The Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert

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Title: Salambo
       Ein Roman aus Alt-Karthago

Author: Gustave Flaubert

Translator: Artur Schurig

Release Date: June 6, 2005 [EBook #15995]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***




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Bibliothek der Romane

Vierzehnter Band




Salambo

Ein

Roman aus Alt-Karthago

von

Gustave Flaubert




Im Insel-Verlag zu Leipzig




Inhalt


 1. Das Gelage

 2. In Sikka

 3. Salambo

 4. Vor Karthagos Mauern

 5. Tanit

 6. Hanno

 7. Hamilkar Barkas

 8. Die Schlacht am Makar

 9. Im Felde

10. Die Schlange

11. Im Zelte

12. Die Wasserleitung

13. Moloch

14. In der Sge

15. Matho

    Anhang




I

Das Gelage


Es war in Megara, einer der Vorstdte von Karthago, in den Grten
Hamilkars.

Die Sldner, die er in Sizilien befehligt hatte, feierten den
Jahrestag der Schlacht am Eryx durch ein groes Gelage. Da der
Feldmarschall abwesend und die Versammlung zahlreich war, schmauste
und zechte man auf das zwangloseste.

Die Offiziere hatten sich gestiefelt und gespornt in der Hauptallee
gelagert, unter einem goldbefransten Purpurzelt, das von der
Stallmauer bis zur untersten Schloterrasse ausgespannt war. Die
Scharen der Gemeinen lagen weithin unter den Bumen, durch die man
zahlreiche flachdachige Baracken, Winzerhuschen, Scheunen, Speicher,
Backhuser und Waffenschuppen schimmern sah, einen Elefantenhof,
Zwinger fr die wilden Tiere und ein Sklavengefngnis.

Feigenbume umstanden die Kchen. Ein Sykomorenhain endete an einem
Meere grner Bsche, daraus rote Granatpfel zwischen weien
Baumwollenkotten leuchteten. Traubenschwere Weinreben strebten bis in
die Wipfel der Pinien. Unter Platanen glhte ein Rosenfeld. Hier und
da wiegten sich Lilien ber dem Grase. Die Wege bedeckte schwarzer
Kies, mit rotem Korallenstaub vermischt. Von einem Ende zum andern
durchschnitt den Park eine hohe Zypressenallee, gleich einem
Sulengange grner Obelisken.

Ganz im Hintergrunde leuchtete auf breitem Unterbau das Schlo mit
seinen vier terrassenartigen Stockwerken, aus numidischem,
gelbgesprenkeltem Marmor. Seine monumentale Freitreppe aus Ebenholz,
deren einzelne Stufen links und rechts mit den Schnbeln eroberter
Schlachtschiffe geschmckt waren,--seine roten Tren, die je ein
schwarzes Kreuz vierteilte,--seine Fensterffnungen, die im untersten
Stock Drahtgaze vor den Skorpionen schtzte, whrend sie in den oberen
Reihen vergoldetes Gitter zeigten,--all diese wuchtige Pracht dnkte
die Soldaten so hoheitsvoll und unnahbar wie Hamilkars Antlitz.

Das Gelage fand auf Anordnung des Rates an diesem Orte statt. Die
Verwundeten, die im Eschmuntempel lagen, waren bei Morgengrauen
aufgebrochen und hatten sich an Krcken und Stcken hergeschleppt.
Immer mehr Menschen trafen ein. Auf allen Wegen strmten sie herbei,
unaufhrlich, wie sich Bche in einen See ergieen. Die Kchensklaven
liefen unter den Bumen hin und her, hastig und halbnackt. Klagend
flohen von den Rasenpltzen die Gazellen. Die Sonne ging unter. Der
Zitronenbume Duft machte den Dunst der erhitzten Menschenmenge noch
schwerer.

Alle Vlker waren vertreten: Ligurer, Lusitanier, Balearier, Neger und
rmische berlufer. Neben der schwerflligen dorischen Mundart
drhnten, rasselnd wie Feldgeschtz, die Worte der Kelten, und die
klangvollen jonischen Endungen wurden von Wstenlauten verschlungen,
rauh wie Schakalgeheul. Den Griechen erkannte man an seiner schlanken
Gestalt, den gypter an den hohen Schultern, den Kantabrer an den
feisten Waden. Karier schttelten stolz die Federbsche ihrer Helme.
Kappadokische Bogenschtzen sah man, die auf ihrem Krper
Blumenarabesken trugen, mit Pflanzensften aufgemalt. Auch Lydier
saen beim Mahle, in Frauengewndern und Pantoffeln, Gehnge in den
Ohren. Andre hatten sich zum Schmucke mit Zinnober angestrichen und
sahen aus wie Statuen aus Korall.

Sie ruhten auf Kissen, hockten schmausend um groe Schsseln oder
lagen auf dem Bauche, die Ellbogen aufgestemmt, und zogen die
Fleischstcke zu sich heran, alle in der gemchlichen Haltung von
Lwen, die ihre Beute verzehren. Die zuletzt Gekommenen lehnten an den
Bumen, blickten nach den niedrigen Tischen, die unter ihren
scharlachroten Decken halb verschwanden, und harrten, bis die Reihe an
sie kam.

Da Hamilkars Kchen nicht ausreichten, hatte der Rat Sklaven, Geschirr
und Liegebnke geschickt. In der Mitte des Gartens flammten wie auf
einem Schlachtfelde, wenn man die Toten verbrennt, groe helle Feuer,
an denen Ochsen gebraten wurden. Brote, mit Anis bestreut, lagen neben
Ksen, grer und schwerer als Diskosscheiben. Mischkrge voll Wein
und Wasser standen neben Krben aus Goldfiligran, in denen Blumen
dufteten. Die Freude, nun endlich nach Belieben schwelgen zu knnen,
weitete aller Augen. Hier und da erklang bereits ein Lied.

Auf roten Tonschsseln mit schwarzen Verzierungen trug man zuerst
Vgel in grner Sauce auf, dann allerlei Muscheln, wie man sie an den
punischen Ksten aufliest, Suppen aus Weizen, Bohnen und Gerste, und
Schnecken, in Kmmel gekocht, auf Platten von Bernstein.

Dann wurden die Tische mit Fleischgerichten beladen: Antilopen noch
mit ihren Hrnern, Pfauen in ihrem Gefieder, ganze Hammel, in sem
Wein gednstet, Kamel- und Bffelkeulen, Igel in Fischsauce, gebackene
Heuschrecken und eingemachte Siebenschlfer. In Mulden aus
Tamrapanniholz schwammen safranbedeckt groe Speckstcke. Alles war
reichlich gewrzt mit Salz, Trffeln und Asant. Frchte rollten ber
Honigscheiben. Auch hatte man nicht vergessen, ein paar von den
kleinen, dickbuchigen Hunden mit rosigem Seidenfell aufzutragen, die
mit Oliventrebern gemstet waren, ein karthagisches Gericht, das die
andern Vlker verabscheuten. Die Verwunderung ber neue Gerichte
erregte die Lust, davon zu essen. Die Gallier, mit ihrem langen auf
dem Scheitel geknoteten Haar, rissen sich um die Wassermelonen und
Limonen, die sie mit der Schale verzehrten. Neger, die noch nie
Langusten gesehen, zerstachen sich das Gesicht an ihren roten
Stacheln. Die glattrasierten Griechen, weier als Marmor, warfen die
Abflle ihrer Mahlzeit hinter sich, whrend bruttinische Hirten, in
Wolfsfelle gehllt, das ganze Gesicht in ihre Schsseln tauchten und
ihr Essen schweigsam verschlangen.

Es ward Nacht. Man entfernte das Zeltdach ber der groen
Zypressenallee und brachte Fackeln. Der flackernde Schein des
Steinls, das in Porphyrschalen brannte, erschreckte die dem Mond
geweihten Affen in den Wipfeln der Zedern. Sie kreischten laut, den
Sldnern zur Belustigung.

Flammenzungen leckten die ehernen Panzer. Die mit Edelsteinen
eingelegten Schsseln glitzerten in bunten Lichtern. Die Mischkrge,
deren Buche gewlbte Spiegel bildeten, gaben das in die Breite
verzerrte Bild eines jeden Dinges wieder. Die Sldner drngten sich um
diese Spiegel, blickten erstaunt hinein und schnitten Gesichter, um
sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Andre warfen sich ber die
Tische hinweg mit elfenbeinernen Fubnken und goldnen Lffeln und
schlrften in vollen Zgen Wein: griechischen, den man in Schluchen
aufbewahrt, kampanischen, der in Amphoren verschlossen ist,
kantabrischen, der in Fssern verfrachtet wird, auch Wein aus
Brustbeeren, Zimt und Lotos. Auf dem Erdboden stand er in Lachen,
darin man ausglitt. Der Dampf der Speisen stieg, mit dem Dunst des
Atems vermischt, in das Laubwerk der Bume. In das Krachen der
Kinnbacken tnte der Lrm der Stimmen, der Lieder und der
Trinkschalen, das Klirren kampanischen Geschirrs, das in Stcke
zersprang, und der helle Klang der groen Silberschsseln.

Je mehr die Trunkenheit zunahm, desto lebhafter gedachte man der
Unredlichkeit Karthagos. Die durch den Krieg erschpfte Republik hatte
nmlich die Ansammlung aller Sldner in der Stadt zugelassen. Gisgo,
ihr General, war umsonst so vorsichtig gewesen, sie nur
abteilungsweise von Sizilien nach Afrika zu schicken, um die
Auszahlung ihres Soldes zu erleichtern, aber der Rat hatte gemeint,
sie wrden zu guter Letzt in Abzge einwilligen. Jetzt hate man sie,
weil man sie nicht bezahlen konnte. In den Kpfen der Karthager
verwuchs diese Schuld mit den zehn Millionen Mark, die Lutatius beim
Friedensschlu ausbedungen, und die Sldner erschienen ihnen als ihre
Feinde, genau so wie Rom. Das hatten die Truppen in Erfahrung
gebracht, und ihre Entrstung war in Drohungen und Ausschreitungen zum
Ausdruck gekommen. Schlielich hatten sie verlangt, sich zur
Erinnerungsfeier eines ihrer Siege versammeln zu drfen. Die
Friedenspartei gab nach aus Rachlust gegen Hamilkar, der die Seele des
Krieges gewesen war. Trotz Hamilkars starkem Widerspruch hatte der
Feldzug ein Ende genommen, worauf der Feldherr--an Karthago
verzweifelnd--den Oberbefehl ber die Sldner an Gisgo abgegeben
hatte. Wenn nun die Karthager seinen Palast dem Soldatenfeste zur
Verfgung stellten, so wlzten sie damit einen Teil des Hasses, der
den Sldnern galt, auf Hamilkar ab. Ihm sollten die zweifellos
riesigen Ausgaben mglichst allein zur Last fallen.

Stolz darauf, da sich die Republik ihrem Willen gebeugt hatte,
whnten die Sldner, nun endlich heimkehren zu knnen, mit dem Lohn
fr ihr Blut in der Tasche. Jetzt im Taumel der Trunkenheit erschienen
ihnen die berstandenen Strapazen ungeheuer gro und in keinem
Verhltnis zu dem krglichen Solde. Sie zeigten einander ihre Wunden
und erzhlten sich von ihren Kmpfen, ihren Fahrten und den Jagden in
ihrer Heimat. Sie ahmten das Geschrei und die Sprnge der wilden Tiere
nach. Dann kam es zu schweinischen Wetten. Man steckte den Kopf in die
groen Steinkrge und trank, ohne abzusetzen, wie verschmachtete
Dromedare. Ein Lusitanier, ein wahrer Hne, trug auf jeder Hand einen
Mann und lief so zwischen den Tischen einher, indem er dabei Feuer aus
den Nasenlchern blies. Lakedmonier, die ihre Panzer nicht abgelegt
hatten, tanzten schwerfllig herum. Einige sprangen mit unanstndigen
Gebrden vor die andern und ahmten Weiber nach. Andre zogen sich nackt
aus, um inmitten des Trinkgerts gleich Gladiatoren miteinander zu
kmpfen. Ein Fhnlein Griechen hpfte um eine Vase, auf der Nymphen
tanzten, whrend ein Neger mit einem Ochsenknochen den Takt dazu auf
einem Blechschild schlug.

Pltzlich vernahm man klagenden Gesang, der bald laut, bald leise
durch die Lfte zitterte, wie der Flgelschlag eines verwundeten
Vogels.

Es waren die Sklaven im Kerker. Ein paar Sldner sprangen mit einem
Satz auf und verschwanden, um sie zu befreien.

Sie kamen zurck und trieben unter lautem Geschrei etwa zwanzig Mnner
mit auffllig bleichen Gesichtern durch den Staub vor sich her. Kleine
kegelfrmige Mtzen aus schwarzem Filz bedeckten die glatt geschorenen
Kpfe. Alle trugen sie Holzsandalen, und ihre Ketten klirrten wie das
Rasseln rollender Wagen.

Als sie die Zypressenallee erreichten, mischten sie sich unter die
Menge, die sie ausfragte. Einer von ihnen war abseits stehen
geblieben. Durch die Risse seiner Tunika erblickte man lange Striemen
an seinen Schultern. Mit gesenktem Haupte blickte er mitrauisch um
sich und kniff, vom Fackelschein geblendet, die Augen zu. Als er aber
sah, da ihm keiner von den bewaffneten Mnnern etwas zuleide tat,
entrang sich seiner Brust ein tiefer Seufzer. Er stammelte und lachte
unter hellen Trnen, die ihm ber das Antlitz rannen. Dann ergriff er
eine bis zum Rande volle Trinkschale an den Henkeln, hob sie hoch in
die Luft mit den Armen, von denen noch die Ketten herabhingen, blickte
gen Himmel und rief, das Gef immerfort hochhaltend:

Gru zuerst dir, Gott Eschmun, du Befreier, den die Menschen meiner
Heimat skulap nennen! Und euch, ihr Geister der Quellen, des Lichts
und der Wlder! Und euch, ihr Gtter, die ihr in den Bergen und Hhlen
der Erde verborgen lebt! Und euch, ihr tapferen Mnner in glnzender
Rstung, die ihr mich befreit habt!

Dann lie er das Gef sinken und erzhlte seine Geschichte. Er hie
Spendius. Die Karthager hatten ihn in der Schlacht bei den gatischen
Inseln gefangen genommen. In griechischer, ligurischer und punischer
Sprache dankte er nochmals den Sldnern, kte ihnen die Hnde und
beglckwnschte sie schlielich zu dem Gelage. Dabei sprach er seine
Verwunderung darber aus, da er nirgends die Trinkschalen der
karthagischen Garde erblickte. Diese Schalen, die auf jeder ihrer
sechs goldenen Flchen das Bild eines Weinstocks aus Smaragden trugen,
gehrten einem Regiment, das ausschlielich aus den stattlichsten
Patriziershnen bestand. Ihr Besitz war ein Vorrecht, und so ward denn
auch nichts aus dem Schatze der Republik von den Sldnern heier
begehrt. Um dieser Gefe willen haten sie die Garde, und schon
mancher hatte sein Leben gewagt, des eingebildeten Vergngens wegen,
aus jenen Schalen zu trinken.

Jetzt befahlen die Sldner, die Schalen herbeizuholen. Die befanden
sich im Gewahrsam der Syssitien. Das waren staatsrechtlich
organisierte Familienverbnde. Die Sklaven kamen zurck mit der
Mitteilung, zu dieser Stunde schliefen alle Mitglieder der Syssitien.

So weckt sie! riefen die Sldner daraufhin.

Die Sklaven gingen und kehrten mit der Nachricht wieder, die Schalen
seien in einem Tempel eingeschlossen.

Man ffne ihn! brllten die Sldner.

Zitternd gestanden nun die Sklaven, die Gefe wren in den Hnden des
Generals Gisgo.

So soll er sie selber herbringen! schrien die Soldaten.

Bald erschien Gisgo im Hintergrunde des Gartens, von einer Leibwache
aus Gardisten umgeben. Sein weiter schwarzer Mantel, an der goldnen,
edelsteingeschmckten Mitra auf seinem Haupte befestigt, umwallte ihn
bis auf die Hufe seines Pferdes und verschwamm in der Ferne mit dem
Dunkel der Nacht. Man sah nichts als seinen weien Bart, das Gefunkel
seines Kopfschmuckes und die dreifache Halskette aus breiten blauen
Schildern, die ihm auf die Brust herabhing.

Als er nahte, begrten ihn die Sldner mit lautem Willkommengeschrei.

Die Schalen! riefen sie. Die Schalen!

Er begann mit der Erklrung, sie seien der Schalen in Anbetracht ihres
Mutes durchaus wrdig.

Die Menge heulte vor Freude und klatschte Beifall.

Er wisse das wohl, fuhr Gisgo fort, er, der sie dadrben gefhrt habe
und mit der letzten Kompagnie auf der letzten Galeere zurckgekehrt
sei!

Das ist wahr! Das ist wahr! rief man.

Die Republik, redete er weiter, habe ihre Teilung nach Vlkern, ihre
Bruche und ihren Glauben geachtet. Sie seien frei in Karthago! Was
aber die Schalen der Garde anbetrfe, so sei das Privateigentum.

Da sprang ein Gallier, der neben Spendius gestanden hatte, ber die
Tische weg, gerade auf Gisgo zu und fuchtelte drohend mit zwei bloen
Schwertern vor ihm herum.

Ohne seine Rede zu unterbrechen, schlug ihn der General mit seinem
schweren Elfenbeinstab auf den Kopf. Der Barbar brach zusammen. Die
Gallier heulten. Ihre Wut teilte sich den andern mit und drohte sich
gegen die Leibwache zu richten. Gisgo zuckte die Achseln, als er die
Gardisten erbleichen sah. Er sagte sich, da sein eigner Mut gegenber
rohen, erbitterten Bestien nutzlos sei. Besser wre es, dachte er,
sich spter durch eine Hinterlist an ihnen zu rchen.

Er gab seinen Kriegern einen Wink und zog sich langsam zurck. Unter
der Pforte aber wandte er sich noch einmal nach den Sldnern um und
rief ihnen zu, das solle sie eines Tages gereuen.

Das Gelage begann von neuem. Doch Gisgo konnte zurckkommen und sie
durch Umstellung der Vorstadt, die an die ueren Wlle stie, gegen
die Mauern drcken. Trotz ihrer Anzahl fhlten sie sich mit einem Male
verlassen; und die groe Stadt, die im Dunkel unter ihnen schlief,
flte ihnen pltzlich Furcht ein mit ihrem Treppengewirr, mit ihren
hohen dstern Husern und ihren unbekannten Gttern, die noch
grauenhafter waren als selbst die Bewohner. In der Ferne spielten
Scheinwerfer ber den Hafen hin. Auch im Tempel Khamons war Licht. Da
gedachten sie Hamilkars. Wo war er? Warum hatte er sie verlassen, als
der Friede geschlossen war? Sein Zerwrfnis mit dem Rat war gewi nur
Blendwerk, um sie zu verderben. Ihr ungestillter Ha bertrug sich auf
ihn. Sie verfluchten ihn und entfachten ihren Zorn aneinander zur Wut.
In diesem Augenblick entstand ein Auflauf unter den Platanen. Mit
Hnden und Fen um sich schlagend, wand sich ein Neger auf dem Boden,
mit stierem Blick, verrenktem Hals und Schaum auf den Lippen. Jemand
schrie, er sei vergiftet. Da whnten sich alle vergiftet. Sie fielen
ber die Sklaven her. Ein furchtbares Geschrei erhob sich, und ein
Taumel wilder Zerstrungswut erfate das trunkene Heer. Man schlug wie
blind um sich, zerbrach und mordete. Einige schleuderten Fackeln in
die Baumkronen. Andre lehnten sich ber die Brstung der Lwengrube
und schossen nach den Lwen mit Pfeilen. Die Verwegensten liefen zu
den Elefanten, um ihnen die Rssel abzuschlagen. Es gelstete sie nach
Elfenbein.

Inzwischen waren balearische Schleuderer, um gemchlicher plndern zu
knnen, um die Ecke des Palastes gelaufen. Sie stieen auf ein hohes
Gitter aus indischem Rohr, durchschnitten die Riemen des
verschlossenen Tores mit ihren Dolchen und befanden sich nun unter der
Karthago zugewandten Palastfront in einem zweiten Garten mit
verschnittenen Hecken. Lange Reihen dicht aneinander gepflanzter
weier Blumen beschrieben hier auf dem azurblauen Boden weite Bogen
gleich Sternenketten. Die dunkeln Gebsche hauchten schwle Honigdfte
aus. Mit Zinnober bestrichene Baumstmpfe schimmerten wie blutige
Sulen. In der Mitte des Gartens trugen zwlf kupferne Trger je eine
groe Glaskugel, in deren Rundungen bizarre rtliche Lichter spielten;
sie glichen riesigen, lebendigen, zuckenden Augpfeln. Die Sldner
leuchteten mit Pechfackeln, indes sie ber den abschssigen und tief
umgegrabenen Boden stolperten. Da erblickten sie einen Weiher, der
durch Wnde von blauen Steinen in mehrere Becken zerlegt war. Das
Wasser war so klar, da das Licht der Fackeln bis auf den Grund fiel
und auf einem Bett von weien Steinen und Goldstaub zitterte. Das
Wasser begann zu schumen. Sprhende Funken glitten durch die Flut,
und groe Fische, die Edelsteine am Maule trugen, tauchten zur
Oberflche empor.

Die Sldner steckten ihnen unter lautem Gelchter die Finger in die
Kiemen und trugen sie zu ihren Tischen.

Es waren die Fische der Barkiden. Sie stammten smtlich von jenen
Urquappen ab, die das mystische Ei ausgebrtet hatten, aus dem die
Gttin entstanden war. Der Gedanke, einen gottlosen Frevel zu begehen,
reizte die Begierde der Sldner. Flugs machten sie Feuer unter ehernen
Becken und ergtzten sich daran, die schnen Fische im kochenden
Wasser zappeln zu sehen.

Die Sldner schoben und drngten sich. Sie hatten keine Furcht mehr.
Von neuem begannen sie zu zechen. Die Salben, die ihnen von der Stirn
trieften, flossen in schweren Tropfen auf ihre zerrissenen
Waffenrcke. Sie stemmten beide Ellbogen auf die Tische, die ihnen wie
Schiffe zu schwanken schienen, und schauten mit stieren, trunkenen
Blicken umher, um wenigstens mit den Augen zu verschlingen, was sie
nicht mitnehmen konnten. Andre stampften mitten unter den Schsseln
auf den purpurnen Tischdecken herum und zertrmmerten mit Futritten
die Elfenbeinschemel und die tyrischen Glasgefe. Gesnge mischten
sich in das Rcheln der Sklaven, die zwischen den Scherben der
Trinkgefe ihr Leben aushauchten. Man forderte Wein, Fleisch, Gold.
Man schrie nach Weibern. Man phantasierte in hundert Sprachen. Einige
glaubten sich im Dampfbade wegen des Brodems, der sie umwogte. Andre
whnten sich beim Anblick des Laubwerks auf der Jagd und strmten auf
ihre Gefhrten ein wie auf Wild. Das Feuer sprang von Baum zu Baum,
und die hohen grnen Massen, aus denen lange weie Rauchkringel
emporstiegen, sahen wie Vulkane aus, die zu qualmen beginnen. Das
Geschrei nahm zu. Im Dunkeln brllten die verwundeten Lwen.

Mit einem Schlage erhellte sich die oberste Terrasse des Palastes. Die
Mitteltr tat sich auf, und eine weibliche Gestalt, Hamilkars Tochter,
in einem schwarzen Gewande, erschien auf der Schwelle. Sie stieg die
erste Treppe hinab, die schrg vom obersten Stockwerk abwrts lief,
dann die zweite, die dritte. Auf der untersten Terrasse, am oberen
Ende der Freitreppe mit den Schiffsschnbeln, blieb sie stehen.
Unbeweglich und gesenkten Hauptes schaute sie auf die Soldaten hinab.

Hinter ihr standen zu beiden Seiten zwei lange Reihen bleicher Mnner
in weien rotgesumten Gewndern, die in senkrechten Falten bis auf
die Fe herabwallten. Sie hatten weder Brte noch Haare noch Brauen.
In ringfunkelnden Hnden trugen sie riesige Lyren, und mit gellenden
Stimmen sangen sie einen Hymnus auf Karthagos Gttlichkeit. Es waren
die Eunuchenpriester aus dem Tempel der Tanit, die Salambo des fteren
in ihr Haus berief.

Salambo stieg die Galeerentreppe hinunter. Die Priester folgten. Dann
schritt sie die Zypressenallee hin, langsam, zwischen den Tischen der
Hauptleute, die ein wenig zur Seite rckten, als sie vorberging.

Ihr Haar war mit einer Art violetten Staubes gepudert und nach der
Sitte der kanaanitischen Jungfrauen hochgetrmt. Es lie sie grer
erscheinen, als sie wirklich war. An den Schlfen festgesteckte
Perlenschnre hingen bis an die Winkel ihres Mundes herab, der wie ein
aufgesprungener Granatapfel glhte. Auf der Brust trug sie einen
Schmuck aus blitzenden Edelsteinen, bunt wie das Schuppenkleid einer
Murne. Ihre diamantgeschmckten Arme traten nackt aus der rmellosen
schwarzen Tunika hervor, die mit roten Blumen bestickt war. Zwischen
den Kncheln trug sie ein goldnes Kettchen, das ihre Schritte regelte,
und ihr weiter dunkelpurpurner Mantel aus fremdlndischem seltenen
Stoffe schleppte hinter ihr her.

Von Zeit zu Zeit griffen die Priester auf ihren Leiern halb erstickte
Akkorde, und wenn diese Musik schwieg, vernahm man das leise Geklirr
des Goldkettchens und das taktmige Klappen der Papyrussandalen
Salambos.

Niemand kannte sie bis dahin. Man wute nur, da sie zurckgezogen in
frommer Andacht lebte. Soldaten hatten sie manchmal nachts auf dem
flachen Dache des Palastes gesehen, wie sie zwischen den Wirbeln
qualmender Rucherpfannen vor den Sternen auf den Knien lag. Der
Mondschein hatte sie bla gemacht, und etwas Gttliches umwob sie wie
leiser Duft. Ihre Augen schienen ber das Irdische hinweg in weite
Fernen zu schauen. Gesenkten Hauptes schritt sie dahin, in der Rechten
eine kleine Lyra aus Ebenholz.

Tot! Alle tot! hrte man sie murmeln. Nie mehr werdet ihr, meinem
Rufe gehorsam, zu mir eilen wie einst, wenn ich am Rande des Wassers
sa und euch Melonenkerne zuwarf. Der Tanit Geheimnis kreiste auf dem
Grunde eurer Augen, die klarer waren als die Wasserblasen der Strme.
Und sie rief sie bei ihren Namen, den Namen der Monate: Sivan,
Thammus, Elul, Tischri, Schebar ... O Gttin, erbarme dich meiner!

Die Sldner umdrngten sie, ohne ihre Rede zu verstehen. Sie staunten
ihren Schmuck an. Salambo aber lie einen langen erschrockenen Blick
ber die Menge gleiten, zog dann den Kopf zwischen die Schultern und
rief, indem sie die Arme erhob, mehrere Male:

Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet ihr nicht Brot und
Fleisch und l und alles Malobathron aus den Speichern, um euch zu
erlaben? Aus Hekatompylos hatte ich Ochsen kommen lassen. Jger hatte
ich in die Wste geschickt ... Ihre Stimme schwoll an, ihre Wangen
rteten sich. Wo seid ihr denn hier? In einer eroberten Stadt oder im
Schlosse eines Herrschers? Und welches Herrschers? Meines Vaters, des
Suffeten Hamilkar, des Dieners der Gtter! Er war es, der sich
weigerte, eure Waffen dem Lutatius auszuliefern, eure Waffen, an denen
jetzt das rote Blut seiner Sklaven klebt! Kennt ihr einen in euern
Heimatlanden, der besser Schlachten zu lenken wei? Schaut empor! Die
Treppenstufen unsres Schlosses strotzen von den Zeichen unsrer Siege.
Fahrt nur fort! Verbrennt es! Ich werde den Genius meines Hauses mit
mir nehmen, meine schwarze Schlange, die da oben auf Lotosblttern
schlummert. Ich pfeife, und sie wird mir folgen. Und wenn ich in die
Galeere steige, wird sie im Kielwasser meines Schiffs auf dem Schaume
der Wogen hinter mir hereilen ...

Ihre feinen Nasenflgel bebten. Sie zerbrach ihre Fingerngel an den
Juwelen auf ihrer Brust. Der Glanz ihrer Augen ermattete. Abermals
begann sie:

O, armes Karthago! Beweinenswerte Stadt! Du hast zu deinem Schutze
nicht mehr die Helden der Vorzeit, die ber die Ozeane schifften, um
an fernen Ksten Tempel zu erbauen! Alle Lnder arbeiteten fr dich,
und die Meeresflche, von deinen Rudern gepflgt, wiegte deine Beute!

Dann begann sie von den Abenteuern Melkarths zu singen, des Gottes der
Sidonier und des Ahnherrn ihres Hauses.

So erzhlte sie von der Besteigung der ersiphonischen Berge, von der
Fahrt nach Tartessus und dem Krieg gegen die Masisabal, um die Knigin
der Schlangen zu rchen.

Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif sich ber das drre
Laub schlngelte wie ein silberner Bach. Und er kam auf eine Wiese, wo
Frauen auf den Flossen ihrer Drachenleiber um ein groes Feuer
standen. Der Mond, rot wie Blut, leuchtete in einem bleichen
Lichtkreis, und ihre scharlachroten Zungen, wie Fischerharpunen
gespalten, schnellten gierig bis an die Flammen ...

Ohne innezuhalten, berichtete Salambo, wie Melkarth die Masisabal
bezwang und ihr abgeschlagenes Haupt am Bug seines Schiffes
befestigte. Bei jedem Schlage der Wellen tauchte es in den Schaum!
Doch die Sonne balsamierte es ein, und es ward hrter denn Gold. Die
Augen aber hrten nicht auf zu weinen, und die Trnen rollten
bestndig in das Meer ...

Das alles sang Salambo in einer alten kanaanitischen Mundart, die
keiner der Barbaren verstand. Sie fragten sich, was sie ihnen mit den
furchtbaren Gebrden, die ihren Gesang begleiteten, wohl sagen wollte.
Aber sie lauschten ihr, indem sie auf die Tische, die Liegebnke und
in die ste der Sykomoren stiegen, mit offenem Mund und vorgestrecktem
Kopfe, und mhten sich, die geheimnisvolle Sage zu fassen. Das Dunkel,
das ber dem Ursprung der Gtter liegt, wallte vor ihrer Phantasie,
wie Gespenster in den Wolken.

Nur die bartlosen Priester verstanden Salambo. Ihre welken Hnde
hingen zitternd in den Saiten der Leiern und entlockten ihnen von Zeit
zu Zeit einen dumpfen Akkord. Schwcher als alte Weiber, bebten sie
gleichzeitig in mystischen Schauern und in Furcht vor den Kriegern.
Die Barbaren achteten ihrer nicht. Sie lauschten dem Gesange der
Jungfrau.

Keiner aber sah sie so unverwandt an wie ein junger numidischer
Huptling, der am Tische der Hauptleute unter den Soldaten seines
Volkes sa. Sein Grtel starrte dermaen von Wurfspieen, da er unter
dem weiten Mantel, der mit einem Lederriemen um seine Schlfen
befestigt war, einen Hcker bildete. Der Mantel bauschte sich auf
seinen Schultern und beschattete sein Gesicht, so da man nur das
Feuer seiner beiden starren Augen gewahrte. Er wohnte zufllig dem
Feste bei. Es war Brauch, da die afrikanischen Frsten, um Bndnisse
anzuknpfen, ihre Kinder in punische Patrizierhuser schickten. So
lie ihn sein Vater in der Familie Barkas leben. Doch Naravas hatte
Salambo in den sechs Monden seines Aufenthalts noch keinmal zu Gesicht
bekommen. Jetzt nun, auf den Fersen hockend, den Bart in den Schften
seiner Wurfspiee vergraben, blickte er auf sie mit geblhten Nstern,
wie ein Leopard, der im Bambusdickicht kauert.

Auf der andern Seite des Tisches sa ein Libyer von riesenhaftem
Wuchse, mit kurzem schwarzem Kraushaar. Er trug nichts als seinen
Kra, dessen eherne Schuppen den Purpurstoff des Polsters
aufschlitzten. Ein Halsband aus silbernen Monden verwickelte sich in
die Zotteln seiner Brust. Blutspritzer befleckten sein Antlitz. Auf
den linken Ellbogen gesttzt, lchelte er mit weit geffnetem Munde.

Salambo hatte den heiligen Sang beendet. Aus weiblichem Feingefhl
redete sie nun die Barbaren in ihren eigenen Sprachen an, um ihren
Zorn zu besnftigen. Zu den Griechen sprach sie griechisch, dann
wandte sie sich zu den Ligurern, den Kampanern und Negern. Ein jeder,
der sie so verstand, fand in ihrer Stimme die sen Laute seiner
Heimat wieder.

Von der Erinnerung an Karthagos Vergangenheit begeistert, sang sie nun
von den alten Schlachten gegen Rom. Man klatschte ihr Beifall. Sie
berauschte sich am Glanze der nackten Schwerter. Sie schrie, die Arme
weit geffnet. Die Lyra entfiel ihr. Sie verstummte ...

Indem sie beide Hnde gegen ihr Herz prete, stand sie eine Weile mit
geschlossenen Augenlidern da und weidete sich an der Erregung aller
der Mnner vor ihr.

Matho, der Libyer, neigte sich zu ihr hin. Unwillkrlich trat sie auf
ihn zu und fllte, von ihrem befriedigten Ehrgeiz getrieben, eine
goldene Schale mit Wein. Dies sollte sie mit dem Heere vershnen.

Trink! gebot sie.

Er ergriff die Schale und fhrte sie zum Munde, als ein
Gallier--jener, den Gisgo niederschlagen hatte--ihm auf die Schulter
klopfte und mit vergngter Miene einen Scherz in seiner Muttersprache
machte. Spendius stand in der Nhe. Er bot sich als Dolmetsch an.

Rede! sprach Matho.

Die Gtter sind dir gndig! Du wirst reich werden! Wann ist die
Hochzeit?

Was fr eine Hochzeit?

Deine! entgegnete der Gallier. Wenn nmlich bei uns ein Weib einem
Krieger einen Trunk spendet, so bietet sie ihm damit ihr Bett an.

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Naravas aufsprang, einen
Wurfspie aus seinem Grtel ri, den rechten Fu auf den Tischrand
stemmte und die Waffe gegen Matho schleuderte.

Sausend pfiff der Speer zwischen den Schalen hin, durchbohrte den Arm
des Libyers und nagelte ihn mit solcher Wucht an die Tischplatte, da
der Schaft in der Luft vibrierte.

Matho ri ihn rasch heraus. Doch er war ohne Waffen und nackt. Da hob
er mit beiden Armen den beladenen Tisch hoch und schleuderte ihn gegen
Naravas, mitten in die Menge, die sich dazwischenwarf. Die Sldner und
die Numidier standen so dicht, da sie ihre Schwerter nicht ziehen
konnten. Matho brach sich Bahn, indem er gewaltsam mit dem Kopfe gegen
die Menge stie. Als er wieder aufblickte, war Naravas verschwunden.
Er suchte ihn mit den Augen. Auch Salambo war fort.

Da wandte er den Blick nach dem Schlosse und bemerkte, wie sich ganz
oben die rote Tr mit dem schwarzen Kreuze eben schlo. Er strzte
hinauf.

Man sah ihn zwischen den Schiffsschnbeln laufen, dann auf den drei
schrgen Treppen hinaufeilen und schlielich oben gegen die rote Tr
mit der Wucht seines ganzen Krpers anrennen. Schwer atmend lehnte er
sich an die Mauer, um nicht umzusinken.

Ein Mann war ihm nachgefolgt, und in der Dunkelheit--der Lichterschein
des Festes wurde durch die Ecke des Palastes abgeschnitten--erkannte
er Spendius.

Weg! rief Matho.

Ohne etwas zu erwidern, begann der Sklave seine Tunika mit den Zhnen
zu zerreien. Dann kniete er neben Matho nieder, fate behutsam dessen
Arm und befhlte ihn, um im Dunkeln die Wunde zu finden.

Ein Mondstrahl glitt aus einer Wolkenspalte, und Spendius erblickte in
der Mitte des Armes eine klaffende Wunde. Er verband sie mit dem Stck
Stoff. Doch der andre rief zornig:

La mich! La mich!

Nein, nein! antwortete der Sklave. Du hast mich aus dem Kerker
befreit. Ich bin dein, und du bist mein Gebieter! Befiehl!

Matho tastete sich an der Mauer hin, die ganze Terrasse entlang. Bei
jedem Schritte horchte er auf und tauchte seinen Blick durch die
vergoldeten Gitterstbe hinein in die stillen Gemcher. Endlich blieb
er verzweifelt stehen.

Hre! redete der Sklave ihn an. Verachte mich nicht wegen meiner
Armseligkeit! Ich habe in diesem Palast gelebt. Wie eine Schlange kann
ich durch die Mauern schlpfen. Komm! In der Ahnengruft liegt ein
Goldbarren unter jeder Steinfliese. Ein unterirdischer Gang fhrt zu
den Grbern ...

Was kmmert das mich! antwortete Matho.

Spendius schwieg.

Sie standen auf der Terrasse. Eine ungeheure Schattenmasse breitete
sich vor ihnen in phantastischer Gliederung aus, wie die gigantischen
Wogen eines schwarzen versteinerten Meeres.

Da glhte im Osten ein lichter Streifen auf. Und tief unten begannen
die Kanle von Megara mit ihren silbernen Windungen im Grn der Grten
aufzublitzen. Allmhlich reckten die kegelfrmigen Dcher der
siebenseitigen Tempel, die Treppen, Terrassen und Wlle ihre Umrisse
aus dem bleichen Morgengrau heraus. Rings um die karthagische
Halbinsel brodelte ein weier Schaumgrtel. Das smaragdgrne Meer
schlief noch in der Morgenfrische. Je hher die Rte am Himmel
emporstieg, um so deutlicher wurden die hohen Huser, die sich an die
Hnge klammerten oder wie eine zu Tal ziehende Herde schwarzer Ziegen
abwrts drngten. Die menschenleeren Straen schienen endlos lang.
Palmen, die hier und da die Mauern berragten, standen regungslos. Die
bis an den Rand gefllten Zisternen in den Hfen glichen silbernen
dort liegen gelassenen Schilden. Das Leuchtturmfeuer auf dem
hermischen Vorgebirge glimmte nur noch. Im Zypressenhain oben auf dem
Burgberge setzten die Rosse Eschmuns, des Tages Nahen witternd, ihre
Hufe auf die Marmorbrstung und wieherten der Sonne entgegen.

Sie tauchte auf. Spendius erhob die Arme und stie einen Schrei aus.

Alles war von Rot berflutet. Der Gott go wie in Selbstopferung den
Goldregen seines Blutes in vollen Strmen ber Karthago aus. Die
Schnbel der Galeeren blitzten, das Dach des Khamontempels schien ein
Flammenmeer, und im Innern der andern Tempel, deren Pforten sich nun
auftaten, schimmerten matte Lichter. Groe Karren, die vom Lande
hereinkamen, rollten und rasselten ber das Straenpflaster.
Dromedare, mit Ballen beladen, schwankten die Abhnge hinab. Die
Wechsler in den Gassen spannten die Schutzdcher ber ihren Lden auf.
Strche flogen dahin. Weie Segel flatterten. Im Haine der Tanit
erklangen die Schellentrommeln der geheiligten Hetren, und auf der
Hhe der Mappalierstrae begann der Rauch aus den fen zu wirbeln, in
denen die Tonsrge gebrannt wurden.

Spendius beugte sich ber das Gelnder. Seine Zhne schlugen
aufeinander.

Ja ... ja ... Herr! wiederholte er mehrmals. Ich begreife, warum du
soeben vom Plndern des Hauses nichts wissen wolltest!

Matho erwachte beim Zischen dieser Stimme wie aus einem Traume.
Offenbar hatte er die Worte nicht verstanden.

Ach, was fr Reichtmer! hob Spendius von neuem an. Und ihre
Besitzer haben nicht einmal Schwerter, sie zu verteidigen!

Dann wies er mit der ausgestreckten Rechten auf ein paar Leute aus dem
niedern Volke, die auf dem Sande vor dem Hafendamm herumkrochen und
Goldkrner suchten.

Sieh! sagte er. Die Republik gleicht diesen Schelmen. An den
Gestaden der Meere hockend, whlt sie mit gierigen Hnden in allen
Landen. Das Rauschen der Wogen betubt ihr Ohr, und sie hrt nichts;
auch nicht wenn ihr von rckwrts der Tritt eines Herrschers nahte!

Damit zog er Matho nach dem andern Ende der Terrasse und zeigte ihm
den Park, wo die Schwerter der Sldner an den Bumen hingen und in der
Sonne glnzten.

Hier aber sind starke Mnner voll grimmigsten Hasses, die nichts an
Karthago fesselt: keine Familie, keine Pflicht, kein Gott!

Matho stand an die Mauer gelehnt. Spendius trat dicht an ihn heran und
fuhr mit flsternder Stimme fort:

Verstehst du mich, Kriegsmann? In Purpurmnteln knnten wir
einhergehen wie Satrapen. Uns in Wohlgerchen baden. Ich htte dann
selber Sklaven! Bist du's nicht mde, auf harter Erde zu schlafen, den
sauren Wein der Marketender zu trinken und ewig Trompetensignale zu
hren? Spter willst du dich ausruhen, nicht wahr? Wenn man dir den
Kra vom Leibe reit und deinen Leichnam den Geiern vorwirft! Oder
vielleicht, wenn du blind, lahm und altersschwach am Stabe
einherschleichst, von Tr zu Tr, und kleinen Kindern und Hausierern
von deinen Jugendtrumen erzhlst! Erinnere dich all der Schindereien
deiner Vorgesetzten, der Biwaks im Schnee, der Mrsche im
Sonnenbrande, der Hrte der Manneszucht und des stets drohenden Todes
am Kreuze! Nach so vielen Leiden hat man dir einen Orden verliehen,
just wie man den Eseln ein Schellenhalsband umhngt, um sie auf dem
Marsche einzulullen, damit sie die Strapazen nicht merken! Ein Mann
wie du, tapferer als Pyrrhus! Ach, wenn du nur wolltest! Ha! Wie wohl
wre dir zumute in einem hohen khlen Saale bei Leierklang, auf einem
Blumenlager, von Narren und Frauen umringt! Sag nicht, das seien
Phantastereien! Haben die Sldner nicht schon Rhegium und andre feste
Pltze Italiens besessen? Wer hindert dich? Hamilkar ist weit. Das
Volk verabscheut die Patrizier. Gisgo vermag mit seinen Feiglingen
nichts anzufangen! Du aber bist tapfer! Dir werden sie gehorchen.
Fhre du sie! Karthago ist unser! Erobern wir es!

Nein! sprach Matho. Molochs Fluch lastet auf mir. Ich hab es in den
Augen der Einzigen gelesen, und eben ist in einem Tempel ein schwarzer
Widder vor mir zurckgewichen ... Wo ist sie? fgte er hinzu, indem
er sich umschaute.

Spendius begriff, da den Libyer eine ungeheure innere Erregung
qulte. Er wagte nicht weiter zu reden.

Die Bume hinter ihnen glimmten noch. Aus verkohlten Zweigen fielen hin
und wieder halbverbrannte Affenknochen in die Schsseln hinab. Die
trunkenen Sldner schnarchten mit offenem Munde neben den Leichen, und
die nicht schliefen, senkten das Haupt, geblendet vom Morgensonnenlicht.
Auf dem zerstampften Boden starrten groe Blutlachen. Die Elefanten in
ihren Pfahlgehegen schwenkten die blutigen Rssel hin und her. In den
offenen Speichern lag das Getreide ausgeschttet, und unter dem Tor
stand ein Wirrwarr von Karren, von den Barbaren ineinandergefahren. Die
Pfauen auf den Zedernsten entfcherten ihre Schweife und begannen zu
schreien.

Mathos Unbeweglichkeit setzte Spendius in Staunen. Der Libyer war noch
bleicher denn zuvor und verfolgte, beide Fuste auf die Terrassenmauer
gesttzt, mit starrem Blick etwas am Horizont. Spendius beugte sich
vor und entdeckte endlich, was jener betrachtete. Ein goldner Punkt
rollte in der Ferne im Staub auf der Strae nach Utika. Es war die
Radnabe eines mit zwei Maultieren bespannten Gefhrts. Ein Sklave lief
an der Spitze der Deichsel und hielt die Tiere an den Trensen. Auf dem
Wagen saen zwei Frauen. Die Schpfe der Tiere standen nach persischer
Sitte kammartig hoch zwischen den Ohren unter einem Netz von blauen
Perlen. Spendius erkannte die Insassen. Er unterdrckte einen
Aufschrei.

Ein langer Schleier flatterte im Winde hinterdrein.




II

In Sikka


Zwei Tage spter verlieen die Sldner Karthago. Man hatte einem jeden
ein Goldstck gezahlt, unter der Bedingung, da sie ihr Standquartier
nach Sikka verlegten. Auch hatte man ihnen allerlei Schmeicheleien
gesagt:

Ihr seid die Retter Karthagos! Doch ihr wrdet es in Hungersnot
bringen, wenn ihr hier bliebet. Ihr machtet es zahlungsunfhig.
Marschiert ab! Die Republik wird euch einstens fr diese
Willfhrigkeit Dank wissen. Wir werden unverzglich Steuern erheben.
Euer Sold soll euch auf Heller und Pfennig ausgezahlt werden. Dazu
wird man Galeeren ausrsten, die euch in eure Heimat zurckbringen.

Sie wuten nicht, was sie auf solchen Wortschwall erwidern sollten.
Zudem langweilte die kriegsgewohnten Mnner der Aufenthalt in der
Stadt. Und so waren sie ohne groe Mhe zu berreden. Das Volk stieg
auf die Mauern, um sie abziehen zu sehen.

Der Abmarsch erfolgte durch die Khamonstrae und das Kirtaer Tor. Bunt
durcheinander zogen sie ab: leichte Bogenschtzen neben
Schwerbewaffneten, Offiziere neben Gemeinen, Lusitanier neben
Griechen. Stolzen Schritts marschierten sie vorbei und lieen ihre
schweren Stahlstiefel auf dem Pflaster klirren. Ihre Rstungen trugen
Beulen von Katapultgeschossen, und ihre Gesichter waren vom
Schlachtenbrand geschwrzt. Rauhe Rufe drangen aus ihren dichten
Brten. Ihre zerfetzten Panzerhemden klapperten ber den
Schwertergriffen, und durch die Lcher im Erz sah man ihre nackten
Glieder, drohend wie Geschtz. Die langen Lanzen, die Streitxte, die
Speere, die Filzhauben und ehernen Helme, alles wogte im Takt in
gleicher Bewegung. Die Strae war von dem Zuge derartig angefllt, da
die Mauern drhnten. Zwischen den hohen sechsstckigen Husern, die
mit Asphalt getncht waren, wlzte sich der Strom der gewappneten
Krieger hin. Hinter den Fenstergittern aus Eisen oder Rohr saen
verschleierte Frauen und sahen schweigend dem Vorbeimarsch der
Barbaren zu.

Terrassen, Festungswlle, Mauern, alles verschwand unter der Masse der
schwarz gekleideten Karthager. Die Jacken der Matrosen leuchteten in
dieser dunklen Menge wie Blutflecke. Halbnackte Kinder, auf deren
blendender Haut sich kupferne Armringe abhoben, schrien von den
Blattornamenten der Sulen und von den Zweigen der Palmen herab.
Mehrere der Alten hatten sich auf die flachen Dcher der Trme
gestellt, aber man wute nicht, warum diese langbrtigen Gestalten in
bestimmten Abstnden so nachdenklich dort oben wachten. Von weitem
gesehen, hoben sie sich vom Hintergrunde des Himmels unheimlich wie
Gespenster ab und unbeweglich wie Steinbilder.

Alle bedrckte die gleiche Besorgnis: man frchtete, die Barbaren
knnten, da sie sich so stark sahen, auf den Einfall kommen, bleiben
zu wollen. Doch sie zogen so vertrauensselig ab, da die Karthager Mut
schpften und sich zu den Sldnern gesellten. Man berhufte sie mit
Beteuerungen und Freundschaftsbezeugungen. Einige redeten ihnen sogar
aus bertriebener Berechnung und verwegener Heuchelei zu, die Stadt
nicht zu verlassen. Man warf ihnen Parfmerien, Blumen und Geldstcke
zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten, hatte aber vorher
dreimal darauf gespien, um den Tod herbeizubeschwren, oder
Schakalhaare hineingetan, die das Herz feig machen. Laut rief man
Melkarths Segen auf die Abziehenden herab, leise indessen seinen
Fluch.

Es folgte das Gewirr des Trosses, der Lasttiere und Nachzgler. Kranke
saen sthnend auf Dromedaren. Andre hinkten vorber, auf einen
Lanzenstumpf gesttzt. Trunkenbolde schleppten Weinschluche mit sich,
Gefrige Fleisch, Kuchen, Frchte, Butter in Feigenblttern, Eis in
Leinwandscken. Etliche sah man mit Sonnenschirmen in der Hand und
Papageien auf den Schultern. Andre wurden von Hunden, Gazellen und
Panthern begleitet. Frauen libyschen Stammes ritten auf Eseln. Sie
verhhnten die Negerweiber, die den Soldaten zuliebe die Bordelle von
Malka verlassen hatten. Manche sugten Kinder, die in Ledertragen an
ihren Brsten hingen. Die Maultiere, die man mit den Schwertspitzen
anstachelte, vermochten die Last der ihnen aufgepackten Zelte kaum zu
erschleppen. Ein Schwarm Knechte und Wassertrger, hager, fiebergelb
und voller Ungeziefer, die Hefe des karthagischen Pbels, hngte sich
den Barbaren an.

Als alle hinaus waren, schlo man die Tore. Das Volk blieb auf den
Mauern. Der Sldnerzug fllte alsbald die ganze Breite der Landenge.
Er teilte sich in ungleiche Haufen. Die Lanzen sahen nur noch wie hohe
Grashalme aus. Schlielich verlor sich alles in Staubwolken. Wenn von
den Sldnern einer nach Karthago zurckblickte, sah er nichts denn die
langen Mauern, deren verlassene Zinnen in den Himmel schnitten.

Pltzlich vernahmen die Barbaren lautes Geschrei. Da sie nicht einmal
wuten, wie viele ihrer waren, dachten sie, da einige von ihnen in
der Stadt zurckgeblieben seien und sich das Vergngen machten, einen
Tempel zu plndern. Diese Vermutung belustigte sie, und sie setzten
ihren Marsch fort. Sie freuten sich, wieder wie einst die weite Ebene
gemeinsam zu durchziehen. Die Griechen stimmten den alten Sang der
Mamertiner an:

Mit meiner Lanze und meinem Schwert pflg ich und ernt ich. Ich bin
der Herr des Hauses. Der Waffenlose fllt mir zu Fen und nennt mich
Herr und Groknig.

Sie schrien und hpften. Die Lustigsten fingen an Geschichten zu
erzhlen. Die Zeiten der Not waren vorber. Als man Tunis erreichte,
bemerkten einige, da ein Fhnlein balearischer Schleuderer fehlte.
Die werden nicht weit sein! Sicherlich! Weiter gedachte man ihrer
nicht.

Die einen suchten Unterkunft in den Husern, die andern kampierten am
Fue der Mauern. Die Leute aus der Stadt kamen heraus und plauderten
mit den Soldaten.

Die ganze Nacht hindurch sah man am Horizont in der Richtung auf Karthago
Feuer brennen. Der Lichtschein--wie von Riesenfackeln--spiegelte sich auf
dem regungslos liegenden Haff. Keiner im Heere wute zu sagen, welches
Fest man dahinten feierte.

Am nchsten Tag durchzogen die Barbaren eine allenthalben bebaute
Gegend. An der Strae folgten die Meierhfe der Patrizier, einer auf
den andern. Durch Palmenhaine rannen Wassergrben. Olivenbume standen
in langen grnen Reihen. Rosiger Duft schwebte ber dem Hgelland.
Dahinter dmmerten blaue Berge. Ein heier Wind ging. Chamleons
schlpften ber die breiten Kaktusbltter.

Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch.

Sie zogen in Abteilungen oder schlenderten einzeln in weiten Abstnden
voneinander hin. Man pflckte sich Trauben am Rande der Weinberge. Man
streckte sich ins Gras und betrachtete erstaunt die mchtigen,
knstlich gewundenen Hrner der Ochsen, die zum Schutze ihrer Wolle
mit Huten bekleideten Schafe, die Bewsserungsrinnen, die sich in
Rhombenlinien kreuzten, die Pflugschare, die Schiffsankern glichen,
und die Granatbume, die mit Silphium gedngt waren. Die ppigkeit des
Bodens und die Erfindungen kluger Menschen kamen allen wunderbar vor.

Am Abend streckten sie sich auf die Zelte hin, ohne sie aufzuschlagen.
Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen sie ein und trumten von
dem Feste in Hamilkars Grten.

Am Mittag des dritten Tages machte man in den Oleanderbschen am
Gestade eines Flusses halt. Die Soldaten warfen hurtig Lanzen, Schilde
und Bandoliere ab und wuschen sich unter lautem Geschrei, schpften
die Helme voll Wasser oder tranken, platt auf dem Bauche liegend,
inmitten der Maultiere, denen das Gepck vom Rcken glitt.

Spendius, auf einem aus Hamilkars Stllen geraubten Dromedare,
erblickte von weitem Matho, der, den Arm in der Binde, barhuptig und
kopfhngerisch ins Wasser starrte, indes er sein Maultier trinken
lie. Sofort eilte der Sklave mit dem Rufe: Herr, Herr!
schnurstracks durch die Menge auf ihn zu. Matho dankte kaum fr den
Gru. Spendius nahm ihm das nicht bel, begann vielmehr seinen
Schritten zu folgen und warf nur von Zeit zu Zeit einen besorgten
Blick nach Karthago zurck.

Er war der Sohn eines griechischen Lehrers der Redekunst und einer
kampanischen Buhlerin. Anfangs hatte er durch Mdchenhandel Geld
verdient, dann aber, als er bei einem Schiffbruch sein ganzes Vermgen
verloren, hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom gekmpft. Man
hatte ihn gefangen genommen; er war entflohen. Wiederergriffen, hatte
er in den Steinbrchen gearbeitet, in den Bdern geschwitzt, unter
Mihandlungen geschrien, vielfach den Herrn gewechselt und allen
Jammer des Daseins erfahren. Aus Verzweiflung hatte er sich einmal vom
Bord der Triere, auf der er Ruderer war, ins Meer gestrzt. Matrosen
Hamilkars hatten ihn halbtot aufgefischt und nach Karthago ins
Gefngnis von Megara gebracht. Weil die berlufer an Rom ausgeliefert
werden muten, hatte er die allgemeine Verwirrung benutzt, um mit den
Sldnern zu entfliehen.

Whrend des ganzen Marsches blieb er bei Matho. Er brachte ihm zu
essen, half ihm beim Absitzen und breitete nachts eine Decke unter
sein Haupt. Durch diese kleinen Dienste ward Matho schlielich
gerhrt, und nach und nach sprach er mit dem Griechen.

Matho war an der Groen Syrte geboren. Sein Vater hatte ihn auf einer
Pilgerfahrt zum Ammontempel mitgenommen. Dann hatte er in den Wldern
der Garamanten Elefanten gejagt. Spter war er in karthagischen
Sldnerdienst gegangen. Bei der Einnahme von Drepanum war er zum
Offizier befrdert worden. Die Republik schuldete ihm vier Pferde,
zwlfhundert Liter Getreide und den Sold fr einen Winter. Er war
gottesfrchtig und wnschte, dermaleinst in seiner Heimat zu sterben.

Spendius erzhlte ihm von seinen Reisen, von den Vlkern und Tempeln,
die er besucht hatte. Er verstand sich auf viele Dinge. Er konnte
Sandalen, Jagdgert und Netze anfertigen, wilde Tiere zhmen und Gifte
bereiten.

Bisweilen unterbrach er sich und stie einen heisern Schrei aus.
Daraufhin beschleunigte Mathos Maultier seinen Gang, und die andern
beeilten sich zu folgen. Dann erzhlte Spendius weiter, aber immer
voll Angst und Furcht. Erst am Abend des vierten Tages ward er
ruhiger.

Die beiden ritten nebeneinander her, seitwrts rechts vom Heer, auf dem
Abhang eines Hgelzuges. Drunten dehnte sich die weite Ebene, in den
Nebeln der Nacht verloren. Die Reihen der tiefer dahinmarschierenden
Soldaten sahen im Dunkeln wie Wellen aus. Von Zeit zu Zeit kamen sie
ber mondbeglnzte Anhhen. Dann sprhten Sterne an den Spitzen der
Lanzen, und das Mondlicht gleite auf den Helmen. Ein paar Augenblicke
lang, dann verschwand alles, und immer neue Trupps kamen. In der Ferne
blkten aufgeschreckte Herden. Es war, als ob unendlicher Friede auf
die Erde herabsnke.

Mit zurckgebogenem Kopfe und halbgeschlossenen Lidern sog Spendius in
tiefen Zgen den frischen Wind ein. Er streckte die Arme aus und
spreizte die Finger, um den kosenden Hauch, der seinen Krper
umstrmte, noch besser zu spren. Seine Hoffnung auf Rache war
wiedergekehrt und begeisterte ihn. Er prete die Hand auf den Mund, um
ein Jauchzen zu ersticken, und halb bewutlos in seinem Glcksrausch,
berlie er die Zgel seinem Dromedar, das mit gerumigen
gleichmigen Schritten vorwrts ging. Matho war in seine Schwermut
zurckgesunken. Seine Beine hingen bis zur Erde hinab, und seine
Panzerstiefel fegten mit stetem Gerusch das Gras.

Indessen zog sich der Weg in die Lnge, als wolle er kein Ende nehmen.
Hatte man ein Stck Ebene durchschritten, so kam man jedesmal auf ein
rundes Hochland, und dann ging es wieder in eine Niederung hinab. Die
Berge, die den Horizont zu begrenzen schienen, wichen beim Nherkommen
immer von neuem in die Ferne. Von Zeit zu Zeit blinkte ein Bach
zwischen dem Grn von Tamarisken, aber schon hinter dem nchsten Hgel
verkroch er sich wieder. Hier und da ragte ein Felsblock auf, der wie
ein Schiffsbug aussah oder wie der Sockel eines verschwundenen
Kolosses.

In regelmigen Abstnden traf man auf kleine viereckige Kapellen:
Raststtten fr die Pilger, die gen Sikka wanderten. Die Libyer, die
Einla begehrten, klopften mit starken Schlgen an die Pforten; doch
niemand im Innern antwortete.

Dann wurden die bebauten Felder seltener. Unvermittelt folgten
Sandstrecken, mit Dornengestrpp bewachsen. Schafherden weideten
zwischen groen Steinen. Eine Frau--ein blaues Schurzfell um die
Hften--htete sie. Sobald sie die Lanzen der Soldaten zwischen den
Felsen erblickte, entfloh sie kreischend.

Der Marsch ging durch ein breites Tal, das von zwei rtlichen
Hgelketten eingesumt wurde. Ein ekelhafter Geruch drang dem Heere
entgegen, und an der Krone eines Johannisbrotbaumes hing etwas
Seltsames: ein Lwenkopf, der ber den Wipfel hinausragte.

Sie liefen nher. Es war ein Lwe, den man an allen vieren wie einen
Verbrecher ans Kreuz genagelt hatte. Der riesige Kopf hing auf die
Brust herab, und die zwei Vordertatzen, die unter der ppigen Mhne
zur Hlfte verschwanden, waren weit auseinandergespreizt wie die
Flgel eines Vogels. Die Rippen traten unter der stark gespannten Haut
einzeln hervor. Die Hinterbeine waren bereinander genagelt und ein
wenig emporgezogen. Schwarzes Blut war am Fell herabgesickert und am
Ende des Schweifes, der senkrecht herabhing, zu dicken Klumpen
geronnen. Die Sldner standen lachend rundherum, nannten den toten
Lwen Konsul und Rmischer Brger und warfen Steine nach seinen
Augen, um die Fliegen aufzuscheuchen.

Hundert Schritte weiter kamen zwei andre Kreuze. Und mit einem Male
tauchte ihrer eine ganze Reihe auf. An jedem ein Lwe. Manche waren
schon so lange tot, da nur noch die Reste ihrer Gerippe am Holze
hingen: andere, zur Hlfte zernagt, verzerrten den Rachen zu
furchtbaren Grimassen. Etliche waren ungeheuer gro. Die Stmme der
Kreuze bogen sich unter ihnen. Sie schaukelten im Winde, whrend
Rabenschwrme unablssig ber ihren Kpfen kreisten. So rchten sich
die karthagischen Bauern an den Raubtieren, die sie fingen. Sie
hofften, die andern durch dieses Beispiel zu schrecken. Die Barbaren
lachten nicht mehr. Tiefes Staunen ergriff sie. Welch ein Volk,
dachten sie, das zu seinem Vergngen Lwen kreuzigt!

brigens waren sie, besonders die Nordlnder, eigentmlich nervs
erregt und halbkrank. Ihre Hnde waren wund von den Stacheln der Aloe.
Groe Stechmcken summten ihnen um die Ohren. Die Ruhr brach im Heere
aus. Man war verdrossen, da Sikka noch immer nicht sichtbar ward. Man
bekam Angst, sich in die Wste zu verirren, in die Regionen des Sandes
und des Schreckens. Viele wollten nicht mehr weiter marschieren. Ein
Teil machte sich auf den Rckweg nach Karthago.

Endlich am siebenten Tage, nachdem man lange am Fue eines Berges
hingewandert war, bog der Weg pltzlich scharf nach rechts ab, und ein
Mauerstreifen, auf weien Felsen ruhend und gleichsam eins geworden
mit ihnen, tauchte auf. Alsbald grte die ganze Stadt. Blaue, gelbe,
weie Schleier wehten im Abendrot ber den Mauern. Es waren die
Priesterinnen der Tanit, die zum Empfange der Sldner herbeigeeilt
kamen. Sie standen in langen Reihen auf dem Walle, schlugen
Handtrommeln und Zithern und Kastagnetten. Die letzten Strahlen der
Sonne, die hinter den numidischen Bergen versank, spielten an den
Harfensaiten und den nackten Armen. Von Zeit zu Zeit schwiegen die
Instrumente pltzlich, und ein schriller, grausiger, wilder,
langgezogener Schrei erklang, eine Art Geheul, das durch eine
vibrierende Zungenbewegung hervorgebracht ward. Etliche der
Priesterinnen lagen mit aufgesttzten Ellbogen, das Kinn in der Hand,
unbeweglicher denn Sphinxe, und starrten aus groen schwarzen Augen
das herannahende Heer an.

Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es eine solche
Menschenmenge nicht zu bergen. Der Tempel allein mit seinen
Nebengebuden nahm die Hlfte der Stadt ein. Die Barbaren lagerten
sich daher ganz nach Belieben in der Ebene, die Disziplinierten in
regelmigen Abteilungen, die andern nach Vlkern oder wie es ihnen
just gutdnkte.

Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in gleichlaufenden Reihen
auf. Die Iberer bauten ihre Leinendcher im Kreise. Die Gallier
errichteten sich Bretterbuden, die Libyer Htten aus Steinhaufen, und
die Neger scharrten sich mit ihren Ngeln Gruben in den Sand, darin
sie schliefen. Viele, die sich nicht unterzubringen wuten, trieben
sich zwischen den Packwagen umher und verbrachten in ihren
zerschlissenen Mnteln die Nchte auf dem Erdboden.

       *       *       *       *       *

Die Ebene dehnte sich im weiten Kreise, rings von Bergzgen begrenzt.
Hier und dort neigte sich ein Palmbaum ber einen Sandhgel. Fichten
und Eichen sprenkelten die Abhnge mit grnen Flecken. Bisweilen hing
ein Gewitterregen in langen Fransen vom Himmel herab, der blau und
klar ber der Landschaft lachte. Dann wirbelte ein warmer Wind
Staubwolken auf, und ein Giebach strzte in Kaskaden von Sikkas
Felsenhhe herab, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus, der
Herrin des Landes, mit seinen ehernen Sulen und seinem goldenen Dache
erhob. Sie erfllte die Landschaft mit ihrer Seele. Das berma ihrer
Kraft offenbarte sich in den Erschtterungen des Bodens, im jhen
Wechsel von Wrme und Klte, und die Schnheit ihres ewigen Lchelns
im Spiele der Beleuchtung. Die Berggipfel hatten die Form von
Mondsicheln, oder sie glichen vollen Frauenbrsten. Die Barbaren
versprten vor dieser Augenweide bei aller Ermdung vom Marsche
wonnevolles Wohlgefhl.

Spendius hatte sich fr den Erls seines Kamels einen Sklaven gekauft.
Den ganzen Tag lang schlief er, vor Mathos Zelt ausgestreckt. Oft
schreckte er empor. Er whnte im Traume das Sausen der Peitsche zu
hren. Dann strich er lchelnd mit der Hand ber die Narben an seinen
Beinen, an den Stellen, wo so lange die Eisen gedrckt hatten, und
schlief wieder ein.

Matho duldete seine Gesellschaft. Wenn er ausging, begleitete ihn
Spendius wie ein Trabant, mit einem langem Schwert an der Seite; oder
Matho sttzte nachlssig den Arm auf seine Schulter, denn Spendius war
klein.

Eines Abends, als sie zusammen durch die Lagergassen gingen,
erblickten sie Mnner in weien Mnteln; unter ihnen Naravas, den
numidischen Frsten. Matho erbebte.

Dein Schwert! rief er. Ich will ihn tten!

Noch nicht! bat Spendius und hielt ihn zurck.

Naravas trat bereits an Matho heran.

Er kte seine beiden Daumen zum Zeichen seiner kameradschaftlichen
Gesinnung und entschuldigte seinen neulichen Zorn mit der trunkenen
Feststimmung. Sodann sagte er allerhand Feindseliges gegen Karthago,
doch verriet er nicht, was ihn eigentlich zu den Barbaren gefhrt
hatte.

Will er uns verraten oder die Republik? fragte sich Spendius. Da er
aber aus allem Bsen Vorteil zu ziehen gedachte, so war ihm jedwede
zuknftige Verrterei des Naravas nur angenehm.

Der numidische Huptling blieb bei den Sldnern. Er schien sich mit
Matho befreunden zu wollen, sandte ihm gemstete Ziegen, Goldstaub und
Strauenfedern. Der Libyer, ber diese Aufmerksamkeiten erstaunt,
schwankte, ob er sie erwidern oder darber in Zorn geraten sollte.
Doch Spendius besnftigte ihn, und Matho lie sich von dem Sklaven
leiten. Er war ein Mensch, der nie wute, was er wollte, und jetzt
zumal in einem Zustande unbezwinglicher Teilnahmlosigkeit wie jemand,
der einen Trank genommen hat, an dem er sterben mu.

Eines Morgens, als alle drei zur Lwenjagd aufbrachen, verbarg Naravas
einen Dolch in seinem Mantel. Spendius blieb ihm bestndig auf den
Fersen, und sie kehrten zurck, ohne da der Numidier seinen Dolch
gezckt hatte.

Ein andermal lockte Naravas die beiden weit fort, bis an die Grenzen
seines Reiches. Sie kamen in eine enge Schlucht. Da erklrte Naravas
lchelnd, er wisse den Weg nicht mehr. Spendius fand ihn wieder.

Meistens jedoch brach Matho, tiefsinnig wie ein Augur, schon bei
Sonnenaufgang auf, um in der Gegend umherzustreifen. Er streckte sich
auf den Sand hin und blieb bis zum Abend unbeweglich liegen.

Er befragte nacheinander alle Wahrsager des Heeres: die den Lauf der
Schlangen beobachteten, die in den Sternen lasen und die auf die Asche
der Toten bliesen. Er nahm Galbanum, Sesel und herzversteinerndes
Viperngift ein. Negerweiber, die im Mondschein barbarische Lieder
sangen, ritzten ihm die Stirnhaut mit goldnen Dolchen. Er behngte
sich mit Halsbndern und Amuletten. Abwechselnd rief er Khamon,
Moloch, die sieben Kabiren, Tanit und die Aphrodite der Griechen an.
Er grub einen Namen in eine Kupferplatte und verscharrte sie im Sande
an der Schwelle seines Zeltes. Spendius hrte ihn seufzen und mit sich
selbst reden.

Eines Nachts trat er in sein Zelt.

Matho lag auf einer Lwenhaut hingestreckt, nackt wie ein Leichnam,
das Gesicht in beide Hnde vergraben. Eine Hngelampe beleuchtete
seine Waffen, die ihm zu Hupten am Zeltmaste hingen.

Hast du Schmerzen? fragte der Sklave. Was fehlt dir? Antworte mir!
Dabei schttelte er ihn an der Schulter und rief immer wieder: Herr,
Herr! Endlich schaute Matho mit groen verstrten Augen zu ihm auf.

Weit du? flsterte er, einen Finger auf die Lippen legend. Es ist
die Rache der Gtter. Hamilkars Tochter verfolgt mich! Ich frchte
mich vor ihr, Spendius! Er drckte die Fuste gegen die Augen, wie
ein Kind, dem vor einem Gespenste graust. Rede mit mir! Ich bin
krank! Ich will gesund werden! Alles habe ich versucht! Doch du, du
kennst vielleicht mchtigere Gtter oder irgend eine Beschwrung, die
wirklich hilft.

Wogegen? fragte Spendius.

Matho schlug sich mit beiden Fusten gegen die Stirn. Um mich aus
Salambos Bann zu erlsen! Und wie zu sich selber sagte er in
abgebrochenen Stzen:

Gewi bin ich das Opfer einer Shne, die sie den Gttern gelobt
hat ... Sie hlt mich gefesselt ... mit einer unsichtbaren Kette ...
Gehe ich, so schreitet sie voran ... bleibe ich stehen, so verweilt
sie ... Ihre Augen verzehren mich ... ich hre ihre Stimme ... sie
umgibt mich und durchdringt mich ... Mir ist, als ob sie meine Seele
geworden sei ... Und doch droht etwas zwischen uns wie die
unsichtbaren Fluten eines grenzenlosen Meeres ... Sie ist mir fern und
ganz unerreichbar ... Der Schimmer ihrer Schnheit umfliet sie mit
Strmen von Licht, und bisweilen ist mir's, als htt ich sie nie
gesehen ... als lebte sie nicht ... als sei alles nur ein Traum! ...

So durchjammerte Matho die Nacht.

Alles schlief. Spendius betrachtete ihn, und er erinnerte sich an jene
Jnglinge, die ihn ehemals mit goldenen Gefen in den Hnden
angefleht hatten, wenn er seine Buhlerinnen durch die Stdte gefhrt
hatte. Mitleid ergriff ihn, und er sprach:

Sei stark, Herr! Wende dich an deinen eigenen Willen und flehe nicht
mehr zu den Gttern, denn die Gebete der Menschen rhren sie nicht. Du
weinst wie ein Feigling! Demtigt es dich nicht, da du um ein Weib so
leidest?

Bin ich ein Kind? gab Matho zur Antwort. Glaubst du, da mich das
Gesicht und der Gesang eines Weibes noch rhren? Wir hatten in
Drepanum ihrer genug. Sie fegten die Stlle. Ich hab ihrer besessen
whrend des Sturmes auf Stdte, unter strzenden Dchern, und wenn die
Geschtze vom Rckschlag noch zitterten! ... Doch dieses Weib, dieses
Weib!

Der Sklave unterbrach ihn:

Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wre ...

Nein! schrie Matho. Sie hat nichts mit den andern Tchtern der
Menschen gemein! Hast du ihre groen Augen unter den groen Brauen
gesehen? So leuchten Sonnen unter Triumphbgen. Erinnere dich: als sie
erschien, verloren alle Fackeln ihren Glanz. Zwischen den Diamanten
ihrer Halskette schimmerten Stellen ihres blanken Busens. Wo sie
gegangen, duftete es wie nach dem Weihrauch eines Tempels, und ihrem
ganzen Wesen entstrmte etwas, ser als Wein und schrecklicher als
der Tod. So schritt sie hin, und dann blieb sie stehen ...

Offnen Mundes und gesenkten Hauptes stand Matho da und starrte vor
sich hin.

Aber ich will sie haben! Ich mu sie besitzen! Sonst sterbe ich! Bei
dem Gedanken, sie an meine Brust zu drcken, ergreift mich wilde
Freude. Und doch hasse ich sie, Spendius, ich mchte sie schlagen! Was
soll ich tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave zu
werden. Du warst es! Du durftest um sie sein! Erzhle mir von ihr!
Allnchtlich, nicht wahr, besteigt sie das Dach ihres Palastes? Ach,
die Steine mssen erbeben unter ihren Sandalen und die Sterne sich
neigen, um sie zu schauen!

Er fiel wie in Raserei zurck und rchelte wie ein verwundeter Stier.

Dann sang er: Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif sich
ber das drre Laub schlngelte wie ein silberner Bach. Mit
langgezogenen Tnen ahmte er dabei Salambos Stimme nach, indes die
Finger seiner ausgestreckten Hnde Bewegungen machten, als spielten
sie in den Saiten einer Lyra.

Auf alle Trostworte des Spendius antwortete er mit den gleichen Reden.
So vergingen den beiden die Nchte unter Klagen und Trostworten.

Matho wollte sich mit Wein betuben. Doch nach der Trunkenheit war er
noch trauriger. Er versuchte, sich beim Wrfelspiel zu zerstreuen,
wobei er nach und nach die Goldmnzen seiner Halskette verlor. Er lie
sich zu den heiligen Hetren fhren; aber schluchzend kam er den Hgel
wieder herab, wie jemand, der von einem Begrbnis heimkehrt.

Spendius hingegen wurde immer khner und heiterer. Man sah ihn in den
aus Reisig errichteten Schenken mitten unter den Soldaten reden. Er
flickte alte Rstungen aus, lie sich als Gaukler mit Dolchen sehen
und suchte aus den Feldern Heilkruter fr die Kranken. Er war lustig,
schlau, beredt und hatte tausend gute Einflle. Die Barbaren gewhnten
sich an seine Dienste. Er machte sich bei ihnen beliebt.

Indessen warteten sie auf einen Gesandten aus Karthago, der ihnen auf
Maultieren Krbe voll Gold bringen sollte. Immer wieder berschlugen
sie die alte Rechnung und malten mit den Fingern Ziffern in den Sand.
Ein jeder schmiedete Plne fr die Zukunft. Die einen wollten sich
Dirnen, Sklaven und Landgter kaufen. Andre wollten ihre Schtze
vergraben oder sie im Seehandel aufs Spiel setzen. Aber bei dieser
Unttigkeit erhitzten sich die Gemter. Fortwhrend kam es zu
Zwistigkeiten zwischen Reitern und Fuvolk, zwischen Barbaren und
Griechen, und unaufhrlich gellten die schrillen Stimmen der Weiber.

Tglich langten Scharen fast nackter Mnner an, die zum Schutz gegen
die Sonne Gras auf dem Haupte trugen. Es waren Schuldner reicher
Karthager, von ihren Glubigern zum Frondienst auf den Feldern
gezwungen und nun entronnen. Libyer strmten herbei, Bauern, die durch
die Steuern zugrunde gerichtet waren, Gechtete und Missetter. Der
Tro der Krmer, die Wein- und lhndler, wtend darber, da sie
nicht bezahlt wurden, begannen sich allesamt gegen Karthago zu
ereifern. Spendius hielt Brandreden gegen die Republik. Bald wurden
die Lebensmittel knapp. Man sprach davon, vereint auf Karthago zu
marschieren und die Rmer herbeizurufen.

       *       *       *       *       *

Eines Abends, zur Stunde der Mahlzeit, vernahm man ein dumpfes,
verworrenes Gerusch, das allmhlich nher kam. In der Ferne, im
welligen Gelnde, tauchte etwas Rotes auf.

Es war eine groe Purpursnfte, die an ihren Ecken mit Bscheln von
Strauenfedern geschmckt war. Kristallketten und Perlengirlanden
schlugen gegen die geschlossenen Vorhnge. Kamele folgten, und die
groen Glocken, die ihnen um die Hlse hingen, luteten lrmend
durcheinander. Zu beiden Seiten ritten Reiter, vom Fue bis zum Halse
in goldnen Schuppenpanzern.

Dreihundert Schritt vor dem Lager machten sie Halt, um den Behltern
hinter den Stteln ihren runden Schild, ihr breites Schwert und ihren
botischen Helm zu entnehmen. Einige blieben bei den Kamelen, die
andern setzten sich wieder in Bewegung. Schlielich erschienen die
Feldzeichen der Republik: blaue Holzstangen, die ein Pferdekopf oder
ein Pinienapfel krnte. Die Barbaren sprangen alle auf und klatschten
Beifall. Die Weiber liefen den Gardereitern entgegen und kten ihnen
die Fsse.

Die Snfte nahte auf den Schultern von zwlf Negern, die mit kleinen,
raschen Schritten im Takte liefen. Sie muten bald nach rechts, bald
nach links ausbiegen, behindert durch die Zeltschnre, herumlaufende
Tiere und die Feldkessel, in denen das Fleisch kochte. Ein paarmal
schob eine fette, reichgeschmckte Hand die Vorhnge ein wenig
auseinander, und eine rauhe Stimme stie rgerliche Worte aus. Da
machten die Trger Halt und schlugen einen andern Weg quer durch das
Lager ein. Nun wurden die purpurnen Vorhnge geffnet, und man
erblickte auf einem breiten Kopfkissen einen aufgedunsenen
Menschenkopf mit unbeweglichen Zgen. Die Augenbrauen sahen wie zwei
Bogen von Ebenholz aus, die mit den Enden aneinander stieen.
Goldflitter blinkten in dem krausen Haar, und das Gesicht war bleich,
wie mit Marmorstaub gepudert. Der brige Krper verschwand unter einer
Menge von Fellen.

Die Soldaten erkannten in dem Mann den Suffeten Hanno. Sie hatten noch
wohl im Gedchtnisse, da seine Langsamkeit schuld war am Verluste der
Schlacht bei den gatischen Inseln. Und wenn er sich nach seinem Siege
ber die Libyer bei Hekatompylos milde gezeigt hatte, so war dies nach
ihrer Meinung nur aus Habgier geschehen, denn er hatte smtliche
Gefangene auf eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod
gemeldet.

Nachdem sich der Suffet eine Weile nach einem bequemen Platz fr eine
Anrede an die Soldaten umgesehen hatte, gab er einen Wink. Die Snfte
machte Halt, und auf zwei Sklaven gesttzt, stieg er unbeholfen
heraus.

Er trug schwarze Filzschuhe mit silbernen Monden best. Seine Beine
waren wie die einer Mumie mit Binden umwickelt, und das Fleisch quoll
zwischen den sich kreuzenden Leinenstreifen hervor. Sein Bauch hing
ber den Scharlachschurz herab, der seine Schenkel bedeckte, und die
Falten seines fetten Halses hingen ihm--wie einem Stier die Wampe--bis
auf die Brust. Seine mit Blumen bestickte Tunika krachte in den
Achselhhlen. Er trug ein Bandolier, eine Feldbinde und einen
schwarzen Mantel mit doppelten Puffrmeln. Der Pomp seines Anzuges,
sein breites Halsband aus blauen Steinen, die goldenen Spangen und die
schweren Ohrgehnge machten seine Migestalt noch abstoender. Er sah
aus wie ein aus Stein gehauenes plumpes Gtzenbild. Das leblose
Aussehen verlieh ihm der weie Aussatz, der seinen ganzen Krper
bedeckte. Lediglich seine Nase, krumm wie ein Geierschnabel, bewegte
sich heftig, beim Einatmen, und seine kleinen Augen mit den klebrigen
Wimpern schimmerten in hartem, metallischem Glanze. In der Hand hielt
er einen Spatel aus Aloeholz, um sich die Haut zu kratzen.

Nunmehr stieen zwei Trompeter in ihre silbernen Hrner. Der Lrm
legte sich, und Hanno fing an zu sprechen. Er begann mit einer Lobrede
auf die Gtter und auf die Republik. Die Barbaren sollten sich
glcklich preisen, ihr gedient zu haben. Man msse vernnftig sein,
die Zeiten seien schwer--und wenn ein Herr nur drei Oliven hat, ist
es nicht recht, da er zwei fr sich behalte?

Derart vermischte der alte Suffet seine Rede mit Sprichwrtern und
Gleichnissen und nickte dabei in einem fort mit dem Kopfe, als wolle
er damit Beifall hervorrufen.

Er sprach punisch, aber die Umstehenden (die Hurtigsten, die ohne ihre
Waffen herbeigeeilt waren) waren Kampaner, Gallier und Griechen, so
da ihn von den vielen Leuten kein einziger verstand. Hanno bemerkte
es, hielt inne und wiegte sich schwerfllig und nachdenklich von einem
Bein auf das andre.

Er kam auf den Einfall, die Hauptleute zusammenzurufen, und seine
Trompeter riefen diesen Befehl auf griechisch aus. Seit Xanthipp war
Griechisch die Kommandosprache im karthagischen Heere.

Die Gardisten trieben die herandrngenden Sldner mit Peitschenhieben
zurck, und alsbald nahten die Hauptleute der nach spartanischem
Muster gebildeten Phalanx und die Offiziere der Barbarenkompagnien in
ihren nationalen Rstungen und mit ihren Rangabzeichen. Die Nacht war
herabgesunken, und lautes Getse erscholl ringsum in der Ebene. Da und
dort brannten Lagerfeuer. Man ging von einem zum andern und fragte
einander: Was soll das? Weshalb zahlt der Suffet nicht das Geld aus?

Hanno rechnete den Hauptleuten die auerordentlichen Lasten der
Republik vor. Der Staatsschatz sei leer. Der Tribut an die Rmer sei
erdrckend ... Wir wissen nicht mehr aus noch ein ... Karthago ist
wirklich beklagenswert!

Von Zeit zu Zeit kratzte er sich die Glieder mit dem Aloespatel, oder
er unterbrach sich, um aus einer silbernen Schale, die ein Sklave ihm
reichte, einen Trank aus Wieselasche und in Essig gekochten Spargeln
zu schlrfen. Dann wischte er sich die Lippen mit einem Scharlachtuch
und hub wieder an:

Was frher einen Sekel Silber wert war, gilt jetzt drei Sekel Gold.
Die whrend des Krieges verwahrlosten cker bringen nichts ein. Unsre
Purpurfischereien sind fast zugrunde gerichtet, und selbst die Perlen
werden uerst selten. Kaum haben wir noch Salben genug zum
Gottesdienste! Was die Nahrungsmittel anbetrifft, so will ich gar
nicht davon reden ... Das ist ein Elend! Aus Mangel an Galeeren
bekommen wir keine Gewrze, und wegen der Aufstnde an der Grenze von
Kyrene kann man sich nur mit Mhe und Not Silphium verschaffen.
Sizilien, das uns viele Sklaven lieferte, ist uns jetzt verschlossen.
Gestern erst habe ich fr einen Badeknecht und vier Kchenjungen mehr
gezahlt als fr ein Paar Elefanten!

Er entrollte ein langes Papyrusstck und verlas, ohne eine einzige
Ziffer zu bergehen, alle Ausgaben, die von der Regierung gemacht
worden waren: so viel hatte die Wiederherstellung der Tempel gekostet,
so viel die Straenpflasterung, so viel der Bau der Kriegsschiffe, so
viel die Korallenfischerei, so viel die Vergrerung der Syssitien und
so viel die Maschinen in den Bergwerken im Lande der Kantabrer.

Aber die Hauptleute verstanden ebensowenig Punisch wie die Gemeinen,
wiewohl sich die Sldner in dieser Sprache begrten. Man pflegte in
den Barbarenheeren einige karthagische Offiziere anzustellen, die als
Dolmetscher dienten. Doch hatten sich diese nach dem Kriege aus Furcht
vor der Rache der Sldner unsichtbar gemacht, und Hanno hatte nicht
daran gedacht, welche mitzunehmen. berdies verlor sich seine dumpfe
Stimme im Winde.

Die Griechen mit ihren ehernen Waffengehenken um den Leib lauschten
gespannt und bemhten sich, Hannos Worte zu erraten, whrend die
Bergbewohner, in Pelze gehllt wie Bren und auf ihre mit Eisenngeln
beschlagenen Keulen gesttzt, ihn mitrauisch anblickten oder ghnten.
Die unaufmerksamen Gallier schttelten grinsend ihren hohen
Haarschopf, und die Wstenshne, in graue Wollkittel gemummt, hrten
unbeweglich zu. Andre kamen von hinten herzu. Die Gardisten, von dem
Schwarme gedrngt, schwankten auf ihren Pferden. Die Neger hielten
brennende Fichtenzweige hoch, aber der dicke Karthager, der auf einen
Rasenhgel getreten war, fuhr in seiner Ansprache fort.

Indessen wurden die Barbaren ungeduldig. Murren erhob sich. Ein jeder
rief Hanno etwas zu. Der gestikulierte mit seinem Spatel. Die einen
wollten die andern zum Schweigen bringen, berschrien einander und
vermehrten dadurch den Tumult.

Pltzlich sprang ein Mann von drftigem Aussehen vor Hannos Fe,
entri einem Herold die Trompete und stie hinein. Spendius war es. Er
erklrte, da er etwas Wichtiges zu sagen htte. Auf diese Erklrung
hin, die er rasch in fnf Sprachen--griechisch, lateinisch, gallisch,
libysch, balearisch--wiederholte, antworteten die Hauptleute halb
belustigt, halb berrascht:

Sprich! Sprich!

Spendius zauderte. Er zitterte. Endlich wandte er sich an die Libyer,
die am zahlreichsten anwesend waren, und sagte:

Ihr habt alle die furchtbaren Drohungen dieses Mannes gehrt!

Hanno widersprach nicht. Somit verstand er kein Libysch, und Spendius
wiederholte, um die Probe fortzusetzen, den nmlichen Satz in den
andern barbarischen Sprachen.

Man blickte erstaunt einander an. Sodann aber nickten alle, in der
Einbildung, Hannos Rede doch verstanden zu haben, zum Zeichen ihrer
Zustimmung wie in stummer bereinkunft mit den Kpfen.

Da begann Spendius mit gewaltiger Stimme:

Zunchst hat er gesagt, die Gtter der brigen Vlker seien neben
Karthagos Gttern nur Phantasiegebilde. Er hat euch Feiglinge, Gauner,
Lgner, Hunde und Shne von Hndinnen genannt! Ohne euch--so hat er
gesagt--wre die Republik nicht gezwungen, den Rmern Tribut zu
zahlen, und durch eure Ausschreitungen httet ihr die Vorrte an
Wohlgerchen, Gewrzen, Sklaven und Silphium erschpft, denn ihr wret
im Einvernehmen mit den Nomaden an der Grenze von Kyrene! Aber die
Schuldigen sollen bestraft werden! Er hat das Verzeichnis dieser
Strafen verlesen. Man will sie beim Straenpflastern, beim Schiffsbau
und bei der Ausschmckung der Syssitien arbeiten lassen. Die brigen
sollen im Lande der Kantabrer in den Bergwerken Frondienste tun!

Das gleiche wiederholte er den Galliern, den Kampanern, den
Baleariern. Da die Sldner mehrere von den Eigennamen, die ihr Ohr bei
Hannos Rede getroffen hatte, wieder heraushrten, so waren sie
berzeugt, da Spendius die Rede des Suffeten wortgetreu wiedergegeben
habe. Etliche schrien ihm zwar zu: Du lgst! Doch der Lrm der
brigen verschlang ihre Stimmen.

Spendius begann abermals:

Habt ihr nicht gesehen, da er da drauen vor dem Lager eine
Schwadron Reiter zurckgelassen hat? Auf ein Signal strmen sie
herbei, um euch alle zu erwrgen!

Die Barbaren wandten sich nach der bezeichneten Richtung. Da, als sich
die Menge gerade teilte, tauchte aus ihrer Mitte, langsam wie ein
Gespenst, ein menschliches Wesen auf: tiefgebckt, abgemagert, vllig
nackt, bis zu den Hften mit langen Haaren bedeckt, die von
vertrockneten Blttern, Staub und Dornen starrten. Lenden und Knie
waren mit Lehm, Stroh und Leinwandfetzen verbunden. Die welke
erdfarbene Haut hing um seine entfleischten Glieder wie Lumpen auf
drren Zweigen. Seine Hnde zitterten und bebten bestndig. Beim Gehen
sttzte er sich auf einen Olivenstock.

Bei den fackeltragenden Negern blieb er stehen, grinste wie ein
Bldsinniger und lie dabei sein blasses Zahnfleisch sehen. Mit groen
verstrten Augen schaute er die Menge der umstehenden Barbaren an.

Pltzlich stie er einen Schrei des Entsetzens aus, strzte hinter sie
und suchte Deckung hinter ihren Leibern. Da sind sie! Da sind sie!
stammelte er, auf die Leibwache des Suffeten weisend, die in ihrer
glnzenden Rstung unbeweglich harrte. Die Pferde, geblendet vom
Scheine der Fackeln, die in der Dunkelheit sprhten, stampften mit den
Hufen. Das menschliche Gespenst wand sich im Krampf am Boden und
heulte:

Sie haben alle erschlagen!

Bei diesen Worten, in balearischer Sprache hervorgestoen, traten die
Balearier nher und erkannten in ihm einen Kameraden namens Zarzas.
Ohne ihnen zu antworten, wiederholte er:

Ja, erschlagen, alle, alle! Zerquetscht wie Trauben! Die schnen
Jungen! Die Schleuderer! Meine Kameraden, meine und eure!

Man flte ihm Wein ein. Er heulte. Endlich fand er Worte.

Spendius vermochte seine Freude kaum zu bezwingen, indes er den
Libyern und Griechen die grauenhaften Dinge verdolmetschte, die Zarzas
berichtete. Er glaubte selbst kaum daran, so gelegen kamen sie ihm.

Die Balearier erbleichten, als sie vernahmen, wie ihre Landsleute
umgekommen waren.

Eine Schar von dreihundert Schleuderern, die erst am Tage vorher
ausgeschifft worden waren, hatte die Stunde des Abmarsches
verschlafen. Als sie auf den Khamonplatz kam, waren die Barbaren schon
ausgerckt, und sie sah sich wehrlos, da ihre Tonkugeln mit dem
brigen Gepck auf die Kamele verladen waren. Man lie sie durch die
Sathebstrae marschieren bis zu dem doppelten, mit Erzplatten
beschlagenen Tore aus Eichenholz. Dort hatte sich das Volk wie ein
Mann auf sie geworfen.

Die Sldner entsannen sich nun, nach ihrem Abmarsch Geschrei vernommen
zu haben. Spendius, der bei der Spitze der Marschkolonne geritten war,
hatte nichts gehrt.

Die Leichen waren in die Arme der Gtterbilder gelegt worden, die um
den Khamontempel herumstanden. Man schob den Ermordeten alle
Verbrechen der Sldner in die Schuhe: ihre Gefrigkeit, ihre
Diebsthle, ihre Freveltaten, ihre bergriffe und den Mord der Fische
im Garten Salambos. Man verstmmelte die toten Leiber auf die
schimpflichste Weise. Die Priester verbrannten das Haar, um die Seelen
zu martern. Schlielich hngte man sie zerstckelt bei den
Fleischhndlern auf. Einige bissen sogar hinein, und am Abend zndete
man Scheiterhaufen an den Straenecken an, um die letzte Spur von
ihnen zu vertilgen.

Das waren die Feuer, die so weithin ber den See geleuchtet hatten! Da
dabei einige Huser in Brand geraten waren, hatte man die Reste der
Toten und Sterbenden flugs ber die Mauern geworfen. Zarzas hatte sich
bis zum nchsten Tage im Schilf am Seeufer verborgen gehalten. Dann
war er auf den Feldern herumgeirrt und den Spuren des Heeres im Sande
gefolgt. Tagsber verbarg er sich in Hhlen; aber abends nahm er
seinen Marsch immer wieder auf, mit blutenden Wunden, ausgehungert und
krank, nur von Wurzeln und Aas genhrt. Eines Tages endlich bemerkte
er Lanzen am Horizont. Willenlos war er gefolgt, denn sein Verstand
war durch Schreck und Not verstrt.

Solange er erzhlte, bezwangen die Soldaten ihre Entrstung. Nun brach
sie wie ein Gewitter los. Am liebsten htten sie die Gardisten samt
dem Suffeten niedergemetzelt. Einige aber legten sich ins Mittel und
sagten, man msse Hanno erst hren, zum mindesten um zu erfahren, ob
sie bezahlt werden sollten. Da schrien alle: Unser Geld! Hanno
erwiderte, er habe es mitgebracht.

Man strzte zum Lager hinaus, und die Kamele mit dem Gepck, von den
Barbaren vorwrts getrieben, gelangten bis in die Mitte des Lagers.
Ohne auf die Sklaven zu warten, ffnete man eiligst die Krbe. Man
fand darin hyazinthenblaue Gewnder, Schwmme, Rasiermesser, Brsten,
Parfmerien und Antimonstifte zum Ummalen der Augen,--alles den
Gardisten gehrig, reichen Leuten, die an solche Luxusdinge gewhnt
waren. Ferner entdeckte man auf einem Kamel eine groe kupferne Wanne.
Sie gehrte dem Suffeten, der unterwegs darin badete. Er hatte fr
sich jedwede Bequemlichkeit vorgesehen und sogar Wiesel aus
Hekatompylos in Kfigen mitgenommen, die man lebendig verbrannte, um
Arznei fr ihn zu bereiten. Und da die Krankheit seine Elust sehr
gesteigert hatte, fhrte er auch eine Menge von Ewaren und Wein mit
sich, Salzlake, Fleisch und Fische in Honig, Eingemachtes aus
Kommagene und geschmolzenes Gnsefett, das mit Schnee und Hcksel
bedeckt war. Die Vorrte waren bedeutend. Mit jedem Korbe, den man
aufmachte, kam etwas Neues zum Vorschein. Die Zuschauer schttelten
sich vor Lachen.

Was den Sold betraf, so fllte er kaum zwei Spartomattenkrbe. In dem
einen erblickte man sogar die runden Lederstcke, deren sich die
Republik zur Ersparnis von Metallgeld bediente. Als der Suffet das
groe Erstaunen der Barbaren darber merkte, erklrte er ihnen, die
Prfung ihrer Rechnungen sei sehr umstndlich. Die Alten htten noch
keine Zeit dazu gehabt. Einstweilen schickten sie ihnen dies.

Da ward alles ber den Haufen gerannt: Maultiere, Diener, Snfte,
Vorrte, Gepck. Die Sldner ergriffen die Geldbeutel, um Hanno damit
zu erschlagen. Mit knapper Not erkletterte er einen Esel und entfloh,
sich an die Mhne klammernd, heulend und weinend, gestoen und
gequetscht, indes er den Fluch aller Gtter auf das Heer herabflehte.
Sein breites Halsgehnge aus Edelsteinen flog ihm um die Ohren. Mit
den Zhnen hielt er seinen zu langen Mantel fest, der hinter ihm
herschleifte. Noch aus der Ferne schrien die Barbaren ihm nach: Pack
dich! Feigling! Schwein! Abschaum Molochs! Schwitze in deinem Gold und
deiner Pest! Fort! Fort! Die Leibwache galoppierte neben ihm her.

