The Project Gutenberg EBook of Die Harzreise, by Heinrich Heine

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Title: Die Harzreise

Author: Heinrich Heine

Editor: Otto F. Lachmann

Release Date: January 11, 2008 [EBook #24249]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HARZREISE ***




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               Die Harzreise


                    Von

               Heinrich Heine


    Nach Adolph Strodtmanns Handexemplar
        berichtigt und herausgegeben

                   von

              OttoF. Lachmann




                  Leipzig

  Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




      Schwarze Rcke, seidne Strmpfe,
    Weie hfliche Manschetten,
    Sanfte Reden, Embrassieren--
    Ach, wenn sie nur Herzen htten!

      Herzen in der Brust, und Liebe,
    Warme Liebe in dem Herzen--
    Ach, mich ttet ihr Gesinge
    Von erlognen Liebesschmerzen.

      Auf die Berge will ich steigen,
    Wo die frommen Htten stehen,
    Wo die Brust sich frei erschlieet,
    Und die freien Lfte wehen.

      Auf die Berge will ich steigen,
    Wo die dunkeln Tannen ragen,
    Bche rauschen, Vgel singen,
    Und die stolzen Wolken jagen.

      Lebet wohl, ihr glatten Sle!
    Glatte Herren! glatte Frauen!
    Auf die Berge will ich steigen,
    Lachend auf euch niederschauen.




Die Stadt Gttingen, berhmt durch ihre Wrste und Universitt, gehrt
dem Knige von Hannover, und enthlt 999Feuerstellen, diverse Kirchen,
eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karcer, eine Bibliothek
und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeiflieende Bach
heit die Leine, und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr
kalt und an einigen Orten so breit, da Lder wirklich einen groen
Anlauf nehmen mute, als er hinber sprang. Die Stadt selbst ist schn,
und gefllt einem am besten, wenn man sie mit dem Rcken ansieht. Sie
mu schon sehr lange stehen, denn ich erinnere mich, als ich vor fnf
Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie
schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollstndig
eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Thdansants,
Wscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen,
Pfeifenkpfen, Hofrten, Justizrten, Relegationsrten, Profaxen und
anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der
Vlkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein
ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurckgelassen, und davon
stammten alle die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen,
Thringer u.s.w., die noch heutzutage in Gttingen, hordenweis und
geschieden durch Farben der Mtzen und der Pfeifenquste, ber die
Weenderstrae einherziehen, auf den blutigen Wahlsttten der Rasenmhle,
des Ritschenkruges und Bovdens sich ewig unter einander herumschlagen,
in Sitten und Gebruchen noch immer wie zur Zeit der Vlkerwanderung
dahinleben, und teils durch ihre Duces, welche Haupthhne heien, teils
durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches Komment heit und in den _legibus
barbarorum_ eine Stelle verdient, regiert werden.

Im allgemeinen werden die Bewohner Gttingens eingeteilt in Studenten,
Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stnde doch nichts weniger
als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die
Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen
Professoren hier herzuzhlen, wre zu weitluftig; auch sind mir in
diesem Augenblicke nicht alle Studentennamen im Gedchtnisse, und unter
den Professoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl
der Gttinger Philister mu sehr gro sein, wie Sand oder, besser
gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens mit ihren
schmutzigen Gesichtern und weien Rechnungen vor den Pforten des
akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen,
wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.

Ausfhrlicheres ber die Stadt Gttingen lt sich sehr bequem nachlesen
in der Topographie derselben von K.F.H. Marx. Obzwar ich gegen den
Verfasser, der mein Arzt war und mir viel Liebes erzeigte, die
heiligsten Verpflichtungen hege, so kann ich doch sein Werk nicht
unbedingt empfehlen, und ich mu tadeln, da er jener falschen Meinung,
als htten die Gttingerinnen allzugroe Fe, nicht streng genug
widerspricht. Ja, ich habe mich sogar seit Jahr und Tag mit einer
ernsten Widerlegung dieser Meinung beschftigt, ich habe deshalb
vergleichende Anatomie gehrt, die seltensten Werke aus der Bibliothek
excerpiert, auf der Weenderstrae stundenlang die Fe der
vorbergehenden Damen studiert, und in der grundgelehrten Abhandlung, so
die Resultate dieser Studien enthalten wird, spreche ich 1) von den
Fen berhaupt, 2) von den Fen bei den Alten, 3) von den Fen der
Elefanten, 4) von den Fen der Gttingerinnen, 5) stelle ich alles
zusammen, was ber diese Fe auf Ullrichs Garten schon gesagt worden,
6) betrachte ich diese Fe in ihrem Zusammenhang, und verbreite mich
bei dieser Gelegenheit auch ber Waden, Knie u.s.w., und endlich 7),
wenn ich nur so groes Papier auftreiben kann, fge ich noch hinzu
einige Kupfertafeln mit dem Faksimile Gttingischer Damenfe.--

Es war noch sehr frh, als ich Gttingen verlie, und der gelehrte **
lag gewi noch im Bette und trumte wie gewhnlich, er wandle in einem
schnen Garten, auf dessen Beeten lauter weie mit Citaten beschriebene
Papierchen wachsen, die im Sonnenlichte lieblich glnzen, und von denen
er hie und da mehrere pflckt, und mhsam in ein neues Beet verpflanzt,
whrend die Nachtigallen mit ihren sesten Tnen sein altes Herz
erfreuen.

Vor dem Weender Thore begegneten mir zwei eingeborne kleine Schulknaben,
wovon der eine zum andern sagte: Mit dem Theodor will ich gar nicht
mehr umgehen, er ist ein Lumpenkerl, denn gestern wute er nicht mal,
wie der Genitiv von _mensa_ heit. So unbedeutend diese Worte klingen,
so mu ich sie doch wieder erzhlen, ja, ich mchte sie als Stadt-Motto
gleich auf das Thor schreiben lassen; denn die Jungen piepsen, wie die
Alten pfeifen, und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen
Notizenstolz der hochgelahrten Georgia Augusta.

Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vgel sangen gar
freudig, und auch mir wurde allmhlich wieder frisch und freudig zu
Mute. Eine solche Erquickung that not. Ich war die letzte Zeit nicht aus
dem Pandektenstall herausgekommen, rmische Kasuisten hatten mir den
Geist wie mit einem grauen Spinnweb berzogen, mein Herz war wie
eingeklemmt zwischen den eisernen Paragraphen selbstschtiger
Rechtssysteme, bestndig klang es mir noch in den Ohren wie Tribonian,
Justinian, Hermogenian und Dummerjahn, und ein zrtliches Liebespaar,
das unter einem Baume sa, hielt ich gar fr eine Korpusjurisausgabe mit
verschlungenen Hnden. Auf der Landstrae fing es schon an lebendig zu
werden. Milchmdchen zogen vorber; auch Eseltreiber mit ihren grauen
Zglingen. Hinter Weende begegneten mir der Schfer und Doris. Dieses
ist nicht das idyllische Paar, wovon Gener singt, sondern es sind
wohlbestallte Universittspedelle, die wachsam aufpassen mssen, da
sich keine Studenten in Bovden duellieren, und da keine neuen Ideen,
die noch immer einige Decennien vor Gttingen Quarantaine halten mssen,
von einem spekulierenden Privatdocenten eingeschmuggelt werden. Schfer
grte mich sehr kollegialisch; denn er ist ebenfalls Schriftsteller,
und hat meiner in seinen halbjhrigen Schriften oft erwhnt; wie er mich
denn auch auerdem oft citiert hat und, wenn er mich nicht zu Hause
fand, immer so gtig war, die Citation mit Kreide auf meine Stubenthr
zu schreiben. Dann und wann rollte auch ein Einspnner vorber,
wohlbepackt mit Studenten, die fr die Ferienzeit oder auch fr immer
wegreisten. In solch' einer Universittsstadt ist ein bestndiges Kommen
und Abgehn, alle drei Jahre findet man dort eine neue Studentengeneration.
Das ist ein ewiger Menschenstrom, wo eine Semesterwelle die andere
fortdrngt, und nur die alten Professoren bleiben stehen in dieser
allgemeinen Bewegung, unerschtterlich fest, gleich den Pyramiden
gyptens -- nur da in diesen Universittspyramiden keine Weisheit
verborgen ist.

Aus den Myrtenlauben bei Rauschenwasser sah ich zwei hoffnungsvolle
Jnglinge hervorreiten. Ein Weibsbild, das dort sein horizontales
Handwerk treibt, gab ihnen bis auf die Landstrae das Geleit,
kltschelte mit gebter Hand die mageren Schenkel der Pferde, lachte
laut auf, als der eine Reiter ihr hinten auf die breite Spontaneitt
einige Galanterien mit der Peitsche berlangte, und schob sich alsdann
gen Bovden. Die Jnglinge aber jagten nach Nrten, und johlten gar
geistreich, und sangen gar lieblich das Rossini'sche Lied: Trink Bier,
liebe, liebe Lise! Diese Tne hrte ich noch lange in der Ferne; doch
die holden Snger selbst verlor ich bald vllig aus dem Gesichte,
sintemal sie ihre Pferde, die im Grunde einen deutsch langsamen
Charakter zu haben schienen, gar entsetzlich anspornten und
vorwrtspeitschten. Nirgend wird die Pferdeschinderei strker getrieben
als in Gttingen, und oft, wenn ich sah, wie solch eine
schweitriefende, lahme Kracke fr das bichen Lebensfutter von unsern
Rauschenwasserrittern abgeqult ward, oder wohl gar einen ganzen Wagen
voll Studenten fortziehen mute, so dachte ich auch: O du armes Tier,
gewi haben deine Voreltern im Paradiese verbotenen Hafer gefressen!

Im Wirtshause zu Nrten traf ich die beiden Jnglinge wieder. Der eine
verzehrte einen Heringssalat, und der andere unterhielt sich mit der
gelbledernen Magd, Fusia Kanina, auch Trittvogel genannt. Er sagte ihr
einige Anstndigkeiten und am Ende wurden sie handgemein. Um meinen
Ranzen zu erleichtern, nahm ich die eingepackten blauen Hosen, die in
geschichtlicher Hinsicht sehr merkwrdig sind, wieder heraus und
schenkte sie dem kleinen Kellner, den man Kolibri nennt. Die Bussenia,
die alte Wirtin, brachte mir unterdessen ein Butterbrot, und beklagte
sich, da ich sie jetzt so selten besuche, denn sie liebt mich sehr.

Hinter Nrten stand die Sonne hoch und glnzend am Himmel. Sie meinte es
recht ehrlich mit mir und erwrmte mein Haupt, da alle unreife
Gedanken darin zur Vollreife kamen. Die liebe Wirtshaussonne in Nordheim
ist auch nicht zu verachten; ich kehrte hier ein, und fand das
Mittagessen schon fertig. Alle Gerichte waren schmackhaft zubereitet,
und wollten mir besser behagen, als die abgeschmackten akademischen
Gerichte, die salzlosen, ledernen Stockfische mit ihrem alten Kohl, die
mir in Gttingen vorgesetzt wurden. Nachdem ich meinen Magen etwas
beschwichtigt hatte, bemerkte ich in derselben Wirtsstube einen Herrn
mit zwei Damen, die im Begriff waren abzureisen. Dieser Herr war ganz
grn gekleidet, trug sogar eine grne Brille, die auf seine rote
Kupfernase einen Schein wie Grnspan warf, und sah aus, wie der Knig
Nebukadnezar in seinen sptern Jahren ausgesehen hat, als er, der Sage
nach, gleich einem Tiere des Waldes nichts als Salat a. Der Grne
wnschte, da ich ihm ein Hotel in Gttingen empfehlen mchte, und ich
riet ihm, dort von dem ersten besten Studenten das Hotel de Brhbach zu
erfragen. Die eine Dame war die Frau Gemahlin, eine gar groe,
weitluftige Dame, ein rotes Quadratmeilen-Gesicht mit Grbchen in den
Wangen, die wie Spucknpfe fr Liebesgtter aussahen, ein langfleischig
herabhngendes Unterkinn, das eine schlechte Fortsetzung des Gesichtes
zu sein schien, und ein hochaufgestapelter Busen, der mit steifen
Spitzen und vielzackig festonierten Krgen, wie mit Trmchen und
Bastionen, umbaut war und einer Festung glich, die gewi eben so wenig
wie jene andern Festungen, von denen Philipp von Macedonien spricht,
einem mit Gold beladenen Esel widerstehen wrde. Die andere Dame, die
Frau Schwester bildete ganz den Gegensatz der eben beschriebenen.
Stammte jene von Pharao's fetten Khen, so stammte diese von den magern.
Das Gesicht nur ein Mund zwischen den Ohren, die Brust trostlos de wie
die Lneburger Heide; die ganze ausgekochte Gestalt glich einem
Freitisch fr arme Theologen. Beide Damen fragten mich zu gleicher Zeit,
ob im Hotel de Brhbach auch ordentliche Leute logierten. Ich bejahte es
mit gutem Gewissen, und als das holde Kleeblatt abfuhr, grte ich
nochmals zum Fenster hinaus. Der Sonnenwirt lchelte gar schlau und
mochte wohl wissen, da der Karcer von den Studenten in Gttingen Hotel
de Brhbach genannt wird.

Hinter Nordheim wird es schon gebirgig, und hier und da treten schne
Anhhen hervor. Auf dem Wege traf ich meistens Krmer, die nach der
Braunschweiger Messe zogen, auch ein Schwarm Frauenzimmer, deren jede
ein groes, fast huserhohes, mit weiem Leinen berzogenes Behltnis
auf dem Rcken trug. Darin saen allerlei eingefangene Singvgel, die
bestndig piepsten und zwitscherten, whrend ihre Trgerinnen lustig
dahinhpften und schwatzten. Mir kam es gar nrrisch vor, wie so ein
Vogel den andern zu Markte trgt.

In pechdunkler Nacht kam ich an zu Osterode. Es fehlte mir der Appetit
zum Essen, und ich legte mich gleich zu Bette. Ich war mde wie ein Hund
und schlief wie ein Gott. Im Traume kam ich wieder nach Gttingen
zurck, und zwar nach der dortigen Bibliothek. Ich stand in einer Ecke
des juristischen Saals, durchstberte alte Dissertationen, vertiefte
mich im Lesen, und als ich aufhrte, bemerkte ich zu meiner Bewunderung,
da es Nacht war, und herabhngende Krystallleuchter den Saal erhellten.
Die nahe Kirchenglocke schlug eben Zwlf, die Saalthre ffnete sich
langsam, und herein trat eine stolze, gigantische Frau, ehrfurchtsvoll
begleitet von den Mitgliedern und Anhngern der juristischen Fakultt.
Das Riesenweib, obgleich schon bejahrt, trug dennoch im Antlitz die Zge
einer strengen Schnheit, jeder ihrer Blicke verriet die Titanin, die
gewaltige Themis, Schwert und Wage hielt sie nachlssig zusammen in der
einen Hand, in der andern hielt sie eine Pergamentrolle, zwei junge
_Doctores juris_ trugen die Schleppe ihres grau verblichenen Gewandes,
an ihrer rechten Seite sprang windig hin und her der dnne Hofrat
Rustikus, der Lykurg Hannovers, und deklamierte aus seinem neuen
Gesetzentwurf; an ihrer linken Seite humpelte gar galant und wohlgelaunt
ihr _Cavaliere servente_, der geheime Justizrat Cujacius, und ri
bestndig juristische Witze, und lachte selbst darber so herzlich, da
sogar die ernste Gttin sich mehrmals lchelnd zu ihm herabbeugte, mit
der groen Pergamentrolle ihm auf die Schulter klopfte, und freundlich
flsterte: Kleiner, loser Schalk, der die Bume von oben herab
beschneidet! Jeder von den brigen Herren trat jetzt ebenfalls nher
und hatte etwas hin zu bemerken und hinzulcheln, etwa ein neu
ergrbeltes Systemchen oder Hypotheschen oder hnliches Migebrtchen
des eigenen Kpfchens. Durch die geffnete Saalthr traten auch noch
mehrere fremde Herren herein, die sich als die andern groen Mnner des
illustren Ordens kund gaben, meistens eckige, lauernde Gesellen, die mit
breiter Selbstzufriedenheit gleich darauf los definierten und
distinguierten und ber jedes Titelchen eines Pandektentitels
disputierten. Und immer kamen noch neue Gestalten herein, alte
Rechtsgelehrte in verschollenen Trachten, mit weien Allongepercken und
lngst vergessenen Gesichtern, und sehr erstaunt, da man sie, die
Hochberhmten des verflossenen Jahrhunderts, nicht sonderlich
regardierte; und diese stimmten nun ein, auf ihre Weise, in das
allgemeine Schwatzen und Schrillen und Schreien, das wie Meeresbrandung
immer verwirrter und lauter die hohe Gttin umrauschte, bis diese die
Geduld verlor, und in einem Tone des entsetzlichsten Riesenschmerzes
pltzlich aufschrie: Schweigt! schweigt! ich hre die Stimme des teuren
Prometheus, die hhnende Kraft und die stumme Gewalt schmieden den
Schuldlosen an den Marterfelsen, und all euer Geschwtz und Geznke kann
nicht seine Wunden khlen und seine Fesseln zerbrechen! So rief die
Gttin, und Thrnenbche strzten aus ihren Augen, die ganze Versammlung
heulte wie von Todesangst ergriffen, die Decke des Saales krachte, die
Bcher taumelten herab von ihren Brettern, vergebens trat der alte
Mnchhausen aus seinem Rahmen hervor, um Ruhe zu gebieten, es tobte und
kreischte immer wilder, -- und fort aus diesem drngenden Tollhauslrm
rettete ich mich in den historischen Saal, nach jener Gnadenstelle, wo
die heiligen Bilder des belvederischen Apolls und der mediceischen Venus
nebeneinander stehen, und ich strzte zu den Fen der Schnheitsgttin,
in ihrem Anblick verga ich all das wste Treiben, dem ich entronnen,
meine Augen tranken entzckt das Ebenma und die ewige Lieblichkeit
ihres hochgebenedeiten Leibes, griechische Ruhe zog durch meine Seele,
und ber mein Haupt, wie himmlischen Segen, go seine sesten
Lyraklnge Phbus Apollo.

