The Project Gutenberg EBook of Die griechische Tnzerin, by Arthur Schnitzler

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Title: Die griechische Tnzerin
       und andere Novellen

Author: Arthur Schnitzler

Release Date: November 23, 2005 [EBook #17142]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRIECHISCHE TNZERIN ***




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 Die griechische Tnzerin

    und andere Novellen
            von
     Arthur Schnitzler


S. Fischer, Verlag, Berlin


Alle Rechte vorbehalten, besonders die der bersetzung
Copyright S. Fischer, Verlag



Inhalt


Der blinde Geronimo und sein Bruder ....... 7

Die Toten schweigen ...................... 53

Die Weissagung ........................... 85

Das neue Lied ........................... 128

Die griechische Tnzerin ................ 157




Der blinde Geronimo und sein Bruder


Der blinde Geronimo stand von der Bank auf und nahm die Gitarre zur
Hand, die auf dem Tisch neben dem Weinglase bereit gelegen war. Er hatte
das ferne Rollen der ersten Wagen vernommen. Nun tastete er sich den
wohlbekannten Weg bis zur offenen Tre hin, und dann ging er die
schmalen Holzstufen hinab, die frei in den gedeckten Hofraum
hinunterliefen. Sein Bruder folgte ihm, und beide stellten sich gleich
neben der Treppe auf, den Rcken zur Wand gekehrt, um gegen den
nakalten Wind geschtzt zu sein, der ber den feuchtschmutzigen Boden
durch die offenen Tore strich.

Unter dem dsteren Bogen des alten Wirtshauses muten alle Wagen
passieren, die den Weg ber das Stilfserjoch nahmen. Fr die Reisenden,
welche von Italien her nach Tirol wollten, war es die letzte Rast vor
der Hhe. Zu langem Aufenthalte lud es nicht ein, denn gerade hier lief
die Strae ziemlich eben, ohne Ausblicke, zwischen kahlen Erhebungen
hin. Der blinde Italiener und sein Bruder Carlo waren in den
Sommermonaten hier so gut wie zu Hause.

Die Post fuhr ein, bald darauf kamen andere Wagen. Die meisten
Reisenden blieben sitzen, in Plaids und Mntel wohl eingehllt, andere
stiegen aus und spazierten zwischen den Toren ungeduldig hin und her.
Das Wetter wurde immer schlechter, ein kalter Regen klatschte herab.
Nach einer Reihe schner Tage schien der Herbst pltzlich und allzu frh
hereinzubrechen.

Der Blinde sang und begleitete sich dazu auf der Gitarre; er sang mit
einer ungleichmigen, manchmal pltzlich aufkreischenden Stimme, wie
immer, wenn er getrunken hatte. Zuweilen wandte er den Kopf wie mit
einem Ausdruck vergeblichen Flehens nach oben. Aber die Zge seines
Gesichtes mit den schwarzen Bartstoppeln und den blulichen Lippen
blieben vollkommen unbeweglich. Der ltere Bruder stand neben ihm,
beinahe regungslos. Wenn ihm jemand eine Mnze in den Hut fallen lie,
nickte er Dank und sah dem Spender mit einem raschen, wie irren Blick
ins Gesicht. Aber gleich, beinahe ngstlich, wandte er den Blick wieder
fort und starrte gleich dem Bruder ins Leere. Es war, als schmten sich
seine Augen des Lichts, das ihnen gewhrt war, und von dem sie dem
blinden Bruder keinen Strahl schenken konnten.

Bring mir Wein, sagte Geronimo, und Carlo ging, gehorsam wie immer.
Whrend er die Stufen aufwrts schritt, begann Geronimo wieder zu
singen. Er hrte lngst nicht mehr auf seine eigene Stimme, und so
konnte er auf das merken, was in seiner Nhe vorging. Jetzt vernahm er
ganz nahe zwei flsternde Stimmen, die eines jungen Mannes und einer
jungen Frau. Er dachte, wie oft diese beiden schon den gleichen Weg hin
und her gegangen sein mochten; denn in seiner Blindheit und in seinem
Rausch war ihm manchmal, als kmen Tag fr Tag dieselben Menschen ber
das Joch gewandert, bald von Norden gegen Sden, bald von Sden gegen
Norden. Und so kannte er auch dieses junge Paar seit langer Zeit.

Carlo kam herab und reichte Geronimo ein Glas Wein. Der Blinde schwenkte
es dem jungen Paare zu und sagte: Ihr Wohl, meine Herrschaften!

Danke, sagte der junge Mann; aber die junge Frau zog ihn fort, denn
ihr war dieser Blinde unheimlich.

Jetzt fuhr ein Wagen mit einer ziemlich lrmenden Gesellschaft ein:
Vater, Mutter, drei Kinder, eine Bonne.

Deutsche Familie, sagte Geronimo leise zu Carlo.

Der Vater gab jedem der Kinder ein Geldstck, und jedes durfte das seine
in den Hut des Bettlers werfen. Geronimo neigte jedesmal den Kopf zum
Dank. Der lteste Knabe sah dem Blinden mit ngstlicher Neugier ins
Gesicht. Carlo betrachtete den Knaben. Er mute, wie immer beim Anblick
solcher Kinder, daran denken, da Geronimo gerade so alt gewesen war,
als das Unglck geschah, durch das er das Augenlicht verloren hatte.
Denn er erinnerte sich jenes Tages auch heute noch, nach beinahe zwanzig
Jahren, mit vollkommener Deutlichkeit. Noch heute klang ihm der grelle
Kinderschrei ins Ohr, mit dem der kleine Geronimo auf den Rasen
hingesunken war, noch heute sah er die Sonne auf der weien Gartenmauer
spielen und kringeln und hrte die Sonntagsglocken wieder, die gerade in
jenem Augenblick getnt hatten. Er hatte wie oftmals mit dem Bolzen nach
der Esche an der Mauer geschossen, und als er den Schrei hrte, dachte
er gleich, da er den kleinen Bruder verletzt haben mute, der eben
vorbeigelaufen war. Er lie das Blasrohr aus den Hnden gleiten, sprang
durchs Fenster in den Garten und strzte zu dem kleinen Bruder hin, der
auf dem Grase lag, die Hnde vors Gesicht geschlagen und jammerte. ber
die rechte Wange und den Hals flo ihm Blut herunter. In derselben
Minute kam der Vater vom Felde heim, durch die kleine Gartentr, und nun
knieten beide ratlos neben dem jammernden Kinde. Nachbarn eilten herbei;
die alte Vanetti war die erste, der es gelang, dem Kleinen die Hnde
vom Gesicht zu entfernen. Dann kam auch der Schmied, bei dem Carlo
damals in der Lehre war und der sich ein bichen aufs Kurieren verstand;
und der sah gleich, da das rechte Auge verloren war. Der Arzt, der
abends aus Poschiavo kam, konnte auch nicht mehr helfen. Ja, er deutete
schon die Gefahr an, in der das andere Auge schwebte. Und er behielt
recht. Ein Jahr spter war die Welt fr Geronimo in Nacht versunken.
Anfangs versuchte man ihm einzureden, da er spter geheilt werden
knnte, und er schien es zu glauben. Carlo, der die Wahrheit wute,
irrte damals tage- und nchtelang auf der Landstrae, zwischen den
Weinbergen und in den Wldern umher, und war nahe daran, sich
umzubringen. Aber der geistliche Herr, dem er sich anvertraute, klrte
ihn auf, da es seine Pflicht war, zu leben und sein Leben dem Bruder zu
widmen. Carlo sah es ein. Ein ungeheures Mitleid ergriff ihn. Nur wenn
er bei dem blinden Jungen war, wenn er ihm die Haare streicheln, seine
Stirne kssen durfte, ihm Geschichten erzhlte, ihn auf den Feldern
hinter dem Hause und zwischen den Rebengelnden spazieren fhrte,
milderte sich seine Pein. Er hatte gleich anfangs die Lehrstunden in der
Schmiede vernachlssigt, weil er sich von dem Bruder gar nicht trennen
mochte, und konnte sich nachher nicht mehr entschlieen, sein Handwerk
wieder aufzunehmen, trotzdem der Vater mahnte und in Sorge war. Eines
Tages fiel es Carlo auf, da Geronimo vollkommen aufgehrt hatte, von
seinem Unglck zu reden. Bald wute er, warum: der Blinde war zur
Einsicht gekommen, da er nie den Himmel, die Hgel, die Straen, die
Menschen, das Licht wieder sehen wrde. Nun litt Carlo noch mehr als
frher, so sehr er sich auch selbst damit zu beruhigen suchte, da er
ohne jede Absicht das Unglck herbeigefhrt hatte. Und manchmal, wenn er
am frhen Morgen den Bruder betrachtete, der neben ihm ruhte, ward er
von einer solchen Angst erfat, ihn erwachen zu sehen, da er in den
Garten hinauslief, nur um nicht dabei sein zu mssen, wie die toten
Augen jeden Tag von neuem das Licht zu suchen schienen, das ihnen fr
immer erloschen war. Zu jener Zeit war es, da Carlo auf den Einfall
kam, Geronimo, der eine angenehme Stimme hatte, in der Musik weiter
ausbilden zu lassen. Der Schullehrer von Tola, der manchmal Sonntags
herberkam, lehrte ihn die Gitarre spielen. Damals ahnte der Blinde
freilich noch nicht, da die neuerlernte Kunst einmal zu seinem
Lebensunterhalt dienen wrde.

Mit jenem traurigen Sommertag schien das Unglck fr immer in das Haus
des alten Lagardi eingezogen zu sein. Die Ernte miriet ein Jahr nach
dem anderen; um eine kleine Geldsumme, die der Alte erspart hatte, wurde
er von einem Verwandten betrogen; und als er an einem schwlen Augusttag
auf freiem Felde vom Schlag getroffen hinsank und starb, hinterlie er
nichts als Schulden. Das kleine Anwesen wurde verkauft, die beiden
Brder waren obdachlos und arm und verlieen das Dorf.

Carlo war zwanzig, Geronimo fnfzehn Jahre alt. Damals begann das
Bettel- und Wanderleben, das sie bis heute fhrten. Anfangs hatte Carlo
daran gedacht, irgendeinen Verdienst zu finden, der zugleich ihn und den
Bruder ernhren knnte; aber es wollte nicht gelingen. Auch hatte
Geronimo nirgend Ruhe; er wollte immer auf dem Wege sein.

Zwanzig Jahre war es nun, da sie auf Straen und Pssen herumzogen, im
nrdlichen Italien und im sdlichen Tirol, immer dort, wo eben der
dichtere Zug der Reisenden vorberstrmte.

Und wenn auch Carlo nach so vielen Jahren nicht mehr die brennende Qual
versprte, mit der ihn frher jedes Leuchten der Sonne, der Anblick
jeder freundlichen Landschaft erfllt hatte, es war doch ein stetes
nagendes Mitleid in ihm, bestndig und ihm unbewut, wie der Schlag
seines Herzens und sein Atem. Und er war froh, wenn Geronimo sich
betrank.

Der Wagen mit der deutschen Familie war davongefahren. Carlo setzte
sich, wie er gern tat, auf die untersten Stufen der Treppe, Geronimo
aber blieb stehen, lie die Arme schlaff herabhngen und hielt den Kopf
nach oben gewandt.

Maria, die Magd, kam aus der Wirtsstube.

Habt's viel verdient heut? rief sie herunter.

Carlo wandte sich gar nicht um. Der Blinde bckte sich nach seinem Glas,
hob es vom Boden auf und trank es Maria zu. Sie sa manchmal abends in
der Wirtsstube neben ihm; er wute auch, da sie schn war.

Carlo beugte sich vor und blickte gegen die Strae hinaus. Der Wind
blies, und der Regen prasselte, so da das Rollen des nahenden Wagens in
den heftigen Geruschen unterging. Carlo stand auf und nahm wieder
seinen Platz an des Bruders Seite ein.

Geronimo begann zu singen, schon whrend der Wagen einfuhr, in dem nur
ein Passagier sa. Der Kutscher spannte die Pferde eilig aus, dann eilte
er hinauf in die Wirtsstube. Der Reisende blieb eine Weile in seiner
Ecke sitzen, ganz eingewickelt in einen grauen Regenmantel; er schien
auf den Gesang gar nicht zu hren. Nach einer Weile aber sprang er aus
dem Wagen und lief mit groer Hast hin und her, ohne sich weit vom Wagen
zu entfernen. Er rieb immerfort die Hnde aneinander, um sich zu
erwrmen. Jetzt erst schien er die Bettler zu bemerken. Er stellte sich
ihnen gegenber und sah sie lange wie prfend an. Carlo neigte leicht
den Kopf, wie zum Grue. Der Reisende war ein sehr junger Mensch mit
einem hbschen, bartlosen Gesicht und unruhigen Augen. Nachdem er eine
ganze Weile vor den Bettlern gestanden, eilte er wieder zu dem Tore,
durch das er weiterfahren sollte, und schttelte bei dem trostlosen
Ausblick in Regen und Nebel verdrielich den Kopf.

Nun? fragte Geronimo.

Noch nichts, erwiderte Carlo. Er wird wohl geben, wenn er fortfhrt.

Der Reisende kam wieder zurck und lehnte sich an die Deichsel des
Wagens. Der Blinde begann zu singen. Nun schien der junge Mann pltzlich
mit groem Interesse zuzuhren. Der Knecht erschien und spannte die
Pferde wieder ein. Und jetzt erst, als besnne er sich eben, griff der
junge Mann in die Tasche und gab Carlo einen Frank.

O danke, danke, sagte dieser.

Der Reisende setzte sich in den Wagen und wickelte sich wieder in
seinen Mantel. Carlo nahm das Glas vom Boden auf und ging die Holzstufen
hinauf. Geronimo sang weiter. Der Reisende beugte sich zum Wagen heraus
und schttelte den Kopf mit einem Ausdruck von berlegenheit und
Traurigkeit zugleich. Pltzlich schien ihm ein Einfall zu kommen, und er
lchelte. Dann sagte er zu dem Blinden, der kaum zwei Schritte weit von
ihm stand: Wie heit du?

Geronimo.

Nun, Geronimo, la dich nur nicht betrgen. In diesem Augenblick
erschien der Kutscher auf der obersten Stufe der Treppe.

Wieso, gndiger Herr, betrgen?

Ich habe deinem Begleiter ein Zwanzig-Frankstck gegeben.

O Herr, Dank, Dank!

Ja; also pa auf.

Er ist mein Bruder, Herr; er betrgt mich nicht.

Der junge Mann stutzte eine Weile, aber whrend er noch berlegte, war
der Kutscher auf den Bock gestiegen und hatte die Pferde angetrieben.
Der junge Mann lehnte sich zurck mit einer Bewegung des Kopfes, als
wolle er sagen: Schicksal, nimm deinen Lauf! und der Wagen fuhr davon.

Der Blinde winkte mit beiden Hnden lebhafte Gebrden des Dankes nach.
Jetzt hrte er Carlo, der eben aus der Wirtsstube kam. Der rief
herunter: Komm, Geronimo, es ist warm heroben, Maria hat Feuer
gemacht!

Geronimo nickte, nahm die Gitarre unter den Arm und tastete sich am
Gelnder die Stufen hinauf. Auf der Treppe schon rief er: La es mich
anfhlen! Wie lang hab ich schon kein Goldstck angefhlt!

Was gibt's? fragte Carlo. Was redest du da?

Geronimo war oben und griff mit beiden Hnden nach dem Kopf seines
Bruders, ein Zeichen, mit dem er stets Freude oder Zrtlichkeit
auszudrcken pflegte. Carlo, mein lieber Bruder, es gibt doch gute
Menschen!

Gewi, sagte Carlo. Bis jetzt sind es zwei Lire und dreiig
Zentesimi; und hier ist noch sterreichisches Geld, vielleicht eine
halbe Lira.

Und zwanzig Franken -- und zwanzig Franken! rief Geronimo. Ich wei es
ja! Er torkelte in die Stube und setzte sich schwer auf die Bank.

Was weit du? fragte Carlo.

So la doch die Spe! Gib es mir in die Hand! Wie lang hab ich schon
kein Goldstck in der Hand gehabt!

Was willst du denn? Woher soll ich ein Goldstck nehmen? Es sind zwei
Lire oder drei.

Der Blinde schlug auf den Tisch. Jetzt ist es aber genug, genug! Willst
du es etwa vor mir verstecken?

Carlo blickte den Bruder besorgt und verwundert an. Er setzte sich neben
ihn, rckte ganz nahe und fate wie begtigend seinen Arm: Ich
verstecke nichts vor dir. Wie kannst du das glauben? Niemandem ist es
eingefallen, mir ein Goldstck zu geben.

Aber er hat mir's doch gesagt!

Wer?

Nun, der junge Mensch, der hin und her lief.

Wie? Ich versteh dich nicht!

So hat er zu mir gesagt: 'Wie heit du?' und dann: 'Gib acht, gib acht,
la dich nicht betrgen!'

Du mut getrumt haben, Geronimo -- das ist ja Unsinn!

Unsinn? Ich hab es doch gehrt, und ich hre gut. 'La dich nicht
betrgen; ich habe ihm ein Goldstck ...' -- nein, so sagte er: 'Ich habe
ihm ein Zwanzig-Frankstck gegeben.'

Der Wirt kam herein. Nun, was ist's mit euch? Habt ihr das Geschft
aufgegeben? Ein Vierspnner ist gerade angefahren.

Komm! rief Carlo, komm!

Geronimo blieb sitzen. Warum denn? Warum soll ich kommen? Was hilft's
mir denn? Du stehst ja dabei und --

Carlo berhrte ihn am Arm. Still, komm jetzt hinunter!

Geronimo schwieg und gehorchte dem Bruder. Aber auf den Stufen sagte er:
Wir reden noch, wir reden noch!

Carlo begriff nicht, was geschehen war. War Geronimo pltzlich verrckt
geworden? Denn, wenn er auch leicht in Zorn geriet, in dieser Weise
hatte er noch nie gesprochen.

In dem eben angekommenen Wagen saen zwei Englnder; Carlo lftete den
Hut vor ihnen, und der Blinde sang. Der eine Englnder war ausgestiegen
und warf einige Mnzen in Carlos Hut. Carlo sagte: Danke und dann, wie
vor sich hin: Zwanzig Zentesimi. Das Gesicht Geronimos blieb unbewegt;
er begann ein neues Lied. Der Wagen mit den zwei Englndern fuhr davon.

Die Brder gingen schweigend die Stufen hinauf. Geronimo setzte sich auf
die Bank, Carlo blieb beim Ofen stehen.

Warum sprichst du nicht? fragte Geronimo.

Nun, erwiderte Carlo, es kann nur so sein, wie ich dir gesagt habe.
Seine Stimme zitterte ein wenig.

Was hast du gesagt? fragte Geronimo.

Es war vielleicht ein Wahnsinniger.

Ein Wahnsinniger? Das wre ja vortrefflich! Wenn einer sagt: 'Ich habe
deinem Bruder zwanzig Franken gegeben,' so ist er wahnsinnig! -- Eh, und
warum hat er gesagt: 'La dich nicht betrgen' -- eh?

Vielleicht war er auch nicht wahnsinnig ... aber es gibt Menschen, die
mit uns armen Leuten Spe machen ...

Eh! schrie Geronimo, Spe? -- Ja, das hast du noch sagen mssen --
darauf habe ich gewartet! Er trank das Glas Wein aus, das vor ihm
stand.

Aber, Geronimo! rief Carlo, und er fhlte, da er vor Bestrzung kaum
sprechen konnte, warum sollte ich ... wie kannst du glauben ...?

Warum zittert deine Stimme ... eh ... warum ...?

Geronimo, ich versichere dir, ich --

Eh -- und ich glaube dir nicht! Jetzt lachst du ... ich wei ja, da du
jetzt lachst!

Der Knecht rief von unten: He, blinder Mann, Leut' sind da!

Ganz mechanisch standen die Brder auf und schritten die Stufen hinab.
Zwei Wagen waren zugleich gekommen, einer mit drei Herren, ein anderer
mit einem alten Ehepaar. Geronimo sang; Carlo stand neben ihm,
fassungslos. Was sollte er nur tun? Der Bruder glaubte ihm nicht! Wie
war das nur mglich? -- Und er betrachtete Geronimo, der mit zerbrochener
Stimme seine Lieder sang, angstvoll von der Seite. Es war ihm, als she
er ber diese Stirne Gedanken fliehen, die er frher dort niemals
gewahrt hatte.

Die Wagen waren schon fort, aber Geronimo sang weiter. Carlo wagte
nicht, ihn zu unterbrechen. Er wute nicht, was er sagen sollte, er
frchtete, da seine Stimme wieder zittern wrde. Da tnte Lachen von
oben, und Maria rief: Was singst denn noch immer? Von mir kriegst du ja
doch nichts!

Geronimo hielt inne, mitten in einer Melodie; es klang, als wre seine
Stimme und die Saiten zugleich abgerissen. Dann ging er wieder die
Stufen hinauf, und Carlo folgte ihm. In der Wirtsstube setzte er sich
neben ihn. Was sollte er tun? Es blieb ihm nichts anderes brig: er
mute noch einmal versuchen, den Bruder aufzuklren.

Geronimo, sagte er, ich schwre dir ... bedenk doch, Geronimo, wie
kannst du glauben, da ich --

Geronimo schwieg, seine toten Augen schienen durch das Fenster in den
grauen Nebel hinauszublicken. Carlo redete weiter: Nun, er braucht ja
nicht wahnsinnig gewesen zu sein, er wird sich geirrt haben ... ja er
hat sich geirrt ... Aber er fhlte wohl, da er selbst nicht glaubte,
was er sagte.

Geronimo rckte ungeduldig fort. Aber Carlo redete weiter, mit
pltzlicher Lebhaftigkeit: Wozu sollte ich denn -- du weit doch, ich
esse und trinke nicht mehr als du, und wenn ich mir einen neuen Rock
kaufe, so weit du's doch ... wofr brauch ich denn so viel Geld? Was
soll ich denn damit tun?

Da stie Geronimo zwischen den Zhnen hervor: Lg nicht, ich hre, wie
du lgst!

Ich lge nicht, Geronimo, ich lge nicht! sagte Carlo erschrocken.

Eh! hast du ihr's schon gegeben, ja? Oder bekommt sie's erst nachher?
schrie Geronimo.

Maria?

Wer denn, als Maria? Eh, du Lgner, du Dieb! Und als wollte er nicht
mehr neben ihm am Tische sitzen, stie er mit dem Ellbogen den Bruder in
die Seite.

Carlo stand auf. Zuerst starrte er den Bruder an, dann verlie er das
Zimmer und ging ber die Stiege in den Hof. Er schaute mit weit offenen
Augen auf die Strae hinaus, die vor ihm in brunlichen Nebel versank.
Der Regen hatte nachgelassen. Carlo steckte die Hnde in die
Hosentaschen und ging ins Freie. Es war ihm, als htte ihn sein Bruder
davongejagt. Was war denn nur geschehen?... Er konnte es noch immer
nicht fassen. Was fr ein Mensch mochte das gewesen sein? Einen Franken
schenkt er her und sagt, es waren zwanzig! Er mute doch irgendeinen
Grund dazu gehabt haben?... Und Carlo suchte in seiner Erinnerung, ob er
sich nicht irgendwo jemanden zum Feind gemacht, der nun einen anderen
hergeschickt hatte, um sich zu rchen ... Aber soweit er zurckdenken
mochte, nie hatte er jemanden beleidigt, nie irgendeinen ernsten Streit
mit jemandem vorgehabt. Er hatte ja seit zwanzig Jahren nichts anderes
getan, als da er in Hfen oder an Straenrndern gestanden war mit dem
Hut in der Hand ... War ihm vielleicht einer wegen eines Frauenzimmers
bse?... Aber wie lange hatte er schon mit keiner was zu tun gehabt ...
die Kellnerin in La Rosa war die letzte gewesen, im vorigen Frhjahr ...
aber um die war ihm gewi niemand neidisch ... Es war nicht zu
begreifen!... Was mochte es da drauen in der Welt, die er nicht kannte,
fr Menschen geben?... Von berallher kamen sie ... was wute er von
ihnen?... Fr diesen Fremden hatte es wohl irgendeinen Sinn gehabt, da
er zu Geronimo sagte: Ich habe deinem Bruder zwanzig Franken gegeben ...
Nun ja ... Aber was war nun zu tun?... Mit einem Male war es offenbar
geworden, da Geronimo ihm mitraute!... Das konnte er nicht ertragen!
Irgend etwas mute er dagegen unternehmen ... Und er eilte zurck.

Als er wieder in die Wirtsstube trat, lag Geronimo auf der Bank
ausgestreckt und schien das Eintreten Carlos nicht zu bemerken. Maria
brachte den beiden Essen und Trinken. Sie sprachen whrend der Mahlzeit
kein Wort. Als Maria die Teller abrumte, lachte Geronimo pltzlich auf
und sagte zu ihr: Was wirst du dir denn dafr kaufen?

Wofr denn?!

Nun, was? Einen neuen Rock oder Ohrringe?

Was will er denn von mir? wandte sie sich an Carlo.

Indes drhnte unten der Hof von lastenbeladenen Fuhrwerken, laute
Stimmen tnten herauf und Maria eilte hinunter. Nach ein paar Minuten
kamen drei Fuhrleute und nahmen an einem Tische Platz; der Wirt trat zu
ihnen und begrte sie. Sie schimpften ber das schlechte Wetter.

Heute nacht werdet ihr Schnee haben, sagte der eine.

Der zweite erzhlte, wie er vor zehn Jahren Mitte August auf dem Joch
eingeschneit und beinahe erfroren war. Maria setzte sich zu ihnen. Auch
der Knecht kam herbei und erkundigte sich nach seinen Eltern, die unten
in Bormio wohnten.

Jetzt kam wieder ein Wagen mit Reisenden. Geronimo und Carlo gingen
hinunter, Geronimo sang, Carlo hielt den Hut hin, und die Reisenden
gaben ihr Almosen. Geronimo schien jetzt ganz ruhig. Er fragte manchmal:
Wieviel? und nickte zu den Antworten Carlos leicht mit dem Kopfe.
Indes versuchte Carlo selbst seine Gedanken zu fassen. Aber er hatte
immer nur das dumpfe Gefhl, da etwas Schreckliches geschehen und da
er ganz wehrlos war.

Als die Brder wieder die Stufen hinaufschritten, hrten sie die
Fuhrleute oben wirr durcheinanderreden und lachen. Der jngste rief dem
Geronimo entgegen: Sing uns doch auch was vor, wir zahlen schon! --
Nicht wahr? wandte er sich an die anderen.

Maria, die eben mit einer Flasche rotem Wein kam, sagte: Fangt heut
nichts mit ihm an, er ist schlechter Laune.

Statt jeder Antwort stellte sich Geronimo mitten ins Zimmer hin und
fing an zu singen. Als er geendet, klatschten die Fuhrleute in die
Hnde.

Komm her, Carlo! rief einer, wir wollen dir unser Geld auch in den
Hut werfen wie die Leute unten! Und er nahm eine kleine Mnze und hielt
die Hand hoch, als wollte er sie in den Hut fallen lassen, den ihm Carlo
entgegenstreckte. Da griff der Blinde nach dem Arm des Fuhrmannes und
sagte: Lieber mir, lieber mir! Es knnte daneben fallen -- daneben!

Wieso daneben?

Eh, nun! Zwischen die Beine Marias!

Alle lachten, der Wirt und Maria auch, nur Carlo stand regungslos da.
Nie hatte Geronimo solche Spe gemacht!...

Setz dich zu uns! riefen die Fuhrleute. Du bist ein lustiger Kerl!
Und sie rckten zusammen, um Geronimo Platz zu machen. Immer lauter und
wirrer war das Durcheinanderreden; Geronimo redete mit, lauter und
lustiger als sonst, und hrte nicht auf zu trinken. Als Maria eben
wieder hereinkam, wollte er sie an sich ziehen; da sagte der eine von
den Fuhrleuten lachend: Meinst du vielleicht, sie ist schn? Sie ist ja
ein altes hliches Weib!

Aber der Blinde zog Maria auf seinen Scho. Ihr seid alle Dummkpfe,
sagte er. Glaubt ihr, ich brauche meine Augen, um zu sehen? Ich wei
auch, wo Carlo jetzt ist -- eh! -- dort am Ofen steht er, hat die Hnde in
den Hosentaschen und lacht.

Alle schauten auf Carlo, der mit offenem Munde am Ofen lehnte und nun
wirklich das Gesicht zu einem Grinsen verzog, als drfte er seinen
Bruder nicht Lgen strafen.

Der Knecht kam herein; wenn die Fuhrleute noch vor Dunkelheit in Bormio
sein wollten, muten sie sich beeilen. Sie standen auf und
verabschiedeten sich lrmend. Die beiden Brder waren wieder allein in
der Wirtsstube. Es war die Stunde, um die sie sonst manchmal zu schlafen
pflegten. Das ganze Wirtshaus versank in Ruhe wie immer um diese Zeit
der ersten Nachmittagsstunden. Geronimo, den Kopf auf dem Tisch, schien
zu schlafen. Carlo ging anfangs hin und her, dann setzte er sich auf die
Bank. Er war sehr mde. Es schien ihm, als wre er in einem schweren
Traum befangen. Er mute an allerlei denken, an gestern, vorgestern und
alle Tage, die frher waren, und besonders an warme Sommertage und an
weie Landstraen, ber die er mit seinem Bruder zu wandern pflegte, und
alles war so weit und unbegreiflich, als wenn es nie wieder so sein
knnte.

Am spten Nachmittage kam die Post aus Tirol und bald darauf in kleinen
Zwischenpausen Wagen, die den gleichen Weg nach dem Sden nahmen. Noch
viermal muten die Brder in den Hof hinab. Als sie das letztemal
heraufgingen, war die Dmmerung hereingebrochen, und das llmpchen, das
von der Holzdecke herunterhing, fauchte. Arbeiter kamen, die in einem
nahen Steinbruche beschftigt waren und ein paar hundert Schritte
unterhalb des Wirtshauses ihre Holzhtten aufgeschlagen hatten. Geronimo
setzte sich zu ihnen; Carlo blieb allein an seinem Tische. Es war ihm,
als dauerte seine Einsamkeit schon sehr lange. Er hrte, wie Geronimo
drben laut, beinahe schreiend, von seiner Kindheit erzhlte: da er
sich noch ganz gut an allerlei erinnerte, was er mit seinen Augen
gesehen, Personen und Dinge: an den Vater, wie er auf dem Felde
arbeitete, an den kleinen Garten mit der Esche an der Mauer, an das
niedrige Huschen, das ihnen gehrte, an die zwei kleinen Tchter des
Schusters, an den Weinberg hinter der Kirche, ja an sein eigenes
Kindergesicht, wie es ihm aus dem Spiegel entgegengeblickt hatte. Wie
oft hatte Carlo das alles gehrt. Heute ertrug er es nicht. Es klang
anders als sonst: jedes Wort, das Geronimo sprach, bekam einen neuen
Sinn und schien sich gegen ihn zu richten. Er schlich hinaus und ging
wieder auf die Landstrae, die nun ganz im Dunkel lag. Der Regen hatte
aufgehrt, die Luft war sehr kalt, und der Gedanke erschien Carlo
beinahe verlockend, weiterzugehen, immer weiter, tief in die Finsternis
hinein, sich am Ende irgendwohin in den Straengraben zu legen,
einzuschlafen, nicht mehr zu erwachen. -- Pltzlich hrte er das Rollen
eines Wagens und erblickte den Lichtschimmer von zwei Laternen, die
immer nher kamen. In dem Wagen, der vorberfuhr, saen zwei Herren.
Einer von ihnen mit einem schmalen, bartlosen Gesichte fuhr erschrocken
zusammen, als Carlos Gestalt im Lichte der Laternen aus dem Dunkel
hervortauchte. Carlo, der stehen geblieben war, lftete den Hut. Der
Wagen und die Lichter verschwanden. Carlo stand wieder in tiefer
Finsternis. Pltzlich schrak er zusammen. Das erstemal in seinem Leben
machte ihm das Dunkel Angst. Es war ihm, als knnte er es keine Minute
lnger ertragen. In einer sonderbaren Art vermengten sich in seinem
dumpfen Sinnen die Schauer, die er fr sich selbst empfand, mit einem
qulenden Mitleid fr den blinden Bruder und jagten ihn nach Hause.

