Project Gutenberg's Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, by Klabund

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Title: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde
       Von den ltesten Zeiten bis zur Gegenwart

Author: Klabund

Release Date: September 5, 2007 [EBook #22517]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE ***




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                       _Nummer 12 der_
                      _Zellenbcherei_

                     _Copyright 1922 by_
                   _Drr & Weberm.b.H._
                          _Leipzig_

                              *

Dritte, vom Autor neu durchgesehene und berarbeitete Auflage
                      20.-30. _Tausend_




                          _Klabund_

                Deutsche Literaturgeschichte
                       in einer Stunde

              *       *       *       *       *

          Von den ltesten Zeiten bis zur Gegenwart

                       [Illustration]

                            1922
             _Drr & Weberm.b.H._ * _Leipzig_




Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch
philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen,
volkstmlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung. Die
Dichtung eines Volkes beruht auf dem Eigentmlichsten, was ein Volk
haben kann: seiner Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer
vlkisch sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der
tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den
allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel
aber ist allen Vlkern gemeinsam.

Blten vom Baum der deutschen Dichtung mgen vom Winde da- und dorthin
getragen werden. Zu Frchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben.
Sie werden im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird
ein ganzes Volk sich an ihnen erquicken.

       *       *       *       *       *

Jener germanische Jngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wodans
niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfllen vermag, in
halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich
erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen
sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche
Dichter.

Wie eine Blte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, da es der Sonne
entgegenglhte, eine Schwestersonne. Da er dem Sonnengott sich als
geringerer Brudergott verwandt fhlte, da er Worte fand in seinem
Munde wie nie zuvor. Unbewutes ward bewut. Liebe machte den Stummen
beredt. Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er
neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, Erde,
Mensch verschmolz in seinem Gedicht. Die Sehnsucht wurde Wort, das Wort
wurde Erfllung. Aller Dichtung Urbeginn ist die Liebe. Der Weg zur
Liebe fhrt durch Ha und Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Ha
gegen den Feind, den Feind seines Gottes und Ruber seines Weibes. Er
singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen Seele, die
dahinfliegt wie ein Meervogel ber den Ozean, und nur die Sonne ist ihre
Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes Auge, das ihn beglnzt, jeden Tag
neu, nach frchterlicher Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige
Nacht, aus der er nur immer kurz zu Dmmerung und Helle erwacht, und
seine Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfllen. Und
das Licht zeigt ihm den langen mhseligen Weg des Menschen, welcher aus
Finsternis und Sumpf emporfhrt zu Licht und Gebirg, bis ber die
Wolken, bis an Gottes Thron selbst.

       *       *       *       *       *

Eines der ltesten deutschen Sprachdenkmler ist das _Wessobrunner
Gebet_, um 800 entstanden, voll groer Anschauung und starker
dichterischer Kraft. Karls des Groen Biograph _Einhart_ (+840)
erzhlt, da Karl der Groe alle alten Sagen habe aufschreiben lassen.
Leider haben seine frmmelnden Nachfolger, von unverstndigen Pfaffen
aufgereizt, dafr gesorgt, da derlei heidnisches Zeug ausgerottet
wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares ist verloren gegangen. Als
Ersatz werden uns blasse, versifizierte Heiligenlegenden und
Christusgeschichten aufgetischt. Unter den Nachfolgern Karls des Groen
blht, begnstigt von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur
von der deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehrt
sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache wurde hchstens
dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte zu bersetzen.

Das stolzeste Epos der Deutschen ist das _Nibelungenlied_ (um 1210). Die
sagenhafte deutsche Urzeit ersteht in den Rittern der Vlkerwanderung
noch einmal. Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held
seiner Zeit, aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben.
Welch ein Gemlde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der
Nibelungen auf, schreibt A.W.von Schlegel. Mit einer jugendlichen
Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer, Zauberknste, ein
leichtsinniger, aber gelungener Betrug. Bald verfinstert sich der
Schauplatz; gehssige Leidenschaften mischen sich ein, eine ungeheure
Freveltat wird verbt. Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht
von ferne und rckt in mahnenden Weissagungen nher; endlich wird sie
vollbracht. Ein unentfliehbares Verhngnis verwickelt Schuldige und
Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt bricht in Trmmer.
Haben wir nicht alle das Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener
Seele versprt? Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und
Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine Welt ist in
Trmmer gebrochen.

Das _Gudrunlied_ (um 1230) klingt sanfter, brgerlicher, vershnender
aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und Schande am Anfang. Aber das
Lied endet heiter mit einer vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in
eine rosenrote Zukunft, da kein Ha und kein Kampf mehr sein wird.

       *       *       *       *       *

Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sngern gepflegt und in
Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romanischen
Einflu der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die
Frau als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Thron setzten, wie man
ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna mit dem Jesuskinde
weihte. Von sterreich nahm der Minnesang seinen Anfang. Der von
Krenberg sang um 1150 das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein
Jahr gezhmt und der ihm dann in anderiu lant entflog. Ein Spielmann,
genannt der _Spervogel_ (+1180), dichtete die ersten lehrhaften Sprche
und Fabeln, z.B. vom Wolf, der in ein Kloster ging und ein geistlich
Leben fhren wollte. Im Kloster vertraute man ihm das Hten der Schafe
an. Die Nutzanwendung braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht
besonders nahe zu legen. Derartige Wlfe -- und derartige Schafe sind
leider heute verbreiteter denn je.

Von 1160-1230 ritt Herr _Walter von der Vogelweide_ durch die Welt. Er
kam von Tirol, dort, wo die Berge das Eisacktal vom Himmel abschlieen,
wo man den Himmel in der eigenen Brust suchen mu. Er trieb seinen
mageren, schlecht genhrten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die
Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang sein
Gelchter, das er dem Bischof wie eine Handvoll Haselnsse an den
tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen Vater in Rom war er aus deutschem
Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer Denker der er war, da die
Ppste sehr diesseitige rmische Politik und Diplomatie trieben, der die
deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand auf der
Wartburg und sah hinab auf das thringische und deutsche Land. Wie
blhte der Frhling, wie sangen die Amseln! Unter einem Wacholderstrauch
lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und
geigte zum Tanz. Ein schnes Frulein lchelte seitwrts,
selbstvergessen. Da lchelte Walter von der Vogelweide. Er bckte sich
und wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen,
die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blhten, nahm den Kranz,
sprang zu dem errtenden Mdchen, verneigte sich und sprach:

    Nehmt, Fraue, diesen Kranz,
    So zieret ihr den Tanz
    Mit schnen Blumen, die am Haupt ihr tragt.

Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend, strich den
Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Frulein.
Sie hie Maria wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter,
Gottesschwester, Gottestochter all in eins.

Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den
Kreuzzug. Er hate die Pfaffen und den falschen Gott in
Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Er sang
den Kreuzfahrern das Kreuzlied. Und am heiligen Grab sank er ins Knie:
Jetzt erst bin ich beseligt, da mein sndig Auge die heilige Erde
betrachten darf.

    Dahin kam ich, wo den Pfad
    Gott als Mensch betreten hat.

Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem heiligen
Lande heim. Es war Frhling in ihm gewesen, als er auszog. Palstina war
sein Sommer geworden. Nun sah er Herbst und Verwesung, Elend und
Bitternis berall. Die Nebelkrhen hingen in Schwrmen ber dem
deutschen Land. Und in Wrzburg war es, wo er, den Blick auf den
flieenden Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene schnste
Elegie deutscher Sprache: Ow war sint verswunden alliu miniu jr! Im
Lorenzgarten, vor der Pforte des neuen Mnsters, wurde das Sterbliche
von Walter von der Vogelweide 1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem
Tode hielt er sich von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main
und ftterte die Vgel und die Fische mit Brotkrumen. Und in seinem
Testament bestimmte er, da aus seiner Hinterlassenschaft mehrere Scke
Krner zu kaufen seien und da auf seinem Grabe die Vgel stets Krner
und Wasser vorfinden sollten.

Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein Grab noch sollte
den Vgeln eine Weide sein. Lest seine Liebeslieder, ihr Liebenden!
Klausner Schwermut, weise uns die Kapelle seiner Melancholie! Wo im
kahlen Winter ein frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben
pickt: gebt ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide!
Solange die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen sein.
Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez', der taet mir leide,
rief 1300 Hugo von Trimberg ber sein Grab.

       *       *       *       *       *

Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klstern. Schwester
_Mechthild v.Magdeburg_ (1212 bis 1294) schrieb ihr Buch vom flieenden
Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren
Ekstasen sah sie Jesus als schnen Jngling (Schner Jngling, mich
lstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Brutigam zur
Braut, und ihre himmlischen Sprche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre
Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war
der Gottesminne des Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene
hfische oder ritterliche oder burische Minne) galt ihr als oberstes
Prinzip. Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in der
Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schn, noch so
stark, noch also vollkommen als die Minne. Mechthild von Magdeburg ist
trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des Fleisches. Jesus ist
ihr zrtliches Gespiel und sie seine Tnzerin. _Meister Eckhard_
(1260-1327, gestorben in Kln), ihr mystischer Bruder, verhlt sich zu
ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war
ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen und ein
Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war
ihm eine Station zum Paradies. Er ri die Wunden, die in ihm verheilen
oder verharschen wollten, knstlich wieder auf: da nur sein Blut
fliee. Seine Gedanken scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle
Kapuzen bers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der
gttlichen Trstung ist ein Trostbuch fr die, die am Tode und am Leben
leiden. Ein Trostbuch rechter Art will auch der Ackermann aus Bhmen
sein, den _Johannes von Saaz_ 1400 in die Welt schickte. Der Dichter
kleidet seine Trostschrift in die Form eines Zwiegesprchs zwischen
einem Witwer und dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem
Gottesgericht) sein Weib von dem Ruber und Mrder Tod zurck.
Schrecklicher Mrder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! Gott,
der Euch schuf, hasse Euch; Unheils Hufung treffe Euch; Unglck hause
bei Euch mit Macht; ganz entehret bleibt fr immer! so beginnt der
Klger seine Klage. Und der Tod antwortet: Du fragst, wer wir sind: wir
sind Gottes Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender Mher. Braune,
rote, grne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glnzende Blumen und Gras
hauen wir nacheinander nieder, ihres Glanzes, ihrer Kraft und Vorzge
ungeachtet. Sieh, das heit Gerechtigkeit. In immer verzweifelteren
Ausbrchen pocht der Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rtsel
des Todes, der ihm sinnlos wie ein Mher im Herbst unter den Menschen zu
hausen scheint, das Glck des Liebenden und die Tat des Knstlers, die
Stellung des Knigs nicht achtet, bis Gott selbst das Urteil spricht:
Klger, habe die Ehre, du Tod aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem
Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben
verpflichtet.

       *       *       *       *       *

Mit den Minnesngern wurde die deutsche Literatur sich ihrer bewut.
Zwar gab es noch nicht das Wort, aber der Begriff war vorhanden. Die
ffentliche Kritik trat auf: es waren die Frsten, die als Mzene das
erste Recht der Beurteilung fr sich in Anspruch nahmen. Die Themen, die
_Hartmann von Aue_ (+1215) in seinen kleinen Epen anschlgt, sind von
schnster Intensitt: in Gregorius bertrgt er den dipusstoff auf
ein mittelalterliches Milieu. Gregorius liebt und heiratet unwissentlich
seine eigene Mutter. Als er die Schande erfhrt, sucht er die Snde zu
shnen, indem er sich prometheisch an einen Felsen schmieden lt. Nach
siebzehn Jahren unerhrter Qual erlsen ihn die Rmer; er wird von ihnen
im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten Papstthron erhoben
und spricht, unfehlbar geworden durch sein titanisches Leid, die eigene
Mutter ihrer Schuld ledig.

Im Armen Heinrich bemchtigt sich Hartmann eines deutschen Stoffes.
Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein Mittel nur gibt es, ihn zu
retten: das Blut einer unberhrten Jungfrau. Aus Liebe zu ihm erbietet
sich ein Mdchen, fr ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das
Opfer nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf Flehen
des Mdchens Gott der Liebenden: er macht den armen Heinrich gesund und
zum reichen Heinrich durch den Besitz der Geliebten.

Ein jngerer Zeitgenosse von Hartmann ist _Wolfram von Eschenbach_ (etwa
1170-1250), ein Bayer aus Eschenbach bei Ansbach. Er war ein armer
Teufel wie Walter von der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen
von Thringen fter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben fr immer den
Rcken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu Weib und Kind ritt,
vollzog er eine symbolische Handlung. Er kehrte wirklich heim: zu sich,
in sich. Er hatte die hfische Minne, die schon einen eigenen Komment
entwickelte, dessen Verste unnachsichtlich geahndet wurden, von
Herzen satt und sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus
unverzerrtem Frauenmund. Nach Lippen, die ohne Anfragung einer Etikette
auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das ihm herzlich zugetan war.
Nach einem Kinde, das nicht Frulein oder junger Herr tituliert
wurde, sondern mit dem er reiten und jagen und spielen durfte wie mit
sich selbst. Er hatte 1200-1210 in 24810 Versen im Parzival den
Ritterroman der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel
vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, die sich in
ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker des letzten
Willens einer Epoche, der er schon lngst nicht mehr angehrt. Der Stoff
ist franzsischen und provenzalischen Vorbildern entnommen. Die Idee der
Erlsung: christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival
gehen mu, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber ahnungslosen Kind
zum seiner Seele bewuten Mann ist ganz Wolframsche Prgung. Er ist den
Weg des Knaben Parzival selbst gegangen.

_Gottfried von Straburg_ (um 1210), Wolframs grter Zeitgenosse, war
auch sein grter Gegner. Er fand den Parzival dunkel und verworren,
ohne einheitliche Handlung und stellenweise schwer verstndlich. Im
Tristan stellte er dem Parzival sein Ritterepos gegenber: von einer
leidenschaftlichen Klarheit des Themas und der Formulierung und trotz
der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er hatte von
seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival recht. In Wolfram und
Gottfried spitzten sich, wie spter bei Goethe und Schiller, zwei
dichterische Typen bis ins Polare zu: der Pathetiker und der Erotiker.
Wolfram-Schiller, das besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung
und Erlsung, Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heit: Sein,
Genu, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, Glanz und
Erfllung: Menschenminne, Diesseits.

       *       *       *       *       *

Whrend die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung
entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, das Volkslied und das
Mrchen, im 15. und 16. Jahrhundert ihre ppigste Blte. Die schnsten
der von Herder, Arnim und Brentano, Erk und Bhme spter aufgezeichneten
Volkslieder sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrder
Grimm gesammelten Kinder- und Hausmrchen wandelten als Gumpelmnner,
Vagabunden und Gott wei was durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier
und Blume, Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten
kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die Sternendecke
des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen war ihr Kopfkissen.
Eichhrnchen hteten ihren Schlaf, und der war voll von Trumen wie ein
Kirschbaum im Juni voll von Kirschen. Da gaben sich der Froschknig, die
Bremer Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren, der
Ruberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend, das kluge
Schneiderlein, der Vogel Greif und viele andere wunderliche und seltsame
Wesen ihr heimliches Stelldichein. Und der Vogel Greif schnaufte: Ich
rieche, rieche Menschenfleisch ..., aber dann lie er sich doch von
seiner Frau bertlpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lgen!).
Die neidische und eitle Knigin befragte den Spiegel an der Wand:

    Spieglein, Spieglein an der Wand,
    Wer ist die schnste im ganzen Land?

Und der Spiegel antwortete:

    Frau Knigin, Ihr seid die schnste hier.
    Aber Sneewittchen ber den Bergen
    Bei den sieben Zwergen
    Ist noch tausendmal schner als Ihr.

Auf einem Lindenbaum sa ein Vogel, der sang in einem fort:

    Kywitt, kywitt,
    wat vrn schn Vagel bn ick ...

Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Es war ein Mensch, der sich
nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt hatte. Denn wir Menschen
sterben nicht. Das Volkslied und das Volksmrchen lt unsere Seele
wandern. Vogel und Blume knnen wir werden: ja Blume auf unserem eigenen
Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begiet uns mit Trnen, oder sie
pflckt und drckt uns, Veilchen oder Lilie, an den Busen. Sind wir aber
bse, so werden wir verflucht und verzaubert in Werwlfe. Die Wurzeln
von Mrchen und Volkslied gehen bis tief in die heidnische Vorzeit
zurck, da des Menschen Frmmigkeit vom Diesseits, seine Augen von
Sonne, Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erfllt waren. Ihm war
der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung. Eine Tr fllt ins
Schlo, und eine andere geht auf. Auf Tag folgt Nacht, aber wieder Tag.
Er war nicht zerrissen in Leib und Seele. Die waren eins. Die Mrchen
und Lieder sind so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne ber
Gerechte und Ungerechte scheint, so fhlt der Dichter mit allen seinen
Kreaturen, auch den erbrmlichsten. Irgendein armseliger Straenruber
(der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe wie die zwei Knigskinder,
die zueinander nicht kommen konnten, das Wasser war viel zu tief.
Goethe ist ohne das deutsche Volkslied, Volksmrchen, Volksepos nicht zu
denken. Er steht auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die
kommen muten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde
der Grundstock gelegt zu jenem Gebude des 18. Jahrhunderts voll
vollendeter Klassizitt, das den Namen Goethe tragen sollte. Aber auch
Matthias Claudius, Clemens Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den
Bausteinen gearbeitet, die jene bescheidenen Mnner schichteten.
Vielleicht sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen
Kunstwillens und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist, wenn
er aus dem Unbewuten steigt, dann am reinsten, wenn er aus den
dunkelsten Quellen schpft. Diese Dichter ohne Namen tragen den Himmel
in ihren Hnden, aber sie stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde.

       *       *       *       *       *

Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbewegungen vor
sich, wobei Wellenberg und Wellental einander folgen und der
Scheitelpunkt des Wellenberges sich nur langsam erhht. Mit Walter von
der Vogelweide, Gottfried von Straburg, Wolfram von Eschenbach und dem
Nibelungenliede hatte die junge deutsche Dichtung eine Hhe erreicht,
von der sie bald klglich wieder abstrzen sollte. Das Rittertum zerfiel
und mit dem Rittertum die Ritterpoesie. Teils artete sie in allegorische
Spielerei, teils in aufgeblasene Geckigkeit aus. Die Dichtung floh
barfig und barhuptig auf die Landstrae und fristete im Munde der
Fahrenden von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und 16.
Jahrhundert fllt die Bltezeit des deutschen Volksliedes. Zuweilen nahm
sie ein Kloster auf, Dann sangen die Nonnen ein Lied, wie das geistliche
Trinklied der Nonnen am Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei
braven Brgersleuten. Das Brgertum war im Aufstieg begriffen. Es gab
wohlhabende Brger, deren Shne sich das Dichten leisten konnten. Sie
meinten, die Dichtung wrde sich hinter dem Ofen, in der Wrme, in dem
Dunst satter Behbigkeit recht wohl fhlen. Sie stopften ihr den Magen
mit allerlei guten Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, da sie
erbrach. Von der grazisen Handhabung der Sprache durch Meister wie
Gottfried oder Walter blieb nicht viel brig. Der Rhythmus fiel
auseinander -- was Hebung, was Senkung --, man zhlte einfach die Silben
zusammen. Aus dem Minnesang erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler
_Oswald v.Wolkenstein_ (+1445) versuchte noch einmal den ritterlichen
Pegasus aufzuzumen. Er brach unter ihm zusammen; seine Zeitgenossen
nahmen das Zaumzeug und schnitten die Flgel von dem verendenden Tier.
Sie klebten sie ihren plumpen Dorf- und Stadtgulen an und bildeten sich
nun ein, sie wrden fliegen. Die ritterliche Rstung schepperte als viel
zu gro um ihre drren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulnglichkeit
irgendwie bewut, schon nicht mehr einzeln als Individualisten
aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in ganzen Gruppen, Gilden
und Vereinen. Sie imitierten die Form ohne den Geist. Diese Form ist
lehr- und lernbar. Man wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling,
dann Dichtergeselle, dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und
Bckermeister oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als
die Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur das
Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste Meistersingerschule in
Augsburg gegrndet. Wenige Jahre spter finden sie sich in fast allen
greren Stdten. Sie fechten Wettkmpfe miteinander aus. Sie berbieten
sich in der Erfindung verschrobener und geknstelter Versmae. Der
Vollender und berwinder des Meistersanges ist _Hans Sachs_, geboren
1494 in Nrnberg, das eine der berhmtesten Meistersingerschulen sein
eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, als ihm der Weber
Nunnenbeck die Anfangsgrnde der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging
wie ein rechter Schuster auf die Wanderschaft, kehrte, nachdem er so
viele Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in seine
Heimat zurck, die durch Peter Vischer und Albrecht Drer zu einem
Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden war. Seine eigentlichen
Meistergesnge (ber 4000) sind unbedeutend, da und dort berraschen sie
durch ein originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet
sich sein Talent schon in seinen Sprchen (etwa 1800), die in ihren
kurzen Reimpaaren klingen, als wren sie mit dem Schusterhammer
zusammengeklopft. Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nrnberg
zu Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (ber 1000)
Schwnken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der Humor der deutschen
Seele. Seinen Witz hat er aus seiner Handwerksburschenzeit bis in sein
82. Jahr hinbergerettet. Er hat es in seinen Schwnken auf moralische
Wirkung abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem
Gelchter oder tritt zurck hinter dem Wie der Darstellung. Wir nehmen
die Menschen aus seiner Hand entgegen wie aus Gottes Hand: so wie sie
sind: gut und bse. Wie langweilig wre die Welt, wenn alle Menschen
brav wren und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform
trgen. (Gott selber wrde sich zu Tode langweilen und kurz vor seinem
Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es nur noch Hasen auf der
Welt gbe und keinen Fuchs mehr, der den Hasen frit, und keinen Jger,
der sie beide schiet und sich den Hasen braten lt! Dies nur nebenbei
zu Hans Sachs.

