The Project Gutenberg eBook, Japanische Mrchen, by Karl Alberti,
Illustrated by T. Tokikuni and Fritz Kracher


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Title: Japanische Mrchen


Author: Karl Alberti



Release Date: November 7, 2007  [eBook #23393]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAPANISCHE MRCHEN***


E-text prepared by Louise Hope, Alexander Bauer, Jana Srna, and the
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Anmerkung zur Transkription:

      Das Inhalts-Verzeichnis stand ursprnglich am Ende des Buches.

      Einige Druckfehler sind am Ende des e-text notiert.





JAPANISCHE MRCHEN

Eine Sammlung der schnsten Mrchen,
Sagen und Fabeln Japans
fr die deutsche Jugend ausgewhlt
und frei ins Deutsche bersetzt von

PROFESSOR KARL ALBERTI

in Tokyo. Bilder v. T. Tokikuni, Tokyo.
Deckelbild von Fritz Kracher, Mnchen







Cl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung, Straubing.

Alle Rechte einschlielich
des bersetzungsrechtes
vorbehalten.

Druck der Cl. Attenkoferschen Buch- und Kunstdruckerei
Straubing, Bayern.




Inhalts-Verzeichnis.
                                           Seite

  Zur Einfhrung                               3
  Juki-onna                                    5
  Der weie Fuchs                              9
  Urashima Taro                               12
  Wenn man mit Kobolden tanzt                 21
  Neid bringt Leid                            24
  Der schlaue Polizist                        27
  Der Abt des Klosters Yakhusi                30
  List geht ber Gewalt                       32
  Die Krte von Osaka und die von Kyoto       34
  Der Affe und der Sake                       36
  Die Auster                                  38
  Der Sperling mit abgeschnittener Zunge      39
  Die geplagte Krabbe                         43
  Der kluge Hase                              49
  Maorigashima                                55
  Der Hase und der Dachs                      58
  Schlauheit schtzt nicht vor Tuschung      64
  Der bedchtige Reiher                       65
  Belohnte Kindesliebe                        66
  Der bestrafte Tierquler                    69
  Rai-taro                                    70
  Hotaru                                      75
  Horaisan                                    77
  Die Wnsche des Steinhauers                 84




  [Abbildung]

Zur Einfhrung.


Nicht mit Unrecht wird Japan als das wunderbare Sonnenland
bezeichnet; denn neben seinen wirklich wunderbaren Naturreizen bieten
Kunst und Literatur, ganz besonders die des Altertums, eine schier
unerschpfliche Fundgrube nicht nur fr den wissenschaftlichen
Forscher sondern auch fr den Schngeist und fr den Freund eines
reinen Volkstums. Gar reich, und nicht hinter der deutschen
zurckstehend, ist die japanische Mrchenwelt, aus der ich hier eine
Auswahl zusammengestellt und fr die deutsche Jugend bearbeitet habe.

Es ist dies meines Wissens _das erste Werk_, das aus dem reichen
Mrchenschatze Japans der deutschen Jugend eine sorgfltig
zusammengestellte Auswahl bietet; mag auch das eine oder andere hier
und dort einmal irgendwo verffentlicht und dadurch bekannt sein,
so ist dies doch meistens zerstreut in Zeitungen, Zeitschriften oder
wissenschaftlichen Werken in wrtlicher bersetzung erfolgt und nur
fr Erwachsene geeignet.

Keine jener Verffentlichungen ist von mir benutzt worden oder hat mir
als Vorlage gedient, sondern lediglich die japanischen Ausgaben und
mndliche Erzhlungen der Japaner; deshalb enthlt das Vorliegende
auch viele Fabeln und dergl., die nur im Munde des Volkes leben, von
denen sich also in der Literatur selbst keine Spuren finden.

Da dieses Buch der deutschen Jugend gewidmet ist, muten bei der
Auswahl und Bearbeitung grte Sorgfalt aufgewendet und manche Stellen
verndert, fortgelassen oder durch andere ersetzt werden, um das ganze
dem Verstndnis der Jugend anzupassen, dies umsomehr, als die
Originale oft eine derart freie Sprache fhren, da man sie, unserem
deutschen Moralempfinden entsprechend, nicht jedermann in die Hand
geben kann.

Durch Beifgung erluternder Anmerkungen, historischer Daten usw.
drfte dieses Buch einen ber den Rahmen einfacher Mrchenlektre
hinausgehenden Wert gewinnen.

Besonderer Dank sei an dieser Stelle den Herren Dr. Miyauchi, Ohno,
Nakamura, Hajime Iwane und K.Nakamatsu fr ihre liebenswrdige
Beihilfe zu diesem Werke; auch dem Herrn T.Tokikuni, der die farbigen
Bilder zeichnete, whrend die brigen lteren und neueren japanischen
Werken entnommen sind.

Mge daher diese Gabe, die ich der Jugend in meiner deutschen Heimat
von hier aus dem fernen Osten, aus dem Lande der aufgehenden Sonne
biete, gern angenommen werden und Beifall finden.

  Tokyo.

    _Karl Alberti._




  [Verzierung]

Juki-onna.[1]


Es waren einmal zwei Holzhauer: der eine hie Nishikaze[2], dieser war
ein lterer Mann, whrend der andere Teramichi hie und noch ein
Jngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag
zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen,
muten sie einen groen Flu passieren, ber den eine Fhre
eingerichtet war. Als sie eines Tages spt mit ihrer Arbeit fertig
waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm berrascht; sie
eilten zur Fhre, muten aber zu ihrem groen Schrecken sehen, da der
Fhrmann soeben bergesetzt war und sich auf der anderen Seite des
reienden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen
vorlufig nicht zurck konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des
Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei
befindliche Haus des Fhrmanns zu gehen und dort dessen Rckkehr
abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur
Erde, nachdem sie Tr und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten
dem Tosen des Sturmes. Der ltere, ermdet von des Tages Last und
Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jngere konnte kein
Auge schlieen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war
unheimlich und das Huschen erzitterte in allen Fugen.

Pltzlich gab es einen frchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das
Haus zertrmmern, die Tr sprang auf und ein eisiger Wind mit einer
riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die
Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche
Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weiem Gewande und wandte sich
zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem
Schlfer nieder, ihrem Munde entstrmte ein weier Nebel, der sich auf
das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam
auf Teramichi zu, der, unfhig ein Glied zu rhren, die Augen
angstvoll weit geffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie
sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann
sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm
freundlichere Zge an: Deinen Kameraden habe ich gettet, wie alles,
das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist
du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch
diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst.
Kommt auch nur ein Wort von dem ber deine Lippen, was du hier
erlebtest, -- sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht
Weib noch Kind, niemand, hrst du, niemand darf erfahren, was hier
geschah, -- so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!

  [Abbildung]

Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die
Tr.

Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tr
und verschlo sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und
rief ihn an; doch dieser rhrte sich nicht, er war steif und starr, er
war tot, sein Gesicht verklrte ein glckliches Lcheln. Endlich lie
der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fhrmann, der nun
zurckkehrte, fand beide Mnner in seinem Huschen und hielt sie fr
tot, fr erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen
Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, whrend
Nishikaze tot blieb und begraben wurde.

Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte
tagtglich in den Wald, erzhlte niemand sein Abenteuer, das er mit
der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewiheit wurde,
hatte. So gingen zwei Jahre dahin.

Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwrts
wanderte, begegnete ihm ein junges hbsches Mdchen, das ihm so
gefiel, da er sich in ein Gesprch einlie. Das Mdchen erzhlte ihm,
da es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle,
wo es hoffe aufgenommen zu werden.

Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach
dieser zu dem Mdchen:

Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in
meine armselige Htte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das
meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst
du morgen frh deine Wanderung fortsetzen!

Das Mdchen, das sich Juki nannte, nahm dies Anerbieten an und
begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine
freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am
andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter,
es mge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt
habe, der es erwarte, so mge es bleiben, so lang es wolle und ihr
etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon
lngst eine Sttze im Hause gewnscht habe. Da auch Teramichi, der zu
dem Mdchen in heier Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner
Mutter anschlo, so schlug es ein und blieb im Hause.

Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mdchen mit reiner Liebe
zugetan, da das Mdchen schlielich auch Liebe empfindet, so war es
auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre
Liebe erklrt und Teramichi und Juki wurden ein Paar.

Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in
kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem
Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten
zehn geschenkt hatte. Die Kinder blhten und gediehen und wuchsen
heran; keine Krankheit, kein Unglck strte den Frieden und das Glck
dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.

Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwhnt, da Juki immer jung
aussah, immer blhend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren
des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als
eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegesprch
beisammensa, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der
Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Htte des
Fhrmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm
schner als je erschien und pltzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine
hnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen
Jahren das Leben schenkte. Diese hnlichkeit trat immer deutlicher
hervor, so da er den Ausruf nicht zurckhalten konnte: Nein, du bist
schner!

Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten;
ohne zu zgern, halb im Traum, erzhlte er ihr nun sein Abenteuer, das
er mit der Schneefrau hatte und schlo seine Erzhlung mit den Worten:
Sie war schn, aber geisterhaft schn; du aber bist menschlich,
natrlich schn!

Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie grer und
grer wurde, wie ihr Gesicht sich verklrte, die Kleidung sich in
lichtes Wei verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals
die Schneefrau. Er strzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief:
Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!

Sie aber schttelte das Haupt und herrschte ihnan:

Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange
geschwiegen hast? Ich knnte dich jetzt tten; ein Hauch aus meinem
Munde wrde deine Glieder erstarren lassen, das wre die gerechte
Strafe, da du nicht nur dein, sondern auch mein Glck zerstrt hast!
Denn sieh! -- hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an -- als ich
dich damals in jener Htte als blhenden hbschen Jngling so hilflos
vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fhlte
den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglck zu genieen, anstatt
stets zu zerstren. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in
menschlicher Gestalt, ich geno an deiner Seite Jahre ungetrbten
Glcks. Jetzt hast du es selbst zerstrt und ich mu zurck in mein
kaltes Reich und du? -- Ich gedenke des Glcks, das ich genossen und
der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch
den Vater rauben will. Mgest du drum leben; bleibe den Kindern ein
guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu shnen!

Damit drckte sie ihm einen Ku auf die Stirne, der, obgleich eiskalt,
wie Feuer brannte; die Tr sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer
durchtobte das Haus und entfhrte Juki-onna, den Mann einsam
zurcklassend.

Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge
war, ernst und kein frhliches Wort kam mehr ber seine Lippen; er
lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tchtigen, braven Menschen auf
und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm
dieser die Seele des Mannes mit und fhrte sie seiner Juki-onnazu.

Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei
erfroren.

  [Abbildung]


    [Anmerkung 1: Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna
    = Schneefrau.]

    [Anmerkung 2: Sprich Nishikase.]




Der weie Fuchs.

  [Abbildung]


Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda[1] der Sohn eines
Frsten. Er hatte das seltene Glck einen schneeweien Fuchs
weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier tten, aber
Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd
beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wute, da solche Fchse
mit weiem Fell Zauberkrfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt
werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln knnen. Aber der
Sohn des Frsten wollte das schne Fell des Tieres fr sich haben,
schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Fchsin zu
tten. Yasuna aber bemchtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit
den Jgern kmpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er
doch mit dem Tiere flchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach
er erschpft zusammen; er mute die Fchsin loslassen, die schnell im
Walde verschwand. Seltsamerweise kam pltzlich seine Verlobte Kuzunoha
daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach
Hause geleitete.

Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren
Eltern, die in der Kumamoto-Provinz[2], weit entfernt von Shimoda,
wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, da sie sich jetzt
hier befinde und ihn im Walde gefunden habe.

Kuzunoha aber antwortete: Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht
Zeit, dir dies zu erklren. Ist es an der Zeit, so wirst du alles
erfahren!

Damit beruhigte sich Yasuna, der glcklich war, seine Braut bei sich
zu haben. Er zgerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf
mit ihr Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glcklich und zufrieden
und ein herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschnte
ihr Glck. Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo[3] gegeben.

Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spt abends
zurck. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig berrascht,
vor der Tr seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die
sich lebhaft unterhielten; er trat nher, begrte sie und fragte,
warum sie nicht in das Haus gingen, sondern vor der Tr stnden.

Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heien solle, da
er sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekmmert habe und
jetzt mit einem andern Weibe zusammenlebe.

Yasuna wute nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch
mehr verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwrfe
machte. Er ffnete kurzer Hand die Tr des Hauses und lud alle ein
einzutreten. Wir knnen uns da drinnen weiter darber unterhalten,
was eure Vorwrfe bedeuten sollen; hier auf der Strae ist nicht der
Ort dazu! sagte er und wollte vorangehen, prallte aber zurck, denn
im Zimmer sa seine Frau und nhte! -- Hier drauen stand aber auch
seine Frau; die aber behauptete, noch nicht seine Frau zu sein,
sondern nur seine Verlobte! Wer war die richtige, wer die falsche
Kuzunoha? -- Er schlo nun ganz lautlos die Tr, trat zurck und sagte
zu seinen Schwiegereltern: Wartet hier einen Augenblick, ich komme
gleich zurck!

Dann trat er in sein Haus, begrte seine Frau und sagte ihr: Deine
Eltern sind angekommen, rste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde
sind wir wieder hier!

Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging
Yasuna zu den Schwiegereltern zurck und bat sie mit ihm einen
Spaziergang zu machen, nach einer Stunde wrde er sie in sein Haus
fhren.

Auf dem Wege erzhlten ihm die Schwiegereltern, da das bei ihnen
befindliche Mdchen tatschlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei
und da diese untrstlich darber, da Yasuna in der langen Zeit
nichts habe von sich hren lassen, ihre Eltern veranlat habe, die
weite Reise mit ihr zu machen. Jetzt angekommen, mten sie zu ihrer
groen Betrbnis sehen, da bereits eine andere Frau im Hause sei!

Yasuna erzhlte sein Abenteuer und seine glckliche Ehe.

Unter diesem Gesprch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurck
und gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag
auf seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den
Knaben auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzhlte der Knabe
ihr einen sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er
bedeute. Er sagte zur Kuzunoha: Vorhin, als ich schlief, sagtest du
zu mir, da du gar kein Mensch, sondern eine verzauberte Fchsin
seiest. Der Vater habe dir einmal das Leben gerettet und deshalb
habest du menschliche Gestalt angenommen und seist ihm in Gestalt
seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei aber die wirkliche
Braut gekommen und so mssest du scheiden. Ich solle dies dem Vater
erzhlen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein dummer
Traum, nicht wahr!

Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rtsel geklrt. Die
wirkliche Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmige Gattin Yasunas
und erzog den kleinen Dokyo zu einem tchtigen Menschen, der klug und
tapfer wurde.

Von der weien Fchsin hat man nie wieder etwas gehrt.


    [Anmerkung 1: Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei
    Yokohama.]

    [Anmerkung 2: Kumamoto = Stadt und Provinz im Sden Japans nahe
    bei Nagasaki.]

    [Anmerkung 3: Dokyo = Mut.]




  [Verzierung]

Urashima Taro.[1]


In einem Fischerdorfe, nahe dem heutigen Yokohama lebte vor vielen,
vielen Jahren ein junger Fischer namens Urashima Taro. Als er eines
Abends vom Fischfang zurckkehrte und recht zufrieden und guter Dinge
war, weil er gute Beute gemacht hatte, sah er am Strande eine Schar
Knaben, die eine kleine Schildkrte gefangen hatten und sie an einer
an einem ihrer Vorderbeine befestigten Schnur im Kreise herumschwangen
und qulten[2]. Urashima, der die Tiere gern hatte und jede Qulerei
harmloser Tiere verabscheute, fhlte auch jetzt wieder Mitleid mit dem
armen Tierchen und ging auf die Kinderzu.

Indem er seiner Stimme einen energischen Ton gab, schalt er die
Kinder. Was ist das fr eine Bosheit, rief er emprt aus, dieses
schuldlose und hilflose Tier so zu qulen! Wit ihr nicht, da Gott im
Himmel solche bse Kinder bestraft, die arme Tiere mihandeln? Zeigt
einmal her, wem gehrt denn diese Schildkrte?

Dieses Tier gehrt niemandem! entgegnete der lteste der Knaben und
fgte noch unverschmt hinzu: Wir knnen machen, was wir wollen; und
wenn wir ein Vergngen daran haben das Tier zu tten, so ist das unser
freier Wille und geht keinen anderen etwasan!

Urashima sah ein, da er diesem frechen Bengel nicht mit Morallehren
kommen drfe; denn auf solche harte Herzen haben Worte keinen Einflu;
er nderte also seine Taktik und sagte nun mit mglichst milder
Stimme: Nun, nun, rgert euch nur nicht, das war nicht so bs
gemeint; aber diese allerliebste Schildkrte gefllt mir und ich
mchte sie gern besitzen. Wollt ihr euch in einen Handel mit mir
einlassen? Wie wre es, wenn ihr mir das Tier verkaufen wrdet? Fr
Geld knnt ihr euch etwas kaufen und euch bessere Freude machen, als
da ihr dieses Tier hier im Kreise herumschleudert!

Die Kinder gingen erfreut schnell auf den Handel ein und berlieen
Urashima gegen einige Silbermnzen die Schildkrte.

Urashima nahm sie in die Hand, ging bis zum Wasser und setzte das Tier
ins Meer, indem er sagte:

Armes Tierchen, nicht um dich der Freiheit zu berauben, sondern dir
die Freiheit wiederzugeben, habe ich dich gekauft; nun schwimme hin
und sei in Zukunft vorsichtiger, damit du nicht wieder in bser Buben
Hnde fllst! Er blieb noch ein Weilchen stehen und sah zufrieden
lchelnd der schnell im Wasser dahinschwimmenden Schildkrte nach, bis
er sie nicht mehr erblickte; dann nahm er sein Fischereigert und
seine Fische und ging wohlgemut in seine Htte.

Am andern Morgen ging er wie gewhnlich seinem Handwerk nach. Als er
mit seinem Kahne auf dem Meer war und seine Netze ausgeworfen hatte,
hrte er pltzlich ein zartes Stimmchen rufen:

Urashima sama![3]

Erstaunt sah er sich um, konnte aber nicht entdecken, woher die Stimme
ertnte und wer seinen Namen rief. Da ertnte es abermals:

Urashima sama!

Jetzt merkte er, da die Stimme aus dem Wasser kam und er beugte sich
ber den Rand seines Bootes und erblickte die kleine Schildkrte, die
er am Tage vorher aus den Hnden der Buben befreit hatte. Im ersten
Moment war er erschrocken; doch fate er sich ein Herz und fragte:
Warst du es, die mich rief?

Gewi! antwortete das Tierchen. Ich bin gekommen um euch meinen
Dank fr euere gestrige edle Tat zu sagen. Und weil ihr mir meine
Freiheit gegeben habt, mchte ich euch etwas recht Schnes zeigen!
Habt ihr Lust, so folget mir!

Urashima dachte: Was kann es wohl sein, das mir dieses unscheinbare
Tier zeigen knnte? Doch nichts Besonderes. Aber das macht auch
nichts, es will sich mir dankbar erweisen und so will ich ihm auch die
Freude nicht verderben. Nachdem er sich so ein Weilchen bedacht hatte,
fragte er doch vorsorglich:

Dauert es auch nicht lange? Ich will dir gerne folgen, aber ich habe
nicht viel Zeit zu versumen. Wohin soll es denn gehen?

Garnicht weit von hier. Ich beabsichtige nur, euch zum Palast unserer
Meeresknigin Otohime zu fhren und euch dort Wunderdinge zu zeigen!

Das ist ganz unmglich, erwiderte Urashima, denn ich kann nicht so
schnell schwimmen und nicht so gut tauchen wie ihr und was schlielich
die Hauptsache ist, ich kann ja im Wasser nicht atmen und dich deshalb
nicht auf den Meeresgrund begleiten!

Macht euch deshalb keine Sorge, Urashima, entgegnete die
Schildkrte, steigt auf meinen Rcken und das weitere werdet ihr
sehen!

Aber mein Boot -- -- meinte Urashima bedenklich.

Das findet ihr hier wieder, ich fhre euch zurck! unterbrach ihn
das Tier.

Aber du bist so klein, du kannst mich nicht tragen! rief Urashima
noch immer bedenklich.

Da rauschte es im Wasser, die Schildkrte dehnte und streckte sich und
staunend sah Urashima, wie sie sich immer mehr vergrerte, bis sie
die gleiche Gre des Bootes hatte, dann fragte sie lachend:

Nun? -- Bin ich noch zu schwach fr dich? Da schwanden Urashima alle
Bedenken, flugs stieg er aus seinem Boote, nachdem er dasselbe
sicherheitshalber verankert hatte und nahm auf dem Rcken des Tieres
Platz.

Halte dich nur recht fest und frchte dich nicht! Nach einiger Zeit
rief die Schildkrte: Nun schliee fest die Augen und ffne sie nicht
eher, als bis ich es dir sage. Auch halte ein Weilchen den Atem an,
es dauert nicht lange!

Urashima tat, wie ihm geheien und dann fhlte er, wie das Tier im
Wasser versank; das Wasser rauschte und brauste um seine Ohren;
ngstlich klammerte er sich mit beiden Hnden an das Schild seines
sonderbaren Reitpferdes; aber eingedenk der Mahnung behielt er die
Augen geschlossen und hielt den Ateman.

