The Project Gutenberg EBook of Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und
Wahrheit, by Sigmund Freud

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Title: Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit

Author: Sigmund Freud

Release Date: September 9, 2009 [EBook #29946]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift fr Anwendung der
    Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V (1917). S. 49-57.

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
  ]




Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit.

Von SIGM. FREUD (Wien).


Wenn man sich erinnern will, was uns in der frhesten Zeit der Kindheit
begegnet ist, so kommt man oft in den Fall, dasjenige, was wir von
anderen gehrt, mit dem zu verwechseln, was wir wirklich aus eigener
anschauender Erfahrung besitzen. Diese Bemerkung macht _Goethe_ auf
einem der ersten Bltter der Lebensbeschreibung, die er im Alter von
sechzig Jahren aufzuzeichnen begann. Vor ihr stehen nur einige
Mitteilungen ber seine am 28. August 1749, mittags mit dem
Glockenschlag zwlf erfolgte Geburt. Die Konstellation der Gestirne war
ihm gnstig und mag wohl Ursache seiner Erhaltung gewesen sein, denn er
kam fr todt auf die Welt, und nur durch vielfache Bemhungen brachte
man es dahin, da er das Licht erblickte. Nach dieser Bemerkung folgt
eine kurze Schilderung des Hauses und der Rumlichkeit, in welcher sich
die Kinder -- er und seine jngere Schwester -- am liebsten aufhielten.
Dann aber erzhlt _Goethe_ eigentlich nur eine _einzige_ Begebenheit,
die man in die frheste Zeit der Kindheit (in die Jahre bis vier?)
versetzen kann, und an welche er eine eigene Erinnerung bewahrt zu haben
scheint.

Der Bericht hierber lautet: und mich gewannen drei gegenber wohnende
Brder von Ochsenstein, hinterlassene Shne des verstorbenen
Schultheien, gar lieb, und beschftigten und neckten sich mit mir auf
mancherlei Weise.

Die Meinigen erzhlten gern allerlei Eulenspiegeleien, zu denen mich
jene sonst ernsten und einsamen Mnner angereizt. Ich fhre nur einen
von diesen Streichen an. Es war eben Topfmarkt gewesen und man hatte
nicht allein die Kche fr die nchste Zeit mit solchen Waren versorgt,
sondern auch uns Kindern dergleichen Geschirr im kleinen zu spielender
Beschftigung eingekauft. An einem schnen Nachmittag, da alles ruhig
im Hause war, trieb ich im Germs (der erwhnten gegen die Strae
gerichteten rtlichkeit) mit meinen Schsseln und Tpfen mein Wesen und
da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf ich ein Geschirr auf
die Strae und freute mich, da es so lustig zerbrach. Die von
Ochsenstein, welche sahen, wie ich mich daran ergtzte, da ich so gar
frhlich in die Hndchen patschte, riefen: Noch mehr! Ich sumte nicht,
sogleich einen Topf und auf immer fortwhrendes Rufen: Noch mehr! nach
und nach smtliche Schsselchen, Tiegelchen, Knnchen gegen das Pflaster
zu schleudern. Meine Nachbarn fuhren fort, ihren Beifall zu bezeigen und
ich war hchlich froh ihnen Vergngen zu machen. Mein Vorrat aber war
aufgezehrt, und sie riefen immer: Noch mehr! Ich eilte daher stracks in
die Kche und holte die irdenen Teller, welche nun freilich im
Zerbrechen ein noch lustigeres Schauspiel gaben; und so lief ich hin und
wieder, brachte einen Teller nach dem anderen, wie ich sie auf dem
Topfbrett der Reihe nach erreichen konnte, und weil sich jene gar nicht
zufrieden gaben, so strzte ich alles, was ich von Geschirr erschleppen
konnte, in gleiches Verderben. Nur spter erschien jemand zu hindern und
zu wehren. Das Unglck war geschehen, und man hatte fr so viel
zerbrochene Tpferware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich
besonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende ergtzten.