       *       *       *       *       *

Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten Wehen der Reformation
kndeten eine neue ra an. _Sebastian Brant_ aus Straburg (1458-1521)
hatte als Sohn eines Gastwirtes frh offene Augen fr die
Lcherlichkeiten und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In
bergangszeiten, wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines
Kartenspieles durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle nrrischen
Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven Spiegel noch ins Breite
zu verzerren und zu vergrbern. Sebastian Brant studierte Recht -- ohne
es irgendwo zu finden. Er promovierte an der Universitt Basel. 1494
erschien sein Narrenschiff. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast
gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies sich als
zu klein. Die Sufer, die Gecken, die Spieler, die Kirchenschnder, die
Geizhlse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher, Huren fllten es bis an den
Rand. Auch du, lieber Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns
gehen und nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian
Brant hat uns, fnfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden, trefflich
abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht hinter den Spiegel
stecken oder unserer Base zum Geburtstag schenken werden. -- Zwanzig
Jahre nach dem Narrenschiff legte Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen
die erste Ausgabe des Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den
Weihnachtstisch. Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren
nicht ber ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erschienen achtzehn
deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vlmische, Niederlndische,
Englische und Franzsische bersetzt. Woher dieser spontane Erfolg?
Brants Narrenschiff war eine mehr oder weniger literarische
Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel sah und lachte das Volk sich
wieder einmal selber ins Gesicht. In allen Fastnachtskomdien war er ja
schon als Kasperle oder Hanswurst figrlich aufgetreten, hier hatte man
seine in wohlgesetzte Worte gebrachte Biographie des komischen
Heldenlebens. Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung
der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob Rck- oder
Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den Doktor Faust,
titanischen Ringer um die letzten Probleme, zeigt. Eulenspiegel tritt
auf als Richter der Menschheit: er richtet sie mit einem schiefen Zucken
seines Mundes, mit der sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert
und Mglichkeit dadurch =ad absurdum= gefhrt werden. Er ist zugleich
leicht- und tiefsinnig. Seine Spe exemplifizieren das Chaos. Sie
dozieren bis zur Brutalitt das Bibelwort: Der Mensch ist aus Dreck
gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich gelebt. Chroniken
berichten von seinem 1350 zu Mlln erfolgten Tode, wo noch heute sein
Grabstein gezeigt wird. Vorher waren schon Schwankbcher wie _Jrg
Wickrams_ Rollwagenbchlein oder des Bruders _Johannes Pauli_
Schimpf und Ernst (1522) Mode geworden: Bcher, die heitere oder
moralische Anekdoten erzhlten, die sich nicht um einen einzelnen Narren
gruppierten: die damalige Reiselektre, auf den Rollwagen mitzunehmen.
Wobei zu bemerken ist, da diese Reiselektre unendlich gehaltvoller war
als die heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und
witziger Mann, der ausgezeichnet zu erzhlen vermag und unsere Stratz
und Hcker berragt wie ein Kirchturm eine verkrppelte Kiefer. Da liest
man folgendes: Man zog einmal aus in einen Krieg mit groen Bchsen und
mit viel Gewehren, wie es denn Sitte ist; da stund ein Narr da und
fragte, was Lebens das wre? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der
Narr sprach: Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt Drfer und
gewinnt Stdte und verdirbt Wein und Korn und schlgt einander tot. Der
Narr sprach: Warum geschieht das? Sie sprachen: Damit man Frieden mache!
Da sprach der Narr: Es wre besser, man machte vorher Frieden, damit
solcher Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so wrde ich
vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum so bin ich
witziger als Eure Herren. Htten wir Deutschen vor dem Kriege Johannes
Pauli als Reiselektre gelesen an Stelle von Walter Bloems Eisernem
Jahr: vielleicht wre es nicht zum Kriege gekommen, und wir htten uns
dieses Narren Meinung zu Herzen genommen.

       *       *       *       *       *

_Luther_ wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen Vaters
geboren. Er verbrachte seine Jugend mimutig, strrisch, verprgelt, und
richtete schon frh sein Auge von der Misere auen nach innen. Sein
Vater hat ihn hart geschlagen: da er wie ein Stein oder ein Stck Holz
schien. Aber hinter der harten Schale verbarg sich ein weicher und ser
Kern. Sein Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir,
Amen! wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten Mnner sein. Sein
Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit. Aber die Historie
wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.
Bismarcks Werk schien auf Felsen gegrndet: wenige Jahrzehnte gengten,
es zu unterhhlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach
zusammenstrzte. Auch ber Luthers Reformation ist das letzte Urteil von
der Geschichte noch nicht gefllt. Unsere heutige evangelische Kirche
spricht in ihrer aufklrerischen, kahlen, gottlosen Nchternheit nicht
fr eine lange Dauer. Die Zeit will wieder fromm werden. Luther war ein
religiser Mensch, die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder
rationalistische Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur-
und Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber wer das
Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther hat die damalige
Christenheit, untersttzt von der humanistischen Vorrevolution des
Geistes, von der rmischen Knechtschaft befreit, aber er hat den
Deutschen den schlechtesten Dienst erwiesen, als er in den Bauernkriegen
Partei fr die Frsten ergriff und durch seine sophistische Auslegung
der Bibel im monarchistischen Sinne (Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
ist ... es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr
untertan sein ...) die Deutschen unter die absolute Tyrannei der Frsten
brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch ethisch zu fundieren
trachtete. Hier trieb der einst in seiner Jugend vom Vater in ihm
gezchtete und herangeprgelte Autorittswahn hliche Blten. Da der
Untertan den Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, da selbst
die Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht zum
wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des Machtwahns:
Bismarck, Hegel, Luther zurckzufhren. Luther aber war ihr
bedeutendster und also verderblichster Vertreter. Erscheint seine
historische Stellung in mindestens zweifelhaftem Lichte, so ist seine
Stellung in der deutschen Literatur eindeutig fest und steil gefgt.
Die Bedeutung der Lutherschen, 1534 vollendeten Bibelbersetzung kann
nicht berschtzt werden. Es ist, als htte Luther die neue deutsche
Sprache berhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie der
schsischen Kanzleisprache und der oberschsischen Mundart zimmerte er
wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument, auf dem entzckt und
berauscht wir heute noch spielen drfen. Er aber war der Tne Meister
wie Arion: und wenn er sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der
Esel lauschend den behaarten Kopf -- dann verstummten selbst die
Humanisten mit ihrem lateinischen Geplauder, und Ulrich von Hutten
konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten. Ich
hab's gewagt. Die deutsche Sprache war den gelehrten Herren bisher zu
grobschlchtig gewesen fr ihre Spitzfindigkeiten. Sie wollten nichts
mit dem Pbel gemein haben, und es war ihnen gerade recht, da man sie
in der Menge nicht verstand. Nun aber hrten sie erstaunt, gleichsam zum
erstenmal, den Klang der deutschen Sprache. Das war wie Mwenschrei ber
der Elbe, wie Amselsang im Frhling, wie Herbstwind in den
Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald. Und einer nach dem
andern tat sein in Schweinsleder gebundenes lateinisches und
griechisches Lexikon in den Bcherschrank zurck und legte die
Luthersche Bibel auf den Schreibtisch und fand darin sein Morgen- und
sein Abendgebet. Auch Luthers Flugschriften, wie Von der Freiheit eines
Christenmenschen, flogen durch das Land, und in Kirchen und auf Straen
sang es: Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein. Und sie, die tumben
Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre und ihren Lehrer sie in die Tat
umzusetzen versuchten (denn was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie
Seele ohne Leib, wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm
verlassen wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der Sldner, mit
dem Ruf: Ein feste Burg ist unser Gott ... Luthers kernige und
frhliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet wurden,
beweisen, was fr ein groer Redner er war. Er steckte damit wohl alle
heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur schade, da er selber kein
Volks-, sondern ein Frstentribun war.

       *       *       *       *       *

Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik nahm das
evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre schnsten geistlichen
Lieder verdankt die evangelische Kirche _Paul Gerhard_ (1607-1676, starb
in Lbben als Prediger). Ein einfaches Gemt paart sich mit einem
streitbaren Gotteseifer und einem unbeirrbaren poetischen Formgefhl.
Wir alle, die wir Evangelische (ach! keine Evangelisten mehr ...) sind,
haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde auswendig
gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen. In ihnen durfte sich das
kindliche Gemt Gott wahrhaft nah fhlen. Die Musik dieser Verse strich
uns, wenn der lahme Kster die Orgel spielte, wie mit Vaterhnden ber
die Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende
Gestndnis, das unsere Lippen hauchten: Ich wei, da ein Erlser
lebt ... Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit wir mit Vater und Mutter
und mit den Knechten und Mgden vor der Tr in der lauen Sommerluft
saen, eine Kuh verschlafen im Stalle muhte, die Hhner auf der Stange
hockten, den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Grovater an, und wir
fielen alle leise ein:

    Nun ruhen alle Wlder,
    Vieh, Menschen, Stdt' und Felder ...

Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat _Angelus Silesius_
(aus Breslau, 1624-1677), der cherubinische Wandersmann, ber. Er
schrieb nach seiner Bekehrung jene mystischen Zweizeiler, in denen die
gyptische Plage des Dreiigjhrigen Krieges einen so prgnanten,
beraktuellen Ausdruck fand.

Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597 bis 1639) seine
lehrhafte Ttigkeit. Es ist heute leicht, sich ber eine Menge seiner
Unarten und Albernheiten lustig zu machen: sein Verdienst um die Hebung
des allgemeinen Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz kein
Gottsched, ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe.

_Paul Fleming_ (aus dem schsischen Erzgebirge, 1609 bis 1640) wandelte
als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne. Aber es sollte ihm gelingen,
eigene Bahnen zu finden und sie zu berstrahlen. Seine zrtliche Liebe
zu Elsabe schenkte der deutschen Dichtung einige ihrer schnsten
Liebesgedichte. Fabrikanten von protestantischen Gesangbchern haben es
sich nicht nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu
versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser zu
verwandeln. Sie setzten nmlich fr Elsabe Jesus, und wenn im Liede
Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in: Jesus gibt sein Ja auch
drein. Zu dieser Verballhornung hat Jesus sicher sein Ja nicht drein
gegeben. Er wird im Himmel sanft gelchelt haben, denn er kennt seine
Pfaffenheimer.

       *       *       *       *       *

In der Lyrik der Schlesier _Hofmann von Hofmannswaldau_ (1617-1679) und
_Daniel Caspar von Lohenstein_ (1635-1683) spielt Venus, prunkvoll
aufgeputzt, eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen bei
Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr berladenes Geschmeide abtut
und ein hbsches Breslauer Brgermdchen wird, braunhaarig, braunugig,
rotwangig: da wird sie uns lieb und vertraut, wir setzen uns gern zu ihr
ins Gras und lassen uns ein ihr zu Ehr und Preis verfertigtes
Lied des Herrn von Hofmannswaldau mit leiser Stimme ins Ohr singen.
Caspar von Lohenstein huldigte seinerseits neben der Venus den Gttern
Mars und Mors. Er schrieb schwulstige Tragdien von schauerlicher
Blutrnstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung der
Tugend war die Zeit des Dreiigjhrigen Krieges nicht gerade gnstig. Im
groen und im kleinen wurde geplndert, gemordet und vergewaltigt. Der
Frst vergewaltigte das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten
des Vaterlandes und zu hherer Ehre Gottes wurden die abscheulichsten
Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner _Abraham a Santa Clara_ (1644-1709)
wetterte in seinen Reden und Predigten mit Stentorstimme
und einem gewaltigen Aufwand an schnurrigem Pathos gegen die
Sittenlosigkeit, wobei er wenig genug ausrichtete. Der Elssser
_Moscherosch_ (1601 bis 1669) malte in seinen Gesichten Philanders von
Sittewald die Verrottung der Zeit, die ihre hchste dichterische
Formung in _Christoph von Grimmelshausens_ (aus Hessen, 1625-1676)
Abenteuerlichem Simplizissimus fand. Neben dem Grbler Faust, dem
weisen Narren Eulenspiegel kann man den reinen Toren Parsival als die
dritte Verkrperung der deutschen Seele ansprechen. Parsival heit bei
Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielfltigen Anfechtungen
besiegt und berwindet die einfltige Seele, die gro und einfach in
sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel. Der Hintergrund des
Romans ist das zerrissene und zertretene Deutschland des Dreiigjhrigen
Krieges. _Andreas Gryphius_ (aus Groglogau, 1616-1664) erlebte das
allgemeine Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht
typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang ihm, es
bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verklren. Das Leitmotiv seiner
Gedichte ist das christliche Symbol von der Vergnglichkeit des Menschen
und der Eitelkeit alles Irdischen. Dieses ursprnglich religise und
fast kirchlich-dogmatische Gefhl vertieft sich in seinen Sonetten
grandios knstlerisch zur Weltanschauung einer erschtternden
Resignation und eines erhaben schmerzlichen Pessimismus. Die
grauenvolle Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute
gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet, duldete
keines frhlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus. =Vanitas!
Vanitatum vanitas!= Es ist alles eitel. Da auch der Seelen Schatz so
vielen abgezwungen -- dies ist die bitterste Erfahrung, die uns auch der
groe Krieg von 1914 bis 1918 gelehrt hat. Lge, Heuchelei, Mammonismus
und Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand, der da
sprechen kann, da die seine im Schwertertanz ums goldene Kalb ganz frei
davon geblieben? Stot das goldene Kalb vom Sockel und setzt eine weie
Marmorstatue der Gttin der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe
an seiner statt und nehmt euch bei den Hnden und schlingt um das
Denkmal wie mit Rosenketten den Frhlingsreigen einer besseren Zeit. --
Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In Gryphius' Lustspiel
=Horribilicribrifax= schwingt er spttischen Mundes die Geiel ber
Halbbildung und Phrasentum, die sich als Folge der berschtzung alles
Militrischen besonders beim Offiziersstand bemerkbar machten. Der
aufschneiderische Maulheld =Horribilicribrifax= ist eine kstliche
Figur, die man heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. -- Einen
brgerlichen Maulhelden nahm sich _Christian Reuter_, ein Leipziger
Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur, die irgendwo im
Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist der Signor Eustachius
Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose und sehr gefhrliche
Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande auf das vollkommenste und
akkurateste er an den Tag gab. Diese lgenhafte Reisegeschichte, die
Schelmuffski ber Schweden, die Bretagne, Rom bis nach Indien fhrt (sie
ist dem hochgeborenen groen Mogul dem lteren, weltberhmten Knige
oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet ...), ist einer der besten
komischen Romane der Deutschen und nebenbei ein ergtzlicher
Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen spiegelten die Zeit.
Sehen wir in ihren Zeitspiegel, steigt die Trne ins Lid.

       *       *       *       *       *

Wie ein Sturmwind braust _Johann Christian Gnther_ (aus Striegau,
1695-1723), der Gtterbote einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung.
Er schmiedete ihr die Waffen, mit denen sie spter unter Goethe den
himmlischen Sieg erfechten sollte. Was wre der Sturm und Drang ohne
Gnther? Was Goethe ohne Gnther geworden? Er war sein Vorlufer, sein
Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie in Frankreich der Vagant
Franois Villon, so steht in Deutschland der ahasverische Wanderer
Johann Christian Gnther, Student und Vagabund, der Unstete, der
Schweifende, am Anfang der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und
Seitenwegen hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle diese
Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg, wenn auch nicht
immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie sind verdammt, Lasten und
Laster einer Generation vorweg zu nehmen und zu schleppen, die nach
ihnen kommt. Diese hat ihre Freiheit der Unfreiheit, ihre schwebende
Leichtigkeit der stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie
Stiere, diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in Leipzig:
das ist eine wrtliche Neuauflage des jungen Gnther. Der nie ein alter
Gnther werden sollte, denn er starb im 28. Jahre an einem Blutsturz.
Diesen Blutsturz erlebte auch Goethe in Leipzig: aber er berstand ihn
und ging gekrftigt aus der Krise hervor. Gnther hatte sein Blut
verstrmt. Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und
Verbluten. Er ist der erste Dichter, der sich bewut auerhalb der
brgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen latenten
Konflikt mit seinem starrkpfigen Vater heraufbeschwor, der nicht wenig
zu seiner Erbitterung und Verbitterung und zu seinem vorzeitigen
Zusammenbruch beigetragen hat. Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht,
von selbst gehen zu lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich
gegenberstellte, und die Ablsung von der Nabelschnur, die ihn in den
Eltern mit dem Brgertum verband, geschah nicht ohne Krmpfe und
Schmerzen. Er hatte Feinde ringsum. Seine wilde Leier wnschten
Tausende ins Feuer, denn sie rasselt allzuscharf. Wie ein von allen
gemiedener rudiger Hund lief er durch Deutschlands Straen. Da
bermannte ihn die Verzweiflung, da er zu sterben wnschte, weil
Leonore selbst ihn verlassen. Aber er reit sich wieder empor, die
Trnen versiegen, die Faust ballt sich:

    Ich will hoffen, Hoffnung siegt.

Und abends, auf der Dorfstrae, wenn er ein schnes Mdchen am Zaun
stehen sah, konnte er wieder lcheln. Er lchelte und lachte ihr und
sang ihr zu:

    Schnen Kindern Liebe singen
    Ist das Amt der Poesie,

und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den Wald oder
auf den Kirchhof, und auf den Grbern der Toten blhten die Ksse der
Lebenden und Liebenden wie Jasmin und Tulipan.

Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universittsstadt, versammelt er
eine Genossenschaft junger trunkener Menschen um sich und singt ihnen
das schnste deutsche Studentenlied:

    Bruder, lat uns lustig sein,
    Weil der Frhling whret ...

Sein Lorbeer grnt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. Sein Name
dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins Heiligtum.

