The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
neuen Continents. Band 2. by Alexander von Humboldt



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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.

Author: Alexander von Humboldt

Release Date: , March 3, 2008 [Ebook #24746]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***





Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 2.


by Alexander von Humboldt




Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 3, 2008)





               In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.

         Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.

   Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.

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                                   1859

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                               Zweiter Band





INHALT


Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwoelftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fuenfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Liste explizit genannter Werke
Anmerkungen des Korrekturlesers






NEUNTES KAPITEL.


      Koerperbeschaffenheit und Sitten der Chaymas. -- Ihre Sprachen.


Der Beschreibung unserer Reise nach den Missionen am Caripe wollte ich
keine allgemeinen Betrachtungen ueber die Staemme der Eingeborenen, welche
Neu-Andalusien bewohnen, ueber ihre Sitten, ihre Sprache und ihren
gemeinsamen Ursprung einflechten. Jetzt, da wir wieder am Orte sind, von
dem wir ausgegangen, moechte ich alles diess, das fuer die Geschichte des
Menschengeschlechts von so grosser Bedeutung ist, unter Einem Gesichtspunkt
zusammenfassen. Je weiter wir von jetzt an ins Binnenland eindringen,
desto mehr wird uns das Interesse fuer diese Gegenstaende, den Erscheinungen
der physischen Natur gegenueber, in Anspruch nehmen. Der nordoestliche Theil
des tropischen Amerikas, Terra Firma und die Ufer des Orinoco, gleichen
hinsichtlich der Mannigfaltigkeit der Voelkerschaften, die sie bewohnen,
den Thaelern des Caucasus, den Bergen des Hindoukho, dem noerdlichen Ende
Asiens jenseits der Tungusen und Tartaren, die an der Muendung des Lena
hausen. Die Barbarei, die in diesen verschiedenen Landstrichen herrscht,
ist vielleicht nicht sowohl der Ausdruck urspruenglicher voelliger
Culturlosigkeit, als vielmehr die Folge langer Versunkenheit. Die meisten
der Horden, die wir Wilde nennen, stammen wahrscheinlich von Voelkern, die
einst auf bedeutend hoeherer Culturstufe standen, und wie soll man ein
Stehenbleiben im Kindesalter der Menschheit (wenn ein solches ueberhaupt
vorkommt) vom Zustand sittlichen Verfalls unterscheiden, in dem
Vereinzelung, die Noth des Lebens, gezwungene Wanderungen, oder ein
grausames Klima jede Spur von Cultur ausgetilgt haben? Wenn Alles, was
sich auf die urspruenglichen Zustaende des Menschen und auf die aelteste
Bevoelkerung eines Festlandes bezieht, an und fuer sich der Geschichte
angehoerte, so wuerden wir uns auf die indischen Sagen berufen, auf die
Ansicht, die in den Gesetzen Menus und im Ramajan so oft ausgesprochen
wird, nach der die Wilden aus der buergerlichen Gesellschaft ausgestossene,
in die Waelder getriebene Staemme sind. Das Wort _'Barbar'_, das wir von
Griechen und Roemern angenommen, ist vielleicht nur der Name einer solchen
versunkenen Horde.

Zu Anfang der Eroberung Amerikas bestanden grosse gesellschaftliche Vereine
unter den Eingeborenen nur auf dem Ruecken der Cordilleren und auf den
Asien gegenueber liegenden Kuesten. Auf den mit Wald bedeckten, von Fluessen
durchschnittenen Ebenen, auf den endlosen Savanen, die sich ostwaerts
ausbreiten und den Horizont begrenzen, traf man nur umherziehende
Voelkerschaften, getrennt durch Verschiedenheit der Sprache und der Sitten,
zerstreut gleich den Truemmern eines Schiffbruchs. Wir wollen versuchen, ob
uns in Ermangelung aller andern Denkmale die Verwandtschaft der Sprachen
und die Beobachtung der Koerperbildung dazu dienen koennen, die
verschiedenen Staemme zu gruppiren, die Spuren ihrer weiten Wanderungen zu
verfolgen und ein paar jener Familienzuege aufzufinden, durch die sich die
urspruengliche Einheit unseres Geschlechtes verraeth.

Die Eingeborenen oder Ureinwohner bilden in den Laendern, deren Gebirge wir
vor Kurzem durchwandert, in den beiden Provinzen Cumana und Nueva
Barcelona, beinahe noch die Haelfte der schwachen Bevoelkerung. Ihre
Kopfzahl laesst sich auf 60,000 schaetzen, wovon 24,000 auf Neu-Andalusien
kommen. Diese Zahl ist bedeutend gegenueber der Staerke der Jaegervoelker in
Nordamerika; sie erscheint klein, wenn man die Theile von Neuspanien
dagegen haelt, wo seit mehr als acht Jahrhunderten der Ackerbau besteht,
z. B. die Intendanz Oaxaca, in der die Mixteca und Tzapoteca des alten
mexicanischen Reiches liegen. Diese Intendanz ist um ein Drittheil kleiner
als die zwei Provinzen Cumana und Barcelona zusammen, zaehlt aber ueber
400,000 Einwohner von der reinen kupferfarbigen Race. Die Indianer in
Cumana leben nicht alle in den Missionsdoerfern; man findet sie zerstreut
in der Umgegend der Staedte, auf den Kuesten, wohin sie des Fischfangs wegen
ziehen, selbst auf den kleinen Hoefen in den Llanos oder Savanen. In den
Missionen der aragonesischen Kapuziner, die wir besucht, leben allein
15,000 Indianer, die fast saemmtlich dem Chaymasstamm angehoeren. Indessen
sind die Doerfer dort nicht so stark bevoelkert, wie in der Provinz
Barcelona. Die mittlere Seelenzahl ist nur fuenf- bis sechshundert, waehrend
man weiter nach Westen in den Missionen der Franciskaner von Piritu
indianische Doerfer mit zwei- bis dreitausend Einwohnern trifft. Wenn ich
die Zahl der Eingeborenen in den Provinzen Cumana und Barcelona auf 60,000
schaetzte, so meinte ich nur die in Terra Firma lebenden, nicht die
Guaiqueries auf der Insel Margarita und die grosse Masse der Guaraunos, die
auf den Inseln im Delta des Orinoco ihre Unabhaengigkeit behauptet haben.
Diese schaetzt man gemeiniglich auf 6000 bis 8000; diess scheint mir aber zu
viel. Ausser den Guaraunos-Familien, die sich hie und da auf den
sumpfigten, mit Morichepalmen bewachsenen Landstrichen (zwischen dem Cano
Manamo und dem Rio Guarapiche), also auf dem Festlande selbst blicken
lassen, gibt es seit dreissig Jahren in Neu-Andalusien keine wilden
Indianer mehr.

Ungern brauche ich das Wort _'wild'_, weil es zwischen dem
*unterworfenen*, in den Missionen lebenden, und dem freien oder
unabhaengigen Indianer einen Unterschied in der Cultur voraussetzt, dem die
Erfahrung haeufig widerspricht. In den Waeldern Suedamerikas gibt es Staemme
Eingeborener, die unter Haeuptlingen friedlich in Doerfern leben, auf
ziemlich ausgedehntem Gebiet Pisang, Manioc und Baumwolle bauen und aus
letzterer ihre Haengematten weben. Sie sind um nichts barbarischer als die
nackten Indianer in den Missionen, die man das Kreuz hat schlagen lehren.
Die irrige Meinung, als waeren saemmtliche nicht unterworfene Eingeborene
umherziehende Jaegervoelker, ist in Europa ziemlich verbreitet. In Terra
Firma bestand der Ackerbau lange vor Ankunft der Europaeer; er besteht noch
jetzt zwischen dem Orinoco und dem Amazonenstrom in den Lichtungen der
Waelder, wohin nie ein Missionaer den Fuss gesetzt hat. Das verdankt man
allerdings dem Regiment der Missionen, dass der Eingeborene Anhaenglichkeit
an Grund und Boden bekommt, sich an festen Wohnsitz gewoehnt und ein
ruhigeres, friedlicheres Leben lieben lernt. Aber der Fortschritt in
dieser Beziehung ist langsam, oft unmerklich, weil man die Indianer voellig
von allem Verkehr abschneidet, und man macht sich ganz falsche
Vorstellungen vom gegenwaertigen Zustand der Voelker in Suedamerika, wenn man
einerseits *christlich*, *unterworfen* und *civilisirt*, andererseits
*heidnisch*, *wild* und *unabhaengig* fuer gleichbedeutend haelt. Der
unterworfene Indianer ist haeufig so wenig ein Christ als der unabhaengige
Goetzendiener; beide sind voellig vom augenblicklichen Beduerfnis in Anspruch
genommen, und bei beiden zeigt sich in gleichem Masse vollkommene
Gleichgueltigkeit gegen christliche Vorstellungen und der geheime Hang, die
Natur und ihre Kraefte goettlich zu verehren. Ein solcher Gottesdienst
gehoert dem Kindesalter der Voelker an; er kennt noch keine Goetzen und keine
heiligen Orte ausser Hoehlen, Schluchten und Forsten.

Wenn die unabhaengigen Indianer noerdlich vom Orinoco und Apure, d. h. von
den Schneebergen von Merida bis zum Vorgebirge Paria, seit einem
Jahrhundert fast ganz verschwunden sind, so darf man daraus nicht
schliessen, dass es jetzt in diesen Laendern weniger Eingeborene gibt, als
zur Zeit des Bischofs von Chiapa, Bartholomaeus Las Casas. In meinem Werke
ueber Mexico habe ich dargethan, wie sehr man irrt, wenn man die Ausrottung
der Indianer oder auch nur die Abnahme ihrer Volkszahl in den spanischen
Colonien als eine allgemeine Thatsache hinstellt. Die kupferfarbige Race
ist auf beiden Festlaendern Amerikas noch ueber sechs Millionen stark, und
obgleich unzaehlige Staemme und Sprachen ausgestorben sind oder sich
verschmolzen haben, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass zwischen den
Wendekreisen, in dem Theile der neuen Welt, in den die Cultur erst seit
Christoph Columbus eingedrungen ist, die Zahl der Eingeborenen bedeutend
zugenommen hat. Zwei caraibische Doerfer in den Missionen von Piritu oder
am Carony zaehlen mehr Familien als vier oder fuenf Voelkerschaften am
Orinoco. Die gesellschaftlichen Zustaende der unabhaengig gebliebenen
Caraiben an den Quellen des Esquibo und suedlich von den Bergen von
Pacaraimo thun zur Genuege dar, wie sehr auch bei diesem schoenen
Menschenschlag die Bevoelkerung der Missionen die Masse der unabhaengigen
und verbuendeten Caraiben uebersteigt. Uebrigens verhaelt es sich mit den
Wilden im heissen Erdstrich ganz anders als mit denen am Missouri. Diese
beduerfen eines weiten Gebiets, weil sie nur von der Jagd leben; die
Indianer in spanisch Guyana dagegen bauen Manioc und Bananen, und ein
kleines Stueck Land reicht zu ihrem Unterhalt hin. Sie scheuen nicht die
Beruehrung mit den Weissen, wie die Wilden in den Vereinigten Staaten, die,
nach einander hinter die Aleghanis, hinter Ohio und Mississippi
zurueckgedraengt, sich den Lebensunterhalt in dem Maasse abgeschnitten sehen,
in dem man ihr Gebiet beschraenkt. In der gemaessigten Zone, in den
_provincias internas_ von Mexico so gut wie in Kentucky ist die Beruehrung
mit den europaeischen Ansiedlern den Eingeborenen verderblich geworden,
weil die Beruehrung dort eine unmittelbare ist.

Im groessten Theil von Suedamerika fallen diese Ursachen weg. Unter den
Tropen bedarf der Ackerbau keiner weiten Landstrecken, und die Weissen
breiten sich langsam aus. Die Moenchsorden haben ihre Niederlassungen
zwischen den Besitzungen der Colonisten und dem Gebiet der freien Indianer
gegruendet. Die Missionen sind als Zwischenstaaten zu betrachten; sie haben
allerdings die Freiheit der Eingeborenen beschraenkt, aber fast aller Orten
ist durch sie eine Zunahme der Bevoelkerung herbeigefuehrt worden, wie sie
beim Nomadenleben der unabhaengigen Indianer nicht moeglich ist. Im Maass als
die Ordensgeistlichen gegen die Waelder vorruecken und den Eingeborenen Land
abgewinnen, suchen ihrerseits die weissen Ansiedler von der andern Seite
her das Gebiet der Missionen in Besitz zu bekommen. Dabei sucht der
weltliche Arm fortwaehrend die unterworfenen Indianer dem Moenchsregiment zu
entziehen. Nach einem ungleichen Kampfe treten allmaehlich Pfarrer an die
Stelle der Missionaere. Weisse und Mischlinge lassen sich, beguenstigt von
den Corregidoren, unter den Indianern nieder. Die Missionen werden zu
spanischen Doerfern und die Eingeborenen wissen bald gar nicht mehr, dass
sie eine Volkssprache gehabt haben. So rueckt die Cultur von der Kueste ins
Binnenland vor, langsam, durch menschliche Leidenschaften aufgehalten,
aber sichern, gleichmaessigen Schrittes.

Die Provinzen Neu-Andalusien und Barcelona, die man unter dem Namen
_Govierno de Cumana_ begreift, zaehlen in ihrer gegenwaertigen Bevoelkerung
mehr als vierzehn Voelkerschaften: es sind in Neu-Andalusien die Chaymas,
Guaiqueries, Pariagotos, Quaquas, Aruacas, Caraiben und Guaraunos; in der
Provinz Barcelona die Cumanagotos, Palenques, Caraiben, Piritus, Tomuzas,
Topocuares, Chacopotas und Guarives. Neun oder zehn unter diesen vierzehn
Voelkerschaften glauben selbst, dass sie ganz verschiedener Abstammung sind.
Man weiss nicht genau, wie viele Guaraunos es gibt, die ihre Huetten an der
Muendung des Orinoco auf Baeumen bauen; der Guaiqueries in der Vorstadt von
Cumana und auf der Halbinsel Araja sind es 2000 Koepfe. Unter den uebrigen
Voelkerschaften sind die Chaymas in den Bergen von Caripe, die Caraiben auf
den suedlichen Savanen von Neu-Barcelona und die Cumanagotos in den
Missionen von Piritu die zahlreichsten. Einige Familien Guaraunos sind auf
dem linken Ufer des Orinoco, da wo das Delta beginnt, der Missionszucht
unterworfen worden. Die Sprachen der Guaraunos, Caraiben, Cumanagotos und
Chaymas sind die verbreitetsten. Wir werden bald sehen, dass sie demselben
Sprachstamm anzugehoeren scheinen und in ihren grammatischen Formen so nahe
verwandt sind, wie, um bekanntere Sprachen zur Vergleichung
herbeizuziehen, das Griechische, Deutsche, Persische und Sanskrit.

Trotz dieser Verwandtschaft sind die Chaymas, Guaraunos, Caraiben,
Quaquas, Aruacas und Cumanagotos als verschiedene Voelker zu betrachten.
Von den Guaiqueries, Pariagotos, Piritus, Tomuzas und Chacopatas wage ich
nicht das Gleiche zu behaupten. Die Guaiqueries geben selbst zu, dass ihre
Sprache und die der Guaraunos einander nahe stehen. Beide sind
Kuestenvoelker, wie die Malaien in der alten Welt. Was die Staemme betrifft,
die gegenwaertig die Mundarten der Cumanagotos, Caraiben und Chaymas haben,
so laesst sich ueber ihre urspruengliche Abstammung und ihr Verhaeltniss zu
andern, ehemals maechtigeren Voelkern schwer etwas aussagen. Die
Geschichtschreiber der Eroberung, wie die Geistlichen, welche die
Entwicklung der Missionen beschrieben haben, verwechseln, nach der Weise
der Alten, immer geographische Bezeichnungen mit Stammnamen. Sie sprechen
von Indianern von Cumana und von der Kueste von Paria, als ob die
Nachbarschaft der Wohnsitze gleiche Abstammung bewiese. Meist benennen sie
sogar die Staemme nach ihren Haeuptlingen, nach dem Berg oder dem Thal, die
sie bewohnen. Dadurch haeuft sich die Zahl der Voelkerschaften ins
Unendliche und werden alle Angaben der Missionaere ueber die ungleichartigen
Elemente in der Bevoelkerung ihrer Missionen in hohem Grade schwankend. Wie
will man jetzt ausmachen, ob der Tomuza und der Piritu verschiedener
Abstammung sind, da beide cumanagotisch sprechen, was im westlichen Theil
des Govierno de Cumana die herrschende Sprache ist, wie die der Caraiben
und der Chaymas im suedlichen und oestlichen? Durch die grosse
Uebereinstimmung in der Koerperbildung werden Untersuchungen der Art sehr
schwierig. Die beiden Continente verhalten sich in dieser Beziehung voellig
verschieden; auf dem neuen findet man eine erstaunliche Mannigfaltigkeit
von Sprachen bei Voelkern desselben Ursprungs, die der Reisende nach ihrer
Koerperlichkeit kaum zu unterscheiden vermag; in der alten Welt dagegen
sprechen koerperlich ungemein verschiedene Voelker, Lappen, Finnen und
Esthen, die germanischen Voelker und die Hindus, die Perser und die Kurden
Sprachen, die im Bau und in den Wurzeln die groesste Aehnlichkeit mit
einander haben.

Die Indianer in den Missionen treiben saemmtlich Ackerbau, und mit Ausnahme
derer, die in den hohen Gebirgen leben, bauen alle dieselben Gewaechse;
ihre Huetten stehen am einen Orte in Reihen wie am andern; die Eintheilung
ihres Tagewerks, ihre Arbeit im Gemeindeconuco, ihr Verhaeltniss zu den
Missionaeren und den aus ihrer Mitte gewaehlten Beamten, Alles ist nach
Vorschriften geordnet, die ueberall gelten. Und dennoch -- und diess ist
eine hoechst merkwuerdige Beobachtung in der Geschichte der Voelker -- war
diese grosse Gleichfoermigkeit der Lebensweise nicht im Stande, die
individuellen Zuege, die Schattirungen, durch welche sich die
amerikanischen Voelkerschaften unterscheiden, zu verwischen. Der Mensch mit
kupferfarbiger Haut zeigt eine geistige Starrheit, ein zaehes Festhalten an
den bei jedem Stamm wieder anders gefaerbten Sitten und Gebraeuchen, das der
ganzen Race recht eigentlich den Stempel aufdrueckt. Diesen Charakterzuegen
begegnet man unter allen Himmelsstrichen vom Aequator bis zur Hudsonsbai
und bis zur Magellanschen Meerenge; sie sind bedingt durch die physische
Organisation der Eingeborenen, aber die moenchische Zucht leistet ihnen
wesentlich Vorschub.

Es gibt in den Missionen nur wenige Doerfer, wo die Familien verschiedenen
Voelkerschaften angehoeren und nicht dieselbe Sprache reden. Aus so
verschiedenartigen Elementen bestehende Gemeinheiten sind schwer zu
regieren. Meist haben die Moenche ganze Nationen, oder doch bedeutende
Stuecke derselben Nation in nahe bei einander gelegenen Doerfern
untergebracht. Die Eingeborenen sehen nur Leute ihres eigenen Stammes;
denn Hemmung des Verkehrs, Vereinzelung, das ist ein Hauptartikel in der
Staatskunst der Missionare. Bei den unterworfenen Chaymas, Caraiben,
Tamanacas erhalten sich die nationalen Eigenthuemlichkeiten um so mehr, da
sie auch noch ihre Sprachen besitzen. Wenn sich die Individualitaet des
Menschen in den Mundarten gleichsam abspiegelt, so wirken diese wieder auf
Gedanken und Empfindung zurueck. Durch diesen innigen Verband zwischen
Sprache, Volkscharakter und Koerperbildung erhalten sich die Voelker
einander gegenueber in ihrer Verschiedenheit und Eigenthuemlichkeit, und
diess ist eine unerschoepfliche Quelle von Bewegung und Leben in der
geistigen Welt.

Die Missionaere konnten den Indianern gewisse alte Gebraeuche bei der Geburt
eines Kindes, beim Mannbarwerden, bei der Bestattung der Todten verbieten;
sie konnten es dahin bringen, dass sie sich nicht mehr die Haut bemalten
oder in Kinn, Nase und Wangen Einschnitte machten; sie konnten beim grossen
Haufen die aberglaeubischen Vorstellungen ausrotten, die in manchen
Familien im Geheimen forterben; aber es war leichter Gebraeuche abzustellen
und Erinnerungen zu verwischen, als die alten Vorstellungen durch neue zu
ersetzen. In den Missionen ist dem Indianer sein Lebensunterhalt
gesicherter als zuvor. Er liegt nicht mehr in bestaendigem Kampfe mit
feindlichen Gewalten, mit Menschen und Elementen, und fuehrt so dem wilden,
unabhaengigen Indianer gegenueber ein einfoermigeres, unthaetigeres, der
Entwicklung der Geistes- und Gemuethskraft weniger guenstiges Leben. Wenn er
gutmuethig ist, so kommt diess nur daher, weil er die Ruhe liebt, nicht weil
er gefuehlvoll ist und gemuethlich. Wo er ausser Verkehr mit den Weissen auch
all den Gegenstaenden ferne geblieben ist, welche die Cultur der neuen Welt
zugebracht, hat sich der Kreis seiner Vorstellungen nicht erweitert. Alle
seine Handlungen scheinen nur durch das augenblickliche Beduerfniss bestimmt
zu werden. Er ist schweigsam, verdrossen, in sich gekehrt, seine Miene ist
ernst, geheimnissvoll. Wer nicht lange in den Missionen gelebt hat und an
das Aussehen der Eingeborenen nicht gewoehnt ist, haelt ihre Traegheit und
geistige Starrheit leicht fuer den Ausdruck der Schwermuth und des
Tiefsinns.

Ich habe die Charakterzuege des Indianers und die Veraenderungen, die sein
Wesen unter der Zucht der Missionare erleidet, so scharf hervorgehoben, um
den einzelnen Beobachtungen, die den Inhalt dieses Abschnittes bilden
sollen, mehr Interesse zu geben. Ich beginne mit der Nation der Chaymas,
deren ueber 15,000 in den oben beschriebenen Missionen leben. Diese nicht
sehr kriegerische Nation, welche Pater Francisco de Pamplona um die Mitte
des siebzehnten Jahrhunderts in Zucht zu nehmen anfing, hat gegen West die
Cumanagotos, gegen Ost die Guaraunos, gegen Sued die Caraiben zu Nachbarn.
Sie wohnt entlang dem hohen Gebirge des Cocollar und Guacharo an den Ufern
des Guarapiche, des Rio Colorado, des Areo und des Cano de Caripe. Nach
der genauen statistischen Aufnahme des Paters Praefekten zaehlte man im.Jahr
1792 in den Missionen der aragonesischen Kapuziner in Cumana neunzehn
*Missions*doerfer; das aelteste ist von 1728, und sie zaehlten 6433 Einwohner
in 1465 Haushaltungen; sechzehn Doerfer _de doctrina_; das aelteste ist von
1660, und sie hatten 8170 Einwohner in 1766 Familien.

Diese Missionen hatten in den Jahren 1681, 1697 und 1720 viel zu leiden;
die damals noch unabhaengigen Caraiben machten Einfaelle und brannten ganze
Doerfer nieder. Zwischen den Jahren 1730 und 1736 ging die Bevoelkerung
zurueck in Folge der Verheerungen durch die Blattern, die der
kupferfarbigen Race immer verderblicher sind als den Weissen. Viele
Guaraunos, die bereits angesiedelt waren, entliefen wieder in ihre Suempfe.
Vierzehn alte Missionen blieben wueste liegen oder wurden nicht wieder
aufgebaut.

Die Chaymas sind meist von kleinem Wuchs; diess faellt namentlich auf, wenn
man sie nicht mit ihren Nachbarn, den Caraiben, oder den Payaguas und
Guayquilit in Paraguay, die sich alle durch hohen Wuchs auszeichnen,
sondern nur mit den Eingeborenen Amerikas im Durchschnitt vergleicht. Die
Mittelgroesse eines Chaymas betraegt 1 Meter 57 Centimeter oder 4 Fuss 10
Zoll. Ihr Koerper ist gedrungen, untersetzt, die Schultern sind sehr breit,
die Brust flach, alle Glieder rund und fleischigt. Ihre Hautfarbe ist die
der ganzen amerikanischen Race von den kalten Hochebenen Quitos und
Neugrenadas bis herab zu den heissen Tieflaendern am Amazonenstrom. Die
climatischen Unterschiede aeussern keinen Einfluss mehr auf dieselbe; sie ist
durch organische Verhaeltnisse bedingt, die sich seit Jahrhunderten
unabaenderlich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen. Gegen Nord wird
die gleichfoermige Hautfarbe roether, dem Kupfer aehnlicher; bei den Chaymas
dagegen ist sie dunkelbraun und naehert sich dem Lohfarbigen. Der Ausdruck
"kupferfarbige Menschen" zur Bezeichnung der Eingeborenen waere im
tropischen Amerika niemals aufgekommen.

Der Gesichtsausdruck der Chaymas ist nicht eben hart und wild, hat aber
doch etwas Ernstes, Finsteres. Die Stirne ist klein, wenig gewoelbt; daher
heisst es auch in mehreren Sprachen dieses Landstrich von einem schoenen
Weibe, "sie sey fett und habe eine schmale Stirne." Die Augen der Chaymas
sind schwarz, tiefliegend und stark in die Laenge gezogen; sie sind weder
so schief gestellt noch so klein wie bei den Voelkern mongolischer Race,
von denen Jornandes sagt, sie haben "vielmehr Punkte als Augen," _magis
puncta quam lumina_. Indessen ist der Augenwinkel den Schlaefen zu dennoch
merklich in die Hoehe gezogen; die Augbraunen sind schwarz oder
dunkelbraun, duenn, wenig geschweift; die Augenlieder haben sehr lange
Wimpern, und die Gewohnheit, sie wie schlaefrig niederzuschlagen, gibt dem
Blick der Weiber etwas Sanftes und laesst das verschleierte Auge kleiner
erscheinen, als es wirklich ist. Wenn die Chaymas, wie ueberhaupt alle
Eingeborenen Suedamerikas und Neuspaniens, durch die Form der Augen, die
vorspringenden Backenknochen, das straffe, glatte Haar, den fast gaenzlich
mangelnden Bart sich der mongolischen Race naehern, so unterscheiden sie
sich von derselben auffallend durch die Form der Nase, die ziemlich lang
ist, der ganzen Laenge nach vorspringt und bei den Nasloechern dicker wird,
welch letztere nach unten gerichtet sind, wie bei den Voelkern caucasischer
Race. Der grosse Mund mit breiten, aber nicht dicken Lippen hat haeufig
einen gutmuethigen Ausdruck. Zwischen Nase und Mund laufen bei beiden
Geschlechtern zwei Furchen von den Nasloechern gegen die Mundwinkel. Das
Kinn ist sehr kurz und rund; die Kinnladen sind auffallend stark und
breit.

Die Zaehne sind bei den Chaymas schoen und weiss, wie bei allen Menschen von
einfacher Lebensweise, aber lange nicht so stark wie bei den Negern. Den
ersten Reisenden war der Brauch aufgefallen, mit gewissen Pflanzensaeften
und Aetzkalk die Zaehne schwarz zu faerben; gegenwaertig weiss man nichts mehr
davon. Die Voelkerstaemme in diesem Landstrich sind, namentlich seit den
Einfaellen der Spanier, welche Sklavenhandel trieben, so hin und her
geschoben worden, dass die Einwohner von Paria, die Christoph Columbus und
Ojeda gesehen, ohne Zweifel nicht vom selben Stamme waren wie die Chaymas.
Ich bezweifle sehr, dass der Brauch des Schwaerzens der Zaehne, wie Gomara
behauptet, mit seltsamen Schoenheitsbegriffen zusammenhaengt(1), oder dass es
ein Mittel gegen Zahnschmerzen seyn sollte. Von diesem Uebel wissen die
Indianer so gut wie nichts; auch die Weissen in den spanischen Colonien,
wenigstens in den heissen Landstrichen, wo die Temperatur so gleichfoermig
ist, leiden selten daran. Auf dem Ruecken der Cordilleren, in Santa-Fe und
Popayan sind sie demselben mehr ausgesetzt.

Die Chaymas haben, wie fast alle eingeborenen Voelker, die ich gesehen,
kleine, schmale Haende. Ihre Fuesse aber sind gross und die Zehen bleiben
beweglicher als gewoehnlich. Alle Chaymas sehen einander aehnlich wie nahe
Verwandte, und diese gleichfoermige Bildung, die von den Reisenden so oft
hervorgehoben worden ist, wird desto auffallender, als sich bei ihnen
zwischen dem zwanzigsten und fuenfzigsten Jahr das Alter nicht durch
Hautrunzeln, durch graues Haar oder Hinfaelligkeit des Koerpers verraeth.
Tritt man in eine Huette, so kann man oft unter den Erwachsenen kaum den
Vater vom Sohn, die eine Generation von der andern unterscheiden. Nach
meiner Ansicht beruht dieser Familienzug auf zwei sehr verschiedenen
Momenten, auf den oertlichen Verhaeltnissen der indianischen Voelkerschaften
und auf der niedrigen Stufe ihrer geistigen Entwicklung. Die wilden Voelker
zerfallen in eine Unzahl von Staemmen, die sich toedtlich hassen und niemals
Ehen unter einander schliessen, selbst wenn ihre Mundarten demselben
Sprachstamme angehoeren und nur ein kleiner Flussarm oder eine Huegelkette
ihre Wohnsitze trennt. Je weniger zahlreich die Staemme sind, desto mehr
muss sich, wenn sich Jahrhunderte lang dieselben Familien mit einander
verbinden, eine gewisse gleichfoermige Bildung, ein organischer, recht
eigentlich nationaler Typus festsetzen.(2) Dieser Typus erhaelt sich unter
der Zucht der Missionen, die nur Eine Voelkerschaft unter der Obhut haben.
Die Vereinzelung ist so stark wie frueher; Ehen werden nur unter
Angehoerigen derselben Dorfschaft geschlossen. Fuer diese
Blutsverwandtschaft, welche so ziemlich um eine ganze Voelkerschaft ein
Band schlingt, hat die Sprache der Indianer, die in den Missionen geboren
sind oder erst nach ihrer Aufnahme aus den Waeldern spanisch gelernt haben,
einen naiven Ausdruck. Wenn sie von Leuten sprechen, die zum selben Stamme
gehoeren, sagen sie _mis parientes_, meine Verwandten.

Zu diesen Ursachen, die sich nur auf die Vereinzelung beziehen, deren
Einfluss sich ja auch bei den europaeischen Juden, bei den indischen Kasten
und allen Gebirgsvoelkern bemerklich macht, kommen nun noch andere, bisher
weniger beachtete. Ich habe schon frueher bemerkt, dass es vorzueglich die
Geistesbildung ist, was Menschengesichter von einander verschieden macht.
Barbarische Nationen haben vielmehr eine Stamm- oder Hordenphysiognomie
als eine, die diesem oder jenem Individuum zukaeme. Der wilde Mensch
verhaelt sich hierin dem gebildeten gegenueber wie die Thiere einer und
derselben Art, die zum Theil in der Wildnis leben, waehrend die andern in
der Umgebung des Menschen gleichsam an den Segnungen und den Uebeln der
Cultur Theil nehmen. Abweichungen in Koerperbau und Farbe kommen nur bei
den Hausthieren haeufig vor. Welcher Abstand, was Beweglichkeit der Zuege
und mannigfaltigen physiognomischen Ausdruck betrifft, zwischen den
Hunden, die in der neuen Welt wieder verwildert sind, und den Hunden in
einem wohlhabenden Hause, deren geringste Launen man befriedigt! Beim
Menschen und bei den Thieren spiegeln sich die Regungen der Seele in den
Zuegen ab, und die Zuege werden desto beweglicher, je haeufiger,
mannigfaltiger und andauernder die Empfindungen sind. Aber der Indianer in
den Missionen, von aller Cultur abgeschnitten, wird allein vom physischen
Beduerfniss bestimmt, und da er dieses im herrlichen Klima fast muehelos
befriedigt, fuehrt er ein traeges, einfoermiges Leben. Unter den
Gemeindegliedern herrscht die vollkommenste Gleichheit, und diese
Einfoermigkeit, diese Starrheit der Verhaeltnisse drueckt sich auch in den
Gesichtszuegen der Indianer aus.

Unter der Zucht der Moenche wandeln heftige Leidenschaften, wie Groll und
Zorn, den Eingeborenen ungleich seltener an, als wenn er in den Waeldern
lebt. Wenn der wilde Mensch sich raschen, heftigen Gemuethsbewegungen
ueberlaesst, so wird sein bis dahin ruhiges, starres Gesicht auf einmal
krampfhaft verzerrt; aber seine Aufregung geht um so rascher vorueber, je
staerker sie ist. Beim Indianer in den Missionen dagegen ist, wie ich am
Orinoco oft beobachten konnte, der Zorn nicht so heftig, nicht so offen,
aber er haelt laenger an. Uebrigens ist es auf allen Stufen menschlicher
Entwicklung nicht die Staerke oder die augenblickliche Entfesselung der
Leidenschaften, was den Zuegen den eigentlichen Ausdruck gibt, sondern
vielmehr jene Reizbarkeit der Seele, die uns in bestaendiger Beruehrung mit
der Aussenwelt erhaelt, Zahl und Maass unserer Schmerzen und unserer Freuden
steigert und auf Physiognomie, Sitten und Sprache zugleich zurueckwirkt.
Wenn Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit der Zuege das belebte Naturreich
verschoenern, so ist auch nicht zu laeugnen, dass beide zwar nicht allein
Produkte der Cultur sind, wohl aber mit ihr sich steigern. In der grossen
Voelkerfamilie kommen diese Vorzuege keiner Race in hoeherem Maasse zu als der
caucasischen oder europaeischen. Nur beim weissen Menschen tritt das Blut
ploetzlich in das Gewebe der Haut und tritt damit jener leise Wechsel der
Gesichtsfarbe ein, der den Ausdruck der Gemuethsbewegungen so bedeutend
verstaerkt. "Wie soll man Menschen trauen, die nicht roth werden koennen?"
sagt der Europaeer in seinem eingewurzelten Hasse gegen den Neger und den
Indianer. Man muss uebrigens zugeben, dass diese Starrheit der Zuege nicht
allen Racen mit sehr dunkel gefaerbter Haut zukommt; sie ist beim Afrikaner
lange nicht so bedeutend, wie bei den eingeborenen Amerikanern.

Dieser physischen Schilderung der Chaymas lassen wir einige allgemeine
Bemerkungen ueber ihre Lebensweise und ihre Sitten folgen. Da ich die
Sprache des Volks nicht verstehe, kann ich keinen Anspruch darauf machen,
waehrend meines nicht sehr langen Aufenthalts in den Missionen ihren
Charakter durchgaengig kennen gelernt zu haben. So oft im Folgenden von den
Indianern die Rede ist, stelle ich das, was wir von den Missionaeren
erfahren, neben das Wenige, was wir selbst beobachten konnten.

Die Chaymas haben, wie alle halbwilden Voelker in sehr heissen Laendern, eine
entschiedene Abneigung gegen Kleider. Von mittelalterlichen
Schriftstellern hoeren wir, dass im noerdlichen Europa die Hemden und
Beinkleider, welche die Missionaere austheilten, nicht wenig zur Bekehrung
der Heiden beigetragen haben. In der heissen Zone dagegen schaemen sich die
Eingeborenen, wie sie sagen, dass sie Kleider tragen sollen, und sie laufen
in die Waelder, wenn man sie zu fruehe noethigt, ihr Nacktgehen aufzugeben.
Bei den Chaymas bleiben, trotz des Eiferns der Moenche, Maenner und Weiber
im Innern der Haeuser nackt. Wenn sie durch das Dorf gehen, tragen sie eine
Art Hemd aus Baumwollenzeug, das kaum bis zum Knie reicht. Bei den Maennern
hat dasselbe Aermel, bei den Weibern und den Jungen bis zum zehnten,
zwoelften Jahr bleiben Arme, Schultern und der obere Theil der Brust frei.
Das Hemd ist so geschnitten, dass Vorderstueck und Rueckenstueck durch zwei
schmale Baender auf der Schulter zusammenhaengen. Es kam vor, dass wir
Eingeborenen ausserhalb der Mission begegneten, die, namentlich bei
Regenwetter, ihr Hemd ausgezogen hatten und es aufgerollt unter dem Arm
trugen. Sie wollten sich lieber auf den blossen Leib regnen, als ihre
Kleider nass werden lassen. Die aeltesten Weiber versteckten sich dabei
hinter die Baeume und schlugen ein lautes Gelaechter auf, wenn wir an ihnen
vorueber kamen. Die Missionaere klagen meist, dass Schaam und Gefuehl fuer das
Anstaendige bei den jungen Maedchen nicht viel entwickelter seyen als bei
den Maennern. Schon Ferdinand Columbus erzaehlt, sein Vater habe im Jahr
1498 auf der Insel Trinidad voellig nackte Weiber angetroffen, waehrend die
Maenner den _'Guayuco'_ trugen, der vielmehr eine schmale Binde ist als
eine Schuerze. Zur selben Zeit unterschieden sich auf der Kueste von Paria
die Maedchen von den verheiratheten Weibern dadurch, dass sie, wie Cardinal
Bembo behauptet, ganz nackt gingen, oder, nach Gomara, dadurch, dass sie
einen anders gefaerbten Guayuco trugen. Diese Binde, die wir noch bei den
Chaymas und allen nackten Voelkerschaften am Orinoco angetroffen, ist nur
zwei bis drei Zoll breit und wird mit beiden Enden an einer Schnur
befestigt, die mitten um den Leib gebunden ist. Die Maedchen heirathen
haeufig mit zwoelf Jahren; bis zum neunten gestatten ihnen die Missionaere,
nackt, das heisst ohne Hemd, zur Kirche zu kommen. Ich brauche hier nicht
daran zu erinnern, dass bei den Chaymas, wie in allen spanischen Missionen
und indianischen Doerfern, die ich besucht, Beinkleider, Schuhe und Hut
Luxusartikel sind, von denen die Eingeborenen nichts wissen. Ein Diener,
der uns auf der Reise nach Charipe und an den Orinoco begleitet und den
ich mit nach Frankreich gebracht, konnte sich, nachdem wir ans Land
gestiegen, nicht genug verwundern, als er einen Bauern mit dem Hut auf dem
Kopf ackern sah, und er glaubte "in einem armseligen Lande zu seyn, wo
sogar die Edelleute (_los mismos caballeros_) hinter dem Pfluge gehen."

Die Weiber der Chaymas sind nach unsern Schoenheitsbegriffen nicht huebsch;
indessen haben die jungen Maedchen etwas Sanftes und Wehmuethiges im Blick,
das von dem ein wenig harten und wilden Ausdruck des Mundes angenehm
absticht. Die Haare tragen sie in zwei lange Zoepfe geflochten. Die Haut
bemalen sie sich nicht und kennen in ihrer Armuth keinen andern Schmuck
als Hals- und Armbaender aus Muscheln, Voegelknochen und Fruchtkernen.
Maenner und Weiber sind sehr musculoes, aber der Koerper ist fleischigt mit
runden Formen. Ich brauche kaum zu sagen, dass mir nie ein Individuum mit
einer natuerlichen Missbildung aufgestossen ist; dasselbe gilt von den vielen
tausend Caraiben, Muyscas, Mexicanern und Peruanern, die wir in fuenf
Jahren gesehen. Dergleichen Missbildungen sind bei gewissen Racen ungemein
selten, besonders aber bei Voelkern, deren Hautgewebe stark gefaerbt ist.
Ich kann nicht glauben, dass sie allein Folgen hoeherer Cultur, einer
weichlicheren Lebensweise und der Sittenverderbniss sind. In Europa
heirathet ein buckligtes oder sehr haessliches Maedchen, wenn sie Vermoegen
hat, und die Kinder erben haeufig die Missbildung der Mutter. Im wilden
Zustand, in dem zugleich vollkommene Gleichheit herrscht, kann nichts
einen Mann vermoegen, eine Missbildete oder sehr Kraenkliche zum Weibe zu
nehmen. Hat eine solche das seltene Glueck, dass sie das Alter der Reife
erreicht, so stirbt sie sicher kinderlos. Man moechte glauben, die Wilden
seyen alle so wohlgebildet und so kraeftig, weil die schwaechlichen Kinder
aus Verwahrlosung fruehe wegsterben und nur die kraeftigen am Leben bleiben;
aber diess kann nicht von den Indianern in den Missionen gelten, welche die
Sitten unserer Bauern haben, noch auch von den Mexicanern in Cholula und
Tlascala, die in einem Wohlstand leben, den sie von civilisirteren
Vorfahren ererbt. Wenn die kupferfarbige Race auf allen Culturstufen
dieselbe Starrheit zeigt, dieselbe Unfaehigkeit, vom urspruenglichen Typus
abzuweichen, so muessen wir darin doch wohl grossentheils angeborene Anlage
erblicken, das, worin eben der eigenthuemliche Racencharakter besteht. Ich
sage absichtlich: grossentheils, weil ich den Einfluss der Cultur nicht ganz
ausschliessen moechte. Beim kupferfarbigen Menschen, wie beim Weissen, wird
der Koerper durch Luxus und Weichlichkeit geschwaecht, und aus diesem Grunde
waren frueher Missbildungen in Couzco und Tenochtitlan haeufiger; aber unter
den heutigen Mexicanern, die alle Landbauern sind und in der groessten
Sitteneinfalt leben, haette Montezuma nimmermehr die Zwerge und Bucklichten
aufgetriehen, die Bernal Diaz bei seiner Mahlzeit erscheinen sah.

Die Sitte des fruehzeitigen Heirathens ist, wie die Ordensgeistlichen
bezeugen, der Zunahme der Bevoelkerung durchaus nicht nachtheilig. Diese
fruehe Mannbarkeit ist Racencharakter und keineswegs Folge des heissen
Klimas; sie kommt ja auch auf der Nordwestkueste von Amerika, bei den
Eskimos vor, so wie in Asien bei den Kamtschadalen und Koriaeken, wo haeufig
zehnjaehrige Maedchen Muetter sind. Man kann sich nur wundern, dass die
Tragezeit, die Dauer der Schwangerschaft sich im gesunden Zustande bei
keiner Race und in keinem Klima veraendert.

Die Chaymas haben beinahe keinen Bart am Kinn, wie die Tongusen und andere
Voelker mongolischer Race. Die wenigen Haare, die sprossen, reissen sie aus;
aber im Allgemeinen ist es unrichtig, wenn man behauptet, sie haben nur
desshalb keinen Bart, weil sie denselben ausraufen. Auch ohne diesen Brauch
waeren die Indianer groesstentheils ziemlich bartlos. Ich sage groesstentheils,
denn es gibt Voelkerschaften, die in dieser Beziehung ganz vereinzelt neben
den andern stehen und desshalb um so mehr Aufmerksamkeit verdienen. Hieher
gehoeren in Nordamerika die Chepewyans, die Mackenzie besucht hat, und die
Yabipais bei den toltekischen Ruinen von Moqui, beide mit dichtem Bart, in
Suedamerika die Patagonen und Guaranys. Unter, letzteren sieht man Einzelne
sogar mit behaarter Brust. Wenn die Chaymas, statt sich den duennen
Kinnbart auszuraufen, sich haeufig rasiren, so waechst der Bart staerker.
Solches sah ich mit Erfolg junge Indianer thun, die als Messdiener lebhaft
wuenschten den Vaeter Kapuzinern, ihren Missionaeren und Meistern zu
gleichen. Beim Volk im Ganzen aber ist und bleibt der Bart in dem Masse
verhasst, in dem er bei den Orientalen in Ehren steht. Dieser Widerwille
fliesst aus derselben Quelle wie die Vorliebe fuer abgeflachte Stirnen, die
an den Bildnissen aztekischer Gottheiten und Helden in so seltsamer Weise
zu Tage kommt. Den Voelkern gilt immer fuer schoen, was ihre eigene
Koerperbildung, ihre Nationalphysiognomie besonders auszeichnet.(3) Da
ihnen nun die Natur sehr wenig Bart, eine schmale Stirne und eine
rothbraune Haut gegeben hat, so haelt sich jeder fuer desto schoener, je
weniger sein Koerper behaart, je flacher sein Kopf, je lebhafter seine Haut
mit _'Roucou'_, _'Chica'_ oder irgend einer kupferrothen Farbe bemalt ist.

Die Lebensweise der Chaymas ist hoechst einfoermig. Sie legen sich
regelmaessig um sieben Uhr Abends nieder und stehen lange vor Tag, um halb
fuenf Uhr Morgens auf. Jeder Indianer hat ein Feuer bei seiner Haengematte.
Die Weiber sind so frostig, dass ich sie in der Kirche vor Kaelte zittern
sah, wenn der hunderttheilige Thermometer noch auf 18 Grad stand. Im
Innern sind die Huetten der Indianer aeusserst sauber. Ihr Bettzeug, ihre
Schilfmatten, ihre Toepfe mit Manioc oder gegohrenem Mais, ihre Bogen und
Pfeile, Alles befindet sich in der schoensten Ordnung. Maenner und Weiber
baden taeglich, und da sie fast immer nackt gehen, so kann bei ihnen die
Unreinlichkeit nicht aufkommen, die beim gemeinen Volk in kalten Laendern
vorzugsweise von den Kleidern herruehrt. Ausser dem Haus im Dorfe haben sie
meist auf ihren _'Conucos'_, an einer Quelle oder am Eingang einer recht
einsamen Schlucht, eine mit Palm- und Bananenblaettern gedeckte Huette von
geringem Umfang. Obgleich sie auf dem Conuco weniger bequem leben, halten
sie sich doch dort auf, so oft sie nur koennen. Schon oben gedachten wir
ihres unwiderstehlichen Triebs, die Gesellschaft zu fliehen und zum Leben
in der Wildniss zurueckzukehren. Die kleinsten Kinder entlaufen nicht selten
ihren Eltern und ziehen vier, fuenf Tage in den Waeldern herum, von
Fruechten, von Palmkohl und Wurzeln sich naehrend. Wenn man in den Missionen
reist, sieht man haeufig die Doerfer fast ganz leer stehen, weil die
Einwohner in ihren Gaerten sind oder auf der Jagd, _al monte_. Bei den
civilisirten Voelkern fliesst wohl die Jagdlust zum Theil aus denselben
moralischen Quellen, aus dem Reiz der Einsamkeit, dem angebotenen
Unabhaengigkeitstrieb, dem tiefen Eindruck, den die Natur ueberall auf den
Menschen macht, wo er sich ihr allein gegenueber sieht.

Entbehrung und Leiden sind auch bei den Chaymas, wie bei allen
halbbarbarischen Voelkern, das Loos der Weiber. Die schwerste Arbeit faellt
ihnen zu. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihrem Garten heimkommen sahen,
trug der Mann nichts als das Messer (_machette_), mit dem er sich einen
Weg durch das Gestraeuch bahnt. Das Weib ging gebueckt unter einer
gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm, und zwei andere
sassen nicht selten oben auf dem Buendel. Trotz dieser gesellschaftlichen
Unterordnung schienen mir die Weiber der suedamerikanischen Indianer
gluecklicher als die der Wilden im Norden. Zwischen den Aleghanis und dem
Mississippi werden ueberall, wo die Eingeborenen nicht groesstentheils von
der Jagd leben, Mais, Bohnen und Kuerbisse nur von den Weibern gebaut; der
Mann gibt sich mit dem Ackerbau gar nicht ab. In der heissen Zone gibt es
nur sehr wenige Jaegervoelker, und in den Missionen arbeiten die Maenner im
Felde so gut wie die Weiber.

Man macht sich keinen Begriff davon, wie schwer die Indianer spanisch
lernen. Sie haben einen Abscheu davor, so lange sie mit den Weissen nicht
in Beruehrung kommen und ihnen der Ehrgeiz fremd bleibt, civilisirte
Indianer zu heissen, oder, wie man sich in den Missionen ausdrueckt,
_'latinisirte'_ Indianer, _Indios muy latinos_. Was mir aber nicht allein
bei den Chaymas, sondern in allen sehr entlegenen Missionen, die ich
spaeter besucht, am meisten auffiel, das ist, dass es den Indianern so
ungemein schwer wird, die einfachsten Gedanken zusammenzubringen und auf
spanisch auszudruecken, selbst wenn sie die Bedeutung der Worte und den
Satzbau ganz gut kennen. Man sollte sie fuer noch einfaeltiger halten als
Kinder, wenn ein Weisser sie ueber Gegenstaende befragt, mit denen sie von
Kindesbeinen an vertraut sind. Die Missionaere versichern, dieses Stocken
sey nicht Folge der Schuechternheit; bei den Indianern, die taeglich ins
Haus des Missionaers kommen und bei der oeffentlichen Arbeit die Aussicht
fuehren, sey es keineswegs natuerliche Beschraenktheit, sondern nur
Unvermoegen, den Mechanismus einer von ihren Landessprachen abweichenden
Sprache zu handhaben. Je uncultivirter der Mensch ist, desto mehr
moralische Starrheit und Unbiegsamkeit kommt ihm zu. Es ist also nicht zu
verwundern, wenn der Indianer, der vereinsamt in den Missionen lebt,
Hemmnissen begegnet, von denen diejenigen nichts wissen, die mit Mestizen,
Mulatten und Weissen in der Naehe der Staedte in Pfarrdoerfern wohnen. Ich war
oft erstaunt, mit welcher Gelaeufigkeit in Caripe der _'Alcalde'_, der
_'Governador'_, der _'Sargento mayor'_ stundenlang zu den vor der Kirche
versammelten Indianern sprachen; sie vertheilten die Arbeiten fuer die
Woche, schalten die Traegen, drohten den Unanstelligen. Diese Haeuptlinge,
die selbst Chaymas sind und die Befehle des Missionaers der Gemeinde zur
Kenntniss bringen, sprechen dabei alle auf einmal, mit lauter Stimme, mit
starker Betonung, fast ohne Geberdenspiel. Ihre Zuege bleiben dabei
unbeweglich, ihr Blick ist ernst, gebieterisch.

Dieselben Menschen, die so viel Geisteslebendigkeit verriethen und
ziemlich gut spanisch verstanden, konnten ihre Gedanken nicht mehr
zusammenbringen, wenn sie uns auf unsern Ausfluegen in der Naehe des
Klosters begleiteten und wir durch die Moenche Fragen an sie richten
liessen. Man konnte sie Ja oder Nein sagen lassen, je nachdem man die Frage
stellte; und ihre Traegheit und nebenbei auch jene schlaue Hoeflichkeit, die
auch dem rohesten Indianer nicht ganz fremd ist, liess sie nicht selten
ihren Antworten die Wendung geben, auf die unsere Fragen zu deuten
schienen. Wenn sich Reisende auf die Aussagen von Eingeborenen berufen
wollen, koennen sie vor diesem gefaelligen Jasagen sich nicht genug in Acht
nehmen. Ich wollte einmal einen indianischen Alcalden auf die Probe
stellen und fragte ihn, ob er nicht meine, der Bach Caripe, der aus der
Hoehle des Guacharo herauskommt, laufe aus der andern Seite den Berg heraus
und durch eine unbekannte Oeffnung herein. Er schien sich eine Weile zu
besinnen und sagte dann zur Unterstuetzung meiner Annahme: "Freilich, wie
waere auch sonst vorne in der Hoehle immer Wasser im Bett?"

Alle Zahlenverhaeltnisse fassen die Chaymas ausserordentlich schwer. Ich
habe nicht Einen gesehen, den man nicht sagen lassen konnte, er sey
achtzehn oder aber sechzig Jahre alt. Marsden hat dieselbe Beobachtung an
den Malaien auf Sumatra gemacht, die doch seit mehr als fuenfhundert Jahren
civilisirt sind. Die Chaymassprache hat Worte, die ziemlich grosse Zahlen
ausdruecken, aber wenige Indianer wissen damit umzugehen, und da sie im
Verkehr mit den Missionaeren dazu genoethigt sind, so zaehlen die faehigsten
spanisch, aber so, dass man ihnen die geistige Anstrengung ansieht, bis auf
30 oder 50. In der Chaymassprache zaehlen dieselben Menschen nicht ueber 5
oder 6. Es ist natuerlich, dass sie sich vorzugsweise der Worte einer
Sprache bedienen, in der sie die Reihen der Einer und der Zehner kennen
gelernt haben. Seit die europaeischen Gelehrten es der Muehe werth halten,
den Bau der amerikanischen Sprachen zu studiren, wie man den Bau der
semitischen Sprachen, des Griechischen und des Lateinischen studirt,
schreibt man nicht mehr der Mangelhaftigkeit der Sprachen zu, was nur aus
Rechnung der Rohheit der Voelker kommt. Man erkennt an, dass fast ueberall
die Mundarten reicher sind und feinere Wendungen aufzuweisen haben, als
man nach der Culturlosigkeit der Voelker, die sie sprechen, vermuthen
sollte. Ich bin weit entfernt, die Sprachen der neuen Welt den schoensten
Sprachen Asiens und Europas gleichstellen zu wollen; aber keine von diesen
hat ein klareres, regelmaessigeres und einfacheres Zahlsystem als das
Oquichua und das Aztekische, die in den grossen Reichen Couzco und Anahuac
gesprochen wurden. Duerfte man nun sagen, in diesen Sprachen zaehle man
nicht ueber vier, weil es in den Doerfern, wo sich dieselben unter den armen
Bauern von peruanischem oder mexicanischem Stamm erhalten haben, Menschen
gibt, die nicht weiter zaehlen koennen? Die seltsame Ansicht, nach der so
viele Voelker Amerikas nur bis zu fuenf, zehn oder zwanzig sollen zaehlen
koennen, ist durch Reisende aufgekommen, die nicht wussten, dass die
Menschen, je nach dem Geist der verschiedenen Mundarten, in allen
Himmelsstrichen nach 5, 10 oder 20 Einheiten (das heisst nach den Fingern
Einer Hand, beider Haende, der Haende und Fuesse zusammen) einen Abschnitt
machen, und dass 6, 13 oder 20 auf verschiedene Weise durch fuenf eins, zehn
drei und "Fuss zehn" ausgedrueckt werden. Kann man sagen, die Zahlen der
Europaeer gehen nicht ueber zehen, weil wir Halt machen, wenn eine Gruppe
von zehn Einheiten beisammen ist?

Die amerikanischen Sprachen sind so ganz anders gebaut, als die
Toechtersprachen des Lateinischen, dass die Jesuiten, welche Alles, was ihre
Anstalten foerdern konnte, aufs Sorgfaeltigste in Betracht zogen, bei den
Neubekehrten statt des Spanischen einige indianische sehr reiche, sehr
regelmaessige und weit verbreitete Sprachen, namentlich das Oquichua und das
Guarani, einfuehrten. Sie suchten durch diese Sprachen die aermeren,
plumperen, im Satzbau nicht so regelmaessigen Mundarten zu verdraengen. Und
der Tausch gelang ohne alle Schwierigkeit; die Indianer verschiedener
Staemme liessen sich ganz gelehrig dazu herbei, und so wurden diese
verallgemeinerten amerikanischen Sprachen zu einem bequemen Verkehrsmittel
zwischen den Missionaeren und den Neubekehrten. Mit Unrecht wuerde man
glauben, der Sprache der Incas sey nur darum der Vorzug vor dem Spanischen
gegeben worden, um die Missionen zu isoliren und sie dem Einfluss zweier
auf einander eifersuechtiger Gewalten, der Bischoefe und der Statthalter, zu
entziehen; abgesehen von ihrer Politik hatten die Jesuiten noch andere
Gruende, wenn sie gewisse indianische Sprachen zu verbreiten suchten. Diese
Sprachen boten ihnen ein bequemes Mittel, um ein Band um zahlreiche Horden
zu schlingen, die bis jetzt vereinzelt, einander feindlich gesinnt, durch
die Sprachverschiedenheit geschieden waren; denn in uncultivirten Laendern
bekommen die Dialekte nach mehreren Jahrhunderten nicht selten die Form
oder doch das Aussehen von Ursprachen.

Wenn es heisst, ein Daene lerne leichter Deutsch, ein Spanier leichter
Italienisch oder Lateinisch als jede andere Sprache, so meint man
zunaechst, diess ruehre daher, dass alle germanischen Sprachen oder alle
Sprachen des lateinischen Europas eine Menge Wurzeln mit einander gemein
haben; man vergisst, dass es neben dieser Aehnlichkeit der Laute eine andere
gibt, die Voelker von gemeinsamem Ursprung noch ungleich tiefer anregt. Die
Sprache ist keineswegs ein Ergebniss willkuehrlicher Uebereinkunft; der
Mechanismus der Flexionen, die grammatischen Formen, die Moeglichkeit der
Inversionen, Alles ist ein Ausfluss unseres Innern, unserer eigenthuemlichen
Organisation. Im Menschen lebt ein unbewusst thaetiges und ordnendes
Princip, das bei Voelkern von verschiedener Race auch verschieden angelegt
ist. Das mehr oder weniger rauhe Klima, der Aufenthalt im Hochgebirg oder
am Meeresufer, die ganze Lebensweise moegen die Laute umwandeln, die
Gemeinsamkeit der Wurzeln unkenntlich machen und ihrer neue erzeugen; aber
alle diese Ursachen lassen den Bau und das innere Getriebe der Sprachen
unberuehrt. Die Einfluesse des Klimas und aller aeussern Verhaeltnisse sind ein
verschwindendes Moment dem gegenueber, was der Racencharakter wirkt, die
Gesammtheit der dem Menschen eigenthuemlichen, sich vererbenden Anlagen.

In Amerika nun -- und dieses Ergebniss der neuesten Forschungen ist fuer die
Geschichte unserer Gattung von der hoechsten Bedeutung -- in Amerika haben
vom Lande der Eskimos bis zum Orinoco, und von den heissen Ufern dieses
Flusses bis zum Eis der Magellanschen Meerenge den Wurzeln nach ganz
verschiedene Stammsprachen so zu sagen dieselbe Physiognomie. Nicht allein
ausgebildete Sprachen, wie die der Incas, das Aymare, Guarany, Cora und
das Mexicanische, sondern auch sehr rohe Sprachen zeigen in ihrem
grammatischen Bau die ueberraschendsten Aehnlichkeiten. Idiome, deren
Wurzeln einander um nichts aehnlicher sind als die Wurzeln des Slavischen
und des Baskischen, gleichen einander im inneren Mechanismus wie Sanskrit,
Persisch, Griechisch und die germanischen Sprachen. So findet man fast
ueberall in der neuen Welt, dass die Zeitwoerter eine ganze Menge Formen und
Tempora haben, ein kuenstliches, sehr verwickeltes Verfahren, um entweder
durch Flexion der persoenlichen Fuerwoerter, welche die Wortendungen bilden,
oder durch Einschieben eines Suffixes zum voraus Wesen und Verhaeltnisse
des Subjekts zu bezeichnen, um anzugeben, ob dasselbe lebendig ist oder
leblos, maennlichen oder weiblichen Geschlechts, einfach oder in vielfacher
Zahl. Eben wegen dieser allgemeinen Aehnlichkeit im Bau, und weil
amerikanische Sprachen, die auch nicht ein Wort mit einander gemein haben
(z. B. das Mexicanische und das Oquichua), in ihrer inneren Gliederung
uebereinkommen und von den Toechtersprachen des Lateinischen durchaus
abweichen, lernt der Indianer in den Missionen viel leichter eine
amerikanische Sprache als die des europaeischen Mutterlandes. In den
Waeldern am Orinoco habe ich die rohesten Indianer zwei, drei Sprachen
sprechen hoeren. Haeufig verkehren Wilde verschiedener Nationen in einem
andern als ihrem eigenen Idiom mit einander.

Haette man das System der Jesuiten befolgt, so waeren bereits weit
verbreitete Sprachen fast allgemein geworden. Auf Terra Firma und am
Orinoco spraeche man jetzt nur Caraibisch oder Tamanakisch, im Sueden und
Suedwesten Oquichua, Guarani, Omagua und Araucanisch. Die Missionaere
koennten sich diese Sprachen zu eigen machen, deren grammatische Formen
hoechst regelmaessig und fast so fest sind wie im Griechischen und Sanskrit,
und wuerden so den Eingeborenen, ueber die sie herrschen, weit naeher kommen.
Die zahllosen Schwierigkeiten in der Verwaltung von Missionen, die aus
einem Dutzend Voelkerschaften bestehen, verschwaenden mit der
Sprachverwirrung. Die wenig verbreiteten Mundarten wuerden todte Sprachen;
aber der Indianer behielte mit einer amerikanischen Sprache auch seine
Individualitaet und seine nationale Physiognomie. Man erreichte so auf
friedlichem Wege, was die allzu sehr gepriesenen Incas, die den Fanatismus
in die neue Welt eingefuehrt, mit Waffengewalt durchzufuehren begonnen.

Wie mag man sich auch wundern, dass die Chaymas, die Caraiben, die Saliven
oder Otomaken im Spanischen so geringe Fortschritte machen, wenn man
bedenkt, dass fuenf-, sechshundert Indianern Ein Weisser, Ein Missionaer
gegenuebersteht, und dass dieser alle Muehe hat, einen Governador, Alcalden
oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden! Koennte man statt der Zucht der
Missionaere die Indianer auf anderem Wege civilisiren, oder vielmehr ihre
Sitten saenftigen (denn der unterworfene Indianer hat weniger rohe Sitten,
ohne desshalb gebildeter zu seyn), koennte man die Weissen, statt sie ferne
zu halten, in neu gebildeten Gemeinden unter den Eingeborenen leben
lassen, so waeren die amerikanischen Sprachen bald von den europaeischen
verdraengt, und die Eingeborenen ueberkaemen mit den letzteren die gewaltige
Masse neuer Vorstellungen, welche die Fruechte der Cultur sind. Dann
brauchte man allerdings keine allgemeinen Sprachen, wie die der Incas oder
das Guarany, einzufuehren. Aber nachdem ich mich in den Missionen des
suedlichen Amerikas so lange aufgehalten, nachdem ich die Vorzuege und die
Missbraeuche des Regiments der Missionare kennen gelernt, darf ich wohl die
Ansicht aussprechen, dass dieses Regiment nicht so leicht abzuschaffen seyn
wird, ein System, das sich gar wohl bedeutend verbessern laesst und das als
Vorbereitung und Uebergang zu einem unsern Begriffen von buergerlicher
Freiheit entsprechenderen erscheint. Man wird mir einwenden, die Roemer
haben in Gallien, in Baetica, in der Provinz Afrika mit ihrer Herrschaft
schnell auch ihre Sprache eingefuehrt; aber die eingeborenen Voelker dieser
Laender waren keine Wilde. Sie wohnten in Staedten, sie kannten den Gebrauch
des Geldes, sie hatten buergerliche Einrichtungen, die eine ziemlich hohe
Stufe der Cultur voraussetzen. Durch die Lockungen des Waarentausches und
den langen Aufenthalt der Legionen waren sie mit den Eroberern in
unmittelbare Beruehrung gekommen. Dagegen sehen wir der Einfuehrung der
Sprachen der Mutterlaender ueberall fast unueberwindliche Hindernisse
entgegentreten, wo carthaginensische, griechische oder roemische Colonien
auf wirklich barbarischen Kuesten angelegt wurden. Zu allen Zeiten und
unter allen Himmelsstrichen ist Flucht der erste Gedanke des Wilden dem
civilisirten Menschen gegenueber.

Die Sprache der Chaymas schien mir nicht so wohlklingend wie das
Caraibische, das Salivische und andere Orinocosprachen: Namentlich hat sie
weniger in accentuirten Vocalen ausklingende Endungen. Sylben wie _guaz_,
_ez_, _puic_, _pur_ kommen auffallend oft vor. Wir werden bald sehen, dass
diese Endungen zum Theil Flexionen des Zeitworts *seyn* sind, oder aber
Postpositionen, die nach dem Wesen der amerikanischen Sprachen den Worten
selbst einverleibt sind. Mit Unrecht wuerde man diese Rauheit des
Sprachtons dem Leben der Chaymas im Gebirge zuschreiben, denn sie sind
urspruenglich diesem gemaessigten Klima fremd. Sie sind erst durch die
Missionaere dorthin versetzt worden, und bekanntlich war den Chaymas, wie
allen Bewohnern heisser Landstriche, die Kaelte in Caripe, wie sie es
nennen, Anfangs sehr zuwider. Waehrend unseres Aufenthalts im
Kapuzinerkloster haben Bonpland und ich ein kleines Verzeichniss von
Chaymasworten angelegt. Ich weiss wohl, dass der Bau und die grammatischen
Formen fuer die Sprachen weit bezeichnender sind als die Analogie der Laute
und der Wurzeln, und dass diese Analogie der Laute nicht selten in
verschiedenen Dialekten derselben Sprache voellig unkenntlich wird; denn
die Staemme, in welche eine Nation zerfaellt, haben haeufig fuer dieselben
Gegenstaende voellig verschiedene Benennungen. So kommt es, dass man sehr
leicht irre geht, wenn man, die Flexionen ausser Augen lassend, nur nach
den Wurzeln, z. B. nach den Worten fuer Mond, Himmel, Wasser, Erde, zwei
Idiome allein wegen der Unaehnlichkeit der Laute fuer voellig verschieden
erklaert. Trotz dieser Quelle des Irrthums thun, denke ich, die Reisenden
gut, wenn sie immer alles Matterial sammeln, das ihnen zugaenglich ist.
Machen sie auch nicht mit der inneren Gliederung und dem allgemeinen Plane
des Baus bekannt, so lehren sie doch wichtige Theile desselben fuer sich
kennen. Die Woerterverzeichnisse sind nicht zu vernachlaessigen; sie geben
sogar ueber den wesentlichen Charakter einer Sprache einigen Ausschluss,
wenn der Reisende Saetze sammelt, aus denen man ersieht, wie das Zeitwort
flektirt wird und, was in den verschiedenen Sprachen in so abweichender
Weise geschieht, die persoenlichen und possessiven Fuerwoerter bezeichnet
werden.

Die drei verbreitetsten Sprachen in den Provinzen Cumana und Barcelona
sind gegenwaertig die der Chaymas, das Cumanagotische und das Caraibische.
Sie haben im Lande von jeher als verschiedene Idiome gegolten; jede hat
ihr Woerterbuch, zum Gebrauch der Missionen verfasst von den Patres Tauste,
Ruiz-Blanco und Breton. Das _Vocabulario y arte de la lengua de los Indios
Chaymas_ ist sehr selten geworden. Die wenigen Exemplare der meist im
siebzehnten Jahrhundert gedruckten amerikanischen Sprachlehren sind in die
Missionen gekommen und in den Waeldern zu Grunde gegangen. Wegen der grossen
Feuchtigkeit und der Gefraessigkeit der Insekten lassen sich in diesen
heissen Laendern Buecher fast gar nicht aufbewahren. Trotz aller
Vorsichtsmassregeln sind sie in kurzer Zeit gaenzlich verdorben. Nur mit
grosser Muehe konnte ich in den Missionen und Kloestern die Grammatiken
amerikanischer Sprachen zusammenbringen, die ich gleich nach meiner
Rueckkehr nach Europa dem Professor und Bibliothekar Severin Vater zu
Koenigsberg uebermacht habe; sie lieferten ihm gutes Material zu seinem
schoenen grossen Werk ueber die Sprachen der neuen Welt. Ich hatte damals
versaeumt meine Notizen ueber die Chaymassprache aus meinem Tagebuch
abzuschreiben und diesem Gelehrten mitzutheilen. Da weder Pater Gili, noch
der Abt Hervas dieser Sprache erwaehnen, gebe ich hier kurz das Ergebniss
meiner Untersuchungen.

Auf dem rechten Ufer des Orinoco, suedoestlich von der Mission Encaramada,
ueber hundert Meilen von den Chaymas, wohnen die Tamanacu, deren Sprache in
mehrere Dialekte zerfaellt. Diese einst sehr maechtige Nation ist auf wenige
Koepfe zusammengeschmolzen; sie ist von den Bergen von Caripe durch den
Orinoco, durch die grossen Steppen von Caracas und Cumana, und durch eine
noch schwerer zu uebersteigende Schranke, durch Voelker von caraibischem
Staemme getrennt. Trotz dieser Entfernung und der vielfachen oertlichen
Hindernisse erkennt man in der Sprache der Chaymas einen Zweig der
Tamanacusprache. Die aeltesten Missionare in Caripe wissen nichts von
dieser interessanten Beobachtung, weil die aragonesischen Kapuziner fast
nie an das suedliche Ufer des Orinoco kommen und von der Existenz der
Tamanacu so gut wie nichts wissen. Die Verwandtschaft zwischen der Sprache
dieses Volks und der der Chaymas habe ich erst lange nach meiner Rueckkehr
nach Europa aufgefunden, als ich meine gesammelten Notizen mit einer
Grammatik verglich, die ein alter Missionaer am Orinoco in Italien drucken
lassen. Ohne die Sprache der Chaymas zu kennen, hatte schon der Abt Gili
vermuthet, dass die Sprache der Einwohner von Paria mit dem Tamanacu
verwandt seyn muesse.

Ich thue diese Verwandtschaft auf dem doppelten Wege dar, aus dem man die
Analogie der Sprachen erkennt, durch den grammatischen Bau und durch die
Uebereinstimmung der Worte oder Wurzeln. -- Hier sind zuerst die
persoenlichen Fuerwoerter der Chaymas, die zugleich Possessiva sind: _u-re_,
ich, _cu-re_, du, _tiu-re_, er. Im Tamanacu: _u-re_, ich, _amare_ oder
_an-ja_, du, _iteu-ja_, er. Die Wurzel der ersten und der dritten Person
ist im Chaymas _u_ und _teu_ dieselben Wurzeln finden sich im Tamanacu.

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|   Chaymas           |    Tamanacu     |
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|_Ure_, ich.          | _ure._          |
+---------------------+-----------------+
|_Tuna_, Wasser.      | _Tuna._         |
+---------------------+-----------------+
|_Conopo_, Regen.     | _Canepo._       |
+---------------------+-----------------+
|_Poturu_, Wissen.    | _Puturo._       |
+---------------------+-----------------+
|_Apoto_, Feuer.      | _U-apto._       |
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|_Nunu_, Mond, Monat. | _Nuna._         |
+---------------------+-----------------+
|_Je_, Baum.          | _Jeje._         |
+---------------------+-----------------+
|_Ata_, Haus.         | _Aute._         |
+---------------------+-----------------+
|_Euya_, dir.         | _Auya._         |
+---------------------+-----------------+
|_Toya_, ihm.         | _Iteuya._       |
+---------------------+-----------------+
|_Guane_, Honig.      | _Uane._         |
+---------------------+-----------------+
|_Nacaramayre_, er    | _Nacaramai._    |
|hat's gesagt.        |                 |
+---------------------+-----------------+
|_Piache_, Zauberer,  | _Psiache._      |
|Arzt.                |                 |
+---------------------+-----------------+
|_Tibin_, eins.       | _Obin._         |
+---------------------+-----------------+
|_Aco_, zwei.         | _Oco._          |
+---------------------+-----------------+
|_Oroa_, drei.        | _Orua._         |
+---------------------+-----------------+
|_Pun_, Fleisch.      | _Punu._         |
+---------------------+-----------------+
|_Pra_, nicht.        | _Pra._          |
+---------------------+-----------------+

*Seyn* heisst im Chaymas _az_; setzt man vor das Zeitwort das persoenliche
Fuerwort *ich* (_u_ von _u-re_), so laesst man des Wohlklangs wegen vor dem
_u_ ein _g_ hoeren, also _guaz_, *ich bin*, eigentlich _g-u-az_. Wie die
erste Person durch ein _u_ so wird die zweite durch ein _m_, die dritte
durch ein _i_ bezeichnet: du bist, _maz_; "_muerepuec araquapemaz,_", "
warum bist du traurig?" woertlich: "das fuer traurig du seyn?" "_punpuec
topuchemaz,_" "du bist fett von Koerper;" woertlich: "Fleisch (_pun_) fuer
(_puec_) fett (_topuche_) du seyn (_maz_)." Die zueignenden Fuerwoerter
kommen vor das Hauptwort zu stehen: "_upatay,_" "in meinem Hause;"
woertlich: "ich Haus in." Alle Praepositionen wie die Negation _pra_ werden
nachgesetzt, wie im Tamanacu. Man sagt im Chaymas: "_ipuec,_ mit ihm,"
woertlich "er mit;" "_euya,_ zu dir, oder dir zu;" "_epuec charpe guaz_"
"ich bin lustig mit dir;" woertlich: "du mit lustig ich seyn;" "_ucarepra,_
nicht wie ich;" woertlich: "ich wie nicht;" "_quenpotupra quoguaz_ ich
kenne ihn nicht;" woertlich: "ihn kennend nicht ich bin;" "_quenepra
quoguaz,_ ich habe ihn nicht gesehen," woertlich: "ihn sehend nicht ich
bin." Im Tamanacu sagt man: "_acurivane,_ schoen," und "_acurivanepra,_
haesslich, nicht schoen;" "_uotopra,_ es gibt keinen Fisch," woertlich: "Fisch
nicht;" "_uteripipra,_ ich will nicht gehen;" woertlich: "ich gehen wollen
nicht;" und diess ist zusammengesetzt aus _iteri_ gehen, _ipiri_ wollen,
und _pra_, nicht. Bei den Caraiben, deren Sprache auch Aehnlichkeit mit
dem Tamanacu hat, obgleich weit weniger als das Chaymas, wird die
Verneinung durch ein _m_ vor dem Zeitwort ausgedrueckt: "_amoyenlenganti,_
es ist sehr kalt;" "_mamoyenlenganti,_ es ist nicht sehr kalt." In
aehnlicher Weise gibt im Tamanacu die Partikel _mna,_ dem Zeitwort nicht
angehaengt, sondern eingeschoben, demselben einen verneinenden Sinn, z. B.
_taro,_ sagen, _taromnar,_ nicht sagen.

Das Hauptzeitwort *seyn*, das in allen Sprachen sehr unregelmaessig ist,
lautet im Chaymas _az_ oder _ats,_ im Tamanacu _nochiri_ (in den
Zusammensetzungen _uac, uatscha_). Es dient nicht bloss zur Bildung des
Passivs, sondern wird offenbar auch, wie durch Agglutination, in vielen
Tempora der Wurzel der attributiven Zeitwoerter angehaengt. Diese
Agglutinationen erinnern an den Gebrauch der Huelfszeitwoerter _as_ und
_bhu_ im Sanskrit, des _fu_ oder _fuo_ im Lateinischen,(4) das _izan,
ucan_ und _eguin_ im Baskischen. Es gibt gewisse Punkte, in denen die
einander unaehnlichsten Sprachen zusammentreffen; das Gemeinsame in der
geistigen Organisation des Menschen spiegelt sich ab im allgemeinen Bau
der Sprachen, und in jedem Idiom, auch dem scheinbar barbarischsten,
offenbart sich ein regelndes Princip, das es geschaffen.

Die Mehrzahl hat im Tamanacu siebenerlei Formen je nach der Endung des
Substantiv, oder je nachdem es etwas Lebendes oder etwas Lebloses
bedeutet.(5) Im Chaymas wird die Mehrzahl, wie im Caraibischen, durch _on_
bezeichnet: "_teure,_ er selbst," "_teurecon,_ sie selbst;" "_taronocon,_
die hier;" "_montaonocon,_ die dort," wenn der Sprechende einen Ort meint,
an dem er sich selbst befand; "_miyonocon,_ die dort," wenn er von einem
Ort spricht, an dem er nicht war. Die Chaymas haben auch die spanischen
Adverbe _aqui_ und _ala (alla),_ deren Sinn sich in den Sprachen von
germanischer und lateinischer Abstammung nur mittelst Umschreibung
wiedergeben laesst.

Manche Indianer, die spanisch verstanden, versicherten uns, _zis_ bedeute
nicht nur Sonne, sondern auch Gottheit. Diess schien mir um so
auffallender, da man bei allen andern amerikanischen Voelkern besondere
Worte fuer Gott und fuer Sonne findet. Der Caraibe wirft "_tamoussicabo,_
den Alten des Himmels," und "_veyou,_ die Sonne," nicht zusammen. Sogar
der Peruaner, der die Sonne anbetet, erhebt sich zur Vorstellung eines
Wesens, das den Lauf der Sterne lenkt. In der Sprache der Incas heisst die
Sonne, fast wie im Sanskrit, _Inti_,(6) waehrend Gott _Vinay Huayna_, der
ewig Junge, genannt wird.

Die Satzbildung ist im Chaymas wie bei allen Sprachen beider Continente,
die sich eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben. Das Negierte kommt vor
das Zeitwort zu stehen, das Zeitwort vor das persoenliche Fuerwort. Der
Gegenstand, auf den der Hauptnachdruck faellt, geht Allem voran, was sonst
ausgesagt wird. Der Amerikaner wuerde sagen: "Freiheit voellige lieben wir,"
statt: wir lieben voellige Freiheit; "dir nicht gluecklich bin ich," statt:
mit dir bin ich gluecklich. Diese Saetze haben eine gewisse Unmittelbarkeit,
Bestimmtheit, Buendigkeit, und sie erscheinen desto naiver, da der Artikel
fehlt. Ob wohl diese Voelker, bei fortschreitender Cultur und sich selbst
ueberlassen, mit der Zeit von dieser Satzbildung abgegangen waeren? Man
koennte es vermuthen, wenn man bedenkt, wie stark die Syntax der Roemer in
ihren bestimmten, klaren, aber etwas schuechternen Toechtersprachen
umgewandelt worden ist.

Im Chaymas, wie im Tamanacu und den meisten amerikanischen Sprachen,
fehlen gewisse Buchstaben ganz, so namentlich das _f,_ _b_ und _d_. Kein
Wort beginnt mit einem _l_. Dasselbe gilt von der mexicanischen Sprache,
in der doch die Sylben _tli,_ _tla_ und _itl_ als Endungen oder mitten in
den Worten so haeufig vorkommen. Der Chaymas-Indianer spricht _r_ statt _l_
weil er dieses nicht aussprechen kann, was ja in allen Himmelsstrichen
vorkommt. Auf diese Weise wurden aus den *Caribes* am Orinoco im
franzoesischen Guyana *Galibi*; an die Stelle des _r_ trat _l_ und das _c_
erweichte sich. Aus dem spanischen Wort _soldado_ hat das Tamanacu
_choraro (solalo)_ gemacht. Wenn _f_ und _b_ in so vielen amerikanischen
Mundarten fehlen, so kommt diess vom innigen Verwandtschaftsverhaeltniss
zwischen gewissen Lauten, wie es sich in allen Sprachen gleicher
Abstammung offenbart. Die Buchstaben _f_ und _v_, _b_ und _p_ werden
verwechselt; z. B. Persisch: _peder_, _pater_, _father_, Vater; _burader_,
_frater_, Bruder; _behar_, ver; Griechisch: _phorton_ (forton), Buerde,
_pous_, Fuss. Gerade so wird bei den Amerikanern _f_ und _b_ zu _p_, und
aus _d_ wird _t_. Der Chaymas-Indianer spricht _patre, Tios, Atani,
aracapucha_ statt _padre, Dios, Adan, arcabuz_ (Buechse).

Trotz der erwaehnten Aehnlichkeiten glauben wir nicht, dass das Chaymas als
ein Dialekt des Tamanacu zu betrachten ist, wie die drei Dialekte Maitano,
Cuchivero und Crataima. Der Abweichungen sind viele und wesentliche, und
die beiden Sprachen scheinen mir hoechstens in dem Grade verwandt, wie das
Deutsche, Schwedische und Englische. Sie gehoeren derselben Unterabtheilung
der grossen Familie der tamanakischen, caraibischen und arouakischen
Sprachen an. Da es fuer die Sprachverwandtschaft kein absolutes Maass gibt,
so lassen sich dergleichen Verwandtschaftsgrade nur durch von bekannten
Sprachen hergenommene Beispiele bezeichnen. Wir rechnen zur selben Familie
Sprachen, die einander so nahe stehen, wie Griechisch, Deutsch, Persisch
und Sanskrit.

Die sprachvergleichende Wissenschaft glaubte gefunden zu haben, dass alle
Sprachen in zwei grosse Classen zerfallen, indem die einen, mit
vollkommenerem Bau, freier, rascher in der Bewegung, eine innere
Entwicklung durch *Flexion* bezeichnen, waehrend die andern, plumperen,
weniger bildungsfaehigen, nur kleine *Formen* oder agglutinirte Partikeln
roh neben einander stellen, die alle, wenn man sie fuer sich braucht, ihre
eigenthuemliche Physiognomie beibehalten. Diese hoechst geistreiche
Auffassung waere unrichtia, wenn man annaehme, es gebe vielsylbige Sprachen
ohne alle Flexion, oder aber diejenigen, die sich wie von innen heraus
organisch entwickeln, kennen gar keinen aeusserlichen Zuwachs durch
*Suffixe* und *Affixe*, welchen Zuwachs wir schon oefters als Agglutination
oder Incorporation bezeichnet haben. Viele Formen, die wir jetzt fuer
Flexionen der Wurzel halten, waren vielleicht urspruenglich Affixe, von
denen nur ein oder zwei Consonanten uebrig geblieben sind. Es ist mit den
Sprachen wie mit allem Organischen in der Natur; nichts steht ganz fuer
sich, nichts ist dem Andern voellig unaehnlich. Je weiter man in ihren
innern Bau eindringt, desto mehr schwinden die Contraste, die auffallenden
Eigenthuemlichkeiten. "Es ist damit wie mit den Wolken, die nur von weitem
scharf umrissen scheinen." [Wilhelm v. Humboldt]

Lassen wir aber auch fuer die Sprachen keinen durchgreifenden
Eintheilungsgrund gelten, so ist doch vollkommen zuzugeben, dass im
gegenwaertigen Zustand die einen mehr Neigung haben zur Flexion, die andern
zur aeusserlichen Aggregation. Zu den ersteren gehoeren bekanntlich die
Sprachen des indischen, pelasgischen und germanischen Sprachstammes, zu
den letzteren die amerikanischen Sprachen, das Koptische oder
Altegyptische und in gewissem Grade die semitischen Sprachen und das
Baskische. Schon das Wenige, das wir vom Idiom der Chaymas oben
mitgetheilt, zeigt deutlich die durchgehende Neigung zur Incorporation
oder Aggregation gewisser Formen, die sich abtrennen lassen, wobei aber
ein ziemlich entwickeltes Gefuehl fuer Wohllaut ein paar Buchstaben wegwirft
oder aber zusetzt. Durch diese Affixe im Auslaut der Worte werden die
mannigfaltigsten Zahl-, Zeit- und Raumverhaeltnisse bezeichnet.

Betrachtet man den eigenthuemlichen Bau der amerikanischen Sprachen naeher,
so glaubt man zu errathen, woher die alte, in allen Missionen verbreitete
Ansicht ruehrt, dass die amerikanischen Sprachen Aehnlichkeit mit dem
Hebraeischen und dem Baskischen haben. Ueberall, im Kloster Caripe wie am
Orinoco, in Peru, wie in Mexico, hoerte ich diesen Gedanken aeussern,
besonders Geistliche, die vom Hebraeischen und Baskischen einige
oberflaechliche Kenntniss hatten. Liegen etwa religioese Ruecksichten einer so
seltsamen Annahme zu Grunde? In Nordamerika, bei den Chactas und Chicasas,
haben etwas leichtglaeubige Reisende das Hallelujah der Hebraeer singen
hoeren, wie, den Pandits zufolge, die drei heiligen Worte der eleusinischen
Mysterien (_konx om pax_) noch heutzutage in Indien ertoenen. Ich will
nicht glauben, dass die Voelker des lateinischen Europa Alles hebraeisch oder
baskisch nennen, was ein fremdartiges Aussehen hat, wie man lange Alles,
was nicht im griechischen oder roemischen Styl gehalten war, egyptische
Denkmaeler nannte. Ich glaube vielmehr, dass das grammatische System der
amerikanischen Sprachen die Missionaere des sechzehnten Jahrhunderts in
ihrer Annahme von der asiatischen Herkunft der Voelker der neuen Welt
bestaerkt hat. Einen Beweis hiefuer liefert die langweilige Compilation des
Paters GARCIA: "_Tratad del origen de los indios._" Dass die possessiven
und persoenlichen Fuerwoerter hinter Substantiven und Zeitwoertern stehen, und
dass letztere so viele Tempora haben, das sind Eigenthuemlichkeiten des
Hebraeischen und der andern semitischen Sprachen. Manche Missionare fanden
es nun sehr merkwuerdig, dass die amerikanischen Sprachen dieselben Formen
aufzuweisen haben. Sie wussten nicht, dass die Uebereinstimmung in
verschiedenen einzelnen Zuegen fuer die gemeinsame Abstammung der Sprachen
nichts beweist.

Weniger zu verwundern ist, wenn Leute, die nur zwei von einander sehr
verschiedene Sprachen, spanisch und baskisch, verstehen, an letzterer eine
Familienaehnlichkeit mit den amerikanischen Sprachen fanden. Die
Wortbildung, die Leichtigkeit, mit der sich die einzelnen Elemente
auffinden lassen, die Formen des Zeitworts und die mannigfaltigen
Gestalten, die es je nach dem Wesen des regierten Worts annimmt, alles
diess konnte die Taeuschung erzeugen und unterhalten. Aber, wir wiederholen
es, mit der gleichen Neigung zur Aggregation und Incorporation ist noch
keineswegs gleiche Abstammung gegeben. Ich gebe einige Beispiele dieser
physiognomischen Verwandtschaft zwischen den amerikanischen Sprachen und
dem Baskischen, die in den Wurzeln durchgaengig von einander abweichen.
*Chaymas*: _quenpotupra guoguaz_ ich kenne nicht, woertlich: wissend nicht
ich bin. *Tamanacu*: _jarer-uacure_, tragend bin ich, ich trage; _anarepna
aichi_, er wird nicht tragen, woertlich: tragend nicht wird seyn;
_patcurbe_ gut, _patcutari_, sich gut machen; _Tamanacu_, ein Tamanacu;
_Tamanacutari_, sich zum Tamanacu machen; _Pongheme_, Spanier;
_ponghemtari_, sich hispanisiren; _tenectschi_, ich werde sehen;
_teneicre_, ich werde wiedersehen; _tecscha_, ich gehe; _tecschare_, ich
kehre zurueck; _Maypur butke_, ein kleiner Maypure-Indianer; _aicabutke_,
ein kleines Weib;(7) _maypuritaje_, ein boeser Maypure-Indianer; _aicataje_
ein boeses Weib.

*Baskisch*: _maitetutendot_, ich liebe ihn, woertlich: ich liebend ihn bin;
_beguia_, Auge, und _beguitsa_, sehen; _aitagana_, zum Vater; durch den
Zusatz von _tu_ entsteht das Wort _aitaganatu_, zum Vater gehen;
_ume-tasuna_, sanftes, kindlich offenes Benehmen; _ume-queria_ widriges
kindisches Benehmen.(8)

Diesen Beispielen moegen einige beschreibende Composita folgen, die an die
Kindheit des Menschengeschlechts mahnen und in den amerikanischen Sprachen
wie im Baskischen durch eine gewisse Naivetaet des Ausdrucks ueberraschen.
*Tamanacu*: Wespe, _uane-imu_, woertlich: Vater (_im-de_) des Honigs
(_uane_); die Zehen, _ptari-mucuru_, woertlich: die Soehne des Fusses; die
Finger, _amgna-mucuru_, die Soehne der Hand; die Schwaemme, _jeje-panari_,
woertlich: die Ohren des Baums; die Adern der Hand, _amgna-mitti_,
woertlich: veraestete Wurzeln; die Blaetter, _prutpe-jareri_, woertlich: die
Haare des Baumwipfels; _puirene-veju_, woertlich: gerade oder senkrechte
Sonne; Blitz, _kinemeru-uaptori_, woertlich: das Feuer des Donners oder des
Gewitters. *Baskisch*: _becoquia_, Stirne, woertlich: was zum Auge gehoert;
_odotsa_, Getoese der Wolke, der Donner; _arribicia_, das Echo, woertlich:
der lebendige Stein.

Im Chaymas und Tamanacu haben die Zeitwoerter eine Unzahl Tempora, ein
doppeltes Praesens, vier Praeterita, drei Futura. Diese Haeufung ist selbst
den rohesten amerikanischen Sprachen eigen. In der Grammatik des
Baskischen zaehlt Astarloa gleichfalls zweihundert sechs Formen des
Zeitworts auf. Die Sprachen, welche vorherrschende Neigung zur Flexion
haben, reizen die gemeine Neugier weniger als solche, die durch blosse
Nebeneinanderstellung von Elementen gebildet erscheinen. In den ersteren
sind die Elemente, aus denen die Worte zusammengesetzt sind und die meist
aus wenigen Buchstaben bestehen, nicht mehr kenntlich. Fuer sich geben
diese Bestandtheile keinen Sinn; alles ist verschlungen und verschmolzen.
Die amerikanischen Sprachen dagegen gleichen einem verwickelten
Mechanismus mit offen zu Tage liegendem Raederwerk. Man erkennt die
Kuenstlichkeit, man kann sagen den ausgearbeiteten Mechanismus des Baus. Es
ist, als bildeten sie sich erst unter unsern Augen, und man koennte sie fuer
sehr neuen Ursprungs halten, wenn man nicht bedaechte, dass der menschliche
Geist unverrueckt einem einmal erhaltenen Anstoss folgt, dass die Voelker nach
einem urspruenglich angelegten Plan den grammatischen Bau ihrer Sprachen
erweitern, vervollkommnen oder ausbessern, und dass es Laender gibt, wo
Sprache, Verfassung, Sitten und Kuenste seit vielen Jahrhunderten wie
festgebannt sind.

Die hoechste geistige Entwicklung hat bis jetzt bei den Voelkern
stattgefunden, welche dem indischen und pelasgischen Stamm angehoeren. Die
hauptsaechlich durch Aggregation gebildeten Sprachen erscheinen als ein
natuerliches Hinderniss der Culturentwicklung; es geht ihnen grossentheils
die rasche Bewegung ab, das innerliche Leben, die die Flexion der Wurzeln
mit sich bringt und die den Werken der Einbildungskraft den Hauptreiz
geben. Wir duerfen indessen nicht vergessen, dass ein schon im hohen
Alterthum hochberuehmtes Volk, dem selbst die Griechen einen Theil ihrer
Bildung entlehnten, vielleicht eine Sprache hatte, die in ihrem Bau
unwillkuerlich an die amerikanischen Sprachen erinnert. Welche Masse ein-
oder zweisylbiger Partikeln werden im Coptischen dem Zeitwort oder
Hauptwort angehaengt! Das Chaymas und Tamanacu, halb barbarische Sprachen,
haben ziemlich kurze abstrakte Benennungen fuer Groesse, Neid, Leichtsinn,
_cheictivate_, _uoite_, _uonde_; aber im Coptischen ist das Wort Bosheit,
_metrepherpeton_, aus fuenf leicht zu unterscheidenden Elementen
zusammengesetzt, und bedeutet: die Eigenschaft (_met_) eines Subjektes
(_reph_), das thut (_er_) das Ding (_pet_), (das ist) boese (_on_). Und
dennoch hatte die coptische Sprache ihre Literatur, so gut wie die
chinesische, in der die Wurzeln nicht einmal aggregirt, sondern kaum an
einander gerueckt sind und sich gar nicht unmittelbar beruehren. So viel ist
gewiss, sind einmal die Voelker aus ihrem Schlummer aufgeruettelt und auf die
Bahn der Cultur geworfen, so bietet ihnen die seltsamste Sprache das
Werkzeug, um Gedanken bestimmt auszudruecken und Seelenregungen zu
schildern. Ein achtungswerther Mann, der in der blutigen Revolution von
Quito das Leben verloren, Don Juan de la Rea, hat ein paar Idyllen
Theokrits in die Sprache der Incas einfach und zierlich uebertragen, und
man hat mich versichert, mit Ausnahme naturwissenschaftlicher und
philosophischer Werke, lasse sich so ziemlich jedes neuere
Literaturprodukt ins Peruanische uebersetzen.

Der starke Verkehr zwischen den Eingeborenen und den Spaniern seit der
Eroberung hat zur natuerlichen Folge gehabt, dass nicht wenige amerikanische
Worte in die spanische Sprache uebergegangen sind. Manche dieser Worte
bezeichnen meist Dinge, die vor der Entdeckung der neuen Welt unbekannt
waren, und wir denken jetzt kaum mehr an ihren barbarischen Ursprung
(z. B. Savane, Canibale). Fast alle gehoeren der Sprache der grossen
Antillen au, die frueher die Sprache von Haiti, Quizqueja oder Itis hiess.
Ich nenne nur die Worte Mais, Tabak, Canoe, Batata, Cazike, Balsa, Conuco
u. s. w. Als die Spanier mit dem Jahr 1498 anfingen Terra Firma zu
besuchen, hatten sie bereits Worte fuer die nutzbarsten Gewaechse, die auf
den Antillen, wie auf den Kuesten von Cumana und Paria vorkommen. Sie
behielten nicht nur diese von den Haitiern entlehnten Benennungen bei,
durch sie wurden dieselben ueber ganz Amerika verbreitet, zu einer Zeit, wo
die Sprache von Haiti bereits eine todte Sprache war, und bei Voelkern, die
von der Existenz der Antillen gar nichts wussten. Manchen Worten, die in
den spanischen Colonien in taeglichem Gebrauche sind, schreibt man indessen
mit Unrecht haitischen Ursprung zu. _Banana_ ist aus der Chacosprache,
_Arepa_ (Maniocbrod von _Jatropha Maniot_) und _guayuco_ (Schuerze,
_perizoma_) sind caraibisch, _Curiaca_ (sehr langes Canoe) ist
tamanakisch, _Chinchorro_ (Haengematte) und _Tutuma_ (die Frucht der
_Crescentia Cujete_, oder ein Gefaess fuer Fluessigkeiten) sind Chaymaswoerter.

Ich habe lange bei Betrachtungen ueber die amerikanischen Sprachen
verweilt; ich glaubte, wenn ich sie zum erstenmal in diesem Werke
bespraeche, anschaulich zu machen, von welcher Bedeutung Untersuchungen der
Art sind. Es verhaelt sich damit wie mit der Bedeutung, die den Denkmaelern
halb barbarischer Voelker zukommt. Man beschaeftigt sich mit ihnen nicht,
weil sie fuer sich auf den Rang von Kunstwerken Anspruch machen koennen,
sondern weil die Untersuchung fuer die Geschichte unseres Geschlechts und
den Entwicklungsgang unserer Geisteskraefte nicht ohne Belang ist.

Ehe Cortes nach der Landung an der Kueste von Mexico seine Schiffe
verbrannte, ehe er im Jahr 1521 in die Hauptstadt Montezumas einzog, war
Europa auf die Laender, die wir bisher durchzogen, aufmerksam geworden. Mit
der Beschreibung der Sitten der Einwohner von Cumana und Paria glaubte man
die Sitten aller Eingeborenen der neuen Welt zu schildern. Diess faellt
alsbald auf, wenn man die Geschichtschreiber der Eroberung liest,
namentlich die Briefe Peter Martyrs von Anghiera, die er am Hofe
Ferdinands des Katholischen geschrieben, die reich sind an geistreichen
Bemerkungen ueber Christoph Columbus, Leo X. und Luther, und aus denen edle
Begeisterung fuer die grossen Entdeckungen eines an ausserordentlichen
Ereignissen so reichen Jahrhunderts spricht. Eine naehere Beschreibung der
Sitten der Voelker, die man lange unter der Gesammtbenennung Cumanier
(_cumaneses_) zusammengeworfen hat, liegt nicht in meiner Absicht; dagegen
scheint es mir von Belang, einen Punkt aufzuklaeren, den ich im spanischen
Amerika haeufig habe besprechen hoeren.

Die heutigen Pariagotes oder Parias sind rothbraun, wie die Caraiben, die
Chaymas und fast alle Eingeborenen der neuen Welt. Wie kommt es nun, dass
die Geschichtschreiber des sechzehnten Jahrhunderts behaupten, die ersten
Besucher haben am Vorgebirge Paria weisse Menschen mit blonden Haaren
gesehen? Waren diess Indianer mit weniger dunkler Haut, wie Bonpland und
ich in Esmeralda an den Quellen des Orinoco gesehen? Aber diese Indianer
hatten so schwarzes Haar wie die Otomacas und andere Staemme mit dunklerer
Hautfarbe. Waren es Albinos, dergleichen man frueher auf der Landenge von
Panama gefunden? Aber Faelle dieser Missbildung sind bei der kupferfarbigen
Race ungemein selten, und Anghiera, wie auch Gomara sprachen von den
Einwohnern von Paria ueberhaupt, nicht von einzelnen Individuen. Beide(9)
beschreiben sie wie Voelker germanischen Stammes: sie seyen weiss mit
blonden Haaren. Ferner sollen sie aehnlich wie Tuerken gekleidet gewesen
seyn.(10) Gomara und Anghiera schreiben nach muendlichen Berichten, die sie
gesammelt.

Diese Wunderdinge verschwinden, wenn wir den Bericht, den Ferdinand
Columbus den Papieren seines Vaters entnommen, naeher ansehen. Da heisst es
bloss, "der Admiral habe zu seiner Ueberraschung die Einwohner von Paria
und der Insel Trinidad wohlgebildeter, cultivirter (_de buena
conversacion_) und weisser gefunden als die Eingeborenen, die er bis dahin
gesehen." Damit ist doch wohl nicht gesagt, dass die Pariagotos weiss
gewesen. In der helleren Haut der Eingeborenen und in den sehr kuehlen
Morgen sah der grosse Mann eine Bestaetigung seiner seltsamen Hypothese von
der unregelmaessigen Kruemmung der Erde und der hohen Lage der Ebenen in
diesem Erdstrich in Folge einer gewaltigen Anschwellung der Erdkugel in
der Richtung der Parallelen. Amerigo Vespucci (wenn man sich auf seine
angebliche *erste* Reise berufen darf, die vielleicht nach den Berichten
anderer Reisenden zusammengetragen ist) vergleicht die Eingeborenen mit
den *tartarischen* Voelkern, nicht wegen der Hautfarbe, sondern wegen des
breiten Gesichts und wegen des ganzen Ausdrucks desselben.

Gab es aber zu Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts auf den Kuesten von Cumana
so wenig als jetzt Menschen mit weisslichter Haut, so darf man daraus
desshalb nicht schliessen, dass bei den Eingeborenen der neuen Welt das
Hautsystem durchgaengig gleichfoermig organisirt sey. Wenn man sagt, sie
seyen alle kupferfarbig, so ist diess so unrichtig, als wenn man behauptet,
sie waeren nicht so dunkel gefaerbt, wenn sie sich nicht der Sonnengluth
aussetzten oder nicht von der Luft gebraeunt wuerden. Man kann die
Eingeborenen in zwei, der Zahl nach sehr ungleiche Gruppen theilen. Zur
einen gehoeren die Eskimos in Groenland, in Labrador und auf der Nordkueste
der Hudsonsbai, die Bewohner der Behringsstrasse, der Halbinsel Alaska und
des Prinz-Williams-Sunds. Der oestliche und der westliche Zweig dieser
Polarrace, die Eskimos und die Tschugasen, sind trotz der ungeheuern
Strecke von 800 Meilen, die zwischen ihnen liegt, durch sehr nahe
Sprachverwandtschaft eng verbunden. Diese Verwandtschaft erstreckt sich
sogar, wie in neuerer Zeit ausser Zweifel gesetzt worden ist, noch weiter,
zu den Bewohnern des nordoestlichen Asiens; denn die Mundart der
Tschuktschen an der Muendung des Anadyr hat dieselben Wurzeln wie die
Sprache der Eskimos auf der Europa gegenueberliegenden Kueste von Amerika.
Die Tschuktschen sind die asiatischen Eskimos. Gleich den Malayen wohnt
diese hyperboraeische Race nur am Meeresufer. Sie naehren sich von Fischen,
sind fast durchgaengig von kleinerer Statur als die andern Amerikaner, sind
lebhaft, beweglich, geschwaetzig. Ihre Haare sind schlicht, glatt und
schwarz; aber (und diess zeichnet die Race, die ich die
Eskimo-Tschugasische nennen will, ganz besonders aus) ihre Haut ist
urspruenglich weisslicht. Es ist gewiss, dass die Kinder der Groenlaender weiss
zur Welt kommen; bei manchen erhaelt sich diese Farbe, und auch bei den
dunkelsten (den von der Luft am meisten gebraeunten) sieht man nicht selten
das Blut auf den Wangen roth durchschimmern.

Die zweite Gruppe der Eingeborenen Amerikas umfasst alle Voeller ausser den
Eskimo-Tschugasen, vom Cooksfluss bis zur Magellanschen Meerenge, von den
Ugaljachmusen und Kinais am St. Eliasberg bis zu den Puelchen und
Tehuelhets in der suedlichen Halbkugel. Die Voelker dieses zweiten Zweiges
sind groesser, staerker, kriegerischer und schweigsamer. Auch sie weichen
hinsichtlich der Hautfarbe auffallend von einander ab. In Mexico, in Peru,
in Neugrenada, in Quito, an den Ufern des Orinoco und des Amazonenstroms,
im ganzen Strich von Suedamerika, den ich gesehen, im Tiefland wie auf den
sehr kalten Hochebenen, sind die indianischen Kinder im Alter von zwei,
drei Monaten ebenso broncefarbig als die Erwachsenen. Dass die Eingeborenen
nur von Luft und Sonne gebraeunte Weisse seyn moechten, ist einem Spanier in
Quito oder an den Ufern des Orinoco nie in den Sinn gekommen. Im
nordwestlichen Amerika dagegen gibt es Staemme, bei denen die Kinder weiss
sind und erst mit der Mannbarkeit so broncefarbig werden wie die
Eingeborenen von Peru und Mexico. Bei dem Haeuptling der Miamis
Michikinakua waren die Arme und die der Sonne nicht ausgesetzten
Koerpertheile fast weiss. Dieser Unterschied in der Farbe der bedeckten und
nicht bedeckten Theile wird bei den Eingeborenen von Peru und Mexico
niemals beobachtet, selbst nicht bei sehr wohlhabenden Familien, die sich
fast bestaendig in ihren Haeusern aufhalten. Westwaerts von den Miamis, auf
der gegenueberliegenden asiatischen Kueste, bei den Koluschen und
Tschinkitanen in der Norfolkbai, erscheinen die erwachsenen Maedchen, wenn
sie angehalten werden sich zu waschen, so weiss wie Europaeer. Diese weisse
Hautfarbe soll, nach einigen Reiseberichten, auch den Gebirgsvoelkern in
Chili zukommen.(11)

Diess sind sehr bemerkenswerthe Thatsachen, die der nur zu sehr
verbreiteten Ansicht von der ausserordentlichen Gleichfoermigkeit der
Koerperbildung bei den Eingeborenen Amerikas widersprechen. Wenn wir
dieselben in *Eskimos* und *Nicht-Eskimos* theilen, so geben wir gerne zu,
dass die Eintheilung um nichts philosophischer ist, als wenn die Alten in
der ganzen bewohnten Welt nur Celten und Scythen, Griechen und Barbaren
sahen. Handelt es sich indessen davon, zahllose Volksstaemme zu gruppiren,
so gewinnt man immer doch etwas, wenn man ausschliessend zu Werke geht. Wir
wollten hier darthun, dass, wenn man die Eskimo-Tschugasen ausscheidet,
mitten unter den kupferbraunen Amerikanern Staemme vorkommen, bei denen die
Kinder weiss zur Welt kommen, ohne dass sich, bis zur Zeit der Eroberung
zurueck, darthun liesse, dass sie sich mit Europaeern vermischt haetten. Dieser
Umstand verdient genauere Untersuchung durch Reisende, die bei
physiologischen Kenntnissen Gelegenheit finden, die braunen Kinder der
Mexicaner und die weissen der Miamis im Alter von zwei Jahren zu
beobachten, sowie die Horden am Orinoco, die im heissesten Erdstrich ihr
Leben lang und bei voller Kraft die weisslichte Hautfarbe der Mestizen
behalten. Der geringe Verkehr, der bis jetzt zwischen Nordamerika und den
spanischen Colonien stattfindet, hat alle derartigen Untersuchungen
unmoeglich gemacht.

Beim Menschen betreffen die Abweichungen vom ganzen gemeinsamen Racentypus
mehr den Wuchs, den Gesichtsausdruck, den Koerperbau, als die Farbe. Bei
den Thieren ist es anders; bei diesen sind Spielarten nach der Farbe
haeufiger als solche nach dem Koerperbau. Das Haar der Saeugethiere, die
Federn der Voegel, selbst die Schuppen der Fische wechseln die Farbe je
nach dem vorherrschenden Einflusse von Licht oder von Dunkelheit, je nach
den Hitze- und Kaeltegraden. Beim Menschen scheint sich der Farbstoff im
Hautsystem durch die Haarwurzeln oder Zwiebeln abzulagern, und aus allen
guten Beobachtungen geht hervor, dass sich die Hautfarbe wohl beim
Einzelnen in Folge von Hautreizen, aber nicht erblich bei einer ganzen
Race aendert. Die Eskimos in Groenland und die Lappen sind gebraeunt durch
den Einfluss der Luft, aber ihre Kinder kommen weiss zur Welt. Ob und welche
Veraenderungen die Natur in Zeitraeumen hervorbringen mag, gegen welche alle
geschichtliche Ueberlieferung verschwindet, darueber haben wir nichts zu
sagen. Bei Untersuchungen der Art macht der forschende Gedanke Halt,
sobald er Erfahrung und Analogie nicht mehr zu Fuehrern hat.