Dies konnte man in voranalytischen Zeiten ohne Anla zum Verweilen und
ohne Ansto lesen; aber spter wurde das analytische Gewissen rege. Man
hatte sich ja ber Erinnerungen aus der frhesten Kindheit bestimmte
Meinungen und Erwartungen gebildet, fr die man gerne allgemeine
Gltigkeit in Anspruch nahm. Es sollte nicht gleichgltig oder
bedeutungslos sein, welche Einzelheit des Kindheitslebens sich dem
allgemeinen Vergessen der Kindheit entzogen hatte. Vielmehr durfte man
vermuten, da dies im Gedchtnis Erhaltene auch das Bedeutsamste des
ganzen Lebensabschnittes sei, und zwar entweder so, da es solche
Wichtigkeit schon zu seiner Zeit besessen oder anders, da es sie durch
den Einflu spterer Erlebnisse nachtrglich erworben habe.

Allerdings war die hohe Wertigkeit solcher Kindheitserinnerungen nur in
seltenen Fllen offensichtlich. Meist erschienen sie gleichgltig, ja
nichtig, und es blieb zunchst unverstanden, da es gerade ihnen
gelungen war, der Amnesie zu trotzen; auch wute derjenige, der sie als
sein eigenes Erinnerungsgut seit langen Jahren bewahrt hatte, sie so
wenig zu wrdigen wie der Fremde, dem er sie erzhlte. Um sie in ihrer
Bedeutsamkeit zu erkennen, bedurfte es einer gewissen Deutungsarbeit,
die entweder nachwies, wie ihr Inhalt durch einen anderen zu ersetzen
sei, oder ihre Beziehung zu anderen, unverkennbar wichtigen Erlebnissen
aufzeigte, fr welche sie als sogenannte _Deckerinnerungen_ eingetreten
waren.

In jeder psychoanalytischen Bearbeitung einer Lebensgeschichte gelingt
es, die Bedeutung der frhesten Kindheitserinnerungen in solcher Weise
aufzuklren. Ja, es ergibt sich in der Regel, da gerade diejenige
Erinnerung, die der Analysierte voranstellt, die er zuerst erzhlt, mit
der er seine Lebensbeichte einleitet, sich als die wichtigste erweist,
als diejenige, welche die Schlssel zu den Geheimfchern seines
Seelenlebens in sich birgt. Aber im Falle jener kleinen
Kinderbegebenheit, die in Dichtung und Wahrheit erzhlt wird, kommt
unseren Erwartungen zu wenig entgegen. Die Mittel und Wege, die bei
unseren Patienten zur Deutung fhren, sind uns hier natrlich
unzugnglich; der Vorfall an sich scheint einer aufsprbaren Beziehung
zu wichtigen Lebenseindrcken spterer Zeit nicht fhig zu sein. Ein
Schabernack zum Schaden der huslichen Wirtschaft, unter fremdem Einflu
verbt, ist sicherlich keine passende Vignette fr all das, was _Goethe_
aus seinem reichen Leben mitzuteilen hat. Der Eindruck der vollen
Harmlosigkeit und Beziehungslosigkeit will sich fr diese
Kindererinnerung behaupten, und wir mgen die Mahnung mitnehmen, die
Anforderungen der Psychoanalyse nicht zu berspannen oder am
ungeeigneten Orte vorzubringen.