Erwachend hrte ich noch immer ein freundliches Klingen. Die Herden
zogen auf die Weide, und es luteten ihre Glckchen. Die liebe, goldene
Sonne schien durch das Fenster und beleuchtete die Schildereien an den
Wnden des Zimmers. Es waren Bilder aus dem Befreiungskriege, worauf
treu dargestellt stand, wie wir alle Helden waren, dann auch
Hinrichtungsscenen aus der Revolutionszeit LudwigXVI. auf der
Guillotine, und hnliche Kopfabschneidereien, die man gar nicht ansehen
kann, ohne Gott zu danken, da man ruhig im Bette liegt und guten Kaffee
trinkt und den Kopf noch so recht komfortabel auf den Schultern sitzen
hat. Auch hingen noch an der Wand Ablard und Heloise, einige
franzsische Jugenden, nmlich leere Mdchengesichter, worunter sehr
kalligraphisch _la prudence, la timidit, la piti_ &c. geschrieben
war, und endlich eine Madonna, so schn, so lieblich, so hingebend
fromm, da ich das Original, das dem Maler dazu gesessen, aufsuchen und
zu meinem Weibe machen mchte. Freilich, so bald ich mal mit dieser
Madonna verheiratet wre, wrde ich sie bitten, allen ferneren Umgang
mit dem heiligen Geiste aufzugeben, indem es mir gar nicht lieb sein
mchte, wenn mein Kopf durch Vermittlung meiner Frau einen
Heiligenschein, oder irgend eine andere Verzierung gewnne.

Nachdem ich Kaffee getrunken, mich angezogen, die Inschriften auf den
Fensterscheiben gelesen, und alles im Wirtshause berichtigt hatte,
verlie ich Osterode.

Diese Stadt hat so und so viel Huser, verschiedene Einwohner, worunter
auch mehrere Seelen, wie in Gottschalks Taschenbuch fr Harzreisende
genauer nachzulesen ist. Ehe ich die Landstrae einschlug, bestieg ich
die Trmmer der uralten Osteroder Burg. Sie bestehen nur noch aus der
Hlfte eines groen, dickmaurigen, wie von Krebsschden angefressenen
Turms. Der Weg nach Klausthal fhrte mich wieder bergauf, und von einer
der ersten Hhen schaute ich nochmals hinab in das Thal, wo Osterode mit
seinen roten Dchern aus den grnen Tannenwldern hervorguckt wie eine
Moosrose. Die Sonne gab eine gar liebe, kindliche Beleuchtung. Von der
erhaltenen Turmhlfte erblickt man hier die imponierende Rckseite.

Es liegen noch viele andre Burgruinen in dieser Gegend. Der Hardenberg
bei Nrten ist die schnste. Wenn man auch, wie es sich gebhrt, das
Herz auf der linken Seite hat, auf der liberalen, so kann man sich doch
nicht aller elegischen Gefhle erwehren beim Anblick der Felsennester
jener privilegierten Raubvgel, die auf ihre schwchliche Nachbrut blo
den starken Appetit vererbten. Und so ging es auch mir diesen Morgen.
Mein Gemt war, je mehr ich mich von Gttingen entfernte, allmhlich
aufgethaut, wieder wie sonst wurde mir romantisch zu Sinn, und wandernd
dichtete ich folgendes Lied:

      Steiget auf, ihr alten Trume!
    ffne dich, du Herzensthor!
    Liederwonne, Wehmutsthrnen
    Strmen wunderbar hervor.

      Durch die Tannen will ich schweifen,
    Wo die muntre Quelle springt,
    Wo die stolzen Hirsche wandeln,
    Wo die liebe Drossel singt.

      Auf die Berge will ich steigen,
    Auf die schroffen Felsenhhn,
    Wo die grauen Schloruinen
    In dem Morgenlichte stehn.

      Dorten setz' ich still mich nieder
    Und gedenke alter Zeit,
    Alter blhender Geschlechter
    Und versunkner Herrlichkeit.

      Gras bedeckt jetzt den Turnierplatz,
    Wo gekmpft der stolze Mann,
    Der die Besten berwunden
    Und des Kampfes Preis gewann.

      Epheu rankt an dem Balkone,
    Wo die schne Dame stand,
    Die den stolzen berwinder
    Mit den Augen berwand.

      Ach! den Sieger und die Siegrin
    Hat besiegt des Todes Hand--
    Jener drre Sensenritter
    Streckt uns alle in den Sand.

Nachdem ich eine Strecke gewandert, traf ich zusammen mit einem
reisenden Handwerksburschen, der von Braunschweig kam und mir als ein
dortiges Gercht erzhlte, der junge Herzog sei auf dem Wege nach dem
gelobten Lande von den Trken gefangen worden, und knne nur gegen ein
groes Lsegeld freikommen. Die groe Reise des Herzogs mag diese Sage
veranlat haben. Das Volk hat noch immer den traditionell fabelhaften
Ideengang, der sich so lieblich ausspricht in seinem Herzog Ernst. Der
Erzhler jener Neuigkeit war ein Schneidergesell, ein niedlicher,
kleiner junger Mensch, so dnn, da die Sterne durchschimmern konnten,
wie durch Ossians Nebelgeister, und im Ganzen eine volkstmlich barocke
Mischung von Laune und Wehmut. Dieses uerte sich besonders in der
drollig rhrenden Weise, womit er das wunderbare Volkslied sang: Ein
Kfer auf dem Zaune sa, summ, summ! Das ist schn bei uns Deutschen:
Keiner ist so verrckt, da er nicht einen noch Verrckteren fnde, der
ihn versteht. Nur ein Deutscher kann jenes Lied nachempfinden, und sich
dabei totlachen und totweinen. Wie tief das Goethe'sche Wort ins Leben
des Volkes gedrungen, bemerkte ich auch hier. Mein dnner Weggenosse
trillerte ebenfalls zuweilen vor sich hin: Leidvoll und freudvoll,
Gedanken sind frei! Solche Korruption des Textes ist beim Volke etwas
Gewhnliches. Er sang auch ein Lied, wo Lottchen bei dem Grabe ihres
Werthers trauert. Der Schneider zerflo vor Sentimentalitt bei den
Worten: Einsam wein' ich an der Rosenstelle, wo uns oft der spte Mond
belauscht! Jammernd irr' ich an der Silberquelle, die uns lieblich Wonne
zugerauscht. Aber bald darauf ging er in Mutwillen ber und erzhlte
mir: Wir haben einen Preuen in der Herberge zu Kassel, der eben solche
Lieder selbst macht; er kann keinen seligen Stich nhen; hat er einen
Groschen in der Tasche, so hat er fr zwei Groschen Durst, und wenn er
im Thran ist, hlt er den Himmel fr ein blaues Kamisol, und weint wie
eine Dachtraufe, und singt ein Lied mit der doppelten Poesie! Von
letzterem Ausdruck wnschte ich eine Erklrung, aber mein Schneiderlein
mit seinen Ziegenhainer Beinchen hpfte hin und her und rief bestndig:
Die doppelte Poesie ist die doppelte Poesie! Endlich brachte ich es
heraus, da er doppelt gereimte Gedichte, namentlich Stanzen, im Sinne
hatte. -- Unterdes, durch groe Bewegung und den kontrren Wind, war der
Ritter von der Nadel sehr mde geworden. Er machte freilich noch einige
groe Anstalten zum Gehen und bramarbasierte: Jetzt will ich den Weg
zwischen die Beine nehmen! Doch bald klagte er, da er sich Blasen
unter die Fe gegangen, und die Welt viel zu weitluftig sei; und
endlich bei einem Baumstamme lie er sich sachte niedersinken, bewegte
sein zartes Huptlein wie ein betrbtes Lmmerschwnzchen, und wehmtig
lchelnd rief er: Da bin ich armes Schindluderchen schon wieder
marode!

Die Berge wurden hier noch steiler, die Tannenwlder wogten unten wie
ein grnes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weien Wolken.
Die Wildheit der Gegend war durch ihre Einheit und Einfachheit gleichsam
gezhmt. Wie ein guter Dichter liebt die Natur keine schroffen
bergnge. Die Wolken, so bizarr gestaltet sie auch zuweilen erscheinen,
tragen ein weies oder doch ein mildes, mit dem blauen Himmel und der
grnen Erde harmonisch korrespondierendes Kolorit, so da alle Farben
einer Gegend wie leise Musik in einander schmelzen, und jeder
Naturanblick krampfstillend und gemtberuhigend wirkt. -- Der selige
Hoffmann wrde die Wolken buntscheckig bemalt haben. -- Eben wie ein
groer Dichter wei die Natur auch mit den wenigsten Mitteln die grten
Effekte hervor zu bringen. Da sind nur eine Sonne, Bume, Blumen, Wasser
und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Herzen des Beschauers, so mag das
Ganze wohl einen schlechten Anblick gewhren, und die Sonne hat dann
blo so und so viel Meilen im Durchmesser, und die Bume sind gut zum
Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfden klassifiziert, und
das Wasser ist na.

Ein kleiner Junge, der fr seinen kranken Oheim im Walde Reisig suchte,
zeigte mir das Dorf Lerrbach, dessen kleine Htten mit grauen Dchern
sich ber eine halbe Stunde durch das Thal hinziehen. Dort, sagte er,
wohnen dumme Kropfleute und weie Mohren, -- mit letzterem Namen
werden die Albinos vom Volke benannt. Der kleine Junge stand mit den
Bumen in gar eigenem Einverstndnis; er grte sie wie gute Bekannte,
und sie schienen rauschend seinen Gru zu erwidern. Er pfiff wie ein
Zeisig, ringsum antworteten zwitschernd die andern Vgel, und ehe ich
mich dessen versah, war er mit seinen nackten Fchen und seinem Bndel
Reisig ins Walddickicht fortgesprungen. Die Kinder, dacht' ich, sind
jnger als wir, knnen sich noch erinnern, wie sie ebenfalls Bume oder
Vgel waren, und sind also noch imstande, dieselben zu verstehen;
unsereins aber ist schon alt und hat zu viel Sorgen, Jurisprudenz und
schlechte Verse im Kopf. Jene Zeit, wo es anders war, trat mir bei
meinem Eintritt in Klausthal wieder recht lebhaft ins Gedchtnis. In
dieses nette Bergstdtchen, welches man nicht frher erblickt, als bis
man davorsteht, gelangte ich, als eben die Glocke Zwlf schlug und die
Kinder jubelnd aus der Schule kamen. Die lieben Knaben, fast alle
rotbckig, blauugig und flachshaarig, sprangen und jauchzten, und
weckten in mir die wehmtig heitere Erinnerung wie ich einst selbst als
ein kleines Bbchen in einer dumpfkatholischen Klosterschule zu
Dsseldorf den ganzen lieben Vormittag von der hlzernen Bank nicht
aufstehen durfte, und so viel Latein, Prgel und Geographie ausstehen
mute, und dann ebenfalls unmig jauchzte und jubelte, wenn die alte
Franziskanerglocke endlich Zwlf schlug. Die Kinder sahen an meinem
Ranzen, da ich ein Fremder sei, und grten mich recht gastfreundlich.
Einer der Knaben erzhlte mir, sie htten eben Religionsunterricht
gehabt, und er zeigte mir den knigl. hannov. Katechismus, nach welchem
man ihnen das Christentum abfragt. Dieses Bchlein war sehr schlecht
gedruckt, und ich frchte, die Glaubenslehren machen dadurch schon
gleich einen unerfreulich lschpapierigen Eindruck auf die Gemter der
Kinder; wie es mir denn auch erschrecklich mifiel, da das Einmaleins,
welches doch mit der heiligen Dreiheitslehre bedenklich kollidiert, im
Katechismus selbst, und zwar auf dem letzten Blatte desselben,
abgedruckt ist, und die Kinder dadurch schon frhzeitig zu sndhaften
Zweifeln verleitet werden knnen. Da sind wir im Preuischen viel
klger, und bei unserem Eifer zur Bekehrung jener Leute, die sich so gut
aufs Rechnen verstehen, hten wir uns wohl, das Einmaleins hinter dem
Katechismus abdrucken zu lassen.

In der Krone zu Klausthal hielt ich Mittag. Ich bekam frhlingsgrne
Petersiliensuppe, veilchenblauen Kohl, einen Kalbsbraten, gro wie der
Chimborasso in Miniatur, so wie auch eine Art gerucherter Heringe, die
Bckinge heien, nach dem Namen ihres Erfinders, Wilhelm Bcking, der
1447 gestorben, und um jener Erfindung willen von KarlV. so verehrt
wurde, da derselbe anno 1556 von Middelburg nach Bievlied in Zeeland
reiste, blo um dort das Grab dieses groen Mannes zu sehen. Wie
herrlich schmeckt doch solch ein Gericht, wenn man die historischen
Notizen dazu wei und es selbst verzehrt. Nur der Kaffee nach Tische
wurde mir verleidet, indem sich ein junger Mensch diskursierend zu mir
setzte und so entsetzlich schwadronierte, da die Milch auf dem Tische
sauer wurde. Es war ein junger Handlungsbeflissener mit fnfundzwanzig
bunten Westen und eben so viel goldnen Petschaften, Ringen, Brustnadeln
u.s.w. Er sah aus wie ein Affe, der eine rote Jacke angezogen hat und
nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. Eine ganze Menge Charaden
wute er auswendig, so wie auch Anekdoten, die er immer da anbrachte, wo
sie am wenigsten paten. Er fragte mich, was es in Gttingen Neues gbe,
und ich erzhlte ihm: da vor meiner Abreise von dort ein Dekret des
akademischen Senats erschienen, worin bei drei Thaler Strafe verboten
wird, den Hunden die Schwnze abzuschneiden, indem die tollen Hunde in
den Hundstagen die Schwnze zwischen den Beinen tragen, und man sie
dadurch von den nichttollen unterscheidet, was doch nicht geschehen
knnte, wenn sie gar keine Schwnze haben. -- Nach Tische machte ich
mich auf den Weg, die Gruben, die Silberhtten und die Mnze zu
besuchen.

In den Silberhtten habe ich, wie oft im Leben, den Silberblick
verfehlt. In der Mnze traf ich es schon besser, und konnte zusehen, wie
das Geld gemacht wird. Freilich, weiter hab' ich es auch nie bringen
knnen. Ich hatte bei solcher Gelegenheit immer das Zusehen, und ich
glaube, wenn mal die Thaler vom Himmel herunter regneten, so bekme ich
davon nur Lcher in den Kopf, whrend die Kinder Israel die silberne
Manna mit lustigem Mute einsammeln wrden. Mit einem Gefhle, worin gar
komisch Ehrfurcht und Rhrung gemischt waren, betrachtete ich die
neugebornen, blanken Thaler, nahm einen, der eben vom Prgstocke kam, in
die Hand, und sprach zu ihm: Junger Thaler! welche Schicksale erwarten
dich! wie viel Gutes und wie viel Bses wirst du stiften! wie wirst du
das Laster beschtzen und die Tugend flicken! wie wirst du geliebt und
dann wieder verwnscht werden! wie wirst du schwelgen, kuppeln, lgen
und morden helfen! wie wirst du rastlos umherirren, durch reine und
schmutzige Hnde, jahrhundertelang, bis du endlich schuldbeladen und
sndenmd versammelt wirst zu den deinigen im Schoe Abrahams, der dich
einschmelzt und lutert und umbildet zu einem neuen besseren Sein,
vielleicht gar zu einem unschuldigen Theelffelchen, womit einst mein
eigenes Ururenkelchen sein liebes Breisppchen zurechtmatscht.

Das Befahren der zwei vorzglichsten Klausthaler Gruben der Dorothea
und Karolina, fand ich sehr interessant, und ich mu ausfhrlich davon
erzhlen.

Eine halbe Stunde vor der Stadt gelangt man zu zwei groen,
schwrzlichen Gebuden. Dort wird man gleich von den Bergleuten in
Empfang genommen. Diese tragen dunkle, gewhnlich stahlblaue, weite, bis
ber den Bauch herabhngende Jacken, Hosen von hnlicher Farbe, ein
hinten aufgebundenes Schurzfell und kleine grne Filzhte, ganz randlos
wie ein abgekappter Kegel. In eine solche Tracht, blo ohne Hinterleder,
wird der Besuchende ebenfalls eingekleidet, und ein Bergmann, ein
Steiger, nachdem er sein Grubenlicht angezndet, fhrt ihn nach einer
dunkeln ffnung, die wie ein Kaminfegeloch aussieht, steigt bis an die
Brust hinab, giebt Regeln, wie man sich an den Leitern festzuhalten
habe, und bittet, angstlos zu folgen. Die Sache selbst ist nichts
weniger als gefhrlich; aber man glaubt es nicht im Anfang, wenn man gar
nichts vom Bergwerkswesen versteht. Es giebt schon eine eigene
Empfindung, da man sich ausziehen und die dunkle Delinquententracht
anziehen mu. Und nun soll man auf allen Vieren hinab klettern, und das
dunkle Loch ist so dunkel, und Gott wei, wie lang die Leiter sein mag.
Aber bald merkt man doch, da es nicht eine einzige, in die schwarze
Ewigkeit hinablaufende Leiter ist, sondern da es mehrere von fnfzehn
bis zwanzig Sprossen sind, deren jede auf ein kleines Brett fhrt,
worauf man stehen kann, und worin wieder ein neues Loch nach einer neuen
Leiter hinableitet. Ich war zuerst in die Karolina gestiegen. Das ist
die schmutzigste und unerfreulichste Karolina, die ich je kennen gelernt
habe. Die Leitersprossen sind kotig na. Und von einer Leiter zur andern
geht's hinab, und der Steiger voran, und dieser beteuert immer, es sei
gar nicht gefhrlich, nur msse man sich mit den Hnden fest an den
Sprossen halten, und nicht nach den Fen sehen, und nicht schwindlicht
werden, und nur bei Leibe nicht auf das Seitenbrett treten, wo jetzt das
schnurrende Tonnenseil heraufgeht, und wo vor vierzehn Tagen ein
unvorsichtiger Mensch hinuntergestrzt und leider den Hals gebrochen. Da
unten ist ein verworrenes Rauschen und Summen, man stt bestndig an
Balken und Seile, die in Bewegung sind, um die Tonnen mit geklopften
Erzen oder das hervorgesinterte Wasser herauf zu winden. Zuweilen
gelangt man auch in durchgehauene Gnge, Stollen genannt, wo man das Erz
wachsen sieht, und wo der einsame Bergmann den ganzen Tag sitzt und
mhsam mit dem Hammer die Erzstcke aus der Wand herausklopft. Bis in
die unterste Tiefe, wo man, wie einige behaupten, schon hren kann, wie
die Leute in Amerika _Hurrah, Lafayette!_ schreien, bin ich nicht
gekommen; unter uns gesagt, dort, bis wohin ich kam, schien es mir
bereits tief genug: -- immerwhrendes Brausen und Sausen, unheimliche
Maschinenbewegung, unterirdisches Quellengeriesel, von allen Seiten
herabtriefendes Wasser, qualmig aufsteigende Erddnste, und das
Grubenlicht immer bleicher hineinflimmernd in die einsame Nacht.
Wirklich, es war betubend, das Atmen wurde mir schwer, und mit Mhe
hielt ich mich an den glitscherigen Leitersprossen. Ich habe keinen
Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten
in der Tiefe erinnerte ich mich, da ich im vorigen Jahre ungefhr um
dieselbe Zeit einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt,
es sei doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und
her schaukelt, die Winde ihre Trompeterstckchen losblasen,
zwischendrein der lustige Matrosenlrm erschallt, und alles frisch
berschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft! -- Nach Luft
schnappend stieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Hhe, und mein
Steiger fhrte mich durch einen schmalen, sehr langen, in den Berg
gehauenen Gang nach der Grube Dorothea. Hier ist es luftiger und
frischer, und die Leitern sind reiner, aber auch lnger und steiler als
in der Karolina. Hier wurde mir auch besser zu Mute, besonders da ich
wieder Spuren lebendiger Menschen gewahrte. In der Tiefe zeigten sich
nmlich wandelnde Schimmer; Bergleute mit ihren Grubenlichtern kamen
allmhlich in die Hhe mit dem Grue Glckauf! und mit demselben
Wiedergrue von unserer Seite stiegen sie an uns vorber; und wie eine
befreundet ruhige, und doch zugleich qulend rtselhafte Erinnerung
trafen mich mit ihren tiefsinnig klaren Blicken die ernstfrommen, etwas
blassen, und vom Grubenlicht geheimnisvoll beleuchteten Gesichter dieser
jungen und alten Mnner, die in ihren dunkeln, einsamen Bergschachten
den ganzen Tag gearbeitet hatten, und sich jetzt hinaufsehnten nach dem
lieben Tageslicht, und nach den Augen von Weib und Kind.