Die Voelker mit weisser Haut beginnen ihre Cosmogonie mit weissen Menschen;
nach ihnen sind die Neger und alle dunkelfarbigen Voelker durch die
uebermaessige Sonnengluth geschwaerzt oder gebraeunt worden. Diese Ansicht, die
schon bei den Griechen herrschte,(12) wenn auch nicht ohne Widerspruch,
hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Buffon wiederholt in Prosa, was
Theodectes zweitausend Jahre frueher poetisch ausgesprochen: "die Nationen
tragen die Livree der Erdstriche, die sie bewohnen." Waere die Geschichte
von schwarzen Voelkern geschrieben worden, sie haetten behauptet, was
neuerdings sogar von Europaeern angenommen worden ist, der Mensch sey
urspruenglich schwarz oder doch sehr dunkelfarbig, und in Folge der
Civilisation und fortschreitenden Verweichlichung haben sich manche Racen
gebleicht, wie ja auch bei den Thieren im zahmen Zustand die dunkle
Faerbung in eine hellere uebergeht. Bei Pflanzen und Thieren sind
Spielarten, die sich durch Zufall unter unsern Augen gebildet, bestaendig
geworden und haben sich unveraendert fortgepflanzt; aber nichts weist
darauf hin, dass, unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen der menschlichen
Organisation, die verschiedenen Menschenracen, die schwarze, gelbe,
kupferfarbige und weisse, so lange sie sich unvermischt erhalten, durch den
Einfluss des Klimas, der Nahrung und anderer aeusserer Umstaende vom
urspruenglichen Typus bedeutend abweichen.

Ich werde Gelegenheit haben auf diese allgemeinen Betrachtungen
zurueckzukommen, wenn wir die weiten Hochebenen der Cordilleren besteigen,
die vier- und fuenfmal hoeher liegen als das Thal von Caripe. Ich berufe
mich hier vorlaeufig nur auf das Zeugniss ULLOAs.(13) Dieser Gelehrte sah
die Indianer in Chili, auf den Anden von Peru, an den heissen Kuesten von
Panama, und wiederum in Louisiana, im noerdlichen gemaessigten Erdstrich. Er
hatte den Vortheil, dass er in einer Zeit lebte, wo der Ansichten noch
nicht so vielerlei waren, und es fiel ihm auf, wie mir, dass der
Eingeborene unter der Linie im kalten Klima der Cordilleren so
broncefarbig, so braun ist als auf den Ebenen. Bemerkt man Abweichungen in
der Farbe, so sind es feste Stammunterschiede. Wir werden bald an den
heissen Ufern des Orinoco Indianern mit weisslichter Haut begegnen: _est
durans originis vis._

                            ------------------





    1 Die Voelker, welche die Spanier auf der Kueste von Paria antrafen,
      hatten wahrscheinlich den Gebrauch, die Geschmacksorgane mit
      Aetzkalk zu reizen, wozu andere Tabak, Chimo, Coccablaetter oder
      Betel brauchen. Diese Sitte herrscht noch jetzt auf derselben Kueste,
      nur weiter ostwaerts, bei den Guajiros an der Muendung des Rio la
      Hacha. Diese Indianer, die wild geblieben sind, fuehren das Pulver
      von kleinen calcinirten Muschelschaalen in einer Frucht, die als
      Kapsel dient, am Guertel. Dieses Pulver der Guajiros ist ein
      Handelsartikel, wie frueher, nach Gomara, das der Indianer in Paria.
      In Europa werden die Zaehne vom uebermaessigen Tabakrauchen gleichfalls
      gelb und schwarz. Waere der Schluss richtig, man rauche bei uns, weil
      man gelbe Zaehne schoener finde als weisse?

    2 S. TACITUS _Germania_. Cap. 4.

    3 So uebertrieben die Griechen bei ihren schoensten Statuen die
      Stirnbildung, indem sie den Gesichtswinkel zu gross annahmen.

    4 Daher _fu-ero, amav-issem, amav-eram, post-sum (pot-sum)._

_    5 Tamanacu_ hat in der Mehrzahl _Tamanakemi_; _Pongheme_ heisst ein
      Spanier, woertlich ein bekleideter Mensch; _Pongamo,_ die Spanier
      oder die Bekleideten. Der Pluralis auf _cne_ kommt leblosen
      Gegenstaenden zu; z. B. _cene,_ Ding, _cenecne,_ Dinge, _jeje_, Baum,
      _jejecne_ Baeume.

    6 In der Sprache der Incas heisst Sonne _inti,_ Liebe _munay,_ gross
      _veypul_; im Sanskrit: Sonne _indre,_ Liebe _manya_, gross _vipulo_.
      Es sind diess die einzigen Faelle von Lautaehnlichkeit, die man bis
      jetzt aufgefunden. Im grammatischen Bau sind die beiden Sprachen
      voellig verschieden.

    7 Das Diminutiv von Frau oder von Maypure-Indianer wird dadurch
      gebildet, dass man _butke_ das Ende des Wortes _cujuputke_, klein,
      beisetzt. _Taje_ entspricht dem Italienischen _accio_.

    8 Die Endung _tasuna_ bedeutet eine gute Eigenschaft, _queria_ eine
      schlimme und kommt her von _eria_, Krankheit.

_    9 Aethiopes nigri, crispi lanati, Paria incolae __albi__, capillis
      oblongis protensis __flavis__. Utriusque sexus indigenae __albi
      veluti nostrates, praeter eos, qui sub sole versantur__. _ Gomara
      sagt von den Eingeborenen, die Columbus an der Muendung des Flusses
      Cumana gesehen: "_Las donzellas eran amorosas, desnudas y
      __blancas__ (las de la casa); los Indios que van al campo, estan
      negros del sol._"

   10 Sie trugen nach Ferdinand Columbus ein Tuch von gestreiftem
      Baumwollenzeug um den Kopf. Hat man etwa diesen Kopfputz fuer einen
      Turban angesehen? Dass ein Volk unter diesem Himmelsstrich den Kopf
      bedeckt haben sollte, ist auffallend; aber was noch weit
      merkwuerdiger ist, Pinzon will auf einer Fahrt, die er allein an die
      Kueste von Paria unternommen und die wir bei Peter Martyr d'Anghiera
      beschrieben finden, bekleidete Eingeborene gesehen haben: "_Incolas
      omnes, genu tenus mares, foeminas surarum tenus, gossampinis
      vestibus amictos simplicibus repererunt, sed viros, more Turcarum,
      insuto minutim gossipio ad belli usum, duplicibus._" Was soll man
      aus diesen Voelkern machen, die civilisirter gewesen und Mantel
      getragen, wie man auf dem Ruecken der Anden traegt, und auf einer
      Kueste gelebt, wo man vor und nach Pinzon nur nackte Menschen
      gesehen?

   11 Darf man an die blauen Augen der Borroas in Chili und der Guayanas
      am Uruguay glauben, die wie Voelker vom Stamme Odins geschildert
      werden? (Azzara, _Reise._)

   12 Onesicritus, bei STRABO, Lib. XV. Die Zuege Alexanders scheinen viel
      dazu beigetragen zu haben, die Griechen auf die grosse Frage nach dem
      Einfluss des Klimas aufmerksam zu machen. Sie hatten von Reisenden
      vernommen, dass in Hindostan die Voelker im Sueden dunkelfarbiger
      seyen, als im Norden in der Naehe der Gebirge, und sie setzten
      voraus, dass beide derselben Race angehoeren.

   13 "Die Indianer sind kupferroth, und diese Farbe wird durch den
      Einfluss von Sonne und Luft dunkler. Ich muss darauf aufmerksam
      machen, dass weder die Hitze noch ein kaltes Klima die Farbe merkbar
      veraendern, so dass man die Indianer auf den Cordilleren von Peru und
      die auf den heissesten Ebenen leicht verwechselt, und man diejenigen,
      die unter der Linie, und die unter dem vierzigsten noerdlichen und
      suedlichen Breitengrade nicht unterscheiden kann." _Noticias
      americanas_ Cap. 17 Kein alter Schriftsteller hat die beiden
      Anschauungsweisen, nach denen man sich noch gegenwaertig von der
      Verschiedenheit benachbarter Voelker nach Farbe und Gesichtszuegen
      Rechenschaft gibt, klarer angedeutet, als TACITUS im Leben des
      _Agricola_. Er unterscheidet zwischen der erblichen Anlage und dem
      Einfluss des Klima, und thut keinen Ausspruch als ein Philosoph, der
      gewiss weiss, dass wir von den ersten Ursachen der Dinge nichts
      wissen."Habitus corporum varii atque ex eo argumenta. Seu durante
      originis vi, seu procurrentibus in diversa terris, positio coeli
      corporibus habitum dedit." _Agricola._ cap. 11





ZEHNTES KAPITEL.


       Zweiter Aufenthalt in Cumana. -- Erdbeben. -- Ungewoehnliche
                                 Meteore.


Wir blieben wieder einen Monat in Cumana. Die beschlossene Fahrt auf dem
Orinoco und Rio Negro erforderte Zuruestungen aller Art. Wir mussten die
Instrumente auswaehlen, die sich auf engen Canoes am leichtesten
fortbringen liessen; wir mussten uns fuer eine zehnmonatliche Reise im
Binnenlande, das in keinem Verkehr mit den Kuesten steht, mit Geldmitteln
versehen. Da astronomische Ortsbestimmung der Hauptzweck dieser Reise war,
so war es mir von grossem Belang, dass mir die Beobachtung einer
Sonnenfinsterniss nicht entging, die Ende Oktobers eintreten sollte. Ich
blieb lieber bis dahin in Cumana, wo der Himmel meist schoen und heiter
ist. An den Orinoco konnten wir nicht mehr kommen, und das hohe Thal von
Caracas war fuer meinen Zweck minder guenstig wegen der Duenste, welche die
nahen Gebirge umziehen. Wenn ich die Laenge von Cumana genau bestimmte, so
hatte ich einen Ausgangspunkt fuer die chronometrischen Bestimmungen, auf
die ich allein rechnen konnte, wenn ich mich nicht lange genug aufhielt,
um Mondsdistanzen zu nehmen oder die Jupiterstrabanten zu beobachten.

Fast haette ein Unfall mich genoethigt, die Reise an den Orinoco aufzugeben
oder doch lange hinauszuschieben. Am 27. Oktober, den Tag vor der
Sonnenfinsterniss, gingen wir, wie gewoehnlich, am Ufer des Meerbusens, um
der Kuehle zu geniessen und das Eintreten der Fluth zu beobachten, die an
diesem Seestrich nicht mehr als 12--13 Zoll betraegt. Es war acht Uhr
Abends und der Seewind hatte sich noch nicht aufgemacht. Der Himmel war
bedeckt und bei der Windstille war es unertraeglich heiss. Wir gingen ueber
den Strand zwischen dem Landungsplatz und der Vorstadt der Guaiqueries.
Ich hoerte hinter mir gehen, und wie ich mich umwandte, sah ich einen
hochgewachsenen Mann von der Farbe der *Zambos*, nackt bis zum Guertel. Er
hielt fast ueber meinem Kopf eine *Macana*, einen dicken, unten
keulenfoermig dicker werdenden Stock aus Palmholz. Ich wich dem Schlage
aus, indem ich links zur Seite sprang. Bonpland, der mir zur Rechten ging,
war nicht so gluecklich; er hatte den Zambo spaeter bemerkt als ich, und
erhielt ueber der Schlaefe einen Schlag, der ihn zu Boden streckte. Wir
waren allein, unbewaffnet, eine halbe Meile von jeder Wohnung auf einer
weiten Ebene an der See. Der Zambo kuemmerte sich nicht mehr um mich,
sondern ging langsam davon und nahm Bonplands Hut auf, der die Gewalt des
Schlags etwas gebrochen hatte und weit weggeflogen war. Aufs Aeusserste
erschrocken, da ich meinen Reisegefaehrten zu Boden stuerzen und eine Weile
bewusstlos daliegen sah, dachte ich nur an ihn. Ich half ihm aufstehen; der
Schmerz und der Zorn gaben ihm doppelte Kraft. Wir stuerzten auf den Zambo
zu, der, sey es aus Feigheit, die bei diesem Menschenschlag gemein ist,
oder weil er von weitem Leute am Strande sah, nicht auf uns wartete und
dem *Tunal* zulief, einem kleinen Buschwerk aus Fackeldisteln und
baumartigen Avicennien. Zufaellig fiel er unterwegs, Bonpland, der zunaechst
an ihm war, rang mit ihm und setzte sich dadurch der aeussersten Gefahr aus.
Der Zambo zog ein langes Messer aus seinem Beinkleid, und im ungleichen
Kampfe waeren wir sicher verwundet worden, waeren nicht biscayische
Handelsleute, die auf dem Strande Kuehlung suchten, uns zu Huelfe gekommen.
Als der Zambo sich umringt sah, gab er die Gegenwehr auf; er entsprang
wieder, und nachdem wir ihm lange durch die stachligten Cactus
nachgelaufen, schluepfte er in einen Viehstall, aus dem er sich ruhig
herausholen und ins Gefaengniss fuehren liess.

Bonpland hatte in der Nacht Fieber; aber als ein kraeftiger Mann, voll der
Munterkeit, die eine der kostbarsten Gaben ist, welche die Natur einem
Reisenden verleihen kann, ging er schon des andern Tags wieder seiner
Arbeit nach. Der Schlag der Macana hatte bis zum Scheitel die Haut
gequetscht und er spuerte die Nachwehen mehrere Monate waehrend unseres
Aufenthaltes in Caracas. Beim Buecken, um Pflanzen aufzunehmen, wurde er
mehreremale von einem, Schwindel befallen, der uns befuerchten liess, dass im
Schaedel etwas ausgetreten seyn moechte. Zum Glueck war diese Besorgniss
ungegruendet, und die Symptome, die uns Anfangs beunruhigt, verschwanden
nach und nach. Die Einwohner von Cumana bewiesen uns die ruehrendste
Theilnahme. Wir hoerten, der Zambo sey aus einem der indianischen Doerfer
gebuertig, die um den grossen See Maracaybo liegen. Er hatte auf einem
Caperschiff von St. Domingo gedient und war in Folge eines Streits mit dem
Capitaen, als das Schiff aus dem Hafen von Cumana auslief, an der Kueste
zurueckgelassen worden. Er hatte das Signal bemerkt, das wir aufstellen
lassen, um die Hoehe der Fluth zu beobachten, und hatte gelauert, um uns
auf dem Strande anzufallen. Aber wie kam es, dass er, nachdem er einen von
uns niedergeschlagen, sich mit dem Raub eines Hutes zu begnuegen schien? Im
Verhoer waren seine Antworten so verworren und albern, dass wir nicht klug
aus der Sache werden konnten; meist behauptete er, seine Absicht sey nicht
gewesen, uns zu berauben; aber in der Erbitterung ueber die schlechte
Behandlung am Bord des Capers von St. Domingo, habe er dem Drang, uns
eines zu versetzen, nicht widerstehen koennen, sobald er uns habe
franzoesisch sprechen hoeren. Da der Rechtsgang hier zu Lande so langsam
ist, dass die Verhafteten, von denen die Gefaengnisse wimmeln, sieben, acht
Jahre auf ihr Urtheil warten muessen, so hoerten wir wenige Tage nach
unserer Abreise von Cumana nicht ohne Befriedigung, der Zambo sey aus dem
Schlosse San Antonio entsprungen.

Trotz des Unfalls, der Bonpland betroffen, war ich andern Tags, am
28. October um fuenf Uhr Morgens auf dem Dach unseres Hauses, um mich zur
Beobachtung der Sonnenfinsterniss zu ruesten. Der Himmel war klar und rein.
Die Sichel der Venus und das Sternbild des Schiffes, das durch seine
gewaltigen Nebelflecke nahe aneinander so stark hervortritt, verschwanden
in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Ich hatte mir zu einem so schoenen
Tag um so mehr Glueck zu wuenschen, als ich seit mehreren Wochen wegen der
Gewitter, die regelmaessig zwei, drei Stunden nach dem Durchgang der Sonne
durch den Meridian in Sued und Suedost aufzogen, die Uhren nicht nach
correspondirenden Hoehen hatte richten koennen. Ein roethlichter Dunst, der
in den tiefen Luftschichten auf den Hygrometer fast gar nicht wirkt,
verschleierte bei Nacht die Sterne. Diese Erscheinung war sehr
ungewoehnlich, da man in andern Jahren oft drei, vier Monate lang keine
Spur von Wolken und Nebel sieht. Ich konnte den Verlauf und das Ende der
Sonnenfinsterniss vollstaendig beobachten. Das Ende der Finsterniss war um
2 Uhr 14 Minuten 23,4 Secunden mittlerer Zeit in Cumana. Das Ergebniss
meiner Beobachtung wurde nach den alten Tafeln von Ciccolini in Bologna
und Triesnecker in Wien berechnet und in der _Conaissance des temps_ (im
neunten Jahrgang) veroeffentlicht. Dieses Ergebniss wich um nicht weniger
als um 1 Minute 9 Secunden Zeit von der Laenge ab, die der Chronometer mir
ergeben; dasselbe wurde aber von Oltmanns nach den neuen Mondtafeln von
Burg und den Sonnentafeln von Delambre noch einmal berechnet, und jetzt
stimmten Sonnenfinsterniss und Chronometer bis auf 10 Secunden ueberein. Ich
fuehre diesen merkwuerdigen Fall, wo ein Fehler durch die neuen Tafeln
auf 1/7 reducirt wurde, an, um die Reisenden darauf aufmerksam zu machen,
wie sehr es in ihrem Interesse liegt, die kleinsten Umstaende bei ihren
einzelnen Beobachtungen aufzuzeichnen und bekannt zu machen. Die
vollkommene Uebereinstimmung zwischen den Jupiterstrabanten und den
Angaben des Chronometers, von der ich mich an Ort und Stelle ueberzeugt,
hatten mir grosses Zutrauen zu Louis Berthoud's Uhr gegeben, so oft sie
nicht auf den Maulthieren starken Stoessen ausgesetzt war.

Die Tage vor und nach der Sonnenfinsterniss boten sehr auffallende
atmosphaerische Erscheinungen. Wir waren im hiesigen sogenannten Winter,
das heisst in der Jahreszeit des bewoelkten Himmels und der kurzen
Gewitterregen. Vom 10. October bis 3. November stieg mit Einbruch der
Nacht ein roethlichter Nebel am Horizont auf und zog in wenigen Minuten
einen mehr oder minder dichten Schleier ueber das blaue Himmelsgewoelbe. Der
Saussuresche Hygrometer zeigte keineswegs groessere Feuchtigkeit an, sondern
ging vielmehr oft von 90 deg. auf 83 deg. zurueck. Die Hitze bei Tag war 28--32 deg.,
also fuer diesen Strich der heissen Zone sehr stark. Zuweilen verschwand der
Nebel mitten in der Nacht auf einmal, und im Augenblick, wo ich die
Instrumente aufstellte, bildeten sich blendend weisse Wolken im Zenith und
dehnten sich bis zum Horizont aus. Am 18. October waren diese Wolken so
auffallend durchsichtig, dass man noch Sterne der vierten Groesse dadurch
sehen konnte. Die Mondflecken sah ich so deutlich, dass es war, als stuende
die Scheibe vor den Wolken. Diese standen ausnehmend hoch und bildeten
Streifen, die, wie durch elektrische Abstossung, in gleichen Abstaenden
fortliefen. Es sind diess dieselben kleinen weissen Dunstmassen, die ich auf
den Gipfeln der hoechsten Anden ueber mir gesehen, und die in mehreren
Sprachen *Schaefchen*, _moutons_ heissen. Wenn der roethliche Nebel den
Himmel leicht ueberzog, so behielten die Sterne der ersten Groessen, die in
Cumana ueber 20--25 Grad hoch fast nie flimmern, nicht einmal im Zenith ihr
ruhiges, planetarisches Licht. Sie flimmerten in allen Hoehen, wie nach
einem starken Gewitterregen. Diese Wirkung eines Nebels, der auf den
Hygrometer an der Erdoberflaeche nicht wirkte, erschien mir auffallend. Ich
blieb einen Theil der Nacht auf einem Balkon sitzen, wo ich einen grossen
Theil des Horizonts uebersah. Unter allen Himmelsstrichen hat es viel
Anziehendes fuer mich, bei heiterem Himmel ein grosses Sternbild ins Auge zu
fassen und zuzusehen, wie Haufen von Dunstblaeschen sich bilden, wie um
einen Kern anschiessen, verschwinden und sich von neuem bilden.

Zwischen dem 28. October und 3. November war der roethlichte Nebel dicker
als je bisher; bei Nacht war die Hitze erstickend, obgleich der
Thermometer nur auf 26 deg. stand. Der Seewind, der meist von acht oder neun
Uhr Abends die Luft abkuehlt, liess sich gar nicht spueren. Die Luft war wie
in Gluth; der staubigte, ausgedoerrte Boden bekam ueberall Risse. Am
4. November gegen zwei Uhr Nachmittags huellten dicke, sehr schwarze Wolken
die hohen Berge Brigantin und Tataraqual ein. Sie rueckten allmaehlich bis
ins Zenith. Gegen vier Uhr fing es an ueber uns zu donnern, aber ungemein
hoch, ohne Rollen, trockene, oft kurz abgebrochene Schlaege. Im Moment, wo
die staerkste elektrische Entladung stattfand, um 4 Uhr 12 Minuten,
erfolgten zwei Erdstoesse, 15 Secunden hinter einander. Das Volk schrie laut
auf der Strasse. Bonpland, der ueber einen Tisch gebeugt Pflanzen
untersuchte, wurde beinahe zu Boden geworfen. Ich selbst spuerte den Stoss
sehr stark, obgleich ich in einer Haengematte lag. Die Richtung des Stosses
war, was in Cumana ziemlich selten vorkommt, von Nord nach Sued. Sklaven,
die aus einem 18--20 Fuss tiefen Brunnen am Manzanares Wasser schoepften,
hoerten ein Getoese wie einen starken Kanonenschuss. Das Getoese schien aus
dem Brunnen herauf zu kommen, eine auffallende Erscheinung, die uebrigens
in allen Laendern Amerikas, die den Erdbeben ausgesetzt sind, haeufig
vorkommt.

Einige Minuten vor dem ersten Stoss trat ein heftiger Sturm ein, dem ein
elektrischer Regen mit grossen Tropfen folgte. Ich beobachtete sogleich die
Elektricitaet der Luft mit dem Voltaschen Elektrometer. Die Kuegelchen
wichen vier Linien auseinander; die Elektricitaet wechselte oft zwischen
positiv und negativ, wie immer bei Gewittern und im noerdlichen Europa
zuweilen selbst bei Schneefall. Der Himmel blieb bedeckt und auf den Sturm
folgte eine Windstille, welche die ganze Nacht anhielt. Der
Sonnenuntergang bot ein Schauspiel von seltener Pracht. Der dicke
Wolkenschleier zerriss dicht am Horizont wie zu Fetzen, und die Sonne
erschien 12 Grad hoch auf indigoblauem Grunde. Ihre Scheibe war ungemein
stark in die Breite gezogen, verschoben und am Rande ausgeschweift. Die
Wolken waren vergoldet und Strahlenbuendel in den schoensten
Regenbogenfarben liefen bis zur Mitte des Himmels auseinander. Aus dem
grossen Platze war viel Volk versammelt. Letztere Erscheinung, das
Erdbeben, der Donnerschlag waehrend desselben, der rothe Nebel seit so
vielen Tagen, Alles wurde der Sonnenfinsterniss zugeschrieben.

Gegen neun Uhr Abends erfolgte ein dritter Erdstoss, weit schwaecher als die
ersten, aber begleitet von einem deutlich vernehmbaren unterirdischen
Geraeusch. Der Barometer stand ein klein wenig tiefer als gewoehnlich, aber
der Gang der stuendlichen Schwankungen oder der kleinen atmosphaerischen H
Ebbe und Fluth wurde durchaus nicht unterbrochen. Das Quecksilber stand im
Moment, wo der Erdstoss eintrat, eben auf dem Minimum der Hoehe; es stieg
wieder bis elf Uhr Abends und fiel dann wieder bis vier ein halb Uhr
Morgens, vollkommen entsprechend dem Gesetze der barometrischen
Schwankungen. In der Nacht vom 3. zum 4. November war der roethlichte Nebel
so dick, dass ich den Ort, wo der Mond stand, nur an einem schoenen Hof von
12 Grad Durchmesser erkennen konnte.

Es waren kaum zweiundzwanzig Monate verflossen, seit die Stadt Cumana
durch ein Erdbeben fast gaenzlich zerstoert worden. Das Volk sieht die
Nebel, welche den Horizont umziehen, und das Ausbleiben des Seewindes bei
Nacht fuer sichere schlimme Vorzeichen an. Wir erhielten viele Besuche, die
sich erkundigten, ob unsere Instrumente nene Stoesse fuer den andern Tag
anzeigten. Besonders gross und allgemein wurde die Unruhe, als am
5. November, zur selben Stunde wie Tags zuvor, ein heftiger Sturm eintrat,
dem ein Donnerschlag und ein paar Tropfen Regen folgten; aber es liess sich
kein Stoss spueren. Sturm und Gewitter kamen fuenf oder sechs Tage zur selben
Stunde, ja fast zur selben Minute wieder. Schon seit langer Zeit haben die
Einwohner von Cumana und so vieler Orte unter den Tropen die Beobachtung
gemacht, dass scheinbar ganz zufaellige atmosphaerische Veraenderungen
wochenlang mit erstaunlicher Regelmaessigkeit nach einem gewissen Typus
eintreten. Dieselbe Erscheinung kommt Sommers auch im gemaessigten Erdstrich
vor und ist dem Scharfblick der Astronomen nicht entgangen. Haeufig sieht
man naemlich bei heiterem Himmel drei, vier Tage hinter einander an
derselben Stelle des Himmels sich Wolken bilden, nach derselben Richtung
fortziehen und sich in derselben Hoehe wieder aufloesen, bald vor, bald nach
dem Durchgang eines Sterns durch den Meridian, also bis auf wenige Minuten
zur selben *wahren Zeit*.

Das Erdbeben vom 4. November, das erste, das ich erlebt, machte einen um
so staerkeren Eindruck auf mich, da es, vielleicht zufaellig, von so
auffallenden meteorischen Erscheinungen begleitet war. Auch war es eine
wirkliche Hebung von unten nach oben, kein wellenfoermiger Stoss. Ich haette
damals nicht geglaubt, dass ich nach langem Aufenthalt auf den Hochebenen
von Quito und an den Kuesten von Peru mich selbst an ziemlich starke
Bewegungen des Bodens so sehr gewoehnen wuerde, wie wir in Europa an das
Donnern gewoehnt sind. In der Stadt Quito dachten wir gar nicht mehr daran,
bei Nacht aufzustehen, wenn ein unterirdisches Gebruelle (_bramidos_) das
immer vom Vulkan Pichincha herzukommen scheint (2--3, zuweilen
7--8 Minuten vorher) einen Stoss ankuendigte, dessen Staerke nur selten mit
dem Grad des Getoeses im Verhaeltniss steht. Die Sorglosigkeit der Einwohner,
die wissen, dass in dreihundert Jahren ihre Stadt nicht zerstoert worden
ist, theilt sich bald selbst dem aengstlichsten Fremden mit. Ueberhaupt ist
es nicht so sehr die Besorgniss vor Gefahr, als die eigenthuemliche
Empfindung, was einen so sehr aufregt, wenn man zum erstenmal auch nur
einen ganz leichten Erdstoss empfindet.

Von Kindheit auf praegen sich unserer Vorstellung gewisse Contraste ein;
das Wasser gilt uns fuer ein bewegliches Element, die Erde fuer eine
unbewegliche, traege Masse. Tiefe Begriffe sind das Produkt der taeglichen
Erfahrung und haengen mit allen unsern Sinneseindruecken zusammen. Laesst sich
ein Erdstoss spueren, wankt die Erde in ihren alten Grundfesten, die wir fuer
unerschuetterlich gehalten, so ist eine langjaehrige Taeuschung in einen
Augenblick zerstoert. Es ist als erwachte man, aber es ist kein angenehmes
Erwachen; man fuehlt, die vorausgesetzte Ruhe der Natur war nur eine
scheinbare, man lauscht hinfort auf das leiseste Geraeusch, man misstraut
zum erstenmal einem Boden, auf den man so lange zuversichtlich den Fuss
gesetzt. Wiederholen sich die Stoesse, treten sie mehrere Tage hinter
einander haeufig ein, so nimmt dieses Zagen bald ein Ende. Im Jahr 1784
waren die Einwohner von Mexico so sehr daran gewoehnt, unter ihren Fuessen
donnern zuhoeren, wie wir an den Donner in der Luft. Der Mensch fasst sehr
schnell wieder Zutrauen, und an den Kuesten von Peru gewoehnt man sich am
Ende an die Schwankungen des Bodens, wie der Schiffer an die Stoesse, die
das Fahrzeug von den Wellen erhaelt.

Der roethlichte Dunst, der kurz nach Sonnenuntergang den Horizont umzog,
hatte seit dem 7. November aufgehoert. Die Luft war wieder so rein wie
sonst und das Himmelsgewoelbe zeigte im Zenith das Dunkelblau, das den
Klimaten eigen ist, wo die Waerme, das Licht und grosse Gleichfoermigkeit der
elektrischen Spannung mit einander die vollstaendigste Aufloesung des
Wassers in der Luft zu bewirken scheinen. In der Nacht vom siebten zum
achten beobachtete ich die Immersion des zweiten Jupiterstrabanten. Die
Streifen des Planeten waren deutlicher, als ich sie je zuvor gesehen.

Einen Theil der Nacht verwendete ich dazu, die Lichtstaerke der schoenen
Sterne am suedlichen Himmel zu vergleichen. Ich hatte schon zur See
sorgfaeltige Beobachtungen der Art angestellt und setzte sie spaeter bei
meinem Aufenthalt in Lima, Guayaquil und Mexico in beiden Hemisphaeren
fort. Es war ueber ein halbes Jahrhundert verflossen, seit Lacaille den
Strich des Himmels, der in Europa unsichtbar ist, untersucht hatte. Die
Sterne nahe am Suedpol werden meist so oberflaechlich und so wenig anhaltend
beobachtet, dass in ihrer Lichtstaerke und in ihrer eigenen Bewegung die
groessten Veraenderungen eintreten koennen, ohne dass die Astronomen das
Geringste davon erfahren. Ich glaube Veraenderungen der Art in den
Sternbildern des Kranichs und des Schiffes wahrgenommen zu haben. Nach
einem Mittel aus sehr vielen Schaetzungen habe ich die relative Lichtstaerke
der grossen Sterne in nachstehender Reihenfolge abnehmen sehen: Sirius,
Canopus, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Centauren, Achernar, {~GREEK SMALL LETTER BETA~} des Centauren, Fomalhaut, Rigel,
Procyon, Beteigeuze, {~GREEK SMALL LETTER EPSILON~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER DELTA~} des grossen Hundes, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des
Kranichs, {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des Pfauen. Diese Arbeit, deren numerische Ergebnisse ich
anderswo veroeffentlicht habe, wird an Bedeutung gewinnen, wenn nach je
50--60 Jahren Reisende die Lichtstaerke der Sterne von Neuem beobachten und
darin Wechsel wahrnehmen, die entweder von Vorgaengen an der Oberflaeche der
Himmelskoerper oder von ihrem veraenderten Abstand von unserem
Planetensystem herruehren.

Hat man in unsern noerdlichen Himmelsstrichen und in der heissen Zone lange
mit denselben Fernroehren beobachtet, so ist man ueberrascht, wie deutlich
in letzterer, in Folge der Durchsichtigkeit der Luft und der geringeren
Schwaechung des Lichts, die Doppelsterne, die Trabanten des Jupiters und
gewisse Nebelsterne erscheinen. Bei gleich heiterem Himmel glaubt man
bessere Instrumente unter den Haenden zu haben, so viel deutlicher, so viel
schaerfer begrenzt zeigen sich diese Gegenstaende unter den Tropen. So viel
ist sicher, wird einst Suedamerika der Mittelpunkt einer ausgebreiteten
Cultur, so muss die physische Astronomie ungemeine Fortschritte machen,
sobald man einmal anfaengt im trockenen, heissen Klima von Cumana, Coro und
der Insel Margarita den Himmel mit vorzueglichen Werkzeugen zu beobachten.
Des Rueckens der Cordilleren erwaehne ich dabei nicht, weil, einige ziemlich
duerre Hochebenen in Mexico und Peru ausgenommen, auf sehr hohen Plateaus,
auf solchen, wo der Luftdruck um 10--11 Zoll geringer ist als an der
Meeresflaeche, die Luft nebligt und die Witterung sehr veraenderlich ist.
Sehr reine Luft, wie sie in den Niederungen in der trockenen Jahreszeit
fast bestaendig vorkommt, bietet vollen Ersatz fuer die hohe Lage und die
verduennte Luft auf den Plateaus.

Die Nacht vom 11. zum 12. November war kuehl und ausnehmend schoen. Gegen
Morgen, von halb drei Uhr an, sah man gegen Ost hoechst merkwuerdige
Feuermeteore. Bonpland, der aufgestanden war, um auf der Galerie der Kuehle
zu geniessen, bemerkte sie zuerst. Tausende von Feuerkugeln und
Sternschnuppen fielen hinter einander, vier Stunden lang. Ihre Richtung
war sehr regelmaessig von Nord nach Sued; sie fuellten ein Stueck des Himmels,
das vom wahren Ostpunkt 30 Grad nach Nord und nach Sued reichte. Auf einer
Strecke von 60 Graden sah man die Meteore in Ostnordost und Ost ueber den
Horizont aufsteigen, groessere oder kleinere Bogen beschreiben und, nachdem
sie in der Richtung des Meridians fortgelaufen, gegen Sued niederfallen.
Manche stiegen 40 Grad hoch, alle hoeher als 25--30 Grad. Der Wind war in
der niedern Luftregion sehr schwach und blies aus Ost; von Wolken war
keine Spur zu sehen. Nach Bonplands Aussage war gleich zu Anfang der
Erscheinung kein Stueck am Himmel so gross als drei Monddurchmesser, das
nicht jeden Augenblick von Feuerkugeln und Sternschnuppen gewimmelt haette.
Der ersteren waren wenigere; da man ihrer aber von verschiedenen Groessen
sah, so war zwischen diesen beiden Classen von Erscheinungen unmoeglich
eine Grenze zu ziehen. Alle Meteore liessen 8--10 Grad lange Lichtstreifen
hinter sich zurueck, was zwischen den Wendekreisen haeufig vorkommt. Die
Phosphorescenz dieser Lichtstreifen hielt 7--8 Secunden an. Manche
Sternschnuppen hatten einen sehr deutlichen Kern von der Groesse der
Jupiterscheibe, von dem sehr stark leuchtende Lichtfunken ausfuhren. Die
Feuerkugeln schienen wie durch Explosion zu platzen; aber die groessten, von
1--1 deg. 13{~PRIME~} Durchmesser, verschwanden ohne Funkenwerfen und liessen
leuchtende, 15--20 Minuten breite Streifen (_'trabes'_) hinter sich. Das
Licht der Meteore war weiss, nicht roethlicht, wahrscheinlich weil die Luft
ganz dunstfrei und sehr durchsichtig war. Aus demselben Grunde haben unter
den Tropen die Sterne erster Groesse beim Aufgehen ein auffallend weisseres
Licht als in Europa.

Fast alle Einwohner von Cumana sahen die Erscheinung mit an, weil sie vor
vier Uhr aus den Haeusern gehen, um die Fruehmesse zu hoeren. Der Anblick der
Feuerkugeln war ihnen keineswegs gleichgueltig; die aeltesten erinnerten
sich, dass dem grossen Erdbeben des Jahres 1766 ein ganz aehnliches Phaenomen
vorausgegangen war. In der indianischen Vorstadt waren die Guaiqueries auf
den Beinen; sie behaupteten, "das Feuerwerk habe um ein Uhr Nachts
begonnen, und als sie vom Fischfang im Meerbusen zurueckgekommen, haben sie
schon Sternschnuppen, aber ganz kleine, im Osten aufsteigen sehen." Sie
versicherten zugleich, auf dieser Kueste seyen nach zwei Uhr Morgens
Feuermeteore sehr selten.

Von vier Uhr an hoerte die Erscheinung allmaehlich auf; Feuerkugeln und
Sternschnuppen wurden seltener; indessen konnte man noch eine
Viertelstunde nach Sonnenaufgang mehrere an ihrem weissen Licht und dem
raschen Hinfahren erkennen. Diess erscheint nicht so auffallend, wenn ich
daran erinnere, dass im Jahr 1788 in der Stadt Popayan am hellen Tage das
Innere der Haeuser durch einen ungeheuer grossen Meteorstein stark
erleuchtet wurde; er ging um ein Uhr Nachmittags bei hellem Sonnenschein
ueber die Stadt weg. Am 26. September 1800, waehrend unseres zweiten
Aufenthalts in Cumana, gelang es Bonpland und mir, nachdem wir die
Immersion des ersten Jupiterstrabanten beobachtet, 18 Minuten nachdem sich
die Sonnenscheibe ueber den Horizont erhoben, den Planeten mit blossem Auge
deutlich zu sehen. Gegen Ost war sehr leichtes Gewoelk, aber Jupiter stand
auf blauem Grunde. Diese Faelle beweisen, wie rein und durchsichtig die
Luft zwischen den Wendekreisen ist. Die Masse des zerstreuten Lichts ist
desto kleiner, je vollstaendiger der Wasserdunst aufgeloest ist. Dieselbe
Ursache, welche der Zerstreuung des Sonnenlichts entgegenwirkt, vermindert
auch die Schwaechung des Lichts, das von den Feuerkugeln, vom Jupiter, vom
Mond am zweiten Tag nach der Conjunction ausgeht.

Der 12. November war wieder ein sehr heisser Tag und der Hygrometer zeigte
eine fuer dieses Klima sehr starke Trockenheit an. Auch zeigte sich der
roethlichte, den Horizont umschleiernde Dunst wieder und stieg 14 Grad hoch
herauf. Es war das letztemal, dass man ihn in diesem Jahre sah. Ich bemerke
hier, dass derselbe unter dem schoenen Himmel von Cumana im Allgemeinen so
selten ist, als er in Acapulco auf der Westkueste von Mexico haeufig
vorkommt.

Da bei meinem Abgang von Europa die Physiker durch Chladnis Untersuchungen
auf Feuerkugeln und Sternschnuppen besonders aufmerksam geworden waren, so
versaeumten wir auf unserer Reise von Caracas nach dem Rio Negro nicht, uns
ueberall zu erkundigen, ob am 12. November die Meteore gesehen worden
seyen. In einem wilden Lande, wo die Einwohner groesstentheils im Freien
schlafen, konnte eine so ausserordentliche Erscheinung nur da unbemerkt
bleiben, wo sie sich durch bewoelkten Himmel der Beobachtung entzog. Der
Kapuziner in der Mission San Fernando de Apure, die mitten in den Savanen
der Provinz Barinas liegt, die Franciskaner an den Faellen des Orinoco und
in Maroa am Rio Negro hatten zahllose Sternschnuppen und Feuerkugeln das
Himmelsgewoelbe beleuchten sehen. Maroa liegt 174 Meilen suedwestlich von
Cumana. Alle diese Beobachter verglichen das Phaenomen mit einem schoenen
Feuerwerk, das von drei bis sechs Uhr Morgens gewaehrt. Einige Geistliche
hatten diesen Tag in ihrem Ritual angemerkt, andere bezeichneten denselben
nach den naechsten Kirchenfesten, leider aber erinnerte sich keiner der
Richtung der Meteore oder ihrer scheinbaren Hoehe. Nach der Lage der Berge
und dichten Waelder, welche um die Missionen an den Cataracten und um das
kleine Dorf Maroa liegen, moegen die Feuerkugeln noch 20 Grad ueber dem
Horizont sichtbar gewesen seyn. Am Suedende von spanisch Guyana, im kleinen
Fort San Carlos, traf ich Portugiesen, die von der Mission San Jose dos
Maravitanos den Rio Negro herauf gefahren waren. Sie versicherten mich, in
diesem Theile Brasiliens sey die Erscheinung zum wenigsten bis San Gabriel
das Cachoeiras, also bis zum Aequator sichtbar gewesen.(14)

Ich wunderte mich sehr ueber die ungeheure Hoehe, in der die Feuerkugeln
gestanden haben mussten, um zu gleicher Zeit in Cumana und an der Grenze
von Brasilien, auf einer Strecke von 230 Meilen gesehen zu werden. Wie
staunte ich aber, als ich bei meiner Rueckkehr nach Europa erfuhr, die
selbe Erscheinung sey auf einem 64 Breite- und 91 Laengegrade grossen Stueck
des Erdballs, unter dem Aequator, in Suedamerika, in Labrador und in
Deutschland gesehen worden! Auf der Ueberfahrt von Philadelphia nach
Bordeaux fand ich zufaellig in den Verhandlungen der pennsylvanischen
Gesellschaft die betreffende Beobachtung des Astronomen der Vereinigten
Staaten, Ellicot (unter 30 Grad 42 Minuten), und als ich von Neapel wieder
nach Berlin ging, auf der Goettinger Bibliothek den Bericht der maehrischen
Missionare bei den Eskimos. Bereits war damals von mehreren Physikern die
Frage besprochen worden, ob die Beobachtungen im Norden und die in Cumana,
die Bonpland und ich schon im Jahr 1800 bekannt gemacht, denselben
Gegenstand betreffen.

Ich gebe im Folgenden eine gedraengte Zusammenstellung der Beobachtungen:
1) Die Feuermeteore wurden gegen Ost und Ost-Nord-Ost, bis zu 40 Grad ueber
dem Horizont, von 2--6 Uhr Morgens gesehen in Cumana (Breite 10 deg. 27{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~},
Laenge 66 deg. 30{~PRIME~}), in Porto-Cabello (Breite 10 deg. 6{~PRIME~} 52{~DOUBLE PRIME~}, Laenge 67 deg. 5{~PRIME~}) und an
der Grenze von Brasilien in der Naehe des Aequators unter 70 deg. der Laenge vom
Pariser Meridian. 2) In franzoesisch Guyana (Breite 40 deg. 56{~PRIME~}, Laenge 54 deg. 35{~PRIME~})
"sah man den Himmel gegen Norden wie in Flammen stehen. Anderthalb Stunden
lang schossen unzaehlige Sternschnuppen durch den Himmel und verbreiteten
ein so starkes Licht, dass man die Meteore mit den spruehenden Funkengarben
bei einem Feuerwerk vergleichen konnte." Fuer diese Thatsache liegt ein
hoechst achtungswerthes Zeugniss vor, das des Grafen Marbois, der damals als
ein Opfer seines Rechtssinns und seiner Anhaenglichkeit an
verfassungsmaessige Freiheit als Deportirter in Cayenne lebte. 3) Der
Astronom der Vereinigten Staaten, Ellicot, befand sich, nachdem er
trigonometrische Vermessungen zur Grenzberichtigung am Ohio vollendet
hatte, am 12. November im Kanal von Bahama unter 25 Grad der Breite und
81 deg. 50{~PRIME~} der Laenge. Er sah am ganzen Himmel "so viel Meteore als Sterne;
sie fuhren nach allen Richtungen dahin; manche schienen senkrecht
niederzufallen und man glaubte jeden Augenblick, sie werden aufs Schiff
herabkommen." Dasselbe wurde auf dem Festland von Amerika bis zum 30 deg. 43{~PRIME~}
der Breite beobachtet. 4) In Labrador zu Nain (Breite 56 deg. 55{~PRIME~}) und
Hoffenthal (Breite 58 deg.,4{~PRIME~}), in Groenland zu Lichtenau (Breite 61 deg. 5{~PRIME~}) und
Neu-Herrnhut (Breite 64 deg. 14{~PRIME~}, Laenge 52 deg. 20{~PRIME~}) erschraken die Eskimos ueber
die ungeheure Menge Feuerkugeln, die in der Daemmerung nach allen
Himmelsgegenden niederfielen, "und von denen manche einen Schuh breit
waren." 5) In Deutschland sah der Pfarrer von Itterstaedt bei Weimar,
Zeising (Breite 50 deg. 59{~PRIME~}, oestliche Laenge 9 deg. 1{~PRIME~}), am 12. November zwischen 6
und 7 Uhr Morgens (als es in Cumana zwei ein halb Uhr war) einige
Sternschnuppen mit sehr weissem Licht. "Kurz darauf erschienen gegen Sued
und Suedwest 4--6 Fuss lange, roethliche Lichtstreifen, aehnlich denen einer
Rakete. In der Morgendaemmerung zwischen 7 und 8 Uhr sah man von Zeit zu
Zeit den Himmel durch weisslichte, in Schlangenlinien am Horizont
hinfahrende Blitze stark beleuchtet. In der Nacht war es kaelter geworden
und der Barometer war gestiegen." Sehr wahrscheinlich haette das Meteor
noch weiter ostwaerts in Polen und Russland gesehen werden koennen. Ohne die
umstaendliche Angabe, die Ritter den Papieren des Pfarrers von Itterstaedt
entnommen, haetten wir auch geglaubt, die Feuerkugeln seyen ausserhalb der
Grenzen der neuen Welt nicht gesehen worden.

Von Weimar an den Rio Negro sind es 1800 Seemeilen, vom Rio Negro nach
Herrnhut in Groenland 1300 Lieues. Sind an so weit auseinander gelegenen
Punkten dieselben Meteore gesehen worden, so setzt diess fuer dieselben eine
Hoehe von 411 Meilen voraus. Bei Weimar zeigten sich die Lichtstreifen
gegen Sued und Suedwest, in Cumana gegen Ost und Ost-Nord-Ost. Man koennte
desshalb glauben, zahllose Aerolithen muessten zwischen Afrika und Suedamerika
westwaerts von den Inseln des gruenen Vorgebirges ins Meer gefallen seyn.
Wie kommt es aber, dass die Feuerkugeln, die in Labrador und Cumana
verschiedene Richtungen hatten, am letzteren Orte nicht gegen Nord gesehen
wurden, wie in Cayenne? Man kann nicht vorsichtig genug seyn mit einer
Annahme, zu der es noch an guten, an weit aus einander gelegenen Orten
angestellten Beobachtungen fehlt. Ich moechte fast glauben, dass die Chaymas
in Cumana nicht dieselben Feuerkugeln gesehen haben, wie die Portugiesen
in Brasilien und die Missionaere in Labrador; immer aber bleibt es
unzweifelhaft (und diese Thatsache scheint mir hoechst merkwuerdig), dass in
der neuen Welt zwischen 46 deg. und 82 deg. der Laenge, vom Aequator bis zu 64 deg. der
Breite in denselben Stunden eine ungeheure Menge Feuerkugeln und
Sternschnuppen gesehen worden ist. Auf einem Flaechenraum von 921,000
Quadratmeilen erschienen die Meteore ueberall gleich glaenzend.

Die Physiker (Benzenberg und Brandes), welche in neuerer Zeit ueber die
Sternschnuppen und ihre Parallaxen so muehsame Untersuchungen angestellt
haben, betrachten sie als Meteore, die der aeussersten Grenze unseres
Luftkreises, dem Raum zwischen der Region des Nordlichts und der der
leichtesten Wolken(15) angehoeren. Es sind welche beobachtet worden, die
nur 14,000 Toisen, etwa 5 Meilen hoch waren, und die hoechsten scheinen
nicht ueber 30 Meilen hoch zu seyn. Sie haben haeufig ueber 100 Fuss
Durchmesser und ihre Geschwindigkeit ist so bedeutend, dass sie in wenigen
Secunden zwei Meilen zuruecklegen. Man hat welche gemessen, die fast
senkrecht oder unter einem Winkel von 50 Grad von unten nach oben liefen.
Aus diesem sehr merkwuerdigen Umstand hat man geschlossen, dass die
Sternschnuppen keine Meteorsteine sind, die, nachdem sie lange gleich
Himmelskoerpern durch den Raum gezogen, sich entzuenden, wenn sie zufaellig
in unsere Atmosphaere gerathen, und zur Erde fallen.

Welchen Ursprung nun auch diese Feuermeteore haben moegen, so haelt es
schwer, sich in einer Region, wo die Luft verduennter ist als im luftleeren
Raum unserer Luftpumpen, wo (in 25,000 Toisen Hoehe) das Quecksilber im
Barometer nicht 12/1000 Linie hoch stuende, sich eine ploetzliche Entzuendung
zu denken. Allerdings kennen wir das bis auf 3/1000 gleichfoermige Gemisch
der atmosphaerischen Luft nur bis zu 3000 Toisen Hoehe, folglich nicht ueber
die hoechste Schichte der flockigten Wolken hinauf. Man koennte annehmen,
bei den fruehesten Umwaelzungen des Erdballs seyen Gase, die uns bis jetzt
ganz unbekannt geblieben, in die Luftregion aufgestiegen, in der sich die
Sternschnuppen bewegen; aber aus genauen Versuchen mit Gemischen von Gasen
von verschiedenem specifischem Gewicht geht hervor, dass eine oberste, von
den untern Schichten ganz verschiedene Luftschicht undenkbar ist. Die
gasfoermigen Koerper mischen sich und durchdringen einander bei der
geringsten Bewegung, und im Laufe der Jahrhunderte haette sich ein
gleichfoermiges Gemisch herstellen muessen, wenn man nicht eine abstossende
Kraft ins Spiel bringen will, von der an keinem der uns bekannten Koerper
etwas zu bemerken ist. Nimmt man ferner in den uns unzugaenglichen Regionen
der Feuermeteore, der Sternschnuppen, der Feuerkugeln und des Nordlichts
eigenthuemliche luftfoermige Fluessigkeiten an, wie will man es erklaeren, dass
sich nicht die ganze Schicht dieser Fluessigkeiten zumal entzuendet, dass
vielmehr Gasausstroemungen, gleich Wolken, einen begrenzten Raum einnehmen?
Wie soll man sich ohne die Bildung von Duensten, die einer ungleichen
Ladung faehig sind, eine elektrische Entladung denken, und das in einer
Luft, deren mittlere Temperatur vielleicht 250 deg. unter Null betraegt, und
die so verduennt ist, dass die Compression durch den elektrischen Schlag so
gut wie keine Waerme mehr entbinden kann? Diese Schwierigkeiten wuerden
grossentheils beseitigt, wenn man die Sternschnuppen nach der Richtung, in
der sie sich bewegen, als Koerper mit festem Kern, als *kosmische* (dem
Himmelsraum ausserhalb unseres Luftkreises angehoerige), nicht als
*tellurische* (nur unserem Planeten angehoerige) Erscheinungen betrachten
koennte.

Hatten die Meteore in Cumana nur die Hoehe, in der sich die Sternschnuppen
gewoehnlich bewegen, so konnten dieselben Meteore an Punkten, die 310
Meilen aus einander liegen, ueber dem Horizont gesehen werden. Wie
ausserordentlich muss nun an jenem 12. November in den hohen Luftregionen
die Neigung zur Verbrennung gesteigert gewesen seyn, damit vier Stunden
lang Milliarden von Feuerkugeln und Sternschnuppen fallen konnten, die am
Aequator, in Groenland und in Deutschland gesehen wurden! Benzenberg macht
die scharfsinnige Bemerkung, dass dieselbe Ursache, aus der das Phaenomen
haeufiger eintritt, auch auf die Groesse der Meteore und ihre Lichtstaerke
Einfluss aeussert. In Europa sieht man in den Naechten, in denen am meisten
Sternschnuppen fallen, immer auch sehr stark leuchtende unter ganz
kleinen. Durch das Periodische daran wird die Erscheinung noch
interessanter. In manchen Monaten zaehlte Brandes in unserem gemaessigten
Erdstrich nur 60--80 Sternschnuppen in der Nacht, in andern steigt die
Zahl auf 2000. Sieht man eine vom Durchmesser des Sirius oder des Jupiter,
so kann man sicher darauf rechnen, dass hinter diesem glaenzenden Meteor
viele kleinere kommen. Fallen in einer Nacht sehr viele Sternschnuppen, so
ist es hoechst wahrscheinlich, dass diess mehrere Wochen anhaelt. In den hohen
Luftregionen, an der aeussersten Grenze, wo Centrifugalkraft und Schwere
sich ausgleichen, scheint periodisch eine besondere Disposition zur
Bildung von Feuerkugeln, Sternschnuppen und Nordlichtern einzutreten.
Haengt die Periodicitaet dieser wichtigen Erscheinung vom Zustand der
Atmosphaere ab, oder von etwas, das der Atmosphaere von auswaerts zukommt,
waehrend die Erde in der Ekliptik fortrueckt? Von alle dem wissen wir gerade
so viel, wie zur Zeit des Anaxagoras.

Was die Sternschnuppen fuer sich betrifft, so scheinen sie mir, nach meiner
eigenen Erfahrung, unter den Wendekreisen haeufiger zu seyn als in
gemaessigten Landstrichen, ueber den Festlaendern und an gewissen Kuesten
haeufiger als auf offener See. Ob wohl die strahlende Oberflaeche des
Erdballs und die elektrische Ladung der tiefen Luftregionen, die nach der
Beschaffenheit des Bodens und nach der Lage der Continente und Meere sich
aendert, ihre Einfluesse noch in Hoehen aeussern, wo ewiger Winter herrscht?
Dass in gewissen Jahreszeiten und ueber manchen duerren, pflanzenlosen Ebenen
der Himmel auch nicht die kleinsten Wolken zeigt, scheint darauf
hinzudeuten, dass dieser Einfluss sich wenigstens bis zur Hoehe von 5--600
Toisen geltend macht. In einem von Vulkanen starrenden Land, auf der
Hochebene der Anden ist vor dreissig Jahren eine aehnliche Erscheinung wie
die am 12. November beobachtet worden. Man sah in der Stadt Quito nur an
Einem Stueck des Himmels, ueber dem Vulkan Cayambe, Sternschnuppen in
solcher Menge aufsteigen, dass man meinte, der ganze Berg stehe in Feuer.
Dieses ausserordentliche Schauspiel dauerte ueber eine Stunde; das Volk lief
auf der Ebene von Exido zusammen, wo man eine herrliche Aussicht auf die
hoechsten Gipfel der Cordilleren hat. Schon war eine Procession im Begriffe
vom Kloster San Francisco aufzubrechen, als man gewahr wurde, dass das
Feuer am Horizont von Feuermeteoren herruehrte, die bis zur Hoehe von 12 bis
15 Grad nach allen Richtungen durch den Himmel schossen.

                            ------------------





   14 In Santa-Fe de Bogota, in Popayan und in der suedlichen Halbkugel in
      Quito und Peru habe ich Niemand getroffen, der die Meteore gesehen
      haette. Vielleicht war nur der Zustand der Atmosphaere, der in diesen
      westlichen Laendern sehr veraenderlich ist, daran Schuld.

   15 Nach meinen Beobachtungen auf dem Ruecken der Anden in mehr als 2700
      Toisen Meereshoehe ueber die *Schaefchen* oder kleinen weissen,
      gekraeuselten Wolken schaetzte ich die Hoehe derselben zuweilen auf
      mehr als [] Toisen ueber der Kueste.





ELFTES KAPITEL.


    Reise von Cumana nach Guayra. -- Morro de Nueva Barcelona. -- Das
            Vorgebirg Codera. -- Weg von Guayra nach Caracas.


Am 18. November um acht Uhr Abends waren wir unter Segel, um laengs der
Kueste von Cumana nach dem Hafen von Guayra zu fahren, aus dem die
Einwohner von Venezuela den groessten Theil ihrer Produkte ausfuehren. Es
sind nur 60 Meilen und die Ueberfahrt waehrt meist nur 36--40 Stunden. Den
kleinen Kuestenfahrzeugen kommen Wind und Stroemungen zumal zu gut; letztere
streichen mehr oder minder stark von Ost nach West laengs den Kuesten von
Terra Firma hin, besonders zwischen den Vorgebirgen Paria und Chichibacoa.
Der Landweg von Cumana nach Neu-Barcelona und von da nach Caracas ist so
ziemlich im selben Zustand wie vor der Entdeckung von Amerika. Man hat mit
allen Hindernissen eines morastigen Bodens, zerstreuter Felsbloecke und
einer wuchernden Vegetation zu kaempfen; man muss unter freiem Himmel
schlafen, die Thaeler des Unare, Tuy und Capaya durchziehen und ueber Stroeme
setzen, die wegen der Naehe des Gebirgs rasch anschwellen. Zu diesen
Hindernissen kommt die Gefahr, die der Reisende laeuft, weil das Land sehr
ungesund ist, besonders die Niederungen zwischen der Kuestenkette und dem
Meeresufer, von der Bucht von Mochima bis Coro. Letztere Stadt aber, die
von einem ungeheuren Gehoelz von Fackeldisteln und stachlichten Cactus
umgeben ist, verdankt, gleich Cumana, ihr gesundes Klima dem duerren Boden
und dem Mangel an Regen.

Man zieht zuweilen den Weg zu Land dem zur See vor, wenn man von Caracas
nach Cumana zurueckgeht und nicht gerne gegen die Stroemung faehrt. Der
Courier von Caracas braucht dazu neun Tage; wir sahen haeufig Leute, die
sich ihm angeschlossen, in Cumana krank an Typhus und miasmatischen
Fiebern ankommen. Der Baum, dessen Rinde(16) ein treffliches Heilmittel
gegen diese Fieber ist, waechst in denselben Thaelern, am Saume derselben
Waelder, deren Ausduenstungen so gefaehrlich sind. Der kranke Reisende macht
Halt in einer Huette, deren Bewohner nichts davon wissen, dass die Baeume,
welche die Thalgruende umher beschatten, das Fieber vertreiben.

Als wir zur See von Cumana nach Guayra gingen, war unser Plan der: wir
wollten bis zum Ende der Regenzeit in Caracas bleiben, von dort ueber die
grossen Ebenen oder *Llanos* in die Missionen am Orinoco reisen, diesen
ungeheuren Strom suedlich von den Cataracten bis zum Rio Negro und zur
Grenze von Brasilien hinauffahren und ueber die Hauptstadt des spanischen
Guyana, gemeiniglich wegen ihrer Lage *Angostura*, d. h. Engpass geheissen,
nach Cumana zurueckkehren. Wie lange wir zu dieser Reise von 700 Meilen,
wovon wir ueber zwei Drittheile im Canoe zu machen hatten, brauchen wuerden,
liess sich unmoeglich bestimmen. Auf den Kuesten kennt man nur das Stueck des
Orinoco nahe an seiner Muendung; mit den Missionen besteht lediglich kein
Handelsverkehr. Was jenseits der Llanos liegt, ist fuer die Einwohner von
Cumana und Caracas unbekanntes Land. Die einen glauben, die mit Rasen
bedeckten Ebenen von Calabozo ziehen sich achthundert Meilen gegen Sued
fort und stehen mit den Steppen oder Pampas von Buenos Ayres in
Verbindung; andere halten wegen der grossen Sterblichkeit unter den Truppen
Iturriagas und Solanos auf ihrem Zug an den Orinoco alles Land suedlich von
den Katarakten von Amtes fuer aeusserst ungesund. In einem Lande, wo man so
wenig reist, findet man Gefallen daran, den Fremden gegenueber die
Gefahren, die vom Klima, von wilden Thieren und Menschen drohen, zu
uebertreiben. Wir waren an diese Abschreckungsmittel, welche die Colonisten
mit naiver und gutgemeinter Offenheit in Anwendung bringen, noch nicht
gewoehnt; trotzdem hielten wir an dem einmal gefassten Entschlusse fest. Wir
konnten auf die Theilnahme und Unterstuetzung des Statthalters der Provinz,
Don Vicente Emparan, uns verlassen, so wie auf die Empfehlungen der
Franziscanermoenche, welche an den Ufern des Orinoco die eigentlichen
Herren sind.

Zum Glueck fuer uns war einer dieser Geistlichen, Juan Gonzales, eben in
Cumana. Dieser junge Moench war nur ein Laienbruder, aber sehr verstaendig,
gebildet, voll Leben und Muth. Kurz nach seiner Ankunft auf der Kueste
hatte er sich bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Gardians der Missionen
von Piritu, wobei im Kloster zu Nueva Barcelona immer grosse Aufregung
herrscht, das Missfallen seiner Obern zugezogen. Die siegende Partei uebte
eine durchgreifende Reaction, welcher der Laienbruder nicht entgehen
konnte. Er wurde nach Esmeralda geschickt, in die letzte Mission am obern
Orinoco, beruechtigt durch die Unzahl boesartiger Insekten, welche Jahr aus
Jahr ein die Luft erfuellen. Fray Juan Gonzales war mit den Waeldern
zwischen den Katarakten und den Quellen des Orinoco vollkommen bekannt.
Eine andere Umwaelzung im republikanischen Regiment der Moenche hatte ihn
seit einigen Jahren wieder an die Kueste gebracht und er stand bei seinen
Obern in verdienter Achtung. Er bestaerkte uns in unserem Verlangen, die
vielbestrittene Gabelung des Orinoco zu untersuchen; er ertheilte uns
guten Rath fuer die Erhaltung der Gesundheit in einem Klima, in dem er
selbst so lange an Wechselfiebern gelitten. Wir hatten das Vergnuegen auf
der Rueckreise vom Rio Negro Frater Juan in Nueva Barcelona wieder
anzutreffen. Da er sich in der Havana nach Cadix einschiffen wollte,
uebernahm er es gefaellig, einen Theil unserer Pflanzensammlungen und
unserer Insekten vom Orinoco nach Europa zu bringen, aber die Sammlungen
gingen leider mit ihm zur See zu Grunde. Der vortreffliche junge Mann, der
uns sehr zugethan war, und dessen muthvoller Eifer den Missionen seines
Ordens grosse Dienste haette leisten koennen, kam im Jahr 1801 in einem Sturm
an der afrikanischen Kueste ums Leben.

Das Fahrzeug, in dem wir von Cumana nach Guayra(17) fuhren, war eines von
denen, die zum Handel an den Kuesten und mit den Antillen gebraucht werden.
Sie sind dreissig Fuss lang und haben nicht mehr als drei Fuss Bord ueber
Wasser; sie sind ohne Verdeck und laden gewoehnlich 200 bis 250 Centner.
Obgleich die See vom Vorgebirge Codera bis Guayra sehr unruhig ist und sie
ein ungeheures dreieckiges Segel fuehren, was bei den Windstoessen, die aus
den Bergschluchten herauskommen, nicht ohne Gefahr ist, hat man seit
dreissig Jahren kein Beispiel, dass eines dieser Fahrzeuge auf der
Ueberfahrt von Cumana an die Kueste von Caracas gesunken waere. Die
indianischen Schiffer sind so gewandt, dass selbst bei ihren haeufigen
Fahrten von Cumana nach Guadeloupe oder den daenischen Inseln, die mit
Klippen umgeben sind, ein Schiffbruch zu den Seltenheiten gehoert. Diese
120 bis 150 Meilen weiten Fahrten auf offener See, wo man keine Kueste mehr
sieht, werden auf offenen Fahrzeugen, nach der Weise der Alten, ohne
Beobachtung der Sonnenhoehe, ohne Seekarten, fast immer ohne Compass
unternommen. Der indianische Steuermann richtet sich bei Nacht nach dem
Polarstern, bei Tag nach dem Sonnenlauf und dem Wind, der, wie er
voraussetzt, selten wechselt. Ich habe Guayqueries und Steuerleute vom
Schlage der Zambos gesehen, die den Polarstern nach der Linie zwischen
und  des grossen Baeren zu finden wussten, und es kam mir vor, als steuerten
sie nicht sowohl nach dem Polarstern selbst als nach jener Linie. Man
wundert sich, wie sie, so bald Land zu Gesicht kommt, richtig die Insel
Guadeloupe oder Santa Cruz oder Portorico finden; aber im Ausgleichen der
Abweichungen vom Curs sind sie nicht immer eben so gluecklich. Wenn sich
die Fahrzeuge unter dem Wind dem Lande naehern, kommen sie gegen Ost gegen
Wind und Stroemung nur sehr schwer weiter. In Kriegszeiten haben nun die
Schiffer ihre Unwissenheit und ihre Unbekanntschaft mit dem Gebrauch des
Octanten schwer zu buessen; denn die Caper kreuzen eben an den Vorgebirgen,
welche die Fahrzeuge von Terra Firma, wenn sie von ihrem Curs abgekommen,
in Sicht bekommen muessen, um ihres Weges gewiss zu seyn.

Wir fuhren rasch den kleinen Fluss Manzanares hinab, dessen Kruemmungen
Cocosbaeume bezeichnen, wie Pappeln und alte Weiden in unsern Klimaten. Auf
dem anstossenden duerren Strande schimmerten auf den Dornbueschen, die bei
Tag nur staubigte Blaetter zeigen, da es noch Nacht war, viele tausend
Lichtfunken. Die leuchtenden Insekten vermehren sich in der Regenzeit. Man
wird unter den Tropen des Schauspiels nicht muede, wenn diese hin und her
zuckenden roethlichen Lichter sich im klaren Wasser wiederspiegeln und ihre
Bilder und die der Sterne am Himmelsgewoelbe unter einander wimmeln.

Wir schieden vom Kuestenlande von Cumana, als haetten wir lange da gelebt.
Es war das erste Land, das wir unter einem Himmelsstrich betreten, nach
dem ich mich seit meiner fruehesten Jugend gesehnt hatte. Der Eindruck der
Natur im indischen Klima ist so maechtig und grossartig, dass man schon nach
wenigen Monaten Aufenthalt lange Jahre darin verbracht zu haben meint. In
Europa hat der Nordlaender und der Bewohner der Niederung selbst nach
kurzem Besuch eine aehnliche Empfindung, wenn er vom Golf von Neapel, von
der koestlichen Landschaft zwischen Tivoli und dem See von Nemi, oder von
der wilden, grossartigen Scenerie der Hochalpen und Pyrenaeen scheidet.
Ueberall in der gemaessigten Zone zeigt die Physiognomie der Pflanzenwelt
nur wenige Contraste. Die Fichten und Eichen auf den Gebirgen Schwedens
haben Familienaehnlichkeit mit denen, die unter dem schoenen Himmel
Griechenlands und Italiens wachsen. Unter den Tropen dagegen, in den
Tieflaendern beider Indien erscheint Alles neu und wunderbar in der Natur.
Auf freiem Feld, im Waldesdickicht fast nirgends ein Bild, das an Europa
mahnt; denn von der Vegetation haengt der Charakter einer Landschaft ab;
sie wirkt auf unsere Einbildungskraft durch ihre Masse, durch den Contrast
zwischen ihren Gebilden und den Glanz ihrer Farben. Je neuer und maechtiger
die Eindruecke sind, desto mehr loeschen sie fruehere Eindruecke aus, und
durch die Staerke erhalten sie den Anschein der Zeitdauer. Ich berufe mich
auf alle, die mit mehr Sinn fuer die Schoenheiten der Natur als fuer die
Reize des geselligen Lebens lange in der heissen Zone gelebt haben. Das
erste Land, das ihr Fuss betreten, wie theuer und denkwuerdig bleibt es
ihnen ihr Lebenlang! Oft, und bis ins hoechste Alter, regt sich in ihnen
ein dunkles Sehnsuchtsgefuehl, es noch einmal zu sehen. Cumana und sein
staubigter Boden stehen noch jetzt weit oefter vor meinem inneren Auge als
alle Wunder der Cordilleren. Unter dem schoenen suedlichen Himmel wird
selbst ein Land fast ohne Pflanzenwuchs reizend durch das Licht und die
Magie der in der Luft spielenden Farben. Die Sonne beleuchtet nicht
allein, sie faerbt die Gegenstaende, sie umgibt sie mit einem leichten Duft,
der, ohne die Durchsichtigkeit der Luft zu mindern, die Farben
harmonischer macht, die Lichteffekte mildert und ueber die Natur eine Ruhe
ausgiesst, die sich in unserer Seele wiederspiegelt. Um den gewaltigen
Eindruck der Landschaften beider Indien, selbst kaerglich bewaldeter
Kuestenstriche zu begreifen, bedenke man nur, dass von Neapel dem Aequator
zu der Himmel in dem Verhaeltniss immer schoener wird, wie von der Provence
nach Unteritalien.

Wir liefen waehrend der Fluth ueber die Barre, welche der kleine Manzanares
an seiner Muendung gebildet hat. Der abendliche Seewind schwellte sanft die
Gewaesser des Meerbusens von Cariaco. Der Mond war noch nicht aufgegangen,
aber der Theil der Milchstrasse zwischen den Fuessen des Centauren und dem
Sternbild des Schuetzen schien einen Silberschimmer auf die Meeresflaeche zu
werfen. Der weisse Fels, auf dem das Schloss San Antonio steht, tauchte
zuweilen zwischen den hohen Wipfeln der Cocospalmen am Ufer auf. Nicht
lange, so erkannten wir die Kueste nur noch an den zerstreuten Lichtern
fischender Guayqueries: da empfanden wir doppelt den Reiz des Landes und
das schmerzliche Gefuehl, scheiden zu muessen. Vor fuenf Monaten hatten wir
dieses Ufer betreten, wie ein neu entdecktes Land, Fremdlinge in der
ganzen Umgebung, in jeden Busch, an jeden feuchten, schattigen Ort nur mit
Zagen den Fuss setzend. Jetzt, da diese Kueste unsern Blicken entschwand,
lebten Erinnerungen daran in uns, die uns uralt duenkten. Boden,
Gebirgsart, Gewaechse, Bewohner, mit Allem waren wir vertraut geworden.

Wir steuerten zuerst nach Nord-Nord-West, indem wir auf die Halbinsel
Araya zuhielten; dann fuhren wir dreissig Meilen nach West und
West-Sued-West. In der Naehe der Bank, die das Vorgebirge Arenas umgibt und
bis zu den Bergoelquellen von Maniquarez fortstreicht, hatten wir ein
belebtes Schauspiel, dergleichen die starke Phosphorescenz der See in
diesem Klima so haeufig bietet. Schwaerme von Tummlern zogen unserem
Fahrzeug nach. Ihrer fuenfzehn oder sechzehn schwammen in gleichem Abstand
von einander. Wenn sie nun bei der Wendung mit ihren breiten Flossen auf
die Wasserflaeche schlugen, so gab es einen starken Lichtschimmer; es war,
als braeche Feuer aus der Meerestiefe. Jeder Schwarm liess beim
Durchschneiden der Wellen einen Lichtstreif hinter sich zurueck. Diess fiel
uns um so mehr auf, da ausserdem die Wellen nicht leuchteten. Da der Schlag
eines Ruders und der Stoss des Schiffes in dieser Nacht nur schwache Funken
gaben, so muss man wohl annehmen, dass der starke Lichtschein, der von den
Tummlern ausging, nicht allein vom Schlag ihrer Flossen herruehrte, sondern
auch von der gallertartigen Materie, die ihren Koerper ueberzieht und vom
Stoss der Wellen abgerieben wird.

Um Mitternacht befanden wir uns zwischen nackten Felseninseln, die wie
Bollwerke aus dem Meere steigen; es ist die Gruppe der Caracas- und
Chimanaseilande. Der Mond war aufgegangen und beschien die zerkluefteten,
kahlen, seltsam gestalteten Felsmassen. Zwischen Cumana und Cap Codera
bildet das Meer jetzt eine Art Bucht, eine leichte Einbiegung in das Land.
Die Eilande Picua, Picuita, Caracas und Boracha erscheinen als Truemmer der
alten Kueste, die vom Bordones in der gleichen Richtung von Ost nach West
lief. Hinter diesen Inseln liegen die Busen Mochima und Santa Fe, die
sicher eines Tages stark besuchte Haefen werden. Das zerrissene Land, die
zerbrochenen, stark fallenden Schichten, alles deutet hier auf eine grosse
Umwaelzung hin, vielleicht dieselbe, welche die Kette der Urgebirge
gesprengt und die Glimmerschiefer von Araya und der Insel Margarita vom
Gneiss des Vorgebirges Codera losgerissen hat. Mehrere dieser Inseln sieht
man in Cumana von den flachen Daechern, und dort zeigen sich an ihnen in
Folge der verschiedenen Temperatur der ueber einander gelagerten
Luftschichten die sonderbarsten Verrueckungen und Luftspiegelungen. Diese
Felsen sind schwerlich ueber 150 Toisen hoch, aber Nachts bei Mondlicht
scheinen sie von sehr bedeutender Hoehe.

Man mag sich wundern, Inseln, die Caracas heissen, so weit von der Stadt
dieses Namens, der Kueste der Cumanagotos gegenueber zu finden; aber Caracas
bedeutete in der ersten Zeit nach der Eroberung keinen Ort, sondern einen
Indianerstamm. Die Gruppen der sehr gebirgigten Eilande, an denen wir nahe
hinfuhren, entzog uns den Wind, und mit Sonnenaufgang trieben uns schmale
Wasserfaeden in der Stroemung auf Boracha zu, das groesste der Eilande. Da die
Felsen fast senkrecht aufsteigen, so faellt der Meeresgrund steil ab und
auf einer andern Fahrt habe ich Fregatten hier so nahe ankern sehen, dass
sie beinahe ans Land stiessen. Die Lufttemperatur war bedeutend gestiegen,
seit wir zwischen den Inseln des kleinen Archipels hinfuhren. Das Gestein
erhitzt sich am Tage und gibt bei Nacht die absorbirte Waerme durch
Strahlung zum Theil wieder ab. Je mehr die Sonne ueber den Horizont stieg,
desto weiter warfen die zerrissenen Berge ihre gewaltigen Schatten auf die
Meeresflaeche. Die Flamingos begannen ihren Fischfang allenthalben, wo nur
in einer Bucht vor dem Kalkgestein ein schmaler Strand hinlief. Alle diese
Eilande sind jetzt ganz unbewohnt; aber auf einer der Caracas leben wilde,
braune, sehr grosse, schnellfuessige Ziegen mit -- wie unser Steuermann
versicherte -- sehr wohlschmeckendem Fleisch. Vor dreissig Jahren hatte
sich eine weisse Familie daselbst niedergelassen und Mais und Manioc
gebaut. Der Vater ueberlebte allein alle seine Kinder. Da sich sein
Wohlstand gehoben hatte, kaufte er zwei schwarze Sklaven, und diess ward
sein Verderben: er wurde von seinen Sklaven erschlagen. Die Ziegen
verwilderten, nicht so die Kulturgewaechse. Der Mais in Amerika, wie der
Weizen in Europa, scheinen sich nur durch die Pflege des Menschen zu
erhalten, an den sie seit seinen fruehesten Wanderungen gekettet sind. Wohl
wachsen diese naehrenden Graeser hin und wieder aus verstreuten Samen auf;
wenn sie sich aber selbst ueberlassen bleiben, so gehen sie ein, weil die
Voegel die Samen aufzehren. Die beiden Sklaven von der Insel Caracas
entgingen lange dem Arm der Gerechtigkeit; fuer ein an so einsamem Ort
begangenes Verbrechen war es schwer Beweise aufzubringen. Der eine dieser
Schwarzen ist jetzt in Cumana der Henker. Er hatte seinen Genossen
angegeben, und da es an einem Nachrichter fehlte, so begnadigte man nach
dem barbarischen Landesbrauch den Sklaven unter der Bedingung, dass er alle
Verhafteten aufknuepfte, gegen die laengst das Todesurtheil gefaellt war. Man
sollte kaum glauben, dass es Menschen gibt, die roh genug sind, um ihr
Leben um solchen Preis zu erkaufen und mit ihren Haenden diejenigen
abzuthun, die sie Tags zuvor verrathen haben.

Wir verliessen den Ort, an den sich so traurige Erinnerungen knuepfen, und
ankerten ein paar Stunden auf der Rhede von Nueva Barcelona an der Muendung
des Flusses Neveri, dessen indianischer (cumanagotischer) Namen
Inipiricuar lautet. Der Fluss wimmelt von Krokodilen, die sich zuweilen bis
auf die hohe See hinaus wagen, besonders bei Windstille. Sie gehoeren zu
der Art, die im Orinoco so haeufig vorkommt und dem egyptischen Crokodil so
sehr gleicht, dass man sie lange zusammengeworfen hat. Man sieht leicht
ein, dass ein Thier, dessen Koerper in einer Art Panzer steckt, fuer die
Schaerfe des Salzwassers nicht sehr empfindlich seyn kann. Schon Pigasetta
sah, wie er in seinem kuerzlich in Mailand erschienenen Tagebuch erzaehlt,
auf der Kueste der Insel Borneo Crokodile, die so gut in der See wie am
Lande leben. Diese Beobachtungen werden fuer die Geologie von Bedeutung,
seit man in dieser Wissenschaft die Suesswasserbildungen naeher ins Auge
fasst, so wie das auffallende Durcheinanderliegen von versteinerten See-
und Suesswasserthieren in manchen sehr neuen Ablagerungen.

Der Hafen von Barcelona, der auf unsern Karten kaum angegeben ist, treibt
seit 1795 einen sehr lebhaften Handel. Aus diesem Hafen werden
groesstentheils die Produkte der weiten Steppen ausgefuehrt, die sich vom
Suedabhang der Kuestenkette bis zum Orinoco ausbreiten und sehr reich sind
an Vieh aller Art, fast so reich wie die Pampas von Buenos-Ayres. Die
Handelsindustrie dieser Laender gruendet sich auf den Bedarf der grossen und
kleinen Antillen an gesalzenem Fleisch, Rindvieh, Maulthieren und Pferden.
Da die Kuesten von Terra Firma der Insel Cuba in einer Entfernung von
15--18 Tagereisen gegenueber liegen, so beziehen die Handelsleute in der
Havana, zumal im Frieden, ihren Bedarf lieber aus dem Hafen von Barcelona,
als dass sie das Wagniss einer langen Seefahrt in die andere Halbkugel zur
Muendung des Rio de la Plata uebernaehmen. Von der schwarzen Bevoelkerung von
1,300,000 Koepfen, die der Archipel der Antillen schon jetzt zaehlt, kommen
auf Cuba allein ueber 230,000 Sklaven, deren Nahrung aus Gemuessen,
gesalzenem Fleisch und getrockneten Fischen besteht. Jedes Fahrzeug, das
gesalzenes Fleisch oder *Tasajo* von Terra Firma fuehrt, ladet 20 bis
30,000 Arobas, deren Handelswerth ueber 45,000 Piaster betraegt. Barcelona
ist besonders fuer den Viehhandel gut gelegen. Die Thiere kommen in drei
Tagen aus den Llanos in den Hafen, waehrend sie wegen der Gebirgskette des
Bergantin und des Imposible nach Cumana acht bis neun brauchen. Nach den
Angaben, die ich mir verschaffen konnte, wurden in den Jahren 1799 und
1800 in Barcelona 8000, in Porto-Cabello 6000, in Carupano 3000 Maulthiere
nach den spanischen, englischen und franzoesischen Inseln eingeschifft. Wie
viele aus Burburata, Coro und aus den Muendungen des Guarapiche und Orinoco
ausgefuehrt werden, weiss ich nicht genau; aber trotz der Einfluesse, durch
welche die Zahl der Thiere in den Llanos von Cumana, Barcelona und Caracas
herabgebracht worden ist, muessen, nach meiner Schaetzung, diese
unermesslichen Steppen damals nicht unter 30,000 Maulthieren jaehrlich in
den Handel mit den Antillen gebracht haben. Jedes Maulthier zu 26 Piaster
(Kaufpreis) gerechnet, bringt also dieser Handelszweig allein gegen
3,700,000 Franken ein, abgesehen vom Gewinn durch die Schiffsfracht. De
Pons, der sonst in seinen statistischen Angaben sehr genau ist, gibt
kleinere Zahlen an. Da er nicht selbst die Llanos besuchen konnte, und da
er als Agent der franzoesischen Regierung sich fortwaehrend in der Stadt
Caracas aufhalten musste, so moegen die Besitzer der *Hatos* bei den
Schaetzungen, die sie ihm mittheilten, zu niedrig gegriffen haben.

Wir gingen am rechten Ufer des Neveri ans Land und bestiegen ein kleines
Fort, el Morro de Barcelona, das 60--70 Toisen ueber dem Meere liegt. Es
ist ein erst seit Kurzem befestigter Kalkfels. Er wird gegen Sued von einem
weit hoeheren Berge beherrscht, und Sachverstaendige behaupten, es koennte
dem Feind, nachdem er zwischen der Muendung des Flusses und dem Morro
gelandet, nicht schwer werden, diesen zu umgehen und auf den umliegenden
Hoehen Batterien zu errichten. Vergebens warteten wir auf Nachricht ueber
die englischen Kreuzer, die laengs der Kuesten stationirt waren. Zwei
unserer Reisegefaehrten, Brueder des Marquis del Toro in Caracas, kamen aus
Spanien, wo sie in der koeniglichen Garde gedient hatten. Es waren sehr
gebildete Officiere, und sie kehrten jetzt nach langer Abwesenheit mit dem
Brigadegeneral de Carigal und dem Grafen Tovar in ihr Heimathland zurueck.
Ihnen musste noch mehr als uns davor bangen, aufgebracht und nach Jamaica
gefuehrt zu werden. Ich hatte keine Paesse von der Admiralitaet; aber im
Vertrauen auf den Schutz, den die grossbritannische Regierung Reisenden
gewaehrt, die bloss wissenschaftliche Zwecke verfolgen, hatte ich gleich
nach meiner Ankunft in Cumana an den Gouverneur der Insel Trinidad
geschrieben und ihm mitgetheilt, was ich in diesen Laendern suchte. Die
Antwort, die mir ueber den Meerbusen von Paria zukam, war sehr
befriedigend.

Kurz bevor wir am 19. November Mittags unter Segel gingen, nahm ich
Mondshoehen auf, um die Laenge des Morro zu bestimmen. Die Meridiane von
Cumana und von Barcelona, in welch letzterer Stadt ich im Jahr 1800 sehr
viele astronomische Beobachtungen anstellte, liegen 34 Minuten 48 Secunden
aus einander. Ich habe mich ueber diese Entfernung, ueber die damals viele
Zweifel herrschten, anderswo ausgesprochen. Die Inclination der
Magnetnadel fand ich gleich 42 deg.,20; 224 Schwingungen gaben die Intensitaet
der magnetischen Kraft an.

Vom Morro de Barcelona bis zum Vorgebirge Codera senkt sich das Land und
zieht sich gegen Sueden zurueck; es streicht mit gleicher Wassertiefe drei
Seemeilen weit in das Meer hinaus. Jenseits dieser Linie ist das Wasser
25--30 Faden tief. Die Temperatur des Meeres an der Oberflaeche war 25 deg.,9,
als wir aber durch den schmalen Kanal zwischen den beiden Inseln Piritu
mit drei Faden Tiefe liefen, zeigte der Thermometer nur noch 24 deg.,5. Der
Unterschied zeigte sich bestaendig; er waere vielleicht bedeutender, wenn
die Stroemung, die rasch nach West zieht, tieferes Wasser heraufbraechte,
und wenn nicht in einer so engen Durchfahrt das Land zur Erhoehung der
Meerestemperatur mitwirkte. Die Inseln Piritu gleichen den Baenken, die bei
der Ebbe ueber Wasser kommen. Sie erheben sich nur 8--9 Zoll ueber den
mittleren Wasserstand. Ihre Oberflaeche ist voellig eben und mit Gras
bewachsen, und man meint eine unserer nordischen Wiesen vor sich zu haben.
Die Scheibe der untergehenden Sonne schien wie ein Feuerball ueber der
Grasflur zu haengen. Ihre letzten, die Erde streifenden Strahlen
beleuchteten die Grasspitzen, die der Abendwind stark hin und her wiegte.
Wenn aber auch in der heissen Zone an tiefen, feuchten Orten Graeser und
Riedgraeser sich wie eine Wiese oder ein Rasen ausnehmen, so fehlt dem
Bilde doch immer eine Hauptzierde, ich meine die mancherlei Wiesenblumen,
die nur eben ueber die Graeser emporragen und sich vom ebenen gruenen Grunde
abheben. Bei der Kraft und Ueppigkeit der ganzen Vegetation ist unter den
Tropen ein solcher Trieb in den Gewaechsen, dass die kleinsten
dicotyledonischen Pflanzen gleich zu Straeuchern werden. Man koennte sagen,
die Liliengewaechse, die unter den Graesern wachsen, vertreten unsere
Wiesenblumen. Sie fallen allerdings durch ihre Bildung stark ins Auge, sie
nehmen sich durch die Mannigfaltigkeit und den Glanz ihrer Farben sehr gut
aus, aber sie wachsen zu hoch und lassen so das harmonische Verhaeltniss
nicht aufkommen, das zwischen den Gewaechsen besteht, die bei uns den Rasen
und die Wiese bilden. Die guetige Natur verleiht unter allen Zonen der
Landschaft einen ihr eigenthuemlichen Reiz des Schoenen.

Man darf sich nicht wundern, dass fruchtbare Inseln so nahe der Kueste
gegenwaertig unbewohnt sind. Nur in der ersten Zeit der Eroberung, als die
Caraiben, die Chaymas und Cumanagotos noch Herrn der Kuesten waren,
gruendeten die Spanier auf Cubagua und Margarita Niederlassungen. Sobald
die Eingeborenen unterworfen oder suedwaerts den Savanen zu gedraengt waren,
liess man sich lieber auf dem Festlande nieder, wo man die Wahl hatte unter
Laendereien und Indianern, die man wie Lastthiere behandeln konnte. Laegen
die kleinen Eilande Tortuga, Blanquilla und Orchilla mitten im Archipel
der Antillen, so waeren sie nicht unangebaut geblieben.

Schiffe mit bedeutendem Tiefgang fahren zwischen Terra Firma und der
suedlichsten der Piritu-Inseln. Da dieselben sehr niedrig sind, so ist ihre
Nordspitze von den Schiffern, die in diesen Strichen dem Lande zufahren,
sehr gefuerchtet. Als wir uns westlich vom Morro von Barcelona und der
Muendung des Rio Unare befanden, wurde das Meer, das bisher sehr still
gewesen, immer unruhiger, je naeher wir Cap Codera kamen. Der Einfluss
dieses grossen Vorgebirges ist in diesem Striche des Meeres der Antillen
weithin fuehlbar. Die Dauer der Ueberfahrt von Cumana nach Guayra haengt
davon ab, ob man mehr oder weniger leicht um Cabo Codera herumkommt.
Jenseits dieses Caps ist die See bestaendig so unruhig, dass man nicht mehr
an der Kueste zu seyn glaubt, wo man (von der Spitze von Paria bis zum
Vorgebirge San Romano) gar nichts von Stuermen weiss. Der Stoss der Wellen
wurde auf unserem Fahrzeug schwer empfunden. Meine Reisegefaehrten litten
sehr; ich aber schlief ganz ruhig, da ich, ein ziemlich seltenes Glueck,
nie seekrank werde. Es windete stark die Nacht ueber. Bei Sonnenaufgang am
20. November waren wir so weit, dass wir hoffen konnten das Cap in wenigen
Stunden zu umschiffen, und wir gedachten noch am selben Tage nach Guayra
zu kommen; aber unser Schiffer bekam wieder Angst vor den Capern, die dort
vor dem Hafen lagen. Es schien ihm gerathen, sich ans Land zu machen, im
kleinen Hafen Higuerote, ueber den wir schon hinaus waren, vor Anker zu
gehen und die Nacht abzuwarten, um die Ueberfahrt fortzusetzen. Wenn man
Leuten, die seekrank sind, vom Landen spricht, so weiss man zum voraus,
wofuer sie stimmen. Alle Vorstellungen halfen nichts, man musste nachgeben,
und schon um neun Uhr Morgens am 20. November lagen wir auf der Rhede in
der Bucht von Higuerote, westwaerts von der Muendung des Rio Capaya.

Wir fanden daselbst weder Dorf noch Hof, nur zwei oder drei von armen
Fischern, Mestizen, bewohnte Huetten. Ihre gelbe Gesichtsfarbe und die
auffallende Magerkeit der Kinder mahnten daran, dass diese Gegend eine der
ungesundesten, den Fiebern am meisten unterworfenen auf der ganzen Kueste
ist. Die See ist hier so seicht, dass man in der kleinsten Barke nicht
landen kann, ohne durch das Wasser zu gehen. Die Waelder ziehen sich bis
zum Strande herunter, und diesen ueberzieht ein dichtes Buschwerk von
sogenannten Wurzeltraegern, Avicennien, Manschenillbaeumen und der neuen Art
der Gattung Suriana, die bei den Eingeborenen _'Romero de la mar'_ heisst.
Diesem Buschwerk, besonders aber den Ausduenstungen der Wurzeltraeger oder
Manglebaeume, schreibt man es hier, wie ueberall in beiden Indien, zu, dass
die Luft so ungesund ist. Beim Landen kam uns auf 15--20 Klafter ein
fader, suesslicher Geruch entgegen, aehnlich dem, den in verlassenen
Bergwerksstollen, wo die Lichter zu verloeschen anfangen, das mit Schimmel
ueberzogene Zimmerwerk verbreitet. Die Lufttemperatur stieg auf 34 Grad in
Folge der Reverberation des weissen Sandes, der sich zwischen dem Buschwerk
und den hochgipfligten Waldbaeumen hinzog. Da der Boden einen ganz
unbedeutenden Fall hat, so werden, so schwach auch Ebbe und Fluth hier
sind, dennoch die Wurzeln und ein Theil des Stammes der Manglebaeume bald
unter Wasser gesetzt, bald trocken gelegt. Wenn nun die Sonne das nasse
Holz erhitzt und den schlammigten Boden, die abgefallenen zersetzten
Blaetter und die im angeschwemmten Seetang haengenden Weichthiere gleichsam
in Gaehrung versetzt, da bilden sich wahrscheinlich die schaedlichen Gase,
die sich der chemischen Untersuchung entziehen. Auf der ganzen Kueste zeigt
das Seewasser da, wo es mit den Manglebaeumen in Beruehrung kommt, eine
braungelbe Faerbung.

Dieser Umstand fiel mir auf und ich sammelte daher in Higuerote ein
ziemliches Quantum Wurzeln und Zweige, um gleich nach der Ankunft in
Caracas mit dem Aufguss des Mangleholzes einige Versuche anzustellen. Der
Aufguss mit heissem Wasser war braun, hatte einen zusammenziehenden
Geschmack und enthielt ein Gemisch von Extractivstoff und Gerbstoff. Die
Rhizophora, der Guy, der Kornelkirschbaum, alle Pflanzen aus den
natuerlichen Familien der Lorantheen und Caprifoliaceen haben dieselben
Eigenschaften. Der Aufguss des Manglebaums wurde unter einer Glocke zwoelf
Tage lang mit atmosphaerischer Luft in Beruehrung gebracht; die Reinheit
derselben ward dadurch nicht merkbar vermindert. Es bildete sich ein
kleiner flockigter, schwaerzlichter Bodensatz, aber eine merkbare
Absorption von Sauerstoff fand nicht statt. Holz und Wurzeln des
Manglebaums wurden unter Wasser der Sonne ausgesetzt; ich wollte dabei
nachahmen, was in der Natur auf der Kueste bei steigender Fluth taeglich
vorgeht. Es entwickelten sich Luftblasen, die nach Verlauf von zehn Tagen
ein Volumen von 33 Cubikzoll bildeten. Es war ein Gemisch von Stickstoff
und Kohlensaeure; Salpetergas zeigte kaum eine Spur von Sauerstoff an.
Endlich liess ich in einer Flasche mit eingeriebenem Stoepsel eine bestimmte
Menge stark benetzter Manglewurzeln auf atmosphaerische Luft einwirken.
Aller Sauerstoff verschwand, und derselbe war keineswegs durch
kohlensaures Gas ersetzt, denn das Kalkwasser zeigte von diesem nur
0,02 an. Ja die Verminderung des Volumens war bedeutender, als dem
absorbirten Sauerstoff entsprach. Nach dieser nur noch fluechtigen
Untersuchung war ich der Ansicht, dass die Luft in den Manglegebueschen
durch das nasse Holz und die Rinde zersetzt wird, nicht durch die stark
gelb gefaerbte Schichte Seewasser, die laengs der Kueste einen deutlichen
Streif bildet. In allen Graden der Zersetzung der Holzfaser habe ich nie,
auch nur in Spuren, Schwefelwasserstoff sich entwickeln sehen, dem manche
Reisende den eigenthuemlichen Geruch unter den Manglebaeumen zuschreiben.
Durch die Zersetzung der schwefelsauren Erden und Alkalien und ihren
Uebergang in schwefligtsaure Verbindungen wird ohne Zweifel aus manchen
Strand- und Seegewaechsen, wie aus den Tangen, Schwefelwasserstoff
entbunden; ich glaube aber vielmehr, dass Rhizophora, Avicennia und
Conocarpus die Luft besonders durch den thierischen Stoff verderben, den
sie neben dem Gerbstoff enthalten. Diese Straeucher gehoeren zu den drei
natuerlichen Familien der Lorantheen, Combretaceen und Pyrenaceen, die
reich sind an adstringirendem Stoff, und ich habe schon oben bemerkt, dass
dieser Stoff selbst in der Rinde unserer Buchen, Erlen und Nussbaeume mit
Gallerte verbunden ist.

Uebrigens wuerde dichtes Buschwerk auf schlammigtem Boden schaedliche
Ausduenstungen Verbreiten, wenn es auch aus Baeumen bestaende, die an sich
keine der Gesundheit nachtheiligen Eigenschaften haben. Ueberall wo
Manglebaeume am Meeresufer wachsen, ziehen sich zahllose Weichthiere und
Insekten an den Strand. Diese Thiere lieben Beschattung und Zwielicht, und
im dicken, verschlungenen Wurzelwerk, das wie ein Gitter ueber dem Wasser
steht, finden sie Schutz gegen den Wellenschlag. Die Schaalthiere heften
sich an das Gitter, die Crabben verkriechen sich in die hohlen Staemme, der
Tang, den Wind und Fluth an die Kuesten treiben, bleibt an den sich zum
Boden niederneigenden Zweigen haengen. Auf diese Weise, indem sich der
Schlamm zwischen den Wurzeln anhaeuft, wird durch die Kuestenwaelder das
feste Land allgemach vergroessert; aber waehrend sie so der See Boden
abgewinnen, nimmt dennoch ihre Breite fast nicht zu. Im Maass, als sie
vorruecken, gehen sie auch zu Grunde. Die Manglebaeume und die andern
Gewaechse, die immer neben ihnen vorkommen, gehen ein, sobald der Boden
trocken wird und sie nicht mehr im Salzwasser stehen. Ihre alten, mit
Schaalthieren bedeckten, halb im Sand begrabenen Staemme bezeichnen nach
Jahrhunderten den Weg, den sie bei ihrer Wanderung eingeschlagen, und die
Grenze des Landstrichs, den sie dem Meere abgewonnen.

Die Bucht von Higuerote ist sehr guenstig gelegen, um das Vorgebirge
Codera, das sechs Seemeilen weit in seiner ganzen Breite vor einem
daliegt, genau zu betrachten. Es imponirt mehr durch seine Masse als durch
seine Hoehe, die mir nach Hoehenwinkeln, die ich am Strande gemessen, nicht
ueber 200 Toisen zu betragen schien. Nach Nord, Ost und West faellt es steil
ab, und man meint an diesen grossen Profilen die fallenden Schichten zu
unterscheiden. Die Schichten zunaechst bei der Bucht strichen Nord 60 deg. West
und fielen unter 80 deg. nach Nordwest. Am grossen Berge Silla und oestlich von
Maniquarez auf der Landenge von Araya sind Streichung und Fall dieselben,
und daraus scheint hervorzugehen, dass die Urgebirgskette dieser Landenge,
die auf eine Strecke von 25 Meilen (zwischen den Meridianen von Maniquarez
und Higuerote) vom Meere zerrissen oder verschlungen worden, im Cap Codera
wieder auftritt und gegen West als Kuestenkette fortstreicht.

Meinen Reisegefaehrten war bei der hochgehenden See vor dem Schlingern
unseres kleinen Schiffes so bange, dass sie beschlossen, den Landweg von
Higuerote nach Caracas einzuschlagen; derselbe fuehrt durch ein wildes,
feuchtes Land, durch die Montana de Capaja noerdlich von Caucagua, durch
das Thal des Rio Guatire und des Guarenas. Es war mir lieb, dass auch
Bonpland diesen Weg waehlte, auf dem er trotz des bestaendigen Regens und
der ausgetretenen Fluesse viele neue Pflanzen zusammenbrachte. Ich selbst
ging mit dem indianischen Steuermann allein zur See weiter; es schien mir
zu gewagt, die Instrumente, die uns an den Orinoco begleiten sollten, aus
den Augen zu lassen.

Wir gingen mit Einbruch der Nacht unter Segel. Der Wind war nicht sehr
guenstig und wir hatten viele Muehe, um Cap Codera herum zu kommen; die
Wellen waren kurz und brachen sich haeufig in einander; es gehoerte die
Erschoepfung durch einen furchtbar heissen Tag dazu, um in einem kleinen,
dicht am Wind segelnden Fahrzeug schlafen zu koennen. Die See ging um so
hoeher, als der Wind bis nach Mitternacht der Stroemung entgegen blies. Der
zwischen den Wendekreisen ueberall bemerkliche Zug des Wassers gegen Westen
ist an diesen Kuesten nur waehrend zwei Drittheilen des Jahrs deutlich zu
spueren; in den Monaten September, October und November kommt es oft vor,
dass die Stroemung vierzehn Tage, drei Wochen lang nach Osten geht. Schon
oefter konnten Schiffe auf der Fahrt nach Guayra oder Porto Cabello die
Stroemung, die von West nach Ost ging, nicht bewaeltigen, obgleich sie den
Wind von hinten hatten. Die Ursache dieser Unregelmaessigkeiten ist bis
jetzt nicht bekannt; die Schiffer schreiben sie Stuermen aus Nordwest im
Golf von Mexico zu, aber diese Stuerme sind im Fruehjahr weit staerker als im
Herbst. Bemerkenswerth ist dabei auch, dass die Stroemung nach Osten geht,
bevor der Seewind sich aendert; sie tritt bei Windstille ein, und erst nach
einigen Tagen geht auch der Wind der Stroemung nach und blaest bestaendig aus
West. Waehrend dieser Vorgaenge bleiben die kleinen Schwankungen des
Barometers auf und ab in ihrer Regelmaessigleit durchaus ungestoert.

Mit Sonnenaufgang am 21. November befanden wir uns westwaerts vom Cap
Codera dem Curuao gegenueber. Der indianische Steuermann erschrack nicht
wenig, als sich nordwaerts in der Entfernung einer Seemeile eine englische
Fregatte blicken liess. Sie hielt uns wahrscheinlich fuer eines der
Fahrzeuge, die mit den Antillen Schleichhandel trieben und -- denn Alles
organisirt sich mit der Zeit -- vom Gouverneur von Trinidad unterzeichnete
Lizenzscheine fuehrten. Sie liess uns durch das Boot, das auf uns zuzukommen
schien, nicht einmal anrufen. Vom Cap Codera an ist die Kueste felsigt und
sehr hoch, und die Ansichten, die sie bietet, sind zugleich wild und
malerisch. Wir waren so nahe am Land, dass wir die zerstreuten von
Cocospalmen umgebenen Huetten unterschieden und die Massen von Gruen sich
vom braunen Grunde des Gesteins abheben sahen. Ueberall fallen die Berge
drei, viertausend Fuss hoch steil ab; ihre Flanken werfen breite
Schlagschatten ueber das feuchte Land, das sich bis zur See ausbreitet und
geschmueckt mit frischem Gruen daliegt. Auf diesem Uferstrich wachsen
grossentheils die tropischen Fruechte, die man auf den Maerkten von Caracas
in so grosser Menge sieht. Zwischen dem Camburi und Niguatar ziehen sich
mit Zuckerrohr und Mais bestellte Felder in enge Thaeler hinauf, die
Felsspalten gleichen. Die Strahlen der noch nicht hoch stehenden Sonne
fielen hinein und bildeten die anziehendsten Contraste von Licht und
Schatten.

Der Niguatar und die Silla bei Caracas sind die hoechsten Gipfel dieser
Kuestenkette. Ersterer ist fast so hoch als der Canigu in den Pyrenaeen; es
ist als stiegen die Pyrenaeen oder die Alpen, von ihrem Schnee entbloest,
gerade aus dem Wasser empor, so gewaltig erscheinen einem die
Gebirgsmassen, wenn man sie zum erstenmal von der See aus erblickt. Bei
Caravalleda wird das bebaute Land breiter, Huegel mit sanftem Abhang
erscheinen und die Vegetation reicht sehr weit hinauf. Man baut hier viel
Zuckerrohr und die barmherzigen Brueder haben daselbst eine Pflanzung und
200 Sklaven. Die Gegend war frueher den Fiebern sehr ausgesetzt, und man
behauptet, die Luft sey gesuender geworden, seit man um einen Teich, dessen
Ausduenstungen man besonders fuerchtete, Baeume gepflanzt hat, so dass das
Wasser weniger dem Sonnenstrahl ausgesetzt ist. Westlich von Caravalleda
laeuft wieder eine nackte Felsmauer bis an die See vor, sie ist aber von
geringer Ausdehnung. Nachdem wir dieselbe umsegelt, lag das huebsch
gelegene Dorf Macuto vor uns, weiterhin die schwarzen Felsen von Guayra
mit ihren Batterien in mehreren Stockwerken ueber einander und in duftiger
Ferne ein langes Vorgebirge mit kegelfoermigen, blendend weissen
Bergspitzen, _Cabo blanco_. Cocosnussbaeume saeumen das Ufer und geben ihm
unter dem gluehenden Himmel den Anschein von Fruchtbarkeit.

Nach der Landung im Hafen von Guayra traf ich noch am Abend Anstalt, um
meine Instrumente nach Caracas schaffen zu lassen. Die Personen, denen ich
empfohlen war, riethen mir, nicht in der Stadt zu schlafen, wo das gelbe
Fieber erst seit wenigen Wochen aufgehoert hatte, sondern ueber dem Dorfe
Maiquetia in einem Hause auf einer kleinen Anhoehe, das dem kuehlen Luftzug
mehr ausgesetzt war als Guayra. Am 21. Abends kam ich in Caracas an, vier
Tage frueher als meine Reisegefaehrten, die auf dem Landweg zwischen Capaya
und Curiepe durch die starken Regenguesse und die ausgetretenen Bergwasser
viel auszustehen gehabt hatten. Um nicht oefters auf dieselben Gegenstaende
zurueckzukommen, schliesse ich der Beschreibung der Stadt Guayra und des
merkwuerdigen Weges, der von diesem Hafen nach Caracas fuehrt, alle
Beobachtungen an, die Bonpland und ich auf einem Ausflug nach Cabo Blanco
zu Ende Januars 1800 gemacht. Da Depons die Gegend nach mir besucht hat,
sein lehrreiches Werk aber vor dem meinen erschienen ist, so lasse ich
mich auf eine naehere Beschreibung der Gegenstaende, die er ausfuehrlich
behandelt hat, nicht ein.

Guayra ist vielmehr eine Rhede als ein Hafen; das Meer ist immer unruhig
und die Schiffe werden vom Wind, von den Sandbaenken, vom schlechten
Ankergrund und den Bohrwuermern(18) zumal gefaehrdet. Das Laden ist mit
grossen Schwierigkeiten verbunden und wegen des starken Wellenschlags kann
man hier nicht, wie in Nueva Barcelona und Porto Cabello, Maulthiere
einschiffen. Die freien Neger und Mulatten, welche den Cacao an Bord der
Schiffe bringen, sind ein Menschenschlag von ungemeiner Muskelkraft. Sie
waten bis zu halbem Leibe durch das Wasser, und was sehr merkwuerdig ist,
sie haben von den Haisischen, die in diesem Hafen so haeufig sind, nichts
zu fuerchten. Dieser Umstand scheint auf denselben Momenten zu beruhen, wie
die Beobachtung, die ich unter den Tropen haeufig an Thieren aus andern
Klassen, die in Rudeln leben, wie an Affen und Crokodilen, gemacht habe.
In den Missionen am Orinoco und am Amazonenstrome wissen die Indianer, die
Affen zum Verkauf fangen, ganz gut, dass die von gewissen Inseln leicht zu
zaehmen sind, waehrend Affen derselben Art, die auf dem benachbarten
Festland gefangen werden, aus Zorn oder Angst zu Grunde gehen, sobald sie
sich in der Gewalt des Menschen sehen. Die Crokodile aus der einen Lache
in den Llanos sind feig und ergreifen sogar im Wasser die Flucht, waehrend
die aus einer andern Lache aeusserst unerschrocken angreifen. Aus den aeussern
Verhaeltnissen der Oertlichkeiten waere diese Verschiedenheit in Gemuethsart
und Sitten nicht leicht zu erklaeren. Mit den Haifischen im Hafen von
Guayra scheint es sich aehnlich zu verhalten. Bei den Inseln gegenueber der
Kueste von Caracas, bei Noques, Bonayre und Curacao, sind sie gefaehrlich
und blutgierig, waehrend sie Badende in den Haefen von Guayra und Santa
Marta nicht anfallen. Das Volk greift, um die Erklaerung der
Naturerscheinungen zu vereinfachen, ueberall zum Wunderbaren, und so glaubt
es denn, an den genannten zwei Orten habe ein Bischof den Haien den Segen
ertheilt.