       *       *       *       *       *

Mit Gnther gleichaltrig ist der Ostpreue _Johann Christoph Gottsched_
(1700-1766), der der deutschen Literatur mit professoraler Weisheit und
deutend erhobenem Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du
nicht! auf die Beine helfen wollte. Ich wei nicht, ob er Gnther
gekannt hat. Jedenfalls htten ihn seine Wildheit und sein Feuer
bestrzt und erschreckt. Er war fr das Manierliche und Moralische.
Brgerlich-wohlanstndig, klar, deutlich und nchtern hatte die Poesie
zu sein. In seinem Versuch einer kritischen Dichtkunst fr die
Deutschen stellte er eine enge und beschrnkte Theorie auf und
verlangte mit der Geste eines Diktators, da sich jeder Dichter -- immer
mal wieder -- strikt danach zu richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm
eine Fnf ins Bchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds
dramaturgischen Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst
sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des Lesepublikums
wurde _Christian Frchtegott Gellert_ (aus Sachsen, 1715-1769). Denn er
vereinigte die damaligen Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds
Steifheit, Bodmers moralische Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und
eine milde pietistische Frmmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius aus
der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner
Volkstmlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer Charakter
bei. In ihm durfte das Brgertum sein Ideal sehen: selbst Friedrich der
Groe, der in seiner Schrift Von der deutschen Literatur vor der
deutschen Dichtung absolut keinen Respekt zeigte, verneigte sich
huldigend vor dem kleinen Leipziger Professor der Beredsamkeit und
Moral. Seine Fabeln, Erzhlungen und geistlichen Lieder pltschern sacht
und sanft daher, hie und da mit einem Schu gutmtiger Bosheit versehen,
gerade so boshaft, da es nicht weh tut. Weh tun wollte diese
personifizierte Gte niemandem. Er war nicht nur ein Frchtegott,
sondern auch ein Frchtemensch und Frchtetier. Da das Tier in ihm wie
in jedem Menschen lebendig war, beweist eine in mancher Fabel
durchbrechende Lsternheit, die zu unterdrcken seine ganze moralische
Kraft notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen Lust
recht und wahrhaft leben zu knnen wie _Friedrich von Hagedorn_ (aus
Hamburg, 1708-1754), der Anfhrer einer ganzen Schar galanter Herren,
die in erster Linie Kavaliere, in zweiter erst Dichter sein wollten und
die Anbetung der Muse und der geliebten Frau hchst zweckmig
vereinten.

       *       *       *       *       *

Auf dem Wege ber die Romanen waren Horaz und Anakreon zu den Deutschen
gekommen. Bei dieser Wanderung hatten sie manches von ihren
ursprnglichen Reizen verloren und manches an neuen Reizen
hinzubekommen. Anakreon war in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter
Schrzenjger, Horaz im Gefolge der ppstlichen Hfe ein beraus
witziger, wohlbeleibter, immer leicht angetrunkener Domherr geworden,
dem ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem die
schnen Damen von Rom und Ravenna gern und willig beichteten, denn er
sprach sie lchelnd von vornherein aller Snden ledig. Anakreon und
Horaz sind die Vter des franzsischen und des deutschen Rokoko: die
griechischen Gtter, nach franzsischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen
fhrten den trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen
gaben, wie Damon oder Bathyll, und ihrer liebreizenden Schferinnen:
Phyllis oder Chloe gerufen. Das lndliche Leben wurde Mode. Aber es war
nur ein Aufputz. Die Damen frisierten sich als Buerinnen, ihr Herz war
von der Natur recht weit entfernt, jede Berhrung mit der wahren Natur
und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in Hirtenkleider,
die ein Pariser Modeknstler entworfen hatte, und hteten auf
wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, wei gewaschene, saubere
Lmmchen, mit rosa Bndern am Hals und einer kleinen Glocke daran. Und
die Hirtenstbe der Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die
anakreontische Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den
Pegnitzschfern in Nrnberg um 1644 zu erklingen, einer der sogenannten
Sprachgesellschaften, die im Anschlu an die Meistersingerschulen
entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft, zu denen auch der gute
_Philipp Harsdrffer_ gehrt, der Erfinder des Nrnberger Trichters
(mit dem er den bedauernswerten Zeitgenossen die Poesie knstlich
eintrichtern wollte), fhrten je einen Hirtennamen und als Symbol je
eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden sind begabter
als ihre Vorlufer im 17. Jahrhundert. Die Hainbndler, die Strmer und
Drnger, der junge Goethe: sie konnten lange nicht von den hier
angeschlagenen Tnen loskommen. Aber auer Goethe gelang es noch einem
Lyriker, seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Flte eigene Tne
zu entlocken: _Johann Georg Jacobi_ (aus Dsseldorf, 1740-1814). Ihm
war die Grazie (-- brigens das Lieblingswort der Epoche! --), die so
mancher Anakreontiker sich mhsam anlernen mute, angeboren heit es im
Vorwort zu seinen Smtlichen Werken. Verse wie die An ein sterbendes
Kind gerichteten, sind rhythmisch so khn und neu, da sie von Goethe
sein knnten.

Gottfried Keller hat in seiner Novelle Der Landvogt von Greifensee ein
reizendes Bild von einem lndlichen Fest gemalt, das der Zrcherische
Dichter _Salomon Gener_ (1730-1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald
seinen Freunden gibt. Dieser Salomon Gener ist der Schpfer der
deutschen Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen
seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und Anmut. Er
gehrt zu den allerliebenswrdigsten Erscheinungen der deutschen
Dichtung. Gener war einmal eine europische Berhmtheit. Es wird nicht
besser werden in der Welt, ehe es Gener nicht wieder ist. Wir werden
erst dann den ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er
wahrhaft populr geworden sind.

       *       *       *       *       *

Ist Opitz als Privatdozent, Gottsched als auerordentlicher Professor
der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man _Gotthold Ephraim
Lessing_ (geboren zu Kamenz, 1729) den Titel eines ordentlichen
Professors und vortragenden Rates mit dem Prdikat Exzellenz nicht
vorenthalten. Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm
langweilen. Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und
Fackeltrger, zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam
und bedchtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen
Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, ber viele dmmerige und
nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis zu verbreiten. Das besorgte
er besonders mit seinen Briefen, die neueste Literatur betreffend. Da
rief er Shakespeare, den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit,
zum Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealitt. Da hob er den
Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entzckt das deutsche Volkslied
und einen verschollenen Poeten wie Friedrich von Logau. Die Schrift
Laokoon oder ber die Grenzen der Malerei und Poesie hat zu seiner Zeit
alarmierender gewirkt als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare
Unterscheidung von den Mglichkeiten, von Harmonie und Differenz
zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn die sogenannte
beschreibende und malende Poesie, von Opitz eingefhrt, von Haller,
Matthisson und vielen minderen fortgefhrt, drohte in ihren Auswchsen
die gerade nur erst hgeligen Anstze einer neuen Dichtung vllig zu
verflachen. Indem er die Plastik als rumlich, die Dichtung als zeitlich
(nicht im historischen Sinne) bedingt definierte, erffnete er auch
Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit schlechthin. Er
rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen! Ruhe, Beharrung ist das
Zeichen der bildenden Kunst. Ihr mt, berlinisch gesprochen, Leben in
die Bude bringen. =En avant!= Vorwrts! Attacke! Professor Lessing gert
hier in Feuer. Auch in der Hamburgischen Dramaturgie (1767 bis 1769)
zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den franzsischen
Klassikern herumfhrt, da ihnen nur so der Puder aus den Percken
fhrt. Er restituiert Aristoteles und versetzt die wahre tragische
Handlung in die Seele des Menschen. Den Regeln, die er in der
Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt, versucht er in einigen Dramen
nachzuleben. In Mi Sarah Sampson wagt er schon 1755 das Drama von
jeder Staatsaktion zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht
brgerliche Milieu hinab. Er wollte beweisen, da nicht blo eine
Prinzessin, sondern auch ein einfaches Brgermdchen seine Tragdie
erleben kann. Die franzsischen Klassiker reservierten prinzipiell das
Tragische den Herren und Damen vom Hofe und den Gttern. In Minna von
Barnhelm haben wir, trotz mancher Schwchen im einzelnen, eine
wirkliche Dichtung. Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und
sei Dichter Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist der Major
von Tellheim einer der wenigen sympathischen preuischen Charaktere in
der deutschen Literatur. In Emilia Galotti tritt Lessing unter der
Maske des Odoardo als Richter den Frsten seiner Zeit entgegen. Und sei
hier nicht mehr Dichter, sondern Richter Lessing genannt. In Nathan dem
Weisen fat Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal zusammen:
hier ist er der Philosoph, der Dichter, der Richter. Hier predigt er die
allgemeine Toleranz, die groe Liebe. Der christliche Tempelherr, der
Mohammedaner Saladin und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der
Menschheit. Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken
heie: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan vollendete
sich Lessing selbst.

       *       *       *       *       *

Das Grte an _Klopstock_ (aus Quedlinburg, 1724 bis 1803) ist sein
patriarchalisches Pathos. Es scheint, als htte er schon Schulpforta mit
neunzehn Jahren als Patriarch und Weltmeister verlassen. In seiner
Abschiedsrede klingt das hohe Bewutsein einer erlauchten Berufung. Ich
will, so rief er, der Milton der Deutschen werden! -- Und er ist es
geworden. Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester
hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardengesnge, die
=Bardiete=, singend, den deutschen Gttern opferte, war das Gotteshaus
gefllt mit andchtigen Jnglingen und Jungfrauen, die in ihm den
Stellvertreter des deutschen Gottes auf Erden, den deutschen Papst,
sahen. Er go den deutschen Wein in griechische Pokale: in seinen
Oden, die die fremde Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er
ist sprder als Hlderlin und unserem Empfinden schwerer zugnglich
-- aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker auf.
Seine zuchtvolle Strenge knnte der heutigen Auflsung gut tun. Die
jungen Dichter knnten von ihm lernen, vorausgesetzt, da sie berhaupt
etwas lernen wollen. Der Meister Klopstock fhlte sich zeitlebens als
der Lehrling der Griechen. Sein episches Hauptwerk ist der Messias,
ein Gedicht von Snde und Erlsung in zwanzig hexametrischen Gesngen.
Es schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die Hlle zur
Erde und wieder zum Himmel: am schnsten in seinen hymnischen und
lyrischen Stellen. Hin und wieder verleitet ihn das priesterliche Ornat
zu zeremoniellen Gesten und oratorischen Phrasen.

       *       *       *       *       *

Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts
einander den Rang streitig zu machen: eine schwrmerische und eine
rebellische. Die schwrmerische ging von Klopstock und seinem Gefolge:
dem Hainbund (Hlty, Vo, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis,
Claudius) aus; die zweite blhte aus wilden Studentenkameradschaften
empor, und ihr Meister hie Johann Christian Gnther. Sie selber aber
nannten sich nach einem Sturm und Drang (1776) betitelten Drama eines
der ihren, des Maximilian Klinger: Strmer und Drnger. Klinger war ein
Freund Goethes, und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamem
Auge, der Strmer und Drnger hervorgegangen, der sie alle berstrmen
und zurckdrngen sollte: Goethe. Wie die Bruderbnde der heutigen
jungen Dichter hatten sowohl die Hainbndler wie die Strmer und Drnger
die Brderlichkeit, die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen
geschrieben, und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort. Die
bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren _Johann Heinrich Vo_ aus
Mecklenburg (1751 bis 1826) und _Ludwig Hlty_, der 1776 im jugendlichen
Alter von achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes:
gepriesen als der Liebling der Gtter. Vo, der spter die Redaktion des
Bundesorganes, des Gttinger Musenalmanachs, bernahm, darf eigenen
dichterischen Wert hchstens als Idylliker (Luise, Der siebzigste
Geburtstag) beanspruchen. Zu den harmlosen, aber hbschen Hexametern war
er angeregt worden durch bersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und
Ilias, die an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der Vlker in
Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen auf das griechische
Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor in Deutschland so
volkstmliche Figuren geworden sind wie Siegfried und Hagen, wenn Zeus
und Hera in der Gtterwelt Wodan und Freya den Rang streitig machen, so
ist's das Verdienst von Vo, dem Ganymed, der lockige Schenke, im
olympischen Saale dafr einen besonderen Humpen Nektar kredenzen mge!

       *       *       *       *       *

Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von Ossian, Klopstock und
Herder, dagegen erscholl an die Adresse _Wielands_ (1733-1813, aus
Oberholzheim) in jeder Bundessitzung ein dreifach krftiges Pereat.
Dieser war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien.
Seine charmanten Frivolitten, sein graziser, klingender Stil, spielend
wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines Rokokofrsten, fanden nicht
Gnade vor ihren Augen. Sie ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der
Undeutschheit und traten seine Dichtungen mit Fen oder verfertigten
sich aus seinen reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre
Knasterpfeifen entzndeten, und Don Sylvio von Rosalva, der Jngling
Agathon und die zrtliche Musarion gingen wehklagend und seufzend in
Flammen auf. Hatten die Hainbndler recht, dem armen Wieland so bel
mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im Grunde war er ihnen verwandter als sie
ahnen oder fhlen konnten. Auch er war ein Schwrmer wie sie -- aber er
ging nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwrmereien
hindurch und war vom Pietisten bis zum Wollstling, vom Hetrenpriester
bis zum Anbeter der mtterlichen Frau so ziemlich alles, was man sein
kann. Was seine vielen Wandlungen verklrt: er war alles mit der
gleichen Leidenschaft und Wahrhaftigkeit. Als Lyriker hatten die
Hainbndler fr Wielands Kunst der Erzhlung kein Verstndnis. Sein
groer Roman Agathon (1766), die Entwicklung eines Menschen zu sich
selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland sich begebend, wird
immer ein Markstein in der Entwicklung der deutschen Prosadichtung sein,
die auch durch den komischen Roman Die Abderiten (1780), eine
Verspottung des Spieertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von
allen Schriften Wielands dem Heldenepos Oberon (1780) den Lorbeer, und
zwar im wrtlichsten Sinne: nach seinem Erscheinen sandte er ihm einen
Lorbeerkranz. Der Oberon ist das erste Werk, das man neben Mahler
Mllers Genoveva den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik
nennen knnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch ineinander
ber wie die wirkliche und die Geisterwelt.

       *       *       *       *       *

Unter den Hainbndlern waren einige, die zwar nominell ihm nahestanden,
innerlich aber dem Sturm und Drang zugerechnet werden mssen. Unter
ihnen ist vor allem _Gottfried August Brger_ (1747-1794, aus
Ballenstedt) zu nennen, dessen titanischem Wollen (wie den meisten
Strmern und Drngern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden
war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen schwebte er zwischen
Himmel und Erde, bis ihn die Erde gndig in ihren Scho zurcknahm. Er
war ihr einer ihrer liebsten, aber auch unglcklichsten Shne. Seine
Lieder an Molly sind von einer rasenden Leidenschaftlichkeit, der die
Zgel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste. Vollkommen bewhrte
er sich in seinen Balladen. Auch die Legende von Mnchhausens
wunderbaren Reisen (1786) mu ihm herzlich gedankt werden, so wie wir
dankbar bei dieser Gelegenheit des alten _Musus_ (1735-1787) gedenken
mssen, der die Volksmrchen der Deutschen, darunter die Schnurren vom
grobschlchtigen, schlesischen Waldgott Rbezahl damals grade sammelte
und nacherzhlte.

       *       *       *       *       *

Waren die Hainbndler mehr besinnlich und lyrisch, so waren die Strmer
und Drnger mehr sinnlich und dramatisch, heute wrde man sagen: mehr
politisch, mehr aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen
und politischen Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, das
er ber Die Ruber setzte: =In tyrannos!= kann man ber die ganze
Richtung setzen. Die Strmer und Drnger waren die deutschen Vorlufer
und Brder der franzsischen Revolutionre von 1789. Wie WilhelmII. dem
Erwachen der deutschen Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach
dem siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, zur
Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem grten Recht mitrauisch
gegenberstand -- denn einer Revolution des Geistes pflegt eine solche
der Tat auf dem Fu zu folgen: so standen die damaligen Souverne dem
Ansturm der Strmer ablehnend und erbittert gegenber, denn es ging ums
Gottesgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie schon damals. Es
handelte sich darum, ob die deutschen Frsten ihre Untertanen als
Schlachtenfutter nach Amerika verkaufen knnten wie ein Stck Vieh, um
aus dem Erls ihre fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten,
oder ob der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unvergngliche
Menschenrechte gbe, die niemand wagen drfe anzutasten, der nicht ein
Hundsfott oder Lump sein wolle. In den Rubern und in Kabale und
Liebe zog Schiller gegen die Tyrannen vom Leder. Und es ist nicht zu
verwundern, wenn Karl Eugen von Wrttemberg sich dieser Richtung
gegenber hnlich uerte wie spter WilhelmII.: Die ganze Richtung
pat mir nicht! Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in Schutzhaft
genommen; als der Frst ihm wenig spter berhaupt untersagte, weiterhin
Komdie zu schreiben, machte Schiller dieser Komdie ein Ende und floh
aus Wrttemberg ins Ausland. Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe
_Christian Schubart_ (1739 bis 1791), mute die Auflehnung gegen die
Tyrannei mit einer zehnjhrigen Gefangenschaft auf dem Hohenasperg
ben. Er schleuderte den Frsten die Verse der Frstengruft wie
Pfeile entgegen.

_Jakob Reinhold Lenz_ (aus Sewegen, 1751-1792) schrieb sein Drama Die
Soldaten, in dem er die Immoralitt des Soldatenlebens attackierte.
Sein Leben wie sein Dichten zerrann ihm wie Wasser zwischen den Hnden.
Die Erscheinung Goethes blendete ihn, so da er die Welt der
Erscheinungen nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen Welt
verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht mehr
auseinanderzuhalten verstand. Wre er nur der Lenz geblieben, der er
war! Vielleicht, da er zu einem fruchtbaren Sommer gereift wre! Aber
er wollte ein Goethe werden.

_Maximilian Klinger_ (aus Frankfurt, 1752-1831), dessen eines Drama der
Bewegung den Namen gab, war eine bedchtigere Natur, obgleich seine
Dramen selbst aus allen Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter
resigniert er. In seinen Betrachtungen sind aus den Ungetmen und
Unholden, die die Frsten im Sturm und Drang waren, schwache Menschen
geworden wie wir alle. In der Tendenz steht der Satiriker _Georg
Christoph Lichtenberg_ (aus Darmstadt, 1742-1799) den Strmern nahe,
besonders in seinen geistvollen politischen Bemerkungen.

Als der eigentliche Prosaiker der Richtung mu _Wilhelm Heinse_
(1749-1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman Ardinghello und
die glckseligen Inseln predigt die Idee der Kraft, der Schnheit, der
leiblichen und seelischen Nacktheit, der Scham- und Hllenlosigkeit.
Geschrieben in einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von
Gener in seinen Idyllen und spter von Jean Paul erreicht wird,
bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner Gestalten und durch
die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes. Der Starke hat Recht.
Aber er siegt nicht durch seine Strke, durch rohe Gewalt allein: sie
mu sich mit Natrlichkeit, mit Geist, der Mut mu sich mit Anmut
paaren. Heinses Genie war eine brnstige Flamme. Aber wer feuersicher
ist (und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gesthlt und
gefestigt durch sie hindurchgehen.

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_Johann Gottfried Herder_ (1744-1803, ein geborener Ostpreue) ist einer
der Lehrmeister der Deutschen. Wren die Lehr- und Schulmeister der
Deutschen alle geartet wie er: was liee sich aus ihnen machen! Aber der
Teufel stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit Pech;
also da sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber folgen, der
sie in den Abgrund fhrt. ber der festen Grundlage einer allgemeinen,
philosophischen und philologischen Bildung wlbte sich bei Herder in den
Gewittern seiner Zeit der Regenbogen eines groen Geistes und eines
hellen Herzens. Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der
geistigen Urheber der Franzsischen Revolution, kennen. In Straburg
geschah jene denkwrdige Begegnung mit Goethe: der schwrmerische
Jngling empfing aus dem Munde des gereiften und gelehrten Mannes den
mchtigsten Ansporn, die liebevollste Leitung. Herder war ein Denker des
Gefhls. Manchmal schlgt der Blitz der apriorischen Logik in seinen
Gedankenwald, ihn und uns belehrend, da die Bume nicht in den Himmel
wachsen. Aber um den verkohlten Stamm schlingen sich liebend und
lieblich die reinsten Gefhle, die weiesten Winden. Sein Briefwechsel
ber Ossian und die Lieder alter Vlker (1773) bedeutet weniger durch
die aufgestellten Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und
Volksdichtung), als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in
seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, die alten
Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten Manifeste des
deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist der Schpfer dieses Wortes:
Volkslied. 1778-79 durfte er in seinen Volksliedern (Stimmen der Vlker
in Liedern) dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der
Volkslieder aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdlndischen Lieder
in bertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den Fragmenten
ber die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und Effekthascherei
gegen die franzsische und griechische Mode aufgetreten und hatte das
Rousseausche Zurck zur Natur! fr die deutsche Dichtung formuliert:
Zurck zur Natrlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und
deutschen Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der
Volksdichtung gedeihen. Zerstrt die glsernen Treibhuser, und lat das
freie Wetter ber die Blten eures Geistes brausen! Welche Blte darin
umkommt, die ist nicht wert, da sie geblht hat. -- 1777 kam Herder
auf Goethes Veranlassung als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier
schrieb er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich untersttzt,
die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, den ersten
gro angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus einer Statistik
von blutrnstigen Raub- und Eroberungskriegen und den Daten der
erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, zu einer Wissenschaft
vom Werden und Wesen der Menschheit zu erweitern. Eine Kapitelberschrift
wie diese: Die Erde als Stern -- wieviel besagt und beleuchtet sie schon
im Gegensatz etwa zu: Knig Otto der Faule (1430-1450), der blichen
berschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen
Geschichtsschreibung. -- Die letzten Lebensjahre Herders verbitterte
seine Entfremdung von Goethe und Schiller: in Schiller befehdete er den
Schler Kants, in Goethe sah er sich selber strahlend berwunden. Als er
die Augen schlo, setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen
Wahlspruch, den ewigen Wahlspruch aller Jnglinge (Herder war auch als
Greis ein Jngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!

