The Project Gutenberg EBook of Abessinien, das Alpenland unter den Tropen
und seine Grenzlaender by Richard Andree



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Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzlaender

Author: Richard Andree

Release Date: January 7, 2010 [Ebook #30883]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLAeNDER***





                                  Das

                    Buch der Reisen und Entdeckungen.

                                 Afrika.

                              *Abessinien,*

                     das Alpenland unter den Tropen.





                         Malerische Feierstunden.

                  Das Buch der Reisen und Entdeckungen.

                            _Neue illustrirte_

                 *Bibliothek der Laender- und Voelkerkunde*

                                   zur

                   Erweiterung der Kenntniss der Fremde.

                                *Afrika.*

              *Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.*

                                Bearbeitet

                                   von

                          *Dr. Richard Andree.*

Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer
                     Uebersichtskarte von Abessinien

                                *Leipzig.*

                         Verlag von Otto Spamer.

                                  1869.





  [Illustration: Koenig Theodoros, Audienz ertheilend.
  _Originalzeichnung von __H. Leutemann__, nach Lejean._]





                             *Abessinien,*

                    _das Alpenland unter den Tropen_

                                  und

                          *seine Grenzlaender.*


           Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter

                     *Koenig Theodoros* (1855-1868).

      Nach den Berichten aelterer und neuerer Reisender bearbeitet

                                  von

                          *Dr. Richard Andree.*

Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E.
Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von
Abessinien.

_Leipzig._

Verlag von Otto Spamer.

1869.





   Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor.

                  Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.





                                 VORWORT.


Ein afrikanisches Alpenland, ueberreich an Schoenheiten und Wundern der
Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen
Stamme gehoert und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an
fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der
Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der maechtig ueber
Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger Koenig vor ihm - das
ist es, was wir in diesem Bande des "Buches der Reisen und Entdeckungen"
den Lesern vorfuehren wollen.

Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein grosses Interesse
eingefloesst und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner
Geschichte uns diese "unter die Tropen gerueckte Schweiz" naeher gefuehrt.
Dort, in der muthmasslichen Heimat des schwarzhaeutigen der durch die Bibel
eingefuehrten heiligen drei Koenige, besteht ja noch, abgeschieden und
vergessen von den abendlaendischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer
und muhamedanischer Voelker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das
Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort
entspannen sich Glaubenskaempfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und
blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort muehten sich endlich unsere
Missionaere bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevoelkerung zu einem
reineren Glauben zurueckzufuehren. Staatsumwaelzungen, Buergerkriege folgen im
bunten Wechsel einander.

So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen
Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild,
beginnend mit der sagenhaften Koenigin von Saba, endigend mit dem blutigen
_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden,
der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begruendeten Reichen
absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat.

Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den aeltesten Zeiten
bis auf unsere Tage herab geschildert hat, fuehrt er in den ersten vier
Abschnitten Land und Leute in einem gedraengten Bilde vor, alles
Wesentliche zusammenfassend, was ueber Geologie und Oberflaechengestaltung,
ueber die natuerlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Stroeme,
jene Grundursache der Nilueberschwemmungen, was ueber die klimatischen
Verhaeltnisse und die Vegetationsguertel, ueber die Thierwelt jenes
interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns
vorueber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall,
seinen verschiedenen Staemmen und Sprachen, Sitten und Gebraeuchen. Handel
und Industrie finden gleichfalls gebuehrende Beruecksichtigung, nicht minder
die religioesen Verhaeltnisse, das afrikanisch gefaerbte Christenthum des
Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtglaeubigkeit und lasterhaften
Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttaeuschungen und arm an
Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung ueber
den Landbau und die sozialen Verhaeltnisse des Landes der allgemeine Theil
beschlossen.

Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der
neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie
den Sueden kennen, die brennendheissen Kuestenstriche und die
fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekroenten,
majestaetischen Alpengipfeln.

Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den
farbenpraechtigsten gehoeren, die wir ueber jene fernen Gegenden besitzen,
gewinnt der Leser alsobald die vorgefuehrten Persoenlichkeiten um so lieber,
je fesselnder deren oft ueberaus romantische Fahrten sind. Waehrend die
aelteren Reisenden bereits frueher besprochen waren, bieten wir in diesem
Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren
Laendererforscher. Wir lernen den geistreichen und kuehnen Franzosen
_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger's_
und der Gefaehrten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die noerdlichen
Grenzgebiete, die Laender der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen
Fuersten selbst auf seinen Puerschgaengen und Elefantenjagden und werden
schliesslich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast
maerchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen suedlichen Theil
Abessiniens, eingefuehrt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof-
und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassie_ an uns voruebergeht.

Naturgemaess gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen
Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Buergerkriege,
zuckend und verblutend liegt es da. Wuest liegen die fruchtbaren Aecker und
das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudaemmern!
Gleich einem glaenzenden Meteor steigt der maechtige _Theodor_, der Sohn
einer armen Kussohaendlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal
scheint es, als ob das altaethiopische Reich aus seinen Truemmern, aus
Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz truegt, und nach
Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der ueberlegenen Macht der
"rothhaarigen Barbaren" auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein
Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses
unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben
zu finden, und der Verfasser hat sich bemueht, Licht und Schatten in
gerechter Wuerdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der
Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden
entgegenstellen, billig zu vertheilen.

Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschoepft, betrifft, so
wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte
der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation uebersehen.
Ausser den angefuehrten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben
sind, wurden hauptsaechlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rueppell_,
_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (fuer den zoologischen Theil)
_A. E. Brehm_ benutzt.

Als ganz besonders werthvoll muessen wir die Originalabhandlung ueber die
_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. - Das Leben
dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Fuer die
Erlaubniss zur Veroeffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber
_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze
sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefuehltem Danke
verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfassten
Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung,
vollstaendig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach laengerer Abwesenheit
vom Heimatlande der fluessige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden
gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung
unerlaesslich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in
vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden musste.

In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die groesste
Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerruettet; um ihr
womoeglich zu entgehen, schloss sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung
an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste
Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer
Aufmerksamkeit gewuerdigt haben, naemlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von
Heuglin_.

Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu koennen, dass der
bei Weitem groessere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und
Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Kuenstler, die das
Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den
Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen
werthvolle Federzeichnungen, weit ueber hundert an der Zahl, die
landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhaeltnisse
Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im
Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen
hoher Erlaubniss, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben.
Die uebrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist,
wurden den Werken von H. Salt, E. Rueppell, W. C. Harris, Bernatz, G.
Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum
an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollstaendiges Bild des
afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht
kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen duerfte.
Das am Schlusse mitgetheilte Kaertchen endlich wird zur allgemeinen
Orientirung ueber das besprochene Gebiet willkommen geheissen werden.

_Leipzig_, im Juli 1868.
                 *Die Redaktion des "Buches der Reisen und Entdeckungen".*





                           INHALTSVERZEICHNISS.