Guayra ist ganz eigenthuemlich gelegen; es laesst sich nur mit Santa Cruz auf
Teneriffa vergleichen. Die Bergkette zwischen dem Hafen und dem
hochgelegenen Thal von Caracas stuerzt fast unmittelbar in die See ab und
die Haeuser der Stadt lehnen sich an eine schroffe Felswand. Zwischen
dieser Wand und der See bleibt kaum ein 100--140 Toisen breiter ebener
Raum. Die Stadt hat 6--8000 Einwohner und besteht nur aus zwei Strassen,
die neben einander von Ost nach West laufen. Sie wird von der Batterie auf
dem Cerro Colorado beherrscht und die Werke an der See sind gut angelegt
und wohl erhalten. Der Anblick des Orts hat etwas Vereinsamtes,
Truebseliges; man meint nicht auf einem mit ungeheuren Waeldern bedeckten
Festland zu seyn, sondern auf einer felsigten Insel ohne Dammerde und
Pflanzenwuchs. Ausser Cabo Blanco und den Cocosnussbaeumen von Maiquetia,
besteht die ganze Landschaft aus dem Meereshorizont und dem blauen
Himmelsgewoelbe. Bei Tag ist die Hitze erstickend, und meistens auch bei
Nacht. Das Klima von Guayra gilt mit Recht fuer heisser als das von Cumana,
Porto Cabello und Coro, weil der Seewind schwaecher ist und durch die
Waerme, welche nach Sonnenuntergang von den senkrechten Felsen ausstrahlt,
die Luft erhitzt wird. Man machte sich uebrigens von der Luftbeschassenheit
dieses Ortes und des ganzen benachbarten Kuestenlandes eine unrichtige
Vorstellung, wenn man nur die Temperaturen, wie der Thermometer sie
angibt, vergleichen wollte. Eine stockende, in einer Bergschlucht
eingeschlossene, mit nackten Felsmassen in Beruehrung stehende Luft wirkt
auf unsere Organe ganz anders als eine gleich warme Luft in offener
Gegend. Ich bin weit entfernt, die physische Ursache dieses Unterschieds
nur in der verschiedenen elektrischen Ladung der Luft zu suchen, muss aber
doch bemerken, dass ich etwas westlich von Guayra gegen Macuto zu, weit weg
von den Haeusern und ueber 300 Toisen von den Gneissfelsen, mehrere Tage lang
kaum schwache Spuren von positiver Elektricitaet bemerken konnte, waehrend
in Cumana in denselben Nachmittagsstunden und am selben mit rauchendem
Docht versehenen Voltaschen Elektrometer die Fliedermarkkuegelchen 1--2
Linien auseinander gegangen waren. Ich verbreite mich weiter unten ueber
die regelmaessigen taeglichen Schwankungen in der elektrischen Spannung der
Luft unter den Tropen, ein Verhaeltniss, das mit den Schwankungen in der
Temperatur und mit dem Sonnenstand in auffallendem Zusammenhang steht.

Die von einem ausgezeichneten Arzt in Guayra neun Monate lang angestellten
thermometrischen Beobachtungen, von denen ich Einsicht bekam, setzten mich
in Stand, das Klima dieses Hafens mitdem von Cumana, Havana und Vera Cruz
zu vergleichen. Diese Vergleichung erscheint um so interessanter, als der
Gegenstand in den spanischen Colonien und unter den Seeleuten, die diese
Laender besuchen, ein unerschoepflicher Stoff der Unterhaltung ist. Da in
diesem Falle das Zeugniss der Sinne ungemein leicht taeuscht, so laesst sich
ueber die Verschiedenheit von Klimaten nur nach Zahlenverhaeltnissen
urtheilen.

Die vier eben genannten Orte gelten fuer die heissesten auf dem Kuestenstrich
der neuen Welt; ihre Vergleichung mag dazu dienen, die schon oefters von
uns gemachte Bemerkung zu bestaetigen, dass im Allgemeinen nur das lange
Anhalten einer hohen Temperatur, nicht die uebermaessige Hitze oder die
absolute Waermemenge den Bewohnern der heissen Zone laestig wird.

Das Mittel aus den Beobachtungen um Mittag vom 27. Juni bis 16. November
war in Guayra 31 deg.,6 des hunderttheiligen Thermometers, in Cumana 29 deg.,3, in
Vera Cruz 28 deg.,7, in der Havana 29 deg.,5. Die taeglichen Abweichungen betrugen
zur selben Stunde nicht leicht ueber 0 deg.,8--1 deg.,4. Waehrend dieser ganzen Zeit
regnete es nur viermal, und nur 7--8 Minuten lang. Diess ist der Zeitpunkt,
wo das gelbe Fieber herrscht, das in Guayra, wie in Vera Cruz und auf der
Insel St. Vincent, gemeiniglich aufhoert, sobald die Tagestemperatur auf
24--25 Grad herabgeht. Die mittlere Temperatur des heissesten Monats war in
Guayra etwa 29 deg.,3, in Cumana 29 deg.,1, in Vera Cruz 27 deg.,7, in Cairo, nach
Rouet, 29 deg.,9, in Rom 25 deg.,0. Vom 16. November bis 19. December war die
mittlere Temperatur in Guayra um Mittag nur 24 deg.,3, bei Nacht 21 deg.,6. Um
diese Zeit leidet man immer am wenigsten von der Hitze. Ich glaube
uebrigens, dass man den Thermometer (kurz vor Sonnenaufgang) nicht unter 21 deg.
fallen sieht; in Cumana faellt er zuweilen auf 21 deg.,2, in Vera Cruz auf 16 deg.,
in der Havana (immer nur bei Nordwind) auf 8 deg. und selbst darunter. Die
mittlere Temperatur des kaeltesten Monats ist an diesen vier Orten: 23 deg.,2,
26 deg.,8, 21 deg., 21 deg.,0; in Cairo 13 deg.,4. Das Mittel der ganzen Jahrestemperatur
ist, nach guten, sorgfaeltig berechneten Beobachtungen, in Guayra ungefaehr
28 deg.,1, in Cumana 27 deg.,7, in Vera Cruz 25 deg.,4, in der Havana 25 deg.,6, in Rio
Janeiro 23 deg.,5, in Santa Cruz auf Teneriffa, unter 28 deg. 28{~PRIME~} der Breite, aber
wie Guayra an eine Felswand gelehnt, 21 deg.,9, in Cairo 22 deg.,4, in
Rom 15 deg.,8.(19)

Aus diesen Beobachtungen geht hervor, dass Guayra einer der heissesten Orte
der Erde ist, dass die Summe der Waerme, welche derselbe im Laufe eines
Jahres erhaelt, etwas groesser ist als in Cumana, dass sich aber in den
Monaten November, December und Januar (bei gleichem Abstand von den zwei
Durchgaengen der Sonne durch das Zenith der Stadt) die Luft in Guayra
staerker abkuehlt. Sollte diese Abkuehlung, die weit unbedeutender ist, als
die fast zur selben Zeit in Vera Cruz und in der Havana eintretende, nicht
von der westlicheren Lage von Guayra herruehren? Das Luftmeer, das fuer den
oberflaechlichen Blick nur Eine Masse bildet, wird durch Stroemungen bewegt,
deren Grenzen durch unabaenderliche Gesetze bestimmt sind. Die Temperatur
desselben aendert sich in mannigfacher Weise nach der Gestalt der Laender
und der Meere, auf denen es ruht. Man kann es in verschiedene Becken
abtheilen, die sich in einander ergiessen, und wovon die unruhigsten (wie
das ueber dem Golf von Mexico oder zwischen der Sierra Santa Martha und dem
Meerbusen von Darien) merkbaren Einfluss auf Erkaeltung und Bewegung der
benachbarten Luftsaeulen aeussern. Die Nordwinde verursachen zuweilen im
suedwestlichen Strich des Meeres der Antillen Stauungen und
Gegenstroemungen, die in gewissen Monaten die Temperatur bis zu Terra Firma
hin herabdruecken.

Waehrend meines Aufenthalts in Guayra kannte man die Geissel des gelben
Fiebers, der _calentura amarilla_ erst seit zwei Jahren; auch war die
Sterblichkeit nicht bedeutend gewesen, da die Kueste von Caracas weit
weniger von Fremden besucht war als die Havana und Vera Cruz. Man hatte
hie und da Leute, selbst Creolen und Farbige, ploetzlich an gewissen
unregelmaessig remittirenden Fiebern sterben sehen, die durch galligte
Complication, durch Blutungen und andere gleich bedenkliche Symptome
einige Aehnlichkeit mit dem gelben Fieber zu haben schienen. Es waren
meist Menschen, die das anstrengende Geschaeft des Holzfaellens trieben, zum
Beispiel in den Waeldern bei dem kleinen Hafen von Capurano oder am
Meerbusen von Santa Fe, westlich von Cumana. Ihr Tod setzte haeufig in
Staedten, die fuer sehr gesund galten, nicht acclimatisirte Europaeer in
Schrecken, aber die Keime der Krankheit, von denen sie sporadisch befallen
worden, pflanzten sich nicht fort. Auf den Kuesten von Terra Firma war der
eigentliche amerikanische Typhus, _vomito prieto_ (schwarzes Erbrechen)
und gelbes Fieber genannt, der als eine Krankheitsform _sui generis_ zu
betrachten ist, nur in Porto Cabello, in Cartagena das Indias und in Santa
Martha bekannt, wo ihn Castelbondo schon im Jahr 1729 beobachtet und
beschrieben hat. Die kuerzlich gelandeten Spanier und die Bewohner des
Thales von Caracas scheuten damals den Aufenthalt in Guayra nicht; man
beklagte sich nur ueber die drueckende Hitze, die einen grossen Theil des
Jahres herrschte. Setzte man sich unmittelbar der Sonne aus, so hatte man
hoechstens die Haut- und Augenentzuendungen zu befuerchten, die fast ueberall
in der heissen Zone vorkommen und die haeufig von Fieberbewegungen und
Congestionen gegen den Kopf begleitet sind. Viele zogen dem kuehlen, aber
aeusserst veraenderlichen Klima von Caracas das heisse, aber bestaendige von
Guayra vor; von ungesunder Luft in diesem Hafen war fast gar nicht die
Rede.

Seit dem Jahr 1797 ist Alles anders geworden. Der Hafen wurde auch andern
Handelsfahrzeugen als denen des Mutterlandes geoeffnet. Matrosen aus
kaelteren Laendern als Spanien, und daher empfindlicher fuer die klimatischen
Einfluesse der heissen Zone, fingen an mit Guayra zu verkehren. Da brach das
gelbe Fieber aus; vom Typhus befallene Nordamerikaner wurden in den
spanischen Spitaelern aufgenommen; man war rasch bei der Hand mit der
Behauptung, sie haben die Seuche eingeschleppt und sie sey an Bord einer
aus Philadelphia kommenden Brigantine ausgebrochen gewesen, ehe diese auf
die Rhede gekommen. Der Capitaen der Brigantine stellte solches in Abrede
und behauptete, seine Matrosen haben die Krankheit keineswegs
eingeschleppt, sondern erst im Hafen bekommen. Nach den Vorgaengen in Cadix
im Jahr 1800 weiss man, wie schwer es ist, ueber Faelle ins Reine zu kommen,
die in ihrer Zweideutigkeit den entgegengesetztesten Theorien das Wort zu
sprechen schienen. Die gebildetsten Einwohner von Caracas und Guayra waren
ueber das Wesen der Ansteckung beim gelben Fieber getheilter Meinung, so
gut wie die Aerzte in Europa und in den Vereinigten Staaten, und beriefen
sich auf dasselbe amerikanische Schiff, die einen, um zu beweisen, dass der
Typhus von aussen gekommen, die andern, dass er im Lande selbst entstanden.
Die der letzteren Ansicht waren, nahmen an, dass das Austreten des Rio de
la Guayra eine Veraenderung der Luftbeschaffenheit herbeigefuehrt habe.
Dieses Wasser, das meist nicht zehn Zoll tief ist, schwoll nach
sechzigstuendigem Regen im Gebirge so furchtbar an, dass es Baumstaemme und
ansehnliche Felsbloecke mit sich fortriss. Das Wasser wurde 30--40 Fuss breit
und 10--12 tief. Man meinte, dasselbe sey aus seinem unterirdischen Becken
ausgebrochen, das sich mittelst Einsickerung des Wassers durch loses, neu
urbar gemachtes Erdreich gebildet. Mehrere Haeuser wurden von der Fluth
weggerissen und die Ueberschwemmung drohte den Magazinen um so mehr
Gefahr, als das Stadtthor, durch welches das Wasser allein abfliessen
konnte, sich zufaellig geschlossen hatte. Man musste in die Mauer der See zu
ein Loch schiessen; mehr als dreissig Menschen kamen ums Leben und der
Schaden wurde auf eine halbe Million Piaster angeschlagen. Das stehende
Wasser in den Magazinen, den Kellern und den Gewoelben des Gefaengnisses
mochte immerhin Miasmen in der Luft verbreiten, die als praedisponirende
Ursachen den Ausbruch des gelben Fiebers beschleunigt haben koennen;
indessen glaube ich, dass das Austreten des Rio de la Guayra so wenig die
erste Ursache desselben war, als die Ueberschwemmungen des Guadalquivir,
des Xenil und des Gual-Medina in den Jahren 1800 und 1804 die furchtbaren
Epidemien in Sevilla, Ecija und Malaga herbeigefuehrt haben. Ich habe das
Bett des Baches von Guayra genau untersucht und nichts gefunden als duerren
Boden und Bloecke von Glimmerschiefer und Gneiss mit eingesprengtem
Schwefelkies, die von der Sierra de Avila herunter kommen, aber nichts,
was die Luft haette verunreinigen koennen.

Seit den Jahren 1797 und 1798 (denselben, in denen in Philadelphia, Santa
Lucia und St. Domingo die Sterblichkeit so ungemein gross war) hat das
gelbe Fieber seine Verheerungen in Guayra fortgesetzt; es wuethete nicht
allein unter den frisch aus Spanien angekommenen Truppen, sondern auch
unter denen, die fern von der Kueste in den Llanos zwischen Calabozo und
Uritucu ausgehoben worden, also in einem Lande, das fast so heiss als
Guayra, aber gesund ist. Letzterer Umstand wuerde uns noch mehr auffallen,
wenn wir nicht wuessten, dass sogar Eingeborene von Vera Cruz, die zu Hause
den Typhus nicht bekommen, nicht selten in Epidemien in der Havana oder in
den Vereinigten Staaten Opfer desselben werden. Wie das schwarze Erbrechen
am Abhang der mexicanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro
(in 476 Toisen Meereshoehe), wo mit den Eichen ein kuehles, koestliches Klima
beginnt, eine unuebersteigliche Grenze findet, so geht das gelbe Fieber
nicht leicht ueber den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas
hinueber. Dieses Thal ist lange Zeit davon verschont geblieben, denn man
darf den _vomito_, das gelbe Fieber, nicht mit den atactischen und den
Gallenfiebern verwechseln. Der Cumbre und der Cerro de Avila sind eine
treffliche Schutzwehr fuer die Stadt Caracas, die etwas hoeher liegt als der
Encaro, die aber eine hoehere mittlere Temperatur hat als Xalapa.

Bonplands und meine Beobachtungen ueber die physischen Verhaeltnisse der
Staedte, welche periodisch von der Geissel des gelben Fiebers heimgesucht
werden, sind anderswo niedergelegt, und es ist hier nicht der Ort, neue
Vermuthungen ueber die Veraenderungen in der pathogonischen Constitution
mancher Staedte zu aeussern. Je mehr ich ueber diesen Gegenstand nachdenke,
desto raethselhafter erscheint mir alles, was auf die gasfoermigen Effluvien
Bezug hat, die man mit einem so vielsagenden Wort _'Keime der Ansteckung'_
nennt, und die sich in verdorbener Luft entwickeln, die durch die Kaelte
zerstoert werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Waenden der
Haeuser haften sollen. Wie will man erklaeren, dass in den achtzehn Jahren
vor 1794 in Vera Cruz nicht ein einziger Fall von "Vomito" vorkam,
obgleich der Verkehr mit nicht acclimatisirten Europaeern und Mexicanern
aus dem Innern sehr stark war, die Matrosen sich denselben Ausschweifungen
ueberliessen, ueber die man noch jetzt klagt, und die Stadt weniger reinlich
war, als sie seit dem Jahr 1800 ist?

Die Reihenfolge pathologischer Thatsachen, auf ihren einfachsten Ausdruck
gebracht, ist folgende. Wenn in einem Hafen des heissen Erdstrichs, der bis
jetzt bei den Seeleuten nicht als besonders ungesund verrufen war, viele
in kaelterem Klima geborene Menschen zugleich ankommen, so tritt der
amerikanische Typhus auf. Diese Menschen wurden nicht auf der Ueberfahrt
vom Typhus befallen, er bricht erst an Ort und Stelle unter ihnen aus. Ist
hier eine Veraenderung in der Luftconstitution eingetreten, oder hat sich
in Individuen mit sehr gesteigerter Reizbarkeit eine neue Krankheitsform
entwickelt?

Nicht lange, so fordert der Typhus seine Opfer auch unter andern, in
suedlicheren Laendern geborenen Europaeern. Theilt er sich durch Ansteckung
mit, so ist es zu verwundern, dass er in den Staedten des tropischen
Festlandes keineswegs sich an gewisse Strassen haelt, und dass die
unmittelbare Beruehrung der Kranken die Gefahr so wenig steigert, als
Absperrung sie vermindert. Kranke, welche weiter ins Land hinein,
namentlich an kuehlere, hoehere Orte geschafft werden, z. B. nach Xalapa,
stecken die Bewohner dieser Orte nicht an, sey es nun, weil die Krankheit
an sich nicht ansteckend ist, sey es, weil die praedisponirenden Ursachen,
die sich an der Kueste geltend machen, hier wegfallen. Nimmt die Temperatur
bedeutend ab, so hoert die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewoehnlich
auf. Mit Eintritt der heissen Jahreszeit, zuweilen weit frueher, faengt sie
wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen
und kein Schiff eingelaufen ist.

Der amerikanische Typhus scheint auf den Kuestenstrich beschraenkt, sey es
nun, weil die, welche ihn einschleppen, hier ans Land kommen und weil hier
die Waaren aufgehaeuft werden, an denen, wie man meint, giftige Miasmen
haften, oder weil sich am Meeresufer eigenthuemliche gasfoermige Effluvien
bilden. Das aeussere Ansehen der Orte, wo der Typhus wuethet, scheint oft die
Annahme eines oertlichen oder endemischen Ursprungs voellig auszuschliessen.
Man hat ihn auf den canarischen Inseln, auf den Bermudas, auf den kleinen
Antillen herrschen sehen, auf trockenem Boden, in Laendern, deren Klima
frueher fuer sehr gesund galt. Die Faelle von Verschleppung des gelben
Fiebers ins Binnenland sind in der heissen Zone sehr zweideutig; die
Krankheit kann leicht mit den remittirenden Gallenfiebern verwechselt
worden seyn. In der gemaessigten Zone dagegen, wo der amerikanische Typhus
entschiedener ansteckend auftritt, hat sich die Seuche unzweifelhaft weit
vom Uferland weg, sogar an sehr hochgelegene, frischen, trockenen Winden
ausgesetzte Orte verbreitet, so in Spanien nach Medina Sidonia, nach
Carlotta und in die Stadt Murcia. Diese Vielgestaltigkeit derselben Seuche
nach den verschiedenen Klimaten, nach der Gesammtheit der praedisponirenden
Ursachen, nach der laengeren oder kuerzeren Dauer, nach den Graden der
Boesartigkeit muss uns sehr vorsichtig machen, wenn es sich davon handelt,
den geheimen Ursachen des amerikanischen Typhus nachzugehen. Ein
einsichtsvoller Beobachter, der in den schrecklichen Epidemien der Jahre
1802 und 1803 Oberarzt in der Colonie St. Domingo war und die Krankheit
auf Cuba, in den Vereinigten Staaten und in Spanien kennen gelernt hat,
ist mit mir der Ansicht, dass der Typhus sehr oft ansteckend ist, aber
nicht immer.

Seit das gelbe Fieber in Guayra so furchtbare Verheerungen angerichtet,
hat man nicht verfehlt, die Unreinlichkeit des kleinen Orts zu
uebertreiben, wie man mit Vera Cruz und den Kais oder _warf_s von
Philadelphia gethan. An einem Ort, der auf sehr trockenem Boden liegt,
fast keinen Pflanzenwuchs hat, und wo in 7--8 Monaten kaum ein paar
Tropfen Regen fallen, koennen der Ursachen der sogenannten schaedlichen
Miasmen nicht eben sehr viele seyn. Die Strassen von Guayra schienen mir im
Allgemeinen ziemlich reinlich, ausgenommen den Stadttheil, wo die
Schlachtbaenke sind. Auf der Rhede ist nirgends eine Strandstrecke, wo sich
zersetzte Tange und Weichthiere anhaeufen, aber die benachbarte Kueste nach
Osten, dem Cap Codera zu, also unter dem Winde von Guayra, ist aeusserst
ungesund. Wechselfieber, Faul- und Gallenfieber kommen in Macuto und
Caravalleda haeufig vor, und wenn von Zeit zu Zeit der Seewind dem Westwind
Platz macht, so kommt aus der kleinen Bucht Catia, deren wir in der Folge
oft zu gedenken haben werden, trotz der Schutzwehr des Cabo Blanco, eine
mit faulen Duensten geschwaengerte Luft auf die Kueste von Guayra.

Da die Reizbarkeit der Organe bei den noerdlichen Voelkern so viel staerker
ist als bei den suedlichen, so ist nicht zu bezweifeln, dass bei groesserer
Handelsfreiheit und staerkerem und innigerem Verkehr zwischen Laendern mit
verschiedenen Klimaten das gelbe Fieber sich ueber die neue Welt verbreiten
wird. Da hier so viele erregende Ursachen zusammenwirken, und Individuen
von so verschiedener Organisation denselben ausgesetzt werden, koennen
moeglicherweise sogar neue Krankheitsformen, neue Verstimmungen der
Lebenskraefte sich ausbilden. Es ist diess eines der nothwendigen Uebel im
Gefolge fortschreitender Cultur; wer darauf hinweist, wuenscht darum
keineswegs die Barbarei zurueck; ebensowenig theilt er die Ansicht der
Leute, die dem Verkehr unter den Voelkern gerne ein Ende machten, nicht um
die Haefen in den Colonien vom Seuchengift zu reinigen, sondern um dem
Eindringen der Aufklaerung zu wehren und die Geistesentwicklung
aufzuhalten.

Die Nordwinde, welche die kalte Luft von Canada her in den mexicanischen
Meerbusen fuehren, machen periodisch dem gelben Fieber und schwarzen
Erbrechen in der Havana und in Vera Cruz ein Ende. Aber bei der grossen
Bestaendigkeit der Temperatur, wie sie in Porto Cabello, Guayra, Nueva
Barcelona und Cumana herrscht, ist zu befuerchten, der Typhus moechte dort
einheimisch werden, wenn er einmal in Folge des starken Fremdenverkehrs
sehr boesartig aufgetreten ist. Gluecklicherweise hat sich die Sterblichkeit
vermindert, seit man sich in der Behandlung nach dem Charakter der
Epidemien in verschiedenen Jahren richtet, und seit man die verschiedenen
Stadien der Krankheit, die Periode der entzuendlichen Erscheinungen, und
die der Ataxie oder Schwaeche, besser kennt und auseinander haelt. Es waere
sicher unrecht, in Abrede zu ziehen, dass die neuere Medicin gegen dieses
schreckliche Uebel schon Bedeutendes geleistet; aber der Glauben an diese
Leistungen ist in den Colonien gar nicht weit verbreitet. Man hoert
ziemlich allgemein die Aeusserung, "die Aerzte wissen jetzt den Hergang der
Krankheit befriedigender zu erklaeren als frueher, sie heilen sie aber
keineswegs besser; frueher sey man langsam hingestorben, ohne alle Arznei,
ausser einem Tamarindenaufguss; gegenwaertig fuehre ein eingreifenderes
Heilverfahren rascher und unmittelbarer zum Tode."

Wer so spricht, weiss nicht ganz, wie man frueher auf den Antillen zu Werke
ging. Aus der Reise des Paters Labat kann man ersehen, dass zu Anfang des
achtzehnten Jahrhunderts die Aerzte auf den Antillen den Kranken nicht so
ruhig sterben liessen, als man meint. Man toedtete damals nicht durch
uebertriebene und unzeitige Anwendung von Brechmitteln, von China und
Opium, wohl aber durch wiederholte Aderlaesse und uebermaessiges Purgiren. Die
Aerzte schienen auch mit der Wirkung ihres Verfahrens so gut bekannt, dass
sie, sehr treuherzig, "gleich beim ersten Besuch mit Beichtvater und Notar
am Krankenbett erschienen." Gegenwaertig bringt man es in reinlichen, gut
gehaltenen Spitaelern dahin, dass von 100 Kranken nur 15--20 und selbst
etwas weniger sterben; aber ueberall, wo die Kranken zu sehr auf einander
gehaeust sind, steigt die Sterblichkeit auf die Haelfte, wohl gar (wie im
Jahr 1802 bei der franzoesischen Armee auf St. Domingo) auf drei Viertheile
der Kranken.

Ich fand die Breite von Guayra 10 deg. 36{~PRIME~} 19{~DOUBLE PRIME~}, die Laenge 69 deg. 26{~PRIME~} 13{~DOUBLE PRIME~}. Die
Inclination der Magnetnadel war am 24. Januar 1800 42 deg. 20, die Declination
nach Nordost 4 deg. 30{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}; die Intensitaet der magnetischen Kraft
= 237 Schwingungen.

Geht man an der aus Granit gebauten Kueste von Guayra gegen West, so kommt
man zwischen diesem Hafen, der nur eine schlecht geschuetzte Rhede ist, und
dem Hafen von Porto Cabello an mehrere Einbuchtungen des Landes, wo die
Schiffe vortrefflich ankern koennen. Es sind die kleinen Buchten Catia, los
Arecifes, Puerto la Cruz, Choroni, Sienega de Ocumare, Turiamo, Burburata
und Patanebo. Alle diese Haefen, mit Ausnahme des von Burburata, aus dem
man Maulthiere nach Jamaica ausfuehrt, werden gegenwaertig nur von kleinen
Kuestenfahrzeugen besucht, die Lebensmittel und Cacao von den benachbarten
Pflanzungen laden. Die Einwohner von Caracas, wenigstens die weiter
Blickenden, legen einen grossen Werth auf den Ankerplatz Catia, westlich
von Cabo Blanco. Diesen Kuestenpunkt untersuchten Bonpland und ich waehrend
unseres zweiten Aufenthalts in Guayra. Eine Schlucht, unter dem Namen
Quebreda de Tipe bekannt, von der weiterhin die Rede seyn wird, zieht sich
von der Hochebene von Caracas gegen Catia herunter. Laengst geht man mit
dem Plane um, durch diese Schlucht einen, Fahrweg anzulegen und die alte
Strasse von Guayra, die beinahe dem Uebergang ueber den St. Gotthard
gleicht, aufzugeben. Nach diesem Plan koennte der Hafen von Catia, der so
geraeumig als sicher ist, an die Stelle des von Guayra treten. Leider ist
dieser ganze Kuestenstrich unter dem Winde von Cabo Blanco mit Wurzelbaeumen
bewachsen und hoechst ungesund.

Fast nirgends auf der Kueste ist es so heiss als in der Naehe von Cabo
Blanco. Wir litten sehr durch die Hitze, die durch die Reverberation des
duerren, staubigen Bodens noch gesteigert wurde; die uebermaessige Einwirkung
des Sonnenlichts hatte indessen keine nachtheiligen Folgen fuer uns. In
Guayra fuerchtet man die Insolation und ihren Einfluss auf die
Gehirnfunktionen ungemein, besonders zu einer Zeit, wo das gelbe Fieber
sich zu zeigen anfaengt. Ich stand eines Tages auf dem Dache unseres
Hauses, um den Mittagspunkt und den Unterschied zwischen dem
Thermometerstand in der Sonne und im Schatten zu beobachten, da kam hinter
mir ein Mann gelaufen und wollte mir einen Trank aufdraengen, den er fertig
in der Hand trug. Es war ein Arzt, der mich von seinem Fenster aus seit
einer halben Stunde in blossem Kopf hatte in der Sonne stehen sehen. Er
versicherte mich, da ich ein hoher Nordlaender sey, muesse ich nach der
Unvorsichtigkeit, die ich eben begangen, unfehlbar noch diesen Abend einen
Anfall vom gelben Fieber bekommen, wenn ich kein Praeservativ nehme. Diese
Prophezeihung, so ernstlich sie gemeint war, beunruhigte mich nicht, da
ich mich laengst fuer acclimatisirt hielt; wie konnte ich aber eine
Zumuthung ablehnen, die aus so herzlicher Theilnahme entsprang? Ich
verschluckte den Trank, und der Arzt mag mich zu den Kranken geschrieben
haben, denen er im Laufe des Jahres das Leben gerettet.

Nachdem wir Lage und Luftbeschaffenheit von Guayra beschrieben, verlassen
wir die Kueste des antillischen Meers, um sie bis zu unserer Rueckkehr von
den Missionen am Orinoco so gut wie nicht wieder zu sehen. Der Weg aus dem
Hafen nach Caracas, der Hauptstadt einer Statthalterei von 900,000
Einwohnern, gleicht, wie schon oben bemerkt, den Paessen in den Alpen, dem
Weg ueber den St. Gotthard oder den grossen St. Bernhard. Vor meiner Ankunft
in der Provinz Venezuela war derselbe nie bemessen worden, und man hatte
nicht einmal eine bestimmte Vorstellung davon, wie hoch das Thal von
Caracas liegen moege. Man hatte laengst bemerkt, dass es von der Cumbre und
las Vueltas, dem hoechsten Punkt der Strasse, nach Pastora am Eingang des
Thals von Caracas nicht so weit hinab geht, als zum Hafen von Guayra; da
aber der Avila eine bedeutende Gebirgsmasse ist, so sieht man die zu
vergleichenden Punkte nicht zumal. Auch nach dem Klima des Thals von
Caracas kann man sich von der Hoehe desselben unmoeglich einen richtigen
Begriff machen. Die Luft daselbst wird durch niedergehende Luftstroeme
abgekuehlt, sowie einen grossen Theil des Jahrs hindurch durch die Nebel,
welche den hohen Gipfel der Silla einhuellen. Ich habe den Weg von Guayra
nach Caracas mehrere male zu Fuss gemacht und nach zwoelf Punkten, deren
Hoehe mit dem Barometer bestimmt wurde, ein Profil desselben entworfen. Ich
haette gerne gesehen, dass meine Vermessung durch einen unterrichteten
Reisenden, der nach mir dieses malerische und fuer den Naturforscher so
interessante Land besuchte, wiederholt und verbessert worden waere; mein
Wunsch ist aber bis jetzt nicht in Erfuellung gegangen.

Wenn man zur Zeit der staerksten Hitze die gluehende Luft Guayras athmet und
den Blick auf das Gebirge richtet, so scheint es einem unbegreiflich, dass
in gerader Entfernung von 5--6000 Toisen in einem engen Thal eine
Bevoelkerung von 40,000 Seelen einer Fruehlingskuehle geniessen soll, einer
Temperatur, die bei Nacht auf 12 Grad heruntergeht. Dass auf diese Weise
verschiedene Klimate einander nahe gerueckt sind, kommt in den ganzen
Cordilleren der Anden haeufig vor; aber ueberall, in Mexico, in Quito, in
Peru, in Neu-Grenada muss man weit ins Binnenland reisen, entweder ueber die
Ebenen oder auf Stroemen hinauf, bis man in die Heerde der Cultur, in die
grossen Staedte, gelangt. Caracas liegt nur ein Drittheil so hoch als
Mexico, Quito und Santa Fe de Bogota; aber von allen Hauptstaedten des
spanischen Amerika, die mitten in der heissen Zone ein koestlich kuehles
Klima haben, liegt Caracas am naechsten an der Kueste. Nur drei Meilen in
einen Seehafen zu haben und im Gebirge zu liegen, auf einer Hochebene, wo
der Weizen gediehe, wenn man nicht lieber Kaffee baute, das sind
bedeutende Vortheile.

Der Weg von Guayra in das Thal von Caracas ist weit schoener als der von
Honda nach Santa Fe und von Guayaquil nach Quito; er ist sogar besser
unterhalten als die alte Strasse, die aus dem Hafen von Vera Cruz am
Suedabhang der Gebirge von Neuspanien nach Perote fuehrt. Man braucht mit
guten Maulthieren nur drei Stunden aus dem Hafen von Guayra nach Caracas
und zum Rueckweg nur zwei, mit Lastthieren oder zu Fuss Vier bis fuenf
Stunden. Man kommt zuerst ueber einen sehr steilen Felsabhang und ueber die
Stationen *Torre Quemada*, *Curucuti* und *Salto* zu einem grossen
Wirthshaus (_la Venta_), das 600 Toisen ueber dem Meere liegt. Der Name
"verbrannter Thurm" bezieht sich auf den starken Eindruck, den man erhaelt,
wenn man nach Guayra hinuntergeht. Die Hitze, welche die Felswaende und
vollends die duerre Ebene zu den Fuessen ausstrahlen, ist drueckend zum
Ersticken. Auf diesem Wege und ueberall, wo man auf starken Abhaengen in ein
anderes Klima gelangt, schien mir das Gefuehl von gesteigerter Muskelkraft
und von Wohlbehagen, das beim Eintritt in kuehlere Luftschichten ueber einen
kommt, nicht so stark als umgekehrt die laestige Mattigkeit und
Erschlaffung, die einen befaellt, wenn man in die heissen Kuestenebenen
hinuntergeht. Der Mensch ist einmal so geschaffen, dass der Genuss, wenn uns
irgendwie leichter wird, nicht so lebhaft ist, als der Eindruck eines
neuen Ungemachs, und in der moralischen Welt ist es ja ebenso.

Von Curucuti zum Salto ist der Weg etwas weniger steil; durch die
Windungen, die er macht, wird die Steigung geringer, wie auf der alten
Strasse ueber den Mont Cenis. Der Salto, "der Sprung," ist eine Spalte, ueber
die eine Zugbruecke fuehrt. Auf der Hoehe des Bergs sind foermliche Werke
angelegt. Bei der Venta stand der Thermometer um Mittag auf 19 deg.,3, in
Guayra zur selben Zeit auf 26 deg.,2. Da, seit die Neutralen von Zeit zu Zeit
in den spanischen Haefen zugelassen wurden, Fremde haeufiger nach Caracas
gehen durften als nach Mexico, so ist die Venta in Europa und in den
Vereinigten Staaten bereits wegen ihrer schoenen Lage beruehmt. Und
allerdings hat man hier bei unbewoelktem Himmel eine prachtvolle Aussicht
ueber die See und die nahen Kuesten. Man hat einen Horizont von mehr als
zweiundzwanzig Meilen Halbmesser vor sich; man wird geblendet von der
Masse Licht, die der weisse, duerre Strand zurueckwirft; zu den Fuessen liegen
Cabo Blanco, das Dorf Maiquetia mit seinen Cocospalmen, Guavra und die
Schiffe, die in den Hafen einlaufen. Ich fand diesen Anblick noch weit
ueberraschender, wenn der Himmel nicht ganz rein ist und Wolkenstreifen,
die oben stark beleuchtet sind, gleich schwimmenden Eilanden sich von der
unermesslichen Meeresflaeche abheben. Nebelschichten in verschiedenen Hoehen
bilden Mittelgruende zwischen dem Auge des Beobachters und den Niederungen,
und durch eine leicht erklaerliche Taeuschung wird dadurch die Scenerie
grossartiger, imposanter. Von Zeit zu Zeit kommen in den Rissen der vom
Winde gejagten und sich ballenden Wolken Baeume und Wohnungen zum
Vorschein, und die Gegenstaende scheinen dann ungleich tiefer unten zu
liegen als bei reiner, nach allen Seiten durchsichtiger Luft. Wenn man
sich am Abhang der mexicanischen Gebirge (zwischen las Trancas und Xalapa)
in derselben Hoehe befindet, ist man noch zwoelf Meilen von der See
entfernt; man sieht die Kueste nur undeutlich, waehrend man auf dem Wege von
Guayra nach Caracas das Tiefland (die _Tierra caliente_) wie auf einem
Thurme beherrscht. Man denke sich, welchen Eindruck dieser Anblick auf
einen machen muss, der im Binnenlande zu Hause ist und an dieser Stelle zum
erstenmal das Meer und Schiffe sieht.

Ich habe durch unmittelbare Beobachtungen die Breite der Venta ermittelt,
um die Entfernung derselben von der Kueste genauer angeben zu koennen. Die
Breite ist 10 deg. 33{~PRIME~} 9{~DOUBLE PRIME~}; die Laenge des Orts schien mir nach dem Chronometer
etwa 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~} im Bogen westlich von der Stadt Caracas. Ich fand in dieser
Hoehe die Inclination der Magnetnadel 41 deg.,75, die Intensitaet der
magnetischen Kraft = 234 Schwingungen.

Von der Venta, auch _'Venta grande'_ genannt zum Unterschied von drei oder
vier andern kleinen Wirthshaeusern am Wege [Damals, jetzt sind fast alle
zerstoert.], geht es noch ueber 150 Toisen hinauf zum *Guayavo*. Diess ist
beinahe der hoechste Punkt der Strasse, ich ging aber mit dem Barometer noch
weiter, etwas ueber die *Cumbre* (Gipfel) hinauf, in die Schanze Cuchilla.
Da ich keinen Pass hatte (in fuenf Jahren bedurfte ich desselben nur bei der
Landung), so waere ich beinahe von einem Artillerieposten verhaftet worden.
Um die alten Soldaten zu besaenftigen, uebersetzte ich ihnen in spanische
Vares, wie viel Toisen der Posten ueber dem Meere liegt. Daran schien ihnen
sehr wenig gelegen, und wenn sie mich gehen liessen, so verdanke ich es
einem Andalusier, der gar freundlich wurde, als ich ihm sagte, die Berge
seines Heimathlandes, die Sierra Nevada de Grenada, seyen viel hoeher als
alle Berge in der Provinz Caracas.

Die Schanze Cuchilla liegt so hoch wie der Gipfel des Puy de Dome und etwa
150 Toisen niedriger als die Post auf dem Mont Cenis. Da die Stadt
Caracas, die Venta del Guayavo und der Hafen von Guayra so nahe bei
einander liegen, haetten Bonpland und ich gerne ein paar Tage
hintereinander die kleinen Schwankungen des Barometers gleichzeitig in
einem schmalen Thale, auf einer dem Wind ausgesetzten Hochebene und an der
Meereskueste beobachtet; aber die Luft war waehrend unseres Aufenthaltes an
diesen Orten nicht ruhig genug dazu. Ueberdem besass ich auch nicht den
dreifachen meteorologischen Apparat, der zu dieser Beobachtung
erforderlich ist, die ich Naturforschern, die nach mir das Land besuchen,
empfehlen moechte.

Als ich zum erstenmal ueber diese Hochebene nach der Hauptstadt von
Venezuela ging, traf ich vor dem kleinen Wirthshaus auf dem Guayavo viele
Reisende, die ihre Maulthiere ausruhen liessen. Es waren Einwohner von
Caracas; sie stritten ueber den Aufstand zur Befreiung des Landes, der kurz
zuvor stattgefunden. Joseph Espana hatte auf dem Schaffot geendet; sein
Weib schmachtete im Gefaengniss, weil sie ihren Mann auf der Flucht bei sich
aufgenommen und nicht der Regierung angegeben hatte. Die Aufregung der
Gemuether, die Bitterkeit, mit der man ueber Fragen stritt, ueber die
Landsleute nie verschiedener Meinung seyn sollten, fielen mir ungemein
auf. Waehrend man ein Langes und Breites ueber den Hass der Mulatten gegen
die freien Neger und die Weissen, ueber den Reichthum der Moenche und die
Muehe, die man habe, die Sklaven in der Zucht zu halten, verhandelte,
huellte uns ein kalter Wind, der vom hohen Gipfel der Silla herab zu kommen
schien, in einen dicken Nebel und machte der lebhaften Unterhaltung ein
Ende; man suchte Schutz in der Venta. In der Wirthsstube machte ein
bejahrter Mann, der vorhin am ruhigsten gesprochen hatte, die andern
darauf aufmerksam, wie unvorsichtig es sey, zu einer Zeit, wo ueberall
Angeber lauern, sey es auf dem Berge oder in der Stadt, ueber politische
Gegenstaende zu verhandeln. Diese in der Bergeinoede gesprochenen Worte
machten einen tiefen Eindruck auf mich, und ich sollte denselben auf
unsern Reisen durch die Anden von Neu-Grenada und Peru noch oft erhalten.
In Europa, wo die Voelker ihre Streitigkeiten in den Ebenen schlichten,
steigt man auf die Berge, um Einsamkeit und Freiheit zu suchen; in der
neuen Welt aber sind die Cordilleren bis zu zwoelftausend Fuss Meereshoehe
bewohnt. Die Menschen tragen ihre buergerlichen Zwiste, wie ihre
kleinlichen, gehaessigen Leidenschaften mit hinauf. Auf dem Ruecken der
Anden, wo die Entdeckung von Erzgaengen zur Gruendung von Staedten gefuehrt
hat, stehen Spielhaeuser, und in diesen weiten Einoeden, fast ueber der
Region der Wolken, in einer Naturumgebung, die dem Geiste hoeheren Schwung
geben sollte, wird gar oft durch die Kunde, dass der Hof ein Ordenszeichen
oder einen Titel nicht bewilligt habe, das Glueck der Familien gestoert.

Ob man auf den weiten Meereshorizont hinausblickt oder nach Suedost, nach
dem gezackten Felskamm, der scheinbar die Cumbre mit der Silla verbindet,
waehrend die Schlucht (Quebrada) Tocume dazwischen liegt, ueberall bewundert
man den grossartigen Charakter der Landschaft. Von Guayavo an geht man eine
halbe Stunde ueber ein ebenes mit Alppflanzen bewachsenes Plateau. Dieses
Stueck des Wegs heisst der vielen Kruemmungen wegen las Vueltas. Etwas weiter
oben liegen die Mehlmagazine, welche die Gesellschaft von Guipuzcoa,
waehrend der Handel und die Versorgung von Caracas mit Lebensmitteln ihr
ausschliessliches Monopol war, an einem sehr kuehlen Ort hatte errichten
lassen. Auf dem Wege der Vueltas sieht man zum erstenmal die Hauptstadt
dreihundert Toisen tiefer in einem mit Kaffeebaeumen und europaeischen
Obstbaeumen ueppig bepflanzten Thale liegen. Die Reisenden machen gewoehnlich
Halt bei einer schoenen Quelle, genannt Fuente de Sanchorquiz, die auf
fallenden Gneissschichten von der Sierra herabkommt. Ich fand die
Temperatur derselben 16 deg.,4, was fuer eine Hoehe von 726 Toisen bedeutend
kuehl ist. Dieses klare Wasser muesste denen, die davon trinken, noch kaelter
vorkommen, wenn die Quelle, statt zwischen der Cumbre und dem gemaessigten
Thale von Caracas, auf dem Abhange gegen Guayra hin entspraenge. Ich habe
aber die Bemerkung gemacht, dass an diesem, dem Nordabhang des Bergs die
Schichten (eine in diesem Lande seltene Ausnahme) nicht nach Nordwest,
sondern nach Suedost fallen, was Schuld daran seyn mag, dass die
unterirdischen Gewaesser dort keine Quellen bilden koennen. Von der kleinen
Schlucht Sanchorquiz an geht es bestaendig abwaerts bis zum Kreuz von
Guayra, das auf einem offenen Platze 632 Toisen ueber dem Meere steht, und
von da an, bei den Zollhaeusern vorbei und durch das Quartier Pastora, in
die Stadt Caracas.

                            ------------------





   16 Die _'cortex Angosturae'_ unserer Pharmacopoeen, die Rinde der
      _Bonplandia trifolia_

   17 Man bezahlt 120 Piaster fuer die Ueberfahrt, wenn man das ganze Boot
      zur Verfuegung hat.

_   18 La broma; teredo navalis_, Linne

   19 In Paris ist das Mittel des heissesten Monats 19--20 deg., demnach um
      3--4 Grade niedriger als die mittlere Temperatur des kaeltesten
      Monats in Guayra.





ZWOeLFTES KAPITEL.


     Allgemeine Bemerkungen ueber die Provinzen von Venezuela. -- Ihre
      verschiedenen Interessen. -- Die Stadt Caracas. -- Ihr Klima.


Die Wichtigkeit einer Hauptstadt haengt nicht allein von ihrer Volkszahl,
von ihrem Reichthum und ihrer Lage ab; um dieselbe einigermassen richtig zu
beurtheilen, muss man den Umfang des Gebiets, dessen Mittelpunkt sie ist,
die Menge einheimischer Erzeugnisse, mit denen sie Handel treibt, die
Verhaeltnisse, in denen sie zu den ihrem politischen Einfluss unterworfenen
Provinzen steht, in Rechnung ziehen. Diese verschiedenen Umstaende
modificiren sich durch die mehr oder weniger gelockerten Bande zwischen
den Colonien und dem Mutterland; aber die Macht der Gewohnheit ist so gross
und die Handelsinteressen sind so zaeh, dass sich voraussagen laesst, der
Einfluss der Hauptstaedte auf das Land umher, auf die unter den Namen
_'Reinos'_, _'Capitanias generales'_, _'Presidencias'_, _'Goviernos'_
verschmolzenen Gruppen von Provinzen werden auch die Katastrophe der
Trennung der Provinzen vom Mutterland ueberdauern. Man wird nur da Stuecke
losreissen und anders verbinden, wo man, mit Missachtung natuerlicher
Grenzen, willkuerlich Gebiete verbunden hatte, die nur schwer mit einander
verkehren. Ueberall wo die Cultur nicht schon vor der Eroberung in einem
gewissen Grade bestand (wie in Mexico, Guatimala, Quito und Peru),
verbreitete sie sich von den Kuesten ins Binnenland, bald einem grossen
Flussthal, bald einer Gebirgskette mit gemaessigtem Klima nach. Sie setzte
sich zu gleicher Zeit in verschiedenen Mittelpunkten fest, von denen sie
sofort gleichsam ausstrahlte. Die Vereinigung zu Provinzen oder
Koenigreichen erfolgte, sobald sich civilisirte oder doch einem festen,
geregelten Regiment unterworfene Gebiete unmittelbar beruehrten. Wuest
liegende oder von wilden Menschen bewohnte Landstriche umgeben jetzt die
von der europaeischen Cultur eroberten Laender. Sie trennen diese
Eroberungen von einander, wie schwer zu uebersetzende Meeresarme, und meist
haengen benachbarte Staaten nur durch urbar gemachte Landzungen zusammen.
Die Umrisse der Seekuesten sind leichter aufzufassen als der krause Lauf
dieses Binnengestades, auf dem Barbarei und Civilisation,
undurchdringliche Waelder und bebautes Land an einander stossen und einander
begrenzen. Weil sie die Zustaende der erst in der Bildung begriffenen
Staaten der neuen Welt ausser Acht lassen, liefern so viele Geographen so
sonderbar ungenaue Karten, indem sie die verschiedenen Theile der
spanischen und portugiesischen Colonien so zeichnen, als ob sie im Innern
durchaus zusammenhingen. Die Localkenntniss, die ich mir aus eigener
Anschauung von diesen Grenzen verschafft, setzt mich in Stand, den Umfang
der grossen Gebietsabschnitte mit einiger Bestimmtheit anzugeben, die
wuesten und die bewohnten Striche mit einander zu vergleichen, und den mehr
oder minder bedeutenden politischen Einfluss, den sie als Regierungs- und
Handelsmittelpunkte aeussern, zu schaetzen.

*Caracas* ist die Hauptstadt eines Landes, das fast zweimal so gross ist
als das heutige Peru und an Flaechengehalt dem Koenigreich Neu-Grenada wenig
nachsteht.(20) Dieses Land, das im spanischen Regierungsstyl _Capitania
general de Caracas_ oder _de las Provincias de Venezuela_ heisst, hat gegen
eine Million Einwohner, worunter 60,000 Sklaven. Es umfasst laengs den
Kuesten Neu-Andalusien oder die Provinz Cumana (mit der Insel Margarita),
Barcelona, Venezuela oder Caracas, Coro und Maracaybo; im Innern die
Provinzen Barinas und Guyana, erstere laengs den Fluessen St. Domingo und
Apure, letztere laengs dem Orinoco, Cassiquiare, Atabapo und Rio Negro.
Ueberblickt man die sieben vereinigten Provinzen von Terra Firma, so sieht
man, dass sie drei gesonderte Zonen bilden, die von Ost nach West laufen.

Zuvorderst liegt das bebaute Land am Meeresufer und bei der Kette der
Kuestengebirge; dann kommen Savanen oder Weiden, und endlich jenseits des
Orinoco die dritte, die Waldzone, die nur mittelst der Stroeme, die
hindurch laufen, zugaenglich ist. Wenn die Eingeborenen in diesen Waeldern
ganz von der Jagd lebten wie die am Missouri, so, koennte man sagen, die
drei Zonen, in welche wir das Gebiet von Venezuela zerfallen lassen, seyen
ein Bild der drei Zustaende und Stufen der menschlichen Gesellschaft: in
den Waeldern am Orinoco das rohe Jaegerleben, auf den Savanen oder Llanos
das Hirtenleben, in den hohen Thaelern und am Fuss der Kuestengebirge das
Leben des Landbauers. Die Missionaere und eine Handvoll Soldaten besetzen
hier, wie in ganz Amerika, vorgeschobene Posten an der brasilianischen
Grenze. In dieser ersten Zone herrscht das Recht des Staerkeren und der
Missbrauch der Gewalt, der eine nothwendige Folge davon ist. Die
Eingeborenen liegen in bestaendigem blutigem Krieg mit einander und fressen
nicht selten einander auf. Die Moenche suchen sich die Zwistigkeiten unter
den Eingeborenen zu Nutzen zu machen und ihre kleinen Missionsdoerfer zu
vergroessern. Das Militaer, das zum Schutz der Moenche daliegt, lebt im Zank
mit ihnen. Ueberall ein trauriges Bild von Noth und Elend. Wir werden bald
Gelegenheit haben, diesen Zustand, den die Staedter als Naturzustand
preisen, naeher kennen zu lernen. In der zweiten Region, auf den Ebenen und
Weiden, ist die Nahrung einfoermig, aber sehr reichlich. Die Menschen sind
schon civilisirter, leben aber, abgesehen von ein paar weit aus einander
liegenden Staedten, immer noch vereinzelt. Sieht man ihre zum Theil mit
Haeuten und Leder gedeckten Haeuser, so meint man, sie haben sich auf den
ungeheuren bis zum Horizont fortstreichenden Grasebenen keineswegs
niedergelassen, sondern kaum gelagert. Der Ackerbau, der allein die
Grundlagen der Gesellschaft befestigt und die Bande zwischen Mensch und
Mensch enger knuepft, herrscht in der dritten Zone, im Kuestenstrich,
besonders in den warmen und gemaessigten Thaelern der Gebirge am Meer.

Man koennte einwenden, auch in andern Theilen des spanischen und
portugiesischen Amerika, ueberall, wo man die allmaehlige Entwicklung der
Cultur verfolgen kann, sehe man jene drei Stufenalter der menschlichen
Gesellschaft neben einander; es ist aber zu bemerken, und diess ist fuer
alle, welche die politischen Zustaende der verschiedenen Colonien genau
kennen lernen wollen, von grossem Belang, dass die drei Zonen, die Waelder,
die Savanen und das bebaute Land, nicht ueberall im selben Verhaeltniss zu
einander stehen, dass sie aber nirgends so regelmaessig vertheilt sind wie im
Koenigreich Venezuela. Bevoelkerung, Industrie und Geistesbildung nehmen
keineswegs ueberall von der Kueste dem Innern zu ab. In Mexico, Peru und
Quito findet man die staerkste ackerbauende Bevoelkerung, die meisten
Staedte, die aeltesten buergerlichen Einrichtungen auf den Hochebenen und in
den Gebirgen des Binnenlandes. Ja im Koenigreich Buenos Ayres liegt die
Region der Weiden, die sogenannten Pampas, zwischen dem vereinzelten Hafen
von Buenos Ayres und der grossen Masse ackerbauender Indianer, welche in
den Cordilleren von Charras, la Paz und Potosi wohnen. Dieser Umstand
macht, dass sich im selben Lande die gegenseitigen Interessen der Bewohner
des Binnenlandes und der Kuesten sehr verschiedenartig gestalten.

Will man eine richtige Vorstellung von diesen gewaltigen Provinzen
erhalten, die seit Jahrhunderten fast wie unabhaengige Staaten von
Vicekoenigen oder Generalcapitaenen regiert wurden, so muss man mehrere
Punkte zumal ins Auge fassen. Man muss die Theile des spanischen Amerika,
die Asien gegenueber liegen, von denen trennen, die der atlantische Ocean
bespuelt; man muss, wie wir eben gethan, untersuchen, wo sich die Hauptmasse
der Bevoelkerung befindet, ob in der Naehe der Kuesten, oder concentrirt im
Innern auf kalten und gemaessigten Hochebenen der Cordilleren; man muss die
numerischen Verhaeltnisse zwischen den Eingeborenen und den andern
Menschenstaemmen ermitteln, sich nach der Herkunft der europaeischen
Familien erkundigen, ausmachen, welchem Volksstamm die Mehrzahl der Weissen
in jedem Theil der Provinzen angehoert. Die andalusischen Canarier in
Venezuela, die _'Montanneses'_(21) und Biscayer in Mexico, die Catalonier
in Buenos Ayres unterscheiden sich hinsichtlich des Geschicks zum
Ackerbau, zu mechanischen Fertigkeiten, zum Handel und zu geistigen
Beschaeftigungen sehr wesentlich von einander. Alle diese Staemme haben in
der neuen Welt den allgemeinen Charakter behalten, der ihnen in der alten
zukommt, die rauhe oder sanfte Gemuethsart, die Maessigkeit oder die
ungezuegelte Habgier, die leutselige Gastlichkeit oder den Hang zum
einsamen Leben. In Laendern, deren Bevoelkerung grossen Theils aus Indianern
von gemischtem Blut besteht, kann der Unterschied zwischen den Europaeern
und ihren Nachkommen allerdings nicht so auffallend schroff seyn, wie
einst in den Colonien jonischer und dorischer Abkunft. Spanier, in die
heisse Zone versetzt, unter einem neuen Himmelsstrich der Erinnerung an das
Mutterland fast entfremdet, mussten sich ganz anders umwandeln, als die
Griechen, welche sich auf den Kuesten von Kleinasien oder Italien
niederliessen, wo das Klima nicht viel anders war als in Athen oder
Corinth. Dass der Charakter des amerikanischen Spaniers durch die physische
Beschaffenheit des Landes, durch die einsame Lage der Hauptstaedte auf den
Hochebenen oder in der Naehe der Kuesten, durch die Beschaeftigung mit dem
Landbau, durch den Bergbau, durch die Gewoehnung an das Speculiren im
Handelsverkehr, in manchen Beziehungen sich veraendert hat, ist unleugbar;
aber ueberall, in Caracas, in Santa Fe, in Quito und Buenos Ayres macht
sich dennoch etwas geltend, was auf die urspruengliche Stammeseigenheit
zurueckweist.

Betrachtet man die Zustaende der Capitanerie von Caracas nach den oben
angegebenen Gesichtspunkten, so zeigt es sich, dass der Ackerbau, die
Hauptmasse der Bevoelkerung, die zahlreichen Staedte, kurz alles, was durch
hoehere Cultur bedingt ist, sich vorzugsweise in der Naehe der Kueste findet.
Der Kuestenstrich ist ueber 200 Meilen lang und wird vom kleinen Meer der
Antillen bespuelt, einer Art Mittelmeer, an dessen Ufern fast alle
europaeischen Nationen Niederlassungen gegruendet haben, das an zahlreichen
Stellen mit dem atlantischen Ocean in Verbindung steht und seit der
Eroberung auf den Fortschritt der Bildung im oestlichen Theil des
tropischen Amerika sehr bedeutenden Einfluss geaeussert hat. Die Koenigreiche
Neu-Grenada und Mexico verkehren mit den fremden Colonien und mittelst
dieser mit dem nicht spanischen Europa allein durch die Haefen von
Carthagena und St. Martha, Vera Cruz und Campeche. Diese ungeheuren Laender
kommen, in Folge der Beschaffenheit ihrer Kuesten und der Zusammendraengung
der Bevoelkerung auf dem Ruecken der Cordilleren, mit Fremden wenig in
Beruehrung. Der Meerbusen von Mexico ist auch einen Theil des Jahrs wegen
der gefaehrlichen Nordstuerme wenig besucht. Die Kuesten von Venezuela
dagegen sind sehr ausgedehnt, springen weit gegen Ost vor, haben eine
Menge Haefen, man kann allenthalben in jeder Jahreszeit sicher ans Land
kommen, und so koennen sie von allen Vortheilen, die das innere Meer der
Antillen bietet, Nutzen ziehen. Nirgends kann der Verkehr mit den grossen
Inseln und selbst mit denen unter dem Wind staerker seyn als durch die
Haefen von Cumana, Barcelona, Guayra, Porto-Cabello, Coro und Maracaybo,
nirgends war der Schleichhandel mit dem Ausland schwerer im Zaum zu
halten. Ist es da zu verwundern, dass bei diesem leichten Handelsverkehr
mit den freien Amerikanern und mit den Voelkern des politisch aufgeregten
Europas in den unter der Generalcapitanerie Venezuela vereinigten
Provinzen Wohlstand, Bildung und das unruhige Streben nach
Selbstregierung, in dem die Liebe zur Freiheit und zu republikanischen
Einrichtungen zur Aeusserung kommt, gleichmaessig zugenommen haben?

Die kupferfarbigen Eingeborenen, die Indianer, bilden nur da einen sehr
ansehnlichen Theil der ackerbauenden Bevoelkerung, wo die Spanier bei der
Eroberung ordentliche Regierungen, eine buergerliche Gesellschaft, alte,
meist sehr verwickelte Institutionen vorgefunden, wie in Neuspanien
suedlich von Durango und in Peru von Couzco bis Potosi. In der
Generalcapitanerie Caracas ist die indianische Bevoelkerung des bebauten
Landstrichs, wenigstens ausserhalb der Missionen, unbetraechtlich. Zur Zeit
grosser politischer Zerwuerfnisse floessen die Indianer den Weissen und
Mischlingen keine Besorgnisse ein. Als ich im Jahr 1800 die
Gesammtbevoelkerung der sieben vereinigten Provinzen auf 900,000 Seelen
schaetzte, nahm ich die Indianer zu einem Neuntheil an, waehrend sie in
Mexico fast die Haelfte ausmachen.

Unter den Racen, aus denen die Bevoelkerung von Venezuela besteht, ist die
schwarze, auf die man zugleich mit Theilnahme wegen ihres Ungluecks und mit
Furcht wegen einer moeglichen gewaltsamen Auflehnung blickt, nicht der
Kopfzahl nach, aber wegen der Zusammendraengung auf einen kleinen
Flaechenraum, von Belang. Wir werden bald sehen, dass in der ganzen
Capitanerie die Sklaven nur ein Fuenfzehntheil der ganzen Bevoelkerung
ausmachen; auf Cuba, wo unter allen Antillen die Neger den Weissen
gegenueber am wenigsten zahlreich sind, war im Jahr 1811 das Verhaeltniss wie
1 zu 3. Die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela haben 60,000
Sklaven; Cuba, das achtmal kleiner ist, hat 212,000. Betrachtet man das
Meer der Antillen, zu dem der Meerbusen von Mexico gehoert, als ein
Binnenmeer mit mehreren Ausgaengen, so ist es wichtig, die politischen
Beziehungen ins Auge zu fassen, die in Folge dieser seltsamen Gestaltung
des neuen Continents zwischen Laendern entstehen, die um dasselbe Becken
gelegen sind. Wie sehr auch die meisten Mutterlaender ihre Colonien
abzusperren suchen, sie werden dennoch in die Aufregung hineingezogen. Die
Elemente der Zerwuerfnisse sind ueberall die gleichen, und wie instinktmaessig
bildet sich ein Einverstaendniss zwischen Menschen derselben Farbe, auch
wenn sie verschiedene Sprachen reden und auf weit entlegenen Kuesten
wohnen. Dieses amerikanische Mittelmeer, das durch die Kuesten von
Venezuela, Neu-Grenada, Mexico, die der Vereinigten Staaten und durch die
Antillen gebildet wird, zaehlt an seinen Ufern gegen anderthalb Millionen
Neger, Sklaven und Freie, und sie sind so ungleich vertheilt, dass es im
Sueden sehr wenige, im Westen fast keine gibt; in grossen Massen finden sie
sich nur auf den Nord- und Ostkuesten. Es ist diess gleichsam das
afrikanische Stueck dieses Binnenmeeres. Die Unruhen, die vom Jahr 1792 an
auf St. Domingo ausgebrochen, haben sich naturgemaess auf die Kuesten von
Venezuela fortgepflanzt. So lange Spanien im ungestoerten Besitz dieser
schoenen Colonien war, wurden die kleinen Sklavenaufstaende leicht
unterdrueckt; aber sobald ein Kampf anderer Art, der fuer die
Unabhaengigkeit, entbrannte, machten sich die Schwarzen durch ihre drohende
Haltung bald der einen, bald der andern der einander gegenueberstehenden
Parteien furchtbar, und in verschiedenen Laendern des spanischen Amerika
wurde die allmaehlige oder ploetzliche Aufhebung der Sklaverei verkuendigt,
nicht sowohl aus Gefuehlen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, als weil
man sich des Beistandes eines unerschrockenen, an Entbehrungen gewoehnten
und fuer sein eigenes Wohl kaempfenden Menschenschlags versichern wollte.
Ich bin in der Reisebeschreibung des GIROLAMO BENZONI auf eine merkwuerdige
Stelle gestossen, aus der hervorgeht, wie alt schon die Besorgnisse sind,
welche die Zunahme der schwarzen Bevoelkerung einfloesst. Diese Besorgnisse
werden nur da verschwinden, wo die Regierungen die Umwandlung zum Bessern,
welche durch mildere Sitten, durch die oeffentliche Meinung und durch
religioese Ansichten in der Haussklaverei nach und nach vor sich geht,
ihrerseits durch die Gesetzgebung unterstuetzen. "Die Neger," sagt Benzoni,
"haben sich auf St. Domingo dergestalt vermehrt, dass ich im Jahr 1545, als
ich auf Terra Firma (an der Kueste von Caracas) war, viele Spanier gesehen
habe, die gar nicht zweifelten, dass jene Insel binnen Kurzem Eigenthum der
Schwarzen seyn werde." Unser Jahrhundert sollte diese Prophezeiung in
Erfuellung gehen und eine europaeische Colonie in Amerika sich in einen
afrikanischen Staat verwandeln sehen.

Die 60,000 Sklaven in den vereinigten Provinzen von Venezuela sind so
ungleich vertheilt, dass auf die Provinz Caracas allein 40,000 kommen,
worunter ein Fuenftheil Mulatten, auf Maracaybo 10--12,000, auf Cumana und
Barcelona kaum 6000. Um den Einfluss zu wuerdigen, den die Neger und die
Farbigen auf die oeffentliche Ruhe im Allgemeinen aeussern, ist es nicht
genug, dass man ihre Kopfzahl kennt, man muss auch ihre Zusammendraengung an
gewissen Punkten und ihre Lebensweise als Ackerbauer oder Stadtbewohner in
Betracht ziehen. In der Provinz Venezuela sind die Sklaven fast alle auf
einem nicht sehr ausgedehnten Landstrich beisammen, innerhalb der Kueste
und einer Linie, die (12 Meilen von der Kueste) ueber Panaquire, Yare,
Sabana de Ocumare, Villa de Cura und Nirgua laeuft. Auf den Llanos, den
weiten Ebenen von Calabozo, San Carlos, Guanare und Barquesimeto, zaehlt
man nur 4--5000, die auf den Hoefen zerstreut und mit der Hut des Viehs
beschaeftigt sind. Die Zahl der Freigelassenen ist sehr betraechtlich, denn
die spanische Gesetzgebung und die Sitten leisten der Freilassung
Vorschub. Der Herr darf dem Sklaven, der ihm dreihundert Piaster bietet,
die Freiheit nicht versagen, haette der Sklave auch wegen des besondern
Geschicks im Handwerk, das er treibt, doppelt so viel gekostet. Die Faelle,
dass jemand im letzten Willen mehr oder weniger Sklaven die Freiheit
schenkt, sind in der Provinz Venezuela haeufiger als irgendwo. Kurz bevor
wir die fruchtbaren Thaeler von Aragua und den See von Valencia besuchten,
hatte eine Dame im grossen Dorfe la Victoria auf dem Todbette ihren Kindern
aufgegeben, ihre Sklaven, dreissig an der Zahl, freizulassen. Mit Vergnuegen
spreche ich von Handlungen, die den Charakter von Menschen, die Bonpland
und mir so viel Zuneigung und Wohlwollen bewiesen, in so schoenem Lichte
zeigen.

Nach den Negern ist es in den Colonien von besonderem Belang, die Zahl der
weissen Creolen, die ich _'Hispano-Amerikaner'_(22) nenne, und der in
Europa gebuertigen Weissen zu kennen. Es haelt schwer, sich ueber einen so
kitzlichen Punkt genaue Auskunft zu verschaffen. Wie in der alten Welt ist
auch in der neuen die Zaehlung dem Volk ein Graeuel, weil es meint, es sey
dabei auf Erhoehung der Abgaben abgesehen. Andererseits lieben die
Verwaltungsbeamten, welche das Mutterland in die Colonien schickt,
statistische Aufnahmen so wenig als das Volk, und zwar aus Ruecksichten
einer argwoehnischen Staatsklugheit. Diese muehsam herzustellenden Ausnahmen
sind schwer der Neugier der Colonisten zu entziehen. Wenn auch die
Minister in Madrid richtige Begriffe vom wahren Besten des Landes hatten
und von Zeit zu Zeit genaue Berichte ueber den zunehmenden Wohlstand der
Colonien verlangten, die Lokalbehoerden haben diese guten Absichten in den
seltensten Faellen unterstuetzt. Nur auf den ausdruecklichen Befehl des
spanischen Hofes wurden den Herausgebern des "_peruanischen Merkurs_" die
vortrefflichen volkswirthschaftlichen Notizen ueberlassen, die dieses Blatt
mitgetheilt hat. In Mexico, nicht in Madrid habe ich den Vicekoenig Grafen
Nevillagigedo tadeln hoeren, weil er ganz Neuspanien kundgethan, dass die
Hauptstadt eines Landes von fast sechs Millionen Einwohnern im Jahr 1700
nur 2300 Europaeer, dagegen ueber 50,000 Hispano-Amerikaner zaehlte. Die
Leute, die sich darueber beklagten, betrachteten auch die schoene
Posteinrichtung, welche Briefe von Buenos Ayres bis nach Neu-Californien
befoerdert, als eine der gefaehrlichsten Neuerungen des Grafen Florida
Blanca; sie riethen (gluecklicherweise ohne Erfolg), dem Handel mit dem
Mutterlande zu lieb, die Reben in Neu-Mexico und Chili auszureissen.
Sonderbare Verblendung, zu meinen, durch Volkszaehlungen wecke man in den
Colonisten das Bewusstseyn ihrer Staerke! Nur in Zeiten des Unfriedens und
des Buergerzwistes kann es scheinen, als ob man, indem man die relative
Staerke der Menschenklassen ermittelt, die ein gemeinsames Interesse haben
sollten, zum voraus die Zahl der Streiter schaetzte.

Vergleicht man die sieben vereinigten Provinzen von Venezuela mit dem
Koenigreich Mexico und der Insel Cuba, so findet man annaehernd die Zahl der
weissen Creolen, selbst die der Europaeer. Erstere, die Hispano-Amerikaner,
sind in Mexico ein Fuenftheil, auf Cuba, nach der genauen Zaehlung von 1811,
ein Drittheil der Gesammtbevoelkerung. Bedenkt man, dass in Mexico
drittehalb Millionen Menschen von der rothen Race wohnen, zieht man den
Zustand der Kuesten am stillen Meer in Betracht, und wie wenige Weisse im
Verhaeltniss zu den Eingeborenen in den Intendanzen Puebla und Oaxaca
wohnen, so laesst sich nicht zweifeln, dass, wenn nicht in der _Capitania
general_ so doch in der Provinz Venezuela das Verhaeltniss staerker ist als
1 zu 5. Die Insel Cuba, auf der die Weissen sogar zahlreicher sind als in
Chili, gibt uns fuer die _Capitania general_ von Caracas eine "Grenzzahl",
das heisst das Maximum an die Hand. Ich glaube, man hat 200,000--210,000
Hispano-Amerikaner auf eine Gesammtbevoelkerung von 900,000 Seelen
anzunehmen. Innerhalb der weissen Race scheint die Zahl der Europaeer (die
Truppen aus dem Mutterland nicht gerechnet) nicht ueber 12,000--15,000 zu
betragen. In Mexico sind ihrer gewiss nicht ueber 60,000, und nach mehreren
Zusammenstellungen finde ich, dass, saemmtliche spanische Colonien zu 14--15
Millionen Einwohnern angenommen, hoechstens 3 Millionen Creolen und 200,000
Europaeer darunter sind.

Als der junge Tupac-Amaru, der in sich den rechtmaessigen Erben des Reiches
der Incas erblickte, an der Spitze von 40,000 Indianern aus den Gebirgen
mehrere Provinzen von Oberperu eroberte, ruhten die Befuerchtungen aller
Weissen auf demselben Grunde. Die Hispano-Amerikaner fuehlten so gut wie die
in Europa geborenen Spanier, dass der Kampf ein Racenkampf zwischen dem
rothen und weissen Mann, zwischen Barbarei und Cultur sey. Tupac-Amaru, der
selbst nicht ohne Bildung war, schmeichelte Anfangs den Creolen und der
europaeischen Geistlichkeit, aber die Ereignisse und die Rachsucht seines
Neffen Andreas Condorcan rissen ihn fort und er aenderte sein Verfahren.
Aus einem Aufstand fuer die Unabhaengigkeit wurde ein grausamer Krieg
zwischen den Racen; die Weissen blieben Sieger, es kam ihnen zum
Bewusstseyn, was ihr gemeinsames Interesse sey, und von nun an fassten sie
das Zahlenverhaeltniss zwischen der weissen und der indianischen Bevoelkerung
in den verschiedenen Provinzen sehr scharf ins Auge. Erst in unserer Zeit
kam es nun dahin, dass die Weissen diese Aufmerksamkeit auf sich selbst
richteten und sich misstrauisch nach den Bestandtheilen ihrer eigenen Kaste
umsahen. Jede Unternehmung zur Erringung der Unabhaengigkeit und Freiheit
trennt die nationale oder amerikanische Partei und die aus dem Mutterland
Heruebergekommenen in zwei Lager. Als ich nach Caracas kam, waren letztere
eben der Gefahr entgangen, die sie in dem von Espana angezettelten
Aufstand fuer sich erblickt hatten. Dieser kecke Anschlag hatte desto
schlimmere Folgen, da man, statt den Ursachen des herrschenden
Missvergnuegens auf den Grund zu gehen, die Sache des Mutterlandes nur durch
strenge Massregeln zu retten glaubte. Jetzt, bei den Unruhen, die vom Ufer
des Rio de la Plata bis Neu-Mexico auf einer Strecke von vierzehnhundert
Meilen ausgebrochen sind, stehen Menschen desselben Stammes einander
gegenueber.

Man scheint sich in Europa zu wundern, wie die Spanier aus dem
Mutterlande, deren, wie wir gesehen, so wenige sind, Jahrhunderte lang so
starken Widerstand leisten konnten, und man vergisst, dass in allen Colonien
die europaeische Partei nothwendig durch eine grosse Menge Einheimischer
verstaerkt wird. Familienruecksichten, die Liebe zur ungestoerten Ruhe, die
Scheu, sich in ein Unternehmen einzulassen, das schlimm ablaufen kann,
halten diese ab, sich der Sache der Unabhaengigkeit anzuschliessen, oder fuer
die Einfuehrung einer eigenen, wenn auch vom Mutterland abhaengigen
Repraesentativregierung aufzutreten. Die einen scheuen alle gewaltsamen
Mittel und leben der Hoffnung, durch Reformen werde das Colonialregiment
allgemach weniger drueckend werden; Revolution ist ihnen gleichbedeutend
mit dem Verlust ihrer Sklaven, mit der Beraubung des Clerus und der
Einfuehrung einer religioesen Duldsamkeit, wobei, meinen sie, der
herrschende Cultus sich unmoeglich in seiner Reinheit erhalten koenne.
Andere gehoeren den wenigen Familien an, die in jeder Gemeinde durch
ererbten Wohlstand oder durch sehr alten Bestand in den Colonien eine
wahre Municipalaristokratie bilden. Sie wollen lieber gewisse Rechte gar
nicht bekommen, als sie mit allen theilen; ja eine Fremdherrschaft waere
ihnen lieber, als eine Regierung in den Haenden von Amerikanern, die im
Rang unter ihnen stehen; sie verabscheuen jede auf Gleichheit der Rechte
gegruendete Verfassung; vor Allem fuerchten sie den Verlust der
Ordenszeichen und Titel, die sie sich mit so saurer Muehe erworben, und
die, wie wir oben angedeutet, einen Hauptbestandtheil ihres haeuslichen
Gluecks ausmachen. Noch andere, und ihrer sind sehr viele, leben auf dem
Lande vom Ertrag ihrer Grundstuecke und geniessen der Freiheit, deren sich
ein duenn bevoelkertes Land unter dem Druck der schlechtesten Regierung zu
erfreuen hat. Sie selbst machen keine Ansprueche auf Amt und Wuerden, und so
fragen sie nichts darnach, wenn Leute damit bekleidet werden, die sie kaum
dem Namen nach kennen, und deren Arm nicht zu ihnen reicht. Immerhin waere
ihnen eine nationale Regierung und volle Handelsfreiheit lieber als das
alte Colonialwesen, aber diese Wuensche sind gegenueber der Liebe zur Ruhe
und der Gewoehnung an ein traeges Leben keineswegs so lebhaft, dass sie sich
desshalb zu schweren, langwierigen Opfern entschliessen sollten.

Mit dieser nach vielfachem Verkehr mit allen Staenden entworfenen Skizze
der verschiedenen Faerbung der politischen Ansichten in den Colonien habe
ich auch die Ursachen der langen friedlichen Herrschaft des Mutterlandes
ueber Amerika angegeben. Wenn die Ruhe erhalten blieb, so war diess die
Folge der Gewohnheit, des grossen Einflusses einer gewissen Zahl maechtiger
Familien, vor allem des Gleichgewichtes, das sich zwischen feindlichen
Gewalten herstellt. Eine auf Entzweiung gegruendete Sicherheit muss
erschuettert werden, sobald eine bedeutende Menschenmasse ihren Privathass
eine Weile ruhen laesst und im Gefuehl eines gemeinsamen Interesses sich
verbuendet, sobald dieses Gefuehl, einmal erwacht, am Widerstand erstarkt
und durch fortschreitende Geistesentwicklung und die Umwandlung der Sitten
der Einfluss der Gewohnheit und der alten Vorstellungen sich mindert.

Wir haben oben gesehen, dass die indianische Bevoelkerung in den vereinigten
Provinzen von Venezuela nicht stark und nicht altcivilisirt ist; auch sind
alle Staedte derselben von den spanischen Eroberern gegruendet. Diese
konnten hier nicht, wie in Mexico und Peru, in die Fussstapfen der alten
Cultur der Eingeborenen treten. An Caracas, Maracaybo, Cumana und Coro ist
nichts indianisch als die Namen. Von den Hauptstaedten des tropischen
Amerika, die im Gebirge liegen und eines sehr gemaessigten Klimas geniessen
[Mexico, Santa Fe de Bogota und Quito], ist Caracas die am tiefsten
gelegene. Da die Hauptmasse der Bevoelkerung von Venezuela den Kuesten nahe
gerueckt ist und der cultivirteste Landstrich von Ost nach West denselben
parallel laeuft, so ist Caracas kein Mittelpunkt des Handels, wie Mexico,
Santa Fe de Bogota und Quito. Jede der sieben in eine _Capitania general_
vereinigten Provinzen hat ihren eigenen Hafen, durch den ihre Produkte
abfliessen. Man darf nur die Lage der Provinzen, ihren mehr oder minder
starken Verkehr mit den Inseln unter dem Wind oder den grossen Antillen,
die Richtung der Gebirge und den Lauf der grossen Fluesse betrachten, um
einzusehen, dass Caracas auf die Laender, deren Hauptstadt es ist, niemals
einen bedeutenden politischen Einfluss haben kann. Der Apure, der Meta, der
Orinoco, die von West nach Ost laufen, nehmen alle Gewaesser aus den Llanos
oder der Region des Weidelandes auf. St. Thomas in Guyana muss nothwendig
einmal ein wichtiger Handelsplatz werden, namentlich wenn einmal das Mehl
aus Neu-Grenada oberhalb der Vereinigung des Rio Negro und des Umadea
eingeschifft wird und aus dem Meta und dem Orinoco hinunter kommt, und man
dasselbe in Cumana und Caracas dem Mehl aus den Vereinigten Staaten
vorzieht. Es ist ein grosser Vorzug der Provinzen von Venezuela, dass nicht
ihr ganzer Bodenreichthum in Einem Punkt zusammenfliesst, wie der von
Mexico und Neu-Grenada nach Vera Cruz und Carthagena, sondern dass sie eine
Menge ziemlich gleich bevoelkerter Staedte haben, die eben so viele
Mittelpunkte des Handels und der Cultur bilden.

Caracas ist der Sitz einer *Audiencia* (hoher Gerichtshof) und eines der
acht Erzbisthuemer, in welche das ganze spanische Amerika getheilt ist. Die
Bevoelkerung war, nach meinen Erkundigungen ueber die Zahl der Geburten, im
Jahr 1800 etwa 40,000; die unterrichtetsten Einwohner geben sie sogar zu
45,000 an, worunter 12,000 Weisse und 27,000 freie Farbige. Im Jahr 1778
hatte man bereits 30--32,000 geschaetzt. Alle unmittelbaren Aufnahmen
blieben ein Viertheil und mehr unter der wirklichen Zahl. Im Jahr 1766
hatte die Bevoelkerung von Caracas und des schoenen Thals, in dem es liegt,
durch eine boesartige Pockenepidemie sehr stark gelitten. In der Stadt
starben 6--8000 Menschen; seit diesem denkwuerdigen Zeitpunkt ist die
Kuhpockenimpfung allgemein geworden, und ich habe sie ohne Arzt vornehmen
sehen. In der Provinz Cumana, die weniger Verkehr mit Europa hat, war zu
meiner Zeit seit fuenfzehn Jahren kein Pockenfall vorgekommen, waehrend man
in Caracas vor dieser schrecklichen Krankheit bestaendig bange hatte, weil
sie immer an mehreren Punkten zugleich sporadisch auftrat; ich sage
sporadisch, denn im tropischen Amerika, wo der Wechsel der atmosphaerischen
Zustaende und die Erscheinungen des organischen Lebens an eine auffallende
Periodicitaet gebunden scheinen, traten die Pocken (wenn man sich auf einen
weitverbreiteten Glauben verlassen kann) vor der Einfuehrung der
segensreichen Kuhpockenimpfung nur alle 15--18 Jahre verheerend auf. Seit
meiner Rueckkehr nach Europa hat die Bevoelkerung von Caracas bestaendig
zugenommen; sie betrug 50,000 Seelen, als das grosse Erdbeben am 26. Maerz
1812 gegen 12,000 Menschen unter den Truemmern ihrer Haeuser begrub. Durch
die politischen Ereignisse, die dieser Catastrophe folgten, kam die
Einwohnerzahl auf weniger als 20,000 herunter; aber diese Verluste werden
bald wieder eingebracht seyn, wenn das aeusserst fruchtbare und
handelsthaetige Land, dessen Mittelpunkt Caracas ist, nur einiger Jahre
Ruhe geniesst und verstaendig regiert wird.

Die Stadt liegt am Eingang der Ebene von Chacao, die sich drei Meilen nach
Ost gegen Caurimare und Cuesta d'Auyamas ausdehnt und zwei und eine halbe
Meile breit wird, und durch die der Rio Guayre fliesst. Sie liegt 414
Toisen ueber dem Meer. Der Boden, auf dem Caracas liegt, ist uneben und
faellt stark von Nord-Nord-West nach Sued-Sued-Ost ab. Um eine richtige
Vorstellung von der Lage der Stadt zu bekommen, muss man die Richtung der
Kuestengebirge und der grossen Laengenthaeler zwischen denselben ins Auge
fassen. Der Guayrefluss entspringt im Urgebirge des Higuerote, das zwischen
dem Thal von Caracas und dem von Aragua liegt. Er erhaelt bei las Ayuntas
nach der Vereinigung der Fluesschen San Pedro und Macarao seinen Namen und
laeuft zuerst nach Ost bis zur Cuesta d'Auyamas und dann nach Sued, um sich
oberhalb Yare mit dem Rio Tuy zu vereinigen. Letzterer ist der einzige
Fluss von Bedeutung im noerdlichen, gebirgigen Theile der Provinz. Er laeuft
30 Meilen lang, von denen ueber drei Viertheile schiffbar sind, geradeaus
von West nach Ost. Auf diesem Stromstueck betraegt nach meinen
barometrischen Messungen der Fall des Tuy von der Pflanzung Manterola bis
zur Muendung 295 Toisen. Dieser Fluss bildet in der Kuestenkette eine Art
Laengenthal, waehrend die Gewaesser der Llanos, das heisst von fuenf
Sechstheilen der Provinz Caracas, dem Abhang des Bodens gegen Sueden nach,
sich in den Orinoco ergiessen. Nach dieser hydrographischen Skizze erklaert
sich die natuerliche Neigung der Bewohner derselben Provinz, ihre Produkte
auf verschiedenen Wegen auszufuehren.

Das Thal von Caracas ist zwar nur ein Seitenzweig des Tuythals, dennoch
laufen beide eine Strecke weit einander parallel. Sie sind durch einen
Bergzug getrennt, ueber den man auf dem Wege von Caracas nach den hohen
Savanen von Ocumare ueber le Valle und Salamanca kommt. Diese Savanen
liegen schon jenseits des Tuy, und da das Thal dieses Flusses weit tiefer
liegt als das von Caracas, so geht es von Nord nach Sued fast bestaendig
bergab. Wie das Vorgebirge Codera, die Silla, der Cerro de Avila zwischen
Caracas und Guayra und die Berge von Mariara den noerdlichsten und hoechsten
Zug der Kuestenkette, so bilden die Berge von Panaquire, Ocumare, Guiripa
und Villa de Cura den suedlichsten Zug. Wir haben schon oefter bemerkt, dass
die Schichten dieses gewaltigen Kuestengebirges fast durchgaengig von Suedost
nach Suedwest streichen und gewoehnlich nach Nordwest fallen. Es ergibt sich
daraus, dass die Richtung der Schichten des Urgebirgs von der Richtung der
ganzen Kette unabhaengig ist, und, was sehr bemerkenswerth ist, verfolgt
man die Kette von Porto-Cabello bis Maniquare und zum Macanao auf der
Insel Margarita, so findet man von West nach Ost zuerst Granit, dann
Gneiss, Glimmerschiefer und Urschiefer, endlich dichten Kalkstein, Gips und
Conglomerate mit Seemuscheln.

Es ist zu bedauern, dass Caracas nicht weiter ostwaerts liegt, unterhalb der
Einmuendung des Anauco in den Guayre; da wo, Chacao zu, sich das Thal
breit, und wie durch stehendes Gewaesser geebnet, ausdehnt. Als Diego de
Losada die Stadt gruendete,(23) hielt er sich ohne Zweifel an die Spuren
der ersten Niederlassung unter Faxardo. Der Ruf der Goldminen von los
Teques und Baruta hatte damals die Spanier hergelockt, aber sie waren noch
nicht Herren des ganzen Thals und blieben lieber nahe am Weg zur Kueste.
Die Stadt Quito liegt gleichfalls im engsten, unebensten Theil eines Thals
zwischen zwei schoenen Ebenen (Turupamba und Rumipamba), wo man sich haette
anbauen koennen, wenn man die alten indianischen Bauten haette wollen liegen
lassen.

Vom Zollhaus la Pastora ueber den Platz Trinidad und die _Plaza major_ nach
Santa Rosalia und an den Rio Guayre geht es immer abwaerts. Nach meinen
barometrischen Messungen liegt das Zollhaus 39 Toisen ueber dem Platze
Trinidad, wo ich meine astronomischen Beobachtungen gemacht habe,
letzterer 8 Toisen ueber dem Pflaster vor der Hauptkirche auf dem grossen
Platz, und dieser 32 Toisen ueber dem Guayrefluss bei la Noria. Trotz des
abschuessigen Bodens fahren Wagen in der Stadt, man bedient sich ihrer aber
selten. Drei Baeche, die vom Gebirge herabkommen, der Anauco, Catuche und
Caraguata, laufen von Nord nach Sued durch die Stadt; sie haben sehr hohe
Ufer, und mit den ausgetrockneten Betten von Gebirgswassern, welche darin
auslaufen und das Terrain durchschneiden, erinnern sie im Kleinen an die
beruehmten _Guaicos_ in Quito.(24) Man trinkt in Caracas das Wasser des Rio
Catuche, aber die Wohlhabenden lassen das Wasser aus Valle, einem eine
Meile weit suedwaerts gelegenen Dorfe, kommen. Dieses Wasser, so wie das aus
dem Gamboa gelten fuer sehr gesund, weil sie ueber Sassaparillwurzeln(25)
laufen. Ich habe keine Spur von Arom oder Extractivstoff darin finden
koennen; das Wasser von Valle enthaelt keinen Kalk, aber etwas mehr
Kohlensaeure als das Wasser aus dem Anauco. Die neue Bruecke ueber den
letzteren Fluss ist schoen gebaut und belebt von den Spaziergaengern, welche
gegen Candelaria zu die Strasse von Chacao und Petara aufsuchen. Man zaehlt
in Caracas acht Kirchen, fuenf Kloester und ein Theater, das 15 bis 1800
Zuschauer fasst. Zu meiner Zeit war das Parterre, in dem Maenner und Frauen
gesonderte Sitze haben, nicht bedeckt. Man sah zugleich die Schauspieler
und die Sterne. Da das nebligte Wetter mich um viele
Trabantenbeobachtungen brachte, konnte ich von einer Loge im Theater aus
bemerken, ob Jupiter in der Nacht sichtbar seyn werde. Die Strassen von
Caracas sind breit, gerade gezogen und schneiden sich unter rechten
Winkeln, wie in allen Staedten, welche die Spanier in Amerika gegruendet.
Die Haeuser sind geraeumig und hoeher, als sie in einem Lande, das Erdbeben
ausgesetzt ist, seyn sollten. Im Jahre 1800 waren die zwei Plaetze Alta
Gracia und San Francisco sehr huebsch: ich sage im Jahr 1800, denn die
furchtbaren Erderschuetterungen am 26. Maerz 1812 haben fast die ganze Stadt
zerstoert. Sie ersteht langsam aus ihren Truemmern; der Stadttheil la
Trinidad, in dem ich wohnte, ward ueber den Haufen geworfen, als ob eine
Mine darunter gesprungen waere.

Durch das enge Thal und die Naehe der hohen Berge Avila und Silla erhaelt
die Gegend von Caracas einen ernsten, duestern Anstrich, besonders in der
kuehlsten Jahreszeit, in den Monaten November und December. Die Morgen sind
dann ausnehmend schoen; bei reinem klarem Himmel hat man die beiden Dome
oder abgerundeten Pyramiden der Silla und den gezackten Kamm des Cerro de
Avila vor sich. Aber gegen Abend truebt sich die Luft; die Berge umziehen
sich, Wolkenstreifen haengen an ihren immergruenen Seiten und theilen sie
gleichsam in uebereinanderliegende Zonen. Allmaehlich verschmelzen diese
Zonen, die kalte Luft, die von der Silla herabkommt, staut sich im engen
Thal und verdichtet die leichten Duenste zu grossen flockigten Wolken. Diese
Wolken senken sich oft bis ueber das Kreuz von Guayra herab und man sieht
sie dicht am Boden gegen la Pastora und das benachbarte Quartier Trinidad
fortziehen. Beim Anblick dieses Wolkenhimmels meinte ich nicht in einem
gemaessigten Thale der heissen Zone, sondern mitten in Deutschland, auf den
mit Fichten und Lerchen bewachsenen Bergen des Harzes zu seyn.

Aber dieser duestere, schwermuethige Charakter der Landschaft, dieser
Contrast zwischen dem heitern Morgen und dem bedeckten Himmel am Abend ist
mitten im Sommer verschwunden. Im Juni und Juli sind die Naechte hell und
ausnehmend schoen; die Luft behaelt fast bestaendig die den Hochebenen und
hochgelegenen Thaelern eigenthuemliche Reinheit und Durchsichtigkeit, so
lange sie ruhig bleibt und der Wind nicht Schichten von verschiedener
Temperatur durcheinander wirft. In dieser Sommerzeit prangt die
Landschaft, die ich nur wenige Tage zu Ende Januars in schoener Beleuchtung
gesehen, in ihrer vollen Pracht. Die beiden runden Gipfel der Silla
erscheinen in Caracas fast unter demselben Hoehenwinkel(26) wie der Pic von
Teneriffa im Hafen von Orotava. Die untere Haelfte des Bergs ist mit kurzem
Rasen bedeckt; dann kommt die Zone der immergruenen Straeucher, die zur
Bluethezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerika, purpurroth
schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform
empor. Sie sind voellig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im
gemaessigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, hoeher, als er wirklich
ist. Mit diesem grossartigen Prospekt der Silla und der Bergscenerie im
Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thals, die lachende Ebene
von Chacao, Petare und la Vega im angenehmsten Contrast.

Man hoert das Klima von Caracas oft einen ewigen Fruehling nennen, und
dasselbe findet sich ueberall im tropischen Amerika auf der halben Hoehe der
Cordilleren, zwischen 400 und 900 Toisen ueber dem Meer, wenn nicht sehr
breite Thaeler und Hochebenen und duerrer Boden die Intensitaet der
strahlenden Waerme uebermaessig steigern. Was laesst sich auch Koestlicheres
denken als eine Temperatur, die sich bei Tag zwischen 20 und 26, bei Nacht
zwischen 16 und 18 Grad haelt, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum,
der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben
einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch
Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Baechen
die vier Fluesse desselben.

Leider ist in diesem so gemaessigten Klima die Witterung sehr unbestaendig.
Die Einwohner von Caracas klagen darueber, dass sie an Einem Tage
verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergaenge von einer Jahreszeit
zur andern sehr schroff sind. Haeufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht
mit einer mittleren Temperatur von 16 deg. ein Tag, an dem der Thermometer im
Schatten acht Stunden lang ueber 22 deg. steht. Am selben Tage kommen aber
Waermegrade von 24 und von 18 deg. vor. Dergleichen Schwankungen sind in den
gemaessigten Landstrichen Europas ganz gewoehnlich, in der heissen Zone aber
sind selbst die Europaeer so sehr an die Gleichfoermigkeit der aeusseren Reize
gewoehnt, dass ein Temperaturwechsel von 6 Grad ihnen beschwerlich wird. In
Cumana und ueberall in der Niederung aendert sich die Temperatur von 11 Uhr
Morgens bis 11 Uhr Abends gewoehnlich nur um 2--3 Grad. Zudem aeussern diese
atmosphaerischen Schwankungen in Caracas auf den menschlichen Organismus
staerkeren Einfluss, als man nach dem blossen Thermometerstande glauben
sollte. Im engen Thale wird die Luft so zu sagen im Gleichgewicht gehalten
von zwei Winden, deren einer von West, von der Seeseite weht, waehrend der
andere von Ost, aus dem Binnenlande kommt. Ersterer heisst der "Wind von
Catia," weil er von Catia, westwaerts von Cabo Blanco, durch die Schlucht
Tipe heraufkommt, deren wir oben bei Gelegenheit des Projekts einer neuen
Strasse und eines neuen Hafens, statt der Strasse und des Hafens von Guayra,
erwaehnt haben. Der Wind von Catia ist aber nur scheinbar ein Westwind,
meist ist es der Seewind aus Ost und Nordost, der, wenn er stark blaest,
sich in der Quebrada de Tipe faengt. Von den hohen Bergen Aguas Negras
zurueckgeworfen, kommt der Wind nach Caracas herauf auf der Seite des
Kapuzinerklosters und des Rio Caraguata. Er ist sehr feucht und das Wasser
schlaegt sich auf ihm nieder, im Maasse als er sich abkuehlt; der Gipfel der
Silla umzieht sich daher auch mit Wolken, sobald der Catia ins Thal
dringt. Die Einwohner von Caracas fuerchten sich sehr vor ihm; Personen mit
reizbarem Nervensystem verursacht er Kopfschmerzen. Ich habe welche
gekannt, die, um sich dem Winde nicht auszusetzen, nicht aus dem Hause
gehen, wie man in Italien thut, wenn der Sirocco weht. Ich glaubte waehrend
meines Aufenthalts in Caracas gefunden zu haben, dass der Wind von Catia
reiner (etwas reicher an Sauerstoff) sey als der Wind von Petare; ich
meinte auch, seine reizende Wirkung moechte eben von dieser Reinheit
herruehren. Aber die Mittel, die ich angewendet, sind sehr unzuverlaessig.
Der Wind von Petare kommt von Ost und Suedost, vom oestlichen Ende des
Guayrethals herein und fuehrt die trockenere Luft des Gebirgs und des
Binnenlandes herbei; er zerstreut die Wolken und laesst den Gipfel der Silla
in seiner ganzen Pracht hervortreten.

Bekanntlich sind die Veraenderungen, welche die Mischung der Luft an einem
gegebenen Ort durch die Winde erleidet, auf eudiometrischem Wege nicht zu
ermitteln, da die genauesten Methoden nur 0,003 Sauerstoff angeben. Die
Chemie kennt noch kein Mittel, um den Inhalt zweier Flaschen zu
unterscheiden, von denen die eine waehrend des Sirocco oder des Catia mit
Luft gefuellt worden ist, und die andere, bevor diese Winde wehten. Es ist
mir jetzt wahrscheinlich, dass der auffallende Effekt des Catia und aller
Luftstroemungen, die im gemeinen Glauben verrufen sind, vielmehr dem
Wechsel in Feuchtigkeit und Temperatur als chemischen
Mischungsveraenderungen zuzuschreiben sind. Man braucht keine Miasmen von
der ungesunden Seekueste nach Caracas heraufkommen zu lassen; es ist sehr
begreiflich, dass Menschen, die an die trockenere Gebirgsluft gewoehnt sind,
es sehr unangenehm empfinden, wenn die sehr feuchte Seeluft durch die
Tipeschlucht wie ein aufsteigender Strom in das hohe Thal von Caracas
heraufkommt, hier durch die Ausdehnung, die sie erleidet, und durch die
Beruehrung mit kaelteren Schichten sich abkuehlt und einen bedeutenden Theil
ihres Wassers niederschlaegt. Diese Unbestaendigkeit der Witterung, diese
etwas schroffen Uebergaenge von trockener, heller zu feuchter, nebligter
Luft, sind Uebelstaende, die Caracas mit der ganzen gemaessigten Region unter
den Tropen, mit allen Orten gemein hat, die in einer Meereshoehe von 4--800
Toisen entweder auf kleinen Hochebenen oder am Abhang der Cordilleren
liegen, wie Xalapa in Mexico und Guaduas in Neu-Grenada. Bestaendig
heiterer Himmel einen grossen Theil des Jahres hindurch kommt nur in den
Niederungen an der See vor, und wiederum in sehr bedeutenden Hoehen, auf
den weiten Hochebenen, wo die gleichfoermige Strahlung des Bodens die
Aufloesung der Dunstblaeschen zu befoerdern scheint. Die dazwischen liegende
Zone beginnt mit den ersten Wolkenschichten, die sich ueber der
Erdoberflaeche lagern. Unbestaendigkeit und viele Nebel bei sehr milder
Temperatur sind der Witterungscharakter dieser Region.

Trotz der hohen Lage ist der Himmel in Caracas gewoehnlich weniger blau als
in Cumana. Der Wasserdunst ist dort nicht so vollkommen aufgeloest, und wie
in unserem Klima wird durch die staerkere Zerstreuung des Lichts die Farbe
der Luft geschwaecht, indem sich Weiss dem Blau beimischt. Die Intensitaet
des Himmelsblau war auf dem Saussureschen Cyanometer vom November bis
Januar im Durchschnitt 18, nie ueber 20 Grad, an den Kuesten dagegen 22--25
Grad. Ich habe im Thal von Caracas die Bemerkung gemacht, dass der Wind von
Petare das Himmelsgewoelbe zuweilen auffallend blass faerbt. Am 23. Januar
war das Blau des Himmels um Mittag im Zenith heller, als ich es je in der
heissen Zone gesehen. Es war gleich 12 Grad des Cyanometers; die Luft war
dabei vollkommen durchsichtig, wolkenlos und auffallend trocken. Sobald
der starke Wind von Petare nachliess, stieg das Blau im Zenith auf 16 Grad.
Zur See habe ich haeufig, wenn auch in geringerem Grade, einen aehnlichen
Einfluss des Windes auf die Farbe der Luft beim heitersten Himmel
beobachtet.

Welches ist die mittlere Temperatur von Caracas? Wir kennen sie nicht so
genau wie die von Santa Fe de Bogota und Mexico. Ich glaube indessen
darthun zu koennen, dass sie nicht viel ueber oder unter 21--22 deg. betraegt.
Nach eigenen Beobachtungen fand ich fuer die drei sehr kuehlen Monate
November, December und Januar als Durchschnitt des taeglichen Maximum und
Minimum der Temperatur 20 deg.,2, 20 deg.,1, 20 deg.,2. Nach dem aber, was wir jetzt
ueber die Vertheilung der Waerme in den verschiedenen Jahreszeiten und in
verschiedenen Meereshoehen wissen, laesst sich annaehernd aus der mittleren
Temperatur einiger Monate die mittlere Temperatur des ganzen Jahres
berechnen, ungefaehr wie man auf die Hoehe eines Gestirns im Meridian aus
Hoehen, die ausserhalb des Meridians gemessen werden, einen Schluss zieht.
Das Ergebniss, das ich fuer richtig halte, ist nun aber auf folgendem Wege
gewonnen worden. In Santa Fe de Bogota weicht nach Caldas der Januar von
der mittleren Jahrestemperatur nur um 0 deg.,2 ab; in Mexico, also der
gemaessigten Zone schon sehr nahe, betraegt der Unterschied im Maximum 3 deg.. In
Guayra bei Caracas weicht der kaelteste Monat vom jaehrlichen Mittel um 4 deg.,9
ab; aber wenn auch im Winter zuweilen die Luft von Guayra (oder von Catia)
durch die Quebrada de Tipe ins hohe Thal von Caracas heraufkommt, so
erhaelt dasselbe dagegen einen groesseren Theil des Jahrs hindurch die Ost-
und Suedostwinde von Caurimare her und aus dem Binnenland. Wir wissen nach
unmittelbaren Beobachtungen, dass in Guayra und Caracas die Temperatur der
kaeltesten Monate 23 deg.,2 und 20 deg.,1 betraegt. Diese Unterschiede sind der
Ausdruck einer Temperaturabnahme, die im Thale von Caracas zugleich von
der hohen Lage (oder von der Ausdehnung der Luft im aufsteigenden Strome)
und vom Conflikt der Winde von Catia und von Petare herbeigefuehrt wird.

Nach einer kleinen Reihe von Beobachtungen, die ich in drei Jahren theils
in Caracas selbst, theils in Chacao, ganz in der Naehe der Hauptstadt,
angestellt, hielt sich der hunderttheilige Thermometer in der kalten
Jahreszeit bei Tage meistens zwischen 21 und 22 deg., bei Nacht zwischen 16
und 17 deg..(27) In der heissen Jahreszeit, im Juli und August, steigt er bei
Tag auf 25--26 deg., bei Nacht auf 22--23 deg..(28) Diess ist der gewoehnliche
Zustand der Atmosphaere, und dieselben Beobachtungen, mit einem von mir
berichtigten Instrument angestellt, ergeben *als mittlere
Jahrestemperatur* von Caracas etwas mehr als 21 deg.,5. Eine solche kommt aber
im System der cisatlantischen Klimate auf Ebenen unter dem
36--37. Breitengrade vor. Es ist wohl ueberfluessig zu bemerken, dass dieser
Vergleich sich nur auf die Summe von Waerme bezieht, die sich an jedem
Punkte im Laufe des ganzen Jahrs entwickelt, keineswegs auf's *Klima*, das
heisst auf die Vertheilung der Waerme unter die verschiedenen Jahreszeiten.

Sehr selten sieht man in Caracas im Sommer die Temperatur ein paar Stunden
lang auf 29 deg. [23, deg.2 R] steigen; sie soll im Winter unmittelbar nach
Sonnenaufgang schon auf 11 deg. [8 deg.,8 R] gesunken seyn. So lange ich mich in
Caracas aufhielt, waren das Maximum und das Minimum nur 25 deg. und 12 deg.,5. Die
Kaelte bei Nacht ist um so empfindlicher, da dabei meist nebligtes Wetter
ist. Wochenlang konnte ich weder Sonnen- noch Sternhoehen messen. Der
Uebergang von herrlich durchsichtiger Luft zur voelligen Dunkelheit erfolgt
so rasch, dass nicht selten, wenn ich schon, eine Minute vor dem Eintritt
eines Trabanten, das Auge am Fernrohr hatte, mir der Planet und meine
naechste Umgebung mit einander im Nebel verschwanden. In Europa ist in der
gemaessigten Zone die Temperatur auf den Gebirgen etwas gleichfoermiger als
in den Niederungen. Beim Gotthardtshospiz z. B. ist der Unterschied
zwischen den mittleren Temperaturen der waermsten und der kaeltesten Monate
17 deg.,3, waehrend derselbe unter der naemlichen Breite beinahe am
Meeresspiegel 20--21 deg. betraegt. Die Kaelte nimmt auf unsern Bergen nicht so
rasch zu, wie die Waerme abnimmt. Wenn wir den Cordilleren naeher kommen,
werden wir sehen, dass in der heissen Zone das Klima in den Niederungen
gleichfoermiger ist als auf den Hochebenen. In Cumana und Guayra (denn man
darf keine Orte anfuehren, wo die Nordwinde einige Monate lang das
Gleichgewicht der Atmosphaere stoeren) steht der Thermometer das ganze Jahr
zwischen 21 und 35 deg.; in Santa Fe und Quito kommen Schwankungen zwischen 3
und 22 deg. vor, wenn man, nicht die kaeltesten und heissesten Tage, sondern
Stunden des Jahres vergleicht. In den Niederungen, wie in Cumana, ist der
Unterschied zwischen Tag und Nacht meist nur 3--4 deg.; in Quito fand ich
diesen Unterschied (ich zog dabei jeden Tag und jede Nacht das Mittel aus
4--5 Beobachtungen) gleich 7 deg.. In Caracas, das fast dreimal weniger hoch
und auf einer unbedeutenden Hochebene liegt, sind die Tage im November und
December noch um 5--5 deg.,5 waermer als die Naechte. Diese Erscheinungen von
naechtlicher Abkuehlung moegen auf den ersten Anblick ueberraschen; sie
modificiren sich durch die Erwaermung der Hochebenen und Gebirge den Tag
ueber, durch das Spiel der niedergehenden Luftstroeme, besonders aber durch
die naechtliche Waermestrahlung in der reinen, trockenen Luft der
Cordilleren.

In den drei Monaten April, Mai und Juni regnet es in Caracas sehr viel.
Die Gewitter kommen immer aus Ost und Suedost, von Petare und Valle her. In
den tief gelegenen Landstrichen hagelt es nicht unter den Tropen; in
Caracas aber kommt es so ziemlich alle 4--5 Jahre einmal vor. Man hat
sogar in noch tieferen Thaelern hageln sehen, und diese Erscheinung macht
dann einen ungemeinen Eindruck auf das Volk. Ein Meteorsteinfall ist bei
uns nicht so selten als im heissen Erdstrich, trotz der haeufigen Gewitter,
Hagel unter 300 Toisen Meereshoehe.