Als er in die Wirtsstube trat, sah er die beiden Reisenden, die vorher
an ihm vorbeigefahren waren, bei einer Flasche Rotwein an einem Tische
sitzen und sehr angelegentlich miteinander reden. Sie blickten kaum
auf, als er eintrat.

An dem anderen Tische sa Geronimo wie frher unter den Arbeitern.

Wo steckst du denn, Carlo? sagte ihm der Wirt schon an der Tr. Warum
lt du deinen Bruder allein?

Was gibt's denn? fragte Carlo erschrocken.

Geronimo traktiert die Leute. Mir kann's ja egal sein, aber ihr solltet
doch denken, da bald wieder schlechtere Zeiten kommen.

Carlo trat rasch zu dem Bruder und fate ihn am Arme. Komm! sagte er.

Was willst du? schrie Geronimo.

Komm zu Bett, sagte Carlo.

La mich, la mich! Ich verdiene das Geld, ich kann mit meinem Gelde
tun, was ich will -- eh! -- alles kannst du ja doch nicht einstecken! Ihr
meint wohl, er gibt mir alles! O nein! Ich bin ja ein blinder Mann! Aber
es gibt Leute -- es gibt gute Leute, die sagen mir: 'Ich habe deinem
Bruder zwanzig Franken gegeben!'

Die Arbeiter lachten auf.

Es ist genug, sagte Carlo, komm! Und er zog den Bruder mit sich,
schleppte ihn beinah die Treppe hinauf bis in den kahlen Bodenraum, wo
sie ihr Lager hatten. Auf dem ganzen Wege schrie Geronimo: Ja, nun ist
es an den Tag gekommen, ja, nun wei ich's! Ah, wartet nur. Wo ist sie?
Wo ist Maria? Oder legst du's ihr in die Sparkassa? -- Eh, ich singe fr
dich, ich spiele Gitarre, von mir lebst du -- und du bist ein Dieb! Er
fiel auf den Strohsack hin.

Vom Gang her schimmerte ein schwaches Licht herein; drben stand die Tr
zu dem einzigen Fremdenzimmer des Wirtshauses offen, und Maria richtete
die Betten fr die Nachtruhe her. Carlo stand vor seinem Bruder und sah
ihn daliegen mit dem gedunsenen Gesicht, mit den blulichen Lippen, das
feuchte Haar an der Stirne klebend, um viele Jahre lter aussehend, als
er war. Und langsam begann er zu verstehen. Nicht von heute konnte das
Mitrauen des Blinden sein, lngst mute es in ihm geschlummert haben,
und nur der Anla, vielleicht der Mut hatte ihm gefehlt, es
auszusprechen. Und alles, was Carlo fr ihn getan, war vergeblich
gewesen; vergeblich die Reue, vergeblich das Opfer seines ganzen Lebens.
Was sollte er nun tun? -- Sollte er noch weiterhin Tag fr Tag, wer wei
wie lange noch, ihn durch die ewige Nacht fhren, ihn betreuen, fr ihn
betteln und keinen anderen Lohn dafr haben als Mitrauen und Schimpf?
Wenn ihn der Bruder fr einen Dieb hielt, so konnte ihm ja jeder Fremde
dasselbe oder Besseres leisten als er. Wahrhaftig, ihn allein lassen,
sich fr immer von ihm trennen, das wre das klgste. Dann mute
Geronimo wohl sein Unrecht einsehen, denn dann erst wrde er erfahren,
was es heit, betrogen und bestohlen werden, einsam und elend sein. Und
er selbst, was sollte er beginnen? Nun, er war ja noch nicht alt; wenn
er fr sich allein war, konnte er noch mancherlei anfangen. Als Knecht
zum mindesten fand er berall sein Unterkommen. Aber whrend diese
Gedanken durch seinen Kopf zogen, blieben seine Augen immer auf den
Bruder geheftet. Und er sah ihn pltzlich vor sich, allein am Rande
einer sonnbeglnzten Strae auf einem Stein sitzen, mit den weit
offenen, weien Augen zum Himmel starrend, der ihn nicht blenden konnte,
und mit den Hnden in die Nacht greifend, die immer um ihn war. Und er
fhlte, so wie der Blinde niemand anderen auf der Welt hatte als ihn, so
hatte auch er niemand anderen als diesen Bruder. Er verstand, da die
Liebe zu diesem Bruder der ganze Inhalt seines Lebens war, und wute zum
ersten Male mit vlliger Deutlichkeit, nur der Glaube, da der Blinde
diese Liebe erwiderte und ihm verziehen, hatte ihn alles Elend so
geduldig tragen lassen. Er konnte auf diese Hoffnung nicht mit einem
Male verzichten. Er fhlte, da er den Bruder gerade so notwendig
brauchte als der Bruder ihn. Er konnte nicht, er wollte ihn nicht
verlassen. Er mute entweder das Mitrauen erdulden oder ein Mittel
finden, um den Blinden von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu
berzeugen ... Ja, wenn er sich irgendwie das Goldstck verschaffen
knnte! Wenn er dem Blinden morgen frh sagen knnte: Ich habe es nur
aufbewahrt, damit du's nicht mit den Arbeitern vertrinkst, damit es dir
die Leute nicht stehlen ... oder sonst irgend etwas ...

Schritte nherten sich auf der Holztreppe; die Reisenden gingen zur
Ruhe. Pltzlich durchzuckte seinen Kopf der Einfall, drben anzuklopfen,
den Fremden wahrheitsgetreu den heutigen Vorfall zu erzhlen und sie um
die zwanzig Franken zu bitten. Aber er wute auch gleich: das war
vollkommen aussichtslos! Sie wrden ihm die ganze Geschichte nicht
einmal glauben. Und er erinnerte sich jetzt, wie erschrocken der eine
blasse zusammengefahren war, als er, Carlo, pltzlich im Dunkel vor dem
Wagen aufgetaucht war.

Er streckte sich auf den Strohsack hin. Es war ganz finster im Zimmer.
Jetzt hrte er, wie die Arbeiter laut redend und mit schweren Schritten
ber die Holzstufen hinabgingen. Bald darauf wurden beide Tore
geschlossen. Der Knecht ging noch einmal die Treppe auf und ab, dann war
es ganz still. Carlo hrte nur mehr das Schnarchen Geronimos. Bald
verwirrten sich seine Gedanken in beginnenden Trumen. Als er erwachte,
war noch tiefe Dunkelheit um ihn. Er sah nach der Stelle, wo das Fenster
war; wenn er die Augen anstrengte, gewahrte er dort mitten in dem
undurchdringlichen Schwarz ein tiefgraues Viereck. Geronimo schlief noch
immer den schweren Schlaf des Betrunkenen. Und Carlo dachte an den Tag,
der morgen war; und ihn schauderte. Er dachte an die Nacht nach diesem
Tage, an den Tag nach dieser Nacht, an die Zukunft, die vor ihm lag, und
Grauen erfllte ihn vor der Einsamkeit, die ihm bevorstand. Warum war er
abends nicht mutiger gewesen? Warum war er nicht zu den Fremden gegangen
und hatte sie um die zwanzig Franken gebeten? Vielleicht htten sie doch
Erbarmen mit ihm gehabt. Und doch -- vielleicht war es gut, da er sie
nicht gebeten hatte. Ja, warum war es gut?... Er setzte sich jh auf und
fhlte sein Herz klopfen. Er wute, warum es gut war: Wenn sie ihn
abgewiesen htten, so wre er ihnen jedenfalls verdchtig geblieben --
so aber ... Er starrte auf den grauen Fleck, der matt zu leuchten begann
... Das, was ihm gegen seinen eigenen Willen durch den Kopf gefahren,
war ja unmglich, vollkommen unmglich!... Die Tr drben war versperrt
-- und berdies: sie konnten aufwachen ... Ja, dort -- der graue
leuchtende Fleck mitten im Dunkel war der neue Tag -- -- --

Carlo stand auf, als zge es ihn dorthin, und berhrte mit der Stirn die
kalte Scheibe. Warum war er denn aufgestanden? Um zu berlegen?... Um es
zu versuchen?... Was denn?... Es war ja unmglich -- und berdies war es
ein Verbrechen. Ein Verbrechen? Was bedeuten zwanzig Franken fr solche
Leute, die zum Vergngen tausend Meilen weit reisen? Sie wrden ja gar
nicht merken, da sie ihnen fehlten ... Er ging zur Tre und ffnete sie
leise. Gegenber war die andere, mit zwei Schritten zu erreichen,
geschlossen. An einem Nagel im Pfosten hingen Kleidungsstcke. Carlo
fuhr mit der Hand ber sie ... Ja, wenn die Leute ihre Brsen in der
Tasche lieen, dann wre das Leben sehr einfach, dann brauchte bald
niemand mehr betteln zu gehen ... Aber die Taschen waren leer. Nun, was
blieb brig? Wieder zurck ins Zimmer, auf den Strohsack. Es gab
vielleicht doch eine bessere Art, sich zwanzig Franken zu verschaffen --
eine weniger gefhrliche und rechtlichere. Wenn er wirklich jedesmal
einige Zentesimi von den Almosen zurckbehielte, bis er zwanzig Franken
zusammengespart, und dann das Goldstck kaufte ... Aber wie lang konnte
das dauern -- Monate, vielleicht ein Jahr. Ah, wenn er nur Mut htte!
Noch immer stand er auf dem Gang. Er blickte zur Tr hinber ... Was war
das fr ein Streif, der senkrecht von oben auf den Fuboden fiel? War es
mglich? Die Tr war nur angelehnt, nicht versperrt?... Warum staunte er
denn darber? Seit Monaten schon schlo die Tr nicht. Wozu auch? Er
erinnerte sich: nur dreimal hatten hier in diesem Sommer Leute
geschlafen, zweimal Handwerksburschen und einmal ein Tourist, der sich
den Fu verletzt hatte. Die Tr schliet nicht -- er braucht jetzt nur
Mut -- ja, und Glck! Mut? Das Schlimmste, was ihm geschehen kann, ist,
da die beiden aufwachen, und da kann er noch immer eine Ausrede finden.
Er lugt durch den Spalt ins Zimmer. Es ist noch so dunkel, da er eben
nur die Umrisse von zwei auf den Betten lagernden Gestalten gewahren
kann. Er horcht auf: sie atmen ruhig und gleichmig. Carlo ffnet die
Tr leicht und tritt mit seinen nackten Fen vllig geruschlos ins
Zimmer. Die beiden Betten stehen der Lnge nach an der gleichen Wand dem
Fenster gegenber. In der Mitte des Zimmers ist ein Tisch; Carlo
schleicht bis hin. Er fhrt mit der Hand ber die Flche und fhlt ein
Schlsselbund, ein Federmesser, ein kleines Buch -- weiter nichts ... Nun
natrlich!... Da er nur daran denken konnte, sie wrden ihr Geld auf
den Tisch legen! Ah, nun kann er gleich wieder fort!... Und doch,
vielleicht braucht es nur einen guten Griff und es ist geglckt ... Und
er nhert sich dem Bett neben der Tr; hier auf dem Sessel liegt etwas --
er fhlt danach -- es ist ein Revolver ... Carlo zuckt zusammen ... Ob er
ihn nicht lieber gleich behalten sollte? Denn warum hat dieser Mensch
den Revolver bereitliegen? Wenn er erwacht und ihn bemerkt ... Doch
nein, er wrde ja sagen: Es ist drei Uhr, gndiger Herr, aufstehn!...
Und er lt den Revolver liegen.

Und er schleicht tiefer ins Zimmer. Hier auf dem anderen Sessel unter
den Wschestcken ... Himmel! das ist sie ... das ist eine Brse -- er
hlt sie in der Hand!... In diesem Moment hrt er ein leises Krachen.
Mit einer raschen Bewegung streckt er sich der Lnge nach zu Fen des
Bettes hin ... Noch einmal dieses Krachen -- ein schweres Aufatmen -- ein
Ruspern -- dann wieder Stille, tiefe Stille. Carlo bleibt auf dem Boden
liegen, die Brse in der Hand, und wartet. Es rhrt sich nichts mehr.
Schon fllt der Dmmer bla ins Zimmer herein. Carlo wagt nicht
aufzustehen, sondern kriecht auf dem Boden vorwrts bis zur Tr, die
weit genug offen steht, um ihn durchzulassen, kriecht weiter bis auf den
Gang hinaus, und hier erst erhebt er sich langsam, mit einem tiefen
Atemzug. Er ffnet die Brse; sie ist dreifach geteilt: links und rechts
nur kleine Silberstcke. Nun ffnet Carlo den mittleren Teil, der durch
einen Schieber nochmals verschlossen ist, und fhlt drei
Zwanzigfrankenstcke. Einen Augenblick denkt er daran, zwei davon zu
nehmen, aber rasch weist er diese Versuchung von sich, nimmt nur ein
Goldstck heraus und schliet die Brse zu. Dann kniet er nieder, blickt
durch die Spalte in die Kammer, in der es wieder vllig still ist, und
dann gibt er der Brse einen Sto, so da sie bis unter das zweite Bett
gleitet. Wenn der Fremde aufwacht, wird er glauben mssen, da sie vom
Sessel heruntergefallen ist. Carlo erhebt sich langsam. Da knarrt der
Boden leise, und im gleichen Augenblick hrt er eine Stimme von drinnen:
Was ist's? Was gibt's denn? Carlo macht rasch zwei Schritte rckwrts,
mit verhaltenem Atem, und gleitet in seine eigene Kammer. Er ist in
Sicherheit und lauscht ... Noch einmal kracht drben das Bett, und dann
ist alles still. Zwischen seinen Fingern hlt er das Goldstck. Es ist
gelungen -- gelungen! Er hat die zwanzig Franken, und er kann seinem
Bruder sagen: 'Siehst du nun, da ich kein Dieb bin!' Und sie werden
sich noch heute auf die Wanderschaft machen -- gegen den Sden zu, nach
Bormio, dann weiter durchs Veltlin ... dann nach Tirano ... nach Edole
... nach Breno ... an den See von Iseo wie voriges Jahr ... Das wird
durchaus nicht verdchtig sein, denn schon vorgestern hat er selbst zum
Wirt gesagt: In ein paar Tagen gehen wir hinunter.

Immer lichter wird es, das ganze Zimmer liegt in grauem Dmmer da. Ah,
wenn Geronimo nur bald aufwachte! Es wandert sich so gut in der Frhe!
Noch vor Sonnenaufgang werden sie fortgehen. Einen guten Morgen dem
Wirt, dem Knecht und Maria auch, und dann fort, fort ... Und erst wenn
sie zwei Stunden weit sind, schon nahe dem Tale, wird er es Geronimo
sagen.

Geronimo reckt und dehnt sich. Carlo ruft ihn an: Geronimo!

Nun, was gibt's? Und er sttzt sich mit beiden Hnden und setzt sich
auf.

Geronimo, wir wollen aufstehen.

Warum? Und er richtet die toten Augen auf den Bruder. Carlo wei, da
Geronimo sich jetzt des gestrigen Vorfalles besinnt, aber er wei auch,
da der keine Silbe darber reden wird, ehe er wieder betrunken ist.

Es ist kalt, Geronimo, wir wollen fort. Es wird heuer nicht mehr
besser; ich denke, wir gehen. Zu Mittag knnen wir in Boladore sein.

Geronimo erhob sich. Die Gerusche des erwachenden Hauses wurden
vernehmbar. Unten im Hof sprach der Wirt mit dem Knecht. Carlo stand auf
und begab sich hinunter. Er war immer frh wach und ging oft schon in
der Dmmerung auf die Strae hinaus. Er trat zum Wirt hin und sagte:
Wir wollen Abschied nehmen.

Ah, geht ihr schon heut? fragte der Wirt.

Ja. Es friert schon zu arg, wenn man jetzt im Hof steht, und der Wind
zieht durch.

Nun, gr mir den Baldetti, wenn du nach Bormio hinunterkommst, und er
soll nicht vergessen, mir das l zu schicken.

Ja, ich will ihn gren. Im brigen -- das Nachtlager von heut. Er
griff in den Sack.

La sein, Carlo, sagte der Wirt. Die zwanzig Zentesimi schenk ich
deinem Bruder; ich hab ihm ja auch zugehrt. Guten Morgen.

Dank, sagte Carlo. Im brigen, so eilig haben wir's nicht. Wir sehen
dich noch, wenn du von den Htten zurckkommst; Bormio bleibt am selben
Fleck stehen, nicht wahr? Er lachte und ging die Holzstufen hinauf.

Geronimo stand mitten im Zimmer und sagte: Nun, ich bin bereit zu
gehen.

Gleich, sagte Carlo.

Aus einer alten Kommode, die in einem Winkel des Raumes stand, nahm er
ihre wenigen Habseligkeiten und packte sie in ein Bndel. Dann sagte er:
Ein schner Tag, aber sehr kalt.

Ich wei, sagte Geronimo. Beide verlieen die Kammer.

Geh leise, sagte Carlo, hier schlafen die zwei, die gestern abend
gekommen sind. Behutsam schritten sie hinunter. Der Wirt lt dich
gren, sagte Carlo; er hat uns die zwanzig Zentesimi fr heut nacht
geschenkt. Nun ist er bei den Htten drauen und kommt erst in zwei
Stunden wieder. Wir werden ihn ja im nchsten Jahre wiedersehen.

Geronimo antwortete nicht. Sie traten auf die Landstrae, die im
Dmmerschein vor ihnen lag. Carlo ergriff den linken Arm seines
Bruders, und beide schritten schweigend talabwrts. Schon nach kurzer
Wanderung waren sie an der Stelle, wo die Strae in langgezogenen Kehren
weiterzulaufen beginnt. Nebel stiegen nach aufwrts, ihnen entgegen, und
ber ihnen die Hhen schienen von den Wolken wie eingeschlungen. Und
Carlo dachte: Nun will ich's ihm sagen.

Carlo sprach aber kein Wort, sondern nahm das Goldstck aus der Tasche
und reichte es dem Bruder; dieser nahm es zwischen die Finger der
rechten Hand, dann fhrte er es an die Wange und an die Stirn, endlich
nickte er. Ich hab's ja gewut, sagte er.

Nun ja, erwiderte Carlo und sah Geronimo befremdet an.

Auch wenn der Fremde mir nichts gesagt htte, ich htte es doch
gewut.

Nun ja, sagte Carlo ratlos. Aber du verstehst doch, warum ich da oben
vor den anderen -- ich habe gefrchtet, da du das Ganze auf einmal -- --
Und sieh, Geronimo, es wre doch an der Zeit, hab ich mir gedacht, da
du dir einen neuen Rock kaufst und ein Hemd und Schuhe auch, glaube ich;
darum habe ich ...

Der Blinde schttelte heftig den Kopf. Wozu? Und er strich mit der
einen Hand ber seinen Rock. Gut genug, warm genug; jetzt kommen wir
nach dem Sden.

Carlo begriff nicht, da Geronimo sich gar nicht zu freuen schien, da
er sich nicht entschuldigte. Und er redete weiter: Geronimo, war es
denn nicht recht von mir? Warum freust du dich denn nicht? Nun haben wir
es doch, nicht wahr? Nun haben wir es ganz. Wenn ich dir's oben gesagt
htte, wer wei ... Oh, es ist gut, da ich dir's nicht gesagt habe --
gewi!

Da schrie Geronimo: Hr auf zu lgen, Carlo, ich habe genug davon!

Carlo blieb stehen und lie den Arm des Bruders los. Ich lge nicht.

Ich wei doch, da du lgst!... Immer lgst du!... Schon hundertmal
hast du gelogen!... Auch das hast du fr dich behalten wollen, aber
Angst hast du bekommen, das ist es!

Carlo senkte den Kopf und antwortete nichts. Er fate wieder den Arm des
Blinden und ging mit ihm weiter. Es tat ihm weh, da Geronimo so sprach;
aber er war eigentlich erstaunt, da er nicht trauriger war.

Die Nebel zerteilten sich. Nach langem Schweigen sprach Geronimo: Es
wird warm. Er sagte es gleichgltig, selbstverstndlich, wie er es
schon hundertmal gesagt, und Carlo fhlte in diesem Augenblick: fr
Geronimo hatte sich nichts gendert. Fr Geronimo war er immer ein Dieb
gewesen.

Hast du schon Hunger? fragte er.

Geronimo nickte, zugleich nahm er ein Stck Kse und Brot aus der
Rocktasche und a davon. Und sie gingen weiter.

Die Post von Bormio begegnete ihnen; der Kutscher rief sie an: Schon
hinunter? Dann kamen noch andere Wagen, die alle aufwrts fuhren.

Luft aus dem Tal, sagte Geronimo, und im gleichen Augenblick, nach
einer raschen Wendung, lag das Veltlin zu ihren Fen.

Wahrhaftig -- nichts hat sich gendert, dachte Carlo ... Nun hab ich gar
fr ihn gestohlen -- und auch das ist umsonst gewesen.

Die Nebel unter ihnen wurden immer dnner, der Glanz der Sonne ri
Lcher hinein. Und Carlo dachte: 'Vielleicht war es doch nicht klug, so
rasch das Wirtshaus zu verlassen ... Die Brse liegt unter dem Bett, das
ist jedenfalls verdchtig ...' Aber wie gleichgltig war das alles! Was
konnte ihm noch Schlimmes geschehen? Sein Bruder, dem er das Licht der
Augen zerstrt, glaubte sich von ihm bestohlen und glaubte es schon
jahrelang und wird es immer glauben -- was konnte ihm noch Schlimmes
geschehen?

Da unter ihnen lag das groe weie Hotel wie in Morgenglanz gebadet, und
tiefer unten, wo das Tal sich zu weiten beginnt, lang hingestreckt, das
Dorf. Schweigend gingen die beiden weiter, und immer lag Carlos Hand auf
dem Arm des Blinden. Sie gingen an dem Park des Hotels vorber, und
Carlo sah auf der Terrasse Gste in lichten Sommergewndern sitzen und
frhstcken. Wo willst du rasten? fragte Carlo.

Nun, im 'Adler', wie immer.

Als sie bei dem kleinen Wirtshause am Ende des Dorfes angelangt waren,
kehrten sie ein. Sie setzten sich in die Schenke und lieen sich Wein
geben.

Was macht ihr so frh bei uns? fragte der Wirt.

Carlo erschrak ein wenig bei dieser Frage. Ist's denn so frh? Der
zehnte oder elfte September -- nicht?

Im vergangenen Jahr war es gewi viel spter, als ihr herunterkamt.

Es ist so kalt oben, sagte Carlo. Heut nacht haben wir gefroren. Ja
richtig, ich soll dir bestellen, du mchtest nicht vergessen, das l
hinaufzuschicken.

Die Luft in der Schenke war dumpf und schwl. Eine sonderbare Unruhe
befiel Carlo; er wollte gern wieder im Freien sein, auf der groen
Strae, die nach Tirano, nach Edole, nach dem See von Iseo, berallhin,
in die Ferne fhrt! Pltzlich stand er auf.

Gehen wir schon? fragte Geronimo.

Wir wollen doch heut mittag in Boladore sein, im 'Hirschen' halten die
Wagen Mittagsrast; es ist ein guter Ort.

Und sie gingen. Der Friseur Benozzi stand rauchend vor seinem Laden.
Guten Morgen, rief er. Nun, wie sieht's da oben aus? Heut nacht hat
es wohl geschneit?

Ja, ja, sagte Carlo und beschleunigte seine Schritte.

Das Dorf lag hinter ihnen, wei dehnte sich die Strae zwischen Wiesen
und Weinbergen, dem rauschenden Flu entlang. Der Himmel war blau und
still. 'Warum hab ich's getan?' dachte Carlo. Er blickte den Blinden von
der Seite an. 'Sieht sein Gesicht denn anders aus als sonst? Immer hat
er es geglaubt -- immer bin ich allein gewesen -- und immer hat er mich
gehat.' Und ihm war, als schritte er unter einer schweren Last weiter,
die er doch niemals von den Schultern werfen drfte, und als knnte er
die Nacht sehen, durch die Geronimo an seiner Seite schritt, whrend die
Sonne leuchtend auf allen Wegen lag.

Und sie gingen weiter, gingen, gingen stundenlang. Von Zeit zu Zeit
setzte sich Geronimo auf einen Meilenstein, oder sie lehnten beide an
einem Brckengelnder, um zu rasten. Wieder kamen sie durch ein Dorf.
Vor dem Wirtshause standen Wagen, Reisende waren ausgestiegen und gingen
hin und her; aber die beiden Bettler blieben nicht. Wieder hinaus auf
die offene Strae. Die Sonne stieg immer hher; Mittag mute nahe sein.
Es war ein Tag wie tausend andere.

Der Turm von Boladore, sagte Geronimo. Carlo blickte auf. Er wunderte
sich, wie genau Geronimo die Entfernungen berechnen konnte: wirklich war
der Turm von Boladore am Horizont erschienen. Noch von ziemlich weither
kam ihnen jemand entgegen. Es schien Carlo, als sei er am Wege gesessen
und pltzlich aufgestanden. Die Gestalt kam nher. Jetzt sah Carlo, da
es ein Gendarm war, wie er ihnen so oft auf der Landstrae begegnete.
Trotzdem schrak Carlo leicht zusammen. Aber als der Mann nher kam,
erkannte er ihn und war beruhigt. Es war Pietro Tenelli; erst im Mai
waren die beiden Bettler im Wirtshaus des Raggazzi in Morignone mit ihm
zusammen gesessen, und er hatte ihnen eine schauerliche Geschichte
erzhlt, wie er von einem Strolch einmal beinahe erdolcht worden war.

Es ist einer stehen geblieben, sagte Geronimo.

Tenelli, der Gendarm, sagte Carlo.

Nun waren sie an ihn herangekommen.

Guten Morgen, Herr Tenelli, sagte Carlo und blieb vor ihm stehen.

Es ist nun einmal so, sagte der Gendarm, ich mu euch vorlufig beide
auf den Posten nach Boladore fhren.

Eh! rief der Blinde.

Carlo wurde bla. 'Wie ist das nur mglich?' dachte er. 'Aber es kann
sich nicht darauf beziehen. Man kann es ja hier unten noch nicht
wissen.'

Es scheint ja euer Weg zu sein, sagte der Gendarm lachend, es macht
euch wohl nichts, wenn ihr mitgeht.

Warum redest du nichts, Carlo? fragte Geronimo.

O ja, ich rede ... Ich bitte, Herr Gendarm, wie ist es denn mglich ...
was sollen wir denn ... oder vielmehr, was soll ich ... wahrhaftig, ich
wei nicht ...

Es ist nun einmal so. Vielleicht bist du auch unschuldig. Was wei ich.
Jedenfalls haben wir die telegraphische Anzeige ans Kommando bekommen,
da wir euch aufhalten sollen, weil ihr verdchtig seid, dringend
verdchtig, da oben den Leuten Geld gestohlen zu haben. Nun, es ist auch
mglich, da ihr unschuldig seid. Also vorwrts!

Warum sprichst du nichts, Carlo? fragte Geronimo.

Ich rede -- o ja, ich rede ...

Nun geht endlich! Was hat es fr einen Sinn, auf der Strae
stehenzubleiben! Die Sonne brennt. In einer Stunde sind wir an Ort und
Stelle. Vorwrts!

Carlo berhrte den Arm Geronimos wie immer, und so gingen sie langsam
weiter, der Gendarm hinter ihnen.

Carlo, warum redest du nicht? fragte Geronimo wieder.

Aber was willst du, Geronimo, was soll ich sagen? Es wird sich alles
herausstellen; ich wei selber nicht ...

Und es ging ihm durch den Kopf: Soll ich's ihm erklren, eh wir vor
Gericht stehen?... Es geht wohl nicht. Der Gendarm hrt uns zu ... Nun,
was tut's. Vor Gericht werd ich ja doch die Wahrheit sagen. Herr
Richter, werd ich sagen, es ist doch kein Diebstahl wie ein anderer.
Es war nmlich so: ... Und nun mhte er sich, die Worte zu finden, um
vor Gericht die Sache klar und verstndlich darzustellen. Da fuhr
gestern ein Herr ber den Pa ... es mag ein Irrsinniger gewesen sein --
oder am End hat er sich nur geirrt ... und dieser Mann ...

Aber was fr ein Unsinn! Wer wird es glauben? ... Man wird ihn gar nicht
so lange reden lassen. -- Niemand kann diese dumme Geschichte glauben ...
nicht einmal Geronimo glaubt sie ... -- Und er sah ihn von der Seite an.
Der Kopf des Blinden bewegte sich nach alter Gewohnheit whrend des
Gehens wie im Takte auf und ab, aber das Gesicht war regungslos, und die
leeren Augen stierten in die Luft. -- Und Carlo wute pltzlich, was fr
Gedanken hinter dieser Stirne liefen ... 'So also stehen die Dinge,'
mute Geronimo wohl denken. -- 'Carlo bestiehlt nicht nur mich, auch die
anderen Leute bestiehlt er ... Nun, er hat es gut, er hat Augen, die
sehen, und er ntzt sie aus ...' -- Ja, das denkt Geronimo, ganz gewi
... Und auch, da man kein Geld bei mir finden wird, kann mir nicht
helfen, -- nicht vor Gericht, nicht vor Geronimo. Sie werden mich
einsperren und ihn ... Ja, ihn geradeso wie mich, denn er hat ja das
Geldstck. -- Und er konnte nicht mehr weiter denken, er fhlte sich so
sehr verwirrt. Es schien ihm, als verstnde er berhaupt nichts mehr von
der ganzen Sache, und wute nur eines: da er sich gern auf ein Jahr in
den Arrest setzen liee ... oder auf zehn, wenn nur Geronimo wte, da
er fr ihn allein zum Dieb geworden war.

Und pltzlich blieb Geronimo stehen, so da auch Carlo innehalten mute.

Nun, was ist denn? sagte der Gendarm rgerlich. Vorwrts, vorwrts!
Aber da sah er mit Verwunderung, da der Blinde die Gitarre auf den
Boden fallen lie, seine Arme erhob und mit beiden Hnden nach den
Wangen des Bruders tastete. Dann nherte er seine Lippen dem Munde
Carlos, der zuerst nicht wute, wie ihm geschah, und kte ihn.

Seid ihr verrckt? fragte der Gendarm. Vorwrts! vorwrts! Ich habe
keine Lust zu braten.

Geronimo hob die Gitarre vom Boden auf, ohne ein Wort zu sprechen. Carlo
atmete tief auf und legte die Hand wieder auf den Arm des Blinden. War
es denn mglich? Der Bruder zrnte ihm nicht mehr? Er begriff am Ende --?
Und zweifelnd sah er ihn von der Seite an.

Vorwrts! schrie der Gendarm. Wollt ihr endlich --! Und er gab Carlo
eins zwischen die Rippen.

Und Carlo, mit festem Druck den Arm des Blinden leitend, ging wieder
vorwrts. Er schlug einen viel rascheren Schritt ein als frher. Denn er
sah Geronimo lcheln in einer milden glckseligen Art, wie er es seit
den Kinderjahren nicht mehr an ihm gesehen hatte. Und Carlo lchelte
auch. Ihm war, als knnte ihm jetzt nichts Schlimmes mehr geschehen, --
weder vor Gericht, noch sonst irgendwo auf der Welt. -- Er hatte seinen
Bruder wieder ... Nein, er hatte ihn zum erstenmal ...