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_Friedrich Schiller_ (1759-1805) ist der Dichter der Jugend. Denn er ist
ein revolutionrer Dichter. Und die Jugend wird gegenber einem
konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionr gesinnt sein.
In den Rubern wird jemand aus Verzweiflung ber die Schlechtigkeit
der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.
Wre dieses Drama heute geschrieben, man wrde es ein bolschewistisches
Drama nennen. (Schiller war Ehrenbrger der Franzsischen Revolution,
der er als Idee begeistert huldigte, und von der er sich spter, als die
Realitt weit hinter der Idee zurckblieb, -- wie es in Revolutionen
immer zu sein pflegt -- angewidert wegwandte.) Diese Ruber wollen die
ganze Welt zugrunde richten, um auf den Trmmern eine neue, bessere
Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in mancherlei Verwandlungen durch
Schillers Werke. Er ist Fiesco, der Verschwrer, der sich den Mantel des
Monarchen um die Schulter schlgt. Er ist Ferdinand, der gegen die
konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention rebelliert. In
Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige Revolutionr dupliziert.
Verteidigen die Ruber noch die Eventualitt eines gewaltttigen
Umsturzes, so erscheint Don Carlos dagegen auch in der Sprache durch
seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. Von innen
heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbrger und Menschen erneuert
werden. Sire, geben Sie Gedankenfreiheit -- aus dem freien Gedanken
wird die freie Tat sprieen. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium
der Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck
gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ,
werden in seinen spteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert
und paraphrasiert, die oft nur um der ethischen Forderung willen
geschrieben scheinen. Zwlf Jahre nach dem Don Carlos, im Jahre 1799,
vollendete Schiller den Wallenstein: die Schicksalstragdie des
Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel ber das
Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber =faute de mieux=. Er kann
einen Greren, einen Mchtigeren nicht vertragen: denn er fhlt in sich
das Prinzip der Macht rechtmig verkrpert. Er fllt durch den Verrat
seines Freundes Piccolomini. In den drei Teilen vom Wallenstein ist
Schillers Werk gegipfelt. Den vielen mnnlichen Rebellen in Schillers
Dramen tritt eine Revolutionrin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche
Typ des Revolutionrs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die
revolutionre Tat durch ein revolutionres Herz ersetzt. Nach Maria
Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem weiblichen Helden zu: der
Jungfrau von Orleans, der Verkrperung religiser Vaterlandsliebe. Im
Tell, seinem letzten Drama, gestaltet Schiller die Idee der
Freiheit und nimmt noch einmal die Partei der Unterdrckten aller
Lnder. Es berhrt sich in mehr als einem Punkt mit seinem
Erstlingsdrama, den Rubern. Keine philologische oder moralische
Spitzfindigkeit wird brigens darber wegtuschen knnen, da dieses
Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja
verherrlicht, und keines drfte sich besser fr eine Festvorstellung,
vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle Terror findet hier
seine glnzendste Gloriole. -- Tell scheint mir eine aus der Tiefe von
Schillers Unterbewutsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen
Geler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des
deutschen Duodeztyrannen, den tdlichen Pfeil richtet, um sich endgltig
von ihm zu befreien ... Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm
verkannten Hlderlin, hinter Goethe, Gnther, Eichendorff zurck. Seine
Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er
hohen Rang beanspruchen. Seine Gre liegt in seinen Dramen. Man hte
sich, ihn weder zu ber- noch zu unterschtzen. Unschuldig schuldig ist
er an jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in
die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches
Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden fllte. Gegenber
solcher Ideelichkeit kann die Goethesche Sachlichkeit nur heilsam
wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.

       *       *       *       *       *

Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der
Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der
liebenswrdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen
Zwillinge, immer nur zusammen nennen kann: _Matthias Claudius_
(1740-1815), der Wandsbecker Bote, und _Johann Peter Hebel_ (1760 bis
1826), der Rheinische Hausfreund. In der Gesamtausgabe der Schriften
des Wandsbecker Boten befindet sich am Eingang eine Zeichnung von
Freund Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist
der Tod gar nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht
er da. Mit Freund Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fue. Er war
ihm der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er
bringt. Sein Abendlied gehrt zu den deutschesten deutschen Gedichten.
Sein Rheinweinlied: das trunkenste Trinklied. Schon in der Schule
haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit einem guten alten Onkel,
als er uns die lustige Geschichte erzhlte vom Riesen Goliath und dem
Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte. _Johann Peter
Hebel_, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein jngerer Bruder.
Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzhlen wei wie
der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewi er predigt
Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher
und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben
werden kann. Und die Moral, die er einer schnen Geschichte anhngt, wie
nebenschlich ist sie und nur als Schlupunkt von Bedeutung! Die
Hauptsache ist ihm der Mensch oder das Ding an sich, das er
betrachtet, formt und schmerzlich sinnend oder lchelnd in seinen
Vortrag stellt. Wir sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der
Dmmerung in den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen: die Venus
oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und wir ihn fragen: Vater,
was ist mit den Sternen und mit dem Himmel? -- dann wird er uns ber
die Haare streicheln und leise sprechen: Der Himmel ist ein groes Buch
ber die gttliche Allmacht und Gte, und stehen viel bewhrte Mittel
darin gegen den Aberglauben und gegen die Snde, und die Sterne sind die
goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht
verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat ... Ein solcher Dolmetscher
ist uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.

       *       *       *       *       *

Wenn _Goethe_ (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, wrden ihn die
kritischen Anwlte der jngsten deutschen Dichtung wegen seiner
Vielseitigkeit der Gesinnungslosigkeit zeihen. Er schrieb
nebeneinander am Werther, am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er
trug die grten Gegenstze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle
bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und Gre des
deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit einer
pindarischen Ode oder die nchterne Trunkenheit eines Horaz. Er bewegte
sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee
zurckfhrt, so sicher wie in den Wldern Spinozas, welcher lehrte, vor
jedem Baum, vor jeder Blume, vor jedem Kfer anbetend ins Knie zu
sinken, denn Gott ist in ihnen und ber ihnen und durch sie wie in mir
und ber mir und durch mich. Zucht und Gebundenheit der Antike, das
ber-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und
Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen sich in ihm zu hherer
Einheit. An seiner Wiege haben die neun Musen wie die sieben Schwaben
Pate gestanden. Er brauchte nur Tischlein, deck dich! rufen wie in dem
deutschen Mrchen, so war der Tisch des Lebens fr ihn gedeckt. Er war
der glcklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem Tage, in
jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und seinem Ziele
einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und
schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz
der Welt gerichtet. Seine Fhigkeit, Leid und Schmerz von sich
abzustoen, da sie seine klaren Teiche nur trben konnten, in denen so
rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalitt gegen sich
und seine Mitmenschen. Er mute sich ganz behaupten. Er handelte in
Notwehr. Im Alter nahm er eine knstlich konzipierte Steifheit zu Hilfe,
um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn seiner selbst beraubten.
Es war jene hochmtige Geheimratsgeste, von der so manche Besucher
seines Hauses in ihren Briefen und Tagebchern entsetzt und enttuscht
erzhlen. Er sa wie Archimedes im Garten auf einer Bank und zeichnete
mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stren durfte als der
Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkrfte wie er.

In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine
Mnnerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw.
waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur
Episoden. Von allen Mnnern, die seinen Weg kreuzten, ist fr uns
Nachlebende der getreue Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein
Sekretr und Famulus, in seinen Gesprchen mit Goethe uns die
lebendigste und persnlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens
hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine Befruchtung und Erlsung aber
immer erst durch die Genien der Frauen, die er liebte. Sie sind die
unbewuten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche Volk hat alle
Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und
sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schmen, Schmutz auf sie
zu werfen, gebieterisch die Tr zu weisen. Ktchen Schnkopf, seine
Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber
launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer
Pfarrerstochter; die blonde Charlotte Buff, Braut seines Freundes
Kestner, der wir den zrtlichen Briefroman Werther verdanken; die wie
aus einer griechischen Gemme geschnittene Frau von Stein, die
glcklichste und unglcklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute
Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, allen
Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er, der Minister, als
Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, lngst nachdem
sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmigen Gattin machte
und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflchliche
Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer
Herzlichkeit. Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen
Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thringen, in der Schweiz, in
Italien. Und endlich die Suleika des Weststlichen Diwans, die den
alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie der Leidenschaft
entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine geringer
achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des
Lorbeers auf die schnen Stirnen gedrckt.

Im deutschen Sngerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten
Preis ersungen: im Drama durch Faust und Iphigenie, in der Prosa
durch Wilhelm Meister und die Wahlverwandtschaften, in der Lyrik
durch Ganymed, Wanderers Nachtlied, An den Mond, die Trilogie der
Leidenschaft und vieles andere. Er beherrschte die kontrrsten Stile.
Sang wie ein Kind zu Kindern:

    Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!

Und, aus dmonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmnner und Elfen
aus einem tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von
Nrnberg, dessen Ende wir nicht sehen:

    Sieh, die Sonne sinkt!
    Eh sie sinkt, eh mich Greisen
    ergreift im Moore Nebelduft;
    entzahnte Kiefer schnattern
    und das schlotternde Gebein --
    Trunkener vom letzten Strahl,
    rei mich, ein Feuermeer
    mir im schumenden Aug',
    mich Geblendeten, Taumelnden,
    in der Hlle nchtliches Tor.

Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich
wette, wenn ich es einem Dichter der jngsten Generation vorlese, einem
meiner nchsten Brder, und er kennt das Gedicht nicht zufllig (er
wird es nicht kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Gener, noch
Matthias Claudius, noch Gryphius, noch Gnther, noch Walter von der
Vogelweide mehr), kurz, ich meine: er wird erschttert das Gedicht fr
einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklren (whrend ihm die
Verse: Ich komme bald, ihr goldnen Kinder nur ein mitleidiges Lcheln
entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser raten. Der
Expressionismus, das heit: die Ekstase als These, der Schrei des
Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern
erratischer Blcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe,
Hlderlin, Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen:
Pindar, Li-taipe --!) Auch eine beliebte Spielart des heutigen Dichters,
der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet 1770 in einem
Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis An die Unterdrckten aller
Lnder, das Hasenclever geschrieben haben knnte (ganz zu schweigen von
der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein
wird):

    Ihr Mrtyrer fr Menschenwrde,
    Vertraut der Wahrheit und der Zeit.
    Vergnglich ist des Druckes Brde,
    Doch ewig die Gerechtigkeit!

Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch fr den
Teil des heutigen Lesepublikums, der der jngsten Dichtung mit
Achselzucken, Lcheln und berhebung gegenbersteht, unter Berufung auf
den klassischen Mastab. Dieser Mastab ist falsch. Die heutige Dichtung
der Expressionisten ist nicht unverstndlicher oder absonderlicher als
irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen
Grundformen sie sich berhrt. Dutzend ihrer Einzelerscheinungen sind
lppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht hindern anzuerkennen, da
ihr Kern so echt ist wie der jeder echten Dichtung. Da sie als Reaktion
auf den Mechanismus und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch
notwendig war und ist. Und da sie die Untersttzung durch das Volk
braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in einem Wellental. Nur
dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit der tristen
Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel kommen,
der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen
wird, wenn sie getragen wird von Frderung und Zuruf der Mitlebenden,
vom Vertrauen und Verstndnis des Volkes. Denn wo eins das andere
nicht mehr begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bcher,
Deutsche, lest die Bcher eurer Dichter, und ihr werdet glcklicher und
manchmal glcklich werden. Und verget nicht die Bcher jener Dichter zu
lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich nach
eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches Mitgefhl
die alternde Brust wrmt.

Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurck. Immer
wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins
Vaterhaus. Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied
des Trmers, sind wir mitten im Faust, der rundesten Ballung, der
beseeltesten Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama
schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der junge
Doktor Faust, der im sinnierenden Gesprch Sonntags vor dem Straburger
Tor spaziert, und doch die Augen so weit offen hat, die hbschen
Sonntagsmdchen zu betrachten. Es ist Goethe, der mit seinen
Kommilitonen Frosch und Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er
unter den Tisch fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verfhrt,
der der Walpurgisnchte viele in Thringen und im Harz erlebte, der als
Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon
einen Greisenabend beschlieen darf in der seligen Gewiheit, da er die
Ernte bis zum letzten Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust
ist die Idee des Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er
empor ins Licht. Mgen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf
dem steilen Wege straucheln: nur nicht mde werden, nicht nachlassen,
aufwrts, vorwrts, aufwrts. Der Weg -- das ist das Ziel. Der Wille --
das ist der Zweck.

    Wer immer strebend sich bemht,
    den knnen wir erlsen,

singen die Engel in der hheren Sphre, Fausts Unsterbliches tragend.
Wer je auf einer Puppenbhne, wie sie in den bayrischen Messen noch
umherziehen, das alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast
ursprnglicher Form gesehen hat, wird wissen, wieviel Goethe ihm
stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat den Kasperl, im
Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine
Rolle Mephistopheles bertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel
knstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust:
den komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens
nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis fr die naive Genialitt des
Puppenspieldichters, der seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch
von Doktor Faust und den Fastnachtsspielen des Mittelalters fut. -- In
Gtz von Berlichingen (1773 erschienen) schrieb Goethe nach
shakespeareschem Muster das erste Szenendrama und lste den strengen
Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, deren Lichter in
der Schluszene zu einer groen Flamme zusammenlohen. Der Egmont (1788
erschienen) zeigt Verwandtschaft mit dem Gtz in Szenenfhrung und
Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der
Unterlegene (Egmont) ber den tyrannischen Sieger (Alba). Die Liebe
Egmonts zu einem kleinen Brgermdchen anticipiert die Liebe Goethes zu
Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Wege
zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale:
Liebe und Freiheit, in ihren Hnden haltend. -- Neben dem Faust gebhrt
der Iphigenie unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im
Faust ist ein einfaches Kind voll unbewuter Reinheit und
Jungfrulichkeit, in Iphigenie wird die Reinheit sich bewut
und lauterster Wille und durchdachteste und durchfhlteste Wahrheit.
Lieber Arges leiden als Bses auch nur denken, auch das Beste nicht
durch Lge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist
das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schnsten
Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter je
einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mgen zuerst die Iphigenie
lesen, und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama Tasso ist
der Iphigenie benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll
an einem mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht
eigentlich im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren
seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer
dunklen Ecke seines Gefhlslebens. Iphigenie und Tasso wurden von
der Nation ziemlich khl aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt
die Welt in fieberhafter Spannung. Wir haben schon lngst wieder eine
neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des
Brgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des Arbeiters folgen.
Aber alle Revolutionen berdauern wird das heilige Lcheln der Iphigenie
und der Schrei des Dichters im Tasso:

    Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
    Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.

Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse,
sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein
politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. In Wilhelm
Meisters Lehr- und Wanderjahren, dem gro angelegten Sittengemlde
seiner Zeit, wird das Verhltnis des Menschen zum Staat oder
Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht im Mittelpunkt
des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom
Schein zum Sein. Zarte und zrtliche Frauen, wie Philine und Mignon,
begleiten und befrdern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer
berstenden Flle das prosaische Seitenstck zum Faust bilden, so die
Wahlverwandtschaften in ihrer Gedrungenheit und klaren Krze das
Seitenstck zur Iphigenie.

Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. Mrz
1832.

       *       *       *       *       *

Mit Heinse und Gener bildet _Jean Paul_ (aus Wunsiedel, 1763-1825) das
Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden
Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wren sie
bescheidener in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit
sie's gebracht. Jean Paul ist der grte unter den dreien, und einer der
grten deutschen Dichter berhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu
ihm zu gelangen. Er hat sein Schlo mit Dornenhecken, Fallgruben und
Selbstschssen umgeben. Sein Park ist von ppiger Wildnis. Gepflegte,
glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die
Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner Schulter sitzt,
wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wnden hngen Spinnweben. Nachts,
wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefhrte. Seine
Gefhrtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schnste ihn
menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heit Liane. Und da
der Mond nun zum Zenith steigt und die Bume von seinem Glanze tropfen,
winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen
strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die
Leuchtkfer zwischen ihren Kssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und
die Sonne steigt herauf. Wie eine rote Rose erblht sie zwischen den
Narzissen der Morgendmmerung.

Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berhmteste,
geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Fen saen die
schnsten Frauen, und sie seufzten und zerdrckten heimliche Trnen in
den Wimpern, wenn er ihnen aus seinem Titan und aus dem Siebenks
vorlas mit tnender Stimme oder zu ihnen ber das Immergrn unserer
Gefhle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei
aller Empfindlichkeit das sichere Bewutsein der Grenzen unserer
Empfindungen, und der ewige Zwiespalt zwischen Wahrheit und
Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er berbrckte ihn mit seinem
Lcheln und seinem Gelchter. Seine komischen Erzhlungen geben Kunde
davon. Jean Paul war ein glcklicher Mensch. Das Leben und die Liebe und
der Ruhm, er geno sie in vollen Zgen. Seinem lyrischen Bruder im
Geiste: _Friedrich Hlderlin_ (aus Lauffen am Neckar 1770-1843), genannt
der Unglckliche, blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er
ber die Wogen der Welt segeln.

    Wnscht ich der Helden einer zu sein,
    Und drfte es frei bekennen,
    So wr ich ein Seeheld.

Aber zerfetzt trieb sein Segel zurck. Er war zu schwach gewesen. Und
hhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wute,
wer er war? Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch
dichtete. Als er begann, seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich
von ihm. Im Hyperion blttert Hlderlin sein inneres Leben vor uns
auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter seinem Ha
gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus ihr und lebte nur als
Vergangener oder Zuknftiger. Sein Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte
fand er fr die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl je von einem
Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe
des Hyperion an Bellarmin). Als Hlderlin 1803 aus Bordeaux
zurckkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er
den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab ber das
Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen
hatte, keine Auskunft. Diotima starb zehn Tage nach seiner Rckkehr. Er
mag im medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer
eine tiefe Klarheit des Gefhls bewahrt und behalten. Es war ihm einfach
der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der Realitt verband. Er schwebte
in den Wolken und wute von dieser Erde nur noch gerade soviel, wie ein
verklrter Geist, der von ihr erlst und nun auf eigenem Gestirn
wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit gehren zum
Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik entsprossen
ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.