Im kuehlen, koestlichen Klima, das wir eben geschildert, gedeihen noch die
tropischen Gewaechse. Das Zuckerrohr wird sogar in noch hoeheren
Landstrichen als Caracas gebaut; man pflanzt aber im Thale wegen der
trockenen Lage und des steinigten Bodens lieber den Kaffeebaum, der nicht
viele, aber ausgezeichnet gute Fruechte gibt. In der Bluethezeit des
Strauchs gewaehrt die Ebene nach Chacao hin den lachendsten Anblick. Der
Bananenbaum in den Pflanzungen um die Stadt ist nicht der grosse _Platano
harton_ sondern die Varietaeten Camburi und Dominico,(29) die weniger Waerme
noethig haben. Die grossen Bananen auf dem Markte von Caracas kommen aus den
Haciendas von Turiamo an der Kueste zwischen Burburata und Porto-Cabello.
Die schmackhaftesten Ananas sind die von Baruta, Empedrado und von den
Hoehen von Buenavista auf dem Wege nach Victoria. Kommt ein Reisender zum
erstenmal in das Thal von Caracas herauf, so ist er angenehm ueberrascht,
neben dem Kaffeebaum und Bananenbaum unsere Kuechenkraeuter, Erdbeeren,
Weinreben und fast alle Obstbaeume der gemaessigten Zone zu finden. Die
gesuchtesten Pfirsiche und Aepfel kommen von Macarao, am westlichen Ausgang
des Thals. Der Quittenbaum, dessen Stamm nur vier bis fuenf Fuss hoch wird,
ist dort so gemein, dass er fast verwildert ist. Eingemachtes von Apfeln
und besonders von Quitten ist sehr beliebt, da man hier zu Lande meint,
ehe man Wasser trinkt, muesse man durch Suessigkeiten den Durst reizen. Je
staerker man in der Umgebung der Stadt Kaffee baute und je mehr mit den
Pflanzungen, die nicht aelter sind als 1793, die Zahl der Arbeitsneger
stieg, desto mehr hat der Mais- und Gemuesebau die zerstreuten Apfel- und
Quittenbaeume aus den Savanen verdraengt. Der Reisfelder, die man bewaessert,
waren frueher in der Ebene von Chacao mehr als jetzt. Ich habe in dieser
Provinz, wie in Mexico und in allen hochgelegenen Laendern der heissen Zone,
die Bemerkung gemacht, dass da, wo der Apfelbaum vortrefflich gedeiht, der
Birnbaum nur schwer fortzubringen ist. Man hat mich versichert, die
ausgezeichnet guten Aepfel, die man auf dem Markte kauft, wachsen bei
Caracas auf ungeimpften Staemmen. Kirschbaeume gibt es nicht; die
Olivenbaeume, die ich im Hof des Klosters San Felipe de Neri gesehen, sind
gross und schoen; aber eben wegen des ueppigen Wachsthums tragen sie keine
Fruechte.

Wenn die Luftbeschaffenheit des Thals allen landwirthschaftlichen
Produkten, die in den Colonien gebaut werden, ungemein guenstig ist, so
laesst sich von der Gesundheit der Einwohner und der in der Hauptstadt von
Venezuela lebenden Fremden nicht dasselbe sagen. Das aeusserst unbestaendige
Wetter und die haeufige Unterdrueckung der Hautausduenstung erzeugen
catarrhalische Beschwerden, die in den mannigfachsten Formen auftreten.
Hat sich der Europaeer einmal an die starke Hitze gewoehnt, so bleibt er in
Cumana, in den Thaelern von Aragua, ueberall, wo die Niederung unter den
Tropen nicht zugleich sehr feucht ist, gesunder als in Caracas und all den
Gebirgslaendern, wo der gepriesene bestaendige Fruehling herrschen soll.

Als ich vom gelben Fieber in Guayra sprach, gedachte ich der allgemein
verbreiteten Meinung, dass diese schreckliche Krankheit fast eben so wenig
von der Kueste von Venezuela nach der Hauptstadt wandere, als von der Kueste
von Mexico nach Xalapa. Diese Meinung stuetzt sich auf die Erfahrung der
letzten zwanzig Jahre. Von den Epidemien, die im Hafen von Guayra
herrschten, wurde in Caracas fast nichts bemerkt. Es sollte mir leid thun,
wenn ich durch eingebildete Besorgnisse die Bewohner der Hauptstadt aus
ihrer Sicherheit aufschreckte; ich bin aber durchaus nicht ueberzeugt, dass
der amerikanische Typhus, wenn er durch den starken Verkehr im Hafen auf
der Kueste einheimischer wird, nicht eines Tags, wenn besondere klimatische
Verhaeltnisse ihm Vorschub leisten, im Thal sehr oft auftreten koennte. Denn
die mittlere Temperatur desselben ist immer noch so hoch, dass der
Thermometer sich in den heissesten Monaten zwischen 22 und 26 Grad
[17--20 deg. R] haelt. Wenn sich nicht wohl bezweifeln laesst, dass dieser Typhus
in der gemaessigten Zone durch Beruehrung ansteckend ist, wie sollte man da
sicher seyn, dass er bei grosser Boesartigkeit nicht auch in der heissen Zone
in einer Gegend ansteckend wird, wo vier Meilen von der Kueste die
Sommertemperatur die Disposition des Koerpers noch steigert? Die Lage von
Xalapa am Abhang der mexicanischen Gebirge bietet ungleich mehr
Sicherheit, da die Stadt weniger volkreich und fuenfmal weiter von der See
entfernt ist als Caracas, da sie um 230 Toisen hoeher liegt und ihre
mittlere Temperatur 3 Grad weniger betraegt. Im Jahre 1696 weihte ein
Bischof von Venezuela, Diego de Banos, eine Kirche (_ermita_) der heiligen
Rosalia von Palermo, weil sie die Hauptstadt vom schwarzen Erbrechen,
_vomito negro_, erloest, nachdem es sechzehn Monate gewuethet. Ein Hochamt,
das alle Jahre zu Anfang Septembers in der Hauptkirche begangen wird, ist
zum Andenken an diese Seuche gestiftet, wie denn in den spanischen
Colonien auch die Tage, an denen grosse Erdbeben stattgefunden, durch
Prozessionen im Gedaechtniss erhalten werden. Das Jahr 1696 war wirklich
durch eine Gelbefieberepidemie ausgezeichnet, die auf allen Antillen
herrschte, wo die Krankheit sich erst seit dem Jahr 1688 eigentlich
festzusetzen begonnen hatte; wie soll man aber in Caracas an eine Epidemie
des schwarzen Erbrechens glauben, die ganze sechzehn Monate gedauert, und
also die sehr kuehle Jahreszeit, in der der Thermometer auf 12 oder 13
Grade faellt, ueberdauert haette? Sollte der Typhus im hohen Thale von
Caracas aelter seyn als in den besuchteren Haefen von Terra Firma? In diesen
war er, nach Ulloa, vor dem Jahr 1729 nicht bekannt, und so bezweifle ich,
dass die Epidemie von 1696 das gelbe Fieber oder der aechte amerikanische
Typhus war. Schwarze Ausleerungen kommen in remittirenden Gallenfiebern
haeufig vor und sind an und fuer sich so wenig als das Blutspeien fuer die
schreckliche Krankheit charakteristisch, die man gegenwaertig in der Havana
und in Vera Cruz unter dem Namen _vomito_ kennt. Wenn aber keine genaue
Beschreibung vorliegt, aus der hervorgeht, dass der amerikanische Typhus in
Caracas schon zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts geherrscht habe, so ist
es leider nur zu gewiss, dass diese Krankheit in dieser Hauptstadt im Jahr
1802 eine Menge junger europaeischer Soldaten weggerafft hat. Der Gedanke
ist beunruhigend, dass mitten in der heissen Zone ein 450 Toisen hoch, aber
sehr nahe an der See gelegenes Plateau die Einwohner keineswegs vor einer
Seuche schuetzt, die, wie man meint, nur in den Niederungen an der Kueste zu
Hause ist.

                            ------------------





   20 Die _Capitanio general_ von Caracas hat 48,000 Quadratmeilen (25 auf
      den Grad) Umfang, Peru 30,000, Neu-Grenada 65,000. Es ist diess das
      Ergebniss von Oltmanns Berechnung, wobei die Veraenderungen zu Grunde
      gelegt sind, welche die Karten von Amerika durch meine
      astronomischen Bestimmungen erlitten haben.

   21 So heissen in Spanien die Bewohner der Gebirge von Santander.

   22 Nach dem Vorgang von *Anglo-Amerikaner*, welcher Ausdruck in alle
      europaeischen Sprachen uebergegangen ist. In den spanischen Colonien
      heissen die in Amerika geborenen Weissen *Spanier*, die wirklichen
      Spanier aus dem Mutterland *Europaeer*, *Gachupins* oder *Chapetons*

   23 1567, spaeter als Cumana, Coro, Nueva Barcelona und Caravalleda.

   24 S. Bd. I. Seite 238.

   25 In ganz Amerika glaubt man, das Wasser nehme die Eigenschaften der
      Gewaechse an, in deren Schatten es fliesst. So ruehmt man an der
      Magellanscheu Meerenge das Wasser, das mit den Wurzeln der
      _Winterana Canella_ in Beruehrung kommt.

   26 Ich fand auf dem Platze Trinidad die scheinbare Hoehe der Silla
      11 deg. 12{~PRIME~} 49{~DOUBLE PRIME~}. Ihr Abstand betraegt etwa 4500 Toisen.

   27 Nach Reaumur bei Tag 16 deg.,8--18 deg., bei Nacht 12 deg.,8-13 deg.,6.

   28 Nach Reaumur bei Tag 20 deg.--20 deg.,8, bei Nacht 17 deg.,6--18 deg.,4.

   29 S. Bd. I, S. 80





DREIZEHNTES KAPITEL.


     Aufenthalt in Caracas. -- Berge um die Stadt. -- Besteigung des
                            Gipfels der Silla.


Ich blieb zwei Monate in Caracas. Bonpland und ich wohnten in einem
grossen, fast ganz frei stehenden Hause im hoechsten Theil der Stadt. Auf
einer Galerie uebersahen wir mit Einem Blick den Gipfel der Silla, den
gezackten Kamm des Galipano und das lachende Guayrethal, dessen ueppiger
Anbau von den finstern Bergwaenden umher absticht. Es war in der trockenen
Jahreszeit. Um die Weide zu verbessern, zuendet man die Savanen und den
Rasen an, der die steilsten Felsen bedeckt. Diese grossen Braende bringen,
von weitem gesehen, die ueberraschendsten Lichteffekte hervor. Ueberall wo
die Savanen laengs der aus- und einspringenden Felsgehaenge die von den
Bergwassern eingerissenen Schluchten ausfuellen, nehmen sich die brennenden
Bodenstreifen bei dunkler Nacht wie Lavastroeme aus, die ueber dem Thale
haengen. Ihr starkes, aber ruhiges Licht faerbt sich roethlich, wenn der
Wind, der von der Silla herunter kommt, Wolkenzuege ins Thal niedertreibt.
Andere male, und dann ist der Anblick am grossartigsten, sind die
Lichtstreifen in dickes Gewoelk gehuellt und kommen nur da und dort durch
Risse zum Vorschein, und wenn dann die Wolken steigen, zeigen sich ihre
Raender glaenzend beleuchtet. Diese mannigfaltigen Erscheinungen, wie sie
unter den Tropen haeufig vorkommen, werden noch anziehender durch die Form
der Berge, durch die Stellung der Abhaenge und die Hoehe der mit
Alpenkraeutern bewachsenen Savanen. Den Tag ueber jagt der Wind von Petare
von Osten her den Rauch ueber die Stadt und macht die Luft weniger
durchsichtig.

Hatten wir Ursache, mit der Lage unserer Wohnung zufrieden zu seyn, so
waren wir es noch viel mehr mit der Aufnahme, die uns von den Einwohnern
aller Staende zu Theil wurde. Ich habe die Verpflichtung, der edlen
Gastfreundschaft zu gedenken, die wir bei dem damaligen Generalcapitaen der
Provinzen von Venezuela, Herrn von Guevara Vasconzelos, genossen. Es ward
mir das Glueck zu Theil, das nur wenige Spanier mit mir theilen, hinter
einander Caracas, Havana, Santa Fe de Bogota, Quito, Lima und Mexico zu
besuchen, und in diesen sechs Hauptstaedten des spanischen Amerika brachten
mich meine Verhaeltnisse mit Leuten aller Staende in Verbindung; dennoch
erlaube ich mir nicht, mich ueber die verschiedenen Stufen der Cultur
auszusprechen, welche die Gesellschaft in jeder Colonie bereits erstiegen.
Es ist leichter, die Schattirungen der Nationalcultur und die vorzugsweise
Richtung der geistigen Entwicklung anzugeben, als zu vergleichen und zu
classificiren, was sich nicht unter Einen Gesichtspunkt bringen laesst. In
Mexico und Santa Fe de Bogota schien mir die Neigung zu ernsten
wissenschaftlichen Studien vorherrschend, in Quito und Lima fand ich mehr
Sinn fuer schoene Literatur und Alles, was eine lebendige, feurige
Einbildungskraft anspricht, in der Havana und in Caracas groessere Bildung
hinsichtlich der allgemeinen politischen Verhaeltnisse, umfassendere
Ansichten ueber die Zustaende der Colonien und der Mutterlaender. Der starke
Handelsverkehr mit Europa und das Meer der Antillen, das wir oben als ein
Mittelmeer mit mehreren Ausgaengen beschrieben, haben auf die
gesellschaftliche Entwicklung auf Cuba und in den schoenen Provinzen von
Venezuela gewaltigen Einfluss geaeussert. Nirgends sonst im spanischen
Amerika hat die Civilisation eine so europaeische Faerbung angenommen. Die
Menge Ackerbau treibender Indianer in Mexico und im Innern von Neu-Grenada
gibt diesen grossen Laendern einen eigenthuemlichen, man koennte sagen
exotischeren Charakter. Trotz der Zunahme der schwarzen Bevoelkerung glaubt
man sich in der Havana und in Caracas naeher bei Cadix und den Vereinigten
Staaten als in irgend einem Theil der neuen Welt.

Da Caracas auf dem Festland liegt und die Bevoelkerung nicht so beweglich
ist als auf den Inseln, haben sich die volksthuemlichen Gebraeuche mehr
erhalten als in der Havana. Sehr geraeuschvolle und sehr mannigfaltige
Zerstreuungen bietet die Gesellschaft nicht, aber im Kreise der Familien
empfindet man das Behagen, das munteres Wesen und Herzlichkeit im Verein
mit seiner Sitte in uns erzeugen. Es gibt in Caracas, wie ueberall, wo eine
grosse Umwaelzung in den Vorstellungen bevorsteht, zwei Menschenklassen, man
koennte sagen zwei streng geschiedene Generationen. Die eine, nicht mehr
sehr zahlreiche, haelt fest an den alten Braeuchen und hat die alte
Sitteneinfalt und Maessigung in Wuenschen und Begierden bewahrt. Sie lebt nur
in der Vorzeit; in ihrer Vorstellung ist Amerika Eigenthum ihrer
Voreltern, die es erobert haben. Sie verabscheut die sogenannte Aufklaerung
des Jahrhunderts und hegt sorgfaeltig, wie einen Theil ihres Erbguts, die
ueberlieferten Vorurtheile. Die andere lebt weniger in der Gegenwart als in
der Zukunft und hat eine nicht selten leichtfertige Vorliebe fuer neue
Sitten und Ideen. Kommt zu dieser Neigung der Trieb, sich gruendlich zu
bilden, wird sie von einem kraeftigen, hellblickenden Geiste gezuegelt und
gelenkt, so wird sie in ihren Wirkungen der Gesellschaft erspriesslich. Ich
habe in Caracas mehrere durch wissenschaftlichen Sinn, angenehme Sitten
und grossartige Gesinnung gleich ausgezeichnete Maenner kennen gelernt, die
dieser zweiten Generation angehoerten; aber auch andere, die auf alles
Schoene und Achtungswuerdige im spanischen Charakter, in der Literatur und
Kunst dieses Volks herabsahen und damit ihre eigene Nationalitaet
einbuessten, ohne im Verkehr mit den Fremden richtige Begriffe ueber die
wahren Grundlagen des oeffentlichen Wohls und der gesellschaftlichen
Ordnung einzutauschen. Da seit der Regierung Karls V. der
Corporationsgeist und der Municipalhass aus dem Mutterland in die Colonien
uebergegangen sind, so findet man in Cumana und andern Handelsstaedten von
Terra Firma Gefallen daran, die Adelsansprueche der vornehmsten Familien in
Caracas, der sogenannten _'Mantuanos'_, mit Uebertreibung zu schildern.
Wie sich diese Ansprueche frueher geaeussert, weiss ich nicht; es schien mir
aber, als ob die fortschreitende Bildung und die in den Sitten sich
vollziehende Umwandlung nach und nach und fast durchgaengig den
gesellschaftlichen Unterschieden im Verkehr unter Weissen alles Verletzende
benommen haetten. In allen Colonien gibt es zweierlei Adel. Der eine
besteht aus Creolen, deren Vorfahren in juengster Zeit bedeutende Aemter in
Amerika bekleidet haben; er gruendet seine Vorrechte zum Theil auf das
Ansehen, in dem er im Mutterlande steht; er glaubt sie auch ueber dem Meere
festhalten zu koennen, gleichviel zu welcher Zeit er sich in den Colonien
niedergelassen; Der andere Adel haftet mehr am amerikanischen Boden; seine
Glieder sind Nachkommen der *Conquistadoren*, das heisst der Spanier, die
bei der ersten Eroberung im Heere gedient. Mehrere dieser Krieger, der
Waffengenossen der Cortez, Losada und Pizarro, gehoerten den vornehmsten
Familien der pyrenaeischen Halbinsel an; andere aus den untern Volksklassen
haben ihre Namen durch die ritterliche Tapferkeit, die ein bezeichnender
Zug des fruehen sechzehnten Jahrhunderts ist, zu Ehren gebracht. Ich habe
oben daran erinnert,(30) dass in der Geschichte dieser Zeit der religioesen
und kriegerischen Begeisterung im Gefolge der grossen Anfuehrer mehrere
redliche, schlichte, grossmuethige Maenner auftraten. Sie eiferten wider die
Grausamkeiten, welche die Ehre des spanischen Namens befleckten; aber sie
verschwanden in der Menge und konnten der allgemeinen Aechtung nicht
entgehen. Der Name "Conquistadores" ist desto verhasster geblieben, als die
wenigsten, nachdem sie. friedliche Voelker misshandelt und im Schoosse des
Ueberflusses geschwelgt, dafuer am Ende ihrer Laufbahn mit jenem schweren
Umschlag des Gluecks gebuesst haben, der den Hass der Menschen saenftigt und
nicht selten das harte Urtheil der Geschichte mildert.

Aber nicht allein der Fortschritt der Cultur und der Conflikt zwischen
zwei Adelsklassen von verschiedenem Ursprung noethigt die privilegirten
Staende ihre Ansprueche aufzugeben oder doch aus Klugheit nicht merken zu
lassen. Die Aristokratie findet in den spanischen Colonien noch ein
anderes Gegengewicht, das sich von Tag zu Tag mehr geltend macht. Unter
den Weissen hat sich das Gefuehl der Gleichheit aller Gemuether bemaechtigt.
Ueberall, wo die Farbigen entweder als Sklaven oder als Freigelassene
angesehen werden, ist die angestammte Freiheit, das Bewusstseyn, dass man
nur Freie zu Ahnen hat, der eigentliche Adel. In den Colonien ist die
Hautfarbe das wahre aeussere Abzeichen desselben. In Mexico wie in Peru, in
Caracas wie auf Cuba kann man alle Tage einen Menschen, der barfuss geht,
sagen hoeren: "Will der reiche weisse Mann weisser seyn als ich?" Da Europa
so grosse Menschenmengen an Amerika abgeben kann, so ist begreiflich, dass
der Satz: jeder Weisse ist Ritter, _todo blanco es caballero_ den
altadeligen europaeischen Familien mit ihren Anspruechen sehr unbequem ist.
Noch mehr: dieser selbe Satz ist in Spanien bei einem wegen seiner
Biederkeit, seines Fleisses und seines Nationalgeistes mit Recht geachteten
Volksstamm laengst anerkannt: jeder Biscayer nennt sich adelig, und da es
in Amerika und auf den Philippinen mehr Biscayer gibt als zu Hause auf der
Halbinsel, so haben die Weissen von diesem Volksstamm nicht wenig dazu
beigetragen, den Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen, deren Blut
nicht mit afrikanischem Blut vermischt ist, in den Colonien zur Geltung zu
bringen.

Zudem sind die Laender, wo man, auch ohne Repraesentativregierung und ohne
Pairschaft, auf Stammbaeume und Geburtsvorzuege so sehr viel haelt,
keineswegs immer die, wo die Familienaristokratie am verletzendsten
auftritt. Vergebens sucht man bei den Voelkern spanischen Ursprungs das
kalte, anspruchsvolle Wesen, das durch den Charakter der modernen Bildung
im uebrigen Europa nur noch allgemeiner zu werden scheint. In den Colonien
wie im Mutterlande knuepfen Herzlichkeit, Unbefangenheit und grosse
Anspruchslosigkeit des Benehmens ein Band zwischen allen Staenden. Ja, man
kann sagen, Eitelkeit und Selbstsucht verletzen um so weniger, da sie sich
mit einer gewissen Offenheit und Naivitaet aussprechen.

Ich fand in Caracas in mehreren Familien Sinn fuer Bildung; man kennt die
Hauptwerke der franzoesischen und italienischen Literatur, man liebt die
Musik, man treibt sie mit Erfolg, und sie verknuepft, wie die Pflege aller
schoenen Kunst, die verschiedenen Stufen der Gesellschaft. Fuer
Naturwissenschaften und zeichnende Kuenste bestehen hier keine grossen
Anstalten, wie Mexico und Santa Fe sie der Freigebigkeit der Regierung und
dem patriotischen Eifer der spanischen Bevoelkerung verdanken. In einer so
wundervollen, ueberschwenglich reichen Natur gab sich kein Mensch an dieser
Kueste mit Botanik oder Mineralogie ab. Nur in einem Franciscanerkloster
fand ich einen ehrwuerdigen Alten, der fuer alle Provinzen von Venezuela den
Kalender berechnete und vom gegenwaertigen Stand der Astronomie einige
richtige Begriffe hatte. Unsere Instrumente waren ihm hoechst merkwuerdig,
und eines Morgens kamen uns saemmtliche Franciscaner ins Haus und
verlangten zu unserer grossen Ueberraschung einen Inclinationscompass zu
sehen. In Laendern, die vom vulkanischen Feuer unterhoehlt sind, und in
einem Himmelsstrich, wo die Natur so grossartig und dabei so geheimnissvoll
unruhig ist, steigert sich von selbst die Aufmerksamkeit auf physikalische
Erscheinungen, und damit die Neubegier.

Wenn man daran denkt, dass in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in
kleinen Staedten von 3000 Einwohnern Zeitungen erscheinen, so wundert man
sich, wenn man hoert, dass Caracas mit einer Bevoelkerung von 40--50,000
Seelen bis zum Jahr 1806 keine Druckerei hatte; denn so kann man doch
nicht wohl Pressen nennen, auf denen man Jahr um Jahr einen Kalender von
ein paar Seiten oder ein bischoefliches Ausschreiben zu Stande bringt. Der
Personen, denen Lesen ein Beduerfniss ist, sind nicht sehr viele, selbst in
denjenigen spanischen Colonien, wo die Cultur am weitesten fortgeschritten
ist; es waere aber unbillig, den Colonisten zur Last zu legen, was das Werk
einer argwoehnischen Staatskunst ist. Ein Franzose, Delpeche, der durch
Heirath einer der geachtetsten Familien des Landes angehoert, hat sich
durch die Errichtung der ersten guten Druckerei in Caracas verdient
gemacht. Es ist in unserer Zeit gewiss eine auffallende Erscheinung, dass
das kraeftigste Mittel des Gedankenaustausches nicht vor einer politischen
Umwaelzung eingefuehrt wird, sondern erst nachher.

In einem Land mit so reizenden Fernsichten, zu einer Zeit, wo trotz der
Aufstandsversuche die grosse Mehrzahl der Einwohner nur an materielle
Interessen dachte, an die Fruchtbarkeit des Jahres, an die lange Duerre, an
den Kampf zwischen den Winden von Petare und Catia, glaubte ich viele
Leute zu finden, welche mit den hohen Bergen in der Umgegend genau bekannt
waeren; wir konnten aber in Caracas auch nicht Einen Menschen auftreiben,
der je auf dem Gipfel der Silla gewesen waere. Die Jaeger kommen in den
Bergen nicht bis oben hinauf, und in diesen Laendern geht kein Mensch
hinaus, um Alpenpflanzen zu sammeln, um Gebirgsarten zu untersuchen und
ein Barometer auf hohe Punkte zu bringen. Man ist an ein einfoermiges Leben
zwischen seinen vier Waenden gewoehnt, man scheut die Anstrengung und die
raschen Witterungswechsel, und es ist, als lebe man nicht, um des Lebens
zu geniessen, sondern eben nur, um fortzuleben.

Wir kamen auf unsern Spaziergaengen haeufig auf zwei Kaffeepflanzungen,
deren Eigenthuemer angenehme Gesellschafter waren. Die Pflanzungen liegen
der Silla von Caracas gegenueber. Wir betrachteten mit dem Fernrohr die
schroffen Abhaenge des Berges und seine beiden Spitzen, und konnten so zum
voraus ermessen, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kaempfen haben wuerden,
um auf den Gipfel zu gelangen. Nach den Hoehenwinkeln, die ich auf unserem
Platze Trinidad aufgenommen, schien mir dieser Gipfel nicht so hoch ueber
dem Meere zu liegen, als der grosse Platz in der Stadt Quito. Diese
Schaetzung stimmte aber schlecht mit den Vorstellungen der Bewohner des
Thals. Die Berge, welche ueber grossen Staedten liegen, erhalten eben dadurch
in beiden Continenten einen ungemeinen Ruf. Lange bevor man sie genau
gemessen hat, schreiben ihnen die Lokalgelehrten eine Hoehe zu, die man
nicht in Zweifel ziehen kann, ohne gegen ein Nationalvorurtheil zu
verstossen.

Der Generalcapitaen Guevara verschaffte uns Fuehrer durch den *Teniente* von
Chacao. Es waren Schwarze, denen der Weg, der ueber den Bergkamm an der
westlichen Spitze der Silla vorbei zur Kueste fuehrt, etwas bekannt war.
Dieser Weg wird von den Schleichhaendlern begangen; aber weder unsere
Fuehrer, noch die erfahrensten Leute in der Miliz, welche die
Schleichhaendler in diesen Wildnissen verfolgen, waren je auf der oestlichen
Spitze, dem eigentlichen Gipfel der Silla gewesen. Waehrend des ganzen
Decembers war der Berg, dessen Hoehenwinkel mich das Spiel der irdischen
Refraction beobachten liessen, nur fuenfmal unumwoelkt gewesen. Da in dieser
Jahreszeit selten zwei heitere Tage auf einander folgen, hatte man uns
gerathen, nicht bei hellem Wetter aufzubrechen, sondern zu einer Zeit, wo
die Wolken nicht hoch stehen und man hoffen darf, ueber der ersten
gleichfoermig verbreiteten Dunstschicht in trockene, helle Luft zu
gelangen. Wir brachten die Nacht des 2. Januars in der *Estancia* de
Gallegos zu, einer Kaffeepflanzung, bei der in einer schattigen Schlucht
der Bach Chacaito, der vom Gebirge herab kommt, schoene Faelle bildet. Die
Nacht war ziemlich hell, und obgleich wir. am Vorabend eines
beschwerlichen Marsches gern einiger Ruhe genossen haetten, harrten wir,
Bonpland und ich, die ganze Nacht auf drei Bedeckungen der
Jupiterstrabanten. Ich hatte die Zeitpunkte der Beobachtungen zum voraus
bestimmt und doch verfehlten wir alle, weil sich in die _Conaissance de
temps_ Rechnungsfehler eingeschlichen hatten. Ein boeser Stern waltete ueber
den Angaben hinsichtlich der Bedeckungen fuer December und Januar: man
hatte mittlere und wahre Zeit verwechselt.

Dieses Missgeschick machte mir grossen Verdruss, und nachdem ich vor
Sonnenaufgang die Intensitaet der magnetischen Kraft am Fusse des Berges
beobachtet, brachen wir um fuenf Uhr Morgens mit den Sklaven, die unsere
Instrumente trugen, auf. Wir waren unser achtzehn Personen und gingen auf
schmalem Fusspfad in einer Reihe hinter einander. Dieser Pfad laeuft ueber
einen steilen, mit Rasen bedeckten Abhang. Man sucht zuerst den Gipfel
eines Huegels zu erreichen, der gegen Suedwest hin eine Art Vorgebirge der
Silla bildet. Derselbe haengt mit der Masse des Berges selbst durch einen
schmalen Damm zusammen, den die Hirten sehr bezeichnend "die Pforte",
_Puerta de la Silla_ nennen. Wir erreichten ihn gegen sieben Uhr. Der
Morgen war schoen und kuehl, und der Himmel schien bis jetzt unser Vorhaben
zu beguenstigen. Der Thermometer stand ein wenig unter 14 deg. (11 deg.,2 R.). Nach
dem Barometer waren wir bereits 685 Toisen ueber dem Meer, das heisst gegen
80 Toisen hoeher als die Venta, wo man die praechtige Aussicht auf die Kueste
hat. Unsere Fuehrer meinten, wir werden bis auf den Gipfel noch sechs
Stunden brauchen.

Wir gingen auf einem schmalen, mit Rasen bedeckten Felsdamm, und dieser
fuehrte uns vom Vorgebirge der Puerta auf den Gipfel des grossen Berges. Man
blickt zu beiden Seiten in zwei Thaeler nieder, die vielmehr dicht
bewachsene Spalten sind. Zur Rechten sieht man die Schlucht, die zwischen
beiden Gipfeln gegen den Hof Munnoz herablaeuft; links hat man unter sich
die Spalte des Chacaito, deren reiche Gewaesser am Hofe Gallego
vorbeifliessen. Man hoert die Wasserfaelle rauschen, ohne den Bach zu sehen,
der im dichten Schatten der _Erythrina_, _Clusia_ und der indischen
Feigenbaeume [_Ficus nymphaeifolia_, _Erythrina mitis_] fliesst. Nichts
malerischer in einem Erdstrich, wo so viele Gewaechse grosse, glaenzende,
lederartige Blaetter haben, als tief unter sich die Baumwipfel von den fast
senkrechten Sonnenstrahlen beleuchtet zu sehen.

Von der Puerta an wird der Berg immer steiler. Man musste sich stark
vorueber beugen, um vorwaerts zu kommen. Der Winkel betraegt haeufig 30--32
Grad. Der Rasen ist dicht und er war durch die lange Trockenheit sehr
glatt geworden. Gerne haetten wir Fusseisen oder mit Eisen beschlagene
Stoecke gehabt. Das kurze Gras bedeckt die Gneissfelsen und man kann sich
weder am Grase halten, noch Stufen einschneiden, wie auf weicherem Boden.
Dieses mehr muehsame als gefaehrliche Ansteigen wurde den Leuten aus der
Stadt, die uns begleitet hatten und das Bergsteigen nicht gewoehnt waren,
bald zu viel. Wir verloren viele Zeit, um auf sie zu warten, und wir
entschlossen uns erst, unsern Weg allein fortzusetzen, als wir alle den
Berg wieder hinabgehen, statt weiter heraufkommen sahen. Der Himmel fing
an sich zu bedecken. Bereits stieg aus dem feuchten Buschwald, der ueber
uns die Region der Alpensavanen begrenzte, der Nebel wie Rauch in duennen,
geraden Streifen auf. Es war, als waere an mehreren Punkten des Waldes
zugleich Feuer ausgebrochen. Nach und nach ballten sich diese
Dunststreifen zusammen, loesten sich vom Boden ab und streiften, vom
Morgenwind gejagt, als leichtes Gewoelk um den runden Gipfel des Gebirgs.

Diess war fuer Bonpland und mich ein untruegliches Zeichen, dass wir bald in
dichten Nebel gehuellt seyn wuerden. Da wir besorgten, unsere Fuehrer moechten
sich diesen Umstand zu Nutze machen, um uns im Stiche zu lassen, liessen
wir diejenigen, welche die unentbehrlichsten Instrumente trugen, vor uns
hergehen. Fortwaehrend ging es am Abhang, gegen die Spalte des Chacaito zu,
aufwaerts. Das vertrauliche Geschwaetz der schwarzen Creolen stach
merkwuerdig ab vom schweigsamen Ernst der Indianer, die in den Missionen
von Charipe unsere bestaendigen Begleiter gewesen waren. Sie machten sich
ueber die Leute lustig, die ein Unternehmen, zu dem sie sich lange
geruestet, so schnell aufgegeben hatten; am schlimmsten kam ein junger
Kapuziner weg, ein Professor der Mathematik, der immer wieder darauf kam,
dass die europaeischen Spanier aller Staende an Koerperkraft und Muth den
Hispano-Amerikanern denn doch weit ueberlegen sehen. Er hatte sich mit
weissen Papierstreifen versehen, die in der Savane zerschnitten und
ausgeworfen werden sollten, um den Nachzueglern die einzuschlagende
Richtung anzugeben. Der Professor hatte sogar seinen Ordensbruedern
versprochen, er wolle in der Nacht ein paar Raketen steigen lassen, um
ganz Caracas zu verkuenden, dass ein Unternehmen gluecklich zu Ende gefuehrt
worden, das ihm, und ich muss sagen, nur ihm, vom hoechsten Belang schien.
Er hatte nicht bedacht, dass seine lange, schwere Kleidung ihm beim
Bergsteigen hinderlich werden muesse. Er hatte lange vor den Creolen den
Muth verloren, und so blieb er den Tag vollends in einer nahen Pflanzung
und sah uns durch ein auf die Silla gerichtetes Fernrohr den Berg
hinaufklettern. Zu unserem Unstern hatte der Ordensmann, dem es nicht an
physikalischen Kenntnissen fehlte, und der wenige Jahre darauf von den
wilden Indianern am Apure ermordet wurde, die Besorgung des bei einer
Bergfahrt unentbehrlichen Wassers und der Mundvorraethe uebernommen. Die
Sklaven, die zu uns stossen sollten, wurden von ihm so lange aufgehalten,
dass sie erst sehr spaet anlangten und wir zehn Stunden ohne Wasser und Brod
zubrachten.

Von den zwei abgerundeten Spitzen, die den Gipfel des Berges bilden, ist
die oestliche die hoechste, und auf diese sollten wir mit unsern
Instrumenten hinaufkommen. Von der Einsenkung zwischen beiden Gipfeln hat
der ganze Berg den spanischen Namen _Silla_*, Sattel*. Eine Schlucht,
deren wir bereits erwaehnt, laeuft von dieser Einsenkung ins Thal von
Caracas hinab; bei ihrem Anfang oder am obern Ende naehert sie sich der
westlichen Spitze. Man kann dem oestlichen Gipfel nur so beikommen, dass man
zuerst westlich von der Schlucht ueber das Vorgebirge der Puerta gerade auf
den niedrigeren Gipfel zugeht und sich erst nach Ost wendet, wenn man den
Kamm oder die *Einsattelung* zwischen beiden Gipfeln beinahe erreicht hat.
Schon ein Blick auf den Berg zeigt diesen Weg als den von selbst
gegebenen, denn die Felsen oestlich von der Schlucht sind so steil, dass es
schwer halten duerfte, auf den Gipfel der Silla zu gelangen, wenn man statt
ueber die Puerta gerade auf den oestlichen Gipfel zuginge.

Vom Fusse des Falls des Chacaito bis in 1000 Toisen Hoehe fanden wir nur
Savanen. Nur zwei kleine Liliengewaechse mit gelben Bluethen erheben sich
ueber den Graesern, mit denen das Gestein bewachsen ist. Hie und da
erinnerte ein Himbeerbusch [_Rubus jamaicensis_] an die europaeischen
Pflanzenformen. Vergebens sahen wir uns auf diesen Bergen von Caracas, wie
spaeter auf dem Ruecken der Anden, neben den Himbeerbueschen nach einem
Rosenstrauche um. In ganz Suedamerika haben wir keine einheimische Rosenart
gefunden, so nahe sich auch das Klima auf den hohen Bergen der heissen Zone
und das unseres gemaessigten Erdstrichs stehen. Ja dieser liebliche Strauch
scheint der ganzen suedlichen Halbkugel diesseits und jenseits des
Wendekreises zu fehlen. Erst auf den Bergen von Mexico waren wir so
gluecklich, unter dem 19. Grad der Breite einen amerikanischen Rosenstrauch
zu entdecken.

Von Zeit zu Zeit wurden wir in Nebel gehuellt und fanden uns dann ueber die
Richtung unseres Weges nur schwer zurecht, denn in dieser Hoehe besteht
kein gebahnter Pfad mehr. Man hilft mit den Haenden nach, wenn einen auf
dem steilen, glitschigen Abhang die Beine im Stiche lassen. Ein drei Fuss
maechtiger Gang mit Porzellanerde erregte unsere Aufmerksamkeit. Diese
schneeweisse Erde ist ohne Zweifel zersetzter Feldspath. Ich uebergab dem
Intendanten der Provinz ansehnliche Proben davon. In einem Lande, wo es
nicht an Brennmaterial fehlt, laesst sich durch Beimischung feuerbestaendiger
Erden das Toepfergeschirr, selbst die Backsteine, verbessern. So oft die
Wolken uns umgaben, fiel der Thermometer auf 12 deg. (9 deg.,6 R.), bei hellem
Himmel stieg er auf 21 deg.. Diese Beobachtungen wurden im Schatten gemacht;
aber auf so steilen, mit vertrocknetem, gelbem, glattem Rasen bedeckten
Abhaengen faellt es schwer, den Einfluss der strahlenden Waerme
auszuschliessen. Wir waren in 940 Toisen Hoehe und dennoch sahen wir in
gleicher Hoehe ostwaerts in einer Schlucht nicht ein paar einzelne Palmen,
sondern ein ganzes Palmenwaeldchen. Es war die _Palma real_ vielleicht zur
Gattung _Oreodoxa_ gehoerig. Diese Gruppe von Palmen in so bedeutender Hoehe
war eine seltsame Erscheinung gegenueber den Weiden [Wildenows _Salix
Humboldtiana_], die im gemaessigteren Thalgrunde von Caracas hin und wieder
wachsen; so sieht man hier Gewaechse mit europaeischem Typus tiefer als
solche der heissen Zone vorkommen.

Nach vierstuendigem Marsch ueber die Savanen kamen wir in ein Buschwerk aus
Straeuchern und niedrigen Baeumen, _'el Pejual'_ genannt, wahrscheinlich
wegen des vielen Pejoa (_Gaultheria odorata_), eines Gewaechses mit
wohlriechenden Blaettern [s. Bd. I. Seite 335]. Der Abhang des Berges wurde
sanfter und mit unsaeglicher Lust untersuchten wir die Gewaechse dieser
Region. Vielleicht nirgends findet man auf so beschraenktem Raum so schoene
und fuer die Pflanzengeographie bedeutsame Pflanzen beisammen. In tausend
Toisen Meereshoehe stossen die hohen Savanen der Silla an eine Zone von
Straeuchern, die durch den Habitus, die gekruemmten Aeste, die harten
Blaetter, die grossen schoenen Purpurbluethen an die Vegetation der *Paramos*
oder *Punas*(31) erinnern, wie man in der Cordillere der Anden sie nennt.
Hier treten auf: die Familie der Alprosen, die Thibaudien, die Andromeden,
die Vaccinien (Heidelbeerarten) und die Befarien mit harzigen Blaettern,
die wir schon oefters mit dem Rhododendrum der europaeischen Alpen
verglichen haben.

Wenn auch die Natur in aehnlichen Klimaten, sey es nun in Niederungen aus
isothermen Parallelen (von gleicher Waerme), sey es auf Hochebenen, deren
Temperatur mit der Temperatur weiter gegen die Pole gelegener Laender
uebereinkommt, nicht dieselben Pflanzenarten hervorbringt, so zeigt doch
die Vegetation noch so weit entlegener Landstriche im ganzen Habitus die
auffallendste Aehnlichkeit. Diese Erscheinung ist eine der merkwuerdigsten
in der Geschichte der organischen Bildungen; ich sage in der Geschichte,
denn wenn auch die Vernunft dem Menschen sagt, wie eitel Hypothesen ueber
den Ursprung der Dinge sind, das unloesbare Problem, wie sich die
Organismen ueber die Erde verbreitet, laesst uns dennoch keine Ruhe. Eine
schweizerische Grasart(32) waechst auf den Granitfelsen der Magellanschen
Meerenge. Neuholland hat ueber vierzig europaeische phanerogame
Pflanzenarten aufzuweisen, und die meisten Gewaechse, die den gemaessigten
Zonen beider Halbkugeln gemein sind, fehlen gaenzlich in dem dazwischen
liegenden Landstrich, das heisst in der aequinoctialen Zone, sowohl auf den
Ebenen als auf dem Ruecken der Gebirge. Eine Veilchenart mit behaarten
Blaettern, mit der die Zone der Phanerogamen am Vulkan von Teneriffa
gleichsam abschliesst, und von der man lange glaubte, sie gehoere der Insel
eigenthuemlich an,(33) kommt dreihundert Meilen weiter nordwaerts am
beschneiten Gipfel der Pyrenaeen vor. Graeser und Riedgraeser, die in
Deutschland, in Arabien und am Senegal wachsen, wurden unter den Pflanzen
gefunden, die Bonpland und ich auf den kalten mexicanischen Hochebenen, an
den heissen Ufern des Orinoco und in der suedlichen Halbkugel auf dem Ruecken
der Anden von Quito gesammelt. Wie will man begreiflich machen, dass
Gewaechse ueber Striche mit ganz verschiedenem Klima, und die gegenwaertig
vom Meere bedeckt sind, gewandert seyn sollen? Oder wie kommt es, dass die
Keime von Organismen, die sich im Habitus und selbst im innern Bau
gleichen, sich in ungleichen Abstaenden von den Polen und von der
Meeresflaeche ueberall entwickeln, wo so weit entlegene Orte in der
Temperatur einigermassen ueberein kommen? Trotz des Einflusses des
Luftdrucks und der staerkeren oder geringeren Schwaechung des Lichts auf die
Lebensthaetigkeit der Gewaechse ist doch die ungleiche Vertheilung der Waerme
unter die verschiedenen Jahreszeiten als die Haupttriebkraft der
Vegetation anzusehen.

Der Arten, welche auf beiden Continenten und in beiden Halbkugeln
gleichmaessig vorkommen, sind lange nicht so viele, als man nach den Angaben
der aeltesten Reisenden geglaubt hatte. Auf den hohen Gebirgen des
tropischen Amerika kommen allerdings Wegeriche, Baldriane, Sandkraeuter,
Ranunkeln, Mispeln, Eichen und Fichten vor, die man nach ihrer
Physiognomie mit den europaeischen verwechseln koennte; sie sind aber alle
specifisch von letzteren verschieden. Bringt aber auch die Natur nicht
dieselben Arten hervor, so wiederholt sie doch die Gattungen. Nahe
verwandte Arten kommen oft in ungeheuern Entfernungen von einander vor, in
den Niederungen des gemaessigten Erdstrichs die einen, in den Alpenregionen
unter dem Aequator die andern. Andere male (und die Silla von Caracas
bietet ein auffallendes Beispiel hiefuer) sind nicht Arten europaeischer
Gattungen wie Colonisten auf die Berge der heissen Zone heruebergekommen, es
treten vielmehr hier wie dort Gattungen derselben Zunft auf, die nach dem
Habitus nicht leicht zu unterscheiden sind und unter verschiedenen Breiten
einander ersetzen.

Von den Bergen von Neu-Grenada, welche die Hochebene von Bogota umgeben,
bis zu den Bergen von Caracas sind es ueber zweihundert Meilen, und doch
zeigt die Silla, der einzige hohe Gipfel einer ziemlich niedrigen
Bergkette, dieselbe merkwuerdige Zusammenstellung von Befarien mit
purpurrothen Bluethen, Andromeden, Gaultherien, Myrtillen, _Uvas
camaronas_, Nertera und Aralien mit wolligten Blaettern, wie sie fuer die
Vegetation der *Paramos* auf den hohen Cordilleren von Santa Fe
charakteristisch ist. Wir fanden dieselbe _Thibaudia glandulosa_ am
Eingang der Hochebene von Bogota und im *Pejual* auf der Silla. Die
Kuestenkette von Caracas haengt unzweifelhaft (ueber den Torito, die
Palomera, Tocuyo, die Paramos de las Rosas, Bocono und Niquitao) mit den
hohen Cordilleren von Merida, Pamplona und Santa Fe zusammen; aber von der
Silla bis zum Tocuyo, siebzig Meilen weit, sind die Berge von Caracas so
niedrig, dass fuer die oben erwaehnten Straeucher aus der Familie der
Ericineen das Klima nicht kuehl genug ist. Und wenn auch, wie
wahrscheinlich ist, die Thibaudia und die Alpenrose der Anden oder die
Befaria im Paramo von Niquitao und in der mit ewigem Schnee bedeckten
Sierra de Merida vorkommen, so ist doch auf eine weite Strecke kein
Felskamm, der hoch genug waere, dass diese Gewaechse auf ihm nach der Silla
von Caracas haetten wandern koennen.

Je mehr man die Vertheilung der organischen Bildungen auf der
Erdoberflaeche kennen lernt, desto geneigter wird man, wenn auch nicht
diese Vorstellungen von einer Wanderung aufzugeben, doch darin keinen
ausreichenden Erklaerungsgrund mehr zu erblicken. Die Kette der Anden
theilt der Laenge nach ganz Suedamerika in zwei ungleiche Stuecke. Am Fusse
dieser Kette, ostwaerts und westwaerts, fanden wir in grosser Anzahl
dieselben Pflanzenarten. All die verschiedenen Uebergaenge der Cordilleren
sind aber der Art, dass nirgends Gewaechse der heissen Zone von den Kuesten
der Suedsee an die Ufer des Amazonenstroms gelangt seyn koennen. Wenn, sey
es nun im Tiefland oder in ganz niedrigen Bergen, sey es inmitten eines
Archipels von durch unterirdisches Feuer emporgehobenen Inseln, ein
Berggipfel zu einer grossen Hoehe ansteigt, so ist sein Gipfel mit
Alpenkraeutern bewachsen, die zum Theil in ungeheuren Entfernungen auf
andern Bergen mit aehnlichem Klima gleichfalls vorkommen. In dieser Weise
zeigen sich im Allgemeinen die Gewaechse vertheilt und man kann den
Forschern die genauere Ermittlung dieser Verhaeltnisse nicht dringend genug
empfehlen. Wenn ich hier gegen voreilige Hypothesen spreche, so nehme ich
es keineswegs ueber mich, befriedigendere dafuer aufzustellen. Ich halte
vielmehr die Probleme, von denen es sich hier handelt, fuer unloesbar, und
nach meiner Anschauung hat die Erfahrung geleistet, was sie kann, wenn sie
die Gesetze ermittelt, nach denen die Natur die Pflanzengebilde vertheilt
hat.

Man sagt, ein Berg sey so hoch, dass er die Grenze des Rhododendrum und der
Befaria erreiche, wie man schon lange sagt, ein Berg erreiche die Grenze
des ewigen Schnees. Mit diesem Ausdruck setzt man stillschweigend voraus,
dass unter dem Einflusse gewisser Waermegrade sich nothwendig gewisse
vegetabilische Formen entwickeln muessen. Streng genommen ist nun diese
Voraussetzung allerdings nicht richtig. Die Fichten Mexico's fehlen auf
den Cordilleren von Peru; auf der Silla von Caracas wachsen nicht die
Eichen, die man in Neu-Grenada in derselben Hoehe findet. Die
Uebereinstimmung in den Bildungen deutet auf analoges Klima; aber in
analogen Klimaten koennen die Arten bedeutend von einander abweichen.

Die herrliche Alpenrose der Anden, die Befaria, wurde zuerst von Mutis
beschrieben, der sie bei Pamplona und Santa Fe de Bogota unter dem
4--7. Grad noerdlicher Breite gefunden. Sie war vor unserer Besteigung der
Silla so wenig bekannt, dass sie sich fast in keinem Herbarium in Europa
fand. Wie die Alpenrosen Lapplands, des Caucasus und der Alpen(34) von
einander abweichen, so sind auch die beiden Befariaarten, die wir von der
Silla mitgebracht,(35) von denen bei Santa Fe de Bogota(36) specifisch
verschieden. In der Naehe des Aequators bedecken die Alpenrosen der Anden
die Berge bis in die hoechsten Paramos hinauf, in 16--1700 Toisen
Meereshoehe. Weiter gegen Norden, auf der Silla von Caracas, findet man sie
weit tiefer, in etwas ueber 1000 Toisen Hoehe; die kuerzlich in Florida unter
dem 30. Grad der Breite entdeckte Befaria waechst sogar auf niedrigen
Huegeln. So ruecken denn auf einer Strecke von 600 Meilen der Breite diese
Straeucher immer weiter gegen das Tiefland herab, je weiter vom Aequator
sie vorkommen. Ebenso waechst die lapplaendische Alpenrose 8--900 Toisen
tiefer als die der Alpen oder Pyrenaeen. Wir wunderten uns, dass wir in den
Gebirgen von Mexico, zwischen den Alpenrosen von Santa Fe und Caracas
einerseits und denen von Florida andererseits, keine Befariaart fanden.

Im kleinen Buschwald auf der Silla ist die _Befaria ledifolia_ nur drei
bis vier Fuss hoch. Der Stamm theilt sich gleich am Boden in viele
zerbrechliche, fast quirlfoermig gestellte Aeste. Die Blaetter sind
eifoermig, zugespitzt, an der Unterflaeche graugruen und an den Raendern
aufgerollt. Die ganze Pflanze ist mit langen, klebrigen Haaren bedeckt und
hat einen sehr angenehmen Harzgeruch. Die Bienen besuchen ihre schoenen,
purpurrothen Bluethen, die, wie bei allen Alpenpflanzen, ungemein zahlreich
und ganz entwickelt oft gegen einen Zoll breit sind.

Das Rhododendrum der Schweiz waechst, in 800--1100 Toisen Meereshoehe, in
einem Klima mit einer mittleren Temperatur von +2 deg. und -1 deg., also aehnlich
dem Klima der Ebenen Lapplands. In dieser Zone haben die kaeltesten Monate
+4 deg. und -10 deg., die waermsten Monate +12 deg. und 7 deg.. Nach thermometrischen
Beobachtungen in denselben Hoehen und unter denselben Parallelen betraegt im
Pejual auf der Silla die mittlere Temperatur der Luft sehr wahrscheinlich
noch 17--18 deg. und steht der Thermometer in der kuehlsten Jahreszeit bei Tag
zwischen 15 und 20 deg., bei Nacht zwischen 10 und 12 deg.. Beim
St. Gotthardshospiz, nahe der obern Grenze der helvetischen Alpenrose, ist
die groesste Waerme im August um Mittag (im Schatten) gewoehnlich 12--13 deg.;
Nachts kuehlt sich in derselben Jahreszeit die Luft in Folge der
Waermestrahlung des Bodens auf +1 oder -1 deg.,5 ab. Unter demselben
barometrischen Druck, also in derselben Meereshoehe, aber um dreissig
Breitegrade naeher beim Aequator ist die Befaria auf der Silla um Mittag
haeufig einer Temperatur von 23--24 Grad ausgesetzt und bei Nacht faellt
dieselbe wahrscheinlich niemals unter 8 Grad. Wir haben hier genau die
Klimate verglichen, unter denen zwei derselben Familie angehoerende
Pflanzengruppen unter verschiedenen Breiten in gleicher Meereshoehe
wachsen; das Ergebniss waere ein ganz anderes, wenn wir Zonen verglichen
haetten, die gleich weit vom ewigen Schnee oder von der isothermen Linie
liegen.

Im Pejual wachsen neben der Befaria mit purpurrothen Bluethen eine
_Hedyotis_ mit Heidekrautblaettern, die acht Fuss hoch wird, die _Caparosa_
ein grosses baumartiges Johanniskraut, ein _Lepidium_, das mit dem
virginischen identisch scheint, endlich Baerlappenpflanzen und Moose,
welche Felsen und Baumwurzeln ueberziehen. Am beruehmtesten ist aber dieses
Buschwerk im Lande wegen eines 10--15 Fuss hohen Strauches aus der Familie
der Corymbiferen. Die Creolen nennen denselben _Inciensoz_*, Weihrauch*.
Seine lederartigen, gekerbten Blaetter und die Spitzen der Zweige sind mit
einer weissen Wolle bedeckt. Es ist eine neue, sehr harzreiche Trixisart;
die Bluethen riechen angenehm nach Borax, ganz anders als die der _Trixis
therebintinacea_ in den Bergen von Jamaica, die denen von Caracas
gegenueberliegen. Man mengt zuweilen den "Weihrauch" von der Silla mit den
Bluethen der _Pevetera_ gleichfalls einer Pflanze mit zusammengesetzter
Bluethe, deren Geruch dem des peruanischen Heliotrops aehnelt. Die
_Pevetera_ geht aber in den Bergen nicht bis zur Zone der Alprosen hinauf,
sie kommt im Thale von Chacao vor und die Damen von Caracas verfertigen
ein sehr angenehmes Riechwasser daraus.

Wir hielten uns im Pejual mit der Untersuchung der schoenen harzigten und
wohlriechenden Pflanzen lange auf. Der Himmel wurde immer finsterer, der
Thermometer sank unter 11 deg.. Es ist diess eine Temperatur, bei der man in
diesem Himmelsstrich zu frieren anfaengt. Tritt man aus dem Gebuesch von
Alpstraeuchern, so ist man wieder in einer Savane. Wir stiegen ein Stueck am
westlichen Gipfel hinauf, um darauf in die Einsattelung, in das Thal
zwischen beiden Gipfeln der Silla hinabzugelangen. Hier war wegen des
ueppigen Pflanzenwuchses schwer durchzukommen. Ein Botaniker riethe nicht
leicht darauf, dass das dichte Buschwerk, das diesen Grund bedeckt, von
einem Gewaechs aus der Familie der Musaceen [Scitamineen oder
Bananengewaechse] gebildet wird. Es ist wahrscheinlich eine _Macantha_ oder
_Heliconia_; die Blaetter sind breit, glaenzend; sie wird 14--15 Fuss hoch
und die saftigen Stengel stehen dicht beisammen, wie das Schilfrohr auf
feuchten Gruenden im oestlichen Europa. Durch diesen Wald von Musaceen
mussten wir uns einen Weg bahnen. Die Neger gingen mit ihren Messern oder
Machettes vor uns her. Das Volk wirft diese Alpenbanane und die
baumartigen Graeser unter dem Namen *Carice* zusammen; wir sahen weder
Bluethe noch Frucht des Gewaechses. Man ist ueberrascht, in 1100 Toisen Hoehe,
weit ueber den Andromeden, Thibaudien und der Alpenrose der Cordilleren,
einer Monocotyledonenfamilie zu begegnen, von der man meint, sie gehoere
ausschliesslich den heissen Niederungen unter den Tropen an. In einer ebenso
hohen und noch noerdlicheren Gebirgskette, in den blauen Bergen auf
Jamaica, wachsen die *Papageien-Heliconia* und der *Vichai*, auch
vorzugsweise an alpinischen schattigen Orten.

Wir arbeiteten uns durch das Dickicht von Musaceen oder baumartigen
Kraeutern immer dem oestlichen Gipfel zu, den wir ersteigen wollten. Von
Zeit zu Zeit war er durch einen Wolkenriss zu sehen; auf einmal aber waren
wir in dicken Nebel gehuellt und wir konnten uns nur nach dem Compass
richten; gingen wir aber weiter nordwaerts, so liefen wir bei jedem Schritt
Gefahr, an den Rand der ungeheuren Felswand zu gelangen, die fast
senkrecht 6000 Fuss hoch zum Meer abfaellt. Wir mussten Halt machen; und wie
so die Wolken um uns her ueber den Boden wegzogen, fingen wir an zu
zweifeln, ob wir vor Einbruch der Nacht auf die oestliche Spitze gelangen
koennten. Gluecklicherweise waren inzwischen die Neger, die das Wasser und
den Mundvorrath trugen, eingetroffen, und wir beschlossen, etwas zu uns zu
nehmen; aber unsere Mahlzeit dauerte nicht lang. Sey es nun, dass der Pater
Kapuziner nicht an unsere vielen Begleiter gedacht, oder dass die Sklaven
sich ueber den Vorrath hergemacht hatten, wir fanden nichts als Oliven und
fast kein Brod. Das Mahl, dessen Lob Horaz in seinem Tibur singt,(37) war
nicht leichter und frugaler; an Oliven mochte sich aber immerhin ein
stillsitzender, studirender Poet saettigen, fuer Bergsteiger waren sie eine
kaergliche Kost. Wir hatten die vergangene Nacht fast ganz durchwacht, und
waren jetzt seit neun Stunden auf den Beinen, ohne Wasser angetroffen zu
haben. Unsere Fuehrer hatten den Muth verloren, sie wollten durchaus
umkehren, und Bonpland und ich hielten sie nur mit Muehe zurueck.

Mitten im Nebel machte ich den Versuch mit dem Volta'schen Elektrometer.
Obgleich ich ganz nahe an den dicht gedraengten Heliconien stand, erhielt
ich deutliche Spuren von Luftelektricitaet. Sie wechselte oft zwischen
negativ und positiv und ihre Intensitaet war jeden Augenblick anders. Diese
Schwankungen und mehrere kleine entgegengesetzte Luftstroemungen, die den
Nebel zertheilten und zu scharf begrenzten Wolken ballten, schienen mir
untruegliche Zeichen, dass das Wetter sich aendern wollte. Es war erst zwei
Uhr nach Mittag. Wir hofften immer noch vor Sonnenuntergang auf die
oestliche Spitze der Silla gelangen und wieder in das Thal zwischen beiden
Gipfeln herabkommen zu koennen. Hier wollten wir von den Negern aus den
breiten duennen Blaettern der Heliconia eine Huette bauen lassen, ein grosses
Feuer anzuenden und die Nacht zubringen. Wir schickten die Haelfte unserer
Leute fort, mit der Weisung, uns am andern Morgen nicht mit Oliven,
sondern mit gesalzenem Fleisch entgegenzukommen.

Kaum hatten wir solches angeordnet, so fing der Wind an stark von der See
her zu blasen und der Thermometer stieg auf 12 deg.,5. Es war ohne Zweifel ein
aufsteigender Luftstrom, der die Temperatur erhoehte und damit die Duenste
aufloeste. Kaum zwei Minuten, so verschwanden die Wolken und die beiden
Gipfel der Silla lagen ganz auffallend nahe vor uns. Wir oeffneten den
Barometer am tiefsten Punkt der Einsenkung zwischen den Gipfeln bei einer
kleinen Lache schlammigten Wassers. Hier wie auf den Antillen findet man
sumpfigte Stellen in bedeutenden Hoehen, nicht weil das bewaldete Gebirge
die Wolken anzieht, sondern weil durch die Abkuehlung bei Nacht, in Folge
der Waermestrahlung des Bodens und des Parenchyms der Gewaechse, der
Wasserdunst verdichtet wird. Das Quecksilber stand auf 21 Zoll 5,7 Linien.
Wir gingen jetzt gerade auf den oestlichen Gipfel zu. Der Pflanzenwuchs
hielt uns nachgerade weniger auf; zwar musste man immer noch Heliconien
umhauen, aber diese baumartigen Kraeuter waren jetzt nicht mehr hoch und
standen nicht mehr so dicht. Die Gipfel der Silla selbst, wie schon oefter
erwaehnt, sind nur mit Gras und kleinen Befariastraeuchern bewachsen. Aber
nicht wegen ihrer Hoehe sind sie so kahl; die Baumgrenze liegt in dieser
Zone noch um 400 Toisen hoeher; denn nach andern Gebirgen zu schliessen,
befaende sich diese Grenze hier erst in 1800 Toisen Hoehe. Grosse Baeume
scheinen auf den beiden Felsgipfeln der Silla nur desshalb zu fehlen, weil
der Boden so duerr und der Seewind so heftig ist, und die Oberflaeche, wie
auf allen Bergen unter den Tropen, sooft abbrennt.

Um auf den hoechsten, oestlichen Gipfel zu kommen, muss man so nahe als
moeglich an dem ungeheuern Absturz Caravalleda und der Kueste zu hingehen.
Der Gneiss hatte bisher sein blaetteriges Gefuege und seine urspruengliche
Streichung behalten; jetzt, da wir am Gipfel hinaufstiegen, ging er in
Granit ueber. Wir brauchten drei Viertelstunden bis auf die Spitze der
Pyramide. Dieses Stueck des Wegs ist keineswegs gefaehrlich, wenn man nur
prueft, ob die Felsstuecke, auf die man den Fuss setzt, fest liegen. Der dem
Gneiss aufgelagerte Granit ist nicht regelmaessig geschichtet, sondern durch
Spalten getheilt, die sich oft unter rechten Winkeln scheiden.
Prismatische, einen Fuss breite, zwoelf Fuss lange Bloecke ragen schief aus
dem Boden hervor, und am Rande des Absturzes sieht es aus, als ob
ungeheure Balken ueber dem Abgrund hingen.

Auf dem Gipfel hatten wir, freilich nur einige Minuten, ganz klaren
Himmel. Wir genossen einer ungemein weiten Aussicht; wir sahen zugleich
nach Norden ueber die See weg, nach Sueden in das fruchtbare Thal von
Caracas hinab. Der Barometer stand auf 20 Zoll 7,6 Linien, die Temperatur
der Luft war 13 deg.,7. Wir waren in 1350 Toisen Meereshoehe. Man ueberblickt
eine Meeresstrecke von 36 Meilen Halbmesser. Wem beim Blick in grosse
Tiefen schwindligt wird, muss mitten auf dem kleinen Plateau bleiben. Durch
seine Hoehe ist der Berg eben nicht ausgezeichnet; ist er doch gegen 100
Toisen niedriger als der Canigou in den Pyrenaeen; aber er unterscheidet
sich von allen Bergen, die ich bereist, durch den ungeheuren Absturz gegen
die See zu. Die Kueste bildet nur einen schmalen Saum, und blickt man von
der Spitze der Pyramide auf die Haeuser von Caravalleda hinab, so meint
man, in Folge einer oefter erwaehnten optischen Taeuschung, die Felswand sey
beinahe senkrecht. Nach einer genauen Berechnung schien mir der
Neigungswinkel 53 deg.,28{~PRIME~}; am Pic von Teneriffa betraegt die Neigung im
Durchschnitt kaum 12 deg. 30{~PRIME~}. Ein 6--7000 Fuss hoher Absturz wie an der Silla
von Caracas ist eine weit seltenere Erscheinung, als man glaubt, wenn man
in den Bergen reist, ohne ihre Hoehen, ihre Massen und ihre Abhaenge zu
messen. Seit man sich in mehreren Laendern Europas von Neuem mit Versuchen
ueber den Fall der Koerper und ihre Abweichung gegen Suedost beschaeftigt, hat
man in den Schweizer Alpen sich ueberall vergeblich nach einer senkrechten,
250 Toisen hohen Felswand umgesehen. Der Neigungswinkel des Montblanc
gegen die _allee blanche_ betraegt keine 45 Grad, obgleich man in den
meisten geologischen Werken liest, der Montblanc falle gegen Sued senkrecht
ab.

Auf der Silla von Caracas ist der ungeheure noerdliche Abhang, trotz seiner
grossen Steilheit, zum Theil bewachsen. Befaria- und Andromedabuesche haengen
an der Felswand. Das kleine suedwaerts gelegene Thal zwischen den Gipfeln
zieht sich der Meereskueste zu fort; die Alppflanzen fuellen diese
Einsenkung aus, ragen ueber den Kamm des Berges empor und folgen den
Kruemmungen der Schlucht. Man meint unter diesen frischen Schatten muesse
Wasser fliessen, und die Vertheilung der Gewaechse, die Gruppirung so vieler
unbeweglicher Gegenstaende bringt Leben und Bewegung in die Landschaft.

Es war jetzt sieben Monate, dass wir auf dem Gipfel des Vulkans von
Teneriffa gestanden hatten, wo man eine Erdflaeche ueberblickt, so gross als
ein Viertheil von Frankreich. Der scheinbare Meereshorizont liegt dort
sechs Meilen weiter ab als auf der Silla, und doch sahen wir dort den
Horizont, wenigstens eine Zeitlang, sehr deutlich. Er war scharf begrenzt
und verschwamm nicht mit den anstossenden Luftschichten. Auf der Silla, die
um 550 Toisen niedriger ist als der Pic von Teneriffa, konnten wir den
naeher gerueckten Horizont gegen Nord und Nord-Nord-Ost nicht sehen.
Blickten wir ueber die Meeresflaeche weg, die einem Spiegel glich, so fiel
uns auf, wie das reflektirte Licht in steigendem Verhaeltniss abnahm. Wo die
Gesichtslinie die aeusserste Grenze der Flaeche streift, verschwamm das
Wasser mit den darueber gelagerten Luftschichten. Dieser Anblick hat etwas
sehr Auffallendes. Man erwartet den Horizont im Niveau des Auges zu sehen,
und statt dass man in dieser Hoehe eine scharfe Grenze zwischen den beiden
Elementen bemerkte, schienen die fernsten Wasserschichten sich in Dunst
aufzuloesen und mit dem Luftocean zu mischen. Dasselbe beobachtete ich,
nicht an einem einzigen Stueck des Horizonts, sondern auf einer Strecke von
mehr als 160 Grad, am Ufer der Suedsee, als ich zum erstenmal auf dem
spitzen Fels ueber dem Krater des Pichincha stand, eines Vulkans, der hoeher
ist als der Montblanc. Ob ein sehr ferner Horizont sichtbar ist oder
nicht, das haengt von zwei verschiedenen Momenten ab, von der Lichtmenge,
welche der Theil des Oceans empfaengt, auf den die Gesichtslinie zulaeuft,
und von der Schwaechung, die das reflektirte Licht bei seinem Durchgang
durch die dazwischen liegenden Luftschichten erleidet. Trotz des heitern
Himmels und der durchsichtigen Luft kann die See in der Entfernung von
35--40 Meilen schwach beleuchtet seyn, oder die Luftschichten zunaechst der
Oberflaeche koennen das Licht bedeutend schwaechen, indem sie die
durchgehenden Strahlen absorbiren.

Selbst vorausgesetzt, die Refraktion aeussere gar keinen Einfluss, sollte man
auf dem Gipfel der Silla bei schoenem Wetter die Inseln Tortuga, Orchila,
Roques und Aves sehen, von denen die naechsten 25 Meilen entfernt sind. Wir
sahen keine derselben, sey es nun wegen des Zustandes der Luft, oder weil
die Zeit, die wir bei heiterem Himmel dazu verwenden konnten, die Inseln
zu suchen, nicht lang genug war. Ein unterrichteter Seemann, der den Berg
mit uns hatte besteigen wollen, Don Miguel Areche, versicherte uns, die
Silla bei den Salzklippen an der Rocca de Fuera, unter 12 deg. 1{~PRIME~} der Breite
gesehen zu haben [Die Silla liegt unter 10 deg. 31{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} der Breite.]. Wenn die
umgebenden Gipfel die Aussicht nicht beschraenkten, muesste man von der Silla
die Kueste ostwaerts bis zum Morro de Piritu, westwaerts bis zur Punta del
Soldado, 10 Meilen unter dem Wind von Portobello, sehen. Suedwaerts, dem
innern Lande zu, begrenzt die Bergkette, welche Yare und die Savane von
Ocumare vom Thale von Caracas trennt, den Horizont wie ein Wall, der in
der Richtung eines Parallelkreises hinlaeuft. Haette dieser Wall eine
Oeffnung, eine Luecke, dergleichen in den hohen Bergen des Salzburger
Landes und der Schweiz haeufig vorkommen, so genoesse man hier des
merkwuerdigsten Schauspiels. Man saehe durch die Luecke die Llanos, die
weiten Steppen von Calabozo, und da diese Steppen in gleiche Hoehe mit dem
Auge des Beobachters aufstiegen, so uebersaehe man vom selben Punkte zwei
gleichartige Horizonte, einen Wasser- und einen Landhorizont.

Die westliche abgerundete Spitze der Silla entzog uns die Aussicht auf die
Stadt Caracas; deutlich aber sahen wir die ihr zunaechstliegenden Haeuser,
die Doerfer Chacao und Petare, die Kaffeepflanzungen und den Lauf des
Guayre, einen silberglaenzenden Wasserfaden. Der schmale Streif bebauten
Landes stach angenehm ab vom duestern, wilden Aussehen der umliegenden
Gebirge.

Uebersieht man so mit Einem Blick diese reiche Landschaft, so bedauert man
kaum, dass kein Bild vergangener Zeiten den Einoeden der neuen Welt hoeheren
Reiz gibt. Ueberall wo in der heissen Zone der von Gebirgen starrende, mit
dichtem Pflanzenwuchs bedeckte Boden sein urspruengliches Gepraege behalten
hat, erscheint der Mensch nicht mehr als Mittelpunkt der Schoepfung. Weit
entfernt, die Elemente zu baendigen, hat er vollauf zu thun, sich ihrer
Herrschaft zu entziehen. Die Umwandlungen, welche die Erdoberflaeche seit
Jahrhunderten durch die Hand der Wilden erlitten, verschwinden zu nichts
gegen das, was das unterirdische Feuer, die austretenden gewaltigen
Stroeme, die tobenden Stuerme in wenigen Stunden leisten. Der Kampf der
Elemente unter sich ist das eigentlich Charakteristische der Naturscenerie
in der neuen Welt. Ein unbewohntes Land kommt dem Reisenden aus dem
cultivirten Europa wie eine Stadt vor, aus der die Einwohnerschaft
ausgezogen. Hat man einmal in Amerika ein paar Jahre in den Waeldern der
Niederungen oder auf dem Ruecken der Cordilleren gelebt, hat man in Laendern
so gross wie Frankreich nur eine Handvoll zerstreuter Huetten stehen sehen;
so hat eine weite Einoede nichts Schreckendes mehr fuer die
Einbildungskraft. Man wird vertraut mit der Vorstellung einer Welt, in der
nur Pflanzen und Thiere leben, wo niemals der Mensch seinen Jubelschrei
oder die Klagelaute seines Schmerzes hoeren liess.

Wir konnten die guenstige Lage der Silla, die alle Gipfel umher ueberragt,
nicht lange fuer unsere Zwecke nuetzen. Waehrend wir mit dem Fernrohr den
Seestrich, wo der Horizont scharf begrenzt war, und die Bergkette von
Ocumare betrachteten, hinter der die unbekannte Welt des Orinoco und des
Amazonenstroms beginnt, zog ein dicker Nebel aus der Niederung zu den
Hoehen herauf. Zuerst fuellte er den Thalgrund von Caracas. Der von oben
beleuchtete Wasserdunst war gleichfoermig milchweiss gefaerbt. Es sah aus,
als staende das Thal unter Wasser, als bildeten die Berge umher die
schroffen Ufer eines Meeresarms. Lange warteten wir vergeblich auf den
Sklaven, der den grossen Ramsdenschen Sextanten trug; ich musste den Zustand
des Himmels benutzen und entschloss mich, einige Sonnenhoehen mit einem
Troughtonschen Sextanten von zwei Zoll Halbmesser aufzunehmen. Die
Sonnenscheibe war von Nebel halb verschleiert. Der Laengenunterschied
zwischen dem Quartier Trinidad in Caracas und dem oestlichen Gipfel der
Silla scheint kaum groesser als 0 deg. 3{~PRIME~} 22{~DOUBLE PRIME~}.

Waehrend ich, auf dem Gestein sitzend, die Inclination der Magnetnadel
beobachtete, sah ich, dass sich eine Menge haarigter Bienen, etwas kleiner
als die Honigbiene des noerdlichen Europa, auf meine Haende gesetzt hatten.
Diese Bienen nisten im Boden. Sie fliegen selten aus, und nach ihren
traegen Bewegungen konnte man glauben, sie seyen auf dem Berg starr vor
Kaelte. Man nennt sie hier zu Lande _Angelitos_, Engelchen, weil sie nur
sehr selten stechen. Trotz der Behauptung mehrerer Reisenden, ist es nicht
wahr, dass diese dem neuen Continent eigenthuemlichen Bienen gar keine
Angriffswaffe haben. Ihr Stachel ist nur schwaecher und sie brauchen
denselben seltener. So lange man von der Harmlosigkeit dieser Angelitos
nicht vollkommen ueberzeugt ist, kann man sich einiger Besorgniss nicht
erwehren. Ich gestehe, dass ich oft waehrend astronomischer Beobachtungen
beinahe die Instrumente haette fallengelassen, wenn ich spuerte, dass mir
Gesicht und Haende voll dieser haarigten Bienen sassen. Unsere Fuehrer
versicherten, sie setzen sich nur zur Wehr, wenn man sie durch Anfassen
der Fuesse reize. Ich fuehlte mich nicht aufgelegt, den Versuch an mir selbst
zu machen.

Die Lufttemperatur auf der Silla schwankte zwischen 11 und 14 Grad, je
nachdem die Luft still war oder der Wind blies. Bekanntlich ist es sehr
schwer, auf Berggipfeln die Temperatur zu bestimmen, nach der man die
Barometerhoehe zu berechnen hat. Der Wind kam aus Ost, und diess scheint zu
beweisen, dass der Seewind oder die Passatwinde in dieser Breite weit ueber
1500 Toisen hinaufreichen. Leopold von Buch hat die Beobachtung gemacht,
dass auf dem Pic von Teneriffa, nahe an der noerdlichen Grenze der
Passatwinde, in 1900 Toisen Meereshoehe, meist ein Gegenwind (_vent de
remou_), der Westwind herrscht. Die Pariser Academie der Wissenschaften
hatte die Physiker, welche den ungluecklichen La Peyrouse begleiteten,
aufgefordert zur See unter den Tropen mittelst kleiner Luftballons zu
beobachten, wie weit die Passate hinaufreichen. Dergleichen Untersuchungen
sind sehr schwierig, wenn der Beobachter an der Erdoberflaeche bleibt. Die
kleinen Ballons steigen meist nicht so hoch als die Silla, und das leichte
Gewoelk, das sich zuweilen in 3--4000 Toisen Hoehe zeigt, wie z. B. die
sogenannten *Schaefchen*, stehen still oder ruecken so langsam fort, dass
sich ihre Richtung nicht bestimmen laesst.

Waehrend der kurzen Zeit, wo der Himmel im Zenith klar war, fand ich das
Blau der Luft um ein Bedeutendes dunkler als an der Kueste. Es war gleich
26 deg.,5 des Saussure'schen Cyanometers. In Caracas zeigte dasselbe
Instrument bei hellem, trockenem Wetter meist nur 18 Grad. Wahrscheinlich
ist in den Monaten Juli und August der Unterschied in dieser Beziehung
zwischen der Kueste und dem Gipfel der Silla noch viel bedeutender. Was
aber unter allen meteorologischen Erscheinungen in der Stunde, die wir auf
dem Berge zubrachten, Bonpland und mich am meisten ueberraschte, war die
anscheinende Trockenheit der Luft, die mit der Entwicklung des Nebels noch
zuzunehmen schien. Als ich den (Deluc'schen) Fischbeinhygrometer aus dem
Kasten nahm, um damit zu experimentiren, zeigte er 52 Grad (87 deg. nach
Saussure). Der Himmel war hell; aber Dunststreifen mit deutlichen Umrissen
zogen von Zeit zu Zeit zwischen uns durch am Boden weg. Der Deluc'sche
Hygrometer ging auf 49 Grad (85 deg. nach Saussure) zurueck. Eine halbe Stunde
spaeter huellte eine dicke Wolke uns ein; wir konnten die naechsten
Gegenstaende nicht mehr erkennen und sahen mit Erstaunen, dass das
Instrument fortwaehrend dem Trockenpunkt zuging, bis 47 Grad (84 deg.
Saussure). Die Lufttemperatur war dabei 12--13 deg.. Obgleich beim
Fischbeinhygrometer der Saettigungspunkt in der Luft nicht bei 100 Grad
ist, sondern bei 84 deg.,5 (99 deg. S.), so schien mir doch dieser Einfluss einer
Wolke auf den Gang des Instrumentes im hoechsten Grade auffallend. Der
Nebel dauerte lang genug, dass der Fischbeinstreifen durch Anziehung der
Wassertheilchen sich haette verlaengern koennen. Unsere Kleider wurden nicht
feucht. Ein in dergleichen Beobachtungen geuebter Reisender versicherte
mich kuerzlich, er habe auf der _Montagne pelee_ auf Martinique eine Wolke
aehnlich auf den Haarhygrometer wirken sehen. Der Physiker hat die
Verpflichtung, die Erscheinungen zu berichten, wie die Natur sie bietet,
zumal wenn er nichts versaeumt hat, um Fehler in der Beobachtung zu
vermeiden. Saussure sah waehrend eines heftigen Regengusses, wobei sein
Hygrometer nicht nass wurde, denselben (fast wie auf der Silla in der
Wolke) auf 84 deg.,7 (48 deg.,6 Deluc) stehen bleiben; man begreift aber leichter,
dass die Luft zwischen den Regentropfen nicht vollstaendig gesaettigt wird,
als dass der Wasserdunst, der den hygroscopischen Koerper unmittelbar
beruehrt, denselben nicht dem Saettigungspunkt zutreibt. In welchem Zustand
befindet sich Wasserdunst, der nicht nass macht und doch sichtbar ist? Man
muss, glaube ich, annehmen, dass sich eine trockenere Luft mit der, in der
sich die Wolke gebildet, gemischt hat, und dass die Dunstblaeschen, die ein
weit geringeres Volumen haben als die dazwischen befindliche Luft, die
glatte Flaeche des Fischbeinstreisens nicht nass gemacht haben. Die
durchsichtige Luft vor einer Wolke kann zuweilen feuchter seyn als der
Luftstrom, der mit der Wolke zu uns gelangt.

Es waere unvorsichtig gewesen, in diesem dichten Nebel am Rande eines
7--8000 Fuss hohen Abhangs laenger zu verweilen. Wir gingen wieder vom
Ostgipfel der Silla herunter und nahmen dabei eine Grasart auf, die nicht
nur eine neue, sehr interessante Gattung bildet, sondern die wir auch, zu
unserer grossen Ueberraschung, spaeter auf dem Gipfel des Vulkans Pichincha
in der suedlichen Halbkugel, 400 Meilen von der Silla, wieder fanden
[_Aegopogon cenchroides_.]. _Lichen floridus_ der im noerdlichen Europa
ueberall vorkommt, bedeckte die Zweige der Befaria und der _Gaultheria
odorata_ und hing bis zur Wurzel der Gestraeuche nieder. Waehrend ich die
Moose untersuchte, welche den Gneiss im Grunde zwischen beiden Gipfeln
ueberziehen, fand ich zu meiner Ueberraschung aechte Geschiebe, gerollte
Quarzstuecke. Man sieht leicht ein, dass das Thal von Caracas einmal ein
Landsee seyn kann, ehe der Guayrefluss gegen Ost bei Caurimare, am Fuss des
Huegels Auyamas durchbrach, und ehe die Tijeschlucht sich nach West gegen
Catia und Cabo Blanco zu geoeffnet hatte; aber wie koennte das Wasser je bis
zum Fuss des Sillagipfels gestiegen seyn, da die diesem Gipfel gegenueber
liegenden Berge von Ocumare so niedrig sind, dass das Wasser ueber sie in
die Llanos haette abfliessen muessen? Die Geschiebe koennen nicht von hoeheren
Punkten hergeschwemmt seyn, weil keine Hoehe ringsum die Silla ueberragt.
Soll man annehmen, dass sie mit der ganzen Bergkette. laengs des Meeresufers
emporgehoben worden sind?

Es war vier ein halb Uhr Abends, als wir mit unsern Beobachtungen fertig
waren. In der Freude ueber den gluecklichen Erfolg unserer Reise dachten wir
nicht daran, dass der Weg abwaerts im Finstern ueber steile, mit kurzem
glattem Rasen bedeckte Abhaenge gefaehrlich seyn koennte. Wegen des Nebels
konnten wir nicht in das Thal hinunter sehen; wir sahen aber deutlich den
Doppelhuegel der Puerta, und derselbe erschien, wie immer die Gegenstaende,
die fast senkrecht unter einem liegen, ganz auffallend nahe gerueckt. Wir
gaben den Gedanken auf, zwischen den beiden Gipfeln der Silla zu
uebernachten, und nachdem wir den Weg wieder gefunden, den wir uns im
Heraufsteigen durch den dichten Heliconienhusch gebahnt, kamen wir in den
Pejual, in die Region der wohlriechenden und harzigen Straeucher. Die
herrlichen Befarien, ihre mit grossen Purpurbluethen bedeckten Zweige nahmen
uns wieder ganz in Anspruch. Wenn man in diesen Erdstrichen Pflanzen fuer
Herbarien sammelt, ist man um so waehlerischer, je ueppiger die Vegetation
ist. Man wirft Zweige, die man eben abgeschnitten, wieder weg, weil sie
einem nicht so schoen vorkommen als Zweige, die man nicht erreichen konnte.
Wendet man endlich mit Pflanzen beladen dem Buschwerk den Ruecken, so will
es einen fast reuen, dass man nicht noch mehr mitgenommen. Wir hielten uns
so lange im Pejual auf, dass die Nacht uns ueberraschte, als wir in 900
Toisen Hoehe die Savane betraten.

Da es zwischen den Wendekreisen fast keine Daemmerung gibt, sieht man sich
auf einmal aus dem hellsten Tageslicht in Finsterniss versetzt. Der Mond
stand ueber dem Horizont; seine Scheibe ward zuweilen durch dicke Wolken
bedeckt, die ein heftiger kalter Wind ueber den Himmel jagte. Die steilen,
mit gelbem trockenem Gras bewachsenen Abhaenge lagen bald im Schatten, bald
wurden sie auf einmal wieder beleuchtet und erschienen dann als Abgruende,
in deren Tiefe man niedersah. Wir gingen in einer Reihe hinter einander;
man suchte sich mit den Haenden zu halten, um nicht zu fallen und den Berg
hinab zu rollen. Von den Fuehrern, welche unsere Instrumente trugen, fiel
einer um den andern ab, um auf dem Berg zu uebernachten. Unter denen, die
bei uns blieben, war ein Congoneger, dessen Gewandtheit ich bewunderte: er
trug einen grossen Inclinationscompass auf dem Kopf und hielt die Last trotz
der ungemeinen Steilheit des Abhangs bestaendig im Gleichgewicht. Der Nebel
im Thal war nach und nach verschwunden. Die zerstreuten Lichter, die wir
tief unter uns sahen, taeuschten uns in doppelter Beziehung; einmal schien
der Abhang noch gefaehrlicher, als er wirklich war, und dann meinten wir in
den sechs Stunden, in denen wir bestaendig abwaerts gingen, den Hoefen am
Fusse der Silla immer gleich nahe zu seyn. Wir hoerten ganz deutlich
Menschenstimmen und die schrillen Toene der Guitarren. Der Schall pflanzt
sich von unten nach oben meist so gut fort, dass man in einem Luftballon
bisweilen in 3000 Toisen Hoehe die Hunde bellen hoert.(38) Erst um zehn Uhr
Abends kamen wir aeusserst ermuedet und durstig im Thale an. Wir waren
fuenfzehn Stunden lang fast bestaendig auf den Beinen gewesen; der rauhe
Felsboden und die duerren harten Grasstoppeln hatten uns die Fusssohlen
zerrissen, denn wir hatten die Stiefeln ausziehen muessen, weil die Sohlen
zu glatt geworden waren. An Abhaengen, wo weder Straeucher, noch holzige
Kraeuter wachsen, an denen man sich mit den Haenden halten kann, kommt man
barfuss sicherer herab. Um Weg abzuschneiden, fuehrte man uns von der Puerta
zum Hofe Gallegos ueber einen Fusspfad, der zu einem Wasserstueck, el Tanque
genannt, fuehrt. Man verfehlte den Fusspfad, und auf diesem letzten
Wegstueck, wo es am allersteilsten abwaerts ging, kamen wir in die Naehe der
Schlucht Chacaito. Durch den Donner der Wasserfaelle erhielt das naechtliche
Bild einen wilden, grossartigen Charakter.

Wir uebernachteten am Fusse der Silla; unsere Freunde in Caracas hatten uns
durch Fernroehren auf dem oestlichen Berggipfel sehen koennen. Mit Theilnahme
hoerte man unsere beschwerliche Bergfahrt beschreiben, aber mit einer
Messung, nach der die Silla nicht einmal so hoch seyn sollte als der
hoechste Pyrenaeengipfel(39) war man sehr schlecht zufrieden. Wer moechte
sich ueber eine nationale Vorliebe aufhalten, die sich in einem Lande, wo
von Denkmaelern der Kunst keine Rede ist, an Naturdenkmale haengt? Kann man
sich wundern, wenn die Einwohner von Quito und Riobamba, deren Stolz seit
Jahrhunderten die Hoehe ihres Chimborazo ist, von Messungen nichts wissen
wollen, nach denen das Himalayagebirge in Indien alle Colosse der
Cordilleren ueberragt?

                            ------------------





   30 S. Bd. 1. Seite 283.

   31 Diese Worte sind oben Bd. I. Seite 255 erklaert.

_   32 Phleum alpinum_ von Brown untersucht. Nach den Beobachtungen dieses
      grossen Botanikers unterliegt es keinem Zweifel, dass mehrere Pflanzen
      beiden Continenten und den gemaessigten Zonen beider Halbkugeln
      zugleich angehoeren. _Potentilla anserina_, _Prunella vulgaris_,
      _Scirpus mucronatus_, und _Panicum Crus Galli_ wachsen in
      Deutschland, in Neuholland und in Pennsylvanien.

_   33 Viola chiranthifolia_ die Bonpland und ich beschrieben haben
      (s. Bd. I. Seite 123), ist von Kunth und Leopold von Buch unter den
      Alpenpflanzen gefunden worden, die Joseph de Jussieu aus den
      Pyrenaeen mitgebracht hat.

_   34 Rhododendrum laponicum_, _R. caucasicum_, _R. ferrugineum_, _R.
      hirsutum_

_   35 Befaria glauca_, _B. ledifolia_

_   36 Befaria aestuans_, _B. resinosa_

_   37 Oden_, Buch I, 31

   38 So Gay-Lussac bei seiner Luftfahrt am 16. September 1803.

   39 Man glaubte frueher, die Silla von Caracas sey so ziemlich so hoch
      als der Pic von Teneriffa.





VIERZEHNTES KAPITEL.


    Erdbeben von Caracas. -- Zusammenhang zwischen dieser Erscheinung
            und den vulkanischen Ausbruechen auf den Antillen.


Wir verliessen Caracas am 7. Februar in der Abendkuehle, um unsere Reise an
den Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diesen Abschied ist uns heute
schmerzlicher als vor einigen Jahren. Unsere Freunde haben in den blutigen
Buergerkriegen, die jenen fernen Laendern die Freiheit jetzt brachten, jetzt
wieder entrissen, das Leben verloren. Das Haus, in dem wir wohnten, ist
nur noch ein Schutthaufen. Furchtbare Erdbeben haben die Bodenflaeche
umgewandelt; die Stadt, die ich beschrieben habe, ist verschwunden. An
derselben Stelle, auf diesem zerkluefteten Boden, erhebt sich allmaehlich
eine neue Stadt. Die Truemmerhaufen, die Graeber einer zahlreichen
Bevoelkerung dienen bereits wieder Menschen zur Wohnung.

Die grossen Ereignisse, von denen ich hier spreche, und welche die
allgemeinste Theilnahme erregt haben, fallen lange nach meiner Rueckkehr
nach Europa. Ueber die politischen Stuerme, ueber die Veraenderungen, welche
in den gesellschaftlichen Zustaenden eingetreten, gehe ich hier weg. Die
neueren Voelker sind bedacht fuer ihren Ruf bei der Nachwelt und verzeichnen
sorgfaeltig die Geschichte der menschlichen Umwaelzungen, und damit die
Geschichte ungezuegelter Leidenschaften und eingewurzelten Hasses. Mit den
Umwaelzungen in der aeussern Natur ist es anders; man kuemmert sich wenig
darum, sie genau zu beschreiben, vollends nicht, wenn sie in die Zeiten
buergerlicher Zwiste fallen. Die Erdbeben, die vulkanischen Ausbrueche
wirken gewaltig auf die Einbildungskraft wegen des Unheils, das nothwendig
ihre Folge ist. Die Ueberlieferung greift vorzugsweise nach allem
Gestaltlosen und Wunderbaren, und bei grossen allgemeinen Unfaellen, wie
beim Unglueck des Einzelnen, scheut der Mensch das Licht, das ihm die
wahren Ursachen des Geschehenen zeigte und die begleitenden Umstaende
erkennen liesse. Ich glaubte in diesem Werke niederlegen zu sollen, was ich
an zuverlaessiger Kunde ueber die Erdstoesse zusammengebracht, die am 26. Merz
1812 die Stadt Cararas zerstoert und in der Provinz Venezuela fast in Einem
Augenblick ueber zwanzigtausend Menschen das Leben gekostet haben. Die
Verbindungen, die ich fortwaehrend mit Leuten aller Staende unterhalten,
setzten mich in Stand, die Berichte mehrerer Augenzeugen zu vergleichen
und Fragen ueber Punkte an sie zu richten, an deren Aufklaerung der
Wissenschaft vorzugsweise gelegen ist. Als Geschichtschreiber der Natur
hat der Reisende die Zeit des Eintritts grosser Catastrophen festzustellen,
ihren Zusammenhang und ihre gegenseitigen Verhaeltnisse zu untersuchen, und
im raschen Ablauf der Zeit, im ununterbrochenen Zuge sich draengender
Verwandlungen feste Punkte zu bezeichnen, mit denen einst andere
Catastrophen verglichen werden moegen. In der unermesslichen Zeit, welche
die Geschichte der Natur umfasst, ruecken alle Zeitpunkte des Geschehenen
nahe zusammen; die verflossenen Jahre erscheinen wie Augenblicke, und wenn
die physische Beschreibung eines Landes von keinem allgemeinen und
ueberhaupt von keinem grossen Interesse ist, so hat sie zum wenigsten den
Vortheil, dass sie nicht veraltet. Betrachtungen dieser Art haben LA
CONDAMINE bewogen, die denkwuerdigen Ausbrueche des Vulkans Cotopaxi [Am 30.
November 1744. und 3. September 1750.], die lange nach seinem Abgange von
Quito stattgefunden, in seiner "_Reise zum Aequator_" zu beschreiben.

Ich glaube dem Beispiel des grossen Gelehrten desto unbesorgter vor irgend
welchem Vorwurf folgen zu duerfen, da die Ereignisse, die ich zu
beschreiben gedenke, fuer die Theorie von den *vulkanischen Reactionen*
sprechen, das heisst fuer den Einfluss, den ein *System von Vulkanen* auf
einen weiten Landstrich umher ausuebt.

Als Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und
Caracas uns aufhielten, war die Meinung allgemein verbreitet, dass die am
weitesten nach Osten gelegenen Striche dieser Kuesten den verheerenden
Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt seven. Die Einwohner von
Cumana scheuten das Thal von Caracas wegen des feuchten, veraenderlichen
Klimas, wegen des umzogenen, truebseligen Himmels. Die Bewohner dieses
kuehlen Thales dagegen sprachen von Cumana als von einer Stadt, wo man Jahr
aus Jahr ein eine erstickend heisse Luft athme und wo der Boden periodisch
von heftigen Erdstoessen erschuettert werde. Selbst Gebildete dachten nicht
an die Verwuestung von Riobamba und andern hochgelegenen Staedten; sie
wussten nicht, dass die Erschuetterung des Kalksteins an der Kueste von Cumana
sich in die aus Glimmerschiefer bestehende Halbinsel Araya fortpflanzt,
und so waren sie der Meinung, dass Caracas sowohl wegen des Baus seines
Urgebirges, als wegen der hohen Lage der Stadt nichts zu besorgen habe.
Feierliche Gottesdienste, die in Guayra und in der Hauptstadt selbst bei
naechtlicher Weile begangen wurden,(40) mahnten sie allerdings daran, dass
von Zeit zu Zeit die Provinz Venezuela von Erdbeben heimgesucht worden
war; aber Gefahren, die selten wiederkehren, machen einem wenig bange. Im
Jahr 1811 sollte eine graessliche Erfahrung eine schmeichelnde Theorie und
den Volksglauben ueber den Haufen werfen. Caracas, im Gebirge gelegen, drei
Grade westlich von Cumana, fuenf Grade westlich vom Meridian der
vulkanischen caraibischen Inseln, erlitt heftigere Stoesse, als man je auf
den Kuesten von Paria und Neu-Andalusien gespuert.

Gleich nach meiner Ankunft in Terra Firma war mir der Zusammenhang
zwischen zwei Naturereignissen, zwischen der Zerstoerung von Cumana am
14. December 1797 und dem Ausbruch der Vulkane auf den kleinen Antillen,
aufgefallen [S. Bd. I., Seite 241]. Etwas Aehnliches zeigte sich nun auch
bei der Verwuestung von Cararas am 26. Merz 1812. Im Jahr 1797 schien der
Vulkan der Insel Guadeloupe auf die Kueste von Cumana reagirt zu haben;
fuenfzehn Jahre spaeter wirkte, wie es scheint, ein dem Festland naeher
liegender Vulkan, der auf St. Vincent, in derselben Weise bis nach Caracas
und an den Apure hin. Wahrscheinlich lag beidemal der Heerd des Ausbruchs
in ungeheurer Tiefe, gleich weit von den Punkten der Erdoberflaeche, bis zu
welchen die Bewegung sich fortpflanzte.

Von Anfang des Jahrs 1811 bis 1813 wurde ein betraechtliches Stueck der
Erdflaeche zwischen den Azoren und dem Thal des Ohio, den Cordilleren von
Neu-Grenada, den Kuesten vou Venezuela und den Vulkanen der kleinen
Antillen fast zu gleicher Zeit durch heftige Stoesse erschuettert, die man
einem unterirdischen Feuerheerde zuschreiben kann. Ich zaehle hier die
Erscheinungen auf, welche es wahrscheinlich machen, dass auf ungeheure
Distanzen Verbindungen bestehen. Am 30. Januar 1811 brach bei einer der
Azorischen Inseln, bei St. Michael, ein unterseeischer Vulkan aus. An
einer Stelle, wo die See 60 Faden tief ist, hob sich ein Fels ueber den
Wasserspiegel. Die erweichte Erdkruste scheint emporgehoben worden zu
seyn, ehe die Flammen aus dem Krater hervorbrachen, wie diess auch bei den
Vulkanen von Jorullo in Mexico und bei der Bildung der Insel Klein-Kameni
bei Santorin beobachtet wurde. Das neue Eiland bei den Azoren war Anfangs
nur eine Klippe, aber am 15. Juli erfolgte ein sechstaegiger Ausbruch,
durch den die Klippe immer groesser und nach und nach 50 Toisen ueber dem
Meeresspiegelhoch wurde. Dieses neue Land, das Kapitaen Tillard alsbald im
Namen der grossbritannischen Regierung in Besitz nahm und *Sabrina* nannte,
hatte 900 Toisen Durchmesser. Das Meer scheint die Insel wieder
verschlungen zu haben. Es ist diess das dritte mal, dass bei der Insel
St. Michael unterseeische Vulkane so ausserordentliche Erscheinungen
hervorbringen, und als waeren die Ausbrueche dieser Vulkane an eine gewisse
Periode gebunden, in der sich jedesmal elastische Fluessigkeiten bis zu
einem bestimmten Grade angehaeuft, kam das emporgehobene Eiland je nach 91
oder 92 Jahren wieder zum Vorschein. Es ist zu bedauern, dass trotz der
Naehe keine europaeische Regierung, keine gelehrte Gesellschaft Physiker und
Geologen nach den Azoren geschickt hat, um eine Erscheinung naeher
untersuchen zu lassen, durch welche fuer die Geschichte der Vulkane und des
Erdballs ueberhaupt so viel gewonnen werden konnte.

Zur Zeit, als das neue Eiland Sabrina erschien, wurden die kleinen
Antillen, 800 Meilen suedwestwaerts von den Azoren gelegen, haeufig von
Erdbeben heimgesucht. Vom Mai 1811 bis April 1812 spuerte man auf der Insel
St. Vincent, einer der drei Antillen mit thaetigen Vulkanen, ueber
zweihundert Erdstoesse. Die Bewegungen beschraenkten sich aber nicht auf das
Inselgebiet von Suedamerika. Vom 16. December 1811 an bebte die Erde in den
Thaelern des Mississippi, des Arkansas und Ohio fast unaufhoerlich. Im Osten
der Alleghanys waren die Schwingungen schwaecher als im Westen, in Tennesee
und Kentucky. Sie waren von einem starken unterirdischen Getoese begleitet,
das von Suedwest herkam. Auf einigen Punkten zwischen Neumadrid und Little
Prairie, wie beim Salzwerk noerdlich von Cincinnati unter dem 34 deg. 45{~PRIME~} der
Breite, spuerte man mehrere Monate lang taeglich, ja fast stuendlich
Erdstoesse. Sie dauerten im Ganzen vom 16. December 1811 bis ins Jahr 1813.
Die Stoesse waren Anfangs auf den Sueden, auf das untere Mississippithal
beschraenkt, schienen sich aber allmaehlich gegen Norden fortzupflanzen.

Um dieselbe Zeit nun, wo in den Staaten jenseits der Alleghanys diese
lange Reihe von Erderschuetterungen anhob, im December 1811 spuerte man in
der Stadt Caracas den ersten Erdstoss bei stiller, heiterer Luft. Dieses
Zusammentreffen war schwerlich ein zufaelliges, denn man muss bedenken, dass,
so weit auch die betreffenden Laender auseinander liegen, die Niederungen
von Louisiana und die Kuesten von Venezuela und Cumana demselben Becken,
dem Meere der Antillen angehoeren. Dieses *Mittelmeer mit mehreren
Ausgaengen* ist von Suedost nach Nordwest gerichtet und es scheint sich
frueher ueber die weiten, allmaehlich 30, 50 und 80 Toisen ueber das Meer
ansteigenden, aus secundaeren Gebirgsarten bestehenden, vom Ohio, Missouri,
Arcansas und Mississippi durchstroemten Ebenen forterstreckt zu haben. Aus
geologischem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen als Begrenzung des
Seebeckens der Antillen und des Meerbusens von Mexico im Suedens die
Kuestenbergkettes von Venezuela und die Cordilleren von Merida und
Pamplona, im Osten die Gebirge der Antillen und die Alleghanys, im Westen
die Anden von Mexico und die Rocky Mountains, im Norden die unbedeutenden
Hoehenzuege zwischen den canadischen Seen und den Nebenfluessen des
Mississippi. Ueber zwei Drittheile dieses Beckens sind mit Wasser bedeckt.
Zwei Reihen thaetiger Vulkane fassen es ein: ostwaerts auf den kleinen
Antillen, zwischen dem 13. und 16. Grad der Breite, westwaerts in den
Cordilleren von Nicaragua, Guatimala und Mexico, zwischen dem 11. und
20. Grad. Bedenkt man, dass das grosse Erdbeben von Lissabon am 1. November
1755 fast im selben Augenblick an der Kueste von Schweden, am Ontariosee
und auf Martinique gespuert wurde, so kann die Annahme nicht zu keck
erscheinen, dass das ganze Becken der Antillen von Cumana und Caracas bis
zu den Ebenen von Louisiana zuweilen gleichzeitig durch Stoesse erschuettert
werden kann, die von einem gemeinsamen Heerde ausgehen.

Auf den Kuesten von Terra Firma herrscht allgemein der Glaube, die Erdbeben
werden haeufiger, wenn ein paar Jahre lang die elektrischen Entladungen in
der Luft auffallend selten gewesen sind. Man wollte in Cumana und Caracas
die Beobachtung gemacht haben, dass seit dem Jahr 1792 die Regenguesse nicht
so oft als sonst von Blitz und Donner begleitet gewesen, und man war
schnell bei der Hand, sowohl die gaenzliche Zerstoerung von Cumana im Jahr
1799 als die Erdstoesse, die man 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Porto
Cabello und Caracas gespuert, "einer Anhaeufung der Elektricitaet im Innern
der Erde" zuzuschreiben. Wenn man lang in Neu-Andalusien oder in den
Niederungen von Peru gelebt hat, kann man nicht wohl in Abrede ziehen, dass
zu Anfang der Regenzeit, also eben zur Zeit der Gewitter, das Auftreten
von Erdbeben am meisten zu besorgen ist. Die Luft und die Beschaffenheit
der Erdoberflaeche scheinen auf eine uns noch ganz unbekannte Weise auf die
Vorgaenge in grossen Tiefen Einfluss zu aeussern, und wenn man einen
Zusammenhang zwischen der Seltenheit der Gewitter und der Haeufigkeit der
Erdbeben bemerkt haben will, so gruendet sich diess, meiner Meinung nach,
keineswegs auf lange Erfahrung, sondern ist nur eine Hypothese der
Halbgelehrten im Lande. Gewisse Erscheinungen koennen zufaellig
zusammentreffen. Den auffallend starken Stoessen, die man am Mississippi und
Ohio zwei Jahre lang fast bestaendig spuerte, und die im Jahr 1812 mit denen
im Thal von Caracas zusammentrafen, ging in Louisiana ein fast
gewitterloses Jahr voran, und diess fiel wieder allgemein auf. Es kann
nicht Wunder nehmen, wenn man im Vaterlande Franklins zur Erklaerung von
Erscheinungen gar gerne die Lehre von der Elektricitaet herbeizieht.

Der Stoss, den man im December 1811 in Caracas spuerte, war der einzige, der
der schrecklichen Katastrophe vom 26. Maerz 1812 voranging. Man wusste in
Terra Firma nichts davon, dass einerseits der Vulkan auf St. Vincent sich
ruehrte und andererseits am 7. und 8. Februar 1812 im Becken des
Mississippi die Erde Tag und Nacht fortbebte. Um diese Zeit herrschte in
der Provinz Venezuela grosse Trockenheit. In Caracas und neunzig Meilen in
die Runde war in den fuenf Monaten vor dem Untergang der Hauptstadt kein
Tropfen Regen gefallen. Der 26. Maerz war ein sehr heisser Tag; die Luft war
still, der Himmel unbewoelkt. Es war Gruendonnerstag, und ein grosser Theil
der Bevoelkerung in den Kirchen. Nichts verkuendete die Schrecken dieses
Tages. Um 4 Uhr 7 Minuten Abends spuerte man den ersten Erdstoss. "Er war so
stark, dass die Kirchenglocken anschlugen, und waehrte 5--6 Sekunden.
Unmittelbar darauf folgte ein anderer, 10--12 Secunden dauernder, waehrend
dessen der Boden in bestaendiger Wellenbewegung war, wie eine kochende
Fluessigkeit. Schon meinte man, die Gefahr sey vorueber, als sich unter dem
Boden ein furchtbares Getoese hoeren liess. Es glich dem Rollen des Donners;
es war aber staerker und dauerte laenger als der Donner in der Gewitterzeit
unter den Tropen. Diesem Getoese folgte eine senkrechte, etwa 3-4 Secunden
anhaltende Bewegung und dieser wiederum eine etwas laengere wellenfoermige
Bewegung. Die Stoesse erfolgten in entgegengesetzter Richtung, von Nord nach
Sued, und von Ost nach West. Dieser Bewegung von unten nach oben und diesen
sich kreuzenden Schwingungen konnte nichts widerstehen. Die Stadt Caracas
wurde voellig ueber den Haufen geworfen. Tausende von Menschen (zwischen
9 und 10,000) wurden unter den Truemmern der Kirchen und Haeuser begraben.
Die Prozession war noch nicht ausgezogen, aber der Zudrang zu den Kirchen
war so gross, dass drei bis viertausend Menschen von den einstuerzenden
Gewoelben erschlagen wurden. Die Explosion war am staerksten auf der
Nordseite, im Stadttheil, der dem Berge Avila und der Silla am naechsten
liegt. Die Kirchen della Trinidad und Alta Gracia, die ueber 150 Fuss hoch
waren und deren Schiff von 10--12 Fuss dicken Pfeilern getragen wurden,
lagen als kaum 5--6 Fuss hohe Truemmerhaufen da. Der Schutt hat sich so
stark gesetzt, dass man jetzt fast keine Spur mehr von Pfeilern und Saeulen
findet. Die Kaserne _el Quartel de San Carlos_, die noerdlich von der
Kirche della Trinidad auf dem Weg nach dem Zollhaus Pastora lag,
verschwand fast voellig. Ein Regiment Linientruppen stand unter den Waffen,
um sich der Procession anzuschliessen; es wurde, wenige Mann ausgenommen,
unter den Truemmern des grossen Gebaeudes begraben. Neun Zehntheile der
schoenen Stadt Caracas wurden voellig verwuestet. Die Haeuser, die nicht
zusammenstuerzten, wie in der Strasse San Juan beim Kapuzinerkloster,
erhielten so starke Risse, dass man nicht wagen konnte darin zu bleiben. Im
suedlichen und westlichen Theil der Stadt, zwischen dem grossen Platz und
der Schlucht des Caraguata waren die Wirkungen des Erdbebens etwas
geringer. Hier blieb die Hauptkirche mit ihren ungeheuern Strebepfeilern
stehen."(41)

Bei der Angabe von 9--10,000 Todten in Caracas sind die Ungluecklichen
nicht gerechnet, die, schwer verwundet, erst nach Monaten aus Mangel an
Nahrung und Pflege zu Grunde gingen. Die Nacht vom Donnerstag zum
Charfreitag bot ein Bild unsaeglichen Jammers und Elends. Die dicke
Staubwolke, welche ueber den Truemmern schwebte und wie ein Nebel die Luft
verfinsterte, hatte sich zu Boden geschlagen. Kein Erdstoss war mehr zu
spueren: es war die schoenste, stillste Nacht. Der fast volle Mond
beleuchtete die runden Gipfel der Silla, und am Himmel sah es so ganz
anders aus als auf der mit Truemmern und Leichen bedeckten Erde. Man sah
Muetter mit den Leichen ihrer Kinder in den Armen, die sie wieder zum Leben
zu bringen hofften; Familien liefen jammernd durch die Stadt und suchten
einen Bruder, einen Gatten, einen Freund, von denen man nichts wusste und
die sich in der Volksmenge verloren haben mochten. Man draengte sich durch
die Strassen, die nur noch an den Reihen von Schutthaufen kenntlich waren.