Die Wut der Barbaren besnftigte sich nicht. Man entsann sich, da
mehrere von ihnen, die sich wieder nach Karthago gewandt hatten, nicht
zurckgekehrt waren. Ohne Zweifel hatte man auch sie ermordet. So
viele Untaten erbitterten die Sldner. Sie begannen die Zeltpfhle
auszureien, ihre Mntel zu rollen und die Pferde aufzuzumen. Ein
jeder griff nach Helm und Schwert, und im Nu war alles marschbereit.
Wer keine Waffe hatte, eilte in die Gehlze, um sich Knppel zu
schneiden.

Der Tag brach an. Die Einwohner von Sikka erwachten und fllten die
Straen. Sie marschieren gegen Karthago! sagte man, und bald
verbreitete sich dies Gercht durch die ganze Gegend.

Auf jedem Fusteige, aus jedem Hohlwege strmten Menschen herbei. Man
sah die Hirten von den Bergen herabeilen.

Als die Barbaren bereits aufgebrochen waren, kam Spendius auf einem
punischen Hengste von einem Ritt durch die Ebene zurck. Sein Sklave
folgte ihm mit einem dritten Pferde zur Hand.

Ein einziges Zelt war stehen geblieben. Spendius trat hinein.

Auf, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!

Wohin? fragte Matho.

Nach Karthago! rief Spendius.

Matho sprang auf das Pferd, das der Sklave vor der Tr am Zgel hielt.




III

Salambo


Der Mond kam ber dem Saum der See heraus. Noch war die Stadt im
Dunkel. Nur hier und da blinkten leuchtende Punkte und lichte Flecke:
die Deichsel eines Wagens in irgendeinem Hofe, ein aufgehngtes Stck
Leinwand, eine Mauerecke, der goldne Schmuck auf der Brust eines
Gtterbildes. Da und dort funkelten die Glaskugeln auf den
Tempeldchern wie riesige Diamanten, whrend linienlose Gebudeteile,
schwarze Flchen Landes und Baumgruppen in der Dunkelheit noch
massiger und dsterer aussahn. Wo der Stadtteil Malka aufhrte,
spannten sich Fischernetze von einem Hause zum andern, wie ungeheure
Fledermuse mit entfalteten Flgeln. Das Knarren der Rder, die das
Wasser bis in die obersten Stockwerke der Palste trieben, war
verstummt. Auf den Terrassen schlummerten friedlich die Kamele, wie
Straue auf dem Bauche liegend. Die Trhter schliefen auf den Straen
vor den Haustren. ber die menschenleeren Pltze krochen die Schatten
gigantischer Monumente. An verschiedenen Stellen in der Ferne drang
durch die Lcken eherner Dcher die Lohe von Opferfeuern. Der schwle
Seewind trug Bltenduft vermischt mit Meeresgeruch und dem Dunst
sonnendurchglhter Mauern her. Rings um Karthago glitzerte die starre
Meeresflut. Der Mond go sein Licht ber den bergumfriedeten Golf und
ber das Haff von Tunis, auf dessen Sanddnen Flamingos in langen
rosigen Reihen hockten, whrend weiter weg, hinter der Totenstadt, die
groe Salzlagune wie eine Silberplatte glnzte. Das dunkelblaue
Himmelsgewlbe versank auf der einen Seite im Staubnebel der Ebenen,
auf der andern in den Dmpfen des Meeres. Oben auf der Akropolis
wiegten die hohen spitzigen Zypressen, die den Eschmuntempel
umhteten, ihre Wipfel und rauschten genau so monoton wie die Wogen,
die zu Fen der Befestigungen in schwerflliger Regelmigkeit an den
Quadern des langen Hafendammes zerstoben.

Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gesttzt von einer
Sklavin, die in einem eisernen Becken glhende Kohlen trug. Mitten auf
der Terrasse stand ein niedriges Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle
und mit Papageienfedern gefllte Kissen lagen darauf. Diese
weissagenden Vgel waren den Gttern geweiht. ber den vier Ecken
waren die Pfannen angebracht, gefllt mit Spezereien, Narde, Zimt und
Myrrhen. Die Sklavin entzndete das Rucherwerk.

Salambo blickte zum Polarstern auf, grte feierlich die vier
Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen Sande nieder, der--ein
zweiter Himmel--mit goldenen Sternen best war. Sie drckte die
Ellbogen an die Hften, streckte die Unterarme wagerecht vor, ffnete
die Hnde, bog das Haupt zurck, so da ihr das Mondlicht voll ins
Angesicht schien, und sprach:

O Rabbetna ... Baalet ... Tanit! Das klang wie Klagelaute, gedehnt,
wie ein Ruf in die Ferne. Anatis ... Astarte ... Derketo ...
Astoreth ... Mylitta ... Athara ... Elissa ... Tiratha ... In deinen
Symbolen ... in der heiligen Musik ... in den Furchen der cker ... im
ewigen Schweigen ... und in der ewigen Fruchtbarkeit ... Herrin des
dsteren Meeres ... und der blauen Gestade ... o Knigin des Feuchten
... sei mir gegrt!

Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkrper vor und zurck, dann warf
sie sich mit ausgestreckten Armen mit der Stirn in den Sand. Die
Sklavin richtete sie sofort wieder auf, denn glubigem Brauch gem
mute man den Betenden emporheben. Es bedeutete, da die Gtter ihn
erhrten. Salambos Amme versumte diese fromme Pflicht niemals.

Kaufleute aus dem darischen Gtulien hatten Taanach als kleines Kind
nach Karthago gebracht. Selbst nach ihrer Freilassung hatte sie ihre
Herrschaft nicht verlassen, was das weite Loch in ihrem rechten
Ohrlppchen vermeldete. Ihr buntgestreifter Rock, um die Hften von
einem Grtel gehalten, reichte bis zu den Kncheln hinab, an denen je
zwei Zinnringe aneinander klirrten. Ihr etwas plattes Gesicht war gelb
wie ihre Tunika. Auf ihrem Hinterkopfe bildeten berlange silberne
Nadeln eine Sonne. Unter der Nase trug sie einen Korallenknopf. So
stand sie, starr wie eine Bildsule, mit fast geschlossenen Lidern,
neben dem Ruhebett.

Salambo trat an das Gelnder der Terrasse. Einen Augenblick lang
liefen ihre Blicke den Horizont ab, dann senkten sie sich zur
schlummernden Stadt. Sie stie einen Seufzer aus, der ihren Busen
schwellte und das lange weie spangen- und grtellose Schleppgewand
von oben bis unten durchzitterte. Ihre Sandalen mit vorn aufwrts
gebogenen Spitzen verschwanden unter einer Flle von Smaragden, und
ihr loses Haar ward von einem Netz aus Purpurfden zusammengehalten.

Nun hob sie den Kopf wieder und betrachtete den Mond. Indem sie
Brocken aus Hymnen unter ihre Worte mengte, murmelte sie.

Wie leicht und leise wandelst du, aus den Fittichen des ungreifbaren
thers. Um dich herum schlft er. Erst deine Bewegung und dein Gang
wecken die Winde und streuen fruchtbaren Tau aus. Je nachdem du
zunimmst oder ab, werden die Augen der Katzen und die Flecken der
Panther gro oder klein. In Kindesnten schreien die Mtter deinen
Namen. Du lt die Muscheln schwellen, den Wein gren, die Toten zu
Staub zerfallen. Du formst die Perlen im Meeresgrunde.

O Gttin, alle Keime quellen in den dunklen Tiefen deiner Nebel. Wenn
du erscheinst, fliet Frieden in die Welt hinab. Die Blumen schlieen
sich, die Fluten schlummern ein, die mden Menschen strecken sich
nieder, die Brust dir zugewandt, und die Erde mit ihren Meeren und
Gebirgen schaut sich in deinem Antlitz wieder wie in einem Spiegel.
Wei bist du, mild, licht, makellos, hilfreich, beseligend und
heiter!

In diesem Augenblicke stand die Mondsichel ber dem Berge der heien
Wasser, im Sattel zwischen seinen beiden Gipfeln, jenseits des Golfes.
Unter ihr blinzelte ein kleiner Stern, und um sie herum schimmerte
fahler Schein. Salambo fuhr fort:

Doch bist du auch eine grausige Herrin! Durch dich entstehen die
Ungeheuer, die schrecklichen Gespenster, die trgerischen Trume. Dein
Blick nagt an den Steinen der Huser, und die Affen werden krank,
sooft du dich verjngst.

Wohin lufst du? Warum wandelt sich immerfort deine Gestalt? Als
schmale Sichel schwimmst du wie ein Schiff ohne Mast durch den weiten
Weltraum. Htest die Schar der Sterne, wie ein hagerer Schfer seine
Herde. Rund aber und im vollen Glanze gleitest du wie das Rad eines
Wagens ber den Kamm der Berge.

O Tanit, liebst auch du mich? Ich schaue so viel zu dir empor. Nein,
nein! Du gehst deinen Gang im Himmelsblau, und ich bleibe auf der
starren Erde.

Taanach, nimm die Harfe und rhre lind und leise die silberne Saite,
denn mein Herz ist traurig!

Die Sklavin nahm das Nebal, eine Art Harfe aus Ebenholz, hher als sie
selber und dreieckig wie ein Delta, stellte es mit der unteren Spitze
in einen Glasnapf und begann mit beiden Hnden zu spielen.

Die Tne folgten dumpf und ungestm aufeinander wie Bienengesumm.
Allmhlich wurden sie heller und lauter und flohen in die Nacht
hinaus, zu den wimmernden Wogen und den rauschenden hohen Bumen auf
der Kuppe der Akropolis.

Hr auf! rief Salambo.

Was hast du, Herrin? Der weiche Wind, der weiter weht, Wolken, die
schon wieder weg sind, alles bewegt und erregt dich jetzt.

Ich wei es nicht!

Du machst dich matt durch zu viel Beten.

O Taanach, ich mchte in meinem Gebete zerflieen wie der Duft einer
Blume im Wein.

Vielleicht ist der Weihrauch daran schuld?

Nein! sagte Salambo. In den Wohlgerchen wohnen der Gtter Seelen.

Da sprach die Sklavin von Hamilkar. Man glaube, er sei nach dem Lande
des Bernsteins gefahren, ber die Sulen des Melkarth hinaus. Und
wenn er nicht wiederkommt, flsterte sie, dann mut du dir, wie es
sein Wille war, unter den Shnen der Alten einen Gatten whlen. In den
Armen eines Mannes wird dann dein Kummer vergehen.

Wieso?

Die Mnner, die Salambo bisher gesehen, flten ihr allesamt Furcht
ein mit ihrem wilden Lachen und ihren plumpen Gliedern.

Taanach, bisweilen steigt aus der Tiefe meines Wesens heier Hauch
auf, schwler als die Dmpfe eines Vulkans. Stimmen rufen mich. In
meiner Brust rollt und kreist eine Feuerkugel. Ich ringe nach Atem und
vermeine zu sterben. Dann aber durchstrmen se Schauer meinen Leib
vom Kopfe bis zu den Fen. Eine Liebkosung ist's, die mich umfngt.
Ich fhle mich bedrckt, als ob ein Gott sich ber mich legte. Ach,
ich mchte mich verlieren im Nebel der Nchte, in der Flut der
Quellen, im Safte der Bume! Ich mchte meinen Krper verlassen.
Mchte nur noch ein huschender Hauch sein, ein schimmernder Schein,
und aufschweben zu dir, o Mutter!

Sie hob die Arme, so hoch sie konnte, und bog sich zurck. In ihrem
langen Gewande sah sie licht und leicht aus wie die Mondsichel selbst.
Dann sank sie sthnend auf das elfenbeinerne Bett. Taanach legte ihr
eine Bernsteinkette mit Delphinzhnen um den Hals, ein Amulett gegen
die Angst.

Mit fast erloschener Stimme gebot Salambo:

Hol mir Schahabarim!

Ihr Vater hatte weder zugegeben, da sie in den Orden der
Tanitpriesterinnen eintrat, noch da sie mit der volkstmlichen
Auffassung des Kults dieser Gttin bekannt wurde. Er sparte sie fr
irgendein Bndnis auf, das seine politischen Plne frdern sollte.
Darum lebte Salambo einsam im Schlosse. Ihre Mutter war schon lange
tot.

In Klsterlichkeit, unter Fasten und frommen Zeremonien war sie
aufgewachsen, immer umgeben von erlesenen und ernsten Dingen. Ihr
Krper war von Parfmerien durchtrnkt, ihre Seele erfllt von
Gebeten. Nie hatte sie Wein getrunken, nie Fleisch gegessen, nie ein
unheiliges Tier berhrt, nie das Haus eines Toten betreten.

Sie hatte noch keine unzchtigen Gtterbilder gesehen. Jeder Gott kann
sich in verschiedener Gestalt offenbaren, und voneinander ganz
verschiedene Kulte haben oft denselben Grundgedanken. Salambo betete
die Gttin in ihrer Erscheinung als Himmelsgestirn an, und ihr
jungfrulicher Leib stand in seinem Banne. Wenn der Mond abnahm,
fhlte sie sich schwach. Den ganzen Tag ber matt und mde, lebte sie
immer erst abends auf. Whrend einer Mondfinsternis wre sie beinahe
gestorben.

Die eiferschtige Gttin rchte sich fr die ihrem Dienste entzogene
Jungfrauschaft und suchte Salambo mit Anfechtungen heim, die um so
strker waren, je wesenloser sie blieben. Sie wurzelten im Glauben und
wurden durch ihn genhrt. Unaufhrlich ward Hamilkars Tochter von
Tanit beunruhigt. Sie kannte der Gttin Abenteuer, ihre Wanderfahrten
und alle ihre Namen, die ihr fortwhrend ber die Lippen kamen, ohne
da sie damit deutliche Vorstellungen verband. Um in die Tiefe dieses
Kults einzudringen, begehrte sie im Allerheiligsten des Tempels das
altertmliche Gtterbild zu schauen, das den prchtigen Mantel trug,
an dem Karthagos Geschick hing. Der Gottesbegriff wurde von seiner
Verkrperung kaum getrennt. Wer ein Gtterbild berhrte oder auch nur
ansah, raubte dem Gott einen Teil seines Wesens und gewann in gewisser
Weise sogar Macht ber ihn.

Salambo wandte sich um. Sie hatte das Klingen der goldenen Glckchen
vernommen, die Schahabarim am Saume seines Kleides trug. Er kam die
Treppe herauf. Beim Betreten der Terrasse blieb er stehen und kreuzte
die Arme. Seine tiefliegenden Augen glommen wie Lampen in einer Gruft.
Sein linnenes Gewand schlotterte um einen schlanken mageren Krper. Es
war an den Sumen abwechselnd mit Schellen und Smaragdknpfen besetzt.
Schahabarim hatte schwchliche Glieder, einen Kegelkopf und ein
spitzes Kinn. Wer seine Hand anfate, empfand Klte, und sein gelbes
tiefgefurchtes Antlitz sah aus, wie von Sehnsucht und ewigem Kummer
verzerrt.

Das war der Hohepriester der Tanit, Salambos Erzieher.

Sag, was willst du? sprach er sie an.

Ich hoffte ... Hattest du mir nicht versprochen? Sie stockte und
geriet in Verwirrung. Pltzlich aber fuhr sie fort: Warum miachtest
du mich? Hab ich irgendeine fromme Pflicht versumt? Du bist mein
Lehrmeister. Du hast mir gesagt, niemand wte so viel von der Gttin
wie ich. Und doch gibt es noch Dinge, die du mir verheimlichst. Hab
ich recht, Vater?

Schahabarim gedachte der Befehle Hamilkars und erwiderte:

Nein, ich habe dich nichts weiter zu lehren.

Da sagte sie:

Etwas Geheimnisvolles treibt mich zu meiner Verehrung. Ich bin die
Stufen Eschmuns hinaufgestiegen, des Gottes der Planeten und der
denkenden Wesen. Ich habe unter dem goldenen lbaume Melkarths
geschlafen, des Schirmherrn der tyrischen Kolonien. Ich bin durch die
Pforte des Baal Khamon geschritten, des Lichtspenders und Befruchters.
Ich habe den Erdgeistern geopfert, den Gttern der Wlder, der Winde,
der Strme und der Berge. Aber alle sind sie zu fern, zu weit, zu
fremd. Verstehst du mich? Sie dagegen ist mit mir verwoben, sie
erfllt meine Seele, ich erbebe unter inneren Bewegungen. Mir ist's,
als wolle sie sich aus mir herauswinden, um sich von mir loszumachen.
Ich vermeine ihre Stimme zu hren, ihr Angesicht zu schauen. Blitze
blenden mich ... und dann sinke ich zurck in die Finsternis.

Schahabarim schwieg. Salambo sah ihn mit flehentlich bittenden Blicken
an. Endlich gab er ihr einen Wink, die Sklavin wegzuschicken, die
nicht von kanaanitischer Rasse war.

Taanach verschwand. Schahabarim streckte seine Arme gen Himmel und hub
an:

Ehe es noch Gtter gab, herrschte Finsternis, und es wehte ein Hauch,
schwl und trb wie das Bewutsein der Menschen im Traume. Der Hauch
verdichtete sich und erzeugte Gewlk und die Sehnsucht. Und aus der
Sehnsucht und den Wolken entsprang der Urstoff. Das war ein tiefer,
schwarzer, eisiger Sumpf. In ihm keimten fhllose Ungeheuer,
zusammenhangslose Elemente der werdenden Wesen, wie sie auf den Wnden
der Tempel abgebildet sind.

Dann verdichtete sich der Urstoff. Er ward zum Ei. Das zerbarst. Die
eine Hlfte wurde zur Erde, die andere zum Himmelsgewlbe. Sonne,
Mond, Winde und Wolken erschienen, und unter Donner und Blitz die
denkenden Wesen. Eschmun kam in der Sternenwelt auf, Khamon erstrahlte
in der Sonne, Melkarth trieb ihn mit starkem Arm bis hinter Gades
zurck. Die Erdgeister stiegen hinunter in die Vulkane, und Rabbetna
neigte sich gleich einer Amme ber die Welt, und spendete ihr Licht
wie einen Milchstrom, und deckte sie mit der Nacht zu wie mit einem
Mantel ...

Und dann? fragte Salambo.

Er hatte ihr das Geheimnis der Schpfung erzhlt, um sie durch weite
Ausblicke abzulenken. Aber an seinen letzten Worten entzndete sich
das Begehren der Jungfrau von neuem, und Schahabarim fuhr in halbem
Nachgeben fort:

Sie weckt und lenkt die Liebe im Menschen ...

Die Liebe im Menschen ... wiederholte Salambo versonnen.

Der Hohepriester redete weiter:

Sie ist Karthagos Seele. Obgleich sie berall webt und lebt, ist ihre
Heimat hier bei uns unter dem heiligen Mantel.

O Vater! rief Salambo. Ich werde sie schauen, nicht wahr? Du wirst
mich zu ihr fhren! Lange hab ich gezaudert. Das Begehren, sie zu
sehen, verzehrt mich. Erbarmen! Hilf mir! Wir wollen hin zu ihr!

Mit heftiger und hochmtiger Gebrde stie er sie zurck.

Niemals! Weit du nicht, da man dann sterben mu? Die
doppelgeschlechtlichen Gtter entschleiern sich nur uns allein, die
wir Mnner durch den Geist und Weiber durch die Schwche sind. Dein
Begehren ist Gotteslsterung. Begnge dich mit dem, was du kennst!

Salambo sank in die Knie, legte zum Zeichen der Reue die beiden
Zeigefinger an die Ohren und schluchzte, niedergeschmettert durch die
Worte des Priesters. Zorn, Schrecken und Demut erfllten sie
gleichzeitig.

Schahabarim stand vor ihr, hochaufgerichtet, gefhlloser als die
Fliesen der Terrasse. Er blickte auf Salambos Gestalt herab, die
zitternd zu seinen Fen lag, und empfand eine seltsame Freude, weil
er sie fr seine Gottheit, die selbst er nicht ganz zu erfassen
imstande war, so leiden sah.

Schon begannen die Vgel zu singen, kalter Wind wehte, und kleine
Wlkchen jagten ber den erblassenden Himmel.

Da bemerkte der Priester am Horizont hinter Tunis etwas wie einen
leichten Nebelstreifen, der ber das Land hin zu ziehen schien. Eine
Weile spter verwandelte sich dieser Nebel in eine senkrechte Wand von
grauem Staub. Aus den Wirbeln dieser mchtigen Masse tauchten
Kamelkpfe, Lanzen und Schilde auf.

Es war das Heer der Barbaren, das gegen Karthago vormarschierte.




IV

Vor den Mauern von Karthago


Landleute, auf Eseln oder zu Fue, strmten bleich, atemlos und irr
vor Angst in die Stadt. Sie flohen vor dem Heere. In drei Tagen hatte
es den Weg von Sikka zurckgelegt, um Karthago zu berennen und in
Grund und Boden zu zerstren.

Man schlo die Tore. Fast unmittelbar darauf erschienen die Barbaren,
machten jedoch auf der Mitte der Landenge am Haffufer Halt.

Zuerst zeigten sie keine feindlichen Absichten. Mehrere kamen nahe
heran, Palmenzweige in den Hnden. Man trieb sie mit Pfeilschssen
zurck. So gro war die Bestrzung.

Frhmorgens und in der Abenddmmerung patrouillierten Aufklrer vor
den Stadtmauern. Besonders fiel ein kleiner Mann auf, der sorgfltig
in einen Mantel gehllt war und dessen Gesicht unter der tief
herabgezogenen Helmblende verschwand. Stundenlang stand er da und
betrachtete den hohen Bau der Wasserleitung mit solcher
Beharrlichkeit, da er die Karthager offenbar ber seine wahren
Absichten tuschen wollte. Ein andrer begleitete ihn, ein wahrer
Riese, der barhuptig einherging.

Karthago war in der ganzen Breite der Landenge stark befestigt: zuerst
durch einen Graben, dann durch einen Rasenwall und schlielich durch
eine dreiig Ellen hohe zweistckige Quadermauer. Darin befanden sich
Stlle fr dreihundert Elefanten, Rstkammern fr ihre Harnische und
ihr Kettenzeug, dazu Futterbden. Ferner Unterkunftsrume fr
viertausend Pferde samt Sattelzeug und Fourage, sowie Kasernen fr
zwanzigtausend Soldaten mit ihren Rstungen und allem Kriegsgert. Aus
dem zweiten Stockwerk erhoben sich zinnengekrnte Trme, die an der
Auenseite Panzerplatten, an Krampen befestigt, trugen.

Diese erste Befestigungslinie schtzte unmittelbar Malka, das Viertel
der Seeleute und Frber. Masten ragten da, an denen Purpurgewebe
trockneten, whrend aus den flachen Dchern weiter weg Tonfen zum
Sieden der Salzlake rauchten.

Dahinter trmte sich amphitheatralisch die Stadt mit ihren hohen
wrfelfrmigen Husern, die teils aus Steinen, teils aus Holz, Sand,
Rohr, Muschelkalk und Lehm erbaut waren. Die Tempelhaine schimmerten
wie grne Seen in diesem Gebirge bunter Blcke. Die ffentlichen
Pltze bildeten in unregelmigen Abstnden Ebenen darin. Zahllose
Gassen durchschnitten das Husermeer kreuz und quer, von oben bis
unten. Man erkannte die Ringmauern der drei alten Stadtviertel, die
jetzt miteinander verschmolzen waren. Sie ragten hier und dort wie
steile Klippen auf oder dehnten sich in breiten Mauerflchen, halb mit
Blumen berwachsen, geschwrzt und von breiten Ausgustreifen
durchzogen. Durch die klaffenden Lcken liefen Straen, wie Flsse
unter Brcken.

Der Hgel der Akropolis in der Mitte der Byrsa, das heit des
Burgbezirks, verschwand beinahe unter einem Wirrwarr von Bauwerken. Da
standen Tempel mit gewundenen Sulen, die eherne Kapitle und
metallene Ketten trugen, blaugestreifte mrtellose Steinkegel,
kupferne Kuppeldcher, Marmorarchitrave, babylonische Strebepfeiler,
Obelisken, die wie umgekehrte Fackeln mit der Spitze auf dem Boden
ruhten. Vorhallen stieen an Giebel, Voluten kruselten sich zwischen
Sulengngen, Granitmauern schmiegten sich an Ziegelwnde. Das alles
kletterte eins ber das andre und vermengte sich in wunderlicher,
unbegreiflicher Weise. Es kndete vom Wechsel der Zeiten und rief die
halbvergessene Heimat der einzelnen Erbauer wach.

Hinter der Akropolis zog sich durch rtliches Erdreich, mit Grabmlern
besumt, die Strae der Mappalier schnurgerade von der Kste bis zur
Grberstadt. Seitwrts sah man lange Gebude, von Grten umgeben. Das
dritte Stadtviertel, die Neustadt Megara, erstreckte sich bis zur
felsigen Meereskste, ber der sich ein riesiger Leuchtturm erhob,
Nacht fr Nacht sein Licht spendend.

So breitete sich Karthago vor den Blicken der in der Ebene lagernden
Sldner.

Von fern erkannten sie die Marktpltze und Straenkreuzungen. Sie
stritten sich ber die Lage der Tempel. Der Khamontempel gegenber den
Syssitien hatte goldene Dachziegel. Das Heiligtum Melkarths links vom
Eschmuntempel trug Korallenste auf seinem Dache. Weiterhin wlbte
sich zwischen Palmenwipfeln die Kupferkuppel vom Heiligtume Tanits.
Das dstere Haus Molochs stand am Fue der Zisternen nach der Seite
des Leuchtturms hin. Auf den Giebelecken, auf den Zinnen der Mauern,
an den Ecken der Pltze, berall erblickte man Gtterbilder mit
scheulichen Kpfen, riesengro oder untersetzt, mit dicken oder
unnatrlich platten Buchen, offnen Mulern und ausgestreckten Armen,
Gabeln, Ketten oder Speere in den Hnden. Im Hintergrunde der Straen
aber, die durch den schrgen Einblick noch steiler erschienen,
schimmerte das blaue Meer.

Eine lrmende Menge erfllte die Straen vom Morgen bis zum Abend.
Knaben schrien, Schellen schwingend, an den Tren der Bder. Die Buden
mit warmen Getrnken rauchten. Die Luft bebte vom Schlagen der
Ambosse. Auf den Terrassen krhten die weien, der Sonne geweihten
Hhne. In den Tempeln brllten die Opferstiere, die man abwrgte.
Sklaven mit Krben auf den Kpfen eilten dahin, und in der Tiefe der
Sulenhallen tauchte hin und wieder ein Priester auf, in dunklem
Mantel, barfig und mit spitzer Mtze.

Dieser Anblick von Karthago erbitterte die Barbaren. Sie bewunderten
und verabscheuten es. Sie htten es gleichzeitig zerstren und
bewohnen mgen. Was barg dort der Kriegshafen, den eine dreifache
Mauer beschirmte? Und dort ber der Stadt, am Ende von Megara, noch
hher als die Akropolis, da ragte Hamilkars Schlo.

Dorthin richteten sich unverwandt Mathos' Augen. Er kletterte auf
Olbume und beugte sich vor, indem er die Augen mit der Handflche
beschattete. Aber die Grten waren leer, und die rote Tr mit dem
schwarzen Kreuz blieb bestndig geschlossen.

Mehr als zwanzigmal umkreiste er die Wlle und suchte nach einem
Durchla, um einzudringen. Eines Nachts strzte er sich in den Golf
und schwamm drei Stunden lang. Er gelangte bis an das Seetor und
wollte die steile Kste emporklimmen. Er stie sich die Knie blutig
und zerbrach sich die Ngel. Schlielich fiel er zurck ins Meer und
kehrte um.

Seine Ohnmacht erbitterte ihn. Er war eiferschtig auf dieses
Karthago, das Salambo umschlo, wie auf jemanden, der sie leiblich
besessen htte. Seine Erschpfung hrte auf, und tolle fortwhrende
Tatenlust erfllte ihn. Mit glhenden Wangen, sprhenden Augen und
rauher Stimme durchma er raschen Schritts das Lager, oder er sa am
Gestade und putzte sein groes Schwert mit Sand. Oder er scho mit
Pfeilen auf die vorberfliegenden Geier. Sein Herz quoll in wtenden
Worten ber.

La deinem Zorn seinen Lauf wie einem hinstrmenden Streitwagen!
sagte Spendius zu ihm. Schreie, schimpfe, verwste und morde! Derlei
Leid wird nur mit Blut gestillt; und da du deine Liebe nicht sttigen
kannst, so mste deinen Ha. Er wird dich aufrechterhalten!

Matho bernahm wieder den Befehl ber seine Sldner. Er lie sie
schonungslos exerzieren. Man achtete ihn wegen seines Mutes und vor
allem um seiner Kraft willen. Auerdem flte er eine Art mystische
Furcht ein: man glaubte, er rede nachts mit Geistern. Sein Beispiel
ermutigte die andern Hauptleute. Bald war das Heer in guter Zucht. Die
Karthager hrten in ihren Husern die Trompetensignale, die den Dienst
regelten. Nun rckten die Barbaren nher.

Um sie auf der Landenge zu schlagen, htte es zweier Heere bedurft,
die ihnen gleichzeitig in den Rcken htten fallen mssen, nachdem das
eine im Golfe von Utika, das andre am Berge der Heien Wasser gelandet
wre. Aber was sollte Karthago mit nichts als seiner Garde beginnen,
die hchstens sechstausend Mann stark war? Wandten sich die Barbaren
nach Osten, so konnten sie sich mit den Nomaden vereinigen und die
Strae nach Kyrene sowie den Wstenhandel abschneiden. Wandten sie
sich nach Westen, so erhob sich Numidien. Schlielich mute der Mangel
an Lebensmitteln sie frher oder spter zwingen, die Umgegend zu
verwsten wie Heuschreckenschwrme. Die Patrizier zitterten fr ihre
schnen Landsitze, ihre Weingrten und cker.

Hanno schlug grausame und undurchfhrbare Maregeln vor. Man solle auf
den Kopf jedes Barbaren einen hohen Preis setzen oder ihr Lager mit
Hilfe von Schiffen und Geschtzen in Brand stecken. Sein Amtsbruder
Gisgo dagegen drang darauf, da man die Sldner bezahle. Aber die
Alten haten ihn wegen seiner Beliebtheit beim Volke. Sie frchteten
in ihm einen etwaigen Herrscher und bemhten sich, aus Angst vor der
Monarchie, alles zu schwchen, was noch davon bestand oder zu ihr
zurckfhren konnte.

Auerhalb der Festungswerke lebten Menschen andrer Rasse und
unbekannten Ursprungs. Sie jagten Stachelschweine und aen Weichtiere
und Schlangen. In Fallgruben fingen sie lebendige Hynen, die sie des
Abends zu ihrer Belustigung auf den Dnen bei Megara zwischen den
Grabmlern wieder laufen lieen. Ihre Htten aus Schlamm und Schilf
klebten am Hange der Kste wie Schwalbennester. So lebten sie ohne
Regierung und ohne Gtter in den Tag hinein, vllig nackt, wild und
schwchlich zugleich, und seit Jahrhunderten ihrer unreinen Nahrung
wegen vom Volke verachtet. Eines Tages bemerkten die Posten, da sie
smtlich verschwunden waren.

Endlich faten die Mitglieder des Groen Rates einen Entschlu. Sie
gingen ohne Halsketten und Grtel, mit offenen Sandalen ins Lager, wie
zu Nachbarn. Ruhigen Schritts nahten sie, warfen den Hauptleuten Gre
zu und blieben des fteren stehen, um mit den Soldaten zu sprechen.
Sie erklrten, es sei alles beendet, und man wolle ihren Ansprchen
gerecht werden.

Viele unter ihnen sahen zum ersten Male ein Sldnerlager. Statt des
Durcheinanders, das sie vermutet hatten, herrschte berall Ordnung und
bengstigende Stille. Das ganze umschlo ein hoher Rasenwall, der den
Geschossen der Katapulte unbedingt Widerstand zu leisten vermochte.
Die Lagergassen waren mit frischem Wasser besprengt. Durch die
Zelttren erblickte man wilde Augen, die im Dunkeln glhten. Die
Lanzenpyramiden und die aufgehngten Rstungen blendeten wie Spiegel.
Die Karthager sprachen leise miteinander und nahmen sich in acht, da
sie mit ihren langen Mnteln nichts umrissen.

Die Sldner forderten Lebensmittel und verpflichteten sich, sie mit
dem ausstehenden Solde zu bezahlen.

Man sandte ihnen Rinder, Schafe, Perlhhner, getrocknete Frchte und
Lupinen, auch gerucherte Makrelen von jener vortrefflichen Sorte, die
Karthago nach allen Hfen versandte. Doch die Sldner betrachteten das
prchtige Vieh geringschtzig von allen Seiten, und indem sie
herabsetzten, was sie begehrten, boten sie fr einen Widder den Preis
einer Taube, fr drei Ziegen so viel, wie ein Granatapfel wert war.
Die Esser unreiner Speisen warfen sich zu Sachverstndigen auf und
behaupteten, man betrge sie. Dabei fuchtelten sie mit ihren
Schwertern herum und drohten mit Mord und Totschlag.

Bevollmchtigte des Groen Rates buchten die Zahl der Dienstjahre, fr
die man jedem Soldaten den Sold schuldete. Doch es war jetzt unmglich
noch zu wissen, wieviele Sldner man angenommen hatte, und die Alten
waren entsetzt ber die ungeheure Summe, die sie zu bezahlen hatten.
Man war gezwungen, die Silphiumvorrte zu verkaufen und die
Handelsstdte zu besteuern. Die Sldner muten indessen ungeduldig
werden. Schon hatte Tunis mit ihnen paktiert. Die durch Hannos
Wutausbrche und die Vorwrfe seines Amtsgenossen nervs gewordenen
Patrizier legten es deshalb jedem Brger nahe, der zufllig einen der
Barbaren kannte, ihn sofort aufzusuchen und ihm gute Worte zu geben,
damit er wieder freundlich gesinnt wrde. Solches Vertrauen sollte die
Sldner beruhigen.

Kaufleute, Schreiber, Arsenalarbeiter, ganze Familien begaben sich zu
den Barbaren.

Diese lieen alle Karthager ins Lager, aber nur durch einen einzigen
Eingang, der so eng war, da sich vier nebeneinandergehende Mnner mit
den Ellbogen berhrten. Spendius stand an der Schranke und lie alle
genau durchsuchen. Matho, ihm gegenber, musterte die Menge, um
irgendwen wiederzuerkennen, den er um Salambo gesehen hatte.

Das Lager glich einer Stadt, so voll war es von Menschen und Leben.
Die beiden deutlich unterscheidbaren Massen vermengten sich, ohne sich
vllig zu vermischen: die eine in leinenen oder wollenen Gewndern mit
Filzhten, die wie Pinienpfel aussahen, die andere in Panzerkleid und
Helm. Zwischen den Troknechten und Marketendern trieben sich Weiber
von allerhand Rassen umher: wie reife Datteln so braun, wie Oliven so
grnlich, wie Orangen so gelb, von Seeleuten verkauft, in Spelunken
aufgelesen, den Karawanen gestohlen, bei der Plnderung von Stdten
gefangen. Man hetzte sie mit Liebe, solange sie jung waren, und
berhufte sie mit Schlgen, wenn sie alt wurden, bis sie schlielich
auf irgendeinem Rckzuge, mit dem Gepck und den Lasttieren im Stich
gelassen, am Wege starben. Die Frauen der Nomaden gingen wiegenden
Schrittes, in karierten gelbroten langen Kamelhaarrcken.
Lautenspielerinnen aus der Kyrenaika, in violette Gaze gehllt, mit
gemalten Augenbrauen, hockten auf Strohmatten und sangen. Alte
Negerweiber mit Hngebrsten lasen Tiermist auf, den man dann in der
Sonne drrte und zum Feueranmachen benutzte. Die Syrakusanerinnen
trugen Goldplttchen im Haar, die Frauen der Lusitanier
Muschelhalsbnder, die Weiber der Gallier Wolfsfelle ber der weien
Brust. Krftige Kinder, voller Ungeziefer, nackt und unbeschnitten,
rannten den Vorbergehenden mit dem Kopf vor den Leib oder schlichen
sich hinterrcks heran wie junge Tiger, um sie in die Finger zu
beien.

Die Karthager gingen im Lager umher, erstaunt ber die Menge von
Gegenstnden, mit denen es vollgepfropft war. Die Allerrmsten wurden
traurig. Die andern lieen sich ihre Unruhe nicht anmerken.

Die Soldaten klopften ihnen auf die Schultern, um sie aufzuheitern.
Wen immer sie erblickten, den luden sie zu ihren Spielen ein. Beim
Diskoswerfen richteten sie es dann so ein, da dem Aufgeforderten die
Fe zerquetscht wurden, und beim Faustkampfe zerschmetterten sie ihm
beim ersten Gange die Kinnlade. Die Schleuderer schreckten die
Karthager mit ihren Schleudern, die Schlangenbeschwrer mit ihren
Vipern, die Reiter mit ihren Pferden. Die an friedliche
Beschftigungen gewhnten Leute lieen alle Verhhnungen stumm ber
sich ergehen und bemhten sich sogar zu lcheln. Einige, die sich
tapfer zeigen wollten, gaben zu verstehen, da sie Soldaten werden
mchten. Man hie sie Holz spalten und Maultiere striegeln oder
schnallte sie in eine Rstung und rollte sie wie Tonnen durch die
Lagergassen. Wenn sie sich dann zum Aufbruch anschickten, rauften sich
die Sldner unter albernen Verrenkungen die Haare.

Viele hielten nun naiverweise, aus Einfalt oder Aberglauben, alle
Karthager fr steinreich. Sie liefen hinter ihnen her und baten und
bettelten, ihnen etwas zu schenken. Sie begehrten alles, was ihnen
gefiel: Ringe, Grtel, Sandalen, Gewandfransen, alles mgliche, und
wenn der ausgeplnderte Karthager schlielich ausrief: Ich habe
nichts mehr! Was willst du noch so antworteten sie: Dein Weib! oder
auch wohl: Dein Leben!

Die Soldrechnungen wurden den Hauptleuten zugestellt, den Soldaten
vorgelesen und endgltig anerkannt. Nun forderten sie Zelte. Man gab
sie ihnen. Dann verlangten die Offiziere der Griechen eine Anzahl der
schnen Rstungen, die man in Karthago verfertigte. Der Groe Rat
bewilligte Summen zum Ankauf. Es sei recht und billig, behaupteten
sodann die Reiter, da die Republik sie fr ihre eingebten Pferde
entschdige. Der eine behauptete, bei der und jener Belagerung drei,
ein andrer auf dem und jenem Marsche fnf verloren zu haben. Einem
dritten waren beim Passieren des Gebirges vierzehn abgestrzt. Man bot
ihnen Hengste von Hekatompylos an, aber alle zogen Geld vor.

Weiterhin verlangten sie, da man ihnen in bar--in Silbermnzen, nicht
in Ledergeld--alles Getreide bezahlte, das man ihnen noch schuldete,
und zwar zu dem hchsten Preise, den es whrend des Krieges gehabt
hatte, so da sie fr ein Ma Mehl vierhundertmal mehr verlangten, als
sie fr einen ganzen Sack Weizen gegeben hatten. Diese Unredlichkeit
emprte die Karthager; trotzdem muten sie nachgeben.

Danach shnten sich die Bevollmchtigten der Sldner mit den
Abgesandten des Groen Rates aus, wozu sie beim Schutzgeist Karthagos
und bei den Gttern der Barbaren schworen. Unter morgenlndischem
Wortschwall und Gebrdenspiel berboten sie einander in
Entschuldigungen und Schmeicheleien. Dann forderten die Sldner als
Freundschaftsbeweis die Bestrafung der Verrter, die das Heer mit der
Republik veruneinigt htten.

Man tat, als verstnde man sie nicht. Jene erklrten sich etwas
deutlicher, indem sie Hannos Kopf forderten.

Tglich kamen sie mehrere Male aus dem Lager heraus und trieben sich
am Fue der Mauern herum. Sie riefen, man solle ihnen den Kopf des
Suffeten herabwerfen, und breiteten ihre Mntel aus, um ihn
aufzufangen.

Der Groe Rat htte vielleicht auch hierin nachgegeben, wenn nicht ein
letztes Ansinnen gestellt worden wre, unverschmter als alle andern.
Die Sldner forderten nmlich Jungfrauen aus den vornehmsten Husern
zu Gattinnen fr ihre Obersten. Es war dies ein Einfall von Spendius,
den manche ganz einfach und sehr wohl ausfhrbar fanden. Aber die
Anmaung der Barbaren, sich mit punischem Blute vermischen zu wollen,
emprte das karthagische Volk. Man bedeutete ihnen kurz und bndig,
da sie nichts mehr zu empfangen htten. Nun schrien sie, man habe sie
betrogen, und wenn der Sold nicht binnen drei Tagen ankme, wrden sie
nach Karthago kommen und sich ihn selbst holen.

Die Unredlichkeit der Sldner war nicht so gro, wie ihre Feinde
meinten. Hamilkar hatte ihnen tatschlich wiederholt und in
feierlicher, wenn auch unbestimmter Form weitgehende Versprechungen
gemacht. Bei ihrer Landung in Karthago hatten sie deshalb wohl Anla
gehabt zu glauben, man wrde ihnen die Stadt preisgeben, deren Schtze
sie unter sich teilen sollten. Als sie nun aber merkten, da ihnen
kaum der Sold ausgezahlt ward, war dies eine Enttuschung fr ihren
Stolz wie fr ihre Begehrlichkeit.

Hatten Dionys, Pyrrhus, Agathokles und die Generale Alexanders nicht
Beispiele wunderbaren Glcks geliefert? Das Vorbild des Herkules, den
die Kanaaniter der Sonne verglichen, stand allen Soldaten leuchtend
vor Augen. Man dachte daran, da einfache Krieger Kronen errungen
hatten, und der drhnende Sturz groer Reiche verfhrte den Gallier in
seinen Eichenwldern, den thiopier in seinen Sandwsten zu hohen
Trumen. Und es gab ein Volk, das stets bereit war, den Mut anderer
auszunutzen. Der von seinem Stamme ausgestoene Dieb, der auf den
Straen umherirrende Vatermrder, der von den Gttern verfolgte
Tempelschnder, alle Hungrigen und Verzweifelten rangen sich bis zu
dem Hafen durch, wo der punische Werber Sldner aushob. Gewhnlich
hielt Karthago seine Versprechungen. Diesmal jedoch hatte sein
grenzenloser Geiz es zu einem gefhrlichen Wortbruch verleitet. Die
Numidier, die Libyer, ganz Afrika drohte sich gegen die Punier zu
erheben. Nur das Meer war frei. Dort aber stie Karthago mit den
Rmern zusammen. Wie ein von Mrdern berfallener blickte es rings dem
Tod ins Antlitz.

Es mute sich wohl oder bel an Gisgo wenden. Die Barbaren nahmen
seine Vermittlung an. Eines Morgens sahen sie die Ketten des Hafens
sinken, und drei flache Boote fuhren durch den Kanal der Taenia in das
Haff ein.

Am Bug des ersten erblickte man Gisgo. Hinter ihm, hher als ein
Katafalk, stand eine riesige Kiste, mit Ringen versehen, die hngenden
Kronen glichen. Dann tauchte die Schar der Dolmetscher auf, mit
Kopfbedeckungen wie Sphinxe und den Umrissen von Papageien auf die
Brust ttowiert. Freunde und Sklaven folgten, alle ohne Waffen und so
zahlreich, da sie Schulter an Schulter standen. Die drei langen
Barken, bis zum Sinken voll, nahten unter den Beifallrufen des Heeres,
das ihnen entgegensah. Sobald Gisgo landete, liefen die Soldaten ihm
entgegen. Er lie aus Scken eine Art Rednerbhne errichten und
erklrte, er ginge nicht eher fort, als bis sie alle restlos gelhnt
wren.

Ein Beifallssturm brach aus. Gisgo konnte lange nicht wieder zu Worte
kommen. Nunmehr tadelte er die Fehler der Republik und die der
Barbaren. Die Schuld lge an einigen Meuterern, die Karthago durch
ihre Gewaltttigkeit erschreckt htten. Der beste Beweis fr die guten
Absichten der Karthager sei der, da man ihn, den unvershnlichen
Feind des Suffeten Hanno, zu ihnen gesandt habe. Sie sollten die
Republik weder fr so tricht halten, da sie sich tapfere Mnner
verfeinden wolle, noch fr so undankbar, da sie ihre Dienste
verkenne. Darauf schickte er sich an, die Sldner abzulohnen, indem er
mit den Libyern begann. Da sie die Listen fr unrichtig erklrten, so
bediente er sich ihrer nicht.

Sie zogen nach Stmmen geordnet an ihm vorber, indem sie mit
hochgehaltenen Fingern die Zahl ihrer Dienstjahre angaben. Man malte
jedem, der seine Lhnung empfangen, mit grner Farbe ein Zeichen auf
den linken Arm. Schreiber zahlten aus der geffneten Kiste, whrend
andre die gezahlte Summe mit einem Schreibgriffel auf eine Bleiplatte
ritzten.

Einmal trat, schweren Tritts wie ein Stier, ein Mann heran.

Komm einmal zu mir herauf! gebot der Suffet, der einen Betrug
witterte. Wieviel Jahre hast du gedient?

Zwlf! antwortete der Libyer.

Gisgo fuhr ihm mit der Hand unter das Kinn. Die Schuppenketten der
Helme verursachten nmlich nach langem Tragen an dieser Stelle der
Haut Schwielen, die man Johannisbrote nannte, und Johannisbrote
haben, das bedeutete Veteran sein.

Gauner! rief der Suffet. Was dir im Gesicht fehlt, wirst du auf dem
Buckel haben. Er ri dem Manne die Tunika ab und entblte seinen
Rcken, der mit blutigen Striemen bedeckt war. Es war ein Bauer aus
Hippo-Diarrhyt. Hohngelchter erscholl. Er ward enthauptet.

Sobald es Nacht war, weckte Spendius die Libyer und hielt ihnen
folgende Rede:

Wenn die Ligurer, Griechen, Balearier und Italiker abgelohnt sind,
werden sie heimkehren. Ihr aber, ihr bleibt in Afrika, in Stmme
zersplittert und ohne jeglichen Schutz! Dann wird sich die Republik
rchen. Seht euch auf dem Heimwege vor! Traut ihr etwa ihren schnen
Worten? Die beiden Suffeten sind im Einverstndnis! Gisgo hintergeht
euch! Denkt an die Insel der Totenknochen und an Xantipp, den sie auf
einer morschen Galeere nach Sparta zurckgesandt haben!

Was sollen wir tun? fragten sie.

berlegt's euch! entgegnete Spendius.

Die beiden folgenden Tage vergingen mit der Ablhnung der Sldner von
Magdala, Leptis und Hekatompylos. Spendius machte sich an die Gallier
heran.

Man soldet die Libyer ab, dann kommen die Griechen, die Balearier,
die Asiaten und alle andern dran! Ihr aber, die ihr nur wenige seid,
ihr werdet leer ausgehn! Ihr werdet eure Heimat nicht wiedersehn! Ihr
werdet keine Schiffe erhalten! Sie werden euch umbringen, um die
Verpflegung zu sparen!

Die Gallier begaben sich zu dem Suffeten. Autarit, den Gisgo in den
Grten Hamilkars geschlagen hatte, forderte eine Erklrung von ihm.
Aber er wurde von den Sklaven zurckgetrieben und trollte sich mit dem
Schwure, sich zu rchen.

Die Beschwerden und Klagen mehrten sich. Die Hartnckigsten drangen in
das Zelt des Suffeten. Um ihn zu erweichen, ergriffen sie seine Hnde
und ntigten ihn, ihre zahnlosen Mnder, ihre abgemagerten Arme und
ihre Wundmale zu betasten. Die noch keine Lhnung erhalten, gerieten
in Wut, whrend die andern, die ihren Sold empfangen hatten, nun auch
die Entschdigungsgelder fr ihre Pferde forderten. Landstreicher und
vom Heere Ausgestoene legten Rstungen an und behaupteten, man
verge sie. Jeden Augenblick drngten neue Lrmer herbei. Die Zelte
krachten und fielen zusammen. Die zwischen die Lagerwlle eingekeilte
Menge wogte laut tobend von den Toren bis zur Mitte des Lagers hin und
her. Wenn der Tumult zu stark wurde, sttzte Gisgo den Ellbogen auf
seinen elfenbeinernen Marschallstab und richtete seine Blicke hinaus
auf das Meer. Unbeweglich sa er dann da, die Finger in seinen Bart
vergraben.

Zuweilen trat Matho beiseite, um sich mit Spendius zu unterreden. Dann
stellte er sich wieder dem Suffeten gegenber auf, und Gisgo fhlte
fortwhrend seine Blicke wie zwei flammende Brandpfeile auf sich
gerichtet. ber die Menge hinweg riefen sie sich mehrere Male
Schimpfworte zu, verstanden einander aber nicht. Indessen nahm die
Lhnung ihren Fortgang, wobei der Suffet bei allen Hindernissen einen
Ausweg fand.

Die Griechen versuchten, wegen der Verschiedenheit der Mnzen
Schwierigkeiten zu machen. Gisgo gab ihnen derartige Erklrungen, da
sie sich ohne Murren zurckzogen. Die Neger verlangten weie Muscheln,
wie sie im Innern Afrikas im Verkehr blich waren. Der Suffet erbot
sich, deren aus Karthago holen zu lassen. Darauf nahmen sie Silbergeld
an wie die anderen.

Den Baleariern hatte man nun etwas Besonderes zugesichert, nmlich
Frauen. Gisgo erklrte, da man eine ganze Karawane von Jungfrauen fr
sie erwarte, doch der Weg sei weit, und es wrden noch sechs Monde
vergehen. Wenn dann aber die Mdchen wieder in gutem Krperzustand und
reichlich mit Benzoe gesalbt wren, wrde man sie ihnen auf Schiffen
in die balearischen Hfen senden.

Pltzlich sprang Zarzas, wieder schn und krftig, wie ein Gaukler auf
die Schultern seiner Freunde und schrie, auf das Khamontor von
Karthago hinzeigend:

Hast du auch welche fr die Toten bestimmt?

Die Erzplatten, die das Tor von oben bis unten bedeckten, erglhten in
den letzten Sonnenstrahlen. Die Barbaren whnten, einen Blutstreifen
darauf zu erkennen. Sooft Gisgo reden wollte, hub ihr Geschrei von
neuem an. Schlielich verlie er langsamen Schrittes seinen Sitz und
schlo sich in sein Zelt ein.

Als er bei Sonnenaufgang wieder heraustrat, rhrten sich seine
Dolmetscher nicht, die sich vor dem Zelt zur Ruhe hingelegt hatten.
Sie lagen auf dem Rcken, mit starren Augen, heraushngender Zunge und
blauem Gesicht. Weier Schleim entflo ihren Nasen, und ihre Glieder
waren so steif, als ob sie im Nachtfrost erstarrt wren. Jeder trug um
den Hals eine dnne Binsenschnur.

Von nun an brach die Emprung offen aus. Die Ermordung der Balearier,
die Zarzas den Sldnern ins Gedchtnis zurckgerufen hatte, bestrkte
das von Spendius erregte Mitrauen. Man bildete sich ein, die Republik
suche sie noch immer zu tuschen. Man msse ein Ende machen!
Dolmetscher htte man nicht ntig! Zarzas, der sich einen Kranz um den
Kopf geschlungen hatte, sang Kriegslieder. Autarit schwang sein langes
Schwert. Spendius flsterte dem einen ein Wort zu und versah den
andern mit einem Dolche. Die Strksten suchten sich selbst bezahlt zu
machen. Die minder Aufgebrachten forderten, da die Ablhnung
fortgesetzt wrde. Keiner legte mehr die Waffen ab, und der Zorn aller
vereinigte sich gegen Gisgo zu strmischem Hasse.

Etliche wollten fr ihn eintreten. Solange sie Schmhungen ausstieen,
hrte man sie geduldig an. Sobald sie aber das geringste Wort fr ihn
sprachen, wurden sie unverzglich gesteinigt, oder man schlug ihnen
hinterrcks mit einem Sbelhieb den Kopf ab. Die aufgehuften Scke
sahen blutiger aus als ein Opferaltar.

Nach den Mahlzeiten wurden die Sldner entsetzlich, zumal wenn Wein
getrunken worden war. Dieser Genu war in den punischen Heeren bei
Todesstrafe verboten. Man schwenkte die Becher gegen Karthago, um
seiner Manneszucht zu spotten. Dann fiel man ber die Sklaven des
Zahlmeisters her und begann von neuem zu morden. Der Ruf: Steinigt
ihn!--in jeder Sprache verschieden--ward von allen verstanden.

Gisgo wute wohl, da ihn das Vaterland im Stiche lie. Angesichts
aller Undankbarkeit wollte er trotzdem die Ehre Karthagos hochhalten.
Als die Sldner ihn daran erinnerten, da man ihnen Schiffe
versprochen habe, schwur er beim Moloch, sie ihnen auf eigene Kosten
zu liefern. Er ri sein Halsband aus blauen Steinen vom Halse und warf
es in die Menge als Pfand seines Eides.

Nun forderten die Afrikaner Getreide, gem den Versprechungen des
Groen Rates. Gisgo legte amtliche Rechnungen vor, die mit violetter
Tinte auf Lammfelle geschrieben waren. Er verlas alles, was nach
Karthago eingefhrt worden war, Monat fr Monat und Tag fr Tag.

Pltzlich hielt er stieren Blicks inne, als stnde da zwischen den
Ziffern sein Todesurteil.

In der Tat hatten die Alten die Zahlen betrgerisch verkleinert und
das Getreide, das in der Zeit der grten Kriegsnot verkauft worden
war, zu einem so niedrigen Preis angerechnet, da kein vernnftiger
Mensch getuscht werden konnte.

Rede! schrien sie. Lauter! Ha, er sucht nach Lgen, der Feigling!
Aufgepat!

Eine Weile zauderte er. Endlich las er weiter.

Die Sldner ahnten nicht, da man sie betrog, und nahmen die
Rechnungsauszge fr richtig an. Aber der berflu, der in Karthago
geherrscht, versetzte sie in wilde Eifersucht. Sie zertrmmerten die
Sykomorenholzkiste. Sie war zu drei Vierteln leer. Man hatte solche
Summen aus ihr hervorgehen sehn, da man sie fr unerschpflich
gehalten. Gisgo mute Geld in seinem Zelte vergraben haben! Man
strmte die Rednerbhne. Matho war der Anstifter. Als man schrie: Das
Geld! Das Geld! antwortete Gisgo schlielich:

So mag's euer Fhrer euch geben!

Fortan schwieg er und blickte mit den groen gelben Augen seines
langen Gesichtes, das weier war als sein Bart, kaltbltig in den
Tumult. Ein Pfeil, von seinem eigenen Gefieder gehemmt, blieb in des
Suffeten groem goldenen Ohrring hngen, und Blut rann, gleich einem
roten Faden, von der Tiara auf feine Schulter herab.

Auf einen Wink Mathos strzten alle auf Gisgo ein. Er breitete die
Arme aus. Spendius fesselte ihn mit einer Schlinge an den
Handgelenken. Ein andrer warf ihn zu Boden, und er verschwand im
Getmmel der Menge, die ber die Scke strmte.

Man plnderte sein Zelt. Nur die zum Leben unentbehrlichsten
Gegenstnde fand man darin, und spter, bei genauerem Suchen, noch
drei Bilder der Tanit und, in Affenhaut gewickelt, einen schwarzen
Stein, der vom Monde heruntergefallen sein sollte.

Eine Anzahl Karthager hatten Gisgo freiwillig begleitet, angesehene
vornehme Mnner, smtlich zur Kriegspartei gehrig. Man ri sie aus
den Zelten und warf sie kopfber in die Latrinen. Mit eisernen Ketten,
die man um ihren Leib schlang, wurden sie an starke Pfhle gefesselt.
Nahrung reichte man ihnen auf den Spitzen von Wurfspieen.

Autarit, der sie bewachte, berschttete sie mit Schimpfworten. Da sie
aber seine Sprache nicht verstanden, antworteten sie nicht. Von Zeit
zu Zeit warf er ihnen Steine ins Gesicht, damit sie schreien sollten.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Tage ergriff eine Art Erschpfung das Heer. Jetzt, da der
Zorn verraucht war, stellten sich Angst und Sorge ein. Matho litt an
namenloser Traurigkeit. Ihm war, als habe er Salambo mittelbar
beleidigt. Die gefangenen Patrizier waren ihm gleichsam ein Zubehr zu
ihrer Person. Er setzte sich des Nachts an den Rand ihrer Grube und
fand im Wimmern dort unten etwas von der Stimme wieder, die sein Herz
erfllte.

Inzwischen klagten alle die Libyer an, die allein bezahlt worden
waren. Aber whrend die nationalen Gegenstze und der persnliche Ha
erwachten, fhlte man auch die Gefahr, die darin lag, diesen
Leidenschaften nachzugeben. Die Vergeltung fr den Vorfall mute
furchtbar ausfallen. Folglich galt es, der Rache Karthagos
zuvorzukommen. Die Beratungen und ffentlichen Reden nahmen kein Ende.
Jeder sprach, keiner hrte zu, und Spendius, der sonst so gesprchig
war, schttelte zu allen Vorschlgen den Kopf.

Eines Abends fragte er Matho beilufig, ob es keine Quellen in der
Stadt gbe.

Nicht eine! antwortete der.

Am nchsten Morgen fhrte ihn Spendius zum Seeufer.

Herr! begann der ehemalige Sklave. Wenn dein Herz unerschrocken
ist, will ich dich nach Karthago hineinfhren.

Auf welche Weise? fragte der andere, nach Atem ringend.

Schwre mir, allen meinen Befehlen nachzukommen und mir wie ein
Schatten zu folgen!

Matho erhob den Arm gegen den Mond und rief:

Bei der Tanit, ich schwr es dir!

Spendius fuhr fort:

Erwarte mich morgen nach Sonnenuntergang am Fue der Wasserleitung,
zwischen dem neunten und zehnten Bogen. Bring eine eiserne Hacke,
einen Helm ohne Federbusch und ein paar Ledersandalen mit!

Der Aqudukt, von dem er sprach, ein bedeutendes Bauwerk, das von den
Rmern spter noch vergrert wurde, lief schrg ber die ganze
Landenge hin. Auf drei bereinandergebauten mchtigen Bogenreihen, mit
Strebepfeilern an den Basen und Lwenkpfen an den Scheiteln, fhrte
er bis zum westlichen Teil der Akropolis hin und senkte sich dann zur
Stadt hinab, um die Zisternen von Megara mit einer stromhnlichen
Wassermenge zu versehen.

Spendius traf Matho zur verabredeten Stunde. Er knpfte alsbald eine
Art Harpune an das Ende eines Seiles und lie dies rasch wie eine
Schleuder schwirren. Der eiserne Haken blieb an der Mauer haften, und
nun begannen sie, hintereinander emporzuklimmen.

Als sie das erste Gescho erreicht hatten, fiel der Haken bei jedem
Wurfe wieder zurck. Bis sie eine geeignete Stelle entdeckten, muten
sie um die Pfeiler herum auf dem Sims gehen, den sie bei jeder hheren
Bogenreihe immer schmaler fanden. Nach und nach dehnte sich das Seil.
Mehrere Male wre es beinahe gerissen.

Endlich waren sie auf der obersten Plattform. Spendius bckte sich von
Zeit zu Zeit, um den Steinbelag mit der Hand zu betasten.

Hier geht's! sagte er. Fangen wir hier an! Und indem sie sich
beide gegen den Spie stemmten, den Matho mitgebracht hatte, gelang es
ihnen, eine der Steinplatten zu lockern.

In der Ferne bemerkten sie einen Trupp von Reitern, die auf zgellosen
Pferden dahingaloppierten. Ihre goldenen Armreifen tanzten ber den
undeutlichen Falten ihrer Mntel. Voran ritt ein Mann mit einer Krone
von Strauenfedern auf dem Kopf, in jeder Hand eine Lanze.

Naravas! rief Matho.

Was kmmert uns der? entgegnete Spendius und sprang in das Loch, das
durch das Aufheben der Platte entstanden war.

Seiner Weisung gem versuchte auch Matho einen der Steinblcke zu
lockern. Aber er hatte keine Ellbogenfreiheit.

Es wird auch so gehen! meinte Spendius. Geh voran!

Damit wagten sie sich in das Innere der Leitung.

Das Wasser ging ihnen bis an den Bauch. Bald aber gerieten sie ins
Schwanken und muten schwimmen. Dabei stieen sie mit den Hnden und
Fen gegen die Wnde des allzu engen Kanals, in dem das Wasser fast
unmittelbar unter den Deckplatten hinflo. Sie rissen sich das Gesicht
auf. Die Strmung trug sie fort ... Eine Luft, schwerer als im Grabe,
lastete auf ihrer Brust. Die Arme vor den Kopf haltend, die Knie
geschlossen, sich so lang streckend, wie sie irgend konnten, schossen
sie pfeilschnell durch die Dunkelheit dahin, halb erstickt, rchelnd
und dem Tode nahe. Pltzlich ward es stockfinster vor ihnen, und die
Strmung wurde reiend. Die beiden Mnner gerieten in das Geflle ...

Als sie wieder an die Oberflche der Flut kamen, lieen sie sich
einige Minuten treiben und sogen mit Wohlbehagen die Luft ein.
Bogenreihen, eine hinter der andern, ffneten sich in der Mitte
mchtiger Mauern, die den Raum in einzelne Becken zerlegten. Alle
waren gefllt, und das Wasser in den Zisternen bildete eine einzige
Flche. Durch die Luftlcher in den Deckenwlbungen fiel bleicher
Schein, der Lichtscheiben auf die Flut warf. Der Schatten ringsum, der
sich nach den Wnden zu verdichtete, lie diese ins unbestimmte
zurcktreten. Das geringste Gerusch erweckte lauten Widerhall.

Spendius und Matho begannen abermals zu schwimmen. Durch die
Bogenffnungen gelangten sie von einem Becken immer in das nchste.
Auf beiden Seiten lief noch je eine parallele Reihe kleinerer Becken
hin. Die Schwimmer verirrten sich, kehrten um und kamen an dieselbe
Stelle zurck. Endlich fhlten sie festen Boden unter den Fen. Es
war das Pflaster der Galerie, die um die Zisternen herumlief.

Mit groer Vorsicht weiterschreitend, tasteten sie das Mauerwerk ab,
um einen Ausgang zu finden. Aber ihre Fe glitten ab, und sie
strzten wieder in das tiefe Becken. Sie kletterten von neuem empor
und fielen abermals zurck. Eine furchtbare Ermdung berkam sie, als
ob ihre Glieder sich beim Schwimmen im Wasser aufgelst htten. Die
Augen fielen ihnen zu. Sie kmpften mit dem Tode.

Da stie Spendius mit der Hand gegen die Stbe eines Gitters. Beide
rttelten daran. Es gab nach, und sie befanden sich auf den Stufen
einer Treppe. Oben kamen sie vor eine verschlossene Bronzetr. Mit der
Spitze eines Dolches schoben sie den Riegel zurck, der sich nur von
auen ffnen lie, und pltzlich umfing sie die frische freie Luft.

Die Nacht war still. Der Himmel verlor sich in unendlicher Tiefe. Hier
und da ragten Baumgruppen ber die langen Mauerlinien hinweg. Die
Stadt lag im Schlummer. Die Wachtfeuer der Vorposten glnzten wie
herabgefallene Sterne.

Spendius, der drei Jahre im Kerker verbracht hatte, kannte die
Stadtviertel nur ungenau. Matho meinte, um zum Palaste Hamilkars zu
gelangen, msse man sich nach links wenden und die Strae der
Mappalier berschreiten.

Nein! sagte Spendius. Fhre mich zum Tempel der Tanit!

Matho wollte widersprechen.

Denke daran! unterbrach ihn der ehemalige Sklave, indem er den Arm
erhob und nach dem Monde wies, der am Himmel glnzte.

Da wandte sich Matho schweigend gegen die Akropolis.

Sie schlichen sich an den Kaktushecken hin, die die Wege einfaten.
Das Wasser rann von ihren Leibern in den Staub. Ihre feuchten Sandalen
verursachten kein Gerusch. Spendius suchte mit seinen Augen, die wie
Fackeln glhten, bei jedem Schritt die Gebsche ab. Er ging hinter
Matho, die Hnde an den beiden Dolchen, die er unter den Armen trug
und die ihm, an einem Lederriemen befestigt, von den Schultern
herabhingen.




V

Tanit


Als sie die Grten durchschritten hatten, sahen sie sich durch die
Mauer zwischen Megara und der Altstadt am Weitergehn gehindert. Da
entdeckten sie einen schmalen Durchla in dem gewaltigen Mauerwerk und
kamen hindurch.

Der Boden senkte sich und bildete eine groe Mulde. Sie schritten ber
einen freien Platz.

Hre mich einmal an, sagte Spendius, und vor allem frchte
nichts! ... Ich werde mein Versprechen erfllen!

Er unterbrach sich und nahm eine nachdenkliche Miene an. Offenbar
suchte er nach Worten. Entsinnst du dich noch, wie ich dir damals auf
Salambos Terrasse bei Sonnenaufgang Karthago gezeigt habe? An jenem
Tage waren wir stark, doch du wolltest von nichts hren. Und mit
feierlicher Stimme fuhr er fort: Herr, im Heiligtum der Tanit
befindet sich ein geheimnisvoller Mantel, der vom Himmel gefallen ist
und die Gttin umhllt.

Ich wei es, entgegnete Matho.

Er ist heilig, sprach Spendius weiter, denn er ist ein Teil der
Gttin. Die Gtter wohnen, wo ihr Abbild weilt. Karthago ist mchtig,
weil es diesen Mantel besitzt. Er trat dicht an Matho heran. Ich
habe dich hierhergefhrt, damit wir ihn zusammen rauben!

Der Libyer prallte vor Entsetzen zurck.

Geh! Such dir jemand andern! Ich will dir bei solch einem
abscheulichen Frevel nicht helfen!

Tanit ist deine Feindin! erwiderte Spendius. Sie verfolgt dich, und
du stirbst an ihrem Zorn. Rche dich! Sie soll dir untertan werden! Du
wirst fast unsterblich und unberwindbar sein!

Matho senkte das Haupt. Spendius fuhr fort:

Wir mssen unterliegen. Das Heer wird sich aufreiben. Wir haben weder
Flucht, noch Beistand, noch Vergebung zu erhoffen! Welche Strafe der
Gtter brauchst du aber zu frchten, wenn du ihre Kraft selber in den
Hnden hltst? Willst du lieber am Abend nach einer Niederlage elend
im Busch verrecken oder unter den Hohnrufen des Pbels auf einem
Scheiterhaufen umkommen? Herr, eines Tages wirst du in Karthago
einziehen, von den Priestern umringt, die deine Sandalen kssen! Und
wenn dich dann noch der Mantel der Tanit bengstigt, dann magst du ihn
in ihren Tempel zurcktragen. Komm, wir rauben ihn!

Glhende Gelste verzehrten Matho. Er htte den Mantel besitzen mgen,
doch ohne Tempelraub zu begehen. Er berlegte sich, ob er das
Heiligtum wirklich rauben msse, um sich dessen Kraft anzueignen. Er
spann seinen Gedanken nicht zu Ende, sondern blieb an dem Punkte
stehen, wo er davor erschrak.

Gehen wir! sagte er. Und sie entfernten sich beide raschen Schritts,
Seite an Seite, ohne zu sprechen.

Der Boden stieg an. Die Huser wurden immer zahlreicher. Die beiden
Mnner kamen in enge Gassen, die in tiefem Dunkel lagen. Die
geflochtenen Matten, mit denen die Tren verhngt waren, schlugen
gegen die Wnde. Auf einem Platze lagen kauende Kamele vor Haufen von
Heu. Dann gingen sie durch eine Allee buschiger Bume. Ein Rudel Hunde
bellte sie an. Pltzlich weitete sich die Aussicht, und sie erblickten
die Westseite der Akropolis. Am Fue des Burgberges dehnte sich eine
lange dstere Masse: das war der Tempel der Tanit, ein Gewirr von
Gebuden, Grten, Hfen und Vorhfen, von einer niedrigen Mauer aus
groben Steinen umgrenzt. Spendius und Matho kletterten darber.

Die erste Einfriedigung umschlo einen Platanenhain, der zum Schutz gegen
die Pest und gegen verunreinigte Luft angelegt war. Hier und da standen
Zelte, in denen man bei Tage allerlei feilbot: Enthaarungsmittel,
Wohlgerche, Kleider, mondfrmige Kuchen, Bilder der Gttin und
Abbildungen des Tempels, auf Alabasterstcke eingeritzt.

Sie hatten nichts zu frchten, denn in den Nchten, wo der Mond nicht
schien, fanden keine Gottesdienste statt. Trotzdem verlangsamte Matho
seine Schritte, und vor den drei Ebenholzstufen, die in die zweite
Umzunung fhrten, blieb er stehen.

Weiter! ermunterte ihn Spendius.

Granat- und Mandelbume, Zypressen und Myrten, alle unbeweglich, wie
aus Erz gegossen, wechselten regelmig miteinander ab. Der blaue Kies
des Weges knirschte unter den Tritten. Den langen Baumgang berdeckte
ein Laubendach, von dem allberall blhende Rosen herabhingen. Sie
kamen vor ein eirundes Becken, ber dem ein Gitter lag. Matho, den die
Stille bedrckte, sagte zu Spendius:

Hier wird Swasser mit salzigem vermischt.

Das habe ich alles bereits in Syrien gesehen, bemerkte der ehemalige
Sklave, in der Stadt Maphug!

Auf einer sechsstufigen Silbertreppe stiegen sie nunmehr hinauf in die
dritte Einzunung.

In der Mitte stand eine riesige Zeder. Ihre unteren Zweige waren ber
und ber mit Bndern und Halsketten behngt,--von den Glubigen
dargebracht. Nach ein paar weiteren Schritten erhob sich vor ihnen die
Tempelfassade.

Von einem viereckigen Mittelturme, auf dessen Plattform der Halbmond
ragte, liefen zwei lange Sulengnge aus, deren Architrave auf dicken
Pfeilern ruhten. ber den Enden der Gnge und an den vier Ecken des
Turmes flammte in Schalen Rucherwerk. Die Sulenkapitle waren mit
Granaten und Koloquinten geschmckt. An den Wnden wechselten
Manderbnder, Rauten und Perlstbe miteinander ab, und ein Zaun aus
Silberfiligran bildete einen weiten Halbkreis vor der ehernen Treppe,
die von der Vorhalle abwrts fhrte.

Am Eingange stand zwischen einer goldnen und einer smaragdnen Stele
ein Steinkegel. Matho kte sich beim Vorbeigehen die rechte Hand.

Das erste Gemach war sehr hoch. Zahllose ffnungen durchbrachen die
Decke, so da man beim Aufsehen die Sterne erblickte. Ringsum an den
Wnden standen Rohrkrbe, mit Brten und Haaren angefllt, den
Erstlingsopfern junger Leute; und in der Mitte des kreisrunden Saales
wuchs aus einem mit Brsten verzierten Sockel ein weiblicher Krper
hervor. Das dicke brtige Gesicht hatte halbgeschlossene Augen und
einen lchelnden Ausdruck. Die Hnde lagen gefaltet auf dem Schoe des
dicken Leibes, den die Ksse der Menge poliert hatten.

Dann kamen die beiden wieder ins Freie, in einen unbedeckten Quergang,
in dem ein Miniaturaltar an einer Elfenbeintr stand. Hier war der
Gang zu Ende. Nur die Priester durften die Tr ffnen, denn ein Tempel
war kein Versammlungsort fr die Menge, sondern die gesonderte Wohnung
einer Gottheit.

Die Sache ist unausfhrbar! sagte Matho. Daran hast du nicht
gedacht! Wir wollen umkehren!

Spendius betrachtete prfend die Mauern. Er wollte den Mantel haben!
Nicht, weil er der Zauberkraft vertraute--Spendius glaubte nur an
Orakel--, sondern weil er berzeugt war, da die Karthager, seiner
beraubt, tief entmutigt sein wrden. Um irgendeinen Eingang zu finden,
schlichen sie hinten um den Tempel herum.

Unter Terpentinbumen erblickte man kleine Kapellen in verschiedener
Bauart. Hier und da ragte ein steinerner Phallus empor. Groe Hirsche
streiften friedlich umher und brachten mit ihren gespaltenen Hufen
abgefallene Pinienpfel ins Rollen.

Die beiden kehrten um und kamen zwischen zwei lange Galerien, die
nebeneinander herliefen. Sie enthielten Reihen kleiner Zellen. An den
Zedernholzsulen hingen von oben bis unten Tamburins und Zimbeln. Vor
den Zellen schliefen Frauen, auf Matten hingestreckt. Ihre Leiber
trieften von Salben und dufteten nach Spezereien und Weihrauch. Sie
waren mit Ttowierungen, Halsbndern, Ringen, Zinnober- und
Antimonmalereien derart bedeckt, da man sie ohne die Atmungsbewegungen
ihrer Brste fr Gtzenbilder gehalten htte, die da auf der Erde
lagen. In einem von Lotosblumen umwachsenen Springbrunnen schwammen
Fische. Weiter hinten, an der Tempelmauer, glnzte ein Weinstock mit
glsernen Reben und Trauben aus Smaragd. Der spielende Widerschein der
Edelsteine tanzte durch die bunten Sulen und ber die Gesichter der
Schlferinnen.

Matho erstickte fast in dem schwlen Dunst, den die Zedernholzwnde
ausatmeten. Alle die Symbole der Befruchtung, die Wohlgerche, das
Spiel der Lichter, die Atemgerusche beklemmten ihn. Er dachte bei all
diesem mystischen Gaukelwerk an Salambo. Sie war fr ihn eins mit der
Gottheit selbst, und seine Liebe sog daraus neue Nahrung, wie die
groen Lotosblumen, die aus der Tiefe des Wassers emporwuchsen.

Spendius berechnete, welche Geldsummen er ehedem beim Verkauf von so
vielen Frauen wie diese hier verdient htte, und mit raschem Blick
schtzte er im Vorbergehen die goldnen Halsbnder ab.

Der Tempel war auf dieser Seite ebenso unzugnglich wie aus der
andern. Sie kehrten wieder zurck in den unbedeckten Gang. Whrend
Spendius suchte und sphte, hatte sich Matho vor der elfenbeinernen
Tr niedergeworfen und betete zu Tanit. Er flehte sie an, den
Tempelraub nicht zuzulassen, und suchte sie mit Schmeichelworten zu
besnftigen, wie man sie an einen Erzrnten zu richten pflegt.

Da entdeckte Spendius ber der Tr eine enge ffnung. Steh auf!
sagte er zu Matho und hie ihn sich mit dem Rcken an die Wand
stellen. Dann setzte er einen Fu auf Mathos Hnde, den andern auf
seinen Kopf, gelangte dadurch an das Luftloch, schlpfte hinein und
verschwand. Einen Moment spter fhlte Matho auf seine Schulter den
mit Knoten versehenen Strick fallen, den Spendius sich um den Leib
gewickelt hatte, ehe sie sich in die Zisternen gewagt. Der Libyer
klomm mit beiden Hnden daran empor, und bald sah er sich an der Seite
seines Gefhrten in einer weiten dunklen Halle.

Ein derartiger Tempeleinbruch war etwas ganz Ungewhnliches. Die
Unzulnglichkeit der Schutzvorrichtungen zeigte allein schon, da man
damit berhaupt nicht rechnete. Furcht schtzt Tempel besser als alle
Mauern. Matho war bei jedem Schritt auf seinen Tod gefat.

Ein Lichtschein schimmerte matt aus dem Dunkel heraus. Die beiden
gingen darauf zu. Es war ein brennendes Lmpchen in einer Muschel vor
dem Sockel eines Standbildes, dessen Haupt eine Kabirenkappe trug. Das
lange blaue Gewand war mit kleinen Mondscheiben aus Brillanten
berst. Die Fe waren an Ketten befestigt, die in die Steinfliesen
eingelassen waren. Matho unterdrckte einen Schrei. Ah, hier! Tanit!
stammelte er. Spendius nahm das Lmpchen, um damit zu leuchten.

Wie gottlos du bist! murmelte Matho. Trotzdem folgte er ihm.

Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als ein schwarzes
Wandgemlde, das eine Frau darstellte. Die Beine liefen an der einen
Wand empor, und der Leib reichte ber die Decke hinweg. Vom Nabel hing
an einer Schnur ein riesiges Ei herab. An der andern Wand neigte sich
der Krper hinab, mit dem Kopfe nach unten, so da die Fingerspitzen
den Steinboden berhrten.

Um weiterzugelangen, schlugen sie einen hngenden Teppich zurck. Der
Luftzug blies ihr Licht aus.

Nun irrten sie in den labyrinthischen Rumen des Gebudes umher.
Pltzlich fhlten sie etwas Weiches unter ihren Fen. Funken
knisterten und sprhten. Sie schritten wie durch Feuer. Spendius
betastete den Boden und erkannte, da er kunstfertig mit Luchsfellen
ausgeschlagen war. Dann war es ihnen, als ob ein dickes, kaltes,
feuchtes und klebriges Seil zwischen ihren Beinen hinglitt. Durch
schmale Spalten im Mauerwerk drangen dnne weie Lichtstrahlen. In
diesem Dmmerdunkel schritten sie weiter. Da erkannten sie eine groe
schwarze Schlange. Sie scho schnell vorbei und verschwand.

Hinweg! schrie Matho. Da ist sie ... ich fhl es ... sie kommt!

Ach was! entgegnete Spendius. Sie ist nicht mehr hier!

Blendendes Licht zwang sie jetzt, die Augen niederzuschlagen. Dann
erblickten sie rings an den Wnden eine Unmenge von Tierkarikaturen
mit erhobenen Tatzen, die sich in geheimnisvollem, frchterlichem
Wirrwarr durcheinander drngten: Schlangen mit Fen, geflgelte
Stiere, Fische mit Menschenhuptern, die Frchte verzehrten,
Krokodile, aus deren Rachen Blumen sprossen, und Elefanten mit
erhobenem Rssel, die khn wie stolze Adler durch die blaue Luft
schwebten. In grlicher Kraftentfaltung reckten alle ihre
unvollstndigen oder verdoppelten Glieder, und auf ihren
hervorschieenden Zungen schienen sie ihre Seele ausspeien zu wollen.
Alle Formen und Gestalten waren hier dargestellt, just als wre die
Bchse der Urkeime pltzlich geborsten und htte sich ber die Wnde
dieser Halle ergossen.

Zwlf Kugeln aus blauem Kristall standen im Kreise an den Wnden, von
Ungeheuern in Tigergestalt getragen. Ihre Augen quollen weit vor, wie
die der Schnecken. Ihre stmmigen Leiber krmmten sich, und ihre Kpfe
wandten sich dem Hintergrunde zu, wo auf einem zweirdrigen
Elfenbeinwagen die gttliche Astarte thronte, die Allbefruchterin, die
zuletzt Erschaffene.

Von den Fen bis zum Bauche war ihr Leib mit Fischschuppen, Federn,
Blumen und Vgeln bedeckt. Als Ohrgehnge trug sie silberne Zimbeln,
die ihre Wangen berhrten. Ihre groen Augen blickten starr, und auf
ihrer Stirn glnzte, in ein unzchtiges Symbol gefat, ein leuchtender
Stein, der den ganzen Saal erhellte und ber der Tr in roten
Kupferspiegeln widerstrahlte.

Als Matho auf eine Steinfliese trat, gab sie unter seinen Fen nach,
und pltzlich begannen die Kugeln sich zu drehen, die Ungeheuer zu
brllen. Dazu erklang Musik, eine Melodie, rauschend wie die Harmonie
der Sphren: Tanits wilde Seele brauste durch den Raum. Matho hatte
das Gefhl, als erhebe sie sich, als sei sie hoch wie die Halle, als
breite sie die Arme aus. Pltzlich schlossen die Ungeheuer ihre
Rachen, und die Kristallkugeln standen wieder still.

Eine Zeitlang klangen noch unheimliche Tne durch die Luft, bis sie
endlich verhallten.

Und der Mantel? fragte Spendius.

Er war nirgends zu erblicken. Wo war er? Wie sollte man ihn finden?
Wenn ihn die Priester nun versteckt hatten? Matho empfand einen Stich
durch das Herz. Er kam sich wie genarrt vor.

Hierher! flsterte Spendius. Eine Eingebung leitete ihn. Er zog
Matho hinter den Wagen der Tanit, wo eine Spalte, eine Elle breit, die
Mauer von oben bis unten durchschnitt.

Sie drangen in einen kleinen kreisrunden Saal, der so hoch war, da
man das Gefhl hatte, sich im Innern einer Sule zu befinden. In der
Mitte schimmerte ein groer schwarzer Stein, halbkreisfrmig wie ein
Sessel. ber ihm loderte ein Feuer. Hinter ihm ragte ein kegelartiges
Stck Ebenholz empor, mit einem Kopf und zwei Armen.

Dahinter hing etwas wie eine Wolke, in der Sterne funkelten. Aus
tiefen Falten leuchteten Figuren hervor: Eschmun mit den Erdgeistern,
wiederum einige Ungeheuer, die heiligen Tiere der Babylonier und
andre, die den beiden unbekannt waren. Das Ganze breitete sich wie ein
Mantel unter dem Antlitz des Gtzenbildes aus. Die langen Enden waren
an der Wand hochgezogen und mit den Zipfeln daran befestigt. Es
schillerte blau wie die Nacht, gelb wie das Morgenrot, purpurrot wie
die Sonne. Es war ber und ber bestickt, durchsichtig, lichtfunkelnd
und duftig. Das war der Mantel der Gttin, der heilige Zaimph, den
kein Mensch anschauen durfte.

Sie erbleichten beide.

Nimm ihn! gebot Matho endlich.

Spendius zauderte nicht. Auf das Gtzenbild gesttzt, machte er den
Mantel los, der zu Boden glitt. Matho hob ihn auf. Dann steckte er
seinen Kopf durch den Halsausschnitt und breitete die Arme aus, um das
Gewebe besser zu betrachten.

Fort! rief Spendius.

Matho blieb keuchend stehen und starrte auf den Boden.

Pltzlich rief er aus:

Wenn ich jetzt zu ihr ginge? Ich habe keine Furcht mehr vor ihrer
Schnheit! Was vermchte sie gegen mich? Jetzt bin ich mehr als ein
Mensch! Ich knnte durch Flammen schreiten, ber das Meer wandeln!
Begeisterung reit mich fort! Salambo! Salambo! Ich bin dein Herr und
Meister!

Seine Stimme drhnte. Er erschien Spendius hher von Gestalt und wie
verwandelt.

Gerusch von Schritten ward hrbar. Eine Tr ging auf, und ein Mann
erschien, ein Priester mit hoher Mtze. Er ri die Augen weit auf. Ehe
er aber eine Bewegung gemacht, war Spendius auf ihn losgestrzt, hatte
ihn mit beiden Armen umschlungen und ihm seine Dolche in die Seiten
gestoen. Dumpf schlug der Kopf des Ermordeten auf die Fliesen. Dann
standen sie eine Weile ebenso unbeweglich, wie der Tote dalag, und
lauschten. Man vernahm nichts als des Windes Stimme durch die offene
Tr.

Sie fhrte auf einen engen Gang. Spendius betrat ihn. Matho folgte.
Sie befanden sich fast unmittelbar an der dritten Umwallung, zwischen
den Seitenhallen, in denen die Priesterwohnungen waren.

Hinter den Zellen mute ein krzerer Weg zum Ausgange fhren. Sie
beschleunigten ihre Schritte.

Am Rande des Springbrunnens kniete Spendius nieder und wusch sich das
Blut von den Hnden. Die Frauen schliefen noch. Der smaragdene
Weinstock glnzte. Sie setzten ihren Weg fort.

Unter den Bumen lief jemand hinter ihnen her, und Matho, der den
Mantel trug, fhlte mehrmals, wie jemand von unten ganz sacht daran
zupfte. Es war ein groer Pavian, einer von denen, die im Tempelbezirk
frei herumliefen. Er zog an dem Mantel, als wte er, da es sich um
einen Raub handelte. Sie wagten nicht, ihn zu schlagen, aus Furcht, er
mchte laut schreien. Pltzlich besnftigte sich sein rger, und er
trabte wiegenden Ganges mit seinen langen herabhngenden Armen neben
ihnen her. An der Umfriedung schwang er sich mit einem Satze in einen
Palmbaum.

Als sie die letzte Mauer hinter sich hatten, lenkten sie ihre Schritte
nach dem Schlosse Hamilkars. Spendius begriff, da es erfolglos war,
Matho davon abbringen zu wollen.

Sie gingen durch die Gerberstrae, ber den Muthumbalplatz, den
Gemsemarkt und den Kreuzweg von Kynasyn. An einer Mauerecke fuhr ein
Mann vor ihnen zurck, erschreckt durch den glnzenden Gegenstand, der
die Finsternis durchstrahlte.

Verdeck den Zaimph! riet Spendius.

Andre Leute kreuzten ihren Weg, bemerkten sie aber nicht.

Endlich erkannten sie die Huser von Megara.

Der Leuchtturm auf der uersten Mole erhellte den Himmel weithin mit
rotem Schein, und der Schatten des Palastes mit seinen bereinander
getrmten Terrassen fiel ber die Grten hin wie eine ungeheure
Pyramide. Sie drangen durch die Judendornhecken, indem sie sich mit
ihren Dolchen einen Weg bahnten.

berall sah man noch die Spuren vom Festmahle der Sldner. Zune waren
niedergerissen, Wasserrinnen versiegt, Kerkertren standen offen. In
der Nhe der Kchen und Keller lie sich kein Mensch blicken. Matho
und Spendius wunderten sich ber die Stille, die nichts unterbrach als
hin und wieder das heisere Schnauben der Elefanten, die in ihren
Gehegen auf und ab gingen, und das Prasseln des lohenden Aloefeuers
auf dem Leuchtturm.

Matho wiederholte immer von neuem:

Wo ist sie? Ich will sie sehen. Fhre mich zu ihr!

Es ist Wahnsinn! sagte Spendius. Sie wird schreien. Ihre Sklaven
werden herbeieilen, und trotz deiner Kraft wird man dich
niedermachen.

So gelangten sie zur Galeerentreppe. Matho blickte empor und glaubte
ganz oben einen matten Lichtschimmer zu bemerken. Spendius wollte ihn
zurckhalten, aber der Libyer strmte die Stufen hinauf.

Als er den Ort wiedersah, an dem er Hamilkars Tochter zum ersten Male
erblickt hatte, schwand die ganze inzwischen verflossene Zeit aus
seinem Gedchtnisse. Noch eben hatte Salambo da zwischen den Tischen
gesungen. Eben erst war sie weg ... und seitdem hatte er nichts getan,
war nur die Treppe emporgestiegen ... Der Himmel zu seinen Hupten
flammte in Feuer. Das Meer erfllte den Horizont. Bei jedem Schritt
weitete sich die Unendlichkeit um ihn herum. Er stieg immer hher, mit
der seltsamen Leichtigkeit, die man im Traum empfindet.

Das Knistern des Mantels, der die Steine streifte, erinnerte ihn an
seine neue Macht. Aber im berma seiner Hoffnung wute er jetzt nicht
mehr, was er tun sollte, und diese Unsicherheit machte ihn scheu.

Von Zeit zu Zeit prete er sein Gesicht gegen die viereckigen
Fensterffnungen der verschlossenen Gemcher. In mehreren whnte er
schlafende Menschen zu erkennen.

Das oberste, schmalste Stockwerk bildete gleichsam einen Wrfel auf
der vorletzten Terrasse. Matho umschritt es langsam.

Milchweier Schein glnzte auf dem Marienglas, das die kleinen
ffnungen im Mauerwerk deckte. In ihren regelmigen Abstnden sahen
sie in der Dunkelheit wie Perlenschnre aus. Matho erkannte die rote
Tr mit dem schwarzen Kreuz. Sein Herz pochte heftig. Er htte fliehen
mgen. Er stie gegen die Tr. Sie sprang auf.

Eine Hngelampe in Form eines Schiffes brannte in der Tiefe des
Gemaches, und drei Lichtstrahlen, die dem silbernen Kiel entglitten,
zitterten ber das hohe Getfel, dessen rote Bemalung von schwarzen
Streifen unterbrochen ward. Die Decke bestand aus lauter kleinen
Balken; sie waren vergoldet und mit Amethysten und Topasen geschmckt.
Von der einen Langseite des Gemaches zur andern zog sich ein niedriges
Lager aus weiem Leder hin, und darber ffneten sich in der Wand in
Muschelform gewlbte Nischen, aus denen hier und da ein Gewand bis zum
Boden herabhing.

Eine Onyxstufe umgab ein eifrmiges Badebecken. Am Rande standen ein
Paar zierliche Pantoffeln aus Schlangenhaut und ein Krug aus
Alabaster. Daneben bemerkte man nasse Fuspuren. Kstliche Wohlgerche
erfllten die Luft.

Matho schritt leicht ber die mit Gold, Perlmutter und Glas
ausgelegten Fliesen; aber obgleich er ber polierten Stein hinging,
war es ihm, als ob seine Fe einsnken wie in Sand.

Hinter der silbernen Lampe hatte er ein groes viereckiges
himmelblaues Hngebett erblickt, das an vier emporlaufenden Ketten
frei schwebte. Er schritt mit krummem Rcken und offenem Mund darauf
los.

Flamingoflgel mit Griffen aus schwarzen Korallen lagen zwischen
Purpurkissen, Schildpattkmmen, Zedernholzkstchen und Elfenbeinspateln
umher. An Antilopenhrnern steckten Fingerringe und Armreifen.
Tongefe, die in der Mauerffnung auf einem Rohrgeflecht standen,
khlten im Winde ab. Des fteren stie Matho mit den Fen an, denn der
Fuboden bestand aus Flchen von ungleicher Hhe, die den Raum
gewissermaen in eine Gruppe von Zimmern zerlegten. Im Hintergrunde
umgab ein silbernes Gelnder einen mit Blumen bemalten Teppich. Endlich
gelangte er an das Hngebett, neben dem ein Ebenholzschemel zum
Hinaufsteigen diente.

Der Lichtschein hrte am Bettrand auf. Schatten lag wie ein groer
Vorhang darber. Man konnte nur einen Zipfel der roten Matratze
erkennen und die Spitze eines kleinen bloen Fues, der auf dem
Knchel ruhte. Matho nahm behutsam die Lampe herab.

Salambo schlief. Eine Hand lag an ihrer Wange, den andern Arm hatte
sie ausgestreckt. Ihr Haar umwallte sie in solcher Lockenflle, da
sie auf schwarzen Federn zu ruhen schien. Ihr weites weies Gewand
schmiegte sich in weichen Falten den Biegungen ihres Krpers an und
reichte bis zu den Fen hinab. Unter den halbgeschlossenen Lidern sah
man ein wenig von den Augen. Senkrecht herabfallende Vorhnge hllten
die Schlummernde in bluliche Dmmerung. Ihre Bewegungen beim Atmen
teilten sich den Ketten mit, so da sie in der Luft kaum sichtbar hin
und her schaukelten. Eine groe Stechmcke summte um das Lager.

Matho stand unbeweglich, die silberne Lampe weit vorgestreckt. Da fing
das Mckennetz mit einem Male Feuer. Es verflog. Salambo erwachte.

Die Flamme war von selbst erloschen. Die Erwachte sprach kein Wort.
Die Lampe warf lange, wie Wellen rieselnde Lichtstreifen auf die
Tfelung.

Was ist das? fragte Salambo.

Der Mantel der Gttin!

Der Mantel der Gttin! rief sie aus.

Und auf beide Hnde gesttzt, neigte sie sich ber den Rand ihres
Lagers. Sie bebte am ganzen Leibe.

Ich habe ihn fr dich aus dem Allerheiligsten geholt! fuhr er fort.
Schau!

Der Zaimph funkelte wie ein Strahlenmeer.

Entsinnst du dich? fragte Matho. Nachts erschienst du mir im
Traume, doch ich erriet den stummen Befehl deiner Augen nicht! Sie
setzte einen Fu auf den Ebenholzschemel. Htte ich ihn verstanden,
so wre ich herbeigeeilt. Ich htte das Heer verlassen und wre nicht
aus Karthago gewichen. Um dir zu gehorchen, stiege ich durch die Hhle
von Hadrumet ins Schattenreich hinab! Vergib! Wie Berge lastete es auf
meinem Leben, und dennoch ri mich's fort! Ich versuchte zu dir zu
gelangen! Htte ich das ohne die Gtter je gewagt? ... Komm! Du mut
mir folgen! Oder, wenn du nicht willst, so bleib ich! Mir ist's
gleichgltig ... Ersticke meine Seele im Hauch deines Odems! Mgen
meine Lippen vergehen in den Kssen, die ich auf deine Hnde drcke!

La mich sehen! rief sie. Nahe, ganz nahe!

Es begann zu tagen, und weinroter Schimmer lief ber das Marienglas
der Fenster. Salambo sank halb ohnmchtig in die Kissen ihres Lagers
zurck.

Ich liebe dich! schrie Matho.

Gib her! stammelte sie.

Sie nherten sich.

Sie schritt auf ihn zu in ihrem weien schleppenden Gewande. Ihre
groen Augen starrten auf den Mantel. Matho betrachtete sie einen
Augenblick, vom Glanz ihres Hauptes geblendet. Dann streckte er ihr
den Zaimph entgegen und wollte sie umschlingen. Sie breitete die Arme
aus. Pltzlich stand sie still, und beide schauten einander eine Weile
fest in die Augen.

Ohne zu verstehen, was er begehrte, durchzuckte sie ein Schauder. Ihre
feinen Augenbrauen zogen sich empor, ihre Lippen ffneten sich. Sie
zitterte. Dann aber schlug sie auf eine der Metallscheiben, die an den
Zipfeln der roten Matratze herabhingen, und rief:

Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurck! Tempelruber! Ruchloser! Verfluchter! Her
zu mir, Taanach! Krohum! Eva! Mizipsa! Schahul!

Spendius, dessen erschrockenes Gesicht in der Luke zwischen den
Tonkrgen auftauchte, zischelte:

Flieh! Sie kommen!

Lauter Lrm erscholl und kam nher. Die Treppen hallten. Ein Strom von
Menschen: Frauen, Lakaien und Sklaven strzte in das Gemach mit
Spieen, Keulen, Messern und Dolchen. Sie waren vor Entrstung wie
gelhmt, als sie einen Mann erblickten. Die Mgde stieen ein
Klagegeschrei aus wie bei einem Begrbnis, und die Eunuchen
erbleichten unter ihrer schwarzen Haut.

Matho stand hinter dem Gelnder. In den Zaimph eingehllt, sah er aus
wie ein Sternengott im Firmament. Die Sklaven wollten sich auf ihn
strzen. Salambo hielt sie zurck.

Rhrt ihn nicht an! Es ist der Mantel der Gttin!

Sie war in einen Winkel des Gemaches gewichen. Jetzt tat sie einen
Schritt auf den Libyer zu, streckte den bloen Arm gegen ihn aus und
rief:

Fluch ber dich, der du Tanit beraubt hast! Ha, Rache, Mord und
Qual! Mge Gurzil, der Gott der Schlachten, dich zerreien, Matisman,
der Gott der Toten, dich erwrgen, und der andere, dessen Namen man
nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!