       *       *       *       *       *

Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch nach und nach
viel Winde und Efeu die dorischen Sulen empor: viel Epigonentum, das
den steilen Weg zum Himmel, den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab
aber auch Zimmerer und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Huser
neben die Hallen der Hehren; knnen wir's nicht im groen, so wollen
wir's ihnen im kleinen gleich tun und wenigstens im kleinen eigen sein.
Oder sie bauten, wie die Klassiker nach oben in den Himmel, nach unten
in die Erde hinein: sie rissen die Erde auf und legten Stollen und Gnge
an: das Geheimnis des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene
waren Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten gelangten
sie dann nebenher zu allen mglichen Erkenntnissen, die sie nicht
gesucht hatten, die ihnen in den Scho fielen. Sie lernten das Leben der
unterirdischen Tiere, der Engerlinge und Maulwrfe, beobachten und kamen
an den Ursprung mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihrem
Spaten auf ein historisches oder prhistorisches Skelett. Sie brachten
es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn sie auch keine
Entdeckung machten wie Goethe mit seinem Kieferknochen: sie entdeckten
die Lebendigkeit des Todes. Der Tod war ihnen, Novalis lernte es beim
Tod seiner Braut, der mdchenhaften Sophie von Khn, begreifen, kein
rein tragisches Problem mehr: schicksalhaft verhngt, konnte er selbst
den berlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete, dem
berlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen, die dem Leben von
der anderen Seite beizukommen suchten, das waren Romantiker. Es ist
klar, da diese Umkehrung der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der
Dinge und Begriffe, dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der
extremsten Fassung zum Paradoxon einerseits, zur Anbetung des Fragmentes
anderseits fhren mute. Weder Tieck noch Brentano sind der Versuchung
berspitzter Experimente entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff,
jener der edelste und zarteste, dieser der krftigste Scho am Strauch
der Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, mit sich
selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mute zur ernsten und
heiteren Geselligkeit fhren, bei der die Frauen -- wie sollte es anders
sein? -- das groe und das kleine Wort fhrten. Ohne _Bettina von Arnim_
und _Rahel Varnhagen von Ense_ ist die Romantik nicht zu Ende zu denken.
Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie hoben _Arnim_ (aus Berlin,
1781-1831) und _Brentano_ (aus Ehrenbreitstein, 1778-1842) jene
wundervollen Volkslieder, die sie in des Knaben Wunderhorn sammelten.
Sie selber freuten sich wie Kinder daran -- und Kinder waren alle
Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den wrdigen Brdern
Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern der Theorie und (manchmal)
Spiegelfechterei. Bettina-Goethes Briefwechsel mit einem Kinde ist ein
typisches Produkt des romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden,
Dichtung und Wahrheit, tief echt -- und dennoch da und dort, der
Wahrheit zuliebe -- verlogen. Arnim und Brentano machte es einen
Heidenspa, in des Knaben Wunderhorn eigene Gedichte einzuschmuggeln.
Wie Kinder erzhlten sie sich auch mit Vorliebe Mrchen oder lieen sie
sich von den Gebrdern _Grimm_ (Deutsche Kinder- und Hausmrchen)
erzhlen und schrieben Mrchendramen. Im Mrchen und im kleinen Liede
gelang ihnen ihr Schnstes, wenngleich sie auch im Romane rhmliche
Leistungen aufzuweisen haben. Sie trumten so gern und sangen sich
gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf. Und in ihren
Schlaf tutete der Nachtwchter Bonaventura: schn und schauerlich. Aber
sie hrten ihn lngst nicht mehr. In ihren Trumen klagte die Flte. Die
khlen Brunnen rauschten. Golden wehten die Tne nieder. -- Hatte man
ausgeschlafen und ausgetrumt, ritt man am Morgen in die Landschaft,
speiste drauen in einem Dorf zu Mittag, tanzte mit den Dorfschnen und
traf sich abends zu gelehrtem Gesprch mit den Schlegels. Man
disputierte ber die Shakespearebersetzung _August Wilhelm von
Schlegels_ (aus Hannover, 1767-1845) oder ber _Friedrich von Schlegels_
(1772-1829) Sprache und Weisheit der Inder. Friedrich Schlegel sprach
mit Feuereifer ber die stlichen Kulturprobleme, aber er hrte es nicht
gern, wenn man ihn an seinen erotischen Roman Lucinde erinnerte. Ganz
in der katholischen Welt ging _Novalis_ (Friedrich v.Hardenberg aus
Wiederstedt, 1772-1801) auf. Ihm war die Geliebte gleichbedeutend mit
der Madonna.

    Ich sehe dich in tausend Bildern,
    Maria, lieblich ausgedrckt.

In den Hymnen an die Nacht, der wahren Gttin der Romantik -- die
Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen, die Sonne war ihr
Symbol, das Symbol der Romantiker: der Mond -- gab Novalis sein
Tiefstes.

       *       *       *       *       *

Eichendorff und Hlderlin sind Nord- und Sdpol der deutschen Lyrik.
Goethe ihre Erdmitte. Hlderlin: ein Einziger unter den Deutschen, der
hieratische Priester der heiligsten Empfngnis, der strengsten
Verkndigung: Kind und Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann,
gewaltig schreitend, Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im
Regenbogen. Herz des Jnglings im Sommerabend wie eine erste und letzte
Rose ausbrechend: durchblhend die Nacht bis zum Morgenrot. Eichendorff:
das Volkslied. Goethe: die Trilogie der Leidenschaft des geistigen
Menschen. Hlderlin: der Gottgesang. Wohl ber ein halbes Hundert der
schnsten deutschen Gedichte ist der schwrmenden, unbeirrbaren Einfalt
des ewigen Jnglings _Eichendorff_ (1788 geboren auf Schlo Rubowitz in
Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter ein Dutzend der
allervollkommensten: Zwielicht, Abend, Nachtgru߫ -- so sind sie
berschrieben. Es ist die deutsche Sommernacht, welche zu tnen beginnt:

    Nacht ist wie ein stilles Meer,
    Lust und Leid und Liebesklagen
    Kommen so verworren her
    In dem linden Wellenschlagen.

Am Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den milden Mond:
der schwebt wie eine goldene Trne an seinen Wimpern. Da klingt aus
weiter Ferne der Ton eines Posthornes -- zwei junge Gesellen wandeln
schattenhaft vorbei. --

Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preuischer Junker:
_Heinrich v.Kleist_ (aus Frankfurt a.O., 1777 bis 1811), vom
romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung zwischen der mrkischen
Sandheide und dem romantischen Mrchenland scheint sich kaum zu finden.
Kleist fand sie, indem er das Mrchen realisierte. Den Traum
verwirklichte. Nchtern raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand.
Die Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der
verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum Wasser -- bis er
bricht. (Der zerbrochene Krug.) Den intellektuellen Frauen der
Romantiker stellt er jene se, kindliche, unwissende, reine Gestalt des
Kthchens von Heilbronn gegenber: die liebt, weil sie lieben mu. Die
unerschtterlich an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die
gekrnt war, lngst ehe sie gekrnt ward. Welch ein Gegensatz zwischen
ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf den Offa
trmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber ihre Kraft erweist sich
als zu schwach. Die Berge brckeln aus ihrer Hand, und schlielich
strzen sie donnernd ber ihr zusammen. Es ist die Tragdie der
grenzenlosen Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragdie des
Menschen, der ber sich hinaus will, aber niemals ber sich hinaus kann.
Penthesilea ringt mit den Gttern Griechenlands. Der Prinz von Homburg
mit dem preuischen Gotte der Disziplin. Pflichterfllung bis zum
uersten war dem Homburgischen Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und
soll den Tod erleiden. Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas
Unfabares, er bricht unter der Last der Furcht zusammen: aber es
gelingt ihm, sich emporzureien, und das Gesetz der inneren Pflicht
erkennend, sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem unfreien zu
einem freien Menschen. Die Todesnhe bringt ihm das wahre Leben der
sittlichen Notwendigkeit nahe. Er hat den Tod in sich berwunden, so
braucht er nicht mehr zu sterben.

    Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
    Befreit der Mensch sich, der sich berwindet.

In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonsha gegossen. Wie
flssiges Feuer durchbraust er das Drama. Er schumt wie ein Wolf von
den Lefzen auf der Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm
der Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit -- und nichts ertrug
Kleist weniger. In seinen lyrischen Hagesngen (Germania und ihre
Kinder usw.) hat er alle Lissauers des Weltkrieges an Blutdurst,
Rachsucht und inbrnstigem Ha gigantisch bertroffen. Dieser
pathologische Haausbruch ist nur aus Kleist's emprten und verwundetem
Gerechtigkeitsgefhl zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held
der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefhl zum
Mrder.

Vom Mrchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen ist nur ein
Schritt. Bei Geistern und Gespenstern kannte sich vortrefflich der
genialistische _E.Th.A.Hoffmann_ (aus Knigsberg, 1776-1822) aus. In
der Komposition von Erzhlungen hat er in Deutschland so leicht nicht
seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht lesen. Man hat
leicht eine schlaflose Nacht und kommt am Ende dazu, sich vor sich
selbst zu frchten. Solche Dmonen beschwrt der unheimliche Zauberer
aus unserer eigenen Brust heraus.

       *       *       *       *       *

Von sterreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, haben wir seit
der Zeit der Minnesnger wenig mehr gehrt. Jetzt beginnt's auch in und
um Wien wieder lebendig zu werden. Sie prferieren die bunte Gaudi der
Romantik. Geister und Zwerge mitten zwischen den Menschen, das ist noch
was, das la ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! Mit
solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide: Conrad Htzendorff.) Ein
Geistertheater auf dem Prater, das ist billiger, kostet kein Blut und
unterhlt und belehrt gleichzeitig. _Ferdinand Raimund_ (1790 bis 1865)
schrieb den Wienern solch scharmantes Geistertheater: Der Alpenknig
und der Menschenfeind. Und des biederen und klugen _Nestroy_
(1802-1862) Volksstcke! Das ist sterreichertum, herzlich und ironisch,
von der besten Seite. _Franz Grillparzer_ (1791-1872) nahm das
sterreichische Problem (in Knig Ottokars Glck und Ende, Ein treuer
Diener seines Herrn, Ein Bruderzwist in Habsburg) tragischer.
Stofflich ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen,
teilte er seine Stoffe zwischen sterreich und Hellas (Sappho, eine
Dichtertragdie, dem Tasso nicht unebenbrtig -- Das goldene Vlie --
Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste deutsche Liebestragdie).
Der tschechischen Mythologie entnahm er sein tiefstes Werk: Libussa, den
alten Gegensatz zwischen Natur und Kultur behandelnd. Sein unerflltes
Liebesleben mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der Muse
selbst, hat viele Quellen in ihm verschttet, die vielleicht
aufgesprudelt wren, wenn er am eigenen Leibe und eigener Seele Eros zu
tiefst versprt htte.

Elegisch beschliet die sterreichische Romantik _Nikolaus Lenau_
(1802-1850), ein Deutschungar. Er starb wie Hlderlin im Wahnsinn,
nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners und dem Munde eines
Deutschen, die melancholischen Lieder der Steppe und der Schilfteiche
gesungen.

       *       *       *       *       *

Die Dichter der Befreiungskriege _Theodor Krner_ aus Dresden,
(1791-1813, Leier und Schwert), _Max v.Schenkendorf_ (aus Tilsit, von
1783-1817), _Ernst Moritz Arndt_ (von Rgen, 1769-1860) und viele andere
standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten,
lange in groem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik diente nmlich dazu, die
wahren Motive und vor allem den Schlueffekt der Befreiungskriege zu
verschleiern. In den Gedichten kmpfte der Soldat fr Weib und Kind, fr
Heimat und Herd, fr die heiligsten Gter der Nation, in Wahrheit jedoch
fr die Restitution der schwrzesten Reaktion, der Napoleon, Erbe der
Franzsischen Revolution und ein liberaler Geist gegen die
mittelalterlich vertrumten oder verbohrten deutschen Frsten, beinahe
ein Ende bereitet hatte. Dem Ende mit Schrecken (1806) folgte seit 1813
der Schrecken ohne Ende. Das Versprechen der Verfassung wurde nicht
gehalten. Selbst die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und
E.M.Arndt gerieten in Auflehnung und Emprung. Sie forderten das
unverjhrte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und hielten der
aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen glaubte, denn um sie,
um ihre Zukunft ging es, tapfer die Stange. Die freiheitliche Bewegung
der Jugend sammelte sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten
Ausdruck im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und Mnner wie
Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner Professur entsetzt. Was ist
aus der deutschen Studentenschaft, der Burschenschaft, einst Trger des
revolutionren deutschen Gedankens, geworden! Und was hat Deutschland zu
gewrtigen, wenn seine Jugend nicht erwacht?

       *       *       *       *       *

Das Umsichgreifen der europischen und insbesondere der deutschen
Reaktion seit dem Ende der Freiheitskriege rief die deutsche Jugend
auf den Plan zum Kampf um die persnliche und allgemeine Freiheit. Das
junge Deutschland stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie
weiland David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. Der aber
stand fest und lachte drhnend, und der Kieselregen war ihm wie
Mckenschwrmen. Hin und wieder packte er sich einen kleinen David und
setzte ihn hinter Festungsmauern. Das junge Deutschland ist viel
angegriffen worden: mit Recht und Unrecht. Dichterisch sind die
Leistungen der politischen Lyriker um 48 meist recht armselig, _Herwegh_
(aus Stuttgart, 1817-1875) einzig schwingt sich ber die andern empor
wie eine eiserne Lerche (Heine). Aber man packte sie nicht bei der
Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man griff sie dort an, wo
sie unangreifbar waren: in der Gesinnung. Die politische Lyrik der
heutigen Zeit: des heutigen jungen Deutschland: Ehrenstein, Becher,
Hasenclever, hat viele hnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen,
wenngleich sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten im
Knstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man hte sich, wie eine
gewisse Kritik auch heute es bt, sie ihrer Gesinnung wegen im
Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene unantastbar. Die
besten politischen Gedichte haben die gedichtet, die, wie Platen und
Heine, auch nebenbei, nmlich in der Hauptsache, reine Lyriker waren.
Sie opferten weder das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen
These und Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener
Gttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik und Kunst
knnen sich mischen, gewi. Ihre Vereinigung zum Gesetz erhoben, heit
Un-ding und Un-sinn zur Un-tat zwingen. Der Dichter hat die Pflicht,
Politiker zu werden: vermge seiner geistigen und moralischen Krfte,
angesichts seiner Stellung im Horizont der Menschheit. Er hat aber auch
die Pflicht, Dichter zu bleiben, d.h. mythischer Diener der
Wrtlichkeit und Knder des reinen Klanges. Herwegh ist gewi eine
respektable Erscheinung, aber nur von 48er Ideologien, von dem Symbol
des politischen Dichters als des Dichters schlechthin gefangene
Schwarmgeister werden in ihm einen groen Dichter sehen. Er war ein
kleiner Dichter, aber immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die
schwarzrotgoldene Fahne und klirren die Sensen aufrhrerischer Bauern.
Historisch sind die 48er Lyriker als die Trger des Revolutionsgedankens
von grter Bedeutung. Alle Revolutionen sind mehr oder weniger von
Literaten gemacht worden. Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der
Explosion begannen sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich
wie dichterisch fortreiendste Revolutionslied stammt von _Heinrich
Heine_ (aus Dsseldorf, 1797-1856): Die schlesischen Weber:

      Im dstern Auge keine Trne,
    Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zhne:
    Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
    Wir weben hinein den dreifachen Fluch:
      Wir weben, wir weben!

Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen
entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den hchsten Himmel. Stie ihn in
die tiefste Hlle. Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier
war sein Platz und wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten
des Geistes und eines eigen- und einzigartigen Liedersngers. Er gehrt
mit Goethe, Eichendorff, Mrike zu den Meistern des deutschen Liedes:
jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen deutschen Dichtform, einer
Form, wie sie die Romanen nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe
sind die einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. Lat nur auf
Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind die schnsten
Reime, die man dazu finden kann. Man braucht sie gar nicht erst zu
suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare in der deutschen
Sprache und im deutschen Herzen zur Welt gekommen. Aber Heine singt
nicht immer so einfache Lieder. Zuweilen wird es ihm unertrglich, da
jemand Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreit die Saiten und die
Tne pltzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt gar die Laute und
schlgt sie dem philisterhaften Greise, der ihn wie Susanne im Bade in
seiner Nacktheit belauscht, auf den hohlen Schdel und um die Ohren.
Diese ironischen Gedichte, gegen den Philister berhaupt und den
Philister in der eigenen Brust gerichtet, gehren zu den merkwrdigsten
Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit _Ludwig Brne_ (aus
Frankfurt, 1786-1837) und _Karl Gutzkow_ (aus Berlin, 1811-1878)
bekmpfte Heinrich Heine von Paris aus, wohin er aus dem gastlichen
Deutschland geflchtet war, die Tyrannen und Philister. Diesen Kampf
vom Ausland her (man warf ihm, genau wie whrend des Weltkrieges den
deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, da er mit vergifteten Pfeilen
Deutschland in den Rcken schiee) hat man ihm besonders bel genommen,
und ganz besonders bel seine Stellung zu den Hohenzollern. Er erwies
sich aber in seinen politischen Bemerkungen und Schriften (Franzsische
Zustnde usw.) als Politiker von untrglichem Instinkt und
adlersicherem Blick. Man hre, wie er in der Lutezia die europische
Zukunft beurteilt. Er prophezeit ein groes Spektakelstck, den
grlichsten Zerstrungskrieg zwischen Deutschland und
England--Frankreich--Ruland. Doch das wre nur der erste Akt des
groen Spektakelstckes, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt ist die
europische, die Weltrevolution, der groe Zweikampf der Besitzlosen mit
der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalitt, noch
von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nmlich die
Erde, und nur einen Glauben, nmlich das Glck auf Erden ...

Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. Als
solcher hat er unter- und berirdisch eine Wirkung ausgebt, die nicht
leicht berschtzt werden kann. Er ist der Prototyp des
Zeitungskorrespondenten: der erste europische Journalist und
Feuilletonist. Da seine Wirkung nicht nur heilsam war: wollen wir's ihm
ankreiden oder nicht vielmehr seinen trichten und anmaenden Epigonen?
Freilich, auch er ist gestrauchelt: in so mancher seiner privaten
Polemiken (gegen Platen z.B.). Er hat dies und vieles mehr gebt in
seiner Matratzengruft in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett
fesselten und zum langsamen Tode verurteilten. Er nannte sich selber der
Arme Lazarus. Und unter den Lazarusgedichten finden sich seine
echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine Schmerzen legte er in
ihnen blo. Er war schon lange des Lebens mde geworden. Die vielen
Frauen, die ihn geliebt hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war
bei ihm sein dickes Weib Mathilde und eine kleine letzte Freundin: die
Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur selbst zu
fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr beibringen. Er war
so sterbensmde geworden:

    Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser -- freilich
    Das Beste wre nie geboren sein.

Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hrte:

    Der Tod, das ist die khle Nacht,
    Das Leben ist der schwle Tag,
    Es dunkelt schon, mich schlfert ...

       *       *       *       *       *

ber den sogenannten schwbischen Dichterkreis sind wir mit Heine einer
Meinung. Die schwbischen Dichter, unzhlbar wie der Straenstaub in
Stuttgart, zeichnen sich durch eine betonte Philisterhaftigkeit aus.
Wenn ihrer trefflichen, wohlgerundeten Gattin sonntags die Kle oder
die Sptzle nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die
Adern schwellen, und auf dem Kopf die Nachtmtze zittert vor Erregung.
Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl ber die Quasten und
Bommeln ihres Schlafrockes. Und sind erst beruhigt, wenn Mutter die
Pfeife stopft und einen extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da
schwellen die Adern ab, die Nachtmtze beruhigt sich. Die Jngste bringt
ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die lteste Tinte und
Gnsekiel. Und, bewacht und betreut von den Seinen, beginnt Vater zu
dichten. _Ludwig Uhland_ (1787-1862) ist in Tbingen geboren, und der
Geist dieser kleinen Wald- und Universittsstadt war der seine. Ernste
Wissenschaftlichkeit in den grauen Hrslen, das heitere Spiel der
Wolken und Winde ber den bebumten und wiesengrnen Hgeln. Und wie in
den Gasthusern der Drfer rings um die Studentenstadt die Rapiere der
schlagenden Verbindungen klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der
Mensur fr das gute alte Recht des Volkes, fr Deutschtum und
Demokratie gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen Frsten. Er wurde
1848 als Vertreter der demokratisch-grodeutschen Fraktion in das
Frankfurter Parlament gewhlt, nachdem er schon 1833 seine Tbinger
Professur fr deutsche Literatur wegen politischer Differenzen mit der
wrttembergischen Regierung niedergelegt hatte. Seine eigentliche
poetische Produktion fllt in die erste Hlfte seines Lebens. Da sang er
jene schnen Lieder, die lngst in den Volksmund bergegangen sind: Ich
hatt' einen Kameraden und Balladen wie Das Glck von Edenhall. Als
Balladendichter ist neben Uhland der Schlesier _Moritz Graf Strachwitz_
(1822-1847) hervorzuheben, der mit Gnther, Bchner, Hauff zu jener
edlen Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjnglinge gehrt, die der
schwrmerischen Liebe ihres Volkes immer gewi sein werden. Die Ballade
nach der komischen Seite hin bearbeitete in lustigen gereimten Schwnken
der weinselige _August Kopisch_ (1799-1853), dessen Heinzelmnnchen
wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen Historie von Noah wir als
Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der alte Kopisch sa mit seiner
roten Nase in unserer Korona auf dem Schloberg von Heidelberg, hob mit
der einen Hand den goldgefllten Rmer, mit der anderen den Zeigefinger
und sprach warnend: Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die
Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser,

    dieweil darin ersufet sind
    all sndhaft Vieh und Menschenkind ...