Die Toten schweigen


Er ertrug es nicht lnger, ruhig im Wagen zu sitzen; er stieg aus und
ging auf und ab. Es war schon dunkel; die wenigen Laternenlichter in
dieser stillen, abseits liegenden Strae flackerten, vom Winde bewegt,
hin und her. Es hatte aufgehrt zu regnen; die Trottoire waren beinahe
trocken; aber die ungepflasterten Fahrstraen waren noch feucht, und an
einzelnen Stellen hatten sich kleine Tmpel gebildet.

Es ist sonderbar, dachte Franz, wie man sich hier, hundert Schritt von
der Praterstrae, in irgendeine ungarische Kleinstadt versetzt glauben
kann. Immerhin -- sicher drfte man hier wenigstens sein; hier wird sie
keinen ihrer gefrchteten Bekannten treffen.

Er sah auf die Uhr ... Sieben -- und schon vllige Nacht. Der Herbst ist
diesmal frh da. Und der verdammte Sturm.

Er stellte den Kragen in die Hhe und ging rascher auf und ab. Die
Laternenfenster klirrten. Noch eine halbe Stunde, sagte er zu sich,
dann kann ich gehen. Ah -- ich wollte beinahe, es wre so weit. Er
blieb an der Ecke stehen; hier hatte er einen Ausblick auf beide
Straen, von denen aus sie kommen knnte.

Ja, heute wird sie kommen, dachte er, whrend er seinen Hut festhielt,
der wegzufliegen drohte. -- Freitag -- Sitzung des Professorenkollegiums --
da wagt sie sich fort und kann sogar lnger ausbleiben ... Er hrte das
Geklingel der Pferdebahn; jetzt begann auch die Glocke von der nahen
Nepomukkirche zu luten. Die Strae wurde belebter. Es kamen mehr
Menschen an ihm vorber: meist, wie ihm schien, Bedienstete aus den
Geschften, die um sieben geschlossen wurden. Alle gingen rasch und
waren mit dem Sturm, der das Gehen erschwerte, in einer Art von Kampf
begriffen. Niemand beachtete ihn; nur ein paar Ladenmdel blickten mit
leichter Neugier zu ihm auf. -- Pltzlich sah er eine bekannte Gestalt
rasch herankommen. Er eilte ihr entgegen. Ohne Wagen? dachte er. Ist
sie's?

Sie war es; als sie seiner gewahr wurde, beschleunigte sie ihre
Schritte.

Du kommst zu Fu? sagte er.

Ich hab den Wagen schon beim Karltheater fortgeschickt. Ich glaube, ich
bin schon einmal mit demselben Kutscher gefahren.

Ein Herr ging an ihnen vorber und betrachtete die Dame flchtig. Der
junge Mann fixierte ihn scharf, beinahe drohend; der Herr ging rasch
weiter. Die Dame sah ihm nach. Wer war's?! fragte sie ngstlich.

Ich kenne ihn nicht. Hier gibt es keine Bekannten, sei ganz ruhig. --
Aber jetzt komm rasch; wir wollen einsteigen.

Ist das dein Wagen?

Ja.

Ein offener?

Vor einer Stunde war es noch so schn.

Sie eilten hin; die junge Frau stieg ein.

Kutscher, rief der junge Mann.

Wo ist er denn? fragte die junge Frau.

Franz schaute ringsumher. Das ist unglaublich, rief er, der Kerl ist
nicht zu sehen.

Um Gotteswillen! rief sie leise.

Wart einen Augenblick, Kind; er ist sicher da.

Der junge Mann ffnete die Tr zu dem kleinen Wirtshause; an einem Tisch
mit ein paar anderen Leuten sa der Kutscher; jetzt stand er rasch auf.

Gleich, gn' Herr, sagte er und trank stehend sein Glas Wein aus.

Was fllt Ihnen denn ein?

Bitt schn, Euer Gnaden; i bin schon wieder da.

Er eilte ein wenig schwankend zu den Pferden. Wohin fahr'n mer denn,
Euer Gnaden?

Prater -- Lusthaus.

Der junge Mann stieg ein. Die junge Frau lehnte ganz versteckt, beinahe
zusammengekauert, in der Ecke unter dem aufgestellten Dach.

Franz fate ihre beiden Hnde. Sie blieb regungslos. -- Willst du mir
nicht wenigstens guten Abend sagen?

Ich bitt dich; la mich nur einen Moment, ich bin noch ganz atemlos.

Der junge Mann lehnte sich in seine Ecke. Beide schwiegen eine Weile.
Der Wagen war in die Praterstrae eingebogen, fuhr an dem
Tegethoff-Monument vorber, und nach wenigen Sekunden flog er die
breite, dunkle Praterallee hin. Jetzt umschlang Emma pltzlich mit
beiden Armen den Geliebten. Er schob leise den Schleier zurck, der ihn
noch von ihren Lippen trennte, und kte sie.

Bin ich endlich bei dir! sagte sie.

Weit du denn, wie lang wir uns nicht gesehen haben? rief er aus.

Seit Sonntag.

Ja, und da auch nur von weitem.

Wieso? Du warst ja bei uns.

Nun ja ... bei euch. Ah, das geht so nicht fort. Zu euch komm ich
berhaupt nie wieder. Aber was hast du denn?

Es ist ein Wagen an uns vorbeigefahren.

Liebes Kind, die Leute, die heute im Prater spazieren fahren, kmmern
sich wahrhaftig nicht um uns.

Das glaub ich schon. Aber zufllig kann einer hereinschaun.

Es ist unmglich, jemanden zu erkennen.

Ich bitt dich, fahren wir wo anders hin.

Wie du willst.

Er rief dem Kutscher, der aber nicht zu hren schien. Da beugte er sich
vor und berhrte ihn mit der Hand. Der Kutscher wandte sich um.

Sie sollen umkehren. Und warum hauen Sie denn so auf die Pferde ein?
Wir haben ja gar keine Eile, hren Sie! Wir fahren in die ... wissen
Sie, die Allee, die zur Reichsbrcke fhrt.

Auf die Reichsstraen?

Ja, aber rasen Sie nicht so, das hat ja gar keinen Sinn.

Bitt schn, gn' Herr, der Sturm, der macht die Rsser so wild.

Ah freilich, der Sturm. Franz setzte sich wieder.

Der Kutscher wandte die Pferde. Sie fuhren zurck.

Warum habe ich dich gestern nicht gesehen? fragte sie.

Wie htt' ich denn knnen?

Ich dachte, du warst auch bei meiner Schwester geladen.

Ach so.

Warum warst du nicht dort?

Weil ich es nicht vertragen kann, mit dir unter anderen Leuten zusammen
zu sein. Nein, nie wieder.

Sie zuckte die Achseln.

Wo sind wir denn? fragte sie dann.

Sie fuhren unter der Eisenbahnbrcke in die Reichsstrae ein.

Da geht's zur groen Donau, sagte Franz, wir sind auf dem Weg zur
Reichsbrcke. Hier gibt es keine Bekannten! setzte er spttisch hinzu.

Der Wagen schttelt entsetzlich.

Ja, jetzt sind wir wieder auf Pflaster.

Warum fhrt er so im Zickzack?

Es scheint dir so.

Aber er fand selbst, da der Wagen sie heftiger als ntig hin und her
warf. Er wollte nichts davon sagen, um sie nicht noch ngstlicher zu
machen.

Ich habe heute viel und ernst mit dir zu reden, Emma.

Da mut du bald anfangen, denn um neun mu ich zu Hause sein.

In zwei Worten kann alles entschieden sein.

Gott, was ist denn das? ... schrie sie auf. Der Wagen war in ein
Pferdebahngeleise geraten und machte jetzt, als der Kutscher
herauswenden wollte, eine so scharfe Biegung, da er fast zu strzen
drohte. Franz packte den Kutscher beim Mantel. Halten Sie, rief er ihm
zu. Sie sind ja betrunken.

Der Kutscher brachte die Pferde mhsam zum Stehen. Aber gn' Herr ...

Komm, Emma, steigen wir hier aus.

Wo sind wir?

Schon an der Brcke. Es ist auch jetzt nicht mehr gar so strmisch.
Gehen wir ein Stckchen. Man kann whrend des Fahrens nicht ordentlich
reden.

Emma zog den Schleier herunter und folgte.

Nicht strmisch nennst du das? rief sie aus, als ihr gleich beim
Aussteigen ein Windsto entgegenfuhr.

Er nahm ihren Arm. Nachfahren, rief er dem Kutscher zu.

Sie spazierten vorwrts. Solang die Brcke allmhlich anstieg, sprachen
sie nichts; und als sie beide das Wasser unter sich rauschen hrten,
blieben sie eine Weile stehen. Tiefes Dunkel war um sie. Der breite
Strom dehnte sich grau und in unbestimmten Grenzen hin, in der Ferne
sahen sie rote Lichter, die ber dem Wasser zu schweben schienen und
sich darin spiegelten. Von dem Ufer her, das die beiden eben verlassen
hatten, senkten sich zitternde Lichtstreifen ins Wasser; jenseits war
es, als verlre sich der Strom in die schwarzen Auen. Jetzt schien ein
ferneres Donnern zu ertnen, das immer nher kam; unwillkrlich sahen
sie beide nach der Stelle, wo die roten Lichter schimmerten; Bahnzge
mit hellen Fenstern rollten zwischen eisernen Bogen hin, die pltzlich
aus der Nacht hervorzuwachsen und gleich wieder zu versinken schienen.
Der Donner verlor sich allmhlich, es wurde still; nur der Wind kam in
pltzlichen Sten.

Nach langem Schweigen sagte Franz: Wir sollten fort.

Freilich, erwiderte Emma leise.

Wir sollten fort, sagte Franz lebhaft, ganz fort, mein ich ...

Es geht ja nicht.

Weil wir feig sind, Emma; darum geht es nicht.

Und mein Kind?

Er wrde es dir lassen, ich bin fest berzeugt.

Und wie? fragte sie leise ... Davonlaufen bei Nacht und Nebel?

Nein, durchaus nicht. Du hast nichts zu tun, als ihm einfach zu sagen,
da du nicht lnger bei ihm leben kannst, weil du einem andern gehrst.

Bist du bei Sinnen, Franz?

Wenn du willst, erspar ich dir auch das, -- ich sag es ihm selber.

Das wirst du nicht tun, Franz.

Er versuchte, sie anzusehen; aber in der Dunkelheit konnte er nicht mehr
bemerken, als da sie den Kopf erhoben und zu ihm gewandt hatte.

Er schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig: Hab keine Angst, ich werde
es nicht tun.

Sie nherten sich dem anderen Ufer.

Hrst du nichts? sagte sie. Was ist das?

Es kommt von drben, sagte er.

Langsam rasselte es aus dem Dunkel hervor; ein kleines rotes Licht
schwebte ihnen entgegen; bald sahen sie, da es von einer kleinen
Laterne kam, die an der vorderen Deichsel eines Landwagens befestigt
war; aber sie konnten nicht sehen, ob der Wagen beladen war und ob
Menschen mitfuhren. Gleich dahinter kamen noch zwei gleiche Wagen. Auf
dem letzten konnten sie einen Mann in Bauerntracht gewahren, der eben
seine Pfeife anzndete. Die Wagen fuhren vorbei. Dann hrten sie wieder
nichts als das dumpfe Gerusch des Fiakers, der zwanzig Schritte hinter
ihnen langsam weiterrollte. Jetzt senkte sich die Brcke leicht gegen
das andere Ufer. Sie sahen, wie die Strae vor ihnen zwischen Bumen ins
Finstere weiter lief. Rechts und links von ihnen lagen in der Tiefe die
Auen; sie sahen wie in Abgrnde hinein.

Nach langem Schweigen sagte Franz pltzlich: Also das letztemal ...

Was? fragte Emma in besorgtem Ton.

-- Da wir zusammen sind. Bleib bei ihm. Ich sag dir adieu.

Sprichst du im Ernst?

Vollkommen.

Siehst du, da du es bist, der uns immer die paar Stunden verdirbt, die
wir haben; nicht ich!

Ja, ja, du hast recht, sagte Franz. Komm, fahren wir zurck.

Sie nahm seinen Arm fester. Nein, sagte sie zrtlich, jetzt will ich
nicht. Ich la mich nicht so fortschicken.

Sie zog ihn zu sich herab und kte ihn lang. Wohin kmen wir, fragte
sie dann, wenn wir hier immer weiter fhren?

Da geht's direkt nach Prag, mein Kind.

So weit nicht, sagte sie lchelnd, aber noch ein bichen weiter da
hinaus, wenn du willst. Sie wies ins Dunkle.

He, Kutscher! rief Franz. Der hrte nichts.

Franz schrie: Halten Sie doch!

Der Wagen fuhr immer weiter. Franz lief ihm nach. Jetzt sah er, da der
Kutscher schlief. Durch heftiges Anschreien weckte ihn Franz auf. Wir
fahren noch ein kleines Stck weiter -- die gerade Strae -- verstehen Sie
mich?

Is' schon gut, gn' Herr ...

Emma stieg ein; nach ihr Franz. Der Kutscher hieb mit der Peitsche
drein; wie rasend flogen die Pferde ber die aufgeweichte Strae hin.
Aber die beiden im Wagen hielten einander fest umarmt, whrend der Wagen
sie hin und her warf.

Ist das nicht auch ganz schn, flsterte Emma ganz nahe an seinem
Munde.

In diesem Augenblick war ihr, als flge der Wagen pltzlich in die Hhe
-- sie fhlte sich fortgeschleudert, wollte sich an etwas klammern, griff
ins Leere; es schien ihr, als drehe sie sich mit rasender
Geschwindigkeit im Kreise herum, so da sie die Augen schlieen mute --
und pltzlich fhlte sie sich auf dem Boden liegen, und eine ungeheure
schwere Stille brach herein, als wenn sie fern von aller Welt und vllig
einsam wre. Dann hrte sie verschiedenes durcheinander: Gerusch von
Pferdehufen, die ganz in ihrer Nhe auf den Boden schlugen, ein leises
Wimmern; aber sehen konnte sie nichts. Jetzt fate sie eine tolle Angst;
sie schrie; ihre Angst ward noch grer, denn sie hrte ihr Schreien
nicht. Sie wute pltzlich ganz genau, was geschehen war: der Wagen war
an irgend etwas gestoen, wohl an einen der Meilensteine, hatte
umgeworfen, und sie waren herausgestrzt. Wo ist _er?_ war ihr nchster
Gedanke. Sie rief seinen Namen. Und sie hrte sich rufen, ganz leise
zwar, aber sie hrte sich. Es kam keine Antwort. Sie versuchte, sich zu
erheben. Es gelang ihr so weit, da sie auf den Boden zu sitzen kam, und
als sie mit den Hnden ausgriff, fhlte sie einen menschlichen Krper
neben sich. Und nun konnte sie auch die Dunkelheit mit ihrem Auge
durchdringen. Franz lag neben ihr, vllig regungslos. Sie berhrte mit
der ausgestreckten Hand sein Gesicht; sie fhlte etwas Feuchtes und
Warmes darber flieen. Ihr Atem stockte. Blut ...? Was war da
geschehen? Franz war verwundet und bewutlos. Und der Kutscher -- wo war
er denn? Sie rief nach ihm. Keine Antwort. Noch immer sa sie auf dem
Boden. Mir ist nichts geschehen, dachte sie, obwohl sie Schmerzen in
allen Gliedern fhlte. Was tu ich nur, was tu ich nur ... es ist doch
nicht mglich, da mir gar nichts geschehen ist. Franz! rief sie. Eine
Stimme antwortete ganz in der Nhe: Wo sind S' denn, gn' Frul'n, wo
ist der gn' Herr? Es ist doch nix g'schehn? Warten S', Frulein, -- i
znd nur die Latern an, da wir was sehn; i wei net, was die Krampen
heut hab'n. Ich bin net Schuld, meiner Seel ... in ein Schoderhaufen
sein s' hinein, die verflixten Rsser.

Emma hatte sich, trotzdem ihr alle Glieder weh taten, vollkommen
aufgerichtet, und da dem Kutscher nichts geschehen war, machte sie ein
wenig ruhiger. Sie hrte, wie der Mann die Laternenklappe ffnete und
Streichhlzchen anrieb. Angstvoll wartete sie auf das Licht. Sie wagte
es nicht, Franz noch einmal zu berhren, der vor ihr auf dem Boden lag;
sie dachte: wenn man nichts sieht, scheint alles furchtbarer; er hat
gewi die Augen offen ... es wird nichts sein.

Ein Lichtschimmer kam von der Seite. Sie sah pltzlich den Wagen, der
aber zu ihrer Verwunderung nicht auf dem Boden lag, sondern nur schief
gegen den Straengraben zu gestellt war, als wre ein Rad gebrochen.
Die Pferde standen vollkommen still. Das Licht nherte sich; sie sah den
Schein allmhlich ber einen Meilenstein, ber den Schotterhaufen in den
Graben gleiten; dann kroch er auf die Fe Franzens, glitt ber seinen
Krper, beleuchtete sein Gesicht und blieb darauf ruhen. Der Kutscher
hatte die Laterne auf den Boden gestellt; gerade neben den Kopf des
Liegenden. Emma lie sich auf die Knie nieder, und es war ihr, als hrte
ihr Herz zu schlagen auf, wie sie das Gesicht erblickte. Es war bla;
die Augen halb offen, so da sie nur das Weie von ihnen sah. Von der
rechten Schlfe rieselte langsam ein Streifen Blut ber die Wange und
verlor sich unter dem Kragen am Halse. In die Unterlippe waren die Zhne
gebissen. Es ist ja nicht mglich! sagte Emma vor sich hin.

Auch der Kutscher war niedergekniet und starrte das Gesicht an. Dann
packte er mit beiden Hnden den Kopf und hob ihn in die Hhe. Was
machen Sie? schrie Emma mit erstickter Stimme und erschrak vor diesem
Kopf, der sich selbstndig aufzurichten schien.

Gn' Frul'n, mir scheint, da ist ein groes Malheur geschehn.

Es ist nicht wahr, sagte Emma. Es kann nicht sein. Ist denn Ihnen
was geschehen? Und mir ...

Der Kutscher lie den Kopf des Regungslosen wieder langsam sinken; -- in
den Scho Emmas, die zitterte. Wenn nur wer km ... wenn nur die
Bauersleut eine Viertelstund' spter daherkommen wren ...

Was sollen wir denn machen? sagte Emma mit bebenden Lippen.

Ja, Frul'n, wenn der Wagen net brochen wr ... aber so, wie er jetzt
zug'richt ist ... Wir mssen halt warten, bis wer kommt. Er redete noch
weiter, ohne da Emma seine Worte auffate; aber whrend dem war es ihr,
als kme sie zur Besinnung, und sie wute, was zu tun war.

Wie weit ist's bis zu den nchsten Husern? fragte sie.

Das ist nimmer weit, Frul'n, da ist ja gleich das Franz Josefsland ...
Wir mten die Huser sehen, wenn's licht wr, in fnf Minuten mte man
dort sein.

Gehen Sie hin. Ich bleibe da, holen Sie Leute.

Ja, Frul'n, ich glaub schier, es ist g'scheiter, ich bleib mit Ihnen
da -- es kann ja nicht so lang dauern, bis wer kommt, es ist ja
schlielich die Reichsstrae, und --

Da wird's zu spt, da kann's zu spt werden. Wir brauchen einen
Doktor.

Der Kutscher sah auf das Gesicht des Regungslosen, dann schaute er
kopfschttelnd Emma an.

Das knnen Sie nicht wissen, -- rief Emma, und ich auch nicht.

Ja, Frul'n ... aber wo find' i denn ein' Doktor im Franz Josefsland?

So soll von dort jemand in die Stadt und --

Frul'n, wissen's was! I denk mir, die werden dort vielleicht ein
Telephon haben. Da knnten wir um die Rettungsgesellschaft
telephonieren.

Ja, das ist das beste! Gehen Sie nur, laufen Sie, um Himmels willen!
Und Leute bringen Sie mit ... Und ... bitt' Sie, gehen Sie nur, was tun
Sie denn noch da?

Der Kutscher schaute in das blasse Gesicht, das nun auf Emmas Scho
ruhte. Rettungsgesellschaft, Doktor, wird nimmer viel ntzen.

Gehen Sie! Um Gottes willen! Gehen Sie!

I geh schon -- da S' nur nicht Angst kriegen, Frul'n, da in der
Finstern. Und er eilte rasch ber die Strae fort. I kann nix dafr,
meiner Seel, murmelte er vor sich hin. Ist auch eine Idee, mitten in
der Nacht auf die Reichsstraen ...

Emma war mit dem Regungslosen allein auf der dunklen Strae. Was
jetzt? dachte sie. Es ist doch nicht mglich ... das ging ihr immer
wieder durch den Kopf ... es ist ja nicht mglich. -- Es war ihr
pltzlich, als hrte sie neben sich atmen. Sie beugte sich herab zu den
blassen Lippen. Nein, von da kam kein Hauch. Das Blut an Schlfe und
Wangen schien getrocknet zu sein. Sie starrte die Augen an; die
gebrochenen Augen, und bebte zusammen. Ja warum glaube ich es denn nicht
-- es ist ja gewi ... das ist der Tod! Und es durchschauerte sie. Sie
fhlte nur mehr: ein Toter. Ich und ein Toter, der Tote auf meinem
Scho. Und mit zitternden Hnden rckte sie den Kopf weg, so da er
wieder auf den Boden zu liegen kam. Und jetzt erst kam ein Gefhl
entsetzlicher Verlassenheit ber sie. Warum hatte sie den Kutscher
weggeschickt? Was fr ein Unsinn! Was soll sie denn da auf der
Landstrae mit dem toten Manne allein anfangen? Wenn Leute kommen ...
Ja, was soll sie denn tun, wenn Leute kommen? Wie lang wird sie hier
warten mssen? Und sie sah wieder den Toten an. Ich bin nicht allein mit
ihm, fiel ihr ein. Das Licht ist ja da. Und es kam ihr vor, als wre
dieses Licht etwas Liebes und Freundliches, dem sie danken mte. Es war
mehr Leben in dieser kleinen Flamme, als in der ganzen weiten Nacht um
sie; ja, es war ihr fast, als sei ihr dieses Licht ein Schutz gegen den
blassen frchterlichen Mann, der neben ihr auf dem Boden lag ... Und sie
sah in das Licht so lang, bis ihr die Augen flimmerten, bis es zu tanzen
begann. Und pltzlich hatte sie das Gefhl, als wenn sie erwachte. Sie
sprang auf! Das geht ja nicht, das ist ja unmglich, man darf mich doch
nicht hier mit ihm finden ... Es war ihr, als she sie sich jetzt selbst
auf der Strae stehen, zu ihren Fen den Toten und das Licht; und sie
sah sich, als ragte sie in sonderbarer Gre in die Dunkelheit hinein.
Worauf wart ich, dachte sie, und ihre Gedanken jagten ... Worauf wart
ich? Auf die Leute? -- Was brauchen mich denn die? Die Leute werden
kommen und fragen ... und ich ... was tu ich denn hier? Alle werden
fragen, wer ich bin. Was soll ich ihnen antworten? Nichts. Kein Wort
werd ich reden, wenn sie kommen, schweigen werd ich. Kein Wort ... sie
knnen mich ja nicht zwingen.

Stimmen kamen von weitem.

Schon? dachte sie. Sie lauschte angstvoll. Die Stimmen kamen von der
Brcke her. Das konnten also nicht die Leute sein, die der Kutscher
geholt hatte. Aber wer immer sie waren -- jedenfalls werden sie das
Licht bemerken -- und das durfte nicht sein, dann war sie entdeckt.

Und sie stie mit dem Fu die Laterne um. Die verlschte. Nun stand sie
in tiefer Finsternis. Nichts sah sie. Auch ihn sah sie nicht mehr. Nur
der weie Schotterhaufen glnzte ein wenig. Die Stimmen kamen nher. Sie
begann am ganzen Krper zu zittern. Nur hier nicht entdeckt werden. Um
Himmels willen, das ist ja das einzige Wichtige, nur auf das und auf gar
nichts anderes kommt es an -- sie ist ja verloren, wenn ein Mensch
erfhrt, da sie die Geliebte von ... Sie faltet die Hnde krampfhaft.
Sie betet, da die Leute auf der anderen Seite der Strae vorbergehen
mgen, ohne sie zu bemerken. Sie lauscht. Ja von drben ... Was reden
sie doch?... Es sind zwei Frauen oder drei. Sie haben den Wagen bemerkt,
denn sie reden etwas davon, sie kann Wrter unterscheiden. Ein Wagen ...
umgefallen ... was sagen sie sonst? Sie kann es nicht verstehen. Sie
gehen weiter ... sie sind vorber ... Gott sei Dank! Und jetzt, was
jetzt? O, warum ist sie nicht tot wie er? Er ist zu beneiden, fr ihn
ist alles vorber ... fr ihn gibt es keine Gefahr mehr und keine
Furcht. Sie aber zittert vor vielem. Sie frchtet, da man sie hier
finden, da man sie fragen wird: wer sind Sie?... Da sie mit auf die
Polizei mu, da alle Menschen es erfahren werden, da ihr Mann -- da
ihr Kind --

Und sie begreift nicht, da sie so lange schon dagestanden ist wie
angewurzelt ... Sie kann ja fort, sie ntzt ja keinem hier, und sich
selbst bringt sie ins Unglck. Und sie macht einen Schritt ...
Vorsichtig ... sie mu durch den Straengraben ... hinber ... einen
Schritt hinauf -- o, er ist so seicht! -- und noch zwei Schritte, bis sie
in der Mitte der Strae ist ... und dann steht sie einen Augenblick
still, sieht vor sich hin und kann den grauen Weg ins Dunkle hinein
verfolgen. Dort -- dort ist die Stadt. Sie kann nichts von ihr sehen ...
aber die Richtung ist ihr klar. Noch einmal wendet sie sich um. Es ist
ja gar nicht so dunkel. Sie kann den Wagen ganz gut sehn; auch die
Pferde ... und wenn sie sich sehr anstrengt, merkt sie auch etwas wie
die Umrisse eines menschlichen Krpers, der auf dem Boden liegt. Sie
reit die Augen weit auf, es ist ihr, als hielte sie etwas hier zurck
... der Tote ist es, der sie hier behalten will, und es graut sie vor
seiner Macht ... Aber gewaltsam macht sie sich frei, und jetzt merkt
sie: der Boden ist zu feucht; sie steht auf der glitschigen Strae, und
der nasse Staub hat sie nicht fortgelassen. Nun aber geht sie ... geht
rascher ... luft ... und fort von da ... zurck ... in das Licht, in
den Lrm, zu den Menschen! Die Strae luft sie entlang, hlt das Kleid
hoch, um nicht zu fallen. Der Wind ist ihr im Rcken, es ist, als wenn
er sie vorwrts triebe. Sie wei nicht mehr recht, wovor sie flieht. Es
ist ihr, als ob sie vor dem bleichen Manne fliehen mte, der dort, weit
hinter ihr, neben dem Straengraben liegt ... dann fllt ihr ein, da
sie ja den Lebendigen entkommen will, die gleich dort sein und sie
suchen werden. Was werden die denken? Wird man ihr nicht nach? Aber man
kann sie nicht mehr einholen, sie ist ja gleich bei der Brcke, sie hat
einen groen Vorsprung, und dann ist die Gefahr vorbei. Man kann ja
nicht ahnen, wer sie ist, keine Seele kann ahnen, wer die Frau war, die
mit jenem Mann ber die Reichsstrae gefahren ist. Der Kutscher kennt
sie nicht, er wird sie auch nicht erkennen, wenn er sie spter einmal
sieht. Man wird sich auch nicht darum kmmern, wer sie war. Wen geht es
an? -- Es ist sehr klug, da sie nicht dort geblieben ist, es ist auch
nicht gemein. Franz selbst htte ihr recht gegeben. Sie mu ja nach
Haus, sie hat ein Kind, sie hat einen Mann, sie wre ja verloren, wenn
man sie dort bei ihrem toten Geliebten gefunden htte. Da ist die
Brcke, die Strae scheint heller ... ja schon hrt sie das Wasser
rauschen wie frher; sie ist da, wo sie mit ihm Arm in Arm gegangen --
wann -- wann? Vor wieviel Stunden? Es kann noch nicht lange sein. Nicht
lang? Vielleicht doch! Vielleicht war sie lange bewutlos, vielleicht
ist es lngst Mitternacht, vielleicht ist der Morgen schon nahe, und sie
wird daheim schon vermit. Nein, nein, das ist ja nicht mglich, sie
wei, da sie gar nicht bewutlos war; sie erinnert sich jetzt genauer
als im ersten Augenblick, wie sie aus dem Wagen gestrzt und gleich ber
alles im klaren gewesen ist. Sie luft ber die Brcke und hrt ihre
Schritte hallen. Sie sieht nicht nach rechts und links. Jetzt bemerkt
sie, wie eine Gestalt ihr entgegenkommt. Sie migt ihre Schritte. Wer
kann das sein, der ihr entgegenkommt? Es ist jemand in Uniform. Sie geht
ganz langsam. Sie darf nicht auffallen. Sie glaubt zu merken, da der
Mann den Blick fest auf sie gerichtet hlt. Wenn er sie fragt? Sie ist
neben ihm, erkennt die Uniform; es ist ein Sicherheitswachmann; sie geht
an ihm vorber. Sie hrt, da er hinter ihr stehen geblieben ist. Mit
Mhe hlt sie sich davon zurck, wieder zu laufen; es wre verdchtig.
Sie geht noch immer so langsam wie frher. Sie hrt das Geklingel der
Pferdeeisenbahn. Es kann noch lang nicht Mitternacht sein. Jetzt geht
sie wieder schneller; sie eilt der Stadt entgegen, deren Lichter sie
schon unter dem Eisenbahnviadukt am Ausgang der Strae entgegenschimmern
sieht, deren gedmpften Lrm sie schon zu vernehmen glaubt. Noch diese
einsame Strae, und dann ist die Erlsung da. Jetzt hrt sie von weitem
schrille Pfiffe, immer schriller, immer nher; ein Wagen saust an ihr
vorber. Unwillkrlich bleibt sie stehen und sieht ihm nach. Es ist der
Wagen der Rettungsgesellschaft. Sie wei, wohin er fhrt. Wie schnell!
denkt sie ... Es ist wie Zauberei. Einen Moment lang ist ihr, als mte
sie den Leuten nachrufen, als mte sie mit, als mte sie wieder dahin
zurck, woher sie gekommen -- einen Moment lang packt sie eine ungeheure
Scham, wie sie sie nie empfunden; und sie wei, da sie feig und
schlecht gewesen ist. Aber wie sie das Rollen und Pfeifen immer ferner
verklingen hrt, kommt eine wilde Freude ber sie, und wie eine
Gerettete eilt sie vorwrts. Leute kommen ihr entgegen; sie hat keine
Angst mehr vor ihnen -- das Schwerste ist berstanden. Der Lrm der Stadt
wird deutlich, immer lichter wird es vor ihr; schon sieht sie die
Huserzeile der Praterstrae, und es ist ihr, als werde sie dort von
einer Flut von Menschen erwartet, in der sie spurlos verschwinden darf.
Wie sie jetzt zu einer Straenlaterne kommt, hat sie schon die Ruhe,
auf ihre Uhr zu sehen. Es ist zehn Minuten vor neun. Sie hlt die Uhr
ans Ohr -- sie ist nicht stehen geblieben. Und sie denkt: ich bin
lebendig, gesund ... sogar meine Uhr geht ... und er ... er ... tot ...
Schicksal ... Es ist ihr, als wre ihr alles verziehen ... als wre nie
irgendeine Schuld auf ihrer Seite gewesen. Es hat sich erwiesen, ja es
hat sich erwiesen. Sie hrt, wie sie diese Worte laut spricht. Und wenn
es das Schicksal anders bestimmt htte? -- Und wenn sie jetzt dort im
Graben lge und er am Leben geblieben wre? Er wre nicht geflohen, nein
... er nicht. Nun ja, er ist ein Mann. Sie ist ein Weib -- und sie hat
ein Kind und einen Gatten. -- Sie hat recht gehabt, -- es ist ihre Pflicht
-- ja ihre Pflicht. Sie wei ganz gut, da sie nicht aus Pflichtgefhl so
gehandelt ... Aber sie hat doch das Rechte getan. Unwillkrlich ... wie
... gute Menschen immer. Jetzt wre sie schon entdeckt. Jetzt wrden die
rzte sie fragen. Und Ihr Mann, gndige Frau? O Gott!... Und die
Zeitungen morgen -- und die Familie -- sie wre fr alle Zeit vernichtet
gewesen und htte ihn doch nicht zum Leben erwecken knnen. Ja, das war
die Hauptsache; fr nichts htte sie sich zugrunde gerichtet. -- Sie ist
unter der Eisenbahnbrcke. -- Weiter ... weiter ... Hier ist die
Tegethoffsule, wo die vielen Straen ineinander laufen. Es sind heute,
an dem regnerischen, windigen Herbstabend wenig Leute mehr im Freien,
aber ihr ist es, als brause das Leben der Stadt mchtig um sie, denn
woher sie kommt, dort war die frchterlichste Stille. Sie hat Zeit. Sie
wei, da ihr Mann heute erst gegen zehn nach Hause kommen wird. -- sie
kann sich sogar noch umkleiden. Jetzt fllt es ihr ein, ihr Kleid zu
betrachten. Mit Schrecken merkt sie, da es ber und ber beschmutzt
ist. Was wird sie dem Stubenmdchen sagen? Es fhrt ihr durch den Kopf,
da morgen die Geschichte von dem Unglcksfall in allen Zeitungen zu
lesen sein wird. Auch von einer Frau, die mit im Wagen war, und die dann
nicht mehr zu finden war, wird berall zu lesen stehen, und bei diesem
Gedanken bebt sie von neuem -- _eine_ Unvorsichtigkeit, und all ihre
Feigheit war umsonst. Aber sie hat den Wohnungsschlssel bei sich; sie
kann ja selbst aufsperren; -- sie wird sich nicht hren lassen. Sie
steigt rasch in einen Fiaker. Schon will sie ihm ihre Adresse angeben,
da fllt ihr ein, da das vielleicht unklug wre, und sie ruft ihm
irgendeinen Straennamen zu, der ihr eben einfllt. Wie sie durch die
Praterstrae fhrt, mchte sie gern irgend etwas empfinden, aber sie
kann es nicht; sie fhlt, da sie nur einen Wunsch hat: zu Hause, in
Sicherheit sein. Alles andere ist ihr gleichgltig. Im Augenblick, da
sie sich entschlossen hat, den Toten allein auf der Strae liegen zu
lassen, hat alles in ihr verstummen mssen, was um ihn klagen und
jammern wollte. Sie kann jetzt nichts mehr empfinden als Sorge um sich.
Sie ist ja nicht herzlos ... o nein!... sie wei ganz gewi, es werden
Tage kommen, wo sie verzweifeln wird; vielleicht wird sie daran zugrunde
gehen; aber jetzt ist nichts in ihr als die Sehnsucht, mit trockenen
Augen und ruhig zu Hause am selben Tisch mit ihrem Gatten und ihrem
Kinde zu sitzen. Sie sieht durchs Fenster hinaus. Der Wagen fhrt durch
die innere Stadt; hier ist es hell erleuchtet, und ziemlich viele
Menschen eilen vorbei. Da ist ihr pltzlich, als knne alles, was sie in
den letzten Stunden durchlebt, gar nicht wahr sein. Wie ein bser Traum
erscheint es ihr ... unfabar als Wirkliches, Unabnderliches. In einer
Seitengasse nach dem Ring lt sie den Wagen halten, steigt aus, biegt
rasch um die Ecke und nimmt dort einen andern Wagen, dem sie ihre
richtige Adresse angibt. Es kommt ihr vor, als wre sie jetzt berhaupt
nicht mehr fhig, einen Gedanken zu fassen. Wo ist er jetzt, fhrt es
ihr durch den Sinn. Sie schliet die Augen, und sie sieht ihn vor sich
auf einer Bahre liegen, im Krankenwagen -- und pltzlich ist ihr, als
sitze sie neben ihm und fahre mit ihm. Und der Wagen beginnt zu
schwanken, und sie hat Angst, da sie herausgeschleudert werde, wie
damals -- und sie schreit auf. Da hlt der Wagen. Sie fhrt zusammen; sie
ist vor ihrem Haustor. -- Rasch steigt sie aus, eilt durch den Flur, mit
leisen Schritten, so da der Portier hinter seinem Fenster gar nicht
aufschaut, die Treppen hinauf, sperrt leise die Tr auf, um nicht gehrt
zu werden ... durchs Vorzimmer in ihr Zimmer -- es ist gelungen! Sie
macht Licht, wirft eilig ihre Kleider ab und verbirgt sie wohl im
Schrank. ber Nacht sollen sie trocknen -- morgen will sie sie selber
brsten und reinigen. Dann wscht sie sich Gesicht und Hnde und nimmt
einen Schlafrock um.

