The Project Gutenberg EBook of Der Ketzer von Soana, by Gerhart Hauptmann

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Title: Der Ketzer von Soana

Author: Gerhart Hauptmann

Release Date: January 7, 2007 [EBook #20302]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KETZER VON SOANA ***




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  [Anmerkung:
  Im Originaltext vorkommende unterschiedliche Schreibweisen wie
  zum erstenmal : zum ersten Mal oder stehen : stehn wurden
  beibehalten.]



DER KETZER VON SOANA

von

Gerhart Hauptmann


1922

S. Fischer, Verlag

Berlin


114. bis 124. Auflage

Copyright 1918 by S. Fischer, Verlag Berlin




Reisende knnen den Weg zum Gipfel des Monte Generoso in Mendrisio
antreten oder in Capolago mit der Zahnradbahn, oder von Melide aus
ber Soana, wo er am beschwerlichsten ist. Das ganze Gebiet gehrt zum
Tessin, einem Kanton der Schweiz, dessen Bevlkerung italienisch ist.

In groer Hhe trafen Bergsteiger nicht selten auf die Gestalt eines
brilletragenden Ziegenhirten, dessen ueres auch sonst auffllig war.
Das Gesicht lie den Mann von Bildung erkennen, trotz seiner
gebrunten Haut. Er sah dem Bronzebildnis Johannes des Tufers, dem
Werke Donatellos im Dome zu Siena, nicht unhnlich. Sein Haar war
dunkel und ringelte ber die braunen Schultern. Sein Kleid bestand aus
Ziegenfell.

Wenn ein Trupp Fremder diesem Menschen nahe kam, so lachten bereits
die Bergfhrer. Oft wenn dann die Touristen ihn sahen, brachen sie in
ein ungezogenes Gebrll oder in laute Herausforderungen aus: Sie
glaubten sich durch die Seltsamkeit des Anblicks berechtigt. Der Hirte
achtete ihrer nicht. Er pflegte nicht einmal den Kopf zu wenden.

Alle Bergfhrer schienen im Grunde mit ihm auf gutem Fue zu stehn.
Oft kletterten sie zu ihm hinber und lieen sich in vertrauliche
Unterredungen ein. Wenn sie zurckkamen und von den Fremden gefragt
wurden, was da fr ein seltsamer Heiliger sei, taten sie meist so
lange heimlich, bis er aus Gesichtsweite war. Diejenigen Reisenden
aber, deren Neugier dann noch rege war, erfuhren nun, da dieser
Mensch eine dunkle Geschichte habe und, als der Ketzer von Soana vom
Volksmund bezeichnet, einer mit aberglubischer Furcht gemischten
zweifelhaften Achtung geniee.

       *       *       *       *       *

Als der Herausgeber dieser Bltter noch jung an Jahren war und das
Glck hatte, fters herrliche Wochen in dem schnen Soana zuzubringen,
konnte es nicht ausbleiben, da er hin und wieder den Generoso bestieg
und auch eines Tages den sogenannten Ketzer von Soana zu sehen
bekam. Den Anblick des Mannes aber verga er nicht. Und nachdem er
allerlei Widersprechendes ber ihn erkundet hatte, reifte in ihm der
Entschlu, ihn wiederzusehen, ja, ihn einfach zu besuchen.

Der Herausgeber wurde in seiner Absicht durch einen deutschen
Schweizer, den Arzt von Soana, bestrkt, der ihm versicherte, wie der
Sonderling Besuche gebildeter Leute nicht ungern sehe. Er selber hatte
ihn einmal besucht. Eigentlich sollte ich ihm zrnen, sagte er,
weil mir der Bursche ins Handwerk pfuscht. Aber er wohnt so hoch in
der Hhe, so weit entfernt, und wird Gott sei Dank nur von den wenigen
heimlich um Rat gefragt, denen es nicht darauf ankme, sich vom Teufel
kurieren zu lassen. Der Arzt fuhr fort: Sie mssen wissen, man
glaubt im Volk, er habe sich dem Teufel verschrieben. Eine Ansicht,
die von der Geistlichkeit darum nicht bestritten wird, weil sie von
ihr ausgegangen ist. Ursprnglich, sagt man, sei der Mann einem bsen
Zauber unterlegen, bis er dann selbst ein verstockter Bsewicht und
hllischer Zauberer geworden sei. Was mich betrifft, ich habe weder
Klauen, noch Hrner an ihm bemerken knnen.

       *       *       *       *       *

An die Besuche bei dem wunderlichen Menschen erinnert sich der
Herausgeber noch genau. Die Art der ersten Begegnung war merkwrdig.
Ein besonderer Umstand gab ihr den Charakter einer Zuflligkeit. An
einer steilen Wegstelle fand sich nmlich der Besucher einer hilflos
dastehenden Ziegenmutter gegenber, die eben ein Lamm geworfen hatte,
und dabei war, ein zweites zu gebren. Das vereinsamte Muttertier in
seiner Not, das ihn furchtlos anblickte, als ob es seine Hilfe
erwartet habe, das tiefe Mysterium der Geburt berhaupt inmitten der
bergewaltigen Felsenwildnis, machten auf ihn den tiefsten Eindruck.
Er beschleunigte aber seinen Lauf, denn er schlo, da dieses Tier zur
Herde des Sonderlings gehren msse, und wollte diesen zu Hilfe rufen.
Er traf ihn unter seinen Ziegen und Rindern an, erzhlte ihm, was er
beobachtet hatte, und fhrte ihn zu der Gebrenden, hinter der bereits
das zweite Ziegenlmmchen, feucht und blutig, im Grase lag.

Mit der Sicherheit eines Arztes, mit der schonenden Liebe des
barmherzigen Samariters, ward nun das Tier von seinem Besitzer
behandelt. Nachdem er eine gewisse Zeit abgewartet hatte, nahm er
jedes der Neugeborenen unter einen Arm und trat langsam, von der ihr
schweres Euter fast schleifenden Mutter gefolgt, den Weg zu seiner
Behausung an. Der Besucher wurde nicht nur mit dem freundlichsten Dank
bedacht, sondern auf eine unwiderstehliche Art zum Mitgehen
eingeladen.

Der Sonderling hatte mehrere Baulichkeiten auf der Alpe, die ihm
gehrte, errichtet. Eine davon glich uerlich einem rohen
Steinhaufen. Innen enthielt sie trockne und warme Stallungen. Dort
wurden Ziege und Zicklein untergebracht, whrend der Besucher zu einem
weiter oben gelegenen, wei getnchten Wrfel geleitet wurde, der, an
die Wand des Generoso gelehnt, auf einer mit Wein berzogenen Terrasse
lag. Unweit des Pfrtchens scho aus dem Berge ein armdicker
Wasserstrahl, der eine gewaltige Steinwanne fllte, die man aus dem
Felsen gemeielt hatte. Neben dieser Wanne wurde durch eine
eisenbeschlagene Tr eine Berghhle, wie sich bald erwies, ein
Kellergewlbe, abgeschlossen.

       *       *       *       *       *

Man hatte von diesem Platz, der, vom Tale aus gesehen, in scheinbar
unzugnglicher Hhe hing, einen herrlichen Blick, von dem der
Verfasser indes nicht reden will. Damals freilich, als er ihn zuerst
geno, fiel er von einem sprachlosen Staunen in laute Ausrufe des
Entzckens und wieder in sprachloses Staunen zurck. Sein Wirt aber,
der eben in diesem Augenblick aus der Behausung, wo er etwas gesucht
hatte, wieder ins Freie trat, schien nun auf einmal mit leiseren
Sohlen zu gehen. Solches Verhalten, sowie berhaupt das ganze stille,
gelassene Betragen seines Gastfreundes lie der Besucher sich nicht
entgehen. Es ward ihm zur Mahnung, mit Worten karg, mit Fragen geizig
zu sein. Er liebte den wunderlichen Sennen bereits zu sehr, um Gefahr
zu laufen, sich ihn durch einen bloen Schein von Neugier oder
Zudringlichkeit zu entfremden.

Noch sieht der Besucher von damals den runden Steintisch, der, von
Bnken umgeben, auf der Terrasse stand. Er sieht ihn mit allen guten
Dingen, die der Ketzer von Soana darauf ausbreitete: dem
herrlichsten Stracchino di Lecco, kstlichem italienischen Weizenbrot,
Salami, Oliven, Feigen und Mispeln, dazu einem Krug voll roten Weins,
den er frisch aus der Grotte geholt hatte. Als man sich setzte, sah
der ziegenfellbekleidete, langgelockte, brtige Wirt dem Besucher
herzlich in die Augen, dabei hatte er seine Rechte gefat, als wollte
er ihm eine Zuneigung andeuten.

Wer weiss, was alles bei dieser ersten Bewirtung gesprochen wurde.
Nur einiges blieb erinnerlich. Der Berghirt wnschte Ludovico genannt
zu sein. Er erzhlte manches von Argentinien. Einmal, als das Gebimmel
der Angelusglocken aus den Tiefen drang, machte er eine Bemerkung ber
dieses allfllig aufreizende Getn. Einmal fiel der Name Seneca. Es
wurde auch etwas obenhin von Schweizer Politik gesprochen. Endlich
wnschte der Sonderling manches von Deutschland zu wissen, weil es des
Besuchenden Heimat war. Er sagte, als fr diesen, nach vorgefatem
Beschlu, die Zeit des Abschieds kam: Sie werden mir immer willkommen
sein.

       *       *       *       *       *

Obgleich, wie er nicht verbergen will, der Herausgeber dieser Bltter
nach der Geschichte dieses Menschen lstern war, vermied er es auch
bei neuen Besuchen, irgendein Interesse dafr zu verraten. Man hatte
ihm einige uere Tatsachen mitgeteilt, bei gelegentlichen Gesprchen,
die er in Soana gefhrt hatte, Tatsachen, die daran schuld sein
sollten, da Ludovico zum Ketzer von Soana ernannt wurde: ihm
dagegen lag weit mehr daran, herauszubringen, in welchem Sinne man mit
dieser Bezeichnung recht hatte und in welchen eigentmlichen inneren
Schicksalen, welcher besonderen Philosophie die Lebensform Ludovicos
wurzele. Er hielt jedoch mit Fragen zurck und ist dafr auch
reichlich belohnt worden.

Er traf Ludovico meistens allein, entweder unter den Tieren der Herde
oder in seiner Klause. Einige Male fand er ihn, als er, wie Robinson,
eigenhndig die Ziegen molk. Oder er legte einer widerspenstigen
Mutter die Zicklein an. Dann schien er ganz im Berufe eines Sennhirten
aufzugehen: er freute sich der Ziege, die das strotzende Euter am
Boden schleppte, des Bockes, wenn er hitzig und fleiig war. Von einem
sagte er: Sieht er nicht wie der Bse selber aus? Sehen Sie doch
seine Augen. Welche Kraft, welches Funkeln in Zorn, Wut,
Boshaftigkeit. Und dabei welches heilige Feuer. Dem Autor aber kam es
vor, als ob in den Augen des Sprechers dieselbe Hllenflamme vorhanden
wre, die er ein heiliges Feuer genannt hatte. Sein Lcheln bekam
einen starren und grimmigen Zug, er zeigte die weien, prchtigen
Zhne und geriet dabei in einen Zustand von Versonnenheit, wenn er
einen seiner dmonischen Matadore mit dem Blicke des Fachmanns bei
seiner ntzlichen Arbeit beobachtete.

Manchmal spielte der Ketzer die Panflte, und der Besucher vernahm
ihre einfachen Tonreihen schon bei der Annherung. Bei einer solchen
Gelegenheit kam natrlich das Gesprch auf Musik, und der Hirt
entwickelte seltsame Ansichten. Niemals, wenn er inmitten der Herde
war, sprach Ludovico von etwas anderem, als von den Tieren und ihren
Gewohnheiten, vom Hirtenberuf und seinen Gepflogenheiten. Nicht selten
ging er der Psychologie der Tiere, der Lebensweise der Hirten nach bis
in tiefste Vergangenheit, so ein gelehrtes Wissen von nicht
gewhnlichem Umfang verratend. Er sprach von Apoll, wie dieser bei
Laomedon und Admetos die Herden besorgte, ein Knecht und ein Hirte
war. Ich mchte wohl wissen, mit welchem Instrument er damals seinen
Herden Musik machte. Und als wenn er von etwas Wirklichem sprche,
schlo er: Bei Gott, ich htte ihm gerne zugehrt. Das waren die
Augenblicke, in denen der zottige Anachoret vielleicht den Eindruck
erwecken konnte, als wren seine Verstandeskrfte nicht eben ganz
lckenlos. Andrerseits erfuhr der Gedanke eine gewisse Rechtfertigung,
als er bewies, wie vielfltig eine Herde durch Musik zu beeinflussen
und zu leiten sei. Mit einem Ton jagte er sie empor, mit anderen
brachte er sie zur Ruhe. Mit Tnen holte er sie aus der Ferne, mit
Tnen bewog er die Tiere, sich zu zerstreuen oder, an seine Fersen
geheftet, hinter ihm drein zu ziehen.

Es kamen auch Besuche vor, bei denen fast nichts geredet wurde. Einst,
als die drckende Hitze eines Juninachmittags bis auf die Almen des
Generoso gestiegen war, befand sich Ludovico, von seinen lagernden,
wiederkauenden Herden umgeben, ebenfalls liegend, in einem Zustand
seliger Dmmerung. Er blinzelte nur den Besucher an und veranlate ihn
durch einen Wink, sich ebenfalls ins Gras zu strecken. Er sagte dann
unvermittelt, nachdem dies geschehen war und beide eine Weile
schweigend gelagert hatten, in schleppendem Tone etwa dies:

Sie wissen, da Eros lter als Kronos und auch mchtiger ist. -- Fhlen
Sie diese schweigende Glut um uns? Eros! -- Hren Sie, wie die
Grille feilt? Eros! -- In diesem Augenblick jagten einander zwei
Eidechsen und huschten blitzschnell ber den Liegenden weg. Er
wiederholte: Eros! Eros! -- Und als ob er das Kommando dazu gegeben
htte, erhoben sich jetzt zwei starke Bcke und griffen einander mit
den gewundenen Hrnern an. Er lie sie gewhren, obgleich der Kampf
immer hitziger wurde. Das Klappern der Ste erklang immer lauter und
ihre Zahl nahm immer zu. Und wieder sagte er: Eros! Eros!

Und nun drangen an das Ohr des Besuchers zum erstenmal Worte, die ihn
ganz besonders aufhorchen lieen, weil sie einigermaen ber die Frage
Licht verbreiteten oder wenigstens zu verbreiten schienen, warum
Ludovico im Volksmund der Ketzer hie. Lieber, sagte er, will ich
einen lebendigen Bock oder einen lebendigen Stier, als einen Gehngten
am Galgen anbeten. Ich lebe nicht in der Zeit, die das tut. Ich hasse,
ich verachte sie. Jupiter Ammon wurde mit Widderhrnern dargestellt.
Pan hat Bocksbeine, Bacchus hat Stierhrner. Ich meine den Bacchus
Tauriformis oder Tauricornis der Rmer. Mithra, der Sonnengott, wird
als Stier dargestellt. Alle Vlker verehrten den Stier, den Bock, den
Widder und vergossen im Opfer sein heiliges Blut. Dazu sage ich:
ja! -- denn die zeugende Macht ist die hchste Macht, die zeugende Macht
ist die schaffende Macht, Zeugen und Schaffen ist das gleiche.
Freilich, der Kultus dieser Macht ist kein khles Geplrr von Mnchen
und Nonnen. Ich habe einmal von Sita, dem Weibe Vichnus, getrumt, die
unter dem Namen Rama ein Mensch wurde. Die Priester starben in ihren
Umarmungen. Ich habe da vorbergehend etwas von allerlei Mysterien
gewut: dem Mysterium der schwarzen Zeugung im grnen Gras, von dem
der perlmuttfarbenen Wollust, der Entzckungen und Betubungen, vom
Geheimnis der gelben Maiskrner, aller Frchte, aller Schwellungen,
aller Farben berhaupt. Ich htte brllen knnen im Wahnsinn des
Schmerzes, als ich der unbarmherzigen, allmchtigen Sita ansichtig
wurde. Ich glaubte zu sterben vor Begier.

Whrend dieser Erffnung kam sich der Schreiber dieser Zeilen wie ein
unfreiwilliger Horcher vor. Er stand auf, mit einigen Worten, die
glauben machen sollten, da er das Selbstgesprch nicht gehrt habe,
sondern mit seinen Gedanken bei anderen Dingen gewesen sei. Danach
wollte er sich verabschieden. Ludovico lie es nicht zu. Und so begann
denn auf der Bergterrasse abermals eine Gasterei, deren Verlauf aber
diesmal bedeutsam und unvergelich war.

Der Besucher wurde gleich bei der Ankunft in die Wohnung, den
Innenraum des schon geschilderten Wrfels, eingefhrt. Er war
quadratisch, sauber, hatte einen Kamin und glich dem schlichten
Arbeitszimmer eines Gelehrten. Vorhanden war Tinte, Feder, Papier und
eine kleine Bcherei, hauptschlich griechischer und lateinischer
Schriftsteller. Warum soll ich es Ihnen verhehlen, sagte der Hirt,
da ich aus guter Familie bin, eine mileitete Jugend und gelehrte
Bildung genossen habe. Sie werden natrlich wissen wollen, wie ich
aus einem unnatrlichen Menschen ein natrlicher, aus einem gefangenen
ein freier, aus einem zerstrten und verdrossenen ein glcklicher und
zufriedener geworden bin? Oder wie ich mich selbst aus der
brgerlichen Gesellschaft und der Christenheit ausgeschlossen habe?
Er lachte laut. Vielleicht schreibe ich einmal die Geschichte meiner
Umwandlung. Der Besucher, dessen Spannung aufs hchste gestiegen war,
fand sich pltzlich wiederum weit vom Ziele verschlagen. Es konnte ihm
dabei wenig helfen, da der Gastfreund zum Schlu erklrte, die
Ursache seiner Erneuerung sei: er bete natrliche Symbole an. Im
Schatten des Felsens, auf der Terrasse, am Rande der berflieenden
Wanne war, in kstlicher Khle, reichlicher als das erstemal getafelt
worden: Rucherschinken, Kse und Weizenbrot, Feigen, frische Mispeln
und Wein. Vielerlei war, nicht bermtig, aber mit stiller Heiterkeit
geplaudert worden. Endlich wurde der Steintisch abgerumt. Nun aber
kam ein Augenblick, der dem Herausgeber wie etwas eben Geschehenes
gegenwrtig ist.

Der bronzefarbene Hirt machte, wie man wei, mit seinem ungepflegten,
langen Gelock des Haupt- und Barthaares, sowie durch seine Kleidung
aus Fell den Eindruck der Verwilderung. Er ist mit einem Johannes des
Donatello verglichen worden. In der Tat hatten auch sein Gesicht und
das Antlitz jenes Johannes in der Feinheit der Linien viel
hnlichkeit. Ludovico war eigentlich, nher betrachtet, schn, sofern
man von dem Entstellenden der Brille absehen konnte. Freilich erhielt
die ganze Gestalt durch sie wiederum, neben dem leise komischen Zug,
das rtselhaft Sonderbare und Fesselnde. In dem Augenblick, von dem
die Rede ist, unterlag der ganze Mensch einer Vernderung. Hatte das
Bronzeartige seines Krpers sich auch durch eine gewisse
Unbeweglichkeit seiner Zge ausgedrckt, so wich es insofern, als sie
beweglich wurden und sich verjngten. Er lchelte, man knnte sagen,
in einem Anflug knabenhafter Schamhaftigkeit. Was ich Ihnen jetzt
zumute, sagte er, habe ich noch keinem anderen Menschen
vorgeschlagen. Woher ich den Mut pltzlich nehme, wei ich eigentlich
selber nicht. Aus alter Gewohnheit vergangener Zeiten lese ich
gelegentlich noch und hantiere auch wohl noch mit Tinte und Feder. So
habe ich in migen Winterstunden eine simple Geschichte
niedergeschrieben, die lange vor meiner Zeit, hier in und um Soana,
sich ereignet haben soll. Sie werden sie uerst einfach finden, mich
aber zog sie aus allerlei Grnden an, die ich jetzt nicht errtern
will. Sagen Sie kurz und offen: wollen Sie mit mir nochmals ins Haus
gehen und fhlen Sie sich aufgelegt, etwas von Ihrer Zeit an diese
Geschichte zu verlieren, die auch mich schon ohne Nutzen manche Stunde
gekostet hat? Ich mchte nicht zu-, ich mchte abraten. brigens, wenn
Sie befehlen, nehme ich jetzt schon die Bltter des Manuskripts und
werfe sie in den Abgrund hinunter.

Selbstverstndlich geschah dies nicht. Er nahm den Weinkrug, ging mit
dem Besucher ins Haus, und beide saen einander gegenber. Der
Berghirt hatte ein in Mnchsschrift und auf starke Bltter
geschriebenes Manuskript aus feinstem Ziegenleder gewickelt. Wie um
sich Mut zu machen, trank er dem Besucher, eh er gleichsam vom Ufer
abstie, um sich in den Flu der Erzhlung zu strzen, noch einmal zu
und begann dann mit weicher Stimme.


Die Erzhlung des Berghirten

An einem Bergabhang oberhalb des Luganer Sees ist unter vielen anderen
auch ein kleines Bergnest zu finden, das man auf einer steilen, in
Serpentinen verlaufenden Bergstrae in etwa einer Stunde, vom Seeufer
aus gerechnet, erreichen kann. Die Huser des Ortes, die, wie an den
meisten italienischen Pltzen der Umgegend, eine einzige,
ineinandergeschachtelte, graue Ruine aus Stein und Mrtel sind, kehren
ihre Fronten einem schluchthnlichen Tale zu, das von den Auen und
Terrassen des Fleckens und gegenber von einem mchtigen Abhang des
berragenden Bergriesen Monte Generoso gebildet wird.

In dieses Tal, und zwar dort, wo es wirklich als enge Schlucht seinen
Abschlu nimmt, ergiet sich von einer wohl hundert Meter hher
gelegenen Talsohle ein Wasserfall, der je nach Tages- und Jahreszeit
und der gerade herrschenden Strmung der Luft, mehr oder weniger
stark, mit seinem Rauschen eine immerwhrende Musik des Fleckens ist.

In diese Gemeinde war vor langer Zeit ein etwa fnfundzwanzigjhriger
Priester versetzt worden, der Raffaele Francesco hie. Er war in
Ligornetto geboren, also im Tessin, und konnte sich rhmen, ein
Mitglied desselben, dort ansssigen Geschlechtes zu sein, das den
bedeutendsten Bildhauer des geeinten Italiens, hervorgebracht hatte,
der ebenfalls in Ligornetto geboren wurde und endlich auch dort
gestorben ist.

Der junge Priester hatte seine Jugend bei Verwandten in Mailand und
seine Studienzeit in verschiedenen Priester-Seminaren der Schweiz und
Italiens zugebracht. Von seiner Mutter, die aus einem edlen
Geschlechte war, stammte die ernste Richtung seines Charakters, die
ihn ohne jedes Schwanken schon zeitig dem religisen Beruf in die Arme
trieb.

Francesco, der eine Brille trug, zeichnete sich vor der Menge seiner
Mitschler aus durch exemplarischen Flei, Strenge der Lebensfhrung
und Frmmigkeit. Selbst seine Mutter mute ihm schonend nahelegen, da
er als knftiger Weltgeistlicher sich ein wenig Lebensfreude wohl
gnnen mge und nicht eigentlich auf die strengsten Klosterregeln
verpflichtet sei. Sobald er die Weihen empfangen hatte, war es
indessen sein einziger Wunsch, eine mglichst entlegene Pfarre zu
finden, um sich dort als eine Art Eremit, nach Herzenslust, noch mehr,
als bisher, dem Dienste Gottes, seines Sohnes und dessen geheiligter
Mutter zu weihen.

Als er nun nach dem kleinen Soana gekommen war und das mit der Kirche
verbundene Pfarrhaus bezogen hatte, merkten die Bergbewohner bald, da
er von einer ganz anderen Art als sein Vorgnger war. Schon uerlich,
denn jener war ein massiver, stierhafter Bauer gewesen, der die
hbschen Weiber und Mdchen des Orts mit Hilfe ganz anderer Mittel in
seinem Gehorsam hielt, als Kirchenbuen und Kirchenstrafen. Francesco
dagegen war bleich und zart. Sein Auge lag tief. Hektische Tupfen
glhten auf der unreinen Haut ber seinen Backenknochen. Hierzu kam
die Brille, in den Augen einfacher Leute noch immer Symbol
przeptoraler Strenge und Gelehrsamkeit. Er hatte nach Verlauf von
vier bis sechs Wochen, auf seine Art, die erst ein wenig
widerspenstigen Weiber und Tchter des Orts ebenfalls, und zwar noch
mehr als der andere, in seine Gewalt gebracht.

Sobald Francesco durch die kleine Pforte des an die Kirche
geschmiegten Pfarrhfchens auf die Strae trat, ward er auch meist
schon von Kindern und Weibern umdrngt, die ihm mit wahrer Ehrfurcht
die Hand kten. Und wie viele Male des Tags er durch die kleine
Kirchenschelle in den Beichtstuhl gerufen wurde, das machte am Abend
eine Zahl, die seiner neuangenommenen, beinahe siebzigjhrigen
Haushlterin den Ruf entlockte: sie habe nie gewut, wieviele Engel in
dem sonst ziemlich verderbten Soana verborgen gewesen wren. Kurz, der
Ruf des jungen Pfarrers Francesco erscholl auch in der Umgegend weit
und breit, und er kam sehr bald in den Ruf eines Heiligen.

Von alledem lie sich Francesco nicht anfechten und war weit davon
entfernt, irgendein anderes Bewutsein in sich zu pflegen, als da er
seinen Pflichten leidlich gerecht wurde. Er las seine Messen, vollzog
mit nie vermindertem Eifer alle kirchlichen Funktionen des
Gottesdiensts und -- das kleine Schulzimmer befand sich im
Pfarrhause -- versah auch berdies die Obliegenheiten des weltlichen
Schulunterrichts.

       *       *       *       *       *

Eines Abends, zu Anfang des Monats Mrz, wurde sehr heftig an der
Klingel des Pfarrhfchens gerissen, und als die Schaffnerin ffnen kam
und mit dem Licht der Laterne in das schlechte Wetter hinausleuchtete,
stand vor der Tr ein etwas verwilderter Kerl, der den Pfarrer zu
sprechen wnschte. Nachdem die Schaffnerin erst die Pforte wieder
geschlossen hatte, begab sich die alte Person zu ihrem jungen Gebieter
hinein, um, nicht ohne merkbare ngstlichkeit, den spten Besucher
anzumelden. Allein Francesco, der es sich unter anderem zur Pflicht
gemacht hatte, niemand, wer es auch sei, der seiner bedrfe,
abzuweisen, sagte nur kurz, von der Lektre irgendeines Kirchenvaters
aufblickend: Geh', Petronilla, fhr ihn herein.

Bald darauf stand vor dem Tische des Pfarrers ein etwa vierzigjhriger
Mann, dessen ueres das der Landleute jener Gegend war, nur weit
vernachlssigter, ja, verwahrloster. Der Mann ging barfu. Eine
zerlumpte, regendurchnte Hose war ber den Hften von einem Riemen
festgehalten. Das Hemd stand offen. Die braune, behaarte Brust setzte
sich in eine buschige Kehle und in ein von Bart- und Haupthaar schwarz
und dicht umwuchertes Antlitz fort, aus dem zwei dunkel glhende Augen
hervorbrannten.

Eine aus Flicken bestehende, vom Regen durchnte Jacke hatte der Mensch
nach Hirtenart ber die linke Schulter gehngt, whrend er einen von
Wind und Wetter vieler Jahre entfrbten und zusammengeschrumpften,
kleinen Filz, aufgeregt, mit den braunen und harten Fusten herumdrehte.
Einen langen Knttel hatte er vor dem Eingang abgestellt.

Gefragt, was er wnschte, brachte der Mann unter wilden Grimassen
einen unverstndlichen Schwall rauher Laute und Worte hervor, die zwar
der Mundart jener Gegend angehrten, aber wiederum einer Abart davon,
die selbst der in Soana geborenen Schaffnerin wie eine fremde Sprache
erschien.

