Project Gutenberg's Die Frau von dreiig Jahren, by Honor de Balzac

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Die Frau von dreiig Jahren

Author: Honor de Balzac

Translator: Walter Heichen

Release Date: August 11, 2008 [EBook #26261]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAU VON DREIIG JAHREN ***




Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net









                      Die Frau von dreiig Jahren



                               Roman von

                            Honor de Balzac



                        Vollstndige bertragung

                           von Walter Heichen




                       A.Weichert Verlag Berlin




                      Smtliche Rechte vorbehalten
           Printed in Germany -- Druck von A.Weichert Berlin




Einleitung.


Wenn man die bedeutendsten Erzhlungsknstler der verschiedenen
Literaturen aufzhlt, wird der Name Balzac mitgenannt werden. Seinen
ganz besondern und festen Platz in der Weltliteratur hat er jedoch als
Begrnder und erster Meister des realistischen Romans und damit als
Schpfer einer ganz neuen Kunstform, die spter Zola ausbaute und zum
knstlerischen System erhob. Balzacs Realismus war jedoch weit davon
entfernt, ein so brutaler zu sein, wie derselbe spter geworden ist.
Denn mit scharfsichtiger Beobachtung der Wirklichkeit und ihrer
Bedrfnisse und Forderungen, mit der unerbittlichen Anatomie des
Menschenherzens, insbesondere des weiblichen, verband Balzac eine
uerst reiche, regsame Phantasie, welche ihn davor bewahrte, bloe
Photographien in Worten zu liefern, wie mehr als einer seiner Nachahmer
spter getan hat. Die besseren seiner psychologischen Dramen -- als
solche knnen seine Romane bezeichnet werden -- mssen zu den
eigenartigsten Hervorbringungen der europischen Literatur des
neunzehnten Jahrhunderts gezhlt werden.----

Wenn man die trocknen, widerlichen Register liest, welche die
Geschichte genannt werden, so bemerkt man, da die Schriftsteller aller
Lnder und Zeiten vergessen haben, uns die Geschichte der Sitten zu
liefern. Diese Lcke will ich, soweit es in meinen Krften steht,
ausfllen. Ich will das Inventar der Leidenschaften, Tugenden und Laster
der Gesellschaft aufstellen, durch das Zusammendrngen der
gleichartigen Charaktere Typen geben und mit Mhe und eiserner Ausdauer
ber das Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts das Buch schreiben, das
uns Rom, Athen, Tyrus, Memphis, Persien und Indien leider nicht
hinterlassen haben. Mit diesen Worten leitet er den groen Romanzyklus
ein, dem er den Gesamttitel Menschliche Komdie gab. Als
Sittenschilderer und Kulturhistoriker der genannten Zeitepoche mute er
natrlich zu einem pessimistischen und ausgeprgt materialistischen
Ergebnis kommen. Wir sehen daher in seinen Werken fast durchweg den
Hunger nach Reichtum als die treibende Kraft wirken. Die Losung der
modernen Welt ist nicht die Liebe, sondern das Gold. Der Glaube an den
Mammon, die Zuversicht auf die Macht der Millionen sind der einzige
Idealismus der Balzacschen Helden, und ohne Zweifel hat der Dichter
selbst diesem Glaubensbekenntnis gehuldigt, so furchtbar und
unerbittlich auch dieser Durst nach Gold sich uns in seinen Werken
darstellt.

Seinen Ausgang nahm Balzac jedoch von der Romantik, und selbst das
vorliegende Werk, das neben die modernsten Seelenschilderungen gestellt
werden kann, steht mit einem Fu auf dem Boden der Romantik. Die
phantastische Liebe des Englnders zu der Heldin hat allen Duft des
blauen Blmleins an sich, so realistisch nachher auch das Ende ist.
Das mysterise Erscheinen des politischen Mrders und Seerubers im
vorletzten Teil ist Romantik reinsten Wassers, und das Kapitel auf dem
Korsarenschiff selbst erinnert sogar an Eugen Sue oder an Dumas. Dennoch
kann man gerade dem fast bersinnlichen Lord Grenville, der jahrelang
einer idealen Liebe treu bleibt, die Lebenswahrheit nicht absprechen.
Dieser sonderbare Schwrmer ist mit bewundernswerter Konsequenz
gezeichnet, und trotz allen romantischen Anhauchs eine beraus
interessante Gestalt. Der Gegenstand seiner Liebe, die Heldin des
Romans, ist eine kstliche Probe fr Balzacs Seelenmalerei und vor allem
fr Balzacs Art, Frauen zu schildern. Er unterscheidet sich in dieser
Art, zarte, reine Frauen zu zeichnen, hchst vorteilhaft von einer
groen Zahl franzsischer Schriftsteller, die das Weib als Ausbund von
Sinnlichkeit, Leichtsinn und Unbestndigkeit darzustellen pflegen. Mit
dieser >Frau von dreiig Jahren< entdeckte er gewissermaen den
Frauentypus fr alle seine Romane und eroberte sich damit gleichzeitig
die dauernde Gunst der weiblichen Lesewelt; auch dem deutschen Leser
wird er durch seine Auffassung der weiblichen Seele zum sympathischsten
der franzsischen Sittenschilderer der neueren Literatur.

Honor de Balzac wurde am 20. Mai 1799 in Tours geboren, erhielt seine
Erziehung auf dem Gymnasium zu Vendme und in Paris, wurde dann
Schreiber bei einem Notar und versuchte schon ziemlich frh, sich ganz
auf eigene Fe zu stellen. Von Geburt zum Adel gehrend, fehlten ihm
doch die Mittel dieser Gesellschaftsklasse, und er sah sich zu harter
Arbeit gezwungen. Zuerst machte er sich allerlei kaufmnnische
Unternehmungen, buchhndlerische Plne, Spekulationen in Bergwerken und
Bodenkultur, viele groe Ideen, auf die er stolz war und die sich doch
nicht durchfhren lieen -- das war das Programm der ersten Zeit, das
mit einem groen Fiasko endigte und ihn zu einem stndigen Klienten des
Gerichtsvollziehers machte. Dann legte er sich auf die Schriftstellerei,
doch zuerst auch ohne Erfolg. Mit dem Erscheinen des Chouan im Jahre
1829 wurde er ein berhmter Mann, und von nun an schrieb er mit groem
Flei und wachsendem Glck (einmal dreiig Bnde in drei Jahren).
Whrend seines arbeitsreichen Lebens verfate er neunzig Romane und
Novellen, die zusammen 120 Bnde bilden. Aber zu Reichtum brachte er es
dennoch wohl nicht; denn obwohl er viel Geld durch seine Werke
verdiente, gab er auch mit ebensolcher Leichtigkeit Riesensummen aus,
der Luxus war ihm zum Leben unentbehrlich. Seltsamerweise hatte er dabei
die Angewohnheit, sich whrend der Arbeit in ein hrenes Gewand zu
kleiden, das durch einen Strick um den Leib zusammengehalten wurde. Im
Leben war er Freund des Aufwandes und der Gensse, in der Arbeit tat er
den Mantel der Aszese an. Das war bei ihm nicht so ganz uerlich, wie
es auf den ersten Blick erscheint; denn in seinen Werken ist er ber
allen Tand der Welt erhaben und kritisiert scharf und vernichtend alle
Leerheit des Lebens, alle Albernheiten des Menschengeschlechts, alle
Nichtigkeit der Gesellschaft. Die grte Zeit seines Lebens brachte er
in Paris zu -- seine Gattin, eine Frau von Hanska und geborene Grfin
Eveline Rzewuska holte er sich aus Ruland -- doch schon im Jahre seiner
Verheiratung (1850) starb er. Als seine Hauptwerke gelten: Physiologie
der Ehe, Der Chouan, Der Chagrin, Die Frau von dreiig Jahren,
Die Lilie im Tal, Die Erforschung des Absoluten, Csar Birotteau,
Eugenie Grandet, Vater Goriot, Ein Junggesellenheim und sein
letzter Roman Die armen Verwandten. Sein Theaterstck Mercadet
erscheint noch heute hin und wieder auf der Bhne.
                                                    +W.H.+




1. Kapitel.

Erste Fehler.


Es war in den ersten Tagen des Monats April 1813, da verhie der Morgen
eines Sonntags einen jener schnen Tage, an denen der Pariser zum
erstenmal im Jahre keinen Schmutz auf dem Pflaster und keine Wolken am
Himmel sieht. Kurz vor der Mittagsstunde lenkte eine stattliche, mit
zwei flinken Pferden bespannte Kalesche aus der Rue Castiglione in die
Rue de Rivoli ein und reihte sich dann, Halt machend, an mehrere
Equipagen an, die sich an dem vor kurzem erst geffneten Gitter mitten
auf der Terrasse des Feuillants aufgestellt hatten.

Dieses vornehme Gefhrt wurde von einem anscheinend sorgenvollen, ja
krnklichen Herrn gelenkt. Sein gelblicher Schdel wies nur noch wenig
schon ergrautes Haar auf, was ihn vor der Zeit alt erscheinen lie. Dem
Reitknecht, der hinter dem Wagen hergeritten war, warf er die Zgel zu,
dann stieg er ab, um einem jungen Mdchen, dessen Anmut und Schnheit
sogleich den auf der Terrasse umherschlendernden Miggngern auffiel,
beim Aussteigen zu helfen.

Die kleine Person lie sich gern um die Taille fassen, als sie auf den
Rand des Wagens getreten war, und schlang die Arme um den Hals ihres
Fhrers, der sie auf die Treppe niedersetzte und dabei nicht einmal den
Besatz ihres grnen Ripskleides zerdrckte. Ein Liebhaber htte sich
nicht so sehr in acht genommen. Der Unbekannte mute der Vater dieses
Kindes sein, das, ohne sich bei ihm zu bedanken, seinen Arm nahm und ihn
strmisch in den Garten hineinzog.

Der alte Vater bemerkte die bewundernden Blicke einiger jungen Leute,
und der Ausdruck von Trauer, der auf seinem Gesicht lag, verschwand auf
einen Augenblick. Er hat schon lange das Alter erreicht, an dem die
Mnner auf die trgerischen Gensse verzichten mssen, die die Eitelkeit
gewhrt, aber er lchelte noch.

Die Leute halten dich fr meine Frau, flsterte er der jungen Person
ins Ohr, richtete sich stolz auf und schritt mit einer Langsamkeit
einher, die sie zur Verzweiflung brachte.

Er schien sich viel auf seine Tochter einzubilden, und er freute sich
wahrscheinlich weit mehr als sie an den Seitenblicken, die die
Neugierigen auf die kleinen Fe in Schuhen von flohbraunem Prnell, auf
die in dem ausgeschnittenen Kleide vorteilhaft hervortretende, kstliche
Taille und auf den frischen, von einer gestickten Krause nicht ganz
bedeckten Nacken warfen. Beim Gehen flog auf einen Augenblick das Kleid
des jungen Mdchens ein wenig auf und lie ber den Stiefelchen ein von
durchbrochenem Seidenstrumpf fein umschlossenes Bein sehen.

Mancher Spaziergnger berholte daher auch das Paar, um das jugendliche
Gesicht zu bewundern und noch einmal anzuschauen. Lange Locken braunen
Haars umgaben es. Die Hautfarbe mit ihrem Wei und Rosa erglhte nicht
nur unter dem Abglanz rosafarbnen Satins, mit dem ein eleganter Hut
abgefttert war, sondern auch von dem ungeduldigen Verlangen, das in
allen Zgen dieser niedlichen Person zitterte. Ser Mutwille belebte
die schnen, schwarzen Augen, die mandelfrmig geschnitten, von schn
gebogenen Brauen berwlbt, von langen Wimpern besetzt waren und sanft,
feucht und rein in die Welt schauten. Leben und Jugend schtteten ihre
Schtze auf diesem mutwilligen Gesicht aus und auf einer Bste, die
anmutig blieb, obwohl man damals den Grtel unmittelbar unter dem Busen
trug.

Ohne auf die Huldigungen zu achten, betrachtete das junge Mdchen in
banger Erwartung das Schlo der Tuilerien, das ohne Zweifel das Ziel
war, auf das sie so ungestm zuschritt. Es war dreiviertel zwlf. So
morgendlich die Stunde auch war, so kamen doch mehrere Frauen, die sich
alle in Toilette hatten zeigen wollen, vom Schlosse zurck, nicht ohne
sich verdrielich umzusehen, als bedauerten sie es, zu spt gekommen zu
sein und dadurch ein erwnschtes Schauspiel versumt zu haben. In ihrer
Milaune lieen diese enttuschten Schnen sich wohl auch einige Worte
entschlpfen, die die hbsche Unbekannte flchtig erhaschte, was ihre
Unruhe seltsam steigerte. Der Greis achtete mehr mit neugierigem, als
spttischem Blick auf die Zeichen der Ungeduld und Furcht, die sich auf
dem reizenden Gesicht seiner Gefhrtin abspielten -- er tat dies mit so
groer Besorgtheit, da man wohl annehmen durfte, er htte noch einen
gewissen vterlichen Hintergedanken dabei.

Dieser Sonntag war der 13. April des Jahres 1813. Am bernchsten Tage
brach Napoleon zu dem unglcklichen Feldzug auf, whrenddessen er
nacheinander Bessires und Duroc verlieren, die denkwrdigen Schlachten
bei Ltzen und Bautzen gewinnen, sich von sterreich, Sachsen, Bayern,
ja von Bernadotte verraten sehen und in der furchtbaren Schlacht bei
Leipzig um die Entscheidung kmpfen sollte. Die groartige, vom Kaiser
befehligte Parade sollte das letzte der militrischen Schaustcke sein,
die so lange Zeit die Bewunderung der Pariser und Auslnder erregt
hatten. Die alte Garde sollte ein letztes Mal die geschickten Manver
vorfhren, deren Pomp und Schneidigkeit bisweilen selbst diesen Riesen
in Erstaunen setzten, der sich nun zu seinem Zweikampf mit Europa
rstete.

Ein gewisses Gefhl der Trauer fhrte eine glnzende, neugierige
Menschenmenge zu den Tuilerien hinaus. Jeder schien in die Zukunft zu
schauen und hatte vielleicht das Vorgefhl, da man auf die Phantasie
angewiesen sein wrde, wenn man dieses Bild in seiner Pracht noch einmal
vor Augen haben wollte -- da bald die Zeiten kommen wrden, wo -- wie
es heute schon der Fall ist -- diese Heldentage Frankreichs fast der
Fabel anzugehren scheinen.

La uns doch schneller gehen, Vater, sagte das junge Mdchen mit
schalkhafter Miene und zog den Greis mit sich fort. Ich hre schon den
Tambour.

Das sind die Truppen -- sie ziehen in die Tuilerien ein, antwortete
er.

Oder sie sind schon beim Vorbeimarsch -- alle Leute kommen schon
zurck, versetzte sie mit kindischem Schmerz, der dem Greis ein Lcheln
entlockte.

Die Parade fngt erst um halb ein Uhr an, entgegnete der Vater und
hielt nur zur Not Schritt mit seiner vorwrts hastenden Tochter.

Den rechten Arm bewegte sie so heftig, da man htte meinen mgen, sie
gebrauche ihn beim Laufen. Ihre kleine, in hbschem Handschuh steckende
Hand zerknllte ungeduldig ein Taschentuch und glich dem Ruder einer
Gondel, das die Wellen teilt. Der alte Mann lchelte bisweilen; aber
manchmal verdsterte auch ein Ausdruck der Besorgnis sein vertrocknetes
Gesicht. In seiner Liebe zu diesem reizenden Geschpf erfreute er sich
ebenso sehr an der Gegenwart, wie er sich um die Zukunft hrmte. Er
schien bei sich zu denken: Heute ist sie noch glcklich, wird sie es
immer sein? Denn alte Leute sind stets geneigt, in die Zukunft junger
Leute ihren Kummer hineinzutragen.

Als Vater und Tochter unter dem Sulengange des Pavillons ankamen, auf
dem die Trikolore wehte, und durch den man hindurch mu, wenn man von
dem Garten der Tuilerien nach dem Karussell will, riefen ihnen die
Posten gebieterisch zu: Hier geht's nicht weiter!

Die Kleine reckte sich auf den Zehen in die Hhe und konnte eine Menge
von geputzten Frauen sehen, die sich zu beiden Seiten der Marmorarkade
drngten, aus der der Kaiser kommen mute.

Da siehst du, Vater, wir sind zu spt gegangen.

Sie schmollte rgerlich -- ein Zeichen, wie viel ihr daran gelegen war,
diese Parade mitanzusehen.

Nun, Julie, so gehen wir wieder. Du hast es nicht gern, in solchem
Gedrnge zu sein.

Wir wollen noch bleiben, lieber Vater. Von hier aus kann ich wenigstens
den Kaiser sehen. Wenn er nun in dem Feldzug den Tod fnde, so habe ich
ihn wenigstens einmal gesehen.

Der Vater zitterte ein wenig, als er diese egoistischen Worte hrte;
seine Tochter sprach in weinerlichem Tone. Er sah sie an und glaubte
unter den gesenkten Lidern ein paar Trnen zu bemerken, die wohl weniger
aus Enttuschung als aus einem jener ersten Schmerzen entsprangen, deren
Geheimnis ein alter Vater so leicht erraten kann. Pltzlich errtete
Julie und stie einen Ruf aus, dessen Bedeutung weder die Posten noch
der alte Mann verstanden. Bei diesem Schrei drehte sich ein Offizier,
der von dem Hof nach der Treppe eilte, lebhaft um, schritt bis an die
Arkade des Gartens, erkannte die junge Person, die im Augenblick hinter
den hohen Pelzmtzen der Grenadiere verschwand, und hob fr sie und
ihren Vater sogleich den Befehl auf, den er selbst erteilt hatte. Ohne
sich um das Getmmel der eleganten Menge zu kmmern, die die Arkade
belagerte, zog er das junge Mdchen, das vor Freude auer sich war, zu
sich hin.

Nun wundere ich mich nicht mehr, da sie es so eilig hatte und so bse
auf mich war. Sie hat gewut, da du hier Dienst hast, sagte der alte
Herr in ebenso ernsthaftem, wie spttischem Tone zu dem Offizier.

Herr Herzog, antwortete der junge Mann, wenn Sie einen guten Platz
haben wollen, so drfen wir uns nicht mit Schwatzen aufhalten. Der
Kaiser liebt es nicht zu warten, und der Gromarschall hat mich eben
abgesandt, ihm Meldung zu machen.

Whrend er so sprach, hatte er mit einer gewissen Vertraulichkeit
Juliens Arm genommen und zog sie rasch nach der Reitbahn hin mit sich
fort. Julie sah mit Erstaunen eine ungeheure Menschenmenge,
dichtgedrngt in dem kleinen Raum zwischen den grauen Mauern des
Palastes und den mit Ketten verbundenen Prellsteinen stehen, die die
groe Sandflche in der Mitte des Tuilerienhofs abgrenzten. Die Reihe
von Posten, die fr den Kaiser und seinen Generalstab einen Durchgang
freihalten mute, hatte einen schweren Stand gegen den Druck dieser hin
und her wogenden, wie ein Bienenschwarm summenden Menschenmasse, die sie
zur Seite zu drngen drohte.

Es wird also sehr schn werden? fragte Julie lchelnd.

So geben Sie doch acht! rief der Offizier und fate Julie um den Leib,
um sie mit ebenso viel Kraft wie Schnelligkeit emporzuheben und an einer
Sule vorbeizutragen. Htte er seine neugierige Verwandte nicht so rasch
hinweggezogen, so htte sie leicht mit dem Hinterteil eines weien
Pferdes mit grnsamtenem, reich mit Gold gesticktem Sattel, das der
Mameluck Napoleons unmittelbar vor der Arkade am Zgel hielt, in
unsanfte Berhrung kommen knnen. Zehn Schritt weiter vorn stampften all
die Pferde, die der hohen Offiziere, der Begleiter des Kaisers, harrten.

Der junge Mann stellte Vater und Tochter an den ersten Prellstein
rechter Hand. Sie standen hier vor der Menge, und durch ein Kopfnicken
empfahl er sie der Obhut der beiden Grenadiere, zwischen denen sie
standen.

Als der Offizier zum Palast zurckkehrte, hatte auf seinem Antlitz der
jhe Schreck, den ihm der unvermutete Seitensprung des Pferdes um
Juliens willen bereitet hatte, einem Ausdruck des Glcks und der Freude
Platz gemacht; Julie hatte ihm geheimnisvoll die Hand gedrckt, sei es,
um ihm zu danken, sei es, um zu sagen: Endlich sehe ich Sie wieder!
Sie neigte sogar sanft den Kopf zur Antwort auf den Gru, mit dem der
Offizier von ihr und auch von ihrem Vater Abschied nahm.

Der alte Herr, der mit Absicht die beiden jungen Leute allein gelassen
zu haben schien, kam ein Stckchen hinterdrein und blieb ernst und
still; aber er beobachtete sie scharf und bemhte sich, sie in den
trgerischen Glauben zu wiegen, als habe er nur Augen fr das
prachtvolle Schauspiel, das sich auf der Reitbahn abspielte. Als Julie
den Vater mit dem Blick eines Schlers ansah, der seinem Lehrer nicht
recht traut, antwortete der Alte sogar mit einem Lcheln wohlwollender
Heiterkeit; aber sein durchdringendes Auge war dem jungen Offizier bis
unter die Arkade gefolgt, und nicht die kleinste Einzelheit dieser
raschen Szene war ihm entgangen.

Welch schner Anblick! rief Julie mit leiser Stimme und drckte die
Hand ihres Vaters.

Das malerische, groartige Bild, das in diesem Augenblick die Reitbahn
darbot, entlockte den gleichen Ausruf Tausenden von Zuschauern, deren
Gesichter alle vor Bewunderung strahlten. Eine andere Reihe von Leuten,
ebenso dichtgedrngt wie die, vor der der alte Herr und seine Tochter
sich befanden, stand in einer mit dem Schlosse parallel verlaufenden
Linie auf dem engen, gepflasterten Raum, der sich lngs dem Gitter der
Reitbahn hinzieht. Diese Menge gab durch die groe Buntheit der
Frauenkleider dem riesigen Rechteck, das die Gebude der Tuilerien und
dieses damals erst seit kurzem bestehende Gitter bildeten, vollends erst
einen scharfen Umri.

Die Regimenter der Alten Garde, die nur im Vorbeireiten gemustert werden
sollten, nahmen diesen mchtigen Platz ein und standen dem Palast
gegenber in imposanten, zehn Glieder tiefen Fronten. Jenseits der
Einfriedigung, doch innerhalb der Reitbahn, standen, ebenfalls in
parallelen Fronten, mehrere Regimenter Infanterie und Kavallerie. Diese
sollten unter dem Triumphbogen hindurch, der die Mitte des Gitters
schmckte, und auf dessen First zu jener Zeit die prachtvollen Rosse
Venedigs standen, in Parade vorbeimarschieren.

Die Musik der Regimenter, die vor den Galerien des Louvre aufgestellt
war, konnte man nicht sehen, weil die polnischen Ulanen davor standen.
Ein groer Teil der Sandflche war leer geblieben, wie eine Arena, die
fr die Bewegungen der in tiefem Schweigen dastehenden Korps
hergerichtet war. Von diesen mit der Symmetrie militrischer Kunst
aufgestellten Massen blitzten die Sonnenstrahlen im dreieckigen Feuer
von zehntausend Bajonetten zurck. Die Luft bewegte die Federbsche der
Soldaten und lie sie wallen wie die Bume eines Waldes, die ein
Sturmwind beugt. Bei der Verschiedenheit der Uniformen, der Aufschlge,
der Waffen und Achselschnre boten diese alten, stummen und
eindrucksvollen Scharen dem Auge tausend Farbengegenstze.

Dieses gewaltige Gemlde -- das Miniaturbild eines Schlachtfeldes vor
Beginn des Kampfes -- ein Gemlde von groer Buntheit und seltsam
wechselnden Gruppen, erhielt in den hohen, majesttischen Gebuden, an
deren Regungslosigkeit die Fhrer und Soldaten sich ein Beispiel zu
nehmen schienen, einen poetischen Rahmen. Der Zuschauer verglich
unwillkrlich diese Mauern von Menschen mit jenen Mauern von Stein. Die
Frhlingssonne, die ihr Licht verschwenderisch auf die weien, vor alter
Zeit gebauten Wnde und die Jahrhunderte alten Mauern warf, beleuchtete
voll die zahllosen, schwarzbraunen Gesichter, die alle von bestandenen
Gefahren erzhlten und ernst den kommenden Gefahren entgegensahen.

Nur die Obersten eines jeden Regiments schritten vor den Fronten, die
diese heldenhaften Mnner bildeten, auf und ab. Hinter den von Silber,
Azur, Purpur und Gold funkelnden Truppenmassen konnten die Neugierigen
die mit dreifarbigen Fhnchen geschmckten Lanzen von sechs
unermdlichen polnischen Ulanen sehen, die, gleich den Hunden, die eine
Herde ber das Feld treiben, unaufhrlich zwischen den Truppen und den
Neugierigen hin und her galoppierten, um zu verhindern, da die Leute
den kleinen Zwischenraum berschritten, den man ihnen neben dem
kaiserlichen Gitter eingerumt hatte.

Wenn dieses Hin und Her nicht gewesen wre, htte man glauben knnen,
man befnde sich im Palast der schnen Fee, im verzauberten Walde. Das
Frhlingslftchen, das ber die Mtzen der Grenadiere hinwehte und die
hohen Federbsche bewegte, brachte allein ein wenig Leben in die
Regungslosigkeit der Soldaten -- und das dumpfe Murmeln der Menge allein
unterbrach die Stille. Nur hin und wieder klang der Ton eines
Halbmondes, oder aus Versehen geschah ein leichter Schlag gegen die
Kesselpauke, um im Echo vom kaiserlichen Palast zurckzuhallen -- das
waren die einzigen Laute, die an jenes ferne Donnern erinnerten, das
einem Gewitter vorausgeht.

Eine unbeschreibliche Begeisterung tat sich in dem Harren der Menge
kund. Am Vorabend eines Feldzugs, dessen Gefahren der geringste Brger
erkannte, wollte Frankreich Napoleon Lebewohl sagen. Diesmal handelte es
sich fr das franzsische Kaisertum um Sein oder Nichtsein. Dieser
Gedanke schien in gleichem Mae die stdtische Bevlkerung und die
soldatische Bevlkerung zu erfllen, und sie drngten sich in einmtigem
Schweigen in der Einfriedigung, ber der Napoleons Adler und Genius
schwebten.

Die Soldaten, Frankreichs Hoffnung -- die Soldaten, sein letzter
Blutstropfen, waren fr die Mehrzahl der Zuschauer ebenfalls ein
Gegenstand heftiger Besorgnis. Zwischen einem groen Teile der
Herumstehenden und des Militrs war dies vielleicht ein Abschied auf
ewig; aber alle Herzen, selbst die, die dem Kaiser durchaus feindlich
gesinnt waren, sandten heie Gebete zum Himmel um den Ruhm des
Vaterlandes. Diejenigen, die des zwischen Europa und Frankreich
entbrannten Kampfes berdrssig waren, hatten alle beim Durchgang unter
dem Triumphbogen ihres Hasses vergessen und begriffen wieder, da am
Tage der Gefahr Napoleon ganz Frankreich verkrperte.

Die Schlouhr schlug halb eins. In diesem Augenblick verstummte das
Summen der Menge, und das Schweigen wurde so tief, da man ein Kind
htte sprechen hren knnen. Der alte Herr und seine Tochter, die beide
ganz Auge zu sein schienen, vernahmen jetzt ein Gerusch von klirrenden
Sporen und rasselnden Degen, das unter dem hallenden Bogengange des
Schlosses hervorklang.

Ein kleiner, ziemlich korpulenter Mann, gekleidet in grne Uniform,
weie Hose und Reitstiefel, erschien pltzlich. Den Dreimaster, der
ebenso absonderlich aussah, wie der ganze Mann, behielt er auf dem
Kopfe; das breite, rote Band der Ehrenlegion flo ber seine Brust, an
der Seite trug er einen kleinen Degen. Aller Augen, von allen Punkten
des Platzes aus, waren zu gleicher Zeit auf diesen einen Mann gerichtet.
Sogleich schlugen die Tamboure den Wirbel, die beiden Musikkapellen
setzten zu einem Stck ein, dessen kriegerischer Ausdruck sich in allen
Instrumenten von der groen Pauke bis zur sanftesten Flte wiederholte.
Bei diesem Ruf zum Streit zitterten die Seelen, die Fahnen salutierten,
die Soldaten prsentierten mit einmtigem, regelrechtem Griff, der die
Gewehre von der ersten Reihe bis zu der letzten auf der ganzen Reitbahn
mit einem Schlag in Bewegung setzte. Kommandoworte pflanzten sich wie
ein Echo von Glied zu Glied fort. Der Schrei: Es lebe der Kaiser!
erscholl aus der begeisterten Menge. Kurz, alles wogte, zitterte,
vibrierte.

Napoleon war zu Pferde gestiegen. Das erst hatte Leben in diese
schweigenden Massen gebracht, den Instrumenten Stimme verliehen, den
Adlern und Fahnen Schwung gegeben, alle Gesichter in Bewegung gesetzt.
Selbst die Mauern des alten Palastes schienen zu rufen: Es lebe der
Kaiser! Es war nichts Menschliches mehr, es war ein Zauber, ein Abglanz
der gttlichen Gewalt oder besser noch ein flchtiges Ebenbild dieser so
flchtigen Herrschaft.

Der von so viel Liebe, Begeisterung, Aufopferung und Gebet umringte
Mensch, fr den die Sonne die Wolken des Himmels verscheucht hatte,
hielt drei Schritt vor der kleinen prunkvollen Schwadron seines Gefolges
-- der Gromarschall war zu seiner Linken, der Marschall vom Dienst zu
seiner Rechten. Inmitten all dieser strmischen Erregung, die er allein
hervorrief, schien sich nicht eine Muskel seines Gesichts zu bewegen.

O, mein Gott, ja. Bei Wagram, mitten im Feuer, an der Moskwa, zwischen
den Toten -- immer ist er ruhig wie der Tufer. Ja, er!

Diese Antwort wurde auf zahlreiches Fragen von dem Grenadier erteilt,
der in der Nhe des jungen Mdchens stand. Julie hatte sich auf einen
Augenblick ganz in die Betrachtung des Gesichts versenkt, deren Ruhe ein
so sicheres Machtbewutsein ausdrckte. Der Kaiser bemerkte Frulein von
Chantillonest und neigte sich zu Duroc hin, um ein paar kurze Worte zu
ihm zu sprechen, ber die der Gromarschall lchelte.

Die Parade begann. Wenn die junge Person bis dahin bald das starre
Gesicht Napoleons, bald die blauen, roten und grnen Truppenreihen
betrachtet hatte, so galt ihre Aufmerksamkeit bei all den Bewegungen,
die die alten Soldaten rasch und regelmig ausfhrten, fast
ausschlielich einem jungen Offizier, der unter den paradierenden Massen
hin und her sprengte und in unermdlicher Ttigkeit immer wieder zu der
Gruppe zurckritt, an deren Spitze die schlichte Gestalt Napoleons
leuchtete. Dieser Offizier ritt einen wunderschnen Rappen und fiel
unter der buntfarbigen Menge durch die himmelblaue Uniform der
kaiserlichen Ordonnanzoffiziere ganz besonders auf.

Seine Stickereien funkelten so hell in der Sonne, und der Federbusch
seines schmalen, langen Tschakos schimmerte so prchtig, da die
Zuschauer ihn mit einem Irrlicht, einer zur Erscheinung gewordenen
Seele, vergleichen muten, die aus dem Kaiser selbst herausgefahren zu
sein schien, und durch die er diese Bataillone, deren Waffen wie ein
Flammenmeer wogten, belebte und lenkte. Auf einen Wink seiner Augen
teilten sie sich, flossen wieder zusammen, wirbelten durcheinander wie
die Wellen eines Strudels oder zogen an ihm vorbei wie die langen,
hochgerichteten Kmme, die der vom Sturm erregte Ozean gegen seine
Gestade wlzt.

Als die Manver vorber waren, ritt der Ordonnanzoffizier mit
verhngtem Zgel heran und zgelte sein Pferd kurz vor dem Kaiser, um
seines Befehles zu harren. In diesem Augenblick war er zwanzig Schritt
von Julie entfernt und hielt gerade vor der kaiserlichen Gruppe, ganz in
jener Stellung, die Grard auf dem Gemlde von der Schlacht bei
Austerlitz dem General Rapp gegeben hat. Jetzt durfte das junge Mdchen
seinen Geliebten in all seinem militrischen Glanze bewundern.

Oberst Victor d'Aiglemont, kaum dreiig Jahre alt, war gro, wohlgebaut
und schlank. Sein glckliches Ebenma kam nie besser zur Geltung, als
wenn er seine Kraft anwandte, ein Pferd zu regieren, dessen eleganter,
glatter Rcken sich unter ihm zu beugen schien. Sein mnnliches, braunes
Gesicht besa jenen unerklrlichen Reiz, den eine vollkommene
Regelmigkeit der Zge jungen Gesichtern verleiht. Seine Stirn war gro
und hoch. Seine feurigen Augen, von dichten Brauen beschattet und mit
langen Wimpern besetzt, zeichneten sich wie zwei weie Ovale zwischen
schwarzen Umrissen ab. Seine Nase hatte die grazise Biegung des
Adlerschnabels. Den Purpur der Lippen hob der feine Schwung des
unvermeidlichen schwarzen Schnurrbarts noch mehr hervor. Seine vollen
Wangen zeigten die braune, gelbe Frbung, die auf auerordentliche
Krperkraft deutet. Sein Gesicht -- eines von denen, die den Stempel der
Tapferkeit tragen -- hatte jenen Typus, den noch heute der Knstler
sucht, wenn er einen der Helden aus der franzsischen Kaiserzeit
darstellen will.

Das Pferd war in Schwei gebadet, und sein Kopf zitterte in heftiger
Ungeduld. Die breit aufgestellten Vorderfe standen in einer Linie,
ohne da einer ber den andern hinausragte. Das lange Haar seines
dichten Schweifs wogte hin und her. Die Ergebenheit dieses Tiers gegen
seinen Herrn bot ein krperliches Abbild der Ergebenheit seines Herrn
gegen seinen Kaiser.

Als Julie ihren Geliebten so ganz an den Augen Napoleons hngen sah,
erfllte sie der Gedanke, da er sie noch gar nicht angesehen htte, mit
Eifersucht. Pltzlich spricht der Herrscher ein Wort, Victor gibt seinem
Pferd die Sporen und sprengt im Galopp davon. Aber der Schatten eines
Prellsteins auf dem Sande macht das Pferd scheu -- es stutzt, weicht
zurck und bumt sich so heftig, da der Reiter in Gefahr scheint.

Julie wird bla und stt einen Schrei aus. Alles wirft ihr neugierige
Blicke zu, sie aber sieht niemand. Ihre Augen sind nur auf dieses so
wilde Pferd gerichtet, das der Offizier zum Gehorsam zwingt, um im
Galopp Napoleons Befehle weiterzutragen. Diese betubenden Bilder nahmen
Juliens Sinne so vllig gefangen, da sie, ohne es zu wissen, sich fest
an den Arm des Vaters klammerte und diesem unwillkrlich durch den
strkeren oder schwcheren Druck ihrer Finger verriet, was in ihr
vorging.

Als Victor beinah von seinem Pferde abgeworfen wurde, fate sie noch
fester zu und drohte zu fallen. Der alte Herr betrachtete mit dsterer,
schmerzlicher Unruhe das Antlitz seines Kindes, und Gefhle wie Mitleid,
Eifersucht, ja Kummer zeigten sich in seinem runzligen Gesicht. Aber als
das ungewohnte Aufblitzen ihrer Augen, der Schrei, den sie ausstie, und
die krampfhafte Umspannung ihrer Finger ihm den letzten Rest einer
geheimen Liebe offenbart hatten, da mute er wohl mit Trauer der Zukunft
gedenken, denn sein Gesicht nahm jetzt einen finstern Ausdruck an. In
diesem Augenblick schien Juliens Seele in die des Offiziers
bergegangen zu sein. Ein noch grausamerer Gedanke, als alle, die den
alten Herrn bisher erschreckt hatten, grub sich in die Falten seines
leidenden Gesichts ein, als er d'Aiglemont im Vorbeireiten einen Blick
des Einverstndnisses mit Julie wechseln sah, deren Augen feucht waren,
deren Antlitz sich auffallend gertet hatte. Fast grob fhrte er seine
Tochter pltzlich nach dem Garten der Tuilerien.

Aber, Papa, sagte sie, es stehen doch noch Regimenter auf der
Reitbahn, die sollen auch noch manvrieren.

Nein, mein Kind, alle Truppen rcken ab.

Ich glaube, Sie irren sich, mein Vater. Herr d'Aiglemont hat ihnen den
Befehl gebracht, anzutreten.

Aber, mein Kind, ich habe Schmerzen und will nicht bleiben.

Julie mute ihrem Vater wohl oder bel glauben, als sie die Augen auf
dieses Gesicht warf, dem vterliche Sorgen eine Miene des Kummers gaben.

Haben Sie groe Schmerzen? fragte sie, aber in ihrer Zerstreutheit
klang diese Frage recht gleichgltig.

Wird mir nicht jeder neue Tag nur noch aus Gnade zuteil? antwortete
der Greis.

Sie wollen also wieder von Ihrem Tode sprechen, damit ich recht traurig
sein soll? Und ich war so froh! Wollen Sie wohl Ihre garstigen,
schwarzen Gedanken verscheuchen?

Ach, rief der Vater seufzend, du verhtscheltes Ding! Die besten
Herzen sind manchmal recht grausam. Euch unser ganzes Leben opfern,
immer nur an euch denken, fr euer Wohlsein sorgen, unsere Liebhabereien
euern Launen unterordnen, euch anbeten, euch sogar unser Blut geben --
ist denn das noch nichts? Um uns nur immer euer Lcheln und eure
geringschtzige Liebe zu erhalten, mten wir die Allmacht eines Gottes
haben. Schlielich kommt ein anderer. Ein Verehrer, ein Gatte raubt uns
euer Herz.

Julie sah ihren Vater erstaunt an, der langsam neben ihr herging und
erloschene Blicke auf sie warf.

Ihr spielt Versteck mit uns, vielleicht auch sogar mit euch selbst,
fuhr er fort.

Was sagen Sie da, mein Vater?

Ich denke, Julie, du hast Geheimnisse vor mir. Du liebst, sagte der
Greis eindringlich, als er seine Tochter errten sah. Ach, ich hatte
gehofft, du wrdest deinem alten Vater bis zum Tode treu bleiben, ich
hoffte, dich bei mir zu behalten, mich an deinem Glck und Glanze
erfreuen zu knnen, dich zu bewundern, schn, wie du eben noch warst!
Solange ich nicht wute, welches Geschick dir bevorstnde, htte ich
noch glauben knnen, da dir eine ruhige Zukunft beschieden sein werde;
aber jetzt kann ich unmglich die Hoffnung auf ein glckliches Leben
meiner Tochter mit ins Grab nehmen; denn du liebst noch mehr den Oberst
als den Vetter. Ich kann nicht mehr daran zweifeln.

Warum sollte ich ihn nicht lieben drfen? rief sie mit lebhafter
Neugierde.

Ach, meine Julie, du kannst mich ja doch nicht verstehen, versetzte
der Vater seufzend.

Sprechen Sie immerhin, erwiderte sie mit einer Gebrde des
Eigenwillens.

Gut, mein Kind, so hre mich an. Die jungen Mdchen erschaffen sich oft
edle, entzckende Bilder, ganz ideale Gestalten und formen sich allerlei
Hirngespinste ber Menschen, Gefhle und Welt. Dann verleihen sie in
ihrer Unschuld einem Charakter all die getrumte Vollkommenheit und
schwren nun darauf. Sie lieben in dem Manne ihrer Wahl dieses
Phantasiegeschpf; aber spter, wenn keine Zeit mehr da ist, sich von
dem Unglck zu befreien, verwandelt sich das Trugbild, das sie so
verschnt haben, ihr erstes Gtzenbild, schlielich in ein hliches
Skelett. Julie, mir wre es lieber, du liebtest einen Greis, statt
diesen Offizier. Ach, wenn du dich um zehn Jahre weiter ins Leben
versetzen knntest, wrdest du meiner Erfahrung recht geben. Ich kenne
Victor. Seine Heiterkeit ist eine Heiterkeit ohne Geist -- eine
Kasernenheiterkeit; er ist ohne Talent und verschwenderisch. Er ist
einer von jenen Mnnern, die der Himmel dazu geschaffen hat, an einem
Tage vier Mahlzeiten zu genieen und zu verdauen, zu schlafen, die erste
beste zu lieben und sich zu schlagen. Er versteht nicht, was Leben
heit. Sein gutes Herz -- denn ein gutes Herz hat er -- wird ihn
vielleicht dazu verleiten, seine Brse einem Unglcklichen, einem
Kameraden zu geben; aber er ist gleichgltig, er besitzt nicht die
Zartheit des Herzens, die uns keine andere Sorge hegen lt, als eine
Frau glcklich zu machen. Er ist unwissend und egoistisch -- kurz, es
gibt da sehr viele Aber.

Er mu doch wohl Geist haben, mein Vater, und was knnen, sonst wre er
doch nicht Oberst geworden.

Meine Liebe, Oberst wird Victor auch sein Leben lang bleiben. Ich habe
noch niemand gesehen, der mir deiner wrdig erschienen wre, versetzte
der alte Vater mit einer gewissen Begeisterung.

Er blieb einen Augenblick stehen, betrachtete seine Tochter und fgte
hinzu:

Aber, meine arme Julie, du bist noch zu jung, zu schwach, zu zart, um
die Kmmernisse und die Mhseligkeiten der Ehe zu ertragen. D'Aiglemont
ist ein Muttershnchen und von seinen Eltern ebenso verhtschelt worden,
wie du von deiner Mutter und mir. Wie wre es berhaupt mglich, da ihr
zwei unvershnlichen Trotzkpfe, wenn ihr mal verschiedener Meinung
seid, euch verstndigen knntet? Du wirst da entweder Ambo oder Hammer,
entweder Opfer oder Tyrann. Und ob nun das eine oder das andere, in
jedem Falle ist dann die Summe der Leiden im Leben einer Frau gleich
gro. Da du aber sanft und bescheiden bist, so wirst du wohl zuerst
nachgeben. Schlielich bist du eben, sagte er mit vernderter Stimme,
von einer Zartheit des Empfindens, die miverstanden werden wird, und
dann...

Er sprach nicht weiter -- Trnen hinderten ihn daran.

Victor, fuhr er nach einer Pause fort, wird die naive Reinheit deiner
Seele verletzen. Ich kenne das Militr, meine Julie. Ich habe auch unter
Soldaten gelebt. Es kommt selten vor, da bei diesen Leuten ber die
Gewohnheiten, die sie inmitten all des Unglcks, das sie umgibt, oder
infolge ihres an Zufllen reichen Abenteurerlebens annehmen, zuletzt
noch einmal das Herz den Sieg davontrgt.

Sie wollen also, mein Vater, versetzte Julie in einem Tone, der
zwischen Ernst und Scherz die Mitte hielt, Einspruch gegen meine Liebe
erheben? Ich soll nicht heiraten, wie ich will, sondern wie Sie es
bestimmen?

Heiraten, wie ich es bestimme? rief der Vater mit einer Bewegung des
Erstaunens. Ach, mein Kind, ich und bestimmen! Bald wirst du ja doch
meine Stimme, die, wenn sie auch schilt, doch in aller Liebe schilt,
nicht mehr hren. Und das ist ja immer so, die Opfer, die die Eltern
ihnen darbringen, schreiben die Kinder persnlichen Gefhlen zu. Heirate
Victor, meine Julie! Eines Tages wirst du es bitter beklagen, eine Null
zum Manne zu haben, und sein Mangel an Ordnungssinn, sein Egoismus,
seine Gefhlsgrobheit, sein liebeleeres Gemt und tausend andere Dinge
werden dich an ihm schmerzen. Dann denke daran, da unter diesen Bumen
die prophetische Stimme deines alten Vaters dir vergebens zu Ohren
gedrungen ist!

Der Greis schwieg -- er hatte seine Tochter darber ertappt, da sie
eigensinnig den Kopf zurckwarf. Alle beide taten ein paar Schritte nach
dem Gitter, wo ihr Wagen Halt gemacht hatte. Auf diesem schweigsamen
Gange betrachtete das junge Mdchen verstohlen das Gesicht ihres Vaters,
und ihre trotzige Miene verschwand allmhlich. Der tiefe Schmerz, der
auf dieser zu Boden gesenkten Stirn ausgeprgt war, ging ihr sehr nahe.

Ich verspreche Ihnen, mein Vater, sagte sie mit sanfter Rhrung,
Victor nicht eher vor Ihnen zu nennen, als bis Sie sich von Ihren
Vorurteilen gegen ihn bekehrt haben.

Der alte Herr sah seine Tochter erstaunt an. Ein paar Trnen traten aus
seinen Augen und rollten die gefurchten Wangen hinab. Er konnte Julie
nicht mitten unter diesen Menschen kssen, aber er drckte ihr liebevoll
die Hand. Als er in den Wagen stieg, waren alle schmerzlichen Gedanken,
die seine Stirn verfinstert hatten, entschwunden. Seine Tochter traurig
zu sehen, beunruhigte ihn nun weit mehr, als die unschuldige Freude,
deren Geheimnis Julie whrend der Parade unwissentlich verraten hatte.

                   *       *       *       *       *

In den ersten Mrztagen des Jahres 1814 -- seit jener Parade vor dem
Kaiser war noch nicht ganz ein Jahr verflossen, da rollte eine Kalesche
auf der Chaussee, die von Amboise nach Tours fhrt. Als sie unter dem
grnen Dach von Nubumen hervorfuhr, das sich um die Post von Frillire
wlbt, zogen die Pferde mit solcher Schnelligkeit, da der Wagen im
nchsten Augenblick schon die ber die Cise gebaute Brcke, wo dieser
Flu in die Loire mndet, erreichte und hier Halt machte.

Infolge der wilden Jagd, zu der ein junger Postillon auf Befehl seines
Herrn vier der krftigsten Postpferde angetrieben hatte, war ein Strang
gerissen. So fgte es die Laune des Zufalls, da die beiden Insassen der
Kalesche, aus dem Schlummer erwachend, Mue hatten, eine der schnsten
Landschaften zu betrachten, die man an den an Schnheiten reichen Ufern
der Loire finden kann.

Zur Rechten bersieht man auf einen Blick alle Krmmungen der Cise, die
sich wie eine silberne Schlange durch das Gras der Wiesen hinzieht, die
die ersten Triebe des Frhlings um diese Zeit smaragden frbten. Zur
Linken erscheint die Loire in all ihrer Herrlichkeit. Zahllose kleine
Stellen, wo ein etwas frischer Morgenwind Wirbel auftrieb, spiegelten
auf der weiten Wasserflche, die dieser majesttische Strom entfaltet,
den Schimmer der Sonne wieder. Hier und dort reihen auf der ausgedehnten
Flut Inseln wie die einzelnen Teile eines Halsbandes sich aneinander. Am
Ufer breiten die schnsten Gefilde der Touraine, soweit das Auge reicht,
ihre Schtze aus. In der Ferne wird der Blick erst durch die Hgel von
Cher begrenzt, die in diesem Augenblick leuchtende Linien auf dem
durchsichtigen Azur des Himmels zogen. Durch das zarte Laub der Inseln
hindurch sieht man im Hintergrunde des Gemldes Tours, das, wie Venedig,
mitten aus der Flut aufzusteigen scheint. Die Trme der alten Kathedrale
ragen in die Luft, wo sie sich an diesem Morgen in den phantastischen
Gebilden einiger weien Wolken verloren.

Jenseits der Brcke, an der der Wagen angehalten hatte, sieht der
Reisende vor sich eine Kette von Felsen, die sich an der Loire entlang
bis nach Tours hinzieht. Eine Laune der Natur scheint sie dorthin
gestellt zu haben, um den Strom einzudmmen, dessen Wellen unaufhrlich
das Gestein aushhlen -- ein Schauspiel, das stets das Staunen des
Reisenden erweckt. Der Flecken Vouvray liegt gleichsam eingezwngt in
die Schluchten und Grnde dieser Felsen, die vor der Cisebrcke ein Knie
bilden.

Die gewaltigen Krmmungen dieser zerrissenen Hgelkette sind von Vouvray
bis Tours von einer weinbauenden Bevlkerung bewohnt. An mehr als einer
Stelle sind die Huser in drei Staffeln mitten zwischen die Felsen
eingebaut und durch gefahrvolle Stiegen, die in den Stein geschlagen
sind, miteinander verbunden. ber der Spitze eines Daches sieht man ein
Mdchen in rotem Rock in einen Garten laufen. Zwischen den Ranken und
Reben von Weinstcken steigt der Rauch eines Schornsteins auf. Drfler
arbeiten auf senkrechten Feldern. Auf einem abgerutschten Felsblock
sitzt eine alte Frau und spinnt in aller Ruhe unter den Blten eines
Mandelbaums. Sie sieht auf die Reisenden zu ihren Fen hinab und
lchelt ber deren Angst. Die Risse im Boden machen ihr ebensowenig
Sorge wie die berhngenden Trmmer einer alten Mauer, die nur noch
durch die gewundenen Wurzeln eines Efeumantels vor dem vlligen
Zusammenbruch bewahrt ist.

Die Hammerschlge von Kfern hallen in den Gewlben luftiger Keller.
Kurz, hier, wo die Natur dem Menschenflei Fu zu fassen wehrt, ist die
Erde berall bebaut und fruchtbar. So lt sich auch auf dem ganzen Lauf
der Loire nichts mit dem reichen Panorama vergleichen, das die Touraine
vor den Augen des Reisenden ausbreitet. Das dreifache Gemlde dieser
Szene, dessen Flle hier kaum angedeutet worden ist, bietet der Seele
eines jener Bilder, die sie sich auf ewig ins Gedchtnis schreibt; und
wenn ein Poet sich daran erfreut hat, so trumt er oft davon, und im
Traume baut sich dann das Bild mit romantischen Effekten mrchenhaft
auf.

In dem Augenblick, wo der Wagen an die Cisebrcke gelangte, tauchten
mehrere weie Segel zwischen den Loireinseln auf und brachten noch mehr
Harmonie in diese harmonische Gegend. Die Weiden am Rande des Flusses
mischten ihren durchdringenden Duft in die wrzige feuchte Brise. Die
Vgel zwitscherten ihre Liebeslieder; der eintnige Gesang eines
Ziegenhirten fgte eine Art Melancholie hinzu, und das Rufen von
Schiffern deutete auf reges Treiben in der Ferne. Leichter Dunst hing
launisch um die in der weiten Landschaft verstreuten Bume und trug
zuletzt auch zu dem anmutigen Gesamtbild bei. Es war die Touraine in all
ihrer Herrlichkeit, der Lenz in all seiner Pracht. Dieser Teil
Frankreichs, der einzige, den die fremden Heere nicht behelligen
sollten, war um diese Zeit auch der einzige, der ruhig war. Man htte
glauben knnen, die Invasion wagte sich nicht an ihn heran.

Ein Kopf mit einer Soldatenmtze sah zur Kalesche heraus, als sie die
Fahrt einstellte. Gleich darauf ffnete ein ungeduldiger Soldat selbst
die Tr und sprang auf die Strae, wie um den Postillon auszuzanken.
Aber als der Oberst Graf d'Aiglemont sah, mit welcher Geschicklichkeit
der Tourainer den zerrissenen Strang ausbesserte, beruhigte er sich. Er
kehrte zum Wagenschlag zurck und reckte die Arme, als seien sie ihm
eingeschlafen. Er ghnte, blickte ber die Landschaft hin und legte die
Hand auf den Arm einer jungen Frau, die sorgsam in einen Pelz
eingewickelt war.

Wach auf, Julie, sagte er in heiserem Tone. Sieh dir die Gegend an --
es ist herrlich hier.

Julie reckte den Kopf zum Wagen heraus. Sie trug auf dem Kopfe eine
Kapuze von Marderfell, und der faltenreiche Pelz verhllte ihre ganze
Gestalt so vllig, da man nichts als ihr Gesicht sehen konnte. Julie
d'Aiglemont sah jetzt schon anders aus, als das junge Mdchen, das
einst, strahlend vor Glck und Freude, zu der Parade in den Tuilerien
geeilt war. Ihr noch immer zartes Gesicht hatte nicht mehr die rosige
Frbung, die ihm frher einen so herrlichen Glanz verliehen hatte. Ein
paar schwarze Locken, die sich durch die Feuchtigkeit der Nacht aus
ihrem Haar gelst hatten, hoben das fahle Wei ihres Gesichts, dessen
Lebhaftigkeit stumpf geworden zu sein schien, nur noch deutlicher
hervor. In ihren Augen brannte indessen ein unnatrliches Feuer; und
unter den Lidern zeigten sich auf den mden Wangen einige bluliche
Tne.

Mit gleichgltigem Blick sah sie ber die Gefilde von Cher, ber die
Loire und ihre Inseln, ber Tours und die weitgestreckten Felsen von
Vouvray hin. Ohne sich das entzckende Tal der Cise anzuschauen, lehnte
sie sich ins Innere des Wagens zurck und sagte mit einer Stimme, die in
dieser frischen Natur schwach und leblos klang: Ja, groartig.

Sie hatte, wie man sieht, zu ihrem Unglck ihren Willen gegen den Vater
durchgesetzt.

Julie, mchtest du nicht gern hier leben?

O, hier oder anderswo, antwortete sie gleichgltig.

Ist dir nicht wohl? fragte der Oberst d'Aiglemont.

Nicht doch, entgegnete die junge Frau mit augenblicklicher
Lebhaftigkeit.

Sie sah ihren Mann lchelnd an und setzte hinzu:

Schlafen mchte ich.

Pltzlich hrte man den Galopp eines Pferdes. Victor d'Aiglemont lie
die Hand seiner Frau los und sah nach der Biegung hin, die die Strae an
dieser Stelle machte. Als Julie den Blick des Obersten nicht mehr auf
sich ruhen fhlte, verschwand der Ausdruck der Heiterkeit, den sie ihrem
blassen Gesicht gegeben hatte, wie wenn ein Licht aufgehrt htte, es zu
beleuchten. Sie hatte weder Lust, die Landschaft noch einmal zu
betrachten, noch verlangte sie danach, zu erfahren, wer der so ungestm
einhergaloppierende Reiter wre, sondern lehnte sich in die Ecke des
Wagens zurck, und ihr Blick blieb, ohne eine Spur von Gefhl zu
verraten, auf die Kruppen der Gule geheftet. Sie sah ebenso
stumpfsinnig drein, wie etwa ein bretonischer Bauer, wenn er die Litanei
seines Pfarrers anhrt.

Ein junger Mann auf einem kostbaren Pferde sprengte pltzlich aus einem
Wldchen von Pappeln und blhendem Weidorn hervor.

Es ist ein Englnder, sagte der Oberst.

O, mein Gott ja, Herr General, antwortete der Postillon. Er gehrt zu
der Rasse von Kerlen, die wie man sagt, Frankreich auffressen wollen.

Der Unbekannte war einer von den Reisenden, die sich gerade auf dem
Festlande befanden, als Napoleon zur Strafe fr die Verletzung des
Vlkerrechts, die das Kabinett von Saint-James durch den Bruch des
Vertrags von Amiens begangen hatte, alle Englnder im Lande festhielt.
Der Willkr der kaiserlichen Macht ausgesetzt, blieben diese Gefangenen
nicht alle an den Orten, wo sie in Haft genommen wurden, noch in denen,
die sie sich im Anfang als Aufenthalt hatten whlen drfen. Die Mehrzahl
derer, die in diesem Augenblick in der Touraine weilten, waren aus
verschiedenen Orten des Kaiserreichs, wo ihre Anwesenheit dem Interesse
der Kontinentalpolitik zu schaden schien, hierher versetzt worden. Der
junge Gefangene, der in diesem Augenblick in einem Ritt seine
morgendliche Langeweile spazieren fhrte, war ein solches Opfer
brokratischer Macht.

Vor zwei Jahren hatte ein Befehl vom Ministerium des uern ihn aus dem
Klima von Montpelliers hinwegfhrt, wo er von einem Brustleiden Genesung
suchte. Diese Kur wurde nun durch den Bruch des Friedens unliebsam
beendet. In dem Augenblick, wo der junge Mann einen Militr in
d'Aiglemont erkannte, beeilte er sich, dessen Blicke zu vermeiden und
wandte ziemlich brsk den Kopf nach den Wiesen der Cise hin.

Alle Englnder sind unverschmt, als wenn ihnen der Erdball gehrte,
murmelte der Oberst. Glcklicherweise wird Soult sie in die Kandare
nehmen.

Als der Gefangene an dem Wagen vorberritt, warf er einen Blick hinein.
So flchtig dieser Blick war, konnte er doch den melancholischen
Ausdruck bewundern, der dem Antlitz der Grfin einen unbeschreiblichen
Reiz verlieh. Es gibt viele Mnner, deren Herz schon durch den bloen
Anblick einer leidenden Frau mchtig ergriffen wird. Fr sie scheint der
Schmerz ein Beweis fr Treue und Liebe zu sein. Julie sah starr auf ein
Kissen des Wagens und bemerkte weder das Pferd noch den Reiter.

Inzwischen war der Strang rasch, aber auch fest ausgebessert worden. Der
Graf nahm wieder Platz im Wagen. Der Postillon gab sich Mhe, die
versumte Zeit einzuholen, und kutschierte in schneller Fahrt auf der
von berhngenden Felsen eingefaten Chaussee hin. Dies war derjenige
Teil der Strae, wo die Weine Vouvrays reifen und wo in der Ferne die
berhmten Ruinen von Marmontier, dem Zufluchtsort des heiligen Martin,
auftauchen.

Was will denn dieser spindeldrre Mylord von uns? rief der Oberst, der
sich umsah und in dem Reiter, der von der Brcke aus dem Wagen gefolgt
war, den jungen Englnder erkannte.

Da jedoch der Unbekannte keinen Versto gegen Anstand und Hflichkeit
beging, wenn er auf der Chaussee spazieren ritt, so lehnte der Oberst
sich in die Wagenecke zurck und begngte sich damit, dem Englnder
einen drohenden Blick zugeworfen zu haben. Allein trotz seiner
Voreingenommenheit entging es ihm nicht, da das Pferd beraus schn war
und der Reiter sich sehr gut hielt.

Der junge Mann hatte eins jener ausgesprochen britischen Gesichter,
deren Teint so zart, deren Haut so sammetweich und wei ist, da man
manchmal glauben mchte, sie gehrten einem jungen Mdchen an. Seine
Kleidung war von der Zierlichkeit und Sauberkeit, die den Modestutzern
des fashionablen England eigentmlich ist. Man htte meinen mgen, er
errtete beim Anblick der Grfin mehr aus Verschmtheit als aus
Vergngen.

Ein einziges Mal erhob Julie die Augen zu dem Fremden, und auch dazu
hatte sie gewissermaen erst von ihrem Manne aufgefordert werden mssen.
Er sagte, sie solle sich doch mal die Beine eines echten Rassepferdes
ansehen. Da begegneten die Augen Juliens denen des schchternen
Englnders. Von diesem Moment an lie der Edelmann sein Pferd nicht mehr
im Schritt neben der Kalesche hergehen, sondern folgte in einiger
Entfernung. Die Komtesse beachtete den Unbekannten kaum. Sie hatte
keinen Blick fr die Vollkommenheiten weder der Menschen- noch der
Pferderasse, die ihn und sein Tier auszeichnen mochten, und sank in die
Tiefe des Wagens zurck, nachdem sie nur flchtig die Brauen
emporgezogen hatte, wie um dem Lobe ihres Mannes beizustimmen.

Der Oberst schlummerte wieder, und die beiden Gatten langten in Tours
an, ohne weiter ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Den
entzckenden Landschaften und wechselnden Bildern, durch die die Fahrt
ging, widmete Julie keine Aufmerksamkeit. Mehrmals betrachtete Frau
d'Aiglemont ihren schlafenden Gatten. Beim letzten Blicke, den sie auf
ihn richtete, fiel infolge eines heftigen Rucks, den der Wagen machte,
ein Medaillon, das sie an einem Trauerbndchen um den Hals trug, in
ihren Scho, und so sah sie pltzlich das Bild ihres Vaters vor sich.

Bei diesem Anblick strzten die bisher zurckgehaltenen Trnen aus ihren
Augen. Vielleicht bemerkte der Brite die nasse, schimmernde Spur, die
diese Zhren auf einen Augenblick an den bleichen Wangen der Komtesse
hinterlieen, doch an der Luft trocknete diese Spur schnell.

Graf d'Aiglemont reiste im Auftrage des Kaisers und hatte dem Marschall
Soult, der Frankreich gegen einen Einfall der Englnder in das
Knigreich Navarra verteidigen sollte, wichtige Befehle zu berbringen.
Er benutzte seine Mission, um seine Frau der Gefahr zu entziehen, in der
damals Paris schwebte, und wollte sie nun zu einer alten Verwandten nach
Tours bringen. Binnen kurzem rollte die Kalesche ber die Brcke hinweg,
hatte das Straenpflaster von Tours unter sich und bog in die Grande Rue
ein, wo sie vor dem altertmlichen Hause der ehemaligen Marquise de
Listomere-Landon hielt.

Die Marquise de Listomere-Landon war eine jener alten, blassen,
weihaarigen Frauen, die ein feines Lcheln haben, einen Reifrock tragen
und sich mit einer Haube von unbekannter Mode putzen. Die Portrts von
siebzigjhrigen Damen aus dem Zeitalter Ludwigs XV. haben immer etwas
Wohltuendes an sich; es ist, als ob diese Frauen noch immer liebten. Sie
sind weniger fromm als gottergeben, und auch das nicht ganz so, wie es
den Anschein hat. Sie duften immer nach Puder + la marchale+, erzhlen
hbsch, plaudern noch angenehmer und lachen ber Anekdoten aus den alten
Zeiten weit herzlicher als ber einen Witz. An der Gegenwart haben sie
kein Gefallen.

Als eine alte Kammerfrau der Grfin (denn sie durfte ihren Titel bald
wieder fhren) den Besuch eines Neffen meldete, den sie seit dem Anfang
des spanischen Feldzugs nicht mehr gesehen hatte, nahm sie die Brille ab
und klappte die Galerie des alten Hofs -- ihr Lieblingsbuch -- zu.
Dann setzte sie ihre alten Beine noch einmal in fast jugendliche
Bewegung und betrat gerade in dem Augenblick die Treppe, als die
Ehegatten die Stufen hinaufzusteigen begannen.

Tante und Nichte warfen sich einen raschen Blick zu.

Guten Tag, liebe Tante, rief der Oberst, umarmte die alte Dame und
kte sie mit Hast. Ich fhre Ihnen da eine junge Dame zu, die Sie in
Ihre Obhut nehmen sollen. Ich vertraue Ihnen damit mein Kleinod an.
Meine Julie ist weder kokett noch eiferschtig, sie ist ein Engel an
Sanftmut. -- Aber sie wird hier hoffentlich zum Schokindchen, setzte
er hinzu, sich unterbrechend.

Bsewicht! antwortete die Marquise, ihm einen spttischen Blick
zuwerfend.

Sie bot als erste mit einer gewissen liebenswrdigen Anmut Julien den
Mund zum Kusse. Die junge Frau stand nachdenklich da und schien mehr
neugierig als verlegen.

Wir werden einander also nher kennen lernen, mein liebes Herz? sagte
die Marquise. Haben Sie nicht zuviel Angst vor mir. Im Umgang mit
jungen Leuten gebe ich mir alle Mhe, nicht alt zu sein.

Ehe sie in den Salon traten, hatte schon die Marquise nach der in der
Provinz blichen Sitte ein Frhstck fr ihre Gste bestellt; aber der
Graf gebot der Redseligkeit seiner Tante Einhalt, indem er ihr in
ernstem Tone mitteilte, er knne ihr nur so viel Zeit widmen, wie zum
Wechseln der Pferde ntig wre.

Die drei Verwandten traten rasch in den Salon, und der Graf mute sich
beeilen, um seine Tante von den politischen und militrischen
Ereignissen zu unterrichten, die ihn ntigten, fr seine Frau bei ihr
Schutz zu suchen. Whrenddessen blickte die Tante zwischen ihrem
fortwhrend erzhlenden Neffen und ihrer Nichte hin und her. Aus der
unerwnschten Trennung erklrte sie es sich, da die letztere so bla
und traurig ausshe. Sie machte dabei ein Gesicht, als wenn sie sagen
wollte: Sieh, sieh! die jungen Leute scheinen sich sehr lieb zu haben.

In diesem Augenblick vernahm man auf dem alten, schweigsamen Hofe,
zwischen dessen Pflaster schon Gras wucherte, das Knallen von Peitschen.
Viktor kte noch einmal die Marquise und eilte hinaus.

Leb wohl, meine Liebe, sagte er zu seiner Frau, die ihm zum Wagen
gefolgt war, und gab ihr einen Ku.

Ach, Victor, la mich noch weiter mitfahren, antwortete sie in
zrtlichem Tone. Ich mchte dich nicht verlassen.

Was denkst du denn?

Nun, wenn du es so haben willst, so leb' wohl, versetzte Julie.

Der Wagen verschwand.

Sie haben meinen armen Victor also sehr lieb? fragte die Marquise ihre
Nichte und sah sie mit einem jener forschenden Blicke an, wie sie alte
Frauen gern auf junge richten.

Ach, Madame, antwortete Julie, man mu wohl einen Mann lieben, wenn
man ihn heiratet.