Alle Schrecken der grossen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und
Riobamba wiederholten sich am Unglueckstage des 26. Maerz 1812. "Die unter
den Truemmern begrabenen Verwundeten riefen die Voruebergehenden laut um
Huelfe an, und es wurden auch ueber zwei tausend hervorgezogen. Nie hat sich
das Mitleid ruehrender, man kann sagen sinnreicher bethaetigt, als hier, wo
es galt, zu den Ungluecklichen zu dringen, die man jammern hoerte. Es fehlte
voellig an Werkzeugen zum Graben und Wegraeumen des Schuttes; man musste die
noch Lebenden mit den Haenden ausgraben. Man brachte die Verwundeten und
die Kranken, die sich aus den Spitaelern gerettet, am Ufer des Guayre
unter, aber hier fanden sie kein Obdach als das Laub der Baeume. Betten,
Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, alles
Unentbehrliche lag unter den Truemmern begraben. Es fehlte an Allem, in den
ersten Tagen sogar an Lebensmitteln, und im Innern der Stadt ging vollends
das Wasser aus. Das Erdbeben hatte die Leitungsroehren der Brunnen
zertruemmert und Erdstuerze hatten die Quellen verschuettet. Um Wasser zu
bekommen, musste man zum Guayre hinunter, der bedeutend angeschwollen war,
und es fehlte an Gefaessen."

"Den Todten die letzte Ehre zu erweisen, war sowohl ein Werk der Pietaet,
als bei der Besorgniss vor Verpestung der Luft geboten. Da es geradezu
unmoeglich war, so viele tausend halb unter den Truemmern steckende Leichen
zu beerdigen, so wurde eine Commission beauftragt, sie zu verbrennen. Man
errichtete zwischen den Truemmern Scheiterhaufen, und die Leichenfeier
dauerte mehrere Tage. Im allgemeinen Jammer fluechtete das Volk zur Andacht
und zu Ceremonien, mit denen es den Zorn des Himmels zu beschwichtigen
hoffte. Die einen traten zu Bittgaengen zusammen und sangen Trauerchoere;
andere, halb sinnlos, beichteten laut auf der Strasse. Da geschah auch
hier, was in der Provinz Quito nach dem furchtbaren Erdbeben vom
4. Februar 1797 vorgekommen war: viele Personen, die seit langen Jahren
nicht daran gedacht hatten, den Segen der Kirche fuer ihre Verbindung zu
suchen, schlossen den Bund der Ehe; Kinder fanden ihre Eltern, von denen
sie bis jetzt verlaeugnet worden; Leute, die Niemand eines Betrugs
beschuldigt hatte, gelobten Ersatz zu leisten; Familien, die lange in
Feindschaft gelebt, versoehnten sich im Gefuehl des gemeinsamen Ungluecks."
Wenn dieses Gefuehl auf die einen versittlichend wirkte und das Herz fuer
das Mitleid ausschloss, wirkte es in andern das Gegentheil: sie wurden nur
noch hartherziger und unmenschlicher. In grossen Unfaellen geht in gemeinen
Seelen leichter der Edelmuth verloren als die Kraft; denn es geht im
Unglueck wie bei der wissenschaftlichen Beschaeftigung mit der Natur: nur
auf die Wenigsten wirkt sie veredlend, gibt dem Gefuehl mehr Waerme, den
Gedanken hoeheren Schwung, und der ganzen Gesinnung mehr Milde.

"So heftige Stoesse, welche in einer Minute(42) die Stadt Caracas ueber den
Haufen warfen, konnten sich nicht auf einen kleinen Strich des Festlandes
beschraenken. Ihre verheerenden Wirkungen verbreiteten sich ueber die
Provinzen Venezuela, Barinas und Maracaybo, der Kueste entlang, besonders
aber in die Gebirge im Innern. Guayra, Mayquetia, Antimano, Baruta, la
Vega, San Felipe und Merida wurden fast gaenzlich zerstoert. In Guayra und
in Villa de San Felipe bei den Kupferminen von Aroa kamen wenigstens vier
bis fuenftausend Menschen ums Leben. Auf einer Linie, die von Guayra und
Caracas von Ost-Nord-Ost nach West-Sued-West den hohen Gebirgen von
Niquitao und Merida zulaeuft, scheint das Erdbeben am staerksten gewesen zu
seyn. Man spuerte es im Koenigreich Neu-Grenada von den Auslaeufern der hohen
Sierra de Santa Marta bis Santa Fe de Bogota und Honda am Magdalenenstrom,
180 Meilen von Caracas. Ueberall war es in den Cordilleren auf Gneiss und
Glimmerschiefer oder unmittelbar an ihrem Fuss staerker als in der Ebene.
Dieser Unterschied war besonders auffallend in den Savanen von Barinas und
Casanare. (In dem geologischen System, nach dem alle vulkanischen und
nicht vulkanischen Gebirge auf Spalten emporgestiegen sind, erklaert sich
dieser Unterschied leicht.) In den Thaelern von Araguas zwischen Caracas
und der Stadt San Felipe waren die Stoesse ganz schwach. Victoria, Maracay,
Valencia, obgleich nahe bei der Hauptstadt, litten sehr wenig. In
Valecillo, einige Meilen von Valencia, spie der geborstene Boden solche
Wassermassen aus, dass sich ein neuer Bach bildete; dasselbe ereignete sich
bei Porto Cabello. Dagegen nahm der See von Maracaybo merkbar ab. In Coro
fuehlte man keine Erschuetterung, und doch liegt die Stadt an der Kueste,
zwischen Staedten, die gelitten haben." Fischer, die den 26. Maerz auf der
Insel Orchila, 30 Meilen nordoestlich von Guayra, zugebracht hatten,
spuerten keine Stoesse. Diese Abweichungen in der Richtung und Fortpflanzung
des Stosses ruehren wahrscheinlich von der eigenthuemlichen Lagerung der
Gesteinsschichten her.

Wir haben im Bisherigen die Wirkungen des Erdbebens westlich von Caracas
bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zu der Hochebene von Santa
Fe de Bogota verfolgt. Wir wenden uns jetzt zum Landstrich ostwaerts von
der Hauptstadt. Jenseits Caurimare, im Thal des Capaya, waren die
Erschuetterungen sehr stark und reichten bis zum Meridian vom Cap Codera;
es ist aber hoechst merkwuerdig, dass sie an den Kuesten von Nueva Barcelona,
Cumana und Paria sehr schwach waren, obgleich diese Kuesten eine
Fortsetzung des Littorals von Guayra und von Alters her dafuer bekannt
sind, dass sie oft von unterirdischen Bebungen heimgesucht werden. Liesse
sich annehmen, die gaenzliche Zerstoerung der vier Staedte Caracas, Guayra,
San Felipe und Merida sey von einem vulkanischen Herde unter der Insel
St. Vincent oder in der Naehe ausgegangen, so wuerde begreiflich, wie die
Bewegung sich von Nordost nach Suedwest auf einer Linie, die ueber die
Eilande los Hermanos bei Blanquilla laeuft, fortpflanzen konnte, ohne die
Kuesten von Araya, Cumana und Nueva Barcelona zu beruehren. Ja der Stoss
konnte sich auf diese Weise fortpflanzen, ohne dass die dazwischen
liegenden Punkte, z. B. die Eilande Hermanos, die geringste Erschuetterung
empfanden. Diese Erscheinung kommt in Peru und Mexico haeufig bei Erdbeben
vor, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung einhalten. Die
Bewohner der Anden haben einen naiven Ausdruck fuer einen Landstrich, der
an der Bebung ringsum keinen Theil nimmt: sie sagen, "er mache eine
Bruecke" (_que hace puente_), wie um anzudeuten, dass die Schwingungen sich
in ungeheurer Tiefe unter einer ruhig bleibenden Gebirgsart fortpflanzen.

Fuenfzehn bis achtzehn Stunden lang nach der grossen Katastrophe blieb der
Boden ruhig. Die Nacht war, wie schon oben gesagt, schoen und still, und
erst nach dem siebenundzwanzigsten fingen die Stoesse wieder an, und zwar
begleitet von einem sehr starken und sehr anhaltenden unterirdischen
Getoese (_bramido_). Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der
Umgegend; da aber Doerfer und Hoefe so stark gelitten hatten wie die Stadt,
fanden sie erst jenseits der Berge los Teques, in den Thaelern von Aragua
und in den Llanos Obdach. Man spuerte oft fuenfzehn Schwingungen an Einem
Tage. Am 5. April erfolgte ein Erdbeben, fast so stark wie das, in dem die
Hauptstadt untergegangen. Der Boden bewegte sich mehrere Stunden lang
wellenfoermig auf und ab. In den Gebirgen gab es grosse Erdfaelle; ungeheure
Felsmassen brachen von der Silla los. Man behauptete sogar -- und diese
Meinung ist noch jetzt im Lande weit verbreitet -- die beiden Kuppeln der
Silla seven um 50--60 Toisen niedriger geworden; aber diese Behauptung
stuetzt sich auf keine Messung. Wie ich gehoert, bildet man sich auch in der
Provinz Quito nach allen grossen Erschuetterungen ein, der Vulkan Tunguragua
sey niedriger geworden.

In mehreren aus Anlass der Zerstoerung von Caracas veroeffentlichten
Nachrichten wird behauptet, "die Silla sey ein erloschener Vulkan, man
finde viele vulkanische Produkte auf dem Wege von Guayra nach Caracas, das
Gestein sey dort nirgends regelmaessig geschichtet und zeige ueberall Spuren
des unterirdischen Feuers." Ja es heisst weiter, "zwoelf Jahre vor der
grossen Katastrophe haben Bonpland und ich nach unsern mineralogischen und
physikalischen Untersuchungen erklaert, die Silla sey ein sehr gefaehrlicher
Nachbar fuer die Stadt, weil der Berg viel Schwefel enthalte und die Stoesse
von Nordost her kommen muessten." Es kommt selten vor, dass Physiker sich
wegen einer eingetroffenen Prophezeiung zu rechtfertigen haben; ich halte
es aber fuer Pflicht, den Vorstellungen von *lokalen Ursachen* der
Erdbeben, die nur zu leicht Eingang finden, entgegen zu treten.

Ueberall wo der Boden Monate lang fortwaehrend erschuettert worden, wie auf
Jamaica im Jahr 1693, in Lissabon 1755, in Cumana 1766, in Piemont 1808,
ist man darauf gefasst, einen Vulkan sich oeffnen zu sehen. Man vergisst, dass
man die Herde oder Mittelpunkte der Bewegung weit unter der Erdoberflaeche
zu suchen hat; dass, nach zuverlaessigen Aussagen, die Schwingungen sich
fast im selben Moment tausend Meilen weit ueber die tiefsten Meere weg
fortpflanzen; dass die groessten Zerstoerungen nicht am Fuss thaetiger Vulkane,
sondern in aus den verschiedensten Felsarten aufgebauten Gebirgsketten
vorgekommen sind. Die Gneise, Glimmerschiefer- und Urkalkschichten in der
Umgegend von Caracas sind keineswegs staerker zerbrochen oder
unregelmaessiger geneigt, als bei Freiberg in Sachsen und ueberall, wo
Urgebirge rasch zu bedeutender Hoehe ansteigen; ich habe daselbst weder
Basalt noch Dolerit, nicht einmal Trachyte und Trapp-Porphyre gefunden,
kurz keine Spur von erloschenen Vulkanen. Es konnte mir nie einfallen, zu
aeussern, die Silla und der Cerro de Avila seyen fuer die Hauptstadt
gefaehrliche Nachbarn, weil diese Berge in untergeordneten Schichten von
Urkalk viele Schwefelkiese enthalten; ich erinnere mich aber, waehrend
meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, seit dem grossen Erdbeben in
Quito scheine am oestlichen Ende von Terra Firma der Boden so unruhig zu
seyn, dass man besorgen muesse, mit der Zeit duerfte die Provinz Venezuela
starke Erderschuetterungen erleiden. Ich bemerkte weiter, wenn ein Land
lange von Erdstoessen heimgesucht worden sey, so scheinen sich in der Tiefe
neue Verbindungen mit benachbarten Laendern herzustellen, und die in der
Richtung der Silla nordoestlich von der Stadt gelegenen Vulkane der
Antillen seyen vielleicht Luftloecher, durch welche bei einem Ausbruch die
elastischen Fluessigkeiten entweichen, welche die Erdbeben auf den Kuesten
des Festlandes verursachen. Zwischen solchen Betrachtungen, die sich auf
die Kenntniss der Oertlichkeiten und auf blosse Analogien gruenden, und einer
durch den Lauf der Naturereignisse bestaetigten Vorhersagung ist ein grosser
Unterschied.

Waehrend man im Thal des Mississippi, auf der Insel St. Vincent und in der
Provinz Venezuela gleichzeitig starke Erdstoesse spuerte, wurde man am
30. April 1812 in Caracas, in Calabozo mitten in den Steppen, und an den
Ufern des Rio Apure, auf einem Landstrich von 4000 Quadratmeilen, durch
ein unterirdisches Getoese erschreckt, das wiederholten Salven aus
Geschuetzen vom groessten Caliber glich. Es fing um zwei Uhr Morgens an; es
war von keinen Stoessen begleitet, und, was sehr merkwuerdig ist, es war auf
der Kueste und 80 Meilen weit im Land gleich stark. Ueberall meinte man, es
komme durch die Luft her, und man war soweit entfernt, dabei an einen
unterirdischen Donner zu denken, dass man in Caracas wie in Calabozo
militaerische Massregeln ergriff, um den Platz in Vertheidigungszustand zu
setzen, da der Feind mit seinem groben Geschuetz anzuruecken schien. Beim
Uebergang ueber den Apure unterhalb Orivante, beim Einfluss des Rio Rula,
hoerte Palacio aus dem Munde der Indianer, man habe die "Kanonenschuesse"
eben so gut am westlichen Ende der Provinz Barinas als im Hafen von Guayra
noerdlich von der Kuestenkette gehoert.

Am Tage, an dem die Bewohner von Terra Firma durch ein unterirdisches
Getoese erschreckt wurden, erfolgte ein grosser Ausbruch des Vulkans auf der
Insel St. Vincent. Der Berg, der gegen 500 Toisen hoch ist, hatte seit dem
Jahr 1718 keine Lava mehr ausgeworfen. Man sah ihn kaum rauchen, als im
Mai 1811 haeufige Erdstoesse verkuendeten, dass sich das vulkanische Feuer
entweder von Neuem entzuendet oder nach diesem Strich der Antillen gezogen
habe. Der erste Ausbruch fand erst am 27. April 1812 um Mittag statt. Der
Vulkan warf dabei nur Asche aus, aber unter furchtbarem Krachen. Am
30. floss die Lava ueber den Kraterrand und erreichte nach vier Stunden die
See. Das Getoese beim Ausbruch glich "abwechselnd Salven aus dem schwersten
Geschuetz und Kleingewehrfeuer, und, was sehr beachtenswerth ist, dasselbe
schien weit staerker auf offener See, weit weg von der Insel, als im
Angesicht des Landes, ganz in der Nahe des brennenden Vulkans."

Vom Vulkan von St. Vincent bis zum Rio Apure beim Einfluss des Rula sind es
in gerader Linie 210 Seemeilen (20 auf einen Grad); die Explosionen wurden
demnach in einer Entfernung gehoert gleich der vom Vesuv nach Paris. Dieses
Phaenomen, dem sich viele Beobachtungen in der Cordillere der Anden
anschliessen, beweist, wie viel groesser die unterirdische Wirkungssphaere
eines Vulkans ist, als man nach den unbedeutenden Veraenderungen, die er an
der Erdoberflaeche hervorbringt, glauben sollte. Die Knalle, die man in der
neuen Welt Tage lang 80, 100, ja 200 Meilen von einem Krater hoert,
gelangen nicht mittelst der Fortpflanzung des Schalls durch die Luft zu
uns; der Ton wird vielmehr durch die Erde geleitet, vielleicht am Punkte
selbst, wo wir uns befinden. Wenn die Ausbrueche des Vulkans von
St. Vincent, des Cotopaxi oder Tunguragua von so weit herschallten wie
eine ungeheuer grosse Kanone, so muesste der Schall im umgekehrten Verhaeltniss
der Entfernung staerker werden; aber die Beobachtung zeigt, dass diess nicht
der Fall ist. Noch mehr: in der Suedsee, auf der Fahrt von Guayaquil an die
Kueste von Mexico, fuhren Bonpland und ich ueber Striche, wo alle Matrosen
an Bord ueber ein dumpfes Geraeusch erschracken, das aus der Tiefe des
Meeres herauskam und uns durch das Wasser mitgetheilt wurde. Eben fand
wieder ein Ausbruch des Cotopaxi statt, und wir waren so weit von diesem
Vulkan entfernt als der Aetna von der Stadt Neapel. Vom Vulkan Cotopaxi
zur kleinen Stadt Honda am Ufer des Magdalenenstroms sind es nicht weniger
als 145 Meilen, und doch hoerte man waehrend der grossen Ausbrueche jenes
Vulkans in Honda ein unterirdisches Getoese, das man fuer Geschuetzsalven
hielt. Die Franciscaner verbreiteten das Geruecht, Carthagena werde von den
Englaendern belagert und beschossen, und alle Einwohner glaubten daran. Der
Cotopaxi ist nun aber ein Kegel, der 1800 Toisen und mehr ueber dem Becken
von Honda liegt; er steigt aus einer Hochebene empor, die selbst noch 1500
Toisen mehr Meereshoehe hat als das Thal des Magdalenenstroms. All die
colossalen Berge von Quito, der Provinz de los Pastos und von Popayan,
zahllose Thaeler und Erdspalten liegen dazwischen. Unter diesen Umstaenden
laesst sich nicht annehmen, dass der Ton durch die Luft oder durch die
obersten Erdschichten fortgepflanzt worden und dass er von da ausgegangen
sey, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi liegen. Man muss es
wahrscheinlich finden, dass der hochgelegene Theil des Koenigreichs Quito
und die benachbarten Cordilleren keineswegs eine Gruppe einzelner Vulkane
sind, sondern eine einzige aufgetriebene Masse bilden, eine ungeheure von
Sued nach Nord laufende vulkanische Mauer, deren Kamm ueber 600
Quadratmeilen Oberflaeche hat. Auf diesem Gewoelbe, auf diesem
aufgetriebenen Erdstueck stehen nun der Cotopaxi, der Tunguragua, der
Antisana, der Pichincha. Man gibt jedem einen eigenen Namen, obgleich es
im Grund nur verschiedene Gipfel desselben vulkanischen Gebirgsklumpens
sind. Das Feuer bricht bald durch den einen, bald durch den andern dieser
Gipfel aus. Die ausgefuellten Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane;
wenn aber auch der Cotopaxi und der Tunguragua in hundert Jahren nur ein-
oder zweimal auswerfen, so laesst sich doch annehmen, dass das unterirdische
Feuer unter der Stadt Quito, unter Pichincha und Imbaburu in bestaendiger
Thaetigkeit ist.

Nordwaerts finden wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei
andere *vulkanische Bergsysteme*, die Berge los Pastos und die von
Popayan. Dass diese Systeme unter sich zusammenhaengen, geht unzweifelhaft
aus einer Erscheinung hervor, deren ich schon oben gedacht habe, als von
der gaenzlichen Zerstoerung der Stadt Caracas die Rede war. Vom November
1796 an stiess der Vulkan bei Pasto, der westlich von der Stadt dieses
Namens am Thal des Rio Guaytara liegt, eine dicke Rauchsaeule aus. Die
Muendungen des Vulkans liegen an der Seite des Berges, auf seinem
westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsaeule drei Monate lang so hoch
ueber den Gebirgskamm empor, dass die Einwohner der Stadt Pasto sie
fortwaehrend sahen. Alle versicherten uns, zu ihrer grossen Ueberraschung
sey am 4. Februar 1797 der Rauch auf einmal verschwunden, ohne dass man
einen Erdstoss spuerte. Und im selben Augenblick wurde 65 Meilen weiter
gegen Sued zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar
(Capac-Urcu) die Stadt Riobamba durch ein Erdbeben zerstoert, furchtbarer
als alle, die im Andenken geblieben sind. Die Gleichzeitigkeit dieser
Ereignisse laesst wohl keinen Zweifel darueber, dass die Daempfe, welche der
Vulkan von Pasto aus seinen kleinen Muendungen oder _'ventanillas'_
ausstiess, am Druck elastischer Fluessigkeiten theilnahmen, welche den Boden
des Koenigreichs Peru erschuetterten und in wenigen Augenblicken dreissig bis
vierzigtausend Menschen das Leben kosteten.

Um diese gewaltigen Wirkungen der *vulkanischen Reactionen* zu erklaeren,
um darzuthun, dass die Vulkangruppe oder das *vulkanische System* der
Antillen von Zeit zu Zeit Terra Firma erschuettern kann, musste ich mich auf
die Cordillere der Anden berufen. Nur auf die Analogie frischer, und somit
vollkommen beglaubigter Thatsachen lassen sich geologische Schluesse bauen,
und wo auf dem Erdball faende man grossartigere und mannigfaltigere
vulkanische Erscheinungen, als in jener doppelten vom Feuer emporgehobenen
Bergkette, in dem Lande, wo die Natur ueber jeden Berggipfel und jedes Thal
die Fuelle ihrer Wunder ausgegossen hat? Betrachtet man einen brennenden
Krater als eine vereinzelte Erscheinung, bleibt man dabei stehen, die
Masse des Gesteins, das er ausgeworfen, abzuschaetzen, so stellt sich die
vulkanische Wirksamkeit an der gegenwaertigen Erdoberflaeche weder als sehr
gewaltig, noch als sehr ausgebreitet dar. Aber das Bild dieser Wirksamkeit
erweitert sich vor unserem innern Blick mehr und mehr, je frueher wir den
Zusammenhang zwischen den Vulkanen derselben Gruppe kennen lernen, -- und
dergleichen Gruppen sind z. B. die Vulkane in Neapel und auf Sicilien, die
der canarischen Inseln, die der Azoren, die der kleinen Antillen, die in
Mexico, in Guatimala und auf der Hochebene von Quito --; je genauer wir
sowohl die Reactionen dieser verschiedenen Vulkansysteme auf einander, als
die Entfernungen kennen lernen, in denen sie vermoege ihres Zusammenhangs
in den Erdtiefen den Boden zu gleicher Zeit erschuettern. Das Studium der
Vulkane zerfaellt in zwei ganz gesonderte Theile. Der eine, rein
mineralogische, beschaeftigt sich nur mit der Untersuchung der durch das
unterirdische Feuer gebildeten oder umgewandelten Gesteine, von der
Trachyt- und Trapp-Porphyrformation, von den Basalten, Phonolithen und
Doleriten heraus bis zu den neuesten Laven. Der andere, nicht so
zugaengliche und auch mehr vernachlaessigte Theil hat es mit den
gegenseitigen physikalischen Verhaeltnissen der Vulkane zu thun, mit dem
Einfluss, den die Systeme auf einander ausueben, mit dem Zusammenhang
zwischen den Wirkungen der feuerspeienden Berge und den Stoessen, welche den
Erdboden auf weite Strecken und lange fort in derselben Richtung
erschuettern. Dieses Wissen kann nur dann fortschreiten, wenn man die
verschiedenen Epochen der gleichzeitigen Thaetigkeit genau verzeichnet,
ferner die Richtung, Ausdehnung und Staerke der Erschuetterungen, ihr
allmaeliges Vorruecken in Landstrichen, die sie frueher nicht erreicht
hatten, das Zusammentreffen eines fernen vulkanischen Ausbruchs mit jenem
unterirdischen Getoese, das so stark ist, dass die Bewohner der Anden es
ausdrucksvoll *unterirdisches Gebruelle* und *unterirdischen Donner*
(_bramidos y truenos subterraneos_) nennen. Alle diese Angaben gehoeren dem
Gebiet der Naturgeschichte an, einer Wissenschaft, der man nicht einmal
ihren Namen gelassen hat, und die wie alle Geschichte mit Zeiten beginnt,
die uns fabelhaft erscheinen, und mit Katastrophen, deren Grossartigkeit
und Gewaltsamkeit weit ueber das Mass unserer Vorstellungen hinausgeht.

Man hat sich lange darauf beschraenkt, die Geschichte der Natur nach den
alten, in den Eingeweiden der Erde begrabenen Denkmaelern zu studiren; aber
wenn auch im engen Kreis sicherer Ueberlieferung nichts von so allgemeinen
Umwaelzungen vorkommt, wie die, durch welche die Cordilleren emporgehoben
und Myriaden von Seethieren begraben worden, so gehen doch auch in der
jetzigen Natur, unter unsern Augen, wenn auch auf beschraenktem Raum,
stuermische Auftritte genug vor sich, die, wissenschaftlich aufgefasst, ueber
die entlegensten Zeiten der Erdbildung Licht verbreiten koennen. Im Innern
des Erdballs hausen die geheimnissvollen Kraefte, deren Wirkungen an der
Oberflaeche zu Tage kommen, als Ausbrueche von Daempfen, gluehenden Schlacken,
neuen vulkanischen Gesteinen und heissen Quellen, als Auftreibungen zu
Inseln und Bergen, als Erschuetterungen, die sich so schnell wie der
elektrische Schlag fortpflanzen, endlich als unterirdische-: Donner, den
man Monate lang, und ohne Erschuetterung des Bodens, in grossen Entfernungen
von thaetigen Vulkanen hoert.

Je mehr im tropischen Amerika Cultur und Bevoelkerung zunehmen werden, je
fleissiger man die vulkanischen Systeme von Popayan, los Pastos, Quito, auf
den kleinen Antillen, auf der Centralhochebene von Mexico beobachten wird,
desto mehr muss der Zusammenhang zwischen Ausbruechen und Erdbeben, welche
den Ausbruechen vorangehen und zuweilen folgen, allgemeine Anschauung
werden. Die genannten Vulkane, besonders aber die der Anden, welche die
ungeheure Hoehe von 2500 Toisen und darueber erreichen, bieten dem
Beobachter bedeutende Vortheile. Die Epochen ihrer Ausbrueche sind
merkwuerdig scharf bezeichnet. Dreissig, vierzig Jahre lang werfen sie keine
Schlacken, keine Asche aus, rauchen nicht einmal. In einer solchen Periode
habe ich keine Spur von Rauch auf dem Gipfel des Tunguragua und des
Cotopaxi gesehen. Wenn dagegen dem Krater des Vesuvs eine Rauchwolke
entsteigt, achten die Neapolitaner kaum darauf; sie sind an die Bewegungen
dieses kleinen Vulkans gewoehnt, der oft in zwei, drei Jahren hinter
einander Schlacken auswirft. Da ist freilich schwer zu beurtheilen, ob die
Schlackenauswuerfe im Moment, wo man im Apennin einen Erdstoss verspuert,
staerker gewesen sind. Auf dem Ruecken der Cordilleren hat Alles einen
bestimmteren Typus. Auf einen Aschenauswurf von ein paar Minuten folgt oft
zehnjaehrige Ruhe. Unter diesen Umstaenden wird es leicht, Epochen zu
verzeichnen und auszumitteln, ob die Erscheinungen in der Zeit
zusammenfallen.

Die Zerstoerung von Cumana im Jahr 1797 und von Caracas im Jahr 1812 weisen
darauf hin, dass die Vulkane auf den kleinen Antillen mit den
Erschuetterungen, welche die Kuesten von Terra Firma erleiden, im
Zusammenhang stehen. Trotz dem kommt es haeufig vor, dass die Stoesse, welche
man im vulkanischen Archipel spuert, sich weder nach der Insel Trinidad,
noch nach den Kuesten von Cumana und Caracas fortpflanzen. Diese
Erscheinung hat aber durchaus nichts auffallendes. Auf den kleinen
Antillen selbst beschraenken sich die Erschuetterungen oft auf eine einzige
Insel. Der grosse Ausbruch des Vulkans auf St. Vincent im Jahr 1812 hatte
in Martinique und Guadeloupe kein Erdbeben zur Folge. Man hoerte, wie in
Venezuela, starke Schlaege, aber der Boden blieb ruhig.

Diese Donnerschlaege, die nicht mit dem rollenden Geraeusch zu verwechseln
sind, das ueberall auch ganz schwachen Erdstoessen vorausgeht, hoert man an
den Ufern des Orinoco ziemlich oft, besonders, wie man uns an Ort und
Stelle versichert hat, zwischen dem Rio Arauca und dem Cuchivero. Pater
Morello erzaehlt, in der Mission Cabruta habe das unterirdische Getoese
zuweilen so ganz geklungen wie Salven von Steinboellern (_pedreros_) dass es
gewesen sey, als wuerde in der Ferne ein Gefecht geliefert. Am 21. October
1766, am Tage des schrecklichen Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien
verheerte, erzitterte der Boden zu gleicher Zeit in Cumana, in Caracas, in
Maracaybo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des
Ventuario. Pater Gili hat diese Erderschuetterungen in einer ganz
granitischen Gebirgsgegend, in der Mission Encaramada beschrieben, wo sie
von heftigen Donnerschlaegen begleitet waren. Am Paurari erfolgten grosse
Bergstuerze, und beim Felsen Aravacoto verschwand eine Insel im Orinoco.
Die wellenfoermigen Bewegungen dauerten eine ganze Stunde. Damit war
gleichsam das Zeichen gegeben zu den heftigen Erschuetterungen, welche die
Kuesten von Cumana und Cariaco mehr als zehn Monate lang erlitten. Man
sollte meinen, Menschen, die zerstreut in Waeldern leben und kein anderes
Obdach haben als Huetten aus Rohr und Palmblaettern, fuerchten sich nicht vor
den Erdbeben. Die Indianer am Erevato und Caura entsetzen sich aber
darueber, da die Erscheinung bei ihnen selten vorkommt, und selbst die
Thiere im Walde erschrecken ja dabei, und die Krokodile eilen aus dem
Wasser ans Ufer. Naeher bei der See, wo die Erdstoesse sehr haeufig sind,
fuerchten sich die Indianer nicht nur nicht davor, sondern sehen sie gern
als Vorboten eines feuchten, fruchtbaren Jahres.

Alles weist darauf hin, dass im Innern des Erdballs nie schlummernde Kraefte
walten, die mit einander ringen, sich das Gleichgewicht halten und sich
gegenseitig stimmen. Je mehr die Ursachen jener Wellenbewegungen des
Bodens, jener Entbindung von Hitze, jener Bildung elastischer
Fluessigkeiten fuer uns in Dunkel gehuellt sind, desto groessere Aufforderung
hat der Physiker, den Zusammenhang naeher zu beobachten, der zwischen
diesen Erscheinungen sichtbar besteht und auf weite Entfernungen und in
sehr gleichfoermiger Weise zu Tage kommt. Nur wenn man die verschiedenen
Beziehungen und Verhaeltnisse aus einem allgemeinen Gesichtspunkt
betrachtet, wenn man sie ueber ein grosses Stueck der Erdoberflaeche durch die
verschiedensten Gebirgsarten verfolgt, kommt man dazu, den Gedanken
aufzugeben, als ob die vulkanischen Erscheinungen und die Erdbeben kleine
lokale Ursachen haben koennten, wie Schichten von Schwefelkiesen und
brennende Steinkohlenfloeze.

Wir haben uns in diesem Kapitel mit den gewaltigen Erschuetterungen
beschaeftigt, welche die Steinkruste des Erdballs von Zeit zu Zeit
erleidet, und die unermesslichen Jammer ueber ein Land bringen, das die
Natur mit ihren koestlichsten Gaben ausgestattet hat. Ununterbrochene Ruhe
herrscht in der obern Atmosphaere, aber -- um einen Ausdruck Franklins zu
brauchen, der mehr witzig ist als richtig -- in der *unterirdischen
Atmosphaere*, in diesem Gemisch elastischer Fluessigkeiten, deren gewaltsame
Bewegungen wir an der Erdoberflaeche empfinden, rollt haeufig der Donner.
Wir haben von der Zerstoerung so vieler volkreichen Staedte erzaehlt und
damit das hoechste Mass menschlichen Elends geschildert. Ein fuer seine
Unabhaengigkeit kaempfendes Volk sieht sich auf einmal dem Mangel an Nahrung
und allen Lebensbeduerfnissen preisgegeben. Hungernd, obdachlos zerstreut
es sich auf dem platten Lande. Viele, die nicht unter den Truemmern ihrer
Haeuser begraben worden, werden von Seuchen weggerafft. Das Gefuehl des
Jammers, weit entfernt das Vertrauen unter den Buergern zu befestigen,
untergraebt es vollends; die aeussern Uebel steigern noch die Zwietracht, und
der Anblick eines mit Thraenen und Blut getraenkten Bodens beschwichtigt
nicht den Grimm der siegreichen Partei.

Nachdem man bei solchen Greuelscenen verweilt, laesst man die
Einbildungskraft mit Behagen bei freundlichen Erinnerungen ausruhen. Als
in den Vereinigten Staaten das grosse Unglueck von Caracas bekannt wurde,
beschloss der zu Washington versammelte Congress einstimmig, fuenf Schiffe
mit Mehl zur Vertheilung unter die Duerftigsten an die Kueste von Venezuela
zu senden. Diese grossmuethige Unterstuetzung ward mit dem lebhaftesten Danke
aufgenommen, und dieser feierliche Beschluss eines freien Volks, dieser
Beweis der Theilnahme von Volk zu Volk, wovon die sich steigernde Cultur
des alten Europa in juengster Zeit wenige Beispiele aufzuweisen hat,
erschien als ein kostbares Unterpfand des gegenseitigen Wohlwollens, das
auf immer die Voelker des gedoppelten Amerikas verknuepfen soll.

                            ------------------





   40 Z. B. die naechtliche Prozession am 21. October zum Andenken an das
      grosse Erdbeben an diesem Tage um ein Uhr nach Mitternacht im Jahr
      1778. Andere sehr starke Erdstoesse kamen vor in den Jahren 1641, 1703
      und 1802.

   41 DELPECHE, _sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812_.
      (Manuscript)

   42 Die Dauer des Erdbebens, d. h. all der wellenfoermigen und stossenden
      Bewegungen (_undulacion y trepidacion_), welche die furchtbare
      Katastrophe vom 26. Maerz 1812 herbeifuehrten, wurde von den einen auf
      50 Secunden, von andern auf 1 Minute 12 Secunden geschaetzt.





FUeNFZEHNTES KAPITEL.


     Abreise von Caracas. -- Gebirge von San Pedro und los Teques. --
                     Victoria. -- Thaeler von Aragua.


Der kuerzeste Weg von Caracas an die Ufer des Orinoco haette uns ueber die
suedliche Kette der Berge zwischen Baruta, Salamanca und den Savanen von
Ocumare, und ueber die Steppen oder Llanos von Orituco gefuehrt, worauf wir
uns bei Cabruta, an der Einmuendung des Rio Guarico, haetten einschiffen
muessen; aber auf diesem geraden Wege haetten wir unsere Absicht nicht
erreicht, die dahin ging, den schoensten und kultivirtesten Theil der
Provinz, die Thaeler von Aragua, zu besuchen, einen interessanten Strich
der Kueste mit dem Barometer zu vermessen und den Rio Apure bis zu seinem
Einfluss in den Orinoco hinabzufahren. Ein Reisender, der sich mit der
Gestaltung und den natuerlichen Schaetzen des Bodens bekannt machen will,
richtet sich nicht nach den Entfernungen, sondern nach dem Interesse, das
die zu bereisenden Laender bieten. Diese entscheidende Ruecksicht fuehrte uns
in die Berge los Teques, zu den warmen Quellen von Mariara, an die
fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia und ueber die ungeheuren Steppen von
Calabozo nach San Fernando am Apure im oestlichen Theil der Provinz
Barinas. Auf diesem Wege war unsere Richtung Anfangs West, dann Sued und am
Ende Ost-Sued-Ost, um auf dem Apure, unter dem Parallel von 7 deg. 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} in
den Orinoco zu gelangen.

Da auf einem Wege von sechs bis siebenhundert Meilen die Laengen durch
Uebertragung der Zeit in Caracas und Cumana zu bestimmen waren, musste
nothwendig die Lage beider Staedte genau und durch absolute Beobachtungen
ermittelt werden. Oben ist das Resultat der am ersten Ausgangspunkt, in
Cumana, angestellten Beobachtungen angegeben; der zweite Punkt, der
noerdliche Stadttheil von Caracas, liegt unter 10 deg. 30{~PRIME~} 50{~DOUBLE PRIME~} der Breite und
69 deg. 25{~PRIME~} 0{~DOUBLE PRIME~} der Laenge. Die magnetische Declination fand ich am 22. Januar
1800 ausserhalb der Stadt, am Thore bei der Pastora, 4 deg. 38{~PRIME~} 45{~DOUBLE PRIME~} gegen
Nordost, und am 30. Januar im Innern der Stadt bei der Universitaet
4 deg. 39{~PRIME~} 15{~DOUBLE PRIME~}, also um 26{~PRIME~} staerker als in Cumana. Die Inclination der Nadel
war 42 deg. 90; die Zahl der Schwingungen, welche die Intensitaet der
magnetischen Kraft angaben, war in zehn Minuten Zeit in Caracas 232, in
Cumana 229. Diese Beobachtungen konnten nicht sehr oft wiederholt werden:
sie sind das Ergebniss dreimonatlicher Arbeit.

Am Tage, wo wir die Hauptstadt von Venezuela verliessen, die seitdem durch
ein furchtbares Erdbeben vernichtet worden ist, uebernachteten wir am Fusse
der bewaldeten Berge, die das Thal gegen Suedwest schliessen. Wir zogen am
rechten Ufer des Guayre bis zum Dorf Antimano auf einer sehr schoenen, zum
Theil in den Fels gehauenen Strasse. Man kommt durch la Vega und Carapa.
Die Kirche von la Vega hebt sich sehr malerisch von einem dicht
bewachsenen Huegelzug ab. Zerstreute Haeuser, von Dattelbaeumen umgeben,
deuten auf guenstige Verhaeltnisse der Bewohner: Eine nicht sehr hohe
Bergkette trennt den kleinen Guayrefluss vom Thale *de la Pascua*,(43) das
in der Geschichte des Landes eine grosse Rolle spielt, und von den alten
Goldbergwerken von Baruta und Oripoto. Auf dem Wege aufwaerts nach Carapa
hat man noch einmal die Aussicht auf die Silla, die sich als eine
gewaltige, gegen das Meer jaeh abstuerzende Kuppel darstellt. Dieser runde
Gipfel und der wie eine Mauerzinne gezackte Kamm des Galipano sind die
einzigen Berggestalten in diesem Becken von Gneiss und Glimmerschiefer, die
der Landschaft Charakter geben; die uebrigen Hoehen sind sehr einfoermig und
langweilig.

Beim Dorfe Antimano waren alle Baumgaerten voll bluehender Pfirsichbaeume.
Aus diesem Dorf, aus Valle und von den Ufern des Macarao kommen eine Menge
Pfirsiche, Quitten und anderes europaeisches Obst auf den Markt in Caracas.
Von Antimano bis las Ajuntas geht man siebzehn mal ueber den Guayre. Der
Weg ist sehr beschwerlich; statt aber eine neue Strasse zu bauen, thaete man
vielleicht besser, dem Fluss ein anderes Bett anzuweisen, der durch
Einsickerung und Verdunstung sehr viel Wasser verliert. Jede Kruemmung
bildet eine groessere oder kleinere Lache. Diese Verluste sind nicht
gleichgueltig in einer Provinz, wo der ganze bebaute Boden, mit Ausnahme
des Strichs zwischen der See und der Kuestenbergkette von Mariara und
Niguatar, sehr trocken ist. Es regnet weit seltener und weniger als im
Innern von Neu-Andalusien, in Cumanacoa und an den Ufern des Guarapiche.
Viele Berge der Provinz Caracas reichen in die Wolkenregion hinauf, aber
die Schichten des Urgebirgs sind unter einem Winkel von 70--80 deg. geneigt
und fallen meist nach Nordwest, so dass die Wasser entweder im Gebirg
versinken oder nicht suedlich, sondern noerdlich an den Kuestengebirgen von
Niguatar, Avila und Mariara in reichlichen Quellen zu Tage kommen. Daraus,
dass die Gneiss- und Glimmerschieferschichten gegen Sued ausgerichtet sind,
scheint sich mir groesstentheils die grosse Duerre des Kuestenstrichs zu
erklaeren. Im Innern der Provinz findet man Strecken von zwei, drei
Quadratmeilen ohne alle Quellen. Das Zuckerrohr, der Indigo und der
Kaffeebaum koennen nur da gedeihen, wo Wasser fliesst, mit dem man waehrend
der grossen Duerre kuenstlich bewaessern kann. Die ersten Ansiedler haben
unvorsichtigerweise die Waelder niedergeschlagen. Auf einem steinigten
Boden, wo Felsen ringsum Waerme strahlen, ist die Verdunstung ungemein
stark. Die Berge an der Kueste gleichen einer Mauer, die von Ost nach West
vom Cap Codera gegen die Landspitze Tucacas sich hinzieht; sie lassen die
feuchte Kuestenluft, die untern Luftschichten, die unmittelbar auf der See
aufliegen und am meisten Wasser ausgeloest haben, nicht ins innere Land
kommen. Es gibt wenige Luecken, wenige Schluchten, die wie die Schlucht von
Catia oder Tipe(44) vom Meeresufer in die hochgelegenen Laengenthaeler
hinauffuehren. Da ist kein grosses Flussbett, kein Meerbusen, durch die der
Ocean in das Land einschneidet und durch reichliche Verdunstung
Feuchtigkeit verbreitet. Unter dem 8. und 10. Breitegrad werfen da, wo die
Wolken nicht nahe am Boden hinziehen, die Baeume im Januar und Februar die
Blaetter ab, sicher nicht, wie in Europa, weil die Temperatur zu niedrig
wird, sondern weil in diesen Monaten, die am weitesten von der Regenzeit
entfernt sind, die Luft dem Maximum von Trockenheit sich naehert. Nur die
Gewaechse mit glaenzenden, stark lederartigen Blaettern halten die Duerre aus.
Unter dem schoenen tropischen Himmel befremdet den Reisenden der fast
winterliche Charakter des Landes; aber das frischeste Gruen erscheint
wieder, sobald man an die Ufer des Orinoco gelangt. Dort herrscht ein
anderes Klima und durch ihre Beschattung unterhalten die grossen Waelder im
Boden einen gewissen Grad von Feuchtigkeit und schuetzen ihn vor der
verzehrenden Sonnengluth.

Jenseits des kleinen Dorfes Antimano wird das Thal bedeutend enger. Das
Flussufer ist mit *Lata* bewachsen, der schoenen Grasart mit zweizeiligen
Blaettern, die gegen dreissig Fuss hoch wird und die wir unter dem Namen
Gynerium (_saccharoides_) beschrieben haben. Um jede Huette stehen
ungeheure Staemme von Persea (_Laurus Persea_), an denen Aristolochien,
Paullinien und eine Menge anderer Schlingpflanzen wachsen. Die
benachbarten bewaldeten Berge scheinen dieses westliche Ende des Thales
von Caracas feucht zu erhalten. Die Nacht vor unserer Ankunft in las
Ajuntas brachten wir auf einer Zuckerpflanzung zu. In einem viereckigten
Haus lagen gegen 80 Neger auf Ochsenhaeuten am Bodens. In jedem Gemach
waren vier Sklaven, und das Ganze sah aus wie eine Kaserne. Im Hof
brannten ein Dutzend Feuer, an denen gekocht wurde. Auch hier fiel uns die
laermende Lustigkeit der Schwarzen auf und wir konnten kaum schlafen. Wegen
des bewoelkten Himmels konnte ich keine Sternbeobachtungen machen; der Mond
kam nur von Zeit zu Zeit zum Vorschein, die Landschaft war truebselig
einfoermig, alle Huegel umher mit Magueys bewachsen. Man arbeitete an einem
kleinen Kanal, der ueber 70 Fuss hoch das Wasser des Rio San Pedro in den
Hof leiten sollte. Nach einer barometrischen Beobachtung liegt der Boden
der Hacienda nur 50 Toisen ueber dem Bett des Guayre bei Noria in der Naehe
von Caracas.

Der Boden dieses Landstrichs erwies sich zum Bau des Kaffeebaums nicht
sehr geeignet; er gibt im Allgemeinen im Thale von Caracas einen
geringeren Ertrag, als man Anfangs vermuthet hatte, da man bei Chacao mit
dem Anbau begann. Um sich von der Wichtigkeit dieses Handelszweiges im
Allgemeinen einen Begriff zu machen, genuegt die Angabe, dass die ganze
Provinz Caracas zur Zeit ihrer hoechsten Bluethe vor den Revolutionskriegen
bereits 50--60,000 Centner Kaffee erzeugte. Dieser Ertrag, der den Ernten
von Guadeloupe und Martinique zusammen fast gleich kommt, muss desto
bedeutender erscheinen, da erst im Jahre 1784 ein achtbarer Buerger, Don
Bartholomeo Blandin, die ersten Versuche mit dem Kaffeebau auf der Kueste
von Terra Firma gemacht hatte. Die schoensten Kaffeepflanzungen sind jetzt
in der Savane von Ocumare bei Salamanca und in Rincon, sowie im bergigten
Lande los Mariches, San Antonio Hatillo und los Budares. Der Kaffee von
den drei letztgenannten, ostwaerts von Caracas gelegenen Orten ist von
vorzueglicher Guete; aber die Straeucher tragen dort weniger, was man der
hohen Lage und dem kuehlen Klima zuschreibt. Die grossen Pflanzungen in der
Provinz Venezuela, wie Aguacates bei Valencia und le Rincon, geben in
guten Jahren Ernten von 3000 Centnern. Im Jahr 1796 betrug die
Gesammtausfuhr der Provinz nicht mehr als 4800 Centner, im Jahr 1804
10,000 Centner; sie hatte indessen schon im Jahre 1789 begonnen. Die
Preise schwankten zwischen 6 und 18 Piastern der Centner. In der Havana
sah man denselben auf 3 Piaster fallen; zu jener fuer die Colonisten so
unheilvollen Zeit, in den Jahren 1810 und 1812, lagen aber auch ueber zwei
Millionen Centner Kaffee (im Werth von zehn Millionen Pfund Sterling) in
den englischen Magazinen.

Die grosse Vorliebe, die man in dieser Provinz fuer den Kaffeebau hat, ruehrt
zum Theil daher, dass die Bohne sich viele Jahre haelt, waehrend der Cacao,
trotz aller Sorgfalt, nach zehn Monaten oder einem Jahr in den Magazinen
verdirbt. Waehrend der langen Kriege zwischen den europaeischen Maechten, wo
das Mutterland zu schwach war, um den Handel seiner Colonien zu schuetzen,
musste sich die Industrie vorzugsweise auf ein Produkt werfen, das nicht
schnell abgesetzt werden muss und bei dem man alle politischen und
Handelsconjunkturen abwarten kann. In den Kaffeepflanzungen von Caracas
nimmt man, wie ich gesehen, zum Versetzen nicht leicht die jungen
Pflanzen, die zufaellig unter den tragenden Baeumen aufwachsen; man laesst
vielmehr die Bohnen, getrennt von der Beere, aber doch noch mit einem
Theil des Fleisches daran, in Haufen zwischen Bananenblaettern fuenf Tage
lang keimen und steckt sofort den gekeimten Samen. Die so gezogenen
Pflanzen widerstehen der Sonnenhitze besser als die, welche in der
Pflanzung selbst im Schatten aufgewachsen sind. Man setzt hier zu Lande
gewoehnlich 5300 Baeume auf die *Vanega*, die gleich ist 5476 Quadrattoisen.
Ein solches Grundstueck kostet, wenn es sich bewaessern laesst, im noerdlichen
Theil der Provinz 500 Piaster. Der Kaffeebaum blueht erst im zweiten Jahr
und die Bluethe waehrt nur 24 Stunden. In dieser Zeit nimmt sich der kleine
Baum sehr gut aus; von weitem meint man, er sey beschneit. Im dritten Jahr
ist die Ernte bereits sehr reich. In gut gejaeteten und bewaesserten
Pflanzungen auf frisch umgebrochenem Boden gibt es ausgewachsene Baeume,
die 16, 18, sogar 20 Pfund Kaffee tragen; indessen darf man nur
1--11/2 Pfund auf den Stamm rechnen, und dieser durchschnittliche Ertrag ist
schon groesser als auf den Antillen. Der Regen, wenn er in die Bluethezeit
faellt, der Mangel an Wasser zum Ueberrieseln und ein Schmarotzergewaechs,
eine neue Art Loranthus, das sich an den Zweigen ansetzt, richten grossen
Schaden in den Kaffeepflanzungen an. Auf Pflanzungen von 8000 bis 10,000
Staemmen gibt die fleischige Beere des Kaffeebaums eine ungeheure Masse
organischen Stoffs, und man muss sich wundern, dass man nie versucht hat
Alkohol daraus zu gewinnen.

Wenn auch die Unruhen auf St. Domingo, der augenblickliche Ausschlag der
Colonialwaaren und die Auswanderung der franzoesischen Pflanzer den ersten
Anlass zum Bau des Kaffees auf dem Festland von Amerika, auf Cuba und
Jamaica gaben, so hat doch, was sie an Kaffee geliefert, keineswegs bloss
das Deficit gedeckt, das dadurch entstanden war, dass die franzoesischen
Antillen nichts mehr ausfuehrten. Dieser Ertrag steigerte sich, je mehr die
Bevoelkerung und bei veraenderter Lebensweise der Luxus bei den europaeischen
Voelkern zunahmen. Zu Neckers Zeit im Jahr 1780 fuehrte St. Domingo gegen 76
Millionen Pfund Kaffee aus. Im Jahr 1817 und den drei folgenden Jahren war
die Ausfuhr, nach Colquhoun, noch 36 Millionen Pfund. Der Kaffeebau ist
nicht so muehsam und kostspielig als der Bau des Zuckerrohrs und hat unter
dem Regiment der Schwarzen nicht so sehr gelitten als letzterer. Das sich
ergebende Deficit von 40 Millionen Pfund wird nun von Jamaica, Cuba,
Surinam, Demerary, Barbice, Curacao, Venezuela und der Insel Java weit
mehr als gedeckt, indem alle zusammen 75,900,000 Pfund erzeugen.

Die Gesammteinfuhr von Kaffee aus Amerika nach Europa uebersteigt jetzt 106
Millionen Pfund franzoesischen Markgewichts. Rechnet man dazu 4--5
Millionen von Isle de France und der Insel Bourbon, und 30 Millionen aus
Arabien und Java, so ergibt sich, dass der Gesammtverbrauch von Europa im
Jahr 1819 auf etwa 140 Millionen Pfund gestiegen seyn mag. Bei meinen
Untersuchungen ueber die Colonialwaaren im Jahr 1810(45) habe ich eine
geringere Zahl angenommen. Bei diesem ungeheuren Kaffeeverbrauch hat der
Verbrauch von Thee keineswegs abgenommen, vielmehr ist die Ausfuhr aus
China in den letzten fuenfzehn Jahren um mehr als ein Viertheil staerker
geworden. Im gebirgigen Theil der Provinzen Caracas und Cumana koennte Thee
so gut gebaut werden als Kaffee. Man findet dort alle Klimate wie in
Stockwerken ueber einander, und dieser neue Culturzweig wuerde eben so gut
gedeihen, wie in der suedlichen Halbkugel, wo in Brasilien unter einer
Regierung, die grosssinnig die Industrie und die religioese Duldung in ihren
Schutz nimmt, der Thee, die Chinesen und Fo's Glaubenssaetze zumal
eingewandert sind. Noch sind es nicht hundert Jahre her, seit in Surinam
und auf den Antillen die ersten Kaffeebaeume gepflanzt wurden, und bereits
hat der Ertrag der amerikanischen Ernte einen Werth von 15 Millionen
Piastern, den Centner Kaffee nur zu 14 Piastern gerechnet.

Am 8. Februar bei Sonnenaufgang brachen wir auf, um ueber den Higuerote zu
gehen, einen hohen Gebirgszug zwischen den beiden Laengenthaelern von
Caracas und Aragua. Nachdem wir bei las Ajuntas, wo die kleinen Fluesse San
Pedro und Macarao sich zum Guayre vereinigen, ueber das Wasser gegangen
waren, ging es an steilem Berghang hinauf zur Hochebene von Buonavista, wo
ein paar einzelne Haeuser stehen. Man sieht hier gegen Nordost bis zur
Stadt Caracas, gegen Sued bis zum Dorf los Teques. Die Gegend ist wild und
waldreich. Die Pflanzen des Thals von Caracas waren nach und nach
ausgeblieben. Wir befanden uns in 835 Toisen Meereshoehe, also fast so hoch
als Popayan, aber die mittlere Temperatur ist schwerlich hoeher als 17--18 deg.
[13 deg.,6--14 deg.,4 Reaumur]. Die Strasse ueber diese Berge ist sehr belebt; jeden
Augenblick begegnet man langen Zuegen von Maulthieren und Ochsen; es ist
die grosse Strasse von der Hauptstadt nach Victoria und in die Thaeler von
Aragua. Der Weg ist in einen talkigten zersetzten Gneiss gehauen. Ein mit
Glimmerblaettern gemengter Thon bedeckt drei Fuss hoch das Gestein. Im
Winter leidet man vom Staub und in der Regenzeit wird der Boden ein
Morast. Abwaerts von der Ebene von Buonavista, etwa fuenfzig Toisen gegen
Suedost, kommt man an eine starke Quelle im Gneiss, die mehrere Faelle
bildet, welche die ueppigste Vegetation umgibt. Der Pfad zur Quelle
hinunter ist so steil, dass man die Wipfel der Baumfarn, deren Stamm 25 Fuss
hoch wird, mit der Hand beruehren kann. Die Felsen ringsum sind mit
Jungermannia und Moosen aus der Familie Hypnum bekleidet. Der Bach schiesst
im Schatten von Heliconien hin und entbloesst die Wurzeln der Plumeria, des
Cupey, der Brownea und des _Ficus gigantea_. Dieser feuchte, von Schlangen
heimgesuchte Ort gewaehrt dem Botaniker die reichste Ausbeute. Die Brownea,
von den Eingeborenen _Rosa del monte_ oder _Palo de Cruz_ genannt, traegt
oft vier bis fuenfhundert purpurrothe Bluethen in einem einzigen Strausse.
Jede Bluethe hat fast immer 11 Staubfaeden, und das prachtvolle Gewaechs,
dessen Stamm 50--60 Fuss hoch waechst, wird selten, weil sein Holz eine sehr
gesuchte Kohle gibt. Den Boden bedecken Ananas, Hemimeris, Polygala und
Melastomen. Eine kletternde Grasart(46) schwebt in leichten Gewinden
zwischen Baeumen, deren Hierseyn bekundet, wie kuehl das Klima in diesen
Bergen ist. Dahin gehoeren die _Aralia capitata_, die _Vismia caparosa_ die
_Clethra fagifolia_. Mitten unter diesen, der schoenen Region der Baumfarn
(_region de los helechos_) eigenthuemlichen Gewaechsen erheben sich in den
Lichtungen hie und da Palmbaeume und Gruppen von *Guarumo* oder Cecropia
mit silberfarbigen Blaettern, deren duenner Stamm am Gipfel schwarz ist, wie
verbrannt vom Sauerstoff der Luft. Es ist auffallend, dass ein so schoener
Baum vom Habitus der Theophrasta und der Palmen meist nur acht bis zehn
Kronblaetter hat. Die Ameisen, die im Stamm des Guarumo hausen und das
Zellgewebe im Innern zerstoeren, scheinen das Wachsthum des Baums zu
hemmen. Wir hatten in diesen kuehlen Bergen von Higuerote schon einmal
botanisirt, im December, als wir den Generalcapitaen Guevara auf dem
Ausflug begleiteten, den er mit dem Intendanten der Provinz in die *Valles
de Aragua* machte. Damals entdeckte Bonpland im dicksten Wald ein paar
Staemme des *Aguatire*, dessen wegen seiner schoenen Farbe beruehmtes Holz
einmal ein Ausfuhrartikel nach Europa werden kann. Es ist die von
Bredemayer und Willdenow beschriebene _Sickingia erythroxylon_.

Vom bewaldeten Berge Higuerote kommt man gegen Suedwest zum kleinen Dorfe
San Pedro herunter (Hoehe 584 Toisen), das in einem Becken liegt, wo
mehrere kleine Thaeler zusammenstossen, und fast 300 Toisen tiefer als die
Ebene von Buonavista. Man baute hier neben einander Bananen, Kartoffeln
und Kaffee. Das Dorf ist sehr klein und die Kirche noch nicht ausgebaut.
Wir trafen in einer Schenke (_pulperia_) mehrere bei der Tabakspacht
angestellte Hispano-Europaeer. Ihre Stimmung war von der unsrigen sehr
verschieden. Vom Marsche ermuedet, brachen sie in Klagen und Verwuenschungen
aus ueber das unselige Land (_estas tierras infelices_), in dem sie leben
muessten. Wir dagegen konnten die wilde Schoenheit der Gegend, die
Fruchtbarkeit des Bodens, das angenehme Klima nicht genug ruehmen.

Das Thal von San Pedro mit dem Fluesschen dieses Namens trennt zwei grosse
Bergmassen, die des Higuerote und die von las Cocuyzas. Es ging nun gegen
West wieder aufwaerts ueber die kleinen Hoefe las Lagunetas und Garavatos. Es
sind diess nur einzelne Haeuser, die als Herbergen dienen; die
Maulthiertreiber finden hier ihr Lieblingsgetraenk, *Guarapo*, gegohrenen
Zuckerrohrsaft. Besonders die Indianer, die auf dieser Strasse hin und her
ziehen, sind dem Trunke sehr ergeben. Bei Garavatos steht ein sonderbar
gestalteter Glimmerschieferfels, ein Kamm oder eine steile Wand, auf der
oben ein Thurm steht. Ganz oben auf dem Berge las Cocuyzas oeffneten wir
den Barometer und fanden, dass wir hier in derselben Hoehe waren wie auf
Buonaviste, kaum 10 Toisen hoeher.

Die Aussicht auf las Lagunetas ist sehr weit, aber ziemlich einfoermig.
Dieser gebirgige, unbebaute Landstrich zwischen den Quellen des Guayre und
des Tuy ist ueber 25 Quadratmeilen gross. Es gibt darin sein einziges
elendes Dorf, los Teques, suedoestlich von San Pedro. Der Boden ist wie
durchfurcht von unzaehligen kleinen Thaelern, und die kleinsten, neben
einander herlaufenden muenden unter rechtem Winkel in die groesseren aus. Die
Berggipfel sind eben so einfoermig wie die Thalschluchten; nirgends eine
pyramidalische Bildung oder eine Auszackung, nirgends ein steiler Abhang.
Nach meiner Ansicht ruehrt das fast durchgaengig flache, wellenfoermige
Relief dieses Landstrichs nicht sowohl von der Beschaffenheit der
Gebirgsart her, etwa von der Zersetzung des Gneisses, als vielmehr davon,
dass das Wasser lange darueber gestanden und die Stroemungen ihre Wirkungen
geaeussert haben. Die Kalkberge von Cumana, noerdlich vom Turimiquiri, zeigen
dieselbe Bildung.

Von las Lagunetas ging es in das Thal des Tuy hinunter. Dieser westliche
Abhang der Berggruppe los Teques heisst las Cocuyzas; er ist mit zwei
Pflanzen mit Agaveblaettern, mit dem *Maguey de Cocuyza* und dem *Maguey de
Cocuy* bewachsen. Letzterer gehoert zur Gattung Yucca (unsere _Yucca
acaulis_); aus dem gegohrenen, mit Zucker versetzten Saft wird Branntwein
gebrannt, auch habe ich die jungen Blaetter essen sehen. Aus den Fasern der
ausgewachsenen Blaetter werden ungemein feste Stricke verfertigt.(47) Hat
man die Berge Higuerote und los Teques hinter sich, so betritt man ein
reich bebautes Land, bedeckt mit Weilern und Doerfern, unter denen welche
sind, die in Europa Staedte hiessen. Von Ost nach West, auf einer Strecke
von 12 Meilen, kommt man durch Victoria, San Matheo, Turmero, und Maracay,
die zusammen ueber 28,000 Einwohner haben. Die Ebenen am Tuy sind als der
oestliche Auslaeufer der Thaeler von Aragua zu betrachten, die sich von
Guigue, am Ufer des Sees von Valencia, bis an den Fuss der Berge las
Cocuyzas erstrecken. Durch barometrische Messung fand ich das Tuythal beim
Hofe Manterola 295 Toisen und den Spiegel des Sees 222 Toisen ueber dem
Meer. Der Tuy, der in den Bergen las Cocuyzas entspringt, laeuft Anfangs
gegen West, wendet sich dann nach Sued und Ost laengs der hohen Savanen von
Ocumare, nimmt die Gewaesser des Thals von Caracas auf und faellt unter dem
Winde des Cap Codera ins Meer.

Wir waren schon lange an eine maessige Temperatur gewoehnt, und so kamen uns
die Ebenen am Tuy sehr heiss vor, und doch stand der Thermometer bei Tag
zwischen elf Uhr Morgens und fuenf Uhr Abends nur auf 23--24 deg.. Die Naechte
waren koestlich kuehl, da die Lufttemperatur bis auf 17 deg.,5{~PRIME~} [14 deg. Reaumur]
sank. Je mehr die Hitze abnahm, desto staerker schienen die Wohlgerueche der
Blumen die Luft zu erfuellen. Aus allen heraus erkannten wir den koestlichen
Geruch des _Lirio hermoso_ einer neuen Art von _Pancratium_ deren Bluethe
8--9 Zoll lang ist und die am Ufer des Tuy waechst. Wir verlebten zwei
hoechst angenehme Tage auf der Pflanzung Don Joses de Manterola, der in der
Jugend Mitglied der spanischen Gesandtschaft in Russland gewesen war. Als
Zoegling und Guenstling Xavedras, eines der einsichtsvollsten Intendanten
von Caracas, wollte er sich, als der beruehmte Staatsmann ins Ministerium
getreten war, nach Europa einschiffen. Der Gouverneur der Provinz
fuerchtete Manterolas Einfluss und liess ihn im Hafen verhaften, und als der
Befehl von Hof anlangte, der die eigenmaechtige Verhaftung aufhob, war der
Minister bereits nicht mehr in Gunst. Es haelt schwer, auf 1500 Meilen, von
der suedamerikanischen Kueste, rechtzeitig einzutreffen, um von der Macht
eines hochgestellten Mannes Nutzen zu ziehen.

Der Hof, auf dem wir wohnten, ist eine huebsche Zuckerplantage. Der Boden
ist eben wie der Grund eines ausgetrockneten Sees. Der Tuy schlaengelt sich
durch Gruende, die mit Bananen und einem kleinen Gehoelz von _Hura
crepitans_, _Erythrina corallo-dendron_ und Feigenbaeumen mit
Nymphaeenblaettern bewachsen sind. Das Flussbett besteht aus Quarzgeschieben,
und ich wuesste nicht, wo man angenehmer badete als im Tuy: das
crystallhelle Wasser behaelt selbst bei Tag die Temperatur von 18 deg.,6. Das
ist sehr kuehl fuer dieses Klima und fuer eine Meereshoehe von 300 Toisen,
aber der Fluss entspringt in den benachbarten Bergen. Die Wohnung des
Eigenthuemers liegt auf einem 15--20 Toisen hohen Huegel und ringsum stehen
die Huetten der Neger. Die Verheiratheten sorgen selbst fuer ihren
Unterhalt. Wie ueberall in den Thaelern von Aragua weist man ihnen ein
kleines Grundstueck an, das sie bebauen. Sie verwenden dazu die einzigen
freien Tage in der Woche, Sonnabend und Sonntag. Sie halten Huehner,
zuweilen sogar ein Schwein. Der Herr ruehmt, wie gut sie es haben, wie im
noerdlichen Europa die gnaedigen Herren den Wohlstand der leibeigenen Bauern
ruehmen. Am Tage unserer Ankunft sahen wir drei entsprungene Neger
einbringen, vor Kurzem gekaufte Sklaven. Ich fuerchtete Zeuge einer der
Pruegelscenen sein zu muessen, die einem ueberall, wo die Sklaverei herrscht,
das Landleben verbittern; gluecklicherweise wurden die Schwarzen menschlich
behandelt.

Auf dieser Pflanzung, wie ueberall in der Provinz Venezuela, unterscheidet
man schon von Weitem die drei Arten Zuckerrohr, die gebaut werden, das
creolische Rohr, das otaheitische und das batavische. Die erstere Art hat
ein dunkleres Blatt, einen duenneren Stengel und die Knoten stehen naeher
bei einander; es ist diess das Zuckerrohr, das aus Indien zuerst auf
Sicilien, auf den Canarien und auf den Antillen eingefuehrt wurde. Die
zweite Art zeichnet sich durch ein helleres Gruen aus; der Stengel ist
hoeher, dicker, saftreicher; die ganze Pflanze verraeth ueppigeres Wachsthum.
Man verdankt sie den Reisen Bougainvilles, Cooks und Blighs. Bougainville
brachte sie nach Cayenne, von wo sie nach Martinique, und vom Jahr 1792 an
auf die andern Antillen kam. Das otaheitische Zuckerrohr, der *To* der
Insulaner, ist eine der wichtigsten Bereicherungen, welche die
Landwirthschaft in den Colonien seit einem Jahrhundert reisenden
Naturforschern verdankt. Es gibt nicht nur auf demselben Areal ein
Dritttheil mehr *Vezou* als das creolische Zuckerrohr; sein dicker Stengel
und seine feste Holzfaser liefern auch ungleich mehr Brennstoff. Letzteres
ist fuer die Antillen von grossem Werth, da die Pflanzer dort wegen der
Ausrodung der Waelder schon lange die Kessel mit ausgepresstem Rohr heizen
muessen. Ohne dieses neue Gewaechs, ohne die Fortschritte des Ackerbaus auf
dem Festland des spanischen Amerika und die Einfuehrung des indischen und
Javazuckers, haetten die Revolutionen auf St. Domingo und die Zerstoerung
der dortigen grossen Zuckerpflanzungen einen noch weit bedeutenderen
Einfluss auf die Preise der Colonialwaaren in Europa geaeussert. Nach Caracas
kam das otaheitische Rohr von der Insel Trinidad, von Caracas nach Cucuta
und San Gil im Koenigreich Neu-Grenada. Gegenwaertig, nach
fuenfundzwanzigjaehrigem Anbau, ist die Besorgniss verschwunden, die man
Anfangs gehegt, das nach Amerika verpflanzte Rohr moechte allmaehlig
ausarten und so duenn werden wie das creolische. Wenn es eine Spielart ist,
so ist es eine sehr constante. Die dritte Art, das violette Zuckerrohr,
_Cana de batavia_ oder _de Guinea_ genannt, ist bestimmt auf Java zu
Hause, wo man es vorzugsweise in den Distrikten Japara und Pasuruan baut.
Es hat purpurfarbige, sehr breite Blaetter; in der Provinz Caracas
verwendet man es vorzugsweise zum Rumbrennen. Zwischen den *Tablones* oder
mit Zuckerrohr bepflanzten Grundstuecken laufen Hecken aus einer gewaltig
grossen Grasart, der *Latta* oder dem Gynerium mit zweizeiligen Blaettern.
Man war im Tuy daran, ein Wehr auszubauen, durch das ein Waesserungskanal
gespeist werden sollte. Der Eigenthuemer hatte fuer das Unternehmen 7000
Piaster an Baukosten und 4000 fuer die Processe mit seinen Nachbarn
ausgegeben. Waehrend die Sachwalter sich ueber einen Kanal stritten, der
erst zur Haelfte fertig war, fing Manterola an zu bezweifeln, ob die Sache
ueberhaupt ausfuehrbar seh. Ich vermass das Terrain mittelst eines
Probirglases auf einem kuenstlichen Horizont und fand, dass das Wehr acht
Fuss zu tief angelegt war. Wie viel Geld habe ich in den spanischen
Colonien fuer Bauten hinauswerfen sehen, die nach falschen Messungen
angelegt waren!

Das Tuythal hat sein "Goldbergwerk", wie fast jeder von Europaeern
bewohnte, im Urgebirg liegende Ort in Amerika. Man versicherte, im Jahr
1780 habe man hier fremde Goldwaescher Goldkoerner sammeln sehen, und die
Leute haben sofort in der Goldschlucht eine Waescherei angelegt. Der
Verwalter einer benachbarten Pflanzung hatte diese Spuren verfolgt, und
siehe, man fand in seinem Nachlass ein Wamms mit goldenen Knoepfen, und nach
der Volkslogik konnte dieses Gold nur aus einem Erzgang kommen, wo die
Schuerfung durch einen Erdfall verschuettet worden war. So bestimmt ich auch
erklaerte, nach dem blossen Aussehen des Bodens, ohne einen tiefen Stollen
in der Richtung des Ganges, koenne ich nicht wissen, ob hier einmal gebaut
worden sey -- es half nichts, ich musste den Bitten meiner Wirthe
nachgeben. Seit zwanzig Jahren war das Wamms des Verwalters im ganzen
Bezirk tagtaeglich besprochen worden. Das Gold, das man aus dem Schoosse der
Erde graebt, hat in den Augen des Volks einen ganz andern Reiz, als das
Gold, das der Fleiss des Landmanns auf einem fruchtbaren, mit einem milden
Klima gesegneten Boden erntet.

Nordwestlich von der Hacienda del Tuy, im noerdlichen Zuge der
Kuestengebirgskette, befindet sich eine tiefe Schlucht, _Quebrada Seca_
genannt, weil der Bach, dem sie ihre Entstehung verdankt, in den
Felsspalten versickert, ehe er das Ende der Schlucht erreicht. Dieses
ganze Bergland ist dicht bewachsen; hier, wie ueberall, wo die Hoehen in die
Wolkenregion reichen und die Wasserduenste auf ihrem Zug von der See her
freien Zutritt haben, fanden wir das herrliche frische Gruen, das uns in
den Bergen von Buenavista und Lagunetas so wohl gethan hatte. In den
Ebenen dagegen werfen, wie schon oben bemerkt, die Baeume im Winter ihre
Blaetter zum Theil ab, und sobald man in das Thal des Tuy hinabkommt, faellt
einem das fast winterliche Aussehen der Landschaft auf. Die Luft ist so
trocken, dass der Delucsche Hygrometer Tag und Nacht auf 36--40 deg. steht.
Weit ab vom Fluss sieht man kaum hie und da eine Hura oder ein baumartiges
Pfeffergewaechs das entblaetterte Buschwerk beschatten. Diese Erscheinung
ist wohl eine Folge der Trockenheit der Luft, die im Februar ihr Maximum
erreicht; sie ruehrt nicht, wie die Colonisten meinen, daher, dass "die
Jahreszeiten, wie sie in Spanien sind, bis in den heissen Erdstrich herueber
wirken." Nur die auf einer Halbkugel in die andere versetzten Gewaechse
bleiben hinsichtlich ihrer Lebensverrichtungen, der Blaetter- und
Bluethenentwicklung an einen fernen Himmelsstrich gebunden und richten
sich, treu dem gewohnten Lebensgang, noch lange an die periodischen
Witterungswechsel desselben. In der Provinz Venezuela fangen die kahlen
Baeume fast einen Monat vor der Regenzeit wieder an frisches Laub zu
treiben. Wahrscheinlich ist um diese Zeit das elektrische Gleichgewicht in
der Luft bereits aufgehoben, und dieselbe wird allmaehlich feuchter, wenn
sie auch noch wolkenlos ist. Das Himmelsblau wird blaesser und hoch oben in
der Luft sammeln sich leichte, gleichfoermig verbreitete Duenste. In diese
Jahreszeit faellt hier eigentlich das Erwachen der Natur; es ist ein
Fruehling, der, nach dem Sprachgebrauch in den spanischen Colonien,(48)
Winters Anfang verkuendigt und auf die Sommerhitze folgt.

In der _Quebrada Seca_ wurde frueher Indigo gebaut; da aber der
dichtbewachsene Boden nicht so viel Waerme abgeben kann, als die
Niederungen oder der Thalgrund des Tuy empfangen und durch Strahlung
wieder von sich geben, so baut man jetzt statt desselben Kaffee. Je weiter
man in der Schlucht hinauf kommt, desto feuchter wird sie. Beim *Hato*, am
noerdlichen Ende der Quebrada, kamen wir an einen Bach, der ueber die
fallenden Gneissschichten niederstuerzt; man arbeitete hier an einer
Wasserleitung, die das Wasser in die Ebene fuehren sollte; ohne Bewaesserung
ist in diesem Landstrich kein Fortschritt in der Landwirthschaft moeglich.
Ein ungeheuer dicker Baum (_Hura crepitans_) am Bergabhang, ueber dem Hause
des Hato, fiel uns auf. Da er, wenn der Boden im geringsten wich, haette
umfallen und das Haus, das in seinem Schatten lag, zertruemmern muessen, so
hatte man ihn unten am Stamm abgebrannt und so gefaellt, dass er zwischen
ungeheure Feigenbaeume zu liegen kam und nicht in die Schlucht hinunter
rollen konnte. Wir massen den gefuellten Baum: der Wipfel war abgebrannt,
und doch mass der Stamm noch 154 Fuss; er hatte an der Wurzel 8 Fuss
Durchmesser und am obern Ende 4 Fuss 2 Zoll.

Unsern Fuehrern war weit weniger als uns daran gelegen, wie dick die Baeume
sind, und sie trieben uns vorwaerts, dem "Goldbergwerk" zu. Wir wandten uns
nach West und standen endlich in der _Quebrada del Oro_. Da war nun am
Abhang eines Huegels kaum die Spur eines Quarzgangs zu bemerken. Durch den
Regen war der Boden herabgerutscht, das Terrain war dadurch ganz
veraendert, und von einer Untersuchung konnte keine Rede seyn. Bereits
wuchsen grosse Baeume auf dem Fleck, wo die Goldwaescher vor zwanzig Jahren
gearbeitet hatten. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass sich hier im
Glimmerschiefer, wie bei Goldcronach in Franken und im Salzburgischen,
goldhaltige Gaenge finden; aber wie will man wissen, ob die Lagerstaette
bauwuerdig ist, oder ob das Erz nur in Nestern vorkommt, und zwar desto
seltener, je reicher es ist? Um uns fuer unsere Anstrengung zu
entschaedigen, botanisirten wir lange im dichten Wald ueber dem Hato, wo
Cedrela, Brownea und Feigenbaeume mit Nymphaeenblaettern in Menge wachsen.
Die Staemme der letzteren sind mit sehr stark riechenden Vanillepflanzen
bedeckt, die meist erst im April bluehen. Auch hier fielen uns wieder die
Holzauswuechse auf, die in der Gestalt von Graeten oder Rippen den Stamm der
amerikanischen Feigenbaeume bis zwanzig Fuss ueber dem Boden so ungemein dick
machen. Ich habe Baeume gesehen, die ueber der Wurzel 221/2 Fuss Durchmesser
hatten. Diese Holzgraeten trennen sich zuweilen acht Schuh ueber dem Boden
vom Stamm und verwandeln sich in walzenfoermige, zwei Schuh dicke Wurzeln,
und da sieht es aus, als wuerde der Baum von Strebepfeilern gestuetzt.
Dieses Geruestwerk dringt indessen nicht weit in den Boden ein. Die
Seitenwurzeln schlaengeln sich am Boden hin, und wenn man zwanzig Fuss vom
Stamm sie mit einem Beil abhaut, sieht man den Milchsaft des Feigenbaums
hervorquellen und sofort, da er der Lebensthaetigkeit der Organe entzogen
ist, sich zersetzen und gerinnen. Welch wundervolle Verflechtung von
Zellen und Gefaessen in diesen vegetabilischen Massen, in diesen
Riesenbaeumen der heissen Zone, die vielleicht tausend Jahre lang in einem
fort Nahrungssaft bereiten, der bis zu 180 Fuss hoch aufsteigt und wieder
zum Boden rueckfliesst, und wo hinter einer rauhen, harten Rinde, unter
dicken Schichten lebloser Holzfasern sich alle Regungen organischen Lebens
bergen!

Ich benuetzte die hellen Naechte, um auf der Pflanzung am Tuy zwei Auftritte
des ersten und dritten Jupitetstrabanten zu beobachten. Diese zwei
Beobachtungen ergaben nach den Tafeln von Delambre 4h 39{~PRIME~} 14{~DOUBLE PRIME~} Laenge; nach
dem Chronometer fand ich 4h 39{~PRIME~} 10{~DOUBLE PRIME~}. Diess waren die letzten Bedeckungen,
die ich bis zu meiner Rueckkehr vom Orinoco beobachtet; mittelst derselben
wurde das oestliche Ende der Thaeler von Aragua und der Fuss der Berge las
Cocuyzas ziemlich genau bestimmt. Nach Meridianhoehen von Canopus fand ich
die Breite der Hacienda de Manterola am 9. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}, am
10. Februar 10 deg. 16{~PRIME~} 34{~DOUBLE PRIME~}. Trotz der grossen Trockenheit der Luft flimmerten
die Sterne bis zu 80 Grad Hoehe, was unter dieser Zone sehr selten vorkommt
und jetzt vielleicht das Ende der schoenen Jahreszeit verkuendete. Die
Inclination der Magnetnadel war 41 deg. 60{~PRIME~}, und 228 Schwingungen in 10
Minuten Zeit gaben die Intensitaet der magnetischen Kraft an. Die
Abweichung der Nadel war 4 deg. 30{~PRIME~} gegen Nordost.

Waehrend meines Aufenthalts in den Thaelern des Tuy und von Aragua zeigte
sich das Zodiacallicht fast jede Nacht in ungemeinem Glanze. Ich hatte es
unter den Tropen zum erstenmal in Caracas am 18. Januar um 7 Uhr Abends
gesehen. Die Spitze der Pyramide stand 53 Grad hoch. Der Schein verschwand
fast ganz um 9 Uhr 35 Minuten (wahre Zeit), beinahe 3 Stunden 50 Minuten
nach Sonnenuntergang, ohne dass der klare Himmel sich getruebt haette. Schon
La Caille war auf seiner Reise nach Rio Janeiro und dem Cap aufgefallen,
wie schoen sich das Zodiacallicht unter den Tropen ausnimmt, nicht sowohl
weil es weniger geneigt ist, als wegen der grossen Reinheit der Luft. Man
muesste es auch auffallend finden, dass nicht lange vor Childrey und Dominic
Cassini die Seefahrer, welche die Meere beider Indien besuchten, die
gelehrte Welt Europas auf diesen Lichtschimmer von so bestimmter Form und
Bewegung aufmerksam gemacht haben, wenn man nicht wuesste, wie wenig sie bis
zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sich um Alles kuemmerten, was nicht
unmittelbar auf den Lauf des Schiffes und auf die Steuerung Bezug hatte.

So glaenzend das Zodiacallicht im trockenen Tuythale war, so sah ich es
doch noch weit schoener auf dem Ruecken der Cordilleren von Mexico, am Ufer
des Sees von Tezcuco, in 1160 Toisen Meereshoehe. Auf dieser Hochebene geht
der Delucsche Hygrometer auf 150 zurueck, und bei einem Luftdruck von 21
Zoll 8 Linien ist die Schwaechung des Lichts 1/1006 mal geringer als auf
den Niederungen. Im Januar 1804 reichte die Helle zuweilen mehr als 60
Grad ueber den Horizont herauf. Die Milchstrasse erschien blass neben dem
Glanz des Zodiacallichts, und wenn blaulichte zerstreute Woelkchen gegen
West am Himmel schwebten, meinte man, der Mond sey am Aufgehen.

Ich muss hier einer sehr auffallenden Beobachtung gedenken, die sich in
meinem an Ort und Stelle gefuehrten Tagebuch mehrmals verzeichnet findet.
Am 18. Januar und am 15. Februar 1800 zeigte sich das Zodiacallicht nach
je zwei Minuten sehr merkbar jetzt schwaecher, jetzt wieder staerker. Bald
war es sehr schwach, bald heller als der Glanz der Milchstrasse im
Schuetzen. Der Wechsel erfolgte in der ganzen Pyramide, besonders aber im
Innern, weit von den Raendern. Waehrend dieser Schwankungen des
Zodiacallichts zeigte der Hygrometer grosse Trockenheit an. Die Sterne
vierter und fuenfter Groesse erschienen dem blossen Auge fortwaehrend in
derselben Lichtstaerke. Nirgends war ein Wolkenstreif am Himmel zu sehen,
und nichts schien irgendwie die Reinheit der Luft zu beeintraechtigen. In
andern Jahren, in der suedlichen Halbkugel, sah ich das Licht eine halbe
Stunde, ehe es verschwand, staerker werden. Nach Dominic Cassini sollte
"das Zodiacallicht in manchen Jahren schwaecher und dann wieder so stark
werden wie Anfangs." Er glaubte, dieser allmaehliche Lichtwechsel "haenge
mit denselben Emanationen zusammen, in deren Folge auf der Sonnenscheibe
periodisch Flecken und Fackeln erscheinen;" aber der ausgezeichnete
Beobachter erwaehnt nichts von einem solchen raschen, innerhalb weniger
Minuten erfolgenden Wechsel in der Staerke des Zodiacallichtes, wie ich
denselben unter den Tropen oefters gesehen. Meiran behauptet, in Frankreich
sehe man in den Monaten Februar und Maerz ziemlich oft mit dem
Zodiacalschein eine Art Nordlicht sich mischen, das er das *unbestimmte*
nennt, und dessen Lichtnebel sich entweder um den ganzen Horizont
verbreitet oder gegen Westen erscheint. Ich bezweifle, dass in den von mir
beobachteten Faellen diese beiderlei Lichtscheine sich gemengt haben. Der
Wechsel in der Lichtstaerke erfolgte in bedeutenden Hoehen, das Licht war
weiss, nicht farbig, ruhig, nicht zitternd. Zudem sind Nordlichter unter
den Tropen so selten sichtbar, dass ich in fuenf Jahren, so oft ich auch im
Freien lag und das Himmelsgewoelbe anhaltend und sehr aufmerksam
betrachtete, nie eine Spur davon bemerken konnte.

Ueberblicke ich, was ich in Bezug auf die Zu- und Abnahme des
Zodiacallichts in meinen Notizen verzeichnet habe, so moechte ich glauben,
dass diese Veraenderungen doch nicht alle scheinbar sind, noch von gewissen
Vorgaengen in der Atmosphaere abhaengen. Zuweilen, in ganz heitern Naechten,
suchte ich das Zodiacallicht vergebens, waehrend es Tags zuvor sich im
groessten Glanze gezeigt hatte.(49) Soll man annehmen, dass Emanationen, die
das weisse Licht reflectiren, und die mit dem Schweif der Cometen
Aehnlichkeit zu haben scheinen, zu gewissen Zeiten schwaecher sind? Die
Untersuchungen ueber den Zodiacalschein bekommen noch mehr Interesse, seit
die Mathematiker uns bewiesen haben, dass uns die wahre Ursache der
Erscheinung unbekannt ist. Der beruehmte Verfasser der _mecanique celeste_
hat dargethan, dass die Sonnenatmosphaere nicht einmal bis zur Merkursbahn
reichen kann, und dass sie in keinem Fall in der Linsenform erscheinen
koennte, die das Zodiacallicht nach der Beobachtung haben muss. Es lassen
sich zudem ueber das Wesen dieses Lichtes dieselben Zweifel erheben, wie
ueber das der Cometenschweife. Ist es wirklich reflectirtes, oder ist es
direktes Licht? Hoffentlich werden reisende Naturforscher, welche unter
die Tropen kommen, sich mit Polarisationsapparaten versehen, um diesen
wichtigen Punkt zu erledigen.

Am 11. Februar mit Sonnenaufgang brachen wir von der Pflanzung Manterola
auf. Der Weg fuehrt an den lachenden Ufern des Tuy hin, der Morgen war kuehl
und feucht, und die Luft durchwuerzt vom koestlichen Geruch des _Pancratium
undulatum_ und anderer grosser Liliengewaechse. Man kommt durch das huebsche
Dorf Mamon oder *Consejo*, das in der Provinz wegen eines wunderthaetigen
Muttergottesbildes beruehmt ist. Kurz vor Mamon machten wir auf einem Hofe
der Familie Monteras Halt. Eine ueber hundert Jahre alte Negerin sass vor
einer kleinen Huette aus Rohr und Erde. Man kannte ihr Alter, weil sie eine
Creolin-Sklavin war. Sie schien noch bei ganz. guter Gesundheit. "Ich
halte sie an der Sonne (_la tingo al sol_)", sagte ihr Enkel; "die Waerme
erhaelt sie am Leben." Das Mittel kam uns sehr stark vor, denn die
Sonnenstrahlen fielen fast senkrecht nieder. Die Voelker mit dunkler Haut,
die gut acclimatisirten Schwarzen und die Indianer erreichen in der heissen
Zone ein hohes, glueckliches Alter. Ich habe anderswo von einem
eingeborenen Peruaner erzaehlt, der im Alter von 143 Jahren starb und 90
Jahre verheirathet gewesen war.

Don Francisco Montera und sein Bruder, ein junger, sehr gebildeter
Geistlicher, begleiteten uns, um uns in ihr Haus in Victoria zu bringen.
Fast alle Familien, mit denen wir in Caracas befreundet gewesen waren, die
Ustariz, die Tovars, die Toros, lebten beisammen in den schoenen Thaelern
von Aragua, wo sie die reichsten Pflanzungen besassen, und sie
wetteiferten, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Ehe wir in die Waelder
am Orinoco drangen, erfreuten wir uns noch einmal an Allem, was hohe
Cultur Schoenes und Gutes bietet.

Der Weg von Mamon nach Victoria laeuft nach Sued und Suedwest. Den Tuy, der
am Fuss der hohen Berge von Guayraima eine Biegung nach Ost macht, verloren
wir bald aus dem Gesicht. Man meint im Haslithal im Berner Oberland zu
seyn. Die Kalktuffhuegel sind nicht mehr als 140 Toisen hoch, fallen aber
senkrecht ab und springen wie Vorgebirge in die Ebene herein. Ihre Umrisse
deuten das alte Seegestade an. Das oestliche Ende des Thals ist duerr und
nicht angebaut; man hat hier die wasserreichen Schluchten der benachbarten
Gebirge nicht benuetzt, aber in der Naehe der Stadt betritt man ein gut
bebautes Land. Ich sage Stadt, obgleich zu meiner Zeit Victoria nur fuer
ein Dorf (_pueblo_) galt.

Einen Ort mit 7000 Einwohnern, schoenen Gebaeuden, einer Kirche mit
dorischen Saeulen und dem ganzen Treiben der Handelsindustrie kann man sich
nicht leicht als Dorf denken. Laengst hatten die Einwohner von Victoria den
spanischen Hof um den Titel _Villa_ angegangen und um das Recht einen
Cabildo, einen Gemeinderath, waehlen zu duerfen. Das spanische Ministerium
willfahrte dem Gesuch nicht, und doch hatte es bei der Expedition
Iturriagas und Solanos an den Orinoco, auf das dringende Gesuch der
Franciscaner, ein paar Haufen indianischer Huetten den vornehmen Titel
_Ciudad_ ertheilt. Die Selbstverwaltung der Gemeinden sollte ihrem Wesen
nach eine der Hauptgrundlagen der Freiheit und Gleichheit der Buerger seyn;
aber in den spanischen Colonien ist sie in eine Gemeindearistokratie
ausgeartet. Die Leute, welche die unumschraenkte Gewalt in Haenden haben,
koennten so leicht den Einfluss von ein paar maechtigen Familien ihren
Zwecken dienstbar machen; statt dessen fuerchten sie den sogenannten
Unabhaengigkeitsgeist der kleinen Gemeinden. Lieber soll der Staatskoerper
gelaehmt und kraftlos bleiben, als dass sie Mittelpunkte der Regsamkeit
aufkommen liessen, die sich ihrem Einfluss entziehen, als dass sie der
lokalen Lebensthaetigkeit, welche die ganze Masse beseelt, Vorschub
leisteten, nur weil diese Thaetigkeit vielmehr vom Volk als von der
obersten Gewalt ausgeht. Zur Zeit Carls V. und Philipps II. wurde die
Municipalverfassung vom Hose klugerweise beguenstigt. Maechtige Maenner, die
bei der Eroberung eine Rolle gespielt, gruendeten Staedte und bildeten die
ersten *Cabildos* nach dem Muster der spanischen; zwischen den Angehoerigen
des Mutterlandes und ihren Nachkommen in Amerika bestand damals
Rechtsgleichheit. Die Politik war eben nicht freisinnig, aber doch nicht
so argwoehnisch wie jetzt. Das vor kurzem eroberte und verheerte Festland
wurde als eine ferne Besitzung Spaniens angesehen. Der Begriff einer
Colonie im heutigen Sinn entwickelte sich erst mit dem modernen System der
Handelspolitik, und diese Politik sah zwar ganz wohl die wahren Quellen
des Nationalreichthums, wurde aber nichts desto weniger bald kleinlich,
misstrauisch, ausschliessend. Sie arbeitete auf die Zwietracht zwischen dem
Mutterlande und den Colonien hin; sie brachte unter den Weissen eine
Ungleichheit auf, von der die erste Gesetzgebung fuer Indien nichts gewusst
hatte. Allmaehlich wurde durch die Centralisirung der Gewalt der Einfluss
der Gemeinden herabgedrueckt, und dieselben Cabildos, denen im 16. und
17. Jahrhundert das Recht zustand, nach dem Tode eines Statthalters das
Land provisorisch zu regieren, galten beim Madrider Hof fuer gefaehrliche
Hemmnisse der koeniglichen Gewalt; Hinfort erhielten die reichsten Doerfer
trotz der Zunahme ihrer Bevoelkerung nur sehr schwer den Stadttitel und das
Recht der eigenen Verwaltung. Es ergibt sich hieraus, dass die neueren
Aenderungen in der Colonialpolitik keineswegs alle sehr philosophisch
sind. Man sieht solches sehr deutlich, wenn man in den _Leyes de Indias_
die Artikel von den Verhaeltnissen der nach Amerika uebersiedelten Spanier,
von den Rechten der Gemeinden und der Einrichtung der Gemeinderaethe
nachliest.

Durch die Art des Anbaus ist der Anblick der Umgegend von Victoria ein
ganz eigenthuemlicher. Der bebaute Boden liegt nur in 270--300 Toisen
Meereshoehe, und doch sieht man Getreidefelder unter den Zucker-, Kaffee-
und Bananenpflanzungen. Mit Ausnahme des Innern von Cuba werden sonst fast
nirgends im tropischen Theile der spanischen Colonien die europaeischen
Getreidearten in einem so tief gelegenen Landstriche gebaut. In Mexico
wird nur zwischen 600 und 1200 Toisen absoluter Hoehe der Weizenbau stark
betrieben, und nur selten geht er ueber 400 Toisen herab. Wir werden bald
sehen, dass, wenn man Lagen von verschiedener Hoehe mit einander vergleicht,
der Ertrag des Getreides von den hohen Breiten zum Aequator mit der
mittleren Temperatur des Orts merkbar zunimmt. Ob man mit Erfolg Getreide
bauen kann, haengt ab vom Grade der Trockenheit der Luft, davon, ob der
Regen auf mehrere Jahreszeiten vertheilt ist oder nur in der Winterzeit
faellt, ob der Wind fortwaehrend aus Ost blaest oder von Norden her kalte
Luft in tiefe Breiten bringt (wie im Meerbusen von Mexico), ob Monate lang
Nebel die Kraft der Sonnenstrahlen vermindern, kurz von tausend oertlichen
Verhaeltnissen, die nicht sowohl die mittlere Temperatur des ganzen Jahrs
als die Vertheilung derselben Waermemenge auf verschiedene Jahreszeiten
bedingen. Es ist eine merkwuerdige Erscheinung, dass das europaeische
Getreide vom Aequator bis Lappland, unter dem 69. Breitegrad, in Laendern
mit einer mittleren Waerme von +22 bis -2 Grad, aller Orten gebaut wird, wo
die Sommertemperatur ueber 9--10 Grad betraegt. Man kennt das *Minimum* von
Waerme, wobei Weizen, Gerste- und Hafer noch reifen; ueber das *Maximum*,
das diese sonst so zaehen Grasarten ertragen, ist man weniger im Reinen.
Wir wissen nicht einmal, welche Verhaeltnisse zusammenwirken, um unter den
Tropen den Getreidebau in sehr geringen Hoehen moeglich zu machen. Victoria
und das benachbarte Dorf San Matheo erzeugen 4000 Centner Weizen. Man saeet
ihn im December und erntet ihn am siebzigsten bis fuenfundsiebzigsten Tag.
Das Korn ist gross, weiss und sehr reich an Kleber; die Deckhaut ist duenner,
nicht so hart als beim Korn auf den sehr kalten mexicanischen Hochebenen.
Bei Victoria ertraegt der Morgen in der Regel 3000--3200 Pfund Weizen,
also, wie in Buenos Ayres, zwei- bis dreimal mehr als in den noerdlichen
Laendern. Man erntet etwa das sechzehnte Korn, waehrend der Boden von
Frankreich, nach Lavoisiers Untersuchungen, im Durchschnitt nur das fuenfte
bis sechste, oder 1000--1200 Pfund auf den Morgen traegt. Trotz dieser
Fruchtbarkeit des Bodens und des guenstigen Klimas ist der Zuckerbau in den
Thaelern von Aragua eintraeglicher als der Getreidebau.

Durch Victoria laeuft der kleine Rio Calanchas, der sich nicht in den Tuy,
sondern in den Rio Aragua ergiesst, woraus hervorgeht, dass dieses schoene
Land, wo Zuckerrohr und Weizen neben einander wachsen, bereits zum Becken
des Sees von Valencia gehoert, zu einem System von Binnenfluessen, die mit
der See nicht in Verbindung stehen. Der Stadttheil westlich vom Rio
Calanchas heisst _la otra banda_ und ist der gewerbsamste. Ueberall sieht
man Waaren ausgestellt, und die Strassen bestehen aus Budenreihen, Zwei
Handelsstrassen laufen durch Victoria, die von Valencia oder Porto Cabello
und die von Villa de Cura oder den Ebenen her, _camino de los lanos_
genannt. Es sind im Verhaeltniss mehr Weisse hier als in Caracas. Wir
besuchten bei Sonnenuntergang den Calvarienberg, wo man eine weite, sehr
schoene Aussicht hat. Man sieht gegen West die lachenden Thaeler von Aragua,
ein weites, mit Gaerten, Bauland, Stuecken Wald, Hoefen und Weilern bedecktes
Gelaende. Gegen Sued und Suedost ziehen sich, so weit das Auge reicht, die
hohen Gebirge von Palma, Guayraima, Tiara und Guiripa hin, hinter denen
die ungeheuren Ebenen oder Steppen von Calabozo liegen. Diese innere
Bergkette streicht nach West laengs des Sees von Valencia fort bis Villa de
Cura, Cuesta de Yusma und zu den gezackten Bergen von Guigue. Sie ist
steil und fortwaehrend in den leichten Dunst gehuellt, der in heissen Laendern
ferne Gegenstaende stark blau faerbt und die Umrisse keineswegs verwischt,
sondern sie nur staerker hervortreten laesst. In dieser innern Kette sollen
die Berge von Guayraima bis 1200 Toisen hoch seyn. In der Nacht des
11. Februar fand ich die Breite von Victoria 10 deg. 13{~PRIME~} 35{~DOUBLE PRIME~}, die Inclination
der Magnetnadel 40 deg.,80, die Intensitaet der magnetischen Kraft gleich 236
Schwingungen in 10 Zeitminuten, und die Abweichung der Nadel 4 deg.,40 nach
Nordost.

Wir zogen langsam weiter ueber die Doerfer San Matheo, Turmero und Maracay
auf die Hacienda de Cura, eine schoene Pflanzung des Grafen Tovar, wo wir
erst am 14. Februar Abends ankamen. Das Thal wird allmaehlig weiter; zu
beiden Seiten desselben stehen Huegel von Kalktuff, den man hier zu Lande
_tierra blanca_ nennt. Die Gelehrten im Lande haben verschiedene Versuche
gemacht, diese Erde zu brennen; sie verwechselten dieselbe mit
Porzellanerde, die sich aus Schichten verwitterten Feldspaths bildet. Wir
verweilten ein paar Stunden bei einer achtungswuerdigen und gebildeten
Familie, den Ustariz in *Concesion*. Das Haus mit einer auserlesenen
Buechersammlung steht auf einer Anhoehe und ist mit Kaffe- und
Zuckerpflanzungen umgeben. Ein Gebuesch von Balsambaeumen
(_balsamo_)[_Amyris elata_] gibt Kuehlung und Schatten. Mit reger
Theilnahme sahen wir die vielen im Thale zerstreuten Haeuser, die von
Freigelassenen bewohnt sind. Gesetze, Einrichtungen, Sitten beguenstigen in
den spanischen Colonien die Freiheit der Neger ungleich mehr als bei den
uebrigen europaeischen Nationen.

San Matheo, Turmero und Maracay sind reizende Doerfer, wo Alles den groessten
Wohlstand verraeth. Man glaubt sich in den gewerbsamsten Theil von
Catalonien versetzt. Bei San Matheo sahen wir die letzten Weizenfelder und
die letzten Muehlen mit wagerechten Wasserraedern. Man rechnete bei der
bevorstehenden Ernte auf die zwanzigfache Aussaat, und als waere diess noch
ein maessiger Ertrag, fragte man mich, ob man in Preussen und Polen mehr
ernte. Unter den Tropen ist der Irrthum ziemlich verbreitet, das Getreide
arte gegen den Aequator zu aus und die Ernten seyen im Norden reicher.
Seit man den Ertrag des Ackerbaus in verschiedenen Erdstrichen und die
Temperaturen, bei denen das Getreide gedeiht, berechnen kann, weiss man,
dass nirgends jenseits des 45. Breitegrads der Weizen so reiche Ernten gibt
als auf den Nordkuesten von Afrika und auf den Hochebenen von Neu-Grenada,
Peru und Mexico. Vergleicht man, nicht die mittlere Temperatur des ganzen
Jahrs, sondern nur die mittleren Temperaturen der Jahreszeit, in welche
der "Vegetationscyclus" des Getreides faellt, so findet(50) man fuer drei
Sommermonate im noerdlichen Europa 15--19 Grad, in der Berberei und in
Egypten 27--29, unter den Tropen, zwischen 1400 und 300 Toisen Hoehe,
14--25 Grad.

Die herrlichen Ernten in Egypten und Algerien, in den Thaelern von Aragua
und im Innern von Cuba beweisen zur Genuege, dass Zunahme der Waerme die
Ernte des Weizens und der andern naehrenden Graeser nicht beeintraechtigt,
wenn nicht mit der hohen Temperatur uebermaessige Trockenheit oder
Feuchtigkeit Hand in Hand geht. Letzterem Umstande sind ohne Zweifel die
scheinbaren Anomalien zuzuschreiben, die unter den Tropen hie und da an
der *untern Grenze des Getreides* vorkommen. Man wundert sich, dass
ostwaerts von der Havana, im vielgenannten Bezirk der _Quatro Villas_,
diese Grenze fast bis zum Meeresspiegel herabgeht, waehrend westlich von
der Havana, am Abhang der mexicanischen Gebirge, bei Xalapa, in 677 Toisen
Hoehe, die Vegetation noch so ueppig ist, dass der Weizen keine Aehren
ansetzt. In der ersten Zeit nach der Eroberung wurde das europaeische
Getreide mit Erfolg an manchen Orten gebaut, die man jetzt fuer zu heiss
oder zu feucht dafuer haelt. Die eben erst nach Amerika versetzten Spanier
waren noch nicht so an den Mais gewoehnt, man hielt noch fester an den
europaeischen Sitten, man berechnete nicht, ob der Weizen weniger eintragen
werde als Kaffee oder Baumwolle; man machte Versuche mit Saemereien aller
Art, man stellte keckere Fragen an die Natur, weil man weniger nach
falschen Theorien urtheilte. Die Provinz Carthagena, durch welche die
Gebirgsketten Maria und Guamoco laufen, baute bis ins sechzehnte
Jahrhundert Getreide. In der Provinz Caracas baut man es schon sehr lang
im Gebirgsland von Tocuyo, Quibor und Barquesimeto, das die
Kuestenbergkette mit der _Sierra nevada_ von Merida verbindet. Der
Getreidebau hat sich dort sehr gut erhalten, und allein aus der Umgegend
der Stadt Tocuyo werden jaehrlich gegen 5000 Centner ausgezeichneten Mehls
ausgefuehrt. Obgleich aber auf dem weiten Gebiet der Provinz Caracas
mehrere Striche sich sehr gut zum Kornbau eignen, so glaube ich doch, dass
dieser Zweig der Landwirthschaft dort nie eine grosse Bedeutung erlangen
wird. Die gemaessigtsten Theile sind nicht breit genug; es sind keine
eigentlichen Hochebenen und ihre mittlere Meereshoehe ist nicht so
bedeutend, dass die Einwohner es nicht immer noch vortheilhafter faenden,
Kaffee statt Getreide zu bauen. Gegenwaertig bezieht Caracas sein Mehl
entweder aus Spanien oder aus den Vereinigten Staaten. Wenn einmal mit der
Herstellung der oeffentlichen Ruhe auch fuer den Gewerbfleiss bessere Zeiten
kommen und von Santa Fe de Bogota bis zum Landungsplatz am Pachaquiaro
eine Strasse gebaut wird, so werden die Einwohner von Venezuela ihr Mehl
aus Neu-Grenada aus dem Rio Meta und dem Orinoco beziehen.

Vier Meilen von San Matheo liegt das Dorf Turmero; Man kommt fortwaehrend
durch Zucker-, Indigo-, Baumwollen- und Kaffeepflanzungen. An der
regelmaessigen Bauart der Doerfer erkennt man, dass alle den Moenchen und den
Missionen den Ursprung verdanken. Die Strassen sind gerade, unter einander
parallel und schneiden sich unter rechten Winkeln; auf dem grossen
viereckigten Platz in der Mitte steht die Kirche. Die Kirche von Turmero
ist ein kostbares, aber mit architektonischen Zierrathen ueberladenes
Gebaeude. Seit die Missionaere den Pfarrern Platz gemacht, haben die Weissen
Manches von den Sitten der Indianer angenommen. Die letzteren verschwinden
nach und nach als besondere Race, das heisst sie werden in der Gesammtmasse
der Bevoelkerung durch die Mestizen und die Zambos repraesentirt, deren
Anzahl fortwaehrend zunimmt. Indessen habe ich in den Thaelern von Aragua
noch 4000 zinspflichtige Indianer angetroffen. In Turmero und Guacara sind
sie am zahlreichsten. Sie sind klein, aber nicht so untersetzt wie die
Chaymas; ihr Auge verraeth mehr Leben und Verstand, was wohl weniger Folge
der Stammverschiedenheit als der hoeheren Civilisation ist. Sie arbeiten,
wie die freien Leute, im Taglohn; sie sind in der kurzen Zeit, in der sie
arbeiten, ruehrig und fleissig; was sie aber in zwei Monaten verdient,
verschwenden sie in einer Woche fuer geistige Getraenke in den Schenken,
deren leider von Tag zu Tag mehr werden.

In Turmero sahen wir ein Ueberbleibsel der Landmiliz beisammen. Man sah es
den Leuten an, dass diese Thaeler seit Jahrhunderten eines ununterbrochenen
Friedens genossen hatten. Der Generalcapitaen wollte das Militaerwesen
wieder in Schwung bringen und hatte grosse Uebungen angeordnet. Da hatte in
einem Scheingefecht das Bataillon von Turmero auf das von Victoria Feuer
gegeben. Unser Wirth, ein Milizlieutenant, wurde nicht muede, uns zu
schildern, wie gefaehrlich ein solches Manoever sey. "Rings um ihn seyen
Gewehre gewesen, die jeden Augenblick zerspringen konnten; er habe vier
Stunden in der Sonne stehen muessen, und seine Sklaven haben ihm nicht
einmal einen Sonnenschirm ueber den Kopf halten duerfen." Wie rasch doch die
scheinbar friedfertigsten Voelker sich an den Krieg gewoehnen! Ich laechelte
damals ueber eine Hasenfuessigkeit, die sich mit so naiver Offenherzigkeit
kundgab, und zwoelf Jahre darauf wurden diese selben Thaeler von Aragua, die
friedlichen Ebenen bei Victoria und Turmero, das Defile von Cabrera und
die fruchtbaren Ufer des Sees von Valencia der Schauplatz der blutigsten,
hartnaeckigsten Gefechte zwischen den Eingeborenen und den Truppen des
Mutterlandes.

Suedlich von Turmero springt ein Bergzug aus Kalkstein in die Ebene vor und
trennt zwei schoene Zuckerpflanzungen, die Guayavita und die Paja. Letztere
gehoert der Familie des Grafen Tovar, der ueberall in der Provinz
Besitzungen hat. Bei der Guayavita hat man braunes Eisenerz entdeckt.
Noerdlich von Turmero, in der Kuestencordillere, erhebt sich ein
Granitgipfel, der *Chuao*, auf dem man zugleich das Meer und den See von
Valencia sieht. Ueber diesen Felskamm, der, soweit das Auge reicht, nach
West fortstreicht, gelangt man auf ziemlich beschwerlichen Wegen zu den
reichen Cacaopflanzungen auf dem Kuestenstrich bei Choroni, Turiamo und
Ocumare, Orten, wohlbekannt wegen der Fruchtbarkeit ihres Bodens und wegen
ihrer Ungesundheit. Turmero, Maracay, Cura, Guacara, jeder Ort im
Araguathal hat seinen Bergpfad, der zu einem der kleinen Haefen an der
Kueste fuehrt.