Jetzt klingelt es drauen. Sie hrt das Stubenmdchen an die Wohnungstr
kommen und ffnen. Sie hrt die Stimme ihres Mannes; sie hrt, wie er
den Stock hinstellt. Sie fhlt, da sie jetzt stark sein msse, sonst
kann noch immer alles vergeblich gewesen sein. Sie eilt ins
Speisezimmer, so da sie im selben Augenblick eintritt wie ihr Gatte.

Ah, du bist schon zu Haus? sagt er.

Gewi, antwortet sie, schon lang.

Man hat dich offenbar nicht kommen gesehn. Sie lchelt, ohne sich dazu
zwingen zu mssen. Es macht sie nur sehr mde, da sie auch lcheln mu.
Er kt sie auf die Stirn.

Der Kleine sitzt schon bei Tisch; er hat lang warten mssen, ist
eingeschlafen. Auf dem Teller hat er sein Buch liegen, auf dem offenen
Buch ruht sein Gesicht. Sie setzt sich neben ihn, der Gatte ihr
gegenber, nimmt eine Zeitung und wirft einen flchtigen Blick hinein.
Dann legt er sie weg und sagt: Die anderen sitzen noch zusammen und
beraten weiter.

Worber? fragt sie.

Und er beginnt zu erzhlen, von der heutigen Sitzung, sehr lang, sehr
viel. Emma tut, als hre sie zu, nickt zuweilen.

Aber sie hrt nichts, sie wei nicht, was er spricht, es ist ihr zumute
wie einem, der furchtbaren Gefahren auf wunderbare Weise entronnen ...
sie fhlt nichts als: Ich bin gerettet, ich bin daheim. Und whrend ihr
Mann immer weiter erzhlt, rckt sie ihren Sessel nher zu ihrem Jungen,
nimmt seinen Kopf und drckt ihn an ihre Brust. Eine unsgliche
Mdigkeit berkommt sie -- sie kann sich nicht beherrschen, sie fhlt,
da der Schlummer ber sie kommt; sie schliet die Augen.

Pltzlich fhrt ihr eine Mglichkeit durch den Sinn, an die sie seit
dem Augenblick, da sie sich aus dem Graben erhoben hat, nicht mehr
gedacht. Wenn er nicht tot wre! Wenn er ... Ach nein, es war kein
Zweifel mglich ... Diese Augen ... dieser Mund -- und dann ... kein
Hauch von seinen Lippen. -- Aber es gibt ja den Scheintod. Es gibt Flle,
wo sich gebte Blicke irren. Und sie hat gewi keinen gebten Blick.
Wenn er lebt, wenn er schon wieder zu Bewutsein gekommen ist, wenn er
sich pltzlich mitten in der Nacht auf der Landstrae allein gefunden
... wenn er nach ihr ruft ... ihren Namen ... wenn er am Ende frchtet,
sie sei verletzt ... wenn er den rzten sagt, hier war eine Frau, sie
mu weiter weggeschleudert worden sein. Und ... und ... ja, was dann?
Man wird sie suchen. Der Kutscher wird zurckkommen vom Franz Josefsland
mit Leuten ... er wird erzhlen ... die Frau war ja da, wie ich
fortgegangen bin -- und Franz wird ahnen. Franz wird wissen ... er kennt
sie ja so gut ... er wird wissen, da sie davongelaufen ist, und ein
grlicher Zorn wird ihn erfassen, und er wird ihren Namen nennen, um
sich zu rchen. Denn er ist ja verloren ... und es wird ihn so tief
erschttern, da sie ihn in seiner letzten Stunde allein gelassen, da
er rcksichtslos sagen wird: Es war Frau Emma, meine Geliebte ... feig
und dumm zugleich, denn nicht wahr, meine Herren rzte, Sie htten sie
gewi nicht um ihren Namen gefragt, wenn man Sie um Diskretion ersucht
htte. Sie htten sie ruhig gehen lassen, und ich auch, o ja -- nur htte
sie dableiben mssen, bis Sie gekommen sind. Aber da sie so schlecht
gewesen ist, sag ich Ihnen, wer sie ist ... es ist ... Ah!

Was hast du? sagt der Professor sehr ernst, indem er aufsteht.

Was ... wie?... Was ist?

Ja, was ist dir denn?

Nichts. Sie drckt den Jungen fester an sich.

Der Professor sieht sie lang an. Weit du, da du begonnen hast,
einzuschlummern und --

Und?

Dann hast du pltzlich aufgeschrien.

... So?

Wie man im Traum schreit, wenn man Alpdrcken hat. Hast du getrumt?

Ich wei nicht. Ich wei gar nichts.

Und sich selbst gegenber im Wandspiegel sieht sie ein Gesicht, das
lchelt, grausam, und mit verzerrten Zgen. Sie wei, da es ihr eigenes
ist, und doch schaudert ihr davor ... Und sie merkt, da es starr wird,
sie kann den Mund nicht bewegen, sie wei es: dieses Lcheln wird,
solange sie lebt, um ihre Lippen spielen. Und sie versucht zu schreien.
Da fhlt sie, wie sich zwei Hnde auf ihre Schultern legen, und sie
sieht, wie sich zwischen ihr eigenes Gesicht und das im Spiegel das
Antlitz ihres Gatten drngt; seine Augen, fragend und drohend, senken
sich in die ihren. Sie wei: bersteht sie diese letzte Prfung nicht,
so ist alles verloren. Und sie fhlt, wie sie wieder stark wird, sie hat
ihre Zge, ihre Glieder in der Gewalt; sie kann in diesem Augenblick mit
ihnen anfangen, was sie will; aber sie mu ihn bentzen, sonst ist es
vorbei, und sie greift mit ihren beiden Hnden nach denen ihres Gatten,
die noch auf ihren Schultern liegen, zieht ihn zu sich; sieht ihn heiter
und zrtlich an.

Und whrend sie die Lippen ihres Mannes auf ihrer Stirn fhlt, denkt
sie: freilich ... ein bser Traum. Er wird es niemandem sagen, wird sich
nie rchen, nie ... er ist tot ... er ist ganz gewi tot ... und die
Toten schweigen.

Warum sagst du das? hrt sie pltzlich die Stimme ihres Mannes. Sie
erschrickt tief. Was hab ich denn gesagt? Und es ist ihr, als habe sie
pltzlich alles ganz laut erzhlt ... als habe sie die ganze Geschichte
dieses Abends hier bei Tisch mitgeteilt ... und noch einmal fragt sie,
whrend sie vor seinem entsetzten Blick zusammenbricht: Was hab ich
denn gesagt?

Die Toten schweigen, wiederholt ihr Mann sehr langsam.

Ja ... sagt sie, ja ...

Und in seinen Augen liest sie, da sie ihm nichts mehr verbergen kann,
und lange sehn die beiden einander an. Bring den Buben zu Bett, sagt
er dann zu ihr; ich glaube, du hast mir noch etwas zu erzhlen ...

Ja, sagt sie.

Und sie wei, da sie diesem Manne, den sie durch Jahre betrogen hat, im
nchsten Augenblick die ganze Wahrheit sagen wird.

Und whrend sie mit ihrem Jungen langsam durch die Tr schreitet, immer
die Augen ihres Gatten auf sich gerichtet fhlend, kommt eine groe Ruhe
ber sie, als wrde vieles wieder gut ................




Die Weissagung


1

Unweit von Bozen, auf einer migen Hhe, im Walde wie versunken und von
der Landstrae aus kaum sichtbar, liegt die kleine Besitzung des
Freiherrn von Schottenegg. Ein Freund, der seit zehn Jahren als Arzt in
Meran lebt und dem ich im Herbste dort wieder begegnete, hatte mich mit
dem Freiherrn bekannt gemacht. Dieser war damals fnfzig Jahre alt und
dilettierte in mancherlei Knsten. Er komponierte ein wenig, war tchtig
auf Violine und Klavier, auch zeichnete er nicht bel. Am ernstesten
aber hatte er in frherer Zeit die Schauspielerei getrieben. Wie es
hie, war er als ganz junger Mensch unter angenommenem Namen ein paar
Jahre lang auf kleinen Bhnen drauen im Reiche umhergezogen. Ob nun der
dauernde Widerstand des Vaters, unzureichende Begabung oder mangelndes
Glck der Anla war, jedenfalls hatte der Freiherr diese Laufbahn frh
genug aufgegeben, um noch ohne erhebliche Versptung in den Staatsdienst
treten zu knnen und damit dem Beruf seiner Vorfahren zu folgen, den er
dann auch zwei Jahrzehnte hindurch treu, wenn auch ohne Begeisterung
erfllte. Aber als er, kaum ber vierzig Jahre alt, gleich nach dem Tode
des Vaters, das Amt verlie, sollte sich erst zeigen, mit welcher Liebe
er an dem Gegenstand seiner jugendlichen Trume noch immer hing. Er lie
die Villa auf dem Abhang des Guntschnaberges instand setzen und
versammelte dort, insbesondere zur Sommers- und Herbstzeit, einen
allmhlich immer grer werdenden Kreis von Herren und Damen, die
allerlei leicht zu agierende Schauspiele oder lebende Bilder vorfhrten.
Seine Frau, aus einer alten Tiroler Brgerfamilie, ohne wirkliche
Anteilnahme an knstlerischen Dingen, aber klug und ihrem Gatten mit
kameradschaftlicher Zrtlichkeit zugetan, sah seiner Liebhaberei mit
einigem Spotte zu, der sich aber um so gutmtiger anlie, als das
Interesse des Freiherrn ihren eigenen geselligen Neigungen entgegenkam.
Die Gesellschaft, die man im Schlosse antraf, mochte strengen
Beurteilern nicht gewhlt genug erscheinen, aber auch Gste, die sonst
nach Geburt und Erziehung zu Standesvorurteilen geneigt waren, nahmen
keinerlei Ansto an der zwanglosen Zusammensetzung eines Kreises, die
durch die dort gebte Kunst gengend gerechtfertigt schien und von dem
berdies der Name und Ruf des freiherrlichen Paares jeden Verdacht
freierer Sitten durchaus fernhielt. Unter manchen anderen, deren ich
mich nicht mehr entsinne, begegnete ich auf dem Schlosse einem jungen
Grafen von der Innsbrucker Bezirkshauptmannschaft, einem Jgeroffizier
aus Riva, einem Generalstabshauptmann mit Frau und Tochter, einer
Operettensngerin aus Berlin, einem Bozener Likrfabrikanten mit zwei
Shnen, dem Baron Meudolt, der damals eben von seiner Weltreise
zurckgekommen war, einem pensionierten Hofschauspieler aus Bckeburg,
einer verwitweten Grfin Saima, die als junges Mdchen Schauspielerin
gewesen war, mit ihrer Tochter, und dem dnischen Maler Petersen.

Im Schlosse selbst wohnten nur die wenigsten Gste. Einige nahmen in
Bozen Quartier, andere in einem bescheidenen Gasthof, der unten an der
Wegscheide lag, wo eine schmlere Strae nach dem Gute abzweigte. Aber
meist in den ersten Nachmittagsstunden war der ganze Kreis oben
versammelt, und dann wurden, manchmal unter der Leitung des ehemaligen
Hofschauspielers, zuweilen unter der des Freiherrn, der selbst niemals
mitwirkte, bis in die spten Abendstunden Proben abgehalten, anfangs
unter Scherzen und Lachen, allmhlich aber mit immer grerem Ernste,
bis der Tag der Vorstellung herannahte, und je nach Witterung, Laune,
Vorbereitung, mglichst mit Rcksicht auf den Schauplatz der Handlung,
entweder auf dem an den Wald grenzenden Wiesenplatz hinter dem
Schlogrtchen oder in dem ebenerdigen Saal mit den drei groen
Bogenfenstern die Auffhrung stattfand.

Als ich das erstemal den Freiherrn besuchte, hatte ich keinen anderen
Vorsatz, als an einem neuen Ort unter neuen Menschen einen heiteren Tag
zu verbringen. Aber wie das so kommt, wenn man ohne Ziel und in
vollkommener Freiheit umherstreift, und berdies bei allmhlich
schwindender Jugend keinerlei Beziehungen bestehen, die lebhafter in die
Heimat zurckrufen, lie ich mich vom Freiherrn zu lngerem Bleiben
bereden. Aus dem einen Tag wurden zwei, drei und mehr, und so, zu meiner
eignen Verwunderung wohnte ich bis tief in den Herbst oben auf dem
Schlchen, wo mir in einem kleinen Turm ein sehr wohnlich
ausgestattetes Zimmer mit dem Blick ins Tal eingerumt war. Dieser erste
Aufenthalt auf dem Guntschnaberg wird fr mich stets eine angenehme und,
trotz aller Lustigkeit und alles Lrms um mich herum, sehr stille
Erinnerung bleiben, da ich mit keinem der Gste anders als flchtig
verkehrte und berdies einen groen Teil meiner Zeit, zu Nachdenken und
Arbeit gleichermaen angeregt, auf einsamen Waldspaziergngen
verbrachte. Auch der Umstand, da der Freiherr aus Hflichkeit einmal
eines meiner kleinen Stcke darstellen lie, strte die Ruhe meines
Aufenthaltes nicht, da niemand von meiner Eigenschaft als Verfasser
Notiz nahm. Vielmehr bedeutete mir dieser Abend ein hchst anmutiges
Erlebnis, da mit dieser Auffhrung auf grnem Rasen, unter freiem Himmel
ein bescheidener Traum meiner Jugendjahre so spt als unerwartet in
Erfllung ging.

Die lebhafte Bewegung im Schlosse lie allmhlich nach, der Urlaub der
Herren, die in einem Berufe standen, war groenteils abgelaufen, und nur
manchmal kam Besuch von Freunden, die in der Nhe ansssig waren. Erst
jetzt gewann ich selbst zu dem Freiherrn ein nheres Verhltnis und fand
bei ihm zu einiger berraschung mehr Selbstbescheidung, als sie
Dilettanten sonst eigen zu sein pflegt. Er tuschte sich keineswegs
darber, da das, was auf seinem Schlosse getrieben wurde, nichts
anderes war, als eine hhere Art von Gesellschaftsspiel. Aber da es ihm
im Gange seines Lebens versagt geblieben war, in eine dauernde und
ernsthafte Beziehung zu seiner geliebten Kunst zu treten, so lie er
sich an dem Schimmer gengen, der wie aus entlegenen Fernen ber das
harmlose Theaterwesen im Schlosse geglnzt kam, und freute sich
berdies, da hier von mancher Erbrmlichkeit, die das Berufliche doch
berall mit sich bringt, kein Hauch zu spren war.

Auf einem unserer Spaziergnge sprach er ohne jede Zudringlichkeit den
Einfall aus, einmal auf seiner Bhne im Freien ein Stck dargestellt zu
sehen, das schon in Hinblick auf den unbegrenzten Raum und auf die
natrliche Umgebung geschaffen wre. Diese Bemerkung kam einem Plan, den
ich seit einiger Zeit in mir trug, so ungezwungen entgegen, da ich dem
Freiherrn versprach, seinen Wunsch zu erfllen.

Bald darauf verlie ich das Schlo.

In den ersten Tagen des nchsten Frhlings schon sandte ich mit
freundlichen Worten der Erinnerung an die schnen Tage des vergangenen
Herbstes dem Freiherrn ein Stck, wie es den Forderungen der Gelegenheit
wohl entsprechen mochte. Bald darauf traf die Antwort ein, die den Dank
des Freiherrn und eine herzliche Einladung fr den kommenden Herbst
enthielt. Ich verbrachte den Sommer im Gebirge, und in den ersten
Septembertagen bei einbrechender khler Witterung reiste ich an den
Gardasee, ohne daran zu denken, da ich nun dem Schlosse des Freiherrn
von Schottenegg recht nahe war. Ja mir ist heute, als htte ich zu
dieser Zeit das kleine Schlo und alles dortige Treiben vllig vergessen
gehabt. Da erhielt ich am 8. September aus Wien ein Schreiben des
Freiherrn nachgesandt. Dieses sprach ein gelindes Erstaunen aus, da ich
nichts von mir hren liee, und enthielt die Mitteilung, da am 9.
September die Auffhrung des kleinen Stckes stattfnde, das ich ihm im
Frhling bersandt hatte und bei der ich keineswegs fehlen drfte.
Besonderes Vergngen versprach mir der Freiherr von den Kindern, die in
dem Stck beschftigt waren und die es sich jetzt schon nicht nehmen
lieen, auch auerhalb der Probezeit in ihren zierlichen Kostmen
umherzulaufen und auf dem Rasen zu spielen. Die Hauptrolle -- so schrieb
er weiter -- sei nach einer Reihe von Zuflligkeiten an seinen Neffen,
Herrn Franz von Umprecht, bergegangen, der -- wie ich mich gewi noch
erinnere -- im vorigen Jahre nur zweimal in lebenden Bildern mitgewirkt
habe, der aber nun auch als Schauspieler ein berraschendes Talent
erweise.

Ich reiste ab, war abends in Bozen und kam am Tage der Vorstellung im
Schlosse an, wo mich der Freiherr und seine Frau freundlich empfingen.
Auch andere Bekannte hatte ich zu begren: den pensionierten
Hofschauspieler, die Grfin Saima mit Tochter, Herrn von Umprecht und
seine schne Frau; sowie die vierzehnjhrige Tochter des Frsters, die
zu meinem Stcke den Prolog sprechen sollte. Fr den Nachmittag wurde
groe Gesellschaft erwartet und abends bei der Vorstellung sollten mehr
als hundert Zuschauer anwesend sein, nicht nur persnliche Gste des
Freiherrn, sondern auch Leute aus der Gegend ringsum, denen heute, wie
schon fter, der Zugang zu dem Bhnenplatz freistand. berdies war
diesmal auch ein kleines Orchester engagiert, aus Berufsmusikern einer
Bozener Kapelle und einigen Dilettanten bestehend, die eine Ouvertre
von Weber und berdies eine Zwischenaktsmusik exekutieren sollten, welch
letztere der Freiherr selbst komponiert hatte.

Man war bei Tisch sehr heiter, nur Herr von Umprecht schien mir etwas
stiller als die anderen. Anfangs hatte ich mich seiner kaum entsinnen
knnen, und es fiel mir auf, da er mich sehr oft, manchmal mit
Sympathie, dann wieder etwas scheu ansah, ohne je das Wort an mich zu
richten. Allmhlich wurde mir der Ausdruck seines Gesichtes bekannter,
und pltzlich erinnerte ich mich, da er voriges Jahr in einem der
lebenden Bilder mit aufgesttzten Armen in Mnchstracht vor einem
Schachbrett gesessen war. Ich fragte ihn, ob ich mich nicht irrte. Er
wurde beinahe verlegen, als ich ihn ansprach; der Freiherr antwortete
fr ihn und machte dann eine lchelnde Bemerkung ber das neuentdeckte
schauspielerische Talent seines Neffen. Da lachte Herr von Umprecht in
einer ziemlich sonderbaren Weise vor sich hin, dann warf er rasch einen
Blick zu mir herber, der eine Art von Einverstndnis zwischen uns
beiden auszudrcken schien und den ich mir durchaus nicht erklren
konnte. Aber von diesem Augenblick an vermied er es wieder, mich
anzusehen.


2

Bald nach Tisch hatte ich mich auf mein Zimmer zurckgezogen. Da stand
ich wieder am offenen Fenster, wie ich so oft im vorigen Jahre getan,
und freute mich des anmutigen Blickes hinunter in das sonnenglnzende
Tal, das, eng zu meinen Fen, allmhlich sich dehnte und in der Ferne
sich vllig aufschlo, um Stadt und Fluren in sich aufzunehmen.

Nach einer kurzen Weile klopfte es. Herr von Umprecht trat ein, blieb an
der Tr stehen und sagte mit einiger Befangenheit: Ich bitte um
Verzeihung, wenn ich Sie stre. Dann trat er nher und fuhr fort: Aber
sobald Sie mir eine Viertelstunde Gehr geschenkt haben, davon bin ich
berzeugt, werden Sie meinen Besuch fr gengend entschuldigt halten.

Ich lud Herrn von Umprecht zum Sitzen ein, er achtete nicht darauf,
sondern fuhr mit Lebhaftigkeit fort: Ich bin nmlich in der seltsamsten
Art Ihr Schuldner geworden und fhle mich verpflichtet, Ihnen zu
danken.

Da mir natrlich nichts anderes beifallen konnte, als da sich diese
Worte des Herrn von Umprecht auf seine Rolle bezgen und sie mir
allzuhflich schienen, so versuchte ich abzuwehren. Doch Umprecht
unterbrach mich sofort: Sie knnen nicht wissen, wie meine Worte
gemeint sind. Darf ich Sie bitten, mich anzuhren? Er setzte sich auf
das Fensterbrett, kreuzte die Beine, und, mit offenbarer Absichtlichkeit
so ruhig als mglich scheinend, begann er: Ich bin jetzt Gutsbesitzer,
wie Sie vielleicht wissen, bin aber frher Offizier gewesen. Und zu
jener Zeit, vor zehn Jahren -- _heute_ vor zehn Jahren -- begegnete mir
das unbegreifliche Abenteuer, unter dessen Schatten ich gewissermaen
bis heute gelebt habe und das heute durch Sie ohne Ihr Wissen und Zutun
seinen Abschlu findet. Zwischen uns beiden besteht nmlich ein
dmonischer Zusammenhang, den Sie wahrscheinlich so wenig werden
aufklren knnen wie ich; aber Sie sollen wenigstens von seinem
Vorhandensein erfahren. -- Mein Regiment lag damals in einem den
polnischen Nest. An Zerstreuungen gab es auer dem Dienst, der nicht
immer anstrengend genug war, nur Trunk und Spiel. berdies hatte man die
Mglichkeit vor Augen, jahrelang hier festsitzen zu mssen, und nicht
alle von uns verstanden es, ein Leben in dieser trostlosen Aussicht mit
Fassung zu tragen. Einer meiner besten Freunde hat sich im dritten Monat
unseres dortigen Aufenthalts erschossen. Ein anderer Kamerad, frher der
liebenswrdigste Offizier, fing pltzlich an, ein arger Trinker zu
werden, wurde unmanierlich, aufbrausend, nahezu unzurechnungsfhig und
hatte irgendeinen Auftritt mit einem Advokaten, der ihn seine Charge
kostete. Der Hauptmann meiner Kompanie war verheiratet und, ich wei
nicht, ob mit oder ohne Grund, so eiferschtig, da er seine Frau eines
Tages zum Fenster hinunterwarf. Sie blieb rtselhafterweise heil und
gesund; der Mann starb im Irrenhause. Einer unserer Kadetten, bis dahin
ein sehr lieber, aber ausnehmend dummer Junge, bildete sich pltzlich
ein, Philosophie zu verstehen, studierte Kant und Hegel und lernte ganze
Partien aus deren Werken auswendig, wie Kinder die Fibel. Was mich
anbelangt, so tat ich nichts als mich langweilen, und zwar in einer so
ungeheuerlichen Weise, da ich an manchen Nachmittagen, wenn ich auf
meinem Bette lag, frchtete, verrckt zu werden. Unsere Kaserne lag
auerhalb des Dorfes, das aus hchstens dreiig verstreuten Htten
bestand; die nchste Stadt, eine gute Reitstunde entfernt, war
schmierig, widerwrtig, stinkend und voll von Juden. Notgedrungen hatten
wir manchmal mit ihnen zu tun -- der Hotelier war ein Jude, der Cafetier,
der Schuster desgleichen. Da wir uns mglichst beleidigend gegen sie
benahmen, das knnen Sie sich denken. Wir waren besonders gereizt gegen
dieses Volk, weil ein Prinz, der unserem Regiment als Major zugeteilt
war, den Gru der Juden -- ob nun aus Scherz oder aus Vorliebe, wei ich
nicht -- mit ausgesuchter Hflichkeit erwiderte und berdies mit
auffallender Absichtlichkeit unseren Regimentsarzt protegierte, der ganz
offenbar von Juden abstammte. Das wrde ich Ihnen natrlich nicht
erzhlen, wenn nicht gerade diese Laune des Prinzen mich mit demjenigen
Menschen zusammengefhrt htte, der in so geheimnisvoller Weise die
Verbindung zwischen Ihnen und mir herzustellen berufen war. Es war ein
Taschenspieler, und zwar der Sohn eines Branntweinjuden aus dem
benachbarten polnischen Stdtchen. Er war als junger Bursche in ein
Geschft nach Lemberg, dann nach Wien gekommen und hatte einmal irgend
jemandem einige Kartenkunststcke abgelernt. Er bildete sich auf eigene
Faust weiter aus, eignete sich allerlei andere Taschenspielereien an und
brachte es allmhlich so weit, da er in der Welt umherziehen und sich
auf Varietbhnen oder in Vereinen mit Erfolg produzieren konnte. Im
Sommer kam er immer in seine Vaterstadt, um die Eltern zu besuchen. Dort
trat er nie ffentlich auf, und so sah ich ihn zuerst auf der Strae, wo
er mir durch seine Erscheinung augenblicklich auffiel. Er war ein
kleiner, magerer, bartloser Mensch, der damals etwa dreiig Jahre alt
sein mochte, mit einer vollkommen lcherlichen Eleganz gekleidet, die
zur Jahreszeit gar nicht pate: er spazierte in einem schwarzen Gehrock
und mit gebgeltem Zylinder herum und trug Westen vom herrlichsten
Brokat; bei starkem Sonnenschein hatte er einen dunklen Zwicker auf der
Nase.