Diese Phrase wurde in einem Ton von Naivitt ausgesprochen, der zu
gleicher Zeit ein ganz keusches Herz voll tiefer Geheimnisse verraten
konnte. Eine Frau, die die Freundin eines Duclos und eines Marschalls
Richelieu gewesen war, mute sich bewogen fhlen, in das Geheimnis
dieser jungen Ehe einzudringen. Tante und Nichte standen in diesem
Augenblick auf der Torschwelle und sahen der davonfahrenden Kutsche
nach. Die Augen der Grfin drckten nicht das aus, was die Marquise
unter Liebe verstand. Die gute Dame war eine Provenalin und in ihren
Gefhlen etwas berschwenglich gewesen.

Sie haben sich also von meinem Taugenichts von Neffen ins Garn ziehen
lassen? fragte sie ihre Nichte.

Die Grfin zitterte unwillkrlich, denn in Blick und Ton der alten
Kokette schien sich eine tiefere Charakterkenntnis Victors zu verraten,
als sie vielleicht selbst besa. In ihrer Unruhe nahm daher Frau
d'Aiglemont Zuflucht zu jener Art von Verstellung, die, so ungeschickt
sie ist, doch der einzige Ausweg naiver Herzen ist, wenn sie leiden.

Frau de Listomere gab sich mit Juliens Antworten zufrieden; aber sie
dachte mit Freude daran, da ihre Einsamkeit von einem Liebesgeheimnis
erheitert werden knnte; denn sie war der Meinung, ihre Nichte habe
irgendeine amsante Intrige angezettelt. Als Frau d'Aiglemont sich in
einem prchtigen Salon befand, dessen Tapeten mit Goldleisten eingefat
waren, und an einem groen Feuer sa, gegen die durch die Fenster
hereinziehende Klte durch einen chinesischen Windschirm geschtzt,
wollte die Traurigkeit nicht mehr von ihr weichen. Unter so altem
Getfel, zwischen diesen Mbeln vom vorigen Jahrhundert konnte auch
schwerlich Heiterkeit aufkommen.

Dennoch machte es der jungen Pariserin Spa, in diese tiefe Einsamkeit,
in die Stille der Provinz versetzt zu sein. Als sie ein paar Worte mit
ihrer Tante gewechselt, an die sie nur einmal als Jungvermhlte einen
Brief geschrieben hatte, versank sie wieder in Schweigen, und man htte
meinen mgen, sie lausche einer Opernmusik.

Erst nachdem sie zwei Stunden lang in einer der Trappisten wrdigen
Stille dagesessen hatte, wurde sie sich bewut, da das eine groe
Unhflichkeit gegen ihre Tante sei. Sie erinnerte sich, da sie ihr nur
sehr einsilbige Antworten gegeben hatte.

Die alte Dame hatte die Stimmung ihrer Nichte bercksichtigt, in jenem
feinen Taktgefhl, das die Leute der alten Zeit kennzeichnet. In diesem
Augenblick strickte die Greisin. Sie war allerdings auch ein paarmal
hinausgegangen, um in einem gewissen grnen Zimmer nachzuschauen, wo die
Komtesse schlafen sollte und wo die Dienstmdchen das Gepck
unterbrachten. Dann nahm sie wieder Platz in einem groen Lehnstuhl und
musterte insgeheim die junge Frau. Julie schmte sich nun, da sie sich
ihren unwiderstehlichen Grbeleien so ganz berlassen hatte, und
versuchte ein wenig darber zu sptteln, um desto eher Verzeihung dafr
zu erlangen.

Meine liebe Kleine, wir kennen den Schmerz von Witwen, antwortete die
Tante.

Julie htte vierzig Jahre alt sein mssen, um die Ironie zu verstehen,
die um die Lippen der alten Dame spielte.

Am andern Tage war die Komtesse besser gestimmt und plauderte viel. Frau
de Listomere verzweifelte nicht mehr daran, mit dieser jungen Gattin,
die sie erst fr ein unzugngliches, bldes Wesen gehalten hatte, auf
vertrauten Fu zu gelangen. Sie schwatzte mit ihr von den Freuden des
Landes, von Bllen und den Husern, wo sie Besuche machen knnten.
Zuerst wies Julie alle Aufforderungen, auerhalb des Hauses Zerstreuung
zu suchen, zurck. Trotzdem die alte Dame sehnschtig danach verlangte,
sich mit ihrer schnen Nichte zu zeigen, gab sie es denn endlich auf,
sie der Gesellschaft der Stadt vorzustellen. In dem Kummer ber den Tod
des Vaters, um den sie noch trauerte -- sie trug sogar noch
Trauerkleider -- hatte sie einen Vorwand gefunden fr ihre Liebe zur
Einsamkeit und ihre stete Betrbnis.

Nach Verlauf von acht Tagen bewunderte die alte Dame Juliens engelhafte
Sanftmut, Bescheidenheit, Anmut und duldsamen Geist und interessierte
sich auerdem ber die Maen fr die geheimnisvolle Melancholie, die
dieses junge Herz zu verzehren schien. Die Komtesse gehrte zu jenen
Frauen, die dazu geboren sind, liebenswrdig zu sein, und, wohin sie
auch gehen, Glck mit sich zu bringen scheinen. Ihre Gesellschaft wurde
der Marquise de Listomere so lieb und kostbar, da sie schlielich in
ihre Nichte ganz vernarrt war und sich gar nicht mehr von ihr trennen
wollte.

Ein Monat gengte, so hatte sich zwischen ihnen eine ewige Freundschaft
gebildet. Nicht ohne Verwunderung bemerkte die alte Dame, da sich in
den Gesichtszgen der Frau d'Aiglemont eine groe Vernderung zu zeigen
begann. Die lebhafte Frbung, die an dem Antlitz aufgefallen war, verlor
sich allmhlich, und es berzog sich mit einer matten Blsse. Whrend
Julie ihre jugendliche Blte verlor, lie zugleich auch ihre traurige
Stimmung nach. Mitunter erweckte die Greisin bei ihrer jungen Verwandten
Ausbrche der Heiterkeit oder ausgelassenes Lachen, das aber bald wieder
von einem unzeitgemen Gedanken zurckgedrngt wurde. Sie erriet, da
weder die Erinnerung an den Vater noch die Abwesenheit Victors der Grund
zu der tiefen Schwermut war, die einen Schleier ber das Leben ihrer
Nichte warf. Und dann vermutete sie dahinter allerlei Arges, und es
wurde ihr schwer, auf die wahre Ursache des bels zu kommen; denn die
Wahrheit finden wir vielleicht stets nur durch Zufall.

Endlich offenbarte Julie eines Tages den Augen der erstaunten Tante ein
neues Wesen: sie verga vllig die verheiratete Frau, zeigte alle
Naivitt eines unbesonnenen Mdchens, einen Freimut, eine Kindlichkeit,
die eines Backfisches wrdig waren, und all den zarten, manchmal so
tiefen Geist, der die junge Welt in Frankreich auszeichnet. Nun nahm
Frau de Listomere sich fest vor, die Geheimnisse dieser Seele zu
ergrnden, deren Absonderlichkeit ebenso undurchdringlich schien wie das
Gemt einer Meisterin der Verstellungskunst.

Es begann zu dunkeln, und die beiden Damen saen vor einem Fenster, das
auf die Strae hinausging. Julie schaute wieder nachdenklich vor sich
hin, da ritt ein Herr vorber.

Auch einer von denen, die Sie auf dem Gewissen haben, sagte die alte
Dame.

Frau d'Aiglemont sah ihre Tante halb verwundert, halb beunruhigt an.

Es ist ein junger Englnder von Adel, Seine Ehren Arthur Ormond, der
lteste Sohn des Lord Grenville. Von ihm ist Interessantes zu berichten.
Im Jahre 1802 kam er nach Montpellier. Die rzte hatten ihn dorthin
geschickt, und er hoffte, in der Luft dieser Gegend Heilung eines
Brustleidens zu finden, dem er zu erliegen frchtete. Wie alle seine
Landsleute, wurde er nun von Napoleon bei Ausbruch des Krieges hier
zurckgehalten. Dieses Ungeheuer mu ja fortwhrend Krieg fhren, das
geht nicht anders. Zu seiner Zerstreuung hat nun der junge Brite
angefangen, seine Krankheit, die man fr tdlich hielt, zu studieren.
So hat er allmhlich Gefallen an Anatomie und Arzneikunde gefunden. Er
ist nun ganz vernarrt in diese Knste, was bei einem Manne von Stand
etwas Auergewhnliches ist. Freilich, der Regent hat sich ja auch mit
Chemie befat. Kurz, Arthur hat erstaunliche Fortschritte gemacht --
selbst die Professoren von Montpellier haben sich darber gewundert. Das
Studium hat ihn ber sein unfreiwilliges Exil hinweggetrstet, und
gleichzeitig hat er sich grndlich ausgeheilt. Man sagt, er habe zwei
Jahre lang fast gar nicht gesprochen, sehr behutsam geatmet und in einem
Stalle geschlafen. Getrunken hat er nur die Milch einer Kuh, die er sich
aus der Schweiz hat kommen lassen, und gegessen hat er fast nichts als
Kresse. Seit er in Tours weilt, hat er mit niemand verkehrt; er ist
stolz wie ein Pfau -- aber Sie haben es ihm wahrscheinlich angetan, denn
meinetwegen reitet er gewi nicht zweimal tglich unter unsern Fenstern
vorber. Das macht er erst, seit Sie hier sind. Sicherlich ist er
verliebt in Sie.

Diese Worte erweckten die Komtesse wie aus einem verzauberten Schlummer.
Ein Lcheln, eine Handbewegung entschlpften ihr, ber die die Marquise
erstaunt war. Anstatt jene unbewute Befriedigung zu verraten, die
selbst die strengste Frau empfindet, wenn sie erfhrt, sie mache einen
Mann unglcklich, blieb Juliens Blick matt und kalt. Ihr Gesicht drckte
einen an Abscheu grenzenden Widerwillen aus. Es lag darin aber nicht die
Geringschtzung, mit der eine liebende Frau sich ber die ganze Welt
hinwegsetzt, zugunsten eines einzigen Wesens; nein, Julie glich in
diesem Augenblick einer Person, in der die allzu frische Erinnerung an
eine Gefahr noch nicht ganz verheilt ist. Die Tante war schon fest
berzeugt gewesen, da Julie ihren Neffen nicht liebe -- doch nun
entdeckte sie zu ihrer Verblffung, da sie berhaupt niemand liebte.
Mit Zittern wurde sie sich klar darber, da sie in Julie ein aus allen
Himmeln herabgestrztes Wesen erkennen msse, die an einem Tage,
vielleicht in einer Nacht, vollauf erkannt habe, was fr eine Null sie
zum Manne hatte.

Sie kennt ihn -- es ist nicht anders, dachte sie, und nun wird mein
Neffe bald auch die Schattenseiten der Ehe kennen lernen.

Sie nahm sich nun vor, Julie fr die monarchischen Lehren zu gewinnen,
die im Jahrhundert Ludwigs XV. gegolten hatten. Aber ein paar Stunden
spter erkannte oder vielmehr erriet sie die in der Welt ziemlich
hufige Stimmung, aus der Juliens Melancholie entsprang.

Pltzlich nachdenklich geworden, zog Julie sich frher, als sie es sonst
pflegte, zurck. Als die Kammerfrau ihr beim Entkleiden behilflich
gewesen war und sie dann allein gelassen hatte, blieb Julie, statt zu
Bett zu gehen, vorm Kamin sitzen, auf einem Ruhebett von gelbem Sammet,
einem altertmlichen Mbel, das betrbten wie glcklichen Menschen eine
gleich behagliche Sttte bot. Sie weinte, seufzte, sann nach; dann
rckte sie einen kleinen Tisch heran, suchte Papier und begann zu
schreiben. Die Stunden vergingen rasch; Julie schttete in diesem Briefe
ihr Herz ans, doch schien ihr das nicht leicht zu fallen; jeder Satz
fhrte endlose Trumereien herbei, und pltzlich brach sie in Trnen aus
und hielt inne.

In diesem Augenblick schlug die Uhr zwei. Der Kopf war ihr schwer, wie
der einer Sterbenden, und das Kinn sank auf die Brust. Als Julie aufsah,
erblickte sie ihre Tante, die so pltzlich aufgetaucht war, als sei sie
aus den ber die Wnde gespannten Tapeten herausgetreten.

Was haben Sie denn, meine Kleine? fragte die Tante. Warum so lange
wach bleiben, und vor allem warum einsame Trnen vergieen? In Ihrem
Alter?

Sie setzte sich ohne Umstnde neben ihre Nichte und verschlang mit den
Blicken den angefangenen Brief.

Haben Sie an Ihren Mann geschrieben?

Wei ich denn, wo er steckt? antwortete die Komtesse.

Die Tante nahm das Blatt und las es. Sie hatte mit Vorbedacht die Brille
mitgebracht. Das unschuldige Geschpf berlie ihr den Brief, ohne den
geringsten Einspruch zu erheben. Wenn sie so alle Willenskraft verga,
so war das weder ein Mangel an Frauenwrde, noch ein Gefhl geheimer
Schuld; nein, ihre Tante hatte sie hier in einem jener kritischen
Momente berrascht, wo das Gemt sich keinen Rat wei, wo alles einerlei
ist, das Gute und das Bse, die Verschwiegenheit und die Offenbarung.
Gleich einem jungen tugendsamen Mdchen, das einen Liebhaber mit
Verachtung berhuft, am Abend aber sich ein Herz wnscht, dem es seinen
Kummer anvertrauen kann, lie Julie es ohne ein Wort der Gegenrede zu,
da das Siegel verletzt wurde, mit dem fr jeden taktvollen Menschen ein
offener Brief versehen ist, und sah nachdenklich zu, wie die Marquise
las:

Meine liebe Luise! Warum mahnst Du mich so oft um Erfllung des
unklgsten Versprechens, das zwei unwissende junge Mdchen sich geben
konnten? Du fragst Dich oft, schreibst Du, warum ich seit sechs Monaten
auf Deine Fragen nicht geantwortet htte? Wenn Du mein Schweigen nicht
verstanden hast, so wirst Du die Ursache wohl heute erraten, wenn Du
die Geheimnisse vernimmst, die ich Dir offenbaren werde. Ich htte sie
auf ewig in der Tiefe meines Herzens begraben, wenn Du mich nicht von
Deiner bevorstehenden Verheiratung benachrichtigt httest. Du willst
also heiraten, Luise. Bei diesem Gedanken zittere ich. Arme Kleine,
heirate. Nach wenigen Monaten wirst Du nur noch mit bitterstem Schmerz
Dich dessen erinnern, was wir einstmals gewesen sind, als wir eines
Abends in Ecouen alle beide unter die grten Eichen des Berges gegangen
waren und das schne Tal zu unseren Fen betrachteten, die Strahlen der
untergehenden Sonne bewunderten, deren Glanz uns umgab. Wir setzten uns
auf einen Steinblock und verfielen in eine Verzckung, auf die die
sanfteste Melancholie folgte. Du als erste fandest, diese ferne Sonne
sprche uns von der Zukunft. Wir waren gar neugierig und nrrisch
damals. Erinnerst Du Dich all unserer berschwenglichkeiten? Wir kten
uns -- wie zwei, die sich lieben. Wir gelobten uns, da, wer sich zuerst
verheiraten wrde, der anderen getreu die Geheimnisse der Ehe, die
Freuden, die unsere kindliche Seele sich so kstlich ausmalte, berichten
solle. Mit dem Hochzeitsabend wird Deine Verzweiflung beginnen, Luise.
Zu jener Zeit warst Du jung, schn, sorglos, wohl auch glcklich. Man
wird Dich in wenigen Tagen zu dem machen, was ich jetzt bin: hlich,
leidend und alt. Wenn ich Dir sagte, wie stolz, wie eitel, wie froh ich
war, den Oberst Victor d'Aiglemont zu heiraten, so wrde das Torheit
sein. Und doch, wie soll ich es Dir schildern? Ich erinnere mich meiner
selbst nicht mehr. In wenigen Augenblicken war meine Kindheit fr mich
zum fernen Traum geworden. Mein Benehmen am Hochzeitstage, mit dem eine
Verbindung geweiht wurde, deren Tragweite mir nicht bewut war, hat
Ansto erregt. Mein Vater hat mehrmals versucht, meine Heiterkeit
einzuschrnken, denn ich bekundete eine Freude, die man unpassend fand,
und in dem, was ich alles zusammenschwatzte, fand man Durchtriebenheit,
und zwar gerade deshalb, weil ich mir gar nichts Arges dabei dachte. Mit
dem Brautschleier, mit dem Kleide und mit den Blumen trieb ich tausend
Kindereien. Als ich am Abend in dem Zimmer allein war, wohin man mich
mit Pomp geleitet hatte, sann ich nach, mit welchem Schelmenstreich ich
wohl Victor necken knnte. Und whrend ich seiner harrte, schlug mein
Herz so heftig, wie ehemals an den Silvesterabenden, wenn ich insgeheim
in den Salon schlpfte, wo die Geschenke ausgelegt waren. Als mein Mann
hereinkam und mich suchte, da war das erstickte Lachen, das ich aus
meinem Versteck unter einem Berg von Musselin hren lie, ach, der
letzte Ausbruch der holden Frhlichkeit, die die Tage unserer Kindheit
vergoldete...

Als die Matrone den Brief gelesen hatte, der nach einem solchen Anfang
wohl noch traurigere Bemerkungen aufnehmen sollte, legte sie langsam die
Brille auf den Tisch, legte auch den Brief wieder hin und heftete auf
ihre Nichte zwei grne Augen, deren klares Feuer durch das Alter noch
nicht geschwcht worden war.

Meine Kleine, sagte sie, eine verheiratete Frau kann, ohne den
Anstand zu verletzen, nicht gut so etwas an ein junges Mdchen
schreiben...

Das dachte ich auch schon, antwortete Julie, ihre Tante unterbrechend,
und ich schmte mich vor mir selbst, als Sie es lasen...

Wenn uns bei Tische eine Speise nicht zusagt, so brauchen wir sie doch
niemand anderm zu verekeln, mein Kind, fuhr die Alte gutgelaunt fort,
und das Heiraten ist doch von Eva an bis zu uns herab immer fr was
ganz Herrliches gehalten worden ... Haben Sie keine Mutter mehr? fragte
die alte Frau.

Die Komtesse zitterte, dann hob sie sanft den Kopf und sagte:

Seit einem Jahr habe ich mehr als einmal bedauert, da meine Mutter
nicht mehr am Leben ist; aber es war unrecht von mir, da ich auf die
Warnungen meines Vaters nicht gehrt habe. Er wollte Victor nicht zum
Schwiegersohne.

Sie sah ihre Tante an, und ein Schauer der Freude trocknete ihre Trnen,
als sie den Ausdruck von Gte bemerkte, der dieses alte Gesicht belebte.
Sie streckte ihre junge Hand der Marquise hin, die sich ihrer so
liebreich anzunehmen schien, und als ihre Finger sich drckten, da war
das Einverstndnis zwischen diesen beiden Frauen vollstndig.

Arme Waise! setzte die Tante hinzu.

Dieses Wort berhrte Julie, als wenn ein letzter Lichtstrahl auf sie
fiele. Sie glaubte noch einmal die prophetische Stimme ihres Vaters zu
vernehmen.

Ihre Hnde sind fieberhei! Ist das immer der Fall? fragte die Alte.

Seit sechs oder acht Tagen hat das Fieber mich nicht mehr verlassen,
antwortete sie.

Und Sie haben mir das verheimlicht?

Ich hab's ja schon ein Jahr lang, sagte Julie mit einer Art
schamhafter Angst.

Also, mein kleiner, guter Engel, fuhr die Tante fort, ist die Ehe
fr Sie bisher nur ein fortgesetzter Schmerz gewesen?

Die junge Frau wagte nicht zu antworten, aber sie machte eine bejahende
Gebrde, die all ihr Leid verriet.

Sie sind also unglcklich?

O, nein, meine Tante. Victor liebt mich bis zur Vergtterung, und auch
ich bete ihn an, er ist so gut.

Ja, lieb haben Sie ihn, aber Sie fliehen ihn dennoch, nicht wahr?

Ja -- bisweilen -- er sucht mich zu oft--

Wenn Sie allein sind, beunruhigt Sie dann nicht oft die Furcht, er
knne kommen und Sie berraschen?

Ach, gewi, meine Tante. Aber ich habe ihn sehr lieb, das versichere
ich Ihnen.

Klagen Sie sich nicht insgeheim an, Sie verstnden nicht, an dem, was
ihn erfreut, Freude zu finden, oder Sie seien dessen nicht fhig? Denken
Sie manchmal nicht, die legitime Liebe sei hrter zu ertragen, als
vielleicht eine strafbare Leidenschaft?

O, das ist's, sagte sie weinend. Sie erraten alles -- wo doch fr
mich alles ein Rtsel ist. Meine Sinne sind betubt, ich kann nicht
denken, ja ich lebe kaum noch. Meine Seele ist von einer unbestimmten
Furcht bedrckt, die meine Gefhle zu Eis wandelt und mich in bestndige
Lethargie versenkt. Ich bin ohne Stimme, mich zu beklagen, und ohne
Worte, meinen Schmerz auszudrcken. Ich leide, und schme mich doch zu
leiden, wenn ich Victor so glcklich sehe in dem, was mich ttet.

Kindereien, Albernheiten all das! rief die Tante, deren vertrocknetes
Gesicht sich pltzlich unter einem frhlichen Lcheln belebte -- einem
Abglanz ihrer Jugendzeit.

Und auch Sie -- Sie lachen! sagte die junge Frau in Verzweiflung.

Ich bin ebenso gewesen, antwortete die Marquise schlagfertig. Sind
Sie nicht jetzt, wo Victor Sie allein gelassen hat, wieder junges
Mdchen und ruhig geworden? Ein junges Mdchen, das keine Liebesfreude
mehr hat, aber auch kein Liebesleid?

Julie machte groe, fast stumpfsinnige Augen.

Nun ja doch, mein Engel, Sie beten Victor an, nicht wahr? Aber Sie
mchten weit lieber seine Schwester als seine Frau sein, und das
Eheleben ist eben gar nicht Ihr Fall?

Nun denn -- ja, Tante. Aber warum lcheln Sie dazu?

O, Sie haben recht, mein armes Kind. All das ist nicht zum Spaen. Ihre
Zukunft wrde Ihnen mehr als ein Unglck bescheren, wenn nicht ich Sie
unter meine Obhut nhme, und wenn meine langjhrige Erfahrung mich nicht
die ganz unschuldige Ursache Ihres Kummers htte erraten lassen. Mein
Neffe hat sein Glck nicht verdient, der Tropf! Unter der Regierung
unseres vielgeliebten fnfzehnten Ludwig wrde eine junge Frau in Ihrer
Lage den Gatten bald bestraft haben, wenn er sich wie ein ungeschlachter
Landsknecht benommen htte! Der Egoist! Die Soldaten dieses kaiserlichen
Tyrannen sind durch die Bank unwissende Bsewichter! Sie halten
Brutalitt fr Galanterie; sie kennen die Frauen nicht mehr und
verstehen nicht zu lieben. Sie glauben, die Aussicht, doch bald in den
Tod zu gehen, entbnde sie von Rcksicht und Aufmerksamkeiten gegen uns.
Frher wute man ebenso gut zu lieben wie zu sterben -- beides zu
gleicher Zeit. Meine Nichte, ich werde Ihnen den Mann erziehen. Ich
werde dem traurigen, doch ganz natrlichen Mistand ein Ende machen.
Wenn das so weiterginge, wrden Sie einander schlielich hassen und die
Scheidung herbeiwnschen, sofern Sie nicht daran sterben, ehe es zu
diesem verzweifelten Ende kommt.

Julie hrte ihrer Tante mit Erstaunen, ja wie betubt, zu, verwundert,
Worte zu vernehmen, deren Richtigkeit von ihr mehr geahnt als eingesehen
wurde, und ganz entsetzt, aus dem Munde einer vielerfahrenen Verwandten,
nur in milderer Gestalt, den gleichen Einwand wiederzuhren, den ihr
Vater gegen Victor erhoben hatte. Sie hatte vielleicht eine lebhafte
Ahnung dessen, was ihr bevorstnde, und empfand ohne Zweifel schon die
Last des Unglcks, das sie bedrcken sollte, denn sie vergo Trnen und
warf sich in die Arme der alten Dame mit den Worten:

Seien Sie mir Mutter!

Die Tante weinte nicht; denn die Revolution hat den Frauen aus dem alten
Knigreich das Weinen abgewhnt. Erst die verliebte Lebensweise und dann
die Schreckensherrschaft haben sie mit den schmerzlichsten Umstrzen
vertraut gemacht, so da sie nun in den Gefahren des Lebens eine kalte
Wrde und eine aufrichtige Zuneigung, doch ohne jede berschwenglichkeit,
bewahren. Auf diese Weise vergessen sie darber nie die Etikette und eine
Vornehmheit des Benehmens, die die neuen Sitten sehr zu Unrecht verpnt
haben.

Die Matrone nahm die junge Frau in die Arme und kte sie auf die Stirn,
mit einer Zrtlichkeit und Anmut, die bei diesen Frauen oft mehr Manier
und Gewohnheit als Sache des Herzens ist. Sie trstete ihre Nichte mit
sen Worten, versprach ihr eine glckliche Zukunft, half ihr beim
Schlafengehen und schlferte sie mit liebevollen Vesprechungen ein, ganz
als wenn Julie ihre Tochter gewesen wre -- eine geliebte Tochter, deren
Hoffnungen und Kmmernisse sie zu ihren eigenen machte; sie sah sich
noch einmal jung in ihrer Nichte, fand sich in ihr noch einmal als
unerfahrenes, hbsches Mdchen.

Glcklich, eine Freundin gefunden zu haben, eine Mutter, der sie hinfort
alles sagen knnte, schlief die Komtesse ein. Als sich am folgenden
Morgen Tante und Nichte mit der tiefen Herzlichkeit und in dem
Einverstndnis kten, die einen Fortschritt im gegenseitigen Fhlen,
eine noch vollstndigere Verkettung zweier Seelen beweisen -- vernahmen
sie den Schritt eines Pferdes, wandten gleichzeitig den Kopf und
erblickten den jungen Englnder, der langsam, wie seine Gewohnheit war,
vorbeiritt.

Er schien in gewissem Sinne das Leben, das die beiden einsamen Frauen
fhrten, studiert zu haben und unterlie nie, sich einzufinden, wenn sie
beim Frhstck oder beim Mittagessen saen. Sein Pferd ging von selbst
im langsamen Schritt -- er brauchte ihm keinen Wink zu geben; und in der
Zeit, die es brauchte, an dem Raum zwischen den beiden Fenstern des
Ezimmers vorbeizukommen, warf Arthur einen melancholischen Blick
hinein, meistens ohne von der Komtesse irgendwie beachtet zu werden.

Die Marquise hatte sich die philisterhafte Neugierde angewhnt, die sich
an die kleinsten Dinge heftet, um dem Leben in der Provinz Abwechslung
zu verleihen, und von der sich selbst berlegene Geister nur schwer
freihalten. Sie fand groen Spa an der schchternen, ernsthaften, und
so stillschweigend offenbarten Liebe des Englnders. Diese Blicke im
Vorberreiten gehrten nun schon zur Tagesordnung, und jedesmal
begrte sie Arthurs Vorbeikunft mit einem neuen Scherz.

Als sich die beiden Frauen an diesem Morgen zu Tische setzten,
erblickten sie den Insulaner zu gleicher Zeit. Diesmal begegneten sich
Juliens und Arthurs Augen so voll und unverhohlen, da die junge Frau
errtete. Sogleich gab der Englnder seinem Pferde die Sporen und
verschwand im Galopp.

Aber, Madame, sagte Julie zu ihrer Tante, was ist da zu machen? Wer den
Englnder hier immer vorbeireiten sieht, mu ja doch merken, da ich--

Jawohl, antwortete die Tante, sie unterbrechend.

Sollte ich mir das nicht verbitten?

Das hiee ihn auf den Gedanken bringen, er sei Ihnen gefhrlich. Und
knnten Sie denn jemand hindern, hin und her zu reiten, wo es ihm
gefllt? Wir werden einfach morgen nicht mehr in diesem Zimmer speisen.
Wenn uns der junge Kavalier hier nicht mehr sieht, wird er diese Liebe
durchs Fenster einstellen. Sehen Sie, mein liebes Kind, so mu sich eine
Frau benehmen, die weltgewandt ist.

Aber das Unglck Juliens sollte vervollkommnet werden. Kaum erhoben sich
die beiden Frauen vom Tische, so traf pltzlich Victors Kammerdiener
ein. Er kam, so schnell sein Pferd hatte laufen knnen, auf
Schleichwegen von Bourges her und berbrachte der Grfin einen Brief
ihres Gatten. Victor hatte den Kaiser verlassen und meldete seiner Frau
den Zusammenbruch des Imperiums, die Eroberung von Paris und die
Begeisterung, die an allen Punkten Frankreichs fr die Bourbonen
lebendig wurde. Aber da er nicht wute, wie er bis nach Tours gelangen
sollte, so bat er sie, in aller Eile nach Orleans zu kommen, wo er sich
mit Durchgangspssen fr sie einzufinden hoffte. Der Kammerdiener, ein
alter Soldat, sollte Julie von Tours nach Orleans geleiten. Victor hielt
diesen Weg noch fr frei.

Gndige Frau haben keinen Augenblick zu verlieren, sagte der
Kammerdiener, die Preuen, sterreicher und Englnder wollen in Blois
oder in Orleans zueinander stoen.

In ein paar Stunden war die junge Frau bereit und reiste in einem alten
Reisewagen ab, den die Tante ihr borgte.

Warum wollen Sie nicht mit uns nach Paris kommen? fragte sie, die
Marquise umarmend. Wo nun die Bourbonen wieder auf den Thron kommen,
wrden Sie dort...

Ich wrde auch ohne diese unerwartete Rckkehr des Knigshauses
hingekommen sein, meine arme Kleine, denn Sie bedrfen meines Ratschlags
zu notwendig, Sie sowohl, als auch Victor. Ich werde also alle
Vorkehrungen treffen, um Sie dort aufzusuchen.

Julie nahm Abschied. Ihre Kammerzofe begleitete sie, und der alte Soldat
ritt neben dem Wagen her, ber seiner Herrin Sicherheit wachend. Als sie
des Nachts auf einer Poststation vor Blois anlangten, sah Julie zum
erstenmal zum Schlag heraus. Es beunruhigte sie, da ein Gefhrt hinter
dem ihren herkam und es von Amboise her nicht verlassen hatte. Nun
wollte sie sehen, wer ihre Reisegefhrten seien. Beim Mondlicht erkannte
sie Arthur, er stand drei Schritte vor ihr, die Augen auf ihren Wagen
geheftet. Ihre Blicke begegneten sich.

Die Komtesse warf sich rasch in die Tiefe der Kalesche zurck -- sie
zitterte vor Furcht. Wie die Mehrzahl der jungen wirklich unschuldigen
und unerfahrenen Frauen, erschien es ihr schon als Fehltritt,
unabsichtlich bei einem jungen Manne Liebe erweckt zu haben. Sie empfand
ein unwillkrliches Entsetzen, das ihr vielleicht das Bewutsein ihrer
Schwche gegenber einer so khnen Annherung einflte.

Eine der strksten Waffen des Mannes ist diese furchtbare Macht, sich
der von Natur regen Phantasie einer Frau, die ber eine solche
Verfolgung erschrickt oder sich beleidigt fhlt, immer wieder
aufzudringen. Die Komtesse erinnerte sich des Rates, den die Tante ihr
gegeben hatte, und beschlo, whrend der ganzen Reise in ihrem
Reisewagen zu bleiben und nicht ein einziges Mal herauszukommen. Aber
auf jeder Station hrte sie den Englnder um die beiden Wagen
herumgehen. Und auf dem Wege hallte ihr das unwillkommene Gerusch
seines Gespanns unaufhrlich in den Ohren. Die junge Frau dachte,
Victor, bei dem sie ja nun bald sein wrde, werde schon ein Mittel
wissen, sie gegen diese sonderbare Verfolgung zu schtzen.

Aber wenn mich dieser junge Mann nun nicht liebt?

Diese Betrachtung war die letzte von allen, die sie anstellte. Als sie
nach Orleans kam, wurde ihre Postkutsche von den Preuen angehalten, auf
den Hof einer Herberge gebracht und dort von Soldaten bewacht.
Widerstand war unmglich. Die Fremden gaben den drei Reisenden durch
gebieterische Gebrden zu verstehen, sie htten Befehl, niemand aus dem
Wagen herauszulassen.

Die Komtesse blieb unter Trnen fast zwei Stunden lang die Gefangene
dieser Soldaten, die rauchten, lachten und sie manchmal mit frecher
Neugierde betrachteten. Aber endlich sah sie sie mit Respekt von dem
Wagen wegtreten, und hrte das Trappeln mehrerer Pferde. Bald umringte
eine Schar hherer auslndischer Offiziere, an deren Spitze sich ein
sterreichischer General befand, die Kalesche.

Gndige Frau, sagte der General zu ihr, entschuldigen Sie. Es hat ein
Versehen stattgefunden -- Sie knnen Ihre Reise ohne Furcht fortsetzen,
und hier haben Sie einen Pa, der Ihnen weiterhin jede Unannehmlichkeit
ersparen wird.

Die Komtesse nahm das Papier zitternd entgegen und stammelte ein paar
undeutliche Worte. Sie sah neben dem General, und in der Kleidung eines
englischen Offiziers, Arthur stehen, dem sie ohne Zweifel ihre rasche
Befreiung verdankte. Zugleich freudig und betrbt, sah der junge
Englnder zur Seite und wagte nicht einmal heimlich nach Julie
hinzuschauen. -- Dank dem Pa, gelangte Frau d'Aiglemont ohne weiteres
verdrieliches Abenteuer nach Paris. Sie traf hier ihren Gatten, der,
von seinem Treueid gegen den Kaiser entbunden, beim Grafen d'Artois, dem
von seinem Bruder Ludwig XVIII. ernannten Generalleutnant des
Knigreichs, schmeichelhafteste Aufnahme gefunden hatte.

Victor wurde in der kniglichen Garde zum Range eines Generals
befrdert. Inmitten der Festlichkeiten, mit denen man die Rckkehr der
Bourbonen feierte, wurde die arme Julie von einem recht groen Unglck
betroffen, das nicht ohne Einflu auf ihr Leben bleiben konnte: sie
verlor die Marquise de Listomere-Landon. Die alte Dame starb, als sie
den Herzog von Angoulme in Tours wiedersah, vor Freude und an einem ins
Herz zurckgetretenen Tropfen Blutes. So war denn die Frau tot, der ihr
Alter das Recht gegeben htte, Victor aufzuklren, die einzige, die
durch triftige Ratschlge eine vllige Harmonie zwischen Mann und Frau
htte herstellen knnen. Sie war tot, und Julie fhlte die ganze
Tragweite dieses Verlusts. Nun war sie wieder allein und ohne
Vermittlerin zwischen sich und dem Gatten. Aber jung und schchtern, wie
sie war, mute sie im Anfang lieber dulden als klagen. Eben die
Vollkommenheit ihres Charakters lie es nicht zu, da sie sich dem
entzge, was sie fr ihre Pflicht hielt, oder nach der Ursache ihrer
Schmerzen forschte. Denn diesen ein Ende zu machen, wre eine zu heikle
Sache gewesen; Julie htte gefrchtet, ihre jungfruliche Scham zu
verletzen.

Ein Wort ber die Schicksale des Herrn d'Aiglemont whrend der
Restauration!

Trifft man nicht viele Menschen, deren vllige Nichtigkeit allen Leuten,
die sie kennen, ein Geheimnis bleibt? Ein hoher Rang, eine vornehme
Geburt, wichtige mter, ein gewisser Firnis von Hflichkeit, eine groe
Zurckhaltung im Benehmen oder das Blendwerk des Vermgens -- das sind
fr sie sozusagen Schutzwlle, die es der Kritik verwehren, bis in ihr
intimes Leben einzudringen. Diese Leute gleichen den Knigen, deren
wahre Gestalt, Charakter und Sitten niemals genau bekannt sind oder
richtig beurteilt werden, weil sie entweder aus zu groer Ferne oder aus
zu groer Nhe gesehen werden. Diese Personen, deren Verdienst gemacht
ist, fragen, statt zu sprechen, besitzen die Kunst, die andern in Szene
zu setzen, und vermeiden es so, selbst vor sie treten zu mssen; dann
ziehen sie mit glcklichem Geschick jeden am Fdchen seiner
Leidenschaften oder Interessen und spielen auf diese Weise mit Menschen,
die ihnen in Wahrheit berlegen sind, machen sie zu Marionetten und
halten sie fr klein, weil es ihnen gelungen ist, sie bis zu sich
herabzuziehen. Sie gelangen dann zu dem ganz natrlichen Triumph des
beschrnkten, aber beharrlichen Kopfes ber die Rastlosigkeit
bedeutender Kpfe. Um diese leeren Kpfe zu beurteilen und ihren
negativen Wert abzuwgen, mu daher der Beobachter einen mehr feinen,
als berlegenen Geist besitzen, mehr Geduld als Weite des Blickes, mehr
Feingefhl und Takt als Bildung und Gre der Ideen. So viel
Geschicklichkeit diese Usurpatoren auch entfalten, ihre schwachen Seiten
zu verbergen, so ist es ihnen doch sehr schwer, ihre Frauen, Mtter,
Kinder oder den Freund des Hauses zu tuschen; aber diese Personen
bewahren fast immer das Geheimnis eines Gegenstandes, der gewissermaen
die gemeinsame Ehre angeht, ja sie helfen ihnen oft noch, die Welt zu
tuschen. Wenn dank solcher huslichen Verschwrung viele Nullen fr
hhere Menschen gelten, so machen sie die Zahl der hhern Menschen wett,
die fr Nullen gelten, so da der Gesellschaftsstaat immer die gleiche
Menge scheinbarer Kapazitten hat.

Man denke sich nun, welche Rolle eine Frau von Geist und Gefhl neben
einem Manne dieses Schlages spielen mu. Man wird erkennen, da das ein
Leben voll des Schmerzes und der Aufopferung ist, fr die gewisse Herzen
voll Liebe und Zartgefhl nichts hienieden schadlos halten kann. Wenn
eine starke Frau sich in so schrecklicher Lage befindet, so entreit sie
sich ihr durch ein Verbrechen, wie es Katharina II. tat, die trotzdem
die Groe genannt wird. Aber nicht alle Frauen sitzen auf einem
Throne, und so verzehren die meisten sich in huslichem Unglck, das,
wenn es auch im Verborgenen bleibt, doch nicht minder schrecklich ist.
Diejenigen, die hienieden unmittelbaren Trost fr ihre Leiden suchen,
tauschen, wenn sie ihren Pflichten treu bleiben wollen, eben doch nur
andere Schmerzen dagegen ein, oder wenn sie die Gesetze zugunsten ihres
Vergngens verletzen, so begehen sie Fehltritte.

Diese Betrachtungen sind smtlich auf das geheime Leben Juliens
anwendbar. So lange Napoleon auf der Hhe war, war der Graf d'Aiglemont
ein Oberst wie viele andere, ein guter Ordonnanzoffizier, der eine
gefhrliche Sendung ausgezeichnet erfllen konnte, aber unfhig war, ein
Kommando von einiger Wichtigkeit zu bernehmen. Er erregte keinerlei
Neid, und galt fr einen der Tapferen, denen der Kaiser seine Gunst
schenkte. Er war das, was man beim Militr schlechtweg eine gute Haut
nennt.

Bei der Restauration, die ihm den Titel des Marquis zurckgab, zeigte er
sich nicht undankbar; er ging mit den Bourbonen nach Gand. Diese
Handlungsweise voll Konsequenz schien das Horoskop Lgen zu strafen, das
einstmals sein Schwiegervater gestellt hatte, als er sagte, Victor werde
nicht ber den Oberst hinauskommen. Bei der zweiten Rckkehr wurde er
zum Generalleutnant befrdert und wieder zum Marquis erhoben und
verfolgte nun das ehrgeizige Ziel, die Pairswrde zu erlangen. Er hielt
sich zu den Grundstzen und der Politik der Konservativen, umhllte sich
mit einer Verstellung, hinter der nichts steckte, wurde ernst,
bedchtig, wortkarg und galt fr einen tiefen Geist. Er beschrnkte sich
bestndig auf die Formen der Hflichkeit, verschanzte sich hinter
feststehenden Formeln, ging bald sparsam, bald verschwenderisch mit den
fertigen Phrasen um, die in Paris regelmig geprgt wurden, um in
kleiner Mnze den Dummkpfen die Bedeutung groer Ideen oder Ereignisse
zu bermitteln, und so hielt die Gesellschaft ihn fr einen Mann von
Geschmack und Wissen.

Starr auf seine aristokratischen Ansichten versessen, hatte er den Ruf
eines schnen Charakters. Wenn er zufllig einmal wieder sorglos und
flott wurde, wie er es einst gewesen war, so legten die andern der
Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit seiner Worte einen verborgenen
diplomatischen Sinn bei.

O, er sagt blo nicht, was er sagen will, dachten die sehr ehrbaren
Leute.

Seine Tugenden kamen ihm ebenso zustatten wie seine Fehler. Seine
Tapferkeit brachte ihm einen hohen Ruf als Soldat ein, der auch durch
nichts Lgen gestraft wurde, weil er nie selbstndig kommandiert hatte.
Sein mnnliches, edles Gesicht lie groe Gedanken vermuten, und seine
Physiognomie hatte fr niemand, auer seiner Frau, etwas Hohles. Indem
Marquis d'Aiglemont alle Welt seine unechten Talente loben hrte,
glaubte er schlielich selbst daran, da er einer der hervorragendsten
Mnner bei Hofe sei, wo er dank seinem ueren zu gefallen wute und
niemand seine verschiedenen Vorzge bestritt.

Trotzdem war Herr d'Aiglemont zu Hause bescheiden. Er fhlte instinktiv
die berlegenheit seiner Frau, so jung sie auch war; und aus diesem
unwillkrlichen Respekt erwuchs eine geheime Macht, zu der die Marquise
wider den eigenen Willen gelangte, so sehr sie sich auch strubte, die
Brde auf sich zu nehmen. Als Ratgeberin ihres Mannes lenkte sie dessen
Handlungen und verwaltete das Vermgen. Dieser fast widernatrliche
Einflu wurde fr sie zu einer Art Demtigung und brachte viele
Schmerzen mit sich, die sie in ihrem Herzen begrub. Zuerst sagte sie
sich in ihrem echt weiblichen Instinkt, es sei weit schner, einem
talentvollen Manne sich unterzuordnen, als einen Tropf zu regieren, und
eine junge Frau, die wie ein Mann denken und handeln msse, sei weder
Frau noch Mann, bliebe wohl frei von den Mistnden des Weibes, sage
dabei aber doch allen Freuden ihres Geschlechtes ab. Und bei dem allem
erreiche sie doch keines der Vorrechte, das unsere Gesetze dem strkeren
Geschlecht einrumen.

Hinter ihrem Leben verbarg sich ein recht bitterer Hohn. Mute sie nicht
zu einem hohlen Gtzen beten, ihren Protektor protegieren, einen
armseligen Menschen, der ihr zum Lohn fr bestndige Aufopferung die
egoistische Liebe der Ehemnner zuwarf, in ihr nichts als das Weib sah.
Entweder aus Unwissen oder aus Gleichgltigkeit beging er das tiefe
Unrecht, da er sich weder darum kmmerte, was ihr Freude mache, noch
sich darum sorgte, weshalb sie immer so traurig sei und so auffallend
abnehme.

Wie die meisten Ehemnner, die das Joch eines berlegenen Geistes
verspren, schlo der Marquis, um seine Eigenliebe zu retten, aus
Juliens physischer Schwche auch auf moralische Schwche, und klagte
gern das Geschick an, das ihm ein krnkliches Mdchen zur Frau gegeben
htte. Kurz, er stellte sich als das Opfer hin, whrend er doch der
Henker war.

Die Marquise, auf der alles Elend dieses tristen Daseins lastete, mute
ihren blden Gebieter noch anlcheln, noch mit Blumen ein Trauerhaus
ausschmcken und vor einem von geheimem Jammer blassen Gesicht die Maske
des Glcks tragen. Diese Verantwortlichkeit fr die Ehre des Hauses bei
groartiger Selbstverleugnung verlieh der jungen Marquise unmerklich
eine frauliche Wrde, ein Bewutsein der Tugend, die ihr zum Schutzwall
gegen die Gefahren der Welt dienten. Und wenn wir dieses Herz bis auf
den Grund erforschen wollen, so hatte vielleicht das tiefinnere,
verborgene Unglck, mit dem ihre erste, ihre naive Jungmdchenliebe
endete, ihr Abscheu vor der Leidenschaft eingeflt; vielleicht begriff
sie nie den hinreienden Trieb, noch die verbotenen, doch berauschenden
Freuden, ber die gewisse Frauen die Gesetze der Klugheit vergessen, auf
denen die Gesellschaft beruht.

Sie verzichtete wie auf einen Traum auf die sanften Freuden, auf die
zarte Harmonie, die Madame de Listomere-Landon in ihrer langjhrigen
Erfahrung ihr verheien hatte; sie wartete mit Ergebung auf das Ende
ihrer Schmerzen, indem sie jung zu sterben hoffte. Seit ihrer Rckkehr
aus der Touraine war ihre Gesundheit tglich schwcher geworden, und das
Leben schien ihr nur noch durch das Leiden zugemessen zu sein -- ein
vornehmes Leiden brigens, eine dem Anschein nach fast wonnevolle
Krankheit, die in den Augen oberflchlicher Menschen fr die Grille
eines Hausdmchens gelten konnte.

Die rzte hatten die Marquise dazu verurteilt, auf einem Diwan zu
liegen, wo sie sich mit Blumen umgab und nun dahinsiechte wie diese.
Ihre Schwche verbot ihr das Gehen und den Aufenthalt in frischer Luft;
sie fuhr nur noch im geschlossenen Wagen aus. Bestndig umgeben von
allen Wundern unsers Luxus und unserer modernen Industrie, glich sie
weniger einer Kranken als einer blasierten Knigin. Einige Freunde, die
ihre Krankheit und Schwche entzckend fanden und vielleicht auch
bestimmt darauf rechneten, da sie in Zukunft wieder ganz gesund wrde,
besuchten sie, denn sie waren ja immer sicher, sie zu Hause zu treffen,
brachten ihr alle Neuigkeiten und unterrichteten sie ber die tausend
kleinen Ereignisse, die das Leben in Paris so abwechslungsreich machen.

Ihre Melancholie war ernst und tief, aber es war die Melancholie des
berflusses. Die Marquise d'Aiglemont glich einer schnen Blume, deren
Wurzel von einem schwarzen Insekt angefressen ist. Sie ging bisweilen in
Gesellschaften, nicht aus Geschmack daran, sondern um den Forderungen
der Stellung zu gengen, nach der ihr Mann strebte. Ihre Stimme und die
Vollendung ihres Gesangs trugen ihr den Beifall ein, der fast immer
einer jungen Frau schmeichelt. Aber was ntzten ihr Erfolge, die weder
mit ihrem Empfinden noch mit ihrem Hoffen etwas zu tun hatten? Ihr Mann
machte sich nichts aus Musik. Zuletzt fhlte sie sich stets befangen in
den Salons, wo ihre Schnheit ihr Huldigungen einbrachte. Ihre Situation
erregte dort eine Art grausamen Mitleids, eine kalte Neugierde.

Sie war von einem Fieber befallen, das fast regelmig mit dem Tode
endet -- ein Leiden, von dem die Frauen untereinander nur flsternd
sprechen, und fr die unsere Neologie noch keinen Namen hat finden
knnen. Trotz des Schweigens, in dessen Mitte sich ihr Dasein vollzog,
war die Ursache ihres Leidens fr niemand ein Geheimnis. Trotz der Ehe,
noch immer ein junges Mdchen, erfllten die geringsten Blicke sie mit
Scham. Um nicht errten zu mssen, erschien sie daher stets frhlich und
lachend; sie erknstelte eine falsche Freude, erklrte immer, sie
befnde sich sehr wohl oder kam den Fragen nach ihrer Gesundheit mit
schamhaften Lgen zuvor.

Inzwischen trug 1817 ein Ereignis viel dazu bei, den beklagenswerten
Zustand zu ndern, in dem Julie bisher sich befunden hatte. Sie bekam
eine Tochter und wollte selbst stillen. Zwei Jahre lang war bei den
lebhaften Zerstreuungen und unruhevollen Freuden, die die Sorgen einer
Mutter mit sich bringen, ihr Leben weniger unglcklich.

Sie mute sich nun von ihrem Manne fernhalten. Die rzte prophezeiten
eine Besserung; aber die Marquise glaubte nicht an diese auf Vermutungen
gegrndeten Weissagungen. Wie alle Leute, fr die das Leben keine Freude
mehr hat, erblickte sie vielleicht im Tode eine glckliche Erlsung.

Im Anfang des Jahres 1819 war das Leben fr sie grausamer als je zuvor.
In dem Augenblick, wo sie sich des negativen Glcks erfreute, das sie zu
erringen gewut hatte, sah sie furchtbare Abgrnde vor sich: ihr Mann
hatte sich allmhlich ihrer entwhnt. Dieses Erkalten einer schon so
lauen und ganz egoistischen Liebe konnte mehr Unglck herbeifhren, als
sie bei allem feinen Takt und aller Klugheit voraussehen konnte. Obwohl
sie sicher war, eine groe Herrschaft ber Victor zu behalten und seine
Achtung fr immer zu besitzen, frchtete sie den Einflu der
Leidenschaften auf einen so unbedeutenden, so lcherlich unberlegten
Mann. Oft berraschten ihre Freunde sie bei lang anhaltendem Grbeln;
die weniger Tiefblickenden fragten sie scherzend nach dem Geheimnis
ihrer Gedanken, als wenn eine junge Frau an nichts anderes als an
Frivolitten denken knnte, als wenn nicht fast immer ein tiefer Sinn in
den Gedanken einer Hausmutter lge.

brigens fhrt uns das Unglck, wie das wahre Glck, immer zu
Trumereien. Manchmal spielte Julie mit ihrer Helene, betrachtete sie
mit finsterm Blick und antwortete pltzlich nicht mehr auf die
kindlichen Fragen, die den Mttern so viel Vergngen machen. Sie sann
dann ber ihr Schicksal in Gegenwart und Zukunft nach. Ihre Augen wurden
na von Trnen, wenn ein pltzliches Erinnern ihr das Bild jener Parade
in den Tuilerien wieder vorzauberte. Die prophetischen Worte ihres
Vaters klangen ihr abermals in den Ohren, und ihr Gewissen tadelte sie,
deren Weisheit verkannt zu haben.

Aus diesem trichten Ungehorsam entsprang all ihr Unglck; und oft wute
sie nicht, welches unter ihren Leiden am schwersten zu ertragen sei.
Nicht nur blieben die sen Schtze ihrer Seele ungehoben, nein, sie
konnte selbst in den gewhnlichsten Dingen des Lebens zu keinem
Einverstndnis mit ihrem Gatten gelangen.

In dem Augenblick, wo die Fhigkeit zu lieben in ihr erstarkte und sich
wrmer regte, erlosch die gesetzliche, die eheliche Liebe unter schweren
Leiden physischer und moralischer Art. Sie hegte nur fr ihren Mann
jenes an Verachtung grenzende Mitleid, das auf die Dauer alle Gefhle
vernichtet. Wenn nicht schon ihre Gesprche mit den Freunden, die
Beispiele oder gewisse Abenteuer der vornehmen Gesellschaft sie darber
belehrt htten, da die Liebe auch groes Glck bescheren knne, so
wrden ihre Wunden ihr schlielich eine Ahnung von den tiefen, reinen
Wonnen eingeflt haben, die ein Band zwischen brderlichen Seelen
bilden mssen.

In dem Bilde, das ihre Erinnerung ihr von der Vergangenheit entwarf,
zeichnete sich das lautere Gesicht Arthurs mit jedem Tage reiner und
schner ab; doch betrachtete sie es stets nur flchtig, denn sie wagte
nicht, bei dieser Erinnerung zu verweilen. Die schweigsame, schchterne
Liebe des jungen Englnders war das einzige Ereignis, das seit der
Verheiratung eine sanfte Spur in diesem dstern, einsamen Herzen
zurckgelassen hatte.

Vielleicht richteten sich alle getuschten Hoffnungen, alle
fehlgeschlagenen Wnsche, die allmhlich Juliens Geist verdstert
hatten, durch ein natrliches Spiel der Phantasie auf diesen Mann,
dessen Manieren, Gefhl und Art anscheinend eine so groe
bereinstimmung mit ihrem Wesen aufwiesen. Aber dieser Gedanke hatte
immer den Charakter einer Laune, eines Traumes. Nach einem solchen
haltlosen Sinnen, das immer in Seufzern seinen Abschlu fand, erwachte
Julie noch unglcklicher und empfand nur noch tiefer ihre verborgenen
Schmerzen, nachdem sie sie unter den Fittichen eines Glckes
eingeschlfert hatte, das die Phantasie ihr vorgegaukelt.

Manchmal nahmen ihre Klagen einen trichten, tollkhnen Charakter an;
sie verlangte Vergngungen um jeden Preis. Aber noch fter verharrte sie
in einer unsagbaren stumpfsinnigen Betubung, hrte zu, ohne zu
verstehen, oder spann so unklare, unbestimmte Gedanken, da sie sie in
Worten nicht htte ausdrcken knnen.

In ihrem intimsten Wollen, in den Gewohnheiten, die sie einstmals als
junges Mdchen sich ertrumt hatte, so tief verwundet, mute sie nun
ihre Trnen in sich hinein weinen. Wem htte sie ihr Leid klagen sollen?
Von wem konnte sie verstanden werden? Und dann besa sie ja auch jenes
uerste Zartgefhl des Weibes, jene liebliche Schamhaftigkeit des
Gefhls, die darin besteht, keine unntze Klage laut werden zu lassen,
den Vorteil unbenutzt zu lassen, sobald der Sieg den Sieger ebenso
erniedrigen mte wie den Besiegten.

Julie suchte Herrn d'Aiglemont ihre Fhigkeit, die ihr eigenen Tugenden
zu verleihen und rhmte sich gegen die Welt eines Glckes, das ihr doch
nicht beschieden war.

All ihr weibliches Feingefhl wurde vollstndig umsonst aufgeboten, eine
Rcksicht zu nehmen, die ihr Mann ja doch nicht beachtete, indem er sich
im Gegenteil dadurch in seinem Egoismus bestrkt fhlte. Bisweilen war
sie nahe daran, vor Unglck den Verband zu verlieren; aber zum Glck
fhrte eine echte Frommheit sie immer wieder zu einer uersten
Hoffnung: sie nahm Zuflucht zu dem zuknftigen Leben -- eine
bewundernswerte Glaubenskraft lie sie von neuem ihre schmerzliche Brde
auf sich nehmen.

Diese furchtbaren Kmpfe, diese innere Zerrissenheit blieben ohne Ruhm,
ihre langen Stunden der Schwermut blieben unbekannt; keine Menschenseele
fing ihre matten Blicke, ihre bitteren Trnen auf -- dem Zufall
hingegeben, erloschen sie in der Einsamkeit.

Die Gefahren der kritischen Lage, zu der die Marquise unmerklich durch
die Kraft der Verhltnisse gelangt war, enthllten sich ihr in vollem
Ernst erst an einem Abend im Januar 1820.

Wenn zwei Eheleute sich ganz genau kennen und sich seit langem
aneinander gewhnt haben, wenn eine Frau die geringsten Gebrden eines
Mannes zu deuten wei und Gefhle oder Dinge, die er ihr verbirgt,
durchschauen kann, dann geht ihr oft nach vorhergehenden Betrachtungen
oder Bemerkungen, die zufllig und ursprnglich auch ohne jeden Belang
gemacht werden, ganz pltzlich ein Licht auf, und oftmals erwacht eine
Frau mit einem Male am Rande oder am Boden eines Abgrunds.

So erriet die Marquise, die sich seit zwei Tagen freute, allein zu sein,
ganz pltzlich das Geheimnis ihres Alleinseins. Ob aus Untreue oder aus
berdru, ob aus Edelsinn oder Mitleid mit ihr -- ihr Gatte gehrte ihr
nicht mehr. In diesem Augenblick dachte sie nicht mehr an sich, noch an
ihre Leiden und Opfer; sie war nur noch Mutter, und ihr Augenmerk galt
der Zukunft, dem Glck ihrer Tochter, des einzigen Wesens, von dem ihr
noch ein wenig Glckseligkeit kam -- ihrer Helene, des einzigen Guts,
das sie noch ans Leben fesselte.

Jetzt wollte Julie nicht sterben -- sie wollte ihr Kind vor dem
entsetzlichen Joch bewahren, unter dem eine Stiefmutter das Leben dieses
teueren Wesens erdrcken konnte. Bei dieser neuen Voraussicht eines
finstern Geschicks verfiel sie in eine jener glhenden Grbeleien, die
ganze Jahre verzehren. Zwischen ihr und ihrem Gatten mute hinfort eine
ganze Welt von Gedanken liegen, deren Last auf sie allein fallen wrde.
Bisher war sie gewi gewesen, von Victor geliebt zu sein, soweit er der
Liebe fhig war, und sie hatte sich einem Glcke hingegeben, das sie
selbst nicht teilte. Aber jetzt hatte sie nicht mehr die Genugtuung, zu
wissen da ihre Trnen ihren Mann noch immer rhren wrden -- jetzt
stand sie allein in der Welt, und es blieb ihr keine Wahl als das
Unglck.

In der Stille und dem Schweigen des Abends erlahmte alle ihre Kraft,
aller Mut brach nieder, und in dem Augenblick, wo sie ihren Diwan und
ihr fast erloschenes Feuer verlie, um zu ihrer Tochter zu gehen und
beim Scheine einer Lampe mit trockenen Augen das Kind anzusehen, kehrte
Herr d'Aiglemont in frhlichster Stimmung heim. Julie bewog ihn, mit
ihr zusammen die schlafende Helene zu bewundern, aber er fertigte die
Begeisterung seiner Frau mit einer banalen Phrase ab.

In diesem Alter, sagte er, sind alle Kinder niedlich.

Nachdem er seiner Tochter einen flchtigen Ku auf die Stirn gegeben,
lie er die Vorhnge der Wiege herab, sah Julie an, nahm sie bei der
Hand und fhrte sie zu dem Diwan, wo eben noch so viele unheilvolle
Gedanken sie bestrmt hatten.

Sie sind sehr schn heute abend, Madame d'Aiglemont! rief er mit der
unertrglichen Heiterkeit, deren Leere der Marquise so wohlbekannt war.

Wo haben Sie den Abend verbracht? fragte sie, tiefe Gleichgltigkeit
erknstelnd.

Bei Madame de Srizy.

Er hatte einen Lichtschirm vom Kamin genommen und betrachtete aufmerksam
das Transparent. Die Spur der Trnen, die seine Frau vergossen, hatte er
nicht bemerkt. Julie zitterte. Die Sprache reichte nicht hin, den Strom
von Gedanken in Worte zu fassen, der aus ihrem Herzen hervorbrechen
wollte und den sie dort zurckhalten mute.

Madame de Srizy gibt nchsten Montag ein Konzert und kommt um vor
Sehnsucht, dich dabei zu haben. Du hast dich seit langem nicht in
Gesellschaften sehen lassen, das ist fr sie Grund genug, dich dringend
einzuladen. Es ist ein ganz nettes Weib -- und hat dich sehr lieb. Tu
mir den Gefallen und komm mit. Ich habe so gut wie zugesagt fr dich...

Ich werde mitkommen, antwortete Julie.

Der Ton der Stimme, die Betonung und der Blick der Marquise hatten
etwas so Eindringliches, so Merkwrdiges, da Victor bei all seiner
Oberflchlichkeit seine Frau erstaunt ansah. Das war alles. Julie hatte
erraten, Madame de Srizy sei die Frau, die ihr das Herz ihres Mannes
entwendete.

Sie versank in eine Trumerei der Verzweiflung und schien angelegentlich
das Feuer zu betrachten. Victor drehte den Lichtschirm in den Fingern,
mit der gelangweilten Miene eines Mannes, der anderswo glcklich gewesen
ist und die Abspannung nach genossener Wonne mit sich bringt. Als er
mehrmals geghnt hatte, nahm er eine Kerze in die eine Hand, mit der
andern suchte er nachlssig den Hals seiner Frau und wollte sie umarmen.
Aber Julie bckte sich, bot ihm die Stirn und empfing den Abendku,
diesen mechanischen, liebelosen Ku -- ein Stck Komdie, das ihr jetzt
widerwrtig erschien.

Als Victor die Tr geschlossen hatte, sank die Marquise auf einen
Sessel; die Beine versagten ihr den Dienst, sie zerflo in Trnen. Man
mu den Jammer eines hnlichen Auftritts erlitten haben, um allen
Schmerz zu begreifen, den diese Szene in sich schlo, um die langen,
furchtbaren Katastrophen zu erraten, zu denen sie fhren kann. Die
simplen, nichtssagenden Worte, das Schweigen zwischen dem Ehepaar, die
Gebrden, die Blicke, die Art, wie der Marquis sich vor das Feuer
setzte, alles das hatte dazu gedient, diese Stunde zu einer tragischen
Lsung des einsamen, schmerzvollen Lebens zu machen, das Julie fhrte.

In ihrem Wahnsinn warf sie sich vor dem Diwan auf die Knie, vergrub das
Gesicht, um nichts zu sehen, und betete zum Himmel. Den gewohnten Worten
ihrer Andacht verlieh sie einen eigenen Ton, eine neue Bedeutung, die
ihrem Gatten das Herz zerrissen htten, wenn er es htte hren knnen.

Acht Tage lang sann sie ber ihr Schicksal nach, ihrem Unglck
preisgegeben. Sie fate es von allen Seiten ins Auge und suchte nach
Mitteln und Wegen, um nicht ihr eigenes Herz belgen zu mssen, die
Herrschaft ber den Marquis wiederzugewinnen und so lange zu leben, bis
das Glck ihrer Tochter gesichert war. Sie beschlo nun, mit ihrer
Nebenbuhlerin zu kmpfen, sich wieder in der Gesellschaft zu zeigen,
dort zu glnzen und, nur um den Gatten fr sich zu gewinnen, ihm eine
Liebe vorzuheucheln, die sie doch eben nicht empfinden konnte. Und hatte
sie mit ihren Knsten ihn ihrer Macht unterworfen, so wollte sie kokett
zu ihm sein, wie es die kaprizisen Mtressen sind, die sich ein
Vergngen daraus machen, ihre Verehrer auf die Folter zu spannen.

Diese hliche Handlungsweise war das einzige Mittel, das ihr in ihrem
Leid noch zur Verfgung stand. So wrde sie vielleicht Herrin ihres
Kummers werden, nach ihrem Gefallen ber ihren Schmerz gebieten knnen,
ihn auf seltenere Anflle einschrnken -- die Unterjochung des Mannes,
der Triumph, ihn zum Sklaven eines furchtbaren Despotismus gemacht zu
haben, wrde ihr dazu verhelfen. Sie machte sich kein Gewissen daraus,
ihm ein Leben aufzuzwingen, das ihm manchmal lstig werden mte. Mit
einem Sprunge strzte sie sich in die kalten Berechnungen der
Gleichgltigkeit, um ihre Tochter zu retten, sie ersann sich auf der
Stelle alle Hinterlisten, alle Lgen der Geschpfe, die nicht lieben,
das Trugwerk der Koketterie und die grausame Tcke, um deren willen die
Mnner das Weib so grndlich hassen, bei dem sie dann angeborene
Verderbnis vermuten.

Unbewut machten ihre weibliche Eitelkeit, ihr Vorteil und ein geheimer
Wunsch nach Rache gemeinsame Sache mit ihrer Mutterliebe, um sie auf
eine Bahn zu locken, wo nur neue Schmerzen ihrer harrten. Sie hatte eine
zu schne Seele, einen zu harten Geist, und vor allem zu viel Offenheit,
um sich lange eines solchen Betrugs schuldig zu machen. Sie war gewohnt,
beim ersten Schritt in das Laster -- denn dies war Laster -- in ihrer
Seele zu lesen, und so mute der Schrei ihres Gewissens die Stimme der
Leidenschaft und des Egoismus bertnen.

In der Tat, bei einer jungen Frau, deren Herz noch rein ist, und bei der
die Liebe jungfrulich geblieben, ist selbst das Gefhl der Mutterschaft
der Stimme der Scham unterworfen. Ist nicht die Scham das ganze Weib?
Aber Julie wollte noch keine Gefahr, noch keinen Fehler in dem neuen
Leben erblicken.

Sie ging zu Madame de Srizy. Ihre Nebenbuhlerin erwartete, eine
bleiche, schmachtende Frau zu sehen; die Marquise hatte Rot aufgelegt
und zeigte sich in allem Glanze eines Schmuckes, der ihre Schnheit in
das vorteilhafteste Licht setzte.

Grfin de Srizy zhlte zu jenen Frauen, die sich in Paris eine gewisse
Herrschaft ber Mode und Gesellschaft anmaen. Ihr Urteilsspruch hatte
in dem Kreise, wo sie regierte, nach ihrer eigenen Meinung allgemeine
Geltung; sie hatte die Khnheit, Worte zu prgen; sie war unumschrnkte
Richterin. Literatur, Politik, Mnner und Frauen, alles unterlag ihrer
Kritik; und das Urteil anderer schien Frau Srizy nicht zu beachten. Ihr
Haus war in allen Punkten ein Muster guten Geschmacks.