Der junge Priester, der seinen Besuch neben der kleinen, brennenden
Lampe hin mit Aufmerksamkeit betrachtet hatte, bemhte sich
vergeblich, den Sinn seines Anliegens zu ergrnden. Mit viel Geduld,
mittels zahlreicher Fragen, konnte er endlich soviel aus ihm
herausbringen, da er Vater von sieben Kindern war, von denen er
einige gern in der Schule des jungen Priesters angebracht htte.
Francesco fragte: Wo seid Ihr her? Und als die Antwort,
hervorgesprudelt: Ich bin aus Soana lautete, erstaunte der Priester
und sagte zugleich: Das ist nicht mglich! ich kenne jedermann hier
am Ort! aber Euch und Eure Familie kenne ich nicht.

Der Hirte, Bauer oder was er nun sein mochte, gab nun von der Lage
seines Wohnhauses eine von vielen Gesten begleitete, leidenschaftliche
Schilderung, aus der jedoch Francesco nicht klug wurde. Er meinte nur:
Wenn Ihr Einwohner von Soana seid, und Eure Kinder das gesetzliche
Alter erreicht haben, so mten sie doch ohnedies schon lngst in
meiner Schule gewesen sein. Und ich mte doch Euch oder Eure Frau
oder Eure Kinder beim Gottesdienst in der Kirche, bei Messe oder
Beichte, gesehen haben.

Hier ri der Mann seine Augen auf und prete die Lippen aufeinander.
Statt jeder Antwort stie er, wie aus emprter und gepreter Brust,
den Atem aus.

Nun so werde ich mir Euren Namen aufschreiben. Ich finde es brav
von Euch, da Ihr selber kommt und Schritte tut, damit Eure
Kinder nicht unwissend und womglich gottlos bleiben. Bei
diesen Worten des jungen Klerikers fing der zerlumpte Mensch, so
da sein brauner, sehniger und beinahe athletischer Krper davon
geschttelt wurde, auf eine sonderbare, beinahe tierische Art und
Weise zu rcheln an. -- Jawohl, wiederholte betreten Francesco,
ich zeichne mir Euren Namen auf und werde der Sache wegen
nachforschen. Man konnte sehen, wie Trne um Trne von den
gerteten Augenrndern des Unbekannten ber das struppige Antlitz
herniederrann.

Gut, gut, sagte Francesco, der sich das aufgeregte Wesen seines
Besuchers nicht erklren konnte und brigens davon nochmehr
beunruhigt, als ergriffen war -- gut, gut, Eure Sache wird untersucht
werden. Nennt mir nur Euren Namen, guter Mann, und schickt mir morgen
frh Eure Kinder! Der Angeredete schwieg hierauf und sah Francesco
mit einem ratlosen und gequlten Ausdruck lange an. Dieser fragte
nochmals: Wie heit Ihr? sagt Euren Namen.

Dem Geistlichen war, von Anfang an, in den Bewegungen seines Gastes
etwas Furchtsames, gleichsam etwas Gehetztes aufgefallen. Jetzt, wo er
seinen Namen angeben sollte und drauen auf dem steinernen Estrich
gleichzeitig der Schritt Petronillas hrbar ward, duckte er sich und
zeigte berhaupt eine Schreckhaftigkeit, wie sie meist nur
Irrsinnigen oder Verbrechern eignet. Er schien verfolgt. Er schien auf
der Flucht vor Hschern zu sein.

Dennoch ergriff er ein Stck Papier und die Feder des Geistlichen,
trat seltsamerweise ins Dunkel, vom Lichte abgewandt, ans
Fensterbrett, wo unten ein naher Bach und, mehr von ferne, der
Wasserfall von Soana hereinrauschte, und malte, mit einiger Mhe, aber
doch leserlich, etwas auf, was er mit Entschlu dem Geistlichen
zureichte. Dieser sagte: Gut! und, mit dem Zeichen des Kreuzes:
geht mit Frieden! Der Wilde ging und lie eine Wolke von Dnsten
zurck, die nach Salami, Zwiebel, Holzkohlenrauch, nach Ziegenbock und
nach Kuhstall dufteten. Sobald er hinaus war, ri Francesco das
Fenster auf.

       *       *       *       *       *

Den nchsten Morgen hatte Francesco, wie immer, seine Messe gelesen,
danach ein wenig geruht, danach sein frugales Frhstck zu sich
genommen und befand sich bald danach auf dem Wege zum Sindaco, den man
zeitig besuchen mute, um ihn anzutreffen. Er fuhr nmlich tglich von
einer Bahnstation, tief unten am Seeufer, nach Lugano hinein, wo er in
einer der belebtesten Gassen einen Gro- und Kleinhandel mit
tessinischem Kse betrieb.

Die Sonne schien auf den kleinen, mit alten Kastanienbumen, die
einstweilen noch kahl waren, bestandenen Platz, der dicht bei der
Kirche gelegen war und gleichsam die Agora der Ortschaft bildete. Auf
einigen Steinbnken saen und spielten Kinder herum, whrend die
Mtter und lteren Tchter an einem von kaltem Bergwasser, womit er
reichlich gespeist wurde, berflieenden, antiken Marmor-Sarkophag
Wsche wuschen und in Krben zum Trocknen davontrugen. Der Boden war
na, weil am Tage vorher Regen, mit Schneeflocken untermischt,
gefallen war, wie denn der machtvolle Felsenabhang des Monte Generoso
unter Neuschnee, jenseits der Talschlucht, in seinem eigenen Schatten
mit unzugnglichen Schroffen aufragte und frische Schneeluft
herberhauchte.

Der junge Priester ging mit niedergeschlagenen Augen an den
Wscherinnen vorbei, deren lauten Gru er durch Nicken erwiderte. Den
ihn umdrngenden Kindern lie er, sie ltlich ber die Brille
betrachtend, die Hand einen Augenblick, wo sie denn alle mit Eifer und
Hast ihre Lippen abwischten. Die Ortschaft, wie sie hinter dem Platz
begann, ward durch wenige enge Gassen gangbar gemacht. Aber selbst die
Hauptstrae konnte nur von kleinen Fuhrwerken und auch nur in ihrem
vorderen Teile benutzt werden. Nach dem Ausgang des Ortes zu verengte
sie sich und wurde noch berdies so steil, da man hchstens noch mit
einem beladenen Maultier hindurch und hinan kommen konnte. An diesem
Strchen befand sich ein kleiner Kramladen und die schweizerische
Postagentur.

Der Postagent, der mit Francescos Vorgnger auf kameradschaftlichstem
Verkehrsfu gestanden hatte, grte und ward von Francesco wieder
gegrt, aber doch nur so, da zwischen dem Ernst des Geweihten und
der platten Freundlichkeit des Profanen der volle Abstand gewahrt
wurde. Nicht weit von der Post bog der Priester in ein erbrmliches
Seitengchen ein, das mit Treppen und Treppchen auf eine
halsbrecherische Weise, an geffneten Ziegenstllen und allen Arten
schmutziger, fensterloser, kellerartiger Hhlen vorber, abwrts
stieg. Hhner gackerten, Katzen saen auf morschen Galerien unter
Bscheln aufgehngter Maiskolben. Hie und da meckerte eine Ziege,
blkte ein Rind, das aus irgendeinem Grunde nicht mit auf die Weide
gezogen war.

Man konnte erstaunt sein, wenn man, aus dieser Umgebung kommend, durch
eine enge Pforte das Haus des Brgermeisters betreten hatte und sich
in einer Flucht von kleinen, gewlbten Slen befand, deren Decken von
Handwerkern, im Stile Tiepolos, figurenreich ausgemalt worden waren.
Hohe Fenster und Glastren, mit langen, roten Gardinen geschmckt,
fhrten aus diesen sonnigen Rumen auf eine ebenso sonnige, freie
Terrasse hinaus, die von uraltem, kegelfrmig geschnittenen Buchsbaum
und wundervollem Lorbeer geziert wurde. Wie berall, so auch hier,
vernahm man das schne Rauschen des Wasserfalls und hatte jenseits die
wilde Bergwand sich gegenber.

Der Sindaco, Sor Domenico, war ein gutgekleideter, in der Mitte der
vierziger Jahre stehender, ruhiger Mann, der vor kaum einem
Vierteljahre erst zum zweitenmal geheiratet hatte. Die schne,
blhende, zweiundzwanzigjhrige Frau, die Francesco in der blanken
Kche mit der Zubereitung des Frhstcks beschftigt getroffen hatte,
geleitete ihn zu dem Gatten herein. Als jener die Erzhlung des
Priesters, von dem Besuch, den er abends vorher empfangen hatte,
angehrt und den Zettel gelesen hatte, der den Namen des Besuchers und
wilden Mannes in unbeholfenen Schriftzgen trug, ging ein Lcheln
durch seine Gesichtszge. Dann, als er den jungen Sacerdote Platz zu
nehmen gentigt hatte, fing er, vollkommen sachlich, und ohne da die
maskenhafte Gleichgltigkeit seiner Mienen jemals gestrt wurde, die
gewnschte Auskunft ber den mysterisen Besucher, der tatschlich
ein dem Pfarrer bisher verborgen gebliebener Brger Soanas war, zu
geben an.

       *       *       *       *       *

Luchino Scarabota, sagte der Sindaco -- es war der Name, den der
Besucher des Pfarrers auf den Zettel gekritzelt hatte! -- ist ein
keineswegs armer Mann, aber schon seit Jahren machen seine huslichen
Zustnde mir und der ganzen Gemeinde Kopfschmerzen, und es ist nicht
eigentlich abzusehen, wo dies alles am Ende noch hinauslaufen soll. Er
gehrt einer alten Familie an, und es ist sehr wahrscheinlich, da er
etwas von dem Blut des berhmten Luchino Scarabota da Milano in sich
hat, der zwischen Vierzehn- und Fnfzehnhundert das Langhaus des Domes
unten in Como baute. Solche alte, berhmte Namen haben wir ja, wie Sie
wissen, Herr Pfarrer, manche in unserem kleinen Ort.

Der Sindaco hatte die Glastre geffnet und den Pfarrer whrend des
Redens auf die Terrasse hinausgefhrt, wo er ihm, mit der ein wenig
erhobenen Hand, in dem trichterfrmigen, steilen Quellgebiete des
Wasserfalles einen jener, aus rohem Stein gemauerten Wrfel wies, wie
sie die Bauern der Gegend bewohnen. Aber dieses, in groer Hhe, weit
ber allen anderen hngende Anwesen unterschied sich von jenen nicht
nur durch seine vereinzelte, scheinbar unzugngliche Lage, sondern
auch durch Kleinheit und rmlichkeit.

Sehen Sie, dort, wo ich mit dem Finger hinzeige, wohnt dieser
Scarabota, sagte der Sindaco.

Es nimmt mich wunder, Herr Pfarrer, fuhr der Sprechende fort,
da Sie von jener Alpe und ihren Bewohnern noch nichts gehrt
haben sollten. Die Leute geben weit und breit in der ganzen Gegend
seit einem Jahrzehnt und lnger das widerwrtigste rgernis. Leider
kann man ihnen nicht beikommen. Man hat die Frau vor Gericht
gestellt, und sie hat behauptet, die sieben Kinder, die sie geboren
hat, stammten -- gibt es etwas Unsinnigeres? -- nicht von dem Manne,
mit dem sie lebt, sondern von sommerlichen Schweizer Touristen ab, die
an der Alpe vorber mssen, wenn sie zum Generoso hinaufklettern.
Dabei ist die Vettel verlaust und schmutzstarrend und berdies
abschreckend hlich, wie die Nacht.

Nein, es ist offenkundig, da der Mann, der Sie gestern besucht hat
und mit dem sie lebt, Vater von ihren Kindern ist. Aber das ist der
Punkt: dieser Mensch ist zugleich ihr leiblicher Bruder.

Der junge Priester verfrbte sich.

Natrlich ist dies blutschnderische Paar von aller Welt gemieden
und in die Acht getan. In dieser Beziehung wird die vox populi selten
fehl gehen. Mit dieser Erklrung setzte der Sindaco seine Erzhlung
fort. Sooft sich eines der Kinder etwa bei uns oder in Arogno oder in
Melano hat blicken lassen, ist es beinahe gesteinigt worden. Man hlt
jede Kirche, soweit die Leute bekannt sind, fr entweiht, wenn das
verruchte Geschwisterpaar sie betritt, und die beiden Verfemten haben
das, als sie den Versuch glaubten machen zu drfen, auf eine so
furchtbare Weise zu fhlen bekommen, da ihnen seit Jahren jede
Neigung zum Kirchenbesuch abhanden gekommen ist.

Und sollte man etwa gestatten, fuhr der Sindaco fort, da solche
Kinder, solche verfluchte Kreaturen, die jedermanns Abscheu und Grauen
sind, hier unten in unsere Schule gehen und zwischen den Kindern guter
Christen in der Schulbank sitzen? Kann man uns zumuten, wir sollen
dulden, da unsere ganze Ortschaft, Klein und Gro, durch diese
moralischen Schandprodukte, diese schlechten, rudigen Bestien
verpestet wird?

Das bleiche Antlitz des Priesters Francesco verriet durch keine Miene,
inwieweit die Erzhlung Sor Domenicos ihn berhrt hatte. Er dankte und
ging mit dem gleichen wrdigen Ernst im Ausdruck des ganzen Wesens,
mit dem er erschienen war, davon.

       *       *       *       *       *

Francesco hatte bald nach der Unterredung mit dem Sindaco seinem
Bischof ber den Fall Luchino Scarabota Bericht erstattet. Acht Tage
spter war die Antwort des Bischofs in seiner Hand, die dem jungen
Geistlichen auftrug, sich von dem allgemeinen Stand der Verhltnisse
auf der sogenannten Alpe von Santa Croce persnlich zu unterrichten.
Der Bischof lobte dabei den geistlichen Eifer des jungen Manns und
besttigte ihm, er habe wohl Ursach, sich dieser verirrten und
verfemten Seelen wegen in seinem Gewissen bedrngt zu fhlen und auf
ihre Errettung bedacht zu sein. Von den Segnungen und Trstungen der
Mutterkirche drfe man keinen noch so verirrten Snder ausschlieen.

Erst gegen Ende des Monats Mrz erlaubten die Amtsgeschfte und auch
die Schneeverhltnisse des Berges Generoso dem jungen Geistlichen von
Soana, mit einem Landmann als Fhrer, den Aufstieg zur Alpe von Santa
Croce anzutreten. Ostern stand vor der Tr, und trotzdem an der
Schroffwand des Bergriesen fortwhrend mit dumpfem Donner Lawinen in
die Schlucht unterm Wasserfall niedergingen, hatte der Frhling
berall, wo die Sonne ungehindert zu wirken vermochte, mit voller
Kraft eingesetzt.

So wenig Francesco, unhnlich seinem Namensheiligen von Assisi,
Naturschwrmer war, konnte doch das zarte und saftige Sprieen, Grnen
und Blhen um ihn her nicht ohne Wirkung auf ihn bleiben. Ohne da
sich der junge Mensch dessen deutlich bewut werden brauchte, hatte er
die feine Ghrung des Frhlings im Blut und geno sein Teil von jenem
inneren Schwellen und Drngen der ganzen Natur, das himmlischen
Ursprungs und trotz wonnig-sinnlich-irdischen Auswirkens auch in allen
seinen erblhten Freuden himmlisch ist.

Die Kastanienbume auf dem Platz, ber den der Priester mit seinem
Begleiter zunchst wieder schreiten mute, hatten aus braunen,
klebrigen Knospen zarte, grne Hndchen gestreckt. Die Kinder lrmten,
nicht minder die Sperlinge, die unterm Kirchdach und in unzhligen
Schlupflchern der winkligen Ortschaft nisteten. Die ersten Schwalben
zogen ihre weiten Schleifen von Soana ber den Abgrund der Schlucht,
wo sie scheinbar dicht vor dem phantastisch getrmten, unzugnglichen
Felsmassiv der Bergmauer abschwenkten. Dort oben auf Vorsprngen oder
in Felslchern, wo nie eines Menschen Fu hingedrungen war, horsteten
Fischadler. Die groen, braunen Prchen traten herrliche Fahrten an
und schwebten, nur um zu schweben, in stundenlangen Dauerflgen ber
Bergspitzen, immer hher und hher kreisend, als wollten sie
majesttisch, selbstvergessen, in die befreite Unendlichkeit des
Raumes hinein.

berall, nicht nur in der Luft, nicht nur in der braunen, aufgewhlten
oder mit Gras und Narzissen bekleideten Erde und allem, was sie durch
Halme und Stmme in Bltter und Blten aufsteigen lie, sondern auch in
den Menschen war das Festliche, und die braunen Gesichter der Bauern,
die auf den Terrassen zwischen den Reihen der Weinstcke mit Hacke oder
gekrmmtem Messer arbeiteten, strahlten von Sonntglichkeit: hatten doch
berdies die meisten von ihnen das sogenannte Osterlamm, eine junge
Ziege, bereits geschlachtet und mit zusammengebundenen Hinterlufen zu
Hause am Trpfosten aufgehngt.

Die Weiber, die ganz besonders zahlreich und laut mit ihren gefllten
Wschekrben um den berflieenden Sarkophag aus Marmor versammelt
waren, unterbrachen, als der Priester und sein Begleiter vorberging,
ihre lrmende Heiterkeit. Auch am Ausgang des Dorfes standen
Wscherinnen, wo unter einem kleinen Madonnenbild ein Wasserstrahl aus
dem Felsen drang und sich ebenfalls in einen antiken Sarkophag aus
Marmor ergo. Beide Stcke, sowohl dieser Sarkophag, als jener, der
auf dem Platze stand, waren vor lngerer Zeit aus einem Baumgarten
voll tausendjhriger Steineichen und Kastanien gehoben worden, wo sie
seit undenklicher Zeit, nur wenig aus dem Boden hervorragend, unter
Epheu und wildem Lorbeer versteckt, gestanden hatten.

Im Vorbergehen bekreuzte sich Francesco, ja, unterbrach das Schreiten
fr einen Augenblick, um der lieblich mit Feldblumenopfern der Landleute
umstellten Madonetta ber dem Sarkophag, mit einer Beugung des Knies zu
huldigen. Zum ersten Male sah er dies kleine, von Bienen umsummte,
liebliche Heiligtum, da er diesen oberen Teil der Ortschaft noch niemals
besucht hatte. War Soana mit seinem unteren Teil, mit seiner Kirche und
einigen mit grnen Lden geschmckten, hbschen Brgerhusern um den
terrassenartig untermauerten Kastanienplatz brgerlich beinahe
wohlhabend und zeigte es dort in Grten und Grtchen blhende
Mandelbumchen, Orangen, hohe Zypressen, kurz, eine mehr sdliche
Vegetation, hier oben, einige hundert Schritte hher hinauf, war es nur
noch ein alpines, rmliches Hirtendorf, das nach Ziegen und Kuhstall
duftete. Auch setzte hier ein mit Wackersteinen gepflasterter, uerst
steiler Bergweg ein, der durch tglichen morgendlichen Auszug und
abendlichen Einzug der groen Gemeinde-Ziegenherde geglttet war; denn
er fhrte hinauf und hinaus zur Gemeindealm in das kesselfrmige
Quellgebiet des Flchens Savaglia, das weiter unten den herrlichen
Wasserfall von Soana bildet und nach kurzem, rauschenden Lauf durch
tiefe Schlucht im See von Lugano untergeht.

Nachdem der Priester, immer gefhrt von seinem Begleiter, eine kurze
Weile auf diesem Bergweg hinan geklettert war, stand er still, um
aufzuatmen. Den groen, schwarzen, tellerartigen Hut mit der Linken
vom Kopfe nehmend, hatte er mit der Rechten ein groes, buntes
Taschentuch aus der Soutane gezogen, womit er die Schweiperlen von
seiner Stirn tupfte. Im allgemeinen ist der Natursinn, der Sinn eines
italienischen Priesters fr die Schnheit der Landschaft, nicht
sonderlich. Aber der Weitblick von groer Hhe und aus der sogenannten
Vogelperspektive, wie man es nennt, ist doch ein Reiz, der auch den
naivsten Menschen mitunter trifft und ihm ein gewisses Staunen
abntigt. Francesco erblickte seine Kirche mitsamt der dazugehrigen
Ortschaft bereits nur noch als ein Miniaturbild tief unter sich,
whrend rings um ihn her die gewaltige Bergwelt, wie es schien, immer
hher gen Himmel ragte. In das Gefhl des Frhjahrs mischte sich jetzt
das Gefhl des Erhabenen, das vielleicht aus einem Vergleich der
eigenen Kleinheit mit den erdrckend gewaltigen Werken der Natur und
ihrer drohenden, stummen Nhe entstehen mag und das mit einem halben
Bewutsein davon verbunden ist, da wir doch auch an dieser bermacht
auf irgendeine Weise teilhaben. Kurz, Francesco fhlte sich
erhaben-gro und winzig-klein in ein und demselben Augenblick, und
dies gab den Anla, mit gewohnter Bewegung auf Stirn und Brust das vor
Irrungen und Dmonen schtzende Kreuz zu schlagen.

Im Weitersteigen hatten bald wieder religise Fragen und
praktisch-kirchliche Angelegenheiten seines Sprengels von dem
jugendlich eifrigen Klerikus Besitz ergriffen. Und als er wiederum
diesmal am Eingang eines felsigen Hochtals stille stand und sich
umwandte, hatte ihn der Anblick eines arg verwahrlosten, hier fr die
Hirten errichteten, gemauerten Heiligenschreins auf den Gedanken
gebracht, alle vorhandenen Heiligtmer seines Kirchspiels, und wenn
sie noch so entlegen waren, aufzusuchen und in einen gotteswrdigen
Stand zu setzen. Er lie sogleich seine Augen umherschweifen und
suchte den die vorhandenen Kultsttten womglich umfassenden
berblick.

Er nahm seine eigene Kirche mit dem daran geklebten Pfarrhaus zum
Ausgangspunkt. Sie stand, wie gesagt, auf der Ebene des Dorfplatzes
und ihre Auenmauern setzten sich in steilen Wnden des Grundfelsens
fort, an dem ein munterer Gebirgsbach unten vorberrauschte. Dieser
Gebirgsbach, unter dem Platz von Soana hindurchgefhrt, trat in einem
gemauerten Bogen ans Licht, wo er, freilich durch Abwsser stark
verunreinigt, Baumgrten und blumige Wiesen wsserte. Jenseit der
Kirche, ein wenig hher, was von hier aus nicht festzustellen war, lag
auf rundem, flachen Terrassenhgel das lteste Heiligtum der Umgegend,
eine kleine Kapelle, der Jungfrau Maria geweiht, deren verstaubtes
Kultbild auf dem Altar von einem byzantinischen Mosaik der Apsis
berwlbt wurde. Dieses, trotz tausendjhrigen und hheren Alters in
Goldgrund und Zeichnung wohlerhaltene, Mosaik stellte Christus
Pantokrator dar. Die Entfernung von der Hauptkirche bis zu diesem
Heiligtum betrug nicht ber drei Steinwurfsweiten. Eine andere hbsche
Kapelle, diese der heiligen Anna geweiht, lag in der gleichen
Entfernung von ihr. ber Soana und hinter Soana erhob sich ein uerst
spitzer Bergkegel, der im Umkreis natrlich von weiten Talrumen und
den Flanken der berragenden Generoso-Kette umgeben war. Dieser
beinahe zuckerhutartige, aber bis oben begrnte, scheinbar
unzugngliche Berg hie Sant Agatha, weil er auf seinem Gipfel zur Not
ein Kapellchen eben dieser Heiligen beherbergte. Dies waren im engsten
Umkreis der Ortschaft eine Kirche und drei Kapellen, der sich im
weiteren Kreise der Pfarre drei oder vier andere Kapellen anreihten.
Auf jedem Hgel, an jeder hbschen Wegwende, auf jeder weithin
blickenden Spitze, da und dort an malerischen Felsabstrzen, nah und
fern, ber Schlucht und See hatten fromme Jahrhunderte Gotteshuser
angeklebt, so da in dieser Beziehung die tiefe und allgemeine
Frmmigkeit des Heidentums noch zu spren war, die im Verlauf
vergangener Jahrtausende alle diese Punkte ursprnglich geweiht und so
gegen die bedrohlichen, furchtbaren Mchte dieser wilden Natur sich
gttliche Bundesgenossen geschaffen hatte.

Der junge Eiferer sah alle diese Anstalten rmisch-katholischen
Christentums, wie sie den ganzen Kanton Tessin auszeichnen, mit
Befriedigung. Freilich mute er sich zugleich mit dem Schmerz des
echten Gottesstreiters eingestehen, da in ihnen weder berall ein
reger und reiner Glaube lebendig war, noch auch nur eine gengend
liebevolle Frsorge seiner Amtsbrder, um alle diese verstreuten,
himmlischen Wohnsttten vor Verwahrlosung und Vergessenheit zu
bewahren.

Nach einiger Zeit ward in den engen Fusteig eingebogen, der in
dreistndiger, mhsamer Steigung zum Gipfel des Generoso fhrt. Dabei
mute sehr bald das Bett der Savaglia auf einer verfallenen Brcke
berschritten werden, in deren nchster Nhe das Sammelbecken des
Flchens war, das von da aus in seinen selbstgebildeten Erosionsspalt
von hundert und mehr Meter Tiefe hinabstrzte. Hier hrte Francesco
aus verschiedenen Hhen, Tiefen und Richtungen neben dem Rauschen des
zu seinem Sammelbecken heraneilenden Wildwassers, Herdengelut und sah
einen Mann von rauhem ueren -- es war der Gemeindehirt von Soana! --
der lang auf der Erde ausgestreckt, sich mit den Hnden am Ufer
sttzend, den Kopf zum Wasserspiegel hinabgebeugt, ganz nach Art eines
Tieres seinen Durst lschte. Hinter ihm grasten einige Ziegenmtter
mit ihren Zicklein, whrend ein Wolfshund mit gespitztem Ohr auf
Befehle wartete und des Augenblicks, wo sein Meister und Herr mit
Trinken fertig war. Auch ich bin ein Hirte, dachte Francesco, und
als jener sich von der Erde erhob und mit schneidendem Pfiff durch die
Finger, der an den Felswnden widerhallte und mit weit ausholenden
Steinwrfen seine berallhin verstreuten Tiere bald zu schrecken, bald
weiter zu treiben, bald zurckzurufen und berhaupt vor der Gefahr
des Absturzes zu bewahren suchte, dachte Francesco, wie dies schon bei
Tieren, geschweige bei Menschen, die der Versuchung des Satans
allezeit preisgegeben waren, eine mhevolle und verantwortungsschwere
Arbeit sei.

       *       *       *       *       *

Mit doppeltem Eifer begann nun der Priester weiter zu steigen, nicht
anders, als wenn zu frchten gewesen wre, der Teufel knne auf diesem
Wege zu den verirrten Schafen womglich der Schnellere sein. Als er,
immer von seinem Begleiter gefhrt, den Francesco einer Unterhaltung
nicht wrdigte, eine Stunde und lnger steil und beschwerlich
gestiegen war, immer hher und hher in die Felswildnis des Generoso
hinein, hatte er pltzlich die Alpe von Santa Croce auf fnfzig
Schritt vor Augen liegen.

Er wollte nicht glauben, da jener Steinhaufen und das inmitten davon
befindliche, ohne Mrtel aus flachen Steintafeln geschichtete
Mauerwerk, wie ihn der Fhrer versichert hatte, das gesuchte Anwesen
sei. Was er erwartet hatte, war, nach dem Reden des Sindaco, eine
gewisse Wohlhabenheit, wogegen diese Behausung hchstens als eine Art
Unterschlupf fr Schafe und Ziegen bei pltzlichem Unwetter gelten
konnte. Da es auf einer steilen Halde von Gesteinschutt und kantigen
Felsblcken lag und der Pfad dahin in seinem Zickzacklaufe verborgen
war, schien der verfluchte Ort ohne Zugnge. Erst nachdem der junge
Priester sein Befremden und einen gewissen Schauder, der sich meldete,
berwunden hatte und nher gedrungen war, gestaltete sich das Bild der
verfemten und gemiedenen Wohnsttte etwas freundlicher.

Ja, die Trmmersttte verwandelte sich sogar vor den Augen des
nherkommenden Priesters in eitel Lieblichkeit: denn es schien, als
wrde die aus groer Hhe losgelste Lawine von Blcken und Schutt
durch den rohgemauerten Wrfel der Wohnsttte aufgestaut und
festgehalten, so da unter ihm eine steinfreie, saftig begrnte Lehne
blieb, aus der in entzckender Flle und holdester Lieblichkeit gelbe
Kuhblumen bis an die Rampe vor die Haustre hinankletterten -- und als
wren sie neugierig, ber die Rampe hinweg und buchstblich durch die
Haustr in die verfemte Wohnhhle hinein.