Einmal saen wir unser fnfzehn oder sechzehn nach dem Abendessen im
Kasino an unserem langen Tisch wie gewhnlich. Es war eine schwle
Nacht, und die Fenster standen offen. Einige Kameraden hatten zu spielen
begonnen, andere lehnten am Fenster und plauderten, wieder andere
tranken und rauchten schweigend. Da trat der Korporal vom Tage ein und
meldete die Ankunft des Taschenspielers. Wir waren zuerst einigermaen
erstaunt. Aber ohne weiteres abzuwarten, trat der Gemeldete in guter
Haltung ein und sprach in leichtem Jargon einige einleitende Worte, mit
denen er sich fr die an ihn ergangene Einladung bedankte. Er wandte
sich dabei an den Prinzen, der auf ihn zutrat und ihm -- natrlich
ausschlielich, um uns zu rgern -- die Hand schttelte. Der
Taschenspieler nahm das wie selbstverstndlich hin und bemerkte dann, er
werde zuerst einige Kartenkunststcke zeigen, um sich hierauf im
Magnetismus und in der Chiromantie zu produzieren. Er hatte kaum zu Ende
gesprochen, als einige unserer Herren, die in einer Ecke beim
Kartenspiel saen, merkten, da ihnen die Figuren fehlten: auf einen
Wink des Zauberers kamen sie aber durch das geffnete Fenster
hereingeflogen. Auch die Kunststcke, die er folgen lie, unterhielten
uns sehr und bertrafen so ziemlich alles, was ich auf diesem Gebiete
gesehen hatte. Noch sonderbarer erschienen mir die magnetischen
Experimente, die er dann vollfhrte. Nicht ohne Grauen sahen wir alle
zu, wie der philosophische Kadett, in Schlaf versetzt, den Befehlen des
Zauberers gehorchend, zuerst durchs offene Fenster sprang, die glatte
Mauer bis zum Dach hinaufkletterte, oben knapp am Rand um das ganze
Viereck herumeilte und sich dann in den Hof hinabgleiten lie. Als er
wieder unten stand, noch immer im schlafenden Zustand, sagte der Oberst
zu dem Zauberer: Sie, wenn er sich den Hals gebrochen htte, ich
versichere Sie, Sie wren nicht lebendig aus der Kaserne gekommen. Nie
werde ich den Blick voll Verachtung vergessen, mit dem der Jude diese
Bemerkung wortlos erwiderte. Dann sagte er langsam: Soll ich Ihnen aus
der Hand lesen, Herr Oberst, wann Sie tot oder lebendig diese Kaserne
verlassen werden? Ich wei nicht, was der Oberst oder wir anderen ihm
auf diese verwegene Bemerkung sonst entgegnet htten -- aber die
allgemeine Stimmung war schon so wirr und erregt, da sich keiner
wunderte, als der Oberst dem Taschenspieler die Hand hinreichte und,
dessen Jargon nachahmend, sagte: Nu, lesen Sie. Dies alles ging im Hof
vor sich, und der Kadett stand noch immer schlafend mit ausgestreckten
Armen wie ein Gekreuzigter an der Wand. Der Zauberer hatte die Hand des
Obersten ergriffen und studierte aufmerksam die Linien. Siehst du
genug, Jud? fragte ein Oberleutnant, der ziemlich betrunken war. Der
Gefragte sah sich flchtig um und sagte ernst: Mein Knstlername ist
Marco Polo. Der Prinz legte dem Juden die Hand auf die Schulter und
sagte: Mein Freund Marco Polo hat scharfe Augen. -- Nun, was sehen
Sie? fragte der Oberst hflicher. Mu ich reden? fragte Marco Polo.
Wir knnen Sie nicht zwingen, sagte der Prinz. Reden Sie! rief der
Oberst. Ich mcht lieber nicht reden, erwiderte Marco Polo. Der Oberst
lachte laut. Nur heraus, es wird nicht so arg sein. Und wenn es arg
ist, mu es auch noch nicht wahr sein. -- Es ist sehr arg, sagte der
Zauberer, und wahr ist es auch. Alle schwiegen. Nun? fragte der
Oberst. Von Klte werden Sie nichts mehr zu leiden haben, erwiderte
Marco Polo. Wie? rief der Oberst aus, kommt unser Regiment also
endlich nach Riva? -- Vom Regiment les' ich nichts, Herr Oberst. Ich
seh nur, da sie im Herbst sein werden ein toter Mann. Der Oberst
lachte, aber alle anderen schwiegen; ich versichere Sie, uns allen war,
als ob der Oberst in diesem Augenblick gezeichnet worden wre. Pltzlich
lachte irgendeiner absichtlich sehr laut, andere taten ihm nach, und
lrmend und lustig ging es zurck ins Kasino. Nun, rief der Oberst,
mit mir wr's in Ordnung. Ist keiner von den anderen Herren neugierig?
Einer rief wie zum Scherz: Nein, wir wnschen nichts zu erfahren. Ein
anderer fand pltzlich, da man gegen diese Art, sich das Schicksal
vorhersagen zu lassen, aus religisen Grnden eingenommen sein mte,
und ein junger Leutnant erklrte heftig, man sollte Leute wie Marco Polo
auf Lebenszeit einsperren. Den Prinzen sah ich mit einem unserer lteren
Herren rauchend in einer Ecke stehen und hrte ihn sagen: Wo fngt das
Wunder an? Indessen trat ich zu Marco Polo hin, der sich eben zum
Fortgehen bereitete, und sagte zu ihm, ohne da es jemand hrte.
Prophezeien Sie mir. Er griff wie mechanisch nach meiner Hand. Dann
sagte er: Hier sieht man schlecht. Ich merkte, da die llampen zu
flackern begonnen hatten und da die Linien meiner Hand zu zittern
schienen. Kommen Sie hinaus, Herr Leutnant, in den Hof. Mir is lieber
bei Mondschein. Er hielt mich an der Hand, und ich folgte ihm durch die
offene Tr ins Freie.

Mir kam pltzlich ein sonderbarer Gedanke. Hren Sie, Marco Polo,
sagte ich, wenn Sie nichts anderes knnen als das, was Sie eben an
unserem Herrn Oberst gezeigt haben, dann lassen wir's lieber. Ohne
weiteres lie der Zauberer meine Hand los und lchelte. Der Herr
Leutnant haben Angst. Ich wandte mich rasch um, ob uns niemand gehrt
htte; aber wir waren schon durch das Kasernentor geschritten und
befanden uns auf der Landstrae, die der Stadt zufhrte. Ich wnsche
etwas Bestimmteres zu wissen, sagte ich, das ist es. Worte lassen sich
immer in verschiedener Weise auslegen. Marco Polo sah mich an. Was
wnschen der Herr Leutnant?... Vielleicht das Bild von der knftigen
Frau Gemahlin? -- Knnten Sie das? Marco Polo zuckte die Achseln. Es
knnte sein ... es wr mglich ... -- Aber das will ich nicht,
unterbrach ich ihn. Ich mchte wissen, was spter einmal, zum Beispiel
in zehn Jahren, mit mir los sein wird. Marco Polo schttelte den Kopf.
Das kann ich nicht sagen ... aber was anderes kann ich vielleicht. --
Was? -- Irgendeinen Augenblick, Herr Leutnant, aus Ihrem knftigen
Leben knnte ich Ihnen zeigen wie ein Bild. Ich verstand ihn nicht
gleich. Wie meinen Sie das? -- So mein ich das: ich kann einen Moment
aus Ihrem knftigen Leben hineinzaubern in die Welt, mitten in die
Gegend, wo wir gerade stehen. -- Wie? -- Der Herr Leutnant mssen mir
nur sagen, was fr einen. Ich begriff ihn nicht ganz, aber ich war
hchst gespannt. Gut, sagte ich, wenn Sie das knnen, so will ich
sehen, was heut in zehn Jahren in derselben Sekunde mit mir geschehen
wird ... Verstehen Sie mich, Marco Polo? -- Gewi, Herr Leutnant,
sagte Marco Polo und sah mich starr an. Und schon war er fort ... aber
auch die Kaserne war fort, die ich eben noch im Mondschein hatte glnzen
sehen -- fort die armen Htten, die in der Ebene verstreut und
mondbeglnzt gelegen waren -- und ich sah mich selbst, wie man sich
manchmal im Traume selber sieht ... sah mich um zehn Jahre gealtert, mit
einem braunen Vollbart, eine Narbe auf der Stirn, auf einer Bahre
hingestreckt, mitten auf einer Wiese -- an meiner Seite kniend eine
schne Frau mit rotem Haar, die Hand vor dem Antlitz, einen Knaben und
ein Mdchen neben mir, dunklen Wald im Hintergrund und zwei Jagdleute
mit Fackeln in der Nhe ... Sie staunen -- nicht wahr, Sie staunen?

Ich staunte in der Tat, denn das, was er mir hier schilderte, war genau
das Bild, mit welchem mein Stck heute abend um zehn Uhr schlieen und
in dem er den sterbenden Helden spielen sollte. Sie zweifeln, fuhr
Herr von Umprecht fort, und ich bin fern davon, es Ihnen bel zu
nehmen. Aber mit Ihrem Zweifel soll es gleich ein Ende haben.

Herr von Umprecht griff in seine Rocktasche und zog ein verschlossenes
Kuwert heraus. Bitte, sehen Sie, was auf der Rckseite steht. Ich las
laut: Notariell verschlossen am 14. Januar 1859, zu erffnen am 9.
September 1868. Darunter stand die Namenszeichnung des mir persnlich
wohlbekannten Notars Doktor Artiner in Wien.

Das ist heute, sagte Herr von Umprecht. Und heute sind es eben zehn
Jahre, da mir das rtselhafte Abenteuer mit Marco Polo begegnete, das
sich nun auf diese Weise lst, ohne sich aufzuklren. Denn von Jahr zu
Jahr, als triebe ein launisches Schicksal sein Spiel mit mir, schwankten
die Erfllungsmglichkeiten fr jene Prophezeiung in der seltsamsten
Weise, schienen manchmal zu drohender Wahrscheinlichkeit zu werden,
verschwanden in nichts, wurden zu unerbittlicher Gewiheit,
verflatterten, kamen wieder ... Aber lassen Sie mich nun zu meinem
Berichte zurckkommen. Die Erscheinung selbst hatte gewi nicht lnger
gedauert als einen Augenblick; denn noch klang von der Kaserne her das
gleiche laute Auflachen des Oberleutnants an mein Ohr, das ich gehrt
hatte, ehe die Erscheinung aufgestiegen war. Und nun stand auch Marco
Polo wieder vor mir, mit einem Lcheln um die Lippen, von dem ich nicht
sagen kann, ob es schmerzlich oder hhnisch sein sollte, nahm den
Zylinder ab, sagte: Guten Abend, Herr Leutnant, ich hoffe, Sie sind
zufrieden gewesen, wandte sich um und ging langsam auf der Landstrae
vorwrts in der Richtung der Stadt. Er ist brigens am nchsten Tage
abgereist.

Mein erster Gedanke, als ich der Kaserne wieder zuging, war, da es sich
um eine Geistererscheinung gehandelt haben mute, die Marco Polo,
vielleicht von einem unbekannten Gehilfen untersttzt, mittels
irgendwelcher Spiegelungen hervorzubringen imstande gewesen war. Als ich
durch den Hof kam, sah ich zu meinem Entsetzen den Kadetten noch immer
in der Stellung eines Gekreuzigten an der Mauer lehnen. Man hatte seiner
offenbar vollkommen vergessen. Die anderen hrte ich drin in der
hchsten Erregung reden und streiten. Ich packte den Kadetten beim Arm,
er wachte sofort auf, war nicht im geringsten verwundert und konnte sich
nur die Erregung nicht erklren, in welcher sich alle Herren des
Regiments befanden. Ich selbst mischte mich gleich mit einer Art von
Grimm in die aufgeregte, aber hohle Unterhaltung, die sich ber die
Seltsamkeiten, deren Zeugen wir gewesen, entwickelt hatte, und redete
wohl nicht klger als die anderen. Pltzlich schrie der Oberst: Nun,
meine Herren, ich wette, da ich noch das nchste Frhjahr erlebe!
Fnfundvierzig zu eins! Und er wandte sich zu einem unserer Herren,
einem Oberleutnant, der eines gewissen Rufes als Spieler und Wetter
geno. Nichts zu machen? Obzwar es klar war, da der Angeredete der
Versuchung schwer widerstand, so schien er es doch unziemlich zu finden,
eine Wette auf den Tod seines Obersten mit diesem selbst abzuschlieen,
und so schwieg er lchelnd. Wahrscheinlich hat er es bedauert. Denn
schon nach vierzehn Tagen, am zweiten Morgen der groen Kaisermanver,
strzte unser Oberst vom Pferde und blieb auf der Stelle tot. Und bei
dieser Gelegenheit merkten wir alle, da wir es gar nicht anders
erwartet hatten. Ich aber begann erst von jetzt an mit einer gewissen
Unruhe an die nchtliche Prophezeiung zu denken, von der ich in einer
sonderbaren Scheu niemandem Mitteilung gemacht hatte. Erst zu
Weihnachten, anllich einer Urlaubsreise nach Wien, erffnete ich mich
einem Kameraden, einem gewissen Friedrich von Gulant -- Sie haben
vielleicht von ihm gehrt, er hat hbsche Verse gemacht und ist sehr
jung gestorben ... Nun, der war es, der mit mir zusammen das Schema
entwarf, das Sie in diesem Umschlag eingeschlossen finden werden. Er war
nmlich der Ansicht, da solche Vorflle fr die Wissenschaft nicht
verloren gehen drften, ob sich nun am Ende ihre Voraussetzungen als
wahr oder falsch herausstellten. Mit ihm bin ich bei Doktor Artiner
gewesen, vor dessen Augen das Schema in diesem Kuwert verschlossen
wurde. In der Kanzlei des Notars war es bisher aufbewahrt, und gestern
erst ist es, meinem Wunsche gem, mir zugestellt worden. Ich will es
gestehen: der Ernst, mit dem Gulant die Sache behandelte, hatte mich
anfangs ein wenig verstimmt; aber als ich ihn nicht mehr sah und
besonders, als er kurz darauf starb, fing die ganze Geschichte an, mir
sehr lcherlich vorzukommen. Vor allem war es mir klar, da ich mein
Schicksal vollkommen in der Hand hatte. Nichts in der Welt konnte mich
dazu zwingen, am 9. September 1868, abends zehn Uhr, mit einem braunen
Vollbart auf einer Bahre zu liegen; Wald- und Wiesenlandschaft konnte
ich vermeiden, auch brauchte ich nicht eine Frau mit roten Haaren zu
heiraten und Kinder zu bekommen. Das einzige, dem ich vielleicht nicht
ausweichen konnte, war ein Unfall, etwa ein Duell, von dem mir die Narbe
auf der Stirn zurckbleiben konnte. Ich war also frs erste beruhigt. --
Ein Jahr nach jener Weissagung heiratete ich Frulein von Heimsal, meine
jetzige Gattin; bald darauf quittierte ich den Dienst und widmete mich
der Landwirtschaft. Ich besichtigte verschiedene kleinere Gter und -- so
komisch es klingen mag -- ich achtete darauf, da sich womglich
innerhalb dieser Besitzungen keine Partie zeigte, die dem Rasenplatz
jenes Traumes (wie ich den Inhalt jener Erscheinung bei mir zu nennen
liebte) gleichen knnte. Ich war schon daran, einen Kauf abzuschlieen,
als meine Frau eine Erbschaft machte, und uns dadurch eine Besitzung in
Krnten mit einer schnen Jagd zufiel. Beim ersten Durchwandern des
neuen Gebietes gelangte ich zu einer Wiesenpartie, die, von Wald
begrenzt und leicht gesenkt, mir in eigentmlicher Art der rtlichkeit
zu gleichen schien, vor der mich zu hten ich vielleicht allen Anla
hatte. Ich erschrak ein wenig. Meiner Frau hatte ich von der
Prophezeiung nichts erzhlt; sie ist so aberglubisch, da ich ihr mit
meinem Gestndnis gewi das ganze Leben bis zum heutigen Tage -- er
lchelte wie befreit -- vergiftet htte. So konnte ich ihr natrlich
auch meine Bedenken nicht mitteilen. Aber mich selbst beruhigte ich mit
der berlegung, da ich ja keineswegs den September 1868 auf meinem Gute
zubringen mte. -- Im Jahre 1860 wurde mir ein Knabe geboren. Schon in
seinen ersten Lebensjahren glaubte ich, in seinen Zgen hnlichkeit mit
den Zgen des Knaben aus dem Traume zu entdecken; bald schien sie sich
zu verwischen, bald wieder sprach sie sich deutlicher aus -- und heute
darf ich mir ja selbst gestehen, da der Knabe, der heute abends um zehn
an meiner Bahre stehen wird, dem Knaben der Erscheinung aufs Haar
gleicht. -- Eine Tochter habe ich nicht. Da ereignete es sich vor drei
Jahren, da die verwitwete Schwester meiner Frau, die bisher in Amerika
gelebt hatte, starb und ein Tchterchen hinterlie. Auf Bitten meiner
Frau fuhr ich ber das Meer, holte das Mdchen ab, um es bei uns im
Hause aufzunehmen. Als ich es zum erstenmal erblickte, glaubte ich zu
merken, da es dem Mdchen aus dem Traume vollkommen gliche. Der Gedanke
fuhr mir durch den Kopf, das Kind in dem fremden Lande bei fremden
Leuten zu lassen. Natrlich wies ich diesen unedlen Einfall gleich
wieder von mir, und wir nahmen das Kind in unserem Hause auf. Wieder
beruhigte ich mich vollkommen, trotz der zunehmenden hnlichkeit der
Kinder mit den Kindern jener prophetischen Erscheinung, denn ich bildete
mir ein, da die Erinnerung an die Kindergesichter des Traumes mich doch
vielleicht trgen mochte. Mein Leben flo eine Zeitlang in vollkommener
Ruhe hin. Ja ich hatte beinahe aufgehrt, an jenen sonderbaren Abend in
dem polnischen Nest zu denken, als ich vor zwei Jahren durch eine neue
Warnung des Schicksals in begreiflicher Weise erschttert wurde. Ich
hatte auf ein paar Monate verreisen mssen; als ich zurckkam, trat mir
meine Frau mit roten Haaren entgegen, und ihre hnlichkeit mit der Frau
des Traumes, deren Antlitz ich ja nicht gesehen hatte, schien mir
vollstndig. Ich fand es fr gut, meinen Schrecken unter dem Ausdruck
des Zornes zu verbergen; ja ich wurde mit Absicht immer heftiger, denn
pltzlich kam mir ein an Wahnsinn grenzender Einfall: wenn ich mich von
meiner Frau und den Kindern trennte, so mte ja all die Gefahr
schwinden, und ich htte das Schicksal zum Narren gehalten. Meine Frau
weinte, sank wie gebrochen zu Boden, bat mich um Verzeihung und erklrte
mir den Grund ihrer Vernderung. Vor einem Jahre, anllich einer Reise
nach Mnchen, war ich in der Kunstausstellung von dem Bildnis einer
rothaarigen Frau besonders entzckt gewesen, und meine Frau hatte schon
damals den Plan gefat, sich bei irgendeiner Gelegenheit diesem Bildnis
dadurch hnlich zu machen, da sie sich die Haare frben lie. Ich
beschwor sie natrlich, ihrem Haar mglichst bald die natrliche dunkle
Farbe wieder zu verleihen, und als es geschehen war, schien alles wieder
gut zu sein. Sah ich nicht deutlich, da ich mein Schicksal nach wie vor
in meiner Gewalt hatte?... War nicht alles, was bisher geschehen, auf
natrliche Weise zu erklren?... Hatten nicht tausend andere Gter mit
Wiesen und Wald und Frau und Kinder?... Und das einzige, was vielleicht
Aberglubische schrecken durfte, stand noch aus -- bis zum heurigen
Winter: die Narbe, die Sie nun doch auf meiner Stirne prangen sehen. Ich
bin nicht mutlos -- erlauben Sie mir, da ich Ihnen das sage; ich habe
mich als Offizier zweimal geschlagen und unter recht gefhrlichen
Bedingungen -- auch vor acht Jahren, kurz nach meiner Verheiratung, als
ich schon den Dienst verlassen hatte. Aber als ich im vorigen Jahre aus
irgendeinem lcherlichen Grund -- wegen eines nicht ganz hflichen Grues
-- von einem Herrn zur Rede gestellt wurde, habe ich es vorgezogen --
Herr von Umprecht errtete leicht -- mich zu entschuldigen. Die Sache
wurde natrlich in ganz korrekter Weise erledigt, aber ich wei ja doch
ganz bestimmt, da ich mich auch damals geschlagen htte, wre nicht
pltzlich eine wahnwitzige Angst ber mich gekommen, da mein Gegner mir
eine Wunde an der Stirne beibringen und dem Schicksal damit einen neuen
Trumpf in die Hand spielen knnte ... Aber Sie sehen, es half mir
nichts: die Narbe ist da. Und der Augenblick, in dem ich hier verwundet
wurde, war vielleicht derjenige innerhalb der ganzen zehn Jahre, der
mich am tiefsten zum Bewutsein meiner Wehrlosigkeit brachte. Es war
heuer im Winter gegen Abend; ich fuhr mit zwei oder drei anderen
Personen, die mir vollkommen unbekannt waren, in der Eisenbahn zwischen
Klagenfurt und Villach. Pltzlich klirren die Fensterscheiben, und ich
fhle einen Schmerz an der Stirn; zugleich hre ich, da etwas Hartes zu
Boden fllt; ich greife zuerst nach der schmerzenden Stelle -- sie
blutet; dann bcke ich mich rasch und hebe einen spitzen Stein vom
Fuboden auf. Die Leute im Kupee sind aufgefahren. Ist was geschehen?
ruft einer. Man merkt, da ich blute, und bemht sich um mich. Ein Herr
aber -- ich seh es ganz deutlich -- ist in die Ecke wie zurckgesunken. In
der nchsten Haltestelle bringt man Wasser, der Bahnarzt legt mir einen
notdrftigen Verband an, aber ich frchte natrlich nicht, da ich an
der Wunde sterben knnte: ich wei ja, da es eine Narbe werden mu. Ein
Gesprch im Waggon hat sich entsponnen, man fragt sich, ob ein Attentat
beabsichtigt war, ob es sich um einen gemeinen Bubenstreich handle; der
Herr in der Ecke schweigt und starrt vor sich hin. In Villach steige ich
aus. Pltzlich ist der Mann an meiner Seite und sagt: Es galt mir. Eh
ich antworten, ja nur mich besinnen kann, ist er verschwunden; ich habe
nie erfahren knnen, wer es war. Ein Verfolgungswahnsinniger vielleicht
... vielleicht auch einer, der sich mit Recht verfolgt glaubte von
einem beleidigten Gatten oder Bruder, und den ich mglicherweise
gerettet habe, da eben mir die Narbe bestimmt war ... wer kann es
wissen?... Nach ein paar Wochen leuchtete sie auf meiner Stirn an
derselben Stelle, wo ich sie in jenem Traume gesehen hatte. Und mir ward
es immer klarer, da ich mit irgendeiner unbekannten hhnischen Macht in
einem ungleichen Kampf begriffen war, und ich sah dem Tag, wo das letzte
in Erfllung gehen sollte, mit wachsender Unruhe entgegen.

Im Frhling erhielten wir die Einladung meines Onkels. Ich war fest
entschlossen, ihr nicht zu folgen, denn ohne da mir ein deutliches Bild
in Erinnerung gekommen wre, schien es mir doch mglich, da gerade auf
seinem Gut hier die verruchte Stelle zu finden wre. Meine Frau htte
aber eine Ablehnung nicht verstanden, und so entschlo ich mich doch,
mit ihr und den Kindern schon Anfang Juli herzureisen, in der bestimmten
Absicht, sobald als mglich das Schlo wieder zu verlassen und weiter in
den Sden, nach Venedig oder an den Lido, zu gehen. An einem der ersten
Tage unseres Aufenthaltes kam das Gesprch auf Ihr Stck, mein Onkel
sprach von den kleinen Kinderrollen, die darin enthalten wren, und bat
mich, meine Kleinen mitspielen zu lassen. Ich hatte nichts dagegen. Es
war damals bestimmt, da der Held von einem Berufsschauspieler
dargestellt werden sollte. Nach einigen Tagen packte mich die Angst, da
ich gefhrlich erkranken und nicht wrde abreisen knnen. So erklrte
ich denn eines Abends, da ich am nchsten Tage das Schlo auf einige
Zeit zu verlassen und Seebder zu nehmen gedchte. Ich mute
versprechen, Anfang September wieder zurck zu sein. Am selben Abend kam
ein Brief des Schauspielers, der aus irgendwelchen gleichgltigen
Grnden dem Freiherrn seine Rolle zurckstellte. Mein Onkel war sehr
rgerlich. Er bat mich, das Stck zu lesen -- vielleicht knnte ich ihm
unter unseren Bekannten einen nennen, der geeignet wre, die Rolle
darzustellen. So nahm ich denn das Stck auf mein Zimmer mit und las es.
Nun versuchen Sie sich vorzustellen, was in mir vorging, als ich zu dem
Schlusse kam und hier Wort fr Wort die Situation aufgezeichnet fand,
die mir fr den 9. September dieses Jahres prophezeit worden war. Ich
konnte den Morgen nicht erwarten, um meinem Onkel zu sagen, da ich die
Rolle spielen wollte. Ich frchtete, da er Einwendungen machen knnte;
denn seit ich das Stck gelesen, kam ich mir vor wie in sicherer Hut,
und wenn mir die Mglichkeit entging, in Ihrem Stck zu spielen, so war
ich wieder jener unbekannten Macht preisgegeben. Mein Onkel war gleich
einverstanden, und von nun an nahm alles seinen einfachen und guten
Gang. Wir probieren seit einigen Wochen Tag fr Tag, ich habe die
Situation, die mir heute bevorsteht, schon fnfzehn- oder zwanzigmal
durchgemacht: ich liege auf der Bahre, die junge Komtesse Saima mit
ihren schnen roten Haaren, die Hnde vor dem Antlitz, kniet vor mir,
und die Kinder stehen an meiner Seite.

Whrend Herr von Umprecht diese Worte sprach, fielen meine Augen wieder
auf das Kuwert, das noch immer versiegelt auf dem Tische lag. Herr von
Umprecht lchelte. Wahrhaftig, den Beweis bin ich Ihnen noch schuldig,
sagte er und ffnete die Siegel. Ein zusammengefaltetes Papier lag
zutage. Umprecht entfaltete es und breitete es auf dem Tische aus. Vor
mir lag ein vollkommener, wie von mir selbst entworfener Situationsplan
zu der Schluszene des Stckes, Hintergrund und Seiten waren schematisch
aufgezeichnet und mit der Bezeichnung Wald versehen; ein Strich mit
einer mnnlichen Figur war etwa in der Mitte des Planes eingetragen,
darber stand: Bahre ... Bei den anderen schematischen Figuren stand
in kleinen Buchstaben mit roter Tinte zugeschrieben: Frau mit rotem
Haar, Knabe, Mdchen, Fackeltrger, Mann mit erhobenen Hnden.
Ich wandte mich zu Herrn von Umprecht: Was bedeutet das: 'Mann mit
erhobenen Hnden?'

Daran, sagte Herr von Umprecht zgernd, htt ich nun beinahe
vergessen. Mit dieser Figur verhlt es sich folgendermaen: In jener
Erscheinung gab es nmlich auch, von den Fackeln grell beleuchtet, einen
alten, ganz kahlen Mann, glatt rasiert, mit einer Brille, einen
dunkelgrnen Schal um den Hals, mit erhobenen Hnden und weit
aufgerissenen Augen.

Diesmal stutzte ich.

Wir schwiegen eine Weile, dann fragte ich, seltsam beunruhigt: Was
vermuten Sie eigentlich? Wer sollte das sein?

Ich nehme an, sagte Umprecht ruhig, da irgendeiner von den
Zuschauern, vielleicht aus der Dienerschaft des Onkels ... oder einer
von den Bauern am Schlu des Stckes in besondere Bewegung geraten und
auf unsere Bhne strzen knnte ... vielleicht aber will es das
Schicksal, da ein aus dem Irrenhause Entsprungener durch einen jener
Zuflle, die mich wirklich nicht mehr berraschen, gerade in dem
Augenblick, wo ich auf der Bahre liege, ber die Bhne gerannt kme.

Ich schttelte den Kopf.

Wie sagten Sie?... Kahl -- Brille -- ein grner Schal?... -- Nun
erscheint mir die Sache noch seltsamer als frher. Die Gestalt des
Mannes, den Sie damals gesehen, ist tatschlich von mir in meinem Stck
beabsichtigt gewesen, und ich habe darauf verzichtet. Es war der
wahnsinnige Vater der Frau, von dem im ersten Akt die Rede ist, und der
zum Schlu auf die Szene strmen sollte.

Aber Schal und Brille?

Das htte wohl der Schauspieler aus Eigenem getan -- glauben Sie nicht?

Es ist mglich.

Wir wurden unterbrochen. Frau von Umprecht lie ihren Gatten zu sich
bitten, da sie ihn gerne vor der Vorstellung sprechen mchte, und er
empfahl sich. Ich blieb noch eine Weile und betrachtete aufmerksam den
Situationsplan, den Herr von Umprecht auf dem Tisch hatte liegen lassen.


3

Bald trieb es mich zu dem Orte hin, an dem die Vorstellung stattfinden
sollte. Er lag hinter dem Schlchen, durch eine anmutige Gartenanlage
davon geschieden. Dort, wo diese mit niederen Hecken abschlo, waren
etwa zehn lange Bankreihen aus einfachem Holz aufgestellt; die vorderen
Reihen waren mit dunkelrotem Teppichstoff bedeckt. Vor der ersten
standen einige Notenpulte und Sthle; einen Vorhang gab es nicht. Die
Trennung der Bhne von dem Zuschauerraum war durch zwei seitlich ragende
hohe Tannenbume angedeutet; rechts schlo sich wildes Gestruch an,
hinter dem ein bequemer Lehnstuhl, dem Zuschauer unsichtbar, fr den
Souffleur bestimmt, stand. Zur Linken lag der Platz frei und lie den
Blick ins Tal offen. Der Hintergrund der Szene war von hohen Bumen
gebildet; sie standen dicht aneinandergedrngt nur in der Mitte, und
links schlichen schmale Wege aus dem Schatten hervor. Weiter drin im
Wald, innerhalb einer kleinen knstlichen Lichtung, waren Tisch und
Sthle aufgestellt, wo die Schauspieler ihrer Stichworte harren mochten.
Fr die Beleuchtung war gesorgt, indem man zur Seite der Bhne und des
Zuschauerraumes kulissenartig hohe alte Kirchenleuchter mit riesigen
Kerzen aufgerichtet hatte. Hinter dem Gestruch zur Rechten war eine Art
Requisitenraum im Freien; hier sah ich nebst anderem kleinern Gert, das
im Stck notwendig war, die Bahre stehen, auf der Herr von Umprecht am
Schlusse des Stckes sterben sollte. -- Als ich jetzt ber die Wiese
schritt, war sie von der Abendsonne mild berglnzt ... Ich hatte
natrlich ber die Erzhlung des Herrn von Umprecht nachgedacht. Nicht
fr unmglich hielt ich es anfangs, da Herr von Umprecht zu der Art von
phantastischen Lgnern gehrte, die eine Mystifikation unter
Schwierigkeiten von langer Hand vorbereiten, um sich interessant zu
machen. Ich hielt es selbst fr denkbar, da die Unterschrift des Notars
geflscht war und da Herr von Umprecht andre Leute eingeweiht hatte, um
die Sache folgerecht durchzufhren. Besondere Bedenken stiegen mir ber
den vorlufig unbekannten Mann mit den erhobenen Hnden auf, mit dem
sich Umprecht wohl ins Einvernehmen gesetzt haben konnte. Aber meinen
Zweifeln widersprach vor allem die Rolle, die dieser Mann in meinem
ersten Plane gespielt, der niemandem bekannt sein konnte -- und besonders
der gnstige Eindruck, den ich von der Person des Herrn von Umprecht
gewonnen hatte. Und so unwahrscheinlich, ja so ungeheuerlich sein ganzer
Bericht mir erschien -- irgend etwas in mir verlangte sogar danach, ihm
glauben zu drfen; es mochte die trichte Eitelkeit sein, mich als
Vollstrecker eines ber uns waltenden Willens zu empfinden. -- Indes
hatte einige Bewegung in meiner Nhe angehoben; Diener kamen aus dem
Schlo, Kerzen wurden angezndet, Leute aus der Umgebung, manche auch in
burischer Kleidung, stiegen langsam den Hgel herauf und stellten sich
bescheiden zu seiten der Bnke auf. Bald erschien die Frau des Hauses
mit einigen Herren und Damen, die zwanglos Platz nahmen. Ich gesellte
mich zu ihnen und plauderte mit Bekannten vom vorigen Jahr. Die
Mitglieder des Orchesters waren erschienen und begaben sich auf ihre
Pltze; die Zusammenstellung war ungewhnlich genug; es waren zwei
Violinen, ein Cello, eine Viola, ein Kontraba, eine Flte und eine
Oboe. Sie begannen sofort, offenbar verfrht, eine Ouvertre von Weber
zu spielen. Ganz vorne, in der Nhe des Orchesters, stand ein alter
Bauer, der glatzkpfig war und eine Art von dunklem Tuch um den Hals
geschlungen hatte. Vielleicht war der vom Schicksal dazu bestimmt, dacht
ich, spter eine Brille herauszunehmen, irrsinnig zu werden und auf die
Szene zu laufen. Das Tageslicht war vllig dahin, die hohen Kerzen
flackerten ein wenig, da sich ein leichter Wind erhoben hatte. Hinter
dem Gestruch wurde es lebendig, auf verborgenen Wegen waren die
Mitwirkenden in die Nhe der Bhne gelangt. Jetzt erst dachte ich wieder
an die anderen, die mitzuspielen hatten, und es fiel mir ein, da ich
noch niemanden auer Herrn von Umprecht, seinen Kindern und der
Frsterstochter gesehen hatte. Nun hrte ich die laute Stimme des
Regisseurs und das Lachen der jungen Komtessa Saima. Die Bnke waren
alle besetzt, der Freiherr sa in einer der vordersten Reihen und sprach
mit der Grfin Saima. Das Orchester fing an zu spielen, dann trat die
Frsterstochter vor und sprach den Prolog, der das Stck einleitete. Den
Inhalt des Ganzen bildete das Schicksal eines Mannes, der, ergriffen von
einer pltzlichen Sehnsucht nach Abenteuern und Fernen, die Seinen ohne
Abschied verlt und im Verlaufe eines Tages so viel Schmerzliches und
Widriges erlebt, da er wieder zurckzukehren gedenkt, ehe Frau und
Kinder ihn vermit haben; aber ein letztes Abenteuer auf dem Rckweg,
nahe der Tr seines Hauses, hat seine Ermordung zur Folge, und nur mehr
sterbend kann er die Verlassenen begren, die seiner Flucht und seinem
Tod als den unlsbarsten Rtseln gegenberstehen.