So hatte ich denn das kleine Problem lngst aus meinen Gedanken fallen
lassen, als mir der Zufall einen Patienten zufhrte, bei dem sich eine
hnliche Kindheitserinnerung in durchsichtigerem Zusammenhange ergab. Es
war ein siebenundzwanzigjhriger, hochgebildeter und begabter Mann,
dessen Gegenwart durch einen Konflikt mit seiner Mutter ausgefllt war,
der sich so ziemlich auf alle Interessen des Lebens erstreckte, unter
dessen Wirkung die Entwicklung seiner Liebesfhigkeit und seiner
selbstndigen Lebensfhrung schwer gelitten hatte. Dieser Konflikt ging
weit in die Kindheit zurck; man kann wohl sagen, bis in sein viertes
Lebensjahr. Vorher war er ein sehr schwchliches, immer krnkelndes Kind
gewesen, und doch hatten seine Erinnerungen diese ble Zeit zum Paradies
verklrt, denn damals besa er die uneingeschrnkte, mit niemandem
geteilte Zrtlichkeit der Mutter. Als er noch nicht vier Jahre war,
wurde ein -- heute noch lebender -- Bruder geboren, und in der Reaktion
auf diese Strung wandelte er sich zu einem eigensinnigen, unbotmigen
Jungen, der unausgesetzt die Strenge der Mutter herausforderte. Er kam
auch nie mehr in das richtige Geleise.

Als er in meine Behandlung trat -- nicht zum mindesten darum, weil die
bigotte Mutter die Psychoanalyse verabscheute--, war die Eifersucht auf
den nachgeborenen Bruder, die sich seinerzeit selbst in einem Attentat
auf den Sugling in der Wiege geuert hatte, lngst vergessen. Er
behandelte jetzt seinen jngeren Bruder sehr rcksichtsvoll, aber
sonderbare Zufallshandlungen, durch die er sonst geliebte Tiere wie
seinen Jagdhund oder sorgsam von ihm gepflegte Vgel pltzlich zu
schwerem Schaden brachte, waren wohl als Nachklnge jener feindseligen
Impulse gegen den kleinen Bruder zu verstehen.

Dieser Patient berichtete nun, da er um die Zeit des Attentats gegen
das ihm verhate Kind einmal alles ihm erreichbare Geschirr aus dem
Fenster des Landhauses auf die Strae geworfen hatte. Also dasselbe, was
_Goethe_ in Dichtung und Wahrheit aus seiner Kindheit erzhlt! Ich
bemerke, da mein Patient von fremder Nationalitt und nicht in
deutscher Bildung erzogen war; er hatte _Goethes_ Lebensbeschreibung
niemals gelesen.

Diese Mitteilung mute mir den Versuch nahe legen, die
Kindheitserinnerung _Goethes_ in dem Sinne zu deuten, der durch die
Geschichte meines Patienten unabweisbar geworden war. Aber waren in der
Kindheit des Dichters die fr solche Auffassung erforderlichen
Bedingungen nachzuweisen? _Goethe_ selbst macht zwar die Aneiferung der
Herren von Ochsenstein fr seinen Kinderstreich verantwortlich. Aber
seine Erzhlung selbst lt erkennen, da die erwachsenen Nachbarn ihn
nur zur Fortsetzung seines Treibens aufgemuntert hatten. Den Anfang dazu
hatte er spontan gemacht, und die Motivierung, die er fr dies Beginnen
gibt: Da weiter nichts dabei (beim Spiele) herauskommen wollte, lt
sich wohl ohne Zwang als Gestndnis deuten, da ihm ein wirksames Motiv
seines Handelns zur Zeit der Niederschrift und wahrscheinlich auch lange
Jahre vorher nicht bekannt war.

Es ist bekannt, da Joh. Wolfgang und seine Schwester Cornelia die
ltesten berlebenden einer greren, recht hinflligen Kinderreihe
waren. Herr Dr. Hanns _Sachs_ war so freundlich, mir die Daten zu
verschaffen, die sich auf diese frh verstorbenen Geschwister _Goethes_
beziehen.

Geschwister _Goethes_:

    a) _Hermann Jakob_, getauft Montag, den 27. November 1752, erreichte
    ein Alter von sechs Jahren und sechs Wochen, beerdigt 13. Januar
    1759.

    b) _Katharina Elisabetha_, getauft Montag, den 9. September 1754,
    beerdigt Donnerstag, den 22. Dezember 1755 (ein Jahr vier Monate
    alt).

    c) _Johanna Maria_, getauft Dienstag, den 29. Mrz 1757 und beerdigt
    Samstag, den 11. August 1759 (zwei Jahre vier Monate alt). (Dies war
    jedenfalls das von ihrem Bruder gerhmte sehr schne und angenehme
    Mdchen.)

    d) _Georg Adolph_, getauft Sonntag, den 15. Juni 1760; beerdigt,
    acht Monate alt, Mittwoch, den 18. Februar 1761.