Matho stie einen Schrei aus, als htte ihn ein Schwert durchbohrt.

Sie wiederholte mehrmals: Fort! Fort!

Die Dienerschar trat zur Seite, und Matho schritt mit gesenktem Haupte
langsam mitten hindurch. An der Tr konnte er nicht weiter, weil sich
der Zaimph an einem der Goldsterne auf den Fliesen festgehakt hatte.
Mit einem Ruck der Schulter ri er ihn gewaltsam los und eilte die
Treppen hinab.

Spendius rannte von Terrasse zu Terrasse, sprang ber die Hecken und
Wassergrben und entkam aus den Grten. Er gelangte an den Unterbau
des Leuchtturms. Die Mauer war an dieser Stelle menschenleer, weil das
Ufer hier unzugnglich war. Er trat an den Rand, legte sich auf den
Rcken und rutschte, die Fe voran, die ganze Hhe hinunter. Dann
erreichte er schwimmend das Vorgebirge der Grber, machte einen weiten
Bogen um die Salzlagune herum und kam am Abend in das Lager der
Barbaren zurck.

Die Sonne war indes aufgegangen. Wie ein Lwe auf dem Rckzuge schritt
Matho dahin, furchtbare Blicke um sich werfend.

Ein undeutliches Gerusch drang an sein Ohr. Es war vom Palast
ausgegangen und wiederholte sich in der Ferne, wo die Akropolis lag.
Die einen sagten, der Schatz der Republik sei aus dem Molochtempel
geraubt. Andre munkelten von einem Priestermorde. Anderswo whnte man,
die Barbaren seien in die Stadt gedrungen.

Matho, der nicht wute, wie er aus den Stadtmauern hinauskommen
sollte, ging geradeaus weiter. Man bemerkte ihn. Alsbald erhob sich
lautes Geschrei. Der Vorfall ward allgemein bekannt. Zuerst entstand
eine groe Bestrzung, dann aber brach eine Wut ohnegleichen aus.

Aus der Tiefe der Mappalierstrae, von der Hhe der Burg, von der
Grberstadt und vom Meeresgestade eilte die Menge herbei. Die
Patrizier verlieen ihre Huser, die Hndler ihre Lden, die Mtter
ihre Kinder. Man griff zu Schwertern, xten, Stcken. Doch das
Hindernis, das Salambo geschreckt hatte, hielt sie alle zurck. Wie
sollte man den Mantel zurckholen? Sein bloer Anblick war schon
Frevel! Er war gttlicher Natur, und seine Berhrung brachte den Tod.

In den Vorhallen der Tempel rangen die Priester verzweifelt die Arme.
Patrouillen der Garde sprengten ziellos umher. Man stieg auf die
Huser, auf die Terrassen, auf die Schultern der Kolosse und in das
Mastwerk der Schiffe. Matho lief inzwischen weiter. Bei jedem seiner
Schritte wuchs die Wut, aber auch der Schrecken. Die Straen wurden
bei seinem Erscheinen leer, und der Strom der Fliehenden brandete auf
beiden Seiten zurck, bis in die hohen Huser hinauf. berall
erblickte Matho weit aufgerissene Augen, die ihn am liebsten
verschlungen htten, knirschende Zhne und geballte Fuste. Salambos
Verwnschungen hallten aus immer zahlreicheren Kehlen wider.

Pltzlich schwirrte ein langer Pfeil, dann noch einer. Steine sausten.
Aber alle diese Geschosse waren schlecht gezielt, aus Furcht, den
Zaimph zu treffen, und so flogen sie ber Mathos Kopf hinweg. Zudem
gebrauchte er den Mantel als Schild. Er hielt ihn bald nach rechts,
bald nach links, bald vor sich, bald hinter sich. Die Verfolger wuten
nicht, was sie tun sollten. Er ging immer schneller und lief in die
offenen Straen hinein. Sie waren mit Seilen, Karren und Schlingen
gesperrt, so da er bei jeder Straenbiegung umkehren mute. Endlich
erreichte er den Khamonplatz, wo die Balearier ermordet worden waren.
Hier blieb Matho stehen, bleich wie ein dem Tode Verfallener. Jetzt
war er verloren. Die Menge klatschte in die Hnde.

Er lief bis zu dem groen geschlossenen Tor. Es war riesenhoch, ganz
aus eichenem Kernholz, mit Eisenngeln und ehernen Platten beschlagen.
Matho warf sich dagegen. Das Volk stampfte vor Freude mit den Fen,
als es seine ohnmchtige Wut sah. Da nahm er seine Sandale, spie
darauf und schlug damit gegen die unbeweglichen Torflgel. Die ganze
Stadt stie ein Wutgeheul aus. Jetzt verga man den Mantel und wollte
Matho zermalmen. Der blickte die Menge mit groen wirren Augen an.
Seine Schlfen pochten wild, er war halbtot, betubt wie ein
Trunkener. Pltzlich gewahrte er die lange Kette, die zur Handhabung
des Hebebaums diente. Sofort sprang er an ihr hoch, packte sie und
hngte sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Da sprangen die riesigen
Torflgel endlich auf.

Als er drauen war, zog er den Zaimph von den Schultern und hielt ihn
hoch ber seinen Kopf. Vom Seewind geblht, schillerte und schimmerte
das Gewebe in der Sonne mit seinen Farben, seinen Edelsteinen und
Gtterbildern. So durchschritt Matho die ganze Ebene bis zu den Zelten
der Sldner.

Das Volk auf den Mauern sah zu, wie Karthagos Glck entschwand.




VI

Hanno


Ich htte sie entfhren sollen! sagte Matho am Abend zu Spendius.
Htte sie erfassen sollen und aus ihrem Hause reien! Niemand htte
mir entgegenzutreten gewagt.

Spendius hrte nicht auf ihn. Behaglich lag er auf dem Rcken und
ruhte sich aus. Neben ihm stand ein groer Tonkrug mit Honigwasser, in
den er von Zeit zu Zeit den Kopf tauchte, um einen groen Schluck zu
tun.

Was nun? fuhr Matho fort. Wie knnte man abermals nach Karthago
hineinkommen?

Ich wei es nicht! antwortete Spendius. Diese Gleichgltigkeit
erbitterte den Libyer.

Ha! schrie er. An dir liegt die Schuld! Erst verlockst du mich, und
dann lt du mich im Stich! Feigling du! Warum soll ich dir gehorchen?
Bildest du dir gar ein, du seist mein Herr? Du Kuppler, du Sklave, du
Knechtskreatur! Er knirschte mit den Zhnen und erhob seine breite
Hand gegen Spendius.

Der Grieche antwortete nicht. Eine Tonlampe glimmte matt am Zeltmast,
an dem der Zaimph ber der aufgehngten Rstung schimmerte.

Pltzlich legte Matho seine Stahlstiefel an, schnallte sich seinen
Kra um und nahm seinen Helm.

Wohin willst du? fragte Spendius.

Wieder hin! La mich! Ich bringe sie her! Und wer mir entgegentritt,
den zertret ich wie eine Viper! Ich tte sie, Spendius! Ja, ich tte
sie, du sollst sehen, da ich sie tte!

Da horchte Spendius auf. Blitzschnell ri er den Zaimph herunter, warf
ihn in eine Ecke und legte eine Schaffelldecke darber. Drauen erhob
sich Stimmengewirr. Fackeln leuchteten. Und Naravas trat ein, von etwa
zwanzig Mnnern begleitet.

Sie trugen weiwollene Mntel, lange Dolche, lederne Halsbnder,
Ohrringe von Holz, und Schuhe aus Hynenfell. Sie blieben am Eingang
stehen und sttzten sich auf ihre Lanzen, wie ausruhende Schfer auf
ihre Hirtenstbe. Naravas war der Schnste von allen. Perlengeschmckte
Riemen umschlangen seine hageren Arme. Von dem Goldreifen, der sein
weites Gewand am Kopfe festhielt, wallte ihm eine Strauenfeder ber
die Schulter herab. Ein bestndiges Lcheln lie seine Zhne sehen.
Seine Blicke waren rasch und scharf wie Pfeile, und aus seiner ganzen
Erscheinung sprach Wachsamkeit und Gewandtheit.

Er erklrte, er sei gekommen, um sich mit den Sldnern zu verbnden.
Die Republik bedrohe seit langem sein Reich. Es sei also sein eigner
Vorteil, wenn er die Barbaren untersttze; aber auch ihnen knne er
von Nutzen sein.

Ich werde euch Elefanten liefern--in meinen Wldern sind ihrer eine
Unmenge--Wein, l, Gerste, Datteln, Pech und Schwefel fr die
Belagerungen, zwanzigtausend Mann Fuvolk und zehntausend Pferde. Wenn
ich mich an dich wende, Matho, so tue ich es deshalb, weil der Besitz
des Zaimphs dich zum Ersten im Heere gemacht hat. berdies, setzte er
hinzu, sind wir ja alte Freunde.

Matho beobachtete Spendius, der auf dem Schaffelle sitzend zuhrte und
durch ein leises Nicken mit dem Kopfe seine Zustimmung verriet.
Naravas sprach weiter. Er rief die Gtter zu Zeugen an und verfluchte
Karthago. Bei seinen Verwnschungen zerbrach er einen Wurfspie.
Gleichzeitig stieen alle seine Leute ein lautes Geheul aus. Durch
ihre Wut hingerissen, rief Matho laut aus, er nehme das Bndnis an.

Nun fhrte man einen weien Stier und ein schwarzes Schaf herbei,
Wahrzeichen von Tag und Nacht, und schlachtete sie am Rand einer
Grube. Als sie mit Blut gefllt war, tauchten die beiden Mnner ihre
Arme hinein. Dann legte Naravas seine blutige Hand auf Mathos Brust,
und dieser die seine auf die Brust des Naravas. Dasselbe Blutzeichen
drckte man auf die Leinwand der Zelte. Man verbrachte alsdann die
Nacht beim Schmause. Die Reste des Fleisches, die Haut, die Knochen,
die Hrner und Hufe wurden verbrannt.

Als Matho mit dem Mantel der Gttin zurckgekommen war, hatte ihn
ungeheurer Beifall begrt. Selbst die nicht kanaanitischen Glaubens
waren, merkten an ihrer vagen Begeisterung, da ihnen ein Schutzgeist
nahe war. Niemand dachte daran, sich des Zaimphs zu bemchtigen. Die
geheimnisvolle Art seiner Eroberung gengte dem Barbarensinn, Matho
als rechtmigen Besitzer anzusehn. So dachten die Sldner
afrikanischer Herkunft. Die andern, deren Ha gegen Karthago nicht so
alt war, wuten nicht, wozu sie sich entschlieen sollten. Htten sie
Schiffe gehabt, so wren sie ohne Verzug aufgebrochen, ihrer Heimat
zu.

Spendius, Naravas und Matho sandten Boten an alle Stmme im punischen
Gebiet.

Karthago sog diese Vlker aus. Es bezog ungeheure Steuern von ihnen,
und mit Ketten, Beil oder Kreuz ward jede Verzgerung, jedes Murren
bestraft. Sie muten anpflanzen, was der Republik gefiel, und liefern,
was sie forderte. Niemand hatte das Recht, eine Waffe zu besitzen.
Emprten sich die Drfer, so wurden ihre Bewohner als Sklaven
verkauft. Die obersten Verwaltungsbeamten wurden nach den Summen
geschtzt, die sie herauspreten. Jenseits des den Karthagern
unmittelbar unterworfenen Gebiets lagen die Bundesstaaten, die nur
einen migen Tribut zahlten. Noch weiter dahinter schwrmten die
Nomaden, die man ntigenfalls auf jene loslie. Durch dieses System
waren die Ernten stets ertragreich, die Gestte im besten Stande, die
Plantagen geradezu mustergltig. Der alte Kato, ein Kenner in Dingen
der Landwirtschaft und der Sklavenausnutzung, war noch zweiundneunzig
Jahre spter hchlichst erstaunt darber, und der Vernichtungsruf, den
er in Rom immerfort erschallen lie, war nichts als ein Ausdruck
habgierigster Eifersucht.

Whrend des letzten Krieges hatten sich die Erpressungen verdoppelt,
so da fast alle libyschen Stdte dem Regulus ihre Tore geffnet
hatten. Zur Strafe hatte man ihnen tausend Talente--das sind ber vier
Millionen Mark--zwanzigtausend Ochsen, dreihundert Scke Goldstaub und
bedeutende Vorauslieferungen von Getreide auferlegt. Die Huptlinge
der Stmme aber waren gekreuzigt oder den Lwen vorgeworfen worden.

Besonders Tunis verabscheute Karthago. lter als die Hauptstadt,
verzieh es ihr die berflgelung nicht. Angesichts ihrer Mauern lag es
im Sumpf am Binnensee, zusammengekauert wie ein giftiges Tier, das
starr nach ihr hinblickte. Die zwangsweisen Verschickungen, die
Blutbder und Seuchen hatten es nicht geschwcht. Es hatte
Archagathos, den Sohn des Agathokles, untersttzt. Die Esser unreiner
Speisen fanden hier sofort Wehr und Waffen.

Die Boten waren noch nicht fort, als in den Provinzen ein allgemeiner
Freudenrausch ausbrach. Unverzglich erdrosselte man in den Bdern die
Vertreter und Beamten der Republik, holte die alten Waffen, die man
versteckt hatte, aus den Hhlen und schmiedete Schwerter aus den
Pflugscharen. Die Kinder schrften Pfeilspitzen an den Trschwellen,
und die Weiber gaben ihre Halsbnder, Ringe und Ohrringe hin, und
alles, was irgendwie zur Zerstrung Karthagos dienen konnte. Ein jeder
wollte dazu beitragen. In den Ortschaften huften sich die
Lanzenbndel wie Maisgarben. Man schickte Schlachtvieh und Geld. Matho
zahlte den Sldnern rasch den rckstndigen Sold, und diese Tat, deren
Vater Spendius war, erhob ihn zum Generalissimus, zum Schalischim der
Barbaren.

Gleichzeitig strmten Hilfstruppen herbei: zuerst erschienen die
Ureinwohner des Landes, dann die Feldsklaven. Negerkarawanen wurden
aufgegriffen und bewaffnet, und Kaufleute, die nach Karthago zogen,
schlossen sich den Barbaren aus Gewinnsucht an. Unaufhrlich stieen
zahlreiche Banden zu ihnen. Von der Hhe der Akropolis konnte man
sehen, wie das Heer anwuchs.

Auf der Plattform der Wasserleitung stand eine Kette von Posten der
Garde und neben ihnen in bestimmten Abstnden eiserne Bottiche, in
denen flssiger Asphalt brodelte. Drunten in der Ebene wogte die
gewaltige Menge der Sldner lrmend durcheinander. Sie waren
unschlssig, voll von jener Ratlosigkeit, die Barbaren stets vor
Festungen zu empfinden pflegen.

Utika und Hippo-Diarrhyt wiesen das angebotene Bndnis zurck. Als
phnizische Kolonien--gleich Karthago--hatten sie ihre eignen
Regierungen und lieen in die Vertrge, die sie mit der Republik
schlossen, immer von neuem die ausdrckliche Anerkennung ihrer
Selbstndigkeit aufnehmen. Gleichwohl achteten sie die strkere
Schwester, die sie beschirmte, und glaubten durchaus nicht, da ein
Barbarenhaufen imstande wre, sie zu besiegen. Im Gegenteil: man war
berzeugt, da die Sldner mit Stumpf und Stiel vernichtet wrden.
Daher wnschte man, neutral zu bleiben und sich friedlich zu
verhalten.

Doch beide Stdte waren so gelegen, da Karthagos Feinde sie
keinesfalls links liegen lassen durften. Utika, tief drinnen an einem
Meerbusen, lag wie geschaffen, Karthago von auswrts Hilfe zu
schicken. Fiel Utika allein, so trat Hippo-Diarrhyt, sechs Stunden
weiter nordwestlich an der Kste, an seine Stelle, und die Hauptstadt,
von dort mit Lebensmitteln versehen, blieb uneinnehmbar.

Spendius drang auf eine sofortige Belagerung Karthagos. Naravas war
dagegen. Man msse sich zunchst der umliegenden Orte bemchtigen. Das
war ebenso die Meinung der Veteranen wie die Mathos, und so wurde
bestimmt, da Spendius Utika und Matho Hippo-Diarrhyt angreifen
sollten. Das dritte Heer sollte sich an Tunis anlehnen und die Ebene
vor Karthago besetzen. Autarit bernahm dies. Naravas sollte indes in
sein Knigreich zurckkehren, um Elefanten zu holen, und mit seiner
Reiterei die Zugangsstraen aufklren.

Die Weiber jammerten weidlich ber diesen Beschlu. Sie gelstete es
nach dem Geschmeide der punischen Damen. Auch die Libyer erhoben
Widerspruch. Man habe sie gegen Karthago aufgerufen, und nun zge man
ab. Die Sldner traten den Abmarsch an. Matho fhrte seine Landsleute
sowie die Iberer, die Lusitanier, die Mnner aus dem Westen und von
den Inseln, whrend alle, die Griechisch sprachen, dem Spendius
folgten, seiner Klugheit wegen.

In Karthago war das Erstaunen gro, als man das Heer pltzlich
aufbrechen sah. Es marschierte an den arianischen Bergen die Strae
nach Utika hin, auf der Seeseite. Eine Abteilung blieb vor Tunis
stehen. Der Rest verschwand und tauchte erst am andern Gestade des
Golfes wieder auf, am Saume der Wlder, in die er sich verlor.

Es waren etwa achtzigtausend Mann. Die beiden tyrischen Stdte, so
meinten sie, wrden keinen Widerstand leisten. Alsdann sollte es von
neuem gegen Karthago gehen. Ein betrchtliches Heer schnitt die Stadt
bereits vom Binnenland ab, indem es die Landenge besetzt hielt. Die
Stadt mute dem Hunger rasch erliegen, denn ohne Beihilfe der
Provinzen konnte sie nicht leben, da die Brger nicht wie in Rom
Steuern zahlten. Ein hherer politischer Geist fehlte in Karthago.
Seine unersttliche Gewinnsucht unterdrckte jene Klugheit, die
weitblickender Ehrgeiz zeitigt. Wie ein auf dem libyschen Sande vor
Anker gegangenes Schiff hielt es sich nur durch unermdliche Arbeit.
Die Vlker umbrandeten es wie Meeresfluten, und der geringste Sturm
erschtterte seinen Riesenleib.

Der Staatsschatz war durch den Krieg mit Rom und durch all das Hin-
und Herfeilschen mit den Barbaren vergeudet und vertan worden. Man
brauchte aber Soldaten, und keine Gromacht traute der Republik! Erst
krzlich hatte Ptolomus ihr eine Anleihe von nicht einmal zehn
Millionen Mark abgeschlagen. berdies hatte der Raub des heiligen
Mantels allgemeine Entmutigung zur Folge. Spendius hatte das richtig
vorhergesehn.

Diesem Volk, das sich gehat fhlte, lagen sein Geld und seine Gtter
am Herzen, und seine Vaterlandsliebe wurde durch die Art seiner
Regierung genhrt.

Zunchst gehrte die Macht allen. Keiner war stark genug, sie an sich
zu reien. Privatschulden galten wie Schulden an das Gemeinwesen. Die
Mnner kanaanitischer Abkunft hatten das Vorrecht des Handels. Indem
sie den Ertrag der Seeruberei durch Wuchergeschfte noch vermehrten
und den Grund und Boden, die Sklaven und Armen malos ausbeuteten,
waren etliche zu Reichtum gelangt. Nur dieser erschlo die obersten
Staatsmter; und wiewohl sich die Macht in den reichen Geschlechtern
forterbte, belie man es doch bei der Oligarchie, dieweil ein jeder
emporzukommen hoffte.

Es gab, entsprechend den dreihundert Geschlechtern, einen Groen Rat
aus dreihundert Patriziern, von denen dreiig den Rat der Alten
bildeten, die sogenannte Gerusia. Daneben existierte ein
Staatsgerichtshof, das Kollegium der Hundertmnner. Auch diese waren
Ratsmitglieder, reprsentierten aber eine Behrde fr sich von
betrchtlichem Einflu auch auf den Rat. Die Hundertmnner wurden von
den beiden Pentarchien gewhlt, die aus je fnf Ratsmitgliedern
bestanden. Die beiden alljhrlich aus der Gerusia neugewhlten
Suffeten waren Schattenknige, die weniger Macht hatten als die
Konsuln in Rom. Man entzweite sie durch allerlei Niedertracht, damit
sie sich gegenseitig schwchten. Sie durften nicht mit ber den Krieg
beraten. Erlitten sie aber Niederlagen, so lie der Groe Rat sie
kreuzigen.

Karthagos innerste Kraft ging von den Syssitien aus, das heit von
einem groen Hofe im Mittelpunkte von Malka, an der Stelle, wo nach
der berlieferung einst die erste Barke mit phnizischen Matrosen
gelandet war. Seitdem war das Meer weit zurckgetreten. Dort gab es
eine Reihe kleiner Blockhuser von altertmlicher Bauart, aus
Palmenholz mit steinernen Ecken. Sie waren voneinander geschieden, um
die Einzelverbnde getrennt aufzunehmen. Die Patrizier hielten sich
dort massenweise den ganzen Tag ber auf, um ihre Angelegenheiten und
die der Regierung zu besprechen, vom Pfefferkurs an bis zur
Vernichtung Roms. Dreimal im Monat lieen sie ihre Ruhebetten auf die
Plattform hinaufschaffen, die entlang der Hofmauer hinlief. Von unten
sah man sie dann hoch oben an der Tafel sitzen, ohne Stiefel und
Mntel, mit diamantgeschmckten Hnden, die ber die Leckereien
glitten, mit groen Ohrgehngen, die zwischen den Schenkkannen
herabhingen, alle stark und wohlbeleibt, halbnackt, frhlich, lachend
und in freier blauer Luft schmausend, wie sich groe Haifische im Meer
ergtzen.

Jetzt freilich konnten sie ihre Besorgnis nicht verhehlen: sie waren
allzu bleich. Die Menge erwartete sie an den Pforten und begleitete
sie bis zu ihren Palsten, um ihnen Neuigkeiten zu entlocken. Wie in
Pestzeiten waren alle Huser geschlossen. Die Straen fllten und
leerten sich ruckweise. Man stieg zur Akropolis hinauf. Man lief nach
dem Hafen. Nacht fr Nacht hielt der Groe Rat Versammlungen ab.
Schlielich ward das Volk auf den Khamonplatz berufen, und man
beschlo, sich an Hanno zu wenden, den Eroberer von Hekatompylos.

Er war ein bigotter, verschlagener Mann, schonungslos gegen die
Afrikaner, ein Erzkarthager. Seine Einknfte kamen denen der Barkiden
gleich. Niemand besa so viel Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten
wie er.

Er befahl die Aushebung aller waffenfhigen Brger, lie Geschtze auf
den Trmen aufstellen und brachte bermige Waffenvorrte zusammen.
Sogar den Bau von vierzehn Schlachtschiffen ordnete er an, die man
zurzeit gar nicht ntig hatte. Er verlangte, da alles sorgfltigst
gebucht und beurkundet wrde.

Er lie sich nach dem Arsenal, nach dem Leuchtturm, zu den
Tempelschtzen tragen. Immerfort sah man seine groe Snfte die
Treppen zur Akropolis Stufe um Stufe emporschwanken. Nachts in seinem
Palaste, da er nicht schlafen konnte, brllte er mit furchtbarer
Stimme Kommandos, um sich auf den Krieg vorzubereiten.

Die bertriebene Furcht machte die ganze Stadt waffenlustig. Schon
beim ersten Hahnenschrei versammelten sich die Patrizier lngs der
Strae der Mappalier und bten sich mit aufgeschrztem Gewand im
Lanzenfechten. Doch da es an Exerziermeistern fehlte, gab es fters
Streitereien. Von Zeit zu Zeit setzte man sich erschpft auf die
Grber, dann begann man von neuem. Manche unterwarfen sich sogar einer
bestimmten Lebensweise. Die einen bildeten sich ein, da man viel
essen msse, um Krfte zu bekommen, und aen bermig. Andere, von
ihrer Krperflle belstigt, fasteten, um magerer zu werden.

Utika hatte von Karthago schon mehrfach Hilfe erbeten. Aber Hanno
wollte nicht ausrcken, solange auch nur eine Schraube noch an den
Kriegsmaschinen fehlte. Er verlor allein drei Monate mit der
Ausrstung der hundertundzwlf Elefanten, die in Kasematten
untergebracht waren. Es waren dies die Besieger des Regulus. Das Volk
liebte sie. Man konnte diese alten Freunde gar nicht gut genug
behandeln. Hanno lie die Erzplatten umschmelzen, mit denen man ihre
Brust umpanzerte, ihre Stozhne vergolden, ihre Trme vergrern und
die schnsten Purpurdecken mit ganz schweren Fransen fr sie
anfertigen. Zu guter Letzt befahl er, ihre Fhrer, die man Indier
nannte--ohne Zweifel nach den ersten, die wirklich aus Indien gekommen
waren--, alle nach indischer Sitte zu kleiden, mit weien Turbanen und
baumwollenen Pumphosen, die sich ihnen wie Austerschalen um die Hften
bauschten.

Autarits Heer lagerte noch immer vor Tunis, gedeckt durch einen Wall,
der aus dem Schlamm des Haffs aufgeworfen und auf seinem Kamme mit
Heckenhindernissen versehen worden war. Hier und da hatten die Neger
hohe Stangen oben aufgepflanzt und Popanze mit Menschenfratzen,
Vogelfedern und Schakal- oder Schlangenkpfen darangehngt, die dem
Feind entgegengrinsten und ihn erschrecken sollten. Dadurch whnten
sich die Barbaren unbesiegbar. Sie tanzten und rangen miteinander und
machten Gauklerkunststcke, fest berzeugt, da Karthago dem baldigen
Untergang geweiht sei. Jeder andre als Hanno htte diese Soldateska,
die durch einen Vieh- und Weibertro in ihrer Bewegungsfreiheit
behindert war, mit einem Schlage vernichtet. Davon abgesehen, war sie
taktisch vllig ungeschult. Autarit verlor alle Lust und verlangte
schlielich gar nichts mehr von seinen Leuten.

Man wich ihm aus, wenn er, seine groen blauen Augen rollend,
vorberschritt. Am Ufer des Haffs angelangt, zog er seinen Waffenrock
von Robbenhaar aus, lste das Band, das seine langen roten Haare
zusammenhielt, und tauchte sie ins Wasser. Es tat ihm jetzt leid, da
er ehedem nicht mit den zweitausend Galliern im Tempel auf dem Eryx zu
den Rmern bergegangen war.

Oft verlor die Sonne pltzlich mitten am Tage ihren Strahlenglanz.
Dann brtete der Golf und das offene Meer unbeweglich wie
geschmolzenes Blei. Eine braune lotrecht aufsteigende Staubwolke trieb
wirbelnd heran. Die Palmen bogen sich, der Himmel schwand. Man hrte
Steine gegen die Rcken der Tiere schlagen. Dann rchelte der Gallier,
die Lippen an die Lcher seines Zeltes pressend, vor Erschpfung und
Schwermut. Er trumte vom Herbstmorgenduft der Weiden, von
Schneeflocken, vom Gebrll der im Nebel umherirrenden Auerochsen; und
indem er die Augen schlo, glaubte er in lnglichen strohgedeckten
Htten im Waldesgrunde Herdfeuer glimmen und ihren Schein ber das
Moor hinhuschen zu sehen.

Noch andre als er sehnten sich nach ihrer Heimat, wiewohl sie ihnen
nicht so ferne lag. Die gefangenen Karthager konnten nmlich jenseits
des Golfes an den Hngen des Burgberges die ber die Hfe gespannten
Zeltdcher ihrer Huser sehen. Aber sie wurden immerfort von Wachen
umkreist. Man hatte sie alle an eine gemeinsame Kette geschmiedet.
Jeder trug ein Halseisen. Die Menge ward nicht mde, sie anzugaffen.
Die Weiber zeigten den kleinen Kindern ihre einstmals schnen
Gewnder, die nun lngst zerfetzt um ihre abgemagerten Glieder hingen.

Jedesmal, wenn Autarit den Gisgo erblickte, ergriff ihn von neuem Wut
ber die ihm dereinst angetane Beschimpfung. Ohne den Schwur, den er
Naravas geleistet, htte er ihn gettet. In solcher Stimmung kehrte
der Gallier in sein Zelt zurck, trank ein Gemisch aus Gerste und
Kmmel, bis er sinnlos betrunken war, und erwachte erst wieder am
hellen Tage, von furchtbarem Durste verzehrt.

Matho belagerte derweilen Hippo-Diarrhyt.

Die Stadt war durch einen See geschtzt, der mit dem Meer in
Verbindung stand. Sie besa drei Umwallungen, und auf den Hhen, die
sie beherrschten, zog sich berdies eine mit Trmen verstrkte Mauer
hin. Matho hatte noch niemals eine derartige Unternehmung geleitet.
Dazu peinigte ihn immerfort der Gedanke an Salambo. Er trumte vom
Genu ihrer Schnheit. In Wonnen wollte sich sein Stolz an ihr rchen.
Es war ein qualvolles, wildes, endloses Begehren. Er dachte sogar
daran, sich als Unterhndler anzubieten, in der Hoffnung, wenn er erst
in Karthago wre, auch bis zu ihr zu gelangen. Mehrfach lie er zum
Sturme blasen und rannte, ohne abzuwarten, auf den Damm, den man im
Meere aufzuschtten versuchte. Er ri die Steine mit seinen Hnden
los, warf alles durcheinander, schlug und stie mit seinem Schwerte um
sich. Die Barbaren folgten ihm in wildem Gewirr. Die Sturmleitern
brachen krachend zusammen, und Massen von Menschen strzten ins
Wasser, das in roten Wogen gegen die Mauern spritzte. Schlielich lie
das Getmmel nach. Die Sldner zogen sich zurck,--um baldigst wieder
von neuem zu strmen.

Matho setzte sich drauen vor dem Lager hin, wischte sich mit dem Arm
das blutbespritzte Gesicht ab und starrte nach dem Horizont in der
Richtung auf Karthago.

Vor ihm, unter lbumen, Palmen, Myrten und Platanen, dehnten sich
zwei groe Teiche, die mit einem See in Verbindung standen, dessen
Ufer in der Ferne verschwammen. Hinter einem Berge stiegen weitere
Berge auf, und aus der Mitte des endlosen Sees erhob sich wie eine
Pyramide eine schwarze Insel. Zur Linken, am Ende des Golfes, wellten
sich Sanddnen wie groe, gelbe, erstarrte Wogen, whrend das Meer,
glatt wie eine Platte aus Lapislazuli, eins mit dem Himmel ward. Das
Grn der Landschaft verlor sich hier und da in lange gelbe Streifen.
Die Frchte der Johannisbrotbume leuchteten wie Korallenknpfe.
Weinreben hingen von den Wipfeln der Sykomoren herab. Man hrte Wasser
rauschen. Haubenlerchen hpften umher, und die letzten Sonnenstrahlen
vergoldeten die Rcken der Schildkrten, die aus den Binsen
hervorkrochen, um den khlen Seewind einzuatmen.

Matho stie tiefe Seufzer aus. Er warf sich flach auf den Boden, grub
seine Ngel in den Sand und weinte. Er fhlte sich elend, gebrochen,
verlassen. Niemals wrde er sie besitzen, er, der ja nicht einmal eine
Stadt zu erobern vermochte!

Nachts, wenn er in seinem Zelte allein war, betrachtete er den Zaimph.
Was nutzte ihm dies Heiligtum? Zweifel regten sich im Geiste des
Barbaren. Dann wieder schien es ihm im Gegenteil, als ob das Gewand
der Gttin mit Salambo in Zusammenhang stnde, als lebe und webe ein
Teil ihrer Seele darin, flchtiger wie ein Hauch. Er betastete es, sog
seinen Duft ein, vergrub sein Gesicht darein und kte es unter
Trnen. Er hing es sich wieder um die Schultern, um sich selbst zu
tuschen, und er bildete sich ein, er sei wieder bei ihr.

Bisweilen trieb es ihn pltzlich hinaus. Beim Sternenlicht schritt er
ber die Sldner hinweg, die in ihre Mntel gehllt, schliefen. Vor
den Toren des Lagers schwang er sich dann auf ein Pferd, und zwei
Stunden spter war er vor Utika im Zelte des Spendius.

Zuerst sprach er von der Belagerung. Aber er war nur gekommen, um von
Salambo zu reden und so seinen Schmerz zu lindern. Spendius ermahnte
ihn zur Vernunft.

Bezwing diese elende Schwche! Sie erniedrigt deine Seele! Einst
gehorchtest du. Jetzt befehligst du ein Heer! Und wenn auch Karthago
nicht erobert wird, so mu man uns doch wenigstens Provinzen abtreten,
und wir sind Knige!

Warum aber verlieh ihnen der Besitz des Zaimphs nicht den Sieg?
Spendius meinte, man msse es abwarten. Matho bildete sich ein, der
Mantel be seine Wunderkraft nur auf Mnner kanaanitischen Stammes
aus, und mit der Spitzfindigkeit des Barbaren sagte er sich: Folglich
wird der Zaimph fr mich nichts tun. Da ihn aber jene verloren haben,
kann er auch ihnen nicht helfen.

Sein Aberglaube verwirrte ihn weiterhin. Er frchtete, Moloch zu
beleidigen, wenn er Aptuknos, den Gott der Libyer, anbete, und so
fragte er Spendius ngstlich, welchem von beiden man guttte, ein
Menschenopfer zu bringen.

Opfere nur! versetzte Spendius lachend.

Matho, der diese Gleichgltigkeit nicht begriff, argwhnte, da der
Grieche einen Schutzgeist bese, von dem er nicht reden wolle.

In diesen Barbarenheeren trafen ebenso wie alle Vlkerstmme auch alle
Religionen zusammen. Man achtete die Gtter der andern, denn auch sie
erregten Schrecken. Manche mischten fremde Gebruche unter ihren
heimischen Gottesdienst. Wenn sie auch die Sterne nicht anbeteten, so
brachten sie ihnen doch Opfer, sobald eine Konstellation Unheil oder
Vorteil verkndete. Ein geheimnisvolles Amulett, das man zufllig bei
Gefahr fand, ward zur Gottheit. Oder es war oft nur ein Name, nichts
als ein Name, den man nachplapperte, ohne da man auch nur versuchte,
seinen Sinn zu ergrnden. Da man oft Tempel geplndert, viele Vlker
und manche Metzelei gesehen hatte, so war manchem nur noch der Glaube
an Tod und Schicksal geblieben, und man schlief allabendlich mit der
Seelenruhe wilder Tiere ein. Spendius htte die Bildnisse des
olympischen Zeus angespien. Trotzdem scheute er sich, im Dunkeln laut
zu reden, und er versumte nie, jeden Morgen zuerst seinen rechten Fu
in den Stiefel zu stecken.

Er lie vor Utika einen langen viereckigen Erdwall aufwerfen. Doch in
dem Mae, wie dieser wuchs, erhob sich auch der Stadtwall. Was die
einen zerstrten, ward von den andern fast unmittelbar wieder
aufgebaut. Spendius schonte seine Leute und brtete ber allerlei
Plnen. Er suchte sich all der Kriegslisten zu erinnern, von denen er
auf seinen Reisen hatte erzhlen hren. Warum kam nur Naravas nicht
zurck? Man war voller Besorgnis und Unruhe.

Hanno hatte seine Mobilmachung beendet. In einer mondlosen Nacht lie
er seine Elefanten und Soldaten auf Flen ber den Golf von Karthago
setzen. Dann umgingen sie den Berg der Heien Wasser, um Autarit
auszuweichen, marschierten aber mit solcher Langsamkeit weiter, da
man am dritten Tage, statt die Barbaren im Morgengrauen zu
berraschen, wie der Suffet es berechnet hatte, erst gegen Mittag an
Ort und Stelle gelangte.

stlich von Utika erstreckte sich eine Ebene in sdstlicher Richtung
bis zur groen Lagune von Karthago. Im rechten Winkel zu dieser Ebene
mndete dicht sdlich Utika von Sdwesten her ein Tal, von zwei
niedrigen Hhenzgen umsumt, die pltzlich abbrachen. Die Barbaren
hatten ihr Lager etwas links des Talausganges aufgeschlagen, um auch
den Hafen im Gesichtskreise zu haben. Sie schliefen in ihren
Zelten--an diesem Tage ruhte nmlich Freund wie Feind kampfesmde--,
als hinter dem Hgelrcken das Heer der Karthager auftauchte.

Mit Schleudern bewaffnete Troknechte waren ausgeschwrmt auf den
Flgeln aufgestellt. In der vordersten Front ritt die Garde in ihren
goldenen Schuppenpanzern auf schweren Pferden ohne Mhne, Schopf und
Ohren, die mitten auf der Stirn ein silbernes Horn trugen, damit sie
Rhinozerossen hnlich sahen. Zwischen ihren Schwadronen marschierte
junge Mannschaft, mit niedrigen Helmen auf dem Kopf, in jeder Hand
einen Wurfspie aus Eschenholz. Dahinter nahten die langen Lanzen des
schweren Fuvolks. Alle diese Krmer hatten ihre Leiber mit Waffen
berladen. Man sah manche, die eine Lanze, eine Streitaxt, eine Keule
und zwei Schwerter trugen. Andre starrten wie Stachelschweine von
Wurfspieen, whrend sie ihre mit Horn- oder Eisenschienen gepanzerten
Arme weit vom Kra abspreizten. Zuletzt erschienen die hohen Gerste
der Kriegsmaschinen. Karroballisten, Onager, Katapulte und Skorpione
schwankten auf Wagen daher, die von Mauleseln und Ochsenviergespannen
gezogen wurden. Je mehr sich das Heer entwickelte, um so emsiger
eilten die Hauptleute bald nach rechts und bald nach links, um unter
lauten Befehlen geschlossene Ordnung, Fhlung und Marschrichtung
aufrecht zu erhalten. Die Stabsoffiziere, die Gerusiasten waren,
prunkten in Purpurmnteln, deren prchtige Fransen sich in den Riemen
ihrer Panzerstiefel verwickelten. Ihre Gesichter, ber und ber mit
Zinnober bestrichen, glnzten unter ungeheuren Helmen, auf denen sich
Gttergestalten abhoben. Ihre Schilde mit edelsteinbesetzten
Elfenbeinrndern leuchteten wie Sonnen ber ehernen Mauern.

Die Karthager manvrierten so schwerfllig, da die Sldner sie
hhnisch aufforderten, sich doch lieber hinzusetzen. Sie schrien ihnen
zu, sie wrden ihnen demnchst die dicken Buche erleichtern, die
Vergoldung von der Haut klopfen und ihnen Eisen zu saufen geben.

Hoch auf dem Maste, der vor Spendius' Zelt aufgepflanzt war, ward eine
Standarte von grner Leinwand gehit: das war das Zeichen zum Kampfe.

Das Heer der Karthager antwortete alsbald mit einem gewaltigen Lrm
ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und Flten aus Eselskinnbacken. Die
Barbaren waren bereits ber die Palisaden gesprungen. Beide Heere
standen einander auf Speerwurfweite gegenber.

Ein balearischer Schleuderer trat einen Schritt vor, legte eine
Tonkugel in seinen Riemen und scho sie ab, indem er die ntigen
Griffe machte. Drben beim Gegner zersprang ein Elfenbeinschild, und
die beiden Heere wurden handgemein.

Die Griechen stachen die feindlichen Pferde mit ihren Lanzenspitzen in
die Nstern, so da sie sich berschlugen und auf ihre eignen Reiter
fielen. Die Sklaven hatten zu groe Steine geschleudert, die deshalb
unweit vor ihnen schon wieder zu Boden fielen. Beim Ausholen mit ihren
langen Schwertern lieen die punischen Futruppen ihre rechte Flanke
ungedeckt. Die Barbaren durchbrachen die Reihen und machten sie
rottenweise nieder. Sie stolperten ber Sterbende und Tote, weil sie
nichts sahen vor lauter Blut, das ihnen ins Gesicht spritzte. Dieses
Durcheinander von Lanzen, Helmen, Panzern, Schwertern und Gliedmaen
drehte sich um sich selbst, dehnte sich aus und zog sich elastisch
wieder zusammen. Die karthagischen Kompagnien lichteten sich immer mehr.
Ihre Geschtze waren im Sand stecken geblieben. Am Ende verschwand sogar
die Snfte des Suffeten, seine groe kristallglitzernde Snfte, die man
seit Kampfesbeginn immer zwischen den Kmpfern hatte auf- und
niederwogen sehen, wie einen Kahn auf den Fluten. Ohne Zweifel war Hanno
gefallen! Alsbald sahen sich die Barbaren allein.

Der Staub um sie her senkte sich, und sie begannen bereits zu singen.
Da erschien Hanno in eigenster Person auf einem Elefanten. Barhuptig
sa er unter einem baumwollnen Sonnenschirm, den ein hinter ihm
stehender Neger hielt. Seine Halskette aus blauen Metallschildern
klirrte ber den gemalten Blumen seiner schwarzen Tunika.
Diamantreifen umspannten seine dicken Arme. Sein Mund war geffnet.
Die riesige Lanze in seiner Hand, die an der Spitze wie eine
Lotosblume aussah, glnzte heller als ein Spiegel. Alsbald drhnte der
Erdboden, und die Barbaren sahen in einer einzigen Linie die
smtlichen Elefanten Karthagos heranstrmen, mit ihren vergoldeten
Stozhnen, ihren blaubemalten Ohren und ihren ehernen Panzern. Auf
ihren Scharlachdecken schaukelten lederne Trme, in denen je drei
Bogenschtzen mit groen gespannten Bogen standen.

Die Sldner hatten kaum Zeit, zu den Waffen zu greifen. Sie bildeten
aufs Geratewohl Glieder und Rotten. Der Schreck machte sie starr und
ratlos.

Schon regneten von den Trmen Pfeile, Brandgeschosse und Bleimassen
auf sie herab. Einige der Barbaren klammerten sich an den Fransen der
Decken fest und wollten hinaufklettern. Man hieb ihnen mit Stutzsbeln
die Hnde ab, so da sie rcklings in die starrenden Schwerter der
andern strzten. Die Lanzen waren zu schwach und gingen entzwei. Die
Elefanten brachen in die Reihen ein, wie Eber in ein Gebsch. Sie
rissen mit ihren Rsseln die Pikettpfhle aus, durchstrmten das Lager
von einem Ende zum andern und warfen mit ihrer Brust die Zelte um. Die
Barbaren waren allesamt geflohen. Sie suchten Deckung hinter den
Hgeln, die das Tal umsumten, durch das die Karthager marschiert
waren.

Hanno zog als Sieger vor die Tore von Utika. Dort lie er die
Trompeten blasen. Die drei Rte der Stadt erschienen oben auf einem
Turme in einer Scharte der Brustwehr.

Die Einwohner von Utika strubten sich, so wohlbewaffnete Gste
aufzunehmen. Hanno wurde heftig. Endlich willigte man ein, ihn mit
einem schwachen Geleit einzulassen. Fr die Elefanten waren die
Straen zu eng. Sie muten drauen bleiben.

Sobald der Suffet in der Stadt war, kamen die Patrizier, ihn zu
begren. Er lie sich in die Bder fhren und rief seine Kche.

       *       *       *       *       *

Drei Stunden spter sa er immer noch in dem mit Zimtl gefllten
groen Badebecken. Eine Ochsenhaut war vor ihm ausgespannt. Aus ihr,
als Tisch, schmauste er im Bade Flamingozungen mit Mohnkrnern in
Honigsauce. Neben ihm stand unbeweglich in langem, gelbem Gewande sein
griechischer Leibarzt und lie von Zeit zu Zeit heies l nachgieen.
Zwei Knaben lagen ber die Stufen des Beckens gebeugt und massierten
dem Badenden die Beine. Doch die Sorge fr seinen Krper tat seiner
politischen Passion keinen Abbruch, denn er diktierte einen Brief an
den Groen Rat; und da man Gefangene gemacht hatte, berlegte er sich,
welch grliche Zchtigung er fr sie erfinden solle.

Halt! gebot er dem Sklaven, der stehend auf der hohlen Hand schrieb.
Man fhre ein paar von den Gefangenen herein! Ich will sie sehen!

Aus dem Hintergrunde des mit weiem Dampf erfllten Raumes, in dem die
Fackeln wie rote Glutflecke schimmerten, trieb man alsbald drei
Barbaren herbei: einen Samniter, einen Spartiaten und einen
Kappadokier.

Schreib weiter! rief Hanno.

Freut euch, Gottbegnadete! Euer Suffet hat die gefrigen Hunde
ausgerottet! Segen ber die Republik! Ordnet Gebete an! Da erblickte
er die Gefangnen und brach in Gelchter aus: Ah! Meine Helden von
Sikka! Warum brllt ihr denn heute nicht? Ich bin's doch! Erkennt ihr
mich nicht? Wo habt ihr denn eure Schwerter? Ihr seid schreckliche
Kerle! Donnerwetter! Er tat, als wolle er sich verstecken, als
frchte er sich vor ihnen. Ihr habt Gule, Weiber, Land, mter
verlangt, natrlich, und Pfrnden! Na, ich werde euch in ein Land
schicken, das ihr nie mehr verlassen sollt! Und Galgen sollt ihr
umarmen, ganz jngferliche! Euer Sold? Den wird man euch aus
geschmolzenen Bleibarren ins Maul gieen! Und hohe Stellen will ich
euch auch verschaffen, sehr hohe, himmelhohe, damit euch die Geier
recht nahe sind ...

Die drei langhaarigen, in Lumpen gehllten Barbaren blickten ihn an,
ohne zu verstehen, was er sagte. Man hatte die an den Knien
Verwundeten gefangen, indem man ihnen Stricke berwarf. Die Enden
ihrer schweren Handketten schleppten ber die Steinfliesen hin. Hanno
ward ob ihrer Unempfindlichkeit wtend.

Nieder! Nieder! Ihr Bestien! Dreck seid ihr! Ungeziefer! Mist! Und
ihr antwortet nicht! Gut! Verstummt!--Man soll ihnen lebendig das Fell
abziehen! Auf der Stelle!

Er schnaufte wie ein Nilpferd und rollte die Augen. Das wohlriechende
l flo durch eine plumpe Bewegung seines Krpers ber und umschumte
seine schuppige Haut. Im Fackellicht sah sie rosig aus.

Er fuhr fort zu diktieren:

Wir haben vier Tage lang schwer unter dem Sonnenbrand gelitten. Beim
bergang ber den Makar Verluste an Maultieren. Trotz der starken
Stellung hat der auerordentliche Mut ...--Demonades! Ich habe groe
Schmerzen! Man feure den Ofen, bis die Ziegel glhen!

Man hrte das Gerusch der Ofentr und des Schaufelns. Der Weihrauch
in den breiten Pfannen wirbelte strker, und die nackten Badeknechte,
die wie Schwmme schwitzten, rieben dem Karthager die Gelenke mit
einer Salbe aus Weizen, Schwefel, Rotwein, Hundemilch, Myrrhen,
Galbanum und Storaxbaumharz. Unaufhrlicher Durst verzehrte ihn. Aber
den Mann im gelben Gewande rhrte dieses Gelst nicht. Er reichte ihm
einen goldenen Becher, in dem nur Vipernbrhe dampfte.

Trink! sprach er, damit dir die Kraft der sonnengeborenen Schlangen
in das Mark der Knochen dringe, und fasse Mut, du Ebenbild der Gtter!
Du weit berdies, da ein Priester Eschmuns die grausamen Sterne in
der Nhe des Sirius beobachtet, von denen deine Krankheit herrhrt.
Sie verblassen wie die Flecken auf deiner Haut. Du wirst also nicht
daran sterben.

Ja ja, nicht wahr? fiel der Suffet ein. Ich mu nicht daran
sterben! Und seinen rotblauen Lippen entstrmte ein Atem, ekelhafter
als die Ausdnstung eines Leichnams. Zwei Kohlen schienen an Stelle
seiner wimpernlosen Augen zu glhen. An der Stirn hing ihm ein Klumpen
runzliger Haut. Seine Ohren standen ab und sahen dadurch um so grer
aus, und die tiefen Furchen, die in Halbkreisen um seine Nasenflgel
liefen, verliehen ihm etwas Seltsames, Abschreckendes, das Aussehen
eines wilden Tieres. Seine entstellte Stimme klang wie Brllen.

Du hast vielleicht recht, Demonades, sagte er. In der Tat, hier:
mehrere Geschwre haben sich geschlossen! Ich fhle mich krftig. Da,
sieh nur, wie ich esse!

Bei diesen Worten machte er sich, weniger aus Elust als aus Prahlerei
und um sich selbst zu beweisen, da er gesund sei, an die Farce von
Kse und Majoran, an die entgrteten Fische, die Krbisse, Austern,
Eier, Rettiche, Trffeln und die kleinen am Spie gebratenen Vgel.
Dabei blickte er unverwandt auf die Gefangenen und weidete sich in
Gedanken an der ihnen bevorstehenden Marter. Doch da fiel ihm Sikka
ein, und die Wut ber all seinen damaligen rger entlud sich in
Schmhungen gegen die drei Mnner.

Bande! Verrter! Halunken seid ihr! Schurken! Verfluchte! Ihr habt
mich beleidigen wollen, mich, den Suffeten! Eure Dienste? Den Lohn fr
euer Blut? Habt ihr nicht so gesagt! Ha, ha, euer Blut! Er redete wie
zu sich selbst weiter: Alle miteinander sollen sie sterben! Nicht
einer wird verkauft! Aber vielleicht wre es besser, sie nach Karthago
mitzunehmen? Als Staffage fr mich? Doch ... ganz gewi hab ich nicht
Ketten genug mitgebracht ... Schreib: Sendet mir ...--wieviele
Gefangene sind es? Man frage sofort Muthumbal darnach! Fort! Nur kein
Mitleid! Man bringe mir in Krben ihre abgehauenen Hnde!

In diesem Augenblick drang ein seltsames Geschrei, heiser und doch
schrill, in das Gemach und bertnte Hannos Stimme und das Klirren der
Schsseln, die man ihm auftafelte. Es ward immer strker, und
pltzlich erscholl das Wutgebrll der Elefanten, als ob die Schlacht
von neuem begnne. Um die Stadt herum lrmte und tobte es laut.

Die Karthager hatten gar nicht versucht, die Barbaren zu verfolgen.
Sie hatten sich am Fue der Mauern gelagert, mit ihrem Gepck, ihren
Dienern und ihrem ganzen frstlichen Tro. Sie ergtzten sich in ihren
schnen, perlengeschmckten Zelten, whrend das Sldnerlager drauen
in der Ebene nur noch ein Trmmerhaufen war. Spendius hatte seinen Mut
wiedergefunden. Er sandte Zarzas an Matho, durchstreifte die Gehlze
und sammelte seine Leute. Die Verluste waren unbedeutend. Man ordnete
sich wieder in Reih und Glied, voller Wut, da man ohne Kampf besiegt
worden war. Da entdeckte man ein groes Fa voll Erdl, das offenbar
von den Karthagern zurckgelassen worden war. Spendius lie sofort
Schweine aus den Meierhfen holen, bestrich sie mit dem Erdl, zndete
es an und lie die Tiere auf Utika hetzen.

Durch das Feuer erschreckt, ergriffen die Elefanten die Flucht und
liefen bergan. Man schleuderte ihnen Wurfspiee nach. Da machten sie
Kehrt und schlitzten den Karthagern mit ihren Stozhnen die Leiber
auf oder erdrckten und zerstampften sie mit ihren Fen. Hinter den
Tieren kamen die Barbaren den Hgel herab. Das punische Lager, das
keinen Wall hatte, wurde beim ersten Anlauf genommen und geplndert.
Die Karthager wurden gegen die Tore der Stadt getrieben. Aus Furcht
vor den Sldnern wollte man nicht ffnen. Der Tag brach an. Von Westen
her sah man Mathos Fuvolk heranmarschieren. Gleichzeitig tauchten
Reiterscharen auf. Das war Naravas mit seinen Numidiern. Sie setzten
ber Hecken und Grben weg und hetzten die Flchtlinge, wie Jagdhunde
die Hasen. Dieser Wechsel des Kriegsglcks berraschte den Suffeten.
Er schrie, man solle ihm aus dem Bade helfen.

Die drei Gefangenen standen noch immer vor ihm. Da flsterte ihm ein
Neger--der nmliche, der in der Schlacht seinen Sonnenschirm trug--ein
paar Worte ins Ohr.

Ach so? entgegnete der Suffet langsam. Ja, tte sie! fgte er in
barschem Tone hinzu.

Der thiopier zog einen langen Dolch aus seinem Grtel, und die drei
Kpfe fielen. Einer davon rollte ber die Reste des Mahls und fiel in
das Badebecken. Eine Weile schwamm er. Das Morgenlicht drang durch die
Mauerspalten ein. Die drei Leichen lagen auf der Brust. Ihr Blut
strmte in dicken Strahlen wie aus drei Quellen. Ein Teppich von Blut
rann ber die Mosaik, die mit blauem Sande bestreut war. Der Suffet
tauchte die Hand in diesen warmen Schlamm und rieb sich die Knie
damit! Es galt dies als Heilmittel.

Als es Abend geworden, entwich er mit seinem Gefolge aus der Stadt. In
der Richtung auf die Berge wollte er sein Heer einholen. Er fand nur
die Trmmer davon wieder.

Vier Tage darnach war er in Gorza, auf der Hhe ber einem Pa, als
sich die Truppen des Spendius in der Tiefe zeigten. Mit zwanzig guten
Lanzen, gegen die Vorhut ihrer Marschkolonne gerichtet, htte man sie
leicht aufhalten knnen. Doch die Karthager lieen sie in hchster
Bestrzung vorbermarschieren. Hanno erkannte bei der Nachhut den
Frsten der Numidier. Naravas neigte sich zum Gru und machte dabei
ein Zeichen, das der Karthager nicht verstand.

Unter allerhand Nten gelangte man nach Karthago zurck. Nur des
Nachts ward marschiert, tagsber verbarg man sich in den
Olivenwldern. Auf jeder Rast starben Leute. Mehrere Male glaubte man
sich vllig verloren. Endlich ward das Hermische Vorgebirge erreicht,
wo Schiffe sie aufnahmen.

Hanno war so ermdet, so verzweifelt--besonders bedrckte ihn der
Verlust der Elefanten--, da er Demonades um Gift bat, um seinem Leben
ein Ende zu machen. Es war ihm zumute, als sei er bereits ans Kreuz
geschlagen.

Aber Karthago hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu zrnen. Die
Expedition hatte beinahe eine Million Mark, achtzehn Elefanten,
vierzehn Ratsmitglieder, dreihundert Patrizier, achttausend Brger,
Getreide fr drei Monate, betrchtlich viel Gepck und smtliche
Kriegsmaschinen gekostet. Der Abfall des Naravas stand auer Zweifel.
Die beiden Belagerungen begannen von neuem. Autarits Heer dehnte sich
jetzt von Tunis bis Rades aus. Von der Hhe der Akropolis sah man in
der Ebene lange Rauchwolken zum Himmel emporsteigen. Das waren die
brennenden prchtigen Landsitze der karthagischen Patrizier. Ein
einziger Mann konnte die Republik noch retten. Man bereute es, ihn
verkannt zu haben, und selbst die Friedenspartei stimmte dafr, den
Gttern Brandopfer zu bringen, damit Hamilkar zurckkehre.

Der Anblick des Zaimphs hatte Salambo tief erschttert. Nachts glaubte
sie die Schritte der Gttin zu hren und wachte mit entsetztem Schrei
auf. Tagtglich lie sie Speisen in die Tempel tragen. Taanach lief
sich beim Ausfhren ihrer Befehle mde, und Schahabarim verlie sie
nicht mehr.




VII

Hamilkar Barkas


Der Mondsignalist, der allnchtlich auf dem Dache des Eschmuntempels
wachte und mit seiner Trompete die Bewegungen des Gestirns verkndete,
bemerkte eines Morgens im Westen etwas, das einem Vogel glich, der mit
langen Flgeln ber die Meeresflche hinglitt. Es war ein Schiff mit
drei Ruderreihen. Am Bug trug es ein geschnitztes Pferd. Die Sonne
ging auf. Der Beobachter hielt sich die Hand vor die Augen. Dann griff
er rasch zu seiner Trompete und lie ihren ehernen Ruf weit ber
Karthago hin erschallen.

Aus allen Husern strzten Menschen. Man wollte dem Gercht nicht
glauben. Man stritt sich. Der Auenkai war mit Volk bedeckt. Endlich
erkannte man die Trireme Hamilkars.

In stolzer, trotziger Haltung nherte sich das Schlachtschiff. Die Rah
genau im rechten Winkel zur Seite gestreckt, das dreieckige Segel in
der ganzen Mastlnge geblht, so durchschnitt es den Schaum der Wogen,
indes seine riesigen Ruder das Wasser taktmig schlugen. Von Zeit zu
Zeit kam das Ende des wie eine Pflugschar geformten Kieles zum
Vorschein, und unter dem Rammsporn, in den der Bug auslief, leuchtete
der Elfenbeinkopf des Rosses, dessen hochsteigende Vorderbeine ber
die Meeresflche zu galoppieren schienen.

Am Vorgebirge, wo der Wind aufhrte, sank das Segel, und man sah neben
dem Lotsen einen Mann unbedeckten Hauptes stehen. Das war er. Der
Suffet Hamilkar! Um den Leib trug er einen funkelnden Erzpanzer. Ein
roter Mantel, an den Schultern befestigt, lie seine Arme frei. Zwei
sehr lange Perlen hingen an seinen Ohren, und sein dichter schwarzer
Bart wallte ihm bis auf die Brust herab.

Inzwischen fuhr die Galeere schaukelnd durch die Klippen und dann den
Kai entlang. Die Menge folgte ihr auf dem Pflaster und rief:

Heil und Segen! Liebling der Sonne! Sei du unser Befreier! Die
Patrizier sind an allem schuld! Sie wollen dich umbringen! Sei auf der
Hut, Barkas!

Er antwortete nicht, als ob ihn das Rauschen der Meere und der Lrm
der Schlachten taub gemacht htten. Doch als er unter der groen
Treppe vorbeifuhr, die hinauf zur Akropolis fhrte, erhob er das Haupt
und betrachtete, die Arme gekreuzt, den Tempel Eschmuns. Dann
schweifte sein Blick noch hher hinauf in den weiten klaren Himmel.
Mit scharfer Stimme rief er seinen Matrosen einen Befehl zu. Die
Trireme glitt schneller dahin, vorbei an dem Gtterbilde, das am
Vorsprunge des Auenkais aufgestellt war, um die Strme zu bannen, und
durch den lnglichen Handelshafen, der voller Unrat, Holzsplitter und
Fruchtschalen war. Sie stie und drngte die Kauffahrteischiffe
beiseite, die an Pfhlen befestigt lagen und in Krokodilsrachen
ausliefen. Das Volk eilte herbei. Manche versuchten heranzuschwimmen.
Doch schon war die Galeere am Ende des Handelshafens vor dem
ngelbeschlagenen Tor. Es rasselte in die Hhe, und die Trireme
verschwand in der Tiefe der Wlbung.

Der Kriegshafen war von der Stadt vllig abgeschlossen. Wenn Gesandte
kamen, wurden sie zwischen hohen Mauern durch einen Gang geleitet, der
durch die westliche Hafenmauer nach dem Khamontempel fhrte. Die weite
Wasserflche des Kriegshafens war rund wie eine Trinkschale und von
einem Kai mit zweihundertzwanzig radial angeordneten Schiffshallen--fr
je eine Pentere--eingefat. Vor ihnen, ber den Trennungsmauern der
Dockrinnen, ragte je eine Sule mit Ammonshrnern an den Kapitlen.
Dadurch entstand eine fortlaufende Reihe, ein Sulengang, ringsum das
Hafenrund. In der Mitte, auf einer Insel, erhob sich das Admiralshaus.

Das Wasser war so klar, da man bis auf das weie Kieselsteinpflaster
des Grundes hinabsehen konnte. Der Straenlrm drang nicht bis
hierher. Im Vorbeifahren erkannte Hamilkar die Schlachtschiffe, die er
frher befehligt hatte. Es waren ihrer nur noch gegen zwanzig. Sie
lagen in den Schiffshallen, einige auf die Seite geneigt, andre
aufrecht auf dem Kiele, mit sehr hohem Heck und geschweiften
Schnbeln, die mit Vergoldungen und mystischen Symbolen geschmckt
waren. Die Schimren hatten ihre Flgel verloren, die Gtterbilder
ihre Arme, die Stiere ihre silbernen Hrner. Alle diese Schiffe waren
verblichen, unttig, morsch, doch voller geschichtlicher Erinnerungen
und noch immer vom Dufte ihrer weiten Fahrten umweht. Wie invalide
Soldaten, die ihren alten Hauptmann wiedersehen, schienen sie ihm
zuzurufen: Hier sind wir! Und auch du bist besiegt!

Niemand auer dem Meersuffeten durfte das Admiralshaus betreten.
Solange man nicht den Beweis fr seinen Tod hatte, betrachtete man ihn
als noch am Leben. Die Alten hatten auf solche Weise einen Herrscher
weniger. Auch bei Hamilkar hatten sie gegen diesen Brauch nicht
verstoen.

Der Suffet betrat die den Rume. Auf Schritt und Tritt sah er
Rstzeug, Gert und Gegenstnde wieder, die ihm bekannt waren und ihn
im Augenblick doch berraschten. In der Vorhalle lag in einer
Opferpfanne noch die Asche des Rucherwerks, das bei der Abfahrt
verbrannt worden war, um Melkarths Gunst zu beschwren. So hatte er
nicht heimzukehren gehofft! Alles, was er vollbracht und erlebt, zog
wieder an seinem Geiste vorber: die Sturmangriffe, die Feuersbrnste,
die Legionen, die Seestrme, Drepanum, Syrakus, Lilybum, der tna,
die Hochflche des Eryx, fnf Jahre voller Kmpfe--bis zu dem
Unglckstage, an dem man die Waffen niedergelegt und Sizilien verloren
hatte. Dann wieder sah er Limonenhaine, Hirten und Ziegen aus grauen
Bergen, und sein Herz pochte bei dem Gedanken an das neue Karthago,
das dort drben erstehen sollte. Plne und Erinnerungen schwirrten ihm
durch den Kopf, der noch vom Schwanken des Schiffes betubt war.
Bangigkeit bedrckte ihn, und pltzlich empfand er das Bedrfnis, sich
den Gttern zu nahen.

Er stieg in das oberste Stockwerk des Hauses hinauf, entnahm einer
goldnen Muschel, die an seinem Arme hing, einen Schlssel und ffnete
ein kleines Gemach, dessen Wnde ein Eirund bildeten.

Durch dnne schwarze Metallscheiben, in die Mauer eingelassen und
durchschimmernd wie Glas, sickerte schwaches Licht. Zwischen den
Reihen dieser gleichgroen Scheiben waren Nischen in der Wand, wie in
Grabkammern fr die Urnen. In einer jeden lag ein runder, dunkler,
schwerer Stein. Menschen von hherer Einsicht verehrten diese vom Mond
gefallenen Wundersteine. Aus Himmelshhen gekommen, waren sie Symbole
der Gestirne, des Himmels und des Lichts. Ob ihrer Farbe gemahnten sie
an die dunkle Nacht und durch ihre Dichtigkeit an den Zusammenhang
aller irdischen Dinge. Eine erstickende Luft erfllte diesen
geheimnisvollen Raum. Seesand, den wohl der Wind durch die Tr
hereingetrieben hatte, berzog die runden Steine in den Nischen mit
leichtem Wei. Hamilkar zhlte sie mit der Fingerspitze, einen nach
dem andern. Dann hllte er sein Antlitz in einen safrangelben Schleier
und warf sich mit ausgestreckten Armen zu Boden.

Drauen traf das Tageslicht auf die schwarzen Scheiben. Zweigartige
Schatten, kleine Hgel, wirbelnde Linien, unbestimmte Tierformen
zeichneten sich auf den matthellen Platten ab. Das Licht drang
hindurch, grausig und doch friedsam, wie es hinter der Sonne in den
dsteren Werksttten der Schpfung sein mag. Hamilkar bemhte sich,
aus seinen Gedanken alle Formen, Symbole und Benennungen der Gtter zu
verbannen, um besser den unwandelbaren Geist zu erfassen, den der
uere Schein verbirgt. Etwas von der Lebenskraft der Planeten
durchdrang ihn, und er empfand gegen den Tod und alle Wechselflle des
Lebens eine bewut tiefe Verachtung. Als er sich erhob, war er
heiteren Mutes, unzugnglich der Furcht und dem Mitleid; und um sich
ganz frei zu fhlen, bestieg er den Sller des Turmes, der Karthago
hoch berragte.

In weitem Bogen senkte sich die Stadt nach allen Seiten: Karthago mit
seinen Kuppeln, Tempeln und Golddchern, seinem Husermeer, den hie
und da dazwischen gestreuten Palmengruppen, den vielen feuersprhenden
Glaskugeln. Die Wlle bildeten gleichsam die gigantische Rundung des
Fllhorns, das sich vor ihm ausgo. Er sah unter sich die Hfen, die
Pltze, das Innere der Hfe, das Netz der Straen und ganz klein die
Menschen, kaum vom Pflaster unterscheidbar.

Ach, wre doch Hanno am Morgen der Schlacht bei den gatischen Inseln
nicht zu spt gekommen!

Hamilkars Blicke blieben am fernsten Horizont haften, und er streckte
zitternd beide Arme aus in der Richtung nach Rom.

Die Menge fllte die Stufen zur Akropolis. Auf dem Khamonplatze
drngte man sich, um den Suffeten herauskommen zu sehen. Immer mehr
Menschen bedeckten die Terrassen. Manche erkannten ihn. Man grte
ihn. Aber er zog sich zurck, um die Ungeduld des Volkes noch mehr zu
reizen.

Unten im Saale fand Hamilkar die bedeutendsten Mnner seiner Partei
versammelt: Istatten, Subeldia, Hiktamon, Yehubas und andre. Sie
berichteten ihm alles, was sich seit dem Friedensschlusse zugetragen
hatte: den Geiz der Alten, den Abzug der Sldner, ihre Rckkehr, ihre
bertriebenen Forderungen, Gisgos Gefangennahme, den Raub des Zaimphs,
Utikas Entsetzung und abermalige Belagerung. Niemand aber wagte ihm
die Ereignisse zu berichten, die ihn persnlich betrafen. Schlielich
trennte man sich, um sich bei Nacht in der Versammlung der Alten im
Molochtempel wiederzusehn.

Hamilkar war kaum allein, als sich drauen vor der Tr Lrm erhob.
Trotz der Abwehr der Diener versuchte jemand einzudringen, und da der
Tumult zunahm, befahl der Suffet, den Unbekannten hereinzufhren.

Es erschien ein altes Negerweib, bucklig, runzlig, zitterig, bld
dreinblickend und bis zu den Sohlen in weite blaue Schleier gehllt.
Sie trat vor den Suffeten, und beide blickten sich eine Weile an.
Pltzlich erbebte Hamilkar. Auf einen Wink seiner Hand gingen die
Sklaven hinaus. Alsdann gab er der Alten ein Zeichen, leise
mitzukommen, und zog sie am Arm in ein abgelegenes Gemach.

Sie warf sich zu Boden, um seine Fe zu kssen. Er ri sie heftig
wieder hoch.

Wo hast du ihn gelassen, Iddibal?

Da drben, Herr!

Die Gestalt warf ihre Schleier ab, dann rieb sie sich mit dem rmel
das Gesicht. Die schwarze Farbe, das greisenhafte Zittern, der krumme
Rcken, alles das verschwand. Jetzt stand ein krftiger alter Mann da,
dessen Haut von Sand, Wind und Meer wie gegerbt aussah. Auf seinem
Haupte ragte ein Bschel weier Haare hoch, wie der Federstutz eines
Vogels. Mit einem spttischen Blick wies er auf die am Boden liegende
Verkleidung.

Das hast du gut gemacht, Iddibal! Sehr gut! Und ihn mit seinem
scharfen Blicke schier durchbohrend, fragte Hamilkar: Es ahnt doch
keiner etwas?

Der Greis schwur bei den Kabiren, da das Geheimnis bewahrt sei.
Nie, so sagte er, verlassen wir unsre Htte, die drei Tagereisen
von Hadrumet fern liegt. Der Strand ist dort nur von Schildkrten
bevlkert, und Palmenbume wachsen auf den Dnen. Und wie du befohlen,
Herr, lehre ich ihn Speere werfen und Gespanne lenken.

Er ist krftig, nicht wahr?

Jawohl, Herr, und auch beherzt! Er frchtet sich weder vor Schlangen,
noch vor dem Donner, noch vor Gespenstern. Barfu wie ein Hirtenbub
luft er am Rande der Abgrnde hin.

Erzhl mir mehr! Sprich!

Er erfindet Fallen fr die wilden Tiere. Vorigen Mond--wirst du es
glauben?--hat er einen Adler gefangen. Er brachte ihn hinter sich
hergeschleppt, und die groen Blutstropfen des Vogels und des Kindes
fielen wie abgeschlagene Rosen. Das wtende Tier schlug mit seinen
Flgeln um sich. Der Junge erwrgte es an seiner Brust, und je matter
es wurde, um so lauter und stolzer erscholl sein Lachen--wie
Schwertergeklirr.

Hamilkar neigte das Haupt, ergriffen von diesem Vorzeichen knftiger
Gre.

Aber seit einiger Zeit qult ihn Unruhe. Er schaut immer nach den
Segeln, die in der Ferne vorberziehen. Er ist trbsinnig, will nicht
essen, fragt nach den Gttern und will Karthago kennen lernen ...

Nein, nein! Noch nicht! rief der Suffet.

Der alte Sklave schien die Gefahr zu kennen, die Hamilkar schreckte,
und er fuhr fort:

Wie soll ich ihn zurckhalten? Schon mu ich ihm Versprechungen
machen, und ich bin nur nach Karthago gekommen, um ihm einen Dolch mit
einem silbernen perlenbesetzten Griff zu kaufen. Dann erzhlte er
noch, da er den Suffeten auf der Terrasse erblickt und sich bei den
Hafenwchtern fr eine der Frauen Salambos ausgegeben htte, um zu ihm
zu gelangen.

Lange blieb Hamilkar in Nachdenken versunken. Endlich sagte er:

Morgen bei Sonnenuntergang wirst du dich in Megara hinter der
Purpurfabrik einfinden und dreimal den Schrei des Schakals nachahmen.
Siehst du mich nicht, dann kehrst du am ersten Tage in jedem Mond nach
Karthago zurck. Vergi das nicht! Liebe ihn! Jetzt darfst du ihm von
Hamilkar erzhlen.

Der Sklave legte seine Verkleidung wieder an, und sie verlieen
zusammen das Haus und den Hafen.

Hamilkar schritt zu Fu und ohne Begleitung weiter, denn die
Versammlungen der Alten waren bei auergewhnlichen Umstnden stets
geheim, und man begab sich mglichst unauffllig dahin.

Zuerst schritt er an der Ostseite der Akropolis entlang, ging dann
ber den Gemsemarkt, durch die Galerien von Kinisdo und das
Stadtviertel der Spezereienhndler. Die wenigen Lichter erloschen,
eins nach dem andern. Die breiteren Straen wurden still. Alsbald
huschten Schatten durch die Dunkelheit. Sie folgten ihm. Andre kamen
dazu, und alle schritten in der Richtung nach der Strae der
Mappalier.

Der Molochtempel stand am Fu einer steilen Schlucht, an einem
unheimlichen Orte. Von unten erblickte man nur endlos emporsteigende
Mauern, gleich den Wnden eines ungeheuren Grabmals. Die Nacht war
dunkel. Grauer Nebel lastete auf dem Meere, das mit einem rchelnden,
jammernden Gerusch gegen die Klippen schlug. Die Schatten
verschwanden nach und nach, als seien sie in die Mauern
hineingeschlpft.

Sobald man das Tor durchschritten, befand man sich in einem weiten
viereckigen Hofe, der rings von Sulengngen umgeben war. In der Mitte
erhob sich ein groes achtseitiges Gebude, von Kuppeln berragt, die
ein zweites Stockwerk umschlossen. Auf ihm thronte eine Art von
Rundbau, den ein Kegel mit einer Kugel auf der Spitze abschlo.

In zylinderfrmigen Silberdrahtkrben auf Stangen, die von Mnnern
getragen wurden, brannten Feuer. Bei jhen Windsten flackerten die
Flammen und warfen roten Schein auf die goldenen Kmme, die das
geflochtene Haar der Fackeltrger im Nacken hielten. Sie liefen hin
und her und riefen einander, um die Alten zu empfangen.

In bestimmten Abstnden hockten auf den Steinfliesen--wie
Sphinxe--ungeheure Lwen, lebendige Symbole der verzehrenden Sonne.
Sie schliefen mit halbgeschlossenen Lidern. Die Schritte und Stimmen
weckten sie auf. Sie erhoben sich gemchlich und trotteten den Alten
entgegen. Sie erkannten sie an ihrer Tracht, rieben sich an ihren
Beinen und krmmten unter lautem Ghnen den Rcken. Ihr Atem flog in
das flackernde Fackellicht. Das Gerusch nahm zu. Tren schlossen
sich.

Kein Priester war mehr zu sehen. Auch die Alten verschwanden unter den
Sulen, die eine tiefe Vorhalle rings um den Tempel bildeten.

In konzentrischen Reihen angeordnet, stellten diese Sulen die
saturnische Periode in der Weise dar, da die Jahre die Monate und die
Monate die Tage umschlossen. Der innerste Sulenkreis stie an die
Mauer des Allerheiligsten.

Dort legten die Alten ihre Stcke aus Narwalhorn ab. Ein nie auer
acht gelassenes Gesetz bestrafte nmlich jeden mit dem Tode, der in
der Sitzung mit irgendeiner Waffe erschien. Mehrere trugen am Saum
ihres Gewandes einen Ri, zum Zeichen, da sie bei der Trauer um den
Tod ihrer Angehrigen ihre Kleider nicht geschont hatten. Doch
verhinderte ein am Ende des Risses angesetzter Purpurstreifen, da er
grer wurde. Andre trugen ihren Bart in einem Beutel aus
veilchenblauem Leder, der mit zwei Bndern an den Ohren befestigt war.
Alle begrten sich, indem sie einander umarmten. Sie umringten
Hamilkar und beglckwnschten ihn. Man htte meinen knnen, Brder
shen einen Bruder wieder.

Diese Mnner waren in der Mehrzahl untersetzt und hatten gebogene
Nasen, wie die assyrischen Kolosse. Etliche jedoch verrieten durch
ihre vorspringenden Backenknochen, ihren hheren Wuchs und ihre
schmleren Fe afrikanische Abkunft und nomadische Vorfahren. Die
bestndig in ihren Kontoren hockten, hatten bleiche Gesichter. Andre
verrieten in ihrer Erscheinung den Ernst der Wste, und seltsame
Juwelen funkelten an allen Fingern ihrer Hnde, die von fernen Sonnen
gebrunt waren. Die Seefahrer erkannte man an ihrem wiegenden Gang,
whrend die Landwirte nach der Kelter, nach Heu und Maultierschwei
rochen. Diese alten Seeruber waren Ackerbauer geworden, diese
Wucherer rsteten Schiffe aus, diese Plantagenbesitzer hielten sich
Sklaven, die allerlei Handwerk betrieben. Alle waren sie in den
religisen Bruchen bewandert, in Rnken erfahren, unbarmherzig und
reich. Sie sahen versorgt aus, und ihre flammenden Augen blickten
mitrauisch. Das fortwhrende Reisen und Lgen, Schachern und Befehlen
hatte ihrem ganzen Wesen einen Anstrich von List und Gewaltttigkeit,
eine Art verstohlener, krampfhafter Roheit verliehen. berdies
verdsterte sie die fromme Umgebung.

Zuerst durchschritten sie einen gewlbten Saal, dessen Grundri
eifrmig war. Sieben Tren, den sieben Planeten entsprechend, bildeten
an der Wand verschiedenfarbige Vierecke. Ein langes Gemach folgte.
Dann ging es wieder in einen dem ersten hnlichen Saal.

Im Hintergrunde brannte ein Kandelaber, ber und ber mit ziselierten
Blumen bedeckt. Jeder seiner acht goldenen Arme trug einen Kelch von
Diamanten mit einem Leinwanddochte. Er stand auf der obersten der
langen Stufen, die zu einem groen Altar fhrten, dessen Ecken eherne
Hrner schmckten. Zwei seitliche Treppen fhrten zur Altarplatte
hinauf. Sie war kaum mehr zu erkennen. Sie glich einem Berg
aufgehufter Asche, auf dessen Spitze etwas Unerkennbares langsam
rauchte. Darber, hher als der Kandelaber und viel hher als der
Altar, starrte der Moloch, ganz aus Eisen, mit einer Mnnerbrust, in
der eine weite ffnung klaffte. Seine ausgespannten Flgel erstreckten
sich ber die Wand, und seine berlangen Hnde reichten bis zum Boden
hinab. Drei schwarze Steine mit gelben Rndern funkelten als drei
Augen auf seiner Stirn. Er sah aus, als wolle er brllen und als recke
er mit furchtbarer Anstrengung seinen Stierkopf in die Hhe.

Ringsum im Gemache waren Ebenholzschemel aufgestellt. Hinter einem
jeden stand auf drei Klauen ein eherner Fackelhalter. Die vielen
Flammenscheine spiegelten sich in den Perlmutterrauten, mit denen der
Fuboden getfelt war. Der Saal war so hoch, da das Rot der Wnde
gegen die Wlbung hin schwarz erschien, und die drei Augen des
Gtzenbildes hoch oben schimmerten wie halb im Dunkel verlorene
Sterne.

Die Alten nahmen auf den Schemeln Platz, nachdem sie die Schleppen
ihrer Gewnder ber die Kpfe gezogen hatten. Unbeweglich saen sie
da, die Hnde in ihren weiten rmeln bereinander gelegt. Der
Perlmutterboden aber glich einem Lichtstrome, der vom Altar bis zur
Tr unter ihren bloen Fen hinrieselte.

In der Mitte saen, Rcken an Rcken, die vier Oberpriester auf vier
Elfenbeinsthlen, die im Kreuz aufgestellt waren. Der Oberpriester
Eschmuns war in ein hyazinthenblaues Gewand gekleidet, der Tanits in
weies Linnen, der Khamons in gelbrote Wolle und der Molochs in
Purpur.

Hamilkar nherte sich dem Kandelaber, schritt um ihn herum und
betrachtete die brennenden Dochte. Dann streute er wohlriechendes
Pulver darauf. Violette Flammen loderten in den Kelchen auf.

Alsbald erhob sich eine schrille Stimme, eine andre antwortete, und
die hundert Alten, die vier Oberpriester und Hamilkar, der immer noch
stand, stimmten einen Hymnus an. Sie wiederholten immerfort die
gleichen Silben, verstrkten aber jedesmal den Ton, und so schwollen
ihre Stimmen an, wurden schreiend und schrecklich, bis sie dann mit
einem Schlage schwiegen.

Man wartete eine Weile. Endlich zog Hamilkar aus seinem Busen eine
kleine saphirblaue Statuette mit drei Kpfen und stellte sie vor sich
hin. Das war das Bild der Wahrheit, die er damit zum Schutzgeist
seiner Worte machte. Dann steckte er sie wieder zu sich; und wie von
pltzlicher Wut ergriffen, schrien alle durcheinander:

Die Barbaren sind deine guten Freunde! Verrter! Verruchter! Du
kommst zurck, um unsern Untergang anzusehen, nicht wahr?--Lat ihn
reden!--Nein, nein ...!

Sie rchten sich fr den Zwang, den ihnen das staatsmnnische
Zeremoniell bisher auferlegt hatte. Wiewohl sie Hamilkars Rckkehr
gewnscht hatten, so waren sie jetzt doch darber entrstet, da er
ihrem Unglck nicht vorgebeugt, oder vielmehr, da er es nicht mit
ihnen geteilt hatte.

Als sich das Getobe gelegt hatte, stand der Oberpriester Molochs auf.

Wir fragen dich: warum bist du nicht nach Karthago zurckgekehrt?

Was geht das euch an? antwortete der Suffet verchtlich.

Das Geschrei ward noch einmal so gro.

Wessen beschuldigt ihr mich? Hab ich etwa den Krieg schlecht gefhrt?
Ihr habt meine Schlachtplne gesehen, ihr, die ihr gemtlich zulat,
da Barbaren ...

Genug! Genug!

Mit leiser Stimme, damit schrfer darauf gehrt wrde, fuhr er fort:

Ach, wahrlich, ich tusche mich, ihr Gottbegnadeten! Es gibt doch
noch Tapfere unter euch! Gisgo erhebe dich! Er schritt mit
halbgeschlossenen Lidern vor dem Altar hin, als ob er jemanden suchte,
wobei er wiederholte: Erhebe dich, Gisgo! Du kannst mich anklagen.
Sie werden dich schtzen! Aber wo ist er? Dann, als besnne er sich,
gab er sich selbst zur Antwort: Ach, gewi in seinem Hause, im Kreise
seiner Shne. Er gebietet seinen Sklaven. Er ist glcklich. Er zhlt
an der Wand die Ehrenketten, die ihm das Vaterland verliehen!

Sie zuckten mit den Schultern, wie von Peitschenhieben getroffen.

So wit ihr nicht einmal, ob er lebt oder tot ist? Und ohne sich um
ihr Geschrei zu kmmern, erklrte er: Indem sie den Suffeten im Stich
gelassen htten, sei die Republik selbst in Gefahr geraten. Auch der
Friede mit Rom, so vorteilhaft er ihnen scheine, sei verderblicher als
zwanzig Schlachten.

Einige klatschten ihm Beifall: die weniger Reichen des Rates, die
allezeit im Verdacht standen, zum Volke oder zur Tyrannis zu neigen.
Ihre Gegner, die obersten Staatsbeamten und Syssitienvorstnde, hatten
indessen die Majoritt. Die Angesehensten hatten sich um Hanno
geschart, der am andern Ende des Saals vor der hohen Tr sa, die ein
hyazinthenblauer Vorhang verhngte.

Er hatte die Schwren seines Gesichts mit Schminke bestrichen. Der
Goldpuder seiner Haare war ihm auf die Schultern gefallen und bildete
dort zwei glnzende Flecke. Dadurch sah das Haar weilich, dnn und
kraus wie Wolle aus. Seine Hnde waren mit Binden umwickelt, die mit
wohlriechendem le getrnkt waren, das auf den Boden herabtropfte.
Seine Krankheit hatte sich offenbar betrchtlich verschlimmert, denn
seine Augen verschwanden in den Falten der Lider. Um sehen zu knnen,
mute er den Kopf zurckbiegen. Seine Anhnger veranlaten ihn zu
reden. Endlich begann er mit heiserer, widerwrtiger Stimme:

Weniger Anmaung, Barkas! Wir alle sind besiegt worden! Jeder trage
sein Unglck! Fge dich!

Hamilkar lchelte und sprach:

Erzhle uns lieber, wie du unsre Penteren in die rmische Flotte
hineinmanvriert hast!

Ich wurde vom Winde getrieben, gab Hanno zur Antwort.

Du machst es wie das Rhinozeros, das auf seinem Mist herumtrampelt.
Du stellst deine eigne Dummheit zur Schau! Schweig!

Alsdann begannen sie, einander wegen der Schlacht bei den gatischen
Inseln anzuschuldigen.

Hanno machte Hamilkar den Vorwurf, er sei ihm nicht entgegen gekommen.

Ei, dann htte ich den Eryx entblt. Du mutest die offene See
gewinnen! Was hinderte dich daran? Ach, ich verga: die Elefanten
haben ja alle Angst vor dem Meere!

Hamilkars Freunde fanden diesen Witz so gut, da sie in ein lautes
Gelchter ausbrachen. Die Wlbung hallte davon wider, als htte man
Pauken geschlagen.

Hanno wies auf das Unwrdige einer solchen Beleidigung hin. Er habe
sich seine Krankheit bei der Belagerung von Hekatompylos durch eine
Erkltung zugezogen. Dabei rannen ihm die Trnen ber das Antlitz, wie
ein Winterregen ber eine verfallene Mauer.

Hamilkar fuhr fort:

Httet ihr mich geliebt, wie ihr den da geliebt habt, so wre jetzt
eitel Freude in Karthago! Wie oft hab ich euch um Hilfe angerufen! Und
stets versagtet ihr mir das Geld!

Wir brauchten es selber! erklrten die Syssitienvorstnde.

Und als meine Lage zum Verzweifeln war, als wir den Urin unsrer
Maultiere tranken und an den Riemen unsrer Sandalen nagten, als ich am
liebsten Soldaten aus dem Erdboden gestampft und die Asche unsrer
Toten zu Heerhaufen verwandelt htte, da rieft ihr die Schiffe zurck,
die mir noch geblieben waren!

Wir durften nicht alles aufs Spiel setzen, entgegnete Baat-Baal, der
im darischen Gtulien Goldminen besa.

Was tatet ihr indessen hier in Karthago, in euren Husern, hinter
euren Mauern? Es wohnen Gallier am Po, die ihr aufreizen mutet,
Kanaaniter in Kyrene, die herbeigeeilt wren. Und whrend die Rmer
Gesandte an Ptolemos schicken ...

Jetzt rhmt er uns die Rmer!

Irgend jemand anders schrie ihm zu: Wieviel haben sie dir bezahlt,
damit du sie verteidigst?

Das frage die Ebenen von Brutium, die Trmmer von Lokri, Metapont und
Heraklea! Ich habe alle ihre Bume verbrannt, alle ihre Tempel
geplndert, und bis zum Tod der Enkel ihrer Enkel ...

Du deklamierst wie ein Schulmeister der Redekunst! rief Kapuras, ein
berhmter Kaufherr. Was willst du denn eigentlich?

Ich sage, man mu entweder klger oder gefrchteter sein! Wenn ganz
Afrika euer Joch abschttelt, so geschieht es, weil ihr schwchliche
Herrscher seid, nicht imstande, das Joch jemandem fest in den Nacken
zu drcken! Agathokles, Regulus, Scipio ... irgendein verwegener Mann
braucht nur zu landen, und schon hat er das Land erobert. Und wenn
sich die Libyer im Osten mit den Numidiern im Westen verbrdern, wenn
die Nomaden von Sden und die Rmer von Norden kommen ... Ein Schrei
des Entsetzens erhob sich. Ja, dann werdet ihr an eure Brust
schlagen, euch im Staube wlzen und eure Mntel zerreien! Dann hilft
das alles nichts! Ihr werdet doch fortmssen, um in der Suburra die
Mhlen zu drehen und auf den Hgeln von Latium Wein zu lesen.

Sie schlugen sich mit den Hnden auf den rechten Schenkel, um ihre
Entrstung auszudrcken, und die rmel ihrer Gewnder blhten sich wie
die groen Flgel erschrockener Vgel.

Immer noch auf der hchsten Stufe am Altare stehend, fuhr Hamilkar in
heiligem Feuer bebend und drohend fort. Er erhob die Arme, und die
Strahlen der hinter ihm lodernden Flammen schossen aus seinen Fingern
wie goldne Pfeile.

Ihr werdet eure Schiffe verlieren, eure Landgter, eure Wagen, eure
Hngebetten und eure Sklaven, die euch die Fe reiben! Die Schakale
werden in euren Palsten hausen, der Pflug wird eure Grber umwhlen.
Man wird nichts mehr hren als den Schrei der Adler ber Haufen von
Ruinen! Du wirst fallen, Karthago!

Die vier Oberpriester streckten ihre Hnde aus, um den Fluch
abzuwehren. Alle waren aufgesprungen. Doch der Meersuffet stand als
priesterliches Oberhaupt unter dem Schutz der Sonne und war
unverletzlich, solange ihn der Staatsgerichtshof der Hundert nicht
verurteilt hatte. Vom Altar ging ein heiliges Grauen aus. Sie wichen
zurck. Hamilkar hatte aufgehrt zu reden. Starren Blickes, im Gesicht
bleich wie die Perlen seiner Tiara, stand er tiefatmend da, fast
erschrocken ber sich selbst. Sein Geist verlor sich in dstere
Visionen. Von seinem erhhten Standort erschienen ihm all die Fackeln
auf den ehernen Trgern wie eine mchtige Flammenkrone, die auf den
Fliesen lag. Schwarzer Qualm wirbelte daraus empor und reckte sich in
das Dunkel der Wlbung. Eine Weile war die Stille so tief, da man das
Rauschen des Meeres in der Ferne hrte.

Dann begannen die Alten einander zu befragen. Ihr Eigentum, ja ihr
Dasein war durch die Barbaren bedroht. Aber man konnte diese ohne
Hilfe des Suffeten nicht niederwerfen. Das war trotz allen Stolzes
schlielich magebend. Man nahm Hamilkars Freunde beiseite. Es gab
selbstschtige Vershnungen, geheime Abmachungen und feierliche
Versprechen. Aber Hamilkar wollte auf keinen Fall mehr mit der
Regierung zu tun haben. Alle beschworen ihn. Man flehte ihn an. Als
gar das Wort Verrat von neuem fiel, da ward er zornig. Der einzige
Verrter sei der Groe Rat. Denn da die Verpflichtung der Sldner mit
dem Kriege erlsche, so seien sie mit dem Ende des Krieges frei
geworden. Des weiteren bertrieb er ihre Tapferkeit und alle die
Vorteile, die man daraus ziehen knne, wenn man sie durch Geschenke
und Vorrechte wieder fr die Republik gewnne.

Da sagte Magdassan, ein alter Statthalter in den Provinzen, indem er
seine gelben Augen rollte:

Wahrlich, Barkas, du bist durch deine vielen Reisen ein Grieche oder
ein Lateiner geworden, ich wei nicht was! Was redest du von
Belohnungen fr diese Leute? Besser, da zehntausend Barbaren zugrunde
gehen als ein einziger von uns!

Die Alten nickten beifllig und murmelten: Jawohl, wozu so viel
Rcksichten? Barbaren findet man immer!

Und entledigt sich ihrer auch ganz bequem wieder, nicht wahr? Man
lt sie im Stich, wie ihr es in Sardinien getan habt. Man
benachrichtigt den Feind einfach von dem Wege, den sie einschlagen
mssen, wie bei jenen Galliern in Sizilien, oder man schifft sie auch
wohl mitten im Meere aus. Auf meiner Heimfahrt hab ich das
Felseneiland gesehen, noch ganz wei von ihren Gebeinen!

Welch ein Unglck! meinte Kapuras schamlos.

Sind sie nicht hundertmal zum Feinde bergegangen! schrien die
andern.

Warum rieft ihr sie denn, euren Gesetzen zuwider, nach Karthago
zurck? Und als sie dann in der Stadt sind, arm und in Menge, inmitten
all eurer Reichtmer, da kommt euch nicht einmal der Gedanke, sie
durch die geringste Teilung zu schwchen! Ihr entlat sie mit Weib und
Kind, allesamt, ohne auch nur eine einzige Geisel zurckzubehalten!
Whntet ihr, sie wrden einander morden, um euch den Schmerz zu
ersparen, eure Schwre zu halten? Ihr hat sie, weil sie stark sind!
Mich, ihren Marschall, hat ihr noch mehr! O, ich merkte das soeben
wohl, als ihr meine Hnde ktet. Ihr tatet euch Gewalt an, um nicht
hineinzubeien.

Wren die Lwen, die drauen im Hofe schliefen, mit Gebrll
hereingestrzt, der Lrm htte nicht furchtbarer sein knnen. Da erhob
sich der Oberpriester Eschmuns, steif, die Knie gegeneinandergepret,
die Ellbogen an den Krper gedrckt und die Hnde halb geffnet.

Barkas! sprach er. Karthago bedarf deiner. Du mut den Oberbefehl
ber die punischen Streitkrfte gegen die Barbaren annehmen!

Ich weigere mich! entgegnete Hamilkar.

Wir werden dir volle Gewalt geben! riefen die Hupter der Syssitien.

Nein!

Ohne jede berwachung! Alleinige Selbstndigkeit! Du bekommst so viel
Geld, als du forderst! Alle Gefangenen! Die ganze Beute! Vier
Quadratfu Land fr jeden feindlichen Leichnam!

Nein, nein! Weil es unmglich ist, mit euch zu siegen!

Er hat Furcht!

Weil ihr feig, geizig, undankbar, kleinmtig und unbesonnen seid!

Er will die Soldateska schonen!

Um sich an ihre Spitze zu stellen! fgte irgendeiner hinzu.

Und ber uns herzufallen! versetzte ein andrer.

Aus dem Hintergrunde aber brllte Hanno:

Er will sich zum Knige machen!

Da sprangen sie alle auf, warfen die Sitze und die Fackeln um. Dolche
zckend, strzten sie nach dem Altar. Doch Hamilkar griff in seine
rmel und zog zwei breite Messer hervor. Vorgebeugt, den linken Fu
vorgesetzt, stand er mit zusammengepreten Zhnen und flammenden Augen
da, unbeweglich unter dem goldnen Kandelaber, und blickte sie trotzig
an.

Aus Vorsicht hatten sie also smtlich Waffen mitgebracht! Das war ein
Verbrechen! Erschrocken blickten sie sich gegenseitig an. Doch da alle
schuldig waren, beruhigte man sich rasch, und einer nach dem andern
wandte dem Suffeten den Rcken und stieg, wtend ber die Demtigung,
wieder hinab. Zum zweiten Male wichen sie vor ihm zurck. Eine Weile
blieben sie so stehen. Etliche hatten sich an den Fingern verletzt und
fhrten sie zum Munde oder wickelten sie behutsam in den Saum ihrer
Mntel. Man wollte eben allgemein aufbrechen, da hrte Hamilkar die
Worte:

Pfui! Er tut es aus Rcksicht auf seine Tochter! Er will sie nicht
betrben!

Und eine andre lautere Stimme schrie:

Ohne Zweifel, denn sie whlt sich ja ihre Liebsten unter den
Sldnern!

Einen Augenblick wankte Hamilkar, dann suchten seine raschen Augen
Schahabarim. Der Priester der Tanit war allein auf seinem Platze
verblieben, aber Hamilkar erblickte von weitem nichts als seine hohe
Mtze. Die Versammlung lachte dem Suffeten hhnisch ins Gesicht. Je
mehr seine Erbitterung wuchs, um so grer ward ihre Freude, und
inmitten des Spottgeschreis riefen die hinten Stehenden:

Man hat einen aus ihrem Gemache kommen sehen!

Eines Morgens im Monat Tammuz!

Es war der Ruber des Zaimphs!

Ein sehr schner Mann!

Grer als du!