Das Spiel hatte begonnen, Herren und Damen sprachen ihre Rollen
angenehm; ich erfreute mich an der einfachen Darstellung der einfachen
Vorgnge und dachte im Anfang nicht mehr an die Erzhlung des Herrn von
Umprecht. Nach dem ersten Akt spielte das Orchester wieder, aber
niemand hrte darauf, so lebhaft war das Geplauder auf den Bnken. Ich
selbst sa nicht, sondern stand, ungesehen von den anderen, der Bhne
ziemlich nahe, auf der linken Seite, wo der Weg sich frei dem Tale zu
senkte. Der zweite Akt begann; der Wind war etwas strker geworden, und
die flackernde Beleuchtung trug zu der Wirkung des Stckes nicht wenig
bei. Wieder verschwanden die Darsteller im Wald, und das Orchester
setzte ein. Da fiel mein Blick ganz zufllig auf den Fltisten, der eine
Brille trug und glatt rasiert war; aber er hatte lange weie Haare, und
von einem Schal war nichts zu sehen. Das Orchesterspiel schlo, die
Darsteller traten wieder auf die Szene. Da merkte ich, da der
Fltenspieler, der sein Instrument vor sich hin auf das Pult gelegt
hatte, in seine Tasche griff, einen groen grnen Schal hervorzog und
ihn um den Hals wickelte. Ich war im allerhchsten Grade befremdet. In
der nchsten Sekunde trat Herr von Umprecht auf; ich sah, wie sein Blick
pltzlich auf dem Fltisten haften blieb, wie er den grnen Schal
bemerkte und einen Augenblick stockte; aber rasch hatte er sich wieder
gefat und sprach seine Rolle unbeirrt weiter. Ich fragte einen jungen,
einfach gekleideten Burschen neben mir, ob er den Fltisten kenne, und
erfuhr von ihm, da jener ein Schullehrer aus Kaltern war. Das Spiel
ging weiter, der Schlu nahte heran. Die zwei Kinder irrten, wie es
vorgeschrieben war, ber die Bhne, Lrm im Walde drang nher und nher,
man hrte schreien und rufen; es machte sich nicht bel, da der Wind
strker wurde und die Zweige sich bewegten; endlich trug man Herrn von
Umprecht als sterbenden Abenteurer auf der Bahre herein. Die beiden
Kinder strzten herbei, die Fackeltrger standen regungslos zur Seite.
Die Frau trat spter auf als die anderen, und mit angstvoll verzerrtem
Blick sinkt sie an der Seite des Gemordeten nieder; dieser will die
Lippen noch einmal ffnen, versucht, sich zu erheben, aber -- wie es in
der Rolle vorgeschrieben -- es gelingt ihm nicht mehr. Da kommt mit einem
Mal ein ungeheurer Windsto, da die Fackeln zu verlschen drohen; ich
sehe, wie einer im Orchester aufspringt -- es ist der Fltenspieler -- zu
meinem Erstaunen ist er kahl, seine Percke ist ihm davongeflogen; mit
erhobenen Hnden, den grnen flatternden Schal um den Hals, strzt er
der Bhne zu. Unwillkrlich richte ich mein Auge auf Umprecht; seine
Blicke sind starr, wie verzckt auf den Mann gerichtet; er will etwas
reden -- er vermag es offenbar nicht -- er sinkt zurck ... Noch meinen
viele, da dies alles zum Stcke gehre; ich selbst bin nicht sicher,
wie dieses erneute Niedersinken zu deuten ist; indes ist der Mann an der
Bahre vorber, immer noch seiner Percke nach, und verschwindet im Wald.
Umprecht erhebt sich nicht; ein neuer Windsto lt eine der beiden
Fackeln verlschen; einige Menschen ganz vorne werden unruhig -- ich hre
die Stimme des Freiherrn: Ruhe! Ruhe! -- es wird wieder stille -- auch
der Wind regt sich nicht mehr ... aber Umprecht bleibt ausgestreckt
liegen, rhrt sich nicht und bewegt nicht die Lippen. Die Komtesse Saima
schreit auf -- natrlich glauben die Leute, auch dies sei im Stck so
vorgeschrieben. Ich aber drnge mich durch die Menschen, strze auf die
Bhne, hre, wie es hinter mir unruhig wird -- die Leute erheben sich,
andere folgen mir, die Bahre ist umringt ... Was gibt's, was ist
geschehen? ... Ich reie einem Fackeltrger seine Fackel aus der Hand,
beleuchte das Antlitz des Liegenden ... Ich rttle ihn, reie ihm das
Wams auf; indes ist der Arzt an meine Seite gelangt, er fhlt nach dem
Herzen Umprechts, er greift seinen Puls, er wnscht, da alles zur Seite
trete, er flstert dem Freiherrn ein paar Worte zu ... die Frau des
Aufgebahrten hat sich hinaufgedrngt, sie schreit auf, wirft sich ber
ihren Mann, die Kinder stehen wie vernichtet da und knnen es nicht
fassen ... Niemand will es glauben, was geschehen, und doch teilt es
einer dem andern mit; -- und eine Minute spter wei man es rings in der
Runde, da Herr von Umprecht auf der Bahre, auf der man ihn
hineingetragen, pltzlich gestorben ist ...

Ich selbst bin am selben Abend noch ins Tal hinuntergeeilt, von
Entsetzen geschttelt. In einem sonderbaren Grauen habe ich mich nicht
entschlieen knnen, das Schlo wieder zu betreten. Den Freiherrn sprach
ich am Tag darauf in Bozen; dort erzhlte ich ihm die Geschichte
Umprechts, wie sie mir von ihm selbst mitgeteilt worden war. Der
Freiherr wollte sie nicht glauben, ich griff in meine Brieftasche und
zeigte ihm das geheimnisvolle Blatt; er sah mich befremdet, ja angstvoll
an und gab mir das Blatt zurck -- es war wei, unbeschrieben,
unbezeichnet ...

Ich habe Versuche gemacht, Marco Polo aufzufinden; aber das einzige, was
ich von ihm erfahren konnte, war, da er vor drei Jahren zum letztenmal
in einem Hamburger Vergngungsetablissement niederen Ranges aufgetreten
ist.

Was aber unter allem diesem Unbegreiflichen das unbegreiflichste bleibt,
ist der Umstand, da der Schullehrer, der damals seiner Percke mit
erhobenen Hnden nachlief und im Walde verschwand, niemals
wiedergesehen, ja da nicht einmal sein Leichnam aufgefunden wurde.

       *       *       *       *       *


Nachwort des Herausgebers

Den Verfasser des vorstehenden Berichtes habe ich persnlich nicht
gekannt. Er war zu seiner Zeit ein ziemlich bekannter Schriftsteller,
aber so gut wie verschollen, als er, kaum sechzig Jahre alt, vor etwa
zehn Jahren starb. Sein gesamter Nachla ging, ohne besondere
Bestimmung, an den in diesen Blttern genannten Meraner Jugendfreund
ber. Von diesem wieder, einem Arzt, mit dem ich mich anllich eines
Aufenthaltes in Meran im vorigen Winter zuweilen ber allerlei dunkle
Fragen, insbesondere ber Geisterseherei, Wirkung in die Ferne und
Weissagekunst unterhalten hatte, wurde mir das hier abgedruckte
Manuskript zur Verffentlichung bergeben. Gern mchte ich dessen Inhalt
fr eine frei erfundene Erzhlung halten, wenn nicht der Arzt, wie auch
aus dem Bericht hervorgeht, der am Schlu geschilderten
Theatervorstellung mit ihrem seltsamen Ausgang beigewohnt und den in so
rtselhafter Weise verschwundenen Schullehrer persnlich gekannt htte.
Was aber den Zauberer Marco Polo anlangt, so erinnere ich mich noch sehr
wohl, als ganz junger Mensch in einer Sommerfrische am Wrther See
seinen Namen auf einem Plakat gedruckt gesehen zu haben; er blieb mir im
Gedchtnis, weil ich gerade zu dieser Zeit im Begriffe war, die
Reisebeschreibung des berhmten Weltfahrers gleichen Namens zu lesen.




Das neue Lied


Ich bin nicht schuld daran, Herr von Breiteneder ... bitte sehr, das
kann keiner sagen! Karl Breiteneder hrte diese Worte wie von fern an
sein Ohr schlagen und wute doch ganz genau, da der, der sie sprach,
neben ihm einherging -- ja er sprte sogar den Weindunst, in den diese
Worte gehllt waren. Aber er erwiderte nichts. Es war ihm unmglich,
sich in Auseinandersetzungen einzulassen; er war zu mde und zerrttet
von dem furchtbaren Erlebnis dieser Nacht, und es verlangte ihn nur nach
Alleinsein und frischer Luft. Darum war er auch nicht nach Hause
gegangen, sondern lieber im Morgenwind die menschenleere Strae
weiterspaziert, ins Freie hinaus, den bewaldeten Hgeln entgegen, die
drben aus leichten Mainebeln hervorstiegen. Aber ein Schauer nach dem
anderen durchlief ihn vom Kopf bis zu den Fen, und er sprte nichts
von der wohligen Frische, die ihn sonst nach durchwachten Nchten in der
Frhluft zu durchrieseln pflegte. Er hatte immer das entsetzliche Bild
vor Augen, dem er entflohen war.

Der Mann neben ihm mute ihn eben erst eingeholt haben. Was wollte denn
der von ihm?... warum verteidigte er sich?... und warum gerade vor
ihm?... Er hatte doch nicht daran gedacht, dem alten Rebay einen lauten
Vorwurf zu machen, wenn er auch sehr gut wute, da der die Hauptschuld
trug an dem, was geschehen war. Jetzt sah er ihn von der Seite an. Wie
schaute der Mensch aus! Der schwarze Gehrock war zerdrckt und fleckig,
ein Knopf fehlte, die andern waren an den Rndern ausgefranst; in einem
Knopfloch steckte ein Stengel mit einer abgestorbenen Blte. Gestern
abend hatte Karl die Blume noch frisch gesehen. Mit dieser selben Nelke
geschmckt, war der Kapellmeister Rebay an einem klappernden Pianino
gesessen und hatte die Musik zu smtlichen Produktionen der Gesellschaft
Ladenbauer besorgt, wie er es seit bald dreiig Jahren tat. Das kleine
Wirtshaus war ganz voll gewesen, bis in den Garten hinaus standen die
Tische und Sthle, denn heute war, wie es mit schwarzen und roten
Buchstaben auf groen, gelben Zetteln zu lesen stand: Erstes
Wiederauftreten des Frulein Maria Ladenbauer, genannt die 'weie
Amsel', nach ihrer Genesung von schwerem Leiden.

Karl atmete tief auf. Es war ganz licht geworden, er und der
Kapellmeister waren lngst nicht mehr die einzigen auf der Strae.
Hinter ihnen, auch von Seitenwegen, ja sogar von oben aus dem Walde,
ihnen entgegen, kamen Spaziergnger. Jetzt erst fiel es Karl ein, da
heute Sonntag war. Er war froh, da er keinerlei Verpflichtung hatte, in
die Stadt zu gehen, obzwar ihm ja sein Vater auch diesmal einen
versumten Wochentag nachgesehen htte, wie er es schon oft getan. Das
alte Drechslergeschft in der Alserstrae ging vorlufig auch ohne ihn,
und der Vater wute aus Erfahrung, da sich die Breiteneders bisher noch
immer zur rechten Zeit zu einem soliden Lebenswandel entschlossen
hatten. Die Geschichte mit Marie Ladenbauer war ihm allerdings nie ganz
recht gewesen. Du kannst ja machen, was du willst, hatte er einmal
milde zu Karl gesagt, ich bin auch einmal jung gewesen ... aber in den
Familien von meine Mdeln hab ich doch nie verkehrt! Da hab ich doch
immer zuviel auf mich gehalten.

Htte er auf den Vater gehrt -- dachte Karl jetzt -- so wre ihm
mancherlei erspart geblieben. Aber er hatte die Marie sehr gern gehabt.
Sie war ein gutmtiges Geschpf, hing an ihm, ohne viel Worte zu machen,
und wenn sie Arm in Arm mit ihm spazieren ging, htte sie keiner fr
eine gehalten, die schon so manches erlebt hatte. brigens ging es bei
ihren Eltern so anstndig zu wie in einem brgerlichen Hause. Die
Wohnung war nett gehalten, auf der Etagere standen Bcher; fters kam
der Bruder des alten Ladenbauer zu Besuch, der als Beamter beim
Magistrat angestellt war, und dann wurde ber sehr ernste Dinge geredet:
Politik, Wahlen und Gemeindewesen. Am Sonntag spielte Karl oben manchmal
Tarock; mit dem alten Ladenbauer und mit dem verrckten Jedek,
demselben, der abends im Klownkostm auf Glser- und Tellerrndern
Walzer und Mrsche exekutierte; und wenn er gewann, bekam er sein Geld
ohne weiteres ausbezahlt, was ihm in seinem Kaffeehaus durchaus nicht so
regelmig passierte. In der Nische am Fenster, vor dem Glasbilder mit
Schweizer Landschaften hingen, sa die blasse lange Frau Jedek, die
abends in der Vorstellung langweilige Gedichte vortrug, plauderte mit
der Marie und nickte dazu beinahe ununterbrochen. Marie sah aber zu Karl
herber, grte ihn scherzend mit der Hand oder setzte sich zu ihm und
schaute ihm in die Karten. Ihr Bruder war in einem groen Geschft
angestellt, und wenn ihm Karl eine Zigarre gab, so revanchierte er sich
sofort. Auch brachte er seiner Schwester, die er sehr verehrte, zuweilen
von einem Stadtzuckerbcker etwas zum Naschen mit. Und wenn er sich
empfahl, sagte er mit halbgeschlossenen Augen: Leider da ich
anderweitig versagt bin ... -- Freilich, am liebsten war Karl mit Marie
allein. Und er dachte an einen Morgen, an dem er mit ihr denselben Weg
gegangen war, den er jetzt ging, dem leise rauschenden Wald entgegen,
der dort oben auf dem Hgel anfing. Sie waren beide mde gewesen, denn
sie kamen geradeswegs aus dem Kaffeehaus, wo sie bis zum Morgengrauen
mit der ganzen Volkssngergesellschaft zusammengesessen waren; nun
legten sie sich unter eine Buche am Rand eines Wiesenhanges und
schliefen ein. Erst in der heien Stille des Sommermittags wachten sie
auf, gingen noch weiter hinein in den Wald, plauderten und lachten den
ganzen Tag, ohne zu wissen warum, und erst spt abends zur Vorstellung
brachte er sie wieder in die Stadt ... So schne Erinnerungen gab es
manche, und die beiden lebten sehr vergngt, ohne an die Zukunft zu
denken. Zu Beginn des Winters erkrankte Marie pltzlich. Der Doktor
hatte jeden Besuch strenge verboten, denn die Krankheit war eine
Gehirnentzndung oder so etwas hnliches, und jede Aufregung sollte
vermieden werden. Karl ging anfangs tglich zu den Ladenbauers, sich
erkundigen; spter aber, als die Sache sich lnger hinzog, nur jeden
zweiten und dritten Tag. Einmal sagte ihm Frau Ladenbauer an der Tre:
Also heut drfen Sie schon hineinkommen, Herr von Breiteneder. Aber
bitt schn, da Sie sich nicht verraten. -- Warum soll denn ich mich
verraten? fragte Karl, was ist denn g'schehn? -- Ja, mit den Augen
ist leider keine Hilfe mehr. -- Wieso denn? -- Sie sieht halt nichts
mehr ..., das ist ihr leider Gottes von der Krankheit zurckgeblieben.
Aber sie wei noch nicht, da es unheilbar ist ... Nehmen Sie sich
zusammen, da sie nichts merkt. Da stammelte Karl nur ein paar Worte
und ging. Er hatte pltzlich Angst, Marie wiederzusehen. Es war ihm, als
htte er nichts an ihr so gern gehabt, als ihre Augen, die so hell
gewesen waren und mit denen sie immer gelacht hatte. Er wollte morgen
kommen. Aber er kam nicht, nicht am nchsten und nicht am bernchsten
Tage. Und immer weiter schob er den Besuch hinaus. Er wollte sie erst
wiedersehen, nahm er sich vor, bis sie sich selbst in ihr Schicksal
gefunden haben konnte. Dann fgte es sich, da er eine Geschftsreise
antreten mute, auf die der Vater schon lange gedrungen hatte. Er kam
weit herum, war in Berlin, Dresden, Kln, Leipzig, Prag. Einmal schrieb
er an die alte Frau Ladenbauer eine Karte, in der stand: Gleich nach
seiner Rckkehr wrde er hinaufkommen, und er liee die Marie schn
gren. -- Im Frhjahr kam er zurck; aber zu den Ladenbauers ging er
nicht. Er konnte sich nicht entschlieen ... Natrlich dachte er auch
von Tag zu Tag weniger an sie und nahm sich vor, sie ganz zu vergessen.
Er war ja nicht der erste und nicht der einzige gewesen. Er hrte auch
gar nichts von ihr, beruhigte sich mehr und mehr, und aus irgendeinem
Grunde bildete er sich manchmal ein, da Marie auf dem Land bei
Verwandten lebte, von denen er sie manchmal sprechen gehrt hatte.

Da fhrte ihn gestern abends -- er wollte Bekannte besuchen, die in der
Nhe wohnten -- der Zufall an dem Wirtshaus vorber, wo die Vorstellungen
der Gesellschaft Ladenbauer stattzufinden pflegten. Ganz in Gedanken
wollte er schon vorbergehen, da fiel ihm das gelbe Plakat ins Auge, er
wute, wo er war, und ein Stich ging ihm durchs Herz, bevor er ein Wort
gelesen hatte. Aber dann, wie er es mit schwarzen und roten Buchstaben
vor sich sah: Erstes Auftreten der Maria Ladenbauer, genannt die 'weie
Amsel', nach ihrer Genesung, da blieb er wie gelhmt stehen. Und in
diesem Augenblick stand der Rebay neben ihm, wie aus dem Boden
gewachsen: den weien Strubbelkopf unbedeckt, den schbigen schwarzen
Zylinder in der Hand und mit einer frischen Blume im Knopfloch. Er
begrte Karl: Der Herr Breiteneder -- nein, so was! Nicht wahr,
beehren uns heute wieder! Die Frul'n Marie wird ja ganz weg sein vor
Freud, wenn sie hrt, da sich die frhern Freund' doch noch um sie
umschaun. Das arme Ding! Viel haben wir mit ihr ausg'standen, Herr von
Breiteneder; aber jetzt hat sie sich verfangt. Er redete noch eine
ganze Menge, und Karl rhrte sich nicht, obwohl er am liebsten weit
fortgewesen wre. Aber pltzlich regte sich eine Hoffnung in ihm, und er
fragte den Rebay, ob denn die Marie gar nichts sehe -- ob sie nicht doch
wenigstens einen Schein habe. Einen Schein? erwiderte der andere. Was
fllt Ihnen denn ein, Herr von Breiteneder!... Nichts sieht sie, gar
nichts! Er rief es mit seltsamer Frhlichkeit. Alles kohlrabenschwarz
vor ihr ... Aber werden sich schon berzeugen, Herr von Breiteneder, hat
alles seine guten Seiten, wenn man so sagen darf -- und eine Stimme hat
das Mdel, schner als je!... Na, Sie werden ja sehn, Herr von
Breiteneder. -- Und gut is sie -- seelengut! Noch viel freundlicher, als
sie eh schon war. Na, Sie kennen sie ja -- haha! -- Ah, es kommen heut
mehrere, die sie kennen ... natrlich nicht so gut wie Sie, Herr von
Breiteneder; denn jetzt ist es natrlich vorbei mit die gewissen
G'schichten. Aber das wird auch schon wieder kommen! Ich hab eine
gekannt, die war blind und hat Zwillinge gekriegt -- haha! -- Schauen S',
wer da is, sagte er pltzlich, und Karl stand mit ihm vor der Kassa, an
der Frau Ladenbauer sa. Sie war aufgedunsen und bleich und sah ihn an,
ohne ein Wort zu sagen. Sie gab ihm ein Billett, er zahlte, wute kaum,
was mit ihm geschah. Pltzlich aber stie er hervor: Nicht der Marie
sagen, um Gottes willen, Frau Ladenbauer ... nichts der Marie sagen, da
ich da bin!... Herr Rebay, nichts ihr sagen!

Is schon gut, sagte Frau Ladenbauer und beschftigte sich mit anderen
Leuten, die Billette verlangten.

Von mir kein Wrterl, sagte Rebay. Aber nachher, das wird eine
berraschung sein! Da kommen S' doch mit? Groes Fest -- hoho! Habe die
Ehre, Herr von Breiteneder. Und er war verschwunden. Karl durchschritt
den gefllten Saal, und im Garten, der sich ohne weiteres anschlo,
setzte er sich ganz hinten an einen Tisch, wo vor ihm schon zwei alte
Leute Platz genommen hatten, eine Frau und ein Mann. Sie sprachen nichts
miteinander, betrachteten stumm den neuen Gast, und nickten einander
traurig zu. Karl sa da und wartete. Die Vorstellung begann, und Karl
hrte die altbekannten Sachen wieder. Nur schien ihm alles eigentmlich
verndert, weil er noch nie so weit vom Podium gesessen war. Zuerst
spielte der Kapellmeister Rebay eine sogenannte Ouvertre, von der zu
Karl nur vereinzelte harte Akkorde drangen, dann trat als erste die
Ungarin Ilka auf, in hellrotem Kleid, mit gespornten Stiefeln, sang
ungarische Lieder und tanzte Tschardas. Hierauf folgte ein
humoristischer Vortrag des Komikers Wiegel-Wagel; er trat im
zeisiggrnen Frack auf, teilte mit, da er soeben aus Afrika angekommen
wre, und berichtete allerlei unsinnige Abenteuer, deren Abschlu seine
Hochzeit mit einer alten Witwe bildete. Dann kam ein Duett zwischen
Herrn und Frau Ladenbauer; beide trugen Tiroler Kostm. Nach ihnen, in
schmutziger weier Klowntracht, folgte der nrrische kleine Jedek,
zeigte zuerst seine Jongleurknste, irrte mit riesigen Augen unter den
Leuten umher, als wenn er jemanden suchte; dann stellte er Teller in
Reihen vor sich auf, hmmerte mit einem Holzstab einen Marsch darauf,
ordnete Glser und spielte auf den Rndern mit feuchten Fingern eine
wehmtige Walzermelodie. Dabei sah er zur Decke auf und lchelte selig.
Er trat ab, und Rebay hieb wieder auf die Tasten ein, in festlichen
Klngen. Ein Flstern drang vom Saal in den Garten, die Leute steckten
die Kpfe zusammen, und pltzlich stand Marie auf dem Podium. Der
Vater, der sie hinaufgefhrt hatte, war gleich wieder wie hinabgetaucht;
und sie stand allein. Und Karl sah sie oben stehen, mit den erloschenen
Augen in dem sen blassen Gesicht; er sah ganz deutlich, wie sie zuerst
nur die Lippen bewegte und ein bichen lchelte. Ohne es selbst zu
merken war er vom Sessel aufgesprungen, lehnte an der grnen Laterne und
htte beinah aufgeschrien vor Mitleid und Angst. -- Und nun fing sie an
zu singen. Mit einer ganz fremden Stimme, leise, viel leiser als frher.
Es war ein Lied, das sie immer gesungen, und das Karl mindestens
fnfzigmal gehrt hatte, aber die Stimme blieb ihm seltsam fremd, und
erst als der Refrain kam Mich heiens' die weie Amsel, im G'schft und
auch zu Haus, glaubte er, den Klang der Stimme wiederzuerkennen. Sie
sang alle drei Strophen, Rebay begleitete sie, und nach seiner
Gewohnheit blickte er fters streng zu ihr auf. Als sie zu Ende war,
setzte Applaus ein, laut und donnernd. Marie lchelte und verbeugte
sich. Die Mutter kam die drei Stufen aufs Podium hinauf, Marie griff mit
den Armen in die Luft, als suchte sie die Hnde der Mutter, aber der
Applaus war so stark, da sie gleich ihr zweites Lied singen mute, das
Karl auch schon an die fnfzigmal gehrt hatte. Es fing an: Heut geh
ich mit mein Schatz aufs Land ..., und Marie warf den Kopf so vergngt
in die Hhe, wiegte sich so leicht hin und her, als wenn sie wirklich
mit ihrem Schatz aufs Land gehen, den blauen Himmel, die grnen Wiesen
sehen und im Freien tanzen knnte, wie sie's in dem Lied erzhlte. Und
dann sang sie das dritte, das neue Lied. --

Hier wre ein kleines Garterl, sagte Herr Rebay, und Karl fuhr
zusammen. Es war heller Sonnenschein; weit erglnzte die Strae, ringsum
war es licht und lebendig. Da knnt' man sich hineinsetzen, fuhr Rebay
fort, auf ein Glas Wein; ich hab schon einen argen Durst -- es wird ein
heier Tag.

Ob's hei wird! sagte irgendwer hinter ihnen. Breiteneder wandte sich
um ... Wie, der war ihm auch nachgelaufen?... Was wollte denn der von
ihm?... Es war der nrrische Jedek; man hatte ihn nie anders geheien,
aber es war zweifellos, da er in der nchsten Zeit ernstlich und
vollkommen verrckt werden mute. Vor ein paar Tagen hatte er seine
lange blasse Frau am Leben bedroht, und es war rtselhaft, da man ihn
frei herumlaufen lie. Jetzt schlich er in seiner zwerghaften Kleinheit
neben Karl einher; aus dem gelblichen Gesichte glotzten aufgerissene,
unerklrlich lustige Augen ins Weite, auf dem Kopf sa ihm das
stadtbekannte, graue weiche Htel mit der verschlissenen Feder, in der
Hand hielt er ein dnnes Spazierstaberl. Und nun, den andern pltzlich
voraus, war er in das kleine Gasthausgrtchen hineingehpft, hatte auf
einer Holzbank, die an dem niederen Huschen lehnte, Platz genommen,
schlug mit dem Spazierstock heftig auf den grngestrichnen Tisch und
rief nach dem Kellner. Die beiden anderen folgten ihm. Lngs des grnen
Holzgitters zog die weie Strae weiter nach oben, an kleinen, traurigen
Villen vorbei, und verlor sich in den Wald.

Der Kellner brachte Wein. Rebay legte den Zylinder auf den Tisch, fuhr
sich durch das weie Haar, rieb sich dann mit beiden Hnden nach seiner
Gewohnheit die glatten Wangen, schob Jedeks Glas beiseite, und beugte
sich ber den Tisch zu Karl hin. Ich bin doch nicht auf'n Kopf
g'fallen, Herr von Breiteneder! Ich wei doch, was ich tu!... Warum soll
denn ich schuld sein?... Wissen S', fr wen ich Couplets geschrieben hab
in meinen jngeren Jahren?... Fr'n Matras! Das ist keine Kleinigkeit!
Und haben Aufsehen gemacht! Text und Musik von mir! Und viele sind in
andere Stck' eingelegt worden!

Lassen S' das Glas stehn, sagte Jedek und kicherte in sich hinein.

Ich bitte, Herr von Breiteneder, fuhr Rebay fort und schob das Glas
wieder von sich. Sie kennen mich doch, und Sie wissen, da ich ein
anstndiger Mensch bin! Auch gibt's in meinen Couplets niemals eine
Unanstndigkeit, niemals eine Zote!... Und das Couplet, wegen dem der
alte Ladenbauer damals is verurteilt worden, war von einem andern!...
Und heut bin ich achtundsechzig, Herr von Breiteneder -- das ist ein
Numero! Und wissen S', wie lang ich bei der G'sellschaft Ladenbauer
bin?... Da hat der Eduard Ladenbauer noch gelebt, der die G'sellschaft
gegrndet hat. Und die Marie kenn ich von ihrer Geburt an.
Neunundzwanzig Jahr bin ich bei die Ladenbauers -- im nchsten Mrz hab
ich Jubilum ... Und ich hab meine Melodien nicht g'stohlen -- sie sind
von mir, alles von mir! Und wissen Sie, wieviel man in der Zeit auf die
Werkeln g'spielt hat?... Achtzehn! Net wahr, Jedek?...

Jedek lachte immerfort lautlos, mit aufgerissenen Augen. Jetzt hatte er
alle drei Glser vor seinen Platz hingeschoben und begann mit seinen
Fingern leicht ber die Rnder zu streichen. Es klang fein, ein bichen
rhrend, wie ferne Oboen- und Klarinettentne. Breiteneder hatte diese
Kunstfertigkeit immer sehr bewundert, aber in diesem Augenblick vertrug
er die Klnge durchaus nicht. An den andern Tischen hrte man zu; einige
Leute nickten befriedigt, ein dicker Herr patschte in die Hnde.
Pltzlich schob Jedek alle drei Glser wieder fort, kreuzte die Arme und
starrte auf die weie Strae, ber die immer mehr und mehr Menschen
aufwrts dem Wald entgegenwanderten. Karl flimmerte es vor den Augen,
und es war ihm, als wenn die Leute hinter Spinneweben tnzelten und
schwebten. Er rieb sich die Stirn und die Lider, er wollte zu sich
kommen. Er konnte ja nichts dafr! Es war ein schreckliches Unglck --
aber er hatte doch nicht schuld daran! Und pltzlich stand er auf, denn
als er an das Ende dachte, wollte es ihm die Brust zersprengen. Gehen
wir, sagte er.