Schon glaubte er, es ginge mit ihm zu Ende; da ertnte der Ruf:
Jetzt!

Da ffnete er seine Augen und sah sich auf dem Grunde des Meeres,
dessen feiner Sand aus lauter Perlen bestand. In der Ferne sah er ein
riesiges Gebude in blendendem Glanze schimmern, auf das die
Schildkrte mit ihrem Reiter zuschwamm. Endlich kamen sie an und
standen vor einem groen Tore, das aus purem Golde mit Edelsteinen
verziert war. Zwei groe unheimliche Meerdrachen lagen vor dem Tore
und glotzten Urashima mit frchterlich rollenden Augen an, so da ihm
ganz ngstlich wurde. Als die Drachen aber die Schildkrte erblickten,
lieen ihre drohenden Blicke nach und sie versuchten freundlichere
Gesichter zu machen.

Nun steige ab und warte hier! sagte die Schildkrte und ging dann,
nachdem Urashima abgestiegen war und sich auf den Boden gesetzt hatte,
durch das Tor.

Urashima sah sich dann um und wunderte sich sehr, da er, obgleich er
sich auf dem Meeresgrunde befand und das Meerwasser ihn umgab, doch
ganz trocken war und ohne Beschwerden atmen konnte, ja die Luft kam
ihm sogar viel reiner und wrziger vor, als die oben auf der Erde.

Es dauerte gar nicht lange, da kehrte die Schildkrte zurck; ihr
folgte eine groe Anzahl Fische in allen Gren, Formen und Farben,
wie sie der Ozean birgt; nur trugen alle ein ganz lichtes Gewebe in
blauer Farbe, wie ein Kleid, und hatten silberne Aufschlge. Sie
umringten Urashima, der sich erhoben hatte, und begrten ihn durch
Neigen ihres Kopfes ehrerbietig.

Dann nahten sich zwei grere Fische, die auch ein blaues Kleid
anhatten aber mit goldenen Aufschlgen, und die ein ebensolches Kleid
brachten und ohne etwas zu reden, Urashima die Fischerkleider auszogen
und mit dem mitgebrachten blauen Gewande bekleideten.

Urashima lie alles willenlos mit sich geschehen; er sagte sich, nun
bin ich einmal hier und kann allein nicht fort. Schlimm wird es mir
sicherlich nicht ergehen; denn, wen man mit einem Ehrengewande
bekleidet, den wird man wohl nicht verschlingen.

Nachdem ihm auch noch herrliche Sammetpantoffel an die Fe gesteckt
waren, kam eine wunderbar schne Zofe, nahm ihn bei der Hand und
fhrte ihn durch das Tor, whrend die Fische als Ehrengeleite in
respektvoller Entfernung in schnster Ordnung folgten.

Nachdem sie das Tor durchschritten hatten, gelangten sie an eine
Marmortreppe, die sieben Stufen hatte und an einem Tor von glnzendem
Mahagoniholz, an dem zahlreiche Smaragde flimmerten, endete. Hier
angelangt, ffnete die Zofe das Tor und lie Urashima eintreten, der
sich nun in einem groen Saale befand, dessen unbeschreibliche Pracht
seine Augen fast blendete. Zwanzig Sulen von reinstem Kristall trugen
die aus Korallen gebildete Decke des Saales, von der eine Unmenge
kostbarer Lampen herabhing, in denen wohlriechende le brannten. Die
Wnde waren alle aus Marmor und trugen zum Schmuck die verschiedensten
Edelsteine und Rubinen. In der Mitte des Saales befand sich ein
diamantener Thron, auf dem Otohime, die Meeresknigin sa, schn wie
die Morgenrte, die das bleiche Nachtgestirn vertreibt. Den Thron
umgab eine unendliche Menge von Wrdentrgern und Palastbeamten, alle
in kostbare Gewnder gekleidet. Die ganze Pracht war fr den an
derartige Schnheit und Wunder nicht gewohnten jungen Fischer so
blendend, da er nur zgernd und halb willenlos, langsam einen Fu vor
den andern setzte und sich so dem Throne nahte, wo er sich
ehrfurchtsvoll und demtig niederwerfen wollte. Aber die Knigin, die
seine Ueberraschung und sein Zgern mit mildem, freundlichem Lcheln
beobachtet hatte, erhob sich schnell, ergriff Urashima bei der Hand
und verhinderte so sein Niederfallen. Mit einer Stimme, die dem Klange
einer silbernen Glocke glich, s und rein, sagte sie zu ihm:

Sei mir willkommen. Ich habe gehrt, da du gestern in selbstloser
Weise einer meiner liebsten Dienerinnen das Leben gerettet hast. So
war es mein aufrichtiger Wunsch, dir diese edle Tat zu vergelten und
dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Deshalb habe ich dich zu mir
eingeladen und ich habe mich gefreut, da du so furchtlos warst und
der Gefahr nicht achtetest, den Weg hierher zu unternehmen. Wer
furchtlos ist, ist in der Regel auch treu! Der junge Fischer wute
nicht, wie ihm geschah und er war so verlegen und befangen, da er
auch nicht ein Wort zu erwidern vermochte; er machte nur eine stumme,
sittsame Verbeugung.

Auf einen Wink der Knigin wurden ihm nun seidene Polster gebracht,
auf die er sich niederlassen mute, dann stellte man ein
elfenbeinernes Tischchen vor ihm hin, auf dem sich auf einer roten
Lackplatte schmackhafte Speisen verschiedenster Art befanden, die ihm
smtlich unbekannt waren. Er lie sich nicht lnger ntigen, sondern
sprach den Speisen und Getrnken tapfer zu. Es war fr ihn im wahren
Sinne des Wortes eine Gttermahlzeit; hatte er doch in seinem ganzen
Leben noch nie derartige Sachen gesehen, geschweige denn jemals
gekostet.

Als er sein Mahl beendet hatte, forderte ihn die Knigin auf, sich den
Palast anzuschauen; sie fhrte ihn von Saal zu Saal, von Zimmer zu
Zimmer durch alle Rumlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht
ausgestattet waren und jede nur irgend mgliche Bequemlichkeit
aufwiesen.

Das wunderbarste aber war der Garten, der vier groe Beete enthielt,
die den vier Jahreszeiten entsprachen.

Das eine Beet, der Frhling, enthielt zahllose Pflaumen- und
Kirschbume, die ber und ber dicht mit Blten best waren und auf
einem saftigen dunkelgrnen Rasen standen. Auf den Zweigen saen
zahlreiche Nachtigallen, die ihre lieblichen Romanzen melodisch
ertnen lieen und eine unendliche Menge Lerchen hatte ihre Nester in
dem Bltenmeere erbaut.

Nach Sden zu befand sich das Beet des Sommers: Hier standen
Birnen- und Aepfelbume, deren Zweige sich unter der Last der
herrlichsten Frchte bis nahe zum Erdboden beugten. Grillen und
Zikaden erfllten die Luft mit ihrem einfrmigen und betubenden
Geschrei. Die groe Hitze, die in diesem Teile herrschte, wurde
gemildert durch einen sanften, khlenden Wind.

Das dritte Beet, der Herbst, im westlichen Teile gelegen, war ganz
bedeckt mit welken Blttern und Chrysanthemenblten, whrend das im
Norden befindliche vierte Beet, den Winter, ein dichter Schneeteppich
bedeckte und Eisfelder und ein zugefrorener Graben es umgrenzten. So
verbrachte Urashima sieben lange Tage im Palaste der Meeresknigin und
wurde gar nicht mde, all die Wunder und Herrlichkeiten anzustaunen,
die ihm tglich gezeigt wurden und im Entzcken ber die liebliche
Schnheit Otohimes verga er ganz seine Heimat, seinen Vater, sein
Weib und seine Kinder. Aber eines Tages, als er wieder mig
umherschlenderte, kamen ihm diese doch wieder in Erinnerung und ein
tiefes Heimweh befiel ihn. Er seufzte schwer und sprach:

Was mag wohl mein Vater von meiner langen Abwesenheit denken, wie
unruhig werden meine Frau und Kinder sein und meine Rckkehr erwarten!
Vielleicht glauben sie sogar, da ich gestorben bin, verschlungen von
den Wogen des Meeres, auf dem Grunde des Ozeans ruhe!

Ohne sich lange zu besinnen, eilte er zur Knigin und bat, ihn zu den
Seinen zurckfhren zu lassen, da er jetzt schon sieben Tage von Hause
abwesend sei und die Seinen sich sicherlich ngstigen wrden.

Die Knigin, die vergeblich sich bemhte, Urashima die Heimwehgedanken
auszureden, nahm, als sie sah, da ihre Worte nichts halfen, ihn mit
sich in ihr Zimmer, und berreichte ihm ein kleines, fest verschnrtes
Lackkstchen, indem sie sagte: Ich habe keine Gewalt dich hier gegen
deinen Willen zurckzuhalten, obgleich ich wei, da deine Rckkehr in
die Heimat dir nur Elend bringen wird. Aber nimm hier zur Erinnerung
an mich dieses Kstchen, es wird dir immer ntzlich sein und dir, wenn
du den Wunsch hast, zu mir zurckzukehren, diese Rckkehr ermglichen.
Diesen Wert behlt das Kstchen aber nur so lange, als es unerffnet
bleibt. Also beachte wohl! La dich nie durch strfliche Neugierde und
durch sonst irgend welche Umstnde verleiten, jemals das Band, das das
Kstchen verschlossen hlt, zu lsen und den Deckel zu lften; es wre
dein Tod und nie fndest du den Weg zu mir. Willst du zu mir zurck,
so gehe mit dem verschlossenen Kstchen an den Strand und rufe meinen
Namen, so werde ich dir eine meiner Dienerinnen senden, die dich
hergeleitet. Also beherzige meine Worte und la das Kstchen
geschlossen, dein Leben liegt darin. Und nun lebe wohl!

Sie kte ihn auf die Stirne und geleitete ihn bis zum Tore. Hier
stand die Schildkrte bereit, die Urashima bestieg. In kurzer Zeit war
sie mit ihm am Strande, wo sie ihn verlie. Mit dem Kstchen unterm
Arm wollte er schnell seinem Drfchen zuwandern, blieb aber auf seinem
Wege wiederholt stehen; denn es kam ihm alles, der Strand, der Weg,
die Bume und Felder etwas verndert vor. Mehrmals glaubte er, da die
Schildkrte ihn an einer verkehrten Stelle abgeladen htte, aber doch
war ihm dieses oder jenes wiederum bekannt, so da er schlielich sich
mit dem Gedanken beruhigte, der siebentgige Aufenthalt auf dem Grunde
des Meeres habe seine Augen, seine Sehkraft beeinflut.

Als er aber endlich in seinem Dorfe ankam, da waren die Huser und
Htten alle verndert, auf dem Markte standen Bume, die er nie
gesehen hatte; die Bewohner waren ihm unbekannt und so ngstlich er
auch jedem ins Gesicht schaute, er konnte keinen Bekannten entdecken,
auch die Kinder erschienen ihm fremdartig, die auch ihn verwundert
anstarrten und ihm dann nachliefen. Er wurde ganz irre und wute nicht
mehr, was er denken oder glauben sollte; doch hielt ihn die Hoffnung
aufrecht von den Seinen Aufklrung ber diese wunderbare Verwandlung
seiner Heimat whrend seiner nur siebentgigen Abwesenheit zu
erhalten. Doch je nher er zu seinem Hause kam, desto ngstlicher war
ihm zu Mute und groe Bangigkeit erfllte sein Gemt. Was wird er
hren mssen?

Aber! o Schmerz! -- Als er an die Stelle kam, da seine Htte
gestanden, da war sie nicht mehr vorhanden. Ein der, wster, mit
Unkraut berwucherter Schutthaufen war der Platz seiner Geburt. Keine
Spur von seinem Vater, seiner Frau, seinen Kindern, nichts von allem,
was ihm lieb und teuer war, war zu sehen. Schmerzerfllt sank er
weinend zu Boden, whrend in einiger Entfernung die Leute und Kinder
ihn umringten. Da trat aus der Menge ein gebeugter Greis hervor und
nherte sich Urashima mit der Frage:

Wer seid ihr Fremdling und wen suchet ihr hier? Was erfllt eure
Seele mit Kummer und Schmerz?

Mein Alter, antwortete Urashima mit schmerzbebender Stimme leise,
vor sieben Tagen verlie ich das Haus, das an dieser Sttte stand und
kehrte nun zurck, finde aber nur einen Schutthaufen, ich sehe fremde
Leute, fremde Gestalten und auch euch kenne ich nicht, sah euch noch
nie in diesem Dorfe, sagt, was ist hier in den sieben Tagen geschehen?
Wo sind mein Vater, mein Weib, meine Kinder, die ich hier zurcklie?
Obitte, lst mir dieses Rtsel, reit die Binde von meinen Augen, da
ich sehen kann!

Ich verstehe euch nicht, junger Mann! entgegnete der Greis, diese
Sttte ist ein Trmmerhaufen, solange ich denken kann. Ich kenne euch
nicht; wer seid ihr? Wie ist euer Name?

Ich bin Urashima Taro, der Fischer! rief Urashima.

Urashima Taro? -- -- rief der Greis voller Erstaunen und wich
schreckerfllt einige Schritte zurck. Seid ihr ein Gespenst? -- ein
Schattenbild? -- Urashima Taro knnt ihr nicht sein! Es geht hier die
Sage und ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, da von diesem noch
oft an dunkeln Abenden erzhlt wurde, dieser junge Fischer ging vor
nun 700 Jahren eines Morgens aufs Meer und kehrte nicht mehr zurck.
Die Grber seiner Angehrigen knnt ihr auf dem Friedhofe noch heute
sehen, allerdings zerfallen, verwittert!--

Urashima erblate, siebenhundert Jahre? rief er verzweifelt aus und
rang die Hnde. Jetzt wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er alles!
Sieben Tage im Palaste der Knigin waren sieben Jahrhunderte. Tiefe
Traurigkeit bemchtigte sich seiner, er erzhlte dem Alten mit
stockender Stimme sein Lebensschicksal, dann erhob er sich und verlie
schwankenden Schrittes wie ein Trumender das Haus; er wandte sich
wieder dem Meere zu und lie sich dort am Strande nieder, seine Lage
bedenkend.

  [Abbildung]

Tiefsinnig betrachtete er die rollenden Wogen, die unermeliche Flche
und schaute verlangend nach der Schildkrte aus, da sie ihn wieder
zurckfhre in das ewig jugendliche Reich der Meeresknigin; er dachte
aber in seiner Traurigkeit nicht daran, sie zu rufen und so sah er
vergeblich nach dem Tiere aus.

Dann fiel sein Blick auf das Kstchen, das ihm die Knigin beim
Abschiede gegeben hatte und das er gedankenlos neben sich auf den Sand
gelegt hatte.

Was bedeutet dieses Kstchen? fragte er sich. Die schne Knigin hat
zwar gesagt, es sei mein Leben darin und ich werde es verlieren, wenn
ich das Kstchen ffne. Ist dieses Gebot aber vielleicht nur eine
Probe? Enthlt das Kstchen nicht vielmehr mein Glck? Ist alles, was
ich heute erlebte, nur eine Tuschung und schwindet diese, wenn ich
das Kstchen ffne? Und selbst wenn ich sterben sollte, was schadet
es? Bin ich jetzt nicht ein Fremdling in meiner Heimat und habe
niemanden, niemanden, der mich liebt, der mich kennt? Ohne Vater, ohne
Familie, ohne Bekannte, ohne Freunde bin ich schlimmer daran als ein
Heimatloser; da ist mir der Tod nur ein Gewinn, er bietet mir etwas
Besseres, als dieses unglckselige Leben! So sprechend, lste er
langsam die Schnur, die um das Kstchen geschlungen war und ffnete
ein wenig den Deckel.

Da stieg ein kleines weies Wlkchen aus dem Kstchen empor, breitete
sich dann aus, erhob sich und schwebte langsam ber das Meer der
Richtung zu, wo sich der Palast der Meeresknigin befand.

Laut aufschreiend sprang Urashima empor und breitete sehnschtig die
Arme aus, aber -- ein jher heftiger Schmerz durchzuckte seinen Krper
und er lie die Arme sinken, da blickte er auf seine Hand und ein
eisiger Schauer befiel ihn, die Hand, soeben noch so frisch und rosig,
war welk, runzlig und knochig wie die eines Greises; nun fhlte er
auch wie sein Blut erstarrte, wie es trger durch seine Adern flo,
die Haut zog sich in Falten, der Herzschlag stockte, noch einmal
schaute er ins Wasser, da spiegelte sich ihm ein verrunzeltes graues
Greisenantlitz mit sprlich weiem Haar entgegen, sein eigenes
Antlitz, vor Minuten noch in Jugendfrische, jetzt mumienhaft
verndert. Mit einem Wehelaut sank er zu Boden und ein Huflein grauen
Staubes bezeichnete die Sttte, da Urashima jugendfrisch zurckgekehrt
in wenigen Minuten zu Staub wurde.[4]


    [Anmerkung 1: Sprich: Uraschima; Urashima = Eigenname, taro
    = ltester Sohn, im bertragenen Sinne etwa: der Erstgeborene,
    der ltere.]

    [Anmerkung 2: Derartige Tierqulereien kann man noch heute
    tagtglich als eine Belustigung der japanischen Jugend
beobachten.]

    [Anmerkung 3: sama auch san = Herr, sama ist die hflichere
    Form als san.]

    [Anmerkung 4: Die Schicksale Urashima's sind urkundlich besttigt.
    Die Zeit seiner Abwesenheit in der japanischen Chronik wird
    477--825 n.Chr. angegeben, also 348 Jahre. In den Mrchen, die
    verschiedenartig lauten, schwankt die Zeit zwischen 300 bis 7000
    Jahre. Ich habe die mittlere Zeit gewhlt, die in den neuesten
    japanischen Ausgaben auf 700 Jahre angegeben wird. Im Dorfe
    Kanagawa bei Yokohama werden heute noch das Grab und die
    Fischergerte Urashima's gezeigt. Urashima ist eine der
    beliebtesten Mrchenfiguren Japans.]




  [Verzierung]

Wenn man mit Kobolden tanzt!


In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten
Wange eine groe Geschwulst, gro wie eine Birne. Als dieser Landmann
eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem
Gewitter berrascht und flchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz
vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhrte, war es Nacht
geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden;
deshalb blieb er in der Hhlung des Baumes sitzen und erwartete den
Morgen.

Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor
Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hrte er pltzlich
Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und
sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in
verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nhe des Baumes, in
dem der Landmann sa, Platz genommen und ergtzten sich am Trunk. Als
sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der
Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake[1] zu
sich genommen htte, konnte es in seinem Versteck nicht lnger
aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.

Er kam also hervor und nherte sich den Tanzenden, die, als sie einen
Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen
aber zu: Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser
tanzt! Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.

Die Kobolde freuten sich ber sein Tanzen und versuchten es ihm
nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.

War das eine Frhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.

[Buntbild]

Da sprachen die Kobolde: Du hast uns durch deine Gesellschaft
hocherfreut. Komme doch auch morgen nacht wieder!

Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand
haben, da er auch sicherlich kme. Weit du, sagten sie zu ihm,
wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann
morgen wieder bekommen.

Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm
die Geschwulst fort, ohne da er einen Schmerz versprte. Hierauf
eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu
kommen.

Der Landmann befhlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine
Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darber
auerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu
meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein
Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.

Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten,
da er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzhlte
dann, welches Glck ihm die Kobolde fr sein Tanzen bereiteten,
verschwieg aber kluger Weise, da sie ihm die Geschwulst nur als
Unterpfand fr sein Wiederkommen abgenommen hatten.

Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der
Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.

Als er von dem Glck seines Nachbarn hrte, wollte auch er seiner
Geschwulst los werden und lie sich den Platz genau beschreiben,
wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.

In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er
wollte aber erst hren, was sie sagten und versteckte sich daher in
dieselbe Hhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann
gesteckt hatte.

Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit
zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: Unser Freund von
gestern scheint heute nicht zu kommen!

Als dies der Landmann hrte, sprang er tanzend hervor und rief: Da
bin ich schon!

Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf
wieder seine Kunst zu zeigen.

Er war aber ein ungeschickter Tnzer; auch konnte er nicht viel Sake
vertragen, soda sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und
torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergngen, dem Manne
zuzuschauen und so riefen sie: Du bist heute nicht so geschickt wie
gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach,
da du fort kommst und la dich nie wieder bei uns sehen; da wir von
dir keine Erinnerung wnschen, so hast du hier deine Geschwulst
wieder!

Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten
Manne ins Gesicht, klitsch -- klatsch -- sa sie an der rechten Wange.
Dann stie man ihn fort und er mute jetzt mit zwei Geschwlsten
heimkehren.--

Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glck besitzen
will, das andere genieen!

  [Abbildung]


    [Anmerkung 1: Sake = aus Reis bereiteter, stark alkoholhaltiger
    Wein, der hei getrunken wird.]




  [Verzierung]

Neid bringt Leid.

  [Abbildung]


Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem kleinen
Stdtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem ganzen Leben
jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut. Deshalb hatten ihn auch
alle Leute lieb, obgleich er arm war. Gerade gegenber dem Hause
dieses guten alten Mannes wohnte ein anderer alter Mann, der sehr
reich war, aber nicht gut, sondern habgierig und alles, was er sah,
gern haben wollte.

Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte und er
htte ganz einsam leben mssen, was er nicht wollte; denn er wnschte
auch in seinem Hause jemanden zu haben, den er lieb haben knnte und
der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich ein allerliebstes
kleines Hndchen an, hegte und pflegte es und hatte bald seine groe
Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe vergalt
und so treu und anhnglich war, da es nie von der Seite seines Herrn
wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete.

Eines Tages gingen der Herr und sein Hndchen spazieren und kamen an
ein des Feld. Da bellte pltzlich das Hndchen, eilte zu einer Stelle
in der Mitte des Feldes und begann mit seinen Pftchen heftig zu
scharren, indem es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte
es sagen:

Hier grabe nach, hier ist etwas fr dich! Der Alte verstand sein
Hndchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle
nach, die das Hndchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein
Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener
Koban[1], worber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und
einen groen Teil den Armen spendete.

Trotzdem er nun reich war, blieb er freundlich und bescheiden wie
bisher, hatte aber sein Hndchen noch viel, viel lieber.

Der bse Nachbar aber neidete das Glck des Alten und da er erfahren
hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das
Hndchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo
goldene Koban verborgen wren. Aber das Hndchen folgte den Lockungen
nicht und wich nie von seines Herrn Seite.

  [Abbildung]

Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen konnte, wandte
er Gewalt an, indem er das Hndchen, als dieses ruhig vor dem Hause
sa, ergriff und in sein Haus schleppte; dann band er es mit einem
Strick und fhrte es aufs Feld, damit es ihm vergrabene Schtze zeige.
Das Hndchen scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber
immer, wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im Schweie
seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts als stinkenden
Unrat, so da er erboste, das Hndchen mit seiner Hacke erschlug und
den Leichnam dem guten Alten in den Garten warf.

Der Alte war darber sehr betrbt und begrub seinen Liebling unter
einen Baum im Garten, und obgleich er wohl wute, wer der beltter
war, trug er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Shne fr die
begangene Tat.

Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hndchen im Traum und
sagte zu ihm:

Trauere nicht lnger, mein Tod wird dir noch greres Glck bringen,
wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben
bin, um und mache dir aus dem Holze einen Reismrser[2] und Schlegel!

Der Alte tat, wie ihm geheien und als er den Mrser in Gebrauch nahm,
welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mrser der Mochi[3] und nahm kein
Ende, bis der Alte zu stampfen aufhrte. Dieser war nun berglcklich;
denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte berdies den
Armen des Ortes reichlich abgeben.

Dem bsen Nachbar aber, dem dieses neue Glck seines Gegenbers zu
Ohren kam, lie es keine Ruhe; er wollte und mute den Mrser haben.
Deshalb ging er zu dem Alten und bat, er mge ihm doch den Mrser
wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewi am
andern Morgen zurck. Der Alte war gutmtig genug dem Manne zu glauben
und ihm den Mrser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus
trug, ihn bis obenan mit Reis fllte und dann zu stampfen anfing. Aber
o Graus! Anstatt schner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und
erfllte mit seinem Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte
Mann eine Axt, hieb den Mrser samt Schlegel in viele Stcke und
verbrannte diese zu Asche.

Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mrsers
beraubte Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hndchens,
das ihm wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von
dem Mrser aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem
Gefe sorgfltig auf.

Da kam eines Tages im Sptherbst, als alle Bume und Strucher kahl
waren, der Daimyo[4] mit seinem Gefolge angeritten und mute am Hause
unseres guten Alten, das an der Landstrae lag, vorber. Der Alte
ergriff nun schnell einige Hnde voll von der Asche, kletterte auf
einen am Wege stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter
war, streute er die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im
ersten Augenblick starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob
solcher Freveltat und sie wollten den Alten ergreifen.

Aber, welch Entzcken erfate alle! berall, wohin die Asche geflogen
war, grnte und blhte es, die ste und Zweige waren voller Bltter
und Blten und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter
Kirschblten auf den Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor
Freude ber solch ein Wunder laut auf und die den Alten soeben noch
zchtigen wollten, umarmten ihn und priesen seine Wundertat.

Der Daimyo war gerhrt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte
dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die
Geschichte des Hndchens gehrt hatte, ein anderes allerliebstes
Hndchen.

Der bse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging
er wieder zu dem gutmtigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas
Asche brig htte, er mge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch
tat.

Als der schlechte Mann nun einmal hrte, da der Daimyo mit seinem
Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als
die geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen
Baum zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt,
streute der Mensch wirklich die Asche ber ihn aus, aber kein Blatt
und keine Blte zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog
dem Daimyo und seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so da
ein jeder sich voller Zorn auf den beltter strzte, ihn gehrig
durchprgelte, dann in Ketten legte und ins Gefngnis steckte, wo er
nach langen groen Schmerzen verstarb. -- So ergehe es allen Neidern
und Habgierigen, die dem Nchsten sein Glck nicht gnnen und es an
sich reien mchten, anstatt sich ber das Glck des Nachbars mit
diesem zu freuen!

[Buntbild]


    [Anmerkung 1: Koban = Altjapanische Goldmnzen. Diese Goldmnzen
    hatten lnglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588
    zum ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprgt und
ausgegeben.]

    [Anmerkung 2: Groes Holzgef zum Reis stampfen.]

    [Anmerkung 3: Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zhen Brei
    zerstampfter Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird.
    Diese Kuchen heien Mochigwashi (Mochi-gwashi).]

    [Anmerkung 4: Daimyo = Frst.]




  [Verzierung]

Der schlaue Polizist.[1]


Der frhere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei
eingerichtet, die fr Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mute und
Rubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist.
Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser war recht
rgerlich. Er lie sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm
Vorwrfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie
seien alle tchtig und geschickt.

Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle
Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden knne.
Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am
anderen Morgen im Palaste einfinden.

Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes
versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen
Beutel haltend. Diesen Beutel fllte der Kaiser mit Gold und lie ihn
mitten an der Decke der Halle aufhngen, so hoch, da ihn niemand mit
der Hand erreichen konnte.

Dann sagte der Kaiser:

Hier hngt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hngen. Eine
Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel
binnen der drei Tage zu entfernen, ohne da jemand es bemerkt, so
gehrt ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in
meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe,
so jage ich euch alle zum Teufel!

Da war allgemeines Kpfeschtteln und tief betrbt gingen die
Polizisten heim; denn es schien unmglich den Beutel zu entfernen,
weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den
Beutel Tag und Nacht bewachen mute. Fr Nachlssigkeit war der Wache
mit Kopfabschlagen gedroht.

So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberhrt an
der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete
sich zum Erstaunen aller einer der jngsten Leute und erklrte, er
wolle es versuchen aber er msse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.

Er wurde zum Kaiser gefhrt; dieser lachte den jungen Menschen aus und
sagte: Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststck
gelingt euch doch nicht!

Das mag stimmen! erwiderte dieser, und ich glaube selbst, da nur
ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder
in den zwei Tagen ein! Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. Gut,
so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewhrt!
entschieder.

Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau
und prgte sich alles fest ins Gedchtnis; dann eilte er nach Hause
und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen
Steinchen fllte.

Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den rmel seiner
Jacke und lie sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte,
ob das Wunder schon geschehen sei.

Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu
drfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der
Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.

Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen
hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu
nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf
eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn
sich wieder an und steckte ihn in den rmel, indem er sagte:

Auf diese Weise wrde es gehen!

Der Kaiser erwiderte lachend: So ginge es wohl, ist aber nicht
erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne da es jemand wei.
Hnge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, da auch du
ihn nicht ausfhren kannst!

Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den
Beutel wieder hervor und hngte ihn auf. Er hatte aber nicht den
Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im rmel mit dem von ihm
vorbereiteten und mit Steinen gefllten Beutel vertauscht und diesen
aufgehangen, whrend er den echten Beutel im rmel behielt und sich
mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis
zum anderen Morgen doch das Kunststck ausfhren zu knnen.

Der Kaiser lie daher fr diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mute
die Halle so hell erleuchtet werden, da der Beutel stets zu sehen
war.

Der nchste Tag kam und auf Befehl des Kaisers muten sich alle
Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte,
sie fr immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn
auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen
Polizisten, indem er ihn hhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.

Ich glaube ja!, erwiderte dieser.

Er ist total verrckt oder unverschmt frech! rief da der Kaiser.
Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hngt doch der Beutel!

Ich sehe, erwiderte der Gescholtene, da dort wohl ein Beutel
hngt, ob es aber der wirkliche ist, mchte ich bezweifeln!

Das ist denn doch zu stark! schrie der Kaiser. Holt den Beutel
herunter und bringt ihn her! befahl er der Wache.

Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn ffnete,
aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem
Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, da es gar nicht der
frhere Beutel war.

Kerl, wie hat er das fertig gebracht? fragte er den listigen Mann.
Dieser erzhlte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen
dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe.

Bist ein verteufelt schlauer Bursche! sagte dann der Kaiser. Und da
du mir der Klgste von allen zu sein scheinst, sollst du deren
Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafr, da deine
Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern! Und so geschahes!

  [Abbildung]


    [Anmerkung 1: Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese
    Sammlung mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde
    und jetzt unter dem Namen Chosen eine japanische Provinz ist.
    Obige Erzhlung erinnert an den listigen Dieb aus 1001 Nacht.]




  [Verzierung]

Der Abt des Klosters Yakushi.


Bei Nara auf der Strae nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute
allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo[1] bekannt ist, obgleich sein
alter wirklicher Name Yakushi-ji[2] ist.

Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfrchtiger Abt, der
sich bemhte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu
geben; er sammelte keine Reichtmer an, sondern verteilte die dem
Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt
keinen Sen fr sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als
gerechter Diener in Buddha's Paradies einziehen zu knnen. Als aber
diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha's harrte, der ihn
abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen
nahen, der von allerlei buntfarbigen Hllengeistern gezogen wurde. Der
Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich
keines Unrechts bewut war, Bses begangen habe, da anstatt Buddhas
Bote Diener der Hlle kmen. Die Antwort lautete:

Du hast vor vielen Jahren eine Ma Reis aus dem Klostereigentum fr
dich entnommen und bis heute noch nicht zurckgegeben. Dieser Snde
wegen harret deiner die Hlle!

Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gnnen, diese von ihm lngst vergessene
Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu knnen. Diese
Bitte wurde ihm gewhrt.

Er rief hierauf alle Klosterbrder und Schler des Klosters an sein
Lager, erzhlte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen
unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: Nehmet alle meine
geringe Habe, veruert sie und gebet den Erls zum Klostergute, auf
da meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch
alle aber ermahne ich, lat diese Lehre nie aus eurem Herzen
schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Ma Reis wegen die Hlle
drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewut am Klostergute
vergreifen und Reichtmer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!

Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurck, seine Lippen
murmelten: Der Friedensbote naht! Namida Butsu -- Heiliger Buddha
hilf! Ein Lcheln verklrte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in
das Paradies als getreuer Diener des Herrn.


    [Anmerkung 1: Hort des Westens, Nishi-Welt.]

    [Anmerkung 2: Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses
    Kloster befand sich frher im westlichen Teile der Stadt. Da
    letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Gre und
    ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt
    auerhalb der Stadt an der Landstrae.]




  [Verzierung]

List geht ber Gewalt.[1]


Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfller. Der ging stets
in den Wald, um Bume zu fllen. Als er einmal wieder im Walde war,
hrte er pltzlich ein dumpfes Brllen, das von einem wilden Tiere zu
kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte
sich dort. Da das Brllen andauerte, aber nicht nher kam, so packte
ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme.

Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend
hin, aus der das Brllen erscholl. So kam er immer nher und sah
endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der
sich vergeblich bemhte wieder frei zu kommen und ein wtendes Brllen
ausstie.

Als dieser den Holzfller bemerkte, rief er ihm zu: Was gaffst du
mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo
viele Reichtmer verborgen sind!

Da ich dumm wre! entgegnete der Mann. Bist du frei, so frit du
mich auf!

Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts! versicherte
der Tiger und gab so viele schne gute Worte, da der Holzfller sich
bereden lie und den Tiger befreite.

Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er
seinen Befreier eine Weile an und sagte:

Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen
Riesenhunger, da ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtmer?
Einmal mut du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir
die Kosten des Begrbnisses.

Hltst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit? rief der
Holzfller.

Ach was! sprach der Tiger. Mit leerem Magen fhlt man keine
Dankbarkeit, erst mu ich meinen Hunger gestillt haben! So stritten
sich die Beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen,
hrte den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.

Der Tiger erzhlte ihm, da der Mann ihn zwar befreit habe, da aber
das Gefhl des Hungers strker sei als das der Dankbarkeit.

Ganz recht, alter Onkel! sagte da der Hase. Verspeise den Mann mit
gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch
Groen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. -- Aber,
was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Strke nicht
selbst befreien? sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die
Falle betrachtete. Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!

Ich flunkern? rief rgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in
die Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. Seht! so ging
ich, ohne zu beachten, was es ist, hier in die Falle!

Schn, schn! nun mchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch
gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel! lachte der Hase, sprang
auf die Falle, lste flink den Riegel, so da die Falle sich schlo
und der Tiger wieder gefangen war.

  [Abbildung]

So! sagte der Hase zum Holzfller, wenn es euch nun beliebt, den
alten Snder da drinnen wieder zu befreien, mag er euch mit vollem
Recht verspeisen; ich aber will nicht dabei sein! So sprechend machte
er ein Mnnchen und sprang lustig in den Wald hinein.

Der Holzfller, froh sein Leben gerettet zu sehen, htete sich
natrlich, den Tiger zum zweiten Male zu befreien und eilte frohgemut
zu seiner Arbeitssttte zurck, verfolgt von dem wtenden Gebrll des
berlisteten alten Rubers.

So kommt man mit List weiter als mit Gewalt und wer mehr seinem Magen
folgt als seinem Verstande, geht meistens zugrunde.


    [Anmerkung 1: Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu der schlaue
    Polizist Seite27.]




  [Verzierung]

Die Krte von Osaka und die von Kyoto.


In Kyoto wohnte einmal eine Krte, die sehr reich und gelehrt war.
Einmal hrte sie von Naniwa[1] und den dortigen Kunstschtzen sprechen
und sie bekam den Wunsch diese einmal zu sehen.

Eines schnen Frhlingstages machte sie sich denn auch auf die Reise,
die sie aber zu Fu unternahm, weil man bei einer Fureise mehr sehen
und erfahren kann.

So wanderte sie denn von Kyoto den Weg entlang, der nach Osaka fhrt
und kam ber Myosin und Yamasaki bei Hishi Kaido, wo der berhmte Berg
Tenno ist, ber den der Weg fhrt.

Da der Tenno yama[2] in der Mitte zwischen Kyoto und Osaka liegt, so
beschlo die Krte, als sie mit Mhe und Not die Berghhe erklettert
hatte Rast zu machen.

Nun wohnte aber auch in Osaka eine Krte, die zur gleichen Zeit den
Wunsch hatte, Kyoto zu sehen; auch diese machte sich auf den Weg und
kam nach vieler Mhe ber Tokatsuki ebenfalls auf dem Gipfel des
Tennoyama an, wo sie mit ihrer Kollegin aus Osaka zusammentraf.

Beide Krten begrten sich, wie es bei solch hohen Herrschaften
blich ist, mit vielen Verbeugungen und besprachen ihre Reise.

Schlielich sagten sie: Wir haben hier erst die Hlfte unserer Reise
hinter uns und die andere Hlfte noch vor uns. Aber unsere Beine und
Hften schmerzen uns und drcken uns nieder. Da wir von hier Osaka und
Kyoto sehen knnen, so wollen wir uns auf unsere fnf Zehen stellen
und jede den Ort betrachten, wo wir hin wollten. Auf diese Weise
vermeiden wir weitere Anstrengung und Schmerzen!

So taten sie.

Die Krte von Osaka wendete den Kopf nach Kyoto, die von Kyoto nach
Osaka, dann richteten sie sich auf ihren Hinterfen auf und
betrachteten aufmerksam die betreffende Stadt.

Da nun aber die Krten ihre Augen oben auf dem Kopfe haben, (woran die
beiden nicht dachten), so schauen sie, wenn sie sich emporrichten
stets rckwrts. Und so kam es, da die Krte von Osaka nicht Kyoto
sondern Osaka und die andere gleichfalls nicht Osaka sondern Kyoto
sah, jede also die Stadt, von der sie hergekommen war.

Als sie genug geschaut hatten, sagte die Krte von Kyoto: Ich habe
gehrt, da Osaka eine berhmte Kunststadt sein soll; aber ich sehe,
sie ist gar nicht anders als Kyoto. Da ist es besser gleich
heimzukehren!

Auch die Krte von Osaka sagte, indem sie eine verchtliche Grimasse
schnitt: Und ich hrte, da die Hauptstadt[3] die schnste Stadt des
Landes sei und einer Blume gleiche; jetzt sehe ich aber, da sie
vollstndig Osaka gleicht. Da kehre ich auch um und gehe heim!

Sie begrten sich gegenseitig zum Abschied und gingen eine jede in
ihre Heimatstadt zurck.

Wir knnen an diesem Beispiel lernen, da oft ein falsches Urteil
gefllt wird, weil man seine Augen nicht richtig benutzt und nicht
wei, wo man sie hat. Daher ergeht es vielen Menschen so wie diesen
Krten.


    [Anmerkung 1: Naniwa = altjapanischer Name fr Osaka.]

    [Anmerkung 2: Tennoyama = Berg Tenno, Tenno = Name, yama = Berg.]

    [Anmerkung 3: Kyoto war von 794 bis 1869 die Hauptstadt Japans.]




  [Verzierung]

Der Affe und der Sake.[1]

  [Abbildung]


Es wollte einmal ein Jger einen Affen fangen. Da aber die Affen sehr
schlaue Tiere sind, gelang es ihm lange Zeit nicht einen zu fangen.

Da fiel ihm pltzlich eine List ein. Er nahm eine groe Schssel,
fllte sie bis obenan mit Sake und stellte sie etwas entfernt vom
Rande des Waldes auf.

Der Affe hatte, hinter den Blttern eines Baumes versteckt, dem Jger
zugeschaut und als dieser sich entfernt hatte, sprang er vom Baume und
wollte sehen, was in der Schssel sei.

Er roch, da es Sake sei.

Aha! dachte er, ich soll den Sake trinken und wenn ich betrunken
bin, will mich der Jger fangen. Aber ich bin klger als er denkt und
werde von dem Sake nichts trinken.

Damit ging er zurck, blieb aber nach einem Weilchen stehen; denn der
Sake roch doch zu lieblich und verfhrerisch.

Was kann es schaden, setzte er sein Selbstgesprch fort, wenn ich
nur davon nippe und einige Tropfen geniee! Das macht noch lange nicht
betrunken. Nur vorsichtig mu ich sein und darf nicht zu viel
trinken!

Zgernd ging er wieder zurck und nherte sich der Schssel; dann
schlrfte er einige Tropfen, die ihm recht gut schmeckten.

Ein wenig mehr kann nichts schaden! dachte er weiter und nahm wieder
einige Tropfen zu sich.

Ah, wie das wohl tut! sprach er mit dem Sake liebugelnd, nur noch
einen krftigen Schluck, dann aber sei es genug und fort von hier.

Er nahm nun einen recht groen Schluck und lief dann zum Walde zurck,
aber am Rande blieb er stehen.

Noch bin ich nicht betrunken, meinte er, und ich merke nichts
weiter als ein angenehmes Wohlgefhl. Zu stark scheint mir also der
Sake nicht zu sein oder ich kann mehr vertragen, als ich dachte.

brigens habe ich ja auch fast gar nichts getrunken; die Schssel ist
noch nahezu voll. Also schnell nochmals hin und einen guten Zug
getan.

Auch dies geschah; aber der Zug war so krftig, da nur noch ein
kleiner Rest in der Schssel blieb, den der Affe berlegend
betrachtete und schlielich auch noch leerte; denn dieser kleine
Rest, so philosophierte er, macht jetzt auch nichts mehr aus.

So war die Schssel leer geworden, aber Kopf und Wangen des Affen
waren voll; er konnte den Wald nicht mehr erkennen und wurde sehr
mde.

Er nahm daher die Schssel, stlpte sie um und legte sie unter seinen
Kopf; dann schlief er ein, indem er noch dachte: Was mag wohl aus
dieser Geschichte jetzt werden?

Kaum war er eingeschlafen, so kam der Jger, band ihn und trug ihn
nach Hause.

Als der Affe ausgeschlafen hatte, fand er sich in einem Kfig und
hatte frchterliche Schmerzen im Schdel.

So geht es, wenn man lstern ist und sich nicht zu beherrschen wei.
Wer am Sake riecht, trinkt ihn dann auch.

  [Abbildung]


    [Anmerkung 1: Sake = Reiswein.]




  [Verzierung]

Die Auster.


Auf dem Meeresgrunde lebte einmal eine Auster. Diese hatte, wie alle
Austern, sehr starke Schalen, die sie, wenn ein verdchtiges Gerusch
ertnte, jedesmal fest schlo; denn dann konnte ihr, wie sie glaubte,
nie etwas Bses geschehen. Die Fische im Meere beneideten sie deshalb
und sagten zu ihr: Frau Auster, Ihr habt eine schne Festung; wenn
Ihr sie schliet, seid Ihr sicher und knnt daher ein recht schnes
Wohlleben fhren!