Hamilkar ri sich die Tiara vom Haupte, das Zeichen seiner Wrde,
seine Tiara mit acht symbolischen Reifen, die in der Mitte eine
Rosette aus Smaragden trug, und schleuderte sie mit beiden Hnden aus
Leibeskrften zu Boden. Die goldnen Kronen zersprangen und prallten
hoch, und die Perlen schlugen klingend auf die Fliesen. Jetzt konnte
man auf seiner bleichen Stirn eine lange Narbe erblicken, die sich wie
eine Schlange zwischen seinen Augenbrauen hinringelte. Alle Glieder
zitterten ihm. Er stieg eine der Seitentreppen empor, die auf den
Altar fhrten, und betrat ihn. Damit deutete er an, da er sich dem
Gotte weihte, sich zum Opfer anbot. Sein Mantel flatterte und brachte
die Lichter des Kandelabers ins Flackern, der sich jetzt zu Hamilkars
Fen befand, und der feine Staub, den seine Tritte aufwirbelten,
umhllte ihn bis zu den Lenden wie eine Wolke. Zwischen den Beinen des
ehernen Kolosses blieb er stehen. Er nahm zwei Hnde voll von der
Asche, deren bloer Anblick alle Karthager vor Entsetzen erbeben lie,
und sprach:

Bei den hundert Fackeln eures Geistes! Bei den acht Feuern der
Erdgeister! Bei den Sternen, den Meteoren und Vulkanen! Bei allem, was
brennt! Beim Durste der Wste und dem Salze des Meeres! Bei der Hhle
von Hadrumet und dem Reiche der Seelen! Bei dem Ende aller Dinge! Bei
der Asche eurer Shne und der Asche der Brder eurer Ahnen, mit der
ich jetzt die meine menge! Ihr, der Rat der Alten von Karthago, ihr
habt gelogen, als ihr meine Tochter anklagtet! Und ich, Hamilkar
Barkas, der Suffet des Meeres, der Erste der Patrizier und der
Herrscher des Volkes, ich schwre vor Moloch dem Stierkpfigen ...
Man erwartete etwas Entsetzliches, doch er fuhr mit lauter und ruhiger
Stimme fort: ... da ich nicht einmal mit ihr darber reden werde!

Die Tempeldiener, goldne Kmme im Haar, traten ein, mit
Purpurschwmmen und Palmzweigen. Sie hoben den hyazinthblauen Vorhang
auf, der vor die Tre gespannt war. Durch die ffnung erblickte man im
Hintergrunde der Sle den weiten rosenroten Himmel, der die Wlbung
der Decke fortzusetzen schien und sich am Horizont auf das tiefblaue
Meer sttzte. Die Sonne erhob sich aus den Fluten und stieg empor.
Ihre Strahlen trafen die Brust des Kolosses. Sein von roten Zhnen
starrender Rachen tat sich in schrecklichem Ghnen auf. Seine
ungeheuern Nasenflgel erweiterten sich. Das helle Licht belebte ihn
und verlieh ihm ein furchtbares, lauerndes Aussehen, als ob er sich
hinausstrzen wollte, um sich mit dem Gestirn, dem Gott, zu vereinen
und mit ihm zusammen die Unendlichkeit zu durchstrmen.

Die umgerissenen Fackeln brannten inzwischen weiter, und ihr
Widerschein go hier und dort auf die Perlmutterfliesen rote Flecke
wie von Blut hin. Die Alten taumelten vor Ermattung. Sie atmeten die
frische Luft mit vollen Zgen. Schwei rann ber ihre bleigrauen
Lippen. Sie hatten alle so viel geschrien, da sie einander nicht mehr
verstanden. Aber ihr Zorn gegen den Suffeten war nicht erloschen. Zum
Abschied warfen sie ihm Drohungen zu, und Hamilkar erwiderte sie:

Auf Wiedersehen morgen nacht, Barkas, im Tempel Eschmuns!

Ich werde da sein!

Wir werden dich durch die Hundertmnner verurteilen lassen!

Und ich euch durch das Volk!

Nimm dich nur in acht, da du nicht am Kreuze endest!

Und ihr, da ihr nicht in den Straen zerrissen werdet!

Sobald sie sich auf der Schwelle des Hofes befanden, nahmen sie wieder
eine ruhige Haltung an.

Die Lufer und Wagenfhrer erwarteten ihre Herren am Tor. Die meisten
Gerusiasten ritten auf weien Maultieren davon. Der Suffet sprang in
seinen zweirdrigen Wagen und ergriff selbst die Zgel. Die beiden
Rosse trabten im Takt in stolzer Beizumung ber die aufspringenden
Kiesel. Die ganze Strae der Mappalier hinan galoppierten sie. Der
silberne Geier vorn an der Deichsel schien zu fliegen, so schnell
strmte der Wagen dahin.

Die Strae durchschnitt einen Platz, der mit hohen, oben
pyramidenfrmig zugespitzten Steinplatten bedeckt war. Sie trugen in
der Mitte ausgemeielt eine offene Hand, als ob der Tote, der darunter
lag, sie gen Himmel emporstrecke, um etwas zu erbitten. Dann kamen
verstreute Htten aus Lehm, Zweigen und Binsengeflecht, kegelfrmig
errichtet. Kleine Mauern aus Kieselsteinen, Rinnen mit gieendem
Wasser, aus Spartogras geflochtene Stricke und Hecken von Feigenkaktus
trennten in unregelmiger Weise die einzelnen Behausungen, die immer
zahlreicher wurden und sich bis zu den Grten des Suffeten hinzogen.
Hamilkar heftete seine Blicke auf einen groen Turm, dessen drei
Stockwerke die Form von drei ungeheuren Zylindern hatten. Das unterste
war aus Stein, das zweite aus Ziegeln und das oberste ganz aus
Zedernholz erbaut und trug eine kupferne Kuppel, auf vierundzwanzig
Sulen aus Wacholderholz, von denen Erzketten in Form von
durcheinandergeschlungenen Girlanden herabhingen. Der hochragende Bau
beherrschte die Gebude, die zur Rechten standen, die Speicher und das
Verwaltungshaus, whrend der Frauenpalast hinter den Zypressenreihen
hervorlugte, die wie zwei eherne Mauern Wache hielten.

Als der Wagen rasselnd durch das enge Tor gefahren war, hielt er unter
einem breiten Schutzdache, unter dem angehalfterte Pferde an
Heubndeln fraen.

Diener liefen herbei. Es waren ihrer eine groe Menge vorhanden, da
man auch die auf den Feldern Arbeitenden, aus Furcht vor den Sldnern,
in die Stadt hereingetrieben hatte. Diese Feldarbeiter trugen
Tierfelle und schleppten Ketten nach, die um ihre Knchel
zusammengeschmiedet waren. Die Arbeiter aus den Purpurfabriken hatten
rotgefrbte Arme wie Scharfrichter. Die Seeleute trugen grne Mtzen,
die Fischer Korallenhalsbnder, die Jger ein Netz auf der Schulter
und die im Schlosse von Megara Beschftigten weie oder schwarze
Gewnder, Lederhosen und Kappen aus Stroh, Filz oder Leinwand, je nach
ihrem Dienst und verschiedenem Gewerbe.

Dahinter drngte ein in Lumpen gehllter Pbel. Diese Vagabunden
lebten obdachlos ohne jede Beschftigung. Sie schliefen des Nachts in
den Grten und nhrten sich von den Kchenabfllen. Es war gleichsam
menschlicher Moder, der im Schatten des Palastes wucherte. Hamilkar
duldete sie, mehr aus kluger Vorsicht denn aus verchtlichem Erbarmen.
Sie hatten sich allesamt zum Zeichen ihrer Freude Blumen hinter die
Ohren gesteckt. Viele von ihnen hatten den Gewaltigen noch nie
gesehen.

Aufseher, die ihr Haar wie Sphinxe trugen, warfen sich auf alle diese
Leute und schlugen mit ihren groen Stcken rechts und links um sich.
Dies geschah, um die auf den Anblick ihres Gebieters neugierigen
Sklaven zurckzutreiben. Hamilkar sollte nicht durch die Menge beengt
und durch ihren Geruch nicht belstigt werden.

Nun warfen sich alle platt auf den Boden und schrien: Gtterliebling,
dein Haus blhe! Durch diesen in der Zypressenallee auf dem Boden
liegenden Schwarm schritt der Haushofmeister Abdalonim in seiner hohen
weien Mtze auf Hamilkar zu, ein Weihrauchfa in der Hand.

Da kam Salambo die Galeerentreppe herab, gefolgt von all ihren Frauen,
die immer, wenn ihre Herrin eine Stufe herabstieg, dasselbe taten. Die
Kpfe der Negerinnen hoben sich als groe schwarze Punkte in der
langen Linie der mit Goldplttchen besetzten Binden auf den Stirnen
der Rmerinnen ab. Andre trugen im Haar silberne Pfeile,
Schmetterlinge aus Smaragden oder sonnenartig geordnete lange Nadeln.
Auf dem Gewirr der weien, gelben und blauen Gewnder funkelten Ringe,
Spangen, Halsketten, Fransen und Armbnder. Die leichten Stoffe
knisterten. Man hrte das Klappen der Sandalen und das dumpfe Treten
der bloen Fe auf den Holzstufen. Hier und da ragte ein groer
Eunuch ber die Frauen hinweg mit seinen hohen Schultern und seinem
lchelnden Haupte. Als die Zurufe der Mnner nachgelassen hatten,
stieen die Weiber, das Gesicht mit den rmeln verhllend, seltsame
Rufe aus, dem Heulen von Wlfinnen vergleichbar, so wild und so
schrill, da die groe, ganz mit Frauen bedeckte Ebenholztreppe von
oben bis unten dumpf erdrhnte.

Der Wind blhte die Schleier. Die dnnen Papyrosstauden wiegten sich
sacht. Es war im Monat Schebaz, mitten im Winter. Die blhenden
Granatbume zeichneten sich in runden Linien vom blauen Himmel ab, und
durch die Zweige schimmerte das Meer mit einem fernen Eiland, halb im
Dunste verschwommen.

Hamilkar blieb stehen, als er Salambo erblickte. Sie war ihm nach dem
Tode mehrerer Knaben geboren worden. Zudem galt die Geburt von
Tchtern in allen Lndern der Sonnenanbetung fr ein Unglck. Spter
hatten ihm die Gtter zwar noch einen Sohn geschenkt, aber von seiner
Enttuschung und von dem Fluch, den er ber seine Tochter
ausgesprochen hatte, war etwas in seiner Seele doch verblieben.
Inzwischen kam Salambo heran.

Perlen von verschiedener Frbung hingen in langen Trauben von ihren
Ohren auf die Schultern herab bis an die Ellbogen. Ihr Haar war so
gekruselt, da es wie eine Wolke aussah. Um den Hals trug sie kleine
viereckige Goldplttchen. Auf jedem war eine Frau zwischen zwei
aufrecht stehenden Lwen abgebildet. In allem glich ihre Kleidung der
der Gttin. Ihr hyazinthenblaues Gewand mit weiten rmeln schlo sich
eng um ihre Hften und erweiterte sich nach unten. Der Zinnober auf
ihren Lippen lie ihre Zhne weier schimmern, und das Antimon in
ihren Wimpern machte ihre Augen grer. Ihre Sandalen, aus Vogelblgen
geschnitten, hatten berhohe Abstze. Offenbar vor Klte war Salambo
sehr bla.

Endlich gelangte sie vor Hamilkar, und ohne ihn anzublicken, ohne den
Kopf zu erheben, sprach sie zu ihm:

Heil dir, Gtterliebling! Unsterblichen Ruhm dir, Sieg, Mue,
Zufriedenheit und Reichtum! Lange war mein Herz traurig und das Haus
voller Sehnsucht. Doch der Herr, der heimkehrt, strahlt wie die
Lenzessonne, die wiederauferstandene; und unter deinem Blick, Vater,
wird Freude und neues Leben berall erblhen!

Und indem sie aus Taanachs Hnden ein kleines lngliches Gef nahm,
in dem eine Mischung von Mehl, Butter, Paradieskrnern und Wein
dampfte, fuhr sie fort:

Trink in vollen Zgen den Trank der Heimkehr, den deine Magd dir
bereitet!

Er erwiderte: Segen ber dich! und ergriff mechanisch die goldne
Schale, die sie ihm darbot. Dabei musterte er sie so scharfen Blicks,
da sie verwirrt stammelte:

Man hat dir gesagt, Herr ...

Ja, ich wei, versetzte Hamilkar leise.

War das ein Gestndnis oder meinte sie die Barbaren? Er fgte ein paar
inhaltslose Worte ber die Not der Stadt hinzu, der er unbedingt ein
Ende setzen wolle.

Ach, Vater! rief Salambo aus. Was dahin ist, ist dahin!
Unwiederbringlich!

Da wich er zurck. Salambo aber staunte ber seine Bestrzung. Sie
hatte keineswegs Karthago im Sinne, sondern den Tempelraub, als dessen
Mitschuldige sie sich fhlte. Der Mann, vor dem Armeen zitterten, den
sie selber kaum kannte, war ihr unheimlich wie ein Gott. Er hatte
alles erraten, er wute alles! Etwas Schreckliches mute geschehen.

Gnade! rief sie.

Hamilkar senkte langsam das Haupt.

Obwohl sie sich anschuldigen wollte, wagte sie doch nicht die Lippen
zu ffnen. Dabei erstickte sie das Bedrfnis, sich zu beklagen und
getrstet zu werden. Hamilkar kmpfte gegen den Drang, seinen Schwur
zu brechen. Er hielt ihn aus Stolz oder aus Furcht, den Trost der
Ungewiheit zu verlieren. Durchbohrend schaute er Salambo ins Antlitz,
um zu ergrnden, was sie in der Tiefe ihres Herzens verberge.

Von der Wucht dieses Blickes erdrckt, lie Salambo mehr und mehr den
Kopf sinken und seufzte tief auf. Jetzt war er berzeugt, da sie in
der Umarmung eines Barbaren schwach geworden war. Er bebte und hob
beide Fuste empor. Sie stie einen Schrei aus und sank in die Arme
ihrer Frauen, die sich eifrig um sie bemhten.

Hamilkar drehte sich auf den Abstzen herum. Die Schar der Verwalter
folgte ihm nach.

Man ffnete das Tor des Speichers und betrat einen weiten runden Saal,
von dem, wie die Speichen eines Rades von der Nabe, lange Gnge
ausliefen, die zu andern Slen fhrten. In der Mitte erhob sich eine
Art steinernes Podium mit Einlagerungen fr die Kissen, die auf den
Teppich herabgeglitten waren.

Der Suffet ging anfangs mit groen raschen Schritten auf und ab. Er
atmete geruschvoll, stampfte mit dem Fu auf den Boden und fuhr sich
mit der Hand ber die Stirn, wie ein Mensch, der von Fliegen geplagt
wird. Dann schttelte er das Haupt, und beim Anblick der aufgehuften
Schtze beruhigte er sich. Seine Gedanken, durch den Blick in die
Gnge angeregt, schweiften zu den andern, mit noch selteneren Schtzen
gefllten Rumen. Erzplatten, Silberstangen und Eisenbarren standen
neben Zinnblcken, die ber das Nebelmeer von den Zinninseln gekommen
waren. Die Harze aus dem Lande der Schwarzen quollen aus ihren Scken
von Palmenbast hervor, und der Goldstaub, der in Schluche gefllt
war, stubte unmerklich durch die altersschwachen Nhte. Zwischen
dnnen Fasern, aus Seepflanzen gewonnen, hingen Flachse aus gypten,
Griechenland, Ceylon und Juda. Am Fue der Mauern starrten Korallen
wie groe Strucher empor. Und ber alldem schwebte ein unbestimmbarer
Geruch: die Ausdnstung der Wohlgerche, der Gewrze und der
Strauenfedern, die in groen Bscheln von der Deckenwlbung
herabhingen. Vor jedem Gange standen Elefantenzhne, mit den Spitzen
aneinandergelegt, und bildeten einen Spitzbogen als Eingang.

Hamilkar bestieg das Podium. Die Verwalter standen alle mit gekreuzten
Armen und gesenktem Haupte da. Nur Abdalonims spitze Mtze ragte stolz
empor.

Hamilkar befragte zuerst den Verwalter der Schiffe, einen alten
Seemann, dessen Lider die Winde zerzaust hatten. Weie Haarflocken
reichten bis zu seinen Hften herab, als wre ihm der Schaum der Wogen
im Barte hngen geblieben.

Er antwortete, er habe ein Geschwader ber Gades und Senegambien
ausgesandt mit der Order, das Horn des Sdens und das Vorgebirge der
Gewrze zu umschiffen und Eziongaber in Arabien zu erreichen.

Andre Schiffe--so berichtete er--waren vier Monde lang gen Westen
gefahren, ohne auf Land zu stoen. Dann hemmte Seegras den Bug der
Schiffe. Am Horizont donnerten unaufhrlich Wasserflle. Blutrote
Nebel verdunkelten die Sonne. Dftegeschwngerter Wind schlferte die
Bemannung ein, und hinterher war das Gedchtnis der Leute so
verworren, da sie nichts zu berichten vermochten. Inzwischen war man
die Flsse der Szythen hinaufgefahren, bis nach Kolchis, war zu den
Jugriern und Estiern gedrungen und hatte im Archipel fnfzehnhundert
Jungfrauen geraubt. Alle fremden Schiffe aber, die man jenseits des
Kaps Ostrymon gekreuzt, hatte man in den Grund gebohrt, damit das
Geheimnis der Wege unbekannt bliebe. Knig Ptolemos hatte den
Weihrauch von Schesbar zurckbehalten. Syrakus, lana, Korsika und die
Inseln hatten nichts geliefert, und der alte Pilot senkte die Stimme,
als er meldete, da eine Trireme bei Rusikada von den Numidiern
gekapert worden war: denn sie halten es mit ihnen, Herr!

Hamilkar runzelte die Stirn. Dann winkte er dem Verwalter der
Karawanen, er solle Bericht ablegen. Er trug ein braunes, grtelloses
Gewand, und seinen Kopf umhllte eine lange Binde aus weiem Stoff,
die am Rande seines Mundes vorbeilief und ihm hinten ber die Schulter
fiel.

Die Karawanen waren planmig zur Winter-Tag- und Nachtgleiche
abgegangen. Doch von fnfzehnhundert Leuten, die mit vortrefflichen
Kamelen, neuen Schluchen und Vorrten bunter Leinwand nach
Hinter-thiopien den Marsch angetreten hatten, war nur ein einziger
nach Karthago zurckgekehrt. Die brigen waren den Strapazen erlegen
oder im Wstenschreck wahnsinnig geworden. Der Gerettete berichtete, er
habe weit jenseits des schwarzen Harudsch, hinter den Ataranten und dem
Lande der groen Affen, ungeheure Reiche angetroffen. Die geringsten
Gerte seien dort aus lauterem Golde. Ferner habe er einen Strom
gesehen von milchweier Farbe, breit wie ein Meer, dann Wlder von
blauen Bumen, Berge von Gewrzen, Ungeheuer mit Menschengesichtern,
die auf Felsen hausten, mit Augpfeln, die sich wie Blumen entfalteten,
wenn sie einen anblickten. Endlich htte es hinter Seen, die von
Drachen wimmelten, kristallne Berge gegeben, auf denen die Sonne
schliefe. Andre Karawanen waren aus Indien zurckgekehrt, mit Pfauen,
Pfeffer und seltsamen Geweben. Die jedoch, die den Weg nach den Syrten
und zum Ammontempel eingeschlagen hatten, um Chalzedone zu kaufen, die
waren ohne Zweifel im Sande umgekommen. Die Karawanen nach Gtulien und
Phazzana htten die gewhnlichen Erzeugnisse von dort mitgebracht.
Zurzeit--so schlo der Verwalter der Karawanen seinen Bericht--wage er
keine neuen Expeditionen auszuschicken.

Hamilkar verstand ihn: die Sldner hielten die Ebene besetzt. Mit
einem dumpfen Seufzer lehnte er sich auf den andern Ellbogen. Der
Verwalter der Landgter hatte nunmehr solche Furcht zu reden, da er
trotz seiner breiten Schultern und seiner dicken roten Augen
entsetzlich zitterte. Sein Gesicht war stumpfnasig wie das einer
Dogge. Auf dem Kopfe trug er ein Netz aus Rindenfasern, um die Hften
einen Gurt aus Leopardenfell, in dem zwei furchtbare Messer blinkten.

Sobald sich Hamilkar abwandte, begann er schreiend alle Gtter
anzurufen. Es wre nicht seine Schuld! Er knne nichts dafr! Er htte
die Witterung, den Boden und die Sterne beobachtet, htte die
Anpflanzungen zur Zeit der Wintersonnenwende, die Ausholzungen bei
abnehmendem Monde vorgenommen, die Sklaven beaufsichtigt, ihre Kleider
geschont ...

Seine Geschwtzigkeit rgerte Hamilkar. Er schnalzte mit der Zunge,
aber der Mann mit den Messern fuhr hastig fort:

Ach, Herr, sie haben alles geplndert! Alles durcheinandergeworfen!
Alles zerstrt! In Maschala sind dreitausend Fu Bume niedergeschlagen,
in Ubada die Speicher zertrmmert und die Zisternen verschttet. In
Tedes haben sie achthundert Metzen Mehl fortgeschleppt, in Marazzana
alle Hirten gettet, die Herden verzehrt und dein Haus eingeschert,
dein schnes Haus aus Zedernholz, wo du im Sommer zu verweilen
pflegtest! Die Sklaven von Teburba, die Gerste schnitten, sind in die
Berge geflohen, und die Esel, die Maulesel und Maultiere, die Rinder von
Taormina und die oringischen Pferde,--nicht eins ist mehr da, alle sind
geraubt! Es ist ein Fluch! Ich berlebe das nicht! Weinend fuhr er
fort: Ach, wtest du, wie die Keller gefllt waren, wie die Pflge
glnzten! Und ach, die schnen Widder! Ach, die schnen Stiere!

Hamilkar erstickte fast vor Zorn. Dann wetterte er los:

Schweig! Bin ich denn ein Bettler? Keine Lgen! Sprecht die Wahrheit!
Ich will alles wissen, was ich verloren habe, alles bis auf Heller und
Pfennig, bis auf Zentner und Scheffel! Abdalonim, bring mir die
Rechnungen ber die Schiffe, ber die Karawanen, die Landgter und den
Haushalt! Und wenn euer Gewissen nicht rein ist, wehe euern
Huptern!--Geht!

Alle Verwalter gingen rcklings hinaus, tief gebeugt, so da ihre
Hnde den Boden berhrten.

Abdalonim nahm aus dem Mittelfache eines Schrankes, der in die Mauer
eingebaut war, mit Knoten bedeckte Schnre, Leinen- und Papyrosrollen
und Schulterbltter von Schafen, die mit feiner Schrift bekritzelt
waren. Er legte sie Hamilkar zu Fen, gab ihm einen Holzrahmen in die
Hand mit drei eingespannten Fden, auf denen Kugeln von Gold, Silber
und Horn aufgereiht waren. Sodann begann er:

Hundertzweiundneunzig Huser in der Strae der Mappalier, an
Neukarthager zu einem Talent monatlich vermietet.

Die Miete ist zu hoch! Schone die Armen! Auch sollst du mir die Namen
derer aufschreiben, die dir am khnsten erscheinen, und zu ermitteln
trachten, ob sie der Republik treu gesinnt sind. Weiter!

Abdalonim zauderte. Solche Gromut berraschte ihn.

Hamilkar ri ihm die Leinwandrollen aus der Hand.

Was ist das? Drei Palste am Khamonplatze zu zwlf Kesitah den Monat?
Setze zwanzig! Von Reichen la ich mich nicht ausbeuten!

Der Haushofmeister verneigte sich tief, dann fuhr er fort:

An Tigillas bis Ende der Schiffahrtszeit ausgeliehen: zwei Talente zu
dreiunddreiig ein drittel Prozent. berseegeschft! An Barmalkarth
fnfzehnhundert Sekel gegen ein Pfand von dreiig Sklaven. Zwlf davon
sind allerdings in den Salzteichen eingegangen ...

Weil sie berhaupt schon kaputt waren! lachte der Suffet. Einerlei!
Wenn er Geld braucht, soll er welches haben! Das Geld mu immer
arbeiten, zu verschiedenem Zins, je nach dem Reichtum der Abnehmer.

Der Diener las weiterhin rasch alle Einnahmen vor: aus den Eisenminen
in Annaba, den Korallenfischereien, den Purpurfabriken, aus der Pacht
der den ansssigen Griechen auferlegten Steuern, aus der Silberausfuhr
nach Arabien, wo es zehnfachen Goldwert hatte, aus gekaperten
Schiffen,--abzglich des Zehnten fr den Tempel der Gttin.

Ich habe jedesmal ein Viertel weniger angegeben, Herr!

Hamilkar rechnete mit den Kugeln der Rechenmaschine nach, die unter
seinen Fingern klapperten.

Genug! Was hast du in bar gezahlt?

An Stratonikles in Korinth und an drei Kaufleute in Alexandrien auf
diese Wechsel hier--sie sind am Flligkeitstage vorgezeigt
worden--zehntausend athenische Drachmen und zwlf syrische
Goldtalente. Verpflegung der Schiffsmannschaften, zwanzig Minen
monatlich fr jede Triere ...

Ich wei! Haben wir Verluste gehabt?

Die Rechnung darber steht auf diesen Bleitafeln! vermeldete der
Beamte. Was die mit andern Gesellschaftern gemeinsam befrachteten
Schiffe anbetrifft, so mute man mehrfach Ladungen ber Bord werfen.
Der Verlust ist auf alle Teilhaber verteilt worden. Fr Tauwerk, das
aus den Arsenalen geliehen wurde und nicht zurckerstattet werden
konnte, haben die Syssitien vor dem Zuge nach Utika achthundert
Kesitah gefordert ...

Immer wieder die! murmelte Hamilkar mit gesenktem Haupte. Eine Weile
sa er wie niedergedrckt von dem groen Ha, den er auf sich lasten
fhlte. Aber ich finde die Ausgaben fr Megara nicht!

Abdalonim erbleichte und holte aus einem andern Schranke Tafeln von
Sykomorenholz, die bndelweise auf Lederschnuren gereiht waren.

Hamilkar hrte neugierig auf die Einzelheiten des Haushaltsberichts.
Die Eintnigkeit der Stimme, die ihm die Ziffern vorlas, beruhigte ihn
allmhlich. Dann las Abdalonim langsamer. Pltzlich lie er die
Holztafeln fallen und warf sich selbst mit ausgestreckten Armen lang
auf den Boden, wie ein Verurteilter. Hamilkar hob die Tafeln mit
gleichgltiger Miene auf. Doch seine Lippen ffneten sich, und seine
Augen erweiterten sich, wie er unter den Ausgaben eines einzigen Tages
einen ungeheuren Verbrauch an Fleisch, Fischen, Geflgel, Wein und
Gewrz, dazu eine Aufzhlung von zerbrochenen Gefen, getteten
Sklaven und verdorbenen Teppichen fand.

Abdalonim, noch immer am Boden liegend, berichtete ihm nun von dem
Festschmause der Sldner. Er htte sich dem Befehl der Alten nicht
entziehen knnen; dazu habe Salambo gewnscht, da die Soldaten auf
das beste bewirtet werden sollten.

Beim Namen seiner Tochter fuhr Hamilkar mit einem Satz in die Hhe.
Dann sank er auf die Kissen zurck. Er bi sich auf die Lippen, zerrte
mit den Ngeln an den Fransen eines Kissens und atmete schwer. Sein
Blick war starr.

Steh auf! gebot er und stieg herab.

Abdalonim folgte ihm mit schlotternden Knien. Dann aber griff er nach
einer Eisenstange und machte sich daran, wie ein Rasender die
Steinfliesen auszuheben. Eine Holzscheibe sprang hoch, und alsbald
klappten in der Flucht des Ganges noch mehrere solcher groen Deckel
auf: die Verschlsse von Kellern zur Aufbewahrung von Getreide.

Du siehst, Liebling der Gtter, sprach der Diener zitternd, sie
haben nicht alles genommen! Diese Keller sind tief, jeder fnfzig
Ellen, und bis zum Rande gefllt! Whrend deiner Reise habe ich sie
anlegen lassen, auch welche in den Arsenalen, in den Grten, berall!
Dein Haus ist voll Korn, wie dein Herz voller Weisheit!

Ein Lcheln berflog Hamilkars Antlitz.

Das ist gut so, Abdalonim! Und flsternd sagte er ihm, sich neigend,
ins Ohr: Du wirst noch mehr kommen lassen, aus Etrurien, aus
Bruttium, woher du willst und zu welchem Preise es auch sei! Huf es
an und bewahr es! Ich mu alleiniger Besitzer alles Getreides in
Karthago sein!

Dann, am Ende des Ganges, ffnete Abdalonim mit einem der Schlssel,
die an seinem Grtel hingen, ein groes viereckiges Gemach, das in der
Mitte durch Pfeiler von Zedernholz geteilt war. Goldne, silberne und
eherne Mnzen, auf Tischen aufgebaut oder in den Nischen hochgetrmt,
huften sich an allen vier Wnden bis zu den Dachbalken empor.

Ungeheure Koffer aus Flupferdhaut standen in den Ecken und bargen
ganze Reihen von kleineren Scken. Haufen von Scheidemnzen wlbten
sich auf dem Fuboden. Hier und dort war ein zu hoher Berg eingestrzt
und glich nun einer zertrmmerten Sule. Die groen karthagischen
Mnzen mit dem Bilde der Tanit und eines Rosses unter einem Palmbaum
mischten sich mit den Geldstcken der Kolonien, auf denen ein Stier,
ein Stern, eine Kugel oder ein Halbmond zu sehen war. Weiterhin
erblickte man, zu ungleichen Haufen geschichtet, Mnzen von jedem
Werte, jeder Form, jedem Zeitalter: von den alten assyrischen Mnzen,
dnn wie Fingerngel, bis zu den alten faustdicken Geldstcken
Latiums, von dem knopffrmigen Geld ginas bis zu den Tafeln der
Baktrier und den kurzen Barren des alten Sparta. Manche waren mit Rost
bedeckt, beschmutzt, im Wasser grnspanig geworden oder vom Feuer
geschwrzt; man hatte sie mit Netzen aufgefischt oder nach
Belagerungen in den Trmmern der Stdte gefunden. Der Suffet hatte
rasch berschlagen, ob die vorhandenen Summen mit den Einnahmen und
Verlusten, die ihm Abdalonim verlesen, bereinstimmten, und er wollte
schon hinausschreiten, als er drei groe, bis auf den Grund leere
eherne Krge sah. Abdalonim wandte vor Entsetzen das Haupt ab, aber
Hamilkar schwieg resigniert.

Sie durchschritten andre Gnge und Rume und kamen schlielich vor
eine Tr, vor der zur besseren Bewachung an einer langen, um seinen
Leib und an die Mauer geschmiedeten Kette ein Mann lag. (Das war eine
rmische Sitte, noch nicht lange in Karthago eingefhrt.) Bart und
Fingerngel des Angeketteten waren bermig lang, und er wiegte sich
fortwhrend nach rechts und nach links wie ein gefangenes Tier. Sobald
er Hamilkar erkannte, strzte er ihm entgegen und rief:

Gnade! Liebling der Gtter! Erbarmen! Tte mich! Zehn Jahre sind es
nun, da ich die Sonne nicht gesehen! Im Namen deines Vaters, Gnade!

Ohne ihm zu antworten, klatschte Hamilkar in die Hnde. Drei Mnner
erschienen, und alle vier zogen mit einem gleichzeitigen starken Ruck
die riesige Eisenstange, die das Tor verschlo, aus ihren Ringen.
Hamilkar ergriff eine Fackel und verschwand im Dunkeln.

Man hielt diesen Raum lediglich fr die Familiengruft, doch htte man
hier hchstens einen weiten Schacht gefunden, angelegt, um die Diebe
irrezufhren, doch ohne Inhalt. Hamilkar ging daran vorber, dann
bckte er sich, drehte einen schweren Mhlstein auf seinen Walzen und
trat durch die so entstandene ffnung in ein kegelfrmiges Gemach.

Eherne Schuppen bedeckten die Wnde. In der Mitte, auf einem Sockel
aus Granit, erhob sich das Standbild eines der Kabiren, namens Aletes,
das heit des ewigen Pilgers, des Entdeckers der Silberbergwerke in
Spanien. Am Boden standen, dicht um den Sockel herum und kreuzfrmig
angeordnet, breite goldne Schilde und riesige silberne Gefe mit
verschlossenem Halse und von wunderlicher Form, die zu nichts dienen
konnten. Es war nmlich Brauch, Metallmassen derart einzuschmelzen, um
ihre Verminderung oder gar ihre Entwendung fast unmglich zu machen.

Hamilkar zndete mit seiner Fackel ein Lmpchen an, das an der Mtze
des Gtterbildes befestigt war, und pltzlich erstrahlte der Raum in
grnen, gelben, blauen, violetten, weinfarbenen und blutroten
Lichtern. Er war voller Edelsteine, in goldne Schalen gefllt, die wie
Lampenbecken an metallenen Trgern hingen. Andre standen, noch im
Muttergestein, an der Mauer. Da funkelten Trkise, durch
Schleuderwrfe von den Bergen abgesprengt; Karfunkel, aus dem Urin der
Luchse entstanden; Glossopetren, vom Monde gefallen; Tyane, Diamanten,
Sandaster, Berylle, Rubine aller drei Arten, Saphire aller vier Arten
und Smaragde aller zwlf Arten. Sie schimmerten wie Milchtropfen, wie
blaue Eiszapfen, wie Silberstaub, und sprhten ihr Licht in breiten
Fluten, in feinen Strahlen und glhenden Sternen. Meteore, die der
Donner erzeugt, blinkten neben Chalzedonen, die Vergiftungen heilen.
Man sah Topase vom Berg Zabarka, die vor Erschrecken schtzen; Opale
aus Baktrien, die Fehlgeburten verhindern; Ammonshrner, die man unter
das Bett legt, wenn man Trume haben will.

Die Lichter der Steine und der Lampenschein spiegelten sich in den
groen goldnen Schilden. Hamilkar stand mit verschrnkten Armen da und
lchelte. Er ergtzte sich weniger am Anblick als am Bewutsein seiner
Reichtmer. Seine Schtze waren unerreichbar, unerschpflich,
unendlich. Seine Ahnen, die hier unter seinen Fen schliefen, sandten
seinem Herzen etwas von ihrer Unsterblichkeit. Er fhlte sich den
unterirdischen Geistern nahe. Er empfand gleichsam die Freude eines
Erdgeistes, und die langen leuchtenden Strahlen, die ber sein Gesicht
liefen, dnkten ihn wie die Maschen eines unsichtbaren Netzes, das ihn
ber Abgrnde hin mit dem Mittelpunkt der Welt verknpfte.

Da fiel ihm etwas ein, und er erbebte. Er begab sich hinter das
Gtterbild und schritt geradeaus auf die Wand zu. Nachdenklich
betrachtete er eine Ttowierung auf seinem rechten Arm: eine
wagerechte Linie in Verbindung mit zwei senkrechten: die kanaanitische
Ziffer dreizehn. Nun zhlte er bis zur dreizehnten Erzplatte, schlug
nochmals seinen weiten rmel zurck, streckte die rechte Hand aus und
las auf einer andern Stelle seines Arms andre verwickeltere Zeichen,
whrend er seine Finger bewegte wie ein Lautenspieler. Endlich klopfte
er mit seinem Daumen siebenmal auf. Ein ganzer Teil der Mauer drehte
sich wie aus einem Stck.

Das war der geheime Zugang zu einem Keller, in dem sich geheimnisvolle
Dinge befanden, die keinen Namen hatten, aber von unberechenbarem
Werte waren. Hamilkar stieg die drei Stufen hinab, nahm aus einem
Silberbecken ein Antilopenfell, das auf einer schwarzen Flssigkeit
schwamm, und stieg dann wieder hinauf.

Abdalonim begann wieder vor ihm herzuschreiten. Er stie mit seinem
langen Stabe, der am Knopf mit Schellen besetzt war, auf die
Steinfliesen und rief vor jedem Gemache den Namen Hamilkars in einem
Schwalle von Lobpreisungen und Segenswnschen.

In dem runden Saale, in den alle Gnge mndeten, waren lngs der
Mauern Alguminstangen, Scke voll Henna, Kuchen aus lemnischer Erde
und Schildkrtenschalen voller Perlen aufgestapelt. Der Suffet
streifte alles das im Vorbeigehen mit seinem Gewande, ohne auch nur
die riesigen Bernsteinstcke, diesen fast gttlichen, von den
Sonnenstrahlen gebildeten Stoff, zu beachten.

Eine Wolke wohlriechenden Dampfes quoll ihnen entgegen.

ffne!

Sie traten ein.

Nackte Mnner kneteten teigige Massen, zerrieben Kruter, schtteten
Kohlen, gossen l in Krge, ffneten und schlossen die kleinen
eifrmigen Zellen, die rings in die Mauern fhrten und so zahlreich
waren, da der Raum dem Innern eines Bienenstockes glich. Myrobalan,
Odellium, Safran und Veilchen quollen daraus hervor. berall waren
Harze, Pulver, Wurzeln, Glasflaschen, Filipendelzweige und
Rosenbltter verstreut. Man erstickte schier in Gerchen, trotz der
Rauchwirbel des Storaxharzes, das in der Mitte auf einem ehernen
Dreifu knisternd kochte.

Der Verwalter der Parfmerienfabrik, lang und bleich wie eine
Wachskerze, kam an Hamilkar heran, um in dessen Hand eine Rolle
Metopion zu zerdrcken, whrend zwei andre Leute ihm die Fersen mit
Bakkarisblttern einrieben. Der Suffet stie sie zurck. Es waren
Leute von verrufenen Sitten, die man jedoch wegen ihrer geheimen
Kenntnisse schtzte.

Um seine Ergebenheit zu bezeugen, bot der Verwalter dem Suffeten auf
einem Bernsteinlffel etwas Malobathron als Probe dar. Dann durchstie
er mit einer Ahle drei indische Bezoarsteine. Hamilkar, der alle
Kunstkniffe kannte, nahm ein Horn voll der Essenz, hielt es an die
glhenden Kohlen und schttete einen Tropfen auf sein Gewand. Ein
brauner Fleck erschien darauf: die Tinktur war nicht echt! Er blickte
den Verwalter scharf an und warf ihm, ohne ein Wort zu sagen, das
Gazellenhorn ins Gesicht.

So aufgebracht er indes auch ber die zu seinem Schaden begangene
Flschung war, so ordnete er doch bei der Besichtigung der
Nardenvorrte, die man fr berseeische Lnder verpackte, interessiert
an, Antimon darunter zu mischen, um die Ware schwerer zu machen.

Dann fragte er, wo sich die drei Kisten Psagas befnden, die zu seinem
persnlichen Gebrauche bestimmt waren.

Der Aufseher gestand, da er nicht wisse, wohin sie gekommen seien.
Sldner mit Messern wren brllend hereingestrzt, und er htte ihnen
die Kisten ffnen mssen.

So frchtest du sie mehr als mich! schrie der Suffet, und seine
Augen blitzten durch den Dampf wie Fackeln ber den groen bleichen
Mann hin, der zu begreifen begann. Abdalonim! Vor Sonnenuntergang
wirst du ihn Spieruten laufen lassen! Zerfleddere ihn!

Dieser Verlust, geringer als die andern, hatte ihn erbittert, denn
trotz seines Bemhens, die Barbaren aus seinen Gedanken zu verbannen,
stie er berall von neuem auf ihre Spuren. Ihre Ausschreitungen
verschmolzen gleichsam mit der Schande seiner Tochter, und er zrnte
dem ganzen Hause, da es darum wisse und ihm doch nichts sage. Aber
etwas trieb ihn, sich immer tiefer in sein Unglck zu verlieren, und
von einer Art Sprwut ergriffen, besichtigte er in den Schuppen hinter
dem Verwaltungshause die Vorrte an Erdpech, Holz, Ankern und Tauwerk,
an Honig und Wachs, sodann die Bekleidungskammern, die Vorratsmagazine,
das Marmorlager und den Silphiumspeicher.

Darauf besuchte er auf der andern Seite der Grten die Htten der
Handwerker, deren Erzeugnisse verkauft wurden. Schneider stickten
Mntel. Andre flochten Netze, bemalten Kissen, schnitten Sandalen.
Arbeiter aus gypten gltteten mit Muschelschalen Papyrus. Die
Weberschiffchen schwirrten, die Ambosse der Waffenschmiede drhnten.

Hamilkar sagte zu den letzteren:

Schmiedet Schwerter! Schmiedet immerfort! Ich werde sie brauchen!

Dabei zog er aus seinem Busen das giftgebeizte Antilopenfell, damit
man ihm einen Harnisch daraus schnitte, fester denn aus Erz, einen,
dem Feuer und Eisen nichts anhaben knnten.

Als er zu den Handwerkern trat, suchte ihn Abdalonim, in der Absicht,
seinen Zorn von sich abzuwenden, gegen diese Leute aufzubringen, indem
er ihre Arbeiten mrrisch tadelte:

Was fr eine Arbeit! Es ist eine Schande! Wahrhaftig, der Herr ist zu
gut!

Hamilkar ging weiter, ohne auf ihn zu hren.

Er verlangsamte seine Schritte, denn groe, von oben bis unten
verkohlte Bume, wie man sie in den Wldern findet, wo Hirten gelagert
haben, versperrten den Weg. Die Zune waren niedergerissen, das Wasser
in den Grben eingetrocknet, Glasscherben und Affenknochen lagen in
groen Schlammpftzen umher. Hier und dort hingen Zeugfetzen an den
Bschen. Unter den Limonenbumen hatten sich verfaulte Blumen zu einem
gelben hlichen Haufen getrmt. Offenbar hatte sich die Dienerschaft
um nichts gekmmert, im Glauben, der Herr kme nicht wieder heim.

Auf Schritt und Tritt entdeckte er immer neues Unheil, neue Beweise
fr das, was zu erforschen er sich untersagt hatte. Jetzt besudelte er
sogar seine Purpurstiefel, indem er in Unrat trat. Warum hatte er die
ganze Soldateska nicht im Schufeld eines Geschtzes, um sie kurz und
klein zu schieen! Er fhlte sich gedemtigt, weil er ihre Partei
genommen. Narretei! Verrat! Da er aber weder an den Sldnern, noch an
den Alten, noch an Salambo oder an sonst jemandem Rache nehmen konnte
und sein Zorn ein Ziel haben mute, so verurteilte er in Bausch und
Bogen smtliche Gartensklaven zur Arbeit in den Bergwerken.

Abdalonim zitterte jedesmal, wenn er ihn die Richtung nach dem
Tierparke zu nehmen sah. Aber Hamilkar schlug den Weg nach der Mhle
ein, aus der ihm schwermtiger Gesang entgegenscholl.

Von Staub umhllt drehten sich die schweren Mhlsteine, das heit zwei
bereinanderliegende Porphyrkegel, deren oberer einen Trichter trug
und durch starke Stangen auf dem unteren bewegt wurde. Sklaven schoben
sie mit Brust und Armen, whrend andere an Riemen zogen. Das Scheuern
des Lederzeugs hatte an ihren Achseln eiternde Krusten gebildet, wie
man sie auf dem Widerrist der Esel sieht; und der schwarze schlaffe
Schurz, der ihre Hften bedeckte, mit den herabhngenden Zipfeln, die
wie lange Schwnze aussahen, schlug ihnen gegen die Kniekehlen. Ihre
Augen waren gertet, ihre Fuketten klirrten, ihre Lungen keuchten im
Takte. Vor dem Munde trugen sie, an zwei Erzketten befestigt,
Maulkrbe, so da sie nicht von dem Mehl essen konnten. Ihre Hnde
steckten in Fausthandschuhen, damit sie auch nichts davon nahmen. Beim
Eintritt des Herrn knarrten die hlzernen Stangen strker. Das Korn
knirschte beim Mahlen. Ein paar Arbeiter strauchelten und fielen. Die
andern mhten sich weiter und schritten ber sie hinweg.

Er fragte nach Giddenem, dem Sklavenaufseher. Er erschien. Seine Wrde
verriet sich im Reichtum seiner Kleidung. Seine an den Seiten
geschlitzte Tunika war von feinem Purpur. Schwere Ohrringe zogen seine
Ohren herab, und seine Wickelgamaschen hielt eine goldene Schnur fest,
die sich von den Kncheln zu den Hften hinaufringelte, wie die
Schlange um einen Baum. In seinen mit Ringen bedeckten Fingern hielt
er eine Kette aus Gagatkugeln, ein Mittel, die an der Fallsucht
Leidenden zu erkennen.

Hamilkar winkte ihm, die Maulkrbe abnehmen zu lassen. Da strzten
alle Sklaven mit einem Geschrei wie ausgehungerte Tiere ber das Mehl
her und verschlangen es, wobei sich ihre Gesichter in den Haufen
vergruben.

Du verlangst zu viel von ihnen! versetzte der Suffet.

Giddenem antwortete, dies sei mglich, sonst wren sie aber nicht zu
bndigen.

Dann war es also umsonst, da ich dich nach Syrakus in die
Sklavenschule geschickt habe! La die andern kommen!

Und die Kche, die Kfer, die Stallknechte, die Lufer, die
Snftentrger, die Badediener und die Weiber mit ihren Kindern, alle
stellten sich im Garten in einer langen Reihe auf, die vom
Verwaltungshause bis zu den Gehegen der wilden Tiere reichte. Sie
hielten den Atem an. Ungeheure Stille durchdrang Megara. Die Sonne
stand schrg ber der Lagune unter der Totenstadt. Pfauen schrien.
Hamilkar schritt ganz langsam die Front ab. Was soll ich mit diesen
Greisen? fragte er. Verkaufe sie! Zu viel Gallier! Das sind
Trunkenbolde! Und zu viel Kreter! Das sind Lgner! Kaufe mir
Kappadozier, Asiaten und Neger.

Er wunderte sich ber die geringe Zahl der Kinder. Jedes Haus mu
alljhrlich Nachwuchs haben, Giddenem! La alle Nchte die Htten
offen, damit die Leute nach Belieben miteinander verkehren knnen!

Dann lie er sich die Diebe, die Trgen und die Widerspenstigen
zeigen. Er erteilte Strafen und machte Giddenem Vorwrfe. Der senkte
wie ein Stier seine niedrige Stirn, auf der die breiten Brauen
zusammenstieen.

Hier, Gottbegnadeter! sagte er, auf einen krftigen Libyer deutend.
Den da hat man mit einem Strick um den Hals ertappt!

So, du mchtest also sterben? fragte ihn der Suffet verchtlich.

Der Sklave entgegnete in unerschrockenem Tone: Ja!

Der Fall bot ein Beispiel und war ein materieller Verlust. Aber
unbekmmert darum gebot Hamilkar den Knechten:

Fhrt ihn ab!

Vielleicht hegte er insgeheim die Absicht, ein Opfer zu bringen. Er
legte sich diesen Verlust auf, um schlimmerem vorzubeugen.

Giddenem hatte die Verstmmelten hinter den andern versteckt. Hamilkar
bemerkte sie.

Wer hat dir den Arm abgeschlagen?

Die Sldner, Gottbegnadeter!

Dann fragte er einen Samniter, der schwankend dastand wie ein
verwunderter Reiher.

Und du, wer hat dir das angetan?

Der Aufseher hatte ihm mit einer Eisenstange das Bein zerschmettert.

Diese sinnlose Grausamkeit emprte den Suffeten. Er rie Giddenem die
Gagatkette aus den Hnden und schrie:

Fluch dem Hunde, der seine Herde verletzt! Sklaven verstmmeln!
Gtige Tanit! Ha, du richtest deinen Herrn zugrunde! Man ersticke ihn
im Mist!--Und nun fehlen noch eine Menge! Wo sind sie? Hast du sie
gemeinsam mit den Sldnern ermordet?

Sein Gesichtsausdruck war so schrecklich, da alle Weiber entflohen.

Die Sklaven verlieen ihre Aufstellung und bildeten einen weiten Kreis
um beide. Giddenem kte wie wahnsinnig die Sandalen Hamilkars, der
noch immer mit geballten Fusten vor ihm stand.

In seinem selbst in der wildesten Schlacht klaren Geiste erinnerte er
sich jetzt tausend hlicher und schmhlicher Dinge, an die er bisher
nicht gedacht hatte. Im Licht seines Zornes hatte er jetzt wie im
Wetterschein mit einem Schlage all sein Migeschick vor Augen. Die
Verwalter der Landgter waren entflohen, aus Furcht vor den Sldnern,
vielleicht im Einverstndnis mit ihnen. Alle betrogen ihn. Ach, schon
zu lange bezwang er sich!

Man fhre sie her! schrie er. Und brandmarke sie auf der Stirn mit
glhendem Eisen als Feiglinge!

Man brachte Stricke herbei, Halseisen, Messer, Ketten, fr die zur
Bergwerksarbeit Verurteilten; Fufesseln, um die Beine zusammenzupressen;
Numellen, ber die Schultern zu legen; ferner Skorpione, dreistrhnige
Peitschen mit eisernen Haken an den Enden der Riemen. All dieses
Folterzeug wurde in der Mitte des Gartens niedergelegt.

Dann wurden die Verurteilten mit dem Gesicht gegen die Sonne, gegen
Moloch den Verzehrer, auf den Bauch oder Rcken hingestreckt, die mit
Geielung Bestraften aber aufrecht an Bume gebunden und neben ihnen
je zwei Mnner aufgestellt, einer, der die Schlge zhlte, und einer,
der zuschlug.

Er bediente sich beider Arme. Die Riemen pfiffen und rissen die Rinde
von den Platanen. Das Blut spritzte wie Regen auf die Bltter, und
rote Fleischmassen wanden sich heulend am Fue der Bume. Die, denen
Ketten angeschmiedet wurden, zerfetzten sich das Gesicht mit ihren
Ngeln. Man hrte die Holzschrauben krachen. Dumpfe Schlge schallten.
Bisweilen gellte ein schriller Schrei durch die Luft. In der Nhe der
Kchen kauerten Mnner zwischen zerfetzten Kleidungsstcken und
abgerissenen Haaren und schrten mit Fchern die Kohlen. Geruch von
verbranntem Fleische stieg empor. Die Gegeielten brachen zusammen,
doch die Stricke an ihren Armen hielten sie hoch. Sie schlossen die
Augen und lieen die Kpfe von einer Schulter zur andern fallen. Die
brigen, die noch zusahen, begannen vor Entsetzen zu schreien, und die
Lwen, die sich vielleicht des Festtages erinnerten, reckten sich
ghnend hinauf zum Rand ihrer Gruben.

Da erblickte man Salambo oben auf ihrer Terrasse. Sie lief vor
Entsetzen hin und her. Hamilkar bemerkte sie. Es schien ihm, als ob
sie die Arme gegen ihn ausstreckte, um seine Gnade zu erbitten. Mit
einer Gebrde des Abscheus wandte er sich nach dem Tierpark.

Die Elefanten waren der Stolz der vornehmen punischen Huser. Sie
hatten die Vorfahren getragen, in den Schlachten gesiegt, und man
verehrte sie als Lieblinge der Sonne. Die von Megara waren die
strksten in Karthago. Vor seiner Abreise hatte Hamilkar Abdalonim
schwren lassen, da er sie auf das beste behten wolle. Doch die
meisten waren an ihren Verstmmelungen eingegangen, und nur drei lagen
noch in der Mitte des Hofes im Sande vor ihren zertrmmerten Krippen.

Sie erkannten den Suffeten und kamen auf ihn zu.

Dem einen waren die Ohren frchterlich zerschlitzt, der andre hatte am
Knie eine breite Wunde, dem dritten war der Rssel abgehauen. Die
Tiere blickten ihren Herrn traurig wie denkende Wesen an, und der
eine, der keinen Rssel mehr hatte, versuchte, indem er die Knie
beugte und seinen riesigen Kopf herabneigte, ihn mit dem Stumpf seines
Rssels zu streicheln.

Bei dieser Liebkosung des Tieres traten Hamilkar Trnen in die Augen.
Er strzte auf Abdalonim los.

Ha! Elender! Ans Kreuz! Ans Kreuz!

Ohnmchtig fiel Abdalonim nach rckwrts zu Boden.

Hinter der Purpurfabrik, aus der blauer Rauch langsam zum Himmel
schmauchte, ertnte ein Schakalschrei. Hamilkar blieb stehen.

Der Gedanke an seinen Sohn hatte ihn pltzlich beruhigt, als ob ihn
ein Gott berhrt htte. In ihm glaubte Hamilkar seine eignen Krfte
fortlebend, sein Ich ins Unbegrenzte weiterdauernd. Die Sklaven
begriffen freilich nicht, warum er mit einem Male besnftigt war.

Auf dem Wege nach der Purpurfabrik kam er am Gefngnis vorber, einem
langen Gebude aus schwarzen Steinen, das in einer groen viereckigen
Grube erbaut war. Ringsum lief ein kleiner Steg mit Treppen an den
vier Ecken.

Iddibal wartete offenbar die Nacht ab, ehe er das entscheidende
Zeichen gab.

Noch hab ich Zeit! dachte Hamilkar und stieg in den Kerker hinab.

Kehre um! riefen ihm einige zu. Die Beherztesten folgten ihm.

Der Wind spielte mit der offenen Tr. Durch die engen Fenster lugte
das Abendrot. Man sah im Innern zerbrochene Ketten an den Wnden
hngen.

Das war von den Kriegsgefangenen brig geblieben!

Da wurde Hamilkar totenbleich, und seine Begleiter, die sich von
drauen ber die Grube neigten, sahen, wie er sich mit der Hand an die
Mauer sttzte, um nicht umzufallen.

Der Schakal schrie dreimal hintereinander. Hamilkar blickte auf. Er
sprach kein Wort, machte keine Gebrde.

Als die Sonne vllig untergegangen war, verschwand er hinter der
Kaktushecke. Am Abend, in der Versammlung der Patrizier im
Eschmuntempel, erklrte er beim Eintreten:

Von den Gttern Erleuchtete! Ich nehme den Oberbefehl unsrer Armee
gegen das Heer der Barbaren an!




VIII

Die Schlacht am Makar


Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien anderthalb
Millionen Mark in Gold und legte jedem Mitgliede der dreihundert
Patriziergeschlechter eine Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die
Frauen und Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften--etwas
Unerhrtes nach karthagischer Sitte--zwang er, Geld herzugeben.

Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen. Manche
wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre Gter wurden einfach
verkauft. Um den Geiz der andern einzuschchtern, lieferte er selber
sechzig Rstungen und siebenhundertundfnfzig Metzen Mehl. Das war
allein soviel, wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte.

Er sandte Bevollmchtigte nach Ligurien, um Sldner anzuwerben:
dreitausend Bergbewohner, die mit Bren zu kmpfen gewohnt waren. Man
zahlte ihnen im voraus auf sechs Monate den Sold.

Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er nicht, wie Hanno,
jeden Brger an. Zunchst wies er alle Leute mit sitzender Lebensweise
zurck, ferner solche, die einen dicken Bauch oder ein ngstliches
Aussehen hatten. Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka,
Barbarenabkmmlinge und Freigelassene. Den Neukarthagern versprach er
als Belohnung das volle Brgerrecht.

Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese Truppe von
schnen jungen Mnnern, die sich fr die kriegerische Blte der
Republik hielt, whlte sich ihre Fhrer selbst. Er verabschiedete ihre
bisherigen Offiziere und fate die Mannschaft hart an, lie sie
laufen, springen, in einem Atem den Abhang des Burgbergs erklettern,
Speere werfen, ringen und nachts auf den ffentlichen Pltzen
biwakieren. Ihre Angehrigen kamen sie besuchen und beklagten sie.

Er rstete die Garde mit krzeren Schwertern und strkerem Schuhwerk
aus, beschrnkte die Zahl der Burschen und das Gepck. Im Molochtempel
bewahrte man dreihundert rmische Lanzen. Er nahm sie trotz des
Einspruchs des Oberpriesters.

Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und andern aus
Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig Tieren, die er
bis an die Zhne bewaffnete. Ihre Fhrer rstete er mit Hammern und
Meieln aus, damit sie ntigenfalls im Handgemenge wtend gewordenen
Tieren die Schdel spalten konnten.

Er gestattete dem Groen Rat nicht, die Unterfhrer zu ernennen. Die
Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten, aber er ging nicht
darauf ein. Da wagte man nicht mehr zu murren. Alles beugte sich der
Gewalt seines Geistes.

Er bernahm ganz selbstndig Krieg, Verwaltung und Finanzen. Um
Beschwerden vorzubeugen, forderte er den Suffeten Hanno zum Nachprfen
der Rechnungen auf.

Er lie an den Wllen arbeiten und, um Steine zu bekommen, die lngst
zwecklos gewordenen alten Binnenmauern niederreien. Der Unterschied
im Vermgen, der an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt
die Shne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt.
Deshalb sahen die Patrizier die Zerstrung der alten, schon
halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen an, whrend sich das Volk
darber freute, ohne recht zu wissen warum.

Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller Bewaffnung durch
die Straen. Aller Augenblicke vernahm man Trompetensignale. Wagen mit
Schilden, Zelten und Lanzen fuhren vorber. Die Hfe waren voller
Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte sich den
andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik. Er hatte seine
Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt und Sorge getragen, da in
den Langreihen abwechselnd immer ein Starker neben einem Schwachen
stand, so da der Minderkrftige oder Feigere stets von zwei Tchtigen
gefhrt und mit vorwrts gebracht wurde. Mit seinen dreitausend
Ligurern und der Elite der Karthager konnte er freilich nur eine
einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig Gepanzerten bilden,
die eherne Helme trugen und mit einundzwanzig Fu langen Lanzen aus
Eschenholz, sogenannten Sarissen, bewaffnet waren.

Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen und Sandalen
ausgerstet. Er verstrkte sie durch achthundert andre, die
Rundschilde und Rmerschwerter bekamen.

Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann, dem Reste der
Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren mit vergoldeten
Erzschienen gepanzert. Ferner hatte er ber vierhundert berittene
Bogenschtzen, die man Tarentiner nannte, mit Mtzen aus Wieselfell,
Doppelxten und Lederwamsen. Endlich sollten zwlfhundert Neger aus
dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt, neben den Pferden
herlaufen, indem sie sich mit der Hand an den Mhnen festhielten.
Alles war marschbereit, und dennoch rckte Hamilkar nicht aus.

Oft verlie er Karthago nachts ganz allein und wagte sich ber die
Lagune hinaus bis zur Mndung des Makar. Suchte er mit den Sldnern
Fhlung? Die Ligurer, die in der Strae der Mappalier lagen, schtzten
sein Haus.

Die Befrchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt, als man eines
Tages dreihundert Barbaren den Mauern nher kommen sah. Der Suffet
ffnete ihnen die Tore. Es waren berlufer. Sie kehrten zu ihrem
General zurck, von Furcht oder Treue getrieben.

Hamilkars Rckkehr hatte die Sldner keineswegs berrascht. Dieser
Mann konnte in ihrer Vorstellung berhaupt nicht sterben. Er kehrte
endlich zurck, um sein Versprechen zu erfllen. Das war eine
Hoffnung, die nichts Widersinniges hatte. So tief war die Kluft
zwischen Volk und Heer. berdies war man sich keiner Schuld bewut.
Das Gelage hatte man vergessen.

Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines andern. Das war ein
Triumph fr die Unzufriednen, und sogar die Lauen wurden wtend. Dazu
kam, da die beiden Belagerungen hchst langweilig wurden. Man brachte
es nicht vorwrts. Eine Schlacht war vonnten. Viele hatten sich vom
Heere getrennt und durchstreiften das Land. Bei der Kunde von den
Rstungen der Karthager kehrten sie zurck. Matho tanzte vor Freude.
Endlich! endlich! rief er aus.

Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun gegen Hamilkar.
Jetzt sah sein Ha ein bestimmtes Opfer vor sich. Und da seine
Rachgier vielleicht doch Befriedigung finden konnte, so whnte er die
Beute schon in seinen Hnden und weidete sich bereits an ihr.
Gleichzeitig ward er von immer grerer Sehnsucht ergriffen, von immer
heftigerer Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner
Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike durch die Luft
schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem Purpurbette, wo er die
Jungfrau an sich drckte, ihr Gesicht mit Kssen bedeckte und mit den
Hnden ber ihr langes schwarzes Haar strich. Er wute, da dieser
Traum nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine
Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so schwor er sich,
den Krieg auf das beste zu leiten. Die berzeugung, da er daraus
nicht zurckkehren wrde, reizte ihn dazu, ihn erbarmungslos fhren zu
wollen.

Er kam zu Spendius und sprach zu ihm:

Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen herbeifhren!
Benachrichtige Autarit! Wir sind verloren, wenn Hamilkar uns angreift!
Verstehst du mich? Steh auf!

Spendius war ber dieses gebieterische Gebaren verblfft. Matho lie
sich gewhnlich leicht leiten, und wenn er zuweilen auch heftig erregt
gewesen war, so war dieser Zustand stets schnell wieder vergangen.
Jetzt erschien er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen
loderte ein stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers.

Der Grieche hrte nicht auf seine Vorstellungen. Er wohnte jetzt in
einem perlenbesetzten Punierzelte, trank khle Getrnke aus
Silberbechern, spielte Kottabos, lie sein Haar wachsen und leitete
die Belagerung mit Mue. brigens hatte er geheime Verbindungen in der
Stadt angeknpft. Er dachte gar nicht daran, abzurcken, berzeugt,
da man ihm in wenigen Tagen die Tore ffnete.

Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzge machte, befand sich
gerade bei ihm. Er untersttzte seine Meinung, ja, er tadelte den
Libyer, da er den Feldzugsplan aus Tollkhnheit aufgeben wolle.

Geh nur wieder, wenn du Furcht hast! schrie ihn Matho an. Du hast
uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fuvolk und Pferde versprochen! Wo sind
sie?

Naravas erinnerte ihn daran, da er Hannos letzte Kompagnien
vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange, so jage man zurzeit in
den Wldern danach. Das Fuvolk wrde mobil gemacht. Die Pferde seien
unterwegs.

Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib, streichelte die
Strauenfedern, die ihm auf die Schultern herabwallten, und lchelte
in verletzender Weise. Matho wute ihm nichts zu antworten.

Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweibedeckt, mit
verstrter Miene, blutenden Fen und offenem Grtel, ganz auer Atem.
Seine mageren Flanken schlugen. In unverstndlicher Mundart berichtete
er etwas. Dabei ri er die Augen weit auf, als ob er von einer
Schlacht erzhle. Der Numidierfrst strzte hinaus und rief seine
Reiter.

Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn herum. Naravas
bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes starrte er vor sich hin und bi
sich auf die Lippen. Endlich teilte er seine Mannschaft in zwei
Hlften und gebot der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit
herrischer Gebrde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der
Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden.

Herr, murmelte Spendius, ich liebe solch unerwartete Zuflle nicht!
Hamilkar kehrt zurck, Naravas verlt uns ...

Was tut das? versetzte Matho verchtlich.

Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung mit Autarit
zuvorzukommen! Doch wenn man die Belagerungen jetzt aufhob, kamen die
Einwohner wahrscheinlich aus ihren Stdten heraus und fielen ihnen in
den Rcken, whrend man die Karthager vor der Front hatte. Nach vielem
Hin- und Herreden wurden folgende Maregeln beschlossen und
unverzglich ausgefhrt.

Spendius rckte mit fnfzehntausend Mann bis zur Makarbrcke, zwlf
Kilometer vor Utika. Die Brcke war durch ein Kastell gedeckt. Es
wurde durch Schanzen verstrkt und mit vier groen Geschtzen besetzt.
Alle Wege und Psse in den Bergen dicht sdlich des Makar wurden durch
Baumstmme, Felsblcke, Heckenhindernisse und Steinwlle gesperrt. Auf
den Berggipfeln wurde Heu gehuft, um Signalfeuer anznden zu knnen,
und in groen Abstnden stellte man Hirten, die besonders gute Augen
hatten, als Beobachtungsposten auf.

Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der Hannos ber den
Berg der Heien Wasser zu erwarten. Er mute sich sagen, da ihm
Autarit als Beherrscher des Binnenlandes den Weg verlegen wrde. Auch
mute ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten, whrend
eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn die Sldner erst weiter
entfernt standen. Er konnte allerdings auch am Vorgebirge der Trauben
landen und von da gegen eine der beiden Stdte vorrcken. Dann aber
kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings war er dieser
Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkrften kaum fhig.
Folglich mute er dicht sdlich der arianischen Berge hinmarschieren,
dann nach links schwenken, um nicht in das Morastgebiet des Makar zu
geraten, und gerade auf die Brcke losgehen. Dort wollte ihn Matho
erwarten.

Nachts bei Fackelschein berwachte er die Erdarbeiten. Er eilte nach
Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten im Gebirge, kam zurck und
ruhte keinen Augenblick. Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles,
was die Aussendung von Aufklrern und Spionen, die Wahl der
Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige
Verteidigungsmaregeln betraf, berlie Matho willig seinem Gefhrten.
Von Salambo sprachen beide nicht mehr. Der eine dachte nicht an sie,
und den andern machte eine Art Scham schweigsam.

Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung nach Karthago, in der
Hoffnung, Hamilkars Annherung zu ersphen. Mit starrem Blicke schaute
er nach dem Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und
whnte, in den Schlgen seines Pulses den Anmarsch eines Heeres zu
vernehmen.

Er erklrte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier Tage
erscheine, wrde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft entgegenrcken
und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage verstrichen darber hinaus.
Spendius hielt ihn zurck. Am Morgen des sechsten aber brach Matho
auf.

       *       *       *       *       *

Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht erpicht als die
Barbaren. In den Zelten und in den Husern herrschte der gleiche
Wunsch, die gleiche Besorgnis. Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum
Zauderer mache.

Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des Eschmuntempels zu
dem Mondbeobachter und schaute nach dem Winde.

Eines Tages--es war der dritte im Monat Tibby--sah man ihn hastigen
Schritts von der Burg herabkommen. In der Strae der Mappalier
entstand lauter Lrm. Bald ward es auf allen Straen lebendig, und
berall begannen sich die Soldaten zu wappnen, umringt von
schluchzenden Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann eilten
sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih und Glied zu stellen.
Niemand durfte ihnen folgen, noch gar mit ihnen reden, noch sich den
Befestigungswerken nhern. Eine Weile war die ganze Stadt still wie
ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre Lanzen gelehnt.
Die Menschen in den Husern seufzten. Bei Sonnenuntergang rckte das
Heer durch das Westtor ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis
einzuschlagen oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu
marschieren, zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die Lagune,
um die herum runde, ber und ber mit weiem Salz bedeckte Stellen wie
riesige Silberschsseln schimmerten, die man am Strande liegen
gelassen hatte.

Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde immer sumpfiger.
Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt stets bei der Vorhut, und sein
Pferd, das gelb gescheckt war wie ein Drache und Schaum um sich warf,
trat gerumigen Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht sank
herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten, man renne ins
Verderben. Der Suffet entri den Schreiern die Waffen und gab sie den
Troknechten. Der Schlamm wurde immer grundloser. Man mute die
Lasttiere besteigen. Manche klammerten sich an die Schweife der
Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die ligurischen
Schwadronen stieen das Fuvolk mit den Lanzenspitzen vorwrts. Die
Dunkelheit nahm zu. Man hatte den Weg verloren. Alles machte Halt.

Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die Merkzeichen zu
suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten Abstnden
eingerammt worden waren. Sie riefen durch die Dunkelheit, und das Heer
folgte ihnen von weitem.

Endlich fhlte man wieder festen Boden unter den Fen. Bald lie sich
eine krumme, weiliche Linie deutlich erkennen. Man befand sich am
Ufer des Makar. Trotz der Klte wurden keine Feuer angezndet.

Um Mitternacht erhoben sich Windste. Hamilkar alarmierte die
Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die Unteroffiziere klopften
ihnen leise auf die Schultern.

Ein besonders groer Mann stieg ins Wasser. Es reichte ihm nicht bis
zum Grtel. Man konnte also hindurchwaten.

Der Suffet befahl, zweiunddreiig Elefanten hundert Schritte oberhalb
im Flusse aufzustellen, whrend die brigen ein Stck unterhalb etwa
vom Strome fortgerissene Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt
das ganze Heer, die Waffen ber den Kopf hochhaltend, den Flu wie
zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nmlich beobachtet, da der
Westwind den Sand vor sich hertrieb und den Flu hemmte, so da in
seiner ganzen Breite eine natrliche Strae entstand, eine Barre.

Nunmehr befand man sich am linken Ufer sdstlich von Utika, in einer
weiten Ebene,--ein Vorteil fr die Elefanten, die Hauptkraft des
punischen Heeres.

Der geniale bergang begeisterte die Soldaten. Das vollste Vertrauen
kehrte zurck. Sie wollten sich unverzglich auf die Barbaren werfen.
Der Suffet lie sie aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne
aufging, rckte man in der Ebene in drei Treffen vor: die Elefanten
voran, dann das leichte Fuvolk mit der Reiterei und schlielich die
Phalanx.

Die Utika belagernden Barbaren und die fnfzehntausend an der Brcke
nahmen voll Erstaunen wahr, da sich der Boden in der Ferne bewegte.
Der Wind blies sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie
erhoben sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten gelben
Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen immer wieder von neuem,
so da sie das punische Heer verbargen. Da die Karthager hochragende
Hrner an den Helmen trugen, glaubten manche von den Sldnern, eine
Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der Mntel getuscht,
behaupteten, Flgel zu erkennen, und Wstenkenner zuckten die Achseln
und erklrten das Ganze fr eine Luftspiegelung. Inzwischen aber
rckte etwas Ungeheures immerfort nher. Kleine Wlkchen, dnn wie
dampfender Atem, liefen ber den Wstenboden hin. Die hhersteigende
Sonne leuchtete strker. Ein grelles zitterndes Licht rckte das
Himmelsgewlbe scheinbar mehr in die Hhe, durchleuchtete die
Gegenstnde und machte eine Schtzung der Entfernungen unmglich. Die
weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten, und die kaum
merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum uersten Himmelsrand, durch
eine lange blaue Linie begrenzt: das Meer, wie man wute. Die Heere
hatten ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner von
Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen auf den Wllen.

Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von gleichhohen
Buckeln berragt. Sie wurden immer dichter und grer. Schwarze Hgel
schaukelten auf und ab. Pltzlich erkannte man viereckige Bsche. Das
waren Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: Die
Karthager! Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung eilten die
Belagerer von Utika und die Brckenbesatzung heran, um sich gemeinsam
auf Hamilkar zu werfen.

Spendius erbebte bei diesem Namen. Hamilkar! Hamilkar! wiederholte
er, nach Atem ringend. Und Matho war nicht da! Was sollte er machen!
Keine Mglichkeit zu fliehen! Die berraschung, seine Furcht vor dem
Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen Entschlusses
verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend Schwertern durchbohrt,
enthauptet, tot. Indessen rief man nach ihm. Dreiigtausend Mann
harrten seiner Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er
klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Flle von Glck, die
ein Sieg mit sich brachte. Da whnte er sich khner als Epaminondas.
Um seine Blsse zu verdecken, schminkte er seine Backen mit Zinnober,
dann schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Kra an, go
eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen Truppen nach, die
denen von Utika eiligst entgegenzogen. Diese Vereinigung geschah so
schnell, da der Suffet nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu
verndern. Er verlangsamte nur allmhlich seinen Vormarsch. Die
Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit Strauenfedern
geschmckten Kpfe und schlugen sich mit den Rsseln gegen die
Schultern.

Durch die Abstnde hindurch erblickten die Sldner die Kompagnien der
Leichtbewaffneten und weiterhin die groen Helme der Klinabaren, in
der Sonne blitzende Waffen, Panzer, Helmbsche und flatternde Banner.
Das karthagische Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann,
erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrngtes
Rechteck mit schmalen Flanken bildete.

Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren, die dreimal
strker waren, von unbndiger Freude ergriffen. Man erblickte Hamilkar
nicht. War er in der Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag brigens
daran? Die Verachtung, die man gegen die Krmer von Karthago hegte,
verstrkte den Mut. Kaum hatte Spendius den Angriffsbefehl gegeben, so
war er allerorts auch aufgefat und schon ausgefhrt.

Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die ber die
Flgel des punischen Heeres hinausging, um es zu umfassen. Doch als
sich beide Heere auf dreihundert Schritt genhert hatten, machten die
punischen Elefanten, anstatt weiter vorzurcken, Kehrt. Darauf taten
die Klinabaren ein gleiches und gingen ebenfalls rckwrts. Das
Erstaunen der Sldner verdoppelte sich aber, als sie auch die
feindlichen Schtzen zurcklaufen sahen, um wieder zu den andern zu
stoen. Die Karthager hatten also Angst! Sie flohen! Ein ungeheures
Hohngeschrei erscholl aus dem Heere der Barbaren, und von seinem
Dromedar herab rief Spendius: Ha, das wut ich wohl! Vorwrts!
Vorwrts!

Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspiee, die Schleuderkugeln alle auf
einmal durch die Luft. Die Elefanten, in den Kruppen von Pfeilen
getroffen, begannen schneller zu laufen. Dichte Staubmassen hllten
sie ein, und sie verschwanden wie Schatten in einer Wolke.

Indessen vernahm man dahinter ein Drhnen von Tritten, bertnt von
dem gellenden Klang der Trompeten, die wie wtend geblasen wurden. Der
Raum, den die Barbaren vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und
wildem Gewhl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte hinein.
Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen, und
gleichzeitig sah man auf den Flgeln das leichte Fuvolk wieder im
Laufschritt heranstrmen und Reiterscharen im Galopp der Attacke.

Hamilkar hatte nmlich der Phalanx den Befehl gegeben, die Intervalle
zu ffnen und die Elefanten, die Leichtbewaffneten und die Reiterei in
ihrer Rckwrtsbewegung durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch
auf die beiden Flgel der Phalanx begeben und diese verlngern. Er
hatte den Abstand von den Barbaren so gut berechnet, da die Karthager
in dem Augenblick, wo sie mit ihnen zusammenstieen, ebenfalls eine
lange gerade Schlachtlinie bildeten.

In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentmlichen
Unterabteilungen, das heit in Karrees, je sechzehn Mann tief und
ebenso breit. Die Vorderleute der Rotten standen umstarrt von
Lanzenspitzen, die weit ber sie vorragten. Die ersten fnf Glieder
hielten ihre Lanzen so gefat, da die Spitzen alle in gleicher Hhe
zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die Lanzen auf die
Schultern der vor ihnen stehenden Rotte. Aller Gesichter verschwanden
zur Hlfte unter den Helmblenden. Eherne Beinschienen schtzten den
rechten Schenkel. Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis
zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rckte wie ein
einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein Tier und bewegte sich
zuverlssig wie eine Maschine. Zwei Elefanten-Schwadronen deckten die
Phalanx auf beiden Seiten. Die Tiere schttelten sich, um die
Pfeilsplitter los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken
blieben. Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weien
Federbschen und hielten sie mit dem Lffel ihrer Harpunen im Zug,
whrend in den Trmen Schtzen, bis an die Schultern gedeckt, groe
Bogen spannten und eiserne Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt,
als Pfeile einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwrmten
die Schleuderer, eine Schleuder um die Hften geschlungen, eine zweite
um den Hals, eine dritte in der rechten Hand. Ihnen schlossen sich die
Klinabaren an, jeder einen Neger neben sich. Sie steckten ihre Lanzen
zwischen den Ohren ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold
strotzten. Noch weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwrmt die
Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen die Spitzen
der Wurfspiee hervorsahen, die sie in der Linken trugen. Schlielich
bildeten die Tarentiner, die neben ihrem Sattelpferde noch ein
Handpferd fhrten, die beiden Schlusteine dieser Soldatenmauer.

Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie nicht
festgeschlossen erhalten knnen. In ihrer bermigen Ausdehnung waren
Bogen und Lcken eingetreten. Alles keuchte, atemlos vom Laufen.

Die punische Phalanx setzte sich schwerfllig in Bewegung und machte
mit gefllten Lanzen einen Vorsto im Laufschritt. Unter ihrem
wuchtigen Anprall gab die allzu dnne Linie der Sldner alsbald in der
Mitte nach.

Jetzt holten die Flgel der Karthager aus, um den Gegner zu umfassen.
Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx aber durchbrach nunmehr durch
eine nochmalige Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden
langen Hlften wurden nach links und rechts abgedrngt, aber die
karthagischen Flgel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln, Wurfspieen
und Pfeilen gegen die eingedrungene Phalanx zurck. Um den
Geschoangriff abzuschlagen, fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die
wenige, die da war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem
rechten Flgel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So war alles
festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen Massen
loskommen. Die Gefahr war drohend und ein Entschlu dringend
notwendig.

Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden Flanken
anzugreifen, um sie quer zu durchstoen. Aber die Flgelrotten
manverierten so geschickt, da die Phalanx sich auch hier gegen die
Barbaren wandte, ebenso furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher
in der Front gewesen war.

Die Barbaren hieben auf die Schfte der Lanzen ein, doch die Reiterei
strte sie von hinten im Angriff, und die Phalanx, an die Elefanten
gelehnt, schlo sich bald zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus,
bald bildete sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein
Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung flutete bestndig
von der Front nach der Queue. Die nmlich, die in den hintern Gliedern
standen, drngten nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermdet oder
verwundet waren, zogen sich zurck. Die Barbaren sahen sich gegen die
Phalanx gedrckt. Aber auch diese konnte unmglich vorwrts. Sie glich
einem Meer, in dem die roten Federbsche und die blitzenden
Metallschuppen wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie
Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen strzten breite Strme
von einem Ende zum andern und fluteten dann wieder zurck, whrend in
der Mitte eine schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben
und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke Schwerter in so
hastiger Bewegung, da man nur die Spitzen erkannte, und
Reiterschwrme brachen durch die Masse, die sich hinter ihnen rasch
wieder wirbelnd zusammendrngte.

Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale der Trompeten und
den schrillen Klang der Leiern pfiffen die Blei- und Tonkugeln, um die
Schwerter aus den Hnden und das Hirn aus den Schdeln zu schmettern.
Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem Schild und streckten
die Schwerter vor, den Knauf auf den Boden gestemmt. Andre wlzten
sich in Blutlachen, um den Gegner in die Fersen zu beien. Die Masse
stand so gedrngt, der Staub war so dicht, das Gewhl so stark, da
man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge, die sich ergeben
wollten, wurden nicht einmal gehrt. Wenn man keine Waffen mehr hatte,
rang man Leib an Leib. Die Brustkrbe krachten gegen die Panzer, und
Leichname hingen mit zurckgesunkenem Haupt zwischen zwei sie
umklammernden Armen. Eine Kompagnie von sechzig Umbriern marschierte
festen Tritts, die Lanzen eingelegt, zhneknirschend und
unerschtterlich vor und zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum
Weichen. Epirotische Hirten strmten gegen die Klinabarenschwadronen
des linken Flgels vor, packten die Pferde bei den Mhnen und lieen
ihre Stcke kreisen. Die Tiere warfen ihre Reiter ab und jagten ber
die Ebene hin. Die ausgeschwrmten punischen Schleuderer standen
verblfft da. Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen
ratlos umher. Die hinteren Glieder drngten die vorderen aus der
Reihe. Die Barbaren aber hatten sich wieder geordnet. Sie griffen von
neuem an: der Sieg war ihnen!

Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein Gebrll von
Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig Elefanten, die in zwei
Treffen anstrmten. Hamilkar hatte nur gewartet, bis die Sldner auf
einem einzigen Punkt zusammengeknuelt waren, um sie dann loszulassen.
Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam gestachelt, da ihnen das
Blut ber die breiten Ohren rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rssel
standen senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit einem
Spiee bewehrt, ihr Rcken gepanzert, ihre Stozhne durch eiserne
Klingen verlngert, die wie Sbel gekrmmt waren. Um sie wilder zu
machen, hatte man sie mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und
Weihrauch berauscht. Brllend schttelten sie ihre Schellenhalsbnder,
und die Elefantenfhrer duckten die Kpfe vor den ber sie
hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von den Trmen
herabzufliegen begannen.

Um mehr Wucht zu haben, strzten die Barbaren den Ungetmen in dichten
Haufen entgegen. Die Elefanten strmten ungestm mitten in sie hinein.
Die Spiee an ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnbel die
Heerscharen, die in groen Wogen zurckfluteten. Sie erdrckten die
Kmpfer mit den Rsseln oder rissen sie empor und reichten sie ber
ihre Kpfe hinweg den Soldaten in den Trmen. Mit ihren Stozhnen
schlitzten sie den Gegnern die Buche auf und schleuderten sie hoch in
die Luft. Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie Tauwerk
an Masten. Die Barbaren suchten den Tieren die Augen auszustechen oder
die Kniekehlen durchzuschneiden. Manche krochen ihnen unter den Bauch,
stieen ihnen das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von
ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das Riemenzeug und
sgten mitten in Flammen, Kugeln und Pfeilen die Gurtung durch, bis
der Weidenturm umklappte wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten
vom rechten uersten Flgel, durch ihre Wunden in Wut versetzt,
wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen die Indier zu
ihren Hmmern, setzten die Meiel auf die Schdeldecken und schlugen
mit aller Kraft zu. Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen
bereinander. Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen von Kadavern
und Rstzeug lag ein ungeheurer Elefant, Zorn Baals genannt, die
Beine in Ketten verstrickt, einen Pfeil im Auge. Er brllte bis zum
Abend.

Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten,
zerstampften und zertrmmerten die brigen Tiere alles und lieen
ihren Zorn an den Toten und berbleibseln aus. Um die Reihen von
Soldaten zurckzudrngen, von denen die Kolosse umringt wurden,
drehten sie sich auf den Hinterfen in einem fort im Kreise herum,
wobei sie immer vorwrts zu kommen verstanden. Die Karthager fhlten
sich wieder stark und frisch, und die Schlacht begann von neuem.

Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten warf
ein Teil die Waffen weg. Schrecken ergriff die brigen. Man sah
Spendius, auf seinem Dromedar hockend, wie er es an den Schultern mit
zwei Speeren anstachelte. Da strzte alles nach den Flgeln und eilte
auf Utika zu.

Die Klinabaren, deren Pferde erschpft waren, machten keinen Versuch,
die Sldner zu verfolgen. Die Ligurer, von Durst verzehrt, schrien und
wollten nach dem Flusse. Nur die Karthager, die in der Mitte der
Karrees gestanden und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften vor
Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu entgehen drohte. Schon
machten sie sich zur Verfolgung der Sldner auf,--da erschien
Hamilkar.

Er hielt sein schweibedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen
Zgeln. Die an den Hrnern seines Helmes flatternden Bnder wehten
hinter ihm im Winde. Seinen ovalen Schild hatte er unter den linken
Schenkel geschoben. Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot
er dem Heere Halt.

Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden auf ihre
Handpferde und galoppierten in verschiedenen Richtungen nach der Stadt
und nach dem Flusse zu.

Die Phalanx vernichtete gemchlich alles, was von den Barbaren noch
brig war. Gegnerischen Schwertern nah, hielten die Sldner die Kehle
hin und schlossen die Augen. Andre verteidigten sich verzweifelt. Man
warf sie aus der Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte
befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten ihm nur
mit Groll. Es gewhrte ihnen Vergngen, ihre Schwerter in die Leiber
der Barbaren zu stoen. Da es ihnen zu hei wurde, begannen sie, wie
Schnitter, mit entblten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten, um
Atem zu schpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern, die in der
Ebene hinter Sldnern herjagten, und sahen zu, wie es ihnen gelang,
die Flchtlinge bei den Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang
festhielten und dann mit Axthieben niederschlugen.

Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren verschwunden.
Flchtige Elefanten jagten am Horizont mit brennenden Trmen umher. Da
und dort leuchteten sie durch die Finsternis wie halb im Nebel
verlorene Blinkfeuer. In der weiten Ebene bemerkte man keine andre
Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die vielen Leichen
geschwollen war, die er dem Meere zutrug.

       *       *       *       *       *

Zwei Stunden spter kam Matho an. Beim Schein der Sterne sah er lange,
unregelmige Haufen auf dem Boden liegen.

Es waren die Reihen der Barbaren. Er bckte sich. Sie waren alle tot.
Er rief. Keine Stimme gab ihm Antwort.

Er hatte am nmlichen Morgen mit seinen Truppen Hippo-Diarrhyt
verlassen, um gegen Karthago zu marschieren. Als er Utika erreichte,
war das Heer des Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren
eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen. Man hatte sich auf
beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen. Doch als das Getse, das man
in der Richtung auf die Brcke hrte, in unbegreiflicher Weise zunahm,
war Matho auf dem krzesten Wege ber die Berge geeilt. Niemand
begegnete ihm, da die Barbaren in die Ebene flohen.

Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige Massen, und
diesseits des Flusses, noch nher, brannten dicht ber dem Boden
unbewegliche Lichter. Die Karthager hatten sich hinter die Brcke
zurckgezogen. Um die Barbaren jedoch zu tuschen, hatte der Suffet
zahlreiche Wachtposten am linken Ufer aufgestellt.

Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen zu erkennen. Es
waren regungslose Pferdekpfe auf den Spitzen von Lanzenpyramiden, die
er undeutlich sah. In der Ferne hrte er starken Lrm, laute Lieder
und Becherklang.

Er wute nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden knne. Von Angst
befallen, verwirrt und im Dunkel verloren, kehrte er in noch grerer
Hast auf demselben Wege zurck. Der Morgen graute, als er von der
Berghhe Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwrzten
Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den Stadtmauern
lehnten, und sdlicher das Sldnerlager.

Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen den Soldaten,
dicht an den Zelten, schliefen halbnackte Mnner, auf dem Rcken
liegend oder die Stirn auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte.
Einige wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende rollten
sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und brachten ihnen zu
trinken. In den engen Lagergassen gingen die Posten auf und ab, um
sich zu erwrmen, oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in
trotziger Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet. Matho
fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand, die ber zwei in die
Erde gerammten Stcke gespannt war. Er sa da, die Hnde um die Knie
geschlungen, mit gesenktem Haupte.

Lange verharrten beide in Stillschweigen.

Endlich murmelte Matho: Besiegt!

Ja, besiegt! wiederholte Spendius dumpf.

Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten Gebrden.

Sthnen und Rcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug die Leinwand
zurck. Der Anblick der Soldaten gemahnte ihn an ein andres Unglck an
nmlicher Sttte, und zhneknirschend rief er aus:

Elender! Schon einmal ...

Damals warst du auch nicht da! unterbrach ihn Spendius.

Ein Fluch lastet auf mir! klagte Matho. Aber am Ende werd ich ihn
doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn tten! Ach, wr ich dagewesen!

Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte ihn noch mehr
als die Niederlage an sich. Er ri sein Schwert ab und schleuderte es
zu Boden.

Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch geschlagen?

Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang der Schlacht zu
erzhlen. Matho sah im Geiste alles vor sich und geriet in groe
Aufregung. Das Heer, das vor Utika lag, htte Hamilkar in den Rcken
fallen mssen, statt zur Brcke zu eilen, meinte er.

Ach, ich wei es wohl, gab Spendius zu.

Du httest deine Schlachtstellung noch einmal so tief nehmen mssen!
Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen die Phalanx fhren! Und
Lcken fr die Elefanten offen halten! Noch im letzten Moment wre
alles wieder zu gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!

Spendius entgegnete:

Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem Arm aus dem Staub
emporragen. Wie ein Adler flog er an den Flanken der Bataillone hin.
Bei jedem Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder dehnten
sich aus. Das Gewhl brachte uns nahe aneinander. Er hat mich
angeblickt und mir war zumute, als drnge mir kalter Stahl ins Herz!

Sollte er sich den Tag ausgesucht haben? dachte Matho bei sich.

Sie errterten beide, was den Suffeten gerade unter den ungnstigsten
Umstnden herbeigefhrt haben knnte. Dann kamen sie auf die
Kriegslage zu sprechen. Spendius, der seinen Fehler beschnigen oder
sich selber ermutigen wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung.

Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's! rief Matho. Ich ganz
allein werde den Krieg fortsetzen!

Und ich gleichfalls! schrie der Grieche und sprang auf. Mit groen
Schritten ging er auf und ab. Seine Augen blitzten, und ein seltsames
Lcheln verzog sein Schakalgesicht.

Wir werden wieder von vorn anfangen. Verla mich nur nicht wieder!
Ich habe kein Geschick fr die offnen Feldschlachten. Der Glanz der
Schwerter trbt meinen Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu
lange im Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen,
und ich will in die Festungen eindringen und die Insassen sollen kalt
sein, ehe noch die Hhne krhen! Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen
Feind, einen Schatz, ein Weib ..., er wiederholte: _ein Weib_, und
wre sie eine Knigstochter,--ich bringe dir schleunigst, was du
begehrst, und leg es dir zu Fen! Du wirfst mir vor, da ich die
Schlacht gegen Hanno verloren htte. Aber ich habe sie ja dann doch
wiedergewonnen! Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns mehr
gentzt als die spartanische Phalanx! Und indem er dem Bedrfnis
nachgab, sich herauszustreichen und Rache zu ben, zhlte er alles
auf, was er fr die Sache der Sldner getan hatte. Ich war's, der in
den Grten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in Sikka, habe ich
sie mit der Furcht vor der Republik toll gemacht! Gisgo leuchtete
ihnen heim,--ich lie die Dolmetscher gar nicht zu Worte kommen! Ha,
wie ihnen die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich noch? Ich
habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich habe den Zaimph geraubt!
Ich habe dich zu _ihr_ gefhrt. Und ich werde noch mehr tun! Du sollst
sehen!

Er brach in ein tolles Gelchter aus.

Matho blickte ihn mit groen Augen an. Er empfand Grauen vor diesem
Manne, der so feig und dabei so schrecklich war.

Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in heiterem Tone fort:

Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in den Steinbrchen
Fronarbeit getan und unter goldnem Sonnendache auf einem Schiffe, das
mein war, Massiker geschlrft wie ein Ptolemer. Unglck hat den
Zweck, uns schlauer zu machen. Das Glck will berlistet werden. Es
liebt die Schlaukpfe. Es lt sich fangen!

Er trat auf Matho zu und fate ihn am Arme.

Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du hast ein
ganzes Heer, das noch nicht gekmpft hat. Deine Leute gehorchen dir!
Stelle sie in das Vortreffen! Die meinen werden folgen, um Rache zu
nehmen. Ich habe noch dreitausend Karier, zwlfhundert Schleuderer und
Bogenschtzen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine Phalanx
formieren. Kehren wir um!

Matho, durch das Unglck betubt, war bis jetzt noch nicht zu der
berlegung gekommen, wie er es vielleicht wieder gutmachen knne. Er
hrte mit offenem Munde zu, und die Erzschuppen, die seine Brust
umspannten, drohten unter den Schlgen seines Herzens zu zerspringen.
Er hob sein Schwert auf und rief:

Folge mir! Vorwrts!

Doch die Aufklrer meldeten bei ihrer Rckkehr, da die Toten der
Karthager fortgeschafft, die Brcke zerstrt und Hamilkar verschwunden
sei.




IX

Im Felde


Hamilkar hatte geglaubt, die Sldner wrden ihn entweder vor Utika
erwarten oder gegen ihn vorrcken. Aber da er seine Streitkrfte weder
zum Angriff noch zur Verteidigung fr ausreichend schtzte, war er auf
dem rechten Ufer des Flusses nach Sden marschiert, was ihn vor einem
unmittelbaren berfalle sicherte.

Er wollte zunchst die afrikanischen Stmme der Sache der Barbaren
abspenstig machen, indem er ihnen ihren Abfall stillschweigend
verzieh. Spter freilich, wenn sie wieder isoliert dastanden, wollte
er einzeln ber sie herfallen und sie vernichten.

In vierzehn Tagen beruhigte er die Gegend zwischen Thukkaber und Utika
mit den Stdten Tignikabah, Tessurah, Vakka und andern Orten weiter im
Westen. Das in den Bergen liegende Zunghar, das durch seinen Tempel
berhmte Assuras, das wacholderreiche Djeraado, Thapitis und Hagur
schickten ihm Gesandte. Die Landleute kamen mit Lebensmitteln, baten
ihn um Schutz, kten ihm und seinen Soldaten die Fe und beklagten
sich ber die Barbaren. Einige brachten ihm in Scken die Kpfe von
Sldnern, die sie angeblich gettet hatten. In Wahrheit hatten sie nur
Tote gekpft. Viele von den Barbaren hatten sich nmlich auf der
Flucht verirrt, und so fand man hier und da unter den lbumen und in
den Vignen ihre Leichname.

Um dem Volk etwas vorzugaukeln, hatte Hamilkar am Tage nach dem Siege
die zweitausend Gefangenen, die man auf dem Schlachtfelde gemacht
hatte, nach Karthago gesandt. Sie kamen in langen Kolonnen zu je
hundert Mann an, die Arme auf dem Rcken an ihnen hinten aufgebundene
Eisenstangen gefesselt. Sogar die Verwundeten muten blutend
mitlaufen. Reiter hinter ihnen trieben sie mit Peitschenhieben
vorwrts.

Ein Freudentaumel brach aus. Man wiederholte sich immerfort, da
sechstausend Barbaren gefallen waren, da die andern nicht Widerstand
leisten knnten, da also der Krieg beendet sei. Man umarmte einander
auf den Straen und rieb die Gesichter der Kabirenstandbilder mit
Butter und Zimt ein, um ihnen zu danken. Es sah aus, als ob sie mit
ihren Glotzaugen, ihren dicken Buchen und den bis zu den Schultern
erhobenen Armen unter der frischen Bemalung Leben gewnnen und an dem
Jubel des Volkes teilnhmen. Die Patrizier ffneten ihre Palste. Die
Stadt hallte wider vom Rasseln der Tamburine. Die Tempel waren
allnchtlich erleuchtet, und die Hetren der Gttin zogen nach Malka
hinunter und errichteten an den Straenecken Bhnen aus Sykomorenholz,
auf denen sie sich preisgaben. Man bewilligte Lndereien fr die
Sieger, Brandopfer fr Melkarth und dreihundert Goldkronen fr den
Suffeten. Obendrein stellten seine Anhnger den Antrag, ihm neue
Wrden und Vorrechte zu verleihen.

Er hatte die Alten ersucht, Verhandlungen mit Autarit anzuknpfen, um
den alten Gisgo und die mit ihm in Gefangenschaft geratenen Karthager
gegen gefangene Barbaren auszutauschen und zwar, wenn es nicht anders
ginge, sollten alle ausgeliefert werden. Die Libyer und Nomaden, aus
denen Autarits Heer bestand, hatten aber nur wenig Zusammenhang mit
den gefangenen Sldnern, die von italischer oder griechischer Abkunft
waren. Und da die Republik ihnen so viele Sldner fr so wenige
Karthager anbot, so muten offenbar die einen nichts, die andern aber
sehr viel wert sein. Sie frchteten eine Falle, und Autarit lehnte das
Angebot ab.

Nun befahlen die Alten die Hinrichtung der Gefangenen, obwohl ihnen
der Suffet geschrieben hatte, man solle sie nicht tten. Er gedachte,
die besten in sein Heer einzustellen und dadurch noch andre zum Abfall
zu verlocken. Doch der Ha war strker als alle Rcksichten der
Klugheit.

Die zweitausend Sldner wurden in der Strae der Mappalier an
Grabstelen gebunden, und nun kamen Krmer, Kchenjungen, Arbeiter, ja
sogar Weiber--die Witwen der Gefallenen--mit ihren Kindern, kurz alle,
die es danach gelstete, und mordeten mit Pfeil und Bogen. Man zielte
recht lange, um die Qual der Opfer zu verlngern, und hob und senkte
die Waffe immer wieder. Die Menge drngte sich grlend herum. Lahme
lieen sich auf Bahren herbeitragen. Viele brachten aus Vorsicht ihr
Essen mit und blieben bis zum Abend, andre sogar die ganze Nacht. Man
schlug Zelte auf, in denen gezecht wurde. Mancher verdiente sich ein
schnes Smmchen Geld, indem er Bogen verlieh.