Mein Cicerone selbst war eine kreuzehrliche, pudeldeutsche Natur. Mit
innerer Freudigkeit zeigte er mir jene Stelle, wo der Herzog von
Cambridge, als er die Grube befahren, mit seinem ganzen Gefolge gespeist
hat, und wo noch der lange hlzerne Speisetisch steht, so wie auch der
groe Stuhl von Erz, worauf der Herzog gesessen. Dieser bleibe zum
ewigen Andenken stehen, sagte der gute Bergmann, und mit Feuer erzhlte
er, wie viele Festlichkeiten damals stattgefunden, wie der ganze Stollen
mit Lichtern, Blumen und Laubwerk verziert gewesen, wie ein Bergknappe
die Zither gespielt und gesungen, wie der vergngte, liebe, dicke Herzog
sehr viele Gesundheiten ausgetrunken habe, und wie viele Bergleute, und
er selbst ganz besonders, sich gern wrden totschlagen lassen fr den
lieben, dicken Herzog und das ganze Haus Hannover. -- Innig rhrt es
mich jedesmal, wenn ich sehe, wie sich dieses Gefhl der Unterthanstreue
in seinen einfachen Naturlauten ausspricht. Es ist ein so schnes
Gefhl! Und es ist ein so wahrhaft deutsches Gefhl! Andere Vlker mgen
gewandter sein und witziger und ergtzlicher, aber keins ist so treu wie
das treue deutsche Volk. Wte ich nicht, da die Treue so alt ist wie
die Welt, so wrde ich glauben, ein deutsches Herz habe sie erfunden.
Deutsche Treue! sie ist keine moderne Adressenfloskel. An euren Hfen,
ihr deutschen Frsten, sollte man singen und wieder singen das Lied von
dem getreuen Eckart und dem bsen Burgund, der ihm die lieben Kinder
tten lassen, und ihn alsdann doch noch immer treu befunden hat. Ihr
habt das treueste Volk, und ihr irrt, wenn ihr glaubt, der alte
verstndige, treue Hund sei pltzlich toll geworden, und schnappe nach
euren geheiligten Waden.

Wie die deutsche Treue, hatte uns jetzt das kleine Grubenlicht ohne viel
Geflacker still und sicher geleitet durch das Labyrinth der Schachten
und Stollen; wir stiegen hervor aus der dumpfigen Bergnacht, das
Sonnenlicht strahlte -- Glckauf!

Die meisten Bergarbeiter wohnen in Klausthal und in dem damit
verbundenen Bergstdtchen Zellerfeld. Ich besuchte mehrere dieser
wackern Leute, betrachtete ihre kleine husliche Einrichtung, hrte
einige ihrer Lieder, die sie mit der Zither, ihrem Lieblingsinstrumente,
gar hbsch begleiten, lie mir alte Bergmrchen von ihnen erzhlen und
auch die Gebete hersagen, die sie in Gemeinschaft zu halten pflegen, ehe
sie in den dunkeln Schacht hinuntersteigen, und manches gute Gebet habe
ich mitgebetet. Ein alter Steiger meinte sogar, ich sollte bei ihnen
bleiben und Bergmann werden; und als ich dennoch Abschied nahm, gab er
mir einen Auftrag an seinen Bruder, der in der Nhe von Goslar wohnt,
und viele Ksse fr seine liebe Nichte.

So stillstehend ruhig auch das Leben dieser Leute erscheint, so ist es
dennoch ein wahrhaftes, lebendiges Leben. Die steinalte, zitternde Frau,
die, dem groen Schranke gegenber, hinterm Ofen sa, mag dort schon ein
Vierteljahrhundert lang gesessen haben, und ihr Denken und Fhlen ist
gewi innig verwachsen mit allen Ecken dieses Ofens und allen
Schnitzeleien dieses Schrankes. Und Schrank und Ofen leben, denn ein
Mensch hat ihnen einen Teil seiner Seele eingeflt.

Nur durch solch tiefes Anschauungsleben, durch die Unmittelbarkeit
entstand die deutsche Mrchenfabel, deren Eigentmlichkeit darin
besteht, da nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch ganz leblos
scheinende Gegenstnde sprechen und handeln. Sinnigem, harmlosem Volke
in der stillen, umfriedeten Heimlichkeit seiner niedern Berg- oder
Waldhtten offenbarte sich das innere Leben solcher Gegenstnde, diese
gewannen einen notwendigen, konsequenten Charakter, eine se Mischung
von phantastischer Laune und rein menschlicher Gesinnung; und so sehen
wir im Mrchen, wunderbar und doch als wenn es sich von selbst
verstnde: Nhnadel und Stecknadel kommen von der Schneiderherberge und
verirren sich im Dunkeln; Strohhalm und Kohle wollen ber den Bach
setzen und verunglcken; Schippe und Besen stehen auf der Treppe und
zanken und schmeien sich; der befragte Spiegel zeigt das Bild der
schnsten Frau; sogar die Blutstropfen fangen an zu sprechen, bange
dunkle Worte des besorglichsten Mitleids. -- Aus demselben Grunde ist
unser Leben in der Kindheit so unendlich bedeutend, in jener Zeit ist
uns alles gleich wichtig, wir hren alles, wir sehen alles, bei allen
Eindrcken ist Gleichmigkeit, statt wir spter absichtlicher werden,
uns mit dem Einzelnen ausschlielicher beschftigen, das klare Gold der
Anschauung fr das Papiergeld der Bcherdefinitionen mhsam einwechseln,
und an Lebensbreite gewinnen, was wir an Lebenstiefe verlieren. Jetzt
sind wir ausgewachsene, vornehme Leute; wir beziehen oft neue Wohnungen,
die Magd rumt tglich auf, und verndert nach Gutdnken die Stellung
der Mbeln, die uns wenig interessieren, da sie entweder neu sind, oder
heute dem Hans, morgen dem Isaak gehren; selbst unsere Kleider bleiben
uns fremd, wir wissen kaum, wie viel Knpfe an dem Rocke sitzen, den wir
eben jetzt auf dem Leibe tragen; wir wechseln ja so oft als mglich mit
Kleidungsstcken, keines derselben bleibt im Zusammenhange mit unserer
inneren und ueren Geschichte; -- kaum vermgen wir uns zu erinnern,
wie jene braune Weste aussah, die uns einst so viel Gelchter zugezogen
hat, und auf deren breiten Streifen dennoch die liebe Hand der Geliebten
so lieblich ruhte!

Die alte Frau, dem groen Schrank gegenber hinterm Ofen, trug einen
geblmten Rock von verschollenem Zeuge, das Brautkleid ihrer seligen
Mutter. Ihr Urenkel, ein als Bergmann gekleideter blonder, blitzugiger
Knabe, sa zu ihren Fen und zhlte die Blumen ihres Rockes, und sie
mag ihm von diesem Rocke wohl schon viele Geschichtchen erzhlt haben,
viele ernsthafte hbsche Geschichten, die der Junge gewi nicht so bald
vergit, die ihm noch oft vorschweben werden, wenn er bald als ein
erwachsener Mann in den nchtlichen Stollen der Karolina einsam
arbeitet, und die er vielleicht wieder erzhlt, wenn die liebe
Gromutter lngst tot ist, und er selber ein silberhaariger, erloschener
Greis, im Kreise seiner Enkel sitzt, dem groen Schranke gegenber,
hinterm Ofen.

Ich blieb die Nacht ebenfalls in der Krone, wo unterdessen auch der
HofratB. aus Gttingen angekommen war. Ich hatte das Vergngen, dem
alten Herrn meine Aufwartung zu machen. Als ich mich ins Fremdenbuch
einschrieb und im Monat Juli bltterte, fand ich auch den vielteuern
Namen Adalbert von Chamisso, den Biographen des unsterblichen Schlemihl.
Der Wirt erzhlte mir, dieser Herr sei in einem unbeschreibbar
schlechten Wetter angekommen, und in einem eben so schlechten Wetter
wieder abgereist.

Den andern Morgen mute ich meinen Ranzen nochmals erleichtern, das
eingepackte Paar Stiefel warf ich ber Bord, und ich hob auf meine Fe
und ging nach Goslar. Ich kam dahin, ohne zu wissen wie. Nur soviel kann
ich mich erinnern: ich schlenderte wieder bergauf, bergab, schaute
hinunter in manches hbsche Wiesenthal; silberne Wasser brausten, se
Waldvgel zwitscherten, die Herdenglckchen luteten, die mannigfaltig
grnen Bume wurden von der lieben Sonne goldig angestrahlt, und oben
war die blauseidene Decke des Himmels so durchsichtig, da man tief
hinein schauen konnte bis ins Allerheiligste, wo die Engel zu den Fen
Gottes sitzen, und in den Zgen seines Antlitzes den Generalba
studieren. Ich aber lebte noch in dem Traum der vorigen Nacht, den ich
nicht aus meiner Seele verscheuchen konnte. Es war das alte Mrchen, wie
ein Ritter hinabsteigt in einen tiefen Brunnen, wo unten die schnste
Prinzessin zu einem starren Zauberschlafe verwnscht ist. Ich selbst war
der Ritter, und der Brunnen die dunkle Klausthaler Grube, und pltzlich
erschienen viele Lichter, aus allen Seitenlchern strzten die wachsamen
Zwerglein, schnitten zornige Gesichter, hieben nach mir mit ihren kurzen
Schwertern, bliesen gellend ins Horn, da immer mehr und mehr herzu
eilten, und es wackelten entsetzlich ihre breiten Hupter. Wie ich
darauf zuschlug und das Blut herausflo, merkte ich erst, da es die
rotblhenden, langbrtigen Distelkpfe waren, die ich den Tag vorher an
der Landstrae mit dem Stocke abgeschlagen hatte. Da waren sie auch
gleich alle verscheucht, und ich gelangte in einen hellen Prachtsaal; in
der Mitte stand, wei verschleiert, und wie eine Bildsule starr und
regungslos, die Herzgeliebte, und ich kte ihren Mund, und, beim
lebendigen Gott! ich fhlte den beseligenden Hauch ihrer Seele und das
se Beben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hrte ich, wie Gott
rief: Es werde Licht! blendend scho herab ein Strahl des ewigen
Lichts; aber in demselben Augenblick wurde es wieder Nacht, und alles
rann chaotisch zusammen in ein wildes, wstes Meer. Ein wildes, wstes
Meer! ber das ghrende Wasser jagten ngstlich die Gespenster der
Verstorbenen, ihre weien Totenhemden flatterten im Winde, hinter ihnen
her, hetzend, mit klatschender Peitsche lief ein buntscheckiger
Harlekin, und dieser war ich selbst -- und pltzlich, aus den dunkeln
Wellen, reckten die Meerungetme ihre migestalteten Hupter, und
langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und vor Entsetzen erwacht'
ich.

Wie doch zuweilen die allerschnsten Mrchen verdorben werden!
Eigentlich mu der Ritter, wenn er die schlafende Prinzessin gefunden
hat, ein Stck aus ihrem kostbaren Schleier heraus schneiden; und wenn
durch seine Khnheit ihr Zauberschlaf gebrochen ist, und sie wieder in
ihrem Palast auf dem goldenen Stuhle sitzt, mu der Ritter zu ihr treten
und sprechen: Meine allerschnste Prinzessin, kennst du mich? Und dann
antwortet sie: Mein allertapferster Ritter, ich kenne dich nicht. Und
dieser zeigt ihr alsdann das aus ihrem Schleier herausgeschnittene
Stck, das just in denselben wieder hineinpat, und beide umarmen sich
zrtlich, und die Trompeter blasen, und die Hochzeit wird gefeiert.

Es ist wirklich eigenes Migeschick, da meine Liebestrume selten ein
so schnes Ende nehmen.

Der Name Goslar klingt so erfreulich, und es knpfen sich daran so viele
uralte Kaisererinnerungen, da ich eine imposante, stattliche Stadt
erwartete. Aber so geht es, wenn man die Berhmten in der Nhe besieht!
Ich fand ein Nest mit meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straen,
allwo mittendurch ein kleines Wasser, wahrscheinlich die Gose, fliet,
verfallen und dumpfig, und ein Pflaster, so holprig wie Berliner
Hexameter. Nur die Altertmlichkeiten der Einfassung, nmlich Reste von
Mauern, Trmen und Zinnen, geben der Stadt etwas Pikantes. Einer dieser
Trme, der Zwinger genannt, hat so dicke Mauern, da ganze Gemcher
darin ausgehauen sind. Der Platz vor der Stadt, wo der weitberhmte
Schtzenhof gehalten wird, ist eine schne groe Wiese, ringsum hohe
Berge. Der Markt ist klein, in der Mitte steht ein Springbrunnen,
dessen Wasser sich in ein groes Metallbecken ergiet. Bei
Feuersbrnsten wird einigemal daran geschlagen; es giebt dann einen
weitschallenden Ton. Man wei nichts vom Ursprunge dieses Beckens.
Einige sagen, der Teufel habe es einst zur Nachtzeit dort auf den Markt
hingestellt. Damals waren die Leute noch dumm, und der Teufel war auch
dumm, und sie machten sich wechselseitig Geschenke.

Das Rathaus zu Goslar ist eine weiangestrichene Wachtstube. Das
danebenstehende Gildenhaus hat schon ein besseres Ansehen. Ungefhr von
der Erde und vom Dach gleich weit entfernt stehen da die Standbilder
deutscher Kaiser, rucherig schwarz und zum Teil vergoldet, in der einen
Hand das Scepter, in der andern die Weltkugel; sehen aus wie gebratene
Universittspedelle. Einer dieser Kaiser hlt ein Schwert, statt des
Scepters. Ich konnte nicht erraten, was dieser Unterschied sagen will;
und es hat doch gewi seine Bedeutung, da die Deutschen die merkwrdige
Gewohnheit haben, da sie bei allem, was sie thun, sich auch etwas
denken.

In Gottschalks Handbuch hatte ich von dem uralten Dom und von dem
berhmten Kaiserstuhl zu Goslar viel gelesen. Als ich aber beides
besehen wollte, sagte man mir, der Dom sei niedergerissen und der
Kaiserstuhl nach Berlin gebracht worden. Wir leben in einer
bedeutungsschweren Zeit: tausendjhrige Dome werden abgebrochen, und
Kaisersthle in die Rumpelkammer geworfen.

Einige Merkwrdigkeiten des seligen Doms sind jetzt in der
Stephanskirche aufgestellt. Glasmalereien, die wunderschn sind, einige
schlechte Gemlde, worunter auch ein Lukas Cranach sein soll, ferner ein
hlzerner Christus am Kreuz, und ein heidnischer Opferaltar aus
unbekanntem Metall; er hat die Gestalt einer lnglich viereckigen Lade,
und wird von Karyatiden getragen, die, in geduckter Stellung, die Hnde
sttzend ber dem Kopfe halten, und unerfreulich hliche Gesichter
schneiden. Indessen noch unerfreulicher ist das dabeistehende, schon
erwhnte groe hlzerne Kruzifix. Dieser Christuskopf mit natrlichen
Haaren und Dornen und blutbeschmiertem Gesichte zeigt freilich hchst
meisterhaft das Hinsterben eines Menschen, aber nicht eines gottgebornen
Heilands. Nur das materielle Leiden ist in dieses Gesicht
hineingeschnitzelt, nicht die Poesie des Schmerzes. Solch Bild gehrt
eher in einen anatomischen Lehrsaal, als in ein Gotteshaus. Die
kunsterfahrene Frau Ksterin, die mich herumfhrte, zeigte mir noch als
ganz besondere Raritt ein vieleckiges, wohlgehobeltes, schwarzes, mit
weien Zahlen bedecktes Stck Holz, das ampelartig in der Mitte der
Kirche hngt. O, wie glnzend zeigt sich hier der Erfindungsgeist in der
protestantischen Kirche! Denn, wer sollte dies denken! Die Zahlen auf
besagtem Stck Holze sind die Psalmennummern, welche gewhnlich mit
Kreide auf einer schwarzen Tafel verzeichnet werden und auf den
sthetischen Sinn etwas nchtern wirken, aber jetzt durch obige
Erfindung sogar zur Zierde der Kirche dienen, und die so oft darin
vermiten Raphaelschen Bilder hinlnglich ersetzen. Solche Fortschritte
freuen mich unendlich, da ich, der ich Protestant und zwar Lutheraner
bin, immer tief betrbt worden, wenn katholische Gegner das leere,
gottverlassene Ansehn protestantischer Kirchen besptteln konnten.

