die
Temperatur, obgleich man sich jetzt in den wrmsten Monaten der
nrdlichen Halbkugel befand, nicht den Gefrierpunkt. Diese starke
Abkhlung im Verein mit der Schnelligkeit des "Albatros" machte die
Situation fast unertrglich, und obwohl die beiden Collegen warme
Reisedecken zur Verfgung hatten, zogen sie es doch vor, in ihre Ruffs
zurckzukehren.

Selbstverstndlich mute den Auftriebsschrauben eine auerordentliche
Schnelligkeit ertheilt werden, um den Aeronef in der hier schon recht
verdnnten Luft zu erhalten. Diese arbeiteten jedoch in vorzglichstem
Zusammenwirken, und es schien, als ob die Insassen des Apparats durch
das Schwirren ihrer Flgel gewiegt wrden.

An diesem Tage sah Garlok, eine Stadt des nrdlichen Tibet und der
Hauptort der Provinz Gavi-Khorsum, den "Albatros" etwa in der Gre
einer Brieftaube vorberschweben.

Am 27. Juni bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gewaltigen
Damm mit verschiedenen, in ewigem Schnee verlorenen Spitzen, der den
Horizont begrenzte.

An das Ruff auf dem Vordertheil gelehnt, um dem Luftdruck bei der so
schnellen Fortbewegung widerstehen zu knnen, sahen Beide die
colossalen Bergmassen, welche dem Aeronef vorauszulaufen schienen.

"Jedenfalls der Himalaya, sagte Phil Evans, wahrscheinlich wird Robur
nur den unteren Theil desselben umkreisen, ohne nach Indien
einzudringen.

-- Desto schlimmer, antwortete Onkel Prudent, auf diesem ungeheuren
Gebiete htten wir vielleicht Gelegenheit --

-- Wenigstens, wenn er um die Bergkette nicht ber Birma im Osten oder
ber Nepal im Westen fhrt.

-- Ich mchte darauf wetten, da er ber dieselben gehen wird.

-- Jedenfalls!" lie sich da eine Stimme vernehmen.

Am folgenden Tage, am 28. Juni, befand sich der "Albatros" ber der
Provinz Zyang gegenber jenen gewaltigen Bergmassen. An der anderen
Seite des Himalaya lag das Gebiet von Nepal.

Wenn man von Norden kommt, schneiden nacheinander drei Gebirgsketten
den Weg nach Indien. Die beiden nrdlichen, zwischen denen der
"Albatros" wie ein Schiff zwischen ungeheuren Klippen dahinglitt, sind
die ersten Stufen des Grenzwalles im Sden von Central-Asien. Der
Kuen-Ln, und nach diesem der Karakorum bezeichnen zuerst dieses
lngliche und mit dem Himalaya parallel verlaufende Thal, ungefhr in
jener Hhenlage, in welcher sich die Stromgebiete des Indus im Westen
und des Brahmaputra im Osten abgabeln.

Welch' wunderbares orographisches System! Hier ragen ber zweihundert
schon gemessene Gipfel auf, von denen siebzehn fnfundzwanzigtausend
Fu bersteigen! Vor dem "Albatros" erhob sich der Mount Everest auf
achttausendachthundertvierzig Meter Hhe; ihm zur Rechten der
Dawalaghiri, achttausendzweihundert Meter hoch; zur Linken der
Kinahanjunga, achttausendfnfhundertzweiundneunzig Meter, der also seit
den letzten genaueren Messungen des Mount Everest nur noch die zweite
Stelle einnimmt.

Offenbar hatte Robur nicht die Absicht, ber jene Gipfel hinwegzugehen,
sondern er kannte zweifelsohne schon die verschiedenen Psse des
Himalaya, unter Anderen den Ibi-Yamin-Pa, den die Gebrder
Schlagintweit 1856 in einer Hhe von sechstausendachthundert Metern
berschritten haben; wenigstens hielt er entschlossen auf diesen zu.

Jetzt kamen einige ngstliche, selbst sehr beschwerliche Stunden, und
wenn die Verdnnung der Luft auch nicht einen solchen Grad erreichte,
da man zu eigens dafr construirten Apparaten htte greifen mssen,
den Sauerstoff in den Cabinen zu erneuern, so wurde die Klte doch
hchst beschwerlich.

Auf dem Vordertheile stehend und die krftige Gestalt in einen Mantel
gehllt, leitete Robur alle Manver. Tom Turner hielt die Barre des
Steuerruders fest in der Hand. Der Maschinist berwachte aufmerksam
seine Batterien, von deren Suren glcklicher Weise ein Einfrieren
nicht zu frchten war. Die zur allergrten Umdrehungsgeschwindigkeit
angetriebenen Schrauben gaben einen immer schrfer werdenden Ton, der
trotz der hchst dnnen Luft laut vernehmbar blieb. Der Barometer fiel
auf zweihundertneunzig Millimeter, was eine Hhe von siebentausend
Metern anzeigte.

Wie prachtvoll lag dieses Chaos von Bergriesen hier vor dem erstaunten
Blicke ausgebreitet! Ueberall weiglnzende Gipfel, keine Seen, aber
gewaltige schimmernde Gletscher, die bis auf zehntausend Fu Hhe
hinabreichen. Kein Gras, auer einigen drftigen Kryptogamen an der
Grenze des vegetabilischen Lebens, nichts von jenen wunderschnen
Fichten und Cedern, die sich an den unteren Abhngen der Kette in
herrlichen Wldern vorfinden; nichts von gigantischen Farren und
endlosen Schmarotzerpflanzen, die sich, wie im Unterholz der
Dschungeln, von Baum zu Baum hinziehen. Kein Thier, weder wilde Pferde,
noch Yaks oder tibetanische Rinder; dann und wann nur eine Gazelle, die
sich bis nach diesen Oeden hinein verirrt hatte; keine Vgel, auer
einzelnen jener Prchen Raben, welche sich bis zu den letzten Schichten
der athembaren Luft erheben.

Nachdem er diesen Pa durchschritten, begann der "Albatros" wieder
hinabzusteigen. Als sie dessen Ausgang passirten, hatten die Reisenden,
jenseits der Region der Bergwaldung, eine grenzenlose Landschaft vor
sich, die sich in weitem Umkreise vor ihnen ausdehnte.

Jetzt trat Robur an seine Gste heran und sagte mit liebenswrdigem
Tone:

"Da haben Sie Indien, meine Herren!"




X.

Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's
Schlepptau genommen wurde.



Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat ber die
wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzufhren. Jedenfalls wollte er
nur den Himalaya bersteigen, um zu beweisen, ber welch'
auerordentliche Fortbewegungsmaschine er verfgte, und um davon selbst
Diejenigen zu berzeugen, welche nicht berzeugt sein wollten.
Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, da der "Albatros"
vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist?
Das wird sich spter zeigen.

Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich
anzuerkennen, da die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz
auerordentliche war, so lieen sie sich davon wenigstens nichts
merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie
bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren
Augen bot, als der "Albatros" den reizenden Landschaften des Pendjab
folgte.

Wohl giebt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem
gesundheitsschdliche Dnste aufsteigen, jenes Terrain, in dem
Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den "Albatros" ja
nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner Insassen nicht gefhrden,
er erhob sich ohne groe Eile nach dem Winkel zu, den Hindostan in
seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan und China bildet. Am 29. Juni
ffnete sich vor ihm schon in den ersten Morgenstunden das herrliche
Thal von Kaschmir.

Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya
zwischen sich frei lt! Gefurcht von Hunderten von Einzelvorsprngen,
welche die ungeheure Kette bis zum Becken des Hydaspis entsendet, wird
dieselbe bewssert von den launischen Windungen des Flusses, der die
Heersulen Porus' und Alexanders, d. h. Indien und Griechenland, in
Central-Asien zum Kampfe zusammenstoen sah. Er fllt noch immer sein
Bett, dieser Hydaspis, whrend die von dem Macedonier zur Erinnerung an
seinen Sieg gegrndeten beiden Stdte so vollstndig verschwunden sind,
da man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben wieder zu
finden.

Whrend dieses Vormittags schwebte der "Albatros" ber Srinagar -- mehr
bekannt unter dem Namen Kaschmir -- hin.

Onkel Prudent und sein Gefhrte sahen eine sehr schne, an beiden
Fluufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brcken gleich ausgespannten
Fden, den Sennhtten mit ihren geschnitzten Balkons, ihren von hohen
Pappeln beschatteten Gebuden mit berasten Dchern, welche fast das
Aussehen groer Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Canlen mit
Barken gleich Nuschalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit
ihren Palsten, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange
der Vorstdte -- das Ganze auch noch verdoppelt durch die
Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata,
die auf einem Hgel angelegt ist, wie das strkste Fort von Paris auf
dem Mont-Valrien.

"Das wre Venedig, wenn wir uns in Europa befnden," sagte Phil Evans.

-- Und wenn wir in Europa wren, wrden wir den Rckweg nach Amerika
schon zu finden wissen," antwortete Onkel Prudent.

Der "Albatros" verweilte nicht ber dem See, den der Flu durchfliet,
sondern setzte seinen Flug durch das Thal des Hydaspis fort.

Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter ber dem Flusse
hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. Whrend dessen
versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines
Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe
aufgesaugt wurde, welche die Strme der Accumulatoren in Bewegung
setzten.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll
angesehen, da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden
sich nur wenige Meter ber der Oberflche des Hydaspis und nahe dem
Ufer desselben. Beide waren gebte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen
jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stck unter dem
Wasser fortschwammen, wie htte Robur sie wieder ergreifen lassen
knnen? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, mute er
sie ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter ber dem Seebecken
halten.

In einem Augenblicke hatten sie alle gnstigen und ungnstigen Umstnde
eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon waren sie im
Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes hinabzustrzen, als sich
mehrere Hnde fest auf ihre Schultern legten.

Sie wurden beobachtet und erkannten die Unmglichkeit, zu entfliehen.

Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemhten
sich, die, welche sie hielten, zurckzustoen -- aber es waren
handfeste Burschen, diese Leute des "Albatros"!

"Meine Herren, begngte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man das
Vergngen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, wie Sie
ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines wunderbaren
"Albatros", so verlt man diesen nicht so ... franzsisch. Ja, ich
sage Ihnen, Sie verlassen denselben berhaupt nicht wieder!"

Phil Evans zerrte seinen Gefhrten, der sich schon zu einem Gewaltacte
hinreien lassen wollte, noch zurck. Beide begaben sich nach ihrem
Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es ihnen, gleichviel
wo, auch das Leben kosten sollte.

Der "Albatros" hatte wieder seinen Curs nach Westen eingeschlagen.
Whrend dieses Tages berschritt er bei mittlerer Geschwindigkeit das
Gebiet von Kabulistan, die Grenze des Knigreichs Herat.

In diesen noch immer so bestrittenen Lndern und auf diesem Wege, der
den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht,
erschienen groe Haufen von Menschen, Colonnen, Gepckwagen, mit einem
Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem Marsche
befindlichen Armee bildet. Man hrte wohl auch Kanonendonner und das
Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in die
Angelegenheiten Anderer, so lange diese fr ihn nicht eine Frage des
Ehrgeizes oder der Humanitt bildeten. War Herat, wie man sagt,
wirklich der Schlssel Central-Asiens, so kmmerte es ihn doch gar
nicht, ob dieser Schlssel in eine englische oder eine moskowitische
Tasche kam. Irdische Interessen berhrten den furchtlosen Mann nicht,
der das Luftmeer zu seinem ausschlielichen Gebiete erkoren hatte.

Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von
Sand, wie er in diesen Gegenden so hufig vorkommt. Dieser Sturmwind,
der hier "Tebbad" genannt wird, trgt manche Fieberkeime mit dem
unwgbar feinen Sand oft sehr weit mit fort, und manche Caravane ist
schon in seinen wthenden Wirbeln zu Grunde gegangen.

Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner
Zahngetriebe htte gefhrden knnen, erhob sich der "Albatros" um
zweitausend Meter nach einer reineren Zone.

Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen
weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr
gemigte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu frchten war. Wenn eine
Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigte, so steigen diese doch
nur zu mittlerer Hhe an. Bei der Annherung an die Hauptstadt freilich
galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast sechstausendsechshundert
Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an deren Fu Teheran erbaut
ist.

Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem
Sand-Samum auf.

Der "Albatros" steuerte so, um ber die Stadt hinwegzugehen, welche der
Wind durch eine Wolke feinen Staubes verhllte.

Gegen zehn Uhr Morgens konnte man inde die breiten Grben erkennen,
welche die Umwallung einschlieen, und in der Mitte den Palast des
Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und dessen
Wasserbecken aus ungeheuren Trkisen von leuchtendem Blau geschnitten
scheinen.

Das schne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der
"Albatros" nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich genau
nach Norden. Einige Stunden spter befanden sie sich ber einer kleinen
Stadt im nrdlichen Winkel der persischen Grenze und am Strande einer
ausgedehnten Wasserflche, deren Ende weder nach Norden, noch nach
Osten zu erkennbar war.

Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die sdlichste Station Rulands;
die Wasserflche aber fast ein Meer, nmlich der Kaspi-See.

Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach
europischer Art gebauter Huser, welche, mit einem sie berragenden
Glockenthurm, lngs eines Vorgebirges lagen.

Der "Albatros" senkte sich ber dieses Meer, dessen Gewsser
dreihundert Fu unter dem Niveau des Mittelmeeres liegen. Gegen Abend
glitt er lngs der frher turkestanischen, jetzt aber russischen Kste
hin, die nach dem Golf des Beckens zu aufsteigt, und am nchsten Tage,
dem 3. Juli, schwebte er etwa hundert Meter ber dem Kaspi-See.

Weder an der asiatischen, noch an der europischen Seite war hier Land
in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher Brise
geschwellte Segel, an deren Form man erkannte, da es Fahrzeuge von
Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind Piratenschiffe
mit nur einem Maste, und Teimils, einfache, zur Kstenfahrt oder zum
Fischfang bentzte Boote waren. Dann und wann wirbelten wohl auch die
Auslufer von Rauchsulen bis zum "Albatros" empor, welche aus den
Schornsteinen der Dampfer von Aschuarda quollen, die Ruland zu
Polizeizwecken auf den turkomanischen Gewssern unterhlt.

An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch
Franois Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort:

"Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden ber dem Kaspi-See
verweilen.

-- Schn, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal Gelegenheit, zu
fischen?

-- Ganz gewi."

Da ber vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die
sechshundertfnfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei
zweihundert (englischen) Meilen Breite mit, mute die Geschwindigkeit
des "Albatros" natrlich stark gemigt und letzterer whrend eines
vorzunehmenden Fischfanges ganz still gehalten werden.

Jene Antwort Tom Turner's wurde auch von Phil Evans gehrt, der sich
grade auf dem Vordertheil befand.

Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufhrlichen Klagen und bat
ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, da er ihn "auf der
Erde absetzen" lasse.

Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans
nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte
er unter grter Vorsicht, von Niemand gehrt zu werden, die wenigen
zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit.

"Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch keine
Illusionen ber die letzten Absichten dieses Elenden?

-- Gewi nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die Freiheit nur
wiedergeben, wenn ihm das pat -- und wenn er sie uns berhaupt wieder
giebt.

-- In diesem Falle mssen wir Alles wagen, um den "Albatros" zu
verlassen.

-- Ein wundervoller Apparat, das mu man wohl zugestehen!

-- Das ist wohl mglich, rief Onkel Prudent, aber es ist der Apparat
eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier zurckhlt.
Uebrigens bildet dieser Apparat fr uns und die Unsrigen eine
unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, denselben zu
vernichten ...

-- Beginnen wir damit, uns zu retten! ... antwortete Phil Evans, wir
werden ja spter sehen.

-- Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und bentzen wir jede sich
bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach fhrt der "Albatros" ber
den Kaspi-See, um sich dann im Norden oder im Sden von Ruland nach
Europa zu begeben. Nun, wohin wir auch den Fu setzen mgen, bis zum
Atlantischen Ocean hin wre unsere Rettung gesichert. Wir mssen uns
also jede Stunde bereit halten.

-- Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen knnen?

-- Hren Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt zuweilen vor,
da der "Albatros" whrend der Nacht nur wenige hundert Fu ber dem
Erdboden hinschwebt. An Bord befinden sich verschiedene Kabel von
dieser Lnge, und mit einiger Khnheit knnte man sich wohl
hinabgleiten lassen ...

-- Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle wrde ich nicht
zaudern ...

-- Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich fge noch hinzu, da
whrend der Nacht auer dem Steuermann auf dem Hintertheile Niemand
wach ist. Eines jener Kabel liegt nun gewhnlich auf dem Verdeck, und
ohne gesehen und gehrt zu werden, drfte es mglich sein, dasselbe
aufzurollen ...

-- Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans; ich sehe mit Vergngen, Onkel
Prudent, da Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, wenn man
handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem
Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der "Albatros" wird
noch tiefer hinabgehen und whrend des Fischzuges anhalten ... Knnten
wir daraus keinen Vortheil ziehen? ...

-- Ah, man berwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, berwacht zu
sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben's ja gesehen, als wir
versuchten, uns in den Hydaspis zu strzen.

-- Und wer sagt, da wir nicht auch in der Nacht beobachtet sind?
erwiderte Phil Evans.

-- Einerlei, wir mssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, ein Ende
machen mit diesem "Albatros" und seinem Besitzer!"

Man sieht, da die beiden Collegen -- und vorzglich Onkel Prudent --
unter der Aufregung des Zornes leicht dazu verfhrt werden konnten, die
waghalsigsten und fr ihre eigene Sicherheit vielleicht gefhrlichsten
Handlungen zu begehen.

Das Gefhl ihrer Ohnmacht, der verchtliche Spott, mit dem Robur sie
behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, Alles trug
dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erhhen, deren Druck jeden Tag
deutlicher hervortrat.

An jenem Tage htte brigens ein neuer Auftritt bald einen hchst
bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden Collegen
herbeigefhrt, und Frycollin ahnte wohl kaum, da er dazu die
Veranlassung geben sollte.

Als er sich einmal ber diesem Meere ohne Grenzen sah, bemchtigte sich
des Hasenfues wieder ein furchtbarer Schrecken. Wie ein Kind -- und
wie ein Neger, der er ja war -- fing er an zu jammern zu klagen und zu
protestiren und machte die tollsten Verrenkungen und Grimassen.

"Ich will fort! ... Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein Vogel!
... Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! ... Ich will, da ich auf der
Erde abgesetzt werde, und das sogleich!"

Selbstverstndlich bemhte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn zu
beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch
die Ungeduld Robur's.

Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten,
befahl der Ingenieur, um sich Frycollins zu entledigen, diesen in sein
Ruff einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte
an die Wand und heulte aus Leibeskrften.

Es war jetzt Mittag. Der "Albatros" schwebte eben nur fnf oder sechs
Meter ber der Oberflche des Meeres. Einige bei seiner Annherung
erschreckte Boote waren eiligst davongefahren. Dieser Theil des
Kaspi-Sees mute also bald ganz verlassen sein.

Man begreift leicht, da die beiden Collegen unter diesen Verhltnissen,
wo sie gelegentlich nur htten mit dem Kopfe zu nicken brauchen, der
Gegenstand erhhter Aufmerksamkeit sein muten und wirklich waren.

Doch selbst angenommen, da sie sich ber Bord gestrzt htten, so wre
es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des Kautschukbootes des
"Albatros" wieder einzufangen. Whrend dieses Fischzuges war also
nichts zu thun, und Phil Evans betheiligte sich lieber selbst thtig
dabei, whrend Onkel Prudent im Zustand fortwhrend kochender Wuth sich
in seine Cabine zurckzog.

Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine betrchtliche Bodendepression
wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergieen sich
die Gewsser sehr groer Strme, wie der Wolga, des Ural, des Kur, der
Kuma, Jemba u.A. Ohne die starke Verdunstung, welche dem Wasserbecken
den Wasserberflu wieder entfhrt, htte dieses siebzehntausend
Quadratmeilen groe Loch von fnf- bis sechshundert Fu mittlerer Tiefe
schon lngst die niedrigen und sumpfigen Ksten im Norden und Osten
berfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem Schwarzen, noch mit
dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit hher liegt, so
ernhrt es doch eine groe Menge Fische -- wohl zu bemerken aber nur
solche, welche die stark hervortretende Bitterkeit seines Wassers, eine
Folge der Naphthaquellen am Sdende desselben, vertragen.

Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem
gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des
"Albatros" die Befriedigung, welche er derselben gewhrte, deutlich
genug zu erkennen.

"Achtung!" rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich
bedeutender Gre und hnlich einem Haifisch harpunirt hatte.

Es war das ein prchtiger, gegen sieben Fu langer Str, von der Art,
welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und Weiwein
zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind die in den
Flssen gefangenen Stre noch schmackhafter als die aus dem Meere. Doch
wurden letztere an Bord des "Albatros" mit groem Jubel begrt.

Noch weit ergiebiger gestaltete sich dieser Fischzug aber durch
Anwendung von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen
und Seehechten, vorzglich von jenen mittelgroen Sterlets wimmelte,
welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau und
Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten -- ohne alle
Transportkosten -- unmittelbar aus ihrem natrlichen Element in die
Siedekessel der Mannschaftskche.

Die Leute Robur's zogen mit groem Vergngen die Leine ein, nachdem der
"Albatros" sie mehrere Stunden lang langsam dahingefhrt hatte. Der
Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: Lrmen, Getse) machte
durch sein Jubelgeschrei seinem Namen alle Ehre. Eine Stunde gengte,
alle Behlter des "Albatros" mit jenem Nahrungsmaterial zu fllen, und
dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter.

Whrend dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgehrt, zu
schreien, an die Wand seiner Cabine zu hmmern, mit einem Worte, einen
unausstehlichen Lrm zu machen.

"Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte
Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging.

-- Mir scheint, Herr Robur, da er vllig Recht hat, sich zu beklagen,
bemerkte Phil Evans.

-- Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu
ersparen, erwiderte Robur.

-- Ingenieur Robur! ... lie sich da der eben auf dem Verdeck
erscheinende Onkel Prudent vernehmen.

-- Herr Prsident des Weldon-Instituts?" ...

Beide waren auf einander zugetreten und sahen sich eine Zeit lang in
die Augen.

Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln.

"An das Ende des Taues!" sagte er.

Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine
geholt.

Aber wie jmmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer von
dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an dem
sie sorgsam das Ende eines Taues festknpften.

Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten
Zwecke bentzen wollte.

Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden ... Nein, er
sollte nur aufgehngt werden.

Das Tau wurde nmlich auen in der Lnge von etwa hundert Fu abgerollt
und Frycollin schwebte damit frei in der Luft.

Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der
Schrecken schnrte ihm jedoch den Kehlkopf zu -- er blieb stumm.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren
widersetzen wollen -- sie wurden einfach zurckgestoen.

"Das ist abscheulich! ... Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der
darber ganz auer sich war.

-- Freilich! antwortete Robur.

-- Das ist ein Mibrauch der Gewalt, gegen den ich noch anders als
durch Worte allein Einspruch erheben werde!

-- Immer zu!

-- Ich werde mich rchen, Ingenieur Robur!

-- Rchen Sie sich getrost, Prsident des Weldon-Instituts.

-- An Ihnen und Ihren Leuten!"

Die Mannschaft des "Albatros" hatte sich in nicht besonders
wohlwollender Haltung genhert. Robur gab den Leuten ein Zeichen, sich
zu entfernen.

"Ja, an Ihnen und Ihren Leuten ... wiederholte Onkel Prudent, den sein
College vergebens zu beruhigen suchte.

-- Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur.

-- Und ohne Rcksicht auf die Mittel!

-- Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es giebt noch
mehr Taue an Bord! Schweigen Sie ... oder ... der Herr ganz wie der
Diener."

Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine
wahre Erstickung beklemmte, so da Phil Evans ihn in seine Cabine
fhren mute.

Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar verndert und es
traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mideutung zulieen -- ein
Unwetter war im Anzug. Die elektrische Sttigung der Atmosphre hatte
einen so hohen Grad erreicht, da Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge
einer bisher von ihm nie beobachteten Erscheinung wurde.

Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast
leuchtende Dnste auf -- was jedenfalls von der verschiedenen und
wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrhrte.

Der Reflex von diesen Ansammlungen lie Myriaden von Lichtern auf der
Oberflche des Meeres hintanzen, deren Intensitt um so lebhafter
wurde, je mehr der Himmel sich verfinsterte.

Der "Albatros" und jenes Meteor muten bald zusammentreffen, da sie
sich auf einander zu bewegten.

Und Frycollin? -- Nun Frycollin folgte noch immer im Schlepptau -- ja,
das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit offenen
Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern
hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich zurckblieb.

Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen knnen,
als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner mit
gewaltiger Macht durch die Himmelsrume rollte. Das ganze Personal
bemhte sich angesichts dieses Unwetters so zu manvriren, da sie
entweder hher als dasselbe hinaufkamen oder in den unteren
Luftschichten bald jenes im Rcken lieen.

Der "Albatros" befand sich eben ungefhr in mittlerer Hhe -- etwa
tausend Meter -- als ein Donnerschlag von ungeheurer Heftigkeit ber
ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer Windsto folgte. Binnen wenigen
Sekunden strzten sich die feurigen Wolken auf den Aeronef.

Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollins ein gutes
Wort einzulegen und zu erklren, da dieser wieder an Bord herangezogen
wrde.

Robur hatte eine solche Vermittlung aber gar nicht erst abgewartet und
schon den nthigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits mit
dem Einziehen des Taues beschftigt, als sich eine pltzliche
Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben bemerkbar machte.

Robur sprang nach dem mittleren Ruff.

"Kraft! ... Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir mssen
schnell hher, als das Unwetter steht, emporsteigen.

-- Es ist unmglich, Herr Ingenieur.

-- Warum?

-- Die Strme sind gestrt ... Es treten Unterbrechungen ein."

In der That senkte sich der "Albatros" schon recht merkbar.

Ganz wie das bei Gewittern mit den Strmen in den Telegraphendrhten
vorkommt, so versagten jetzt auch die Accumulatoren des Apparats den
regelmigen Dienst; was aber nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es
sich um Absendung von Depeschen handelt, wurde hier zur furchtbarsten
Gefahr, das mute damit enden, da der Aeronef, ohne da man seiner
ferner Herr war, in's Meer hinabstrzte.

"Lass' ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen Zone
herauskommen. Vorwrts, Jungen, bewahrt Euer kaltes Blut!"

Der Ingenieur hatte seine Commandobrcke bestiegen. Die Mannschaft war
an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn
eiligst nachzukommen.

Obwohl der "Albatros" sich nur einige hundert Fu gesenkt hatte,
schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht inmitten von
Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man mute
jeden Augenblick frchten, da ihn ein Blitzstrahl treffe. Die Bewegung
der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was bisher ein etwas
Schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein gefhrlicher Sturz zu
werden.