Am Ende lie man die mit Pfeilen gespickten Leichen stehen, die ber
den Grbern wie rote Statuen ragten. Die Erregung ergriff selbst die
Leute von Malka, die von der Urbevlkerung abstammten und in
patriotischen Dingen sonst sehr gleichgltig waren. Aus Dankbarkeit
fr das Vergngen, das man ihnen bot, nahmen sie jetzt am Glcke des
Vaterlands Anteil und fhlten sich als Punier. Die Gerusiasten priesen
ihre eigene Schlauheit. Sie whnten durch diesen Racheakt das ganze
Volk zu einer Einheit verschmolzen zu haben.

Auch der Segen der Gtter fehlte nicht, denn aus allen Himmelsgegenden
flogen Raben herbei. Sie kreisten mit lautem, heiserem Krchzen durch
die Luft und formten eine ungeheure Wolke, die sich bestndig um sich
selbst drehte. Man sah sie von Klypea, von Rades und vom hermischen
Vorgebirge aus. Manchmal zerri sie pltzlich, und ihre schwarzen
Kreise zerstoben in alle vier Winde. Ein Adler war mitten in sie
gestoen. Bald flog er wieder weiter. Auf den Terrassen, den Kuppeln,
den Spitzen der Obelisken und den Giebeln der Tempel, berall hockten
groe Vgel, Fetzen von Menschenfleisch in ihren gerteten Schnbeln.

Des blen Geruches wegen sahen sich die Karthager gentigt, die
Leichen loszubinden. Eine Anzahl wurde verbrannt. Die brigen warf man
ins Meer, und die vom Nordwind gepeitschten Wogen schwemmten sie am
andern Ende des Golfes vor Autarits Lager ans Gestade.

Dies Strafverfahren hatte die Barbaren ohne Zweifel in Schrecken
versetzt, denn von der Hhe des Eschmuntempels sah man, wie sie ihre
Zelte abbrachen, ihr Vieh zusammentrieben und ihr Gepck auf Esel
luden. Noch am Abend desselbigen Tages zog das ganze Heer ab.

       *       *       *       *       *

Indem das Sldnerheer zwischen dem Berge der Heien Wasser und
Hippo-Diarrhyt hin- und hermarschierte, sollte es dem Suffeten die
Annherung an die tyrischen Stdte unmglich machen und ihm die
Rckkehr nach Karthago verlegen.

Whrenddem sollten die beiden andern Heere versuchen, Hamilkar im
Sden zu fassen, und zwar Spendius von Osten, Matho von Westen her.
Schlielich wollten sich alle drei vereinigen, ihn berraschen und
einschlieen. Da bekamen sie eine vllig unverhoffte Verstrkung.
Naravas erschien wieder und zugleich dreihundert mit Erdpech beladene
Kamele, fnfundzwanzig Elefanten und sechstausend Reiter.

Um die Sldner zu schwchen, hatte es der Suffet fr angebracht
erachtet, Naravas fern in seinem Gebiete zu beschftigen. Hamilkar
hatte sich von Karthago aus mit Masgaba verstndigt, einem gtulischen
Banditenfhrer, der sich ein Reich zu grnden suchte. Dieser Abenteurer
hatte mit punischem Gelde und mit dem Versprechen, ihnen die
Unabhngigkeit zu verschaffen, die numidischen Staaten aufgewiegelt.
Doch Naravas, durch den Sohn seiner Amme benachrichtigt, war in Kirta
eingefallen, hatte den Siegern das Zisternenwasser vergiftet, ein paar
Kpfe abgeschlagen und die Ordnung wiederhergestellt. Nun kam er
zurck, wtender auf den Suffeten als die Barbaren.

Die vier Heerfhrer verstndigten sich ber den Kriegsplan. Da der
Krieg lange dauern wrde, mute alles vorgesehen werden.

Zunchst kam man berein, den Beistand der Rmer anzurufen. Man bot
diese Sendung Spendius an. Als berlufer aber wagte er sie nicht zu
bernehmen. Zwlf Mnner aus den griechischen Kolonien schifften sich
nun in Annaba auf einem numidischen Ruderboot ein. Sodann forderten
die Fhrer von allen Barbaren den Fahneneid. Tglich hielten die
Hauptleute Sachen- und Schuh-Appelle ab. Den Posten wurde der Gebrauch
des Schildes verboten. Sie waren nmlich hufig an die Lanze gelehnt
stehend eingeschlafen. Wer zu viel Habseligkeiten mit sich fhrte,
hatte sich deren zu entledigen. Nach rmischem Brauch mute alles
Gepck auf dem Rcken getragen werden. Aus Vorsicht gegen die
Elefanten errichtete Matho ein Krassierregiment, das, Ro wie Reiter,
vom Scheitel bis zur Sohle in ngelbeschlagener Nilpferdhaut steckte.
Um auch die Hufe der Pferde zu schtzen, flocht man ihnen Schuhe aus
Spartofasern.

Es wurde verboten, die Ortschaften zu plndern und Einwohner
nichtpunischer Herkunft zu maltrtieren. Da die Gegend aber ausgesogen
war, befahl Matho, die Lebensmittel nur noch nach der Kopfzahl der
Soldaten zu verteilen und die Weiber nicht mehr zu bercksichtigen.
Anfangs teilten die Sldner ihre Kost mit ihnen. Viele verloren
dadurch wegen mangelhafter Ernhrung die Krfte. Unaufhrlich kam es
zu Zwisten und Schimpfereien, da manche die Gefhrtinnen andrer durch
die Verfhrungskraft oder durch das Versprechen ihrer Portionen zu
sich lockten. Matho befahl nunmehr, die Weiber samt und sonders
erbarmungslos davonzujagen. Sie flchteten in Autarits Lager, aber die
Gallierinnen und Libyerinnen daselbst ntigten sie durch fortgesetzte
Schikanen wieder zum Abzug.

Endlich kamen sie unter die Mauern Karthagos, wo sie den Schutz der
Zeres und der Proserpina anriefen, denn im Gebiete der Burg gab es
einen Tempel und auch Priester dieser Gottheiten, zur Shne fr die
Greuel, die einst bei der Belagerung von Syrakus begangen worden
waren. Die Syssitien machten ihr Strandrecht geltend und verlangten
die jngsten der Weiber, um sie zu verkaufen. Etliche Neukarthager
nahmen sich Spartanerinnen zu Ehegattinnen, weil sie blonde Frauen
liebten.

Manche der Weiber aber lieen nicht vom Heere. Sie liefen an der Seite
der Kompagnien neben den Hauptleuten her, riefen ihre Mnner beim
Namen, zupften sie am Mantel, zerschlugen sich die Brust und
verwnschten sie, wobei sie ihnen ihre kleinen, nackten, weinenden
Kinder hinhielten. Dieser Anblick rhrte die Barbaren. Aber die Weiber
waren ein Hindernis, eine Gefahr. Man stie sie immer wieder zurck,
und doch wichen sie nicht. Matho lie sie schlielich von den Reitern
des Naravas mit den Lanzen verjagen, und als die Balearier ihm
zuriefen, sie mten Frauen haben, antwortete er: Ich hab auch
keine!

Molochs Geist kam ber ihn. Trotz der Gegenrede seines Gewissens
vollbrachte er entsetzliche Dinge, wobei er sich einbildete, der
Stimme eines Gottes zu gehorchen. Wenn er die Felder nicht verwsten
konnte, so lie er Steine darauf werfen, um sie unfruchtbar zu machen.

Durch wiederholte Botschaften drngte er Autarit und Spendius zur
Eile. Die strategischen Bewegungen des Suffeten waren unbegreiflich.
Nacheinander lagerte Hamilkar bei Eidus, Monchar und Tehent. Aufklrer
glaubten ihn in der Umgegend von Ischiil an den Grenzen des Reiches
des Naravas gesehen zu haben. Dann erfuhr man wieder, da er den Makar
oberhalb Teburba berschritten habe, als ob er nach Karthago
zurckkehren wolle. Kaum war er an einem Orte, so brach er schon nach
einem andern auf. Die Marschstraen, die er einschlug, blieben immer
unbekannt. Ohne eine Schlacht zu liefern, wahrte der Suffet seinen
Vorteil. Von den Barbaren verfolgt, dirigierte er sie doch.

Die Mrsche und Gegenmrsche ermdeten die Karthager aber mehr als die
Sldner, und Hamilkars Streitkrfte nahmen, da sie nicht erneuert
wurden, von Tag zu Tag ab. Die Landleute lieferten ihm die
Lebensmittel bereits saumseliger. berall stie er auf Zaudern und
stillen Ha, und trotz seiner dringenden Bitten an den Groen Rat kam
ihm keine Hilfe aus Karthago.

Man sagte--vielleicht glaubte man es auch--, da er keine ntig htte.
Das sei Arglist oder unntzes Klagen. Um ihm zu schaden, bertrieben
Hannos Anhnger die Bedeutung seines Sieges. Die Truppen, die er
befehligte, htte man opferwillig aufgebracht; aber man knne doch
nicht alle seine Forderungen erfllen. Der Krieg sei wahrlich schwer
genug! Er htte schon zu viel gekostet. Aus Hochmut untersttzten
Hamilkar die Einflureichsten seiner eigenen Partei nur schwach.

Da verzweifelte Hamilkar an der Republik und trieb mit Gewalt von den
Stmmen alles bei, was er zum Kriege brauchte: Korn, l, Holz, Vieh
und Menschen. Alsbald flohen die Einwohner. Die Ortschaften, durch die
er marschierte, waren leer. Man durchstberte die Htten, ohne etwas
darin zu finden. Bald umgab schreckliche Einde das punische Heer.

Die Karthager wurden dadurch erbittert und begannen die Provinzen zu
verwsten. Sie verschtteten die Zisternen und steckten die Huser in
Brand. Die Funken, vom Winde fortgetragen, flogen weit umher. Auf den
Bergen gerieten ganze Wlder in Brand, und um die Tler flammten
Feuerkrnze. Ehe man durchmarschieren konnte, mute man erst lange
warten. Und wenn es soweit war, setzte das Heer seinen Marsch in der
Sonnenglut auf der heien Asche fort.

Bisweilen sah man neben der Strae im Gebsch etwas funkeln wie die
Augen einer Tigerkatze. Es war irgendein Barbar, der auf den Fersen
hockte und sich mit Staub beschmiert hatte, um mit der Farbe des
Laubes eins zu sein. Oder wenn man durch einen Hohlweg zog, hrten die
Flgelmnner pltzlich Steine rollen, und wenn sie aufblickten, sahen
sie oben am Rande der Schlucht einen barfigen Mann davonlaufen.

Whrenddem waren Utika und Hippo-Diarrhyt frei, da die Sldner sie
nicht mehr belagerten. Hamilkar befahl diesen Stdten, Hilfe zu
schicken. Doch sie wagten nicht, sich ihrer Verteidigungskrfte zu
entblen, und so antworteten sie ihm mit unbestimmten Worten,
Hflichkeiten und Entschuldigungen.

Er wandte sich nunmehr pltzlich nach Norden, entschlossen, sich eine
der tyrischen Stdte zu erschlieen, und sollte er sie auch belagern.
Er bedurfte eines Sttzpunktes an der Kste, um von den Inseln oder
von Kyrene Proviant und Soldaten beziehen zu knnen. Am meisten lockte
ihn der Hafen von Utika, weil er Karthago am nchsten lag.

Der Suffet brach also von Zuitin auf und umging vorsichtig den See von
Hippo-Diarrhyt. Doch bald war er gezwungen, seine Regimenter in lange
Marschkolonnen auseinander zu ziehen, um ber den Hhenrcken zwischen
den beiden Tlern hinber zu gelangen. Bei Sonnenuntergang stieg man
gerade eine weite kraterartige Schlucht vom Kamme hinab, als man vor
sich, unmittelbar ber dem Boden, Wlfinnen aus Metall erblickte, die
ber das Gras zu laufen schienen.

Dazu tauchten groe Helmbsche auf, und von Flten begleitet, erscholl
ein furchtbarer Schlachtgesang. Es war das Heer des Spendius. Seine
Kampaner und Griechen hatten aus Ha gegen Karthago rmische
Feldzeichen angenommen. Gleichzeitig erschienen zur Linken hohe
Lanzen, Schilde aus Leopardenfell, Linnenkoller und nackte Schultern.
Das waren die Iberer des Matho, die Lusitanier, Balearier und Gtuler.
Man hrte die Pferde des Naravas wiehern. Die Reiter ritten
weitausgeschwrmt ber den ganzen Hang. Dann kamen die ungeordneten
Scharen, die Autarit fhrte, die Gallier, Libyer und Nomaden. Mitten
unter ihnen erkannte man die Esser unreiner Speisen an den
Fischgrten, die sie im Haare trugen.

So hatten sich also die Barbaren durch genaue Berechnung ihrer
Marschentfernungen vereint. Doch selber berrascht, blieben sie
zunchst eine Weile unbeweglich stehen und berieten sich.

Der Suffet hatte seine Truppen sofort zu einer kreisfrmigen Masse
zusammengezogen, so da sie berallhin gleichen Widerstand bieten
konnten. Die hohen spitzen Schilde waren dicht nebeneinander in den
Rasen gesteckt und bildeten eine Mauer um das Fuvolk. Die Klinabaren
standen auerhalb dieses Kreises, und noch weiter weg, in Abstnden,
die Elefanten. Die Sldner waren von den Strapazen erschpft und
wollten deshalb lieber den kommenden Tag abwarten. Ihres Sieges gewi,
beschftigten sie sich die ganze Nacht mit Essen und Trinken.

Sie hatten groe helle Feuer angezndet, die sie selbst blendeten und
das punische Heer unter ihnen um so mehr ins Dunkel rckten. Nach
rmischem Brauch lie Hamilkar rings um sein Lager einen Graben von
fnfzehn Schritt Breite und zehn Ellen Tiefe ziehen und dahinter aus
der ausgeschaufelten Erde einen Wall aufwerfen, auf dem spitze, sich
kreuzende Pfhle als Brustwehr eingerammt wurden. Als die Sonne
aufging, waren die Sldner arg erstaunt, da sie die Karthager so samt
und sonders wie in einer Festung verschanzt sahen.

Sie erkannten Hamilkar inmitten der Zelte, wie er umherging und
Befehle erteilte. Er trug einen braunen kleinschuppigen Panzerrock.
Sein Pferd folgte ihm. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um mit der
ausgestreckten Rechten auf etwas zu zeigen.

Manch einer dachte da zurck an hnliche Morgen, an denen der
Marschall die Front abgeschritten und man sich an seinen Blicken
gestrkt hatte wie an einem Becher Wein. Eine seltsame Rhrung ergriff
die Hinabschauenden. Nur wer Hamilkar nicht kannte, war vor Freude
toll, da man ihn umzingelt hatte.

Wollte man einen allgemeinen Angriff ansetzen, so mute man sich auf
dem zu engen Raume gegenseitig schaden. Die Numidier konnten zwar eine
Attacke mitten hinein reiten; jedoch waren ihnen die gepanzerten
Klinabaren stark berlegen. Und wie sollte man ber die Schanzpfhle
hinwegkommen? Auch die Elefanten waren noch nicht gengend
abgerichtet.

Ihr seid allesamt Feiglinge! schrie Matho.

Und mit den Tapfersten strzte er gegen die Verschanzung vor. Ein
Steinhagel trieb sie zurck, denn der Suffet hatte ihre an der Brcke
zurckgelassenen Geschtze mitgenommen.

Dieser Mierfolg verursachte in den beweglichen Geistern der Barbaren
einen jhen Umschlag. Ihr bermut verschwand. Sie wollten zwar siegen,
aber unter so wenig Gefahren wie nur mglich. Spendius meinte, man
msse die Stellung, die man innehatte, bedachtsam behaupten und das
punische Heer aushungern. Doch die Karthager begannen Brunnen zu
graben, und da ihr Platz rings von Bergen umgeben war, so fanden sie
wirklich Wasser.

Von ihrer Verschanzung herab warfen sie Pfeile, Erde, Mist und
Feldsteine, und die sechs Geschtze rollten unablssig auf dem Walle
vor und zurck.

Indessen muten die Quellen wieder versiegen, die Lebensmittel zu Ende
gehen, die Katapulte abgentzt werden und die Sldner, an Zahl zehnmal
berlegen, schlielich doch zu Erfolg kommen! Um Zeit zu gewinnen,
begann der Suffet Unterhandlungen, und eines Morgens fanden die
Barbaren in ihren Linien ein mit Schriftzeichen bedecktes Schaffell.
Hamilkar entschuldigte sich ob seines Sieges. Die Alten htten ihn zum
Kriege gezwungen. Um den Sldnern zu zeigen, da er sein Wort halte,
bot er ihnen Utika oder Hippo-Diarrhyt--ganz nach Belieben--zur
Plnderung an. Zum Schlu erklrte er, keineswegs aber hege er Furcht,
denn er habe Verrter unter ihnen gewonnen, und mit ihrer Hilfe werde
er leicht mit den brigen fertig werden.

Die Barbaren waren betroffen. Der Vorschlag einer unmittelbaren Beute
machte sie nachdenklich. Sie frchteten Verrat, da sie in der
Prahlerei des Suffeten keine Falle argwhnten, und begannen einander
mit Mitrauen zu betrachten. Man beobachtete die Reden und das
Benehmen eines jeden. Nachts fuhr man erschrocken aus dem Schlafe auf.
Viel brachen mit ihren bis dahin besten Kameraden. Man whlte sich
nach Gutdnken Anschlu an andre Truppenteile. So schlossen sich die
Gallier unter Autarit den Zisalpinern an, deren Sprache sie
verstanden. Die vier Heerfhrer kamen allabendlich in Mathos Zelt
zusammen, hockten im Kreise um einen Schild und schoben aufmerksam die
kleinen Holzfiguren hin und her, die Pyrrhus zur Darstellung von
taktischen Hergngen erfunden hatte. Spendius wies auf die
Hilfsquellen Hamilkars hin und bat dringend, die Gelegenheit nicht zu
verpassen. Dabei zitierte er alle mglichen Gtter. Matho schritt
erregt und gestikulierend auf und ab. Der Krieg gegen Karthago war
seine ureigene Angelegenheit. Es emprte ihn, da die andern
dareinredeten, ohne ihm gehorchen zu wollen. Autarit erriet diese
Gedanken an seinem Mienenspiel und zollte ihm Beifall. Naravas hob
verchtlich den Kopf. Es gab keine Maregel, die er nicht fr
verderblich erklrt htte. Er lchelte nicht mehr. Seufzer
entschlpften ihm, als unterdrcke er den Schmerz ber einen
unerfllbaren Traum, die Verzweiflung ber ein verfehltes Unternehmen.

Whrend die Barbaren unschlssig hin und her berieten, verstrkte der
Suffet seine Verteidigungsmittel. Er lie innerhalb seiner
Verschanzung einen zweiten Wall aufwerfen und an seinen Ecken hlzerne
Basteien errichten. Seine Sklaven wagten sich bis in die feindlichen
Vorposten hinein, um Fuangeln auszulegen. Die Elefanten, deren
Rationen vermindert worden waren, rissen an ihren Fesseln. Um Futter
zu sparen, befahl der Marschall den Klinabaren, ihre minder krftigen
Hengste zu tten. Man weigerte sich mehrfach. Hamilkar lie die
Ungehorsamen enthaupten. Man verzehrte die getteten Pferde. Die
Erinnerung an dies frische Fleisch rief an den folgenden Tagen groe
Traurigkeit hervor.

Aus der Tiefe des Amphitheaters, in das die Karthager eingeschlossen
waren, sahen sie ringsum auf den Hhen die vier Barbarenlager, die
voller Bewegung waren. Weiber mit Schluchen auf den Kpfen gingen hin
und her. Blkende Ziegen grasten zwischen den Lanzenpyramiden. Die
Posten wurden abgelst. Man a, um die Feldkessel gelagert. Die Stmme
lieferten Lebensmittel in Flle, und die Sldner ahnten selber nicht,
wie sehr nervs ihre Unttigkeit das punische Heer machte.

Schon am zweiten Tage hatten die Karthager im Lager der Nomaden einen
Haufen von etwa dreihundert Menschen bemerkt, die abgesondert blieben.
Das waren die Patrizier, die seit Beginn des Krieges Gefangene waren.
Die Libyer stellten sie allesamt in einer Reihe am Rande des Grabens
auf, traten hinter sie und schleuderten Spiee, indem sie die Leiber
der Gefangenen als Deckung benutzten. Die Unglcklichen waren kaum
wiederzuerkennen. Ihre Gesichter waren vor lauter Ungeziefer und
Schmutz gar nicht mehr zu sehen. Das stellenweise ausgerissene Haar
machte Geschwre auf ihren Kpfen sichtbar. Dabei waren sie so
abgemagert und widerlich, da sie Mumien in zerlcherten
Leichentchern glichen. Manche zitterten und schluchzten mit blder
Miene. Andre riefen ihren Landsleuten zu, auf die Barbaren zu
schieen. Einer stand ganz unbeweglich mit gesenktem Haupte da und
sprach kein Wort. Sein langer weier Bart wallte bis hinab auf seine
mit Ketten beschwerten Hnde. Den Karthagern war es zumute, als ob die
Republik zusammenbrche: sie erkannten in diesem Manne Gisgo. Obwohl
die Stelle gefhrlich war, drngten sie sich heran, um ihn zu sehen.
Man hatte ihm eine komische Tiara aus Flupferdhaut mit einer
Verzierung aus Kieseln aufgesetzt. Das war ein Einfall Autarits. Matho
mifiel diese Verhhnung.

Erbittert lie Hamilkar die Palisadenbrustwehr ffnen. Er war fest
entschlossen, sich durchzuschlagen,--einerlei wie. In einem wtenden
Ausfalle drangen die Karthager bis zur halben Hhe des Abhanges
dreihundert Schritte weit hinauf. Da aber strzte ihnen eine solche
Flut von Barbaren abwrts entgegen, da sie in ihre Verschanzung
zurckgetrieben wurden. Einer von der Garde, der noch drauen war,
strauchelte ber einen Stein. Zarzas eilte herbei, warf ihn zu Boden,
stie ihm den Dolch in die Kehle und zog ihn wieder heraus. Dann
strzte er sich auf den Daliegenden, prete den Mund auf seine Wunde
und sog, unter krampfartigen Zuckungen und wilde Jodler ausstoend,
das Blut in vollen Zgen ein. Hinterher setzte er sich ruhig auf den
Leichnam, warf den Kopf hintenber, um besser Luft zu bekommen, wie
ein Hirsch, der eben an einem Giebach getrunken hat, und stimmte mit
schrillen Lauten ein balearisches Lied an, eine wirre Melodie voll
langgezogener Tne, die fters abbrach und sich dann wiederholte wie
ein Echo in den Bergen. Er rief seine toten Brder an und lud sie zum
Feste ein. Dann nahm er seine Hnde zwischen die Beine, neigte langsam
den Kopf und weinte. Seine Untat entsetzte die Barbaren, vornehmlich
die Griechen.

Fortan versuchten die Karthager keinen Ausfall mehr. Ebensowenig aber
dachten sie daran, sich zu ergeben, eines qualvollen Todes gewi.

Trotz Hamilkars Frsorge nahmen die Lebensmittel erschrecklich ab. Fr
jeden Mann blieben nur noch zehn Khomer Getreide, drei Hin Hirse und
zwlf Betza getrocknete Frchte. Kein Fleisch, kein l, kein
Eingesalzenes mehr, kein Korn Gerste fr die Pferde. Man sah sie den
abgemagerten Hals herniederbeugen und im Staube nach zertretenen
Strohhalmen suchen. Oft bemerkten die auf dem Walle stehenden Posten
beim Schein des Mondes Barbarenhunde, die vor den Verschanzungen in
den Abfllen whlten. Man ttete sie mit Steinwrfen, lie sich mit
Schildriemen an den Schanzpfhlen hinunter und verzehrte die Tiere
alsdann, ohne ein Wort zu reden. Bisweilen freilich erhob sich ein
furchtbares Gebell, und der Mann kehrte nicht zurck. In der vierten
Gliederschaft der zwlften Kompagnie erstachen sich drei Phalangiten
mit Messern im Streit um eine Ratte.

Alle sehnten sich nach ihren Familien, ihren Husern: die Armen nach
ihren bienenkorbfrmigen Htten mit Muschelschalen an der Trschwelle
und einem aufgehngten Netz davor, die Patrizier nach ihren gerumigen
Gemchern, wo sie im Blau der Dmmerung whrend der heien
Tagesstunden zu ruhen und dem gedmpften Straenlrm zu lauschen
pflegten, den das Bltterrauschen im Garten melodisch machte. Und um
sich tiefer in solche Trumerei zu versenken und sie mehr zu genieen,
schlossen sie die Augen, bis das Brennen der Wunden sie wieder weckte.
Alle Augenblicke gab es ein Gefecht, einen Alarm. Die hlzernen
Basteien brannten. Die Esser unreiner Speisen kletterten an den
Pfhlen herauf. Man hieb ihnen mit Beilen die Hnde ab. Andre strmten
heran. Ein Eisenhagel prasselte auf die Zelte hernieder. Man
errichtete Gnge aus Rohrgeflecht, um sich gegen die Wurfgeschosse zu
schtzen. Die Karthager verbargen sich darunter und rhrten sich nicht
mehr.

Tglich verschwand der Sonnenschein nach den ersten Morgenstunden
wieder vom Erdboden des weiten Bergkessels und lie ihn dann im
Schatten. Die Sonne blieb hinter den hohen Bergen. Auf allen Seiten
stiegen die grauen Hnge empor, mit groen Steinen berst, die mit
sprlichem Moose gesprenkelt waren, und hoch darber wlbte sich der
ewig klare Himmel, der den Augen glatter und klter erschien als eine
Kuppel aus Stahl. Hamilkar war so rgerlich ber Karthago, da er Lust
sprte, sich den Barbaren in die Arme zu werfen und sie gegen die
Stadt zu fhren. Schon fingen die Troknechte, die Marketender, die
Sklaven zu murren an, und weder das Volk, noch der Groe Rat, noch
sonst jemand sandte ein Hoffnungszeichen. Die Lage war unertrglich,
zumal bei dem Gedanken, da sie immer schlimmer werden mute.

       *       *       *       *       *

Bei der Kunde von diesem Migeschick raste man in Karthago vor Zorn
und Ha. Man htte den Suffeten weniger verwnscht, htte er sich
gleich zu Anfang besiegen lassen.

Um neue Sldner anzuwerben, dazu gebrach es an Zeit und Geld. Wollte
man aber Soldaten in der Stadt ausheben: womit sollte man sie
ausrsten? Hamilkar hatte alle Waffen mitgenommen. Und wer sollte sie
befehligen? Die besten Hauptleute befanden sich ja drauen bei ihm!
Inzwischen trafen Sendboten des Suffeten ein, die laut rufend durch
die Straen zogen. Der Groe Rat geriet darber in Aufregung und lie
sie beiseite schaffen.

Das war eine unntige Vorsichtsmaregel. Man beschuldigte den Barkiden
allgemein der Saumseligkeit. Er htte nach seinem Siege die Sldner
vernichten sollen. Warum hatte er die Stmme gebrandschatzt? Hatte man
nicht hinreichend schwere Opfer gebracht? Die Patrizier jammerten ber
die Kriegssteuern, die man persnlich sowie aus den Syssitien gezahlt
hatte. Auch wer nichts gegeben hatte, klagte mit den brigen. Das Volk
war eiferschtig auf die Neukarthager, denen Hamilkar das volle
Brgerrecht versprochen hatte. Und selbst die Ligurer, die sich so
tapfer geschlagen hatten, rechnete man zu den Barbaren und verwnschte
auch sie. Man warf ihnen ihre Abstammung wie ein Verbrechen, wie eine
Mitschuld vor. Die Kaufleute auf den Schwellen ihrer Lden, die
Arbeiter, die, ihr bleiernes Winkelma in der Hand, vorbergingen, die
Salzlakehndler, die ihre Krbe splten, die Badeknechte in den
Bdern, die Verkufer warmer Getrnke, alle errterten sie die
Vorgnge des Feldzuges. Man zeichnete mit dem Finger Operationsplne
in den Sand, und es gab keinen noch so kleinen Gassenbengel, der nicht
Hamilkars Fehler zu verbessern gewut htte.

Die Pfaffen predigten, das sei die Strafe fr so lange Gottlosigkeit.
Er htte keine Opfer gespendet, htte seine Truppen nicht weihen
lassen, ja, er htte sich geweigert, Auguren mitzunehmen. Das rgernis
ber seine Gottlosigkeit schrte den unterdrckten starken Ha, die
Wut ber die enttuschten Hoffnungen. Man erinnerte sich seines
Unglcks in Sizilien. Sein Hochmut, den man so lange ertragen, drckte
nun mit einem Male mehr denn je. Die Priesterschaften verziehen ihm
nicht, da er ihre Kassen beschlagnahmt hatte. Sie forderten dem
Groen das Versprechen ab, ihn kreuzigen zu lassen, wenn er jemals
zurckkehre.

Die Hitze des Monats Elul, in diesem Jahr ungewhnlich stark, war eine
weitere Plage. Vom Ufer des Haffs stiegen ekelhafte Dnste auf. In sie
mischten sich die Wirbelwolken des Rucherwerks, das an den Straenecken
brannte. Unablssig hrte man Hymnen absingen. Menschenmassen wogten auf
den Treppen der Tempel. Alle Mauern waren mit schwarzen Schleiern
behngt. Kerzen brannten auf der Stirn der Kabirenstandbilder, und das
Blut der zum Opfer geschlachteten Kamele rann in roten Kaskaden die
Tempelstufen hinab. Ein dsterer Wahnsinn hatte Karthago erfat. Aus den
engsten Gassen, den finstersten Spelunken tauchten blasse Gestalten auf,
Menschen mit Schlangengesichtern, die mit den Zhnen knirschten.
Schrilles Weibergekreisch erfllte die Huser, drang durch die
Fenstergitter auf die Pltze und beunruhigte die dort plaudernden
Miggnger. Zuweilen glaubte man, die Barbaren kmen. Man hatte sie
hinter dem Berge der Heien Wasser gesehen. Sie sollten bei Tunis
lagern. Die Stimmen vervielfltigten sich, schwollen an und verschmolzen
zu einem einzigen Schrei. Dann trat allgemeine Stille ein. Eine Menge
Leute hockten auf den Dchern der Gebude und sphten, die Hand ber den
Augen, in die Weite, whrend andre am Fue der Wlle platt auf dem Boden
lagen und aufmerksam lauschten. Wenn der Schreck vorber war, dann
begann die Wut von neuem. Aber das Bewutsein ihrer Ohnmacht versenkte
die Bevlkerung bald wieder in die alte Trbsal.

Die Niedergeschlagenheit nahm mit jedem Abend zu, wenn man allgemein
auf den Terrassen stand und sich neunmal verneigte und die Sonne mit
lautem Rufen grte. Sie sank langsam hinter der Lagune, bis sie dann
mit einem Ruck in den Bergen, in der Richtung nach den Barbaren,
verschwand.

Das dreimal heilige Fest stand bevor, bei dem ein Adler von der Hhe
eines Scheiterhaufens zum Himmel emporflog, das Symbol der Erneuerung
des Jahres, eine Botschaft des Volkes an den hchsten Gott, eine
Feier, die man als eine Art von Bndnis, als Vermhlung mit der Kraft
der Sonne betrachtete. brigens wandte sich das haerfllte Volk jetzt
aberglubisch dem menschenverschlingenden Moloch zu, und alle
verlieen Tanit. In der Tat schien die Mondgttin, ihres Mantels
beraubt, einen Teil ihrer Macht verloren zu haben. Sie versagte die
Wohltat ihrer Gewsser, sie hatte Karthago verlassen. Sie war eine
Abtrnnige, eine Feindin. Manche warfen mit Steinen nach ihr, um sie
zu beschimpfen. Doch whrend man sie arg schmhte, beklagte man sie
gleichzeitig. Man liebte sie noch, inniger vielleicht als vordem.

Alles Unglck rhrte unbedingt vom Verluste des Zaimphs her, und
Salambo war mittelbar daran schuld. Der Groll richtete sich deshalb
auch auf sie. Sie msse bestraft werden! Alsbald lief der unbestimmte
Gedanke einer Opferung im Volke um. Um die Gtter zu vershnen, msse
man ihnen offenbar einen Gegenstand von unschtzbarem Werte opfern,
ein schnes, junges, jungfruliches Geschpf aus altem Hause, den
Gttern entsprossen, einen Stern der Menschheit. Tglich drangen
unbekannte Mnner in die Grten von Megara. Die Sklaven zitterten fr
ihr eigenes Leben und wagten ihnen keinen Widerstand zu leisten.
Trotzdem gingen die Eindringlinge nicht ber die Galeerentreppe
hinaus. Sie blieben unten stehen und starrten hinauf nach dem hohen
flachen Dache des Schlosses. Sie warteten auf Salambo und schrien
stundenlang nach ihr wie Hunde, die den Mond anheulen.




X

Die Schlange


Das Pbelgeschrei schreckte Hamilkars Tochter nicht. Sorgen
beunruhigten sie. Ihre groe Schlange, ein schwarzer Python, ward
immer matter. Schlangen waren den Karthagern ein nationaler wie
persnlicher Fetisch. Man hielt sie fr Kinder des Urschlamms, weil
sie aus den Tiefen der Erde kriechen und keiner Fe bedrfen, um auf
ihr hinzuschleichen. Ihre Bewegung erinnerte an die Wellen im Strom,
ihr khler Krper an die schleimige, fruchtbare Urnacht, und der
Kreis, den sie beschreiben, wenn sie sich in den Schwanz beien, an
die Gesamtheit der Planeten, an den Geist Eschmuns.

Salambos Schlange hatte schon fters die vier lebendigen Spatzen
verschmht, die man ihr bei jedem Vollmond und jedem Neumond brachte.
Ihre schne Haut, wie das Himmelsgewlbe mit goldnen Flecken auf
tiefschwarzem Grund berst, war jetzt gelb, welk, runzelig und fr
ihren Krper zu weit. Flockiger Schimmel spro rings um ihren Kopf,
und in den Winkeln ihrer Lider erblickte man flackernde kleine rote
Punkte. Von Zeit zu Zeit trat Salambo an den aus Silberdraht
geflochtenen Korb und hob den Purpurvorhang, die Lotosbltter und die
Daunendecke auf, worunter die Schlange bestndig in sich
zusammengerollt lag, unbeweglicher als eine verdorrte Liane. Infolge
des steten Hinsehens fhlte Salambo in ihrem eigenen Herzen einen
Druck wie von einer Spirale, als ob sich eine zweite Schlange
allmhlich bis hinauf zur Kehle um sie winde und sie ersticke.

Sie war in Verzweiflung, da sie den Zaimph gesehen hatte, und doch
empfand sie eine seltsame Freude darber, einen geheimen Stolz. In den
schimmernden Falten des heiligen Mantels war ein Geheimnis verborgen.
Er war ein Symbol der Wolken, die die Gtter umhllen, das Mysterium
des Weltalls. Salambo graute es vor sich selbst, aber sie bedauerte
doch, den Mantel nicht hochgehoben zu haben.

Fast immer kauerte sie in einem Winkel ihres Gemachs, die Hnde um ihr
linkes Bein geschlungen, mit halbgeffnetem Munde, gesenktem Kinn und
starrem Blick. Voll Entsetzen rief sie sich das Gesicht ihres Vaters
ins Gedchtnis. Sie htte in den Libanon Phniziens zum Tempel von
Aphaka pilgern mgen, wo Tanit in Gestalt eines Sternes auf die Erde
gekommen war. Allerlei Vorstellungen lockten und schreckten sie.
berdies ward ihre Einsamkeit von Tag zu Tag grer. Sie wute nicht
einmal, was aus Hamilkar geworden war.

Schlielich ward sie des Grbelns md. Sie erhob sich und schlrfte in
ihren niedlichen Sandalen, deren Sohlen bei jedem Schritte gegen ihre
Fersen klappten, durch das weite stille Gemach, immer hin und her,
ohne Zweck und Sinn. Die Amethyste und Topase an der Zimmerdecke
warfen tausend zitternde Lichttupfen herunter. Im Gehen wandte Salambo
den Kopf ein wenig nach oben, um sie zu betrachten. Sie betastete die
aufgehngten zweihenkligen Steinkrge an den Hlsen oder khlte sich
den Busen mit breiten Fchern oder vertrieb sich die Zeit damit, in
hohlen Perlen Zimt zu verbrennen. Wenn die Sonne unterging, nahm
Taanach die schwarzen Filzlden aus den Fenstern weg. Flugs kamen dann
Salambos Tauben hereingeflattert, die mit Moschus eingerieben waren
wie die Tauben der Tanit, und ihre rosenroten Fchen hpften ber die
Glasfliesen der Diele zwischen den Gerstenkrnern hin, die sie ihnen
mit vollen Hnden hinstreute, wie ein Landmann den Samen auf ein
Ackerfeld. Pltzlich aber brach sie in Schluchzen aus, und dann lag
sie, ohne sich zu rhren, auf dem langen Ruhelager aus Rindsleder,
lang hingestreckt, whrend sie immer ein und dasselbe Wort
wiederholte, mit offnen Augen, totenbla, kalt und empfindungslos ...
und doch hrte sie das Gekreisch der Affen drauen in den
Palmenwipfeln und das unablssige Knarren des groen Rades, das durch
alle Stockwerke hindurch einen Strom reinen Wassers in ihre
Porphyrwanne leitete.

Bisweilen weigerte sie sich tagelang, zu essen. Im Traume sah sie
verschleierte Gestirne, die ihr zu Fen tanzten. Sie rief
Schahabarim; aber wenn er kam, wute sie nicht mehr, was sie ihn
fragen wollte.

Ohne den Trost seiner Gegenwart vermochte sie nicht zu leben. In ihrer
tiefsten Seele freilich wehrte sie sich seiner Herrschaft. Sie empfand
dem Priester gegenber zugleich Furcht, Eifersucht, Ha und eine
wunderliche Liebe, der Dankbarkeit entsprossen fr die eigentmliche
Wollust, die sie in seiner Nhe fhlte.

Er hatte erkannt, da Salambo im Banne der Tanit stand, denn er wute
wohl Bescheid, welche Gtter die oder jene Krankheit sandten. Um
Salambo zu heilen, lie er ihr Gemach mit einer Essenz von Eisenkraut
und Krullfarn besprengen. Jeden Morgen mute sie Alraun einnehmen.
Nachts schlief sie auf einem Sckchen wohlriechender Kruter, die von
den Oberpriestern gemischt worden waren. Schahabarim hatte sogar
Baaras angewandt, eine feuerrote Wurzel, mit der die bsen Geister
nach Norden vertrieben werden. Zu guter Letzt murmelte er, gegen den
Polarstern gewandt, dreimal den geheimnisvollen Namen der Tanit. Doch
Salambo blieb leidend, und ihre Beklemmungen wurden immer strker.

Niemand in Karthago war so gelehrt wie Schahabarim. In seiner Jugend
hatte er auf der Schule der Mogbeds zu Borsippa bei Babylon studiert,
hatte dann Samthrake, Pessinunt, Ephesus, Thessalien, Juda besucht,
die Tempel der Nabater, die halb verweht im Sande lagen, und er war
zu Fu an den Ufern des Nils von den Katarakten bis zum Meere
hinabgepilgert. Vor der Brust des Sphinx, des Vaters des Schreckens,
hatte er mit verschleiertem Antlitz, Fackeln schwingend, einen
schwarzen Hahn auf einem Sandarakfeuer geopfert. Er war in die Grotten
der Proserpina hinabgestiegen. Er hatte die fnfhundert Sulen des
Labyrinths auf Lemnos sich drehen und den Leuchter von Tarent brennen
sehen, der auf seinem Schafte so viele Lampen trug, als es Tage im
Jahre gibt. Nachts empfing er zuweilen Griechen, um von ihnen zu
lernen. Die Weltordnung beunruhigte ihn nicht minder als das Wesen der
Gtter. Er hatte mit den Astrolabien im Portikus zu Alexandria die
quinoktien beobachtet und hatte die Bematisten des Euergetes, die den
Himmel durch Schrittzhlungen ausmaen, bis nach Kyrene begleitet. Und
so war in seiner Gedankenwelt eine besondere Religion erstanden, ohne
feste Formeln, aber gerade deshalb voller Glut und Mystik. Den
Glauben, da die Erde wie ein Pinienapfel gestaltet sei, hatte er
abgetan. Er hielt sie fr rund, fr eine Scheibe, die ewig falle, in
die Unendlichkeit hinein, mit einer so fabelhaften Geschwindigkeit,
da man ihren Fall gar nicht gewahr wird.

Aus der Stellung der Sonne ber dem Monde schlo er auf die
Vorherrschaft des Sonnengottes, von dem die Sonne selbst nur
Widerschein und Sinnbild war. berdies zwang ihn alles, was er von
irdischen Dingen beobachtete, zu der Erkenntnis, da das vernichtende
mnnliche Prinzip das hhere sei. Auch zieh er die Mondgttin
insgeheim der Schuld am Unglcke seines Lebens. Hatte ihn nicht
ihretwegen der Oberpriester dereinst beim Schall der Zimbeln unter
einer Schale siedenden Wassers der knftigen Mannheit beraubt?
Schwermtig folgte sein Blick den Mnnern, die sich mit den heiligen
Hetren der Tanit im Schatten der Terebinthenhaine verloren.

Seine Tage rannen dahin, whrend er die Rucherpfannen beaufsichtigte,
die goldnen Gefe, die Feuerzangen, die Harken vor dem Altar, die
Gewnder der Gtterbilder und dergleichen mehr, bis herab zu der
Metallnadel, mit der das Haar eines alten Tanitbildes gekruselt
wurde, in der dritten Kapelle nahe dem Weinstock mit den Smaragden.
Immer zur nmlichen Stunde schlug er die breiten Vorhnge der
nmlichen Tren zurck und lie sie wieder fallen. In der nmlichen
Haltung stand er mit ausgebreiteten Armen da oder lag betend auf den
nmlichen Steinfliesen, whrend ein Schwarm von Priestern um ihn her
barfu durch die Gnge wallte, die in ewigem Dmmerlichte
schlummerten.

In der de seines Lebens sah er Salambo wie eine Blume in der Spalte
einer Gruft. Und doch war er streng gegen sie und ersparte ihr keine
Bue und kein hartes Wort. Seine Geschlechtslosigkeit schuf zwischen
ihr und ihm eine Art von Gleichheit. Er grollte der Jungfrau weniger,
weil er sie nie besitzen konnte, als weil er sie so schn und vor
allem so rein fand. Oft sah er wohl, wie es ihr schwer fiel, seinen
Gedanken zu folgen. Dann ging er tieftraurig von ihr, und dann fhlte
er sich ganz verlassen, einsam und leer.

Zuweilen entfuhren ihm seltsame Worte, die vor Salambo aufleuchteten
wie gewaltige Blitze, die Abgrnde erhellen. Das geschah in den
Nchten oben auf dem flachen Dache des Schlosses, wenn sie beide
allein die Sterne betrachteten und Karthago tief drunten zu ihren
Fen prangte, mit seinem Golf und dem weiten Meer, das sich im Dunkel
der Schatten verlor.

Er dozierte ihr eine Lehre, nach der die Seelen auf dem gleichen Wege
zur Erde hinabsteigen, den die Sonne durch die Zeichen des Tierkreises
wandelt. Mit ausgestrecktem Arme zeigte er ihr im Widder das Tor des
menschlichen Ursprunges und im Steinbock das der Rckkehr zu den
Gttern. Salambo bemhte sich, sie zu erkennen, denn sie hielt diese
Vorstellung fr Wirklichkeit. Bloe Symbole, ja selbst bildliche
Ausdrcke nahm sie fr wahr an sich. Allerdings war auch dem Priester
der Unterschied nicht immer vllig klar.

Die Seelen der Verstorbenen, sagte er, lsen sich im Monde auf wie
ihre Krper in der Erde. Ihre Trnen bilden seine Feuchtigkeit. Es ist
ein dunkler Ort voller Smpfe, Trmmer und Strme.

Salambo fragte, was dort dermaleinst aus ihr wrde. Zuerst schwindest
du dahin, leicht wie ein Hauch, der sich ber den Wogen wiegt; und
erst nach lngeren Prfungen und ngsten gehst du ein in das hohe Haus
der Sonne, in den Quell der Erkenntnis selbst!

Von Tanit jedoch sprach er nicht, und zwar--wie Salambo glaubte--aus
Scham ber das Migeschick seiner Gttin. Auch sie sprach immer nur
das gewhnliche Wort Mond aus, das nichts weiter bedeutete als blo
das Gestirn, und sie erschpfte sich in frommen Worten ber sein
mildes befruchtendes Licht. Schlielich aber rief Schahabarim aus:

Nein, so ist das nicht! Der Mond erhlt all seine Fruchtbarkeit von
anderswo! Siehst du denn nicht, wie er um die Sonne schleicht wie ein
verliebtes Weib, das einem Manne ber das Feld nachluft? Und
unaufhrlich pries er die Kraft des Sonnenlichtes.

Weit entfernt, ihre mystische Sehnsucht zu ertten, reizte er sie
vielmehr auf. Er schien sogar Vergngen daran zu finden, Salambo durch
die Offenbarung einer unerbittlichen Lehre in Verzweiflung zu stoen,
und sie ging trotz der Schmerzen, die er ihrer Liebe zu Tanit
bereitete, eifrig darauf ein.

Je mehr der Oberpriester an Tanit irre wurde, desto mehr gab er sich
Mhe, sich doch seinen Glauben an sie zu wahren. In tiefster Seele
hielt ihn die Angst vor spterer Reue fest. Er sehnte sich nach einem
Beweise, einer Kundgebung der Gttin, und in der Hoffnung, dies zu
erringen, ersann er ein Unternehmen, das zugleich sein Vaterland und
seinen Glauben retten sollte.

Von nun an begann er vor Salambo den Tempelraub und das Unglck zu
beklagen, das davon ausgegangen sei und sich bis in die Weiten des
Himmels erstrecke. Jetzt verkndete er ihr auch unvermittelt die
Gefahr, in der ihr Vater schwebte, von drei Heeren unter Mathos
Fhrung bedrngt. Matho, der Ruber des heiligen Mantels, war fr die
Karthager der Herzog der Barbaren. Schahabarim setzte hinzu, da das
Heil der Republik und des Suffeten einzig und allein von Salambo
abhnge.

Von mir? rief sie aus. Wie kann ich denn ...?

Der Priester unterbrach sie mit verchtlichem Lcheln:

Nie wirst du dich dazu verstehen!

Sie flehte ihn an. Endlich sagte Schahabarim:

Du mut zu den Barbaren gehen und den Zaimph zurckholen!

Salambo sank auf den Ebenholzschemel und blieb lange, am ganzen Leibe
zitternd, mit schlaff zwischen den Knien herabhngenden Armen sitzen,
wie ein Opfertier am Fue des Altars, des Schlages mit der Keule
harrend. Die Schlfen summten ihr, sie sah feurige Ringe um sich
kreisen und begriff in ihrer Betubung nur noch das eine: da sie bald
sterben msse.

Aber wenn Tanit triumphierte! Wenn der Zaimph zurckkme und Karthago
gerettet wrde! Was lag dann am Leben eines Weibes!

So dachte Schahabarim. berdies war es ja mglich, da sie den Mantel
erlangte, ohne dabei umzukommen. Drei Tage kam er nicht zu Salambo. Am
Abend des vierten Tages lie sie ihn rufen.

Um ihren Mut recht zu entflammen, hinterbrachte er ihr alle die
Schmhungen, die man im versammelten Rate gegen Hamilkar ausstie. Er
sagte ihr, da sie schuldig sei, da sie ihre Snde shnen msse und
da die Gttin dies als Opfer von ihr erheische.

Mehrfach drang lautes Geschrei aus der Strae der Mappalier hinauf
nach Megara. Schahabarim und Salambo traten rasch hinaus und hielten
von der Galeerentreppe Ausschau.

Auf dem Khamonplatze schrien Volkshaufen nach Waffen. Die Alten
weigerten sich, welche zu liefern, da sie dergleichen Versuche fr
unntz erachteten. Schon manche wren ohne Fhrer ausgezogen und
htten den Tod gefunden! Endlich aber erlaubte man den Schreiern, in
den Kampf zu gehen, und nun entwurzelten sie, sei es um Moloch eine
Art Huldigung darzubringen oder blo aus ziellosem Zerstrungstriebe,
in den Tempelhainen groe Zypressen, zndeten sie an den Ampeln der
Kabiren an und trugen sie singend durch die Straen. Diese
Riesenfackeln bewegten sich in gemchlichem Hin- und Herwiegen
vorwrts und warfen Lichtscheine in die Glaskugeln auf den
Tempelfirsten, auf die Schmuckstcke der Kolosse und auf die
Schiffsbeschlge. Sie zogen ber die Terrassen hin und kreisten wie
Sonnen durch die Stadt. Sie kamen die groe Treppe von der Akropolis
herab. Das Tor von Malka tat sich ihnen auf.

Bist du bereit? fragte Schahabarim. Oder hast du denen da den
Auftrag mitgegeben, deinem Vater zu melden, da du ihn im Stiche
lssest?

Salambo verbarg ihr Gesicht in ihrem Schleier, whrend sich der
Fackelzug entfernte und langsam zum Meeresstrande hinabzog.

Eine vage Angst hielt sie zurck. Sie fhlte Furcht vor Moloch, Furcht
vor Matho. Dieser Mann, von Gestalt ein Hne, der Herr des Zaimphs,
hatte jetzt die gleiche Macht ber Tanit wie Moloch. Sie sah ihn in
der nmlichen Gloriole. Manchmal, sagte sie sich, wohnen die Seelen
der Gtter in den Leibern von Menschen. Und hatte Schahabarim, als er
von Matho sprach, nicht gefordert, da sie Moloch besiegen solle?
Matho und Moloch verschmolzen in ihrem Geist miteinander. Sie
verwechselte beide, und beide waren ihre Verfolger.

Sie wollte die Zukunft wissen und ging zu ihrer Schlange. Die Haltung
der Schlangen galt als Vorbedeutung. Doch der Korb war leer. Salambo
erschrak.

Sie fand das Tier neben ihrem Hngebett. Es hatte sich um einen
Pfeiler des silbernen Gelnders geringelt und rieb sich daran, um die
alte welke Haut abzustreifen, aus der sein heller glnzender Leib
schon hervorschimmerte wie ein halb aus der Scheide gezcktes Schwert.

Je mehr sich Salambo in den folgenden Tagen berzeugen lie, je
geneigter sie ward, Tanit zu helfen, um so gesnder und krftiger ward
ihre Schlange. Sie lebte sichtlich wieder auf.

Jetzt war Salambo gewi, da Schahabarim den Willen der Gtter
bermittle. Eines Morgens erwachte sie fest entschlossen und fragte,
was sie tun msse, damit Matho den Mantel zurckgbe.

Ihn fordern! entgegnete Schahabarim.

Aber wenn er sich weigert?

Der Priester sah sie starr an, aber mit einem Lcheln, das sie bei ihm
noch nie gesehen hatte.

Ja, was dann? wiederholte Salambo.

Der Priester spielte mit den Enden der Bnder, die von seiner Tiara
auf seine Schultern herabfielen, und stand unbeweglich da, mit
gesenktem Blick. Als er aber merkte, da sie ihn nicht verstand, da
sagte er endlich:

Du wirst mit ihm allein sein!

Weiter? fragte sie.

Allein in seinem Zelte!

Was heit das?

Schahabarim bi sich auf die Lippen. Er suchte nach einer
Umschreibung, einer Ausflucht.

Wenn du sterben mut, so wird das spter geschehen! sprach er.
Spter! Frchte also nichts! Und was er auch beginnt, rufe nicht!
Erschrick nicht! Du mut demtig sein, verstehst du, und seinem
Wunsche gefgig, denn das ist ein Gebot des Himmels!

Und der Zaimph?

Dafr werden die Gtter schon sorgen! entgegnete Schahabarim.

Kannst du mich nicht begleiten, Vater?

Nein!

Er hie sie niederknien, drckte die Linke an sich und schwor mit der
ausgestreckten Rechten fr sie, da sie den Mantel der Tanit nach
Karthago zurckbringen wolle. Unter grauenhaften Formeln weihte er sie
den Gttern, und jedes einzelne Wort, das Schahabarim sprach,
wiederholte Salambo halb ohnmchtig.

Er schrieb ihr genau die ntigen Reinigungen vor, und wie sie fasten
msse, und wie sie zu Matho gelangen knne. brigens solle ein
wegekundiger Mann sie begleiten.

Salambo fhlte sich wie erlst. Sie dachte nur an das Glck, den
Zaimph wiederzusehen, und so segnete sie Schahabarim fr seine frommen
Ermahnungen.

       *       *       *       *       *

Es war die Zeit, wo die Tauben von Karthago nach Sizilien auf den Berg
Eryx zum Tempel der Venus zu ziehen pflegten. Mehrere Tage vor ihrem
Aufbruch suchten und riefen sie sich, um sich zu vereinigen. Endlich
flogen sie eines Abends fort. Der Wind trieb sie vor sich her, und wie
eine groe weie Wolke schwebten sie am Himmel, hoch ber dem Meere.

Der Horizont war rot wie Blut. Die Tauben schienen sich allmhlich zu
den Fluten herabzusenken. Dann verschwanden sie, als wren sie in den
Rachen der Sonne hineingestrzt und von ihm verschlungen. Salambo, die
ihrem Fortfliegen zusah, lie den Kopf sinken, und Taanach, die ihren
Kummer zu erraten glaubte, sprach sanft zu ihr:

Sie kehren wieder, Herrin!

Ja, ich wei es.

Und du wirst sie wiedersehen!

Vielleicht! versetzte Salambo seufzend.

Sie hatte ihren Entschlu keinem Menschen anvertraut. Um ihn ganz
heimlich ausfhren zu knnen, sandte sie Taanach in die Vorstadt
Kinisdo, damit sie dort alles einkaufe, dessen sie bedurfte: Zinnober,
Parfmerien, einen leinenen Grtel und neue Gewnder. Sie wollte diese
Dinge absichtlich nicht vom Haushofmeister fordern. Die alte Dienerin
erstaunte ber diese Zurstungen, wagte aber keine Fragen. So kam der
Tag heran, den Schahabarim zum Aufbruche Salambos bestimmt hatte.

Um die zwlfte Stunde bemerkte sie im Sykomorenhaine einen blinden
Greis, der sich mit einer Hand auf die Schulter eines vor ihm
hinschreitenden Kindes sttzte und mit der andern eine Harfe aus
schwarzem Holz gegen die Hfte gepret trug. Die Eunuchen, die Sklaven
und Dienerinnen waren sorgfltig entfernt worden. Niemand sollte etwas
von dem Mysterium erfahren, das sich zu vollziehen begann.

Taanach zndete in den Ecken des Gemaches vier eherne Dreife an, die
mit kretischem Rosenharz und Paradieskrnern gefllt waren. Dann
rollte sie groe babylonische Teppiche auf und hngte sie an Schnren
rings an den Wnden auf. Salambo wollte von niemandem gesehen werden,
selbst von den Mauern nicht. Der Harfenspieler hockte hinter der Tr.
Der Knabe stand aufrecht daneben und hielt eine Schilfflte an seinen
Lippen. In der Ferne, halbverklungen, summte der Straenlrm. Die
Sulenhallen der Tempel warfen lange violette Schatten, und auf der
andern Seite des Golfes verschwammen die Bergzge, die Olivenhaine und
die gelben, endlos sich hinwellenden Felder in blulichem Dufte. Man
hrte keinen Laut. Unsgliche Mattigkeit lastete in der Luft. Salambo
kauerte am Rande des Wasserbeckens auf der Onyxstufe nieder, streifte
ihre weiten rmel zurck, befestigte sie hinter den Schultern und
begann ihre Waschungen vorschriftsmig nach den heiligen Bruchen.

Dann brachte Taanach ihr in einem Alabasterflschchen eine
halbgeronnene Flssigkeit. Es war das Blut eines schwarzen Hundes, der
in einer Winternacht von unfruchtbaren Weibern in den Ruinen eines
Grabes gettet worden war. Salambo rieb sich damit die Ohren, die
Fersen und den Daumen der rechten Hand ein, wobei der Fingernagel ein
wenig gertet wurde, als htte er eine Frucht zerdrckt.

Der Mond ging auf. In diesem Augenblicke begannen Harfe und Flte
ineinander zu tnen.

Salambo legte ihre Ohrgehnge, ihr Halsband, ihre Armringe und ihr
langes weies Obergewand ab, lste ihre Haarbinde und schttelte ihr
sie umwallendes Haar eine Weile leise, um sich an den Strhnen die
Schultern zu khlen. Die Musik drauen tnte fort: es waren drei
hastige wilde Tne, die immer wiederkehrten. Die Saiten der Harfe
klangen schrill, die Flte gurgelte. Taanach schlug den Takt mit ihren
Hnden. Salambo wiegte sich mit ihrem ganzen Krper und sang Gebete
ab, wobei ihre Kleider niederfielen, eins nach dem andern. Einer der
schweren Teppiche an der Wand bewegte sich, und ber der Schnur, die
ihn trug, erschien der Kopf der Pythonschlange. Langsam glitt sie
herab wie ein Wassertropfen, der an der Wand herunterrinnt, kroch
zwischen den daliegenden Gewndern hin und richtete sich dann, den
Schwanz auf den Boden gestemmt, kerzengerade in die Hhe. Ihre starr
auf Salambo gerichteten Augen blitzten heller denn Karfunkelsteine.

Aus Scheu vor der Klte oder vielleicht auch aus Scham zgerte Salambo
eine Weile. Dann aber fielen ihr die Befehle Schahabarims ein, und sie
ging auf die Schlange zu. Diese neigte sich herab, legte die Mitte
ihres Leibes auf den Nacken der Jungfrau und lie Kopf und Schwanz
herunterhngen wie ein zerbrochenes Halsband, dessen beide Enden zu
Boden fallen. Salambo schlang das Tier um ihre Hften, unter ihren Arm
hindurch, um ihre Knie. Dann fate sie es beim Kopfe, drckte seinen
kleinen dreieckigen Rachen dicht an ihre Lippen und beugte sich mit
halbgeschlossenen Augen hintenber. Das weie Mondlicht umsickerte sie
mit silbrigem Nebel. Die nassen Spuren ihrer Fe glnzten auf den
Fliesen. Helle Sterne zitterten in der Tiefe des Wassers. Die Schlange
schmiegte ihre schwarzen goldgesprenkelten Schuppen eng an Salambo.
Sie keuchte unter dieser schweren Last. Ihre Hften gaben nach. Sie
fhlte sich dem Tode nahe. Der Python streichelte ihr mit dem
Schwanzende sanft die Schenkel ...

Pltzlich schwieg die Musik, und das Tier sank zurck.

Taanach trat wieder zu Salambo; und nachdem sie zwei Lampen
aufgestellt hatte, deren Flammen in wassergefllten Kristallkugeln
brannten, frbte sie die Handflchen ihrer Herrin mit Henna, streute
ihr auf die Wangen Zinnober, Antimon ber die Augenlider, und
verlngerte ihre Wimpern mit einem Brei aus Gummi, Moschus, Ebenholz
und zerquetschten Fliegenfen.

Salambo sa auf einem Stuhle mit Elfenbeinfen und berlie sich der
Sorgfalt ihrer Sklavin. Doch die Hantierungen, der Duft der
Parfmerien und der Hunger nach dem langen Fasten gingen ber ihre
Krfte. Sie wurde so bleich, da Taanach innehielt.

Fahr fort! gebot Salambo.

Sie nahm sich gewaltsam zusammen und kam allmhlich wieder zu sich.
Jetzt ward sie voller Unruhe und trieb Taanach zur Eile an. Die alte
Dienerin murmelte:

Ja, ja, Herrin! Es erwartet dich doch niemand!

Doch! erwiderte Salambo. Es erwartet mich wohl jemand!

Taanach fuhr vor Erstaunen zurck, und um mehr zu erfahren, fragte
sie:

Was befiehlst du, Herrin? Denn wenn du fort mut ...

Da brach Salambo in Trnen aus.

Du leidest! rief die Sklavin. Was fehlt dir? Geh nicht fort! Nimm
mich mit! Als du noch ganz klein warst, nahm ich dich an mein Herz,
wenn du weintest, und brachte dich mit den Spitzen meiner Brste zum
Lachen. Du hast sie ausgesogen, Herrin! Dabei schlug sie sich auf
ihren vertrockneten Busen. Jetzt bin ich alt und kann nichts mehr fr
dich tun! Du liebst mich nicht mehr! Du verheimlichst mir deine
Schmerzen! Du verachtest die Amme! Sie weinte vor Liebe und rger,
und die Trnen rannen an ihren Wangen herab durch die Narben ihrer
Ttowierung.

Nein! sagte Salambo. Ich liebe dich doch! Sei guten Muts!

Mit einem Lcheln, das der Grimasse eines alten Affen glich, nahm
Taanach ihre Beschftigung wieder auf. Die Herrin hatte ihr auf
Schahabarims Gehei befohlen, sie prchtig zu schmcken, und so ward
Salambo nach einem barbarischen Geschmack geputzt, der eine Mischung
von Unnatur und Naivitt war.

ber das dnne weinrote Hemd zog sie ein Kleid, mit Vogelfedern
bestickt. Ein breiter goldschuppiger Grtel umschlo ihre Hften, von
dem ihre blauen bauschigen mit Silbersternen besetzten Beinkleider
herabwallten. Dann legte ihr Taanach ein zweites Gewand aus weier
Chinaseide mit grnen Streifen an. Auf den Schultern befestigte sie
ihr ein viereckiges Purpurtuch, dessen Saum von Sandasterkrnern
beschwert war. ber all diese Kleider hing sie einen schwarzen Mantel
mit langer Schleppe. Hierauf betrachtete sie Salambo; und stolz auf
ihr Werk, konnte sie nicht umhin, zu erklren:

Am Hochzeitstage wirst du nicht schner aussehen!

Am Hochzeitstage! wiederholte Salambo und verlor sich in
Trumereien, indes sie den Ellbogen auf die Stuhllehne aus Elfenbein
sttzte.

Taanach stellte vor ihr einen Kupferspiegel auf, der so hoch und breit
war, da sie sich vollstndig darin erblicken konnte. Da erhob sich
Salambo und schob mit einer leichten Handbewegung eine Locke zurck,
die zu tief herabhing.

Ihr Haar war mit Goldstaub gepudert, auf der Stirn gekruselt und flo
in langen Locken, an deren Enden Perlen hingen, den Rcken hinab. Das
Licht der Lampe belebte die Schminke auf ihren Wangen, das Gold auf
ihren Gewndern und die Blsse ihrer Haut. Um die Hften, an den
Handgelenken, Fingern und Zehen trug sie eine solche Flle von
Edelsteinen, da der Spiegel wie von Sonnenstrahlen sprhte. So stand
Salambo hochaufgerichtet neben Taanach, die sich vorbeugte, um sie zu
betrachten, und lchelte ber all den Glanz.

Dann ging sie hin und her, damit ihr die Zeit, die ihr noch blieb,
schneller vergehe.

Da ertnte ein Hahnenschrei. Schnell steckte Salambo einen langen
gelben Schleier auf ihrem Haar fest, schlang ein Tuch um den Hals,
fuhr mit den Fen in blaue Lederschuhe und befahl Taanach:

Geh und sieh unter den Myrtenbumen nach, ob da nicht ein Mann mit
zwei Pferden wartet!

Kaum war Taanach zurck, so stieg Salambo die Galeerentreppe hinunter.

Herrin! rief ihr die Amme nach.

Salambo wandte sich um und legte einen Finger auf den Mund, zum
Zeichen, da sie schweigen und sich nicht rhren solle.

Taanach schlich leise an den Schiffsschnbeln vorber an das Gelnder.
Im Scheine des Mondes bemerkte sie unten in der Zypressenallee einen
gigantischen Schatten, der schrg zur Linken von Salambo hinhuschte.
Das mute ein Vorzeichen des Todes sein!

Taanach lief in das Zimmer zurck. Dort warf sie sich lang hin, zerri
ihr Gesicht mit den Fingerngeln, raufte sich das Haar und stie ein
lautes, gellendes Geheul aus.

Dann aber kam ihr der Gedanke, man knne sie hren. Da ward sie still
und schluchzte nur noch ganz leise, den Kopf in die Hnde und die
Stirn auf den Boden gepret.




XI

Im Zelte


Der Mann, der Salambo fhrte, ritt mit ihr in der Richtung nach der
Totenstadt, erst bergauf, ber den Leuchtturm hinaus, dann durch die
langgestreckte Vorstadt Moluya mit ihren abschssigen Gassen. Der
Himmel begann hell zu werden. Balken aus Palmenholz, die aus den
Mauern herausragten, zwangen sie bisweilen, sich zu bcken. Obwohl die
beiden Pferde im Schritt gingen, glitten sie doch oft aus. So
gelangten sie endlich an das Tevester Tor.

Die schweren Torflgel standen halb auf. Die beiden ritten hindurch.
Dann schlo sich das Tor hinter ihnen.

Zuerst zogen sie eine Zeitlang am Fue der Festungswerke hin. Auf der
Hhe der Zisternen angelangt, nahmen sie die Richtung nach der Taenia,
einer schmalen Nehrung aus gelbem Sande, die den Golf vom Haff trennt
und sich bis nach Rades erstreckte.

Kein Mensch war zu sehen, weder in Karthago, noch auf dem Meer oder in
der Ebene. Die schiefergraue Flut brandete leise, und der leichte
Wind, der mit dem Schaum spielte, jagte weie Flocken meerwrts. Trotz
aller ihrer Kleider und Schleier frstelte Salambo in der Morgenkhle.
Die Bewegung und die frische Luft betubten sie. Dann aber ging die
Sonne auf. Bald brannte sie ihr auf den Hinterkopf und machte sie
schlfrig. Die beiden Pferde trotteten im Pa nebeneinander her. Ihre
Hufe versanken lautlos im Sande.

Als sie den Berg der Heien Wasser hinter sich hatten, wurde der Boden
fester. Nun ritten sie in flotterer Gangart weiter.

Obwohl es die Zeit des Ackerns und Sens war, dehnten sich die Felder,
soweit der Blick reichte, doch de hin wie eine Wste. An einzelnen
Stellen lagen Haufen von Getreide unordentlich da. Anderswo fielen die
Krner aus berreifen hren. Am hellen Horizont hoben sich Drfer in
losen, zackigen, schwarzen Umrissen ab.

Hin und wieder standen rauchgeschwrzte Mauerreste am Rande des Weges.
Die Dcher der Htten waren eingestrzt, und im Innern sah man
Topfscherben, Kleiderfetzen, allerlei Hausrat und Gegenstnde
zerbrochen und kaum noch kenntlich umherliegen. Oft kroch ein in
Lumpen gehlltes Wesen mit erdfahlem Antlitz und flammenden Augen aus
den Trmmern hervor, lief aber schleunigst wieder davon oder
verschwand in irgendeinem Loche. Salambo und ihr Fhrer machten
nirgends Halt.

Verdete Ebenen folgten einander. Weite Flchen hellgelben Bodens
waren strichweise mit Kohlenstaub bedeckt, der hinter den Hufen der
Pferde aufwirbelte. Bisweilen kamen sie auch an friedsamen Sttten
vorber, wo ein Bach zwischen hohen Grsern rann; und wenn sie am
andern Ufer wieder hinaufritten, ri Salambo feuchte Bltter ab, um
sich die Hnde damit zu khlen. An der Ecke eines Oleandergebsches
machte ihr Pferd einmal einen groen Satz vor dem Leichnam eines
Mannes, der am Boden lag.

Der Sklave setzte sie sofort wieder auf ihrem Sattelkissen zurecht. Er
war einer von den Tempeldienern, ein Mann, den Schahabarim
gelegentlich zu gefhrlichen Sendungen gebrauchte.

Der Sicherheit halber lief er fortan zu Fu zwischen den Pferden neben
Salambo hin und trieb die Tiere mit dem Ende eines um den Arm
geschlungenen Lederriemens an. Mitunter entnahm er einem an seiner
Brust hngenden Krbchen kleine Kgelchen, die aus Weizen, Datteln und
Eidotter bereitet und in Lotosbltter gewickelt waren. Er reichte sie
Salambo im Gange, ohne ein Wort zu sagen.

Gegen Mittag kreuzten drei mit Tierfellen bekleidete Barbaren ihren
Weg. Nach und nach tauchten noch andre auf. Sie streiften in Trupps
von zehn, zwlf bis fnfundzwanzig Mann herum. Manche trieben eine
Ziege oder eine lahme Kuh. Ihre schweren Stcke waren mit Eisenspitzen
versehen. Groe Messer blitzten unter ihren verwahrlosten, schmutzigen
Kleidern. Sie rissen die Augen auf, halb drohend, halb verblfft. Im
Vorberziehen riefen die einen den alltglichen Gru, andre
zweideutige Scherzworte aus, und Salambos Begleiter antwortete einem
jeden in seiner Sprache. Manchen erzhlte er, er begleite einen
kranken Knaben, der zu seiner Heilung nach einem fernen Tempel
wallfahre.

Inzwischen ward es Abend. Fern erscholl Hundegebell. Sie ritten darauf
zu.

Im Dmmerschein erblickten sie eine Umfriedung aus lose aufgehuften
Steinen um ein fragwrdiges Gebude herum. Ein Hund lief auf dem
Gerll hin. Der Sklave verjagte ihn mit ein paar Steinwrfen. Sie
traten in ein gerumiges Gewlbe.

Mitten darin hockte eine Frau und wrmte sich an einem Reisigfeuer,
dessen Rauch durch Lcher in der Decke abzog. Ihr weies Haar, das ihr
bis auf die Knie herabreichte, verbarg sie zur Hlfte. Sie wollte
keine Antwort geben und murmelte mit blder Miene Verwnschungen gegen
die Karthager wie gegen die Barbaren.

Der Lufer stberte rechts und links herum. Dann trat er wieder zu der
Alten und forderte etwas zu essen. Sie schttelte den Kopf und
murmelte, in die Kohlen starrend:

Ich war die Hand ... Die zehn Finger sind abgeschnitten ... Der Mund
it nicht mehr ...

Der Sklave zeigte ihr eine Handvoll Goldstcke. Die Alte strzte sich
darber her, nahm aber alsbald ihre unbewegliche Haltung wieder an.

Da setzte er ihr den Dolch, den er im Grtel trug, an die Kehle.
Alsbald schickte sie sich zitternd an, einen groen Stein aufzuheben.
Schlielich brachte sie eine Amphora voll Wein, dazu in Honig
eingemachte Fische herbei, die aus Hippo-Diarrhyt bezogen waren.

Salambo wies diese unreine Speise von sich und schlief auf den
Pferdedecken ein, die ihr Begleiter in einer Ecke des Gemachs auf den
Boden gebreitet hatte.

Vor Tagesanbruch weckte er sie.

Der Hund heulte. Der Sklave schlich leise an ihn heran und hieb ihm
mit einem einzigen Messerschlage den Kopf ab. Mit seinem Blute
bestrich er die Nstern der Pferde, um sie zu erfrischen. Die Alte
schleuderte ihm aus dem Winkel einen Fluch nach. Salambo hrte ihn und
drckte das Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich.

Sie setzten ihren Marsch fort.

Von Zeit zu Zeit fragte sie, ob sie noch nicht bald da seien. Der Weg
hob und senkte sich ber kleine Anhhen hin. Man hrte nichts als das
Zirpen der Grillen. Die Sonne drrte das vergilbte Gras. Der Boden war
kreuz und quer von Rissen durchzogen, so da er aussah wie aus groen
Platten zusammengefgt. Bisweilen kroch eine Schlange vorbei. Adler
flogen ber sie hinweg. Der Sklave eilte immer weiter. Salambo trumte
unter ihrem Schleier, lockerte ihn aber trotz der Hitze nicht, aus
Furcht, ihre schnen Gewnder knnten beschmutzt werden.

In regelmigen Abstnden erhoben sich Trme, von den Karthagern
erbaut, um die Stmme zu berwachen. Die beiden traten ein, um ein
wenig im Schatten zu rasten, und setzten dann ihren Weg fort.

Am Tage vorher hatten sie aus Vorsicht einen weiten Umweg gemacht. Nun
aber begegneten sie niemandem. Die Gegend war unfruchtbar, und die
Barbaren hatten sie darum nicht durchstreift.

Allmhlich aber wurden abermals Spuren von Verwstung bemerkbar.
Bisweilen lag mitten auf einem Felde eine Mosaik, der einzige berrest
eines verschwundenen Schlosses. Auch kam man an entbltterten lbumen
vorber, die von ferne aussahen wie groe kahle Dornbsche. Einmal
ritten die beiden durch eine Ortschaft, deren Huser bis auf den Grund
niedergebrannt waren. An den Mauern erblickte man menschliche
Skelette, auch solche von Dromedaren und Maultieren. Halbzernagtes Aas
versperrte die Straen.

Die Nacht sank herab. Der Himmel hing tief und war mit Wolken bedeckt.

Noch zwei volle Stunden ritten sie in westlicher Richtung bergan, dann
erblickten sie pltzlich vor sich eine Anzahl kleiner Feuer.

Sie brannten in der Tiefe eines Talkessels. Hier und da blitzten
goldne Flecken auf, die sich hin und her bewegten. Das waren die
Panzer der Klinabaren im punischen Lager. Dann unterschieden sie in
weiten Kreisen noch andre zahlreichere Lichter, denn die jetzt
vereinigten Heere der Sldner nahmen viel Raum ein.

Salambo wollte geradeaus reiten. Doch der Lufer fhrte sie stark
seitwrts. Bald ritten sie lngs des Walles hin, der das Barbarenlager
umschlo. An einer Stelle war ein Durchla. Der Sklave verschwand.

Auf der Krone des Walles schritt ein Posten auf und ab, einen Bogen in
der Hand, eine Lanze ber der Schulter.

Salambo ritt auf ihn zu. Der Barbar kniete nieder, und ein langer
Pfeil durchbohrte den Saum ihres Mantels. Als sie daraufhin
unbeweglich stehen blieb, rief der Posten sie an und fragte nach ihrem
Begehr.

Ich will mit Matho reden! antwortete sie. Ich bin ein berlufer
aus Karthago.

Der Soldat stie einen Pfiff aus, der sich von Posten zu Posten
wiederholte.

Salambo wartete. Ihr Pferd wurde unruhig und drehte sich schnaubend im
Kreise.

Als Matho kam, ging der Mond gerade hinter Salambo auf. Doch da sie
ihren gelben Schleier, auf dem schwarze Blumen gestickt waren, vor dem
Gesicht und so viele Gewnder um ihren Leib trug, war sie unerkennbar.
Von der Hhe des Walles herab betrachtete der Libyer die formlose
Gestalt, die ihm im Abendzwielicht wie ein Gespenst erschien.

Endlich sprach sie zu ihm:

Fhre mich in dein Zelt! Ich will es!

Eine unklare Erinnerung scho ihm durch den Kopf. Er fhlte, wie sein
Herz pochte. Der gebieterische Ton schchterte ihn ein.

So folge mir! sagte er.

Die Schranke fiel. Salambo war im Lager der Barbaren.

Lauter Lrm und Menschenmengen erfllten es. Helle Feuer loderten
unter aufgehngten Kesseln. Ihr purpurner Widerschein beleuchtete
grell einzelne Stellen, whrend er andre in schwarzem Dunkel lie. Man
schrie und rief. Pferde standen in langen geraden Reihen angehalftert,
in der Mitte des Lagers. Die Zelte waren rund oder viereckig, aus
Leder oder Leinwand. Dazwischen sah man Schilfhtten oder auch
einfache Lcher im Sande, wie sie sich die Hunde scharren. Die
Soldaten fuhren Faschinen, lagen mit aufgesttztem Ellbogen auf der
Erde oder schickten sich, in Decken gewickelt, zum Schlafen an. Um
ber sie hinwegzugelangen, mute Salambos Pferd mehrere Male springen.

Sie entsann sich, alle diese Leute schon gesehen zu haben. Nur waren
ihre Brte jetzt lnger, ihre Gesichter schwrzer und ihre Stimmen
rauher. Matho schritt vor ihr her und machte ihr mit Gesten des Armes,
die seinen roten Mantel lfteten, den Weg frei. Manche der Soldaten
kten ihm die Hnde. Andre sprachen ihn in ehrfrchtiger Haltung an,
um Befehle zu empfangen. Er war jetzt der wirkliche einzige Feldherr
der Barbaren. Spendius, Autarit und Naravas hatten den Mut verloren.
Er dagegen hatte so viel Khnheit und Ausdauer an den Tag gelegt, da
ihm alle gehorchten.

Salambo ritt hinter ihm durch das ganze Lager. Mathos Zelt lag am
Ende, nur noch dreihundert Schritte entfernt von Hamilkars
Verschanzungen.

Zur Rechten bemerkte sie eine breite Grube, und es kam ihr vor, als ob
ber ihrem Rande dicht am Boden Gesichter auftauchten. Sie sahen wie
abgeschnittene Kpfe aus, doch ihre Augen bewegten sich, und ihren
halbgeffneten Lippen entflohen Klagen in punischer Sprache.

Zwei Neger mit Harzfackeln standen an beiden Seiten der Zelttr. Matho
schlug hastig die Leinwand zurck. Salambo folgte ihm.

Es war ein lngliches Zelt mit einem Mast in der Mitte. Eine groe
Lampe in Form einer Lotosblte erleuchtete es. Sie war bis zum Rande
mit gelbem l gefllt. Dicke Wergflocken schwammen darauf. Im Dunkel
erkannte man blinkendes Kriegsgert. Ein bloes Schwert lehnte neben
einem Schilde an einem Schemel. Peitschen aus Flupferdhaut, Zimbeln,
Schellen und Halsketten lagen bunt durcheinander auf geflochtenen
Krben. Schwarze Brotkrumen bedeckten eine Filzdecke. In einer Ecke
auf einer runden Steinplatte lagen Kupfermnzen nachlssig aufgehuft,
und durch die Risse in der Leinwand blies der Wind von drauen Staub
und den Geruch der Elefanten herein, die man fressen und mit ihren
Ketten rasseln hrte.

Wer bist du? fragte Matho.

Salambo blickte sich langsam nach allen Seiten um, ohne zu antworten.
Dann wandten sich ihre Augen nach dem Hintergrund des Zeltes und
blieben auf einem blulich glitzernden Gegenstand haften, der ber
einem Lager aus Palmzweigen hing. Sofort schritt sie darauf zu. Ein
Schrei entfuhr ihr. Matho blieb hinter ihr und stampfte mit dem Fue.

Was fhrt dich her? Wozu kommst du?

Sie wies auf den Zaimph und erwiderte:

Um das da zu holen!

Mit der andern Hand ri sie den Schleier von ihrem Gesicht. Matho wich
zurck, betroffen, fast erschrocken, die Arme nach hinten gestreckt.

Sie fhlte sich von gttlicher Kraft beseelt. Auge in Auge schaute sie
ihn an und forderte den Zaimph. Sie verlangte ihn zurck mit beredten
hochmtigen Worten.

Matho hrte nicht. Er betrachtete sie. Ihre Gewnder waren in seinen
Augen eins mit ihrem Leibe. Die schillernden Stoffe waren ihm ebenso
wie ihre schimmernde Haut etwas ganz Besonderes, das nur ihr eigen
war. Ihre Augen blitzten im Feuer ihrer Diamanten, und der Glanz ihrer
Fingerngel war der Widerschein der funkelnden Steine, die ihre Finger
umstrahlten. Die beiden Spangen ihrer Tunika zwngten ihren Busen ein
wenig in die Hhe und preten die beiden Brste nher aneinander.
Mathos Gedanken verloren sich in dem engen Raume zwischen diesen
beiden Hgeln, wo an einer Schnur ein smaragdbesetztes Medaillon
herabhing. Etwas tiefer lugte es unter der violetten Gaze hervor. Als
Ohrgehnge trug sie zwei kleine Schalen aus Saphir, deren jede eine
hohle, mit wohlriechender Flssigkeit gefllte Perle trug. Durch
winzige Lcher in den Perlen sickerte von Zeit zu Zeit ein Trpfchen
des Parfms herab und benetzte ihre nackten Schultern. Matho sah eins
fallen.

Unbezhmbare Neugier ergriff ihn, und wie ein Kind, das nach einer
unbekannten Frucht greift, berhrte er Salambo zitternd mit der Spitze
eines Fingers oben am Busen. Das khle Fleisch gab mit elastischem
Widerstand nach.

Diese kaum fhlbare Berhrung erregte Matho bis in das Mark feiner
Knochen. Eine wilde Wallung durchflutete seinen ganzen Krper und
drngte ihn jh nach ihr hin. Er htte sie umschlingen, sie in sich
saugen, sie trinken mgen. Seine Brust keuchte, seine Zhne klapperten
aufeinander.

Er ergriff Salambo bei den Handgelenken und zog sie sanft an sich.
Dann lie er sich auf einen Harnisch neben dem Lager aus Palmzweigen
nieder, auf dem ein Lwenfell ausgebreitet war. Salambo blieb aufrecht
stehen. Er hielt sie zwischen seinen Schenkeln und schaute sie vom
Kopf bis zu den Fen an. Immer wieder sagte er.

Wie schn bist du! Wie schn bist du!

Seine Blicke, die unablssig auf ihre Augen gerichtet waren, taten ihr
weh, und dieses Mibehagen, dieser Widerwille wurde ihr so
schmerzhaft, da sie an sich halten mute, um nicht aufzuschreien.
Schahabarim fiel ihr ein. Sie fgte sich.

Matho hielt ihre kleinen Hnde immerfort in den seinen, aber von Zeit
zu Zeit wandte Salambo trotz des priesterlichen Gebotes den Kopf weg
und versuchte, sich durch eine Armbewegung loszumachen. Er sog mit
weitgeffneten Nasenflgeln den Duft ein, der von ihr ausstrmte,
einen unbestimmbaren Geruch, frisch und doch betubend wie Weihrauch,
einen Duft von Honig, Gewrz, Rosen und allerlei Seltsamkeiten.

Aber wie kam sie zu ihm? In sein Zelt, in seine Gewalt? Ohne Zweifel
hatte jemand sie dazu angestiftet. War sie wegen des Zaimphs gekommen?
Seine Arme fielen schlaff herab. Er neigte den Kopf und versank in
schwermtige Trumerei.

Um ihn zu rhren, sagte sie mit klagender Stimme:

Was habe ich dir getan, da du meinen Tod willst?

Deinen Tod?

Sie fuhr fort:

Ich sah dich eines Abends im Schein meiner brennenden Grten,
zwischen rauchenden Bumen und meinen erschlagenen Sklaven, und deine
Wut war so gro, da du auf mich lossprangst und ich fliehen mute!
Dann ist der Schrecken in Karthago eingezogen. Man schrie ber die
Verwstung der Stdte, die Verheerung der cker, das Hinmorden von
Soldaten,--und du, du hattest verwstet, verheert, gemordet! Ich hasse
dich! Der bloe Klang deines Namens frit an mir wie bittere Reue! Du
bist verfluchter als die Pest, als der Krieg mit Rom! Die Provinzen
zittern vor deinem Zorn, die Felder sind voller Toten. Ich bin der
Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als ob ich hinter Moloch herginge!

Matho sprang auf. Ungeheurer Stolz schwellte sein Herz. Er fhlte sich
erhaben wie ein Gott.

Mit bebenden Nasenflgeln und zusammengepreten Zhnen fuhr sie fort:

Als ob dein Tempelraub nicht schon genug wre, kamst du zu mir,
whrend ich schlief, in den Zaimph gehllt. Deine Worte habe ich nicht
verstanden, aber ich habe wohl gefhlt, da du mich zu etwas
Schndlichem verfhren, mich in einen Abgrund strzen wolltest ...

Matho rang die Hnde und rief:

Nein, nein! Ich wollte ihn dir schenken! Ihn dir zurckgeben! Mir
war, als htte die Gttin ihr Gewand fr dich hergegeben, als gehrte
es dir! In ihrem Tempel oder in deinem Hause,--ist das nicht dasselbe?
Bist du nicht allmchtig, rein, glnzend und schn wie Tanit?

Und mit einem Blick voll unendlicher Anbetung fuhr er fort:

Vielleicht bist du Tanit selbst!

Ich, Tanit? flsterte Salambo wie zu sich selbst.

Sie schwiegen beide. Donner rollten in der Ferne. Vom Gewitter
erschreckt, blkten Schafe.

Komm nher! hub er wieder an. Komm nher! Frchte nichts!

Ehedem war ich nur ein gemeiner Soldat im groen Haufen der Sldner.
Ich war so sanftmtig, da ich fr die andern das Holz auf dem Rcken
schleppte. Was kmmert mich eigentlich Karthago! Sein Menschengewhl
wimmelt wie verloren im Staube deiner Sandalen, und nach all seinen
Schtzen, all seinen Provinzen, Flotten und Inseln gelstet mich
weniger als nach der Frische deiner Lippen und der Rundung deiner
Schultern. Ich wollte seine Mauern brechen, um zu dir zu gelangen, um
dich zu besitzen! Inzwischen habe ich mich gercht. Ich zertrete jetzt
die Menschen wie Muschelschalen, ich werfe mich auf die Regimenter,
ich stoe mit den Hnden die Lanzen beiseite, ich packe die Hengste an
den Nstern. Mich ttet das schwerste Geschtz nicht! O, wenn du
wtest, wie ich mitten im Kampfe an dich denke! Zuweilen ergreift
mich pltzlich die Erinnerung an eine Gebrde von dir, an eine Falte
deines Gewandes. Das umschlingt mich wie ein Netz. Ich sehe deine
Augen in den Flammen der Brandpfeile und auf dem Gold der Schilde. Ich
hre deine Stimme im Schalle der Zimbeln. Wende ich mich um, und du
bist nicht da,--dann strze ich mich von neuem ins Schlachtgewhl!

Er reckte die Arme hoch, an denen sich die Adern kreuzten, wie
Efeuranken am Stamme eines Baumes. Schwei rann zwischen den mchtigen
Muskeln seiner Brust hinab. Sein Atem erschtterte seine Rippen und
den ehernen Grtel mit dem Riemenbesatz, der ihm herabreichte bis auf
die Knie, die fester waren als Marmor. Salambo, die nur Eunuchen
gesehen hatte, ward von der Kraft dieses Mannes hingerissen. Das war
die Strafe der Gttin oder der Zauber Molochs, der um sie her in fnf
Heeren sein Wesen trieb! Mattigkeit ergriff sie. Halb betubt hrte
sie kaum noch den Ruf der Posten drauen, die in Intervallen einander
zuriefen.

Die Flammen der Lampe flackerten unter dem stoweise eindringenden
heien Winde. Zuweilen zuckten grelle Blitze. Hinterher ward die
Dunkelheit immer um so tiefer, und sie sah nichts mehr als Mathos
Augen wie zwei glhende Kohlen durch die Nacht leuchten. Eins fhlte
sie: da das Schicksal sie hierher geleitet hatte, da sie vor einer
wichtigen unwiderruflichen Entscheidung stand. Sich aufraffend, ging
sie auf den Zaimph zu und hob die Hnde, um ihn zu ergreifen.

Was tust du? rief Matho.

Ich kehre nach Karthago zurck! erwiderte sie ruhig. Er schritt mit
verschrnkten Armen und so furchtbarer Miene auf sie zu, da sie wie
angewurzelt stehen blieb. Du kehrst nach Karthago zurck? stammelte
er. Und zhneknirschend wiederholte er: Du kehrst nach Karthago zurck?
So, du kamst also, mir den Zaimph zu rauben, mich wehrlos zu machen und
dann zu verschwinden! Nein, nein! Du gehrst mir! Und niemand soll dich
mir wieder entreien! Ach, ich habe den Hochmut deiner groen stillen
Augen nicht vergessen, noch, wie du mich mit deiner hehren Schnheit zu
Boden schmettertest! Jetzt ist die Reihe an mir! Du bist meine
Gefangene, meine Sklavin, meine Magd! Rufe, soviel du willst, deinen
Vater und sein Heer, die Alten, die Patrizier und dein ganzes verruchtes
Volk! Ich bin der Herr ber dreimalhunderttausend Soldaten! Und noch
mehr werde ich herbeiholen aus Lusitanien, aus Gallien und aus dem
Schoe der Wste, um deine Stadt zu zerstren und alle ihre Tempel zu
verbrennen! Die Kriegsschiffe sollen auf einem Meere von Blut schwimmen!
Kein Haus, kein Stein, kein Palmbaum soll von Karthago brig bleiben!
Und wenn mir die Menschen fehlen, so hole ich die Bren aus den Gebirgen
und treibe die Lwen in den Kampf. Versuche nicht zu entfliehen! Ich
tte dich!

Bleich und mit geballten Fusten stand er da und bebte wie eine Harfe,
deren Saiten zu zerspringen drohen. Pltzlich aber erstickte seine
Stimme in Schluchzen, und er sank in die Knie:

O, vergib mir! Ich bin ein Ruchloser und weniger wert als ein
Skorpion, als Kot und Staub! Eben als du sprachst, wehte dein Atem
ber mein Gesicht, und ich erquickte mich daran wie ein
Verschmachtender, der am Rand eines Baches liegt und trinkt. Zertritt
mich! Wenn ich nur deine Fe fhle! Verfluche mich! Wenn ich nur
deine Stimme hre! Geh nicht fort! Habe Mitleid! Ich liebe dich! Ich
liebe dich!

Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf zurckgeneigt, und umschlang
ihre Hften mit beiden Armen, mit zuckenden Hnden. Die Goldmnzen an
seinen Ohren glnzten auf seinem bronzefarbenen Hals. Dicke Trnen
quollen aus seinen Augen wie silberne Kugeln. Er seufzte verliebt und
murmelte sinnlose Worte, die leiser als ein Hauch und ser als ein
Ku waren.

Salambo ward von einer weichen Wollust ergriffen, die ihr alles
Bewutsein raubte. Etwas Innigmenschliches und doch Hocherhabenes, ein
Gebot der Gtter zwang sie, sich darein zu verlieren. Wolken trugen
sie empor, und halb ohnmchtig sank sie nieder auf das Lager, in das
Lwenfell. Matho ergriff sie an den Fen. Da zersprang das goldne
Kettchen, und die beiden Enden raschelten gegen die Leinwand wie zwei
zuckende Schlangen. Der Zaimph fiel herab und umhllte Salambo. Sie
sah Mathos Antlitz sich ber ihre Brste neigen.

Moloch, du verbrennst mich!

       *       *       *       *       *

Die Ksse des Soldaten berliefen sie verzehrender als Flammen. Es
war, als ob ein wilder Sturm sie fortri, als ob die Glut der Sonne
sie durchlodere.

Er kte alle ihre Finger, ihre Hnde, ihre Arme, ihre Fe, die
langen Flechten ihres Haars.

Nimm den Mantel mit! sprach er. Was liegt mir daran! Entfhre aber
auch mich! Ich will das Heer verlassen! Will auf alles verzichten!
Dort hinter Gades, zwanzig Tageslngen weit im Meere, da liegt eine
Insel, berst von Goldstaub, Bumen und Vgeln. Auf den Bergen wiegen
sich groe Blumen, voll Dften, die emporwirbeln wie der Rauch
heiliger ewiger Lampen. Von Limonenbumen, die hher ragen als Zedern,
werfen milchweie Schlangen mit diamantenen Zhnen die Frchte
hinunter auf den Rasen. Die Luft ist so mild, da man nicht sterben
kann. O, diese Insel will ich finden, du sollst sehen! Wir werden in
Kristallgrotten leben, am Fue der Hgel. Noch wohnt niemand dort, und
ich werde Knig des Landes werden!

Er wischte den Staub von ihren Schuhen. Er wollte ihr ein Stck
Granatapfel zwischen die Lippen stecken. Er schob ihr Decken unter den
Kopf, um ein Kissen fr sie zu schaffen. Er suchte ihr auf alle Weise
dienstbar zu sein und breitete schlielich den Zaimph ber ihre Fe
wie eine gewhnliche Decke.

Hast du noch die kleinen Gazellenhrner, an denen deine Halsbnder
hingen? fragte er. Die sollst du mir schenken! Ich habe sie so
gern!

Er plauderte, als ob der Krieg beendet wre. Frhliches Gelchter
entquoll ihm. Die Sldner, Hamilkar, alle Hindernisse waren jetzt
verschwunden. Der Mond kam zwischen zwei Wolken hervor. Sie erblickten
ihn durch ein Loch des Zeltes.

Ach, wie viele Nchte habe ich verbracht, in seinen Anblick
versunken! Es war mir, als sei er ein Schleier, der dein Antlitz
verbarg. Du blicktest mich durch ihn an. Die Erinnerung an dich ward
eins mit seinem Licht. Ich unterschied euch nicht mehr!

Sein Kopf ruhte zwischen ihren Brsten. Er weinte ohne Ende.

Das ist er also! dachte Salambo. Der furchtbare Mann, vor dem
Karthago zittert!

Er schlief ein. Sie entwand sich seinen Armen und setzte einen Fu auf
die Erde. Da bemerkte sie, da ihr Kettchen zersprungen war.

Man gewhnte die Jungfrauen der vornehmen Huser daran, diese Fessel
als etwas nahezu Heiliges anzusehn. Errtend knpfte Salambo die Kette
um ihre Knchel wieder zusammen.

Karthago, Megara, das vterliche Schlo, ihre Kemenate, die Gegend,
die sie durchritten, alles das tauchte in wildem bunten Wirrwarr vor
ihr auf, aber doch in klaren Bildern. Ein tiefer Abgrund hatte
pltzlich alles das von ihr getrennt und in unendliche Ferne gerckt.

Das Gewitter verzog sich. Ab und zu klatschte noch ein Regentropfen
auf das Zeltdach und brachte es in leise zitternde Bewegung.

Matho lag wie ein Trunkener schlafend auf der Seite. Ein Arm von ihm
hing ber den Rand des Lagers hinab. Seine perlengeschmckte Binde
hatte sich ein wenig verschoben und lie seine Stirn frei. Ein Lcheln
umspielte seine halbgeffneten Lippen. Die Zhne glnzten zwischen
seinem schwarzen Barte, und um seine nicht ganz geschlossenen Augen
lachte stille Heiterkeit, die Salambo beinahe krnkte. Sie stand vor
seinem Lager und blickte ihn unbeweglich an, mit gesenktem Haupt und
bereinandergelegten Hnden.

Am Kopfende des Bettes lag auf einem Tisch von Zypressenholz ein
Dolch. Der Anblick der funkelnden Klinge erregte in Salambo ein
blutdrstiges Verlangen. Es war ihr, als klagten ferne Stimmen durch
die Nacht, ein sie beschwrender Geisterchor. Sie trat nher, sie
fate den Stahl beim Griff. Ihre Gewnder streiften den Schlfer. Da
ffnete Matho die Augen. Er berhrte mit seinen Lippen ihre Hnde, und
der Dolch fiel zu Boden.

Drauen erhob sich Geschrei. Erschreckende Helle leuchtete hinter dem
Zelt auf. Matho schlug die Leinwand am Eingang zurck: das Lager der
Libyer stand in Flammen.

