The Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des Lachens
und des Komischen., by Ewald Hecker

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almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
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Title: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen.
       Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie fr
       Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien.

Author: Ewald Hecker

Release Date: November 9, 2008 [EBook #27205]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE ***




Produced by Karl Pfeifer <karl.pfeifer@usask.ca>.










*Ebook Editor's Prefatory Note*


Wherever the original text uses letterspacing for emphasis, I have
substituted enclosing understrikes; I have, however, kept the
German-style quotation marks (although in some plain text character
sets the right-side quotation mark does not appear as the proper
stylistic complement of the left-side quotation mark).

The only spelling errors I spotted are "Jnhalt" for "Inhalt" on p. 14
(although capital "I" and "J" are sometimes conflated or not
conspicuously distinguished in German blackletter typefaces, Hecker's
book is not set in such a typeface), "lehhaft" for "lebhaft" on p.
20, and "deselbeu" for "deselben" on p. 75.  Otherwise, the spelling,
though not always consistent, seems to employ what were acceptable
variants at the time of writing.

I have neither corrected Hecker's spelling or attempted to make it
consistent, nor have I made other corrections to the original text.
In particular, I have retained Hecker's idiosyncratic use of the long
dash throughout; sometimes his long dash functions like genuine
punctuation, but oftentimes its purpose is difficult to discern (e.g.
he sometimes uses it at the end of a paragraph after the period). I
have also retained Hecker's idiosyncratic use of doubled double-quotes
for a quotation within a quotation on p. 68. And at the bottom
of p. 31, there is a left-side parenthesis mark without a matching
right-side parenthesis mark.

Hecker misquotes Aristotle on pages 19 and 52, each time omitting the
connective "kai" from Aristotle's phrase "andunon kai ou
phthartikon" (_Poetics_ 1449a). The transliterations in this ebook
are mine; Hecker himself quotes Aristotle in Greek.

Karl Pfeifer
University of Saskatchewan
<karl.pfeifer@usask.ca>


[Page I]

Die
*Physiologie und Psychologie*
des
*Lachens und des Komischen.*

Ein Beitrag zur experimentellen Psychologie
fr
Naturforscher, Philosophen und gebildete Laien.
Von
*Dr. Ewald Hecker,*
Zweitem Arzt an der Anstalt fr Nerven- und Gemtskranke in Grlitz.

*Berlin,*
Ferd. Dmmlers Verlagsbuchhandlung
Harrwitz & Gossmann.
1873.

[Page II: blank]

[Page III]

Meinem
lieben Freunde und hochverehrten Lehrer
dem
*D^R. KARL KAHLBAUM*
Director der Heil- und Pflegeanstalt fr Nerven- und Gemthskranke in
Grlitz
als ein Zeichen aufrichtigster Dankbarkeit
zugeeignet.

[Page IV: blank]

[Page V]

Wenn ich Dir, lieber Kahlbaum, das vorliegende Bchelchen auf den
Weihnachtstisch lege, so weiss ich freilich, dass ich Dir mit
demselben keine unerwartete Ueberraschung bereite; denn Du hast ja um
das Entstehen des kleinen Werkes gewusst und an ihm von Anfang an den
lebhaftesten Antheil genommen. Doch hoffe ich Dir damit trotzdem eine
kleine Freude zu bereiten. Vor Allem aber mchte ich Dir mit der
Widmung dieses Buches einen geringen Theil des Dankes abtragen, den
ich Dir in so reichem Maasse schulde fr das herzliche Interesse, das
Du stets an mir und meiner geistigen Ausbildung genommen, fr die
freundliche Theilnahme, die Du meinen Studien geschenkt, fr Deine
stete Bereitschaft, auf meine Plne und Arbeiten einzugehen und mich
dabei mit treuem Rathe zu untersttzen. -- Unter Deiner Leitung bin
ich in einen Beruf voll Ernst und Mhe eingetreten, Du hast in mir
von Anfang an ein wahres wissenschaftliches Interesse fr denselben
zu erwecken gewusst und mir in rckhaltslosester Weise die reichen
Schtze Deines Wissens und Deiner Erfahrungen aufgeschlossen.
Vorzglich bin ich auch dafr dankbar, dass Du mich auf die
Anknpfungspunkte achten gelehrt hast, die unsere
Specialwissenschaft, die Psychiatrie, mit den anderen Gebieten des
Wissens in Zusammenhang erhalten und mich namentlich auf die
Psychologie als eine mir bis dahin ziemlich fremde, fr die
Psychiatrie aber unent-

[Page VI]

behrliche Wissenschaft hingewiesen hast. Von Dir werde ich am
wenigsten den Vorwurf zu frchten haben, dass ich mich mit meiner
vorliegenden Arbeit zu weit von unserem Specialgebiete entfernt habe;
zumal Du weisst, dass dieselbe eigentlich die Frucht meiner
Vorstudien zu einer Psychologie des gesunden und kranken
Gefhlslebens ist. Das vorliegende Thema bot durch die in ihm sich
vollziehende enge Verknpfung der Physiologie mit der Psychologie den
besten Ausgangspunkt, um das eben erwhnte Gebiet nach der
naturwissenschaftlichen und experimentellen Methode zu durchforschen.
Wenn meine Arbeit, wie ich hoffe, nicht ganz erfolglos gewesen ist,
so scheint mir das hauptschlich fr die Richtigkeit der
eingeschlagenen Methode zu sprechen. Schon Wundt hat in seinen
Beitrgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen" [1] der ausgedehnten
Anwendung des Experiments in der Psychologie lebhaft das Wort geredet
und ich verdanke dem eben erwhnten Buche eine nicht unerhebliche
Frderung und Klrung meiner Ideen. Als ferneres Hilfsmittel, um die
Psychologie mit Erfolg weiter auszubauen, betrachtet Wundt die
Erweiterung der bisherigen Beobachtungsmethoden durch Heranziehung
der Statistik, der Entwicklungsgeschichte der Seele und der
vergleichenden Psychologie, welch letztere Wissenschaft zum Theil in
Gestalt der Vlkerpsychologie vor Allem durch die unermdlichen und
grndlichen Forschungen von Lazarus und Steinthal [2] fr die
allgemeine Psychologie schon von grsster Bedeutung geworden ist. --
Durch Dich habe ich endlich den hohen Werth der Psychiatrie als
Hilfswissenschaft der Psychologie schtzen gelernt. Sowie die
krankhaften Erscheinungen an den krperlichen Organen oft einem
exacten physiologischen Experimente gleichkommen, durch welches der
Physiologe ber bis dahin unentschiedene Fragen genauen Aufschluss
erhlt, so kann uns auch eine krankhafte

[1] Leipzig u. Heidelberg 1862.
[2] Zeitschr. f. Vlkerpsychologie u. Sprachwissenschaft. Berlin
1859-72.

[Page VII]

Strung des geistigen Lebens nicht selten als ein Experiment gelten,
bei welchem die Einzel-Factoren des geistigen Mechanismus durch ihren
Ausfall oder durch abnorme Steigerung um so deutlicher zur
Beobachtung kommen knnen. --

Deine Arbeiten ber die Hallucinationen und ber die Ideenflucht sind
mir in dieser Beziehung als mustergltig erschienen und ich bedaure
nur, dass sie in einem Fachjournal gleichsam untergegangen, zum
grossen Theil aber noch nicht einmal verffentlicht sind.

Die Psychologie ist Gemeingut so vieler Wissenschaften, dass, wo es
irgend angeht, ihre Forschungen in einer jedem Gebildeten
verstndlichen Sprache niedergelegt werden sollten. Darum habe ich
mich auch bestrebt, die vorliegende Abhandlung unbeschadet ihres
wissenschaftlichen Inhalts in eine allgemein verstndliche Form zu
kleiden. Wie oft mein Knnen hinter dem Wollen zurckgeblieben, weiss
ich freilich am besten und muss Dich um Deine Nachsicht bitten. Was
den Inhalt anbetrifft, so habe ich mit Lust und Eifer gestrebt, die
Wahrheit zu finden und muss es getrost dem Urtheil sachverstndiger
Kritiker berlassen, zu entscheiden, ob und in wie weit mir dies
gelungen. Mchte vor Allen Dir das Buch einige Freude machen! Das ist
mein aufrichtigster Wunsch.

_Grlitz_ im December 1872.

*E. H.*

[Page VIII: blank]

[Page IX]

*Inhalts-Uebersicht.*


*Einleitung.*

Die Zweckmssigkeit der Reflexbewegungen, in specie der Reflexkrmpfe
des Hustens und Niesens. Frage nach dem Zweck des Lachens, (Weinens
und Ghnens), welche Reflexbewegungen sowohl nach Reizung sensibler
Nerven als auch nach psychischen Reizen auftreten. -- Aussicht, durch
Lsung dieser Frage fr die entsprechenden psychischen Prozesse eine
physiologische Grundlage zu gewinnen. -- Das Lachen eine Folge des
Kitzels und Folge der Einwirkung des Komischen . . . . S. 1-6.

*A. Physiologischer Theil.*

a. _Der Kitzel_, ein intermittirender Hautreiz. Wirkung desselben auf
die Blutgefsse, -- durch Experiment veranschaulicht. -- Schwankungen
des Blutdrucks im Gehirn. -- Beseitigung der hieraus drohenden
Gefahren durch die rhythmischen Ausathmungsbewegungen des Lachens S.
6-16.

b. _Das Komische_. -- Wirkung auf die Gefsse. -- Experiment. --
Theorie des Lachens von Harless. Mimik des Lachenden . . . S. 16- 18.

*B. Die Psychologie des Komischen.*

Historische Einleitung. -- Auffinden zweier Factoren im Komischen,
eines angenehm und eines unangenehm wirkenden. -- Unterschied
zwischen Gefhl und Empfindung. -- Entstehung der angenehmen und
unangenehmen Gefhle. -- Anwendung des Gefundenen auf die durch das
Komische erzeugten Doppelgefhle. -- Vorlufige Beispiele. --
Eintheilung in 4 Hauptformen . . . . . . . . . . . . S. 19-40.

I. _Das einfach Komische_.
    1) Das niedrig Komische. 2) Das Pseudonaive. 3) Das Naive. --
Anhang: Der Humor . . . . . . . . . . . . . S. 40-50

[Page X]

II. _Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen_.
    Die gerechte Schadenfreude. . . . . . . . . . . S. 50-53.

III. _Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen_.
    1) Das Komische der getuschten Erwartung. 2) Der komische
Anachronismus. 3) Das Burleske und Heroisch-Komische . S. 53-56.

IV. _Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellung_ oder der
*Witz.*
    1) Der Associationswitz.
       a) Aehnlichkeitswitz (Klangwitz, Carricatur). b) Gleichheits-
und Successions-Witz.
    2) Doppelsinnwitz.
       a) Das homonyme Wortspiel. b) Das limitirende Wortspiel. c)
Der Witz aus doppelsinniger Construction. d) Der Doppeldeutungs-Witz.
e) Die Ironie. f) Der Vexir-Witz . . S. 56-75.

Rckblick auf das ganze Gebiet des Komischen. -- Die Pointe. --
Gleichzeitigkeit und gleiche Strke des angenehmen und unangenehmen
Gefhls im Komischen. -- Uebertragung des dem Wettstreit der
Sehfelder zu Grunde liegenden allgemeinen Gesetzes auf das Komische.
Danach das Komische aufzufassen als ein beschleunigter Wettstreit der
Gefhle, ein Hin- und Herschwanken zwischen Lust und Unlust. --
Physiologische Wirkung. -- Uebereinstimmung der Resultate S. 75-83.

[Page 1]

*Einleitung.*


Es ist eine allgemein bekannte Erfahrung, dass ein grosser Theil
unserer Bewegungen ganz ohne Einfluss des Willens von Statten geht.
Die dabei thtigen Muskeln sind entweder solche, die berhaupt nur
unwillkrlich wirken -- wie die Muskeln des Herzens, des Magens,
Darms, der Blutgefsse u. s. w. -- oder solche, die nur unter
bestimmten Umstnden sich der Herrschaft unseres Willens entziehen,
dem sie sonst zu gehorchen gewohnt sind.

Wider unseren Willen, ja oft ohne unser Wissen, treten in den
verschiedensten Muskelgruppen unwillkrliche geordnete Bewegungen
ein, die wir in den meisten Fllen nicht einmal zu hemmen im Stande
sind. Wenn wir uns den Finger unversehens stechen, so ziehen wir
schnell die Hand zurck, noch ehe unser Wille dazu das Gebot erliess;
wenn wir einen Bissen tief in den Schlund hinabschieben, so tritt
eine unwillkrliche Schluckbewegung ein; wenn wir den Gaumenbogen und
das Zpfchen kitzeln, werden wir zu Brechbewegungen gezwungen; wenn
ein fremder Krper in unsere Nase eindringt, oder wir die Schleimhaut
derselben mit einem Federbart reizen, so erfolgt eine gewaltsame
Krampfbewegung bestimmter Athmungsmuskeln, die wir das Niesen nennen
u. s. w.

Da wir nun wissen, dass in unserem Organismus keine Bewegung zu
Stande kommen kann ohne eine Erregung der den Muskel versorgenden
Bewegungsnerven, und es ferner ersichtlich ist, dass diese
Nervenerregung stets eine bestimmte Ursache, einen Ausgangspunkt
haben muss, so erscheint die Frage nach der Quelle der eben
mitgetheilten Bewegungen wohl gerechtfertigt. Whrend sonst der Wille
vom Gehirn aus die zu den verschiedenen Muskeln tretenden
Bewegungsnerven innervirt

[Page 2]

(anregt), sehen wir hier ohne diesen gewhnlichen Reiz eine
Muskelaction zu Stande kommen. Welcher andere Reiz also ist es, der
unseren Willen die Herrschaft ber die Muskeln streitig zu machen
sucht?

Wenn wir die Reihe der oben angefhrten Beispiele, die wir leicht
noch bedeutend vermehren knnten, betrachten, so sehen wir, dass der
Bewegung jedesmal eine Reizung bestimmter Empfindungsnerven
vorausging, im ersten Fall: der Stich in den Finger, im zweiten Fall:
die Berhrung des Schlundes u. s. w. Bei der Unabnderlichkeit dieses
Verhltnisses war der Schluss nahe gelegt, dass die nachfolgende
Bewegung zur vorausgegangenen Empfindung in urschlicher Beziehung
stehe, und in der That hat denn auch eine grosse Zahl sehr exacter
Untersuchungen die Erklrung dieses eigenthmlichen Verhltnisses
ergeben.

Der Reiz nmlich, der den Empfindungsnerven getroffen hat und von der
Peripherie aus seinen gewhnlichen Weg nach dem Nerven-Centrum
(durchs Rckenmark nach dem Gehirn) nimmt, springt, noch ehe er sein
letztes Ziel erreicht hat, und auf diese Weise uns zum Bewusstsein
kam, innerhalb des Rckenmarks durch Vermittlung verbindender
Ganglien- oder Nervenzellen auf einen Bewegungsnerven ber. Dieses
Sichumsetzen" (Zurckstrahlen) einer Empfindung in Bewegung nennt
man _Reflex_ und daher die Reihe der geschilderten Bewegungen
_Reflexbewegungen_.

In der Regel geht nun aber nicht der ganze Reiz vom Empfindungs- auf
den Bewegungsnerven ber, sondern ein Theil desselben setzt seinen
Weg nach dem Gehirn weiter fort und wird als Empfindung dem
Bewusstsein bermittelt. Wird jedoch diesem Nebenstrom nach dem
Gehirn (ins Bewusstsein) durch bestimmte Bedingungen der Weg
vertreten, so wird dann der ganze Empfindungsstrom auf den
Bewegungsnerven reflectirt, und es kommen die Reflexbewegungen um so
leichter und lebhafter zu Stande. Beim Menschen sind diese
Bedingungen vorhanden, wenn die Aufmerksamkeit sehr lebhaft auf einen
ganz andern Punkt gelenkt, wenn whrend Schlaf und Ohnmacht das
Bewusstsein unzugnglich, oder endlich wegen krankhafter Strungen im
oberen Theil des Rckenmarks die Leitung nach dem Gehirn erschwert
ist. Am einfachsten und besten kann man

[Page 3]

diese Verhltnisse an Thieren knstlich erzeugen, indem man ihnen
durch Abschneiden des Kopfes das Gehirn vllig nimmt, was namentlich
bei Frschen am leichtesten ausfhrbar ist.

Beim nheren Studium der Reflexbewegungen drngt sich besonders eine
interessante Thatsache unserer Beobachtung auf: dass sich nmlich
fast alle diese Bewegungen durch eine wunderbare Zweckmssigkeit
auszeichnen, indem sie zu dem veranlassenden Reize in bestimmte,
scheinbar vernnftige und berlegte Beziehungen treten, whrend ja
doch thatschlich gerade Ueberlegung und Wille bei ihnen
ausgeschlossen sind. Die Reflexbewegung hat entweder die Entfernung
des verletzten Krpertheiles aus dem Bereich der Schdlichkeit oder
die Entfernung des reizenden Objectes von unserem Krper zum Zwecke.
Durch das Fortziehen der Hand entgehen wir der stechenden Nadel,
durch das Niesen entfernen wir den prickelnden Krper aus der Nase u.
s. w. Vorzglich aber war am enthaupteten Frosch, an welchem nach dem
oben Gesagten die Reflexbewegungen viel leichter und vollstndiger zu
Stande kommen, als bei Erhaltung des Gehirns, die Zweckmssigkeit
seiner Bewegungen so auffallend und frappant, dass sich unter den
Physiologen ein Streit darber entspinnen konnte, ob nur das Gehirn
und nicht auch das Rckenmark des Frosches mit einer Seele begabt
sei. Namentlich neigte sich Professor Pflueger, der sich um das
Studium der Reflexbewegungen sehr verdient gemacht hat, der Ansicht
von der Seele im Rckenmark zu; whrend Professor Goltz, dem wir
nicht minder werthvolle Entdeckungen auf diesem Gebiet verdanken,
sein entschiedener Gegner Wurde.

Ich glaube, dass Goltz mit der Zurckweisung der Rckenmarksseele
vllig im Rechte ist, wenn es sich auch nicht leugnen lsst, dass die
Abwehrbewegungen des enthaupteten Frosches ganz tuschend dem Product
einer vernnftigen Ueberlegung gleichen; denn dieselben sind nicht
allein dem Orte, sondern auch der Form der Reizung angepasst: Kneife
ich den des Grosshirns beraubten Frosch mit einer Pincette, so
schlgt er mit der entsprechenden Pfote das Instrument zur Seite;
bestreiche ich seine Haut mit Essigsure, so macht der Frosch alsbald
Wischbewegungen u. s. w. und wenn schliesslich alle diese

[Page 4]

Anstrengungen ohne Erfolg bleiben und der Reiz noch strker ausgebt
wird, kriecht oder springt das Thier davon. Aber noch mehr! nimmt man
dem Frosche durch Amputation des betreffenden der gereizten
Krperseite entsprechenden Beines oder dadurch, dass man dasselbe an
den Leib festnht, die Mglichkeit, mit diesem die zuchst versuchten
Bewegungen auszufhren, so sehen wir, wie das Thier nach einigen
fruchtlosen Bemhungen das andere Bein zur Hlfe nimmt.

Ich kann mich leider hier nicht weiter auf diese interessanten und
vielfach complicirten Experimente einlassen und will nur noch
anfhren, dass Goltz [1] diese letztgeschilderten modificirbaren
Bewegungen (als sogenannte Antwortsbewegungen) von den stets in
derselben Form verlaufenden einfachen _Reflex_bewegungen
unterscheidet. Zu diesen letzteren, die uns hier vorzugsweise
interessiren und fr welche auch die oben angefhrten Beispiele
gelten, gehrt namentlich eine Zahl von krampfartigen Bewegungen,
sog. _Reflexkrmpfe_, die als Husten, Niesen, Lachen, Weinen (d. h.
Schreien und Schluchzen) und Ghnen allgemein bekannt sind. Es liegt
nahe, auch von diesen Bewegungen anzunehmen, dass sie einen
bestimmten, vernnftigen Zweck verfolgen, und so haben wir ja auch in
der That die Zweckmssigkeit des Niesens schon anerkennen mssen,
indem wir beobachteten, dass der durch die Nase getriebene heftige
Luftstrom offenbar die Aufgabe erfllt, den die Schleimhaut reizenden
Krper hinauszuschleudern. Ganz ebenso sehen wir beim Husten durch
die gewaltsamen krampfartigen Athemstsse die Ausstossung von Schleim
und Staubpartikelchen aus der Luftrhre erfolgen. -- Es werden diese
Bewegungen nicht durch unseren Willen hervorgerufen (wenn derselbe
auch einen gewissen Einfluss auf sie ausben kann), sie sind auch
ferner im Gegensatz zu den sog. Antwortsbewegungen" (s. o.) nicht
modificirbar und verrathen ihr von der Ueberlegung unabhngiges
Auftreten z. B. dadurch, dass wir auch niesen, wenn ein Federbart
unsere Nase kitzelt, obschon doch voraussichtlich der Luftstrom beim
Niesen nicht Kraft genug haben wrde,

[1] Beitrge zur Lehre von den Functionen der Nervencentren des
Frosches. Berlin 1869.

[Page 5]

ihn zu entfernen. Ebenso husten wir auch, wenn entzndliche oder
sonstige Neubildungen in der Schleimhaut der Luftrhre selbst
entstanden sind, welche durch die Hustenstsse nicht entfernt werden
knnen. Es beruhen die Reflexkrmpfe also so zu sagen auf einem
blindwirkenden Mechanismus, der durch die Organisation unseres
Nervensystems vorgebildet und wie Lotze [1] richtig bemerkt, so
einfach und zweckmssig ersonnen ist, dass der Mensch mit all seinem
Nachdenken ihn nicht erfinden wrde: Man frage Jemand, wie er es
anfangen wrde, sagt Lotze, um einen fremden Krper aus der Luftrhre
zu entfernen? Er wird wahrscheinlich eher auf _Tracheotomie_
(Erffnung der Luftrhre) rathen, als auf Husten." Die Natur sei
daher, fhrt er fort, mit Recht misstrauisch gegen unseren
Erfindungsgeist gewesen und habe die Vertheidigung unserer Gesundheit
lieber dem Mechanismus als der Ueberlegung anvertraut. Wie wenig
Antheil unsere Seele an der zweckmssigen Einrichtung jener
Bewegungen habe, sehe man daraus, _dass wir dieselben oft gar nicht
begreifen, nachdem sie da sind_ (noch weniger natrlich sie erfinden
wrden).

Dieser Ausspruch Lotze's veranlasste mich zu der Frage, ob wir denn
wirklich nicht im Stande sind, auch die brigen der oben genannten
Reflexkrmpfe zu verstehen und in Bezug auf ihre Zweckmssigkeit in
hnlicher Weise wie das Niesen und Husten zu erklren? Die Literatur
gab in der That nur wenig Ausbeute. Nur ein -- nach meinem Urtheil
jedoch nicht gelungener Versuch von Harless [2] liegt vor, auf den
ich spter zurckkommen werde. -- Es liegt auf der Hand, dass eine
richtige Beantwortung und Lsung dieser Frage zunchst von grsstem
physiologischen Interesse sein muss. Das Interesse wird aber noch
ungemein gesteigert durch folgende Ueberlegung. Die angefhrten
respiratorischen Reflexkrmpfe des Lachens, Weinens (in seinen beiden
Phasen als Heulen resp. Schreien und Schluchzen), sowie des Ghnens
werden nicht allein durch gewisse Einwirkungen auf bestimmte,
sensible Nerven, sondern auch

[1] Wagner's Handwrterbuch der Physiol. Bd. II. p. 195.
[2] Wagner's Handwrterbuch der Physiol. Bd. III. p. 585 Artikel
Temperament.

[Page 6]

durch gewisse psychische Zustnde ausgelst. Gelingt es nun, den
Zweck (und organischen resp. mechanischen Effect) jener Bewegungen,
sofern sie nach bekannter und experimentell zugnglicher Reizung
sensibler Nerven entstehen, ausfindig zu machen, so muss damit
unbedingt ein hchst interessantes Streiflicht auf die psychischen
Zustnde fallen, welche dieselben Krampfbewegungen veranlassen. Es
muss sich zwischen der peripheren Nervenerregung mit ihrer Wirkung
und dem Affect eine Parallele ziehen lassen, durch welche wir in dem
sonst so dunklen Gebiet der Psychologie eine materielle Grundlage
gewinnen knnten.

Von diesem Gedanken ausgehend suchte ich in unsere Frage einzudringen
und war selbst berrascht durch die unerwarteten Resultate, die sich
mir ergaben, indem sich die oben angedeutete Parallele in eine
vllige, bis in's Kleinste gehende Uebereinstimmung verwandelte. --
Es zeigte sich, dass das Lachen in Folge des Kitzels einerseits, weit
entfernt etwas Zuflliges oder angewhnt Willkrliches" [1] zu sein,
vielmehr auf einer weisen Vorsorge der Natur beruhend, bestimmte
materielle Aufgaben erflle, andererseits aber auch das Lachen ber
komische Vorstellungen mit derselben Nothwendigkeit eintreten msse,
indem das Komische bei seiner Einwirkung auf unser Gemth
(physiologisch nachweisbar) dieselben organischen Vernderungen
hervorruft, wie der Kitzel. Ganz Aehnliches gilt vom Weinen (resp.
Schreien), sofern es durch krperlichen Schmerz und psychische
Rhrung, vom Ghnen, sofern es durch krperliche Abspannung und
Langeweile entsteht. -- Die Methode der Untersuchung, die zu diesen
Resultaten fhrte, ist eine durchaus einfache, wie sich aus der
folgenden Darstellung ergiebt, in der wir uns zunchst nur mit dem
Lachen beschftigen wollen.

[1] Harless l. c. p. 571.

[Page 7]

*A. Physiologischer Theil.*


*a. Der Kitzel.*

_Das Lachen_ aus krperlichen Ursachen wird durch den Kitzel
hervorgerufen. Der Kitzel besteht, wie eine einfache Beobachtung
ergiebt, aus einer Reihe schnell aufeinander folgender, oft
wiederholter, _ganz leiser_ Reizungen der Hautnerven.

Nach Schiffs [1] Angabe scheint die bestndige Schwankung in der
Intensitt des Reizes resp. die Intermission das Wesentliche zu sein.
Denn man erhlt nach ihm die eigenthmliche Kitzelwirkung auch dann,
wenn man einen Menschen in schneller Folge an immer anderen
Hautstellen mit den Fingerspitzen ziemlich stark stsst. Soll es nun
unsere Aufgabe sein, die Zweckmssigkeit der durch diese Reizung
reflectorisch ausgelsten Lachbewegung nachzuweisen, so mssen wir
zunchst bei einem Vergleiche dieser letzteren mit den Reflexkrmpfen
des Hustens und Niesens hervorheben, dass eine directe Entfernung des
reizenden Objectes, wie es z. B. beim Niesen geschieht, durch das
Lachen nicht erzielt wird. Es wird diesem Zwecke durch andere
reflectorische Bewegungen gengt, in Folge derer wir zunchst
bestrebt sind, den gekitzelten Krpertheil dem Reize zu entziehen.