Zuletzt lag es auf der Hand, da er in weniger als einer Minute auf der
Meeresflche angelangt sein mute, und einmal in's Wasser getaucht,
htte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht.

Pltzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht ber ihnen. Der
"Albatros" war jetzt nicht mehr als sechzig Fu vom Kamm der Wellen
entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das Verdeck zu
berfluthen.

Da bentzte Robur noch den letzten Moment, strzte nach dem mittleren
Ruff hin und packte hier die Hebel fr die Vorwrtsbewegung, wodurch
die von den Batterien kommenden Strme geschlossen wurden, auf welche
die elektrische Spannung der umgebenden Atmosphre keinen Einflu
uerte ... in einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale
Schnelligkeit wieder gegeben, den Sturz aufgehalten, und der "Albatros"
hielt sich in geringer Hhe, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem
Unwetter, das er bald hinter sich zurcklie.

Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, da Frycollin, wenn auch nur
fr wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als er an
Bord zurckkam, war er durchnt, als htte er die Tiefe des Meeres
gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie nicht mehr.

Am nchsten Tage, am 4. Juli, hatte der "Albatros" die Nordgrenze des
Kaspi-Sees berschritten.




XI.

In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der Geschwindigkeit
zunimmt.



Wenn Onkel Prudent und Phil Evans je auf die Hoffnung, entfliehen zu
knnen, verzichten muten, so war das whrend der nun folgenden fnfzig
Stunden der Fall. Befrchtete Robur, da die Ueberwachung seiner
Gefangenen bei der Fahrt ber Europa weniger leicht sein mchte?
Vielleicht. Er wute ja brigens, da sie zu Allem entschlossen waren,
um zu entweichen.

Doch, wie dem auch sein mochte, jeder Versuch wre jetzt einem
Selbstmorde gleichgekommen. Wenn Einer von einem Exprezuge, der mit
der Geschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde dahinfliegt,
herabspringt, so setzt er vielleicht sein Leben in Gefahr; wer das aber
von einem zweihundert Kilometer in der Stunde dahinrasenden Blitzzuge
versuchte, der kann nur den Tod wollen.

Eben diese Geschwindigkeit, die grte, die er anzunehmen im Stande
war, war jetzt dem "Albatros" ertheilt worden. Er berholte noch den
Flug der Schwalbe, die hundertachtzig Kilometer in der Stunde
zurcklegen kann.

Hier mag auch bemerkt sein, da bisher nordstliche Winde in einer der
Fortbewegung des "Albatros" sehr gnstigen Ausdauer anhielten, da
dieser in derselben Richtung, d. h. im Allgemeinen nach Westen zu flog.
Dieser Wind begann aber allmhlich abzuflauen, so da es nachgerade
unmglich wurde, sich auf dem Verdeck zu halten, ohne die Athmung durch
die Schnelligkeit der Bewegung fast aufgehoben zu sehen. Die beiden
Collegen wren auch beinahe ber Bord geschleudert worden, wenn sie
nicht der Luftdruck an ihrem Ruff so zu sagen festgenagelt htte.

Zum Glck bemerkte sie der Steuermann durch die Lichtpforten seiner
Htte, und eine elektrische Klingel setzte die auf dem Verdeck
eingeschlossenen Mannschaften von ihrer Nothlage in Kenntni.

Ueber das Verdeck hinkriechend, glitten vier Mann davon nach dem
Hintertheil zu.

Diejenigen, welche sich in einem Sturm auf einem vor dem Winde
liegenden Schiffe befunden haben, werden verstehen, welchen Druck der
Wind dabei auszuben vermag. Hier war es jedoch der "Albatros" selbst,
der diesen durch seine malose Geschwindigkeit hervorrief.

Man mute wirklich seinen Gang verlangsamen, was Onkel Prudent und Phil
Evans gestattete, ihre Cabine wieder zu erreichen.

Im Inneren seiner Ruffs fhrte der "Albatros", ganz wie der Ingenieur
das versichert hatte, eine vollkommen athembare Atmosphre mit sich.

Welche erstaunliche Festigkeit besa aber dieser Apparat, um einer so
schnellen Fortbewegung den nthigen Widerstand leisten zu knnen. Die
Triebschrauben am Bug und am Heck sah man gar nicht mehr sich drehen;
sie pfiffen nur mit scharfem, durchdringendem Ton durch die Luft.

Die letzte, vom Bord aus gesehene Stadt war Astrachan gewesen, das
ziemlich am nrdlichsten Ende des Kaspi-Sees lag.

Der Stern der Wste -- jedenfalls hat ein russischer Dichter es so
genannt -- ist jetzt von der ersten Gre zur fnften oder sechsten
zurckgegangen. Dieser sehr einfache Hauptort des Gouvernements hatte
einen Augenblick seine alten, mit unntzen Zinnen gekrnten Mauern
gezeigt, ebenso wie seine alten Thrme in der Mitte der Stadt, seine an
Kirchen in modernem Stil angrenzenden Moscheen, seine Kathedrale mit
fnf vergoldeten und mit blauen Sternen berseten Kuppeln, die einem
ausgeschnittenen Stck Firmament glichen -- das Ganze fast im Niveau
der hier zwei Kilometer breiten Wolgamndung.

Von diesem Punkt aus war der Flug des "Albatros" schon mehr eine Art
Ritt durch die Hhen des Himmels, als wrde er von fabelhaften
Hippogryphen fortgetragen, welche eine Meile mit jedem Flgelschlage
zurcklegen.

Es war gegen zehn Uhr Morgens am 4. Juli, als der Aeronef, etwa dem
Thale der Wolga folgend, nach Nordwesten weiter steuerte. An beiden
Stromesufern hin dehnten sich die Steppen des Don und des Ural. Wre es
mglich gewesen, einen Blick auf diese ungeheuren Gebiete zu werfen, so
htte man die Stdte und Drfer darin kaum zhlen knnen. Am Abend
endlich zog der Aeronef ber Moskau weg, ohne die auf dem Kreml
flatternde Flagge zu salutiren. Binnen zehn Stunden hatte er die
zweitausend Kilometer, welche Astrachan von der Hauptstadt aller Russen
trennen, zurckgelegt.

Von Moskau nach Petersburg ist die Eisenbahnlinie nicht lnger als
zwlfhundert Kilometer, konnte also mehr Zeit als einen halben Tag
nicht beanspruchen. So erreichte denn auch der "Albatros" mit der
Pnktlichkeit eines Exprezuges Petersburg und die Ufer der Newa gegen
zwei Uhr Morgens. Die Helligkeit der Nacht, in der in so hoher Breite
die Sonne nicht tief unter den Horizont nieder taucht, gestattete einen
Augenblick, das Gesammtbild dieser groen Stadt zu berschauen.

Nachher folgte der finnische Meerbusen, das Inselgewirr von Abo, die
Ostsee, Schweden in der Breite von Stockholm, Norwegen in der von
Christiania -- zweitausend Kilometer in nur zehn Stunden! Wahrlich, man
htte glauben knnen, da keine menschliche Macht fernerhin im Stande
wre, die Geschwindigkeit des "Albatros" zu hemmen, als ob die
Resultante seiner Treibkraft und der Anziehung der Erde ihn in
unvernderlichem Kreislaufe um die Erde gefesselt hielte.

Danach unterbrach er seinen Lauf, und zwar genau ber dem berhmten
Wasserfall des Rjukanfos in Norwegen. Der Gusta, dessen Gipfel diesen
herrlichen Theil von Telemarken beherrscht, erschien gleich einem
riesenhaften Grenzwall, den er nach Westen nicht berschreiten durfte.

Von hier aus nherte sich der "Albatros" auch, ohne Verminderung seiner
Geschwindigkeit, wieder mehr dem Erdboden.

Und was begann wohl Frycollin whrend dieser Fahrt ohne Gleichen?

Frycollin blieb stumm in seiner Cabine und schlief, mit Ausnahme der
Zeit, wo gegessen wurde, so gut er konnte.

Franois Tapage leistete ihm dann Gesellschaft und ergtzte sich
weidlich an seiner ewigen Angst.

"He, he, mein Junge, sagte er, Du heulst ja gar nicht mehr? Brauchst
Dich gar nicht zu geniren! ... Mit zwei Stunden aufgehngt sein ist
Alles quitt gemacht! ... He, bei der Schnelligkeit, mit der wir jetzt
fahren, mte das ein vortreffliches Luftbad gegen den Rheumatismus
abgeben!

-- Mir kommt es vor, als ob Alles in kurze und kleine Stcke ginge,
antwortete Frycollin.

-- Das ist wohl mglich, mein wackerer Frycollin; aber wir fliegen so
schnell dahin, da wir gar nicht mehr fallen knnten. Das ist doch auch
eine Beruhigung.

-- Glauben Sie?

-- Bei meiner Gascogner-Ehre!"

Um die Wahrheit zu sagen und nicht zu bertreiben, wie Franois Tapage,
so lag die Sache so, da die Arbeit der Auftriebsschrauben infolge
jener ungeheuren Geschwindigkeit jetzt ein wenig vermindert war, der
Aeronef glitt auf den Luftschichten etwa hin, wie eine Congrve'sche
Rakete.

"Und das wird noch lange so fortdauern? sagte Frycollin.

-- Lange? ... O nein! antwortete der Koch, nur das ganze Leben lang.

-- Ach! seufzte der Neger, wieder mit seinen Klagen beginnend.

-- Nimm Dich in Acht, Frycollin, nimm Dich in Acht! rief da Franois
Tapage, denn, wie man bei mir zu Hause sagt, der Herr knnte Dich auf
die Schaukel hinaussetzen."

Und mit den Bissen, die er gleich doppelt in den Mund steckte, wrgte
Frycollin auch seine Seufzer hinunter.

Whrend dessen entwarfen Onkel Prudent und Phil Evans, welche nicht
dazu angethan waren, sich unntz zu beklagen, einen wohl durchdachten
Plan. An Ausfhrung eines Fluchtversuches war ja unmglich zu denken.
Doch wenn sie den Fu auch nicht auf die Erde setzen konnten, war es
nicht denkbar, den Erdenbewohnern mitzutheilen, was nach ihrem
Verschwinden aus dem Vorsitzenden und dem Schriftfhrer des
Weldon-Instituts geworden war, wer sie geraubt hatte, auf welcher
fliegenden Maschine sie sich befanden, um vielleicht -- aber, lieber
Gott, auf welche Weise? -- einen khnen Versuch ihrer Freunde, sie den
Hnden Robur's zu entreien, herbeifhren zu knnen?

Doch wie sollten sie von sich Nachricht geben? Htte es dazu
hingereicht, die Methode der Seeleute nachzuahmen, welche ein
Schriftstck mit Bezeichnung der Stelle des Schiffbruchs in eine
Flasche stecken und diese in's Meer werfen?

Hier vertrat die Stelle des Meeres aber die Atmosphre. Die Flasche
konnte darauf natrlich nicht schwimmen. Fiel dieselbe nicht gerade auf
einen zufllig Vorbergehenden, dem sie recht gut den Schdel
zerschmettern konnte, so lag die Vermuthung nahe, da sie niemals
aufgefunden wurde.

Die beiden Collegen hatten leider kein anderes Mittel zur Verfgung und
sie standen schon im Begriff, eine Flasche des Luftfahrzeuges zu
opfern, als dem Onkel Prudent noch ein anderer Gedanke kam. Er
schnupfte, wie wir wissen, und diese kleine Untugend darf man einem
Amerikaner, der weit schlimmere Unsitten htte an sich haben knnen,
wohl nachsehen. Als Schnupfer besa er natrlich auch eine Dose, die
jetzt schon lngst leer war. Diese Dose war aus Aluminium gearbeitet.
Warf er dieselbe hinaus, so durfte man hoffen, da jeder ehrbare
Brger, der sie fand, sie auch aufheben werde. Hob er sie auf, so
lieferte er sie auch bei der Polizei ab, und hier wrde man Kenntni
nehmen von dem Document, welches dazu dienen sollte, die Lage der
beiden Opfer Robur des Siegers kund zu geben.

Das wurde denn auch ausgefhrt. Das kurze einzuschlieende Schriftstck
sagte Alles und trug daneben die Adresse des Weldon-Instituts mit der
Bitte, dasselbe dahin zu befrdern.

Nachdem Onkel Prudent das Papier eingelegt, umwickelte er die Dose
sorgsam mit einem dicken wollenen Band, um zu verhten, da dieselbe
sich whrend des Falles schon ffne und durch das Aufschlagen nicht in
Stcke gehe. Jetzt galt es nur noch eine gnstige Gelegenheit
abzuwarten.

Das Schwerste bei der ganzen Sache war es aber whrend dieser
merkwrdigen Fahrt ber Europa, das Ruff zu verlassen, ber das Verdeck
zu kriechen, auf die Gefahr hin, fortgerissen zu werden, und das ganz
heimlich durchzufhren. Andererseits kam es darauf an, da die Dose
nicht in ein Meer, einen Golf, See oder einen anderen Wasserlauf fiel,
denn damit -- wre sie ja verloren gewesen.

Jedenfalls schien es aber nicht unmglich, da die beiden Collegen sich
durch dieses Mittel mit der bewohnten Welt in's Einvernehmen setzen
konnten.

Eben jetzt wurde es jedoch Tag und es schien rathsamer, die Nacht
abzuwarten und entweder eine Verminderung der Geschwindigkeit oder
einen Halt zu bentzen, um das Ruff zu verlassen. Vielleicht konnten
sie dann die Reeling erreichen und die kostbare Dose genau ber einer
Stadt herunterfallen lassen.

Doch selbst bei dem Zusammentreffen aller gnstigen Umstnde htte das
Vorhaben nicht gleich zur Ausfhrung gebracht werden knnen --
wenigstens nicht am heutigen Tage.

Nachdem der Aeronef nmlich Norwegen in der Hhe des Gusta verlassen,
hatte er sich nach dem Sden zu gewendet und folgte jetzt genau dem
franzsischen Meridian Null, der bekanntlich ber Paris verluft. Er
schwebte also ber die Nordsee hinweg, nicht ohne an Bord der Tausende
von Kstenfahrern, welche zwischen dem Festlande und England verkehren,
das grte Aufsehen zu erregen. Fiel die Dose hier nicht gerade auf das
Deck eines solchen Schiffes, so hatte sie die gegrndete Aussicht, auf
Nimmerwiedersehen in der Tiefe zu versinken.

Onkel Prudent und Phil Evans sahen sich also genthigt, einen
gnstigeren Augenblick abzuwarten. Da sollte sich ihnen, wie wir sehen
werden, bald eine besonders geeignete Gelegenheit darbieten.

Gegen zehn Uhr Abends erreichte der "Albatros" die Kste Frankreichs,
nahezu in der Hhe von Dunkerque. Die Nacht war ziemlich dunkel. Einen
Augenblick konnte man den Leuchtthurm von Gris-Nez seine elektrischen
Lichtstrahlen mit denen von Dover kreuzen sehen, die also den Canal in
seiner ganzen Breite erhellten. Dann steuerte der "Albatros" ber
Frankreich hin und hielt sich dabei in einer mittleren Hhe von etwa
tausend Metern.

Seine Geschwindigkeit hatte sich freilich nicht gendert. Wie eine
Bombe flog er ber Stdte, Schlsser und Drfer hinweg, die so
zahlreich in den fruchtbaren Provinzen des nrdlichen Frankreichs
zerstreut liegen. Es waren das unter dem Meridiane von Paris nach
Dunkerque, Doullons, Amiens, Creil, St. Denis ... Immer hielt jener
dabei eine gerade Linie ein. So gelangte er gegen Mitternacht ber die
"Stadt des Lichts", welche diesen Namen wenigstens verdient, wenn ihre
Einwohner schlafen oder doch schlafen sollten.

Welch' sonderbare Laune veranlate nun den Ingenieur gerade ber der
Stadt Paris einmal anzuhalten? Niemand wei es. Jedenfalls aber senkte
sich hier der "Albatros" so weit, da er nur wenige hundert Fu ber
derselben schwebte. Robur trat aus seiner Cabine hervor und auch die
ganze Mannschaft erschien, um lustwandelnd einmal frische Luft zu
schpfen, auf dem Verdeck.

Onkel Prudent und Phil Evans achteten wohl darauf, die sich jetzt
bietende ausgezeichnete Gelegenheit nicht vorber gehen zu lassen.
Beide suchten sich, sobald sie aus ihrem Ruff getreten waren, von den
Anderen entfernt zu halten, um den rechten Augenblick zur Ausfhrung
ihres Vorhabens auswhlen zu knnen. Auf keinen Fall sollten die
Anderen etwas davon merken.

Einem gigantischen Kfer hnlich zog der "Albatros" so langsam ber die
Stadt hin. Er berschritt die Linie der Boulevards, welche durch
Edison'sche Lampen in hellem Tageslichte lagen. Das Gerusch der Wagen,
welche noch durch die Straen jagten, und das Rollen der Zge auf den
vielen, in Paris zusammentreffenden Bahnlinien drang bis zu ihm hinauf.

Dann glitt er in der Hhe der hchsten Bauwerke hin, als htte er die
Kugel vom Pantheon oder das Kreuz vom Invalidendom abstreifen wollen.
Er steuerte zwischen den beiden Minarets des Trocadero hindurch nach
dem eisernen Thurm des Marsfeldes, dessen ungeheurer Reflector die
ganze Hauptstadt mit elektrischem Lichte berstrmte.

Diese Luftpromenade, dieses Flaniren in der Nacht, whrte etwa eine
Stunde. Es glich einer Station in den Lften vor Fortsetzung der
endlosen Reise.

Der Ingenieur Robur wollte dabei den Parisern offenbar den Anblick
eines Meteors bereiten, das ihre Astronomen noch niemals gesehen oder
nur geahnt hatten. Die Signallichter des "Albatros" wurden in Function
gesetzt. Zwei glnzende Strahlenbndel ergossen sich ber die Pltze,
die Huservierecke, Grten und die sechzigtausend Huser der Stadt,
indem sie ungeheure Lichtmassen von einem Horizont zum anderen
schweifen lieen.

Gewi -- diesmal war der "Albatros" gesehen worden, und nicht allein
gesehen, sondern auch gehrt worden, denn Tom Turner hatte die Trompete
hervorgeholt und eine schmetternde Fanfare ber die Stadt hin ertnen
lassen. In diesem Augenblick beugte sich Onkel Prudent ein wenig ber
die Reeling, ffnete die Hand und lie die Dose fallen.

Fast gleichzeitig erhob sich der "Albatros" wieder sehr schnell.

Da schallte durch die Hhe des Pariser Himmels ein vieltausendfltiges
Hurrah aus der Menge, das sich ber die Boulevards fortpflanzte -- ein
Hurrah der Verwunderung ber das unvorhergesehene, phantastische
Meteor.

Pltzlich erloschen die Lichtquellen des Aeronefs und rund um ihn wurde
es wieder dunkel und still; darauf nahm er seine Fahrt mit der
Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern in der Stunde wieder auf.

Das war Alles gewesen, was seine Insassen von der Hauptstadt
Frankreichs hatten sehen sollen.

Um vier Uhr Morgens hatte der "Albatros" das ganze Land schon
berflogen. Um keine Zeit mit der Ueberschreitung der Pyrenen oder der
Alpen zu verlieren, glitt er jetzt an der Oberflche der Provence bis
zur Spitze des Cap d'Antibes hin.

Um neun Uhr blieben die auf der Terrasse des St. Peters-Domes
versammelten Rmer verblfft stehen, als sie ihn ber die Ewige Stadt
hinwegschweben sahen. Zwei Stunden spter schwankte er hoch ber dem
Golf von Neapel, einen Augenblick in der Rauchsule des Vesuvs. Nachdem
er dann das Mittelmeer in schrger Richtung berschritten, wurde er in
der ersten Nachmittagsstunde von den Wachtposten in La Golette an der
tunesischen Kste beobachtet.

Von Amerika ber Asien! Von Asien ber Europa! Mehr als dreiigtausend
Kilometer hatte der wunderbare Apparat in weniger als dreiundzwanzig
Tagen zurckgelegt.

Und jetzt zog er majesttisch ber die bekannten und unbekannten
Landmassen Afrikas dahin!

      *       *       *       *       *

Vielleicht wnscht der Leser zu erfahren, was nach dem Herabfallen aus
der berhmten Schnupftabaksdose geworden war?

Die Dose war in der Rivoli-Strae vor dem Hause Nummer 210 zu einer
Zeit niedergefallen, wo diese Strae gerade ziemlich leer war. Am
folgenden Morgen wurde sie von einer ehrlichen Straenkehrerin
aufgefunden, welche sich beeilte, dieselbe auf der Polizei-Prfectur
abzuliefern.

Hier hielt man sie zuerst fr einen explodirenden Krper und wickelte
sie mit derselben allergrten Vorsicht auf, wie sie zuletzt geffnet
wurde.

Da trat wirklich eine Art Explosion ein ... Ein furchtbares Niesen,
dessen sich der Sicherheitschef nicht zu erwehren vermochte.

Dann zog man das Schriftstck aus der Dose und las zum allgemeinen
Erstaunen wie folgt:

"Onkel Prudent und Phil Evans, Vorsitzender und Schriftfhrer des
Weldon-Instituts zu Philadelphia, entfhrt durch den Aeronef des
Ingenieur Robur.

Freunden und Bekannten davon Nachricht zu geben.

  Onkel Prudent und Phil Evans."

Hiermit war die unerklrliche Erscheinung den Bewohnern beider Welten
endlich erklrt, und die vielen Gelehrten an den Observatorien, welche
es auf der Erde giebt, gewannen die lngst verlorene Ruhe endlich
wieder.




XII.

In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der
Monthyon-Preise bewerben wollte.



Bei dieser Erdumkreisung des "Albatros" drngen sich wohl von selbst
ganz verschiedene Fragen auf; zum Beispiel:

Wer ist berhaupt dieser Robur, von dem bisher nichts als der Name
bekannt ist? Verbringt er sein Leben ganz in der Luft? Ruht sein
Aeronef niemals aus? Hat er nicht vielleicht eine Zuflucht an
unzugnglichem Orte, an dem er selbst wenn er der Ruhe nicht bedrfte,
sich wenigstens mit neuen Vorrthen versorgt? Es wre doch merkwrdig,
wenn das nicht so sein sollte. Auch die mchtigsten Segler der Lfte
haben ja irgendwo einen Horst oder ein Nest.

Und weiter: Was gedenkt der Ingenieur mit den beiden, ihn doch nur
belstigenden Gefangenen zu beginnen? Beabsichtigt er sie in seiner
Gewalt zu behalten und fr ewig zu verdammen, mit ihm umherzufliegen?
Oder wird er ihnen, nachdem er sie ber Afrika, Sdamerika,
Austral-Asien, den Indischen, den Atlantischen und den Stillen Ocean
hinweggefhrt, um sie wider Willen zu seinen Anschauungen zu
berzeugen, die Freiheit wieder schenken, etwa mit den Worten:

"Jetzt, meine Herren, hoffe ich, werden Sie sich bezglich des
Grundsatzes: "Schwerer, als die Luft", nicht mehr so unglubig,
zeigen!--?"

Auf diese Fragen lt sich vorlufig noch keine Antwort geben; dies ist
ein Geheimni der Zukunft; vielleicht wird dasselbe eines Tages
entschleiert werden.

Auf keinen Fall schickte der Vogel Robur sich aber an, jenes
angedeutete Nest an der Nordkste Afrikas aufzusuchen. Im Laufe des
Tages strich er noch, je nach Laune, bald dahinrasend, bald langsamer
schwebend, vom Cap Bon bis zum Cap Carthago ber die Regentschaft Tunis
hin. Darauf wandte er sich mehr dem Landesinneren zu und schlug den Weg
durch das wundervolle Thal der Medjerda ein, indem er dem gelblichen,
unter Cactus und Rosenbschen verborgenen Wasserlauf derselben folgte.
Zu vielen Hunderten flogen Vgel auf, die in langen Reihen auf den
Telegraphendrhten saen, als wollten sie die Depeschen beim Durchgang
abfangen und auf ihren Flgeln weiter tragen.

Mit Einbruch der Nacht schwebte der "Albatros" ber den Grenzen von
Krumirien, und wenn noch ein Krumir wach war, so unterlie er es gewi
nicht, das Gesicht auf die Erde niederzuwerfen und Allah bei der
Erscheinung dieses riesenhaften Adlers um Schutz und Hilfe anzuflehen.

Am folgenden Morgen waren Bona und die schnen Hgel seiner Umgebung in
Sicht, spter Philippeville, jetzt ein kleines Algier, mit seinen
bogenfrmigen Quais, seinen herrlichen Weingrten, deren grnende Reben
der ganzen Landschaft ihren Charakter verleihen, einer Landschaft,
welche aus Bordelais und den gesegneten Gebieten von Burgund
herausgeschnitten zu sein scheint.

Diese Spazierfahrt von fnfhundert Kilometern ber Gro- und
Klein-Kabylien hinweg endigte gegen Mittag in der Hhe der Kasbah von
Algier. Welch' schnes Bild bot sich da den Passagieren des Aeronefs!
Die offene Rhede zwischen Cap Matifu und der Pescade-Spitze, das mit
Palsten, Maravuts und Landhusern besete Uferland; die launenhaft
gewundenen Thler mit ihrem Mantel von Weinstocken; das tiefblaue
Mittelmeer, das die hier kleinen Booten gleichenden transatlantischen
Dampfer durchfurchen. So ging es weiter bis zu dem malerischen Oran,
dessen in den Gartenanlagen der Citadelle versammelte Bewohner den
"Albatros" mit den ersten aufleuchtenden Sternen verschmelzen sahen.

Wenn Onkel Prudent und Phil Evans sich fragten, welcher Laune der
Ingenieur Robur nachgebe, als er ihr fliegendes Gefngni ber Algerien
-- die Fortsetzung Frankreichs an der Sdkste des Mittelmeeres --
hinfhrte, so muten sie die Ueberzeugung gewinnen, da diese Laune
zwei Stunden nach Sonnenuntergang befriedigt sei. Eine Wendung des
Steuerruders lenkte den "Albatros" nach Sdosten ab, und dieser sah am
folgenden Tage, nachdem er die bergige Gegend des Tell berstiegen, die
Sonne ber dem Wstensande der Sahara aufgehen.

Am 8. Juli wurde nun folgende Reiseroute zurckgelegt: Zuerst erblickte
man den kleinen Flecken Gryville, der, wie Laghuat, an der Grenze der
Wste gegrndet wurde, um die endliche Eroberung von Kabylien zu
erleichtern; nachher passirte man den Kamm von Stillen, und zwar bei
dem herrschenden heftigen Gegenwinde nicht ohne Schwierigkeit. Weiter
ging es ber die Wste hin, bald langsam oberhalb der grnenden Oasen
oder Ksars, bald mit wilder Schnelligkeit, welche den Flug der
Lmmergeier berholte. Manchmal mute sogar auf diese gewaltigen
Raubvgel Feuer gegeben werden, die sich, zu zwlf und fnfzehn
vereinigt, selbst nicht scheuten, zum grten Schrecken Frycollins sich
auf den Aeronef zu strzen.