Ich logierte in einem Gasthofe nahe dem Markte, wo mir das Mittagessen
noch besser geschmeckt haben wrde, htte sich nur nicht der Herr Wirt
mit seinem langen, berflssigen Gesichte und seinen langweiligen Fragen
zu mir hingesetzt; glcklicher Weise ward ich bald erlst durch die
Ankunft eines andern Reisenden, der dieselben Fragen in derselben
Ordnung aushalten mute: _quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur?
quomodo? quando?_ Dieser Fremde war ein alter, mder, abgetragener Mann,
der, wie aus seinen Reden hervorging, die ganze Welt durchwandert,
besonders lang auf Batavia gelebt, viel Geld erworben und wieder alles
verloren hatte, und jetzt, nach dreiigjhriger Abwesenheit, nach
Quedlinburg, seiner Vaterstadt zurckkehrte, -- denn, setzte er hinzu,
unsere Familie hat dort ihr Erbbegrbnis. Der Herr Wirt machte die
sehr aufgeklrte Bemerkung, da es doch fr die Seele gleichgiltig sei,
wo unser Leib begraben wird. Haben sie es schriftlich? antwortete der
Fremde, und dabei zogen sich unheimlich schlaue Ringe um seine
kmmerlichen Lippen und verblichenen ugelein. Aber, setzte er
ngstlich begtigend hinzu, ich will darum ber fremde Grber doch
nichts Bses gesagt haben; -- die Trken begraben ihre Toten noch weit
schner als wir, ihre Kirchhfe sind ordentlich Grten, und da sitzen
sie auf ihren weien, beturbanten Grabsteinen, unter dem Schatten einer
Cypresse, und streichen ihre ernsthaften Brte, und rauchen ruhig ihren
trkischen Tabak aus ihren langen trkischen Pfeifen; -- und bei den
Chinesen gar ist es eine ordentliche Lust zuzusehen, wie sie auf den
Ruhesttten ihrer Toten manierlich herumtnzeln, und beten, und Thee
trinken, und die Geige spielen, und die geliebten Grber gar hbsch zu
verzieren wissen mit allerlei vergoldetem Lattenwerk, Porzellanfigrchen,
Fetzen von buntem Seidenzeug, knstlichen Blumen und farbigen Laternchen
-- alles sehr hbsch -- wie weit hab' ich noch bis Quedlinburg?

Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto mehr aber
jenes wunderschne Lockenkpfchen, das bei meiner Ankunft in der Stadt
aus einem etwas hohen Parterrefenster lchelnd heraus schaute. Nach
Tische suchte ich wieder das liebe Fenster; aber jetzt stand dort nur
ein Wasserglas mit weien Glockenblmchen. Ich kletterte hinauf, nahm
die artigen Blmchen aus dem Glase, steckte sie ruhig auf meine Mtze
und kmmerte mich wenig um die aufgesperrten Muler, versteinerten Nasen
und Glotzaugen, womit die Leute auf der Strae, besonders die alten
Weiber, diesem qualificierten Diebstahle zusahen. Als ich eine Stunde
spter an demselben Hause vorbeiging, stand die Holde am Fenster, und
wie sie die Glockenblmchen auf meiner Mtze gewahrte, wurde sie blutrot
und strzte zurck. Ich hatte jetzt das schne Antlitz noch genauer
gesehen; es war eine se, durchsichtige Verkrperung von
Sommerabendhauch, Mondschein, Nachtigallenlaut und Rosenduft. -- Spter,
als es ganz dunkel geworden, trat sie vor die Thre. Ich kam -- ich
nherte mich -- sie zieht sich langsam zurck in den dunkeln Hausflur --
ich fasse sie bei der Hand und sage: Ich bin ein Liebhaber von schnen
Blumen und Kssen, und was man mir nicht freiwillig giebt, das stehle
ich -- und ich kte sie rasch -- und wie sie entfliehen will, flstere
ich beschwichtigend: Morgen reis' ich fort und komme wohl nie wieder
-- und ich fhle den geheimen Wiederdruck der lieblichen Lippen und der
kleinen Hnde -- und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich mu lachen,
wenn ich bedenke, da ich unbewut jene Zauberformel ausgesprochen,
wodurch unsere Rot- und Blaurcke, fter als durch ihre schnurrbrtige
Liebenswrdigkeit, die Herzen der Frauen bezwingen: Ich reise morgen
fort und komme wohl nie wieder!

Mein Logis gewhrte eine herrliche Aussicht nach dem Rammelsberg. Es war
ein schner Abend. Die Nacht jagte auf ihrem schwarzen Rosse, und die
langen Mhnen flatterten im Winde. Ich stand am Fenster und betrachtete
den Mond. Giebt es wirklich einen Mann im Monde? Die Slaven sagen, er
heie Klotar, und das Wachsen des Mondes bewirke er durch
Wasseraufgieen. Als ich noch klein war, hatte ich gehrt, der Mond sei
eine Frucht, die, wenn sie reif geworden, vom lieben Gott abgepflckt
und zu den brigen Vollmonden in den groen Schrank gelegt werde, der am
Ende der Welt steht, wo sie mit Brettern zugenagelt ist. Als ich grer
wurde, bemerkte ich, da die Welt nicht so eng begrenzt ist, und da der
menschliche Geist die hlzernen Schranken durchbrochen, und mit einem
riesigen Petrischlssel, mit der Idee der Unsterblichkeit, alle sieben
Himmel aufgeschlossen hat. Unsterblichkeit! schner Gedanke! wer hat
dich zuerst erdacht? War es ein Nrnberger Spiebrger, der, mit weier
Nachtmtze auf dem Kopfe und mit weier Thonpfeife im Maule, am lauen
Sommerabend vor seiner Hausthre sa, und recht behaglich meinte, es
wre doch hbsch, wenn er nun so immerfort, ohne da sein Pfeifchen und
sein Lebensatemchen ausgingen, in die liebe Ewigkeit hineinvegetieren
knnte! Oder war es ein junger Liebender, der in den Armen seiner
Geliebten jenen Unsterblichkeitsgedanken dachte, und ihn dachte, weil er
ihn fhlte, und weil er nicht anders fhlen und denken konnte? -- Liebe!
Unsterblichkeit! -- in meiner Brust ward es pltzlich so hei, da ich
glaubte, die Geographen htten den quator verlegt, und er laufe jetzt
gerade durch mein Herz. Und aus meinem Herzen ergossen sich die Gefhle
der Liebe, ergossen sich sehnschtig in die weite Nacht. Die Blumen im
Garten unter meinem Fenster dufteten strker. Dfte sind die Gefhle der
Blumen, und wie das Menschenherz in der Nacht, wo es sich einsam und
unbelauscht glaubt, strker fhlt, so scheinen auch die Blumen, sinnig
verschmt, erst die umhllende Dunkelheit zu erwarten, um sich gnzlich
ihren Gefhlen hinzugeben und sie auszuhauchen in sen Dften. --
Ergiet euch, ihr Dfte meines Herzens, und sucht hinter jenen Bergen
die Geliebte meiner Trume! Sie liegt jetzt schon und schlft; zu ihren
Fen knieen Engel, und wenn sie im Schlafe lchelt, so ist es ein
Gebet, das die Engel nachbeten; in ihrer Brust liegt der Himmel mit
allen seinen Seligkeiten, und wenn sie atmet, so bebt mein Herz in der
Ferne; hinter den seidnen Wimpern ihrer Augen ist die Sonne
untergegangen, und wenn sie die Augen wieder aufschlgt, so ist es Tag,
und die Vgel singen, und die Herdenglckchen luten, und die Berge
schimmern in ihren smaragdenen Kleidern, und ich schnre den Ranzen und
wandre.

In diesen philosophischen Betrachtungen und Privatgefhlen berraschte
mich der Besuch des HofratB., der kurz vorher ebenfalls nach Goslar
gekommen war. Zu keiner Stunde htte ich die wohlwollende Gemtlichkeit
dieses Mannes tiefer empfinden knnen. Ich verehre ihn wegen seines
ausgezeichneten, erfolgreichen Scharfsinns, noch mehr aber wegen seiner
Bescheidenheit. Ich fand ihn ungemein heiter, frisch und rstig. Da er
letzteres ist, bewies er jngst durch sein neues Werk: Die Religion der
Vernunft, ein Buch, das die Rationalisten so sehr entzckt, die
Mystiker rgert, und das groe Publikum in Bewegung setzt. Ich selbst
bin zwar in diesem Augenblick ein Mystiker, meiner Gesundheit wegen,
indem ich nach der Vorschrift meines Arztes alle Anregungen zum Denken
vermeiden soll. Doch verkenne ich nicht den unschtzbaren Wert der
rationalistischen Bemhungen eines Paulus, Gurlitt Krug, Eichhorn,
Bouterwek, Wegscheider u.s.w. Zufllig ist es mir selbst sehr
ersprielich, da diese Leute so manches verjhrte bel fortrumen,
besonders den alten Kirchenschutt, worunter so viele Schlangen und bse
Dnste. Die Luft wird in Deutschland zu dick und auch zu hei, und oft
frchte ich zu ersticken, oder von meinen geliebten Mitmystikern in
ihrer Liebeshitze erwrgt zu werden. Drum will ich auch den guten
Rationalisten nichts weniger als bse sein, wenn sie die Luft etwas gar
zu sehr abkhlen. Im Grunde hat ja die Natur selbst dem Rationalismus
seine Grenze gesteckt; unter der Luftpumpe und am Nordpol kann der
Mensch es nicht aushalten.

In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas hchst
Seltsames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angst daran
zurckdenken. Ich bin von Natur nicht ngstlich, und Gott wei, da ich
niemals eine sonderliche Beklemmung empfunden habe, wenn z.B. eine
blanke Klinge mit meiner Nase Bekanntschaft zu machen suchte, oder wenn
ich mich Nachts in einem verrufenen Walde verirrte, oder wenn mich im
Konzert ein ghnender Lieutenant zu verschlingen drohte -- aber vor
Geistern frchte ich mich fast eben so sehr wie der sterreichische
Beobachter. Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstande oder aus dem
Gemt? ber diese Frage disputierte ich so oft mit dem Doktor Saul
Ascher, wenn wir in Berlin im Caf Royal, wo ich lange Zeit meinen
Mittagstisch hatte, zufllig zusammentrafen. Er behauptete immer, wir
frchten etwas, weil wir es durch Vernunftschlsse fr furchtbar
erkennen. Nur die Vernunft sei eine Kraft, nicht das Gemt. Whrend ich
gut a und gut trank, demonstrierte er mir fortwhrend die Vorzge der
Vernunft. Gegen das Ende seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr
zu sehen, und immer schlo er damit: Die Vernunft ist das hchste
Prinzip! -- Vernunft. Wenn ich jetzt dieses Wort hre, so sehe ich noch
immer den Doktor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem
engen, transcendentalgrauen Leibrock, und mit seinem schroffen, frierend
kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertafel
dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Fnfzigen, war eine
personificierte grade Linie. In seinem Streben nach dem Positiven hatte
der arme Mann sich alles Herrliche aus dem Leben heraus philosophiert,
alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm
nichts brig, als das kalte positive Grab. Auf den Apoll von Belvedere
und auf das Christentum hatte er eine spezielle Malice. Gegen letzteres
schrieb er sogar eine Broschre, worin er dessen Unvernnftigkeit und
Unhaltbarkeit bewies. Er hat berhaupt eine ganze Menge Bcher
geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenen Vortrefflichkeit
renommiert, und wobei es der arme Doktor gewi ernsthaft genug meinte,
und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin aber bestand
ja eben der Hauptspa, da er ein so ernsthaft nrrisches Gesicht
schnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind
begreift, eben weil es ein Kind ist. Einigemal besuchte ich auch den
Vernunftdoktor in seinem eigenen Hause, wo ich schne Mdchen bei ihm
fand; denn die Vernunft verbietet nicht die Sinnlichkeit. Als ich ihn
einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mir sein Bedienter: Der Herr
Doktor ist eben gestorben. Ich fhlte nicht viel mehr dabei, als wenn
er gesagt htte: Der Herr Doktor ist ausgezogen.

Doch zurck nach Goslar. Das hchste Prinzip ist die Vernunft! sagte
ich beschwichtigend zu mir selbst, als ich ins Bett stieg. Indessen, es
half nicht. Ich hatte eben in Varnhagen von Ense's Deutsche
Erzhlungen, die ich von Klausthal mitgenommen hatte, jene entsetzliche
Geschichte gelesen, wie der Sohn, den sein eigener Vater ermorden
wollte, in der Nacht von dem Geiste seiner toten Mutter gewarnt wird.
Die wunderbare Darstellung dieser Geschichte bewirkte, da mich whrend
des Lesens ein inneres Grauen durchfrstelte. Auch erregen
Gespenstererzhlungen ein noch schauerlicheres Gefhl, wenn man sie auf
der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause,
in einem Zimmer, wo man noch nie gewesen. Wie viel Grliches mag sich
schon zugetragen haben auf diesem Flecke, wo du eben liegst? so denkt
man unwillkrlich. berdies schien der Mond so zweideutig ins Zimmer
herein, an der Wand bewegten sich allerlei unberufene Schatten, und als
ich mich im Bett aufrichtete, um hin zu sehen, erblickte ich--

Es giebt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondschein das eigene
Gesicht zufllig im Spiegel sieht. In demselben Augenblicke schlug eine
schwerfllige, ghnende Glocke, und zwar so lang und langsam, da ich
nach dem zwlften Glockenschlage sicher glaubte, es seien unterdessen
volle zwlf Stunden verflossen, und es mte wieder von vorn anfangen,
Zwlf zu schlagen. Zwischen dem vorletzten und letzten Glockenschlage
schlug noch eine andere Uhr, sehr rasch, fast keifend gell, und
vielleicht rgerlich ber die Langsamkeit ihrer Frau Gevatterin. Als
beide eiserne Zungen schwiegen, und tiefe Totenstille im ganzen Hause
herrschte, war es mir pltzlich, als hrte ich auf dem Korridor vor
meinem Zimmer etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere Gang
eines alten Mannes. Endlich ffnete sich meine Thr, und langsam trat
herein der verstorbene Doktor Saul Ascher. Ein kaltes Fieber rieselte
mir durch Mark und Bein, ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich
das Gespenst anzusehen. Er sah aus wie sonst, derselbe transcendentalgraue
Leibrock, dieselben abstrakten Beine, und dasselbe mathematische
Gesicht; nur war dieses etwas gelblicher als sonst, auch der Mund, der
sonst zwei Winkel von 221/2 Grad bildete, war zusammengekniffen, und
die Augenkreise hatten einen greren Radius. Schwankend und wie sonst
sich auf sein spanisches Rhrchen sttzend, nherte er sich mir, und in
seinem gewhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er freundlich: Frchten
Sie sich nicht und glauben Sie nicht, da ich ein Gespenst sei. Es ist
Tuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehen glauben.
Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition? Deducieren Sie mir
die Bedingungen der Mglichkeit eines Gespenstes? In welchem
vernnftigen Zusammenhang stnde eine solche Erscheinung mit der
Vernunft? Die Vernunft, ich sage die Vernunft. -- Und nun schritt das
Gespenst zu einer Analyse der Vernunft, citierte Kants Kritik der
reinen Vernunft, zweiter Theil, erster Abschnitt, zweites Buch, drittes
Hauptstck, die Unterscheidung von Phnomena und Noumena, konstruierte
alsdann den problematischen Gespensterglauben, setzte einen Syllogismus
auf den andern, und schlo mit dem logischen Beweise, da es durchaus
keine Gespenster giebt. Mir unterdessen lief der kalte Schwei ber den
Rcken, meine Zhne klapperten wie Kastagnetten, aus Seelenangst nickte
ich unbedingte Zustimmung bei jedem Satz, womit der spukende Doktor die
Absurditt aller Gespensterfurcht bewies, und derselbe demonstrierte so
eifrig, da er einmal in der Zerstreuung, statt seiner goldnen Uhr, eine
Handvoll Wrmer aus der Uhrtasche zog, und, seinen Irrtum bemerkend, mit
possierlich ngstlicher Hastigkeit wieder einsteckte. Die Vernunft ist
das hchste-- da schlug die Glocke Eins, und das Gespenst verschwand.

Von Goslar ging ich den andern Morgen weiter, halb auf Geratewohl, halb
in der Absicht, den Bruder des Klausthaler Bergmanns aufzusuchen. Wieder
schnes, liebes Sonntagswetter. Ich bestieg Hgel und Berge,
betrachtete, wie die Sonne den Nebel zu verscheuchen suchte, wanderte
freudig durch die schauernden Wlder, und um mein trumendes Haupt
klingelten die Glockenblmchen von Goslar. In ihren weien Nachtmnteln
standen die Berge, die Tannen rttelten sich den Schlaf aus den
Gliedern, der frische Morgenwind frisierte ihnen die herabhngenden,
grnen Haare, die Vglein hielten Betstunde, das Wiesenthal blitzte wie
eine diamantenbesete Golddecke, und der Hirt schritt darber hin mit
seiner lutenden Herde. Ich mochte mich wohl eigentlich verirrt haben.
Man schlgt immer Seitenwege und Fusteige ein, und glaubt dadurch nher
zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben berhaupt, geht's uns auch auf dem
Harze. Aber es giebt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten
Weg bringen; sie thun es gern, und finden noch obendrein ein besonderes
Vergngen daran, wenn sie uns mit selbstgeflliger Miene und wohlwollend
lauter Stimme bedeuten, welche groe Umwege wir gemacht, in welche
Abgrnde und Smpfe wir versinken konnten, und welch ein Glck es sei,
da wir so wegkundige Leute, wie sie sind, noch zeitig angetroffen.
Einen solchen Berichtiger fand ich unweit der Harzburg. Es war ein
wohlgenhrter Brger von Goslar, ein glnzend wampiges, dummkluges
Gesicht; er sah aus, als habe er die Viehseuche erfunden. Wir gingen
eine Strecke zusammen, und er erzhlte mir allerlei Spukgeschichten, die
hbsch klingen konnten, wenn sie nicht alle darauf hinaus liefen, da es
doch kein wirklicher Spuk gewesen, sondern da die weie Gestalt ein
Wilddieb war, und da die wimmernden Stimmen von den eben geworfenen
Jungen einer Bache (wilden Sau), und das Gerusch auf dem Boden von der
Hauskatze herrhrte. Nur wenn der Mensch krank ist, setzte er hinzu,
glaubt er Gespenster zu sehen; was aber seine Wenigkeit anbelange, so
sei er selten krank, nur zuweilen leide er an Hautbeln, und dann
kuriere er sich jedesmal mit nchternem Speichel. Er machte mich auch
aufmerksam auf die Zweckmigkeit und Ntzlichkeit in der Natur. Die
Bume sind grn, weil grn gut fr die Augen ist. Ich gab ihm Recht, und
fgte hinzu, da Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den
Menschen strken, da er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu
Vergleichungen dienen knnen, und da er den Menschen selbst erschaffen,
damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war
entzckt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz
erglnzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerhrt.

So lange er neben mir ging, war gleichsam die ganze Natur entzaubert;
sobald er aber fort war, fingen die Bume wieder an zu sprechen, und die
Sonnenstrahlen erklangen, und die Wiesenblmchen tanzten, und der blaue
Himmel umarmte die grne Erde. Ja, ich wei es besser; Gott hat den
Menschen erschaffen, damit er die Herrlichkeit der Welt bewundere. Jeder
Autor, und sei er noch so gro, wnscht, da sein Werk gelobt werde. Und
in der Bibel, den Memoiren Gottes, steht ausdrcklich, da er die
Menschen erschaffen zu seinem Ruhm und Preis.

Nach einem langen Hin- und Herwandern gelangte ich nach der Wohnung des
Bruders meines Klausthaler Freundes, bernachtete alldort, und erlebte
folgendes schne Gedicht:


I.