Wir mssen daher die Wirksamkeit des Lachens nach einer anderen
Richtung hin vermuthen. Es liegt dabei die Annahme nahe, dass diese
Krampfbewegung nicht direct mit dem Kitzel selbst, sondern erst
indirect mit einer durch den Kitzel hervor-

[1] Lehrbuch der Muskel- und Nerven-Physiologie. Lahr 1858-59 p. 225.

[Page 8]

gerufenen Vernderung im Organismus zusammenhnge. Deshalb erscheint
es nothwendig, zuvor die Frage zu errtern, _welche Einwirkungen ein
Hautreiz, wie ihn der Kitzel darstellt, auf unsern Organismus
ausbt_.

Hierbei geben uns zunchst die sehr schtzenswerthen experimentellen
Untersuchungen von Dr. Oswald Naumann einen Fingerzeig, welcher, um
die Wirkung der Hautreizmittel kennen zu lernen, eine Reihe exacter
Versuche angestellt hat, die namentlich darauf ausgingen, den
Einfluss der Hautreize auf die Circulation festzustellen [1]. Er
richtete einen Frosch, den er durch Trennung der Wirbelsule vom Kopf
getdtet hatte, derartig fr das Mikroskop vor, dass er den
Blutkreislauf im Mesenterium (dem Dnndarmgekrse -- einer feinen
Haut, die den Darm berkleidet) gut beobachten konnte, unterband, um
bei den folgenden Versuchen jede directe Einwirkung auf das
Gefsssystem unmglich zu machen, die Gefsse des einen Oberschenkels
und durchschnitt sodann unterhalb der Unterbindungsstelle alle Theile
dieses Schenkels, mit Ausnahme des Nervus ischiadicus (des Hftnerven
-- der in seinen feinsten Endverzweigungen u. A. auch die Fusssohle
mit Tastnerven versieht), so dass der Thierkrper nur noch durch
letzteren mit dem Schenkel in Verbindung blieb. Reizte er nun die
Ausbreitungen des Hftnerven (die Fusssohle) vermittelst des
galvanischen sog. Faradayschen Pinsels _mit einem im Verhltniss zur
Reizbarkeit des Thieres schwachen elektrischen Reiz_, so konnte er
unter dem Mikroskop eine entschiedene Beschleunigung des
Blutkreislaufs in den Gefssen des Mesenteriums, der Lunge und der
Schwimmhaut des unverletzten Froschschenkels, sowie _eine deutliche
Verengerung jener Gefsse_ beobachten. Da diese Erscheinung sich in
den verschiedensten sowohl von einander als auch von der Stelle des
Reizes entfernten Gefssprovinzen nachweisen liess, so kann man wol
mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass durch jenen Hautreiz
berhaupt das ganze Gefsssystem in der gedachten Weise in
Mitleidenschaft gezogen wird. Bei Wiederholungen dieser Versuche an
der Flughaut lebender Fledermuse und

[1] Untersuchungen ber die physiologischen Wirkungen der
Hautreizmittel. Prager Vierteljahrschrift 1863. I. Bd. p. 1 ff.

[Page 9]

endlich vermittelst eines eigens construirten, einfachen
Sphygmographen (Pulsmessers) an der Arteria tibialis postica
(hinteren Schienbeinpulsader) des Menschen konnte N. dieselben
Thatsachen constatiren, die sich in gleicher Weise ergaben, wenn er
statt des galvanischen Pinsels andere _leichte_ Hautreize wie
Senfspiritus _im ersten Stadium der Einwirkung_, Eintauchen in warmes
Wasser etc. anwendete. Immer erhielt er als Resultat eine allgemeine
Verengerung der Blutgefsse. Machen wir uns, ehe wir weiter gehen,
das gewonnene Resultat klar.

Wir haben in Folge des leisen Reizes sensibler Nerven eine
Verengerung der Blutgefsse an fernliegenden Organen beobachtet, und
es wird diese Erscheinung nach dem Eingangs Gesagten offenbar als
eine Reflexwirkung, d. h. als ein directes Umsetzen" des
Empfindungsreizes in eine Bewegung aufgefasst werden mssen. Die hier
in Thtigkeit gezogenen Muskeln sind die Ringmuskeln der Gefsse,
welche bei ihrer Zusammenziehung eine Verengerung des Gefssrohres
verursachen und die jene Muskeln versorgenden Nerven, auf welche die
Empfindung reflectirt ist, sind die sog. vasomotorischen Nerven,
welche zum grssten Theil im Grenzstrange des Nervus sympathicus (der
ausserdem namentlich noch die Pupille sowie verschiedene innere
Organe versorgt) verluft. Wir haben es hier also mit einer
Reflexreizung des Nervus sympathicus zu thun, denn wir beobachten
dieselben Erscheinungen, die wir sonst nach directer Reizung dieses
Nerven auftreten sehen, d. h. zunchst Verengerung der Gefsse,
namentlich der an glatten Muskelfasern reicheren _kleinen_ Arterien.

Fr strkere Hautreize ist es durch Nothnagels, Heidenhains u. a.
Untersuchungen ebenfalls experimentell nachgewiesen worden, dass sie
eine reflectorische Reizung des Sympathicus und in specie auch eine
Verengung der Gefsse der weichen Hirnhaut zur Folge haben. -- Es
fragt sich aber, ob auch ein so leichter und vorbergehender Hautreiz
wie der Kitzel den Sympathicus reflectorisch erregen kann? Um diese
Frage experimentell zu entscheiden, schienen mir die Versuche an
Thieren weniger geeignet, weil wir bei diesen eine specifische
Wirkung des Kitzels (dem Lachen des Menschen entsprechend) nicht
kennen. Nun bietet sich aber zur Veranschaulichung der

[Page 10]

geschehenen Sympathicus-Reizung beim lebenden Menschen ein sehr
bequemes und leicht zugngliches Beobachtungsobject in der Pupille
dar. Ich erwhnte schon oben, dass der Nervus sympathicus ausser der
Gefssmusculatur auch den Erweiterungsmuskel der Pupille versorgt.
Eine Reizung des Sympathicus (gleichviel ob directe oder
reflectorische) hat neben der Verengerung der Gefsse eine
Erweiterung der Pupille zur Folge. Umgekehrt knnen wir in der Regel
aus einer nach einem bestimmten (wenn nicht gerade nur localen)
Eingriff eintretenden Pupillenerweiterung auf eine geschehene
Sympathicusreizung und damit Hand in Hand gehende Verengerung der
Gefsse zurckschliessen. Um nun also nachzuweisen, dass beim Kitzel
wirklich auch eine Reizung des Nerv. symp. stattfindet, stellte ich
folgendes hchst einfache und leicht von Jedermann zu wiederholende
Experiment an.

_Man kitzelt mit einem Federbart oder Pinsel die Versuchsperson,
welche mit ihren Augen einen Punkt unvernderlich fixiren muss, an
einer besonders reizbaren Stelle_ (Ohr, Volarseite des Vorderarms
oder Fusssohle) _und beobachtet dabei die Pupillen, nachdem man sich
vorher von der Weite derselben und den oft auch normaler Weise mit
den Phasen der Respiration eintretenden Schwankungen eine Zeitlang
berzeugt hat. Unmittelbar nach erfolgtem Kitzel sieht man eine zwar
geringe, aber ganz deutlich constatirbare schwankende Erweiterung der
Pupillen_. Bei jungen, reizbaren Subjecten gelingt das Experiment
fast immer und versagt nur nach fterer Wiederholung, wobei aber auch
gleichzeitig nach Angabe der betreffenden Person die Empfindlichkeit
fr den Kitzel abgenommen hat. Bei lteren Personen, deren Pupillen
berhaupt trge reagiren, sah ich die Wirkung fter ausbleiben.

Wir knnen aus diesem Experiment also den Schluss ziehen, dass der
Kitzel eine reflectorische Reizung des Sympathicus zur Folge hat und
somit auch die fr leichte Hautreize schon von Naumann constatirte
Verengerung der Gefsse nach sich zieht. Entsprechend der dem Kitzel
eigenthmlichen unterbrochenen Reizung sehen wir ein Schwanken in der
Erweiterung der Pupille und drfen demnach auch eine schwankende
Verengerung der Gefsse erwarten.

[Page 11]

Da nun, wie schon gesagt, die oben genannten Vernderungen der
Gefsse sich besonders deutlich an den mit glatten Muskelfasern
reichlicher versehenen kleineren Arterien markiren mssen, so werden
natrlich vor Allem die Organe, die sich besonders durch ihren
grossen Reichthum an kleineren Arterien auszeichnen, vorzglich davon
betroffen werden -- so _namentlich das Gehirn_. Es ist aber eine
bekannte Thatsache, dass Circulationsvernderungen gerade im Gehirn
unter Umstnden von grosser Bedeutung sind, namentlich wenn sie, wie
hier, pltzlich eintreten. Dass dabei die in kurzen Intervallen
wiederholte Reizung und daher entstehende nicht unbetrchtliche
Schwankung (Ab- und Zunahme) im Tonus der Gefsse die daraus etwa
entstehenden Gefahren noch vergrssert, leuchtet ein. Ist es schon an
sich Jedem aus eigner Erfahrung gegenwrtig, dass lnger dauerndes
Kitzeln einer besonders empfindlichen Hautstelle keinen
gleichgltigen Eingriff auf das Centralnervensystem ausbt, so drfte
die Thatsache, dass man zur Zeit der Inquisition Leute zu Tod
gekitzelt hat, unseren Betrachtungen noch mehr Gewicht verleihen. Der
Grund, weshalb gerade das Gehirn durch Druckschwankungen so besonders
gefhrdet ist, liegt einerseits in der grosen Zartheit und
Verletzlichkeit dieses edelsten aller Organe, zweitens aber in dem
Umstande, dass das Gehirn, in der vllig abgeschlossenen starren
Schdelkapsel gelegen, nicht wie andere Organe einem vermehrten
Gefssdruck ausweichen kann, sondern durch denselben offenbar eine
Compression seiner Elemente erfahren msste, whrend umgekehrt bei
negativen Schwankungen im Gefsssystem eine pltzliche nicht minder
gefhrliche Druckentlastung eintreten wrde. Die Grsse der hieraus
zu frchtenden Gefahr kann man am besten daraus ermessen, dass die
Natur bei der Organisation des Gehirns gerade fr diesen Fall nicht
durch _eine_, sondern durch eine ganze Reihe von Schutz- und
Sicherheitsmaassregeln Vorsorge getroffen hat. Zunchst ist durch die
grosse Gerumigkeit des Venensystems innerhalb der Schdelhhle der
Abfluss des Blutes ungemein erleichtert worden, wodurch bei
zunehmendem Blutdruck ein schnellerer Ausgleich ermglicht wird,
whrend umgekehrt bei abnehmendem Druck ein Rckstauen des
Venenblutes zur Ausfllung des Fehlenden leicht zu Stande kommen

[Page 12]

kann, weil den Venen innerhalb des Gehirns die sonst in ihnen
vorhandenen Klappen fehlen. Einen weiteren Schutz gewhrt die von
Hyrtl [1] besonders beschriebene Gefssverbindung, in Folge deren die
Venen des Gehirns mit denen des Rckenmarks in einem alternirenden
Fllungsverhltniss stehen. Am wichtigsten aber ist das zuerst von
Magendie in seiner Bedeutung gewrdigte eigenthmliche Verhalten des
sog. liquor cerebrospinalis. Diese Flssigkeit, zwischen den beiden
weichen Huten (Arachnoidea und Pia mater), welche Gehirn und
Rckenmark umhllen, eingeschlossen, hat eben den Zweck, bald durch
Zurckweichen in den Arachnoidalsack des Rckenmarks bei gesteigertem
Gefssdruck im Gehirn, bald durch Zustrmen in die Schdelhhle bei
vermindertem Druck, die drohenden Schwankungen auszugleichen und
dadurch einen wie Magendie sich ausdrckt fr die Aufrechterhaltung
der Gehirn- und Rckenmarksfunctionen nothwendigen mittleren
Compressionszustand zu sichern (un certain degr de compression
indispensable  l'accomplissement rgulier des fonctions des centres
nerveux).

Es fragt sich nun, ob die eben genannten Mittel ausreichend sind, um
die Druckschwankungen, denen das Gehirn durch die beim Kitzel
auftretende Vernderung an den Gefssen ausgesetzt ist, zu
compensiren.

Um diese Frage zu entscheiden, mssen wir noch genauer untersuchen,
wie sich der auf dem Gehirn lastende Druck whrend der eben
beschriebenen Vernderungen am Circulationsapparat verhlt.

Wir haben es in Folge des Kitzels mit einer Reizung des Sympathicus
zu thun; dieselbe fhrt, wenn sie einen gewissen Grad erreicht, eine
entschiedene Verengerung der Gefsse herbei; in den geringeren Graden
der Sympathicusreizung aber, wie wir sie bei dem gewhnlichen leisen
Kitzel annehmen mssen, wird als entschieden wesentlicheres Symptom
neben einer leichten Verengerung der Gefsse, eine vermehrte Spannung
in der Muskulatur der Gefsswand hervortreten. Diese pltzliche
Vermehrung des sog. Gefss-Tonus muss aber, selbst wenn sie ohne
Verengerung der Gefsse auftreten knnte, an sich eine

[1] Handbuch der topogr. Anat. Wien 1857. I. p. 97.

[Page 13]

bedeutende Einwirkung auf den Compressionszustand des Gehirns
entfalten; denn der Druck, welchen das in den Gefssen fliessende
Blut auf das Gehirn ausbt, ist durchaus nicht gleich der Spannung,
welche das Blut innerhalb des Gefssrohres besitzt. Es wird vielmehr
durch die tonisch gespannte Gefsswand ein bedeutender Theil des
Blutdrucks von der Gehirnmasse abgehalten, gewissermaassen parirt. Je
strker der Tonus der Gefsswand wird, um so grsser ist die
Druckentlastung, welche die Gehirnmasse erfhrt. -- Jene oben
genannten mechanischen Compensationsmittel, welche alle nur auf eine
Vermehrung resp. Verringerung der Blutflle berechnet sind, wrden
allein nicht im Stande sein, die beim Kitzel in Folge des
gesteigerten Gefsstonus herbeigefhrten Druckschwankungen
auszugleichen.

Gegen die von dieser Seite her drohenden Gefahren ist aber ein
anderer besonderer Schutzapparat in Thtigkeit gesetzt, dessen
Wirkung in jeder Beziehung der Leistung jener oben beschriebenen
Mechanismen gleichkommt und mit ihnen in wohlberechtigte Concurrenz
tritt; es ist dies die in verschiedener Richtung hin thtige,
modificirbare Kraft der Respiration. Es ist ja anderweither bekannt,
welch gewaltigen Einfluss die Athmung auf den Blutkreislauf ausbt
und wenn auch bei ruhiger, oberflchlicher Respiration durch die
dabei mitspielenden verwickelten Verhltnisse die verschiedenen
Wirkungen der Aus- und Einathmung auf die Arterien und Venen sich
ziemlich ausgleichen und aufheben, so finden doch bei forirten
Athmungsbewegungen und _namentlich, wenn die freie Respiration irgend
behindert ist_, sehr wesentliche Vernderungen der
Kreislaufsverhltnisse statt. -- Bei der Einathmung wird durch das
Herabtreten des Zwerchfelles und das Heben der Rippen der Brustraum
erweitert und der Inhalt desselben, d. h. also Lungen, Herz und die
zu und von ihm fhrenden grossen Gefsse unter einen geringeren Druck
gesetzt. Zur Ausgleichung desselben strmt erstlich die ussere
atmosphrische Luft in die Lungen und dehnt dieselben aus; zweitens
wird aber auch zugleich das Blut von den grossen Gefssen nach dem
Herzen angesogen und dadurch einerseits zwar die Fortbewegung des
Blutes in den Arterien etwas gehemmt, dagegen aber andererseits in
viel hherem Maasse in den Venen (deren viel dnnere Wandungen

[Page 14]

der negativen Druckschwankung bedeutend zugnglicher sind) die
normale Blutbewegung nach dem Herzen zu wesentlich begnstigt und
beschleunigt. Bei der Ausathmung aber greifen die umgekehrten
Bedingungen Platz; durch Hinabsinken der Rippen und Hinaufdrngen des
Zwerchfells wird der Brustraum verkleinert und ein betrchtlicher
Druck auf seinen Jnhalt ausgebt. Deshalb entweicht die Luft aus den
Lungen durch die Luftrhre; gleichzeitig aber wird in Folge derselben
Ursache der Abfluss des Venenblutes, in der Richtung zum Herzen,
wesentlich erschwert, ein Kreislaufhinderniss, das durch die geringe
Begnstigung, welche die Circulation in den Arterien vermittelst
dieses Zuschusses an Druckkraft erfhrt, doch nicht ganz ausgeglichen
wird. Namentlich bei sehr heftigen und noch dazu durch vollstndigen
oder auch nur theilweisen Verschluss der Stimmritze (wie er z. B. zur
Tonerzeugung beim Lachen nothwendig ist) bedeutend gesteigertem
Exspirationsdruck wird der Rckfluss des Blutes nach dem rechten
Herzen sehr bedeutend gehemmt. Die erste Folge davon ist ein
Zurckstauen des Blutes in die dem Herzen am nchsten gelegenen
Venen, und so sieht man namentlich auch an den grossen
Halsblutleitern (Venae jugulares) eine betrchtliche Ausdehnung und
pralle Spannung. Es ist klar, dass diese Ueberfllung mit Venenblut
sich auch nach dem Gehirn weiter fortsetzen muss, da ja auch von hier
aus der Abfluss gehindert ist.

Dadurch wird aber natrlich ein bedeutender Druck auf das Gehirn
ausgebt, indem das Blut weiterhin auch aus den Gehirnarterien
schwieriger abfliessen kann und gezwungen ist, dieselben auszudehnen.
Durch die directen Versuche von Donders [1] zeigte sich bei
Steigerung des Exspirationsdruckes, dass ein Gehirngefss von 0,04
Mill. Durchmesser auf 0,14 und eines von 0,07 auf 0,16 erweitert
wurde.

Erinnern wir uns nun, dass wir als Wirkung des Kitzels eine
reflectorische Sympathicusreizung mit folgender pltzlicher
Verminderung des auf das Gehirn wirkenden Blutdruckes annehmen
mussten, so werden wir nicht anstehen, in den forcirten

[1] Vgl. Virchow, Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie.
Erlangen 1854. Bd. 1. p. 111.

[Page 15]

Ausathmungsbewegungen, die ja, wie wir eben sahen, den Gehirndruck
steigern, ein souveraines Mittel zu erkennen, um den in Folge des
Kitzels drohenden Gefahren entgegenzuwirken. Und in der That sehen
wir, dass die Natur mit selbstwirkendem Mechanismus sich wirklich
dieses Mittels bedient; denn was ist das Lachen anders, als eine
rhythmisch unterbrochene usserstforcirte, durch die damit verbundene
Tonbildung erschwerte Ausathmung? Wenn wir einen heftig Lachenden
ansehen, so fllt uns ja sofort das blau-gerthete Gesicht und das
starke Hervorquellen der Halsvenen auf, welche die vermehrte
Blutflle in den vensen Gefssen kennzeichnet, die sich auch nach
dem Gehirn fortpflanzen muss. Wir drfen somit, das Resultat unserer
Untersuchung zusammenfassend, _das Lachen als eine zweckmssige
Reflexbewegung ansehen, welche die Aufgabe erfllt, die durch den
Kitzel verursachten negativen Druckschwankungen im Gehirn durch eine
entsprechende Drucksteigerung zu compensiren_.

Als nicht unwesentliche Sttze fr diesen Satz dient das interessante
Zusammenzutreffen der Intermission sowohl des Reizes wie auch der
Exspirationsbewegungen. Sehen wir als wesentliches Charakteristicum
des Kitzels die fortwhrende Unterbrechung und Schwankung des
Hautreizes an, so erkennen wir ganz dem entsprechend im Lachen eine
rhythmisch intermittirende Ausathmungsbewegung, und wenn es sich auch
nicht feststellen lsst, dass jedem einzelnen Hautreiz ein einzelner
Exspirationsstoss entspricht, so ist die allgemaine Uebereinstimmung
doch auffllig genug, namentlich wenn wir dieselbe mit den beim
Schreien aus Schmerz stattfindenden Verhltnissen zusammenstellen. --
Der krperliche Schmerz ensteht durch eine strkere und in ihren
Wirkungen anhaltendere Reizung sensibler Nerven und ruft nach
Nothnagels und Pflgers Beobachtungen einen anhaltenden Gefsskrampf,
eine starke ununterbrochene Verengerung der Gefsse hervor, die aber
(wie auch Naumanns weitere Versuche beweisen) nach krzerer oder
lngerer Zeit in eine Gefsslhmung und dem entsprechende mehr oder
minder bedeutende Erweiterung der Gefsse bergeht. Dem ersten
Stadium der _ununterbrochenen_ Gefssverengerung entspricht nun das
Schreien als eine _ununterbrochene_ Exspirationsbewegung

[Page 16]

mit demselben Zwecke wie das Lachen [1]. Dem zweiten Stadium der
Gefsslhmung, welches also gerade die entgegen gesetzten
Vernderungen des Gehirndruckes d. h. eine Steigerung desselben zur
Folge haben muss, entspricht das zweite Stadium des Weinens, das sog.
Schluchzen, welches als forcirte Inspirationsbewegung nach dem oben
Gesagten den Druck im Gehirn herabsetzt. --

*b. Das Komische.*

Es ist uns also gelungen fr das Lachen, insofern es durch den Kitzel
verursacht wird, eine physiologisch-anatomische Begrndung
nachzuweisen. Nach dem oben Gesagten haben wir damit zum Mindesten
(wenn eine directe Uebertragung nicht gestattet ist) einen deutlichen
Fingerzeig erhalten, nach welchem Ziele wir bei Untersuchung des
Lachens, sofern es in Folge des Komischen entsteht, zu streben haben.
Es lsst sich von vornherein vermuthen, dass bei Einwirkung des
Komischen dieselben physiologisch-anatomischen Vernderungen
eintreten werden, wie nach dem Kitzel, das heisst eine
intermittirende Contraction der Gehirngefsse als Folge einer
intermittirenden Sympathicusreizung. Das Experiment, das wir zur
Besttigung der geschehenen Sympathicusreizung beim Kitzel
anstellten, ist beim Komischen aus leicht begreiflichen Grnden
schwer auszufhren. Wenn man Jemandem etwas Komisches erzhlt, hlt
derselbe doch in der Regel seine Augen nicht auf einen Punkt fixirt
und wir knnen die Pupillen nicht genau beobachten; andererseits hrt
die komische Wirkung meist auf, wenn der Betreffende sich beobachtet
fhlt. Dennoch ist es mir nach vielen vergeblichen Versuchen in
einigen Fllen gelungen, eine genaue Beobachtung zu machen und konnte
ich in der That als Wirkung des Komischen eine deutliche Erweiterung
der Pupillen constatiren.

Es muss aber mglich sein, noch auf einem andern Wege

[1] Hieraus erklrt sich u. A. die auffllige Thatsache, dass das
Schreien oder auch Sthnen (welches ebenfalls ein Exspiriren bei
theilweise geschlossener Stimmritze darstellt) bei krperlichem
Schmerz wirklich eine Erleichterung verschafft.

[Page 17]

dasselbe Resultat, wenn es ein wirklich richtiges ist, festzustellen,
nmlich durch eine unbefangene psychologische Betrachtung des
Komischen, durch eine Zerlegung desselben in seine etwaigen einzelnen
Factoren und Untersuchung, welche Wirkung diese auf den Organismus
ausben. Fr die Art und Weise, wie solche Untersuchungen ausgefhrt
werden mssen, kann die treffliche Arbeit Dommrichs [1] als Muster
angesehen werden. In Bezug auf das Lachen ist D. freilich zu keinem
Resultat gekommen. Er sagt: Wie das spielende Vergleichen
contrastirender Vorstellungen nun gerade diese Gruppe motorischer
Nerven auslst, ist schliesslich ebensowenig zu begreifen, als warum
dies gekitzelte sensible Hautnerven thun." Auch Harless hat sich, wie
schon oben erwhnt, mit dem Lachen aus psychischer Ursache
beschftigt. Er lsst dasselbe einfach aus dem Lustgefhl hervorgehen
-- was, wie wir spter sehen werden, durchaus nicht richtig ist --
und erklrt den organischen Zusammenhang in folgender Weise: Er sagt:
Das Lustgefhl verlangt oder erleichtert und untersttzt jede
organisch geforderte Bewegung (?); die von der Natur geforderte
active Bewegung ist aber die Einathmung. (?) Es wird also beim
Lustgefhl die Inspiration mit der grssten Leichtigkeit vollzogen,
aber in der Exspiration, weiche eine ruhige Erschlaffung der
Thoraxmuskeln und des Zwerchfelles erheischt, setzt sich die durch
die Inspiration eingeleitete Contraction noch fort und gerth daher
in Conflikt mit der jetzt organisch geforderten Erschlaffung, was
sich in auf und abgehenden Excursionen am Zwerchfell um so leichter
abspiegeln wird, als dieser Muskel bei Weitem die geringsten Massen
und den grssten Spielraum, und an den Bauchmuskeln keine energischen
Antagonisten hat.

Es ist nicht schwer einzusehen, dass diese Erklrung in keiner Weise
zutrifft. Abgesehen von der mindestens nicht bewiesenen Prmisse,
dass das Lustgefhl jede organisch verlangte Bewegung erleichtert,
und der alleinigen Anwendung dieses Satzes gerade nur auf die
Inspiration, scheint es mir unzweifelhaft, dass wir beim Lachen
gerade keine erleichterte Inspiration, sondern eher eine erschwerte,
beobachten und dass wir

[1] Die psychischen Zustnde, ihre organische Vermittlung etc. Jena
1849.

[Page 18]

dasselbe vielmehr als eine gesteigerte, forirte Ausathmungsbewegung
(durch Contraction der Bauchmuskeln etc. verursacht) ansehen mssen,
die beim starken Lachen sogar bis zum ussersten Punkt geht, bis man
nicht weiter ausathmen kann. Die Inspiration ist wegen des
bedeutenden zeitlichen Ueberwiegens der Exspiration (gerade im
Gegensatz zu Harless' Behauptung) eine sehr hastige, berstrzte und
gerade dieses Moment prgt dem Gesicht des Lachenden den ihm
eigenthmlichen _mimischen Ausdruck_ auf.