Es ist nicht weit her, erwiderte die Auster bescheiden aber mit
Stolz; wenn ich auch vor uerer Gefahr sicher bin, so bin ich doch
nicht ohne Not; denn es ist gar zu langweilig das Leben!

In diesem Augenblick gab es unter den Fischen eine groe Unruhe und
das Wasser wurde aufgerhrt, flugs schlo die Auster ihre Schalen und
dachte: Ach, die armen Fische! Jedenfalls ist da wieder ein Netz oder
eine Angel. Ich bin nur froh, da ich in meiner Schale sicher bin! Ja,
ja, man mu stets vorsichtig sein!

Die Auster verhielt sich ganz ruhig; nachdem das Gerusch verstummt
war, wollte sie sehen, was geschehen sei und ffnete vorsichtig die
Schalen, aber o Schreck: An ihrer Schale hing ein Zettel, auf dem
stand: Diese Auster kostet 2 _sen_![1]

Sie befand sich auf dem Ladentisch eines Fischhndlers.

Hieraus kann man lernen, sich nie in Sicherheit zu wiegen und nie vor
einer Gefahr die Augen zu schlieen.


    [Anmerkung 1: Ein _Sen_, jetzige japanische Mnze = 2 Pfennig.]





  [Verzierung]

Der Sperling mit abgeschnittener Zunge.


Es lebte einmal ein altes Ehepaar. Der Mann war stets mitleidsvoll und
erbarmte sich der Tiere. Er war ruhig und nie unzufrieden. Seine Frau
war gerade das Gegenteil von ihm, habgierig, unzufrieden und
rachschtig.

Eines Tages fand der Mann im Garten einen jungen Sperling, der sich
einen Flgel gebrochen hatte und deshalb nicht weiterfliegen konnte.
Den Mann dauerte das arme Tierchen, er nahm es daher vom Boden auf und
trug es behutsam in sein Haus. Dort verband er den verletzten Flgel
und bettete den Sperling in einen Vogelkorb, den er mit Watte
ausgepolstert hatte.

Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen lie,
heilte der Flgel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder
fliegen.

Einige Tage spter ging der Mann frh morgens in den Wald um trockene
ste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat
der Mann sonst tglich, hatte es aber whrend der Pflege des Sperlings
ganz vergessen, so da er, als er sah, da es dem Vogel besser gehe,
sich endlich wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling
kein Futter hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurck zu sein.

Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hpfte er aus dem
Krbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade
einen dicken Strkekleister zurecht gemacht hatte. Den Kleister sehen
und seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu,
als es sich der Sperling schmecken lie. Wtend darber lief die Frau
ins Haus, holte eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt
ihm die Zunge ab und lie ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: Warte
ich will dich lehren, fremder Leute Kleister zu fressen!

Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde
verschwunden.

Als der Mann mit seiner Holzlast zurckkam und die Alte, noch immer
wtend, ihm erzhlte, da der Sperling von ihrem Kleister genascht und
sie ihm zur Strafe dafr die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr
betrbt, setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme
Tierchen zu suchen. Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er
berall fragte: Habt Ihr nicht einen Sperling mit abgeschnittener
Zunge gesehen? Aber niemand hatte ihn gesehen, niemand konnte
Auskunft geben.

Endlich kam er an ein dich{tes Ge}bsch, vor dem ein hbscher kleiner
Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm entgegenhpfte
und sich verneigte.

Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast, sagte er; ich
habe beobachtet, da du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater
ist gesund heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen
gekommen, um dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also,
bitte, komm und folge mir!

Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhpfenden
Sperling.

Nach einem Weilchen kamen sie an ein groes, schnes Haus, in dem
viele, viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den
der Alte gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein nher zu treten
und lie ihn Platz nehmen. Er sagte: Dir braven Manne zu Ehren habe
ich das heutige Fest veranstaltet. Nun i und trink und la es dir
wohl sein; ich werde dir zeigen, da auch ein Sperling dankbar sein
kann!

Als der Alte Platz genommen hatte, wurden ihm gebackene Fische,
Fleisch, Kuchen und allerlei Leckerbissen vorgesetzt, so viel und so
schn und gut wie er noch nie in seinem Leben gesehen, viel weniger
denn gegessen hatte. Dazu wurde eine herrliche Musik gemacht und
muntere Sperlingweibchen und Sperlingfrulein fhrten einen
kunstvollen Tanz auf. Kurz, der alte Mann kam aus dem Staunen garnicht
heraus und glaubte im Himmel zu sein, so schn erschien ihm dies
alles, ihm, der bisher zwar nicht gehungert, wohl aber kmmerlich in
Not und Sorge gelebt hatte.

Zum groen Leidwesen aller ging auch dieses schne Fest, wie alles in
der Welt, einmal zu Ende und der Mann verabschiedete sich unter vielen
Dankesworten von den gastfreundlichen und dankbaren Sperlingen. Der
Sperling aber, den der Mann gepflegt hatte, fhrte ihn noch in ein
Zimmer und zeigte ihm zwei Lackksten, der eine gro, der andere
klein, und sagte ihm: Damit du nicht leer nach Hause kommst, whle
dir einen dieser beiden Ksten zur Erinnerung an mich!

Der Alte dachte, den groen zu nehmen wre unbescheiden; auch bin ich
alt und schwach und kann den kleinen besser tragen.

[Buntbild]

Also whlte er den kleinen Kasten und nahm ihn auf den Rcken, indem
er dem Sperling nochmals fr alles Gute und Schne, das er gesehen und
genossen hatte, bestens dankte. Der Sperling begleitete ihn noch ein
Stckchen Wegs und als er sich von dem alten Manne am Rande des Waldes
verabschiedete, warnte er ihn, unterwegs den Kasten zu ffnen. Er
drfe ihn erst zu Hause ffnen. Der Alte versprach es; whrend er nun
seines Weges dahinschritt, wurde der Kasten auf seinem Rcken immer
schwerer, so da er ihn kaum zu tragen vermochte und mehrmals in
Versuchung kam, ihn abzusetzen und zu sehen, was darinnen sei; aber er
gedachte der Warnung des Sperlings und schritt tapfer weiter, bis er
endlich ganz erschpft bei seinem Hause ankam. Hier empfing ihn seine
Frau mit Scheltworten und hie ihn einen Nichtstuer und Herumtreiber.

Als der Mann ihr aber erzhlte, wie es ihm ergangen sei, da wurde sie
sehr neugierig und beide ffneten den Kasten.

Man denke sich die Freude! Der Kasten war bis obenan mit Gold und
Edelsteinen und kostbaren Dingen gefllt. Nun hatte alle Not ein Ende.
Der Alte mute nochmals sein Erlebnis ganz genau erzhlen. Als die
Frau hrte, da er von den beiden Ksten den kleineren gewhlt habe,
da wurde sie ganz bleich vor rger und Wut und schrie den Alten an:
Du bist und bleibst ein dummer Kerl! Nein solche grenzenlose Dummheit
ist mir noch nie vorgekommen, einen kleinen Kasten zu nehmen, wenn du
einen groen erhalten kannst. Gleich trgst du den Kasten zurck und
holst den greren!

Dann wre ich wirklich dumm, erwiderte der Alte, das, was wir jetzt
haben, reicht fr unser Leben aus, ja, es ist mehr als zuviel. Was
sollen wir mit noch grerem Reichtum. Ich bin vollstndig zufrieden
und glcklich!

Da wurde die Frau noch bser und rief: Dann sei du es, ich will aber
den groen Kasten unbedingt haben und werde ihn mir selbst holen!

Kaum hatte sie dieses gesagt, da war sie auch schon zum Hause hinaus
und auf dem Wege zum Sperlingsheim.

Am Gebsch angekommen, stand wieder der kleine Sperlingda.

Fhre mich zu deinem Vater! herrschte sie ihnan.

Komm! erwiderte kurz der Sperling und hpfte voran.

Im Sperlingsheim waren nur noch wenige Sperlinge anwesend. Der
Sperling, dem die Frau die Zunge abgeschnitten hatte, empfing die Frau
und sagte zu ihr: Ich wei schon, warum du kommst. Doch erst setze
dich und erhole dich von deinem Wege!

Sie wurde ins Haus gefhrt und mute sich setzen, dann brachte man ihr
allerlei Essen und Getrnke in geschlossenen Schsseln.

Als sie lstern den Deckel von der ersten Schssel hob, da sprang ein
Frosch heraus. Dann machte sie sich an die anderen Schsseln, aber in
jeder war irgend ein Untier wie Krten, Schlangen u. dgl. verborgen
und in den Trinkgefen war belriechendes Wasser, so da sie sich mit
Ekel und Entsetzen abwenden und hungrig aufstehen mute. Hierauf wurde
sie in das Zimmer gefhrt, wo wieder zwei Ksten standen, der eine
gro, der andere klein. Ohne lange zu warten, ergriff sie den groen
Kasten, nahm ihn auf den Rcken und eilte davon. Der Sperling rief ihr
noch nach: ffne den Kasten nicht unterwegs! Schon gut, schon gut!
schrie die Alte zurck, ohne sich aufzuhalten; denn sie konnte ihre
Begierde gar nicht verbergen.

Auf der Hlfte des Weges plagte sie die Neugier, sie mute unbedingt
wissen, wieviel in dem Kasten sei. Ihre Neugierde und Habsucht lieen
es nicht zu, da sie wartete, bis sie daheim war. An einer lichten
Stelle im Walde setzte sie den Kasten ab und vor Aufregung zitternd
hob sie den Deckel ab, um ber den Reichtum herzufallen.

Aber mit furchtbarem Getse flog ihr der Deckel aus den Hnden und dem
Kasten entstiegen eine Unzahl schrecklicher Gestalten, Gespenster,
Geister, Teufel und Drachen und bedrohten die Frau, die vor Schreck
auf den Rcken fiel, dann aber emporsprang und schreiend davonlief,
die Schar der dem Kasten entsprungenen frchterlichen Gestalten mit
Gebrll hinter ihr her.

Die Frau lief, was sie laufen konnte, sie hielt sich dabei die Ohren
zu, um das entsetzliche Gebrll nicht zu hren und jeden Augenblick
glaubte sie, die Krallen eines der Ungetme im Nacken zu fhlen. So
rannte sie durch den Wald, stie an Bume und zerschlug sich die
Stirne, whrend die Zweige sie ins Gesicht peitschten und die Dornen
ihre Kleider, Fe und Hnde zerrissen. Erst am Waldesrande wurde das
Getse leiser und verstummte endlich ganz, als sie erschpft,
zerschunden und zerschlagen vor ihrem Hause ankam, wo sie ohne
Besinnung zusammenfiel. Ihr Mann kam heraus, trug sie ins Haus und
pflegte sie. Als sie endlich wieder die Augen aufschlug und gesund
wurde, da war sie ganz umgewandelt, sie war still und geduldig und
sagte kein bses Wort mehr.

Darber freute sich der Mann sehr und lebte mit seiner jetzt braven
Frau noch viele, viele lange Jahre, whrend deren beide von ihrem
Reichtum den Armen abgaben und Freunde und Beschtzer der Tierwelt
wurden. Die Vgel und Tiere des Waldes kamen jetzt immer gern zum
Hause der alten Leute und frchteten sich nicht mehr vor der bsen
Frau, die nun vollstndig von ihren bsen Leidenschaften befreit war
und den Tieren gern Futter streute.

So erwies sich ein Sperling dankbar und besserte die Frau, die ihm die
Zunge abgeschnitten hatte, durch den furchtbaren Schreck, den sie nie
verga.




  [Verzierung]

Die geplagte Krabbe.


In uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten, Huser
bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem kleinen, sauberen
Huschen eine Krabbe, dicht an einem Berge und zwar an dessen
Schattenseite, weil es dort nicht zu hei wird, sondern immer hbsch
khl und feucht bleibt, wie es die Krabben lieben. Diese Krabbe war
eine fleiige und tchtige Hausfrau, die sich mit ihrer Hnde Arbeit
mhselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr Huschen stets in
Ordnung hielt und so von frh bis spt beschftigt war. Eines Tages
nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause bequem
gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter wanderte,
lie er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die Krabbe
hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Huschen zu
schaffen. Dies hatte aber ein Affe beobachtet, der ebenfalls Appetit
auf Reis hatte. Er kam schnell herbei und schlug der Krabbe vor den
Reis zu teilen. Die gutmtige Krabbe war dazu gern bereit, aber die
Hlfte des Restes war dem Affen doch zu wenig, um seinen Appetit zu
befriedigen und so schlug er vor, die Krabbe solle ihm den ganzen Rest
des Reises geben, wofr er ihr eine Hand voll Kakikerne geben wolle.
Er hatte nmlich kurz vorher eine rote, saftige Kaki[1] gegessen und
die Kerne aufgehoben: Man sieht, der Affe war ein schlauer Patron und
dachte die Krabbe zu berlisten.

Die Krabbe ging auch auf den Tausch ein und nahm die Kakikerne in
Empfang, whrend der Affe den Reis empfing, den er sogleich verzehrte
und sich dann, die dumme Krabbe verspottend, lachend entfernte. Die
Krabbe war aber gar nicht so dumm als der Affe dachte; sie wute sehr
wohl, warum sie den Tausch annahm. Nachdem sich nmlich der Affe
entfernt hatte, ging sie in ihren Garten, der sich vor ihrem Huschen
befand, whlte dort eine schne Stelle gerade am Eingange und pflanzte
dort die Kerne ein, dann trug sie Wasser aus dem nahen Bache herbei
und go dieses auf die eingepflanzten Kerne. Dann sorgte sie
tagtglich, da der Platz ungestrt blieb und hatte endlich die Freude
zu sehen, da aus einem der Kerne wirklich ein Pflnzchen emporscho.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem zarten Pflnzchen, dank der
Sorgfalt und Pflege, die die Krabbe darauf verwendete, ein recht
krftiger Kakibaum, der auch bald schne, saftige Frchte, so s wie
Ame[2] trug, und dessen Zweige der Krabbe berdies reichlich Schatten
spendeten.

So verging eine geraume Zeit. Eines schnen Tages aber spazierte unser
Affe vorbei und sah mit groem Erstaunen den schnen Kakibaum voll
herrlicher Frchte. Er trat nher, begrte die Krabbe mit
ausgesuchtester Hflichkeit und fragte, wie dieser Baum hieher komme,
wo doch frher nicht einmal ein Strauch war. Die Krabbe erzhlte mit
groer Befriedigung, da der Baum aus einem der Kerne ersprossen sei,
die sie vor Jahren von dem Affen gegen den Reis eingetauscht habe.
So, so! meinte da der Affe, dann wre es ja eigentlich mein Baum
und die Frchte wren ebenfalls mein Eigentum!

Warum nicht gar! rief entrstet die Krabbe; du hast die Kerne in
Tausch gegeben, ich habe sie also redlich erworben. Die Kerne waren
also nicht mehr dein Eigentum, denn du hast den Reis dafr genommen.
berdies ist es nur meiner Arbeit und meiner Mhe gelungen, den Baum
grozuziehen, du hast also gar keinen Anteil daran.

Na, seid nur nicht gleich so bs! entgegnete lachend der Affe, ich
habe ja nur einen Scherz gemacht; oder dachtet ihr, ich wrde euch den
schweren Baum fortschleppen? Aber, damit ich es euch sage, ich habe
gerade etwas Hunger und so einige schne Kaki htte ich gern wieder
einmal gegessen!

Die Krabbe war schnell besnftigt, und da der Affe gar zu schn zu
bitten verstand, erlaubte sie es ihm, sich selbst einige Frchte vom
Baume zu holen, da sie nicht so gut klettern knne als er, der Affe.
Auch mute dieser ihr versprechen die Hlfte der reifen Frchte ihr
herabzuwerfen, die andere Hlfte knne er dann verzehren oder
mitnehmen. Der Affe lie sich dies nicht zweimal sagen, sondern
versprach der Krabbe ihren Wunsch zu erfllen, und kletterte schnell
am Baum empor.

Kaum war er oben, als er an sein Versprechen nicht mehr dachte, er
suchte sich die schnsten Frchte aus und verspeiste sie in aller
Gemtlichkeit. Die arme Krabbe wartete und wartete, aber der Affe
dachte nicht daran, ihr auch nur eine Kaki hinabzuwerfen, so da sie
ihn endlich an Erfllung seines Versprechens mahnte. Der jedoch warf
ihr jetzt lachend nur die Kerne ins Gesicht und als die Krabbe darber
rgerlich wurde und den Affen einen Schwindler, Betrger und Dieb
nannte, da ri er unreife und harte Frchte ab und schleuderte sie auf
die Krabbe, die sich dem Bombardement nur durch schleunigste Flucht
entziehen konnte.

  [Abbildung]

Da sie nun einsah, da sie auf diese Weise mit dem Affen nicht fertig
wrde, dachte sie sich eine List aus und rief, indem sie langsam
zurckkehrte, als der Affe sich gerade seine Taschen mit den reifsten
Frchten gefllt hatte:

Nun la es einmal genug sein des absonderlichen Spaes; da du werfen
kannst, habe ich gesehen. Man sagt aber auch, da ihr Affen so schne
Purzelbume schlagen und am Schwanze hngend euch von Zweig zu Zweig
schwingen knnt, das kannst du sicherlich nicht!

Was kann ich nicht, du dumme Krabbe? Ich kann keine Purzelbume
schlagen? schrie ganz emprt der Affe. Da schau her, du dummes
Vieh! Dies sagend, hing er sich am Schwanze auf, schwang sich ber
verschiedene Zweige und machte die schnsten Bauchwellen an einem
krftigen, glatten Aste. Darauf nun hatte die Krabbe nur gewartet;
denn beim Herabhngen und Schwingen waren natrlicherweise dem Affen
die Frchte aus den Taschen gefallen und rollten am Boden dahin,
wo sie die Krabbe schnell auflas und in ihr Huschen in Sicherheit
brachte.

Als der Affe mit seinen Turnkunststckchen fertig war und siegesbewut
der Krabbe einige Spottworte zurufen wollte, da merkte er, da seine
Taschen leer waren und sah, wie die Krabbe soeben die letzte Kaki
auflas.

Voller Wut, sich berlistet zu sehen, war er mit einem Satze vom
Baume, warf sich auf die Krabbe, prgelte sie windelweich und lie sie
halbtot liegen, dann machte er sich schleunigst davon. Die arme Krabbe
aber schleppte sich, als der Affe verschwunden war, mhselig und unter
groen Schmerzen zum Bache, wo sie ihre Wunden wusch und khlte. Nun
hatte aber die Krabbe eine Freundin, nmlich eine Wespe, die in einem
alten, abgestorbenen Baume, der am Rande des Baches stand, wohnte.
Diese sah, wie die Krabbe ihre Wunden wusch; sie flog herbei und
fragte, was denn geschehen sei.

Die Krabbe erzhlte ihr die Schandtat des Affen, worber die Wespe
sehr emprt war und beschlo den Affen zu bestrafen; sie flog zu
einigen anderen Freunden, erzhlte denen die Geschichte weiter und
hatte es endlich auch soweit gebracht, da zwei derselben, nmlich ein
Ei und ein groer, schwerer Reismrser sich mit ihr einig erklrten
den Affen zu bestrafen. Zunchst aber mute die Krabbe erst wieder
gesund werden, weshalb die drei sie aufsuchten und in ihrem Leiden so
vortrefflich verpflegten, da sie bald wieder ganz hergestellt war bis
auf eine kleine Lhmung im rechten Vorderbein.

Als nun die Krabbe wieder ausgehen konnte, wurde Kriegsrat gehalten.
Die Krabbe, die gutmtig war und mit dem Aufhren der Schmerzen auch
keine Rachegedanken mehr hatte, wollte jedoch von einer so strengen
Bestrafung, wie das Tten des Affen, das die andern vorschlugen,
nichts wissen. Schlielich einigte man sich dahin, da, wenn der Affe
um Verzeihung bitte und verspreche nichts Bses mehr gegen die Krabbe
zu unternehmen, ihm verziehen werden solle; wenn nicht, msse es ihm
ans Leben gehen.

Die Wespe erhielt den Auftrag diesen Beschlu dem Affen zu verknden
und ihn aufzufordern, vor dem Hause der Krabbe zu erscheinen, um seine
Entschuldigung vorzubringen. Sie flog, sum, sum, in den nicht zu weit
entfernten Wald, wo der Affe wohnte, und hatte das Glck ihn
anzutreffen. Mit lautem Summen flog sie durchs Fenster ins Zimmer,
wo der Affe bei einem Flschchen Sake[3] hockte[4].

Was bringt ihr denn Gutes, Frau Wespe? fragteer.

Gutes oder Bses, wie ihr es nehmen wollt! entgegnete die Wespe und
richtete ihren Auftrag aus. Der Affe lachte: Eure Drohung verlache
ich, wie knnt ihr euch erdreisten mir mit dem Tode zu drohen, da
mssen doch erst andre kommen als ihr winzigen Geschpfe. Seid nur
nicht zu bermtig, sagte die Wespe, so klein wir sind, haben wir
doch unsre Waffen!

Prahle nicht, dummes Vieh! rief der Affe rgerlich; aber kaum hatte
er das gesagt, so sa ihm die Wespe schon auf der Nase und versetzte
ihm einen recht krftigen Stich. Brllend vor Schmerz sprang er da auf
und schrie: Ich komme, ich werde kommen!