      Auf dem Berge steht die Htte,
    Wo der alte Bergmann wohnt;
    Dorten rauscht die grne Tanne,
    Und erglnzt der goldne Mond.

      In der Htte steht ein Lehnstuhl,
    Reich geschnitzt und wunderlich,
    Der darauf sitzt, der ist glcklich,
    Und der Glckliche bin Ich!

      Auf dem Schemel sitzt die Kleine,
    Sttzt den Arm auf meinen Scho;
    uglein wie zwei blaue Sterne,
    Mndlein wie die Purpurros'.

      Und die lieben, blauen Sterne
    Schaun mich an so himmelgro,
    Und sie legt den Lilienfinger
    Schalkhaft auf die Purpurros'.

      Nein, es sieht uns nicht die Mutter,
    Denn sie spinnt mit groem Flei,
    Und der Vater spielt die Zither,
    Und er singt die alte Weis'.

      Und die Kleine flstert leise,
    Leise, mit gedmpftem Laut;
    Manches wichtige Geheimnis
    Hat sie mir schon anvertraut.

      Aber seit die Muhme tot ist,
    Knnen wir ja nicht mehr gehn
    Nach dem Schtzenhof zu Goslar,
    Und dort ist es gar zu schn.

      Hier dagegen ist es einsam
    Auf der kalten Bergeshh',
    Und des Winters sind wir gnzlich
    Wie vergraben in dem Schnee.

      Und ich bin ein banges Mdchen
    Und ich frcht' mich wie ein Kind
    Vor den bsen Bergesgeistern,
    Die des Nachts geschftig sind.

      Pltzlich schweigt die liebe Kleine,
    Wie vom eignen Wort erschreckt,
    Und sie hat mit beiden Hndchen
    Ihre ugelein bedeckt.

      Lauter rauscht die Tanne drauen,
    Und das Spinnrad schnarrt und brummt
    Und die Zither klingt dazwischen,
    Und die alte Weise summt:

      Frcht' dich nicht, du liebes Kindchen,
    Vor der bsen Geister Macht;
    Tag und Nacht, du liebes Kindchen,
    Halten Englein bei dir Wacht!


II.

      Tannenbaum mit grnen Fingern
    Pocht ans niedre Fensterlein,
    Und der Mond, der gelbe Lauscher,
    Wirft sein ses Licht herein.

      Vater, Mutter schnarchen leise
    In dem nahen Schlafgemach,
    Doch wir beide, selig schwatzend,
    Halten uns einander wach.

      Da du gar zu oft gebetet,
    Das zu glauben wird mir schwer,
    Jenes Zucken deiner Lippen
    Kommt wohl nicht vom Beten her.

      Jenes bse, kalte Zucken,
    Das erschreckt mich jedesmal,
    Doch die dunkle Angst beschwichtigt
    Deiner Augen frommer Strahl.

      Auch bezweifl' ich, da du glaubest
    Was so rechter Glaube heit,
    Glaubst wohl nicht an Gott den Vater
    An den Sohn und heil'gen Geist?

      Ach, mein Kindchen, schon als Knabe,
    Als ich sa auf Mutters Scho,
    Glaubte ich an Gott den Vater,
    Der da waltet gut und gro;

      Der die schne Erd' erschaffen,
    Und die schnen Menschen drauf,
    Der den Sonnen, Monden, Sternen
    Vorgezeichnet ihren Lauf.

      Als ich grer wurde, Kindchen,
    Noch viel mehr begriff ich schon,
    Und begriff, und ward vernnftig,
    Und ich glaub' auch an den Sohn;

      An den lieben Sohn, der liebend
    Uns die Liebe offenbart,
    Und zum Lohne, wie gebruchlich,
    Von dem Volk gekreuzigt ward.

      Jetzo, da ich ausgewachsen,
    Viel gelesen, viel gereist,
    Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen,
    Glaub' ich an den heil'gen Geist.

      Dieser that die grten Wunder,
    Und viel grre thut er noch;
    Er zerbrach die Zwingherrnburgen,
    Und zerbrach des Knechtes Joch.

      Alte Todeswunden heilt er,
    Und erneut das alte Recht:
    Alle Menschen, gleichgeboren,
    Sind ein adliges Geschlecht.

      Er verscheucht die bsen Nebel
    Und das dunkle Hirngespinnst,
    Das uns Lieb' und Lust verleidet,
    Tag und Nacht uns angegrinst.

      Tausend Ritter, wohlgewappnet,
    Hat der heil'ge Geist erwhlt,
    Seinen Willen zu erfllen,
    Und er hat sie mutbeseelt.

      Ihre teuern Schwerter blitzen,
    Ihre guten Banner wehn!
    Ei, du mchtest wohl, mein Kindchen,
    Solche stolze Ritter sehn?

      Nun, so schau mich an, mein Kindchen,
    Ksse mich und schaue dreist;
    Denn ich selber bin ein solcher
    Ritter von dem heil'gen Geist.


III.

      Still versteckt der Mond sich drauen
    Hinterm grnen Tannenbaum,
    Und im Zimmer unsre Lampe
    Flackert matt und leuchtet kaum.

      Aber meine blauen Sterne
    Strahlen auf in hellerm Licht,
    Und es glht die Purpurrose,
    Und das liebe Mdchen spricht:

      Kleines Vlkchen, Wichtelmnnchen
    Stehlen unser Brot und Speck,
    Abends ist es noch im Kasten,
    Und des Morgens ist es weg.

      Kleines Vlkchen, unsre Sahne
    Nascht es von der Milch, und lt
    Unbedeckt die Schssel stehen,
    Und die Katze suft den Rest.

      Und die Katz' ist eine Hexe,
    Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm
    Drben nach dem Geisterberge,
    Nach dem altverfallnen Turm.

      Dort hat einst ein Schlo gestanden,
    Voller Lust und Waffenglanz;
    Blanke Ritter, Fraun und Knappen
    Schwangen sich im Fackeltanz.

      Da verwnschte Schlo und Leute
    Eine bse Zauberin,
    Nur die Trmmer blieben stehen,
    Und die Eulen nisten drin.

      Doch die sel'ge Muhme sagte:
    Wenn man spricht das rechte Wort
    Nchtlich zu der rechten Stunde,
    Drben an dem rechten Ort:

      So verwandeln sich die Trmmer
    Wieder in ein helles Schlo,
    Und es tanzen wieder lustig
    Ritter, Fraun und Knappentro;

      Und wer jenes Wort gesprochen,
    Dem gehren Schlo und Leut',
    Pauken und Trompeten huld'gen
    Seiner jungen Herrlichkeit.

      Also blhen Mrchenbilder
    Aus des Mundes Rselein,
    Und die Augen gieen drber
    Ihren blauen Sternenschein.

      Ihre goldnen Haare wickelt
    Mir die Kleine um die Hnd',
    Giebt den Fingern hbsche Namen,
    Lacht und kt, und schweigt am End'.

      Und im stillen Zimmer alles
    Blickt mich an so wohlvertraut;
    Tisch und Schrank, mir ist als htt' ich
    Sie schon frher mal geschaut.

      Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr
    Und die Zither, hrbar kaum,
    Fngt von selber an zu klingen,
    Und ich sitze wie im Traum.

      Jetzo ist die rechte Stunde,
    Und es ist der rechte Ort;
    Staunen wrdest du, mein Kindchen,
    Sprch' ich aus das rechte Wort.

      Sprech' ich jenes Wort, so dmmert
    Und erbebt die Mitternacht,
    Bach und Tannen brausen lauter,
    Und der alte Berg erwacht.

      Zitherklang und Zwergenlieder
    Tnen aus des Berges Spalt,
    Und es spriet, wie'n toller Frhling
    Draus hervor ein Blumenwald.

      Blumen, khne Wunderblumen,
    Bltter, breit und fabelhaft,
    Duftig bunt und hastig regsam,
    Wie gedrngt von Leidenschaft.

      Rosen, wild wie rote Flammen,
    Sprhn aus dem Gewhl hervor;
    Lilien, wie krystallne Pfeiler,
    Schieen himmelhoch empor.

      Und die Sterne, gro wie Sonnen,
    Schaun herab mit Sehnsuchtsglut;
    In der Lilien Riesenkelche
    Strmet ihre Strahlenflut.

      Doch wir selber, ses Kindchen,
    Sind verwandelt noch viel mehr;
    Fackelglanz und Gold und Seide
    Schimmern lustig um uns her.

      Du, du wurdest zur Prinzessin,
    Diese Htte ward zum Schlo,
    Und da jubeln und da tanzen
    Ritter, Fraun und Knappentro.

      Aber ich, ich hab' erworben,
    Dich und alles, Schlo und Leut':
    Pauken und Trompeten huld'gen
    Meiner jungen Herrlichkeit!


Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen, wie Gespenster beim dritten
Hahnenschrei. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte
die schne Sonne, immer neue Schnheiten beleuchtend. Der Geist des
Gebirges begnstigte mich ganz offenbar; er wute wohl, da so ein
Dichtermensch viel Hbsches wiedererzhlen kann, und er lie mich diesen
Morgen seinen Harz sehen, wie ihn gewi nicht jeder sah. Aber auch mich
sah der Harz, wie mich nur wenige gesehen, in meinen Augenwimpern
flimmerten eben so kostbare Perlen, wie in den Grsern des Thals.
Morgentau der Liebe feuchtete meine Wangen, die rauschenden Tannen
verstanden mich, ihre Zweige thaten sich von einander, bewegten sich
herauf und herab, gleich stummen Menschen, die mit den Hnden ihre
Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnisvoll, wie
Glockengelute einer verlornen Waldkirche. Man sagt, das seien die
Herdenglckchen, die im Harz so lieblich, klar und rein gestimmt sind.

Nach dem Stande der Sonne war es Mittag, als ich auf eine solche Herde
stie, und der Hirt, ein freundlich blonder junger Mensch, sagte mir,
der groe Berg, an dessen Fu ich stnde, sei der alte, weltberhmte
Brocken. Viele Stunden ringsum liegt kein Haus, und ich war froh genug,
da mich der junge Mensch einlud, mit ihm zu essen. Wir setzten uns
nieder zu einem _Dejeuner dinatoire_, das aus Kse und Brot bestand; die
Schfchen erhaschten die Krumen, die lieben blanken Khlein sprangen um
uns herum, und klingelten schelmisch mit ihren Glckchen, und lachten
uns an mit ihren groen, vergngten Augen. Wir tafelten recht kniglich;
berhaupt schien mir mein Wirt ein echter Knig, und weil er bis jetzt
der einzige Knig ist, der mir Brot gegeben hat, so will ich ihn auch
kniglich besingen.

      Knig ist der Hirtenknabe,
    Grner Hgel ist sein Thron,
    ber seinem Haupt die Sonne
    Ist die schwere, goldne Kron'.

      Ihm zu Fen liegen Schafe,
    Weiche Schmeichler, rotbekreuzt!
    Kavaliere sind die Klber,
    Und sie wandeln stolz gespreizt.

      Hofschauspieler sind die Bcklein;
    Und die Vgel und die Kh',
    Mit den Flten, mit den Glcklein,
    Sind die Kammermusici.

      Und das klingt und singt so lieblich,
    Und so lieblich rauschen drein
    Wasserfall und Tannenbume,
    Und der Knig schlummert ein.

      Unterdessen mu regieren
    Der Minister, jener Hund,
    Dessen knurriges Gebelle
    Wiederhallet in der Rund'.

      Schlfrig lallt der junge Knig:
    Das Regieren ist so schwer,
    Ach, ich wollt', da ich zu Hause
    Schon bei meiner Kn'gin wr'!

      In den Armen meiner Kn'gin
    Ruht mein Knigshaupt so weich,
    Und in ihren lieben Augen
    Liegt mein unermelich Reich!

Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und frhlich stieg ich den Berg
hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, fr die ich
in jeder Hinsicht Respekt habe. Diesen Bumen ist nmlich das Wachsen
nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend
sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen groen Granitblcken
berset, und die meisten Bume muten mit ihren Wurzeln diese Steine
umranken oder sprengen, und mhsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung
schpfen knnen. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Thor
bildend, ber einander, und oben darauf stehen die Bume, die nackten
Wurzeln ber jene Steinpforte hinziehend, und erst am Fue derselben
den Boden erfassend, so da sie in der freien Luft zu wachsen scheinen.
Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Hhe empor geschwungen, und,
mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester
als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. So
stehen auch im Leben jene groen Mnner, die durch das berwinden frher
Hemmungen und Hindernisse sich erst recht gestrkt und befestigt haben.
Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhrnchen und unter denselben
spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier
sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergngen daran
finden, es zu hetzen und zu tten. Solch ein Tier war barmherziger als
die Menschen, und sugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen
Genovefa.

Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte
Tannengrn. Eine natrliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. berall
schwellende Moosbnke; denn die Steine sind fuhoch von den schnsten
Moosarten, wie mit hellgrnen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Khle
und trumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser
unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und
Fasern besplt. Wenn man sich nach diesem Treiben hinab beugt, so
belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und
das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser
aus den Steinen und Wurzeln strker hervor und bildet kleine Kaskaden.
Da lt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Vgel
singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Bume flstern wie mit tausend
Mdchenzungen, wie mit tausend Mdchenaugen schauen uns an die seltsamen
Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam breiten, drollig
gezackten Bltter, spielend flimmern hin und her die lustigen
Sonnenstrahlen, die sinnigen Krutlein erzhlen sich grne Mrchen, es
ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein
uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint -- ach, da sie so
schnell wieder verschwindet!

Je hher man den Berg hinaufsteigt, desto krzer, zwerghafter werden die
Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu schrumpfen, bis nur
Heidelbeer- und Rotbeerstruche und Bergkruter brig bleiben. Da wird
es auch schon fhlbar klter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblcke
werden hier erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Gre.
Das mgen wohl die Spielblle sein, die sich die bsen Geister einander
zuwerfen in der Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und
Mistgabeln einhergeritten kommen, und die abenteuerlich verruchte Lust
beginnt, wie die glaubhafte Amme es erzhlt, und wie es zu schauen ist
auf den hbschen Faustbildern des Meister Retzsch. Ja, ein junger
Dichter, der auf einer Reise von Berlin nach Gttingen in der ersten
Mainacht am Brocken vorbei ritt, bemerkte sogar, wie einige
belletristische Damen auf einer Bergecke ihre sthetische
Theegesellschaft hielten, sich gemtlich die Abendzeitung vorlasen,
ihre poetischen Ziegenbckchen, die meckernd den Theetisch umhpften,
als Universalgenies priesen, und ber alle Erscheinungen in der
deutschen Litteratur ihr Endurteil fllten; doch als sie auch auf den
Ratcliff und Almansor gerieten, und dem Verfasser alle Frmmigkeit
und Christlichkeit absprachen, da strubte sich das Haar des jungen
Mannes, Entsetzen ergriff ihn, -- ich gab dem Pferde die Sporen und
jagte vorber.

In der That, wenn man die obere Hlfte des Brockens besteigt, kann man
sich nicht erwehren, an die ergtzlichen Blocksberggeschichten zu
denken, und besonders an die groe mystische deutsche Nationaltragdie
vom Doktor Faust. Mir war immer, als ob der Pferdefu neben mir hinauf
klettere, und jemand humoristisch Atem schpfe. Und ich glaube, auch
Mephisto mu mit Mhe Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt;
es ist ein uerst erschpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich
das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam.

Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbildungen bekannt ist, blo aus
einem Parterre besteht, und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erst
1800 vom Grafen Stolberg-Wernigerode erbaut, fr dessen Rechnung es auch
als Wirtshaus verwaltet wird. Die Mauern sind erstaunlich dick, wegen
des Windes und der Klte im Winter; das Dach ist niedrig, in der Mitte
desselben steht eine turmartige Warte, und bei dem Hause liegen noch
zwei kleine Nebengebude, wovon das eine in frhern Zeiten den
Brockenbesuchern zum Obdach diente.

Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwas
ungewhnliche, mrchenhafte Empfindung. Man ist nach einem langen,
einsamen Umhersteigen durch Tannen und Klippen pltzlich in ein
Wolkenhaus versetzt; Stdte, Berge und Wlder blieben unten liegen, und
oben findet man eine wunderlich zusammengesetzte, fremde Gesellschaft,
von welcher man, wie es an dergleichen Orten natrlich ist, fast wie ein
erwarteter Genosse, halb neugierig und halb gleichgiltig, empfangen
wird. Ich fand das Haus voller Gste, und, wie es einem klugen Manne
geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines
Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich gleich Thee, und der
Herr Brockenwirt war vernnftig genug, einzusehen, da ich kranker
Mensch fr die Nacht ein ordentliches Bett haben msse. Dieses
verschaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo schon ein junger
Kaufmann, ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, sich
etabliert hatte.

In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von
verschiedenen Universitten. Die einen sind kurz vorher angekommen und
restaurieren sich, andere bereiten sich zum Abmarsch, schnren ihre
Ranzen, schreiben ihre Namen ins Gedchtnisbuch, erhalten Brockenstrue
von den Hausmdchen; da wird in die Wangen gekniffen, gesungen,
gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fuweg,
Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und
diese haben von der schnen Aussicht einen doppelten Genu, da ein
Betrunkener alles doppelt sieht.

Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarte, und fand
daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungen und einer
ltlichen. Die junge Dame war sehr schn. Eine herrliche Gestalt, auf
dem lockigen Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen
weien Federn die Winde spielten, die schlanken Glieder von einem
schwarzseidenen Mantel so fest umschlossen, da die edlen Formen
hervortraten, und das freie, groe Auge, ruhig hinabschauend in die
freie, groe Welt.

Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber und
Wundergeschichten, und jede schne Dame, die Straufedern auf dem Kopfe
trug, hielt ich fr eine Elfenknigin, und bemerkte ich gar, da die
Schleppe ihres Kleides na war, so hielt ich sie fr eine Wassernixe.
Jetzt denke ich anders, seit ich aus der Naturgeschichte wei, da jene
symbolischen Federn von dem dmmsten Vogel herkommen, und da die
Schleppe eines Damenkleides auf sehr natrliche Weise na werden kann.
Htte ich mit jenen Knabenaugen die erwhnte junge Schne in erwhnter
Stellung auf dem Brocken gesehen, so wrde ich sicher gedacht haben:
Das ist die Fee des Berges, und sie hat eben den Zauber ausgesprochen,
wodurch dort unten alles so wunderbar erscheint. Ja, in hohem Grade
wunderbar erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom Brocken, alle
Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrcke, und diese, meistens
verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer
Seele zu einem groen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefhl.
Gelingt es uns, dieses Gefhl in seinem Begriff zu erfassen, so erkennen
wir den Charakter des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl
in Hinsicht seiner Fehler, also auch seiner Vorzge. Der Brocken ist ein
Deutscher. Mit deutscher Grndlichkeit zeigt er uns klar und deutlich,
wie ein Riesenpanorama, die vielen hundert Stdte, Stdtchen und Drfer,
die meistens nrdlich liegen, und ringsum alle Berge, Wlder, Flsse,
Flchen, unendlich weit. Aber eben dadurch erscheint alles wie eine
scharfgezeichnete, rein illuminierte Specialkarte, nirgends wird das
Auge durch eigentliche schne Landschaften erfreut; wie es denn immer
geschieht, da wir deutschen Kompilatoren wegen der ehrlichen
Genauigkeit, womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken
knnen, das einzelne auf eine schne Weise zu geben. Der Berg hat auch
so etwas Deutschruhiges, Verstndiges, Tolerantes; eben weil er die
Dinge so weit und klar berschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine
Riesenaugen ffnet, mag er wohl noch etwas mehr sehen, als wir Zwerge,
die wir mit unsern blden uglein auf ihm herum klettern. Viele wollen
zwar behaupten, der Brocken sei sehr philistrse, und Claudius sang:
Der Blocksberg ist der lange Herr Philister! Aber das ist Irrtum.
Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weien Nebelkappe
bedeckt, giebt er sich zwar den Anstrich von Philistrsitt; aber, wie
bei manchen andern groen Deutschen, geschieht es aus purer Ironie. Es
ist sogar notorisch, da der Brocken seine burschikosen, phantastischen
Zeiten hat, z.B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe
jubelnd in die Lfte, und wird, eben so gut wie wir brigen, recht
echtdeutsch romantisch verrckt.

Ich suchte gleich die schne Dame in ein Gesprch zu verflechten; denn
Naturschnheiten geniet man erst recht, wenn man sich auf der Stelle
darber aussprechen kann. Sie war nicht geistreich, aber aufmerksam
sinnig. Wahrhaft vornehme Formen. Ich meine nicht die gewhnliche,
steife, negative Vornehmheit, die genau wei, was unterlassen werden
mu; sondern jene seltnere, freie, positive Vornehmheit, die uns genau
sagt, was wir thun drfen, und die uns, bei aller Unbefangenheit, die
hchste gesellige Sicherheit giebt. Ich entwickelte, zu meiner eigenen
Verwunderung, viele geographische Kenntnisse, nannte der wibegierigen
Schnen alle Namen der Stdte, die vor uns lagen, suchte und zeigte ihr
dieselben auf meiner Landkarte, die ich ber den Steintisch, der in der
Mitte der Turmplatte steht, mit echter Docentenmiene ausbreitete. Manche
Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit den Fingern
suchte, als mit den Augen, die sich unterdessen auf dem Gesicht der
holden Dame orientierten, und dort schnere Partieen fanden, als
Schierke und Elend. Dieses Gesicht gehrte zu denen, die nie reizen,
selten entzcken, und immer gefallen. Ich liebe solche Gesichter, weil
sie mein schlimmbewegtes Herz zur Ruhe lcheln. Die Dame war noch
unverheiratet; obgleich schon in jener Vollblte, die zum Ehestande
hinlnglich berechtigt. Aber es ist ja eine tgliche Erscheinung, just
bei den schnsten Mdchen hlt es so schwer, da sie einen Mann
bekommen. Dies war schon im Altertum der Fall, und, wie bekannt ist,
alle drei Grazien sind sitzen geblieben.

In welchem Verhltnis der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu
denselben stehen mochte, konnte ich nicht erraten. Es war eine dnne,
merkwrdige Figur. Ein Kpfchen, sparsam bedeckt mit grauen Hrchen, die
ber die kurze Stirn bis an die grnlichen Libellenaugen reichten, die
runde Nase weit hervortretend, dagegen Mund und Kinn sich wieder
ngstlich nach den Ohren zurck ziehend. Dieses Gesichtchen schien aus
einem zarten, gelblichen Thone zu bestehen, woraus die Bildhauer ihre
ersten Modelle kneten; und wenn die schmalen Lippen zusammen kniffen,
zogen sich ber die Wangen einige tausend halbkreisartige, feine
Fltchen. Der kleine Mann sprach kein Wort, und nur dann und wann, wenn
die ltere Dame ihm etwas Freundliches zuflsterte, lchelte er wie ein
Mops, der den Schnupfen hat.

Jene ltere Dame war die Mutter der jngern, und auch sie besa die
vornehmsten Formen. Ihr Auge verriet einen krankhaft schwrmerischen
Tiefsinn, um ihren Mund lag strenge Frmmigkeit, doch schien mir's, als
ob er einst sehr schn gewesen sei, und viel gelacht und viele Ksse
empfangen und viele erwidert habe. Ihr Gesicht glich einem Kodex
palimpsestus, wo unter der neuschwarzen Mnchsschrift eines
Kirchenvatertextes die halberloschenen Verse eines altgriechischen
Liebesdichters hervorlauschen. Beide Damen waren mit ihrem Begleiter
dieses Jahr in Italien gewesen und erzhlten mir allerlei Schnes von
Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzhlte viel von den Raphaelschen
Bildern in der Peterskirche; die Tochter sprach mehr von der Oper im
Theater Fenice. Beide waren entzckt von der Kunst der Improvisatoren.
Nrnberg war der Damen Vaterstadt; doch von dessen altertmlicher
Herrlichkeit wuten sie mir wenig zu sagen. Die holdselige Kunst des
Meistergesangs, wovon uns der gute Wagenseil die letzten Klnge
erhalten, ist erloschen, und die Brgerinnen Nrnbergs erbauen sich an
welschem Stegreifunsinn und Kapaunengesang. O Sankt Sebaldus, was bist
du jetzt fr ein armer Patron!

Derweil wir sprachen, begann es zu dmmern; die Luft wurde noch klter,
die Sonne neigte sich tiefer, und die Turmplatte fllte sich mit
Studenten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Brgersleuten, samt
deren Ehefrauen und Tchtern, die alle den Sonnenuntergang sehen
wollten. Es ist ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt.
Wohl eine Viertelstunde standen alle ernsthaft schweigend, und sahen,
wie der schne Feuerball im Westen allmhlich versank; die Gesichter
wurden vom Abendrot angestrahlt, die Hnde falteten sich unwillkrlich;
es war, als stnden wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines
Riesendoms, und der Priester erhbe jetzt den Leib des Herrn, und von
der Orgel herab ergsse sich Palestrina's ewiger Choral.

Whrend ich so in Andacht versunken stehe, hre ich, da neben mir
jemand ausruft: Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schn! Die
Worte kamen aus der gefhlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen
Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltagsstimmung, war
jetzt imstande, den Damen ber den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu
sagen, und sie ruhig, als wre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu
fhren. Sie erlaubten mir auch, sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie
die Erde selbst, drehte sich unsre Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter
uerte, die in Nebel versinkende Sonne habe ausgesehen wie eine
rotglhende Rose, die der galante Himmel herabgeworfen in den
weitausgebreiteten, weien Brautschleier seiner geliebten Erde. Die
Tochter lchelte und meinte, der ftere Anblick solcher
Naturerscheinungen schwche ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte
diese falsche Meinung durch eine Stelle aus Goethe's Reisebriefen, und
frug mich, ob ich den Werther gelesen? Ich glaube, wir sprachen auch von
Angorakatzen, etruskischen Vasen, trkischen Shawls, Maccaroni und Lord
Byron, aus dessen Gedichten die ltere Dame einige Sonnenuntergangsstellen,
recht hbsch lispelnd und seufzend, recitierte. Der jngern Dame, die
kein Englisch verstand und jene Gedichte kennen lernen wollte, empfahl
ich die bersetzungen meiner schnen, geistreichen Landsmnnin, der
Baronin Elise von Hohenhausen; bei welcher Gelegenheit ich nicht
ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu thun pflege, ber Byrons
Gottlosigkeit, Lieblosigkeit, Trostlosigkeit, und der Himmel wei was
noch mehr, zu eifern.

Nach diesem Geschfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz
dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrachtete
die Umrisse der beiden Hgel, die man den Hexenaltar und die
Teufelskanzel nennt. Ich scho meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo.
Pltzlich aber hre ich bekannte Stimmen, und fhle mich umarmt und
gekt. Es waren meine Landsleute, die Gttingen vier Tage spter
verlassen hatten, und bedeutend erstaunt waren, mich ganz allein auf dem
Blocksberge wieder zu finden. Da gab es ein Erzhlen und Verwundern und
Verabreden, ein Lachen und Erinnern, und im Geiste waren wir wieder in
unserm gelehrten Sibirien, wo die Kultur so gro ist, da die Bren in
den Wirtshusern angebunden werden, und die Zobel dem Jger guten Abend
wnschen.

Im groen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit
zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewhnliches
Universittsgesprch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die
Gesellschaft bestand meistens aus Hallensern, und Halle wurde daher
Hauptgegenstand der Unterhaltung. Die Fensterscheiben des Hofrats Schtz
wurden exegetisch beleuchtet. Dann erzhlte man, da die letzte Kur bei
dem Knig von Cypern sehr glnzend gewesen sei, da er einen natrlichen
Sohn erwhlt, da er sich eine Lichtensteinsche Prinzessin ans linke
Bein antrauen lassen, da er die Staatsmaitresse abgedankt, und da das
ganze gerhrte Ministerium vorschriftsmig geweint habe. Ich brauche
wohl nicht zu erwhnen, da sich dieses auf Halle'sche Bierwrden
bezieht. Hernach kamen die zwei Chinesen aufs Tapet, die sich vor zwei
Jahren in Berlin sehen lieen, und jetzt in Halle zu Privatdocenten der
chinesischen sthetik abgerichtet werden. Nun wurden Witze gerissen. Man
setzte den Fall, ein Deutscher liee sich in China fr Geld sehen; und
zu diesem Zwecke wurde ein Anschlagzettel geschmiedet, worin die
Mandarinen Tsching-Tschang-Tschung und Hi-Ha-Ho begutachteten, da es
ein echter Deutscher sei, worin ferner seine Kunststcke aufgerechnet
wurden, die hauptschlich in Philosophieren, Tabakrauchen und Geduld
bestanden, und worin noch schlielich bemerkt wurde, da man um zwlf
Uhr, welches die Ftterungsstunde sei, keine Hunde mitbringen drfe,
indem diese dem armen Deutschen die besten Brocken weg zu schnappen
pflegten.

Ein junger Burschenschafter, der krzlich zur Purifikation in Berlin
gewesen, sprach viel von dieser Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte
Wisotzki und das Theater besucht; beide beurteilte er falsch. Schnell
fertig ist die Jugend mit dem Wort u.s.w. Er sprach von
Garderobeaufwand, Schauspieler- und Schauspielerinnenskandal u.s.w.
Der junge Mann wute nicht, da, da in Berlin berhaupt der Schein der
Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine Redensart man so duhn
hinlnglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht
florieren mu, und da daher die Intendanz am meisten zu sorgen hat fr
die Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird, fr die Treue der
Kostme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von
wissenschaftlich gebildeten Schneidern genht werden. Und das ist
notwendig. Denn trge mal Maria Stuart eine Schrze, die schon zum
Zeitalter der Knigin Anna gehrt, so wrde gewi der Bankier Christian
Gumpel sich mit Recht beklagen, da ihm dadurch alle Illusion verloren
gehe; und htte mal Lord Burleigh aus Versehen die Hose von HeinrichIV.
angezogen, so wrde gewi die Kriegsrtin von Steinzopf, geb. Lilientau,
diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen. Solche
tuschende Sorgfalt der Generalintendanz erstreckt sich aber nicht blo
auf Schrzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickelten
Personen. So soll knftig der Othello von einem wirklichen Mohren
gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus
Afrika verschrieben hat; in Menschenha und Reue soll knftig die
Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von einem
wirklich dummen Jungen, und der Unbekannte von einem wirklich geheimen
Hahnrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika zu
verschreiben braucht. In der Macht der Verhltnisse soll ein
wirklicher Schriftsteller, der schon mal ein paar Maulschellen bekommen,
die Rolle des Helden spielen; in der Ahnfrau soll der Knstler, der
den Jaromir giebt, schon wirklich einmal geraubt oder doch wenigstens
gestohlen haben; die Lady Macbeth soll von einer Dame gespielt werden,
die zwar, wie es Tieck verlangt, von Natur sehr liebevoll, aber doch mit
dem blutigen Anblick eines meuchelmrderischen Abstechens einigermaen
vertraut ist; und endlich, zur Darstellung gar besonders seichter,
witzloser, pbelhafter Gesellen soll der groe Wurm engagiert werden,
der groe Wurm, der seine Geistesgenossen jedesmal entzckt, wenn er
sich erhebt in seiner wahren Gre, hoch, hoch, jeder Zoll ein Lump!
-- Hatte nun obenerwhnter junger Mensch die Verhltnisse des Berliner
Schauspiels schlecht begriffen, so merkte er noch viel weniger, da die
Spontini'sche Janitscharenoper, mit ihren Pauken, Elephanten, Trompeten
und Tamtams, ein heroisches Mittel ist, um unser erschlafftes Volk
kriegerisch zu strken, ein Mittel, das schon Plato und Cicero
staatspfiffig empfohlen haben. Am allerwenigsten begriff der junge
Mensch die diplomatische Bedeutung des Ballets. Mit Mhe zeigte ich ihm,
wie in Hoguets Fen mehr Politik sitzt als in Buchholz' Kopf, wie alle
seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen bedeuten, wie jede seiner
Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z.B. da er unser
Kabinett meint, wenn er, sehnschtig vorgebeugt, mit den Hnden
weitausgreift, da er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf
einem Fue herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen, da er die kleinen
Frsten im Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt,
da er das europische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein
Trunkener hin und her schwankt, da er einen Kongre andeutet, wenn er
die gebogenen Arme knuelartig in einander verschlingt, und endlich, da
er unsern allzugroen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmhlicher
Entfaltung sich in die Hhe hebt, in dieser Stellung lange ruht, und
pltzlich in die erschrecklichsten Sprnge ausbricht. Dem jungen Manne
fielen die Schuppen von den Augen, und jetzt merkte er, warum Tnzer
besser honoriert werden, als groe Dichter, warum das Ballet beim
diplomatischen Korps ein unerschpflicher Gegenstand des Gesprchs ist,
und warum oft eine schne Tnzerin noch privatim von dem Minister
unterhalten wird, der sich gewi Tag und Nacht abmht, sie fr sein
politisches Systemchen empfnglich zu machen. Beim Apis! wie gro ist
die Zahl der exoterischen, und wie klein die Zahl der esoterischen
Theaterbesucher! Da steht das blde Volk und gafft, und bewundert
Sprnge und Wendungen, und studiert Anatomie in den Stellungen der
Lemiere, und applaudiert die Entrechats der Rhnisch, und schwatzt von
Grazie, Harmonie und Lenden -- und Keiner merkt, da er in getanzten
Chiffern das Schicksal des deutschen Vaterlandes vor Augen hat.

Whrend solcherlei Gesprche hin und her flogen, verlor man doch das
Ntzliche nicht aus den Augen und den groen Schsseln, die mit Fleisch,
Kartoffeln u.s.w. ehrlich angefllt waren, wurde fleiig zugesprochen.
Jedoch war das Essen schlecht. Dies erwhnte ich leichthin gegen meinen
Nachbar, der aber mit einem Accente, woran ich den Schweizer erkannte,
gar unhflich antwortete, da wir Deutschen, wie mit der wahren
Freiheit, so auch mit der wahren Gengsamkeit unbekannt seien. Ich
zuckte die Achseln und bemerkte, da die eigentlichen Frstenknechte und
Leckerkramverfertiger berall Schweizer sind und vorzugsweise so genannt
werden, und da berhaupt die jetzigen schweizerischen Freiheitshelden,
die so viel Politisch-Khnes ins Publikum hineinschwatzen, mir immer
vorkommen wie Hasen, die auf ffentlichen Jahrmrkten Pistolen
abschieen, alle Kinder und Bauern durch ihre Khnheit in Erstaunen
setzen, und dennoch Hasen sind.

Der Sohn der Alpen hatte es gewi nicht bse gemeint, es war ein dicker
Mann, folglich ein guter Mann, sagt Cervantes. Aber mein Nachbar von
der andern Seite, ein Greifswalder, war durch jene uerung sehr
pikiert; er beteuerte, da deutsche Thatkraft und Einfltigkeit noch
nicht erloschen sei, schlug sich drhnend auf die Brust, und leerte
eine ungeheure Stange Weibier. Der Schweizer sagte: Nu! nu! Doch je
beschwichtigender er dieses sagte, desto eifriger ging der Greifswalder
ins Geschirr. Dieser war ein Mann aus jenen Zeiten, als die Luse gute
Tage hatten und die Friseure zu verhungern frchteten. Er trug
herabhngend langes Haar, ein ritterliches Barett, einen schwarzen
altdeutschen Rock, ein schmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer
Weste versah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbschel von
Blchers Schimmel. Er sah aus wie ein Narr in Lebensgre. Ich mache mir
gern einige Bewegung beim Abendessen, und lie mich daher von ihm in
einen patriotischen Streit verflechten. Er war der Meinung, Deutschland
msse in achtunddreiig Gauen geteilt werden. Ich hingegen behauptete,
es mten achtundvierzig sein, weil man alsdann ein systematischeres
Handbuch ber Deutschland schreiben knne, und es doch notwendig sei,
das Leben mit der Wissenschaft zu verbinden. Mein Greifswalder Freund
war auch ein deutscher Barde, und, wie er mir vertraute, arbeitete er an
einem Nationalheldengedicht zur Verherrlichung Hermanns und der
Hermannsschlacht. Manchen ntzlichen Wink gab ich ihm fr die
Anfertigung dieses Epos. Ich machte ihn darauf aufmerksam, da er die
Smpfe und Knppelwege des Teutoburger Waldes sehr onomatopisch durch
wssrige und holprige Verse andeuten knne, und da es eine patriotische
Feinheit wre, wenn er den Varus und die brigen Rmer lauter Unsinn
sprechen liee. Ich hoffe, dieser Kunstkniff wird ihm, eben so
erfolgreich wie andern Berliner Dichtern, bis zur bedenklichsten
Illusion gelingen.

An unserem Tische wurde es immer lauter und traulicher, der Wein
verdrngte das Bier, die Punschbowlen dampften, es wurde getrunken,
smoliert und gesungen. Der alte Landesvater und herrliche Lieder von
W.Mller, Rckert, Uhland u.s.w. erschollen. Schne Methfesselsche
Melodien. Am allerbesten erklangen unseres Arndts deutsche Worte: Der
Gott, der Eisen wachsen lie, der wollte keine Knechte! Und drauen
brauste es, als ob der alte Berg mitsnge, und einige schwankende
Freunde behaupteten sogar, er schttle freudig sein kahles Haupt, und
unser Zimmer werde dadurch hin und her bewegt. Die Flaschen wurden
leerer und die Kpfe voller. Der eine brllte, der andere fistulierte,
ein dritter deklamierte aus der Schuld, ein vierter sprach Latein, ein
fnfter predigte von der Migkeit, und ein sechster stellte sich auf
den Stuhl und docierte: Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze,
die Menschen sind einzelne Stiftchen darauf, scheinbar arglos zerstreut;
aber die Walze dreht sich, die Stiftchen stoen hier und da an und
tnen, die einen oft, die andern selten, das giebt eine wunderbare,
komplizierte Musik, und diese heit Weltgeschichte. Wir sprechen also
erst von der Musik, dann von der Welt, und endlich von der Geschichte;
letztere aber teilen wir ein in Positiv und spanische Fliegen-- Und so
ging's weiter mit Sinn und Unsinn.