Da der leichtbltige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund des
schwermtigen und schwerbltigen Grafen _Platen_ (aus Ansbach,
1796-1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber vielleicht hatte Platen
Kopisch ntig wie Kopisch -- den Wein. Um sich in der Misere seines
Lebens mit Heiterkeiten hin und wieder zu betrinken. Platens Schicksal
war die Mnnerfreundschaft und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn
zu finden. Seiner inbrnstigen Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens
verdanken wir die schnsten deutschen Sonette. In Syrakus ist er
gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme des endlich gefundenen
Gtterjnglings.

       *       *       *       *       *

Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, kann wahrhaft
gut werden. Buddha selber mu in einem frheren Leben einmal ein Mrder
gewesen sein. Niemand sehnt sich so brennend nach Erlsung wie der
Unreine, der Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich
bewut wird. _Friedrich Hebbel_, ein Bauernsohn aus Dithmarschen
(1813-1860), war vielleicht das, was man einen bsen Menschen nennt.
Von Dmonen gehetzt brach er, ein verhungerter Wolf, an dem man jede
Rippe einzeln zhlen konnte, in die Lmmerweide der deutschen Dichtung
ein. Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen. Er
schlug Eide in den Wind und verriet Frauen, die ihn liebten, und ohne
die er krepiert wre -- um der Idee zu dienen. Er war ein armer
Schcher, ans Kreuz dieses Lebens geschlagen. Er hufte Schuld auf
Schuld -- und wute darum und litt darunter. Die erschtterndste
Tragdie, die er schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschttert mit,
whrend wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren.
Lieben knnen wir den Menschen Hebbel. Den Dichter wollen wir
ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebenswrdigsten zeigt er sich noch in
seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert, da Hebbel selbst
seine Lyrik fr seine bedeutendste dichterische Leistung hielt. Er
selbst konnte wohl gedanklich, aber gefhlsmig mit seiner wie ein
Eisengerst konstruierten Dramatik nicht mit. Seine Logik berspitzte
sich (in Maria Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem
noch ber seine Lsung hinaus und bewies dadurch, da ihm das Problem an
sich wichtiger war als das Leben, welches die Probleme stellt. Seine
Dramen sind alle irgendwie erstaunlich, man mu, wie der Wrter im
zoologischen Garten auf sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen.
Seine Nibelungentrilogie ist eine Monstrositt. Der Vollendung am
nchsten kommt vielleicht sein Jugendwerk Judith, in dem das Problem
des Zwiespalts zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Sinnlichkeit und
Sinn, zwischen ethischer Forderung und menschlicher Schwche klar
gestellt und klar beantwortet wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine
Aufgabe auf sich, der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen
war. Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der er als
Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. Das ist seine Tragik.
Sein Antipode, aus hnlich niederem Milieu entwachsen, _Christian
Dietrich Grabbe_ (1801-1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold,
wollte weniger -- aber konnte mehr. Er empfing seine ersten Eindrcke,
wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen wurden zum Spaziergang
an die frische Luft gefhrt. Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den
grauen Himmel ber sich, umschritten sie schweigend in ihren
Anstaltskleidern das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erfllet
ward. Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon, Hannibal,
haben alle etwas von Zuchthuslern, die an den Stben ihres Gefngnisses
rtteln: vergeblich. Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit
scheint unentrinnbar. Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub
gezogen: Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die Mauern
von Troja ... Immer fllt Hektor, der Anwalt der reinen Idee, und immer
siegt Achilleus, grobschlchtig und protzig, weil er die Macht und die
realen Dinge hinter sich hat. Die tiefste Tragdie freilich spielt sich
im Herzen des Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (HeinrichVI.,
Barbarossa), vor allem aber Napoleon und Hannibal nhern sich der durch
Faust und Wallenstein bezirkten groen Tragdie. Dieser Hannibal ist ein
ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige Termite, die in der winzigen
Ameisenwelt, ein Held, der unter den Hndlern zugrunde gehen mu. In
Don Juan und Faust machte Grabbe den khnen Versuch, den germanischen
und den romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel
Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung, in dem der Autor voll
romantischer Ironie hchstpersnlich nicht ohne tiefere Bedeutung
auftritt, bildet in seiner buerlichen und teuflischen Derbheit ein
Gegenstck zu _Georg Bchners_ zartem und schwankem Schwank Leonce und
Lena mit seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen. Georg Bchner
(aus dem Darmstdtischen, 1813-1837) konnte aber auch anders als sanft
lcheln oder vertrottelt disputieren. Wie einen erratischen Block
schleuderte er sein franzsisches Revolutionsdrama Dantons Tod von
sich. Auch in seiner von Gutzkow berlieferten Gestalt (die Urform ging
verloren) gehrt es zu den mchtigsten deutschen Dramen: hier ist
erstmalig, wie spter erst wieder bei Gerhart Hauptmanns Webern, ein
ganzes Volk der Held. St. Just, Robespierre, Danton sind seine
Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen Individualismus und
Kommunismus entscheidet der einzige Richter, der ihn zu entscheiden
vermag: der Tod. Er lenkt die Guillotine, die heute Dantons Haupt frit,
die morgen das Haupt Robespierres fressen wird, bis bermorgen Napoleon
sie von der Bhne des Welttheaters entfernt. Fr eine Weile ... Er hat
andere Requisiten und Maschinen, die nicht weniger exakt und blutig
arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen. -- Im Wozzek, der Fragment
geblieben ist, knpft Bchner an Lenz an (dem er eine schne Novelle
gewidmet hat). Die brgerliche Tragdie, die Hebbel mit der Maria
Magdalena schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, Bchner mit
seinem Wozzek. Vom Wozzek luft die Tradition zu Wedekind, der von
niemand mehr gelernt hat als von diesem Bchnerschen Aphorismus. Auch
als politischer Revolutionr ist Bchner von eminenter Bedeutung. Seine
Botschaft Friede den Htten. Krieg den Palsten! ist das flammendste
deutsche revolutionre Manifest berhaupt. Bchner starb zehn Jahre zu
frh. Er wre der gegebene Fhrer der 48er Revolution geworden. Er wurde
nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert hat der Heldentod des
Jnglings Theodor Krner, der ein guter Soldat, aber ein schlechter
Trompeter war, das Heldenleben des Jnglings Georg Bchner vllig
verdunkelt.

       *       *       *       *       *

_Heinrich Laube_ (aus Sprottau, 1806-1884) schlug die dramatische Pauke,
da einem Hren und Sehen verging. Sein Graf Essex war das erste
Theaterstck, das ich als Knabe auf der Schmierenbhne einer mrkischen
Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf
mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker
sitzen und hre auf einem vom Bcker geborgten blechernen Kuchenteller
zwlfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle Schauer jagen mir im
Gedchtnis daran ber den Rcken, und ich drcke den vereinigten
Geistern von Laube und Essex piettvoll und gerhrt die Hand. Zu meinen
erfreulichsten Jugenderinnerungen aus dem Gebiete der Literatur gehren
auch _Willibald Alexis_ (aus Breslau, 1798-1871), in den
Schullesebchern immer mit dem homerischen Beinamen der Vortreffliche
geehrt, welcher nicht undichterische historische Romane aus meiner
engeren Heimat schrieb: Die Hosen des Herrn von Bredow, Der Roland
von Berlin, und _Wilhelm Hauff_ (aus Stuttgart, 1802-1827), in den
Schullesebchern ein wenig zrtlich, aber auch ein wenig von oben herab,
der Jugendliche genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab ist bei ihm
nun keine Veranlassung. Er ist kein groer Dichter: zu den Klassikern
haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen
gengen Schiller, Goethe, Kleist aus Geschftsgrnden nicht, die
Brautpaare verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer
Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: dazu gehren denn
auch vor allen Dingen Theodor Krner und eine ganze Anzahl vllig
unmglicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy, Gutzkow usw. Hauff
ist nun ganz und gar nicht verstaubt. Er ist kein groer Dichter, aber
ein Erzhler von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine
Mrchen und Novellen beweisen. Ein Glanzstck unserer novellistischen
Poesie gelang einem Franzosen: _Adalbert v.Chamisso_ (aus der
Champagne, 1781-1838) mit seinem Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen
Schatten verkauft hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und
sprichwrtliche Figur geworden. Ich wei allerdings nicht, ob er auf
meine Mitbrger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja lngst gewohnt,
nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres Schattens, und
die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu verkaufen. Ja, sie verkaufen
sogar Peter Schlemihls wundersame Geschichte, statt sie einem jeden
gratis ins Haus zu bringen, als Luxusdruck zu 300 Mark und mehr. Armer
Schlemihl! Httest du zur Subskription auf dich selbst einladen knnen:
du httest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! Aber du hast es
eben nicht verstanden, dein Geschftsinteresse wahrzunehmen. Dies
verstand auch _Adalbert Stifter_ nicht (aus dem Bhmerwald, 1805-1868),
der zarte Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf
kleine weie Bltter malte und zeichnete. Die Bltter sammelte er und
gab ihnen dann (wie wenig geschftstchtig war er doch!) so unscheinbare
Namen wie: Studien. Wer in den Sommerferien in den bayerischen Wald
reist und lt Stifters Erzhlungen, vor allem den Hochwald, zu Hause,
der verdient es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben.
Reist er aber nach Westfalen, so mu er sich den Oberhof von _Karl
Immermann_ (aus Magdeburg, 1796-1840) in den Rucksack stecken, oder,
falls er ber Zeitbedingtes hinwegzulesen versteht, den ganzen
Mnchhausen. Auch darf er von Immermann die tiefsinnige Mythe
Merlin, die Tragdie des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem
Dichter hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht lsen
sollte -- was tut's? Begreift er Goethes Geheimnisse? Oder Hlderlins
letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Mu denn alles so
verstndlich sein wie ein Gesprch ber die teuren Zeiten im
Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander, nicht jeder vermag den
Gordischen Knoten derart gewaltttig mit dem Schwert zu lsen, und
manchmal tut's nicht einmal gut, die Lsung mit dem Schwert, meine ich,
wie =exempla docent=.

       *       *       *       *       *

Abseits von allen Zeitstrmen sa in Kleversulzbach in Schwaben unter
der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange Pfeife rauchend, im bunt
geblmten Schlafrock mit den goldenen Quasten: _Eduard Mrike_
(1804-1875). Wie Bchner von Krner, so ist sein helles Gestirn von der
Wolke eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19.
Jahrhunderts haben wenige gewut, was hinter dem biederen Pfarrer von
Kleversulzbach steckt. _Ferdinand Freiligrath_ (aus Detmold, 1810-1876),
und _Friedrich Rckert_ (aus Schweinfurt, 1788-1866), um noch die besten
zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik voll
ungewhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone Geibel
und die Geibelepigonen verslichten den Geschmack des deutschen
Publikums vollends, so da es an einem klaren Trunk, wie ihn Mrike
kredenzte, keinen Geschmack mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen
Volk die politischen Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze,
bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre
Jahrmarktsbude und schrien: Nur immer hereinspaziert, meine
Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig wahre, die
politische Kunst gepachtet! Sie hatten eine Menge Zulauf. Auch
Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in welcher der Wstenknig, der
Lwe, die Hauptattraktion bildete, und wo ein waschechter Mohrenknig an
der Kasse sa, wurde berlaufen. Der Blumenstand, an dem die Muse selbst
Mrikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkenstrue feilhielt, wurde
nicht beachtet. Eduard Mrike hatte mit einer Paraphrase des Wilhelm
Meister: dem Roman Maler Nolten, begonnen, der nicht ohne Eindruck
blieb. Mit Gottes Wort, das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit
seinen Gedichten predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben
Ohren. Seine Verse sind nicht gemeielt wie die Hlderlinschen, nicht in
der Trunkenheit herausgebrllt wie die Gntherschen, nicht ziseliert wie
die Heineschen, gefltet wie die Platenschen: sie fielen wie reife
Frchte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten. Sie sind nicht erknstelt,
nicht erzwungen: sie sind rund und vollendet und duften wie reife pfel.
Der Sonnenblume gleich stand sein Gemt offen. Er brauchte in seiner
friedlichen Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur schwach
schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden. Seine Phantastik
schweift milde wie ein Sommervogel in seinen Erzhlungen (Mozart auf der
Reise nach Prag) und Mrchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten
machen lcheln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine
Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir wissen, da
die Morgenrte nicht fern ist. Dann werden wir mit dem Kleversulzbacher
Pfarrherrn und seinem Kster auf den Kirchturm steigen.

       *       *       *       *       *

Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich Boner, mit Bodmer,
Breitinger und vor allem mit Gener schon vorteilhaft in die deutsche
Literatur eingefhrt, als sie mit _Jeremias Gotthelf_ (aus Murten, 1797
bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das fr Kerle, die
Schweizer Bauern und Buerinnen des Pfarrers Bitzius aus dem Emmental.
Auf angeerbter Scholle sitzen sie: derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch
ist an ihnen und kein Flitter. Ihr Wort: eine Enzianblte im Gebirge.
Die Schweizer knnen aber nicht nur buerisch derb, sie knnen auch
stdtisch, = la mode= oder historisch gekleidet daherstolziert kommen,
wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen.

_Gottfried Keller_ (aus Zrich, 1819-1890) lt seinen Grnen Heinrich
in der Tracht aufmarschieren, die Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die
deutsche Literatur eingefhrt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt.
Das Problem der Entwicklung beherrscht den Grnen Heinrich auf seinen
tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, wie Wilhelm
Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst. Der Weg, der zu einem selbst
fhrt, ist nun nicht so bequem wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle
fnf Minuten, an jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da
und nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit den
Wegen zu sich? Da gert man auf allerlei Nebenpfade, in Gestrpp,
Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man mu froh sein, wenn man
schlielich am Abend die Herberge findet und auf der harten Ofenbank
schlafen darf. Man wei manchmal wirklich nicht, ob man das Rechte
trifft, wenn man z.B. Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und
schlielich wendet sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der
Malerei ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der
lebendigen Anschauung aller Dinge. Es kommt fr den Dichter
nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken, sondern auch den
Erscheinungen bis ins Herz zu sehen, sie zu durchschauen. Als wre der
Mensch ein Stck Glas. Solches konnte Gottfried Keller. Und weil er eine
so klare Anschauung von den Menschen hatte, deshalb gerieten sie in
seinen Novellen so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in
den Bchern Die Leute von Seldwyla, Sieben Legenden, Zricher
Novellen, Das Sinngedicht -- bedeuten einen Gipfel deutscher
Erzhlerkunst. Wer als Erzhler ihn wieder erreichen will, der mu hoch
und mhsam klettern -- da wird es nicht so bequem hinaufgehen wie auf
den Rigi, das ist schon mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller
hat ein vollkommenes Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde,
geschrieben. Sein Landsmann _Heinrich Leuthold_ deren drei oder vier,
sein anderer Landsmann _C.F.Meyer_ (aus Zrich, 1825-1898) deren
viele. Hat Gottfried Keller typisch schweizerische Zge in seinem Wesen
und Dichten, so wird man bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes
(der Roman Jrg Jenatsch) vergebens danach suchen. Seine
Landsmannschaft ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als
Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er fhrte das
Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, ganz Glanz. Vierzig Jahre
war C.F.Meyer, als er sein erstes Buch, ein kleines Buch Gedichte,
verffentlichte. Er hat mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben,
ungeachtet mancher schnen Novelle. Die Gedichte sind von einer
leidenschaftlichen Liebe zur Form erfllt. Genug konnte ihm nie und
nimmermehr gengen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, die er mit
heiliger Scheu htete.

    Da sie brenne rein und ungekrnkt.
    Denn ich wei, es wird der ungetreue
    Wchter lebend in die Gruft gesenkt.

Von den Gttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm Bacchus und
Silen die liebsten.

    In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,
    Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde,
    Lieblich lauschend.

Und sein schnstes, sein wildestes Symbol fand C.F.Meyer in der
Veltlinertraube.

Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, da die
deutsche Sprache in den achtziger Jahren nicht vllig unter die Rder
der naturalistischen Bier- und Leiterwagen kam. _Carl Spitteler_ (aus
Liestal, geboren 1845) sagte mit seinem Prometheus und Epimetheus der
Wirklichkeit, die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider wurde er
selbst in seinen nchsten Werken aus einem Prometheus, einem
Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der Verwirrung und des
Dunkels, denn in Conrad, der Leutnant und Imago tut er es den
schlechtesten Naturalisten und Psychologisten gleich. Da der
bedeutendste Psychologe der Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine
Zeitschrift nach der Imago nannte, ist zuviel der Ehre fr dieses ganz
analytische, aber der Synthese vllig ermangelnde Buch. Jeder Dichter,
Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. Aber hier
beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. Im
Olympischen Frhling, dem groen griechischen Epos, hat Spitteler sein
bestes Selbst wiedergefunden. Er fand das Reich Apollos, das Reich, das
nicht von dieser Welt ist. -- Von jngeren Schweizern sind zu nennen:
der frh (1919) verstorbene _Karl Stamm_, ein Lyriker von vielen Graden,
der zarte Idylliker _Robert Walser_, der religis vergrbelte _Albert
Steffen_ (geb. 1874), Romandichter theosophischer Richtung.

       *       *       *       *       *

Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte Natur ist
_Otto Ludwig_ (aus Eisfeld, 1813-1865). Er sah sich zeitlebens im
Schatten Shakespeares stehen und kam deshalb nur in seinem biblischen
Trauerspiel Die Makkaber und in seinen Novellen ber ihn hinaus, in
denen er als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es knnte
nicht schaden, wenn -- ber Dostojewski -- Otto Ludwigs Prosa nicht
vergessen wrde. Sie ist der feierlichen Auferstehung wert. Wird _Gustav
Freytag_ (aus Kreuzburg, 1816-1895) aus der Gruft der Vergessenheit
auferstehen? Vielleicht mit seinem brgerlich-soliden Roman Soll und
Haben, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und Kredit zuerteilt
ist. Des Mecklenburgers _Fritz Reuters_ (1810-1874) humoriges und
herzliches Plattdeutsch ist leider nur einem engen Kreise von Deutschen
verstndlich. (Ut mine Stromtid.) _Wilhelm Raabes_ (aus Escherhausen,
1831 bis 1910) ernster Humor, seine bedchtige Menschenfreundlichkeit,
seine bitterse Melancholie, wird deutschen Herzen als eine deutsche
Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Fr Wilhelm Raabe gibt es
kein besseres Epitheton als dies ohne jeden Nationalismus gesagte:
deutsch. Der Hungerpastor, Der Schdderump, Horracker werden
bleiben wie des Friesen _Theodor Storm_ (1817-1888) rosenbltterige
Novellen: Immensee, Pole Popenspler, Der Schimmelreiter und die kleine
Erzhlung Im Saal -- eines der frhesten und schnsten Gebilde Storms,
das er im Revolutionsjahr 1848 ersann. Die Sehnsucht nach der guten
friedlichen Zeit, der wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird,
wenn wir sie lesen, bermchtig in uns. Frher -- ja, das war freilich
eine stille, bescheidene Zeit: Die Menschen waren damals noch hflicher
gegeneinander. Das Disputieren und Schreien galt in einer feinen
Gesellschaft fr sehr unziemlich. Wer seine Nase in die Politik steckte,
den hieen wir einen Kannegieer, und war's ein Schuster, so lie man
die Stiefel bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmdchen hieen noch
alle Stine und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande ... Aber
was wollt ihr denn? fuhr die alte Gromutter fort, wollt ihr alle
mitregieren? Ja, Gromutter, das wollen wir nun freilich, und darum
sind wir auch alle so unglcklich und ruhlos, so hin und her gerissen
zwischen Stern und Erde, so kriegerisch und friedlich zugleich.