Schn! das war dein Glck! Aber hte dich vor schlechten Streichen,
du entrinnst uns nicht! Mit diesen Worten flog die Wespe davon und
verkndete ihren Freunden daheim das Resultat ihrer Sendung.

Am andern Tage mute die Krabbe sich noch krank stellen und sie legte
sich auf ihr Lager sich bis zum Kopfe zudeckend, der Mrser stellte
sich auen auf einen Vorsprung oberhalb der Tr, das Ei legte sich auf
den Herd und die Wespe setzte sich auf den Rand eines Wasserkbels,
der in einer dunkeln Ecke stand. So erwarteten alle vier den Affen. Es
dauerte auch gar nicht lange, so kam er ganz furchtsam angeschlichen.
Seine Nase war infolge des Wespenstiches furchtbar angeschwollen, das
sah so komisch aus, da der Mrser sich vor Lachen schttelte und fast
von seinem Platze gestrzt wre, wenn er sich nicht schnell
festgehalten htte. Der Affe sah sich sorgfltig nach allen Seiten um;
als er aber niemanden erblickte, kam er nher und sphte durch die Tr
ins Zimmer, wo er die Krabbe still liegen sah. Nun kehrte sein Mut
zurck und er trat keck ins Zimmer und begrte mit scheinheiliger
Miene die Krabbe, die ganz krank und elend tat und mit leiser Stimme
seinen Gru erwiderte. Sie erwartete, da der Affe seine Bitte um
Verzeihung vorbringen werde; dem war aber sein alter bermut wieder
zurckgekehrt und er dachte gar nicht daran sich zu demtigen,
vielmehr erblickte er das Ei auf dem Herde, das er schnell ergriff,
indem er hhnisch lchelnd sagte: Du also bist eins von denen, die
mir ans Leben wollen? Das darf nicht ungestraft dahingehen. Deine
Frechheit soll jetzt dich das Leben kosten und dabei sollst du mir
noch recht schn schmecken, denn Eier esse ich zu gerne!

Hte dich, Affe, rief warnend die Krabbe, du weit, was deiner
wartet, wenn du deine bsen Streiche nicht lt!

Da sieh, wie ich deine und deiner sogenannten Freunde Drohung
frchte! sagte da der Affe und legte das Ei auf die glhenden Kohlen
um es zu backen. Aber die Strafe folgte auf dem Fue; denn als er sich
auf das Ei niederbeugte um zu beobachten, wie die Schale sich durch
die heie Glut braun frbte, da platzte die Schale und die heien
Stcke flogen ihm in die Augen und verbrannten ihm das Gesicht.

Um den Schmerz zu lindern, eilte er zum Wasserkbel; aber hier wartete
seiner die Wespe, die, als er sein Gesicht ins Wasser stecken wollte,
unbarmherzig auf ihn losstach, so da er vor Schmerz heulend aus dem
Zimmer eilen wollte; doch, als er durch die Tre lief, sprang von oben
der Mrser herunter und hieb mit seinem Schlegel auf den Affen ein;
nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus; erstere setzte sich auf
das Genick des Affen und zwickte ihn, die Wespe zog ihr Schwert und
stach ihn tot. Auch das Ei hatte sich wieder erholt und schaute dem
Spektakelzu.

So straften die unscheinbaren Wesen den bswilligen Affen.

Daraus folgt, da bse Taten immer ihren Lohn finden und da man als
Rcher auch den Kleinsten nicht gering achten soll.

Nach dem Tode des Affen lebte die Krabbe noch viele, viele Jahre in
Ruhe und Zufriedenheit im Schatten des Kakibaumes und wenn man sie
auch nicht gettet hat, so lebt sie heute doch nicht mehr.

  [Abbildung]


    [Anmerkung 1: Kaki = Persimonpflaume. Diospyros Kaki hat in Japan
    die Gre eines Apfels und ist sehr beliebt. Wird frisch gegessen,
    auch getrocknet nach Feigenart.]

    [Anmerkung 2: Ame (Ton auf dem e) = Weizengluten. Aus Weizen
    bereiteter Sirup, dem Honig entsprechend.]

    [Anmerkung 3: Sake = Reiswein.]

    [Anmerkung 4: Bekanntlich sitzen die Japaner nicht auf Sthlen
    sondern hocken auf dem Fuboden, wie verschiedene Bilder dieses
    Buches zeigen.]


[Buntbild]




  [Verzierung]

Der kluge Hase.


Eines schnen Tages schwamm der Fischknig[1] in seinem Reiche
wohlgemut umher; es war ein wunderschner Tag und die Sonne erhellte
das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er pltzlich vor sich
einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar appetitlich erschien und da er
gerade einen kleinen Hunger versprte, so schwamm er auf den Wurm zu,
schnappte nach ihm und -- ein furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen
Krper, denn er sa an einer Angel, deren Haken ihm im Maule sa. Er
zerrte und zerrte, und nach heftigem Kampfe und unter groen Schmerzen
gelang es ihm endlich die Angelschnur zu zerreien und in sein Schlo
zu schwimmen, wo er sich auf sein Lager warf und die Leibrzte rufen
lie. Als diese am Bette des Fischknigs standen, erzhlte er ihnen
sein Ungemach, wie er an der Angel festgesessen und wie es ihm endlich
gelungen sei, sich durch Zerreien der Angelschnur zu befreien und
sich davor zu bewahren, da sein kniglicher Leib gewhnlichen
Zweibeinern, die man Menschen heie, zur Speise diene.

Aber der verdammte Haken, schlo er seine Erzhlung, der sitzt hier
fest im Halse und mir ist es unmglich ihn zu entfernen, ich leide
furchtbare Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich kniglich
belohnen. Da standen nun die rzte ratlos am Bette des Fischknigs
und beratschlagten, was zu tun sei.

Der Knig wurde rgerlich und lie in seinem Reiche verknden, wer ihm
den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit kniglichen
Ehren versehen und reich belohnen.

Da ward eine groe Bewegung im Wasser, von allen Seiten eilten die
Untertanen herbei, die Groen und Wrdentrger bis zu den Kleinsten,
vom Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hrten die Botschaft,
aber sie schttelten ihr Haupt, denn niemand wute Rat, niemand konnte
sagen, wie man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches
entferne.

Da meldete sich endlich eine Schildkrte, die ganz im Hintergrunde
gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklrte sie, da das
beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese msse
man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann wrde der Haken
durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der
Schildkrte zu, und auch den rzten, die den Rat mit angehrt hatten,
erschien er gut.

Aber wo die Hasenaugen hernehmen? Der Knig entschied: Wer ein
Hilfsmittel vorschlgt, hat auch fr ein solches zu sorgen; geh also
Schildkrte und besorge mir die Hasenaugen oder du darfst dich in
meinem Reiche nicht mehr blicken lassen!

Gut! sagte die Schildkrte, ich werde Euch einen Hasen
herbeischaffen, die Augen mt ihr rzte selbst ihm nehmen und mir
gestatten mich zu entfernen, da ich kein Blut sehen und riechen kann!

Des waren alle zufrieden und die Schildkrte machte sich auf den Weg
und freute sich schon auf die groen Ehren und Geschenke, die ihr
zuteil werden wrden, wenn es ihr gelinge den Hasen in des Knigs
Schlo zu bringen. Sie kletterte also aus dem Wasser und wanderte
einem Hgel zu, auf dem, wie sie wute, ein Hase sich niedergelassen
hatte. Sie hatte Glck; denn als sie mhsam den Hgel erklettert
hatte, sah sie den Hasen gerade beim Frhstck sitzen; er hatte einen
prachtvollen Krautkopf vor sich, an dem er knabberte. Als der Hase das
Gerusch der sich nhernden Schildkrte hrte, lie er erschreckt den
Krautkopf fallen und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor, um
zu sehen, wer da komme. Da er aber sah, da es nur die Schildkrte
war, beruhigte er sich und begrte sie. Was verschafft mir denn die
Ehre Eueres Besuches, verehrte Frau Schildkrte? fragteer.

Nichts Besonderes, Herr Lampe! antwortete die Schildkrte, vom
Klettern noch ganz atemlos. Man hat im Reiche des Fischknigs die
wunderschne Aussicht gerhmt, die man von hier haben soll, und so bin
ich abgesandt, festzustellen, ob dies wirklich so ist. Ihr gestattet
doch, da ich mich ein wenig umschaue!

Bitte, bitte! erwiderte der Hase.

Die Schildkrte schaute hierauf nach vorn, schaute nach hinten,
schaute nach rechts und schaute nach links, machte auch einige
Schritte bald nach dieser, bald nach jener Seite und tat, als ob sie
alles sorgfltig betrachtete, dann meinte sie: So etwas besonders
Schnes kann ich nicht sehen, da hat man diese Gegend mehr gerhmt als
sie wert ist!

Ja, Frau Schildkrte, entgegnete der Hase, auf dieser Seite des
Hgels gibt es nichts Besonderes zu sehen, da mt Ihr Euch schon auf
die andre Seite bemhen! Kommt, ich will Euch fhren!

Was gibt es denn auf der andern Seite des Hgels?

Viel, viel Besseres als hier! Hier gibt es nur Wiesen und Weiden,
aber auf der andern Seite prachtvolle Kraut- und Rbenfelder, so
saftig, so delikat, eine wahre Wonne! rief der Hase.

Die Schildkrte lachte und meinte: Ihr seht die Sache mit dem
Magen anstatt mit den Augen. Doch bleibt nur, ich habe keine Lust,
Kraut- und Rbenfelder zu sehen, da lob ich mir doch das Land des
Fischknigs, da gibt es alles Gute und Schne, prachtvolle, khle
Wlder, herrliche Wiesen, Tler, Hhen und Felder, auf denen die
Krautkpfe viel grer und saftiger sind als hier auf der trockenen
Erde. Und dann die Bequemlichkeit, keine Mhe und Anstrengung. Hier
mute ich um zu Euch zu gelangen, mhsam klettern, so da ich fast den
Atem verlor, whrend mich das Wasser berall hintrgt, wohin ich will.
Und dann die Ruhe und Sicherheit dort unten, da gibt es keine Menschen
und keine Jger! Nein, wit Ihr Herr Hase, Eure ganze schne Gegend
und die ganze Erde kann mir gestohlen werden, ich lobe mir mein Reich
und will mich nur schnell wieder auf den Heimweg machen!

Hm, Hm! machte der Hase und dachte ein Weilchen nach. Hrt mal,
Frau Schildkrte, Ihr habt mir Eure Gegend so schn geschildert, da
ich wirklich Lust bekomme, sie einmal zu sehen; aber leider geht es
nicht, denn in dem verflixten Wasser kann unsereiner ja gar nicht
leben. Knntet Ihr mir nicht einen Krautkopf von da unten gelegentlich
mal schicken oder mitbringen?

Das geht leider nicht! entgegnete die listige Schildkrte, die
bemerkte, da der Hase Lust hatte in das Reich des Fischknigs
mitzukommen. Unsere Krautkpfe sind so gro, da ich auch nicht einen
tragen kann. Aber, kommt doch mit mir. Das Wasser wird Euch keinerlei
Umstnde machen, ob Ihr in der Luft oder im Wasser lebt, ist alles
gleich, das ist alles nur Gewohnheit!

Das mag gut und schn sein, aber ich kann nicht schwimmen! sagte
betrbt der Hase.

Das macht nichts! rief die Schildkrte, die kaum noch ihre Aufregung
und Freude unterdrcken konnte, wenn Ihr mit mir geht, will ich Euch
gerne aus reiner Freundschaft helfen und in unser Reich bringen. Ihr
steigt, wenn wir am Wasser angekommen sind, auf meinen Rcken, steckt
Eure Pfoten vorne unter mein Schild und haltet Euch so fest an. Ich
fhre Euch dann sicher hinunter und, wenn es Euch nicht gefllt,
ebenso sicher wieder zurck!

Der Hase traute der Geschichte doch nicht so recht, er hatte eine
furchtbare Angst vor dem Wasser, aber die Schildkrte stellte ihm die
Reise ganz ungefhrlich dar und gab ihm schlielich sogar ihr
Ehrenwort, da ihm das Wasser nicht das geringste tun werde.

Da war der Hase berwunden und er beschlo die Reise zu wagen. Als nun
beide am Rande des Wassers angekommen waren, stieg er auf den Rcken
der Schildkrte und hielt sich mit seinen Vorderpfoten am Schilde der
Krte fest, die langsam ins Wasser ging. Dem Hasen wurde es doch
ungemtlich, als er das kalte Wasser fhlte und als es ihm sogar ber
den Kopf ging, da schlo er ngstlich die Augen. Dann ffnete er sie
wieder und sah nun, da das Wasser ihm wirklich keine Beschwerde
machte. Er war ganz entzckt von den Wundern unter dem Wasser, von
denen er bisher keine Ahnung hatte, er sah blhende Tler mit saftigen
Wiesen, grnende Felder, schimmernde Berge, bewachsen mit Rosen und
anderen Blumen, die er nicht kannte.

Und dann das Leben im Wasser! Tausende von Fischen umschwrmten ihn
und jubelten ihm zu. Da kamen auf einmal lange, schmale, zierliche
Fische angeschwommen, denen alle andern ehrerbietig Platz machten.
Was sind das fr Tiere? fragte der Hase. Das sind Diener des
Knigs! antwortete die Schildkrte.

Als diese Fische nahe waren, machten sie dem Hasen ihr Kompliment,
beglckwnschten ihn, da er den Mut zu solcher Reise gehabt habe und
erzhlten ihm, da der Knig von seinem Besuche gehrt habe und seinen
Mut bewundre. Der Knig wolle einen so mutigen Hasen sehen und lade
ihn in sein Schlo ein.

Der Hase war ganz stolz auf solche Ehre und nahm die Einladung an. Die
Fische kehrten um und schwammen voran, whrend die Schildkrte mit dem
Hasen folgte.

Im Schlosse des Knigs angelangt, stieg der Hase von seinem Sitze und
wurde in das Krankenzimmer gefhrt, whrend die Schildkrte sich
einstweilen aus dem Staube machte.

Im Krankenzimmer waren nur die rzte um den Knig versammelt, die den
Hasen freundlich einluden auf einem prachtvollen Muschelsessel Platz
zu nehmen. Dann besprachen sich die rzte leise, wie man wohl am
leichtesten dem Hasen die Augen nehmen knne. Der Hase hatte aber gute
Ohren und so hrte er mit Entsetzen dieses leise Gesprch und obwohl
ihm die Haare klitschna am Leibe klebten, standen sie ihm doch
sogleich vor Angst zu Berge. Er verwnschte seine Neugier und
berlegte, wie er sich am besten aus dieser Schlinge ziehen knne, die
ihm die Schildkrte gelegt hatte. Endlich kam ihm ein Gedanke. Hrt,
Ihr Herren! rief er, ich hrte, da Ihr von meinen Augen sprachet.
Was ist es damit, was wollt Ihr mit meinen Augen?

Die rzte erklrten ihm in hflicher Weise die ganze Angelegenheit und
baten, da er, um das Leben des Knigs zu retten, seine Augen
freiwillig hergeben solle!

Das ist aber dumm, sagte der Hase, der tat, als ob er nachdenke und
seine Ohren hin und her bewegte, ja, ja das ist dumm von der
Schildkrte, da sie mir das nicht gleich gesagt hat, dann wre Eurem
Knig jetzt schon geholfen. Ihr mt nmlich wissen, Ihr hohen und
gelehrten Herren, da wir Hasen vier Augen haben, nmlich zwei
natrliche und zwei aus Bergkristall gefertigte. Diese letzteren
tragen wir, um die natrlichen Augen zu schonen, so bei staubigem oder
Regenwetter, bei Sturm und Ungewitter. Da mir nun Eure Schildkrte
nicht sagte, weshalb ich herkommen sollte, so steckte ich meine
knstlichen Augen ein, weil ich glaubte, da die natrlichen Augen,
mit denen ich auf dem Lande sehe, hier im Wasser mir wenig ntzen
wrden oder sogar beschdigt werden knnten. Diese natrlichen Augen
habe ich daheim verborgen und es wird mir eine groe Freude sein, sie
Eurem Knig zu seiner Heilung anzubieten. Es bleibt nichts weiter
brig, fgte er scheinheilig hinzu, als da Ihr die Schildkrte
wieder ans Land schickt und meine Augen holen lasset! Ja, wird denn
die Schildkrte die Augen auch finden? warf einer der rzte ein.

Man mu sie fragen! sagte ein anderer und so wurde die Schildkrte
wieder gerufen. Diese kam frhlich herbei, denn sie glaubte nun sei
alles zu Ende und ihr Glck sei gemacht. Aber wie erschrak sie, als
sie den Hasen ganz munter, mit seinen Augen im Kopfe auf dem
Muschelsessel sitzen sah. Sie wute nicht, was sie denken sollte und
war hchst erstaunt, da sie Scheltworte zu hren bekam, anstatt Worte
des Dankes. Man machte ihr Vorwrfe, da sie einem so liebenswrdigen
Herrn nicht gleich gesagt habe, was man von ihm wolle, sie habe
dadurch die Heilung des Knigs verzgert.

Das ist gut! dachte die Schildkrte, aber das kommt davon her, wenn
man Groen einen Dienst erweisen will. Wie man es auch macht, richtig
ist es nie! Die Schildkrte wurde nun gefragt, ob sie sich getraue,
die Augen des Hasen zu finden und herzubringen, wenn der Hase ihr den
Ort genau beschreibe, wo er sie verborgen habe.

Aber die Schildkrte erklrte, da sie es wohl bernehmen wolle, die
Augen zu finden; sie aber herzubringen, das sei fr sie zu riskant,
denn sie verstehe es nicht, mit so empfindlichen Dingen, als die Augen
sind, umzugehen. Am besten sei es wohl, wenn der Hase sie selbst hole,
hin und her wolle sie den Hasen gern tragen. Das war es, was der Hase
gern wollte, er tat aber so, als ob das fr ihn zuviel verlangt sei,
auch der Knig wurde rgerlich und sagte:

Ist es nicht genug, da der Hase uns seine Augen anbietet? Sollen wir
einem so liebenswrdigen Herrn zumuten, auch noch selbst den Weg zu
machen, blo weil Ihr Schildkrte zu lssig waret? Nein! machet Euch
sofort auf den Weg und seht zu, wie Ihr die Augen herbringt. Eure
Sache ist es, den Fehler, den ihr begangen, wieder gut zu machen!

Der Hase, der Angst hatte, da man ihn wirklich da behalten wrde,
nahm sich zusammen und entgegnete:

Verzeiht, edler Knig! Aber ich glaube Frau Schildkrte hat Recht.
Wenn sie die Augen auch findet, frchte ich doch, da sie damit nicht
richtig umgeht und sie verletzt, so da sie fr Euch ohne Nutzen sind.
Erlaubt also, da ich die Schildkrte begleite und die Augen selbst
berreiche. Dieser kleine Weg ist keine Mhe, und selbst, wenn es Mhe
wre, fr Euch, edler Knig, um Euch zu helfen ist mir keine Mhe zu
gro!

Alle waren erstaunt ber solch groen Edelmut, sie schmten sich aber
auch zugleich, da man den Hasen habe betrgen wollen, ihn, der so
gromtig war, den Weg nochmals zu machen, nur um dem Knig einen
Dienst erweisen zu knnen. Nach langem Hin- und Herreden wurde der
Schildkrte denn schlielich befohlen, den Hasen ans Land zu bringen
und ihn ungefhrdet mit den Augen wieder zum Knig zu fhren.

Die Schildkrte nahm also den Hasen, nachdem sich dieser hflichst
verabschiedet hatte, wieder auf den Rcken und trug ihn ans Land. Dort
angekommen, schttelte der Hase das Wasser aus seinem Fell und sprach
zur Schildkrte:

Du listiges Vieh, beinahe httest du mich berlistet, aber meine List
war besser als die deine und Eure Dummheit grer als die meine. Wenn
du Hasenaugen brauchst, suche sie dir nur. Ich brauche die meinen
vorlufig noch fr mich. Lebt also wohl und gret Euren Knig recht
schn von mir!

Sprach's, sprang auf und eilte den Hgel hinan, die verdutzte
Schildkrte sprachlos zurcklassend.

Seit dieser Zeit geht der Hase einer jeden Schildkrte vorsichtig aus
dem Wege und die Schildkrte lebt seitdem bald im Wasser, bald auf dem
Lande, denn im Wasser frchtet sie den Fischknig und auf dem Lande
hofft sie noch immer ein Paar Hasenaugen zu finden.


    [Anmerkung 1: Gemeint ist der Karpfen, der in Japan als Sinnbild
    der Kraft und Strke gilt, weil er gegen den Strom schwimmt und
    selbst Wasserflle und Stromschnellen berwindet.]




  [Verzierung]

Maorigashima[1].


Maorigashima war einst eine blhende Insel, deren Bewohner glcklich
und zufrieden leben konnten, da alles, was man zum Leben braucht, die
Insel hervorbrachte. Auch gab es dort einen vorzglichen Ton, aus dem
die Leute prachtvolle Tpfe und Schalen bereiteten, die hochbezahlt
wurden. Aus diesem Grunde herrschte auf der Insel Wohlstand und
Reichtum, arme Leute gab es dort berhaupt nicht.