Die Schilfhtten brannten. Die Rohrstbe krmmten sich, platzten im
Qualm und schossen wie Pfeile davon. Am blutroten Horizont sah man
schwarze Schatten wirr durcheinander laufen. In den Htten heulten
drin Verbliebene. Elefanten, Rinder und Pferde jagten mitten durch das
Getmmel und zertraten Menschen, Kriegsgert und das aus den Flammen
gerettete Gepck. Dazu Trompetensignale. Alles rief: Matho! Matho!
Man wollte in sein Zelt eindringen. Komm! Hamilkar verbrennt Autarits
Lager!

Er strmte hinaus. Salambo blieb allein zurck.

Sie betrachtete den Zaimph, und als sie ihn sattsam angeschaut hatte,
war sie erstaunt, das Glck nicht zu fhlen, das sie sich davon
ersehnt hatte. Schwermtig stand sie vor ihrem unerfllten Traume.

Da ward der Saum des Zeltes aufgehoben, und eine unfrmige Gestalt
erschien. Salambo erkannte anfangs nichts als zwei Augen und einen
langen weien Bart, der bis zur Erde hinabhing, denn der brige Krper
kroch ber den Boden, durch die Lumpen eines gelbroten Gewandes
behindert. Bei jeder Bewegung des Vorwrtskriechenden verschwanden die
beiden Hnde im Barte und kamen dann wieder hervor. So schleppte sich
die Gestalt bis vor Salambos Fe. Jetzt erkannte sie den alten Gisgo.

Die Sldner hatten den gefangenen Gerusiasten, damit sie nicht
entflohen, mit Eisenstangen die Beine zerschmettert und lieen sie
alle durcheinander in der Grube im Unrat verkommen. Nur die Strksten
richteten sich schreiend hoch, wenn sie das Klappern der Kochgeschirre
vernahmen. So hatte Gisgo Salambo bemerkt. An den kleinen Achatkugeln,
die an ihre Schuhe schlugen, hatte er erraten, da es eine Karthagerin
sein msse, und ergriffen von der Ahnung eines wichtigen Geheimnisses,
war es ihm mit Hilfe seiner Leidensgefhrten gelungen, aus der Grube
hinauszuklettern. Dann hatte er sich auf Ellbogen und Hnden die
zwanzig Schritte weiter bis zu Mathos Zelt geschleppt. Zwei Stimmen
sprachen darin. Er hatte drauen gelauscht und alles gehrt.

Du bist's! sagte sie nach einer Weile, ganz entsetzt.

Gisgo richtete sich auf den Hnden empor und erwiderte:

Ja, ich bin's! Man hlt mich wohl fr tot, sag?

Sie senkte den Kopf. Er redete weiter:

O, warum haben mir die Gtter diese Gnade nicht erwiesen? Dabei
kroch er so nahe an sie heran, da er sie streifte. Sie htten mir
den Schmerz erspart, dich verfluchen zu mssen!

Salambo wich hastig zurck. Ihr graute es vor diesem schmutzigen
Wesen, das scheulich war wie ein Gespenst und schrecklich wie ein
Ungeheuer.

Ich bin fast hundert Jahre alt, fuhr er fort. Ich habe Agathokles
gesehen und Regulus. Hab es erlebt, da die rmischen Adler die Ernte
der punischen Felder zertraten. Hab alle Greuel des Krieges geschaut
und das Meer bedeckt gesehen mit den Trmmern unsrer Flotte! Barbaren,
deren Feldherr ich war, haben mich nun an Hnden und Fen gefesselt
wie einen Sklaven, der einen Mord begangen hat. Meine Gefhrten
sterben einer nach dem andern um mich her. Der Gestank ihrer Leichen
lt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vgel ab, die ihnen die
Augen aushacken wollen. Und dennoch: nicht einen Tag hab ich an
Karthago verzweifelt! Und htte ich alle Heere der Welt im Kriege
gegen die Stadt gesehen, und wren die Feuer der Belagerer hher als
die Giebel seiner Tempel aufgelodert,--ich htte doch an Karthagos
Ewigkeit geglaubt! Jetzt aber ist alles zu Ende, alles verloren! Die
Gtter verabscheuen es! Fluch ber dich, die du durch deine Schandtat
seinen Untergang beschleunigt hast!

Sie wollte reden ...

Ich war hier! rief er aus. Ich habe dich in girrender Liebe gesehen
wie eine Dirne! Ein Barbar hat dir seine Geilheit gezeigt, und du hast
ihm deine Hnde zum Kusse gereicht! Und wenn du deiner schamlosen
Liebeswut auch nachgabst, so mutest du wenigstens dem Beispiel der
wilden Tiere folgen, die sich bei der Paarung verbergen, nicht aber
deine Schande angesichts deines Vaters zur Schau stellen!

Ich verstehe dich nicht! versetzte Salambo.

So! Wutest du nicht, da die beiden Heereslager nur sechzig Ellen
voneinander entfernt sind? Und da dein Matho im berma seiner
Frechheit sein Zelt unmittelbar vor den Augen Hamilkars aufgeschlagen
hat? Dein Vater steht dort hinter dir, und wenn ich den Steg
hinaufsteigen knnte, der auf den Wall hinauffhrt, so wrde ich ihm
zurufen: Komm und sieh deine Tochter in den Armen des Barbaren! Um ihm
zu gefallen, hat sie das Kleid der Gttin angelegt, und mit ihrem
Leibe gibt sie ihm den Ruhm deines Namens preis und die Majestt
unsrer Gtter und die Rache des Vaterlandes, ja das Heil Karthagos!

Bei den Bewegungen seines zahnlosen Mundes flatterte sein langer Bart.
Seine Augen starrten Salambo an, wie um sie zu verschlingen, und im
Staube kriechend, wiederholte er keuchend:

Gottlose! Verflucht seist du! Verflucht! Dreimal verflucht!

Salambo hatte die Leinwand aufgehoben und hielt sie mit ausgestrecktem
Arme hoch. Stumm blickte sie nach Hamilkars Lager hinber.

Dort drben, nicht wahr? fragte sie.

Was kmmerts dich! Hebe dich von hinnen! Weg von hier! Whle dein
Antlitz lieber tief in den Boden ein! Das dort ist ein heiliger Ort,
den dein Blick entweiht!

Sie warf sich den Zaimph um die Schultern, raffte hastig ihren
Schleier, ihren Mantel und ihr Schultertuch auf und rief:

Ich will hin!

Damit schlpfte sie hinaus und verschwand.

Zunchst schritt sie durch das Dunkel, ohne jemandem zu begegnen, denn
alles eilte zur Brandsttte. Der Lrm ward immer heftiger. Groe
Flammen rteten den Himmel hinter ihr. Der lange Wall versperrte ihr
den Weg.

Ziellos wandte sie sich nach rechts und nach links, suchte eine
Leiter, einen Strick, eine Treppe, irgend etwas, was ihr hinaufhelfen
knne. Sie hatte Furcht vor Gisgo, und es kam ihr vor, als ob Schreie
und Schritte sie verfolgten. Der Morgen dmmerte. Da gewahrte sie
einen Fusteig, der schrg an der Schanze hinauffhrte. Sie nahm den
Saum ihres Gewandes, der sie behinderte, zwischen die Zhne und
gelangte mit drei Sprngen auf den Wall hinauf.

Ein lauter Ruf erklang unter ihr im Dunkeln, der nmliche, den sie
jngst am Fue der Galeerentreppe vernommen hatte. Sie beugte sich vor
und erkannte den Diener Schahabarims mit den beiden Pferden, die er an
den Zgeln hielt.

Er war die ganze Nacht zwischen den beiden Lagern hin und her
gestreift. Schlielich war er, durch die Feuersbrunst beunruhigt, an
den Wall herangegangen und hatte versucht, zu ersphen, was in Mathos
Lager vorgehe. Da er wute, da diese Stelle Mathos Zelt am nchsten
lag, so hatte er sie, dem Gebote des Priesters getreu, nicht wieder
verlassen.

Er stellte sich aufrecht auf eins der Pferde. Salambo glitt vom Walle
zu ihm hinunter. Dann umritten sie galoppierend das punische Lager, um
einen Eingang zu finden.

       *       *       *       *       *

Matho war in sein Zelt zurckgekehrt. Die qualmende Lampe erhellte es
schwach. Er glaubte, Salambo schliefe. Behutsam tastete er mit der
Hand ber das Lwenfell auf dem Palmenlager. Er rief. Keine Antwort.
Da ri er heftig ein Stck aus der Leinwand des Zeltes, damit das
Licht eindringe: der Zaimph war verschwunden.

Der Erdboden erbebte unter zahllosen Tritten. Lautes Geschrei,
Pferdegewieher und Waffengeklirr scholl durch die Luft.
Trompetensignale riefen zu den Alarmpltzen. Wie ein Orkan wirbelte es
um den Rebellenfhrer her. In maloser Wut griff er nach seinen Waffen
und strzte hinaus.

In langen Kolonnen stiegen die Barbaren den Hang hinab, whrend ihnen
die punischen Karrees in schwerflligem, taktmigem Marsche
entgegenrckten. Der Nebel war eben von den ersten Sonnenstrahlen
zerrissen worden. Kleine tanzende, allmhlich hher fliegende Wlkchen
flatterten um die Standarten, Helme und Lanzenspitzen, die mehr und
mehr sichtbar wurden. Bei der raschen Bewegung der Truppenmassen
schien es, als ob sich ganze Teile des Bodens, die noch im Schatten
lagen, mit einem Male verschben. An andern Stellen war es, als ob
sich Giebche kreuzten, aus denen unbewegliche stachlige Massen
herausragten. Matho konnte die Hauptleute, die Soldaten, die Herolde
erkennen, sogar die Troknechte auf ihren Eseln. Mit einem Male sah
er, wie Naravas seine bisherige Stellung, in der er die Flanke des
Fuvolks decken sollte, verlie und nach rechts abschwenkte, als wolle
er sich von den Puniern in seine eigne Flanke fallen lassen.

Seine Reiter galoppierten ber die Elefanten hinaus, die nunmehr
langsamer vorrckten. Die Pferde der Numidier verstrkten ihr Tempo.
Mit weit vorgestreckten zgellosen Hlsen strmten sie in so wilder
Fahrt dahin, da ihre Buche die Erde zu berhren schienen. Pltzlich
ritt Naravas geradenwegs auf eine der feindlichen Patrouillen los,
warf Schwert, Lanze und Wurfspeere von sich und verschwand alsbald
unter den Karthagern. Als der Numidierfrst in das Zelt Hamilkars
trat, wies er rckwrts auf seine Schwadronen, die Halt gemacht
hatten, und sagte:

Barkas! Ich fhre sie dir zu! Sie sind dein!

Dann warf er sich zum Zeichen der Unterwrfigkeit vor Hamilkar nieder,
und um ihm seine Treue zu beweisen, erinnerte er ihn an alle
Einzelheiten seines Verhaltens seit dem Ausbruche des Krieges.

Nach seiner Behauptung hatte er die Belagerung von Karthago und die
Niedermetzelung der Gefangenen verhindert. Ferner htte er den Sieg
ber Hanno nach der Niederlage bei Utika nicht ausgenutzt. Was die
tyrischen Stdte betrfe, so befnden sie sich ja an den Grenzen
seines Reiches. Endlich htte er sich an der Schlacht am Makar nicht
beteiligt, ja, sich absichtlich entfernt, um nicht gegen den Marschall
kmpfen zu mssen.

In Wahrheit hatte Naravas sein Reich durch Einflle in die punischen
Provinzen vergrern wollen und daher die Sldner je nach den
Siegesaussichten bald untersttzt, bald im Stiche gelassen. Weil er
jetzt aber einsah, da Hamilkar am Ende doch triumphieren wrde, ging
er zu ihm ber. Vielleicht lag seinem Abfall auch persnlicher Groll
gegen Matho zugrunde, sei es wegen des Oberbefehls oder wegen seiner
alten Liebe.

Der Suffet hrte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen. Der Mann, der sich
derart in ein Heer hineinwagte, dessen Rache er gewrtig sein mute,
war kein zu verachtender Bundesgenosse. Sofort erkannte Hamilkar die
Ntzlichkeit des Bndnisses mit ihm fr seine groen Plne. Mit Hilfe
der Numidier vermochte er die Libyer in Schach zu halten. Dann konnte
er die westlichen Vlker bei der Eroberung Spaniens mit verwenden.

Ohne ihn zu fragen, warum er nicht frher gekommen sei, und ohne eine
seiner Lgen zu widerlegen, kte er Naravas und umarmte ihn dreimal.

Um eine Entscheidung herbeizufhren, lediglich aus Verzweiflung, hatte
er das Lager der Libyer in Brand gesteckt. Die Numidier kamen ihm wie
eine von den Gttern gesandte Hilfe. Er verbarg aber seine Freude und
erwiderte:

Mgen die Gtter dir gndig sein! Ich wei nicht, was die Republik
fr dich tun wird, aber Hamilkar ist kein Undankbarer!

Das Getse nahm zu. Stabsoffiziere traten ein. Whrend Hamilkar seine
Rstung anlegte, sagte er:

Rasch! Mache Kehrt! Treibe mit deinen Reitern ihr Fuvolk zwischen
deine und meine Elefanten! Vorwrts! Vernichte sie!

Naravas wollte hinausstrzen, da erschien Salambo. Sie sprang von
ihrem Pferde, ffnete ihren weiten Mantel, breitete die Arme aus und
entfaltete den Zaimph.

Vom Lederzelt aus, das an den Ecken hochgeschlagen war, bersah man
den ganzen Umkreis des von Soldaten erfllten Gebirgskessels, und da
Salambo gleichsam im Mittelpunkte stand, so erblickte man sie von
allen Seiten. Ein ungeheurer Lrm brach aus, ein langer Triumph- und
Hoffnungsschrei. Die vorrckenden Kolonnen standen still. Sterbende
sttzten sich auf ihre Ellbogen auf, schauten hin und segneten sie.
Auch alle Barbaren wuten nun, da sie den Zaimph zurckgeholt hatte.
Sie sahen Salambo von ferne oder glaubten sie zu sehen. Von neuem
ertnten Rufe, Schreie der Wut und der Rache, dem Jubel der Karthager
zum Trotz. So stampften und brllten fnf Heere aus ihren an den
Hngen gestaffelten Stellungen.

Keines Wortes mchtig, dankte Hamilkar mit einem Nicken des Hauptes.
Seine Augen richteten sich bald auf den Zaimph, bald auf seine
Tochter. Da bemerkte er, da ihre Fukette zerrissen war. Er
schauderte zusammen, von furchtbarem Argwohn gepackt. Doch rasch nahm
er seine gleichgltige Miene wieder an und blickte Naravas, ohne den
Kopf zu wenden, von der Seite an.

Der Numidierfrst war in bescheidener Haltung zurckgetreten. Auf
seiner Stirn lag noch etwas von dem Staube, den er beim Niederfallen
berhrt hatte. Nach einer Weile trat der Marschall auf ihn zu und
sagte in feierlicher Weise:

Zum Lohne fr die Dienste, die du mir geleistet, Naravas, gebe ich
dir meine Tochter zum Weibe! Sei mir Sohn und Bundesgenosse!

Mit einer Gebrde der grten berraschung, beugte sich Naravas ber
Hamilkars Hnde und bedeckte sie mit Kssen.

Salambo stand unbeweglich wie eine Bildsule da. Sie tat, als
verstnde sie den Vorgang nicht. Sie errtete aber leicht und schlug
die Augen nieder. Und ihre langen geschweiften Wimpern warfen Schatten
ber ihre Wangen.

Hamilkar lie auf der Stelle die Zeremonie des unlsbaren Verlbnisses
vollziehen. Man legte Salambo eine Lanze in die Hand, die sie Naravas
reichte. Dann band man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus
Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die Hupter, das um sie
her niederfiel und wieder aufsprang wie Hagelschlag.




XII

Die Wasserleitung


Zwlf Stunden spter war von den Sldnern nur noch ein Haufen
Verwundeter, Toter und Sterbender brig.

Hamilkar war mit aller Gewalt aus dem Bergkessel hervorgebrochen, und
zwar gegen den westlichen Abhang, der nach Hippo-Diarrhyt zu lag, in
der Absicht, die Barbaren allesamt dahin zu locken, da dort mehr Raum
war. Naravas hatte dann die gegnerischen Linien mit seiner Reiterei
umgangen und von rckwrts attackiert, whrend der Marschall sie in
der Front zum Wanken brachte und vernichtete. brigens waren sie durch
den Verlust des Zaimphs schon im voraus geschlagen. Selbst die, die
sich nie um ihn gekmmert hatten, ergriff ein Bangen und eine Art
Entkrftung.

Hamilkar, der seinen Stolz durchaus nicht darein setzte, das
Schlachtfeld zu behaupten, hatte sich nach seinem Siege auf die Hhen
etwas nrdlicher zurckgezogen, von wo aus er den Feind in Schach
hielt.

Man erkannte die Grundrisse der Lager nur noch an den umgerissenen
Pikettpfhlen. Ein langer schwarzer Aschehaufen qualmte an der Stelle,
wo das libysche Lager gestanden hatte. Der aufgescharrte Boden hatte
wellenfrmige Erhebungen wie das Meer, und die Zelte mit ihrer
zerfetzten Leinwand hatten gewisse hnlichkeit mit zwischen Klippen
gescheiterten und halb gesunkenen Schiffen. Lanzen, Heugabeln,
Trompeten, Holz, Erz und Eisen, Getreide, Stroh und Kleidungsstcke
lagen zwischen den Leichen herum. Hie und da glimmte ein verlschender
Brandpfeil neben einem Haufen von Gepck. An manchen Stellen war der
Boden mit weggeworfenen Schilden vllig bedeckt. Die Pferdekadaver
sahen aus wie lange Reihen kleiner Hgel. Man erblickte Beine,
Sandalen, Arme, Panzerhemden und Kpfe, auf denen durch die
Schuppenketten der Helm noch festsa und die wie Kugeln hinrollten. An
den Dornstruchern hingen Haare. Elefanten mit heraushngendem
Eingeweide, ihre Trme noch auf dem Rcken, lagen rchelnd in groen
Blutlachen. berall trat man auf schlpfrige Gegenstnde und, obgleich
es nicht geregnet hatte, in groe Schlammpftzen.

Das Leichengewirr bedeckte den Berghang von oben bis unten. Die
berlebenden rhrten sich ebensowenig wie die Toten. In groen und
kleinen Gruppen herumhockend, blickten sie einander verstrt an und
sprachen kein Wort.

Jenseits der weiten Prrie blitzte der See von Hippo-Diarrhyt in der
untergehenden Sonne. Rechts davon ragten enggedrngte weie Huser
ber einen Mauergrtel hinweg. Weiterhin dehnte sich endlos das Meer.
Das Kinn in die Hand gesttzt, gedachten die Barbaren seufzend ihrer
Heimat. Eine graue Staubwolke sank herab.

Der Abendwind begann zu wehen. Die Menschen atmeten auf. Es ward
khler. Man konnte beobachten, wie das Ungeziefer die erkaltenden
Toten verlie und ber den warmen Sand lief. Auf hohen Steinblcken
saen reglose Raben und lugten nach den Sterbenden.

Als die Nacht herabgesunken war, kamen gelbhaarige Hunde, Bastarde,
wie sie gewhnlich den Heeren nachzulaufen pflegten, zu den Barbaren
herangeschlichen. Zuerst leckten sie das geronnene Blut von den noch
warmen Gliederstmpfen, doch bald begannen sie die Toten zu verzehren,
indem sie zuerst die Buche anfraen.

Die Flchtlinge erschienen wieder, einer nach dem andern, wie
Schatten. Auch die Weiber wagten sich zurck, denn es waren noch immer
welche brig, besonders libysche, trotz des furchtbaren Blutbades, das
die Numidier unter ihnen angerichtet hatten.

Etliche nahmen Tauenden und zndeten sie an, um sie als Fackeln zu
benutzen. Andre hielten gekreuzte Lanzen. Man legte die Toten darauf
und trug sie beiseite.

Sie lagen in langen Reihen offnen Mundes auf dem Rcken, ihre Lanzen
neben sich, oder in Haufen bereinander. Wenn man einen Vermiten
finden wollte, mute man oft einen ganzen Leichenhgel durchwhlen.
Dabei fuhr man ihnen mit den Fackeln langsam ber das Gesicht. Alle
die grlichen Waffen hatten ihnen die verschiedenartigsten Wunden
beigebracht. Manchen hingen grnliche Hautlappen von der Stirn. Andre
waren in Stcke zerhackt oder bis aufs Knochenmark zerquetscht, blau
vom Wrgetode oder von den Stozhnen der Elefanten der Lnge nach
aufgeschlitzt. Obwohl alle fast zur selben Zeit den Tod gefunden
hatten, zeigten sich Unterschiede in der Zersetzung der Leichen. Die
Nordlnder sahen bleigrau aus und waren aufgedunsen, whrend die
sehnigen Afrikaner wie geruchert erschienen und bereits
vertrockneten. Die Sldner erkannte man an der Ttowierung ihrer
Hnde. Die alten Krieger des Antiochus trugen einen Sperber
eingebrannt. Wer in gypten gedient hatte, einen Affenkopf. Wer im
Solde asiatischer Frsten gestanden, ein Beil, einen Granatapfel oder
einen Hammer. Die Sldner der griechischen Republiken hatten das Bild
einer Burg oder den Namen eines Archonten eingeritzt. Bei manchen
waren die Arme von oben bis unten mit diesen vielfachen Zeichen
bedeckt, die sich mit alten Narben und neuen Wunden vermischten.

Fr die Toten lateinischer Abkunft, die Samniter, Etrusker, Kampaner
und Bruttier, errichtete man vier groe Scheiterhaufen.

Die Griechen hoben mit der Spitze ihrer Schwerter Gruben aus. Die
Spartaner nahmen ihre roten Mntel und hllten die Toten hinein. Die
Athener legten sie mit dem Gesicht nach der aufgehenden Sonne. Die
Kantabrer begruben die ihren unter Haufen von Feldsteinen. Die
Nasamonen knickten sie zusammen und umschnrten sie mit Riemen aus
Rindsleder, und die Garamanten bestatteten sie am Meeresstrande, damit
die Fluten sie bestndig benetzten. Die Lateiner waren untrstlich,
da sie die Asche nicht in Urnen sammeln konnten. Die Nomaden
vermiten den heien Sand, in dem ihre Toten zu Mumien wurden, und die
Kelten ihre blichen drei unbehauenen Steinblcke, den regnerischen
Himmel ihrer Heimat und den Blick auf eine Bucht voll kleiner Inseln.

Lautes Gejammer erscholl, dann folgte lange Stille. Das geschah, um
die Seelen zur Rckkehr zu zwingen. Nach regelmigen Pausen hub das
Geschrei immer wieder an.

Man entschuldigte sich bei den Toten, da man sie nicht ehren knne,
wie die Bruche es verlangten, denn ohne die frommen Zeremonien muten
sie unendliche Zeitrume hindurch unter allerlei Schicksalen und
Verwandlungen umherirren. Man rief sie an. Man fragte sie nach ihren
Wnschen. Andre berhuften sie mit Schmhungen, weil sie sich hatten
besiegen lassen.

Der Feuerschein der groen Scheiterhaufen lie die blutleeren
Gesichter, die hie und da an zerbrochenen Rstungen lehnten, noch
bleicher erscheinen. Trnen riefen neue Trnen hervor. Das Schluchzen
ward heftiger, die Erkennungsszenen und letzten Umarmungen wilder.
Weiber warfen sich Mund an Mund, Stirn an Stirn auf die Toten. Man
mute sie mit Schlgen wegtreiben, wenn man die Grber zuschaufelte.
Man schwrzte sich die Wangen, schnitt sich das Haar ab, ri sich
selber Wunden und lie das Blut in die Grber flieen. Oder man
brachte sich Schnitte bei, Abbilder der Wunden, die geliebte Tote
entstellten. Wehgeschrei durchtnte den Klang der Zimbeln. Manche
rissen sich ihre Amulette ab und spien sie an. Sterbende krmmten sich
in blutigem Schlamm und bissen vor Wut in ihre verstmmelten Fuste.
Dreiundvierzig Samniter, ein ganzer heiliger Frhling, mordeten
einander wie Gladiatoren. Bald gebrach es an Holz fr die
Scheiterhaufen. Die Flammen erloschen. Alle Grber waren voll. Mde
vom Schreien, erschpft und schwach, schliefen die Lebendigen neben
ihren toten Kameraden ein, die einen mit dem Wunsch, am Leben bleiben
zu wollen, und sei es in Angst und Not, die andern, um am liebsten
nicht wieder zu erwachen.

        *       *       *       *       *

Beim Morgengrauen erschienen in der Nhe der lagernden Barbaren
Soldaten, die vorbermarschierten, ihre Helme auf den Spitzen ihrer
Lanzen. Sie grten ihre Waffengenossen und fragten sie, ob sie nichts
in ihrer Heimat zu bestellen htten. Andre Trupps kamen nher heran.
Man erkannte alte Gefhrten.

Der Suffet hatte allen Gefangenen angeboten, in sein Heer einzutreten.
Manche hatten sich mutig geweigert, und da er fest entschlossen war,
sie weder zu ernhren noch dem Groen Rat auszuliefern, so hatte er
sie mit dem Befehle heimgeschickt, nicht mehr gegen Karthago zu
kmpfen. An die aber, welche die Furcht vor Martern gefgig machte,
hatte man die Waffen der Besiegten verteilt, und nun zeigten sie sich
ihren alten Kameraden, weniger um sie zum Abfall zu verleiten, als in
einer Anwandlung von bermut und Neugier.

Zunchst erzhlten sie von der guten Behandlung durch den Marschall.
Die Rebellen hrten ihnen zu und beneideten sie, obwohl sie die
Feiglinge verachteten. Doch bei den ersten Worten des Vorwurfs
gerieten jene in Wut. Sie zeigten ihnen von weitem ihre eignen
Schwerter, ihre Harnische und forderten sie unter Schmhungen auf, sie
sich doch wieder zu holen. Die Rebellen griffen nach Steinen. Da
entflohen die Sptter. Bald sah man nur noch die Lanzenspitzen ber
dem Hhenkamm.

Jetzt ergriff die Barbaren ein Schmerz, der sie mehr niederdrckte als
die Demtigung ihrer Niederlage. Sie vergegenwrtigten sich das
Nutzlose ihres Mutes. Zhneknirschend starrten sie vor sich hin.

Allen kam derselbe Gedanke. Sie strzten sich in wilder Wut auf die
gefangenen Karthager. Die Soldaten des Suffeten hatten sie durch
Zufall nicht entdeckt, und als er das Schlachtfeld verlie, befanden
sie sich noch immer in der tiefen Grube.

Man legte sie auf einer ebenen Stelle platt auf den Boden. Posten
bildeten einen Kreis um sie. Dann lie man die Weiber hinein, je
dreiig bis vierzig auf einmal. Sie wuten, da man ihnen nicht viel
Zeit gewhrte, und so liefen sie erst unentschlossen und aufgeregt von
einem zum andern, dann aber beugten sie sich ber die armen Schelme
und schlugen sie aus Leibeskrften. Die Namen ihrer Mnner heulend,
zerrissen sie ihnen mit den Fingerngeln die Haut und stachen ihnen
mit ihren Haarnadeln die Augen aus. Dann kamen die Mnner und
marterten die Unglcklichen von den Fen, die sie ihnen an den
Kncheln abhieben, bis zur Stirn, aus der sie kranzartige Stcke
herausschnitten, die sie sich um den Kopf schlangen. Insbesondere
waren die Esser unreiner Speisen erfinderisch in Grausamkeiten. Sie
entzndeten die Wunden, indem sie Staub, Essig und Topfscherben
hineinpreten. Hinter ihnen standen schon wieder andre und warteten.
Das Blut flo in Strmen, und die Peiniger ergtzten sich daran wie
Winzer an ihren Keltern.

Matho sa immer noch am Boden, an der nmlichen Stelle, wo er sich
nach der Schlacht hingesetzt hatte, die Ellbogen auf die Knie
gestemmt, die Schlfen in den Hnden. Er sah nichts, hrte nichts,
dachte nichts.

Bei dem Freudengeheul, das die Menge ausstie, blickte er auf. Vor
ihm, auf einer Stange, flatterte ein Stck Leinwand, dessen Ende die
Erde streifte. Darunter lagen Krbe, Decken und ein Lwenfell in
buntem Durcheinander. Er erkannte sein Zelt, und seine Augen bohrten
sich in den Boden, als ob dort Hamilkars Tochter in die Erde versunken
wre.

Die zerrissene Leinwand wehte im Winde, und zuweilen berhrte der
wehende Fetzen sein Gesicht. Da bemerkte er ein rotes Zeichen,
offenbar den Abdruck einer Hand. Es war Naravas' Hand, das Wahrzeichen
ihres einstigen Bundes. Matho sprang auf. Er nahm ein glimmendes Stck
Holz, das auf dem Boden lag, und warf es verchtlich in die Reste
seines Zeltes. Dann stie er mit der Spitze seines Panzerstiefels
allerlei verstreut umherliegende Gegenstnde in die Flammen. Es sollte
nichts brig bleiben!

Pltzlich tauchte Spendius auf, ohne da man htte erraten knnen, aus
welcher Richtung.

Der einstige Sklave hatte sich einen seiner Schenkel in zwei
Bruchstcke einer Lanze eingeschient. Er hinkte jmmerlich und stie
Klagelaute aus.

Beseitige das doch! sagte Matho zu ihm. Ich wei schon, da du ein
Held bist! Die Ungerechtigkeit des Schicksals hatte ihn so
niedergebeugt, da er nicht mehr die Kraft hatte, sich ber Menschen
zu entrsten.

Spendius winkte ihm und fhrte ihn zu einer Hhle im Hange, wo sich
Zarzas und Autarit verborgen hielten.

Sie waren beide wie der Sklave geflohen, der eine trotz seiner
Blutgier, der andre trotz seiner Tapferkeit. Wer htte denn, meinten
sie, den Verrat des Naravas, den Brand im Lager der Libyer, den
Verlust des Zaimphs, Hamilkars pltzlichen Angriff und vor allem seine
geschickten Manver ahnen knnen, durch die er die Sldner in den
Kessel hinabgelockt hatte, um sie dann ber den Haufen zu rennen?
Spendius gestand seine Feigheit nicht ein und beharrte darauf, da er
ein zerschmettertes Bein habe.

Schlielich begannen die drei Fhrer und der Schalischim eine
Beratung, was nunmehr zu tun sei.

Hamilkar verlegte ihnen den Weg nach Karthago. Sie waren zwischen
seinem Heer und dem Gebiet des Naravas eingeschlossen. Die tyrischen
Stdte wrden sich zweifellos dem Sieger anschlieen. Dadurch drngte
man die Sldner gegen die Kste, um sie mit vereinten Krften zu
vernichten.

Es gab kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden. Folglich muten sie ihn
bis aufs uerste fortsetzen. Aber wie sollten sie die Notwendigkeit
eines endlosen Krieges ihren entmutigten, aus frischen Wunden
blutenden Leuten begreiflich machen?

Ich bernehme es! rief Spendius.

Zwei Stunden spter kam ein Mann aus der Richtung von Hippo-Diarrhyt
in raschem Laufe den Berg herauf. Hoch in der Hand schwenkte er eine
Schreibtafel. Da er laut schrie, umringten ihn sofort die Barbaren.

Die Tafel kam von den griechischen Sldnern in Sardinien. Sie
empfahlen ihren Kameraden in Afrika, Gisgo und die andern Gefangenen
gut zu bewachen. Ein Kaufmann aus Samos, ein gewisser Hipponax, der
von Karthago gekommen sei, habe ihnen mitgeteilt, da ein Handstreich
in Vorbereitung sei, um sie zu befreien. Man rate deshalb den
Barbaren, Vorsichtsmaregeln zu treffen. Die Republik sei allmchtig.

Das war eine List des Spendius, aber sie glckte zunchst nicht in dem
Mae, wie er gehofft hatte. Die Aussicht auf neue Gefahr erregte nur
Schrecken, anstatt Wut zu entfachen. Man erinnerte sich der Drohung,
die Hamilkar vor kurzem mitten unter sie geworfen, und erwartete etwas
Unvorhergesehenes, Entsetzliches. Die Nacht verlief in lauter Angst.
Viele warfen sogar ihre Waffen ab, um den Suffeten mild zu stimmen,
wenn er erscheine.

Am nchsten Tage um die dritte Wache erschien ein zweiter Bote, noch
atemloser und mit noch mehr Staub bedeckt. Der Grieche ri ihm eine
Papyrosrolle mit phnizischen Schriftzeichen aus der Hand. Man
beschwor darin die Sldner, den Mut nicht zu verlieren. Die Tapfern
von Tunis wrden ihnen mit groer Verstrkung zu Hilfe kommen.

Spendius las den Brief an Ort und Stelle dreimal hintereinander vor.
Dann lie er sich von zwei Kappadokiern auf den Schultern herumtragen
und verlas ihn berall. Sieben Stunden lang hielt er Ansprachen. Er
erinnerte die Sldner an die Versprechungen des Groen Rates, die
Afrikaner an die Grausamkeiten der Statthalter, alle Barbaren an die
Unredlichkeit Karthagos. Die Milde des Suffeten sei ein Kder, um sie
zu fangen. Wer sich freiwillig ergbe, der wrde als Sklave verkauft,
im Gefecht Besiegte aber unter Martern hingerichtet. Man rede von
Flucht? Auf welchem Wege denn? Kein Stamm wrde sie durchmarschieren
lassen. Dagegen knnten sie bei Fortsetzung des Krieges Freiheit,
Rache und Reichtum erringen! Lange brauchten sie darauf nicht zu
warten, denn schon eile ihnen Tunis und ganz Libyen zu Hilfe. Er hielt
den aufgerollten Papyros hoch.

Seht her! Lest! Hier sind ihre Versprechungen! Ich lge nicht!

Hunde mit blutbefleckten schwarzen Schnauzen schwrmten umher. Die
Mittagssonne brannte auf die bloen Kpfe. Widriger Geruch stieg von
den ungengend verscharrten Leichen auf. Einige ragten bis zur Hlfte
aus der Erde empor. Spendius rief sie zu Zeugen fr die Wahrheit
seiner Worte an. Sodann streckte er die Fuste gegen Hamilkar aus.

Er wute, da ihn Matho beobachtete, und so trug er, um seine Feigheit
zu bemnteln, eine Begeisterung zur Schau, in die er sich nach und
nach wirklich hineinredete. Er weihte sich den Gttern und hufte
Flche auf Karthago. Die Hinrichtung der Gefangenen sei gar nichts
weiter. Warum sie schonen und dieses unntze Pack immer mit sich
herumschleppen? Auf keinen Fall! Man mu ihnen den Garaus machen! Wir
wissen ja, was sie vorhaben! Ein einziger kann uns verderben! Kein
Mitleid! Wer ein ganzer Kerl ist, der renne, was er kann, und haue
nach Leibeskrften auf sie los!

Da strzte man sich abermals auf die Gefangenen. Mehrere rchelten
noch. Man gab ihnen den Rest, indem man ihnen mit dem Absatz in den
Mund trat oder sie mit Lanzenspitzen abstach.

Gisgo fiel ihnen ein. Man erblickte ihn nirgends. Unruhe und
Verwirrung nahmen berhand. Man wollte sich von seinem Tode berzeugen
und zugleich daran teilhaben. Endlich entdeckten ihn drei samnitische
Hirten fnfzehn Schritt von der Stelle, wo Mathos Zelt gestanden
hatte. Sie erkannten ihn an seinem langen Barte und riefen die andern.

Er lag auf dem Rcken, die Arme an den Krper gedrckt und die Beine
geschlossen, wie ein Toter, der begraben werden soll. Doch seine
mageren Seiten hoben und senkten sich noch und seine weitgeffneten
Augen starrten aus dem totenbleichen Antlitz in grlicher Weise
immerfort geradeaus.

Die Barbaren betrachteten ihn zuerst mit groem Erstaunen. Seit er in
der Grube lebte, hatte man ihn fast vergessen. Jetzt, im Banne alter
Erinnerungen, blieb man in einiger Entfernung von ihm stehen und wagte
nicht, Hand an ihn zu legen.

Doch die Hintenstehenden murrten und drngten vorwrts, bis ein
Garamant die Menge durchschritt. Er schwang eine Sichel. Alle
verstanden seine Absicht. Die Gesichter rteten sich, und voll Scham
ber ihre eigne Feigheit brllten alle: Ja! ja!

Der Mann mit dem krummen Eisen nherte sich Gisgo. Er ergriff den Kopf
des Greises, legte ihn auf sein Knie und hackte ihn mit raschen
Schnitten ab. Gisgos Haupt fiel zu Boden. Zwei groe Blutstrme
bohrten ein Loch in den Staub. Zarzas strzte sich auf den
abgeschnittenen Kopf und sprang damit leichtfiger als ein Leopard
auf das Lager der Karthager zu.

Als er zwei Drittel des Berghanges hinter sich hatte, zog er Gisgos
Kopf am Barte aus seinem Busen hervor, kreiste mit seinem Arm mehrmals
durch die Luft und lie dann den Kopf fliegen. Er beschrieb einen
weiten Bogen und verschwand hinter der punischen Verschanzung. Bald
darauf erhoben sich ber den Pfhlen des Walles zwei gekreuzte Fahnen,
das bliche Zeichen, da man die Toten zurckfordere.

Da zogen vier besonders ausgewhlte hnenhafte Herolde mit groen
Trompeten hinaus und erklrten, durch die ehernen Tuben sprechend, da
es fortan zwischen Karthagern und Barbaren weder Treu und Glauben,
noch Mitleid, noch Gtter gbe, da man im voraus alle Unterhandlungen
ablehne und jeden Unterhndler mit abgeschnittenen Hnden
zurckschicken wrde.

Unmittelbar darauf schickte man Spendius nach Hippo-Diarrhyt, um
Lebensmittel zu holen. Die tyrische Stadt sandte deren noch am selben
Abend. Man a gierig. Dann, als sich alle gestrkt hatten, rafften die
Sldner eilends die Reste ihres Gepcks und ihre zerbrochenen Waffen
zusammen. Die Weiber in die Mitte genommen und ohne Erbarmen gegen die
Verwundeten, die ihnen nachschrien, marschierten sie in flottem Tempo
nach dem Meere zu, wie ein Rudel abziehender Wlfe.

Sie gingen auf Hippo-Diarrhyt los, fest entschlossen, es einzunehmen,
denn sie bedurften einer Stadt.

       *       *       *       *       *

Als Hamilkar den Abmarsch wahrnahm, war er sehr rgerlich, trotz des
stolzen Gefhls, das ihm diese Flucht an und fr sich bereitete. Er
htte auf der Stelle mit frischen Truppen angreifen mgen. Noch ein
solcher Tag und der Krieg war zu Ende! Zog er sich aber noch lnger
hin, so wrden die Barbaren verstrkt zurckkommen. Auch konnten sich
die tyrischen Stdte ihnen anschlieen. Seine Milde gegen die
Besiegten hatte nichts genutzt. Er fate den Entschlu, fortan
unbarmherzig zu sein. Noch am nmlichen Abend sandte er dem Groen
Rate ein Dromedar, das mit den Armbndern der Gefallenen beladen war,
und befahl unter den frchterlichsten Drohungen, ihm Verstrkung zu
schicken.

Man hielt ihn allgemein fr lngst verloren. Die Kunde von seinem
Siege rief ein an Schrecken grenzendes Staunen hervor. Die Rckkunft
des Zaimphs, die Hamilkar unbestimmt andeutete, vollendete das Wunder.
Offenbar gehrte jetzt ihm die Gunst der Gtter, und so war er die
Sttze Karthagos.

Keiner seiner politischen Gegner wagte eine Klage oder eine
Anschuldigung vorzubringen. Dank der Begeisterung der einen und der
Feigheit der andern stand alsbald ein Heer von fnftausend Mann noch
vor der bestimmten Frist marschbereit.

Es rckte schleunigst vor Utika, um den Suffeten im Rcken zu decken,
whrend weitere dreitausend Mann Kerntruppen eingeschifft wurden, um
bei Hippo-Diarrhyt zu landen und die Barbaren von dort zu vertreiben.

Hanno hatte den Oberbefehl angenommen, bergab aber das Landheer
seinem Stellvertreter Magdassan, whrend er die Truppen auf den
Schiffen in Person fhrte. Er konnte nmlich das Rtteln der Snfte
nicht mehr vertragen. Seine Krankheit hatte ihm die Nasenflgel und
Lippen angefressen und ein weites Loch in sein Gesicht gegraben. Auf
zehn Schritte weit sah man ihm in den Schlund hinab, und er war sich
seiner Ekelhaftigkeit so gut bewut, da er sich wie ein Weib
verschleierte.

Hippo-Diarrhyt hrte auf seine Aufforderungen ebensowenig wie auf die
der Barbaren. Allerdings lieen die Einwohner diesen allmorgendlich
Lebensmittel in Krben hinab, wobei sie von den Trmen herab
vermeldeten, die Republik bedrnge sie hart, sie bten die Sldner
deshalb, abzuziehen. Durch Zeichen richteten sie die gleichen
Beteuerungen an die karthagische Flotte, die auf dem Meere kreuzte.

Hanno begngte sich, den Hafen zu blockieren, und wagte keinen
Angriff. Doch berredete er den Rat von Hippo-Diarrhyt, dreihundert
Soldaten einzulassen. Dann segelte er nach dem Vorgebirge der Trauben
und machte einen weiten Umweg, um die Barbaren zu umfassen,--ein
unzweckmiges, ja gefhrliches Beginnen. Seine Eifersucht hielt ihn
ab, den Suffeten zu untersttzen. Er fing dessen Spione ab,
durchkreuzte alle seine Plne und gefhrdete damit das ganze
Unternehmen. Endlich schrieb Hamilkar dem Groen Rate und forderte
Hannos Entfernung. Da ward dieser nach Karthago zurckberufen, wtend
ber die Erbrmlichkeit der Alten und die Torheit seines Amtsgenossen.

So befand man sich also nach so viel Hoffnungen in einer
beklagenswerteren Lage denn zuvor, doch bemhte man sich, darber
nicht nachzudenken, ja nicht einmal davon zu reden.

Als ob es des Migeschicks noch nicht genug wre, erfuhr man zu
alledem, da die Sldner in Sardinien ihren Kommandeur ans Kreuz
geschlagen, sich der festen Pltze bemchtigt und die Mnner
kanaanitischer Abkunft allerorts niedergemacht hatten. Dazu bedrohte
Rom die Republik unmittelbar mit einem Kriege, wenn sie nicht
zwlfhundert Talente bezahle und ganz Sardinien abtrte. Rom hatte das
Bndnis mit den Barbaren angenommen und sandte ihnen Frachtschiffe mit
Mehl und getrocknetem Fleisch. Die Karthager kaperten diese Fahrzeuge
und nahmen fnfhundert Mann gefangen. Aber drei Tage spter ging eine
Flotte, die von Bysazene mit Lebensmitteln nach Karthago kam, bei
einem Sturme unter. Die Gtter erklrten sich sichtlich gegen die
Republik.

Dann lockten die Brger von Hippo-Diarrhyt die dreihundert Leute
Hannos durch einen blinden Alarm auf die Stadtmauern, schlichen sich
hinter sie, packten sie unversehens bei den Beinen und warfen sie ber
die Wlle. Die wenigen, die nicht tot waren, wurden verfolgt und ins
Meer gejagt.

Auch Utika litt unter den punischen Soldaten, denn nach Hannos Befehl
und Beispiel hatte Magdassan die Stadt eingeschlossen und blieb gegen
Hamilkars Bitten taub. Man gab den Belagerern Wein mit Alraun gemischt
und erdrosselte sie im Schlafe. Zu gleicher Zeit rckten die Barbaren
an. Magdassan entfloh. Die Tore ffneten sich, und fortan bezeigten
die beiden tyrischen Stdte ihren neuen Freunden unerschtterliche
Ergebenheit, ihren ehemaligen Verbndeten hingegen einen
unbegreiflichen Ha.

Ihr Abfall von der punischen Sache war ein Beispiel, ein Aufruf.
Allerorts erwachte die Hoffnung auf Selbstndigkeit von neuem. Vlker
und Stdte, die bis dahin unschlssig gewesen, zauderten nicht mehr.
Alles begann zu wanken. Der Suffet erfuhr es und gab alle Hoffnung auf
Hilfe auf. Jetzt war er unwiderruflich verloren.

Sofort entsandte er Naravas, um die Grenzen seines Reiches zu sichern.
Er selbst beschlo, nach Karthago zurckzukehren, dort eine neue
Aushebung zu machen und den Krieg abermals zu beginnen.

Die Barbaren in Hippo-Diarrhyt bemerkten sein Heer, wie es aus den
Bergen herabkam.

Wohin wollten die Karthager? Ohne Zweifel trieb sie der Hunger. Durch
ihre Leiden von Sinnen, wollten sie trotz ihrer Schwche eine Schlacht
suchen ... Doch jetzt wandten sie sich nach rechts! Sie flohen also!
Man konnte ihnen nachsetzen und sie allesamt vernichten. Die Barbaren
machten sich schleunigst an die Verfolgung.

Die Karthager wurden durch den Makar aufgehalten. Er war diesmal
breit, und kein Westwind hatte geweht. Die einen schwammen hindurch,
die andern setzten auf ihren Schilden hinber. Dann marschierten sie
weiter. Die Nacht brach an. Man sah sie nicht mehr.

Die Barbaren machten nicht Halt, sondern zogen fluaufwrts, um eine
Furt zu finden. Bewaffnete Banden aus Tunis eilten herbei, auch von
Utika kamen welche. Bei jedem Gehlz nahm ihre Zahl zu. Wenn sich die
Karthager auf den Boden legten und lauschten, hrten sie
Marschgerusch durch die Dunkelheit. Um die Sldner aufzuhalten, lie
Barkas von Zeit zu Zeit einen Pfeilhagel hinter sich abschieen.
Etliche Barbaren fielen. Als der Morgen dmmerte, war man in den
arianischen Bergen, an einer Stelle, wo die Strae eine Biegung
machte.

Da glaubte Matho, der bei der Vorhut ritt, am Horizont auf dem Gipfel
einer Anhhe etwas Grnes zu erkennen. Der Boden fiel allmhlich ab.
Obelisken, Kuppeln, Huser tauchten auf. Das war Karthago! Er mute
sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken, so heftig pochte sein
Herz.

Er dachte an alles zurck, was ihm widerfahren war, seit er das
letztemal dort geweilt hatte! Er war tief verwundert, wie betubt.
Dann aber ergriff ihn malose Freude bei dem Gedanken, Salambo
wiederzusehen. Er hatte wohl Anla, sie zu verabscheuen, und das kam
ihm auch in den Sinn, doch er wies das schnell von sich. Bebend und
mit starren Augen blickte er von der Kuppel des Eschmuntempels weg
nach der hohen Terrasse des Schlosses, das ber Palmen glnzte. Ein
verzcktes Lcheln sonnte sein Gesicht, als ob ihn ein Lichtmeer
berflute. Er breitete seine Arme aus, warf Kuhnde in den Wind und
murmelte: Komm! Komm! Ein Seufzer hob seine Brust, und Trnen, lang
wie Perlen, rannen in seinen Bart.

Was hlt dich auf? rief Spendius. Eile! Vorwrts! Der Marschall
wird uns entrinnen! Was? Deine Knie zittern? Du schaust mich an wie
ein Trunkener!

Er stampfte vor Ungeduld und trieb Matho an. Und indem er die Augen
aufri, als erblicke er pltzlich ein lang erstrebtes Ziel, setzte er
hinzu:

Ah! Da sind wir! Da sind wir! Wir haben sie!

Spendius hatte ein so selbstbewutes, triumphierendes Aussehn, da
Matho in aller seiner Herzensnot erstaunte und sich fortgerissen
fhlte. Die Worte des Griechen trafen ihn im Augenblicke tiefster
Trbsal, verwandelten seine Verzweiflung in Rachgier und zeigten
seiner Wut eine Beute. Er rannte zu einem der Kamele, die bei der
Bagage liefen, ri ihm die Halfter ab und schlug mit dem langen Riemen
aus Leibeskrften auf die Nachzgler ein. Abwechselnd lief er rechts
und links um die Nachhut herum, wie ein Schferhund, der eine Herde
vorwrts treibt.

Auf seine donnernden Zurufe schlossen sich die Reihen enger zusammen.
Selbst die Lahmen beschleunigten ihren Schritt. Auf der Mitte der
Landenge nahm der Abstand zwischen beiden Heeren immer mehr ab. Die
Vorhut der Barbaren marschierte bereits im Staube der Karthager. Bald
waren sie einander ganz nahe und berhrten sich beinahe. Doch da taten
sich das Malkaer Tor, das Tangaster Tor und das groe Khamontor auf.
Die punischen Massen teilten sich. In drei Kolonnen strmten sie
hinein und drngten sich in die Gewlbe. Dabei wurde aber das Gewhl
so gro, da schlielich niemand mehr vorwrts kam. Die Lanzen stieen
in der Luft aneinander, whrend die Pfeile der Barbaren gegen die
Mauern prallten.

Am Khamontor erblickte man Hamilkar. Er wandte sich um und rief seinen
Leuten zu, Platz zu machen. Er selber sa ab und jagte sein Pferd,
indem er es mit dem Schwert in die Kruppe stach, den Barbaren
entgegen.

Es war ein oringischer Hengst, den man mit Mehlklen ftterte und der
in die Knie sank, wenn sein Herr aufsitzen wollte. Warum trieb ihn
Hamilkar zurck? Wollte er damit ein Opfer bringen?

Das mchtige Tier galoppierte mitten in die feindlichen Lanzen hinein,
ri Soldaten um, verwickelte sich mit den Fen in seine Eingeweide,
strzte, sprang dann mit wtenden Stzen wieder auf, und whrend die
Soldaten beiseitesprangen, es aufzuhalten suchten oder verblfft
zusahen, kamen die Karthager wieder in Ordnung und zogen durch das
riesige Tor ein, das sich drhnend hinter ihnen schlo.

Es gab nicht nach. Die Barbaren drngten dagegen an, und ein paar
Minuten lang lief durch das Heer vom Anfang bis zum Ende eine
Wellenbewegung, die allmhlich verebbte und endlich ganz aufhrte.

Die Karthager hatten auf die Wasserleitung Soldaten gestellt, die
Steine, Kugeln und Balken zu schleudern begannen. Spendius machte den
Sldnern klar, da sie nicht halsstarrig sein drften. Sie lagerten
sich nunmehr in grerer Entfernung, alle fest entschlossen, Karthago
zu erobern.

       *       *       *       *       *

Mittlerweile war das Gercht von dem Kriege ber die Grenzen des
punischen Reiches hinausgedrungen. Von den Sulen des Herkules bis
ber Kyrene hinaus trumten die Hirten davon, whrend sie ihre Herden
weideten, und die Karawanen plauderten nachts darber beim
Sternenschein. Es gab also Menschen, die es wagten, das groe Karthago
anzugreifen, die Stadt, die so glnzend war wie die Sonne und
furchtbar wie ein Gott! Die Knigin der Meere! Man hatte schon
mehrfach ihren Sturz verkndet, und alle hatten daran geglaubt, weil
alle ihn wnschten: die unterworfenen Vlkerschaften wie die
zinspflichtigen Drfer, die verbndeten Provinzen wie die unabhngigen
kleinen Stmme, kurzum alle, die Karthagos Tyrannei haten, es um
seine Macht beneideten oder seine Schtze begehrten. Die Tapfersten
hatten sich auf der Stelle den Sldnern angeschlossen. Die Niederlage
am Makar hatte dann allerdings die brigen zurckgeschreckt, aber
schlielich hatten sie wieder Mut gefat, waren allmhlich vorgerckt
und nher gekommen, und jetzt standen die Mnner aus den stlichen
Gegenden in den Dnen von Klypea jenseits des Golfes. Sobald sie die
Barbaren erblickten, kamen sie zum Vorschein.

Es waren nicht die Libyer aus der Umgegend Karthagos--diese bildeten
schon lange das dritte Heer--, sondern Nomaden aus der Hochebene von
Barka, die Banditen vom Kap Phiskus und vom Vorgebirge Derne, aus
Phazzana und Marmarika. Sie hatten die Wste durchzogen und aus den
Brackwasserbrunnen getrunken, die aus Kamelsknochen aufgemauert sind.
Die Zuaesen, mit Strauenfedern berladen, waren auf Viergespannen
gekommen. Die Garamanten, einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht,
ritten rcklings auf ihren angemalten Stuten. Andre kamen auf Eseln,
Wildeseln, Zebras oder Bffeln herbei. Manche schleppten neben ihren
Familien und Gtzenbildern auch die Dcher ihrer bootfrmigen Htten
mit. Man sah Ammoniter, deren Haut durch das Wasser der heien Quellen
runzlig war, Ataranten, die die Sonne verfluchen, Troglodyten, die
ihre Toten lachend unter Baumzweigen bestatten, ferner scheuliche
Auseer, die Heuschrecken essen, Achyrmachiden, die Luse verzehren,
und Gysanten, die mit Zinnober bemalt sind und Affenfleisch essen.

Alle hatten sich am Meeresufer in einer langen Breitkolonne
aufgestellt. Sie rckten nun nher wie Sandwolken im Wirbelwind. Auf
der Mitte der Landenge machten die Scharen Halt, da die Sldner, die
vor ihnen unter den Stadtmauern lagerten, sich nicht von der Stelle
rhrten.

Dann tauchten von Ariana her die Mnner des Westens auf, Numidier.
Naravas beherrschte nmlich nur die Massylier, und da ihnen berdies
die Sitte gestattete, nach Mierfolgen ihren Huptling zu verlassen,
so hatten sie sich am Zaineflusse versammelt und ihn bei der ersten
Rckwrtsbewegung Hamilkars berschritten. Zuerst kamen die Jger vom
Maleluth-Baal und den garaphischen Bergen, die Lwenfelle trugen und
ihre kleinen, mageren, langmhnigen Pferde mit dem Schaft ihrer Lanzen
lenkten. Hinter ihnen marschierten die Gtuler an, in Kollern aus
Schlangenhaut, dann die Pharusier, mit hohen Krnzen aus Wachs und
Harz auf den Kpfen, und endlich die Kauner, Makarer und Tillabaren,
alle bewaffnet mit zwei Wurfspieen und einem runden Schild aus
Flupferdhaut. Sie machten am Fue der Totenstadt an der Lagune Halt.

Als die Libyer vorgerckt waren, erblickte man an der Stelle, wo sie
gestanden hatten, eine Masse Neger, die wie eine schwarze sich am
Boden hinwlzende Wolke aussahen. Sie waren aus dem weien und
schwarzen Harudsch, der augylischen Wste, ja selbst aus dem fernen
Agazymba gekommen, einem groen Reiche, das hundertundzwanzig
Tagereisen und noch weiter sdlich von den Garamanten lag. Mit ihren
Schmuckstcken aus rotem Holz und ihrer schmutzigen schwarzen Haut
glichen sie reifen Maulbeeren, die lange im Staube gerollt sind. Sie
trugen Hosen aus Rindenfasern, Rcke aus getrockneten Grsern und die
Kpfe wilder, die Rachen aufsperrender Tiere. Indem sie wie Wlfe
heulten, schwenkten sie Stangen, an denen Metallringe klirrten, und
Kuhschwnze, die wie Wimpel an Stcken flatterten.

Hinter den Numidiern, Maurusiern und Gtulern drngten die
gelbfarbigen Mnner aus den jenseits von Taggir gelegenen
Zedernwldern heran. Kcher aus Katzenfell hingen auf ihrem Rcken.
Sie fhrten an Leinen riesige Hunde, die so gro waren wie Esel und
nicht bellten.

Aber als ob Afrika noch nicht gengend Menschen gespendet und als ob
man, um alle bsen Triebe zu versammeln, selbst der Hefe der Vlker
bedurft htte, sah man hinter allen diesen noch bldsinnig grinsende
Menschen mit Schafsprofilen, Elende, die durch widerliche Krankheiten
entstellt waren, verkrppelte Zwerge, Mischlinge von zweifelhaftem
Geschlecht, Albinos, die mit roten Augen in die Sonne blinzelten. Sie
stammelten unverstndliche Laute und steckten die Finger in den Mund,
zum Zeichen, da sie Hunger htten.

Der Wirrwarr der Waffen war nicht geringer als das Chaos der Trachten
und Vlker. Kein Mordwerkzeug fehlte, von den hlzernen Dolchen, den
Steinbeilen und elfenbeinernen Dreizacken bis zu den langen, dnnen,
sgeartig gezhnten Sbeln, die aus biegsamen Kupferstreifen gefertigt
waren. Man schwang Sbel, die wie Antilopenhrner in mehrere Spitzen
ausliefen, Messer, die an einem langen Strick befestigt waren, eiserne
Triangel, Keulen und Kolben. Die thiopier vom Bamboflusse trugen
kleine vergiftete Dolche im Haar versteckt. Manche hatten Steine in
Scken mitgebracht. Andre waren mit leeren Hnden gekommen und
klapperten mit ihrem Gebi.

Ein unaufhrliches Wogen ging durch diese Massen. Dromedare, wie
Schiffe ber und ber mit Teer bestrichen, rissen die Weiber um, die
ihre Kinder auf dem Rcken trugen. Mundvorrte fielen aus Krben. Man
trat auf Salzstcke, Sckchen mit gedrrtem Speck, verdorbene Datteln
und Gurunsse. Zuweilen sah man auf einer von Ungeziefer starrenden
Brust an einer dnnen Schnur Diamanten, nach denen Satrapen gefahndet
htten, schier fabelhafte Steine, die ein Knigreich wert waren. Die
meisten wuten kaum, was sie eigentlich wollten. Ein rtselhafter
Zauber, die Gier nach Neuem, trieb sie her. Nomaden, die noch nie eine
Stadt gesehen, empfanden Furcht vor dem Schatten der Mauern.

Die Landenge war von der Menschenmenge vllig bedeckt, und diese
breite Masse, aus der die Zelte hervorragten wie die Husergiebel bei
einer groen berschwemmung, dehnte sich bis zu den ersten Zeltreihen
des waffenblinkenden eigentlichen Sldnerlagers, das zu beiden Seiten
des hohen Aqudukts planmig aufgeschlagen war.

Die Karthager waren noch voller Entsetzen ber das Erscheinen ihrer
Feinde, da sahen sie schon, gleich Ungeheuern oder wandelnden Husern,
die von den tyrischen Stdten geschickten Belagerungsmaschinen mit
ihren Masten, Tauen, Hebeln, Hauben und Schutzschilden geradewegs auf
sich zukommen: sechzig Lafettengeschtze, achtzig Schleudergeschtze,
dreiig Steinbller, fnfzig Sturmkrane, zwlf grere Widder und drei
besonders schwere Ballisten, die Felsblcke im Gewicht von sieben bis
acht Zentnern schleudern konnten. Groe Menschenhaufen, gegen die
Untergestelle der Maschinen gestemmt, schoben sie vorwrts. Bei jedem
Schritt erzitterten sie. So gelangten sie vor die Mauern.

Es bedurfte jedoch noch mehrerer Tage, ehe man die Zurstungen
vollendet hatte. Die durch ihre Niederlagen gewitzigten Sldner
wollten sich nicht in nutzlosen Kmpfen opfern. Man hatte beiderseits
keine Eile, wohl wissend, da der Kampf furchtbar werden und mit Sieg
oder vlliger Vernichtung enden mute.

Karthago konnte lange Widerstand leisten. Seine breiten Mauern hatten
eine Reihe vorspringender Basteien; eine Anlage, zur Abwehr von
Strmen sehr vorteilhaft.

Nach der Totenstadt zu war freilich ein Teil der Mauer eingestrzt,
und in dunklen Nchten sah man durch die verfallenen Stellen die
Lichter in den Htten von Malka, die hie und da hher lagen als die
Wlle.

Hier hausten auch die von Matho vertriebenen Weiber der Sldner mit
ihren neuen Gatten. Als sie ihre alten Mnner wiedersahen, konnten sie
nicht widerstehen. Sie winkten von weitem mit ihren Tchern, kamen
dann in der Dunkelheit an die Mauerlcken, um mit den Sldnern zu
plaudern, und eines Morgens ward dem Groen Rat vermeldet, da sie
allesamt entflohen waren. Die einen hatten sich zwischen den Steinen
hindurchgezwngt, andre, beherztere, sich an Stricken hinabgelassen.

Endlich beschlo Spendius, einen bestimmten Plan auszufhren.

Der Krieg, der ihn von Karthago ferngehalten, hatte ihn bisher daran
gehindert, und seitdem er wieder vor der Stadt lag, schien es ihm, als
ob die Einwohner sein Vorhaben ahnten. Bald jedoch verminderten sie
die Posten auf der Wasserleitung. Man brauchte die Leute zur
Verteidigung der Mauern.

Der einstige Sklave bte sich mehrere Tage lang im Bogenschieen,
indem er auf die Flamingos am Haff jagte. Dann, an einem mondhellen
Abend, bat er Matho, mitten in der Nacht ein groes Strohfeuer
anznden und gleichzeitig seine Leute ein lautes Geschrei erheben zu
lassen. Begleitet von Zarzas ging er sodann am Ufer hin, in der
Richtung auf Tunis.

In Hhe mit dem letzten freistehenden Bogen des Aqudukts bogen sie
nach rechts und gingen stracks auf ihn zu. Das Terrain bot keine
Deckung. Sie krochen bis an den Unterbau der Pfeiler.

Die Posten oben auf der Plattform schritten ruhig auf und ab.

In diesem Augenblicke loderten in der Ferne hohe Flammen auf, und
Trompeten erklangen. Die Posten glaubten, der Feind mache einen
Sturmangriff, und eilten der Stadt zu.

Ein einziger war zurckgeblieben. Er hob sich schwarz vom Himmel ab.
Der Mond stand gerade hinter ihm, und der riesige Schatten des Mannes
fiel weit ber die Ebene, einem wandelnden Obelisken gleich.

Die beiden Sldner warteten, bis der Posten schrg ber ihnen stand.
Da griff Zarzas nach seiner Schleuder. Doch aus Vorsicht oder aus
Blutgier hielt Spendius ihn zurck.

Nicht doch! Das Schwirren der Tonkugel macht zu viel Lrm! Ich wills
tun!

Er spannte seinen Bogen mit aller Kraft, indem er das eine Ende gegen
die groe Zehe seines linken Fues stemmte. Dann zielte er. Der Pfeil
flog ab.

Der Mann fiel nicht herunter, aber er verschwand. Wre er verwundet,
so wrden wir ihn hren! meinte Spendius.

Mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune, ganz wie das erstemal,
kletterte er nun eiligst von Stockwerk zu Stockwerk hinauf. Als er
oben neben dem Erschossenen stand, lie er das Seil hinab. Der
Balearier band einen Hammer und eine Hacke daran und kehrte in das
Lager zurck. Die Trompeten waren verstummt. Alles war wieder ruhig.
Spendius hatte eine der Steinplatten aufgehoben, war ins Wasser
gestiegen und hatte den Gang ber sich wieder geschlossen.

Indem er die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte berechnete,
gelangte er zu einer bestimmten Stelle, wo er ehedem einen kleinen
senkrechten Spalt in der Mauer bemerkt hatte. Dort arbeitete er drei
Stunden lang bis zum Morgen ununterbrochen und fanatisch, wobei er
durch die Fugen der Deckplatten mhsam Luft schpfte, fters von
Atemnot befallen ward und sich zwanzigmal dem Tode nahe whnte.
Endlich krachte es. Ein riesiger Steinblock strzte, von Stockwerk zu
Stockwerk fallend, hinab, und pltzlich ergo sich ein Katarakt, ein
voller Wasserstrom aus den Lften hinab in die Ebene. Die
durchbrochene Wasserleitung entleerte sich. Das war der Tod fr die
Stadt und der Sieg fr die Barbaren!

Bald darauf waren die Karthager alarmiert und erschienen auf den
Mauern, den Husern, den Tempeln. Die Barbaren strzten laut jubelnd
herbei. Wie rasend umtanzten sie den groen Wasserfall und tauchten im
berma ihrer Freude die Kpfe in die Fluten.

Auf der Hhe des Aqudukts bemerkte man einen Mann in brauner,
zerrissener Tunika. Die Hnde in die Hften gestemmt, beugte er sich
ber den Rand und schaute hinab, wie erstaunt ber sein eigen Werk.

Dann richtete er sich hoch auf und lie seinen Blick stolz ber den
Horizont schweifen, als wolle er sagen: Das alles ist jetzt mein!
Die Karthager, die ihr Unglck voll begriffen, heulten vor
Verzweiflung. Da begann Spendius auf der Plattform von einem Rande zum
andern zu laufen, und wie ein Wagenlenker, der bei den olympischen
Spielen triumphiert, hob er im Rausche seines Stolzes die Arme gen
Himmel.




XIII

Moloch


Nach dem Innern des Landes zu bedurften die Barbaren keines Walles.
Das Hinterland war in ihrer Gewalt. Um aber leichter an die Mauern der
Stadt heranzukommen, zerstrte man die vor dem Wallgraben angelegte
Brustwehr. Die Stellungen seiner Truppen ordnete Matho in einem groen
Halbkreise an und schlo damit Karthago an der Landseite vollstndig
ab. Das schwere Fuvolk der Sldner stellte er in das vorderste
Treffen, weiter hinter die Schleuderer und die Reiterei und zuhinterst
das Gepck, die Wagen und die Pferde. Vor der ganzen Heeresmasse,
dreihundert Schritte von den Trmen Karthagos entfernt, standen die
Geschtze und Belagerungsmaschinen.

Bei der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer Benennungen, die im Laufe
der Jahrhunderte mehrfach gewechselt hatten, konnte man die Geschtze
immerhin noch in zwei Systeme gliedern: in Geschtze mit
Horizontalspannung und in solche mit Winkelspannung. Die ersteren, die
Katapulte oder Pfeilgeschtze, schossen lediglich Pfeile, auch
Brandpfeile. Die andern, die Ballisten oder Steinbller, warfen
Steinkugeln oder nach ihrem Gewicht genau abgemessene Steine, auch
mchtige balkenartige Pfeile. Die Katapulte hieen auch Skorpione.

Daneben gab es noch Schleudergeschtze, die Onager, so genannt nach
den Wildeseln, die mit ihren Hinterhfen Steine werfen.

Die Erbauung aller dieser schweren Geschtze erforderte
wissenschaftliche Berechnungen. Das Holz mute von den hrtesten
Sorten sein. Smtliche feineren Teile waren aus Erz. Die greren
Kaliber wurden nicht mit der Hand gespannt, sondern durch Flaschenzge
und dergleichen. Die grobe Seitenrichtung der groen Geschtze wurde
durch lange Richtbume genommen. Die Fortbewegung erfolgte auf Walzen.
Die grten, die man stckweise herbeischaffte, wurden erst angesichts
des Feindes zusammengesetzt.

Spendius richtete seine drei grten Steinbller gegen die drei
Hauptvorsprnge der Mauer. Vor jedes Tor stellte er einen Widder, vor
jeden Turm ein Pfeilgeschtz. Die Karroballisten, das waren die
Geschtze auf fahrbaren Lafetten, fuhren weiter hinten auf. Sie
berschossen die vorderen. An den Stellen, wo man die Geschtze aus
den Schanzen herausschob, mute man vorher den Graben zuschtten.

Alle diese Maschinen mute man gegen das Feuer der Belagerten
schtzen. Man schob Lauben aus Reisig und sogenannte Schildkrten aus
Eichenholz vor, die riesigen Schilden glichen und auf drei Rdern
liefen. Kleine, mit frischen Huten berzogene und mit Seegras
gepolsterte Htten deckten die Bedienungsmannschaft. Die Katapulte und
Ballisten schtzte man durch Seilvorhnge, die in Essig getaucht
waren, um sie unverbrennbar zu machen. Frauen und selbst Kinder halfen
den Geschtzbedienungen, indem sie die ntigen Steine suchten und
herbeischleppten.

Die Karthager rsteten sich gleichfalls.

Hamilkar hatte sie rasch beruhigt, indem er erklrte, da in den
Zisternen Wasser fr hundertdreiundzwanzig Tage vorhanden sei. Diese
Versicherung, seine Gegenwart und namentlich die des heiligen Mantels
machten die Stadt guten Mutes. Sie erholte sich von ihrer Bestrzung,
und auch die Einwohner nicht kanaanitischer Herkunft wurden durch den
Eifer der andern mit fortgerissen.

Man bewaffnete die Sklaven. Man leerte die Zeughuser. Jeder Brger
erhielt sein Amt und seinen Posten. Von den berlufern waren noch
zwlfhundert da. Der Suffet ernannte sie smtlich zu Unteroffizieren.
Die Waffen-, Grob- und Goldschmiede wurden in den Geschtzwerksttten
angestellt. Die Karthager besaen noch einige schwere Geschtze, den
Friedensbedingungen mit den Rmern zuwider. Man setzte sie wieder
instand. Die Handwerker verstanden sich darauf.

Die Nord- und Ostseite der Stadt, durch das Meer und den Golf
geschtzt, waren uneinnehmbar. Auf die von den Barbaren belagerte
Mauer auf der Landenge schaffte man Baumstmme, Mhlsteine, Bottiche
mit Schwefel, und Fsser voll l. Man erbaute fen, hufte Steine auf
der Plattform der Trme und fllte die Huser, die unmittelbar an den
Wall stieen, mit Sand, um dadurch seine Widerstandsfhigkeit und
Strke zu zu vermehren.

Angesichts dieser Zurstungen gerieten die Barbaren in Wut. Sie
wollten den Kampf unverzglich beginnen. Die Steine, mit denen sie
ihre Ballisten luden, waren aber so ungeheuer schwer, da die
Geschtze defekt wurden. Der Sturm mute aufgeschoben werden.

Endlich, am dreizehnten Tage des Monats Schebar, vernahm man in der
Stadt bei Sonnenaufgang einen gewaltigen Sto gegen das Khamontor.

Fnfundsiebzig Soldaten schoben an Seilen einen Widder heran. Das war
ein mchtiger Balken, der an Ketten wagrecht von einem Gerste
herabhing und vorn in einen ehernen Widderkopf auslief. Man hatte den
Balken mit Ochsenhuten berzogen und in Abstnden mit eisernen Reifen
umschmiedet. Er war dreimal so dick wie ein Mannskrper und siebzig
Meter lang. Wenn ihn die Menge der nackten Arme vorstie, schwebte er
in regelmigen Schwingungen vor und wieder zurck.

Auch die Widder vor den andern Toren begannen ihre Ttigkeit. In den
hohlen Tretrdern sah man Menschen von Staffel zu Staffel springen.
Die Flaschenzge und Walzen knarrten und knirschten, die Seilvorhnge
sanken herab, und ein Hagel von Steinen und Pfeilen sauste mit einem
Male los. Die Schleuderer liefen smtlich in ausgeschwrmter Ordnung
vor. Einige, die Tpfe voll brennenden Harzes unter ihren Schilden
versteckt trugen, nherten sich dem Walle. Dort schleuderten sie sie
aus Leibeskrften hinber. Der Pfeil-, Kugel- und Feuerregen berflog
die oben Kmpfenden und fiel im Bogen hinter den Mauern nieder. Auf
deren Kamm aber erhoben sich lange Krne, wie sie zum Aufrichten der
Schiffsmasten gebraucht wurden. Durch sie lie man riesige Zangen
herab, die in zwei innerlich gezahnte Halbkreise ausliefen. Diese
packten je einen Widder. Die Sldner klammerten sich am Balken fest
und zerrten ihn rckwrts. Die Karthager dagegen zogen ihn empor.
Dieses Ringen dauerte bis zum Abend.

Als die Sldner am nchsten Morgen den Angriff wieder aufnahmen,
hingen von den Zinnen der Mauern berall Baumwollballen, Decken und
Kissen herab, und die Scharten waren mit Matten verstopft. Zwischen
den Kranen erblickte man auf dem Walle eine lange Reihe von groen
Gabeln und Hackmessern, die an Stangen befestigt waren. Alsbald begann
abermals ein wtender Widerstand.

Baumstmme, von Tauen gehalten, strzten abwechselnd auf die Widder
herab und wurden dann wieder hoch gezogen. Mit Haken, die durch die
Geschtze geworfen wurden, ri man die Dcher von den Schutzlauben,
und von der Plattform der Trme regneten Strme von Ziegeln und
Steinen herab.

Endlich brachen die Widder das Tagaster Tor und das Khamontor ein.
Indessen hatten die Karthager den Torbogen mit einer solchen Flle von
Gegenstnden verrammelt, da die Flgel nicht aufgingen, sondern
stehen blieben.

Nun griff man die Mauer mit Stangenbohrern an, die, in den Fugen
eingesetzt, einzelne Quader ausbrechen sollten. Die Geschtze wurden
nachgerichtet, ihre Bedienungsmannschaften in Nummern und Ablsungen
abgeteilt. Vom Morgen bis zum Abend arbeiteten sie unausgesetzt mit
der eintnigen Genauigkeit von Websthlen.

Spendius war unermdlich darin, die Richtungen der Geschtze zu
prfen. Er half eigenhndig beim Spannen der Ballisten. Da die
Spannung rechts wie links vllig gleichsein mute, schlug man, whrend
des Anziehens der Spannerven, abwechselnd auf den rechten und den
linken Spannbolzen, bis beide einen gleichen Klang gaben. Spendius
stieg auf die Lafetten und stie mit der Fuspitze leise an die Sehne.
Dann lauschte er gespannt, wie ein Zitherspieler, der seine Leier
stimmt. Und wenn dann die Schnellbalken der Schleudergeschtze
losgingen, wenn die Sulen der Ballisten vom Rckschlag erzitterten,
wenn die Steine der Bller und die Pfeile der Katapulte dahinsausten,
dann beugte er sich mit dem ganzen Krper vor und fuhr mit den Hnden
in die Luft, um der Flugbahn zu folgen.

Die Soldaten bewunderten seine Geschicklichkeit und fhrten seine
Befehle stramm aus. Die Arbeit erheiterte sie, und unter Anknpfung an
die Bezeichnungen der einzelnen Maschinen machten sie Witze. Weil die
Zangen zum Packen der Widder Wlfe hieen und die bedeckten Gnge
Weinlauben, so nannten sie sich selbst die Lmmer, oder sie
scherzten, es gehe zur Weinlese. Beim Spannen der Onager riefen sie:
Los! Schlag mal tchtig aus! und zu den Skorpionen: Stich mal
feste! Diese Spe--immer dieselben--hielten ihren Mut aufrecht.

Doch die Geschtze vermochten der groen Mauer keine Bresche
beizubringen. Sie bestand eigentlich aus zwei Mauern, mit Erde
dazwischen. Man zerstrte zwar die oberen Teile, doch die Belagerten
besserten sie immer wieder aus. Matho befahl, Holztrme zu bauen,
ebenso hoch wie die steinernen der Stadtbefestigung. Man warf
Rasenstcke, Balken, groe Steine, ganze Karren Sand samt ihren Rdern
in den Graben, um ihn mglichst rasch zu fllen. Und noch ehe er ganz
zugeschttet war, wogte eine ungeheure Menge von Barbaren mit einem
Male von der Landenge her und brandete gegen den Fu der Mauern, wie
ein berschumendes Meer.

Man brachte Holzleitern, Strickleitern und Fallbrcken, sogenannte
Sambuken heran. Diese bestanden aus zwei Mastbumen, von denen sich an
Tauen und Leitrollen eine bewegliche Brcke herabsenkte. Man brachte
eine Reihe solcher Fallbrcken an die Mauer heran und lie die Brcken
im geeigneten Moment auf die Zinnen fallen. Die Sldner stiegen sodann
einer hinter dem andern mit Waffen in der Hand die schrge Brcke
hinauf. Kein Karthager zeigte sich. Schon waren die Vordersten
ziemlich nahe den Zinnen, da belebten sich diese und spien gleich
Drachenschlnden Feuer und Rauch aus.

Sandmassen flogen herab und drangen den Sturmkolonnen zu Fen der
Mauer durch die Ritzen der Rstungen. Siedendes Steinl flo ber die
Kleider, flssiges Blei rann ber die Helme und brannte Lcher ins
Fleisch. Ein Funkenregen spritzte in die Gesichter, und leer gewordene
Augenhhlen schienen mandeldicke Trnen zu weinen. Mnnern, die mit l
begossen worden waren, brannten die Haare. Sie begannen zu laufen und
steckten die andern auch in Flammen. Man erstickte sie, indem man
ihnen von weitem blutgetrnkte Mntel berwarf. Manche, die
unverwundet aussahen, blieben unbeweglich und steifer als Pfhle mit
offenem Munde und ausgestreckten Armen stehen.

Mehrere Tage hintereinander ward der Sturm immer wieder erneuert. Die
Sldner hofften durch ein berma von Kraft und Khnheit zu siegen.

Hier und da sprangen Mnner auf die Schultern der andern, bohrten
eiserne Stbe in die Steinfugen, benutzten sie als Sprossen zum
Hinaufklettern, wobei sie einen zweiten und dritten einbohrten.
Dadurch gelangten sie, durch die vorspringende Mauerzinne ber ihnen
geschtzt, allmhlich empor. Doch aus einer gewissen Hhe strzten sie
rettungslos herab. Der groe Graben war bald bis ber den Rand mit
Leichen gefllt. Unter den Fen der Lebenden lagen Verwundete, Tote
und Sterbende bunt durcheinander. Zwischen herausquellenden
Eingeweiden, verspritztem Hirn und Blutlachen starrten halbverkohlte
Stmpfe wie schwarze Flecken. Arme und Beine ragten halb aus
Leichenhgeln hervor, wie Pfhle in einem ausgebrannten Weinberg.

Da man mit den Sturmleitern und Fallbrcken nichts ausrichtete, begann
man die Tollenonen zu gebrauchen, Gerste mit einem langen Kran, der
einen groen viereckigen Korb dirigierte, in dem dreiig Mann samt
ihren Waffen Platz finden konnten.

Matho wollte in den ersten dieser Sturmkrane steigen, der bereit war;
aber Spendius hielt ihn zurck.

Die Bedienungsmannschaft drehte an der Winde. Der Korb schwebte
langsam in die Hhe. Die Soldaten darin duckten sich eng aneinander,
bis ans Kinn versteckt. Nur die Helmfedern sahen hervor. Als der Korb
fnfzig Ellen hoch in der Luft schwebte, drehte er sich, dann senkte
er sich ein wenig, wie ein Riesenarm, der auf seiner Hand eine Schar
von Zwergen trgt, und setzte schlielich den mit Menschen gefllten
Korb oben auf der Stadtmauer ab. Die Soldaten strzten sich auf die
Gegner und kehrten niemals zurck.

Flugs wurden auch die brigen Tollenonen aufgestellt. Doch um die
Stadt zu erobern, htte man ihrer hundertmal mehr haben mssen. Man
gebrauchte sie nun auf eine mrderische Weise. thiopische
Bogenschtzen traten in die Krbe und wurden hochgezogen. Nachdem man
die Tauenden unten festgewickelt hatte, blieben die Krbe in der
Schwebe, und die Schtzen schossen mit vergifteten Pfeilen. So
umringten die fnfzig Tollenonen, von denen man die Zinnen
beherrschte, Karthago wie riesige Geier. Die Neger lachten, wenn sie
die Wallverteidiger unter frchterlichen Zuckungen sterben sahen.

Hamilkar schickte Schwerbewaffnete auf die Mauern. Er lie sie alle
Morgen vor dem Ausrcken den Saft gewisser Kruter trinken, der sie
gegen das Gift feien sollte.

Eines Abends bei dunklem Wetter schiffte er seine Kerntruppen auf Barken
und Flen ein, fuhr in sdlicher Richtung aus dem Hafen hinaus und
landete an der Taenia. Von dort rckte er bis an die uersten Stellungen
der Barbaren heran, fiel ihnen in die Flanke und richtete unter ihnen ein
Blutbad an. Auch wurden nachts Mnner mit Fackeln an Seilen von den
Mauern herabgelassen. Sie steckten die Belagerungsmaschinen der Sldner
in Brand und wurden dann wieder emporgezogen.

Matho war erbittert. Jede Verzgerung, jedes neue Hindernis steigerte
seine Wut. Er verfiel auf frchterliche und sonderbare Dinge. So lud
er Salambo in Gedanken zu einem Stelldichein und erwartete sie dann.
Sie kam natrlich nicht. Das schien ihm ein neuer Verrat, und fortan
verabscheute er sie. Htte er ihren Leichnam gesehen, so wre er
vielleicht abgezogen. Er verdoppelte die Vorposten, pflanzte am Fue
der Stadtmauern Gabeln auf, legte Fuangeln an und befahl seinen
Libyern, ihm einen ganzen Wald herbeizuschaffen, den er anznden
wollte, um Karthago auszuruchern wie einen Fuchsbau.

Spendius betrieb die Belagerung mit zher Hartnckigkeit. Er suchte
schreckliche Maschinen zu erfinden, wie man noch nie welche
hergestellt hatte.

Die brigen Barbaren, die weiter weg auf der Landenge lagerten,
wunderten sich ber die Saumseligkeit der Belagerung und begannen zu
murren. Man lie sie strmen.

Sie berannten mit ihren Sbeln und Wurfspieen die Tore. Doch ihre
nackten Leiber waren mit Leichtigkeit kampfunfhig zu machen. Die
Karthager erschlugen sie in Massen, und die Sldner freuten sich
darber, ohne Zweifel aus Eifersucht in Aussicht auf die Plnderung.
Zwiste und Kmpfe brachen unter den Belagerern aus. Da das Hinterland
verwstet war, fing man an, sich um die Lebensmittel zu reien. Viele
verloren den Mut, und zahlreiche Banden zogen ab. Aber die Menge war
so gro, da dies nicht in Betracht kam.

Belagerungskundige versuchten Minen zu graben. Doch Hamilkar erriet
stets die Richtung der Gnge, indem er sein Ohr an einen ehernen
Schild legte. Er grub in der Nacht Gegenminen an Stellen, wo die
Holztrme darber hinwegfahren muten. Wenn man sie dann am andern
Tage vorschob, brachen sie ein.

Am Ende kam man allgemein zu der Ansicht, da die Stadt uneinnehmbar
war, solange man nicht einen langen Erdwall in gleicher Hhe mit der
Stadtmauer aufwarf, der es gestattete, mit den Belagerten auf gleicher
Hhe zu kmpfen. Die Wallkrone sollte gepflastert werden, um die
Geschtze darauf hin und her fahren zu knnen.

Dann aber konnte Karthago unmglich lnger Widerstand leisten!

Die Stadt begann an Wassermangel zu leiden. Das Wasser, das zu Beginn
der Belagerung zwei Kesitah das Bat gegolten hatte, kostete jetzt
einen Silbersekel. Auch die Fleisch- und Kornvorrte nahmen stark ab.
Man frchtete eine Hungersnot. Manche sprachen sogar von unntzen
Mulern, was alle Welt in Schrecken setzte.

Vom Khamonplatze bis zum Melkarthtempel versperrten Leichen die
Straen; und da es Hochsommer war, qulten groe schwarze Fliegen die
Kmpfenden. Greise schafften die Verwundeten fort. Fromme feierten
Scheinbegrbnisse von Verwandten und Freunden, die drauen auf dem
Schlachtfelde gefallen waren. Wachsbilder mit Haaren und Kleidern
lagen quer vor den Tren und schmolzen unter der Hitze der neben ihnen
brennenden Kerzen. Die Bemalung lief ihnen ber die Schultern. Trnen
aber rannen ber die Gesichter der Lebenden, die um sie herum ihre
Klagelieder sangen. Whrenddem lief die Menge auf den Straen hin und
her. Scharen Bewaffneter zogen vorber. Die Hauptleute gaben laute
Befehle. Dazu hrte man immerfort den Sto der Widder, die drauen
gegen den Wall donnerten.

Die Witterung ward so schwl, da die Leichen aufschwollen und nicht
mehr in die Srge hineinpaten. Man verbrannte sie auf den Hfen. Doch
in der Enge sprang das Feuer auf die benachbarten Wnde ber, und
pltzlich schossen lange Flammen aus den Husern, wie Blut, das aus
einer Ader in die Hhe spritzt. So hauste Moloch in Karthago. Er
umzingelte drauen die Wlle, wlzte sich innen durch die Straen und
verzehrte alles, selbst die Toten.

Mnner, die zum Zeichen ihrer Verzweiflung Mntel aus aufgelesenen
Lappen trugen, stellten sich an den Straenecken auf. Sie fhrten
Reden gegen die Alten, gegen Hamilkar, weissagten dem Volke den
vlligen Untergang und forderten es auf, sich alles zu erlauben, alles
zu zerstren. Die Gefhrlichsten waren die Bilsenkrauttrinker. In
ihrem Taumel hielten sie sich fr wilde Tiere, sprangen die
Vorbergehenden an und zerfleischten sie. Um sie herum entstanden
Auflufe. Man verga darber die Verteidigung der Stadt. Der Suffet
fand Abhilfe. Er besoldete Mitbrger, die seine Politik vertraten.

Um die Geister der Gtter in Karthago festzuhalten, hatte man ihre
Bildnisse an schwere Ketten gelegt. Man hllte die Kabiren in schwarze
Schleier und umhing die Altre mit hrenen Decken. Man versuchte, den
Ehrgeiz und die Eifersucht der einzelnen Gtter anzustacheln, indem
man ihnen ins Ohr brllte: Du willst dich besiegen lassen! Sind
fremde Gtter am Ende strker? Ermanne dich! Hilf uns! Sonst sagen die
andern Vlker gar: Wo sind jetzt Karthagos Gtter!

Bestndige Angst erfllte die Priesterschaften, besonders die Priester
der Mondgttin, weil die Rckkehr des heiligen Mantels nichts gentzt
hatte. Sie hielten sich in der dritten Umfriedigung eingeschlossen,
die uneinnehmbar war wie eine Burg. Ein einziger von ihnen wagte sich
hinaus: der Oberpriester Schahabarim.

Er kam zu Salambo, verharrte jedoch entweder in tiefem Schweigen und
schaute sie mit starren Blicken an, oder er machte ihr in einer Flut
von Worten hrtere Vorwrfe denn je.

Infolge eines unerklrlichen Widerspruches verzieh er ihr nicht, da
sie seinen Befehlen folgsam gewesen war. Schahabarim hatte alles
erraten. Aber diese Vermutung, die nicht von ihm wich, mehrte seine
ohnmchtige Eifersucht. Er beschuldigte sie, die Ursache des Krieges
zu sein. Matho, so sagte er, belagere Karthago, um den Zaimph wieder
zu erobern. Dabei berschttete er den Barbaren, der sich anmae,
heilige Dinge zu besitzen, mit Verwnschungen und Spott. Und doch
wollte der Priester damit etwas ganz anderes ausdrcken.

Salambo empfand jetzt keine Furcht mehr vor ihm. Die Bengstigungen,
an denen sie frher gelitten, hatten sich verloren. Eine seltsame Ruhe
erfllte sie. Ihre Blicke waren nicht mehr unstet, und ihre Augen
glnzten in klarem Feuer. Die Pythonschlange dagegen war abermals
erkrankt, und da Salambo im Gegensatz zu ihr sichtlich gesnder ward,
so freute sich die alte Taanach darber. Sie war berzeugt, da das
Tier durch sein Hinsiechen die Krankheit von ihrer Herrin nehme.

Eines Morgens fand sie es hinter seinem Lager in sich zusammengerollt,
klter als Marmor. Sein Kopf wimmelte von Wrmern. Auf ihr Geschrei
kam Salambo herbei. Sie drehte die Schlange mehrere Male mit der
Spitze ihrer Sandale um. Die Sklavin war erstaunt ber die
Gleichgltigkeit ihrer Herrin.

Hamilkars Tochter setzte auch ihr Fasten nicht mehr mit dem alten
Eifer fort. Tagelang verbrachte sie oben auf dem flachen Dache des
Schlosses, die Ellbogen auf die Brstung gelehnt, und belustigte sich
damit, Ausschau zu halten. Wo die Stadt zu Ende war, da hob sich der
Mauerkranz mit seiner zackigen Zinnenlinie vom Himmel ab, und die
Lanzen der Posten bildeten lngs seiner Krone einen Stachelzaun.
Jenseits der Mauern erblickte sie zwischen den Trmen die Bewegungen
der Barbaren. An den Tagen, wo die Belagerung ruhte, konnte sie sogar
erkennen, was sie in ihren Lagern trieben. Sie flickten ihre Rstungen
aus, salbten sich das Haar mit Fett oder wuschen sich ihre blutigen
Arme im Haff. Die Zelte waren geschlossen, die Lasttiere fraen.
Dahinter sah man die im Halbkreise aufgestellten Sichelwagen wie einen
silbernen Krummsbel am Fue der Berge blinken. Schahabarims Worte
kamen ihr wieder in den Sinn. Sie erwartete ihren Verlobten Naravas,
aber trotz ihres Hasses htte sie auch Matho gern wiedersehn mgen. In
ganz Karthago war sie vielleicht der einzige Mensch, der ohne Furcht
mit ihm gesprochen htte.

Oft kam ihr Vater in ihr Gemach. Er setzte sich tiefatmend auf die
Kissen und betrachtete sie mit fast zrtlicher Miene, als fnde er in
ihrem Anblick eine Erholung von seinen Mhsalen. Mehrfach forschte er
sie ber ihre Reise in das Lager der Sldner aus. Er fragte sogar
einmal, ob sie nicht doch von jemandem dazu angestiftet worden sei.
Sie verneinte es durch eine Kopfbewegung. Salambo war stolz darauf,
den heiligen Mantel gerettet zu haben. Immer wieder kam der Suffet
unter dem Vorwande, militrische Dinge zu erkunden, auf Matho zurck.
Insgeheim begriff er nicht, wozu sie so viel Zeit in seinem Zelte
gewesen war. Auch von Gisgo erzhlte Salambo nichts, denn da--nach
ihrem Glauben--schon bloe Worte eine wirkliche Macht besitzen, so
konnten Verwnschungen, die man jemandem berichtete, sich gegen ihn
kehren. Ebenso verschwieg sie ihr Mordgelst, aus Furcht, getadelt zu
werden, weil sie dem nicht nachgegeben hatte. Sie berichtete nur, der
Schalischim sei sichtlich zornig gewesen und habe sehr laut
gesprochen, dann sei er eingeschlafen. Mehr erzhlte Salambo nicht,
vielleicht aus Scham, vielleicht auch, weil sie in ihrer groen
Unschuld den Kssen des Soldaten keine Bedeutung beima. berdies
flossen alle jene Vorgnge in ihrem Kopfe wehmtig und wirr
durcheinander wie die Erinnerung an einen schweren Traum. Sie htte
nicht gewut, auf welche Weise und mit welchen Worten sie alles htte
ausdrcken sollen.

Eines Abends, als sie so einander gegenbersaen, trat Taanach ganz
bestrzt ein. Ein Greis mit einem Kinde sei unten im Hofe und wolle
den Suffeten sprechen.

Hamilkar erbleichte. Dann erwiderte er rasch:

Er soll heraufkommen!

Iddibal trat ein, ohne sich niederzuwerfen. Er fhrte einen Knaben an
der Hand, der in einen Mantel aus Bocksfell gehllt war. Er zog rasch
die Kapuze zurck, die das Gesicht des Knaben verhllte, und sagte:

Da ist er, Herr! Nimm ihn!

Der Suffet und der Sklave zogen sich in eine Ecke des Gemaches zurck.

Das Kind war in der Mitte des Gemachs aufrecht stehen geblieben und
musterte mit einem mehr neugierigen als erstaunten Blick die
Zimmerdecke, das Hausgert, die Perlenschnre auf den Purpurvorhngen
und das hoheitsvolle junge Weib, das sich zu ihm herabbeugte.

Er war etwa zehn Jahre alt und nicht grer als ein Rmerschwert.
Krause Haare beschatteten seine gewlbte Stirn. Seine Augen sahen mit
Vorliebe in die Ferne. Die feinen Nasenflgel vibrierten ihm. ber
seiner ganzen Erscheinung lag ein geheimnisvoller Schimmer, wie ihn
die haben, die zu groen Taten vorbestimmt sind. Als er seinen
schweren Mantel abgeworfen hatte, stand er in einem Luchsfell da, das
seine Hften umkleidete, und stampfte mit seinen kleinen bloen Fen,
die wei vom Staube waren, fest auf die Fliesen. Offenbar erriet er,
da man wichtige Dinge verhandelte, denn er blieb unbeweglich stehen,
eine Hand auf dem Rcken und den Kopf gesenkt, einen Finger im Munde.

Endlich winkte Hamilkar Salambo zu sich und sagte leise zu ihr:

Du wirst ihn bei dir behalten, verstehst du? Niemand, selbst keiner
im Hause, darf um sein Dasein wissen!

Hinter der Tr fragte er Iddibal noch einmal, ob er sicher sei, da
ihn niemand mit dem Knaben erblickt habe.

Sicherlich niemand! versetzte der Sklave. Die Straen waren leer.

Da sich der Krieg ber alle Provinzen ausdehnte, hatte Iddibal um den
Sohn seines Herrn Angst bekommen, und da er nicht wute, wo er ihn
verbergen sollte, war er in einem Boot an der Kste entlang gefahren.
Drei Tage lang hatte er im Golf gekreuzt und die Wlle beobachtet.
Endlich, an diesem Abend, da die Umgebung des Khamontempels
menschenleer war, hatte er die Durchfahrt schnell passiert und war am
Arsenal gelandet. Der Hafeneingang war noch frei. Nicht viel spter
freilich legten die Barbaren ein riesiges Flo davor, um den
Karthagern die Ausfahrt zu sperren. Auerdem errichteten sie hlzerne
Trme. Gleichzeitig stieg auch der Erdwall empor.

Die Verbindung nach auen war nunmehr abgeschnitten, und eine
unertrgliche Hungersnot begann.

Man schlachtete alle Hunde, Maultiere und Esel, dann auch die fnfzehn
Elefanten, die der Suffet zurckgebracht hatte. Die Lwen des
Molochtempels waren toll geworden, und die Tempeldiener wagten sich
nicht mehr an sie heran. Man ftterte sie anfangs mit verwundeten
Barbaren. Dann warf man ihnen Tote vor, die noch warm waren. Aber die
Bestien verschmhten sie, und so starben sie smtlich. In der
Dmmerung irrten Leute lngs der alten Mauern zwischen der Altstadt
und Megara hin und pflckten zwischen den Steinen Kruter und Blumen,
die sie in Wein kochten. Wein war billiger als Wasser geworden. Andre
schlichen sich bis zu den feindlichen Vorposten und drangen in die
Zelte, um Nahrungsmittel zu rauben. Die Barbaren waren darber so
verblfft, da sie die Dreisten bisweilen entkommen lieen. Endlich
kam der Tag, an dem die Alten beschlossen, die Rosse Eschmuns heimlich
zu schlachten. Das waren heilige Tiere, deren Mhnen die Priester mit
goldenen Bndern durchflochten. Sie versinnbildlichten die Bewegung
der Sonne, die Idee des Feuers in seiner hchsten Gestalt. Ihr Fleisch
wurde in gleichgroe Stcke zerlegt und hinter dem Altar vergraben.
Fortan kamen die Alten, irgendeine Andacht vorschtzend, allabendlich
zum Tempel hinauf und sttigten sich verstohlen. Auch nahmen sie unter
ihrem Gewande Stcke fr ihre Kinder mit. In den einsamen
Stadtvierteln, die weit von den Mauern ablagen, hatten sich die
weniger Notleidenden aus Furcht vor den andern verrammelt.