Bei diesem Anblick stutzte Francesco. Dieser Sturmlauf von gelben
Wiesenblumen gegen die verrufene Schwelle hinauf, dieses Hinanblhen
ppiger Prozessionen langgestielter Vergimeinnicht, unter denen Adern
von Bergwasser versickerten, und die ebenfalls mit ihrem blauen
Abglanz des Himmels die Tr zu erobern suchten, schien ihm beinahe
ein offener Protest gegen Acht, Bann und Femgerichte der Menschen zu
sein. Francesco mute sich in seinem Staunen, dem eine gewisse
Verwirrung folgte, mit seiner schwarzen Soutane auf einen von der
Sonne gewrmten Gesteinsblock niedersetzen. Er hatte seine Jugend im
Tal und dazu meist in geschlossenen Rumen, Kirchen, Hrslen oder
Studierzimmern zugebracht. Sein Natursinn war nicht geweckt worden.
Eine Unternehmung, wie diese, in die erhabene, herbe Lieblichkeit des
Hochgebirges hinein, hatte er niemals bisher ausgefhrt und wrde es
vielleicht niemals getan haben, htte nicht Zufall und Pflicht vereint
ihm die Bergfahrt aufgedrngt. Nun berwltigte ihn die Neuheit und
die Gre der Eindrcke.

Zum ersten Mal fhlte der junge Priester Francesco Vela eine klare und
ganz groe Empfindung von Dasein durch sich hinbrausen, die ihn
augenblicklang vergessen lie, da er ein Priester und weshalb er
gekommen war. Alle seine Begriffe von Frmmigkeit, die mit einer Menge
von kirchlichen Regeln und Dogmen verflochten waren, hatte diese
Empfindung nicht nur verdrngt, sondern ausgelscht. Er verga jetzt
sogar, das Kreuz zu schlagen. Unter ihm lag das schne Luganer Gebiet
der oberitalienischen Alpenwelt, lag Sant Agatha mit dem
Wallfahrtskirchlein, ber dem noch immer die braunen Fischruber
kreisten, lag der Berg San Giorgio, tauchte die Spitze des Monte San
Salvatore auf, und endlich lag in schwindelerregender Tiefe unter ihm,
in die Tler des Gebirgsreliefs wie eine lngliche Glasplatte
sorgfltig eingefat, der Capolago genannte Arm des Luganer Sees mit
dem segelnden Boot eines Fischers darauf, das einer winzigen Motte auf
einem Handspiegel glich. Hinter alledem waren in der Ferne die weien
Gipfel der Hochalpen, gleichsam mit Francesco, hher und hher
gestiegen. Daraus hob sich der Monte Rosa wei, mit sieben weien
Spitzen hervor, zugleich diademhaft und schemenhaft aus dem seidigen
Blau des Azurs herberstrahlend.

Wenn man mit Fug von einer Bergkrankheit reden kann, so mit nicht
minderem Recht darf man von einem Zustand reden, der Menschen auf
Berghhen berkommt, und den man am besten als Gesundheit ohnegleichen
bezeichnet. Diese Gesundheit sprte nun auch der junge Priester im
Blut, wie eine Erneuerung. Neben ihm, zwischen Steinen unter noch
drrem Heidekraut, stand eine kleine Blume, dergleichen Francesco noch
niemals im Leben erblickt hatte. Es war eine beraus liebliche Spezies
blauen Enzians, dessen Bltenblttchen mit einem flammenden Blau
berraschend kstlich bemalt waren. Der junge Mann in der schwarzen
Soutane lie das Blmchen, das er in seiner ersten Entdeckerfreude
hatte abpflcken wollen, unbehelligt an seinem bescheidenen Platze
stehen und bog nur das Heidekraut beiseite, um das Wunder lange
entzckt zu betrachten. berall aus den Steinen drang junges,
hellgrnes Zwergbuchenlaub, und aus einer gewissen Ferne, ber den
Lehnen von hartem, grauen Schutt und zartem Grn, meldete sich mit
Glockengelut die Herde des armen Luchino Scarabota. Diese ganze
Bergwelt besa eine frhe Eigenart, den Jugendreiz versunkener,
menschlicher Zeitalter, von denen in den Taltiefen keine Spur mehr
vorhanden war.

Francesco hatte seinen Begleiter heimgeschickt, da er den Rckweg
ungestrt durch die Gegenwart eines Menschen machen wollte und
berdies bei dem, was er am Herde Luchinos vorhatte, einen Zeugen
nicht wnschen konnte. Er war inzwischen bereits bemerkt worden, und
eine Anzahl schmuddliger und verfilzter Kinderkpfe streckten sich
immer wieder neugierig zu dem schwarzverrucherten Trloch der
Scarabotaschen Gesteinsburg heraus.

Langsam begann sich der Priester ihr anzunhern und betrat jenen
Umkreis des Anwesens, der den groen Viehbestand des Besitzers
anzeigte und von den Rckstnden einer groen Herde Rinder und Ziegen
verunreinigt war. In Francescos Nase stieg strker und strker mit der
dnnen und krftigen Bergluft Rinder- und Ziegenduft, dessen steigende
Penetranz am Eingang der Wohnung durch zugleich mit ihm
herausdringenden Holzkohlenrauch ertrglich gemacht wurde. Als
Francesco im Rahmen der Tr erschien und mit seiner schwarzen Soutane
das Licht verstellte, waren die Kinder ins Dunkel zurckgewichen, von
wo sie dem Grue des Priesters, der sie nicht sah, und allen seinen
Anreden Schweigen entgegensetzten. Nur eine alte Mutterziege kam,
meckerte leise und beschnffelte ihn.

Allmhlich war es im Innern des Raumes fr das Auge des Boten Gottes
heller geworden. Er sah einen Stall, mit einer hohen Dungschicht
gefllt und nach hinten in eine natrliche Hhle vertieft, die
ursprnglich im Nagelflu, oder was fr Gestein es sein mochte,
vorhanden war. In einer groben Steinwand rechts war ein Durchgang
geffnet, durch den der Priester einen Blick auf den jetzt verlassenen
Herd der Familie tat: einen Aschenberg, innen noch voll Glut und zwar
auf dem natrlich zutage liegenden Felsen des Fubodens
aufgeschichtet. An einer von dickem Ru berdeckten Kette hing ein
verbeulter, ebenfalls verruter, kupferner Topf darber herab. An
dieser Feuersttte des Steinzeitmenschen stand eine lehnenlose Bank,
deren faustdickes, breites Sitzbrett auf zwei ebenso breiten, im
Felsen befestigten Pfeilern ruhte und das seit einem Jahrhundert und
lnger von Generationen ermdeter Hirten, Hirtenweiber und Kinder
abgewetzt und poliert worden war. Das Holz schien nicht mehr Holz,
sondern ein gelber, polierter Marmor oder Speckstein zu sein, aber mit
zahllosen Narben und Schnitten. Der quadratische Raum, der im brigen
mit seinen natrlich ungeputzten, aus rohen Blcken und
Schieferplatten geschichteten Mauern mehr einer Hhle glich und aus
dem der Qualm durch die Tr in den Stall und wiederum von dort durch
die Tr vollends ins Freie drang, weil er auer etwa durch
Undichtigkeiten der Wnde sonst keinen Abzug hatte, der Raum also war
vom Qualm und Ru der Jahrzehnte geschwrzt, so da man beinahe den
Eindruck gewinnen konnte, im Innern eines dickverruten Kamines zu
sein.

Eben bemerkte Francesco den eigentmlichen Glanz von Augen, die aus
einem Winkel hervorleuchteten, als drauen ein Rollen und Rutschen von
Gesteinschutt hrbar ward und gleich darauf die Gestalt Luchino
Scarabotas in die Tr und wie ein lautloser Schatten vor die Sonne
trat, wodurch sich der Raum noch tiefer verdunkelte. Der verwilderte
Berghirt atmete schwer, nicht allein deshalb, weil er in kurzer Zeit
den Weg von einer entfernten, hher gelegenen Alm gemacht, nachdem er
von dort aus die Ankunft des Priesters beobachtet hatte, sondern weil
dieser Besuch ein Ereignis fr den Verfemten war.

Die Begrung war kurz. Francesco wurde von seinem Wirt zum Sitzen
gentigt, nachdem er die Specksteinbank mit seinen rauhen Hnden
von Steinen und abgerissenen Kuhblumen gesubert hatte, die der
verfluchten Brut seiner Kinder als Spielzeug gedient hatten.

Der Berghirte schrte und blies aus vollen Backen das Feuer an, wobei
seine fieberhaften Augen im Widerschein noch wilder erglnzten. Er
nhrte die Flamme mit Scheiten und trockenem Reisig auf, so da der
beizende Qualm den Priester beinahe vertrieben htte. Das Betragen des
Hirten war von kriechender Unterwrfigkeit und von einem ngstlichen
Eifer getragen, dermaen, als ob nun alles darauf ankme, sich die
Gnade des hheren Wesens nicht zu verscherzen, das seine schlechte
Wohnung betreten hatte. Er brachte eine groe schmutzige Gelte voll
Milch herbei, deren Oberflche dicken Rahm abgesetzt hatte, aber
leider auf eine unglaubliche Weise verunreinigt war, so da Francesco
sie schon deshalb nicht anrhren konnte. Er wies aber auch den Genu
von frischem Kse und reinlichem Brote zurck, trotzdem er hungrig
geworden war, weil er sich in aberglubischer Scheu damit zu
versndigen frchtete. Schlielich, als der Berghirt sich ein wenig
beruhigt hatte und mit furchtsam wartenden Blicken und hngenden Armen
ihm gegenber stand, begann der Priester also zu reden:

       *       *       *       *       *

Luchino Scarabota, Ihr sollt des Trostes unserer heiligen Kirche
nicht verlustig gehen, und Eure Kinder sollen aus der Gemeinschaft
katholischer Christen nicht ferner verstoen sein, wenn es sich
entweder herausstellt, da die blen Gerchte ber Euch unwahr sind,
oder wenn Ihr redlich beichtet, Reue und Zerknirschung zeigt und Euch
bereit findet, mit Gottes Hilfe den Stein des Anstoes aus dem Wege zu
rumen. Also ffnet mir zuerst Euer Herz, Scarabota, bekennet mit
Freimut, worin Ihr verleumdet seid und mit wahrhaftiger Wahrheit die
Sndenschuld, die Euch etwa belastet.

Nach dieser Anrede schwieg der Hirt. Es rang sich nur pltzlich ein
kurzer, wilder Ton aus seiner Kehle hervor, der aber keinerlei Gefhl
verriet, vielmehr etwas Glucksendes, Vogelartiges an sich hatte. Wie
es Francesco gelufig war, schritt er alsbald dazu, dem Snder die
schrecklichen Folgen der Verstocktheit vorzustellen und die
vershnliche Gte und Liebe Gottes des Vaters, die er durch das Opfer
seines einigen Sohnes bewiesen habe, das Opfer des Lammes, das die
Snden der Welt auf sich nahm. Durch Jesum Christum, schlo er, kann
jede Snde vergeben werden, vorausgesetzt, da eine rckhaltlose
Beichte, verbunden mit Reue und Gebet, dem himmlischen Vater die
Zerknirschung des armen Snders bewiesen hat.

Erst nachdem Francesco, der Priester, eine lange Weile gewartet hatte
und sich achselzuckend erhob, wie es schien, um davon zu gehen, begann
der Hirte ein unverstndliches Durcheinander von Worten durch die
Kehle zu wrgen: eine Art Gewlle, wie es der Raubvogel tut. Und mit
gespannter Aufmerksamkeit versuchte der Priester das Verstndliche aus
dem Wuste festzuhalten. Aber dieses Verstndliche erschien ihm ebenso
wie das Dunkle fremd und wunderbar. Nur so viel ward aus der
bengstigenden und beklemmenden Menge eingebildeter Dinge klar, da
Luchino Scarabota sich seines Beistandes gegen allerlei Teufel, die in
den Bergen hausten und ihn bedrngten, versichern wollte.

Es htte dem jungen, glubigen Priester schlecht angestanden, am
Dasein und Wirken von bsen Geistern zu zweifeln. War doch die
Schpfung erfllt von allen Arten und Graden gefallener Engel aus dem
Gefolge Luzifers, des Emprers, den Gott verstoen hatte; hier aber
grauste ihm, er wute nicht, ob vor der Verfinsterung durch unerhrten
Aberglauben, auf die er traf, oder ob vor der hoffnungslosen
Erblindung durch Unwissenheit. Er beschlo, mittels einzelner Fragen
sich ber den Vorstellungskreis und das Begriffsvermgen seines
Parochialen ein Urteil zu bilden.

Da ward denn alsbald ersichtlich: dieser wilde, verwahrloste Mensch
wute nichts von Gott, noch viel weniger von Jesus Christus, dem
Heiland, am allerwenigsten vom Vorhandensein eines heiligen Geists.
Dagegen gewann es den Anschein, als fhle er sich von Dmonen umgeben
und sei besessen von einem dsteren Verfolgungswahn. Und in dem
Priester sah er nicht etwa den berufenen Diener Gottes, sondern viel
eher einen mchtigen Zauberer oder den Gott. Was sollte Francesco
anderes tun, als sich bekreuzigen, whrend der Hirte sich demtig auf
die Erde warf und mit feuchten, wulstigen Lippen seine Schuhe
abgttisch zu belecken und mit Kssen zu bedecken begann.

Der junge Priester hatte sich noch niemals in einer hnlichen Lage
befunden. Die dnne Bergluft, der Frhling, die Trennung von der
eigentlichen Schicht der Zivilisation brachten es mit sich, da sein
Bewutsein sich ein wenig umnebelte. Etwas wie ein traumhafter Bann
zog ins Bereich seiner Seele ein, darin sich die Wirklichkeit zu
schwebenden Luftgebilden auflste. Diese Vernderung verband sich mit
einer leisen Furchtsamkeit, die ihm mehrmals schleunige Flucht hinab
ins Bereich der geweihten Kirchen und Glocken anraten wollte. Der
Teufel war mchtig, wer konnte wissen, wie viele Mittel und Wege er
hatte, den ahnungslosen, gutglubigsten Christen hinanzulocken und vom
Rande eines schwindelerregenden Abgrunds hinabzustrzen.

Man hatte Francesco nicht gelehrt, da die Gtzen der Heiden nur leere
Gebilde der Phantasie und nichts weiter gewesen seien. Die Kirche
anerkannte ausdrcklich ihre Macht, nur da sie dieselbe als eine Gott
feindliche hinstellte. Sie kmpften noch immer, wenn auch
hoffnungslos, mit dem allmchtigen Gott um die Welt. Deshalb erschrak
der bleiche, junge Priester nicht wenig, als sein Wirt ein hlzernes
Ding aus irgendeinem Winkel seiner Behausung hervorholte, eine
greuliche Schnitzerei, die zweifellos einen Fetisch vorstellte. Trotz
seines priesterlichen Abscheus vor dem zuchtlosen Gegenstand, konnte
Francesco nicht umhin, das Gebilde nher zu betrachten. Mit Abscheu
und Staunen gestand er sich, da hier die scheulichste, heidnische
Greuel, nmlich die des lndlichen Priapdienstes, noch lebendig sei.
Nichts anderes, als Priap konnte, wie klar ersichtlich war, das
primitive Kultbild vorstellen.

Kaum hielt Francesco den kleinen, harmlosen Zeugungsgott, den Gott der
lndlichen Fruchtbarkeit, der bei den Alten so offen in hohen Ehren
stand, als sich die sonderbare Umklammerung seines Wesens in heiligen
Zorn umsetzte. Er warf zunchst, ohne berlegung, das schamlose,
kleine Alrunchen ins Feuer hinein, von wo es aber mit der
Schnelligkeit eines Hundes-Zufahren der Hirt im selben Augenblick
wieder herausholte. Es glimmte da und es brannte dort, wurde aber
sofort durch die rauhen Hnde des Heidenmenschen in den alten
ungefhrlichen Zustand versetzt. Nun mute es aber, samt seinem
Retter, eine Flut von strafenden Worten ber sich hingehen lassen.

Luchino Scarabota schien nicht zu wissen, welchen von beiden Gttern
er fr den strkeren halten sollte: den von Holz oder den von Fleisch
und Blut. Indessen hielt er den Blick, in dem sich Entsetzen und
Grauen mit tckischer Wut mischten, auf die neue Gottheit gerichtet,
deren frevelhafte Khnheit jedenfalls nicht auf ein Bewutsein von
Schwche schlieen lie. Einmal im Zuge, lie sich der Bote des
einigen und alleinigen Gottes in seinem heiligen Eifer durch noch so
gefhrliche Blicke des umnachteten Gtzendieners nicht einschchtern.
Und ohne alle Umstnde kam er nun auch auf die verruchte Snde zu
sprechen, der, wie man allgemein behauptete, der Kindersegen des
Berghirten zu verdanken war.

In die lauten Reden des jungen Priesters platzte gleichsam die
Schwester Scarabotas hinein, die aber, ohne zu reden und nur
verstohlen den Eiferer musternd, sich da und dort in der Hhle zu tun
machte. Sie war ein bleiches und widerwrtiges Weib, dem Waschwasser,
wie es schien, eine unbekannte Sache war. Man sah ihren nackten Krper
durch die Risse verwahrloster Kleider unangenehm hindurch schimmern.

Nachdem der Priester geendet und seinen Vorrat von strafenden Anklagen
frs erste erschpft hatte, schickte das Weib den Bruder mit einem
kurzen, kaum hrbar gesprochenen Wort ins Freie hinaus. Ohne
Widerspruch war der wilde Mensch sogleich wie der folgsamste Hund
verschwunden. Hierauf kte die schmutzstarrende Snderin, der das
verfilzte, schwarze Haar ber die breiten Hften hing, mit den Worten
Gelobt sei Jesus Christus! dem Priester die Hand.

Gleich darauf brach sie in Trnen aus.

Sie sagte, der Priester habe ganz recht, wenn er sie mit harten Worten
verurteile. Sie habe sich allerdings versndigt gegen Gottes Gebot,
wenn auch keineswegs in der Weise, wie es die Verleumdung ihr
nachrede. Sie allein sei die Snderin, ihr Bruder dagegen vollkommen
unschuldig. Sie schwor und zwar bei allen Heiligen, da sie jener
frchterlichen Snde, der man sie zeihe, der Blutschande nmlich,
niemals verfallen wre. Freilich habe sie unkeusch gelebt, und da sie
nun einmal im Beichten sei, so sei sie bereit, die Vter ihrer Kinder
zu beschreiben, wenn auch nicht alle namhaft zu machen. Denn nur die
wenigsten Namen wisse sie, da sie, wie sie sagte, aus Not oftmals ihre
Gunst an vorberkommende Fremde verkauft habe.

Im brigen habe sie ihre Kinder ohne jede Hilfe mit Schmerzen zur Welt
gebracht, und einige htte sie mssen da und dort, bald nach der
Geburt, im Schutte des Generoso wieder begraben. Ob er sie nun
absolvieren knne oder nicht, sie wisse trotzdem, da Gott ihr
verziehen habe, denn sie habe durch Nte, Leiden und Sorgen gengsam
gebt.

Francesco konnte nicht anders, als die weinende Beichte des Weibes wie
ein Gewebe von Lgen ansehen, wenigstens soweit das Verbrechen in
Frage kam. Freilich fhlte er, es gab Handlungen, die jedem
Bekenntnis vor Menschen unbedingt widerstreben und die nur Gott allein
in einsamer Stille des Gebetes erfhrt. Er achtete in dem verkommenen
Weibe diese Schamhaftigkeit und konnte sich berhaupt nicht verhehlen,
da sie in mancher Beziehung hher als ihr Bruder geartet war. In der
Art ihrer Rechtfertigung lag eine klare Entschlossenheit. Das Auge
gestand, aber ein Gestndnis durch Worte wrden ihr weder gutes
Zureden, noch glhende Zangen des Henkers entrissen haben. Sie war es
gewesen, wie sich ergab, die den Mann zu Francesco gesandt hatte. Sie
hatte den jungen, bleichen Priester gesehen, als sie eines Tages nach
Lugano zum Markte ging, wo sie die Erzeugnisse ihrer Alm verhandelte,
und sie hatte bei seinem Anblick Vertrauen und den Gedanken gefat,
ihm ihre verfemten Kinder ans Herz zu legen. Sie allein war das
Familienhaupt und trug die Sorge fr Bruder und Kinder.

Ich lasse es unerrtert, sagte Francesco, inwieweit Ihr schuldig
oder unschuldig seid. Eines steht fest: wenn Ihr Eure Kinder nicht wie
Tiere aufwachsen lassen wollt, so mt Ihr Euch von dem Bruder
trennen. Solange Ihr mit ihm lebt, wird der furchtbare Leumund, den
Ihr habt, niemals zum Schweigen zu bringen sein. Immer wird man die
schreckliche Snde bei Euch voraussetzen.

Nach diesen Worten schien Verstockung und Trotz im Gemte des Weibes
herrschend zu werden, jedenfalls gab sie keine Antwort und widmete
sich so, als ob kein Fremder zugegen wre, eine lngere Weile
huslicher Ttigkeit. Whrenddessen kam ein etwa fnfzehnjhriges
Mdchen herein, das einige Ziegen in die ffnung des Stalles trieb und
sich alsdann, ebenfalls als wenn Francesco nicht da wre, an der
Arbeit des Weibes beteiligte. Der junge Priester wute sofort, als er
nur erst den Schatten des Mdchens durch die Tiefe der Hhle gleiten
sah, da es von ungewhnlicher Schnheit sein mute. Er bekreuzte
sich, denn er hatte einen leisen Schrecken unerklrlicher Art im
Krper gesprt. Er wute nicht, ob er in Gegenwart der jugendlichen
Hirtin seine Ermahnungen wieder aufnehmen sollte. Zwar war sie, wie
nicht zu bezweifeln war, von Grund aus verderbt, da Satan sie auf dem
Wege der schwrzesten Snde zum Leben erweckt hatte, aber es konnte
doch noch ein Rest von Reinheit in ihr sein, und wer mochte wissen, ob
sie von ihrem schwarzen Ursprung eine Ahnung hatte.

Ihre Bewegungen zeigten jedenfalls eine groe Gelassenheit, aus der
man keineswegs auf Unruhe des Gemtes oder Gewissensbeschwernis
schlieen konnte. Im Gegenteil war alles an ihr von einer
bescheidenen Selbstsicherheit, die durch das Dasein des Pfarrers nicht
berhrt wurde. Sie hatte Francesco bis jetzt nicht mit einem Blicke
gestreift, wenigstens nicht so, da er ihrem Auge begegnet wre oder
sie sonstwie ertappt htte. Ja, whrend er selbst sie verstohlen durch
die Brille beobachtete, mute er mehr und mehr in Zweifel ziehen, ob
wirklich ein Kind der Snde, ein Kind solcher Eltern von dieser
Beschaffenheit sein knnte. Endlich verschwand sie ber eine
Steigeleiter in eine Art Dachgela hinauf, so da nun Francesco sein
mhsames Seelsorgerwerk fortsetzen konnte.

Ich kann meinen Bruder nicht verlassen, sagte die Frau, und zwar
ganz einfach deshalb, weil er ohne mich hilflos ist. Er kann zur Not
seinen Namen schreiben, und ich habe ihm das nur mit der grten Mhe
beigebracht. Er kennt keine Mnze, und vor der Eisenbahn, der Stadt
und den Menschen frchtet er sich. Wenn ich fortgehe, wird er mich
verfolgen, wie ein armer Hund seinen verlorenen Herrn verfolgt. Er
wird mich entweder finden oder elend zugrunde gehen: und was soll dann
aus den Kindern und unserem Besitztum werden. Bleibe ich mit den
Kindern hier, so wollte ich den wohl sehen, dem es gelnge, meinen
Bruder fortzuschaffen: man mte ihn denn in Ketten tun und hinter
Eisenstangen in Mailand einschlieen.

Der Priester sagte: Dies kann sich am Ende noch ereignen, wenn Ihr
meinem guten Rate nicht folgen wollt.

Da gingen die ngste des Weibes in Wut ber. Sie habe ihren Bruder zu
Francesco geschickt, damit er sich ihrer erbarme, aber nicht deshalb,
damit er sie unglcklich mache. Es sei ihr dann schon lieber, von
denen da unten gehat und ausgestoen weiter zu leben, wie bisher. Sie
sei eine gute Katholikin, aber wen die Kirche ausstoe, der habe ein
Recht, sich dem Teufel anheimzugeben. Und was sie bisher noch nicht
getan habe, die groe, ihr zur Last gelegte Snde, werde sie dann
vielleicht erst tun.

In diese mit einzelnen Schreien gemischten, gepreten Worte der Frau
hrte Francesco von dort, wo das Mdchen verschwunden war, von oben her,
immer einen sen Gesang bald im leisesten Hauch, bald strker
schwellend hineinklingen: so da seine Seele mehr in diesem melodischen
Banne, als bei den Wutausbrchen des verkommenen Weibes war. Und eine
Welle stieg hei in ihm, verbunden mit einer Bangigkeit, wie er sie nie
gefhlt hatte. Das qualmige Loch dieses tierisch-menschlichen
Wohnstalles schien, wie durch Zauberei, in die lieblichste aller
kristallenen Grotten des Danteschen Paradieses verwandelt zu
sein: -- voll Engelstimmen und lachtaubenartig klingender Fittiche.

Er ging. Es war ihm unmglich, noch lnger, ohne sichtbar zu beben,
solchen verwirrenden Einflssen standzuhalten. Drauen, vor dem
ausgehhlten Steinhaufen angelangt, sog er die Frische der Bergluft
ein und ward sogleich, wie ein leeres Gef, mit dem ungeheuren
Eindruck der Bergwelt angefllt. Seine Seele ward gleichsam in die
weiteste Kraft des Auges verlegt und bestand aus den kolossalen Massen
der Erdrinde, von fernen, schneeichten Spitzen zu nahen, furchtbaren
Abgrnden, unter der kniglichen Helle des Frhlingstags. Noch immer
sah er braune Fischadler berm Zuckerhut von Sant Agatha ihre
selbstvergessenen Kreise ziehn. Da verfiel er darauf, der verfemten
Familie dort einen heimlichen Gottesdienst abzuhalten und erffnete
diesen Gedanken der Frau, die kummervoll auf die vom gelben Lwenzahn
umwucherte Schwelle der Hhle getreten war. Nach Soana drft Ihr
nicht kommen, wie Ihr ja selber wit, sagte er, wrde ich Euch dazu
einladen, ich und Ihr, wir wrden gleich bel beraten sein.

Wiederum ward das Weib bis zu Trnen gerhrt und versprach, sich an
einem bestimmten Tage mit dem Bruder und den lteren Kindern vor der
Kapelle von Sant Agatha einzufinden.

       *       *       *       *       *

Als der junge Priester soweit aus dem Bereich der Wohnsttte Luchino
Scarabotas und seiner fluchbeladenen Familie war, da er von dort aus
nicht mehr gesehen werden konnte, whlte er einen von der Sonne
durchwrmten Block zum Ruheplatz, um ber das eben Erlebte
nachzudenken. Er sagte sich, da er zwar mit einem schauerlichen
Interesse, aber doch pflichtmig nchternen Sinnes und ohne jeden
Vorschmack von dem heraufgestiegen war, was ihn jetzt auf so
ahnungsvolle Weise beunruhigte. Was war das doch? Er zupfte, strich
und putzte lange an seiner Soutane herum, als ob er es dadurch
loslsen knnte.

Als er nach einiger Zeit noch immer nicht die erwnschte Klarheit
empfand, nahm er gewohnheitsgem sein Brevier aus der Tasche, aber
auch das alsbald begonnene, laute Lesen befreite ihn nicht von einer
gewissen wunderlichen Unschlssigkeit. Es war ihm zumute, als ob er
irgendetwas, einen wichtigen Punkt seiner Sendung, zu erledigen
vergessen htte. Deshalb wandte er seine Blicke unter der Brille immer
wieder mit einer gewissen Erwartung den Weg zurck und konnte sich
nicht ermannen, den begonnenen Abstieg fortzusetzen.