In diesen von eleganten, schnen Frauen berfllten Salons triumphierte
nun Julie ber die Komtesse. Geistreich, lebhaft, mutwillig, hatte sie
die hervorragendsten Mnner des Abends um sich versammelt. Zum grten
Verdru der Frauen war dabei ihre Toilette ganz untadelhaft, und alle
beneideten sie um einen Rockschnitt, um eine Taillenform, deren Wirkung
man allgemein dem Genie einer unbekannten Schneiderin zuschrieb, denn
die Frauen glauben immer lieber an die Kunst und Wissenschaft einer
Schneiderin als an die Anmut und Vollkommenheit derer, die so gebaut
sind, da sie das Werk dieser Schneiderin nun auch gut tragen knnen.

Als Julie sich erhob, um am Piano die Romanze der Desdemona zu singen,
liefen die Mnner aus allen Salons herbei, um diese berhmte Stimme zu
hren, die so lange nicht erklungen, und ein tiefes Schweigen trat ein.
Die Marquise fhlte sich heftig beklommen, als sie die Kpfe an den
Tren sich drngen und alle Blicke auf sich geheftet sah. Sie suchte mit
den Augen ihren Mann, warf ihm einen koketten Blick zu und sah mit
Vergngen, da er sich in diesem Moment in seiner Eigenliebe sehr
geschmeichelt fhlte.

Glcklich ber diesen Triumph, entzckte sie in dem ersten Teile des
+Al piu salice+ die ganze Versammlung. Noch nie hatte die Malibran
oder die Pasta einen Gesang hren lassen von solcher Vollendung des
Gefhls und der Betonung. Aber als sie fortfahren wollte, sah sie sich
unter den Gruppen um und erblickte Arthur, dessen unverwandter Blick sie
nicht verlie. Da zitterte sie heftig, und ihre Stimme schlug um. Madame
de Srizy eilte von ihrem Platz auf die Marquise zu.

Was haben Sie, meine Teure? O, arme Kleine, sie ist leidend! Ich hatte
gleich meine Befrchtungen, als sie sich daran wagte -- es mute ja
ihre Krfte bersteigen.

Die Romanze wurde unterbrochen. Julie hatte in ihrem Verdru nicht den
Mut fortzufahren und lie das falsche Mitleid ihrer Nebenbuhlerin ber
sich ergehen. Alle Frauen flsterten untereinander, und indem sie ber
diesen Vorfall sprachen, errieten sie den zwischen der Marquise und Frau
de Srizy entbrannten Kampf und verschonten auch die letztere nicht mit
ihrer Schmhsucht.

Die seltsamen Ahnungen, die so oft Juliens Herz erschttert hatten,
waren mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Wenn sie an Arthur dachte,
hatte es ihr gefallen, sich vorzustellen, da ein Mann von so sanftem
uern seiner ersten Liebe treu geblieben sein mte. Manchmal hatte sie
sich geschmeichelt, der Gegenstand dieser schnen Leidenschaft zu sein,
der reinen und wahren Leidenschaft eines jungen Mannes, dessen ganzes
Denken und Dichten seiner Geliebten gehrte, der keine Winkelzge kennt,
der ber Dinge errtet, ber die sonst nur eine Frau errtet, der wie
eine Frau denkt, ihr keine Nebenbuhlerin gibt und sich ihr berlt,
ohne nach Ehrgeiz, Ruhm oder Vermgen zu fragen.

Alles dies hatte sie aus Torheit, aus Zeitvertreib von Arthur gedacht.
Nun glaubte sie pltzlich ihren Traum verwirklicht zu sehen; sie las auf
dem fast weiblichen Gesicht des jungen Arthur die tiefen Gedanken, die
sanfte Melancholie, die schmerzliche Ergebung, denen sie preisgegeben
war. Sie erkannte sich in ihm wieder. Unglck und Schwermut sind die
beredtesten Vermittler der Liebe und bringen zwei leidende Wesen mit
unglaublicher Schnelligkeit in Einklang. Der innere Blick und die Art,
Dinge oder Ideen in sich aufzunehmen, sind bei ihnen vollstndig und
zutreffend. Die Heftigkeit der berraschung, die die Marquise erlitt,
enthllte ihr daher auch alle Gefahren der Zukunft. Sie war glcklich,
in ihrem gewohnten leidenden Zustand einen Vorwand fr ihre Verwirrung
zu finden und lie sich gern von dem spitzfindigen Mitleid der Frau de
Srizy berschtten.

Die Unterbrechung der Romanze war ein Ereignis, ber das sich mehrere
Personen auf verschiedene Weise unterhielten. Die einen beklagten
Juliens Geschick und bedauerten es, da eine so hervorragende Frau fr
die Gesellschaft verloren sei; die andern wollten den Grund ihres
Leidens und der Einsamkeit, in der sie lebte, genau kennen.

Nun wohl, mein teurer Ronquerolles, sagte der Marquis zu dem Bruder
der Frau de Srizy, du beneidest mich um mein Glck beim Anblick der
Frau d'Aiglemont, und du machst mir den Vorwurf, ich sei ihr untreu? Ei,
du wrdest mein Schicksal sehr wenig beneidenswert finden, wenn du wie
ich ein oder zwei Jahre lang neben einer hbschen Frau leben mtest,
ohne da du es wagen drftest, ihr die Hand zu kssen, aus Furcht, du
knntest sie zerbrechen. Gib dich nie mit diesen zarten Kleinodien ab --
sie sind nur gut dazu, unter Glas gestellt zu werden -- sie sind so
zerbrechlich und so wertvoll, da wir uns immer in acht nehmen mssen.
Fhrst du denn dein schnes Pferd oft aus? Man hat mir gesagt, du hast
Angst, es knnte von Platzregen oder Schneefall berrascht werden. Nun,
das ist dieselbe Geschichte wie bei mir. Es ist wahr, ich kann auf die
Tugend meiner Frau einen Eid leisten; aber meine Ehe ist ein
Luxusartikel und wenn du glaubst, ich sei verheiratet, so irrst du dich.
Daher ist auch meine Untreue in gewissem Mae berechtigt. Ich mchte
gerne wissen, wie ihr euch an meiner Stelle verhieltet, ihr Herren
Lacher. Viele Mnner wrden weit weniger Federlesens mit ihrer Frau
machen als ich. Ich bin berzeugt, setzte er mit leiser Stimme hinzu,
Frau d'Aiglemont ahnt nichts; und ich wre gewi auch sehr im Unrecht,
wenn ich mich beklagen wollte, ich bin sehr glcklich. Nur ist nichts
fr einen gefhlvollen Mann lstiger, als ein armes Wesen leiden zu
sehen, an das man gebunden ist--

Du bist also sehr gefhlvoll? antwortete Herr de Ronquerolles. Na ja,
du bist ja auch selten zu Hause.

Dieses freundschaftliche Epigramm erweckte Lachen unter den Zuhrern.
Aber Arthur blieb kalt und ruhig -- er war einer von den wenigen
Kavalieren, die den Ernst zur Grundlage ihres Charakters machen. Die
sonderbaren Worte dieses Ehemannes riefen ohne Zweifel gewisse
Hoffnungen in dem jungen Englnder wach. Er trachtete mit Ungeduld nach
einem Augenblick, wo er mit Herrn d'Aiglemont allein sein knnte, und
die Gelegenheit dazu bot sich bald.

Mein Herr, sagte er zu ihm, ich sehe mit unendlichem Schmerz, in
welchem Zustand sich die Frau Marquise befindet, und wenn Sie erfahren,
da sie eines elenden Todes sterben mu, wenn nicht eine besondere Kur
angewendet wird, so denke ich, Sie werden mit dem Leiden ihrer Frau
keinen Scherz treiben. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so bin ich dazu in
gewissem Sinne berechtigt, denn ich habe die Gewiheit, Frau d'Aiglemont
retten und dem Leben und dem Glck zurckgeben zu knnen. Es ist wenig
natrlich, da ein Mann meines Ranges Arzt sei, allein der Zufall hat es
so gefgt, da ich Medizin studiert habe. Ich leide so sehr an der
Langeweile, fuhr er fort und er heuchelte einen kalten Egoismus, der
seinen Zwecken dienen sollte, und es ist mir daher eine angenehme
Zerstreuung, meine Zeit und meine Reisen dem Wohle eines leidenden
Wesens zu widmen. Das tu ich lieber, als bldem Zeitvertreib
nachzujagen. Krankheiten dieser Art finden selten Heilung, weil sie
zuviel Sorgfalt, zuviel Geduld und Mue erfordern; vor allem gehrt dazu
Geld, man mu reisen knnen und aufs peinlichste die Vorschriften
befolgen, die jeden Tag anders lauten und doch nichts Unangenehmes
haben. Wir sind zwei Kavaliere, fuhr er fort, und gab diesem Worte die
Bedeutung des englischen Ausdrucks Gentlemen, und knnen uns
verstndigen. Ich erklre Ihnen, da Sie jeden Augenblick Richter meines
Verhaltens sein sollen, sobald Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich werde
nichts unternehmen, ohne Sie zu Rate gezogen zu haben. Sie sollen alles
berwachen, und ich brge fr den Erfolg, wenn Sie willens sind, sich
nach meinen Angaben zu richten, das heit vor allem, flsterte er ihm
ins Ohr, lange Zeit nicht der Gatte der Frau d'Aiglemont zu sein.

Das steht fest, Mylord, sagte der Marquis lachend, nur ein Englnder
kann mir einen so bizarren Vorschlag machen. Gestatten Sie mir, ihn
weder zurckzuweisen noch anzunehmen. Ich werde es mir berlegen. Vor
allem mu er meiner Frau unterbreitet werden.

In diesem Augenblick war Julie wieder am Piano erschienen. Sie sang das
Lied der Semiramis: +Son regina, son guerriera.+ Einmtiger Beifall --
aber gedmpft, wie er eben im Viertel der vornehmen Welt gezollt wird --
bekundete die Begeisterung, die sie entzndet hatte.

Als d'Aiglemont seine Frau nach Hause fhrte, erkannte sie, halb mit
Unruhe, halb mit Freude den raschen Erfolg ihrer Versuche. Ihr Gatte,
aufgerttelt durch die Rolle, die sie gespielt hatte, machte ihr ein
paar Komplimente, schlug dabei aber den Ton an, den er einer
Schauspielerin gegenber angewendet haben wrde. Julie fand es spahaft,
als tugendhafte, verheiratete Frau so behandelt zu werden; sie wollte
mit ihrer Macht nur spielen, und ihre Herzensgte lie sie daher in
diesem ersten Kampfe noch einmal unterliegen -- allein es war die
furchtbarste aller Lehren, die das Schicksal ihr erteilte.

Gegen zwei oder drei Uhr morgens sa Julie in dsterer, trumerischer
Stimmung, aufrecht im ehelichen Bett; eine Lampe verbreitete ein
ungewisses Licht in dem Zimmer, die tiefste Stille herrschte; und seit
etwa einer Stunde vergo die Marquise, der peinigendsten Reue
preisgegeben, Trnen, deren Bitterkeit niemand nachfhlen kann als eine
Frau vielleicht, die sich in der gleichen Lage befunden hat. Es gehrt
die Seele Juliens dazu, um wie sie das Entsetzen einer berechneten
Liebkosung zu fhlen, um im selben Mae wie sie von einem kalten Ku
verletzt zu sein. Nach einer solchen schmerzlichen Erniedrigung war ihr
Herz zu endgltiger Abtrnnigkeit gelangt -- das letzte Fdchen ihrer
Ehe war gerissen. Sie verachtete sich selbst, sie verwnschte die
Heirat, sie wre am liebsten tot gewesen, und wenn ihre Tochter nicht
geschrien htte, wrde sie sich vielleicht zum Fenster hinaus aufs
Straenpflaster geworfen haben.

Herr d'Aiglemont schlief friedlich an ihrer Seite -- die heien Trnen,
die seine Frau auf ihn fallen lie, weckten ihn nicht auf.

Am andern Tage gelang es Julien wieder, sich frhlich zu stellen. Sie
fand die Kraft, glcklich zu erscheinen und, wenn auch nicht ihre
Melancholie, so doch einen unberwindlichen Abscheu zu verbergen. Von
diesem Tage an betrachtete sie sich nicht mehr als untadelhafte Frau.
Hatte sie sich nicht selbst belogen? War sie von nun an nicht der
Heuchelei fhig, und konnte sie nicht spter in den ehebrecherischen
Handlungen einen erstaunlichen Scharfsinn entfalten? Ihre Ehe war die
Ursache dieser Perversitt a priori, die vorderhand noch unausgebt
blieb. Indessen hatte sie sich schon die Frage vorgelegt, warum sie sich
einem Manne, der sie liebte und den sie liebte, versagen solle, da sie
sich doch gegen ihr Herz und gegen die Stimme der Natur einem Ehemanne
hingegeben hatte, den sie nicht mehr liebte.

Alle Fehltritte und vielleicht auch alle Verbrechen haben zur Grundlage
einen schlechten Gedankengang oder ein berma an Egoismus. Wenn die
Gesellschaft bestehen soll, so mu jeder einzelne die individuellen
Opfer bringen, die die Gesetze erfordern, das heit, den Trieb seiner
Natur dem Gesetz gem eindmmen. Wenn man die Vorteile der Gesellschaft
mitgeniet, hat man auch die Verpflichtung, die Bedingungen
innezuhalten, die die Grundfesten der Gesellschaft bilden. Die
Unglcklichen, die kein Brot haben und doch das Eigentum achten mssen,
sind nicht minder zu beklagen, als die Frauen, die in ihrem Sehnen und
in der Zartheit ihrer Natur verletzt sind.

Einige Tage nach dieser Szene, deren Geheimnis in dem ehelichen Bett
begraben blieb, stellte d'Aiglemont seiner Frau Lord Grenville vor.
Julie empfing Arthur mit kalter Hflichkeit, die ihrer Verstellungskunst
Ehre machte. Sie legte ihrem Herzen Schweigen auf, hngte einen Schleier
vor ihren Blick, gab ihrer Stimme Festigkeit und vermochte so noch
Herrin ihrer Zukunft zu bleiben. Nachdem sie durch diese Mittel, die den
Frauen sozusagen angeboren sind, die ganze Tiefe der Liebe erkannt
hatte, die sie eingeflt, lchelte Frau d'Aiglemont zu der Hoffnung auf
baldige Genesung, und widersetzte sich nicht mehr dem Willen ihres
Mannes, der sie mit Gewalt dazu zu bewegen suchte, sich bei dem jungen
Doktor in die Kur zu geben. Dennoch wollte sie sich Lord Grenville nicht
eher anvertrauen, als bis sie seine Worte und Manieren genau erforscht
hatte und berzeugt sein konnte, da er den Edelmut besitzen wrde,
schweigend zu leiden. Sie hatte die absoluteste Macht ber ihn und
mibrauchte sie bereits -- doch war sie nicht Weib?--------

Montcontour war eine alte Burg und lag auf einem der gelblichen Felsen,
an deren Fu die Loire vorbeifliet -- unweit jener Stelle, wo im Jahre
1814 Julie einmal Halt gemacht hatte. Es ist eins der kleinen Schlsser
der Touraine, wei, zierlich, mit Schnitzwerk an den Trmchen und
verschnrkelt wie flandrische Spitzen -- eins der prunkvollen
Miniaturschlsser, die sich mit ihren Maulbeeranlagen, ihren Weinbergen,
ihren Felsengngen, ihren langen, durchbrochenen Balustraden, ihren
Hhlen im Gestein, ihren Mnteln von Efeu und ihren steilen Hngen im
Flusse spiegeln. Die Dcher von Montcontour flimmern im Sonnenlicht --
alles glnzt dort. Tausend Anklnge an Spanien erfllen diese
entzckende Behausung mit Poesie; Goldginster und Glockenblumen teilen
ihren Wohlgeruch dem Winde mit; die Luft weht liebkosend, die Erde
lchelt berall, und berall umhllt ser Zauber die Seele, stimmt sie
trge, verliebt, weich und wiegt sie in Schlummer. Diese schne, milde
Gegend unterdrckt allen Schmerz und erweckt alle Leidenschaft. Unter
diesem reinen Himmel, angesichts dieser schimmernden Gewsser bleibt
niemand kalt. Hier erstirbt aller Ehrgeiz, man sinkt einem stillen Glck
in den Scho, wie allabendlich die Sonne in ihrem eigenen Bett von
Purpur und Azur versinkt.

An einem milden Abend des Monats August im Jahre 1821 schritten zwei
Personen auf den steinigen Wegen dahin, die die Felsen durchschneiden,
auf denen das Schlo liegt, und stiegen zu den Hhen hinauf, um ohne
Zweifel die vielfltigen Aussichtspunkte zu bewundern, die man dort
entdeckt.

Diese beiden Menschen waren Julie und Lord Grenville; aber Julie schien
eine ganz neue Frau zu sein. Die Marquise hatte die frische Farbe der
Gesundheit. Ihre von ppiger Kraft belebten Augen schimmerten durch
einen feuchten Schleier, hnlich jenem zarten Na, das den Augen von
Kindern unwiderstehlichen Reiz gibt. Sie lchelte zwanglos, sie war
glcklich zu leben und verstand nun, was Leben heit. An der Art, wie
sie ihre kleinen Fe hob, war leicht zu sehen, da kein Leiden mehr wie
ehemals ihre geringsten Bewegungen schwerfllig, ihre Blicke, ihre Worte
und ihre Gebrden mde und leblos machte.

Unter dem Schirm von weier Seide, der sie vor den heien Strahlen der
Sonne schtzte, glich sie einer Jungverheirateten im Brautschleier,
einer Jungfrau, die bereit war, sich dem Zauber der Liebe zu berlassen.

Arthur fhrte sie mit der Sorgfalt eines Liebenden, geleitete sie, wie
ein Wrter ein Kind leitet, wies ihr den besten Weg, rumte die Steine
vor ihren Tritten fort, zeigte ihr eine Stelle, wo eine Aussicht sich
ffnete, oder fhrte sie vor eine Blume -- immer bewogen von einer
unermdlichen Gte, einer zrtlichen Absicht, einer tiefen Kenntnis
alles dessen, was dieser Frau wohltat: Gefhle, die ihm angeboren zu
sein schienen, ebenso und noch in hherem Mae vielleicht als die zu
seinem Dasein an sich notwendigen Triebe.

Die Kranke und ihr Arzt gingen im gleichen Schritt und wunderten sich
nicht ber ein Ebenma des Ganges, das vom ersten Tage an, wo sie
nebeneinander hergegangen waren, zu bestehen schien. Sie gehorchten ein
und demselben Willen, blieben unter dem Eindruck ein und desselben
Gefhls stehen; ihre Blicke, ihre Worte entsprachen wechselseitigen
Gedanken.

Als sie beide auf der Hhe eines Weinbergs angelangt waren, wollten sie
sich auf einen der langen Steinblcke setzen, die aus den in den Felsen
gehauenen Kellern herausgenommen werden; aber Julie betrachtete die
Gegend, ehe sie sich setzte.

Die schne Landschaft! rief sie. Hier lat uns Htten bauen. Ja, wir
wollen ein Zelt aufschlagen und hier leben. Victor, rief sie, so
kommen Sie doch schnell!

Herr d'Aiglemont antwortete von unten mit einem Jgerruf, doch ohne
seine Schritte zu beschleunigen. Er betrachtete nur von Zeit zu Zeit
seine Frau, wenn die Windungen des Weges es ihm erlaubten. Julie atmete
mit Wonne die Luft ein, hob den Kopf und warf aus Arthur einen der
feinen Blicke, in denen eine Frau von Geist all ihr Denken offenbart.

O, fuhr sie fort, hier mchte ich immer bleiben! Kann man jemals mde
werden, dieses schne Tal zu bewundern? Kennen Sie den Namen dieses
reizenden Flusses, Mylord?

Es ist die Cise.

Die Cise, wiederholte sie. Und dort unten vor uns -- was ist das?

Das sind die Weinberge von Cher, sagte er.

Und rechts? Ach ja, das ist Tours. Aber sehen Sie nur, wie herrlich
sich in der Ferne die Trme dieser Kathedrale ausnehmen!

Sie verstummte und lie auf Arthurs Arm die Hand sinken, die sie nach
der Stadt ausgestreckt hatte und beide bewunderten schweigend die
Landschaft und die Schnheiten dieser harmonischen Natur. Das Murmeln
des Wassers, die Reinheit der Luft und des Himmels -- alles stimmte zu
den Gedanken, die in Menge auf ihre liebenden, jungen Herzen eindrangen.

O, mein Gott, wie liebe ich dieses Land! rief Julie in wachsender,
naiver Begeisterung. Sie haben lange hier gewohnt? setzte sie nach
einer Pause hinzu.

Bei diesen Worten erbebte Lord Grenville.

Hier war's, antwortete er schwermtig und deutete auf ein Wldchen
von Nubumen an der Strae, wo ich, als Gefangener, Sie zum erstenmal
sah.

Ja, aber da war ich schon recht traurig, und diese Gegend erschien mir
wild, doch jetzt--

Sie hielt inne -- Lord Grenville wagte nicht, sie anzusehen.

Ihnen, sagte Julie endlich nach langem Schweigen, verdanke ich diese
Wonne. Lebendig mu man sein, wenn man die Freuden des Lebens empfinden
will -- ich aber war bisher fr alles tot. Sie haben mir mehr gegeben
als blo die Gesundheit -- Sie haben mich gelehrt, den Wert alles dessen
zu erkennen--

Die Frauen haben ein unnachahmbares Talent, ihre Gefhle ohne allzu
groe Worte auszudrcken; ihre Beredsamkeit liegt vor allem in der
Betonung, in der Gebrde, in Haltung und Blick. Lord Grenville verbarg
den Kopf in den Hnden, denn Trnen rollten ihm aus den Augen. Dieser
Dank war der erste, den Julie ihm seit ihrer Abreise von Paris zollte.
Whrend eines vollen Jahres hatte er die Marquise mit der grten
Aufopferung gepflegt. Untersttzt von d'Aiglemont, hatte er sie zu den
Gewssern von Aix, dann ans Gestade des Meeres, dann nach Rochelle
gefhrt.

In jedem Augenblick beobachtete er die Vernderungen, die seine klugen
und ganz einfachen Vorschriften an der zerrtteten Natur Juliens
hervorriefen, er hatte sie betreut, wie etwa ein leidenschaftlicher
Grtner eine seltene Blume. Die Marquise schien die verstndige Pflege
Arthurs mit aller Selbstsucht einer Pariserin hinzunehmen, die an
Huldigungen gewhnt ist, oder mit der Gleichgltigkeit einer Kurtisane,
die nicht wei, was die Sachen kosten oder was die Mnner wert sind, und
sie nach dem Grade des Nutzens einschtzt, den sie davon hat.

Der Einflu der rtlichkeit auf das Gemt ist ein Punkt, der der
Erwhnung wert ist. Wenn uns am Strande des Wassers unfehlbar die
Schwermut befllt, so bewirkt ein anderes Gesetz unserer
eindrucksfhigen Natur, da auf den Bergen unsere Gefhle sich lutern.
Die Leidenschaft gewinnt an Tiefe, was sie an Lebhaftigkeit zu verlieren
scheint.

Der Anblick des weiten Loirebeckens, die Hhe des hbschen Hgels, wo
die beiden Liebenden Platz genommen hatten, erweckten vielleicht die
liebliche Ruhe, in der sie zuerst das Glck kosteten, hinter anscheinend
belanglosen Worten die Gre einer verborgenen Leidenschaft zu erkennen.
In dem Augenblick, wo Julie den Satz beendete, der Lord Grenville so
tief gerhrt hatte, bewegte ein liebkosender Wind die Wipfel der Bume
und breitete die Frische des Wassers in der Luft aus. Einige Wolken
bedeckten die Sonne, und weiche Schatten lieen alle Schnheiten dieser
herrlichen Natur ungeblendet berschauen.

Julie wandte den Kopf ab, um dem jungen Lord ihre eigenen Trnen zu
verbergen, denn Arthurs Rhrung wirkte sogleich ansteckend auf sie. Aber
es gelang ihr, die Trnen zurckzuhalten und zu trocknen. Sie wagte
nicht, die Augen zu ihm zu erheben, denn sie frchtete, er knne dann in
diesem Blicke eine zu groe Freude lesen.

In ihrem weiblichen Instinkt fhlte sie, da sie in dieser gefhrlichen
Stunde ihre Liebe auf dem Grunde des Herzens begraben mute. Allein das
Schweigen konnte im gleichen Mae bedrohlich werden. Als sie erkannte,
da Lord Grenville nicht imstande sei, ein Wort zu sprechen, sagte Julie
in sanftem Tone:

Sie sind ergriffen von dem, was ich gesagt habe, Mylord. Vielleicht ist
diese tiefe Rhrung der einzige Weg, auf dem eine holde, gute Seele wie
die Ihre zu einem falschen Urteil gelangen kann. Sie werden mich fr
undankbar gehalten haben, weil Sie mich auf dieser Reise, die zum Glck
nun bald zu Ende ist, kalt und zurckhaltend oder spttisch und
gefhllos fanden. Ich wrde Ihrer Pflege nicht wert gewesen sein, wenn
ich sie nicht zu schtzen gewut htte. Mylord, ich habe nichts
vergessen. Ach, und ich werde nichts vergessen, weder die Achtsamkeit,
mit der Sie ber mich gewacht haben, wie eine Mutter ihr Kind bewacht,
noch vor allem das edle Zutrauen unserer geschwisterlichen Gesprche,
die Zartheit Ihrer Behandlung. Ach, das sind Reize, gegen die wir alle
ohne Waffen sind. Mylord, es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu
belohnen...

Bei diesen Worten entfernte sich Julie rasch, und Lord Grenville rhrte
keinen Finger, sie zurckzuhalten; die Marquise ging zu einem Felsen,
der ein kleines Stck abseits lag, und blieb dort unbeweglich stehen.
Den beiden Menschen war ihre eigene Erregtheit ein Geheimnis -- ohne
Zweifel weinten sie im stillen. Der Gesang der Vgel, so lustig, so voll
zarten Ausdrucks angesichts der sinkenden Sonne, mute die heftige
Bewegung noch steigern, die sie gezwungen hatte, auseinander zu eilen.
Die Natur selbst nahm es auf sich, einer Liebe Ausdruck zu geben, von
der sie nicht zu sprechen wagten.

Nun wohl, Mylord, fuhr Julie fort und trat in einer Haltung voll Wrde
wieder vor ihn hin, seine Hand ergreifend, ich bitte Sie darum, halten
Sie das Leben rein und heilig, das Sie mir zurckgegeben haben. Wir
werden uns hier trennen. Ich wei, setzte sie hinzu, als sie Lord
Grenville erblassen sah, zum Lohne fr Ihre Aufopferung fordere ich da
von Ihnen ein noch greres Opfer, als alle die, deren Gre von mir
besser anerkannt werden sollte -- aber es mu sein. Sie drfen nicht in
Frankreich bleiben. Aber wenn ich Ihnen das gebiete, heit das nicht
auch schon, Ihnen Rechte gewhren -- und die mssen geheiligt bleiben,
setzte sie hinzu, die Hand des jungen Mannes auf ihr klopfendes Herz
legend.

Ja, sagte Arthur und stand auf.

In diesem Augenblick wies er auf d'Aiglemont, der sein Kind im Arm hielt
und von der andern Seite auf der Balustrade des Schlosses erschien. Er
war durch einen Hohlweg geklettert, um hier seine Helene herabspringen
zu lassen.

Julie, ich werde von meiner Liebe kein Wort zu Ihnen sprechen -- unsere
Seelen verstehen sich zu gut. So tief, so geheim meine Herzensfreuden
auch waren, Sie haben sie geteilt, alle. Ich fhle es, ich wei es, ich
sehe es. Jetzt erhalte ich den kstlichen Beweis fr den bestndigen
Einklang unserer Herzen -- aber ich werde fliehen. Ich habe schon
mehrmals mit zuviel Besonnenheit ausgeklgelt, wie man diesen Menschen
umbringen knnte, um auf die Dauer der Versuchung zu widerstehen --
deshalb darf ich nicht in Ihrer Nhe bleiben.

Ich habe denselben Gedanken gehabt, sagte sie und lie auf ihrem
erregten Gesicht die Spuren einer schmerzlichen Bestrzung erscheinen.

Aber es lag so viel Tugend, so viel Sicherheit in sich selbst, so viel
von heimlichem Siegen ber die Liebe in den Worten und der Gebrde, die
Julie entschlpft waren, da Lord Grenville von tiefer Bewunderung
durchdrungen war. Selbst das Verbrechen hatte in diesem naiven Gewissen
keinen Schatten zurckgelassen. Das religise Empfinden, das auf dieser
schnen Stirn thronte, mute stets die schlechten Gedanken dieser Art
verscheuchen, die unsere unvollkommene Natur wider unsern Willen erzeugt
und die uns zu gleicher Zeit die Gre und die Gefahren unsers
Schicksals offenbaren.

Ich htte mich dann Ihrer Verachtung ausgesetzt, und doch wrde es
meine Rettung gewesen sein, fuhr sie fort, die Augen niederschlagend.
Ihre Achtung verlieren, hiee das nicht sterben?

Dieses heldenmtige Liebespaar stand einen Augenblick schweigend da,
bemht, den Schmerz zurckzudrngen. Ob gut, ob schlecht, ihre Gedanken
waren getreulich die gleichen, und sie verstanden sich in ihrer
innerlichen Wonne ebensogut, wie in ihren verborgensten Schmerzen.

Ich darf nicht murren, das Unglck meines Daseins ist mein eigenes
Werk, setzte sie hinzu, die trnenvollen Augen zum Himmel aufschlagend.

Mylord, rief der General von seinem Platz aus, mit einer Handbewegung,
an dieser Stelle sind wir uns ja zum erstenmal begegnet. Sie erinnern
sich vielleicht nicht? Sehen Sie nur -- dort unten -- bei den Pappeln!

Der Englnder antwortete mit einem kurzen Kopfnicken.

Ich sollte jung und unglcklich sterben, fuhr Julie fort. Ja, glauben
Sie nicht, da ich am Leben bleibe. Der Kummer wird ebenso tdlich sein,
wie die schreckliche Krankheit es htte werden knnen, von der Sie mich
geheilt haben. Ich halte mich nicht fr sndig. Nein, die Gefhle, die
ich fr Sie gehegt habe, sind unwiderstehlich, ewig -- aber sie regen
sich gegen meinen Willen, und ich will tugendhaft bleiben. Ich werde zu
gleicher Zeit meinem Gewissen als Gattin, meinen Pflichten als Mutter
und der Stimme meines Herzens treu bleiben. Hren Sie mich an, setzte
sie mit vernderter Stimme hinzu, diesem Manne dort werde ich nie mehr
angehren.

Und mit einer Gebrde, die in ihrem Abscheu und ihrer Aufrichtigkeit
erschreckend war, wies Julie auf ihren Mann.

Die Gesetze der Welt, fuhr sie fort, verlangen von mir, da ich ihm
das Leben glcklich mache -- ich werde dem gehorchen. Ich werde seine
Dienerin sein; meine Ergebenheit gegen ihn wird ohne Grenzen sein, aber
von heute ab bin ich Witwe. Ich will weder vor mir selbst noch vor der
Welt eine Prostituierte sein. Wenn ich Herrn d'Aiglemont nicht mehr
gehre, so auch niemals einem andern. Sie werden von mir nichts weiter
besitzen, als was Sie mir entrissen haben. Dies ist das Urteil, das ich
ber mich selbst ausgesprochen habe, sagte sie, Arthur mit Stolz
anblickend. Es ist unwiderruflich, Mylord. Erfahren Sie noch, wenn Sie
einem verbrecherischen Gedanken nachgben, so wrde die Witwe des Herrn
d'Aiglemont in ein Kloster gehen, in Italien oder in Spanien. Das
Unglck hat gewollt, wir sollten von unserer Liebe sprechen. Diese
Gestndnisse waren vielleicht unvermeidlich; aber es soll das letztemal
sein, da unsere Herzen so heftig erschttert wurden. Morgen werden Sie
vorgeben, einen Brief erhalten zu haben, der Sie nach England ruft, und
wir werden scheiden, um einander nie wiederzusehen.

Erschpft von dieser Anstrengung, fhlte Julie, da ihre Knie brachen --
eine tdliche Klte ergriff sie. Doch sie hatte den echt weiblichen
Einfall, sich rasch hinzusetzen, um nicht in Arthurs Arme zu fallen.

Julie! rief Lord Grenville.

Dieser durchdringende Schrei hallte wider wie ein Donnerschlag. Dieser
herzzerreiende Aufschrei drckte alles aus, was der bisher stumme
Liebende nicht hatte sagen knnen.

Nun, was hat sie denn? fragte der General.

Als der Marquis den Schrei hrte, war er schnell herzugeschritten und
stand jetzt pltzlich vor dem Liebespaar.

Es wird nichts weiter sein, sagte Julie mit der bewundernswerten
Kaltbltigkeit, die die Frauen dank ihrer natrlichen Schlauheit bei den
groen Krisen des Lebens oft an den Tag legen. Die Khle unter diesem
Nubaum hat mir fast eine Ohnmacht verursacht, und mein Doktor ist wohl
heftig darber erschrocken. Bin ich fr ihn nicht sozusagen ein
Kunstwerk, das noch nicht ganz fertig ist? Er hat vielleicht Angst
gehabt, es zerstrt zu sehen.

Sie nahm keck Lord Grenvilles Arm, lchelte ihrem Manne zu, blickte noch
einmal ber die Landschaft hin, ehe sie den Gipfel der Felsen verlie
und zog ihren Reisegefhrten an der Hand mit sich fort.

Dies ist sicherlich die schnste Gegend, die wir gesehen haben, sagte
sie. Ich werde sie nie vergessen. Sehen Sie nur, Victor, welche Fernen,
welche weite Flchen und welche Mannigfaltigkeit! Angesichts dieses
Landes begreife ich, was Liebe heit!

Sie stie ein fast krampfhaftes Lachen aus, mit dem es ihr gelang, den
Gatten zu tuschen, sprang lustig in den Hohlweg und verschwand.

Ah bah, wenn schon! sagte sie, als sie weit von Herrn d'Aiglemont
entfernt war. Ah bah! Mein Freund, in einem Augenblick werden wir nicht
mehr sein knnen -- werden wir niemals wieder wir selbst sein knnen --
kurz, werden wir nicht mehr leben knnen.

Lassen Sie uns langsam gehn, antwortete Lord Grenville, die Wagen
sind noch fern. Wir werden zusammen gehen, und wenn es uns erlaubt ist,
Worte in unsere Blicke zu legen, so werden unsere Herzen noch einen
Augenblick lnger leben.

Sie schritten in den letzten Sonnenstrahlen auf dem Damme am Rande des
Wassers dahin, fast in vlligem Schweigen, undeutliche Worte sprechend,
die sanft und leise waren, wie das Murmeln der Loire, und doch die Seele
erschtterten. Die Sonne umhllte sie im Augenblick ihres Niedergangs
mit rotem Schein -- dann verschwand sie wie ein melancholisches Abbild
ihrer unglcklichen Liebe. Der General war unruhig, als er seinen Wagen
nicht an der Stelle fand, wo er Halt gemacht hatte, und lief bald vor
dem Liebespaar her, bald folgte er hinterdrein. An der Unterhaltung
beteiligte er sich nicht.

Das edle, taktvolle Verhalten, das Lord Grenville whrend der ganzen
Reise bewahrte, hatte den Verdacht des Marquis zerstrt, und seit
einiger Zeit lie er seiner Frau vllige Freiheit, im Vertrauen auf die
punische Treue des Lorddoktors.

Arthur und Julie schritten noch immer in der traurigen, schmerzlichen
Harmonie ihrer gebrochenen Herzen dahin. Als sie vorhin die Abhnge von
Montcontour hinangestiegen waren, hatten alle beide eine unklare
Hoffnung, ein unruhiges Glck gefhlt, von dem sie sich nicht
Rechenschaft zu geben wagten; aber als sie nun den Damm entlang zu Tal
stiegen, hatten sie das gebrechliche Gebude umgestrzt, das sie in
ihrer Phantasie aufgebaut und vor dem sie kaum zu atmen gewagt hatten,
wie Kinder, die den Einsturz ihrer Kartenhuser voraussehen. Sie waren
jetzt ohne Hoffnung.

Noch an demselben Abend nahm Lord Grenville Abschied. Der letzte Blick,
den er auf Julie warf, bewies leider, da er von dem Augenblick an, wo
die Sympathie ihnen die ganze Gre einer so starken Leidenschaft
enthllte, recht gehabt hatte, als er sich selbst nicht mehr traute.

Am folgenden Tage saen Herr und Frau d'Aiglemont ohne ihren
Reisegefhrten im Wagen und legten rasch denselben Weg zurck, den die
Marquise einst im Jahre 1814 schon gefahren war, damals noch unbekannt
mit der Verehrung, deren Hartnckigkeit sie fast verwnscht hatte.
Tausend vergebene Eindrcke waren ihr jetzt erinnerlich. Das Herz hat
sein Gedchtnis fr sich. So unfhig eine Frau auch sein mag, sich der
wichtigsten Ereignisse des Lebens zu erinnern, so wird sie doch ihr
ganzes Leben lang nicht die Dinge vergessen, die mit ihren Gefhlen
zusammenhngen.

So entsann sich auch Julie ganz genau selbst vllig belangloser
Einzelheiten; sie sah mit Freude die nebenschlichsten Begebenheiten
ihrer ersten Reise wieder vor sich, ja sie wute wieder, was fr
besondere Gedanken ihr an gewissen Punkten der Reise gekommen waren.

Victor war von neuem leidenschaftlich in seine Frau verliebt, seit sie
die Frische ihrer Jugend und all ihre Schnheit wiedergefunden hatte. Er
schmiegte sich nach Art der Liebenden dicht an sie. Als er versuchte,
sie in die Arme zu nehmen, machte sie sich sanft los und fand einen
Vorwand, sich dieser unschuldigen Liebkosung zu entziehen.

Bald darauf empfand sie Abscheu vor der Berhrung Victors, dessen
Krperwrme sie empfand und auf sich bergehen fhlte, denn sie saen
eng nebeneinander. Sie wollte sich allein auf den Vordersitz des Wagens
setzen, aber ihr Mann war so liebenswrdig, ihr den Fond zu berlassen.
Sie dankte ihm fr die Aufmerksamkeit mit einem Seufzer, den er falsch
auffate. Dieser alte Schrzenjger der Garnison legte die Melancholie
seiner Frau zu seinen Gunsten aus, so da seine Frau sich schlielich
gezwungen sah, mit einer Bestimmtheit zu ihm zu reden, die ihm wohl oder
bel doch imponierte.

Mein Freund, sagte sie zu ihm, Sie htten mich schon einmal beinahe
umgebracht, das wissen Sie. Wenn ich noch ein junges, unerfahrenes
Mdchen wre, dann wrde ich das Opfer meines Lebens noch einmal von
vorn anfangen. Aber ich bin Mutter, ich habe eine Tochter zu erziehen,
und ihr mu ich mich ebenso erhalten wie Ihnen. Fgen wir uns also in
ein Unglck, das uns gleichermaen betrifft. Sie sind dabei noch am
wenigsten zu beklagen. Haben Sie nicht Ersatz zu finden gewut fr das,
was meine Pflicht, unsere gemeinsame Ehre und vor allem die Natur mir
verbieten? Jawohl, setzte sie hinzu, Sie haben leichtsinnigerweise in
einem Schubkasten drei Briefe der Frau de Srizy liegen lassen. Mein
Schweigen beweist Ihnen, da ich eine nachsichtige Frau bin, die von
Ihnen nicht dasselbe Opfer fordert, zu dem sie durch die Gesetze
verurteilt ist; aber ich habe alles reiflich bedacht und bin mir klar
darber geworden, da unsere Rollen nicht die gleichen sind und das
Unglck allein der Frau vorherbestimmt ist. Meine Tugend ruht auf
festen, unerschtterlichen Grundstzen. Ich werde ein untadelhaftes
Leben zu fhren wissen -- aber lassen Sie mich leben.

Der Marquis war verblfft ber diese Logik, die die Frauen aus dem
hellen Buche der Liebe sich anzueignen verstehen, und die gewisse Wrde,
die ihnen in Krisen dieser Art natrlich ist, zwang ihn ins Joch. Der
instinktive Widerwille, den Julie gegen alles bekundete, was ihre Liebe
und die Stimme ihres Herzens verletzte, ist eine der schnsten
Eigenschaften der Frauen und entspringt vielleicht einer natrlichen
Tugend, die weder die Gesetze noch die Zivilisation zum Schweigen
bringen. Wer mchte wohl deshalb die Frauen tadeln? Sind sie nicht, wenn
sie das zarte Gefhl zum Schweigen bringen, das ihnen verbietet, zwei
Mnnern anzugehren, gewissermaen wie Prediger, die keinen Glauben
haben?

Einige strenge Geister werden die Art, wie Julie sich mit ihren
Pflichten und mit ihrer Liebe auseinandersetzte, tadeln -- die
leidenschaftlichen Seelen werden sie ihr sogar zum Verbrechen anrechnen.
Diese allgemeine Mibilligung klagt entweder das Unglck an, das auf
Ungehorsam gegen die Gesetze zu folgen pflegt, oder aber traurige
Unvollkommenheiten in den Einrichtungen, auf denen die europische
Gesellschaft beruht.

Zwei Jahre verstrichen. Herr und Frau d'Aiglemont fhrten das Leben der
Leute von Welt, jeder ging seines Weges, und in den Salons fremder Leute
trafen sie sich fter als im eigenen Heim. Eine solche vornehme
Scheidung ist das Ende sehr vieler Ehen in der groen Gesellschaft.

Eines Abends befanden sich die Eheleute seltsamerweise im eigenen Salon
beisammen. Frau d'Aiglemont hatte eine ihrer Freundinnen zu Tisch
gehabt. Der General, der sonst immer in der Stadt speiste, war zu Hause
geblieben.

Sie werden recht glcklich sein, Frau Marquise, sagte Herr d'Aiglemont
und setzte die Tasse, aus der er eben seinen Kaffee getrunken hatte, auf
den Tisch.

Der Marquis sah mit halb trauriger, halb boshafter Miene Madame de
Wimphen an und setzte hinzu:

Ich fahre zu einer langen Jagd -- zusammen mit dem Oberjgermeister.
Sie werden mindestens acht Tage lang vollkommen Witwe sein. Das ist ja
so Ihr Fall. Denk' ich wenigstens. -- Wilhelm, sagte er zu dem Diener,
der die Tassen wegtrug, lassen Sie anspannen.

Frau de Wimphen war jene Luise, der Frau d'Aiglemont einst den Rat hatte
geben wollen, unverheiratet zu bleiben. Die beiden Frauen warfen sich
einen verstndnisinnigen Blick zu, der bewies, da Julie in ihrer
Freundin eine Vertraute ihrer Schmerzen, eine kostbare und barmherzige
Vertraute gefunden hatte; denn Madame de Wimphen war sehr glcklich
verheiratet. Da sie sich in entgegengesetzter Lage befanden, bildete
vielleicht das Glck der einen eine Brgschaft dafr, da sie sich der
andern und ihres Unglcks annehmen werde. In hnlichen Fllen ist
Verschiedenheit des Schicksals fast immer ein mchtiges
Freundschaftsband.

Ist denn jetzt Jagdzeit? fragte Julie, einen gleichgltigen Blick auf
ihren Gatten werfend.

Es war Ende Mrz.

Madame, der Oberjgermeister jagt, wann er will und wo er will. Wir
pirschen in kniglichen Forsten auf Wildschweine.

Sehen Sie sich vor, da Ihnen nichts passiert.

Das kann man nie wissen, antwortete er lchelnd.

Der Wagen des gndigen Herrn ist bereit, meldete Wilhelm.

Der General erhob sich, kte Frau de Wimphen die Hand und wandte sich
zu Julie.

Madame, wenn ich nun einem Eber zum Opfer falle! sagte er in bittendem
Tone.

Was bedeutet denn das? fragte Frau de Wimphen.

Nun, kommen Sie, sagte Frau d'Aiglemont zu Victor.

Dann lchelte sie Luise zu, als wollte sie sagen: Du wirst sehen.

Julie hielt ihrem Manne den Nacken hin, und er trat herzu, sie zu
kssen. Da bckte sich aber die Marquise so tief, da der eheliche Ku
sich in der Rsche ihres Kragens verlor.

Sie werden es vor Gott bezeugen, sagte der Marquis, sich an Frau de
Wimphen wendend, ein kniglicher Befehl mute mich erst abrufen, damit
ich einmal diese flchtige Gunst erlange. Und das heit bei meiner Frau
Liebe. So weit hat sie mich gebracht -- ich wei nicht, durch welche
Kunstgriffe ... Viel Vergngen!

Und er ging hinaus.

Aber dein armer Mann ist wirklich ganz nett, rief Luise, als die
beiden Frauen allein waren. Er liebt dich.

O, sprich keine Silbe mehr nach diesem letzten Wort. Der Name, den ich
trage, ist mir ein Greuel.

Aber Victor gehorcht dir doch aufs Wort, sagte Luise.

Sein Gehorsam, antwortete Julie, beruht zum Teil auf der hohen
Achtung, die ich ihm eingeflt habe. Ich bin eine sehr tugendhafte
Frau, im Sinne des Gesetzes. Ich mache ihm seine Behausung angenehm, ich
drcke, was seine Liebeshndel anbetrifft, ein Auge zu, ich mache keine
Schulden auf sein Vermgen, er kann seine Zinsen nach Belieben
verprassen; meine Sorge ist nur darauf gerichtet, da das Kapital
unangetastet bleibt. Zu diesen Bedingungen habe ich den Frieden. Mein
Leben kann er sich nicht erklren, oder er will sich's nicht erklren.
Aber wenn ich in dieser Weise meinen Gatten am Gngelbande habe, so mu
ich deswegen doch die Wirkungen seines Charakters frchten. Ich bin wie
ein Brenfhrer, der bestndig Angst hat, da eines Tages der Maulkorb
reien knnte. Wenn Victor sich einmal fr berechtigt hielte, mich nicht
mehr zu achten, so wage ich mir gar nicht auszumalen, was geschehen
knnte; denn er ist jhzornig -- voll Eigenliebe -- und vor allem sehr
eitel. Sein Geist ist nicht zart und fein genug, um in einer heiklen
Angelegenheit sich klug zu verhalten, sobald seine schlimmen
Leidenschaften dabei im Spiele sind -- er ist von schwachem Charakter
und wrde mich vorstzlich krnken, um morgen vor Gram zu sterben. Ein
solches Verhngnis wre freilich ein Glck -- aber es ist eigentlich
leider nicht zu befrchten.

Ein Weilchen schwiegen die beiden Freundinnen -- ihre Gedanken galten
den geheimen Ursachen dieser Lage.

Der Gehorsam gegen meine Wnsche ist sogar bis zur Grausamkeit
getrieben worden, fuhr Julie fort, einen verstndnisinnigen Blick auf
Luise richtend. Und doch hatte ich _ihm_ nicht verboten, an mich zu
schreiben. Ach ja! _Er_ hat mich vergessen, und er hatte recht. Es wre
ein zu groes Unheil gewesen, wenn auch sein Lebensschiff htte
zerschellen mssen. Ist's nicht an dem meinen genug? Glaubst du, meine
Liebe, ich lese die englischen Zeitungen, in der einzigen Hoffnung,
seinen Namen gedruckt zu finden. Nun, er ist noch nicht im Oberhaus
erschienen.

Also kannst du Englisch?

Habe ich dir das nicht gesagt? -- ich habe es gelernt.

Arme Kleine, rief Luise, Juliens Hand ergreifend. Aber wie kannst du
da noch leben?

Das ist ein Geheimnis, antwortete die Marquise und machte
unwillkrlich eine Gebrde von fast kindlicher Naivitt. Hre. Ich
nehme Opium. Die Geschichte der Herzogin von ... aus London hat mich auf
die Idee gebracht. Weit du, Mathurin hat einen Roman darber
geschrieben. Ich nehme nur ganz schwache Tropfen Laudanum. Es gibt mir
Schlaf. Nicht mehr als sieben Stunden bin ich noch wach, und die widme
ich nur meiner Tochter.

Luise sah ins Feuer. Sie wagte nicht, ihre Freundin anzusehen, deren
ganzes Elend sich jetzt zum erstenmal ihren Blicken enthllte.

Luise, verrate mich aber nicht, sagte Julie nach einem Augenblick des
Schweigens.

Pltzlich brachte ein Diener der Marquise einen Brief.

Ha! rief sie erbleichend.

Ich frage nicht erst, von wem, sagte Frau de Wimphen.

Die Marquise las und hrte nichts mehr. Ihre Freundin sah die
strmischsten Gefhle, die gefhrlichste Aufregung in den Zgen der Frau
d'Aiglemont sich abspielen. Julie wurde bald bla, bald rot und warf
schlielich das Papier ins Feuer.

Dieser Brief ist wie ein Flammenherd! Mein Herz! ich ersticke!

Sie erhob sich und schritt auf und ab. Ihre Augen brannten.

So hat er Paris nicht verlassen, rief sie.

Sie stie die abgerissenen Worte, die Frau de Wimphen nicht zu
unterbrechen wagte, in schrecklichen Pausen hervor. Nach jedem
Stillstand erklangen die Worte in immer tieferem Ton, und die letzten
Stze hatten etwas Furchtbares.

Er hat mich inzwischen immer wieder gesehen, ohne da ich es gewut
habe. Jeden Tag hat er einen Blick von mir aufgefangen, und das hat ihn
am Leben erhalten. Du weit nicht, Luise -- er stirbt und bittet darum,
mir Lebewohl zu sagen. Er wei, da mein Mann heute abend auf mehrere
Tage verreist, und er will im Augenblick kommen. O, daran werde ich
sterben. Ich bin verloren. Hre, bleibe du bei mir. Vor zwei Frauen wird
er es nicht wagen. O, bleib! Ich frchte mich.

Aber, mein Mann wei, da ich bei dir zu Tisch bin, antwortete Frau de
Wimphen. Er wird mich holen kommen.

Gut, ehe du gehst, habe ich ihn weggeschickt. Ich werde uns allen
beiden den Tod geben. Ach, er wird glauben, ich liebte ihn nicht mehr.
Und dieser Brief! Meine Liebe, er enthielt Stze, die ich noch in
Flammenschrift vor mir sehe!

Ein Wagen rollte vor das Portal.

Ach! rief die Marquise mit einer gewissen Freude, er kommt ffentlich
und ohne ein Geheimnis daraus zu machen.

Lord Grenville, meldete der Diener.

Regungslos blieb die Marquise stehen. Als sie aber Arthur sah, der jetzt
bla, mager und abgezehrt war, da war keine Strenge mehr mglich.
Obgleich es Lord Grenville tief schmerzte, Julie nicht allein zu finden,
erschien er doch ruhig und kalt. Aber fr diese beiden in das Geheimnis
seiner Liebe eingeweihten Frauen hatte der Klang seiner Stimme, der
Ausdruck seiner Blicke etwas von der Macht, die man dem Zitterrochen[1]
zuschreibt.

[1] Ein Seefisch, der das Vermgen besitzt, elektrische Schlge
auszuteilen, teils zu seiner Verteidigung, teils um sich seiner Beute zu
bemchtigen.

Die Marquise und Frau de Wimphen waren wie betubt durch die starke
bertragung eines entsetzlichen Schmerzes. Beim Klang der Stimme Lord
Grenvilles zitterte Frau d'Aiglemont so heftig, da sie ihm nicht zu
antworten wagte, weil sie ihm damit die Gre der Macht, die er auf sie
ausbte, zu enthllen frchtete. Lord Grenville seinerseits wagte es
nicht, Julie anzusehen, und so mute Frau de Wimphen fast allein fr
eine Unterhaltung, die gar kein Interesse hatte, sorgen. Mit einem Blick
voll rhrender Erkenntlichkeit dankte Julie ihr fr die Hilfe, die sie
ihr leistete.

Auf diese Weise geboten die beiden Liebenden ihren Gefhlen Schweigen
und muten sich in den vorgeschriebenen Grenzen der Pflicht und des
gesellschaftlichen Anstandes halten. Bald aber wurde Herr de Wimphen
gemeldet. Als sie ihn eintreten sahen, warfen sich die beiden
Freundinnen einen Blick zu und begriffen, ohne ein Wort zu sprechen, die
neuen Schwierigkeiten der Lage. Es war unmglich, Herrn de Wimphen das
Geheimnis dieses Dramas teilen zu lassen, und Luise hatte keine
triftigen Grnde, ihren Mann zu bitten, sie noch lnger bei ihrer
Freundin bleiben zu lassen. Als Frau de Wimphen ihren Schal umlegte,
erhob sich Julie, um ihr dabei behilflich zu sein, und sagte mit leiser
Stimme:

Ich werde Mut haben. Wenn er ffentlich zu mir gekommen ist, was habe
ich da zu befrchten? Aber wenn du nicht gewesen wrst -- wenn ich ihn
allein so verndert gesehen htte -- ich wrde ihm zu Fen gefallen
sein.

Nun, Arthur, Sie haben mir nicht gehorcht, sagte Frau d'Aiglemont mit
zitternder Stimme und nahm ihren Platz auf einer Causeuse wieder ein.
Lord Grenville wagte nicht, sich neben sie zu setzen.

Ich habe mir nicht lnger die Wonne versagen knnen, Ihre Stimme zu
hren, bei Ihnen zu sein. Es war ein Wahnsinn, ein Fieber. Ich bin nicht
mehr Herr ber mich. Ich habe mich ber mich selbst konsultiert -- ich
bin zu schwach. Ich mu sterben. Aber sterben, ohne Sie gesehen zu haben
-- ohne das Rauschen Ihres Kleides gehrt zu haben -- ohne Ihre Trnen
aufgefangen zu haben -- was wre das fr ein Tod!

Er wollte sich von Julie entfernen -- aber bei einer raschen Bewegung
fiel ihm eine Pistole aus der Tasche. Die Marquise sah diese Waffe, und
im Augenblick schien ihr alle Besinnung, alle Denkkraft genommen zu
sein. Lord Grenville hob die Pistole auf und schien sehr verdrossen ber
diesen Zufall, der vielleicht als Berechnung eines unglcklichen
Liebhabers aufgefat werden konnte.

Arthur? fragte Julie.

Gndige Frau, antwortete er, die Augen niederschlagend, ich kam in
Verzweiflung her -- ich wollte--

Er hielt inne.

Sie wollten sich bei mir tten! rief sie.

Nicht allein, antwortete er mit sanfter Stimme.

Wie? Vielleicht auch meinen Mann?

Nein, nein! rief er mit erstickter Stimme. Aber beruhigen Sie sich,
setzte er hinzu, mein unheilvoller Plan ist verraucht. Als ich eintrat,
als ich Sie sah, da fhlte ich von neuem den Mut, zu schweigen, allein
zu sterben.

Julie erhob sich und warf sich in Arthurs Arme, der trotz des heftigen
Schluchzens seiner Geliebten zwei wilde, leidenschaftliche Worte
verstehen konnte:

Das Glck kennen lernen und dann sterben, sagte sie. Das -- ja!

Die ganze Geschichte Juliens lag in diesem tiefen Aufschrei -- dem
Schrei der Natur und der Liebe, der Frauen ohne Religion erliegen.
Arthur ergriff sie und trug sie mit der strmischen Inbrunst, die ein
unverhofftes Glck entfacht, zum Diwan. Aber pltzlich ri sich die
Marquise aus den Armen des Geliebten, warf ihm den starren Blick einer
verzweifelten Frau zu, nahm ihn bei der Hand, ergriff einen Leuchter und
zog ihn mit sich in das Schlafzimmer.

Leise zog sie von dem Bett, wo Helene schlief, die Vorhnge weg, so da
man ihr Kind sah -- sie hielt eine Hand vor die Kerze, damit nicht das
Licht den durchscheinenden, kaum geschlossenen Lidern des kleinen
Mdchens wehe tte. Helene lag mit ausgebreiteten Armen da und lchelte
im Schlafe. Mit einem Blick zeigte Julie Lord Grenville ihr Kind. Dieser
Blick sagte alles.

Einem Manne knnen wir selbst untreu werden, auch wenn er uns lieb hat.
Ein Mann ist ein starkes Geschpf und findet Trost. Die Gesetze der Welt
knnen wir verachten. Aber ein Kind ohne Mutter--!

Alle diese Gedanken und tausend noch weit zrtlichere lagen in diesem
Blick.

Wir knnen sie mit uns nehmen, murmelte der Englnder. Ich werde sie
sehr lieb haben.

Mama! rief Helene, erwachend.

Bei diesem Worte zerflo Julie in Trnen. Lord Grenville setzte sich,
kreuzte die Arme und sah stumm und finster vor sich hin.

Mama! Dieser frohe, naive Ruf erweckte so viele edeln,
unwiderstehlichen Gefhle, da die Liebe auf einen Augenblick unter der
mchtigen Stimme der Mutterschaft erdrckt wurde. Julie war nicht mehr
Weib, sie war Mutter. Lord Grenville widerstand nicht mehr -- Juliens
Trnen warfen ihn nieder.

In diesem Augenblick hrte man, wie eine Tr ungestm geffnet wurde,
und die Worte: Frau d'Aiglemont, bist du hier? widerhallten wie ein
Donnerschlag im Herzen des Liebespaares. Der Marquis war zurckgekommen.
Ehe Julie die Geistesgegenwart gewinnen konnte, kam der General aus
seinem Zimmer und nherte sich dem seiner Frau. Diese beiden Zimmer
hingen zusammen. Zum Glck gab Julie Lord Grenville rasch ein Zeichen,
und der Englnder sprang in eine Toilette, deren Tr die Marquise
geschwind schlo.

Nun, meine Gemahlin, sagte Viktor, da bin ich wieder. Die Jagd findet
nicht statt. Ich will schlafen gehen.

Gute Nacht, sagte sie zu ihm. Das will ich eben auch tun. La mich
also allein -- ich bin beim Auskleiden.

Du bist recht unzart heute abend -- doch ich gehorche Ihnen, Frau
Marquise.

Der General kehrte in sein Zimmer zurck. Julie begleitete ihn, um die
Verbindungstr zu schlieen, und eilte dann, Lord Grenville zu befreien.
Sie gewann alle Geistesgegenwart wieder und dachte, der Besuch ihres
alten Arztes sei schlielich ganz natrlich. Sie konnte ihn ja im Salon
zurckgelassen haben, um erst ihre Tochter zu Bett zu bringen; sie
wollte ihm nun sagen, er solle sich geruschlos dorthin begeben. Aber
als sie die Tr des Kabinetts ffnete, schrie sie laut auf. Die Finger
Lord Grenvilles waren in die Trspalte geraten und zermalmt worden.

He, was hast du denn? rief ihr Mann herber.

Nichts, antwortete sie, ich habe mich mit einer Nadel in den Finger
gestochen.

Die Verbindungstr ffnete sich pltzlich wieder. Die Marquise glaubte,
ihr Mann kme aus Interesse fr sie, und verwnschte diese Besorgtheit,
an der das Herz ja doch keinen Anteil hatte. Sie hatte kaum Zeit, die
Toilette zu schlieen, und Lord Grenville hatte seine Hand noch nicht
befreien knnen. Der General kam in der Tat wieder herein; aber die
Marquise irrte sich -- eine pltzliche Mihelligkeit fhrte ihn her.

Kannst du mir ein seidenes Halstuch leihen? Der dumme Charles hat mir
nicht ein einziges Kopftuch hingelegt. Am Anfang unserer Ehe hast du
dich um meine Sachen mit so peinlicher Sorge bekmmert, da es mir sogar
zuviel wurde. Ach, der Honigmond hat weder fr mich noch fr meine
Halstcher lange gedauert. Jetzt bin ich ganz und gar auf diese
steinalten Kammerdiener angewiesen, die mit mir umgehen, wie sie Lust
haben.

Hier ist ein Halstuch. Sie sind nicht in den Salon gegangen?

Nein.

Sie wrden dort vielleicht Lord Grenville noch getroffen haben.

Ist er in Paris?

Augenscheinlich.

O, so geh ich hin -- dieser gute Doktor--

Aber jetzt mu er schon gegangen sein, rief Julie.

Der Marquis stand in diesem Augenblick mitten im Zimmer seiner Frau und
wickelte sich das Tuch um den Kopf, wobei er sich wohlgefllig im
Spiegel betrachtete.

Ich wei gar nicht, wo unsere Leute sind, sagte er. Ich habe dreimal
nach Charles geklingelt -- er ist nicht gekommen. Du bist also auch ohne
deine Kammerfrau? Klingle nach ihr -- ich mchte heute nacht noch eine
Decke mehr im Bett haben.

Pauline ist fortgegangen, antwortete die Marquise trocken.

Um Mitternacht? sagte der General.

Ich habe ihr erlaubt, in die Oper zu gehen.

Sonderbar, versetzte der Mann, indem er sich vllig entkleidete. Mir
war doch so, als htte ich sie die Treppe hinaufgehen sehen.

Dann ist sie ohne Zweifel zurckgekehrt, sagte Julie und tat, als sei
sie dieses Gesprchs nun berdrssig.

Um keinen Verdacht bei ihrem Gatten zu erwecken, zog die Marquise dann
die Klingel, doch ganz schwach.

Die Ereignisse dieser Nacht sind nicht vollauf bekannt geworden; aber
alle muten ebenso einfach, doch auch ebenso entsetzlich gewesen sein --
wie es die gewhnlichen huslichen Vorflle sind, die vorangegangen
waren. Am folgenden Tage legte die Marquise d'Aiglemont sich auf mehrere
Tage ins Bett.

Was ist denn nur Auergewhnliches bei dir geschehen, da alle Welt von
deiner Frau spricht? fragte Herr de Ronquerolles Herrn d'Aiglemont ein
paar Tage nach dieser an Katastrophen reichen Nacht.

Glaube mir, bleib Junggeselle, antwortete d'Aiglemont. Helenens Bett
hat Feuer gefangen; meine Frau ist darber fast zu Tode erschrocken, da
sie nun wieder auf ein Jahr krank ist, wie der Arzt sagt. Heiratest du
eine hbsche Frau, so wird sie hlich; heiratest du eine Frau in
blhender Gesundheit, so wird sie krnklich. Du hltst sie fr
leidenschaftlich -- sie ist aber kalt. Oder aber sie ist, wenn auch
uerlich kalt, doch so leidenschaftlich, da sie dich umbringt oder dir
Schande macht. Bald wird das sanfteste Geschpf eine Kratzbrste -- na,
und eine Kratzbrste wird nie wieder weich. Bald entfaltet das Kind,
das du fr schwach und einfltig gehalten hast, dir gegenber eine
eiserne Willenskraft, einen dmonischen Geist. Ich habe die Ehe satt.

Oder die Frau.

Schwer zu sagen. brigens, kommst du mit in die Kirche zum Heiligen
Thomas von Aquino? Ich will mir die Beerdigung Lord Grenvilles ansehen.

Ein sonderbarer Zeitvertreib. Aber, fuhr Ronquerolles fort, wei man
genau, woran er gestorben ist?

Sein Kammerdiener behauptet, Mylord habe die ganze Nacht ber drauen
auf einem Fenstersims sitzen mssen, um seine Geliebte nicht um die Ehre
zu bringen. Und um diese Zeit ist es verteufelt kalt gewesen!

Eine solche Aufopferung wre bei uns andern, bei uns alten Praktikern
sehr anerkennenswert -- aber Lord Grenville war so jung, und -- ein
Englnder. Diese Englnder mssen immer was Apartes haben.

Bah! versetzte d'Aiglemont, solcher Heroismus hngt ganz von der
Frau ab, die ihn uns einflt, und fr meine Frau ist der arme Arthur
ganz gewi nicht gestorben!




2. Kapitel.

Ungekannte Leiden.


Zwischen dem Flchen Loing und der Seine erstreckt sich eine weite
Ebene, begrenzt von dem Walde von Fontainebleau und von den Ortschaften
Moret, Nemours und Montereau. Dieses trockene Land weist nur ein paar
vereinzelte Hgel auf; hier und dort liegen mitten auf den Feldern
kleine Waldvierecke, die dem Wild zur Zuflucht dienen, sonst sieht man
berall nur die grauen oder gelblichen Linien ohne Ende, die den
Horizonten der Sologne, der Beauce und des Berri eigentmlich sind. In
der Mitte dieser Ebene, zwischen Moret und Montereau, sieht der Reisende
ein altes Schlo. Saint-Lange heit es, und seine Lage ist von einer
gewissen Groartigkeit, ja Majestt.

Hier gibt es herrliche Ulmenalleen, Grben, lange Umfassungsmauern,
groe Grten, weitlufige Herrenhuser, bei deren Erbauung es dem
Anschein nach nur auf den Vorteil der Steuerverwaltung oder der
Generalpchter abgesehen war. Wenn der Knstler oder ein Trumer sich
zufllig in den tief ausgefahrenen Wegen oder in dem zhen Lehmboden
verirrt, der den Zugang zu diesem Lande erschwert, so fragt er sich,
durch welchen Zufall dieses poetische Schlo in diese Savanne von
Getreide, in diese Wste von Kreide, Mergel und Sand geraten ist, wo der
Frohsinn stirbt, wo unfehlbar Traurigkeit uns befallen mu, wo die Seele
unaufhrlich von einer Einsamkeit ohne Stimmen, von einem eintnigen
Horizont, von negativen Schnheiten ermdet wird -- wo alles dem Kummer
Vorschub leistet, der keinen Trost mehr wnscht.

Eine junge Frau, die in Paris wegen ihrer Schnheit und ihres Geistes
gefeiert worden war, deren Vermgen mit ihrer Berhmtheit in Einklang
stand, lie sich zum groen Erstaunen des etwa eine Meile von
Saint-Lange gelegenen Drfchens gegen Ende des Jahres 1820 hier huslich
nieder. Die Pchter und die Bauern hatten seit undenklichen Zeiten
niemals mehr eine Herrschaft auf dem Schlosse gesehen. Das Land, obwohl
von betrchtlicher Ergiebigkeit, war der Obhut eines Verwalters
berlassen und wurde von alten Dienern besorgt.