Bei der Hast, mit welcher wegen sofort wieder drohender Exspiration
die Einathmung geschehen muss, werden smmtliche inspiratorische
Hilfsmuskeln, auch die des Gesichtes, in Thtigkeit gesetzt, hnlich
wie bei Erstickungszufllen. (Vor Lachen ersticken"). Nicht allein
der Mund steht offen und wird durch die Contraction der MM.
zygomatici, levatores labii superior. propr. etc. mglichst
vergrssert, sondern auch die Nasenflgel sind durch Betheiligung der
MM. levatores alae nasi in ihre inspiratorische Stellung versetzt. Es
ist diese letztere Thatsache von um so grsserer Bedeutung, als, wie
Piderit sehr richtig nachgewiesen hat, der Hauptunterschied zwischen
dem lachenden und weinenden Gesicht gerade darin besteht, dass beim
lachenden die Nasenflgel in die inspiratorische Stellung versetzt,
d. h. gehoben, beim weinenden dagegen durch den depressor alae nasi
herabgezogen sind.

Wir kehren nach diesen Zwischenbemerkungen zu unserem Hauptthema
zurck und wenden uns, zunchst ganz ohne Rcksicht auf das bisher
Behandelte, zu einer psychologischen Entwicklung des Komischen.

[Page 19]

*B. Psychologie des Komischen.*


Komisch oder lcherlich nennen wir diejenigen Dinge, Situationen oder
Aeusserungen, welche in uns den Affect des Lachens erregen. Wenn wir
zunchst ein allgemeines Urtheil fllen sollen, so werden wir wol
nicht anstehen, jenen Affect als einen angenehmen zu bezeichnen, und
wir knnten uns daher leicht zu dem weiteren Schlusse versucht
fhlen, dass das Komische selbst sich als etwas _durchaus_
Angenehmes, unserem Gefhl _durchweg_ Zusagendes charakterisiren
liesse. Dieser Schluss wre aber ein falscher; denn wenn wir an
Beispielen dem Inhalt des Komischen nachforschen, so springt uns
gerade umgekehrt bei Allem was unser Lachen erregt, zunchst eine
Vorstellung ins Auge, welche etwas _Unangenehmes_, unserem Gefhl
_nicht Zusagendes_ enthlt. Schon Aristoteles hat diese Thatsache
richtig erkannt und bezeichnet in der Definition des Komischen, die
er in seinem Buche peri poiiks [1] mit kurzen Zgen entwirft,
dasselbe als etwas Fehlerhaftes, Hssliches, Ungereimtes (hamartma
ti kai aischos) mit der Einschrnkung, dass es nicht schmerzhaft und
schdlich sein drfe. (andunon ou phthartikon.) Er fhrt als
Beispiel ein verzogenes und hssliches Gesicht an, das uns dann
lcherlich erscheine, wenn wir darin nicht gleichzeitig den Ausdruck
des Schmerzes bemerken.

In den meisten spteren Definitionen, deren es eine sehr

[1] Becker's Ausgabe. Berlin 1833. Peri poiiks. -- 5. --

[Page 20]

grosse Zahl giebt [1], finden wir diesen Factor, den Aristoteles mit
seinem hamartma ti kai aischos bezeichnet und in welchem er das
Hssliche in seiner weitesten Bedeutung umfasst, mehr oder weniger
erschpfend wiedergegeben, indem von dem Einen mehr das sinnlich
Hssliche, von dem Andern das sittlich Hssliche, von einem Dritten
das fr den Verstand Ungereimte als eigentlicher Inhalt des
Lcherlichen besonders betont wird.

So hebt z. B. Kant [2] hervor, dass in Allem, was ein lebhaft
erschtterndes Lachen erregen solle, etwas Widersinniges sein msse,
woran also der Verstand an sich kein Wohlgefallen finden knne;
alsdann aber fgt er noch einen andern Factor hinzu, den er fr den
eigentlich wesentlichen hlt, indem er weiter mit gesperrter Schrift
fortfhrt: Das Lachen ist ein Affect der pltzlichen Verwandlung
einer gespannten Erwartung in Nichts".

Bei alledem drngt sich uns nun aber die Frage auf, wie es denn
zugeht, dass lauter unangenehme Eindrcke, wie das Hssliche,
Widersinnige, eine getuschte Erwartung u. dgl. doch schliesslich
einen angenehmen, heiteren Affect hervorrufen, als welcher uns der
Affect des Lachens in der That doch erscheint.

Aristoteles hat diese Frage ganz bergangen, Kant dagegen beschftigt
sich lebhaft mit ihr. Er gesteht zu, dass diese Verwandlung der
gespannten Erwartung in Nichts fr den Verstand durchaus an sich
nicht erfreulich sei; da sie nun aber doch indirect auf einen
Augenblick sehr lehhaft erfreue, so msse die Ursache in dem
Einflusse der Vorstellung auf den Krper und dessen Wechselwirkung
auf das Gemth bestehen. Er kommt schliesslich [3] nach ausfhrlicher
Excursion hierber zu dem Resultate, dass die angenehme Wirkung des
Lcherlichen auf der fr die Gesundheit heilsamen Motion und
verdauungsbefrdernden Zwerchfellbewegung beim Lachen beruhe; da das
Lachen immer Schwingung der Muskeln ist, die zur Verdauung gehren,
welche diese weit besser befrdert, als die

[1] Vergl. M. Schasler, Aesthetik I. Bd. Berlin 1871 der die
wichtigsten Theorien des Komischen anfhrt und sehr treffend
kritisirt.
[2] Kritik der Urtheilskraft. Smmtl. Werke. Leipzig 1839. Bd. 7. p.
198.
[3] Vergl. auch Kant's Anthropologie  77.

[Page 21]

Weisheit des Arztes thun wrde." -- Kant spricht hier, wie
ersichtlich, nur von dem krperlichen Genuss, den das _Lachen_
bereitet und nicht von dem geistig Angenehmen, was im Lcherlichen
selbst liegt, whrend doch offenbar das Komische selbst dann einen
angenehmen Kitzel in uns verursacht, wenn das lebhaft erschtternde
Lachen" nicht zum Ausbruche kommt. Es muss also im Lcherlichen
selbst oder in seiner directen Einwirkung auf unser Gemth neben dem
mehr ins Auge fallenden unangenehmen Inhalt noch ein Factor wirksam
sein, aus dem sich die angenehme Wirkung des Lcherlichen erklrt. In
der That ist auch von anderen Autoren vielfach der Versuch gemacht,
diesen Factor neben dem erstgenannten aufzufinden, und zum Belege
dafr, in welcher Weise dies geschehen und wie weit es gelungen ist,
lasse ich noch einige Definitionen des Komischen hier in aller Krze
folgen, die mir unter den mir bekannt gewordenen, als die
bedeutendsten erschienen sind.

Ich erwhne zuerst die Theorie des Lcherlichen von Schopenhauer [1].
Auch er hebt hervor, dass das Lcherliche eine unserem Gefhl
unangenehme Wahrnehmung enthlt, nmlich die von der Incongruenz
zwischen einem Begriff und dem durch denselben gedachten Gegenstande.

Dass diese wahrgenommene Incongruenz uns aber Freude mache, erklrt
Schopenhauer in folgender Weise: Bei jenem pltzlich hervortretenden
Widerstreit zwischen dem Angeschauten und Gedachten behlt das
Angeschaute allemal unzweifelhaft Recht". -- Dieser Sieg der
anschauenden Erkenntnisse erfreut uns, denn das Anschauen ist die
ursprngliche, von der thierischen Natur unzertrennliche
Erkenntnissweise, in der sich Alles, was dem Willen unmittelbares
Gengen giebt, darstellt: Es ist das Medium der Gegenwart, des
Genusses und der Frhlichkeit: auch ist dasselbe mit keiner
Anstrengung verknpft. -- Vom Denken gilt das Gegentheil; es ist die
zweite Potenz des Erkennens, deren Ausbung stets einige oft
bedeutende Anstrengung erfordert und deren Begriffe es sind, welche
sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wnsche entgegen-

[1] Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig 1859. (3. Aufl.) Band
I. p. 70 ff. u. Bd. II. p. 99 ff.

[Page 22]

stellen, indem sie als Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des
Ernstes, den Vehikel unserer Befrchtungen, unserer Reue und aller
unserer Schmerzen abgeben. Diese strenge, unermdliche, berlstige
Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulnglichkeit berfhrt zu
sehen, muss uns daher ergtzlich sein." So viel Richtiges die
Definition von Schopenhauer auch enthlt, so kann ich doch seiner
Erklrung von der angenehmen Wirkung des Lcherlichen nicht
beitreten. Vor allen Dingen ist jene Bestimmung zu weit umfassend, da
nach ihr _jeder_ Irrthum lcherlich sein msste, in welchem die
Anschauung uns belehrt, dass wir etwas Fehlerhaftes gedacht haben;
whrend doch, wie wir spter sehen werden, nur unter gewissen
Bedingungen (nmlich bei Hinzukommen eines angenehmen Factors, der in
dem lcherlichen Dinge selbst liegt) ein solcher Irrthum lcherlich
wird.

Ganz im Gegensatz zu Schopenhauer stellt Lazarus [1], der an
verschiedenen Stellen seiner geistvollen Arbeit ber den Humor sich
ber das Komische ausspricht, den Sieg des in uns vorhandenen
Positiven, Vernnftigen, Idealen ber das gegebene Negative als den
angenehm wirkenden Factor im Komischen dar, indem er Letzteres
berhaupt dadurch entstehen lsst, dass wir das Mangelhafte sehen, wo
wir das Vollkommene erwarten; whrend der von Schopenhauer dem
Lcherlichen vindicirte Sieg der gegebenen negativen Vorstellung ber
das in uns vorhandene Positive nach Lazarus den Affect des Weinens
hervorruft. Weiter fasst L. das Komische als eine der drei mglichen
Seiten des Contrastes auf, indem er ihm seine Stellung zwischen dem
tragischen und humoristischen Contrast anweist. Der Contrast aber ist
nach ihm ein solcher Gegensatz, bei welchem die Glieder desselben
zugleich einen Punkt oder eine Seite der Vereinigung haben, indem die
dabei wirkenden Vorstellungen einmal wegen ihrer Gleichheit zu einem
einzigen Denkact verschmelzen, whrend sie nach anderer Richtung hin
wieder ganz und gar geschieden sind. Die Mglichkeit und die
Unmglichheit der Verschmelzung tritt zu gleicher Zeit ein,

[1] Das Leben der Seele. Berlin 1856. I. p 179 ff. Der Humor als
psychologisches Phnomen.

[Page 23]

daraus entsteht ein Widerstreit nicht blos in den Vorstellungen,
sondern auch im Zustande der Seele, und diesen nennen wir Affect --
und zwar entsteht der Affect des Lachens durch den Widerstreit
zwischen Schein und Sein. -- Wir werden auf diese z. Th. sehr
treffende Definition spter bei Gelegenheit des Witzes noch einmal
zurckkommen.

Gingen die bisher mitgetheilten Definitionen alle mehr oder weniger
entschieden vom psychologischen Standpunkte aus, so muss ich jetzt
eine andere Auffassungsweise der uns beschftigenden Frage erwhnen,
nmlich die metaphysisch-sthetische, als deren eigentlicher
Begrnder Jean Paul [1] anzusehen ist. Auch von diesem Standpunkte
aus lsst sich das Vorhandensein zweier Factoren im Komischen
nachweisen, von denen der eine etwas Unangenehmes, der andere etwas
Angenehmes enthlt. Jean Paul, der brigens selbst zum Theil die
psychologische Betrachtungsweise noch festhlt, bringt in seiner
Vorschule zur Aesthetik viele geistreiche Bemerkungen und Aperus
ber unseren Gegenstand vor, doch ermangelt seine Darstellung der
wissenschaftlichen Schrfe und Uebersichtlichkeit. Er findet u. A.
das Wesen des Komischen in einem sinnlich angeschauten unendlichen
Unverstand, wobei wir demselben unsere Einsicht und Ansicht leihen;
dadurch aber, dass J. P. das Komische zuerst als das umgekehrt
Erhabene bezeichnet, legte er den Grund zu jener metaphysisch-
sthetischen Auffassungsweise, die durch Schelling, Hegel, Ruge,
Weisse, u. A. weiter gefrdert wurde. Am Eingehendsten behandelt von
diesem Standpunkt aus Fr. Th. Vischer (Tbingen) [2] unser Thema und
liefert eine Flle wohlgeordneten, schtzbaren Materials. Nach ihm
bildet das Erhabene im Komischen den einen Factor, dem ein zweiter
Factor entgegensteht, der das Erhabene zu Fall bringt. Aus dem kurzen
Abschnitte ber den Subjectiven Eindruck des Erhabenen und
Komischen" entnehmen wir aber, dass das Erhabene als Unlust auf die
Seele des Anschauenden eindringt, whrend durch die pltzliche
Aufhebung des Erhabenen die

[1] Smmtliche Werke, Berlin 1841. 18. Bd. . 26 ff.
[2] Ueber das Erhabene und Komische. Stuttgart 1837, und Aesthetik
Reutlingen und Leipzig 1846. I. Th. p. 334. ff.

[Page 24]

Unlust in Lust verwandelt wird. Beide Factoren, welche Vischer sehr
ausfhrlich einzeln bespricht, bilden durch ihren pltzlichen
Zusammenstoss das Komische, das je nach der Form des Erhabenen, das
sich in ihm bricht, verschiedene Arten zeigt.

In allen mitgetheilten Definitionen sehen wir also mehr oder weniger
bestimmt jene beiden Factoren hervorgehoben, von denen der eine
Unlust verursacht, whrend wir dem zweiten Factor, ber den sich die
Autoren hauptschlich in Differenz befinden, die Erzeugung eines
angenehmen Gefhls zuschreiben mssen. Diese beiden Factoren hat man
aber bisher nicht als gleichwerthige aufgefasst; denn whrend man das
unangenehme Gefhl ans der Einwirkung erklrt, die der im Komischen
vorhandene Inhalt auf unsere Seele ausbt, suchte man das angenehme
Gefhl aus einem von jenem Inhalt zum grssten Theil unabhngigen
psychischen Processe herzuleiten, so Schopenhauer aus dem Siege des
Anschauens ber das Denken, Lazarus aus dem Siege des in uns
vorhandenen Positiven ber das gegebene Negative, Vischer endlich aus
der Aufhebung des unangenehmen Gefhls. -- Nur eine, zuerst von
Hobbes ausgesprochene und seitdem vielfach verwerthete (und wohl
indirect auch in der Definition von Lazarus enthaltene) Erklrung,
welche den Grund der Lust beim Lcherlichen in dem Gefhl unserer
Ueberlegenheit ber die Schwachheit des Belachten sucht, macht davon
eine Ausnahme, indem sie die Lust aus gleicher Quelle herleitet, wie
die Unlust. Denn whrend die Schwachheit, Dummheit etc. des Andern
einerseits unser Gefhl beleidigt, ruft sie andererseits dadurch,
dass sie uns unsere Ueberlegenheit zum Bewusstsein bringt, ein
angenehmes Gefhl hervor. Doch gilt diese Erklrung, so richtig nach
meiner Anschauung der Weg ist, den sie einschlgt, nur fr eine ganz
beschrnkte Form des Lcherlichen. Eine allgemeine Ausdehnung auf das
ganze Gebiet des Komischen hat nur im negativen Sinne Geltung,
insofern eine Verletzung und Erniedrigung unseres Selbstgefhls
selbst durch die Harmonie mit den hchsten Ideen nur sehr selten
aufgewogen wird und dieselbe daher fr den komischen Contrast in der
Regel untauglich ist. Es giebt ausser der hier erwhnten noch viele
andere auf demselben Grunde

[Page 25]

entspringende Quellen der Lust beim Komischen und es soll in der
folgenden Untersuchung unsere Aufgabe sein, dieselben aufzufinden.
Wir wollen nachweisen, dass die Quellen, aus denen das angenehme
Gefhl beim Komischen entspringt, ebenso zahlreich sind, wie die
Quellen des unangenehmen Gefhls, und dass beide Gefhle aus der
Einwirkung der im Komischen enthaltenen Vorstellungen auf unsere
Seele hervorgehen.

Ehe wir aber zur Lsung dieser Aufgabe schreiten, ist es nthig, dass
wir uns ber die wichtigsten dem Ganzen zu Grunde liegenden
psychologischen Fragen verstndigen und uns namentlich darber
einigen, was wir unter Gefhlen verstehen wollen, und welche Quellen
wir fr dieselben annehmen [1]. Es ist eine genaue Verstndigung
hierber um so unerlsslicher, als mit dem Worte _Gefhl_ die
heterogensten Begriffe bezeichnet werden und namentlich die in der
gewhnlichen Umgangssprache herrschende Gleichbedeutung der Worte
_Empfindung_ und _Gefhl_ zum Theil auch in die Wissenschaft
eingedrungen ist, und hier die grsste Verwirrung angerichtet hat.

Nahlowsky, der sich um die Klrung dieser Begriffe das grsste
Verdienst erworben hat, giebt eine ganze Sammlung von Citaten, welche
beweisen, dass selbst Psychologen von Bedeutung die scharfe Trennung
zwischen Gefhl und Empfindung ausser Acht lassend in unlsbare
Widersprche und auf Abwege gerathen sind.

Wir nennen mit Nahlowsky alle jene Zustnde, die auf der blossen
Perception organischer Reize beruhen (d. h. alle solche, die entweder
durch sensorielle oder sensitive Nerven vermittelt sind)
*Empfindungen;* alle jene Zustnde dagegen, die keineswegs
_unmittelbares_ Product von Nervenreizen, sondern vielmehr _Resultat
gleichzeitig im Bewusstsein zusammentreffender Vorstellungen_ sind,
*Gefhle* und zwar beruhen dieselben _auf dem unmittelbaren
Innewerden der Hemmung oder Frderung unter den eben im Bewusstsein
vorhandenen Vorstellungen_. Die Hemmung erzeugt

[1] Waitz, Lehrbuch der Psychologie Braunschweig 1849. _Nahlowsky das
Gefhlsleben_. Leipzig 1862. Lazarus l. c. I. p. 238.

[Page 26]

das Gefhl der Unlust, die Frderung das Gefhl der Lust und zwischen
diesen beiden Polen bewegen sich alle Gefhle, die den Menschen
jemals beherrschen knnen.

Die Empfindungen theilen sich in die Aussen- oder Sinnesempfindungen
und die Innen- oder Krperempfindungen. Unter letzteren sind
namentlich die sogenannten Gemeingefhle oder richtiger
Gemein_empfindungen_ fr uns wichtig, weil sie, wie schon der (auch
in der Wissenschaft) gelufige Name sagt, flschlich zu den Gefhlen
gerechnet werden. Es gehren hierher z. B. die Empfindungen
krperlicher Frische oder Mattigkeit, des gehobenen leiblichen Lebens
oder der Abgeschlagenheit, der physischen Gesundheit oder Krankheit
und dgl.

Whrend die Empfindungen ursprngliche Zustnde sind, sind die
Gefhle abgeleitete; whrend erstere die Elemente darstellen, aus
denen die Vorstellungen sich bilden, gehen die Gefhle erst aus den
Vorstellungen hervor. Dadurch stehen aber die Gefhle mit den
Empfindungen in indirecter Verbindung und gerade diese Abhngigkeit
der einen von den andern hat zu der verwirrenden Vermischung beider
Zustnde gefhrt. Die Empfindungen erzeugen Gefhle stets durch
Vermittlung von Vorstellungen, die uns nur mehr oder minder klar zum
Bewusstsein kommen. Meistens werden die Vorstellungen in Folge einer
zwischen bestimmten Empfindungen und bestimmten Vorstellungen frher
zufllig eingegangenen Verbindung geweckt. Wenn wir beim Anblick
eines Kirchhofs in traurige Stimmung gerathen, so geschieht das in
Folge der damit verknpften Vorstellung vom Tode berhaupt oder
vielleicht vom Tode einer geliebten Person etc. Wenn uns ein heller
Sommertag heiter stimmt, so wirken dabei, wenn auch zum Theil
unbewusst, Vorstellungen mit, die sich auf genossene Sommerfreuden im
Freien beziehen, andrerseits aber spielt dabei auch das grssere
krperliche Wohlsein eine Rolle. Dasselbe fhrt nmlich durch
leichteres von Stattengehen der Ernhrungsvorgnge auch im Gehirn zu
einer schnelleren Verknpfung der Vorstellungen berhaupt, welche wie
wir gleich sehen werden eine Quelle der angenehmen Gefhle ist. Die
krperliche Schmerzempfindung, namentlich ein dauernder Schmerz oder
ein krperliches Unbehagen bewirkt ein Stocken des Vor-

[Page 27]

stellungsverlaufes welches unangenehme Gefhle erregt. Immer also
bilden die Vorstellungen das Mittelglied zwischen Empfindung und
Gefhl. Die weiterfolgenden Auseinandersetzungen werden diesen Satz
noch nher beweisen helfen.

Wir haben uns hier zunchst ganz im Allgemeinen mit den Gefhlen der
Lust und Unlust zu beschftigen, und wollen vor Allem ihre Quellen
noch nher erforschen. Wir fhrten schon oben die Definition von
Nahlowsky (und Waitz) an, welche das angenehme Gefhl aus einer
Frderung, das unangenehme aus einer Hemmung der gerade im
Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen erklrt. Es soll unsere Aufgabe
sein, die Begriffe der Frderung und Hemmung noch nher zu
specialisiren, indem wir dabei genetisch verfahren, d. h. die Gefhle
beim Eintritt einer (sei es durch Wahrnehmung uns neu zugefhrten,
sei es durch Reproduction ber die Schwelle des Bewusstseins
gebrachten) Vorstellung zu erforschen suchen.

Die Art und Weise, wie die neue Vorstellung sich zu dem schon
vorhandenen Vorstellungscamplex, der unser geistiges Ich bildet,
verhlt, wird dabei maassgebend sein. -- Die leichtere oder schwerere
Einverleibung in denselben (Assimilation) bestimmt die Qualitt des
dabei entstehenden Gefhls. Es lsst sich in Bezug hierauf folgender
Satz aufstellen, der seinen ausgiebigen Beweis in der ganzen
folgenden Arbeit finden wird:

_Ein angenehmes Gefhl entsteht dadurch, dass eine neue Vorstellung
schnell und ungestrt mit einer andern eben im Bewusstsein
vorhandenen oder einer aus dem gesammten Vorstellungscomplex durch
jene geweckten Vorstellung in Verbindung tritt, und auf diese Weise
leicht assimilirt wird; whrend ein unangenehmes Gefhl dadurch
entsteht, dass die Assimilation durch irgend welche Umstnde eine
Verzgerung erleidet._

Um diesen Fundamentalsatz zu beweisen, mssen wir zunchst die
Gesetze, nach denen die Assimilation der Vorstellungen vor sich geht,
kurz errtern.

Diese Assimilation, von der wir zu reden haben, ist also derjenige
psychische Vorgang, durch welchen eine neu auftretende

[Page 28]

Vorstellung sich mit den schon vorhandenen in bestimmte Beziehungen
setzt, mit denselben die mannigfachsten Verbindungen eingeht und
dadurch unser geistiges Eigenthum, ein integrirender Bestandtheil
unseres geistigen Ich's wird. -- Die Gesetze, nach denen diese
Assimilation vor sich geht, lassen sich am leichtesten aus der
Beobachtung der Reproduction der Vorstellungen herleiten, indem wir,
wie eine kurze Ueberlegung zeigt, die Verbindungen, welche eine
Vorstellung bei ihrer Assimilation eingegangen ist, am besten
nachtrglich daraus ersehen knnen, in welchem Zusammenhange mit
anderen Vorstellungen wir sie am leichtesten reproduciren knnen. Es
ist demnach leicht einzusehen, dass die Gesetze der sogenannten
Ideenassociation ihren eigentlichen Grund in den Vorgngen der
Assimilation zu suchen haben, indem Vorstellungen, die bei ihrer
Aufnahme in irgend einer Weise mit einander in Verbindung standen,
auch fr die Folge derart verbunden bleiben, dass sie sich
gegenseitig leicht wecken". Zunchst werden zwei Wahrnehmungen, die
wir einmal oder fter in enger Verbindung neben einander oder
zeitlich nach einander gemacht haben, auch in ihren zurckbleibenden
Vorstellungsbildern diesen Zusammenhang behalten und es ergiebt sich
daraus das Gesetz der _Coexistenz_ und das der _Succession_. Die
beiden, nach einem dieser Gesetze verbundenen Vorstellungen, werden
sehr leicht und daher auch mit einer gewissen Befriedigung eine die
andere wecken, so dass, wenn uns eine dieser Vorstellungen etwa durch
die Wahrnehmung dargeboten wird, ihr schnell die andere
gewissermaassen entgegenkommt und auf diese Weise, indem sie die
erstere an sich zieht, deren Verbindung mit dem gesammten
Vorstellungscomplex, d. h. die _Assimilation_ erleichtert. Ebenso
dient die _Aehnlichkeit_ zweier Vorstellungen in einzelnen
wesentlichen oder durch besondere Umstnde auffllig gemachten
Eigenschaften dazu, diese Vorstellungen in dauernder Verbindung zu
erhalten und es ergiebt sich daraus einerseits als _dritte Norm der
Ideenassociation die der Aehnlichkeit_, andererseits erklrt sich aus
dem Gesagten die Thatsache, dass eine Vorstellung um so leichter und
schneller assimilirt werden kann, je schneller sie hnliche
Vorstellungen zu wecken vermag.

[Page 29]

Das Herausfinden der Aehnlichkeit ist natrlich von einem Urtheil
abhngig. Je mehr nun aber der Geist sich ausbildet, um so mehr
unterliegt die Aufnahme neuer Vorstellungen auch nach anderen
Richtungen hin einer Beurtheilung, von deren Ausfall dann vornehmlich
die schnellere oder verzgerte Assimilation abhngig ist. Und zwar
sttzt sich dieses Urtheil auf gewisse gleichsam abgeschlossene
Ideenkreise, die in uns bei wachsender Geistesreife und
Charakterentwicklung immer umfassender sich herausbilden, immer
bestimmter als ideale Urtheilsmaximen zur Geltung kommen und immer
maassgebender werden. Es sind dies die _logischen und praktischen
Normen_, sowie die _ethischen, sthetischen und religisen Ideen_,
welche drei letzteren wir auch unter der Bezeichnung der _ideellen
Normen_ zusammenfassen knnen, indem wir darunter die Ideen von
Wahrheit, Gerechtigkeit, Gte, Freiheit Sittlichkeit, Schnheit u.
dgl., sowie die Gott-Idee und alles darauf Bezgliche verstehen,
whrend die logischen und praktischen Normen in den logischen
Begriffen, Urtheilen und Schlssen, sowie in den Ideen von
Zweckmssigkeit, Ntzlichkeit etc. ihren Ausdruck finden.