Hinter dem Dorf Turmero, Maracay zu, bemerkt man auf eine Meile weit am
Horizont einen Gegenstand, der wie ein runder Huegel, wie ein gruen
bewachsener Tumulus aussieht. Es ist aber weder ein Huegel, noch ein
Klumpen dicht beisammen stehender Baeume, sondern ein einziger Baum, der
beruehmte _'Zamang de Guayre'_ bekannt im ganzen Land wegen der ungeheuren
Ausbreitung seiner Aeste, die eine halbe kugelige Krone von 576 Fuss im
Umfang bilden. Der Zamang ist eine schoene Mimosenart, deren gewundene
Zweige sich gabelig theilen. Sein feines, zartes Laub hob sich angenehm
vom blauen Himmel ab. Wir blieben lange unter diesem vegetabilischen
Gewoelbe. Der Stamm ist nur sechzig Fuss hoch und hat neun Fuss Durchmesser,
seine Schoenheit besteht aber eigentlich in der Form der Krone. Die Aeste
breiten sich aus wie ein gewaltiger Sonnenschirm und neigen sich ueberall
dem Boden zu, von dem sie ringsum 12--15 Fuss abstehen. Der Umriss der Krone
ist so regelmaessig, dass ich verschiedene Durchmesser, die ich nahm, 192 und
186 Fuss lang fand. Die eine Seite des Baumes war in Folge der Trockenheit
ganz entblaettert; an einer andern Stelle standen noch Blaetter und Bluethen
neben einander. Tillandsien, Lorantheen, die Pitayapa und andere
Schmarotzergewaechse bedecken die Zweige und durchbohren die Rinde
derselben. Die Bewohner dieser Thaeler, besonders die Indianer, halten den
Baum in hohen Ehren, den schon die ersten Eroberer so ziemlich so gefunden
haben moegen, wie er jetzt vor uns steht; Seit man ihn genau beobachtet,
ist er weder dicker geworden, noch hat sich seine Gestalt sonst veraendert.
Dieser Zamang muss zum wenigsten so alt seyn wie der Drachenbaum bei
Orotava. Der Anblick alter Baeume hat etwas Grossartiges, Imponirendes; die
Beschaedigung dieser Naturdenkmaeler wird daher auch in Laendern, denen es an
Kunstdenkmaelern fehlt, streng bestraft. Wir hoerten mit Vergnuegen, der
gegenwaertige Eigenthuemer des Zamang habe einen Paechter, der es gewagt,
einen Zweig davon zu schneiden, gerichtlich verfolgt. Die Sache kam zur
Verhandlung und der Paechter wurde vom Gericht zur Strafe gezogen. Bei
Turmero und bei der Hacienda de Cura gibt es Zamangs, die einen dickeren
Stamm haben als der am Guayre, aber ihre halbkugelige Krone ist nicht so
gross.

Je naeher man gegen Cura und Guacara am noerdlichen Ufer des Sees kommt,
desto besser angebaut und volkreicher werden die Ebenen. Man zaehlt in den
Thaelern von Aragua auf einem 13 Meilen langen und 2 Meilen breiten
Landstrich ueber 52,000 Einwohner. Diess gibt auf die Quadratmeile 2000
Seelen, also beinahe so viel wie in den bevoelkertsten Theilen Frankreichs.
Das Dorf oder vielmehr der Flecken Maracay war frueher, als der Indigobau
in hoechster Bluethe stand, der Hauptort fuer diesen Zweig der
Colonialindustrie. Im Jahr 1795 zaehlte man daselbst bei einer Bevoelkerung
von 6000 Einwohnern 70 Kaufleute mit offenen Laden. Die Haeuser sind alle
von Stein; in jedem Hof stehen Cocosbaeume, deren Krone ueber die Gebaeude
emporragt. Der allgemeine Wohlstand macht sich in Maracay noch
bemerklicher als in Turmero. Der hiesige *Anil* oder Indigo wurde im
Handel immer dem von Guatimala gleich, manchmal sogar hoeher geschaetzt.
Seit 1772 schloss sich dieser Culturzweig dem Cacaobau an, und jener ist
wieder aelter als der Baumwollen- und Kaffeebau. Die Colonisten warfen sich
auf jedes dieser vier Produkte der Reihe nach mit besonderer Vorliebe,
aber nur Cacao und Kaffee sind Artikel von Belang im Handelsverkehr mit
Europa geblieben. In den besten Zeiten konnte sich die hiesige
Indigofabrikation fast mit der mexicanischen messen: sie stieg in
Venezuela auf 40,000 Arrobas oder eine Million Pfund, im Werth von mehr
als 1,250,000 Piastern. Man bekommt einen Begriff von der
ausserordentlichen Ertragsfaehigkeit des Bodens in den spanischen Colonien,
wenn man einem sagt, dass der Indigo aus Caracas, der im Jahr 1794 einen
Werth von mehr als sechs Millionen Franken hatte, auf vier bis fuenf
Quadratmeilen gebaut ist; In den Jahren 1789--95 kamen jaehrlich vier bis
fuenftausend Freie aus den Llanos in die Thaler von Aragua, um beim Bau und
der Bereitung des Indigo zu helfen; sie arbeiteten zwei Monate im Taglohn.

Der Anil erschoepft den Boden, auf dem man ihn viele Jahre hinter einander
baut, mehr als jede andere Pflanze. In Maracay, Tapatapa und Turmero gilt
der Boden fuer ausgesogen; der Ertrag an Indigo hat auch fortwaehrend
abgenommen. Die Seekriege haben den Handel ins Stocken gebracht und durch
die starke Indigoeinfuhr aus Asien sind die Preise gesunken. Die
ostindische Compagnie verkauft jetzt in London ueber 5,500,000 Pfund
Indigo, waehrend sie im Jahr 1786 auf ihren weiten Besitzungen nur 250,000
Pfund bezog. Je mehr der Indigobau in den Araguathaelern abnahm, einen
desto groesseren Aufschwung nahm er in der Provinz Barinas und auf den
heissen Ebenen von Cucuta, wo der bis da unberuehrte Boden am Rio Tachira
ein aeusserst farbreiches Produkt in Menge liefert.

Wir kamen sehr spaet nach Maracay. Die Personen, an die wir Empfehlungen
hatten, waren nicht zu Hause; kaum bemerkten die Leute unsere
Verlegenheit, so erbot man sich von allen Seiten, uns aufzunehmen, unsere
Instrumente unterzubringen, unsere Maulthiere zu versorgen. Es ist schon
tausendmal gesagt worden, aber der Reisende fuehlt immer wieder das
Beduerfniss es zu wiederholen: die spanischen Colonien sind das wahre Land
der Gastfreundschaft, auch noch an Orten, wo Gewerbfleiss und Handel
Wohlstand und eine gewisse Bildung unter den Colonisten verbreitet haben.
Eine canarische Familie nahm uns mit der liebenswuerdigsten Herzlichkeit
auf; man bereitete uns ein treffliches Mahl, man vermied sorgfaeltig alles,
was uns irgendwie einen Zwang auflegen konnte. Der Hausherr, Don Alexandro
Gonzales, war in Handelsgeschaeften auf der Reise, und seine junge Frau
genoss seit Kurzem der Mutterfreude. Sie war ausser sich vor Vergnuegen, als
sie hoerte, dass wir auf dem Rueckweg vom Rio Negro an den Orinoco nach
Angostura kommen wuerden, wo sich ihr Mann befand. Von uns sollte er
erfahren, dass ihm sein Erstling geboren worden. In diesen Laendern gelten,
wie bei den Alten, wandernde Gaeste fuer die sichersten Boten. Es gibt
Postreiter, aber diese machen so weite Umwege, dass Privatleute durch sie
selten Briefe in die Llanos oder Savanen im Innern gehen lassen. Als wir
aufbrachen, trug man uns das Kind zu. Wir hatten es am Abend im Schlaf
gesehen, am Morgen mussten wir es wachend sehen. Wir versprachen es dem
Vater Zug fuer Zug zu beschreiben; aber beim Anblick. unserer Buecher und
Instrumente wurde die junge Frau unruhig. Sie meinte, "auf einer langen
Reise und bei so vielen anderweitigen Geschaeften koennten wir leicht
vergessen, was fuer Augen ihr Kind habe." Wie liebenswuerdig ist solche
Gastfreundschaft! wie koestlich der naive Ausdruck eines Vertrauens, das ja
auch ein Charakterzug frueherer Menschenalter beim Morgenroth der Gesittung
ist!

Auf dem Wege von Maracay nach der Hacienda de Cura hat man zuweilen einen
Ausblick auf den See von Valencia. Von der Granitbergkette an der Kueste
laeuft ein Ast suedwaerts in die Ebene hinaus; es ist diess das Vorgebirge
*Portachuelo*, durch welches das Thal beinahe ganz geschlossen wuerde, wenn
nicht ein schmaler Pass zwischen dem Vorgebirge und dem Felsen der Cabrera
hinliefe. Dieser Ort hat in den letzten Revolutionskriegen in Caracas eine
traurige Beruehmtheit erhalten; alle Parteien stritten sich hitzig um
diesen Pass, weil der Weg nach Valencia und in die Llanos hier durchfuehrt.
Die Cabrera ist jetzt eine Halbinsel; noch vor weniger als sechzig Jahren
war es ein Felseneiland im See, dessen Wasserspiegel fortwaehrend sinkt.
Wir brachten auf der Hacienda de Cura sieben Tage aeusserst angenehm zu, und
zwar in einem kleinen Hause in einem Gebuesch, weil im Hause auf der
schoenen Zuckerpflanzung die *Bubas* ausgebrochen waren, eine unter den
Sklaven in diesen Thaelern haeufig vorkommende Hautkrankheit.

Wir lebten wie die wohlhabenden Leute hier zu Lande, badeten zweimal,
schliefen dreimal und assen dreimal in vier und zwanzig Stunden. Das Wasser
des Sees ist ziemlich warm, 24--25 Grad; aber es gibt noch ein anderes,
sehr kuehles, koestliches Bad im Schatten von Ceibabaeumen und grossen
Zamangs, in der Toma, einem Bache, der aus den Granitbergen des *Rincon
del Diablo* kommt. Steigt man in dieses Bad, so hat man sich nicht vor
Insektenstichen zu fuerchten, wohl aber vor den kleinen roethlichen Haaren
an den Schoten des _Dolichos pruriens_ die in der Luft schweben und einem
vom Winde zugefuehrt werden. Wenn diese Haare, die man bezeichnend
_picapica_ nennt, sich an den Koerper haengen, so verursachen sie ein sehr
heftiges Jucken: man kuehlt Stiche und sieht doch nicht, woher sie ruehren.

Bei Cura sahen wir die saemmtliche Einwohnerschaft daran, den mit Mimosen,
Sterculia und _Coccoloba__ excoriata_ bewachsenen Boden umzubrechen, um
mehr Areal fuer den Baumwollenbau zu gewinnen. Dieser, der zum Theil an die
Stelle des Indigobaus getreten ist, gedeiht so gut, dass die
Baumwollenstaude am Ufer des Sees von Valencia wild waechst. Wir fanden
8--10 Fuss hohe Straeucher, mit Bignonien und andern holzigten
Schlingpflanzen durchwachsen. Indessen ist die Baumwollenausfuhr aus
Caracas noch unbedeutend; sie betrug in Guayra im Durchschnitt jaehrlich
kaum 3--400,000 Pfund; aber in allen Haefen der _Capitania general_ stieg
sie durch den starken Anbau in Cariaco, Nueva Barcelona und Maracaybo auf
mehr als 22,000 Centner. Es ist diess fast die Haelfte dessen, was der ganze
Archipel der Antillen erzeugt. Die Baumwolle aus den Thaelern von Aragua
ist von guter Qualitaet; sie steht nur der brasilischen nach, denn sie gilt
fuer besser als die von Carthagena, von Domingo und den kleinen Antillen.
Die Baumwollenpflanzungen liegen auf der einen Seite des Sees zwischen
Maracay und Valencia, auf der andern zwischen Guayca und Guigue. Die
grossen Plantagen ertragen 60--70,000 Pfund jaehrlich. Bedenkt man, dass in
den Vereinigten Staaten, also ausserhalb der Tropen, in einem
unbestaendigen, dem Gedeihen der Pflanze nicht selten feindlichen Klima,
die Ausfuhr der einheimischen Baumwolle in achtzehn Jahren (1797--1815)
von 1,200,000 auf 83 Millionen Pfund gestiegen ist, so kann man sich nicht
leicht einen Begriff davon machen, in welch ungeheurem Massstab dieser
Handelszweig sich entwickeln muss, wenn einmal in den vereinigten Provinzen
von Venezuela, in Neu-Grenada, in Mexico und an den Ufern des la Plata der
Gewerbfleiss nicht mehr in Fesseln geschlagen ist. Unter den gegenwaertigen
Verhaeltnissen erzeugen nach Brasilien die Kuesten von hollaendisch Guyana,
der Meerbusen von Cariaco, die Thaeler von Aragua und die Provinzen
Maracaybo und Carthagena am meisten Baumwolle in Suedamerika.

Waehrend unseres Aufenthalts in Cura machten wir viele Ausfluege auf die
Felseninseln im See von Valencia, zu den heissen Quellen von Mariara und
auf den hohen Granitberg *Cucurucho del Coco*. Ein schmaler, gefaehrlicher
Pfad fuehrt an den Hafen Turiamo und zu den beruehmten Cacaopflanzungen an
der Kueste. Auf allen diesen Ausfluegen sahen wir uns angenehm ueberrascht
nicht nur durch die Fortschritte des Landbaus, sondern auch durch das
Wachsthum einer freien Bevoelkerung, die fleissig, an Arbeit gewoehnt und zu
arm ist, um Sklavenarbeit in Anspruch nehmen zu koennen. Ueberall hatten
kleine Landbauer, Weisse und Mulatten, zerstreute Hoefe angelegt. Unser
Wirth, dessen Vater 40,000 Piaster Einkuenfte hat, besass mehr Land, als er
urbar machen konnte; er vertheilte es in den Thaelern von Aragua unter arme
Leute, die Baumwolle bauen wollten. Sein Streben ging dahin, dass sich um
seine grossen Pflanzungen freie Leute ansiedelten, die nach freiem Ermessen
bald fuer sich, bald auf den benachbarten Pflanzungen arbeiteten und in der
Ernte ihm als Tageloehner dienten. Graf Tovar verfolgte eifrig das edle
Ziel, die Negersklaverei im Lande allmaehlig auszurotten, und er hegte die
doppelte Hoffnung, einmal den Grundbesitzern die Sklaven weniger noethig zu
machen, und dann die Freigelassenen in Stand zu setzen, Paechter zu werden.
Bei seiner Abreise nach Europa hatte er einen Theil seiner Laendereien bei
Cura, westlich vom Felsen las Viruelas, in einzelne Grundstuecke
zerschlagen und verpachtet. Als er vier Jahre darauf wieder nach Amerika
kam, fand er daselbst schoene Baumwollenpflanzungen und einen Weiler von 30
bis 40 Haeusern, Punta Zamuro genannt, den wir oft mit ihm besucht haben.
Die Einwohner des Weilers sind fast durchaus Mulatten, Zambos und freie
Neger. Mehrere grosse Grundbesitzer haben nach diesem Vorgang mit gleichem
Erfolg Land verpachtet. Der Pachtschilling betraegt zehn Piaster auf die
Vanega und wird in Geld oder in Baumwolle entrichtet. Die kleinen Paechter
sind oft in Bedraengniss und geben ihre Baumwolle zu sehr geringem Preise
ab. Ja sie verkaufen sie vor der Ernte, und durch diese Vorschuesse reicher
Nachbarn geraeth der Schuldner in eine Abhaengigkeit, in Folge deren er
seine Dienste als Tagloehner oefter anbieten muss. Der Taglohn ist nicht so
hoch als in Frankreich. Man bezahlt in den Thaelern von Aragua und in den
Llanos einem freien Tageloehner vier bis fuenf Piaster monatlich, neben der
Kost, die beim Ueberfluss an Fleisch und Gemuese sehr wenig ausmacht. Gerne
verbreite ich mich hier ueber den Landbau in den Colonien, weil solche
Angaben den Europaeern darthun, was aufgeklaerten Colonisten laengst nicht
mehr zweifelhaft ist, dass das Festland des spanischen Amerika durch freie
Haende Zucker, Baumwolle und Indigo erzeugen kann, und dass die
ungluecklichen Sklaven Bauern, Paechter und Grundbesitzer werden koennen.

                            ------------------





   43 Thal des Cortes oder *Osterthal*, so genannt, weil Diego de Losada,
      nachdem er die Teques-Indianer und ihren Caziken Guaycaypuro in den
      Bergen von San Pedro geschlagen, im Jahr 1567 die Ostertage daselbst
      zubrachte, ehe er in das Thal San Francisco drang, wo er die Stadt
      Caracas gruendete.

   44 S. Bd. II, Seite 150.

   45 S. Humboldt, _Essay politique sur le Mexique._ T. II, pag. 435.

   46 S. Bd. I, Seite 294.

   47 An der Uhr in der Hauptkirche von Caracas trug ein 5 Linien dicker
      Maqueystrick seit 15 Jahren ein Gewicht von 350 Pfund.

*   48 Winter* heisst die Zeit im Jahr, wo es am meisten regnet, daher in
      Terra Firma die mit der Winter-Tag-und Nachtgleiche beginnende
      Jahreszeit Sommer genannt wird und man alle Tage sagen hoert, im
      Gebirge sey es Winter, wahrend es in den benachbarten Niederungen
      Sommer ist.

   49 Mairan ist dieselbe Erscheinung in Europa aufgefallen.

   50 Die mittlere Sommertemperatur ist in Schottland (bei Edinburgh unter
      dem 56. Grad der Breite) dieselbe wie auf den Hochebenen von
      Neu-Grenada, wo in 1400 Toisen Meereshoehe und unter dem vierten Grad
      der Breite so viel Getreide gebaut wird. Auf der andern Seite
      entspricht die mittlere Temperatur der Thaeler von Aragua (10 deg. 15{~PRIME~}
      der Breite) und aller nicht sehr hoch gelegenen Ebenen in der heissen
      Zone der *Sommertemperatur* von Neapel und Sicilien (39 deg. 40{~PRIME~} der
      Breite). Die obigen Zahlen bezeichnen die Lage der *isotheren* (der
      Linien der gleichen Sommerwaerme), nicht der *isothermen* Linien (der
      Linien der gleichen Jahreswaerme). Hinsichtlich der Waermemenge,
      welche ein Punkt der Erdoberflaeche im Lauf eines ganzen Jahres
      empfaengt, entsprechen die mittleren Temperaturen der Thaeler von
      Aragua und der Hochebenen von Neu-Grenada in 300--1400 Toifen
      Meereshoehe den mittleren Temperaturen der Kuesten unter dem
      23--45. Grad der Breite.





SECHZEHNTES KAPITEL.


     Der See von Valencia. -- Die beissen Quellen von Mariara. -- Die
    Stadt Nueva Valencia de el Rey. -- Weg zur Kueste von Porto Cabello
                                  hinab.


Die Thaeler von Aragua, deren reichen Anbau und erstaunliche Fruchtbarkeit
wir im Obigen geschildert, stellen sich als ein Becken dar, das zwischen
Granit- und Kalkgebirgen von ungleicher Hoehe in der Mitte liegt. Nordwaerts
trennt die Sierra Mariara sie von der Meereskueste, gegen Sueden dient ihnen
die Bergkette des Guacimo und Yusma als Schutzwehr gegen die gluehende Luft
der Steppen. Huegelzuege, hoch genug, um den Lauf der Gewaesser zu bestimmen,
schliessen das Becken gegen Ost und West wie Querdaemme. Diese Huegel liegen
zwischen dem Tuy und Victoria, wie auf dem Wege von Valencia nach Nirgua
und in die Berge des Torito. In Folge dieser eigenthuemlichen Gestaltung
des Bodens bilden die Gewaesser der Thaeler von Aragua ein System fuer sich
und laufen einem von allen Seiten geschlossenen Becken zu; sie ergiessen
sich nicht in den Ocean, sie vereinigen sich in einem Binnensee,
unterliegen hier dem maechtigen Zuge der Verdunstung und verlieren sich
gleichsam in der Luft. Durch diese Fluesse und Seen wird die Fruchtbarkeit
des Bodens und der Ertrag des Landbaus in diesen Thaelern bedingt. Schon
der Augenschein und eine halbhundertjaehrige Erfahrung zeigen, dass der
Wasserstand sich nicht gleich bleibt, dass das Gleichgewicht zwischen der
Summe der Verdunstung und der des Zuflusses gestoert ist. Da der See 1000
Fuss ueber den benachbarten Steppen von Calabozo und 1332 Fuss ueber dem Meere
liegt, so vermuthete man, das Wasser habe einen unterirdischen Abfluss oder
versickere. Da nun Eilande darin zu Tage kommen und der Wasserspiegel
fortwaehrend sinkt, so meinte man, der See koennte voellig eintrocknen. Das
Zusammentreffen so auffallender Naturverhaeltnisse musste mich auf diese
Thaeler aufmerksam machen, in denen die wilden Reize der Natur und der
liebliche Eindruck fleissigen Anbaus und der Kuenste einer erwachenden
Cultur sich vereinigen.

Der See von Valencia, von den Indianern Tacarigua genannt, ist groesser als
der Neuenburger See in der Schweiz; im Umriss aber hat er Aehnlichkeit mit
dem Genfer See, der auch fast gleich hoch ueber dem Meere liegt. Da in den
Thaelern von Aragua der Boden nach Sued und West faellt, so liegt der Theil
des Beckens, der unter Wasser geblieben ist, zunaechst der suedlichen
Bergkette von Guigue, Yusma und dem Guacimo, die den hohen Savanen von
Ocumare zustreicht. Die einander gegenueberliegenden Ufer des Sees stechen
auffallend von einander ab. Das suedliche ist wueste, kahl, fast gar nicht
bewohnt, eine hohe Gebirgswand gibt ihm ein finsteres, einfoermiges
Ansehen; das noerdliche dagegen ist eine liebliche Landschaft mit reichen
Zucker-, Kaffee- und Baumwollenpflanzungen. Mit Cestrum, Azedarac und
andern immer bluehenden Straeuchern eingefasste Wege laufen ueber die Ebene
und verbinden die zerstreuten Hoefe. Jedes Haus ist von Baeumen umgeben. Der
Ceiba mit grossen gelben(51) und die Erithryna mit purpurfarbigen Bluethen,
deren Aeste sich verflechten, geben der Landschaft einen eigenthuemlichen
Charakter. Die Mannigfaltigkeit und der Glanz der vegetabilischen Farben
sticht wirkungsvoll vom eintoenigen Blau des wolkenlosen Himmels ab. In der
trockenen Jahreszeit, wenn ein wallender Dunst ueber dem gluehenden Boden
schwebt, wird das Gruen und die Fruchtbarkeit durch kuenstliche Bewaesserung
unterhalten. Hin und wieder kommt der Granit im angebauten Land zu Tage;
ungeheure Felsmassen steigen mitten im Thale steil empor. An ihren
nackten, zerkluefteten Waenden wachsen einige Saftpflanzen und bilden
Dammerde fuer kommende Jahrhunderte. Haeufig ist oben auf diesen einzeln
stehenden Huegeln ein Feigenbaum oder eine Clusia mit fleischigten Blaettern
aus den Felsritzen emporgewachsen und beherrscht die Landschaft. Mit ihren
duerren, abgestorbenen Aesten sehen sie aus wie Signalstangen auf einer
steilen Kueste. An der Gestaltung dieser Hoehen erraeth man, was sie frueher
waren: als noch das ganze Thal unter Wasser stand und die Wellen den Fuss
der Gipfel von Mariara, die *Teufelsmauer* (_el Rincon del Diablo_) und
die Kuestenbergkette bespuelten, waren diese Felshuegel Untiefen oder
Eilande.

Diese Zuege eines reichen Gemaeldes, dieser Contrast zwischen den beiden
Ufern des Sees von Valencia erinnerten mich oft an das Seegestade des
Waadtlands, wo der ueberall angebaute, ueberall fruchtbare Boden dem
Ackerbauer, dem Hirten, dem Winzer ihre Muehen sicher lohnt, waehrend das
savoyische Ufer gegenueber ein gebirgigtes, halb wuestes Land ist. In jenen
fernen Himmelsstrichen, mitten unter den Gebilden einer fremdartigen
Natur, gedachte ich mit Lust der hinreissenden Beschreibungen, zu denen der
Genfer See und die Felsen von Meillerie einen grossen Schriftsteller
begeistert haben. Wenn ich jetzt mitten im civilisirten Europa die Natur
in der neuen Welt zu schildern versuche, glaube ich durch die Vergleichung
unserer heimischen und der tropischen Landschaften meinen Bildern mehr
Schaerfe und dem Leser deutlichere Begriffe zu geben. Man kann es nicht oft
genug sagen: unter jedem Himmelsstriche traegt die Natur, sey sie wild oder
vom Menschen gezaehmt, lieblich oder grossartig, ihren eigenen Stempel. Die
Empfindungen, die sie in uns hervorruft, sind unendlich mannigfaltig,
gerade wie der Eindruck der Geisteswerke je nach dem Zeitalter, das sie
hervorgebracht, und nach den mancherlei Sprachen, von denen sie ihren Reiz
zum Theil borgen, so sehr verschieden ist. Nur Groesse und aeussere
Formverhaeltnisse koennen eigentlich verglichen werden; man kann den
riesigen Gipfel des Montblanc und das Himalayagebirge, die Wasserfaelle der
Pyrenaeen und die der Cordilleren zusammenhalten; aber durch solche
vergleichende Schilderungen, so sehr sie wissenschaftlich foerderlich seyn
moegen, erfaehrt man wenig vom Naturcharakter des gemaessigten und des heissen
Erdstrichs. Am Gestade eines Sees, in einem grossen Walde, am Fuss mit
ewigem Eis bedeckter Berggipfel ist es nicht die materielle Groesse, was uns
mit dem heimlichen Gefuehle der Bewunderung erfuellt. Was zu unserem Gemuethe
spricht, was so tiefe und mannigfache Empfindungen in uns wach ruft,
entzieht sich der Messung, wie den Sprachformen. Wenn man Naturschoenheiten
recht lebhaft empfindet, so mag man Landschaften von verschiedenem
Charakter gar nicht vergleichen; man wuerde fuerchten sich selbst im Genuss
zu stoeren.

Die Ufer des Sees von Valencia sind aber nicht allein wegen ihrer
malerischen Reize im Lande beruehmt; das Becken bietet verschiedene
Erscheinungen, deren Aufklaerung fuer die Naturforschung und fuer den
Wohlstand der Bevoelkerung von gleich grossem Interesse ist. Aus welchen
Ursachen sinkt der Seespiegel? Sinkt er gegenwaertig rascher als vor
Jahrhunderten? Laesst sich annehmen, dass das Gleichgewicht zwischen dem
Zufluss und dem Abgang sich ueber kurz oder lang wieder herstellt, oder ist
zu besorgen, dass der See ganz eingeht?

Nach den astronomischen Beobachtungen in Victoria, Hacienda de Cura, Nueva
Valencia und Guigue ist der See gegenwaertig von Cagua bis Guayos 10 Meilen
oder 28000 Toisen lang. Seine Breite ist sehr ungleich; nach den Breiten
an der Einmuendung des Rio Cura und beim Dorfe Guigue zu urtheilen, betraegt
sie nirgends ueber 2, 3 Meilen oder 6500 Toisen, meist nur 4--5000. Die
Maasse, die sich aus meinen Beobachtungen ergeben, sind weit geringer als
die bisherigen Annahmen der Eingeborenen. Man koennte meinen, um das
Verhaeltniss der Wasserabnahme genau kennen zu lernen, brauche man nur die
gegenwaertige Groesse des Sees mit der zu vergleichen, welche alte
Chronikschreiber, z. B. OVIEDO in seiner ums Jahr 1723 veroeffentlichten
"_Geschichte der Provinz Venezuela_," angeben. Dieser Geschichtschreiber
laesst in seinem hochtrabenden Styl "dieses Binnenmeer, diesen _monstruoso
cuerpo de la laguna de Valencia_", 14 Meilen lang und 6 breit seyn; er
berichtet, in geringer Entfernung vom Ufer finde das Senkblei keinen Grund
mehr, und grosse schwimmende Inseln bedecken die Seeflaeche, die fortwaehrend
von den Winden aufgeruehrt werde. Unmoeglich laesst sich auf Schaetzungen
Gewicht legen, die auf gar keiner Messung beruhen und dazu in _Leguas_
ausgedrueckt sind, auf die man in den Colonien 3000, 5000 und 6550
Varas(52) rechnet. Nur das verdient im Buch eines Mannes, der so oft durch
die Thaeler von Aragua gekommen seyn muss, Beachtung, dass er behauptet, die
Stadt Nueva Valencia de el Rey sey im Jahr 1555 eine halbe Meile vom See
erbaut worden, und dass sich bei ihm die Laenge des Sees zur Breite verhaelt
wie 7 zu 3. Gegenwaertig liegt zwischen dem See und der Stadt ein ebener
Landstrich von mehr als 2700 Toisen, den Oviedo sicher zu anderthalb
Meilen angeschlagen haette, und die Laenge des Seebeckens verhaelt sich zur
Breite wie 10 zu 2,3 oder wie 7 zu 1,6. Schon das Aussehen des Bodens
zwischen Valencia und Guigue, die Huegel, die auf der Ebene oestlich vom
Cano de Cambury steil aufsteigen und zum Theil (_el Islote_ und _la Isla
de la Negra_ oder _Caratapona_) sogar noch jetzt Inseln heissen, beweisen
zur Genuege, dass seit Oviedos Zeit das Wasser bedeutend zurueckgewichen ist.
Was die Veraenderung des Umrisses des Sees betrifft, so scheint es mir
nicht sehr wahrscheinlich, dass er im siebzehnten Jahrhundert beinahe zur
Haelfte so breit als lang gewesen seyn sollte. Die Lage der Granitberge von
Mariara und Guigue und der Fall des Bodens, der gegen Nord und Sued rascher
steigt als gegen Ost und West, streiten gleichermassen gegen diese Annahme.

Wenn das so vielfach besprochene Problem von der Abnahme der Gewaesser zur
Sprache kommt, so hat man, denke ich, zwei Epochen zu unterscheiden, in
welchen das Sinken des Wasserspiegels stattgefunden.

Wenn man die Flussthaeler und die Seebecken genau betrachtet, findet man
ueberall das alte Ufer in bedeutender Entfernung. Niemand laeugnet wohl
jetzt mehr, dass unsere Fluesse und Seen in sehr bedeutendem Maasse
abgenommen haben; aber zahlreiche geologische Thatsachen weisen auch
darauf hin, dass dieser grosse Wechsel in der Vertheilung der Gewaesser vor
aller Geschichte eingetreten ist, und dass sich seit mehreren Jahrtausenden
bei den meisten Seen ein festes Gleichgewicht zwischen dem Betrag der
Zufluesse einerseits, und der Verdunstung und Versickerung andererseits
hergestellt hat. So oft dieses Gleichgewicht gestoert ist, thut man gut,
sich umzusehen, ob solches nicht von rein oertlichen Verhaeltnissen und aus
juengster Zeit herruehrt, ehe man eine bestaendige Abnahme des Wassers
annimmt. Ein solcher Gedankengang entspricht dem vorsichtigeren Verfahren
der heutigen Wissenschaften. Zu einer Zeit, wo die physische
Weltbeschreibung das freie Geisteserzeugniss einiger beredten
Schriftsteller war und nur durch Phantasiebilder wirkte, haette man in der
Erscheinung, von der es sich hier handelt, einen neuen Beweis fuer den
Contrast zwischen beiden Continenten gesehen, den man in Allem herausfand.
Um darzuthun, dass Amerika spaeter als Asien und Europa aus dem Wasser
emporgestiegen, haette man wohl auch den See von Tacarigua angefuehrt, als
eines der Becken im innern Lande, die noch nicht Zeit gehabt, durch
unausgesetzte allmaelige Verdunstung auszutrocknen. Ich zweifle nicht, dass
in sehr alter Zeit das ganze Thal vom Fuss des Gebirges Cocuysa bis zum
Torito und den Bergen von Nirgua, von der Sierra de Mariara bis zu der
Bergkette von Gigue, zum Guarimo und der Palma, unter Wasser stand.
Ueberall laesst die Gestalt der Vorberge und ihr steiler Abfall das alte
Ufer eines Alpsees, aehnlich den Steiermaerker und Tyroler Seen, erkennen.
Kleine Helix- und Valvaarten, die mit den jetzt im See lebenden identisch
sind, kommen in 3 bis 4 Fuss dicken Schichten tief im Lande, bis Turmero
und Concesion bei Victoria vor. Diese Thatsachen beweisen nun allerdings,
dass das Wasser gefallen ist; aber nirgends liegt ein Beweis dafuer vor, dass
es seit jener weit entlegenen Zeit fortwaehrend abgenommen habe. Die Thaeler
von Aragua gehoeren zu den Strichen von Venezuela, die am fruehesten
bevoelkert worden, und doch spricht weder Oviedo, noch irgend eine alte
Chronik von einer merklichen Abnahme des Sees. Soll man geradezu annehmen,
die Erscheinung sey zu einer Zeit, wo die indianische Bevoelkerung die
weisse noch weit ueberwog und das Seeufer schwaecher bewohnt war, eben nicht
bemerkt worden? Seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit dreissig
Jahren faellt es Jedermann in die Augen, dass dieses grosse Wasserbecken von
selbst eintrocknet. Weite Strecken Landes, die frueher unter Wasser
standen, liegen jetzt trocken und sind bereits mit Bananen, Zuckerrohr und
Baumwolle bepflanzt. Wo man am Gestade des Sees eine Huette baut, sieht man
das Ufer von Jahr zu Jahr gleichsam fliehen. Man sieht Inseln, die beim
Sinken des Wasserspiegels eben erst mit dem Festlande zu verschmelzen
anfangen (wie die Felseninsel Culebra, Guigue zu); andere Inseln bilden
bereits Vorgebirge (wie der Morro, zwischen Guigue und Nueva Valencia, und
die Cabrera suedoestlich von Mariara); noch andere stehen tief im Lande in
Gestalt zerstreuter Huegel. Diese, die man schon von weitem leicht erkennt,
liegen eine Viertelseemeile bis eine Lieue vom jetzigen Ufer ab. Die
merkwuerdigsten sind drei 30--40 Toisen hohen Eilande aus Granit auf dem
Wege von der Hacienda de Cura nach _Aguas calientes_ und am Westende des
Sees der Serrito de San Pedro, der Islote und der Caratapona. Wir
besuchten zwei noch ganz von Wasser umgebene Inseln und fanden unter dem
Gestraeuch auf kleinen Ebenen, 4--6, sogar 8 Toisen ueber dem jetzigen
Seespiegel, feinen Sand mit Heliciten, den einst die Wellen hier
abgesetzt. Auf allen diesen Inseln begegnet man den unzweideutigsten
Spuren vom allmaeligen Fallen des Wassers. Noch mehr, und diese Erscheinung
wird von der Bevoelkerung als ein Wunder angesehen: im Jahr 1796 erschienen
drei neue Inseln oestlich von der Insel Caiguire, in derselben Richtung wie
die Inseln Burro, Otama und Zorro. Diese neuen Inseln, die beim Volk _los
nuevos Penones_ oder _las Aparecidas_ heissen, bilden eine Art Untiefen mit
voellig ebener Oberflaeche- Sie waren im Jahr 1800 bereits ueber einen Fuss
hoeher als der mittlere Wasserstand.

Wie wir zu Anfang dieses Abschnitts bemerkt, bildet der See von Valencia,
gleich den Seen im Thale von Mexico, den Mittelpunkt eines kleinen Systems
von Fluessen, von denen keiner mit dem Meere in Verbindung steht. Die
meisten dieser Gewaesser koennen nur Baeche heissen; es sind ihrer zwoelf bis
vierzehn. Die Einwohner wissen wenig davon, was die Verdunstung leistet,
und glauben daher schon lange, der See habe einen unterirdischen Abzug,
durch den eben so viel abfliesse, als die Baeche hereinbringen. Die einen
lassen diesen Abzug mit Hoehlen, die in grosser Tiefe liegen sollen, in
Verbindung stehen; andere nehmen an, das Wasser fliesse durch einen
schiefen Canal in das Meer. Dergleichen kuehne Hypothesen ueber den
Zusammenhang zwischen zwei benachbarten Wasserbecken hat die
Einbildungskraft des Volkes, wie die der Physiker, in allen Erdstrichen
ausgeheckt; denn letztere, wenn sie es sich auch nicht eingestehen, setzen
nicht selten nur Volksmeinungen in die Sprache der Wissenschaft um. In der
neuen Welt, wie am Ufer des caspischen Meeres, hoert man von unterirdischen
Schluenden und Canaelen sprechen, obgleich der See Tacarigua 222 Toisen ueber
und die caspische See 54 Toisen unter dem Meeresspiegel liegt, und so gut
man auch weiss, dass Fluessigkeiten, die seitlich mit einander in Verbindung
stehen, sich in dasselbe Niveau setzen.

Einerseits die Verringerung der Masse der Zufluesse, die seit einem halben
Jahrhundert in Folge der Ausrodung der Waelder, der Urbarmachung der Ebenen
und des Indigobaus eingetreten ist, andererseits die Verdunstung des
Bodens und die Trockenheit der Luft erscheinen als Ursachen, welche die
Abnahme des Sees von Valencia zur Genuege erklaeren. Ich theile nicht die
Ansicht eines Reisenden, der nach mir diese Laender besucht hat,(53) der
zufolge man "zur Befriedigung der Vernunft und zu Ehren der Physik" einen
unterirdischen Abfluss soll annehmen muessen. Faellt man die Baeume, welche
Gipfel und Abhaenge der Gebirge bedecken, so schafft man kommenden
Geschlechtern ein zwiefaches Ungemach, Mangel an Brennholz und
Wassermangel. Die Baeume sind vermoege des Wesens ihrer Ausduenstung und der
Strahlung ihrer Blaetter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwaehrend mit
einer kuehlen, dunstigen Lufthuelle umgeben; sie aeussern wesentlichen Einfluss
auf die Fuelle der Quellen, nicht weil sie, wie man so lange geglaubt hat,
die in der Luft verbreiteten Wasserduenste anziehen, sondern weil sie den
Boden gegen die unmittelbare Wirkung der Sonnenstrahlen schuetzen und damit
die Verdunstung des Regenwassers verringern. Zerstoert man die Waelder, wie
die europaeischen Ansiedler aller Orten in Amerika mit unvorsichtiger Hast
thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flussbetten
liegen einen Theil des Jahres ueber trocken, und werden zu reissenden
Stroemen, so oft im Gebirge starker Regen faellt. Da mit dem Holzwuchs auch
Rasen und Moos auf den Bergkuppen verschwinden, wird das Regenwasser im
Ablaufen nicht mehr aufgehalten; statt langsam durch allmaelige Sickerung
die Baeche zu schwellen, furcht es in der Jahreszeit der starken
Regenniederschlaege die Bergseiten, schwemmt das losgerissene Erdreich fort
und verursacht ploetzliches Austreten der Gewaesser, welche nun die Felder
verwuesten. Daraus geht hervor, dass das Verheeren der Waelder, der Mangel an
fortwaehrend fliessenden Quellen und die Wildwasser drei Erscheinungen sind,
die in ursachlichem Zusammenhang stehen. Laender in entgegengesetzten
Hemisphaeren, die Lombardei am Fusse der Alpenkette und Nieder-Peru zwischen
dem stillen Meer und den Cordilleren der Anden, liefern einleuchtende
Beweise fuer die Richtigkeit dieses Satzes.

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die Berge, in denen die
Thaeler von Aragua liegen, mit Wald bewachsen. Grosse Baeume aus der Familie
der Mimosen, Ceiba- und Feigenbaeume beschatteten die Ufer des Sees und
verbreiteten Kuehlung. Die damals nur sehr duenn bevoelkerte Ebene war voll
Strauchwerk, bedeckt mit umgestuerzten Baumstaemmen und
Schmarotzergewaechsen, mit dichtem Rasenfilz ueberzogen, und gab somit die
strahlende Waerme nicht so leicht von sich als der beackerte und eben
desshalb gegen die Sonnengluth nicht geschuetzte Boden. Mit der Ausrodung
der Baeume, mit der Ausdehnung des Zucker-, Indigo- und Baumwollenbaus
nahmen die Quellen und alle natuerlichen Zufluesse des Sees von Jahr zu Jahr
ab. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, welch ungeheure
Wassermassen durch die Verdunstung in der heissen Zone aufgesogen werden,
und vollends in einem Thale, das von steil abfallenden Bergen umgeben ist,
wo gegen Abend der Seewind und die niedergehenden Luftstroemungen
auftreten, und dessen Boden ganz flach, wie vom Wasser geebnet ist. Wir
haben schon oben erwaehnt, dass die Waerme, welche das ganze Jahr in Cura,
Guacara, Nueva Valencia und an den Ufern des Sees herrscht, der staerksten
Sommerhitze in Neapel und Sicilien gleich kommt. Die mittlere Temperatur
der Luft in den Thaelern von Aragua ist ungefaehr 25 deg.,5 [20 deg.,4 Reaumur]; die
hygrometrischen Beobachtungen ergaben mir fuer den Monat Februar im
Durchschnitt aus Tag und Nacht 71 deg.,4 am Haarhygrometer. Da die Worte:
grosse Trockenheit oder grosse Feuchtigkeit keine Bedeutung an sich haben,
und da eine Luft, die man in den Niederungen unter den Tropen sehr trocken
nennt, in Europa fuer feucht gaelte, so kann man ueber diese klimatischen
Verhaeltnisse nur urtheilen, wenn man verschiedene Orte in derselben Zone
vergleicht. Nun ist in Cumana, wo es oft ein ganzes Jahr lang nicht
regnet, und wo ich zu verschiedenen Stunden bei Tag und bei Nacht sehr
viele hygrometrische Beobachtungen gemacht, die mittlere Feuchtigkeit der
Luft gleich 86 deg., entsprechend der mittleren Temperatur von 27 deg.,7. Rechnet
man die Regenmonate ein, das heisst schaetzt man den Unterschied zwischen
der mittleren Feuchtigkeit der trockenen Monate und der des ganzen Jahrs,
wie man denselben in andern Theilen des tropischen Amerika beobachtet, so
ergibt sich fuer die Thaeler von Aragua eine mittlere Feuchtigkeit von
hoechstens 74 deg., bei einer Temperatur von 25 deg.,5. In dieser warmen und doch
gar nicht sehr feuchten Luft ist nun aber eine ungeheure Menge
verdunsteten Wassers. Nach der Dalton'schen Theorie berechnet sich die
Dicke der Wasserschicht, die unter den oben erwaehnten Umstaenden in einer
Stunde verdunstet, auf 0 Millimeter 36, oder auf 3,8 Linien in
vierundzwanzig Stunden. Nimmt man in der gemaessigten Zone, z. B. fuer Paris,
die mittlere Temperatur zu 10 deg.,6 und die mittlere Feuchtigkeit zu 82 deg. an,
so ergibt sich nach denselben Formeln 0,10 Millimeter in der Stunde und
eine Linie in vierundzwanzig Stunden. Will man sich, statt dieses
unzuverlaessigen theoretischen Calculs, an die Ergebnisse unmittelbarer
Beobachtung halten, so bedenke man, dass in Paris und Montmorency von
Sedileau und Cotte die jaehrliche mittlere Verdunstung gleich 32 Zoll 1
Linie und 38 Zoll 4 Linien gefunden wurde. Im suedlichen Frankreich haben
zwei geschickte Ingenieurs, Clausade und Pin, berechnet, dass der Canal von
Languedoc und das Bassin von Saint Ferreol, ueber Abzug des Betrags der
Versickerung, jaehrlich 336 bis 360 Linien verlieren. In den pontinischen
Suempfen hat de Prony ungefaehr das gleiche Ergebniss erhalten. Aus allen
diesen Beobachtungen unter dem 41. und 49. Grad der Breite und bei einer
mittleren Temperatur von 10 deg.,5 und 16 deg. ergibt sich eine mittlere
Verdunstung von 1 bis 1,3 Linie im Tag. In der heissen Zone, z. B. auf den
Antillen, ist die Verdunstung nach le Gaux dreimal, nach Cassan zweimal
staerker. In Cumana, also an einem Ort, wo die Luft weit staerker mit
Feuchtigkeit geschwaengert ist als in den Thaelern von Aragua, sah ich oft
in zwoelf Stunden in der Sonne 8,8 Millimeter im Schatten 3,4 Millimeter
Wasser verdunsten. Versuche dieser Art sind sehr fein und schwankend; aber
das eben Angefuehrte reicht hin, um zu zeigen, wie ungemein gross die Masse
des Wasserdunstes seyn muss, der aus dem See von Valencia und auf dem
Gebiet aufsteigt, dessen Gewaesser sich in den See ergiessen. Ich werde
Gelegenheit finden, anderswo auf den Gegenstand zurueckzukommen: in einem
Werke, das die grossen Gesetze der Natur in den verschiedenen Erdstrichen
zur Anschauung bringt, muss auch der Versuch gemacht werden, das Problem
von der *mittleren Spannung* der in der Luft enthaltenen Wasserdaempfe
unter verschiedenen Breiten und in verschiedenen Meereshoehen zu loesen.

Das Maass der Verdunstung haengt von einer Menge oertlicher Verhaeltnisse ab:
von der staerkeren oder geringeren Beschattung des Wasserbeckens, von der
Ruhe und der Bewegung des Wassers, von der Tiefe desselben, von der
Beschaffenheit und Farbe des Grundes; im Grossen aber wird die Verdunstung
nur durch drei Elemente bedingt, durch die Temperatur, durch die Spannung
der in der Luft enthaltenen Daempfe, durch den Widerstand, den die Luft, je
nachdem sie mehr oder minder dicht, mehr oder weniger bewegt ist, der
Verbreitung der Daempfe entgegengesetzt. Die Wassermenge, die an einem
gegebenen Ort verdunstet, ist proportional dem Unterschied zwischen der
Masse des Dampfes, welche die umgebende Luft im gesaettigten Zustand
aufnehmen kann, und der Masse desselben, welche sie wirklich enthaelt. Es
folgt daraus, dass (wie schon d'Aubuisson bemerkt, der meine
hygrometrischen Beobachtungen berechnet hat) die Verdunstung in der heissen
Zone nicht so stark ist, als man nach der ungemein hohen Temperatur
glauben sollte, weil in den heissen Himmelsstrichen die Luft gewoehnlich
sehr feucht ist.

Seit der Ausbreitung des Ackerbaus in den Thaelern von Aragua kommen die
Fluesschen, die sich in den See von Valencia ergiessen, in den sechs Monaten
nach December als Zufluesse nicht mehr in Betracht. Im untern Stueck ihres
Laufs sind sie ausgetrocknet, weil die Indigo-, Zucker- und Kaffeepflanzer
sie an vielen Punkten ableiten, um die Felder zu bewaessern. Noch mehr: ein
ziemlich ansehnliches Wasser, der Rio Pao, der am Rande der Llanos, am Fuss
des _la Galera_ genannten Huegelzugs entspringt, ergoss sich frueher in den
See, nachdem er auf dem Wege von Nueva Valencia nach Guigue den Casio de
Cambury aufgenommen. Der Fluss lief damals von Sued nach Nord. Zu Ende des
siebzehnten Jahrhunderts kam der Besitzer einer anliegenden Pflanzung auf
den Gedanken, dem Rio Pao am Abhang eines Gelaendes ein neues Bett zu
graben. Er leitete den Fluss ab, benutzte ihn zum Theil zur Bewaesserung
seines Grundstuecks und liess ihn dann gegen Sued, dem Abhang der Llanos
nach, selbst seinen Weg suchen. Auf diesem neuen Lauf nach Sued nimmt der
Rio Pao drei andere Baeche auf, den Tinaco, den Guanarito und den Chilua,
und ergiesst sich in die Portuguesa, einen Zweig des Rio Apure. Es ist eine
nicht uninteressante Erscheinung, dass in Folge der eigenthuemlichen
Bodenbildung und der Senkung der Wasserscheide nach Suedwest der Rio Pao
sich vom kleinen *inneren Flusssystem*, dem er urspruenglich angehoerte,
trennte und nun seit hundert Jahren durch den Apure und den Orinoco mit
dem Meere in Verbindung steht. Was hier im Kleinen durch Menschenhand
geschah, thut die Natur haeufig selbst entweder durch allmaehliche
Anschwemmung oder durch die Zerruettung des Bodens in Folge starker
Erdbeben. Wahrscheinlich werden im Laufe der Jahrhunderte manche Fluesse im
Sudan und in Neuholland, die jetzt im Sande versiegen oder in Binnenseen
laufen, sich einen Weg zur Meereskueste bahnen. So viel ist wenigstens
sicher, dass es auf beiden Continenten innere Flusssysteme gibt, die man als
*noch nicht ganz entwickelte*(54) betrachten kann, und die entweder nur
bei Hochgewaesser oder bestaendig durch Gabelung unter sich zusammenhaengen.

Der Rio Pao hat sich ein so tiefes und breites Bett gegraben, dass, wenn in
der Regenzeit der _Cano grande de Cambury_ das ganze Land nordwestlich von
Guigue ueberschwemmt, das Wasser dieses Cano und das des Sees von Valencia
in den Rio Pao selbst zuruecklaufen, so dass dieses Fluesschen, statt dem See
Wasser zuzufuehren, ihm vielmehr welches abzapft. Wir sehen etwas
Aehnliches in Nordamerika, da wo die Geographen auf ihren Karten zwischen
den grossen canadischen Seen und dem Lande der Miamis eine eingebildete
Bergkette angeben. Bei Hochgewaesser stehen die Fluesse, die den Seen, und
die, welche dem Mississippi zulaufen, mit einander in Verbindung und man
faehrt im Canoe von den Quellen des Flusses St. Maria in den Wabash, wie
auf dem Chicago in den Illinois. Diese analogen Faelle scheinen mir von
Seiten der Hydrographen alle Aufmerksamkeit zu verdienen.

Da der Boden rings um den See von Valencia durchaus flach und eben ist, so
wird, wie ich es auch an den mexicanischen Seen alle Tage beobachten
konnte, wenn der Wasserspiegel nur um wenige Zoll faellt, ein grosser, mit
fruchtbarem Schlamm und organischen Resten bedeckter Strich Landes trocken
gelegt. Im Maasse, als der See sich zurueckzieht, rueckt der Landbau gegen
das neue Ufer vor. Diese von der Natur bewerkstelligte, fuer die
Landwirthschaft der Colonien sehr wichtige Austrocknung war in den letzten
zehn Jahren, in denen ganz Amerika an grosser Trockenheit litt,
ungewoehnlich stark. Ich rieth den reichen Grundeigenthuemern im Land, statt
die jeweiligen Kruemmungen des Seeufers zu bezeichnen, im Wasser selbst
Granitsaeulen aufzustellen, an denen man von Jahr zu Jahr den mittleren
Wasserstand beobachten koennte. Der Marques del Toro will die Sache
ausfuehren und auf Gneissgrund, der im See haeufig vorkommt, auf dem schoenen
Granit der Sierra de Mariara *Limnometer* aufstellen.

Unmoeglich laesst sich im voraus bestimmen, in welchem Maasse dieses
Wasserbecken zusammengeschrumpft seyn wird, wenn einmal das Gleichgewicht
zwischen dem Zufluss einerseits und der Verdunstung und Einsickerung
andererseits voellig hergestellt ist. Die sehr verbreitete Meinung, der See
werde ganz verschwinden, scheint mir durchaus ungegruendet. Wenn in Folge
starker Erdbeben oder aus andern gleich unerklaerten Ursachen zehn nasse
Jahre auf eben so viele trockene folgten, wenn sich die Berge wieder mit
Wald bedeckten, wenn grosse Baeume das Seeufer und die Thaeler beschatteten,
so wuerde im Gegentheil das Wasser steigen und den schoenen Pflanzungen, die
gegenwaertig das Seebecken saeumen, gefaehrlich werden.

Waehrend in den Thaelern von Aragua die einen Pflanzer besorgen, der See
moechte ganz eingehen, die andern, er moechte wieder zum verlassenen Gestade
heraufkommen, hoert man in Caracas alles Ernstes die Frage eroertern, ob man
nicht, um mehr Boden fuer den Landbau zu gewinnen, aus dem See einen Canal
dem Rio Pao zu graben und ihn in die Llanos ableiten sollte. Es ist nicht
zu laeugnen, dass solches moeglich waere, namentlich wenn man Canaele unter dem
Boden, Stollen anlegte. Dem allmaehligen Ruecktritt des Wassers verdankt das
herrliche, reiche Bauland von Maracay, Cura, Mocundo, Guigue und Santa
Cruz del Escoval mit seinen Tabak-, Zucker-, Kaffee, Indigo und
Cacaopflanzungen seine Entstehung; wie kann man aber nur einen Augenblick
bezweifeln, dass nur der See das Land so fruchtbar macht? Ohne die
ungeheure Dunstmasse, welche Tag fuer Tag von der Wasserflaeche in die Luft
aufsteigt, waeren die Thaeler von Aragua so trocken und duerr, wie die Berge
umher.

Der See ist im Durchschnitt 12--15, und an den tiefsten Stellen nicht, wie
man gemeiniglich annimmt 80, sondern nur 35--40 Faden tief. Diess ist das
Ergebniss der sorgfaeltigen Messungen Don Antonio Manzanos mit dem Senkblei.
Bedenkt man, wie ungemein tief alle Schweizer See sind, so dass, obgleich
sie in hohen Thaelern liegen, ihr Grund fast auf den Spiegel des
Mittelmeeres hinabreicht, so wundert man sich, dass der Boden des Sees von
Valencia, der doch auch ein Alpsee ist, keine bedeutenderen Tiefen hat.
Die tiefsten Stellen sind zwischen der Felseninsel Burro und der
Landspitze Cana Fistula, so wie den hohen Bergen von Mariara gegenueber; im
Ganzen aber ist der suedliche Theil des Sees tiefer als der noerdliche. Es
ist nicht zu vergessen, dass jetzt zwar das ganze Ufer flach ist, der
suedliche Theil des Beckens aber doch am naechsten bei einer steil
abfallenden Gebirgskette liegt. Wir wissen aber, dass auch das Meer bei
einer hohen, senkrechten Felskueste meist am tiefsten ist.

Die Temperatur des Sees an der Wasserflaeche war waehrend meines Aufenthalts
in den Thaelern von Aragua im Februar bestaendig 23 deg.--23 deg.,7, also etwas
geringer als die mittlere Lufttemperatur, sey es nun in Folge der
Verdunstung, die dem Wasser und der Luft Waerme entzieht, oder weil die
Schwankungen in der Temperatur der Luft sich einer grossen Wassermasse
nicht gleich schnell mittheilen, und weil der See Baeche aufnimmt, die aus
kalten Quellen in den nahen Gebirgen entspringen. Zu meinem Bedauern
konnte ich trotz der geringen Tiefe die Temperatur des Wassers in 30--40
Faden unter dem Wasserspiegel nicht beobachten. Ich hatte das Senkblei mit
dem Thermometer, das ich auf den Alpenseen Salzburgs und auf dem Meere der
Antillen gebraucht, nicht bei mir. Aus Saussures Versuchen geht hervor,
dass zu beiden Seiten der Alpen Seen, die in einer Meereshoehe von 190--274
Toisen liegen, im Hochsommer in 900 bis 600, zuweilen sogar schon in 150
Fuss Tiefe bestaendig eine Temperatur von 4 deg.,3 bis 6 deg. zeigen; aber diese
Versuche sind noch niemals auf Seen in der heissen Zone wiederholt worden.
In der Schweiz sind die Schichten kalten Wassers ungeheuer maechtig. Im
Genfer- und im Bielersee fand man sie so nahe an der Oberflaeche, dass die
Temperatur des Wassers je mit 10--15 Fuss Tiefe um einen Grad abnahm, also
achtmal schneller als im Meer und acht und vierzigmal schneller als in der
Luft. In der gemaessigten Zone, wo die Lufttemperatur auf den Gefrierpunkt
und weit drunter sinkt, muss der Boden eines Sees, waere er auch nicht von
Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Bergen umgeben, Wassertheilchen
enthalten, die im Winter an der Oberflaeche das Maximum ihrer Dichtigkeit
(zwischen 3 deg.,4 und 4 deg.,4) erlangt haben und also am tiefsten niedergesunken
sind. Andere Theilchen mit der Temperatur von +0 deg.,5 sinken aber keineswegs
unter die Schicht mit 4 deg. Temperatur, sondern finden das hydrostatische
Gleichgewicht nur ueber derselben. Sie gehen nur dann weiter hinab, wenn
sich ihre Temperatur durch die Beruehrung mit weniger kalten Schichten um
3--4 Grad erhoeht hat. Wenn das Wasser beim Erkalten in derselben
Proportion bis zum Nullpunkt immer dichter wurde, so faende man in sehr
tiefen Seen und in Wasserbecken, die nicht miteinander zusammenhaengen,
*welches auch die Breite des Orts seyn mag*, eine Wasserschicht, deren
Temperatur dem Maximum der Erkaltung ueber dem Frierpunkt, der jaehrlich die
umgebenden niedern Luftregionen ausgesetzt sind, beinahe gleich kaeme. Nach
dieser Betrachtung erscheint es wahrscheinlich, dass auf den Ebenen der
heissen Zone und in nicht hochgelegenen Thaelern, deren mittlere Waerme 25 deg.,5
bis 27 deg. betraegt, der Boden der Seen nie weniger als 21--22 deg. Temperatur
haben kann. Wenn in derselben Zone das Meer in der Tiefe von 7--800 Faden
Wasser hat mit einer Temperatur von nur 7 deg., das also um 12--13 deg. kaelter ist
als das Minimum der Luftwaerme ueber dem Meer, so ist diese Erscheinung,
nach meiner Ansicht, ein direkter Beweis dafuer, dass eine Meeresstroemung in
der Tiefe die Gewaesser von den Polen zum Aequator fuehrt. Wir lassen hier
das schwierige Problem uneroertert, wie unter den Tropen und in der
gemaessigten Zone, z. B. im Meer der Antillen und in den Schweizer Seen,
diese tiefen, bis auf 4 oder 7 Grad abgekuehlten Wasserschichten auf die
Temperatur der von ihnen bedeckten Gesteinschichten einwirken, und wie
diese Schichten, deren urspruengliche Temperatur unter den Tropen 27 deg., am
Genfer See 10 deg. betraegt, auf das dem Frierpunkt nahe Wasser auf dem Boden
der Seen und des tropischen Oceans zurueckwirken? Diese Fragen sind von der
hoechsten Wichtigkeit sowohl fuer die Lebensprocesse der Thiere, die
gewoehnlich auf dem Boden des suessen und des Salzwassers leben, als fuer die
Theorie von der Vertheilung der Waerme in Laendern, die von grossen, tiefen
Meeren umgeben sind.

Der See von Valencia ist sehr reich an Inseln, welche durch die malerische
Form der Felsen und den Pflanzenwuchs, der sie bedeckt, den Reiz der
Landschaft erhoehen. Diesen Vorzug hat dieser tropische See vor den
Alpenseen voraus. Es sind wenigstens fuenfzehn Inseln, die in drei Gruppen
zerfallen. Sie sind zum Theil angebaut und in Folge der Wasserduenste, die
aus dem See aufsteigen, sehr fruchtbar. Die groesste, 2000 Toisen lange, der
Burro, ist sogar von ein paar Mestizenfamilien bewohnt, die Ziegen halten.
Diese einfachen Menschen kommen selten an das Ufer bei Mocundo; der See
duenkt ihnen unermesslich gross, sie haben Bananen, Manioc, Milch und etwas
Fische. Eine Rohrhuette, ein paar Haengematten aus Baumwolle, die nebenan
waechst, ein grosser Stein, um Feuer darauf zu machen, die holzigte Frucht
des Tutuma zum Wasserschoepfen, das ist ihr ganzer Hausrath. Der alte
Mestize, der uns Ziegenmilch anbot, hatte eine sehr huebsche Tochter. Unser
Fuehrer erzaehlte uns, das einsame Leben habe den Mann so argwoehnisch
gemacht, als er vielleicht im Verkehr mit Menschen geworden waere. Tags
zuvor waren Jaeger auf der Insel gewesen; die Nacht ueberraschte sie und sie
wollten lieber unter freiem Himmel schlafen, als nach Mocundo
zurueckfahren. Darueber entstand grosse Unruhe auf der Insel. Der Vater zwang
die Tochter auf eine sehr hohe Achazie zu steigen, die auf dem ebenen
Boden nicht weit von der Huette steht. Er selbst legte sich unter den Baum
und liess die Tochter nicht eher herunter, als bis die Jaeger abgezogen
waren. Nicht bei allen Inselbewohnern findet der Reisende solch
argwoehnische Vorsicht, solch gewaltige Sittenstrenge.

Die See ist meist sehr fischreich; es kommen aber nur drei Arten mit
weichlichem, nicht sehr schmackhaftem Fleisch darin vor, die Guavina, der
Vagre und die Sardina. Die beiden letzteren kommen aus den Baechen in den
See. Die Guavina, die ich an Ort und Stelle gezeichnet habe, ist 20 Zoll
lang, 31/2 Zoll breit. Es ist vielleicht eine neue Art der Gattung Erythrina
des Gronovius. Sie hat grosse, silberglaenzende, gruen geraenderte Schuppen;
sie ist sehr gefraessig und laesst andere Arten nicht aufkommen. Die Fischer
versicherten uns, ein kleines Crokodil, der *Bava*, der uns beim Baden oft
nahe kam, helfe auch die Fische ausrotten. Wir konnten dieses Reptils nie
habhaft werden, um es naeher zu untersuchen. Es wird meist nur 3--4 Fuss
lang und gilt fuer unschaedlich, aber in der Lebensweise wie in der Gestalt
kommt es dem Kaiman oder _Crocodilus acutus_ nahe. Beim Schwimmen sieht
man von ihm nur die Spitze der Schnauze und das Schwanzende. Bei Tage
liegt es auf kahlen Uferstellen. Es ist sicher weder ein Monitor (die
eigentlichen Monitors gehoeren nur der alten Welt an), noch Sebas
*Sauvegarde* (_Lacerta Teguixin_), die nur taucht und nicht schwimmt.
Reisende moegen nach uns darueber entscheiden, ich bemerke nur noch, als
ziemlich auffallend, dass es im See von Valencia und im ganzen kleinen
Flussgebiet desselben keine grossen Kaimans gibt, waehrend dieses gefaehrliche
Thier wenige Meilen davon in den Gewaessern, die in den Apure und Orinoco,
oder zwischen Porto Cabello und Guayra unmittelbar in das antillische Meer
laufen, sehr haeufig ist.

Die Insel Chamberg ist durch ihre Hoehe ausgezeichnet. Es ist ein 200 Fuss
hoher Gneissfels mit zwei sattelfoermig verbundenen Gipfeln. Der Abhang des
Felsen ist kahl: kaum dass ein paar Clusiastaemme mit grossen weissen Bluethen
darauf wachsen, aber die Aussicht ueber den See und die ueppigen Fluren der
anstossenden Thaeler ist herrlich, zumal wenn nach Sonnenuntergang Tausende
von Wasservoegeln, Reiher, Flamingos und Wildenten ueber den See ziehen, um
auf den Inseln zu schlafen, und der weite Gebirgsguertel am Horizont in
Feuer steht. Wie schon erwaehnt, brennt das Landvolk die Weiden ab, um ein
frischeres, feineres Gras als Nachwuchs zu bekommen. Besonders auf den
Gipfeln der Bergkette waechst viel Gras, und diese gewaltigen Feuer, die
oefters ueber tausend Toisen lange Strecken laufen, nehmen sich aus, wie
wenn Lavastroeme aus dem Bergkamm quoellen; Wenn man so an einem herrlichen
tropischen Abend am Seeufer ausruht und der angenehmen Kuehle geniesst,
betrachtet man mit Lust in den Wellen, die an das Gestade schlagen, das
Bild der rothen Feuer rings am Horizont.

Unter den Pflanzen, die auf den Felseninseln im See von Valencia wachsen,
kommen, wie man glaubt, mehrere nur hier vor; wenigstens hat man sie sonst
nirgends gefunden. Hieher gehoeren die See-Melonenbaeume (_Papaya de la
laguna_) und die Liebesaepfel der Insel Cura. Letztere sind von unserem
_Solanum Lycopersicum_ verschieden; ihre Frucht ist rund, klein, aber sehr
schmackhaft; man baut sie jetzt in Victoria, Nueva Valencia, ueberall in
den Thaelern von Aragua. Auch die _Papaya de la laguna_ ist auf der Insel
Cura und auf Cabo Blanco sehr haeufig. Ihr Stamm ist schlanker als beim
gemeinen Melonenbaum (_Carica Papaya_), aber die Frucht ist um die Haelfte
kleiner und voellig kugelrund, ohne vorspringende Rippen, und hat 4--5 Zoll
im Durchmesser. Beim Zerschneiden zeigt sie sich voll Samen, ohne die
leeren Zwischenraeume, die sich beim gemeinen Melonenbaum immer finden. Die
Frucht, die ich oft gegessen, schmeckt ungemein suess; ich weiss nicht, ob es
eine Spielart der _Carica Microcarpa_ ist, die Jacquin beschrieben hat.

Die Umgegend des Sees ist nur in der trockenen Jahreszeit ungesund, wenn
bei fallendem Wasser der schlammigte Boden der Sonnenhitze ausgesetzt ist.
Das von Gebueschen der _Coccoloba barbadensis_ beschattete, mit herrlichen
Liliengewaechsen geschmueckte Gestade erinnert durch den Typus der
Wasserpflanzen an die sumpfigen Ufer unserer europaeischen Seen. Man findet
hier Laichkraut (_Potamogeton_), Chara und drei Fuss hohe Teichkolben, die
man von der _Typha __ angustifolia_ unserer Suempfe kaum unterscheiden
kann. Erst bei genauer Untersuchung erkennt man in allen diesen Gewaechsen
der neuen Welt eigenthuemliche Arten. Wie viele Pflanzen von der
Magellanschen Meerenge, aus Chili und den Cordilleren von Quito sind
frueher wegen der grossen Uebereinstimmung in Bildung und Aussehen mit
Gewaechsen der noerdlichen gemaessigten Zone zusammengeworfen worden!

Die Bewohner der Thaeler von Aragua fragen haeufig, warum das suedliche Ufer
des Sees, besonders aber der suedwestliche Strich desselben gegen las
Aguacates, im Ganzen staerker bewachsen ist und ein frischeres Gruen hat als
das noerdliche. Im Februar sahen wir viele entblaetterte Baeume bei der
Hacienda de Cura, bei Mocundo und Guacara, waehrend suedoestlich von Valencia
Alles bereits darauf deutete, dass die Regenzeit bevorstand. Nach meiner
Ansicht werden im ersten Abschnitt des Jahrs, wo die Sonne gegen Sueden
abweicht, die Huegel um Valencia, Guacara und Cura von der Sonnenhitze
ausgebrannt, waehrend dem suedlichen Ufer durch den Seewind, sobald er durch
die *Abra de Porto Cabello* in das Thal kommt, eine Luft zugefuehrt wird,
die sich ueber dem See mit Wasserdunst beladen hat. Auf diesem suedlichen
Ufer, bei Guaruto, liegen auch die schoensten Tabaksfelder in der ganzen
Provinz. Man unterscheidet welche der _primera_, _segunda_ und _tercera
fundacion_. Nach dem drueckenden Monopol der Tabakspacht, deren wir bei der
Beschreibung der Stadt Cumanacoa gedacht haben,(55) darf man in der
Provinz Caracas nur in den Thaelern von Aragua (bei Guaruto und Tapatapa)
und in den Llanos von Uritucu Tabak bauen. Der Ertrag belaeuft sich auf
5--600,000 Piaster; aber die Regie ist so kostspielig, dass sie gegen
230,000 Piaster im Jahr verschlingt. Die _Capitania general_ von Caracas
koennte vermoege ihrer Groesse und ihres vortrefflichen Bodens, so gut wie
Cuba, saemmtliche europaeischen Maerkte, versorgen; aber unter den
gegenwaertigen Verhaeltnissen erhaelt sie im Gegentheil durch den
Schleichhandel Tabak aus Brasilien auf dem Rio Negro, Cassiquiare und
Orinoco, und aus der Provinz Pore auf dem Casanare, dem Ariporo und dem
Rio Meta. Das sind die traurigen Folgen eines Prohibitivsystems, das den
Fortschritt des Landbaus laehmt, den natuerlichen Reichthum des Landes
schmaelert und sich vergeblich abmueht, Laender abzusperren, durch welche
dieselben Fluesse laufen und deren Grenzen in unbewohnten Landstrichen sich
verwischen.

Unter den Zufluessen des Sees von Valencia entspringen einige aus heissen
Quellen, und diese verdienen besondere Aufmerksamkeit. Diese Quellen
kommen an drei Punkten der aus Granit bestehenden Kuestencordillere zu Tag,
bei Onoto, zwischen Turmero und Maracay, bei Mariara, nordoestlich von der
Hacienda de Cura, und bei las Trincheras, auf dem Wege von Nueva Valencia
nach Porto Cabello. Nur die heissen Wasser von Mariara und las Trincheras
konnte ich in physikalischer und geologischer Beziehung genau untersuchen.
Geht man am Bache Cura hinauf, seiner Quelle zu, so sieht man die Berge
von Mariara in die Ebene vortreten in Gestalt eines weiten Amphitheaters,
das aus senkrecht abfallenden Felswaenden besteht, ueber denen sich
Bergkegel mit gezackten Gipfeln erheben. Der Mittelpunkt des Amphitheaters
fuehrt den seltsamen Namen *Teufelsmauer* (_Rincon del Diablo_). Von den
beiden Fluegeln derselben heisst der oestliche *el Chaparro*, der westliche
*las Viruelas*. Diese verwitterten Felsen beherrschen die Ebene; sie
bestehen aus einem sehr grobkoernigen, fast porphyrartigen Granit, in dem
die gelblich-weissen Feldspathkrystalle ueber anderthalb Zoll lang sind; der
Glimmer ist ziemlich selten darin und von schoenem Silberglanz. Nichts
malerischer und grossartiger als der Anblick dieses halb gruengewachsenens
Gebirgsstocks. Den Gipfel der *Calavera*, welche die Teufelsmauer mit dem
Chaparro verbindet, sieht man sehr weit. Der Granit ist dort durch
senkrechte Spalten in prismatische Massen getheilt, und es sieht aus, als
staenden Basaltsaeulen auf dem Urgebirge. In der Regenzeit stuerzt eine
bedeutende Wassermasse ueber diese steilen Abhaenge herunter. Die Berge, die
sich oestlich an die Teufelsmauer anschliessen, sind lange nicht so hoch und
bestehen, wie das Vorgebirg Cabrera, aus Gneiss und granithaltigem
Glimmerschiefer.

In diesen niedrigeren Bergen, zwei bis drei Seemeilen nordoestlich von
Mariara, liegt die Schlucht der heissen Wasser, _Quebrada de aguas
calientes_. Sie streicht nach Nord 75 deg. West und enthaelt mehrere kleine
Tuempel, von denen die zwei obern, die nicht zusammenhaengen, nur 8 Zoll,
die drei untern 2--3 Fuss Durchmesser haben; ihre Tiefe betraegt zwischen 3
und 15 Zoll. Die Temperatur dieser verschiedenen Trichter (_pozos_) ist
56--59 Grad, und, was ziemlich auffallend ist, die untern Trichter sind
heisser als die obern, obgleich der Unterschied in der Bodenhoehe nicht mehr
als 7--8 Zoll betraegt. Die heissen Wasser laufen zu einem kleinen Bache
zusammen (_Rio de aquas calientes_), der dreissig Fuss weiter unten nur 48 deg.
Temperatur zeigt. Waehrend der groessten Trockenheit (in dieser Zeit
besuchten wir die Schlucht) hat die ganze Masse des heissen Wassers nur ein
Profil von 26 Quadratzoll; in der Regenzeit aber wird dasselbe bedeutend
groesser. Der Bach wird dann zum Bergstrom und seine Waerme nimmt ab, denn
die Temperatur der heissen Quellen selbst scheint nur unmerklich auf und ab
zu schwanken. Alle diese Quellen enthalten Schwefelwasserstoffgas in
geringer Menge. Der diesem Gas eigene Geruch nach faulen Eiern laesst sich
nur ganz nahe bei den Quellen spueren. Nur in einem der Tuempel, in dem mit
56,2 Grad Temperatur, sieht man Luftblasen sich entwickeln, und zwar in
ziemlich regelmaessigen Pausen von 2--3 Minuten. Ich bemerkte, dass die
Blasen immer von denselben Stellen ausgingen, vier an der Zahl, und dass
man den Ort, von dem das Schwefelwasserstoffgas aufsteigt, durch Umruehren
des Bodens mit einem Stock nicht merklich veraendern kann. Diese Stellen
entsprechen ohne Zweifel eben so vielen Loechern oder Spalten im Gneiss;
auch sieht man, wenn ueber einem Loch Blasen erscheinen, das Gas sogleich
auch ueber den drei andern sich entwickeln. Es gelang mir nicht, das Gas
anzuzuenden, weder die kleinen Mengen in den an der Flaeche des heissen
Wassers platzenden Blasen, noch dasjenige, das ich in einer Flasche ueber
den Quellen gesammelt, wobei mir uebel wurde, nicht sowohl vom Geruch des
Gases als von der uebermaessigen Hitze in der Schlucht. Ist das
Schwefelwasserstoffgas mit vieler Kohlensaeure oder mit atmosphaerischer
Lust gemengt? Ersteres ist mir nicht wahrscheinlich, so haeufig es auch bei
heissen Quellen vorkommt (Aachen, Enghien, Barege). Das in der Roehre eines
Fontanaschen Eudiometers aufgefangene Gas war lange mit Wasser geschuettelt
worden. Auf den kleinen Tuempeln schwimmt ein feines Schwefelhaeutchen, das
sich durch die langsame Verbrennung des Schwefelwasserstoffs im Sauerstoff
der Luft niederschlaegt. Hie und da ist eine Pflanze an den Quellen mit
Schwefel incrustirt. Dieser Niederschlag wird kaum bemerklich, wenn man
das Wasser von Mariara in einem offenen Gefaess erkalten laesst, ohne Zweifel
weil die Quantitaet des entwickelten Gases sehr klein ist und es sich nicht
erneuert. Das erkaltete Wasser macht in der Aufloesung von salpetersaurem
Kupfer keinen Niederschlag; es ist geschmacklos und ganz trinkbar. Wenn es
je einige Salze enthaelt, etwa schwefelsaures Natron oder schwefelsaure
Bittererde, so koennen sie nur in sehr geringer Quantitaet darin seyn. Da
wir fast gar keine Reagentien bei uns hatten, so fuellten wir nur zwei
Flaschen an der Quelle selbst und schickten sie mit der nahrhaften Milch
des sogenannten Kuhbaums (_Vaca_), ueber Porto Cabello und Havana, an
Furcroy und Vauquelin nach Paris. Dass Wasser, die unmittelbar aus dem
Granitgebirge kommen, so rein sind, ist eine der merkwuerdigsten
Erscheinungen auf beiden Continenten.(56) Wo soll man aber das
Schwefelwasserstoffgas herleiten? Von der Zersetzung von Schwefeleisen
oder Schwefelkiesschichten kann es nicht kommen. Ruehrt es von
Schwefelcalcium, Schwefelmagnesium oder andern erdigten Halbmetallen her,
die das Innere unseres Planeten unter der oxydirten Steinkruste enthaelt?

In der Schlucht der heissen Wasser von Mariara, in den kleinen Trichtern
mit einer Temperatur von 56--59 Grad, kommen zwei Wasserpflanzen vor, eine
haeutige, die Luftblasen enthaelt, und eine mit parallelen Fasern
[_Conferva_?]. Erstere hat grosse Aehnlichkeit mit der _Ulva
labyrinthiformis_ Vandellis, die in den europaeischen warmen Quellen
vorkommt. Auf der Insel Amsterdam sah BARROW [_Reise nach Cochinchina_]
Buesche von Lycopodium und Marchantia an Stellen, wo die Temperatur des
Bodens noch weit hoeher war. So wirkt ein *gewohnter Reiz* auf die Organe
der Gewaechse. Wasserinsekten kommen im Wasser von Mariara nicht vor. Man
findet Froesche darin, die, von Schlangen verfolgt, hineingesprungen sind
und den Tod gefunden haben.

Suedlich von der Schlucht, in der Ebene, die sich zum Seeufer erstreckt,
kommt eine andere schwefelwasserstoffhaltige, nicht so warme und weniger
Gas enthaltende Quelle zu Tag. Die Spalte, aus der das Wasser laeuft, liegt
sechs Toisen hoeher als die eben beschriebenen Trichter. Der Thermometer
stieg in der Spalte nur auf 42 deg.. Das Wasser sammelt sich in einem mit
grossen Baeumen umgebenen, fast kreisrunden, 15 bis 18 Fuss weiten und 3 Fuss
tiefen Becken. In dieses Bad werfen sich die ungluecklichen Sklaven, wenn
sie gegen Sonnenuntergang, mit Staub bedeckt, ihr Tagewerk auf den
benachbarten Indigo- und Zuckerfeldern vollbracht haben. Obgleich das
Wasser des *Bano* gewoehnlich 10--14 Grad waermer ist als die Luft, nennen
es die Schwarzen doch erfrischend, weil in der heissen Zone Alles so heisst,
was die Kraefte herstellt, die Nervenaufregung beschwichtigt oder ueberhaupt
ein Gefuehl von Wohlbehagen gibt. Wir selbst erprobten die heilsame Wirkung
dieses Bades. Wir liessen unsere Haengematten an die Baeume, die das
Wasserbecken beschatten, binden und verweilten einen ganzen Tag an diesem
herrlichen Platz, wo es sehr viele Pflanzen gibt. In der Naehe des Bano de
Mariara fanden wir den *Volador* oder Gyrocarpus. Die Fluegelfruechte dieses
grossen Baumes fliegen wie Federbaelle, wenn sie sich vom Fruchtstiele
trennen. Wenn wir die Aeste des Volador schuettelten, wimmelte es in der
Luft von diesen Fruechten und ihr gleichzeitiges Niederfallen gewaehrte den
merkwuerdigsten Anblick. Die zwei haeutigen gestreiften Fluegel sind so
gebogen, dass die Luft beim Niederfallen unter einem Winkel von 45 Grad
gegen sie drueckt. Gluecklicherweise waren die Fruechte, die wir auflasen,
reif. Wir schickten welche nach Europa und sie keimten in den Gaerten zu
Berlin, Paris und Malmaison. Die vielen Voladorpflanzen, die man jetzt in
den Gewaechshaeusern sieht, kommen alle von dem einzigen Baum der Art, der
bei Mariara steht. Die geographische Vertheilung der verschiedenen Arten
von Gyrocarpus, den Brown zu den Laurineen rechnet, ist eine sehr
auffallende. Jacquin sah eine Art bei Carthagena das Indias; eine andere
Art, die auf den Bergen an der Kueste von Coromandel waechst, hat Roxburgh
beschrieben; eine dritte und vierte kommen in der suedlichen Halbkugel auf
den Kuesten von Neuholland vor.

Waehrend wir nach dem Bade uns, nach Landessitte, halb in ein Tuch
gewickelt, von der Sonne trocknen liessen, trat ein kleiner Mulatte zu uns.
Nachdem er uns freundlich gegruesst, hielt er uns eine lange Rede ueber die
Kraft der Wasser von Mariara, ueber die vielen Kranken, die sie seit
einigen Jahren besuchten, ueber die guenstige Lage der Quellen zwischen zwei
Staedten, Valencia und Caracas, wo das Sittenverderbniss mit jedem Tage
aerger werde. Er zeigte uns sein Haus, eine kleine offene Huette aus
Palmblaettern, in einer Einzaeunung, ganz nahe bei, an einem Bach, der in
das Bad laeuft. Er versicherte uns, wir finden daselbst alle moeglichen
Bequemlichkeiten, Naegel, unsere Haengematten zu befestigen, Ochsenhaeute, um
auf Rohrbaenken zu schlafen, irdene mit immer frischem Wasser, und was uns
nach dem Bad am besten bekommen werde, *Iguanas*, grosse Eidechsen, deren
Fleisch fuer eine erfrischende Speise gilt. Wir ersahen aus diesem Vortrag,
dass der arme Mann uns fuer Kranke hielt, die sich an der Quelle einrichten
wollten. Er nannte sich "Wasserinspektor und *Pulpero*(57) des Platzes."
Auch hatte seine Zuvorkommenheit gegen uns ein Ende, als er erfuhr, dass
wir bloss aus Neugierde da waren, oder, wie man in den Colonien, dem wahren
Schlaraffenlande, sagt, "_para ver, no mas_" (um zu sehen, weiter nichts).

Man gebraucht das Wasser von Mariara mit Erfolg gegen rheumatische
Geschwuelste, alte Geschwuere und gegen die schreckliche Hautkrankheit,
Bubas genannt, die nicht immer syphilitischen Ursprungs ist. Da die
Quellen nur sehr wenig Schwefelwasserstoff enthalten, muss man da baden, wo
sie zu Tage kommen. Weiterhin ueberrieselt man mit dem Wasser die
Indigofelder. Der reiche Besitzer von Mariara, Don Domingo Tovar, ging
damit um, ein Badehaus zu bauen und eine Anstalt einzurichten, wo
Wohlhabende etwas mehr fanden als Eidechsenfleisch zum Essen und Haeute auf
Baenken zum Ruhen.

Am 21. Februar Abends brachen wir von der schoenen Hacienda de Cura nach
Guacara und Nueva Valencia auf. Wegen der schrecklichen Hitze bei Tage
reisten wir lieber bei Nacht. Wir kamen durch den Weiler Punta Zamuro am
Fuss der hohen Berge las Viruelas. Am Wege stehen grosse Zamangs oder
Mimosen, deren Stamm 60 Fuss hoch wird. Die fast wagerechten Aeste
derselben stossen auf mehr als 150 Fuss Entfernung zusammen. Nirgends habe
ich ein schoeneres, dichteres Laubdach gesehen. Die Nacht war dunkel; die
Teufelsmauer und ihre gezackten Felsen tauchten zuweilen in der Ferne auf,
beleuchtet vom Schein der brennenden Savanen oder in roethliche Rauchwolken
gehuellt. Wo das Gebuesch am dichtesten war, scheuten unsere Pferde ob dem
Geschrei eines Thiers, das hinter uns her zu kommen schien. Es war ein
grosser Tiger, der sich seit drei Jahren in diesen Bergen umtrieb und den
Nachstellungen der kuehnsten Jaeger entgangen war. Er schleppte Pferde und
Maulthiere sogar aus Einzaeunungen fort; da es ihm aber nicht an Nahrung
fehlte, hatte er noch nie Menschen angefallen. Der Neger, der uns fuehrte,
erhob ein wildes Geschrei, um den Tiger zu verscheuchen, was natuerlich
nicht gelang. Der Jaguar streicht, wie der europaeische Wolf, den Reisenden
nach, auch wenn er sie nicht anfallen will; der Wolf thut diess auf freiem
Feld, auf offenen Landstrecken, der Jaguar schleicht am Wege hin und zeigt
sich nur von Zeit zu Zeit im Gebuesch.

Den dreiundzwanzigsten brachten wir im Hause des Marques del Toro im Dorfe
Guacara, einer sehr starken indianischen Gemeinde, zu. Die Eingeborenen,
deren Corregidor, Don Pedro Penalver, ein sehr gebildeter Mann war, sind
ziemlich wohlhabend. Sie hatten eben bei der Audiencia einen Process
gewonnen, der ihnen die Laendereien wieder zusprach, welche die Weissen
ihnen streitig gemacht. Eine Allee von Carolinenbaeumen fuehrt von Guacara
nach Mocundo. Ich sah hier zum erstenmal dieses prachtvolle Gewaechs, das
eine der vornehmsten Zierden der Gewaechshaeuser in Schoenbrunn ist.(58)
Mocundo ist eine reiche Zuckerpflanzung der Familie Toto. Man findet hier
sogar, was in diesem Lande so selten ist, "den Luxus des Ackerbaus," einen
Garten, kuenstliche Gehoelze und am Wasser auf einem Gneissfels ein Lusthaus
mit einem *Mirador* oder Belvedere. Man hat da eine herrliche Aussicht auf
das westliche Stueck des Sees, auf die Gebirge ringsum und auf einen
Palmenwald zwischen Guacara und Nueva Valencia. Die Zuckerfelder mit dem
lichten Gruen des jungen Rohrs erscheinen wie ein weiter Wiesgrund. Alles
traegt den Stempel des Ueberflusses, aber die das Land bauen, muessen ihre
Freiheit daran setzen. In Mocundo baut man mit 230 Negern 77 Tablones oder
*Stuecke* Zuckerrohr, deren jedes 10,000 Quadrat-Varas(59) misst und
jaehrlich einen Reinertrag von 200--240 Piastern gibt. Man setzt die
Stecklinge des creolischen und des otaheitischen Zuckerrohrs im April, bei
ersterem je 4, bei letzterem 5 Schuh von einander. Das Rohr braucht 14
Monate zur Reife. Es blueht im Oktober, wenn der Setzling kraeftig ist, man
kappt aber die Spitze, ehe die Rispe sich entwickelt. Bei allen
Monocotyledonen (beim Maguey, der in Mexico wegen des *Pulque* gebaut
wird, bei der Weinpalme und dem Zuckerrohr) erhalten die Saefte durch die
Bluethe eine andere Mischung. Die Zuckerfabrikation ist in Terra Firma sehr
mangelhaft, weil man nur fuer den Verbrauch im Lande fabricirt und man fuer
den Absatz im Grossen sich lieber an den sogenannten *Papelon* als an
raffinirten und Rohzucker haelt. Dieser Papelon ist ein unreiner,
braungelber Zucker in ganz kleinen Hueten. Er ist mit Melasse und
schleimigten Stoffen verunreinigt. Der aermste Mann isst Papelon, wie man in
Europa Kaese isst; man haelt ihn allgemein fuer nahrhaft. Mit Wasser gegohren
gibt er den *Guarapo*, das Lieblingsgetraenk des Volks. Zum Auslaugen des
Rohrsafts bedient man sich, statt des Kalks, des unterkohlensauren Kalis.
Man nimmt dazu vorzugsweise die Asche des *Bucare*, der _Erythrina
corallodendron_.

Das Zuckerrohr ist sehr spaet, wahrscheinlich erst zu Ende des sechzehnten
Jahrhunderts, von den Antillen in die Thaeler von Aragua gekommen. Man
kannte es seit den aeltesten Zeiten in Indien, in China und auf allen
Inseln des stillen Meeres; in Chorasan und in Persien wurde es schon im
fuenften Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Gewinnung festen Zuckers
gebaut. Die Araber brachten das Rohr, das fuer die Bewohner heisser und
gemaessigter Laender von so grossem Werthe ist, an die Kuesten des Mittelmeers.
Im Jahr 1306 wurde es auf Sicilien noch nicht gebaut, aber auf Cypern,
Rhodus und in Morea war es bereits verbreitet; hundert Jahre darauf war es
ein werthvoller Besitz Calabriens, Siciliens und der spanischen Kuesten.
Von Sicilien verpflanzte der Infant Henriquez das Zuckerrohr nach Madera,
von Madera kam es auf die Canarien, wo es ganz unbekannt war; denn die
_Ferulae_ von denen Juba spricht (_quae expressae liquorem fundunt potui
jucundum_) sind Euphorbien, _Tabayba dulce_, und kein Zuckerrohr, wie man
neuerdings behauptet hat. Nicht lange, so waren zehn Zuckermuehlen
(_ingenios de azucar_ auf der grossen Canaria, auf Palma und auf Teneriffa
zwischen Adexe, Icod und Garachico. Man brauchte Neger zum Bau, und ihre
Nachkommen leben noch in den Hoehlen von Tiraxana auf der grossen Canaria.
Seit das Zuckerrohr auf die Antillen verpflanzt worden ist, und seit die
neue Welt den glueckseligen Inseln den Mais geschenkt, hat der Anbau dieser
Grasart auf Teneriffa und der grossen Canaria den Zuckerbau verdraengt.
Jetzt wird dieser nur noch auf Palma bei Argual und Taxacorte getrieben
und liefert kaum 1000 Centner Zucker im Jahr. Das canarische Rohr, das
Aiguilon nach St. Domingo brachte, wurde dort seit 1517 oder den sechs,
sieben folgenden Jahren unter der Herrschaft der Hieronymiter-Moenche
gebaut. Von Anfang an wurden Neger dazu verwendet, und schon 1519 stellte
man, gerade wie heutzutage, der Regierung vor, "die Antillen waeren
verloren und muessten wueste liegen bleiben, wenn man nicht alle Jahre
Sklaven von der Kueste von Guinea herueberbraechte."

Seit einigen Jahren haben sich der Anbau und die Fabrikation des Zuckers
in Terra Firma bedeutend verbessert, und da auf Jamaica das Raffiniren
gesetzlich verboten ist, so glaubt man auf die Aussicht von raffinirtem
Zucker in die englischen Colonien auf dem Wege des Schleichhandels rechnen
zu koennen. Aber der Verbrauch in den Provinzen von Venezuela an Papelon
und an Rohzucker zu Chocolate und Zuckerbaeckerei (_dulces_) ist so gross,
dass die Ausfuhr bis jetzt gar nicht in Betracht kam. Die schoensten
Zuckerpflanzungen sind in den Thaelern von Aragua und des Tuy, bei Pao de
Zarete, zwischen Victoria und San Sebastiano, bei Guatire, Guarenas und
Caurimare. Wie das Zuckerrohr zuerst von den Canarien in die neue Welt
kam, so stehen noch jetzt meist Canarier oder *Islengos* den grossen
Pflanzungen vor und geben beim Anbau und beim Raffiniren die Anleitung.
Dieser innige Verkehr mit den canarischen Inseln und ihren Bewohnern hat
auch zur Einfuehrung der Kameele in die Provinzen von Venezuela Anlass
gegeben. Der Marques del Toro liess ihrer drei von Lancerota kommen. Die
Transportkosten waren sehr bedeutend, weil die Thiere auf den Kauffahrern
sehr viel Raum einnehmen und sie sehr viel suesses Wasser beduerfen, da die
lange Ueberfahrt sie stark angreift. Ein Kameel, fuer das man nur dreissig
Piaster bezahlt, hatte nach der Ankunft auf der Kueste von Caracas acht-
bis neunhundert Piaster gekostet. Wir sahen diese Thiere in Mocundo; von
vieren waren schon drei in Amerika geworfen. Zwei waren vom Biss des Coral,
einer giftigen Schlange, die am See sehr haeufig ist, zu Grunde gegangen.
Man braucht bis jetzt diese Kameele nur, um das Zuckerrohr in die Muehlen
zu schaffen. Die maennlichen Thiere, die staerker sind als die weiblichen,
tragen 40--50 Arrobas. Ein reicher Gutsbesitzer in der Provinz-Barinas
wollte, aufgemuntert durch den Vorgang des Marques del Toro, 15,000
Piaster aufwenden und auf einmal 14 bis 15 Kameele von den canarischen
Inseln kommen lassen. Solche Unternehmungen sind um so lobenswerther, da
man diese Lastthiere zum Waarentransport durch die gluehend heissen Ebenen
am Casanare, Apure und bei Calabozo benuetzen will, die in der trockenen
Jahreszeit den afrikanischen Wuesten gleichen. Ich habe anderwaerts
bemerkt,(60) wie sehr zu wuenschen waere, dass die Eroberer schon zu Anfang
des sechzehnten Jahrhunderts, wie Rindvieh, Pferde und Maulthiere, so auch
Kameele nach Amerika verpflanzt haetten. Ueberall wo in unbewohnten Laendern
sehr grosse Strecken zurueckzulegen sind, wo sich keine Kanaele anlegen
lassen, weil sie zu viele Schleussen erforderten (wie auf der Landenge von
Panama, auf der Hochebene von Mexico, in den Wuesten zwischen dem
Koenigreich Quito und Peru, und zwischen Peru und Chili), waeren Kameele fuer
den Handelsverkehr im Innern von der hoechsten Bedeutung. Man muss sich um
so mehr wundern, dass die Regierung nicht gleich nach der Eroberung die
Einfuehrung des Thiers aufgemuntert hat, da noch lange nach der
Unterwerfung von Grenada das Kameel, das Lieblingsthier der Mauren, im
suedlichen Spanien sehr haeufig war. Ein Biscayer, Juan de Reinaga, hatte
auf seine Kosten einige Kameele nach Peru gebracht. Pater Acosta sah sie
gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts am Fusse der Anden; da sie aber
schlecht gepflegt wurden, pflanzten sie sich spaerlich fort und starben
bald aus. In diesen Zeiten der Unterdrueckung und des Elends, die man als
die Zeiten des spanischen Ruhmes schildert, vermietheten die Encomenderos
den Reisenden Indianer wie Lastthiere. Man trieb sie zu Hunderten
zusammen, um Waaren ueber die Cordilleren zu schleppen, oder um die Heere
auf ihren Eroberungs- und Raubzuegen zu begleiten. Die Eingeborenen
unterzogen sich diesem Dienst um so geduldiger, da sie, beim fast voelligen
Mangel an Hausthieren, schon seit langer Zeit von ihren eigenen
Haeuptlingen, wenn auch nicht so unmenschlich, dazu angehalten worden
waren. Die von Juan de Reinaga versuchte Einfuehrung der Kameele brachte
die Encomenderos, die nicht gesetzlich, aber faktisch die Grundherrn der
indianischen Doerfer waren, gewaltig in Aufruhr. Es ist nicht zu
verwundern, dass der Hof den Beschwerden dieser Herrn Gehoer gab; aber durch
diese Maassregel ging Amerika eines Mittels verlustig, das mehr als irgend
etwas den Verkehr im Innern und den Waarenaustausch erleichtern konnte.
Jetzt, da seit Carls III. Regierung die Indianer unter einem milderen
Regimente stehen, und alle Zweige des einheimischen Gewerbfleisses sich
freier entwickeln koennen, sollte die Einfuehrung der Kameele im Grossen, und
von der Regierung selbst versucht werden. Wuerden einige hundert dieser
nuetzlichen Thiere auf dem ungeheuren Areal von Amerika in heissen,
trockenen Gegenden angesiedelt, so wuerde sich der guenstige Einfluss auf den
allgemeinen Wohlstand schon in wenigen Jahren merkbar machen. Provinzen,
die durch Steppen getrennt sind, waeren von Stunde an einander naeher
gerueckt; manche Waaren aus dem Innern wuerden an den Kuesten wohlfeiler, und
durch die Vermehrung der Kameele, zumal der *Hedjines*, der *Schiffe der
Wueste*, kaeme ein ganz anderes Leben in den Gewerbfleiss und den Handel der
neuen Welt.

Am zweiundzwanzigsten Abends brachen wir von Mocundo auf und gingenueber
los Guayos nach Nueva Valencia. Man kommt durch einen kleinen Palmenwald,
dessen Baeume nach dem Habitus und der Bildung der faecherfoermigen Blaetter
dem _Chamaerops humilis_ an der Kueste der Berberei gleichen. Der Stamm
wird indessen 24, zuweilen sogar 30 Fuss hoch. Es ist wahrscheinlich eine
neue Art der Gattung _Corypha_; die Palme heisst im Lande _Palma de
Sombrero_ weil man aus den Blattstielen Huete, aehnlich unsern Strohhueten
flicht. Das Palmengehoelz, wo die duerren Blaetter beim geringsten Luftzug
rasseln, die auf der Ebene weidenden Kameele, das Wallen der Duenste auf
einem vom Sonnenstrahl gluehenden Boden, geben der Landschaft ein
afrikanisches Gepraege. Je naeher man an der Stadt und ueber das westliche
Ende des Sees hinaus kommt, desto duerrer wird der Boden. Es ist ein ganz
ebener, vom Wasser verlassener Thonboden. Die benachbarten Huegel, _Morros
de Valencia_ genannt, bestehen aus weissem Tuff, einer ganz neuen Bildung,
die unmittelbar auf dem Gneiss aufliegt. Sie kommt bei Victoria und an
verschiedenen andern Punkten laengs der Kuestengebirgskette wieder zum
Vorschein. Die weisse Farbe dieses Tuffs, von dem die Sonnenstrahlen
abprallen, traegt viel zur drueckenden Hitze bei, die hier herrscht. Alles
ist wuest und oede, kaum sieht man an den Ufern des Rio de Valencia hie und
da einen Cacaostamm; sonst ist die Ebene kahl, pflanzenlos. Diese
anscheinende Unfruchtbarkeit schreibt man hier, wie ueberall in den Thaelern
von Aragua, dem Indigobau zu, der den Boden staerker erschoepft (_cansa_)
als irgend ein Gewaechs. Es ware interessant, sich nach den wahren
physischen Ursachen dieser Erscheinung umzusehen, ueber die man, wie ja
auch ueber die Wirkung der Brache und der Wechselwirthschaft, noch lange
nicht im Reinen ist. Ich beschraenke mich auf die allgemeine Bemerkung, dass
man unter den Tropen desto haeufiger ueber die zunehmende Unfruchtbarkeit
des Baulandes klagen hoert, je naeher man sich der Zeit der ersten
Urbarmachung befindet. In einem Erdstrich, wo fast kein Gras waechst, wo
jedes Gewaechs einen holzigten Stengel hat und gleich zum Busch aufschiesst,
ist der unangebrochene Boden fortwaehrend von hohen Baeumen oder von
Buschwerk beschattet. Unter diesen dichten Schatten erhaelt er sich ueberall
frisch und feucht. So ueppig der Pflanzenwuchs unter den Tropen erscheint,
so ist doch die Zahl der in die Erde dringenden Wurzeln auf einem nicht
angebauten Boden geringer, waehrend auf dem mit Indigo, Zuckerrohr oder
Manioc angepflanzten Lande die Gewaechse weit dichter bei einander stehen.
Die Baeume und Gebuesche mit ihrer Fuelle von Zweigen und Laub ziehen, ihre
Nahrung zum grossen Theil aus der umgebenden Luft, und die Fruchtbarkeit
des jungfraeulichen Bodens nimmt zu durch die Zersetzung des
vegetabilischen Stoffs, der sich fortwaehrend auf demselben aufhaeuft. Ganz
anders bei den mit Indigo oder andern krautartigen Gewaechsen bepflanzten
Feldern. Die Sonnenstrahlen fallen frei auf den Boden und zerstoeren durch
die rasche Verbrennung der Kohlenwasserstoff- und anderer oxydirbaren
Verbindungen die Keime der Fruchtbarkeit. Diese Wirkungen fallen den
Colonisten desto mehr auf, da sie in einem noch nicht lange bewohnten
Lande die Fruchtbarkeit eines seit Jahrtausenden unberuehrten Bodens mit
dem Ertrag der bebauten Felder vergleichen koennen. In Bezug auf den Ertrag
des Ackerbaus sind gegenwaertig die spanischen Colonien auf dem Festland
und die grossen Inseln Portorico und Cuba gegen die kleinen Antillen
bedeutend im Vortheil; Erstere haben vermoege ihrer Groesse, der
mannigfaltigen Bodenbildung und der verhaeltnissmaessig geringen Bevoelkerung
noch ganz den Typus eines unberuehrten Bodens, waehrend man auf Barbados,
Tabago, Santa Lucia, auf den Jungfraueninseln und im franzoesischen Antheil
von St. Domingo nachgerade spuert, dass lange fortgesetzter Anbau den Boden
erschoepft. Wenn man in den Thaelern von Aragua die Indigofelder, statt sie
aufzugeben und brach liegen zu lassen, nicht mit Getreide, sondern mit
andern naehrenden und Futterkraeutern anpflanzte, wenn man dazu vorzugsweise
Gewaechse aus verschiedenen Familien naehme, und solche, die mit breiten
Blaettern den Boden beschatten, so wuerden allmaelig die Felder verbessert
und ihnen ihre fruehere Fruchtbarkeit zum Theil wieder gegeben werden.

Die Stadt Nueva Valencia nimmt einen ansehnlichen Flaechenraum ein; aber
die Bevoelkerung ist kaum sechs- bis siebentausend Seelen stark. Die
Strassen sind sehr breit, der Markt (_plaza mayor_) ist uebermaessig gross, und
da die Haeuser sehr niedrig sind, ist das Missverhaeltniss zwischen der
Bevoelkerung und der Ausdehnung der Stadt noch auffallender als in Caracas.
Viele Weisse von europaeischer Abstammung, besonders die aermsten, ziehen aus
ihren Haeusern und leben den groessten Theil des Jahrs auf ihren kleinen
Indigo- oder Baumwollenpflanzungen. Dort wagen sie es mit eigenen Haenden
zu arbeiten, waehrend ihnen diess, nach dem im Lande herrschenden
eingewurzelten Vorurtheil, in der Stadt zur Schande gereichte. Der
Gewerbfleiss faengt im allgemeinen an sich zu regen, und der Baumwollenbau
hat bedeutend zugenommen, seit dem Handel von Porto Cabello neue
Freiheiten ertheilt worden sind und dieser Hafen als Haupthafen, als
_puerto mayor_ den unmittelbar aus dem Mutterlande kommenden Schiffen
offen steht.

Nueva Valencia wurde im Jahr 1555 unter Villacindas Statthalterschaft von
Alonzo Diaz Moreno gegruendet, und ist also zwoelf Jahre aelter als Caracas.
Wir haben schon frueher bemerkt, dass in Venezuela die spanische Bevoelkerung
von West nach Ost vorgerueckt ist. Valencia war anfangs nur eine zu
Burburata gehoerige Gemeinde, aber letztere Stadt ist jetzt nur noch ein
Platz, wo Maulthiere eingeschifft werden. Man bedauert, und vielleicht mit
Recht, dass Valencia nicht die Hauptstadt des Landes geworden ist. Ihre
Lage auf einer Ebene, am Ufer eines Sees wuerde an die von Mexico erinnern.
Wenn man bedenkt, wie bequem man durch die Thaeler von Aragua in die Llanos
und an die Nebenfluesse des Orinoco gelangt, wenn man sich ueberzeugt, dass
sich durch den Rio Pao und die Portugueza eine Schifffahrtverbindung im
innern Lande bis zur Muendung des Orinoco, zum Cassiquiare und dem
Amazonenstrom herstellen liesse, so sieht man ein, dass die Hauptstadt der
ausgedehnten Provinzen von Venezuela in der Naehe des praechtigen Hafens von
Porto Cabello, unter einem reinen, heitern Himmel besser laege, als bei der
schlecht geschuetzten Rhede von Guayra, in einem gemaessigten, aber das ganze
Jahr nebligten Thale. So nahe beim Koenigreich Neu-Grenada, mitten inne
zwischen den getreidereichen Gebieten von Victoria und Barquesimeto, haette
die Stadt Valencia gedeihen muessen; sie konnte aber nicht gegen Caracas
aufkommen, das ihr zwei Jahrhunderte lang einen bedeutenden Theil der
Einwohner entzogen hat. Die Mantuanosfamilien lebten lieber in der
Hauptstadt als in einer Provinzialstadt.

Wer nicht weiss, von welcher Unmasse von Ameisen alle Laender in der heissen
Zone heimgesucht sind, macht sich keinen Begriff von den Zerstoerungen
dieser Insekten und von den Bodensenkungen, die von ihnen herruehren. Sie
sind im Boden, auf dem Valencia steht, in so ungeheurer Menge, dass die
Gaenge, die sie graben, unterirdischen Kanaelen gleichen, in der Regenzeit
sich mit Wasser fuellen und den Gebaeuden sehr gefaehrlich werden. Man hat
hier nicht zu den sonderbaren Mitteln gegriffen, die man zu Anfang des
sechzehnten Jahrhunderts auf St. Domingo anwendete, als Ameisenschwaerme
die schoenen Ebenen von la Vega und die reichen Besitzungen des Ordens des
h. Franciscus verheerten. Nachdem die Moenche vergebens die Ameisenlarven
verbrannt und es mit Raeucherungen versucht hatten, gaben sie den Leuten
den Rath, einen Heiligen herauszuloosen, der als _Abagado contra los
Hormigas_ dienen sollte. Die Ehre ward dem heiligen Saturnin zu Theil, und
als man das erstemal das Fest des Heiligen beging, verschwanden die
Ameisen. Seit den Zeiten der Eroberung hat der Unglauben gewaltige
Fortschritte gemacht, und nur auf dem Ruecken der Cordilleren fand ich eine
kleine Capelle, in der, der Inschrift zufolge, fuer die Vernichtung der
*Termiten* gebetet werden sollte.