Die Ankunft der Frau Marquise versetzte daher die ganze Gegend in
Aufregung. Mehrere Personen hatten sich am Ende des Dorfes im Hofe einer
drftigen Herberge aufgestellt, die am Schnittpunkt der Straen von
Nemours und Moret lag. Hier sahen sie eine Kalesche vorberkommen, die
ziemlich langsam fuhr, denn die Marquise war von Paris her zu Wagen
gekommen. Auf dem Vordersitz hielt die Kammerfrau ein kleines Mdchen,
das mehr nachdenklich als vergngt schien. Die Mutter ruhte im Fond des
Wagens, wie eine Kranke, die von den rzten aufs Land geschickt wird.
Das tieftraurige Gesicht dieser jungen, zarten Frau befriedigte die
Dorfpolitiker gar nicht; denn sie hatten aus ihrer Ankunft in
Saint-Lange die Hoffnung geschpft, da es in der Gemeinde nun ein
Leben werden wrde. Gewi war Leben und Treiben dieser sichtlich von
Schmerzen befallenen Frau durchaus zuwider.

Der klgste Kopf von Saint-Lange erklrte am Abend in der Schenke, und
zwar in der Stube, wo der Stammtisch der Honoratioren sich befand, nach
dem Ausdruck von Trauer zu schlieen, den das Gesicht der Frau Marquise
unverkennbar zur Schau trge, msse sie eine ruinierte Frau sein. In
Abwesenheit des Herrn Marquis, von dem die Zeitungen berichtet hatten,
er msse den Herzog von Angoulme nach Spanien begleiten, wolle sie nun
jedenfalls aus Saint-Lange die erforderlichen Summen herauswirtschaften,
um die infolge falscher Brsenspekulationen entstandenen Schwierigkeiten
aus der Welt zu schaffen. Der Marquis sei einer der tollsten Spieler.
Vielleicht sollte das Land parzellenweise verkauft werden. Da knnte
man dann noch seinen Schnitt machen. Jeder sollte nur dran denken,
seine Taler zu zhlen, sie aus der Schatulle nehmen und alle Mittel
zusammenholen, um sein Teilchen einzuheimsen, wenn Saint-Lange
losgeschlagen wrde.

Diese Zukunft erschien so rosig, da alle Honoratioren vor Neugierde
entbrannten, zu erfahren, ob die Sache sich wirklich so verhielte. Sie
sannen nun auf Mittel, von den Schloleuten die Wahrheit zu erforschen;
aber von diesen konnte niemand etwas Genaueres ber die Katastrophe
sagen, die ihre Herrin zu Beginn des Winters auf ihr altes Schlo
Saint-Lange fhrte, wo sie doch andere Lndereien besa, die wegen ihrer
anmutigen Lage und schnen Grten berhmt waren. Der Herr Brgermeister
kam, um der gndigen Frau seine Huldigung darzubringen, aber er wurde
nicht vorgelassen. Nach dem Brgermeister versuchte es der Verwalter --
doch mit dem gleichen Mierfolg.

Die Frau Marquise verlie ihr Zimmer nur, um es herrichten zu lassen,
und blieb whrend dieser Zeit in einem kleinen anstoenden Salon, wo sie
speiste, wenn man ihre Art zu essen so nennen konnte; denn sie setzte
sich nur an den Tisch, betrachtete die Gerichte mit Widerwillen und nahm
genau nur so viel zu sich, wie sie brauchte, um nicht Hungers zu
sterben. Dann kehrte sie sogleich zu dem antiken Lehnstuhl zurck, in
dem sie vom Morgen an in der Nische des einzigen Fensters sa, das dem
Zimmer Licht spendete. Sie sah ihre Tochter nur whrend der wenigen
Augenblicke, die sie sich zu ihrem traurigen Mahle vergnnte, und auch
dann schien sie sie nur mit Mhe um sich zu dulden. Muten es nicht
unerhrte Schmerzen sein, die bei einer jungen Frau das mtterliche
Fhlen unterdrcken konnten? Von ihren Leuten erhielt niemand Zutritt
zu ihr. Ihre Kammerfrau war die einzige Person, von der sie sich gern
bedienen lie. Sie verlangte vllige Ruhe im ganzen Schlosse, selbst
ihre Tochter mute weitab von ihr spielen. Es war ihr so schwer, auch
nur das geringste Gerusch zu ertragen, da jede menschliche Stimme,
selbst die ihres Kindes, sie unangenehm berhrte. Die Landleute
beschftigten sich erst viel mit den Eigentmlichkeiten der Gndigen,
doch als alle mglichen Mutmaungen erschpft waren, dachten weder die
Drfchen der Umgebung noch die Bauern mehr an die kranke Frau.

Die Marquise, sich selbst berlassen, konnte sich nun ganz ihrer
Schweigsamkeit hingeben, inmitten der Stille, die sie um sich her
geschaffen hatte. Sie hatte keine Veranlassung, das mit Tapeten
berspannte Zimmer zu verlassen, darin ihre Gromutter gestorben war und
wohin sie nun gekommen war, um einen sanften Tod zu erleiden, ohne
Zeugen, ohne Strungen, ohne falsches Beileid egoistischer Menschen, das
in den Stdten die Todesqual des Sterbenden verdoppelt.

Diese Frau war sechsundzwanzig Jahre alt. In diesem Alter kostet eine
noch von poetischen Illusionen erfllte Seele gern den Tod, wenn er ihr
als Wohltat erscheint. Aber der Tod ist gegen junge Leute kokett. Er
kommt heran und geht wieder, zeigt sich und versteckt sich. Seine
Langsamkeit nimmt ihm in ihren Augen allen Zauber, und die Ungewiheit,
ob sie morgen noch leben werden, treibt sie schlielich wieder in die
Welt, wo sie dem Schmerz wieder begegnen werden, der unerbittlicher ist
als der Tod und seine Geiel ber ihnen schwingt, ohne auf sich warten
zu lassen.

Die Frau, die sich also vom Leben abschlo, sollte denn auch in ihrer
Einsamkeit alle Bitternis dieser vergeblichen Todessehnsucht kennen
lernen -- sie sollte in einer moralischen Agonie, der der Tod kein Ende
machte, eine furchtbare Lehrzeit des Egoismus durchmachen, die die Blume
ihres Herzens ganz entblttern und es fr die Gesellschaft tauglich
machen sollte.

Diese grausame, traurige Lehre ist immer die Frucht unserer ersten
Schmerzen. Es war das erste und vielleicht das einzige Mal in ihrem
Leben, da die Marquise wahrhaft litt. Sollte es nicht in der Tat ein
Irrtum sein, zu glauben, die Gefhle entstnden immer aufs neue? Sind
sie nicht, einmal erschlossen, auf die Dauer im Grunde unseres Herzens
vorhanden? Dort schlummern sie ein oder werden wach, wie es die Zuflle
des Lebens mit sich bringen; aber sie bleiben, und ihr Vorhandensein
gibt notwendigerweise der Seele Form. So kann jedes Gefhl nur _einen_
Haupttag haben -- den mehr oder minder langen Tag seines ersten Sturmes.
So kann der Schmerz, das bestndigste unserer Gefhle, nur wenn er uns
zum erstenmal befllt, heftig sein, und seine andern Angriffe mssen
immer schwcher werden, teils deshalb, weil wir uns an sein Wiederkommen
gewhnen, teils infolge eines Naturgesetzes. Die Natur nmlich, um sich
lebend zu erhalten, setzt dieser zerstrenden Kraft eine gleich groe,
sehr zhe Kraft entgegen, die aus den Berechnungen der Ichsucht
entspringt.

Aber welchem von allen Leiden gebhrt nun eigentlich der Name Schmerz?
Der Verlust der Eltern ist ein Kummer, auf den die Natur die Menschen
vorbereitet hat; das physische Weh ist vorbergehend und reicht nicht an
die Seele; und wenn es andauert, so hrt es auf, ein Weh zu sein, und
wird zum Tode. Wenn eine junge Frau ein neugeborenes Kind verliert, so
wird die eheliche Liebe ihr bald einen Nachfolger bescheren. Dieser
Kummer ist also auch vorbergehend. Gewi sind diese Leiden und viele
hnliche in gewissem Sinne Schlge, Wunden; aber keines berhrt die
Lebensfhigkeit in ihrem Kern, und sie mten in unnatrlicher Raschheit
aufeinander folgen, sollten sie das Gefhl ertten, das uns treibt, dem
Glck nachzugehen.

Der groe, wahre Schmerz ist also ein so mrderisches Leiden, da es zu
gleicher Zeit die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft befllt,
keinen Teil des Lebens unversehrt lt, das Denken auf ewig aus den
Fugen bringt, seinen Namenszug unauslschlich auf die Lippen und die
Stirn schreibt, die Quellen der Freude zuschttet und in die Seele einen
grundstzlichen Ekel einpflanzt, der uns dann alles und jedes auf dieser
Welt verleidet. Um unermelich zu sein, um in dieser Weise auf Seele und
Leib zu lasten, mu dieses Leid uns in einem Augenblick des Lebens
ereilen, wo alle Krfte der Seele und des Leibes noch jung sind, mu er
ein Herz in voller Lebenskraft zerschmettern. Dann macht das Leid eine
breite Wunde; gro ist der Schmerz, und kein Wesen kann aus dieser
Krankheit ohne irgendeine poetische Vernderung hervorgehen. Entweder
nimmt es den Weg gen Himmel, oder wenn es hienieden bleibt, so kehrt es
in die Welt zurck, um die Welt zu belgen, ihr Komdie vorzuspielen. Es
kennt nun die Kulisse, die man betritt, um mit Berechnung zu weinen, zu
scherzen. Nach dieser feierlichen Krise gibt es keine Geheimnisse mehr
im Gesellschaftsleben, ber das man sich von da ab ein unwiderrufliches
Urteil gebildet hat.

Bei den jungen Frauen im Alter der Marquise wird dieser erste,
einschneidendste aller Schmerzen immer durch das gleiche Geschehnis
verursacht. Die Frau, und vor allem die junge Frau, die ebenso gro an
Seele wie an Schnheit ist, wird jederzeit dort ihr Leben einsetzen,
wohin Natur, Gesellschaft oder Neigung sie stellen -- und sie wird ihr
Leben ganz einsetzen. Wenn dieses Einsetzen ein Fehlschlag ist, ohne da
sie das Leben dabei verliert, so empfindet sie die grausamsten
Schmerzen, weil ja eben die erste Liebe das schnste aller Gefhle ist.

Warum hat dieses Unglck noch keinen Maler oder Poeten gefunden? Aber
kann es gemalt, kann es besungen werden? Nein, die Natur der Schmerzen,
die es erregt, entzieht sich der Analyse und den Farben der Kunst. Und
dann sind diese Schmerzen auch noch nie offenbart und mitgeteilt worden.
Wenn man ein Weib darin trsten will, mu man sie erraten; denn immer
werden sie mit bitterer Wonne gehegt und fromm genhrt, und sie bleiben
am Grunde der Seele -- wie eine Lawine, die in ein Tal gestrzt ist,
alles vor sich her niederwirft, um sich Platz darin zu schaffen.

Die Marquise litt jetzt an diesen Schmerzen, die lange Zeit ungekannt
bleiben werden, weil alles auf der Welt sie verwnscht, whrend das
Gefhl sie hegt und pflegt und das Gewissen eines echten Weibes sich
immer das Recht zuspricht, sie zu hegen. Es verhlt sich mit diesen
Schmerzen, wie mit unrettbar aus dem Leben ausgestoenen Kindern, an
denen das Herz der Mutter dennoch inniger hngt als an den glcklicher
begabten Kindern. Noch nie vielleicht war diese Katastrophe, die uns fr
alles Leben der Auenwelt ganz unzugnglich macht, so heftig, so
vollstndig, so grausam vergrert durch die Verhltnisse, wie im Falle
der Marquise.

Ein geliebter, junger edelsinniger Mann, dessen Wnsche sie nie
befriedigt hatte, um nicht gegen die Gesetze der Welt zu verstoen, war
gestorben, um ihr das zu retten, was die Gesellschaft die weibliche
Ehre nennt. Wem konnte sie nun gestehen: Ich leide! Ihre Trnen
htten ihren Mann beleidigt, die erste Ursache der Katastrophe. Die
Gesetze, die Sitten verboten ihr die Klage; eine Freundin htte sich
daran geweidet, ein Mann darauf spekuliert. Nein, die arme Trauernde
konnte nur in einer Wste nach Herzenslust weinen, ihre Leiden aufsaugen
oder von ihnen verzehrt werden, selbst sterben oder etwas in sich tten,
vielleicht ihr Gewissen.

Seit einigen Tagen heftete sie die Augen bestndig auf einen flachen
Horizont, wo es, wie in ihrem zuknftigen Leben, nichts zu suchen,
nichts zu hoffen gab, wo alles auf einen Blick zu bersehen war und wo
sie die Abbilder der kalten Verdung erblickte, die ihr unaufhrlich das
Herz zerri. Die nebeligen Vormittage, ein Himmel von matter Helligkeit,
dicht ber der Erde hinziehende Wolken -- das entsprach den Phasen ihrer
seelischen Krankheit.

Ihr Herz war nicht gebrochen und auch nicht mehr oder weniger
abgestorben; nein, unter der langsamen Einwirkung eines unertrglichen
Schmerzes -- unertrglich, weil er zwecklos war -- wurde ihre frische,
blhende Natur zu Stein. Sie litt durch sich und fr sich. Heit also
leiden nicht schon mit einem Fu im Egoismus stehen? So zogen denn auch
furchtbare Gedanken durch ihr Gewissen und verletzten es. Sie prfte
sich selbst ehrlich und fand eine Doppelnatur in sich. Sie hatte in
sich ein Weib, das nicht mehr dulden wollte.

Sie versetzte sich zurck in die Freuden ihrer Kindheit, deren
Glckseligkeit sie kaum empfunden hatte und deren klare Bilder nun in
Menge auftauchten, wie um ihr die Schuld an dem Trugwerk einer in den
Augen der Welt anstndigen, in Wahrheit entsetzlichen Ehe beizumessen.
Da sie in ihrer Jugend von zarter Schamhaftigkeit gewesen, da sie sich
in der Sinnenlust Zwang auferlegt, da sie der Welt dennoch Opfer
gebracht hatte -- welchen Gewinn hatte sie nun davon gehabt? Obwohl
alles in ihr von Liebe sprach und Liebe erwartete, fragte sie sich doch,
wozu jetzt die Harmonie ihrer Bewegungen, ihr Lcheln und ihre Anmut
noch da seien. Sie fhlte sich nicht mehr gern frisch und ppig, wie man
etwa einen zwecklos wiederholten Ton nicht gern hat. Ihre Schnheit
selbst war ihr unertrglich, wie ein nutzloser Gegenstand. Sie sah mit
Entsetzen voraus, da sie in Zukunft nicht mehr ein in sich vollendetes
Wesen sein knnte. Hatte ihr inneres Ich nicht die Fhigkeit eingebt,
die Eindrcke mit jener kstlichen Unschuld aufzunehmen, die dem Leben
so viel keusche Freude verleiht? In Zukunft muten die meisten Eindrcke
in ihr, kaum aufgenommen, auch schon wieder verwischt sein, und viele
von denen, die sie einstmals ergriffen htten, wrden ihr dann
gleichgltig werden.

Nach der Kindheit des Leibes kommt die Kindheit des Herzens. Ihr
Geliebter hatte diese zweite Kindheit mit in sein Grab genommen. An
Begierden noch jung, hatte sie doch nicht mehr die vllige Jugend der
Seele, die allem im Leben ihren Wert und ihre Wrze mitteilt. Mute sie
nicht den Grundsatz, traurig zu sein, und allem zu mitrauen, im Herzen
behalten -- einen Hang, der ihren Regungen den frischen Schwung, den
hinreienden Zauber rauben mute? Denn nichts konnte ihr mehr das Glck
geben, das sie erhofft, das sie sich so schn ertrumt hatte.

Ihre ersten, echten Trnen lschten das himmlische Feuer aus, das die
ersten Regungen des Herzens bestrahlt, und sie mute immer daran
kranken, nicht zu sein, was sie htte sein knnen. Aus diesem Glauben
mu der bittere Ekel hervorgehen, der dazu fhrt, da man sich abwendet,
wenn eine neue Freude sich zeigt. Sie beurteilte jetzt das Leben wie ein
Greis, der bereit ist, es zu verlassen. Obgleich sie sich jung fhlte,
lastete die Masse ihrer freudlosen Tage schwer auf ihrer Seele, drckte
sie nieder und machte sie vor der Zeit alt. Mit einem Schrei der
Verzweiflung fragte sie die Welt, was sie ihr zum Ersatz fr die Liebe
gbe, die ihr das Leben erhalten und die sie verloren hatte. Sie fragte
sich, ob in ihrer erloschenen, so keuschen und reinen Liebe der Gedanke
nicht noch verbrecherischer gewesen sei, als die Tat es htte sein
knnen. Es war ihr ein Genu, sich als schuldig hinzustellen, um der
Welt Trotz zu bieten und sich dafr zu trsten, da die Welt nicht
ebenso wie sie jene vollkommene Seelengemeinschaft beweinte, die den
Schmerz der Hinterbliebenen lindert, weil sie in ihr der Zuversicht sein
kann, das Glck nicht nur ganz genossen, sondern auch voll gespendet zu
haben und in sich ein treues Bild des Verblichenen zu bewahren.

Sie war unzufrieden wie eine Schauspielerin, die mit ihrer Rolle
durchgefallen ist, denn dieser Schmerz griff alle Fibern, Herz und Kopf
an. War ihre Natur in ihren intimsten Wnschen verletzt, so war damit
ihre Eitelkeit nicht minder verwundet wie die Gutherzigkeit, die allein
eine Frau zu einem Opfer bewegen kann.

Dadurch, da sie alle Fragen verwarf, alle Hebel der verschiedenen
Stellungen in Bewegung setzte, die uns die verschiedenen Naturen, die
soziale, moralische und physische anweisen, erschlaffte sie die
seelischen Krfte so sehr, da sie sich in den widersprechendsten
Betrachtungen verirrte und auf keinen Ausweg mehr kam.

Daher ffnete sie manchmal, wenn der Nebel fiel, ihr Fenster und blieb
gedankenlos davor stehen. Mechanisch atmete sie den feuchten, erdigen
Geruch ein, der in der Luft verbreitet war. Sie stand regungslos da --
wie eine Irrsinnige -- denn die Wirrnis ihres Schmerzes machte sie gegen
die Harmonie in der Natur wie fr die Wonne des Denkens in gleichem Mae
stumpf.

Eines Tages, gegen Mittag -- die Sonne hatte gerade heiteres Wetter
geschaffen -- trat die Kammerfrau, ohne befohlen zu sein, herein und
sagte zu ihr:

Da kommt nun zum vierten Male der Herr Pfarrer und will die Frau
Marquise sprechen, und er besteht heute so fest entschlossen darauf, da
wir nicht mehr wissen, was wir ihm antworten sollen.

Er will ohne Zweifel etwas Geld fr die Armen der Gemeinde, nehmen Sie
fnfhundert Louis und bringen Sie sie ihm in meinem Namen.

Gndige Frau, sagte die Dienerin, einen Augenblick spter
zurckkommend, der Herr Pfarrer will das Geld nicht nehmen und wnscht,
Sie zu sprechen.

So mag er kommen! antwortete die Marquise, mit einer Gebrde des
Unwillens, die dem Priester einen traurigen Empfang verkndete. Sie
wollte sich ohne Zweifel durch eine kurze, offene Erklrung gegen seine
weiteren Zudringlichkeiten schtzen.

Die Marquise hatte ihre Mutter in sehr jungen Jahren verloren, und die
Lockerung, die whrend der Revolution die religisen Bande in Frankreich
erfuhren, hatte naturgem auch auf ihre Erziehung Einflu gehabt. Die
Frommheit ist eine frauliche Tugend, die Frauen allein aufeinander
bertragen, und die Marquise war ein Kind des 18. Jahrhunderts, zu
dessen philosophischem Glauben ihr Vater sich bekannt hatte. Sie nahm
keine religisen bungen vor. Fr sie war ein Priester ein ffentlicher
Beamter, dessen Ntzlichkeit ihr anfechtbar erschien. In ihrer Lage
konnte die Stimme der Religion ihre Leiden nur noch verbittern; und dann
glaubte sie auch berhaupt nicht an Dorfpfaffen, ebensowenig wie an
deren Erleuchtungen; sie beschlo daher, den ihren auf seinen Platz zu
verweisen, in aller Ruhe und Freundlichkeit. Nach Art der Reichen,
gedachte sie sich seiner durch eine Wohltat zu entledigen.

Der Pfarrer kam, und sein Aussehen war nicht geeignet, der Marquise
andere Begriffe einzuflen. Sie sah einen dicken, kleinen Mann mit
vorspringendem Bauch, rotem, doch altem und runzligem Gesicht, der zu
lcheln versuchte, doch nur schlecht damit zustande kam. Sein kahler,
von zahlreichen Querfalten gefurchter Schdel war so weit, da man einen
Viertelkreis davon bersehen konnte, nach vornber geneigt, was sein
Gesicht noch kleiner erscheinen lie. Den untern Teil des Kopfes berm
Nacken rahmten ein paar weie Haare ein, deren man auch vorn an den
Ohren noch einige sah. Nichtsdestoweniger war die Physiognomie dieses
Priesters die eines von Natur vergngten Menschen gewesen. Seine dicken
Lippen, seine leicht aufgeworfene Nase, sein in Doppelfalten
verschwindendes Kinn bekundeten einen glcklichen Charakter.

Die Marquise bemerkte zuerst nur die Hauptzge, aber bei dem ersten
Wort, das der Priester zu ihr sprach, war sie berrascht, eine so sanfte
Stimme zu hren; sie sah ihn aufmerksamer an und bemerkte unter seinen
grau werdenden Brauen Augen, die geweint hatten. Der Umri seiner Wange,
von der Seite gesehen, verlieh seinem Haupte einen so erhabenen Ausdruck
des Schmerzes, da die Marquise in diesem Pfarrer einen Menschen
erkannte.

Frau Marquise, die Reichen gehren nur dann zu uns, wenn sie leiden;
und die Leiden einer verheirateten, jungen, schnen und reichen Frau,
die weder Kinder noch Angehrige verloren hat, lassen sich erraten und
werden durch Wunden verursacht, deren Zuckungen nur durch die Religion
gelindert werden knnen. Ihre Seele ist in Gefahr, gndige Frau. Ich
spreche zu Ihnen in diesem Augenblick nicht von dem andern Leben, das
unser harrt. Nein, ich bin hier nicht im Beichtstuhl. Aber gehrt es
nicht auch zu meiner Pflicht, Sie ber die Zukunft Ihres
gesellschaftlichen Lebens aufzuklren? Sie werden also einem Greise
verzeihen, wenn er zudringlich war -- es geschieht nur Ihres Glckes
wegen.

Das Glck, mein Herr, ist fr mich nicht mehr da. Ich werde bald zu
Ihnen gehren, wie Sie sich ausdrcken, und zwar fr immer.

Nein, gndige Frau, an dem Schmerz, der Sie bedrckt und sich in Ihren
Zgen ausspricht, werden Sie nicht sterben. Wenn Sie daran htten
sterben sollen, so wrden Sie nicht in Saint-Lange sein. Wir gehen an
den Wirkungen eines gewissen Kummers nie so leicht zugrunde wie an
betrogenen Hoffnungen. Ich habe weit unertrglichere, weit
schrecklichere Schmerzen kennen gelernt, die doch nicht zum Tode gefhrt
haben.

Die Marquise machte eine Gebrde des Zweifels.

Gndige Frau, ich kenne einen Mann, dessen Unglck so gro war, da
Ihre Schmerzen Ihnen unbedeutend erscheinen wrden, wenn Sie sie mit den
seinen verglichen...

Ob nun die lange Einsamkeit ihr schon lstig wurde, ob sie durch die
Aussicht, einem Freundesherzen ihre schmerzlichen Gedanken anvertrauen
zu knnen, angenehm berhrt wurde, jedenfalls betrachtete sie den
Pfarrer mit einer fragenden Miene, die dieser unmglich mideuten
konnte.

Gndige Frau, fuhr der Priester fort, dieser Mann war ein Vater, dem
von einst zahlreicher Familie nur drei Kinder geblieben waren. Er hatte
nacheinander die Eltern verloren, dann eine Tochter und eine Frau. Er
blieb allein, tief in der Provinz, auf einem kleinen Gute, wo er lange
Zeit glcklich gewesen war. Seine drei Shne waren beim Heer, und jeder
hatte einen seiner Dienstzeit entsprechenden Rang erlangt. In den
hundert Tagen kam der lteste zur Garde und wurde Oberst; der zweite war
Bataillonschef bei der Artillerie, und der jngste hatte den Rang eines
Hauptmanns bei den Dragonern. Gndige Frau, diese drei Jungen liebten
ihren Vater ebenso innig, wie sie von ihm geliebt wurden. Wenn Sie die
Sorglosigkeit junger Leute kennen, die ihren Liebhabereien leben und
niemals Zeit haben, sich den Eltern zu widmen, werden Sie aus einem
einzigen Umstand die Innigkeit ersehen, mit der sie an dem armen,
einsamen Alten hingen, der nun nur noch fr sie und durch sie lebte. Es
verging keine Woche, wo er nicht von einem seiner Kinder einen Brief
erhalten htte. Aber er hatte auch nie einen von ihnen vorgezogen, was
stets den Respekt der Kinder vermindert, noch war er ungerecht und
streng gewesen. Kurz und gut, er fuhr nach Paris, um ihnen vor ihrer
Abreise nach Belgien Lebewohl zu sagen. Sie waren nun abgereist, der
Vater kehrte heim. Der Krieg begann, er bekam Briefe aus Fleurus, aus
Ligny, alles ging gut. Die Schlacht bei Waterloo wurde geschlagen -- Sie
kennen das Ergebnis. Ganz Frankreich wurde mit einem Schlage in Trauer
versetzt. Alle Familien waren in grter Sorge. Er wartete, gndige
Frau, Sie knnen sich das denken; er hatte nicht Rast, nicht Ruhe. Er
las die Zeitungen und ging alle Tage selbst zur Post. Eines Tages
meldete man ihm den Diener seines Sohnes, des Obersten. Er sieht diesen
Mann auf dem Pferde seines Herrn sitzen, da brauchte er keine Frage erst
zu stellen: der Oberst war tot -- von einer Kanonenkugel mitten
durchgerissen. Gegen Abend kommt zu Fu der Diener des jngsten an; der
jngste war am Tage nach der Schlacht gestorben. Endlich, gegen
Mitternacht, kommt ein Artillerist und meldet ihm den Tod des letzten
Kindes, auf dessen Haupt nun in so kurzer Zeit dieser arme Vater sein
ganzes Leben gesetzt hatte. Ja, gndige Frau, sie waren alle gefallen!

Nach einer Pause hatte der Priester seine eigene Rhrung berwunden und
fgte mit sanfter Stimme die folgenden Worte hinzu:

Und der Vater ist leben geblieben, gndige Frau. Er hat begriffen, wenn
Gott ihn auf Erden liee, msse er hier sein Leid auf sich nehmen, und
so tut er es denn. Aber er hat sich an die Brust der Religion geworfen.
Was kann aus ihm geworden sein?

Die Marquise hob den Blick zu dem Antlitz des Pfarrers, das jetzt einen
erhabenen Zug der Trauer und Ergebung zeigte, und erwartete das folgende
Wort, das sie weinen machte:

Priester, gndige Frau; er war ja schon durch die Trnen geweiht, ehe
er am Fue des Altars die Weihe empfing.

Auf einen Augenblick herrschte Schweigen. Die Marquise und der Pfarrer
sahen zum Fenster hinaus nach dem nebligen Horizont, als knnten sie
dort die Kinder sehen, die nicht mehr waren.

Nicht Priester in einer Stadt, sondern einfacher Dorfpfarrer, fuhr er
fort.

In Saint-Lange, sagte sie, die Trnen trocknend.

Ja, Gndige.

Nie hatte sich die Majestt des Schmerzes Julien erhabener gezeigt; und
dieses Ja, Gndige grub sich ihr ins tiefste Herz, wie die Last eines
endlosen Grams. Diese Stimme, die so sanft ins Ohr klang, erschtterte
ihr Innerstes. Ach, es war ja die Stimme des Unglcks, diese volle,
ernste Stimme, die einen so durchdringenden Zauber auszuben schien.

Herr Pfarrer, sagte fast ehrfurchtsvoll die Marquise, und wenn ich
nicht sterbe, was wird dann aus mir werden?

Gndige, haben Sie nicht ein Kind?

Ja, sagte sie kalt.

Der Pfarrer warf auf die Frau einen Blick, wie etwa ein Arzt auf einen
Kranken, der in Gefahr schwebt, und beschlo, alles, was in seinen
Krften stnde, zu versuchen, um sie dem Geist des Bsen streitig zu
machen, der schon die Hand nach ihr ausstreckte.

Sie sehen, Gndige, wir mssen mit unsern Schmerzen am Leben bleiben,
und die Religion allein bietet uns wahren Trost. Erlauben Sie mir,
wiederzukommen -- hren Sie noch fter die Stimme eines Mannes, der mit
allen Schmerzen mitzufhlen wei, und im Grunde, wie ich doch glaube,
nichts allzu Abschreckendes an sich hat.

Ja, Herr Pfarrer, kommen Sie. Ich danke Ihnen, da Sie an mich gedacht
haben.

Gut, Gndige, auf baldiges Wiedersehen!

Dieser Besuch lste sozusagen die Spannung in der Seele der Marquise,
deren Krfte durch Gram und Einsamkeit schon zu sehr aufgerieben waren.
Der Priester lie in ihrem Herzen einen Balsam und den heilsamen
Widerhall seiner frommen Worte zurck. Sie empfand nun jene Beruhigung,
die den Gefangenen erquickt, wenn er die Tiefe seiner Einsamkeit und die
Schwere seiner Ketten erkannt hat und nun pltzlich durch ein Klopfen an
der Mauer erfhrt, da er einen Nachbarn hat, der durch diesen Ton mit
ihm in Gedankenaustausch tritt. Sie hatte unverhofft einen Vertrauten
gefunden.

Aber sie versank bald wieder in ihre finsteren Betrachtungen und sagte
sich, wie der Gefangene, ein Leidensgefhrte knne weder die Fesseln
noch die Schrecken der Zukunft erleichtern. Der Pfarrer hatte sie bei
seinem ersten Besuch in ihrem ganz egoistischen Schmerz nicht gleich
kopfscheu machen wollen; aber er hoffte, da es seiner Kunst gelingen
werde, in einer zweiten Unterredung sie um einige Schritte weiter der
Religion zuzufhren.

Am bernchsten Tage kam er denn auch, und der Empfang, den die
Marquise ihm bereitete, lie erkennen, da sein Besuch erwnscht war.

Nun, Frau Marquise, sagte der Greis, haben Sie ein wenig ber die
Menge menschlicher Leiden nachgedacht? Haben Sie die Augen gen Himmel
erhoben? Haben Sie die Unermelichkeit von Welten gesehen, die uns in
unserm Dnkel so klein macht, unsern eiteln Stolz zerdrckt und unser
Weh verringert...?

Nein, Herr Pfarrer, sagte sie, die gesellschaftlichen Gesetze lasten
mir zu schwer auf dem Herzen und zerreien es mir zu schmerzlich, als
da ich mich zum Himmel aufschwingen knnte. Aber die Gesetze sind
vielleicht nicht so grausam, wie die Sitten der Gesellschaft. O, die
Gesellschaft!

Wir mssen sowohl den Gesetzen wie den Sitten gehorchen, Gndige. Das
Gesetz bildet die Losung der Gesellschaft, die Sitten regeln ihre
Handlungen.

Sich der Gesellschaft fgen? versetzte die Marquise mit einer
unwillkrlichen Gebrde des Schmerzes. Herr Pfarrer, das ist ja eben
die Quelle aller unserer Leiden. Gott hat nicht ein einziges Gesetz des
Unglcks geschaffen; aber die Menschen taten sich zusammen und haben ihm
ins Handwerk gepfuscht. Wir, wir Frauen, erleiden durch die Zivilisation
mehr Mihandlungen, als durch die Natur. Die Natur legt uns physische
Schmerzen auf, die ihr Mnner uns nicht erleichtert, und die
Zivilisation hat Gefhle entwickelt, die ihr fortwhrend verletzt. Die
Natur lt die schwachen Wesen eingehen, aber die Zivilisation
verurteilt sie zum Leben und berliefert sie andauerndem Unglck. Die
Ehe, eine Einrichtung, auf der heute die Gesellschaft beruht, brdet die
Lasten, die sie mit sich bringt, ganz allein uns auf. Fr den Mann die
Freiheit, fr die Frau Pflichten. Wir mssen euch unser ganzes Leben
weihen, ihr uns nur vereinzelte Augenblicke. Und dann trifft der Mann
nur eine Wahl, wo wir uns blind unterwerfen. O, Herr Pfarrer, Ihnen kann
ich alles sagen. Nun denn, die Ehe, wenigstens wie sie sich heute
gestaltet hat, scheint mir nur eine gesetzlich erlaubte Prostitution zu
sein. Und daraus sind meine Leiden entstanden. Aber ich allein unter den
unglcklichen, so schrecklich verkuppelten Geschpfen, mu schweigen!
Ich bin ja allein die Urheberin meines Elends, ich habe meine Ehe
gewollt!

Sie hielt inne, vergo bittere Trnen und schwieg.

In diesen Untiefen des Jammers, in diesem Ozean des Schmerzes, fuhr
sie fort, habe ich eine Sandbank gefunden, auf die ich den Fu setzte,
wo ich in Ruhe leiden konnte: ein Orkan hat alles hinweggerissen. Nun
bin ich allein, ohne Sttze, zu schwach gegen die Strme.

Wir sind nie schwach, wenn Gott mit uns ist, sagte der Priester. Und
wenn Sie brigens hienieden keine Liebe mehr zu befriedigen haben, haben
Sie dann nicht doch noch Pflichten zu erfllen?

Immer Pflichten! rief sie ungeduldig. Aber wo sind fr mich die
Gefhle, die uns die Kraft geben, sie zu erfllen? Herr Pfarrer, nichts
aus nichts oder nichts fr nichts, das ist eins der gerechtesten Gesetze
der moralischen wie der physischen Natur. Sollen etwa diese Bume grnes
Laub treiben ohne den Saft, der die Knospen sprengt? Auch die Seele hat
ihren Saft. Bei mir ist der Saft in der Quelle versiegt.

Ich will Ihnen nicht von den religisen Gefhlen sprechen, die die
Ergebung einflt, sagte der Pfarrer, aber die Mutterschaft, Gndige,
ist denn das nicht--?

Halten Sie inne, Herr Pfarrer, sagte die Marquise. Gegen Sie werde
ich aufrichtig sein. Ich kann es hinfort gegen niemand sonst mehr sein,
ich bin zur Unwahrheit verurteilt; die Gesellschaft verlangt ein
fortwhrendes Fratzenschneiden, und unter der Strafe der Schndung
gebietet sie uns, ihren Frmlichkeiten zu gehorchen. Es gibt zweierlei
Mutterschaft, Herr Pfarrer. Ehemals wute ich nichts von solchen
Unterscheidungen; heute kenne ich sie. Ich bin nur zur Hlfte Mutter --
besser wr's, es gar nicht zu sein! Helene ist nicht von _ihm_! O,
erschrecken Sie nicht. Saint-Lange ist ein Abgrund, darin viele falschen
Gefhle versunken sind, draus unheilvolles Licht hervorgegangen ist, in
den die gebrechlichen Gebude der widernatrlichen Gesetze hinabgestrzt
sind. Ich habe ein Kind, das gengt. Ich bin Mutter, so will es das
Gesetz. Aber Sie, Herr Pfarrer, der Sie eine so fein mitfhlende Seele
haben, werden vielleicht den Weheschrei einer armen Frau verstehen, die
nie ein falsches Gefhl in ihr Herz hat dringen lassen. Gott wird mich
richten, aber ich glaube doch nicht gegen seine Gesetze zu verstoen,
wenn ich den Regungen nachgebe, die er mir in die Seele gepflanzt hat,
und folgendes habe ich nun darin gefunden: Ist nicht ein Kind, Herr
Pfarrer, das Abbild zweier Wesen, die Frucht zweier ganz ineinander
verschmolzenen Gefhle? Wenn es nicht mit allen Fibern des Leibes, wie
mit aller Liebe des Herzens verwachsen ist, wenn es nicht an kostbare
Wonnen, an die Zeiten und Orte, wo diese beiden Wesen glcklich waren,
an ihre Sprache voll menschlicher Musik und an ihren sen
Gedankenaustausch erinnert, dann ist ein Kind ein verfehltes Werk. Ja,
fr sie mu es ein entzckendes Miniaturbild sein, in welchem sie die
Poesie ihres geheimen Doppellebens wiederfinden. Es mu fr sie eine
Quelle furchtbarer Regungen sein, mu zugleich all ihre Vergangenheit
und all ihre Zukunft sein. Meine arme, kleine Helene ist das Kind ihres
Vaters, das Kind der Pflicht und des Zufalls; sie erweckt in mir nur den
Instinkt des Weibes, ich stehe fr sie nur auf dem Boden des Gesetzes,
das unwiderstehlich antreibt, das Geschpf zu beschtzen, das unser
Scho gebar. Ich bin nicht zu tadeln, im Sinne der Gesellschaft. Habe
ich der Tochter nicht mein Leben und mein Glck geopfert? Ihr Schreien
erschttert mich im Innersten; wenn sie ins Wasser fiele, wrde ich
nachspringen, sie herauszuholen. Aber sie ist nicht in meinem Herzen.
Ach, die Liebe hat mir den Traum einer erhabeneren, vollkommeneren
Mutterschaft vorgegaukelt; und in einem erloschenen Traume habe ich das
Kind liebkost, nach dem mein Herz verlangte und das unerzeugt blieb: die
kstliche Blume, die schon in der Seele wchst, ehe sie im Leibe wachsen
kann. Ich bin fr Helene das, was nach der natrlichen Ordnung eine
Mutter fr ihren Sprling sein mu. Wenn sie meiner einmal nicht mehr
bedarf, so ist eben, kurz gesagt, die Ursache verschwunden, und damit
hren auch die Wirkungen auf. Wenn die Mutter das anbetungswrdige
Vorrecht hat, die Mutterschaft auf das ganze Leben ihres Kindes
auszudehnen, dann mu wohl diese gttliche Dauer des Gefhls dem
Lichtschein einer seelischen Empfngnis zugeschrieben werden. Wenn das
Kind nicht zu allererst schon in der Seele der Mutter gebildet wird,
dann dauert die Mutterschaft nur eine gewisse Zeit und hrt auf, wie es
bei den Tieren der Fall ist. Und es ist wahr, ich fhle es: je grer
meine arme Kleine wird, um so mehr lst mein Herz sich von ihr los. Die
Opfer, die ich ihr gebracht, haben mich ihr schon entfremdet, whrend
bei einem andern Kinde, das fhle ich, mein Herz unerschpflich sein
wrde. Fr dieses andere wrde berhaupt nichts ein Opfer sein -- alles
wre Freude gewesen. Hier, Herr Pfarrer, vermgen in mir die Religion
und die Vernunft nichts gegen meine Gefhle auszurichten. Hat sie
unrecht, wenn sie sterben will, die Frau, die weder Mutter noch Gattin
ist, die zu ihrem Unglck einen Blick in die grenzenlosen Schnheiten
der wahren Liebe, in die unermelichen Freuden der rechten Mutterschaft
getan hat? Was kann aus ihr werden? Ich werde Ihnen sagen, was sie
fhlt. Hundertmal am Tage, hundertmal in der Nacht schttelt ein Schauer
mir Hirn, Herz und Leib, wenn eine nur schwach abgewehrte Erinnerung mir
die Bilder eines Glckes vorfhrt, das ich mir grer vorstelle, als es
vielleicht sein wrde. Diese grausamen Phantasien nehmen meinen Gefhlen
alle Wrme, und ich frage mich: >Wie wrde mein Leben sein, _wenn_--?<

Sie verbarg das Gesicht in den Hnden und zerflo in Trnen.

So sieht es im Grunde meines Herzens aus! fuhr sie fort. Fr ein Kind
von ihm htte ich gern das schrecklichste Unglck auf mich genommen. Der
Gott, der im Sterben alle Snden dieser Erde auf sich nahm, wird mir
diesen fr mich tdlichen Gedanken verzeihen; aber ich wei, die Welt
ist unvershnlich: fr sie sind meine Gedanken Blasphemien; ich verstoe
damit gegen alle ihre Gesetze. Ach! ich mchte dieser Welt den Krieg
erklren, um die Gesetze und Sitten umzugestalten, um sie
entzweizuschlagen. Was hat sie nicht alles an mir verwundet: all mein
Denken, all mein Wesen, all mein Fhlen, all mein Wnschen, all mein
Hoffen -- in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit! Fr mich ist der Tag
voller Finsternis, mein Denken ein Schwert, mein Herz eine Wunde, mein
Kind eine Verneinung. Jawohl, wenn Helene spricht, wnsch' ich ihr
andere Augen. Sie ist da zum Zeugnis alles dessen, was sie sein mte
und was sie nicht ist! Sie ist mir unertrglich. Ich lchle sie an, ich
bemhe mich, sie fr die Gefhle zu entschdigen, die ich ihr nicht
entgegenbringen kann. Ich leide! O, Herr Pfarrer, ich leide zu sehr, als
da ich leben knnte. Und ich werde fr eine tugendhafte Frau gelten!
Und ich habe keinen Fehltritt begangen! Und man wird mich ehren! Ich
habe die unwillkrliche Liebe bekmpft, der ich nicht Raum geben durfte.
Aber wenn ich auch physisch treu geblieben bin -- habe ich auch mein
Herz bewahrt? Das, setzte sie hinzu, die rechte Hand auf den Busen
legend, hat allzeit nur einem Manne gehrt! Mein Kind tuscht sich auch
darber nicht. Es gibt auch bei Mttern Blicke, Tne, Gebrden, die die
Seele eines Kindes wie mit Fen treten; und wenn ich meine arme Kleine
ansehe, wenn ich mit ihr spreche, wenn ich sie nehme, dann fhlt sie,
da mein Arm ruhig bleibt, da meine Stimme nicht zittert, da meine
Augen kalt bleiben. Sie wirft mir anklgerische Blicke zu, die ich nicht
ertragen kann. Mitunter habe ich Angst, in ihr einen Richter zu finden,
der mich ohne Verhr verurteilen wird. Gebe es der Himmel, da sich
nicht eines Tages der Ha zwischen uns stelle! Groer Gott, ffne mir
doch lieber das Grab, la mich in Saint-Lange enden! Ich will in jene
Welt eintreten, wo ich meine andere Seele wiederfinden werde, wo ich
ganz und gar Mutter sein werde! O, verzeihen Sie mir, Herr Pfarrer, ich
bin verrckt. Ich ersticke an diesen Worten -- doch nun habe ich sie
gesagt. Ach, Sie weinen auch, Sie werden mich nicht verachten. Helene,
meine Tochter, Helene, komm! rief sie in einer Art von Verzweiflung,
als sie ihr Kind hrte, das vom Spaziergang zurckkam.

Die Kleine kam lachend und schreiend; sie brachte einen Schmetterling,
den sie gefangen hatte; aber als sie ihre Mutter in Trnen sah,
verstummte sie, schmiegte sich an sie und lie sich auf die Stirn
kssen.

Sie wird einmal sehr schn werden, meinte der Priester.

Sie ist ganz ihr Vater, antwortete die Marquise und kte ihr Kind mit
Ungestm, wie um eine Schuld abzutragen oder einen Vorwurf, den sie sich
selbst machte, zu beschwichtigen.

Dir ist hei, Mama.

Geh', la uns allein, mein Engel, antwortete die Marquise.

Das Kind ging ohne Kummer, ohne einen Blick auf die Mutter; es schien
fast froh zu sein, ein so trauriges Gesicht zu fliehen, und begriff
schon, da die Gefhle, die sich darin ausdrckten, ihr abhold waren.
Das Lcheln ist das Handgeld, die Sprache, der Ausdruck der
Mtterlichkeit. Die Marquise konnte nicht lcheln. Sie errtete, als sie
den Priester ansah: sie hatte sich als Mutter zeigen wollen, doch weder
sie noch ihr Kind hatten lgen knnen. Ja, die Ksse einer aufrichtigen
Frau haben einen gttlichen Honig, der dieser Liebkosung eine Seele, ein
zartes Feuer zu verleihen scheint, das zu Herzen dringt. Die Ksse,
denen diese Wrze und Weihe fehlt, sind herb und trocken. Der Priester
hatte diesen Unterschied empfunden, konnte den Abgrund ermessen, der
zwischen der Mtterlichkeit des Fleisches und der Mtterlichkeit des
Herzens liegt. Nachdem er daher auf diese Frau einen durchdringenden
Blick geworfen hatte, sprach er zu ihr:

Sie haben recht, Gndige, es wre fr Sie besser, Sie wren tot...

Ach, Sie verstehen meine Leiden, ich sehe es, antwortete sie, weil
Sie als christlicher Priester die unseligen Entschlsse, die der Jammer
mir eingab, erraten und gutheien. Jawohl, ich habe mir selbst den Tod
geben wollen. Aber es hat mir an dem ntigen Mut gefehlt, meinen Plan
auszufhren. Mein Krper ist feige gewesen, wenn meine Seele stark war
-- und wenn meine Hand nicht zitterte, hat wieder meine Seele
geschwankt. Das Geheimnis dieser Kmpfe, dieser wechselnden Strke und
Schwche ist mir unbekannt. Ich bin ohne Zweifel eben Weib und als
solches klglicherweise ohne Ausdauer im Wollen, stark nur zum Lieben.
Ich verachte mich selbst. Am Abend, als meine Leute schliefen, ging ich
mutig zu dem kleinen Teich. Am Rande angelangt, entsetzte meine feige
Seele sich vor der Vernichtung. Ich bekenne meine Schwchen. Als ich im
Bett lag, schmte ich mich vor mir selbst und wurde wieder mutig. In
einem dieser Augenblicke habe ich Laudanum genommen -- aber ich hatte
nur Schmerzen, gestorben bin ich nicht. Ich hatte geglaubt, den ganzen
Inhalt des Flschchens zu trinken, und habe schon bei der Hlfte
aufgehrt.

Sie sind verloren, gndige Frau, sagte der Priester ernst und mit
trnenvoller Stimme. Sie werden in die Welt zurckkehren und die Welt
betrgen. Sie werden dort das suchen und finden, was Sie als
Entschdigung fr Ihre Unbilden ansehen. Eines Tages werden Sie dann
die Strafe fr Ihre Wollust...

Ich, rief sie, ich sollte hingehen und dem ersten besten Schurken,
der die Komdie einer Liebe zu spielen verstnde, die letzten kostbaren
Reichtmer meines Herzens preisgeben und mein Leben um einen Augenblick
zweifelhaften Glcks zugrunde richten? Nein! meine Seele wird sich an
einer reinen Flamme verzehren. Herr Pfarrer, die Mnner haben alle die
Sinne ihres Geschlechts; aber den Mann, der auch Seele hat und so alle
Forderungen unserer Natur befriedigt, dessen melodische Harmonie sich
nur unter dem Druck wahrer Gefhle verrt, diesen Mann trifft man nicht
zweimal im Leben. Meine Zukunft ist furchtbar, ich wei es: ohne Liebe
ist das Weib nichts, ohne Wollust ist die Schnheit nichts; aber wrde
die Welt nicht mein Glck verdammen, wenn es sich mir noch einmal bte?
Ich bin meiner Tochter eine ehrbare Mutter schuldig. Ach, ich bin in
einen eisernen Ring gesteckt, von dem ich mich nicht ohne Schimpf
freimachen kann. Die Pflichten der Familie ohne Gegenlohn zu erfllen,
wird mir zum berdru; ich werde das Leben verwnschen; aber meine
Tochter wird wenigstens ein schnes Scheinbild von einer Mutter haben.
Zum Ersatz fr den Schatz an Liebe, den ich ihr versagt habe, werde ich
ihr einen Schatz an Tugend spenden. Um der Freuden willen, die sonst den
Mttern das Glck ihrer Kinder bereitet, liegt mir ja auch gar nichts am
Leben. Ich glaube nicht an Glck. Was wird Helenens Los sein? Ohne
Zweifel das meine. Welche Mittel haben die Mtter, ihren Tchtern die
Gewiheit zu geben, da der Mann, dem sie sie berliefern, ein Ehegatte
nach ihrem Herzen sein wird. Ihr verachtet arme Geschpfe, die sich fr
ein paar Taler einem Vorbergehenden verkaufen: der Hunger und die
Notdurft erteilen diesen Eintagsverbindungen die Absolution. Aber die
dauernde Verbindung duldet, ja fordert die Gesellschaft, und doch ist
diese Verbindung etwa zwischen einem jungen keuschen Mdchen und einem
Manne, den sie kaum drei Monate lang kennt, noch weit entsetzlicher;
denn dieses Mdchen ist fr sein ganzes Leben verkauft. Es ist wahr, der
Preis ist weit hher. Wenn ihr sie wenigstens ehrtet, da ihr ihnen
einmal doch keine Entschdigung fr ihre Schmerzen zubilligt! aber nein,
die Welt verleumdet gerade die tugendhaftesten unter uns. Dies ist unser
Schicksal, von seinen zwei Seiten betrachtet: entweder eine ffentliche
Prostitution und die Schande -- oder eine heimliche Prostitution und das
Unglck. Was gar die armen Mdchen ohne Mitgift anbetrifft -- die werden
verrckt und sterben. Mit ihnen hat niemand Mitleid. Die Schnheit, die
Tugenden sind keine Werte auf euerm Menschenmarkt, und diesen
Tummelplatz des Egoismus nennt man Gesellschaft. So lat die Tchter
doch nicht mehr erben! Dann werdet ihr wenigstens ein Naturgesetz
erfllen, und die Mnner werden ihre Gefhrtinnen nach der Stimme ihres
Herzens whlen und heiraten.

Gndige Frau, Ihre Reden beweisen mir, da Sie weder Familiensinn noch
religisen Sinn haben. Sie werden daher auch nicht zwischen dem
gesellschaftlichen Egoismus, der Sie verletzt, und dem Egoismus des
Individuums, der Sie mit dem Verlangen nach Genssen erfllt, schwanken--

Familie, Herr Pfarrer! Gibt es denn das? Ich verneine die Familie in
einer Gesellschaft, die beim Tode des Vaters und der Mutter die Habe
verteilt und jeden seines Weges gehen heit. Die Familie ist eine
zeitliche und zufllige Vereinigung, die der Tod sofort lst. Unsere
Gesetze haben die Geschlechter, die Erbschaften, die Fortdauer der
Vorbilder und Traditionen zerstrt. Ich sehe nichts als Schutt um mich
her.

Meine Gndige, Sie werden nicht eher zu Gott zurckkehren, als bis
seine Hand schwer auf Sie fallen wird, und ich wnsche Ihnen, da Sie
Zeit genug haben mgen, Ihren Frieden mit ihm zu machen. Sie suchen
Ihren Trost, indem Sie den Blick zur Erde senken, statt ihn zum Himmel
erheben. Der Hang zu trgerischem Philosophieren und das persnliche
Interesse haben Ihr Herz berfallen; Sie sind taub gegen die Stimme der
Religion, wie es die Kinder dieses Jahrhunderts ohne Glauben eben sind.
Die Freuden der Welt erzeugen nichts als Leid. Sie werden mit den
Schmerzen nur wechseln -- weiter nichts.

Ich werde Ihre Prophezeiung Lgen strafen, sagte sie mit bitterm
Lcheln, ich werde dem treu bleiben, der fr mich gestorben ist.

Der Schmerz, erwiderte er, ist nur in den von der Religion bereiteten
Seelen lebensfhig.

Sie senkte ehrerbietig die Augen, um die Zweifel nicht sehen zu lassen,
die sich in ihrem Blick htten verraten knnen. Die Energie der Klagen,
die die Marquise angestimmt, hatte ihn tieftraurig gemacht. Da er das
menschliche Ich in seinen tausend Gestalten kannte, verzweifelte er
daran, auf dieses Herz besnftigend einzuwirken, das das Leid zur Wste
statt zum weichen Boden gemacht hatte und in dem das Samenkorn des
himmlischen Smanns nicht entkeimen konnte, da sein sanftes Wort darin
von dem lauten, schrecklichen Geschrei der Ichsucht erstickt wurde.

Nichtsdestoweniger entfaltete er die Ausdauer des Apostels und kam
mehrmals wieder, immer von der Hoffnung hingefhrt, diese so edle,
stolze Seele zu Gott zu bekehren; aber an dem Tage, wo er erkannte, da
die Marquise nur deshalb gern mit ihm plauderte, weil es ihr wohltat,
von dem verlorenen Geliebten zu sprechen, da gab er es auf. Er wollte
sein Amt nicht dadurch herabsetzen, da er sich zum Gelegenheitsmacher
fr schlummernde Leidenschaften hergab. Er stellte diese Gesprche ein
und bahnte allmhlich einen frmlichen Verkehr an, wo dann nur von
alltglichen Dingen gesprochen wurde.

Der Frhling kam heran. Die Marquise fand Zerstreuungen in ihrer tiefen
Traurigkeit und beschftigte sich, da sie sonst nichts zu tun hatte, mit
ihrem Grund und Boden, wo sie einige Arbeiten anzuordnen beliebte.

Im Monat Oktober verlie sie ihr altes Schlo Saint-Lange, wo sie wieder
frisch und schn geworden war im Miggang eines Schmerzes, der, zuerst
heftig, wie ein kraftvoll geworfener Diskus, schlielich in Melancholie
erloschen war, wie der Diskus nach allmhlich schwcher werdenden
Schwingungen zu fliegen aufhrt. Die Melancholie besteht aus einer Reihe
hnlicher seelischer Schwingungen, deren erste an die Verzweiflung,
deren letzte an das Vergngen stt; in der Jugend ist sie die
Morgendmmerung -- im Alter das Abendrot.

Als ihre Kalesche durch das Dorf fuhr, empfing die Marquise den Gru des
Pfarrers, der aus der Kirche kam und in die Pfarre ging; aber als sie
den Gru erwiderte, schlug sie die Augen nieder und wandte den Kopf zur
Seite, um ihn nicht wiederzusehen.

Der Priester hatte nur zu sehr recht gehabt gegen diese arme Diana von
Ephesus.




3. Kapitel.

Mit dreiig Jahren.


Ein junger Mann von groen Hoffnungen -- ein Spro eines jener
historischen Geschlechter, deren Namen immer, selbst den Gesetzen zum
Trotz, eng mit dem Ruhme Frankreichs verknpft sein werden, befand sich
auf dem Ball bei Madame Firmiani. Diese Dame hatte ihm Empfehlungsbriefe
an einige ihrer Freundinnen in Neapel mitgegeben. Herr Karl de
Vandenesse -- so hie der junge Mann -- kam, um sich dafr zu bedanken
und Abschied zu nehmen. Nachdem Vandenesse mehrere Missionen mit Talent
erfllt hatte, war er in letzter Zeit einem unserer bevollmchtigten
Minister attachiert worden, der auf den Kongre von Laibach entsendet
wurde. Diese Reise wollte er gleich dazu benutzen, Italien kennen zu
lernen.

Dieses Fest war also gewissermaen ein Abschied von den Genssen der
Stadt Paris, vor diesem schnellen Leben, diesem Wirbel von Gedanken und
Vergngungen, den man so oft verwnscht und dem sich hinzugeben doch so
s ist. Karl de Vandenesse war seit drei Jahren gewhnt, die
europischen Hauptstdte zu betreten und zu verlassen, wie die Launen
seines diplomatischen Berufs es mit sich brachten. Wenn er nun Paris
verlassen mute, so brauchte ihm das nicht weiter leid zu tun. Die
Frauen machten gar keinen Eindruck mehr auf ihn: vielleicht weil er der
Meinung war, eine echte Leidenschaft wrde im Leben eines Mannes, der im
Staatsdienst stand, zu viel Raum einnehmen; vielleicht erschien ihm
auch das lppische Treiben einer oberflchlichen Galanterie zu leer fr
eine starke Seele. Wir erheben ja alle hohe Ansprche auf Seelenstrke.
In Frankreich ist kein Mensch, sei er auch mittelmig, damit
einverstanden, blo fr geistreich zu gelten. So hatte auch Karl trotz
seiner Jugend -- er war kaum dreiig Jahre alt -- schon die
philosophische Gewohnheit angenommen, Begriffe, Ergebnisse, Absichten
ins Auge zu fassen, wo Mnner seines Alters nur Gefhle, Freuden,
Hirngespinste sehen. Er drngte die Wrme und berschwenglichkeit, die
jungen Leuten natrlich ist, in die Tiefen seiner von Natur edelmtigen
Seele zurck. Er strebte danach, einen kalt berechnenden Menschen aus
sich zu machen, die moralischen Reichtmer, die der Zufall ihm in die
Hnde gegeben hatte, zu Manieren, liebenswrdigen Formen,
verfhrerischen Kunstgriffen umzuwandeln: die echte Methode des
Ehrgeizigen. Dieses traurige Spiel wird in der Regel nur zu dem Zwecke
unternommen, um das zu erlangen, was wir heutzutage eine schne
Position nennen.

Er warf einen letzten Blick auf die Sle, wo getanzt wurde. Bevor er den
Ball verlie, wollte er ohne Zweifel noch ein Bild davon mit
hinwegnehmen, wie ein Zuschauer die Loge in der Oper nicht verlt, ohne
das Schlubild anzuschauen. Es war ja auch eine leicht verstndliche
Laune, da Herr de Vandenesse nun dieses echt franzsische Treiben, den
Prunk und die lachenden Gesichter dieses Pariser Festes betrachtete. Er
stellte es im Geist neben die neuen Erscheinungen, die malerischen
Szenen, die in Neapel seiner harrten, wo er einige Tage zu verbringen
vorhatte, ehe er sich auf seinen Posten begeben wollte.

Er schien das wechselvolle und doch so bald ausstudierte Frankreich mit
dem Lande zu vergleichen, dessen Sitten und Gebruche ihm nur aus
widersprechenden Urteilen oder aus zum grten Teil schlecht gemachten
Bchern bekannt waren. Einige ziemlich poetische, aber heute recht
alltglich gewordene Betrachtungen gingen ihm da durch den Kopf und
entsprachen -- vielleicht ohne da er sich dessen bewut war -- den
geheimen Wnschen seines Herzens. Denn das war im Grunde nicht blasiert,
sondern stellte noch immer seine Anforderungen -- es war nicht
abgestumpft, sondern eigentlich nur unbettigt.

Das sind, sagte er zu sich selbst, die elegantesten, die reichsten
Frauen von Paris, mit den hchsten Titeln. Hier sind die Berhmtheiten
des Tages, die Gren vom Parlament, aus der Aristokratie und aus der
Literatur. Dort Knstler, hier Staatsmnner. Und doch sehe ich nur
kleinliche Intrigen, totgeborene Liebschaften, nichtssagendes Lcheln,
grundlosen Dnkel, erloschene Blicke, viel Geist, der aber zwecklos
verschwendet wird. Alle diese weien und rosigen Gesichter suchen
weniger die Freude als die Zerstreuung. Keine Regung ist wahr. Wer
weiter nichts haben will als hbsch angeordneten Putz, frische Spitzen,
hbsche Toiletten, berzarte Weiber, wem das Leben nichts weiter ist als
eine Flche, ber die er flchtig hinstreifen will, fr den ist das hier
die richtige Welt. Dann mu man sich eben mit diesen inhaltslosen
Phrasen, mit diesen entzckenden Fratzen begngen -- Gefhl im Herzen
darf man nicht verlangen. Ich meines Teils hege einen Abscheu vor diesen
platten Intrigen, deren Ende immer eine Heirat, eine Unterprfektur,
eine Generalpchterstelle ist, und wenn sich's um Liebe handelt, so sind
heimliche Abmachungen das Ende -- so ist jeder Anschein von
Leidenschaften verpnt. Unter diesen beredten Gesichtern verrt nicht
ein einziges eine Seele, die einen Begriff wie etwa die Reue kennt. Hier
verbirgt sich der Kummer oder das Unglck ngstlich unter allerlei
Scherzen. Unter diesen Frauen bemerke ich keine, mit der ich gern ringen
wrde, von der ich mich in einen Abgrund hineinreien lassen knnte. Wo
in Paris ist Energie zu finden? Ein Dolch ist eine Kuriositt, die man
an einem vergoldeten Nagel aufhngt, zu der man ein hbsches Futteral
machen lt. Weiber, Gedanken, Gefhle, alles ist sich gleich. Es gibt
keine Leidenschaften mehr, weil die Individualitten verschwunden sind.
Rang, Geist und Vermgen sind gleichgemacht worden, und wir haben uns
alle in den schwarzen Frack geworfen, um das tote Frankreich zu
betrauern. Menschen, die uns gleichen, lieben wir aber nicht. Zwischen
zweien, die sich lieben sollen, mssen Verschiedenheiten auszugleichen,
Zwischenrume auszufllen sein. Dieser Reiz der Liebe ist 1789
verschwunden. Unser berdru, unsere faden Sitten sind das Ergebnis des
politischen Systems. In Italien wenigstens ist das alles anders. Dort
sind die Weiber noch bsartige Tiere, gefhrliche Sirenen ohne Vernunft,
ihre Lste, ihre Begierden sind ihre einzige Logik. Man mu sich vor
ihnen in acht nehmen wie vor Tigern.

Frau Firmiani unterbrach ihn in diesem Selbstgesprch, dessen tausend
widerspruchsvolle, unvollendete, verworrene Gedanken sich nicht
wiedergeben lassen. Das Gute an einer Trumerei liegt durchaus in ihrer
Unklarheit -- ist sie nicht eine Art intellektuellen Nebels?

Ich will, sagte sie zu ihm und nahm seinen Arm, Sie einer Frau
vorstellen, die nach allem, was sie von Ihnen gehrt hat, Sie unbedingt
kennen zu lernen wnscht.

Sie fhrte ihn in einen Salon nebenan, wo sie mit einem Wink, einem
Lcheln und einem Blick von echt pariserischer Art auf eine in der
Kaminecke sitzende Dame zeigte.

Wer ist das? fragte Graf de Vandenesse lebhaft.

Eine Frau, von der Sie sich gewi schon mehrmals unterhalten haben, um
sie zu loben oder zu schmhen -- eine Frau, die in Einsamkeit lebt --
ein wahrhaft geheimnisvolles Wesen.

Wenn Sie jemals in Ihrem Leben barmherzig gewesen sind, so nennen Sie
mir den Namen der Dame!

Marquise d'Aiglemont.

Ich werde Unterricht bei ihr nehmen. Sie hat es verstanden, aus einem
recht mittelmigen Gatten einen Pair von Frankreich, aus einer Null von
Menschen eine politische Kapazitt zu machen. Aber sagen Sie mir,
glauben Sie, da Lord Grenville fr sie gestorben sei, wie einige Frauen
behauptet haben?

Vielleicht. Seit diesem Abenteuer, ob es nun falsch oder wahr ist, hat
diese arme Frau sich vllig verndert. Sie ist noch nicht wieder in die
Welt zurckgekehrt. Eine vierjhrige Treue -- das will schon was heien
in Paris. Wenn Sie sie hier sehen...

Frau Firmiani hielt inne, dann setzte sie mit schlauer Miene hinzu: Ich
vergesse, ich mu schweigen. Plaudern Sie mit ihr.

Karl blieb einen Augenblick regungslos stehen, leicht gegen die
Trverkleidung gelehnt. Unverwandt betrachtete er die Frau, die zur
Berhmtheit geworden war, ohne da jemand die Grnde erklren konnte,
auf denen ihr Ruf beruhte. Die Welt weist viele solcher seltsamen
Anomalien auf. Der Ruhm der Frau d'Aiglemont war sicherlich nicht
grer als der gewisser Mnner, die immer an einem unbekannten Werke
arbeiten: Statistiker, die man fr gelehrt hlt auf Grund von
Berechnungen, die zu verffentlichen sie sich wohl hten; Politiker, die
von einem Zeitungsartikel leben; Schriftsteller oder Knstler, deren
Werk immer in der Mappe bleibt; Gelehrte, die aber nur bei denen dafr
gelten, die selbst nichts von Wissenschaft verstehen, wie etwa
Sganarelle ein Lateiner ist in den Augen derer, die nicht Lateinisch
knnen; Mnner, denen man in einem bestimmten Punkte ein unbestrittenes
Talent zuschreibt, sei es in der Verwaltung der Knste, sei es in
irgendeiner wichtigen Mission.

Das wunderbare Wort: Er ist eine Spezialitt, ist, wie es scheint, fr
diese Arten von politischen oder literarischen Strohkpfen erfunden
worden.

Karl verharrte lnger, als er eigentlich wollte, in Betrachtungen, und
war mit sich selbst unzufrieden, da er einer Frau so tiefe
Aufmerksamkeit widmete. Aber die Gegenwart dieser Frau widerlegte ja
auch alle die Gedanken, die der junge Diplomat vor einem Augenblick noch
beim Betrachten der Ballgesellschaft gehegt hatte.