_Steht eine Vorstellung oder ein Vorstellungscomplex mit den
logischen und praktischen oder ideellen Normen im Widerspruch, so ist
dadurch die Assimilation erschwert und es entsteht ein unangenehmes
Gefhl; whrend die Uebereinstimmung mit jenen Normen eine leichte
ungehinderte Assimilation und somit ein angenehmes Gefhl bewirkt._

Die logischen, praktischen und ideellen Normen zeigen freilich je
nach der Individualitt und Bildung des Einzelnen, sowie der Cultur
des Volkes, dem das Individuum angehrt, in ihrer Zahl und namentlich
in ihrem qualitativen Inhalt und ihrer Entwickelungshhe sehr
bedeutende Verschiedenheiten und von der grsseren oder geringeren
Ausbildung dieser Normen hngt es mit ab, ob ein Vorstellungscomplex,
der mit denselben in Conflict tritt, uns mehr oder minder unangenehm
berhrt, oder wie gross im umgekehrten Fall das angenehme Gefhl ist,
das aus der Uebereinstimmung einer gegebenen Vorstellung mit einer
jener Normen entsteht. Im grossen Ganzen

[Page 30]

wiegen bei der Mehrzahl der Menschen die praktischen Normen bei
Weitem vor und indem dieselben in ihrer niedrigsten Entwicklungsstufe
nur auf die Person des Empfindenden selbst bezogen werden,
concentriren sie sich im Egoismus, der deshalb bei Ungebildeten fast
ausschliesslich den Maassstab fr die Qualitt der Gefhle abgiebt.
-- Nur das, was den praktischen Ideen in diesem Sinne entspricht, ist
fr den wenig Gebildeten eine Quelle angenehmer, nur das, was ihnen
zuwiderluft, der Ursprung unangenehmer Gefhle.

Je hher die Bildung, die wirkliche Herzensbildung, um so mehr treten
die sittlichen und religisen und weiterhin die sthetischen Ideen,
sowie gleichzeitig die logischen Normen in den Vordergrund und
spielen bei der Erregung von Gefhlen eine wesentliche Rolle. Whrend
daher der Ungebildete sich an dem Leiden Anderer weiden und ergtzen
kann, in der Freude ber die Verschonung seiner eigenen Person, wird
der Gebildete dabei mit innerem Weh erfllt, weil die Vorstellung von
dem Leiden berhaupt mit seinen mehr ausgebildeten ethischen und
sthetischen Ideen in lebhaften Widerspruch tritt. -- Whrend der
Eine, von materiellem Egoismus befangen, geduldig in schmachvoller
Unterdrckung und Knechtschaft lebt, so lange nur sein Leib und Gut
nicht gefhrdet ist, wird der Andere Feinfhlige von Grimm erfllt,
trotz usserlich glnzender Lage, bei blossen Vorstellungen, die mit
seiner Freiheits- oder Rechtsidee in Gegensatz treten.

In den bisher betrachteten Fllen von Aufnahme neuer Vorstellungen
war gewissermaassen vorausgesetzt, dass dieselben ein momentan nicht
in lebhafter Thtigkeit begriffenes Vorstellungsleben antreffen, und
nach den angedeuteten Gesetzen die Vorstellungen, mit denen sie in
Harmonie oder Contrast treten, erst selbst bestimmen, dieselben erst
wecken. Etwas anders gestalten sich nun aber die Verhltnisse, wenn
zur Zeit, wo eine neue Vorstellung in uns erzeugt wird, eine andere
Vorstellung resp. ein Vorstellungskreis das Bewusstsein beherrscht,
uns momentan sehr lebhaft beschftigt. In diesem Fall wird die
Assimilationsfhigkeit der neuen Vorstellung fast allein davon
bestimmt, ob dieselbe mit jener momentan herrschenden
Vorstellungsreihe bereinstimmt oder nicht, sich

[Page 31]

also gerade mit dieser in leichte oder schwere Association setzt. --
Nach dem Satz von der Enge des Bewusstseins kann nmlich in einem
bestimmten Augenblicke nur eine Vorstellung unser Denken ganz
ausfllen. Tritt uns eine neue Vorstellung entgegen, so muss sie erst
die augenblicklich im Bewusstsein vorhandene verdrngen, sofern sie
nicht mit ihr in _eine_ Vorstellungsthtigkeit verschmelzen kann. --
Dies Verdrngen aber, bei vorhandener Disharmonie zwischen den beiden
Vorstellungen wird unter allen Umstnden, selbst wenn die neue
Vorstellung etwa mit den logischen oder ideellen Normen harmonirend
uns an sich durchaus angenehm berhren wrde, eine Verzgerung der
Assimilation veranlassen und daher zunchst ein unangenehmes Gefhl
hervorrufen, das spter freilich, wenn die neue Vorstellung sich nach
Ueberwindung dieser Schwierigkeiten mit dem gesammten
Vorstellungscomplex in die richtigen Beziehungen gesetzt hat, unter
Umstnden in ein angenehmes Gefhl bergehen kann. -- Im umgekehrten
Fall dagegen, wenn die beiden Vorstellungen oder Vorstellungsreihen
leicht mit einander in Verbindung treten, und in einen Denkact
verschmelzen knnen, wird die Assimilation sehr wesentlich gefrdert,
da einer ihrer Acte, das Wecken" der hnlichen Vorstellung, in
Wegfall kommt. Die Beziehungen zwischen beiden Vorstellungen brauchen
daher in diesem Fall, um schon ein angenehmes Gefhl hervorzurufen,
nur entfernte zu sein, und sich z. B. nur auf ganz ussere
Aehnlichkeit wie Gleichklang der Worte u. dgl. zu beschrnken, _wo
sonst die mit der Association verbundene Gefhlserregung zu schwach
zu sein pflegt, um berhaupt noch empfunden zu werden_.

Wir erklren hieraus z. B. den angenehmen Einfluss, den der Reim auf
unser Gefhl ausbt. Es werden uns bei demselben in den beiden
gereimten Versen zwei Vorstellungsreihen geboten, deren Association
mit einander durch den Gleichklang der letzten Worte ganz erheblich
erleichtert wird und daher ein angenehmes Gefhl hervorruft. Es ist
ja eine bekannte Thatsache, dass gereimte Verse sich leichter
behalten das heisst eben doch leichter assimilirt und reproducirt
werden) als Prosa. Ja schon das blosse Metrum reicht hiezu aus, indem
die _Aehn_-

[Page 32]

_lichkeit_ des Sylbenfalls die Assimilation erleichtert. In gleicher
Weise wirkt auch die Uebereinstimmung zweier Vorstellungen nach den
Gesetzen der Coexistenz oder Succession, die allein fr sich selten
ein starkes Gefhl zu produciren vermgen, sehr entschieden angenehm.
Zwei Worte, die wir oft hinter einander gehrt haben, hren wir fr
die Folge auch gern zusammen. Es verursacht fr den nach dem
Lutherschen Katechismus Unterrichteten ein gar nicht wegzuleugnendes
angenehmes Gefhl, wenn er die Worte: Augen, Ohren; Vernunft und alle
Sinne; Kleider und Schuhe; Essen und Trinken; Haus und Hof; Weib und
Kind etc. nach alter Katechismusreminiscenz zusammenstellt. --
Doppelt angenehm wirken die noch dazu durch Alliteration einander
_hnlichen_ Wortverbindungen, wie: Mann und Maus, Kind und Kegel,
Stock und Stein (auch Haus und Hof gehrt hierher), -- die ja auch
das Volk mit einer gewissen Vorliebe gebraucht. Noch lebhafter als
die angenehmen Gefhle bei Uebereinstimmung der neuen
Vorstellungsreihe mit der schon vorhandenen resp. kurz vorher
gegebenen, knnen unter Umstnden die unangenehmen Gefhle bei
mangelnder Harmonie sein. Es gehrt hierher namentlich das
unangenehme Gefhl getuschter Erwartung, bei der eine neue
Vorstellung eine kurz vorher angeregte Vorstellungsrichtung pltzlich
unterbricht. Es ist in diesen Fllen die Assimilation der neuen
Vorstellung unendlich erschwert, selbst dann, wenn diese eine
angenehme ist. Denken wir, es wird uns ein Besuch angemeldet, der uns
brigens ziemlich gleichgltig lsst, oder gar unangenehm berhrt,
auf dessen Eintreten wir aber mit einer gewissen Spannung warten;
statt der angemeldeten Person tritt jedoch ein anderer uns usserst
lieber Besuch ins Zimmer. Trotz der angenehmeren Situation wird doch
im ersten Augenblick die Empfindung eine peinliche sein -- um
freilich bei dem Einen schneller, bei dem Andern langsamer dem
ungemischten Gefhl der Freude Platz zu machen. Man sagt von
Menschen, bei denen die Assimilationsfhigkeit selbst contrrer
Vorstellungen eine grosse ist, sie knnen sich schnell fassen".

Stellen wir jetzt noch einmal die Ursachen der angenehmen und
unangenehmen Gefhle zusammen, die, wie eben errtert,

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aus der gefrderten, respective gehemmten Association und
Assimilation hervorgehen, so erkennen wir:

A. _Als Quelle angenehmer Gefhle_

1) die Harmonie einer Vorstellung mit einer erst zu weckenden nach
den Normen der Gleichzeitigkeit, Reihenfolge und Aehnlichkeit; 2) die
Coincedenz mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; 3) die
Uebereinstimmung mit der momentan das Bewusstsein beherrschenden
Vorstellungsreihe.

B. _Als Quelle unangenehmer Gefhle_

die Disharmonie in den genannten drei Punkten. --

Versuchen wir jetzt, die hier gewonnenen psychologischen Resultate
zur Theorie des Lcherlichen zu verwerthen. Wir hatten oben fr
unsere Untersuchung das Ziel gesteckt, den Nachweis zu liefern, dass
die im komischen Object enthaltenen Vorstellungen durch ihre
Einwirkung auf unsere Seele sowohl die angenehmen wie unangenehmen
Gefhle hervorrufen, welche zusammengenommen das Wesen des Komischen
ausmachen. Wir haben nun gesehen, was wir unter Lust und Unlust
verstehen und wie diese Gefhle zu Stande kommen und wollen jetzt
zunchst die Probe zu machen suchen, ob wir wirklich im Komischen
jene beiden Factoren in obigem Sinne nachweisen knnen. Sehen wir uns
nach Beispielen um, so finden wir zunchst, dass man das Komische in
eine grssere oder beschrnktere Zahl von Hauptgruppen eingetheilt
hat. Schopenhauer kennt nur zwei Hauptformen des Lcherlichen,
nmlich: die sog. Narrheit und den Witz. Vischer dagegen
unterscheidet das objectiv Komische oder die Posse, das subjectiv
Komische oder den Witz, das absolut Komische oder den Humor. In Bezug
auf die ersten beiden Formen stimmt er mit Schopenhauer berein. In
Rcksicht auf die letzte Form bemerke ich dass nach Lazarus, dem ich
mich vollkommen anschliesse, der Humor sich dem Komischen nicht
unterordnet, sondern eine Stelle neben demselben einnimmt, wie wir
spter sehen werden.

[Page 34]

Wir behalten demnach als die bisher gebruchlichsten und
anerkennenswerthen Formen nur die Narrheit (oder Posse) und den Witz
brig. Aus diesen beiden Formen wollen wir nun Beispiele whlen, und
an diesen zunchst unsere obige Behauptung vorlufig zu erweisen
suchen. Es wird dann eine Eintheilung des Komischen folgen, in der
unsere Theorie des Lcherlichen durch weitere Beispiele noch nher
erlutert werden soll.

In der Form des Komischen, welche Vischer das objectiv Komische
nennt, erwhnt er als Beispiele niedrigsten Grades zunchst die in
der Posse am hufigsten als Gegenstand des Gelchters dienenden
Krpergebrechen. Das Volk lacht da ber einen Hcker, einen dicken
Bauch oder ber tlpelhafte Ungeschicklichkeit u. dergl. Auf dieses
Lachen findet die schon oben erwhnte Hobbes'sche Erklrung ihre
Anwendung. Uebertragen wir dieselbe in unsere psychologische Form, so
finden wir den Grund dieses Lcherlichen in Folgendem: Die durch den
Anblick eines Buckligen u. dergl. entstandene Vorstellung seiner
Hsslichkeit tritt mit unseren sthetischen Ideen in Gegensatz und
erzeugt ein unangenehmes Gefhl. Andererseits aber wird dadurch, dass
sich _dieselbe Vorstellung_ mit der auf unser eigenes Selbst
bezglichen niedrigsten Entwickelungsstufe der ethischen und
praktischen Normen in Beziehung setzt und mit diesen bereinstimmt,
das angenehme Gefhl der Verschonung der eigenen Person, des
Sichbesserdnkens" erregt. --

Also Unlust und Lust gehen beide aus den verschiedenen Beziehungen
hervor, in welche diese _eine_ Vorstellung des Hsslichen einerseits
zu unseren sthetischen Ideen, andererseits zu unseren mangelhaft
entwickelten ethischen und praktischen Normen tritt. -- Keineswegs
aber spielt, wie wir schon sagten, das Gefhl der Ueberlegenheit bei
allen Arten des Komischen dieselbe Rolle; Ja, wir knnen sogar ber
die nmlichen eben angefhrten Krpergebrechen und Schnheitsfehler
in ganz anderm Sinne lachen, indem das angenehme Gefhl sich aus
einer von der vorigen vollstndig verschiedenen Quelle herleitet. --
Wenn wir als gebildete Menschen den dicken Hans Fallstuff, ganz
abgesehen von seinem trefflichen Witz und Humor, bloss seiner

[Page 35]

unfrmigen Erscheinung wegen belachen, so spielt gewiss das Gefhl
unserer Ueberlegenheit dabei nur eine verschwindend kleine Rolle;
dagegen tritt hier zur Erzeugung des angenehmen Gefhls ein ganz
anderes Moment in Wirksamkeit. Ausser der Vorstellung der
Hsslichkeit wird uns nmlich durch die Erscheinung unseres Helden
die durch sein Reden und Thun besttigte Vorstellung von seiner
maasslosen Schlemmerei und Vllerei aufgedrungen. Diese seine
Untugenden beleidigen ebenfalls unser Gefhl, andererseits treten nun
diese beiden Vorstellungen, d. h. die von seiner unnatrlichen und
ihm selbst hchst lstigen Krperflle und die von seiner Vllerei in
eine leichte Verbindung, indem der zwischen beiden sich herstellende
urschliche Zusammenhang unserer Gerechtigkeitsidee entspricht. Wir
sehen seine Dicke als die gerechte Strafe fr seine Unmssigkeit an,
daraus aber erzeugt sich ein angenehmes Gefhl. --

Spielt in den eben angefhrten Beispielen zur Erzeugung der Gefhle
die Harmonie resp. Disharmonie mit den ideellen Normen eine Rolle, so
sehen wir im folgenden Beispiele die Normen der Ideenassociation sich
betheiligen. Bei den uns lcherlich erscheinenden Anachronismen, wo
wir z. B. auf einem Bilde Kanonen vor Troja erblicken, entsteht das
unangenehme Gefhl durch die nach der Norm der Gleichzeitigkeit uns
unmglich gemachte Vereinigung der beiden uns dargebotenen
Vorstellungen (Troja und Kanonen). Das angenehme Gefhl dagegen geht
wieder aus der Beziehung jener Vorstellungen zu unserem Selbstgefhl
hervor. Unser Besserwissen Macht uns Freude. --

Wir haben also durch die bisherigen Beispiele vorlufig besttigt
gefunden, dass im Komischen, wenigstens in der ersten Form desselben
(der sog. Narrheit oder Posse), ein Inhalt steckt, der nach dem oben
ausfhrlich abgeleiteten Gesetz einerseits ein angenehmes,
andererseits ein unangenehmes Gefhl verursacht. Dass auch in allen
nur denkbaren Beispielen des Komischen dasselbe Gesetz sich
besttigt, werden wir bald sehen, wenn wir die einzelnen Formen
ableiten. Wir haben jetzt weiter nachzuweisen, dass auch fr den Witz
das oben Gesagte Geltung hat. Ich bringe zuerst ein Beispiel von der

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einfachsten und ursprnglichsten Art der Witze, nmlich von den
Klangwitzen, wie sie in den sogenannten Fragerthseln der Kinder
gebruchlich sind: Welche Tracht kleidet am besten? -- die Eintracht.
-- Welche Ringe sind nicht rund? -- die Hringe etc. -- In Frage und
Antwort sind die beiden dargebotenen Vorstellungen enthalten.
Dieselben lassen sich in Bezug auf die logischen Normen nicht mit
einander vereinigen: Tracht und Eintracht -- Ring und Hring haben
rcksichtlich ihrer Bedeutung nicht das Geringste mit einander zu
schaffen, und durch den erzwungenen Zusammenhang, in den sie gebracht
sind, entsteht ein unangenehmes Gefhl. Andererseits aber gehen diese
Worte vermge ihrer Klanghnlichkeit (also nach der 3. Norm der
Ideenassociation) doch leicht eine Verbindung mit einander ein und
erregen dadurch ein Lustgefhl. Als 2. Beispiel fhre ich einen guten
Witz von Kant an, der einmal in einer Damengesellschaft die
scherzhafte Behauptung aufstellte, dass Frauen nicht in den Himmel
kmen, denn in der Offenbarung Johannis stehe geschrieben, es sei im
Himmel eine Stille von einer halben Stunde gewesen; eine solche
Stille aber sei, wo Frauen anwesend sich befinden, nicht mglich.

Wir haben hier 2 Vorstellungsreihen (die Bibelstelle und den daraus
gezogenen Schluss), die sich nach den logischen Normen nicht mit
einander vereinigen lassen, denn jene Schriftstelle steht mit Kant's
Behauptung eigentlich in gar keinem Zusammenhang. Andererseits aber
ist durch die geschickte Auslegung in Rcksicht auf unsere
Wahrheitsidee doch eine leichte Verbindung zwischen diesen beiden
Vorstellungsreihen mglich gemacht.

Also auch beim Witz finden wir die oben aufgedeckten Quellen der Lust
und Unlust wieder. Wir konnten aber auch schon an diesen einfachen
Beispielen eine weitere Bemerkung machen, _dass nmlich die Ursachen
der beiderseitigen Gefhle hufig mehrfache sind_. In den spteren
Beispielen werden wir dies noch in hherem Maasse besttigt finden.
Natrlich steigert sich durch diese Hufung der Gefhlsgegenstze die
komische Wirkung im Allgemeinen, gleichzeitig wird daraus aber auch
die Thatsache verstndlich, dass drei bis vier Personen ber dasselbe
Object lachen knnen, jeder aus

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einem andern Grunde. Es kommt deshalb in jedem einzelnen Falle
einerseits darauf an, alle mglichen Auffassungsweisen in's Auge zu
fassen, und die einander entsprechenden angenehmen und unangenehmen
Gefhle zu sondern, andererseits aber auch die den Umstnden
entsprechenden hauptschlich wirkenden Factoren, die einem
vorliegenden Beispiele seinen eigentlichen Charakter gehen,
herauszuheben. Natrlich habe ich zunchst, da es mir darauf ankam,
die Elemente des Komischen zu demonstriren, solche Beispiele whlen
mssen, die mglichst einfach sind. In einer Anekdote der
gewhnlichsten Art stecken hufig 6-8 verschiedene Gefhlsquellen.

Es wrde jetzt weiter die Frage entstehen, ob die angenehmen wie
unangenehmen Gefhle aus *jeder* der oben angegebenen Ursachen in den
komischen Contrast eingehen knnen. Wre dies der Fall, so wrden wir
durch einfache Combinirung der mglichen Quellen der beiden
Gefhlsgegenstze verschiedene Formen des Komischen herleiten knnen.
Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht _unbedingt_ der Fall ist und als
Grund dafr mssen wir eine Thatsache anfhren, deren Beweis erst
spter folgt, dass nmlich jene beiden entgegengesetzten Gefhle _in
einem bestimmten Verhltnisse der Strke zu einander stehen mssen_,
und zwar so, dass keines vor dem andern das unbedingte Uebergewicht
erlangt. Es wrde nmlich sonst das strkere Gefhl ohne Weiteres das
schwchere auslschen, zum Verschwinden bringen und hchstens dadurch
von seiner eigenen Kraft etwas einbssen; ein Kampf der beiden
Gefhle aber, wie wir ihn zum Zustandekommen des Lcherlichen als
nothwendig erkennen werden, knnte nicht entstehen. Nehmen wir diese
Thatsachen von der nothwendig erforderlichen, annhernd gleichen
Strke der beiden Gefhle vorlufig als feststehend an, so mssen wir
in Erinnerung an das oben Gesagte _eine_ Quelle derselben sofort
streichen. Wir sahen nmlich schon oben, dass die erleichterte
Association einer gegebenen Vorstellung mit einer erst nach den
Normen der Ideenassociation zu weckenden in der Regel ein kaum
merkliches Gefhl hervorruft und es wird uns deshalb natrlich
scheinen, dass dasselbe etwa einer Verletzung der ideellen Normen
nicht das Gleichgewicht halten kann. Vielmehr muss in solchem Fall
das angenehme Ge-

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fhl, um berhaupt in den komischen Contrast eingehen zu knnen, noch
aus anderer Quelle her eine Untersttzung erfahren, und zwar dadurch,
dass die eine Vorstellung die andere mit ihr zu associirende als eine
im Bewusstsein schon vorhandene, herrschende, d. h. durch die
komische Situation und Erzhlung selbst dargebotene, antrifft.
Dasselbe gilt fr das aus gleichen Quellen fliessende unangenehme
Gefhl. Durch diese Einschrnkung modificirt sich aber unsere obige
Aufstellung der Gefhle in folgender Weise. --

Als zum komischen Contrast tauglich kennen wir:

A. _Angenehme Gefhle_,

1) aus der Coincidenz _einer_ im komischen Object enthaltenen
Vorstellung mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen;

2) aus der Uebereinstimmung _zweier_ dargebotenen Vorstellungen unter
einander -- in Rcksicht auf die logischen, praktischen und ideellen
Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.

B. _Unangenehme Gefhle_,

1) aus der Disharmonie _einer_ im komischen Object enthaltenen
Vorstellung mit den logischen, praktischen und ideellen Normen; und

2) aus der Disharmonie _zweier_ im Komischen mitgetheilten
Vorstellungen in Rcksicht auf die logischen, praktischen und
ideellen Normen oder auf die Normen der Ideenassociation.

Combiniren wir nun die Gefhle, so erhalten wir durch
Gegenberstellung der angenehmen und unangenehmen Gefhle folgende 4
Formen:

    1) A. 1. -- B. 1.
    2) A. 2. -- B. 1.
    3) A. 1. -- B. 2.
    4) A. 2. -- B. 2.

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Bewhren sich dieselben als wirklich vorhanden, so ist damit
gewissermaassen indirect auch der Beweis geliefert, dass unsere
Behauptung von der nothwendig annhernd gleichen Strke der beiden
Gefhlsgegenstze begrndet war. -- Wie wir sehen werden, lassen sich
aber diese 4 Formen wirklich festhalten, und was weiter zu jenem
Beweise nothwendig ist, es lassen sich in ihnen auch alle Beispiele
des Komischen unterbringen.

Betrachten wir nun diese Hauptformen nher.

In der ersten Hauptform, die wir das _einfach Komische_ nennen
wollen, soll sich also das angenehme wie unangenehme Gefhl erzeugen,
aus _einer_ vorhandenen Vorstellung (oder Vorstellungsreihe) die mit
einzelnen logischen, praktischen oder ideellen Normen bereinstimmt,
mit anderen aber nicht.

Die zweite Hauptform: _Das Komische mit zwei vereinbaren
Vorstellungen_, lsst das angenehme Gefhl aus der leichten
Verschmelzung _zweier_ im komischen Object enthaltenen Vorstellungen
in Rcksicht auf die Normen hervorgehen, whrend das unangenehme
Gefhl dadurch erzeugt wird, dass _eine_ der beiden gegebenen
Vorstellungen mit einer der Normen nicht bereinstimmt.

Die dritte Hauptform: _Das Komische mit zwei unvereinbaren
Vorstellungen_, enthlt ein unangenehmes Gefhl, welches aus der in
Rcksicht auf die Normen unmglichen Vereinigung _zweier_ im
komischen Object enthaltenen Vorstellungen entsteht, whrend das
angenehme Gefhl auf der Uebereinstimmung einer der beiden
Vorstellungen mit den logischen, praktischen oder ideellen Normen
beruht.

Die vierte Hauptform endlich: _Das Komische mit dem Wettstreit der
Vorstellungen oder der Witz_ entsteht dadurch, dass _zwei_
dargebotene Vorstellungen in Rcksicht auf eine der Normen
bereinstimmen und dadurch das angenehme Gefhl bilden, in Rcksicht
auf andere Normen sich aber nicht mit einander vereinigen lassen und
in Folge dessen ein unangenehmes Gefhl erzeugen.

Wir werden spter sehen, dass bei vernderter Auffassung eines
bestimmten Falles derselbe aus einer Form in die andere bergehen
kann. Doch ist diese Thatsache keineswegs etwa geeignet unsere
Eintheilung umzustrzen, sondern dient der-

[Page 40]

selben vielmehr, wie sich herausstellen wird, zur wesentlichen
Sttze. --

Innerhalb der genannten vier Hauptformen lassen sich nun aber wieder
verschiedene Nebenformen abgrenzen, durch Auflsung der einzelnen
Gesetze und Normen. Ich werde die wichtigsten derselben anfhren.

Wir mssen ferner innerhalb des Komischen noch eine gewisse
Rangordnung unterscheiden, bei welcher der sittliche Standpunkt der
maassgebende ist. Sehr bemerkenswerth ist, dass hierbei lediglich die
Entstehungsursachen des _angenehmen_ Gefhls eine Rolle spielen.
_Nur_ diese bedingen in einem gegebenen Fall die Hhe des Komischen
und zwar lsst sich hierber folgender Satz aufstellen: _Je edler die
Quelle ist, aus welcher das_ *angenehme* _Gefhl hervorgeht, um so
hher stehend und edler ist die Form des Komischen selbst; whrend
dieselbe umgekehrt um so niedriger steht, je weniger ein sittliches
Wohlgefallen im Spiele ist_. -- Wie wenig der Ursprung des
unangenehmen Gefhls in's Gewicht fllt, sehen wir am Besten daraus,
dass in der hchststehenden Form des Komischen, in dem _Naiven_,
gerade am hufigsten grobe Verletzungen sittlicher Ideen vorkommen,
die aber durch die Harmonie mit noch hher stehenden sittlichen
Normen vllig aufgewogen werden. --

Aus dem oben Gesagten ist es leicht verstndlich, dass wir aus der
Thatsache, ob ein bestimmter Gefhlscontrast Lachen erregend wirkt
oder nicht, einen Maassstab fr den absoluten sowie namentlich
individuellen Werth der dabei concurrirenden Gefhle, und fr den
Werth und die Entwickelungshhe der ihnen zu Grunde liegenden Normen
gewinnen, und mit vollem Rechte knnen wir darum den Satz aufstellen:

   Sage mir, worber Du lachst, und ich will Dir sagen, wer Du
bist." --

Wenden wir uns jetzt zur Besprechung der oben aufgestellten
Hauptformen.