Valencia hat einige geschichtliche Erinnerungen aufzuweisen, sie sind
aber, wie Alles, was die Colonien betrifft, nicht sehr alt und beziehen
sich entweder auf buergerliche Zwiste oder auf blutige Gefechte mit den
Wilden. Lopez de Aguirre, dessen Frevelthaten und Abenteuer eine der
dramatischsten Episoden in der Geschichte der Eroberung bilden, zog im
Jahr 1561 aus Peru ueber den Amazonenstrom auf die Insel Margarita und von
dort ueber den Hafen von Burburata in die Thaler von Aragua. Als er in
Valencia eingezogen, die stolz den Namen einer *koeniglichen Stadt*, _Villa
de el Rey_, fuehrt, verkuendigte er die Unabhaengigkeit des Landes und die
Absetzung Philipps II. Die Einwohner fluechteten sich auf die Inseln im See
und nahmen zu groesserer Sicherheit alle Boote am Ufer mit. In Folge dieser
Kriegslist konnte Aguirre seine Grausamkeiten nur an seinen eigenen Leuten
verueben. In Valencia schrieb er den beruechtigten Brief an den Koenig von
Spanien, der ein entsetzlich wahres Bild von den Sitten des Kriegsvolks im
sechzehnten Jahrhundert gibt. Der Tyrann (so heisst Aguirre beim Volk noch
jetzt) prahlt unter einander mit seinen Schandthaten und mit seiner
Froemmigkeit; er ertheilt dem Koenige Rathschlaege hinsichtlich der Regierung
der Colonien und der Einrichtung der Missionen. Mitten unter wilden
Indianern, auf der Fahrt auf einem grossen Suesswassermeer, wie er den
Amazonenstrom nennt, "fuehlt er grosse Besorgniss ob der Ketzereien Martin
Luthers und der wachsenden Macht der Abtruennigen in Europa." Lopez de
Aguirre wurde, nachdem die Seinigen von ihm abgefallen, in Barquesimeto
erschlagen. Als es mit ihm zu Ende ging, stiess er seiner einzigen Tochter
den Dolch in die Brust, "um ihr die Schande zu ersparen, bei den Spaniern
die Tochter eines Verraethers zu heissen." "Die Seele des Tyrannen" -- so
glauben die Eingeborenen -- geht in den Savanen um in Gestalt einer
Flamme, die entweicht, wenn ein Mensch auf sie zugeht.

Das zweite geschichtliche Ereigniss, das sich an Valencia knuepft, ist der
Einfall der Caraiben vom Orinoco her in den Jahren 1578 und 1580. Diese
Horde von Menschenfressern zog am Guarico herauf und ueber die Llanos
herueber. Sie wurde vom tapfern Garci-Gonzalez, einem der Capitaene, deren
Namen noch jetzt in diesen Provinzen in hohen Ehren steht, gluecklich
zurueckgeschlagen. Mit Befriedigung denkt man daran, dass die Nachkommen
derselben Caraiben jetzt als friedliche Ackerbauer in den Missionen leben,
und dass kein wilder Volksstamm in Guyana es mehr wagt, ueber die Ebenen
zwischen der Waldregion und dem angebauten Lande herueberzukommen.

Die Kuestencordillere ist von mehreren Schluchten durchschnitten, die
durchgaengig von Suedost nach Nordwest streichen. Diess wiederholt sich von
der Quebrada de Tocume zwischen Petarez und Caracas bis Porto Cabello. Es
ist als waere aller Orten der Stoss von Suedost gekommen, und die Erscheinung
ist um so auffallender, da die Gneiss- und Glimmerschieferschichten in der
Kuestencordillere meist von Suedwest nach Nordost streichen. Die meisten
dieser Schluchten schneiden in den Suedabhang der Berge ein, gehen aber
nicht ganz durch; nur im Meridian von Nueva Valencia befindet sich eine
Oeffnung (_Abra_), durch die man zur Kueste hinunter gelangt und durch die
jeden Abend ein sehr erfrischender Seewind in die Thaeler von Aragua
heraufkommt. Der Wind stellt sich regelmaessig zwei bis drei Stunden nach
Sonnenuntergang ein.

Durch diese *Abra*, ueber den Hof Barbula und durch einen oestlichen Zweig
der Schlucht baut man eine neue Strasse von Valencia nach Porto Cabello.
Sie wird so kurz, dass man nur vier Stunden in den Hafen braucht und man in
Einem Tage vom Hafen in die Thaeler von Aragua und wieder zurueck kann. Um
diesen Weg kennen zu lernen, gingen wir am sechs und zwanzigsten Februar
Abends nach dem Hofe Barbula, in Gesellschaft der Eigenthuemer, der
liebenswuerdigen Familie Arambary.

Am sieben und zwanzigsten Morgens besuchten wir die heissen Quellen bei der
Trinchera, drei Meilen von Valencia. Die Schlucht ist sehr breit und es
geht vom Ufer des Sees bis zur Kueste fast bestaendig abwaerts. Trinchera
heisst der Ort nach den kleinen Erdwerken, welche franzoesische Flibustiers
angelegt, als sie im Jahre 1677 die Stadt Valencia pluenderten. Die heissen
Quellen, und diess ist geologisch nicht uninteressant, entspringen nicht
suedlich von den Bergen, wie die von Mariara, Onoto und am Brigantin; sie
kommen vielmehr in der Bergkette selbst, fast am Nordabhang, zu Tag. Sie
sind weit staerker als alle, die wir bisher gesehen, und bilden einen Bach,
der in der trockensten Jahreszeit zwei Fuss tief und achtzehn breit ist.
Die Temperatur des Wassers war, sehr genau gemessen, 90 deg.,3. Nach den
Quellen von Urijino in Japan, die reines Wasser seyn und eine Temperatur
von 100 deg. haben sollen, scheint das Wasser von la Trinchera de Porto
Cabello das heisseste, das man ueberhaupt kennt. Wir fruehstueckten bei der
Quelle. Eier waren im heissen Wasser in weniger als vier Minuten gar. Das
stark schwefelwasserstoffhaltige Wasser entspringt auf dem Gipfel eines
Huegels, der sich 150 Fuss ueber die Sohle der Schlucht erhebt und von
Sued-Sued-Ost nach Nord-Nord-West streicht. Das Gestein, aus dem die Quelle
kommt, ist ein aechter grobkoerniger Granit, aehnlich dem der Teufelsmauer in
den Bergen von Mariara. Ueberall wo das Wasser an der Luft verdunstet,
bildet es Niederschlaege und Incrustationen von kohlensaurem Kalk. Es geht
vielleicht durch Schichten von Urkalk, der im Glimmerschiefer und Gneiss an
der Kueste von Caracas so haeufig vorkommt. Die Ueppigkeit der Vegetation um
das Becken ueberraschte uns. Mimosen mit zartem, gefiedertem Laub, Clusien
und Feigenbaeume haben ihre Wurzeln in den Boden eines Wasserstuecks
getrieben, dessen Temperatur 85 deg. betrug. Ihre Aeste stehen nur zwei, drei
Zoll ueber dem Wasserspiegel. Obgleich das Laub der Mimosen bestaendig vom
heissen Wasserdampf befeuchtet wird, ist es doch sehr schoen gruen. Ein Arum
mit holzigtem Stengel und pfeilfoermigen Blaettern wuchs sogar mitten in
einer Lache von 70 deg. Temperatur. Dieselben Pflanzenarten kommen anderswo in
diesem Gebirge an Baechen vor, in denen der Thermometer nicht auf 18 deg.
steigt. Noch mehr, vierzig Fuss von der Stelle, wo die 90 deg. heissen Quellen
entspringen, finden sich auch ganz kalte. Beide Gewaesser laufen eine
Strecke weit neben einander fort, und die Eingebornen zeigten uns, wie man
sich, wenn man zwischen beiden Baechen ein Loch in den Boden graebt, ein Bad
von beliebiger Temperatur verschaffen kann. Es ist auffallend, wie in den
heissesten und in den kaeltesten Erdstrichen der gemeine Mann gleich sehr
die Waerme liebt. Bei der Einfuehrung des Christenthums in Island wollte
sich das Volk nur in den warmen Quellen am Hella taufen lassen, und in der
heissen Zone, im Tiefland und auf den Cordilleren, laufen die Eingeborenen
von allen Seiten den warmen Quellen zu. Die Kranken, die nach Trinchera
kommen, um Dampfbaeder zu brauchen, errichten ueber der Quelle eine Art
Gitterwerk aus Baumzweigen und ganz duennem Rohr. Sie legen sich nackt auf
dieses Gitter, das, wie mir schien, nichts weniger als fest und nicht ohne
Gefahr zu besteigen ist. Der _Rio de aguas calientes_ laeuft nach Nordost
und wird in der Nahe der Kueste zu einem ziemlich ansehnlichen Fluss, in dem
grosse Krokodile leben, und der durch sein Austreten den Uferstrich
ungesund machen hilft.

Wir gingen immer rechts am warmen Wasser nach Porto Cabello hinunter. Der
Weg ist ungemein malerisch. Das Wasser stuerzt ueber die Felsbaenke nieder,
und es ist als haette man die Fuelle der Neuss vom Gotthard herab vor sich;
aber welch ein Contrast, was die Kraft und Ueppigkeit des Pflanzenwuchses
betrifft! Zwischen bluehenden Gestraeuchen, aus Bignonien und Melastomen
erheben sich majestaetisch die weissen Staemme der Cecropia. Sie gehen erst
aus, wenn man nur noch in 100 Toisen Meereshoehe ist. Bis hieher reicht
auch eine kleine stachligte Palme, deren zarte, gefiederte Blaetter an den
Raendern wie gekraeuselt erscheinen. Sie ist in diesem Gebirge sehr haeufig;
da wir aber weder Bluethe noch Frucht gesehen haben, wissen wir nicht, ob
es die *Piritupalme* der Caraiben oder Jacquins _Cocos aculeata_ ist.

Je naeher wir der Kueste kamen, desto drueckender wurde die Hitze. Ein
roethlicher Dunst umzog den Horizont; die Sonne war am Untergehen, aber der
Seewind wehte noch nicht. Wir ruhten in den einzeln stehenden Hoefen aus,
die unter dem Namen *Cambury* und *Haus des Canariers* (_Casa del
Islengo_) bekannt sind. Der _Rio de aguas calientes_, an dem wir hinzogen,
wurde immer tiefer. Am Ufer lag ein todtes Krokodil; es war ueber neun Fuss
lang. Wir haetten gerne seine Zaehne und seine Mundhoehle untersucht; aber es
lag schon mehrere Wochen in der Sonne und stank so furchtbar, dass wir
dieses Vorhaben aufgeben und wieder zu Pferde steigen mussten. Ist man im
Niveau des Meeres angelangt, so wendet sich der Weg ostwaerts und laeuft
ueber einen duerren anderthalb Meilen breiten Strand, aehnlich dem bei
Cumana. Man sieht hin und wieder eine Fackeldistel, ein Sesuvium, ein paar
Staemme _Coccoloba uvifera_ und laengs der Kueste wachsen Avicennien und
Wurzeltraeger. Wir wateten durch den Guayguazo und den Rio Estevan, die, da
sie sehr oft austreten, grosse Lachen stehenden Wassers bilden. Auf dieser
weiten Ebene erheben sich wie Klippen kleine Felsen aus Maeandriten,
Madreporiten und andern Corallen. Man koennte in denselben einen Beweis
sehen, dass sich die See noch nicht sehr lange von hier zurueckgezogen; aber
diese Massen von Polypengehaeusen sind nur Bruchstuecke, in eine Breccie mit
kalkigtem Bindemittel eingebacken. Ich sage in eine Breecie, denn man darf
die weissen frischen Coralliten dieser sehr jungen Formation an der Kueste
nicht mit den Coralliten verwechseln, die im Uebergangsgebirge, in der
Grauwacke und im schwarzen Kalkstein eingeschlossen vorkommen. Wir
wunderten uns nicht wenig, dass wir an diesem voellig unbewohnten Ort einen
starken, in voller Bluethe stehenden Stamm der _Parkinsonia aculeata_
antrafen. Nach unsern botanischen Werken gehoert der Baum der neuen Welt
an; aber in fuenf Jahren haben wir ihn nur zweimal wild gesehen, hier auf
der Ebene am Rio Guayguaza und in den Llanos von Cumana, dreissig Meilen
von der Kueste, bei Villa del Pao; Letzterer Ort konnte noch dazu leicht
ein alter *Conuco* oder eingehegtes Baufeld seyn. Sonst ueberall auf dem
Festland von Amerika sahen wir die Parkinsonia, wie die Plumeria, nur in
den Gaerten der Indianer.

Ich kam zu rechter Zeit nach Porto Cabello, um einige Hoehen des Canopus
nahe am Meridian aufnehmen zu koennen; aber diese Beobachtungen, wie die am
acht und zwanzigsten Februar aufgenommenen correspondirenden Sonnenhoehen,
sind nicht sehr zuverlaessig. Ich bemerkte zu spaet, dass sich das
Diopterlineal eines Troughtonschen Sextanten ein wenig verschoben hatte.
Es war ein Dosensextant von zwei Zoll Halbmesser, dessen Gebrauch uebrigens
den Reisenden sehr zu empfehlen ist. Ich brauchte denselben sonst meist
nur zu geodaetischen Ausnahmen im Canoe auf Fluessen. In Porto Cabello wie
in Guayra streitet man darueber, ob der Hafen ostwaerts oder westwaerts von
der Stadt liegt, mit der derselbe den staerksten Verkehr hat. Die Einwohner
glauben, Porto Cabello liege Nord-Nord-West von Nueva Valencia. Aus meinen
Beobachtungen ergibt sich allerdings fuer jenen Ort eine Laenge von 3--4
Minuten im Bogen weiter nach West. Nach Fidalgo laege er ostwaerts.

Wir wurden im Hause eines franzoesischen Arztes, Juliac, der sich in
Montpellier tuechtig gebildet hatte, mit groesster Zuvorkommenheit
aufgenommen. In seinem kleinen Hause befanden sich Sammlungen mancherlei
Art, die aber alle den Reisenden interessiren konnten:
schoenwissenschaftliche und naturgeschichtliche Buecher, meteorologische
Notizen, Baelge von Jaguars und grossen Wasserschlangen, lebendige Thiere,
Affen, Guertelthiere, Voegel. Unser Hausherr war Oberwundarzt am koeniglichen
Hospital in Porto Cabello, und im Lande wegen seiner tiefeingehenden
Beobachtungen ueber das gelbe Fieber Vortheilhaft bekannt. Er hatte in
sieben Jahren 600--800 von dieser schrecklichen Krankheit Befallene in das
Spital aufnehmen sehen; er war Zeuge der Verheerungen, welche die Seuche
im Jahr 1793 auf der Flotte des Admirals Ariztizabal angerichtet. Die
Flotte verlor fast ein Dritttheil ihrer Bemannung, weil die Matrosen fast
saemmtlich nicht acclimatisirte Europaeer waren und frei mit dem Lande
verkehrten. Juliac hatte frueher, wie in Terra Firma und auf den Inseln
gebraeuchlich ist, die Kranken mit Blutlassen, gelinde abfuehrenden Mitteln
und saeuerlichen Getraenken behandelt. Bei diesem Verfahren denkt man nicht
daran die Kraefte durch Reizmittel zu heben; man will beruhigen und
steigert nur die Schwaeche und Entkraeftung. In den Spitaelern, wo die
Kranken dicht beisammen lagen, starben damals von den weissen Creolen 33
Procent, von den frisch angekommenen Europaeern 63 Procent. Seit man das
alte herabstimmende Verfahren aufgegeben hatte und Reizmittel anwendete,
Opium, Benzoe, weingeistige Getraenke, hatte die Sterblichkeit bedeutend
abgenommen. Man glaubte, sie betrage nunmehr nur 20 Procent bei Europaeern
und 10 bei Creolen, selbst dann, wenn sich schwarzes Erbrechen und
Blutungen aus der Nase, den Ohren und dem Zahnfleisch einstellen und so
die Krankheit in hohem Grade boesartig erscheint. Ich berichte genau, was
mir damals als allgemeines Ergebniss der Beobachtungen mitgetheilt wurde;
man darf aber, denke ich, bei solchen Zahlenzusammenstellungen nicht
vergessen, dass, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung, die Epidemien
mehrerer auf einander folgenden Jahre von einander abweichen, und dass man
bei der Wahl zwischen staerkenden und herabstimmenden Mitteln (wenn je ein
absoluter Unterschied zwischen beiden besteht) die verschiedenen Stadien
der Krankheit zu unterscheiden hat.

Die Hitze ist in Porto Cabello nicht so stark als in Guayra. Der Seewind
ist staerker, haeufiger, regelmaessiger; auch lehnen sich die Haeuser nicht an
Felsen, die bei Tag die Sonnenstrahlen absorbiren und bei Nacht die Waerme
wieder von sich geben. Die Luft kann zwischen der Kueste und den Bergen von
Ilaria freier circuliren. Der Grund der Ungesundheit der Luft ist im
Strande zu suchen, der sich westwaerts, so weit das Auge reicht, gegen die
_Punta de Tucacos_ beim schoenen Hafen von Chichiribiche fortzieht. Dort
befinden sich die Salzwerke und dort herrschen bei Eintritt der Regenzeit
die dreitaegigen Wechselfieber, die leicht in atactische Fieber uebergehen.
Man hat die interessante Bemerkung gemacht, dass die Mestizen, die in den
Salzwerken arbeiten, dunkelfarbiger sind und eine gelbere Haut bekommen,
wenn sie mehrere Jahre hinter einander an diesen Fiebern gelitten haben,
welche die *Kuestenkrankheit* heissen. Die Bewohner dieses Strandes, arme
Fischer, behaupten, nicht daher, dass das Seewasser das Land ueberschwemme
und wieder abfliesse, sey der mit Wurzeltraegern bewachsene Boden so
ungesund, das Verderbniss der Luft ruehre vielmehr vom suessen Wasser her, von
den Ueberschwemmungen des Rio Guayguaza und des Rio Estevan, die in den
Monaten October und November so ploetzlich und so stark austreten. Die Ufer
des Rio Estevan sind bewohnbarer geworden, seit man daselbst kleine Mais-
und Pisangpflanzungen angelegt und durch Erhoehung und Befestigung des
Bodens dem Fluss ein engeres Bett angewiesen hat. Man geht damit um, dem
Estevan eine andere Muendung zu graben und dadurch die Umgegend von Porto
Cabello gesuender zu machen. Ein Kanal soll das Wasser an den Kuestenstrich
leiten, der der Insel Guayguaza gegenueberliegt.

Die Salzwerke von Porto Cabello gleichen so ziemlich denen auf der
Halbinsel Araya bei Cumana. Indessen ist die Erde, die man auslaugt, indem
man das Regenwasser in kleinen Becken sammelt, nicht so salzhaltig. Man
fragt hier wie in Cumana, ob der Boden mit Salztheilchen geschwaengert sey,
weil er seit Jahrhunderten zeitweise unter Meerwasser gestanden, das an
der Sonne verdunstet, oder ob das Salz im Boden enthalten sey wie in einem
sehr armen Steinsalzwerk. Ich hatte nicht Zeit, den Strand hier so genau
zu untersuchen wie die Halbinsel Araya; laeuft uebrigens der Streit nicht
auf die hoechst einfache Frage hinaus, ob das Salz von neuen oder aber von
uralten Ueberschwemmungen herruehrt? Da die Arbeit in den Salzwerken von
Porto Cabello sehr ungesund ist, geben sich nur die aermsten Leute dazu
her. Sie bringen das Salz an Ort und Stelle in kleine Magazine und
verkaufen es dann in den Niederlagen in der Stadt.

Waehrend unseres Aufenthaltes in Porto Cabello lief die Stroemung an der
Kueste, die sonst gewoehnlich nach West geht, von West nach Ost. Diese
*Stroemung nach oben* (_corriente por arriba_), von der bereits die Rede
war, kommt zwei bis drei Monate im Jahr, vom September bis November,
haeufig vor. Man glaubt, sie trete ein, wenn zwischen Jamaica und dem Cap
San Antonio auf Cuba Nord-Westwinde geweht haben.

Die militaerische Vertheidigung der Kuesten von Terra Firma stuetzt sich auf
sechs Punkte, das Schloss San Antonio bei Cumana, den Morro bei Nueva
Barcelona, die Werke (mit 134 Geschuetzen) bei Guayra, Porto Cabello, das
Fort San Carlos an der Ausmuendung des Sees Maracaybo, und Carthagena. Nach
Carthagena ist Porto Cabello der wichtigste feste Platz; die Stadt ist
ganz neu und der Hafen einer der schoensten in beiden Welten. Die Lage ist
so guenstig, dass die Kunst fast nichts hinzuzuthun hatte. Eine Erdzunge
laeuft Anfangs gegen Nord und dann nach West. Die westliche Spitze
derselben liegt einer Reihe von Inseln gegenueber, die durch Bruecken
verbunden und so nahe bei einander sind, dass man sie fuer eine zweite
Landzunge halten kann. Diese Inseln bestehen saemmtlich aus Kalkbreccien
von sehr neuer Bildung, aehnlich der an der Kueste von Cumana und am Schloss
Araya. Es ist ein Conglomerat von Madreporen und andern
Corallenbruchstuecken, die durch ein kalkigtes Bindemittel und Sandkoerner
verkittet sind. Wir hatten dasselbe Conglomerat bereits am Rio Guayguaza
gesehen. In Folge der eigenthuemlichen Bildung des Landes stellt sich der
Hafen als ein Becken oder als eine innere Lagune dar, an deren suedlichem
Ende eine Menge mit Manglebaeumen bewachsener Eilande liegen. Dass der
Hafeneingang gegen West liegt, traegt viel zur Ruhe des Wassers bei. Es
kann nur Ein Fahrzeug auf einmal einlaufen, aber die groessten Linienschiffe
koennen dicht am Lande ankern, um Wasser einzunehmen. Die einzige Gefahr
beim Einlaufen bieten die Riffe bei Punta Brava, denen gegenueber eine
Batterie von acht Geschuetzen steht. Gegen West und Suedwest erblickt man
das Fort, ein regelmaessiges Fuenfeck mit fuenf Bastionen, die Batterie beim
Riff und die Werke um die alte Stadt, welche auf einer Insel liegt, die
ein verschobenes Viereck bildet. Ueber eine Bruecke und das befestigte Thor
der Estacada gelangt man aus der alten Stadt in die neue, welche bereits
groesser ist als jene, aber dennoch nur als Vorstadt gilt. Zu hinterst laeuft
das Hafenbecken oder die Lagune um diese Vorstadt herum gegen Suedwest, und
hier ist der Boden sumpfigt, voll stehenden, stinkenden Wassers. Die Stadt
hat gegenwaertig gegen 9000 Einwohner. Sie verdankt ihre Entstehung dem
Schleichhandel, der sich hier einnistete, weil die im Jahr 1549 gegruendete
Stadt Burburata in der Naehe lag. Erst unter dem Regiment der Biscayer und
der Compagnie von Guipuzcoa wurde Porto Cabello, das bis dahin ein Weiler
gewesen, eine wohlbefestigte Stadt. Von Guayra, das nicht sowohl ein Hafen
als eine schlechte offene Rhede ist, bringt man die Schiffe nach Porto
Cabello, um sie ausbessern und kalfatern zu lassen.

Der Hafen wird vorzugsweise durch die tief gelegenen Batterien auf der
Landzunge Punta Brava und auf dem Riff vertheidigt, und diese Wahrheit
wurde verkannt, als man auf den Bergen, welche die Vorstadt gegen Sued
beherrschen, mit grossen Kosten ein neues Fort, den Mirador (Belvedere) de
Solano baute. Dieses Werk, eine Viertelstunde vom Hafen, liegt 400--500
Fuss ueber dem Meer. Die Baukosten betrugen jaehrlich und viele Jahre lang
20--30,000 Piaster. Der Generalcapitaen von Caracas, Guevara Vasconzelos,
war mit den besten spanischen Ingenieurs der Ansicht, der Mirador, auf dem
zu meiner Zeit erst sechzehn Geschuetze standen, sey fuer die Vertheidigung
des Platzes nur von geringer Bedeutung, und liess den Bau einstellen. Eine
lange Erfahrung hat bewiesen, dass sehr hoch gelegene Batterien, wenn auch
sehr schwere Stuecke darin stehen, die Rhede lange nicht so wirksam
bestreichen, als tief am Strand oder auf Daemmen halb im Wasser liegende
Batterien mit Geschuetzen von geringerem Kaliber. Wir fanden den Platz
Porto Cabello in einem keineswegs befriedigenden Vertheidigungszustand.
Die Werke am Hafen und der Stadtwall mit etwa sechzig Geschuetzen erfordern
eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann, und es waren nicht 600 da. Es war
auch eine koenigliche Fregatte, die an der Einfahrt des Hafens vor Anker
lag, bei Nacht von den Kanonierschaluppen eines englischen Kriegsschiffe
angegriffen und weggenommen worden. Die Blokade beguenstigte vielmehr den
Schleichhandel, als dass sie ihn hinderte, und man sah deutlich, dass in
Porto Cabello die Bevoelkerung in der Zunahme, der Gewerbfleiss im
Aufschwung begriffen waren. Am staerksten ist der gesetzwidrige Verkehr mit
den Inseln Curacao und Jamaica. Man fuehrt ueber 10,000 Maulthiere jaehrlich
aus. Es ist nicht uninteressant, die Thiere einschiffen zu sehen. Man
wirft sie mit der Schlinge nieder und zieht sie an Bord mittelst einer
Vorrichtung gleich einem Krahn. Aus dem Schiffe stehen sie in zwei Reihen
und koennen sich beim Schlingern und Stampfen kaum auf den Beinen halten.
Um sie zu schrecken und fuegsamer zu machen, wird fast fortwaehrend Tag und
Nacht die Trommel geruehrt. Man kann sich denken, wie sanft ein Passagier
ruht, der den Muth hat, sich auf einer solchen mit Maulthieren beladenen
Goelette nach Jamaica einzuschiffen.

Wir verliessen Porto Cabello am ersten Merz mit Sonnenaufgang. Mit
Verwunderung sahen wir die Masse von Kaehnen, welche Fruechte zu Markt
brachten. Es mahnte mich an einen schoenen Morgen in Venedig. Vom Meere aus
gesehen, liegt die Stadt im Ganzen freundlich und angenehm da. Dicht
bewachsene Berge, ueber denen Gipfel aufsteigen, die man nach ihren
Umrissen der Trappformation zuschreiben koennte, bilden den Hintergrund der
Landschaft. In der Naehe der Kueste ist alles nackt, weiss, stark beleuchtet,
die Bergwand dagegen mit dicht belaubten Baeumen bedeckt, die ihre
gewaltigen Schatten ueber braunes steinigtes Erdreich werfen. Vor der Stadt
besahen wir die eben fertig gewordene Wasserleitung. Sie ist 5000 Varas
lang und fuehrt in einer Rinne das Wasser des Rio Estevan in die Stadt.
Dieses Werk hat 30,000 Piaster gekostet, das Wasser springt aber auch in
allen Strassen.

Wir gingen von Porto Cabello in die Thaeler von Aragua zurueck und hielten
wieder auf der Pflanzung Barbula an, ueber welche die neue Strasse nach
Valencia gefuehrt wird. Wir hatten schon seit mehreren Wochen von einem
Baume sprechen hoeren, dessen Saft eine naehrende Milch ist. Man nennt ihn
den *Kuhbaum* und man versicherte uns, die Neger auf dem Hofe trinken viel
von dieser vegetabilischen Milch und halten sie fuer ein gesundes
Nahrungsmittel. Da alle milchigten Pflanzensaefte scharf, bitter und mehr
oder weniger giftig sind, so schien uns diese Behauptung sehr sonderbar;
aber die Erfahrung lehrte uns waehrend unseres Aufenthalts in Barbula, dass,
was man uns von den Eigenschaften des _Palo de __ Vaca_ erzaehlt hatte,
nicht uebertrieben war. Der schoene Baum hat den Habitus des _Chrysophyllum
cainito_ oder Sternapfelbaums; die laenglichten, zugespitzten,
lederartigen, abwechselnden Blaetter haben unten vorspringende, parallele
Seitenrippen und werden zehn Zoll lang. Die Bluethe bekamen wir nicht zu
sehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthaelt eine, bisweilen zwei
Nuesse. Macht man Einschnitte in den Stamm des Kuhbaums, so fliesst sehr
reichlich eine klebrigte, ziemlich dicke Milch aus, die durchaus nichts
Scharfes hat und sehr angenehm wie Balsam riecht. Man reichte uns welche
in den Fruechten des Tutumo oder Flaschenbaums. Wir tranken Abends vor
Schlafengehen und frueh Morgens viel davon, ohne irgend eine nachtheilige
Wirkung. Nur die Klebrigkeit macht diese Milch etwas unangenehm. Die Neger
und die Freien, die auf den Pflanzungen arbeiten, tunken sie mit Mais- und
Maniocbrod, *Arepa* und *Cassave*, aus. Der Verwalter des Hofs versicherte
uns, die Neger legen in der Zeit, wo der Palo de Vaca ihnen am meisten
Milch gibt, sichtbar zu. Bei freiem Zutritt der Luft zieht der Saft an der
Oberflaeche, vielleicht durch Absorption des Sauerstoffs der Luft, Haeute
einer stark animalisirten, gelblichen, faserigen, dem Kaesestoff aehnlichen
Substanz. Nimmt man diese Haeute von der uebrigen waesserigen Fluessigkeit ab,
so zeigen sie sich elastisch wie Cautschuc, in der Folge aber faulen sie
unter denselben Erscheinungen wie die Gallerte. Das Volk nennt den
Klumpen, der sich an der Luft absetzt, *Kaese*; der Klumpen wird nach fuenf,
sechs Tagen sauer, wie ich an den kleinen Stuecken bemerkte, die ich nach
Nueva Valencia mitgebracht. In einer verschlossenen Flasche setzte sich in
der Milch etwas Gerinsel zu Boden, und sie wurde keineswegs uebelriechend,
sondern behielt ihren Balsamgeruch. Mit kaltem Wasser vermischt gerann der
frische Saft nur sehr wenig, aber die klebrigten Haeute setzten sich ab,
sobald ich denselben mit Salpetersaeure in Beruehrung brachte. Wir schickten
Fourcroys in Paris zwei Flaschen dieser Milch. In der einen war sie im
natuerlichen Zustand, in der andern mit einer gewissen Menge kohlensauren
Natrons versetzt. Der franzoesische Consul auf der Insel St. Thomas
uebernahm die Befoerderung.

Dieser merkwuerdige Baum scheint der Kuestencordillere, besonders von
Barbula bis zum See Maracaybo, eigenthuemlich. Beim Dorf San Mateo und nach
Bredemayer, dessen Reisen die schoenen Gewaechshaeuser von Schoenbrunn und
Wien so sehr bereichert haben, im Thal von Caucagua, drei Meilen von
Caracas, stehen auch einige Staemme. Dieser Naturforscher fand, wie wir,
die vegetabilische Milch des _Palo de Vaca_ angenehm von Geschmack und von
aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, der den
naehrenden Saft gibt, *Milchbaum, *_Arbol del leche_. Sie wollen an der
Dicke und Farbe des Laubs die Baeume erkennen, die am meisten Saft geben,
wie der Hirte nach aeussern Merkmalen eine gute Milchkuh herausfindet. Kein
Botaniker kannte bis jetzt dieses Gewaechs, dessen Fructificationsorgane
man sich leicht wird verschaffen koennen. Nach Kunth scheint der Baum zu
der Familie der Sapoteen zu gehoeren. Erst lange nach meiner Rueckkehr nach
Europa fand ich in des Hollaenders Laet Beschreibung von Westindien eine
Stelle, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. "In der Provinz
Cumana," sagt Laet, gibt es Baeume, deren Saft geronnener Milch gleicht und
ein *gesundes Nahrungsmittel* abgibt."

Ich gestehe, von den vielen merkwuerdigen Erscheinungen, die mir im Verlauf
meiner Reise zu Gesicht gekommen, haben wenige auf meine Einbildungskraft
einen staerkeren Eindruck gemacht als der Anblick des Kuhbaums. Alles was
sich auf die Milch oder auf die Getreidearten bezieht, hat ein Interesse
fuer uns, das sich nicht auf die physikalische Kenntniss der Gegenstaende
beschraenkt, sondern einem andern Kreise von Vorstellungen und Empfindungen
angehoert. Wir vermoegen uns kaum vorzustellen, wie das Menschengeschlecht
bestehen koennte ohne mehligte Stoffe, ohne den naehrenden Saft in der
Mutterbrust, der auf den langen Schwaechezustand des Kindes berechnet ist.
Das Staerkmehl des Getreides, das bei so vielen alten und neueren Voelkern
ein Gegenstand religioeser Verehrung ist, kommt in den Samen und den
Wurzeln der Gewaechse vor; die naehrende Milch dagegen erscheint uns als ein
ausschliessliches Produkt der thierischen Organisation. Diesen Eindruck
erhalten wir von Kindheit auf, und daher denn auch das Erstaunen, womit
wir den eben beschriebenen Baum betrachten. Was uns hier so gewaltig
ergreift, sind nicht prachtvolle Waelderschatten, majestaetisch
dahinziehende Stroeme, von ewigem Eis starrende Gebirge: ein paar Tropfen
Pflanzensaft fuehren uns die ganze Macht und Fuelle der Natur vor das innere
Auge. An der kahlen Felswand waechst ein Baum mit trockenen, lederartigen
Blaettern; seine dicken holzigten Wurzeln dringen kaum in das Gestein.
Mehrere Monate im Jahr netzt kein Regen sein Laub; die Zweige scheinen
vertrocknet, abgestorben; bohrt man aber den Stamm an, so fliesst eine
suesse, nahrhafte Milch heraus. Bei Sonnenaufgang stroemt die vegetabilische
Quelle am reichlichsten; dann kommen von allen Seiten die Schwarzen und
die Eingeborenen mit grossen Naepfen herbei und fangen die Milch auf, die
sofort an der Oberflaeche gelb und dick wird. Die einen trinken die Naepfe
unter dem Baum selbst aus, andere bringen sie ihren Kindern. Es ist, als
saehe man einen Hirten, der die Milch seiner Heerde unter die Seinigen
vertheilt.

Ich habe den Eindruck geschildert, den der Kuhbaum auf die
Einbildungskraft des Reisenden macht, wenn er ihn zum erstenmale sieht.
Die wissenschaftliche Untersuchung zeigt, dass die physischen Eigenschaften
der thierischen und der vegetabilischen Stoffe im engsten Zusammenhang
stehen; aber sie benimmt dem Gegenstand, der uns in Erstaunen setzte, den
Anstrich des Wunderbaren, sie entkleidet ihn wohl auch zum Theil seines
Reizes. Nichts steht fuer sich allein da; chemische Grundstoffe, die, wie
man glaubte, nur den Thieren zukommen, finden sich in den Gewaechsen
gleichfalls. Ein gemeinsames Band umschlingt die ganze organische Natur.

Lange bevor die Chemie im Bluethenstaub, im Eiweiss der Blaetter und im
weisslichen Anflug unserer Pflaumen und Trauben kleine Wachstheilchen
entdeckte, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindiu Kerzen aus der
dicken Wachsschicht, welche den Stamm einer Palme ueberzieht [_Ceroxylon
andicola_]. Vor wenigen Jahren wurde in Europa das _Caseum_, der
Grundstoff des Kaeses, in der Mandelmilch entdeckt; aber seit Jahrhunderten
gilt in den Gebirgen an der Kueste von Venezuela die Milch eines Baumes und
der Kaese, der sich in dieser vegetabilischen Milch absondert, fuer ein
gesundes Nahrungsmittel. Woher ruehrt dieser seltsame Gang in der
Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie konnte das Volk in der einen Halbkugel
auf etwas kommen, was in der andern dem Scharfblick der Scheidekuenstler,
die doch gewoehnt sind die Natur zu befragen und sie auf ihrem
geheimnissvollen Gang zu belauschen, so lange entgangen ist? Daher, dass
einige wenige Elemente und verschiedenartig zusammengesetzte Grundstoffe
in mehreren Pflanzenfamilien vorkommen; daher, dass die Gattungen und Arten
dieser natuerlichen Familien nicht ueber die tropischen und die kalten und
gemaessigten Himmelsstriche gleich vertheilt sind; daher, dass Voelker, die
fast ganz von Pflanzenstoffen leben, vom Beduerfniss getrieben, mehligte
naehrende Stoffe ueberall finden, wo sie nur die Natur im Pflanzensaft, in
Rinden, Wurzeln oder Fruechten niedergelegt hat. Das Staerkmehl, das sich am
reinsten in den Getreidekoernern findet, ist in den Wurzeln der Arumarten,
der _Tacca pinnatifida_ und der _Jatropha Manihot_ mit einem scharfen,
zuweilen selbst giftigen Saft verbunden. Der amerikanische Wilde, wie der
auf den Inseln der Suedsee, hat das Satzmehl durch Auspressen und Trennen
vom Safte *aussuessen* gelernt. In der Pflanzenmilch und den milchigten
Emulsionen sind aeusserst nahrhafte Stoffe, Eiweiss, Kaesestoff und Zucker mit
Cautschuc und aetzenden schaedlichen Materien, wie Morphium und Blausaeure,
verbunden. Dergleichen Mischungen sind nicht nur nach den Familien,
sondern sogar bei den Arten derselben Gattung verschieden. Bald ist es das
Morphium oder der narkotische Grundstoff, was der Pflanzenmilch ihre
vorwiegende Eigenschaft gibt, wie bei manchen Mohnarten, bald das
Cautschuc, wie bei der _Hevea_ und _Castilloa_ bald Eiweiss und Kaesestoff,
wie beim Melonenbaum und Kuhbaum.

Die milchigten Gewaechse gehoeren vorzugsweise den drei Familien der
Euphorbien, der Urticeen und der Apocyneen an, und da ein Blick auf die
Vertheilung der Pflanzenbildungen ueber den Erdball zeigt, dass diese drei
Familien(61) in den Niederungen der Tropenlaender durch die zahlreichsten
Arten vertreten sind, so muessen wir daraus schliessen, dass eine sehr hohe
Temperatur zur Bildung von Cautschuc, Eiweiss und Kaesestoff beitraegt. Der
Saft des Palo de Vaca ist ohne Zweifel das auffallendste Beispiel, dass
nicht immer ein scharfer, schaedlicher Stoff mit dem Eiweiss, dem Kaesestoff
und dem Cautschuc verbunden ist; indessen kannte man in den Gattungen
Euphorbia und Asclepias, die sonst durch ihre aetzenden Eigenschaften
bekannt sind, Arten, die einen milden, unschaedlichen Saft haben. Hieher
gehoert der _Tubayba dulce_ der canarischen Inseln, von dem schon oben die
Rede war [_Euphorbia balsamifera_], und _Asclepias lactifera_ auf Ceylan.
Wie Burman erzaehlt, bedient man sich dort, in Ermanglung der Kuhmilch, der
Milch der so letztgenannten Pflanze und kocht mit den Blaettern derselben
die Speisen, die man sonst mit thierischer Milch zubereitet. Es ist zu
erwarten, dass ein Reisender, dem die gruendlichsten Kenntnisse in der
Chemie zu Gebot stehen, John Davy, bei seinem Aufenthalt auf Ceylan diesen
Punkt ins Reine bringen wird; denn, wie Decandolle richtig bemerkt, es
waere moeglich, dass die Eingeborenen nur den Saft der jungen Pflanze
benuetzten, so lange der scharfe Stoff noch nicht entwickelt ist. Wirklich
werden in manchen Laendern die jungen Sprossen der Apocyneen gegessen.

Ich habe mit dieser Zusammenstellung den Versuch gemacht, die Milchsaefte
der Gewaechse und der milchigten Emulsionen, welche die Fruechte der
Mandelarten und der Palmen geben, unter einen allgemeineren Gesichtspunkt
zu bringen. Es moege mir gestattet seyn, diesen Betrachtungen die
Ergebnisse einiger Versuche anzureihen, die ich waehrend meines Aufenthalts
in den Thaelern von Aragua mit dem Safte der _Carica Papaya_ angestellt,
obgleich es mir fast ganz an Reagentien fehlte. Derselbe Saft ist seitdem
von Vauquelin untersucht worden. Der beruehmte Chemiker hat darin richtig
das Eiweiss und den kaeseartigen Stoff erkannt; er vergleicht den Milchsaft
mit reinem stark animalisirten Stoff, mit dem thierischen Blut; es stand
ihm aber nur gegohrener Saft und ein uebelriechendes Gerinsel zu Gebot, das
sich auf der Ueberfahrt von Isle de France nach Havre gebildet hatte. Er
spricht den Wunsch aus, ein Reisender moechte den Saft des Melonenbaums
frisch, wie er aus dem Stengel oder der Frucht fliesst, untersuchen koennen.

Je juenger die Frucht des Melonenbaums ist, desto mehr Milch gibt sie; man
findet sie bereits im kaum befruchteten Keim. Je reifer die Frucht wird,
desto mehr nimmt die Milch ab und desto waesseriger wird sie; man findet
dann weniger vom thierischen Stoff darin, der durch Saeuren und durch
Absorption des Sauerstoffs der Luft gerinnt. Da die ganze Frucht
klebrig(62) ist, so koennte man annehmen, je mehr sie wachse, desto mehr
lagere sich der gerinnbare Stoff in den Organen ab und bilde zum Theil das
Mark oder die fleischigte Substanz. Troepfelt man mit vier Theilen Wasser
verduennte Salpetersaeure in die ausgepresste Milch einer ganz jungen Frucht,
so zeigt sich eine hoechst merkwuerdige Erscheinung. In der Mitte eines
jeden Tropfens bildet sich ein gallertartiges, grau gestreiftes Haeutchen.
Diese Streifen sind nichts anderes als der Stoff, der waesseriger geworden,
weil die Saeure ihm den Eiweissstoff entzogen hat. Zu gleicher Zeit werden
die Haeutchen in der Mitte undurchsichtig und eigelb. Sie vergroessern sich,
indem divergirende Fasern sich zu verlaengern scheinen. Die Fluessigkeit
sieht Anfangs aus wie ein Achat mit milchigten Wolken, und man meint
organische Haeute unter seinen Augen sich bilden zu sehen. Wenn sich das
Gerinsel ueber die ganze Masse verbreitet, verschwinden die gelben Flecke
wieder. Ruehrt man sie um, so wird sie kruemelich, wie weicher Kaese. Die
gelbe Farbe erscheint wieder, wenn man ein paar Tropfen Salpetersaeure
zusetzt. Die Saeure wirkt hier wie die Beruehrung des Sauerstoffs der Luft
bei 27--35 Grad; denn das weisse Gerinsel wird in ein paar Minuten gelb,
wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelb in
Braun ueber, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff frei wird im Verhaeltniss,
als der Wasserstoff, an den er gebunden war, verbrennt. Das durch die
Saeure gebildete Gerinsel wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den
ich gleichfalls bemerkte, als ich Muskelfleisch und Pilze (Morcheln) mit
Salpetersaeure behandelte. Nach Hatchetts schoenen Versuchen kann man
annehmen, dass das Eiweiss zum Theil in Gallerte uebergeht. Wirft man das
frisch bereitete Gerinsel vom Melonenbaum in Wasser, so wird es weich,
loest sich theilweise auf und faerbt das Wasser gelblich. Alsbald schlaegt
sich eine zitternde Gallerte, aehnlich dem Staerkmehl, daraus nieder. Diess
ist besonders auffallend, wenn das Wasser, das man dazu nimmt, auf 40--60 deg.
erwaermt ist. Je mehr man Wasser zugiesst, desto fester wird die Gallerte.
Sie bleibt lange weiss und wird nur gelb, wenn man etwas Salpetersaeure
darauf troepfelt. Nach dem Vorgang FOURCROYs und VAUQUELINs bei ihren
Versuchen mit dem Saft der Hevea, setzte ich der Milch des Melonenbaums
eine Aufloesung von kohlensaurem Natron bei. Es bildet sich kein Klumpen,
auch wenn man reines Wasser dem Gemisch von Milch und alkalischer
Aufloesung zugiesst. Die Haeute kommen erst zum Vorschein, wenn man durch
Zusatz einer Saeure das Alkali neutralisirt und die Saeure im Ueberschuss
ist. Ebenso sah ich das durch Salpetersaeure, Citronensaft oder heisses
Wasser gebildete Gerinsel verschwinden, wenn ich eine Loesung von
kohlensaurem Natron zugoss. Der Saft wird wieder milchigt und fluessig, wie
er urspruenglich war. Dieser Versuch gelingt aber nur mit frisch gebildetem
Gerinsel.

Vergleicht man die Milchsaefte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der
Hevea, so zeigt sich eine auffallende Aehnlichkeit zwischen den Saeften,
die viel Kaesestoff enthalten, und denen, in welchen das Cautschuc
vorherrscht. Alles weisse, frisch bereitete Cautschuc, sowie die
wasserdichten Maentel, die man im spanischen Amerika fabricirt und die aus
einer Schicht des Milchsafts der Hevea zwischen zwei Leinwandstuecken
bestehen, haben einen thierischen, ekligen Geruch, der darauf hinzuweisen
scheint, dass das Cautschuc beim Gerinnen den Kaesestoff an sich reisst, der
vielleicht nur ein modificirter Eiweissstoff ist.

Die Frucht des Brodfruchtbaums ist so wenig Brod, als die Bananen vor
ihrer Reise oder die staerkemehlreichen Wurzelknollen der _Dioscorea_, des
_Convolvulus Batatas_ und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums dagegen
enthaelt den Kaesestoff gerade wie die Milch der Saeugethiere. Aus
allgemeinem Gesichtspunkte koennen wir mit Gay-Lussac das Cautschuc als den
oeligten Theil, als die Butter der vegetabilischen Milch betrachten. Die
beiden Grundstoffe Eiweiss und Fett sind in den Organen der verschiedenen
Thierarten und in den Pflanzen mit Milchsaft in verschiedenen
Verhaeltnissen enthalten. Bei letzteren sind sie meist mit andern, beim
Genuss schaedlichen Stoffen verbunden, die sich aber vielleicht auf
chemischem Wege trennen liessen. Eine Pflanzenmilch wird nahrhaft, wenn
keine scharfen, narkotischen Stoffe mehr darin sind und statt des
Cautschucs der Kaesestoff darin ueberwiegt.

Ist der Palo de Vaca fuer uns ein Bild der unermesslichen Segensfuelle der
Natur im heissen Erdstrich, so mahnt er uns auch an die zahlreichen
Quellen, aus denen unter diesem herrlichen Himmel die traege Sorglosigkeit
des Menschen fliesst. Mungo Park hat uns mit dem *Butterbaum* in Bambarra
bekannt gemacht, der, wie Decandolle vermuthet, zu der Familie der
Sapoteen gehoert, wie unser Kuhbaum. Die Bananenbaeume, die Sagobaeume, die
Mauritien am Orinoco sind *Brodbaeume* so gut wie die Rima der Suedsee. Die
Fruechte der Crescentia und Lecythis dienen zu Gefaessen; die Blumenscheiden
mancher Palmen und Baumrinden geben Kopfbedeckungen und Kleider ohne Nath.
Die Knoten oder vielmehr die innern Faecher im Stamm der Bambus geben
Leitern und erleichtern auf tausenderlei Art den Bau einer Huette, die
Herstellung von Stuehlen, Bettstellen und anderem Geraethe, das die
werthvolle Habe des Wilden bildet. Bei einer ueppigen Vegetation mit so
unendlich mannigfaltigen Produkten bedarf es dringender Beweggruende, soll
der Mensch sich der Arbeit ergeben, sich aus seinem Halbschlummer
aufruetteln, seine Geistesfaehigkeiten entwickeln.

In Barbula baut man Cacao und Baumwolle. Wir fanden daselbst, eine
Seltenheit in diesem Lande, zwei grosse Maschinen mit Cylindern zum Trennen
der Baumwolle von den Samen; die eine wird von einem Wasserrad, die andere
durch einen Goepel und durch Maulthiere getrieben. Der Verwalter des Hofes,
der dieselben gebaut, war aus Merida. Er kannte den Weg von Nueva Valencia
ueber Guanare und Misagual nach Barinas, und von dort durch die Schlucht
Callejones zum Paramo der Mucuchies und den mit ewigem Schnee bedeckten
Gebirgen von Merida. Seine Angaben, wie viel Zeit wir von Valencia ueber
Barinas in die Sierra Nevada, und von da ueber den Hafen von Torunos und
den Rio Santo Domingo nach San Fernando am Apure brauchen wuerden, wurden
uns vom groessten Nutzen. Man hat in Europa keinen Begriff davon, wie schwer
es haelt, genaue Erkundigung in einem Lande einzuziehen, wo der Verkehr so
gering ist, und man die Entfernungen gerne zu gering angibt oder
uebertreibt, je nachdem man den Reisenden aufmuntern oder von seinem
Vorhaben abbringen moechte. Bei der Abreise von Caracas hatte ich dem
Intendanten der Provinz Gelder uebergeben; die mir von den koeniglichen
Schatzbeamten in Barinas ausbezahlt werden sollten. Ich hatte beschlossen,
das westliche Ende der Cordilleren von Neu-Grenada, wo sie in die Paramos
von Timotes und Niquitao auslaufen, zu besuchen. Ich hoerte nun in Barbula,
bei diesem Abstecher wuerden wir fuenf und dreissig Tage spaeter an den
Orinoco gelangen. Diese Verzoegerung erschien uns um so bedeutender, da man
vermuthete, die Regenzeit werde frueher als gewoehnlich eintreten. Wir
durften hoffen, in der Folge sehr viele mit ewigem Schnee bedeckte Gebirge
in Quito, Peru und Mexico besuchen zu koennen, und es schien mir desto
gerathener, den Ausflug in die Gebirge von Merida aufzugeben, da wir
besorgen mussten, dabei unsern eigentlichen Reisezweck zu verfehlen, der
darin bestand, den Punkt, wo sich der Orinoco mit dem Rio Negro und dem
Amazonenstrom verbindet, durch astronomische Beobachtungen festzustellen.
Wir gingen daher von Barbula nach Guacara zurueck, um uns von der
achtungswuerdigen Familie des Marques del Toro zu verabschieden und noch
drei Tage am Ufer des Sees zu verweilen.

Es war Fastnacht und der Jubel allgemein. Die Lustbarkeiten, _de carnes
tollendas_ genannt, arteten zuweilen ein wenig ins Rohe aus. Die einen
fuehren einen mit Wasser beladenen Esel herum, und wo ein Fenster offen
ist, begiessen sie das Zimmer mit einer Spritze; andere haben Dueten voll
Haare der Picapica oder _Dolichos pruriens_ in der Hand und blasen das
Haar, das auf der Haut ein heftiges Jucken verursacht, den Voruebergehenden
ins Gesicht.

Von Guacara gingen wir nach Nueva Valencia zurueck. Wir trafen da einige
franzoesische Ausgewanderte, die einzigen, die wir in fuenf Jahren in den
spanischen Colonien gesehen. Trotz der Blutsverwandtschaft zwischen den
koeniglichen Familien von Frankreich und Spanien durften sich nicht einmal
die franzoesischen Priester in diesen Theil der neuen Welt fluechten, wo der
Mensch so leicht Unterhalt und Obdach findet. Jenseits des Oceans boten
allein die Vereinigten Staaten dem Unglueck eine Zufluchtsstaette. Eine
Regierung, die stark, weil frei, und vertrauensvoll, weil gerecht ist,
brauchte sich nicht zu scheuen die Verbannten aufzunehmen.

Wir haben frueher versucht ueber den Zustand des Indigo-, des Baumwollen-
und Zuckerbaus in der Provinz Caracas einige bestimmte Angaben zu machen.
Ehe wir die Thaeler von Aragua und die benachbarten Kuesten verlassen, haben
wir uns nur noch mit den Cacaopflanzungen zu beschaeftigen, die von jeher
fuer die Hauptquelle des Wohlstandes dieser Gegenden galten. Die Provinz
Caracas (nicht die _Capitania general_, also mit Ausschluss der Pflanzungen
in Cumana, in der Provinz Barcelona, in Maracaybo, in Barinas und im
spanischen Guyana) erzeugte am Schluss des achtzehnten Jahrhunderts
jaehrlich 150,000 Fanegas, von denen 30,000 in der Provinz und 100,000 in
Spanien verzehrt wurden. Nimmt man die Fanega, nach dem Marktpreis zu
Cadix, nur zu 25 Piastern an, so betraegt der Gesammtwerth der Cacaoausfuhr
aus den sechs Haefen der _Capitania general_ von Caracas 4,800,000 Piaster.

Der Cacaobaum waechst gegenwaertig in den Waeldern von Terra Firma noerdlich
vom Orinoco nirgends wild; erst jenseits der Faelle von Atures und Maypures
trafen wir ihn nach und nach an. Besonders haeufig waechst er an den Ufern
des Ventuari und am obern Orinoco zwischen dem Padamo und dem Gehette. Dass
der Cacaobaum in Suedamerika nordwaerts vom sechsten Breitegrad so selten
wild vorkommt, ist fuer die Pflanzengeographie sehr interessant und war
bisher wenig bekannt. Die Erscheinung ist um so auffallender, da man nach
dem jaehrlichen Ertrag der Ernten auf den Cacaopflanzungen in Cumana, Nueva
Barcelona, Venezuela, Barinas und Maracaybo ueber 16 Millionen Baeume in
vollem Ertrag rechnet. Der wilde Cacaobaum hat sehr viele Aeste und sein
Laub ist dicht und dunkel. Er traegt eine sehr kleine Frucht, aehnlich der
Spielart, welche die alten Mexicaner *Tlalcacahuatl* nannten. In die
Conucos der Indianer am Cassiquiare und Rio Negro versetzt, behaelt der
wilde Baum mehrere Generationen die Kraft des vegetativen Lebens, die ihn
vom vierten Jahr an tragbar macht, waehrend in der Provinz Caracas die
Ernten erst mit dem sechsten, siebenten oder achten Jahr beginnen. Sie
treten im Binnenlande spaeter ein als an den Kuesten: und im Thal von Guapo.
Wir fanden am Orinoco keinen Volksstamm, der aus der Bohne des Cacaobaums
ein Getraenk bereitete. Die Wilden saugen das Mark der Huelse aus und werfen
die Samen weg, daher man dieselben oft in Menge auf ihren Lagerplaetzen
findet. Wenn auch an der Kueste der *Chorote*, ein ganz schwacher
Cacaoaufguss, fuer ein uraltes Getraenke gilt, so gibt es doch keinen
geschichtlichen Beweis dafuer, dass die Eingeborenen von Venezuela vor der
Ankunft der Spanier den Chocolat oder irgend eine Zubereitung des Cacao
gekannt haben. Wahrscheinlicher scheint mir, dass man in Caracas den
Cacaobaum nach dem Vorbild von Mexico und Guatimala angebaut hat, und dass
die in Terra Firma angesiedelten Spanier die Behandlung des Baums, der
jung im Schatten der Erythrina und des Bananenbaums aufwaechst, die
Bereitung der *Chocolate*-tafeln und den Gebrauch des Getraenks dieses
Namens durch den Verkehr mit Mexico, Guatimala und Nicaragua gelernt
haben, drei Laender, deren Einwohner von toltekischem und aztekischem
Stamme sind.

Bis zum sechzehnten Jahrhundert weichen die Reisenden in ihren Urtheilen
ueber den Chocolat sehr von einander ab. BENZONI sagt in seiner derben
Sprache, es sey ein Getraenk vielmehr "da porci, che da huomini." Der
Jesuit ACOSTA versichert, die Spanier in Amerika lieben den Chocolat mit
naerrischer Leidenschaft, man muesse aber an "das schwarze Gebraeue" gewoehnt
seyn, wenn einem nicht schon beim Anblick des Schaums, der wie die Hefe
ueber einer gaehrenden Fluessigkeit stehe, uebel werden solle. Er bemerkt
weiter: "Der Cacao ist ein Aberglauben der Mexicaner, wie der Coca ein
Aberglauben der Peruaner." Diese Urtheile erinnern an die Prophezeiung der
Frau von SEVIGNE hinsichtlich des Gebrauchs des Kaffees. HERNAN CORTEZ und
sein Page, der _gentilhombre del gran Conquistador_, dessen
Denkwuerdigkeiten RAMUSIO bekannt gemacht hat, ruehmen dagegen den Chocolat
nicht nur als ein angenehmes Getraenk, selbst wenn er kalt bereitet
wird,(63) sondern besonders als nahrhaft. "Wer eine Tasse davon getrunken
hat," sagt der Page des Hernan Cortez, "kann ohne weitere Nahrung eine
ganze Tagereise machen, besonders in sehr heissen Laendern; denn der
Chocolat ist seinem Wesen nach *kalt* und *erfrischend*." Letztere
Behauptung moechten wir nicht unterschreiben; wir werden aber bei unserer
Fahrt auf dem Orinoco und bei unsern Reisen hoch an den Cordilleren hinauf
bald Gelegenheit finden, die vortrefflichen Eigenschaften des Chocolats zu
ruehmen. Er ist gleich leicht mit sich zu fuehren und als Nahrungsmittel zu
verwenden und enthaelt in kleinem Raum viel naehrenden und reizenden Stoff.
Man sagt mit Recht, in Afrika helfen Reis, Gummi und Sheabutter dem
Menschen durch die Wuesten. In der neuen Welt haben Chocolat und Maismehl
ihm die Hochebenen der Anden und ungeheure unbewohnte Waelder zugaenglich
gemacht.

Die Cacaoernte ist ungemein veraenderlich. Der Baum treibt mit solcher
Kraft, dass sogar aus den holzigten Wurzeln, wo die Erde sie nicht bedeckt,
Bluethen spriessen. Er leidet von den Nordostwinden, wenn sie auch die
Temperatur nur um wenige Grade herabdruecken. Auch die Regen, welche nach
der Regenzeit in den Wintermonaten vom December bis Maerz unregelmaessig
eintreten, schaden dem Cacaobaum bedeutend. Es kommt nicht selten vor, dass
der Eigenthuemer einer Pflanzung von 50,000 Staemmen in einer Stunde fuer
vier bis fuenftausend Piaster Cacao einbuesst. Grosse Feuchtigkeit ist dem
Baum nur foerderlich, wenn sie allmaehlig zunimmt und lange ohne
Unterbrechung anhaelt. Wenn in der trockenen Jahreszeit die Blaetter und die
unreife Frucht in einen starken Regenguss kommen, so loest sich die Frucht
vom Stiel. Die Gefaesse, welche das Wasser einsaugen, scheinen durch
Ueberschwellung zu bersten. Ist nun die Cacaoernte aeusserst unsicher, weil
der Baum gegen schlimme Witterung so empfindlich ist und so viele Wuermer,
Insekten, Voegel, Saeugethiere [Papageien, Affen, Agoutis, Eichhoerner,
Hirsche.] die Schote fressen, hat dieser Culturzweig den Nachtheil, dass
dabei der neue Pflanzer der Fruechte seiner Arbeit erst nach acht bis zehn
Jahren geniesst und dass das Produkt schwer aufzubewahren ist, so ist
dagegen nicht zu uebersehen, dass die Cacaopflanzungen weniger Sklaven
erfordern als die meisten andern Culturen. Dieser Umstand ist von grosser
Bedeutung in einem Zeitpunkt, wo saemmtliche Voelker Europas den
grossherzigen Entschluss gefasst haben, dem Negerhandel ein Ende zu machen.
Ein Sklave versieht tausend Staemme, die im jaehrlichen Durchschnitt 12
Fanegas Cacao tragen koennen. Auf Cuba gibt allerdings eine *grosse*
Zuckerpflanzung mit 300 Schwarzen im Jahr durchschnittlich 40,000 Arrobas
Zucker, welche, die Kiste(64) zu 40 Piastern, 100,000 Piaster werth sind,
und in den Provinzen von Venezuela producirt man fuer 100,000 Piaster oder
4000 Fanegas Cacao, die Fanega zu 25 Piastern, auch nur mit 300--350
Sklaven. Die 200,000 Kisten Zucker mit 3,200,000 Arrobas, welche Cuba von
1812--1814 jaehrlich ausgefuehrt hat, haben einen Werth von 8 Millionen
Piastern und koennten mit 24,000 Sklaven hergestellt werden, *wenn die
Insel lauter grosse Pflanzungen haette*; aber dieser Annahme widerspricht
der Zustand der Colonie und die Natur der Dinge. Die Insel Cuba verwendete
im Jahr 1811 nur zur Feldarbeit 143,000 Sklaven, waehrend die _Capitania
general_ von Caracas, die jaehrlich 200,000 Fanegas Cacao oder fuer 5
Millionen Piaster producirt, wenn auch nicht ausfuehrt, in Stadt und Land
nicht mehr als 60,000 Sklaven hat. Es braucht kaum bemerkt zu werden, dass
diese Verhaeltnisse sich mit den Zucker- und Cacaopreisen aendern.

Die schoensten Cacaopflanzungen in der Provinz Caracas sind an der Kueste
zwischen Caravalleda und der Muendung des Rio Tocuyo, in den Thaelern von
Caucagua, Capaya, Curiepe und Guapo; ferner in den Thaelern von Cupira,
zwischen Cap Codera und Cap Unare, bei Aroa, Barquesimeto, Guigue und
Uritucu. Der Cacao, der an den Ufern des Urituru am Rande der Llanos, im
Gerichtsbezirk San Sebastiano de los Reyos waechst, gilt fuer den besten;
dann kommen die von Guigue, Caucagua, Capaya und Cupira. Auf dem
Handelsplatz Cadix hat der Cacao von Caracas den ersten Rang gleich nach
dem von Socomusco. Er steht meist um 30--40 Procent hoeher im Preis als der
Cacao von Guayaquil.

Erst seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts munterten die Hollaender,
im ruhigen Besitz der Insel Curacao, durch den Schleichhandel den Landbau
an den benachbarten Kuesten auf, und erst seitdem wurde der Cacao fuer die
Provinz Caracas ein Ausfuhrartikel. Was in dieser Gegend vorging, ehe im
Jahr 1728 die Gesellschaft der Biscayer aus Guipuzcoa sich daselbst
niederliess, wissen wir nicht. Wir besitzen lediglich keine genauen
statistischen Angaben und wissen nur, dass zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts aus Caracas kaum 30,000 Fanegas jaehrlich ausgefuehrt wurden.
Im Jahr 1797 war die Ausfuhr, nach den Zollregistern von Guayra, den
Schleichhandel nicht gerechnet, 70,832 Fanegas. Wegen des Schmuggels nach
Trinidad und den andern Antillen darf man kecklich ein Viertheil oder
Fuenftheil weiter rechnen. Ich glaube annehmen zu koennen, dass von
1800--1806, also im letzten Zeitpunkt, wo in den spanischen Colonien noch
innere Ruhe herrschte, der jaehrliche Ertrag der Cacaopflanzungen in der
ganzen _Capitania general_ von Caracas sich wenigstens auf 193,000 Fanegas
belief.

Die Ernten, deren jaehrlich zwei stattfinden, im Juni und im December,
fallen sehr verschieden aus, doch nicht in dem Maasse wie die Oliven- und
Weinernten in Europa. Von jenen 193,000 Fanegas fliessen 145,000 theils
ueber die Haefen der Halbinsel, theils durch den Schleichhandel nach Europa
ab. Ich glaube beweisen zu koennen (und diese Schaetzungen beruhen auf
zahlreichen einzelnen Angaben), dass Europa beim gegenwaertigen Stande
seiner Civilisation verzehrt:

+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| 23 Mill. Pfd. | Cacao zu 120 Fr. den Ctr.   |   27,600,000 | Frs.  |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
| 32 Mill. Pfd. | Thee zu 4 Fr. das Pfund     |  128,000,000 |   "   |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|140 Mill. Pfd. | Kaffee zu 114 Fr. den Ctr.  |  159,600,000 |   "   |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|450 Mill. Pfd. | Zucker zu 54 Fr. den Ctr.   |  243,000,000 |   "   |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|               |                             | ------------ |       |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+
|               |                             |  558,200,000 | Frs.  |
+---------------+-----------------------------+--------------+-------+

Von diesen vier Erzeugnissen, die seit zwei bis drei Jahrhunderten die
vornehmsten Artikel im Handel und der Produktion der Colonien geworden
sind, gehoert der erste ausschliesslich Amerika, der zweite ausschliesslich
Asien an. Ich sage ausschliesslich, denn die Cacaoausfuhr der Philippinen
ist bis jetzt so unbedeutend, wie die Versuche, die man in Brasilien, auf
Trinidad und Jamaica mit dem Theebau gemacht hat. Die vereinigten
Provinzen von Caracas liefern zwei Drittheile des Cacaos, der im
westlichen und suedlichen Europa verzehrt wird. Diess ist um so
bemerkenswerther, als es der gemeinen Annahme widerspricht; aber die
Cacaosorten von Caracas, Maracaybo und Cumana sind nicht alle von
derselben Qualitaet. Der Graf CASA-VALENCIA schaetzt den Verbrauch Spaniens
nur auf 6--7 Millionen Pfund, der ABBE HERVAS auf 9 Millionen. Wer lange
in Spanien, Italien und Frankreich gelebt hat, muss die Bemerkung gemacht
haben, dass nur im ersteren Lande Chocolat auch von den untersten
Volksklassen stark getrunken wird, und wird es schwerlich glaublich
finden, dass Spanien nur ein Drittheil des in Europa eingefuehrten Cacao
verzehren soll.

Die letzten Kriege haben fuer den Cacaohandel in Caracas weit
verderblichere Folgen gehabt als in Guayaquil. Wegen des Preisaufschlags
ist in Europa weniger Cacao von der theuersten Sorte verzehrt worden.
Frueher machte man in Spanien die gewoehnliche Chocolate aus einem Viertheil
Cacao von Caracas und drei Viertheilen Cacao von Guayaquil; jetzt nahm man
letzteren allein. Dabei ist zu bemerken, dass viel geringer Cacao, wie der
vom Maranon, vom Rio Negro, von Honduras und von der Insel Santa Lucia, im
Handel Cacao von Guayaquil heisst. Aus letzterem Hafen werden nicht ueber
60,000 Fanegas ausgefuehrt, zwei Drittheile weniger als aus den Haefen der
_Capitania general_ von Caracas.

Wenn auch die Cacaopflanzungen in den Provinzen Cumana, Barcelona und
Maracaybo sich in dem Maasse vermehrt haben, in dem sie in der Provinz
Caracas eingegangen sind, so glaubt man doch, dass dieser alte Culturzweig
im Ganzen allmaehlig abnimmt. In vielen Gegenden verdraengen der Kaffeebaum
und die Baumwollenstaude den Cacaobaum, der fuer die Ungeduld des
Landbauers viel zu spaet traegt. Man behauptet auch, die neuen Pflanzungen
geben weniger Ertrag als die alten. Die Baeume werden nicht mehr so kraeftig
und tragen spaeter und nicht so reichlich Fruechte. Auch soll der Boden
erschoepft seyn; aber nach unserer Ansicht ist vielmehr durch die
Entwicklung des Landbaus und das Urbarmachen des Landes die
Luftbeschaffenheit eine andere geworden. Ueber einem unberuehrten, mit Wald
bewachsenen Boden schwaengert sich die Luft mit Feuchtigkeit und den
Gasgemengen, die den Pflanzenwuchs befoerdern und sich bei der Zersetzung
organischer Stoffe bilden. Ist ein Land lange Zeit angebaut gewesen, so
wird das Verhaeltniss zwischen Sauerstoff und Stickstoff durchaus keins
anderes; die Grundbestandtheile der Luft bleiben dieselben; aber jene
binaeren und tertiaeren Verbindungen von Kohlenstoff, Stickstoff und
Wasserstoff, die sich aus einem unberuehrten Boden entwickeln und fuer eine
Hauptquelle der Fruchtbarkeit gelten, sind ihr nicht mehr beigemischt. Die
reinere, weniger mit Miasmen und fremdartigen Effluvien beladene Luft wird
zugleich trockener und die Spannung des Wasserdampfs nimmt merkbar ab. Auf
laengst urbar gemachtem und somit zum Cacaobau wenig geeignetem Boden,
z. B. auf den Antillen, ist die Frucht beinahe so klein wie beim wilden
Cacaobaum. An den Ufern des obern Orinoco, wenn man ueber die Llanos
hinueber ist, betritt man, wie schon bemerkt, die wahre Heimath des
Cacaobaums, und hier findet man dichte Waelder, wo auf unberuehrtem Boden,
in bestaendig feuchter Luft die Staemme mit dem vierten Jahr reiche Ernten
geben. Auf nicht erschoepftem Boden ist die Frucht durch die Cultur ueberall
groesser und weniger bitter geworden, sie reift aber auch spaeter.

Sieht man nun den Ertrag an Cacao in Terra Firma allmaehlig abnehmen, so
fragt man sich, ob in Spanien, in Italien und im uebrigen Europa auch der
Verbrauch im selben Verhaeltniss abnehmen, oder ob nicht vielmehr in Folge
des Eingehens der Cacaopflanzungen die Preise so hoch steigen werden, dass
der Landbauer zu neuen Anstrengungen aufgemuntert wird? Letzteres ist die
herrschende Ansicht bei allen, die in Caracas die Abnahme eines so alten
und so eintraeglichen Handelszweiges bedauern. Wenn einmal die Cultur
weiter gegen die feuchten Waelder im Binnenlande vorrueckt, an die Ufer des
Orinoco und des Amazonenstromes, oder in die Thaeler am Ostabhang der
Anden, so finden die neuen Ansiedler einen Boden und eine Luft, wie sie
beide dem Cacaobau angemessen sind.

Bekanntlich scheuen die Spanier im Allgemeinen den Zusatz von Vanille zum
Cacao, weil dieselbe die Nerven reize. Daher wird auch die Frucht dieser
schoenen Orchisart in der Provinz Caracas fast gar nicht beachtet. Man
koennte sie auf der feuchten, fieberreichen Kueste zwischen Porto Cabello
und Ocumare in Menge sammeln, besonders aber in Turiamo, wo die Fruechte
des _Epidendrum Vanilla_ elf bis zwoelf Zoll lang werden. Die Englaender und
Angloamerikaner suchen haeufig im Hafen von Guayra Vanille zu kaufen, und
die Handelsleute koennen sie nur mit Muehe in kleinen Quantitaeten
auftreiben. In den Thaelern, die sich von der Kuestenbergkette zum Meer der
Antillen herabziehen, in der Provinz Truxillo, wie in den Missionen in
Guyana bei den Faellen des Orinoco koennte man sehr viel Vanille sammeln,
und der Ertrag waere noch reichlicher, wenn man, wie die Mexicaner thun,
die Pflanze von Zeit zu Zeit von den Lianen saeuberte, die sie umschlingen
und ersticken.

Bei der Schilderung des gegenwaertigen Zustandes der Cacaopflanzungen in
den Provinzen von Venezuela, bei den Bemerkungen ueber den Zusammenhang
zwischen dem Ertrag der Pflanzungen und der Feuchtigkeit und Gesundheit
der Luft, haben wir der warmen, fruchtbaren Thaeler der Kuestencordillere
erwaehnt. In seiner westlichen Erstreckung, dem See Maracaybo zu, zeigt
dieser Landstrich eine sehr interessante mannigfaltige Terrainbildung. Ich
stelle am Ende dieses Kapitels zusammen, was ich ueber die Beschaffenheit
des Bodens und den Metallreichthum in den Bezirken Aroas, Barquesimeto und
Carora habe in Erfahrung bringen koennen.

Von der Sierra Nevada von Merida und den *Paramos* von Niquitao, Bocono
und las Rosas an,(65) wo der kostbare Chinabaum waechst, senkt sich die
oestliche Cordillere von Neu-Grenada so rasch, dass sie zwischen dem 9. und
10. Breitegrad nur noch eine Kette kleiner Berge bildet, an die sich im
Nordost der Altar und der Torito anschliessen und die die Nebenfluesse des
Rio Apure und des Orinoco von den zahlreichen Gewaessern scheiden, die
entweder in das Meer der Antillen oder in den See Maracaybo fallen. Auf
dieser Wasserscheide stehen die Staedte Nirgua, San Felipe el Fuerte,
Barquesimeto und Tocuyo. In den drei ersteren ist es sehr heiss, in Tocuyo
dagegen bedeutend kuehl, und man hoert mit Ueberraschung, dass unter einem so
herrlichen Himmel die Menschen grosse Neigung zum Selbstmord haben. Gegen
Sueden erhebt sich der Boden, denn Truxillo, der See Urao, aus dem man
kohlensaures Natron gewinnt, und la Grita, ostwaerts von der Cordillere,
liegen schon in 400--500 Toisen Hoehe.

Beobachtet man, in welchem constanten Verhaeltnisse die Urgebirgsschichten
der Kuestencordillere fallen, so sieht man sich auf eine der Ursachen
hingewiesen, welche den Landstrich zwischen der Cordillere und dem Meer so
ungemein feucht machen. Die Schichten fallen meist nach Nordwest, so dass
die Gewaesser nach dieser Richtung ueber die Gesteinsbaenke laufen und, wie
schon oben bemerkt, die Menge Baeche und Fluesse bilden, deren
Ueberschwemmungen vom Cap Codera bis zum See Maracaybo das Land so
ungesund machen.

Neben den Gewaessern, die in der Richtung nach Nordost an die Kueste von
Porto Cabello und zur Punta de Hicacos herabkommen, sind die bedeutendsten
der Tocuyo, der Aroa und der Yaracuy. Ohne die Miasmen, welche die Luft
verpesten, waren die Thaeler des Aroa und des Yaracuy vielleicht staerker
bevoelkert als die Thaeler von Aragua. Durch die schiffbaren Fluesse hatten
jene sogar den Vortheil, dass sie ihre eigenen Zucker- und Cacaoernten, wie
die Produkte der benachbarten Bezirke, den Weizen von Quibor, das Vieh von
Monai und das Kupfer von Aroa, leichter ausfuehren koennten. Die Gruben, wo
man dieses Kupfer gewinnt, liegen in einem Seitenthal, das in das Aroathal
muendet und nicht so heiss und ungesund ist als die Thalschluchten naher am
Meer. In diesen letzteren haben die Indianer Goldwaeschereien, und im
Gebirge kommen dort reiche Kupfererze vor, die man noch nicht auszubeuten
versucht hat. Die alten, laengst in Abgang gekommenen Gruben von Aroa
wurden auf den Betrieb Don Antonios Henriquez, den wir in San Fernando am
Apure trafen, wieder aufgenommen. Nach den Notizen, die er mir gegeben,
scheint die Lagerstaette des Erzes eine Art Stockwerk zu seyn, das aus
mehreren kleinen Gaengen besteht, die sich nach allen Richtungen kreuzen.
Das Stockwerk ist stellenweise zwei bis drei Toisen dick. Der Gruben sind
drei, und in allen wird von Sklaven gearbeitet. Die groesste, die Biscayna,
hat nur dreissig Bergleute, und die Gesammtzahl der mit der Foerderung und
dem Schmelzen des Erzes beschaeftigten Sklaven betraegt nur 60--70. Da der
Schacht nur dreissig Toisen tief ist, so koennen, der Wasser wegen, die
reichsten Strecken des Stockwerks, die darunter liegen, nicht abgebaut
werden. Man hat bis jetzt nicht daran gedacht, Schoepfraeder aufzustellen.
Die Gesammtausbeute an gediegenem Kupfer betraegt jaehrlich 1200--1500
Centner. Das Kupfer, in Cadix als Caracaskupfer bekannt, ist ausgezeichnet
gut; man zieht es sogar dem schwedischen und dem Kupfer von Coquimbo in
Chili vor. Das Kupfer von Aroa wird zum Theil an Ort und Stelle zum
Glockenguss verwendet. In neuester Zeit ist zwischen Aroa und Nirgua bei
Guanita im Berge San Pablo einiges Silbererz entdeckt worden. Goldkoerner
kommen ueberall im Gebirgslande zwischen dem Rio Yaracuy, der Stadt San
Felipe, Nirgua und Barquesimeto vor, besonders aber im Flusse Santa Cruz,
in dem die indianischen Goldwaescher zuweilen Geschiebe von vier bis fuenf
Piastern Werth finden. Kommen im anstehenden Glimmerschiefer- und
Gneissgestein wirkliche Gaenge vor, oder ist das Gold auch hier, wie im
Granit von Guadarama in Spanien und im Fichtelgebirg in Franken, durch die
ganze Gebirgsart zerstreut? Das durchsickernde Wasser mag die zerstreuten
Goldblaettchen zusammenschwemmen, und in diesem Fall waeren alle
Bergbauversuche fruchtlos. In der _Savana de la Miel_ bei der Stadt
Barquesimeto hat man im schwarzen, glaenzenden, dem Bergpech (_Ampelite_)
aehnlichen Schiefer einen Schacht niedergetrieben. Die Mineralien, die man
daraus zu Tage gefoerdert, und die man mir nach Caracas geschickt, waren
Quarz, *nicht goldhaltige* Schwefelkiese und in Nadeln mit Seidenglanz
crystallisirtes kohlensaures Blei.

In der ersten Zeit nach der Eroberung begann man trotz der Einfaelle des
kriegerischen Stammes der Giraharas die Gruben von Nirgua und Buria
auszubeuten. Im selben Bezirk veranlasste im Jahr 1553 die Menge der
Negersklaven einen Vorfall, der, so wenig er an sich zu bedeuten hatte,
dadurch interessant wird, dass er mit den Ereignissen, die sich unter
unsern Augen auf St. Domingo begeben haben, Aehnlichkeit hat. Ein
Negersklave stiftete unter den Grubenarbeitern von San Felipe de Buria
einen Aufstand an, zog sich in die Waelder und gruendete mit zweihundert
Genossen einen Flecken, in dem er zum Koenig ausgerufen wurde. Miguel, der
neue Koenig, liebte Prunk und Feierlichkeit; sein Weib *Guiomar* liess er
Koenigin nennen; er ernannte, wie OVIEDO erzaehlt, Minister, Staatsraethe,
Beamte der _Casa real_, sogar einen schwarzen Bischof. Nicht lange, so war
er keck genug, die benachbarte Stadt Nueva Segovia de Barquesimeto
anzugreifen; er wurde aber von Diego de Losada zurueckgeschlagen und kam im
Handgemenge um. Diesem afrikanischen Koenigreich folgte in Nirgua ein
Freistaat der *Zambos*, das heisst der Abkoemmlinge von Negern und
Indianern. Der ganze Gemeinderath, der *Cabildo*, besteht aus Farbigen,
die der KOeNIG VON SPANIEN als seine "lieben und getreuen Unterthanen, die
Zambos von Nirgua," anredete. Nur wenige weisse Familien moegen in einem
Lande leben, wo ein mit ihren Anspruechen so wenig vertraegliches Regiment
herrscht, und die kleine Stadt heisst spottweise _la republica de Zambos y
Mulatos_. Es ist eben so unklug, die Regierung einer einzelnen Kaste zu
ueberlassen, als sie ihrer natuerlichen Rechte zu berauben und ihr dadurch
eine Einzelnstellung zu geben.

Wenn in den wegen ihres vortrefflichen Bauholzes beruehmten Thaelern des
Aroa, Yaracuy und Tocuyo der ueppige Pflanzenwuchs und die grosse
Feuchtigkeit der Luft so viele Fieber erzeugen, so verhaelt es sich mit den
Savanen oder Llanos von Monai und Caroro ganz anders. Diese Llanos sind
durch das Gebirgsland von Tocuyo und Nirgua von den grossen *Ebenen an der
Portugueza und bei Calabozo* getrennt. Duerre Savanen, auf denen Miasmen
herrschen, sind eine sehr auffallende Erscheinung. Sumpfboden kommt
daselbst keiner vor, wohl aber mehrere Erscheinungen, die auf die
Entbindung von Wasserstoffgas hindeuten.(66) Wenn man Reisende, welche mit
den brennbaren Schwaden unbekannt sind, in die Hoehle _del Serrito de
Monai_ fuehrt, so erschreckt man sie durch Anzuenden des Gasgemenges, das
sich im obern Theil der Hoehle fortwaehrend ansammelt. Soll man annehmen,
dass die ungesunde Luft hier dieselbe Quelle hat, wie auf der Ebene
zwischen Tivoli und Rom, Entwicklung von Schwefelwasserstoff?(67)
Vielleicht aeussert auch das Gebirgsland neben den Llanos von Monai einen
unguenstigen Einfluss auf die anstossenden Ebenen. Suedostwinde moegen die
faulen Effluvien herfuehren, die sich aus der Schlucht Villegas und Sienega
de Cabra zwischen Carora und Carache entwickeln. Ich stelle absichtlich
Alles zusammen, was auf die Ungesundheit der Luft Bezug haben mag; denn
auf einem so dunkeln Gebiete kann man nur durch Vergleichung zahlreicher
Beobachtungen hoffen das wahre Sachverhaeltniss zu ermitteln.

Die duerren und doch so fieberreichen Savanen zwischen Barquesimeto und dem
oestlichen Ufer des Sees Maracaybo sind zum Theil mit Fackeldisteln
bewachsen; aber die gute Bergcochenille, die unter dem unbestimmten Namen
_Grana de Carora_ bekannt ist, kommt aus einem gemaessigteren Landstrich
zwischen Carora und Truxillo, besonders aber aus dem Thal des Rio Mucuju,
oestlich von Merida. Die Einwohner geben sich mit diesem im Handel so stark
gesuchten Produkt gar nicht ab.

                            ------------------





_   51 Carnes tollendas;_ _Bombax hibiscifolius_

   52 Da einigermassen richtige Begriffe ueber die astronomische Lage und
      die Entfernungen der Orte in den spanischen Colonien zuerst und
      lange Zeit allein durch Seeleute sich verbreiteten, so wurde in
      Mexico und in Suedamerika urspruenglich die _legua nautica_ von 6650
      Varas oder 2854 Toisen (20 Meilen auf den Grad) eingefuehrt; aber
      diese "Seemeile" wurde allmaelig um die Haelfte oder um ein Drittheil
      verkuerzt, weil man in den Hochgebirgen, wie auf den duerren, heissen
      Ebenen sehr langsam reist. Das Volk rechnet unmittelbar nur nach der
      Zeit und schliesst aus der Zeit, nach willkuerlichen Voraussetzungen,
      auf die Laenge der zurueckgelegten Strecke.

   53 DEPONS, in seiner "_Reise nach Terra Firma_": "Bei der unbedeutenden
      Oberflaeche des Sees (er misst uebrigens 106,500,000 Quadrattoisen)
      laesst sich unmoeglich annehmen, dass die Verdunstung allein, so stark
      sie auch unter den Tropen seyn mag, so viel Wasser wegschaffen kann,
      als die Fluesse hereinbringen." In der Folge scheint aber der
      Verfasser selbst wieder "diese geheime Ursache, die Hypothese von
      einem Abzugsloch" aufzugeben.

   54 KARL RITTER, _Erdkunde_ Bd. I.

   55 S. Bd. I. Seite 316.

   56 Auf dem alten Continent kommen in Portugal und am Cantal in den
      Pyrenaeen eben so reine Wasser aus dem Granit. Die Pisciarelli des
      Agnanosees in Italien sind 93 deg. heiss. Sind etwa diese reinen Wasser
      verdichtete Daempfe?

   57 Eigenthuemer einer _Pulperia_ einer kleinen Bude, in der man Esswaaren
      und Getraenke feil hat.

   58 Saemmtliche _Carolinea princeps_ in Schoenbrunn stammen aus Samen, die
      Bose und Bredemeyer von Einem ungeheuer dicken Baum bei Chacao,
      oestlich von Caracas, genommen.

   59 Ein Tablon, gleich 1849 Quadrat-Toisen, entspricht etwa 1-1/5
      Morgen.

_   60 Essai politique sur la nouvelle Espagne_ T. I. p. 23, T. II. p.
      689.

   61 Nach diesen drei grossen Familien kommen die _Papaveraceae_,
      _Chicoraceae_, _Lobeliaceae_, _Campanulaceae_, _Sapoteae_ und
      _Cucurbitaceae_. Die Blausaeure ist der Gruppe der _Rosaceae
      amygdalaceae_ eigenthuemlich. Bei den Monocotyledonen kommt kein
      Milchsaft vor, aber die Fruchthuelle der Palmen, die so suesse und
      angenehme Emulsionen gibt, enthaelt ohne Zweifel Kaesestoff. Was ist
      die Milch der Pilze?

   62 Diese Klebrigkeit bemerkt man auch an der frischen Milch des
      Kuhbaums. Sie ruehrt ohne Zweifel daher, dass das Cautschuc sich noch
      nicht abgesetzt hat und Eine Masse mit dem Eiweiss und dem Kaesestoff
      bildet, wie in der thierischen Milch die Butter und der Kaesestoff.
      Der Saft eines Gewaechses aus der Familie der Euphorbien, des _Sapium
      aucuparia_ der auch Cautschuc enthaelt, ist so klebrig, dass man
      Papagaien damit faengt.

   63 Der Pater GILI hat aus zwei Stellen bei TORQUEMADA (_Monarquia
      Indiana_) buendig dargethan, dass die Mexicaner den Aufguss *kalt*
      machten, und dass erst die Spanier den Brauch einfuehrten, die
      Cacaomasse im Wasser zu sieden.

   64 Eine Kiste (_caxa_) wiegt 151/2--16 Arrobas, die Arroba zu 23
      spanischen Pfunden.

   65 Wir wissen aus dem Munde vieler reisenden Moenche, dass der kleine
      *Paramo de las Rosas*, der in mehr als 1600 Toisen Meereshoehe zu
      liegen scheint, mit Rosmarin und rothen und weissen europaeischen
      Rosen, die hier verwildert sind, bewachsen ist. Man pflueckt die
      Rosen, um bei Kirchenfesten die Altaere in den benachbarten Doerfern
      damit zu schmuecken. Durch welchen Zufall ist unsere
      hundertblaetterige Rose hier verwildert, da wir sie doch in den Anden
      von Quito und Peru nirgends angetroffen haben? Ist es auch wirklich
      unsere Gartenrose? (S. Bd. II. Seite 174).

   66 Was ist die unter dem Namen _Farol_ (Laterne) _de Maracaybo_
      bekannte Lichterscheinung, die man jede Nacht auf der See wie im
      innern Lande sieht, z. B. in Merida, wo PALACIOS dieselbe zwei Jahre
      lang beobachtet hat? Der Umstand, dass man das Licht ueber 40 Meilen
      weit sieht, hat zu der Vermuthung gefuehrt, es koennte daher ruehren,
      dass in einer Bergschlucht sich jeden Tag ein Gewitter entlade. Man
      soll auch donnern hoeren, wenn man dem *Farol* nahe kommt. Andere
      sprechen in unbestimmtem Ausdruck von einem Luftvulkan; aus
      asphalthaltigem Erdreich, aehnlich dem bei Mena, sollen brennbare
      Duenste aufsteigen und daher bestaendig sichtbar seyn. Der Ort, wo
      sich die Erscheinung zeigt, ist ein unbewohntes Gebirgsland am Rio
      Catatumbo, nicht weit von seiner Vereinigung mit dem Rio Sulia. Der
      Farol liegt fast ganz im Meridian der Einfahrt (_boca_) in den See
      von Maracaybo, so dass die Steuerleute sich nach ihm richten, wie
      nach einem Leuchtfeuer.

   67 DON CARLOS DE POZO fand in diesem Bezirk, _Quebrada de Moroturo_
      eine Schichte schwarzer Thonerde, welche stark abfaerbt, stark nach
      Schwefel riecht und sich von selbst entzuendet, wenn man sie, leicht
      befeuchtet, lange den Strahlen der tropischen Sonne aussetzt; diese
      schlammigte Materie verpufft sehr heftig.





SIEBZEHNTES KAPITEL.


        Gebirge zwischen den Thaelern von Aragua und den Llanos von
    Caracas. -- Villa de Cura. -- Parapara. -- Llanos oder Steppen. --
                                Calabozo.


Die Bergkette, welche den See von Tacarigua oder Valencia im Sueden
begrenzt, bildet gleichsam das noerdliche Ufer des grossen Beckens der
Llanos oder Savanen von Caracas. Aus den Thaelern von Aragua kommt man in
die Savanen ueber die Berge von Guigue und Tucutunemo. Aus einer
bevoelkerten, durch Anbau geschmueckten Landschaft gelangt man in eine weite
Einoede. An Felsen und schattige Thaeler gewoehnt, sieht der Reisende mit
Befremden diese baumlosen Savanen vor sich, diese unermesslichen Ebenen,
die gegen den Horizont aufzusteigen scheinen.

Ehe ich die Llanos oder die Region der Weiden schildere, beschreibe ich
kuerzlich unsern Weg von Nueva Valencia durch Villa de Cura und San Juan
zum kleinen, am Eingang der Steppen gelegenen Dorfe Ortiz. Am 6. Maerz, vor
Sonnenaufgang, verliessen wir die Thaeler von Aragua. Wir zogen durch eine
gut angebaute Ebene, laengs dem suedwestlichen Gestade des Sees von
Valencia, ueber einen Boden, von dem sich die Gewaesser des Sees
zurueckgezogen. Die Fruchtbarkeit des mit Calebassen, Wassermelonen und
Bananen bedeckten Landes setzte uns in Erstaunen. Den Aufgang der Sonne
verkuendete der ferne Laerm der Bruellaffen. Vor einer Baumgruppe, mitten in
der Ebene zwischen den ehemaligen Eilanden Don Pedro und Negra, gewahrten
wir zahlreiche Banden der schon oben beschriebenen _Simia ursina_
(_Araguate_), die wie in Procession aeusserst langsam von Baum zu Baum
zogen. Hinter einem maennlichen Thier kamen viele weibliche, deren mehrere
ihre Jungen auf den Schultern trugen. Die Bruellaffen, welche in
verschiedenen Strichen Amerikas in grossen Gesellschaften leben, sind
vielfach beschrieben. In der Lebensweise kommen sie alle ueberein, es sind
aber nicht ueberall dieselben Arten. Wahrhaft erstaunlich ist die
Einfoermigkeit in den Bewegungen dieser Affen. So oft die Zweige
benachbarter Baeume nicht zusammenreichen, haengt sich das Maennchen an der
Spitze des Trupps mit dem zum Fassen bestimmten schwieligen Theil seines
Schwanzes auf, laesst den Koerper frei schweben und schwingt denselben hin
und her, bis es den naechsten Ast packen kann. Der ganze Zug macht sofort
an derselben Stelle dieselbe Bewegung. ULLOA und viele gut unterrichtete
Reisende behaupten, die Marimondas [_Simia Belzebuth_], Araguaten und
andere Affen mit Wickelschwaenzen bilden eine Art Kette, wenn sie von einem
Flussufer zum andern gelangen wollen; ich brauche kaum zu bemerken, dass
eine solche Behauptung sehr weit geht. Wir haben in fuenf Jahren
Gelegenheit gehabt, Tausende dieser Thiere zu beobachten, und eben desshalb
glaubten wir nicht an Geschichten, die vielleicht nur von Europaeern
erfunden sind, wenn auch die Indianer in den Missionen sie nachsagen, als
ob es Ueberlieferungen ihrer Vaeter waeren. Auch der roheste Mensch findet
einen Genuss darin, durch Berichte von den Wundern seines Landes den
Fremden in Erstaunen zu setzen. Er will selbst gesehen haben, was nach
seiner Vorstellung Andere gesehen haben koennten. Jeder Wilde ist ein
Jaeger, und die Geschichten der Jaeger werden desto phantastischer, je hoeher
die Thiere, von deren Listen sie zu erzaehlen wissen, in geistiger
Beziehung wirklich stehen. Diess ist die Quelle der Maehrchen, welche in
beiden Hemisphaeren vom Fuchs und vom Affen, vom Raben und vom Condor der
Anden im Schwange gehen.

Die Araguaten sollen, wenn sie von indianischen Jaegern verfolgt werden,
zuweilen ihre Jungen im Stiche lassen, um sich auf der Flucht zu
erleichtern. Man will gesehen haben, wie Affenmuetter das Junge von der
Schulter rissen und es vom Baum warfen. Ich glaube aber, man hat hier eine
rein zufaellige Bewegung fuer eine absichtliche genommen. Die Indianer sehen
gewisse Affengeschlechter mit Abneigung oder mit Vorliebe an; den
Viuditas, den Titis, ueberhaupt allen kleinen Sagoins sind sie gewogen,
waehrend die Araguaten wegen ihres truebseligen Aeussern und ihres
einfoermigen Gebruells gehasst und dazu verleumdet werden. Wenn ich darueber
nachdachte, durch welche Ursachen die Fortpflanzung des Schalls durch die
Luft zur Nachtzeit befoerdert werden mag, schien es mir nicht unwichtig,
genau zu bestimmen, in welchem Abstand. namentlich bei nasser, stuermischer
Witterung, das Geheul eines Trupps Araguaten zu vernehmen ist. Ich glaube
gefunden zu haben, dass man es noch in 800 Toisen Entfernung hoert. Die
Affen mit ihren vier Haenden koennen keine Streifzuege in die Llanos machen,
und mitten auf den weiten, mit Gras bewachsenen Ebenen unterscheidet man
leicht eine vereinzelte Baumgruppe, die von Bruellaffen bewohnt ist und von
welcher der Schall herkommt. Wenn man nun auf diese Baumgruppe zugeht oder
sich davon entfernt, so misst man das Maximum des Abstandes, in dem das
Geheul noch vernehmbar ist. Diese Abstaende schienen mir einigemale bei
Nacht um ein Drittheil groesser, namentlich bei bedecktem Himmel und sehr
warmem, feuchtem Wetter.

Die Indianer versichern, wenn die Araguaten den Wald mit ihrem Geheul
erfuellen, so haben sie immer einen Vorsaenger. Die Bemerkung ist nicht
unrichtig. Man hoert meistens, lange fort, eine einzelne staerkere Stimme,
worauf eine andere von verschiedenem Tonfall sie abloest. Denselben
Nachahmungstrieb bemerken wir zuweilen auch bei uns bei den Froeschen, und
fast bei allen Thieren, die in Gesellschaft leben und sich hoeren lassen.
Noch mehr, die Missionaere versichern, wenn bei den Araguaten ein Weibchen
im Begriffe sey zu werfen, so unterbreche der Chor sein Geheul, bis das
Junge zur Welt gekommen sey. Ob etwas Wahres hieran ist, habe ich nicht
selbst ausmachen koennen, ganz grundlos scheint es aber allerdings nicht zu
seyn. Ich habe beobachtet, dass das Geheul einige Minuten aufhoert, so oft
ein ungewoehnlicher Vorfall, zum Beispiel das Aechzen eines verwundeten
Araguate, die Aufmerksamkeit des Trupps in Anspruch nimmt. Unsere Fuehrer
versicherten uns allen Ernstes, ein bewaehrtes Heilmittel gegen kurzen
Athem sey, aus der knoechernen Trommel am Zungenbein des Araguate zu
trinken. "Da dieses Thier eine so ausserordentlich starke Stimme hat, so
muss dem Wasser, das man in seinen Kehlkopf giesst, nothwendig die Kraft
zukommen, Krankheiten der Lungen zu heilen." Diess ist Volksphysik, die
nicht selten an die der Alten erinnert.

Wir uebernachteten im Dorfe Guigue, dessen Breite ich durch Beobachtungen
des Canopus gleich 10 deg. 4{~PRIME~} 11{~DOUBLE PRIME~} fand. Dieses Dorf auf trefflich angebautem
Boden liegt nur tausend Toisen vom See Tacarigua. Wir wohnten bei einem
alten Sergeanten, aus Murcia gebuertig, einem hoechst originellen Mann. Um
uns zu beweisen, dass er bei den Jesuiten erzogen worden, sagte er uns die
Geschichte von der Erschaffung der Welt lateinisch her. Er kannte die
Namen August, Tiber, und Diocletian. Bei der angenehmen Nachtkuehle in
einem Bananengehege beschaeftigte er sich lebhaft mit Allem, was am Hof der
roemischen Kaiser vorgefallen war. Er bat uns dringend um Mittel gegen die
Gicht, die ihn grausam plagte. "Ich weiss wohl," sagte er, "dass ein *Zambo*
aus Valencia, ein gewaltiger "Curioso," mich heilen kann; aber der Zambo
macht auf eine Behandlung Anspruch, die einem Menschen von seiner Farbe
nicht gebuehrt, und so bleibe ich lieber, wie ich bin."

Von Guigue an fuehrt der Weg aufwaerts zur Bergkette, welche im Sueden des
Sees gegen Guacimo und la Palma hinstreicht. Von einem Plateau herab, das
320 Toisen hoch liegt, sahen wir zum letztenmale die Thaeler von Aragua.
Der Gneiss kam zu Tage; er zeigte dieselbe Streichung der Schichten,
denselben Fall nach Nordwest. Quarzadern im Gneiss sind goldhaltig; eine
benachbarte Schlucht heisst daher Quebrada del Oro. Seltsamerweise begegnet
man auf jedem Schritt dem vornehmen Namen "Goldschlucht" in einem Lande,
wo ein einziges Kupferbergwerk im Betrieb ist. Wir legten fuenf Meilen bis
zum Dorfe Maria Magdalena zurueck, und weitere zwei zur Villa de Cura. Es
war Sonntag. Im Dorfe Maria Magdalena waren die Einwohner vor der Kirche
versammelt. Man wollte unsere Maulthiertreiber zwingen anzuhalten und die
Messe zu hoeren. Wir ergaben uns darein; aber nach langem Wortwechsel
setzten die Maulthiertreiber ihren Weg fort. Ich bemerke hier, dass diess
das einzigemal war, wo wir einen Streit solcher Art bekamen. Man macht
sich in Europa ganz falsche Begriffe von der Unduldsamkeit und selbst vom
Glaubenseifer der spanischen Colonisten.

San Luis de Cura, oder, wie es gemeiniglich heisst, Villa de Cura liegt in
einem sehr duerren Thale, das von Nordwest nach Suedost streicht und nach
meinen barometrischen Beobachtungen eine Meereshoehe von 266 Toisen hat.
Ausser einigen Fruchtbaeumen hat das Land fast gar keinen Pflanzenwuchs. Das
Plateau ist desto duerrer, da mehrere Gewaesser -- ein ziemlich seltener
Fall im Urgebirge -- sich auf Spalten im Boden verlieren. Der Rio de las
Minas, nordwaerts von Villa de Cura, verschwindet im Gestein, kommt wieder
zu Tage und wird noch einmal unterirdisch, ohne den See von Valencia zu
erreichen, auf den er zulaeuft. Cura gleicht vielmehr einem Dorfe als einer
Stadt. Die Bevoelkerung betraegt nicht mehr als 4000 Seelen, aber wir fanden
daselbst mehrere Leute von bedeutender geistiger Bildung. Wir wohnten bei
einer Familie, welche nach der Revolution von Caracas i. J. 1797 von der
Regierung verfolgt worden war. Einer der Soehne war nach langer
Gefangenschaft nach der Havana gebracht worden, wo er in einem festen
Schlosse sass. Wie freute sich die Mutter, als sie hoerte, dass wir auf dem
Rueckweg vom Orinoco nach der Havana kommen wuerden! Sie uebergab mir fuenf
Piaster, "all ihr Erspartes." Gern haette ich sie ihr zurueckgegeben, aber
wie haette ich mich nicht scheuen sollen, ihr Zartgefuehl zu verletzen,
einer Mutter wehe zu thun, die in den Entbehrungen, die sie sich
auferlegt, sich gluecklich fuehlt! Die ganze Gesellschaft der Stadt fand
sich Abends zusammen, um in einem Guckkasten die Ansichten der grossen
europaeischen Staedte zu bewundern. Wir bekamen die Tuilerien zu sehen und
das Standbild des grossen Kurfuersten in Berlin. Es ist ein eigenes Gefuehl,
seine Vaterstadt, zweitausend Meilen von ihr entfernt, in einem Guckkasten
zu erblicken.

Ein Apotheker, der durch den unseligen Hang zu bergmaennischen
Unternehmungen heruntergekommen war, begleitete uns zum Serro de Chacao,
der an goldhaltigen Kiesen sehr reich ist. Der Weg laeuft immer am
suedlichen Abhang der Kuestencordillere hinab, in welcher die Ebenen von
Aragua ein Laengenthal bilden. Die Nacht des 11. brachten wir zum Theil im
Dorfe San Juan zu, bekannt wegen seiner warmen Quellen und der sonderbaren
Gestalt zweier benachbarten Berge, der sogenannten *Morros de San Juan*.
Diese Kuppen bilden steile Gipfel, die sich auf einer Felsmauer von sehr
breiter Basis erheben. Die Mauer faellt steil ab und gleicht der
*Teufelsmauer*, die um einen Strich des Harzgebirges herlaeuft. Diese
Kuppen sieht man sehr weit in den Llanos, sie machen starken Eindruck auf
die Einbildungskraft der Bewohner der Ebenen, die an gar keine Unebenheit
des Bodens gewoehnt sind, und so kommt es, dass ihre Hoehe im Lande gewaltig
ueberschaetzt wird. Sie sollten, wie man uns gesagt, mitten in den Steppen
liegen, waehrend sie sich am noerdlichen Saume derselben befinden, weit
jenseits einer Huegelkette, die la Galera heisst. Nach Winkeln, die im
Abstand von zwei Seemeilen genommen worden, erheben sich die Kuppen nicht
mehr als 156 Toisen ueber dem Dorf San Juan und 350 ueber dem Meer. Die
warmen Quellen entspringen am Fuss der Kuppen, die aus Uebergangskalkstein
bestehen; sie sind mit Schwefelwasserstoff geschwaengert, wie die Wasser
von Mariara, und bilden einen kleinen Teich oder eine Lagune, in der ich
den Thermometer nur auf 31 deg.,3 steigen sah.

In der Nacht vom 9. zum 10. Maerz fand ich durch sehr befriedigende
Sternbeobachtungen die Breite von Villa de Cura 10 deg., 2{~PRIME~} 47{~DOUBLE PRIME~}. Die
spanischen Officiere, welche im Jahr 1755 bei der Grenzexpedition mit
astronomischen Instrumenten an den Orinoco gekommen sind, koennen zu Cura
nicht beobachtet haben, denn die Karte von CAULIN und die von CRUZ
OLMEDILLA setzen diese Stadt einen Viertelsgrad zu weit suedwaerts.

Villa de Cura ist im Lande beruehmt wegen eines wunderthaetigen
Marienbildes, das Nuestra Sennora de los Valencianos genannt wird. Dieses
Bild, das um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von einem Indianer in
einer Schlucht gefunden wurde, gab Anlass zu einem Rechtshandel zwischen
den Staedten Cura und San Sebastiano de los Reyes. Die Geistlichen der
letzteren Stadt behaupteten, die h. Jungfrau sey zuerst in ihrem Sprengel
erschienen. Der Bischof von Caracas, dem langen aergerlichen Streite ein
Ende zu machen, liess das Bild in das bischoefliche Archiv schaffen und
behielt es daselbst dreissig Jahre unter Siegel: es wurde den Einwohnern
von Cura erst i. J. 1802 zurueckgegeben. DEPONS gibt umstaendliche Nachricht
von diesem seltsamen Handel.

Nachdem wir im kleinen Fluss St. Juan aus einem Bette von basaltischem
Gruenstein, in frischem, klarem Wasser gebadet, setzten wir um zwei Uhr in
der Nacht unsern Weg ueber Ortiz und Parapara nach *Mesa de Paja* fort. Die
Llanos waren damals durch Raubgesindel unsicher, wesshalb sich mehrere
Reisende an uns anschlossen, so dass wir eine Art Caravane bildeten. Sechs
bis sieben Stunden lang ging es fortwaehrend abwaerts; wir kamen am Cerro de
Flores vorbei, wo die Strasse zum grossen Dorfe San Jose de Tisnao abgeht.
An den Hoefen Luque und Juncalito vorueber gelangt man in die Gruende, die
wegen des schlechten Wegs und der blauen Farbe der Schiefer Malpasso und
Piedras Azules heissen. Wir standen hier auf dem alten Gestade des grossen
Beckens der Steppen, auf einem geologisch interessanten Boden.

Der suedliche Abhang der Kuestencordillere ist ziemlich steil, da die
Steppen nach meinen barometrischen Messungen tausend Fuss tiefer liegen als
der Boden des Beckens von Aragua. Vom weiten Plateau von Villa de Cura
kamen wir herab an das Ufer des Rio Tucutunemo, der sich ins
Serpentingestein ein von Ost nach West streichendes Laengenthal gegraben
hat, ungefaehr im Niveau von la Victoria. Von da fuehrte uns ein Querthal
ueber die Doerfer Parapara und Ortiz in die Llanos. Dieses Thal streicht im
Ganzen von Nord nach Sued und verengt sich an mehreren Stellen. Becken mit
voellig wagrechtem Boden stehen durch schmale, abschuessige Schluchten mit
einander in Verbindung. Es waren diess einst ohne Zweifel kleine Seen, und
durch Aufstauung der Gewaesser oder durch eine noch gewaltsamere
Katastrophe sind die Daemme zwischen den Wasserbecken durchbrochen worden.
Diese Erscheinung kommt gleichzeitig in beiden Continenten vor, ueberall wo
Laengenthaeler Paesse ueber die Anden, die Alpen, die Pyrenaeen bilden.(68)
Wahrscheinlich ruehrt die ruinenhafte Gestalt der Kappen von San Juan und
San Sebastiano von den gewaltigen Schwemmungen her, die beim Ausbruch der
Gewaesser gegen die Llanos erfolgten.