Ja, frische Luft ist die Hauptsache, entgegnete Rebay.

Jedek war pltzlich bse geworden, kein Mensch wute, warum. Er stellte
sich vor einen Tisch hin, an dem ein friedliches Paar sa, fuchtelte mit
seinem Spazierstaberl herum und schrie mit hoher Stimme: Da soll der
Teufel ein Glaserer werden -- Himmelsackerment! Die beiden friedlichen
Leute wurden verlegen und wollten ihn beschwichtigen; die brigen
lachten und hielten ihn fr betrunken.

Breiteneder und Rebay waren schon auf der weien Strae, und Jedek,
wieder ganz ruhig geworden, kam ihnen nachgetnzelt. Er nahm sein graues
Htel ab, hing es an seinen Spazierstock und hielt den Stock mit dem Hut
ber die Schultern wie ein Gewehr, whrend er mit der anderen Hand
gewaltige grende Bewegungen zum Himmel empor vollfhrte.

Sie brauchen nicht zu glauben, da ich mich entschuldigen will, sagte
Rebay mit klappernden Zhnen. Oho, hab gar keine Ursache! Durchaus
nicht! Ich hab die beste Absicht gehabt, und jedermann wird es mir
zugestehen. Hab ich denn das Lied nicht selber mit ihr einstudiert?...
Bitte sehr, jawohl! Ja, noch wie sie mit den verbundenen Augen im Zimmer
gesessen is, hab ich's einstudiert mit ihr ... Und wissen S', wie ich
auf die Idee kommen bin? Es ist ein Unglck, hab ich mir gedacht, aber
es ist doch nicht alles verloren. Ihre Stimme hat sie noch, und ihr
schnes Gesicht ... Auch der Mutter hab ich's g'sagt, die ganz
verzweifelt war. Frau Ladenbauer, hab ich ihr gesagt, da ist noch nichts
verloren -- passen S' nur auf! Und dann, heutzutage, wo es diese
Blindeninstitute gibt, wo sie sogar mit der Zeit wieder lesen und
schreiben lernen ... Und dann hab ich einen gekannt -- einen jungen
Menschen, der ist mit zwanzig Jahren blind worden. Der hat jede Nacht
von die schnsten Feuerwerk getrumt, von alle mglichen Beleuchtungen
...

Breiteneder lachte auf. Reden S' im Ernst? fragte er ihn.

Ach was! entgegnete Rebay grob, was wollen Sie denn? Soll ich mich
umbringen, ich?... Warum denn? -- Meiner Seel, ich hab Unglck genug
gehabt auf der Welt! -- Oder meinen Sie, das ist ein Leben, Herr von
Breiteneder, wenn man einmal Theaterstck geschrieben hat, wie ich als
junger Mensch, und man ist mit achtundsechzig schlielich so weit, da
man auf einem elenden Klimperkasten fr schbige paar Kreuzer die
heisern Ludern begleiten mu, und ihnen die Couplets schreiben ...
Wissen S', was ich fr ein Couplet krieg'?... Sie mchten sich wundern,
Herr von Breiteneder!

Aber man spielt sie auf dem Werkel, sagte Jedek, der jetzt ganz ernst
und manierlich, ja elegant neben ihnen herging.

Was wollen denn Sie von mir? sagte Breiteneder. Es war ihm pltzlich,
als verfolgten ihn die beiden, und er wute nicht, warum. Was hatte er
mit den Leuten zu tun?... Rebay aber sprach weiter: Eine Existenz hab
ich dem Mdel grnden wollen!... Verstehen S', eine neue Existenz!...
Grad mit dem neuen Lied!... Grad mit dem!... Und ist es vielleicht nicht
schn?... Ist es nicht rhrend?...

Der kleine Jedek hielt pltzlich Breiteneder am Rockrmel zurck, erhob
den Zeigefinger der linken Hand, Aufmerksamkeit gebietend, spitzte die
Lippen und pfiff. Er pfiff die Melodie des neuen Liedes, das Marie
Ladenbauer, genannt die weie Amsel, heute nachts gesungen hatte. Er
pfiff sie geradezu vollendet; denn auch das gehrte zu seinen
Kunstfertigkeiten.

Die Melodie hat's nicht gemacht, sagte Breiteneder.

Wieso? schrie Rebay. -- Sie gingen alle rasch, liefen beinahe, trotzdem
der Weg betrchtlich anstieg. Wieso denn, Herr von Breiteneder?... Der
Text ist schuld, glauben S'?... Ja, um Gottes willen, steht denn in dem
Text was anderes, als was die Marie selbst gewut hat?... Und in ihrem
Zimmer, wie ich's ihr einstudiert hab, hat sie nicht ein einziges Mal
geweint. Sie hat g'sagt: Das ist ein trauriges Lied, Herr Rebay, aber
schn ist's!... Schn ist's, hat sie gesagt ... Ja freilich ist es
ein trauriges Lied, Herr von Breiteneder -- es ist ja auch ein trauriges
Los, was ihr zugestoen ist. Da kann ich ihr doch kein lustiges Lied
schreiben?...

Die Strae verlor sich in den Wald. Durch die ste schimmerte die
Sonne; aus den Bschen tnte Lachen, klangen Rufe. Sie gingen alle drei
nebeneinander, so schnell, als wollte einer dem andern davonlaufen.
Pltzlich fing Rebay wieder an: Und die Leut -- Kreuzdonnerwetter! --
haben sie nicht applaudiert wie verrckt?... Ich hab's ja im voraus
gewut, mit dem Lied wird sie einen Riesenerfolg haben! -- Und es hat ihr
auch eine Freud gemacht ... frmlich gelacht hat sie bers ganze
Gesicht, und die letzte Strophe hat sie wiederholen mssen. Und es ist
auch eine rhrende Strophe! wie sie mir eingefallen ist, sind mir selber
die Trnen ins Aug gekommen -- wissen S' wegen der Anspielung auf das
andere Lied, das sie immer singt... Und er sang, oder er sprach
vielmehr, nur da er die Reimworte immer herausstie wie einen Orgelton:
Wie wunderschn war es doch frher _auf der Welt_, -- Wo die Sonn' mir
hat g'schienen auf Wald und _auf Feld_, -- Wo i Sonntag mit mein' Schatz
spaziert bin aufs _Land_ -- Und er hat mich aus Lieb nur gefhrt bei der
_Hand_. -- Jetzt geht mir die Sonn' nimmer auf und die _Stern'_, -- Und
das Glck und die Liebe, die sind mir so _fern!_

Genug! schrie Breiteneder, ich hab's ja gehrt!

Ist's vielleicht nicht schn? sagte Rebay und schwang den Zylinder.
Es gibt nicht viele, die solche Couplets machen heutzutag. Fnf Gulden
hat mir der alte Ladenbauer gegeben ... das sind meine Honorare, Herr
von Breiteneder. Dabei hab ich's noch einstudiert mit ihr.

Und Jedek hob wieder den Zeigefinger und sang sehr leise den Refrain: O
Gott, wie bitter ist mir das geschehn -- Da ich nimmer soll den Frhling
sehn ...

Also _warum_, frag ich!... rief Rebay. Warum?... Gleich nachher war
ich doch bei ihr drin ... Ist nicht wahr, Jedek?... Und sie ist mit
einem glckseligen Lcheln dag'sessen, hat ihr Viertel Wein getrunken,
und ich hab ihr die Haar' gestreichelt und hab ihr g'sagt: Na, siehst
du, Marie, wie's den Leuten g'fallen hat? Jetzt werden gewi auch Leut'
aus der Stadt zu uns herauskommen; das Lied wird Aufsehen machen ... Und
singen tust du's prachtvoll ... Und so weiter, was man halt so red't,
bei solchen Gelegenheiten ... Und der Wirt ist auch hereingekommen und
hat ihr gratuliert. Und Blumen hat sie bekommen -- von Ihnen waren s'
nicht, Herr von Breiteneder ... Und alles war in bester Ordnung ...
Also, warum soll da mein Couplet schuld sein? Das ist ja ein Bldsinn!

Pltzlich blieb Breiteneder stehen und packte den Rebay bei den
Schultern. Warum haben S' ihr denn gesagt, da ich da bin?... Warum
denn?... Hab ich Sie nicht gebeten, da Sie's ihr nicht sagen sollen?

Lassen S' mich aus! Ich hab ihr nichts gesagt! Von der Alten wird sie's
gehrt haben!

Nein, sagte Jedek verbindlich und verbeugte sich, ich war so frei,
Herr von Breiteneder -- ich war so frei. Weil ich g'wut hab, Sie sein
da, hab ich ihr g'sagt, da Sie da sein. Und weil sie so oft nach Ihnen
g'fragt hat, whrend sie krank war, hab ich ihr g'sagt: 'Der Herr
Breiteneder is da ... hinten bei der Latern is er g'standen,' hab ich
ihr g'sagt, 'und hat sich groartig unterhalten!'

So? sagte Breiteneder. Es schnrte ihm die Kehle zu, und er mute die
Augen fortwenden von dem starren Blick, den Jedek auf ihn gerichtet
hielt. Ermattet lie er sich auf eine Bank nieder, an der sie eben
vorbeikamen, und schlo die Augen. Er sah sich pltzlich wieder im
Garten sitzen, und die Stimme der alten Frau Ladenbauer klang ihm im
Ohr: Die Marie lat Ihnen schn gren: ob Sie nicht mit uns mitkommen
mchten nach der Vorstellung? Er erinnerte sich, wie ihm da mit einem
Male zumute geworden war, so wunderbar wohl, als htte ihm die Marie
alles verziehen. Er trank seinen Wein aus und lie sich einen besseren
geben. Er trank so viel, da ihm das ganze Leben leichter vorkam.
Geradezu vergngt sah und hrte er den folgenden Produktionen zu,
klatschte wie die anderen Leute, und als die Vorstellung aus war, ging
er wohlgelaunt durch den Garten und den Saal ins Extrazimmer des
Wirtshauses, an den runden Ecktisch, wo sich die Gesellschaft nach der
Vorstellung gewhnlich versammelte. Einige saen schon da: der
Wiegel-Wagel, Jedek mit seiner Frau, irgendein Herr mit einer Brille,
den Karl gar nicht kannte -- alle begrten ihn und waren gar nicht
besonders erstaunt, ihn wiederzusehen. Pltzlich hrte er die Stimme der
Marie hinter sich: Ich find schon hin, Mutter, ich kenn' ja den Weg.
Er wagte nicht, sich umzuwenden, aber da sa sie schon neben ihm und
sagte: Guten Abend, Herr Breiteneder -- wie geht's Ihnen denn? Und in
diesem Augenblick erinnerte er sich auch, da sie seinerzeit zu
irgendeinem jungen Menschen, der frher einmal ihr Liebhaber gewesen
war, spter immer Sie und Herr gesagt hatte. Und dann a sie ihr
Nachtmahl; man hatte ihr alles vorgeschnitten hingesetzt, und die ganze
Gesellschaft war heiter und vergngt, als htte sich gar nichts
gendert. Gut is' gangen, sagte der alte Ladenbauer. Jetzt kommen
wieder bessere Zeiten. Frau Jedek erzhlte, da alle die Stimme der
Marie viel schner gefunden hatten als frher, und Herr Wiegel-Wagel
erhob sein Glas und rief: Auf das Wohl der Wiedergenesenen! Marie
hielt ihr Glas in die Luft, alle stieen mit ihr an, auch Karl rhrte
mit seinem Glas an das ihre. Da war ihm, als ob sie ihre toten Augen in
die seinen versenken wollte, und als knnte sie tief in ihn
hineinschauen. Auch der Bruder war da, sehr elegant gekleidet, und
offerierte Karl eine Zigarre. Am lustigsten war Ilka; ihr Verehrer, ein
junger dicker Mann mit angstvoller Stirn, sa ihr gegenber und
unterhielt sich lebhaft mit Herrn Ladenbauer. Frau Jedek aber hatte
ihren gelben Regenmantel nicht abgelegt und schaute in irgendeine Ecke,
wo nichts zu sehen war. Zwei oder dreimal kamen Leute von einem
benachbarten Tisch herber und gratulierten Marie; sie antwortete in
ihrer stillen Weise wie frher, als htte sich nicht das Allergeringste
verndert. Und pltzlich sagte sie zu Karl: Aber warum denn gar so
stumm? Jetzt erst merkte er, da er die ganze Zeit dagesessen war, ohne
den Mund aufzutun. Aber nun wurde er lebhafter als alle, beteiligte sich
an der Unterhaltung; nur an Marie richtete er kein Wort. Rebay erzhlte
von der schnen Zeit, da er Couplets fr Matras geschrieben hatte, trug
den Inhalt einer Posse vor, die er vor fnfunddreiig Jahren verfertigt
hatte, und spielte die Rollen selbst gewissermaen vor. Insbesondere als
bhmischer Musikant erregte er groe Heiterkeit. Um eins brach man auf.
Frau Ladenbauer nahm den Arm ihrer Tochter. Alle lachten, schrien ... es
war ganz sonderbar; keiner fand mehr etwas Besonderes daran, da um
Marie die Welt nun ganz finster war. Karl ging neben ihr. Die Mutter
fragte ihn harmlos nach allerlei: wie's zu Hause ginge, wie er sich auf
der Reise unterhalten htte, und Karl erzhlte hastig von allerlei
Dingen, die er gesehen, insbesondere von den Theatern und
Singspielhallen, die er besucht hatte, und wunderte sich nur immer, wie
sicher Marie ihren Weg ging, von der Mutter gefhrt, und wie ruhig und
heiter sie zuhrte. Dann saen sie alle im Kaffeehaus, einem alten,
rauchigen Lokal, das um diese Zeit schon ganz leer war; und der dicke
Freund der ungarischen Ilka hielt die Gesellschaft frei. Und nun, im
Lrm und Trubel ringsum, war Marie ganz nah an Karl gerckt, geradeso
wie manchmal in frherer Zeit, so da er die Wrme ihres Krpers sprte.
Und pltzlich fhlte er gar, wie sie seine Hand berhrte und
streichelte, ohne da sie ein Wort dazu sprach. Nun htte er so gern
etwas zu ihr gesagt ... irgend was Liebes, Trstendes -- aber er konnte
nicht ... Er schaute sie von der Seite an, und wieder war ihm, als she
ihn aus ihren Augen etwas an; aber nicht ein Menschenblick, sondern
etwas Unheimliches, Fremdes, das er frher nicht gekannt -- und es
erfate ihn ein Grauen, als wenn ein Gespenst neben ihm se ... Ihre
Hand bebte und entfernte sich sachte von der seinen, und sie sagte
leise: Warum hast du denn Angst? Ich bin ja dieselbe. Er vermochte
wieder nicht zu antworten und redete gleich mit den anderen. Nach
einiger Zeit rief pltzlich eine Stimme: Wo ist denn die Marie? Es war
die Frau Ladenbauer. Nun fiel allen auf, da Marie verschwunden war. Wo
ist denn die Marie? riefen andere. Einige standen auf, der alte
Ladenbauer stand an der Tr des Kaffeehauses und rief auf die Strae
hinaus: Marie! Alle waren aufgeregt, redeten durcheinander. Einer
sagte: Aber wie kann man denn so ein Geschpf berhaupt allein
aufstehen und fortgehen lassen? Pltzlich drang ein Ruf aus dem Hof des
Hauses herein: Bringt's Kerzen!... Bringt's Laternen! Und eine schrie:
Jesus Maria! Das war wieder die Stimme der alten Frau Ladenbauer.
Alle strzten durch die kleine Kaffeehauskche in den Hof. Die
Dmmerung kam schon ber die Dcher geschlichen. Um den Hof des
einstckigen alten Hauses lief ein Holzgang, an der Brstung oben lehnte
ein Mann in Hemdrmeln, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand,
und schaute herunter. Zwei Weiber im Nachtkleid erschienen hinter ihm,
ein anderer Mann rannte ber die knarrende Stiege herunter. Das war es,
was Karl zuerst sah. Dann sah er irgend etwas vor seinen Augen
schimmern, jemand hielt einen weien Spitzenschal in die Hhe und lie
ihn wieder fallen. Er hrte Worte neben sich: Es hilft ja nichts mehr
... sie rhrt sich nimmer ... Holt's doch einen Doktor!... Was ist denn
mit der Rettungsgesellschaft?... Ein Wachmann! Ein Wachmann!... Alle
flsterten durcheinander, einige eilten auf die Strae hinaus, der einen
Gestalt folgte Karl unwillkrlich mit den Augen; es war die lange Frau
Jedek in dem gelben Mantel, sie hielt beide Hnde verzweifelt an die
Stirn, lief davon und kam nicht zurck ... Hinter Karl drngten Leute.
Er mute mit den Ellbogen nach rckwrts stoen, um nicht ber die Frau
Ladenbauer zu strzen, die auf der Erde kniete, Mariens beide Hnde in
ihrer Hand hielt, sie hin und her bewegte und dazu schrie: So red
doch!... so red doch!... Jetzt kam endlich einer mit einer Laterne, der
Hausbesorger, in einem braunen Schlafrock und in Schlappschuhen; er
leuchtete der Liegenden ins Gesicht. Dann sagte er: Aber so ein
Malheur! Und grad da am Brunnen mu sie mit'm Kopf aufg'fallen sein.
Und nun sah Karl, da Marie neben der steinernen Umfassung des Brunnens
ausgestreckt lag. Pltzlich meldete sich der Mann in Hemdrmeln auf dem
Gange: Ich hab was poltern gehrt, es ist noch keine fnf Minuten! Und
alle sahen zu ihm hinauf, aber er wiederholte nur immer: Es sind noch
keine fnf Minuten, da hab ich's poltern gehrt ... -- Wie hat sie denn
nur heraufg'funden? flsterte jemand hinter Karl. Aber bitt' Sie,
erwiderte ein anderer, das Haus ist ihr doch bekannt; da hat sie sich
durch die Kche halt herausgetastet, dann hinauf ber die Holzstiegen,
und dann ber die Brstung hinunter -- is ja net so schwer! So flsterte
es rings um Karl, aber er kannte nicht einmal die Stimmen, obwohl es
sicher lauter Bekannte waren, die redeten; und er wandte sich auch nicht
um. Irgendwo in der Nachbarschaft krhte ein Hahn. Karl war es zumut wie
in einem Traum. Der Hausmeister stellte die Laterne auf die Umfassung
des Brunnens; die Mutter schrie: Kommt denn nicht bald ein Doktor?
Der alte Ladenbauer hob den Kopf der Marie in die Hhe, so da das Licht
der Laterne ihr gerade ins Gesicht schien. Nun sah Karl deutlich, wie
die Nasenflgel sich regten, die Lippen zuckten und wie die offenen
toten Augen ihn geradeso anschauten, wie frher. Er sah jetzt auch, da
es an der Stelle, von der man den Kopf der Marie emporgehoben hatte, rot
und feucht war. Er rief: Marie! Marie! Aber es hrte ihn niemand, und
er hrte sich selber nicht. Der Mann oben im Gang stand noch immer da,
lehnte ber die Brstung, die zwei Frauen neben ihm, als wohnten sie
einer Vorstellung bei. Die Kerze war ausgelscht. Violetter Frhdmmer
lag ber dem Hof. Frau Ladenbauer hatte den Kopf der Marie auf das
zusammengefaltete weie Spitzentuch gebettet; Karl blieb regungslos
stehen und starrte hinab. Es war hell genug mit einem Mal. Er sah jetzt,
da alles in Mariens Gesicht vollkommen ruhig war und da sich nichts
bewegte als die Blutstropfen, die von der Stirne, aus den Haaren ber
die Wangen, ber den Hals langsam auf das feuchte Steinpflaster
hinabrannen; und er wute nun, da Marie tot war ...

Karl ffnete die Augen, wie um einen bsen Traum zu verscheuchen. Er sa
allein auf der Bank am Wegrande, und er sah, wie der Kapellmeister
Rebay und der verrckte Jedek dieselbe Strae hinuntereilten, die sie
alle miteinander heraufgegangen waren. Die beiden schienen heftig
miteinander zu reden, mit fuchtelnden Hnden und gewaltigen Gebrden,
der Spazierstock Jedeks zeichnete sich wie eine feine Linie am Horizont
ab; immer rascher gingen sie, von einer leichten Staubwolke begleitet,
aber ihre Worte verklangen im Wind. Ringsherum glnzte die Landschaft,
und tief unten in der Glut des Mittags schwamm und zitterte die Stadt.




Die griechische Tnzerin


Die Leute mgen sagen, was sie wollen, ich glaube nicht daran, da Frau
Mathilde Samodeski an Herzschlag gestorben ist. Ich wei es besser. Ich
gehe auch nicht in das Haus, aus dem man sie heute zur ersehnten Ruhe
hinaustrgt; ich habe keine Lust, den Mann zu sehen, der es ebensogut
wei als ich, warum sie gestorben ist; ihm die Hand zu drcken und zu
schweigen.

Einen anderen Weg schlag ich ein; er ist allerdings etwas weit, aber der
Herbsttag ist schn und still, und es tut mir wohl, allein zu sein. Bald
werde ich hinter dem Gartengitter stehen, hinter dem ich im vergangenen
Frhjahr Mathilde zum letztenmal gesehen habe. Die Fensterladen der
Villa werden alle geschlossen sein, auf dem Kiesweg werden rtliche
Bltter liegen, und an irgendeiner Stelle werde ich wohl den weien
Marmor durch die Bume schimmern sehen, aus dem die griechische Tnzerin
gemeielt ist.

An jenen Abend mu ich heute viel denken. Es kommt mir fast wie eine
Fgung vor, da ich mich damals noch im letzten Augenblick entschlossen
hatte, die Einladung von Wartenheimers anzunehmen, da ich doch im Laufe
der Jahre die Freude an allem geselligen Treiben so ganz verloren habe.
Vielleicht war der laue Wind schuld, der abends von den Hgeln in die
Stadt geweht kam und mich aufs Land hinauslockte. berdies sollte es ja
ein Gartenfest sein, mit dem die Wartenheimers ihre Villa einweihen
wollten, und man brauchte keinerlei besonderen Zwang zu frchten.
Sonderbar ist es auch, da ich im Hinausfahren kaum an die Mglichkeit
dachte, Frau Mathilde drauen zu begegnen. Und dabei war mir doch
bekannt, da Herr Wartenheimer die griechische Tnzerin von Samodeski
fr seine Villa gekauft hatte; -- und da Frau von Wartenheimer in den
Bildhauer verliebt war, wie alle brigen Frauen, das wut' ich nicht
minder. Aber selbst davon abgesehen htte ich wohl an Mathilde denken
knnen, denn zur Zeit, da sie noch Mdchen war, hatte ich manche schne
Stunde mit ihr verbracht. Insbesondere gab es einen Sommer am Genfer See
vor sieben Jahren, gerade ein Jahr vor ihrer Verlobung, den ich nicht so
leicht vergessen werde. Es scheint sogar, da ich mir damals trotz
meiner grauen Haare mancherlei eingebildet hatte, denn als sie im Jahre
darauf Samodeskis Gattin wurde, empfand ich einige Enttuschung und war
vollkommen berzeugt -- oder hoffte sogar --, da sie mit ihm nicht
glcklich werden knnte. Erst auf dem Fest, das Gregor Samodeski kurz
nach der Rckkehr von der Hochzeitsreise in seinem Atelier in der
Guhausgasse gab, wo alle Geladenen lcherlicherweise in japanischen
oder chinesischen Kostmen erscheinen muten, habe ich Mathilde
wiedergesehen. Ganz unbefangen begrte sie mich; ihr ganzes Wesen
machte den Eindruck der Ruhe und Heiterkeit. Aber spter, whrend sie im
Gesprch mit anderen war, traf mich manchmal ein seltsamer Blick aus
ihren Augen, und nach einiger Bemhung habe ich deutlich verstanden, was
er zu bedeuten hatte. Er sagte: 'Lieber Freund, Sie glauben, da er mich
um des Geldes willen geheiratet hat; Sie glauben, da er mich nicht
liebt; Sie glauben, da ich nicht glcklich bin -- aber Sie irren sich
... Sie irren sich ganz bestimmt. Sehen Sie doch, wie gut gelaunt ich
bin, wie meine Augen leuchten.'

Ich bin ihr auch spter noch einige Male begegnet, aber immer nur ganz
flchtig. Einmal auf einer Reise kreuzten sich unsere Zge; ich speiste
mit ihr und ihrem Gatten in einem Bahnhofsrestaurant, und er erzhlte
allerhand Witze, die mich nicht sonderlich amsierten. Auch im Theater
sprach ich sie einmal, sie war mit ihrer Mutter dort, die eigentlich
noch immer schner ist als sie ... der Teufel wei, wo Herr Samodeski
damals gewesen ist. Und im letzten Winter hab ich sie im Prater
gesehen; an einem klaren, kalten Tage. Sie ging mit ihrem kleinen Mderl
unter den kahlen Kastanien ber den Schnee. Der Wagen fuhr langsam nach.
Ich befand mich auf der anderen Seite der Fahrbahn und ging nicht einmal
hinber. Wahrscheinlich war ich innerlich mit ganz anderen Dingen
beschftigt; auch interessierte mich Mathilde schlielich nicht mehr
besonders. So wrde ich mir heute vielleicht gar keine weiteren Gedanken
ber sie und ber ihren pltzlichen Tod machen, wenn nicht jenes letzte
Wiedersehen bei Wartenheimers stattgefunden htte. Dieses Abends
erinnere ich mich heute mit einer merkwrdigen, geradezu peinlichen
Deutlichkeit, etwa so wie manchen Tags am Genfer See. Es war schon
ziemlich dmmerig, als ich hinauskam. Die Gste gingen in den Alleen
spazieren, ich begrte den Hausherrn und einige Bekannte. Irgendwoher
tnte die Musik einer kleinen Salonkapelle, die in einem Boskett
versteckt war. Bald kam ich zu dem kleinen Teich, der im Halbkreis von
hohen Bumen umgeben ist; in der Mitte auf einem dunklen Postament, so
da sie ber dem Wasser zu schweben schien, leuchtete die griechische
Tnzerin; durch elektrische Flammen vom Hause her war sie brigens etwas
theatralisch beleuchtet. Ich erinnere mich des Aufsehens, das sie im
Jahre vorher in der Sezession erregt hatte; ich mu gestehen, auch auf
mich machte sie einigen Eindruck, obwohl mir Samodeski ausnehmend
zuwider ist, und trotzdem ich die sonderbare Empfindung habe, da
eigentlich nicht er es ist, der die schnen Sachen macht, die ihm
zuweilen gelingen, sondern irgend etwas anderes in ihm, irgend etwas
Unbegreifliches, Glhendes, Dmonisches meinethalben, das ganz bestimmt
erlschen wird, wenn er einmal aufhren wird, jung und geliebt zu sein.
Ich glaube, es gibt mancherlei Knstler dieser Art, und dieser Umstand
erfllt mich seit jeher mit einer gewissen Genugtuung.

In der Nhe des Teiches begegnete ich Mathilden. Sie schritt am Arm
eines jungen Mannes, der aussah wie ein Korpsstudent und sich mir als
Verwandter des Hauses vorstellte. Wir spazierten zu dritt sehr vergngt
plaudernd im Garten hin und her, in dem jetzt berall Lichter
aufgeflackert waren. Die Frau des Hauses mit Samodeski kam uns entgegen.
Wir blieben alle eine Weile stehen, und zu meiner eigenen Verwunderung
sagte ich dem Bildhauer einige hchst anerkennende Worte ber die
griechische Tnzerin. Ich war eigentlich ganz unschuldig daran; offenbar
lag in der Luft eine friedliche, heitere Stimmung, wie das an solchen
Frhlingsabenden manchmal vorkommt: Leute, die einander sonst
gleichgltig sind, begren sich herzlich, andere, die schon eine
gewisse Sympathie verbindet, fhlen sich zu allerlei Herzensergieungen
angeregt. Als ich beispielsweise eine Weile spter auf einer Bank sa
und eine Zigarette rauchte, gesellte sich ein Herr zu mir, den ich nur
oberflchlich kannte und der pltzlich die Leute zu preisen begann, die
von ihrem Reichtum einen so vornehmen Gebrauch machen wie unser
Gastgeber. Ich war vollkommen seiner Meinung, obwohl ich Herrn von
Wartenheimer sonst fr einen ganz einfltigen Snob halte. Dann teilte
ich wieder dem Herrn ganz ohne Grund meine Ansichten ber moderne
Skulptur mit, von der ich nicht sonderlich viel verstehe, Ansichten, die
fr ihn sonst gewi ohne jedes Interesse gewesen wren; aber unter dem
Einflusse dieses verfhrerischen Frhlingsabends stimmte er mir
begeistert zu. Spter traf ich die Nichten des Hausherrn, die das Fest
uerst romantisch fanden, hauptschlich, weil die Lichter zwischen den
Blttern hervorglnzten und Musik in der Ferne ertnte. Dabei standen
wir gerade neben der Kapelle: aber trotzdem fand ich die Bemerkung nicht
unsinnig. So sehr stand auch ich unter dem Banne der allgemeinen
Stimmung.