*I. Das einfach Komische.*

Aus einer Vorstellung und ihrer einerseits leichten, andererseits
unmglichen Vereinigung mit den logischen und ideellen

[Page 41]

Normen hervorgehend, bietet uns diese Gruppe, wenn wir die Leiter des
Komischen von unten hinauf steigen, zunchst:

*1. Das niedrig Komische,*

bei dem wir als Erreger des angenehmen Gefhls die Harmonie der
gegebenen Vorstellung mit der niedrigsten Entwickelungsstufe der
praktischen Normen, d. h. mit dem Egoismus und dem gesteigerten
Selbstgefhl antreffen, whrend auf Seiten des unangenehmen Gefhls
die Verletzung irgend einer andern Norm steht. Da, wo das erhhte
Selbstgefhl mit den sthetischen Normen in den komischen Contrast
tritt, entsteht das Lachen ber krperliche Hsslichkeit, ber
allerlei Gebrechen, die den Schnheitssinn beleidigen, wie
Verunstaltung durch Buckel, durch Lahmheit u. dergl., die wir schon
oben erwhnten. Hierbei wird also die eigentlich erregte Unlust durch
das Gefhl der Lust im Gedanken an die Verschonung der eigenen
Person, durch das Sichbesserdnken" aufgewogen. Bei Verletzung der
ethischen Ideen tritt das geschmeichelte Selbstgefhl gegen
moralische Hsslichkeit, Unsittlichkeit, Unwahrheit u. dergl. in die
Schranken und bei Disharmonie mit den praktischen Ideen und logischen
Normen endlich ruft es das Lachen ber die Ungeschicklichkeit, die
Dummheit und den Unsinn hervor. In all' diesen Fllen muss also das
Selbstgefhl der Verletzung brigens hher stehender Normen das
Gleichgewicht halten knnen, wenn der komische Contrast entstehen
soll, und daher ist es leicht ersichtlich, dass jene Gefhlsconflicte
hauptschlich bei solchen Menschen ein Lachen erzeugen, welche die
hohen sittlichen und sthetischen Ideen nur in unentwickelter Form
besitzen, deren Selbstgefhl dagegen abnorm gesteigert ist. Dies ist
der Fall bei rohen, ungebildeten Leuten und bei Kindern, in denen
sich die hheren sittlichen Ideen noch nicht entwickelt haben.

In einem Falle nur ist das erhhte Selbstgefhl als eine etwas edlere
Regung anzusehen, wenn wir uns nmlich gewissermaassen ber unsere
eigene Schwachheit und Dummheit erheben und unser Selbstgefhl daran
strken, dass wir in einem gegebenen Falle eine Schwierigkeit
berwunden, einen uns gestellten Fallstrick umgangen haben. Hierauf
beruht zu einem Theil das Lachen ber die sog. Mnchhausiaden, Lgen-
und Jagd-

[Page 42]

geschichten (sofern dieselben nicht zum Witz gehren). Whrend
einerseits durch die Verletzung der Wahrheit unser Gefhl beleidigt
wird, empfinden wir andererseits ein angenehmes Gefhl in Folge der
berechtigten unserem Selbstgefhl schmeichelnden Freude darber, dass
wir der beabsichtigten Tuschung nicht unterlegen sind, _so nahe wir
der Gefahr auch waren_. In einer gewissen Gefahr, der Tuschung zu
unterliegen, mssen wir geschwebt haben, damit die Lust durch eine
Leistung unsererseits einigermaassen motivirt ist. Daher drfen die
Lgen nicht gar zu plump angelegt sein, sondern mssen die
Mglichkeit einer Tuschung enthalten. -- Da es zum Lachen ber diese
Geschichten ausserdem einer gewissen Gutmthigkeit und Harmlosigkeit
bedarf, welche eine Krnkung des Selbstgefhls ber die beabsichtigte
Dpirung nicht aufkommen lsst (wir lassen uns solche Geschichten
ungestraft auch eigentlich nur von guten Bekannten erzhlen), so
steht diese Form des Komischen schon dadurch ein wenig hher; doch
ist sie in steter Gefahr auf das gewhnliche Niveau des niedrig
Komischen herabzusinken, sobald solche Mnchhausiaden einer grsseren
Gesellschaft erzhlt werden. Denn sofort stellt sich dann bei jedem
Zuhrer das Gefhl der Ueberlegenheit ber die Anderen ein, denen er
Dummheit genug zutraut, dass sie jene Geschichten glauben. Findet
sich nun vollends ein Dummer, der sich wirklich die Lge als Wahrheit
aufbinden lsst, so steigt unser Selbstgefhl in gleichem Maasse, wie
die Form des Komischen sinkt. Eine Stufe hher steht die folgende
Form des Komischen, die ich wegen ihrer grossen Aehnlichkeit und
hufigen Verwechselung mit dem Naiven (das danach besprochen wird)

*2. Das Pseudonaive*

nennen will, gleichzeitig auch deshalb, weil das angenehme Gefhl bei
ihm nur aus einer _scheinbaren_ oder _bedingten_ Concidenz mit
hheren Ideen (namentlich mit der Wahrheit) hervorgeht. Whrend
einerseits, und zwar hauptschlich durch die _kindliche Einfalt_,
unsere praktischen Ideen von Klugheit oder die logischen Normen
beleidigt werden, ist andererseits in der pseudonaiven Aeusserung
oder Handlung doch etwas _relativ_ Wahres, Kluges, Vernnftiges
enthalten, namentlich wenn wir

[Page 43]

uns auf den Standpunkt der bei dem Redenden _naturgemss_ vorhandenen
und daher _verzeihlich scheinenden_ Unkenntniss stellen. -- Die
Beispiele zu dieser Form sind sehr zahlreich und lasse ich hier
einige folgen, die dieselbe wohl hinreichend verdeutlichen werden.

Das vierjhrige Tchterchen eines Pfarrers wird zum ersten Male mit
in die Kirche genommen, vorher aber ernstlich verwarnt, ja recht
artig zu sein, denn in der Kirche msse man sich ganz ruhig und still
verhalten. Nach der Kirche wird das Kind gefragt, wie es ihm gefallen
habe, und erwidert darauf: Ach recht gut, es waren auch alle ganz
artig. Bloss der Papa allein hat so geschrieen und gelrmt.

Ein anderes Pastorenkind rief, als es zum ersten Male in die Kirche
kam und seinen Vater auf der (brigens ungewhnlich hoch
angebrachten) Kanzel stehen sah, ngstlich aus: Ach, Du lieber Gott,
wer hat nur meinen Papa dort oben 'naufgesperrt. Wird er denn auch
wieder herunterknnen?"

Ein Knabe auf einem einsamen Dorfe besass viele bleierne Soldaten,
auch Cavalleristen, hatte aber noch nie einen lebendigen Reiter
gesehen. Da pltzlich, als er just am Fenster steht, sprengt ein
solcher in den Hof und springt an der Hausthr vom Pferde: O", ruft
der Knabe da mit tiefem Bedauern, jetzt ging er entzwei". --

Ein Kind sollte das Vater unser" beten und fragte die Mutter: ob der
Vater unser mit dem Onkel Unzer (einem Hausfreunde) verwandt sei. --

Ein weiteres Beispiel zu dieser Form ist das spter aus Kant
angefhrte.

Endlich gehren hierher fast smmtliche Beispiele, welche
Schopenhauer zu seiner zweiten Form des Lcherlichen, der von ihm
sog. Narrheit anfhrt. Nach Schopenhauer, der wie erwhnt nur zwei
Arten des Lcherlichen: den Witz und die Narrheit kennt, entsteht die
letztere dadurch, dass wir beim Auffinden der Incongruenz zwischen
Anschauung und Begriff vom Begriff zum Realen bergehen. Objecte,
die brigens grundverschieden, aber alle in einem Begriff gedacht
sind, werden auf gleiche Weise angesehen und behandelt, bis ihre
brige grosse Verschiedenheit zur Ueberraschung und zum

[Page 44]

Erstaunen des Handelnden hervortritt." -- Die Beispiele, die S. zu
dieser Art des Lcherlichen anfhrt, sind nun merkwrdiger Weise fast
alle pseudonaiv und scheinen mir auch durch die von diesem Standpunkt
ausgehende Erluterung in ihrem Wesen viel bestimmter prcisirt zu
werden, als durch die zu weit gefasste Schopenhauer'sche Erklrung.
-- Ich lasse einige Narrheiten" von ihm folgen: Soldaten machen
einen Arrestanten und erlauben demselben dann aus Gutmthigkeit an
ihrem Kartenspiel Theil zu nehmen; als er aber whrend des Spiels
anfngt zu chicaniren, werfen sie ihn schliesslich in dem dabei
entstehenden Streite hinaus." -- Die Soldaten begehen offenbar eine
thrichte Handlung, die gegen die Gesetze der praktischen Klugheit
gewaltig verstsst, indem sie einen Arrestanten hinauswerfen. Von
einem anderen Standpunkt aus, der durch die Erhitzung beim Streit und
die daraus _natrlich_ hervorgehende momentane Unzurechnungsfhigkeit
uns in diesem Falle ganz entschuldbar erscheint, ist ihre Handlung
aber wiederum eine ganz vernnftige, zweckentsprechende, daher also
eine pseudonaive.

Zwei Bauerjungen hatten ihre Flinten mit grobem Schrot geladen,
welches sie, um ihm feines zu substituiren, heraushaben wollten, ohne
jedoch das Pulver einzubssen. Da legte der Eine die Mndung des
Laufes in seinen Hut, den er zwischen die Beine nahm und sagte zum
Andern: Jetzt drcke Du ganz sachte, sachte, sachte los; da kommt
zuerst das Schrot." -- Auch hier haben wir eine thrichte Handlung
(oder eine Aufforderung zu einer solchen) vor uns, die aber, wenn wir
uns auf den Standpunkt des Bauerjungen stellen, der nichts von der
beim Schuss vor sich gehenden Explosion des Pulvers weiss und _wissen
kann_ (dessen Unkenntniss wir jedenfalls verzeihlich finden), so ist
die Aeusserung im gewissen Sinne eine ganz kluge und berlegte, indem
sie (wie Schopenhauer ganz richtig anfhrt) von dem Begriff ausgeht,
Verlangsamung der Ursache giebt Verlangsamung der Wirkung.

Auch die Mnchhausiaden, die Schopenhauer weiter als Belge zu seiner
Definition anfhrt, lassen sich bei entsprechender Auffassung unter
das Pseudonaive stellen, wenn sie nmlich solchen Inhalts sind, dass
sie zwar fr uns etwas absolut Un-

[Page 45]

sinniges, Unmgliches enthalten, aber von einem bestimmten
Standpunkte aus, welcher Kenntnisse in dem gerade vorliegenden
Gegenstande mit einer gewissen Berechtigung als nicht vorhanden
voraussetzt, dennoch nicht allein mglich, sondern sogar klug
ersonnen erscheinen. So enthlt die Geschichte von den im Posthorn
eingefrorenen Melodien, die in der warmen Stube spter aufthauen, fr
den Einsichtsvollen einen puren Unsinn; denken wir aber, Jemand wisse
Nichts von dem eigentlichen Wesen des Tons, sondern she denselben
mit gutem Recht fr etwas Materielles an, etwa fr eine Flssigkeit,
die unter Umstnden ja auch einfrieren knne, so erscheint uns diese
Idee von den aufthauenden und dadurch wieder zum Vorschein kommenden
Tnen ganz klug. -- Werden uns diese Geschichten von irgend Jemand
als Mnchhausiaden erzhlt, so wird in der Regel freilich die eben
besprochene Auffassung uns nicht zum Bewusstsein kommen, sondern das
Lachen in der frher mitgetheilten Weise sich motiviren, anders aber
verhlt es sich, wenn wir die in der Geschichte liegende Idee etwa
einem Kinde in den Mund legen, welches sieht, dass in dem Mundstck
des Posthorns sich Eis angesetzt hat und nun fragt, ob das
eingefrorene Tne seien und ob die nicht in der Stube wieder
aufthauen wrden. --

Manche dieser pseudonaiven Aeusserungen (wie z. B. die vom Onkel
Unzer) gehen, wie erst bei Besprechung des Witzes deutlich werden
kann, vermge einer etwas anderen Auffassung leicht in den Witz ber,
indem sie das _unbewusst Witzige_" bilden. Von zwei Menschen, welche
dieselbe Aeusserung belachen, kann der eine sie als pseudonaiv, der
andere sie als eine witzige auffassen.

*3. Das Naive*

bildet, wie schon gesagt, die auf hchster Stufe stehende Form des
Komischen. Die Bezeichnung _naiv_ wird in einer weiteren und engeren
Bedeutung gebraucht, je nachdem das unangenehme Gefhl aus der
Verletzung _irgend einer_ praktischen, logischen oder ideellen Norm
hervorgeht, oder sich nur aus einem Verstoss gegen unsere Ideen von
_conventionellem, gesellschaftlichem Anstand_ herleitet. Es leuchtet
ein, dass

[Page 46]

(natrlich nur fr sittlich entwickelte Menschen) im ersten Fall das
entgegenstehende angenehme Gefhl ein strkeres sein muss, als im
zweiten Fall, wo gewissermaassen nur knstlich geschaffene Gesetze
verletzt werden. Immer aber ist es nthig, dass uns in der naiven
Aeusserung eine sittliche Unschuld und Reinheit entgegentritt, von
der wir wissen, dass sie die knstlichen Schranken, welche die
Etiquette uns gezogen, nicht kennt und daher auch nicht zu
respectiren braucht, indem sie einer freieren und hheren
Sittlichkeit folgt. -- Am hufigsten beobachten wir aus diesem Grunde
die Naivett bei Kindern, bei denen wir die Unkenntniss mit den
knstlich geschaffenen Gesetzen des sogenannten Anstandes als
naturgemss voraussetzen. --

An Beispielen fr das Naive ist kein Mangel. Eine recht hbsche und
dankenswerthe Zusammenstellung von kindlich naiven Aussprchen
(untermischt mit pseudonaiven und unbewusst witzigen) hat Dr. Walter
Hoffmann krzlich in einem kleinen Heftchen unter dem Titel: Humor
aus der Kinder- und Schulstube. Eine Sammlung der vorzglichsten
Anekdoten aus der Kinderwelt" herausgegeben [1]. Ich empfehle dieses
Bchelchen, aus dem ich auch schon oben einige Beispiele entlehnt
habe, nicht blos weil es fr den, der einmal tchtig und von Herzen
lachen will, reichlichen Stoff enthlt, sondern weil es einen
schtzenswerthen Beitrag zur Psychologie der Kinderseele liefert. --

Hier nur ein Beispiel:

Aber Mama, wann essen wir denn heute", fragt der kleine Ernst seine
Mutter. Bald, warte nur noch ein Weilchen", entgegnete diese. --
Nach einer Weile fragt er wiederum und erhlt dieselbe Antwort. Aber
weshalb essen wir nur heute nicht; ich habe solch' grossen Hunger".
-- Warte nur noch ein Bischen, bis der Soldat fort ist, dann wird
gleich gegessen". -- Darauf geht Ernstchen zum Soldaten in die Stube
und fragt ihn: Hre, wann gehst Du denn fort?" -- Gleich, mein
Sohn, aber weshalb fragst Du denn?" Nun, weil ich Hunger habe und
Mama sagt, wenn Du fort bist, soll gegessen werden." Ich glaube, der
Soldat hat ber diese naive Aeusserung lachen

[1] Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1871.

[Page 47]

mssen, so wie wir jetzt noch darber lachen. Wir haben hier zunchst
eine Beleidigung unserer Idee von Schicklichkeit und
gesellschaftlichem Anstand vor uns, andererseits aber bewegt uns die
kindliche Unschuld, welche jene conventionellen Schranken nicht kennt
und unbekmmert darum die Wahrheit sagen darf, in angenehmer Weise.
-- Aus gleichem Grunde lachen wir ber jenes Kind, das, einen fremden
Herrn empfangend die Abwesenheit der Mutter mit den naiven Worten
entschuldigt: Mama wird gleich kommen, sie setzt sich nur noch ihre
Locken auf." Verstsst diese Aeusserung einerseits gegen unsere Idee
von gesellschaftlichem Takt (und praktischer Klugheit), so befriedigt
und erfreut uns doch in hherem Grade das rckhaltlose,
wahrheitsliebende Bekenntniss des Kindes, welches in seiner Unschuld
jene knstlich geschaffenen Lgengesetze nicht kennt und daher
sittlich hher zu stehen scheint. --

Bei einer etwas anderen Auffassung kann diese selbe Aeusserung aber
auch unter die nun folgende Form des Komischen gestellt werden, indem
wir dann nicht ber das Kind, sondern ber die Mutter lachen, ja!
dieselbe auslachen. -- Wir empfinden nmlich ber die eitle Frau eine
gewisse sittliche Entrstung und gnnen ihr nun die Blamage, welche
ihr durch die Aeusserung der Tochter bereitet wird, als eine
wohlverdiente; -- unser Gerechtigkeitsgefhl wird dadurch befriedigt.
Es wird bei dieser Auffassung, von der Naivett der Aeusserung ganz
abgesehen, und an Stelle der letzteren knnte eben so gut ein Zufall
treten, der die Frau gerade beim Aufsetzen der Percke berrascht
werden lsst. -- Es besttigt dies Beispiel die unzhlig oft zu
beobachtende und schon erwhnte Thatsache, dass ein und dieselbe
komische Situation oder Aeusserung mehrfache komische Elemente
enthlt, wobei natrlich im Ganzen der komische Effect sich steigert,
wenn uns die verschiedenen Auffassungen nach einander zum Bewusstsein
kommen. Gerade durch diesen Umstand wird aber die Beurtheilung des
Komischen, sowie die Beibringung von einfachen Beispielen sehr
erschwert. --

Dass das Naive im Gebiete des einfach Komischen die hchste Stellung
einnimmt oder wenigstens dasselbe nach einer Richtung hin abgrenzt,
erkennen wir am besten daraus, dass es aus dem _Lcherlichen_ sehr
leicht in das _Rhrende_ ber-

[Page 48]

geht. Ich fhre dazu wieder ein Beispiel aus Walter Hoffmann an:

Vom verstorbenen Prof. A. v. Schaden erzhlte mir seine Mutter, sie
habe einst auf seine Frsprache einem Bettler Brod geben wollen und
sich angeschickt, ihm ein Stck von einem Laibe abzuschneiden. Da sei
ihr Sohn zu ihr getreten und habe ihr zugeflstert: Mama, die Thr
steht offen, er (der Bettler) hat ja gesehen, dass Du einen _ganzen_
Laib hast, Du kannst ihm daher nichts abschneiden! (d. h. Du musst
ihm denselben ganz geben)."

Diese Aeusserung ist offenbar eine naive, sie verstsst einerseits
gegen unsere Idee von praktischer Klugheit, andererseits aber
berrascht uns darin eine hohe Sittlichkeit und kindliche Unschuld.
Wir lachen ber die Aeusserung -- aber zugleich ist uns auch vor
Rhrung das Weinen nahe. Indem nmlich jene hohe kindliche Reinheit
in uns das Gefhl unserer eigenen Erbrmlichkeit und berechnenden
Selbstsucht lebhaft anregt, werden wir beschmt und durch die Wucht
jener Ideen gewissermaassen erdrckt. Dadurch wird aber auf Seiten
der unser Selbstgefhl herabstimmenden Empfindungen ein Uebergewicht
erzeugt, -- aus dem der Affect des Weinens hervorgeht. --

Im Anschluss an das Naive muss ich hier wenigstens anhangweise den
*Humor* kurz erwhnen, der als nchster Nachbar neben dem Komischen
eine Form fr sich bildet oder richtiger gesagt, einen besonderen
Standpunkt bezeichnet, von dem aus das Komische und Rhrende sich in
etwas abweichender Weise erzeugt, und einen besonderen Hintergrund
erhlt. Aehnlich wie das Naive zeigt auch der Humor den leichten
Uebergang vom Lachen ins Weinen (er lacht mit dem einen Auge,
whrend er mit dem andern weint"), ebenso wie beim Naiven treten auch
bei ihm als Erreger des angenehmen Gefhls die hchsten, sittlichen
und religisen Ideen in die Schranken; doch wie wir sehen werden, in
etwas anderer Weise. Der Humor ist vor allen Dingen im Gegensatz zum
Naiven, vllig bewusst, ja willkrlich. Er beruht ganz und gar auf
einer subjectiven Auffassung, die bei dem Humoristen eine
vorherrschende, eine allgemeine Weltanschauung geworden ist [1]. Er
bringt vorstzlich,

[1] Lazarus l. c.

[Page 49]

oder durch sein Naturell gezwungen, jedenfalls mit einer gewissen
Vorliebe das ihm entgegentretende Alltgliche, Kleine, Niedrige,
Gemeine mit den in ihm lebhaft vorhandenen hohen sittlichen und
religisen Ideen in Gegensatz. Daraus erzeugt sich einerseits in ihm
ein unangenehmes Gefhl, andererseits aber entsteht dadurch, dass
_der Humorist sich gerade in dem Contrast mit dem Niedrigen, der
Hoheit und Erhabenheit der in ihm ruhenden Ideen lebhafter bewusst
wird, ein angenehmes Gefhl_. Behlt das Letztere das Uebergewicht,
so erzeugt sich der komische Affect, whrend der rhrende Affect dann
entsteht, wenn wir lebhaft fhlen, dass unser eigenes Thun und
Handeln mit unseren Idealen nicht im Einklang stehe. Dies sind die
beiden Formen des sogenannten vershnten Humors. Es kann nun aber
auch der Fall eintreten, dass der Humorist durch das gegen seine
Ideale kmpfende Niedrige und Gemeine zu tief gekrnkt wird, -- und
an Allem verzweifeln mchte: dann entwickelt sich der _unvershnte
Humor_, der sich daher gern im Sarkasmus ergeht und wohl auch meist
als erste Stufe dem vershnten Humor vorausgeht. Letzterer ist, wie
Vischer [1] richtig sagt, voll Unschuld, aber es ist nicht die
einfache Unschuld eines Kindes, sondern eine solche, die durch innere
Wehen, durch Zerrissenheit, Kampf, Schuldbewusstsein
hindurchgegangen, sich wieder mit ihrem Gott vershnt hat". Dass die
Humoristen bei all' ihrer Gemthlichkeit, sehr hufig eigentlich,
unglckliche Menschen sind, erklrt sich daraus, dass sie fr Alles
in der Welt vorgehende Widrige, fr alle kleinen Leiden des Lebens
ein viel feineres Gefhl haben als andere Menschen, und sich doch
meist ihren Idealen gegenber selbst klein fhlen. Daher haben die
meisten Humoristen einen Anflug von Melancholie oder Hypochondrie.
Aber selbst ber diese wissen sie sich wiederum zu erheben, indem sie
gewissermaassen an sich selbst ihren Witz auslassen. Aecht
humoristische Personen sind z. B. die Narren im Shakespeare, ebenso
auch Hamlet, der in vielen Scenen den unvershnten Humor erkennen
lsst. Ich erinnere an die Scene vor Auffhrung des Schauspiels bei
Hofe, wo er zu Ophelia sagt: Was sollte ein

[1] Erhab. u. Komische p. 215.

[Page 50]

Mensch anderes thun, als lustig sein? Denn seht nur, wie vergngt
meine Mutter aussieht, und mein Vater ist doch erst vor zwei Stunden
gestorben. Ophelia: Vor zwei Mal zwei Monaten, gndigster Herr.
Hamlet: So lange ist's her?! Ei da mag der Teufel noch schwarz gehen!
ich will mir ein munteres Kleid machen lassen" [1]. -- Weitere
Reprsentanten des Humors liefert Jean Paul im Titan und Siebenks
etc., vor Allen auch Sterne in seinem Leben und Meinungen Tristam
Shandys."

Neben dem bisher dargestellten _subjectiven_ Humor, wo eine
selbstbewusste humoristische Person auftritt, die absichtlich als
solche handelt," giebt es, wie Lazarus richtig hervorhebt, auch einen
_objectiven_ Humor, wo nur der Leser und Zuschauer die Absicht und
Wirkung des Humors empfindet", indem der objective Humorist, wie z.
B. Falstaff, alle hohen Ideen, deren Widerpart er in Leben und
Gesinnung ist, durch sein Reden und Thun in uns erweckt. Er spricht
von Ehre, Muth etc., stellt den Knig dar, wie er Heinrich straft
etc., in Allem ist er ein Gebildeter, die Ansprche der Idee
Kennender und Zeigenden. Wir lachen ber ihn, obgleich er das Hohe
erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre), wir lachen, weil er
selbst die wahre Idee in uns weckt und diese desto sicherer siegt, je
angelegentlicher er dagegen kmpft" [2].

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu unserem eigentlichen
Thema zurck, und wenden uns zur zweiten Hauptform des Komischen.

*II. Das Komische mit zwei vereinbaren Vorstellungen.*

Kam bei der vorher besprochenen Form des einfach Komischen berhaupt
nur _eine_ Vorstellung in Frage, die durch ihre Harmonie mit
einzelnen und Disharmonie mit anderen Normen die beiden einander
contrren Gefhle erregte, so sind bei der vorliegenden Form _zwei_
im Komischen selbst enthaltene Vorstellungen zur Erzeugung des
angenehmen Gefhls thtig whrend zum unangenehmen Gefhl wiederum
nur eine der beiden gegebenen Vorstellungen die Ursache giebt. --

[1] Vergl. weiter unten das bei Ironie" Gesagte.
[2] Aus Lazarus l. c. p. 206.

[Page 51]

Wir haben hier die sogenannte

*Gerechte Schadenfreude*

zu erwhnen, bei welcher das unangenehme Gefhl aus dem Verstosse
einer gegebenen Vorstellungsreihe gegen irgend eine der beiden Normen
hervorgeht, whrend das angenehme Gefhl daraus resultirt, dass eine
zweite gleichzeitig gegebene Vorstellung sich mit jener ersten in
Rcksicht auf die ethische Norm der _Gerechtigkeit_ leicht verbindet.
Die beiden Vorstellungen stehen dabei in dem Verhltniss von Ursache
und Wirkung -- von Vergehen und Strafe. Whrend uns einerseits die
Dummheit, Schlechtigkeit u. dergl. rgert, wird andererseits durch
die gleichzeitig eintretende Strafe unser Gerechtigkeitsgefhl
befriedigt. -- Wir haben schon oben in dem zweiten vorlufigen
Beispiel angefhrt, wie in diesem Sinne auch den Gebildeten die
Corpulenz eines Falstaff zum Lachen reizen kann. Wir erwhnen hier
noch, als hnliche sinnlich-hssliche Gegenstnde des Gelchters, die
Glatze und die rothe Nase, da wir auch diese Fehler (freilich nicht
immer mit Recht) als Folgen einer etwas lockeren, ppigen Lebensweise
anzusehen gewohnt sind, und wir demnach statt Mitleid mit dem also
Entstellten zu empfinden, vielmehr durch die Befriedigung unserer
Gerechtigkeitsidee angenehm berhrt werden.