So verfiel er in seltsame Trumerei, aus der ihn zwei kleine Vorflle
weckten, die seine aus dem gewohnten Bereich gebrochene Phantasie mit
erheblicher bertreibung sah: erstlich zersprang ihm mit einem Knick,
durch den Einflu der kalten Bergluft, das rechte Brillenglas, und
fast unmittelbar darauf hrte er ein frchterliches Geprust ber
seinem Kopf und sprte einen heftigen Druck auf den Schultern.

Der junge Priester war aufgesprungen. Er lachte laut, als er die
Ursache seines panischen Schreckens in einem scheckigen Geibock
erkannte, der ihm einen Beweis seines unbegrenzten Vertrauens dadurch
gegeben hatte, da er ohne jedwede Rcksicht gegen sein geistliches
Gewand mit den Vorderhufen auf seine Schultern gesprungen war.

Damit begann aber erst seine hchst vertrauliche Zudringlichkeit. Der
zottige Bock mit den starken, schn gewundenen Hrnern und
feuerspeienden Augen war gewohnt, wie es schien, vorberkommende
Bergsteiger anzubetteln und tat dies auf eine so drollige,
entschlossene und unwiderstehliche Art, da man sich seiner nur durch
die Flucht erwehren konnte. Er setzte Francesco immer wieder,
hochaufgebumt, die Hufe vor die Brust und schien entschlossen,
nachdem der Bedrngte sich eine Durchschnupperung seiner Taschen
hatte gefallen lassen mssen und einige Brotreste mit unglaublicher
Gier verschluckt worden waren, Haar, Nase und Finger des Priesters
abzuknabbern.

Eine alte, brtige Gei, der Glocke und Euter bis auf die Erde hing,
war dem Wegelagerer nachgefolgt und begann, durch diesen ermutigt, den
Priester ebenso zu bedrngen. Ihr hatte das mit Goldschnitt und Kreuz
versehene Brevier besonderen Eindruck gemacht, und es gelang ihr,
whrend Francesco mit der Abwehr eines gewundenen Bockshorns zu tun
hatte, sich des Bchelchens zu bemchtigen. Und seine schwarz
bedruckten Bltter fr grne nehmend, a sie, nach des Propheten
Vorschrift, die heiligen Wahrheiten buchstblich und gierig in sich
hinein.

In solchen Nten, die sich durch Ansammlung anderer, vereinzelt
weidender Tiere noch gesteigert hatten, erschien mit einemmal die
Hirtin als Retterin. Es war eben dasselbe Mdchen, das Francesco
zuerst in der Htte Luchinos flchtig erblickt hatte. Er sagte, als
die schlanke und starke Person, nachdem sie die Ziegen verscheucht
hatte, mit frisch gerteten Wangen und lachenden Augen vor ihm stand:
Du hast mich gerettet, braves Mdchen! Und er setzte ebenfalls
lachend hinzu, indem er sein Brevier aus den Hnden der jungen Eva
entgegennahm: Es ist eigentlich wunderlich, da ich trotz meines
Hirtenamts gegen deine Herde so hilflos bin.

Ein Priester darf sich nicht lnger, als seine kirchliche Pflicht etwa
erfordert, mit einem jungen Mdchen oder Weibe unterhalten, und die
Gemeinde vermerkt es sofort, wenn er auerhalb der Kirche bei einer
solchen Begegnung zu zweien gesehen wird. So hatte denn auch
Francesco, eingedenk seines strengen Berufs, ohne sich lange zu
verweilen, seinen Rckweg fortgesetzt: dennoch hatte er ein Gefhl,
als ob er sich auf einer Snde ertappt htte und bei nchster
Gelegenheit sich durch eine reuige Beichte reinigen msse. Noch war er
nicht aus dem Bereich der Herdenglocken gelangt, als der Klang einer
weiblichen Stimme zu ihm drang, der ihn pltzlich wiederum alle
Meditationen vergessen machte. Die Stimme war so geartet, da er nicht
auf den Gedanken kam, sie knne der eben zurckgelassenen Hirtin
angehren. Francesco hatte nicht nur zu Rom die kirchlichen Snger des
Vatikans, sondern auch fters frher mit seiner Mutter in Mailand
weltliche Sngerinnen gehrt, und also war ihm Koloratur und bel canto
der Primadonnen nicht unbekannt. Er stand unwillkrlich still und
wartete. Unzweifelhaft sind es Touristen von Mailand, dachte er und
hoffte womglich, im Vorbergehen, die Besitzerin dieser herrlichen
Stimme ins Auge zu fassen. Da sie nicht kommen wollte, setzte er
weiter Fu vor Fu, sorgsam absteigend, in die schwindelerregende
Tiefe hinunter.

Was Francesco im ganzen und im einzelnen auf diesem Berufsgang erlebt
hatte, war uerlich nicht der Rede wert, wenn man die Greuel nicht in
Erwgung zieht, die ihre Brutsttte in der Htte der armen Geschwister
Scarabota hatte. Aber der junge Priester fhlte sogleich, wie diese
Bergfahrt fr ihn ein Ereignis von groer Bedeutung geworden war, wenn
er auch ber den ganzen Umfang dieser Bedeutung vorlufig noch nicht
entfernt Bescheid wute. Er sprte, da von innen heraus eine Umwandlung
mit ihm vorgegangen war. Er befand sich in einem neuen Zustande, der ihm
von Minute zu Minute wunderlicher und einigermaen verdchtig war, aber
doch lange nicht so verdchtig, da er womglich den Satan gewittert
oder etwa ein Tintenfa nach ihm geschleudert haben wrde, wenn er es
auch in der Tasche gehabt htte. Die Bergwelt lag wie ein Paradies unter
ihm. Zum allerersten Male wnschte er sich, mit unwillkrlich gefalteten
Hnden, Glck, von seinem Oberen gerade mit der Verwaltung dieser Pfarre
betraut worden zu sein. Was war, gegen diese kstliche Tiefe gehalten,
Petri Tuch, das an drei Zipfeln von Engeln gehalten vom Himmel kam. Wo
gab es eine fr Menschenbegriffe grere Majestt, wie diese
unzugnglichen Generoso-Schroffen, an denen fort und fort der dumpfe
Frhlingsdonner schmelzenden Schnees in Lawinen hrbar ward.

       *       *       *       *       *

Vom Tage seines Besuches bei den Verfemten an konnte sich Francesco zu
seinem Erstaunen nicht mehr in den gedankenlosen Frieden seines
frheren Daseins zurckfinden. Das neue Gesicht, das die Natur fr ihn
angenommen hatte, verblate nicht mehr, und sie wollte sich auf keine
Weise in ihren frheren, unbeseelten Zustand zurckdrngen lassen. Die
Art ihrer Einwirkungen, durch die der Priester nicht nur am Tage,
sondern auch in seinen Trumen bengstet wurde, nannte er und erkannte
er zunchst als Versuchungen. Und da der Glaube der Kirche, schon
dadurch, da er ihn bekmpft, mit dem heidnischen Aberglauben
verschmolzen ist, so fhrte Francesco seine Verwandlung allen Ernstes
auf die Berhrung jenes hlzernen Gegenstandes zurck, jenes
Alrunchens, das der struppige Hirt aus dem Feuer gerettet hatte. Da
war unzweifelhaft noch ein Rest jener Greuel lebendig geblieben,
denen die Alten unter dem Namen des Phallus-Dienstes huldigten, jenes
schmachvollen Kultes, der durch den heiligen Krieg des Kreuzes Jesu in
der Welt niedergezwungen worden war. -- Bis dahin, als er den
scheulichen Gegenstand erblickt hatte, war allein das Kreuz in
Francescos Seele eingebrannt. Man hatte ihn, nicht anders, wie wenn
man die Schafe einer Herde mit einem glhenden Stempel zeichnet, mit
dem Brandmal des Kreuzes versehen, und dieses Stigma war, im Wachen
und Trumen gegenwrtig, zum Wesenssymbol seiner selbst geworden. Nun
blickte der leidige und leibhaftige Satan ber dem Kreuzesbalken
herab, und das hchst unsaubere, entsetzliche Satyr-Symbol nahm in
immerwhrendem Wettstreit mehr und mehr die Stelle des Kreuzes ein.

Francesco hatte, neben dem Brgermeister, vor allem seinem Bischof
ber den Erfolg seines Hirtenganges Bericht erstattet, die Antwort,
die er von ihm erhielt, war eine Billigung seines Vorgehens. Vor
allem, schrieb der Bischof, vermeiden wir jedes laute rgernis. Er
fand es beraus klug, da Francesco fr die armen Snder einen
besonderen und geheimen Gottesdienst auf Sant Agatha, in der Kapelle
der heiligen Mutter Mariens, anberaumt hatte. Aber die Anerkennung
seines Oberen konnte den Seelenfrieden Francescos nicht herstellen,
er vermochte den Gedanken nicht los zu werden, da er von dort oben
mit einer Art Bezauberung behaftet zurckgekommen sei.

In Ligornetto, wo Francesco geboren war, und wo sein Oheim, der
berhmte Bildhauer, die letzten zehn Jahre seines Lebens zugebracht
hatte, war noch derselbe alte Pfarrer, der ihn als Knabe in die
Heilswahrheiten des katholischen Glaubens eingefhrt und ihm den Weg
der Gnade gewiesen hatte. Diesen alten Priester suchte er eines Tages
auf, nachdem er den Weg von Soana bis Ligornetto in beilufig drei
Stunden zurckgelegt hatte. Der alte Priester hie ihn willkommen und
war mit sichtlicher Rhrung bereit, die Beichte des jungen Mannes, die
er ihm abzulegen wnschte, entgegenzunehmen. Natrlich absolvierte er
ihn.

Francescos Gewissensnte sind ungefhr in folgender Erffnung, die er
dem Alten machte, ausgedrckt. Er sagte: Seit ich bei den armen
Sndern auf der Alpe von Santa Croce war, befinde ich mich in einer
Art von Besessenheit. Ich schttele mich. Es ist mir, als htte ich
nicht etwa einen anderen Rock, sondern geradezu eine andere Haut
angezogen. Wenn ich den Wasserfall von Soana rauschen hre, so mchte
ich am liebsten in die tiefe Schlucht hinunterklettern und mich unter
die strzenden Wassermassen stellen, stundenlang, gleichsam um
uerlich und innerlich rein und gesund zu werden. Sehe ich das Kreuz
in der Kirche, das Kreuz ber meinem Bett, so lache ich. Es will mir
nicht gelingen, wie frher, zu weinen und zu seufzen und mir die
Leiden des Heilands vorzustellen. Dagegen werden meine Augen von
allerlei Gegenstnden angezogen, die dem Alrunchen des Luchino
Scarabota hnlich sind. Manchmal sind sie ihm auch ganz unhnlich, und
ich sehe doch eine hnlichkeit. Um zu studieren, um mich in das
Studium der Kirchenvter recht tief versenken zu knnen, hatte ich
Vorhnge an die Fenster meines Stbchens gemacht. Ich habe sie nun
hinweg genommen. Der Gesang der Vgel, das Rauschen der vielen Bche
durch die Wiesen, an meinem Haus nach der Schneeschmelze, ja, der Duft
der Narzissen strte mich. Jetzt ffne ich meine Fensterflgel weit,
um das alles recht gierig zu genieen.

Dies alles bengstet mich, hatte Francesco fortgefahren, aber es ist
vielleicht nicht das Schlimmste. Schlimmer ist vielleicht, da ich,
wie durch schwarze Magie, in das Machtbereich unsauberer Teufel
geraten bin. Ihr Zwicken und Zwacken, ihr freches Kitzeln und Anreizen
zur Snde, zu jeder Stunde Tages und Nachts, ist frchterlich. Ich
ffne das Fenster, und durch ihren Zauber kommt es mir vor, als
strotze der Gesang der Vgel in dem blhenden Kirschbaum unter meinem
Fenster von Unzchtigkeit. Ich werde durch gewisse Formen der Rinde
der Bume herausgefordert und durch sie, ja, durch gewisse Linien der
Berge an Teile des corporis femini erinnert. Es ist ein schrecklicher
Sturmlauf hinterlistiger, tckischer und hlicher Dmonen, dem ich
trotz aller Gebete und Kasteiungen berantwortet bin. Die ganze Natur,
ich sage es euch mit Schaudern, rauscht, braust und donnert manchmal
vor meinen erschrockenen Ohren ein ungeheures Phallus-Lied, womit sie,
wie ich trotz allen Strubens zu glauben gezwungen bin, dem
erbrmlichen, kleinen, hlzernen Gtzen des Hirten huldigt.

Dies alles steigert natrlich, hatte Francesco fortgefahren, meine
Unruhe und Gewissensnot, um so mehr, als ich es als meine Pflicht
erkenne, gegen den Pestherd oben auf der Alp als Streiter zu Felde zu
ziehen. Es ist aber immer noch nicht der rgste Teil meines
Bekenntnisses. Schlimmer ist: sogar in die eigensten Pflichten meines
Berufs hat sich, mit einer gleichsam hllischen Sssigkeit, etwas wie
ein allesverwirrendes, unaustilgbares Gift gemischt. Ich bin zunchst
mit reiner und heiliger Gewalt durch die Worte Jesu von dem verlorenen
Schaf und dem Hirten, der die Herde verlt, um es von den
unzugnglichen Felsen zurckzubringen, ergriffen worden. Nun aber
zweifle ich, ob diese Absicht noch immer in alter Reinheit vorhanden
ist. Sie hat an leidenschaftlichem Eifer zugenommen. Ich erwache des
Nachts, das Gesicht in Trnen gebadet, und alles lst sich, ob der
verlorenen Seelen da oben, bei mir in schluchzendes Mitleid auf. Doch
wenn ich sage: verlorene Seelen, so ist hier vielleicht der Punkt, wo
mit einem scharfen Schnitt die Lge von der Wahrheit getrennt werden
mu. Nmlich die sndige Seele Scarabotas und seiner Schwester wird
vor meinem inneren Auge einzig und allein durch das Bild ihrer
Sndenfrucht, das heit ihrer Tochter, eingenommen.

Ich frage mich nun, ob nicht unerlaubtes Verlangen nach ihr die
Ursache meines scheinbar gottgeflligen Eifers ist, und ob ich recht
tue und nicht Gefahr des ewigen Todes laufe, wenn ich mein scheinbar
gottgeflliges Werk fortsetze.

Meist sehr ernst, doch einige Male lchelnd, hatte der alte,
welterfahrene Priester die pedantische Beichte des Jnglings angehrt.
Dies war Francesco, wie er ihn kannte, mit seinem gewissenhaften,
ueren und inneren Ordnungssinn und seinem Bedrfnis nach
bersichtlicher Akkuratesse und Sauberkeit. Er sagte: Francesco,
frchte dich nicht. Schreite nur weiter deinen Weg, wie du ihn immer
geschritten bist. Es kann dich nicht wundern, wenn sich die
Machenschaften des bsen Feindes gerade dann am mchtigsten und
gefhrlichsten zeigen, wenn du daran gehst, ihm seine schon gleichsam
sicheren Opfer wiederum zu entreien.

In befreiter Stimmung trat Francesco aus der Pfarrwohnung auf die
Strae des kleinen Ortes Ligornetto heraus, in dem er seine erste
Jugend verlebt hatte. Es ist ein Drfchen, das, auf breiter Talsohle
ziemlich flach gelegen, von fruchtbaren Feldern umgeben ist, auf dem
ber Gemse und Halmen-Frchten sich die Weinrebe, festgedrehten
dunklen Strngen gleich, von Maulbeerbaum zu Maulbeerbaum herber und
hinber schlingt. Auch diese Lage wird von den gewaltigen Schroffen
des Monte Generoso beherrscht, der hier, in seiner Westseite, von
seinen breiten Fundamenten aus majesttisch sichtbar wird.

Es war um die Mittagszeit, und Ligornetto befand sich, wie es schien,
in einem Zustand der Verschlafenheit. Francesco wurde auf seinem Gange
kaum von einigen gackernden Hhnern, einigen spielenden Kindern und am
Ende des Dorfes von einem klffenden Hndchen begrt. Hier, nmlich
am Ende des Dorfes, war, wie ein Riegel, das mit den Mitteln eines
vermgenden Mannes errichtete Wohnhaus seines Oheims vorgeschoben, das
buen retiro jenes Vincenzo, des Bildhauers, das nun unbewohnt und als
eine Art Gedchtnisstiftung in den Besitz des Kantons Tessin
bergegangen war. Francesco schritt die Stufen zu dem verlassenen und
verwilderten Garten hinauf und gab alsdann dem pltzlich entstandenen
Wunsche nach, auch einmal das Innere des Hauses wiederzusehen. Nahe
wohnende Bauersleute, alte Bekannte, hndigten ihm den Schlssel aus.

Die Beziehungen, die der junge Priester zur Kunst hatte, waren die bei
seinem Stande herkmmlichen. Sein berhmter Oheim war seit etwa zehn
Jahren tot und nach dem Tage der Bestattung hatte Francesco die Rume
des berhmten Knstlerheims nicht wieder gesehen. Er htte nicht sagen
knnen, was ihn auf einmal zum Besuche des leeren Hauses bewog, das er
bisher meist nur mit flchtiger Anteilnahme im Vorbergehen betrachtet
hatte. Der Oheim war ihm niemals mehr, als eine Respektsperson, deren
Wirkungskreis ihm eine fremde, nichts bedeutende Sache war.

Als Francesco den Schlssel im Schlo gewendet und durch die in
verrosteten Angeln knarrende Tr den Hausflur betrat, kam ihn ein
leiser Schauder an vor der verstaubten Stille, die ihm den
Treppenaufgang herab und von allenthalben aus den offenstehenden
Zimmern entgegen hauchte. Gleich rechts vom Hausflur war des
verstorbenen Knstlers Bibliothek, die sogleich erkennen lie, da
hier ein bildungseifriger Mann gelebt hatte. In niedrigen Schrnken
fanden sich hier, auer Vasari, die smtlichen Werke von Winckelmann,
whrend der italienische Parna durch die Sonette von Michelangelo,
durch Dante, Petrarca, Tasso, Ariost und andere vertreten war. In
eigens gebauten Schrnken war eine Sammlung von Handzeichnungen und
Radierungen untergebracht, eine andere von Medaillen der Renaissance
und allerlei wertvolle Seltenheiten, darunter bemalte, etruskische
Tonvasen, und einige andere Antiken aus Bronze und Marmor waren im
Zimmer aufgestellt. Da und dort hing ein besonders schnes Blatt von
Lionardo und Michelangelo eingerahmt an der Wand, das etwa einen
mnnlichen oder weiblichen Krper nackt darstellte. Das folgende
kleine Kabinett war sogar beinahe von oben bis unten an dreien seiner
Wnde mit solchen Objekten angefllt.

Von da aus trat man in einen Kuppelsaal, dessen Hhe durch mehrere
Stockwerke reichte und der von oben sein Licht empfing. Hier hatte
Vincenzo mit Modellierholz und Meiel gearbeitet, und die Gipsabgsse
seiner besten Schpfungen fllten in einer gedrngten und stummen
Versammlung diesen beinahe kirchlichen Raum.

Beengt, ja, bengstigt und vor dem Hall seiner eignen Schritte
erschreckend, gleichsam mit bsem Gewissen war Francesco bis hierher
gelangt und ging nun daran, eigentlich zum erstenmal dieses und jenes
Werk des Oheims zu betrachten. Da war neben einer Statue Michelangelos
Ghiberti zu sehen. Ein Dante war da, Werke, die mit Punktierungszeichen
berdeckt waren, da man die Modelle vergrert in Marmor ausgefhrt
hatte. Aber diese weltberhmten Gestalten konnten die Aufmerksamkeit des
jungen Priesters nicht lange festhalten. Neben ihnen waren die Statuen
dreier junger Mdchen aufgestellt, der Tchter eines Marchese, der
vorurteilsfrei genug gewesen war, sie durch den Meister in vllig
unbekleidetem Zustande portrtieren zu lassen. Dem Ansehen nach war die
jngste der jungen Damen nicht ber zwlf, die zweite nicht ber
fnfzehn, die dritte nicht ber siebzehn Jahr. Francesco erwachte erst,
nachdem er die schlanken Krper lange selbstvergessen betrachtet hatte.
Diese Arbeiten trugen ihre Nacktheit nicht, wie die der Griechen, als
natrlichen Adel und Ebenbild der Gottheit zur Schau, sondern man
empfand sie als Indiskretion aus dem Alkoven. Erstlich war die Kopie der
Urbilder von diesen nicht losgelst und als solche durchaus erkenntlich
geblieben: und diese Urbilder schienen zu sagen: wir sind unanstndig
entblt und gegen unseren Willen und unser Schamgefhl durch brutalen
Machtspruch entkleidet worden. Als Francesco aus seiner Versenkung
erwachte, pochte sein Herz, und er blickte furchtsam nach allen Seiten.
Er tat nichts Schlimmes, aber er empfand es bereits als Snde, mit
solchen Gebilden allein zu sein.

Er beschlo, um nicht noch am Ende ertappt zu werden, so schnell als
mglich davon zu gehen. Als er jedoch die Haustr wieder erreicht
hatte, klinkte er, statt sich zu entfernen, den Trgriff von innen ins
Schlo und drehte dazu noch den Schlssel herum, so da er nun in dem
gespenstischen Hause des Toten eingesperrt, von niemand mehr
berrascht werden konnte. Nachdem dies geschehen war, begab er sich
vor das gipserne rgernis der drei Grazien zurck.

Hier kam ihn alsbald, indem sein Herzklopfen strker wurde, ein
bleicher und scheuer Wahnwitz an. Er empfand den Zwang, der ltesten
unter den Marchesinnen, als wre sie lebend, ber das Haar zu
streicheln. Obgleich diese Handlung offenkundig und seinem eigenen
Urteil nach an Wahnsinn streifte, war sie doch noch einigermaen
priesterlich. Aber die zweite Marchesina mute sich bereits ein
Streicheln ber Schulter und Arm gefallen lassen: eine volle Schulter
und einen vollen Arm, der in eine weiche und zrtliche Hand endigte.
Bald war Francesco an der dritten, der jngsten Marchesina, durch
weitergehende Zrtlichkeit und schlielich durch einen scheuen
verbrecherischen Ku unter die linke Brust zum fassungslos verwirrten
und zerknirschten Snder geworden, dem nicht besser zumute war, als
jenem Adam, der die Stimme des Herrn vernahm, nachdem er vom Apfel der
Erkenntnis gekostet hatte. Er floh. Er lief, wie gehetzt, davon.

       *       *       *       *       *

Die folgenden Tage verbrachte Francesco teils in den Kirchen mit
Gebet, teils in seiner Pfarrwohnung mit Kasteiungen. Seine
Zerknirschung und seine Reue war gro. Bei einer Inbrunst der Andacht,
wie er sie bisher nicht gekannt hatte, durfte er hoffen, am Schlusse
ber die Anfechtungen des Fleisches Sieger zu sein. Immerhin war der
Kampf des guten und bsen Prinzips in seiner Brust mit ungeahnter
Furchtbarkeit losgebrochen, so da es ihm schien, als ob Gott und der
Teufel zum erstenmal ihren Kampfplatz in seine Brust verlegt htten.
Auch der eigentlich unverantwortliche Teil seines Daseins, der Schlaf,
bot dem jungen Klerikus keinen Frieden mehr; denn gerade diese
unbewachte, nachtschlafene Zeit schien dem Satan besonders willkommen,
verfhrerische und verderbliche Gaukeleien in der sonst so
unschuldsvollen Seele des Jnglings anzurichten. Eines Nachts, am
Morgen, er wute nicht, ob es im Schlafen oder im Wachen geschehen
war, sah er im weien Lichte des Mondes die drei weien Gestalten der
schnen Tchter des Marchese in sein Zimmer und an sein Bett treten
und bei genauerem Anblick erkannte er, wie jede auf magische Weise mit
dem Bilde der jungen Hirtin auf der Alpe von Santa Croce verschmolzen
war.

Ohne Zweifel war von dem spielzeugartig kleinen Anwesen Scarabotas bis
herunter ins Zimmer des Priesters, in das die Alpe durchs Fenster sah,
eine Verbindung hergestellt, deren Hanf nicht von Engeln gesponnen
wurde. Francesco wute genug von der himmlischen Hierarchie und ebenso
auch genug von der hllischen, um sofort zu erkennen, wes Geistes Kind
diese Arbeit war. Francesco glaubte an Hexenkunst. Erfahren in manchem
Zweige der scholastischen Wissenschaft, nahm er an, da bse Dmonen,
um gewisse verderbliche Wirkungen auszuben, sich den Einflu der
Gestirne zunutze machen. Er hatte gelernt, hinsichtlich des Krpers
gehre der Mensch zu den Himmelskrpern, der Verstand stelle ihn den
Engeln gleich, sein Wille sei unter Gott geordnet, aber Gott lasse es
zu, da gefallene Engel seinen Willen von Gott ablenkten, und das
Reich der Dmonen nehme durch Bndnis mit solchen schon verfhrten
Menschen zu. berdies knne ein zeitlicher, krperlicher Affekt, von
den hllischen Geistern ausgentzt, oft die Ursache ewigen Verderbens
eines Menschen sein. Kurz, der junge Priester zitterte bis ins Mark
seiner Knochen und frchtete sich vor dem giftigen Bi der Diaboli,
vor den Dmonen, die nach Blut riechen, vor der Bestie Behemoth und
ganz besonders vor Asmodeus, dem ausgemachten Dmon der Hurerei.

Er konnte sich zunchst nicht entschlieen, bei den verfluchten
Geschwistern die Snde der Hexenkunst und der Zauberei vorauszusetzen.
Freilich machte er eine Erfahrung, die ihm in arger Weise verdchtig
war. Jeden Tag nahm er mit heiligem Eifer und allen Mitteln der
Religion eine Purifikation seines Inneren vor, um es von dem Bilde des
Hirtenmdchens zu reinigen und immer wieder stand es klarer, fester
und deutlicher da. Was war das fr eine Malerei und fr eine
unzerstrbare Tafel aus Holz darunter, oder was war es fr eine
Leinwand, die man weder durch Wasser, noch Feuer auch nur im
geringsten angreifen konnte.

Wie dieses Bild sich berall vordrngte, ward manchmal Gegenstand
seiner stillen und erstaunten Beobachtung. Er las ein Buch, und wenn
er das weiche Antlitz, umrahmt von dem eigentmlich rtlich erdbraunen
Haar, mit weiten dunklen Augen blickend, auf einer Seite sah, so
bltterte er ein vorangeheftetes Blatt herum, durch das es bedeckt und
versteckt werden sollte. Aber es schlug durch jedes Blatt, als ob
keines vorhanden wre, wie es sich auch sonst durch Vorhnge, Tren
und Mauer im Hause und ebenso in der Kirche durchsetzte.

Bei solchen Bengstigungen und inneren Zwistigkeiten verging der junge
Priester vor Ungeduld, da der bestimmte Termin fr den besonderen
Gottesdienst auf dem Gipfel von Sant Agatha nicht schnell genug
herbeikommen wollte. Er wnschte, so bald wie mglich die bernommene
Pflicht zu tun, weil er dadurch vielleicht das Mdchen den Klauen des
Hllenfrsten entreien konnte. Er wnschte noch mehr: das Mdchen
wiederzusehen, was er aber am meisten ersehnte, war die Befreiung, die
er bestimmt erhoffte, von seiner martervollen Verzauberung. Francesco
a wenig, brachte den grten Teil seiner Nchte wachend zu, und
tglich verhrmter und bleicher werdend geriet er bei seiner Gemeinde
noch mehr als bisher in den Geruch einer exemplarischen Frmmigkeit.

Der Morgen war endlich herbeigekommen, an dem der Pfarrer die armen
Snder in die Kapelle bestellt hatte, die hoch auf dem Zuckerhut von
Sant Agatha gelegen war. Der uerst beschwerliche Weg dort hinauf
konnte unter zwei Stunden nicht zurckgelegt werden. Francesco trat um
die neunte Stunde, fertig zum Gang, auf den Dorfplatz von Soana
hinaus, heiteren und erfrischten Herzens und die Welt mit neugeborenen
Augen betrachtend. Man nherte sich dem Anfang des Mai, und so hatte
ein Tag begonnen, wie er kstlicher nicht zu denken war, aber der
junge Mensch hatte Tage von gleicher Schnheit schon oft erlebt, ohne
doch die Natur, so wie heut, wie den Garten Eden selbst zu empfinden.
Heute umgab ihn das Paradies.