                                                                   Seite
    _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der          1
    Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen
    Aethiops (2). - Die Koenigin von Saba (3). - Menilek und die
    salomonische Dynastie (3). Beruehrungen mit den Voelkern des
    Alterthums (4). - Die Koenigsstadt Axum und ihre Ruinen (5).
    - Einfuehrung des Christenthums (6). - Wechsel der Dynastie
    (8). - Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). -
    Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). - Ihre
    Vertreibung (12). - Zerfall des Reiches und Buergerkriege
    (13). - Die Verfassung (18). - Erforschungsgeschichte (19).
    - Portugiesische Reisende (20). - Hiob Ludolf (21). - Bruce
    (22). - Salt und Pearce (23). - Hemprich und Ehrenberg (23).
    - Rueppell (23). - Tamisier und Combes (26). - v. Katte (26).
    - Schimper (26). - Aubert und Dufey (27). - Lefebvre (27). -
    Gebrueder d'Abbadie (27). - Rochet d'Hericourt (28). - Beke
    (29). - Zander (30). - Sapeto (32). - Munzinger (32). -
    Lejean (33). - Die deutsche Expedition (33).
    *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14                 35
    Illustrationen
    Begrenzung (35). - Das Hochland (36). - Geologie Abessiniens
    (36). - Der versteinerte Wald (39). - Heisse Quellen (40). -
    Oberflaechengestaltung (40). - Natuerliche Felsenfestungen
    (42). - Die Alpen Semiens (42). - Charakter der Fluesse (46).
    - Ihr Anschwellen (46). - Ursachen der Nilueberschwemmungen
    (47). - Der Tanasee und der Abai (47). - Klimatische
    Verhaeltnisse (50). - Die Vegetationsguertel (51). - Kola
    (51). - Woina Deka (56). - Deka (61). - Die niederen Thiere
    (62). - Voegel (65). - Saeugethiere. Ihre Lebensweise,
    Nutzanwendung, Jagd (71).
    *Das Volk, seine Sitten und Gebraeuche, Handel und                 85
    Industrie.* Mit 9 Illustrationen
    Physischer Charakter des Volks (85). - Die Juden oder
    Falaschas (86). - Muhamedaner (87). - Gamanten (88). -
    Heidnische Ueberreste (90). - Waito (90). - Die Sprachen
    Abessiniens (90). - Literatur und Malerei (93). - Charakter
    und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). - Blutrache (95). -
    Justiz (96). - Aberglauben (97). - Das Verzehren von rohem
    Fleische (100). - Nahrungsweise (102). - Kleidung (103). -
    Krankheiten und Aerzte (103). - Industrie und Handel (106).
    *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit     111
    8 Illustrationen
    Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und
    Verwahrlosung (111). - Der Abuna (114). - Art des
    Gottesdienstes (120). - Die lasterhafte Geistlichkeit (122).
    - Moenche und Kloester (122). - Politische Asyle (123). -
    Zeitrechnung (123). - Feste (123). - Taufe, Ehe, Begraebniss
    (124). - Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmueckung
    (126). - Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien,
    deren Misslingen und Urtheile darueber (128).
    *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5              139
    Illustrationen
    Die Kulturflaeche Abessiniens (139). - Die Getreidearten,
    ihre Anpflanzung und Verwendung (141). - Gewuerze, Gemuese,
    Wein, Baumwolle, Gescho (144). - Ernteertrag (146). - Nuk
    (146). - Einfelderwirthschaft (146). - Ackerwerkzeuge (147).
    - Regenzeit (148). - Bewaesserung (148). - Soziale Stellung
    der Landleute (149). - Die Viehzucht (150). - Aussicht fuer
    europaeische Ansiedelungen (153). - Die Regierung und der
    Grundbesitz (153). - Das Frohnwesen (153). - Steuern (153).
    - Wiesen und Moorgrund (154). - Bienenzucht (154). - Die
    Wohnungen der Landleute (155). - Die Muehlen Abessiniens
    (157).
    *Massaua und die abessinische Kuestenlandschaft.* Mit 5           158
    Illustrationen
    Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). - Der Dahlak-Archipel
    und die Perlenfischerei (160). - Die Stadt Massaua und ihre
    Bewohner (162). - Sklavenhandel (164). - Die Cisternen
    (166). - Der Markt (167). - Karawanenhandel mit Abessinien
    (167). - Die Bai von Adulis (168). - Schoho und Danakil
    (170). - Die Samhara (171). - Eine abessinische Karawane
    (172). - Der Tarantapass und Halai (174).
    *G. Lejean's Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen      176
    Metemme (177). - Der Markt Wochni (178). - Grenzwaechter
    (178). - Eine abessinische Festung (180). - Eine deutsche
    Familie (182). - Das Land am Tanasee (182). - Schnapphaehne
    (184). - Missionsstation Gafat (185). - Gefangennahme
    Lejean's durch Koenig Theodor (187). - Theodor's Loewen (187).
    - Gondar und seine Bauten (188). - Wasserfall des Reb (192).
    - In einem Kloster (194). - Besuch in Korata (195). -
    Binsenfloesse (198). - Besteigung des hohen Guna (200). - Fuenf
    Frauengenerationen (200). - Befreiung (202). - Hochebene
    Wogara (202). - Lamalmon-Pass (203). - Reise durch Tigrie
    nach Massaua (204).
    *Reisen in den noerdlichen und nordwestlichen Grenzlaendern        207
    von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen
    Das Land der Mensa und Bogos (207). - Reise des Herzogs
    Ernst (208). - Monkullo (209). - Labathal (209). - Plateau
    von Mensa (210). - Das Volk der Mensa (211). - Ausflug nach
    Keren (212). - Elephantenjagd (214). - Rueckkehr (216). -
    Munzinger ueber die Bogos (217). - Geschichtliches (217). -
    Ein aristokratisches Volk (218). - Rechtsverhaeltnisse (218).
    - Aberglauben (219). - Das Christenthum der Bogos (219). -
    Der Marebfluss (221). - Die demokratischen Bazen und Barea
    (220).
    *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.*      224
    Mit 9 Illustrationen
    Begrenzung (224). - Englische Gesandtschaft unter Harris
    (225). - Tadschurra (225). - Zug durch die Adalwueste (226).
    - Salzsee (227). - Mord im Thale Gungunte (228). -
    Versammlung der Eingeborenen (230). - Sklavenkarawane (232).
    - Myrrhen (233). - Der Hawasch (234). - Der Grenzdistrikt
    (234). - Alio Amba, ein Marktort (236). - Empfang beim
    Koenige Sahela Selassie (240). - Die Hauptstadt Ankober
    (242). - Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). -
    Sklavendepot (246). - Truppenrevue (246). - Angollala (249).
    - Schlucht der Tschatscha (250). - Medoko, der Rebell (252).
    - Das Gallavolk (252). - Kriegszug gegen dasselbe (258). -
    Siegesfest (260). - Abschluss des Handelsvertrags (262). -
    Rueckkehr (263).
    *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen      264
    Bewegte Jugend (264). - Der Emporkoemmling (265). - Schlacht
    von Debela und Koenigskroenung (266). - Rebellenkriege (267).
    - Reformen (272). - Abessinische Heere und Kriegspraxis
    (275). - Verwickelungen mit den Missionaeren (280). -
    Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England
    (281). - Magdala (284). - Beginn der englischen Invasion
    (287). - Erstuermung von Magdala und Tod Theodor's (293). -
    Rueckzug der Englaender (297).