Wenn diese Lmmergeier nur durch furchtbares Geschrei, durch
Schnabelhiebe und Krallenschlge zu antworten vermochten, so
verschonten die nicht minder wilden Eingeborenen ihn nicht mit
Flintenschssen, vorzglich als er ber die Berge von Sel gekommen war,
deren grne und violette Grundmasse da und dort durch den weien Mantel
blickte. Jetzt schwebte das Luftschiff schon ber der groen Sahara, wo
an verschiedenen Stellen noch Reste der Lagersttten Abd-el-Kader's zu
bemerken waren. Hier -- und vorzglich unter den Verbndeten Beni-Myal
-- bietet das Land fr den europischen Reisenden noch immer ernste
Gefahren.

Jetzt mute der "Albatros" wieder in hhere Zonen flchten, um einem
daherrasenden Samum zu entgehen, der eine gewaltige Welle rthlichen
Sandes auf der Erde vor sich hintrieb, wie die steigende Fluth die
Brandungswelle im Ocean. Weiterhin entluden die den Hochplateaus der
Chebka ihre schwrzlichen Lavamassen bis herunter zu dem frischen,
grnen Thale des Ain-Massin. Schwerlich vermchte sich Jemand grere
Mannigfaltigkeit der Landschaften vorzustellen, welche der Blick hier
in weitem Umfange umfate. Auf baum- und buschbedeckte Hgel folgten da
lange graue Bodenwellen, gleich den Falten eines arabischen Burnus. In
der Ferne erschienen "Oueds" mit brausenden Bergstrmen, Wlder von
Palmen, kleine Ansammlungen von Htten, welche entweder einen Hgel
krnten oder eine Moschee umrahmten, unter anderen Metliti, wo ein
religiser Huptling, der groe Marabut Sidi Scheik, seinen Sitz hat.

Whrend der Nacht wurden mehrere hundert Kilometer ber ein ziemlich
ebenes, nur von Dnen unterbrochenes Gebiet zurckgelegt. Htte der
"Albatros" hier Halt machen wollen, so wrde er in der Niederung der,
unter einem ungeheuren Palmenwald versteckten Oase Uargla die Erde
erreicht haben. Sehr deutlich zeigte sich die Stadt mit ihren drei
bestimmt unterschiedenen Quartieren, mit dem alten Palast des Sultans,
einer Art befestigter Kasbah, ihren Husern aus Backsteinen, welche
erst die glhende Sonne hart brennt, und mit ihren im Thale erbohrten
artesischen Brunnen, an denen der Aeronef seinen Wasservorrath htte
erneuern knnen. Dank seiner auerordentlichen Schnelligkeit aber
fllte das im Thale von Kaschmir aus dem Hydaspis geschpfte Wasser
noch immer die Vorrathstonnen, selbst in den Wsten von Afrika, an.

Der "Albatros" wurde von den Arabern, den Mozabiten und den Negern,
welche sich in die Oasen von Uargla theilen, unzweifelhaft bemerkt,
denn es begrten ihn von hier aus Hunderte von Gewehrschssen, ohne
da die Kugeln ihn htten erreichen knnen.

Dann kam die Nacht, die grabesstille Wstennacht, deren Geheimnisse
Felicien David so hochpoetisch geschildert hat.

Whrend der folgenden Stunden kehrte man wieder nach Sdwesten zurck
und kreuzte die Straen von El Golea, deren eine im Jahre 1859 durch
den unerschrockenen Duveyrier entdeckt worden war.

Rings herrschte tiefe Finsterni. Nichts war zu sehen von der nach den
Plnen Duponchel's zu erbauenden Sahara-Bahn, dem langen Eisenbande,
das Algier mit Timbuctu ber Leghuat und Gardaia verknpfen und spter
bis zum Golf von Guinea fortgesetzt werden soll.

Der "Albatros" gelangte nun in die quatorialen Gebiete jenseits des
Wendekreises des Krebses. Tausend Kilometer von der Nordgrenze der
Sahara berschritt er die Strae, wo der Major Loiny 1846 den Tod fand;
er kreuzte den Weg der Caravane von Marokko nach dem Sudan, und ber
dem Theile der Wste, in dem die Tuarys hausen, hrte er, was man den
"Gesang des Sandes" zu nennen pflegt, ein sanftes, klagendes Murmeln,
das dem Erdboden zu entsteigen scheint.

Nur ein einziger Zwischenfall ereignete sich hier; eine Wolke von
Heuschrecken zog in groer Hhe daher und aus derselben fiel nun eine
so groe Menge an Bord, da das Luftschiff davon unterzugehen drohte.
Die Mannschaft beeilte sich jedoch, die unerwnschte Last wieder
abzuwerfen, bis auf mehrere hundert Stck, welche Franois Tapage fr
sich in Anspruch nahm. Er richtete dieselben auf so ausgezeichnet
schmackhafte Weise zu, da Frycollin darber sogar einmal seine eigene
Angst verga.

"Das schmeckt so gut, wie die besten Krabben!" sagte er.

Man befand sich jetzt tausendachthundert Kilometer von der Oase Uargla
entfernt, fast auf der Nordgrenze des ungeheuren Knigreichs Sudan.

Gegen zwei Uhr Nachmittags wurde auch am Knie eines groen Stromes eine
Stadt sichtbar. Dieser Strom war der Niger -- die Stadt war Timbuctu.

Wenn dieses afrikanische Mekka bisher nur von khnen Reisenden der
Alten Welt, von einem Batouta, Khazan, Imbert, Mungo-Park, Adams,
Loiny, Laill, Barth, Lenz und Anderen besucht worden war, so konnten
von heute ab, und zwar Dank den Zuflligkeiten eines Abenteuers ohne
Gleichen, auch zwei Amerikaner de visu, de auditu und obendrein de
olfactu davon bei ihrer Heimkehr nach Amerika reden -- wenn sie
berhaupt einmal dahin zurckgelangten.

De visu, weil sie alle Ecken des fnf bis sechs Kilometer groen
Dreiecks, das die Stadt bildet, bersehen konnten; -- de auditu, weil
an diesem Tage groer Markt abgehalten wurde, bei dem es ohne einen
Heidenlrmen nicht abgeht; -- de olfactu, weil der Geruchsnerv sehr
unangenehm erregt werden mute durch die Dnste des Yubu-Kamo-Platzes,
auf dem sich dicht neben dem alten Palaste der Knige die
Fleischverkaufshalle erhebt.

Jedenfalls glaubte der Ingenieur den Vorsitzenden und den Schriftfhrer
des Weldon-Instituts darauf aufmerksam machen zu sollen, da es die
hchste Zeit sei, sich die Knigin des Sudans zu betrachten, die sich
jetzt in den Hnden der Touaregs von Laganet befindet.

"Timbuctu, meine Herren!" sagte er zu ihnen in demselben Tone, in dem
er zwlf Tage frher zu ihnen "Indien, meine Herren!" gesagt hatte.

Dann fuhr er fort:

"Timbuctu, unter 18 Grad nrdlicher Breite und 5 Grad 56 Minuten
westlicher Lnge von Paris, zweihundertfnfundvierzig Meter ber dem
mittleren Niveau des Meeres gelegen. Eine bedeutende Stadt von zwlf-
bis dreizehntausend Einwohnern, die sich ehedem durch Kunst und
Wissenschaft auszeichnete. -- Vielleicht hatten Sie den Wunsch, hier
einige Tage Halt zu machen?"

Ein solches Angebot des Ingenieurs konnte nur ironisch gemeint sein.

"Inde, fuhr er fort, es mchte fr Fremde einigermaen gefhrlich
werden, inmitten von Negern, Berbern, Fullahs und Arabern, welche hier
wohnen, vorzglich wenn wir bedenken, da die Ankunft des Aeronefs ihr
Mifallen erregt haben drfte.

-- Mein Herr, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart, fr das
Vergngen, Sie verlassen zu knnen, wrden wir gern die Gefahr auf uns
nehmen, von den Eingeborenen hier bel empfangen zu werden. Ein Kerker
ist so gut wie der andere, aber Timbuctu immer noch besser, als der
"Albatros".

-- Das sind Geschmackssachen, versetzte der Ingenieur. Auf keinen Fall
mchte ich das Abenteuer wagen, denn ich bin verantwortlich fr die
Sicherheit der Gste, welche mir die Ehre anthun, mit mir zu reisen ...

-- Sie begngen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur, platzte jetzt
Onkel Prudent, dem die Galle berlief, heraus, mit der Rolle unseres
Kerkermeisters -- nein, Sie mssen uns auch noch beleidigen?

-- O, das war hchstens eine erlaubte Ironie!

-- Giebt es denn keine Waffen an Bord?

-- Gewi, ein ganzes Arsenal.

-- Zwei Revolver wrden gengen, wenn ich den einen nehme und Sie, mein
Herr, den anderen.

-- Ein Duell, rief Robur, ein Duell, das Einem von uns das Leben kosten
knnte!

-- Nein, ihm gewi kosten wrde!

-- Nein, nein, mein Herr Prsident des Weldon-Instituts, ich ziehe es
vor, Sie am Leben zu erhalten.

-- Um sicherer zu sein, da Sie selbst leben bleiben. Das ist sehr
klug.

-- Klug oder nicht, mir pat es eben. Es steht Ihnen vllig frei,
darber anders zu denken und Klage zu erheben, wenn Sie es knnen.

-- Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur!

-- Wirklich?

-- War es denn bei unserer Fahrt ber die bewohnten Gegenden Europas so
schwierig, ein Schriftstck hinunterfallen zu lassen ...

-- Das htten Sie gethan? unterbrach ihn Robur, in dem der Zorn hell
aufloderte.

-- Und wenn wir es gethan htten?

-- Wenn Sie es gethan htten, verdienten Sie ...

-- Was denn, mein Herr Ingenieur?

-- Da man Sie Ihrem Schreiben ber Bord nachfliegen liee!

-- So werfen Sie uns ber Bord ... Wir haben es gethan!" rief Onkel
Prudent.

Robur trat auf die beiden Collegen zu. Auf ein Zeichen von ihm waren
Tom Turner und einige seiner Kameraden herzugelaufen. Ja, der Ingenieur
hatte verzweifelte Lust, seine Drohung zur Ausfhrung zu bringen, und
ohne Zweifel zog er sich nur aus Besorgni, ihr nicht widerstehen zu
knnen, pltzlich in seine Cabine zurck.

"Sehr schn! sagte Phil Evans.

-- Und was er zu thun nicht wagte, erklrte Onkel Prudent, das werde
ich wagen, ich, ja, ich werde es thun!"

In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Timbuctu auf den Pltzen
und Straen der Stadt zusammen und sammelten sich auf den Terrassen der
amphitheatralisch erbauten Huser.

In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie in den elenden
kugelfrmigen Htten des Quartiers Raguidi donnerten die Priester von
den Spitzen der Minarets die schlimmsten Flche und Verwnschungen
gegen das Ungeheuer in der Luft. Das war inde unschdlicher, als
Flintenkugeln.

Und auch bis zum Hafen von Kabara an der scharfen Biegung des Niger war
Alles, was sich auf Schiffen und Booten befand, in lebhafterer
Bewegung. Wenn der "Albatros" hier zur Erde niedergegangen wre, die
Leute htten ihn in Stcke gerissen.

Whrend einiger Stunden folgten ihm schreiend und an Schnelligkeit
wetteifernd lrmende Schaaren von Strchen, Haselhhnern und Ibissen;
sein rascher Flug hatte dieselben aber bald hinter sich zurckgelassen.

Gegen Abend ertnte ein dumpfes Grollen und Murren von zahlreichen
Elephanten und Bffelheerden, welche in diesen, durch ganz besondere
Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten umherirrten.

Whrend vierundzwanzig Stunden entrollte sich die ganze zwischen dem
Meridian 0 und dem 2. Grade der Lnge zwischen dem Knie des Stromes
gelegene Gegend unter dem "Albatros" gleich einem Wandelpanorama.

Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfgung gehabt htte,
wie leicht wre es ihm dann nicht gewesen, eine topographische Aufnahme
des Landes auszufhren, die hchsten Punkte zu messen, den Lauf der
Strme und ihrer Nebenflsse zu bestimmen und die Lage der Stdte und
Drfer festzusetzen. Dann gbe es in den Karten von Inner-Afrika nicht
mehr so viel leere Stellen, so viel nur mit blassen Farben markirte
Lnder -- und keine punktirte Linien und unsichere Abgrenzungen mehr,
welche die Kartographen zur Verzweiflung bringen.

Am Morgen des 11. berschritt der "Albatros" die Berge des nrdlichen
Guinea zwischen dem Sudan und dem Golf, der dessen Namen trgt. Am
Horizont erhoben sich schon in undeutlicher Linie die Kong-Berge des
Knigreichs Dahomey.

Seit der Abfahrt von Timbuctu hatten Onkel Prudent und Phil Evans
beobachten knnen, da sie stets die Richtung von Norden nach Sden
eingehalten hatten. Sie schlossen daraus, da sie, wenn hierin keine
Aenderung eintrat, sechs Grade weiter die Aequinoctiallinie erreichen
muten. Sollte der "Albatros" sich wirklich vom Festland ganz wegwenden
und hinaus, nicht auf das Behring-Meer, den Caspis-See, die Nordsee und
das Mittelmeer, sondern auf den Atlantischen Ocean wagen wollen?

Diese Aussicht war fr die beiden Collegen, welche damit jede
Gelegenheit, zu entfliehen, verloren, freilich keine besonders
angenehme.

Der "Albatros" bewegte sich jetzt jedoch nur langsam vorwrts, als
zgere er noch, das afrikanische Gebiet zu verlassen. Der Ingenieur
dachte inde keineswegs an eine Umkehr, nur fesselte das Land, ber
welches sie kamen, seine Aufmerksamkeit im hchsten Grade.

Es ist allgemein und war ihm nicht minder bekannt, da das Knigreich
Dahomey an der Westkste Afrikas eines der mchtigsten ist. Stark
genug, um sich mit dem benachbarten Reiche der Aschantis im Kampfe
messen zu knnen, sind seine Grenzen doch sehr beschrnkt, denn es mit
nur fnfundzwanzig (englische) Meilen von Nord nach Sd und gegen
sechzig Meilen von Ost nach West; seine Einwohnerzahl beluft sich
jedoch auf 7-800.000 Seelen, seitdem es die bisher unabhngigen Gebiete
von Ardrah und Wydoch annectirt hat.

Wenn dieses Knigreich Dahomey also auch nicht gro ist, so hat es doch
recht oft von sich reden gemacht. Es wurde zeitig berhmt durch die
entsetzlichen Grausamkeiten, welche daselbst beim Jahreswechsel
begangen werden, durch die Menschenopfer, die furchtbaren Hekatomben,
welche gewhnlich dem verstorbenen und dem seine Stelle ersetzenden
Knige dargebracht werden. Ja, es gehrt so zu sagen zum guten Ton, da
der Knig von Dahomey, wenn er den Besuch einer hohen Person oder etwa
eines Gesandten erhlt, diesem zu Ehren einem Dutzend Gefangenen die
Kpfe abschlagen lt -- abschlagen durch seinen Minister der Justiz,
den "Minghan", der sich seiner Aufgabe als Henker vortrefflich
entledigt.

Zur Zeit, als der "Albatros" die Grenze von Dahomey berschritt, war
eben der Knig Lahadu verstorben und die ganze Bevlkerung schritt zur
Feier der Thronbesteigung seines Nachfolgers. Daher herrschte im ganzen
Lande eine groe Aufregung und Bewegung, welche Robur nicht hatte
entgehen knnen.

Lange Zge von Landbewohnern Dahomeys drngten sich nach Abomey, der
Hauptstadt des Reiches, hin. Ueberall zeigte das Land wohlunterhaltene
Straen, welche durch weite, mit sehr hohem Grase bewachsene Ebenen
verlaufen. Ungeheure Maniocfelder, Wlder voll herrlicher Palmen,
Cocosnubume, Mimosen, Orangen- und Mangobume, deren Dfte bis zum
"Albatros" hinaufstiegen, whrend Tausende von Papageien und Cardinlen
aus dem dunklen Grn aufflatterten.

Ueber die Reeling gebeugt und in Gedanken versunken, wechselte der
Ingenieur nur wenige Worte mit Tom Turner.

Es schien brigens nicht, als ob der "Albatros" von vornherein die
Aufmerksamkeit der sich fortbewegenden Menschenmasse erweckte, welche
auch selbst unter den dichten Baumkronen meist nicht sichtbar war.
Hauptschlich kam das jedoch wohl daher, da er sich in groer Hhe und
zwischen leichten Wolken hielt.

Gegen elf Uhr Vormittags erschien die Stadt mit ihrem Mauergrtel, den
noch ein zwlf Meilen im Umfang messender Graben vertheidigt, mit ihren
breiten, regelmigen, sehr eben verlaufenden Straen und dem groen
Platz, den der Palast des Knigs einnimmt. Alle die vielen
Baulichkeiten berragt noch eine Terrasse, nicht weit vom gewhnlichen
Opferplatz. Whrend der grten Feste werden dem Volke von der Hhe
derselben aus die in Weidenkrben angebundenen Gefangenen zugeworfen,
und man kann sich schwer eine Vorstellung von der Wuth machen, mit
welcher diese Unglcklichen in Stcke gerissen werden.

In einem Theile der Hfe, welche den Palast des Herrschers umschlieen,
sind viertausend Krieger einquartirt, eine der Abtheilungen der
kniglichen Armee, und natrlich nicht die schlechteste.

Wenn es auch zweifelhaft ist, da es jemals Amazonen auf dem Strome
dieses Namens gegeben habe, so liegt das in Dahomey anders. Die Einen
tragen hier ein blaues Hemd, roth und blaue Schrpe, weie,
blaugestreifte Beinkleider, weie kurze Beinkleider darber und die
Patronentasche im Grtel; die Anderen, die Elephanten-Jgerinnen, sind
bewaffnet mit einer plumpen Flinte, einem Dolch mit kurzer Klinge, und
auf dem Kopfe tragen sie zwei mit einem Eisenringe befestigte
Antilopenhrner; die Artilleristen haben einen halb rothen und halb
blauen Ueberwurf und als Waffe die Donnerbchse mit alten gueisernen
Rohren, noch Andere endlich, ein Bataillon jener Mdchen, trgt eine
Art blauer Mntel mit kurzem weien Beinkleid; das sind wirkliche
Vestalinnen, keusch wie Diana und wie diese mit Pfeilen und Bogen
ausgerstet.

Rechnet man zu diesen Amazonen noch fnf- bis sechstausend Mann in
Baumwollhemden und mit einem Grtel um die Taille, so hat man die ganze
Armee von Dahomey Revue passiren lassen.

Abomey selbst war an diesem Tage vllig menschenleer, der Knig, das
ganze Personal, die mnnliche wie die weibliche Armee, sowie die
Einwohner, Alle hatten die Hauptstadt verlassen, um einige Meilen
entfernt auf einem groen, von prchtigem Baumschlag eingerahmten
Platze zusammenzustrmen.

Es war das die Ebene, auf der die Huldigung des neuen Knigs
stattfinden sollte, und hier harrten Tausende, bei Gelegenheit der
letzten Razzias eingebrachte Gefangene zur Ehre desselben ihres letzten
Augenblicks.

Gegen zwei Uhr Nachmittags begann der jetzt ber derselben Ebene
schwebende "Albatros" aus einer leichten Dunstschicht, die ihn bisher
den Augen der Bevlkerung von Dahomey verhllt hatte, etwas mehr
niederzusinken.

Hier befanden sich jetzt wohl gegen sechzigtausend Menschen, die aus
allen Gegenden des Reiches, aus Midah, Karapay, Ardrah, Tombory und aus
allen Stdten und Drfern gekommen waren.

Der neue Knig -- ein krftiger Kerl, Namens Bu-Stadi und
fnfundzwanzig Jahre alt -- thronte auf einer kleinen Anhhe, welche
eine Gruppe von Bumen mit langen Aesten beschattete. Vor ihm drngte
sich der neue Hofstaat, seine mnnliche Armee, seine Amazonen und das
ganze Volk hin und her.

Am Fue dieses Erdhgels spielten etwa fnfzig Musiker auf ihren
barbarischen Instrumenten, bliesen auf Elephantenzhnen, die einen
rauhen Ton gaben, wirbelten auf groen, mit einer Hirschkuhhaut
bespannten Trommeln, oder hatten Flaschenkrbisse, Guitarren, Glocken,
die mit einem Eisenstabe angeschlagen wurden, und Flten aus
Bambusrohr, deren scharfer Klang das ganze Orchester bertnte. Jeden
Augenblick krachten die Flinten, Donnerbchsen und zuweilen die alten
Kanonen, deren Lafetten dabei zurcksprangen, da die Artilleristen in
Lebensgefahr kamen; dazu herrschte ein solcher Heidenlrm und so wstes
Geschrei, da man kaum einen Donnerschlag htte hren knnen.

In einer Ecke der freien Ebene standen, von Soldaten berwacht, die
Gefangenen, welche dem verstorbenen Knige das Geleit in die andere
Welt geben sollten, denn durch sein Ableben darf ein solcher noch keine
Einbue an seiner hohen Wrde erleiden. Bei der Leichenfeier Ghozo's,
des Vaters Bahadu's, hatte dessen Sohn ihm dreitausend Diener
mitgegeben. Bu-Stadi konnte seinem Vorgnger hierin doch nicht
nachstehen. Der Todte brauchte ja eine Menge Sendboten, nicht allein,
um die Geister seiner Ahnen herbeizurufen, sondern auch, um alle
Bewohner des Himmels zu versammeln, welche das Gefolge des verewigten
Knigs bilden sollten.

Eine Stunde verging mit Gesprchen, Vortrgen und Ansprachen,
unterbrochen von Tnzen, welche nicht allein die eigentlichen Bajaderen
auffhrten, sondern auch die Amazonen, die dabei viel kriegerische
Grazie entwickelten.

Inzwischen kam die Zeit zur Hinrichtung heran. Robur, der die blutigen
Gewohnheiten von Dahomey schon kannte, verlor die gefangenen Mnner,
Frauen und Kinder, welche abgeschlachtet werden sollten, niemals aus
dem Auge.

Der Minghan verweilte am Fue des Erdhgels. Er schwang das
Richtschwert mit gebogener Klinge, auf der auch noch ein metallener
Vogel sa, dessen Gewicht ihm noch mehr Schwung verlieh. Dieses Mal war
er nicht allein; er wre mit der Arbeit auch nicht fertig geworden. In
seiner Umgebung befanden sich noch hundert Scharfrichter, die alle
eingebt waren, einen Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpfe zu lsen.

Inzwischen nherte sich der "Albatros" allmhlich in schrger Richtung
und lie seine Auftriebs- und Treibschrauben mit verminderter
Geschwindigkeit spielen. Bald trat er aus der Wolkenschicht hervor, die
ihn bis wenigstens hundert Meter von der Erde verhllt hatte, und wurde
jetzt zum ersten Male sichtbar.

Ganz entgegen den gewhnlichen Erfahrungen sahen die wilden
Eingeborenen in ihm nur ein himmlisches Wesen, das ganz allein zu dem
Zwecke herabgestiegen sei, dem Knige Bahadu zu huldigen.

Das gab einen Enthusiasmus ohne Gleichen, unendliche Zurufe, lautes
Jubeln und allgemeine Gebete, gerichtet an diesen bernatrlichen
Hippogryph, der ohne Zweifel jetzt kam, um den Krper des verstorbenen
Knigs in die Hhe des Dahomey'schen Himmels zu tragen.

Eben da fiel der erste Kopf unter dem Schwerte des Minghan; dann wurden
hundert andere Gefangene ihren schrecklichen Henkern zugefhrt.

Pltzlich krachte vom "Albatros" ein Schu. Der Justizminister strzte
getroffen zur Erde.

"Gut gezielt, Tom! sagte Robur.

-- Bah! ... Es war ein Schu mitten in den Haufen!" antwortete
bescheiden der Obersteuermann.

Seine ebenfalls bewaffneten Kameraden standen bereit, auf das erste
Zeichen des Ingenieurs Feuer zu geben.

Die Volksmenge hatte durch diesen Vorfall aber ihre Anschauungen
schnell gewechselt; dieses geflgelte Ungeheuer war kein guter, sondern
ein dem guten Volk von Dahomey feindlicher Geist. Nachdem der Minghan
gefallen, erhob sich ein wildes Geheul. Gleichzeitig knatterten viele
Gewehre, die nach dem "Albatros" gerichtet waren.

Diese Drohungen hinderten letzteren jedoch nicht, bis auf etwa
hundertfnfzig Fu ber der Erde niederzusinken. Trotz ihrer dem
Ingenieur Robur gewi ungnstigen Stimmung konnten sich Onkel Prudent
und Phil Evans doch nicht versagen, an diesem menschenfreundlichen
Werke theilzunehmen.

"Ja, lat uns die Gefangenen befreien! riefen sie.

-- Das ist meine Absicht!" antwortete der Ingenieur.

Schon begannen die Repetirgewehre des "Albatros" in den Hnden der
beiden Collegen, wie in denen der Mannschaft, ein Schnellfeuer, von dem
doch keine Kugel inmitten der groen Menschenmasse verloren ging. Und
selbst das kleine Geschtz an Bord, das so tief als mglich
herabgerichtet wurde, sandte einige Karttschenladungen hinunter,
welche wahre Wunder wirkten.

Sofort sprengten die Gefangenen, ohne etwas von der ihnen aus der Hhe
gekommenen Hilfe zu begreifen, ihre Fesseln, whrend die Soldaten auf
den Aeronef Feuer gaben. Die vordere Schraube wurde von einer Kugel
durchlchert, whrend einige andere an den Rumpf des Fahrzeuges
schlugen. Frycollin, der sich im Hintergrunde seiner Cabine verkrochen
hatte, wre fast noch durch die Wand des Ruffs getroffen worden.

"Aha, sie haben Appetit auf etwas mehr!" rief Tom Turner.

Er begab sich nach der Munitionskammer und kehrte von dort mit einem
Dutzend Dynamitpatronen zurck, die er an die Kameraden vertheilte. Auf
ein Zeichen Robur's wurden dieselben ber den Hgel hinabgeworfen und
durch das Aufschlagen auf den Erdboden zersprangen sie wie kleine
Bomben.

Das gab aber eine wilde Flucht! Der Knig, der Hof, die Armee und das
ganze Volk strzte, von gewi nicht ungerechtfertigter Furcht
ergriffen, auf und davon! Alle suchten unter den Bumen Schutz, whrend
die Gefangenen entflohen und Niemand daran dachte, sie zu verfolgen.