Frauen und Mdchen standen, wie meistens, um den von klarem Bergwasser
berflieenden Sarkophag herum und begrten den Priester mit lauten
Rufen. Etwas in seiner Haltung und in seinen Mienen, dazu die festliche
Frische des jungen Tages hatte den Wscherinnen Mut gemacht. Die Rcke
zwischen die Beine geklemmt, so da bei einigen die braunen Waden und
Knie sichtbar waren, standen sie herabgebeugt, mit den krftigen,
ebenfalls braunen, nackten Armen wacker arbeitend. Francesco trat an
die Gruppe heran. Er fand sich veranlat, allerhand freundliche Worte zu
sagen, deren keines in einem Zusammenhange mit seinem geistlichen Amte
stand und die von gutem Wetter, gutem Mut und einem zu hoffenden guten
Weinjahre handelten. Zum erstenmal, wahrscheinlich durch den Besuch im
Hause seines Oheims, des Bildhauers, angeregt, lie sich der junge
Priester herbei, den Ornamentfries des Sarkophages zu betrachten, der in
einem Bacchantenzuge bestand und hpfende Satyren, tanzende
Fltenspielerinnen und den von Panthern gezogenen Wagen des Dionysos,
des mit Trauben bekrnzten Weingottes, zeigte. Es erschien ihm in diesem
Augenblick nicht sonderbar, da die Alten die steinerne Hlle des Todes
mit Gestalten berschumenden Lebens bedeckt hatten. Die Weiber und
Mdchen, unter denen einige von ungewhnlicher Schnheit waren,
schwatzten und lachten bei dieser Besichtigung in ihn hinein, und
zeitweilig kam es ihm vor, als ob er selbst von berauschten Mnaden
umjauchzt wre.

Dieser zweite Aufstieg in die Bergnatur war, mit dem ersten
verglichen, wie der eines Menschen mit offenen Augen gegen den eines
anderen gehalten, der blind von Mutterleibe ist. Francesco hatte mit
zwingender Deutlichkeit das Gefhl, er sei pltzlich sehend geworden.
In diesem Sinne erschien ihm die Betrachtung des Sarkophags durchaus
kein Zufall, sondern tief bedeutungsvoll. Wo war der Tote? Lebendiges
Wasser des Lebens fllte den offenen Stein und Totenschrein, und die
ewige Auferstehung war in der Sprache der Alten auf der Flche des
Marmors verkndet. So verstand sich das Evangelium.

Freilich war dies ein Evangelium, dem wenig mit jenem, was er frher
gelernt und gelehrt hatte, gemeinsam blieb. Es stammte keineswegs von
den Blttern und Lettern eines Buchs, sondern viel eher kam es durch
Gras, Kraut und Blumen aus der Erde gequollen oder mit dem Licht aus
dem Mittelpunkt der Sonne herabgeflossen. Die ganze Natur nahm ein
gleichsam sprechendes Leben an. Die Tote und Stumme ward rege,
vertraulich, offen und mitteilsam. Pltzlich schien sie dem jungen
Priester alles zu sagen, was sie bisher verschwiegen hatte. Er schien
ihr Liebling, ihr Auserwhlter, ihr Sohn zu sein, den sie, wie eine
Mutter, in das heilige Geheimnis ihrer Liebe und Mutterschaft
einweihte. Alle Abgrnde des Schreckens, alle ngste seiner
aufgestrten Seele waren nicht mehr. Nichts war von allen
Finsternissen und Bangigkeiten des vermeintlichen hllischen
Sturmlaufs brig geblieben. Die ganze Natur strmte Gte und Liebe
aus, und Francesco, an Gte und Liebe berreich, konnte ihr Gte und
Liebe zurckgeben.

Sonderbar: indem er mhsam, oft von kantigen Steinen abrutschend,
durch Ginster, Buchen und Brombeer-Dickicht aufwrts kletterte, umgab
ihn der Frhlingsmorgen wie eine glckselige und ebenso gewaltige
Symphonie der Natur, die mehr von der Schpfung, als von Geschaffenem
redete. Offen gab sich das Mysterium eines dem Tode fr immer
enthobenen Schpfungswerks. Wer diese Symphonie nicht vernahm, so
schien es dem Priester, der betrog sich selbst, wenn er mit dem
Psalmisten jubilate Deo omnis terra oder benedicte coeli domino zu
lobsingen sich unterfing.

In satter Flle rauschte der Wasserfall von Soana in seine enge
Schlucht hinunter. Sein Brausen klang voll und schwelgerisch. Seine
Sprache konnte nicht berhrt werden. Bald dumpfer, bald heller
herberschlagend, tnte im ewigen Wandel die Stimme der Sttigung.
Lawinendonner lste sich von des Generoso gigantischer Schattenwand,
und wenn er fr Francesco hrbar ward, hatte sich die Lawine selbst,
mit lautlosen Strmen von Schneegerll, bereits in das Bett der
Savaglia hinabgeschttet. Wo gab es da irgend etwas in der Natur, das
nicht in der Wandlung des Lebens begriffen und das ohne Seele war:
etwas, darin nicht ein drngender Wille sich bettigte? Wort, Schrift,
Gesang und treibendes Herzblut war berall. Legte die Sonne nicht
wohlig eine warme Hand im Rcken zwischen seine Schultern? Zischten
nicht und bewegten sich nicht die Bltter der Lorbeer- und
Buchen-Dickichte, wenn er im Vorbergehen sie streifte? Quoll nicht
das Wasser berall und zeichnete berall, leise plaudernd, die Faden-
und Knotenschrift seiner Rinnsale? Las nicht er, Francesco Vela, und
lasen nicht die Faserwurzeln von Myriaden kleiner und groer Gewchse
darin, und war es nicht ihr Geheimnis, das in Myriaden von Blumen und
Bltenkelchen sich darstellte? Des Priesters Hand erhob einen winzigen
Stein und fand ihn mit rtlichen Flechten beschlagen: auch hier eine
sprechende, malende, schreibende Wunderwelt, eine formende Form, die
fr die berall im Bilde wirkende Bildkraft des Lebens Zeugnis
ablegte.

Und legten nicht die Stimmen der Vgel das gleiche Zeugnis ab, die
sich in unendlich zarten, unsichtbaren Fden ber den Hhlungen des
gewaltigen Felstales netzartig vereinigten? Dieses hrbare Maschennetz
schien sich zuweilen fr Francesco in sichtbare Fden eines silbernen
Glanzes umzuwandeln, die ein innerliches und sprechendes Feuer
flimmern machte. War es nicht in Formen hrbar und sichtbar gemachte
Liebe und offenbartes Glck der Natur? Und war es nicht kstlich, wie
dieses Gespinst, so oft es verwehte oder zerri, wie mit eilig
fliegenden, unermdlichen Weberschiffchen immer wieder verbunden
wurde? Wo saen die kleinen gefiederten Weber? man sah sie nicht, wenn
nicht etwa ein kleiner Vogel stumm und eilig seinen Ort wechselte: die
winzigsten Kehlen strmten diese alles berjubelnde, weithin tragende
Sprache aus.

Wo alles quoll, wo alles pulsierte, sowohl in ihm, als um ihn herum,
wute Francesco den Platz des Todes nicht auszumitteln. Er berhrte
den Stamm eines Kastanienbaums und fhlte, wie er die Nahrungssfte
durch sich empordrngte. Er trank die Luft wie eine lebendige Seele
ein und wute zugleich, da sie es war, der er das Atmen und Lobsingen
seiner eigenen Seele verdankte. Und war sie es nicht allein, die aus
seiner Kehle und Zunge ein sprechendes Werkzeug der Offenbarung
machte? Francesco verzog vor einem wimmelnden, eifrig ttigen
Ameisenhaufen einen Augenblick. Eine winzige, kleine Haselmaus war von
den rtselhaften Tierchen fast ganz von ihrem grazilen Skelett
prpariert worden. Sprach das kstliche, kleine Skelett und die in der
Wrme des Ameisenstaates untergegangene und verschwundene Haselmaus
nicht von der Unzerstrbarkeit des Lebens, und hatte nicht die Natur
in ihrem Bildnerdrang oder Zwang nur die neue Form gesucht? Der
Priester sah, diesmal nicht unter sich, sondern hoch ber sich,
wiederum die braunen Fischadler von Sant Agatha. Ihre beschwingten und
gefiederten Krper trugen das Wunder des Bluts, das Wunder des
pulsierenden Herzens in majesttischer Wonne durch den Raum. Aber wer
mochte verkennen, da die wechselnden Kurven ihres Flugs auf die blaue
Seide des Himmels eine deutliche unverkennbare Schrift zeichneten,
deren Sinn und Schnheit aufs engste mit Leben und Liebe verbunden
war. Francesco war nicht anders zumut, als ob ihn die Vgel zum Lesen
aufforderten. Und wenn sie mit der Bahn ihrer Flge schrieben, so war
ihnen auch die Kraft des Lesens nicht versagt. Francesco gedachte des
weittragenden Blicks, der diesen geflgelten Fischern beschieden ward.
Und er gedachte der zahllosen Augen der Menschen, der Vgel, der
Sugetiere, der Insekten und Fische, mit denen die Natur sich selbst
erblickt. Mit einem immer tieferen Staunen erkannte er sie in ihrer
unendlichen Mtterlichkeit. Sie sorgte dafr, da ihren Kindern nichts
im allmtterlichen Bereich ungenossen verborgen blieb: sie waren von
ihr nicht allein mit den Sinnen des Auges, des Ohrs, des Geruches,
des Geschmackes und des Gefhls begabt worden, sondern sie hatte, wie
Francesco fhlte, fr die Wandlungen der onen noch unzhlige, neue
Sinne bereit. Was war das fr ein gewaltiges Sehen, Hren, Riechen,
Schmecken und Fhlen in der Welt! -- Und eine weiliche Wolke stand
ber den Fischadlern. Sie glich einem strahlenden Lustgezelt. Aber
auch sie verlie ihren Ort und wurde zusehends im lebendigsten Wechsel
umgewandelt.

       *       *       *       *       *

Es waren tiefe und mystische Krfte, die dem Priester Francesco den
Star gestochen hatten. Aber die Folie dieses Erlebnisses war der ihn
uneingestandenermaen beglckende Umstand, da er vier kstliche
Stunden vor sich sah, die ein Wiedersehen mit dem armen, verfemten
Hirtenmdchen in sich schlossen. Dieses Bewutsein machte ihn sicher
und reich, als knne die so kostbar erfllte Zeit nicht vorbergehen.
Dort oben, ja, dort oben, wo die kleine Kapelle stand, ber der die
Fischadler kreisten, erwartete ihn, wie er meinte, ein Glck, um das
ihn die Engel beneiden muten. Er stieg und stieg, und der seligste
Eifer beflgelte ihn. Was er dort oben vorhatte, mute sicherlich eine
Art von Verklrung ber ihn ausgieen und ihn in losgelster
Himmelsnhe beinahe dem guten ewigen Hirten selbst gleich machen.
Sursum corda! Sursum corda! Er sprach den Gru Francisci immer vor
sich hin, whrend die heilige Agathe neben ihm schritt, jene
Mrtyrerin, der man das Kapellchen hoch oben geweiht hatte und die dem
Tode durch Henkershand wie einem frhlichen Tanze entgegengegangen
war. Und hinter ihr und ihm, so kam es Francesco im eifrigen Steigen
vor, folgte ein Zug von heiligen Frauen, die alle dem Liebeswunder auf
dem festlichen Gipfel beiwohnen wollten. Maria selbst schritt, mit
kstlich gelstem, ambrosischen Haar und lieblichen Fen, weit vor
dem Priester und seiner Prozession der seliggesprochenen Weiber hin,
damit sich unter ihrem Blick, unter ihrem Hauch, unter ihren Sohlen
die Erde festlich fr alle mit Blumen bedecke. Invoco te! invoco te!
hauchte Francesco in sich verzckt, invoco te nostra benigna stella!

Ohne Ermdung war der Priester auf dem Gipfel des Bergkegels
angelangt, der kaum breiter war, als es der Grundri des kleinen dort
befindlichen Gotteshauses erforderte. Er gab noch einem schmalen Rande
und einem engen Vorpltzchen Raum, dessen Mitte von einer jungen, noch
bltterlosen Kastanie eingenommen wurde. Ein Stck des Himmels oder
von Mariens blauem Gewand schien um das Wildkirchlein hingestreut, so
hatte der blaue Enzian sich um das Heiligtum ausgebreitet. Oder man
konnte auch meinen, die Spitze des Berges habe sich einfach in den
Azur des Himmels getaucht.

Der Chorknabe und die Geschwister Scarabota waren schon anwesend und
hatten es sich unter der Kastanie bequem gemacht. Francesco
erbleichte, denn seine Blicke waren vergebens, wenn auch nur flchtig,
nach der jungen Hirtin ausgewesen. Er nahm aber eine strenge Miene an
und ffnete mit einem groen, rostigen Schlssel die Kapellentr, ohne
sich die Enttuschung und den bestrzten Kampf seiner Seele merken zu
lassen. Er trat in das enge Kirchlein ein, in dem der Chorknabe
alsbald hinter dem Altar einiges fr die Zelebrierung der Messe
vorbereitete. Aus einer mitgebrachten Flasche ward etwas Weihwasser in
das ausgetrocknete Becken getan, in das die Geschwister nun ihre
harten und sndigen Finger tauchen konnten. Sie besprengten und
bekreuzigten sich und lieen sich mit scheuer Ehrfurcht gleich hinter
der Trschwelle auf die Knie nieder.

Indessen begab sich Francesco, getrieben von Unruhe, nochmals ins
Freie hinaus, wo er mit einer pltzlichen stummen und tiefen
Erschtterung, nach einigem Umherschreiten, etwas unterhalb der
Plattform des Gipfels das Mdchen, das er suchte, ber einem
Sternenhimmel leuchtend blauen Enzianes ruhend fand. -- Komm herein,
ich warte auf dich, rief der Priester. Sie erhob sich, anscheinend
trge und sah ihn unter gesenkten Wimpern mit einem ruhigen Blicke an.
Dabei schien sie in lieblicher Weichheit leise zu lcheln, was aber
nur mit der natrlichen Bildung des sen Mundes, mit dem lieblichen
Leuchten der blauen Augen und den zarten Grbchen der vollen Wangen
zusammenhing.

In diesem Augenblick vollzog sich die schicksalsschwere Erneuerung und
Vervollkommnung des Bildes, das Francesco in seiner Seele gehegt
hatte. Er sah ein kindlich unschuldvolles Madonnengesicht, dessen
verwirrender Liebreiz mit einer ganz leisen, schmerzlichen Herbheit
verbunden war. Die etwas starke Rte der Wangen ruhte auf einer
weien, nicht braunen Haut, aus der die feuchte Rte der Lippen mit
der Glut des Granatapfels leuchtete. Jeder Zug in der Musik dieses
kindlichen Hauptes war zugleich Se und Bitterkeit, Schwermut und
Heiterkeit. In seinem Blick lag schchternes Zurckweichen und
zugleich ein zrtliches Fordern: beides nicht mit der Heftigkeit
tierischer Regungen, sondern unbewut blumenhaft. Schienen die Augen
das Rtsel und das Mrchen der Blume in sich zu schlieen, so glich
die ganze Erscheinung des Mdchens vielmehr einer schnen und reifen
Frucht. Dieses Haupt, wie Francesco bei sich mit Verwunderung
feststellte, gehrte noch ganz einem Kinde an, soweit sich darin die
Seele ausdrckte, nur eine gewisse traubenhaft schwellende Flle
deutete auf die berschrittene Grenze des Kindesalters und auf die
erreichte Bestimmung des Weibes hin. Das teils erdfarbenbraune, teils
von lichteren Strhnen durchzogene Haar war in schwerer Krone um
Schlfe und Stirn gebunden. Etwas von schwerer, etwas von innerlich
ghrender, edelreifer Schlfrigkeit schien die Wimper des Mdchens
niederzuziehen und gab ihren Augen eine gewisse feuchte, berdrngende
Zrtlichkeit. Aber die Musik des Hauptes ging unterhalb des
elfenbeinernen Halses in eine andere ber, deren ewige Noten einen
anderen Sinn ausdrcken. Mit den Schultern begann das Weib. Es war ein
Weib von jugendlicher und reifer Flle, das beinahe zur berflle
neigte und das nicht zu dem kindlichen Haupte zu gehren schien. Die
nackten Fe und starken gebrunten Waden trugen eine fruchthafte
Flle, die fast, wie dem Priester dnkte, zu schwer fr sie war.
Dieses Haupt besa das sinnenheie Mysterium seines isishaften Krpers
unbewut, hchstens leise ahndevoll. Aber gerade darum erkannte
Francesco, da er diesem Haupte und diesem allmchtigen Leibe
rettungslos auf Tod und Leben verfallen war.

Was nun aber auch der Jngling im Augenblick des Wiedersehens mit dem
durch Erbsnde so schwer belasteten Gottesgeschpf alles erblickte,
erkannte und empfand, auer da seine Lippen ein wenig zuckten, konnte
man ihm deswegen nichts anmerken. Wie heit du eigentlich? fragte er
nur die sndenerfllte Sndlose. Die Hirtin nannte sich Agata und tat
dies mit einer Stimme, die Francesco wie das Lachen einer
paradiesischen Lachtaube dnkte. Kannst du schreiben und lesen?
fragte er. Sie erwiderte: Nein! Weit du etwas von der Bedeutung
des heiligen Meopfers? Sie sah ihn an und antwortete nicht. Da gebot
er ihr in das Kirchlein zu treten und begab sich selbst vor ihr
hinein. Hinter dem Altar half ihm der Knabe in das Megewand,
Francesco setzte sich das Barett aufs Haupt, und die heilige Handlung
konnte beginnen: nie hatte sich der junge Mensch dabei, wie jetzt, von
einer so feierlichen Inbrunst durchdrungen gefhlt.

Ihm kam es vor, als wenn ihn der allgtige Gott erst jetzt zu seinem
Diener berufen htte. Der Weg priesterlicher Weihen, den er
zurckgelegt hatte, schien ihm jetzt nicht mehr, als eine trockene,
inhaltlose und trgerische bereilung zu sein, die mit dem wahrhaft
Gttlichen nichts gemein hatte. Nun aber war die gttliche Stunde, die
heilige Zeit in ihm angebrochen. Die Liebe des Heilands war wie ein
himmlischer Feuerregen, in dem er stand, und durch den alle Liebe
seines eigenen Innern pltzlich befreit und entflammt wurde. Mit
unendlicher Liebe weitete sich sein Herz in die ganze Schpfung hinein
und ward mit allen Geschpfen im gleichen, entzckten Pulsschlag
verbunden. Aus diesem Rausch, der ihn fast betubte, brach das Mitleid
mit aller Kreatur, brach der Eifer fr das Gttlichgute mit
verdoppelter Kraft hervor, und er glaubte nun erst die heilige
Mutterkirche und ihren Dienst ganz zu verstehen. Er wollte nun mit
einem ganz anderen, erneuten Eifer ihr Diener werden.

Und wie hatte ihm nicht der Weg, der Aufstieg zu diesem Gipfel, das
Geheimnis erschlossen, nach dessen Sinn er Agata gefragt hatte. Ihr
Schweigen, vor dem er selber stumm geworden war, bedeutete ihm, ohne
da er es merken lie, gemeinsames Wissen durch Offenbarung, die ihnen
beiden nun widerfahren war. War nicht die ewige Mutter der Inbegriff
aller Wandlungen und hatte er nicht die verwahrlosten und im Finsteren
tappenden, verlorenen Gotteskinder auf diesen berirdischen Gipfel
gelockt, um ihnen das Wandlungswunder des Sohnes, das ewige Fleisch
und Blut der Gottheit zu weisen? So stand der Jngling und hob den
Kelch, mit berstrmenden Augen, voll Freudigkeit. Es kam ihm vor, als
ob er selber zum Gott wrde. In diesem Zustand der Auserwhlten, des
heiligen Werkzeugs, den er empfand, fhlte er sich mit unsichtbaren
Organen in alle Himmel hineinwachsen, in einem Gefhl von Freude und
Allgewalt, das ihn, wie er glaubte, ber das ganze wimmelnde Gezcht
der Kirchen und ihrer Pfaffheit unendlich erhob. Sie sollten ihn
sehen, die Augen zu ihm in die schwindelnde Hhe seines Altars, auf
dem er stand, mit staunender Ehrfurcht emporrichten. Denn er stand auf
dem Altar in einem ganz anderen und hheren Sinne, als Petri
Schlsselhalter, der Papst, es nach seiner Erwhlung tut. Krampfhaft
verzckt hielt er den Kelch der Eucharistia und der Wandlungen, als
ein Symbol des ewig sich neu gebrenden Gottesleibes der ganzen
Schpfung in die Unendlichkeit des Raums, wo es wie eine zweite,
hellere Sonne leuchtete. Und whrend er seines Erachtens eine
Ewigkeit, in Wirklichkeit zwei oder drei Sekunden, dastand mit dem
erhobenen Heiligtum, kam es ihm vor, als ob der Zuckerhut von Sant
Agatha von unten bis oben mit lauschenden Engeln, Heiligen und
Aposteln bedeckt wre. Allein beinahe noch herrlicher schien ihm ein
dumpfer Paukenlaut und ein Reigen schn gekleideter Frauen, der sich,
verbunden mit Blumengewinden, klar durch die Mauern sichtbar, rund um
die kleine Kapelle bewegte. Dahinter drehten sich in verzckter
Raserei die Mnaden des Sarkophags, tanzten und hpften die
ziegenfigen Satyrn, deren einige das hlzerne Fruchtbarkeitssymbol
des Luchino Scarabota in frhlicher Prozession umhertrugen.

       *       *       *       *       *

Der Abstieg nach Soana brachte Francesco eine grblerische
Ernchterung, wie jemandem, der die letzte Hefe aus dem Becher des
Rausches getrunken hat. Die Familie Scarabota war nach der Messe
davongegangen: Bruder, Schwester und Tochter hatten beim Abschied
dankbar die Hand des jungen Priesters gekt.

Wie er nun mehr und mehr in die Tiefe stieg, wurde ihm ebenso mehr und
mehr der Zustand seiner Seele verdchtig, in dem er dort oben die
Messe gelesen hatte. Auch der Gipfel von Sant Agatha war sicherlich
frher eine irgendeinem Abgott geweihte, heidnische Kultsttte, was
ihn da oben scheinbar mit dem Brausen des heiligen Geistes ergriffen
hatte, vielleicht dmonische Einwirkung jener entthronten Theokratie,
die Jesus Christus gestrzt hatte, deren verderbliche Macht aber vom
Schpfer und Lenker der Welt immer noch zugelassen war. In Soana und
in seinem Pfarrhause angelangt, hatte das Bewutsein, sich einer
schweren Snde schuldig gemacht zu haben, den Priester ganz
eingenommen, und seine ngste deswegen wurden so hart, da er noch vor
dem Mittagessen die Kirche betrat, die Wand an Wand mit seiner Wohnung
lag, um sich in heien Gebeten dem hchsten Mittler anzuvertrauen und
womglich in seiner Gnade zu reinigen.

In einer deutlich gefhlten Hilflosigkeit bat er Gott, ihn den
Angriffen der Dmonen nicht auszuliefern. Er spre sehr wohl, so
bekannte er, wie sie sein Wesen auf allerlei Weise angriffen,
jenachdem einengten oder ber seine bisherigen, heilsamen Grenzen
ausdehnten und in erschrecklicher Weise verwandelten. Ich war ein
sorgsam angebautes, kleines Grtlein zu deiner Ehre, sagte Francesco
zu Gott. Nun ist es in einer Sintflut ertrunken, die vielleicht durch
Einflsse der Planeten steigt und steigt, und auf deren uferlosen
Fluten ich in einem winzigen Kahne umhertreibe. Frher wute ich genau
meinen Weg. Es war derselbe, den deine heilige Kirche ihren Dienern
vorzeichnet. Jetzt werde ich mehr getrieben, als da ich des Zieles
und des Weges sicher bin.

Gib mir, flehte Francesco, meine bisherige Enge und meine Sicherheit
und gebiete den bsen Engeln, sie mgen davon ablassen, ihre
gefhrlichen Anschlge gegen deinen hilflosen Diener zu richten.
Fhre, o fhre uns nicht in Versuchung. Ich bin zu den armen Sndern
hinaufgestiegen in Deinem Dienst, mache, da ich mich in den
festbeschrnkten Kreis meiner heiligen Pflichten zurckfinde.

Francescos Gebete hatten nicht mehr die einstige Klarheit und
bersicht. Er bat um Dinge, die einander ausschlossen. Er ward
mitunter selbst zweifelhaft, ob der Strom der Leidenschaft, der seine
Bitten trug, vom Himmel oder aus einer anderen Quelle stamme. Das
heit: er wute nicht recht, ob er nicht etwa den Himmel im Grunde um
ein hllisches Gut anflehe. Es mochte christlichem Mitleid und
priesterlicher Sorge entsprungen sein, wenn er die Geschwister
Scarabota in sein Gebet einbezog. Verhielt es sich aber ebenso, wenn
er inbrnstig bis zu glhenden Trnen den Himmel um die Rettung Agatas
anflehte?

Auf diese Frage konnte er einstweilen noch mit Ja antworten, denn die
deutliche Regung des mchtigsten Triebes, die er beim Wiedersehen des
Mdchens gesprt hatte, war in eine schwrmerische Empfindung fr
etwas unendlich Reines bergegangen. Diese Verwandlung war die
Ursache, da Francesco nicht merkte, wie sich die Frucht der Todsnde
anstelle Mariens, der Mutter Gottes, eindrngte und fr seine Gebete
und Gedanken gleichsam die Inkarnation der Madonna war. Am ersten Mai
begann in der Kirche von Soana, wie berall, ein besonderer
Mariendienst, dessen Wahrnehmung die Wachsamkeit des jungen Priesters
noch besonders einschlferte. Immer, Tag fr Tag, gegen die Zeit der
Abenddmmerung, hielt er, hauptschlich vor den Frauen und Tchtern
Soanas, einen kleinen Diskurs, der die Tugenden der gebenedeiten
Jungfrau zum Gegenstand hatte. Vorher und nachher erscholl das Schiff
der Kirche, bei offener Tr, in den Frhling hinaus, zu Ehren Mariens
von Lobgesang. Und in die alten, kstlichen, nach Text und Musik so
lieblichen Weisen, mischte sich von auen frhlicher Spatzenlrm und
aus den nahen, feuchten Schluchten die seste Klage der Nachtigall.
In solchen Minuten war Francesco, scheinbar im Dienste Mariens, dem
Dienste seines Idols ganz hingegeben.

Htten die Mtter und Tchter Soanas geahnt, da sie in den Augen des
Priesters eine Gemeinschaft bildeten, die er Tag fr Tag zur
Verherrlichung dieser verhaten Sndenfrucht in die Kirche zog, oder
darum, um sich auf den andachtsvollen Klngen des Marien-Gesanges zu
der fern und hoch am Felsen klebenden, kleinen Alm emportragen zu
lassen, man wrde ihn sicher gesteinigt haben, so aber schien es, als
wchse mit jedem Tag vor den staunenden Augen der ganzen Gemeinde des
jungen Klerikers Frmmigkeit. Nach und nach wurde alt und jung, reich
und arm, kurz jedermann, vom Sindaco bis zum Bettler, vom
Kirchlichsten bis zum Gleichgltigsten, in den heiligen Maienrausch
Francescos hineingezogen.

Sogar die langen einsamen Wege, die er nun fters unternahm, wurden
zugunsten des jungen Heiligen ausgelegt. Und doch wurden sie nur
unternommen in der Hoffnung, da ein Zufall ihm einmal bei solcher
Gelegenheit Agata in den Wurf fhren knne. Denn er hatte bis zum
nchsten, besonderen Gottesdienst fr die Familie Scarabota in seiner
Scheu, sich zu verraten, einen Zwischenraum von mehr als acht Tagen
angesetzt, der ihm jetzt unertrglich lang wurde.

Noch immer sprach die Natur in jener aufgeschlossenen Weise zu ihm,
die er zuerst auf dem Gange nach Sant Agatha, auf der Hhe des kleinen
Heiligtums wahrgenommen hatte. Jeder Grashalm, jede Blume, jeder Baum,
jedes Wein- und Epheublatt waren nur Worte einer aus dem Urgrund des
Seins aufklingenden Sprache, die, in tiefster Stille selbst, mit
gewaltigem Brausen redete. Nie hatte eine Musik so sein ganzes Wesen
durchdrungen und, wie er meinte, mit heiligem Geist erfllt.