_Goethes_ nchste Schwester, _Cornelia Friederica Christiana_, war am 7.
Dezember 1750 geboren, als er fnfviertel Jahre alt war. Durch diese
geringe Altersdifferenz ist sie als Objekt der Eifersucht so gut wie
ausgeschlossen. Man wei, da Kinder, wenn ihre Leidenschaften erwachen,
niemals so heftige Reaktionen gegen die Geschwister entwickeln, welche
sie vorfinden, sondern ihre Abneigung gegen die neu Ankommenden richten.
Auch ist die Szene, um deren Deutung wir uns bemhen, mit dem zarten
Alter _Goethes_ bei oder bald nach der Geburt Corneliens unvereinbar.

Bei der Geburt des ersten Brderchens Hermann Jakob war Joh. Wolfgang
dreieinviertel Jahre alt. Ungefhr zwei Jahre spter, als er etwa fnf
Jahre alt war, wurde die zweite Schwester geboren. Beide Altersstufen
kommen fr die Datierung des Geschirrhinauswerfens in Betracht; die
erstere verdient vielleicht den Vorzug, sie wrde auch die bessere
bereinstimmung mit dem Falle meines Patienten ergeben, der bei der
Geburt seines Bruders etwa dreidreiviertel Jahre zhlte.

Der Bruder Hermann Jakob, auf den unser Deutungsversuch in solcher Art
hingelenkt wird, war brigens kein so flchtiger Gast in der
_Goethe_schen Kinderstube wie die spteren Geschwister. Man knnte sich
verwundern, da die Lebensgeschichte seines groen Bruders nicht ein
Wrtchen des Gedenkens an ihn bringt. Er wurde ber sechs Jahre alt und
Joh. Wolfgang war nahe an zehn Jahre, als er starb. Dr. _Ed.
Hitschmann_, der so freundlich war, mir seine Notizen ber diesen Stoff
zur Verfgung zu stellen, meint:

_Auch der kleine Goethe hat ein Brderchen nicht ungern sterben
gesehen._ Wenigstens berichtete seine Mutter nach _Bettina Brentanos_
Wiedererzhlung folgendes: 'Sonderbar fiel es der Mutter auf, da er bei
dem Tode seines jngeren Bruders Jakob, der sein Spielkamerad war, keine
Trne vergo, er schien vielmehr eine Art rger ber die Klagen der
Eltern und Geschwister zu haben; da die Mutter nun spter den Trotzigen
fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine
Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit
Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren, er sagte ihr, da er dies
alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.' Der ltere Bruder htte
also immerhin gern Vater mit dem Jngeren gespielt und ihm seine
berlegenheit gezeigt.

Wir knnten uns also die Meinung bilden, das Geschirrhinauswerfen sei
eine symbolische, oder sagen wir es richtiger: eine _magische_ Handlung,
durch welche das Kind (_Goethe_ sowie mein Patient) seinen Wunsch nach
Beseitigung des strenden Eindringlings zu krftigem Ausdruck bringt.
Wir brauchen das Vergngen des Kindes beim Zerschellen der Gegenstnde
nicht zu bestreiten; wenn eine Handlung bereits an sich lustbringend
ist, so ist dies keine Abhaltung, sondern eher eine Verlockung, sie auch
im Dienste anderer Absichten zu wiederholen. Aber wir glauben nicht, da
es die Lust am Klirren und Brechen war, welche solchen Kinderstreichen
einen dauernden Platz in der Erinnerung des Erwachsenen sichern konnte.
Wir struben uns auch nicht, die Motivierung der Handlung um einen
weiteren Beitrag zu komplizieren. Das Kind, welches das Geschirr
zerschlgt, wei wohl, da es etwas Schlechtes tut, worber die
Erwachsenen schelten werden, und wenn es sich durch dieses Wissen nicht
zurckhalten lt, so hat es wahrscheinlich einen Groll gegen die Eltern
zu befriedigen; es will sich schlimm zeigen.