So wurden die Festlichkeiten zu Ehren des neuen Knigs von Dahomey
unterbrochen. Auch Onkel Prudent und Phil Evans muten zugestehen, ber
wie groe Machtmittel dieser Apparat verfgte, und welchen hohen Nutzen
er der Menschheit htte gewhren knnen.

Der "Albatros" erhob sich darauf zu mittlerer Hhe; er glitt ber Mydah
hinweg und hatte bald diese ungastliche Kste, welche die Westwinde mit
unnahbarer Brandung peitschten, aus dem Gesichte verloren.

Er schwebte nun ber dem Atlantischen Weltmeere.




XIII.

In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren,
ohne die Seekrankheit zu bekommen.



Ja, das Atlantische Meer! Die Befrchtungen der beiden Collegen hatten
sich bewahrheitet. Es schien brigens nicht, als ob Robur hier ber dem
unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfnde. Das kmmerte ihn so
wenig wie seine Leute, welche an derartigen Fahrten gewhnt sein
mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurckgekehrt.
Kein Alpdrcken sollte ihren Schlummer stren.

Wohin steuerte nun der "Albatros"? Sollte er wirklich noch mehr als
eine Reise um die Erde ausfhren? Auf jeden Fall mute diese Fahrt doch
irgendwo ein Ende nehmen. Da Robur sein ganzes Leben in den Lften, an
Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu
gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie htte er seine Vorrthe
an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das fr die
Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwhnen? Unbedingt
mute er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und
wahrscheinlich auf einen unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der
Erde, wo der "Albatros" sich mit allen Bedrfnissen frisch versehen
konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen
haben, mit der Erde als solcher aber gewi nicht.

Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der
Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwhlen? Erwartete ihn eine kleine
Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften
erhalten? Und zunchst, wie war er berhaupt dazu gekommen, seine, aus
den verschiedensten Lndern stammenden Leute an sein Schicksal zu
binden? Ueber welche Mittel verfgte er ferner, um einen so
kostspieligen Apparat erbauen zu knnen, dessen ganze Construction so
geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht
besonders viel zu beanspruchen. An Bord fhrte man fast ein gemeinsames
Leben, wie in einer Familie oder wie glckliche Leute, die kein
Geheimni vor einander haben. Doch, wer war eigentlich jener Robur?
Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso
viele unlsbare Rthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, wrde gewi
der Letzte sein, eine Erklrung darber abzugeben.

Es ist gewi nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller
unenthllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich
so in's Unbekannte hinaus entfhrt und den endlichen Ausgang eines
solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu
zweifeln, da dasselbe berhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen
Umherfliegen verurtheilt zu sein -- mute das den Vorsitzenden und den
Schriftfhrer des Weldon-Instituts nicht auf's Aeuerste treiben?

Inzwischen schwebte der "Albatros" am Abend des elften Juli ber den
Atlantischen Ocean hin. Als am nchsten Morgen die Sonne aufging, erhob
sie sich ber die kreisfrmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen
zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war
doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollstndig hinter dem
nrdlichen Horizont verschwunden.

Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer
unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt.
Unter sich ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wre besser
zu sagen, "um sich", denn fr einen auf sehr hohem Punkte befindlichen
Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten
umgbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurck, ohne da man je
seine Grenzen erreichen knnte.

Physikalisch erklrte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich
nicht, aber er fhlte sie moralisch. Das gengte aber schon, um in ihm
die "Angst vor der Leere" zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz
muthige Naturen nicht entziehen knnen.

Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten
Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine
zurck, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen.

Von den 373,895.343 Quadratkilometern[5], welche die Oberflche der
Meere einnehmen, fllt ber ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es
schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe,
wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller
Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens htte dieser auch die
Fahrtschnelligkeit wie ber Europa hin nicht erreichen knnen. In den
Gegenden, in denen der Sdwestwind vorherrscht, lief er diesem fast
entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der
Apparat ihm doch eine groe Angriffsflche.

  [5] Die Oberflche des festen Landes betrgt 136,055,371
Quadratkilometer.

Die neuesten und auf eine groe Anzahl von Beobachtungen gesttzten
meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate,
entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen
lassen. Auerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen
und strmen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen
nach der Neuen Welt zu -- wenigstens whrend der wrmeren Jahreszeit.

Der "Albatros" versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind
mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukmpfen. Er begngte
sich mit einer gemigten Gangart, welche brigens die der
transatlantischen Dampfer immer noch berholte.

Am 13. Juli berschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen
Mannschaft besonders angemeldet wurde.

Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, da sie nun die
nrdliche Halbkugel verlassen hatten und nach der sdlichen gekommen
waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen
Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen
gebruchlich sind.

Nur Franois Tapage lie es sich nicht nehmen, Frycollin eine groe
Pinte Wasser ber den Kopf zu gieen, da dieser Taufe aber einige
Glser Gin nachfolgten, erklrte der Neger sich bereit, die Linie so
oft passiren zu wollen, wie man wnschte, vorausgesetzt, da das nicht
auf dem Rcken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm
nun einmal kein Vertrauen einflte.

Am Morgen des 15. schwebte der "Albatros" ber den Inseln Ascension und
St. Helena, aber nher der letzteren hin, deren hhere Theile sich
einige Stunden lang am Horizonte zeigten.

Htte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Englnder befand,
ein Apparat, hnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewi wrde
Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaregeln
seinen berhmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lfte haben
entweichen sehen.

Whrend der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme
des Tageslichtes hchst eigenthmliche Dmmerungserscheinungen. Unter
hherer Breite htte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken
knnen. Die Sonne warf nmlich bei ihrem Niedergang ber den Himmel
vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grn erschienen.

War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorber zog
und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige
Beobachter haben solche Dmmerungserscheinungen in dieser Weise
allerdings erklrt; sie wren aber gewi zu anderer Anschauung
gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden htten.

Eine aufmerksame Prfung ergab nmlich, da in der Luft feine
Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kgelchen, nmlich zarte
Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche
feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, da
diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrhrte, deren
krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten --
eine Wolke, welche die Luftstrmungen auch noch ber dem Atlantischen
Ocean schwebend erhielten.

Whrend dieses Theiles der Reise wurden brigens auch noch andere
Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem
Himmel eine weigraue Frbung von eigenthmlichem Aussehen; gelangte
man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen
Oberflche ganz berset von glnzend weien Krperchen, zwischen denen
einzelne grere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser
Breite durch nichts Anderes, als durch eine Hagelbildung erklren lie.

In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grnlichgelber
Mondregenbogen infolge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde
und einem Netz von fernem Regen, der schon in Dunst berging, ehe er
das Meer erreichte. Vielleicht lie sich aus diesen verschiedenen
Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag
schlieen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der
afrikanischen Kste stets aus Sdwesten wehte, sich in der Nhe des
Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast
unertrgliche Hitze. Robur suchte daher Khlung in hheren
Luftschichten, und doch mute man sich auch noch hier vor den directen
Sonnenstrahlen schtzen, welche Niemand htte aushalten knnen.

Dieser Wechsel in den Luftstrmungen lie schon ahnen, da jenseits des
Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhltnisse herrschen
wrden; es darf hierbei auch nicht vergessen werden, da der Monat Juli
der sdlichen Halbkugel der Januar der nrdlichen ist, also dem
tiefsten Winter entspricht. Wenn der "Albatros" noch weiter nach Sden
vordrang, mute er die Folgen davon bald spren.

Das Meer aber "empfand das", wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte
sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phnomen,
welches gewi jeden Schiffer erschreckt htte.

Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schtzenden
Geschwindigkeit zog ber das Meer weg eine merkwrdige Reihe von
leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fu
folgten und lang schimmernde Streifen zurcklieen. Mit einbrechender
Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum "Albatros" hinauf,
so da dieser jetzt wirklich htte fr einen glhenden kleinen
Himmelskrper angesehen werden knnen. Noch nie war es Robur
vorgekommen, ber ein Meer in Flammen hinwegzusteuern -- ber Flammen
ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nthig hatte.

Die Elektricitt mute offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein,
denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschpfen
gebildeten Zuge, welche zuweilen die Flche des Meeres bedecken, konnte
man dieselbe nicht zuschreiben.

Das lie vermuthen, da die elektrische Spannung der Luft jetzt eine
sehr hohe sein msse.

Am folgenden Tage, am 19. Juli wre ein Schiff auf diesem Meere wohl
dem Untergang geweiht gewesen. Der "Albatros" dagegen spielte mit Wind
und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm
nicht beliebte, wie ein Sturmvogel ber der Meeresflche hinzugleiten,
so konnte er wie der Adler in hheren Schichten Ruhe und Sonnenschein
aufsuchen.

Man hatte jetzt den 47. Grad sdlicher Breite berschritten. Der Tag
dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mute mit der
Annherung an die antarktischen Gegenden noch immer krzer werden.

Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der "Albatros", um eine gnstige
Luftstrmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte hchstens noch
hundert Fu ber der Oberflche des Meeres.

Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke,
dunkle Wolken mit ausgezackten Rndern auf, welche oben eine genau
horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene
Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das
darunter in Form eines flssigen Straues aufbrodelte.

Pltzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor.

In einem Augenblick wurde der "Albatros" in den Wirbel einer riesigen
Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwrze das
Geleite gaben. Zum Glck vollzog sich die Drehung dieser Trombe
entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst htten diese ihre Wirkung
ganz eingebt und der Aeronef wre in's Meer gefallen; jetzt wurde er
nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht.

Immerhin war die Gefahr gro und schien unmglich abwendbar, da der
Aeronef sich nicht aus der Trombe los machen konnte, deren Anziehung
ihn trotz der Treibschrauben zurckhielt. Durch die Centrifugalkraft
wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und
mute sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht ber Bord zu
fallen.

"Ruhig Blut!" rief Robur.

Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein.

Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden
nach dem Hintertheil getrieben und hatten die grte Mhe, sich noch
fest zu klammern.

Und whrend sich der "Albatros" in dieser Weise um sich selbst drehte,
folgte er auch der Lagevernderung der Tromben, die mit einer
Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben htten eiferschtig
werden knnen, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen,
wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stcke
zerrissen zu werden.

"Einen Kanonenschu!" rief der Ingenieur.

Der Obersteuermann Tom Turner verstand vllig diesen an ihn gerichteten
Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschtz mittschiffs, wo die
Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben
knnen, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geffnet und fhrte in
diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem
an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schu krachte und
sofort sanken einige Tromben zusammen.

Die Lufterschtterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreien und
die ungeheure Dunstmasse lste sich in einen Sturzregen auf, der den
Himmel mit dicken Wasserstreifen berzog, die Meer und Himmel
verbanden.

Endlich befreit, beeilte sich der "Albatros", um einige hundert Meter
aufzusteigen.

"Nichts zerbrochen an Bord?" fragte der Ingenieur.

-- Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu
tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wnschen mchten."

In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der "Albatros" in grter
Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart drfte er dem Wirbeln der
Tromben schwerlich widerstanden haben.

Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt ber den Ocean, wenn
nichts die Eintnigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer
mehr ab und die Klte wurde allmhlich fhlbar. Onkel Prudent und Phil
Evans sahen Robur nur wenig. In seine Cabine eingeschlossen,
beschftigte er sich damit, den Curs zu bestimmen, auf seinen Karten
die zurckgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend
anging, Gewiheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die
Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle
Zwischenflle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen.

Sorgsam verhllt, bemhten sich die beiden Collegen unablssig, im
Sden Land zu entdecken.

Frycollin seinerseits versuchte, gem einem besonderen Auftrage des
Onkel Prudent, den Koch bezglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie
htte aber Jemand aus dem, was der Gascogner Franois Tapage zur
Antwort gab, klug werden knnen? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger
Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralitt, ein
abgetretener Prsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegeld
gesetzter spanischer General, oder auch ein Viceknig von Indien, der
in den Lften eine noch hhere Stellung gesucht hatte. Bald besa er,
Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgefhrten Razzias, Millionen und
war er allgemein in die Acht erklrt; bald hatte er sich wieder durch
die Herstellung dieses Apparats ruinirt und gezwungen gesehen,
ffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage
nach einem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, auer
der, da er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben,
wenn er eine ihm passende Oertlichkeit antrfe.

"He, Fry ... mein Kamerad! ... Nicht wahr, es wrde Dir Vergngen
machen, zu sehen, wie es da oben zugeht?

-- Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich! ... erwiderte der Schwachkopf,
der alle diese Faseleien fr Ernst nahm.

-- Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer
hbschen, jungen Mondbewohnerin ... Du wirst da der Stammvater der
Neger!"

Als Frycollin das, was er gehrt, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte
dieser wohl, da ber Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte
also nur noch daran, sich zu rchen.

"Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der
Hand, da eine Flucht fr uns unmglich ist.

-- Unmglich, Onkel Prudent!

-- Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es
sein mu, indem er sein Leben opfert ...

-- Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als
mglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so khles
Temperament nun doch die Grenze des Ertrglichen erreicht hatte. Ja, es
ist Zeit, ein Ende zu machen! ... Wohin geht der "Albatros"? ... Jetzt
fliegt er schrg ber den Atlantischen Ocean, und wenn er diese
Richtung beibehlt, mu er nach den Ksten von Patagonien, dann nach
denen des Feuerlandes kommen ... Aber nachher? ... Wird er auch noch
ber den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem
Sdpolarlande? ... Diesem Robur ist Alles zuzutrauen! ... Dann wren
wir verloren! ... Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter
Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen mssen ...

-- So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne da wir uns
gercht, ohne da wir diesen Apparat mit Allen, die er trgt, zerstrt
haben!"

Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmchtige Zorn, die in ihnen
aufgehufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht
anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem
Geheimni zu vernichten. Nur wenige Monate htte dann dieser wunderbare
Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezglich der
Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen.

Diese Vorstellung hatte in ihren Kpfen so fest Wurzel geschlagen, da
sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke
gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen
Explosionsmaschinen bemchtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend
Stcke zu zersprengen; freilich muten sie dazu erst Gelegenheit
finden, in die Munitionskammer einzudringen.

Glcklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem
Gedanken, da der "Albatros" in die Luft gesprengt werden sollte, wrde
er sich nicht entbldet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen.

Am 23. Juli war es, wo in Sdwesten wieder Land sichtbar wurde, und
zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Strae.
Jenseits des 54. Breitengrades whrte die Nacht in dieser Jahreszeit
fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb
fortwhrend unter 0 Grad zurck.

Statt jetzt noch weiter nach Sden vorzudringen, folgte der "Albatros"
zunchst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean
zutriebe. Nachdem er ber die Bai von Lomas hinweggekommen, den
Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich
gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen
Drfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengelute erklang, und
einige Stunden spter in die Nhe der alten Niederlassung im
sogenannten Hungerhafen.

Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah,
wirklich eine das mittlere Menschenma bertreffende Krpergre haben,
so konnten doch die Passagiere des Aeronefs darber nicht urtheilen, da
sie ihnen, von dieser Hhe gesehen, als Zwerge erschienen.

Doch welch' Schauspiel bot sich hier whrend der kurzen Stunden des
sdlichen Tages! Steile, zerklftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte
Spitzen, deren Seiten mit dichten Wldern bedeckt waren; Binnenseen,
Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben
Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canle und Furthen, unzhlige
Caps und Halbinseln -- all' dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt
durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am
Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten
Auslufer der Neuen Welt!

Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der "Albatros" wieder
eine vllig sdliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel
Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in
gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick
bereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Strae in
einer Hhe von zweitausend Metern beherrscht.

Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Peschers oder
Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln.

Wie herrlich und fruchtbar htten sich diese Gebiete -- vorzglich
deren mittlerer Theil -- im Sommer gezeigt, wo die Tage fnfzehn bis
sechzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nmlich Thler und
Weidepltze, welche Abertausende von Thieren ernhren knnten, nebst
jungfrulichen Wldern mit riesenhaften Bumen, mit Weiden, Buchen,
Eschen, Cypressen und blhenden Farrenkrutern; dann wieder Ebenen,
welche groe Heerden von Guanaquen, Vigogneschafen und Strauen
bewohnen. Als der "Albatros" seine elektrischen Lichter erglhen lie,
flatterten auch Papageientaucher, Enten und Gnse -- hundertmal mehr,
als Franois Tapage's Speisekammer fassen konnte, an Bord.

Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten
verstand, da es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt
dadurch pltzlich weit mehr Arbeit, als gewhnlich; mehr Arbeit machte
das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem
interessanten Geflgel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu
rupfen.

Am nmlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte,
auch noch ein ziemlich groer, von prchtigen Waldungen eingerahmter
See. Jetzt lagerte ber dem See eine feste Eisdecke und einige
Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell ber
dessen Oberflche hin.

Beim Erblicken der Flugmaschine entflohen diese Fuegier nmlich nach
allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie
sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein.

Der "Albatros" steuerte noch immer nach Sden ber dem Beagle-Canal
hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name
unter den gewhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken
etwas auffllig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich
schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von
Dahomeys Kste aus ber siebentausendfnfhundert Kilometer
zurckgelegt, schwebte er ber die letzten Inseln des
Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Sden ber das
schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhrliche wilde Brandung
donnert.




XIV.

In dem der "Albatros" etwas ausfhrt, was man vielleicht niemals drfte
ausfhren knnen.



Der nchstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der sdlichen
Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der nrdlichen
Hemisphre; auerdem war jetzt auch schon der 56. Breitegrad
berschritten, der im Norden Europas Schottland in der Hhe von
Edinburgh und Sdschweden in der von Helsingborg durchschneidet.

Der Thermometer hielt sich auch fortwhrend unter 0 Grad, so da es
sich nthig machte, die Ruffs durch knstliche Wrme etwas wohnlicher
zu machen.

Es versteht sich von selbst, da der Tag, wenn er seit dem 21. Juni des
sdlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich krzer
wurde, da der "Albatros" einen Curs nach den Polarregionen einhielt.

Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit ber jenem Theile des
Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte also
nur wenig Aussicht und whrend der Nacht recht empfindliche Klte. Um
ihr zu widerstehen, mute man sich nach Art der Eskimos und Fuegier
kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern nicht fehlte,
konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem Verdeck
ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten und
eine dazu gnstige Gelegenheit zu ersphen suchten. Uebrigens sahen sie
Robur setzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel mit beiderseitigen
Drohungen, der ber Timbuctu stattfand, sprachen der Ingenieur und sie
nicht mit einander.

Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Kche Franois Tapage's heraus,
der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewhrte -- unter der
Bedingung, da er sich als Hilfskoch ntzlich machte. Da das nicht ohne
Vortheil fr ihn abging, hatte der Neger sich mit Erlaubni seines
Herrn gern dazu verpflichtet. So eingeschlossen, sah er ja auch nicht,
was drauen vorging, und konnte sich gegen jede Gefahr geschtzt
glauben. Glich er nicht vllig dem thrichten Straue, nicht allein
physisch durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch
seine kindische Beschrnktheit?

Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der "Albatros" sich nun
wenden? Konnte man wohl annehmen, da er sich im tiefen Winter ber
diese sdlichen Meere oder ber das Festland des Pols hinauswage?
Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die furchtbare
Klte erstarrten, drohte in dieser eisigen Atmosphre doch Allen der
Tod -- der schreckliche Tod des Erfrierens. Da Robur es unternommen
htte, in der warmen Jahreszeit ber den Pol zu fahren, mchte wohl
angehen; inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien
dies dagegen wie der Streich eines Tollhuslers.

Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftfhrer des
Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem uersten Ende der Neuen
Welt entfhrt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu Amerika, aber
freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehren.

Ja, was hatte dieser unergrndliche Robur noch Alles vor? War jetzt
nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstrung des fliegenden
Apparats zu beendigen?

Fiel hierber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen
fest, da der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem
Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner
und er selbst den Barometer, diesmal aber nicht zur Abschtzung der
Hhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden Wetterumschlags
zu erkennen.

Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, da Robur in Erfahrung zu
bringen suchte, wie viel er noch an Vorrthen aller Art, ebenso
derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des
Aeronefs, wie derjenigen fr die menschlichen Maschinen besa, da es
darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu
erhalten.

Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten.

"Umkehr? ... sagte Phil Evans, aber wohin?

-- Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete Onkel
Prudent.

-- Das mte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel sein, mit
einer, ihres Chefs ganz wrdigen Colonie von Verbrechern.

-- Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er wird
nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, ber die er
verfgt, drfte er sein Ziel bald genug erreicht haben.

-- Wir wrden jedoch unseren Plan nicht mehr zur Ausfhrung bringen
knnen ... wenn er daselbst ankommt ...

-- Er wird nicht ankommen, Phil Evans!"

Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des
Ingenieurs wenigstens zum Theil errathen. Im Laufe des Tages noch
schwand jeder Zweifel, da der "Albatros", nachdem er die Grenzen des
sdlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder rckwrts steuerte.

Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, muten
sich die sdlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz mit Eisfeldern
und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen
undurchdringlichen Wall fr die festesten Schiffe, wie fr die
tollkhnsten Reisenden.

Gewi htte der "Albatros", wenn er seinen Flgelschlag beschleunigte,
diese ber den Ocean aufgethrmten Eisberge ebenso berfliegen knnen,
wie die auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge -- wenn
es berhaupt ein Festland ist, was das Sdende der Erdachse berdeckt.
Doch entschieden wrde er nicht gewagt haben, inmitten der finsteren
Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, welche sich zuweilen
bis 60 Grad unter Null abkhlen kann.

Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Sden vorgedrungen, wandte
sich der "Albatros" nach Westen, so, als ob er die Richtung nach einer
unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans einschlge.

Unter ihm breitete sich die flssige Ebene aus, welche zwischen die
Lndermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die Fluthen
derselben jene eigenthmliche Frbung angenommen, die zum Theil dem
Ocean den Namen des "Milchmeeres" erworben haben. In dem Halbdunkel,
welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen,
erschien die ganze Oberflche des Stillen Weltmeeres wirklich milchig
wei. Man htte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen
Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Hhe nicht zu erkennen wren.
Wre auch dieser ganze Meerestheil durch die Klte zu einem einzigen
Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben htte kaum ein anderer
sein knnen.

Jetzt wei man, da es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende
Krperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwrdig blieb
nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen auerhalb des indischen
Oceans zu begegnen.

Nachdem der Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich
hoch gehalten hatte, fiel er pltzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das
fr jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wre, whrend der
Aeronef es auer Acht lassen konnte. Jedenfalls lie dasselbe aber
erkennen, da in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewsser des
Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte.

Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat.

"Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont?
... Dort, gerade im Norden vor uns ... ein Felsen kann das nicht sein?

-- Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land.

-- Dann mu es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug."

Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner
bezeichneten Punkt hinaus.

Robur lie sich sein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den
fraglichen Gegenstand.

"Es ist ein Boot, sagte er, und ich mchte behaupten, da sich Menschen
in demselben befinden.

-- Schiffbrchige? rief Tom.

-- Ja, Schiffbrchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff
zu verlassen, erklrte Robur; Unglckliche, welche nicht wissen, wo sie
Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen.
Wohlan, es soll Niemand sagen knnen, der "Albatros" htte nicht den
Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!"

Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dem entsprechend Befehl und
der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Hhe hielt
er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden.

Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing
und das wegen Mangels an Wind nicht vorwrts kommen konnte. Die an Bord
befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu
handhaben.

Auf dem Boden desselben lagen fnf Menschen, die eingeschlafen oder vor
Entkrftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon
ereilt hatte.

Ueber ihnen angekommen, ging der "Albatros" langsam nach unten. Am Heck
des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es
gehrt hatte; es war die "Jeannette" von Nantes gewesen, ein
franzsisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben mssen.

"Aoh!" rief Tom Turner.

Die Leute muten ihn wohl hren, denn sie befanden sich kaum achtzig
Fu unter ihm.

Keine Antwort.

"Schiet ein Gewehr ab!" sagte Robur.

Der Befehl wurde ausgefhrt und der Knall des Schusses verbreitete sich
weithin ber die Oberflche des Wassers.

Da sah man einen der Schiffbrchigen sich mhsam aufrichten, seine
Augen lagen tief in ihren Hhlen, so da das Gesicht mehr dem eines
Skelets hnelte.

Als er den "Albatros" bemerkte, malte sich in seinen Zgen erst der
helle Schrecken.

"Frchtet nichts! rief Robur ihm franzsisch zu. Wir kommen Euch zu
retten. Wer seid Ihr?"

-- Matrosen von der "Jeannette", einer Dreimastbark, deren zweiter
Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen ...
muten wir dieselbe verlassen ... weil sie schon im Sinken war ...
Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr! ..."

Die vier brigen Schiffbrchigen hatten sich nach und nach etwas
erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die
Hnde nach dem Aeronef empor.

"Achtung!" rief Robur.

Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Swasser
wurde zu dem Boote hinabgesendet.

Die Unglcklichen strzten darber her und tranken mit einer Hast,
welche fast widerlich mit anzusehen war.

"Brot! ... Brot!" ... riefen sie.

Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven,
einem Flschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter.
Der zweite Officier hatte alle Mhe, die Leute bei der Stillung ihres
Hungers nur einigermaen im Zaum zu halten.

"Wo sind wir denn? fragte er dann.

-- Fnfzig Meilen von der Kste von Chili und dem Chonas-Archipel,
antwortete Robur.

-- Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und ...

-- Wir werden Sie in's Schlepptau nehmen.

-- Wer sind Sie?

-- Leute, die sich glcklich schtzen, da sie im Stande waren, Euch
Hilfe zu bringen," erwiderte einfach Robur.

Der Mann begriff, da er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch
war es wirklich mglich, da diese Maschine Kraft genug besa, sie zu
schleppen?

Ja; durch Vermittlung eines hundert Fu langen Kabels wurde das Boot
von dem mchtigen Apparat nach Osten hingezogen.

Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die
Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur
rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel fr die Schiffbrchigen
der "Jeannette", und sie hatten gewi einiges Recht, ihre Rettung fr
ein Wunder zu halten.

Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstrae zwischen den Chonas-Inseln
gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schieen zu lassen,
was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der "Albatros"
steuerte wieder auf die offene See hinaus.

Entschieden besa er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf
diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten
konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wre im Stande gewesen,
es ihm nachzuthun? Unter sich muten auch Onkel Prudent und Phil Evans
das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des
ganzen Zwischenfalls zu leugnen.

Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende
Vorzeichen auf. Der Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und
wann brausten sehr heftige Ben daher, welche in den helikopterischen
Maschinen des "Albatros" ein lautes Pfeifen verursachten und diesen
merkbar aufhielten. Unter solchen Umstnden htte ein Segelschiff schon
die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen mssen. Alles
deutete darauf, da der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr
des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trben. Um ein Uhr
Morgens erlangte der Wind eine ungewhnliche Heftigkeit. Obgleich der
Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn
doch noch forttreiben, so da er etwa vier bis fnf Meilen in der
Stunde zurcklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen.

Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen
Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im
Atlantischen, Typhon im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und
Tornado an der Westkste nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der groe
Gefahren mit sich bringt. Ja, Gefahren fr jedes Fahrzeug, das von
seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin
zunimmt und nur eine Stelle ruhig lt, den innersten Mittelpunkt
dieses Maelstromes der Lfte.