Die Insel lag im Sden von Japan, nahe bei dem heutigen Formosa, ihr
Herrscher war Pairuno, ein gottesfrchtiger und gerechter Frst, der
mit groer Betrbnis sah, wie der Reichtum und das Wohlleben die
Sitten seiner Untertanen verdarb, wie diese immer mehr sich der
Vllerei und dem Nichtstun ergaben und die Lehren der Gtter
verachteten.

Alle Mahnungen und das gute Beispiel eines gottgeflligen, redlichen
Lebens des Herrschers vermochten nicht, die Bewohner von Maorigashima
wieder auf den Pfad eines ehrsamen Lebenswandels zurckzubringen; im
Gegenteil, die Laster nahmen berhand, selbst die Beamten, die sich
bisher noch immer in Schranken gehalten hatten, ergaben sich
schlielich dem lasterhaften Leben und vernachlssigten ihre
Pflichten. Als Pairuno sah, da alle seine guten Lehren nichts helfen
wollten und da ihm die Macht fehlte, gewaltsam eine Besserung der
Zustnde herbeizufhren, weil ja die Beamten selbst ein zgelloses
Leben fhrten und nicht mehr gehorchten, wandte er sich an die Gtter
und bat diese um Hilfe und Rettung.

Eines Tages war er wieder im Tempel in inbrnstigem Gebete versunken,
da hrte er eine Stimme, die ihm zuraunte:

Das Ma der Snden Maorigashima's ist voll und die Gtter haben
beschlossen, die Insel mit allen Bewohnern zu vernichten. Du allein
bist ausersehen am Leben zu bleiben, um der Nachwelt den Untergang der
Insel zu verknden, auf da andre sich daran ein Beispiel nehmen.
Halte darum ein Schiff bereit, um, wenn die Stunde naht, dich dem
Strafgerichte zu entziehen, das die Gtter ber Maorigashima und seine
Bewohner verhngt haben. Weil du gerecht bist und die Gtter ehrst,
sollst du die Stunde des Gerichts wissen. Wenn das Antlitz der
Tempelwchter, die als Bildsulen am Eingang des Tempels stehen, rot
sein werden, dann schiffe dich ein und sume nicht; solange die
Antlitze ihre weie Farbe behalten, hat es keine Gefahr!

Pairuno dankte den Gttern fr die Offenbarung und bat diese seinen
Untertanen bekannt geben zu drfen, auf da sich bekehren knne, wer
es wolle.

Die Gtter bewilligten die Bitte und gaben Pairuno die Zusicherung,
da ein Jeder, der sich freiwillig mit ihm einschiffe, verschont und
gerettet sein werde. Hocherfreut ging der Herrscher in seinen Palast
zurck. Er lie alle Beamten rufen und verkndete ihnen, was ihm die
Gtter offenbart hatten; auch gab er Befehl, dies dem ganzen Volke
bekannt zu geben.

Aber die Beamten und das Volk verlachten die Warnung und spotteten
ber ihren Frsten, ja einer der Beamten schlich sich eines Nachts
heimlich zum Tempel und beschmierte die Gesichter der Bildsulen mit
rotem Ton.

Als Pairuno dies am Morgen sah, glaubte er die Stunde des
Strafgerichts gekommen und schiffte sich schnell mit den Seinen ein.
Er forderte das Volk auf sich zu retten und bat zu ihm aufs Schiff zu
kommen. Doch alle verlachten ihn und der Sptter, der in der Nacht die
Gesichter der Bildsulen beschmiert hatte, gestand seine Tat
hohnlachend ein, indem er erklrte, da nicht die Gtter, sondern er
die Rotfrbung vorgenommen habe.

Aber Pairuno entgegnete ernst:

  Die Gtter haben mir nicht gesagt, da sie selbst das Wei der
  Angesichter der Tempelwchter in Rot verwandeln werden, sondern
  sie haben mir nur gesagt, wenn das Antlitz rot sein werde, dann
  sei die Stunde gekommen! Rot sind jetzt die Angesichter und an
  den Worten der Gtter soll man nicht drehen und deuteln. Wenn du
  Sptter den Gttern vorgegriffen hast, umso schlimmer fr dich!

Damit gab Pairuno den Befehl vom Lande abzustoen und in angemessener
Entfernung zu verharren. Kaum war das geschehen, da verfinsterte sich
die Luft, ein Brausen ertnte aus der Tiefe des Meeres, dessen Wellen
sich hoch auftrmten, und die Insel sank mit allem, was darauf war,
auf den Meeresgrund. Dann wurde es wieder licht, das Meer lag ruhig
wie immer, ein azurblauer Himmel lchelte, aber von der blhenden
Insel war nichts mehr zu sehen. Pairuno fuhr nach dem Festlande und
gab Kunde vom Ende Maorigashima's und seiner Bewohner.

Noch heute, wenn bei ruhigem Wetter und mondklaren Nchten Fischer
ber die Sttte fahren, da die Insel einst gestanden, knnen sie tief
unten die Straen und Huser erkennen; manchmal geschieht es auch, da
die Netze das eine oder andere Stck der frher auf Maorigashima
angefertigten kostbaren Tpferwaren, eine Vase, eine Schale oder
irgend einen Topf enthalten. Solche Gegenstnde sind sehr begehrt und
werden hoch bezahlt, deshalb wird ein jeder Fischer glcklich
gepriesen, der ein solches Stck findet. Viele hat es schon verlockt,
nach solchen Gegenstnden zu suchen, doch nur, wer reinen Herzens ist
und den nicht die Sucht nach Reichtum treibt, den lassen die Gtter
einiges finden; alle brigen aber mssen mit leeren Hnden und oftmals
auch mit zerrissenen Netzen heimkehren.


    [Anmerkung 1: Sprich: Maurigaschima. Diese Sage erinnert an die
    Vineta Sage.]

  [Verzierung]




  [Verzierung]

Der Hase und der Dachs.


  [Abbildung]

Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes
Ehepaar, das sich durch fleiige Arbeit redlich, doch kmmerlich
nhrte. Der Mann ging tglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das
er verkaufte, und aus dem Erls bestritt er den Lebensunterhalt.
Whrend der Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte
das Haus sauber.

Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines
weien Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam
es zu einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen,
unterhielten sie sich freundschaftlich ber dieses und jenes, denn zu
damaliger Zeit konnten die Tiere noch sprechen. An Feiertagen luden
sie sich auch oft zum Essen ein und machten sich einander Geschenke.

Nun hatte aber in der Nhe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs
seinen Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrmiger Kerl und
ein Geizhals dazu. Den verdro die innige Freundschaft des Hasen mit
dem Menschen und er suchte die zwei auf alle mgliche Weise
auseinander zu bringen und zu entzweien. Aber alles, was er versuchte,
blieb vergeblich, alle seine Niedertrchtigkeiten scheiterten an der
festen Freundschaft. Als nun eines Tages der Mann wieder den Hasen
besuchte, brachte er ihm auch einige Sigkeiten mit, die die Frau
gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem Hasen unterhielt und ihm die
Sigkeiten geben wollte, da hatte sich der Dachs hinzugeschlichen und
sie gestohlen. Da wurden beide recht rgerlich und beschlossen, dem
Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben sich zu seinem Bau
und trafen ihn gerade dabei die Sigkeiten zu verzehren. Der Mann
packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit einem recht festen
Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause.

Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: Der Kerl hat sich
durch seine Niedertrchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn
schlachten und dann zu Mittag verspeisen! Mit diesen Worten hing er
den Dachs an einem oberen Querbalken in der Kche auf und ging
nochmals in den Wald, um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu
holen.

Die Frau nahm whrend dieser Zeit ihren Reismrser und begann Reis zum
Mittagessen zu stampfen. Whrend ihrer Arbeit hrte sie oben den Dachs
sthnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, lie sie
sich an ihrer Arbeit nicht stren und tat, als ob sie nichts gehrt
htte.

Doch der Dachs hrte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das
Mitleid der Frau erregen, weil er hoffte, sie wrde ihn freilassen;
als er aber sah, da alles Lamentieren nichts half, wurde er
nachdenklich und besann sich auf eine List, denn loskommen wollte er
wenigstens und sei es auch nur auf eine Minute. Die Dachse knnen sich
nmlich in jede Gestalt verwandeln, doch knnen sie das nur, wenn sie
im freien Gebrauche ihrer Gliedmaen sind. Gefesselt vermgen sie ihre
Kunst nicht auszuben. Darauf baute er nun seinen Plan, um nicht nur
frei zu kommen, sondern sich auch zu rchen. Deshalb hrte er mit
seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit sanftmtigster Stimme zu:
Aber, liebe Frau, was qulen Sie sich denn so sehr! Das Reisstampfen
ist fr eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen Sie mich hinunter
und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!

Ich danke, erwiderte die Frau, bleibt nur hbsch da oben, denn
helfen wrdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann knnten wir
Euch nicht zu Mittag essen und mein Mann wrde zornig werden und mich
schlagen!

Aber seid doch nicht so ngstlich, sprach der Dachs mit
einschmeichelnder Stimme, schliet doch alle Fenster und Tren, dann
kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer
Mann braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hngt mich hier
wieder auf, wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur
Euch zu lieb, weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer
qulen zu sehen!

Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, da seine Worte
nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schne Worte, so da
die Frau -- einfltig, wie sie war, -- seinen Worten wirklich Glauben
schenkte und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fuboden und
frei, so strzte er sich auf die Frau, ttete sie, nahm ihr die
Kleider fort und legte sie sich selbst an, sich so in die Frau
verwandelnd. Dann schnitt er von der toten Frau einige Stcke Fleisch
ab, warf diese in den Mrser und vermischte sie mit dem Reis. Die
brigen Teile des Leichnams warf er hinter dem Hause auf einen Haufen.
Nun kochte er ein schnes Gericht und als der Mann zurckkam, bekam er
es zum Essen vorgesetzt. Der Mann glaubte natrlich, es sei seine
Frau, die den Dachs whrend seiner Abwesenheit geschlachtet htte. Er
freute sich sehr darber und das Essen schmeckte ihm vortrefflich, nur
wunderte er sich, da das Fleisch etwas zhe und mager war.

Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente[1], auch etwas
zum Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles
aufgegessen hatte, zu diesem recht spttisch:

Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui ber dich,
seine eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst,
und schaue, was hinter dem Hause liegt!

Damit nahm er wieder seine Gestalt als Dachs an und rannte zum Hause
hinaus. Der Mann, aufs hchste erschreckt, eilte auch hinaus und
erblickte hinter dem Hause den zerstckelten Leichnam seiner Frau.
Er brach darber in Trnen aus und war ganz untrstlich.

Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er trstete
den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und
den Tod der Frau seines Freundes zu rchen.

[Buntbild]

Er nahm in der Kche etwas Miso[2] und mischte dieses mit gestoenem
rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurck, wo er bald den Dachs
traf, der sich Spreu fr sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm
das Bndel auf den Rcken und als der Dachs damit seinem Bau
zuwanderte, zndete der Hase es flink an. Da das Bndel recht fest auf
den Rcken gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel
es nicht eher herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war,
durchgebrannt war, natrlich war auch der Rcken des Dachses arg
verbrannt. Scheinbar hilfsbereit, sagte der Hase: Jammere doch nicht,
wie ein altes Weib. Ich habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte
still und la dich einreiben!

Der Dachs bi die Zhne zusammen und der Hase machte sich daran, den
verbrannten Rcken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso
einzuschmieren.

Da er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, da
der Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeien konnte und furchtbar zu
heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken
begannen.

Er erlitt hllische Schmerzen und schleppte sich mhselig in seinen
Bau, wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. Httest
du frher gewinselt, ginge es dir heute nicht _so_ schlecht! rief ihm
der Hase zu, als er ihn verlie, um zu dem alten Manne zu eilen und
diesem von der Bestrafung des Bsewichts Mitteilung zu machen.

Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit
dieser Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses
als Shne, denn er befrchtete mit Recht, da, wenn dieser wieder
gesund sei, er noch weitere Rache nehmen wrde. Dem Hasen leuchtete
dies ein und er machte einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu
bringen: Er baute also zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein
greres aus Ton. Nachdem diese fertig waren, besuchte er den Dachs um
zu sehen, wie es ihm gehe. Bei diesem war inzwischen die Wunde etwas
geheilt, aber er litt furchtbaren Hunger, hatte er doch whrend seines
Krankseins nichts zu sich genommen. Als er den Hasen erblickte, freute
er sich, denn er glaubte wirklich, da ihm die schreckliche Salbe
geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen. Der Hase
aber erwiderte: Ich habe leider nichts hier, aber im Flusse sah ich
einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns fangen.
Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwche kaum gehen konnte,
schleppte er sich doch bis zum Fluufer, wo die beiden Boote lagen.
Der Hase fragte: Welches willst du nehmen? Natrlich das groe,
entschied der Dachs, ich bin einmal der Vornehmere und dann auch
schwerer als du, da wrde mich das kleine Boot nicht tragen!

Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, whrend der Hase,
zufrieden mit seiner List, in das kleine hlzerne Boot sprang.

Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch lie sich
kein Fisch sehen, worber der Dachs recht zornig wurde.

Dort ist einer! rief der Hase pltzlich. Als der Dachs sich
umwendete um nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder
und tat einen krftigen Schlag nach dem andern Boote, das natrlich
sofort in Stcke sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser
und wollte sich durch Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem
Boote schnell hinter ihm her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei
jedem Schlage ausrufend: Das ist fr die ermordete alte Frau, das ist
fr die ermordete alte Frau!

So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot
war und von einigen groen Fischen, die gerade vorbeikamen,
aufgefressen wurde.

Nun war der Hase frhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurck und
eilte zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen.

Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gercht! rief
er schon von weitem und erzhlte, im Hause des alten Mannes
angekommen, diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das
Boot zerschlagen und endlich den Bsewicht gettet habe, der nachher
von den Fischen gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer
noch Furcht hatte, da der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid
zufgen werde, wieder frohen Herzens. Er lud den Hasen ein mit an das
Grab seiner Frau zu kommen.

Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau
noch lebe:

Liebe Frau! Du bist jetzt gercht. Der Dachs, unser Widersacher ist
tot, gettet von meinem Freund, dem weien Hasen, hier neben mir. Wir
knnen jetzt ohne Sorge sein, der Bsewicht wird uns nicht mehr
schaden!

Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen[3] und
ging mit dem Hasen in das Haus zurck. Hier bereitete er diesem ein
Essen, so gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu
beweisen.

Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu
wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er knne
nicht schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er knne nur
schlafen im Freien unter dem Dache des Himmels.

So mute sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein
wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in
den Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen ber alle
mglichen Dinge, ihr Hauptgesprch aber bildete der Dachs, der durch
seinen Neid und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe.
War das Wetter schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und
brachte ihm stets schne Frchte mit.

So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft
noch viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, wei man nicht; aber
der weie Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzhlt, und
diese sie wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag,
wo sie niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen
werde und sich ein Jeder erinnere, da man sich selbst straft, wenn
man mignstig die Freundschaft anderer stren will.


    [Anmerkung 1: In den japanischen Familien ist es noch vielfach
    Sitte, da der Mann allein it und von seiner Frau bedient wird.
    Sind Kinder vorhanden, so it der Mann mit den Shnen zuerst, die
    Frau mit den Tchtern spter.]

    [Anmerkung 2: Miso = Aus Bohnen, Hefe und Salz bereitete dickliche
    Brhe.]

    [Anmerkung 3: Japanische Sitte. In Japan wird jedes
    Familienereignis, Geburt, Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen
    der Familie verkndet.]

  [Verzierung]




  [Verzierung]

Schlauheit schtzt nicht vor Tuschung.


Im japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen Fugu[1]
hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen und sich
zubereitet. Schlielich kamen ihm aber doch Bedenken und er warf
zunchst ein Stckchen seiner Katze hin. Diese ergriff es und eilte
damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu sehen, ob es ihr etwas
schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen gekrochen und kam
nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor.

Nun dachte der Mann, da die Katze das Stck Fisch ohne Schaden zu
sich genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen
Fisch, der fr giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern
unbedenklich verzehre, dann knne er es auch tun; er setzte sich hin
und a mit groem Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war
wirklich ein schlaues Tier; denn auch ihr waren Bedenken gekommen und
sie hatte deshalb das Stck Fisch vorlufig versteckt um erst zu
sehen, ob ihr Herr vom Fische geniee. Als sie nun sah, da er ihn mit
gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie zurck und lie es sich
schmecken. Aber die Folgen blieben nicht aus. Das Gift fing bald an zu
wirken und Herr und Katze starben unter groen Qualen. So sieht man,
wie sich selbst der Schlaueste manchmal tuschen lt.


    [Anmerkung 1: Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der
    Tetrodon gehrig; das Fleisch dieses Fisches ist giftig und
    daher ungeniebar. Er wird nur gefangen um als Dngemittel
    verwendet zu werden.]

  [Verzierung]




  [Verzierung]

Der bedchtige Reiher.


Ein Reiher spazierte am frhen Morgen im Teiche gravittisch auf und
ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er pltzlich einen
zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlngeln; auch ein
munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich hpfte ein Frosch
auf ein groes Lotosblatt und stimmte seinen Morgengesangan.

Hei! dachte der Reiher, das ist reiche Beute! Aber welchen von den
dreien nehme ich zuerst?

Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber whrend er berlegte, hatten
die drei Tierlein ihren gefhrlichen Feind erblickt.

Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein
tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im
tiefsten Schlamm.

Da stand nun der Reiher, als er sich entschieden hatte, wieder einsam,
die sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen.
Er steht noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer.
So geht es allen zu Bedchtigen, die ber dem berlegen das Handeln
vergessen.

  [Abbildung]




  [Verzierung]

Belohnte Kindesliebe.


Vor ungefhr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und Harima
gelegenen Provinz Mino nahe beim Stdtchen Tarni ein Holzhacker, der
nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und muten tglich ins
Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot mhsam und sprlich zu verdienen.
Solange beide gesund und krftig waren, gelang es ihnen auch ihren
Lebensunterhalt zu gewinnen. Aber der Vater wurde immer lter und
immer steifer und ungelenkiger wurden seine Glieder, soda schlielich
der Sohn allein in den Wald gehen mute, whrend der Alte daheim
blieb. Dem jungen Manne machte dies keine groe Sorge; krftig und
rstig, wie er war, arbeitete er umso fleiiger und war glcklich,
wenn er auer der tglichen Nahrung noch einige Sen[1] mehr verdient
hatte, um seinem alten Vater ein Flschchen Sake[2] kaufen zu knnen,
den dieser leidenschaftlich gern trank und der ihm auch wohltat und
ihn krftigte.

Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis
spt in den Frhling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar,
soda der junge Holzhauer nur einen krglichen Verdienst fand und
daher oftmals seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte.
Darber war er natrlich sehr traurig und betete oft zu den Gttern,
sie mchten doch dem harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit
Hilfe senden. Eines Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last
Holz in die Stadt bringen knnen, und der Erls reichte nicht einmal
zu dem Ntigsten, geschweige denn zu einem Flschchen Sake fr den
Vater. Obgleich ihm der Sakehndler gern auf Borg gegeben htte,
wollte der junge Mann davon nichts wissen, denn er gedachte des
Sprichworts: Schulden sind schlimmer als Motten im Pelz![3]

So ging er denn betrbt heim und dachte whrend seines Weges nur
darber nach, wie er seinem Vater eine Strkung verschaffen knnte.
Am Fue des Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen
auszuruhen, aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so
wandte er sich wieder in inbrnstigem Gebete zu den Gttern.

Da hrte er pltzlich ein seltsames Rauschen, Dampf stieg an der Seite
des Berges auf und ein eigentmlicher Geruch, fast wie erwrmter Sake,
erfllte die Luft. Schnell war die Mdigkeit des jungen Mannes
verschwunden, er sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf
aufstieg.

Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen?

Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer
Quell hervor und hpfte in lustigen Sprngen dem Tale zu. Der junge
Mann schpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und
kostete es. Welch' eigentmlicher Geschmack! So etwas hatte er noch
nie getrunken. Das ist ein Geschenk von Euch, oGtter! rief er aus
und fllte, nachdem er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine
Reiseflasche mit dem kostbaren Na.

Frohgemut und seiner Sorge ledig, eilte er nun seinem Heime zu, wo er
seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch
wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fhlte neue Krfte in
seinen Krper einziehen; ja, am nchsten Tage fhlte er sich schon so
weit gekrftigt, da er aufstehen und, auf seinen Sohn gesttzt, zur
Quelle wandern konnte. Sollte diese Gabe der Gtter nur zum Trinken
sein? fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser
ein Bad zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, da nach dem Bade
seine Gliederschmerzen nachlieen.

Tagtglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach
kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, da er seinen Sohn
wieder in den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte;
infolgedessen waren beide von aller Sorge befreit und konnten
zufrieden und glcklich leben.

Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natrlich
schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um
Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde
von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der
Richtigkeit berzeugt hatte, ihr den Namen Yoro[4] geben lie, ja,
er nannte sogar die Zeitepoche von der Entstehung der Quelle
Yoro-Zeit.[5]

Die Quelle -- eine Mineralquelle -- hat ihre Heilkraft bis auf den
heutigen Tag behalten.[6]


    [Anmerkung 1: Japanische Kupfermnze heutiger Whrung = 2 Pfg.]

    [Anmerkung 2: Reiswein.]