Der Lust am Zerbrechen und am Zerbrochenen wre auch Genge getan, wenn
das Kind die gebrechlichen Gegenstnde einfach auf den Boden wrfe. Die
Hinausbefrderung durch das Fenster auf die Strae bliebe dabei ohne
Erklrung. Dies _Hinaus_ scheint aber ein wesentliches Stck der
magischen Handlung zu sein und dem verborgenen Sinn derselben zu
entstammen. Das neue Kind soll _fortgeschafft_ werden, durchs Fenster
mglicherweise darum, weil es durchs Fenster gekommen ist. Die ganze
Handlung wre dann gleichwertig jener uns bekannt gewordenen wrtlichen
Reaktion eines Kindes, als man ihm mitteilte, da der Storch ein
Geschwisterchen gebracht. Er soll es wieder mitnehmen, lautete sein
Bescheid.

Indes, wir verhehlen uns nicht, wie milich es -- von allen inneren
Unsicherheiten abgesehen -- bleibt, die Deutung einer Kinderhandlung auf
eine einzige Analogie zu begrnden. Ich hatte darum auch meine
Auffassung der kleinen Szene aus Dichtung und Wahrheit durch Jahre
zurckgehalten. Da bekam ich eines Tages einen Patienten, der seine
Analyse mit folgenden, wortgetreu fixierten Stzen einleitete:

Ich bin das lteste von acht oder neun Geschwistern[1]. Eine meiner
ersten Erinnerungen ist, da der Vater, in Nachtkleidung auf seinem
Bette sitzend, mir lachend erzhlt, da ich einen Bruder bekommen habe.
Ich war damals dreidreiviertel Jahre alt; so gro ist der
Altersunterschied zwischen mir und meinem nchsten Bruder. Dann wei
ich, da ich kurze Zeit nachher (oder war es ein Jahr vorher?)[2] einmal
verschiedene Gegenstnde, Brsten, -- oder war es nur eine Brste? --
Schuhe und anderes aus dem Fenster auf die Strae geworfen habe. Ich
habe auch noch eine frhere Erinnerung. Als ich zwei Jahre alt war,
bernachtete ich mit den Eltern in einem Hotelzimmer in Linz auf der
Reise ins Salzkammergut. Ich war damals so unruhig in der Nacht und
machte ein solches Geschrei, da mich der Vater schlagen mute.

  [1] Ein flchtiger Irrtum aufflliger Natur. Es ist nicht abzuweisen,
  da er bereits durch die Beseitigungstendenz gegen den Bruder
  induziert ist. (Vgl. _Ferenczi_: ber passagere Symptombildungen
  whrend der Analyse, Zentralbl. f. Psychoanalyse. II., 1912.)

  [2] Dieser den wesentlichen Punkt der Mitteilung als Widerstand
  annagende Zweifel wurde vom Patienten bald nachher selbstndig
  zurckgezogen.

Vor dieser Aussage lie ich jeden Zweifel fallen. Wenn bei analytischer
Einstellung zwei Dinge unmittelbar nacheinander, wie in einem Atem
vorgebracht werden, so sollen wir diese Annherung auf Zusammenhang
umdeuten. Es war also so, als ob der Patient gesagt htte: _Weil_ ich
erfahren, da ich einen Bruder bekommen habe, habe ich einige Zeit
nachher jene Gegenstnde auf die Strae geworfen. Das Hinauswerfen der
Brsten, Schuhe usw. gibt sich als Reaktion auf die Geburt des Bruders
zu erkennen. Es ist auch nicht unerwnscht, da die fortgeschafften
Gegenstnde in diesem Falle nicht Geschirr, sondern andere Dinge waren,
wahrscheinlich solche, wie sie das Kind eben erreichen konnte ... Das
Hinausbefrdern (durchs Fenster auf die Strae) erweist sich so als das
Wesentliche der Handlung, die Lust am Zerbrechen, am Klirren und die Art
der Dinge, an denen die Exekution vollzogen wird, als inkonstant und
unwesentlich.