Bei der *Mesa de Paja*, unter dem 9. Grad der Breite, betraten wir das
Becken der Llanos. Die Sonne stand beinahe im Zenith; der Boden zeigte
ueberall, wo er von Vegetation entbloest war, eine Temperatur von 48--50 deg..
In der Hoehe, in der wir uns auf unsern Maulthieren befanden, war kein
Lufthauch zu spueren; aber in dieser scheinbaren Ruhe erhoben sich
fortwaehrend kleine Staubwirbel in Folge der Luftstroemungen, die dicht am
Boden durch die Temperaturunterschiede zwischen dem nackten Sand und den
mit Gras bewachsenen Flecken hervorgebracht werden. Diese "Sandwinde"
steigern die erstickende Hitze der Luft. Jedes Quarzkorn, weil es waermer
ist als die umgebende Luft, strahlt ringsum Waerme aus, und es haelt schwer
die Lufttemperatur zu beobachten, ohne dass Sandtheilchen gegen die Kugel
des Thermometers getrieben werden. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel
anzusteigen, und die weite unermessliche Einoede stellte sich unsern Blicken
als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar. Da die Dunstmassen in
der Luft ungleich vertheilt waren, und die Temperaturabnahme in den
uebereinandergelagerten Luftschichtens keine gleichfoermige ist, so zeigte
sich der Horizont in gewissen Richtungen hell und scharf begrenzt, in
andern wellenfoermig auf- und abgebogen und wie gestreift. Erde und Himmel
schmolzen dort in einander. Durch den trockenen Nebel und die
Dunstschichten gewahrte man in der Ferne Staemme von Palmbaeumen. Ihrer
gruenenden Wipfel beraubt, erschienen diese Staemme wie Schiffsmasten, die
am Horizont auftauchen.

Der einfoermige Anblick dieser Steppen hat etwas Grossartiges, aber auch
etwas Trauriges und Niederschlagendes. Es ist als ob die ganze Natur
erstarrt waere; kaum dass hin und wieder der Schatten einer kleinen Wolke,
die durchs Zenith eilend die nahende Regenzeit verkuendet, auf die Savane
faellt. Der erste Anblick der Llanos ueberrascht vielleicht nicht weniger
als der der Andeskette. Alle Gebirgslaender, welches auch die absolute Hoehe
ihrer hoechsten Gipfel seyn mag, haben eine gemeinsame Physiognomie; aber
nur schwer gewoehnt man sich an den Anblick der Llanos von Venezuela und
Casanare, der Pampas von Buenos Ayres und Chaco, die bestaendig, zwanzig,
dreissig Tagereisen lang, ein Bild der Meeresflaeche bieten. Ich kannte die
Ebenen oder Llanos der spanischen Mancha und die Heiden (_ericeta_), die
sich von den Grenzen Juetlands durch Lueneburg und Westphalen bis nach
Belgien hinein erstrecken. Letztere sind wahre Steppen, von denen der
Mensch seit Jahrhunderten nur kleine Strecken kulturfaehig zu machen im
Stande war; aber die Ebenen im Westen und Norden von Europa geben nur ein
schwaches Bild von den unermesslichen Llanos in Suedamerika. Im Suedosten
unseres Continents, in Ungarn zwischen der Donau und der Theiss, in Russland
zwischen dem Dnieper, dem Don und der Wolga treten die ausgedehnten
Weidelaender auf, die durch langen Aufenthalt der Wasser geebnet scheinen
und ringsum den Horizont begrenzen. Wo ich die ungarischen Ebenen bereist
habe, an den Grenzen Deutschlands zwischen Pressburg und Oedenburg,
beschaeftigen sie die Einbildungskraft des Reisenden durch das fortwaehrende
Spiel der Luftspiegelung; aber ihre weiteste Erstreckung ist ostwaerts
zwischen Czegled, Debreczin und Tittel. Es ist ein gruenes Meer mit zwei
Ausgaengen, dem einen bei Gran und Weitzen, dem andern zwischen Belgrad und
Widdin.

Man glaubte die verschiedenen Welttheile zu charakterisiren, indem man
sagte, Europa habe *Heiden*, Asien *Steppen*, Afrika *Wuesten*, Amerika
*Savanen*; aber man stellt damit Gegensaetze auf, die weder in der Natur
der Sachen, noch im Geiste der Sprachen gegruendet sind. Die asiatischen
Steppen sind keineswegs ueberall mit Salzpflanzen bedeckt; in den Savanen
von Venezuela kommen neben den Graesern kleine krautartige Mimosen,
Schotengewaechse und andere Dicotyledonen vor. Die Ebenen der Songarei, die
zwischen Don und Wolga, die ungarischen *Puszten* sind wahre Savanen,
Weidelaender mit reichem Graswuchs, waehrend auf den Savanen ost- und
westwaerts von den Rocky-Mountains und von Neu-Mexico Chenopodien mit einem
Gehalt von kohlensaurem und salzsauren Natrum vorkommen. Asien hat aechte
pflanzenlose Wuesten, in Arabien, in der Gobi, in Persien. Seit man die
Wuesten im Innern Afrika's, was man so lange unter dem allgemeinen Namen
Sahara begriffen, naeher kennen gelernt hat, weiss man, dass es im Osten
dieses Continents, wie in Arabien, Savanen und Weidelaender gibt, die von
nackten, duerren Landstrichen umgeben sind. Letztere, mit losem Gestein
bedeckte, ganz pflanzenlose Wuesten, fehlen nun aber der neuen Welt fast
ganz. Ich habe dergleichen nur im niedern Strich von Peru, zwischen
Amotape und Coquimbo, am Gestade der Suedsee gesehen. Die Spanier nennen
sie nicht Llanos, sondern _desiertos_ von Sechura und Atacamez. Diese
Einoede ist nicht breit, aber 440 Meilen lang. Die Gebirgsart kommt ueberall
durch den Flugsand zu Tag. Es faellt niemals ein Tropfen Regen, und wie in
der Sahara noerdlich von Tombuctu sindet sich in der peruanischen Wueste bei
Huaura eine reiche Steinsalzgrube. Ueberall sonst in der neuen Welt gibt
es oede, weil unbewohnte Flaechen, aber keine eigentlichen Wuesten.

Dieselben Erscheinungen wiederholen sich in den entlegensten Landstrichen,
und statt diese weiten baumlosen Ebenen nach den Pflanzen zu
unterscheiden, die auf ihnen vorkommen, unterscheidet man wohl am
einfachsten zwischen *Wuesten* und *Steppen* oder *Savanen*, zwischen
nackten Landstrichen ohne Spur von Pflanzenwuchs und Landstrichen, die mit
Graesern oder kleinen Gewaechsen aus der Classe der Dicotyledonen bedeckt
sind. In manchen Werken heissen die amerikanischen Savanen, namentlich die
der gemaessigten Zone, *Wiesen* (Prairien); aber diese Bezeichnung passt, wie
mir duenkt, schlecht auf Weiden, die oft sehr duerr, wenn auch mit 4 bis 5
Fuss hohen Kraeutern bedeckt sind. Die amerikanischen Llanos oder Pampas
sind wahre *Steppen*. Sie sind in der Regenzeit schoen begruent, aber in der
trockensten Jahreszeit bekommen sie das Ansehen von Wuesten. Das Kraut
zerfaellt zu Staub, der Boden berstet, das Krokodil und die grossen
Schlangen liegen begraben im ausgedoerrten Schlamm, bis die ersten
Regenguesse im Fruehjahr sie aus der langen Erstarrung wecken. Diese
Erscheinungen kommen auf duerren Landstrichen von 50--60 Quadratmeilen
ueberall vor, wo keine Gewaesser durch die Savane stroemen; denn am Ufer der
Baeche und der kleinen Stuecke stehenden Wassers stoesst der Reisende von Zeit
zu Zeit selbst in der duerrsten Jahreszeit auf Gebuesche der Mauritia, einer
Palmenart, deren faecherfoermige Blaetter bestaendig glaenzend gruen sind.

Die asiatischen Steppen liegen alle ausserhalb der Wendekreise und bilden
sehr hohe Plateaus. Auch Amerika hat auf dem Ruecken der Gebirge von
Mexico, Peru und Quito Savanen von bedeutender Ausdehnung, aber seine
ausgedehntesten Steppen, die Llanos von Cumana, Caracas und Meta, erheben
sich nur sehr wenig ueber dem Meeresspiegel und fallen alle in die
Aequinoctialzone. Diese Umstaende ertheilen ihnen einen eigenthuemlichen
Charakter. Die Seen ohne Abfluss, die kleinen Flusssysteme, die sich im Sand
verlieren oder durch die Gebirgsart durchseigen, wie sie den Steppen im
oestlichen Asien und den persischen Wuesten eigen sind, kommen hier nicht
vor. Die amerikanischen Llanos fallen gegen Ost und Sued und ihre
stroemenden Gewaesser laufen in den Orinoco.

Nach dem Lauf dieser Fluesse hatte ich frueher geglaubt, dass die Ebenen
Plateaus bilden muessten, die mindestens 100 bis 150 Toisen ueber dem Meer
gelegen waeren. Ich dachte mir, auch die Wuesten im inneren Afrika muessten
betraechtlich hoch liegen und stufenweise von den Kuesten bis ins Innere des
grossen Continents ueber einander aufsteigen. Bis jetzt ist noch kein
Barometer in die Sahara gekommen. Was aber die amerikanischen Llanos
betrifft, so zeigen die Barometerhoehen, die ich zu Calabozo, zu Villa del
Pao und an der Muendung des Meta beobachtet, dass sie nicht mehr als 40 bis
50 Toisen ueber dem Meeresspiegel liegen. Die Fluesse haben einen sehr
schwachen, oft kaum merklichen Fall. So kommt es, dass beim geringsten
Wind, und wenn der Orinoco anschwillt, die Fluesse, die in ihn fallen,
rueckwaerts gedraengt werden. Im Rio Arauca bemerkt man haeufig diese Stroemung
*nach oben*. Die Indianer glauben einen ganzen Tag lang abwaerts zu
schiffen, waehrend sie von der Muendung gegen die Quellen fahren. Zwischen
den abwaertsstroemenden und den aufwaertsstroemenden Gewaessern bleibt eine
bedeutende Wassermasse still stehen, in der sich durch
Gleichgewichtsstoerung Wirbel bilden, die den Fahrzeugen gefaehrlich werden.

Der eigenthuemlichste Zug der Savanen oder Steppen Suedamerikas ist die
voellige Abwesenheit aller Erhoehungen, die vollkommen wagerechte Lage des
ganzen Bodens. Die spanischen Eroberer, die zuerst von Coro her an die
Ufer des Apure vordrangen, haben sie daher auch weder Wuesten, noch
Savanen, noch Prairien genannt, sondern Ebenen, _los Llanos_. Auf dreissig
Quadratmeilen zeigt der Boden oft keine fusshohe Unebenheit. Diese
Aehnlichkeit mit der Meeresflaeche draengt sich der Einbildungskraft
besonders da auf, wo die Ebenen gar keine Palmen tragen, und wo man von
den Bergen an der Kueste und vom Orinoco so weit weg ist, dass man dieselben
nicht sieht, wie in der Mesa de Pavones. Dort koennte man sich versucht
fuehlen, mit einem Reflexionsinstrument Sonnenhoehen aufzunehmen, wenn nicht
der *Land-Horizont*, in Folge des wechselnden Spiels der Refractionen,
bestaendig in Nebel gehuellt waere. Diese Ebenheit des Bodens ist noch
vollstaendiger unter dem Meridian von Calabozo als gegen Ost zwischen Cari,
Villa del Pao und Nueva Barcelona; aber sie herrscht ohne Unterbrechung
von den Muendungen des Orinoco bis zur Villa de Araure und Ospinos, auf
einem *Parallel* von 180 Meilen, und von San Carlos bis zu den Savanen am
Caqueta aus, einem *Meridian* von 200 Meilen. Sie vor Allem ist
charakteristisch fuer den neuen Continent, so wie fuer die asiatischen
Steppen zwischen dem Dnieper und der Wolga, zwischen dem Irtisch und dem
Obi. Dagegen zeigen die Wuesten im inneren Afrika, in Arabien, Syrien und
Persien, die Cobi und die Casna viele Bodenunebenheiten, Huegelreihen,
wasserlose Schluchten und festes Gestein, das aus dem Sand hervorragt.

Trotz der scheinbaren Gleichfoermigkeit ihrer Flaeche finden sich indessen
in den Llanos zweierlei Unebenheiten, die dem aufmerksamen Beobachter
nicht entgehen. Die erste Art nennt man _bancos_; es sind wahre Baenke,
Untiefen im Steppenbecken, zerbrochene Schichten von festem Sandstein oder
Kalkstein, die 4 bis 5 Fuss hoeher liegen als die uebrige Ebene. Diese Baenke
sind zuweilen drei bis vier Meilen lang; sie sind vollkommen eben und
wagerecht und man bemerkt ihr Vorhandenseyn ueberhaupt nur dann, wenn man
ihre Raender vor sich hat. Die zweite Unebenheit laesst sich nur durch
geodaetische oder barometrische Messungen oder am Lauf der Fluesse erkennen;
sie heisst Mesa. Es sind diess kleine Plateaus, oder vielmehr convexe
Erhoehungen, die unmerklich zu einigen Toisen Hoehe ansteigen. Dergleichen
sind ostwaerts in der Provinz Cumana, im Norden von Villa de la Merced und
Candelaria, die *Mesas Amana, Guanipa und Jonoro*, die von Suedwest nach
Nordost streichen und trotz ihrer unbedeutenden Hoehe die Wasser zwischen
dem Orinoco und der Nordkueste von Terra firma scheiden. Nur die sanfte
Woelbung der Savane bildet die Wasserscheide; hier sind die _divortia
aquarum_,(69) wie in Polen, wo fern von den Karpathen die Wasserscheide
zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere in der Ebene selbst liegt.
Die Geographen setzen da, wo eine Wasserscheide ist, immer Bergzuege
voraus, und so sieht man denn auch auf den Karten dergleichen um die
Quellen des Rio Neveri, des Unare, des Guarapiche und des Pao
eingezeichnet. Diess erinnert an die mongolischen Priester, die nach einem
alten aberglaeubischen Brauch an allen Stellen, wo die Wasser nach
entgegengesetzten Seiten fliessen, *Obos* oder kleine Steinhaufen
errichten.

Das ewige Einerlei der Llanos, die grosse Seltenheit von bewohnten Plaetzen,
die Beschwerden der Reise unter einem gluehenden Himmel und bei
stauberfuellter Luft, die Aussicht auf den Horizont, der bestaendig vor
einem zurueckzuweichen scheint, die vereinzelten Palmstaemme, deren einer
aussieht wie der andere, und die man gar nicht erreichen zu koennen meint,
weil man sie mit andern Staemmen verwechselt, die nach einander am
Gesichtskreis auftauchen -- all diess zusammen macht, dass einem die Steppen
noch weit groesser vorkommen, als sie wirklich sind. Die Pflanzer am
Suedabhang des Kuestengebirges sehen die Steppen grenzenlos, gleich einem
gruenen Ocean gegen Sued sich ausdehnen. Sie wissen, dass man vom Delta des
Orinoco bis in die Provinz Barinas und von dort ueber die Fluesse Meta,
Guaviare und Caguan, Anfangs von Ost nach West, sodann von Nordost nach
Nordwest, 380 Meilen weit in den Steppen fortziehen kann, bis ueber den
Aequator hinaus an den Fuss der Anden von Pasto. Sie kennen nach den
Berichten der Reisenden die Pampas von Buenos Ayres, die gleichfalls mit
feinem Gras bewachsene, baumlose Llanos sind und von verwilderten Rindern
und Pferden wimmeln. Sie sind, nach Anleitung unserer meisten Karten von
Amerika, der Meinung, der Continent habe nur Eine Bergkette, die der
Anden, die von Sued nach Nord laeuft, und nach einem unbestimmten
systematischen Begriff lassen sie alle Ebenen vom Orinoco und vom Apure an
bis zum Rio de la Plata und der Magellan'schen Meerenge untereinander
zusammenhaengen.

Ich entwerfe im Folgenden ein moeglichst klares und gedraengtes Bild vom
allgemeinen Bau eines Festlandes, dessen Endpunkte, unter so verschiedenen
Klimaten sie auch liegen, in mehreren Zuegen mit einander uebereinkommen. Um
den Umriss und die Grenzen der Ebenen richtig aufzufassen, muss man die
Bergketten kennen, welche den Uferrand derselben bilden. Von der
Kuestencordillere, deren hoechster Gipfel die Silla bei Caracas ist, und die
durch den Paramo de las Rosas mit dem Nevado von Merida und den Anden von
Neu-Grenada zusammenhaengt, haben wir bereits gesprochen. Eine zweite
Bergkette, oder vielmehr ein minder hoher, aber weit breiterer Bergstock
laeuft zwischen dem 3. und 7. Parallelkreise von den Muendungen des Guaviare
und Meta zu den Quellen des Orinoco, Marony und Esquibo, gegen das
hollaendische und franzoesische Guyana zu. Ich nenne diese Kette die
*Cordillere der Parime* oder der grossen Faelle des Orinoco; man kann sie
250 Meilen weit verfolgen, es ist aber nicht sowohl eine Kette, als ein
Haufen granitischer Berge, zwischen denen kleine Ebenen liegen und die
nicht ueberall Reihen bilden. Der Bergstock der Parime verschmaelert sich
bedeutend zwischen den Quellen des Orinoco und den Bergen von Demerary zu
den Sierras von Quimiropaca und Pacaraimo, welche die Wasserscheide bilden
zwischen dem Carony und dem Rio Parime oder Rio de Aguas blancas. Diess ist
der Schauplatz der Unternehmungen, um den Dorado aufzusuchen und die grosse
Stadt Manoa, das Tombuctu der neuen Welt. Die Cordillere der Parime haengt
mit den Anden von Neu-Grenada nicht zusammen; sie sind durch einen 80
Meilen breiten Zwischenraum getrennt. Daechte man sich, dieselbe sey hier
durch eine grosse Erdumwaelzung zerstoert worden, was uebrigens gar nicht
wahrscheinlich ist, so muesste man annehmen, sie sey einst von den Anden
zwischen Santa Fe de Bogota und Pamplona abgegangen. Diese Bemerkung mag
dazu dienen, die geographische Lage dieser Cordillere, die bis jetzt sehr
wenig bekannt geworden, dem Leser besser einzupraegen. -- Eine dritte
Bergkette verbindet unter dem 16. und 18. Grad suedl. Breite (ueber Santa
Cruz de la Sierra, die Serranias von Aguapehy und die vielberufenen Campos
dos Parecis) die peruanischen Anden mit den Gebirgen Brasiliens. Diess ist
die *Cordillere von Chiquitos*, die in der Capitania von Minas Geraes
breiter wird und die Wasserscheide zwischen dem Amazonenstrom und dem La
Plata bildet, nicht nur im innern Lande, im Meridian von Villa Boa,
sondern bis wenige Meilen von der Kueste, zwischen Rio Janeiro und Bahia.

Diese drei Querketten oder vielmehr diese drei *Bergstoecke*, welche
innerhalb der Grenzen der heissen Zone von West nach Ost streichen, sind
durch voellig ebene Landstriche getrennt, *die Ebenen von Caracas* oder am
untern Orinoco, *die Ebenen des Amazonenstroms* und des Rio Negro, *die
Ebenen von Buenos Ayres* oder des La Plata. Ich brauche nicht den Ausdruck
*Thaeler*, weil der untere Orinoco und der Amazonenstrom keineswegs in
einem Thale fliessen, sondern nur in einer weiten Ebene eine kleine Rinne
bilden. Die beiden Becken an den beiden Enden Suedamerikas sind Savanen
oder Steppen, baumlose Weiden; das mittlere Becken, in welches das ganze
Jahr die tropischen Regen fallen, ist fast durchgaengig ein ungeheurer
Wald, in dem es keinen andern Pfad gibt als die Fluesse. Wegen des
kraeftigen Pflanzenwuchses, der den Boden ueberzieht, faellt hier die
Ebenheit desselben weniger auf, und nur die Becken von Caracas und La
Plata nennt man *Ebenen*. In der Sprache der Colonisten heissen die drei
eben beschriebenen Becken: die *Llanos* von Barinas und Caracas, die
*Bosques* oder *Selvas* (Waelder) des Amazonenstromes, und die *Pampas* von
Buenos Ayres. Der Wald bedeckt nicht nur groesstentheils die *Ebenen des
Amazonenstroms* von der Cordillere von Chiquitos bis zu der der Parime, er
ueberzieht auch diese beiden Bergketten, welche selten die Hoehe der
Pyrenaeen erreichen. Desshalb sind die weiten Ebenen des Amazonenstromes,
des Madeira und Rio Negro nicht so scharf begrenzt wie die *Llanos* von
Caracas und die *Pampas* von Buenos Ayres. Da die *Waldregion* Ebenen und
Gebirge zugleich begreift, so erstreckt sie sich vom 18 deg. suedlicher bis zum
7 und 8 deg. noerdlicher Breite, und umfasst gegen 120,000 Quadratmeilen. Dieser
Wald des suedlichen Amerika, denn im Grunde ist es nur Einer, ist sechsmal
groesser als Frankreich; die Europaeer kennen ihn nur an den Ufern einiger
Fluesse, die ihn durchstroemen, und er hat Lichtungen, deren Umfang mit dem
des Forstes im Verhaeltniss steht. Wir werden bald an sumpfigen Savanen
zwischen dem obern Orinoco, dem Conorichite und Cassiquiare, unter dem 3.
und 4. Grad der Breite, vorueberkommen. Unter demselben Parallelkreise
liegen andere Lichtungen oder _Savanas limpias_(70) zwischen den Quellen
des Mao und des Rio de Aguas blancas, suedlich von der Sierra Pacaraima.
Diese letzteren Savanen sind von Caraiben und nomadischen Macusis bewohnt;
sie ziehen sich bis nahe an die Grenzen des hollaendischen und
franzoesischen Guyana fort.

Wir haben die geologischen Verhaeltnisse von Suedamerika geschildert; heben
wir jetzt die Hauptzuege heraus. Den Westkuesten entlang laeuft eine
ungeheure Gebirgsmauer, reich an edlen Metallen ueberall, wo das
vulkanische Feuer sich nicht durch den ewigen Schnee Bahn gebrochen: diess
ist die *Cordillere der Anden*. Gipfel von Trappporphyr steigen hier zu
mehr als 3300 Toisen Hoehe auf, und die mittlere Hoehe der Kette betraegt
1850 Toisen. Sie streicht in der Richtung eines Meridians fort und schickt
in jeder Halbkugel, unter dem 10. Grad noerdlicher und unter dem 16. und
18. Grad suedlicher Breite einen Seitenzweig ab. Der erstere dieser Zweige,
die Kuestencordillere von Caracas, ist minder breit und bildet eine
eigentliche Kette. Der zweite, die Cordillere von Chiquitos und an den
Quellen des Guapore, ist sehr reich an Gold und breitet sich ostwaerts, in
Brasilien, zu weiten Plateaus mit gemaessigtem Klima aus. Zwischen diesen
beiden, mit den Anden zusammenhaengenden Querketten liegt vom 3. zum 7.
Grad noerdlicher Breite eine abgesonderte Gruppe granitischer Berge, die
gleichfalls parallel mit dem Aequator, jedoch nicht ueber den 71. Grad der
Laenge fortstreicht, dort gegen Westen rasch abbricht und mit den Anden von
Neu-Grenada nicht zusammenhaengt. Diese drei Querketten haben keine
thaetigen Vulkane; wir wissen aber nicht, ob auch die suedlichste, gleich
den beiden andern, keinen Trachyt oder Trappporphyr hat. Keiner ihrer
Gipfel erreicht die Grenze des ewigen Schnees, und die mittlere Hoehe der
Cordillere der Parime und der Kuestencordillere von Caracas betraegt nicht
ganz 600 Toisen, wobei uebrigens manche Gipfel sich doch 1400 Toisen ueber
das Meer erheben. Zwischen den drei Querketten liegen Ebenen, die
saemmtlich gegen West geschlossen, gegen Ost und Suedost offen sind. Bedenkt
man ihre so unbedeutende Hoehe ueber dem Meer, so fuehlt man sich versucht,
sie als *Golfe* zu betrachten, die in der Richtung des Rotationsstroms
fortstreichen. Wenn in Folge einer ungewoehnlichen Anziehung die Gewaesser
des atlantischen Meers an der Muendung des Orinoco um fuenfzig Toisen, an
der Muendung des Amazonenstroms um zweihundert Toisen stiegen, so wuerde die
Fluth mehr als die Haelfte von Suedamerika bedecken. Der Ostabhang oder der
Fuss der Anden, der jetzt sechshundert Meilen von den Kuesten Brasiliens
abliegt, waere ein von der See bespueltes Ufer. Diese Betrachtung gruendet
sich auf eine barometrische Messung in der Provinz Jaen de Bracamoros, wo
der Amazonenstrom aus den Cordilleren herauskommt. Ich habe gefunden, dass
dort der ungeheure Strom bei mittlerem Wasserstand nur 194 Toisen ueber dem
gegenwaertigen Spiegel des atlantischen Meeres liegt. Und diese in der
Mitte gelegenen waldbedeckten Ebenen liegen noch fuenfmal hoeher als die
grasbewachsenen Pampas von Buenos Ayres und die Llanos von Caracas und am
Meta.

Diese Llanos, welche das Becken des untern Orinoco bilden und die wir
zweimal im selben Jahr, in den Monaten Maerz und Juli, durchzogen haben,
haengen zusammen mit dem Becken des Amazonenstroms und des Rio Negro, das
einerseits durch die Cordillere von Chiquitos, andererseits durch die
Gebirge der Parime begrenzt ist. Dieser Zusammenhang vermittelt sich durch
die Luecke zwischen den letzteren und den Anden von Neu-Grenada. Der Boden
in seinem Anblick erinnert hier, nur dass der Maassstab ein weit groesserer
ist, an die lombardischen Ebenen, die sich auch nur 50 bis 60 Toisen ueber
das Meer erheben und einmal von der Brenta nach Turin von Ost nach West,
dann von Turin nach Coni von Nord nach Sued streichen. Wenn andere
geologische Thatsachen uns berechtigten, die drei grossen Ebenen am untern
Orinoco, am Amazonenstrom und am Rio de la Plata als alte Seebecken zu
betrachten, so liessen sich die Ebenen am Rio Vichada und am Meta als ein
Kanal ansehen, durch den die Wasser des oberen Sees, des auf den Ebenen
des Amazonenstroms, in das tiefere Becken, in die Llanos von Caracas,
durchgebrochen waeren und dabei die Cordillere der Parime von der der Anden
getrennt haetten. Dieser Kanal ist eine Art Land-Meerenge (_detroit
terrestre_). Der durchaus ebene Boden zwischen dem Guaviare, dem Meta und
Apure zeigt keine Spur von gewaltsamem Einbruch der Gewaesser; aber am Rand
der Cordillere der Parime, zwischen dem 4. und 7. Grad der Breite, hat
sich der Orinoco, der von seiner Quelle bis zur Einmuendung des Guaviare
westwaerts fliesst, auf seinem Lauf von Sued nach Nord durch das Gestein
einen Weg gebrochen. Alle grossen Katarakte liegen, wie wir bald sehen
werden, auf dieser Strecke. Aber mit der Einmuendung des Apure, dort, wo im
so niedrig gelegenen Lande der Abhang gegen Nord mit dem Gegenhang nach
Suedost zusammentrifft, das heisst mit der Boeschung der Ebenen, die
unmerklich gegen die Gebirge von Caracas *ansteigen*, macht der Fluss
wieder eine Biegung und stroemt sofort ostwaerts. Ich glaubte den Leser
schon hier auf diese sonderbaren Windungen des Orinoco aufmerksam machen
zu muessen, weil er mit seinem Lauf, als zwei Becken zumal angehoerend,
selbst auf den mangelhaftesten Karten gewissermassen die Richtung des
Theils der Ebenen bezeichnet, der zwischen die Anden von Neu-Grenada und
den westlichen Saum der Gebirge der Parime eingeschoben ist.

Die Llanos oder Steppen am untern Orinoco und am Meta fuehren, gleich den
afrikanischen Wuesten, in ihren verschiedenen Strichen verschiedene Namen.
Von den Boccas del Dragon an folgen von Ost nach West auf einander: die
Llanos von Cumana, von Barcelona und von Caracas oder Venezuela. Wo die
Steppen vom 8. Breitegrad an, zwischen dem 70. und 73. Grad der Laenge,
sich nach Sued und Sued-Sued-West wenden, kommen von Nord nach Sued die Llanos
von Barinas, Casanare, Meta, Guaviare, Caguan und Caqueta. In den Ebenen
von Barinas kommen einige nicht sehr bedeutende Denkmaeler vor, die auf ein
nicht mehr vorhandenes Volk deuten. Man findet zwischen Mijagual und dem
Cano de la Hacha wahre Grabhuegel, dort zu Lande _Serillos de los Indios_
genannt. Es sind kegelfoermige Erhoehungen, aus Erde von Menschenhand
aufgefuehrt, und sie bergen ohne Zweifel menschliche Gebeine, wie die
Grabhuegel in den asiatischen Steppen. Ferner beim Hato de la Calzada,
zwischen Barinas und Caragua, sieht man eine huebsche Strasse, fuenf Meilen
lang, vor der Eroberung, in sehr alter Zeit von den Eingeborenen angelegt.
Es ist ein Erddamm, fuenfzehn Fuss hoch, der ueber eine haeufig ueberschwemmte
Ebene fuehrt. Hatten sich etwa civilisirtere Voelker von den Gebirgen von
Truxillo und Merida ueber die Ebenen am Rio Apure verbreitet? Die heutigen
Indianer zwischen diesem Fluss und dem Meta sind viel zu versunken, um an
die Errichtung von Kunststrassen oder Grabhuegeln zu denken.

Ich habe den Flaechenraum dieser Llanos von der Caqueta bis zum Apure und
vom Apure zum Delta des Orinoco auf 17,000 Quadratmeilen (20 auf den Grad)
berechnet. Der von Nord nach Sued sich erstreckende Theil ist beinahe
doppelt so gross als der von Ost nach West zwischen dem untern Orinoco und
der Kuestencordillere von Caracas streichende. Die *Pampas* nord- und
nordwestwaerts von Buenos Ayres, zwischen dieser Stadt und Cordova, Jujuy
und Tucuman, sind ungefaehr eben so gross als die Llanos; aber die Pampas
setzen sich noch 18 Grad weiter nach Sueden fort, und sie erstrecken sich
ueber einen so weiten Landstrich, dass am einen Saume Palmen wachsen,
waehrend der andere, eben so niedrig gelegene und ebene, mit ewigem Eis
bedeckt ist.

Die amerikanischen Llanos sind da, wo sie parallel mit dem Aequator
streichen, viermal schmaeler als die grosse afrikanische Wueste. Dieser
Umstand ist von grosser Bedeutung in einem Landstrich, wo die Richtung der
Winde bestaendig von Ost nach West geht. Je weiter Ebenen in dieser
Richtung sich erstrecken, desto heisser ist ihr Klima. Das grosse
afrikanische Sandmeer haengt ueber Yemen mit Gedrosia und Beludschistan bis
ans rechte Ufer des Indus zusammen; und in Folge der Winde, die ueber die
ostwaerts gelegenen Wuesten weggegangen sind, ist das Becken des rothen
Meers, in der Mitte von Ebenen, welche auf allen Punkten Waerme strahlen,
eine der heissesten Gegenden des Erdballs. Der unglueckliche Capitaen Tuckey
berichtet, dass der hunderttheilige Thermometer sich dort fast immer bei
Nacht auf 34 deg., bei Tag auf 40 bis 44 deg. haelt. Wie wir bald sehen werden,
haben wir selbst im westlichsten Theil der Steppen von Caracas die
Temperatur der Luft, im Schatten und vom Boden entfernt, selten ueber 37 deg.
gefunden.

An diese physikalischen Betrachtungen ueber die Steppen der neuen Welt
knuepfen sich andere, hoehere, solche, die sich auf die Geschichte unserer
Gattung beziehen. Das grosse afrikanische Sandmeer, die wasserlosen Wuesten
sind nur von Caravanen besucht, die bis zu 50 Tagen brauchen, sie zu
durchziehen. Die Sahara trennt die Voelker von Negerbildung von den Staemmen
der Araber und Berbern und ist nur in den Oasen bewohnt. Weiden hat sie
nur im oestlichen Striche, wo als Wirkung der Passatwinde die Sandschicht
weniger dick ist, so dass die Quellen zu Tage brechen koennen. Die Steppen
Amerikas sind nicht so breit, nicht so gluehend heiss, sie werden von
herrlichen Stroemen befruchtet und sind so dem Verkehr der Voelker weit
weniger hinderlich. Die *Llanos* trennen die Kuestencordillere von Caracas
und die Anden von Neu-Grenada von der Waldregion, von jener Hylaea(71) des
Orinoco, die schon bei der Entdeckung Amerikas von Voelkern bewohnt war,
welche auf einer weit tieferen Stufe der Cultur standen, als die Bewohner
der Kuesten und vor allen des Gebirgslands der Cordilleren. Indessen waren
die Steppen einst so wenig eine Schutzmauer der Cultur, als sie
gegenwaertig fuer die in den Waeldern lebenden Horden eine Schutzmauer der
Freiheit sind. Sie haben die Voelker am untern Orinoco nicht abgehalten,
die kleinen Fluesse hinaufzufahren und nach Nord und West Einfaelle ins Land
zu machen. Haette es die mannigfaltige Verbreitung der Thiergeschlechter
ueber die Erde mit sich gebracht, dass das Hirtenleben in der neuen Welt
bestehen konnte; haetten vor der Ankunft der Spanier auf den Llanos und
Pampas so zahlreiche Heerden von Rindern und Pferden geweidet wie jetzt,
so waere Columbus das Menschengeschlecht hier in ganz anderer Verfassung
entgegengetreten. Hirten-Voelker, die von Milch und Kaese leben, wahre
Nomaden haetten diese weiten, mit einander zusammenhaengenden Ebenen
durchzogen. In der trockenen Jahreszeit und selbst zur Zeit der
Ueberschwemmungen haetten sie den Besitz der Weiden einander streitig
gemacht, sie haetten einander unterjocht, und vereint durch das gemeinsame
Band der Sitten, der Sprache und der Gottesverehrung, sich zu der Stufe
von Halbcultur erhoben, die uns bei den Voelkern mongolischen und
tartarischen Stammes ueberraschend entgegentritt. Dann haette Amerika,
gleich dem mittleren Asien, seine Eroberer gehabt, welche aus den Ebenen
zum Plateau der Cordilleren hinauf stiegen, dem umherschweifenden Leben
entsagten, die cultivirten Voelker von Peru und Neu-Grenada unterjochten,
den Thron der Incas und des Zaque(72) umstuerzten und an die Stelle des
Despotismus, wie er aus der Theokratie fliesst, den Despotismus setzten,
wie ihn das patriarchalische Regiment der Hirtenvoelker mit sich bringt.
Die Menschheit der neuen Welt hat diese grossen moralischen und politischen
Wechsel nicht durchgemacht, und zwar weil die Steppen, obgleich
fruchtbarer als die asiatischen, ohne Heerden waren, weil keines der
Thiere, die reichliche Milch geben, den Ebenen Suedamerikas eigenthuemlich
ist, und weil in der Entwicklung amerikanischer Cultur das Mittelglied
zwischen Jaegervoelkern und ackerbauenden Voelkern fehlte.

Die hier mitgetheilten allgemeinen Bemerkungen ueber die Ebenen des neuen
Continents und ihre Eigenthuemlichkeiten gegenueber den Wuesten Afrikas und
den fruchtbaren Steppen Asiens schienen mir geeignet, den Bericht einer
Reise durch so einfoermige Landstriche anziehender zu machen. Jetzt aber
mag mich der Leser auf unserem Wege von den vulkanischen Bergen von
Parapara und dem noerdlichen Saum der Llanos zu den Ufern des Apure in der
Provinz Barinas begleiten.

Nachdem wir zwei Naechte zu Pferde gewesen und vergeblich unter Gebuesch von
Murichipalmen Schutz gegen die Sonnengluth gesucht hatten, kamen wir vor
Nacht zum kleinen Hofe "_el Cayman_" auch la Guadalupe genannt. Es ist
diess ein _Hato de ganado_, das heisst ein einsames Haus in der Steppe,
umher ein paar kleine mit Rohr und Haeuten bedeckte Huetten. Das Vieh,
Rinder, Pferde, Maulthiere, ist nicht eingepfercht; es laeuft frei auf
einem Flaechenraum von mehreren Quadratmeilen. Nirgends ist eine Umzaeunung.
Maenner, bis zum Guertel nackt und mit einer Lanze bewaffnet, streifen zu
Pferd ueber die Savanen, um die Heerden im Auge zu behalten,
zurueckzutreiben, was sich zu weit von den Weiden des Hofes verlaeuft, mit
dem gluehenden Eisen zu zeichnen, was noch nicht den Stempel des
Eigenthuemers traegt. Diese Farbigen, _Peones llaneros_ genannt, sind zum
Theil Freie oder Freigelassene, zum Theil Sklaven. Nirgends ist der Mensch
so anhaltend dem sengenden Strahl der tropischen Sonne ausgesetzt. Sie
naehren sich von luftduerrem, schwach gesalzenem Fleisch; selbst ihre Pferde
fressen es zuweilen. Sie sind bestaendig im Sattel und meinen nicht den
unbedeutendsten Gang zu Fuss machen zu koennen. Wir trafen im Hof einen
alten Negersklaven, der in der Abwesenheit des Herrn das Regiment fuehrte.
Heerden von mehreren tausend Kuehen sollten in der Steppe weiden; trotzdem
baten wir vergeblich um einen Topf Milch. Man reichte uns in
Tutumofruechten gelbes, schlammigtes, stinkendes Wasser: es war aus einem
Sumpf in der Naehe geschoepft. Die Bewohner der Llanos sind so traeg, dass sie
gar keine Brunnen graben, obgleich man wohl weiss, dass sich fast
allenthalben in zehn Fuss Tiefe gute Quellen in einer Schicht von
Conglomerat oder rothem Sandstein finden. Nachdem man die eine Haelfte des
Jahres durch die Ueberschwemmungen gelitten, erwaegt man in der andern
geduldig den peinlichsten Wassermangel. Der alte Neger rieth uns, das
Gefaess mit einem Stueck Leinwand zu bedecken und so gleichsam durch ein
Filtrum zu trinken, damit uns der ueble Geruch nicht belaestigte und wir vom
feinen, gelblichten Thon, der im Wasser suspendirt ist, nicht so viel zu
verschlucken haetten. Wir ahnten nicht, dass wir von nun an Monate lang auf
dieses Huelfsmittel angewiesen seyn wuerden. Auch das Wasser des Orinoco hat
sehr viele erdigte Bestandtheile; es ist sogar stinkend, wo in
Flussschlingen todte Krokodile auf den Sandbaenken liegen oder halb im
Schlamm stecken.

Kaum war abgepackt und unsere Instrumente aufgestellt, so liess man unsere
Maulthiere laufen und, wie es dort heisst, "Wasser in der Savane suchen."
Rings um den Hof sind kleine Teiche; die Thiere finden sie, geleitet von
ihrem Instinkt, von den Mauritia-Gebueschen, die hie und da zu sehen sind,
und von der feuchten Kuehlung, die ihnen in einer Atmosphaere, die uns ganz
still und regungslos erscheint, von kleinen Luftstroemen zugefuehrt wird.
Sind die Wasserlachen zu weit entfernt und die Knechte im Hof zu faul, um
die Thiere zu diesen natuerlichen Traenken zu fuehren, so sperrt man sie
fuenf, sechs Stunden lang in einen recht heissen Stall, bevor man sie laufen
laesst. Der heftige Durst steigert dann ihren Scharfsinn, indem er gleichsam
ihre Sinne und ihren Instinkt schaerft. So wie man den Stall oeffnet, sieht
man Pferde und Maulthiere, die letzteren besonders, vor deren Spuerkraft
die Intelligenz der Pferde zurueckstehen muss, in die Savane hinausjagen.
Den Schwanz hoch gehoben, den Kopf zurueckgeworfen, laufen sie gegen den
Wind und halten zuweilen an, wie um den Raum auszukundschaften; sie
richten sich dabei weniger nach den Eindruecken des Gesichts als nach denen
des Geruchs, und endlich verkuendet anhaltendes Wiehern, dass sich in der
Richtung ihres Laufs Wasser findet. In den Llanos geborene Pferde, die
sich lange in umherschweifenden Rudeln frei getummelt haben, sind in allen
diesen Bewegungen rascher und kommen dabei leichter zum Ziele als solche,
die von der Kueste herkommen und von zahmen Pferden abstammen. Bei den
meisten Thieren, wie beim Menschen, vermindert sich die Schaerfe der Sinne
durch lange Unterwuerfigkeit und durch die Gewoehnungen, wie feste Wohnsitze
und die Fortschritte der Cultur sie mit sich bringen.

Wir gingen unsern Maulthieren nach, um zu einer der Lachen zu gelangen,
aus denen man das truebe Wasser schoepft, das unsern Durst so uebel geloescht
hatte. Wir waren mit Staub bedeckt, verbrannt vom Sandwind, der die Haut
noch mehr angreift als die Sonnenstrahlen. Wir sehnten uns nach einem Bad,
fanden aber nur ein grosses Stueck stehenden Wassers, mit Palmen umgeben.
Das Wasser war trueb, aber zu unserer grossen Verwunderung etwas kuehler als
die Luft. Auf unserer langen Reise gewoehnt, zu baden, so oft sich
Gelegenheit dazu bot, oft mehrmals des Tages, besannen wir uns nicht lange
und sprangen in den Teich. Kaum war das behagliche Gefuehl der Kuehlung ueber
uns gekommen, als ein Geraeusch am entgegengesetzten Ufer uns schnell
wieder aus dem Wasser trieb. Es war ein Krokodil, das sich in den Schlamm
grub. Es waere unvorsichtig gewesen, zur Nachtzeit an diesem sumpfigten Ort
zu verweilen.

Wir waren nur eine Viertelmeile vom Hof entfernt, wir gingen aber ueber
eine Stunde und kamen nicht hin. Wir wurden zu spaet gewahr, dass wir eine
falsche Richtung eingeschlagen. Wir hatten bei Anbruch der Nacht, noch ehe
die Sterne sichtbar wurden, den Hof verlassen und waren auf Gerathewohl in
der Ebene fortgegangen. Wir hatten, wie immer, einen Compass bei uns; auch
konnten wir uns nach der Stellung des Canopus und des suedlichen Kreuzes
leicht orientiren; aber all diess half uns zu nichts, weil wir nicht gewiss
wussten, ob wir vom Hof weg nach Ost oder nach Sued gegangen waren. Wir
wollten an unsern Badeplatz zurueck und gingen wieder drei Viertelstunden,
ohne den Teich zu finden. Oft meinten wir Feuer am Horizont zu sehen; es
waren aufgehende Sterne, deren Bild durch die Duenste vergroessert wurde.
Nachdem wir lange in der Savane umhergeirrt, beschlossen wir, unter einem
Palmbaume, an einem recht trockenen, mit kurzem Gras bewachsenen Ort uns
niederzusetzen; denn frisch angekommene Europaeer fuerchten sich immer mehr
vor den Wasserschlangen als vor den Jaguars. Wir durften nicht hoffen, dass
unsere Fuehrer, deren traege Gleichgueltigkeit uns wohl bekannt war, uns in
der Savane suchen wuerden, bevor sie ihre Lebensmittel zubereitet und
abgespeist haetten. Je bedenklicher unsere Lage war, desto freudiger
ueberraschte uns ferner Hufschlag, der auf uns zukam. Es war ein mit einer
Lanze bewaffneter Indianer, der vom "_Rodeo_" zurueckkam, das heisst von der
Streife, durch die man das Vieh auf einen bestimmten Raum zusammentreibt.
Beim Anblick zweier Weissen, die verirrt seyn wollten, dachte er zuerst an
irgend eine boese List von unserer Seite, und es kostete uns Muehe, ihm
Vertrauen einzufloessen. Endlich liess er sich willig finden, uns zum Hof zu
fuehren, ritt aber dabei in seinem kurzen Trott weiter. Unsere Fuehrer
versicherten, "sie haetten bereits angefangen besorgt um uns zu werden,"
und diese Besorgnis; zu rechtfertigen, zaehlten sie eine Menge Leute her,
die, in den Llanos verirrt, im Zustand voelliger Erschoepfung gefunden
worden. Die Gefahr kann begreiflich nur dann sehr gross seyn, wenn man weit
von jedem Wohnplatz abkommt, oder wenn man, wie es in den letzten Jahren
vorgekommen ist, von Raeubern gepluendert und an Leib und Haenden an einen
Palmstamm gebunden wird.

Um von der Hitze am Tage weniger zu leiden, brachen wir schon um 2 Uhr in
der Nacht auf und hofften vor Mittag *Calabozo* zu erreichen, eine kleine
Stadt mit lebhaftem Handel, die mitten in den Llanos liegt. Das Bild der
Landschaft ist immer dasselbe. Der Mond schien nicht, aber die grossen
Haufen von Nebelsternen, die den suedlichen Himmel schmuecken, beleuchteten
im Niedergang einen Theil des Land-Horizonts. Das erhabene Schauspiel des
Sternengewoelbes in seiner ganzen unermesslichen Ausdehnung, der frische
Luftzug, der bei Nacht ueber die Ebene streicht, das Wogen des Grases,
ueberall wo es eine gewisse Hoehe erreicht -- Alles erinnerte uns an die
hohe See. Vollends stark wurde die Taeuschung (man kann es nicht oft genug
sagen), als die Sonnenscheibe am Horizont erschien, ihr Bild durch die
Strahlenbrechung sich verdoppelte, ihre Abplattung nach kurzer Frist
verschwand, und sie nun rasch gerade zum Zenith aufstieg.

Sonnenaufgang ist auch in den Ebenen der kuehlste Zeitpunkt am Tage; aber
dieser Temperaturwechsel macht keinen bedeutenden Eindruck auf die Organe.
Wir sahen den Thermometer meist nicht unter 27 deg.,5 [22 deg. Reaumur] fallen,
waehrend bei Acapulco in Mexico auf gleichfalls sehr tiefem Boden die
Temperatur um Mittag oft 32 deg., bei Sonnenaufgang 17--18 deg. betraegt. In den
Llanos absorbirt die ebene, bei Tag niemals beschattete Flaeche so viel
Waerme, dass Erde und Luft, trotz der naechtlichen Strahlung gegen einen
wolkenlosen Himmel, von Mitternacht bis zu Sonnenaufgang sich nicht
merkbar abkuehlen koennen. In Calabozo war im Maerz die Temperatur bei Tag
31--32 deg.,5, bei Nacht 28--29 deg.. Die mittlere Temperatur dieses Monats, der
nicht der heisseste im Jahr ist, mag etwa 30 deg.,6 seyn, eine ungeheure Hitze
fuer ein Land unter den Tropen, wo Tage und Naechte fast immer gleich lang
sind. In Cairo ist die mittlere Temperatur des heissesten Monats nur 29 deg.,9,
in Madras 31 deg.,8, und zu Abushaer im persischen Meerbusen, von wo Reihen von
Beobachtungen vorliegen, 34 deg.; aber die mittleren Temperaturen des ganzen
Jahres sind in Madras und Abushaer niedriger als in Calabozo. Obgleich ein
Theil der Llanos, gleich den fruchtbaren Steppen Sibiriens, von kleinen
Fluessen durchstroemt wird, und ganz duerre Striche von Land umgeben sind,
das in der Regenzeit unter Wasser steht, so ist die Luft dennoch im
Allgemeinen aeusserst trocken. Delucs Hygrometer zeigte bei Tag 34 deg., bei
Nacht 36 deg..

Wie die Sonne zum Zenith aufstieg und die Erde und die ueber einander
gelagerten Luftschichten verschiedene Temperaturen annahmen, zeigte sich
das Phaenomen der *Luftspiegelung* mit seinen mannichfaltigen Abaenderungen.
Es ist diess in allen Zonen eine ganz gewoehnliche Erscheinung, und ich
erwaehne hier derselben nur, weil wir Halt machten, um die Breite des
Luftraumes zwischen dem Horizont und dem aufgezogenen Bilde mit einiger
Genauigkeit zu messen. Das Bild war immer hinaufgezogen, *aber nicht
verkehrt*. Die kleinen, ueber die Bodenflaeche wegstreichenden Luftstroeme
hatten eine so veraenderliche Temperatur, dass in einer Heerde wilder Ochsen
manche mit den Beinen in der Luft zu schweben schienen, waehrend andere auf
dem Boden standen. Der Luftstrich war, je nach der Entfernung des Thiers,
3--4 Minuten breit. Wo Gebuesche der Mauritiapalme in langen Streifen
hinliefen, schwebten die Enden dieser gruenen Streifen in der Luft, wie die
Vorgebirge, die zu Cumana lange Gegenstand meiner Beobachtungen
gewesen.(73) Ein unterrichteter Mann versicherte uns, er habe zwischen
Calabozo und Urituru das verkehrte Bild eines Thieres gesehen, ohne
direktes Bild. Niebuhr hat in Arabien etwas Aehnliches beobachtet. Oefters
meinten wir am Horizont Grabhuegel und Thuerme zu erblicken, die von Zeit zu
Zeit verschwanden, ohne dass wir die wahre Gestalt der Gegenstaende
auszumitteln vermochten. Es waren wohl Erdhaufen, kleine Erhoehungen,
jenseits des gewoehnlichen Gesichtskreises gelegen. Ich spreche nicht von
den pflanzenlosen Flaechen, die sich als weite Seen mit wogender Oberflaeche
darstellten. Wegen dieser Erscheinung, die am fruehesten beobachtet worden
ist, heisst die Luftspiegelung im Sanscrit ausdrucksvoll die *Sehnsucht
(der Durst) der Antilope*. Die haeufigen Anspielungen der indischen,
persischen und arabischen Dichter auf diese magischen Wirkungen der
irdischen Strahlenbrechung sprechen uns ungemein an. Die Griechen und
Roemer waren fast gar nicht bekannt damit. Stolz begnuegt mit dem Reichthum
ihres Bodens und der Milde ihres Klimas hatten sie wenig Sinn fuer eine
solche Poesie der Wueste. Die Geburtsstaette derselben ist Asien; den
Dichtern des Orients wurde sie durch die natuerliche Beschaffenheit ihrer
Laender an die Hand gegeben; der Anblick der weiten Einoeden, die sich
gleich Meeresarmen und Buchten zwischen Laender eindraengen, welche die
Natur mit ueberschwenglicher Fruchtbarkeit geschmueckt, wurde fuer sie zu
einer Quelle der Begeisterung.

Mit Sonnenaufgang ward die Ebene belebter. Das Vieh, das sich bei Nacht
laengs der Teiche oder unter Murichi- und Rhopalabueschen gelagert hatte,
sammelte sich zu Heerden, und die Einoede bevoelkerte sich mit Pferden,
Maulthieren und Rindern, die hier nicht gerade als wilde, wohl aber als
freie Thiere leben, ohne festen Wohnplatz, der Pflege und des Schutzes des
Menschen leicht entbehrend. In diesen heissen Landstrichen sind die Stiere,
obgleich von spanischer Race wie die auf den kalten Plateaus von Quito,
von sanfterem Temperament. Der Reisende laeuft nie Gefahr, angefallen und
verfolgt zu werden, was uns bei unsern Wanderungen auf dem Ruecken der
Cordilleren oft begegnet ist. Dort ist das Klima rauh, zu heftigen Stuermen
geneigt, die Landschaft hat einen wilderen Charakter und das Futter ist
nicht so reichlich. In der Naehe von Calabozo sahen wir Heerden von Rehen
friedlich unter Pferden und Rindern weiden. Sie heissen *Matacani*; ihr
Fleisch ist sehr gut. Sie sind etwas groesser als unsere Rehe und gleichen
Damhirschen mit sehr glattem, fahlbraunem, weiss getupftem Fell. Ihre
Geweihe schienen mir einfache Spiesse. Sie waren fast gar nicht scheu, und
in Rudeln von 30--40 Stueck bemerkten wir mehrere ganz weisse. Diese
Spielart kommt bei den grossen Hirschen in den kalten Landstrichen der
Anden haeufig vor; in diesen tiefen, heissen Ebenen mussten wir sie
auffallend finden. Ich habe seitdem gehoert, dass selbst beim Jaguar in den
heissen Landstrichen von Paraguay zuweilen *Albinos* vorkommen, mit so
gleichfoermig weissem Fell, dass man die Flecken oder Ringe nur im Reflex der
Sonne bemerkt. Die Matacanis oder kleinen Damhirsche sind so haeufig in den
Llanos, dass ihre Haeute einen Handelsartikel abgeben koennten. Ein gewandter
Jaeger koennte ueber zwanzig im Tage schiessen. Aber die Einwohner sind so
traege, dass man sich oft gar nicht die Muehe nimmt, dem Thier die Haut
abzuziehen. Ebenso ist es mit der Jagd auf den Jaguar oder grossem
amerikanischen Tiger. Ein Jaguarfell, fuer das man in den Steppen von
Barinas nur einen Piaster bezahlt, kostet in Cadix vier bis fuenf Piaster.

Die Steppen, die wir durchzogen, sind hauptsaechlich mit Graesern bewachsen,
mit Killingia, Cenchrus, Paspalum. Diese Graeser waren in dieser Jahreszeit
bei Calabozo und St. Geronimo del Pirital kaum 9 bis 10 Zoll hoch. An den
Fluessen Apure und Portuguesa wachsen sie bis 4 Fuss hoch, so dass der Jaguar
sich darin verstecken und die Pferde und Maulthiere in der Ebene
ueberfallen kann. Unter die Graeser mischen sich einige Dicotyledonen, wie
Turnera, Malvenarten, und was sehr auffallend ist, kleine Mimosen mit
reizbaren Blaettern, von den Spaniern _Dormideras_ genannt. Derselbe
Rinderstamm, der in Spanien mit Klee und Esper gemaestet wird, findet hier
ein treffliches Futter an den krautartigen Sensitiven. Die Weiden, wo
diese Sensitiven besonders haeufig vorkommen, werden theurer als andere
verkauft. Im Osten, in den Llanos von Cari und Barcelona, sieht man Cypura
und Craniolaria mit der schoenen weissen, 6--8 Zoll langen Bluethe sich
einzeln ueber die Graeser erheben. Am fettesten sind die Weiden nicht nur an
den Fluessen, welche haeufig austreten, sondern ueberall, wo die Palmen
dichter stehen. Ganz baumlose Flecke sind die unfruchtbarsten, und es waere
wohl vergebliche Muehe, sie anbauen zu wollen. Dieser Unterschied kann
nicht daher ruehren, dass die Palmen Schatten geben und den Boden von der
Sonne weniger ausdoerren lassen. In den Waeldern am Orinoco habe ich
allerdings Baeume aus dieser Familie mit dicht belaubten Kronen gesehen;
aber am Palmbaum der Llanos, der Palmade de Cobija [Dachpalme, _Corypha
tectorum_], ist der Schatten eben nicht sehr zu ruehmen. Diese Palme hat
sehr kleine, gefaltete, handfoermige Blaetter, gleich denen des Chamaerops,
und die untern sind immer vertrocknet. Es befremdete uns, dass fast alle
diese Coryphastaemme gleich gross waren, 20 bis 24 Fuss hoch, bei 8 bis 10
Zoll Durchmesser unten am Stamm. Nur wenige Palmenarten bringt die Natur
in so ungeheuren Mengen hervor. Unter Tausenden mit olivenfoermigen
Fruechten beladenen Staemmen fanden wir etwa ein Hundert ohne Fruechte.
Sollten unter den Staemmen mit hermaphroditischer Bluethe einige mit
einhaeusigen Bluethen vorkommen? Die Llaneros, die Bewohner der Ebenen,
schreiben allen diesen Baeumen von unbedeutender Hoehe ein Alter von
mehreren Jahrhunderten zu. Ihr Wachsthum ist fast unmerklich, nach
zwanzig, dreissig Jahren faellt es kaum auf. Die Palma de Cobija liefert
uebrigens ein treffliches Bauholz. Es ist so hart, dass man nur mit Muehe
einen Nagel einschlaegt. Die faecherfoermig gefalteten Blaetter dienen zum
Decken der zerstreuten Huetten in den Llanos, und diese Daecher halten ueber
20 Jahre aus. Man befestigt die Blaetter dadurch, dass man die Enden der
Blattstiele umbiegt, nachdem man dieselben zwischen zwei Steinen
geschlagen, damit sie sich biegen, ohne zu brechen.

Ausser den einzelnen Staemmen dieser Palme findet man hie und da in der
Steppe Gruppen von Palmen, wahre Gebuesche (_Palmares_), wo sich zur
Corypha ein Baum aus der Familie der Proteaceen gesellt, den die
Eingebornen _Chaparro_ nennen, eine neue Art _Rhopala_ mit harten,
rasselnden Blaettern. Die kleineren Rhopalagebuesche heissen _Chaparrales_
und man kann sich leicht denken, dass in einer weiten Ebene, wo nur zwei
oder drei Baumarten wachsen, der Chaparro, der Schatten gibt, fuer ein sehr
werthvolles Gewaechs gilt. Der Corypha ist in den Llanos von Caracas von
der Mesa de Paja bis an den Guayaval verbreitet; weiter nach Nord und
Nordwest, am Guanare und San Carlos, tritt eine andere Art derselben
Gattung mit gleichfalls handfoermigen, aber groesseren Blaettern an seine
Stelle. Sie heisst _Palma real de los Llanos_. Suedlich vom Guayaval
herrschen andere Palmen, namentlich der *Piritu* mit gefiederten Blaettern
und der *Murichi* (Moriche), den Pater GUMILLA als _arbol de la vida_ so
hoch preist. Es ist diess der Sagobaum Amerikas; er liefert "victum et
amictum"(74) Mehl, Wein, Faden zum Verfertigen der Haengematten, Koerbe,
Netze und Kleider. Seine tannenzapfenfoermigen, mit Schuppen bedeckten
Fruechte gleichen ganz denen des _Calamus Rotang_; sie schmecken etwas wie
Apfel; reif sind sie innen gelb, aussen roth. Die Bruellaffen sind sehr
luestern darnach, und die Voelkerschaft der Guaranos, deren Existenz fast
ganz an die Murichipalme geknuepft ist, bereitet daraus ein gegohrenes,
saeuerliches, sehr erfrischendes Getraenk. Diese Palme mit grossen,
glaenzenden, faecherfoermig gefalteten Blaettern bleibt auch in der duerrsten
Jahreszeit lebhaft gruen. Schon ihr Anblick gibt das Gefuehl angenehmer
Kuehlung, und die mit ihren schuppigen Fruechten behangene Murichipalme
bildet einen auffallenden Contrast mit der truebseligen Palma de Cobija,
deren Laub immer grau und mit Staub bedeckt ist. Die Llaneros glauben,
ersterer Baum ziehe die Feuchtigkeit der Luft an sich, und desshalb finde
man in einer gewissen Tiefe immer Wasser um seinen Stamm, wenn man den
Boden ausgraebt. Man verwechselt hier Wirkung und Ursache. Der Murichi
waechst vorzugsweise an feuchten Stellen, und richtiger sagte man, das
Wasser ziehe den Baum an. Es ist eine aehnliche Schlussfolge, wenn die
Eingeborenen am Orinoco behaupten, die grossen Schlangen helfen einen
Landstrich feucht erhalten. Ein alter Indianer in Javita sagte uns mit
grosser Wichtigkeit: "Vergeblich sucht man Wasserschlangen, wo es keine
Suempfe gibt; denn es sammelt sich kein Wasser, wenn man die Schlangen, die
es anziehen, unvorsichtigerweise umbringt."

Auf dem Wege ueber die Mesa bei Calabozo litten wir sehr von der Hitze. Die
Temperatur der Luft stieg merkbar, so oft der Wind zu wehen anfing. Die
Luft war voll Staub, und waehrend der Windstoesse stieg der Thermometer auf
40 bis 41 deg.. Wir kamen nur langsam vorwaerts, denn es waere gefaehrlich
gewesen, die Maulthiere, die unsere Instrumente trugen, dahinten zu
lassen. Unsere Fuehrer gaben uns den Rath, Rhopalablaetter in unsere Huete zu
stecken, um die Wirkung der Sonnenstrahlen auf Haare und Scheitel zu
mildern. Wir fuehlten uns durch dieses Mittel erleichtert, und wir fanden
es besonders dann ausgezeichnet, wenn man Blaetter von Pothos oder einer
andern Arumart haben kann.

Bei der Wanderung durch diese gluehenden Ebenen draengt sich einem von
selbst die Frage auf, ob sie von jeher in diesem Zustand dagelegen, oder
ob sie durch eine Naturumwaelzung ihres Pflanzenwuchses beraubt worden? Die
gegenwaertige Humusschicht ist allerdings sehr duenn. Die Eingeborenen sind
der Meinung, die _Palmares_ und _Chaparrales_ (die kleinen Gebuesche von
Palmen und Rhopala) seyen vor der Ankunft der Spanier haeufiger und groesser
gewesen. Seit die Llanos bewohnt und mit verwilderten Hausthieren
bevoelkert sind, zuendet man haeufig die Savane an, um die Weide zu
verbessern. Mit den Graesern werden dabei zufaellig auch die zerstreuten
Baumgruppen zerstoert. Die Ebenen waren ohne Zweifel im fuenfzehnten
Jahrhundert nicht so kahl wie gegenwaertig; indessen schon die ersten
Eroberer, die von Coro herkamen, beschreiben sie als Savanen, in denen man
nichts sieht als Himmel und Rasen, im Allgemeinen baumlos und beschwerlich
zu durchziehen, wegen der Waermestrahlung des Bodens. Warum erstreckt sich
der maechtige Wald am Orinoco nicht weiter nordwaerts auf dem linken Ufer
des Flusses? Warum ueberzieht er nicht den weiten Landstrich bis zur
Kuestencordillere, da dieser doch von zahlreichen Gewaessern befruchtet
wird? Diese Frage haengt genau zusammen mit der ganzen Geschichte unseres
Planeten. Ueberlaesst man sich geologischen Traeumen, denkt man sich, die
amerikanischen Steppen und die Wueste Sahara seyen durch einen Einbruch des
Meeres ihres ganzen Pflanzenwuchses beraubt worden, oder aber, sie seyen
urspruenglich der Boden von Binnenseen gewesen, so leuchtet ein, dass sogar
in Jahrtausenden Baeume und Gebuesche vom Saume der Waelder, vom Uferrand der
kahlen oder mit Rasen bedeckten Ebenen nicht bis zur Mitte derselben
vordringen und einen so ungeheuern Landstrich mit ihrem Schattendach
ueberwoelben konnten. Der Ursprung kahler, von Waeldern umschlossener Savanen
ist noch schwerer zu erklaeren, als die Thatsache, dass Waelder und Savanen,
gerade wie Festlaender und Meere, in ihren alten Grenzen verharren.

In *Calabozo* wurden wir im Hause des Verwalters der _Real Hacienda_, Don
Miguel Cousin, aufs gastfreundlichste aufgenommen. Die Stadt, zwischen den
Fluessen Guarico und Uritucu gelegen, hatte damals nur 5000 Einwohner, aber
ihr Wohlstand war sichtbar im Steigen. Der Reichthum der meisten Einwohner
besteht in Heerden, die von Paechtern besorgt werden, von sogenannten
_Hateros_, von _Hato_, was im Spanischen ein Haus oder einen Hof im
Weideland bedeutet. Die ueber die Llanos zerstreute Bevoelkerung draengt sich
an gewissen Punkten, namentlich in der Naehe der Staedte enger zusammen, und
so hat Calabozo in seiner Umgebung bereits fuenf Doerfer oder Missionen. Man
berechnet das Vieh, das auf den Weiden in der Naehe der Stadt laeuft, auf
98,000 Stuecke. Die Heerden auf den Llanos von Caracas, Barcelona, Cumana
und des spanischen Guyana sind sehr schwer genau zu schaetzen. DEPONS, der
sich laenger als ich in Caracas aufgehalten hat, und dessen statistische
Angaben im Ganzen genau sind, rechnet auf den weiten Ebenen von den
Muendungen des Orinoco bis zum See Maracaybo 1,200,000 Rinder, 180,000
Pferde und 90,000 Maulthiere. Den Ertrag der Heerden schaetzt er auf 5
Millionen Franken, wobei neben der Ausfuhr auch der Werth der im Lande
consumirten Haeute in Anschlag gebracht ist. In den Pampas von Buenos Ayres
sollen 12 Millionen Rinder und 3 Millionen Pferde laufen, ungerechnet das
Vieh, das fuer herrenlos gilt.

Ich lasse mich nicht auf solche allgemeine Schaetzungen ein, die der Natur
der Sache nach sehr unzuverlaessig sind; ich bemerke nur, dass die Besitzer
der grossen Hatos in den Llanos von Caracas selbst gar nicht wissen, wie
viel Stuecke Vieh sie besitzen. Sie wissen nur, wie viele junge Thiere
jaehrlich mit dem Buchstaben oder der Figur, wodurch die Heerden sich
unterscheiden, gezeichnet werden. Die reichsten Viehbesitzer zeichnen
gegen 14,000 Stuecke im Jahr und verkaufen 5 bis 6000. Nach den officiellen
Angaben belief sich die Ausfuhr an Haeuten aus der ganzen _Capitania
general_ jaehrlich nur nach den Antillen auf 174,000 Rindshaeute und 11,500
Ziegenhaeute. Bedenkt man nun, dass diese Angaben sich nur auf die
Zollregister gruenden, in denen vom Schleichhandel mit Haeuten keine Rede
ist, so moechte man glauben, dass das Hornvieh auf den Llanos vom Carony und
dem Guarapiche bis zum See Maracaybo zu 1,200,000 Stueck viel zu niedrig
angeschlagen ist. Der einzige Hafen von Guayra hat nach den Zollregistern
von 1789--1792 jaehrlich 70--80,000 Haeute ausgefuehrt, wovon kaum ein
Fuenftheil nach Spanien. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts belief sich
nach Don FELIX D'AZZARA die Ausfuhr von Buenos Ayres auf 800,000 Haeute.
Man zieht in der Halbinsel die Haeute von Caracas denen von Buenos Ayres
vor, weil letztere in Folge des weiteren Transports beim Gerben 12 Procent
Abgang haben. Der suedliche Strich der Savanen, gemeiniglich _Llanos de
arriba_ genannt, ist ausnehmend reich an Maulthieren und Rindvieh; da aber
die Weiden dort im Ganzen minder gut sind, muss man die Thiere auf andere
Ebenen treiben, um sie vor dem Verkauf fett zu machen. Die Llanos von
Monai und alle _Llanos de abaxo_ haben weniger Heerden, aber die Weiden
sind dort so fett, dass sie vortreffliches Fleisch fuer den Bedarf der Kueste
liefern. Die Maulthiere, die erst im fuenften Jahre zum Dienste taugen, und
dann _Mulas de saca_ heissen, werden schon an Ort und Stelle fuer 14--18
Piaster verkauft. Im Ausfuhrhafen gelten sie 25 Piaster, und auf den
Antillen steigt ihr Preis oft auf 60--80 Piaster. Die Pferde der Llanos
stammen von der schoenen spanischen Race und sind nicht gross. Sie sind
meist einfarbig, dunkelbraun, wie die meisten wilden Thiere. Bald dem
Wassermangel, bald Ueberschwemmungen, dem Stich der Insekten, dem Biss
grosser Fledermaeuse ausgesetzt, fuehren sie ein geplagtes, ruheloses Leben.
Wenn sie einige Monate unter menschlicher Pflege gewesen sind, entwickeln
sich ihre guten Eigenschaften und kommen zu Tag. Ein wildes Pferd gilt in
den Pampas von Buenos Ayres 1/2--1 Piaster, in den Llanos von Caracas 2--3
Piaster; aber der Preis des Pferdes steigt, sobald es gezaehmt und zum
Ackerbau tuechtig ist. Schafe gibt es keine; Schafheerden haben wir nur auf
dem Plateau der Provinz Quito gesehen.

Die Rindvieh-Hatos haben in den letzten Jahren viel zu leiden gehabt durch
Banden von Landstreichern, die durch die Steppen streifen und das Vieh
toedten, nur um die Haut zu verkaufen. Diese Raeuberei hat um sich
gegriffen, seit der Handel mit dem untern Orinoco bluehender geworden ist.
Ein halbes Jahrhundert lang waren die Ufer dieses grossen Stromes von der
Einmuendung des Apure bis Angostura nur den Missionaeren bekannt. Vieh wurde
nur aus den Haefen der Nordkueste, aus Cumana, Barcelona, Burburata und
Porto Cabello ausgefuehrt. In neuester Zeit ist diese Abhaengigkeit von der
Kueste weit geringer geworden. Der suedliche Strich der Ebenen ist in
starken Verkehr mit dem untern Orinoco getreten, und dieser Handel ist
desto lebhafter, da sich die Verbote dabei leicht umgehen lassen.

Die groessten Heerden in den Llanos besitzen die Hatos Merecure, La Cruz,
Belen, Alta Gracia und Pavon. Das spanische Vieh ist von Coro und Tocuyo
in die Ebenen gekommen. Die Geschichte bewahrt den Namen des Colonisten,
der zuerst den gluecklichen Gedanken hatte, diese Grasfluren zu bevoelkern,
auf denen damals nur Damhirsche und eine grosse Aguti-Art, _Cavia Capybara_
im Lande *Chiguire* genannt, weideten. Christoval Rodriguez schickte ums
Jahr 1548 das erste Hornvieh in die Llanos. Er wohnte in der Stadt Tocuyo
und hatte lange in Neu-Grenada gelebt.

Wenn man von der "unzaehlbaren Menge" von Hornvieh, Pferden und Maulthieren
auf den amerikanischen Ebenen sprechen hoert, so vergisst man gewoehnlich,
dass es im civilisirten Europa bei ackerbauenden Voelkern auf viel kleinerer
Bodenflaeche gleich ungeheure Mengen gibt. Frankreich hat nach PEUCHET 6
Millionen Stueck Hornvieh, wovon 3,500,000 Ochsen zum Ackerbau verwendet
werden. In der oesterreichischen Monarchie schaetzt Lichtenstern 13,400,000
Ochsen, Kuehe und Kaelber. Paris allein verzehrt jaehrlich 155,000 Stueck
Rindvieh; nach Deutschland werden alle Jahre aus Ungarn 150,000 Ochsen
eingefuehrt. Die Hausthiere in nicht starken Heerden gelten bei
ackerbauenden Voelkern als ein untergeordneter Gegenstand des
Nationalreichthums. Sie wirken auch weit weniger auf die Einbildungskraft
als die umherschweifenden Rudel von Rindern und Pferden, die einzige
Bevoelkerung der unangebauten Steppen der neuen Welt. Cultur und
buergerliche Ordnung wirken in gleichem Maasse auf die Vermehrung der
menschlichen Bevoelkerung und auf die Vervielfaeltigung der dem Menschen
nuetzlichen Thiere.

Wir fanden in Calabozo, mitten in den Llanos, eine Elektrisirmaschine mit
grossen Scheiben, Elektrophoren, Batterien, Elektrometern, kurz einen
Apparat, fast so vollstaendig, als unsere Physiker in Europa sie besitzen.
Und all diess war nicht in den Vereinigten Staaten gekauft, es war das Werk
eines Mannes, der nie ein Instrument gesehen, der Niemanden zu Rathe
ziehen konnte, der die elektrischen Erscheinungen nur aus der Schrift des
SIGAUD DE LA FOND und aus FRANKLINs Denkwuerdigkeiten kannte. Carlos del
Pozo -- so heisst der achtungswuerdige, sinnreiche Mann -- hatte zuerst aus
grossen Glasgefaessen, an denen er die Haelse abschnitt, Cylindermaschinen
gebaut. Erst seit einigen Jahren hatte er sich aus Philadelphia zwei
Glasplatten verschafft, um eine Scheibenmaschine bauen und somit
bedeutendere elektrische Wirkungen hervorbringen zu koennen. Man kann sich
vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten Pozo zu kaempfen hatte, seit die
ersten Schriften ueber Elektricitaet ihm in die Haende gefallen waren, und er
den kuehnen Entschluss fasste, Alles, was er in den Buechern beschrieben fand,
mit Kopf und Hand nachzumachen und herzustellen. Bisher hatte er sich bei
seinen Experimenten nur am Erstaunen und der Bewunderung von ganz rohen
Menschen ergoetzt, die nie ueber die Wueste der Llanos hinausgekommen waren.
Unser Aufenthalt in Calabozo verschaffte ihm einen ganz neuen Genuss. Er
musste natuerlich Werth auf das Urtheil zweier Reisenden legen, die seine
Apparate mit den europaeischen vergleichen konnten. Ich hatte verschiedene
Elektrometer bei mir, mit Stroh, mit Korkkuegelchen, mit Goldplaettchen,
auch eine kleine Leidner Flasche, die nach der Methode von INGENHOUSS
durch Reibung geladen wurde und mir zu physiologischen Versuchen diente.
Pozo war ausser sich vor Freude, als er zum erstenmal Instrumente sah, die
er nicht selbst verfertigt, und die den seinigen nachgemacht schienen. Wir
zeigten ihm auch die Wirkungen des Contakts heterogener Metalle auf die
Nerven des Frosches. Die Namen Galvani und Volta waren in diesen weiten
Einoeden noch nicht gehoert worden.

Was nach den elektrischen Apparaten von der gewandten Hand eines
sinnreichen Einwohners der Llanos uns in Calabozo am meisten beschaeftigte,
das waren die Zitteraale, die lebendige elektrische Apparate sind. Mit der
Begeisterung, die zum Forschen treibt, aber der richtigen Auffassung des
Erforschten hinderlich wird, hatte ich mich seit Jahren taeglich mit den
Erscheinungen der galvanischen Elektricitaet beschaeftigt; ich hatte, indem
ich Metallscheiben aufeinander legte und Stuecke Muskelfleisch oder andere
feuchte Substanzen dazwischen brachte, mir unbewusst, aechte *Saeulen*
aufgebaut, und so war es natuerlich, dass ich mich seit unserer Ankunft in
Cumana eifrig nach elektrischen Aalen umsah. Man hatte uns mehrmals welche
versprochen, wir hatten uns aber immer getaeuscht gesehen. Je weiter von
der Kueste weg, desto werthloser wird das Geld, und wie soll man ueber das
unerschuetterliche Phlegma des Volkes Herr werden, wo der Stachel der
Gewinnsucht fehlt?

Die Spanier begreifen unter dem Namen _tembladores_ (Zitterer) alle
elektrischen Fische. Es gibt welche im antillischen Meer an den Kuesten von
Cumana. Die Guayqueries, die gewandtesten und fleissigsten Fischer in jener
Gegend, brachten uns einen Fisch, der, wie sie sagten, ihnen die Haende
starr machte. Dieser Fisch geht im kleinen Flusse Manzanares aufwaerts. Es
war eine neue Art _Raja_ mit kaum sichtbaren Seitenflecken, dem
Zitterrochen Galvanis ziemlich aehnlich. Die Zitterrochen haben ein
elektrisches Organ, das wegen der Durchsichtigkeit der Haut schon aussen
sichtbar ist, und bilden eine eigene Gattung oder doch eine Untergattung
der eigentlichen Rochen. Der cumanische Zitterrochen war sehr munter,
seine Muskelbewegungen sehr kraeftig, dennoch waren die elektrischen
Schlaege, die wir von ihm erhielten, aeusserst schwach. Sie wurden staerker,
wenn wir das Thier mittelst der Beruehrung von Zink und Gold galvanisirten.
Andere Tembladores, aechte Gymnoten oder Zitteraale, kommen im Rio
Colorado, im Guarapiche und verschiedenen kleinen Baechen in den Missionen
der Chaymas-Indianer vor. Auch in den grossen amerikanischen Fluessen, im
Orinoco, im Amazonenstrom, im Meta sind sie haeufig, aber wegen der starken
Stroemung und des tiefen Wassers schwer zu fangen. Die Indianer fuehlen weit
haeufiger ihre elektrischen Schlaege beim Schwimmen, und Baden im Fluss, als
dass sie dieselben zu sehen bekommen. In den Llanos, besonders in der Naehe
von Calabozo, zwischen den Hoefen Morichal und den Missionen _de arriba_
und _de abaxo_ sind die Gymnoten in den Stuecken stehenden Wassers und in
den Zufluessen des Orinoco (im Rio Guarico, in den Canos Rastro, Berito und
Paloma) sehr haeufig. Wir wollten zuerst in unserem Hause zu Calabozo
unsere Versuche anstellen; aber die Furcht vor den Schlaegen des Gymnotus
ist im Volk so uebertrieben, dass wir in den ersten drei Tagen keinen
bekommen konnten, obgleich sie sehr leicht zu fangen sind und wir den
Indianern zwei Piaster fuer jeden recht grossen und starken Fisch
versprochen hatten. Diese Scheu der Indianer ist um so sonderbarer, als
sie von einem nach ihrer Behauptung ganz zuverlaessigen Mittel gar keinen
Gebrauch machen. Sie versichern die Weissen, so oft man sie ueber die
Schlaege der Tembladores befragt, man koenne sie ungestraft beruehren, wenn
man dabei Tabak kaue. Dieses Maehrchen vom Einfluss des Tabaks auf die
thierische Elektricitaet ist auf dem Continent von Suedamerika so weit
verbreitet, als unter den Matrosen der Glaube, dass Knoblauch und Unschlitt
auf die Magnetnadel wirken.

Des langen Wartens muede, und nachdem ein lebender, aber sehr erschoepfter
Gymnotus, den wir bekommen, uns sehr zweifelhafte Resultate geliefert,
gingen wir nach dem Cano de Bera, um unsere Versuche im Freien,
unmittelbar am Wasser anzustellen. Wir brachen am 19. Maerz in der Fruehe
nach dem kleinen Dorf Rastro _de abaxo_ auf, und von dort fuehrten uns
Indianer zu einem Bach, der in der duerren Jahreszeit ein schlammigtes
Wasserbecken bildet, um das schoene Baeume stehen, Clusia, Amyris, Mimosen
mit wohlriechenden Bluethen. Mit Netzen sind die Gymnoten sehr schwer zu
fangen, weil der ausnehmend bewegliche Fisch sich gleich den Schlangen in
den Schlamm eingraebt. Die Wurzeln der _Piscidia Erythrina_ der _Jacquinia
armillaris_ und einiger Arten von _Phyllanthus_ haben die Eigenschaft, dass
sie, in einen Teich geworfen, die Thiere darin berauschen oder betaeuben:
dieses Mittel, den sogenannten *Barbasco*, wollten wir nicht anwenden, da
die Gymnoten dadurch geschwaecht worden waeren. Da sagten die Indianer, sie
wollen *mit Pferden fischen*, _embarbascar con cavallos_ [Woertlich: mit
Pferden die Fische einschlaefern oder betaeuben]. Wir hatten keinen Begriff
von einer so seltsamen Fischerei; aber nicht lange, so kamen unsere Fuehrer
aus der Savane zurueck, wo sie ungezaehmte Pferde und Maulthiere
zusammengetrieben. Sie brachten ihrer etwa dreissig und jagten sie ins
Wasser.

Der ungewohnte Laerm vom Stampfen der Rosse treibt die Fische aus dem
Schlamm hervor und reizt sie zum Angriff. Die schwaerzlicht und gelb
gefaerbten, grossen Wasserschlangen gleichenden Aale schwimmen auf der
Wasserflaeche hin und draengen sich unter den Bauch der Pferde und
Maulthiere. Der Kampf zwischen so ganz verschieden organisirten Thieren
gibt das malerischste Bild. Die Indianer mit Harpunen und langen, duennen
Rohrstaeben stellen sich in dichter Reihe um den Teich; einige besteigen
die Baeume, deren Zweige sich wagerecht ueber die Wasserflaeche breiten.
Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchen sie die
Pferde zurueck, wenn sie sich aufs Ufer fluechten wollen. Die Aale, betaeubt
vom Laerm, vertheidigen sich durch wiederholte Schlaege ihrer elektrischen
Batterien. Lange scheint es, als solle ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere
Pferde erliegen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten
Organe allerwaerts getroffen werden; betaeubt von den starken,
unaufhoerlichen Schlaegen, sinken sie unter. Andere, schnaubend, mit
gestraeubter Maehne, wilde Angst im starren Auge, raffen sich wieder auf und
suchen dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen; sie werden von den
Indiern ins Wasser zurueckgetrieben. Einige aber entgehen der regen
Wachsamkeit der Fischer; sie gewinnen das Ufer, straucheln aber bei jedem
Schritt und werfen sich in den Sand, zum Tod erschoepft, mit von den
elektrischen Schlaegen der Gymnoten erstarrten Gliedern.

Ehe fuenf Minuten vergingen, waren zwei Pferde ertrunken; Der fuenf Fuss
lange Aal draengt sich dem Pferd an den Bauch und gibt ihm nach der ganzen
Laenge seines elektrischen Organs einen Schlag; das Herz, die Eingeweide
und der _plexus coeliacus_ der Abdominalnerven werden dadurch zumal
betroffen. Derselbe Fisch wirkt so begreiflicherweise weit staerker auf ein
Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit einer Extremitaet
beruehrt. Die Pferde werden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur
betaeubt; sie ertrinken, weil sie sich nicht aufraffen koennen, so lange der
Kampf zwischen den andern Pferden und den Gymnoten fortdauert.

Wir meinten nicht anders, als alle Thiere, die man zu dieser Fischerei
gebraucht, muessten nach einander zu Grunde gehen. Aber allmaehlich nimmt die
Hitze des ungleichen Kampfes ab und die erschoepften Gymnoten zerstreuen
sich. Sie beduerfen jetzt langer Ruhe(75) und reichlicher Nahrung, um den
erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Maulthiere
und Pferde verriethen weniger Angst, ihre Maehne straeubte sich nicht mehr,
ihr Auge blickte ruhiger. Die Gymnoten kamen scheu ans Ufer des Teichs
geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken
befestigten Harpunen. Wenn die Stricke recht trocken sind, so fuehlen die
Indianer beim Herausziehen des Fisches an die Luft keine Schlaege. In
wenigen Minuten hatten wir fuenf grosse Aale, die meisten nur leicht
verletzt. Auf dieselbe Weise wurden Abends noch andere gefangen.

Die Gewaesser, in denen sich die Zitteraale gewoehnlich aufhalten, haben
eine Temperatur von 26--27 deg.. Ihre elektrische Kraft soll in kaelterem
Wasser abnehmen, und es ist, wie bereits ein beruehmter Physiker bemerkt
hat, ueberhaupt merkwuerdig, dass die Thiere mit elektrischen Organen, deren
Wirkungen dem Menschen fuehlbar werden, nicht in der Luft leben, sondern in
einer die Elektricitaet leitenden Fluessigkeit. Der Gymnotus ist der groesste
elektrische Fisch; ich habe welche gemessen, die fuenf Fuss und fuenf Fuss
drei Zoll lang waren; die Indianer wollten noch groessere gesehen haben. Ein
drei Fuss zehn Zoll langer Fisch wog zehn Pfund. Der Querdurchmesser des
Koerpers (die kahnfoermig verlaengerte Afterflosse abgerechnet) betrug drei
Zoll fuenf Linien. Die Gymnoten aus dem Cerro de Vera sind huebsch
olivengruen. Der Untertheil des Kopfes ist roethlich gelb. Zwei Reihen
kleiner gelber Flecken laufen symmetrisch ueber den Ruecken vom Kopf bis zum
Schwanzende. Jeder Fleck umschliesst einen Ausfuehrungskanal; die Haut des
Thieres ist auch bestaendig mit einem Schleim bedeckt, der, wie Volta
gezeigt hat, die Elektricitaet 20--30mal besser leitet als reines Wasser.
Es ist ueberhaupt merkwuerdig, dass keiner der elektrischen Fische, die bis
jetzt in verschiedenen Welttheilen entdeckt worden, mit Schuppen bedeckt
ist.

Den ersten Schlaegen eines sehr grossen, stark gereizten Gymnotus wuerde man
sich nicht ohne Gefahr aussetzen. Bekommt man zufaellig einen Schlag, bevor
der Fisch verwundet oder durch lange Verfolgung erschoepft ist, so sind
Schmerz und Betaeubung so heftig, dass man sich von der Art der Empfindung
gar keine Rechenschaft geben kann. Ich erinnere mich nicht, je durch die
Entladung einer grossen Leidner Flasche eine so furchtbare Erschuetterung
erlitten zu haben wie die, als ich unvorsichtigerweise beide Fuesse auf
einen Gymnotus setzte, der eben aus dem Wasser gezogen worden war. Ich
empfand den ganzen Tag heftigen Schmerz in den Knien und fast in allen
Gelenken. Will man den ziemlich auffallenden Unterschied zwischen der
Wirkung der Volta'schen Saeule und der elektrischen Fische genau
beobachten, so muss man diese beruehren, wenn sie sehr erschoepft sind. Die
Zitterrochen und die Zitteraale verursachen dann ein Sehnenhuepfen vom
Glied an, das die elektrischen Organe beruehrt, bis zum Ellbogen. Man
glaubt bei jedem Schlag innerlich eine Schwingung zu empfinden, die zwei,
drei Secunden anhaelt und der eine schmerzhafte Betaeubung folgt. In der
ausdrucksvollen Sprache der Tamanacos heisst daher der Temblador *Arimna*,
das heisst, "der die Bewegung raubt."

Die Empfindung bei schwachen Schlaegen des Gymnotus schien mir grosse
Aehnlichkeit zu haben mit dem schmerzlichen Zucken, das ich fuehlte, wenn
auf den wunden Stellen, die ich auf meinem Ruecken durch spanische Fliegen
hervorgebracht, zwei heterogene Metalle sich beruehrten.(76) Dieser
Unterschied zwischen der Empfindung, welche der Schlag des elektrischen
Fisches, und der, welche eine Saeule oder schwach geladene Leidner Flasche
hervorbringt, ist allen Beobachtern aufgefallen; derselbe widerspricht
indessen keineswegs der Annahme, dass die Elektricitaet und die galvanische
Wirkung der Fische dem Wesen nach eins sind. Die Elektricitaet kann
beidemal dieselbe seyn, sie mag sich aber verschieden aeussern in Folge des
Baus der elektrischen Organe, der Intensitaet des elektrischen Fluidums,
der Schnelligkeit des Stroms oder einer eigenthuemlichen Wirkungsweise. In
hollaendisch Guyana, zum Beispiel zu Demerary, galten frueher die Zitteraale
als ein Heilmittel gegen Laehmungen. Zur Zeit, wo die europaeischen Aerzte
von der Anwendung der Elektricitaet Grosses erwarteten, gab ein Wundarzt in
Essequibo, Namens VAN DER LOTT, in Holland eine Abhandlung ueber die
Heilkraefte des Zitteraals heraus. Solche "elektrische Curen" kommen bei
den Wilden Amerika's wie bei den Griechen vor. SCRIBONIUS LARGUS, GALENUS
und DIOSCORIDES berichten uns, dass der Zitterrochen Kopfweh, Migraene und
Gicht heile. In den spanischen Colonien, die ich durchreist, habe ich von
dieser Heilmethode nichts gehoert; aber soviel ist gewiss, dass Bonpland und
ich, nachdem wir vier Stunden lang an Gymnoten experimentirt, bis zum
andern Tag Muskelschwaeche, Schmerz in den Gelenken, allgemeine Uebligkeit
empfanden, eine Folge der heftigen Reizung des Nervensystems.

Waehrend die Gymnoten fuer die europaeischen Naturforscher Gegenstaende der
Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den
Eingebornen gefuerchtet und gehasst. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings
nicht uebel, aber der Koerper besteht zum groessten Theil aus dem elektrischen
Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man
sondert es daher auch sorgfaeltig vom Uebrigen ab. Zudem schreibt man es
vorzueglich den Gymnoten zu, dass die Fische in den Suempfen und Teichen der
Llanos so selten sind. Sie toedten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und
die Indianer erzaehlten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge
Krokodile und Zitteraale zugleich fange, so sey an letzteren nie eine
Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen, Krokodile laehmen, bevor diese
ihnen etwas anhaben koennen. Alle Bewohner des Wassers fliehen die
Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkroeten und Froesche suchen
Suempfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu musste man einer
Strasse eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Fluss
so vermehrt hatten, dass sie alle Jahre eine Menge Maulthiere, die belastet
durch den Fluss wateten, umbrachten.

Am 24. Maerz verliessen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem
Aufenthalt und unsern Versuchen ueber einen so wichtigen physiologischen
Gegenstand. Ich hatte ueberdiess gute Sternbeobachtungen machen koennen und
zu meiner Ueberraschung gefunden, dass die Angaben der Karten auch hier um
einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte Niemand an
diesem Ort beobachtet, und wie denn die Geographen gewoehnlich die
Distanzen von der Kueste dem Binnenlande zu zu gross annehmen, so hatten sie
auch hier alle Punkte zu weit nach Sueden gerueckt.

Auf dem Wege durch den suedlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden
staubiger, pflanzenloser, durch die lange Duerre zerrissener. Die Palmen
verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu
Sonnenuntergang auf 34--35 deg.. Je ruhiger die Luft in 8--10 Fuss Hoehe schien,
desto dichter wurden wir von den Staubwirbeln eingehuellt, welche von den
kleinen, am Boden, hinstreichenden Luftstroemungen erzeugt werden. Gegen 4
Uhr Abends fanden wir in der Savane ein junges indianisches Maedchen. Sie
lag auf dem Ruecken, war ganz nackt und schien nicht ueber 12--13 Jahre alt.
Sie war von Ermuedung und Durst erschoepft, Augen, Nase, Mund voll Staub,
der Athem roechelnd; sie konnte uns keine Antwort geben. Neben ihr lag ein
umgeworfener Krug, halb voll Sand. Zum Glueck hatten wir ein Maulthier bei
uns, das Wasser trug. Wir brachten das Maedchen zu sich, indem wir ihr das
Gesicht wuschen und ihr einige Tropfen Wein aufdrangen. Sie war Anfangs
erschrocken ueber die vielen Leute um sie her, aber sie beruhigte sich nach
und nach und sprach mit unsern Fuehrern. Sie meinte, dem Stand der Sonne
nach muesse sie mehrere Stunden betaeubt dagelegen haben. Sie war nicht dazu
zu bringen, eines unserer Lastthiere zu besteigen. Sie wollte nicht nach
Uritucu zurueck; sie hatte in einem Hofe in der Naehe gedient und war von
ihrer Herrschaft verstossen worden, weil sie in Folge einer langen
Krankheit nicht mehr soviel leisten konnte als zuvor. Unsere Drohungen und
Bitten fruchteten nichts; fuer Leiden unempfindlich, wie ihre ganze Race,
in die Gegenwart versunken ohne Bangen vor kuenftiger Gefahr, beharrte sie
auf ihrem Entschluss, in eine der indianischen Missionen um die Stadt
Calabozo her zu gehen. Wir schuetteten den Sand aus ihrem Krug und fuellten
ihn mit Wasser. Noch ehe wir wieder zu Pferd waren, setzte sie ihren Weg
in der Steppe fort. Bald entzog sie eine Staubwolke unsern Blicken.

In der Nacht durchwateten wir den Rio Uritucu, in dem zahlreiche,
auffallend wilde Krokodile hausen. Man warnte uns, unsere Hunde nicht am
Fluss saufen zu lassen, weil es gar nicht selten vorkomme, dass die
Krokodile im Uritucu aus dem Wasser gehen und die Hunde aufs Ufer
verfolgen. Solche Keckheit faellt desto mehr auf, da sechs Meilen von da,
im Rio Tisnao, die Krokodile ziemlich schuechtern und unschaedlich sind. Die
Sitten der Thiere einer und derselben Art zeigen Abweichungen nach
oertlichen Einfluessen, die sehr schwer aufzuklaeren sind. Man zeigte uns
eine Huette oder vielmehr eine Art Schuppen, wo unser Wirth in Calabozo,
Don Miguel Cousin, einen hoechst merkwuerdigen Auftritt erlebt hatte. Er
schlief mit einem Freunde auf einer mit Leder ueberzogenen Bank, da wird er
frueh Morgens durch heftige Stoesse und einen furchtbaren Laerm aufgeschreckt.
Erdschollen werden in die Huette geschleudert. Nicht lange, so kommt ein
junges 2--3 Fuss langes Krokodil unter der Schlafstaette hervor, faehrt auf
einen Hund los, der auf der Thuerschwelle lag, verfehlt ihn im ungestuemen
Lauf, eilt dem Ufer zu und entkommt in den Fluss. Man untersuchte den Boden
unter der Barbacoa oder Lagerstaette, und da war denn der Hergang des
seltsamen Abenteuers bald klar. Man fand die Erde weit hinab aufgewuehlt;
es war vertrockneter Schlamm, in dem das Krokodil im *Sommerschlaf*
gelegen hatte, in welchen Zustand manche Individuen dieser Thierart
waehrend der duerren Jahreszeit in den Llanos verfallen. Der Laerm von
Menschen und Pferden, vielleicht auch der Geruch des Hundes hatten es
aufgeweckt. Die Huette lag an einem Teich und stand einen Theil des Jahres
unter Wasser; so war das Krokodil ohne Zweifel, als die Savane
ueberschwemmt wurde, durch dasselbe Loch hineingekommen, durch das es Don
Miguel herauskommen sah. Haeufig finden die Indianer ungeheure Boa's, von
ihnen Uji oder Wasserschlangen genannt, im selben Zustand der Erstarrung.
Man muss sie, sagt man, reizen oder mit Wasser begiessen, um sie zu
erwecken. Man toedtet die Boa's und haengt sie in einen Bach, um durch die
Faeulniss die sehnigten Theile der Rueckenmuskeln zu gewinnen, aus denen man
in Calabozo vortreffliche Guitarrensaiten macht, die weit besser sind als
die aus den Daermen der Bruellaffen.

Wir sehen somit, dass in den Llanos Trockenheit und Hitze auf Thiere und
Gewaechse gleich dem Frost wirken. Ausserhalb der Tropen werfen die Baeume in
sehr trockener Luft ihre Blaetter ab. Die Reptilien, besonders Krokodile
und Boa's, verlassen vermoege ihres traegen Naturels die Lachen, wo sie beim
Austreten der Fluesse Wasser gefunden haben, nicht leicht wieder. Je mehr
nun diese Wasserstuecke eintrocknen, desto tiefer graben sich die Thiere in
den Schlamm ein, der Feuchtigkeit nach, die bei ihnen Haut und Decken
schmiegsam erhaelt. In diesem Zustand der Ruhe kommt die Erstarrung ueber
sie; sie werden wohl dabei von der aeussern Luft nicht ganz abgesperrt, und
so gering auch der Zutritt derselben seyn mag, er reicht hin, den
Athmungsprozess bei einer Eidechse zu unterhalten, die ausnehmend grosse
Lungensaecke hat, die keine Muskelbewegungen vornimmt und bei der fast alle
Lebensverrichtungen stocken. Die Temperatur des vertrockneten, dem
Sonnenstrahl ausgesetzten Schlammes betraegt im Mittel wahrscheinlich mehr
als 40 deg.. Als es im noerdlichen Egypten, wo im kuehlsten Monat die Temperatur
nicht unter 13 deg.,4 sinkt, noch Krokodile gab, wurden diese haeufig von der
Kaelte betaeubt. Sie waren einem *Winterschlaf* unterworfen, gleich unsern
Froeschen, Salamandern, Uferschwalben und Murmelthieren. Wenn die
Erstarrung im Winter bei Thieren mit warmem Blut, wie bei solchen mit
kaltem vorkommt, so kann man sich eben nicht wundern, dass in beiden
Klassen auch Faelle von *Sommerschlaf* vorkommen. Gleich den Krokodilen in
Suedamerika liegen die Tenrecs oder Igel auf Madagascar mitten in der
heissen Zone drei Monate des Jahres in Erstarrung.

Am 25. Maerz kamen wir ueber den ebensten Strich der Steppen von Caracas,
die *Mesa de Pavones*. Die Corypha- und Murichepalme fehlen hier ganz.
Soweit das Auge reicht, gewahrt man keinen Gegenstand, der auch nur
fuenfzehn Zoll hoch waere. Die Luft war rein und der Himmel tief blau, aber
den Horizont saeumte ein blasser, gelblicher Schein, der ohne Zweifel von
der Menge des in der Luft schwebenden Sandes herruehrte. Wir trafen grosse
Heerden, und bei ihnen Schaaren schwarzer Voegel mit olivenfarbigem Glanz
von der Gattung _Crotophoga_ die dem Vieh nachgehen. Wir sahen sie haeufig
den Kuehen auf dem Ruecken sitzen und Bremsen und andere Insekten suchen.
Gleich mehreren Voegeln dieser Einoede scheuen sie so wenig vor dem
Menschen, dass Kinder sie oft mit der Hand fangen. In den Thaelern von
Aragua, wo sie sehr haeufig sind, setzten sie sich am hellen Tag auf unsere
Haengematten, waehrend wir darin lagen.

Zwischen Calabozo, Uritucu und der Mesa de Pavones kann man ueberall, wo
der Boden von Menschenhand wenige Fuss tief ausgegraben ist, die
geologischen Verhaeltnisse der Llanos beobachten. Ein rother Sandstein(77)
(altes Conglomerat) streicht ueber mehrere tausend Quadratmeilen weg. Wir
fanden ihn spaeter wieder in den weiten Ebenen des Amazonenstroms, am
oestlichen Saum der Provinz Jaen de Bracamoros. Diese ungeheure Verbreitung
des rothen Sandsteins auf den tiefgelegenen Landstrichen ostwaerts von den
Anden ist eine der auffallendsten geologischen Erscheinungen, die ich
unter den Tropen beobachtet.

Nachdem wir in den oeden Savanen der Mesa de Pavones lange ohne die Spur
eines Pfades umhergeirrt, sahen wir zu unserer freudigen Ueberraschung
einen einsamen Hof vor uns, den _Hato de alta Gracia_ der von Gaerten und
kleinen Teichen mit klarem Wasser umgeben ist. Hecken von *Azedarac*
liefen um Gruppen von *Icaquesbaeumen*, die voll Fruechten hingen. Eine
Strecke weiter uebernachteten wir beim kleinen Dorfe San Geronymo del
Guayaval, das Missionaere vom Kapuzinerorden gegruendet haben. Es liegt am
Ufer des Rio Guarico, der in den Apure faellt. Ich besuchte den
Geistlichen, der in der Kirche wohnen musste, weil noch kein Priesterhaus
gebaut war. Der junge Mann nahm uns aufs zuvorkommendste auf und gab uns
ueber Alles die verlangte Auskunft. Sein Dorf, oder, um den officiellen
Ausdruck der Moenche zu gebrauchen, seine *Mission*, war nicht leicht zu
regieren. Der Stifter, der keinen Anstand genommen, auf seine Rechnung
eine *Pulperia* zu errichten, das heisst sogar in der Kirche Bananen und
Guarapo zu verkaufen, war auch bei Aufnahme der Colonisten nicht ekel
gewesen. Viele Landstreicher aus den Llanos hatten sich in Guayaval
niedergelassen, weil die Einwohner einer Mission dem weltlichen Arm
entrueckt sind. Hier wie in Neu-Holland kann man erst in der zweiten oder
dritten Generation auf gute Colonisten rechnen.

Wir setzten ueber den Rio Guarico und uebernachteten in den Savanen suedlich
vom Guayaval. Ungeheure Fledermaeuse, wahrscheinlich von der Sippe der
Phyllostomen, flatterten, wie gewoehnlich, einen guten Theil der Nacht ueber
unsern Haengematten. Man meint jeden Augenblick, sie wollen sich einem ins
Gesicht einkrallen. Am fruehen Morgen setzten wir unsern Weg ueber tiefe,
haeufig unter Wasser stehende Landstriche fort. In der Regenzeit kann man
zwischen dem Guarico und dem Apure im Kahn fahren, wie auf einem See. Es
begleitete uns ein Mann, der alle Hoefe (Hatos) in den Llanos besucht
hatte, um Pferde zu kaufen. Er hatte fuer tausend Pferde 2200 Piaster
gegeben.(78) Man bezahlt natuerlich desto weniger, je bedeutender der Kauf
ist. Am 27. Maerz langten wir in der Villa de San Fernando, dem Hauptort
der Missionen der Kapuziner in der Provinz Barinas, an. Damit waren wir am
Ziel unserer Reise ueber die Ebenen, denn die drei Monate April, Mai und
Juni brachten wir auf den Stroemen zu.

                            ------------------





   68 Ich erinnere die Reisenden an den Weg vom Ursernthal zum
      Gotthardshospiz und von da nach Airolo.

   69 LIVIUS, _L. 38_, c. 75

   70 Offene baumlose Savanen, _limpias de arboles_

   71 Y{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}. HERODOT, _Melpomene_.

   72 Der Zaque war das weltliche Oberhaupt von Cundinamarca. Er theilte
      die oberste Gewalt mit dem Hohenpriester (Lama) von Iraca.

   73 Band I, Seite 216

   74 PLINIUS, _L. XII_, c. VII.

   75 Die Indianer versichern, wenn man Pferde zwei Tage hinter einander
      in einer Lache laufen lasse, in der es sehr viele Gymnoten gibt,
      gehe am zweiten Tag kein Pferd mehr zu Grunde.

   76 HUMBOLDTs _Versuche ueber die gereizte Muskelfaser_. Vol. 1. p.
      323--329.

   77 Rothes Todtliegendes, oder aeltester Floetzsandstein der Freiberger
      Schule.

   78 In den Llanos von Calabozo und am Guayaval kostet ein junger Stier
      von zwei bis drei Jahren einen Piaster. Ist er verschnitten (in sehr
      heissen Laendern eine ziemlich gefaehrliche Operation), so ist er 5 bis
      6 Piaster werth. Eine an der Sonne getrocknete Ochsenhaut gilt 21/2
      Silberrealen (1 Peso = 8 Realen); ein Huhn 2 Realen; ein Schaf, in
      Barquesimeto und Truxillo, denn ostwaerts von diesen Staedten gibt es
      keine, 3 Realen. Da diese Preise sich nothwendig veraendern werden,
      je mehr die Bevoelkerung in den spanischen Colonien zunimmt, so
      schien es mir nicht unwichtig, hier Angaben niederzulegen, die
      kuenftig bei nationaloekonomischen Untersuchungen als Anhaltspunkte
      dienen koennen.






LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE


Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.

BARROW, SIR JOHN. _A Voyage to Cochinchina in the Years 1792 and 1793._
(1806)
DELPECHE. _Sur le tremblement de terre de Venezuela en 1812._
GARCIA, GREGORIO. _Origen de los indios del nuevo mundo._ (1607)
HERODOT. _Melpomene._
HORAZ. _Oden._
HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essay politique sur le Mexique._
HUMBOLDT, ALEXANDER. _Essai politique sur le royaume de la nouvelle
Espagne._
HUMBOLDT, ALEXANDER. _Versuche ueber die gereizte Muskel- und Nervenfaser :
nebst Vermuthungen ueber den chemischen Process des Lebens in der Thier-
und Pflanzenwelt._ (1797)
LA CONDAMINE, CHARLES MARIE DE. _Journal du voyage fait par ordre du Roi,
a l'Equateur servant d'introduction historique a la Mesure des trois
premiers degres du Meridien._ (1751)
LIVIUS. _L. 38._
OVIEDO Y BANOS, JOSE DE. _Historia de la conquista y poblacion de la
Provincia de Venezuela._ _Geschichte der Provinz Venezuela._ (1723)
PLINIUS. _L. XII._
DE PONS, FRANCOIS RAYMOND JOSEPH. _Reise in den oestlichen Theil von
Terrafirma in Sued-Amerika : unternommen in den Jahren 1801, 1802, 1803
und 1804 / von Depons. Aus d. Franz. uebers. von Chr. Weyland._ (1808)
RITTER, KARL. _Erdkunde._ Bd. I.
TACITUS. _Agricola._
TACITUS. _Germania._
TORQUEMADA, JUAN DE. _Monarchia Indiana. Los veintiun libros rituales i
monarchia indiana con el origen y guerras de los Indios Occidentales, de
sus poblaciones, descubrimientos, conquista, conversion y otras cosas
maravillosas de la misma tierra._ (1615)
ULLOA, ANTONIO DE. _ Noticias americanas: entretenimientos
fisico-historicos sobre la America Meridional, y la Septentrional
oriental: comparacion general de los territorios, climas y producciones en
las tres especies vegetal, animal y mineral; con una relacion particular
de los Indios de aquellos paises, sus costumbres y usos, de las
petrificaciones de cuerpos marinos, y de las antigueedades. Con un discurso
sobre el idioma, y conjeturas sobre el modo con que pasaron los primeros
pobladores._ (1792)





ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS


Vom Korrekturleser wurden mehrere Aenderungen am Originaltext vorgenommen.
Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
aendern, wurden im Text belassen.

Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
geaenderten Fassung.



Ausdrucks ueberraschen. Tumanacu: Wespe, uane-imu, woertlich: Vater
Ausdrucks ueberraschen. Tamanacu: Wespe, uane-imu, woertlich: Vater

stieg wieder bis eilf Uhr Abends
stieg wieder bis elf Uhr Abends

des Centauren, Achernar, ss des Centauren, Fomahault
des Centauren, Achernar, ss des Centauren, Fomalhaut

darnach, und die Voelkerschaft der Guaraons, deren Existenz
darnach, und die Voelkerschaft der Guaranos, deren Existenz

Governador, Alcaden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!
Governador, Alcalden oder Fiscal zum Dolmetscher heranzubilden!

Sterculia und Coccololoba excoriata bewachsenen Boden
Sterculia und Coccoloba excoriata bewachsenen Boden





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 2.***




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2008

            Project Gutenberg TEI edition 01
            R. Stephan




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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
determine the status of compliance for any particular state visit
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
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Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
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Corrected *editions* of our eBooks replace the old file and take over the
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Most people start at our Web site which has the main PG search facility:


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***FINIS***