Die Steine der feindlichen Geschtze und die Zerstrungen, die zur
Verteidigung der Stadt angeordnet worden waren, hatten die Straen mit
Schutt und Trmmern erfllt. In den ruhigeren Stunden zogen oft
schreiende Volksmassen durch. Von der Hhe der Burg betrachtet, sahen
die Feuersbrnste wie hie und da auf die flachen Dcher geworfene
Purpurtcher aus, die im Winde zu flattern schienen.

Trotz aller andern Arbeiten ruhten die drei schwersten Geschtze der
Belagerer nicht. Die Verheerungen, die sie anrichteten, waren
auerordentlich. So ward der Kopf eines Mannes bis an den Giebel der
Syssitien geschleudert. In der Kinisdostrae ward eine Wchnerin von
einem herabfallenden Marmorblocke zerschmettert und ihr Kind mitsamt
dem Tragekissen bis zum Kinasyner Schlag geworfen, wo man die Decke
wiederfand.

Am unangenehmsten aber waren die Schleuderkugeln. Sie fielen auf die
Dcher, in die Grten und in die Hfe, whrend man ngstlich beim
kargen Mahle sa. Die furchtbaren Geschosse trugen eingeritzte
Buchstaben, die sich in das Fleisch eindrckten. So konnte man auf der
Haut von Toten Schimpfworte lesen wie: Schwein! Raubtier! Dreck!
oder Spttereien wie: Fang mich! oder Ich habs verdient!

In den Teil des Walles, der vor den Zisternen lag, wurden Breschen
gelegt. Dadurch sahen sich die Bewohner von Malka zwischen der alten
Mauer, die Megara von der Altstadt trennte, zur Rechten, den Mauern
des Burgbezirks im Rcken und den Barbaren von vorn eingekeilt. Doch
man hatte genug zu tun, die Innenmauer am Burgberge instand zu setzen
und sie so hoch wie mglich zu machen. Man konnte sich nicht um arme
Leute kmmern und lie sie im Stiche. Sie kamen alle um. Obgleich sie
allgemein verhat waren, erregte das doch einen groen Abscheu gegen
Hamilkar.

Am Tage darauf ffnete er die Keller, in denen er sein Getreide
aufbewahrte. Seine Verwalter verteilten es unter das Volk. Drei Tage
lang stopfte man sich damit voll.

Der Durst ward nun erst recht unertrglich. Dabei hatte man immerfort
die groe Kaskade vor Augen, in der das klare Wasser der zerstrten
Leitung herabpltscherte. Wenn die Sonne ihre Strahlen darauf warf,
umhllte ein feiner Nebel den Wasserfall, und ein Regenbogen schwang
sich darber. Ein kleiner Bach aber schlngelte sich durch die Ebene
und ergo sich in das Haff.

Hamilkar verlor den Mut nicht. Er rechnete auf ein Ereignis, auf etwas
Entscheidendes, auf ein Wunder. Seine Sklaven rissen die silbernen
Platten vom Melkarthtempel. Im Hafen zog man vier groe
Transportschiffe ans Land, schaffte sie auf Walzen bis an das Ende der
Strae der Mappalier und durchbrach dort die Mauer zwischen Strae und
Meer. Die Schiffe gingen von da aus nach Gallien in See, um dort um
jeden Preis Sldner anzuwerben. Hamilkar war noch immer zu seinem
groen rger vom Numidierfrsten abgeschnitten, obwohl er wute, da
Naravas hinter den Barbaren stand, bereit, ihnen in den Rcken zu
fallen. Naravas war aber allein zu schwach und konnte keinen Angriff
wagen. Der Suffet lie den Wall um drei Meter erhhen, alles
Kriegsgert aus den Zeughusern nach der Burg schaffen und die
Geschtze abermals ausbessern.

Zu den Spannerven der Steingeschtze benutzte man Genicksehnen von
Stieren oder Sprungsehnen von Hirschen. Nun aber gab es in Karthago
weder Hirsche noch Stiere mehr. Hamilkar forderte daher von den Alten
das Haupthaar ihrer Frauen. Alle opferten es. Doch das gengte noch
nicht. In den Gebuden der Syssitien befanden sich zwlfhundert
mannbare Sklavinnen, die fr die Prostitution in Griechenland und in
Italien bestimmt waren und deren Haar, sehr geschmeidig durch den
Gebrauch von Salben, vorzglich geeignet gewesen wre. Doch der
Verlust htte sich spter zu fhlbar gemacht. Daher ward beschlossen,
unter den Frauen der Plebejer das schnste Haar auszuwhlen. Aber
gleichgltig gegen die Bedrfnisse des Vaterlandes schreien sie
verzweifelt, als die Schergen der Hundertmnner mit Scheren kamen und
Hand an sie legten.

Vermehrte Wut beseelte die Barbaren. Man sah von weitem, wie sie
Leichenfett ausschmolzen, um ihre Maschinen damit zu len. Andre
rissen den Toten die Ngel von den Hnden und Fen und nhten sie
Stck fr Stck aneinander, um Panzer herzustellen. Man kam auf den
Einfall, Gefe voll Schlangen, die von Negern herbeigebracht wurden,
in die Ballisten zu laden. Die so in die Stadt geschleuderten Tontpfe
zerbrachen auf dem Pflaster, die Schlangen schlpften heraus und waren
schlielich in solchen Mengen anzutreffen, da es aussah, als kmen
sie aus den Mauern. Fortwhrend verbesserten die Barbaren ihre
Erfindungen, da sie ihnen noch immer nicht gengten. Sie schleuderten
Unrat aller Art, Menschenkot, Stcke von Aas und Leichen. Die Pest
brach in der Stadt aus. Den Karthagern fielen die Zhne aus dem Munde,
und ihr Zahnfleisch ward bla, wie das der Kamele nach einer allzu
weiten Reise.

Die Maschinen wurden auf dem Erdwall aufgestellt, obwohl er noch nicht
berall die Hhe der Stadtmauer erreicht hatte. Vor den dreiundzwanzig
Steintrmen erhoben sich dreiundzwanzig hlzerne. Alle Tollenonen
waren instand gesetzt, und etwas hinter ihrer Linie ragte die
furchtbare Helepolis, eine Erfindung von Demetrius Poliorketes, eine
fahrbare Riesenbatterie, die Spendius mhselig nachkonstruiert hatte.
Sie hatte die Gestalt einer oben abgestumpften Pyramide, hnlich wie
der Leuchtturm von Alexandria. Die Seitenlnge ihrer quadratischen
Basis betrug fnfundzwanzig Meter, ihre Hhe fnfzig Meter. Sie
bestand aus neun Stockwerken, eins immer kleiner, im Durchmesser wie
in der Hhe, als das andre. Die Front und die beiden Seiten waren mit
Eisenblech ausgeschlagen und mit zahlreichen Schiescharten versehen.
Diese Scharten waren durch bewegliche Lederpolster gedeckt. Der ganze
Turm war voller Soldaten und durch sechsundzwanzig Geschtze, darunter
zehn schwere, armiert.

Jetzt lie Hamilkar Kreuze aufrichten, an die jeder kommen sollte, der
von bergabe rede. Sogar Frauen wurden als Soldaten eingestellt. Man
schlief auf den Straen und wartete voller Bangigkeit.

Eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang--es war am siebenten Tage des
Monats Nyssan--vernahm man in der Stadt ein ungeheures Geschrei, das
alle Barbaren drauen zugleich ausstieen. Die bleiernen Fanfaren
schmetterten dumpf, und die groen paphlagonischen Hrner brllten wie
Stiere. Alles sprang auf und eilte nach dem Walle.

Ein Wald von Lanzen, Spieen und Schwertern wlzte sich heran und
brandete an die Mauern. Sturmleitern wurden angelegt, und in den
Scharten der Brustwehren tauchten Barbarenkpfe auf.

Balken, von langen Menschenreihen getragen, rannten gegen die Tore. An
den Stellen, wo kein Erdwall gegenberstand, rckten die Sldner in
geschlossenen Kompagnien zur Zerstrung der Mauer heran. Das erste
Glied warf sich nieder, das zweite beugte ein Knie, und die brigen
duckten sich stufenweise immer weniger, so da die letzten ganz
aufrecht standen, whrend an andern Stellen, wo man dadurch eine Art
Treppe schaffen wollte, die Aufrechtstehenden zuvorderst und die
Liegenden zuhinterst standen. Alle drckten mit der Linken den Schild
auf ihren Helm und hielten die Rnder so dicht zusammen, da sie wie
ein Haufen groer Schildkrten aussahen. An diesen schrgen Dchern
glitten die Geschosse ohnmchtig ab.

Die Karthager schleuderten Mhlsteine, Mrserkeulen, Bottiche, Tonnen
und Bettstellen herab, alles, was Gewicht hatte und jemanden
erschlagen konnte. Manche lauerten mit Netzen an den Scharten, und
wenn ein Barbar erschien, ward er von den Maschen umstrickt und wie
ein zappelnder Fisch gefangen. Man warf sogar die Zinnen um. Die
Mauerstcke strzten hinab und wirbelten groe Staubwolken auf. Die
schweren Geschtze auf den Wllen beschossen sich gegenseitig. Ihre
Steine prallten in der Luft gegeneinander und zerschellten in tausend
Stcke, wodurch die Kmpfer von einem dichten Steinsplitterhagel
berschttet wurden.

Bald bildeten die beiden feindlichen Massen nur noch einen einzigen
Strom von Menschenleibern, der den Raum zwischen den beiden Wllen
erfllte und, an den Rndern etwas dnner, bestndig hin und her
wogte, ohne seinen Platz zu verlassen. Man umschlang sich, auf dem
Boden liegend, wie Ringer. Man zertrat einander. Weiber neigten sich
ber die Zinnen und heulten laut. Man zog sie an ihren Schleiern
hinab, und ihre pltzlich entblten weien Leiber glnzten in den
Armen der Neger, die ihnen den Dolch ins Gekrse stieen. In dem
ungeheuren Gedrnge fielen die Toten nicht um. Von den Schultern der
Lebendigen hochgehalten, gingen sie noch eine Weile aufrecht weiter,
mit starren Augen. Manche, denen beide Schlfen von einem Wurfspie
durchbohrt waren, wiegten den Kopf wie Bren. Zum Schreien geffnete
Lippen blieben aufgesperrt. Abgehauene Hnde flogen umher. Es fielen
mchtige Streiche, von denen die berlebenden noch lange sprachen.

Inzwischen sprhten die Pfeile von den Stein- und Holztrmen. Die
Tollenonen bewegten rastlos ihre langen Arme. Die Barbaren hatten den
alten Begrbnisplatz der Ureinwohner unterhalb der Totenstadt
geplndert und schleuderten die Grabsteine auf die Karthager. Unter
der Last zu schwerer Krbe rissen bisweilen die Taue der Sturmkrane.
Ganze Knuel von Menschen strzten mit emporgestreckten Armen aus den
Lften herab.

Bis zur Mitte des Tages waren die Veteranen der Gepanzerten hartnckig
gegen die Taenia angestrmt, um in den Hafen zu dringen und die Flotte
zu zerstren. Hamilkar lie auf dem Dache des Khamontempels ein Feuer
aus feuchtem Stroh anznden. Der Rauch trieb den Angreifern in die
Augen und blendete sie. Da warfen sie sich nach links und vermehrten
das frchterliche Getmmel in Malka. Kompagnien aus krftigen, eigens
dazu ausgewhlten Mannschaften hatten drei Tore eingerannt. Hohe
Verhaue aus ngelbeschlagenen Brettern hielten sie auf. Ein viertes
Tor gab mhelos nach. Man strmte im Laufschritt durch und strzte in
eine Grube, in der die Karthager Fallen versteckt angelegt hatten.
Autarit und seine Leute zerstrten die sdlichste Bastei der Mauer,
deren Durchgnge mit Ziegeln verbaut worden waren. Dahinter stieg das
Gelnde an. Man eilte im Sturme hinauf. Oben aber fand sich eine
zweite Mauer aus Steinen und groen wagerechten Balken, die
schachbrettfrmig angeordnet waren. Das war eine gallische Art, die
der Suffet den Bedrfnissen des Augenblicks angepat hatte. Die
Gallier glaubten sich vor einer Stadt ihrer Heimat. Sie griffen ohne
Nachdruck an und wurden zurckgeworfen.

Von der Khamonstrae bis zum Gemsemarkt war jetzt der ganze innere
Wallgang im Besitze der Barbaren. Die Samniter machten den Sterbenden
mit Lanzenstichen den Garaus. Andre blickten, mit einem Fu an der
Mauer stehend, auf die rauchenden Trmmer zu ihren Fen und sahen von
weitem der Schlacht zu, die von neuem begann.

Die Schleuderer, die hinter den andern Truppen mit groen Abstnden
voneinander aufgestellt waren, schossen unablssig. Doch vielfach
waren die Federn an den akarnanischen Schleudern durch den bermigen
Gebrauch zerbrochen, und manche der Schleuderer warfen nun wie Hirten
Feldsteine mit der Hand. Andre schleuderten ihre Bleikugeln mit
Peitschenstielen. Zarzas mit seinem langen schwarzen Haar, das ihm die
Schultern umwallte, sprang bald hierin, bald dorthin und feuerte die
Balearier an. An seinen Hften hingen zwei Hirtentaschen, in die er
unaufhrlich mit der Linken griff, whrend sein rechter Arm sich
schleudernd in einem fort drehte wie ein Wagenrad.

Matho hatte sich anfangs vom Nahkampfe ferngehalten, um den
Gesamtangriff besser zu leiten. Man hatte ihn am Golfe bei den
Sldnern, an der Lagune bei den Numidiern und am Ufer des Haffs
zwischen den Negern gesehen. Unaufhrlich trieb er die aus der Tiefe
der Ebene anstrmenden Soldatenmassen gegen die Befestigungen vor.
Allmhlich kam er ihnen selbst nher. Der Blutgeruch, der Anblick des
Gemetzels und das Trompetengeschmetter steigerten seine Kampfeslust.
Darum war er in sein Zelt zurckgekehrt, hatte seinen Harnisch
abgeworfen und sein Lwenfell angelegt, das fr den Nahkampf bequemer
war. Der aufgesperrte Rachen umrahmte seinen Kopf und umsumte sein
Gesicht mit einem Kreise von Raubtierzhnen. Die beiden Vordertatzen
kreuzten sich ber seiner Brust, und die Krallen der Hintertatzen
schlugen ihm in die Kniekehlen.

Er hatte sein breites Bandolier an, an dem eine Doppelaxt blitzte.
Sein groes Schwert mit beiden Hnden schwingend, warf er sich
ungestm in eine der Breschen. Wie ein Weidenbauer, der Weidenzweige
abschneidet und deren so viel wie mglich abzuschlagen trachtet, um
recht viel Geld zu verdienen, so schritt er einher und mhte die
Karthager rings um sich her nieder. Wenn ihn einer von der Seite zu
fassen suchte, schlug er ihn mit dem Schwertknauf nieder. Wer ihn von
vorn angriff, den durchbohrte er. Fliehenden spaltete er den Schdel.
Einmal sprangen ihm zwei Mnner zugleich auf den Rcken. Mit einem
Satze sprang er rckwrts gegen ein Tor und zerquetschte sie. Sein
Schwert hob und senkte sich in einem fort. An einer Mauerecke
zersprang es. Da fate er seine schwere Axt und schlachtete die
Karthager vor und hinter sich ab wie eine Hammelherde. Sie wichen vor
ihm zurck, und so gelangte er ganz allein bis an die zweite Ringmauer
am Fue des Burgberges. Vom Gipfel herabgerollte Gegenstnde sperrten
die Treppenstufen und berragten die Mauer. Inmitten dieser Trmmer
wandte sich Matho um und rief seine Kameraden.

Er sah Helmbsche hier und da ber der Menge. Dann tauchten sie unter.
Ihre Trger waren in Gefahr. Matho strzte ihnen entgegen. Da zog sich
der weite Kranz roter Federn enger zusammen. Bald hatten sie den
Fhrer erreicht und umringten ihn. In diesem Augenblicke ergo sich
ein ungeheurer Menschenstrom aus den Seitengassen. Der Libyer wurde um
die Hften gepackt, hoch gehoben und bis vor die Mauer zu einer Stelle
gerissen, wo die Befestigung besonders hoch war.

Matho gab laut ein Kommando. Alle Schilde legten sich auf die Helme.
Er sprang darauf, um eine Art Sprungbrett zur Mauer zu bekommen und
wieder in die Stadt einzudringen. Seine furchtbare Axt schwingend,
lief er ber die Schilde hin, die ehernen Wogen glichen, wie ein
Meergott, der seinen Dreizack ber den Fluten schwingt.

Indessen schritt ein Mann in weiem Gewande, gleichgltig und fhllos
gegen den Tod, der ihn umringte, auf der Krone des Walles hin.
Bisweilen legte er seine Hand ber die Augen, als sphe er nach
jemandem aus. Da erschien Matho gerade vor ihm. Die Augen des Mannes
flammten auf. Sein bleiches Gesicht verzerrte sich. Seine beiden
mageren Arme erhebend, rief er dem Libyer Schmhworte zu.

Matho verstand sie nicht, aber er fhlte sich von einem so grausamen
Blicke durchbohrt, da er ein Gebrll ausstie. Er schleuderte seine
langstielige Axt nach ihm. Es war Schahabarim. Leute warfen sich auf
den Priester. Als Matho ihn nicht mehr sah, wich er erschpft zurck.

Ein frchterliches, donnerndes Gerusch nherte sich, vermischt mit
dem Klange rauher, im Takt singender Stimmen. Es war die mchtige
Helepolis, inmitten von mehreren hundert Sldnern. Man zog sie mit
beiden Hnden an Seilen oder schob mit den Schultern nach, denn obwohl
sich das Terrain von der Ebene zur Stadtmauer nur mig hob, so war
diese schwache Steigung doch fr einen Wandelturm von so fabelhafter
Schwere Hemmnis genug. Trotzdem die Helepolis acht, je einen Meter
breite Rder mit eisernen Reifen hatte, bewegte sie sich seit Morgen
nur langsam vorwrts, gleich wie ein Berg, der sich ber einen andern
wlzt. Aus ihrem untersten Stockwerk ragte ein riesiger Widder hervor.
An den drei Seiten, die nach der Stadt zu lagen, waren die Laden
heruntergelassen. Von hinten sah man im Innern eine groe Schar
gepanzerter Krieger. Aus den beiden Treppen, die durch alle Stockwerke
liefen, stiegen immerfort welche hinauf und hinunter. Andre warteten
darauf, hervorzustrzen, sobald die Haken der Fallbrcken die Mauer
gefat htten. Hinter den Schiescharten drehten sich die Strnge der
Ballisten, und die Schnellbalken der Schleudergeschtze gingen hoch
und nieder.

Hamilkar stand in diesem Augenblick auf dem Dache des Melkarthtempels.
Er hatte berechnet, da die Helepolis gerade auf ihn zukommen und
gegen eine unersteigliche Stelle der Mauer anrennen mute, die eben
deswegen nur schwach besetzt war. Schon seit geraumer Zeit trugen
seine Sklaven Schluche voll Wasser auf den Wallgang, auf dem sie an
der bestimmten Stelle aus Lehm zwei Querwnde errichtet hatten,
wodurch eine Art Becken entstanden war. Das Wasser sickerte unmerklich
in die Erde des Walles, aber Hamilkar schien dies seltsamerweise nicht
zu beunruhigen.

Als die Helepolis nur noch gegen dreiig Schritt entfernt war, lie er
von den Zisternen bis zum Wall ber die Straen hin von Haus zu Haus
Bretter legen. Eine Kette von Leuten reichte sich von Hand zu Hand
Helme und Krge voll Wasser, die sie in das Becken hineingossen. Die
Karthager entrsteten sich ber diese sichtliche Wasservergeudung. Der
Widder zertrmmerte die Mauer. Da quoll ein Wasserstrahl aus den
gelockerten Quadern hervor, und das neunstckige gepanzerte Gerst,
das mehr als dreitausend Soldaten barg, begann leise zu schwanken wie
ein Schiff. Das Wasser, das durch die Bresche herausquoll, weichte den
Weg vor der Helepolis auf. Alsbald blieben die Rder im Morast
stecken. Im ersten Stockwerke tauchte hinter einem der Schutzleder der
Schiescharten der Kopf des Spendius auf, der aus vollen Backen in ein
Elfenbeinhorn stie. Die Riesenbatterie kam ruckweise wohl noch zehn
Schritte weiter, dann aber ward der Boden weicher und weicher. Die
Rder versanken bis an die Achsen, und schlielich stand die Helepolis
still und neigte sich bedrohlich nach einer Seite. Die schweren
Geschtze in den unteren Stockwerken schoben sich von ihren Pltzen
und nahmen dem Turm noch mehr sein Gleichgewicht. Eins brach durch und
richtete arge Zerstrung im Innern an. Die Soldaten, die schon an den
Fallbrcken standen, wurden herausgeschleudert oder klammerten sich
drauen an und vermehrten so durch ihr Gewicht die Neigung des
Ungetms, das in allen Fugen krachte und schlielich zusammenbrach.

Andere Barbaren eilten herbei, um zu helfen. Es bildete sich ein
dichter Menschenknuel. Da machten die Karthager vom Walle herab einen
Ausfall, fielen ihnen in den Rcken und machten sie mhelos nieder.
Jetzt brausten die Sichelwagen heran. Sie galoppierten im Kreise um
das Gewirr herum. Die Karthager flohen auf ihre Mauern. Die Nacht
brach an. Nach und nach zogen sich die Barbaren zurck.

Auf der Ebene erblickte man vom blulichschimmernden Golf bis zu der
weien Lagune nichts als ein rabenschwarzes Gewimmel, und das blutrote
Haff dehnte sich in das Land hinein wie ein groer Purpursumpf.

Der Erdwall war so mit Toten bedeckt, da er aus Menschenleibern
errichtet schien. Vor seiner Mitte ragten die Trmmer der Helepolis,
Waffen und Rstungen darber. Von Zeit zu Zeit lsten sich groe
Bruchstcke von ihr ab, wie die Steine von einer zusammenstrzenden
Pyramide. Auf den Mauern waren breite Streifen sichtbar, wo das
geschmolzene Blei geflossen war. Hier und da brannte ein umgerissener
Holzturm. Das Husermeer verschwamm im Dunkel und sah aus wie die
Stufen eines zerstrten Amphitheaters. Schwere Rauchschwaden stiegen
empor und wirbelten Funken in die Hhe, die sich am schwarzen Himmel
verloren.

Inzwischen waren die Karthager, vom Durst verzehrt, nach den Zisternen
gestrzt. Sie erbrachen die Tore. Schlammpftzen standen auf dem
Grunde der Becken.

Was sollte nun werden? Der Barbaren waren unzhlige. Sobald sie sich
erholt hatten, wrden sie wieder anstrmen!

Das Volk beriet die ganze Nacht hindurch, stadtviertelweise, an den
Straenecken. Die einen meinten, man msse die Weiber, die Kranken und
Greise fortschicken. Andere schlugen vor, die Stadt zu verlassen und
sich in einer fernen Kolonie anzusiedeln. Doch die Schiffe fehlten,
und als die Sonne aufging, war noch kein Entschlu gefat.

An diesem Tage wurde nicht gekmpft. Die Erschpfung auf beiden
Parteien war zu gro. Die Schlafenden sahen aus wie Tote.

Die Karthager sannen ber die Ursache ihres Unglcks nach. Da fiel
ihnen ein, da sie das jhrliche Opfer, das sie dem tyrischen Melkarth
schuldeten, noch nicht nach Phnizien gesandt hatten. Ungeheurer
Schrecken erfate sie. Offenbar zrnten die Gtter der Republik und
wollten grndliche Rache ben.

Man sah in den Gttern grausame Herren, die man durch Gebete
besnftigen und durch Weihgeschenke gewinnen konnte. Alle aber waren
ohnmchtig vor Moloch, dem Verschlinger. Das Leben, sogar das Fleisch
der Menschen gehrte ihm. Daher war es bei den Karthagern Brauch, ihm
einen Teil davon zu opfern, um seine Gier zu stillen. Man brannte den
Kindern an der Stirn oder im Nacken Zeichen ein, und da diese
symbolische Art, den Baal zu befriedigen, den Priestern viel Geld
eintrug, so verfehlten sie nicht, diesen leichten und milden Ausweg
hchlichst zu empfehlen.

Diesmal aber handelte es sich um das Heil der Republik. Da jeder
Vorteil durch irgendeinen Verlust erkauft werden mu und jeder Vertrag
sich nach dem Bedrfnis des Schwcheren und der Forderung des
Strkeren regelt, so durfte fr den Gott, der am entsetzlichsten sein
Ergtzen hatte und in dessen Hand man jetzt vllig war, kein Opfer zu
gro sein. Man mute Moloch sattsam befriedigen. Beispiele bewiesen,
da das bel dann aufhrte. berdies glaubte man, ein Brandopfer wrde
Karthago entshnen. Die wilden Instinkte des Volkes regten sich
sofort. Zudem mute die Wahl der Opfer lediglich die Patrizierfamilien
treffen.

Die Alten versammelten sich. Die Sitzung whrte lange. Auch Hanno nahm
daran teil. Da er nicht mehr sitzen konnte, lag er neben der Tr, von
den Fransen des hohen Vorhanges halb verdeckt. Als der Oberpriester
Molochs fragte, ob man bereit wre, die Kinder zu opfern, da erscholl
Hannos Stimme pltzlich aus dem Dunkel wie das Gebrll eines bsen
Geistes aus einer tiefen Hhle. Er bedaure, sagte er, keine Kinder
eigenen Blutes opfern zu knnen. Dabei schielte er Hamilkar an, der
ihm gegenber am andern Ende des Saales sa. Der Suffet ward durch
diesen Blick derart verwirrt, da er die Augen niederschlug. Alle
bejahten die Frage des Oberpriesters der Reihe nach durch Kopfnicken.
Auch Hamilkar mute dem Brauch gem antworten: Ja, so sei es!
Darauf ordneten die Alten das Opfer durch eine herkmmliche
Umschreibung an; denn es gibt Dinge, die schwerer auszusprechen als
auszufhren sind.

Der Beschlu ward fast augenblicklich in Karthago bekannt. Wehgeschrei
erscholl. berall hrte man die Frauen jammern. Die Mnner trsteten
oder schalten sie und redeten ihnen zu.

Drei Stunden spter verbreitete sich eine neue wichtige Nachricht: der
Suffet hatte am Fue der steilen Kste Quellen gefunden. Man eilte
hin. Im Sande waren Lcher gegraben. Wasser stand darin, und schon
lagen Menschen flach auf dem Bauche und tranken daraus.

Hamilkar wute selbst nicht, ob dies eine Erleuchtung durch die Gtter
oder die dunkle Erinnerung an eine vertrauliche Mitteilung war, die
ihm sein Vater einst gemacht hatte. Als er die Alten verlassen, war er
zum Strande hinabgestiegen und hatte mit seinen Sklaven begonnen, den
Sand aufzuscharren.

Er lie Gewnder, Schuhe und Wein verteilen. Er gab das letzte
Getreide hin, das er noch besa. Er lie die Menge sogar in sein
Schlo ein und ffnete die Kchen, die Vorratskammern und alle
Gemcher auer denen Salambos. Er machte bekannt, da sechstausend
gallische Sldner unterwegs seien und da der Knig von Mazedonien
Hilfstruppen schicke.

Doch schon am zweiten Tage begannen die Quellen nachzulassen, und am
Abend des dritten waren sie vllig versiegt. Da lief der Befehl der
Alten abermals von Mund zu Munde, und die Molochpriester gingen
nunmehr an ihre Arbeit.

Mnner in schwarzen Gewndern erschienen in den Husern und Palsten.
Viele Bewohner hatten sie vorher verlassen, indem sie ein Geschft
oder eine Besorgung vorschtzten. Die Schergen Molochs traten
rcksichtslos ein und nahmen die Kinder. Manche lieferten sie ihnen
stumpfsinnig selbst aus. Man fhrte die Kleinen zum Tempel der Tanit,
deren Priesterinnen es oblag, sie bis zu dem Tage der Feier zu
belustigen und zu ernhren.

Man kam auch zu Hamilkar und fand ihn in seinem Garten.

Barkas! Wir kommen. Du weit, weshalb ... Dein Sohn ...

Sie fgten hinzu, im vergangenen Monat sei der kleine Hannibal in der
Strae der Mappalier gesehen worden. Ein alter Mann habe ihn an der
Hand gefhrt.

Hamilkar stand zuerst da wie vom Schlage gerhrt. Doch er begriff
rasch, da alles Leugnen vergeblich wre. Er verneigte sich und fhrte
sie in das Verwaltungshaus. Sklaven, die auf einen Wink herbeigeeilt
waren, bewachten die Umgebung.

Ganz verstrt betrat er Salambos Gemach. Er ergriff Hannibal mit einer
Hand, ri mit der andern die Saumschnur eines daliegenden Gewandes ab,
band den Knaben an Hnden und Fen, stopfte ihm das Ende als Knebel
in den Mund und verbarg ihn unter dem rindsledernen Lager, ber das er
eine groe Decke bis zum Fuboden breitete.

Dann schritt er auf und ab, rang die Arme, drehte sich im Kreise herum
und bi sich auf die Lippen. Endlich blieb er mit stieren Blicken
stehen und atmete schwer, als ob er dem Tode nahe sei.

Pltzlich klatschte er dreimal in die Hnde.

Giddenem erschien.

Gib acht! befahl er ihm. Suche unter den Sklaven einen Knaben im
Alter von acht bis neun Jahren mit schwarzem Haar und gewlbter runder
Stirn und bring ihn hierher! Aber sofort!

Giddenem kehrte bald zurck und brachte einen Knaben mit, ein
armseliges Kind, mager und dabei aufgedunsen. Seine Haut sah ebenso
grau aus wie die hlichen Lappen, die um seine Hften hingen. Sein
Kopf steckte zwischen den Schultern. Mit dem Handrcken rieb er sich
die Augen, die voller Schmutz waren.

Wie htte man diesen Jungen je mit Hannibal verwechseln knnen! Doch
es war keine Zeit mehr, einen andern zu holen. Hamilkar blickte
Giddenem an. Am liebsten htte er ihn erwrgt.

Pack dich! schrie er.

Der Sklavenaufseher verschwand.

So war das Unglck, das er so lange gefrchtet, also hereingebrochen!
Er gab sich die erdenklichste Mhe, einen Ausweg zu ersinnen.

Abdalonim ward hinter der Tr hrbar. Man verlangte nach dem Suffeten.
Die Schergen Molochs seien ungeduldig.

Hamilkar unterdrckte einen Schrei. Es war ihm, als wenn er mit
glhendem Eisen gefoltert wrde. Von neuem begann er wie ein Rasender
im Zimmer auf und ab zu laufen. Dann brach er am Gelnder zusammen und
prete die Stirn in seine geballten Fuste.

Die Porphyrwanne enthielt noch etwas klares Wasser fr Salambos
Waschungen. Trotz seines Widerwillens und all seines Hochmutes tauchte
der Suffet das Kind eigenhndig hinein und begann es wie ein
Sklavenhndler zu waschen und mit Brsten und mit rotem Ocker zu
reiben. Dann entnahm er den Wandschrnken zwei viereckige Stck
Purpur, legte ihm eins auf die Brust, das andre auf den Rcken und
befestigte sie ber den Schlsselbeinen mit zwei Diamantspangen. Er
go dem Jungen noch Parfm ber den Kopf, legte ihm eine
Bernsteinkette um den Hals und zog ihm Sandalen mit perlengeschmckten
Abstzen an, die Sandalen seiner Tochter. Dabei stampfte er vor Scham
und Wut. Salambo, die ihm eifrig behilflich war, sah ebenso bla aus
wie er. Das Kind lachte, entzckt ber all die Herrlichkeiten. Es ward
dreister und begann in die Hnde zu klatschen und zu springen. Da zog
Hamilkar es fort. Mit starker Hand hielt er es am Arme fest, als
frchte er, es zu verlieren. Da dies dem Kinde weh tat, begann es zu
weinen, whrend es neben ihm herlief.

In der Nhe des Gefngnisses, unter einem Palmenbaum, stammelte eine
klgliche flehende Stimme:

Herr! Ach, Herr!

Hamilkar wandte sich um und erblickte neben sich einen widerlich
aussehenden Menschen, einen der Arbeitsunfhigen, die im Hause
hinvegetierten.

Was willst du? fragte der Suffet.

Der Sklave, wie Espenlaub zitternd, stotterte:

Ich bin sein Vater!

Hamilkar schritt weiter. Der Mensch folgte ihm mit gekrmmtem Rcken,
schlotternden Knien und vorgestrecktem Halse. Unsgliche Angst
verzerrte sein Gesicht. Unterdrcktes Schluchzen erstickte seine
Stimme. Es drngte ihn gleichzeitig, den Suffeten zu fragen und ihn um
Gnade anzuflehen.

Endlich wagte er, ihn mit einem Finger leicht am Ellbogen zu berhren.

Willst du ihn ...

Er hatte nicht die Kraft, zu vollenden, und Hamilkar blieb stehen,
ganz verwundert ber diesen Schmerz.

Nie hatte er daran gedacht--so gro war der Abstand zwischen Herrn und
Sklaven!--, da es zwischen ihnen etwas Gemeinsames geben knne. Das
erschien ihm geradezu als eine Beleidigung, eine Schmlerung seiner
Vorrechte. Er antwortete mit einem Blicke, der klter und schwerer war
als das Beil eines Henkers. Der Sklave sank ohnmchtig in den Staub.
Hamilkar schritt ber ihn hinweg.

Die drei schwarz gekleideten Mnner erwarteten ihn stehend in der
groen Halle des Verwaltungshauses. Alsobald zerri Hamilkar sein
Gewand und sank mit einem schrillen Aufschrei auf die Steinfliesen.

Ach, armer kleiner Hannibal! O mein Sohn! Mein Trost! Meine Hoffnung!
Mein Leben! Ttet mich mit! Nehmt auch mich! Wehe! Wehe!

Er zerri sich das Gesicht mit den Ngeln, raufte sich die Haare und
heulte wie die Klageweiber bei einem Begrbnisse.

Fhrt ihn doch fort! Ich leide zu sehr! Geht! Fort! Ttet mich wie
ihn!

Die Schergen Molochs waren betroffen, den groen Hamilkar so schwach
zu sehen. Sie wurden fast gerhrt.

Da hrte man den Tritt nackter Fe und ein stoweises Rcheln, das
dem Schnaufen eines heranjagenden wilden Tieres glich. Auf der
Schwelle der Haupttre erschien der bleiche, verstrte Mensch,
streckte die Arme aus und schrie:

Mein Kind!

Hamilkar warf sich mit einem Satz auf den Sklaven, verschlo ihm den
Mund mit seinen Hnden und berschrie ihn:

Das ist der alte Mann, der meinen Sohn erzogen hat! Er nennt ihn sein
Kind! Er wird wohl nun seinen Verstand ganz verlieren! Machen wir ein
Ende!

Damit drngte er die drei Priester und ihr Opfer an den Schultern zum
Ausgang, trat mit ihnen hinaus und warf die Tr hinter sich mit einem
mchtigen Futritt zu.

Eine Weile noch lauschte er aufmerksam, denn er frchtete, die drei
knnten zurckkommen. Dann dachte er daran, den Sklaven zu beseitigen,
um seines Schweigens sicher zu sein. Die Gefahr war noch nicht vllig
vorber, aber ein Mord konnte durch den Zorn der Gtter auf das Haupt
seines Sohnes zurckfallen. Da nderte er seinen Plan und sandte dem
Sklaven durch Taanach die besten Speisen aus der Kche: ein Stck
Bockfleisch, Bohnen und eingemachte Granatpfel. Der Unglckliche, der
lange nichts gegessen hatte, strzte sich darauf. Seine Trnen fielen
in die Schsseln.

Endlich kehrte Hamilkar zu Salambo zurck und lste Hannibals Fesseln.
Der aufgeregte Knabe bi ihm die Hand blutig. Der Suffet wehrte ihn
mit einer Liebkosung ab.

Damit er sich ruhig verhalte, wollte ihn Salambo einschchtern, indem
sie ihm von Lamia, einer Menschenfresserin aus Kyrene, erzhlte.

Wo ist sie denn? fragte der Knabe.

Nun erzhlte man ihm, es seien Ruber dagewesen, um ihn einzukerkern.
Er erwiderte:

Mgen sie kommen! Ich tte sie!

Da sagte ihm Hamilkar die furchtbare Wahrheit. Hannibal aber ward
gegen seinen eigenen Vater zornig und behauptete, als Karthagos Herr
knne er doch das ganze Volk ausrotten.

Schlielich fiel der Kleine, von Anstrengung und Aufregung erschpft,
in einen unruhigen Schlaf. Er redete im Traume. Mit dem Rcken auf
einem Scharlachkissen, den Kopf etwas hintenber, machte sein
ausgestrecktes rmchen eine gebieterische Gebrde.

Als es finstere Nacht geworden, hob ihn Hamilkar behutsam auf und
stieg ohne Fackel die Galeerentreppe hinab. Er ging durch das
Verwaltungshaus und nahm einen Korb Weintrauben und einen Krug klaren
Wassers mit. Vor dem Standbild des Aletes erwachte das Kind im
Edelsteingewlbe und lchelte--ganz wie das Kind des Sklaven--auf dem
Arm seines Vaters beim Glanze der Pracht ringsumher.

Jetzt war Hamilkar sicher, da man ihm seinen Sohn nicht raubte. Der
Ort war unzugnglich und stand durch einen unterirdischen Gang, den er
allein kannte, mit der Kste in Verbindung. Er blickte sich um und
holte tief Atem. Dann setzte er den Knaben auf einen Schemel neben den
goldenen Schilden.

Niemand sah ihn hier. Er brauchte nicht mehr besorgt zu sein. Das
erleichterte ihm das Herz. Wie eine Mutter, die ihren verlorenen
Erstgeborenen wiederfindet, warf er sich auf seinen Sohn, drckte ihn
an seine Brust, lachte und weinte zugleich, gab ihm die zrtlichsten
Namen und bedeckte ihn mit Kssen. Der kleine Hannibal, von dieser
wilden Zrtlichkeit erschreckt, blieb ganz still.

Mit Diebesschritten kehrte Hamilkar zurck, indem er sich an den
Mauern entlang tastete. So gelangte er in die groe Halle, in die das
Mondlicht durch einen Spalt in der Kuppel hereinfiel. In der Mitte lag
der gesttigte Sklave lang ausgestreckt auf den Marmorfliesen und
schlief. Der Suffet betrachtete ihn, und eine Art Mitleid ergriff ihn.
Mit der Spitze seines Panzerstiefels schob er ihm einen Teppich unter
den Kopf. Dann erhob er die Augen und schaute empor zu Tanit, deren
schmale Sichel am Himmel glnzte. Er fhlte sich strker als alle
Gtter und voller Verachtung gegen sie.

       *       *       *       *       *

Die Zurstungen zum Opfer hatten indessen begonnen. Man entfernte ein
Stck aus der Hintermauer des Molochtempels und zog das eherne
Gtterbild hindurch bis ins Freie, ohne die Asche auf dem Altare zu
berhren. Sobald die Sonne aufging, schoben die Tempeldiener es weiter
nach dem Khamonplatze.

Das Gtterbild bewegte sich rckwrts auf rollenden Walzen. Seine
Schultern ragten ber die Mauern hinweg. Die Karthager entflohen
eiligst, sobald sie es nur von ferne erblickten. Denn nur dann durfte
man den Gott ungestraft anschauen, wenn er seinem Zorn Genge tat.

Weihrauchduft wehte durch die Straen. Alle Tempel hatten sich
gleichzeitig geffnet, und heraus kamen Tabernakel auf Wagen und auf
Snften, von Priestern getragen. Hohe Federbsche nickten an ihren
Ecken, und Strahlen blitzten aus den Ecken ihrer Firsten, die von
Kugeln aus Kristall, Gold, Silber oder Kupfer gekrnt waren.

Das waren die punischen Gtter, Nebensonnen des hchsten Gottes, die
zu ihrem Herrn und Meister wallten, um sich vor seiner Macht zu
demtigen und vor seinem Glanze zu vergehen.

Auf der aus feinem Purpurstoff gefertigten Snfte Melkarths brannte
eine Erdlflamme. Auf dem hyazinthenblauen Tabernakel Khamons ragte
ein Phallus aus Elfenbein, rundum mit Edelsteinen besetzt. Unter den
himmelblauen Vorhngen Eschmuns schlief eine zusammengerollte
Pythonschlange, und die Kabiren, die von ihren Priestern im Arme
getragen wurden, glichen groen Wickelkindern, die mit den Fen die
Erde streiften.

Dann kamen alle niedrigen Formen der Gottheit: Baal Samin, der Gott
der Himmelsrume, Baal Peor, der Gott der heiligen Berge, Beelzebub,
der Gott der Verderbnis, ferner die Gtter der Nachbarlnder und
stammesverwandten Vlker: der Jarbal Libyens, der Adrammelech
Chaldas, der Kijun der Syrer. Derketo mit ihrem Jungfrauenantlitz
kroch auf ihren Flossen, und die Mumie des Tammuz ward zwischen
Fackeln und Haarkrnzen auf einem Katafalk vorbeigefahren. Um die
Herrscher des Firmaments dem Sonnengotte untertan zu machen und zu
verhindern, da ihr besonderer Einflu den seinen stre, schwenkte man
an langen Stangen verschiedenfarbige Metallsterne. Alle waren
vertreten, vom schwarzen Nebo, dem Geiste Merkurs, bis zu dem
scheulichen Rahab, der Verkrperung des Sternbilds des Krokodils. Die
Abaddirs, Steine, die aus dem Monde gefallen sind, kreisten an
Schleudern aus Silberdraht. Die Zerespriester trugen auf Krben kleine
Brote von der Gestalt weiblicher Genitalien. Andre trugen ihre
Fetische, ihre Amulette. Vergessene Gtterbilder tauchten auf. Sogar
von den Schiffen hatte man die mystischen Symbole genommen, als wolle
sich ganz Karthago versammeln in dem einen Gedanken des Todes und der
Verzweiflung.

Vor jedem Tabernakel trug ein Mann auf dem Kopfe ein groes Gef, in
dem Weihrauch brannte. Dampfwolken schwebten ber dem Zuge, ber den
Teppichen, den Behngen und Stickereien der heiligen Gezelte. Bei
ihrer betrchtlichen Schwere kamen sie nur langsam vorwrts. Bisweilen
blieb einer der Wagen wegen irgendeines Hemmnisses stehen. Dann
benutzten die Glubigen die Gelegenheit, die Gtterbilder mit ihren
Gewndern zu berhren, die dann selber wie Heiligtmer in Ehren
gehalten wurden.

Der eherne Kolo rckte dem Khamonplatz immer nher. Die Patrizier,
die Zepter mit Smaragdknufen trugen, brachen jetzt von Megara auf.
Die Alten, mit Diademen geschmckt, hatten sich in Kinisdo versammelt,
und die Staatswrdentrger, die Statthalter der Provinzen, die
Handelsleute, die Soldaten, die Seeleute und der ganze Schwarm, der
bei Begrbnissen verwendet ward, alle mit den Abzeichen ihrer Wrden
oder den Werkzeugen ihres Handwerkes versehen, strmten den
Tabernakeln zu, die inmitten der Priesterschaften von der Akropolis
herabwallten.

Aus Verehrung fr Moloch hatten die Priester ihre glnzendsten
Edelsteine angelegt. Diamanten funkelten auf den schwarzen Kutten. Zu
weite Ringe glitten an abgemagerten Hnden hin und her. Ein
trbseliger Anblick: diese schweigende Schar, deren Ohrgehnge gegen
die bleichen Gesichter schlugen und deren goldene Tiaren fanatische
starre Stirnen krnten.

Endlich gelangte der Baal genau in die Mitte des Platzes. Seine
Priester errichteten aus Gittern eine Umzunung, um die Menge
zurckzuhalten, und stellten sich zu seinen Fen um ihn herum auf.

Die Priester Khamons in gelbroten Wollgewndern ordneten sich unter
den Sulen der Vorhalle ihres Tempels zu Reihen. Die Priester Eschmuns
in leinenen Mnteln mit Halsketten, an denen Amulette hingen, und
spitzen Mtzen, nahmen auf der Treppe der Akropolis Aufstellung. Die
Priester Melkarths in violetten Tuniken nahmen die Westseite des
Platzes ein. Die Priester der Abaddirs, mit Binden aus phrygischem
Stoffe umwickelt, stellten sich im Osten auf, und die Sdseite wies
man den Nekromanten an, die ber und ber mit Ttowierungen bedeckt
waren, ferner den Heulern, die in geflickte Mntel gehllt waren, den
Dienern der Kabiren und den Yidonim, die zur Erforschung der Zukunft
einen Totenknochen in den Mund nahmen. Die Cerespriester in ihren
blauen Gewndern hatten klglich in der Sathebstrae Halt gemacht und
sangen mit leiser Stimme ein Thesmophorion in megarischem Dialekt ab.

Von Zeit zu Zeit zogen Reihen vllig nackter Mnner heran, die sich
mit ausgestreckten Armen bei den Schultern hielten. Sie stieen
heisere, hohlklingende Brusttne aus. Ihre Augen, auf den Kolo
gerichtet, funkelten, staubbedeckt. Alle wiegten sie ihre Krper im
Gleichtakt, wie von ein und derselben Kraft getrieben. Sie waren so in
Raserei, da die Tempeldiener, um die Ordnung aufrecht zu erhalten,
sie schlielich durch Stockschlge ntigten, sich flach auf den Bauch
zu legen und sich damit zu begngen, das Gesicht gegen die ehernen
Gitter zu pressen.

Jetzt nherte sich vom Hintergrund des Platzes ein Mann in weiem
Gewande. Er bahnte sich langsam einen Weg durch die Menge, und man
erkannte einen Tanitpriester: Schahabarim. Hohngeschrei erhob sich,
denn die Vergtterung der Mnnlichkeit herrschte an diesem Tage in
aller Herzen vor. Ja, die Gttin war derart vergessen, da man das
Fehlen ihrer Priesterschaft gar nicht bemerkt hatte. Doch das Staunen
verdoppelte sich, als man den Oberpriester eine der Tren der Gitter
ffnen sah, die nur fr solche bestimmt waren, die dem Gotte Opfer
bringen wollten. Das war--so meinten die Molochpriester--ein Schimpf,
den er ihrem Gotte antat. Sie versuchten ihn unter heftigen Gesten
zurckzutreiben. Sie, die sich vom Fleische der Opfertiere nhrten,
die wie Knige in Purpur gehllt waren und dreifache Kronen trugen,
spien nach diesem bleichen, durch Kasteiungen abgezehrten Eunuchen,
und zorniges Gelchter erschtterte ihre schwarzen Brte, die
sonnenfrmig ihre Brust bedeckten.

Schahabarim schritt weiter, ohne darauf zu antworten. Er durchquerte
Schritt fr Schritt den ganzen umfriedigten Raum, kam bis zu den Fen
des Kolosses und berhrte ihn mit ausgebreiteten Armen, als wolle er
ihn umarmen. Das war eine feierliche Form der Anbetung. Die Mondgttin
qulte ihn schon allzu lange, und aus Verzweiflung, vielleicht auch
aus Mangel an einem Gotte, der seine Gedankenwelt vllig befriedigte,
ging er jetzt zu Moloch ber.

Entsetzt ber diese Abtrnnigkeit, stie die Menge ein nicht
endenwollendes Murren aus. Man fhlte das letzte Band zerrissen, das
die Seelen an eine milde Gottheit fesselte.

Als Kastrat konnte Schahabarim nicht am Dienste des Gottes teilnehmen.
Die Mnner in den Purpurmnteln vertrieben ihn aus der Umzunung.
Wieder drauen, ging er um alle Priesterschaften nacheinander herum.
Dann verschwand er in der Menge, der Gottesdiener, der keinen Gott
mehr hatte. Man wich zurck, wo er nahte.

Inzwischen war ein Feuer aus Aloe-, Zedern- und Lorbeerholz zwischen
den Beinen des Kolosses angezndet worden. Die Spitzen seiner langen
Flgel tauchten in die Flammen. Die Salben, mit denen er bestrichen
war, rannen wie Schwei ber seine ehernen Glieder. Um das runde
Postament, auf dem seine Fe ruhten, standen die Kinder, in schwarze
Schleier gehllt, unbeweglich im Kreise. Seine bermig langen Arme
reichten mit den Hnden bis zu ihnen hinab, als wollten sie diesen
lebendigen Kranz ergreifen und ihn in den Himmel emporheben.

Die Patrizier, die Alten, die Frauen und die ganze Volksmenge drngten
sich hinter den Priestern, berallhin, bis auf die flachen Dcher der
Huser. Die groen bunten Sterne kreisten nicht mehr, die Tabernakel
waren auf den Boden gestellt, und die Qualmsulen der Weihrauchfsser
stiegen senkrecht empor, wie riesige Bume, die ihre blulichen Wipfel
im ther entfalten.

Manche wurden ohnmchtig. Andre standen starr und versteinert in ihrer
Ekstase. Unendliche Bangigkeit lastete auf aller Brust. Die letzten
Rufe verhallten nach und nach. Das Volk von Karthago atmete schwer und
lechzte nach dem Entsetzlichen.

Endlich fuhr der Oberpriester Molochs mit der Linken unter die
Schleier der Kinder, ri einem eine Haarlocke von der Stirn und warf
sie in die Flammen. Dann stimmten die Mnner in den roten Mnteln den
heiligen Hymnus an:

Heil dir, Sonne, Knig beider Zonen, Schpfer, der sich selbst
erzeugt, Vater und Mutter, Vater und Sohn, Gott und Gttin, Gttin und
Gott!

Ihre Stimmen gingen unter im Schall der Instrumente, die alle auf
einmal einfielen, um das Geschrei der Opfer zu bertnen. Die
achtsaitigen Scheminits, die zehnsaitigen Kinnors und die
zwlfsaitigen Nebals knarrten, pfiffen und sthnten. Riesige
Dudelscke gaben ihren scharfen rasselnden Ton von sich. Die aus
Leibeskrften geschlagenen Trommeln brummten in dumpfen, wilden
Wirbeln, und durch das wtende Trompetengeschmetter rauschten die
Salsalim wie schwirrende Heuschreckenflgel.

Bevor die eigentliche Feier begann, prfte man vorsichtigerweise die
Arme des Gottes. Dnne Ketten liefen von seinen Fingern zu den
Schultern hinauf und ber den Rcken wieder hinab, wo sie von Mnnern
gezogen wurden. Auf diese Weise stiegen seine beiden offenen Hnde bis
zur Hhe der Ellbogen empor, nherten sich einander und legten sich
dann vor die Opfermndung seines Leibes. Man zog die Ketten mehrmals
hintereinander mit kleinen ruckweisen Bewegungen und lie dann wieder
los. Dann schwieg die Musik. Das Feuer prasselte.

Die Molochpriester schritten auf dem Postament hin und her und
beobachteten die Menge.

Es bedurfte eines persnlichen, gnzlich freiwilligen Opfers, das
gewissermaen die andern nach sich zog. Bisher aber zeigte sich
niemand, und die sieben Gnge, die von den Schranken hin zu dem
Kolosse fhrten, blieben leer. Da zogen die Priester, um das Volk zu
ermutigen, Geieln aus ihren Grteln und zerfetzten sich die
Gesichter. Nun lie man auch die Geweihten, die drauen auf dem Boden
hingestreckt lagen, in die Umzunung. Man warf ihnen ein Bndel
furchtbarer Marterwerkzeuge zu, und jeder whlte sich eins. Sie
stieen sich Nadeln in die Brust, schlitzten sich die Wangen auf und
setzten sich Dornenkronen aufs Haupt. Dann umschlangen sie einander
mit den Armen und umringten die Kinder in einem zweiten groen Kreise,
der sich bald zusammenzog, bald erweiterte. Sie liefen bis an das
Gelnder zurck, strzten wieder vor und fingen immer von neuem an,
indem sie die Menge durch den Zauber dieses blutigen, lrmvollen
Schauspiels anlockten.

Allmhlich kamen Leute bis an das Ende der Gnge. Sie warfen Perlen,
goldene Schalen, Becher, Leuchter, all ihre Reichtmer in die Flammen.
Die Opfer wurden immer kostbarer und massenhafter. Schlielich wankte
ein Mann herein, ein bleicher, vor Entsetzen entstellter Mensch, und
stie ein Kind vor sich her. Alsbald erblickte man zwischen den Hnden
des Kolosses eine kleine schwarze Masse, die oben in der unheimlichen
ffnung verschwand. Die Priester neigten sich ber den Rand des
Postaments, und ein neuer Gesang erscholl, der die Freuden des Todes
und die Wiedergeburt in der Ewigkeit pries.

Die Kinder wurden nun eins nach dem andern hochgehoben, und da der
Rauch in groen Schwaden emporwirbelte, so sah es von weitem aus, als
verschwnden sie in einer Wolke. Keins rhrte sich. Sie waren an
Hnden und Fen gefesselt, und ihre dunklen Schleier hinderten sie,
etwas zu sehen oder genau erkannt zu werden.

Hamilkar, wie die Molochpriester in einem roten Mantel, stand vor dem
Baal neben der groen Zehe des rechten Fues des Kolosses. Als man das
vierzehnte Kind opferte, machte er, jedermann sichtbar, eine heftige
Gebrde des Abscheus. Doch sofort nahm er seine frhere Stellung
wieder ein, kreuzte die Arme und starrte zu Boden. Auf der andern
Seite der Bildsule stand der Oberpriester ebenso unbeweglich wie er,
eine assyrische Mitra auf dem Haupte. Er senkte den Kopf und
betrachtete sein goldenes Brustschild mit den weissagenden Steinen, in
denen sich die Flammen in den Regenbogenfarben widerspiegelten. Bei
Hamilkars Gebrde erschrak und erblate er. Der Suffet sah nicht hin.
Beide standen dem glhenden Ofen so nahe, da der wallende Saum ihrer
Mntel ihn von Zeit zu Zeit streifte.

Die ehernen Arme bewegten sich schneller. Sie ruhten keinen Augenblick
mehr. Jedesmal, wenn man wieder ein Kind darauf legte, streckten die
Molochpriester die Hnde darber, um es mit den Snden des Volkes zu
belasten, und schrien:

Es sind keine Menschen, sondern Tiere!

Und die Menge ringsum wiederholte: Tiere! Tiere!

Die Glubigen riefen: Herr, i! Und die Priester der Proserpina, die
sich aus Angst mit den Bruchen Karthagos abfanden, murmelten die
eleusinische Formel: Gie Regen aus! Sei fruchtbar!

Kaum am Rande der ffnung, verschwanden die Opfer wie Wassertropfen
auf einer glhenden Platte. Und eine weie Rauchwolke stieg jedesmal
aus der scharlachroten Glut empor.

Die Gier des Gottes war unersttlich. Er verlangte immer mehr. Um ihn
zu befriedigen, schichtete man mehrere Kinder auf einmal in seinen
Hnden auf und schlang eine Kette darber, um sie festzuhalten.
Anfangs wollten einige Glubige die Opfer zhlen, um zu sehen, ob ihre
Zahl den Tagen des Sonnenjahres entsprche. Doch man legte eins auf
das andre, und es war bei der raschen Bewegung der furchtbaren Arme
unmglich, die einzelnen zu unterscheiden. Das whrte lange, endlos,
bis zum Abend. Dann ward die Glut im Innern dunkler, und man erkannte
brennendes Fleisch. Manche glaubten sogar Haare, Glieder und ganze
Krper wahrzunehmen.

Der Tag ging zur Rste. Rauchwolken schwebten ber dem Baal. Der
Opferherd glhte nur noch. Eine Aschenpyramide war herabgerieselt, die
dem Gotte bis zu den Knien reichte. ber und ber rot, wie ein
blutberstrmter Riese, schien er mit seinem zurckgeworfenen Haupte
unter der Last seiner Sattheit zu wanken.

Je emsiger die Priester wurden, um so mehr nahm der Wahnsinn des
Volkes zu. Als nicht mehr allzuviel Opfer brig waren, schrien die
einen, man solle diese schonen, aber die andern riefen, man msse
ihrer noch mehr holen. Es war, als ob die mit Menschen beladenen
Mauern unter dem Gebrll des Entsetzens und der mystischen Wollust
zusammenbrchen. Glubige drngten sich in die Gnge und schleppten
ihre Kinder herbei, die sich an sie anklammerten. Sie schlugen sie, um
sie von sich loszumachen und den roten Mnnern zu berliefern. Die
Spielleute hielten bisweilen erschpft inne. Dann hrte man das
Schreien der Mtter und das Prasseln des Fetts, das auf die Kohlen
herabtropfte. Die Bilsenkrauttrinker krochen auf allen vieren um den
Kolo herum und brllten wie Tiger. Die Yidonim weissagten. Die
Geweihten sangen mit zerrissenen Lippen. Man hatte die Schranken
durchbrochen. Alle begehrten ihr Teil an dem Opfer. Vter, deren
Kinder vordem gestorben waren, warfen wenigstens deren Bilder,
Spielzeug und aufbewahrtes Gebein ins Feuer. Manche strzten sich mit
Messern auf die andern. Man brachte sich gegenseitig um. Die
Tempeldiener scharrten die herabgefallene Asche in Schwingen aus Erz
und streuten sie in die Luft, um die Opferwirkung ber die ganze Stadt
und bis in den Sternenraum zu senden.

Der laute Lrm und der helle Feuerschein hatte die Barbaren an den Fu
der Mauern gelockt. Um besser zu sehen, kletterten sie an den Trmmern
der Helepolis hoch und schauten starr vor Entsetzen zu.




XIV

In der Sge


Die Karthager waren noch nicht in ihre Huser zurckgekehrt, als sich
die Wolken bereits dichter ballten. Die vor dem Kolo Gebliebenen
fhlten groe Tropfen auf der Stirn. Der Regen begann.

Er fiel die ganze Nacht hindurch, reichlich, in Strmen. Donner
rollten. Das war Molochs Stimme. Er hatte Tanit besiegt, und die
befruchtete Gttin ffnete nun droben ihren Riesenscho. Bisweilen
erblickte man sie durch zerrissene Wolken auf Nebelkissen ruhend, bald
aber schlossen sich die dsteren Dunstgebilde wieder, als sei Tanit
noch mde und wolle weiterschlafen. Die Karthager, nach deren Glauben
das Wasser vom Monde geboren wird, schrien. Das sollte ihr die Wehen
erleichtern.

Der Regen schlug auf die Terrassen und berschwemmte sie, bildete
Teiche auf den Hfen, Wasserflle auf den Treppen und Strudel an den
Straenecken. Er ergo sich hier in schweren trben Massen, dort in
hurtigen Strahlen. Von allen Hausgiebeln pltscherten breite
schumende Fluten herunter, und an den Mauern hing der Regen wie loses
graues Tuch. Die abgesplten Tempeldcher blinkten im Schein der
Blitze. In tausend Rinnen strzten Kaskaden von der Akropolis herab.
Huser brachen zusammen, und Dachbalken, Stuck und Gert schwammen in
den Bchen, die jh ber das Pflaster hinschossen.

Man hatte Schsseln und Krge aufgestellt und Segel ausgespannt. Die
Fackeln erloschen. Man nahm glimmende Scheite aus der Glut Molochs.
Auf den Straen bogen sich die Leute hintenber und ffneten den Mund,
um den Regen zu trinken. Andre lagen am Rande schmutziger Pftzen,
tauchten die Arme bis zu den Achseln hinein und schlrften sich so
voll Wasser, da sie es wie Bffel wieder ausspien. Allmhlich ward
die Witterung khl und frisch. Alle sogen die feuchte Luft ein und
reckten die Glieder, und diesem Wonnerausch entsprang alsbald eine
grenzenlose Zuversicht. Alles Elend war vergessen. Das Vaterland mute
wieder auferstehen.

Man empfand das Bedrfnis, die malose Wut, die man in sich selbst
nicht verarbeiten konnte, an andern auszulassen. Das Opfer durfte
nicht nutzlos bleiben. Wenngleich niemand Reue empfand, so fhlten
sich doch alle von jener Raserei ergriffen, die aus der Mitschuld an
unshnbarem Verbrechen ersteht.

Das Gewitter hatte die Barbaren in ihren schlecht schlieenden Zelten
berrascht. Noch am nchsten Tage wateten sie vllig durchnt im
Schlamm umher und suchten ihre verdorbenen Vorrte und verlorenen
Waffen zusammen.

Hamilkar begab sich aus freien Stcken zu Hanno und bergab ihm kraft
seiner Machtvollkommenheit den Befehl ber die Stadt. Der alte Suffet
schwankte eine Weile zwischen Groll und Herrschsucht. Schlielich aber
nahm er an.

Hierauf lie Hamilkar eine Galeere auslaufen, die am Bug wie am Steuer
mit je einem Geschtz ausgerstet war. Sie ging im Golfe dem Flo
gegenber vor Anker. Sodann schiffte er seine Kerntruppen auf den noch
verfgbaren Schiffen ein. Er entfloh offenbar. Nach Norden steuernd,
verschwand er im Nebel.

Doch drei Tage spter--man wollte eben von neuem Sturm laufen--kamen
Leute von der libyschen Kste unter groem Geschrei in das
Sldnerlager. Barkas sei bei ihnen gelandet, mache berall
Beitreibungen und ginge immer weiter hinein in das Land.

Die Barbaren entrsteten sich darber, als ob Hamilkar sie verraten
htte. Die der Belagerung berdrssigen, besonders die Gallier,
verlieen ohne weiteres die Belagerungswerke, um zu ihm zu stoen.
Spendius wollte die Helepolis wieder aufbauen. Matho hatte in Gedanken
eine Linie von seinem Zelte bis nach Megara gezogen und sich
geschworen, auf ihr schnurstracks vorzurcken. Von der Mannschaft
beider Befehlshaber rhrte sich keiner vom Flecke. Die andern zogen
unter Autarits Fhrung ab und gaben damit den westlichen Teil der
Stadtmauer frei. Die Sorglosigkeit war so gro, da man gar nicht
daran dachte, die Weggegangenen zu ersetzen.

Naravas belauerte dies von fern in den Bergen. Whrend der Nacht ritt
er mit allen seinen Numidiern auf der Seeseite der Lagune am
Meeresgestade hin und zog in Karthago ein.

Hier erschien er mit seinen sechstausend Mann als Retter in der Not.
Sie trugen smtlich Mehl unter den Mnteln. Seine vierzig Elefanten
waren mit Futter und getrocknetem Fleisch beladen. Man drngte sich um
sie und gab ihnen Namen. Denn mehr noch als die Ankunft einer solchen
Hilfe erfreute die Karthager der Anblick dieser gewaltigen, dem
Sonnengotte geweihten Tiere. Sie waren ein Unterpfand seiner Gnade,
ein Zeichen, da er ihnen endlich beistehen und in den Krieg
eingreifen wolle.

Naravas nahm die hflichen Worte der Alten entgegen. Dann stieg er zu
Salambo die Schlotreppe empor.

Er hatte sie nicht wiedergesehn, seit er in Hamilkars Zelt, im Schoe
der fnf Heere, ihre kleine, weiche, khle Hand in der seinen gehalten
hatte. Nach der Verlobung war sie nach Karthago zurckgekehrt. Seine
Liebe, die eine Weile seinen ehrgeizigen Plnen gewichen war, erwachte
von neuem. Jetzt gedachte er in den Genu seiner Rechte zu treten, die
Karthagerin zu seiner Frau zu machen und sie mit sich zu nehmen.

Salambo begriff nicht, wie dieser junge Mann je ihr Gebieter werden
knne. Obwohl sie Tanit alle Tage um Mathos Tod anflehte, ward ihr
Abscheu vor dem Libyer doch immer geringer. Sie hatte das dunkle
Gefhl, da der Ha, mit dem er sie verfolgte, etwas beinahe Heiliges
sei. Sie htte in Naravas' Wesen einen Abglanz jener wilden Heftigkeit
sehn mgen, von der sie immer noch bezaubert war. Wohl wnschte sie
den Numidier nher kennen zu lernen, aber seine Gegenwart war ihr doch
unangenehm. Sie lie ihm antworten, sie drfe ihn nicht empfangen.

berdies hatte Hamilkar seinen Leuten befohlen, dem jungen
Numidierfrsten keinen Zutritt zu Salambo zu gewhren. Er glaubte
seiner Treue sicherer zu sein, wenn er die Belohnung dafr bis zum
Ende des Krieges aufsparte. Naravas zog sich aus Respekt vor dem
Suffeten zurck.

Gegen die punischen Behrden zeigte er sich nicht so demtig. Er
nderte von ihnen getroffene Anordnungen, forderte Vorrechte fr seine
Leute und stellte sie auf wichtige Posten. Die Barbaren machten groe
Augen, als sie auf einmal Numidier auf den Trmen der Stadt
erblickten.

Die allgemeine Verwunderung ward noch viel grer, als auf einer alten
punischen Trireme vierhundert Karthager anlangten, die whrend des
Krieges in Sizilien gefangen genommen worden waren. Hamilkar hatte
nmlich insgeheim den Quiriten die Bemannung der latinischen Schiffe,
die er vor dem Abfall der tyrischen Stdte gekapert hatte,
zurckgesandt, und zum Dank fr dieses Entgegenkommen schickte ihm Rom
die dortigen Gefangenen zurck. Auch lehnten die Rmer das Anerbieten
der sardinischen Sldner ab und schlugen sogar die ihnen angetragene
Schutzherrschaft ber Utika aus.

Hiero, der Tyrann von Syrakus, folgte diesem Beispiel. Um sein Reich
zu behaupten, war ihm das Gleichgewicht beider Gromchte ntig. Es
lag ihm also an der Rettung der Punier. Er erklrte sich zu ihrem
Freunde und sandte ihnen zwlfhundert Rinder und dreiundfnfzigtausend
Nebel reinen Weizens.

Der eigentliche Grund fr diese Untersttzung Karthagos lag tiefer:
man fhlte, da bei einem endgltigen Siege der Sldner alles, was
berhaupt in Sold stand, vom Soldaten bis zum Kchenjungen, aufsssig
wrde, und da dann keine Regierung und kein Herrscherhaus seine
Unabhngigkeit wahren knne.

Mittlerweile durchstreifte Hamilkar die stlichen Landstriche. Er
trieb die Gallier zurck, und die Barbaren sahen sich nunmehr selber
gleichsam wieder belagert.

Jetzt begann er sie systematisch zu beunruhigen. Er kam und verschwand
wieder und wiederholte dieses Manver so lange, bis er sie nach und
nach aus ihren Lagern fortlockte. Spendius war gentigt, den andern zu
folgen, und schlielich zog auch Matho ab.

Letzterer ging jedoch nicht ber Tunis hinaus, sondern setzte sich in
dieser Stadt fest. Die Hartnckigkeit, mit der er dort verblieb, war
sehr klug, denn alsbald sah man Naravas mit seinen Truppen und
Elefanten zum Khamontor herausziehen. Hamilkar hatte ihn zu sich
gerufen. Schon streiften die brigen Barbaren durch die Provinzen zur
Verfolgung des Suffeten.

Er hatte in Klypea eine Verstrkung von dreitausend Galliern erhalten.
Aus der Kyrenaika lie er Pferde, aus Bruttium Rstungen kommen. Er
begann den Krieg von neuem.

Noch nie war sein Genie so reg und schpferisch gewesen. Fnf Monate
lang lockte er die Sldner hinter sich her. Er hatte ein festes Ziel
vor Augen. Er wollte sie nach einem bestimmten Orte verfhren.

       *       *       *       *       *

Die Barbaren hatten anfangs versucht, dem Punier im Kleinkrieg
beizukommen, aber die kleinen Abteilungen hatten keine Erfolge. Nun
blieben sie vereint. Ihr Heer belief sich auf etwa vierzigtausend
Mann. Jetzt hatten sie in der Tat mehrmals die Freude, die Karthager
zurckweichen zu sehn.

Stark belstigt wurden sie von der Kavallerie des Naravas. Oft zur
heiesten Tageszeit, wenn man unter der Last der Waffen schlaftrunken
durch die Ebene zog, stieg pltzlich dichter Staub am Horizont auf.
Etwas Unsichtbares brauste im Galopp heran, und aus einer Sandwolke,
in der eine Menge flammender Augen blitzte, scho ein Pfeilhagel
hervor. Von weien Mnteln umflatterte Numidier stieen ein lautes
Geheul aus, reckten die Arme empor, warfen ihre steigenden Hengste mit
krftigem Schenkeldruck herum und verschwanden wieder. In einiger
Entfernung fhrten sie stets auf Dromedaren Vorrte an Wurfspieen
mit. Und so kamen sie immer um so schrecklicher wieder, heulten wie
Wlfe und flohen abermals wie die Geier. Die Flgelmnner der Barbaren
fielen einer nach dem andern. Das whrte so fort bis zum Abend, wo man
ins Gebirge zu entkommen suchte.

Obwohl die Berge fr die Elefanten gefhrlich waren, wagte sich
Hamilkar doch hinein. Er folgte der langen Kette, die sich vom
Hermischen Vorgebirge bis zum Gipfel des Zoghwan erstreckt. Seine
Gegner glaubten, er wolle dadurch die Schwche seiner Truppen
verbergen. Die bestndige Ungewiheit, in der er sie erhielt,
erbitterte sie schlielich mehr als eine Niederlage. Entmutigen lieen
sie sich allerdings nicht. Sie zogen nach wie vor hinter ihm her.

Endlich eines Abends berraschten die Sldner eine Abteilung leichten
Fuvolks zwischen dem Silberberg und dem Bleiberg in einer wsten
Felsengegend am Eingang zu einem Engpa. Ohne Zweifel marschierte das
ganze punische Heer vor ihnen, denn man hrte Marschgerusch und
Trompetensignale. Die berraschten verschwanden alsbald in den
Schluchten. Der Engweg fhrte in einen Talkessel hinab, der rings von
hohen Felswnden umgeben war, die das Aussehen einer Sge hatten und
dem Ort den Namen die Sge verliehen. Um die Flchtigen einzuholen,
strzten die Barbaren nach. In der Tiefe sah man noch andre Karthager,
dabei eiligst vorwrts getriebene Ochsen und allerlei lrmendes
Getmmel. Auch erblickte man einen Reiter in einem roten Mantel. Das
sei der Marschall, hie es. Mit um so mehr Wut und Freude strmte man
weiter. Einige waren aus Trgheit oder aus Vorsicht am Eingang des
Engpasses verblieben. Doch aus einem Gehlz brachen Reiter hervor und
jagten sie mit Lanzensten und Sbelhieben den andern nach. Bald
waren alle Barbaren zwischen den Felsenwnden.

Nachdem die groe Menschenmenge eine Weile weiter gewogt war, machte
man Halt. Man fand vorn keinen Ausgang.

Die dem Engpa am nchsten waren, kehrten um, doch auch der Weg dahin
war wie verschwunden. Man rief den Vorderen zu, weiter zu marschieren.
Diese sahen sich gegen die Bergwand gedrckt und schimpften nun auf
die Kameraden hinter sich, da sie nicht einmal den Herweg
wiederzufinden wten.

Kaum waren nmlich die letzten Barbaren hinabgestiegen, als Mnner,
die sich hinter den Felsen versteckt gehalten hatten, groe Blcke mit
Balken hoben und umstrzten. Da der Abhang steil war, rollten die
gewaltigen Steinmassen bergab und versperrten den engen Eingang
vollstndig.

Am andern Ende des Felsendomes fhrte ein langer, vielfach von Klften
durchschnittener Gang durch eine Schlucht wieder zur Hochebene hinauf.
Dort befand sich das punische Heer. In diesem Engwege hatte man im
voraus Leitern an die Felswnde gestellt. Durch die Windungen der
Schlucht geschtzt, konnte das leichte Fuvolk rasch auf den Leitern
emporklettern, ehe es von den Sldnern eingeholt wurde. Einige
verliefen sich bis ans Ende der Schlucht. Man zog sie an Seilen
herauf, denn der Abhang bestand dort aus losem Sande und war so steil,
da man selbst auf den Knien nicht hinaufklimmen konnte. Die Barbaren
langten fast unmittelbar hinter ihnen an. Doch ein sechzig Fu hohes
Drahtgitter, genau dem Hohlraum angepat, sauste pltzlich vor ihnen
herab, wie ein vom Himmel fallender Wall.

So war die Berechnung des Suffeten geglckt. Keiner von den Sldnern
kannte das Gebirge, und die Vorhut der Marschkolonne hatte die brigen
nach sich gezogen. Die Felsblcke, die nach unten schmaler waren,
hatte man mit Leichtigkeit umgestrzt, und whrend alles vorwrts
eilte, hatte das punische Hauptheer in der Ferne ein Geschrei erhoben,
als sei es in Not. Allerdings hatte Hamilkar sein leichtes Fuvolk
aufs Spiel gesetzt, doch verlor er nur die Hlfte davon. Fr den
Erfolg einer solchen Unternehmung htte er auch zwanzigmal mehr
geopfert.

Bis zum Morgen drngten sich die Barbaren in geschlossener Ordnung von
einem Ende des Talkessels zum andern. Sie betasteten die Hnge mit
ihren Hnden und suchten einen Ausgang.

Endlich ward es Tag. Da sah man ringsum die hohen weien, senkrecht
aufsteigenden Felswnde. Und kein Rettungsmittel, keine Hoffnung! Die
beiden natrlichen Ausgnge der Sackgasse waren durch das
Drahthindernis und die Felshaufen gesperrt.

Sprachlos blickte man einander an. Keiner hatte noch Mut. Allen lief
es eiskalt ber den Rcken. Die Lider wurden ihnen schwer wie Blei.
Und doch rafften sie sich wieder auf und rannten gegen die Felsen an.
Aber die unteren standen durch das Gewicht der darberliegenden
unerschtterlich fest. Man versuchte daran hochzuklettern, um den
Hhenzug zu erreichen, aber die bauchige Gestalt der Steinsulen bot
nirgends Sttzpunkte. Man wollte den Fels zu beiden Seiten der
Schlucht sprengen, aber die Werkzeuge zerbrachen. Aus den Zeltstangen
zndete man ein groes Feuer an, aber verbrennen konnte man das
Felsgebirge nicht.

Man wandte sich wiederum gegen das Drahthindernis. Es starrte von
langen pfahldicken Ngeln, spitzer als die Stacheln eines Igels und
dichter als die Borsten einer Brste. Die Sldner wurden von einer
solchen Wut ergriffen, da sie dagegen anstrmten. Aber die Vordersten
wurden bis ins Rckgrat durchstochen, die nchsten prallten zurck,
und schlielich stand man allgemein davon ab, Fleischfetzen und
blutige Haarbschel an den entsetzlichen Stacheln zurcklassend.

Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, stellte man fest, wieviel
Lebensmittel noch vorhanden waren. Die Sldner, deren Gepck verloren
gegangen war, besaen kaum noch fr zwei Tage Vorrat und die brigen
Truppen berhaupt keinen, da sie auf eine von den Drfern des Sdens
versprochene Zufuhr gerechnet hatten.

Noch streiften aber die Stiere umher, die von den Karthagern in die
Schlucht getrieben worden waren, um die Barbaren anzulocken. Man
ttete sie mit Lanzenstichen und verzehrte sie, und als die Magen
gefllt waren, heiterten sich die Gedanken ein wenig auf.

Am folgenden Tage schlachtete man alle Maultiere, etwa vierzig Stck.
Dann zog man die Hute ab, kochte die Eingeweide und zerstie die
Knochen zu Mehl. Noch verzweifelte man nicht. Das Heer in Tunis mute
ohne Zweifel Kunde erhalten und zum Ersatz anrcken!

Am Abend des fnften Tages war der Hunger wieder gro. Man nagte schon
an den Lederkoppeln und den kleinen Schwmmen, die im Innern der Helme
angebracht waren.

So waren vierzigtausend Menschen in einer Art von Rennbahn
zusammengepfercht, rings von hohen Bergwnden umschlossen. Einige
blieben vor dem Drahthindernis, andre an den Felsblcken am Eingang.
Die brigen lagerten ordnungslos im ganzen Talkessel. Die Starken
gingen einander aus dem Wege, und die Furchtsamen suchten die Mutigen
auf, die ihnen doch auch nicht helfen konnten.

Man hatte die Leichen der punischen Leichtbewaffneten wegen ihrer
Ausdnstung sofort verscharrt. Die Grabstellen waren nicht mehr zu
erkennen.

Die Barbaren lagerten alle entkrftet am Boden. Nur hier und da
schritt ein Veteran durch die Reihen. Man heulte Verwnschungen gegen
die Karthager, gegen Hamilkar und sogar gegen Matho, obwohl er an
diesem Migeschick unschuldig war. Viele bildeten sich jedoch ein, da
die Leiden geringer sein muten, wenn er bei ihnen wre. Nun seufzten
sie. Manche weinten leise wie kleine Kinder.

Man ging zu den Hauptleuten und bat sie um Linderungsmittel. Die aber
antworteten nicht oder griffen wutentbrannt nach Steinen und warfen
sie den Leuten ins Gesicht.

Manche bewahrten in Erdlchern sorgfltig einen kleinen Evorrat, ein
paar Hnde voll Datteln und etwas Mehl. Davon aen sie des Nachts,
wobei sie den Kopf unter ihrem Mantel verbargen. Wer ein Schwert
besa, hielt es gezckt in der Hand. Noch Mitrauischere blieben an
die Felswand gelehnt stehen.

Man beschuldigte die Obersten und bedrohte sie. Autarit lie sich
trotzdem ohne Furcht blicken. Mit der Hartnckigkeit des Barbaren, der
vor nichts zurckschreckt, ging er jeden Tag zwanzigmal bis zu den
Felsblcken, immer in der Hoffnung, sie vielleicht verschoben zu
finden. Die wiegende Bewegung seiner breiten pelzbedeckten Schultern
erinnerte seine Gefhrten an den Gang eines Bren, der im Frhjahr aus
seiner Hhle hervorkommt, um zu sehen, ob der Schnee geschmolzen ist.

Spendius dagegen verbarg sich mit anderen Griechen in einer der
Felsspalten. Er hatte Furcht und lie das Gercht verbreiten, er sei
gestorben.

Die Sldner waren jetzt alle von erschreckender Magerkeit. Ihre Haut
bedeckte sich mit blulichen Flecken. Am Abend des neunten Tages
starben drei Iberer. Ihre entsetzten Gefhrten verlieen die Stelle.
Man entkleidete sie, und die nackten weien Leiber blieben in der
Sonne auf dem Sande liegen.

Da begannen die Garamanten langsam um sie herumzuschleichen. Es waren
das Leute, an das Leben in der Wste gewhnt, die keinen Gott
frchteten. Schlielich gab der lteste der Schar ein Zeichen. Die
andern beugten sich ber die Leichen und schnitten mit ihren Messern
Streifen Fleisch heraus. Auf den Fersen hockend, verzehrten sie es.
Die brigen Barbaren sahen von weitem zu. Man stie Schreie des
Abscheus aus, und doch beneideten viele sie insgeheim um ihren Mut.

Einige von ihnen kamen dann mitten in der Nacht nher und baten, ihre
Begierde verhehlend, um einen kleinen Bissen, nur um davon zu kosten,
wie sie sagten. Khnere traten hinzu. Ihre Zahl wuchs. Bald war es ein
ganzer Haufen. Die meisten lieen jedoch die Hand wieder sinken, als
sie das kalte Fleisch an ihren Lippen fhlten. Manche freilich
verschlangen es mit Wonne.

Um durchs Beispiel verfhrt zu werden, munterte man sich gegenseitig
auf. Mancher, der das Leichenfleisch anfangs zurckgewiesen hatte,
ging zu den Garamanten und kam nicht wieder. Man briet die Stcke an
den Schwertspitzen ber Kohlenfeuer, salzte sie mit Sand und stritt
sich um die besten Bissen. Als von den drei Toten nichts mehr brig
war, schweiften die Augen der Esser ber die ganze Ebene, um andre zu
ersphen.

Hatte man im letzten Treffen nicht zwanzig Karthager gefangen
genommen, die bisher niemand beachtet hatte? Sie verschwanden. Das war
obendrein eine Rache! Und da man leben mute, da sich der Geschmack an
solcher Nahrung entwickelt hatte, da man am Verhungern war, so
schlachtete man weiterhin die Wassertrger, die Troknechte und die
Burschen der Sldner. Jeden Tag wurden ein paar abgestochen. Manche
aen viel, kamen wieder zu Krften und waren nicht mehr traurig.

Bald aber versiegte diese Hilfsquelle. Nun wandte sich die Gier auf
die Verwundeten und Kranken. Da sie doch nicht wieder gesund wrden,
sei es besser, sie von ihren Qualen zu erlsen. Sobald ein Mann matt
wurde, schrien alle, er sei verloren und msse den andern als Speise
dienen. Um den Tod solcher Unglcklichen zu beschleunigen, wandte man
Hinterlist an. Man stahl ihnen den letzten Rest ihrer Nahrung oder
trat wie aus Versehen auf sie. Damit man sie fr frisch und krftig
halte, versuchten die Sterbenden, die Arme auszustrecken, aufzustehn,
zu lachen. Ohnmchtige erwachten bei der Berhrung schartiger Klingen,
die ihnen ein Glied vom Leibe sgten. Manche mordeten auch ohne
Bedrfnis, aus Blutgier, um die Wut zu stillen.

Ein schwerer schwler Nebel, wie er in diesen Landstrichen gegen das
Ende des Winters eintritt, senkte sich am vierzehnten Tage auf das
Heer herab. Dieser Witterungswechsel fhrte zahlreiche Todesflle
herbei, und in der feuchten Hitze, die sich zwischen den Felswnden
verfing, vollzog sich die Verwesung mit entsetzlicher Schnelligkeit.
Der Sprhregen, der auf die Leichen niederfiel, weichte sie auf und
verwandelte den ganzen Talkessel alsbald in eine riesige Aasgrube.
Weie Dnste wogten ber ihr, reizten die Nase, durchdrangen die Haut
und trbten die Augen. Die Barbaren glaubten den ausgehauchten Odem,
die Seelen ihrer toten Kameraden zu spren. Ungeheurer Ekel ergriff
sie. Sie vermochten keine Leiche mehr anzurhren. Lieber wollten sie
selber sterben.

Zwei Tage spter wurde das Wetter wieder klar, und der Hunger stellte
sich von neuem ein. Bisweilen war es den Leidenden, als risse man
ihnen den Magen mit Zangen aus dem Leibe. Sie wlzten sich in
Krmpfen, steckten sich Hnde voll Erde in den Mund, bissen sich in
die Arme und brachen in irres Gelchter aus.

Qulender noch war der Durst. Man hatte keinen Tropfen Wasser mehr.
Die Schluche waren seit dem neunten Tage vllig leer. Um den Gaumen
zu tuschen, legte man sich die Metallschuppen der Koppeln, die
Elfenbeinknufe und die Klingen der Schwerter auf die Zungen.
Ehemalige Karawanenfhrer schnrten sich den Leib mit Stricken
zusammen. Andre saugten an Kieselsteinen. Man trank Urin, den man
vorher in den ehernen Helmen erkalten lie. Und immer noch wartete man
auf das Heer von Tunis! Da es so lange dauerte, bis es eintraf, das
war--so bildete man sich ein--eine Gewhr fr sein baldiges
Erscheinen. berdies sei Matho ein wackerer Mann, der niemanden im
Stiche lie! Morgen wird er kommen! trstete man sich. Doch das
morgen verging.

Zu Anfang hatten die Sldner Gebete gesprochen, Gelbde getan, alle
mglichen Verschwrungen angewandt. Jetzt aber empfanden sie gegen
ihre Gtter nur noch Ha, und aus Rache gab man sich Mhe, nicht mehr
an sie zu glauben.

Naturen von heftiger Gemtsart kamen zuerst um. Die Afrikaner
widerstanden besser als die Gallier. Zarzas lag zwischen seinen
Baleariern der Lnge nach ausgestreckt, sein Haupthaar ber den Arm
geworfen. Er rhrte sich nicht. Spendius hatte eine Pflanze mit
breiten saftreichen Blttern entdeckt und nhrte sich von ihr, nachdem
er sie fr giftig erklrt hatte, um andere davon abzuschrecken.

Man war zu schwach, um durch Steinwrfe die umherfliegenden Raben zu
tten. Zuweilen, wenn ein Lmmergeier auf eine der Leichen geflogen
war und schon seit einer Weile daran herumhackte, kroch irgendeiner,
mit einem Wurfspie zwischen den Zhnen, an ihn heran, sttzte sich
auf eine Hand und, nachdem er lange gezielt hatte, scho er seine
Waffe ab. Der weigefiederte Vogel hielt inne, durch das Gerusch
gestrt, und blickte ruhig umher wie ein Seerabe auf einer Klippe.
Dann hackte er mit seinem scheulichen gelben Schnabel wieder in die
Leiche, und der Schtze sank verzweifelt in den Sand. Manchen gelang
es, Chamleons und Schlangen ausfindig zu machen. Was aber eigentlich
am Leben erhielt, das war die Liebe zum Leben. Alles Sinnen und
Trachten war ausschlielich auf diesen einen Gedanken gerichtet. Man
klammerte sich an das Dasein mit einer Willenskraft, die es
verlngerte.

Die Gleichmtigsten hockten hier und dort in dem weiten Tal im Kreise
beisammen und berlieen sich, in ihre Mntel gehllt, schweigsam
ihrer Trbsal.

Die in Stdten Geborenen vergegenwrtigten sich geruschvolle Straen,
Schenken und Schauspiele, Bder und Barbierstuben, wo man Geschichten
erzhlen hrt. Andre sahen in der Abendsonne Landschaften: gelbe hren
wogten, und groe Ochsen trotteten an der Pflugschar langsam die Hhe
hinauf. Wstenwanderer dachten an Oasen, Jger an ihre Wlder,
Veteranen an bestimmte Schlachten, und in der Schlaftrunkenheit, die
alle betubte, gewannen diese Phantastereien die Farben und die
Plastik von Trumen. Sinnestuschungen traten auf. Manche suchten an
der Bergwand nach einer Tr, um zu entfliehen, und wollten durch den
Fels hindurch. Andre whnten sich whrend eines Sturmes zu Schiff und
erteilten Befehle an die Matrosen. Andre wieder wichen entsetzt
zurck, da sie in den Wolken punische Heerscharen erblickten. Noch
andre glaubten bei einem Feste zu sein. Sie sangen.

Viele wiederholten infolge einer seltsamen Geistesstrung immer
dasselbe Wort oder dieselbe Gebrde. Wenn sie dann den Kopf erhoben
und einander anschauten, erstickten sie beim gegenseitigen Anblick
ihrer furchtbar verstrten Gesichter in Trnen. Manche fhlten keine
Schmerzen mehr, und um die Zeit zu verbringen, erzhlten sie von
Gefahren, denen sie entronnen wren.

Allen war der Tod gewi und nahe. Wie oft hatten sie nicht versucht,
sich einen Ausgang zu schaffen! Sollten sie den Sieger um seine
Bedingungen bitten! Aber durch welche Vermittlung? Wute man doch
nicht einmal, wo sich Hamilkar befand!

Der Wind blies von der Schlucht her. Rastlos lie er den Sand in
Bchen in das Drahthindernis rieseln. Die Mntel und das Haar der
Barbaren bedeckten sich damit, als ob sich die Erde ber sie hinwlze
und sie begraben wolle. Nichts rhrte sich. Die ewigstarren Berge
schienen jeden Morgen noch hher geworden zu sein.

Bisweilen zogen Vogelschwrme raschen Fluges am klaren blauen Himmel
ber den Eingeschlossenen hin, in der Freiheit der Lfte. Man schlo
die Augen, um sie nicht zu sehen.

Manche versprten ein Summen in den Ohren. Dann wurden ihre
Fingerngel schwarz, und Klte ergriff die Brust. Sie legten sich auf
die Seite und verschieden ohne Laut.

Am neunzehnten Tage waren zweitausend Asiaten, fnfzehnhundert von den
Inseln, achttausend Libyer, die Jngsten unter den Sldnern und ganze
Landsmannschaften tot,--insgesamt zwanzigtausend Mann, das halbe Heer.
Autarit, der nur noch fnfzig von seinen Galliern hatte, wollte sich
schon tten lassen, um allem Leid berhoben zu sein. Da glaubte er,
auf einem Saumpfad hoch in den Felsen einen Mann zu erblicken. Er war
so weit entfernt, da er wie ein Zwerg aussah. Trotzdem erkannte
Autarit am linken Arm des Mannes einen kleeblattfrmigen Schild.

Ein Karthager! schrie er.

Im Nu war in dem Talkessel, von der Drahtsperre bis zu den
Felsblcken, alles auf den Beinen.

Der Karthager schritt an den abschssigen Hngen hin. Die Barbaren
sahen ihm von unten aus zu.

Spendius nahm einen Ochsenschdel auf, krnte ihn um die Hrner mit
einer Art Diadem, aus zwei Grteln hergestellt, und befestigte ihn als
Symbol friedlicher Gesinnung an einer Stange.

Der Karthager verschwand. Man wartete.

Endlich am Abend fiel pltzlich von der Felswand ein Bandolier herab
wie ein losgelster Stein. Es war aus rotem Leder, mit Stickereien
bedeckt und mit drei Diamantsternen besetzt. In der Mitte trug es ein
Siegel mit dem Wappen des Groen Rates: ein Ro unter einem Palmbaum.
Das war Hamilkars Antwort, der Geleitbrief, den er ihnen sandte.

Die Sldner hatten im Grunde nichts zu frchten: jede nderung ihres
Schicksals war wenigstens das Ende der bisherigen Qual. Malose Freude
ergriff sie. Sie umarmten einander unter Trnen. Spendius, Autarit und
Zarzas, vier Italiker, ein Neger und zwei Spartiaten erboten sich zu
Unterhndlern. Man erteilte ihnen unverzglich Vollmacht. Allerdings
wuten sie noch nicht, wie sie aus der Enge kommen sollten.

Da erscholl ein Krach in der Richtung der Eingangsschlucht. Der
oberste Felsblock wankte und rollte ber die andern hinab. Whrend die
Blcke nmlich auf der Seite der Barbaren unerschtterlich waren, da
man sie eine schrge Flche htte hinaufschieben mssen--zudem waren
sie durch die Enge der Schlucht zusammengedrngt--, so gengte von der
andern Seite ein starker Sto, um sie umzuwerfen. Die Karthager taten
dies, und bei Tagesanbruch rollten die Blcke in die Tiefebene
hinunter wie die Stufen einer zerstrten Riesentreppe.

Aber auch so konnten die Barbaren noch nicht ohne weiteres ber sie
hinweg. Man reichte ihnen Leitern. Alle strzten sich darauf. Das
Gescho eines schweren Geschtzes trieb die Menge zurck. Nur die Zehn
wurden durchgelassen.

Sie marschierten zwischen Klinabaren, wobei sie sich mit einer Hand
auf den Rcken der Pferde aufsttzen durften, sonst htten sie sich
vor Mattigkeit nicht aufrecht halten knnen.

Nachdem die erste Freude vergangen war, begannen sich die Zehn Sorgen
zu machen. Hamilkars Forderungen wrden grausam sein! Doch Spendius
beruhigte sie:

Ich werde schon reden! Und er rhmte sich zu wissen, was zum Heile
des Heeres zu sagen dienlich sei.

Hinter jedem Busch bemerkte man versteckt aufgestellte Posten. Beim
Anblick des Bandoliers, das Spendius ber seine Schulter trug,
salutierten die Posten.

Im punischen Lager angelangt, wurde die Gesandtschaft von der Menge
umdrngt. Man vernahm Geflster und Lachen. Eine Zelttr ffnete sich.

Hamilkar sa im Hintergrunde auf einem Schemel neben einem niedrigen
Tische, auf dem sein blankes Schwert lag. Offiziere umstanden ihn.

Als er die Unterhndler erblickte, fuhr er zurck. Dann beugte er sich
vor, um sie zu betrachten. Ihre Augen waren unnatrlich gro. Breite
schwarze Kreise, die bis zu den Ohren reichten, umschatteten sie. Ihre
blulichen Nasen standen spitz und weit ab von den hohlen, tief
gefurchten Wangen. Die Haut war fr die Krper zu weit geworden und
berdies unter einer schiefergrauen Staubkruste kaum zu sehen. Die
Lippen klebten an den gelben Zhnen. Ein widerlicher Geruch machte
sich bemerkbar, wie aus geffneten Grbern, von wandelnden Leichen.

Mitten im Zelt stand auf einer Matte, auf der sich die Offiziere
niederlassen sollten, eine Schssel mit dampfenden Krbissen. Die
Barbaren starrten sie an, am ganzen Leibe schlotternd. Trnen traten
ihnen in die Augen. Trotzdem bezwangen sie sich.

Hamilkar wandte sich um, um mit einem der Offiziere zu sprechen. Da
strzten die Zehn ber das Gericht her, indem sie sich flach auf den
Bauch warfen. Ihre Gesichter tauchten in das Fett, und das Gerusch
des Hinterschlingens mischte sich mit dem freudigen Schluchzen, das
sie dabei ausstieen. Offenbar mehr aus Verwunderung denn aus Mitleid
lie man sie die Schssel leeren. Als sie sich wieder erhoben hatten,
winkte Hamilkar dem Trger des Bandoliers, zu reden.

Spendius ward ngstlich. Er stotterte.

Hamilkar hrte ihm zu, whrend er den groen goldnen Siegelring an
seinem Finger drehte, mit dem er das Wappen Karthagos auf das
Bandolier gedrckt hatte. Er lie ihn auf die Erde fallen. Spendius
hob ihn rasch auf. Vor seinem Herrn und Meister kam sein ehemaliges
Sklaventum wieder zum Vorschein. Die andern erbebten vor Entrstung
ber diese freiwillige Demtigung.

Jetzt erhob der Grieche die Stimme, wies auf Hannos beltaten hin, den
er als Feind des Barkas kannte, und suchte Hamilkar durch eine
Schilderung der Einzelheiten ihres Elends und durch den Hinweis auf
ihre frhere Ergebenheit zu erweichen. Er sprach lange, in rascher,
durchtriebener, bisweilen heftiger Weise. Von seinem Enthusiasmus
fortgerissen, verga er sich schlielich.

Hamilkar erwiderte, er nehme ihre Entschuldigungen an. Es solle also
Friede gemacht werden, und diesmal endgltig! Doch verlange er, da
man ihm zehn Sldner nach seiner Wahl ausliefere, ohne Waffen und ohne
Kleidung.

Solche Milde hatten sie nicht erwartet.

O, zwanzig, wenn du willst, Herr! rief Spendius aus.

Nein, zehn gengen mir! antwortete Hamilkar gndig.

Man lie die Gesandten aus dem Zelte, damit sie sich beraten konnten.
Sobald sie allein waren, sprach Autarit zugunsten der zu opfernden
Kameraden, und Zarzas sagte zu Spendius:

Warum hast du ihn nicht gettet? Sein Schwert lag dicht neben dir!

Ihn! stie Spendius hervor. Und mehrmals wiederholte er: Ihn!
Ihn!--als ob das ein Ding der Unmglichkeit und Hamilkar ein
Unsterblicher sei.