       *       *       *       *       *

Francesco hatte den tiefen, ruhigen Schlaf seiner Nchte eingebt.
Der mystische Weckruf, der ihn getroffen hatte, schien sozusagen den
Tod gettet und seinen Bruder, den Schlaf, verbannt zu haben. Jede
dieser von berall quellendem Leben durchpulsten Schpfungsnchte ward
fr Francescos jungen Krper zur heiligen Offenbarungszeit: so zwar,
da es ihm manchmal zumute war, als ob er den letzten Schleier vom
Geheimnis der Gottheit fallen fhlte. Oft, wenn er aus heien Trumen,
die beinahe ein Wachen darstellten, in das Wachen der Sinne berging,
drauen der Fall von Soana doppelt so laut, als am Tage rauschte, der
Mond mit den Finsternissen der mchtigen Klfte kmpfte und schwarzes
Gewlk, gigantisch murrend, die hchsten Spitzen des Generoso
verdsterte, zitterte Francescos Leib von Gebeten, inbrnstig, wie nie
zuvor, und hnlich, wie wenn ein durstiger Stamm, dessen Wipfel der
Frhlingsregen trnkt, im Winde erschauert. In diesem Zustande rang er
voll Sehnsucht mit Gott, ihn in das heilige Schpfungswunder, wie in
den brennenden Kern des Lebens, einzuweihen, in dieses allerheiligste,
innerste Etwas, das von dort aus alles Dasein durchdringt. Er sprach:
Von dort, o du mein allmchtiger Gott, dringt dein strkstes Licht!
von diesem in nie zu erschpfenden Feuerwellen strmenden Kern
verbreitet sich alle Wonne des Daseins und das Geheimnis der tiefsten
Lust. Lege mir nicht eine fertige Schpfung in den Scho, o Gott,
sondern mache mich zum Mitschpfer. La mich teilnehmen an deinem nie
unterbrochenen Schpfungswerk; denn nur dadurch, und durch nichts
anderes, vermag ich auch deines Paradieses teilhaft zu werden.
Unbekleidet lief Francesco, um die Glut seiner Glieder zu khlen, im
Zimmer bei weitgeffnetem Fenster umher und lie die Nachtluft um
seinen Leib fluten. Dabei kam es ihm vor, als ruhe das schwarze
Gewitter ber dem riesenhaften Felsrcken des Generoso, wie ein
ungeheurer Stier ber einer Ferse ruht, schnaube Regen aus seinen
Nstern, murre, schiee zuckende Blitze aus dster flammenden Augen
und be mit keuchender Flanke das zeugende Werk der Fruchtbarkeit.

Vorstellungen wie diese waren durchaus heidnischer Art, und der
Priester wute es, ohne da es ihn jetzt beunruhigte. Er war
allbereits zu sehr in die allgemeine Betubung drngender
Frhlingskrfte versunken. Der narkotische Brodem, der ihn erfllte,
lste die Grenzen seiner engen Persnlichkeit und weitete ihn ins
Allgemeine. berall wurden Gtter geboren in der frhen, toten Natur.
Und auch die Tiefen von Francescos Seele erschlossen sich und sandten
Bilder herauf von Dingen, die im Abgrund der Jahrmillionen versunken
lagen.

In einer Nacht hatte er, im Zustande halben Wachens, einen schweren
und in seiner Art furchtbaren Traum, der ihn in eine grausige Andacht
versenkte. Er ward gleichsam zum Zeugen eines Mysteriums, das eine
schreckliche Fremdheit und zugleich etwas, wie Weihungen einer
uralten, unwiderstehlichen Macht ausatmete. Irgendwo versteckt in den
Felsen des Monte Generoso schienen Klster gelegen zu sein, aus denen
herab gefhrliche Steige und Felstreppchen in unzugngliche Hhlen
fhrten. Diese Felssteige klommen in feierlichem Zuge, einer hinter
dem anderen, brtige Mnner und Greise in braunen Kutten herab, die
aber in der Versunkenheit ihrer Bewegungen, sowie in der Entrcktheit
ihrer Gesichter schauerlich wirkten und zur Ausbung eines
schrecklichen Kultes verdammt schienen. Diese beinahe riesenhaften und
wilden Gestalten waren auf eine beklemmende Weise ehrwrdig. Sie
kamen hochaufgerichtet herab, mit gewaltig verwilderten, buschigen
Huptern, an denen sich Haupt- und Barthaar vermischte. Und diesen
Vollstreckern eines unbarmherzigen und tierischen Dienstes folgten
Weiber nach, die nur von den mchtigen Wogen ihres Haars, wie von
schweren, goldenen oder schwarzen Mnteln bedeckt waren. Whrend das
Joch des furchtbaren Triebs die wortlos abwrtssteigenden
Traumeremiten starr und besinnungslos gefangen hielt, lag eine Demut
ber den Weibern, gleichwie ber Opfertieren, die sich selber einer
schrecklichen Gottheit darbringen. In den Augen der Mnche lag stille,
besinnungslose Wut, als wenn der giftige Bi eines tollen Tiers sie
verwundet und ihnen einen Wahnwitz ins Blut gesetzt htte, dessen
rasender Ausbruch zu erwarten war. Auf den Stirnen der Weiber, in
ihren andchtig fromm gesenkten Wimpern lag eine erhabene
Feierlichkeit.

Endlich hatten die Anachoreten des Generoso sich, wie lebende
Gtzen, vereinzelt in flache Hhlen der Felswand gestellt, und es
begann ein ebenso hlicher, als erhabener Phallusdienst. So
scheulich er war -- und Francesco erschrak in der tiefsten
Seele -- so schauerlich war er in seinem tdlichen Ernst und seiner
bangen Heiligkeit. Mchtige Eulen revierten mit durchdringendem
Schrei an den Felswnden, beim Sturze des Wasserfalls und im
magischen Lichte des Monds; aber die gewaltigen Rufe der groen
Nachtvgel wurden von den herzerstarrenden Schmerzensschreien der
Priesterinnen bertnt, die an den Qualen der Lust dahinstarben.

       *       *       *       *       *

Der Tag des Gottesdienstes fr die armen, verfemten Sennhirten war
endlich wieder herangekommen. Er glich schon am Morgen, als der
Priester Francesco Vela sich erhob, keinem unter allen frheren, die
er jemals erlebt hatte. So springen im Leben jedes bevorzugten
Menschen unerwartet und ungerufen Tage, wie blendende Offenbarungen
auf. Der Jngling hatte an diesem Morgen nicht den Wunsch, weder ein
Heiliger, noch ein Erzengel, noch selbst ein Gott zu sein. Vielmehr
beschlich ihn leise Furcht, Heilige, Erzengel und Gtter mchte der
Neid ihm zu Feinden machen; denn er kam sich an diesem Morgen ber
Heilige, Engel und Gtter erhaben vor. Aber oben auf Sant Agatha
wartete seiner eine Enttuschung. Sein Idol, das den Namen der
Heiligen trug, hatte sich von dem Kirchgang ausgeschlossen. Von dem
erbleichenden Priester gefragt, brachte der rauhe, vertierte Vater nur
rauhe, vertierte Laute heraus, whrend die Gattin, die zugleich seine
Schwester war, die Tochter mit huslicher Arbeit entschuldigte.
Hierauf ward die heilige Funktion durch Francesco auf eine so
teilnahmslose Weise erledigt, da er am Schlusse der Messe nicht recht
wute, ob er sie schon begonnen habe. Im Innern durchlebte er
Hllenpein, ja, solche Zustnde, die, einem wirklichen Hllensturz
vergleichbar, aus ihm einen armen Verdammten machten.

Nachdem er den Ministranten zugleich mit den Geschwistern Scarabota
entlassen hatte, stieg er, noch immer vollkommen fassungslos, an
irgendeiner Seite des steilen Kegels bergab, ohne sich eines Zieles,
noch weniger irgendeiner Gefahr bewut zu sein. Wieder hrte er Rufe
hochzeitlich kreisender Fischadler. Aber sie klangen ihm wie Hohn, der
sich aus trgerisch leuchtendem ther herabschttete. Im Gerll eines
trockenen Wasserlaufs rutschte er keuchend und springend ab, whrend
er wirre Gebete und Flche wimmerte. Er fhlte Foltern der Eifersucht.
Obgleich etwas Weiteres nicht geschehen war, als da die Snderin
Agatha durch irgendetwas auf der Alpe von Santa Croce festgehalten
wurde, erschien es dem Priester ausgemacht, da sie einen Buhlen besa
und die der Kirche gestohlene Zeit in seinen verruchten Armen
zubrachte. Whrend ihm durch ihr Fernbleiben mit einem Schlage die
Gre seiner Abhngigkeit zum Bewutsein kam, fhlte er abwechselnd
Angst, Bestrzung und Wut, den Drang, sie zu strafen und um Rettung
aus seiner Not, das heit um Gegenliebe, zu betteln. Er hatte den
Stolz des Priesters noch keineswegs abgestreift: es ist dies der
wildeste und unbeugsamste! und dieser Stolz war aufs tiefste verletzt
worden. Fr ihn war das Ausbleiben Agatas dreifache Demtigung. Die
Snderin hatte den Mann an sich, den Diener Gottes und den Geber des
Sakramentes verworfen. Der Mann, der Priester, der Heilige wand sich
in Krmpfen getretener Eitelkeit und schumte, wenn er des
bestialischen Kerls, Hirt oder Holzknecht, gedachte, den sie
inzwischen wahrscheinlich ihm vorzog.

Mit zerrissener und bestaubter Soutane, beschundenen Hnden und
zerkratztem Gesicht gelangte Francesco nach einigen Stunden wilden und
irren Umherkletterns, Schlucht ab, Schlucht auf, zwischen
Ginstergebsch, ber brausendes Bergwasser, in eine Gegend des
Generoso, wo Herdengelut sein Ohr berhrte. Welchen Ort er somit
erreicht hatte, war ihm nicht einen Augenblick zweifelhaft. Er blickte
auf das verlassene Soana hinunter, auf seine Kirche, die bei heller
Sonne deutlich zu sehen war, und erkannte die Menge, die nun
vergeblich dem Heiligtum zustrmte. Jetzt eben htte er sollen das
Megewand in der Sakristei bertun. Aber er htte viel eher ein Seil
um die Sonne legen und diese herabziehen knnen, als da es ihm
mglich gewesen wre, die unsichtbaren Fesseln zu zerreien, die ihn
gewaltsam nach der Alpe zogen.

       *       *       *       *       *

Eben wollte den jungen Pfarrer etwas, wie Selbstbesinnung anwandeln,
als ein duftender Rauch, von der frischen Bergluft getragen, ihm in
die Nase stieg. Unwillkrlich forschend umherblickend, bemerkte er
nicht sehr fern eine sitzende Mannesgestalt, die ein Feuerchen zu
behten schien, an dessen Rand ein blechernes Gef, wahrscheinlich
gefllt mit einer Minestra, dampfte. Der Sitzende sah den Priester
nicht, denn er hatte ihm seinen Rcken zugekehrt. So konnte der
Priester wiederum nur einen runden, beinahe weiwolligen Kopf, einen
starken und braunen Nacken unterscheiden, whrend Schulter und Rcken
von einer durch Alter, Wetter und Wind erdfarbgewordenen Jacke bedeckt
waren, die nur lose darber hing. Der Bauer, Hirt oder Holzfller, was
er nun sein mochte, sa, gegen das Feuerchen hingebeugt, dessen kaum
sichtbare Flammen vom Berghauch gedrckt, wagrecht an der Erde
hinzngelten und Rauchschwaden flachhin aussendeten. Er war
augenscheinlich in eine Arbeit vertieft, eine Schnitzelei, wie sich
bald herausstellte, und schwieg zumeist, wie jemand, der bei dem, was
er gerade tut, Gott und die Welt vergessen hat. Als Francesco, aus
irgendeinem Grunde ngstlich jede Bewegung vermeidend, lngere Zeit
gestanden hatte, fing der Mann oder Bursche am Feuer leise zu pfeifen
an, und einmal ins Musizieren gekommen, schickte er pltzlich aus
melodischer Kehle abgerissene Stcke irgendeines Liedes in die Luft.

Das Herz Francescos pochte gewaltig. Es war nicht deshalb, weil er so
heftig schluchtab, schluchtauf gestiegen war, sondern aus Grnden, die
teils aus der Sonderbarkeit seiner Lage, teils von dem eigentmlichen
Eindruck herrhrten, den die Nhe des Menschen am Feuer in ihm
hervorbrachte. Dieser braune Nacken, dieses krause, gelblichweie
Gelock des Kopfes, die jugendlich strotzende Krperlichkeit, die man
unter dem schbigen Umhang ahnte, das sprbar freie und wunschlose
Behagen des Bergbewohners: alles zusammen ging blitzartig in
Francescos Seele eine Beziehung ein, in der seine krankhafte und
gegenstandslose Eifersucht noch qualvoller aufloderte.

Francesco schritt auf das Feuer zu. Es wre ihm doch nicht gelungen,
verborgen zu bleiben; und er war berdies von unwiderstehlichen
Krften angezogen. Da wandte sich der Bergmensch herum, zeigte ein
Antlitz voll Jugend und Kraft, wie es hnlich der Priester noch
niemals gesehen hatte, sprang auf und blickte den Kommenden an.

Es war Francesco nun klar, da er es mit einem Hirten zu tun hatte, da
die Schnitzelei, die jener verfertigte, eine Schleuder war. Er
bewachte die braun und schwarz gefleckten Rinder, die, da und dort
sichtbar, im ganzen entfernt und versteckt, zwischen Gestein und
Gestruch herumkletterten, nur durch das Gelute verraten, die der
Stier und eine und die andere Kuh am Halse trug. Er war ein Christ:
und was htte er zwischen allen diesen Bergkapellen und
Madonnenbildern der Gegend auch anderes sein sollen? Aber er schien
auch ein ganz besonders ergebener Sohn der heiligen Kirche zu sein,
denn er kte, sogleich das Gewand des Priesters erkennend, Francesco
mit scheuer Inbrunst und Demut die Hand.

Sonst aber, wie dieser sogleich erkannte, hatte er mit den brigen
Kindern der Parochie keine hnlichkeit. Er war strker und
untersetzter gebaut, seine Muskeln hatten etwas Athletisches, sein
Auge schien aus dem blauen See in der Tiefe genommen zu sein und an
Weitblick dem der braunen Fischadler gleich, die, wie immer, hoch um
Sant Agatha kreisten. Seine Stirn war niedrig, die Lippen wulstig und
feucht, sein Blick und Lcheln von derber Offenheit. Verstecktes und
Lauerndes, wie es manchem Sdlnder eigen ist, war ihm nicht
anzumerken. Von alledem gab sich Francesco, Auge in Auge mit dem
blonden jungen Adam des Monte Generoso, Rechenschaft und gestand sich,
da er einen so urwchsig schnen Lmmel noch nicht gesehen hatte.

Um den wahren Grund seines Kommens zu verbergen und sein Erscheinen
zugleich verstndlich zu machen, log er, da er einem Sterbenden das
Sakrament in einer entlegenen Htte gereicht und dann den Heimweg ohne
seine Ministranten angetreten habe. Dabei habe er sich verirrt, sei
abgeglitten und abgerutscht und wnsche nun auf den rechten Weg
gewiesen zu sein, nachdem er sich ein wenig geruht habe. Diese Lge
glaubte der Hirt. Mit derbem Lachen und seine gesunden Zahnreihen
zeigend, aber doch mit Verlegenheit, begleitete er die Erzhlung des
Geistlichen und machte ihm einen Sitz zurecht, die Jacke von seinen
Schultern werfend und ber den Wegrand am Feuer ausbreitend. Hierbei
wurden seine braunen und blanken Schultern, ja, der ganze Oberkrper
bis zum Grtel entblt, und es zeigte sich, da er ein Hemd nicht
anhatte.

Mit diesem Naturkinde ein Gesprch anzufangen, hatte betrchtliche
Schwierigkeiten. Es schien ihm peinlich, mit dem geistlichen Herrn
allein zu sein. Nachdem er eine Weile kniend ins Feuer geblasen,
Reisig dazu getan, ab und zu den Deckel des Kochgeschirrs gelftet und
dazu Worte in einer unverstndlichen Mundart gesprochen hatte, stie
er urpltzlich einen gewaltigen Juchzer aus, der von den Felsbastionen
des Generoso zurck und in vielfachem Echo widerhallte.

Kaum da dieses Echo verklungen war, so hrte man etwas mit lautem
Kreischen und Gelchter sich annhern. Es waren verschiedene Stimmen,
die Stimmen von Kindern, von denen sich eine abwechselnd lachende und
nach Hilfe rufende, weibliche Stimme unterschied. Beim Klang dieser
Stimme fhlte Francesco seine Arme und Fe absterben, und es war ihm
zugleich, als ob sich eine Macht ankndige, die, verglichen mit der,
die sein natrliches Dasein hervorgebracht hatte, das Geheimnis des
wahren, des wirklichen Lebens enthielt. Francesco brannte wie der
Dornbusch des Herrn, aber uerlich war ihm nichts anzumerken. Whrend
sein Inneres sekundenlang ohne Besinnung war, fhlte er eine
unbekannte Befreiung und zugleich eine ebenso se, als rettungslose
Gefangenschaft.

       *       *       *       *       *

Inzwischen hatten sich die von Gelchter erstickten, weiblichen
Notrufe angenhert, bis an der Wendung eines abschssigen Steiges ein
ebenso unschuldiges, als freilich auch ungewhnliches, bukolisches
Bild sichtbar ward. Ebenderselbe scheckige Ziegenbock, der den
Priester Francesco bei seinem ersten Besuch auf der Alm belstigt
hatte, fhrte, prustend und widerspenstig, einen kleinen
Bacchantenzug, wobei er, von lrmenden Kindern verfolgt, die einzige
Bacchantin des Trupps rittlings auf seinem Rcken trug. Das schne
Mdchen, das Francesco, wie er glaubte, zum ersten Male erblickte,
hielt die gewundenen Hrner des Bockes krftig gefat, so stark sie
sich aber nach rckwrts bog, den Hals des Tieres mit sich reiend,
vermochte sie doch nicht, weder es zum Stillstand zu zwingen, noch von
seinem Rcken herunterzusteigen. Irgendein Spa, den sie den Kindern
zuliebe vielleicht unternommen haben mochte, hatte das Mdchen in
diese hilflose Lage gebracht, wie sie, nicht eigentlich sitzend,
sondern zu beiden Seiten des ungeeigneten Reittieres mit nackten Fen
die Erde berhrend, weniger getragen ward, als schritt und doch, ohne
einen Fall zu tun, von dem ungebrdigen, feurigen Bock nicht los
konnte. So hatte sich ihr Haar gelst, die Tragbnder ihres groben
Hemdes waren von den Schultern geglitten, so da eine kstliche
Halbkugel sichtbar ward, und die so wie so kaum bis zur Wade
reichenden Rckchen der Hirtin langten jetzt noch weniger zu, ihre
ppigen Knie zu bedecken.

Es dauerte eine geraume Zeit, bevor der Priester sich bewut wurde,
wer eigentlich die Bacchantin war, und da er in ihr den lechzend
gesuchten Gegenstand seiner marternden Sehnsucht vor sich hatte. Die
Schreie des Mdchens, ihr Lachen, ihre unfreiwillig wilden Bewegungen,
ihr fesselloses, fliegendes Haar, der geffnete Mund, die hoch und
stoweis atmende Brust, die ganze gleichsam erzwungene und doch
freiwillige Tollkhnheit des bermtigen Ritts, hatten sie uerlich
ganz verndert. Eine rosige Glut berzog ihr Gesicht und mischte Lust
und Angst mit Schamhaftigkeit, die sich drollig und lieblich
ausdrckte, wenn etwa blitzschnell eine der Hnde vom Horne des Bockes
fort nach dem gefhrlich verschobenen Rocksaum fuhr.

Francesco war gebannt und dem Bilde verfallen, als wre es mit der
Kraft zu lhmen begabt. Es erschien ihm schn, auf eine Art, die ihm
nicht im entferntesten die naheliegende hnlichkeit mit einem
Hexenritt in Erinnerung brachte. Dagegen belebten sich seine
antikischen Eindrcke. Er gedachte des marmornen Sarkophags, der,
immer von klarem Bergwasser berflieend, am Dorfplatze in Soana
stand, und dessen Bildnerei er jngst studiert hatte. War es nicht so,
als htte diese steinerne und doch so lebendige Welt des bekrnzten
Weingotts, der tanzenden Satyrn, der panthergezogenen Triumphwagen,
der Fltenspielerinnen und Bacchantinnen, sich in die steinernen
deneien des Generoso versteckt, und als wre pltzlich eine der
gottbegeisterten Weiber, von dem rasenden Bergkult der Mnaden
abgesprengt, berraschend ins Gegenwartleben getreten.

Hatte Francesco nicht sogleich Agata, so hatte dafr der Bock den
Priester sofort erkannt: weshalb er ihm seine vergeblich schreiende
und widerstrebende Last geradeswegs zuschleppte, und indem er, ganz
ohne Umstnde, mit seinen beiden gespaltenen Vorderhufen auf den Scho
des Priesters trat, bewirkte er, da seine Reiterin, endlich erlst,
von seinem Rcken langsam herunterglitt.

Nachdem das Mdchen begriffen hatte, da ein Fremder zugegen war, und
als sie nun gar in diesem Fremden Francesco erkannte, versiegte ganz
pltzlich ihr Lachen und ihre Munterkeit, und ihr Antlitz, das noch
eben vor Lust geglnzt hatte, nahm eine gleichsam trotzige Blsse an.

       *       *       *       *       *

Warum bist du heut nicht zur Kirche gekommen? Francesco tat diese
Frage, sich erhebend, in einem Ton und mit einem Ausdruck seines
bleichen Gesichts, den man als einen zornigen deuten mute, obgleich
er eine andere Erregung des Gemtes als Ursache hatte. Sei es, weil er
diese Erregung verstecken wollte, oder aus Verlegenheit, ja
Hilflosigkeit, oder weil wirklich der Seelsorger in ihm in Entrstung
geriet: der Zorn nahm zu und trat in einer Weise hervor, der den
Hirten befremdet aufblicken machte, dem Mdchen aber nacheinander die
Rte und Blsse der Bestrzung und Scham ins Antlitz trieb.

Aber whrend Francesco sprach und mit Worten strafte -- Worten, die
ihm gelufig waren, ohne da seine Seele in ihnen zu sein brauchte,
war es in seinem Inneren still, und whrend die Adern seiner
alabasternen Stirn aufschwollen, empfand er die Wonnen einer Erlsung.
Die noch eben empfundene, tiefste Lebensnot war in Reichtum
verwandelt, der marternde Hunger in Sttigung, die noch eben
verfluchte, infernalische Welt troff jetzt vom Glanze des Paradieses.
Und indem sich die Wollust seines Zornes strker und strker ergo,
wurde sie selber strker und strker. Er hatte den verzweifelten
Zustand nicht vergessen, in dem er soeben gewesen war, aber es
jubilierte in ihm, und er mute ihn segnen und wieder segnen. Dieser
Zustand war ja die Brcke gewesen zur Seligkeit. So weit war Francesco
allbereits in die magischen Kreise der Liebe hineingeraten, da die
bloe Gegenwart des geliebten Gegenstandes jenen Genu mit sich
brachte, der mit Glck betubt und an eine noch so nahe Entbehrung
nicht denken lt.

Bei alledem fhlte der junge Priester und verbarg sich nicht mehr,
welche Vernderung mit ihm vorgegangen war. Der wahre Zustand seines
Wesens war gleichsam nackt hervorgetreten. Die tolle Jagd, die er
hinter sich hatte, er wute es wohl, war von der Kirche nicht
vorgezeichnet und auerhalb des geheiligten Wegenetzes, das seinem
Wirken deutlich und streng gezogen war. Zum erstenmale geriet nicht
nur sein Fu, sondern auch seine Seele in die Weglosigkeit und es kam
ihm vor, als wenn er nicht so als Mensch, sondern eher als ein
fallender Stein, ein fallender Tropfen, ein vom Sturme getriebenes
Blatt, an die Stelle, auf der er nun stand, gelangt wre.

Jedes seiner zornigen Worte belehrte Francesco, da er seiner selbst
nicht mehr mchtig war, hingegen aber gezwungen wurde, um jeden Preis
Gewalt ber Agata zu suchen und auszuben. Er nahm sie mit Worten in
Besitz. Je mehr er sie demtigte, desto voller tnten in ihm die
Harfen der Seligkeit. Jeder Schmerz, den er ihr strafend zufgte,
weckte einen Taumel in ihm: es fehlte nicht viel, ja, wre der Hirte
nicht zugegen gewesen, Francesco wre, in einem solchen Taumel, der
letzten Beherrschung seiner selbst verlustig gegangen und htte, dem
Mdchen zu Fen fallend, den echten Schlag seines Herzens verraten.

Agata hatte bis diesen Tag, trotzdem sie in dem verrufenen Anwesen
gro geworden war, den Unschuldstand einer Blume bewahrt. Ebensowenig,
als der Bergenzian waren ihre, diesem gleichenden, blauen Augensterne
jemals im Tale, unten am See gesehen worden. Sie hatte den engsten
Erfahrungskreis. Doch, obgleich der Priester fr sie eigentlich gar
kein Mensch, viel eher ein Ding zwischen Gott und Mensch, eine Art
fremder Zauberer war, erriet sie doch pltzlich, und bekundete es
durch einen erstaunten Blick, was Francesco verbergen wollte.

Die Kinder hatten den Ziegenbock, ber Gerll empor, davongefhrt.
Dem Holzknecht war in Gegenwart des Priesters nicht wohl geworden.
Er nahm den Topf vom Feuer und kletterte damit unter vielen Mhen
wahrscheinlich zu einem Kameraden hinauf, der Lasten Reisig an einem
unendlich langen Draht ber einen Abgrund zur Tiefe hinab befrderte.
Mit einem schleifenden Gerusch zog jeweilen solch ein dunkles Bndel
lngs der Felsbastionen dahin, einem braunen Bren oder dem Schatten
eines Riesenvogels nicht unhnlich. brigens schien es zu fliegen, da
der Draht nicht sichtbar war. Als nach einem urkrftigen Jodler, der
von den Zinnen und Bastionen des Generoso widerhallte, der Hirt dem
Gesichtskreis entschwunden war, kte Agata, gleichsam zerknirscht,
dem Priester den Saum des Gewandes und dann die Hand.

       *       *       *       *       *

Francesco hatte mechanisch ber den Scheitel des Mdchens das Zeichen
des Kreuzes gemacht, wobei seine Finger ihr Haar berhrt hatten. Nun
aber ging ein krampfhaftes Zittern durch seinen Arm, als ob ein Etwas
mit letzter Kraft ein anderes Etwas in seiner Gewalt behalten wollte.
Aber das angespannte, hemmende Etwas vermochte doch nicht zu
verhindern, da die segnende Hand sich langsam spreizte und mit ihrer
Flche dem Haupte der reuigen Snderin nher und nher kam und
pltzlich fest und voll darauf ruhte.

Feige sah sich Francesco ringsum. Es lag ihm fern, sich etwa jetzt
noch selbst zu belgen, und die Lage, in der er war, mit den
Obliegenheiten seines heiligen Amtes zu rechtfertigen, dennoch
redete allerlei aus ihm von Beichte und Firmelung. Und die nahezu
ungebndigte, sprungbereite Leidenschaft frchtete so sehr die
Mglichkeit, bei ihrer Entdeckung Entsetzen und Abscheu zu erregen,
da auch sie noch einmal feige unter die Maske der Geistlichkeit
flchtete.

Du wirst zu mir hinunter in die Schule nach Soana kommen, Agate,
sagte er. Dort wirst du lesen und schreiben lernen. Ich will dich ein
Morgen- und ein Abendgebet lehren, ebenso Gottes Gebote, und wie du
die sieben Hauptsnden erkennen und vermeiden kannst. Wchentlich
wirst du dann bei mir beichten.