    Die hierzu gehoerigen Tonbilder sind einzuheften:
    Koenig Theodoros, Audienz ertheilend                       Titelbild.
    Teiit, Partie von Totscha in Semien                         Seite 43
    Charakter des Hochgebirges Awirr in Semien                   "    49
    Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in        "   215
      Mensa
    Im Lager des Negus. Priester und Krieger                     "   276
    Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Suedliche Ansicht        "   286






  [Illustration: Obelisken von Axum. Nach Rueppell.]





                               EINLEITUNG.


   Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens.


     Aethiops. - Die Koenigin von Saba. - Menilek und die salomonische
      Dynastie. - Beruehrungen mit den Voelkern des Alterthums. - Die
    Koenigsstadt Axum und ihre Ruinen. - Einfuehrung des Christenthums.
       - Wechsel der Dynastie. - Die Invasion der Muhamedaner unter
         Granje. - Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. - Ihre
        Vertreibung. - Zerfall des Reiches und Buergerkriege. - Die
    Verfassung. - Erforschungsgeschichte. - Portugiesische Reisende. -
    Hiob Ludolf. - Bruce. - Salt und Pearce. - Hemprich und Ehrenberg.
    - Rueppell. - Tamisier und Combes. - v. Katte. - Schimper. - Aubert
    und Dufey. - Lefebvre - Gebrueder d'Abbadie. - Rochet d'Hericourt.
    - Beke. - Zander. - Sapeto. - Munzinger. - Lejean. - Die deutsche
                               Expedition.