Die Marquise, jetzt dreiig Jahre alt, war schn, wenn auch von
schwchlichen Formen und bergroer Zartheit. Ihr grter Reiz lag in
einer Physiognomie, deren starre Ruhe eine erstaunliche Tiefe der Seele
verriet. Ihr glnzendes Auge, das jedoch von bestndigem Sinnen
verschleiert zu sein schien, zeugte von einem Leben im Fieber und von
der grten Resignation. Ihre fast stets keusch zu Boden gesenkten Lider
schlugen sich selten auf. Wenn sie Blicke um sich warf, so gingen die
Augen langsam und traurig -- und man htte sagen knnen, sie sparten ihr
Feuer fr Beobachtungen im verborgenen auf.

Daher fhlte sich auch jeder Mann hherer Art seltsam zu dieser sanften,
schweigsamen Frau hingezogen. Wenn der Geist das Rtsel ihres
bestndigen Schwankens zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit,
zwischen der Gesellschaft und ihrer Einsamkeit zu erraten suchte, so war
die Seele nicht weniger begierig, die Geheimnisse eines gewissermaen
auf seine Leiden stolzen Herzens zu ergrnden. Und dann strafte nichts
an ihr den Eindruck, den sie zuerst machte, spterhin Lgen.

Wie fast alle Frauen, die sehr langes Haar haben, war sie bla, ja
vollkommen wei. Ihre Haut, die von wunderbarer Zartheit war -- ein
selten trgendes Zeichen -- deutete auf echtes Feingefhl. Die Natur
will, da dies sich schon uerlich kundtue, und zwar fast immer in
Zgen von so wunderbarer Vollendung, wie sie die chinesischen Maler
ihren phantastischen Figuren verleihen. Ihr Hals war vielleicht ein
wenig lang; aber ein Hals von dieser Art ist der anmutigste und gibt den
Frauenkpfen eine unbestimmte hnlichkeit mit den magnetischen,
wellenartigen Bewegungen der Schlangen. Gbe es nicht ein einziges von
den tausend Kennzeichen, durch die sich dem Beobachter die
heuchlerischsten Charaktere verraten, so wrde es ihm zur Beurteilung
einer Frau gengen, die Gebrden ihres Kopfes und die so verschiedenen,
so ausdrucksvollen Biegungen des Halses aufmerksam zu verfolgen.

Bei Frau d'Aiglemont war die Kleidung im Einklang mit dem Tiefsinn, der
ihre Person beherrschte. Ihre breiten Haarflechten bildeten ber dem
Kopfe eine hohe Krone, an der keinerlei Schmuck angebracht war; denn sie
schien fr immer allem Putz und Zierat abgesagt zu haben. Auch
entdeckte man an ihr niemals die kleinlichen Kunstgriffe der Koketterie,
durch die sich so viele Frauen unliebsam bemerkbar machen. Nur ihr
Leibchen, so bescheiden es auch war, lie doch ein wenig die eleganten
Formen ihrer Taille erkennen. Und dann war ihr langes Kleid von
auergewhnlich vornehmem Schnitt. Das war sein einziger Luxus. Wenn man
in der Anordnung eines Stoffes Ideen suchen darf, so htte man sagen
knnen, die zahlreichen, schlichten Falten ihrer Robe verliehen ihr ein
Geprge hohen Adels. Nichtsdestoweniger verriet sie vielleicht die
untilgbaren Weiberschwchen in der peinlichen Sorgfalt, die sie ihrer
Hand und ihrem Fu widmete; aber wenn sie sie mit gewissem Vergngen
zeigte, so wre es doch selbst der boshaftesten Nebenbuhlerin schwer
gewesen, diese Bewegungen affektiert zu finden; sie schienen eben ganz
unwillkrlich und aus kindlichen Gewohnheiten hervorzugehen.

Eine grazise Gleichgltigkeit lie ber diesen Rest von Gefallsucht
hinwegsehen. Die Menge von einzelnen Zgen, die Gesamtheit von
unbedeutenden Umstnden, die eine Frau hlich oder hbsch, abstoend
oder liebenswrdig machen, knnen bei Frauen, wie Madame d'Aiglemont,
nur flchtig angedeutet sein; denn bei ihnen ist die Seele das
Bindeglied aller Einzelheiten, denen sie eine kstliche Einstimmigkeit
aufdrckt. So entsprach denn auch ihre Haltung vollkommen dem Charakter
ihres Gesichts und ihrer Kleidung. In einem gewissen Alter verstehen es
gewisse auserlesene Frauen, in ihre Haltung eine Sprache zu legen. Ist
es das Leid, ist es das Glck, das der Frau von dreiig Jahren, der
glcklichen oder der unglcklichen, das Geheimnis dieser beredten
Haltung offenbart? Das wird immer ein lebendes Rtsel sein, das jeder
nach seinen Wnschen und Hoffnungen oder nach seiner Methode auslegt.

Die Art, wie die Marquise beide Ellenbogen auf die Lehnen ihres Sessels
sttzte und die Fingerspitzen beider Hnde aufeinanderstellte, als wolle
sie damit spielen, die Biegung ihres Halses, das Gehenlassen ihres
mden, doch geschmeidigen Krpers, der wie zerschlagen in dem Fauteuil
ruhte, die Lssigkeit ihrer Beine, die Ungezwungenheit ihrer Lage, ihre
trgen, schwermtigen Bewegungen -- das alles verriet in ihr eine Frau,
die kein Interesse mehr am Leben, die die Freuden der Liebe gar nicht
kennen gelernt, sondern nur ertrumt hat, und die schwer an der Brde
leidvoller Erinnerungen trgt, eine Frau, die seit langem an der Zukunft
oder an sich selbst verzweifelt, eine Frau, die nichts zu tun hat und in
der Leere schon das Nichts erblickt.

Karl de Vandenesse bewunderte dieses prchtige Tableau, doch sah er
darin nur eine geschicktere Mache, als gewhnliche Frauen herausbringen.
Er kannte d'Aiglemont. Beim ersten Blick auf seine Frau, die er noch
nicht gesehen hatte, durchschaute nun der junge Diplomat
Miverhltnisse, unausweichliche Verschiedenheiten -- um diesen legalen
Ausdruck zu gebrauchen -- die zwischen den beiden Personen eine so
starke Scheidewand aufzurichten schienen, da diese Frau unmglich
diesen Mann lieben konnte. Dennoch fhrte Frau d'Aiglemont ein
untadelhaftes Leben, und gerade ihre Tugend verlieh all den Rtseln, die
ein Menschenkenner an ihr entdecken mochte, noch einen hheren Wert. Als
Vandenesse die erste Regung des Erstaunens berwunden hatte, sann er
nach, wie er sich wohl am besten Frau d'Aiglemont nhern knne, und er
beschlo, einen ziemlich alltglichen Kunstgriff der Diplomatie
anzuwenden und sie in Verlegenheit zu bringen, um auf diese Weise zu
erfahren, wie sie eine Albernheit aufnehmen wrde.

Gndige Frau, sagte er und setzte sich einfach neben sie, eine
Indiskretion, die ich mit Freuden begre, hat mir verraten, da ich --
ich wei nicht, auf welche Vorzge hin -- das Glck geniee, von Ihnen
mit Interesse betrachtet zu werden. Ich bin Ihnen um so mehr Dank
schuldig, als ich bisher noch nie der Gegenstand einer solchen Gunst
gewesen bin. Sie werden daher daran schuld sein, wenn ich mir nun einen
neuen Fehler zulege. Ich werde hinfort nicht mehr bescheiden sein.

Daran werden Sie unrecht tun, mein Herr, sagte sie lachend. Die
Eitelkeit mu man denen berlassen, die sonst nichts weiter aufzuweisen
haben.

Zwischen dem jungen Manne und der Marquise entspann sich ein Gesprch,
und sie streiften, wie es Brauch ist, in einem Augenblick eine ganze
Menge von Gegenstnden: Malerei, Musik, Literatur, Politik,
Gesellschaft, Ereignisse und Dinge. Dann kamen sie durch einen
unmerklichen bergang auf das ewige Thema der Plaudereien in Frankreich
und in andern Lndern, auf die Liebe, auf die Gefhle und die Frauen.

Wir sind Sklavinnen.

Sie sind Kniginnen.

Die mehr oder minder geistreichen Phrasen Karls und der Marquise lassen
sich in diesem einfachen Ausdruck zusammenfassen; denn das ist die Form
fr alle gegenwrtigen und knftigen Gesprche ber diesen Gegenstand.
Werden diese beiden Phrasen nicht zu einer bestimmten Stunde nicht immer
wieder die schrfere Bedeutung haben: Lieben Sie mich! -- Ich werde
Sie lieben!

Gndige Frau, rief Karl de Vandenesse, Sie sorgen noch dafr, da ich
mit lebhaftem Bedauern Paris verlasse. Ich werde gewi in Italien nicht
wieder so geistreiche Stunden genieen knnen, wie diese eine jetzt
gewesen ist.

Dafr werden Sie vielleicht dem Glck begegnen, mein Herr, und das ist
mehr wert als alle die glnzendsten Gedanken, die an jedem Abend in
Paris ausgesprochen werden, mgen sie nun echt oder falsch sein.

Ehe Karl die Marquise verlie, erhielt er von ihr die Erlaubnis, ihr
einen Abschiedsbesuch zu machen. Er schtzte sich sehr glcklich, da er
diese Bitte in der Form der Aufrichtigkeit vorgetragen hatte; denn am
Abend, als er sich zu Bett legte, und noch am andern Morgen, ja den
ganzen Tag ber, wurde er den Gedanken an diese Frau nicht mehr los.
Bald fragte er sich, warum die Marquise sich fr ihn interessiere; was
ihre Absichten sein mochten, da sie ihn wiederzusehen wnschte; und er
war unermdlich, alle mglichen Erklrungen dafr zu suchen. Bald
glaubte er auch, die Beweggrnde dieser Neugierde zu erkennen; er
berauschte sich an Hoffnung oder sah alles wieder sehr khl an, je nach
der Auslegung, mit der er diesen Hflichkeitswunsch erklrte, der in
Paris ja so alltglich ist. Bald war es alles, bald war es nichts.

Schlielich wollte er dem Verlangen, das ihn zur Frau d'Aiglemont zog,
widerstehen; aber er ging dennoch hin. Es gibt Gedanken, denen wir
gehorchen, ohne sie selbst zu kennen: sie sind, uns unbewut, in uns.
Obwohl diese Betrachtung mehr paradox als wahr erscheinen mag, wird doch
jeder ehrliche Mensch in seinem Leben tausend Beweise dafr finden. Als
Karl sich zur Marquise begab, gehorchte er einem solchen Gedanken des
Unbewutseins, und was unser Geist spter daraus macht, ist nichts
weiter als die vorherbestimmte, im Keim gelegene Entwicklung.

Eine Frau von dreiig Jahren hat unwiderstehliche Reize fr einen jungen
Mann. Es gibt nichts Natrlicheres, nichts strker Verschlungenes,
nichts besser Vorbereitetes, als die tiefe Liebe zwischen einer Frau wie
die Marquise und einem Manne wie Vandenesse -- eine Liebe, fr die es in
der Welt unendlich viele Beispiele gibt. Ein junges Mdchen hat zu viele
Illusionen, ist zu unerfahren, der Geschlechtstrieb ist noch zu sehr mit
ihrer Liebe verwoben, als da ein junger Mann sich geschmeichelt fhlen
knnte, von ihr geliebt zu sein; whrend eine Frau die ganze Tragweite
der Opfer kennt, die darzubringen sind. Da, wo die eine sich von der
Neugierde, von einer Lockung, die mit Liebe nichts gemein hat, hinreien
lt, gehorcht die andere einem Gefhl, ber das sie sich vollkommen
klar ist. Ist eine solche Wahl nicht etwas hchst Schmeichelhaftes? Die
erfahrene Frau, die mit einem fast immer mit Leid und Unglck teuer
bezahlten Wissen gewappnet ist, scheint mehr zu geben als sich selbst;
whrend das junge unwissende und leichtglubige Mdchen nichts wei und
daher auch keinen Vergleich anstellen, Wert und Unwert nicht abschtzen
kann; es nimmt die Liebe hin und widmet sich erst ihrem Studium. Die
eine belehrt uns, gibt uns Ratschlge und hat das Alter, wo man sich
gern leiten lt, wo Gehorchen ein Vergngen ist; die andere will erst
alles lernen und zeigt sich naiv, wo jene zrtlich ist. Diese gewhrt
dir nur einen einzigen Triumph, jene aber ntigt dich zu bestndigem
Kampf. Die erstere hat nur Trnen und Freuden; die letztere hat die
Wollust und die Reue. Wenn ein junges Mdchen sich zur Mtresse hergeben
soll, mu sie schon verdorben sein, und dann verlt man sie mit
Abscheu. Eine Frau dagegen hat tausend Mittel, zugleich ihre Macht und
ihre Wrde zu bewahren. Die eine unterwirft sich uns zu sehr, und man
kann sich ihr in der Sorglosigkeit hingeben; die andere aber setzt zu
viel aufs Spiel und fordert daher tausend Metamorphosen der Liebe. Die
eine entehrt nur sich allein, die andere ttet um deinetwillen eine
ganze Familie. Das junge Mdchen besitzt nur eine einzige Koketterie und
glaubt alles gesagt zu haben, wenn sie ihr Kleid hat fallen lassen; aber
die Koketterien einer Frau sind unzhlig, und sie verbirgt sich unter
tausend Schleiern; schlielich schmeichelt sie allen Eitelkeiten, und
die Unerfahrene schmeichelt nur einer.

Ferner werden bei einer Frau von dreiig Jahren Unentschlossenheit,
Entsetzen, Befrchtungen, Sorgen und Strme entfesselt, die es in der
Liebe eines jungen Mdchens niemals gibt. Wenn eine Frau in diesem Alter
steht, verlangt sie von einem jungen Manne, da er ihr die Achtung
wiederherstelle, die sie ihm geopfert hat; sie lebt nur fr ihn,
beschftigt sich mit seiner Zukunft, will ihm ein schnes, ein
glnzendes Leben bereiten; sie gehorcht, sie bittet und gebietet, lt
sich herab und erhebt sich und wei bei tausend Gelegenheiten Trost zu
schaffen, wo das junge Mdchen nichts kann als seufzen.

Schlielich kann auer allen Vorteilen ihrer Stellung die Frau von
dreiig Jahren sich auch noch zum jungen Mdchen machen, alle Rollen
spielen, schamhaft sein und sogar durch ein Unglck an Schnheit
gewinnen. Zwischen beiden besteht der unermeliche Unterschied, der
zwischen dem Vorhergesehenen und dem Unvorhergesehenen besteht, zwischen
der Kraft und der Schwche. Die Frau von dreiig Jahren befriedigt
alles, und das junge Mdchen mu -- sonst hrt sie zu ihrer Strafe auf,
ein junges Mdchen zu sein -- immer unbefriedigt bleiben.

Diese Gedanken entwickeln sich im Herzen eines jungen Mannes und bilden
in ihm die strkste Leidenschaft aus; denn sie vereint die durch die
Sitten knstlich geschaffenen Gefhle mit den echten Gefhlen der Natur.

Der grte und entschiedenste Schritt im Leben der Frauen ist gerade
derjenige, den die Frau immer als den unbedeutendsten ansieht. Ist sie
verheiratet, so gehrt sie nicht mehr sich selbst, sie ist die Knigin,
aber auch die Sklavin des huslichen Herdes. Die weibliche Keuschheit
ist unvereinbar mit den Pflichten und Freiheiten der Welt. Die Frauen
emanzipieren heit sie verderben. Wenn man einem Fremden das Recht
gewhrt, in das Allerheilige des Haushalts einzutreten, gibt man sich
ihm damit nicht auf Gnade und Ungnade preis? Wenn eine Frau ihn dort
einfhrt, ist dies nicht schon ein Fehltritt oder, genau genommen, der
Anfang eines Fehltritts? Man mu wohl diese Theorie in all ihrer Strenge
gelten lassen oder die Leidenschaften fr straflos erklren.

Bis auf den heutigen Tag hat die Gesellschaft in Frankreich einen
Mittelweg einzuschlagen verstanden: sie spottet, wenn daraus Unglck
entsteht. Wie die Spartaner, die nur die Ungeschicklichkeit bestraften,
scheint sie den Diebstahl zuzulassen. Aber vielleicht ist dieses System
sehr klug. Die allgemeine Verachtung bildet die schrecklichste aller
Zchtigungen, weil sie nmlich die Frau ins Herz trifft. Die Frauen
sehen darauf und mssen auch alle darauf halten, geachtet zu sein; mit
der Achtung ist ihr Leben dahin. Daher ist Achtung auch das erste, was
sie in der Liebe verlangen. Selbst die Verderbteste unter ihnen bedingt
sich vor allem Absolution fr die Vergangenheit aus, ehe sie ihre
Zukunft verkauft, und versucht ihrem Geliebten begreiflich zu machen,
da sie fr unwiderstehliche Seligkeiten die Ehren daran setze, die die
Welt ihr verweigern wird.

Es gibt keine Frau, die nicht, wenn sie zum erstenmal einen jungen Mann
bei sich empfngt und mit ihm allein ist, einige solche Betrachtungen
anstellte, vor allem, wenn dieser Mann, wie Karl de Vandenesse, hbsch
oder geistreich ist. Desgleichen werden die meisten jungen Mnner einige
geheime Wnsche auf einen der tausend Gedanken grnden, die die ihnen
angeborene Liebe zu schnen, geistreichen und unglcklichen Frauen, wie
Frau d'Aiglemont war, entschuldbar erscheinen lt.

Als daher Frau Marquise Herrn de Vandenesse melden hrte, war sie
bestrzt; und er war fast befangen, trotz des sichern Auftretens, das
bei den Diplomaten gewissermaen mit zum ganzen Menschen gehrt. Aber
die Marquise nahm bald das leutselige, freundliche Wesen an, hinter dem
die Frauen gegen die Auslegung der Eitelkeit Schutz suchen. Dieses
Benehmen schliet jeden Hintergedanken aus und lt sozusagen die
Innigkeit zu, indem es sie aber durch die Formen der Hflichkeit auf den
richtigen Grad bringt. Die Frauen halten sich dann, solange sie wollen,
in dieser zweideutigen Lage, wie auf einem Kreuzweg, der gleichzeitig
zur Achtung, zur Gleichgltigkeit, zur Befremdung oder zur Leidenschaft
fhrt. Nur mit dreiig Jahren kann eine Frau die mancherlei Auswege in
einer solchen Lage erkennen. Sie wei da zu lachen, zu scherzen, ja
zrtlich zu werden, ohne sich etwas zu vergeben. Sie besitzt dann den
ntigen Takt, um bei einem Manne alle Saiten des Gefhls anzuschlagen
und die Tne zu prfen, die sie hervorruft. Ihr Schweigen ist ebenso
gefhrlich wie ihre Rede. Man kann bei einer Frau in diesem Alter nie
erraten, ob sie aufrichtig oder falsch ist, ob sie sich lustig macht
oder ob sie es mit ihren Bekenntnissen ehrlich meint. Nachdem sie dir
das Recht eingerumt hat, mit ihr zu kmpfen, macht sie pltzlich durch
ein Wort, durch einen Blick, durch eine jener Gebrden, deren Macht sie
kennt, dem Kampf ein Ende, lt dich sitzen und nimmt dein Geheimnis mit
sich fort. Sie hat es nun in der Hand, dich mit einem bloen Scherzwort
zu opfern oder sich deiner ganz zu bemchtigen, sich weiter mit dir zu
befassen, in gleicher Weise beschtzt durch ihre eigene Schwche und
durch deine Kraft.

Obwohl die Marquise sich whrend des ersten Besuches auf diesen
neutralen Boden stellte, wute sie dennoch ihre Frauenwrde in hohem
Grade zu bewahren. Ihre geheimen Schmerzen lagerten stets wie eine
leichte Wolke, die zum Teil die Sonne verhllt, auf ihrer erknstelten
Frhlichkeit. Vandenesse ging, nachdem er in diesem Gesprch ungekannte
Gensse gekostet hatte; aber er blieb berzeugt, die Marquise sei eine
von den Frauen, die zu erobern so groe Opfer koste, da man sich nicht
unterfangen knne, sie zu lieben.

Es wrde, sagte er im Gehen zu sich selbst, eine Liebe sein, deren
Ende nicht abzusehen ist -- ein Verkehr, der selbst einen ehrgeizigen
Diplomaten ermden mu. Jedoch, wenn ich wollte...

Dieses fatale Wenn ich wollte! ist bestndig das Verhngnis der
eigensinnigen Menschen. In Frankreich fhrt die Eigenliebe zur
Leidenschaft.

Karl kehrte zu Frau d'Aiglemont zurck und glaubte wahrzunehmen, da sie
an seiner Unterhaltung Gefallen fnde. Statt sich mit Naivitt dem Glck
der Liebe zu berlassen, wollte er nun eine doppelte Rolle spielen. Er
versuchte verliebt zu erscheinen und dabei kalt den Fortgang dieses
Verhltnisses zu studieren, zugleich Liebender und Diplomat zu sein.
Allein er war edelsinnig und jung; dieses Studium mute ihn zu einer
grenzenlosen Liebe fhren; denn ob sie Verstellung bte oder sich
natrlich gab, die Marquise war immer strker als er. So oft er von Frau
d'Aiglemont fortging, beharrte er bei seinem Mitrauen und unterwarf die
Situationen, durch die schrittweise seine Seele hindurch msse, einer
strengen Analyse, die seine eigentlichen Empfindungen ttete.

Heute, sagte er sich bei dem dritten Besuch, hat sie mir zu verstehen
gegeben, sie sei sehr unglcklich und stnde ganz allein da, sie wrde
sich sehnlichst den Tod wnschen, wenn ihre Tochter nicht wre. Sie hat
sich in eine vollendete Resignation gehllt. Doch ich bin weder ihr
Bruder, noch ihr Beichtvater, warum hat sie mir ihren Kummer anvertraut?
Sie liebt mich.

Zwei Tage spter, als er wieder ihr Haus verlie, stellte er eine
Betrachtung ber die modernen Sitten an.

Die Liebe nimmt immer die Frbung des betreffenden Jahrhunderts an. Im
Jahre 1822 ist sie daher doktrinr. Statt sie, wie einstmals, an
Tatsachen nachzuweisen, bespricht man sie gelehrt, disputiert ber sie,
macht sie zu einer Dissertation. Die Frauen sind jetzt auf dreierlei
Mittel verfallen. Erst stellen sie unsere Liebe in Zweifel und sprechen
uns die Fhigkeit ab, ebensosehr zu lieben wie sie. Koketterie!
tatschlich herausgefordert hat die Marquise mich heute abend. Dann
stellen sie sich tiefunglcklich, um unsern natrlichen Edelsinn oder
unsere Eigenliebe wachzurufen. Schmeichelt es einem Manne nicht, als
Trster in einem groen Unglck aufzutreten? Endlich haben sie noch die
Manie der Jungfrulichkeit. Und sie hat wirklich glauben mssen, ich
hielte sie fr uneingeweiht. Mein guter Glaube in diesem Punkte kann
eine ausgezeichnete Spekulation werden.

Aber eines Tages war Karl am Ende mit seinen mitrauischen Gedanken und
fragte sich, ob die Marquise nicht doch aufrichtig sei, ob so viel Leid
gespielt sein knne, und warum sie Resignation heucheln solle? Sie lebte
in tiefer Einsamkeit und verzehrte sich in schweigendem Kummer, den sie
kaum einmal durch den mehr oder minder gepreten Ton eines Ausrufs
verriet.

Von diesem Augenblick an hegte Karl ein lebhaftes Interesse fr Frau
d'Aiglemont. Aber als er zu der gewohnten Zusammenkunft ging, die ihnen
beiden nun zur Notwendigkeit geworden war und fr die sie infolge eines
wechselseitigen Instinkts eine Stunde frei hielten, fand Vandenesse
seine Geliebte noch immer mehr gewandt als wahr, und sein letztes Wort
war: Entschieden ist dieses Weib raffiniert.

Er trat ein, fand die Marquise in ihrer Lieblingshaltung -- einer
Haltung voll Melancholie; sie schlug die Augen zu ihm auf, ohne sich zu
bewegen, und warf ihm einen jener vollen Blicke zu, die einem Lcheln
gleichen. Frau d'Aiglemont lie Vertrauen, ja wahre Freundschaft
erkennen -- doch nichts von Liebe. Karl setzte sich und konnte nichts
sagen. Er war ergriffen von einer jener Aufregungen, fr die es keine
Sprache gibt.

Was haben Sie? fragte sie ihn in zrtlichem Tone.

Nichts ... doch, sagte er, ich denke an etwas, womit Sie sich noch
gar nicht beschftigt haben.

Das wre?

Aber der Kongre ist ja beendet.

Ah, antwortete sie, Sie sollten also zum Kongre gehen.

Eine direkte Antwort wre das beredteste, zarteste Gestndnis gewesen;
doch Karl gab sie nicht. Das Gesicht der Frau d'Aiglemont verriet eine
so aufrichtige Freundschaft, da daran alle Berechnungen der Eitelkeit,
alle Hoffnungen der Liebe, aller Argwohn der Diplomatie scheiterten. Sie
ahnte nicht oder schien es doch durchaus nicht zu ahnen, da sie geliebt
sei; und als Karl, ganz verwirrt, sich in Schweigen hllte, mute er
sich gestehen, nichts gesagt und nichts getan zu haben, was sie zu
diesem Glauben berechtigt htte.

Herr de Vandenesse fand an diesem ganzen Abend die Marquise nur so, wie
sie stets gewesen war, einfach und freundlich, aufrichtig in ihrem
Schmerz, glcklich, einen Freund zu haben, stolz, einer Seele zu
begegnen, die die ihrige verstnde; darber ging sie nicht hinaus und
schien es fr unmglich zu halten, da eine Frau sich zweimal verlieben
knne; aber sie hatte die Liebe kennen gelernt und bewahrte sie noch
blutend in der Tiefe ihres Herzens; sie glaubte nicht daran, da das
Glck zweimal einer Frau seinen berauschenden Trank kredenzen knne;
denn sie glaubte nicht allein an den Geist, sondern an die Seele; und
fr sie war die Liebe an sich kein Mittel zur Verfhrung, gestattete
aber die Entfaltung aller edlen Verfhrungsknste.

In diesem Augenblick wurde Karl de Vandenesse wieder junger Mann, der
Glanz eines so erhabenen Charakters zwang ihn ins Joch, und er wollte in
alle Geheimnisse dieses mehr durch den Zufall als durch einen Fehltritt
vernichteten Lebens eingeweiht sein. Frau d'Aiglemont warf ihrem Freunde
nur einen Blick zu, als sie ihn um Aufklrung ber das berma von Leid
bitten hrte, das ihrer Schnheit alle Harmonien der Traurigkeit
verleihe; aber dieser tiefe Blick war wie das Siegel zu einem
feierlichen Vertrag.

Stellen Sie mir keine hnlichen Fragen mehr, sagte sie. Vier Jahre
ist's her, da starb an einem hnlichen Tage der, der mich liebte, der
einzige Mann, fr dessen Glck ich alles, ja die Achtung vor mir selbst
geopfert htte -- er starb, um mir die Ehre zu retten. Diese Liebe
endete jung, rein und in der Flle ihrer Illusionen. Ehe ich mich einer
Leidenschaft hingab, zu der ein beispielloses Verhngnis mich trieb,
lie ich mich verfhren durch das, was so viele junge Mdchen zugrunde
richtet, durch einen Mann, der eine Null ist, aber ein liebenswrdiges
Auftreten hat. Die Ehe entbltterte meine Hoffnungen eine nach der
andern. Heute habe ich das legitime Glck und auch das Glck, das man
das strafbare nennt, verloren, und das Glck an sich berhaupt nicht
kennen gelernt. Es bleibt nichts mehr fr mich brig. Wenn ich nicht zu
sterben verstanden habe, so mu ich zum mindesten meinen Erinnerungen
treu bleiben.

Bei diesen Worten weinte sie nicht, sie schlug die Augen nieder und
verrenkte kaum merklich die Finger, die sie in ihrer gewohnten Gebrde
aufeinandergesetzt hatte. Dies wurde schlicht hingesprochen, aber der
Klang ihrer Stimme war der Klang einer Verzweiflung, die ebenso tief
war, wie ihre Liebe zu sein schien, und raubte Karl alle Hoffnung.
Dieses furchtbare Dasein, in drei Stzen beschrieben, und durch das
Ringen einer Hand erlutert, dieser starke Schmerz in einer schwachen
Frau, dieser Abgrund in einem hbschen Kopfe, endlich die Schwermut und
die Trnen einer vierjhrigen Trauer bezauberten Vandenesse, der
schweigend und klein vor dieser groen, edlen Frau stand. Er sah nicht
mehr die so erlesenen, vollendeten, materiellen Schnheiten, sondern nur
die so beraus feinfhlende Seele. Endlich begegnete er hier dem idealen
Wesen, das der phantastische Traum, die gewaltige Sehnsucht aller derer
ist, die ihr Leben in eine einzige Leidenschaft setzen, sie mit Inbrunst
suchen und oft sterben, ohne alle diese ertrumten Schtze genossen zu
haben.

Gegenber solcher Sprache und solcher erhabenen Schnheit fand Karl
seine Ideen eng und beschrnkt. In seinem Unvermgen, seine Worte der
Hoheit dieser zugleich so einfachen und so erhabenen Szene anzupassen,
antwortete er mit Gemeinpltzen ber das Schicksal der Frauen.

Gndige, man mu seine Schmerzen zu vergessen wissen oder sich ein Grab
graben.

Aber vor dem Gefhl steht die trockene Vernunft immer klglich da, die
eine ist natrlich begrenzt, wie alles Positive, und das andere ist
unbegrenzt. Die Vernunft walten zu lassen, wo Gefhl hingehrt, ist die
Eigentmlichkeit der Seelen ohne Schwung. Vandenesse schwieg daher,
betrachtete lange Frau d'Aiglemont und ging dann. Eine Beute neuer
Ideen, die ihm diese Frau immer grer erscheinen lieen, glich er einem
Maler, der etwa die gewhnlichen Modelle seines Ateliers zum Typus
genommen hat und nun pltzlich die Mnemosyne des Museums erblickt, die
schnste und am wenigsten geschtzte Statue des Altertums.

Karl war aufs tiefste bezaubert. Er liebte Frau d'Aiglemont mit der
Ehrlichkeit der Liebe, mit der Inbrunst, die der ersten Leidenschaft
eine unsagbare Anmut, eine Lauterkeit verleiht, von der der Mann, wenn
er spter noch einmal liebt, immer nur Bruchstcke wiederfindet:
wonnevolle Leidenschaften, von den Frauen, die sie hervorgerufen haben,
fast immer mit Wonne genossen, weil sie in dem schnen Alter von dreiig
Jahren, dem Hhepunkt der Poesie des Frauenlebens, den Verlauf solcher
Leidenschaften voll berschauen knnen, und ihr Blick in die Zukunft
ebenso sicher ist wie der in die Vergangenheit. Die Frauen kennen dann
den ganzen Wert der Liebe und erfreuen sich ihrer in der stndigen
Furcht, sie zu verlieren: Ihre Seele hat dann noch all das Jugendschne,
das sie zu verlieren beginnen, und ihre Leidenschaft holt sich immer
neue Kraft an der Betrachtung einer Zukunft, vor der ihnen graut.

Ich liebe, sagte de Vandenesse diesmal, als er die Marquise verlie,
und nun finde ich zu meinem Unglck eine Frau, die an Erinnerungen
hngt. Es hlt schwer, gegen einen Toten anzukmpfen, der nicht mehr da
ist, der keine Dummheiten machen kann, der nie Mifallen erregt und an
dem man nur die guten Eigenschaften sieht. Soll man versuchen, den in
der Erinnerung fortlebenden Zauber und die Hoffnungen zu vernichten, die
einen verlorenen Geliebten berdauert haben, gerade weil er nur Wnsche
erweckt hat? Ebensogut knnte man versuchen, die Vollkommenheit selbst
von ihrem Throne zu stoen. Denn sind nicht die Wnsche allein das
Schnste, das Verfhrerischste an der ganzen Liebe?

Diese traurige Betrachtung entsprang der Mutlosigkeit, der Furcht, keine
Erfolge zu haben -- ein Gefhl, mit dem alle wahren Leidenschaften
beginnen. Sie war die letzte Berechnung seiner Diplomatie, die hiermit
auf diesem Gebiete ihren Geist aufgab. Von nun ab hatte er keine
Hintergedanken mehr, er wurde zum Spielball seiner Liebe und verlor sich
im Nichts jenes unerklrlichen Glcks, das an einem Wort, einem
Schweigen, einer unklaren Hoffnung Genge findet.

Er wollte platonisch lieben, kam alle Tage, mit Frau d'Aiglemont die
gleiche Luft zu atmen, nistete sich fast in ihrem Hause ein und
begleitete sie berall hin, mit der Tyrannei einer Leidenschaft, die der
blindesten Ergebenheit den Egoismus beimischt. Die Liebe hat ihren
Instinkt, sie wei den Weg zum Herzen zu finden, wie das schwchste
Insekt auf seine Blume zugeht, mit einem unwiderstehlichen Willen, der
vor nichts zurckschreckt. Wenn ein Gefhl wahr ist, so ist daher auch
sein Schicksal nicht zweifelhaft. Mu nicht eine Frau in grte Angst
versetzt werden, wenn sich der Gedanke bei ihr einstellt, da ihr Leben
davon abhngt, ob ihr Geliebter mehr oder weniger Wahrheit, Kraft und
Ausdauer in seiner Liebe beweisen wird?

Einer Frau, einer Gattin und Mutter ist es nun unmglich, sich gegen die
Liebe eines jungen Mannes zu schtzen; das einzige Mittel, das in ihrer
Macht steht, ist, ihn von dem Augenblick an, wo sie dieses Geheimnis des
Herzens errt -- und das errt eine Frau immer -- nicht mehr zu
empfangen. Allein dieser Entschlu scheint zu entscheidend zu sein, als
da eine Frau ihn noch in einem Alter fassen knnte, wo die Ehe sie
bedrckt, langweilt oder gleichgltig macht, wo die eheliche Liebe nur
noch lau ist und der Mann ihr am Ende gar schon untreu geworden ist.
Sind die Frauen hlich, so schmeichelt ihnen eine Leidenschaft, die sie
auf eine Stufe mit den schnen stellt; sind sie jung und reizend, so mu
die Verfhrung auf sie im selben Grade wirken, wie sie selbst
verfhrerisch sind, nmlich sehr stark; sind sie tugendhaft, so ist das
Gefhl ja doch himmlisch, obzwar von dieser Welt, und das lt sie
gerade in der Gre der Opfer, die sie ihrem Geliebten bringen, und in
dem Ruhm eines so schweren Kampfes allein schon eine gewisse Absolution
erblicken. Alles ist ein Fallstrick. Daher ist auch keine Lehre stark
genug, gegen diese starke Verfhrung etwas zu vermgen. Die
Abschlieung, die ehemals in Griechenland und im Orient fr die Frau
Gesetz war und die in England jetzt Mode wird, ist der einzige Schutz
fr die hliche Moral; aber unter der Herrschaft dieses Systems gehen
alle Annehmlichkeiten der Welt zugrunde. Die Geselligkeit, die Feinheit
und Vornehmheit der Sitten sind nicht mehr mglich. Die Nationen werden
ihre Wahl zu treffen haben.

So fand denn einige Monate nach ihrem ersten Zusammentreffen mit
Vandenesse Frau d'Aiglemont ihr Leben eng mit dem des jungen Mannes
verschlungen; sie wunderte sich darber, ohne sonderlich betroffen zu
sein, ja sie fand fast ein gewisses Vergngen daran, seine Geschmcker
und Gedanken zu teilen. Hatte sie die Denkweise de Vandenesses
angenommen, oder hatte Vandenesse sich ihre kleinsten Launen angeeignet?
Sie stellte keine Untersuchung an. Schon von dem Strom seiner
Leidenschaft mit fortgerissen, sagte sich diese bewundernswerte Frau in
der trgerischen Zuversicht der Furcht:

O nein! Ich werde dem die Treue bewahren, der fr mich gestorben ist.

Pascal hat gesagt: An Gott zweifeln, heit schon an ihn glauben.
Ebenso strubt sich eine Frau gar nicht -- oder sie ist eben schon
verliebt. An dem Tage, wo die Marquise sich eingestand, sie werde
geliebt, war es mit ihr auch schon soweit, da sie zwischen tausend
widersprechenden Gefhlen hin und her trieb. Der Aberglaube der
Erfahrung redete seine Sprache. Wrde sie glcklich sein? Knnte sie das
Glck finden auerhalb der Gesetze, die die Gesellschaft, ob zu Recht
oder zu Unrecht, als ihre Moral aufgestellt hat? Bisher hatte das Leben
nur Bitterkeit ber sie ausgeschttet. Konnte es denn zwischen zwei
Wesen, die durch die gesellschaftlichen Anstandsregeln voneinander
getrennt waren, innerhalb der Grenzen, in denen ihr Verhltnis bleiben
mte, zu einem Glcke kommen? Doch wiederum, wird das Glck jemals zu
teuer bezahlt? Und dann ist das Glck, das so hei ersehnt wird, das zu
suchen so natrlich ist, vielleicht hier endlich einmal gefunden?

Ein seltsames Zusammentreffen findet sich immer ein, die Sache der
Liebenden zu frdern. Whrend sie diese geheimen Betrachtungen
anstellte, kam Vandenesse. Seine Gegenwart verscheuchte das
metaphysische Phantom der Vernnftelei. Solcher Art sind die Wandlungen,
die bei einem jungen Manne und einer jungen Frau von dreiig Jahren
selbst eine rasche, strmische Liebe durchmachen mu, aber es kommt
immer zu einem Augenblick, wo die Wolken verschwinden, wo die
Vernunftgrnde zu einem einzigen, letzten Gedanken zusammenschrumpfen,
der sich mit einer Begierde vermischt und ihr Nachdruck verleiht.

Je lnger der Widerstand gewesen ist, um so mchtiger ist dann die
Stimme der Liebe. Hier also endet diese Betrachtung oder vielmehr --
wenn es erlaubt ist, der Malkunst einen ihrer pittoresken Ausdrcke zu
entlehnen -- diese am blogelegten Muskel gemachte Studie. (Denn diese
Geschichte legt mehr die Gefahren und den Mechanismus der Liebe
auseinander, als da sie sie darstellt.) Aber von diesem Augenblick an
verlieh jeder Tag diesem Skelett neue Farben, bekleidete es mit der
Anmut der Jugend, gab daran dem Fleisch und den Bewegungen Leben und
flte ihm den Glanz, die Schnheit des Empfindens und die Reize des
Lebens ein.

Karl fand Frau d'Aiglemont nachdenklich, und fragte sie in bebendem
Tone, dem die se Magie des Herzens besondere Eindringlichkeit verlieh:
Was ist Ihnen denn? -- Doch sie htete sich, zu antworten. Diese
kstliche Frage verriet eine vollkommene bereinstimmung der Seelen; und
in dem wunderbaren Instinkt des Weibes begriff die Marquise, da sie in
gewissem Sinne ein Entgegenkommen zeigen wrde, wenn sie jetzt Klagen
anstimmte oder ihrem Unglck Ausdruck verlieh. Und wenn schon jedes
dieser Worte eine von allen beiden verstandene Bedeutung hatte, stand
sie da nicht schon mit einem Fu im Abgrund? Sie las mit scharfem,
klarem Blick in ihrem Innern und schwieg, Vandenesse folgte ihrem
Beispiel und schwieg auch.

Ich bin leidend, sagte sie endlich, voll Schrecken ber die hohe
Bedeutung eines Augenblicks, wo die Sprache der Augen vollstndig die
Rede ersetzte, zu der beide nicht fhig waren.

Gndige Frau, antwortete Karl in liebenswrdigem Tone, dem man aber
trotzdem seine heftige Erregung anhrte, Seele und Leib, alles hngt
zusammen. Wenn Sie glcklich wren, wrden sie jung und frisch sein.
Warum weigern Sie sich, von der Liebe alles das zurckzuverlangen,
dessen die Liebe Sie beraubt hat? Sie glauben, das Leben sei mit dem
Augenblick zu Ende, wo es, fr Sie, erst anfngt. Vertrauen Sie sich
der Pflege eines Freundes an. Es ist so s, geliebt zu sein.

Ich bin schon alt, sagte sie, nichts wrde mich also entschuldigen,
wollte ich aufhren zu leiden, wie bisher. brigens, lieben msse man,
sagen Sie? Nun wohl, das darf ich nicht und kann ich auch nicht. Auer
Ihnen, dessen Freundschaft ein wenig Freude in mein Dasein bringt,
gefllt mir kein Mensch, wre kein Mensch imstande, meine Erinnerungen
auszulschen. Einen Freund nehme ich an, einen Verehrer wrde ich
fliehen. Und wre es auch edel von mir, ein welkes Herz gegen ein junges
einzutauschen, Illusionen anzunehmen, die ich nicht mehr teilen kann,
ein Glck entstehen zu lassen, an das ich nicht glauben oder um dessen
Verlust ich bestndig zittern wrde? Ich wrde auf Ergebenheit
vielleicht mit Egoismus antworten, ich wrde berechnen, wo der andere
fhlt; meine Erinnerungen wrden bestndig der Lebendigkeit seiner
Freude im Wege sein. Nein, sehen Sie, fr eine erste Liebe gibt es
niemals Ersatz. Und schlielich, welcher Mann wrde zu solchem Preise
mein Herz haben wollen?

Diese Worte, voll grausamer Koketterie, waren der letzte Versuch der
Klugheit.

Wenn er den Mut verliert, gut, dann bleibe ich allein und treu. Dieser
Gedanke regte sich im Herzen der jungen Frau und war fr sie dasselbe,
was der zu schwache Zweig einer Weide ist, den ein Schwimmer ergreift,
ehe er sich vom Strom wegreien lt.

Als Vandenesse diesen Einspruch hrte, zitterte er unwillkrlich, und
dieses Beben wirkte mchtiger auf das Herz der Marquise ein, als seine
Aufmerksamkeiten bisher. Was rhrt denn die Frauen am meisten? Wenn sie
in uns ein ebenso starkes Feingefhl, ebenso erlesene Empfindungen
entdecken, als die ihren sind. Die unwillkrliche Bewegung Karls verriet
eine wahre Liebe. Die Strke seiner Liebe erkannte Frau d'Aiglemont an
der Strke seines Schmerzes.

Der junge Mann antwortete kalt:

Sie haben vielleicht recht. Neue Liebe, neuer Kummer.

Dann gab er dem Gesprch eine andere Wendung und plauderte von
gleichgltigen Dingen. Aber er war sichtlich ergriffen und betrachtete
Frau d'Aiglemont mit gespannter Aufmerksamkeit, als wenn er sie zum
letzten Male she. Endlich verlie er sie, indem er mit Bewegung zu ihr
sagte:

Leben Sie wohl, gndige Frau.

Auf Wiedersehen, sagte sie mit jener feinen Koketterie, deren
Geheimnis nur Frauen ersten Ranges besitzen.

Er antwortete nicht und ging.

Als Karl nicht mehr da war, als sein leerer Stuhl fr ihn sprach,
empfand sie tausendfaches Bedauern und fhlte sich im Unrecht. In dem
Augenblick, wo eine Frau unedel gehandelt oder eine edle Seele verletzt
zu haben glaubt, macht die Liebe in ihr einen riesigen Fortschritt. Vor
bsen Gefhlen in der Liebe braucht man niemals Angst zu haben; sie sind
sehr heilsam. Immer nur eine Tugend ist's, was die Frauen zu Fall
bringt. Der Weg zur Hlle ist mit guten Vorstzen gepflastert, das ist
durchaus nicht blo ein Paradoxon der Kanzel.

Ein paar Tage lang lie Vandenesse sich nicht sehen. An jedem Abend
erwartete die Marquise ihn zu der gewohnten Besuchsstunde mit reuevoller
Ungeduld. Schreiben wre ein Gestndnis gewesen; und dann sagte ihr
auch ihr Instinkt, er werde wiederkommen. Am sechsten Tage meldete der
Kammerdiener ihn an. Niemals zuvor hatte sie diesen Namen mit so groer
Freude nennen hren. Sie erschrak ber diese Freude.

Sie haben mich recht schwer bestraft, sagte sie zu ihm.

Vandenesse sah sie verblfft an.

Bestraft? fragte er. Und wofr?

Karl verstand die Marquise sehr wohl; aber da sie ahnte, welche Leiden
sie ihm verursacht hatte, wollte er sich im selben Augenblick dafr an
ihr rchen.

Warum haben Sie mich nicht besucht? fragte sie lchelnd.

Es ist also niemand bei Ihnen gewesen? sagte er, um keine unmittelbare
Antwort zu geben.

Herr de Ronquerolles und Herr de Marsay, ferner der kleine d'Escrignon
sind hier gewesen, die einen gestern, der andere heute mittag, gegen
zwei Uhr. Ich glaube, ich habe auch Frau Firmiani und Ihre Schwester
gesehen, Madame de Listomere.

Ein neues Leiden! ein Schmerz, der unbegreiflich ist fr alle, die nicht
mit berwltigendem und wildem Despotismus lieben; denn fr solch einen
Liebenden fhrt das geringste zu ungeheuerlicher Eifersucht, zu dem
bestndigen Wunsche, das geliebte Wesen allen Einflssen zu entziehen,
die nichts mit seiner Liebe zu tun haben.

Was? dachte Vandenesse bei sich. Sie hat zufriedene Menschen gesehen
und bei sich empfangen, hat mit ihnen gesprochen, whrend ich einsam und
unglcklich war!

Er begrub seinen Schmerz und versenkte seine Liebe im Grunde seines
Herzens, wie man einen Sarg ins Meer versenkt. Seine Gedanken waren von
der Art, die man nicht ausspricht, sie hatten die rasche Wirkung jener
Suren, die, so schnell sie sich verflchtigen, doch tten. Inzwischen
bewlkte sich seine Stirn, und Frau d'Aiglemont gehorchte dem weiblichen
Instinkt, indem sie diese Traurigkeit teilte, ohne da sie sie verstand.
Es war nicht ihre Schuld, wenn sie Leid verursachte, und Vandenesse
begriff das.

Er sprach von seinem Zustand und seiner Eifersucht, als wenn dies eine
der Hypothesen wre, ber die ein Liebespaar immer gerne spricht. Die
Marquise verstand alles und wurde jetzt so innig gerhrt, da sie die
Trnen nicht zurckhalten konnte.

Mit diesem Augenblick traten sie in den Himmel der Liebe ein. Der Himmel
und die Hlle sind zwei groe Gedichte und bilden die beiden einzigen
Punkte, um die sich unser Leben dreht: die Freude oder der Schmerz. Was
ist denn der Himmel, und was wird er ewig sein? Ein Abbild der
unendlichen Flle unserer Freuden, die stets nur in ihren Einzelheiten
dargestellt werden knnen, weil das Glck ein einziges Ganzes ist. Und
die Hlle? Stellt sie nicht die unendlichen Qualen unserer Schmerzen
dar, aus denen wir nur deshalb ein Werk der Poesie machen knnen, weil
sie alle einander unhnlich sind?

Eines Abends saen die beiden Liebenden allein und schweigend
nebeneinander. Sie betrachteten eine der schnsten Phasen des
Firmaments, einen jener reinen Himmel, die letzten Strahlen der
untergehenden Sonne mit Tinten von Gold und Purpur bekleiden. Um diese
Zeit des Tages scheint das langsame Abnehmen des Lichts se
Empfindungen zu erwecken; unsere Leidenschaften regen sich leise, und
wir fhlen wonnevoll eine gewisse Aufregung inmitten der Stille.

Die Natur zeigt uns das Glck an unbestimmten Bildern. Ist es uns nahe,
so scheint sie uns aufzufordern, es zu genieen. Hat es uns geflohen, so
versetzt sie uns in die Stimmung, da wir es betrauern. In diesen
bezaubernden Augenblicken, unter dem Baldachin dieses Lichtes, dessen
zarte Harmonien zu intimen Reizen zusammenflieen, ist es schwer, den
Stimmen des Herzens zu widerstehen, denen dann so viel Zauberkraft
innewohnt. Dann lt der Kummer nach, die Freude berauscht, und der
Schmerz wird so schwer, da man ihn endlich abwerfen mchte. Die Pracht
des Abends ist das Zeichen fr Liebeserklrungen und fordert dazu
heraus. Das Schweigen wird gefhrlicher als die Rede, denn es teilt dem
Auge die ganze Gewalt des unendlichen Himmels mit, der sich in ihm
spiegelt. Wenn man spricht, so besitzt das geringste Wort eine
unwiderstehliche Kraft. Ist dann nicht auch Licht in der Stimme, Purpur
im Blick? Ist nicht der Himmel gleichsam in uns, oder dnkt es uns
nicht, im Himmel zu sein?

Vandenesse und Julie -- denn seit einigen Tagen lie sie sich so
vertraulich nennen, whrend es ihr gefiel, ihn Karl zu nennen --
Vandenesse und Julie sprachen miteinander; aber der primitive Gegenstand
ihres Gesprchs war ihnen ganz fern; sie wuten kaum noch, was ihre
Worte fr Sinn htten -- dafr lauschte sie mit um so grerer Wonne den
geheimen Gedanken, die sich hinter diesen Worten versteckten. Die Hand
der Marquise lag in der Vandenesses, und sie berlie sie ihm, ohne zu
glauben, da dies eine Gunstbezeugung wre.

Sie neigten sich vor und sahen auf eine jener majesttischen
Landschaften voller Schnee, Gletscher und grauen Schatten, die die
Flanken phantastischer Berge frben -- eines jener Gemlde mit schroffen
Gegenstzen zwischen den roten und schwarzen Tnen, die den Himmel mit
einer unnachahmlichen Poesie von kurzer Dauer schmcken, mit prchtigen
Streifen, in denen die Sonne noch einmal auflebt -- ein schnes
Leichentuch, in das sie sich sterbend hllt.

In diesem Augenblick streiften Juliens Haare leicht Vandenesses Wange.
Sie fhlte diese kaum merkliche Berhrung, sie zitterte heftig, und er
noch mehr. Denn alle beide waren allmhlich zu einem jener
unerklrlichen Hhepunkte gelangt, wo, sofern das Herz bereits der
Melancholie berliefert oder aber in den Strudel der Liebe geraten ist,
die Stille ringsum den Sinnen ein so feines Tastgefhl verleiht, da der
schwchste Ansto Trnen hervorruft oder die Schwermut entfesselt.

Julie drckte fast unwillkrlich die Hand ihres Freundes. Dieser
vielsagende Druck flte dem zaghaften Liebhaber Mut ein. Die Freuden
dieses Augenblicks und die Hoffnungen auf die Zukunft, alles flo in
eine Regung zusammen -- in die der ersten Liebkosung, des keuschen,
bescheidenen Kusses, den Frau d'Aiglemont der Wange rauben lie. So
gering die Gunst war, um so mchtiger, um so gefhrlicher wurde sie. Zu
ihrem Unglck war dabei kein Schein und keine Falschheit im Spiele. Es
war ein Austausch zweier schnen Seelen, die durch das sogenannte Gesetz
getrennt waren und durch alles, was die Natur an Verfhrerischem
besitzt, vereint wurden.

In diesem Augenblick trat General d'Aiglemont ein.

Wir haben ein anderes Ministerium bekommen, sagte er. Ihr Oheim
gehrt zum neuen Kabinett. Sie haben also gute Aussicht, Gesandter zu
werden, Vandenesse.

Karl und Julie sahen sich errtend an. Dieses gegenseitige Schamgefhl
war nur ein neues Band. Beide hatten den gleichen Gedanken -- die
gleichen Gewissensbisse: ein furchtbares Band zwischen zwei Liebenden,
die eines Kusses schuldig sind, ganz ebenso stark wie zwischen zwei
Rubern, die gemeinsam einen Menschen umgebracht haben. Doch der Marquis
mute eine Antwort haben.

Ich will nicht mehr aus Paris fort, sagte Karl de Vandenesse.

Wir wissen, weshalb, versetzte der General und tat ganz besonders
schlau, wie jemand, der ein groes Geheimnis entdeckt. Sie wollen nicht
von Ihrem Onkel lassen -- er soll Sie zum Erben seiner Pairswrde
ernennen.

Die Marquise flchtete in ihr Zimmer und sprach ber ihren Gatten das
furchtbare Wort:

Er ist doch wirklich zu einfltig!




4. Kapitel.

Der Finger Gottes.


Zwischen der Barrire d'Italie und der Barrire de la Sant hat man auf
dem innern Boulevard, der zum Botanischen Garten fhrt, eine Aussicht,
die den Knstler und selbst den von Augenweiden aller Art bersttigten
Reisenden entzcken mu. Wenn man eine mige Anhhe erreicht hat, von
der aus sich der Boulevard im Schatten seiner hohen dichten Bume wie
ein grner, stiller Waldweg anmutig hinzieht, sieht man zu seinen Fen
ein tiefes, von lndlichen Gebuden erflltes, mit lichtem Grn bestes,
von den braunen Wssern der Bivre und der Gobelins durchstrmtes Tal.
Am gegenberliegenden Abhange umfassen ein paar tausend Dcher,
aneinandergedrngt wie die Kpfe einer Menge, das Elend des Faubourgs
Saint-Marceau. Die prchtige Kuppel des Pantheons, der dstere,
schwermtige Dom des Val-de-Grce beherrschen stolz eine ganze
amphitheatralisch aufgebaute Stadt, deren Terrassen von den gewundenen
Straen eigenartig umrissen werden. Von dort aus erscheinen die
Proportionen der beiden Bauwerke riesenhaft; hoch berragen sie nicht
nur die bauflligen Huser, sondern auch die Wipfel der hchsten Pappeln
des Tales. Zur Linken erscheint wie ein schwarzes, hageres Gespenst die
Sternwarte, und durch ihre Fenster und Galerien scheint das Licht
hindurch, phantastische Bilder hervorrufend.

In weiterer Ferne leuchtet der elegante durchbrochene Turm der
Invalidenkirche zwischen den blulichen Baummassen des Luxembourgparks
und den grauen Trmen von Saint-Sulpice. Von dort gesehen, vermischen
sich die Umrisse dieser Bauwerke mit Laubwerk und mit Schatten und sind
den Launen des Himmels unterworfen, der unaufhrlich Farbe, Licht und
Aussehen wechselt. Fern von dir trmen sich Gebude in die Luft; in
deiner Nhe schlngeln sich wogende Bume und lndliche Pfade. Rechts
siehst du durch einen breiten Einschnitt in dieser einzigartigen
Landschaft die lange, blanke Flche des Sankt Martinkanals, von roten
Steinen eingefat, geschmckt mit Lindenbumen, umrahmt von den im
echten romanischen Stil gehaltenen Bauten der zahlreichen Speicher.
Dort verlieren sich auch die dunstigen Hgel von Belleville, bestanden
von Husern und Mhlen, mit ihren Gelndewellen in den Wolken.

Aber zwischen der Reihe von Dchern, die das Tal umrahmen, und dem
Horizont, der ebenso undeutlich ist wie eine Erinnerung aus der
Kindheit, liegt eine Stadt, die du nicht sehen kannst -- eine ungeheure
Stadt, versunken in einen Abgrund zwischen der Hhe, auf der das
Hospital zur Piett liegt, und dem Gipfel, der den Ostkirchhof trgt,
also gewissermaen zwischen dem Leiden und dem Tode. Sie lt ein
dumpfes Brausen hren, wie der Ozean, wenn er hinter einem Felsenriff
brandet, als wolle sie dir zurufen: Da bin ich. Wenn die Sonne ihre
Fluten von Licht ber das Antlitz von Paris ausgiet, wenn sie die
Linien der Stadt rein und flssig erscheinen lt, wenn sie ein paar
Fensterscheiben in Brand setzt, die Ziegel bestrahlt, die goldenen
Kreuze aufflackern lt, die Mauern wei frbt und die Atmosphre zu
einem Gazeschleier verwandelt; wenn sie durch phantastische Schatten
reiche Kontraste schafft, wenn der Himmel azurblau ist und die Erde
braust und drhnt und die Glocken reden, dann bewunderst du von dort aus
eins jener eindrucksvollen Zauberbilder, das die Phantasie niemals
vergit, das du anbetest, das dich berauscht wie ein wundervoller
Anblick von Neapel, Stambul oder Florida. Diesem Blicke fehlt nichts zur
vollen Harmonie. Hier braust der Lrm der Welt und murmelt der Friede
der Einsamkeit -- man hrt die Stimmen von Millionen von Menschen und
auch die Stimme Gottes. Dort liegt eine Weltstadt unter den friedlichen
Zypressen des Pre-Lachaise gebettet.

An einem Frhlingsmorgen, zur Zeit, als die Sonne alle Schnheiten
dieser Landschaft erglnzen lie, habe ich sie bewundert, gelehnt an
eine groe Ulme, die ihre gelben Blten dem Winde gab. Im Anblick dieser
reichen, erhabenen Bilder dachte ich mit Bitterkeit an die
Geringschtzung, die wir bis in unsere Bcher hinein gegen unser
Vaterland von heute bekunden. Ich verwnschte die armen Reichen, die,
unseres schnen Frankreichs berdrssig, fr Geld sich das Recht
erkaufen, ihr Vaterland zu verachten, im Galopp zu reisen und durch ein
Lorgnon die Gegenden Italiens betrachten, das jetzt schon jeder
Schuster kennt. Ich betrachtete mit Liebe das moderne Paris, ich
trumte, als pltzlich das Gerusch eines Kusses meine Einsamkeit strte
und die Philosophie zum Teufel jagte.

In der Seitenallee, entlang dem steilen Abhang, an dessen Fu das Wasser
hinstrmt, gewahrte ich eine Frau, die mir noch ziemlich jung erschien.
Sie war einfach und doch hchst elegant gekleidet, und ihr sanftes
Gesicht schien vom heiteren Glck der Landschaft widerzustrahlen. Ein
schner junger Mann setzte den hbschesten kleinen Jungen, den man sehen
kann, auf die Erde, so da ich niemals habe erfahren knnen, ob der Ku
auf der Wange der Mutter oder des Kindes erklungen war.

Ein und derselbe zarte, lebhafte Sinn leuchtete in den Augen, den
Gebrden, dem Lcheln dieser beiden jungen Leute. Sie reichten sich den
Arm in so glcklichem Einvernehmen und nherten sich in einem so
wunderbaren Gleichma der Bewegung, da sie, ganz in sich versunken,
meine Anwesenheit gar nicht bemerkten.

Aber ein zweites, unzufriedenes und schmollendes Kind, das ihnen den
Rcken kehrte, warf mir Blicke zu, deren Ausdruck mich seltsam
berhrte. Es lie seinen Bruder allein gehen und war bald hinter, bald
vor seiner Mutter und dem jungen Manne. Ebenso anmutig, ebenso schn wie
das andere, aber von zarten Formen, verhielt es sich stumm und steif und
machte fast den Eindruck einer in Schlaf versunkenen Schlange. Es war
ein kleines Mdchen.

Die Gangart der hbschen Frau und ihres Gefhrten hatte etwas seltsam
bereinstimmendes. Es war fast, als wenn zwei Maschinen sich bewegten,
so sehr entsprachen einander die Bewegungen der beiden. Aus
Zerstreutheit vielleicht legten sie nur die kurze Strecke zwischen der
kleinen Brcke und einem an der Biegung des Boulevards haltenden Wagen
zurck und begannen diesen Spaziergang immer von neuem, wobei sie
stehenblieben, sich ansahen und lachten, wie es die Laune eines bald
belebten, bald schmachtenden, bald ernsten, bald nrrischen Gesprchs
mit sich brachte.

Verborgen hinter der groen Ulme, bewunderte ich diese reizende Szene
und wrde mich sicherlich behutsam entfernt haben, wenn ich nicht auf
dem Gesicht des kleinen, trumerischen und schweigsamen Mdchens die
Spur eines ber sein Alter hinausgehenden Denkens bemerkt htte. Wenn
die Mutter der Kleinen und der junge Mann, in ihre Nhe gekommen, wieder
umdrehten, dann senkte sie oft heimlich den Kopf und warf ihnen, wie
auch ihrem Bruder, einen verstohlenen und wirklich recht seltsamen Blick
zu. Aber nichts knnte die durchdringende Verschlagenheit, die boshafte
Naivitt, die wilde Aufmerksamkeit wiedergeben, die dieses Kindergesicht
mit den leichten Ringen um die Augen pltzlich belebten, sobald die
hbsche Frau oder ihr Begleiter die blonden Locken, den frischen Hals
des kleinen Jungen streichelten oder seinen weien Kragen
zurechtstrichen, wenn er in kindlichem Eifer neben ihnen herzulaufen
versuchte.

Es sprach jedenfalls die Leidenschaft eines Erwachsenen aus dem schmalen
Gesicht dieses seltsamen Mdchens. Es war leidend oder grblerisch
veranlagt. Und was verkndet bei diesen kaum erblhten Geschpfen
sicherer den nahen Tod? Das im Krper steckende Leiden oder das
frhreife Grbeln, das die Seele verzehrt, die noch fast im Keim liegt?
Eine Mutter wei das vielleicht. Ich fr meinen Teil kenne nichts
Grlicheres als greisenhaftes Sinnen auf einer Kinderstirn. Die
Gotteslsterung auf den Lippen einer Jungfrau ist noch weniger
ungeheuerlich.

Die fast stumpfsinnige Haltung dieses schon grblerischen Kindes, seine
sprlichen Bewegungen, alles interessierte mich. Ich beobachtete die
Kleine neugierig. Aus einer bei Menschenkindern natrlichen Laune
verglich ich sie mit ihrem Bruder und suchte die hnlichkeiten und
Verschiedenheiten zwischen beiden zu ersphen. Die Schwester hatte
braunes Haar, schwarze Augen und eine frh entwickelte Kraft -- das
alles bildete einen starken Gegensatz zu dem blonden Haar, den
meergrnen Augen und der grazisen Schwche des Knaben. Das ltere Kind
mochte etwa sieben oder acht Jahre alt sein, das jngere kaum vier.

Sie waren in der gleichen Weise gekleidet. Als ich sie jedoch aufmerksam
betrachtete, bemerkte ich an den weien Kragen ihrer Hemdchen einen ganz
unbedeutenden Unterschied, der mich aber spter einen ganzen Roman in
der Vergangenheit und ein ganzes Drama in der Zukunft bersehen lie.
Und es war doch nur eine Kleinigkeit. Ein einfacher Saum umgab den
Kragen des kleinen braunen Mdchens, whrend hbsche Stickereien den des
Knaben schmckten und ein Herzensgeheimnis verrieten, eine
stillschweigende Bevorzugung, die die Kinder aber doch in der Seele
ihrer Mutter erkennen, gleich als sei der Geist Gottes in ihnen.

Sorglos und lustig, glich der Blonde einem kleinen Mdchen, so zart war
seine weie Haut, so anmutig seine Bewegungen, so s sein Gesicht;
whrend die ltere trotz ihrer Kraft, trotz der Schnheit ihrer Zge und
ihres blendenden Teints einem kleinen krnklichen Jungen glich. Ihre
lebhaften Augen hatten nicht jenen feuchten Schleier, der Kinderaugen
soviel Reiz verleiht; sie schienen von einem innern Feuer ausgetrocknet
zu sein, wie etwa bei Leuten, die in der Atmosphre eines kniglichen
Hofes leben mssen. Das Weie ihrer Augen hatte auch einen gewissen
Stich ins Fahle, Gelbliche -- ein Zeichen fr einen ungestmen
Charakter.

Zweimal hatte ihr kleiner Bruder ihr mit einer rhrenden Anmut, mit
frhlichem Blick und einer ausdrucksvollen Miene, die unsern Kindermaler
Charlet entzckt haben wrde, das kleine Jagdhorn hingereicht, auf dem
er von Zeit zu Zeit blies. Aber jedesmal hatte das Mdchen auf seine in
liebkosendem Tone gestellte Frage: Willst du's haben, Helene? nur mit
einem barschen Blick geantwortet.

Sie trug eine unbekmmerte Miene zur Schau und war dennoch finster, ja
schrecklich; denn sie zitterte und wurde rot, wenn ihr Bruder sich ihr
nherte. Aber der Kleine schien die dstere Stimmung seiner Schwester
nicht zu bemerken, und sein Wesen, halb Sorglosigkeit, halb Interesse,
vollendete den Gegensatz zwischen ihm und der Schwester: hier der wahre
Charakter der Kindheit, dort die Sorge und das Wissen des Erwachsenen,
scharf ausgeprgt auf einem schon verdsterten Mdchengesicht.

Mama, Helene will nicht spielen, rief der Kleine und benutzte, um eine
Beschwerde vorzubringen, einen Augenblick, wo seine Mutter und der junge
Mann schweigend auf der Gobelinsbrcke stehengeblieben waren.

La sie, Karl. Du weit, sie murrt immer.

Diese Worte, die die Mutter leicht hinwarf, whrend sie sich gleich
darauf mit dem jungen Manne wieder umdrehte, entlockten Helene Trnen.
Sie verschluckte sie stumm, warf ihrem Bruder einen jener tiefen Blicke
zu, die mir unerklrlich schienen, und betrachtete mit einer Miene, die
fast einen unheilvollen Scharfsinn verriet, erst den schroffen Abhang,
auf dessen Spitze der Kleine stand, dann den Bivreflu, die Brcke und
mich.

Ich frchtete, von dem glcklichen Paar gesehen zu werden, dessen
Unterhaltung ich dann ohne Zweifel gestrt haben wrde; ich zog mich
leise zurck und suchte Zuflucht hinter einer Hollunderhecke, deren
Laubwerk mich vllig allen Blicken verbarg. Ich setzte mich ruhig auf
den Rand des Abhangs und betrachtete schweigend bald die wechselnden
Schnheiten der Gegend, bald das wilde Mdchen, das ich durch die Lcken
des Hollunders noch genau sehen konnte, denn ich hatte den Kopf an den
Fu der Hecke gelehnt, wo er sich fast in gleicher Hhe mit dem
Boulevard befand.