    [Anmerkung 3: Japanisches Sprichwort. Es hnelt dem deutschen
    Borgen macht Sorgen!]

    [Anmerkung 4: Yo = Kraft, Strke, Pflege, ro = das Alter, Yoro
    = Krftigung oder Pflege des Alters.]

    [Anmerkung 5: Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die
    Jahreszahl nicht ununterbrochen fortlaufend zu fhren, sondern in
    Zeitepochen, von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So
    haben die Japaner jetzt nicht 1912 sondern das Jahr 45 Meiji,
    d.h. Aera des wahren Friedens.]

    [Anmerkung 6: Der vollstndige Name der Quelle ist: Yoronotaki
    auch Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.]


[Buntbild]



  [Verzierung]

Der bestrafte Tierquler.


In Yedo[1] lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst sehr
gering war, soda er mit Not und Sorgen zu kmpfen hatte. Auf einem
Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger ausgestellt und als
er beobachtete, wie sich alles Volk in diese Bude drngte und der
Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er auf den Gedanken gleichfalls
auf den Mrkten einen Tiger auszustellen.

Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte
er kein Geld. Er wute sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er
ein Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und
nhte dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blken seine
wahre Gestalt nicht verrate, band er dem Tiere das Maulzu.

Nun zog er auf die Messen und Mrkte und hatte groen Zulauf, denn
solch einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen.

Da der Verkehr in seiner Bude vom frhen Morgen bis zum spten Abend
kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht
schmlern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb
zu fttern oder zu trnken, soda dasselbe nach einigen Tagen zu
Grunde ging.

Da kaufte er sich ein anderes Kalb und so weiter, bis er wohl an zehn
Klber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Gtter schlafen nicht
und rchen jede Unbill, die ihren Geschpfen zugefgt wird.

Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein
klgliches Blken ertnte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn
der Wahnsinn; er ri seine Kleider vom Leibe, umhllte sich mit dem
Tigerfell und eilte in komischen Sprngen und unter fortwhrendem
Blken auf die Strae. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn
mit Steinen und Unrat bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte
weder essen noch trinken und starb endlich eines elenden Todes.

Das war die Strafe der Gtter fr seine Tierqulerei.


    [Anmerkung 1: Das heutige Tokyo.]




  [Verzierung]

Rai-taro[1].


Raiden, auch Rai-jin, der Donnergott, geniet in Japan groe
Verehrung; er ist aber sehr gefrchtet, wenn er in Begleitung von
Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in den
Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wldern und die
Sonne versteckt sich vor dem wtenden Heer der Sturm- und
Donnergeister. Allen voran strmt hoch oben in den Lften, umgeben von
schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit
krallenbewehrten Hnden und Fen. Zwei groe lange Hauer ragen aus
seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tckisch
blitzende Augen vervollstndigen die schreckenerregende Gestalt dieses
Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der
fnf Trommeln mit sich fhrt, auf die er mit einer groen Keule
schlgt; zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die berall,
wo sie hinfllt, Unheil anrichtet. Mit ihren glhenden Krallen
zerschmettert sie Berge und zndet Bume und Huser an, sengt Menschen
und Vieh zu Tode oder zeichnet sie fr Lebenszeit. Futen trgt quer
ber den Schultern einen Sack, der vier ffnungen hat und in dem die
Winde stecken. Hlt er den Sack geschlossen, dann herrscht Windstille
auf Erden; aber die Schiffer auf dem Meere bitten ihn doch den Sack
ein klein wenig zu ffnen, auf da sie gute Fahrt haben. Macht Futen
eine ffnung ganz auf, dann bricht ein Gewittersturm heraus; wehe,
dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei Stellen ffnet, denn dann
kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen Bereich Kommende
vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan Tai-fu -- groer
Wind -- Orkan. -- Und nun will ich einmal von diesen beiden Unholden
ein Stcklein erzhlen, aus dem man ersehen kann, da sie nicht immer
so bswillige Gesellen sind, als sie scheinen.

Hoch oben an der Nordwestkste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt
das ewig weie Haupt eines der hchsten Berge Japans stolz empor. Es
ist der Hakusan[2] auch Shirayama genannt.

Am Fue dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens
Bimbo[3], er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich
zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder
sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch
in einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter
ab, da ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mhe hatte er
mit seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der
Erntesegen blieb oft aus.

  [Abbildung]

Auch in diesem Jahre, da diese Geschichte beginnt, hatte er groe
Sorgen, denn Tag fr Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen
auf das Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wlkchen lie
sich blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen
Reishren hingen schlaff herab.

Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft,
warum der Himmel ihnen zrne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus.
Selbst das hchste Glck des Menschen, der grte Segen der Gtter,
ein Kind, war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft
inbrnstig darum gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und
hatten jede Hoffnung aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder
verschnt zu sehen; sie hatten sich darein ergeben, ein einsames Alter
in Sorgen und Not zu haben; denn auch jetzt wieder schien die Ernte
durch den heien, trocknen Sommer vernichtet zu werden.

Sehnschtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus,
ob sich denn nirgends ein Lftchen rege und den segenspendenden Regen
bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und
betrbt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am
Horizonte ein leichter Schleier zeigte.

Wind -- Sturm! rief der Bauer freudig aus, das bringt Regen!

Er hatte sich nicht getuscht.

Nher und nher wehte der Schleier, er zerri in viele Fetzen, die
sich zu dunkeln Wolken formten, sich nherten und endlich zu einer
dichten Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises
Raunen, dann ein Flstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die
Vgel und die Snger des Waldes verstummten, nur krchzende Raben und
Sturmvgel durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen
den Bumen, die angstvoll und bebend ihre Hupter senkten. Nun ging es
los das Sthnen, Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Drhnen und
wie ein Heer wilder Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein
Weib achteten nicht des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller
Freude, denn dieser Sturm bedeutete fr sie Segen; Segen nicht nur der
Ernte, sondern noch einen andern Segen, den sie nicht erwarteten.

[Buntbild]

Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergo sich das kostbare Na des
Himmels auf die lechzenden Fluren und trnkte die ausgedrrte Mutter
Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzcken und drckte zufrieden die
Hand seines Weibes. Da fuhr pltzlich ein blendender Blitzstrahl
zwischen ihnen zur Erde und blendete ihnen die Augen, whrend ein
furchtbarer Donnerschlag ertnte, soda beide betubt niedersanken.
Als sie aus ihrer Betubung erwachten, hatte sich das Unwetter
verzogen und die Sonne lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur
hernieder. Aber Bimbo und seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu
ihrem grten Erstaunen lag neben ihnen ein hbsches Kindlein, ein
Knabe, genau an der Stelle, wo der Blitz in den Erdboden gefahren war.
Es lchelte gar lieblich und freundlich und streckte seine rosigen
rmchen den beiden hochbeglckten Alten entgegen.

Schnell hob Bimbo das Kindlein vom nassen Erdboden auf und barg es
schtzend unter seinem Strohmantel[4]; dann eilte er mit seiner Frau
heim und bereitete dem Kinde ein warmes Lager.

Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjhriger
Wunsch erfllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, fr das
sie sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten.

Wie sollte der Name sein?

Darber war Bimbo nicht im Zweifel.

Das Kind hat uns Raiden geschenkt, sagte er zu seiner Frau; deshalb
wollen wir es Raitaro nennen!

Und so geschah es.

Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz
anders geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein
Vergngen daran mit den andern Kindern herumzutollen oder an ihren
Spielen teilzunehmen. Am liebsten begleitete er seinen Vater auf das
Feld oder tummelte sich allein im Walde umher oder lag oft stundenlang
auf dem Rcken und verfolgte den Lauf der Winde und den Flug der
Vgel. Ein Unwetter versetzte ihn in Entzcken und beim Rollen des
Donners brach er in ein lautes Jauchzen aus.

Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses
ihnen auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben
reichliche Ernte, keine Drre und kein bermiger Regen vernichtete
mehr die Frucht mhevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten,
so da er es bald zu einem gewissen Wohlstand brachte.

Achtzehn Jahre waren schlielich dahin gerollt; man feierte den Tag
der Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und
frhlichen Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und
vergeblich war die Mhe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend
nahte und die Dmmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte
seinen Eltern fr alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. Meine Zeit
ist um, sagte er zuletzt, meine Absicht euch zu ntzen ist gelungen,
auch in Zukunft werde ich ber euch wachen. Lebt wohl!

Whrend dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genhert und senkte
sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollstndig einhllend; dann
erhob sie sich wieder und verschwand eilends in unermelicher Hhe;
der Platz aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer.

Bimbo und seine Frau waren ganz bestrzt und traurig und konnten es
gar nicht begreifen, da sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein
sollten; da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und
sorgenfrei leben konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und
in stiller Wehmut fgten sie sich in das Unabnderliche. Sie lebten
noch viele Jahre und starben endlich beide hochbetagt zur gleichen
Stunde. Auf ihr Grab wurde ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte
Raitaro's erzhlt und dieser selbst in Gestalt eines fliegenden
Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch heute vorhanden, doch
hllt ihn eine vielhundertjhrige Moosdecke ein. Wer sich aber Mhe
gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die Geschichte von
Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier
wiedererzhlt habe.


    [Anmerkung 1: Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners,
    Donnersohn.]

    [Anmerkung 2: Sprich: Haksan = Haku = wei; auch Shiro = wei.
    Also weier Berg. Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und
    2720 m hoch. Die Schneehhe auf diesem Berge ist im Winter enorm,
    man hat schon bei 800 Meter Hhe eine Schneehhe von 6 bis 7 Meter
    gefunden, soda eine Besteigung des Berges ber einen Kilometer
    hinauf im Winter undurchfhrbar war.]

    [Anmerkung 3: Bimbo = arm.]

    [Anmerkung 4: Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch
    bei Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh,
    gefertigt, der warm hlt und den Regen nicht durchlt. Ein
    solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist  bis  Meter
    lang.]

  [Verzierung]




  [Verzierung]

Hotaru.[1]


In einer Lotosblte, die in einem groen Teiche stand, wohnte eine
Johanniswrmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.

Die letztere, Klein-Hotaru genannt, war ein gar liebliches Geschpf.
Wenn der Abend mild und schn war, ging sie auf dem groen Lotosblatte
spazieren, das fr sie ein herrlicher Garten war.

Oft lauschte sie dem Konzert der Frsche, die im gleichen Teiche
wohnten. War es dunkel, so zndete sie ihr Laternchen an; dieses
strahlte ein so himmlisch schimmerndes Licht aus, da selbst der Mond
sich beschmt verstecken mute.

Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht
ausbleiben, da sie bald von Freiern umschwrmt wurde. Tagsber nahte
sich ihr niemand; aber auch des Abends, wenn sie trumend im Dunkeln
sa, blieb sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen
Freier erblicken. Hatte sie aber ihr Laternchen angezndet, dann gab
es ein munteres Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann
flatterte, schwirrte und surrte es; dann kamen sie alle, die die
schne Hotaru zur Frau begehrten. Da waren Falter, Kfer, Bienen,
Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war vertreten und zeigte seine
Knste, um Gnade vor Hotaru's Augen zu finden. Diese aber blieb
unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so umschwrmt zu
werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein anfnglich groen
Spa, endlich aber wurde ihr diese fortwhrende Zudringlichkeit
lstig, hatte sie doch nicht ein einziges Stndchen mehr fr sich,
in dem sie sich ungestrt ihren Trumereien hingeben konnte, und sie
beschlo sich all der Freier zu entledigen.

Deshalb sagte sie zu ihnen:

Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden
will, mu mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie
das meine! Alle hrten diese Entscheidung und machten sich schnell
auf den Weg ein solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein
jeder wollte der erste sein, um Hotaru sicher zu erringen.

Das gab nun im ersten Augenblick ein frchterliches Gedrnge, umsomehr
als Hotaru ihr Laternchen verlscht hatte. Manchem Falter wurde ein
Flgel zerknickt, manches Kferlein fiel in den Teich und wurde von
einem Frosche verschluckt, Beinchen und Fhlhrner gingen verloren,
kurz, es war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schlielich
ein Ende nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.

Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; berall, wo ein Lichtschein zu
erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der
erste, der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein
Zimmer, wo ein Gelehrter beim Lampenschein ber seinen Bchern sa,
stie und verbrannte sich sein Kpfchen an dem heien Lampenzylinder.
Trotz der Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht
auf und war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen;
aber, oweh! die Flamme versengte seine Flgel und zisch -- zisch --
der Falter war tot.

So ging es Tausenden der Freier; der eine strzte in die Glut des
Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen
sogar den Menschen in die Augen und wurden gettet. Aber immer neue
Scharen durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und
Hotaru heimfhren zu knnen.

Von all dem erfuhr auch Hitaro[2] und dachte bei sich, wenn so viele
Freier um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann mu
sie sehr schn sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg
um Hotaru zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblten entfernt
von der Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzckt,
da er schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler
schickte, der um ihre Hand anhalten mute[3] und sie auch zugesagt
erhielt, umsomehr, als er die Bedingung Hotarus erfllen konnte, denn
er hatte ja ein ebenso liebliches Lichtlein wie sie selbst und war
berdies ein schmucker Bursche. Nachdem so alles in Ordnung war, wurde
die Hochzeit mit groer Pracht gefeiert. Sie lebten glcklich und
zufrieden bis an ihr Ende und hinterlieen eine zahlreiche
Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, da ein jeder, der eines dieser
Johanniswrmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen msse, wurde
hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als Familiengesetz.

Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren
und sich die Flgel verbrennen: Das war Hotarus Freier oder auch:
Johanniswrmchen hat die Freier ausgeschickt.


    [Anmerkung 1: Hotaru = Johanniswrmchen.]

    [Anmerkung 2: Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn
    = Leuchtkfer.]

    [Anmerkung 3: Japanische Sitte erfordert, da die Brautwerbung
    durch einen dritten -- Vermittler -- erfolgt. Unschicklich wre
    es, wollte der Freier es selbst tun.]




  [Verzierung]

Horaisan.[1]


Auf den Inseln des ewigen Lebens, Horaisan genannt, herrscht ewiges
Glck und ewiger Frieden, dort gibt es weder Schmerz noch Krankheit
noch Tod, weder Leiden noch Unfrieden, dort herrscht ewiger Frhling
und ewige Pracht; kein Sturm, kein Winter vernichtet die in ewiger
Schnheit prangende Natur.

Deshalb ist es kein Wunder, da die Menschen sich nach diesem Lande
sehnen und nichts unversucht lassen es zu finden. Doch ist es noch
keinem Menschen, der in der Absicht auszog jenes wunderbare Land zu
suchen, gelungen, es zu finden, denn eine lange, lange Seereise trennt
es von allen bekannten Lndern; aber niemand wei die Richtung, in der
er ziehen mu, um es zu finden; niemand kennt die Lage des
hochgelobten Landes, nur die Schwalben und Sommervgel, die im Winter
Japan verlassen, kennen die glckseligen Inseln und ziehen dorthin,
wenn der Wintersturm Japan durchbraust. Wer aber reinen Herzens ist
und nicht in der Absicht auszieht, sich dem Kampfe des Lebens zu
entziehen, wer nicht beabsichtigt in Frieden und Glck zu leben, ohne
vorher seine Pflichten gegen Gott und Menschen zu erfllen, dem kann
es geschehen, da ihn ein gnstiger von den Gttern gesandter Wind zu
den ewig grnen Inseln fhrt, doch nimmer kehrt er dann zurck, denn
gestillt ist all sein Sehnen und ein jeder Wunsch befriedigt.

Vor langen, langen Jahren, so berichtet uns der japanische
Geschichtenerzhler, schenkten die Gtter einigen Auserwhlten das
groe Glck, Horaisan zu finden; aber nur einer namens Wasobiowo
kehrte zurck und brachte Kunde von diesem glckseligen Lande, ja,
es gelang ihm sogar eine Frucht von dort mitzubringen, nmlich die
Orange, die vordem in Japan ganz unbekannt war, heute aber dank der
von Wasobiowo mitgebrachten ersten Frucht auch hier heimisch ist.

Es wird erzhlt, da einst in China ein grausamer Kaiser regierte,
herrschschtig und unduldsam, soda niemand, der etwas konnte oder
verstand, seines Lebens sicher war; denn er allein wollte der einzige
sein, in allem vollkommen. Wer mehr konnte als er, den lie er
beseitigen. Dieser Kaiser hatte auch wie alle Kaiser einen Leibarzt,
der hie Jofuku. Das war ein gar gelehrter Herr und auerordentlich
klug, doch der Kaiser trachtete ihm nach dem Leben, weil er des Arztes
Klugheit frchtete. Er konnte ihm aber nichts anhaben, denn er wute
keinen besseren Arzt. Endlich aber wurde der Arzt dieses Lebens in
Furcht und Schrecken satt und er dachte eine List aus, wie er es
anstellen knne, aus dem Lande und aus dem Bereiche des Kaisers zu
flchten.

Es kam ihm auch ein guter Gedanke und so sagte er eines schnen Tages
zum Kaiser:

Ihr habt doch neulich von den immergrnen Inseln des ewigen Lebens
erzhlen hren. Gebt mir die Erlaubnis sie zu suchen, damit ich von
dort heilkrftige Kruter und ewiges Leben verleihende Frchte fr
Euch holen kann. Wenn es mir gelingt, werdet Ihr in ewiger
Glckseligkeit leben, an nichts Mangel leiden und Herrscher der ganzen
Welt werden!

Diese Rede schmeichelte dem Kaiser und in der Hoffnung noch grere
Macht und Gewalt zu erlangen, gab er dem Arzte die Erlaubnis zur
Abreise, drohte ihm aber den Tod an, wenn er ohne die begehrten Gaben
zurckkehren wrde.

Der Arzt erhielt ein Schiff und ein groes Gefolge und schiffte sich
ein. In Japan angekommen, lie er in der Nacht, als das Gefolge ans
Land gegangen war und sich dort belustigte, in aller Stille die Anker
lichten und fuhr weiter um einen anderen Platz zu suchen.

Was er nun aber garnicht beabsichtigt hatte, das wollten ihm die
Gtter gelingen lassen; denn pltzlich erhob sich ein furchtbarer
Sturm und trieb das Schiff mehrere Tage hin und her, das Steuer ging
verloren, die Schiffsbemannung wurde vom Sturme ins Meer geschleudert
und als endlich wieder schnes Wetter eintrat, war der Arzt nur noch
allein auf dem Schiffe, das er nicht zu regieren verstand. Ein
tapferer Mann wie er, verzweifelte nicht, sondern wandte sich an die
Gtter und siehe da, als er sein Gebet vollendet hatte, wurde das
Schiff in ruhiger Fahrt vorwrts getrieben und landete endlich auf
Horaisan.

Kaum hatte er das Schiff verlassen und das Land betreten, da versank
das Schiff spurlos im Meere, ihm jede Rckkehr abschneidend. Am
Strande traf er den Japaner Wasobiowo, der ihn begrte und ihm
erklrte, wo er sich befinde. Da war der Arzt froh und dachte garnicht
mehr daran, nach China zurckzukehren, um dem grausamen Kaiser
unverdientes Glck zu bringen, sondern er blieb auf Horaisan und
niemand hat seitdem wieder etwas von ihm gehrt.

Anders Wasobiowo. Dieser lebte frher in Nagasaki, wo er ein Huschen
besa, das er mit einem Diener bewohnte und wo er in stiller
Zurckgezogenheit lebte, sich nur mit Wissenschaften und allerhand
Knsten beschftigend. Seine liebste Beschftigung war das Angeln und
er konnte oft tagelang auf dem Meere zubringen, einzig allein nur um
zu angeln oder im Boote liegend den Gang der Gestirne zu beobachten
und zu berechnen.

Eines Abends war er, wieder mit seinem Angelgert versehen, bei
herrlichem Mondschein aufs Meer hinausgerudert. Die sternenklare,
ruhige Nacht aber lie ihn das Angeln vergessen; trumend verfolgte er
den Lauf der Sterne und freute sich des krftigen, Khlung wehenden
Meeresodems.

Die Ruder entglitten seinen Hnden und er wute nicht, wie lange er
sich seinen trumerischen Gedanken berlassen hatte, als sich der
Himmel berzog und ein furchtbares Unwetter heranraste. Ohne Ruder war
er machtlos den Wellen und dem Sturme preisgegeben und nur mit Hilfe
des Steuers vermochte er das Boot vor dem Kentern zu bewahren, das mit
unheimlicher Schnelligkeit bald ber die hochgehenden Wogen dahin
scho bald in die schwarzen Wellentler versank, die es zu
verschlingen drohten. Endlich legte sich das Wten des Sturmes, es
wurde heller Tag; aber Wasobiowo sah nichts als das unermeliche,
wogende Meer, nirgends ein Zeichen, nirgends einen Punkt, an dem das
ruhelos schweifende Auge einen Anhalt gefunden htte um sich zu
orientieren.

Er ergab sich in sein Schicksal und harrte des Abends, um aus der
Stellung der Sterne bestimmen zu knnen, wo er sich befinde.

Am Abend, als die Sterne zum Vorschein kamen, da sah er zu seinem
Schrecken, da er mehrere hundert Meilen von der Heimat entfernt war
und er garnicht daran denken konnte ohne Ruder dorthin zurckzukehren,
umsoweniger als ihn entgegengesetzt wehender Wind immer weiter fhrte.