In demselben Sinne kann ein Gebildeter auch ber die Dummheit lachen,
nicht sowohl insofern er sich seines Besserwissens freut, als
vielmehr in der Voraussetzung, dass die Dummheit mehr oder weniger
auf eigenem Verschulden beruht und wir die den Dummen treffende
Blamage oder auch einen geringen Schaden, den er erleidet, als
verdient und ihm von Rechtswegen zukommend ansehen. --

Zu beachten ist aber hierbei ein sehr wichtiger Umstand (der
gleichzeitig am besten die Richtigkeit meiner Erklrung beweist): Die
Strafe darf nicht das uns gerecht erscheinende Maass berschreiten,
sonst hrt die komische Wirkung in dem jetzt besprochenen Sinne auf.
Wir lachen ber einen ungeschickten Menschen, wenn er in Folge seiner
Ungeschicklichkeit ein mssiges Unheil anrichtet, etwa hinfllt und
im Fallen sein Beinkleid an einer am wenigsten dazu geeigneten Stelle
auf-

[Page 52]

reisst. Sobald wir aber sehen, dass der Fallende sich ein Bein
gebrochen, oder sich sonst erheblich verletzt hat, so werden wir
nicht mehr lachen, da die ihn treffende Strafe das uns gerecht
erscheinende Maass bei Weitem berschritten hat. Das hat wohl
Aristoteles mit seinem andunon ou phthartikon auch eigentlich sagen
wollen: Ein Schmerz oder Schaden muss wohl vorhanden sein, derselbe
darf aber ber ein gewisses Maass nicht hinausgehen und muss verdient
erscheinen. Um ein weiteres hierher gehriges Beispiel anzufhren,
erinnere ich an jenes Bild, einen Bauer darstellend, der damit
beschftigt ist, einen Baumast abzusgen, auf dessen usserstem Ende
er selbst sitzt. Die komische Wirkung dieser Darstellung beruht
offenbar darauf, dass einerseits die Dummheit des Bauern, d. h. der
Contrast seiner Handlung mit der Idee von praktischer Klugheit uns
unangenehm berhrt, whrend andererseits der in dem Bilde als
unabwendbar bevorstehend gezeigte Fall aus der mssigen Hhe uns als
Strafe fr jene Thorheit gerecht erscheint, und somit wegen seiner
leichten Verbindung mit jener ersten Vorstellung in Bezug auf die
Gerechtigkeitsidee unserem Gefhle zusagt. Denken wir uns nun aber
das Bild so verndert, dass jener Baumast ber einem ghnenden
Abgrunde schwebe, in welchen der Mensch nun hineinzufallen droht, so
lachen wir nicht mehr, weil die Strafe fr seine Dummheit bei Weitem
das entsprechende Maass berschreitet und unsere Gerechtigkeitsidee
dadurch umgekehrt gerade beleidigt wrde. Der Umstand brigens -- das
sei zum Schlusse noch erwhnt -- dass die eine Vorstellung (die des
Herabfallens) nicht unmittelbar im Bilde vorhanden ist, thut nichts
zur Sache, und ndert die Auffassung dieser Form nicht. Es wird diese
Vorstellung jedenfalls durch das Bild hervorgerufen, und geht mit in
den komischen Contrast ein; ganz ebenso wie in den ersten Beispielen
die rothe Nase uns ohne Weiteres die Vorstellung des Trinkens erweckt
und diese nun ganz so wie eine unmittelbar dargebotene sich an dem
Contrast betheiligt [1]. Auch dadurch endlich verfllt die Dummheit
oft dem Gelchter, selbst der Gebildeten, dass sie sich, mit vielem
Selbstgefhl gepaart, den

[1] Schopenhauer l. c. p. 107.

[Page 53]

Anschein besonderer Klugheit geben will, sich aber natrlich nun um
so mehr bloss stellt. Wie vorher erscheint uns jetzt die den Dummen
treffende Blamage wegen der Ansprche, die er erhoben hat, als eine
wohl verdiente.

Wir kommen nunmehr zur Besprechung der dritten Hauptform, welche wir
nannten:

*III. Das Komische mit zwei unvereinbaren Vorstellungen.*

Wie bei der vorigen Form sind auch bei dieser zur Erzeugung des einen
Gefhls (hier aber des _un_angenehmen) zwei Vorstellungen im
Komischen selbst enthalten, die sich in der dargebotenen Form nicht
mit einander verbinden wollen, whrend andererseits in Folge der
Harmonie einer der beiden Vorstellangen mit irgend einer Norm ein
angenehmes Gefhl erzeugt wird. -- Zu dieser Gruppe gehren
zahlreiche Nebenformen, von denen ich die wichtigsten anfhre. Als
einfachste der hierher gehrigen Formen nenne ich zuerst:

*1. Das Komische der getuschten Erwartung.*

Wie oben mitgetheilt, will Kant beim Komischen stets eine in Nichts
aufgelste Erwartung nachweisen knnen, und sttzt darauf seine
Definition. Richtig ist allerdings, dass die getuschte Erwartung
beim Lcherlichen sehr hufig angetroffen wird, doch spielt sie, wie
sich leicht nachweisen lsst, in den meisten Fllen nur eine ganz
nebenschliche Rolle, und dient hchstens dazu, die komische Wirkung
zu steigern. Schon das erste Beispiel, das Kant zur Sttze seiner
Definition selbst anfhrt, spricht gegen ihn. Lassen wir Kant selbst
reden: Wenn Jemand erzhlt, dass ein Indianer, der an der Tafel
eines Englnders in Surate eine Bouteille mit Ale ffnen und alles
dies Bier in Schaum verwandelt herausdringen sah, mit vielen Ausrufen
seine grosse Bewunderung anzeigte, und auf die Frage des Englnders,
was ist denn hier sich so zu verwundern? antwortete: _Ich wundere
mich auch nicht darber, dass es herausgeht, sondern wie ihr's habt
herein kriegen knnen_; so lachen wir und es macht uns eine recht
herzliche Lust, nicht, weil wir uns etwa klger finden, als diesen
Un-

[Page 54]

wissenden, oder sonst ber etwas, was uns der Verstand hierin
Wohlgeflliges bemerken liesse, sondern unsere Erwartung war gespannt
und verschwindet pltzlich in Nichts." --

Dass eine gewisse Spannung unserer Erwartung in diesem Falle
vorliegt, will ich nicht leugnen; Wir denken etwa: welch wichtigen
Grund seines Erstaunens wird der Indianer wol vorbringen?" Doch dient
dies Moment hier offenbar nur dazu, die komische Wirkung, _die auch
ohne dies vorhanden_ wre, durch die geschickte Form des Vortrages zu
erhhen. Die Aeusserung bleibt auch komisch, wenn wir einfach den
Indianer ohne weitere Vorbereitung verwundert fragen lassen: Sagt
mir nur, wie habt Ihr das Alles in die Flasche hineinbekommen?" --
Die Frage ist, wie leicht ersichtlich, eine pseudonaive und die
komische Wirkung erklrt sich bei dieser Auffassung leicht. Whrend
die eigentlich dumme Aeusserung des Indianers unser Gefhl einerseits
beleidigt, entdecken wir andererseits in derselben doch viel
Ueberlegung und Klugheit, wenn wir uns auf den Standpunkt der bei
einem Indianer ganz erklrlichen Unkenntniss in Bezug auf die beim
Schumen des Bieres wirkenden Verhltnisse stellen. --

Nebenbei freuen wir uns -- obschon Kant es nicht wahr haben will --
doch etwas unseres Besserwissens. Uebrigens bringt Kant noch eine
Bemerkung, aus der sich die richtige Auffassung ahnen lsst. Er sagt
nmlich: Merkwrdig ist, dass in allen solchen Fllen der Spass
immer etwas in sich enthalten muss, welches auf einen Augenblick
tuschen kann. Denn wenn Jemand uns mit der Erzhlung einer
Geschichte grosse Erwartung erregt und wir beim Schluss die
Unwahrheit derselben sofort einsehen, so macht es uns Missfallen." --

Doch wir haben nun, da sich das Kant'sche Beispiel fr die hier zu
besprechende Form nicht als brauchbar erwiesen hat, noch Beispiele
anzufhren, in denen die getuschte Erwartung wirklich ein
_wesentliches_ Glied bei Erzeugung des komischen Affects darstellt.
Als allgemeines Schema dafr knnen wir das bekannte: parturiunt
montes nascitur _ridiculus_ mus anfhren, zu dem unter Anderem der
folgende Schwank, den der Clown im Circus oft ausbt, einen
speciellen Fall bildet. Der Clown stellt sich an, als ob er ber ein
ziemlich hochgehaltenes Seil

[Page 55]

hinber springen will, nimmt einen gewaltigen Anlauf, um dann
pltzlich unter dem Seile hindurchzukriechen. In der Regel belohnt
unauslschliches Gelchter, namentlich im Olymp, diese Farce. Suchen
wir den Grund dieses Lachens auf, so finden wir das zum Lcherlichen
erforderliche unangenehme Gefhl hervorgehend aus der pltzlich
getuschten Erwartung. Das angenehme Gefhl dagegen entsteht
einerseits aus dem befriedigten Selbstgefhl, indem dasselbe durch
die Vorstellung, dass der Clown jener Aufgabe doch nicht gewachsen
war, gehoben wird, andererseits wirkt die berechtigte Schadenfreude
mit, indem wir dem Clown die Blamage, die er sich (wenn auch nur
scheinbar) zugezogen hat, als eine verdiente gnnen; endlich drittens
spielt eine gewisse objectivirende Schadenfreude, die wir ber uns
selbst empfinden, eine nicht unwesentliche Rolle. Whrend eigentlich
der Clown uns auslachen knnte, dass wir uns durch ihn haben dupiren
lassen, schwingen wir uns schnell zu einer Objectivitt auf, in der
wir im Stande sind, ber uns selbst zu lachen. Da wo diese
Objectivitt nicht vorhanden ist, berwiegt leicht die Krnkung des
Selbstgefhls, und es entsteht statt Lachen Aerger. --

Eine zweite hierher gehrige Form:

*2. Den komischen Anachronismus*

haben wir schon bei den vorlufigen Beispielen erwhnt. Wenn wir
also, um noch einige andere Beispiele anzufhren, auf Raphael'schen
Bildern den Stammvater Abraham mit eiserner Karst in der Hand, Gott
Apollo mit einer Geige, auf anderen Bildern Soldaten, unter dem
Kreuze Christi, Karten spielend und Tabak rauchend, Fernglser in der
Hand rmischer Feldherren, Christus auf seinem Gange nach Golgatha
von einem betenden Kapuziner begleitet sehen, so wirkt das Alles
komisch, weil uns zwei Vorstellungen zusammen geboten werden, die
sich nach der Norm der Gleichzeitigkeit nicht mit einander vereinigen
lassen und durch ihre erzwungene Zusammenstellung ein unangenehmes
Gefhl erzeugen, whrend das angenehme Gefhl auf der unserm
Selbstgefhl schmeichelnden Vorstellung von unserem Besserwissen
beruht.

[Page 56]

*3. Das Komische der Darstellung oder das Burleske und Heroisch-
Komische*

leitet sein unangenehmes Gefhl her aus der Disharmonie zwischen der
poetischen Darstellung und dem Inhalt. Beim Burlesken werden ernste,
wichtige und erhabene Dinge in einer unwrdigen und sie
herabsetzenden Weise vorgetragen. Als Beispiel mag Offenbach's
Orpheus in der Unterwelt" gelten. Beim Heroisch-Komischen werden
ganz unbedeutende Gegenstnde durch die Sprache als bedeutende
dargestellt, wie z. B. in Blumauers Aenede. --

So lange das Burleske und Heroisch-Komische nicht zugleich witzig ist
(was aber meist der Fall ist) steht der, aus der oben genannten
Quelle fliessenden Unlust, ein Lustgefhl gegenber, das wie bei der
vorigen Form nur aus dem gesteigerten Selbstgefhl des Besserwissens
entspringt.

Wir kommen jetzt zur letzten Hauptform des Komischen, die wir
nannten:

*IV. Das Komische mit dem Wettstreit der Vorstellungen oder den
Witz.*

_Der Witz_ ist eine der ausgedehntesten Formen des Komischen und
erfreut sich gerade bei den Gebildeten einer besonderen Beliebtheit
und doch steht er dem grssten Theile seines Inhalts nach auf keiner
hohen Stufe, indem bei ihm das angenehme Gefhl (in der Regel) ohne
Betheiligung sittlichen Wohlgefallens zu Stande kommt. Die logischen
Normen und die Normen der Ideenassociation sind es vorwiegend, die
bei ihm eine Rolle spielen, whrend die Beziehungen zu den ethischen
oder sthetischen Normen meistens ausserhalb des Witzes, neben diesem
vorhanden sind und die komische Wirkung nur erhhen. -- Es hat daher
etwas fr sich, wenn Vischer in seiner ersten Schrift [1] den Witz:
das Komische des Verstandes oder der Reflexion nennt und hervorhebt,
dass die Untersuchung des Witzes theilweise mit der Lehre von den
Gesetzen der Ideenassociation zusammenfalle. Das wesentlichste
Merkmal des Witzes allen brigen Formen des Komischen gegenber ist
aber Folgendes:

[1] Erhab. u. Komische p. 196 u. 198.

[Page 57]

_Beim Witz entsteht die Unlust wie die Lust aus_ *zwei*
_Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit, und doch wiederum mgliche
Vereinbarkeit mit einander_, die Quelle der Gefhle bildet, whrend
bei den brigen Formen entweder nur _eine_ Vorstellung beide Gefhle
erzeugte, oder zwei dargebotene Vorstellungen doch nur zur Erregung
des _einen_ der Gefhlsgegenstze thtig waren.

Indem die zwei dargebotenen Vorstellungen zunchst nur unter einander
und nicht zu unserem ganzen Ich (zu den ideellen etc. Normen) in
Beziehung treten, regt der Witz unsere Interessen viel weniger an,
als alle brigen Formen des Komischen. Ganz richtig sagt deshalb Jean
Paul von ihm: er achtet nichts und verachtet nichts, Alles ist ihm
gleich, sobald es gleich und hnlich wird".

Sehen wir davon ab, dass der Unterschied des Witzes von den brigen
Formen des Komischen mir bisher nirgend so scharf prcisirt zu sein
scheint, so ist er doch im Ganzen von den Autoren am richtigsten
aufgefasst. Jean Paul bringt auch ber ihn ungemein viel Treffendes,
wenn schon er mit seiner eigentlichen Definition nicht glcklich war
und den Mangel wissenschaftlicher Schrfe auch hier verrth. -- Seine
gelegentlichen Bemerkungen z. B., wenn er ihn den verkleideten
Priester nennt, der jedes Paar copulirt, sind viel bezeichnender als
seine Definition, nach welcher er die alte, in der That unzureichende
Auffassung: Der Witz sei eine Fertigkeit, Aehnlichkeiten zwischen
Unhnlichem zu finden, in der Art verndert, dass er den Begriff der
Vergleichung substituirt, welche eine theilweise Gleichheit bei
grsserer Ungleichheit entdeckt. Viel entsprechender ist die
Definition von Vischer, der jene alte dahin erweitert: Der Witz ist
eine Fertigkeit mit einer berraschenden Schnelle mehrere
Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie
angehren, einander eigentlich fremd sind, zu Einer zu verbinden." --
In dieser Definition ist freilich ungesagt, dass diese Verbindung in
gewissen Hinsichten eine gerechtfertigte und uns angenehm berhrende
sein muss.

Doch berichtigt Vischer wenigstens seine in dem ersten Werke
ausgesprochene Ansicht, dass _kein_ Witz einen eigentlichen Sinn
habe, in seiner Aesthetik dahin, dass der Sinn zwar

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nicht innerlich organisch im Witz enthalten sei, doch in vielen
Fllen von Aussen hinzukomme [1]. Vollstndig treffend, wenn wir die
darin enthaltenen Begriffe, Gleichheit und Verschiedenheit, mit
unseren obigen Normen in Beziehung bringen, ist die schon erwhnte
Definition von Lazarus, die eigentlich auf das Komische berhaupt
gemnzt ist, aber, wie wir sehen, im Besonderen auf den Witz passt.
Es sollen zwei Vorstellungen vorhanden sein, die einmal wegen ihrer
Gleichheit zu einem einzigen Denkacte verschmelzen, whrend sie nach
anderer Richtung hin, wieder ganz und gar verschieden sind, die
Mglichkeit und die Unmglichkeit der Verschmelzung tritt zu gleicher
Zeit ein". Das ist in der That das Charakteristicum des Witzes.

Die Schopenhauer'sche Definition werde ich bei Gelegenheit einer
besonderen Form der Witze erwhnen, zu der wiederum alle von ihm
aufgestellten Beispiele gehren.

Am ausfhrlichsten und in vieler Beziehung sehr glcklich hat in
neuester Zeit Kuno Fischer [2] den Witz behandelt. Seine Darstellung,
die halb vom psychologischen halb vom metaphysisch-sthetischen
Standpunkte ausgeht, weicht aber von der meinigen vor allen Dingen
darin ab, dass Fischer ganz entsprechend seiner Auffassung des
Thema's hauptschlich die Frage errtert, wie der Witz entsteht, auf
welchem Boden er aufspriesst und wie er geformt wird. -- Das
Material, aus dem er besteht, behandelt Fischer nur gelegentlich.
Darum ist selbstverstndlich seine ganze Eintheilung eine andere,
wenn ich auch in einzelnen Formen mit ihm bereinstimme. Entspringend
auf dem Boden der sthetischen Freiheit, die sich vom Begehren und
Wollen fern hlt und aus dem ungedruckten Selbstgefhl hervorgeht,
ist nach Fischer's kurzer und knapper Definition der Witz ein
spielendes Urtheil, welches die Fehler und Gebrechen, d. h. das
Unfreie im intellectuellen Reich unserer Gedanken und Vorstellungen
pltzlich aufdeckt, und mit unserem erhhten und freien Selbstgefhl
in den komischen Contrast bringt. Der Witz muss nach F. ganz
entlegene, nicht gleichartige, sondern entgegengesetzte,

[1] l. c. p. 426.
[2] Ueber die Entstehung u. die Entwickelungsformen des Witzes. Zwei
Vortrge etc. Heidelberg 1871.

[Page 59]

nicht bekannte, sondern einander fremde Vorstellungen mit einander
verknpfen, dieselben aber pltzlich in der Pointe zusammenstossen
lassen. Was noch nie vereint war, ist mit einem Male verbunden und
in demselben Augenblicke, wo uns dieser Widerspruch noch frappirt,
berrascht uns schon die sinnvolle Erleuchtung". -- Sehr mit Recht
betont Fischer, wie auch Vischer, besonders das Pltzliche des
Zusammenstosses der beiden Vorstellungen, d. h. die Pointe. Wir
mssen auf diesen Punkt, der zwar indirect in unserer Aufstellung
schon enthalten ist, am Schlusse noch einmal zurckkommen. Zunchst
wollen wir die einzelnen Formen des Witzes untersuchen und durch
Beispiele erlutern.

Wir knnen innerhalb des Witzes zwei inhaltreiche Hauptgruppen
aufstellen, die sich durch die Entstehung des angenehmen Gefhls von
einander unterscheiden; in der einen Gruppe ist dasselbe abhngig von
der leichten Vereinbarkeit der beiden dargebotenen Vorstellungen in
Rcksicht auf die _logischen_ Normen; bei der andern Gruppe entsteht
die Lust aus der leichten Verbindung der beiden Vorstellungen nach
irgend einer _der drei Normen der Ideen- Association_.

In der ersten Gruppe spielt der doppelte Sinn, die zweifache
Bedeutung und Beziehung, welche in einer der beiden dargebotenen
Vorstellungen steckt und in Rcksicht auf welche die Vereinigung mit
der in der vorliegenden Situation enthaltenen zweiten Vorstellung,
einmal mglich, das andere Mal unmglich ist, eine Hauptrolle. Ich
will deshalb der bequemeren Bezeichnung halber den Namen
_Doppelsinn-Witze_" dafr einfhren, whrend ich die andere Gruppe
(_Ideen-_) _Associations-Witze_ nenne.

Wir behandeln zuerst die

*1. Associations-Witze*

als die tiefer stehende Form. Es werden hier also zwei Vorstellungen
mit einander in einen Zusammenhang gebracht, der gegen die Normen der
Logik verstsst, und dadurch Unlust verursacht, whrend andererseits
die Verbindung derselben beiden Worte in Rcksicht auf eine der drei
Normen der Ideenassociation eine leichte ist und dadurch das
Lustgefhl begrndet. Je

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nachdem das Gesetz der Aehnlichkeit, das der Gleichzeitigkeit oder
das der Zeitfolge die Association erleichtert, erhalten wir drei
verschiedene Unterklassen der Associationswitze. In der erstgenannten
_Unterklasse_, die ihr _angenehmes Gefhl auf die Aehnlichkeit der
beiden Worte sttzt_, nehmen die sogenannten *Klangwitze* das
weiteste Gebiet ein. Bei ihnen ist die ussere Aehnlichkeit des
Klanges massgebend. Wir haben schon oben unter den vorlufigen
Beispielen auch von dieser Form einige angefhrt: (Tracht --
Eintracht; Ring -- Hering.) Man nennt diese Sorte von Witzen auch
Kalauer" und achtet sie ziemlich gering; trotzdem hat selbst
Shakespeare sie nicht verschmht, indem er z. B. dem dicken Hans
Falstaff folgende in den Mund legt. Allerdings hat mein Wanst es
weit in die Dicke gebracht, aber es ist hier nicht die Rede von
_Wnsten_, sondern von _Gewinnsten_, nicht von _Dicke_, sondern von
_Tcke_". -- Nicht der geringste logische Zusammenhang besteht
zwischen diesen, doch in eine enge Verbindung gebrachten Worten; nur
der Gleichklang hlt sie zusammen.

Ich erwhne hier ferner jenes schon bei Gelegenheit des Pseudonaiven
angefhrte Beispiel, wo das Kind, dem das Vaterunser gelehrt wird,
fragt, ob der Vater Unser mit dem Onkel Unzen verwandt sei. Wir
knnen diese Aeusserung auch als einen Witz auffassen, bei welchem
das angenehme Gefhl (allerdings viel schwcher als bei der vorigen
Auffassung) lediglich aus dem Gleichklang der beiden Worte Unser und
Unzer hervorgeht, die sonst gar nichts mit einander zu thun haben,
und deren Zusammenbringung unser Gefhl beleidigt. Jene Aeusserung
steht, als pseudonaive aufgefasst, bedeutend hher, als wenn wir sie
als Witz ansehen.

Zuweilen erhlt die einerseits unsinnige Zusammenstellung
klanghnlicher Worte durch ussere Nebenbeziehungen eine Art von
Sinn, und diese Witze stehen dann um ein Weniges hher. Beispiele zu
dieser Art liefern Fischart und Abraham a Santa Clara in grosser
Flle.

Dem letzteren nachgebildet sind die bekannten Klangwitze des
Kapuziners in Wallenstein:

    Kmmert sich mehr um den _Krug_ als den _Krieg_,
    Wetzt lieber den _Schnabel_ als den _Sabel_,

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    Hetzt sich lieber herum mit der Dirn,
    Frisst den _Ochsen_ lieber als den _Ochsenstirn_ etc.
    Das rmische Reich, dass Gott erbarm,
    Sollte jetzt heissen rmisch arm.
    Der _Rheinstrom_ ist geworden zu einem _Peinstrom_,
    Die _Bisthmer_ sind verwandelt in _Wstthmer_,
    Die _Abteien_ und _Stifter_
    Sind _Raubteien_ und _Diebesklfter_,
    Und alle die gesegneten _deutschen Lnder_
    Sind verwandelt worden in _Elender_.

Im Anschluss hieran muss ich noch eine Abart der Klangwitze erwhnen,
die sich von der gewhnlichen Form dadurch unterscheidet, dass von
den beiden Vorstellungen, deren Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit
eben den Witz erzeugt, nur die eine direct, die andere aber indirect
gegeben ist. Hierher gehrt besonders die theils absichtliche, theils
unabsichtliche Verstmmelung der Fremdwrter, wie sie zum Beispiel
von Onkel Brsig in hohem Maasse gebt wird: Er spricht von dem
Existent (statt Assistent) des Wasserdoctors, der nicht als Gregorius
(Chirurgus) qualifikacirt war und keine Operamente (Operationen)
machen durfte, ihm dagegen eine Extra-Einwickelung apoplexirte. Hier
findet der Wettstreit zwischen dem wirklich ausgesprochenen und dem
eigentlich gemeinten Wort statt, das wir sofort errathen mssen. In
Bezug auf die logischen Normen haben diese beiden Worte, die nicht
nur in Verbindung gebracht sind, _sondern von denen eins sogar fr's
andere substituirt_ ist, nicht das Geringste mit einander zu thun,
ihre Klanghnlichkeit aber erleichtert andererseits die Association.
-- Man kann diese Confusionen (wie es mit dem gerade angefhrten
Beispiel wol gewhnlich geschehen wird) auch als einfach komisch und
nicht als witzig auffassen, indem man dabei weniger den Wettstreit
der beiden Vorstellungen bercksichtigt, sondern vielmehr die
komische Situation in's Auge fasst, dass Jemand, der sich aus
Eitelkeit einen Anstrich von Bildung geben will und daher Fremdworte
anwendet, nun durch Verstmmelung derselben doch seine Unbildung
verrth, sich blamirt und auf diese Weise unser Gerechtigkeitsgefhl
befriedigt. Dagegen werden wir die folgenden Confusionen schon eher
als witzig auffassen: Finis coronat opium;

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tres faciunt collodium; Omnia mea mecum portemonnaie; exempla sunt
spirituosa, mundus vult deficit etc. Hierher gehren vor allen Dingen
auch die witzigen Verdeutschungen fremder Worte, die sich bei
Fischart in so beraus reichlicher Zahl finden und die einerseits
zwar von seiner kecken und oft zu weit gehenden muthwilligen Laune
Zeugniss ablegen, andererseits aber auch wie Kurz in seiner
Geschichte der deutschen Literatur richtig anfhrt, die cht
volksmssige Schpfungskraft in ihm erkennen lassen, welche das
fremde Wort zwar beibehlt, ihm aber deutsche Form und deutsche
Bedeutung giebt, wie in unseren Worten Opfern (von dem lat. offerre),
Krper (corpus) etc. So bildet Fischart maulhenkolisch (fr
melancholisch), Pfotengram (Podagra), Affrich (Afrika), Notnar
(Notar), Jesuwider (Jesuit), Untenamend (Fundament), Amend (Amen) u.
s. w.