Als Helene mich nicht mehr sah, schien sie unruhig; ihre schwarzen Augen
suchten mich in der Ferne der Allee, hinter den Bumen, kurz, sie sah
sich mit unerklrlicher Neugierde nach mir um. Was hatte sie an mir? In
diesem Augenblick erschallte in der Stille das naive Lachen Karls wie
der Gesang eines Vogels. Der junge Mann, ebenso blond, lie ihn in
seinen Armen tanzen und kte ihn, wobei er ihn mit einer Flle von
zusammenhanglosen Koseworten berschttete, wie wir sie eben an Kinder
richten, ohne uns an den eigentlichen Sinn der Worte zu kehren.

Die Mutter sah lchelnd diesem Spiele zu und sprach von Zeit zu Zeit mit
leiser Stimme wohl ein paar von Herzen kommende Worte; denn ihr Gefhrte
hielt dann ganz glcklich inne und sah sie mit seinen blauen Augen voll
Feuer, voll Anbetung an. Ihre Stimmen, wie sie sich so mit der des
Kindes vermischten, hatten etwas beraus Zrtliches, Inniges an sich.
Sie bildeten alle drei ein entzckendes Bild, und dieses zrtliche Bild
verlieh der groartigen Landschaft, in die es hineingestellt war, eine
unsagbare Anmut und Weichheit.

Eine schne, weie, lachende Frau, ein Kind der Liebe, ein in Jugend
strahlender Mann, ein reiner Himmel und alle Harmonie der Natur -- das
alles schmolz zu einem Einklang zusammen, der der Seele unendlich
wohltat. Ich ertappte mich ber einem Lcheln, als wenn das Glck mein
eigenes gewesen wre. Der schne junge Mann hrte es neun schlagen.
Nachdem er seine fast ernst und traurig gewordene Gefhrtin gekt
hatte, kehrte er zu seinem zweirderigen Wagen zurck, den ein alter
Diener langsam heranfhrte. Der junge Mann kte ein letztes Mal noch
das Kind, das dazwischen lustig schwatzte. Als der Herr hinwegfuhr und
die junge Frau dem rollenden Wagen nachsah, der in der grnen Allee des
Boulevards eine Staubwolke hinter sich zurcklie, lief Karl zu seiner
Schwester, die an der Brcke stand, und ich hrte ihn mit silberner
Stimme zu ihr sagen:

Warum hast du nicht auch meinem guten Freund Adieu gesagt?

Als Helene ihren Bruder an dem Rande des Abhanges sah, warf sie ihm den
entsetzlichsten Blick zu, der je die Augen eines Kindes entflammt hat,
und gab ihm einen heftigen Sto. Der Knabe glitt an dem steilen Hang aus
und stolperte ber Wurzeln, so da er gegen die scharfen Steine der
Mauer fiel. Er zerschlug sich die Stirn an ihnen, und gleich darauf
strzte er blutend in das schlammige Wasser des Flusses, das in tausend
braunen Kreisen vor seinem hbschen blonden Kopf zur Seite wich. Ich
hrte den schrillen Schrei des armen Kleinen; aber bald war nichts mehr
zu hren -- er verschwand im Schlamme mit einem gurgelnden Laut, wie ein
Stein, wenn er versinkt. Der Sturz hatte sich mit Blitzesschnelle
vollzogen. Ich erhob mich rasch und stieg auf einem Pfade hinab. Helene
war auer Fassung und schrie herzzerreiend:

Mama! Mama!

Die Mutter war neben mir. Sie war wie ein Vogel geflogen. Aber weder die
Augen der Mutter, noch die meinen konnten die Stelle entdecken, wo das
Kind versunken war. Eine groe Flche des schwarzen Wassers war in
brodelnde Bewegung geraten. Das Bett der Bivre hat an dieser Stelle
zehn Fu tiefen Schlamm. Das Kind mute darin sterben, es war unmglich,
es zu retten. Zu dieser Stunde -- es war ein Sonntag -- feierte alles,
und man sah weder Khne noch Fischer. Ich sah nicht einmal eine Stange,
um den modrigen Flu zu untersuchen, und kein Mensch war weit und breit
zu sehen.

Warum htte ich nun von diesem unheilvollen Vorgange sprechen oder das
Geheimnis dieses Unglcks verraten sollen? Helene hatte vielleicht ihren
Vater gercht. Ihre Eifersucht war ohne Zweifel das Schwert Gottes.
Dennoch erfate mich ein Schauder, als ich die Mutter ansah. Welchem
entsetzlichen Verhr wrde nicht ihr Mann, ihr ewiger Richter, sie
unterwerfen? Und sie hatte immer einen unbestechlichen Zeugen bei sich.
Kinder haben eine durchsichtige Stirn und Haut, und die Lge ist bei
ihnen wie ein Licht, das selbst den Blick errten lt. Die
unglckselige Frau dachte noch nicht an die Strafe, die zu Hause ihrer
harrte. Sie starrte in die Bivre.

Ein solches Ereignis mute das Leben jeder Frau furchtbar erschttern,
und es war das einer der schrecklichsten Schlge, die von Zeit zu Zeit
ber Juliens Liebe hereinbrachen.

                   *       *       *       *       *

Zwei oder drei Jahre spter befand sich ein Notar bei dem Marquis de
Vandenesse, der jetzt um seinen Vater trauerte und den Nachla zu ordnen
hatte. Es war am Abend nach dem Diner. Dieser Notar war keiner von der
Art, wie der Romanschriftsteller Sterne sie schildert. Es war kein
kleiner englischer Notar, sondern ein groer, dicker Notar aus Paris,
einer jener schtzbaren Mnner, die ihre Albernheiten in das Gewand der
Wrde kleiden, ungekannte Wunden plump mit Fen treten und obendrein
noch fragen, warum man sich beklage. Wenn sie zufllig einmal das Wie
und Weshalb ihrer schrecklichen Bldheit merken, dann sagen sie einfach:
Meiner Treu, davon habe ich nichts gewut. Kurz, es war ein Notar,
dessen Albernheit sich sehen lassen konnte und fr den die Akten der
Inbegriff der Welt waren.

Der Diplomat hatte Frau d'Aiglemont bei sich. Der General hatte sich
noch vor dem Ende des Essens hflichst verabschiedet, um mit seinen
beiden Kindern ins Ambigu-Comique oder ins Gaiettheater zu gehen.
Obwohl die Melodramen das Gemt bermig aufregen, ist man in Paris der
Meinung, da Kinder sie ohne Gefahr sehen knnen, weil darin immer die
Unschuld siegt. Der Vater war gegangen, ohne auf den Nachtisch zu
warten, denn seine Tochter und sein Sohn konnten es nicht erwarten, ins
Theater zu kommen, und wollten auf jeden Fall vorm Aufgehen des Vorhangs
dort sein.

Der Notar, der unerschtterliche Notar, dachte nicht daran, sich zu
fragen, warum Frau d'Aiglemont wohl ihre Kinder und ihren Mann ins
Theater schicke, ohne mitzugehen, und blieb nach dem Essen wie
angewurzelt auf seinem Stuhle sitzen. Eine Errterung hatte den
Nachtisch ein wenig in die Lnge gezogen, und die Leute lieen sich auch
mit dem Auftragen des Kaffees Zeit. Diese Zuflle verschlangen eine
zweifellos kostbare Zeit, denn die hbsche Frau verriet Zeichen der
Ungeduld; man htte sie mit einem Rennpferd vergleichen knnen, das vor
dem Laufe den Boden stampft. Der Notar kannte aber weder Pferde noch
Frauen und fand einfach die Marquise sehr lebhaft, ja etwas
quecksilberig.

Entzckt, sich in der Gesellschaft einer Modedame und eines berhmten
Staatsmannes zu befinden, begann dieser Notar den Geistreichen zu
spielen. Er fate das gezwungene Lcheln der Marquise, die auf Kohlen
sa, fr Beifall auf und legte sich nun erst recht ins Zeug. Der Herr
des Hauses hatte im Einverstndnis mit seiner Gefhrtin schon mehrmals
Schweigen beobachtet, wo der Notar eine lobende Antwort erwartete; aber
whrend dieses vielsagenden Schweigens sah der Teufelskerl ins Feuer
und sann auf neue Anekdoten. Dann hatte der Diplomat in seiner
Verzweiflung sogar die Uhr gezogen. Endlich hatte die hbsche Frau den
Hut aufgesetzt, als wenn sie gehen wollte, aber sie ging nicht. Der
Notar sah nichts, verstand nichts; er war von sich selbst entzckt und
berzeugt, er interessiere die Marquise so sehr, da sie das Gehen
vergessen htte.

Sicher wird diese Frau mich in Zukunft zu ihrem Rechtsanwalt machen,
sagte er zu sich selbst.

Die Marquise war aufgestanden, zog die Handschuhe an, bewegte nervs die
Finger und sah bald den Marquis de Vandenesse an, der ihre Ungeduld
teilte, bald den Notar, der beraus geistreich dreinsah. Bei jeder
Pause, die der wrdige Mann machte, atmete das hbsche Paar auf und
sagte sich: Endlich wird er gehen.

Doch mit nichten. Es war ein moralisches Alpdrcken und mute
schlielich dahin fhren, da die beiden Personen, auf die der Notar
ebenso wirkte, wie eine Schlange auf Vgel, auer sich gerieten und zu
irgendeiner Grobheit gezwungen wurden. Mitten in einem schnen Bericht
ber die unwrdigen Mittel, durch die Tillet, ein damals sehr beliebter
Geschftsmann, sein Vermgen gemacht htte und die der geistreiche Notar
bis ins kleinste auseinandersetzte -- hrte der Diplomat es an seiner
Stutzuhr neun schlagen; er sah ein, sein Notar war ganz entschieden ein
Esel, dem man den Laufpa geben msse, und er unterbrach ihn nun kurzweg
durch eine Handbewegung.

Wnschen Sie die Feuerzange, Herr Marquis? fragte der Notar, sie
seinem Klienten hinreichend.

Nein, Herr, ich mu Sie jetzt wegschicken. Die gndige Frau wird ihren
Kindern entgegengehen, und ich werde die Ehre haben, sie zu begleiten.

Schon neun Uhr! In liebenswrdiger Gesellschaft vergeht die Zeit doch
zu schnell, sagte der Notar, der schon eine ganze Stunde lang allein das
Wort fhrte.

Er suchte seinen Hut, pflanzte sich dann vor dem Kamin auf, unterdrckte
mit Mhe einen Schluckauf und sagte zu seinem Klienten, ohne die
vernichtenden Blicke zu bemerken, die die Marquise ihm zuwarf.

Lassen Sie uns zusammenfassen, Herr Marquis. Die Geschfte gehen allem
vor. Morgen werden wir also Ihrem Bruder eine Vorladung zustellen
lassen, um ihn zur Erfllung seiner Verbindlichkeiten aufzufordern. Wir
werden das Inventar aufnehmen, und nachher -- nun ja--

Der Notar hatte die Absichten seines Klienten so schlecht verstanden,
da er die Angelegenheit gerade im umgekehrten Sinne der Weisungen, die
der Marquis ihm eben erteilt hatte, in die Hand nahm. Das war denn doch
eine heikle Sache, und Vandenesse mute wohl oder bel dem tlpelhaften
Notar von neuem seine Wnsche klarmachen. Daran knpfte sich
notwendigerweise eine abermals zeitraubende Errterung.

Nun hren Sie, sagte schlielich der Diplomat auf ein Zeichen hin, das
die junge Frau ihm gegeben hatte, Sie machen mich nervs. Kommen Sie
morgen um neun Uhr wieder mit meinem Advokaten.

Aber ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, Herr Marquis,
wir knnen morgen nicht mit Bestimmtheit darauf rechnen, Herrn Desroches
zu treffen. Wenn die gerichtliche Zustellung nicht bis morgen mittag
erlassen ist, luft die Frist ab, und dann...

In diesem Augenblick fuhr ein Wagen auf den Hof, und als die arme Frau
dieses Gerusch hrte, drehte sie sich rasch um, um die Trnen zu
verbergen, die ihr in die Augen schossen. Der Marquis klingelte, um
sagen zu lassen, er sei weggegangen; aber der General, der unvermutet
aus dem Gaiettheater zurckkam, trat vor dem Kammerdiener ein. Er hielt
an der einen Hand seine Tochter, deren Augen rot waren, und an der
andern seinen kleinen Jungen, der ein mrrisches Gesicht zog.

Was ist euch denn passiert? fragte die Frau ihren Mann.

Ich werde es Ihnen spter sagen, antwortete der General und schritt in
ein anstoendes Zimmer, dessen Tr offen stand, und wo er Zeitungen
liegen sah.

Die Marquise warf sich verzweifelt auf ein Kanapee.

Der Notar glaubte gegen die Kinder den freundlichen Herrn spielen zu
mssen und schlug einen gezierten Ton an, indem er den Kleinen fragte:

Nun, mein Kleiner, was wurde denn im Theater gespielt?

Das Tal des Giebachs, antwortete Gustav mrrisch.

Nun, ich bitte Sie, rief der Notar, unsere Schriftsteller sind halb
verrckt! Das Tal des Giebachs! Warum nicht der Giebach des Tals? Es
ist mglich, da ein Tal keinen Giebach hat, und wenn der Verfasser
gesagt htte: Der Giebach des Tals, so htte er eine klare,
charakteristische, verstndliche Form gewhlt. Doch lassen wir das. Wie
kann sich denn aber in einem Giebach und in einem Tal ein Drama
abspielen? Nun, allerdings! heutzutage liegt das hauptschliche
Lockmittel dieser Art von Schauspielen in den Dekorationen, und dieser
Titel deutet eine imposante Ausstattung an. Du hast dich da wohl
trefflich amsiert, mein kleiner Freund? setzte der Notar hinzu, indem
er sich vor das Kind setzte.

Als der Notar gefragt hatte, was fr ein Drama sich wohl auf dem Grunde
eines Giebachs abspielen knne, drehte die Tochter der Marquise sich
langsam um und weinte. Die Mutter war so rgerlich gestimmt, da sie die
Bewegung ihrer Tochter nicht bemerkte.

O ja, Herr, ich habe mich gut amsiert, antwortete das Kind. In dem
Stck kam ein kleiner Junge vor, der war sehr hbsch und war ganz allein
auf der Welt, weil sein Papa nicht sein Vater sein durfte. Und da kam er
an eine groe Brcke, die hoch ber den Giebach hinfhrt, und da kam
ein groer Vagabund mit einem Bart und ganz schwarz angezogen, und der
hat ihn ins Wasser geworfen. Da hat Helene angefangen zu weinen und laut
zu schluchzen, und alle Leute haben sich ber uns aufgehalten, und da
hat der Vater uns ganz schnell, ganz schnell hinausgefhrt.

Herr de Vandenesse und die Marquise standen bestrzt da, wie unter dem
jhen Schlag eines Unglcks, das ihnen die Kraft, zu denken und zu
handeln, raubte.

Gustav, wirst du den Mund halten! rief der General. Ich habe dir doch
verboten zu erzhlen, was im Theater geschehen ist, und du vergit schon
mein Gehei?

Euer Gnaden mgen verzeihen, sagte der Notar, die Schuld trifft mich,
denn ich habe ihn gefragt -- aber ich wute ja nicht, wie ernst...

So durfte er nicht antworten, sagte der Vater und sah seinen Sohn
streng an.

Der Diplomat und die Marquise hatten nun aber doch die Ursache erfahren,
weshalb die Kinder und der Vater so pltzlich zurckgekehrt waren. Die
Mutter sah ihre Tochter an, sah sie weinen und erhob sich, um zu ihr zu
gehen; aber ihr Gesicht verzog sich dabei heftig und nahm den Ausdruck
einer malosen Strenge an.

Genug, Helene, sagte sie zu ihr, trockne im Nebenzimmer deine
Trnen.

Was hat sie denn getan, diese arme Kleine? sagte der Notar, der
zugleich die zornige Mutter und die weinende Kleine beschwichtigen
wollte. Sie ist so hbsch -- sie mu das gescheiteste Kind von der Welt
sein. Ich bin berzeugt, gndige Frau, sie macht Ihnen nur Freude. Nicht
wahr, meine Kleine?

Helene sah zitternd ihre Mutter an, wischte die Trnen ab, versuchte,
ein ruhiges Gesicht zu zeigen, und flchtete ins Nebenzimmer.

Und gewi, schwatzte der Notar noch immer weiter, gndige Frau sind
eine gute Mutter und werden alle Ihre Kinder in gleichem Mae lieben.
Sie sind brigens zu tugendhaft zu jener traurigen Bevorzugung, deren
unheilvolle Folgen ganz besonders deutlich wir Notare zu sehen bekommen.
Uns luft die Gesellschaft sozusagen durch die Finger. Wir sehen daher
auch die Leidenschaften in ihrer hlichsten Gestalt: der Selbstsucht.
Hier will eine Mutter die Kinder ihres Mannes um ihr Erbe bringen
zugunsten der Kinder, denen sie den Vorzug gibt. Auf der andern Seite
will der Mann manchmal sein Vermgen ganz dem Kinde zukommen lassen, das
den Ha der Mutter verdient hat. Und da gibt es dann Kmpfe, Urkunden,
Gegenverschreibungen, Scheinverkufe, Fideikommisse -- kurz, ein
bedauernswertes Tohuwabohu -- auf Ehre, bedauernswert! Hier bringen
Vter ihr Leben lang Kinder um ihr Erbe, indem sie das Gut ihrer Frauen
stehlen -- ja, stehlen ist das richtige Wort. Wir sprachen vom Drama.
Ach, ich versichere Ihnen, wenn wir das Geheimnis gewisser Schenkungen
ausplaudern knnten, wrden unsere Dichter entsetzliche brgerliche
Tragdien daraus machen knnen. Ich wei nicht, was fr eine Macht die
Frauen gebrauchen, um das zu erreichen, was sie wollen. Denn, so zart
und schwach sie aussehen, sie behalten immer die Oberhand. Ach ja, ja!
Mich fangen sie nie, mich nicht! Ich erkenne immer den Grund solcher
Bevorzugung, von denen man in der Welt hflicherweise immer sagt: Wir
wissen selbst nicht recht, weshalb. Aber die Ehemnner kommen nie
dahinter, diese Gerechtigkeit mu man ihnen angedeihen lassen. Sie
werden mir darauf antworten, es gbe eben liebevolle Kinder und--

Helene war mit ihrem Vater aus dem Nebenzimmer in den Salon
zurckgekehrt und hrte aufmerksam dem Notar zu. Sie verstand ihn so
gut, da sie auf ihre Mutter einen furchtsamen Blick warf und mit dem
ganzen Instinkt der Jugend ahnte, dieser Umstand werde die strenge
Behandlung verdoppeln, die ihr bevorstand. Die Marquise erbleichte und
machte Vandenesse durch eine Gebrde des Entsetzens auf ihren Gatten
aufmerksam, der nachdenklich die Blumen der Tapete betrachtete. In
diesem Moment konnte der Diplomat sich trotz aller Lebensart nicht mehr
bezwingen und schleuderte dem Notar einen niederschmetternden Blick zu.

Kommen Sie hier hindurch, Herr, sagte er zu ihm und schritt rasch auf
das Gemach zu, das vor dem Salon lag.

Der Notar folgte ihm zitternd, ohne seinen Satz zu vollenden.

Herr, sagte nun der Marquis de Vandenesse, der die Tr des Salons
heftig zuwarf, wo er das Ehepaar zurcklie, mit verhaltener Wut zu dem
Juristen, seit dem Diner haben Sie hier eine Dummheit nach der andern
begangen und lauter Albernheiten gesagt. Um Gotteswillen, machen Sie,
da Sie hinauskommen! Sie richten sonst noch das grte Unglck an. Sie
mgen ein ausgezeichneter Notar sein, aber dann bleiben Sie bei Ihren
Leisten. Wenn Sie sich mal zufllig in Gesellschaft befinden, dann
befleiigen Sie sich eines vorsichtigeren Benehmens...

Dann lie er den Notar ohne Abschiedsgru stehen und kehrte in den Salon
zurck. Der Notar stand einen Augenblick da, wie vor den Kopf
geschlagen, fassungslos, ohne zu wissen, wo er sich befnde. Als das
Summen aufhrte, das ihm in den Ohren klang, glaubte er Seufzen und Hin-
und Herlaufen im Salon zu hren, und darauf wurde heftig geklingelt. Er
hatte Angst, dem Marquis de Vandenesse noch einmal zu begegnen, und da
ihm die Beine nicht lnger den Dienst versagten, erreichte er die Treppe
und gab Fersengeld. Aber an der Tr der Gemcher stie er erst noch
einmal mit den Dienern zusammen, die hineineilten, um die Befehle ihres
Herrn zu vernehmen.

So sind diese groen Herren, sagte er zu sich selbst, als er endlich
auf der Strae stand und seine Droschke suchte, erst fordern sie einen
auf, was zu sagen, ermuntern einen durch allerlei Komplimente, und man
bildet sich ein, ihnen Spa zu machen -- hat sich was! Impertinenzen
kriegt man zu hren, es wird abgewinkt, und schlielich wird man gar an
die Luft gesetzt -- ganz ohne Umstnde. Dabei bin ich beraus geistreich
gewesen. Ich habe nicht einmal was Unsinniges gesagt -- und alles in
hbsche Worte gekleidet -- und alles anstndig. Sieh an, er empfiehlt
mir, mehr Vorsicht zu beobachten -- daran lasse ich's nicht fehlen. Ach,
pfeif' drauf! Du bist Notar und Mitglied der Kammer. Der Herr Gesandte
hat mal so einen Rappel bekommen -- diesen Leuten ist ja nichts heilig.
Morgen soll er mir die Erklrung geben, inwiefern ich bei ihm nichts wie
Dummheiten angestellt und nichts wie Albernheiten gesagt htte. Ich
werde Rechenschaft von ihm fordern -- das heit, dafr -- fr seine
grobe Zurechtweisung. Mein Gott ja -- vielleicht habe ich auch unrecht
-- ei was, fllt mir nicht ein, mir den Kopf darber zu zerbrechen! Was
mache ich mir daraus?

Der Notar kam zu Hause an und unterbreitete das Rtsel der Frau Notarin,
indem er Punkt fr Punkt die Geheimnisse des Abends erzhlte.

Mein lieber Crottat, Seine Exzellenz hat vollauf recht gehabt, als er
dir sagte, du httest lauter Dummheiten angestellt und nichts wie
Dummheiten gesagt.

Wieso?

Mein Lieber, das wrde ich dir sagen -- aber du machst es deswegen ja
doch morgen wieder genau so schlau. Ich empfehle dir, in Gesellschaften
immer nur das zu sagen, was deines Amtes ist.

Wenn du es mir nicht sagen willst, dann werde ich morgen schon wissen,
wen ich zu fragen habe.

Mein Gott, die dmmsten Menschen geben sich Mhe, so etwas niemand
merken zu lassen, und du glaubst, ein Gesandter wird es dir sagen? Aber,
Crottat, ich habe dich noch niemals so schwerfllig gesehen.

Danke, meine Liebe.




5. Kapitel.

Die beiden Begegnungen.


Ein ehemaliger Ordonnanzoffizier Napoleons, den wir nur den General oder
den Marquis nennen werden, und der unter der Restauration zu groem
Vermgen gekommen war, war nach Versailles gezogen, um dort die schnen
Tage zu verleben. Er bewohnte ein Landhaus, das zwischen der Kirche und
der Barrire de Montreuil lag, an dem Wege, der nach der Allee von
Saint-Cloud fhrt. Sein Dienst bei Hofe gestattete ihm nicht, sich von
Paris zu entfernen.

Einst zu dem Zwecke erbaut, den flatterhaften Liebschaften irgendeines
Grandseigneur zum Asyl zu dienen, war dieser Pavillon ein sehr
weitlufiges Gebude. Da er mitten im Garten errichtet worden war, lag
er nach rechts und nach links gleich weit ab von den ersten Husern von
Montreuil und den Htten der Umgebung der Barrire. Ohne vllig
abgesondert zu sein, hatten auf diese Weise die Herren des Besitzes in
unmittelbarer Nhe einer Stadt alle Vorzge der Einsamkeit genossen.

Eigentmlicherweise lagen die Fassade und die Eingangstr des Hauses
unmittelbar nach dem Wege zu, der ehemals vielleicht wenig begangen
gewesen war. Diese Vermutung erscheint wahrscheinlich, wenn man bedenkt,
da er an den kstlichen Pavillon grenzte, den Ludwig XV. fr Frulein
de Romans erbauen lie. Ehe man dorthin kommt, trifft man denn auch hie
und da mehrere Kasinos, deren Inneres und Ausschmckung auf die
geistvollen Ausschweifungen unserer Vorfahren hindeuten, die doch
immerhin den Schatten und die Verborgenheit aufsuchten, um sich der
Zgellosigkeit hinzugeben, deren man sie beschuldigt.

An einem Winterabend befanden sich der Marquis, seine Frau und seine
Kinder allein in diesem verlassenen Hause. Ihre Leute hatten die
Erlaubnis erhalten, in Versailles die Hochzeit eines unter ihnen zu
feiern; und in der Annahme, die Weihnachtsfeier, die sich an die
Hochzeit anschlo, wre eine triftige Entschuldigung, die die Herrschaft
wohl gelten lassen wrde, trugen sie kein Bedenken, die Festlichkeit
lnger auszudehnen, als die Hausordnung ihnen eigentlich erlaubte.

Da jedoch der General als ein Mann bekannt war, der bisher noch immer
mit unbeugsamer Rechtschaffenheit sein Wort gehalten hatte, so tanzten
die ungehorsamen Diener nur noch mit Beklommenheit, als die ihnen
zugebilligte Frist abgelaufen war. Es hatte elf Uhr geschlagen, und noch
war niemand von den Leuten zurckgekehrt. Das Schweigen, das rings auf
dem Lande herrschte, war so tief, da man von Zeit zu Zeit den Wind
durch die schwarzen Zweige der Bume pfeifen hrte -- dann wieder heulte
er ums Haus oder verfing sich in den langen Korridoren.

Der Frost hatte die Luft so rein gemacht, den Boden und das Pflaster so
gehrtet, da von allem jene trockenen, hellen Tne hallten, deren
Klarheit uns stets verwundert. Der dumpfe Schritt eines verspteten
Zechers oder der Lrm einer nach Paris zurckkehrenden Droschke hallten
lauter und blieben auf grere Entfernung hrbar als sonst. Die toten
Bltter, die pltzliche Wirbelwinde zum Tanze trieben, raschelten ber
die Steine des Hofes hin, so da sie der Nacht eine Stimme verliehen,
als sie stumm werden wollte.

Kurz, es war einer jener scharfen Abende, die unserer Ichsucht ein
unfruchtbares Mitleid mit den Armen oder dem Reisenden abntigen und uns
den Kamin zu dem wollstigsten Eckchen machen.

In diesem Augenblick bekmmerte sich die im Salon beisammensitzende
Familie weder um die Abwesenheit der Diener, noch um die Leute ohne
Herd, noch um die Poesie einer funkelnden Winternacht. Ohne zwecklos zu
philosophieren, vertrauten Frau und Kinder dem Schutze eines alten
Soldaten und gaben sich ganz den Freuden hin, die das husliche Leben
mit sich bringt, wenn man sich in seinen Gefhlen keinen Zwang anzutun
braucht, wenn Liebe und Offenherzigkeit Worte, Blicke und Spiele
beleben.

Der General sa, oder besser gesagt, versank in einem hohen, gerumigen
Lehnstuhl, der in der Kaminecke stand. Im Ofen leuchtete ein
wohlgenhrtes Feuer und strmte die starke Wrme aus, die stets ein
sicheres Zeichen ist, da drauen auerordentliche Klte herrscht. An
die Rckenlehne des Stuhls gelegt und ein wenig zur Seite geneigt, ruhte
der Kopf dieses braven Vaters in einer Haltung, deren Nachlssigkeit
eine vollkommene Ruhe, ein ses Behagen ausdrckte. Seine wie im
Halbschlaf lose ber die Seiten herabhngenden Arme vollendeten das Bild
gelassener Glckseligkeit.

Er betrachtete das kleinste seiner Kinder, einen kaum fnf Jahre alten
Jungen, der, halb nackend, sich durchaus nicht von der Mutter ausziehen
lassen wollte. Der kleine Kerl ri aus vor dem Nachthemd und dem
Nachthubchen, das die Mutter ihm manchmal hinhielt. Er behielt seinen
gestickten Kragen um und lachte seine Mutter aus, wenn sie ihn rief,
weil er recht wohl merkte, da sie selbst ber diese kindliche Meuterei
lachte. Er fing dann wieder an, mit seiner Schwester zu spielen, die
ebenso naiv, aber schon etwas schalkhafter war als er. Sie sprach auch
schon deutlicher, whrend seine undeutlichen Worte und wirren Gedanken
selbst fr seine Eltern kaum verstndlich waren.

Die kleine Moina, die etwa zwei Jahre lter war als er, rief durch
Neckereien, die in ihr schon das Weib erkennen lieen, endloses
Gelchter hervor, das ganz pltzlich losbrach und eigentlich keinen
Grund zu haben schien. Aber als sie sich alle beide so drollig vorm
Feuer herumkugelten, in heller Ungeniertheit ihre hbschen fleischigen
Leiber und ihre weien zarten Glieder zeigten, die Locken ihres
schwarzen und blonden Haars vermischten, die rosigen Gesichter
aneinander stieen, in die die Freude allerliebste Grbchen zeichnete,
da konnte man es wohl nachfhlen, da ein Vater und namentlich eine
Mutter diese kleinen Seelen in ihr Herz geschlossen hatten. Gegen die
lebhaften Farben ihrer feuchten Augen, ihrer leuchtenden Wangen, ihrer
weien Haut erblaten selbst die Blumen des weichen Teppichs, des
Tummelplatzes ihrer Lust, auf dem sie hinstrzten, sich berschlugen und
miteinander rangen, ohne Schaden zu nehmen.

Die Mutter sa ihrem Manne gegenber in der andern Ecke des Kamins auf
einem Sofa, von umhergestreuten Kleidungsstcken umgeben, einen roten
Kinderschuh in der Hand, in einer Haltung zwangloser Gemtlichkeit. Ein
Anflug von Ernst erstarb in einem sanften Lcheln, das um ihre Lippen
schwebte. Sie mochte sechsunddreiig Jahre alt sein und war noch von
groer Schnheit, dank der seltenen Regelmigkeit der Gesichtszge,
denen die Wrme, das Licht und das Glck in diesem Augenblick einen
fast bernatrlichen Glanz verliehen. Oft hrte sie auf, den Kindern
zuzusehen und richtete die liebkosenden Augen auf das ernste Gesicht
ihres Mannes; manchmal begegneten sich ihre Augen, und die Eheleute
tauschten einen Blick stummer Freude und tiefen Sinnens.

Der General hatte ein stark gebruntes Gesicht. ber seine breite, reine
Stirn spannen sich ein paar Flechten ergrauenden Haares. Der mannhafte
Blick seiner blauen Augen, die in den Falten seiner schlaffen Wangen
ausgeprgte Tapferkeit lieen erkennen, da er sich das rote Band, das
das Knopfloch seines Rockes schmckte, sauer verdient hatte. In diesem
Augenblick spiegelte sich die unschuldige Freude, in der seine beiden
Kinder schwelgten, auf seinem Antlitz wider, das bei aller Festigkeit
und Kraft von groer Gutmtigkeit und Offenherzigkeit zeugte.

Dieser alte Soldat war ohne groe Mhe wieder jung geworden. Liebe zur
Kindheit ist ja immer bei einem Soldaten vorhanden, weil er vom Unglck
des Lebens genug kennen lernt, um einzusehen, wieviel Elend die Gewalt
mit sich bringt und welche Vorzge die Schwche geniet.

Ein wenig abseits sa an einem runden Tisch im Licht von Astrallampen,
deren heller Schein mit dem blassen Schimmer der auf dem Kamin stehenden
Kerzen kmpfte, ein etwa dreizehn Jahre alter Knabe, der rasch die
Bltter eines dicken Buches umwendete. Er lie sich durch das Geschrei
seiner Geschwister nicht ablenken, und sein Gesicht verriet die
Wibegier der Jugend. Da er so vllig in dem, was er las, aufging, war
wohl begreiflich, denn das Buch vor ihm enthielt die fesselnden Wunder
von Tausendundeiner Nacht, und der Knabe trug die Uniform der
Lyzeumsschler. Er sa unbeweglich da, in nachdenklicher Haltung, einen
Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf eine der Hnde gesttzt, deren
weie Finger sich in braunem Gelock vergruben. Das Licht fiel ihm voll
aufs Gesicht, whrend der andere Teil seines Krpers im Dunkeln blieb.
So glich er einem der schwarzen Selbstportrts Raphaels, auf denen er
sich mit aufmerksamem, gesenktem, an die Zukunft denkendem Gesicht
dargestellt hat.

Zwischen diesem Tisch und der Marquise arbeitete ein groes, schnes
Mdchen an einem Stickrahmen, bald beugte es sich darber hin, bald
lehnte es sich zurck, und ihr ebenholzschwarzes Haar, das knstlich zu
Locken gewickelt war, erstrahlte im Lichtschein. Schon Helene fr sich
allein gab ein herrliches Bild ab. Ihre Schnheit zeichnete sich durch
eine seltene Verschmelzung von Kraft und Eleganz aus. Obgleich sie das
Haar in straffem Zug um den Kopf gelegt trug, war es doch so bervoll,
da es aus dem Kamme hervorsprang und sich am Anfang des Nackens
bermtig ringelte. Ihre sehr dichten, regelmig gezeichneten
Augenbrauen traten um so mehr hervor, als die Stirn rein und blendend
wei war. Sie hatte sogar auf der Oberlippe einen leichten Flaum
mannhafter Kraft -- ihre Nase war griechisch und von ganz vollendetem
Schnitt. Aber die entzckende Rundung der Formen, der freimtige
Ausdruck der Zge, die Leuchtkraft eines zarten Fleisches, die wollstig
weichen Lippen, das feine Oval des Gesichts und vor allem die reine
Keuschheit ihres jungfrulichen Blicks verliehen auch dieser kraftvollen
Schnheit die weibliche Anmut und Zartheit und die bezaubernde
Bescheidenheit, die wir von diesen Engeln des Friedens und der Liebe
fordern.

Nur hatte dieses Mdchen nichts Gebrechliches, nichts Schwaches an sich,
und ihr Herz mute ebenso sanft sein, ihre Seele ebenso stark, wie ihr
ueres gebieterisch und ihr Gesicht lieblich war. Sie beobachtete das
gleiche Schweigen, wie ihr Bruder, der Lyzeumsschler, und schien ganz
in eine jener mdchenhaften Grbeleien versunken zu sein, die oft dem
Auge eines Vaters, ja dem Scharfblick einer Mutter entgehen. Man wei
dann nicht, ob man die Schatten, die unbestimmt ber das Gesicht
huschen, wie schwache Wlkchen ber einen klaren Himmel, dem Spiel des
Lichts oder geheimem Kummer zuschreiben soll.

Der Mann und die Frau beschftigten sich in diesem Augenblick gar nicht
mit den beiden lteren Kindern. Dennoch hatte mehrmals ein prfender
Blick des Generals die stumme Szene berschaut, die den zweiten Teil
dieses huslichen Gemldes bildete und schon eine anmutige
Verwirklichung der Hoffnungen darstellte, die das Kinderspiel im
Vordergrunde leise andeutete. Diese Gestalten gaben ein Abbild des
menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Abstufungen und schlossen
sich zu einer Art lebenden Gedichts zusammen. Die luxurise Ausstattung
des Salons, die verschiedenen Stellungen, die Gegenstze der verschieden
gefrbten Kleidung, die Kontraste der Gesichter, die die
Altersunterschiede an sich schon und dann auch die Lichteffekte
hervortreten lieen, breiteten ber dieses Menschheitsbild all den
Reichtum und die Mannigfaltigkeit, die man von den Darstellungen eines
Bildhauers, eines Malers, eines Schriftstellers fordert.

Schlielich verliehen noch die Stille und der Winter, die Einsamkeit und
die Nacht dieser erhabenen und naiven Szene die ihnen eigne Majestt,
einen kstlichen Natureffekt hinzufgend. Das eheliche Leben hat viele
solcher geheiligten Stunden, deren unerklrlicher Reiz vielleicht auf
das Hineinspielen einer bessern Welt zurckzufhren ist. Ohne Zweifel
schimmern himmlische Strahlen ber diesen Szenen, die den Menschen fr
einen Teil seiner Leiden belohnen und ihm das Erdenleben ertrglich
machen sollen. Dann gewinnt fr unser Auge die ganze Welt eine
wohlgefllige Form, wir erhalten Einblick in die erhabene Ordnung des
Weltgeists, und auch die Gesetze des Gesellschaftslebens erscheinen uns
gerechtfertigt im Sinne der Zukunft.

Obwohl Helene einen zrtlichen Blick auf Abel und Moina warf, als die
beiden wieder einmal in hellen Jubel ausbrachen, und obwohl ihr Gesicht
vor Glck strahlte, wenn sie verstohlen ihren Vater betrachtete, so lag
doch der Ausdruck einer tiefen Schwermut in ihren Gebrden, in ihrer
Haltung und vor allem in ihren von langen Wimpern verschleierten Augen.
Ihre weien, krftigen Hnde, durch die das Licht fiel, um ihnen ein
durchscheinendes, fast flssiges Rosa mitzuteilen -- jawohl, diese Hnde
zitterten. Ein einziges Mal begegneten sich unversehens Helenens Augen
und die der Marquise. Diese beiden Frauen sagten sich da mit einem
einzigen Blick ihre Meinung: er war kalt und ehrerbietig bei Helene,
finster und drohend bei der Mutter.

Helene schlug sogleich die Augen zu ihrer Arbeit nieder, bewegte flink
die Nadel und hob lange Zeit den Kopf nicht wieder, der ihr fast zu
schwer zu werden schien. War die Mutter bermig streng gegen ihre
Tochter, und hielt sie diese Strenge fr notwendig? War sie eiferschtig
auf die Schnheit Helenens, mit der sie schlielich noch den Kampf
aufnehmen konnte, freilich nur, wenn sie allen Zauber der Toilette
entfaltete? Oder hatte dieses Mdchen, wie viele Mdchen, wenn ihr Blick
sich klrt, Geheimnisse durchschaut, die die dem Anschein nach ihren
Pflichten so treue Frau in ihr Herz ebenso tief wie in ein Grab zu
versenken geglaubt hatte?

Helene war in ein Alter gekommen, wo die Reinheit der Seele manchmal
eine Gesinnung mit sich bringt, deren Hrte gegen sich selbst das
richtige Ma berschreitet, und zu einem fast unnatrlichen Gefhl wird.
In gewissen Geistern nehmen Fehler die Gre von Verbrechen an; dann
wirkt die Phantasie noch auf das Gewissen ein, und die jungen Mdchen
bertreiben dann die Bestrafung, die sie sich selbst auferlegen, als
wenn sie eine Missetat begangen htten.

Helene schien sich selbst fr ganz unwrdig zu halten. Ein Geheimnis
ihres frheren Lebens, ein unglcklicher Zufall vielleicht, den sie
zuerst gar nicht verstanden, der aber, als ihr Verstand empfnglicher
wurde und der Einflu religiser Begriffe sich geltend machte, an
Bedeutung immer mehr gewonnen hatte, schien vor kurzem erst schlielich
dazu gefhrt zu haben, da sie in romantischer bertreibung sich in
ihren eigenen Augen tief erniedrigt hatte.

Dieses vernderte Benehmen hatte an dem Tage begonnen, als sie in einer
vor kurzem erschienenen Ausgabe auslndischer Theaterstcke die schne
Tragdie >Wilhelm Tell< von Schiller las. Die Mutter schalt die Tochter,
da sie das Buch hatte fallen lassen, und bemerkte dann, da der
Aufruhr, den diese Lektre in Helenens Seele hervorgerufen hatte, im
besondern auf die Szene zurckzufhren war, wo der Dichter eine Art von
Brudergemeinschaft aufstellt zwischen Wilhelm Tell, der zur Befreiung
eines ganzen Volks Menschenblut vergiet, und zwischen Johann Parricida.

Helene wurde demtig, fromm und nachdenklich und wnschte nicht mehr zu
Balle zu gehen. Noch nie war sie so zrtlich zu ihrem Vater gewesen,
besonders wenn die Mutter ihre mdchenhaften Schmeicheleien und
Liebkosungen nicht mitansah. Und wenn auch in dem Verhltnis zur Mutter
eine gewisse Klte herrschte, so kam sie doch so wenig zum Ausdruck, da
der General nichts davon bemerken konnte, so eiferschtig er auch auf
Einmtigkeit in seiner Familie hielt. Keines Menschen Augen wren
scharfblickend genug gewesen, die Tiefen dieser beiden Frauenherzen zu
ergrnden: das eine war jung und edelmtig; das andere stolz und
feinfhlend; das erste voll Duldsamkeit, das zweite voll Klugheit bei
aller Liebe. Wenn die Mutter einen gewissen Despotismus gegen die
Tochter walten lie, so merkte jedenfalls niemand, als die Tochter
selbst, auch nur das geringste von dieser weiblichen Zucht.

brigens lieen erst die Dinge, die da kommen sollten, diese unlsbaren
Mutmaungen aufkommen. Bis zu dieser Nacht war noch nie der Blitz einer
Anklage diesen beiden Seelen entfahren; aber zwischen ihnen und Gott
stand sicherlich ein finsteres Geheimnis.

Nun, hurtig, Abel, rief die Marquise und bentzte einen Augenblick, wo
Moina und ihr Bruder ermdet waren und sich still verhielten, komm,
mein Sohn, du mut zu Bett...

Und sie warf ihm einen gebieterischen Blick zu und nahm ihn rasch auf
die Knie.

Was? sagte der General, es ist halb elf Uhr, und von unserer
Dienerschaft ist noch niemand zurckgekommen? So eine Sippschaft! --
Gustav, setzte er hinzu, sich zu seinem Sohne wendend, ich habe dir
das Buch nur unter der Bedingung gegeben, da du es um zehn Uhr weglegen
solltest. Du httest es zu der festgesetzten Stunde von selbst zuklappen
und schlafen gehen sollen, wie du es mir versprochen hattest. Wenn du
einmal ein tchtiger Mensch werden willst, mu dir dein Wort ein zweites
Glaubensbekenntnis sein, und du mut daran festhalten, wie an deiner
Ehre. Fox, einer der grten Redner Englands, zeichnete sich ganz
besonders durch Schnheit seines Charakters aus. Die Treue gegen die
bernommenen Verpflichtungen ist die hauptschlichste seiner
Eigenschaften. In seiner Kindheit hatte sein Vater, ein Englnder vom
alten Schlage, ihm eine sehr nachdrckliche Lehre erteilt, die einen
untilgbaren Eindruck auf das Gemt eines kleinen Kindes machen mute.
Als Fox so alt war wie du, war er whrend der Ferien bei seinem Vater,
der, wie alle reichen Englnder, einen ziemlich groen Park um sein
Schlo hatte. In diesem Park stand ein alter Kiosk, der niedergerissen
und an einer andern Stelle, von wo man eine groartige Aussicht hatte,
wieder aufgebaut werden sollte. Kinder sehen nun gern zu, wenn etwas
niedergerissen wird. Der kleine Fox wollte noch ein paar Tage lnger
Ferien haben, um beim Abbruch des Pavillons mit dabei zu sein; aber sein
Vater verlangte, da er pnktlich zum Schulanfang ins Gymnasium
zurckkehrte. Da gab es nun einen kleinen Aufstand zwischen Vater und
Sohn. Die Mutter, wie alle Mamas, stand dem kleinen Fox bei. Der Vater
versprach daher seinem Sohne feierlichst, mit der Niederreiung des
Kioskes bis zu den nchsten Ferien zu warten. Fox kehrte ins Gymnasium
zurck. Der Vater glaubte, ein kleiner Junge wrde ber seinen Studien
die ganze Geschichte vergessen; er lie den Kiosk ruhig abreien und an
einer andern Stelle wieder aufbauen. Der eigensinnige Knabe aber dachte
nur an den Kiosk. Als er wieder zu seinem Vater kam, war sein erstes,
nach dem alten Bauwerk zu sehen; aber er kam ganz traurig zum Frhstck
heim, und sagte zu seinem Vater: Ihr habt mich belogen. Der alte
Gentleman verlor in seiner Verwirrung seine Wrde nicht und antwortete:
Das ist wahr, mein Junge, aber ich werde meinen Fehler wieder
gutmachen. Auf sein Wort mu man mehr halten als auf sein Geld, und
alles Geld wscht den Fleck nicht vom Gewissen, den ein Wortbruch
zurcklt. Der Vater lie den alten Pavillon, genau wie er gewesen
war, wiederaufbauen, und als dies geschehen war, befahl er, ihn vor den
Augen seines Sohnes abzutragen. Dies, Gustav, diene dir zur Lehre!

Gustav hatte seinem Vater aufmerksam zugehrt und schlo sofort das
Buch. Einen Augenblick herrschte Schweigen, und der General nahm Moina
an sich, die mit dem Schlaf kmpfte, und legte sie sanft auf seinen
Scho. Die Kleine lie den haltlosen Kopf auf des Vaters Brust sinken
und schlief dort gleich ein, eingehllt in die goldenen Vorhnge ihres
hbschen Haars.

In diesem Augenblick hallten eilige Schritte auf der Strae, und
pltzlich geschahen drei Schlge gegen die Tr und weckten das Echo des
Hauses. Diese langanhaltenden Schlge hatten einen ebenso eindringlichen
Klang wie der Schrei eines Menschen in Todesgefahr. Der Wachhund heulte
wtend. Helene, Gustav, der General und seine Frau zitterten heftig;
aber Abel, dem die Mutter das Nachtkleid vollends bergezogen hatte,
und Moina wurden nicht munter.

Der hat's eilig! rief der Soldat und legte sein Kind auf den Sessel.
Er verlie rasch den Salon, ohne auf die Bitte seiner Frau zu hren, die
ihm nachrief:

Lieber Mann, geh' doch nicht hin--

Der Marquis ging in sein Schlafzimmer, nahm ein Paar Pistolen an sich,
brannte seine Blendlaterne an, eilte zur Treppe, rannte blitzschnell
hinab und stand binnen kurzem an der Tr seines Hauses, wohin der Sohn
ihm unerschrocken folgte.

Wer ist da? fragte er.

Machen Sie auf! antwortete eine Stimme keuchend und ganz auer Atem.

Gut Freund?

Ja, Freund.

Allein?

Ja -- doch auf, auf, sonst kommen sie!

Sobald der General die Tr ein wenig geffnet hatte, schlpfte ein
Mensch mit der phantastischen Geschwindigkeit eines Schattens herein;
der General mute nachgeben, denn der Unbekannte stie die Pforte mit
einem kraftvollen Futritt auf und lehnte sich gleich darauf
entschlossen mit dem Rcken dagegen, wie um zu verhindern, da man sie
wieder ffne. Der General hob rasch die Pistole und die Blendlaterne zur
Brust des Fremden, um ihm Respekt einzuflen, und sah einen Mann von
mittlerem Wuchs vor sich, der in einen weiten, nachschleppenden Pelzrock
gehllt war, wie ihn alte Leute tragen. Das Kleidungsstck schien daher
auch nicht fr ihn gemacht. Der Flchtling trug, ob aus Vorsicht oder
Zufall, den Hut tief auf der Stirn, bis an die Augen hinabgedrckt.

Mein Herr, sagte er zum General, senken Sie die Mndung Ihrer
Pistole. Ich will ja ohne Ihre Einwilligung gar nicht hierbleiben; aber
wenn ich gehe, wartet meiner der Tod an der Barrire. Und welcher Tod!
Sie htten sich vor Gott dafr zu verantworten. Ich bitte Sie um
Gastfreundschaft auf zwei Stunden. Bedenken Sie, mein Herr, so
flehentlich ich auch bitte, so mu ich doch auch mit dem Despotismus der
Notwendigkeit Forderungen stellen. Ich verlange arabische
Gastfreundschaft. Ich mu Ihnen heilig sein. Wo nicht, so ffnen Sie,
und ich werde sterben. Verschwiegenheit, ein Obdach und Wasser, das
ist's, was mir nottut. O, Wasser! wiederholte er in rchelndem Tone.

Wer sind Sie? fragte der General, berrascht von der fieberhaften
Zungenfertigkeit, mit der der Unbekannte sprach.

Ach, wer ich bin? Gut, so ffnen Sie, und ich gehe, antwortete der
Mensch im Tone hllischer Ironie.

Trotz der Geschicklichkeit, mit der der General das Licht seiner Laterne
spielen lie, konnte er nur den unteren Teil dieses Gesichts sehen, und
da sprach nichts zugunsten einer so seltsam geforderten
Gastfreundlichkeit: die Wangen waren bla und zuckten, die Zge
krampfhaft zusammengezogen. In dem Schatten, den der Hut warf, loderten
die Augen wie zwei Lichter, die fast den schwachen Schein der Kerze
berstrahlten. Doch, es mute ihm eine Antwort gegeben werden.

Herr, sagte der General, Ihre Rede ist so sonderbar, da Sie wohl an
meiner Stelle--

Mein Leben liegt in Ihrer Hand! schrie der Fremde mit entsetzlicher
Stimme, seinen Wirt unterbrechend.

Zwei Stunden? fragte der Marquis unschlssig.

Zwei Stunden, wiederholte der Mensch.

Aber pltzlich stie er mit einer Gebrde der Verzweiflung den Hut
zurck, entblte die Stirn und warf, als wollte er einen letzten
Versuch machen, einen Blick, dessen heller Glanz dem General in die
Seele drang. Dieser Strahl von Geist und Willenskraft glich einem Blitz
und wirkte ebenso zermalmend; denn es gibt Augenblicke, wo den Menschen
eine unerklrliche Macht verliehen ist.

Nun denn, wer Sie auch sein mgen, Sie sollen unter meinem Dach in
Sicherheit sein, sagte der Hausherr ernst und glaubte einer jener
triebartigen Regungen zu gehorchen, ber die der Mensch sich manchmal
keine Rechenschaft geben kann.

Gott vergelte es Ihnen, setzte der Fremde hinzu und stie einen tiefen
Seufzer aus.

Sind Sie bewaffnet? sagte der General.

Statt aller Antwort ffnete der Fremde seinen Pelz und schlug ihn
schnell wieder zusammen, so da der General nichts Genaues hatte sehen
knnen. Er war anscheinend ohne Waffen und in der Kleidung eines jungen
Mannes, der vom Ball kommt. So flchtig der berblick des mitrauischen
Soldaten gewesen war, so sah er doch genug, um aufzurufen:

Wo zum Teufel knnen Sie sich so beschmutzt haben? Es ist doch
trockenes Wetter.

Noch immer Fragen? versetzte der Unbekannte in hochmtigem Tone.

In diesem Augenblick bemerkte der Marquis seinen Sohn und erinnerte sich
der Lehre, die er ihm eben ber strenge Befolgung des gegebenen Wortes
erteilt hatte. Es verdro ihn so sehr, ihn nun hier zu sehen, da er in
zornigem Tone zu ihm sagte:

Wie, Hans Narr, du bist hier, statt im Bett zu sein?

Ich glaubte, ich knnte Ihnen in der Gefahr von Nutzen sein,
antwortete Gustav.

Marsch, auf dein Zimmer, sagte der Vater, von der Antwort seines
Sohnes besnftigt. Und Sie, wendete er sich an den Unbekannten,
folgen Sie mir!

Sie beobachteten nun Schweigen, wie zwei Spieler, die einander
mitrauen. Der General begann sich sogar finstern Ahnungen hinzugeben.
Der Unbekannte lastete ihm bereits wie ein Alpdruck auf der Seele; aber
da er ihm sein Wort gegeben hatte, so fhrte er ihn ber die Korridore
und Treppen seines Hauses und lie ihn in ein groes, im zweiten Stock
gelegenes Zimmer, gerade ber dem Salon, treten.

Dieser unbenutzte Raum diente im Winter als Trockenboden und hing mit
keinem andern Gemach zusammen. An seinen vier vergilbten Wnden war
weiter kein Schmuck, als ein unschner kleiner Spiegel, den der frhere
Besitzer auf dem Kaminsims hatte stehen lassen, und ein groer Spiegel,
fr den sich beim Einzug des Marquis keine Verwendung gefunden hatte.
Man hatte ihn daher zuflligerweise dem Kamin gegenber aufgehngt. Der
Fuboden dieser groen Mansarde war nie gescheuert worden, die Luft war
eisig, und zwei alte Sthle, an denen das Stroh zerrissen war, bildeten
das einzige Mobiliar.

Nachdem der General seine Laterne auf den Ofensims gestellt hatte, sagte
er zu dem Unbekannten:

Sie mssen sich mit dieser klglichen Mansarde begngen, um in
Sicherheit zu sein. Und da Sie mein Wort haben, da ich Verschwiegenheit
wahren werde, so erlauben Sie mir wohl, Sie einzuschlieen.

Der Mensch senkte den Kopf, zum Zeichen des Einverstndnisses.

Ich habe nichts verlangt als ein Asyl, Verschwiegenheit und Wasser,
bemerkte er.

Wasser werde ich Ihnen bringen, antwortete der Marquis, der sorgsam
die Tr zuschlo und sich zum Salon hinabtastete, um dort einen Leuchter
zu nehmen und dann aus der Geschirrkammer selbst eine Karaffe zu holen.

Nun, was gibt es? fragte die Marquise lebhaft ihren Mann.

Nichts, meine Liebe, antwortete er in kaltem Tone.

Aber wir haben doch genau gehrt, da Sie jemand dort hinaufgefhrt
haben.

Helene, versetzte der General und sah seine Tochter an, die den Kopf
zu ihm erhob, bedenke, die Ehre deines Vaters hngt von deiner
Verschwiegenheit ab. Du darfst nichts gehrt haben.

Das junge Mdchen antwortete mit einem bezeichnenden Kopfnicken. Die
Marquise war verwundert ber die Methode, die hier ihr Mann anwandte, um
der Tochter Schweigen aufzuerlegen. Ja seine Worte gaben ihr einen Stich
ins Herz. Der General holte eine Karaffe und ein Glas und stieg in das
Zimmer hinauf, wo sich sein Gefangener befand. Der Mann lehnte mit
entbltem Haupte, aufrecht stehend, an der Wand, in der Nhe des
Kamins. Den Hut hatte er auf einen der Sthle geworfen. Er war
jedenfalls nicht darauf gefat gewesen, pltzlich so hellem Licht
ausgesetzt zu sein. Seine Stirn legte sich in Falten, und sein Gesicht
nahm eine besorgte Miene an, als sein Blick den durchdringenden Augen
des Generals begegnete; aber er beruhigte sich und zeigte ein
freundliches Gesicht, um seinem Beschtzer zu danken. Als der letztere
das Glas und die Karaffe auf den Ofensims gestellt hatte, richtete der
Unbekannte wieder einen so flammenden Blick wie zuvor auf ihn und brach
das Schweigen.

Mein Herr, sagte er mit einer sanften Stimme, die nichts mehr von dem
Rcheln von vorhin, doch noch immer ein inneres Beben verriet, ich
werde Ihnen absonderlich erscheinen. Entschuldigen Sie Absonderlichkeiten,
die die Not gebietet. Wenn Sie hier bleiben, so bitte ich Sie darum, mir
nicht beim Trinken zuzusehen.

rgerlich, bestndig einem Menschen gehorchen zu mssen, der ihm
mifiel, drehte der General sich brsk um. Der Fremde zog ein weies
Tuch aus der Tasche, umwickelte sich damit die rechte Hand, ergriff dann
die Karaffe und leerte sie auf einen Zug. Der Marquis hatte das
stillschweigend gegebene Versprechen nicht brechen wollen, aber er
blickte mechanisch in den Spiegel, und die gegenseitige Stellung der
beiden Glasscheiben erlaubte ihm, den Fremden vollstndig zu
berschauen.

Da sah er denn das Tuch pltzlich sich rot frben; denn die Hnde, die
es berhrten, waren voll Blut.

Ah, Sie haben mich beobachtet, rief der Mann, als er getrunken hatte.
Er hllte sich in den Mantel und betrachtete den General mitrauisch.
Ich bin verloren -- sie kommen, da sind sie!

Ich hre nichts, sagte der Marquis.

Sie sind nicht mit dem Herzen dabei wie ich und knnen die fernen
Gerusche nicht so hren.

Sie haben also ein Duell gehabt, da Sie so mit Blut bedeckt sind?
fragte der General, tief ergriffen, als er die Farbe der groen Flecke
erkannte, mit denen die Kleider seines Gastes getrnkt waren.

Ja, ein Duell, Sie haben es getroffen, wiederholte der Fremde, und ein
bitteres Lcheln huschte ber seine Lippen.

In diesem Augenblick erklang das Gerusch mehrerer scharf galoppierender
Pferde in der Ferne; aber es war so schwach wie der erste Lichtschein am
Morgen.

Das gebte Ohr des Generals erkannte die Gangart von militrisch
gedrillten Pferden, die gewohnt waren, in der Schwadron zu laufen.

Das ist Gendarmerie, sagte er.

Er warf dem Gefangenen einen Blick zu, der ihn ber die Zweifel
beruhigen sollte, die seine unwillkrliche Neugierde in ihm erweckt
haben mochte, nahm das Licht und kehrte in den Salon zurck. Kaum hatte
er den Schlssel zu dem oberen Zimmer auf den Kamin gelegt, als der Lrm
der Reiter deutlicher wurde und sich mit einer Schnelligkeit, ber die
er erschrak, dem Pavillon nherte.

In der Tat machten die Pferde vor der Pforte des Hauses Halt. Nach ein
paar Worten mit seinen Kameraden stieg ein Reiter ab, klopfte ungestm
und ntigte den General, zu ffnen. Dieser vermochte eine geheime
Erregung nicht zu verbergen, als er sechs Gendarmen sah, deren
goldbetrete Hte im Mondlicht blitzten.

Gndiger Herr, fragte ein Brigadier, haben Sie nicht eben jetzt einen
Menschen nach der Barrire zu laufen hren?

Nach der Barrire zu? Nein.

Sie haben Ihre Tr niemand geffnet?

Pflege ich denn meine Tr persnlich zu ffnen--?

Verzeihung, General, auch jetzt, dnkt mich--

Ach was! rief der Marquis zornig, wollen Sie sich ber mich lustig
machen? Wie kommen Sie dazu?

Keineswegs, keineswegs, gndiger Herr, versetzte der Brigadier hflich.
Sie werden uns unsern Diensteifer nicht verbeln. Wir wissen recht
wohl, ein Pair von Frankreich lt sich nicht dazu herbei, zu solcher
Stunde der Nacht einen Mrder aufzunehmen; aber der Wunsch,
Erkundigungen einzuziehen--

Einen Mrder! rief der General. Und wer ist denn der--?

Baron de Mauny ist eben durch einen Beilhieb gettet worden, erwiderte
der Gendarm. Aber der Mrder wird eifrig verfolgt. Wir sind gewi, da
er sich in dieser Gegend befindet, und werden ihn aufspren.
Entschuldigen Herr General!

Der Gendarm bestieg bei diesen Worten sein Pferd, so da er
glcklicherweise nicht das Gesicht des Generals sehen konnte. Der
Brigadier, gewohnt, berall auf der Lauer zu sein, htte vielleicht
Verdacht geschpft beim Anblick dieses offenen Gesichts, das die
Seelenregungen so getreu widerspiegelte.

Kennt man den Namen des Mrders? fragte der General.

Nein, antwortete der Reiter. Er hat den Schreibtisch voll Gold und
Banknoten gelassen, ohne etwas anzurhren.

Also ein Racheakt, sagte der Marquis.

Ah bah -- an einem alten Manne? -- Nein, nein, der Galgenvogel hat nur
nicht Zeit gehabt, sein Werk zu vollenden.

Und der Gendarm setzte seinen Kameraden nach, die schon in die Ferne
sprengten. Der General stand eine Weile in einer Verblffung da, die
leicht begreiflich ist. Bald darauf hrte er seine Diener kommen; sie
sprachen hitzig miteinander, und ihre Stimmen hallten laut auf der
Montreuiler Strae. Sein Zorn suchte einen Vorwand, sich Luft zu machen,
und entlud sich nun, als sie ankamen, wie ein Donnerschlag ber ihren
Huptern. Seine Stimme hallte durch das Haus, da es zitterte.

Als der Beherzteste und Gewandteste unter ihnen ihre Versptung damit
entschuldigte, da sie am Eingang von Montreuil von Gendarmen und
Polizisten aufgehalten worden seien, die einen Mrder gesucht htten,
beruhigte er sich pltzlich wieder und schwieg. Durch diese Ausrede an
die Pflichten seiner sonderbaren Lage erinnert, befahl er kurzweg allen
seinen Leuten, auf der Stelle schlafen zu gehen. Sie wunderten sich
darber, da der Kammerdiener mit seiner Lge so gut durchgekommen war.

Aber whrend dies sich im Hofe zutrug, hatte ein anscheinend ganz
unbedeutender Vorfall die Lage der andern Personen, die in dieser
Geschichte mitwirken, umgestaltet. Der Marquis war kaum hinausgegangen,
als seine Frau abwechselnd den Mansardenschlssel und ihre Tochter ansah
und schlielich, sich zu ihrer Tochter neigend, mit leiser Stimme sagte:

Helene, Dein Vater hat den Schlssel auf dem Kaminsims liegen lassen.

Das junge Mdchen hob erstaunt den Kopf und sah zaghaft die Mutter an,
deren Augen vor Neugierde blitzten.

Und -- was denn, Mama? antwortete sie bestrzt.

Ich mchte wissen, was dort oben vorgeht. Wenn jemand da ist, so hat
er sich jedenfalls noch nicht gerhrt. Geh hinauf...

Ich? fragte das junge Mdchen entsetzt.

Frchtest du dich?

Nein, Mama, aber ich habe den Schritt eines Mannes gehrt.

Wenn ich selbst gehen knnte, wrde ich dich nicht gebeten haben,
hinaufzugehen, Helene, versetzte die Mutter in einem Tone kalter Wrde.
Wenn dein Vater wiederkme und mich nicht fnde, wrde er mich
vielleicht suchen. Dich wird er nicht vermissen.

Madame, antwortete Helene, wenn Sie es mir befehlen, so geh' ich --
aber ich werde die Achtung vor meinem Vater verlieren...

Wie? versetzte die Marquise in ironischem Tone. Doch da du ernsthaft
aufnimmst, was nur ein Scherz war, so gebiete ich dir jetzt, geh' hinauf
und sieh nach, wer dort oben ist. Hier ist der Schlssel, meine Tochter.
Wenn dir dein Vater Schweigen ber das, was in diesem Augenblick bei ihm
vorgeht, auferlegt hat, so verbot er dir damit keineswegs, in dieses
Zimmer zu gehen. Geh' und wisse, da sich eine Tochter niemals ein
Urteil ber ihre Mutter erlauben darf...

Diese letzten Worte sprach die Marquise mit aller Strenge einer
gekrnkten Mutter, dann nahm sie den Schlssel und gab ihn Helene, die
sich ohne ein Wort erhob und den Salon verlie.

Meine Mutter wird freilich seine Verzeihung zu erlangen wissen, aber
ich werde meines Vaters Gunst fr alle Zeit verscherzt haben. Will sie
mich der Liebe berauben, die er fr mich hat, will sie mich aus dem
Hause jagen?

Diese Gedanken grten pltzlich in ihrem Geist, whrend sie ohne Licht
den Korridor entlangschritt, an dessen Ende die Tr des geheimnisvollen
Zimmers lag. Als sie dort ankam, waren ihre Begriffe in fast unheilvolle
Verwirrung geraten. Die unklaren Ideen hatten mit einem Schlage tausend
bisher in ihrem Herzen zurckgehaltenen Gefhlen freien Lauf gegeben.
Sie glaubte vielleicht schon nicht mehr an eine glckliche Zukunft und
verzweifelte nun in diesem Augenblick vollends an ihrem Leben.

Als sie den Schlssel dem Schlo nherte, zitterte sie krampfhaft, und
ihre Aufregung wurde so stark, da sie einen Augenblick innehielt, um
die Hand aufs Herz zu pressen, als htte sie die Macht, das heftige,
laute Pochen zu unterdrcken. Endlich machte sie die Tr auf. Der Mrder
hatte ohne Zweifel auf das Kreischen der Angeln nicht geachtet. Obgleich
sein Gehr sehr scharf war, blieb er regungslos, anscheinend in Gedanken
verloren, stehen, wie an die Wand geklebt. Der Lichtkreis, den die
Laterne warf, beleuchtete ihn matt, und er glich in diesem Helldunkel
jenen finsteren Ritterstatuen, die, immer in aufrechter Haltung, an den
Ecken schwarzer Grber ber gotischen Kapellen stehen.

Perlen kalten Schweies standen auf seiner gelben, breiten Stirn. Eine
unglaubliche Khnheit erleuchtete das heftig zusammengezogene Gesicht.
Seine starren, trockenen Augen glhten und schienen ber einen Kampf in
dem Dunkel, das vor ihm lag, nachzusinnen. Strmische Gedanken jagten
schnell ber dieses Gesicht hin, dessen fester, entschlossener Ausdruck
auf eine Seele hherer Art deutete. Sein Krper, seine Haltung, seine
Grenverhltnisse stimmten mit diesem wilden Geist berein.

Dieser Mann war ganz Kraft und Gewalt, und er sphte in die Finsternis,
als erblickte er darin das deutliche Abbild seiner Zukunft. Der General,
gewohnt, die energischen Gesichter der Riesen zu sehen, die sich um
Napoleon drngten, und berdies von einer berechtigten Neugierde
beherrscht, hatte auf das eigentmliche uere dieses Mannes kaum
geachtet; aber Helene, die, wie alle Frauen, ueren Eindrcken sehr
zugnglich war, fhlte sich sogleich durch die Mischung von Licht und
Schatten, von Grandiosem und Leidenschaft, von einem poetischen Chaos
gefesselt, das dem Unbekannten das Aussehen des sich von seinem Fall
erhebenden Luzifers verlieh.