_Paul Heyse_ ist im Strom der Zeiten schon versunken, so tief versunken
wie _Geibel_ (aus Lbeck, 1815-1884), der einst so hochgefeierte. Geibel
wollte 1871 mit seinen Heroldsrufen eine groe Zeit einrufen. Aber
Krieg und Sieg von 1870/71 hatten fr die deutsche Dichtung und Kultur
eine katastrophale Wirkung. Die Heroldsrufe riefen einem Zeitalter, das
in niedrigstem Materialismus, grtem Grenwahn, in Goldsucherei,
Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) und Chauvinismus
seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch patentierter, mehr oder weniger
gereimter Patriotismus von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern
lyrisch, von _Wildenbruch_, selbst einem abseitigen Hohenzollernspro,
dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen Ritterromanen in die
groe Vergangenheit projiziert, aus ihr eine groe Gegenwart und groe
Zukunft abstrahierend (wie sprach doch WilhelmII. einst? Ich fhre
euch herrlichen Zeiten entgegen ...), slich gesabberte Lyrik der
Baumbche und Bodenstedter, eine unechte flache Erzhlerkunst -- das
waren die ersten kulturellen Frchte der Einigung des deutschen Volkes.
Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese Limonadensuppen in sich
hineingesoffen, whrend ihm der frische Trunk der echten Dichtung, den
ihnen Mrike, Raabe, Leuthold, C.F.Meyer, Fontane spendeten, nicht
recht munden wollte. Einzig _Theodor Fontane_ (aus Neuruppin, 1819 bis
1898) brachte es zu einiger Berhmtheit, nicht aber wegen seiner groen
Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, sondern wegen seiner
stofflichen Vorwrfe, die er meist dem Leben des mrkischen Adels
entnahm. Niemand hat das Gute und Edle, was im spezifisch-junkerlichen
Typus steckt: die starre Pflichterfllung, das karge, wie hinter
geschlossenen Tren gefhrte Gefhlsleben, das moralisch-mrkische
Pathos reiner glorifiziert und geschildert als Fontane im Stechlin.
Auch das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm
seinen berufenen Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin entsetzt
abwendet, versume nicht, dem Fontaneschen einen Besuch abzustatten. Er
wird entzckt aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist,
zurckkehren. Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen sind
die Frauengestalten: Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit
Mignon und Philine, Liane und Toni Husler.

       *       *       *       *       *

Otto Ludwig und Theodor Fontane im Erzhlerischen, Hebbel und
Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, sind die Vorlufer
und Fanfarenblser der Bewegung, die man als die naturalistische
bezeichnet hat. Es ist zu bemerken, da Naturalismus, Impressionismus,
Expressionismus, Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und
Bewegungen, Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der Ismus aufhrt, da
fngt der Dichter erst an, denn letzten Grundes macht die Einzelseele,
nicht die Massenpsyche oder -psychose erst den Dichter zum Dichter.
Jeder Mensch hat eine bestimmte seelische Richtung, in der er luft,
und wer in derselben Richtung geht, den begrt er als seinen
Weggenossen mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege.
Viele Wege fhren nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in den Tempel des
Gottes. Es ist berheblichkeit, den Weg, den ein anderer geht, von
vornherein als einen falschen zu bezeichnen und Hohn und Gelchter ihm
nachzurufen. Als Mastab der Kritik darf nur die Qualitt gelten: der
Zusammenhang des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter
naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter
expressionistischer und umgekehrt. -- Was wollte der Naturalismus? Er
entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre und unechte
Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur herrschenden geworden
war. Er lehnte allen Historismus, alle idealisierende Stilisierung ab:
wollte nur lebenswahr sein und forderte an Stelle einer Verhllung der
Natur ihre Entschleierung bis zur letzten Nacktheit. Er wollte die Natur
abschreiben, die natrlichen Dinge natrlich darstellen. Wenn der
Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These erhob, so beging
er natrlich =a priori= einen Denkfehler. Eine Nachahmung der Natur kann
es nicht geben: immer tritt ja der Gestaltende mit einem subjektiven
Willen an sie heran. Einzig der Buddha, der vllig Objektivierte, knnte
auch ein vollkommener Naturalist sein: aber er wrde es wiederum nicht
sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein abgeht. Er will
nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte doch etwas: nmlich die
Natur darstellen. Wo ein persnlicher Wille ist, ist schon ein
persnlicher Stil. So ist denn als sthetisches Gesetz nur eine Spielart
des Naturalismus: der Impressionismus zu diskutieren. Der
Impressionismus will, da die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit
die Natur liebend einstrme mit Flu und Wolke, Stern und Falter. Der
Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, fordert
programmatisch: schleudere deine Seele aus dir heraus in die weite
Welt, hinauf in den hohen Himmel: so erst wirst du ganz wahr sein. Der
Impressionismus predigt die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die
Wahrheit der Seele. Es ist klar, da auf einer hheren Ebene diese
Forderungen sich in einem Schnittpunkt berhren: da, wo Sein und Seele,
Erde und Himmel eins geworden sind. Im Formalen uert sich der
Gegensatz der beiden Strmungen derart: beim Impressionismus: Analyse
des Geistes, Synthese der Form. Beim Expressionismus: Synthese des
Geistes, Analyse der Form. -- Die Naturalisten waren fr Deutschland die
Entdecker des Proletariers als Gegenstand der dichterischen
Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste und Unterste
wert erschien. Aber der Proletarier, der arme Mensch, der rmste Mensch,
blieb ihnen eben doch nur Gegenstand. Erst die politischen und
expressionistischen Dichter der jngsten Generation haben den
entscheidenden Schritt vollzogen, indem sie sich mit dem Proletarier
identifizierten. Die proletarische Lyrik der _Henckell_ (geboren 1864),
_Mackay_ (geboren 1864) -- Mackays Roman Der Schwimmer ist eine der
besten Prosaleistungen des Naturalismus -- usw. wirkt denn auch ziemlich
zahm brgerlich. In _Arno Holz_' (aus Rastenburg, geboren 1863) Buch
der Zeit klingt sie krftiger. Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber
nicht darin, sondern in seinem romantischen Buche Phantasus, mit dem
er zwar keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und
eingelutet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen Lyrik fand.
Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein totes Dogma wurde, sind,
manche noch lebendigen Leibes, gestorben. Des romantischen Naturalisten
_Max Halbe_ bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck. Am Leben
blieb der unverwstliche, krftige _Detlev von Liliencron_ (aus Kiel,
1844-1909), der lyrische Husar, der niederdeutsche Feuerreiter. In der
plattdeutschen Lyrik exzellierte _Klaus Groth_ (aus Dithmarschen,
1819-1899), der Dichter des Quickborn, in bodenstndigen
sterreichischen Bauerndramen _Ludwig Anzengruber_ (aus Wien, 1839 bis
1889). Vom Naturalismus kam, ihn berflgelte bald mit silbernen
Flgeln: _Gerhart Hauptmann_ (geboren 1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum
zieht er seine Sfte aus der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in
den Himmel, und sein Gezweig berschattet hundert Naturalisten. Mit der
Weiglut seines Willens hat er die naturalistische Theorie
durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse
durchwandeln die Welt seines Dramas: Menschen voll Blut und Sehnsucht,
arme, elende Menschen, geprgelt wie Hunde von der Peitsche des
Schicksals, hungernd und frierend, hungernd nach Brot und Licht,
frierend an den kalten, steinernen Herzen der Mitmenschen, Menschen, die
in einer ewigen Dmmerung vor Sonnenaufgang leben, einsame Menschen,
zu denen selten genug der Ton der versunkenen Glocke herauftnt,
Menschen, die einzeln nicht leben drfen wie die schlesischen Weber, die
ein Klumpen blutendes, zuckendes Stck Fleisch sind, Menschen, die
fried- und ruhelos das Labyrinth des Daseins durchirren, bis eine sanfte
Frau auch mit ihnen einmal das Friedensfest feiert. Wie sind die zu
beneiden, die, wie Hannele, so frh von dieser schmutzigen Erde zum
Himmel fahren drfen! Da sie Kinder bekommen, zeugen und gebren -- wie
furchtbar! Wer will den ersten Stein auf Rose Bernd werfen? Wer strzt
nicht weinend in sich zusammen, wenn der brave, ehrliche Fuhrmann
Henschel, zwischen Schuld und Unschuld schwankend, sich erhngt? Alle
Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religise Schwrmer
Emanuel Quint, der im neu erwachenden religisen und sektiererischen
Leben der Zeit noch eine Rolle spielen wird.

       *       *       *       *       *

Wie die Geibelperiode in Empfindelei und Slichkeit, so artete der
Naturalismus schlielich in Krafthuberei, trichte Brutalitt und
Apotheose des Misthaufens aus. Sigkeit des Wortes, Sinnlichkeit der
Seele: die Schnheit verfiel dem Fluch der Lcherlichkeit. Es ist das
Verdienst von Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort
in barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung und
Weihrauch der tnenden Gottheit dargebracht zu haben. _Friedrich
Nietzsche_ (1844-1900) ist mit der musikalischen und rhythmischen Prosa
seines Zarathustra der Lehrmeister der jungen und jngsten Dichtung
geworden. Als Lyriker gehrt er zu den edelsten deutschen Lyrikern.
Frei war Nietzsches Kunst geheien, frhlich seine Wissenschaft.
Alle seine Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs
brauner Nacht an der Rialtobrcke oder sie von San Marco gleich
Taubenschwrmen ins Blau hinaufsendet und wieder zurcklockt, ihnen noch
einen Reim ins Gefieder zu hngen. Oder ob in Sils Maria ihn, der
wartend sitzt, ganz nur Spiel, ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne
Ziel, der Schatten Zarathustras grt. Ob im Herbst, in der Ebene, die
ersten grauen Krhen ihn berfliegen und ihn mahnen, da der Winter
naht.

    Aus unbekannten Mndern blst's mich an,
    -- Die groe Khle kommt ...

Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder sang er
schlielich nur noch sich selber zu, damit er seine letzte Einsamkeit
ertrge.

    Hoch wuchs ich ber Mensch und Tier;
    Und sprech ich -- niemand spricht zu mir.

War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und Ahasver, die
trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt war, lieben
mute, eine wilde, tobende Natur, die lieber brllte als seufzte oder
zwitscherte, -- so ist _Stefan George_ (geboren 1868 in Bdesheim) der
strenge Priester der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verknder
asketischer Lste, ma- und zuchtvoll. Auch der verkndet wie Nietzsche
eine Kunst, die jenseits von Gut und Bse wirkt, er steht den
moralischen Forderungen eines Teiles der jungen Generation ferner als
fern.

Du sprichst mir nicht von Snde oder Sitte. In einem seiner ersten
Gedichte versteigt er sich bis zur Apotheose der Ausschweifung: im
Heliogabal. Aber immer reiner klrt sich seine Welt: bis das Jahr der
Seele herrlich sichtbar wird, der Teppich des Lebens sich vor ihm
breitet, der Engel ihm den Weg weist und der Stern des Bundes magisch
erblinkt. Stefan George begann als Fackeltrger des reinen Wortes in
einer Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort
und schreitet weiter als ein Flammentrger des reinen Sinnes in einer
Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und Beelzebub betet,
die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, die alles zweckmig
einrichtet und als Ziel die Zweckmigkeit postuliert oder die
Ziellosigkeit an sich. Die geistige und moralische Begriffe verwechselt
und ein politisches Parteiprogramm von Spinozas Ethik nicht zu
unterscheiden vermag. Sie hat auch bei George gebndigte Leidenschaft
mit Temperamentlosigkeit, die Gebrde des echten Priesters mit den
Tingeltangelallren ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst mit
gemachter Mache verwechselt. Sei's. Die Weltgeschichte ist auch das
Weltgedicht: einige der schnsten Strophen dieses Gedichtes hat Stefan
George gesungen.

Aus dem Kreise Georges sind als Dichter von Rang _Hugo von Hofmannsthal_
(geb. 1874 in Wien) und _Rainer Maria Rilke_ (geb. in Prag 1875)
hervorgegangen. Hofmannsthal ist der Dichter bezaubernder kleiner
Versdramen. Er fhrt ein Skelett, das mit blhenden Rosen behngt ist,
im Wappen. Rilke ist ein Mnch, der statt der grauen Kutte eine
purpurrote trgt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber die Freuden der
Welt nicht verachtet.

Die ersten Hergereisten, die der kommenden deutschen Dichtergeneration
die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche und George. _Alfred Mombert_
(geboren 1872 in Karlsruhe) und _Theodor Dubler_ (geboren 1876 in
Triest) gehren zu den ersten, die sie lernten. Mombert schrieb
metaphysische Dramen und Gedichte, Dubler das diesseitige Epos
Nordlicht, eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes
und des Reimes. _Richard Dehmel_ (aus dem Spreewald, 1863-1920) hlt
sein Gesicht den romantischen Gestirnen zugewandt. Die goldene Kette der
deutschen Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied
in ihr, deren Anfang Walter von der Vogelweide, deren vorlufiges Ende
Franz Werfel hlt. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik ber eine
Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinbergerettet. Als
alles tot und trbe schien. Er hat der deutschen Lyrik das Liebeslied
neu geschenkt: Das dunkle Du, das dunkle Ich, die durch die Nacht sich
suchen -- und sich finden.

_Christian Morgenstern_ (aus Mnchen, 1871-1915) schuf in seinen
Palmstrmgedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster
Prgung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu
Leib und Seele rckt. Da erscheint ein Steinochs, der sich von
menschlicher Gehirne Heu nhrt. Auf schwrmt am Horizont ergrauter
Kasernenhfe der sagenhafte E.P.V. (auch Exerzierplatzvogel genannt).
Wir sind hoch und heiter beglckt, da es ihn und Palmstrms und
v.Korfs fundamentale Melancholie -- immerhin -- noch gibt. Schade, da
ich beim neuerlichen Quellenstudium fr diese kleine Literaturgeschichte
v.Korfs glnzende Erfindung nicht benutzen konnte, welcher, weil er
schnell und viel lesen mute, eine Brille erfand,

    deren Energien
    ihm den Text zusammenziehn.
    Beispielsweise dies Gedicht
    lse, so bebrillt, man -- nicht!
    Dreiunddreiig seinesgleichen
    gben erst -- ein ---- Fragezeichen!

Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind _Wilhelm
Buschs_, des genialen Malerdichters (1832 bis 1908) und Morgenstern's
Nachfahren.

       *       *       *       *       *

Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechtild
v.Magdeburg jahrhundertelang den Dornrschenschlaf geschlafen, wieder
aufzuleben mit der Westflin _Annette v.Droste-Hlshoff_ (1797-1848),
die freilich fr den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat.
Ihre Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht
verdstert: wie ein halb heller Tag auf der westflischen Heide, wenn
Erde und Himmel die Pltze vertauscht haben, und die roten
Heidekrautblten wie Sterne, die Wolken wie braune Ackerschollen sind.
Auf ihr mdes Haupt gaukelte selten ein ses Lachen.

    Liebe Stimme suselt und truft
    Wie die Lindenblt' auf ein Grab ...

Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle Die
Judenbuche. _Marie v.Ebner-Eschenbach_ (aus Mhren, 1830-1916) besitzt
ein Talent von groer Weite der Empfindung, das formal eng begrenzt ist.
_Ricarda Huch_ (geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im
Risorgimento und im Dreiigjhrigen Krieg. _Enrica von Handel-Mazetti_
(geboren 1871 in Wien) schrieb historische Romane mit katholisierendem
Einschlag. Die deutsche Frauenlyrik der jngsten Zeit gipfelt in _Else
Lasker-Schler_ (geboren 1876 in Elberfeld). Wer fhlte sich nicht als
ewiger Jude und snke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre hebrischen
Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten Tibetteppich verwebt?
_Emmy Hennings_ gab in kleinen Versen (Die letzte Freude) und in
kleiner Prosa (Das Gefngnis) eine Autobiographie des weiblichen
Vaganten. _Eleonore Kalkowska_ lie im Krieg den Rauch des Frauenopfers
steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.

       *       *       *       *       *

Man hat _Frank Wedekind_ (1864-1918) einen Bruder und Genossen der Lenz,
Bchner, Grabbe genannt. Er hatte nicht die selbstverstndliche Grazie
dieser drei (die Grabbe auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der
Natur. Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhat und widerwrtig.
Vor einer schnen Landschaft erfate ihn ein Brechreiz. Und er wurde
erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, etwa als ein liebendes Paar in
Umarmung, drastisch definieren konnte. Er war ganz gewi ein Erotomane,
dessen moralische Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern
konnten. Er war ein genialer Spieer -- mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein
erotischer Frmmler. Ein frmmelnder Erotiker. Flagellant, Sadist,
Masochist aus religiser berzeugung. Ihm war das Weib die groe Hure
von Babylon und als solche immer anbetungswrdig. Er fhrte ein Tagebuch
aller Zrtlichkeiten, der sanften und der schrecklichen. Er fhrte
dieses Tagebuch gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem
schlechten Gewissen des ehemaligen Schlers ...) fhlt er sich auch
seinen Geschpfen gegenber: einer Lulu, einer Franziska, die zu seiner
Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht wurden -- um sich dann an ihrem
Lehrmeister aufs grausigste zu rchen. In der Verbohrtheit im
Problematischen ist er Hebbel, in der Technik den Strmern und Drngern
verwandt: diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie
sie Frhlingserwachen einfhrt, hat im deutschen Drama neuerdings
Furore gemacht. Sein Kinderdrama Frhlingserwachen wird bleiben,
bleiben wird der Marquis von Keith, der letzte Akt von Schlo
Wetterstein und vor allem: Lulu. In ihr und in der kleinen Wendla hat
er die natrliche Dmonie des Weibes gro gestaltet. Es ist vielleicht
kein Zufall, da in den vorzglichsten Dramen der Epoche Frauen im
Mittelpunkt der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu im
Erdgeist, Hannele in Hanneles Himmelfahrt, die Wulffen im
Biberpelz, Madame Legros (im gleichnamigen Drama von Heinrich Mann)
--, dies beweist, da wir in einer romantischen Periode leben: Lulu ist
die Inkarnation der geschlechtlichen, Hannele die der kindlichen, Madame
Legros die der mtterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust,
Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und jenseitige
Gerechtigkeit. -- _Wilhelm Schmidtbonn_ (geboren 1876) behandelte im
Grafen von Gleichen das Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der
erste Akt gehrt zu den besten ersten Akten der deutschen Literatur.
Sein Wunderbaum, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. _Carl Sternheim_
zeichnet in seinen Dramen karikaturistische Bilder aus dem brgerlichen
Heldenleben: Streber, Schieber, sentimentale Kokotten, amusische
Dichter, intellektuelle Schweinehunde, Auch- und Bauchsozialisten. In
seinen Dramen wie in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber
ohne Herz, aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie
Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. _Herbert Eulenberg_
(geboren 1876 in Mhlheim) bemalt seine dramatischen Helden und
Heldinnen blarosa und blablau. Sie gleiten schattenhaft durch eine
romantische Kulissenwelt. _Eduard Stucken_ (geboren 1865 in Moskau)
beschwrt noch einmal Montsalvatsch und die Gralsritter in klingenden,
mit Innenreimen geschmckten Versen. Seine Romantrilogie Die weien
Gtter erheischt Respekt. _Georg Kaiser_ (geboren 1878 in Magdeburg)
pflanzt sich ganz breitspurig und heutig vor uns hin. Teufel, ist das
ein Leben, das sich da vor uns und um uns und in uns abspielt.
Aktiengesellschaften werden gegrndet aus Menschenliebe, aus Bonhomie,
mit Ewigkeitsansprchen. Beim Brand des Opernhauses entznden sich
alle Leidenschaften. Von morgens bis mitternachts rollt ein ganzes
Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, Caf, Heilsarmee, um in
Hlle, Weg, Erde sich als leere Leere, parodierte Form,
Konjunkturkommunistik zu entschleiern. Da ist mir _R.John Gorslebens_
(aus Metz, geb. 1883) bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer
Der Rastaqur schon lieber. Denn der ist ehrlich. _Hanns Johsts_
ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama Der Knig und
zu einem problematischen Gegenwartsroman Kreuzweg edel ausgereift.
Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg geben in ihren Dramen allerlei
indirekte Antworten auf direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die
sich da abspielen. _Walter Hasenclever_ (geboren 1890) im Sohn und
_Ren Schickele_ (aus dem Elsa, geboren 1883) in Hans im Schnakenloch
gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung ber. Nicht: so seid ihr!
Sondern: so sollt ihr sein! So soll der Sohn gegen den Vater, der Mensch
zwischen den Rassen sich entscheiden! Hasenclevers Antigone, _Unruhs_
Ein Geschlecht sind ebenfalls programmatische uerungen gegen den
Krieg, whrend Hasenclever in seinem Drama Menschen zur Romantik
umkehrt -- den Weg, den noch alle Aktivisten werden schreiten mssen
(Schickele beschritt ihn im Glockenturm) --, sich aber nach der
anderen Seite purzelbaumartig berschlgt und beim belsten Text zum
Filmdrama landet. Hher steht sein okkultes Spiel Jenseits.