Die Aehnlichkeit der beiden zusammengebrachten Worte braucht sich
aber nicht immer auf den usseren _Klang_ zu beziehen, sondern kann
auch in anderen Verhltnissen stattfinden. So entsteht z. B. in dem
doppelten Kinderlffel fr Zwillinge", den Lichtenberg in seinem
bekannten Auctionsverzeichniss ausbietet, das angenehme Gefhl durch
die wegen ihrer inneren Aehnlichkeit leicht vor sich gehende
Association der beiden Begriffe _doppelter_ Lffel und _Zwillinge_,
whrend das Unsinnige der Zusammenstellung uns Unlust macht. In
wieder anderen Fllen ist die Aehnlichkeit eine ganz versteckte und
nur partielle und wird erst durch den Witz aufgefunden und
hervorgehoben. Fr diese Flle passt die alte Definition, dass der
Witz eine Fertigkeit sei, versteckte Aehnlichkeiten zu finden. Als
Beispiel diene folgende Witzreihe von Heine, der von einer auffallend
hsslichen Frau sagt: Diese Frau glich in vielen Punkten der Venus
von Melos, sie ist auch ausserordentlich alt, hat ebenfalls keine
Zhne und auf der gelblichen Oberflche ihres Krpers einige weisse
Flecken etc." Wir fhlen einerseits, dass dieser Vergleich zweier
ganz heterogenen Gegenstnde (einer hsslichen Frau mit der Venus)
ein vllig unpassender ist -- werden aber doch durch die wirklich
vorgefundenen partiellen Aehnlichkeiten angenehm berrascht. Ein im
gewissen Sinne umgekehrtes Beispiel wie das vorliegende bildet die
_witzige Carricatur_, bei der wir in toto wohl die Aehnlichkeit des
Bildes mit dem

[Page 63]

Gegenstande oder der dargestellten Person herausfinden, aber doch
durch die darin enthaltene Uebertreibung unangenehm berhrt werden.
Das was die Carricatur im Bilde, das ist die witzige Uebertreibung
oder Hyperbel in der Darstellung durch Worte. Ich erinnere z. B. an
Haug's Zweihundert Hyperbeln auf Herrn Wahls ungeheure Nase", von
denen hier die folgende einen Platz finden mag:

    Er stand und sprach vor seinem Haus,
    Da hielt ein Gterwagen an.
    He! rief der trunk'ne Fuhrmann aus:
    Den neuen Schlagbaum aufgethan!

Aus Kuno Fischer will ich hier noch einen recht guten Witz dieser Art
mittheilen, den man sich von Friedrich Wilhelm IV. erzhlt. -- Auf
einer seiner Landreisen wird der Knig in einer kleinen
Provinzialstadt von der Obrigkeit empfangen und von dem Brgermeister
des Stdtchens in feierlicher Anrede begrsst; an dem kleinen
wohlbeleibten Mann tritt nichts so hervor als die weisse Weste in
stattlicher Wlbung; das Wetter ist sehr kalt und die Rede nimmt kein
Ende; da unterbricht der Knig den Redner gleichsam besorgt um seine
Gesundheit und auf die Weste deutend sagt er gtig: mein Lieber,
erklten Sie sich Ihren Montblanc nicht." -- Diese Anekdote enthlt
eine Flle komischer Contraste, der eigentliche Witz beruht aber
offenbar auf der Verbindung resp. Substituirung zweier vollstndig
heterogener Vorstellungen, die aber eine gewisse Aehnlichkeit mit
einander haben. Fischer fhrt diesen Witz unter dem Wortspiel
(speciell unter der mit Doppelsinn" berschriebenen Form) auf, nach
meiner Auffassung aber mit Unrecht, denn das Wort Montblanc enthlt
_an und fr sich_ keinen Doppelsinn.

In manchen Fllen ist die versteckte Aehnlichkeit, die der Witz
aufdecken soll, nicht direct ausgesprochen, sondern kann erst nach
Kenntniss gewisser Verhltnisse verstanden werden. Als Beispiel fhre
ich einen fall von witzigem Anachronismus an: Ein italienischer Maler
wurde von dem Prior eines Klosters aufgefordert, fr dessen Kirche
ein Altar-Bild, das heilige Abendmahl darstellend, zu malen. Er macht
sich an die Arbeit; lernt aber whrend derselben den Prior als einen
ganz schlechten Menschen, einen Lgner und Verrther kennen, der ihn
selbst

[Page 64]

um den bedungenen Lohn betrgen will. Darber entrstet, beschliesst
der witzige Maler sich zu rchen und malt in einer Nacht, nachdem das
Bild vorher bis auf die Person des Judas fertig geworden war, die
Gestalt des Priors wie er leibt und lebt an dessen Stelle, um sich
dann natrlich heimlich davon zu machen. -- Das Bild enthlt einen
Anachronismus, der in diesem Falle aber nicht blos komisch, sondern
fr den, der die Verhltnisse kennt, auch witzig wirkt. Die Person
des Judas und des Priors, die hier mit einander indentificirt sind,
gehren zeitlich nicht zu einander, dagegen finden wir in Beziehung
auf ihren Geiz und ihre Verrtherei zwischen beiden eine
Aehnlichkeit, die in Verbindung mit dem Anachronismus den Witz
erzeugt. Die komische Wirkung wird in diesem Fall dadurch
untersttzt, dass die gerechte Schadenfreude mit eine Rolle spielt;
wir gnnen dem Prior wegen seiner Schlechtigkeit diese Blamage und
den Aerger, den er doch wahrscheinlich ber das Bild empfunden.
Solche Witze, bei denen die gerechte Schadenfreude mitwirkt, nennen
wir _satyrische Witze_ oder _Sarkasmen_, deren Wesen also in einer
zum eigentlichen Witz hinzukommenden Nebenwirkung besteht.

Sahen wir in der ersten oben besprochenen Klasse der
Associationswitze die _Aehnlichkeit_ zur Erzeugung des angenehmen
Gefhls thtig, so treten in den anderen Klassen ebenso die Normen
der _Gleichzeitigkeit_ und _Succession_ dafr ein. In dem schon
erwhnten Lichtenberg'schen Auctionsverzeichniss wird u. A. weiter
ausgeboten: Eine Mausefalle mit den nthigen Musen dazu und ein
messingenes Schlsselloch. In dem ersten Beispiel erscheint es uns
einerseits nach dem Gesetze der Coexistenz ganz natrlich, dass zur
Mausefalle auch Muse gehren, andererseits sehen wir auch sofort das
Unsinnige der Zusammenstellung ein. Ebenso ist es mit dem messingenen
Schlsselloch. Wir haben den Messing mit dem darin befindlichen
Schlsselloch so oft zusammen gesehen, dass wir diese beiden Begriffe
leicht und ungezwungen in Zusammenhang bringen und deshalb lachen,
wenn wir andererseits den Widersinn einsehen. -- Es spielt in diesen
Beispielen brigens nebenbei auch das gesteigerte Selbstgefhl in
gleicher Weise wie bei den Mnchhausiaden mit. Wir merken, dass uns
eine Falle gelegt ist,

[Page 65]

dass wir confuse gemacht werden sollten und freuen uns nun der
glcklich berstandenen Prfung.

Wir kommen jetzt zur zweiten Hauptgruppe der Witze, die wir

*2. Doppelsinn-Witze*

nannten. Bei den Doppelsinn-Witzen werden die zwei Vorstellungen
resp. Vorstellungskreise, die in dem Witz uns dargeboten sind und mit
einander in den Wettstreit eingehen sollen, gebildet: erstlich durch
ein Wort, eine Aeusserung, Geberde oder Darstellung irgend welcher
Art, und zweitens durch die Situation oder den Zusammenhang des
Satzes, in welchem jene stehen. -- Das erste dieser Glieder lsst
eine doppelte Deutung zu, enthlt einen Doppelsinn und je nachdem nun
die eine oder die andere Bedeutung substituirt wird, passt das erste
Glied in Bezug auf die logischen Normen (oder Ideen der Wahrheit) in
den Zusammenhang vollstndig hinein -- oder nicht (resp. weniger
gut).

Eine grosse Unterabtheilung hierzu bildet das Wortspiel oder genauer

a) _das homonyme Wortspiel_.

Bei diesem entsteht der Doppelsinn dadurch, dass das eine Wort zwei
homonyme Bedeutungen in sich schliesst und zwar am hufigsten die
methaphorische und sinnliche Bedeutung. Diese Witze sind sehr
verbreitet und stehen ihrem Werthe nach den Klangwitzen nahe, weil
sie sehr wohlfeil sind. Nicht eigentlich wir machen dieselben,
sondern die Sprache macht sie fr uns. -- Auf unterster Stufe steht
das Wortspiel mit Namen, von welchem u. A. Falstaff auch ein Beispiel
liefert, wenn er zu seinem Fhndrich Pistol sagt: Drcke Dich aus
unserer Gesellschaft ab Pistol". Das Wortspiel ist hierin sogar ein
doppeltes. Erstlich das mit dem Worte Pistol, das in der Bedeutung
des Namens nicht eigentlich in den Zusammenhang des Satzes passt,
(namentlich, wenn wir uns denken, es hiesse etwa: _schiesse_ Dich
ab), whrend die andere Bedeutung einen Sinn giebt, der aber hier
nicht gemeint ist. Durch Einzukommen des zweiten

[Page 66]

Wortspiels, oder richtiger Klangwitzes, welcher die Worte sich
abdrcken und sich drcken" fr einander substituirt, wird der Witz
verdoppelt und dem Wortspiel gewissermaassen der Weg besser gebahnt.

In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des Tobias ganz mit
den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten Hanna aber, sein
Weib, die arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernhrte ihn _mit
Spinnen_", machte ein Mdchen mit Gesicht und Hnden die Geberde des
Abscheues und Ekels. Agnes, was hast Du denn?" ruft der Lehrer:
Antwort: Ach Herr Lehrer, ist denn das wirklich wahr?" Lehrer:
Warum zweifelst Du daran?" Kind: O, weil _die Spinnen_ doch gar zu
schlecht schmecken mssen!" -- In der vorliegenden Anekdote, so wie
sie hier erzhlt ist, ist die Aeusserung des Kindes offenbar eine
pseudonaive. Die Kleine sagt eigentlich etwas Dummes, aber indem wir
uns auf den Standpunkt des in diesem Falle leicht entschuldbaren
Missverstndnisses stellen, hat sie mit ihren Worten eigentlich ganz
recht. Dieselbe Aeusserung knnen wir aber auch als Witz auffassen
und zwar als Wortspiel, wenn wir das Wort _Spinnen_" bald in der
einen, bald in der anderen Bedeutung in den Zusammenhang
substituiren. Einen logischen Sinn geben in vorliegendem Falle
eigentlich beide Bedeutungen, doch kann es fr den Einsichtsvollen
keinen Augenblick zweifelhaft sein, welche von beiden die gemeinte
ist. Eine doppelt komische Wirkung entsteht oft dadurch, dass die
nicht gemeinte Bedeutung uns zuerst allein aufstsst und wir gerade
bei der Substituirung dieser ausserdem noch unsere Schadenfreude
befriedigt sehen, wie im folgenden Beispiel. -- Ein im Bezahlen
seiner Rechnungen sehr sumiger Herr schickt seinen Diener zum
Schneider, um diesen zum Maassnehmen fr einen neuen Anzug zu sich zu
bestellen. Nun Friedrich"! fragt er den Rckkehrenden, warst Du
beim Schneider? Wann kommt er?" Antwort: Gndiger Herr, in einer
_schwachen_ Stunde wird er herkommen, hat er g'sagt." -- In einer
schwachen Stunde soll offenbar soviel heissen wie in einer kleinen
Stunde (so wie man von einer starken und schwachen Meile spricht).
Die andere Bedeutung, die eigentlich nicht gemeint ist, aber ganz der
Situation entsprechend die Ab-

[Page 67]

neigung des Schneiders ausdrckt, fr einen so schlechten Zahler
weiter zu arbeiten, fllt uns jedoch zunchst auf, und wir lachen
deshalb um so mehr. -- Es gehrt dieser Witz, besonders wenn wir
annehmen, dass der Schneider oder der Diener ihn absichtlich gemacht
habe, zu den sog. _zweideutigen Wortspielen_, von denen Kuno Fischer
sehr richtig sagt: Jetzt ist der Doppelsinn nicht mehr harmlos,
sondern pikant; das Wortspiel hat nicht blos zwei Bedeutungen,
sondern zwei Gesichter, das eine ist Maske, das andere das wahre
Gesicht; jenes sieht harmlos aus, dieses hat den Schalk im Nacken."

Bei einer anderen Klasse der Wortspiele ist es nicht die _homonyme_
Bedeutung eines Wortes, sondern die doppelte Bedeutung, die dadurch
entsteht, dass ein Wort dem Zusammenhang des Ganzen entsprechend (und
zwar nicht immer ganz correct) in einem weiteren oder engeren Sinne
gebraucht und dann im Witze pltzlich in seine wirklichen Grenzen
zurckgewiesen wird. Ich nenne diese Wortspiele deshalb

b) _limitirende Wortspiele_

und fhre zuerst solche an, bei denen ein Begriff, der eigentlich
eine weitere Bedeutung hat, zunchst in einem engeren Sinne gebraucht
wird und in diesem in den Zusammenhang des Ganzen nicht hineinpasst,
whrend die Substituirung der eigentlich richtigen, weiter
umfassenden Bedeutung, an die wir aber erst erinnert werden mssen,
einen richtigen Sinn ergiebt. Fast smmtliche Beispiele, die
Schopenhauer vom Witz giebt, gehren in diese eben genannte Klasse
und wir werden das gewissermaassen begreiflich finden, wenn wir uns
der Schopenhauer'schen Definition des Lcherlichen erinnern. Die
paradoxe und daher unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes unter
einen ihm brigens heterogenen Begriff gilt ihm als das Kennzeichen
des Lcherlichen. Dabei soll beim Witz das Auffinden dieser
Incongruenz vom Anschaulichen zum Begriff bergehen. Schopenhauer
erzhlt folgende Witze:

Ein Gascogner geht bei strenger Winterklte in leichter
Sommerkleidung umher. Der Knig, der ihm begegnet, lacht ber ihn,
worauf der Gascogner sagt: Htten Ew. Majestt an-

[Page 68]

gezogen, was ich angezogen habe, so wrden Sie es sehr warm finden.
Auf die Frage: was er denn angezogen habe, erwidert er: meine ganze
Garderobe." -- Unter dem _was_ (ich angezogen habe) verstehen wir
zunchst, der Situation ganz entsprechend, den Anzug, den wir auf
seinem Leibe sehen und es scheint uns diese krgliche dnne
Bekleidung seine Behauptung nicht zu rechtfertigen. -- In seiner
weiteren Antwort wird aber dieses von uns selbstverstndlich in so
enger Bedeutung aufgefasste _was ich anhabe_" pltzlich erweitert zu
dem Begriff meine ganze Garderobe" und in dieser Bedeutung passt
allerdings seine Antwort vollkommen zur Situation. --

Das Publikum eines Theaters in Paris verlangte einst, dass die
Marseillaise gespielt werde und gerieth, als dies nicht geschah, in
grosses Schreien und Toben, so dass endlich ein Polizeicommissarius
in Uniform auf die Bhne trat und erklrte, es sei nicht erlaubt,
dass im Theater etwas Anderes vorkomme, als was auf dem Zettel stehe.
Da rief eine Stimme: Et vous, Monsieur, tes-vous aussi sur
l'affiche?"" welcher Einfall das einstimmigste Gelchter erregte."

Das Wort, um welches es sich bei diesem Witze handelt, ist das Wort
_vorkommen_. Wir fassen dasselbe zunchst und entsprechend dem, wie
es gemeint ist, in dem Sinne von: aufgefhrt werden" auf, es darf
im Theater nichts Anderes aufgefhrt werden" etc. Der witzige Einfall
erweitert aber pltzlich die Bedeutung zu ihrem eigentlichen Umfang
und nun fllt das Auftreten des Polizeibeamten auch mit unter den
Begriff: vorkommen. Htte der Beamte sich correct ausgedrckt und
gesagt: es darf nichts Anderes aufgefhrt werden, als was auf dem
Zettel steht, so wre die Gelegenheit zu dem vorliegenden Witz
genommen. --

Gerade die gegentheilige Operation findet bei den folgenden Witzen
statt, bei denen ein Wort zuerst in einer weiteren Bedeutung
gebraucht ist und nun pltzlich durch den Witz eingeschrnkt wird.

Die Beispiele dazu entlehne ich aus Kuno Fischer, der dieselben unter
der Form Das witzige Abfertigen" mittheilt, ohne auf das eigentliche
punctum saliens bei diesen Witzen einzugehen.

[Page 69]

Herzog Karl von Wrttemberg trifft auf einem seiner Spazierritte von
ungefhr einen Frber, der mit seiner Handthierung beschftigt ist;
kann er meinen Schimmel blau frben?" ruft ihm der Herzog zu, und
erhlt die Antwort zurck: ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden
vertragen kann". Die beiden Glieder des Witzes sind die _bejahende_
Antwort und das Wort _knnen_". In der Frage des Herzogs ist
letzteres in der weiteren Bedeutung gemeint knnen, so dass es eben
ohne Schaden geschieht." In der Antwort aber wird die Bedeutung in
ihre strengen eigentlichen Grenzen zurckgewiesen und erst zu dieser
Bedeutung passt die bejahende Antwort. --

Zur Verstrkung der komischen Wirkung, aber ganz ausserhalb des
Witzes gelegen, kommt das Moment der witzigen Abfertigung hinzu (das
also zur Unterscheidung einer besonderen Witzform eigentlich nicht
gebraucht werden kann). Wir sympathisiren mit dem Frber, der vom
Herzog geschraubt werden soll und gnnen letzterem die Abfertigung,
die er sich zuzieht, als eine gerechte Strafe fr seine bse Absicht.
Aber auch ohne dies Nebenmoment bleibt der Witz als solcher bestehen
und wir knnen ihn etwa in die Rthselfrage kleiden: Kann man einen
Schimmel blau frben? Antwort: Ja, wenn er das Sieden vertragen kann.

Friedrich der Grosse hrt von einem Prediger in Schlesien, der im
Rufe steht, mit Geistern zu verkehren; er lsst den Mann kommen und
empfngt ihn mit der Frage: Er kann Geister beschwren?" Die Antwort
war: zu Befehl, Majestt, aber sie kommen nicht". -- Die beiden
Glieder des Witzes sind auch hier die bejahende Antwort und das Wort
beschwren", das in seiner doppelten Bedeutung zu dem Wortspiel
Veranlassung giebt. In der Frage ist dasselbe so gemeint, dass wir
ohne Weiteres das Erscheinen der Geister mit einbegreifen; in der
Antwort wird das Wort auf seine eigentliche Bedeutung zurckgefhrt
und daraus entsteht der Wettstreit mit der bejahenden Antwort. --
Auch hier dient das Moment der Abfertigung nur zur Erhhung der
komischen Wirkung.

Es braucht aber nicht immer _ein_ Wort zu sein, welches eine doppelte
Bedeutung enthlt, oft ist es auch die Construction die einen
doppelten Sinn zulsst. Diese

[Page 70]

c) _Witze aus doppelsinniger Construction_

sind hufig unwillkrliche wie z. B. der folgende. -- Einer unserer
verflossenen Duodezfrsten berraschte eines Tages seinen
Kammerdiener, wie dieser behaglich auf dem Thronsessel Probe sass und
fuhr ihn mit den heftigen Worten an: Kerl, verdammter, wie kommst Du
mir vor? bildest Dir wohl gar ein, regierender Herr zu sein, dumm
genug wrst Du dazu!" [1] -- Was der Kurfrst sagen wollte, ist wol
klar: Du bist dumm genug, Dir das einzubilden." Durch die etwas
uncorrecte Satzstellung aber ist der Sinn: Dumm genug, regierender
Herr zu sein" nahe gelegt, der offenbar nicht der gemeinte ist.
Daraus aber entsteht ein Witz, dessen komische Wirkung zunchst
dadurch betrchtlich erhht wird, dass wir aus dem Munde eines
Mannes, dem wir von vornherein bel wollen, diese (in gewisser
Auffassung) naive Aeusserung, mit der er sich selbst ins eigene
Fleisch trifft, gern und mit einer nicht unberechtigten Schadenfreude
hren, weil wir diesen eigentlich nicht gemeinten Sinn, fr den mit
der Wahrheit am meisten bereinstimmenden halten. Dadurch, dass wir
aber wissen, dass der Frst seine Aeusserung nicht so gemeint hat,
wird aus der Naivett ein *unbewusster Witz*, indem bei Substituirung
der beiden mglichen Constructionsauslegungen ein Wettstreit zwischen
den beiden Stzen eintritt. --

So wie hier in der doppelsinnigen Construction oder wie vorher in
einem doppelsinnigen Wort, so liegt oft das punctum saliens des
Witzes in einem ganzen Satze, der seinen Doppelsinn entweder in sich
trgt oder durch eine ihn begleitende Geberde erhlt. Meist handelt
es sich dabei um ein absichtliches Missverstndniss. Ich will diese
Classe

d) _Doppeldeutungs-Witze_

nennen. Als Beispiele dienen folgende Anekdoten: Eine Dame steckt den
Kopf zum Coupfenster hinaus und schreit mit giftigem

[1] Ludwig Reinhard, Komische Spaziergnge. Coburg 1867.

[Page 71]

Gesicht: Herr Conducteur, ist es erlaubt, in diesem Coup zu rauchen?
Wenn die Herren darin nichts dagegen haben, so knnen die gndige
Frau getrost rauchen", lautet die Antwort. -- Die beiden Glieder des
Witzes, die hier mit einander in Wettstreit treten, sind: die Frage
und Antwort; die Gelegenheit zum Witze giebt die mgliche doppelte
Deutung der Frage. Die Dame will sich offenbar ber die rauchenden
Herren beschweren; der Schaffner aber deutet ihre Frage anders, wozu
er, wenn er die Geberde der Dame nicht bemerkt oder bemerken will,
volles Recht hat. Die komische Wirkung wird auch hier durch unsere
Schadenfreude gesteigert. Wir sympathisiren mit den rauchenden
Herren, welche durch die Dame in ihrem Genuss gestrt werden sollen
und freuen uns, dass Letztere mit ihrer Beschwerde so lcherlich
abfllt. --

In einer Dorfschule wird der Katechismus berhrt. Der Lehrer sieht
einen Knaben ganz unaufmerksam dasitzen und fasst ihn schnell mit den
Worten beim Arm: Was ist das?" um ihn nach der Lutherschen Erklrung
des eben von einem andern Schler hergesagten Gebotes zu examiniren.
Der Unaufmerksame stottert die Antwort hervor: Das ist meiner Mutter
ihre alte Pelzjacke." Diese Antwort erregt natrlich unter den
Mitschlern unbndiges Gelchter. Einzelne der Lacher werden
vielleicht das unbewusst Witzige der Antwort gar nicht bemerken. Sie
lachen einfach aus gerechter Schadenfreude ber die der Dummheit
resp. Unaufmerksamkeit folgende Blamage und etwaige Strafe. Anderen
Schlern aber wird der Witz jener Aeusserung nicht entgehen. Die
Frage des Lehrers war eine doppelsinnige, indem dieselbe durch
Anfassen des Armes d. h. also der Jacke des Schlers begleitet war.
Welchen Sinn die Frage eigentlich haben _soll_, darber ist uns kein
Zweifel; durch den Doppelsinn der Frage entsteht nun aber zwischen
Frage und Antwort ein Wettstreit. In gewissem Sinne passen beide zu
einander, in anderem Sinne und zwar dem eigentlich gemeinten, dagegen
gar nicht. Das war ja aber das Charakteristicum des Witzes. --

Wir haben in den letzten Nebenformen den Widerspruch zwischen dem
wirklich Gesprochenen und dem eigentlich Gemeinten als wesentlich
erkennen mssen. Zwei andere Neben-

[Page 72]

formen zeigen ebenfalls diesen Widerspruch; doch ist bei ihnen der
Doppelsinn nicht in dem gesprochenen Wort oder der geschehenen
Aeusseruug selbst enthalten, sondern wird erst durch die Hrenden dem
Sinn des Redenden entsprechend hineingelegt. Es sind dies die beiden
Formen der Ironie und des Vexirwitzes.

e) _Die Ironie_

charakterisirt sich dadurch, dass sie gerade das Gegentheil von dem
behauptet, was sie wirklich meint, dabei aber voraussetzt, dass der
Hrende den eigentlich gemeinten Sinn errth. Sie lobt eben _die_
Eigenschaften des Subjects, die sie tadeln will, indem sie ihnen
Grnde vorstreckt, deren Unhaltbarkeit gerade in der Uebertreibung zu
Tage kommt, oder sie sagt die entgegengesetzten schnen Eigenschaften
von ihm aus [1]. -- In hnlicher Weise wie beim Wortspiel -- nur noch
etwas verborgener und darum fr den Hrer angenehmer kitzelnd --
enthlt das ausgesprochene Urtheil eigentlich einen doppelten Sinn:
einmal den wrtlich genommenen und zweitens den versteckten
gegentheiligen; der letztere passt zur Situation, der andere nicht
und indem bald der eine, bald der andere substituirt wird, erzeugt
sich bald die Mglichkeit, bald die Unmglichkeit der Vereinigung. --
Je versteckter der Angriff, um so schwerer ist die Vertheidigung, um
so sicherer trifft der abgeschossene Pfeil. Darum wirkt die Ironie so
beraus vernichtend; denn wenn sie nicht plump, sondern fein angelegt
ist, weiss der Angegriffene im ersten Augenblick wohl gar nicht, ob
er's mit Ernst oder mit Ironie zu thun hat, und merkt er nun den
Angriff, so gesteht er durch eine Vertheidigung zu, dass er das Lob,
das ihm im wrtlichen Sinne gespendet wurde, nicht verdient habe, in
der That also in dem betreffenden Punkte tadelnswerth sei. Besonders
hufig bedient sich der Humor der Ironie als Waffe, indem er z. B.
Handlungen, die aus grossartigen, oft grossartig bsen Motiven
hervorgegangen sind, ganz im Sinne des Humors auf die kleinlichsten
Grnde zurckfhrt. So sucht z. B. Hamlet im unvershnten ironischen
Humor die schnelle

[1] Vischer l. c. p. 437.

[Page 73]

Heirath seiner Mutter zu entschuldigen: Pah, Oekonomie, Oekonomie;
das Gebackene zum Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschsseln!"