Aber Francesco, der sich nach diesen Worten losgerissen hatte und,
ohne sich umzublicken, bergabwrts gestiegen war, entschlo sich am
nchsten Morgen, nach einer beldurchwachten Nacht, selbst zur Beichte
zu gehen. Als er einem tabakschnupfenden Erzpriester des nahen
Bergstdtchens, Arogno mit Namen, seine Gewissensnte, nicht ohne
Versteckensspiel, erffnete, ward er bereitwilligst absolviert.
Es war eine Selbstverstndlichkeit, da sich der Teufel dem Versuche
des jungen Priesters, verirrte Seelen in den Scho der Kirche
zurckzuleiten, entgegensetzte, besonders da das Weib fr den Mann
immer die nchste Gelegenheit zur Snde sei. Nachdem Francesco dann
mit dem Arciprete im Pfarrhaus gefrhstckt hatte und bei offenem
Fenster, linder Luft, Sonne und Vogelsang manches offene Wort ber den
fteren Widerstreit menschlicher mit kirchlichen Angelegenheiten
gefallen war, gab sich Francesco der Tuschung hin, ein erleichtertes
Herz davon zu tragen.

Zu dieser Wandlung hatten wohl auch fr ihren Teil einige Glser jenes
schweren, schwarzvioletten Weines beigetragen, den die Bauern Arognos
kelterten und dessen der Pfaff einige Oxhofte voll besa. Zu dem
Kellergewlbe unter gewaltigen zartbelaubten Kastanien, wo dieser
Reichtum auf Balken lagerte, gab sogar schlielich noch, nach
beendeter Mahlzeit der Priester dem Priester und Beichtkinde das
Geleit, da er gewohnheitsgem um diese Zeit fr den weiteren
Tagesbedarf seinen mitgenommenen Fiasco zu fllen pflegte.

Kaum aber hatte Francesco seinem Beichtvater auf der blumigen,
windbewegten Wiese vor der eisenbeschlagenen Pforte des Felsgewlbes
Lebewohl gesagt, kaum hatte er, rstig um eine Biegung des Weges davon
schreitend, hgeliges Land genug, mit Baum und Gebsch, zwischen sich
und ihn gebracht, als er auch schon einen unerklrlichen Widerwillen
gegen den Trost des Kollegen empfand und die ganze Zeit, die er mit
ihm verbracht hatte.

Dieser schmuddlige Bauer, dessen abgenutzte Soutane und schweiiges
Unterzeug einen widerlichen Geruch verbreitete, dessen schinniger Kopf
und mit eingefressenem Schmutz bedeckte, rauhe Hnde bewiesen, da
Seife fr ihn eine fremde Sache war, schien ihm vielmehr ein Tier, ja,
ein Klotz, statt ein Priester Gottes zu sein. Die Geistlichen sind
geweihte Personen, sagte er sich, wie die Kirche lehrt, die durch die
Weihe bernatrliche Wrde und Gewalt erhalten haben, so da selbst
Engel vor ihnen sich neigen. Diesen konnte man nur als eine
Spottgeburt auf das alles bezeichnen. Welche Schmach, die
priesterliche Allmacht in solche Rpelhnde gelegt zu sehen. Da doch
Gott sogar solcher Allmacht unterliege und er durch die Worte: hoc
est enim meum corpus unwiderstehlich gezwungen wird, auf den Mealtar
niederzusteigen.

Francesco hate ihn, ja, verachtete ihn. Dann wieder empfand er tiefes
Bedauern. Aber endlich kam es ihm vor, als ob sich der stinkende,
hliche, unfltige Satan in ihn verkleidet htte. Und er gedachte
solcher Geburten, die mit Hilfe eines incubus oder eines succubus
zustande gekommen sind.

Francesco erstaunte selbst ber solche Regungen seines Innern und
ber seinen Gedankengang. Sein Wirt und Beichtiger hatte, auer durch
sein Dasein, kaum einen Anla dazu gegeben, denn seine Worte, auch
ber Tisch, waren durchaus getragen vom Geiste der Wohlanstndigkeit.
Aber Francesco schwamm bereits wiederum in einem solchen Gefhl von
Gehobenheit, glaubte eine so himmlische Reinheit zu atmen, da ihm,
verglichen mit diesem geheiligten Element, das Alltgliche wie im
Stande der Verdammnis festgekettet schien.

       *       *       *       *       *

Der Tag war gekommen, an dem Francesco die Snderin von der Alpe zum
erstenmal im Pfarrhause zu Soana erwartete. Er hatte ihr aufgetragen,
die Schelle, unweit der Kirchtr, zu ziehen, durch die man ihn in den
Beichtstuhl rufen konnte. Aber es ging schon gegen die Mittagszeit,
ohne da die Schelle sich regen wollte, whrend er, immer zerstreuter
werdend, einige halberwachsene Mdchen und Knaben im Schulzimmer
unterrichtete. Der Wasserfall sandte sein Brausen, jetzt
aufschwellend, jetzt absinkend, durchs offene Fenster herein, und die
Erregung des Priesters wuchs, so oft es sich steigerte. Er war dann
besorgt, womglich das Luten der Schelle zu berhren. Die Kinder
befremdete seine Unruhe, seine Geistesabwesenheit. Am wenigsten
entging es den Mdchen, deren irdische, wie himmlische Sinne
schwrmerisch an dem jungen Heiligen sich weideten, da er mit der
Seele nicht bei der Sache und also auch nicht bei ihnen war. Durch
tiefen Instinkt mit den Regungen seines jugendlichen Wesens verknpft,
empfanden sie sogar jene Spannung mit, die es augenblicklich
beherrschte.

Kurz vor dem Zwlfuhrglockenschlag entstand Gemurmel von Stimmen auf
dem Dorfplatz, der mit seinen mailich sprossenden Kastanienwipfeln bis
dahin still im Lichte der Sonne lag. Eine Menschenmenge nherte sich.
Man hrte ruhigere, scheinbar protestierende, mnnliche Kehllaute.
Aber ein unaufhaltsamer Strom von weiblichen Worten, Schreien,
Verwnschungen und Protesten berschwoll mit einemmal jene und dmpfte
sie bis zur Unhrbarkeit. Dann trat eine bange Ruhe ein. Pltzlich
schlugen ans Ohr des Priesters dumpfe Gerusche, deren Ursache im
ersten Augenblick unbegreiflich blieb. Man war im Mai und doch klang
es, als wenn im Herbst ein Kastanienbaum, unter der Wucht eines
Windstoes, Lasten von Frchten auf einmal abschttelte. Platzend
trommeln die harten Kastanien auf das Erdreich.

Francesco beugte sich aus dem Fenster.

Er sah mit Entsetzen, was auf der Piazza im Gange war. Er war so
erschrocken, ja, so bestrzt, da ihn erst der ohrzerreiende,
gellende Laut des Beichtglckchens zur Besinnung brachte, an dem mit
verzweifelter Hartnckigkeit gerissen wurde. Und schon war er in die
Kirche und vor die Kirchtr geeilt und hatte das Beichtkind, es war
Agata, vom Zug der Klingel weg und in die Kirche hineingerissen. Dann
trat er vor das Portal hinaus.

Soviel war klar: der Eintritt der Verfemten in den Ort war bemerkt
worden und geschehen, was in diesem Falle gewhnlich war. Man hatte
versucht, sie mit Steinen, wie jeden rudigen Hund, oder wie man einem
Wolfe getan htte, aus dem Wohnbereich der Menschen zu jagen. Bald
hatten sich Kinder und Mtter von Kindern zusammengetan und hatten das
ausgestoene, fluchbringende Wesen gehetzt, ohne sich durch die schne
Mdchengestalt irgendwie in der Annahme stren zu lassen, ihre
Steinwrfe glten einem gefhrlichen Tier, einem Ungeheuer, das Pest
und Verderben verbreite. Indessen hatte Agata, des priesterlichen
Schutzes gewi, sich von ihrem Ziel nicht abbringen lassen. So war das
entschlossene Mdchen, verfolgt und gehetzt, vor der Kirchtr
angelangt, die jetzt noch von einigen geworfenen Steinen aus
Kinderhnden getroffen wurde.

Der Priester hatte nicht ntig, die aufgeregten Gemeindeglieder durch
eine Strafpredigt zur Besinnung zu bringen: sie verflchtigten sich,
sobald sie ihn sahen.

In der Kirche hatte Francesco der hochatmenden, stummen Verfolgten
durch einen Wink bedeutet, mit ihm ins Pfarrhaus zu gehn. Auch er war
erregt, und so hrten sich beide stoweise atmen. Auf einem engen
Treppchen des Pfarrhuschens, zwischen weigetnchten Mauern, stand
die bestrzte, doch schon wieder ein wenig beruhigte Schaffnerin, um
das gehetzte Wild zu empfangen. Man merkte ihr an, da sie bereit zu
helfen war, wenn es irgendwie not tte. Erst beim Anblick der alten
Frau schien Agata sich des Demtigenden ihres augenblicklichen
Zustands bewut zu werden. Vom Lachen zum Zorn, vom Zorn zum Lachen
bergehend, stie sie starke Verwnschungen aus, und gab so dem
Priester Gelegenheit, zum erstenmal ihre Stimme zu hren, die, wie ihm
vorkam, voll, sonor und heroisch klang. Ihr war nicht bekannt, weshalb
sie verfolgt wurde. Sie sah das Stdtchen Soana etwa wie ein Nest von
Erdwespen oder einen Ameisenhaufen an. So wtend und entrstet sie
war, kam es ihr doch nicht in den Sinn, ber die Ursache einer so
gefhrlichen Bsartigkeit nachzudenken. Kannte sie doch diesen
Zustand von Kindheit an und nahm ihn fr einen nur natrlichen.
Allein man wehrt sich auch gegen Wespen und Ameisen. Mgen es Tiere
sein, die uns angreifen, wir werden durch sie, je nachdem, zum Ha,
zur Wut, zur Verzweiflung emprt und entladen die Brust, wiederum
jenachdem, durch Drohungen, Trnen oder durch Regungen tiefster
Verachtung. So tat auch Agata, whrend ihr nun die Haushlterin die
rmlichen Lumpen zurecht zupfte, sie selber aber den staunenerregenden
Schwall ihres rost- bis ockerfarbenen Haares, das sich im hastigen
Lauf gelst hatte, aufsteckte.

Wie nie zuvor, litt der junge Francesco in diesem Augenblick unter dem
Zwang seiner Leidenschaft. Die Nhe des Weibes, das, wie eine wilde,
kstliche Frucht, in der Bergdenei zur Reife gediehen war, die
berauschende Glut, die ihr erhitzter Krper ausstrmte, der Umstand,
da die bis dahin ferne Unerreichliche jetzt die Enge der eigenen
Wohnung umschlo, alles das brachte zuwege, da Francesco die Fuste
ballen, die Muskeln spannen, die Zhne zusammenbeien mute, um nur in
einer Verfassung aufrecht zu bleiben, die ihm das Hirn sekundenlang
vllig verfinsterte. Wurde es hell, so war ein ungeheurer Aufruhr von
Bildern, Gedanken und Gefhlen in ihm: Landschaften, Menschen,
fernste Erinnerungen, lebendige Augenblicke der familiren und
beruflichen Vergangenheit vermhlten sich mit Vorstellungen der
Gegenwart. Gleichsam fliehend von diesen, stieg s und schrecklich
eine unentrinnbare Zukunft empor, der er sich ganz verfallen wute.
Gedanken zuckten ber dies Bilderchaos der Seele hin, unzhlbar,
ruhelos, aber ohnmchtig. Der bewute Wille, erkannte Francesco, war
in seiner Seele entthront, und ein anderer herrschte, dem nicht zu
widerstehen war. Mit Grauen gestand sich der Jngling, ihm war er auf
Gnade und Ungnade ausgeliefert. Diese Verfassung glich der
Besessenheit. Aber wenn ihn die Angst vor dem unvermeidlichen Sturz in
das Verbrechen der Todsnde berkam, so htte er gleichzeitig vor
unbndigster Freude aufbrllen mgen. Sein hungriger Blick sah mit
niegekannter, staunender Sttigung. Mehr: Hunger war hier Sttigung,
Sttigung Hunger. Ihm scho der verruchte Gedanke durch den Kopf, hier
allein sei seine unvergngliche, gttliche Speise, mit der das
Sakrament glubige Christenseelen himmlisch nhrt. Seine Empfindungen
waren abgttisch. Er erklrte seinen Oheim in Ligornetto fr einen
schlechten Bildhauer. Und warum hatte er nicht lieber gemalt?
Vielleicht konnte er selbst noch Maler werden. Er dachte an Bernardino
Luini und sein groes Gemlde in der alten Klosterkirche des nahen
Lugano und an die kstlichen, blonden, heiligen Frauen, die sein
Pinsel dort geschaffen hat. Aber sie waren ja nichts, verglichen mit
dieser heien, lebendigsten Wirklichkeit.

Francesco wute nun nicht sofort, was er beginnen sollte. Eine
warnende Empfindung veranlate ihn zunchst, die Nhe des Mdchens zu
fliehen. Allerlei Grnde, nicht alle gleich lauter, bewogen ihn,
sogleich den Sindaco aufzusuchen und, ehe es andere tun konnten, von
dem Geschehnis zu verstndigen. Der Sindaco hrte ihn ruhig an,
Francesco hatte ihn glcklicherweise zu Hause getroffen, und nahm in
der Sache den Standpunkt des Priesters ein. Es war nur christlich und
gut katholisch, die Miwirtschaft auf der Alpe nicht einfach laufen zu
lassen und sich des in Snde und Schande verstrickten, verrufenen
Volkes anzunehmen. Was aber die Dorfbewohner und ihr Verhalten betraf,
so versprach er dagegen strenge Maregeln.

Als der junge Priester gegangen war, sagte die hbsche Frau des
Sindaco, die eine stille, schweigsame Art zu betrachten hatte:

Dieser junge Priester knnte es wohl bis zum Kardinal, ja, zum Papst
bringen. Ich glaube, er zehrt sich ab mit Fasten, Beten und
Nachtwachen. Aber der Teufel ist gerade hinter den Heiligen mit
seinen hllischen Knsten her und mit den verborgensten Schlichen und
Listen. Mge der junge Mann, durch Gottes Beistand, vor ihnen immer
behtet sein.

Viele begehrliche und auch bse Weiberaugen verfolgten Francesco, als
er, mit so wenig wie mglich beschleunigtem Schritt, zurck zur Pfarre
ging. Man wute, wo er gewesen war, und war entschlossen, sich diese
Pest von Soana nur mit Gewalt aufdrngen zu lassen. Aufrecht schreitende
Mdchen, die, Holz auf dem Kopf tragend, ihm auf dem Platze nahe dem
Marmorsarkophage begegneten, hatten ihn zwar mit unterwrfigem Lcheln
gegrt, sich aber hernach schnde angesehen. Wie im Fieber schritt
Francesco dahin. Er hrte das Durcheinanderschmettern der Vgel, das
schwellende und verhaltene Rauschen des ewigen Wasserfalls: aber es war
ihm, als ob er die Fe nicht auf dem Boden htte, sondern steuerlos in
einem Wirbel von Lauten und Bildern vorwrts gerissen wrde. Pltzlich
fand er sich in der Sakristei seiner Kirche, dann im Schiff vor dem
Hauptaltar, als er kniend die Jungfrau Maria um Beistand in den Strmen
seines Innern anflehte.

Allein seine Bitten waren nicht in dem Sinne gemeint, da sie ihn von
Agata befreien sollte. Ein solcher Wunsch htte in seiner Seele keine
Nahrung gehabt. Sie waren vielmehr ein Flehen um Gnade. Die Mutter
Gottes sollte verstehen, vergeben, womglich billigen. Jh unterbrach
Francesco das Gebet und ward vom Altar fortgerissen, als ihm von
ungefhr der Gedanke, Agata knne davongegangen sein, ins Bewutsein
scho. Er fand das Mdchen indessen noch, und Petronilla leistete ihr
Gesellschaft.

Ich habe alles ins Reine gebracht, sagte Francesco. Der Weg zur
Kirche und zum Priester ist frei fr jedermann. Traue auf mich, das
Geschehene wird sich nicht wiederholen. Ihn berkam eine Festigkeit
und Sicherheit, als ob er nun wieder auf rechtem Pfad und auf gutem
Grund stnde. Petronilla wurde mit einem wichtigen, kirchlichen
Aktenstck auf die Nachbarpfarre geschickt. Der Gang war leider
unaufschiebbar. Im brigen mge die Wirtschafterin dem Pfarrer ber
den Vorfall berichten. Triffst du Leute, so sage ihnen, betonte er
noch, da Agata von der Alpe oben hier bei mir im Pfarrhaus ist und
in den Lehren unsrer Religion, unsres geheiligten Glaubens von mir
unterrichtet wird. Sie mgen nur kommen und es verhindern und sich die
Strafe der ewigen Verdammnis aufs Haupt ziehen. Sie mgen nur einen
Auflauf vor der Kirche machen, um ihre Mitchristin zu mihandeln. Die
Steine werden nicht sie, sondern mich treffen. Ich werde ihr mit
Einbruch der Dunkelheit, und sei es auch bis zur Alpe hinauf, selbst
das Geleit geben.

       *       *       *       *       *

Als die Haushlterin gegangen war, trat eine lngere Stille ein. Das
Mdchen hatte die Hnde in den Scho gelegt und sa noch auf dem
gleichen, scheinbar zerbrechlichen Stuhl, den Petronilla fr sie an
die weigetnchte Wand gerckt hatte. In Agatas Augen zuckte es noch,
und die erlittene Krnkung spiegelte sich in Blitzen der Entrstung
und heimlichen Wut, aber ihr volles Madonnengesicht hatte mehr und
mehr einen hilflosen Ausdruck angenommen, bis endlich ein stiller,
ergiebiger Strom seine Wangen badete. Francesco, ihr den Rcken
kehrend, hatte mittlerweile zum offenen Fenster hinausgeblickt.
Whrend er seine Augen ber die gigantischen Bergwnde des Soanatales,
von der schicksalstrchtigen Alpe an bis zum Seeufer, gleiten lie
und, mit dem ewigen Summen des Falles, Gesang einer einzelnen,
schmelzenden Knabenstimme aus den ppigen Rebenterrassen drang, mute
er zgern zu glauben, da er nun wirklich die Erfllung seiner
berirdischen Wnsche in der Hand hatte. Wrde Agata, wenn er sich
wendete, noch vorhanden sein? Und war sie zugegen, was wrde
geschehen, wenn er sich wendete? Mte diese Wendung nicht
entscheidend fr sein ganzes irdisches Dasein, ja, darber hinaus
entscheidend sein? Diese Fragen und Zweifel bewogen den Priester, die
eingenommene Stellung solange, wie mglich innezuhalten, um noch
einmal vor der Entscheidung mit sich ins Gericht oder doch wenigstens
zu Rate zu gehen. Es handelte sich dabei um Sekunden, nicht um
Minuten: doch in diesen Sekunden wurde ihm nicht nur, vom ersten
Besuche Luchino Scarabotas an, die ganze Geschichte seiner
Verstrickung, sondern sein ganzes bewutes Leben unmittelbar
Gegenwart. In diesen Sekunden breitete sich eine ganze gewaltige
Vision des jngsten Gerichtes mit Vater, Sohn und heiligem Geist am
Himmel, ber der Gipfelkante des Generoso aus und schreckte mit dem
Gedrhn der Posaunen. Den einen Fu auf dem Generoso, den andern auf
einem Gipfel jenseit des Sees stand, in der Linken die Wage, in der
Rechten das bloe Schwert, furchtbar drohend, der Erzengel Michael,
whrend sich hinter der Alpe von Soana der scheuliche Satan mit
Hrnern und Klauen niedergelassen hatte. Fast berall aber, wo der
Blick des Priesters hinirrte, stand eine schwarzgekleidete,
schwarzverschleierte, hnderingende Frau, die niemand anderes, als
seine verzweifelte Mutter war.

Francesco hielt sich die Augen zu und prete dann beide Hnde gegen
die Schlfen. Wie er sich dann langsam herumwandte, sah er das in
Trnen schwimmende Mdchen, dessen purpurner Mund schmerzlich
zitterte, lange mit einem Ausdruck des Grauens an. Agata erschrak.
Sein Gesicht war entstellt, wie wenn es der Finger des Todes berhrt
htte. Wortlos wankte er auf sie zu. Und mit einem Rcheln, wie das
eines von unentrinnbarer Macht Besiegten, das zugleich ein wildes,
lebensbrnstiges Sthnen und Rcheln um Gnade war, sank er zerbrochen
vor ihr ins Knie und rang gegen sie die gefalteten Hnde.

Francesco wrde seiner Leidenschaft vielleicht noch lange nicht in
solchem Grade unterlegen sein, wenn nicht das Verbrechen der
Dorfbewohner an Agata ihr ein namenloses, heies, menschliches
Mitgefhl beigemischt htte. Er erkannte, was diesem von Gott mit
aphrodisischer Schnheit begabten Geschpf in seinem fernen Leben und
in der Welt ohne Beschtzer bevorstehen mute. Er war durch die
Umstnde heute zu ihrem Beschtzer gemacht worden, der sie vielleicht
vom Tode durch Steinigung errettet hatte. Er hatte dadurch ein
persnliches Anrecht auf sie erlangt. Ein Gedanke, der ihm nicht
deutlich war, aber doch sein Handeln beeinflute: unbewut wirkend,
rumte er allerlei Hemmungen, Scheu und Furchtsamkeit hinweg. Und er
sah in seinem Geist keine Mglichkeit, seine Hand je wieder von der
Verfemten abzuziehen. Er wrde an ihrer Seite stehen und stnde die
Welt und Gott auf der anderen. Solche Erwgungen, solche Strmungen
verbanden sich, wie gesagt, unerwartet mit dem Strome der
Leidenschaft, und so trat dieser aus den Ufern.

Vorerst war sein Verhalten indessen noch nicht die Abkehr vom Rechten
und die Folge eines Entschlusses, zu sndigen: es war nur ein Zustand
der Ohnmacht, der Hilflosigkeit. Warum er das tat, was er tat, htte
er nicht zu sagen gewut. In Wahrheit tat er eigentlich nichts. Es
geschah nur etwas mit ihm. Und Agata, die nun eigentlich htte
erschrecken mssen, tat dies nicht, sondern schien vergessen zu haben,
da Francesco ein ihr fremder Mann und ein Priester war. Er schien auf
einmal ihr Bruder geworden. Und whrend ihr Weinen zum Schluchzen sich
steigerte, lie sie es nicht nur zu, da der nun auch von trocknem
Schluchzen Geschttelte sie, wie zum Troste, umfing, sondern sie
senkte ihr berstrmtes Gesicht und verbarg es an seiner Brust.

Nun war sie zum Kinde geworden und er zum Vater, insoweit, als er sie
in ihrem Leid zu beruhigen trachtete. Allein er hatte nie den Krper
eines Weibes so nahe gefhlt, und seine Liebkosungen, seine
Zrtlichkeiten waren bald mehr, als vterlich. Deutlich empfand er
zwar, wie in dem schluchzenden Weh des Mdchens etwas, wie ein
Bekenntnis lag. Sie wute, das erkannte er, welcher hlichen Liebe
sie ihr Dasein verdanke und schwamm darber mit ihm im gleichen Leid.
Ihre Not, ihre Schmerzen trug er mit ihr. So waren ihre Seelen
geeinigt. Allein er hob bald ihr ses Madonnengesicht zu dem seinen,
indem er sie um den Nacken fate und an sich zog, mit der Rechten die
weie Stirn zurckbiegend, und indem er daran, was er so gefesselt
hielt, lange, mit dem Feuer des Wahnsinns im Auge, gierige Blicke
weidete, scho er pltzlich, wie ein Falke, auf ihren heien, von
Trnen salzigen Mund herab und blieb untrennbar mit ihm
verschmolzen. -- Nach Augenblicken irdischer Zeit, Ewigkeiten
betubender Seligkeit, ri Francesco sich pltzlich los und stellte
sich fest auf beide Fe, auf seinen Lippen schmeckte er Blut --:
Komm, sagte er, du kannst nicht allein, ohne Schutz, nach Hause gehn
und also werde ich dich begleiten.

       *       *       *       *       *

Ein wechselnder Himmel lag ber der Alpenwelt, als Francesco und Agata
aus der Pfarrei schlichen. Sie bogen in einen Wiesenpfad, auf dem sie,
zwischen Maulbeerbumen, unter Rebenguirlanden hindurch, ungesehen von
Terrasse zu Terrasse abkletterten. Francesco wute sehr wohl, was
hinter ihm lag und welche Grenze jetzt berschritten war, Reue
vermochte er nicht zu empfinden. Er war verndert, gesteigert,
befreit. Die Nacht war schwl. In der lombardischen Ebene, schien es,
zogen Gewitter umher, deren ferne Blitze fcherfrmig hinter der
Riesensilhouette der Berge aufstrahlten. Dfte des gewaltigen
Fliederbusches unter den Fenstern des Pfarrhauses schwammen von dort
mit dem vorberkommenden, sickernden Wasser des Bachgeders herab,
vermischt mit khlen und warmen Luftstrmen. Die beiden Berauschten
redeten nicht. Er sttzte sie, so oft sie im Dmmer die Mauer zu einer
tiefer gelegten Terrasse abklommen, fing sie auch wohl mit den Armen
auf, wobei ihre Brust an seiner pochte, sein durstiger Mund an ihrem
hing. Sie wuten nicht, wo sie eigentlich hin wollten, denn aus der
Tiefe der Schlucht der Savaglia fhrte kein Weg zur Alpe hinauf.
Darber indessen waren sie einig, da sie den Aufstieg dorthin durch
die Ortschaft vermeiden muten. Aber es kam auch nicht darauf an,
irgendein ueres, irgendein fernes Ziel zu erreichen, sondern das
nahe Erreichte auszugenieen.

Wie war doch die Welt bisher so schlackenhaft tot und leer gewesen,
und welche Wandlung hatte sie durchgemacht. Wie hatte sie sich in den
Augen des Priesters, und wie hatte er in ihr sich verwandelt. Getilgt
und entwertet waren alle Dinge in seiner Erinnerung, die ihm bis dahin
alles bedeutet hatten. Vater, Mutter, sowie seine Lehrer waren wie
Gewrm im Staube der alten, verworfenen Welt zurckgeblieben, whrend
ihm, dem Sohne Gottes, dem neuen Adam, durch den Cherub die Pforte des
Paradieses wieder geffnet worden war. In diesem Paradies, darin er
nun die ersten, verzckten Schritte tat, herrschte Zeitlosigkeit. Er
fhlte sich nicht mehr als ein Mensch irgendeiner Zeit oder
irgendeines Alters. Ebenso zeitlos war die nchtliche Welt um ihn her.
Und da nun die Zeit der Verstoung, die Welt der Verbannung und der
Erbsnde hinter ihm lag vor der bewachten Pforte des Paradieses,
empfand er auch nicht mehr die allergeringste Furcht vor ihr. Niemand
da drauen konnte ihm etwas anhaben. Es lag nicht in der Macht seiner
Oberen, noch in der Macht des Papstes selbst, ihn auch nur am Genusse
der geringsten Paradiesesfrucht zu verhindern, noch ihm das geringste
zu rauben von der ihm nun einmal gewordenen Gnadengabe hchster
Glckseligkeit. Seine Oberen waren die Niederen geworden. Sie wohnten,
vergessen, in einer verschollenen Erde des Heulens und Zhneklapperns.
Francesco war nicht Francesco mehr, er war als erster Mensch soeben
vom gttlichen Odem geweckt, als alleiniger Adam, alleiniger Herr des
Garten Eden. Es lebte kein zweiter Mann auer ihm in der Flle der
sndenlosen Schpfung. Gestirne zitterten, himmlisch klingend,
Glckseligkeit. Gewlke brummten wie schwelgerisch weidende Khe,
Purpurfrchte strmten se Entzckung und kstliche Labung aus,
Stmme schwitzten duftendes Harz, Blten streuten kstliche Wrzen:
allein dieses alles hing doch von Eva ab, die Gott als die Frucht der
Frchte, die Wrze der Wrzen zwischen all diese Wunder gesetzt hatte,
von ihr, die selber sein hchstes Wunder war. Aller Gewrze Duft, ihre
feinste Essenz hatte der Schpfer in Haar, Haut und Fruchtfleisch
ihres Krpers gelegt, aber ihre Form, ihr Stoff hatte nicht
ihresgleichen. Ihre Form, ihr Stoff war Gottes Geheimnis. Die Form
bewegte sich aus sich selbst und blieb gleich kstlich in Ruhe, wie in
Wandlung. Ihr Stoff schien aus dem gemischt, aus dem Lilienbltter
und Rosenbltter gebildet werden, aber er war keuscher an Khle und
heier an Glut, er war zugleich zarter und widerstandskrftiger. In
dieser Frucht war ein lebendig pochender Kern, es hmmerten in ihr
kstliche, zuckende Pulse, und wenn man von ihr geno, so schenkte sie
je mehr und mehr um so kstlichere, ausgesuchtere Wonnen, ohne da ihr
himmlischer Reichtum dabei verlor.