Robur wute das. Er wute auch, da es rathsam war, einem Cyclon zu
entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach hheren
Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war
keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren.

In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kmmen
zerrissenen Wellen trugen einen weilichen Staub ber die Meeresflche
hin. Es war auch zu erkennen, da der Cyclon beim Fortschreiten mit
rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nhern mute.

"Hinauf! befahl Robur.

-- Hinauf!" wiederholte Tom Turner.

Dem Aeronef wurde die uerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob
sich in schiefer Richtung, als steige er eine schiefe Ebene empor, die
sich nach Sdwesten hin senkte.

Da fiel der Barometer noch weiter -- die Quecksilbersule sank schnell
um acht, dann um zwlf Millimeter. Pltzlich hrte die aufsteigende
Bewegung des "Albatros" vollstndig auf.

Was veranlate diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft infolge
einer sehr starken Strmung, die von oben nach unten zu stattfand und
den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte.

Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfhrt, erzeugt seine Schraube
eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strmende Wasser
zwischen ihren Flgeln hindurchfliet. Dann bleibt er zurck und das
kann so weit gehen, da er mit der Strmung zurckgeht. In dieser Lage
befand sich jetzt der "Albatros".

Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit
erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die
schnellstmgliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem
Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Whrend kurzer
Stillen stieg er wieder etwas in die Hhe. Dann zog ihn der schwerere
Luftdruck auf's Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im
Untergehen. Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere
nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des "Albatros"
nur in geringem Umfange unterbrachen?

Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der "Albatros" gewi
bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen
wurde, welche Bume entwurzeln, Dcher abdecken und oft ganze Mauern
umwerfen.

Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verstndlich machen.
An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans,
ob das schauerliche Meteor nicht fr sie eintreten und den Aeronef mit
seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimni der Erfindung
vernichten wrde.

Da es nun dem "Albatros" nicht gelang, sich in lothrechter Richtung
diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den
verhltnimig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr
Herr seiner Manver war. Gewi; doch um zu jenem vorzudringen, mute er
die Kreisstrme berwinden, die ihn an ihren Peripherien mit
fortzerrten. Besa er wirklich genug mechanische Krfte, sich diesen zu
entreien?

Pltzlich barsten jetzt die Wolken ber ihm; die Dnste verdichteten
sich zu einem furchtbaren Platzregen.

Es war um zwei Uhr Morgens. Der um zwlf Millimeter auf- und
abschwankende Barometer war bis auf 709 gefallen, wobei allerdings die
Hhe, welche der Aeronef ber dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen
ist.

Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon auerhalb der Zonen, die er
sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem 30. Grade nrdlicher und
dem 27. Grade sdlicher Breite. Vielleicht erklrt sich hierdurch,
warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewhnlichen, ziemlich
geradlinig verlaufenden berging. Doch welcher Orkan wthete dafr! Der
Windsto von Connecticut am 22. Mrz 1882 htte ihm etwa verglichen
werden knnen, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der
Secunde, d. h. ber hundert Meilen in der Stunde, erreichte.

Es blieb jetzt also nichts brig, als nach rckwrts zu entfliehen, wie
ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strmung mit
forttragen zu lassen, die der "Albatros" nicht berwinden und aus der
er sich nicht befreien konnte. Doch wenn er dieser ihm aufgezwungenen
Strae folgte, floh er nach dem Sden hin und wurde nach den
Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da
er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mute er ja hingehen, wohin
der Orkan ihn trug.

Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte
aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen
geschleudert zu werden.

Mit den ersten Stunden des Tages -- wenn man den schwachen Schein, der
den Horizont frbte, so nennen konnte -- hatte der "Albatros" vom Cap
Horn her fnfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. ber
vierhundert Meilen, und er berschritt nun den Polarkreis.

Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die
kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um
fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlngert sich
diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete
darauf hin, da sich der "Albatros" wie in einen Abgrund in dieselbe
strzen msse.

An diesem Tage htte eine Beobachtung, wenn eine solche mglich gewesen
wre, die sdliche Breite von 66 Grad 40 Minuten ergeben. Der Aeronaut
befand sich also nun vierzehnhundert Meilen vom antarktischen Pol.

Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel
hingezogen, "verzehrte" seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze
Schwere, obwohl diese infolge der Abplattung der Erde am Pol hier eine
noch grere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl
gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure,
da Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren
beschlo, um diese vor ernsten Beschdigungen zu schtzen und doch ein
wenig bei der geringsten mglichen eigenen Geschwindigkeit durch das
Steuerruder wirken zu knnen.

Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit
grter Kaltbltigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die
Seele des Chefs auch in ihr lebte.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie brigens ohne
alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen.
Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef
befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit
dem Fluidum, in dem er ganz eintaucht, fortbewegt.

Das sdliche Polargebiet umfat der gewhnlichen Angabe nach eine
Flche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch wei
man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer
enthlt, dessen Eis selbst whrend der langen Sommerszeit nicht zum
Schmelzen kommt. Bekannt ist dagegen, da der Sdpol noch klter ist,
als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in
ihrer Bahn whrend des Winters der antarktischen Region abgeleitet
wird.

Whrend des Tages trat kein Anzeichen ein, da der Sturm abnehmen
werde. Der "Albatros" gelangte unter den 75. Grad westlicher Lnge nach
dem Polargebiete. Wer htte wissen knnen, unter welchem Meridian er
wieder aus demselben heraustreten sollte?

Je mehr er nach Sden hinabkam, desto mehr verminderte sich die
Tageslnge. Binnen Kurzem mute er sich in der fortwhrenden Nacht
befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der
Sdlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefhrten
Robur's liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren
Geheimni der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat.

Hchst wahrscheinlich kam der "Albatros" nahe dem Polarkreise ber
einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen ber das
Graham-Land, welches Bisco 1832 entdeckt hat, und ber das Louis
Philipp-Land, das Dumont d'Urville als uersten Auslufer des
unbekannten Festlandes 1838 entdeckte.

An Bord litt man zwar nicht besonders von der Klte, welche nicht so
arg war, als man eigentlich frchten mute. Der Orkan schien eine Art
Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wrme mit sich
fhrte.

Wie bedauerlich war es, da diese ganze Gegend in Finsterni lag!
Hierzu kommt noch, da selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung
sehr beschrnkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure
Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberflche des
Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen "Blink" der
Eismassen, den weilichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte
nicht widerspiegeln kann. Wie htte Jemand unter diesen Umstnden die
Gestalt von Lndern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von
Inseln zu erkennen vermocht? Wie htte man sich ber das
hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen
orographische Anordnung aufnehmen knnen, da jetzt alle Hgel, alle
Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse
verschmolzen?

Kurz vor Mitternacht erhellte ein Sdpolarlicht einmal die tiefe
Finsterni. Mit seinen silbernen Auslufern, seinen weit
hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines
ungeheuren Fchers, der etwa die Hlfte des Himmels einnahm. Die
letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am sdlichen
Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von
wirklich unvergleichlicher Groartigkeit und ihre Helligkeit reichte
hin, einen Ueberblick ber diese in grenzenloses Wei verhllte Gegend
zu gewhren.

Es versteht sich von selbst, da der Compa in diesen, dem magnetischen
Sdpol so nahe gelegenen Gebieten gnzlich gestrt erschien und ber
die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklrung geben konnte. Die
Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, da
Robur annehmen mute, ber diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau
im achtundsiebenzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein.

Und spter, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des
Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut:

"Jetzt ist der Sdpol unter unseren Fen!"

Wohl sah man eine ganz weie Flche, aber nichts verrieth, was sie
unter ihrem Eispanzer bergen mochte.

Das Sdpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem
sich alle Meridiane kreuzen, ist noch immer erst zu entdecken.

Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle,
die er trug, in der geheimnivollsten Einde zu begraben, so war jetzt
die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es
daran, da ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte.

Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, da der
"Albatros", wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen htte, daran
unbedingt ebenso zerschellt wre, wie ein Schiff, das auf eine felsige
Kste geworfen wird.

Augenblicklich vermochte er sich nmlich ebenso wenig horizontal
fortzubewegen, wie er Herr ber sein Auf- und Absteigen war.

Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen
Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammensto mglich, der die
Vernichtung des ganzen Apparates htte herbeifhren mssen.

Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu frchten, als der Wind,
der nach dem Meridian 0 mehr zurckging, weiter nach Osten umschlug.
Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom "Albatros"
entfernt, zwei leuchtende Punkte.

Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der
Ro-, Erebus- und Terrorberge gehren.

Sollte der "Albatros" in den Flammen gleich einem riesigen
Schmetterling verbrennen?

Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der
Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des
Vulcans nicht befreien konnte, loszustrzen ... Sein Flammenbschel
wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin
erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein
halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen
Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der
dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhllen wrde.

Der Orkan aber, der den "Albatros" mit sich fortri, rettete ihn auch
vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm
niedergedrckten Flammen des Erebus gaben ihm den gefhrlichen Weg
frei, und inmitten eines Hagels von Lavastcken, welche durch die
centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glcklicher Weise
weggeschleudert wurden, kam er glcklich ber diesen in voller Eruption
begriffenen Krater hinweg.

Eine Stunde spter verdeckte schon der Horizont die beiden colossalen
Flammen, welche das Ende der Welt whrend der langen Polarnacht
erleuchten.

Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der
Kste der Entdeckung vorber, ohne diese jedoch erkennen zu knnen, da
auch sie mit den Polarlndern durch festes Eis verkettet war.

Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der "Albatros" unter dem
fnfundsiebenzigsten Meridian durchschnitten, trug ihn der Orkan ber
die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich
hundertmal zu zertrmmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand
seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja
der beste Pilot.

Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem,
unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von 105
Grad bildet.

Endlich, jenseits des 60. Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu
erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der "Albatros" wurde
wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine groe
Erleichterung gewhrte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel,
und um acht Uhr Morgens brach der Tag an.

Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glcklich
entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan berstanden. Sie
waren ber das ganze Sdpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn
Stunden gegen siebentausend Kilometer zurckgelegt, wieder nach dem
Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine
Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so gro
gewesen, als sie der "Albatros" unter gewhnlichen Umstnden htte
entwickeln knnen.

Infolge der Strung des Magnetismus seiner Companadel im Polargebiete,
wute Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mute also
warten, bis die Sonne unter hinreichend gnstigen Verhltnissen schien,
um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglcklicher Weise bedeckten
dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde berhaupt
nicht sichtbar.

Das war fr Alle desto betrbender, weil die beiden Treibschrauben
whrend des Sturmes einige Beschdigungen erlitten hatten.

Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur whrend des ganzen
Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er
ber den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der
Stunde zurck, denn er mute sich wohl hten, die Beschdigungen zu
verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz
vollstndig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs ber dem
ungeheuren Stillen Ocean eine sehr miliche. Der Ingenieur fragte sich
auch schon, ob er die nthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und
Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern.

Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet.

Man erkannte bald, da das eine Insel war; doch welche von den
Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger
beschlo Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu
gehen. Seiner Ansicht nach mute ein Tag hinreichen, die Havarien
auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren
zu knnen.

Der Wind hatte sich -- ein gnstiger Umstand zur Ausfhrung jenes
Vorhabens -- fast vollstndig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte
der "Albatros" wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen
werden.

Man lie also ein mit einem Anker versehenes hundertfnfzig Fu langes
Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der
Insel kam, fate der Anker an den ersten Klippen desselben und legte
sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter
der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der "Albatros" blieb
unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde.

Es war das erste Mal, da er seit der Abfahrt aus Philadelphia
berhaupt mit der Erde in Berhrung kam.




XV.

Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewi der Mhe lohnt.



Als der "Albatros" noch in gengend hoher Luftschicht schwebte, konnte
man erkennen, da diese Insel von mittlerer Gre war. Doch welcher
Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war
man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens
(Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange
unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun
nicht im Stande gewesen war, Compaangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er
doch Ursache, zu glauben, da er sich ber dem Stillen Ocean befinde.
Sobald nur die Sonne erschien, muten die Umstnde zu einer genauen
Beobachtung hchst gnstige sein.

Von dieser Hhe -- von etwa fnfhundert Fu -- aus zeigte sich die,
gegen fnfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der
Form eines dreispitzigen Seesterns.

Vor deren Sdspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein
Felsengewirr anschlo. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth
zurckgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur's bezglich seiner
augenblicklichen Lage zu bestrken schien, da die Gezeiten im Stillen
Ocean fast gleich Null sind.

An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelfrmiger Berg, dessen Hhe
auf zwlfhundert Fu zu schtzen war.

Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch
am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie
diesen berhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlat, sich zu
verbergen oder zu entfliehen.

Der "Albatros" hatte die Sdostspitze der Insel berhrt. Unfern
derselben schlngelte sich in beschrnkter Bucht ein Flchen durch die
Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Thler mit verschiedenen
Baumarten und zahlreichem wilden Geflgel, vorzglich Rebhhner und
Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also
mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft htte Robur hier an's Land gehen
knnen, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, da der
sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des
Aeronefs zu bieten schien.

Vor dem Wiederaufsteigen lie der Ingenieur die nothwendigsten
Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen
hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben
hatten selbst gegenber der grten Heftigkeit des Orkans vortrefflich
functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben
sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die Hlfte des
Auftriebsmechanismus in Thtigkeit, doch hinreichend viel, um das
lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten.

Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar
mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens muten deren Schaufeln
wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die
Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden.

Die Mannschaft beschftigte sich unter der Leitung Robur's und Tom
Turner's mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter fr
den Fall, da der "Albatros" aus irgend welchem Grunde genthigt sein
knnte, vor vlliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und
man schon mit diesem Propeller allein nthigenfalls eine gengende
Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte.

Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf
der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen.

Frycollin zeigte sich jetzt merkwrdig beruhigt. Welcher Unterschied,
nur noch hundertfnfzig Fu ber dem Erdboden zu schweben!

Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne ber
dem Horizonte zunchst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit
ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete.

Als Resultat der mit grter Sorgfalt ausgefhrten Beobachtung ergab
sich da eine

  Lnge von 176 17' westlich von Greenwich,
  Breite von 43 37' sdlich vom Aequator.

Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande
Viff, welche Gruppe gewhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln
bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fnfzehn Grade stlich von
Tawai-Pomanu, der sdlich gelegenen Inselhlfte Neuseelands im Sden
des Stillen Oceans.

"Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung berein, sagte Robur zu Tom
Turner.

-- Und wir befinden uns demnach ...?

-- Sechsundvierzig Grade sdlich der Insel X, das heit gegen
zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt.

-- Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen,
antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin knnten wir leicht
widrige Winde antreffen, und mit Rcksicht auf unsere jetzt nur
geringen Proviantvorrthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so
schnell als mglich wieder anzulaufen.

-- Gewi, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder
aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube,
whrend die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht wrde.

-- Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren
Diener ...?

-- Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, htten sie darber sich zu
beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?"

Was war denn eigentlich diese Insel X? -- Eine in dem grenzenlosen
Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis
des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu
ihrem Namen erwhlt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem
weiten Meere der Marquisen auerhalb aller Wege des interoceanischen
Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begrndet, da rastete der
"Albatros", wenn er von seinem Fluge ermdet war, und da versah er sich
auch mit allem Nothwendigen fr seine fast unaufhrlichen Reisen. Auf
dieser Insel X hatte Robur, der ber reichliche Hilfsmittel verfgte,
eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen knnen. Hier konnte er
denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine
strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorrthen aller Art,
welche hier mit Untersttzung der gegen fnfzig Kpfe zhlenden
Einwohnerschaft aufgehuft wurden.

Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht
gewesen, sich schrg ber den Stillen Ocean nach der Insel X zu
begeben. Da hatte aber die Cyklone den "Albatros" in ihren Wirbel
gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach sdlicheren Zonen
verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprngliche
Fahrtrichtung gedrngt worden, und abgesehen von den Beschdigungen
seiner Triebschrauben, wre dieser Verzgerung keine besondere
Bedeutung beizumessen gewesen.

Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurckbegeben, doch war,
wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein
recht weiter, und hchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen
widrige Winde anzukmpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller
mechanischen Kraft des "Albatros", um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu
erreichen. Bei einigermaen guter Witterung und bei der gewhnlichen
Fahrtgeschwindigkeit htte das sonst nur drei bis vier Tage
beansprucht.

Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam
entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter
gnstigeren Verhltnissen wieder ausbessern konnte. Er frchtete dann
nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob,
nach Sden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden zu fahren
wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf
also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den
Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen,
einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu
beginnen.

Es liegt auf der Hand, da das die einfachste Methode war und
entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn
auch sogleich verfolgt.

Im Bewutsein, da jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die
Mannschaft des "Albatros" entschlossen an diese Arbeit.

Und whrend die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschftigt waren,
fhrten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen
von ganz auerordentlicher Bedeutung sein sollten.

"Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das
Leben zum Opfer zu bringen?

-- Ja, gleich Ihnen!

-- Und noch einmal, es liegt auf der Hand, da wir von diesem Robur
nichts zu hoffen haben.

-- Nichts!

-- Nun wohl, Phil Evans, mein Entschlu ist gefat. Da der "Albatros"
noch heute spt Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen,
ohne da unser Werk vollbracht wre. Wir werden dem Vogel des Ingenieur
Robur die Flgel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft
zersprengt!

-- Haben Sie auch alles dazu Nthige in Bereitschaft?

-- Gewi. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um
die Rettung des Aeronefs bemhten, gelang es mir, in die
Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen.

-- So lassen Sie uns unverzglich an's Werk gehen, Onkel Prudent ...

-- Nein, erst heute am Sptabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen
wir uns nach unserer Wohnung zurck und Sie bernehmen die Wache, da
mich bei den Vorbereitungen Niemand berrascht."

Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise.
Zwei Stunden spter hatten sie sich nach ihrer Cabine zurckgezogen,
als wollten sie sich fr die letzte schlaflose Nacht schadlos halten.

Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten
ahnen, welche Katastrophe den "Albatros" bedrohte.

Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausfhrung zu
schreiten:

Wie schon erwhnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer
einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des
Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers
und einer Patrone bemchtigt, die ganz mit denen bereinstimmte, deren
sich der Ingenieur frher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine
zurckgekehrt, hatte er die Patrone sorgfltig versteckt, mit der der
"Albatros", wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lfte wieder
begonnen, gesprengt werden sollte.

Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten
Explosionskrper.

Dieser bestand aus einer lngeren Hlse, deren metallene Wand etwa ein
Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine
hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reien und sein
vielfltiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstren. Vernichtete ihn die
Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mute der Sturz in die Tiefe
das Zerstrungswerk vollenden. Die Form und Gre der Patrone
begnstigten es brigens auerordentlich, diese in einer Ecke der
Cabine so anzubringen, da sie die Plattform unbedingt durchschlug und
ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion
konnte nun aber nur durch das Zndhtchen, mit dem die Patrone
ausgerstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil
des ganzen Vorhabens, denn dieses Zndhtchen sollte nur nach
vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden.

Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaen gedacht: Gleich
nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte
der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber
geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, da Robur mit seinen
Leuten nach dem Hinterdeck kommen wrde, um auch die hintere
Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der
gesammten Mannschaft an der Nhe der Cabine aber konnte Onkel Prudent
leicht bei seiner Thtigkeit stren. Deshalb hatte er sich zur
Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die
Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen.

Er sprach sich darber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus:

"Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver
mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren
Lnge mit ihrer gewnschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen
sein wird und deren Ende ich in dem Zndhtchen zu befestigen gedenke.
Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuznden und
die Explosion zwischen drei und vier Uhr frh erfolgen zu lassen.

-- Gut ausgedacht!" antwortete Phil Evans.

Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin
gelangt, mit grter Kaltbltigkeit das schreckliche Vernichtungswerk
zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen
eben eine solche Summe von Ha gegen Robur und seine Leute in sich, da
ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu gro erschien,
nur um den "Albatros" und Alle, die er mit durch die Lfte fhrte, mit
einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, da diese That ein sinnloses,
ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fnf Wochen eines nie zum
Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besnftigten stillen Wuth lieen
sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten.

"Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne
ihn zu fragen, auch ber sein Leben zu verfgen?

-- Wir opfern ja auch das unsrige," entgegnete Onkel Prudent.

Es drfte zweifelhaft sein, da Frycollin das als stichhaltigen Grund
angesehen htte.

Onkel Prudent ging also sofort an's Werk, whrend Phil Evans vor dem
Ruff Wache hielt.

Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil beschftigt und eine
Ueberraschung vorlufig also kaum zu frchten.

Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu
verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, fllte er es, um
eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten
Schlauch. Durch eine vorlufige Probe berzeugte er sich, da diese
binnen zehn Minuten fnf Centimeter weit verglimmte, bei der Lnge von
einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mute. Er lschte
die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und fhrte das
Ende derselben in das Zndhtchen ein.

Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn
Uhr Abends vollendet.

Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine.

Whrend derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Triebschraube
eifrig gefrdert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen mssen,
um die jetzt falsch gebogenen Flgel abheben zu knnen.

Weder Batterien, noch Accumulatoren, berhaupt nichts, was zur
Erzeugung der mechanischen Kraft des "Albatros" gehrte, hatte durch
die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war noch fr vier
bis fnf Tage hinreichender Kraftvorrath vorhanden.

Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit
unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger
Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistndigen
Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach
kurzer Rcksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafr,
seinen von der gehabten Anstrengung erschpften Leuten einige Erholung
zu gnnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun
brig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt
erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, whrend die Positionslaternen
dazu nur ungengendes Licht htten liefern knnen.

Hiervon wuten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach
den ihnen zu Ohren gekommenen Aeuerungen Robur's muten sie
voraussetzen, da die vordere Triebschraube vor Einbruch der Nacht
schon wieder vllig in Stand gesetzt sei und der "Albatros" seine Fahrt
nach Norden unverzglich angetreten habe. Sie hielten diesen also fr
losgelst von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt.
Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar
nicht geahnte Wendung geben.

Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterni schwere Wolken
nur noch tiefer machten. Von Sdwesten her wehte dann und wann ein
leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den "Albatros" nicht von der
Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen
senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte.

In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein
College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der
Auftriebsschrauben, das jedes andere Gerusch an Bord bertnte, und
erwarteten nun den Augenblick zum Handeln.

Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent:

"Es ist nun Zeit!"

Unter den Lagersttten der Cabine befand sich ein schubladenartiger
Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone
gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch
aufflligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent
zndete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter
das Bett zurck.

"Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten."

Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann
nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen.

Da bog sich Phil Evans ber das Deck hinaus.

"Der "Albatros" schwebt noch am nmlichen Orte, sagte er leise. Die
Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren knnen."

Ueber Onkel Prudent's Gesicht lief ein Zug der Enttuschung.

"So mssen wir die Lunte lschen, sagte er.

-- Nein ... aber uns retten! erwiderte Phil Evans.

-- Uns retten?

-- Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfnfzig
Fu hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten.

-- Nichts, besttigte Onkel Prudent, und wir wren reine Thoren, eine
so unerwartet gnstige Gelegenheit unbentzt zu lassen."

Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurck und
versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines krzeren oder
lngeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedrfen zu knnen.
Nachdem sie die Thr wieder geschlossen, schlichen sie mglichst
geruschlos nach dem Vorderdeck.

Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht
mit ihnen veranlagen.

Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenstrmung von Sdwesten wurde
etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker,
indem er, so weit es das gespannte Kabel zulie, leicht in verticaler
Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten
zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei Mnner abzuschrecken,
die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu
wegzuwerfen.

Beide schlichen also ber das Deck hin und standen zuweilen, geschtzt
durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Gerusch
vernehmbar werde. Nein ... Alles still. Kein Schein zitterte durch die
Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war
vielmehr in Schlaf versunken.

Onkel Prudent und sein Begleiter nherten sich schon der Cabine
Frycollin's, als Phil Evans pltzlich stehen blieb.

"Der Wachtposten!" sagte er.

Wirklich lag ein Mann in der Nhe eines der Ruffs. Offenbar konnte
derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser
Lrm schlug, mute die Flucht unmglich werden.

Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstcke und Werg, was Alles
bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war.

Eine Minute spter war der Mann geknebelt, ber und ber eingewickelt
und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so da er weder einen
Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte.

Alles das vollzog sich fast ohne jedes Gerusch.

Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt ... Selbst im Inneren
der Ruffs lie sich kein Laut hren. Was an Bord war, lag in festem
Schlafe.

Die beiden Flchtlinge -- denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben
-- kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. Franois Tapage
lie ein hchst beruhigendes Schnarchen vernehmen.

Zur grten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thr Frycollin's
nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen
Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurck.

"Da ist Niemand d'rin, flsterte er.

-- Niemand ... Wo knnte er sein?" murmelte Phil Evans.

Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin
mchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein.

Auch hier fand sich Niemand.

"Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? ... fragte Onkel
Prudent.

-- Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir knnen
unbedingt nicht lnger warten. Vorwrts!"

Ohne Zgern packten die Flchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit
den Hnden und hielten sich auch mit den Fen daran fest, dann glitten
sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder.

Welches Entzcken fr sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange
gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein
Spielball der Luft zu sein!

Sie suchten eben, lngs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem
Inneren der Insel zu gelangen, als sich pltzlich vor ihnen ein
Schatten erhob.

Das war Frycollin.

Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn
gekommen war, und sogar die Khnheit, denselben ohne jede Meldung
vorher zur Ausfhrung zu bringen.

Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel
Prudent drngte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren
Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb.

"Hren Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt auer dem
Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem
schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, da er ihn verdient hat.
Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwren wollte, von jedem Versuche,
uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen ...

-- Die Ehre eines solchen Mannes ..."

Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des "Albatros"
entstand eine auffllige Bewegung.

Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt
worden.

"Hierher, hierher," rief eine Stimme.

Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhllung doch hatte
abstreifen knnen. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre
elektrischen Strahlen ber einen weiten Umkreis.

"Da sind sie! Da unten!" rief Tom Turner.

Die Flchtlinge waren erkannt worden.

Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur's hin die
Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des
Ankertaues begann der "Albatros" sich der Erde zu nhern.

In diesem Augenblick lie sich deutlich die Stimme Phil Evans'
vernehmen:

"Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf
dieser Insel frei zu lassen?

-- Niemals!" entgegnen Robur bestimmt.

Diese Antwort begleitete berdies der Knall eines Gewehres, dessen
Gescho die Schulter Phil Evans' streifte.

"Ah, diese Schurken!" rief Onkel Prudent.

Sein Messer in der Hand, strzte er damit schon nach dem Felsen,
zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich
nur noch fnfzig Fu ber der Erde.

Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen
merklich aufgefrischte Brise, die den "Albatros" in schiefer Richtung
traf, fhrte diesen nach Nordosten ber das Meer hinaus.




XVI.

Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewiheit lt.



Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Noch fnf bis sechs
Flintenschsse krachten von dem Aeronef herunter. Phil Evans
untersttzend, hatten sich Onkel Prudent und Frycollin unter den Schutz
der Felsen geflchtet, ohne von einer Kugel verletzt zu werden. Fr den
Augenblick hatten sie nichts mehr zu frchten.

Zunchst wurde der "Albatros", whrend er sich gleichzeitig von der
Insel Chatam entfernte, zu einer Hhe von neunhundert Metern
emporgetrieben. Er hatte seine Aufstiegsschnelligkeit vergrern
mssen, um nicht in's Meer zu fallen.

In dem Augenblick, als der von seiner Emballage befreite Wachtposten
den ersten Ausruf ausgestoen hatte, waren Robur und Tom Turner auf ihn
zugeeilt und hatten ihn vollends von der den Kopf umschlieenden
Leinwandhlle befreit und seine Fesseln gelst. Darauf strzte der
Obersteuermann gleich nach der Cabine des Onkel Prudent und Phil Evans,
fand diese aber leer.

Franois Tapage hatte inzwischen die Cabine Frycollin's durchsucht;
auch in dieser war Niemand mehr.

Als Robur die Ueberzeugung gewann, da seine Gefangenen ihm entronnen
waren, ergriff ihn der heftigste Zorn. Mit dem Entweichen des Onkel
Prudent und Phil Evans' war sein Geheimni und seine Persnlichkeit
aller Welt offenbart. Wegen jenes bei der Fahrt ber Europa
herabgeworfenen Schriftstckes hatte er sich deshalb weit weniger Sorge
gemacht, weil er annehmen durfte, da dasselbe beim Niederfallen
berhaupt verloren gegangen sei ... Jetzt lag die Sache aber ganz
anders.

Dann suchte er sich wieder zu beruhigen.

"Sie sind vorlufig zwar entflohen, sagte er sich; da sie von der Insel
Chatam aber vor Ablauf einiger Tage nicht wegkommen knnen, so werde
ich dahin zurckkehren. Ich werde sie suchen ... sie wieder einfangen
... und dann ..."

In der That konnten sich die drei Flchtlinge noch keineswegs als
gerettet betrachten. Erlangte der "Albatros" erst seine
Manvrirfhigkeit wieder, so erschien er sicherlich wieder bei der
Insel Chatam, von der Jene schwerlich zeitig genug zu entkommen
vermochten. Schon vor Verlauf von zwlf Stunden konnten sie ungnstigen
Falles dem Ingenieur wieder in die Hnde gerathen sein.

Vor Verlauf von zwlf Stunden? Aber binnen zwei Stunden sollte der
"Albatros" ja vernichtet sein! Glich jene Dynamitpatrone nicht einem an
seiner Wand befestigten Torpedo, der das Zerstrungswerk mitten in der
Luft vollfhren sollte?

Inzwischen wurde der Aeronef von der noch mehr sich versteifenden Brise
weiter nach Nordost hin getrieben und mute mit Sonnenaufgang die Insel
Chatam unbedingt aus dem Gesichte verloren haben.

Um gegen den Wind aufkommen zu knnen, htten seine Triebschrauben,
mindestens die eine am Vordertheil, zu functioniren im Stande sein
mssen.

"Tom, rief der Ingenieur, lat die Signallaternen so hell als mglich
leuchten.

-- Sogleich, Master Robur.

-- Und dann Alle an die Arbeit!

-- Alle!" wiederholte der Obersteuermann.

Jetzt konnte nicht mehr davon die Rede sein, die Vollendung der
nthigen Reparaturen bis zum anderen Morgen aufzuschieben. Auf dem
"Albatros" gab es keinen Mann, der nicht den Eifer seines Chefs
getheilt, keinen einzigen, der nicht das Verlangen gehabt htte, die
Flchtlinge wieder zu ergreifen. Sobald die vordere Triebschraube
richtig eingesetzt war, wollte man nach Chatam umkehren, sich daselbst
vor Anker legen und die Spur der Entflohenen verfolgen. Erst nachher
sollte die Ausbesserung der hinteren Schraube vorgenommen werden, damit
der Aeronef dann mit aller Sicherheit seine Reise ber den Stillen
Ocean und nach der Insel X ausfhren knne.

Jedenfalls erschien es von Bedeutung, da der "Albatros" nicht allzu
weit nach Nordost verschlagen wrde. Leider wurde der Wind aber immer
strker und er konnte gegen denselben jetzt nicht aufkommen, ja, sich
nicht einmal an ein und derselben Stelle erhalten. Seiner
Triebschrauben beraubt, war er eben zum unlenkbaren Aerostaten
geworden. Die noch an der Kste weilenden Flchtlinge konnten sich noch
berzeugen, da er vollstndig auer Sicht gekommen war, ehe die
vorbereitete Explosion ihn in Stcke ri.

Der jetzige Zustand der Dinge flte Robur doch einige Beunruhigung
ein, da er nur mit ziemlich bedeutender Verzgerung nach der Insel
Chatam zurckzukehren hoffen durfte. Er entschlo sich deshalb, whrend
alle Hnde mit der so nothwendigen Ausbesserung beschftigt waren, sich
tiefer niederzulassen, in der Erwartung, damit eine schwchere
Luftstrmung anzutreffen. Vielleicht konnte sich der "Albatros" in
diesen Schichten wenigstens an der Stelle erhalten, bis er wieder
eigene Kraft genug zu uern vermochte, um gegen die Brise mit Erfolg
anzukmpfen.

Dieses Manver wurde auch sogleich ausgefhrt. Wenn jetzt ein Schiff in
der Nhe gewesen wre, wie wrde dessen Mannschaft erschrocken sein
beim Anblick der Evolutionen dieses gewaltigen Apparates?

Als der "Albatros" nur noch wenige hundert Fu ber der Meeresflche
schwebte, wurde sein Niedergang aufgehalten.

Leider mute sich Robur berzeugen, da der Wind in diesen niederen
Zonen nur noch heftiger wehte und der Aeronef also mit noch grerer
Schnelligkeit dahin getrieben wurde. Er lief hiermit natrlich Gefahr,
sehr weit nach Nordost verschlagen zu werden, was die Rckkehr nach der
Insel Chatam noch mehr verzgern mute.

Nach diesen vergeblichen Versuchen wurde daher wieder beschlossen, sich
mehr in den oberen Lagen der Atmosphre zu erhalten, wo das Luftmeer in
besserem Gleichgewicht und deshalb weniger bewegt war. Der "Albatros"
stieg also wieder zu einer mittleren Hhe von dreitausend Meter empor.
Blieb er hier auch nicht stationr, so trieb er doch wenigstens nur
langsam weiter. Der Ingenieur konnte also hoffen, da er bei
Tagesanbruch und von dieser Hhe aus die Insel, deren geographische
Lage er brigens mit vollkommener Sicherheit aufgenommen hatte, noch
werde sehen knnen.

Darum, ob die Flchtlinge Seitens der Eingeborenen -- im Fall die Insel
bewohnt war -- einen freundlichen Empfang gefunden hatten, oder nicht,
machte Robur sich keine weitere Sorge. Ob ihnen die Inselbewohner
hilfreich beistanden, war fr ihn ziemlich belanglos. Durch die
Angriffswaffen, ber die der "Albatros" verfgte, wrden sie sicherlich
erschreckt und schnell zerstreut werden. Die Wiedererlangung der
Gefangenen war also eine leichte Aufgabe, und einmal ergriffen ...

"Nun, von der Insel X entflieht Niemand!" sagte Robur.

Eine Stunde nach Mitternacht war die vordere Triebschraube wieder in
Stand gesetzt. Es erbrigte nun blo noch die Montirung derselben, d.
h. die gehrige Anbringung derselben an der Welle, was eine weitere
Stunde Arbeit erforderte. Nachher sollte der "Albatros", den Bug nach
Sdwest gerichtet, sogleich abfahren und die Reparatur der hinteren
Triebschraube in Angriff genommen werden.

Aber die Lunte, welche in der verlassenen Cabine glimmte, diese Lunte,
von der schon der dritte Theil aufgezehrt war! ... Und jener Funken,
der sich mehr und mehr der Dynamitpatrone nherte! ...

Wre die Mannschaft des Aeronefs nicht gar so dringlich beschftigt
gewesen, so htte doch vielleicht Einer das schwache Knistern
wahrgenommen, welches jetzt dann und wann in dem Ruff entstand;
vielleicht htte er auch den Geruch verbrannten Pulvers bemerkt. Das
htte ihn sicherlich so beunruhigt, da er dem Ingenieur davon
Mittheilung machte. Bei genauer Nachforschung konnte dann der Kasten,
in dem der explodirende Krper verborgen war, nicht unentdeckt bleiben.
Es wre also noch Zeit gewesen, den wunderbaren "Albatros" und Alle,
die er trug, zu retten.

Die Leute arbeiteten aber auf dem Vorderdeck und wenigstens zwanzig
Meter entfernt von dem Ruff der Entflohenen. Noch rief sie nichts nach
diesem Theile des Decks, sowie nichts sie von einer Beschftigung
ablenken konnte, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Robur legte als geschickter Mechaniker persnlich Hand mit an. Er
betrieb die Arbeit, ohne doch irgendwie zu vernachlssigen, da Alles
mit grter Sorgfalt ausgefhrt wurde, da es ihm ja darauf ankam,
seines Apparates vollstndig Herr zu werden. Gelang es ihm nicht, die
Gefangenen bald wieder in seine Gewalt zu bringen, so fanden diese
voraussichtlich Gelegenheit, in ihr Vaterland zurckzukehren. Dann
wurden jedenfalls Nachforschungen angestellt und die Insel X konnte
dabei mglicher Weise aufgefunden werden; damit aber wre das Ende der
Existenz gekommen, welche sich die Leute, die der "Albatros" trug,
geschaffen hatten -- das Ende dieser bermenschlichen, so zu sagen
hocherhabenen Lebensweise.

Eben jetzt trat Tom Turner an den Ingenieur heran. Es war ein Viertel
nach ein Uhr.

"Master Robur, begann er, mir scheint, die Brise hat Neigung abzuflauen
und mehr nach Westen umzuschlagen.

-- Und was zeigt der Barometer? fragte Robur, nachdem er den Himmel
flchtig betrachtet.

-- Er hlt sich ziemlich genau auf demselben Punkte, antwortete der
Obersteuermann. Auerdem kommt es mir vor, als ob die Wolkenlagen unter
dem "Albatros" sich senkten.

-- Ganz recht, Tom Turner, und in diesem Falle wre es nicht
unwahrscheinlich, da ber dem Meere jetzt Regen fiele. Bleiben wir
jedoch ber der Regenzone schweben, so kmmert uns das ja nicht, und
wir werden an der Vollendung unserer Arbeiten dadurch nicht gestrt
werden.

-- Wenn jetzt Regen fllt, meinte Tom Turner, so kann es nur ein ganz
feiner sein -- die Form der Wolken lt das wenigstens muthmaen -- und
hchst wahrscheinlich legt sich tiefer unten der Wind bald gnzlich.

-- Ohne Zweifel, Tom, antwortete Robur. Immerhin scheint es mir
zweckmiger, noch nicht hinunter zu gehen. Beeilen wir uns erst, alle
erlittenen Beschdigungen auszubessern, dann knnen wir ja nach
Belieben manvriren, und das ist die Hauptsache."

Wenige Minuten nach zwei Uhr war der erste Theil der Arbeit vollendet.
Nach Wiedereinsetzung der vorderen Triebschraube wurden die jene
treibenden Batterien in Thtigkeit gesetzt. Nach und nach beschleunigte
sich die Bewegung des "Albatros", und, den Bug nach Sdwest gerichtet,
kehrte er mit mittlerer Geschwindigkeit in der Richtung nach der Insel
Chatam zurck.

"Tom, sagte Robur, es mgen etwa zweieinhalb Stunden verflossen sein,
seit wir nach Nordost hin getrieben wurden. Die Windrichtung hat sich,
wie mir Compabeobachtungen lehrten, seitdem nicht gendert. Ich
schtze also, da wir binnen hchstens einer Stunde die Gestade der
Insel wieder gefunden haben knnen.

-- Ich glaub' es auch, Master Robur, antwortete der Obersteuermann,
denn wir bewegen uns jetzt mit einer Schnelligkeit von zwlf Meter in
der Secunde vorwrts. Zwischen drei und vier Uhr Morgens mte der
"Albatros" seinen Ausgangspunkt demnach wieder erreichen.

-- Das wre desto besser, Tom, erwiderte der Ingenieur. Wir haben ein
Interesse daran, noch whrend der Nacht einzutreffen und ungesehen an's
Land zu kommen. Die Flchtlinge halten uns fr weit nach Norden
verschlagen und sind jetzt gewi nicht auf ihrer Hut. Wenn der
"Albatros" ganz nahe der Erde hingleitet, werden wir versuchen, uns
hinter einigen hohen Felsen der Insel zu verbergen. Mten wir dann
selbst mehrere Tage bei Chatam verweilen ...

-- So bleiben wir eben da, Master Robur, und htten wir auch gegen eine
ganze Armee von Eingeborenen zu kmpfen ...

-- So kmpfen wir, Tom, kmpfen wir fr unseren "Albatros"!"

Der Ingenieur wandte sich zu seinen neue Anordnungen erwartenden Leuten
zurck.

"Liebe Freunde, sagte er, noch ist die Stunde der Ruhe nicht gekommen,
wir mssen bis zum Anbruch des Tages thtig sein."

Alle erklrten sich bereit.

Jetzt galt es, an der hinteren Triebschraube dieselben Reparaturen
vorzunehmen, welche an der vorderen schon ausgefhrt waren. Es handelte
sich dabei um die gleichen Beschdigungen, die auch die nmliche
Ursache, jener Orkan bei der Fahrt ber den antarktischen Continent,
veranlat hatte.

Um diese Schraube hereinzuholen, erschien es rathsam, die Fahrt des
Aeronefs whrend einiger Minuten zu unterbrechen oder ihm selbst eine
Rckwrtsbewegung zu ertheilen. Auf ein Zeichen Robur's legte der
Hilfsmechaniker die Maschine um, indem er die vordere Schraube sich in
entgegengesetztem Sinne drehen lie, so da der Aeronef -- um den
seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen -- "ber Steuer zu gehen" anfing.

Schon wollten sich Alle nach dem Hinterdeck begeben, als Tom Turner ein
eigenthmlicher Geruch auffiel.

Es waren die in dem Kasten jetzt angehuften Gase der Lunte, welche aus
der Cabine der Flchtlinge hervordrangen.

"Hm ...? machte der Obersteuermann.

-- Was giebt es? fragte Robur.

-- Riechen Sie nichts? Man knnte sagen, es msse Pulver brennen.

-- Ihr habt Recht, Tom!

-- Und dieser Geruch dringt aus dem letzten Ruff.

-- Ja ... sogar aus derselben Cabine ...

-- Sollten die Elenden auch noch Feuer angelegt haben?

-- Und wenn es nicht nur Feuer wre? ... rief Robur. Stot die Thr
ein, Tom, stot sie ein!"

Der Obersteuermann ging aber kaum daran, diesem Befehle nachzukommen,
als eine furchtbare Explosion den "Albatros" erschtterte. Die Ruffs
flogen in Stcke. Die elektrischen Lampen verlschten, da ihnen der
Strom pltzlich fehlte, und es ward vollstndig finster. Doch wenn auch
gleichzeitig die meisten Auftriebsschrauben verbogen oder theilweise
zertrmmert und dadurch wirkungslos geworden waren, so drehten sich
wenigstens noch mehrere nahe dem Bug ungestrt weiter.

Ptzlich ffnete sich auch der Aeronef ein wenig hinter dem ersten
Ruff, dessen Accumulatoren noch immer die vordere Triebschraube in
Thtigkeit erhielten, und der hintere Theil des Decks senkte sich
ebenso schnell nach abwrts. Fast gleichzeitig standen die hinteren
Auftriebsschrauben still und der "Albatros" strzte in die Tiefe hinab.

Das bedeutete fr die acht Mnner, welche sich gleich Schiffbrchigen
an dieses Wrack klammerten, einen Sturz von dreitausend Metern.

Derselbe mute obendrein noch um so schneller erfolgen, als die vordere
Triebschraube, deren Achse jetzt senkrecht stand, noch immer arbeitete.

Da lie sich Robur, der in dieser verzweifelten Lage eine ganz
auerordentliche Kaltbltigkeit an den Tag legte, bis zu dem halb
weggesprengten Ruff gleiten, ergriff den Steuerungshebel und vernderte
sofort die Drehungsrichtung der Schraube, welche nun statt vorwrts
nach aufwrts trieb.

Der Absturz wurde dadurch zwar nicht aufgehalten, aber doch wenigstens
verlangsamt; das Wrack fiel nicht mehr mit der zunehmenden
Geschwindigkeit nieder, welche alle nur der Wirkung der Schwerkraft
unterworfenen Krper zeigen. Und wenn auch allen lebenden Wesen auf dem
"Albatros" noch immer der Tod drohte, weil sie rettungslos in's Meer
strzen muten, so war es doch nicht mehr der Tod durch Erstickung
inmitten der wegen rasender Schnelligkeit des Falles unathembar
werdenden Luft.

Vierundzwanzig Secunden nach der Explosion war, was vom "Albatros" noch
brig war, in den Fluthen versunken.




XVI.

Worin der Leser um zwei Monate rckwrts und auch um neun Monate
vorwrtsgefhrt wird.



Einige Wochen frher, am 13. Juni, d. h. am Tage nach der denkwrdigen
Sitzung, whrend der es im Weldon-Institut zu so strmischen
Verhandlungen gekommen war, herrschte unter allen Classen der Bewohner
von Philadelphia, unter den Negern wie den Weien, eine leichter zu
constatirende, als zu beschreibende Aufregung.

Schon in den ersten Morgenstunden unterhielt man sich berall von den
unerwarteten, lrmenden Zwischenfllen der Sitzung des letzten Abends.
Ein Eindringling, der Ingenieur zu sein angab, ein Ingenieur, der den
an sich unwahrscheinlichen Namen Robur -- Robur der Sieger! -- fhren
wollte, eine Persnlichkeit von unbekannter Herkunft und namenloser
Nationalitt hatte sich unerwartet im Sitzungssaale vorgestellt, die
Ballonisten mit grblichen Reden beleidigt, Diejenigen, welche der
Lenkbarkeit von Aerostaten huldigten, verspottet, und hatte dagegen die
Vorzge von specifisch schwereren Apparaten gepriesen, ein
verchtliches Hohnlachen unter dem wildesten Getse ausgeschlagen und
zu Drohungen geradezu herausgefordert, um diese seinen Gegnern wieder
als Antwort in's Gesicht zu schleudern. Endlich war er, nachdem er den
Rednerstuhl unter dem Knattern von Revolvern gerumt, verschwunden, und
trotz aller Nachforschungen hatte man keine weiteren Spuren von ihm
entdeckt.

Natrlich waren solche Vorflle dazu angetan, alle Zungen zu wetzen und
der Phantasie ein weites Feld zu erffnen. Daran sollte es denn auch
weder in Philadelphia, noch in den sechsunddreiig anderen Staaten der
Union fehlen, ja eigentlich wurde sogar die Alte Welt dadurch nicht
minder erregt, wie die Neue Welt.

Wie mute sich diese allgemeine Aufregung aber noch steigern, als es am
Abend des 13. Juni stadtkundig wurde, da weder der Vorsitzende, noch
der Schriftfhrer des Weldon-Instituts bis dahin in ihre Wohnungen
zurckgekehrt waren, und hierbei handelte es sich um zwei geachtete,
gelehrte Mnner von verhltnimig hoher Stellung. Am Vorabend noch
hatten sie den Sitzungssaal verlassen als Brger, welche ruhig nach
ihrem Heim zurckzukehren denken, als Hagestolze, deren Nachhausekunft
kein mrrisch gerunzeltes Gesicht verbittert htte. Sollten Sie
vielleicht gar absichtlich verschwunden sein? Nein: mindestens hatten
sie nichts geuert, was zu diesem Glauben htte verfhren knnen; ja,
es war sogar besprochen worden, da sie schon am nchsten Tage wieder
nach dem Bureau des Clubs kommen und die gewohnten Pltze des
Vorsitzenden und Schriftfhrers bei einer auerordentlichen Sitzung
einnehmen sollten. Welche man zur weiteren Besprechung der Vorflle des
letzten Abends bestimmt hatte.

Doch nicht nur jene beiden weitbekannten Persnlichkeiten des Staates
Pennsylvanien waren spurlos verschwunden, auch von dem Diener Frycollin
kam keinerlei Nachricht, auch er war ebenso wenig zu finden, wie sein
Herr. Wahrlich, seit Toussaint Louverture, Faustin Soulouque und
Dessaline hatte noch kein Neger so viel von sich reden gemacht. Er
stand im Begriff, einen hervorragenden Platz sowohl unter seinen
dienenden Collegen in Philadelphia, wie unter allen jenen Originalen
einzunehmen, welche irgend eine Exentricitt in dem schnen Amerika
schon in helleres Licht zu setzen hinreicht.

Auch am folgenden Tage nichts Neues. Weder die beiden Collegen, noch
Frycollin erschienen wieder. Ernste Beunruhigung. Beginnende Aufregung.
Vor den Post and Telegraph offices starke Ansammlung von Neugierigen,
um etwaige Nachricht noch ganz warm zu erhalten.

Vergebliche Liebesmhe.

Und doch hatten so Viele deutlich genug gesehen, wie Beide in lebhaftem
Gesprch aus dem Weldon-Institut weggingen, den sie erwartenden
Frycollin mitnahmen und nachher die Walnut-Strae hinabwanderten, um
sich dem Fairmont-Park zuzuwenden.

Jem Cip, der Vegetarianer, hatte dem Prsidenten noch die rechte Hand
gedrckt und sich verabschiedet mit den Worten:

"Auf morgen also!"

Und William T. Forbes, der Fabrikant von Zucker aus Leinwand, rhmte
sich eines vertraulichen Handschlags von Phil Evans, der ihm zweimal
"Auf Wiedersehen!" zugerufen hatte.

Mi Doll und Mi Mat Forbes, welche ein Band reinster Freundschaft an
Onkel Prudent fesselte, konnten sich ber sein Verschwinden gar nicht
beruhigen und schwatzten, nur um von ihm immer etwas zu hren, eher
noch mehr, als gewhnlich.

So verstrichen drei, vier, fnf, sechs Tage, eine Woche, eine zweite
Woche ... Weder irgendwer, noch irgendwas leitete auf die Fhrte der
drei Verschwundenen.

Und doch hatte man die sorgsamsten Nachsuchungen im ganzen Stadtviertel
vorgenommen ... vergeblich; in allen nach dem Hafen zu fhrenden
Straen ... nutzlos; weiter im Park selbst, unter den Gruppen grerer
Bume und dichterer Gebsche ... erfolglos! ... Ueberall nichts!

Auf der groen Waldble erkannte man jedoch, da da und dort das Gras
ganz neuerdings niedergedrckt schien. Diese Wahrnehmung erregte ihrer
Unerklrlichkeit wegen einigen Verdacht. Ebenso wurden am Saume des
dieselbe umschlieenden Waldes Spuren eines stattgefundenen Kampfes
entdeckt. Hatte nun eine Bande von Landstreichern vielleicht die beiden
Collegen zu vorgerckter Nachtzeit hier in dem menschenleeren Parke
getroffen und berfallen?

Das war ja mglich. Die Polizei nahm auch eine diesbezgliche
regelrechte und mit gesetzlicher Langsamkeit betriebene Untersuchung in
die Hand. Man fhrte Schleppnetze durch den Schuylkill hin, schlmmte
seinen Grund und befreite die Ufer von dem Gewirr angehuften
Unkrautes. Wenn auch das vergeblich blieb, so war es doch nicht
nutzlos, denn der Schuylkill bedurfte einer grndlichen Suberung
gerade recht nthig. O, es sind praktische Leute, die Aedilen von
Philadelphia!

Spter wandte man sich an die verbreitetsten Zeitungen. Anzeigen,
Reclamationen, wenn nicht gar Reclamen, wurden an alle demokratischen
und republikanischen Bltter der Union -- ohne Rcksicht auf deren
Farbe -- versendet. Der Daily Negro das specielle Organ der schwarzen
Rasse, brachte Frycollin's Bildni nach dessen letzter Photographie.
Man bot Belohnungen und versprach Preise Jedem, der von den drei
Abwesenden Nachricht geben knnte, ja sogar allen Denen, die nur irgend
welches Anzeichen entdeckten, das auf deren Fhrte zu leiten versprach.

"Fnftausend Dollars! Fnftausend Dollars jedem Brger, der ..."

Vergeblich; die fnftausend Dollars verblieben in der Casse des
Weldon-Instituts.

"Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden!!! Onkel
Prudent und Phil Evans aus Philadelphia!"

Es versteht sich von selbst, da der Club durch dieses unerklrliche
Verschwinden seines Vorsitzenden und seines Schriftfhrers in heillose
Unordnung gerieth und von vornherein sah derselbe sich durch diese
Nothlage zu dem Beschlusse gezwungen, die frher so eifrig betriebenen
und schon ziemlich fortgeschrittenen Arbeiten betreffs Construction des
Go a head auf unbestimmte Zeit einzustellen. Wie htten die anderen
Mitglieder auch in Abwesenheit der beiden Begrnder und Frderer dieses
Unternehmens, dem dieselben -- an Zeit und Geld -- einen Theil ihres
Vermgens geopfert hatten, sich entschlieen knnen, ein Werk zu Ende
zu fhren, wenn Jene fehlten, um es gleichsam zu krnen?

Sie muten sich also in Geduld fassen.

Gerade zu dieser Zeit ging auf's Neue die Rede von der wunderbaren,
merkwrdigen Erscheinung, welche mehrere Wochen vorher alle Geister so
lebhaft erregt hatte.

In der That war jener geheimnivolle Gegenstand wieder und wiederholt
wiedergesehen worden, wie er durch die hheren Schichten der Atmosphre
schwebte. Freilich dachte kein Mensch an einen Zusammenhang dieser
auffallenden Erscheinung mit dem nicht weniger unerklrlichen
Verschwinden der beiden Mitglieder des Weldon-Instituts. Es htte auch
einer auergewhnlichen Dosis von Einbildungskraft bedurft, diese
beiden Thatsachen mit einander in Verbindung zu bringen.

Auf jeden Fall war das Asteroid, die erkaltete Feuerkugel oder das
Luftungeheuer, wie man die Erscheinung nennen wollte, nun unter
Bedingungen gesehen worden, welche seine Gre und Gestalt besser
abzuschtzen erlaubten. Zuerst in Canada ber den Gebietstheilen, die
sich von Ottawa bis Quebec erstrecken, und zwar schon am nchsten Tage
nach dem Verschwinden der beiden Collegen; dann spter ber den Ebenen
des Fernen Westens, als der "Albatros" sich an Schnelligkeit mit einem
Zuge der groen Pacific-Bahn ma.