Der Grund weshalb dem Humor unter allen Formen des Witzes die Ironie
gerade bei Weitem am meisten zusagt, ist leicht einzusehen. Die
Neigung des Humors, das ihm entgegentretende Alltgliche, Kleine,
Niedrige, Gemeine mit den hchsten sittlichen und religisen Ideen in
Gegensatz zu bringen, findet eben am leichtesten in der Form der
Ironie Ausdruck, da diese ja gerade in der Vereinigung der grsst-
denkbaren Gegenstze d. h. der Gegentheile besteht. -- Deshalb aber,
weil der Humor die Ironie so vorwiegend in seinen Dienst nimmt, darf
man beide nicht mit einander verwechseln. --

In der Hand des Kritikers ist die Ironie eine der schrfsten Waffen.
Unter den neueren Schriftstellern ist als Meister in ihrer Benutzung
Paul Lindau zu nennen, der in seinen literarischen
Rcksichtslosigkeiten", namentlich aber auch in seinen harmlosen
Briefen eines deutschen Kleinstdters" eine unerschpfliche Fundgrube
von ironischen Witzen bietet, auf die ich hier nur verweisen kann.

f) _Der Vexirwitz_

hat viel Aehnlichkeit mit der Ironie, ist aber durchaus harmlos und
nimmt eine ziemlich niedrige Stufe im Gebiet des Witzes ein. Wenn ich
z. B. sage: Es ist doch recht abgeschmackt von Schiller, dass er
seinen Don Carlos mit der alten, abgedroschenen Phrase beginnt: Die
schnen Tage von Aranjuez sind nun vorber", so ist das ein
Vexirwitz, indem ich dabei voraussetze, dass der Hrende weiss, was
ich eigentlich sagen will und, die Entstellung der Thatsachen sofort
merkend, den richtigen Sinn substituirt.

Wie bei den Mnchhausiaden, die unter Umstnden auch als Vexirwitze
aufzufassen sind, wird das angenehme Gefhl durch die Freude darber,
dass wir der beabsichtigten Tuschung nicht unterlegen sind, noch
erhht.


[Page 74]

Hiermit haben wir den Witz in seinen wesentlichsten Formen vorgefhrt
und wenden uns jetzt noch einmal zu dem ganzen Gebiet des
Lcherlichen zurck. --

Wir haben nachzuweisen gesucht, dass bei allem Komischen zwei
Gefhle, ein angenehmes und ein unangenehmes erregt werden. Wir haben
ferner die Thatsache schon kurz erwhnt, dass diese beiden Gefhle
von gleicher Strke sein und _gleichzeitig_ entstehen mssen, so dass
sie mit einer gewissen Pltzlichkeit aufeinanderstossen. Es ist zum
psychologischen Verstndniss des Lcherlichen durchaus nothwendig,
dass wir auf dieses Verhltniss noch nher eingehen. Die
Gleichzeitigkeit der Entstehung beider Gefhle bedingt die sog.
Pointe", ohne welche eben die komische Wirkung eines Witzes oder
einer Anekdote verloren geht. In der Pointe werden die beiden
contrairen Gefhle durch das Aufeinanderstossen von Sinn und Unsinn,
von Harmonie und Disharmonie mit den verschiedenen Normen
gleichzeitig erzeugt. --

Wie aber gelangen diese Gefhle zum Bewusstsein? Nach dem bekannten
Satze von der Enge des Bewusstseins knnen in derselben Zeiteinheit
nicht zwei Vorstellungen mit gleicher Schrfe vom Bewusstsein
wahrgenommen werden; dasselbe gilt auch von den Gefhlen. Was wird
und muss also geschehen, wenn zwei Gefhle zu gleicher Zeit erzeugt
werden, die wegen ihrer Gegenstzlichkeit nicht in eins verschmelzen
knnen? Die Selbstbeobachtung der psychologischen Vorgnge in uns
lsst uns dabei ziemlich im Stich, indem sie uns nur im Allgemeinen
das Entstehen eines sog. Affectes schauen lsst. Wir wollen aber in
das Wesen dieses Affectes eindringen und es bietet sich dazu nur ein
Weg, auf welchen Wundt zuerst mit grosser Dringlichkeit in seinen
Beitrgen zur Theorie der Sinneswahrnehmungen [1] aufmerksam gemacht
hat, indem er sagt: Es wre ein fundamentaler Irrthum, wenn man in
Bezug auf die experimentelle Erforschung der Empfindungs- und
Wahrnehmungsprocesse an der Meinung festhalten wollte: Alles, was man
auf diesem Wege finde, seien nur Gesetze, die Gltigkeit fr die
Seele besitzen in ihrem Verhalten gegen ussere Sinnesreize,

[1] Leipzig und Heidelberg 1862. p. XXIX u. 450.

[Page 75]

aber in dem von diesen unabhngigen Leben, im reinen Denken knnten
vielleicht ganz abweichende Gesetze gltig sein, ber die uns die
Resultate unserer Experimente Nichts aussagten." -- Die
experimentelle Untersuchung der Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen
ergiebt vielmehr ein Resultat, das unmittelbar auch auf die _hheren
Sphren_ geistiger Thtigkeit sich anwenden lsst". -- Schon der Satz
von der Enge des Bewusstseins ist ja wie bekannt aus der
experimentellen Thatsache hergeleitet, dass wir nicht im Stande sind,
in derselben Zeiteinheit scharfe Wahrnehmungen durch zwei
verschiedene Sinne zu machen. Im vorliegenden Falle handelt es sich
nun aber um _Gefhle_, die zwar einander contrr aber gleichsam von
derselbeu Qualitt sind und bei Entscheidung der Frage, was bei dem
gleichzeitigen Auftreten solcher contrren Gefhle geschieht, werden
wir also auf hnliche Verhltnisse, aus der Sphre der
Sinneswahrnehmungen recurriren mssen. Die Flle, in welchen ein und
derselbe Punkt unserer Netzhaut zu gleicher Zeit von zwei aus
derselben Richtung kommenden verschiedenen (namentlich verschieden
gefrbten) Lichtstrahlen getroffen wird, werden offenbar dem hier zu
ergrndenden Factum ganz analog sein, und ihre genaue Prfung wird
uns das Verstndniss des letzteren erschliessen. -- Wenn das Licht
zweier verschiedenen Gegenstnde aus ein und derselben Richtung in
unser Auge fallen soll, so mssen jene Gegenstnde offenbar, wirklich
oder scheinbar, hinter einander liegen und ausserdem wird im ersten
Falle der vordere Gegenstand durchsichtig, also etwa von Glas sein
mssen. Was geschieht nun, wenn wir einen Gegenstand durch eine
farblose oder farbige Glasplatte betrachten? Fast immer wird unsere
Aufmerksamkeit von dem hinter der Glasplatte liegenden Objecte so
gefesselt, dass wir nur dieses bemerken, die Anwesenheit der
Glasplatte dagegen vollstndig ignoriren, und wenn sie gefrbt ist,
ihre Farbe einfach dem durch sie gesehenen Gegenstande beilegen. Erst
durch eine willkrliche Richtung unserer Aufmerksamkeit knnen wir
uns zwingen, die Oberflche der Glasplatte zu beobachten; doch wird,
wenn uns an derselben Nichts mehr fesselt, sich uns immer wieder die
Vorstellung des hinter ihr liegenden Gegenstandes aufdrngen. Wenn
wir aber den Versuch so einrichten, dass unsere Auf-

[Page 76]

merksamkeit gleichmssig stark von der Glasplatte und dem Objecte in
Anspruch genommen wird, so erhalten wir eine andere eigenthmliche
Erscheinung. Legen wir nmlich nach Wundt's Angabe [1] auf ein blaues
Glas ein rothes Papier, in welches ein kleines Fenster geschnitten
ist, so dass also die Oeffnung des Fensters blau und durchsichtig
erscheint, und halten hinter das Glas in einiger Entfernung einen
weissen Papierstreifen, so erscheint die Fensterffnung pltzlich im
lebhaftesten _Glanze_.

Noch deutlicher lassen sich die eben besprochenen Erscheinungen an
Gegenstnden experimentiren, welche ausser der Ausstrahlung ihres
Eigenlichtes, Licht an ihrer Oberflche reflectiren. Auch hier wird
aus ein und derselben Richtung (also auf _einen_ Punkt unserer
Netzhaut) zweierlei verschiedenes, scheinbar aus verschiedener
Entfernung kommendes Licht, in unser Auge gesandt, und in hnlicher
Weise wie in dem vorher besprochenen Falle, sehen wir auch hier je
nach der Richtung unserer Aufmerksamkeit zwei verschiedene
Erscheinungen auftreten, von denen wir die eine als Spiegelung, die
andere (wie vorher) als Glanz erkennen. Ueber die Entstehung beider
Phnomene und ihren gegenseitigen Unterschied, spricht sich Wundt
folgendermaassen aus: Ein Gegenstand _spiegelt_, dessen Oberflche
durch Reflexion ein solches Bild der umgebenden Objecte entwirft,
dass wir den spiegelnden Gegenstand selber ber der Betrachtung der
Spiegelbilder vernachlssigen, indem wir diese gewissermaassen als
die direkt betrachteten Gegenstnde ansehen. Zur reinen Spiegelung
gehrt daher erstens eine gewisse Deutlichkeit der Spiegelbilder und
zweitens eine solche Beschaffenheit des spiegelnden Gegenstandes,
dass dieser nicht unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich zieht; ebene
oder gleichfrmig gekrmmte polirte Flchen sind daher am hufigsten
spiegelnde Objecte, insbesondere wenn sie farblos oder wenigstens
gleichfarbig sind. Hat ein Object eine ausgeprgte Farbe, so regt
dies schon leicht unsere Aufmerksamkeit an, und dies findet in noch
hherem Maasse statt, wenn die Farbe nicht gleichmssig ber die
Oberflche vertheilt ist. Wir nennen einen

[1] l. c. p. 313

[Page 77]

Gegenstand _glnzend_, wenn derselbe so beschaffen ist, dass wir
zugleich den Gegenstand und die von demselben entworfenen
Spiegelbilder in's Auge zu fassen genthigt sind, wenn wir also
gleichzeitig verschiedene Gegenstnde sehen, die hintereinander in
verschiedener Entfernung vom Auge gelegen scheinen und die daher sich
decken sollten. _Zu diesem gleichzeitigen Auffassen des Objects und
seiner Spiegelbilder ist nothwendig, dass keins von Beiden ber das
andere das Uebergewicht erlange_; werden die Spiegelbilder
unmerklich, so hrt natrlich der Glanz auf, wir sehen nur noch den
Gegenstand in seinem eigenen Lichte; werden aber die Spiegelbilder
sehr stark, so geht der Glanz in Spiegelung ber. Wundt beweist
ferner durch eine Reihe von Experimenten (p. 305-307), dass der Glanz
nicht auf Accommodationsverschiedenheit, d. h. der verschiedenen
Einstellung der Augen fr die scheinbar oder wirklich verschiedenen
Entfernungen der beiden Objecte beruht, sondern als ein Product der
Vorstellungsthtigkeit auftritt und zwar definirt er den Glanz als
einen solchen Urtheilsprozess, bei welchem die einzelnen
Bestandtheile einer gegebenen Mischempfindung von einander losgelst
und fr sich vorgestellt werden; whrend wir die beiden Farben (des
spiegelnden und gespiegelten Lichtes) zugleich sehen, unterscheiden
wir sie noch von einander. Wir erhalten beim Glanz die Vorstellung
eines Gegenstandes, der das Bild eines anderen spiegelt, aber den
Gegenstand deutlich aufzufassen, verhindert uns das Spiegelbild und
das Spiegelbild deutlich aufzufassen, verhindert uns der Gegenstand.
Der wesentliche Grund hierfr ist die Unmglichkeit gleichzeitig zwei
Dinge klar vorzustellen, die sich nicht in _eine_ Vorstellung
vereinigen lassen. Unsere Vorstellungsthtigkeit, die aber nach
Klarheit strebt, wird deshalb in _schneller Schwankung von dem
spiegelnden Gegenstand zum Spiegelbild, vom Spiegelbild zum
Gegenstand hinberschweifen_ und darauf beruht das eigenthmliche
Princip der Unruhe, was im Glanze liegt und z. B. auch von Brcke [1]
besonders hervorgehoben (freilich aber in

[1] Brcke, die Physiologie der Farben fr die Zwecke der
Kunstgewerbe. Leipzig 1866 p. 228.

[Page 78]

etwas anderer Weise erklrt) wird. Auch die eigenthmliche Thatsache
des von Dove entdeckten stereoskopischen Glanzes beweist und
illustrirt das eben Gesagte. Dove zeichnete die stereoskopische
Projection eines Prismas oder einer anderen Figur fr das eine Auge
mit weissen Linien auf matt schwarzem Grunde, fr das andere Auge mit
schwarzen Linien auf weissem Grunde. Bei stereoskopischer Vereinigung
beider erscheint das Relief von graphitglnzenden Flchen begrenzt.
Ausser Schwarz und Weiss geben auch andere Farben die Erscheinung des
Glanzes; aber nicht jede beliebige Farbencombination ist zu brauchen.
Denn contrastirt die eine Farbe merklich lebhafter gegen den Grund
als die andere und drngt sie sich daher unserem Bewusstsein strker
auf, so wird sie allein gesehen. Der Glanz ist am lebhaftesten, wenn
der Contrast beider Farben gegen ihren Grund stark und ungefhr
gleich gross ist. Ausserdem wird der Glanz durch den gegenseitigen
Contrast der beiden zu combinirenden Farben erhht. Man combinire z.
B. stereoskopisch Blau und Gelb. Macht man den Grund weiss, so
verdrngt leicht Blau das Gelb vollstndig, macht man den Grund
schwarz, so verdrngt Gelb das Blau, macht man den Grund aber grau,
so erhlt man einen lebhaften Glanz.

Da nun Heimholz auf das Ueberzeugendste nachgewiesen hat, dass der
Inhalt jedes einzelnen Sehfeldes, ohne durch organische Einrichtungen
mit dem des andern verschmolzen zu sein, getrennt zum Bewusstsein
gelangt, so ist auch in diesen Fllen der Glanz als ein Product der
Vorstellungsthtigkeit aufzufassen. Der Glanz entsteht auch hier
dadurch, dass unserem Bewusstsein zu gleicher Zeit zwei verschiedene
Eindrcke geboten werden, die wir, weil sie aus einer Richtung
kommen, zu combiniren streben, die aber durch ihre Verschiedenheit
von einander nicht vereinbar sind, sich vielmehr jeder fr sich
unserem Bewusstsein aufzudrngen suchen und dadurch in _sehr
schnellem Wechsel_ nach einander zur Auffassung gelangen [1]. Dass
wir von diesem Wechsel der Eindrcke kein volles Bewusstsein haben
und nur eine gewisse Unruhe im Glanze spren,

[1] Dieselbe Erklrung des stereoskopischen Glanzes giebt u. A. auch
J. Martins-Matzdort: Die interessantesten Erscheinungen der
Stereoskopie" Berlin 1868.

[Page 79]

im Uebrigen aber den Eindruck einer einheitlichen Lichtausstrahlung
empfangen, ist durchaus kein Gegengrund gegen diese Auffassung, denn
auch beim gewhnlichen Sehen, resp. Betrachten eines Gegenstandes
streifen wir mit unseren Augen (mit der allein deutlich sehenden
Macula lutea) schnell ber denselben, gewissermaassen ihn betastend,
hin, combiniren aber trotzdem die einzelnen Eindrcke zu einem
einheitlichen Bilde, ohne zu merken, dass dasselbe aus verschiedenen,
schnell auf einander folgenden Wahrnehmungen zusammengesetzt ist. --

Sehr hufig wechselt mit dem stereoskopischen Glanze ein anderes
Phnomen ab -- nmlich der sogenannte _Wettstreit der Sehfelder_, bei
welchem die beiden Gesichtseindrcke in _langsamem_ Wechsel (in
Perioden von etwa 8 Secunden und lnger) nach einander zum
Bewusstsein kommen. Es tritt diese Erscheinung ein, wenn bestimmte
Bedingungen [wie Wundt berzeugend nachgewiesen hat: eine durch
unwillkrliche Bewegungen der Augen veranlasste momentane
Verschiebung (Divergenz) der beiden Bilder] die Trennung der beiden
gleichzeitig aufgenommenen Gesichtseindrcke begnstigen. Decken sich
die beiden Farbenbilder vollstndig, so sehen wir unter geeigneten
Umstnden Glanz oder auch nur _die_ Farbe, die mit dem Grunde strker
als die andere contrastirt und dadurch sich der Aufmerksamkeit mehr
aufdrngt. Sobald aber durch eine Schwankung der Sehaxen, wie sie
durch Ermdung oder durch willkrliche Vernderung der Aufmerksamkeit
sehr leicht und fast immer eintritt, eine Verschiebung der Objecte
gegen einander stattfindet, so dass sie sich nur noch theilweise
decken, kommt die sog. Verdrngung durch Eigencontrast zur Geltung
und wir sehen nur die Farbe, die mit dem Grunde am wenigsten
contrastirt [1]. Dadurch, dass wir nun unsere Augenstellung immer
wieder zu corrigiren suchen, wodurch die Verdrngung durch Contrast
mit dem Grund mit der durch Eigencontrast fortwhrend abwechselt,
erhalten wir den Wettstreit der Sehfelder, der also auch darauf
beruht, dass wir die verschiedenen Eindrcke beider Sehfelder zu
vereinigen streben, dass aber Bedingungen eintreten, welche die
Trennung beider, bald das eine, bald das andere mehr be-

[1] Nheres ber dies interessante Thema: Wundt. l. c. p. 330.

[Page 80]

tonend, erleichtern. Beim Glanz sind keine Bedingungen vorhanden,
welche abwechselnd das eine und das andere Bild bevorzugt sein lassen
und die Trennung beider Bilder ist darum keine so prgnante, obwohl
sie wegen der Unmglichkeit, beide in Eins zu vereinigen, auch
vorhanden ist. Es wird darum eben der Wechsel beider Bilder unendlich
viel schneller eintreten und wir knnen _den Glanz einen sehr
beschleunigten Wettstreit der Sehfelder nennen_. --

Prfen wir jetzt, welches der oben errterten Gesetze auf das
Komische Anwendung findet. Von einem Punkte aus sehen wir beim
Komischen pltzlich und gleichzeitig zwei verschiedene unvereinbare
Gefhlsqualitten in uns erzeugt werden. Da nun der Affect des
Komischen, wie die einfache Beobachtung lehrt, weder als ein
unangenehmes, noch allein als ein angenehmes Gefhl sich auffassen
lsst, so kann also von einer Verdrngung durch Contrast nicht die
Rede sein, vielmehr ergiebt sich bei nherem Eingehen die vllige
Analogie zwischen der Erscheinung des Glanzes und dem Komischen, da
andererseits die Pltzlichkeit der Wirkung den langsamen Wettstreit
der Sehfelder ausschliesst. Es stimmt hiermit die schon oben
angedeutete Thatsache berein, und wird dadurch gewissermaassen
besttigt, dass die beiden contrren Gefhle beim Komischen von
annhernd gleicher Strke sein mssen, so dass keines von dem andern
im Wettstreit ganz unterdrckt werden kann. Das Komische ist ein
Mischgefhl eigenthmlicher Art; wie beim Glanze kommen die einzelnen
Componenten in so schnellem Wechsel hintereinander zur Wirkung, dass
wir scheinbar ein einheitliches Gefhl vor uns haben und nicht im
Stande sind, die beiden Factoren desselben einzeln direct zu
beobachten; so wie wir beim Glanze auch nicht direct darber klar
werden, dass derselbe aus zwei verschiedenen Lichtarten
zusammengesetzt ist. _Hierdurch wird der Einwurf gegen meine obige
Darstellung beseitigt, dass man sich ja der angenehmen und
unangenehmen Gefhle, die ich im Komischen gefunden haben will, gar
nicht bewusst werde, und dass sie deshalb auch gar nicht vorhanden
sein knnten_. --

Wir haben also das _Wesen des Lcherlichen als einen_

[Page 81]

_beschleunigten Wettstreit der Gefhle, d. h. als ein schnelles Hin-
und Herschwanken zwischen Lust und Unlust erklrt_. Mit dieser
Auffassung stimmen aber die auf ganz anderem Wege gewonnenen
Resultate der metaphysisch-sthetischen Untersuchungen von Vischer
und die Ansichten Kant's vllig berein. Kant hebt hervor, dass beim
Lcherlichen, wenn der Schein, der uns auf einen Augenblick getuscht
hat, in Nichts verschwindet, das Gemth wieder zurcksieht, um es mit
ihm noch einmal zu versuchen und so durch _schnell
hintereinanderfolgende Anspannung hin- und zurckgeschnellt und in
Schwankung versetzt wird_, die, weil der Absprung von dem, was
gleichsam die Saite anzog, pltzlich (nicht durch ein allmhliches
Nachlassen) geschah, eine Gemthsbewegung und mit ihr harmonirende
inwendige krperliche Bewegung verursachen muss, die unwillkrlich
fortdauerte und Ermdung, dabei aber auch Aufheiterung (die Wirkung
einer zur Gesundheit gereichenden Motion) hervorbringt.

Ganz hnlich schildert Vischer [1] diesen _Wettstreit der Gefhle_ in
folgenden Worten: Dieses Lustgefhl darf aber mit demjenigen nicht
verwechselt werden, welches aus der Anschauung des Schnen fliesst,
denn es ist ein gegenstzlich bewegtes". Die gegenstzlichen Glieder
bilden eine widerspruchsvolle Einheit und ihr Ineinander nthigt das
Gefhl, zwischen ihnen herber und hinber zu gehen, _was als ein
rascher Wechsel zwischen Lust und Unlust empfunden wird, so zwar,
dass jene durch diese verdoppelt, aber auch durch sie bedingt ist_".
-- Es ist also Lust durch Unlust, doppelte, weil durch Unlust
gewrzte Lust, aber doch Lust mit Unlust. _Es ist ein durchaus
bewegtes Gefhl, worin Unlust in Lust, Lust in Unlust
hinberzittert_." -- Es lsst sich wohl nichts gegen die Behauptung
einwenden, dass die Uebereinstimmung dieser auf ganz anderem Wege
gefundenen Resultate mit der von mir aufgestellten Theorie des
Komischen einen weiteren Beweis fr die Richtigkeit derselben
abgiebt. -- Jetzt haben wir noch die Thatsache in's Auge zu fassen,
dass uns das Komische doch in toto als etwas entschieden

[1] l c.  225.

[Page 82]

Angenehmes erscheint, ja die gewhnlichen Grade des Angenehmen
gewissermaassen noch bertrifft. Eine Art von Erklrung finden wir in
der obigen Aeusserung Vischer's, wo er das Komische doppelte, weil
durch Unlust gewrzte Lust" nennt. Vor Allem mssen wir aber auch
hier wieder die Analogie mit dem Glanze hervorheben. Bei demselben
erhalten wir ebenfalls berwiegend den Eindruck des helleren Lichtes,
whrend das Schwarz nicht ganz unterdrckt, aber doch gewissermassen
unwirksam gemacht ist. Es werden in dem beschleunigten Wettstreit der
Sehfelder, den wir Glanz nennen, die hellen Lichter gewissermassen
strker betont und in ganz derselben Weise zeigen sich auch bei dem
beschleunigten Wettstreit der Gefhle, welcher das Komische bildet,
die angenehmen Gefhle als hauptschlich wirksam und wir knnen, wenn
wir die physiologische Wirkung des Komischen erforschen wollen, das
unangenehme Gefhl, das sich ja nie zum psychischen Schmerz steigern
darf, so weit vernachlssigen, _dass wir das Komische als eine
intermittirende, rhythmisch unterbrochene, freudige Gefhlserregung
ansehen_. --

Diese freudige Erregung tritt nach jeder Intermission unvermittelt
und pltzlich ein und ist somit der freudigen Ueberraschung analog.
-- Beobachten wir nun aber die somatischen Vorgnge whrend dieses
eben genannten psychischen Zustandes, so fallen uns besonders bei den
strkeren Graden der Ueberraschung Symptome in's Auge, die neben
anderen Reizungen unzweideutig eine Reizung der vasomotorischen
Centren, also des Sympathicus beweisen. Wir beobachten im ersten
Augenblicke eintretender Ueberraschung ein Blasswerden der Haut, (wie
Domrich [1] meint, nicht nur im Gesicht, sondern wahrscheinlich ber
den ganzen Krper). Die pltzliche Verengerung der Gefsse, durch
welche dies Blasswerden bedingt wird, veranlasst weiter das Herz nach
einem kurzen Augenblick des Stillstandes zu schnelleren und
ausgiebigeren Zusammenziehungen, weil es bei Durchtreibung des Blutes
durch die engeren Gefsse grssere Widerstnde zu berwinden hat [2].
-- Es sind auch hier besonders

[1] l. c. p. 233.
[2] Goltz, Ueber den Tonus der Blutgefsse. Virchow. Arch. Bd. XXIX.
Heft 3 u, 4 p. 419.

[Page 83]

die kleineren Arterien, die durch die reflectorische Reizung des
Sympathicus verengert werden, was sich aus folgendem Umstande, auf
den schon Domrich aufmerksam macht, schliessen lsst. -- Auf das
Stadium der Gefssverengerung folgt nmlich bei der Ueberraschung
nach krzerer oder lngerer Zeit ein Stadium der Gefsserweiterung
und die vorher vorhandene Blsse macht einer mehr oder weniger
saturirten Rthe Platz. Nun ist aber die Haut mit derselben bei
Weitem nicht so gleichmssig und intensiv bergossen, wie bei der
Scham, was eben daher rhrt, dass die Verengerung und folgende
Erweiterung mehr die kleineren Arterien der Haut und nicht wie bei
der Scham das ganze Capillargefsssystem derselben trifft. -- Eine
einmalige freudige Ueberraschung ruft also eine einmalige
Sympathicusreizung mit entsprechender Verengerung der kleineren
Arterien hervor. _Demnach wird eine intermittirende freudige Erregung
wie wir sie als Wesen des Komischen nachgewiesen haben, eine
intermittirende Sympathicusreizung erwarten lassen_. --

Das war ja aber das Resultat, welches wir nach Maassgabe des schon
Eingangs erwhnten Experimentes finden wollten und es ist damit die
Psychologie des Komischen mit der Physiologie in Einklang gebracht.
Wie die intermittirende Sympathicusreizung das Lachen als
physiologisch nothwendige Folge nach sich zieht, haben wir im ersten
Abschnitt dieser Arbeit gezeigt, und wir sind mithin jetzt im Stande,
auch das Lachen, welches durch das Komische bewirkt wird, als
zweckmssige Reflexbewegung vllig zu verstehen.


Druck von Br & Hermann in Leipzig.







End of the Project Gutenberg EBook of Die Physiologie und Psychologie des
Lachens und des Komischen., by Ewald Hecker

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*** START: FULL LICENSE ***

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
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Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
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