Das Abendessen wurde an kleinen Tischen eingenommen, die, soweit es der
Platz erlaubte, auf der groen Terrasse, zum andern Teil im anstoenden
Salon aufgestellt waren. Die drei groen Glastren standen weit offen.
Ich sa an einem Tisch im Freien mit einer der Nichten; an meiner
anderen Seite hatte Mathilde Platz genommen mit dem Herrn, der aussah
wie ein Korpsstudent, brigens aber Bankbeamter und Reserveoffizier war.
Gegenber von uns, aber schon im Saal, sa Samodeski zwischen der Frau
des Hauses und irgendeiner anderen schnen Dame, die ich nicht kannte.
Er warf seiner Gattin eine scherzhaft verwegene Kuhand zu; sie nickte
ihm zu und lchelte. Ohne weitere Absicht beobachtete ich ihn ziemlich
genau. Er war wirklich schn mit seinen stahlblauen Augen und dem langen
schwarzen Spitzbarte, den er manchmal mit zwei Fingern der linken Hand
am Kinn zurechtstrich. Ich glaube aber auch, da ich nie in meinem Leben
einen Mann so sehr von Worten, Blicken, Gebrden gewissermaen umglht
gesehen habe als ihn an diesem Abend. Anfangs schien es, als liee er
sich das eben nur gefallen. Aber bald sah ich an seiner Art, den Frauen
leise zuzuflstern, an seinen unertrglichen Siegerblicken und besonders
an der erregten Munterkeit seiner Nachbarinnen, da die scheinbar
harmlose Unterhaltung von irgendeinem geheimen Feuer genhrt wurde.
Natrlich mute Mathilde das alles geradeso gut bemerken als ich; aber
sie plauderte anscheinend unbewegt bald mit ihrem Nachbarn, bald mit
mir. Allmhlich wandte sie sich zu mir allein, erkundigte sich nach
verschiedenen ueren Umstnden meines Lebens und lie sich von meiner
vorjhrigen Reise nach Athen berichten. Dann sprach sie von ihrer
Kleinen, die merkwrdigerweise schon heute Lieder von Schumann nach dem
Gehr singen konnte, von ihren Eltern, die sich nun auch auf ihre alten
Tage ein Huschen in Hietzing gekauft, von alten Kirchenstoffen, die sie
selbst im vorigen Jahr in Salzburg angeschafft hatte, und von hundert
anderen Dingen. Aber unter der Oberflche dieses Gesprches ging etwas
ganz anderes zwischen uns vor; ein stummer erbitterter Kampf: sie
versuchte mich durch ihre Ruhe von der Ungetrbtheit ihres Glckes zu
berzeugen -- und ich wehrte mich dagegen, ihr zu glauben. Ich mute
wieder an jenen japanisch-chinesischen Abend in Samodeskis Atelier
denken, wo sie sich in gleicher Weise bemht hatte. Diesmal fhlte sie
wohl, da sie gegen meine Bedenken wenig ausrichtete und da sie irgend
etwas ganz Besonderes ausdenken mute, um sie zu zerstreuen. Und so kam
sie auf den Einfall, mich selbst auf das zutunliche und verliebte
Benehmen der zwei schnen Frauen ihrem Gatten gegenber aufmerksam zu
machen und begann von seinem Glck bei Frauen zu sprechen, als wenn sie
sich auch daran geradeso wie an seiner Schnheit und an seinem Genie
ohne jede Unruhe und jedes Mitrauen als gute Kameradin freuen drfte.
Aber je mehr sie sich bemhte, vergngt und ruhig zu scheinen, um so
tiefere Schatten flogen ber ihre Stirne hin. Als sie einmal das Glas
erhob, um Samodeski zuzutrinken, zitterte ihre Hand. Das wollte sie
verbergen, unterdrcken; dadurch verfiel aber nicht nur ihre Hand,
sondern der Arm, ihre ganze Gestalt fr einige Sekunden in eine solche
Starrheit, da mir beinahe bange wurde. Sie fate sich wieder, sah mich
rasch von der Seite an, merkte offenbar, da sie daran war, ihr Spiel
endgltig zu verlieren, und sagte pltzlich, wie mit einem letzten
verzweifelten Versuch: Ich wette, Sie halten mich fr eiferschtig.
Und ehe ich Zeit hatte, etwas zu erwidern, setzte sie rasch hinzu: Oh,
das glauben viele. Im Anfang hat es Gregor selbst geglaubt. Sie sprach
absichtlich ganz laut, man htte drben jedes Wort hren knnen. Nun
ja, sagte sie mit einem Blick hinber, wenn man einen solchen Mann
hat: schn und berhmt ... und selber den Ruf, nicht sonderlich hbsch
zu sein ... Oh, Sie brauchen mir nichts zu erwidern ... ich wei ja,
da ich seit meinem Mderl ein bichen hbscher geworden bin. Sie hatte
mglicherweise recht, aber fr ihren Gemahl -- davon war ich vllig
berzeugt -- hatte der Adel ihrer Zge nie sonderlich viel bedeutet, und
was ihre Gestalt anlangt, so hatte sie mit der mdchenhaften Schlankheit
fr ihn wahrscheinlich ihren einzigen Reiz verloren. Doch ich stimmte
ihr natrlich mit bertriebenen Worten bei; sie schien erfreut und fuhr
mit wachsendem Mute fort: Aber ich habe nicht das geringste Talent zur
Eifersucht. Das habe ich selbst nicht gleich gewut; ich bin erst
allmhlich darauf gekommen, und zwar hauptschlich vor ein paar Jahren
in Paris ... Sie wissen ja, da wir dort waren?

Ich erinnerte mich.

Gregor hat dort die Bsten der Frstin La Hire und des Ministers
Chocquet gemacht und mancherlei anderes. Wir haben dort so angenehm
gelebt wie junge Leute ... das heit, jung sind wir ja noch beide ...
ich meine, wie ein Liebespaar, wenn wir auch gelegentlich in die groe
Welt gingen ... Wir waren ein paarmal beim sterreichischen Botschafter,
die La Hires haben wir besucht und andere. Im ganzen aber machten wir
uns nicht viel aus dem eleganten Leben. Wir wohnten sogar drauen auf
Montmartre, in einem ziemlich schbigen Haus, wo brigens Gregor auch
sein Atelier hatte. Ich versichere Sie, unter den jungen Knstlern, mit
denen wir dort verkehrten, hatten manche keine Ahnung, da wir
verheiratet waren. Ich bin berall mit ihm herumgestiefelt. Oft bin ich
in der Nacht mit ihm im Caf Athens gesessen, mit Landre, Carabin und
vielen anderen. Auch allerlei Frauen waren zuweilen in unserer
Gesellschaft, mit denen ich wahrscheinlich in Wien nicht verkehren
mchte ... obzwar schlielich -- -- Sie warf einen hastigen Blick hinber
auf Frau Wartenheimer und fuhr rasch wieder fort: Und manche war sehr
hbsch. Ein paarmal war auch die letzte Geliebte von Henri Chabran dort,
die seit seinem Tode immer ganz in Schwarz ging und jede Woche einen
anderen Liebhaber hatte, die aber in dieser Zeit auch alle Trauer tragen
muten, das verlangte sie ... Sonderbare Leute lernt man kennen. Sie
knnen sich denken, da die Frauen meinem Manne dort nicht weniger
nachgelaufen sind als anderswo; es war zum Lachen. Aber da ich doch
immer mit ihm war -- oder meistens, so wagten sie sich nicht recht an ihn
heran, um so weniger, als ich fr seine Geliebte galt ... Ja, wenn sie
gewut htten, da ich nur seine Frau war --! Und da bin ich einmal auf
einen sonderbaren Einfall gekommen, den Sie mir gewi nie zugetraut
htten -- und aufrichtig gestanden, ich wundere mich heute selbst ber
meinen Mut. Sie sah vor sich hin und sprach leiser als frher: Es ist
brigens auch mglich, da es schon mit etwas im Zusammenhang stand --
nun, Sie knnen sich's ja denken. Seit ein paar Wochen wute ich, da
ich ein Kind zu erwarten hatte. Das machte mich unerhrt glcklich. Im
Anfang war ich nicht nur heiterer, sondern merkwrdigerweise auch viel
beweglicher als jemals frher ... Also denken Sie, eines schnen Abends
habe ich mir Mnnerkleider angezogen und bin so mit Gregor auf Abenteuer
aus. Natrlich hab ich ihm vor allem das Versprechen abgenommen, da er
sich keinerlei Zwang antun drfte ... nun ja, sonst htte die ganze
Geschichte keinen Sinn gehabt. Ich habe brigens famos ausgesehen -- Sie
htten mich nicht erkannt ... niemand htte mich erkannt. Ein Freund von
Gregor, ein gewisser Lonce Albert, ein junger Maler, ein buckliger
Mensch, holte uns an diesem Abend ab. Es war wunderschn ... Mai ...
ganz warm ... und ich war frech, davon machen Sie sich keinen Begriff.
Denken Sie sich, ich hab meinen berzieher -- einen sehr eleganten gelben
berzieher -- einfach abgelegt und ihn auf dem Arm getragen ... so wie
das eben Herren zu tun pflegen ... Es war allerdings schon ziemlich
dunkel ... In einem kleinen Restaurant auf dem ueren Boulevard haben
wir diniert, dann sind wir in die Roulotte gegangen, wo damals Legay
sang und Montoya ... Tu t'en iras les pieds devant ... Sie
haben es ja neulich hier gehrt im Wiedener Theater -- nicht wahr? Jetzt
warf Mathilde einen raschen Blick zu ihrem Mann hinber, der nicht
darauf achtete. Es war, als wenn sie nun auf lngere Zeit von ihm
Abschied nhme. Und nun erzhlte sie drauflos, immer heftiger, strzte
sozusagen vorwrts. In der Roulotte, sagte sie, war eine sehr
elegante Dame, die ganz nahe vor uns sa; die kokettierte mit Gregor,
aber in einer Weise ... nun, ich versichere Sie, man kann sich nichts
Unanstndigeres vorstellen. Ich werde nie begreifen, da ihr Gatte sie
nicht auf der Stelle erwrgt hat. Ich htte es getan. Ich glaube, es war
eine Herzogin ... Nun, Sie mssen nicht lachen, es war gewi eine Dame
der groen Welt, trotz ihres Benehmens ... das kann man schon beurteilen
... Und ich wollte eigentlich, da Gregor auf die Sache einginge ...
natrlich! -- ich htte gern gesehen, wie man so etwas anfngt ... ich
wnschte, da er ihr einen Brief zusteckte -- oder sonst was tte -- was
er eben in solchen Fllen getan haben wird, bevor ich seine Frau wurde
... Ja, das wollte ich, trotzdem es nicht ohne Gefahr fr ihn gewesen
wre. Offenbar steckt in uns Frauen so eine grausame Neugier ... Aber
Gregor hatte, Gott sei Dank, keine Lust. Wir gingen sogar recht bald
fort, wieder hinaus in die schne Mainacht, Lonce blieb immer mit uns.
Der hat sich brigens an diesem Abend in mich verliebt und wurde gegen
seine Gewohnheit geradezu galant. Es war sonst ein sehr verschchterter
Mensch -- wegen seines Aussehens ... Ich sagte ihm noch: Man mu wohl
einen gelben berzieher haben, damit Sie einem den Hof machen. Wir sind
so vergngt weiterspaziert wie drei Studenten. Und jetzt kam das
Interessante: wir gingen nmlich ins Moulin Rouge. Das gehrte zum
Programm. Es war auch notwendig, da endlich irgend etwas geschah.
Bisher hatten wir ja noch gar nichts erlebt ... nur mich -- denken Sie:
mich selbst -- hatte ein Frauenzimmer auf der Strae angeredet. Aber das
war ja nicht die Absicht gewesen ... Um ein Uhr waren wir im Moulin
Rouge. Wie es da zugeht, wissen Sie ja wahrscheinlich; eigentlich hatte
ich mir's rger vorgestellt ... Es passierte auch anfangs dort nicht das
Geringste, und es sah ganz danach aus, als sollte der ganze Scherz zu
nichts fhren. Ich war ein bichen rgerlich. Du bist ein Kind, sagte
Gregor. Wie denkst du dir das eigentlich? Wir kommen, und sie fallen
uns zu Fen --? Er sagte uns aus Hflichkeit fr Lonce; es war keine
Rede davon, da man Lonce zu Fen fallen konnte. Aber wie wir nun
schon alle ernstlich daran dachten, nach Hause zu gehen, nahm die Sache
eine Wendung. Mir fiel nmlich eine Person auf ... mir, wirklich mir ...
die schon ein paarmal ganz zufllig an uns vorbergegangen war ... Sie
war ganz ernst und sah ziemlich anders aus als die meisten anwesenden
Damen. Sie war gar nicht auffallend gekleidet -- in Wei, vollkommen in
Wei ... Ich hatte bemerkt, wie sie zwei oder drei Herren, die sie
ansprachen, berhaupt gar keine Antwort gab, einfach weiterging, ohne
sie eines Blickes zu wrdigen. Sie schaute nur dem Tanze zu, sehr ruhig,
interessiert, sachlich mchte ich sagen ... Lonce fragte -- ich hatte
ihn darum gebeten -- ein paar Bekannte, ob ihnen das hbsche Wesen schon
irgendwo begegnet wre, und einer erinnerte sich, da er sie im vorigen
Winter auf einem der Donnerstagsblle im Quartier Latin gesehen hatte.
Lonce sprach sie dann in einiger Entfernung von uns an, und ihm gab sie
Antwort. Dann kam er mit ihr nher, wir setzten uns alle an einen
kleinen Tisch und tranken Champagner. Gregor kmmerte sich gar nicht um
sie -- als wenn sie berhaupt nicht dagewesen wre ... Er plauderte mit
mir, immer nur mit mir ... Das schien sie nun besonders zu reizen. Sie
wurde immer heiterer, gesprchiger, ungenierter, und wie das so kommt,
allmhlich hatte sie ihre ganze Lebensgeschichte erzhlt. Was so ein
armes Ding alles erleben kann -- oder erleben mu, mglicherweise! Man
liest ja so oft davon, aber wenn man es einmal als etwas ganz Wirkliches
hrt, von einer, die daneben sitzt, da ist es doch ganz sonderbar. Ich
erinnere mich noch an mancherlei. Wie sie fnfzehn Jahre alt war, hat
sie irgendeiner verfhrt und sitzen lassen. Dann war sie Modell. Auch
Statistin an einem kleinen Theater ist sie gewesen. -- Was sie uns vom
Direktor fr Dinge erzhlte!... Ich wre auf und davon gelaufen, wenn
ich nicht vom Champagner schon ein wenig angeheitert gewesen wre ...
Dann hatte sie sich in einen Studenten der Medizin verliebt, der in der
Anatomie arbeitete, den holte sie manchmal aus der Leichenkammer ab ...
oder blieb vielmehr mit ihm dort ... nein, es ist nicht mglich, zu
wiederholen, was sie uns erzhlt hat! -- Der Mediziner verlie sie
natrlich auch. Und das wollte sie nicht berleben -- gerade das! Und sie
brachte sich um, das heit, sie versuchte es. Sie machte sich selbst
darber lustig ... in Ausdrcken! Ich hre noch ihre Stimme ... es
klang gar nicht so gemein, als es war. Und sie lftete ihr Kleid ein
wenig und zeigte ber der linken Brust eine kleine rtliche Narbe. Und
wie wir alle diese kleine Narbe ganz ernsthaft betrachten, sagte sie --
nein, schreit sie pltzlich meinen Mann an: Kssen! Ich sagte Ihnen
schon, Gregor kmmerte sich gar nicht um sie. Auch whrend sie ihre
Geschichten erzhlte, hrte er kaum zu, sah in den Saal hinein, rauchte
Zigaretten, und jetzt, wie sie ihn so anrief, lchelte er kaum. Ich hab
ihn aber gestoen, gezwickt, ich war ja wirklich etwas beduselt ...
jedenfalls war es die sonderbarste Stimmung meines Lebens. Und ob er nun
wollte oder nicht, er mute die Narbe ... das heit, er mute so tun,
als berhrte er die Stelle mit den Lippen. Ja, und dann wurde es immer
lustiger und toller. Nie hab ich so viel gelacht wie an diesem Abend --
und gar nicht gewut, warum. Und nie htte ich es fr mglich gehalten,
da sich ein weibliches Wesen -- und noch dazu solch eines -- im Verlauf
einer Stunde so wahnsinnig in einen Mann verlieben knnte, wie dieses
Geschpf in Gregor. Sie hie Madeleine.

Ich wei nicht, ob Frau Mathilde den Namen absichtlich lauter aussprach
-- jedenfalls schien es mir, als hrte ihn ihr Gatte, denn er sah zu uns
herber; seine Frau sah er sonderbarerweise nicht an, aber unsere Blicke
begegneten sich und blieben eine ganze Weile ineinander ruhen, nicht
eben mit besonderer Sympathie. Dann pltzlich lchelte er seiner Gattin
zu, sie nickte zurck, er sprach mit seinen Nachbarinnen weiter, und sie
wandte sich wieder zu mir.

Ich kann mich natrlich nicht mehr an alles erinnern, was Madeleine
spter gesprochen hat, sagte sie, es war ja alles so wirr. Aber ich
will aufrichtig sein: es gab eine Sekunde, in der ich ein bichen
verstimmt wurde. Das war, als Madeleine die Hand meines Mannes nahm und
kte. Aber gleich war es wieder vorbei. Denn, sehen Sie, in diesem
Augenblick mute ich an unser Kind denken. Und da hab ich gefhlt, wie
unauflslich ich und Gregor miteinander verbunden waren, und wie alles
andere nichts sein konnte, als Schatten, Nichtigkeiten oder Komdie, wie
heute abend. Und da war alles wieder gut. Wir sind dann noch alle bis
zum Morgengrauen auf dem Boulevard in einem Kaffeehause gesessen. Da
hrte ich, wie Madeleine meinen Gatten bat, er solle sie nach Hause
begleiten. Er lachte sie aus. Und dann, um den Spa zu einem guten und
in gewissem Sinne vorteilhaften Ende zu fhren -- Sie wissen ja, was die
Knstler alle fr Egoisten sind ... insofern es sich nmlich um ihre
Kunst handelt ... -- kurz, er sagte ihr, da er Bildhauer sei, und
forderte sie auf, nchstens zu ihm zu kommen, er wollte sie modellieren.
Sie antwortete: Wenn du ein Bildhauer bist, lasse ich mich hngen! Aber
ich komm' doch.

Mathilde schwieg. Aber nie habe ich die Augen eines weiblichen Wesens so
viel Leid ausdrcken -- oder verbergen sehen. Dann, nachdem sie sich
gefat zu dem letzten, was sie mir noch zu sagen hatte, fuhr sie fort:
Gregor wollte durchaus, ich sollte am nchsten Tag im Atelier sein. Ja,
er machte mir sogar den Vorschlag, hinter dem Vorhang verborgen zu
bleiben, wenn sie kme. Nun, es gibt Frauen, viele Frauen, ich wei es,
die darauf eingegangen wren. Ich aber finde: entweder man glaubt oder
man glaubt nicht ... Und ich habe mich entschlossen, zu glauben. Hab ich
nicht recht? Und sie sah mich mit groen, fragenden Augen an. Ich
nickte nur, und sie sprach weiter: Madeleine kam natrlich am Tag
darauf und dann sehr oft ... wie manche andere vorher und nachher
gekommen ist ... und da sie eine der schnsten war, knnen Sie mir
glauben. Sie selbst sind erst heute vor ihr in Bewunderung gestanden,
drauen am Teich.

Die Tnzerin?

Ja, Madeleine hat zu ihr Modell gestanden. Und nun denken Sie, da ich
in einem solchen oder in einem anderen Falle mitrauisch gewesen wre!
Wrde ich nicht ihm und mir das Dasein zur Qual gemacht haben? Ich bin
sehr froh, da ich keine Anlage zur Eifersucht habe.

Irgend jemand stand in der offenen Mitteltr und hatte begonnen, einen
wahrscheinlich sehr witzigen Toast auf den Hausherrn zu sprechen, denn
die Leute lachten von ganzem Herzen. Ich aber betrachtete Mathilde, die
ebensowenig zuhrte wie ich. Und ich sah, wie sie zu ihrem Gatten
hinberschaute und ihm einen Blick zuwarf, der nicht nur eine unendliche
Liebe verriet, sondern auch ein unerschtterliches Vertrauen heuchelte,
als wre es wahrhaftig ihre hchste Pflicht, ihn im Genu des Daseins
auf keine Weise zu stren. Und er empfing auch diesen Blick -- lchelnd,
unbeirrt, obwohl er natrlich ebensogut wute als ich, da sie litt und
ihr Leben lang gelitten hat wie ein Tier.

Und darum glaub ich nicht an die Fabel von dem Herzschlag. Ich habe an
jenem Abend Mathilde zu gut kennen gelernt, und fr mich steht es fest:
so wie sie vor ihrem Gatten die glckliche Frau gespielt hat vom ersten
Augenblick bis zum letzten, whrend er sie belogen und zum Wahnsinn
getrieben hat, so hat sie ihm auch schlielich einen natrlichen Tod
vorgespielt, als sie das Leben hinwarf, weil sie es nicht mehr ertragen
konnte. Und er hatte auch dieses letzte Opfer hingenommen, als kme es
ihm zu.

Da stehe ich vor dem Gitter ... Die Lden sind fest geschlossen. Wei
und wie verzaubert liegt die kleine Villa im Dmmerschein, und dort
schimmert der Marmor zwischen den roten Zweigen ...

Vielleicht bin ich brigens ungerecht gegen Samodeski. Am Ende ist er so
dumm, da er die Wahrheit wirklich nicht ahnt. Aber es ist traurig, zu
denken, da es fr Mathilde im Tode keine grere Wonne gbe, als zu
wissen, da ihr letzter himmlischer Betrug gelungen ist.

Oder irre ich mich gar? Und es war ein natrlicher Tod?... Nein, ich
lasse mir nicht das Recht nehmen, den Mann zu hassen, den Mathilde so
sehr geliebt hat. Das wird ja wahrscheinlich fr lange Zeit mein
einziges Vergngen sein ...

_Ende_



Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Die in vorliegendem Band abgedruckten Novellen sind den Gesammelten
Werken entnommen.




Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler


I. Die erzhlenden Schriften in drei Bnden

In Leinen 10 M, in Halbleder 13 M, in Ganzleder 17 M

Inhalt: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der
Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der
blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische
Tnzerin. Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg.
Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der
tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mrder. Die dreifache
Warnung. Die Hirtenflte. Der Weg ins Freie.


II. Die Theaterstcke in vier Bnden

In Leinen 12 M, in Halbleder 16 M, in Ganzleder 21 M

Inhalt: Anatol. Das Mrchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermchtnis.
Paracelsus. Die Gefhrtin. Der grne Kakadu. Der Schleier der Beatrice.
Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten Masken.
Literatur. Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der
tapfere Cassian. Zum groen Wurstel. Der Ruf des Lebens. Komtesse Mizzi
oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das weite Land.




Werke von Arthur Schnitzler


Sterben

Novelle. 8. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark

Der Dichter und der Arzt haben sich in dieser Erzhlung zu gemeinsamer
Tat vereint, und was sie vollbracht haben, verdient die grte
Anerkennung, um so mehr, als das Sujet an Handlung sehr arm ist und sich
nur auf zwei Haupt- und eine Nebenperson beschrnkt. Die deutsche
Literatur knnte sich glcklich preisen, wenn sie viele solche Bcher
htte wie diese einfache Erzhlung. (Deutsche Revue)


Die Frau des Weisen

Novelletten. 8. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark

Die Poesie des Vergehens lockt Schnitzler immer und lohnt seine
liebevolle Hingabe an die Schatten, die auf den Lebensweg fallen, mit
dichterischen Erfolgen. Die Gestalten, die er zeichnet, sind der
Reflexion verfallen, aus der Reflexion heraus erstehen die Konflikte.
Eine weichgestimmte Natur, hegt er edle Instinkte. Frauen, die Chopin
gerne spielen, mssen Schnitzler gerne lesen. (Neues Wiener Tagblatt)


Leutnant Gustl

Novelle. 18. Auflage. Geheftet 1 Mark, gebunden 2 Mark

Eine bittere Satire vom militrischen Standpunkt aus, aber als Erzhlung
von prachtvoller Geschlossenheit, in jedem Zuge lebendig, und wie
virtuos dabei in der Ausfhrung! Selten ist das Innere eines in engen
Vorurteilen befangenen Menschen, der durch ein Ungefhr in fieberhafte
Aufregung gert, meisterhafter durchleuchtet und dargestellt worden als
in dieser auch stofflich hchst spannenden, aus einem einzigen Monolog
bestehenden Novelle. (Dresdner Anzeiger)


Dmmerseelen

Novellen. 12. Auflage. Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark

Schnitzler beweist auch in seinem neuesten Werkchen jene
auerordentliche Treffsicherheit des Tones, die im Konzert der
zahlreichen europischen Musikanten leicht an ihren Sonderakkorden
erkannt wird. Von jener weltmnnischen Gewandtheit, die nur irrtmlich
als oberflchlich gilt, weil sie schamhaft genug ist, heie Trnen
hinter dem heimlichen Wappenschilde des Lchelns zu verbergen, lt er
durch die Maske des spielerisch tndelnden Dandys das wahre Antlitz des
sinnenden ernsten Dichters lugen. (Breslauer Morgenzeitung)


Der Weg ins Freie

Roman. 25. Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark

Je lnger dieses Buch in mir nachklingt, desto strker wird der
menschliche Eindruck, den es hinterlt. Hier ist diese wundervolle
Vereinigung, da man berall sprt, wie stark in dem Dichter Schnitzler
der Mensch ist; hier hat der Dichter den Menschen und der Mensch den
Dichter beleuchtet, hier ist Leben und Schaffen, knstlerisches, und
beinahe mchte man sagen privates Fhlen so vollkommene Einheit, da man
ber das Buch hinaus den Eindruck der reinen Individualitt empfngt,
die es geschrieben hat. (Die Zeit, Wien)


Masken und Wunder

Novellen, 11. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark

Ein geheimnisreicher Name fr ein rtselvolles, ernstes und tiefes Buch!
Von den Seelen merkwrdiger Menschen, zumal von Frauen, ist darin
gehandelt -- skeptisch und mit verhaltener Ironie, aber auch mit der
seelischen Tiefe, die wunderliche Menschenschicksale in ihrem Wesen
erfat und in den feinsten Grnden ihrer Existenz darlegt.
(Generalanzeiger, Mannheim)


Frau Beate und ihr Sohn

Novelle. 12. Auflage. Geheftet Mark 2.50, gebunden Mark 3.50

Aus der Welt weicher Sinnlichkeit und unbewachten Genutriebs, die uns
Schnitzler so oft mit berlegener Ironie geschildert hat, arbeitet er in
dieser Meisternovelle eine erschtternde Tragik heraus. Schnitzler hat
in dieser novellistischen Tragdie der entweihten Mutterschaft sein
Strkstes geboten. (Vossische Zeitung, Berlin)




Gustaf af Geijerstam

Gesammelte Romane in fnf Bnden


Fnf Bnde in schner, gediegener Ausstattung mit einem Portrt des
Dichters. Geheftet 12 Mark, in Leinen gebunden 15 Mark


1. Bd.: Einleitung / Auf der letzten Schre / Das Geheimnis des Waldes /
Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.

2. Bd.: Das Haupt der Medusa / Die Komdie der Ehe.

3. Bd.: Das Buch vom Brderchen / Frauenmacht.

4. Bd.: Karin Brandts Traum / Gefhrliche Mchte.

5. Bd.: Die Brder Mrk / Die alte Herrenhofallee.


Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter uns.
Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke --
rein uerlich, bei schner Ausstattung und sehr billigem Preise, die
denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe -- ist Beweis
dafr. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser Auswahl ganz.
Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in einer Einleitung
von Friedrich Dsel, und diese Einfhrung gibt eine seelisch
eindringliche, man knnte beinahe sagen erschpfende Analyse von
Geijerstams knstlerischer Persnlichkeit ... In Geijerstam kndigt sich
eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den Rahmen
von zehn Geboten gefat zu werden, doch aber recht eigentlich die
Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafr aber die
Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. -- Eine neue Frucht der
Erkenntnis gleit aus der grnen Bltterpracht dieser Erzhlungen! Aus
dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit
verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden -- wie
das immer war -- beides daraus schmecken: Tod und Leben. (Frankfurter
Zeitung)




Otto Erich Hartleben

Ausgewhlte Werke in drei Bnden


Auswahl und Einleitung von Franz Ferdinand Heitmller. Mit dem Bilde des
Dichters. Preis geheftet 8 Mark, in drei Pappbnden gebunden 10 Mark, in
drei Ganzpergamentbnden 15 Mark.


1. Bd.: Gedichte: Einleitung / Die Gedichte vollstndig.

2. Bd.: Prosa: Die Serenyi / Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe /
Wie der Kleine zum Teufel wurde / Vom gastfreien Pastor / Der
Einhornapotheker / Der rmische Maler / Der bunte Vogel.

3. Bd.: Dramen: Angele / Hanna Jagert / Die Erziehung zur Ehe / Die
sittliche Forderung / Rosenmontag.


Ein schnes Werk der Piett. In wundervoller Ausstattung ist hier ein
berblick ber des toten Poeten Lebenswerk gegeben. Den ersten Band
ziert ein schnes Bild Hartlebens. Druck, Papier, Einband -- alles ist zu
jener vornehmen Harmonie abgetnt, die des Dichters eigene Person
ausstrmte und mit der er jeden gefangen nahm, der die Freude hatte, ihm
im Leben zu begegnen. Diese drei Bnde stellen eine Zierde fr jede
Bibliothek dar. (Universum, Leipzig)

Dieses Werk fat als Rahmen noch ein ganz apartes Schmuckstck, nmlich
das Bildnis einer reinen, edlen Frauengestalt, wenn es in seiner
Einleitung Bruchstcke aus den Tagebuchaufzeichnungen wiedergibt, mit
denen Hartlebens Mutter die erste Jugend ihres ltesten geleitete. Diese
Tagebuchnotizen geben sogar in doppeltem Sinne Biographisches. Denn sie
kennzeichnen ihre Verfasserin, diese stille Frau, die nicht Frau Ajas
Humor, aber Frau Ajas Geduld und ihre Liebe hat. (Hamburger Fremdenblatt)




Peter Nansen

Werke in drei Bnden


Mit dem Bilde des Dichters. Drei Leinenbnde in elegantem Futteral 12
Mark. Jeder Band einzeln geheftet 3 Mark 50 Pf., in Leinen gebunden 4
Mark 50 Pf.


1. Band: _Jugend und Liebe._ Eine glckliche Ehe / Aus dem ersten
Universittsjahr / Die Feuerprobe / Das erleuchtete Fenster / Des
Brgermeisters Winterberzieher / Der Simulant / Aus dem Tagebuch eines
Verliebten / Ein Weihnachtsmrchen / Der Weihnachtsbaum / Frulein Mimi
/ Eine Ballunterhaltung.

2. Band: _Theater._ Judiths Ehe / Eine glckliche Ehe / Kameraden / Ein
Hochzeitsabend / Die gestrte Verbindung.

3. Band: _Die Romane des Herzens._ Julies Tagebuch / Maria /
Gottesfriede.


Nansens freie Selbstndigkeit und seine knstlerische Unbefangenheit,
die manchen als Rcksichtslosigkeit erscheinen mag, weisen ihm eine hohe
Stellung unter seinen Landsleuten an, denen so vielfach ber der Tendenz
die Gabe abhanden gekommen ist, die Welt zu schildern, wie sie ist.
Nansen will ein neues Frauenideal der nordischen Literatur zu Ehren
bringen, indem er in erster Linie die Weibheit der Frau -- wie Laura
Marholm sagen wrde -- bercksichtigt; aber diese Absicht ist nicht die
Hauptsache. Seine Bcher haben dagegen einen eigenen poetischen Wert.
(Norddeutsche Allgemeine Zeitung)

Peter Nansen stammt aus der elegischen, grazisen Hauptstadt des
Nordens, die architektonisch mit Dresden, seelisch mit Wien, geistig mit
Paris verwandt ist. Er gehrt zu denen, die das Klima der nordischen
Literatur wrmer, sinnlicher, verfhrerischer gemacht haben, so da wir
die Franzosen bald ganz entbehren knnen. (Das Literarische Echo)




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1914 in der Reihe Fischers Bibliothek zeitgenssischer
Romane erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt
eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen.

p 001: Fischers Bibliothek zeitgenssischer Romane -> (entfernt)
p 024: Anfhrungszeichen ergnzt: Wofr denn?! ->Wofr denn?!
p 026: Anfhrungszeichen ergnzt: Lieber mir, ... daneben! -> daneben!
p 102: Anfhrungszeichen ergnzt: Wie?-- -> Wie?--
p 128: Anfhrungszeichen ergnzt: Ich bin nicht schuld daran,
p 139: an die fnfzigmal gehrt htte. -> hatte.
p 148: Die Marie lat Ihnen schon gren -> schn ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of an
original copy, published in 1914 as part of the series "Fischers
Bibliothek zeitgenssischer Romane". The table below lists all
corrections applied to the original text.

p 001: Fischers Bibliothek zeitgenssischer Romane -> (deleted)
p 024: added missing quotes: Wofr denn?! ->Wofr denn?!
p 026: added missing quotes: Lieber mir, ... daneben! -> daneben!
p 102: added missing quotes: Wie?-- -> Wie?--
p 128: added missing quotes: Ich bin nicht schuld daran,
p 139: an die fnfzigmal gehrt htte. -> hatte.
p 148: Die Marie lat Ihnen schon gren -> schn ]





End of Project Gutenberg's Die griechische Tnzerin, by Arthur Schnitzler

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRIECHISCHE TNZERIN ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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Literary Archive Foundation

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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
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considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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