Von diesem Tage ab herrschte unter der gelehrten Welt keine Ungewiheit
mehr; dieser Krper war kein Erzeugni der Natur, sondern ein
Flieg-Apparat mit praktischer Anwendung der Theorie des "Schwerer, als
die Luft". Und wenn der Schpfer und Fhrer dieses Aeronefs auch fr
seine Person das bisherige Incognito noch aufrecht erhalten wollte,
jedenfalls sah er davon, so weit es seine Maschine betraf, jetzt ab,
weil er dieselbe so dicht ber den Gebieten des Fernen Westens sehen
lie. Die von ihm gewhlte mechanische Kraftquelle, wie die Natur der
Maschinen, welche dem Apparate seine Bewegung ertheilten, blieb
vorlufig freilich noch unbekannt. Mindestens war jedoch auer Zweifel
gestellt, da diesem Aeronef eine ganz auergewhnliche
Fortbewegungsfhigkeit innewohnte, denn nur wenige Tage spter meldete
man schon sein Erscheinen im Himmlischen Reiche, dann aus den
nrdlichen Theilen von Hindostan und kurz darauf wieder aus den Steppen
Rulands.

Wer mochte nun jener khne Mechaniker sein, der ber so groe bewegende
Krfte gebot, fr den weder Lnder, noch Meere eine Grenze hatten, der
in der Erdatmosphre wie in einem ihm allein zugehrigen Gebiete
schaltete und waltete? Sollte man glauben, es knne das jener Robur
sein, der dem Weldon-Institut seine Theorien so rcksichtslos in's
Gesicht geschleudert hatte, als er an dem bewuten Abend erschien, um
in die Utopien betreffs der lenkbaren Ballons eine klaffende Bresche zu
legen?

Vielleicht kam einigen weiter blickenden Kpfen dieser Gedanke. Und --
wunderbarer Weise -- dennoch erhob sich Niemand zu der Annahme, da
besagter Robur mit dem Verschwinden des Vorsitzenden und des
Schriftfhrers vom Weldon-Institut in irgend welchem Zusammenhange
stehen knnte.

Das blieb also noch weiter Geheimni, bis eine Depesche von Frankreich
durch das transatlantische Kabel am 6. Juli um elf Uhr siebenundreiig
Minuten in New-York eintraf.

Und was meldete diese Depesche? Sie bermittelte den Text jenes in
Paris in einer Schnupftabaksdose gefundenen Documents -- des
Schriftstckes, welches endlich enthllte, was aus den beiden Mnnern
geworden war, um welche die Union eben Trauer anlegen wollte.

Der Urheber der Entfhrung war also doch Robur, der Ingenieur, der
ausschlielich zu dem Zwecke nach Philadelphia kam, die Theorie der
Ballonisten gleichsam im Ei zu ersticken. Er war es, der auf dem
Aeronef "Albatros" umherfuhr; er, der zur Wiedervergeltung erfahrener
Unbill Onkel Prudent nebst Phil Evans und Frycollin obendrein in die
Lfte entfhrt hatte! Und diese Personen konnte man als fr immer
verloren ansehen, wenn nicht durch irgend welche Hilfsmittel eine
Maschine construirt wurde, welche im Stande war, jenen mchtigen
Apparat zu bekmpfen, und wenn die irdischen Freunde Jener ihnen damit
nicht zu Hilfe kamen.

Welche Erregung! Welches Staunen! Das Pariser Telegramm war an das
Bureau des Weldon-Instituts adressirt gewesen. Die Mitglieder des Clubs
erhielten davon unverzglich Kenntni. Nach zehn Minuten hatte ganz
Philadelphia durch seine Telephons die groe Neuigkeit erfahren, binnen
einer Stunde ganz Amerika, denn sie hatte sich elektrisch auf den
zahllosen Drhten der Neuen Welt verbreitet. Man wollte noch nicht
recht daran glauben und hielt es wohl fr die Mystification eines
schlechten Witzbolds -- sagten die Einen -- fr ein "Einruchern"
schlimmster Art -- meinten die Andern. Wie wre es mglich gewesen,
diesen Raub in Philadelphia so im Geheimen auszufhren? Wie htte der
"Albatros" im Fairmont-Park zur Erde hernieder gehen knnen, ohne am
Horizont des Staates Pennsylvanien bemerkt zu werden?

Recht schn -- so lauteten die gewhnlichen Argumente. -- Die
Unglubigen behielten zwar noch das Recht zu zweifeln, sollten es aber
sieben Tage nach dem Eintreffen des Telegramms schon verlieren. Am 13.
Juli ging das franzsische Packetboot "Normandie" im Hudson vor Anker
und -- brachte die berhmte Schnupftabaksdose mit. Die Eisenbahn
befrderte dieselbe in grter Eile von New-York nach Philadelphia.

Ja, das war sie, die Dose des Vorsitzenden vom Weldon-Institut. Jem Cip
htte an diesem Tage gut gethan, eine etwas substantiellere Nahrung zu
sich zu nehmen, denn er war, als er sie erkannte, nahe daran,
ohnmchtig umzusinken. Wie oft hatte er sich daraus ein
Freundschaftsprieschen zugelangt! Mi Doll und Mi Mat erkannten sie
ebenfalls, diese Dose, welche sie so oft mit dem heimlichen Wunsche
betrachtet, eines Tages auch ihre drren Altjungfernfinger hinein zu
senken. Und da waren ihr Vater, William T. Forbes, Truk Milnor, Bat T.
Fyn und viele Andere aus dem Weldon-Institut -- hundertmal hatten sie
dieselbe in den Hnden ihres verehrten Vorsitzenden sich ffnen und
schlieen sehen. Endlich hatte sie das Zeugni aller Freunde fr sich,
die Onkel Prudent in der guten Stadt Philadelphia besa, deren Name --
wie man nicht oft genug wiederholen kann -- darauf hinweist, da ihre
Bewohner sich wie Brder lieben.

Jetzt war also nach dieser Seite kein Schatten eines Zweifels mehr
aufrecht zu erhalten. Nicht allein die Dose des Vorsitzenden, sondern
besonders auch die von ihm herrhrenden Schriftzge des Documents
erlaubten es auch den Unglubigsten nicht mehr mit den Achseln zu
zucken. Da begannen nun die Wehklagen und verzweifelte Hnde erhoben
sich gen Himmel. Onkel Prudent und sein College in einer Flugmaschine
entfhrt, ohne da man ein Mittel entdecken konnte, sie zu befreien!

Die Gesellschaft der Niagara-Flle, deren strkster Actionr Onkel
Prudent war, htte beinahe ihre Geschfte eingestellt und die
Wasserflle geschlossen. Die Walton Watch Company dachte schon daran,
ihre Uhrenfabrik zu liquidiren, da diese ihren Director Phil Evans
eingebt hatte.

Ja, es herrschte allgemeine Trauer, und das Wort Trauer ist hier gar
nicht bertrieben, denn manche hirnverbrannte Kpfe, wie man deren auch
in den Vereinigten Staaten antrifft, bildeten sich steif und fest ein,
die beiden ehrenwerthen Brger niemals wiederzusehen.

Nachdem er ber Paris hingefahren war, hrte man von dem "Albatros"
zunchst nicht weiter reden. Einige Stunden spter war er ber Rom
schwebend gesehen worden -- das war Alles. Bei der bekannten
Geschwindigkeit des Aeronefs, mit der er ber Europa von Nord nach Sd
und ber das Mittelmeer von West nach Ost gefahren war, darf das ja
nicht Wunder nehmen. Und Dank eben dieser Schnelligkeit konnte ihn auch
kein Fernrohr an irgend einem Punkte seiner Fahrtlinie genauer
beobachten. Und htten die Sternwarten ihr gesammtes Personal Tag und
Nacht auf Vorposten gestellt, die Flugmaschine Robur des Siegers htte
sich so weit und so hoch entfernt -- in "Ikarien", wie er zu sagen
pflegte -- da Alle verzweifelt wren, deren Spur je wieder
aufzufinden.

Hier sei hinzugefgt, da wenn seine Geschwindigkeit ber dem Ufer
Afrikas auch vermindert wurde, sich doch, weil jenes Document noch
nicht bekannt war, Niemand versah, den Aeronef in den Hhen des
algerischen Himmels zu suchen. Auf jeden Fall wurde er ber Timbuctu
wahrgenommen; das Observatorium dieser berhmten Stadt -- wenn sie
berhaupt ein solches besitzt -- hatte aber noch nicht Zeit gefunden,
das Resultat seiner Beobachtungen nach Europa mitzutheilen. Was den
Knig von Dahomey betrifft, so htte dieser gewi eher zehntausend
Unterthanen, und seine Minister inbegriffen, um einen Kopf krzer
machen lassen, ehe er zugestand, im Kampfe mit einer in der Luft
schwebenden Maschine unterlegen zu sein. Jeder frhnt eben seiner
kleinen Eigenliebe.

Weiterhin steuerte der Ingenieur Robur dann ber den Atlantischen
Ocean, wobei er zuerst nach dem Feuerlande und dann nach dem Cap Horn
kam. Ferner irrte er, etwas gegen seinen Willen, ber die sdlichsten
Landvesten und ber das ausgedehnte Polargebiet hinweg. Von diesen
antarktischen Gegenden aus war natrlich keine Nachricht zu erwarten.

Der Juli verrann, und kein menschliches Auge konnte sich rhmen, den
Aeronef nur flchtig wieder erblickt zu haben.

Der August ging zu Ende, ohne da sich an der Ungewiheit ber das Loos
der beiden Gefangenen Robur's etwas nderte. Man fing allmhlich an,
sich zu fragen, ob der Ingenieur, nach dem Beispiele des Ikarus, dieses
ltesten Mechanikers, dessen die Sagengeschichte erwhnt, nicht ein
Opfer seiner Khnheit geworden sein mge.

Endlich vergingen auch die ersten siebenundzwanzig Tage des Septembers
ohne jede Aenderung der Sachlage.

Bekanntlich gewhnt man sich ja in der Welt an Alles. Es liegt in der
menschlichen Natur, mit der Zeit den Stachel des Schmerzes weniger zu
empfinden; man vergit, weil es nothwendig ist, einmal zu vergessen. In
diesem Falle mute man dagegen den Bewohnern dieses Erdenthals zu ihrer
Ehre nachsagen, da sie von der allgemeinen Regel abwichen; noch immer
ermattete nicht die warme Theilnahme an dem Loose zweier Weien und
eines Schwarzen, die wie durch den Propheten Elias entfhrt schienen,
denen aber keine Rckkehr durch die Bibel geweissagt war.

In Philadelphia trat das natrlich noch deutlicher zu Tage, als an
jedem anderen Orte; hier kamen dabei ja nhere persnliche Beziehungen
in's Spiel. Robur hatte den Onkel Prudent und Phil Evans aus Rache
ihrer Heimat entfremdet, hatte, wenn auch ohne jedes Recht, eine
grausame Wiedervergeltung gebt. Doch war seine Rache damit gekhlt?
Wrde er dieselbe nicht auch noch anderen Collegen des Vorsitzenden und
des Schriftfhrers vom Weldon-Institut fhlen lassen? Und wer konnte
sich gesichert whnen gegen etwaige Angriffe jenes allmchtigen
Beherrschers des Luftmeeres?

Da durchlief am 28. September eine Neuigkeit die ganze Stadt: Onkel
Prudent und Phil Evans sollten danach am Nachmittage in der
Privatwohnung des Vorsitzenden vom Weldon-Institut wieder aufgetaucht
sein.

Das Merkwrdigste an dieser Botschaft war, da sie sich besttigte,
obgleich die Meisten nicht daran glauben wollten.

Dennoch mute man sich der Thatsache fgen. Das waren die beiden
Verschwundenen in Person -- nicht ihre Schatten -- und auch Frycollin
war mit ihnen zurckgekehrt.

Die Mitglieder des Clubs, darauf deren Freunde und endlich eine
ungeheure Volksmenge strmten vor Onkel Prudent's Hause zusammen. Alle
begrten mit Jubelruf die beiden Collegen, welche unter Hurrahs und
Hipps von Hand zu Hand getragen wurden.

Hier befand sich Jem Cip, der sein Frhstck -- gerstete
Brotschnittchen mit gekochtem Lattig -- verlassen hatte, und auch
William T. Forbes nebst seinen beiden Tchtern Mi Doll und Mi Mat.
Wre Onkel Prudent Mormone gewesen, heute htte er sie alle Beide zu
Frauen bekommen; doch das war er nicht und hatte auch nicht die
geringste Absicht, es je zu werden. Hier waren ferner Truk Milnor, Bat
T. Fyn und endlich die brigen Mitglieder des Clubs. Es ist noch bis
heutigen Tages ein Rthsel geblieben, wie Onkel Prudent und Phil Evans
hatten lebend aus den Tausenden von Armen hervorgehen knnen, welche
sie bei ihrem ersten Gange durch die Stadt ebenso viele Male zu
erdrcken drohten.

An eben jenem Abende sollte das Weldon-Institut seine gewohnte
wchentliche Sitzung abhalten. Man rechnete darauf, die beiden Collegen
ihre frheren Pltze wieder einnehmen zu sehen. Da sie brigens von
ihren Abenteuern bisher noch nichts erzhlt hatten -- vielleicht hatte
der Zudrang der Leute ihnen gar nicht die nthige Zeit gewhrt -- so
hoffte man auch, da sie nun von den gehabten Eindrcken whrend jener
unfreiwilligen Reise berichten wrden.

In der That hatten sich Beide aus irgend welchem Grunde bisher ganz
stumm verhalten, und stumm blieb auch der Diener Frycollin, den seine
Stammesgenossen vor toller Erregung fast geviertheilt htten.

Was die beiden Collegen noch nicht gesagt und vielleicht hatten sagen
wollen, war Folgendes:

Wir brauchen wohl kaum auf die dem Leser bekannten Vorgnge in der
Nacht vom 27. zum 28. Juli zurck zu kommen; auf die khn ausgefhrte
Flucht des Vorsitzenden und des Schriftfhrers vom Weldon-Institut, auf
ihre lebhafte Erregung bei Durchwanderung der felsigen Insel Chatam,
den auf Phil Evans abgefeuerten Gewehrschu, auf das durchschnittene
Ankertau und den "Albatros", der damals, seiner Triebschrauben
entbehrend, durch den Sdwestwind weit fortgetrieben und gleichzeitig
zu groer Hhe gewissermaen emporgeschnellt wurde. Darauf war derselbe
bald aus ihrem Gesichtskreis entschwunden.

Die Flchtlinge hatten nun nichts mehr zu frchten. Wie htte Robur
nach der Insel zurckkehren knnen, da seine Schrauben noch drei bis
vier Stunden auer Stande waren, zu functioniren?

Nach Ablauf dieser Zeit aber mute der durch die Explosion zerstrte,
"Albatros" zum elenden, auf dem Meere treibenden Wrack geworden sein,
und Diejenigen, welche er trug, waren jedenfalls nur noch in Stcke
gerissene Leichen, die auch der Ocean nicht wieder herausgeben konnte.

Der entsetzliche Racheact mute dann vollkommen gelungen sein. Da Onkel
Prudent und Phil Evans sich als im Stande der Nothwehr betrachteten,
litten sie wegen dieser That an keinen Gewissensbissen.

Phil Evans war durch die vom "Albatros" aus entsendete Kugel nur leicht
verletzt worden. Alle Drei wanderten also am Ufer hinauf, in der
Hoffnung, Eingeborene anzutreffen.

Diese Hoffnung sollte nicht getuscht werden. Etwa fnfzig halbwilde,
vom Fischfange lebende Einwohner siedelten an der Westkste Chatams.
Sie hatten den Aeronef nach der Insel herabkommen sehen und bereiteten
den Flchtlingen einen Empfang, wie sie ihn als bernatrliche Wesen
verdienten. Man betete sie an, mindestens fehlte daran nicht viel, und
brachte sie in der grten und schnsten Htte unter. Frycollin fand
gewi niemals wieder eine solche Gelegenheit, die Rolle als Gott der
Schwarzen spielen zu knnen.

Wie sie vorausgesetzt, sahen Onkel Prudent und Phil Evans den Aeronef
nicht wieder zurckkehren, und muten daraus schlieen, da die
schreckliche Katastrophe in groer Hhe eingetreten sein werde. Nun
wrde Niemand wieder von dem Ingenieur Robur reden hren, so wenig wie
von seiner wunderbaren Maschine, die seine Leute mit ihm dahingetragen
hatte.

Jetzt galt es nur noch, eine Gelegenheit zur Rckkehr nach Amerika
abzuwarten, denn die Insel Chatam wird von Seefahrern wenig besucht. So
verstrich der ganze Monat August und die Flchtlinge legten sich schon
die Frage vor, ob sie am Ende nicht blo ein Gefngni gegen ein
anderes eingetauscht htten, mit dem brigens Frycollin sich weit
besser, als mit dem "Kerker in der Luft", abzufinden schien.

Endlich am 3. September erschien ein Schiff, um an der Insel Chatam
Wasser einzunehmen. Der Leser hat jedenfalls nicht vergessen, da Onkel
Prudent zur Zeit der Entfhrung aus Philadelphia mehrere tausend
Dollars Papiergeld bei sich fhrte, d. h. mehr als nothwendig war, um
nach Amerika zurckkehren zu knnen. Nachdem sie ihren Verehrern,
welche ihnen stets den allergrten Respect bewiesen hatten, herzlich
gedankt, schifften sich Onkel Prudent, Phil Evans und Frycollin nach
Aukland ein. Von ihren Schicksalen erzhlten sie nichts, und nach zwei
Tagen schon langten sie in der Hauptstadt Neu-Seelands an.

Hier nahm sie ein Packetboot des Stillen Oceans als Passagiere auf, und
am 20. September landeten die Ueberlebenden vom "Albatros" nach hchst
glcklicher Ueberfahrt in San Francisco. Sie hatten weder
ausgesprochen, wer sie waren, noch woher sie kamen: doch da sie einen
recht anstndigen Preis fr ihre Pltze entrichteten, so wre es keinem
amerikanischen Capitn jemals eingefallen, weitere Fragen an die Leute
zu richten.

In San Francisco bentzten Onkel Prudent, sein College und der Diener
Frycollin den ersten Zug der groen Pacific-Bahn und trafen am 27.
wohlbehalten in Philadelphia ein.

Das ist der gedrngte Bericht ber Alles, was seit dem Entweichen der
Flchtlinge und ihrer Abfahrt von der Insel Chatam vorgefallen war; und
somit konnten an jenem Abende der Vorsitzende und der Schriftfhrer,
inmitten eines ungeheuren Zudrangs, ihre Pltze im Weldon-Institut
wieder einnehmen.

Niemals aber hatte weder der Eine, noch der Andere eine so auffallende
Ruhe zur Schau getragen. Ihr Anblick allein htte niemals ahnen lassen,
da seit jener denkwrdigen Sitzung vom 12. Juni irgend etwas
Besonderes vorgefallen sei. Diese dreiundeinhalb Monate schienen in
ihrem Leben gar nicht mit zu zhlen.

Nach den ersten Begrungssalven, welche Beide ohne das Zucken nur
eines Gesichtsmuskels hinnahmen, bedeckte Onkel Prudent das Haupt und
ergriff er zuerst das Wort.

"Ehrenwerthe Brger, sagte er, die Sitzung ist erffnet."

Wahnsinniger und gewi wohlberechtigter Beifall, denn wenn es auch als
etwas Auergewhnliches nicht gelten konnte, da eine solche
Wochenversammlung erffnet wurde, so erhielt der Umstand doch ein
auergewhnliches Gewicht, da das durch Onkel Prudent unter Assistenz
von Phil Evans geschah.

Der Vorsitzende lie den in Zurufen und Hndeklatschen kundgegebenen
Enthusiasmus sich ruhig austoben. Dann fuhr er fort:

"In unserer letzten Sitzung, meine Herrn, kam es zu recht lebhaftem
Meinungsaustausch (Hrt! Hrt!) zwischen den Vertretern der Vorder- und
der Rckenschraube fr unseren Ballon, den Go a head. (Zeichen von
Verwunderung.) Wir haben inzwischen ein Auskunftsmittel erfunden, um
die Vorder- und Hintersteuerer unter einen Hut zu bringen, und das
besteht einfach darin: Wir versehen eben beide Enden des Nachens mit je
einer Triebschraube." (Stillschweigen vor allgemeinem Erstaunen.)

Das war Alles!

Ja, Alles, von der Entfhrung des Vorsitzenden und des Schriftfhrers
des Weldon-Instituts fiel kein Sterbenswrtchen; kein Wort ber den
Ingenieur Robur und den "Albatros"; kein Wort ber die Art und Weise,
wie die Gefangenen hatten entkommen knnen, und endlich kein Wort ber
das Schicksal des Aeronefs, ob er noch durch das Luftmeer schwebe und
ob noch weitere Angriffe gegen Mitglieder des Clubs zu befrchten
wren.

Gewi fehlte es den Ballonisten nicht an Lust, Onkel Prudent und Phil
Evans auszufragen; sie sahen dieselben aber so ernst, so zugeknpft,
da es angezeigt schien, ihre Zurckhaltung zu respectiren. Wenn sie
die Zeit zum Sprechen gekommen meinten, wrden sie schon allein
sprechen und Alle wrden sich geehrt genug fhlen, ihnen zuzuhren.

Uebrigens konnte unter diesem Stillschweigen ja noch ein Geheimni
verborgen liegen, das heute noch nicht enthllt werden durfte.

Da nahm Onkel Prudent unter einem, bisher bei den Sitzungen des
Weldon-Instituts unerhrten Stillschweigen wieder das Wort.

"Meine Herren, sagte er, es erbrigt uns nun blo noch, den Aerostaten
Go a head, der bestimmt ist, sich das Luftmeer zu erobern,
schleunigst der Vollendung entgegen zu fhren. -- Die Sitzung ist
geschlossen."




XVIII.

Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende fhrt, ohne sie zu
beendigen.



Am 29. April des folgenden Jahres, sieben Monate nach der so
unerwarteten Rckkehr des Onkel Prudent und Phil Evans, war ganz
Philadelphia in reger Bewegung. Um politische Fragen handelte es sich
dabei nicht, ebenso wenig um Wahlen oder Volksversammlungen. Der auf
Betreiben des Weldon-Instituts nun vollendete Aerostat Go a head
sollte endlich seinem natrlichen Element bergeben werden.

Als Aeronaut fr denselben war der berhmte Harry W. Tinder, dessen wir
schon zu Anfang dieser Erzhlung erwhnten, bestimmt worden, und ihm
hatte man noch einen erfahrenen Gehilfen beigegeben.

Die Passagiere bildeten der Vorsitzende und der Schriftfhrer des
Weldon-Instituts, denen diese Ehre gewi vor allen Anderen zukam, da es
fr sie so zu sagen eine Lebensaufgabe geworden war, persnlich gegen
jeden Apparat, der auf dem Principe "Schwerer, als die Luft" beruhte,
Einspruch zu erheben.

Doch auch jetzt, nach sieben Monaten, sollten sie immer noch erst
anfangen, ber ihre Abenteuer zu berichten. Selbst Frycollin hatte, wie
sehr es ihn auch dazu drngte, noch nicht vom Ingenieur Robur und von
dessen wunderbarer Maschine gesprochen. Offenbar wollten Onkel Prudent
und Phil Evans als eingefleischte und unverbesserliche Ballonisten
berhaupt nicht, da von dem Aeronef oder einer anderen Flugmaschine
jemals die Rede sei. Auch wenn ihr Ballon, der Go a head, noch nicht
die erste Stelle unter den zur Fortbewegung durch die Luft bestimmten
Apparaten einnehmen sollte, so wollten sie doch keine, von
irgendwelchem Anhnger der Aviation herrhrende Erfindung dabei
anwenden lassen. Sie glaubten noch immer und wollten auch spter nur
glauben, da das einzig wahre atmosphrische Vehikel der Aerostat sei,
und da ihm allein die Zukunft gehre.

Uebrigens existirte ja Derjenige, an dem sie eine so furchtbare, ihrer
Ansicht nach aber nur gerechte Rache genommen hatten, jetzt schon
lngst nicht mehr. Keiner von Denen, die er trug, hatte seinen
Untergang berleben knnen. Das Geheimni des "Albatros" lag jetzt in
den unergrndlichen Tiefen des Stillen Oceans begraben.

Die Annahme, da der Ingenieur Robur einen Zufluchtsort, eine rettende
Insel im ungeheuren, verlassenen Ocean gefunden habe, erschien nur als
eine sehr gewagte Hypothese. Die beiden Collegen behielten sich fr
spter die Entscheidung darber vor, ob es angezeigt erscheine, nach
dieser Richtung besondere Nachforschungen zu veranlassen.

Man schritt also endlich zu dem groen Experimente, welches das
Weldon-Institut so lange Zeit und mit so groer Sorgfalt vorbereitet
hatte. Der Go a head war der vollendetste Typus dessen, was im
Bereiche der Aerostatik bisher erfunden war -- dasselbe wie der
Inflexible und der Formidable (zwei neuere franzsische
Panzerschlachtschiffe) in der Schiffsbaukunst.

Der Go a head besa alle fr einen Aerostaten nur wnschenswerthen
Eigenschaften. Sein Volumen gestattete ihm, bis zu den allergrten
Hhen, die ein Ballon nur erreichen kann, aufzusteigen; seine
Undurchlssigkeit fr Gas, sich unbegrenzt lange in der Luft zu
erhalten; seine Festigkeit, jeder Ausdehnung der Gase ebenso zu
widerstehen, wie dem heftigsten Platzregen und strksten Sturmwinde;
sein Fassungsvermgen, eine gengende Auftriebskraft zu entfalten, um
auer dem sonst nthigen Zubehr eine elektrische Maschine mitzunehmen,
die seinen Propellern eine, jeder bisher erreichten berlegene
Treibkraft verleihen konnte. Der Go a head hatte eine lngliche
Gestalt, um die horizontale Fortbewegung zu erleichtern. Seine Gondel,
eine derjenigen des Ballons der Capitne Krebs und Renard hnliche
Plattform, enthielt alles fr Luftschiffer nothwendige Gerth und
Werkzeug, physikalische Instrumente, Taue, Anker, Rollen u. s. w.,
auerdem die Apparate, Batterien und Accumulatoren, welche seine
mechanische Kraft lieferten. Diese Gondel trug vorne eine Schraube und
hinten neben einer gleichen Schraube ein Steuerruder. Aller
Wahrscheinlichkeit nach mute jedoch die Arbeitsleistung der Maschinen
des Go a head weit hinter der der Apparate des "Albatros"
zurckbleiben.

Der Go a head war nach vollendeter Fllung nach der Waldble im
Fairmont-Park bergefhrt worden, d. h. genau nach derselben Stelle, an
welcher frher der Aeronef einige Stunden gelegen hatte.