Ein gemtlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte, und
selig lchelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung, es sei ihm
zu Mute, als stnde er wieder vor dem Theaterbffet in Schwerin. Ein
anderer hielt sein Weinglas wie ein Perspektiv vor die Augen und schien
uns aufmerksam damit zu betrachten, whrend ihm der rote Wein ber die
Backen ins hervortretende Maul hinablief. Der Greifswalder, pltzlich
begeistert, warf sich an meine Brust und jauchzte: O, verstndest du
mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Glcklicher, ich werde wieder
geliebt, und, Gott verdamm' mich! es ist ein gebildetes Mdchen, denn
sie hat volle Brste, und trgt ein weies Kleid, und spielt Klavier!
-- Aber der Schweizer weinte, und kte zrtlich meine Hand, und
wimmerte bestndig: O Bbeli! O Bbeli!

In diesem verworrenen Treiben, wo die Teller tanzen und die Glser
fliegen lernten, saen mir gegenber zwei Jnglinge, schn und bla wie
Marmorbilder, der eine mehr dem Adonis, der andere mehr dem Apollo
hnlich. Kaum bemerkbar war der leise Rosenhauch, den der Wein ber ihre
Wangen hinwarf. Mit unendlicher Liebe sahen sie sich einander an, als
wenn einer lesen knnte in den Augen des andern, und in diesen Augen
strahlte es, als wren einige Lichttropfen hineingefallen aus jener
Schale voll lodernder Liebe, die ein frommer Engel dort oben von einem
Stern zum andern hinber trgt. Sie sprachen leise mit sehnsuchtbebender
Stimme, und es waren traurige Geschichten, aus denen ein
wunderschmerzlicher Ton hervor klang. Die Lore ist jetzt auch tot!
sagte der eine und seufzte, und nach einer Pause erzhlte er von einem
Halle'schen Mdchen, das in einen Studenten verliebt war, und, als
dieser Halle verlie, mit niemand mehr sprach, und wenig a, und Tag und
Nacht weinte, und immer den Kanarienvogel betrachtete, den der Geliebte
ihr einst geschenkt hatte. Der Vogel starb, und bald darauf ist auch
die Lore gestorben! so schlo die Erzhlung, und beide Jnglinge
schwiegen wieder und seufzten, als wollte ihnen das Herz zerspringen.
Endlich sprach der andere: Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus in
die dunkle Nacht! Einatmen will ich den Hauch der Wolken und die
Strahlen des Mondes. Genosse meiner Wehmut! ich liebe dich, deine Worte
tnen wie Rohrgeflster, wie gleitende Strme, sie tnen wieder in
meiner Brust, aber meine Seele ist traurig!

Nun erhoben sich die beiden Jnglinge, einer schlang den Arm um den
Nacken des andern, und sie verlieen das tosende Zimmer. Ich folgte
ihnen nach und sah, wie sie in eine dunkle Kammer traten, wie der eine,
statt des Fensters, einen groen Kleiderschrank ffnete, wie beide vor
demselben mit sehnschtig ausgestreckten Armen stehen blieben und
wechselweise sprachen. Ihr Lfte der dmmernden Nacht! rief der erste,
wie erquickend khlt ihr meine Wangen! Wie lieblich spielt ihr mit
meinen flatternden Locken! Ich steh' auf des Berges wolkigem Gipfel,
unter mir liegen die schlafenden Stdte der Menschen, und blinken die
blauen Gewsser. Horch! dort unten im Thale rauschen die Tannen! Dort
ber die Hgel ziehen in Nebelgestalten die Geister der Vter. O, knnt'
ich mit euch jagen auf dem Wolkenro durch die strmische Nacht, ber
die rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit
Leid, und meine Seele ist traurig! -- Der andere Jngling hatte
ebenfalls seine Arme sehnsuchtsvoll nach dem Kleiderschrank
ausgestreckt, Thrnen strzten aus seinen Augen, und zu einer
gelbledernen Hose, die er fr den Mond hielt, sprach er mit wehmtiger
Stimme: Schn bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist deines
Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen
deinen blauen Pfaden im Osten. Bei deinem Anblick erfreuen sich die
Wolken, und es lichten sich ihre dstern Gestalten. Wer gleicht dir am
Himmel, Erzeugte der Nacht? Beschmt in deiner Gegenwart sind die
Sterne, und wenden ab die grnfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Morgens
dein Antlitz erbleicht, entfliehst du von deinem Pfade? Hast du gleich
mir deine Halle? Wohnst du im Schatten der Wehmut? Sind deine Schwestern
vom Himmel gefallen? Sie, die freudig mit dir die Nacht durchwallten,
sind sie nicht mehr? Ja, sie fielen herab, o schnes Licht, und du
verbirgst dich oft, sie zu betrauern. Doch einst wird kommen die Nacht,
und du, auch du bist vergangen, und hast deine blauen Pfade dort oben
verlassen. Dann erheben die Sterne ihre grnen Hupter, die einst deine
Gegenwart beschmt, sie werden sich freuen. Doch jetzt bist du gekleidet
in deine Strahlenpracht, und schaust herab aus den Thoren des Himmels.
Zerreit die Wolken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht hervor zu
leuchten vermag, und die buschigen Berge erglnzen, und das Meer seine
schumenden Wogen rolle in Licht!

Ein wohlbekannter, nicht sehr magerer Freund, der mehr getrunken als
gegessen hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewhnlich, eine
Portion Rindfleisch verschlungen, wovon sechs Gardelieutenants und ein
unschuldiges Kind satt geworden wren, dieser kam jetzt in allzugutem
Humor, d.h. ganz _en_ Schwein, vorbeigerannt, schob die beiden
elegischen Freunde etwas unsanft in den Schrank hinein, polterte nach
der Hausthre, und wirtschaftete drauen ganz mrderlich. Der Lrm im
Saal wurde auch immer verworrener und dumpfer. Die beiden Jnglinge im
Schranke jammerten und wimmerten, sie lgen zerschmettert am Fue des
Berges; aus dem Hals strmte ihnen der edle Rotwein, sie berschwemmten
sich wechselseitig, und der eine sprach zum andern: Lebewohl! Ich
fhle, da ich verblute. Warum weckst du mich, Frhlingsluft? Du buhlst
und sprichst: >Ich betaue dich mit Tropfen des Himmels. Doch die Zeit
meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Bltter zerstrt!
Morgen wird der Wanderer kommen, kommen, der mich sah in meiner
Schnheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen, und wird mich
nicht finden.< -- Aber alles bertobte die wohlbekannte Bastimme, die
drauen vor der Thre unter Fluchen und Jauchzen sich gottlsterlich
beklagte, da auf der ganzen dunkeln Weenderstrae keine einzige
Laterne brenne, und man nicht einmal sehen knne, bei wem man die
Fensterscheiben eingeschmissen habe.

Ich kann viel vertragen -- die Bescheidenheit erlaubt mir nicht, die
Bouteillenzahl zu nennen -- und ziemlich gut konditioniert gelangte ich
nach meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag schon im Bette, mit
seiner kreideweien Nachtmtze und safrangelben Jacke von
Gesundheitsflanell. Er schlief noch nicht, und suchte ein Gesprch mit
mir anzuknpfen. Er war ein Frankfurt-am-Mainer, und folglich sprach er
gleich von den Juden, die alles Gefhl fr das Schne und Edle verloren
haben, und die englischen Waren fnfundzwanzig Procent unter dem
Fabrikpreise verkaufen. Es ergriff mich die Lust, ihn etwas zu
mystificieren; deshalb sagte ich ihm, ich sei ein Nachtwandler, und
msse im voraus um Entschuldigung bitten fr den Fall, da ich ihn etwa
im Schlafe stren mchte. Der arme Mensch hat deshalb, wie er mir am
andern Tag gestand, die ganze Nacht nicht geschlafen, da er die
Besorgnis hegte, ich knnte mit meinen Pistolen, die vor meinem Bette
lagen, im Nachtwandlerzustande ein Malheur anrichten. Im Grunde war es
mir nicht viel besser als ihm gegangen, ich hatte sehr schlecht
geschlafen. Wste, bengstigende Phantasiegebilde. Ein Klavierauszug aus
Dante's Hlle. Am Ende trumte mir gar, ich she die Auffhrung einer
juristischen Oper, die Falcidia geheien, erbrechtlicher Text von Gans
und Musik von Spontini. Ein toller Traum. Das rmische Forum leuchtete
prchtig; Serv. Gschenus als Prtor auf seinem Stuhle, die Toga in
stolze Falten werfend, ergo sich in polternden Recitativen; Marcus
Tullius Elversus, als _Prima Donna legataria_, all seine holde
Weiblichkeit offenbarend, sang die liebeschmelzende Bravourarie
_quicunque civis romanus_; ziegelrot geschminkte Referendarien brllten
als Chor der Unmndigen; Privatdocenten, als Genien in fleischfarbigen
Trikot gekleidet, tanzten ein antejustinianeisches Ballet und bekrnzten
mit Blumen die zwlf Tafeln; unter Donner und Blitz stieg aus der Erde
der beleidigte Geist der rmischen Gesetzgebung; hierauf Posaunen,
Tamtam, Feuerregen, _cum omni causa_.

Aus diesem Lrmen zog mich der Brockenwirt, indem er mich weckte, um den
Sonnenaufgang anzusehen. Auf dem Turm fand ich schon einige Harrende,
die sich die frierenden Hnde rieben, andere, noch den Schlaf in den
Augen, taumelten herauf; endlich stand die stille Gemeinde von gestern
Abend wieder ganz versammelt, und schweigend sahen wir, wie am Horizonte
die kleine carmoisinrote Kugel empor stieg, eine winterlich dmmernde
Beleuchtung sich verbreitete, die Berge wie in einem weiwallenden Meere
schwammen, und blo die Spitzen derselben sichtbar hervor traten, so da
man auf einem kleinen Hgel zu stehen glaubte, mitten auf einer
berschwemmten Ebene, wo nur hier und da eine trockene Erdscholle
hervortritt. Um das Gesehene und Empfundene in Worten fest zu halten,
zeichnete ich folgendes Gedicht:

      Heller wird es schon im Osten
    Durch der Sonne kleines Glimmen,
    Weit und breit die Bergesgipfel
    In dem Nebelmeere schwimmen.

      Htt' ich Siebenmeilenstiefel,
    Lief' ich mit der Hast des Windes
    ber jene Bergesgipfel,
    Nach dem Haus des lieben Kindes.

      Von dem Bettchen, wo sie schlummert,
    Zg' ich leise die Gardinen,
    Leise kt ich ihre Stirne,
    Leise ihres Munds Rubinen.

      Und noch leiser wollt' ich flstern
    In die kleinen Lilienohren:
    Denk' im Traum, da wir uns lieben,
    Und da wir uns nie verloren!

Indessen, meine Sehnsucht nach einem Frhstck war ebenfalls gro, und
nachdem ich meinen Damen einige Hflichkeiten gesagt, eilte ich hinab,
um in der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es that not; in meinem Magen
sah es so nchtern aus, wie in der Goslarschen Stephanskirche. Aber mit
dem arabischen Trunk rieselte mir auch der warme Orient durch die
Glieder, stliche Rosen umdufteten mich, se Blbllieder erklangen,
die Studenten verwandelten sich in Kameele, die Brockenhausmdchen mit
ihren Congreve'schen Blicken wurden zu Houris, die Philisternasen wurden
Minarets u.s.w.

Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unsinn enthielt
es freilich genug. Es war das sogenannte Brockenbuch, worin alle
Reisende, die den Berg ersteigen, ihre Namen schreiben, und die meisten
noch einige Gedanken und, in Ermangelung derselben, ihre Gefhle hinzu
notieren. Viele drcken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht
man, welche Greuel entstehen, wenn der groe Philistertro bei
gebruchlichen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, sich vorgenommen
hat, poetisch zu werden. Der Palast des Prinzen von Pallagonia enthlt
keine so groe Abgeschmacktheiten, wie dieses Buch, wo besonders
hervorglnzen die Herren Acciseeinnehmer mit ihren verschimmelten
Hochgefhlen, die Komptoirjnglinge mit ihren pathetischen
Seelenergssen, die altdeutschen Revolutionsdilettanten mit ihren
Turngemeinpltzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verunglckten
Entzckungsphrasen u.s.w. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als
Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majesttische Pracht
beschrieben; dort wird geklagt ber schlechtes Wetter, ber getuschte
Erwartungen, ber den Nebel, der alle Aussicht versperrt. Benebelt
heraufgekommen und benebelt hinuntergegangen! ist ein stehender Witz,
der hier von Hunderten nachgerissen wird. Eine Karolina schreibt, da
sie bei der Ersteigung des Berges nasse Fe bekommen. Ein naives
Hannchen hat diese Klage im Sinne, und schreibt lakonisch: Auch ich bin
bei der Geschichte na geworden. Das ganze Buch riecht nach Kse, Bier
und Tabak; man glaubt einen Roman von Clauren zu lesen.

Whrend ich nun besagtermaen Kaffee trank und im Brockenbuche
bltterte, trat der Schweizer mit hochroten Wangen herein, und voller
Begeisterung erzhlte er von dem erhabenen Anblick, den er oben auf dem
Turme genossen, als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der
Wahrheit, mit den nchtlichen Nebelmassen gekmpft, da es ausgesehen
habe wie eine Geisterschlacht, wo zrnende Riesen ihre langen Schwerter
ausstrecken, geharnischte Ritter auf bumenden Rossen einher jagen,
Streitwagen, flatternde Banner, abenteuerliche Tierbildungen aus dem
wildesten Gewhle hervortauchen, bis endlich alles in den wahnsinnigsten
Verzerrungen zusammen kruselt, blasser und blasser zerrinnt, und
spurlos verschwindet. Diese demagogische Naturerscheinung hatte ich
versumt, und ich kann, wenn es zur Untersuchung kommt, eidlich
versichern, da ich von nichts wei, als vom Geschmack des guten
braunen Kaffee's. Ach, dieser war sogar schuld, da ich meine schne
Dame vergessen, und jetzt stand sie vor der Thr mit Mutter und
Begleiter, im Begriff den Wagen zu besteigen. Kaum hatte ich noch Zeit,
hin zu eilen und ihr zu versichern, da es kalt sei. Sie schien
unwillig, da ich nicht frher gekommen; doch ich glttete bald die
mimtigen Falten ihrer schnen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche
Blume schenkte, die ich den Tag vorher mit halsbrechender Gefahr von
einer steilen Felsenwand gepflckt hatte. Die Mutter verlangte den Namen
der Blume zu wissen, gleichsam als ob sie es unschicklich fnde, da
ihre Tochter eine fremde, unbekannte Blume vor die Brust stecke -- denn
wirklich, die Blume erhielt diesen beneidenswerten Platz, was sie sich
gewi gestern auf ihrer einsamen Hhe nicht trumen lie. Der
schweigsame Begleiter ffnete jetzt auf einmal den Mund, zhlte die
Staubfden der Blume, und sagte ganz trocken: Sie gehrt zur achten
Klasse.

Es rgert mich jedesmal, wenn ich sehe, da man auch Gottes liebe
Blumen, ebenso wie uns, in Kasten eingeteilt hat, und nach hnlichen
uerlichkeiten, nmlich nach Staubfden-Verschiedenheit. Soll doch mal
eine Einteilung stattfinden, so folge man dem Vorschlage Theophrasts,
der die Blumen mehr nach dem Geiste, nmlich nach ihrem Geruch,
einteilen wollte. Was mich betrifft, so habe ich in der
Naturwissenschaft mein eigenes System, und demnach teile ich alles ein:
in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man nicht essen
kann.

Jedoch der ltern Dame war die geheimnisvolle Natur der Blumen nichts
weniger als verschlossen, und unwillkrlich uerte sie, da sie von den
Blumen, wenn sie noch im Garten oder im Topfe wachsen, recht erfreut
werde, da hingegen ein leises Schmerzgefhl traumhaft bengstigend ihre
Brust durchzittere, wenn sie eine abgebrochene Blume sehe -- da eine
solche doch eigentlich eine Leiche sei, und so eine gebrochene, zarte
Blumenleiche ihr welkes Kpfchen recht traurig herabhngen lasse, wie
ein totes Kind. Die Dame war fast erschrocken ber den trben
Wiederschein ihrer Bemerkung, und es war meine Pflicht, denselben mit
einigen Voltaire'schen Versen zu verscheuchen. Wie doch ein paar
franzsische Worte uns gleich in die gehrige Konvenienzstimmung
zurckversetzen knnen! Wir lachten, Hnde wurden gekt, huldreich
wurde gelchelt, die Pferde wieherten, und der Wagen holperte langsam
und beschwerlich den Berg hinunter.

Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden
geschnrt, die Rechnungen, die ber alle Erwartung billig ausfielen,
berichtigt; die empfnglichen Hausmdchen, auf deren Gesichtern die
Spuren glcklicher Liebe, brachten, wie gebruchlich ist, die
Brockenstruchen, halfen solche auf die Mtzen befestigen, wurden dafr
mit einigen Kssen oder Groschen honoriert, und so stiegen wir alle den
Berg hinab, indem die einen, wobei der Schweizer und Greifswalder, den
Weg nach Schierke einschlugen, und die andern, ungefhr zwanzig Mann,
wobei auch meine Landsleute und ich, angefhrt von einem Wegweiser,
durch die sogenannten Schneelcher hinab zogen nach Ilsenburg.

Das ging ber Hals und Kopf. Halle'sche Studenten marschieren schneller
als die sterreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die
kahle Partie des Berges mit den darauf zerstreuten Steingruppen schon
hinter uns, und wir kamen durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag
vorher gesehen. Die Sonne go schon ihre festlichen Strahlen herab und
beleuchtete die humoristisch buntgekleideten Burschen, die so munter
durch das Dickicht drngen, hier verschwanden, dort wieder zum
Vorschein kamen, bei Sumpfstellen ber die quergelegten Baumstmme
liefen, bei abschssigen Tiefen an den rankenden Wurzeln kletterten, in
den ergtzlichsten Tonarten empor johlten, und ebenso lustige Antwort
zurck erhielten von den zwitschernden Waldvgeln, von den rauschenden
Tannen, von den unsichtbar pltschernden Quellen und von dem schallenden
Echo. Wenn frohe Jugend und schne Natur zusammen kommen, so freuen sie
sich wechselseitig.

Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische
Gewsser, nur hier und da, unter Gestein und Gestrppe, blinkte es
hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten drfe,
und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun
zeigt sich die gewhnliche Erscheinung: ein Khner macht den Anfang, und
der groe Tro der Zagenden wird pltzlich, zu seinem eigenen Erstaunen,
von Mut ergriffen, und eilt, sich mit jenem ersten zu vereinigen. Eine
Menge anderer Quellen hpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden
sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen
ein schon bedeutendes Bchlein, das in unzhligen Wasserfllen und in
wunderlichen Windungen das Bergthal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse,
die liebliche, se Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsethal,
an dessen beiden Seiten sich die Berge allmhlich hher erheben, und
diese sind bis zu ihrem Fue meistens mit Buchen, Eichen und
gewhnlichem Blattgestruche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderm
Nadelholz. Denn jene Bltterholzart wchst vorherrschend auf dem
Unterharze, wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur
Westseite desselben, die der Oberharz heit, und wirklich viel hher
ist, also auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhlzer.

Es ist unbeschreibbar, mit welcher Frhlichkeit, Naivett und Anmut die
Ilse sich hinunter strzt ber die abenteuerlich gebildeten Felsstcke,
die sie in ihrem Laufe findet, so da das Wasser hier wild empor zischt
oder schumend berluft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus vollen
Giekannen, in reinen Bgen sich ergiet, und unten wieder ber die
kleinen Steine hintrippelt, wie ein munteres Mdchen. Ja, die Sage ist
wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und blhend den Berg
hinabluft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weies Schaumgewand! Wie
flattern im Winde ihre silbernen Busenbnder! Wie funkeln und blitzen
ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich ernsten Vtern, die
verstohlen lchelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes zusehen; die
weien Birken bewegen sich tantenhaft vergngt, und doch zugleich
ngstlich ber die gewagten Sprnge; der stolze Eichbaum schaut drein
wie ein verdrielicher Oheim, der das schne Wetter bezahlen soll; die
Vglein in den Lften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flstern
zrtlich: O, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb' Schwesterchen! -- aber
das lustige Mdchen springt unaufhaltsam weiter, und pltzlich ergreift
sie den trumenden Dichter, und es strmt auf mich herab ein Blumenregen
von klingenden Strahlen und strahlenden Klngen, und die Sinne vergehen
mir vor lauter Herrlichkeit, und ich hre nur noch die fltense
Stimme:

      Ich bin die Prinzessin Ilse,
    Und wohne im Ilsenstein;
    Komm mit nach meinem Schlosse,
    Wir wollen selig sein.

      Dein Haupt will ich benetzen
    Mit meiner klaren Well',
    Du sollst deine Schmerzen vergessen,
    Du sorgenkranker Gesell!

      In meinen weien Armen,
    An meiner weien Brust,
    Da sollst du liegen und trumen
    Von alter Mrchenlust.

      Ich will dich kssen und herzen,
    Wie ich geherzt und gekt
    Den lieben Kaiser Heinrich,
    Der nun gestorben ist.

      Es bleiben tot die Toten,
    Und nur der Lebendige lebt;
    Und ich bin schn und blhend,
    Mein lachendes Herze bebt.

      Und bleibt mein Herz dort unten,
    So klingt mein krystallenes Schlo,
    Es tanzen die Frulein und Ritter,
    Es jubelt der Knappentro.

      Es rauschen die seidenen Schleppen,
    Es klirren die Eisensporn,
    Die Zwerge trompeten und pauken
    Und fiedeln und blasen das Horn.

      Doch dich soll mein Arm umschlingen,
    Wie er Kaiser Heinrich umschlang;
    Ich hielt ihm zu die Ohren,
    Wenn die Trompet' erklang.

Unendlich selig ist das Gefhl, wenn die Erscheinungswelt mit unserer
Gemtswelt zusammenrinnt, und grne Bume, Gedanken, Vgelgesang,
Wehmut, Himmelsblue, Erinnerung und Kruterduft sich in sen Arabesken
verschlingen. Die Frauen kennen am besten dieses Gefhl, und darum mag
auch ein so holdselig unglubiges Lcheln um ihre Lippen schweben, wenn
wir mit Schulstolz unsere logischen Thaten rhmen, wie wir alles so
hbsch eingeteilt in objektiv und subjektiv, wie wir unsere Kpfe
apothekenartig mit tausend Schubladen versehen, wo in der einen
Vernunft, in der andern Verstand, in der dritten Witz, in der vierten
schlechter Witz, und in der fnften gar nichts, nmlich die Idee,
enthalten ist.

Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, da wir die
Tiefe des Ilsethales verlassen und wieder bergauf stiegen. Dies ging
sehr steil und mhsam, und mancher von uns kam auer Atem. Doch wie
unser seliger Vetter, der zu Mlln begraben liegt, dachten wir im voraus
ans Bergabsteigen, und waren um so vergngter. Endlich gelangten wir auf
den Ilsenstein.

Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck aus der
Tiefe erhebt. Von drei Seiten umschlieen ihn die hohen, waldbedeckten
Berge, aber die vierte, die Nordseite, ist frei, und hier schaut man
ber das unten liegende Ilsenburg und die Ilse weit hinab ins niedere
Land. Auf der turmartigen Spitze des Felsens steht ein groes, eisernes
Kreuz, und zur Not ist da noch Platz fr vier Menschenfe.

Wie nun die Natur durch Stellung und Form den Ilsenstein mit
phantastischen Reizen geschmckt, so hat auch die Sage ihren Rosenschein
darber ausgegossen. Gottschalk berichtet: Man erzhlt, hier habe ein
verwnschtes Schlo gestanden, in welchem die reiche schne Prinzessin
Ilse gewohnt, die sich noch jetzt jeden Morgen in der Ilse bade; und wer
so glcklich ist, den rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den
Felsen, wo ihr Schlo sei, gefhrt und kniglich belohnt. Andere
erzhlen von der Liebe des Frulein Ilse und des Ritters von Westenberg
eine hbsche Geschichte, die einer unserer bekanntesten Dichter
romantisch in der Abendzeitung besungen hat. Andere wieder erzhlen
anders: Es soll der altschsische Kaiser Heinrich gewesen sein, der mit
Ilse, der schnen Wasserfee, in ihrer verzauberten Felsenburg die
kaiserlichsten Stunden genossen. Ein neuerer Schriftsteller, Herr
Niemann, Wohlgeb., der ein Harzreisebuch geschrieben, worin er die
Gebirgshhen, Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Stdte und
dergleichen mit lblichem Fleie und genauen Zahlen angegeben, behauptet
indes: Was man von der schnen Prinzessin Ilse erzhlt, gehrt dem
Fabelreiche an. So sprechen alle diese Leute, denen eine solche
Prinzessin niemals erschienen ist, wir aber, die wir von schnen Damen
besonders begnstigt werden, wissen das besser. Auch Kaiser Heinrich
wute es. Nicht umsonst hingen die altschsischen Kaiser so sehr an
ihrem heimischen Harze. Man blttere nur in der hbschen Lneburger
Chronik, wo die guten, alten Herren in wunderlich treuherzigen
Holzschnitten abkonterfeit sind, wohlgeharnischt, hoch auf ihrem
gewappneten Schlachtro, die heilige Kaiserkrone auf dem teuren Haupte,
Scepter und Schwert in festen Hnden; und auf den lieben, knebelbrtigen
Gesichtern kann man deutlich lesen, wie oft sie sich nach den sen
Herzen ihrer Harzprinzessinnen und dem traulichen Rauschen der
Harzwlder zurcksehnten, wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in
dem citronen- und giftreichen Welschland, wohin sie und ihre Nachfolger
so oft verlockt wurden von dem Wunsche, rmische Kaiser zu heien,
einer echtdeutschen Titelsucht, woran Kaiser und Reich zu Grunde gingen.

Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an
Kaiser und Reich, noch an die schne Ilse, sondern blo an seine Fe zu
denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hrte ich
pltzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie
sich die Berge ringsum auf die Kpfe stellten, und die roten
Ziegeldcher zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die grnen Bume in
der blauen Luft herum flogen, da es mir blau und grn vor den Augen
wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfat, in den Abgrund gestrzt
wre, wenn ich mich nicht in meiner Seelennot ans eiserne Kreuz
festgeklammert htte. Da ich, in so milicher Stellung, dieses letztere
gethan habe, wird mir gewi niemand verdenken.

                   *       *       *       *       *

Die Harzreise ist und bleibt Fragment, und die bunten Fden, die so
hbsch hineingesponnen sind, um sich im Ganzen harmonisch zu
verschlingen, werden pltzlich, wie von der Schere der unerbittlichen
Parze, abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in knftigen
Liedern, und was jetzt krglich verschwiegen ist, wird alsdann vollauf
gesagt. Am Ende kommt es auch auf eins heraus, wann und wo man etwas
ausgesprochen hat, wenn man es nur berhaupt einmal ausspricht. Mgen
die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn sie nur in ihrer
Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solche Vereinigung mag hier und da
das Mangelhafte ergnzt, das Schroffe ausgeglichen und das Allzuherbe
gemildert werden. Dieses wrde vielleicht schon bei den ersten Blttern
der Harzreise der Fall sein, und sie knnten wohl einen minder sauern
Eindruck hervorbringen, wenn man anderweitig erfhre, da der Unmut, den
ich gegen Gttingen im Allgemeinen hege, obschon er noch grer ist, als
ich ihn ausgesprochen, doch lange nicht so gro ist wie die Verehrung,
die ich fr einige Individuen dort empfinde. Und warum sollte ich es
verschweigen, ich meine hier ganz besonders jenen viel teueren Mann, der
schon in frhern Zeilen sich so freundlich meiner annahm, mir schon
damals eine innige Liebe fr das Studium der Geschichte einflte, mich
spterhin in dem Eifer fr dasselbe bestrkte, und dadurch meinen Geist
auf ruhigere Bahnen fhrte, meinem Lebensmute heilsamere Richtungen
anwies, und nur berhaupt jene historischen Trstungen bereitete, ohne
welche ich die qualvollen Erscheinungen des Tages nimmermehr ertragen
wrde. Ich spreche von Georg Sartorius, dem groen Geschichtsforscher
und Menschen, dessen Auge ein klarer Stern ist in unserer dunkeln Zeit,
und dessen gastliches Herz offen steht fr alle fremden Leiden und
Freuden, fr die Besorgnisse des Bettlers und des Knigs, und fr die
letzten Seufzer untergehender Vlker und ihrer Gtter.

Ich kann nicht umhin, hier ebenfalls anzudeuten, da der Oberharz, jener
Teil des Harzes, den ich bis zum Anfang des Ilsethals beschrieben habe,
bei weitem keinen so erfreulichen Anblick wie der romantisch malerische
Unterharz gewhrt, und in seiner wildschroffen, tannendstern Schnheit
gar sehr mit demselben kontrastiert; sowie ebenfalls die drei, von der
Ilse, von der Bode und von der Selke gebildeten Thler des Unterharzes
gar anmutig unter einander kontrastieren, wenn man den Charakter jedes
Thales zu personificieren wei. Es sind drei Frauengestalten, wovon man
nicht so leicht zu unterscheiden vermag, welche die Schnste sei.

Von der lieben, sen Ilse, und wie s und lieblich sie mich
empfangen, habe ich schon gesagt und gesungen. Die dstere Schne, die
Bode empfing mich nicht so gndig, und als ich sie im schmiededunkeln
Rbeland zuerst erblickte, schien sie gar mrrisch, und verhllte sich
in einen silbergrauen Regenschleier: aber mit rascher Liebe warf sie ihn
ab, als ich auf die Hhe der Rotrappe gelangte, ihr Antlitz leuchtete
mir entgegen in sonnigster Pracht, aus allen Zgen hauchte eine
kolossale Zrtlichkeit, und aus der bezwungenen Felsenbrust drang es
hervor wie Sehnsuchtseufzer und schmelzende Laute der Wehmut. Minder
zrtlich, aber frhlicher zeigte sich mir die schne Selke, die schne,
liebenswrdige Dame, deren edle Einfalt und heitere Ruhe alle
sentimentale Familiaritt entfernt hlt, die aber doch durch ein
halbverstecktes Lcheln ihren neckenden Sinn verrt; und diesem mchte
ich es wohl zuschreiben, da mich im Selkethal gar mancherlei kleines
Ungemach heimsuchte, da ich, indem ich ber das Wasser springen wollte,
just in die Mitte hineinplumpste, da nachher, als ich das nasse Fuzeug
mit Pantoffeln vertauscht hatte, einer derselben mir abhanden, oder
vielmehr abfen kam, da mir ein Windsto die Mtze entfhrte, da mir
Walddornen die Beine zerfetzten, und leider so weiter. Doch all dieses
Ungemach verzeihe ich gern der schnen Dame, denn sie ist schn. Und
jetzt steht sie vor meiner Einbildung mit all ihrem stillen Liebreiz,
und scheint zu sagen: Wenn ich auch lache, so meine ich es doch gut mit
Ihnen, und ich bitte Sie, besingen sie mich! Die herzliche Bode tritt
ebenfalls hervor in meiner Erinnerung, und ihr dunkles Auge spricht: Du
gleichst mir im Stolze und im Schmerze, und ich will, da du mich
liebst. Auch die schne Ilse kommt herangesprungen, zierlich und
bezaubernd in Miene, Gestalt und Bewegung; sie gleicht ganz dem holden
Wesen, das meine Trume beseligt, und ganz, wie Sie, schaut sie mich
an, mit unwiderstehlicher Gleichgiltigkeit und doch zugleich so innig,
so ewig, so durchsichtig wahr. -- Nun, ich bin Paris, die drei Gttinnen
stehen vor mir, und den Apfel gebe ich der schnen Ilse.

Es ist heute der erste Mai, wie ein Meer des Lebens ergiet sich der
Frhling ber die Erde, der weie Bltenschaum bleibt an den Bumen
hngen, ein weiter, warmer Nebelglanz verbreitet sich berall, in der
Stadt blitzen freudig die Fensterscheiben der Huser, an den Dchern
bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, auf der Strae wandeln die
Leute, und wundern sich, da die Lust so angreifend, und ihnen selbst so
wunderlich zu Mute ist, die bunten Vierlnderinnen bringen
Veilchenstruer, die Waisenkinder mit ihren blauen Jckchen und ihren
lieben, unehelichen Gesichtchen ziehen ber den Jungfernstieg und freuen
sich, als sollten sie heute einen Vater wiederfinden, der Bettler an der
Brcke schaut so vergngt, als htte er das groe Los gewonnen, sogar
den schwarzen, noch ungehenkten Makler, der dort mit seinem
spitzbbischen Manufakturwarengesicht einherluft, bescheint die Sonne
mit ihren tolerantesten Strahlen, -- ich will hinauswandern vor das
Thor.

Es ist der erste Mai, und ich denke deiner, du schne Ilse -- oder soll
ich dich Agnes nennen, weil mir dieser Name am besten gefllt? -- ich
denke deiner, und ich mchte wieder zusehen, wie du leuchtend den Berg
hinablufst. Am liebsten aber mchte ich unten im Thale stehen und dich
auffangen in meine Arme. -- Es ist ein schner Tag! -- berall sehe ich
die grne Farbe, die Farbe der Hoffnung. berall, wie holde Wunder,
blhen hervor die Blumen, und auch mein Herz will wieder blhen. Dieses
Herz ist auch eine Blume, eine gar wunderliche. Es ist kein bescheidenes
Veilchen, keine lachende Rose, keine reine Lilie, oder sonstiges
Blmchen, das mit artiger Lieblichkeit den Mdchensinn erfreut, und sich
hbsch vor den hbschen Busen stecken lt, und heute welkt und morgen
wieder blht. Dieses Herz gleicht mehr jener schweren, abenteuerlichen
Blume aus den Wldern Brasiliens, die der Sage nach alle hundert Jahre
nur einmal blht. Ich erinnere mich, da ich als Knabe eine solche Blume
gesehen. Wir hrten in der Nacht einen Schu wie von einer Pistole, und
am folgenden Morgen erzhlten mir die Nachbarskinder, da es ihre Aloe
gewesen, die mit solchem Knalle pltzlich aufgeblht sei. Sie fhrten
mich in ihren Garten, und da sah ich zu meiner Verwunderung, da das
niedrige, harte Gewchs mit den nrrisch breiten, scharfgezackten
Blttern, woran man sich leicht verletzen konnte, jetzt ganz in die Hhe
geschossen war, und oben, wie eine goldene Krone, die herrlichste Blte
trug. Wir Kinder konnten nicht mal so hoch hinaufsehen, und der alte,
schmunzelnde Christian, der uns lieb hatte, baute eine hlzerne Treppe
um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf wie die Katzen, und
schauten neugierig in den offenen Blumenkelch, woraus die gelben
Strahlenfden und wildfremden Dfte mit unerhrter Pracht hervordrangen.

Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Blhen; so viel
ich mich erinnere, hat es nur ein einziges Mal geblht, und das mag
schon lange her sein, gewi schon hundert Jahr. Ich glaube, so herrlich
auch damals seine Blte sich entfaltete, so mute sie doch aus Mangel an
Sonnenschein und Wrme elendiglich verkmmern, wenn sie nicht gar von
einem dunkeln Wintersturme gewaltsam zerstrt worden. Jetzt aber regt
und drngt es sich wieder in meiner Brust, und hrst du pltzlich den
Schu -- Mdchen, erschrick nicht! ich hab' mich nicht totgeschossen,
sondern meine Liebe sprengt ihre Knospe, und schiet empor in
strahlenden Liedern, in ewigen Dithyramben, in freudigster Sangesflle.

Ist dir aber diese hohe Liebe zu hoch, Mdchen, so mach' es dir bequem,
und besteige die hlzerne Treppe, und schaue von dieser hinab in mein
blhendes Herz.

Es ist noch frh am Tage, die Sonne hat kaum die Hlfte ihres Weges
zurckgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, da es mir betubend
zu Kopfe steigt, und ich nicht mehr wei, wo die Ironie aufhrt und der
Himmel anfngt, da ich die Luft mit meinen Seufzern bevlkere, und da
ich selbst wieder zerrinnen mchte in se Atome, in die unerschaffene
Gottheit; -- wie soll das erst gehen, wenn es Nacht wird, und die Sterne
am Himmel erscheinen, die unglcksel'gen Sterne, die dir sagen
knnen----

Es ist der erste Mai, der lumpigste Ladenschwengel hat heute das Recht,
sentimental zu werden, und dem Dichter wolltest du es verwehren?


                                 Ende.





End of the Project Gutenberg EBook of Die Harzreise, by Heinrich Heine

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HARZREISE ***

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electronic work or group of works on different terms than are set
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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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DAMAGE.

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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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