Und was in dieser Schpfung, diesem wiedergewonnenen Paradiese das
Kstlichste war, konnte man wohl aus der Nhe des Schpfers herleiten.
Weder hatte hier Gott sein Werk vollendet und allein gelassen, noch
sich darin zur Ruhe gelegt. Im Gegenteil war die schaffende Hand, der
schaffende Geist, die schaffende Macht nicht abgezogen, sie blieben im
Werke schpferisch. Und jeder von allen Teilen und Gliedern des
Paradieses blieb schpferisch. Francesco-Adam, soeben erst aus der
Werkstatt des Tpfers hervorgegangen, fhlte sich als ein rings umher
Schaffender. Mit einer Entzckung, die auerweltlich war, sprte und
sah er Eva, die Tochter Gottes. Es haftete noch an ihr die Liebe, die
sie gebildet hatte, und der kstlichste aller Stoffe, den der Vater zu
ihrem Leibe verwendete, hatte noch jene berirdische Schnheit, die
durch kein Erdenstubchen verunreinigt war. Aber auch diese Schpfung
bebte, schwoll und leuchtete noch von der himmlischen Glut ttiger
Schpferkraft und drngte, mit Adam zu verschmelzen. Adam wieder
drngte nach ihr, um gemeinsam mit ihr in eine neue Vollkommenheit
einzugehen.

Agata und Francesco, Francesco und Agata, der Priester, der Jngling
aus gutem Haus und das verfemte, verachtete Hirtenkind, war das erste
Menschenpaar, wie sie Hand in Hand auf nchtlichen Schleichwegen zu
Tale kletterten. Sie suchten die tiefste Verborgenheit. Schweigend,
die Seele von einem namenlosen Staunen erfllt, mit einem Entzcken,
das ihnen beiden fast die Brust sprengte, stiegen sie tiefer und
tiefer in das kstliche Wunder der Weltstunde.

Sie waren bewegt. Die Begnadung, die Auserwhlung, die sie auf sich
ruhen fhlten, vermischte mit ihrem unendlichen Glck eine ernste
Feierlichkeit. Sie hatten ihre Krper gefhlt, waren im Ku verbunden
gewesen, aber sie fhlten die unbekannte Bestimmung, der sie
zuschritten. Es war das letzte Mysterium. Es war eben das, warum Gott
schuf und warum er den Tod in die Welt gesetzt, ihn gleichsam in Kauf
genommen hatte.

So gelangte das erste Menschenpaar in die enge Schlucht hinab, die das
Flchen Savaglia gesgt hatte. Sie war sehr tief, und nur ein wenig
begangener Fupfad fhrte am Rande des Bachbetts bis zu dem
Wasserbecken hinauf, in das sich aus schwindelerregender Hhe das
Bergwasser ber die Felsstufe hinabstrzte. Noch in betrchtlicher
Entfernung davon wurde der Bach in zwei Arme geteilt, die sich wieder
vereinigten, durch ein kleines grnes Inselchen, das Francesco liebte
und oft besuchte, weil es mit einigen jungen Apfelbumen, die dort
Wurzel geschlagen hatten, sehr lieblich war. Und Adam zog seine Schuhe
aus und trug seine Eva dort hinber. Komm, oder ich sterbe, sagte er
mehrmals zu Agata. Und sie zertraten Narzissen und Osterlilien mit dem
schweren, fast trunkenen Gang der Liebenden.

Auch hier in der Schlucht war es sommerwarm, wenngleich der rauschende
Lauf des Baches Khlung mitbrachte. Wie kurz war die Zeit, die seit
dem Wendepunkte im Leben des Paares schon verflossen war, und wie weit
war alles zurckgewichen, was vor dem Wendepunkte lag. Der Bauer, dem
das Inselchen angehrte, hatte sich, da es ziemlich entfernt von der
Ortschaft lag, um gegen die Zuflligkeiten der Witterung einigermaen
gedeckt zu sein, eine Htte aus Steinen, Reisern und Erde gefertigt,
die ein leidlich regensicheres Laublager bot. Es war vielleicht diese
Htte, die Adam vorgeschwebt hatte, als er mit Eva die Richtung zu
Tal, statt zu Berge nahm. Die Htte schien zum Empfang der Liebenden
vorbereitet. Hier schienen heimliche Hnde von dem nahenden Feste der
heimlichen Menschwerdung verstndigt worden zu sein: denn es waren
Gewlke von Licht um die Htte, Gewlke von Funken, Leuchtkfer,
Glhwrmchen, Welten, Milchstraen, die manchmal in Garben gewaltig
aufstiegen, als wollten sie leere Weltrume neu bevlkern. Sie quollen
und schwebten so hoch durch die Schlucht, da man Sterne des Himmels
davon nicht mehr unterschied.

Obgleich sie es kannten, war dieses Schauspiel, war dieser schweigende
Zauber fr Francesco und die sndige Agata doch wunderbar und ihr
Staunen darber hemmte sie einen Augenblick. Ist das die Stelle,
dachte Francesco, die ich im Grunde doch, ahnungslos, was sie einmal
fr mich bedeuten wrde, so oft gesucht und mit Wohlgefallen
betrachtet habe? Sie schien mir ein Ort, um sich als Eremit vor dem
Jammer der Welt dahin zurckzuziehen und entsagend in Gottes Wort zu
versenken. Was sie wirklich ist, eine Insel im Strome Phrat oder
Hiedekel, der heimlich-glckseligste Ort im Paradiese, htte ich ihr
nicht angesehen. Und die mystischen, lohenden Funkengewlke,
Hochzeitsbrnde, Opferbrnde, oder was es nun immer war, lsten ihn
vollends von der Erde. Wenn er die Welt nicht verga, so wute er, da
sie ohnmchtig vor den Toren des Gartens Eden lag, wie der
siebenkpfige Drache, das siebenkpfige Tier, das aus dem Meer
gestiegen ist. Was hatte er mit denen zu tun, die den Drachen anbeten.
Mag er Gottes Htte lstern. Sein Geifer erreicht ihre Sttte nicht.
Nie hatte Francesco, nie hatte der Priester ein solches Nahesein bei
Gott, ein solches Geborgensein in ihm, ein solches Vergessen der
eignen Persnlichkeit gefhlt, und im Rauschen des Bergbachs schienen
allmhlich die Berge melodisch zu drhnen, die Feldzacken zu orgeln,
die Sterne mit Myriaden goldner Harfen zu musizieren. Chre von Engeln
jubilierten durch die Unendlichkeit, gleich Strmen brausten von oben
die Harmonien, und Glocken, Glocken, Gelut von Glocken, von
Hochzeitsglocken, kleinen und groen, tiefen und hohen, gewaltigen und
zarten verbreiteten eine erdrckend-selige Feierlichkeit durch den
Weltenraum. -- Und so sanken sie, ineinander verschlungen, auf das
Laublager.

       *       *       *       *       *

Keinen Augenblick gibt es, der verweilt, und wenn man auch mit
angstvoller Hast solche der hchsten Wonne festhalten will -- so sehr
man sich mht, man findet dazu keine Handhabe. Sein ganzes Leben
bestand, wie Francesco fhlte, aus Stufen zum Gipfel dieses nun
gelebten Mysteriums. Wo sollte man knftig atmen, konnte man es nicht
festhalten. Wie sollte man ein verdammtes Dasein ertragen, wenn man
aus den Verzckungen seiner innersten Himmel wieder verstoen war.
Mitten im berirdischen Rausch des Genusses empfand der Jngling mit
stechendem Schmerz die Vergnglichkeit, im Genu des Besitzes die Qual
des Verlustes. Es war ihm, als sollte er einen Becher des kstlichen
Weines austrinken und einen ebenso kstlichen Durst lschen: der
Becher aber wurde nie leer, whrend der Durst trotzdem nie gestillt
wurde. Und der Trinkende wollte auch nicht, da sich sein kstlicher
Durst sttige, noch da der Becher leer wrde: dennoch sog er mit
gieriger Wut daran, gepeinigt, weil er nie auf den Grund kommen
konnte.

Umarmt vom Rauschen des Baches, berflutet davon, umtanzt von
Leuchtkfern, ruhte das Paar im raschelnden Laub, whrend durchs Dach
der Htte die Sterne hereinblinzelten. Von allen Heimlichkeiten
Agatas, die er wie unerreichliche Gter bewundert hatte, hatte er
zitternd Besitz ergriffen. Er war in ihr offenes Haar hineingetaucht,
er hing mit den Lippen an ihren Lippen. Aber sogleich ward sein Auge
voll Neid gegen seinen Mund erfllt, der ihm den Anblick des sen
Mdchenmundes geraubt hatte. Und immer unfabarer, immer glhender,
immer betubender quoll aus den Geheimnissen ihres jungen Leibes
Glckseligkeit. Was er nie zu besitzen gehofft hatte, wenn es ihm
heie Nchte vorspiegelten, das war nichts gegen das gehalten, was er
nun grenzenlos besa.

Und whrend er schwelgte, ward er immer aufs neue unglubig. Das
berma der Erfllungen veranlate ihn immer aufs neue, unersttlich
sich seines Eigentums zu versichern. Zum ersten Male fhlten seine
Finger, seine bebenden Hnde und Handflchen, seine Arme, seine Brust,
seine Hften das Weib. Und sie war fr ihn mehr, als das Weib. Ihm
war, als habe er etwas Verlorenes, etwas Verscherztes, ohne das er ein
Krppel gewesen war, und mit dem er sich jetzt zur Einheit verbunden
hatte, wiedergefunden. War er von diesen Lippen, diesem Haar, diesen
Brsten und Armen jemals getrennt gewesen? Es war eine Gttin, es war
kein Weib. Und es war berhaupt nichts, was fr sich bestand: er
whlte sich in den Kern der Welt und das Ohr unter die magdlichen
Brste gedrckt, hrte er glckselig schaudernd das Herz der Welt
pochen.

Jene Betubung, jener Halbschlaf kam ber das Paar, wo die Wonnen der
Erschpfung in die Reize des wachen Fhlens und die Reize des wachen
Fhlens in die Wonnen der Betubung des Vergessens bergehen: wobei
Francesco jetzt in den Armen des Mdchens, jetzt Agata in seinen Armen
entschlief. Wie seltsam und mit welchem Vertrauen hatte das scheue,
verwilderte Mdchen sich unter den liebkosenden Zwang des Priesters
gefunden, wie ergeben und glcklich diente sie ihm. Und wenn sie in
seinen Armen entschlief, so war es mit dem beruhigten Lcheln, mit dem
sich das Auge des gesttigten Suglings im Arme und an der Brust der
Mutter schliet. Francesco aber betrachtete, bestaunte und liebte die
Schlummernde. Durch ihren Leib gingen Wellen von Zuckungen, wie es die
Entspannung des Lebens mit sich bringt. Manchmal schrie das Mdchen im
Traum. Aber immer war es das gleiche, betrende Lcheln, wenn sie die
schmachtenden Lider ffnete und dann das gleiche Sterben in letzter
Hingabe. So oft der Jngling entschlummerte, schien es ihm, als
entwinde eine Macht ihm leise, leise den Krper, den er, mit ganzem
Leibe fhlend, umschlungen hielt. Aber jedesmal folgte diesem kurzen
Entwinden im Erwachen zuerst ein Fhlen von hchster, dankbar
empfundener Sigkeit; ein unnennbarer Traum mit einem seligen, wachen
Empfinden des sesten Wirklichen.

Das war sie, die Paradiesesfrucht, von dem Baume, der mitten im Garten
stand. Er hielt sie mit ganzem Leibe umschlungen. Es war die Frucht
von dem Baume des Lebens, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und
Bsen, mit der die Schlange Eva verfhrt hatte. Vielmehr war es jene,
deren Genu Gott gleich machte. Erstorben war in Francesco jeder
Wunsch nach einer hheren, einer andren Glckseligkeit. Auf Erden
nicht und im Himmel nicht gab es Wonnen, die mit der seinen
vergleichbar waren. Es gab keinen Knig, keinen Gott, den der
Jngling, whlend im schwelgerischen berflu, nicht als darbenden
Bettler empfunden htte. Seine Sprache war zum Stammeln, zum
stoweisen Atmen herabgedrckt. Er sog den betrenden Hauch, der
zwischen den offenen Lippen Agatas hervorstrmte. Er kte die Trnen
der Wollust hei von der Wimper, hei von der Wange des Mdchens fort.
Geschlossenen Auges, nur sparsam blinzelnd, genossen beide im anderen
sich selbst, nach innen gerichteten Blicks, heifhlend und
hellfhlend. Aber das alles war mehr als Genu, vielmehr etwas, was
auszudrcken menschliche Sprache nicht hinreichend ist.

       *       *       *       *       *

Francesco las pnktlich am Morgen die Frhmesse. Seine Abwesenheit war
von niemand, seine Heimkunft nicht einmal von Petronilla bemerkt
worden. Die berstrzung, mit der er, sich flchtig subernd, zu den
wartenden Ministranten in die Sakristei und an den Altar vor die
harrende, kleine Gemeinde begeben mute, verhinderte, da er zur
Besinnung kam. Die Besinnung trat ein, als er wieder im Pfarrhaus,
wieder in seinem Stbchen war, wo ihm die Wirtschafterin das bliche
Frhstck vorsetzte. Aber diese Besinnung brachte nicht sogleich die
Klarheit einer Ernchterung. Vielmehr gab die alte Umgebung, der
aufsteigende Tag dem Erlebten den Schein von etwas Unwirklichem, das
wie ein vergangener Traum verblich. Aber hier war doch Wirklichkeit.
Und obgleich sie jeden von Francesco jemals getrumten Traum an
phantastischer Unglaubhaftigkeit berbot, konnte er sie dennoch nicht
wegleugnen. Er hatte einen furchtbaren Fall getan, an diesem Umstand
war nicht zu deuteln: die Frage hie, ob eine Erhebung von diesem
Sturz, diesem furchtbaren Sndenfall, berhaupt noch mglich war? Der
Sturz war so tief und von einer solchen Hhe herab, da der Priester
daran verzweifeln mute. Nicht nur im kirchlichen, auch im weltlichen
Sinne stand dieser schreckliche Fall ohne Beispiel da. Francesco
gedachte des Sindacos, und wie er mit ihm ber die mgliche Rettung
der Verworfenen von der Alpe geredet hatte. Nun erst, heimlich, in
seiner tiefen Erniedrigung erkannte er die ganze pfffische Hoffart,
den ganzen berheblichen Dnkel, der ihn damals geblht hatte. Er bi
die Zhne zusammen vor Scham, er krmmte sich gleichsam, wie ein
eitler, entlarvter Betrger, vor Entehrung, in nackter Hilflosigkeit.
War er nicht eben noch ein Heiliger? Hatten nicht Frauen und
Jungfrauen von Soana fast mit Abgtterei zu ihm aufgeblickt?

Und war es ihm nicht gelungen, den kirchlichen Geist der Ortschaft
dermaen zu heben, da Messehren und die Kirche besuchen sogar bei
den Mnnern sich wieder einbrgerte. Nun war er zum Verrter an Gott,
zum Betrger und Verrter an seiner Gemeinde, zum Verrter an der
Kirche, zum Verrter an seiner Familienehre, zum Verrter an sich
selbst, ja, sogar zum Verrter an den verachteten, verworfenen,
verruchten und erbrmlichen Scarabotas geworden, die er unter dem
Vorwand, ihre Seelen zu retten, erst recht in die Verdammnis
verstrickt hatte.

Francesco dachte an seine Mutter. Sie war eine stolze, fast mnnliche
Frau, die ihn als Kind mit fester Hand beschtzt und gefhrt, und
deren unbeugsamer Wille auch die Bahn seines knftigen Lebens
vorgezeichnet hatte. Er wute, da ihre Hrte gegen ihn nichts, als
glhende Mutterliebe war, und da sie durch die geringste Trbung der
Ehre ihres Sohnes in ihrem Stolze aufs schwerste verletzt, durch eine
ernste Verfehlung des Sohnes aber im Sitz des Lebens unheilbar
verwundet werden mute. Seltsam, wie im Zusammenhange mit ihr das
wirklich Geschehene, nahe und deutlich Durchlebte nicht einmal auch
nur ausgedacht werden konnte.

Francesco war in den ekelhaftesten Schlamm hinabgesunken, in den
Unflat letzter Verworfenheit. Er hatte darin seine Weihen als
Priester, sein Wesen als Christ, wie als Sohn seiner Mutter, ja, als
Mensch berhaupt zurckgelassen. Der Werwolf, das stinkende,
dmonische Tier, wrde in der Meinung der Mutter, in der Meinung der
Menschen berhaupt, sofern sie von dem Verbrechen Kenntnis gehabt
htten, einzig brig geblieben sein. Der Jngling fuhr von dem Stuhl
empor und von dem Brevier auf dem Tisch, in das er sich zum Scheine
vertieft hatte. Es war ihm gewesen, als wenn Hagel von Steinen wider
das Haus prasselten: nicht in der Art, wie am Tage zuvor, bei dem
Versuch einer Steinigung, sondern mit hundert-, mit tausendfachen
Krften. So, als sollte das Pfarrhaus vertilgt, oder mindestens in
einen Schutthaufen umgewandelt und er als ein giftiges Krtengereck
darunter begraben werden. Er hatte seltsame Laute gehrt, furchtbare
Schreie, rasende Zurufe und wute, da unter den Wtenden, die
unermdlich Steine schleuderten, nicht nur ganz Soana, der Sindaco und
die Frau des Sindacos, sondern auch Scarabota und seine Familie, und
sogar allen voran seine Mutter war.

       *       *       *       *       *

Aber schon nach Stunden hatten ganz andere Phantasien und ganz andere
Regungen solche abgelst. Alles, was aus der Einkehr, aus dem
Entsetzen ber die Tat, aus der Zerknirschung geboren war, schien
jetzt niemals vorhanden gewesen. Eine nie gekannte Not, ein brennender
Durst drrte Francesco aus. Sein Inneres schrie, wie jemand, der sich
im glhenden Wstensande verschmachtend wlzt, nach Wasser schreit.
Die Luft schien ohne jene Stoffe zu sein, die man braucht, um zu
atmen. Das Pfarrhaus wurde dem Priester zum Kfig, zwischen dessen
Wnden er mit schmerzenden Knien, ruhelos wie ein Raubtier, schritt,
entschlossen, falls man ihn nicht befreie, lieber, als so weiter zu
leben, den Schdel im Anlauf gegen die Mauer zu zerschmettern. Wie ist
es mglich, als Toter zu leben? fragte er sich, indem er Bewohner des
Dorfes durchs Fenster beobachtete. Wie mgen sie oder wie knnen sie
atmen? Wie tragen sie, da sie doch das nicht kennen, was ich genossen
habe und nun entbehre, ihr erbrmliches Sein? Und Francesco wuchs in
sich. Er sah auf Ppste, Kaiser, Frsten und Bischfe, kurz auf alle
Leute herab, wie sonst Menschen auf Ameisen. Selbst in seinem Durst,
seinem Elend, seiner Entbehrung tat er das. Freilich, er war nicht
mehr Herr seines Lebens. Eine bermchtige Zauberei hatte ihn zu einem
vollstndig willenlosen und, ohne Agata, vollstndig leblosen Opfer
des Eros gemacht, des Gottes, der lter und mchtiger ist, als Zeus
und die brigen Gtter. Er hatte in den Schriften der Alten gelesen
ber dergleichen Zauberei und diesen Gott und beides geringgeschtzt
mit einem Lcheln. Jetzt fhlte er deutlich, da sogar an einen
Pfeilschu und eine tiefe Wunde gedacht werden mute, mit der, nach
Meinung der Alten, der Gott das Blut seiner Opfer vergiftete. Diese
Wunde brannte, bohrte, flammte, fra und nagte ja in ihm. Er fhlte
furchtbar stechende, Schmerzen -- bis er sich bei Dunkelwerden,
innerlich gleichsam schreiend vor Glck, auf den Weg nach derselben
kleinen Welt-Insel begab, die ihn gestern mit der Geliebten vereint,
und wo er seine neue Begegnung mit ihr verabredet hatte.

       *       *       *       *       *

Der Berghirt Ludovico, den Bewohnern der Umgegend als Ketzer von
Soana bekannt, schwieg, als er bis zu der Stelle seines Manuskriptes,
wo es abbricht, gelesen hatte. Der Besucher htte die Erzhlung gern
bis zu Ende gehrt. Als er indessen den Wunsch zu uern so freimtig
war, erffnete ihm sein Wirt, da seine Handschrift nicht weiter
reiche. Er war auch der Ansicht, die Geschichte knne, ja, msse hier
abreien. Der Besucher war dieser Meinung nicht.

Was wurde aus Agata und Francesco, aus Francesco und Agata? Blieb die
Sache geheim oder war sie entdeckt worden? Fanden die Liebenden auf
die Dauer oder flchtig Gefallen aneinander? Erfuhr die Mutter
Francescos von der Angelegenheit? Und endlich wollte der Hrer wissen,
ob eine wirkliche Begebenheit der Erzhlung zugrunde liege oder ob sie
durchaus nur Dichtung sei.

Ich sagte schon, erwiderte Ludovico, sich ein wenig verfrbend, da
ein wirklicher Vorfall den Anla fr mein Geschreibsel gegeben hat. Er
schwieg hierauf eine lange Weile. Man hat, fuhr er spter fort, vor
etwa sechs Jahren einen Geistlichen mit Stockschlgen und Steinwrfen,
buchstblich genommen, vom Altar fort aus der Kirche gejagt. Es wurde
mir jedenfalls, als ich von Argentinien nach Europa zurck und in diese
Gegend kam, von so vielen Leuten erzhlt, da ich an dem Geschehnis
selbst nicht zweifle. Auch haben die blutschnderischen Scarabotas,
allerdings nicht unter diesem Namen, hier am Generoso gelebt. Der Name
Agata ist erfunden, ich nahm ihn einfach von dem Kapellchen Sant Agatha,
ber dem, wie Sie sehen, noch immer die braunen Fischruber kreisen.
Aber die Scarabotas haben wirklich unter anderen Sndenfrchten eine
erwachsene Tochter gehabt, und der Priester ist eines unerlaubten
Umgangs mit ihr bezichtigt worden. Er hat, wie man sagt, die Sache nicht
abgeleugnet, auch nie die geringste Reue gezeigt, und der Papst hat ihn,
behauptet man, deshalb exkommuniziert. Die Scarabotas muten die Gegend
verlassen. Sie sollen -- die Eltern, nicht die Kinder -- in Rio am
gelben Fieber gestorben sein.

Der Wein und die Erregung, die durch Ort, Stunde, Gesellschaft und
besonders durch das gelesene Gedicht, verbunden mit allerlei
mystischen Umstnden, im Hrer hervorgerufen war, machte diesen noch
weiter zudringlich. Er fragte wieder nach dem Schicksal Francescos und
Agatas. Darber konnte der Hirt nichts aussagen. Sie sollen nur lange
Zeit ein rgernis der Gegend gewesen sein, indem sie die berall
verstreuten, einsamen Heiligtmer entweihten und schndeten und zu
Asylen ihrer verruchten Lust mibrauchten. Bei diesen Worten brach
der Anachoret in ein gnzlich unvermitteltes, lange nicht
einzudmmendes, lautes und freies Gelchter aus.

Gedankenvoll und seltsam bewegt trat der bermittler dieses
Reiseabenteuers den Heimweg an. Sein Tagebuch enthlt Schilderungen
dieses Abstiegs, die er hier jedoch nicht einrcken will. Die
sogenannte blaue Stunde, die eintritt, wenn die Sonne unter den
Horizont gesunken ist, war jedenfalls damals besonders schn. Man
hrte den Fall von Soana rauschen. Ganz so hatten ihn Francesco und
Agata rauschen gehrt. Oder hrten sie am Ende jetzt noch sein Getn
und zwar in demselben Augenblick? Lag dort nicht der Scarabotasche
Steinhaufen? Hrte man nicht Laute frhlicher Kinder, untermischt mit
dem Blken der Ziegen und Schafe, von dort? Der Wanderer fuhr sich
bers Gesicht, wie wenn er einen verwirrenden Schleier abstreifen
wollte: war die kleine Erzhlung, die er gehrt hatte, wirklich, wie
eine winzige Enzianblume oder dergleichen, auf einer Matte dieser
Bergwelt gewachsen, oder war dieses herrliche, urgewaltige
Gebirgsrelief, diese erstarrte Gigantomachie aus dem Rahmen der
kleinen Novelle hervorgegangen? Dies und hnliches dachte er, als sein
Gehr vom sonoren Klang einer singenden Frauenstimme berhrt wurde. Es
hie ja, der Anachoret sei verheiratet. Die Stimme trug, wie in einem
weiten, akustischen Saal, wenn die Menschen den Atem anhalten, um nur
zu lauschen. Auch die Natur hielt den Atem an. Die Stimme schien in
der Felswand zu singen. Manchmal wenigstens flutete sie, in weiten
Schwingungen voll sesten Schmelzes und feurigen Adels, gleichsam von
dort heraus. Allein die Sngerin kam, wie sich zeigte, von ganz
entgegengesetzter Richtung den Pfad zum Wrfel Ludovicos
heraufgestiegen. Sie trug ein Tongef auf dem Kopf, das sie mit der
erhobenen Linken ein wenig hielt, whrend sie mit der Rechten ihr
Tchterchen fhrte. Dadurch nahm die volle und doch schlanke Gestalt
jene grade, kstliche Haltung an, die so feierlich, ja, erhaben
anmutet. Irgendeine Vermutung scho dem Beschauer bei diesem Anblick,
wie eine Erleuchtung, durch die Seele.

Wahrscheinlich war er nun entdeckt worden, denn pltzlich verstummte
der Gesang. Man sah die Steigende nherkommen, voll vom Glanze der
westlichen Himmelshlfte getroffen. Man vernahm das Kind -- die Mutter
mit ruhiger, tiefer Stimme antworten. Dann hrte man, wie die nackte
Sohle des Weibes klatschend die roh behauenen Stufen trat. Der Last
wegen mute man fest und sicher auftreten. Fr den Wartenden waren die
Augenblicke vor dieser Begegnung von einer nie gefhlten Spannung und
Rtselhaftigkeit. Die Frau schien zu wachsen. Man sah das
hochgeschrzte Kleid, sah bei jedem Schritte ein Knie sich flchtig
entblen, sah nackte Schultern und Arme hervortreten, sah ein rundes,
frauenhaftes, trotz stolzen Selbstbewutseins holdes Gesicht, das von
starkem Haarwuchs, wie von rotbrauner Erde, urwesenhaft umgeben war.
War das nicht die Mnnin, die Menschin, die syrische Gttin, die
Snderin, die mit Gott zerfiel, um sich ganz dem Menschen, dem Manne
zu schenken?

Der Heimkehrende war beiseite getreten, und die leuchtende Kanephore
schritt, seinen Gru der Last wegen fast unmerklich erwidernd, an ihm
vorbei. Sie wandte beide Augen nach ihm, indes der Kopf geradeaus
gerichtet blieb. ber das Antlitz glitt dabei ein stolzes, ein
selbstbewutes, ein wissendes Lcheln. Dann senkte sie den Blick
wiederum auf den Weg, whrend gleichzeitig ein berirdisches Funkeln
durch ihre Wimpern zu sprhen schien. Der Beschauer war vielleicht
durch die Hitze des Tages, den Wein und alles sonst noch Erlebte
berhitzt, aber das ist gewi: er fhlte vor diesem Weibe sich ganz,
ganz klein werden. Diese vollen, in aller betrenden Se fast
hhnisch gekruselten Lippen wuten, es gab gegen sie keinen
Widerspruch. Es gab keinen Schutz, keine Waffe gegen den Anspruch
dieses Nackens, dieser Schultern, und dieser von Lebenshauchen
beseligten und bewegten Brust. Sie stieg aus der Tiefe der Welt empor
und stieg an dem Staunenden vorbei -- und sie steigt und steigt in die
Ewigkeit, als die, in deren gnadenlose Hnde Himmel und Hlle
berantwortet sind.


ENDE





End of Project Gutenberg's Der Ketzer von Soana, by Gerhart Hauptmann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KETZER VON SOANA ***

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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