Eine solche Mattigkeit berkam alle, da sie sich mit dem Rcken auf
die Erde legten. Sie wuten nicht, wozu sie sich entschlieen sollten.

Spendius riet zur Annahme der Bedingung. Endlich willigten sie ein und
traten wieder in das Zelt.

Nun legte der Marschall seine Hand der Reihe nach in die Hnde der
zehn Barbaren und drckte ihnen den Daumen. Hinterher wischte er sich
die Hand an seinem Gewand ab, denn die klebrige Haut dieser Menschen
verursachte bei der Berhrung eine rauhe und zugleich weiche
Empfindung, ein fettiges, widerliches Kribbeln. Sodann sprach er zu
ihnen:

Ihr seid also die Obersten der Barbaren und habt als Bevollmchtigte
die Bedingung angenommen ...

Jawohl! antworteten sie.

... aus freien Stcken, ohne Arglist, und in der Absicht, die Zusage
zu halten?

Sie versicherten, da die Bedingung nach ihrer Rckkehr zum Heere
erfllt wrde.

Gut! sagte der Suffet. Kraft der Vereinbarung, zwischen mir,
Hamilkar Barkas, und euch, den Bevollmchtigten der Sldner,
geschlossen, whle ich _euch und behalte euch_!

Spendius sank ohnmchtig auf die Matte. Die Barbaren drngten sich
nach der andern Seite eng zusammen, als htten sie nichts mit ihm
gemein. Kein Wort, keine Klage ward laut.

Die in der Sge Eingeschlossenen, die der Unterhndler harrten und sie
nicht zurckkehren sahen, hielten sich fr verraten. Offenbar hatten
sich die Zehn dem Suffeten ergeben.

Man wartete noch zwei Tage. Am Morgen des dritten ward ein Entschlu
gefat. Auf Strickleitern, die man aus Lanzen, Pfeilen und
Leinwandstcken herstellte, gelang es vielen, die Felsen zu erklimmen.
Unter Zurcklassung der Schwcheren machten sich auf diese Weise etwa
dreitausend Mann auf, um zu dem Heere in Tunis zu stoen.

Oberhalb des Felsenkessels dehnte sich Wiesenland, mit krglichem
Gestruch bewachsen. Die Barbaren verzehrten die Knospen. Dann fanden
sie ein Bohnenfeld. Bald war es verschwunden, als wre ein
Heuschreckenschwarm darber hergefallen. Drei Stunden spter gelangte
man auf eine Hochebene, die ein Kranz von grnen Hgeln umrahmte.

Zwischen den Hgeln glnzten in gleichen Abstnden silberne Bndel.
Darunter erblickten die Barbaren, von der Sonne geblendet, undeutliche
dicke, schwarze Massen, auf denen diese Bndel lagerten. Mit einem
Male entfalteten sie sich, als ob sie aufblhten. Es waren die Lanzen
in den Trmen grauenhaft bewaffneter Elefanten.

Auer den Spieen an ihrer Brust, den Eisenspitzen ihrer Stozhne,
den Erzplatten, die ihre Seiten panzerten, und den scharfen Dolchen an
ihren eisernen Kniekappen trugen sie in ihren Rsseln Lederschlaufen,
an denen breite Sbel befestigt waren. Alle Elefanten waren
gleichzeitig vom Ende der Hochebene aufgebrochen und rckten von allen
Seiten gleichmig heran.

Ein namenloser Schreck erstarrte die Barbaren. Sie machten nicht
einmal den Versuch, zu fliehen. Schon waren sie umzingelt.

Die Elefanten drangen in die Menschenscharen. Die Spiee an ihrer
Brust zerteilten sie. Die Spitzen ihrer Stozhne whlten sie auf wie
Pflugschare. Die Sbel an ihren Rsseln zerschnitten und zerhackten
sie. Die Trme mit ihrem Brandpfeilregen glichen wandelnden Vulkanen.
Man unterschied nichts als eine breite Masse, in der das
Menschenfleisch weie Flecke, die Erzplatten graue Flchen und das
Blut rote Springbrunnen bildete. Die furchtbaren Tiere, die mitten
hindurchstampften, gruben schwarze Furchen hinein. Das wtendste wurde
von einem Numidier gelenkt, der eine Federkrone auf dem Haupte trug.
Er schleuderte Wurfspiee mit grlicher Geschwindigkeit und stie
dabei von Zeit zu Zeit einen langen schrillen Pfiff aus. Folgsam wie
Hunde, wandten die riesigen Tiere whrend des Gemetzels fortwhrend
ihre Blicke nach ihm.

Allmhlich verengte sich ihr Kreis. Die kraftlosen Barbaren leisteten
keinen Widerstand weiter. Bald waren die Elefanten in der Mitte der
Hochebene. Schon hatten sie keinen gengenden Raum mehr. Sie drngten
sich und gerieten aneinander. Ihre Hauer berhrten sich bereits. Aber
Naravas beruhigte sie. Sie machten Kehrt und trabten nach den Hgeln
zurck.

Indessen hatten sich zwei Kompagnien Sldner nach rechts in eine Mulde
geflchtet und ihre Waffen weggeworfen. Dort fielen sie in die Knie
und streckten die Arme, Gnade flehend, nach den punischen Zelten aus.

Man fesselte sie an Hnden und Fen. Als sie dann nebeneinander auf
dem Boden lagen, fhrte man die Elefanten zurck.

Alsbald krachten die Brustkrbe wie einbrechende Ksten. Jeder Tritt
zermalmte zwei Menschen. Die plumpen Fe schlrften ber die Leiber
hin mit Bewegungen, die aussahen, als hinkten die Tiere. Unaufhaltsam
vollendeten sie ihr Werk.

Dann lag die Hochebene wieder still und tot da. Die Nacht brach an.
Hamilkar weidete sich am Anblick seiner Rache. Doch pltzlich erbebte
er.

Er und alle erblickten zur Linken auf der Hhe eines Hgels auf
sechshundert Schritt Entfernung noch andre Barbaren. In der Tat hatten
sich vierhundert der tchtigsten Sldner, Etrusker, Libyer und
Spartiaten, von Anfang an in die Hgel zurckgezogen und waren dort
bisher unschlssig verblieben. Nach der Niedermetzlung ihrer Gefhrten
beschlossen sie, sich durch die Karthager durchzuschlagen. Just
marschierten sie nun in einer wohlgeordneten Breitkolonne herab, ein
wunderbar schrecklicher Anblick.

Sofort ward ein Herold an sie abgesandt. Der Suffet brauche Soldaten.
Er bewundere ihre Tapferkeit so, da er sie bedingungslos annehme. Sie
drften sogar, fgte der Karthager hinzu, noch etwas nher rcken, bis
zu einer Stelle, die er ihnen bezeichnen lie. Dort fnden sie
Lebensmittel.

Die Barbaren begaben sich dorthin und verbrachten die Nacht mit Essen.
Da murrten die Karthager ber die parteiische Vorliebe des Suffeten
fr die Sldner.

Gab er in der Folge diesen uerungen unersttlichen Hasses nach, oder
war sein gesamtes Verhalten eine wohlberechnete Verrterei? Jedenfalls
kam er selbst am nchsten Morgen, ohne Schwert, barhuptig, mit einem
kleinen Stabe von Klinabaren zu den Sldnern und erklrte ihnen, er
htte schon allzuviel Leute zu ernhren und beabsichtige darum nicht,
sie allesamt zu behalten. Da er jedoch Soldaten brauche und nicht
wisse, auf welche Weise er die Tchtigsten von ihnen ermitteln knne,
so sollten sie auf Tod und Leben miteinander kmpfen. Die Sieger wolle
er dann in seine Leibwache aufnehmen. Solch ein Tod sei ja so gut wie
jeder andre. Dabei zeigte er ihnen, indem er seine Truppen auseinander
rcken lie--denn die punischen Fahnen hatten den Sldnern bisher das
verborgen, was weiter hinten stand--: die hundertundzweiundneunzig
Elefanten des Naravas, die eine einzige gerade Linie bildeten und mit
ihren Rsseln breite Klingen schwangen. Da ward den Barbaren zumute,
als ob Riesenarme Henkersbeile ber ihre Kpfe hielten.

Sie blickten einander schweigend an. Nicht der Tod war es, der sie
durchzitterte, sondern der furchtbare Zwang, der ihnen angetan ward.

Die Kameradschaft hatte manchen engen Bund zwischen den Sldnern
geschaffen. Das Feldlager ersetzte den meisten die Heimat. Da sie ohne
Familie lebten, widmeten sie ihr Zrtlichkeitsbedrfnis einem
Waffengefhrten, mit dem sie Seite an Seite, unter demselben Mantel,
im Sternenlichte schliefen. Auch waren bei dem bestndigen Wandern
durch aller Herren Lnder, den gemeinsamen Todesgefahren und
Abenteuern seltsame Liebschaften entstanden, unzchtige Verbindungen,
ihnen ebenso ernsthaft wie andern Leuten die Ehe, kraft deren der
Strkere den Jngeren im Mordgewhl verteidigte, ihm beim Sprung ber
Abgrnde half, ihm den Fieberschwei von der Stirn trocknete und
Nahrung fr ihn stahl, whrend der andere, ein am Straenrand
aufgelesener Bursche, der dann Soldat geworden war, ihm diese Hingabe
mit tausend zarten Aufmerksamkeiten und den Geflligkeiten einer
Gattin vergalt.

Sie tauschten ihre Halsketten und Ohrgehnge aus, Geschenke, die sie
sich dereinst nach irgendeiner groen Gefahr, in trunkenen Stunden
gemacht hatten. Alle verlangten den Tod, keiner wollte ihn geben. Es
war da manch ein Jngling, der zu einem graubrtigen Manne sagte:
Nein, nein, du bist der Strkere! Du wirst uns rchen! Tte mich!
Und der alte Landsknecht erwiderte: Ich hab nicht lange mehr zu
leben! Sto mir ins Herz und denk nicht mehr daran! Brder blickten
sich Hand in Hand an, und Liebende sagten ihren Geliebten auf ewig
Lebewohl, indem sie weinend an ihren Schultern hingen.

Man warf die Panzer ab, damit die Schwerter rascher durchdrngen. Da
kamen wie Inschriften an Denkmlern die Narben der schweren Wunden zum
Vorschein, die sie fr Karthago empfangen hatten.

Man ordnete sich in vier gleichgroen Reihen nach Gladiatorenart und
begann zaghaft gegeneinander zu fechten. Manche hatten sich sogar die
Augen verbunden, und ihre Schwerter tappten unsicher durch die Luft
wie der Stock eines Blinden. Die Karthager stieen ein Hohngeschrei
aus und schimpften: Feiglinge! Das regte die Barbaren auf, und bald
ward der Kampf allgemein, leidenschaftlich und grlich.

Bisweilen hielt ein Kmpferpaar blutberstrmt inne, sank einander in
die Arme und starb unter Kssen. Keiner wich zurck. Man strzte in
gezckte Klingen. Die Raserei ward so wild, da die Karthager trotz
der Entfernung Angst bekamen.

Endlich rastete der Kampf. Die Lungen keuchten laut, und man erkannte
wilde Augen zwischen langem, wirrem Haar, das blutig herabhing, als
wr es einem Purpurbade entstiegen. Manche drehten sich rasch um sich
selbst wie Panther, die an der Stirn verletzt sind. Andre standen
unbeweglich und starrten auf einen Leichnam zu ihren Fen. Dann
zerrissen sie sich pltzlich das Gesicht mit den Fingerngeln, packten
ihr Schwert mit beiden Hnden und stieen es sich in den eigenen Leib.

Sechzig waren noch brig. Sie verlangten zu trinken. Man rief ihnen
zu, sie sollten die Schwerter wegwerfen. Nachdem sie das getan,
brachte man ihnen Wasser.

Whrend sie tranken und das Gesicht tief in die Gefe drckten,
sprangen sechzig Karthager hinterrcks auf sie zu und erdolchten sie.

Hamilkar lie dies alles geschehen, um den Gelsten seines Heeres
nachzukommen und es durch diesen Verrat an seine Person zu fesseln.

       *       *       *       *       *

Der Krieg war somit beendet. Wenigstens glaubte man es. Matho wrde
keinen Widerstand leisten! In seiner Ungeduld befahl der Suffet sofort
den Abmarsch. Seine Aufklrer meldeten ihm, sie htten einen Wagenzug
gesehen, der den Weg nach dem Bleiberge verfolge. Hamilkar kmmerte
sich nicht darum. Waren erst die Sldner vllig vernichtet, so sollten
ihm die Nomaden keine Sorge mehr machen. Die Hauptsache war jetzt die
Einnahme von Tunis. In starken Tagesmrschen eilte er dorthin.

Er sandte Naravas nach Karthago, um die Siegeskunde zu berbringen.
Stolz auf seine Erfolge, trat der Numidierfrst vor Salambo.

Auf einem gelben Lederkissen ruhend, empfing sie ihn in ihren Grten
unter einer breitstigen Sykomore. Taanach stand neben ihr. Salambos
Gesicht war mit einem weien Schleier bedeckt, der ihr so ber Mund
und Stirn gewunden war, da er nur die Augen frei lie. Aber ihre
Lippen leuchteten unter dem zarten Gewebe, ebenso die Edelsteine an
ihren Fingern, denn sie trug auch ihre Hnde verhllt. Whrend des
ganzen Gesprches machte sie nicht eine Gebrde.

Naravas berichtete ihr von der Niederlage der Barbaren. Sie dankte ihm
mit einem Segensspruche fr die ihrem Vater geleisteten Dienste.
Darauf begann er den ganzen Feldzug zu erzhlen.

Die Tauben in den Palmen um sie herum girrten leise. Haubenlerchen,
tartessische Wachteln und punische Perlhhner hpften im Grase. Der
Garten war seit langem vernachlssigt und verwildert. Koloquinten
kletterten in die Zweige der Kassien empor. Asklepien wucherten in den
Rosenbeeten. Allerlei Gewchse rankten sich durcheinander und formten
Lauben. Wie in einem Walde malten die schrgen Sonnenstrahlen da und
dort die Schatten der Bltter auf die Erde. Zahme Tiere, die wieder
verwildert waren, flohen beim leisesten Gerusch. Bisweilen erblickte
man eine Gazelle, an deren zierlichen schwarzen Hufen verlorene
Pfauenfedern hingen. Der ferne Lrm der Stadt ertrank im Rauschen der
Meereswogen. Der Himmel war tiefblau. Kein Segel leuchtete auf den
Fluten.

Naravas hatte auserzhlt. Salambo blickte ihn an, ohne zu sprechen. Er
trug ein mit Blumen bemaltes Linnengewand mit goldenen Fransen am
Saum. Zwei silberne Pfeile hielten sein ber den Ohren geflochtenes
Haar zusammen. Mit der Rechten lehnte er sich auf den Schaft seiner
Lanze, der mit Bernsteinringen und Tierhaarbscheln geschmckt war.

Wie Salambo ihn so betrachtete, versank sie tiefer und tiefer in lose
Gedanken. Der Jngling mit seiner sanften Stimme und seiner
frauenhaften Gestalt bezauberte ihre Augen durch die Anmut seiner
Erscheinung. Er erschien ihr wie eine ltere Schwester, von den
Gttern zu ihrem Schutze gesandt. Da aber berkam sie die Erinnerung
an Matho, und sie konnte der Neugier nicht widerstehen, nach dem
knftigen Schicksal des Libyers zu fragen.

Naravas antwortete ihr, da die Karthager auf Tunis marschierten, um
es zu erobern. Je ausfhrlicher er ber die Wahrscheinlichkeit des
Gelingens und ber Mathos Schwche sprach, desto mehr schien sie von
einem ganz besonderen Wunsche erfllt. Ihre Lippen bebten, ihre Brust
atmete tief. Als Naravas endlich versprach, ihn mit eigener Hand zu
tten, rief sie:

Ja! Tte ihn! Es mu sein!

Der Numidier entgegnete, auch er wnsche Mathos Tod leidenschaftlich,
da der Krieg dann beendet sei und er ihr Gemahl werde.

Salambo schrak zusammen und lie den Kopf sinken.

Naravas aber fuhr fort und verglich seine Wnsche mit Blumen, die nach
dem Regen drsten, und mit verirrten Wanderern, die des Tages harren.
Er sagte ihr, sie sei schner als der Mond, kstlicher als der
Morgenwind und holder als das Antlitz eines Gastes. Er wolle Dinge fr
sie aus dem Negerlande kommen lassen, die es in Karthago nicht gbe,
und die Gemcher ihres Schlosses sollten mit Goldstaub bestreut
werden.

Der Abend nahte. Balsamische Dfte durchwehten die Luft. Die beiden
blickten einander lange schweigend an, und Salambos Augen blitzten
zwischen ihren breiten Schleiern wie zwei Sterne aus einem
Wolkenspalt. Ehe die Sonne verschwand, verabschiedete sich Naravas.

Die Alten fhlten sich von einer groen Sorge befreit, als Naravas
Karthago wieder verlie. Das Volk hatte ihm mit noch grerer
Begeisterung zugejauchzt, als bei seinem ersten Kommen. Wenn Hamilkar
und der Numidierfrst allein ber die Sldner triumphierten, so war
jeder Widerstand gegen die beiden unmglich! Daher beschlossen die
Gerusiasten, ihren Liebling, den alten Hanno, an der Rettung der
Republik teilnehmen zu lassen.

Hanno begab sich unverzglich nach den westlichen Provinzen, damit die
Orte, die seine Schmach erlebt hatten, auch seine Rache shen. Doch
die Einwohner und die Barbaren waren tot, versteckt oder entflohen.
Nun lie er seine Wut an dem Lande aus. Er verbrannte die Trmmer der
Trmmer, lie keinen Baum, keinen Halm stehen, richtete die Kinder und
die Kranken, die man aufgriff, unter Martern hin, und gab seinen
Soldaten die Weiber preis, ehe er sie morden lie. Die schnsten
wurden in seine Snfte geworfen, denn seine scheuliche Krankheit
reizte ihn zu wilden Gelsten, die er mit der ganzen Wut eines
Verzweifelten befriedigte.

Oft sanken auf dem Kamme der Hgel schwarze Zelte, wie vom Winde
verweht, zusammen, und breite Scheiben mit glnzendem Rande, die man
als Wagenrder erkannte, rollten mit knarrendem, fast klagendem Laut
hinab in die Tler. Auf diese Weise irrten einzelne Stmme, die von
der Belagerung Karthagos Abstand genommen hatten, durch die Provinzen
und warteten auf eine Gelegenheit, auf einen Sieg der Sldner, um
wiederzukommen. Doch aus Furcht oder Hunger schlugen sie schlielich
alle den Heimweg ein und verschwanden. Hamilkar war auf Hannos Erfolge
keineswegs eiferschtig. Trotzdem hatte er es eilig, den Krieg zu
beenden. Er befahl ihm also, sich auf Tunis zu werfen, und Hanno, der
glhende Patriot, fand sich am befohlenen Tage vor den Mauern der
Stadt ein.

Sie hatte zu ihrer Verteidigung die eingeborene Bevlkerung, dazu
zwlftausend Sldner und alle Esser unreiner Speisen, denn sie standen
ebenso wie Matho im Banne Karthagos. Der Pbel wie der Schalischim
betrachteten von fern seine hohen Mauern und trumten von den
unendlichen Genssen, die sie bargen. Bei solchem Einklang im Hasse
war der Widerstand rasch ins Werk gesetzt. Man nahm Schluche, um
Helme daraus zu machen, fllte alle Palmen in den Grten, um Lanzen
herzustellen, grub Zisternen und fischte, um Lebensmittel zu haben, am
Ufer des Hafen die groen weien Fische, die sich von Leichen und
Abfllen nhrten. Die Wlle, die dank der Eifersucht Karthagos in
Trmmern lagen, waren freilich so schwach, da man sie durch einen
Sto mit der Schulter umwerfen konnte. Matho lie die Lcher und
Lcken darin mit den Steinen der Huser verstopfen. Es galt den
letzten Kampf. Er hoffte nichts mehr, und doch sagte er sich, das
Glck sei wandelbar.

Beim Anrcken bemerkten die Karthager auf dem Wall einen Mann, der
halb ber die Brustwehr ragte. Die Pfeile, die ihn umschwirrten,
schienen ihn nicht mehr zu schrecken als ein Schwarm von Schwalben.
Seltsamerweise traf ihn keins der Geschosse.

Hamilkar schlug sein Lager auf der Sdseite der Stadt auf, Naravas
besetzte stlich davon das ebene Land um Rades. Hanno nahm eine
Stellung nrdlich von Tunis, an der Strae nach Karthago ein. Die drei
Generale sollten spter auf Verabredung die Stadtmauern von allen
Seiten zugleich angreifen.

Zuvrderst aber wollte Hamilkar den Sldnern zeigen, da er sie wie
Sklaven zu behandeln gedachte. Er lie die zehn Gesandten, einen neben
dem andern, auf einer Anhhe im Angesicht der Stadt ans Kreuz
schlagen.

Bei diesem Anblick verlieen die Belagerten den Wall. Matho erfuhr,
da Hannos Lager nicht gengend gesichert sei und da daselbst
Unordnung und Sorglosigkeit herrsche. Sofort entschlo er sich zu
einem krftigen Ausfall. Dieser gelang so vollkommen, da Matho die
berraschten Karthager ber den Haufen warf und, den Flchtlingen
nachdrngend, in das Lager und bis an Hannos Zelt gelangte, der gerade
dreiig der vornehmsten Karthager, die gesamte Gerusia, bei sich
hatte.

Sichtlich entsetzt ber die khnen Eindringlinge, rief er nach seinen
Unterfhrern. Aber die Barbaren griffen mit zahllosen Hnden nach
seiner Gurgel und schrien ihn mit Schimpfworten an. Es entstand ein
allgemeines Gedrnge, und die, die Hanno in den Hnden hatten, hielten
ihn nur mit groer Mhe fest. Inzwischen suchte er ihnen ins Ohr zu
flstern: Ich gebe euch alles, was ihr verlangt! Ich bin reich!
Rettet mich nur! Man zerrte ihn fort. So schwer er war, so berhrten
doch seine Fe den Boden nicht. Die Alten hatte man bereits von ihm
fortgerissen.

Sein Schrecken steigerte sich: Ihr habt mich besiegt! Ich bin euer
Gefangener! Ich kaufe mich los! Hrt mich, meine Freunde!

Unter den zahllosen Hnden, die sich gegen ihn reckten, wiederholte er
immer wieder: Was wollt ihr? Was verlangt ihr? Ihr seht ja, ich
widersetze mich nicht! Ich bin immer gutmtig gewesen!

Ein riesiges Kreuz stand vor dem Tore. Die Barbaren brllten:
Hierher! Hierher! Hanno berschrie sie und beschwor sie bei ihren
Gttern, ihn zum Schalischim zu fhren, denn er habe diesem etwas
anzuvertrauen, wovon ihr Heil abhinge.

Man hielt inne. Einige meinten, es wre klug, Matho zu rufen. Man
eilte, ihn zu suchen.

Hanno sank auf den Rasen. Rings um sich sah er Kreuz an Kreuz, als ob
sich die Todesmarter, die ihm bevorstand, im voraus vervielfltige. Er
suchte sich einzureden, da er sich tusche, da nur ein einziges
dastehe, ja, da berhaupt keins vorhanden sei. Da hob man ihn auf.

Rede! sprach Matho.

Hanno erbot sich, Hamilkar auszuliefern. Dann wolle er zusammen mit
dem Sldner in Karthago einziehen, beide als Knige.

Matho entfernte sich, indem er ein Zeichen gab, sich zu beeilen. Er
hielt den Vorschlag nur fr eine List, um Zeit zu gewinnen.

Der Barbar tuschte sich. Hanno war in einer jener verzweifelten
Lagen, wo man nichts mehr achtet. berdies hate er Hamilkar so sehr,
da er ihn bei der geringsten Hoffnung auf Rettung mit allen seinen
Soldaten geopfert htte.

Am Fue der dreiig Kreuze lagen die Alten halb ohnmchtig am Boden.
Schon waren ihnen Stricke unter die Achseln gelegt. Da begriff der
alte Suffet, da er sterben mute, und begann zu weinen. Man ri ihm
die Reste seiner Kleider vom Leibe, und sein widerlicher Krper kam
zum Vorschein. Schwren bedeckten die kaum noch menschliche Gestalt.
Die Ngel seiner Fe verschwanden unter den Fettwlsten seiner Beine.
An seinen Fingern hing es wie grnliche Lappen, und die Trnen, die
zwischen den Eiterbeulen seiner Wangen herabrannen, verliehen seinem
Gesicht etwas so entsetzlich Trauriges, da es aussah, als ob sie hier
mehr Raum einnhmen als auf einem andern Menschenantlitz. Seine
Hoheitsbinde hatte sich halb gelst und schleifte mit feinen weien
Haaren im Staube. Man glaubte, nicht gengend starke Stricke zu haben,
um ihn am Kreuze emporziehen zu knnen. Daher nagelte man ihn, ehe das
Holz wieder aufgerichtet ward, nach punischem Brauche daran fest. Sein
Stolz erwachte im Schmerze. Er begann die Barbaren mit Schmhworten zu
berschtten. Er schumte und wand sich wie ein Meerungeheuer, das man
am Strande erschlgt. Er weissagte ihnen, da sie alle noch viel
schrecklicher umkommen und da er gercht werden wrde.

Er war es bereits. Auf der andern Seite der Stadt rangen die zehn
Gesandten der Sldner an ihren Kreuzen mit dem Tode.

Einige, die anfangs ohnmchtig geworden waren, kamen im frischen Winde
wieder zu sich. Doch ihr Kinn blieb auf der Brust liegen, und ihr
Krper sank ein wenig herab, trotzdem ihre Arme etwas hher als der
Kopf angenagelt waren. Von ihren Fersen und Hnden rann das Blut in
dicken Tropfen hernieder, langsam, wie reife Frchte von den Zweigen
eines Baumes fallen. Karthago, der Golf, die Berge und die Ebenen,
alles schien sich um sie zu drehen wie ein ungeheures Rad. Bisweilen
wirbelte eine Staubwolke vom Boden auf und hllte sie ein.
Frchterlicher Durst verzehrte sie. Die Zunge klebte ihnen am Gaumen,
und sie fhlten einen eisigen Schwei ber ihre Glieder rinnen,
whrend das Leben langsam entfloh.

Unter sich, wie in unendlicher Tiefe, erblickten sie Straen,
marschierende Soldaten, blitzende Schwerter. Schlachtenlrm drang
verworren zu ihnen herauf wie das Meeresbrausen zu Schiffbrchigen,
die in den Masten eines Schiffes verschmachten. Die Italiker,
krftiger als die andern, schrien noch laut. Die Spartiaten blieben
stumm und hielten die Augen geschlossen. Zarzas, einst so kraftvoll,
neigte sich wie ein geknicktes Rohr. Der thiopier neben ihm hatte den
Kopf rckwrts ber den Querbalken des Kreuzes geworfen. Autarit hing
unbeweglich und rollte nur die Augen. Sein langes Haar, das sich an
einem Spane des Holzes ber seinem Haupte festgeklemmt hatte, stand
auf seiner Stirn hoch, und das Rcheln, das er ausstie, klang fast
wie Wutgebrll. ber Spendius war ein seltsamer Mut gekommen. Jetzt
verachtete er das Leben, in der Gewiheit, bald fr immer erlst zu
sein, und gleichgltig erwartete er den Tod.

Inmitten ihrer Ohnmacht aber erbebten die Zehn bisweilen bei der
Berhrung von Federn, die ihre Gesichter streiften. Groe Fittiche
warfen schwankende Schatten ber sie. Krchzen ertnte in der Luft,
und da Spendius am hchsten Kreuze hing, stie der erste Geier auf ihn
hernieder. Da wandte er sein Antlitz Autarit zu und sagte langsam, mit
unbeschreiblichem Lcheln:

Entsinnst du dich der Lwen am Wege nach Sikka!

Das waren unsre Brder! erwiderte der Gallier und verschied.

       *       *       *       *       *

Der Suffet hatte von allen diesen Vorgngen nichts bemerkt. Die Stadt
vor ihm verdeckte das jenseitige Gelnde. Im brigen war er von Hannos
Abteilung nrdlich von Tunis durch das Haff und im Westen durch die
vor der Stadt sich langhin dehnende Lagune vllig getrennt. Die
Offiziere, die er nach und nach an die beiden andern Feldherren
abgesandt hatte, waren nicht zurckgekehrt. Jetzt aber kamen
Flchtlinge an, die von Hannos Niederlage berichteten.

Hamilkar begab sich unverzglich auf einen erhhten Punkt, um sich
ber die neue Lage zu vergewissern. Er sah Hannos Lager in Brand, aber
ein Windsto trieb den Rauch auseinander und machte ihm den Blick frei
bis zu den Mauern von Karthago. Er glaubte sogar Leute zu erkennen,
die auf der Plattform des Eschmuntempels Ausschau hielten. Dann wandte
er den Blick mehr nach links und erkannte am Ufer des Haffs die
dreiig riesigen Kreuze.

Die Barbaren hatten sie nmlich, um den grausigen Eindruck zu erhhen,
aus aneinandergesetzten Zeltmasten errichtet, und so ragten die
dreiig Leichen der Alten hoch in den Himmel. Auf ihrer Brust
schimmerte etwas wie weie Schmetterlinge. Es war das Gefieder der
Pfeile, die man von unten auf sie abgeschossen hatte.

An der Spitze des hchsten Kreuzes glnzte ein breites goldenes Band.
Es hing auf die Schulter des Gekreuzigten hinab. Der Arm fehlte der
Leiche auf dieser Seite. Hamilkar hatte Mhe, Hanno zu erkennen. Die
schwammigen Knochen des Gerichteten waren an den Eisenngeln nicht
fest hngen geblieben. Teile seiner Gliedmaen hatten sich losgelst,
und so hingen am Kreuze nur unfrmige Bruchstcke, Tierresten hnlich,
die sich Jger an ihre Tren zu nageln pflegen.

Das Heer Hamilkars war angesichts dieses unerwarteten Unglcks wie
betubt. Es hrte nicht auf Hamilkars Befehle.

Matho benutzte diese Unttigkeit, sich nunmehr gegen die Numidier zu
wenden. Naravas hatte den Ausfall Mathos rechtzeitig bemerkt. Wohl war
er mit seinen Reitern und Elefanten nach Sdwesten vorgerckt, um
Hamilkar den Rcken zu decken. Mehr aber tat er nicht. War es aus
Hinterlist gegen Hanno oder aus Beschrnktheit? Man hat es nie
erfahren.

Jetzt geriet er mit Matho ins Gefecht. Die numidischen Elefanten
rckten an. Aber die Sldner machten sich Fackeln und rckten, sie
schwenkend, in die Ebene vor. Die mchtigen Tiere scheuten und rannten
nach rckwrts in den Golf, wo sie um sich schlugen und sich
gegenseitig tteten oder unter der Last ihrer Panzer ertranken. Auch
seine Reiterei setzte Naravas in Bewegung. Die Sldner warfen sich
jedoch mit den Gesichtern auf den Boden, und als die Pferde auf drei
Schritt heran waren, sprangen sie ihnen unter die Buche und
schlitzten sie mit Dolchsten auf. Als Barkas endlich herbeikam, war
bereits die Hlfte der Numidier gefallen.

Erschpft, wie sie waren, vermochten die Sldner Hamilkars Truppen
nicht Widerstand zu leisten. Sie zogen sich daher in guter Ordnung
nach dem Berge der Heien Wasser zurck. Der Suffet war so klug, sie
nicht zu verfolgen. Er gab die Belagerung von Tunis auf und wandte
sich nach der Makarmndung.

Die Kadaver der numidischen Elefanten trieben, vom Winde gefhrt, am
Gestade des Golfes hin, wie schwarze schwimmende Inseln. Um den Krieg
mit Nachdruck zu untersttzen, hatte Naravas seine Wlder erschpft.
Er hatte die jungen und die alten Tiere, die Mnnchen und die Weibchen
genommen. Diese kriegerische Kraft seines Reiches erholte sich nie
wieder.

Das karthagische Volk hatte die Elefanten von weitem umkommen sehn und
war untrstlich darber. Mnner jammerten auf den Straen und riefen
ihre Namen wie die verstorbener Freunde: Ach, der Unbesiegliche! Der
Sieg! Der Blitz! Die Schwalbe! Am ersten Tag sprach man von ihnen
mehr als von den gefallenen Brgern. Doch am nchsten Tage erblickte
man die Zelte der Sldner am Berge der Heien Wasser. Da ward die
allgemeine Verzweiflung so gro, da sich viele, namentlich Frauen,
kopfber von der Akropolis hinabstrzten.

       *       *       *       *       *

Hamilkars Plne kannte keiner. Er lebte einsam in seinem Zelte. Nur
ein kleiner Knabe war um ihn. Niemand a mit den beiden, nicht einmal
Naravas. Gleichwohl bezeigte ihm der Feldherr seit Hannos Niederlage
ungewhnliche Hflichkeit. Der Numidierfrst begehrte zwar nichts
sehnlicher denn Hamilkars Schwiegersohn zu werden, aber er war
trotzdem mitrauisch.

Des Marschalls scheinbare Unttigkeit verdeckte in der Tat schlaue
Machenschaften und Absichten. Durch allerhand Kunstkniffe gewann er
die Dorfltesten und die Sldner wurden gejagt, vertrieben und
umstellt wie wilde Tiere. Wenn sie in ein Gehlz kamen, begann es zu
brennen, wenn sie aus einer Quelle tranken, war sie vergiftet. Man
vermauerte die Hhlen, in denen sie nachts lagerten. Die
Nomadenstmme, ihre frheren Mitschuldigen, die bisher auf ihrer Seite
gestanden hatten, wurden jetzt die Verfolger der Sldner. Man bemerkte
bei diesen Banden stets karthagische Rstungen.

Viele Barbaren hatten im Gesicht rote Flechten. Man munkelte, das sei
durch die Berhrung von Hannos Leib entstanden. Andre bildeten sich
ein, es wre die Strafe dafr, da sie Salambos Fische gegessen
htten. Doch weit entfernt, Reue darber zu empfinden, sannen sie auf
noch abscheulichere Frevel, um die punischen Gtter noch mehr zu
beschimpfen. Man htte sie am liebsten ausgerottet.

So zogen die Barbaren drei Monate lang an der Ostkste hin und dann
ber die Sellumer Berge hinaus bis zum Rande der Wste. Man suchte
einen Zufluchtsort, gleichviel wo. Nur Utika und Hippo-Diarrhyt waren
treu geblieben. Doch beide Stdte wurden von Hamilkar belagert.
Deshalb zog man schlielich auf gut Glck wieder gen Norden, ohne die
Straen zu kennen. Das lange Elend hatte die Kpfe schwachsinnig
gemacht. Man empfand nichts mehr als eine immer wachsende Erbitterung.
Eines Tages waren die Sldner wieder in den Schluchten von Kobus,
abermals vor Karthago.

Nun wurden die Treffen hufiger. Das Kriegsglck war wechselnd. Doch
Freund wie Feind war derart erschpft, da man auf beiden Seiten
anstatt dieser kleinen Scharmtzel eine groe Schlacht herbeiwnschte.
Man sehnte sich nach der letzten Entscheidung.

Matho hatte Lust, diesen Vorschlag dem Marschall persnlich zu
berbringen. Aber einer seiner Libyer bernahm das Wagnis. Als man ihn
abziehen sah, waren alle berzeugt, da er nie wiederkme.

Er kehrte noch am selben Abend zurck.

Hamilkar nahm die Herausforderung an. Man sollte sich am nchsten
Morgen bei Sonnenaufgang in der Ebene von Rades treffen.

Die Sldner wollten wissen, ob Hamilkar noch etwas gesagt htte, und
der Libyer berichtete weiter:

Als ich vor ihm stehen blieb, fragte er mich, worauf ich noch
wartete. Ich antwortete: 'Da man mich tte!' Da erwiderte er: 'Nein!
Geh! Du stirbst morgen mit den andern!'

Diese Gromut verwunderte die Barbaren. Viele waren entsetzt darber,
und Matho bedauerte, da der Bote nicht gettet worden war.

       *       *       *       *       *

Matho hatte noch dreitausend Afrikaner, zwlfhundert Griechen,
fnfzehnhundert Kampaner, zweihundert Iberer, vierhundert Etrusker,
fnfhundert Samniter, vierzig Gallier und eine Schar Naffurs, das
waren heimatlose Banditen, die er im Dattellande aufgetrieben hatte,
insgesamt siebentausend zweihundert und neunzehn Soldaten, aber
darunter keine einzige vollstndige Kompagnie. Die Truppen hatten die
Lcher ihrer Harnische mit den Schulterblttern von Vierflern
geflickt und ihre Panzerstiefel durch Sandalen aus Lumpen ersetzt.
Kupfer- und Eisenstcke beschwerten ihre Rcke. Ihre Panzerhemden
hingen in Fetzen herab, und zwischen den Haaren ihrer Arme und
Gesichter liefen die Narben wie Purpurfden.

Der Zorn ihrer toten Gefhrten beseelte sie und vermehrte ihre Krfte.
Sie fhlten dunkel, da sie Diener eines Gottes waren, der in den
Herzen der Unterdrckten waltete, und hielten sich fr die heiligen
Werkzeuge der allgemeinen Rache. Auch versetzte sie die malose
Perfidie der Punier in Schmerz und Wut, und ganz besonders der Umri
Karthagos am Horizonte. Man schwur sich zu, bis in den Tod freinander
zu kmpfen.

Man ttete Lasttiere und a soviel wie mglich, um sich zu strken.
Dann schlief man ein. Manche beteten zu irgend einem Sternenbilde.

Die Karthager langten vor den Barbaren in der Ebene an. Sie hatten die
Schildrnder mit l bestrichen, damit die Pfeile besser abglitten. Die
Infanterie, die langes Haar trug, schnitt es sich aus Vorsicht ber
der Stirn ab. Hamilkar lie um die fnfte Stunde alle Feldkessel
umwerfen, denn er wute, da es sich mit berflltem Magen nicht gut
fechten lt. Sein Heer zhlte vierzehntausend Mann, das Doppelte des
Barbarenheeres. Trotzdem hatte er nie eine gleiche Unruhe empfunden.
Wenn er unterlag, so war die Republik verloren, und er selbst mute am
Kreuze sterben. Siegte er hingegen, so konnte er ber die Pyrenen,
Gallien und die Alpen nach Italien gelangen, und das Reich der
Barkiden war von ewiger Dauer! Zwanzigmal erhob er sich in der Nacht,
um alles bis auf die geringsten Einzelheiten persnlich zu berwachen.
Was seine Truppen betraf, so waren sie durch die lange Schreckenszeit
arg erbittert.

Naravas zweifelte an der Treue seiner Numidier. Zudem konnten die
Barbaren siegen. Eine seltsame Schwche hatte ihn ergriffen. Aller
Augenblicke trank er einen groen Becher Wasser.

Da ffnete ein ihm Unbekannter sein Zelt und legte auf den Boden eine
Krone aus Steinsalz mit symbolischem Zierat aus Schwefelkristallen und
Perlmuttervierecken. Man sandte bisweilen dem Brutigam solch eine
Hochzeitskrone. Das war ein Liebespfand, eine Art Aufforderung.

Dennoch empfand Hamilkars Tochter keine Zrtlichkeit fr Naravas. Die
Erinnerung an Matho beunruhigte sie in unertrglicher Weise. Es dnkte
ihr, als ob der Tod dieses Mannes einen Bann von ihrer Seele nehmen
msse, wie man den Bi einer Giftschlange heilt, indem man sie auf der
Wunde zerquetscht. Der Numidierfrst schmachtete nach ihr. Ungeduldig
harrte er seiner Hochzeit, und da diese dem Siege folgen sollte, so
sandte Salambo ihm dieses Geschenk, um seinen Mut anzufeuern. Da
verschwand seine Bangigkeit, und er dachte nur noch an das Glck, ein
so schnes Weib besitzen zu sollen.

Der gleiche Traum lockte auch Matho. Aber er bezwang seine Liebe und
widmete sich vllig seinen Waffengefhrten. Er liebte sie wie Teile
seines eigenen Ichs. Sein Ha beseligte ihn. Er fhlte seine Seele
gelutert und seine Arme gekrftigt. Alles, was er auszufhren hatte,
stand ihm klar vor Augen. Wenn ihm zuweilen ein Seufzer entschlpfte,
so galt er dem Angedenken des Spendius.

Er ordnete seine Barbaren zu sechs gleichstarken Abteilungen. In die
Mitte nahm er die Etrusker, die alle durch eine eherne Kette
aneinandergefesselt waren. Hinter ihnen standen die Schtzen. Auf die
beiden Flgel stellte er die Naffurs, die kurzgeschorene, mit
Strauenfedern geschmckte Kamele ritten.

Der Suffet brachte seine Karthager in eine hnliche Schlachtordnung.
Rechts und links von der Phalanx des gepanzerten Fuvolks stellte er
die Leichtbewaffneten und die Klinabaren auf, an den Flgeln die
Numidier. Als es tagte, standen sich beide Heere in dieser Aufstellung
gegenber und musterten einander von weitem mit groen wilden Augen.
Zuerst zauderte man, dann aber setzten sie sich gegeneinander in
Bewegung.

Die Barbaren rckten langsam vor, um nicht auer Atem zu kommen. Der
Boden drhnte unter dem Takte ihres Marsches. Die Mitte des punischen
Heeres war in einem konvexen Bogen ein wenig vorgeschoben. Es erfolgte
ein furchtbarer Zusammenprall, gleich dem Krachen zweier gegeneinander
stoenden Flotten. Die vorderste Linie der Barbaren schlo sich rasch
auf. Die dahinter gedeckt stehenden Schtzen schleuderten jetzt ihre
Kugeln, Pfeile und Wurfspiee. Nunmehr flachte sich der Bogen der
karthagischen Mitte allmhlich ab. Sie wurde gerade, ja sie bog sich
nach innen. Jetzt schwenkten die beiden Massen der Leichtbewaffneten
schrg vorwrts wie die beiden Schenkel eines sich schlieenden
Zirkels. Die Barbaren, im wilden Handgemenge mit der Phalanx, waren
nahe daran, in diesen Winkel hineinzugeraten. Das wre ihr Verderben
gewesen. Matho beorderte sie zurck, und whrend die punischen
Leichtbewaffneten in ihrer begonnenen Bewegung verharrten, dirigierte
er seine Reserven gegen sie. Dadurch verlngerte sich alsbald sein
Zentrum nach beiden Seiten, und seine Stellung erschien um das
Dreifache verlngert.

Aber die Barbaren, die an den beiden Enden standen, namentlich die auf
dem linken, die bald ihre Pfeile verschossen hatten, waren zu schwach.
Als die punischen Leichtbewaffneten gegen sie anstrmten, wurden sie
in Unordnung gebracht.

Matho ordnete die Rckwrtsbewegung seines linken Flgels an. Auf dem
rechten Flgel hatte er noch die mit xten bewaffneten Kampaner. Er
warf sie gegen den linken Flgel der Karthager. Sein Mitteltreffen
griff ebenfalls wieder an, und der linke Flgel, jetzt auer Gefahr,
hielt den Leichtbewaffneten wieder stand.

Nun stellte Hamilkar seine Reiterei in Echelons auf und lie sie
attackieren.

Diese kegelfrmigen Massen zeigten in der Front Reiter, whrend ihre
breiteren Flanken von den Lanzen Schwerbewaffneter starrten. Die
Barbaren vermochten nicht standzuhalten. Allein das griechische
Fuvolk besa Krasse und Lanzen, alle andern fhrten nur Messer, an
langen Stangen befestigt. Die weichen Klingen verbogen sich beim
Schlagen, und whrend man sie mit den Stiefelabstzen wieder
geradetrat, machten die Karthager die Wehrlosen von rechts und links
mhelos nieder.

Nur die Etrusker, an ihre Kette geschmiedet, wankten nicht. Da die
Toten nicht zur Erde fallen konnten, behinderten sie die Lebenden mit
ihren Leibern. Die breite, eherne Masse dehnte sich bald aus, bald zog
sie sich wieder zusammen, biegsam wie eine Schlange und
unerschtterlich wie eine Mauer. Die Barbaren ordneten sich hinter ihr
immer wieder, verschnauften ab und zu, und brachen dann wieder hervor,
die Stmpfe ihrer Waffen schwingend.

Viele hatten berhaupt keine Wehr mehr. Sie sprangen auf die Karthager
los und bissen ihnen ins Gesicht wie Hunde. Die Gallier warfen
hochmtig ihre Waffenrcke ab und zeigten von weitem ihre krftigen
weien Krper oder rissen, um den Feind zu entsetzen, ihre Wunden auf.
In den punischen Kompagnien hrte man die Stimme der Signalisten nicht
mehr, von denen die Befehle laut ausgerufen wurden. Nur die
Standarten, die aus dem Staube ragten, hielten die Verbnde
einigermaen zusammen. Der einzelne Mann ward von den Wogen des wilden
Getmmels fortgerissen.

Hamilkar lie den Numidiern den Befehl zur Attacke zugehen. Die
Naffurs warfen sich ihnen entgegen.

Sie trugen weite schwarze Gewnder, Haarschpfe auf dem Wirbel,
Schilde aus Rhinozerosleder und schwangen Klingen ohne Griffe, die an
einem Strick befestigt waren. Ihre ber und ber mit Federn gespickten
Kamele stieen langgedehnte heisere Gluckser aus. Die Klingen trafen
genau ihr Ziel, fuhren mit kurzem Ruck zurck, und das getroffene
Glied fiel herab. Die wildgewordenen Tiere galoppierten mitten durch
die Kompagnien. Einige, denen ein Bein zerschmettert worden war,
hpften wie verwundete Straue.

Das gesamte punische Fuvolk warf sich jetzt von neuem auf die
Barbaren und durchbrach ihre Linien. Die auseinandergesprengten Zge
wirbelten um sich selbst, und die glnzenden Krasse und Waffen der
Karthager umschlossen sie wie goldene Ringe, in deren Mitte wildes
Gewhl herrschte. Die Sonne warf zuckende weie Lichter auf die
Spitzen der Schwerter. Ganze Reihen von Klinabaren lagen in der Ebene
niedergestreckt. Die Sldner rissen ihnen die Rstungen ab, legten sie
selbst an und strzten sich wieder in den Kampf. Dadurch getuscht,
rannten manche Karthager unter sie. Groe Bestrzung ergriff die
Punier. Sie wichen allenthalben zurck, und das Siegesgeschrei, das in
der Ferne erscholl, trieb sie hin und her, wie Schiffstrmmer der
Sturm. Hamilkar war in Verzweiflung. Alles drohte dem Genie Mathos und
dem unberwindbaren Mute der Sldner zu erliegen.

Da erscholl lauter Trommelschlag in der Ferne. Es war eine Schar von
Greisen, Kranken, fnfzehnjhrigen Kindern, ja selbst Frauen, die ihre
Angst nicht lnger bezwingen konnten und von Karthago aufgebrochen
waren. Um sich unter den Schutz von etwas Furchtgebietendem zu
stellen, hatten sie aus Hamilkars Tierpark den einzigen Elefanten
mitgenommen, den die Republik noch besa. Es war der, dessen Rssel
abgehauen worden war.

Da schien es den Karthagern, als ob die Vaterstadt ihre Mauern
verlassen habe und zu ihnen kme, um ihnen zu gebieten, fr die Heimat
zu sterben. Ungeheure Wut ergriff sie, und ihr Fanatismus ri alle
brigen mit fort. Die Barbaren hatten sich mitten in der Tiefebene mit
dem Rcken an einen Hgel gestellt. Sie hatten keine Hoffnung mehr auf
Sieg, nicht einmal auf ihr Leben. Aber dieser Rest bestand aus den
besten, unerschrockensten und strksten Leuten.

Der karthagische Landsturm begann Bratspiee, Spicknadeln und Hmmer
zu schleudern. Mnner, vor denen rmische Konsuln gezittert, starben
nun unter Knppeln in Weiberhnden. Der punische Pbel vernichtete die
Sldner mit Stumpf und Stiel.

Die Letzten zogen sich schlielich auf den Gipfel des Hgels zurck.
Nach jeder neuen Lcke schlo sich ihr Kreis wieder. Zweimal brachen
sie vor. Ein Gegensto warf sie jedesmal wieder zurck. Der Karthager
waren zu viele. Die Hintenstehenden steckten ihre Lanzen zwischen den
Beinen ihrer Kameraden durch und stieen aufs Geratewohl zu. Man glitt
vor Blut aus. Die Toten rollten den steilen Abhang hinab und umtrmten
den Elefanten, der den Hgel erklimmen wollte, bis an den Bauch. Es
hatte den Anschein, als stampfe er mit Wonne auf ihnen herum, und sein
Rsselstumpf erhob sich von Zeit zu Zeit wie ein riesiger Blutegel.

Dann trat eine allgemeine Pause ein. Die Karthager schauten
zhneknirschend zu dem Hgel empor, wo die Barbaren standen.

Endlich strzten sie wiederum wild vor, und das Kampfgetmmel begann
von neuem. Mehrfach lieen die Sldner sie dicht herankommen, indem
sie ihnen zuriefen, sie wollten sich ergeben. Dann aber tteten sie
sich selber mit entsetzlichem Hohngelchter, und je mehr fielen, desto
hher stiegen die brig bleibenden Verteidiger. Es war, als wachse
allmhlich eine Pyramide auf. Bald waren ihrer nur noch fnfzig, dann
zwanzig, dann drei, und schlielich nur noch zwei: ein Samniter, mit
einer Axt bewaffnet, und Matho, der noch sein Schwert besa.

Knieend hieb der Samniter mit seiner Waffe nach rechts und links.
Dabei warnte er Matho vor den Schlgen, die man gegen ihn fhrte:

Achtung, Herr! Dort! Da!

Matho hatte Schulterschutz, Helm und Kra verloren. Er war
vollstndig nackt und bleicher als die Toten um ihn herum. Das Haar
stand ihm in die Hhe, und zwei Schaumstreifen flossen aus seinen
Mundwinkeln. Sein Schwert kreiste mit solcher Schnelligkeit, da es
ihn mit einem Strahlenkranz umgab. Ein Stein zerschmetterte es am
Griff. Der Samniter war gefallen, und die Flut der Karthager
umbrandete nun den letzten der Sldner und kam dicht an ihn heran. Da
hob er seine beiden leeren Hnde gen Himmel, schlo die Augen und
strzte sich mit ausgebreiteten Armen in die Lanzen, wie ein Mensch,
der sich von einem Vorgebirge ins Meer wirft.

Man wich ihm aus. Mehrmals rannte er gegen die Karthager an. Doch
immer wieder gaben sie ihm Raum und wandten ihre Waffen ab. Mathos Fu
stie gegen ein Schwert. Er wollte es ergreifen. Da fhlte er sich an
Hnden und Fen gefesselt und fiel zu Boden.

Naravas war ihm seit einiger Zeit auf Schritt und Tritt mit einem
jener groen Netze gefolgt, mit denen man wilde Tiere fngt. Indem er
den Augenblick benutzte, wo Matho sich bckte, hatte er es ihm
bergeworfen. Nun band man ihn auf dem Elefanten fest, mit kreuzfrmig
weit ausgespreizten Gliedern. Alle Unverwundeten begleiteten ihn im
Sturmschritt, unter wildem Lrm nach Karthago.

Die Siegesnachricht war dort unerklrlicherweise schon in der dritten
Nachtstunde eingetroffen. Die Wasseruhr am Khamontempel zeigte die
fnfte Stunde, als man Malka erreichte. Da schlug Matho die Augen auf.
Auf den Dchern der Huser schimmerten so viele Lichter, da die Stadt
in Flammen zu stehen schien.

Ungeheures Getse drang ihm verworren entgegen. Er lag auf dem Rcken
und betrachtete die Sterne.

       *       *       *       *       *

Dann schlo sich eine Tr, und Finsternis umhllte ihn.

Am nchsten Tag um die nmliche Stunde starb der letzte von denen, die
in der Sge zurckgeblieben waren.

An dem Tage, wo ihre Gefhrten abmarschiert waren, hatten heimziehende
Zuaesen die Felsen weggerollt und die Barbaren auf kurze Frist
ernhrt.

Man wartete immer noch auf Mathos Erscheinen und wollte den Ort nicht
verlassen, aus Mutlosigkeit und Ermattung, auch aus jenem Eigensinn,
mit dem sich Kranke weigern, den Platz zu wechseln. Schlielich aber
waren die Nahrungsmittel aufgezehrt und die Zuaesen weitergezogen.

Die Punier wuten, da hchstens noch dreizehnhundert Mann von den
Sldnern brig waren. Um ihnen ein Ende zu bereiten, bedurfte man
keiner Soldaten.

Die wilden Tiere, besonders die Lwen, hatten sich seit den drei
Jahren, die der Krieg whrte, vermehrt. Naravas hatte eine groe
Treibjagd veranstaltet, wobei er in bestimmten Abstnden Ziegen an
Pfhle gebunden und damit die Bestien in die Sge gelockt hatte. Dort
hausten sie noch, als ein Kundschafter der Alten ankam, um
festzustellen, was von den Barbaren noch brig sei.

Auf der ganzen Ebene lagen Lwen und Leichen. Tote, Waffen und Kleider
bildeten eine einzige Masse. Fast allen Leichnamen fehlte der Kopf
oder irgendein Glied. Wenige nur sahen unversehrt aus, manche waren zu
Mumien ausgedrrt. Staubbedeckte Schdel grinsten aus Helmen.
Fleischlose Fe sahen aus Beinschienen hervor. Skelette trugen noch
Mntel, und gebleichte Gebeine leuchteten wie helle Flecken im Sande.

Die Lwen ruhten mit der Brust und ihren vorgestreckten Vordertatzen
auf dem Boden. Geblendet vom Sonnenlicht, das grell von den weien
Felsen zurckstrahlte, blinzelten sie. Andre saen auf den
Hintertatzen und starrten vor sich hin. Wieder andre schliefen, zu
Knueln zusammengerollt, halb verdeckt von ihren dichten Mhnen. Alle
sahen bersttigt, trge und gelangweilt aus. Unbeweglich lagen sie
wie das Gebirge und die Toten. Die Nacht sank herab. Breite rote
Streifen flammten im Westen am Himmel.

Aus einem der unregelmig ber die Erde verstreuten Haufen erhob sich
eine Gestalt, undeutlich wie ein Gespenst. Einer der Lwen schritt ihr
entgegen. Sein Riesenkrper hob sich als schwarzer Schatten vom
purpurroten Himmelsgrund ab. Als er dem Manne ganz nahe war, schlug er
ihn mit einem Schlag seiner Tatze zu Boden.

Dann legte er sich lang auf ihn nieder und zerrte mit seinen Zhnen
langsam die Eingeweide heraus. Nach einiger Zeit ffnete er seinen
Rachen in ganzer Weite und stie mehrere Minuten hindurch ein langes
Gebrll aus, dessen Echo die Berge zurckwarfen, bis es schlielich in
der Einde verhallte.

Pltzlich rollten kleine Steine von der Hhe herab. Tritte huschten
ber den Boden. Von der Schlucht und der Drahtsperre her tauchten
spitze Schnauzen und groe Stehohren auf. Fahlrote Augpfel funkelten.
Das waren die Schakale, die herbeischlichen, die berreste zu
verzehren.

Der Karthager, der das, ber den steilen Rand der Halde herabgebeugt,
sah, machte sich auf den Heimweg.




XV

Matho


Karthago frohlockte in tiefer, allgemeiner, maloser, wahnwitziger
Freude. Man hatte die Zerstrungen flchtig ausgebessert, die
Gtterbilder neu bemalt, das Pflaster mit Myrtenzweigen bestreut und
an den Straenecken Weihrauch entzndet. Die Menge auf den Terrassen
glich mit ihren bunten Gewndern groen Blumenbeeten in hngenden
Grten.

Das unaufhrliche Summen der Stimmen ward durch die Rufe der
Wassertrger bertnt, die das Pflaster besprengten. Sklaven Hamilkars
boten in seinem Namen gerstete Gerste und Stcke rohen Fleisches dar.
Man begrte und umarmte einander unter Trnen. Die tyrischen Stdte
waren erobert, die Nomaden zerstreut, die Barbaren mit Stumpf und
Stiel vernichtet. Die Akropolis war vor lauter bunten Zeltdchern kaum
noch zu sehen. Die Schnbel der Kriegsschiffe, die vor dem langen
Auenkai in einer Paradelinie vor Anker lagen, blinkten wie eine lange
Diamantenkette. berall war die Ordnung wiederhergestellt. Neues Leben
begann. Ein ungeheures Glck schwebte ber allem: es war der Tag von
Salambos Hochzeit mit dem Numidierfrsten Naravas.

Auf dem flachen Dache des Khamontempels standen, mit massigem
Goldgert beladen, drei lange Tafeln, an denen die Priester, die Alten
und die Patrizier Platz nehmen sollten. Ein vierter, etwas erhht
stehender Tisch war fr Hamilkar, Naravas und die Braut bestimmt. Da
Salambo das Vaterland durch den Wiederraub des Schleiers gerettet
hatte, feierte das Volk ihre Hochzeit wie ein Nationalfest und harrte
drunten auf dem Platze ihres Erscheinens.

Noch ein andres wilderes Verlangen reizte die allgemeine Ungeduld:
Mathos Tod war fr diese Feier verheien.

Zuerst hatte man vorgeschlagen, ihn lebendig zu schinden, ihm Blei in
die Eingeweide zu gieen oder ihn verhungern zu lassen. Dann sollte er
an einen Baum gebunden werden und ein Affe sollte ihm mit einem Stein
auf den Kopf schlagen. Hatte er doch Tanit beleidigt! Die heiligen
Tiere der Gttin sollten Rache ben! Andre machten den Vorschlag, man
solle ihn auf einem Dromedar durch die Stadt fhren, nachdem man ihn
mit lgetrnkten Flachsdochten an verschiedenen Krperteilen gespickt
htte. Man ergtzte sich bereits bei dem Gedanken, wie das groe Tier
durch die Straen jagte und der Mensch darauf unter den Flammen zuckte
wie ein Kerzenlicht im Winde.

Aber welche Brger sollten mit seiner Hinrichtung betraut werden, und
warum sollte man die andern des Genusses berauben? Man forderte darum
allgemein eine Todesart, an der die ganze Stadt teilnehmen durfte, bei
der ihn alle Hnde, alle Waffen, buchstblich ganz Karthago bis zum
Straenpflaster und den Fluten des Golfes, zerreien, zermalmen,
vernichten konnten. So bestimmten denn die Alten, da er ohne Geleit,
die Hnde auf den Rcken gebunden, von seinem Kerker bis zum
Khamonplatze gehen sollte. Man verbot aber, ihn ins Herz zu
treffen--damit er mglichst lange lebe--, oder ihm die Augen
auszustechen--, damit er seine Marter bis zu Ende selber sehen knne.
Auch durfte nicht nach ihm geworfen werden, und niemand sollte ihn
nicht mit mehr als drei Fingern berhren.

Obwohl er erst gegen Abend losgelassen werden sollte, glaubte man ihn
lange vorher schon ein paarmal zu erblicken. Man strzte nach der
Burg. Die Straen leerten sich, dann aber kehrte man mit lautem Murren
wieder zurck. Einzelne standen schon seit dem frhen Morgen auf ein
und derselben Stelle. Sie riefen einander von weitem zu und zeigten
ihre Fingerngel, die sie sich hatten wachsen lassen, um sie recht
tief in Mathos Fleisch bohren zu knnen. Andre gingen aufgeregt auf
und ab. Manche waren so bla, als ob sie ihrer eigenen Hinrichtung
entgegensahn.

Pltzlich tauchten am Ende der Mappalierstrae hohe Federfcher ber
den Kpfen auf. Das war Salambo, die vom vterlichen Palast her nahte.
Seufzer der Erleichterung liefen durch die Menge.

Aber es dauerte noch lange, ehe der Zug herankam. Er bewegte sich
feierlich-langsam.

Zuerst zogen die Priester der Kabiren heran, dann die Eschmuns,
Melkarths, und alle brigen Priesterschaften, eine nach der andern,
mit denselben Abzeichen und der gleichen Ordnung wie damals beim
Opfer. Die Molochpriester kamen mit gesenkter Stirn. Die Menge, von
einer Art Reue ergriffen, wich vor ihnen zurck. Die Priester der
Tanit aber nahten stolzen Schrittes, Leiern in den Hnden. Die
heiligen Hetren folgten ihnen in durchsichtigen Gewndern von gelber
oder von schwarzer Farbe. Sie stieen Vogelrufe aus, wanden sich wie
Schlangen oder drehten sich bei Fltenklang im Kreise, um den Reigen
der Sterne nachzuahmen. Ihren leichten Gewndern entstrmten schwere
Dfte berallhin. Mit besonderem Beifall begrte man unter diesen
Weibern die Kedischim mit ihren bemalten Augenlidern. Sie
versinnbildlichten die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit. Ihnen
waren die Wohlgerche und die gleiche Tracht eigen wie den
priesterlichen Hetren, denen sie trotz ihrer flachen Brste und ihrer
schmalen Hften hnelten. berhaupt beherrschte und erfllte die
Verherrlichung des Weiblichen an diesem Tage alles. Eine mystische
Lsternheit schwngerte die schwle Luft. Schon flammten die Fackeln
in der Tiefe der heiligen Haine auf, wo in der Nacht eine allgemeine
geschlechtliche Tummelei stattfinden sollte. Drei Schiffe aus Sizilien
hatten Dirnen hergefhrt, und auch aus der Wste waren welche
gekommen.

Die Priesterschaften stellten sich in der Reihenfolge ihres
Eintreffens auf, in den Hfen, in den Vorhallen und lngs der
doppelten Treppen des Tempels, die an der Mauer emporliefen und sich
oben wieder einander nherten. Reihen langer weier Gewnder wehten
zwischen den Sulen, und der ganze Bau bevlkerte sich mit lebendigen
Bildsulen, die unbeweglich wie Steinbilder standen.

Dann kamen die Wrdentrger, die Statthalter der Provinzen und alle
Patrizier. Unten erhob sich gewaltiges Getse. Aus den anstoenden
Straen strmte das Volk hervor. Tempeldiener stieen es mit
Stockschlgen zurck. Umschart von Gerusiasten, die goldene Tiaren
trugen, erschien jetzt in einer Snfte, unter einem hohen purpurnen
Baldachin, Salambo.

Ungeheures Geschrei ertnte. Die Zimbeln und Kastagnetten schallten
lauter, die Tamburine rasselten, und der groe Purpurbaldachin
verschwand zwischen den beiden Pylonen.

Auf dem ersten Stockwerk kam er wieder zum Vorschein. Salambo schritt,
nunmehr zu Fu, langsam unter ihm hin und dann quer ber die Terrasse,
um sich im Hintergrund auf einem Thron niederzulassen, der aus einer
Schildkrtenschale geschnitzt war. Man schob ihr einen Elfenbeinschemel
mit drei Stufen unter die Fe. Am Rande der untersten knieten zwei
Negerkinder. Hin und wieder legte sie ihre mit schweren Ringen
belasteten Hnde auf die Kpfe der Kleinen.

Von den Kncheln bis zu den Hften war sie in ein Gewebe gehllt,
dessen enge Maschen wie Fischschuppen aussahen und wie Perlmutter
glnzten. Ein dunkelblauer Grtel umschlo ihren Leib und lie ber
zwei mondsichelfrmigen Ausschnitten ihre Brste sehen, deren Knospen
durch Karfunkelgehnge verdeckt waren. Ihr Kopfputz bestand aus
edelsteinbesetzten Pfauenfedern. Ihr weiter schneeweier Mantel fiel
hinter ihr herab. So sa sie da, die Ellbogen angelegt, die Knie
geschlossen, die Oberarme mit Diamantenreifen geschmckt, starr und
steif wie ein Gtterbild.

Auf zwei niedrigeren Sitzen lieen sich ihr Vater und ihr Gatte
nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar gekleidet, trug seine
Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus der zwei gewundene Haarflechten wie
Ammonshrner hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen
Weinranken bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an der Seite.

Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange des
Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenl und beschrieb, sich in den
Schwanz beiend, einen groen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand
eine kupferne Sule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne darauf
fiel, sprhte es glitzernde Strahlen nach allen Seiten.

Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren
Linnengewndern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten mit ihren
Tiaren eine lange goldene Reihe, links die Patrizier mit ihren
Smaragdzeptern ein breites grnes Band, whrend die Molochpriester mit
ihren roten Mnteln den Hintergrund wie mit einer Purpurwand
abschlossen. Die brigen Priesterschaften nahmen die unteren Terrassen
ein. Das Volk fllte die Straen, stieg auf die Dcher und stand in
dichten Reihen bis zur Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu
ihren Fen, den Himmel ber ihrem Haupte und um sich das unendliche
Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick in die Binnenlnder hatte,
da ward sie in ihrem Glanze eins mit Tanit und erschien als Karthagos
Patronin, als die verkrperte Seele der Stadt.

Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch whren. Vielarmige
Lampentrger standen wie Bume auf den Decken aus bunter Wolle, mit
denen die niedrigen Tische bedeckt waren. Groe Bernsteinkrge,
Amphoren aus blauem Glas, Schildpattlffel und kleine runde Brote
umgaben die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schsseln. Trauben
waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstcke geschlungen wie um
Thyrsusstbe. Eisblcke schmolzen auf Schsseln aus Ebenholz.
Zitronen, Granatpfel, Krbisse und Melonen trmten sich ber breiten
Silberplatten. Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen von
Gewrz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, da es aussah, als
sprngen sie aus Blumen heraus. Daneben lagen Muschelschalen, mit
Fleischragout gefllt. Das Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn
man die Glocken von den Schsseln nahm, flogen Tauben heraus.

Whrenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschrzter Tunika auf den
Fuspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit spielten Leiern eine Hymne,
oder es erhob sich ein Chorgesang. Der Lrm des Volkes, anhaltend wie
Meeresrauschen, umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie
der Stimmung zu erhhen. Wenige nur gedachten des Gelages der Sldner.
Man berlie sich glckseligen Trumen. Die Sonne begann zu sinken,
und auf der andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor.

Pltzlich wandte Salambo den Kopf, als htte jemand sie gerufen. Das
Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der Richtung ihres Blickes.

Auf der Hhe der Akropolis hatte sich die Tr des Kerkers, der zu
Fen des Eschmuntempels in den Fels gehauen war, soeben geffnet. Ein
Mann stand auf der Schwelle der schwarzen ffnung.

Tiefgebckt trat er heraus, mit der verstrten Miene eines wilden
Tieres, das man pltzlich freigelassen hat. Das Licht blendete ihn.
Eine Weile blieb er unbeweglich stehen. Man hatte ihn allgemein
erkannt und hielt den Atem an.

Der Krper dieses Opfers war fr alle etwas Besonderes, fast von einem
Heiligenschein umstrahlt. Man beugte sich vor, um ihn zu sehn,
vornehmlich die Weiber. Sie waren darauf erpicht, den zu betrachten,
der ihre Kinder und Gatten gettet hatte. Im Grunde ihrer Seele erhob
sich eine schmhliche Neugier, das Verlangen, ihn vollstndig kennen
zu lernen, ein Gelst, das sich mit Reue paarte und in ein berma von
Ha umschlug.

Schlielich schritt er vorwrts. Da wich die Betubung der ersten
berraschung. Tausend Arme streckten sich empor, aber man sah ihn
nicht mehr.

Die Treppe zur Burg hatte sechzig Stufen. Matho strzte sie hinab, wie
in einem Giebach vom Gipfel eines Berges hinuntergerissen. Dreimal
sah man ihn hochschnellen. Endlich kam er unten wieder auf die Fe.

Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in heftigen Sten, und
er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln zu zerreien, da seine
auf dem bloen Rcken gefesselten Arme anschwollen wie Schlangenleiber.

Von der Stelle, wo er stand, gingen mehrere Straen aus. Durch jede
von ihnen spannten sich zwei dreifache Reihen eherne Ketten, die am
Nabel von Kabirenbildsulen befestigt waren, in gleicher Richtung von
einem Ende bis zum andern. Die Menge stand gegen die Huser gedrngt.
In der Mitte schritten Ratsdiener und schwangen Peitschen.

Einer von ihnen trieb Matho mit einem krftigen Schlag an. Da begann
er von neuem seinen Leidensgang.

Man streckte die Arme ber die Ketten und schrie, der Weg sei ihm
allzu breit gelassen worden. Er aber schritt, von tausend Fingern
betastet, gestochen und zerhackt immer weiter. War er am Ende einer
Strae, so tat sich ihm eine andre auf. Mehrmals sprang er zur Seite,
um zu beien. Man wich rasch zurck, und die Menge brach in
Hohngelchter aus.

Ein Kind zerri ihm das Ohr. Ein junges Mdchen, das unter seinem
rmel eine spitzige Spindel versteckt hatte, zerschlitzte ihm die
Backe. Man ri ihm Hnde voll Haare und Fetzen Fleisch aus. Andre
beschmierten ihm das Gesicht mit Schwmmen, die in Unrat getaucht und
auf Stcke gesteckt waren. Aus seiner rechten Brustseite scho ein
Blutstrom hervor. Alsbald brach der Wahnsinn vollends aus. Dieser
letzte der Barbaren war fr das Volk der Vertreter aller andern, des
ganzen Heeres. An ihm rchte man alles Unglck, alle ngste, alle
Schande. Die Wut der Menge nahm mit der Sttigung ihres Blutdurstes
zu. Die allzu straff gespannten Ketten weiteten sich und drohten zu
brechen. Man fhlte die Schlge der Sklaven nicht mehr, die auf die
Massen einhieben, um sie zurckzutreiben. Manche hingen an den Erkern
der Huser. Alle ffnungen in den Mauern waren mit Kpfen erfllt, und
das Bse, das man dem Libyer nicht antun konnte, brllte man ihm
wenigstens zu.

Es waren wilde, unfltige Schmhungen, vermischt mit spttischen
Zurufen und Flchen; und da man an seiner gegenwrtigen Marter nicht
genug hatte, kndigte man ihm noch frchterlichere Qualen fr die
Ewigkeit an.

Das ungeheure Geheul erfllte Karthago mit stumpfsinniger
Beharrlichkeit. Oft fand eine einzige Silbe, ein heiserer, dumpfer,
wilder Laut ein minutenlanges Echo im ganzen Volke. Die Mauern
erbebten von diesem Geschrei vom Grund bis zum Giebel, und Matho war
zumute, als ob die beiden Straenwnde auf ihn zukmen und ihn vom
Boden aufhben wie zwei ungeheure Arme, um ihn in der Luft zu
erwrgen.

Da fiel ihm ein, schon einmal etwas hnliches empfunden zu haben. Die
gleiche Menge auf den Terrassen, die gleichen Blicke, die gleiche
Raserei! Nur war er damals frei, damals wichen alle vor ihm aus,
damals beschirmte ihn ein Gott! Und diese Erinnerung, die immer
deutlicher ward, erfllte ihn mit niederschmetternder Traurigkeit.
Schatten schwebten ihm vor den Augen, die Stadt schwankte vor ihm. Das
Blut rieselte ihm aus einer Wunde an der Hfte. Er fhlte den Tod.
Seine Knie schlotterten, und er sank langsam auf das Pflaster.

Irgendwer holte aus der Vorhalle des Melkarthtempels die auf Kohlen
glhend gemachte Querstange eines Dreifues, schob sie unter der
obersten Kette hindurch und stie sie gegen Mathos Wunde. Man sah das
Fleisch rauchen. Das Hohngeschrei der Menge erstickte den Aufschrei
des Getroffenen. Schon aber stand er wieder auf den Beinen. Sechs
Schritte weiter strzte er abermals hin, dann noch ein drittes-, ein
viertesmal. Immer jagte ihn eine neue Marter wieder auf. Man
bespritzte ihn durch Rhren mit siedendem l, streute Glasscherben
unter seine Fe. Er schritt weiter. An der Ecke der Sathebstrae
lehnte er sich unter dem Dache eines Ladens mit dem Rcken gegen die
Mauer und ging nicht mehr weiter.

Die Schergen des Rats schlugen ihn mit ihren Peitschen aus
Flupferdhaut so wtend und so lange, da die Fransen ihrer Tuniken
von Schwei troffen. Matho schien kein Gefhl mehr zu haben. Pltzlich
aber nahm er von neuem einen Anlauf und begann darauf loszurennen,
whrend seine Lippen bebten, als ob er Schttelfrost habe. Er strzte
durch die Budesstrae, die Spogasse, ber den Gemsemarkt und langte
auf dem Khamonplatz an.

Jetzt gehrte er den Priestern. Die Ratsdiener hatten die Menge
zurckgedrngt. Hier gab es mehr Raum. Matho schaute sich um, und
seine Blicke trafen Salambo.

Beim ersten Schritte, den er getan, war sie aufgestanden und
unwillkrlich, je nher er kam, immer mehr bis an den Rand der
Terrasse vorgetreten. Bald war die Auenwelt fr sie verschwunden. Sie
sah nur noch Matho. In ihrer Seele war es still geworden. Einer jener
Abgrnde hatte sich in ihr aufgetan, in dem die ganze Welt versinkt
unter der Wucht eines einzigen Gedankens, einer Erinnerung, eines
Blickes. Dieser Mann, der da auf sie zulief, zog sie mit Zaubergewalt
in seinen Bann.

Er hatte, die Augen ausgenommen, nichts Menschenhnliches mehr. Sein
Krper war eine ber und ber rote Masse. Die zerrissenen Stricke
hingen an seinen Schenkeln herab, aber sie waren nicht mehr von den
Sehnen seiner vllig entfleischten Fuste zu unterscheiden. Sein Mund
stand weit offen. Aus seinen Augenhhlen sprhten zwei Flammen, die
bis zu seinen Haaren emporzulodern schienen,--und doch schritt der
Unglckliche immer noch weiter.

Er kam gerade bis an den Fu der Terrasse. Salambo hatte sich ber die
Brstung geneigt. Seine frchterlichen Augen blickten sie an, und
pltzlich kam ihr alles ins Bewutsein, was er fr sie gelitten hatte.
Dort lag er im Sterben. Sie aber sah ihn in seinem Zelte auf den Knien
liegen, ihren Leib mit seinen Armen umschlingen und Koseworte
stammeln. Es drstete sie darnach, die Worte von damals noch einmal zu
hren. Er sollte nicht sterben! In diesem Augenblick ergriff Matho ein
heftiges Zittern. Sie wollte rufen. Da strzte er rcklings zu Boden
und regte sich nicht mehr.

Halb ohnmchtig wurde Salambo von den Priestern, die sich um sie
bemhten, auf ihren Thron zurckgetragen. Man beglckwnschte sie. Das
war ihr Werk! berall um sie herum klatschte man in die Hnde,
stampfte mit den Fen und heulte ihren Namen.

Ein Mann strzte auf den Toten. Wiewohl er bartlos war, trug er doch
den Mantel der Molochpriester um die Schultern und am Grtel ein
eigentmliches Messer, das zum Zerlegen des Opferfleisches diente und
am Ende des Stieles in einen goldnen Spatel auslief. Mit einem
einzigen Schnitt spaltete er Mathos Brust, ri das Herz heraus und
legte es auf den Lffel. Es war Schahabarim. Er hob den Arm hoch und
bot das Herz der Sonne dar.

Glhend stand sie ber den Fluten, und ihre letzten Strahlen trafen
wie lange Pfeile das blutrote Herz. Je tiefer ihre Scheibe ins Meer
sank, desto schwcher wurden seine Schlge, und bei dem letzten Zucken
des Muskels schwand auch die Sonne.

Da erscholl vom Golf bis zur Lagune und von der Landenge bis zum
Leuchtturm, in allen Straen und auf allen Tempeln, ein einziger
Schrei, der bisweilen aufhrte und dann wieder erklang. Die Gebude
erbebten. Karthago zuckte zusammen wie im Krampfe titanischer Freude
und grenzenloser Hoffnung.

Naravas, von Stolz berauscht, legte zum Zeichen des Besitzes seinen
Arm um Salambos Leib und ergriff mit der Rechten eine goldene Schale,
die er auf Karthagos Glck leerte.

Salambo erhob sich, gleich ihrem Gemahl, mit einer Schale in der Hand,
um ebenfalls zu trinken. Da sank sie mit zurckgebogenem Haupt auf die
Lehne des Thrones nieder, bleich, starr, mit offenen Lippen. Ihr
gelstes Haar wallte zum Boden herab.

So starb Hamilkars Tochter, weil sie den heiligen Mantel der Tanit
berhrt hatte.




Anhang

Anmerkungen des bersetzers


Salammb ist 1862 erschienen. Die franzsische Urhandschrift befindet
sich heute im Besitze der Nichte Flauberts, Madame Franklin-Grout in
Antibes (Villa Tanit), und wird dermaleinst Eigentum der Pariser
Nationalbibliothek. Sie besteht aus 340 Blttern groen Formats und
trgt auf dem Pappdeckel des Einbandes die Daten September 1857-April
1852. Die Kapitelberschriften fehlen. Die Kapitel sind nur
numeriert. Flaubert hat sie erst in die Korrektur gefgt. Alle
Verbesserungen, die Flaubert in der Druckkorrektur angebracht hat,
sind von dem gewissenhaften Dichter in Bleistiftschrift auch in das
Manuskript eingetragen worden. Es sei bemerkt, da die Edition
dfinitive (Paris, Charpentier) im Druck und stellenweise auch im Text
nicht die Sorgfalt verrt, die einem Flaubert gebhrt.

       *       *       *       *       *

Die erste Idee zu einem antik-orientalischen Roman fate Flaubert
whrend seiner Reise durch gypten und Syrien, 1849-50. Kurz nach dem
berichtet er von einem Entwurf Anubis, in dem die Heldin die Liebe
eines Gottes ersehnt. Das Studium des bekannten Werkes Die Phnizier
von Franz Karl Movers (1841-56, zwei Bnde) lenkte Flaubert auf
Karthago. Im Jahre 1858 besuchte er die Ruinensttte. Die
Tagebuchbltter dieser Reise sind neuerdings verffentlicht worden (Au
Pays de Salammb, in der Revue de Paris vom 1. Dez. 1911). Es ist
selbstverstndlich, da der Dichter die gesamte Punier-Literatur,
soweit sie bis 1862 erschienen, gekannt hat, auch die fremdlndische,
obgleich er als echter Franzose auer dem Latein keine fremde Sprache
beherrschte. Die antiken Autoren, ebenso Movers, benutzte er in
franzsischen bersetzungen. Den Englnder Dr. N. Davis, der in der
Zeit von 1856-59 in Karthago und Umgegend Ausgrabungen leitete, hat
Flaubert an Ort und Stelle kennen gelernt. Freilich sprach Davis nicht
franzsisch und Flaubert--wie schon bemerkt--nicht englisch. Aber wir
verstehen uns sehr gut schreibt Flaubert damals an seine Nichte.

Genannt seien als von Flaubert benutzte Werke: Ch.E. Beul, Fouilles 
Carthage (Paris, 1860),--N. Davis, Carthage and her remains (London,
1861),--ferner die Arbeiten von Falbe, Dureau de la Malle, u.a. Von
den beiden erstgenannten existieren brigens--allerdings nicht ganz
einwandfreie--deutsche Ausgaben. An kartographischem Material stand
Flaubert vor allem die zuverlssige Terrainaufnahme des Kapitns C.T.
Falbe (1:16000, Paris 1833) zu Gebote. Es existiert noch keine
wissenschaftliche Untersuchung des Verhltnisses des Romans zu den
Quellen und Hilfsmitteln Flauberts.

Wer sich, angeregt durch die Salambo, ber den heutigen Stand der
wissenschaftlichen Kenntnis von Karthago belehren lassen mchte, sei
auf das sorgfltige Lebenswerk von Otto Meltzer hingewiesen:
Geschichte der Karthager, Berlin, Weidmann, besonders auf den zweiten
Band (1896). Hinsichtlich der punischen Religion seien genannt die
Studien des Grafen Wolf Baudissin Esmun-Asklepios (1906), Jahve et
Moloch u.a.m. Das magebende Kartenwerk bilden heute die Bltter La
Marsa, El Ariana, La Goulette, Tunis usw. des Service gographique de
l'Armee (1:50000, aufgenommen 1890 ff.) und der sich hierauf sttzende
wertvolle Atlas archologique de la Tunisie ... accompagn d'une text
explicatif, Paris, Leroux, 1892 ff.

       *       *       *       *       *

Zu einigen wenigen Stellen des Romans seien im folgenden knappe
Erluterungen erlaubt.

Seite 5. Die Stadt Eryx auf halber Hhe des gleichnamigen Berges (in
Sizilien) wurde von Hamilkar im Jahre 244 v. Chr. genommen. Flauberts
Roman beginnt etwa Anfang September des Jahres 241 v. Chr. Der
Sldnerkrieg whrte nach Polybios drei Jahre und vier Monate (241-238
v. Chr.).

Die Lage der Villa Hamilkars in der Vorstadt Megara ist nicht
berliefert. Flaubert nimmt sie auf der Hhe ber dem Seetor an.

Seite 6. Der Eschmuntempel stand auf der Akropolis. Eine monumentale
Freitreppe von sechzig Stufen, in drei Abstze gegliedert, fhrte
hinauf. Um den Tempel waren breite Terrassen, die den Eindruck einer
mchtigen Befestigung erweckten. Der Tempel war das allenthalben
sichtbare Wahrzeichen der Stadt, der Sankt Peter Karthagos.

Seite 10. Die Abgabe des Oberbefehls ber die Truppen in Lilybum an
den General Gisgo--nach dem Friedensschlusse im Hochsommer des Jahres
241 v. Chr.--erfolgte nicht freiwillig. Hamilkar wurde dazu gentigt.
Dieser schwere Fehler in der Kriegsfhrung gegen Rom fllt den
Umtrieben der inzwischen in der Heimat aus Ruder gekommenen Partei des
Hanno zu.

Seite 12. ber die Syssitien der Hetrien, sowie ber die komplizierte
Staatsverfassung der Republik, die von Aristoteles als hervorragend
gepriesen worden ist, vgl. Meltzer, Geschichte der Karthager, II, 34
ff.

Die karthagische Garde: bei Polybios die Heilige Schar.

Seite 17. Polybios nennt den Namen der Tochter Hamilkars nicht. Nach
anderer berlieferung soll sie Salwamba (d.h. magna mater) geheien
haben.

Seite 26. Die Via Mapaliensis (Strae der Mappalier, d.h. der
Zeltbewohner = der Numidier) fhrte von der See quer durch die Stadt
nach den Katakomben. Flaubert rekonstruiert sie als die Via Appia
Karthagos.

Seite 30. Sikka ist das heutige Keff, 180 Kilometer sdwestlich von
Karthago. Der dort betriebene zynische Venuskult war berchtigt.

Seite 38. Die Erwhnung der gekreuzigten Lwen sttzt sich auf Plinius
c. 18, wo erzhlt wird, da Scipio Aemilianus und Polybios auf einem
gemeinsamen Spazierritt in der Umgebung Karthagos solche gekreuzigte
Tiere sahen.

Seite 43. ber die Kabiren (d.h. die Mchtigen) und die
Kabirenmysterien vgl. L. Preller, Griechische Mythologie, 4. Aufl.,
Berlin, 1894, Bd. I, 847-864.

Seite 61. ber den Kult der Tanit (identisch mit Astarte u.a.) vgl.
Mnter, Religion der Karthager, 2. Aufl., S. 79 ff. ber ihren Tempel
vgl. N. Davis, Karthago und seine berreste, Leipzig, 1863, S. 110 ff.

Seite 63. Der doppelgipflige Berg der Heien Wasser, von Virgil
gepriesen, jetzt Hammam el Enf, liegt 15 Kilometer sdlich von
Karthago.

Seite 65. Die Sulen des Melkarth sind natrlich die Sulen des
Herkules (Gibraltar).

Seite 80. Das vielumstrittene Ledergeld entspricht unserm heutigen
Papiergeld.

Seite 92, ebenso Seite 282. Zgellose Pferde. Dies sttzt sich auf
Livius XXI, c. 44. Wahrscheinlich hatten die Numidier nur leichte
Trensengebisse, was der Rmer als ungezumt ansieht.

Seite 98. Flaubert antwortete auf den Angriff eines Gelehrten u.a.:
Hinsichtlich des Tanittempels bin ich sicher, ihn so rekonstruiert zu
haben, wie er war: an der Hand der Abhandlung ber die syrische
Gttin,--der Mnzen des Herzogs von Luynes,--dessen, was man vom
Jerusalemer Tempel wei,--einer Stelle aus dem heiligen Hieronymus,
zitiert von Selden (De diis syriis),--des Planes vom Tempel in Gozzo,
der sicher karthagisch ist,--und vor allem nach den Ruinen des Tempels
von Thugga, den ich mit eigenen Augen gesehen habe ... (Anhang zur
Edition dfinitive, p. 356).

Seite 124. Die afrikanischen Phnizier nannten sich noch in der
rmischen Kaiserzeit Kanaaniter, nach ihrer Heimat Chna (d.h.
Niederung).

Seite 142. Die Lage von Gorza ist nicht berliefert. Wahrscheinlich
lag sie sdlich des Unterlaufs des Bagradas.

Seite 146. Flaubert nimmt augenscheinlich den Khamontempel am Markt
(Forum) und westlich der Hafenanlagen gelegen an.

Der Haupttyp der Schlachtschiffe war um 240 v. Chr. bereits die
Pentere, sowohl auf karthagischer wie rmischer Seite.

Seite 152. Der Molochtempel hat nrdlich der Akropolis gelegen.

Seite 163. Die Insel der Totenknochen, ein kleines des Eiland,
gehrt zu den Liparischen Inseln (nrdlich von Sizilien). Der Bericht
Diodors, da die Karthager auf Befehl der Gerusia dort 6000 Sldner
ausgesetzt htten, ist eine Legende, wie wohl so mancher uns
berlieferter Zug von punischer Grausamkeit und Perfidie.

Seite 174 ff. Die Legende, da die Punier Afrika umschifft haben und
nach Indien und Arabien um das Kap der guten Hoffnung gefahren sein
sollen, ist kaum haltbar. Man darf nicht vergessen, da es auch im
Altertum einen Suezkanal gegeben hat.

Seite 176. Die oringischen Pferde sind aus Oringis in Spanien
eingefhrt, wo im Altertume berhmte Gestte existierten.

Seite 178. Das Talent (damals im Werte von etwa 4200 Mark) hatte 60
Minen zu je 100 Drachmen zu je 6 Obolen. Das punische Talent hie
Kikar. Es galt 60 Minen zu je 50 Sekel.

Seite 181. Betreffs der punischen Mnzen vgl. L. Mller, Numismatique
de l'ancienne Afrique, Kopenhagen, 1860, 3 Bde. und 1 Supplement
(1874).

Seite 183. Flaubert nennt als Hauptquelle seiner Kenntnisse der
antiken Edelsteine: Theophrast, Traktat ber die Edelsteine.

Seite 186. Sylphium (auch Seite 34 erwhnt), vielleicht identisch mit
Asant, ein bedeutender Handelsartikel im Altertum, ist ein starkes
aromatisches Gewrz, das man den Speisen und Getrnken zusetzte,
hnlich wie wir heute die Zwiebel oder die Zitrone verwenden oder bei
Mischgetrnken den Angostura.

Seite 204 ff. Makar ist der punische Name fr den Bagradas (heute:
Medscherda). Er mndete damals 18 Kilometer sdlicher denn jetzt, so
da seine Mndungsstelle nur 12 Kilometer von Karthago entfernt war.
Der Golf drang ehedem zwischen Kap Sidi Ali el Mekki und Kap Kamart in
drei groen Ausbuchtungen tief (bis zu mehr denn 10 Kilometer) in das
Land ein, so da Utika (heute: Bu Schater) am Meere lag.

Polybios gibt zwar im ersten Buche seiner Geschichte einen
verhltnismig langen Bericht ber die Schlacht am Bagradas, indessen
gengt er nicht, den taktischen Verlauf der Schlacht klar zu
rekonstruieren. Hans Delbrck, unsre Autoritt in der Kenntnis der
antiken Schlachten, bergeht daher in seiner Geschichte der
Kriegskunst (II. Teil: Das Altertum, 2. Aufl., Berlin 1908) den
ersten punischen Krieg gnzlich. Flauberts anschauliche Schilderung
gibt gerade im Charakteristikum eine unmgliche Schlacht. Hamilkar
marschierte mit seinen 10000 Mann nach dem genialen bergang ber den
Flu stromauf auf dem linken Bagradasufer. Whrend sich seine Vorhut
gegen die Sldner am verschanzten Brckenkopf entwickelte, verblieb er
mit seinen Kerntruppen in Marschkolonnen. Denn ehe ihm die feindlichen
Krfte vor Utika ihr Vorhaben nicht durch ihre taktischen Manahmen
verraten hatten, konnte er an eine vollstndige Entwicklung seiner
numerisch geringeren Truppen gar nicht denken. Nach Polybios lag es in
der Absicht der beiden Sldner-Detachements, die Karthager in die
Mitte zu bekommen. Nur in der bereilung kam es zu der _taktisch
falschen_ Vereinigung beider Abteilungen. Die Scheinentwicklung der
punischen Vorhut hatte somit ihren Zweck berraschend bald erreicht.
Whrend sie ein sogenanntes hinhaltendes Gefecht fhrte und die
gesamten gegnerischen Krfte zur Entwicklung verlockte, verlor sich
die Gefahr, in der Hamilkar zunchst geschwebt hatte: ein gegen seine
rechte Flanke gerichteter Angriff des von Utika herankommenden
Detachements. Nunmehr durfte Hamilkar alle seine Krfte einsetzen. Er
lie hchst wahrscheinlich nach rechts aufmarschieren und bildete
seine Phalanx rechts rckwrts der im Gefecht befindlichen Vorhut,
vielleicht im stumpfen Winkel zur Frontlinie des Gefechts vor ihm. Als
die Phalanx dann vorrckte, gingen die Vortruppen langsam zurck, bis
sie in die gleiche Hhe mit ihr kamen. Sodann konnten sie sich wieder
ordnen und von neuem an der Schlacht teilnehmen. Die Idee Flauberts,
da die lngst aufgelsten, bereits im Gefecht gewesenen und dann
zurckbefohlenen Vortruppen (Schtzen, Reiterei, Elefanten) durch die
Intervalle der hinter ihnen aufmarschierten und vorrckenden Phalanx
durchgelassen worden seien, ist eine taktische Unmglichkeit.
Dergleichen wagt kein Feldherr, und es gelnge auch keinem. Es ist
undenkbar, einmal entwickelte und fechtende Truppenteile wieder aus
dem Gefecht loszulsen und sie gar noch auf so geknstelte Art und
Weise in genau vorgeschriebenen Richtungen zurckzudirigieren. Selbst
wenn eine derartige Rckwrtsbewegung exerzierplatzmig halbwegs zu
stande kme, wrde sie doch die zum Hauptangriff vorgehenden
Hauptmassen verwirren und ihnen jeden Elan nehmen.

Seite 201 und 205. Nach Polybios standen 10000 Mann am Brckenkopf und
15000 vor Utika. Flaubert wechselt diese Zahlen, absichtlich oder aus
Irrtum.

Seite 210. Im Gegensatz zu der modernen Kavallerie attackierte die
Reiterei der Alten nicht im strksten Tempo, sondern im Schritt,
hchstens im kurzen Trabe. Wir mssen uns schwergepanzerte Ritter,
nicht behende Reiter vorstellen. Anders vielleicht die Numidier, die
Spahis von damals!

Seite 212. ber die beraus interessante Verwendung der Elefanten als
Gefechtstruppe vgl. H. Delbrck, loc. cit. Wahrscheinlich hatte man im
ersten Punischen Kriege keine Gefechtstrme auf diesen Tieren.

Seite 245. Euergetes, d.h. Wohltter, ist der Beiname des
gypterknigs Ptolemus III. (247-221 v. Chr.). Seine Gemahlin war die
bekannte Berenike.

Seite 309 ff. Einzelheiten ber die Belagerung Karthagos durch die
Sldner sind uns nicht berliefert. Flaubert kam es darauf an, das
typische Bild einer Stdtebelagerung jener Zeit zu geben. ber die
Geschtze und Belagerungsmaschinen der Alten vgl. W. Rstow und H.
Kchly, Geschichte des griechischen Kriegswesens, Aarau, 1852, und
Adolf Bauer, Die griechischen Kriegsaltertmer, 2. Aufl., Mnchen,
1892.

Die Hauptquelle der Kenntnisse hierber ist Vitruv, der aber gerade in
den hier in Frage kommenden Kapiteln verdorben berliefert ist. Dazu hat
Flaubert die hufig irrefhrende franzsische Vitruv-bersetzung von
Perrault benutzt. Dadurch ist er stellenweise ein Opfer ungengender
Hilfsmittel geworden. In der vorliegenden Salambo-bersetzung sind
Irrtmer in der Beschreibung nach den antiken Quellen berichtigt worden.
Der gewissenhafte Flaubert wrde das selbst getan haben, wenn er in der
Lage gewesen wre, es tun zu knnen.

Flaubert rstet die Sldner mit allem nur erdenklichen
Belagerungsmaterial aus, u.a. mit 173 Geschtzen und sogar mit einer
Nachahmung der berhmten Helepolis des Demetrios Poliorketes, die
dieser bei der Belagerung von Rhodos (305 v. Chr.) erbaut hat. Einem
ausgesprochenen Feldheer wie dem der Sldner standen derartig
groartige Hilfsmittel zweifellos nicht zu Gebote.

Seite 369. Die rtlichkeit der Sge glaubt Ch. Tissot (Gographie
compare de la province romaine d'Afrique, Paris, 2 Bde., 1884) in dem
Berglande zwischen dem Wed Nebhan und dem Wed el Kebir unweit westlich
der Ebene von Kairwan wiedergefunden zu haben. Flaubert nimmt den Ort
in der Nhe des Bleiberges an, das ist zwischen dem Berge der Heien
Wasser und dem Zoghwan.

Seite 397. Hanno der Groe endete nicht vor Tunis. Der vor dieser
Stadt von den Sldnern gekreuzigte General hie Hannibal. Hanno war
nicht mit vor Tunis. Nach Appian soll er noch das Ende des zweiten
Punischen Krieges erlebt haben. Flaubert wollte die Nennung eines
Hannibal vermeiden, damit nicht etwa irgend ein Leser
irrtmlicherweise an den groen Feldherrn denken knne. ber Hannos
Krankheit vgl. Forbes, Oriental Memoirs, London, 1813, passim.

Seite 403. Die Endkmpfe gegen Matho fhrten Hamilkar und Hanno
gemeinsam. Die Entscheidungsschlacht fand in der Nhe von Klein-Leptis
statt. Der grte Teil der Sldner fiel. Matho und der letzte Rest
seiner Getreuen schlugen sich nach einer--uns namentlich nicht
bekannten--Stadt durch, wo sie bald kapitulieren muten.

Die grausame Todesart Mathos ist keine Erfindung Flauberts. Sie ist
historisch und ein charakteristischer Abschlu des greuelvollsten
Krieges, der--vielleicht neben dem dreiigjhrigen Kriege--je unter
Mitwirkung von Kulturmenschen gefhrt worden ist.

Arthur Schurig.

       *       *       *       *       *

Die Verdeutschung des Romans Salambo ist von Arthur Schurig





End of the Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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