Pltzlich folgte dem Sturm, der sich auf seinem Antlitz malte, wie durch
Zauber die Ruhe, und eine unerklrliche Macht, fr die der Fremde,
vielleicht ohne sich dessen selbst bewut zu sein, Quelle und Gegenstand
zugleich war, breitete sich mit der Geschwindigkeit der berflutung um
ihn her aus. Eine Sturzwelle von Gedanken schien von seiner Stirn
hinwegzustrmen, als nun seine Zge ihre natrliche Form wiedergewannen.

Das junge Mdchen, bezaubert von der Seltsamkeit dieser Begegnung und
von dem Geheimnis, in das sie drang, konnte nun ein sanftes,
interessantes Gesicht bewundern. Sie stand eine Zeitlang in magischem
Schweigen da, von Regungen erfllt, die bisher ihre junge Seele nicht
gekannt hatte. Doch bald darauf -- ob nun Helene unwillkrlich einen
Ausruf getan, eine Bewegung gemacht, oder ob der Mrder, von der
Gedankenwelt zur wahren Welt zurckkehrend, auer seinem eigenen Atemzug
noch einen andern gehrt hatte -- drehte er pltzlich den Kopf der
Tochter seines Wirtes zu und sah undeutlich im Schatten die hohe Gestalt
und die majesttischen Formen eines Geschpfes, das er fr einen Engel
halten mute, als er es so unbeweglich und undeutlich wie eine
Erscheinung dastehen sah.

Herr, sagte sie mit bebender Stimme.

Der Mrder zitterte.

Ein Weib! rief er in sanftem Tone. Ist's mglich? Entfernen Sie
sich, fuhr er fort, ich gestehe niemand das Recht zu, mich anzuklagen,
mich freizusprechen oder zu verurteilen. Ich mu fr mich allein leben.
Gehen Sie, mein Kind, setzte er hinzu, mit einer berlegenen,
herrischen Handbewegung, ich wrde den Dienst, den der Herr dieses
Hauses mir erwiesen hat, schlecht vergelten, wenn ich eine einzige der
Personen, die es bewohnen, die gleiche Luft mit mir atmen liee. Ich mu
mich den Gesetzen der Welt unterwerfen.

Dieser letzte Satz wurde mit leiser Stimme gesprochen. Indem er das
ganze Elend, das dieser schwermtige Gedanke in sich schlo, sich vor
seines Geistes Auge zu rufen schien, warf er auf Helene einen
schlangenartigen Blick und wirbelte damit im Herzen dieses seltsamen
jungen Mdchens eine Welt von Gedanken auf, die bisher darin
geschlummert hatten. Es war wie ein Licht, das unbekannte Lnder
erleuchtet. Ihre Seele wurde zu Boden gedrckt und unterjocht, ohne da
sie die Kraft fand, sich gegen die magnetische Gewalt dieses Blickes zu
wehren, so zufllig er auch auf sie gerichtet schien.

Beschmt und zitternd, ging sie und kehrte in den Salon zurck. Da im
nchsten Augenblick auch der Vater hereintrat, so konnte sie ihrer
Mutter nichts sagen.

Der General, ganz mit seinen Gedanken beschftigt, schritt schweigend
auf und ab. Mit gekreuzten Armen ging er in militrischem Takt von den
Fenstern, die auf die Strae hinausfhrten, bis zu den Gartenfenstern,
und wieder zurck. Seine Frau betrachtete den schlafenden Abel. Moina,
die auf dem Sessel lag, wie ein Vogel in seinem Nest, schlummerte
sorglos. Die ltere Schwester hielt ein Knuel Seide in der einen, eine
Nadel in der andern Hand und starrte ins Feuer.

Das Schweigen, das im Salon drauen und im ganzen Hause herrschte, wurde
nur durch die schleppenden Schritte der Dienstboten unterbrochen, die
einer nach dem andern schlafen gingen, durch ein unterdrcktes Lachen,
ein letztes Echo ihrer Freude und des Hochzeitsfestes, dann durch die
Tren ihrer Kammern, die sie, miteinander sprechend, ffneten und gleich
darauf schlossen. Einige dumpfe Gerusche schallten auch noch um die
Betten her. Ein Stuhl fiel um. Das Husten eines alten Kutschers erklang
leise und verstummte.

Aber bald herrschte berall die dstere Majestt, die um Mitternacht
ber der entschlafenen Natur liegt. Nur die Sterne funkelten. Frost
hatte die Erde gepackt. Kein Wesen sprach, nichts regte sich. Nur das
Feuer brauste und machte, da die tiefe Stille nur noch tiefer erschien.
Die Uhr in Montreuil schlug eins. In diesem Augenblick hallten uerst
leichte Schritte im Oberstock.

Der Marquis und seine Tochter glaubten bestimmt, den Mrder des Herrn de
Mauny eingeschlossen zu haben, schrieben dieses Gerusch einer der
Frauen zu und wunderten sich nicht weiter, als sie die Tr des vor dem
Salon liegenden Zimmers aufgehen hrten.

Pltzlich erschien der Mrder unter ihnen. Die Verblffung des Marquis,
die lebhafte Neugierde der Mutter und das Erstaunen der Tochter
erlaubten ihm, bis in die Mitte des Salons vorzutreten, und in einer
seltsam ruhigen und klangvollen Stimme zum General zu sagen:

Herr, die zwei Stunden gehen zu Ende.

Sie hier! rief der General. Wie haben Sie es vermocht----?

Und mit einem furchtbaren Blick fragte er seine Frau und seine Kinder.
Helene wurde rot wie das Feuer.

Sie, fuhr der General in bebendem Tone fort, Sie mitten unter uns!
Ein mit Blut bedeckter Mrder hier! Sie beschmutzen dieses Bild! Fort,
fort! setzte er in wtendem Tone hinzu.

Bei dem Wort Mrder stie die Marquise einen Schrei aus. Fr Helene aber
schien es die Entscheidung des Lebens herbeizufhren, ihr Gesicht
verriet nicht das geringste Erstaunen. Sie schien diesen Menschen
erwartet zu haben. Allen ihren weiten Gedanken wohnte nur ein Sinn inne.
Die Strafe, die der Himmel ihr fr ihre Fehler vorbehalten hatte, brach
herein. Das junge Mdchen hielt sich fr ebenso verbrecherisch, wie
dieser Mann es war, und sah ihn nun heiteren Auges an. Sie war seine
Gefhrtin, seine Schwester. Nach ihrer berzeugung offenbarte sich ein
Gebot Gottes in diesem Zufall. Einige Jahre spter htte eine reifere
Vernunft sie ber das Wesen ihrer Gewissensbisse besser aufgeklrt;
jetzt aber beraubten sie sie aller Besinnung. Der Fremde blieb
unbeweglich und kalt stehen. Ein verchtliches Lcheln lag auf seinen
Zgen und auf seinen vollen, roten Lippen.

Sie erkennen schlecht den Edelsinn an, den ich in meinem Verhalten
gegen Sie beobachtet habe, sagte er langsam. Ich habe das Glas, darin
Sie mir Wasser reichten, meinen Durst zu stillen, nicht mit den Hnden
berhren wollen. Ich habe nicht einmal daran gedacht, meine blutenden
Hnde unter Ihrem Dach zu waschen, und wenn ich es verlasse, dann bleibt
von meinem Verbrechen -- bei diesen Worten zogen sich seine Lippen
zusammen -- nichts hier, als der Gedanke daran. Ich habe dieses Haus
gestreift und lasse keine Spur zurck. Ich habe nicht einmal Ihrer
Tochter erlaubt--

Meine Tochter! rief der General und warf einen Blick des Entsetzens
auf Helene. Ha, Unglckseliger, geh' oder ich bringe dich um!

Die zwei Stunden sind noch nicht verflossen. Sie knnen mich weder
tten noch ausliefern, ohne die Achtung vor sich selbst zu verlieren --
und auch die meine.

Bei diesem letzten Worte versuchte der verblffte Soldat den Verbrecher
anzusehen; aber er mute die Augen niederschlagen, er fhlte sich nicht
imstande, das unertrgliche Feuer eines Blickes auszuhalten, der ihn zum
zweitenmal in innerster Seele verwirrte. Als er erkannte, da seine
Willenskraft abermals schwach wurde, frchtete er, wiederum weichen
Stimmungen nachzugeben.

Einen Greis zu ermorden! Sie knnen nie etwas von Familienleben kennen
gelernt haben? sprach er zu ihm und wies mit einer patriarchalischen
Gebrde auf Frau und Kinder.

Ja, einen Greis! wiederholte der Unbekannte, leicht die Stirn
runzelnd.

Fliehen Sie! rief der General, doch noch immer wagte er es nicht, den
Blick zu seinem Gast zu erheben. Ich werde Sie nicht tten. Nein, ich
werde mich nie zum Geschftsfhrer des Schafotts hergeben. Aber gehen
Sie -- Sie flen uns Abscheu ein.

Das wei ich, antwortete der Verbrecher resigniert. In Frankreich
gibt es kein Fleckchen Erde mehr, darauf ich in Sicherheit den Fu
setzen knnte. Aber wenn die Gerechtigkeit im Sinne Gottes die besondern
Flle zu beurteilen wte, wenn sie sich herabliee, zu erforschen, wer
von beiden das eigentliche Ungeheuer ist, der Mrder oder sein Opfer,
dann wrde ich mit Stolz unter den Menschen bleiben. Knnen Sie sich
nicht denken, welche Verbrechen ein Mensch begangen haben mu, ehe er
von einem andern Menschen mit dem Beil niedergeschlagen wird? Ich habe
mich zum Richter und Henker aufgeworfen, ich habe die ohnmchtige
menschliche Gerechtigkeit ergnzt. Das ist mein Verbrechen. Adieu, Herr!
Trotz der Bitternis, mit der Sie Ihre Gastfreundschaft vermischt haben,
werde ich deren gedenken. In meiner Brust wird gegen einen Menschen auf
dieser Erde allzeit ein dankbares Gefhl wohnen, und dieser eine Mensch
sind Sie ... Aber ich htte doch gewnscht, Sie wren edelmtiger
gewesen.

Er ging auf die Tr zu. In diesem Augenblick neigte sich das junge
Mdchen zu ihrer Mutter und sagte ihr ein Wort ins Ohr.

Ah...!

Der General erschrak ber den Schrei, der seiner Frau entfuhr, so
heftig, als htte er Moina tot gesehen. Helene stand hochaufgerichtet
da, und der Mrder war unwillkrlich umgekehrt, und auf sein Gesicht
trat der Ausdruck einer gewissen Sorge um diese Familie.

Was haben Sie, liebe Frau? fragte der Marquis.

Helene will mit ihm gehen, sagte sie.

Der Mrder errtete.

Da meine Mutter so schlecht einen fast unwillkrlichen Ausruf
auslegt, sagte Helene mit leiser Stimme, so werde ich zur Tat machen,
was sie im Herzen wnscht.

Nachdem das junge Mdchen einen stolzen, fast wilden Blick um sich her
geworfen hatte, senkte sie die Augen und stand in einer bewundernswerten
Haltung der Bescheidenheit da.

Helene, sagte der General, du bist in die Kammer hinaufgegangen, in
die ich diesen Menschen gebracht hatte--?

Ja, mein Vater.

Helene, fragte er mit einer von heftigem Zittern entstellten Stimme,
ist es das erstemal, da du diesen Menschen gesehen hast?

Ja, mein Vater.

Dann ist es unnatrlich, da du die Absicht hast...

Wenn es unnatrlich ist, so ist es doch wenigstens wahr, mein Vater.

Ha, meine Tochter, sagte die Marquise mit leiser Stimme, doch so, da
ihr Mann es hrte, Helene, du verleugnest alle Grundstze der Ehre, der
Bescheidenheit, der Tugend, die ich in deinem Herzen zu entwickeln
versucht habe. Wenn du bis zu dieser unseligen Stunde nie anders als
verlogen gewesen bist, dann bist du nicht zu bedauern. Ist es die
moralische Verkommenheit dieses Unbekannten, die dich verlockt? Wre es
die Gewalt, die allen Menschen zu eigen sein mu, die ein Verbrechen
begehen----? Ich achte dich immer noch zu sehr, als da ich glauben
knnte--

O, glauben Sie immerhin alles, Madame, antwortete Helene in kaltem
Tone.

Aber trotz der Charakterstrke, die sie in diesem Augenblick bewies,
vermochte das Feuer ihrer Augen kaum die Trnen aufzuzehren, die ihr
dieselben fllten. Der Fremde erriet aus diesen Trnen des jungen
Mdchens, was die Mutter gesprochen hatte und warf den Blick eines
Adlers auf die Marquise, die, durch eine unwiderstehliche Macht
gezwungen, diesen schrecklichen Verfhrer ansah.

Als die Augen dieser Frau den hellen, leuchtenden Augen dieses Mannes
begegneten, empfand sie in tiefster Seele einen Schauer, hnlich dem
Grausen, das uns beim Anblick eines Reptils befllt -- hnlich den
Schlgen, die uns bei Berhrung einer Leydener Flasche durchzucken.

Mann, rief sie ihrem Gatten zu, es ist der Teufel! Er errt
alles--

Der General erhob sich, um nach einer Klingelschnur zu greifen.

Er strzt Sie ins Verderben, sagte Helene zu dem Mrder.

Der Unbekannte lchelte, tat einen Schritt, hielt den Marquis beim Arm
fest, zwang ihn, einen Blick auszuhalten, der ihn betubte, und raubte
ihm so alle Willenskraft.

Ich werde Ihnen Ihre Gastfreundschaft lohnen, sagte er, damit werden
wir quitt sein. Ich werde Ihnen eine ehrlose Handlung ersparen, indem
ich mich selbst ausliefere. Was soll ich schlielich noch im Leben
beginnen?

Sie knnen bereuen, antwortete Helene und sah ihn mit einem jener
hoffnungsvollen Blicke an, die nur in den Augen von jungen Mdchen
aufleuchten knnen.

Ich werde nie bereuen, versetzte der Mrder mit tiefer Stimme und warf
stolz den Kopf zurck.

Seine Hnde sind mit Blut befleckt, sagte der Vater zu seiner Tochter.

Ich werde sie abwischen, erwiderte sie.

Aber, fuhr der General fort, doch wagte er nicht, bei diesen Worten
gleichzeitig auf den Unbekannten hinzuzeigen, weit du denn auch, ob er
dich berhaupt haben will?

Der Mrder schritt auf Helene zu, deren Schnheit, so keusch sie auch
war, und so sehr sie sich zu beherrschen wute, von einer innern Glut
erstrahlte, deren Widerschein die kleinsten Zge und zartesten Linien
frbte und sozusagen hervortreten lie. Nachdem er nun auf dieses
entzckende Geschpf einen sanften Blick geworfen hatte, dessen Feuer
jedoch noch immer furchtbar war, sagte er im Tone tiefer Ergriffenheit:

Zum Zeichen, da ich Sie um Ihrer selbst willen liebe und keinen
Vorteil aus ihrer Leidenschaft fr mich selbst ziehen will -- zum
Zeichen, da ich die zwei Stunden Leben, die Ihr Vater mir gewhrt hat,
zu bezahlen wei -- zum Zeichen dessen weise ich Ihr Opfer, Ihre
Hingebung zurck.

Auch Sie stoen mich von sich! rief Helene in herzzerreiendem Tone.
Dann lebt wohl, ihr alle. Ich gehe in den Tod!

Was bedeutet denn das? fragten Vater und Mutter in gleichem Atem.

Helene schwieg und senkte die Augen, nachdem sie die Marquise mit einem
vielsagenden Blick forschend angesehen hatte. Seit dem Augenblick, wo
der General und seine Frau versucht hatten, durch Wort oder Handlung das
seltsame Vorrecht anzugreifen, das der Unbekannte sich anmate, indem er
in ihrer Mitte blieb, und seit dieser letztere das betubende Licht, das
seinen Augen entstrmte, voll auf sie gerichtet hatte, befanden sich
beide im Banne eines unerklrlichen Zaubers; alle Vernunft war in
Fesseln geschlagen und war nicht imstande, die bernatrliche Macht
zurckzustoen, unter der sie zusammenbrachen.

Die Luft dnkte sie jetzt schwer und dick, und sie atmeten mhsam. Dabei
vermochten sie nichts gegen den zu sagen, der sie so im Zaume hielt,
obwohl eine innere Stimme ihnen deutlich sagte, der zauberhafte Mensch
allein sei der Urquell ihrer Ohnmacht. In diesem geistigen Todeskampfe
erkannte der General dennoch, da seine Bemhungen sich jetzt nur darauf
richten mten, auf die schwankende Vernunft seines Kindes einzuwirken.
Er nahm Helene um den Leib und trug sie in eine Fensternische. Hier war
sie dem Mrder fern.

Mein geliebtes Kind, sagte er mit leiser Stimme zu ihr, wenn eine
seltsame Liebe pltzlich in deinem Herzen entstanden ist, so haben mir
dein Herz, dein Leben voll Unschuld, deine reine, fromme Seele so viel
Beweise deines Charakters gegeben, da ich unmglich glauben kann, es
fehle dir nun an der ntigen Energie, eine Regung des Wahnwitzes zu
bezhmen. Wenn du trotzdem daran festhltst, so steckt eben ein
Geheimnis dahinter. Nun, mein Herz ist ein Herz voll Duldsamkeit, du
kannst ihm alles anvertrauen. Und wenn du es zerrissest, mein Kind, so
wrde ich den Kummer still in mir tragen und ber dein Bekenntnis ein
unverbrchliches Schweigen bewahren. Sprich, bist du etwa eiferschtig
auf unsere Liebe zu deinen Brdern und deiner jngeren Schwester? Hast
du Liebeskummer? Fhlst du dich hier unglcklich? Sprich, erklre mir
die Grnde, die dich dazu treiben, deiner Familie den Rcken zu kehren,
ihr ihren grten Schatz zu rauben, deine Mutter, deine Brder, deine
kleine Schwester zu verlassen?

Mein Vater, antwortete sie, ich bin weder eiferschtig, noch in
jemand verliebt, nicht einmal in Ihren Freund, den Diplomaten, Herrn de
Vandenesse.

Die Marquise erbleichte, und ihre Tochter, die das bemerkte, hielt inne.

Mu ich nicht frher oder spter sowieso unter dem Schutze eines Mannes
leben?

Das ist wohl wahr.

Wissen wir jemals, fuhr sie fort, an was fr ein Wesen wir unser
Schicksal knpfen? Ich -- ich glaube an diesen Mann.

Kind, sagte der General, die Stimme erhebend, du bedenkst nicht, was
alles fr Leiden auf dich einstrmen werden!

Ich denke an sein Leid.

Was fr ein Leben wird deiner harren? rief der Vater.

Ein Frauenleben, antwortete die Tochter leise.

Du bist ja schon sehr klug, rief die Marquise, die Sprache
wiederfindend.

Madame, die Fragen schreiben mir die Antworten vor; aber wenn Sie es
wnschen, so werde ich deutlicher reden.

Sagen Sie alles, meine Tochter -- ich bin Mutter.

Die Tochter sah die Mutter an, und die Mutter nderte ihren Ton.

Helene, ich werde Ihre Vorwrfe auf mich nehmen, wenn Sie welche gegen
mich zu erheben haben. Das soll mir lieber sein, als Sie mit einem
Menschen gehen zu sehen, den alle Welt mit Abscheu flieht.

Sie sehen somit selbst, Madame, ohne mich wrde er ganz allein sein.

Genug, Madame! rief der General. Wir haben fortan nur noch eine
Tochter.

Und er sah Moina an, die noch immer schlief.

Dich werde ich in ein Kloster bringen, setzte er hinzu, sich zu Helene
wendend.

Meinetwegen, mein Vater, antwortete sie mit der Ruhe der Verzweiflung.
So werde ich dort sterben. Sie haben fr mein Leben und fr _seine_
Seele ja nur Gott Rechenschaft abzulegen.

Ein tiefes Schweigen folgte pltzlich auf diese Worte. Es war ein
Auftritt, der alle alltglichen Begriffe des Lebens ber den Haufen
warf, und die daran Beteiligten wagten nicht, einander anzusehen.
Pltzlich erblickte der Marquis seine Pistolen, ergriff eine, lud sie
schnell und richtete sie auf den Fremden. Bei dem Gerusch, das der Hahn
machte, drehte der Mann sich um und heftete seinen ruhigen,
durchdringenden Blick auf den General.

Von einer unberwindlichen Schwche befallen, sank der Arm des alten
Soldaten herab, und die Pistole fiel auf den Teppich.

Meine Tochter, sagte nun der Vater und gab den entsetzlichen Kampf
auf, du bist frei. Ksse deine Mutter, wenn sie damit einverstanden
ist. Was mich betrifft, ich will von dir nichts mehr sehen und hren...

Helene, sagte die Mutter zu dem jungen Mdchen, bedenke doch, du
wirst im Elend leben--!

Ein Rcheln, das aus der breiten Brust des Mrders drang, lenkte ihren
Blick auf diesen. Ein Ausdruck der Verachtung war auf seinem Antlitz zu
lesen.

Es kommt mir teuer zu stehen, da ich Ihnen Gastfreundschaft gewhrte,
rief der General. Vor kurzem haben Sie nur einen alten Mann umgebracht.
Hier morden Sie eine ganze Familie. Was auch geschehen mge, diesem
Hause steht Unglck bevor!

Und wenn Ihre Tochter glcklich ist? fragte der Mrder und sah den
Soldaten fest an.

Wenn sie glcklich ist mit Ihnen, antwortete der Vater, sich mit Mhe
aufraffend, so werde ich sie nicht bedauern.

Helene kniete schchtern vor ihrem Vater nieder und sagte in
liebkosendem Tone zu ihm:

O, mein Vater, ich liebe und verehre Sie, ob Sie nun die Schtze Ihrer
Gte oder die Strenge des Zorns ber mich ausschtten. Doch lassen Sie
diese jhzornigen Worte nicht Ihre letzten sein!

Der General wagte nicht, seine Tochter anzusehen. In diesem Augenblick
trat der Fremde vor und sah Helene mit einem Lcheln an, das zugleich
etwas Hllisches an sich hatte.

Du, der ein Mrder kein Entsetzen einflt, Engel des Mitleids, sagte
er, komm, da du darauf bestehst, mir dein Geschick anzuvertrauen.

Unbegreiflich! rief der Vater.

Die Marquise warf ihrer Tochter einen seltsamen Blick zu und ffnete ihr
die Arme. Helene sank ihr weinend an die Brust.

Leb wohl, sagte sie, leb wohl, meine Mutter!

Helene gab entschlossen dem Fremden einen Wink. Der Mann zitterte. Sie
kte ihrem Vater die Hand, kte in Eile, doch ohne Freude, Moina und
den kleinen Abel und verschwand mit dem Mrder.

Wohin sind sie gegangen? rief der General, auf die Schritte der beiden
Flchtlinge lauschend.

Madame, fuhr er fort, sich an seine Frau wendend, hinter diesem
Abenteuer steckt ein Geheimnis. Sie mssen es kennen.

Die Marquise zitterte.

Seit einiger Zeit, antwortete sie, war Ihre Tochter uerst
romantisch geworden und zeigte oft seltsame berschwenglichkeit. Trotz
all meiner Sorge, diesen Hang ihres Charakters zu bekmpfen...

Das ist nicht klar.

Aber der General glaubte jetzt im Garten die Schritte seiner Tochter und
des Fremden zu hren und sprach nicht weiter, sondern strzte ans
Fenster und ri es auf.

Helene! schrie er hinaus.

Die Stimme verhallte in der Nacht wie eine vergebliche Prophezeiung.
Indem der General diesen Namen aussprach, der auf dieser Welt nun nichts
weiter mehr war als ein Name, brach er wie durch Zauber den Bann, in den
eine diabolische Gewalt ihn geschlagen hatte. Wie das Leuchten eines
Geistes huschte es ihm bers Gesicht. Er sah deutlich die Szene vor
sich, die sich eben abgespielt hatte, und verwnschte seine Schwche,
die ihm unbegreiflich war. Wie eine heie Welle flutete es ihm vom
Herzen zum Kopfe und zu den Fen. Er wurde wieder er selbst, und in
schrecklicher Wut, in rasendem Rachedurst stie er einen frchterlichen
Schrei aus.

Hilfe! Hilfe!

Er rannte zu den Klingeln und zog an den Schnren, als wollte er sie
zerreien, und erweckte so ein Schellen aller Glocken, wie man es im
Schlosse noch nie vernommen hatte. Alle seine Leute fuhren entsetzt aus
den Betten. Er schrie noch immer, ri die Fenster nach der Strae auf,
rief die Gendarmen, fand seine Pistolen, feuerte sie ab, um die Reiter,
seine Leute und die Nachbarn zu schnellerem Laufe anzutreiben. Die
Hunde erkannten nun die Stimme ihres Herrn und bellten, die Pferde
wieherten und stampften. Es war ein schrecklicher Tumult in dieser
ruhigen Nacht. Als der General die Treppe hinablief, um hinter seiner
Tochter herzueilen, sah er seine entsetzten Leute von allen Seiten
zusammenkommen.

Meine Tochter! -- Helene ist entfhrt worden! -- Geht in den Garten --
bewacht die Strae -- lat die Gendarmen herein -- sucht den Mrder!

Gleich darauf zerri er in seiner Wut einfach die Kette, an der der
groe Wachhund lag.

Helene! Helene! schrie er dem Tier zu.

Der Hund machte einen Satz wie ein Lwe, bellte wtend und strzte so
schnell in den Garten hinein, da der General ihm nicht folgen konnte.
In diesem Augenblick erklang der Galopp von Pferden auf der Strae, und
der General ffnete selbst in aller Eile.

Brigadier, rief er, schneiden Sie dem Mrder des Herrn de Mauny den
Rckweg ab. Sie wollen durch meine Grten. Schnell, besetzt die Wege
nach der Pikardie ... ich mache eine Treibjagd durch alles Land, durch
alle Grten und Huser. -- Ihr andern, sagte er zu seinen Leuten,
bewacht die Strae und besetzt die Strecke von der Barrire bis nach
Versailles! Vorwrts, allesamt!

Er ergriff ein Gewehr, das ihm sein Kammerdiener brachte, eilte in die
Grten und schrie dem Hunde zu:

Such!

Aus der Ferne antwortete ihm furchtbares Gebell, und er wandte sich nach
der Richtung, aus der das Geheul des Hundes zu kommen schien.

Um sieben Uhr morgens hatten die Nachsuchungen der Gendarmerie, des
Generals, seiner Leute und der Nachbarn noch keinen Erfolg gehabt. Der
Hund war nicht wiedergekommen. Erschpft von der Anstrengung und durch
den Gram dieser Nacht rasch gealtert, kehrte der Marquis in den Salon
zurck, der fr ihn nun verdet war, obgleich seine drei andern Kinder
noch da waren.

Sie sind stets sehr kalt zu Ihrer Tochter gewesen, sagte er, mit einem
Blick auf seine Frau. Hier ist uns doch etwas von ihr geblieben,
setzte er hinzu, auf den Stickrahmen zeigend, darauf er eine angefangene
Blume erblickte. Eben war sie noch hier -- und nun verloren --
verloren!

Er weinte, vergrub den Kopf in den Hnden und sa eine Weile schweigend
da. Er mochte sich nicht mehr in dem Zimmer umsehen, das ihm einstmals
das Gemlde sesten Hausglcks dargeboten hatte. Das Licht des Morgens
kmpfte mit den erlschenden Lampen; die Kerzen versengten ihre
Papiermanschetten; alles stand im Einklang zu der Verzweiflung dieses
Vaters.

Das Ding da mu vernichtet werden, sagte er nach einem Augenblick des
Schweigens und zeigte auf den Stickrahmen. Ich kann nichts mehr sehen,
was mich an sie erinnert.

Die entsetzliche Weihnacht, in der der Marquis und seine Frau das
Unglck hatten, ihre lteste Tochter zu verlieren, ohne da sie sich der
seltsamen Gewalt widersetzen konnten, die ihr Verfhrer -- eigentlich ja
ein Verfhrer wider Willen -- auf sie ausgebt hatte, diese entsetzliche
Nacht war gleichsam ein Wink vom Schicksal selbst. Kurz darauf richtete
der Bankerott eines Wechselagenten den Marquis zugrunde. Er nahm auf die
Gter seiner Frau Hypotheken auf, um eine Spekulation zu versuchen,
deren Gewinn der Familie allen frheren Reichtum wiedergeben sollte. Die
Spekulation schlug fehl und ruinierte ihn vollends. In seiner
Verzweiflung, alles zu versuchen, wanderte der General aus. Sechs Jahre
waren seit seiner Abreise verflossen. Die Familie hatte nur selten
Nachricht von ihm erhalten. Sechs Tage vor dem Erla, durch den Spanien
die Unabhngigkeit der amerikanischen Republiken anerkannte, hatte er
seine Rckkehr angemeldet.

An einem schnen, heitern Morgen befanden sich mehrere franzsische
Handelsmnner, voller Ungeduld, in ihr Vaterland zurckzukehren, mit den
Reichtmern, die sie in langer, saurer Arbeit und auf gefhrlichen
Reisen teils durch Mexiko, teils durch Kolumbia erworben hatten, auf
einer spanischen Brigg, nur noch wenige Meilen von Bordeaux entfernt.
Ein durch Mhseligkeiten oder Gram ber seine Jahre hinaus gealterter
Mann lehnte an der Schanzverkleidung und schien keinen Sinn fr das Bild
zu haben, das sich den Blicken der in Gruppen auf dem Verdeck
herumstehenden Passagiere bot. Den Gefahren der Seefahrt entronnen und
durch die Schnheit des Tages angelockt, waren alle auf Deck gestiegen,
um die Heimat zu gren.

Die Mehrzahl unter ihnen wollte durchaus in der Ferne schon die
Leuchttrme, die Huser der Gascogne, den Turm von Corduan zwischen den
phantastischen Gebilden einiger weien Wolken erkennen, die am Horizont
heraufstiegen. Wre nicht die silberne Furche gewesen, die der Kiel vor
sich aufpflgte, wre nicht die Schleppe gewesen, die er hinter sich
herzog, so htten die Reisenden glauben knnen, sie lgen regungslos
mitten auf dem Ozean, so ruhig war die See.

Der Himmel war von entzckender Reinheit. Die tiefe Frbung seines
Gewlbes ging in unmerklichen Abstufungen in die bluliche Farbe des
Wassers ber; wo beide aufeinanderstieen, sah man nur eine zarte Linie,
von der flimmernden Helligkeit der Sterne. Die Sonne lie Millionen von
Spiegelscheiben auf der unermelichen Flche des Meers aufblitzen, so
da die weiten Gefilde des Wassers vielleicht noch mehr leuchteten als
das Firmament selbst.

Ein wunderbar milder Wind blhte alle Segel der Brigg, und die
schneeweien Tcher, die gelben, wehenden Wimpel, das Labyrinth von
Tauwerk zeichneten sich haarscharf auf dem glnzenden Grunde des
Himmels, der leuchtenden Luft und des Meeres ab, ohne andere Farben
anzunehmen, als die Schatten, die die Wolken von Segeln warfen.

Ein schner Tag, ein frischer Wind, der Anblick des Vaterlandes, eine
hbsche, einsame Brigg, die wie eine zum Stelldichein fliegende Schne
ber das Meer hinglitt -- das war ein Bild voll Harmonie, eine Szene von
kstlichem Reiz. Von einem Punkt aus, auf dem alles reges Leben und
Bewegung war, umfate die Menschenseele weite Fernen, die bewegungslos
blieben, die unwandelbar sich ringsum ausdehnten. Es war eine wundersame
Gegenberstellung von Einsamkeit und Leben, von Stille und Lrm, ohne
da man htte sagen knnen, wo der Lrm und das Leben, das Nichts und
das Schweigen wre. Denn keine menschliche Stimme unterbrach diesen
himmlischen Zauber.

Der spanische Kapitn, seine Matrosen und die Mnner aus Frankreich
standen oder saen und berlieen sich in frommer Schwrmerei ihren
Erinnerungen. Die Luft selbst atmete Miggang. Die strahlenden
Gesichter verrieten ein vlliges Vergessen der schlechten Zeiten, die
man berstanden hatte, und die Menschen wiegten sich auf ihrem schnen
Schiff wie in einem goldenen Traume.

Dennoch sah der alte, an die Schanzverkleidung gelehnte Passagier von
Zeit zu Zeit voll Unruhe nach dem Horizont. In seinen Zgen prgte sich
die Ahnung eines Unglcks oder ein Mitrauen gegen die Gte des
Schicksals aus, und er schien zu befrchten, da man den Boden
Frankreichs nicht schnell genug betreten knne. Dieser Mann war der
Marquis. Das Glck hatte gegen seine verzweifelten Anstrengungen sich
nicht sprde gezeigt. Nachdem er fnf Jahre alles mgliche versucht und
bitter gearbeitet hatte, war er nun im Besitz eines betrchtlichen
Vermgens. In seiner Ungeduld, die Heimat wiederzusehen und seiner
Familie das Glck zu bringen, war er dem Beispiel einiger franzsischen
Handelsleute von Habana gefolgt und hatte sich mit ihnen auf einem
spanischen nach Bordeaux bestimmten Fahrzeug eingeschifft.

Seine Phantasie, berdrssig, immer Unglck vorauszusehen, spiegelte ihm
die kstlichsten Bilder aus dem Glck seiner Vergangenheit wider. Beim
Anblick der fernen braunen Linie, die das Land beschrieb, glaubte er
seine Frau und seine Kinder zu sehen. Er sa an seinem Platze am Kamin
und war umringt und liebkost von seinen Kindern. Er stellte sich Moina
vor, schn, gro geworden, imposant wie ein junges Mdchen. Als dieses
Bild der Phantasie ihm so klar vor Augen stand, wie ein Bild der
Wirklichkeit, rannen ihm Trnen die Wangen hinab, und um seine Aufregung
zu verbergen, sah er nach dem Horizont in der entgegengesetzten Richtung
der verschwommenen Linie, die das Land bezeichnete.

Das ist er! rief er. Er verfolgt uns.

Was gibt's? rief der spanische Kapitn.

Ein Schiff, antwortete der General mit leiser Stimme.

Ich habe es schon gestern gesehen, antwortete Kapitn Gomez.

Er sah den Franzosen fragend an.

Er hat bis jetzt Jagd auf uns gemacht, sagte er dann dem General ins
Ohr.

Ich begreife nicht, warum er uns nicht schon eingeholt hat, versetzte
der alte Soldat, denn er ist ein besserer Segler, als Ihr verwnschter
Sankt Ferdinand.

Er wird Havarien erlitten oder Wasser bergenommen haben.

Er kommt auf, rief der Franzose.

Er ist ein kolumbischer Korsar, sagte der Kapitn ihm ins Ohr. Wir
sind noch sechs Meilen von der Kste entfernt, und der Wind flaut ab.

Er fhrt nicht -- er fliegt -- als wenn er wte, da ihm in zwei
Stunden seine Beute entschlpft sein wird -- welche Tollkhnheit!

Der! rief der Kapitn. Ja, der heit nicht umsonst der Othello. Er
hat letztens eine spanische Fregatte in den Grund gebohrt und fhrt doch
nur dreiig Kanonen. Ich habe die ganze Zeit ber Angst vor ihm gehabt,
denn ich wute wohl, da er in den Antillen kreuzte. Ah! ah! fuhr er
nach einer Pause fort, whrend deren er die Segel seines Schiffes
beobachtet hatte, der Wind frischt auf, wir werden unser Ziel
erreichen. Das ist auch ntig, denn der Pariser wrde kein Erbarmen
kennen.

Aber auch er erreicht sein Ziel, antwortete der Marquis.

Der Othello war nur noch drei Meilen entfernt. Obwohl die Mannschaft
das Gesprch zwischen dem Marquis und Kapitn Gomez nicht mitangehrt
hatte, war doch die Mehrzahl der Matrosen und der Passagiere durch das
Auftauchen dieses Segels nach der Stelle hingelockt worden, wo die
beiden sich unterhielten. Aber alle hielten diese Brigg fr ein
Handelsschiff und betrachteten sie mit Interesse, als pltzlich ein
Matrose in energischem Ton rief:

Beim heiligen Jakob, wir sind des Todes! Das ist der Pariser Kapitn!

Bei diesem schrecklichen Namen griff das Entsetzen im Schiff um sich,
und eine Verwirrung entstand, die sich nicht beschreiben lt. Der
spanische Kapitn hielt durch seine Befehle noch eine Zeitlang seine
Matrosen in Zucht und flte ihnen Tatkraft ein. Er wollte um jeden
Preis das Land erreichen und versuchte in aller Eile smtliche hohen und
niedrigen Leesegel auf Steuer- und auf Backbord zu hissen, um dem Winde
alle Leinwand zu bieten, die seine Rahen trugen.

Aber diese Manver waren nur mit groer Schwierigkeit auszufhren; es
fehlte an der bewundernswerten Zusammenarbeit, die auf einem
Kriegsschiff so sehr besticht. Obwohl der Othello wie eine Schwalbe
segelte, dank der geschickten Stellung seiner Segel, so kam er doch
anscheinend so wenig auf, da die unglcklichen Franzosen sich einer
holden Illusion hingaben. Als nach unerhrten Anstrengungen infolge
gewandter Manver, die Gomez durch Winke und Befehle angeordnet hatte,
der Sankt Ferdinand von neuem schnell seinem Ziel nherkam, legte
pltzlich der Steuermann durch eine falsche Bewegung des Ruders, die er
wahrscheinlich mit Absicht machte, die Brigg quer. Nun von der Seite
gefat, killten die Segel so heftig, da sie back braten. Die
Klverbume brachen, und das Schiff kam vllig aus dem Kurs. Vor
unaussprechlicher Wut wurde der Kapitn weier als seine Segel. Mit
einem Satz sprang er auf den Steuermann zu und stie so wtend mit dem
Dolche nach ihm, da er denselben wohl verfehlte, doch ihn dabei ins
Meer strzte. Dann packte er selbst das Steuer und versuchte der
schrecklichen Zgellosigkeit Herr zu werden, in die sein braves, mutiges
Schiff versetzt worden war. Trnen der Verzweiflung traten ihm in die
Augen; denn wenn wir durch einen Verrat um einen Erfolg gebracht werden,
den unsere Fhigkeiten errungen haben wrden, so schmerzt uns das tiefer
als selbst ein drohendes Ende. Aber je mehr der Kapitn fluchte, um so
weniger glckte ihm sein Vorhaben. Er scho selbst die Alarmkanone ab,
in der Hoffnung, von der Kste aus gehrt zu werden.

In diesem Augenblick antwortete der Korsar mit einem Kanonenschu,
dessen Kugel zehn Klafter vom Sankt Ferdinand ins Wasser schlug.

Donnerwetter! rief der General. Gut gezielt. Sie haben ausgezeichnete
Karonaden.

O, der! antwortete ein Matrose. Sehen Sie, wenn der spricht, heit's
schweigen. Der Pariser wrde sich vor einem englischen Kriegsschiff
nicht frchten.

Es ist nichts zu machen, rief der Kapitn im Tone der Verzweiflung. Er
hatte sein Fernrohr ans Auge gesetzt und keine Spur von Land
unterscheiden knnen. Wir sind noch weiter von Frankreich entfernt, als
ich gedacht habe.

Warum wollen Sie verzagen? versetzte der General. Alle Ihre
Passagiere sind Franzosen, und denen gehrt die Fracht Ihres Schiffes.
Dieser Korsar ist ein Pariser, sagen Sie? Nun wohl, hissen Sie den
weien Wimpel, und...

Und er wird uns in den Grund bohren, antwortete der Kapitn. Was wird
weiter geschehen, da ihm einmal darum zu tun ist, sich einer reichen
Beute zu bemchtigen?

Ah! wenn er ein Seeruber ist----

Seeruber? rief einer der Matrosen in wildem Tone. Ha, er tritt immer
manierlich auf, und es geht dabei alles ganz ordnungsgem her, wie es
sich gehrt.

Nun gut, rief der General, die Augen zum Himmel aufschlagend, ergeben
wir uns.

Er hatte noch Kraft genug, die Trnen zurckzuhalten.

Als er diese Worte beendet hatte, traf ein zweiter, besser gezielter
Kanonenschu das Hinterteil des Sankt Ferdinand und schlug ein Leck.

Beidrehen! befahl der Kapitn in traurigem Tone.

Und der Matrose, der der Anstndigkeit des Parisers das Wort geredet
hatte, bettigte sich in sehr geschickter Weise bei diesem verzweifelten
Manver.

Die Mannschaft wartete in tiefster Bestrzung eine tdliche halbe Stunde
lang. Der Sankt Ferdinand fhrte vier Millionen Piaster, die das
Vermgen von fnf Passagieren bildeten. Davon betrug das des Generals
eine Million einhunderttausend Frank.

Der Othello, der noch um zehn Flintenschsse entfernt war, zeigte
jetzt deutlich die drohenden Mndungen von zwlf schubereiten Kanonen.
Er flog vor einem Winde hin, den der Teufel eigens fr seine Segel
blasen zu lassen schien; aber das Auge eines geschickten Seemanns konnte
ohne Schwierigkeit das Geheimnis dieser Geschwindigkeit erkennen. Man
brauchte nur einen Augenblick den schlanken, langgestreckten Bau der
Brigg zu betrachten, ihre Schmalheit, die Hhe ihrer Masten, den Schnitt
ihrer Segel, die bewundernswerte Leichtigkeit ihrer Takelage und die
Flottheit, mit der alle ihre Leute, so einmtig, als wenn nur ein
einziger Mensch dort ttig wre, die weie Flche richteten und
ordneten, die ihre Segel darboten.

Alles verriet eine unglaubliche Kraft und Sicherheit an diesem flinken
Geschpf aus Holz, das ebenso rasch, ebenso klug war wie ein Rennpferd
oder ein Raubvogel. Die Mannschaft des Korsaren verhielt sich still und
war bereit, falls sie auf Widerstand stoen sollte, das arme
Handelsschiff zu vernichten, das sich zu seinem Glck ganz ruhig
verhielt, wie ein Schler, den sein Lehrer ber einer Dummheit ertappt
hat.

Wir haben Kanonen! schrie der General und drckte dem spanischen
Kapitn die Hand.

Der letztere warf dem alten Soldaten einen Blick voll Wut und
Verzweiflung zu und sagte zu ihm:

Und die Leute?

Der Marquis betrachtete die Mannschaft des Sankt Ferdinand, und ihn
schauderte. Die vier Handelsleute waren bla und zitterten vor Angst;
whrend die Matrosen sich um einen unter ihnen scharten und sich dem
Anschein nach verabredeten, auf die Seite des Othello zu treten, denn
sie sahen mit begehrlichen Blicken nach dem Korsaren hin. Der erste
Maat, der Kapitn und der Marquis allein tauschten Blicke aus, die eine
einmtige und tapfere Gesinnung verrieten.

Ah, Kapitn Gomez, einstmals habe ich mit vor Kummer erstorbenem Herzen
meinem Vaterland und meiner Familie Lebewohl gesagt. Soll ich sie auch
nun nicht wiedersehen, wo ich eben meinen Kindern die Freude und das
Glck bringen will?

Der General drehte sich um und lie eine Trne der Wut ins Meer fallen.
Dabei erblickte er den Steuermann, der auf den Korsaren zuschwamm.

Diesmal, antwortete der Kapitn, werden Sie ihm ohne Zweifel fr alle
Zeit Lebewohl sagen mssen.

Der Franzose erschrak ber den stumpfsinnigen Blick, den der Spanier ihm
zuwarf. In diesem Augenblick waren die beiden Schiffe fast an Bord; und
beim Anblick der feindlichen Mannschaft glaubte der General an die
unselige Prophezeiung seines Kapitns. Drei Mann standen an jedem
Geschtz. Wenn man ihre athletische Haltung, ihre eckigen Zge, ihre
nackten, sehnigen Arme sah, htte man sie fr Statuen von Bronze halten
knnen. Sie wren im Tode noch auf ihrem Posten geblieben, ohne
umzufallen. Die Matrosen, gut bewaffnet, standen unbeweglich da, aber
man sah ihnen an, wie flink und gewandt sie sein konnten, sobald ein
Befehl sie aus ihrer Starrheit erweckte. Alle diese energischen
Gesichter waren stark von der Sonne verbrannt und von der Arbeit
gehrtet. Ihre Augen leuchteten wie Feuerfunken und verrieten Tatkraft,
Intelligenz und hllische Freude.

Die tiefe Stille, die auf diesem von Menschen und Hten schwarzen
Verdeck herrschte, zeugte fr die unvershnliche Disziplin, unter die
ein gewaltiger Wille diese menschlichen Teufel gezwungen hatte. Der
Anfhrer stand vor dem Hauptmast, ohne Waffen und mit gekreuzten Armen.
Nur ein Beil lag ihm zu Fen. Auf dem Kopfe trug er zum Schutze gegen
die Sonne einen Filzhut mit breiter Krempe, dessen Schatten sein Gesicht
verbarg. Gleich Hunden, die vor ihrem Herrn liegen, sahen Kanoniere,
Soldaten und Matrosen abwechselnd auf den Kapitn und das Handelsschiff.
Als die beiden Briggs zusammenstieen, erweckte die Erschtterung den
Korsaren aus seiner Trumerei, und er sagte einem jungen Offizier, der
zwei Schritt vor ihm stand, ein Wort ins Ohr.

An die Enterhaken! rief der Leutnant.

Und der Sankt Ferdinand wurde von dem Othello mit bewundernswerter
Geschwindigkeit geentert. Gem den Befehlen, die der Korsar mit leiser
Stimme erteilte und der Leutnant wiederholte, gingen die Leute, wie
Seminaristen, wenn sie zur Messe gehen, an Bord der Prise, fesselten die
Matrosen und Passagiere und bemchtigten sich der Schtze. In einem
Augenblick waren die Tonnen voll Piastern, die Lebensmittel und die
Mannschaft vom Sankt Ferdinand auf das Verdeck des Othello gebracht
worden.

Der General glaubte im Banne eines Traumes zu stehn, als ihm die Hnde
gefesselt und er auf einen Ballen geworfen wurde, ganz als ob er selber
nur ein Stck Ware sei. Eine Beratung fand zwischen dem Korsaren, dem
Leutnant und einem Matrosen statt, der den Posten eines ersten Maats zu
haben schien. Als die Unterredung, die nur kurze Zeit whrte, zu Ende
war, rief der Matrose durch einen Pfiff seine Leute herbei. Er erteilte
ihnen einen Befehl, und sie sprangen alle auf den Sankt Ferdinand,
kletterten am Tauwerk in die Hhe und begannen, das Schiff seiner Rahen,
Segel und Takelage zu berauben, mit der gleichen Geschwindigkeit, mit
der ein Soldat auf dem Schlachtfelde einen toten Kameraden entkleidet,
dessen Schuhe und Mantel ihm begehrenswert erschienen sind.

Wir sind verloren, sagte zum Marquis der spanische Kapitn, der mit
den Blicken die Gebrden der drei Anfhrer whrend ihrer Beratung und
die Bewegungen der Matrosen verfolgt hatte, die die regelrechte
Plnderung seiner Brigg vornahmen.

Wieso? fragte der General gelassen.

Was denken Sie, was sie mit uns machen werden? versetzte der Spanier.
Sie haben ohne Zweifel erkannt, da sie den Sankt Ferdinand nicht gut
in den Hfen von Frankreich und Spanien verkaufen knnen, und so wollen
sie ihn nun versenken, um ihn los zu werden. Und was uns betrifft,
glauben Sie, sie werden sich damit befassen, uns durchzufttern, da sie
nicht wissen, an welchem Hafen sie uns absetzen knnten?

Kaum hatte der Kapitn diese Worte beendet, als der General ein
entsetzliches Geschrei und den dumpfen Fall mehrerer Krper hrte, die
man ins Meer warf. Er wandte sich um und sah die vier Handelsleute nicht
mehr. Acht Kanoniere mit wilden Gesichtern standen noch mit in die Luft
gereckten Armen da, als der Soldat mit Entsetzen zu ihnen hinsah.

Habe ich's Ihnen nicht gesagt? meinte der spanische Kapitn trocken.

Der Marquis erhob sich rasch. Das Meer war schon wieder ruhig geworden.
Er sah nicht einmal mehr die Stelle, wo seine unglcklichen Gefhrten
verschwunden waren. Mit zusammengebundenen Hnden und Fen lagen sie
wohl schon am Grunde der See, wenn nicht Haifische sie zerrissen hatten.

Ein paar Schritte von ihm schlossen der treulose Steuermann und der
Matrose des Sankt Ferdinand, der vorhin die Macht des Pariser Kapitns
gerhmt hatte, Brderschaft mit den Piraten und bezeichneten mit dem
Finger diejenigen von den Seeleuten der Brigg, die nach ihrer Meinung
wrdig waren, in die Mannschaft des Othello eingereiht zu werden. Den
andern fesselten zwei Schiffsjungen trotz der grlichen Verwnschungen,
die sie ausstieen, die Fe.

Als die Auswahl beendet war, packten die acht Kanoniere die Verurteilten
und warfen sie ohne Umstnde ins Meer. Die Korsaren betrachteten mit
boshafter Neugierde die verschiedenen Bewegungen der Unglcklichen, wie
sie hinabfielen, was fr Gesichter sie schnitten, wie ihr letzter
Todeskampf verlief. Aber ihre Zge verrieten weder Hohn, noch Schreck,
noch Mitleid. Es war fr sie eine ganz einfache Sache, an die sie
gewhnt waren.

Die lteren unter ihnen betrachteten daher auch lieber mit einem
finstern, verhaltenen Lcheln die mit Piastern gefllten Tonnen, die vor
dem Hauptmast standen. Der General und Kapitn Gomez saen auf einem
Warenballen und sahen sich fragend an. Sie waren nun noch die einzigen,
die von der Mannschaft des Sankt Ferdinand noch am Leben waren. Die
sieben Matrosen, die von den beiden Verrtern ausgewhlt worden waren,
hatten sich inzwischen schon zu frhlichen Piraten umgewandelt.

Was fr schndliche Kerle! rief pltzlich der General, und eine
gerechte, edelmtige Entrstung lie ihn seinen Kummer und die Vorsicht
vergessen.

Sie gehorchen der Notwendigkeit, antwortete Gomez ruhig. Wenn Sie
einem dieser Menschen einmal wieder begegneten, wrden Sie ihm nicht
Ihren Degen durch den Leib rennen?

Kapitn, sagte der Leutnant, sich an den Spanier wendend, der Pariser
hat von Ihnen sprechen hren. Sie sind, sagt er, der einzige, der die
Antillendurchfahrt und die brasilianische Kste genau kennt. Wollen
Sie--?

Der Kapitn unterbrach den Leutnant mit einem Ausruf der Verachtung und
antwortete:

Ich werde den Seemannstod erleiden als treuer Spanier und Christ --
verstehst du?

Ins Meer mit ihm! rief der junge Mann.

Auf diesen Befehl packten zwei Kanoniere Gomez.

Ihr seid feige Hunde! schrie der General und versuchte die Korsaren
zurckzuhalten.

Alter, sagte der Leutnant zu ihm, regen Sie sich nicht auf. Wenn Ihr
rotes Band am Knopfloch auch auf unsern Kapitn einigen Eindruck macht,
ich lchle darber. Auch wir beide werden sogleich eine kleine
Unterhaltung miteinander haben.

In diesem Augenblick verkndete ein dumpfer Fall, in den kein Laut der
Klage sich mischte, dem General, da der wackere Gomez den Seemannstod
erlitten hatte.

Mein Geld oder den Tod! schrie er in einem furchtbaren Wutanfall.

Ah, Sie sind vernnftig, antwortete der Korsar spttisch. Sie wissen
nun doch, da Sie eins von beiden bestimmt von uns erhalten werden...

Auf ein Zeichen des Leutnants eilten zwei Matrosen herbei, um dem
Franzosen die Fe zusammenzubinden. Aber der General stie sie mit
einer unerwarteten Khnheit zurck, befreite sich mit fast
bermenschlicher Gewalt von dem Strick, womit seine Hnde gefesselt
waren, ri mit einer Bewegung, mit der niemand gerechnet hatte, den
Sbel an sich, den der Leutnant an der Seite trug, und begann mit der
Gewandtheit eines alten Kavalleristen, der sein Handwerk versteht, zu
fechten.

Ha, Briganten! Ihr sollt einen alten Soldaten Napoleons nicht wie eine
Auster ins Meer werfen!

Pistolenschsse, auf den um sich schlagenden Franzosen abgefeuert,
lenkten die Aufmerksamkeit des Parisers auf diese Szene, der inzwischen
die dem Sankt Ferdinand geraubte Takelage auf sein Schiff hatte
herberschaffen lassen. Kaltbltig packte er nun den mutigen General von
hinten, hob ihn rasch empor, schleppte ihn an den Bordrand und war im
Begriff, ihn wie eine unbrauchbare Spiere ins Wasser zu werfen.

In diesem Augenblick sah der General in das wilde Auge des Mannes, der
seine Tochter entfhrt hatte. Der Vater und der Schwiegersohn erkannten
sich auf der Stelle. Der Kapitn gab seiner Bewegung pltzlich eine
andere Richtung, und statt den General ins Meer zu werfen, stellte er
ihn in raschem Schwunge, als wenn der schwere Mann gar nichts gewogen
htte, vor den Hauptmast. Ein Murmeln erhob sich auf dem Verdeck. Aber
der Korsar warf seinen Leuten nur einen Blick zu, worauf tiefstes
Schweigen eintrat.

Es ist Helenens Vater, sagte der Kapitn mit klarer, fester Stimme.
Wehe dem, der es an Achtung gegen ihn fehlen lt!

Ein freudiges Geschrei erklang auf dem Verdeck und stieg gen Himmel, wie
ein Gebet in einer Kirche, wie der ernste Ruf des Tedeums. Die
Schiffsjungen schaukelten sich im Tauwerk, die Matrosen warfen die
Mtzen in die Luft, die Kanoniere trampelten mit den Fen, alles war in
Bewegung, schrie, pfiff und fluchte. Diese Heiterkeit hatte etwas so
Fanatisches an sich, da der General unruhig und beklommen wurde. Er
schrieb den Aufruhr einem entsetzlichen Geheimnis zu, und sein erster
Ruf, als er die Sprache wiederfand, war das Wort:

Meine Tochter! Wo ist sie?

Der Korsar warf dem General einen jener tiefen Blicke zu, die, ohne da
man sich's erklren konnte, die unerschrockensten Seelen niederwarfen,
und der Soldat verstummte, zur groen Befriedigung der Matrosen, die
sich darber freuten, da ihr Fhrer ber alle Menschen Gewalt zu haben
schien. Dann fhrte der Ruber ihn an eine Treppe, hie ihn
hinabsteigen, brachte ihn vor die Tr einer Kabine, ffnete sie rasch
und sagte:

Sie ist hier.

Dann verschwand er, whrend der alte Haudegen verblfft das Bild
betrachtete, das sich seinen Blicken bot. Als Helene die Tr des Gemachs
so ungestm ffnen hrte, war sie von dem Divan aufgestanden, auf dem
sie lag. Doch nun erblickte sie den Marquis und stie einen Schrei der
berraschung aus. Sie war so verndert, da es des Auges eines Vaters
bedurfte, um sie zu erkennen. Die Tropensonne hatte sie noch schner
gemacht. Ihr weies Gesicht war braun geworden und hatte ein wunderbares
Kolorit erhalten, das ihr einen Ausdruck orientalischer Poesie verlieh.
Dieses Antlitz trug den Stempel der Gre, Majestt, Energie und einer
Seelentiefe, die auf die rohesten Gemter Eindruck machen mute.

Ihr langes, berreiches Haar fiel in dicken Locken auf einen vornehmen
Hals und gab dem Stolz dieses Gesichts einen machtvollen Rahmen. In
ihrer Haltung und Gebrde verriet Helene, da sie sich ihrer Macht auch
vollauf bewut war. Eine an Triumph grenzende Zufriedenheit blhte
leicht ihre rosafarbenen Nasenflgel, und ihr ruhiges Glck erkannte man
allein schon daran, in welchem Mae ihre Schnheit sich entfaltet hatte.

Dabei hatte sie gleichzeitig doch eine unsagbare jungfruliche Weichheit
an sich und jenen besonderen Stolz, der allen denen eigen ist, die sich
ber alles geliebt wissen. Sklavin und Herrscherin zugleich, wollte sie
gern gehorchen, da sie regieren konnte.

Sie war mit einer Pracht gekleidet, die der Anmut und Vornehmheit nicht
ermangelte. Ihre ganze Toilette bestand aus indischem Musselin; der
Diwan und die Kissen waren von Kaschmir, und ein persischer Teppich
bedeckte den Boden der gerumigen Kabine. Ihre vier Kinder spielten zu
ihren Fen und bauten sich phantastische Schlsser aus
Perlenhalsbndern, aus kostbaren Schmucksachen, aus wertvollen
Gegenstnden. Ein paar Vasen aus Svresporzellan, von Madame Jaquotot
bemalt, enthielten seltene, duftende Blumen: Jasmin aus Mexiko und
Kamelien. Zwischen diesen Blumen flatterten gezhmte kleine Vgel aus
Amerika herum, die in ihrer Buntfarbigkeit Rubinen, Saphiren und
lebendigem Golde glichen.

Ein Piano stand in diesem Salon, und an den Wnden hingen hier und dort
Bilder, die nicht gro waren, aber von den besten Malern herrhrten: ein
Sonnenuntergang von Hippolyt Schinner neben einem Ter Borch, eine
Heilige Jungfrau von Raphael neben einer Skizze von Gricault; ein
Gerard Dow neben Portrtmalern des Kaiserreichs.

Auf einem Lacktisch befand sich eine goldene Schssel voll kstlicher
Frchte. Kurz, Helene schien die Knigin eines groen Reiches zu sein,
und ihr gekrnter Gemahl schien in diesem Boudoir die schnsten Dinge
der Erde zusammengetragen zu haben.

Die Kinder sahen ihren Grovater neugierig an; gewohnt, wie sie waren,
an Kampf und Lrm, glichen sie den kleinen neugierigen, nach Krieg und
Blut lsternen Rmerkindern, die David auf seinem Gemlde Brutus
dargestellt hat.

Wie ist das mglich? rief Helene und fate ihren Vater an, um sich von
der Leibhaftigkeit dieser Erscheinung zu berzeugen.

Helene! -- Mein Vater!

Sie sanken einander in die Arme, doch die Umarmung des Greises war die
weniger starke und liebevolle.

Sie waren auf diesem Schiffe?

Ja, antwortete er traurig, setzte sich auf den Diwan und betrachtete
die Kinder, die sich in naiver Wibegierde um ihn scharten. Ich wre
nicht mehr am Leben, wenn nicht--

Wenn nicht mein Mann gewesen wre, unterbrach sie ihn. Ich errate
es.

Ach! rief der General, warum mu ich dich wiederfinden, Helene, dich,
die ich so sehr beweint habe! Ich werde also alle Zeit dein Schicksal zu
beklagen haben!

Warum? fragte sie lchelnd. Werden Sie nicht zufrieden sein, wenn Sie
erfahren, da ich die glcklichste aller Frauen bin?

Glcklich! rief er und sprang erstaunt auf.

Ja, mein guter Vater, fuhr sie fort, ergriff seine Hnde, drckte sie
auf ihren wogenden Busen und sah ihn mit vor Freude funkelnden Augen an.

Und inwiefern glcklich? fragte er, neugierig, das Leben seiner
Tochter kennen zu lernen. Vor diesem strahlenden Angesicht verga er
alles andere.

Hren Sie, mein Vater, antwortete sie, ich habe zum Geliebten, zum
Gatten, zum Diener, zum Herrn einen Mann, dessen Seele ebenso gro ist
wie dieses grenzenlose Meer, ebenso unerschpflich an Milde, wie der
Himmel. Kurz, er ist ein Gott! Seit sieben Jahren ist ihm niemals ein
Wort, ein Gefhl, eine Gebrde entschlpft, die einen Miklang in die
gttliche Harmonie seiner Rede, seiner Liebkosungen und seiner Liebe
htten bringen knnen. Er hat mich immer nur mit einem freundlichen
Lcheln auf den Lippen und mit freudestrahlenden Augen angesehen. Dort
oben bertnt seine donnernde Stimme oft das Heulen des Sturms oder den
Kampfeslrm. Aber hier ist sie sanft und klangvoll wie die Musik
Rossinis, dessen Werke mir vor kurzem geschenkt worden sind. Alles, was
die Laune einer Frau sich nur ersinnen kann, bekomme ich. Ja, meine
Wnsche werden oft noch berboten. Kurz, ich gebiete ber das Meer, und
man gehorcht mir dort wie einer Herrscherin. -- O, glcklich! fuhr sie
fort, sich selbst unterbrechend, glcklich ist nicht der richtige
Ausdruck fr mein Glck. Mein Glck ist anders als das aller Frauen.
Eine Liebe zu fhlen, eine grenzenlose Hingebung zu dem, den man liebt,
und in seinem Herzen eine ebenso grenzenlose Liebe zu finden, eine immer
sich gleiche Liebe, in der die Seele der Frau sich baden kann -- sagen
Sie, ist das nicht Glck? Hier bin ich Gebieterin. Noch nie hat ein
Geschpf meines Geschlechts den Fu auf dieses edle Schiff gesetzt, wo
Victor nur ein paar Schritte von mir entfernt ist. -- Er kann sich von
mir immer nur so weit entfernen wie bis zum Heck oder zum Bug, fuhr sie
mit einer feinen Schelmerei fort, und sieben Jahre! eine Liebe, die
sieben Jahre lang so innig bleibt, die sieben Jahre lang fast alle
Augenblicke eine Probe zu bestehen hatte -- ist das nicht Liebe? Ja, es
ist weit, weit mehr noch als Liebe! Es ist das Herrlichste, das ich mein
Leben lang kennen gelernt habe! Die menschliche Stimme hat keine
Ausdrcke fr ein himmlisches Glck.

Ein Trnenstrom entrann ihren brennenden Augen. Die vier Kinder stieen
ein klgliches Geschrei aus und liefen herbei, wie Kchlein die Mutter
umringend. Der lteste Knabe schlug nach dem General und warf ihm
drohende Blicke zu.

Abel, sagte sie, mein Engel, ich weine ja doch vor Freude.

Sie nahm ihn auf die Knie; das Kind liebkoste sie zutraulich, indem es
die Arme um den majesttischen Hals Helenens schlang, wie ein kleiner
Lwe, der mit seiner Mutter spielen will.

Und du hast keine Langeweile? rief der General, betubt von der
berschwenglichen Antwort seiner Tochter.

Doch, antwortete sie. Wenn wir mal an Land gehen; denn auch dann
verlasse ich meinen Mann nie.

Aber du liebtest doch Festlichkeiten, Blle, Musik?

Musik -- das ist seine Stimme; meine Festlichkeiten -- das sind die
Stunden, zu denen ich mich fr ihn schmcke. Wenn ich ihm in meinem Putz
gefalle, ist's dann nicht, als ob die ganze Erde mich bewunderte? Und
deshalb allein werfe ich diese Diamanten, diese Halsbnder, diese
Diademe von Edelsteinen, diese Reichtmer, diese Blumen, diese
Meisterwerke der Knste nicht ins Meer. Er bringt sie mir in Flle und
sagt dann immer: >Helene, da du nicht in die Welt gehst, soll die Welt
zu dir kommen.<

Aber auf diesem Schiffe gibt es Menschen -- entsetzliche, tollkhne
Menschen, die in ihrer wilden Leidenschaft...

Ich verstehe Sie, mein Vater, sagte sie lchelnd. Doch beruhigen Sie
sich. Selbst eine Kaiserin ist noch nie so ehrerbietig behandelt worden
wie ich. Diese Leute sind aberglubisch; sie glauben, ich sei der
Schutzgeist dieses Fahrzeugs, ihrer Unternehmungen und Erfolge. Und dann
ist er ein Gott fr sie. Eines Tages -- ein einziges Mal -- lie ein
Matrose es an Achtung gegen mich fehlen ... nur in Worten, setzte sie
lachend hinzu. Ehe Victor es erfahren konnte, warfen die Leute den Mann
ins Meer, obwohl ich ihm Verzeihung gewhrte. Sie lieben mich wie ihren
guten Engel, ich pflege sie, wenn sie krank sind, und habe schon das
Glck gehabt, durch die Ausdauer weiblicher Sorge ein paar von ihnen vom
Tode zu erretten. Diese armen Menschen sind zugleich Riesen und Kinder.

Und wenn Kmpfe stattfinden?

Daran bin ich gewhnt, antwortete sie. Nur das erstemal habe ich
gezittert. Jetzt ist meine Seele gegen diese Gefahr gefeit, und dann --
ich bin doch Ihre Tochter, setzte sie hinzu, ich liebe sogar den
Kampf.

Und wenn er den Tod fnde?

So wrde ich mit ihm sterben.

Und deine Kinder?

Sie sind Shne des Meers und der Gefahr, sie teilen das Leben ihrer
Eltern ... Unser Dasein ist eines und unteilbar. Wir fhren alle das
gleiche Leben, sind durch ein und denselben Eid aneinander gebunden und
an ein und dasselbe Lebensschiff gefesselt -- das wissen wir wohl.

Du liebst ihn also so sehr, da du ihn allem andern vorziehst?

Allem, antwortete sie. Doch dringen wir nicht in dieses Geheimnis
ein. Sehen Sie dieses teure Kind an! Es ist sein Ebenbild.