Natrlich gilt die Forderung des Zusammenhanges auch fr die dritte
Kindheitserinnerung des Patienten, die, obwohl die frheste, an das Ende
der kleinen Reihe gerckt ist. Es ist leicht, sie zu erfllen. Wir
verstehen, da das zweijhrige Kind darum so unruhig war, weil es das
Beisammensein von Vater und Mutter im Bette nicht leiden wollte. Auf der
Reise war es wohl nicht anders mglich, als das Kind zum Zeugen dieser
Gemeinschaft werden zu lassen. Von den Gefhlen, die sich damals in dem
kleinen Eiferschtigen regten, ist ihm die Erbitterung gegen das Weib
verblieben, und diese hat eine dauernde Strung seiner Liebesentwicklung
zur Folge gehabt.

Als ich nach diesen beiden Erfahrungen im Kreise der psychoanalytischen
Gesellschaft die Erwartung uerte, Vorkommnisse solcher Art drften bei
kleinen Kindern nicht zu den Seltenheiten gehren, stellte mir Frau Dr.
_v. Hug-Hellmuth_ zwei weitere Beobachtungen zur Verfgung, die ich hier
folgen lasse:

    Zum Hinauswerfen von Gegenstnden aus dem Fenster durch kleine
    Kinder.

    I.

    Mit zirka dreieinhalb Jahren hatte der kleine Erich urpltzlich
    die Gewohnheit angenommen, alles, was ihm nicht pate, zum Fenster
    hinauszuwerfen. Aber er tat es auch mit Gegenstnden, die ihm nicht
    im Wege waren und ihn nichts angingen. Gerade am Geburtstag des
    Vaters -- da zhlte er drei Jahre viereinhalb Monate -- warf er eine
    schwere Teigwalze, die er flugs aus der Kche ins Zimmer geschleppt
    hatte, aus einem Fenster der im dritten Stockwerk gelegenen Wohnung
    auf die Strae. Einige Tage spter lie er den Mrserstel, dann
    ein Paar schwerer Bergschuhe des Vaters, die er erst aus dem Kasten
    nehmen mute, folgen[3].

      [3] Immer whlte er schwere Gegenstnde.

    Damals machte die Mutter im siebenten oder achten Monate ihrer
    Schwangerschaft eine fausse couche, nach der das Kind wie
    ausgewechselt brav und zrtlich still war. Im fnften oder sechsten
    Monate sagte er wiederholt zur Mutter: Mutti, ich spring' dir auf
    den Bauch oder Mutti, ich drck' dir den Bauch ein. Und kurz vor
    der fausse couche, im Oktober: Wenn ich schon einen Bruder bekommen
    soll, so wenigstens erst nach dem Christkindl.

    II.

    Eine junge Dame von neunzehn Jahren gibt spontan als frheste
    Kindheitserinnerung folgende:

    Ich sehe mich furchtbar ungezogen, zum Hervorkriechen bereit, unter
    dem Tische im Speisezimmer sitzen. Auf dem Tische steht meine
    Kaffeeschale, -- ich sehe noch jetzt deutlich das Muster des
    Porzellans vor mir -- die ich in dem Augenblick, als Gromama ins
    Zimmer trat, zum Fenster hinauswerfen wollte.

    Es hatte sich nmlich niemand um mich gekmmert, und indessen hatte
    sich auf dem Kaffee eine Haut gebildet, was mir immer frchterlich
    war und heute noch ist.

    An diesem Tage wurde mein um zweieinhalb Jahre jngerer Bruder
    geboren, deshalb hatte niemand Zeit fr mich.