Wir brauchen wohl nicht zu betonen, da ihm die Auftriebskraft durch
das leichteste aller Gase verliehen worden war. Das gewhnliche
Leuchtgas entwickelt per Cubikmeter nur eine solche Hebekraft gleich
700 Gramm -- was gegen die umgebende Luft nur einen unbetrchtlichen
Gewichtsunterschied darstellt. Das Wasserstoffgas dagegen besitzt bei
gleichem Volumen eine auf etwa 1100 Gramm zu schtzende Steigekraft.
Solches, nach dem Verfahren und in den Special-Apparaten des berhmten
Henry Giffard dargestellte reine Wasserstoffgas erfllte den ungeheuren
Ballon. Da der Go a head nun einen Fassungsraum von 40.000
Cubikmetern besa, so entsprach die Steigkraft seines Gases einem
Gewichte von 40.000mal 1100 Gramm oder 44.000 Kilogramm.

Am Morgen des 20. April war Alles bereit. Um elf Uhr schon schwankte
der riesige Aerostat wenige Fu ber dem Boden und fertig, sich in die
Luft zu erheben, majesttisch hin und her.

Es herrschte ein prchtiges und wie fr diesen Versuch eigens gemachtes
Wetter. Vielleicht wre eine etwas grere Windstrke wnschenswerther
gewesen, da sie die Probe mehr beweisend gestaltet htte. Man hat ja
niemals bezweifelt, da ein Ballon in ganz ruhiger Luft nach Belieben
gelenkt werden knne, in bewegter Atmosphre ist das aber ein anderes
Ding und nur unter solchen Verhltnissen sollten derartige Proben
ausgefhrt werden.

Genug, jetzt war weder Wind zu verspren, noch deutete etwas darauf
hin, da solcher auftreten wrde. An jenem Tage sendete Nordamerika aus
seinem unerschpflichen Vorrathe ausnahmsweise keinen Sturm nach dem
westlichen Europa, und niemals htte ein Tag gnstiger als dieser zur
Vornahme eines solchen aeronautischen Experimentes gewhlt werden
knnen.

Kaum brauchen wir der ungeheuren, im Fairmont-Park aufgestauten
Menschenmenge, ebenso wenig der zahlreichen Bahnzge zu erwhnen,
welche Strme von Neugierigen aus allen Nachbarstaaten ber
Philadelphia ergossen hatten; auch nicht der Unterbrechung jeder
industriellen und commerciellen Thtigkeit, welche es Allen -- Chefs,
Beamten, Handwerkern, Mnnern und Frauen, Greisen und Kindern,
Congremitgliedern, Vertretern der bewaffneten Macht, Magistratspersonen,
Reportern, weien und schwarzen Eingeborenen, die auf der Waldble
zusammengelaufen waren -- gestattete, diesem Schauspiele beizuwohnen.
Oder sollten wir das geruschvolle Durcheinanderwogen dieser
Volksmengen schildern, die unerwarteten Bewegungen, das pltzliche
Drngen und das Jauchzen und Rufen des Mobs? Sollen wir die Hipp! Hipp!
Hipp! nachzhlen, welche von allen Seiten gleich dem Krachen von
Feuerwerkskrpern laut wurden, als Onkel Prudent und Phil Evans auf der
mit dem amerikanischen Sternenbanner geschmckten Plattform erschienen?
Oder mten wir es erst besonders aussprechen, da der grte Theil
dieser Neugierigen vielleicht nicht gekommen war, um den Go a head zu
sehen, sondern um sich die zwei auerordentlichen Mnner zu betrachten,
um welche die Alte Welt die Neue beneidete?

Warum aber nur Zwei und nicht Drei? Warum nicht auch Frycollin? -- Das
kam daher, da Frycollin die Reise mit dem "Albatros" fr seine
Berhmtheit als gengend erachtete und er die Ehre, seinen Herrn zu
begleiten, bescheiden abgelehnt hatte. Er bekam also keinen Theil von
den tollen Jubelrufen, welche den Vorsitzenden und den Schriftfhrer
des Weldon-Instituts empfingen. Es versteht sich von selbst, da von
allen Mitgliedern der berhmten Gesellschaft keiner auf dem fr diese
reservirten Platze innerhalb der Pfhle und Leinen fehlte, welche einen
Theil der Lichtung abgrenzten. Hier waren Truk Milnor, Bat T. Fyn,
William T. Forbes, der seine beiden Tchter Mi Doll und Mi Mat an den
Armen fhrte. Alle waren erschienen, um durch ihre Anwesenheit zu
bekrftigen, da nichts jemals im Stande sei, die Anhnger des
"Leichter, als die Luft" zu trennen.

Gegen elf Uhr zwanzig Minuten verkndigte ein Kanonenschu die
Beendigung der letzten Vorbereitungen.

Der Go a head erwartete nur noch das Signal zum Aufsteigen.

Ein zweiter Kanonenschu donnerte um elf Uhr fnfundzwanzig.

Der nur noch durch seine Leitseile gehaltene Go a head erhob sich
gegen fnfzehn Meter ber die Lichtung. Am anderen Ende der Plattform
stehend, legten Onkel Prudent und Phil Evans die linke Hand auf die
Brust, was bedeuten sollte, da sie mit dem Zuschauerkreise eines
Herzens wren. Dann streckten sie die rechte Hand nach dem Zenith aus,
um anzudeuten, da der grte, bis jetzt bekannte Ballon endlich in
Begriff stehe, von seinem berirdischen Reiche Besitz zu ergreifen.

Da legten sich hunderttausend Hnde auf hunderttausend Brste; und
hunderttausend andere erhoben sich zum Himmel.

Um elf Uhr dreiig krachte ein dritter Kanonenschu.

"Alles los!" rief Onkel Prudent, die hergebrachte Redensart bentzend.

Und der Go a head erhob sich "majesttisch" -- das immer gebrauchte
Beiwort in der Beschreibung von beginnenden Luftfahrten.

In der That, es war ein prchtiges Schauspiel! Man htte ein Seeschiff
zu sehen gemeint, das eben vom Stapel lief. Und war das hier nicht auch
ein Schiff, das in's Luftmeer abgelassen wurde?

Der Go a head stieg genau lothrecht in die Hhe -- ein Beweis fr die
vollkommene Ruhe der Atmosphre -- und hielt etwa zweihundertfnfzig
Meter ber der Erde still.

Hier begann nun die Vorfhrung der Fahrt in wagrechter Richtung.

Der von seinen zwei Schrauben getriebene Go a head zog mit der
Geschwindigkeit von zehn Metern in der Secunde der Sonne entgegen. Das
ist die Geschwindigkeit des Walfisches im freien Wasser. Es ist auch
gar nicht falsch, jenen mit dem genannten Riesen der nrdlichen Meere
zu vergleichen, zumal da er auch die Gestalt jenes Cetaceers hatte.

Eine neue Salve von Hurrahs drang zu den geschickten Aeronauten empor.

Hierauf fhrte der Go a head unter der Wirkung seines Steuers
allerlei kreisfrmige, schiefe und geradlinige Bewegungen aus, welche
ihm die Hand seines Steuermannes aufnthigte. Er wendete in engem
Kreise, ging nach vorwrts, nach rckwrts, um selbst die zhesten
Widersacher der Lenkbarkeit von Ballons eines Besseren zu belehren ...
wenn es solche Widersacher hier gab! Und wenn es dergleichen gegeben
htte, htte man sie in die Pfanne gehauen!

Warum fehlte aber der Wind diesem herrlichen Experimente? Das war
bedauerlich. Unzweifelhaft htte der Go a head alle Bewegungen ohne
Zgern ausgefhrt, indem er entweder eine schrge Richtung einhielt,
wie ein Schiff, das dicht beim Winde segelte, oder der Luftstrmung
gleich einem Dampfer gerade entgegentrieb.

In diesem Augenblicke stieg der Aerostat um einige hundert Meter hher
hinauf.

Man begreift wohl die Absicht. Onkel Prudent und seine Begleiter
suchten in den hheren Luftschichten eine Strmung zu finden, um die
Probe zu vervollstndigen. Ein System von inneren Ballons, entsprechend
der Schwimmblase der Fische, in welche man mittelst Pumpen eine gewisse
Menge Gas hineindrcken konnte, gestattete ihm nmlich, auf- und
niederzusteigen. Ohne je Ballast auszuwerfen, um hher, oder Gas zu
verlieren, um tiefer zu gehen, war er im Stande, sich nach Belieben des
Luftschiffers in der Atmosphre zu heben oder zu senken. Auerdem war
er jedoch am oberen Scheitel mit einem Ventil versehen, fr den Fall,
da er einmal sehr schnell herabzugehen gezwungen wre. Hier waren
demnach nur bereits bekannte Mittel vorgesehen, diese aber bis zum
hchsten Grade der Vollkommenheit entwickelt.

Der Go a head erhob sich also in lothrechter Linie. Durch optische
Wirkung verringerten sich seine Dimensionen allmhlich den Blicken.
Gewhnlich erscheint das ziemlich merkwrdig fr die Zuschauer, die
sich, um gerade hinauf zu sehen, fast die Halswirbel brechen. Der
ungeheure Walfisch wurde so nach und nach zum Meerschwein, um endlich
bis zur Gre des gewhnlichen Grndlings herabzusinken.

Da die aufsteigende Bewegung nicht unterbrochen wurde, erreichte der
Go a head eine Hhe von viertausend Metern, blieb aber bei dem
reinen, keine Spur von Dunst enthaltenden Himmel vollkommen klar
sichtbar.

Inde hielt er sich fortwhrend ber der Lichtung, als wrde er daselbst
von divergirenden Leinen festgehalten. Und wenn eine riesenhafte Glocke
ber die Umgegend gestrzt gewesen wre, htte die Luft darunter nicht
ruhiger sein knnen. Weder in jener, noch in irgend einer anderen Hhe
regte sich der leiseste Hauch. Stark verkleinert durch die Entfernung,
als ob man ihn durch ein verkehrt gehaltenes Fernrohr betrachtet htte,
manvrirte der Aerostat, ohne den geringsten Widerstand zu finden.

Pltzlich drang ein Aufschrei aus der Menge, ein Schrei, dem sofort
hunderttausend andere folgten. Alle Arme richteten sich nach einem
Punkte am Horizont, und zwar nach Nordwesten hin.

Dort im tiefen Azur ist ein sich bewegender Krper erschienen, der
nher herankommt und grer wird. Ist es ein Vogel, der mit mchtigem
Flgelschlage durch die hchsten Luftschichten schwebt? Ist's eine
Feuerkugel, deren Bahn die Atmosphre in schiefer Richtung
durchschneidet? Jedenfalls ist der rthselhaften Erscheinung eine
bedeutende Schnelligkeit eigen und sie mu bald ber die erstaunte
Volksmenge hinwegrauschen.

Ein Verdacht, der sich gleichsam elektrisch allen Gehirnen mittheilt,
verbreitet sich ber die ganze Lichtung.

Es scheint jedoch, als ob auch der Go a head den fremdartigen
Gegenstand bemerkt htte. Offenbar hat er das Gefhl einer drohenden
Gefahr empfunden, denn pltzlich steigert sich seine Geschwindigkeit
und er flieht nach Osten hin.

Ja, die Menge hat Alles begriffen. Ein von einem der Mitglieder des
Weldon-Instituts ausgerufener Name wird von zweihunderttausend Lippen
wiederholt: "Der 'Albatros'! ... Der 'Albatros'!"

In der That, es ist der "Albatros". Robur ist es, der in den Hhen des
Himmels wieder erscheint! Er ist's, der gleich einem gigantischen
Raubvogel auf den Go a head losstrzt!

Und neun Monate vorher war der durch die Explosion zersprengte Aeronef,
die Schrauben zerbrochen und das Verdeck in zwei Stcke zerrissen, doch
vernichtet worden. Ohne die wunderbare Besonnenheit des Ingenieurs, der
die Drehbewegung des vorderen Propellers vernderte, und diesen als
Auftriebsschraube wirken lie, wre die ganze Besatzung des "Albatros"
schon durch die Schnelligkeit des Sturzes erstickt worden. Doch wenn
sie auch dieser Gefahr glcklich entronnen, wie kam es, da sie nicht
in den Fluthen des Pacifischen Oceans ertrunken war?

Das kam daher, da die Trmmer des Verdecks, die Flgel der
Triebschrauben, die Wnde der Ruffs und was sonst noch vom "Albatros"
brig war, ihn zur schwimmenden Seetrift verwandelt hatten. Der
verwundete Vogel war in's Wasser gefallen, seine Flgel aber hielten
ihn noch auf den Wellen. Einige Stunden lang blieben Robur und seine
Leute noch auf diesem Wrack, dann flchteten sie in das auf dem Ocean
wieder gefundene Kautschukboot.

Die Vorsehung, fr Diejenigen, welche an einen gttlichen Eingriff in
irdische Dinge glauben -- der Zufall, fr Diejenigen, welche die
Schwche haben, an keine Vorsehung zu glauben -- kam den
Schiffbrchigen zu Hilfe.

Wenige Stunden nach Sonnenaufgang wurden sie von einem Schiffe bemerkt,
das nicht allein Robur und seine Leute, sondern auch die umher
schwimmenden Trmmer des Aeronefs aufnahm. Der Ingenieur begngte sich
mit der Angabe, sein Fahrzeug sei durch eine Collision zerstrt worden,
und sein Incognito blieb auch bei dieser Gelegenheit gewahrt.

Jenes Schiff war ein englischer Dreimaster, der Two Friends von
Liverpool. Es segelte nach Melbourne, wo es nach wenigen Tagen eintraf.

Nun war man zwar in Australien, aber sehr fern von der Insel X, nach
der man doch baldigst zurckkehren mute.

Unter den Trmmern des hinteren Ruffs hatte der Ingenieur noch eine
betrchtliche Geldsumme gefunden, die ihm, ohne einen Anderen
anzusprechen, alle Bedrfnisse seiner Leute zu bestreiten gestattete.
Kurz nach der Ankunft in Melbourne erwarb er eine kleine Goelette von
hundert Tonnen und auf dieser begab sich Robur, der auch ein tchtiger
Seemann war, nach der Insel X zurck.

Jetzt erfllte ihn nur noch eine einzige fixe Idee -- sich zu rchen.
Doch um das zu knnen, mute ein zweiter "Albatros" gebaut werden, was
fr den, der den ersten construirt hatte, ja eine leichte Aufgabe war.
Man verwendete dabei, was noch vom alten Aeronef brauchbar erschien,
unter anderen Maschinentheilen auch dessen Propeller, die mit allen
Trmmern auf der Goelette verladen gewesen waren. Der Mechanismus wurde
mittelst neuer Batterien und Accumulatoren wieder in Stand gesetzt.
Kurz, binnen weniger als acht Monaten war die ganze Arbeit beendigt und
ein neuer "Albatros", ganz gleich dem durch die Explosion zerstrten
und eben so mchtig wie dieser, stand bereit, durch die Luft
abzusegeln.

Selbstverstndlich trug er auch dieselbe Mannschaft und ebenso
selbstverstndlich schumte diese Mannhaft vor Wuth auf Onkel Prudent
und Phil Evans im Besonderen, wie auf das ganze Weldon-Institut im
Allgemeinen.

Mit den ersten Tagen des April verlie der "Albatros" die Insel X.
Whrend dieser Luftfahrt sollte sein Vorberkommen von keinem Punkt der
Erde aus gemeldet werden knnen. So schwebte er also immer zwischen den
Wolken hin. Ueber Nordamerika an einer Einde des Far-West angelangt
ging er zur Erde. Das tiefste Incognito bewahrend, erfuhr der Ingenieur
hier, was ihm das grte Vergngen gewhren mute: da das
Weldon-Institut nun so weit sei, mit seinen Probefahrten zu beginnen,
und da der Go a head mit Onkel Prudent und Phil Evans am 29. April
von Philadelphia aus aufsteigen sollte.

Welch' herrliche Gelegenheit zur Khlung jener Rache, die das Herz
Robur's und aller seiner Leute erfllte! Eine schreckliche Rache,
welcher der Go a head nicht entrinnen sollte! Eine ffentliche Rache,
welche gleichzeitig die Ueberlegenheit des Aeronefs ber die Aerostaten
und alle Apparate dieser Art beweisen mute!

Aus diesem Grunde also erschien an jenem Tage gleich dem Geier, der aus
schwindelnder Hhe niederschiet, der Aeronef ber dem Fairmont-Park.

Ja, das war der "Albatros", leicht erkannt selbst von Denen, die ihn
frher nie gesehen hatten.

Der Go a head floh noch immer. Er begriff jedoch, da er durch eine
Flucht in horizontaler Richtung niemals zu entkommen vermge. Er suchte
sein Heil also in verticaler Flucht, aber nicht durch Annherung an die
Erde, denn da htte der Aeronef ihm den Weg verlegen knnen, sondern
indem er sich in die Luft erhob, nach einer Zone, in der er vielleicht
nicht angegriffen werden konnte. Das war sehr khn, doch gleichzeitig
recht logisch gehandelt.

Inzwischen erhob sich aber auch der "Albatros" mit ihm. Weit kleiner
als der Go a head glich er dem Schwertfisch bei Verfolgung des Wals,
den er mit seinem Stachel durchbohrt, oder dem auf das Panzerschiff
zufliegenden Torpedo, der jenes mit einem Schlage in die Luft zu
sprengen trachtet.

Die Zuschauer bemerkten das mit beklemmender Angst. Binnen wenigen
Augenblicken hatte der Aerostat eine Hhe von fnftausend Metern
erreicht. Der "Albatros" war ihm bei seiner aufsteigenden Bewegung
nachgefolgt. Er tnzelte jetzt gleichsam um seine Seiten und umkreiste
ihn in stetig vermindertem Umfange. Mit einem Sprung konnte er ihn
vernichten, indem er seine dnne Hlle zerri. Onkel Prudent und dessen
Begleiter wren durch einen furchtbaren Absturz rein zerschmettert
worden.

Die vor Schreck verstummten und nach Athem ringenden Zuschauer waren
von jener Art Entsetzen gepackt, das die Brust einschnrt und die Fe
lhmt, wenn man Einen aus groer Hhe herabstrzen sieht. Jetzt drohte
ein Luftkampf, ein Kampf, der nicht einmal die geringen Aussichten fr
Rettung wie ein Wasserkampf darbot -- der erste dieser Art, aber gewi
nicht der letzte, denn der Fortschritt gehrt zu den ehernen Gesetzen
dieser Welt. Und wenn der Go a head an seiner Seite das amerikanische
Sternenbanner trug, so hatte der "Albatros" auch seine Flagge, das
schwarze Fahnentuch mit der goldenen Sonne Robur des Siegers,
entfaltet.

Der Go a head wollte aus dem Bereiche seines Gegners zu kommen
suchen, indem er sich noch weiter erhob. Er warf den als Reserve
mitgefhrten Ballast aus. Noch einmal machte er einen Satz von tausend
Metern und erschien jetzt nur noch als ein Punkt im Luftraum. Der
"Albatros", der ihm mit der grten Drehgeschwindigkeit seiner
Schrauben nacheilte, war schon vllig unsichtbar geworden.

Pltzlich erhob sich von der Erde ein Schreckensschrei.

Der Go a head nahm sichtlich an Gre wieder zu, whrend auch der
sich mit ihm senkende Aeronef auf's Neue erschien. Jetzt war der Sturz
da! Das in der furchtbaren Hhe zu stark ausgedehnte Gas hatte die
Hlle des Ballons gesprengt, und nur noch halb aufgeblasen fiel dieser
rasch herunter.

Der Aeronef dagegen, der nur die Bewegung seiner Auftriebsschrauben
gemigt hatte, sank mit abgemessener Geschwindigkeit herab. Er fuhr an
den Go a head heran, als dieser nur noch zwlfhundert Meter von der
Erde entfernt war, und nherte sich ihm Bord an Bord.

Wollte Robur ihm den Gnadensto geben? -- Nein, er wollte helfen,
wollte die Insassen retten!

Seine Manvrirgeschicklichkeit war eine so erstaunliche, da der
Aeronaut und sein Genosse auf das Verdeck des Aeronefs gelangen
konnten.

Sollten Onkel Prudent und Phil Evans etwa die Untersttzung Robur's
ablehnen, es verweigern, sich von ihm retten zu lassen? Sie wren es
wahrlich im Stande gewesen! Die Leute des Ingenieurs bemchtigten sich
jedoch derselben und schafften sie mit Gewalt vom Go a head nach dem
"Albatros".

Da machte sich der Aeronef von jenem klar und blieb an derselben
Stelle, whrend der jetzt vllig gasleere Ballon auf die Bume neben
der Lichtung niederfiel, wo er gleich einem riesigen Fetzen hngen
blieb.

Unten herrschte das Schweigen des Todes; es schien wirklich, als wenn
alles Leben aus den Herzen der Menge entflohen wre. Sehr Viele hatten
gleich die Augen geschlossen, um das Ende der Katastrophe nicht mit
anzusehen.

Onkel Prudent und Phil Evans waren also wiederum die Gefangenen des
Ingenieurs Robur geworden. Sollte er, nun er sie wieder erlangt, mit
ihnen noch einmal in's Luftmeer hinausfliegen, wohin ihm Keiner folgen
konnte?

Das war vielleicht zu vermuthen.

Indessen senkte sich der "Albatros", statt hher zu steigen, langsam
zur Erde nieder. Man glaubte, er wolle bis auf's Land gehen, und die
Menge drngte sich, um ihm Platz zu machen, auseinander.

Die Erregung der Leute hatte jetzt den hchsten Grad erreicht.

Zwei Meter ber der Erde hielt der "Albatros" an, und unter tiefstem
Stillschweigen lie sich die Stimme des Ingenieurs vernehmen:

"Brger der Vereinigten Staaten, sagte er, der Vorsitzende und der
Schriftfhrer des Weldon-Instituts sind wiederum in meiner Gewalt.
Hielte ich sie zurck, so wrde ich nur von meinem Rechte der
Wiedervergeltung Gebrauch machen. Bei der in ihrer Seele durch die
Erfolge des "Albatros" entfachten Leidenschaft aber sehe ich ein, da
ihr geistiger Zustand doch nicht derart ist, um die Umwlzungen, welche
die Beherrschung des Luftmeeres einst nach sich ziehen mu, vollstndig
zu begreifen. Onkel Prudent und Phil Evans, Sie sind frei!"

Der Vorsitzende, der Schriftfhrer des Weldon-Instituts, der Aeronaut
und sein Gehilfe hatten nur einen Sprung zu thun, um auf die Erde zu
gelangen.

Der "Albatros" erhob sich dann sofort um etwa zehn Meter ber die Menge
und Robur fuhr fort:

"Brger der Vereinigten Staaten, mein Versuch ist glcklich
durchgefhrt, doch meine Ansicht geht dahin, nichts zu bereilen, auch
nicht einmal den Fortschritt. Die Wissenschaft darf den Landessitten
und Gewohnheiten nicht zu sehr vorauseilen. Die Menschheit soll nur
schrittweise, nicht durch gewaltsame Umnderungen vorwrts kommen. Ich
selbst wrde heute noch zu zeitig auftreten, um alle widerstrebenden
und getheilten Interessen zu vereinigen. Die Nationen sind zum
wirklichen Bunde noch nicht reif.

"Ich ziehe also weiter und nehme mein Geheimni mit mir. Fr die
Menschheit wird es deshalb nicht verloren sein, sondern ihr dereinst
gehren, wenn sie unterrichtet genug sein wird, daraus Vortheil zu
ziehen, und weise genug, um es nicht zu mibrauchen. Heil Euch, Brger
der Vereinigten Staaten, Heil Euch, jetzt und immerdar!"

Die Luft mit seinen vierundsiebenzig Schrauben peitschend und von den
beiden mit grter Kraft arbeitenden Propellern davongetragen,
verschwand der "Albatros" im Osten inmitten eines Sturmes von Hurrahs,
die jetzt der allgemeinen Bewunderung Ausdruck gaben.

Die beiden, jetzt wie das ganze Weldon-Institut tief gedemthigten
Collegen thaten das Einzige, was sie thun konnten -- sie schlichen nach
ihren Behausungen zurck, whrend die Menge infolge einer pltzlichen
Sinnesnderung nicht bel Lust zeigte, sie mit jetzt ganz angebrachtem
beienden Spotte zu begren.

      *       *       *       *       *

Nun bleibt noch immer die Frage bestehen: "Wer ist jener Robur? Wird
man das jemals erfahren?"

Man wei es schon heute. Robur ist das Wissen und Knnen der Zukunft,
vielleicht schon des nchsten Tages -- er ist der sichere Schatz im
Schooe kommender Zeiten.

Da der "Albatros" noch immer durch die Erdatmosphre hinschwebe,
inmitten seines Reiches, das ihm Niemand streitig machen kann, ist
nicht zu bezweifeln; auch Robur der Sieger wird seinem Versprechen
gem eines Tages wiederkehren und das Geheimni einer Erfindung
offenbaren, welche die socialen und politischen Verhltnis der Erde
gnzlich umgestalten drfte.

Was die Zukunft der Luftschifffahrt angeht, so gehrt diese den
Aeronefs, nicht dem Aerostaten.

Den "Albatrossen" ist es noch vorbehalten, sich das Reich der Luft
endgiltig zu erobern.




Inhalt.


I. Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath wei, wie die
  ungelehrte                                                             1

II. In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander
  streiten, ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen                  11

III. In dem eine neue Persnlichkeit nicht besonders vorgestellt zu
  werden braucht, da sie das selbst besorgt                             23

IV. In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners
  Frycollin den Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht                41

V. In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden
  und dem Schriftfhrer des Weldon-Instituts beschlossen wird           52

VI. Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht
  am besten berschlagen                                                65

VII. In welchem Onkel Prudent und Phil Evans sich noch nicht
  berzeugen lassen wollen                                              78

VIII. Worin man sehen wird, da Robur sich entschliet, auf die ihm
  vorgelegte wichtige Frage zu antworten                                91

IX. In dem der "Albatros" fast zehntausend Kilometer zurcklegt und
  das mit einem merkwrdigen Sprunge endigt                            108

X. Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's
  Schlepptau genommen wurde                                            127

XI. In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der
  Geschwindigkeit zunimmt                                              144

XII. In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen
  der Monthyon-Preise bewerben wollte                                  156

XIII. In den Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean
  durchfahren, ohne die Seekrankheit zu bekommen                       174

XIV.  In dem der "Albatros" etwas ausfhrt, was man vielleicht
  niemals htte ausfhren knnen                                       189

XV.   Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewi der Mhe
  lohnt                                                                209

XVI. Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen
  Ungewiheit lt                                                     225

XVII. Worin der Leser um zwei Monate rckwrts und auch um neun
  Monate vorwrts gefhrt wird                                         235

XVIII.Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende fhrt, ohne sie zu
  beendigen                                                            252





End of the Project Gutenberg EBook of Robur der Sieger, by Jules Verne

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBUR DER SIEGER ***

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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

*** END: FULL LICENSE ***