Wasobiowo hoffte in dieser Richtung bald ein Land zu finden oder einem
Schiffe zu begegnen; deshalb suchte er mit Hilfe des Steuers mglichst
geraden Kurs zu halten, was ihm auch gelang, da die Windrichtung sich
nderte.

Drei volle Monate trieb er so auf dem Meere und lebte nur von den
Fischen, die er mit seiner Angel fing und roh verzehren mute, da er
kein Feuerzeug bei sich hatte. Nach dieser langen Zeit endlich
begannen sich im Wasser Pflanzen zu zeigen, die, je weiter er kam,
immer dichter wurden; das Meer verlor seine glnzende Farbe und ging
endlich in einen dicht mit Pflanzen aller Art bewachsenen Sumpf ber,
in dem das Boot nicht mehr weiter konnte. Aber Wasobiowo verlor nicht
den Mut. Er ergriff die Pflanzen und zog daran und siehe, sie hielten
stand wie Stricke. Nun begann eine mhselige Arbeit. Von Pflanze zu
Pflanze greifend, zog er sich mit dem Boote immer weiter durch dieses
Pflanzengewirr, durch diesen Morast. ber vierzig Stunden dauerte die
Arbeit; todmde, kraftlos und halbverhungert war er, denn hier gab es
auch nicht das kleinste Lebewesen, das er als Nahrung verwenden
konnte, als er endlich diese unheilvolle Strecke berwunden hatte. Nun
lag vor ihm ein silberglnzendes Meer und in einiger Entfernung
schimmerte ein grnes Land, berragt von einem bis zum Himmel
reichenden Berge. Es war Horaisan mit dem Fusan[2]; doch wute
Wasobiowo dies noch nicht, ja ahnte es nicht einmal, sondern freute
sich nur endlich wieder Land zu sehen. Eine Strmung fhrte ihn dem
Lande zu und nach zehn Stunden stie sein Boot auf den wie Gold und
Silber glnzenden, sandbedeckten Strand. Hocherfreut sprang er aus dem
Boote, fiel nieder und dankte den Gttern fr seine Rettung.

Da aber -- o Wunder! Als er sich nach dem Gebete erhob, war alle seine
Mdigkeit verschwunden; vergessen waren alle Strapazen seiner Reise;
er fhlte weder Hunger noch Durst und ein wonniges Krftegefhl
durchdrang ihn.

Da nherten sieh ihm weise, ehrwrdige Mnner und schne, edle Damen,
die ihn begrten; sie priesen sein Glck, die Reise nach Horaisan
berstanden zu haben und nahmen ihn als neuen Brger in ihre Mitte
auf.

Jetzt wute er, da er auf Horaisan war, auf Horaisan, das er stets
fr ein sagenhaftes, nicht existierendes Land gehalten hatte. Es
existierte also wirklich, ja, er war jetzt selbst in dieses wunderbare
Land gekommen und als Brger aufgenommen.

Wieder dankte er den Gttern.

Die Stunden eilen und werden zu Tagen, diese zu Wochen, dann zu Monden
und endlich zu Jahren. Die Jahre zu Jahrhunderten, dann zu
Jahrtausenden und so weiter in unzhlbarer Menge bis in alle Ewigkeit.

Aber auf Horaisan gibt es keine Stunden, keinen Tag und keine Nacht,
keine Zeiten und keinen Zeitenwechsel, kein Essen und kein Trinken,
kein Leid und keinen Tod. In ewiger Glckseligkeit, in geistreichen
Gesprchen, bei anregenden Unterhaltungen, bei _Musik_, Gesang und
Tanz streicht die Zeit unaufhaltsam ohne Wechsel und deshalb unbemerkt
vorber.

  [Abbildung]

Wer vermag daher zu sagen, wie lange Zeit Wasobiowo auf Horaisan war,
ob es Jahrzehnte oder Jahrhunderte waren, als die Gtter einen neuen
Ankmmling sandten, jenen chinesischen Arzt Jofuku.

Seit dessen Ankunft jedoch war Wasobiowo wie umgewandelt. Hatte der
Arzt Heimatsluft mitgebracht, hatte sein Erscheinen in Wasobiowo einen
schlummernden Gedanken geweckt?

Wer vermag es zu sagen?

Jedenfalls fhlte er sich nicht mehr wohl in diesem ewigen Einerlei
der Glckseligkeit und er sehnte den Tod herbei. Fr diesen war jedoch
Horaisan unerreichbar, hier hatte dieser bleiche Gast kein Heim;
deshalb konnte Wasobiowo hier auch nicht sterben; sogar sich selbst
den Tod zu geben, war nicht mglich, denn im Wasser ging man nicht
unter, vom Berge konnte man sich nicht hinabstrzen, denn die Luft
trug wie das Wasser, es gab weder Waffen noch Gifte um sich das Leben
zu nehmen. Nur ein einziges Mittel gab es, das war: Fort von
Horaisan!

Aber wie?

Kommen nicht alljhrlich die heimatlichen Vgel nach Horaisan um dort
die Zeit zu verbringen, da in Japan der Winter herrscht?

An diesen Umstand denkend, beschlo Wasobiowo sich einen der strksten
und grten Vgel zu fangen, ihn zu zhmen und abzurichten, damit er
auf dessem Rcken nach der Heimat zurckkehren knne.

Kaum hatte er diesen Entschlu gefat, als er auch ans Werk ging, denn
es war gerade die Zeit, da die Zugvgel auf Horaisan ankamen. Unter
diesen war ein besonders groer und starker Kranich, der krftig genug
erschien, Wasobiowo als Reitpferd dienen zu knnen.

Diesen zhmte er sich; er hatte ihn auch bald so weit abgerichtet, da
der Vogel ihn aufsteigen lie und mit ihm kleine Strecken weit flog.

Als dann der Zeitpunkt kam, da die Vgel sich zur Heimreise
anschickten, da packte Wasobiowo eine groe Menge von Frchten
zusammen, von denen er auf seiner Reise leben wollte; denn sobald er
Horaisan verlassen hatte, mute er wieder an Essen und Trinken denken.
Vorher besprach er sich noch mit dem chinesischen Arzte und lud ihn
zur Mitreise ein, dieser jedoch erwiderte:

Ich danke sehr fr Ihre liebenswrdige Einladung, aber ich wre ein
Tor, wollte ich dieses vollkommene Leben auf Horaisan mit dem
unvollkommenen in Japan oder China oder sonst einem von Menschen
bewohnten Lande vertauschen. Reisen Sie glcklich und mgen Sie es nie
bereuen, dieses glckselige Land verlassen zu haben, denn die Rckkehr
ist schwierig, sogar unmglich!

Wasobiowo sagte lchelnd: Ich hoffe, da ich meinen Entschlu nie
bereuen werde, denn meine Seele findet keinen Gefallen an unttiger
Glckseligkeit. Das wahre Glck fr mich liegt nicht in ewiger Jugend
und Nichtstun, sondern in Arbeit, Schaffen und Streben fr andere;
habe ich fr meine Mitmenschen gewirkt, dann habe ich auch fr mich
gewirkt!

Hatte er Recht? Ich glaube es!

Also stieg Wasobiowo auf den Rcken des Kranichs und dieser stieg mit
ihm empor zum azurblauen Himmel. Dann ging es ber viele unbekannte
Lnder und Stdte, durch das Land der Riesen und der Zwerge, der
Einbeiner und der Dreiugigen und durch viele andere wunderbare
Lnder; berall hrte und sah Wasobiowo das Leben und Treiben der
Bewohner und lernte vielerlei Dinge und Weisheiten.

Endlich aber kam er wieder in Japan an. Alle Leute staunten ihn an,
sein Name war fast vergessen, denn nicht weniger als siebenhundert
Jahre war er fort gewesen, aber der Aufenthalt auf Horaisan hatte auf
seinen Krper solchen Einflu gehabt, da es ihm nicht ging wie
Urashima, dem Fischer, sondern da er bei Gesundheit und Krften war,
als wre er nur wenige Tage abwesend gewesen. Von allen Frchten, die
er aus dem Lande des ewigen Glckes mitgenommen hatte, brachte er nur
noch eine Orange mit. Diese pflanzte er im Garten und sie trug
tausendfltige Frucht und von ihr stammen die heute in Japan
wachsenden Orangen.

Wasobiowo lebte noch viele, viele Jahre als weiser und zufriedener
Mann und erzhlte oft von seinem Aufenthalte auf Horaisan und von
seiner Reise auf dem Kranich.

[Buntbild]

Seinem Angelvergngen aber blieb er bis ins spte Alter treu und fuhr
noch oft des Abends aufs Meer hinaus. Von einer dieser Ausfahrten
kehrte er nicht mehr zurck. Sein gekentertes Boot wurde spter, auf
hoher See treibend, aufgefunden. Von Wasobiowo jedoch war nirgends
eine Spur.

Ob er wieder nach Horaisan zurckgekehrt war?

Sein Andenken wird in Japan hoch in Ehren gehalten als des einzigen
Mannes, der Kunde von Horaisan brachte und die Orange von dort nach
Japan verpflanzte.

Im Munde des Geschichtenerzhlers, in Wort und Schrift lebt die
wunderbare Reise Wasobiowos fort und in vielen Tempeln, in Bchern und
Symbolen findet man ihn dargestellt, wie er auf dem Kranich sitzend,
ber das Meer getragen wird.


    [Anmerkung 1: Horai = Elysium; nach einer Erklrung von R. Lehmann
    Name eines fabelhaften Berges im Meere, wo die frommen Einsiedler
    in ewiger Jugend wohnen. san = Glckberg. Horaisan in sinngemer
    Uebersetzung: Land des ewigen Lebens.]

    [Anmerkung 2: Fu = Vater, Fusan = Vaterberg oder Vater der Berge,
    nicht zu verwechseln mit dem Fujisan in Japan.]

  [Verzierung]




  [Verzierung]

Die Wnsche des Steinhauers.


Es lebte einmal ein Steinhauer, der mute sich im Schweie seines
Angesichts plagen; denn sein Handwerk war ein schweres. Doch da seine
Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, da er ohne Sorgen
und zufrieden leben konnte.

Seine Arbeitssttte war am Fue eines hohen Felsens, von dem er Steine
losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu
Trschwellen oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen
nun hauste ein alter Berggeist, der, wie die Leute erzhlten, die
Wnsche derjenigen, denen er wohlwollte, erfllte. Eines Tages hatte
der Steinhauer einen groen Gartenstein bei einem reichen Brger
abgeliefert und gesehen, wie wohl der es sich sein lassen knne. Als
er an seiner Arbeitssttte schweitriefend wieder angekommen war und
den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit fortzusetzen, da
erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschtzt und wohllebend,
daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemhen brauchte wie
er, der Steinhauer. Ach, seufzte er, wer es doch auch so gut haben
knnte!

Dein Wunsch sei dir erfllt! Gehe heim! erschallte pltzlich eine
dumpfe Stimme, die aus der Hhe zu kommen schien.

Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung
bei, sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem
Gerede gehrt, wonach hier ein Geist hause, der Wnsche erflle, doch
glaubte er nicht daran, sondern war der Meinung, da ihn irgend ein
Schalk, der seine Stoseufzer gehrt habe, ffen wolle.

Whrend der Arbeit lieen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein
besonders heier Tag war, so machte er frher als sonst Feierabend,
lud sein Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er
bei seiner Htte ankam! Diese war verschwunden; an ihrer Stelle stand
ein gar stattliches Haus, mit allem eingerichtet, was zu einem
sorgenlosen, behaglichen Wohlleben ntig war.

Nun sah er, da tatschlich beim Felsen ein guter Geist wohnen msse,
der seinen Wunsch gehrt und erfllt habe.

Sehr erfreut und ganz glcklich warf er sein Handwerkzeug beiseite und
ging in das Haus. Ein gutes Essen stand bereit, ebenso war ein warmes
Bad vorbereitet, auch fehlten nicht gute Kleider und weiche Polster.

Sein Wunsch war nun erfllt und er gab sich ganz dem guten Leben hin,
das er sich gewnscht hatte. Bald kam ihm sein frherer Beruf als ein
bser Traum vor und er wunderte sich oft, wie er hatte so lange
zufrieden sein knnen.

Aber wie es so geht und wie ein Sprichwort sagt: Auf einen Wunsch
folgen mehrere oder wer Macht hat, will grere Macht, so ging es
auch dem Steinhauer.

Einmal sa er an einem heien Sommertage, sich fchelnd, auf der
Veranda seines Hauses, als in einer Snfte ein Frst vorbergetragen
wurde; eine Anzahl Diener schritt rechts und links von der Snfte; sie
trugen groe, prachtvolle Fcher, mit denen sie dem Frsten Khlung
zufchelten. Ein groes Gefolge begleitete ihn und alle Menschen
warfen sich zu Boden und grten in dieser Weise den Frsten.

Da ward der Steinhauer mimutig und sagte: Ja, der Frst hat es gut,
der braucht nicht zu Fu zu gehen, braucht sich nicht eigenhndig
Khlung zuzufcheln und alle Welt verneigt sich vor ihm. Wenn es
ginge, mchte ich auch so ein Frst sein!

Kaum hatte er dies gesagt, da ertnte wieder die Stimme: Du hast es
gewnscht, drum seies!

Jetzt war er ein Frst. Verschwunden war das schne Huschen, dafr
stand ein herrlicher Palast an der Stelle; zahlreiche Diener liefen
hin und her und kamen jedem seiner Befehle nach. Er wurde in einer
Snfte umhergetragen, Diener in kostbarer Kleidung fchelten ihm
Khlung zu und alle Welt verneigte sich vor ihm. Anfnglich machte ihm
diese neue Vernderung viel Vergngen, bald aber ward er des ewigen
Einerleis berdrssig und dachte darber nach, wie er noch besseres
ersinnen knnte. Und als er sah, wie die Sonne so glhend brannte, wie
ihre Strahlen Leben spendeten, zugleich aber auch Feld und Flur
verbrannten, ja ihn selbst nicht schonten, sondern sein Gesicht trotz
Snfte, Schirmen und Fchern brunte, da glaubte er, da die Sonne das
allgewaltigste Ding sei, dem nichts unerreichbar wre, und so rief er
aus: Wenn's mglich wre, mchte ich die Sonne sein!

Du sollst sie sein! rief die Stimme und sogleich stand unser
Steinhauer oben am Himmel als Sonne und schleuderte mit dem grten
Vergngen seine Strahlen nach allen Seiten, verbrannte das Gras auf
den Wiesen, die Ernte auf den Feldern, ja zndete sogar Wlder an.
Kurz, er trieb im bermute seiner Macht allerhand Allotria wie ein
Kind mit einem neuen Spielzeug. Wie dieses aber bald des Spieles
berdrssig wird, so auch der Steinhauer und als sich ihm eine Wolke
in den Weg stellte und seinem Treiben Einhalt gebot, indem sie
verhinderte, da die Strahlen die Erde trafen, da wurde er bitterbse
und schrie:

Was, die winzige Wolke hindert mich an meinem Spiel? Dann ist sie ja
mchtiger als ich, die Sonne. Da mchte ich denn doch lieber die Wolke
sein!

Es sei! hrte er die Stimme zu sich herauftnen.

Jetzt schwebte er als Wolke zwischen Erde und Sonne und freute sich
der Sonne einen Schabernack spielen zu knnen, indem er ihre Strahlen
auffing. Jetzt sah er auch, wie infolge des Schattens, den er auf die
berhitzte Erde warf, alles zu grnen und blhen begann. Dazu gehrt
auch Wasser, dachte er, und ffnete seine Schleusen. Hei, wie das
prasselte und pltscherte! Er freute sich kniglich ber das Treiben
auf der Erde, wie die Menschen rannten und sich zu schtzen suchten,
wie die Vglein sich verbargen und wie die Bume sich beugten unter
der Last des prasselnden Regens. Und immer mehr lie er es regnen,
nicht mehr in kleinen Tropfen, nein, in zerschmetternden Gssen, so
da die Bche und Flsse die Wassermenge nicht zu fassen vermochten
und ber die Ufer traten. Alles Land wurde berschwemmt, Bume
entwurzelt, Dmme fortgerissen und von den Bergen strzten die Wasser
in donnernden Kaskaden hernieder, alles sich ihnen in den Weg
Stellende mit sich reiend. Nur ein einsamer Fels stand ruhig und
fest, ihm vermochte das rasende Ungewitter nichts anzuhaben; stolz
ragte sein Haupt bis nahe zur Wolke empor und die Steinhauer-Wolke
glaubte sogar ein spttisches Lachen zu hren. Das ergrimmte ihn noch
mehr und in uerster Wut sandte er einige Blitze auf den Felsen und
go ber ihn den Rest seines Wassers aus. Aber es half alles nichts;
der Fels wankte und wich nicht und endlich mute die Wolke erschpft
ihr Wten einstellen.

So will ich denn ein Felsen sein! lautete nun sein Wunsch und wieder
rief ihm die Stimme Erfllungzu.

Jetzt war er der Fels, stand stolz und selbstbewut da und freute sich
seiner unbegrenzten Macht. Nicht die Strahlen der Sonne, nicht der
strmende Regen konnten ihm etwas anhaben. Jetzt glaubte der
Steinhauer sein Ziel erreicht zu haben und der Mchtigste dieser Erde
zu sein; denn niemand vermochte ihm Schaden zuzufgen oder ihn von
seiner Stelle zu bewegen.

Niemand!

Wirklich niemand?

Die Freude whrte nicht lange; eines Morgens hrte er an seinem Fue
hmmern und kratzen und als er hinunterschaute, da sah er ein winziges
Menschenkind mit Keil und Hammer bewaffnet, Stck fr Stck vom Felsen
losschlagen.

Wenn das so weiter geht, brummte er, bleibt ja nichts von mir
brig. Sollte man es fr mglich halten? Was alle wtenden Elemente
nicht vermgen, das tut so ein kleiner Knirps von einem Menschen. Das
darf nicht sein, da will ich lieber dieser Mensch sein.

So sei, was du vordem warst! ertnte die Stimme des Berggeistes.

Und der Fels wurde wieder zum Steinhauer, der vom frhen Morgen bis
zum spten Abend mhsam die Steine aus dem Felsen brach und zufrieden
und glcklich war mit dem, was er hatte.

Er war von seinen Wnschen geheilt und hatte einsehen gelernt, da in
jedem Stande und in jedem Berufe etwas zu wnschen brig bleibt, weil
es auf dieser Erde nichts Vollkommenes gibt.

[Abbildung: Japanischer Glcksgott.]



       *       *       *       *       *



Fehler und Unregelmssigkeiten

  erblickte die kleine Schildkrte  [erklickte]
  es wird ... dir... diese Rckkehr ermglichen  [dich]
  ging er wieder zu dem gutmtigen Manne und fragte ihn  [nnd]
  Hltst du so dein Wort?  [Hlst]
  sprach er mit dem Sake liebugelnd  [Sacke]
  da er von den beiden Ksten den kleineren gewhlt habe  [Kasten]
  sie hielt sich dabei die Ohren zu  [dahei]
  Ihr hohen und gelehrten Herren  [nnd]
  Er baute also zwei Boote  [Bote]
  und brachte ihm stets schne Frchte mit  [brachte im]

Satzzeichen:

  Seid ihr ein Gespenst? -- ein Schattenbild?  [ _fehlt_]
  Was bedeutet dieses Kstchen? fragte er sich. Die schne Knigin
    [keine weiteren Anfhrungszeichen]
  Kerl, wie hat er das fertig gebracht?  [! _anstatt_ ?]
  Schn, schn! nun mchte ich aber  [Schn, schn! nun]
  weitere Anstrengung und Schmerzen!  [ _fehlt_]
  vor Aufregung zitternd hob sie den Deckel ab,  [_, unsichtbar_]
  und richtete sich auf seinen Hinterbeinen empor,  [, _unsichtbar_]
  Die Schildkrte schaute hierauf nach vorn  [Die Schildkrte]
  seine Augen freiwillig hergeben solle!  [solle!]
  Maorigashima[1].  [. fehlt]
  komm mit, die wollen wir uns fangen.  [ fehlt]
  d.h. Aera des wahren Friedens  [d h.]
  Rai-taro[1].  [. fehlt]
  fgten sie sich in das Unabnderliche.  [. unsichtbar]

Original ungendert:

  wie alles, das in mein Bereich kommt
    [_Fehler fr meinen?_]
  Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit
  an das Schild seines sonderbaren Reitpferdes
    [_Schild wird regelmssig als Neutrum behandelt_]
  wollte auch er seiner Geschwulst los werden
  Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte
  begrub seinen Liebling unter einen Baum im Garten
  Dem bsen Nachbar aber
  anstatt sich ber das Glck des Nachbars mit diesem zu freuen
    [_Nachbarn vielleicht besser an beiden Stellen_]
  Da letztere heute teilweise zerfallen
  nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus
  steckt Eure Pfoten vorne unter mein Schild
  und machten sich einander Geschenke
    [_besser einander ohne sich_]
  er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen
    [_zu essen oder zum Essen_]
  damit er auf dessem Rcken nach der Heimat zurckkehren knne

Fehldruck:

  Endlich kam er an ein dich{tes Ge}bsch, vor dem ein hbscher
  kleiner Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm
  entgegenhpfte und sich verneigte.

    _Ein Paar Buchstaben sind hier ausgefallen, so:_

... ein dichbsch,
... alten Maah, ihm



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Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
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