Sie prete Abel mit groem Ungestm an sich und drckte ihm
leidenschaftliche Ksse auf die Wangen und auf das Haar...

Aber, rief der General, ich werde nie vergessen knnen, da er eben
neun Menschen hat ins Meer werfen lassen.

So mute es eben sein, antwortete sie, denn er ist menschlich und
edelmtig. Er vergiet so wenig Blut wie mglich, nur da er unter allen
Umstnden fr die Erhaltung und die Interessen der kleinen Welt sorgen
mu, die er beschtzt, und die heilige Sache nicht vernachlssigen darf,
der er sich gewidmet hat. Sprechen Sie mit ihm ber das, was Ihnen
unrecht erscheint, und Sie werden sehen, er wird Sie zu einer andern
Meinung bekehren.

Und sein Verbrechen? sagte der General, wie mit sich selbst redend.

Aber, versetzte sie mit kalter Wrde, wenn das nun eine tugendhafte
Tat war? Wenn die Justiz der Menschen ihm die Rache versagte?

So darf man sich nicht selbst rchen! rief der General.

Was ist denn die Hlle anders, fragte sie, als eine ewige Rache fr
die paar Snden eines einzigen Tages?

Ah! Du bist verloren, er hat dich in Bann geschlagen, dich verwandelt,
dich verdorben. Deine Vernunft ist aus den Fugen.

Nein, mein Vater, glauben Sie das nicht; denn wenn Sie ihn nur anhren,
ansehen wollten, so werden Sie ihn lieben.

Helene, sagte der General ernst, wir sind nur noch wenige Meilen von
Frankreich entfernt.

Sie zitterte, dann sah sie zu den Fenstern der Kajte hinaus und zeigte
auf das Meer, das dort seine unermelichen Savannen grnen Wassers
ausbreitete.

Das ist meine Heimat, antwortete sie und klopfte mit der Fuspitze auf
den Teppich.

Willst du nicht mitkommen, deine Mutter, deine Schwester, deine Brder
wiedersehen?

O ja, sagte sie, mit Trnen in der Stimme, wenn er es will und mich
begleitet.

So hast du nichts mehr, Helene, versetzte der Soldat streng, weder
Heimat noch Familie?

Ich bin sein Weib, versetzte sie mit Stolz und Adel. Dies ist seit
sieben Jahren das erste Glck, das nicht von ihm kommt, setzte sie
hinzu, ergriff die Hand ihres Vaters und kte sie, und es ist auch der
erste Tadel, den ich hren mu.

Und dein Gewissen?

Mein Gewissen -- ist er.

In diesem Augenblick zitterte sie heftig.

Da kommt er, sagte sie. Selbst in einem Kampfe erkenne ich unter
allen Schritten den seinen heraus, wenn er ber das Verdeck eilt.

Pltzlich frbte eine Rte ihre Wangen blutrot, lie ihre Zge sich
aufhellen und strahlen, lie ihre Augen flammen. Glck und Liebe sprach
aus all ihren Zgen, aus den blulichen Adern, die leicht hervortraten,
und aus dem unwillkrlichen Zittern ihres ganzen Krpers. Diese
tiefinnere Bewegung rhrte den General.

In der Tat erschien einen Moment spter der Korsar, setzte sich auf
einen Fauteuil, nahm seinen ltesten Sohn zu sich und begann mit ihm zu
spielen. Ein Weilchen herrschte Schweigen; denn der General versank in
einen Zustand, der etwas Traumhaftes an sich hatte, und betrachtete
diese elegante Kabine, in der diese Familie seit sieben Jahren zwischen
dem Himmel und dem Meere dahinschwamm, von der starken Hand eines Mannes
durch die Gefahren des Kampfes und des Sturms gefhrt, wie im Leben ein
Hausstand von dem Familienvater mitten durch das soziale Elend
hindurchgesteuert wird.

Er betrachtete mit Bewunderung seine Tochter, das phantastische Abbild
einer Meeresgttin, mild an Schnheit, reich an Glck. Die Schtze ihrer
Seele, das Leuchten ihrer Augen und die unbeschreibliche Poesie ihrer
Person berstrahlten alle Schtze, die sie umgaben.

Diese Verhltnisse waren von einer Seltsamkeit, die ihn verblffte, und
alle Gefhle und Gedanken schienen hier auf eine so erhabene Hhe
gehoben, da die alltglichen Ideen umgeworfen wurden und keine Geltung
mehr hatten. Die kalten, kleinlichen Berechnungen der Gesellschaft
erloschen vor diesem Gemlde.

Der alte Soldat fhlte das alles und begriff auch, da seine Tochter ein
so vielgestaltiges, an Kontrasten und Eindrcken so reiches Leben, das
von einer so wahren Liebe ausgefllt wurde, niemals aufgeben wrde. Da
sie nun einmal der Gefahr getrotzt hatte, ohne davor zurckzuschrecken,
so konnte sie nun nicht mehr in die kleinlichen Szenen der lppischen,
dnkelhaften Welt zurckkehren.

Bin ich Ihnen hier im Wege? fragte der Korsar, indem er das Schweigen
brach und auf seine Frau blickte.

Nein, antwortete ihm der General. Helene hat mir alles gesagt. Ich
sehe, sie ist fr uns verloren.

Nein, antwortete der Korsar lebhaft, noch ein paar Jahre, dann ist
meine Tat verjhrt, und ich werde nach Frankreich zurckkehren knnen.
Wenn das Gewissen rein ist und der Versto gegen eure gesellschaftlichen
Gesetze nur zurckzufhren war auf...

Er schwieg, denn er verschmhte es, sich zu rechtfertigen.

Fhlen Sie in diesem Augenblick, fragte der General, ihn
unterbrechend, keine Reue ber die neuen Mordtaten, die Sie unter
meinen Augen begangen haben?

Wir hatten keine Lebensmittel mehr, antwortete der Korsar ruhig.

Aber dann konnten Sie diese Leute in einem Boot die Kste erreichen
lassen--

So htten sie uns ein Kriegsschiff auf den Hals gehetzt, das uns den
Rckweg abgeschnitten htte, und wir wrden nicht nach Chile entkommen
knnen.

Ehe diese Leute von Frankreich aus die spanische Admiralitt
benachrichtigten, konnten Sie lngst...

Schon in Frankreich knnte man Ansto daran nehmen, da ein Mann, der
noch vom Gericht gesucht wird, sich einer Brigg bemchtigt hat, deren
Fracht Einwohnern von Bordeaux gehrte. brigens, haben Sie auf dem
Schlachtfelde nicht auch manchmal ein paar Kanonenschsse zu viel
abgefeuert?

Wiederum eingeschchtert durch den Blick des Korsaren, schwieg der
General, und seine Tochter betrachtete ihn mit einer Miene, die in
gleichem Mae Triumph wie Betrbnis ausdrckte.

General, sagte der Korsar mit tiefer Stimme, ich habe es mir zum
Gesetz gemacht, niemals etwas von der Beute beiseite zu bringen. Aber
ohne Zweifel ist mein Anteil an dem gesamten Gewinn betrchtlicher, als
Ihr Vermgen gewesen ist. Erlauben Sie mir, es Ihnen in anderm Gelde
zurckzuerstatten--

Er nahm aus dem Kasten des Pianos ein Pack Banknoten, zhlte die Scheine
nicht erst und legte etwa eine Million in die Hnde des Generals.

Sie begreifen, fuhr er fort, ich habe kein Verlangen, mir die
Miggnger auf den Straen von Bordeaux anzusehen. Andererseits soll
aber auch durch die reizvollen Gefahren unsers Zigeunerlebens, durch die
Szenerie des sdlichen Amerika, durch unsere tropischen Nchte, durch
unsere Schlachten und durch das Vergngen, die Flagge einer jungen
Nation oder eines Simon Bolivar zum Siege zu fhren, Ihre
Vaterlandsliebe nicht zum Wanken gebracht werden. Wir mssen uns also
trennen. Eine Schaluppe und zuverlssige Leute werden Sie begleiten.
Hoffen wir auf ein drittes und dann glcklicheres Zusammentreffen.

Victor, ich mchte noch einen Augenblick mit meinem Vater sprechen,
sagte Helene in schmollendem Tone.

In zehn Minuten kann uns eine franzsische Fregatte auf den Fersen
sein. Doch, mir soll's recht sein! Wir werden ein Tnzchen auffhren.
Meine Leute--

O, gehen Sie, mein Vater! rief die Frau des Seemanns, und bringen Sie
meiner Schwester, meinen Brdern und -- und meiner Mutter, setze sie
hinzu, diese Pfnder des Andenkens.

Sie nahm eine Handvoll kostbarer Steine, Halsbnder und Schmucksachen,
wickelte sie in einen Kaschmirschal und bot sie schchtern dem Vater an.

Was soll ich ihnen von dir sagen? fragte er und schien betroffen, da
seine Tochter so auffllig gestockt hatte, ehe sie das Wort Mutter
aussprach.

O, knnen Sie an meiner Seele zweifeln? Ich bete tglich um Ihrer aller
Glck.

Helene, antwortete der Greis und sah sie aufmerksam an, soll ich dich
nicht mehr wiedersehen? Werde ich niemals den wahren Beweggrund deiner
Flucht erfahren?

Dieses Geheimnis gehrt nicht mir, sagte sie in ernstem Tone. Und
htte ich das Recht, es Ihnen mitzuteilen, so wrde ich es vielleicht
dennoch nicht sagen. Ich habe zehn Jahre lang unerhrtes Unrecht
erlitten...

Sie sprach nicht weiter und streckte dem Vater die Kostbarkeiten hin,
die sie fr ihre Angehrigen bestimmt hatte. Der General war vom Kriege
her gewhnt, im Punkte der sogenannten Beute ein weites Gewissen zu
haben, und nahm die Geschenke an, die die Tochter ihm bot. Er dachte bei
sich, da unter der Einwirkung einer so reinen und erhabenen Seele, wie
Helene sie besa, der Pariser Kapitn ein ehrlicher Mensch bleiben und
sich darauf beschrnken wrde, gegen die Spanier zu kmpfen.

Er lie sich daher von seiner alten Vorliebe fr alle Tapferkeit
hinreien. berdies, dachte er sich, wre es auch lcherlich gewesen,
sich zugeknpft zu verhalten; er drckte somit dem Korsaren kraftvoll
die Hand, kte seine Helene, seine einzige Tochter, mit der den
Soldaten eigenen Herzhaftigkeit und lie eine Trne auf das Gesicht
fallen, dessen stolzer, fast mannhafter Ausdruck ihm mehr als einmal
zugelchelt hatte.

Der Seemann hielt ihm gerhrt seine Kinder hin, da er sie segne.
Endlich sagten sie sich alle mit einem letzten, langen Blick voll
Zrtlichkeit Lebewohl.

Seid allzeit glcklich! rief der General und eilte aufs Verdeck.

Auf der See bot sich dem General ein seltsames Schauspiel. Der in Brand
gesteckte Sankt Ferdinand loderte wie ein riesiges Strohfeuer. Die
Matrosen, die damit beauftragt worden waren, die spanische Brigg zu
versenken, hatten an Bord eine Ladung von Rum entdeckt, davon man auf
dem Othello reichlichen Vorrat fhrte, und sie fanden es nun spahaft,
mitten auf dem Meer eine groe Punschbowle anzuznden.

Fr Leute, die die anscheinende Eintnigkeit des Ozeans alle
Gelegenheiten ergreifen lie, um eine Abwechslung in ihr Leben zu
bringen, war das eine verzeihliche Zerstreuung. Als der General von der
Brigg in die Schaluppe des Sankt Ferdinand stieg, die mit sechs
krftigen Matrosen bemannt wurde, war seine Aufmerksamkeit unwillkrlich
zwischen dem Brande des spanischen Schiffs und seiner Tochter geteilt,
die an der Seite des Korsaren stand. Beide waren auf das Heck ihres
Fahrzeugs getreten.

Bestrmt von einem Heere von Erinnerungen, sah er nun das weie Kleid
Helenens leicht wie ein Schleier im Winde wehen, sah gegen den
Hintergrund von Meer und Himmel diese schne, hehre Gestalt, die ihre
ganze Umgebung, ja die weite Flut selbst zu beherrschen schien -- und da
verga er mit der Sorglosigkeit eines alten Soldaten, der ber Berge von
Leichen geritten war, da er auf dem Grabe des wackeren Gomez schwamm.

ber ihm erhob sich eine ungeheure Rauchsule, wie eine braune Wolke,
und die Sonne durchdrang sie hier und dort und erleuchtete sie in
poetischem Schimmer. Es war ein zweiter Himmel, ein finsterer Dom, unter
dem es zuckte und glhte und ber den sich der unabnderliche Azur des
Firmaments wlbte, das durch diese flchtige Gegenberstellung nur noch
tausendmal schner erschien.

Die bizarren Farben dieses Rauchs, abwechselnd gelb, goldig, rot,
schwarz, dunstig durcheinander gemischt, berzogen das Schiff; es
knisterte, krachte und kreischte. Die Flamme zischte, das Tauwerk
zerfressend, und lief in dem Fahrzeug herum, wie ein Volksaufstand durch
die Straen einer Stadt luft.

Der Rum erzeugte blaue Flammen, die auf und nieder tanzten, als wenn der
Genius des Meers diesen rasenden Likr angesteckt htte, gerade wie die
Hand eines Studenten bei einer Zecherei das lustige Feuerwerk eines
Punsches spielen lt. Allein die Sonne mit ihrer noch gewaltigen
Leuchtkraft, eiferschtig auf diesen dreist auflodernden Schein, lie in
ihren hellen Strahlen kaum das Farbenspiel dieses Brandes erkennen.

Der Othello bentzte, um sich zu entfernen, den geringen Wind, den er
auf seinem neuen Kurse auffangen konnte, und neigte sich bald nach der
einen, bald nach der andern Seite, wie ein Papierdrache, der in den
Lften schaukelt.

Die schne Brigg nahm geradeswegs Kurs nach Sden, und bald verschwand
sie den Blicken des Generals im phantastischen Schatten von Wolken, bald
zeigte sie sich wieder, anmutig ber die Flut dahingleitend.

Jedesmal, wenn Helene ihren Vater sehen konnte, winkte sie mit dem
Taschentuche noch einen Gru herber. Binnen kurzem versank der Sankt
Ferdinand und rief einen Strudel hervor, der sich aber bald auf der
weiten Meeresflche verlaufen hatte. Von der ganzen Szene war nun nichts
mehr zu sehen, als eine Rauchwolke, die vom Winde hinweggetragen wurde.
Der Othello war schon fern. Die Schaluppe nherte sich dem Lande, und
die Wolke schob sich zwischen das kleine Fahrzeug und die Brigg. Zum
letztenmal sah der General seine Tochter durch eine Spalte, die der Wind
in den schwimmenden Rauch ri.

Eine prophetische Vision! Das weie Taschentuch und das weie Kleid
allein hoben sich gegen diesen dunkeln Hintergrund ab. Zwischen dem
grnen Wasser und dem blauen Himmel war die Brigg selbst nicht mehr zu
sehen. Helene war nur noch ein kaum erkenntlicher Punkt, eine zarte, von
allem andern losgelste Linie, ein Engel im Himmel, eine Idee, eine
Erinnerung.

                   *       *       *       *       *

Nachdem der Marquis den Reichtum seiner Familie wiederherstellt hatte,
starb er, von den groen Anstrengungen der letzten Jahre aufgerieben.
Wenige Jahre nach seinem Tode mute die Marquise mit Moina in ein Bad
der Pyrenen fahren. Das launenhafte Kind wollte die Schnheiten dieser
Berge kennen lernen. Als sie von einem Ausflug ins Gebirge nach dem
Bade zurckkehrten, trug sich folgende Szene zu:

Mein Gott, sagte Moina, wir sind tricht gewesen, Mama, da wir nicht
noch ein paar Tage lnger in den Bergen geblieben sind. Wir wren dort
besser aufgehoben gewesen als hier. Hast du das fortgesetzte Jammern
dieses verwnschten Kindes und das Geplrr dieser unglcklichen Frau
gehrt, die ohne Zweifel lauter Kauderwelsch zusammenredet, denn ich
habe noch kein Wort von dem, was sie sagt, verstanden. Was fr eine
Sorte Menschen hat man uns da zu Nachbarn gegeben? Diese Nacht war eine
der schrecklichsten, die ich in meinem Leben zugebracht habe!

Ich habe nichts gehrt, antwortete die Marquise, aber ich werde die
Wirtin aufsuchen, mein liebes Kind, und mir die Stube nebenan ausbitten.
Dort werden wir ungestrt sein und keinen Lrm mehr hren. Wie fhlst du
dich heute morgen? Bist du abgespannt?

Bei diesen Worten war die Marquise aufgestanden, um an Moinas Bett zu
treten.

La sehen, sagte sie zu ihr und suchte nach der Hand der Tochter.

O, la mich, Mutter, antwortete Moina, du bist kalt.

Indem sie so sprach, drehte sie sich schmollend auf dem Kopfkissen
herum, aber die Bewegung war trotzdem so anmutig, da eine Mutter sich
nicht wohl dadurch gekrnkt fhlen konnte. In diesem Augenblick erscholl
in dem Nachbarzimmer ein Klagelaut, so langgezogen und innig, da ein
Frauenherz davon tief gerhrt werden mute.

Aber wenn du das die ganze Nacht mitangehrt hast, warum hast du mich
dann nicht geweckt? Wir htten----

Jetzt unterbrach ein lautes Sthnen die Marquise, und sie rief:

Da stirbt jemand.

Und sie ging rasch hinaus.

Schicke mir Pauline, rief Moina, ich will mich anziehen.

Die Marquise ging sogleich hinunter und fand die Wirtin im Hofe,
zwischen mehreren Leuten, die ihr aufmerksam zuzuhren schienen.

Frau Wirtin, Sie haben jemand neben uns einquartiert, und diese Person
scheint sehr viel zu leiden--

Ach, sprechen Sie nicht davon! rief die Wirtin. Ich habe eben nach
dem Brgermeister geschickt. Stellen Sie sich nur vor, es ist eine Frau,
eine arme Unglckliche, die gestern abend zu Fu angekommen ist, von
Spanien her. Sie hat keinen Pa und kein Geld. Sie trug auf dem Rcken
ein kleines Kind, das im Sterben ist. Ich konnte mir nicht versagen, sie
hier aufzunehmen. Heute morgen bin ich selbst zu ihr gegangen; denn
gestern bei ihrer Ankunft war mir's nicht so recht geheuer. Die arme
kleine Frau! Sie hatte sich mit ihrem Kinde hingelegt, und beide rangen
mit dem Tode. >Frau<, sagte sie zu mir und zog einen goldenen Ring vom
Finger, >ich besitze nichts mehr als das, nehmen Sie ihn, um sich
bezahlt zu machen. Er wird dafr ausreichen, denn mein Aufenthalt hier
wird nicht lange whren. Armes Kleinchen, wir werden zusammen sterben.<
-- Damit meinte sie ihr Kind. Ich habe ihren Ring genommen und sie
gefragt, wer sie sei. Aber sie wollte mir um keinen Preis ihren Namen
sagen. Ich habe nun nach dem Arzt und dem Brgermeister geschickt.

Aber, rief die Marquise, lassen Sie ihr alle Hilfe angedeihen, die
ihr vonnten ist! Mein Gott, vielleicht ist's noch Zeit, sie zu retten.
Ich werde Ihnen alles bezahlen, was die Sache kostet.

Ach, Madame, sie scheint recht stolz zu sein, und ich wei nicht, ob
sie das annehmen wird.

Ich werde sie aufsuchen.

Sogleich stieg die Marquise zu der Unbekannten hinauf. Sie dachte nicht
daran, wie sehr sie noch das Leid der schon im Sterben Liegenden
vermehren sollte; denn Frau d'Aiglemont ging noch in Trauer. Die
Marquise erbleichte beim Anblick der Unglcklichen. Trotz der
schrecklichen Leiden, die Helenens Schnheit entstellt hatten, erkannte
sie ihre ltere Tochter.

Als Helene eine schwarz gekleidete Frau erblickte, richtete sie sich
auf, stie einen Schrei des Entsetzens aus und sank auf ihr Bett zurck
-- sie sah in dieser Frau ihre Mutter vor sich.

Meine Tochter, sagte Frau d'Aiglemont, was fehlt Ihnen? -- Pauline!
Moina!

Nichts fehlt mir, antwortete Helene mit schwacher Stimme. Ich hoffte,
meinen Vater wiederzusehen. Doch Ihre Trauer verkndet mir--

Sie beendete den Satz nicht, drckte ihr Kind ans Herz, wie um es zu
wrmen, kte es auf die Stirn und warf ihrer Mutter einen Blick zu, der
noch immer, wenn auch gemildert durch Verzeihung, einen Vorwurf
ausdrckte. Die Marquise wollte diesen Vorwurf nicht sehen; sie verga,
da Helene ein einstmals in der Zeit der Trnen und der Verzweiflung
empfangenes Kind war, das Kind der Pflicht, ein Kind, das die Ursache
ihres grten Unglcks, ihrer schwersten Leiden gewesen war; und sie
trat sanft auf die ltere Tochter zu, an nichts mehr denkend, als da
sie Helenen zuerst die Wonne der Mutterschaft verdankt hatte. Die Augen
der Mutter waren voll von Trnen, und ihre Tochter kssend, rief sie:

Helene, meine Tochter!

Helene schwieg. Sie hatte auf den Seufzer ihres Kindes gelauscht.

In diesem Augenblick traten Moina, ihre Kammerfrau Pauline, die Wirtin
und ein Arzt ein. Die Marquise hielt die eisige Hand ihrer Tochter in
den ihren und sah sie mit aufrichtiger Verzweiflung an. In wildem Grimme
ber das Unglck -- denn die Witwe des Seemanns war einem Schiffbruch
entronnen und hatte daraus von ihrer ganzen schnen Familie nichts als
ein Kind gerettet -- sagte sie in furchtbarem Tone zu ihrer Mutter:

Dies alles ist Ihr Werk! Wenn Sie mir das gewesen wren, was--

Moina, geh' hinaus -- gehen Sie alle hinaus! rief Frau d'Aiglemont,
Helenens Stimme berschreiend. Um Gottes willen, meine Tochter, fuhr
sie fort, lassen Sie uns in diesem Augenblick nicht den unglcklichen
Kampf von neuem beginnen...

Ich werde schweigen, antwortete Helene mit einer bernatrlichen
Anstrengung. Ich bin selbst Mutter und wei, Moina darf nicht -- wo ist
mein Kind?

Moina, von Neugierde getrieben, kehrte zurck.

Meine Schwester, sagte dieses verzogene Kind, der Arzt...

Alles ist unntz, antwortete Helene. Ach, warum bin ich nicht mit
sechzehn Jahren gestorben, als ich mir das Leben nehmen wollte? Das
Glck ist niemals auerhalb der Gesetze zu finden -- Moina -- du--

Sie starb -- ihr Kopf sank ber den des Kindes hernieder, das sie
krampfhaft an sich gepret hatte.

Deine Schwester hat dir ohne Zweifel sagen wollen, Moina, sagte Madame
d'Aiglemont, als sie in ihr Zimmer zurckgekehrt war, wo sie in Trnen
zerflo, da ein Mdchen niemals das Glck in einem romantischen
Dasein, auerhalb der einmal gltigen und ihr eingeprgten Begriffe, und
vor allem nicht fern von der Mutter finden kann.




6. Kapitel.

Eine schuldige Mutter im Alter.


An einem der ersten Tage des Juni 1848 erging sich eine Dame von etwa
fnfzig Jahren, die jedoch noch lter aussah, als es ihrem eigentlichen
Alter entsprochen htte, im Mittagsonnenschein auf einer Allee im Garten
eines groen in der Rue Plumet zu Paris gelegenen Hauses. Nachdem sie
ein paarmal auf dem leicht gewundenen Pfade hin und her gewandelt war,
den sie nicht verlie, um die Fenster eines Zimmers, die ihre ganze
Aufmerksamkeit zu beanspruchen schienen, nicht aus den Augen zu
verlieren, setzte sie sich auf einen jener halb lndlichen Sthle, die
man aus den noch mit der Rinde versehenen sten junger Bume anfertigt.
Von diesem Platze aus konnte die Dame durch eines der in die
Umfassungsmauern eingefgten Gittertore sowohl die inneren Boulevards,
in deren Mitte der prachtvolle Invalidendom seine goldene Kuppel ber
die Wipfel unzhliger Ulmen emporreckt -- ein herrliches Landschaftsbild
-- wie auch den weniger groartigen Anblick ihres Gartens genieen, der
durch die graue Fassade eines der schnsten Huser von ganz Faubourg
Saint-Germain begrenzt wurde.

Dort war noch alles still, in den Nachbargrten, auf den Boulevards und
an der Kirche; denn in diesem vornehmen Viertel beginnt der Tag kaum
gegen Mittag. Wenn nicht etwas besonderes vorliegt, wenn nicht gerade
mal eine junge Dame ausreiten will oder ein alter Diplomat ein Protokoll
aufzunehmen hat, schlft dort um diese Stunde noch alles, Herren und
Diener, oder man steht hchstens eben erst auf.

Die so frh schon wache Dame war die Marquise d'Aiglemont, die Mutter
der Frau de Saint-Hreen, der dieses schne Haus gehrte. Die Marquise
hatte es an die Tochter abgetreten, der sie ihr ganzes Vermgen
geschenkt hatte. Fr sich selbst hatte sie nur eine kleine
lebenslngliche Rente zurckbehalten. Die Komtesse Moina de Saint-Hreen
war das letzte Kind, das der Frau d'Aiglemont verblieben war. Um die
Heirat mit dem Erben eines der berhmtesten und vornehmsten Huser von
Frankreich zu ermglichen, hatte die Marquise alles geopfert. Auch war
nichts natrlicher. Sie hatte nacheinander zwei Shne verloren. Der
eine, Gustav Marquis d'Aiglemont, war an der Cholera gestorben; der
andere, Abel, war vor Constantine[2] gefallen. Gustav hinterlie Kinder
und eine Witwe. Aber die an sich schon laue Zuneigung, die Frau
d'Aiglemont fr ihre Shne gehabt hatte, schwchte, auf ihre Enkel
bergehend, natrlich noch mehr ab. Sie benahm sich freundlich gegen
Madame d'Aiglemont die Jngere, aber sie hielt sich in den Grenzen des
oberflchlichen Gefhls, die der gute Ton und das Herkommen im Verkehr
mit Verwandten vorschreiben.

[2] Stadt in Algerien, die am 13. Oktober 1837 von Marschall Bale
erobert wurde.

Da die Vermgensverhltnisse der beiden nun toten Shne vollstndig
geregelt gewesen waren, so hatte sie ihre Ersparnisse und ihren eigenen
Besitz ungeschmlert ihrer teuern Moina berweisen knnen.

Moina, seit ihrer Kindheit eine entzckende Schnheit, war allzeit fr
Frau d'Aiglemont der Gegenstand einer mit der Geburt entstandenen oder
unwillkrlichen Bevorzugung gewesen, wie man sie bei Familienmttern oft
findet: eine bedenkliche Sympathie, die manchem unerklrlich scheint,
die aber der Menschenkenner sich oft nur zu gut erklren kann. Das
reizende Gesicht Moinas, die Stimme dieses Nesthkchens, ihr Benehmen,
ihre Haltung, ihre Gebrden, ihr Mienenspiel: alles an ihr erweckte bei
der Marquise die tiefsten Gefhle, die berhaupt das Herz einer Mutter
bewegen, beunruhigen oder erfreuen knnen. Ihr Leben von heute, ihr
Leben von morgen und ihr vergangenes Leben wurzelte nun ganz im Herzen
dieser jungen Frau, in das sie alles gelegt hatte, was es fr sie noch
an Reizen und Werten auf dieser Welt gab.

Moina war ja zum Glck allein noch von vier Kindern, die lter gewesen
waren als sie, am Leben geblieben. Madame d'Aiglemont hatte, wie man
sich in der Gesellschaft erzhlte, auf hchst tragische Weise eine
bildschne Tochter verloren, deren Schicksal fast unbekannt geblieben
war, und einen kleinen Jungen, der im Alter von fnf Jahren verunglckt
war. Die Marquise erblickte ohne Zweifel einen Fingerzeig des Himmels
in der Gte, die das Schicksal der Tochter ihres Herzens zu erzeigen
schien, und bewahrte ihren vom launischen Tode schon hinweggerafften
Kindern nur ein schwaches Erinnern. Sie ruhten in ihrem Herzen, etwa wie
die Toten eines Schlachtfelds unter den flachen Hgeln, die die
wuchernden Blumen des Feldes schon fast ganz unsichtbar gemacht haben.

Die Welt htte die Marquise wegen dieser Gleichgltigkeit und
Bevorzugung streng zur Rechenschaft ziehen knnen; aber die Welt von
Paris wird von einem solchen Strom von Ereignissen, Moden und neuen
Ideen hinweggerissen, da das ganze Leben der Frau d'Aiglemont schon in
Vergessenheit geraten sein mute. Niemand dachte daran, ihr ein kaltes
Benehmen, ein Vergessen zur Missetat anzurechnen, denn daran war niemand
etwas gelegen, whrend ihre groe Zrtlichkeit gegen Moina sehr viele
Leute interessierte und alles das fr sich hatte, was uns ein blindes
Vorurteil unantastbar macht.

Auch ging die Marquise wenig in Gesellschaft; den meisten Familien, die
sie kannten, galt sie fr fromm, gut und nachsichtig. Um ber diesen
uern Schein hinaus, mit dem sich die Gesellschaft begngt, in jemandes
Wesen einzudringen, mu ja schon eine ausnahmsweise lebhafte Teilnahme
vorhanden sein. Und was verzeiht man nicht alten Leuten, die nur noch
ein Schatten zu sein scheinen und nichts weiter sein wollen als eine
Erinnerung? Kurz, Frau d'Aiglemont war ein Vorbild, auf das die Kinder
wohlgefllig ihre Vter, die Schwiegershne ihre Schwiegermtter
hinwiesen. Sie hatte vor der Zeit schon Moina all ihren Besitz
abgetreten, lie sich an dem Glck der jungen Komtesse gengen und lebte
nur fr sie.

Wenn vorsichtige alte Leute oder griesgrmige Onkel dieses Verhalten mit
den Worten tadelten: Madame d'Aiglemont wird es vielleicht eines Tages
noch bereuen, zugunsten ihrer Tochter ihr Vermgen weggegeben zu haben;
denn wenn sie auch das Herz der Frau de Saint-Hreen genau kennt, kann
sie auch auf die Anstndigkeit ihres Schwiegersohns ebenso bestimmt
rechnen? Dann erhob sich gegen diese Propheten ein allgemeiner
Aufstand, und von allen Seiten regnete es Lobreden auf Moina.

Man mu es bei Madame Saint-Hreen anerkennen, sagte eine junge Frau,
sie sorgt dafr, da die Mutter in der alten Umgebung und den alten
Gewohnheiten weiterlebt. Madame d'Aiglemont ist wunderbar eingerichtet,
hat einen Wagen, der ihr ganz allein zur Verfgung steht, und kann wie
zuvor berall hingehen.

Blo nicht in die Italienische Oper, antwortete leise ein alter
Schmarotzer, einer jener Menschen, die sich fr befugt halten, ihren
Freunden unter dem Vorwande, sich als unabhngig hinzustellen, allerlei
Schmhreden ber andere aufzutischen. Die alte Dame schwrmt nur noch
fr Musik und spielt ihrem verhtschelten Kinde schnurrige Sachen vor.
Sie war seinerzeit doch so hervorragend musikalisch. Aber da die Loge
der jungen Komtesse immer von jungen Schmetterlingen umgaukelt ist und
die Alte das kleine Dmchen stren wrde, die man schon eine groe
Kokette nennt, so geht die arme Mama nie mehr in die Italienische Oper.

Madame de Saint-Hreen, sagte ein heiratsfhiges Mdchen,
veranstaltet fr ihre Mutter prachtvolle Soiren und hlt einen Salon,
wo ganz Paris verkehrt.

Und kein Mensch sich um die Marquise kmmert, setzte der Parasit
hinzu.

Tatsache ist, da Madame d'Aiglemont nie allein ist, bemerkte ein
Geck, um den jungen Damen das Wort zu reden.

Am Morgen, antwortete der alte Menschenkenner mit leiser Stimme,
schlft die teure Moina. Um vier Uhr ist die teure Moina auf der
Ausfahrt. Am Abend geht die teure Moina zu Balle oder ins Theater. Aber
freilich, Madame d'Aiglemont kann die teure Moina sehen, wenn sie
Toilette macht, oder whrend des Diners, wenn die teure Moina zufllig
einmal mit ihrer Mutter speist. Vor etwa acht Tagen, mein Herr, sagte
der alte Schmarotzer und nahm den Arm eines schchternen Lehrers, eines
Neulings in dem Hause, wo man sich eben befand, sah ich diese traurige,
einsame Mutter an ihrem Kamin. >Was haben Sie?< fragte ich sie. Die
Marquise sah mich lchelnd an, aber sie hatte sicherlich geweint.
>Ich dachte so bei mir,< sagte sie zu mir, >es sei doch recht seltsam,
da ich nun so allein bin, nachdem ich fnf Kinder gehabt habe.
Doch das ist unser Los. Und ich bin ja auch glcklich, wenn ich nur wei,
da Moina sich vergngt.< Sie konnte sich mir anvertrauen, denn ich habe
seinerzeit ihren Mann sehr gut gekannt. Das war ein armer Kerl, und es war
ein Glck fr ihn, da er sie zur Frau bekam, er hat ihr sicherlich seine
Pairswrde und seine Stellung am Hofe Karls X. verdankt.

Aber in das Geschwtz der Welt schleichen sich so viele Irrtmer ein, es
entstehen leicht so tiefgehende Fehler, da der Sittenchronist
verpflichtet ist, die sorglos von so vielen Sorglosen hingeworfenen
Behauptungen klug abzuwgen. Man darf es vielleicht nie aussprechen, wer
unrecht habe, das Kind oder die Mutter. Zwischen zwei solchen Herzen
gibt es nur einen Richter -- und dieser Richter ist Gott! Gott verlegt
oft seine Rache in den Scho von Familien und bedient sich in Ewigkeit
der Kinder gegen die Mtter, der Vter gegen die Shne, der Vlker gegen
die Knige, der Frsten gegen die Nationen -- kurz, er spielt alles
gegen alles aus, ersetzt in der geistigen Welt Gefhle durch Gefhle,
wie die jungen Bltter im Frhling an die Stelle der alten treten,
handelt nach einer unabnderlichen Ordnung und strebt in allem nur einem
ihm allein bekannten Ziele zu. Ohne Zweifel geht ein jedes Ding in
seinen Scho oder, besser gesagt, kehrt dorthin zurck.

Diese religisen Gedanken, den Herzen alter Leute so natrlich, zogen
vereinzelt durch Madame d'Aiglemonts Seele; sie lagen dort noch halb im
Schatten, bald tief auf dem Grunde, bald vollstndig entfaltet, wie
Blumen, die whrend eines Sturmes an die Oberflche des Wassers
gestiegen sind. Sie hatte sich hingesetzt, ermdet, geschwcht von einem
langen Grbeln, einer jener Trumereien, die das ganze Leben noch einmal
heraufbeschwren und vor den Augen des von Todesahnung heimgesuchten
Menschen vorbeiziehen lassen.

Diese vor der Zeit gealterte Frau wre fr einen auf dem Boulevard
vorbeigehenden Dichter eine merkwrdige Erscheinung gewesen. Wenn man
sie im feinen Schatten einer Akazie sitzen sah -- in einem
Akazienschatten zur Mittagszeit -- so htte alle Welt eins der tausend
Dinge lesen knnen, die auf diesem Gesicht geschrieben standen, das
selbst inmitten der warmen Sonnenstrahlen kalt und bla blieb. Ihr
ausdrucksvolles Gesicht drckte noch etwas Schwereres und Herberes aus,
als nur das Bewutsein zur Neige gehenden Lebens, noch etwas Tieferes,
als ein von Prfungen ermattetes Gemt. Sie war eine jener Typen, die
unter Tausenden von unbeachteten, weil charakterlosen Physiognomien uns
stutzig machen und nachdenklich stimmen, ebenso wie man zwischen den
tausend Gemlden eines Museums gewaltig gefesselt wird durch den
erhabenen Kopf, auf dem Murillo den Mutterschmerz gemalt hat, oder durch
das Gesicht der Beatrice Cenci, wo Guido ber der Tiefe des
verbrecherischsten Gemts die rhrendste Unschuld darstellt, oder durch
das finstere Antlitz Philipps II., auf dem Velasquez fr immer den
majesttischen und abschreckenden Ausdruck der kniglichen Wrde
festgehalten hat. Gewisse Menschengesichter sind despotische Bildnisse,
die zu uns sprechen, in uns dringen, auf unsere geheimsten Gedanken
antworten, ja zu vollkommenen Gedichten werden. Das eisige Antlitz der
Madame d'Aiglemont war eine jener furchtbaren Poesien, eins jener
Gesichter, die zu Tausenden in der Divina Comedia des Dante Alighieri
auftauchen.

Whrend der raschen Bltezeit der Frau, eignen sich die Zge ihrer
Schnheit wunderbar zu der Verstellung, die ihre natrliche Schwche und
unsere sozialen Gesetze ihr aufntigen. Unter dem reichen Kolorit ihres
frischen Gesichts, dem Feuer ihrer Augen, dem anmutigen Gewebe ihrer so
zarten Zge, so vielfltiger gerader oder gebogener, doch reiner Linien,
die ihr alle vollkommen zu Gebote stehen, knnen alle ihre Regungen
geheim bleiben. Wenn die Rte die an sich schon lebhafte Farbe erhht,
so verrt sie dann noch gar nichts; alles innere Feuer mischt sich dann
noch so gut in den Glanz dieser lebensvoll strahlenden Augen, da die
flchtige Flamme eines Unglcks dort nur als ein Reiz mehr in
Erscheinung tritt.

Nichts ist so verschwiegen, wie ein junges Gesicht, weil nichts
unbeweglicher ist. Das Gesicht einer jungen Frau hat die Ruhe, die
Gltte, die Frische, die die Oberflche eines Sees zeigt. Der
charakteristische Ausdruck fngt bei den Frauen erst mit dreiig Jahren
an. Bis dahin findet der Maler in ihren Gesichtern nur Rosa und Wei,
das Lcheln und den Ausdruck, dem immer wieder ein und derselbe Gedanke
zugrunde liegt, ein allgemeiner Gedanke ohne Tiefe, nmlich das
Bewutsein der Jugend und der Liebe. Aber im Alter hat alles bei der
Frau seine Rolle gespielt, die Leidenschaften haben sich auf ihrem
Gesicht eingeprgt, sie ist Liebende, Gattin, Mutter gewesen; die
heftigsten Ausdrcke der Freude und des Schmerzes haben ihre Zge
entstellt und tausend Furchen gegraben, die alle eine Sprache reden.
Dann wird ein Frauenkopf entweder erhaben in seiner Schreckhaftigkeit,
schn in seiner Schwermut oder groartig in seiner Ruhe. Wenn es erlaubt
ist, dieses sonderbare Gleichnis weiterzuspinnen, so knnte man sagen,
der ausgetrocknete See liee dann die Spuren aller Bche erkennen, die
ihn gebildet hatten. Ein Frauenkopf gehrt dann weder der Gesellschaft,
die in ihrer Frivolitt zurckschreckt vor dem Abbilde der vernichtenden
Wirkung, die die geliebten und gewhnlichen Begriffe von Eleganz und
Lebensfreude dort ausgebt haben, noch gehrt er den Alltagsknstlern
an, die darin nichts entdecken -- er gehrt den wahren Poeten, denn sie
allein wrdigen und erkennen das Schne unabhngig von dem Herkommen und
dem Vorurteil, welchem beiden allein gar vieles seinen Ruf des Schnen
und Knstlerischen verdankt.

Obwohl Madame d'Aiglemont einen modernen Hut trug, war doch leicht zu
erkennen, da ihr einstmals schwarzes Haar infolge heftiger Aufregungen
wei geworden war. Aber die Art, wie sie es scheitelte, verriet ihren
guten Geschmack, bekundete die anmutigen Gewohnheiten der vornehmen Dame
und umrahmte wirksam die welke, gefurchte Stirn, die noch immer Spuren
ihres ehemaligen Glanzes aufwies.

Der Gesichtsschnitt, die Regelmigkeit der Zge gaben noch heute einen
allerdings nur schwachen Begriff von der groen Schnheit, auf die sie
einmal hatte stolz sein drfen; aber noch besser erkannte man daran, wie
tief und furchtbar die Schmerzen gewesen sein muten, da sie dieses
Gesicht, diese Schlfen, diese Wangen hohl gemacht und die Augen ihrer
Wimpern beraubt hatten, die den Blick so anmutig machen.

An dieser Frau war alles Schweigen; ihr Gang und ihre Bewegungen hatten
die ernste, gefate Langsamkeit, die immer Ehrfurcht erweckt. Ihre
Bescheidenheit, fast zur Schchternheit geworden, schien die Folge der
Gewohnheit, die sie seit einigen Jahren hatte: vor ihrer Tochter in den
Hintergrund zu treten. Sie sprach sehr selten und sehr sanft, wie alle
Leute, die viel nachdenken, sich sammeln und gezwungen sind, fr sich
selbst zu leben.

Dieses Benehmen erweckte ein unerklrliches Gefhl, das weder Furcht
noch Mitleid war, in das sich aber geheimnisvoll alle Ideen mischten,
welche diese einander so entgegengesetzten Regungen auslsen. Die Natur
ihrer Furchen, die Art, wie ihr Gesicht sich in Falten gelegt hatte, die
Fahlheit ihres Blicks -- das alles zeugte dafr, da sie jene Trnen
geweint hatte, die, vom Herzen aufgezehrt, nie zur Erde fallen. Ein
Unglcklicher, der gewhnt war, zum Himmel hinaufzuschauen, um ihn in
den Unbilden seines Daseins anzurufen, htte leicht in den Augen dieser
Mutter gelesen, da ein grausames Los es ihr zur Gewohnheit gemacht
hatte, jede Stunde des Tages zu beten, htte auch die geheimen Spuren
des seelischen Meltaus entdeckt, der alle Blten des Gemts, bis hinab
auf das Gefhl der Mutterschaft, vernichtet.

Maler haben wohl Farbe fr solche Portrts; aber Gedanken und Worte sind
nicht imstande, sie getreu zu zeichnen. Es findet sich in den Tnen der
Haut und im ganzen Geprge des Gesichts manches unerklrliche Phnomen,
das, vom Auge gesehen, sogleich zur Seele dringt; aber wenn der Dichter
eine so furchtbare Vernderung des Gesichtsausdrucks begreiflich machen
will, so steht ihm kein anderes Mittel zur Verfgung, als die Ereignisse
zu berichten, auf die sie zurckzufhren ist. Dieses Gesicht deutete auf
einen Sturm, der sich kalt und in aller Stille abgespielt hatte, auf
einen geheimen Kampf zwischen dem Heroismus des mtterlichen Schmerzes
und der Unbestndigkeit unserer Gefhle, die, wie wir selbst, ihr Ende
finden und nichts Endloses in sich tragen.

Diese unaufhrlich ins Innere der Seele zurckgedrngten Leiden hatten
auf die Dauer dieser Frau etwas seltsam Krankhaftes verliehen. Ohne
Zweifel hatten allzu heftige Erschtterungen das Mutterherz auch
krperlich beeintrchtigt, und eine Krankheit, vielleicht eine
Herzerweiterung, bedrohte langsam ihr Leben, ohne da Julie sich dessen
bewut war. Die wahren Schmerzen liegen anscheinend so ruhig in dem
tiefen Bett, das sie sich bereiten -- sie scheinen dort zu schlummern,
aber sie nagen noch immer an der Seele, gleich jener furchtbaren Sure,
die das Kristall zerfrit.

In diesem Augenblick rannen zwei Trnen an den Wangen der Marquise
hinab, und sie erhob sich, als wenn ein Gedanke, schmerzlicher als alle
anderen, ihr pltzlich weh getan htte. Sie hatte ohne Zweifel ber
Moinas Zukunft nachgedacht. Und indem sie die Schmerzen voraussah, die
ihrer Tochter harrten, fiel ihr alles Unglck des eigenen Lebens wieder
schwer aufs Herz.

Die Lage dieser Mutter wird verstndlich sein, sobald wir die ihrer
Tochter dargelegt haben.

Graf Saint-Hreen war vor einem halben Jahre abgereist, um eine
politische Mission zu erfllen. Moina, die zu aller Eitelkeit der
geliebten Frau noch die Launen des verhtschelten Kindes hinzufgte,
hatte teils aus Leichtsinn, teils zur Befriedigung der tausend
weiblichen Koketterien, und vielleicht auch um deren Macht zu erproben,
whrend der Abwesenheit ihres Gatten ein Vergngen daran gefunden, mit
der Leidenschaft eines gewandten, doch herzlosen Mannes zu spielen, denn
wenn dieser auch erklrte, vor Liebe toll zu sein, so war es doch eben
nur jene Liebe, die sich mit all dem kleinlichen gesellschaftlichen
Ehrgeiz des Gecken vertrgt. Madame d'Aiglemont, die eine langjhrige
Erfahrung gelehrt hatte, das Leben zu kennen, die Mnner zu beurteilen,
die Gesellschaft zu frchten, hatte die fortschreitende Entwickelung
dieser Liebelei beobachtet und ahnte nun den Untergang ihrer Tochter, da
sie sie in die Hnde eines Mannes gefallen sah, dem nichts heilig war.

Mute es nicht fr sie das Entsetzlichste sein, einen Wstling in dem
Manne zu erkennen, dem Moina mit Freuden zugehrte? Ihr geliebtes Kind
befand sich also am Rande eines Abgrunds. Das war fr sie eine
frchterliche Gewiheit, und doch wagte sie nicht, sie zu warnen; denn
sie frchtete sich vor der Komtesse. Sie wute im voraus, Moina wrde
auf keinen der klugen Ratschlge hren, Julie hatte keine Gewalt ber
diese Seele, die ihr gegenber von Eisen, gegen alle andern aber von
Wachs war.

Ihre Mutterliebe wre gro genug gewesen, der Tochter ihr Mitleid nicht
zu versagen, wenn eine durch die edlen Eigenschaften des Verfhrers
gerechtfertigte Leidenschaft ihre Tochter unglcklich gemacht htte;
allein Moina folgte einer Regung der Gefallsucht, und die Marquise
verachtete den Grafen Alfred de Vandenesse, weil sie wute, da er der
Mann dazu war, seinen Kampf mit Moina wie eine Schachpartie zu
behandeln.

Obwohl Graf Alfred de Vandenesse dieser unglcklichen Mutter Abscheu
einflte, war sie doch gezwungen, die letzten Grnde ihres Widerwillens
in den tiefsten Falten ihres Herzens zu begraben. Sie hatte in engen
Beziehungen zu dem Marquis de Vandenesse, Alfreds Vater, gestanden, und
diese in den Augen der Welt sehr respektable Freundschaft berechtigte
den jungen Mann, mit Madame de Saint-Hreen vertraulich zu verkehren, in
die er von Kind auf verschossen gewesen zu sein behauptete.

Auch wenn Frau d'Aiglemont sich entschlossen htte, zwischen ihre
Tochter und Alfred de Vandenesse ein furchtbares Wort zu schleudern, das
sie htte trennen knnen, so wre es doch umsonst gewesen; sie war
berzeugt, da es ihr nicht gelungen wre, sie auseinanderzubringen,
trotz aller Gewalt dieses Wortes, mit dem sie sich auerdem in den Augen
ihrer Tochter entehrt haben wrde.

Alfred war zu verderbt, Moina zu geistreich, um an eine solche
Enthllung zu glauben, und die junge Komtesse wrde sie als eine
mtterliche Kriegslist ausgelegt und sich darber hinweggesetzt haben.
Frau d'Aiglemont hatte ihren Kerker mit eigenen Hnden erbaut und sich
darin eingemauert -- nun mute sie dort sterben und ruhig zuschauen, wie
das schne Leben Moinas, das ihr Stolz, ihr Glck, ihr Trost geworden
war, ein Dasein, das ihr tausendmal teuerer war als das ihrige, zugrunde
ging. Ein schreckliches, unglaubliches Leiden, fr das es keine Worte
gibt! Ein bodenloser Abgrund!

Sie wartete ungeduldig, da ihre Tochter aufstnde, und dennoch
frchtete sie sich vor ihr, gleich dem Unglcklichen, der, zum Tode
verurteilt, gern mit dem Leben zu Ende sein mchte und doch frstelt bei
dem Gedanken an den Henker. Die Marquise hatte beschlossen, einen
letzten Versuch zu machen; aber sie hatte wohl weniger Angst vor einem
Fehlschlag, als vielmehr davor, da ihr Herz eine neue, schmerzliche
Wunde empfangen knnte, die ihr den letzten Rest von Mut rauben wrde.

Mit ihrer Mutterliebe war es eben schon so weit gekommen: sie liebte
ihre Tochter und schreckte vor ihr zurck, wie man einen Dolchsto
frchtet und ihm dennoch entgegenrennt. Das mtterliche Gefhl ist in
liebenden Herzen so gro, da eine Mutter, ehe sie zur Gleichgltigkeit
gelangt, sterben oder sich an eine groe Kraft, die Religion oder die
Nchstenliebe, anlehnen mu.

Seit die Marquise aufgestanden war, hatte ihr unseliger Geist ihr einen
Teil von diesen Tatsachen vorgehalten, die so unbedeutend zu sein
scheinen, im geistigen Leben aber groe Ereignisse bilden. In der Tat
ruft manchmal eine Gebrde ein ganzes Drama hervor, die Betonung eines
Wortes zerreit ein ganzes Leben, die Gleichgltigkeit eines Blickes
ttet die glcklichste Liebe.

Die Marquise d'Aiglemont hatte leider schon zu viele solche Gebrden
gesehen, zu viele solche Worte gehrt, zu viele solche Blicke erhalten,
alles Lieblosigkeiten, die ihre Seele tief schmerzten und bei deren
Erinnerung sie sich keinen Hoffnungen hingeben konnte. Alles das hatte
ihr bewiesen, da Alfred ihr das Herz der Tochter geraubt hatte, da das
Kind sich nicht mehr aus Freude daran, sondern nur noch aus Pflicht mit
der Mutter beschftigte. Tausend ganz unbedeutende Dinge waren ihr ein
Zeugnis fr das abscheuliche Verhalten, das die Komtesse sich ihr
gegenber angewhnte -- eine Undankbarkeit, die die Marquise vielleicht
als eine Strafe ansah. Um die Handlungsweise ihrer Tochter zu
entschuldigen, fate sie sie sogar als Willen der Vorsehung auf. Sie
wollte eben noch die Hand anbeten knnen, die sie schlug.

An diesem Morgen dachte sie an alles, und alles bereitete ihr so tiefes
Herzweh, erfllte sie mit so groem Kummer, da der Becher berlaufen
mute, wenn der geringste Schmerz hinzugefgt wurde. Ein kalter Blick
htte jetzt der Marquise Tod sein knnen. Es ist schwer, diese
huslichen Geschehnisse zu beschreiben, aber einige werden vielleicht
gengen, um alle anzudeuten und zu bezeichnen. So hatte die Marquise,
die etwas schwerhrig geworden war, Moina niemals dazu bewegen knnen,
lauter zu sprechen, wenn sie mit ihr redete; aber als sie sie mit der
Naivitt der Leidenden einmal bat, einen Satz zu wiederholen, den sie
nicht verstanden hatte, so gehorchte die Komtesse wohl, doch mit so
unverhohlenem Unwillen, da Frau d'Aiglemont ihre bescheidene Bitte nie
mehr wiederholte. Seit diesem Tage trug die Marquise Sorge, nahe an
ihre Tochter heranzurcken, wenn diese etwas erzhlte oder plauderte;
aber oft schien die Komtesse sich ber die Schwerhrigkeit der Mutter zu
rgern und machte ihr gar leichtsinnigerweise deshalb Vorwrfe.

Folgendes unter Tausenden herausgerissene Beispiel konnte eben nur ein
Mutterherz merken, alle diese Dinge wren einem Zuschauer vielleicht gar
nicht aufgefallen; denn solche Feinheiten sind fr andere Augen, als die
einer Mutter, unbemerkbar. Madame d'Aiglemont hatte eines Tages zu ihrer
Tochter gesagt, die Prinzessin de Cadignan htte sie besucht, und Moina
rief blo: Wie? sie hat sich deinetwegen bemht? Die Miene, mit der
diese Worte gesprochen wurden, die besondere Betonung, die die Komtesse
ihnen gab, verrieten, wenn auch in kaum merklicher Form, eine
Verwunderung, eine vornehme Geringschtzung. Angesichts solcher
Gefhlshrte mu in der Tat ein allzeit junges, zartes Herz die Sitte
der Wilden, ihre Greise zu tten, wenn sie sich an den Zweigen eines
stark geschttelten Baumes nicht mehr halten knnen, als
menschenfreundlichen Brauch empfinden.

Frau d'Aiglemont erhob sich, lchelte und ging hinaus, um im geheimen zu
weinen. Die wohlerzogenen Leute, und vor allem Frauen, verraten ihre
Gefhle nur durch unmerkliche Bewegungen, an denen aber jedes
mitfhlende Herz, zumal wenn es in seinem Leben hnliches Unglck
erlitten hat, wie diese mrbe gemachte Mutter, die innere Erregung nicht
minder deutlich erkennen kann.

Niedergedrckt von ihren Erinnerungen, dachte Frau d'Aiglemont jetzt an
diese eine von all jenen winzigen, und doch so schmerzlichen, so
grausamen Kleinigkeiten, und in diesem Augenblick kam ihr die bittere,
unter einem Lcheln verborgene Verachtung strker als je zum
Bewutsein. Aber ihre Trnen versiegten, als sie die Jalousien des
Zimmers ffnen hrte, wo ihre Tochter ruhte. Sie eilte auf dem Pfade,
der an dem Gitter vorbeifhrte, wo sie soeben noch gesessen hatte, den
Fenstern zu. Im Gehen fiel ihr noch auf, da der Grtner den Sand dieses
seit einiger Zeit sehr schlecht gehaltenen Weges mit ganz besonderer
Sorgfalt geharkt hatte. Als Frau d'Aiglemont unter den Fenstern ihrer
Tochter ankam, wurden die Jalousien rasch zugemacht.

Moina! rief sie.

Keine Antwort.

Die Frau Komtesse ist im kleinen Salon, sagte Moinas Kammermdchen,
als die Marquise ins Haus trat und fragte, ob ihre Tochter aufgestanden
sei.

Frau d'Aiglemonts Herz war zu voll, ihr Geist zu sehr von Gedanken
erfllt, als da sie in diesem Augenblick ber so nebenschliche
Umstnde nachgedacht htte; sie ging sogleich in den kleinen Salon, wo
sie die Komtesse im Morgenkleid fand. ber das noch ungeordnete Haar
hatte sie ein Hubchen geworfen, die Fchen steckten in Pantoffeln, im
Grtel trug sie den Schlssel ihres Schlafzimmers. Ihr Gesicht verriet
fast strmische Gedanken und lebhafte Farben. Sie sa auf einem Diwan
und schien nachzudenken.

Weshalb strt man mich? sagte sie in hartem Tone. Ah, Sie sind's,
meine Mutter, setzte sie zerstreut hinzu, sich selbst unterbrechend.

Ja, mein Kind, es ist deine Mutter...

Der Ton, in dem Frau d'Aiglemont diese Worte aussprach, verriet eine
Inbrunst, eine Rhrung, aus deren Art man, um sie einigermaen zu
kennzeichnen, das Wort Heiligkeit anwenden mu. Sie legte darein in der
Tat so deutlich den heiligen Charakter einer Mutter, da die Tochter
betroffen war und sich zu ihr umwandte, mit einer Bewegung, die
Ehrfurcht, Unruhe und Reue ausdrckte. Die Marquise schlo die Tr des
Salons, zu dem doch niemand gelangen konnte, ohne in den davorliegenden
Zimmern Gerusch zu verursachen. Diese Abgelegenheit sicherte vor
unberufenen Zeugen.

Meine Tochter, sagte die Marquise, es ist meine Pflicht, dich ber
eine der wichtigsten Krisen in unserm Leben, im Frauenleben aufzuklren.
Du befindest dich jetzt in ihr, vielleicht ohne es zu ahnen, aber ich
werde dich nicht sowohl als Mutter wie als Freundin darauf aufmerksam
machen. Indem du dich verheiratet hast, erlangtest du die volle Freiheit
des Handelns, du bist darin nur deinem Gatten Rechenschaft schuldig;
aber ich habe dich so wenig die mtterliche Gewalt fhlen lassen -- und
das war vielleicht ein Unrecht -- da ich mich im Recht glaube,
wenigstens einmal im Leben, in einer ernsten Lage, wo du des Rats
bedarfst, dir meine Meinung zu sagen. Denke daran, Moina, da ich dich
mit einem Manne von hohem Range vermhlt habe, auf den du stolz sein
kannst, den...

Mutter, rief Moina in widerspenstigem Tone, sie unterbrechend, ich
wei, was Sie mir sagen wollen -- Sie wollen mir eine Predigt ber
Alfred halten...

Du wrdest es nicht so gut erraten, Moina, fuhr die Marquise fort und
versuchte, ihre Trnen zurckzuhalten, wenn du nicht fhltest...

Was denn? versetzte sie in fast hochmtigem Tone. Aber, Mutter, ich
mu doch sagen--

Moina, rief Madame d'Aiglemont mit groer Kraft, du mut unbedingt
aufmerksam anhren, was ich dir zu sagen habe...

Ich hre, sagte die Komtesse und kreuzte die Arme, halb im Trotz, halb
in Unterwrfigkeit. Gestatten Sie jedoch, meine Mutter, setzte sie mit
unglaublicher Kaltbltigkeit hinzu, da ich Pauline rufe. Sie soll
einen Gang besorgen.

Sie klingelte.

Mein liebes Kind, Pauline darf nicht hren--

Mama, versetzte die Komtesse in ernsthaftem Tone, der der Mutter sehr
sonderbar vorkommen mute, ich habe--

Sie hielt inne, denn das Kammermdchen erschien.

Pauline, gehen Sie selbst zu Baudran und fragen Sie, warum ich meinen
Hut noch nicht habe.

Sie setzte sich wieder und sah aufmerksam ihre Mutter an. Die Marquise,
deren Herz zu brechen drohte und deren Augen trocken waren, empfand in
diesem Augenblick ein Gefhl, dessen Schmerz nur von Mttern begriffen
werden kann. Sie nahm das Wort, um Moina ber die Gefahr zu belehren, in
der diese schwebte. Aber ob nun die Komtesse sich verletzt fhlte durch
das Mitrauen, das ihre Mutter gegen den Sohn des Marquis de Vandenesse
hegte, oder ob sie auf eine jener unbegreiflichen Torheiten verfiel, die
sich nur aus der Unerfahrenheit der Jugend erklren lassen, jedenfalls
bentzte sie eine Pause, die ihre Mutter machte, um ihr mit einem
gezwungenen Lachen zuzurufen:

Mama, ich habe nur Eifersucht auf den Vater in Ihnen gesucht...

Bei diesem Worte schlo Frau d'Aiglemont die Augen, senkte den Kopf und
stie den leisesten aller Seufzer aus. Sie blickte nach oben, als
gehorche sie dem unberwindlichen Gefhl, das uns in den groen Krisen
des Lebens veranlat, Gott anzurufen; dann heftete sie einen Blick
schrecklicher Majestt und doch auch tiefen Schmerzes auf ihre Tochter.

Mein Kind, sagte sie in verndertem Tone, du bist jetzt
unbarmherziger gegen deine Mutter gewesen, als der Mann war, den sie
hintergangen hat, und als selbst vielleicht Gott sein wird.

Frau d'Aiglemont erhob sich; aber als sie an der Tr stand, drehte sie
sich noch einmal um. Sie sah in den Augen ihrer Tochter nichts als
Befremdung und ging hinaus. Sie konnte noch bis zum Garten gehen; dort
verlieen sie die Krfte. Ihr Herz zog sich in heftigem Schmerz
zusammen, und sie sank auf eine Bank. Ihre ber den Sand hinirrenden
Augen erkannten die frische Fuspur eines Mannes, dessen Stiefel sehr
deutliche Eindrcke zurckgelassen hatten. Es war kein Zweifel mehr,
ihre Tochter war verloren, und sie glaubte nun auch den Grund zu
erkennen, weshalb Moina Pauline weggeschickt hatte. Dieser grausame
Gedanke brachte eine Deutung mit sich, die noch hlicher war, als alles
brige. Sie vermutete, der Sohn des Marquis de Vandenesse htte im
Herzen Moinas die Ehrfurcht vernichtet, die eine Tochter der Mutter
schuldig ist.

Der Herzkrampf nahm zu, sie sank in Ohnmacht, ohne es selbst zu spren,
und sa wie eingeschlafen da.

Die junge Komtesse fand, ihre Mutter htte sich zuviel herausgenommen
und ihr einen deutlichen Rffel gegeben. Sie glaubte, am Abend wrde
die alte Dame durch eine Liebkosung oder irgendwelche Aufmerksamkeit ihr
unpassendes Benehmen wieder gutmachen.

Als sie im Garten den Schrei einer Frau hrte, neigte sie sich
nachlssig hinaus, und im selben Augenblick rief Pauline, die noch nicht
fortgegangen war, um Hilfe und hielt die Marquise in den Armen.

Erschrecken Sie doch meine Tochter nicht! war das letzte Wort, das
diese Mutter aussprach.

Moina sah, wie ihre Mutter bla, leblos, nur noch mit Mhe atmend,
hereingetragen wurde. Die Sterbende bewegte die Arme, als wenn sie sich
struben oder sprechen wollte. Entsetzt ber diesen Anblick, lief Moina
hinter ihrer Mutter her und half schweigend ihr Bett zurechtzumachen und
sie auszukleiden. Sie erkannte nun, da sie an diesem Ende schuld war,
und dieses Schuldbewutsein drckte sie zu Boden.

In diesem letzten Augenblick erkannte sie, was im Herzen der Mutter
vorgegangen war, und konnte nun doch nichts mehr gutmachen. Sie wollte
allein mit ihr sein; und als niemand mehr im Zimmer war, als sie die
Hand, die fr sie immer eine liebkosende Hand gewesen war, kalt werden
fhlte, da zerflo sie in Trnen.

ber dieses Weinen erwachend, konnte die Marquise ihre Moina noch einmal
ansehen; und als sie das Schluchzen hrte, das den zarten, halb
entblten Busen zerreien zu wollen schien, betrachtete sie ihre
Tochter und lchelte. Dieses Lcheln bewies der jungen Muttermrderin,
da das Herz einer Mutter ein Abgrund ist, in dessen Tiefe sich noch
immer ein Verzeihen findet.

Sobald man um den Zustand der Marquise wute, wurden reitende Boten
abgesandt, um den Arzt, den Chirurgen und die Enkelkinder der Frau
d'Aiglemont zu holen. Die junge Marquise d'Aiglemont und ihre Kinder
trafen zu gleicher Zeit mit den rzten ein, und als sich noch die
Dienerschaft hinzugesellte, war es eine feierliche, schweigende,
schmerzlich gespannte Versammlung. Die junge Marquise, die vergebens auf
einen Laut gehorcht hatte, klopfte leise an die Tr des Zimmers. Bei
diesem Zeichen fuhr Moina aus ihrem Schmerz empor und stie ungestm die
beiden Flgel auf. Sie sah mit scheuen Blicken diese Familienversammlung
an und stand vor all den Leuten in einem Zustande, der in seiner
Unordnung und Wirrnis deutlicher redete, als Worte es vermocht htten.

Angesichts so tiefer, eindringlicher Reue blieben alle stumm. Man konnte
die kalten, krampfhaft auf dem Totenbette ausgestreckten Fe der
Marquise sehen. Moina lehnte sich an die Tr, sah ihre Verwandten an und
sagte mit hohler Stimme:

Ich habe meine Mutter verloren!


Ende.




  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Ae, Oe und Ue wurden im gesamten Text durch ,  und  ersetzt.

    Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
    Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

    Gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert: _Text_
    Text in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde mit + markiert: +Text+
    Rmische Zahlen, die im Originaltext in Antiqua erscheinen, wurden
    nicht gekennzeichnet.

    Im folgenden werden alle am Originaltext vorgenommenen nderungen
    aufgelistet:

    S.  11: Karussel --> Karussell
    S.  13: Julies --> Juliens
    S.  36: miteilte --> mitteilte
    S.  68: Helena --> Helene
    S.  74: Srezy --> Srizy
    S. 104: Helenes --> Helenens
    S. 149: Beistrich nach mit dreiig Jahren kann eine Frau entfernt
    S. 149: hervoruft --> hervorruft
    S. 172: Punkt nach grblerisch veranlagt hinzugefgt
    S. 180: schon eine ganze Stunde lang (ein --> eine)
    S. 183: sie macht Ihnen nur Freude (Sie --> sie)
    S. 218: das der Unbekannte sich anmate (da --> das)
    S. 220: aber wenn Sie es wnschen (sie --> Sie)
    S. 231: Anfhrungszeichen vor Wir sind noch weiter hinzugefgt
    S. 233: Mut und Verzweiflung --> Wut und Verzweiflung
    S. 251: um Ihrer aller Glck (ihrer --> Ihrer)
    S. 252: in Brand gesteckte (gesteckt --> gesteckte)
  ]





End of Project Gutenberg's Die Frau von dreiig Jahren, by Honor de Balzac

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FRAU VON DREIIG JAHREN ***

***** This file should be named 26261-8.txt or 26261-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        https://www.gutenberg.org/2/6/2/6/26261/

Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and the
Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
https://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