_Paul Kornfelds_ Verfhrung gehrt zu den typischen, monologischen
Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen Epoche. (Einige
andere: Hanns Johst Der junge Mensch, Walter Hasenclever Der Sohn,
Klabund Die Nachtwandler.) Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das
Problem Vater und Sohn gestaltet eindrucksvoll in seinem gleichnamigen
Fridericus-Drama auch _Joachim v.d.Goltz_.

       *       *       *       *       *

Den schnsten deutschen Roman um 1900 schrieb _Friedrich Huch_ mit
seinem Pitt und Fox. Biedermeierliche Zartheit und groteske Gotik
blhen darin. Pitt ist der gute, der entmaterialisierte, Fox der
schlechte materialistische Deutsche, wie ihn Heinrich Mann spter in
seinem Untertan Diederich Heling so bitterbse abkonterfeit hat.
_Ouckama Knoop_ malte im Sebald Soeker die Untergangsstimmung des
Abendlandes, lngst ehe sie gefllige Mode wurde. _Hermann Lns_ jagte
den wilden Wehrwolf ber die Heide. Des Schwaben _Emil Strau_ (geb.
1866) Kindertragdie Freund Hein ist mir unvergelich. Der Halkyonier
_O.E.Hartleben_ (1864-1905) etablierte sich mit glnzend geschriebenen
ironischen Impressionen. Eine Abart des Impressionismus ist der
Psychologismus, wie ihn _Thomas Mann_ (aus Lbeck, geb. 1875) in seinen
ausgezeichneten Romanen und Novellen Die Buddenbrooks, Tod in
Venedig bt. Er analysiert mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die
Einzelseele. Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders
_Heinrich Mann_ (aus Lbeck, geboren 1871) Bemhung. Er ist der Dichter
der Demokratie geworden in seinen Romanen: Die kleine Stadt, Die
Armen, Der Untertan. -- Die kleine Stadt, ein italienischer
Kleinstadtroman, der schildert, wie eine fahrende Theatertruppe eine
kleine Stadt revolutioniert, ist ein Markstein in der Geschichte des
deutschen Romans. Seine frheren Italienromane, besonders die
prachtvolle Trilogie Die Gttinnen, zeigen ihn noch ganz als
Apologetiker des bermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als
hymnischen Diener der Schnheit, der Kraft und der sinnlichsten Gewalt.
Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, knnte sie vergessen? Denn
sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.

_Gustav Meyrink_ (geboren 1868 in Wien) schttet ein Wunderhorn
ergtzlicher und boshafter Trivialitten, ltestes und neuestes
Germpel, ber den deutschen Spieer aus, der mit einem leeren Hirn
aufdrapiert wie ein Pfingstochse in seinen Geschichten umherwandelt und
Muh und Bh sagt. Von Meyrinks groen Romanen, die allerlei
kabbalistische und mystische Weltanschauung propagieren, ist der Golem
nennenswert. _Peter Altenberg_ (1859-1918, aus Wien) gewinnt seine
amsante Weltanschauung vom Caf Fensterguckerl aus. _Hermann Bahr_
(geboren 1863 in Linz) hat vom Naturalismus bis zum Expressionismus und
Katholizismus so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte
absolviert und ist berall mit der Note 2-3 versetzt worden. _Artur
Schnitzler_ (geboren 1862), Dramatiker und Romanzier, schrieb zwei
vollendete Novellen Leutnant Gustl und Casanovas Heimkehr. Des
Kurlnder Grafen _E.Keyserling_ (1858-1918) Erzhlungen beglcken
schmerzlich wie im Frhherbst die bunten fallenden Bltter. ber
_Hermann Hesses_ (geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten
Periode knnte als Motto der Vers eines Volksliedes stehen, mit dem er
selbst eines seiner Bcher betitelt: Schn ist die Jugend. Seine
rhrendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher Knulp. Mit
vierzig Jahren berwand und bertraf er sich selbst in den farbigen und
feurigen Zeugnissen einer zweiten Jugend: Demian, Weg und Wesen
deutscher Seele entschleiernd, und der herrlichen Novelle Klein und
Wagner. _Wilhelm Schfer_ (geboren 1868 in Ottrau) schuf sich in seinen
Anekdoten eine eigene Novellenform in Anlehnung an mittelalterliche
deutsche und italienische Meister. Sie gehren zu den besten Leistungen
der deutschen Prosa der Gegenwart, die in _Jakob Wassermanns_ (geboren
1873 in Frth) Romanen Das Gnsemnnchen und Kaspar Hauser einen
ihrer Meister fand. Eine reiche Flle lebendigster Gestalten, eine ganze
groe und kleine Welt wird aus der Tiefe ans Licht gehoben. Die Prosa
der jngsten Generation, mit _Kasimir Edschmid_ (geboren 1890) und
_Alfred Dblin_ beginnend, vermag diesen Leistungen Gleichwertiges an
die Seite zu setzen. Edschmids Novellen sind wie in einem Treibhaus
gezchtete Blumen: bizarr, geistreich, geknstelt, voll wilder,
aromatischer, zuweilen peinlicher Dfte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg.
Alfred Dblin beschwrt den Schatten Wallensteins und in den Drei
Sprngen des Wang-lun einen edlen Rebellen der Schwche in der
Landschaft eines ertrumten China. Der schlesische Russe _Arnold Ulitz_
trmt den Ararat. _Klabund_ (geboren 1891 in Crossen a.O.) versuchte
im Moreau den Roman eines Soldaten, im Mohammed den Roman eines
Propheten, im Bracke den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu
gestalten. Der Dreiklang enthlt das Wesentlichste seiner Lyrik.
_Leonhard Franks_ (geboren 1882 in Wrzburg) Ursache ist in Dichtung
umgesetzte Freudsche Psychologie. _Andreas Latzkos_ (geb. 1876 in
Budapest) Bcher (Menschen im Krieg) und Leonhard Franks Der Mensch
ist gut haben ihr Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen,
an welcher aber kritische Geister wie _Karl Kraus_ (geboren 1874 in
Gitschin) und _Franz Pfemfert_ (geboren 1877 in Ltzen) seit Jahren
schon viel tieferen Anteil hatten mit Fackel und Aktion. Jene sind
zeitgeschichtlich von groer Bedeutung. Ihr dichterischer Wert ist weit
geringer. Der Mensch ist nicht gut, sondern er will gut werden. Das
Moment der Entwicklung ist das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog
ihren Sohn Parsival in der Waldeseinsamkeit, damit er vor dem Welt- und
Kriegsgetmmel bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts. Ein
jeder trgt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen ihn heit's
kmpfen. Man mu sich selbst aufs Haupt schlagen. Gott und du: das
sollen nur Synonyme sein. =Epitheta ornantia= des einen. Du mut den
Heimweg finden: heim zu dir. Auf diesem Heimweg durch die Dunkelheit
stehen die Dichter an den Meilensteinen wie Fackeltrger. Von Fackel zu
Fackel tastest du dich vorwrts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst
ber den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden ineinander
trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein.

       *       *       *       *       *

Die Vorlufer des lyrischen Expressionismus sind _Otto zur Linde_ (geb.
1873 in Essen) und die Charontiker, die sich um ihn sammelten. Er schon
stellte die These von der ekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber
praktisch im Assoziativen stecken. _Walter Cal_ (aus Berlin, 1881-1904)
starb allzufrh. _Max Dauthendey_ (aus Wrzburg, 1867-1918) sang
inbrnstige Lust- und Liebeslieder. Sein heies Blut trieb ihn in die
Tropen, aus denen er exotische Novellen heimbrachte. Des _Wilhelm von
Scholz_ (aus Berlin, geb. 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in
dunklen Teichen, vom Walde berwuchert. _Alfred Kerr_ (geb. 1867 in
Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter ein Kritiker, hat einer
ganzen lyrischen Generation das Gehen, die ersten Schritte beigebracht.
Der dmonische Naturbursche _Georg Heym_ (aus Hirschberg, 1887-1912)
machte dann mit der neuen Dichtung ernst. Er krempelte sich dazu die
Hemdsrmel auf: wie ein Riese schritt er ber die Dcher und zwischen
den Straen Berlins, und allesdies: Mensch, Trambahn, Mond, Spelunkenspuk
war ihm wie Riesenspielzeug, die Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg
wurde Haus. Er ertrank beim Eislauf, vierundzwanzigjhrig, im Mggelsee.
Das Grabgeleite gaben ihm Scharen fortgeschrittener Lyriker. Als Georg
Heym in den Fluten versunken war, stieg aus den im Frhling getauten
Wogen wie ein junger Meergott, prustend, dampfend in der Sonne,
schreiend vor Lust am Licht: _Franz Werfel_ (geboren in Prag 1890). Er
verkndigte das Evangelium des schnen strahlenden Menschen, der jedem
Wesen, auch dem rmsten, brderlich zugewandt. Gewaltig schwingt sein
religises Pathos. Er will einer der Propheten des neuen Bundes sein:
des Bundes aller wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar
demtig und buwillig, mit Unkraut noch und Schlamm fhlt er sein Herz
erfllt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, wchst er zum Richter
der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er lauschte, er
horchte, er hrte, er diente. Nun schuf er, nun trgt er, nun hlt er
wie Christophorus die Erdkugel. Erst sah er die Welt -- und siehe, sie
war schn --, da wurde er der Weltfreund. Dann sah er sich, und siehe,
er war hlich. Aber er war. Da nahm er sein Sein und trug es zu den
anderen. Drei Reiche durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen,
das sie alle drei umfat: das Reich der glckseligen Gerechtigkeit, der
Reinheit und Einheit. Er wird ber sich selbst Gerichtstag halten.
Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend lsen. Er wird
zerrinnen und eine Welle sein, gekruselt, entfhrt und gesplt ins Meer
der Vollkommenheit und der Vollendung.

    Erst wenn ein Mensch zerging
    In jedem Tier und Ding,
    Zu lieben er anfing.

Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln unzhlige
junge Lyriker, weniger von der bronzenen Glocke seiner lyrischen Form
angetnt (er ist reinste Musik, Oboe, Flte: sie sind meist nur
Schellentrger und Trommler), als von seinem Pathos bezwungen. In der
Form wenden sich viele mehr der Imitation des groen Amerikaners Walt
Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die brausen wie die Wogen
des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman sang von seinem Buch: Camerado,
dies ist kein Buch -- wer dies anrhrt, rhrt einen Menschen an! Dieses
Motto shen die jungen Dichter gern ber alle ihre Bcher: ihre Dramen,
Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor allem _Menschen_
sein. Und Menschen _sein_. Wir sind! Wir sind! jubeln sie emphatisch mit
Werfel. Die Ekstase ist ein Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die
Formen so zerrissen, zerhackt, im Winde flatternd. Oft opfern sie das
Dichterische auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist vielfach
keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum Kollektiverlebnis
geworden. Sie dichten nicht mehr -- sondern der Stil dichtet fr sie. --
Einen elegischen Nebenspro Werfels trieb sterreich in _Georg Trakl_
aus Salzburg (1887-1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des sen
Verzichtes, des violetten Unterganges, dem Hlderlin unserer Zeit. Alle
Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer tnen leise im Rohr
die dunkeln Flten des Herbstes. In _Gottfried Benns_ (aus Mohrin, geb.
1885) Gedichten ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde
Fleisch. Benn steht fr sich selbst und auf sich selbst: kein Werfel-,
kein Whitmanjnger: ein Benn. Auch in seinen Novellen. _JohannesR.
Becher_ (geb. 1890) ruft in seinen Gedichten An Europa zur
Verbrderung. Es finden sich wundervolle einzelne Verse in seinen
Bchern, die der sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein
vollendetes Gedicht. Der Wille zur These berschreit den Willen zur
Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch keine neue
Kunstform. _Albert Ehrenstein_ (geb. in Wien 1886) schleudert seine
Flche gegen die rote Zeit. Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch
gerichteter Geist zersprengt sich selbst und seine Form in Hagesngen.
Sein Reifstes bleibt die sterreichische Novelle Tubutsch: voll
ironischer Melancholie. Die Arbeiterdichter _Barthel_ (geb. 1884) und
_Brger_ machen Anstze zu einer neuen Volkslyrik, der _Jakob Kneip_ in
seinen Legenden am nchsten kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch
hier ist ein Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche
Mrchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus wird
verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik dmmern empor. Ganz in
der Tradition der klassischen deutschen Lyrik wandeln der Ostpreue
_Albrecht Schaeffer_ (geb. 1885) -- auf dessen Romanwerk Helianth auch
hingewiesen sei -- und der Schwabe _Bruno Frank_ (geb. 1887 in
Stuttgart), der das Erbe Mrikes in guter junger Hand hlt. _Friedrich
Schnack_ steht mit flammendem Edelsteinsbel als lyrischer Wchter am
Eingang zum kommenden Reich.

       *       *       *       *       *

Der junge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger und Revolutionr,
Expressionist und Bolschewist. Er ging in den Krieg als Revolutionr und
in die Revolution als Krieger. Er fiel von einem Extrem ins andere: aus
der Ekstase in die Verzweiflung, und umgekehrt. Er liebte allzu vage die
Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist weitsichtig:
aber in der Nhe vermag er nichts zu sehen. Er will _alles_ -- und
erreicht _nichts_. Er ist immer geneigt, zu typisieren, zu
schematisieren -- ganz wie die verachteten Wissenschaftler. Es ist eine
dunkle, heilige Ahnung des Kommenden in ihm. Aber in der Gegenwart
stolpert er unbeholfen daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja
sagt. Er schlgt der herrschenden Klasse, wie der Zeichner George Gro,
in die Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, wei er auch keine
anderen Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehre, die
Diktatur. Bitterlich, der den Brutigam von Marie ermordet und Ruths
Bruder in den Tod treibt, (in Kornfelds Verfhrung) ist er nicht ein
Terrorist? Versucht er nicht, mit Gewalt die Welt zu ndern? Ich glaube
nicht an die dauernde berzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher
Seite immer sie sich uern mag. Wer hat die Welt dauernd verndert? Ein
Karl der Groe? Ein Napoleon? Ein Bismarck? Der chinesische Denker
Laotse sagt einmal: Das Zarteste berwindet das Hrteste. Wir wollen,
symbolisch gesprochen, keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem
gleich die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schwche wird eines Tages
unsere Strke sein. Wir mssen Dschiu-Dschitsu lernen: nicht den starren
Angriff, sondern die elastische Verteidigung.

Revolutionen, geistige und materielle, schieen ber das Ziel hinaus --,
um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus wird einer neuen Romantik
und Klassik den Weg bereiten wie der Kommunismus einem neuen
Gemeinschaftsgefhl.

       *       *       *       *       *

Die Sehnsucht nach Erlsung blht in den kommenden Generationen wild
auf. Wir wollen erlst werden -- von der _Lge_. Denn alle Erlsung ist
nur ein pltzliches Erblicken der Wahrheit. Die Lge hat ihr Gorgohaupt
in den letzten Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich
erhoben. Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt
wie eine Hure und mit schnen Kleidern angetan und mit Steinen behngt.
Das Bild der Welt war, wie es die mittelalterlichen Darstellungen
zeigen: eine Frau, von vorn reizend und wohlgestalt anzusehen -- aber
hinten im offenen Rcken voll Schlangengezcht und Dreck und Eiter.
Mammonismus, Militarismus, Materialismus: unter diesen drei
Flammenzeichen focht der deutsche Gott, der Alliierte von Robach -- und
unterlag.

Wir sind nicht auf der Welt, um unglcklich zu sein. Dieser gram- und
grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben, knnte vorbergehend
einen Mrtyrerstandpunkt schaffen: als sei es ber alle Maen edel und
tapfer und weise und natrlich und dieses Lebens letztes Ziel, zu
leiden. Gerechtigkeit! Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde:
blhen nicht Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen Fen? Glht
nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein Heiligenschein?
Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter schrg durch den
schreitenden Abend? Pferde springen elegant durch die Straen. Wilde
Katzen liegen zahm auf den bestrahlten Mauern unserer Gefngnisse. Und
an florentinischer Brcke tritt, die Augen schn gesenkt, Beatrice dem
liebenden Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren
viel und viel erduldet, wei: Glck ist das Ziel der Menschheit. Macht
die Menschen glcklich, und ihr werdet sie besser machen. ffnet ihnen
die Augen ber den Himmel, die Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles
dies: gestaltet und erhoben, beseligt und erlst: in der Kunst, in der
Dichtung. Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die
Stunde, die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip.
Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist als
manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit, durch
die Inbrunst eurer Herzen!

    Ihr Weiser und Verweser unseres Schnen,
    Lat euch vom Waffenrausch nicht bertnen.
    O sorgt, da unser Blut nicht rot erstarrt
    Und seid uns Dom und ewige Gegenwart!
    Du Gnther, brauner Packan, bissig bellend,
    Du Hlderlin, die sanften Pfeile schnellend,
    Du Mrike, vertrumte Pfarrhauslinde,
    Du Eichendorff, voll grner Birkenwinde,
    Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,
    Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,
    Du Platen, im unsterblichsten Sonette,
    Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,
    Und du, o ewige Frh- und Abendrte:
    Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: _Goethe_!

                                            (Klabund.)


[Im Text korrigierte Fehler:

von unverstndigen Pfaffen aufgereizt
Im Original: unverstnddigen

wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz
Im Original: geschicken

ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den Kreuzzug
Im Original: Kreuzzeug

Er steckte damit wohl alle heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur
schade, da er selber kein Volks-, sondern ein Frstentribun war.
Im Original: Volkstribnen

wir setzen uns gern zu ihr ins Gras
Im Original: Grab

wetterte in seinen Reden und Predigten mit Stentorstimme
Im Original: Sentorstimme

Sein Name dringt durch Sturm
Im Original: Seine

Zu den harmlosen, aber hbschen Hexametern
Im Original: Hexamenten

Denn wo eins das andere nicht mehr begreift,
Im Original: Den

in Iphigenie wird die Reinheit sich bewut
Im Original: Iphigene (sonst immer Iphigenie)

und einer der grten deutschen Dichter berhaupt
Im Original: grtei

Das ist sterreichertum
Im Original: Oesterreichertum

Die schwbischen Dichter, unzhlbar wie der Straenstaub in Stuttgart
Im Original: unzhbar

die Kraft der lebendigen Anschauung aller Dinge
Im Original: Anschaung

Das Disputieren und Schreien galt
Im Original: Disputierten

aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist
Im Original: unwiderbringlich

Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen
Im Original: geformteste

versteigt er sich bis zur Apotheose der Ausschweifung
Im Original: Apothese

eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes
Im Original: Kosmogenie

(aus dem Spreewald, 1863-1920)
Im Original: den

der herrschenden Klasse
Im Original: herrrschenden

sangen sich gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf
Im Original: ihrem]





End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Literaturgeschichte in einer
Stunde, by Klabund

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE ***

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