    Man erzhlt mir noch immer, da ich an diesem Tage unausstehlich
    war; zu Mittag hatte ich das Lieblingsglas des Papas vom Tische
    geworfen, tagsber mehrmals mein Kleidchen beschmutzt und war von
    frh bis abends belster Laune. Auch ein Badepppchen hatte ich in
    meinem Zorne zertrmmert.

Diese beiden Flle bedrfen kaum eines Kommentars. Sie besttigen ohne
weitere analytische Bemhung, da die Erbitterung des Kindes ber das
erwartete oder erfolgte Auftreten eines Konkurrenten sich in dem
Hinausbefrdern von Gegenstnden durch das Fenster wie auch durch andere
Akte von Schlimmheit und Zerstrungssucht zum Ausdruck bringt. In der
ersten Beobachtung symbolisieren wohl die schweren Gegenstnde die
Mutter selbst, gegen welche sich der Zorn des Kindes richtet, so lange
das neue Kind noch nicht da ist. Der dreieinhalbjhrige Knabe wei um
die Schwangerschaft der Mutter und ist nicht im Zweifel darber, da sie
das Kind in ihrem Leibe beherbergt. Man mu sich hiebei an den kleinen
Hans (Jahrb. f. Psychoanalyse, Bd. I., 1909) erinnern und an seine
besondere Angst vor schwer beladenen Wagen[4]. An der zweiten
Beobachtung ist das frhe Alter des Kindes, zweieinhalb Jahre,
bemerkenswert.

  [4] Fr diese Symbolik der Schwangerschaft hat mir vor einiger Zeit
  eine mehr als fnfzigjhrige Dame eine weitere Besttigung erbracht.
  Es war ihr wiederholt erzhlt worden, da sie als kleines Kind, das
  kaum sprechen konnte, den Vater aufgeregt zum Fenster zu ziehen
  pflegte, wenn ein schwerer Mbelwagen auf der Strae vorbeifuhr. Mit
  Rcksicht auf ihre Wohnungserinnerungen lt sich feststellen, da sie
  damals jnger war als zweidreiviertel Jahre. Um diese Zeit wurde ihr
  nchster Bruder geboren und infolge dieses Zuwachses die Wohnung
  gewechselt. Ungefhr gleichzeitig hatte sie oft vor dem Einschlafen
  die ngstliche Empfindung von etwas unheimlich Groem, das auf sie
  zukam, und dabei wurden ihr die Hnde so dick.

Wenn wir nun zur Kindheitserinnerung _Goethes_ zurckkehren und an ihrer
Stelle in Dichtung und Wahrheit einsetzen, was wir aus der Beobachtung
anderer Kinder erraten zu haben glauben, so stellt sich ein tadelloser
Zusammenhang her, den wir sonst nicht entdeckt htten. Es heit dann:
Ich bin ein Glckskind gewesen; das Schicksal hat mich am Leben
erhalten, obwohl ich fr tot zur Welt gekommen bin. Meinen Bruder aber
hat es beseitigt, so da ich die Liebe der Mutter nicht mit ihm zu
teilen brauchte. Und dann geht der Gedankenweg weiter, zu einer anderen
in jener Frhzeit Verstorbenen, der Gromutter, die wie ein
freundlicher, stiller Geist in einem anderen Wohnraum hauste.

Ich habe es aber schon an anderer Stelle ausgesprochen: Wenn man der
unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so behlt man frs Leben
jenes Eroberergefhl, jene Zuversicht des Erfolges, welche nicht selten
wirklich den Erfolg nach sich zieht. Und eine Bemerkung solcher Art wie:
Meine Strke wurzelt in meinem Verhltnis zur Mutter, htte _Goethe_
seiner Lebensgeschichte mit Recht voranstellen drfen.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  Wesentliche, der Handlung, die Lust am Zerbrechen, am Klirren und die Art
  Wesentliche der Handlung, die Lust am Zerbrechen, am Klirren und die Art

  ]





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und Wahrheit, by Sigmund Freud

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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