"In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Hoehe
der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten
den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem
roemischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es
uns aehnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des
Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer
steht, zurueckgeht, so ist auch Abessinien zurueckgegangen und ist
verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel naeher steht als dem
nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen;
im Norden, wo das Hochland in Stufen abfaellt und endlich in unabsehbare
Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Voelker, meist rebellische
Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen
folgen noch noerdlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im
Westen begrenzt Abessinien das Nilland, tuerkischer Herrschaft unterworfen,
im Sueden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla.
Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem
Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen aussen
unabhaengig da; es hat nur die inneren Feinde zu fuerchten, die Anarchie,
den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord."

So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger,
die Lage der "afrikanischen Schweiz", die von alters her das Interesse der
europaeischen Voelker wach zu halten wusste, schon wegen der Gleichartigkeit
der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte
man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen
Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in grosser Zahl und
uebermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig
gestalteten Landes. Bald sind es die heissfeuchten Niederungen mit
toedtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der
Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, ueber denen die
gezackten, kuppel- und domfoermigen Bergriesen bis in die Eisregion
hineinragen, dann wieder die verschiedenen Staemme des Landes,
ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzuege,
doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorfuehren. Endlich aber ist es
die mehr als tausendjaehrige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehuellte
Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen
Buergerkriegen und Religionskaempfen uns unwillkuerlich anzieht. Ja,
_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab
von den muhamedanischen Staaten und den alten, voruebergehenden
Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein
Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen,
Historie bei den Negervoelkern zu suchen, waere vergebliche Muehe; Abessinien
aber hat beides, und der Grund dafuer liegt in der Abstammung, der Begabung
seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehoeren, denn sie
sind aethiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phoenizier, Juden.

Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham's, in ihr
Land, liess sich dort nieder, gruendete die Stadt Axum und bevoelkerte weit
und breit die Umgebung. Er hinterliess zwoelf Soehne, unter welchen der
aelteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hiess
es wenigstens bei den Griechen und heisst es heute noch offiziell. Der
allgemein uebliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen
Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition
wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebraeuche und Schlangenkultus
fuellen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens - wenn auch immer
noch sagenhaft - mit derjenigen der schoenen _Koenigin Maketa von Scheba_
(Saba) zusammenfaellt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus
ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglueckend, voller
Milde und Guete. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen
noerdlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Koenige Salomo zu
Jerusalem berichteten, der alle uebrigen Menschen an Klugheit weit
uebertraf. Ihn zu sehen, reiste die Koenigin nach Kanaan, und kaum hatte der
Judenkoenig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau
nahm. Nachdem die aethiopische Fuerstin dem Koenige einen Sohn Namens
_Menilek_ Ebn Hakim, der spaeter den Koenigsnamen David I. empfing, geboren
hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien
zurueck, waehrend der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden
erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodass
aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts,
berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hiess ihn wieder
in die Heimat zurueckkehren und dort den Gottesdienst nach juedischer Weise
einrichten. Heimlich warb er zwoelf Priester, unter denen Asarja obenan
steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem
und fluechtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche
Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek
lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schuetzte ihn und sicherte
ihn vor allen Nachstellungen, so dass er 29 Jahre ueber Aethiopien regierte.
Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in
Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Hoechsten
bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, dass nichts sie
von dieser Vorstellung abzubringen vermag.

  [Illustration: Abessinische Muenzen. Nach Rueppell.
  1. Kupfermuenze des Kaisers Armah (644 bis 658),
  2. Goldmuenze des Kaisers Aphidas (536 bis 542),
  3. Goldmuenze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).]

Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer
sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter
civilisirten Staemmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten
und das Reich Meroe gegruendet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr
gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, dass den alten Aegyptern das Land
erst durch die Kriegszuege Alexander's d. Gr. und durch die von ihm an die
Kueste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich juedischer Religion)
bekannt wurde. Die Ptolemaeer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem
Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen fuer die
Elephantenjagd laengs der "Kueste der Troglodyten" und Aethiopier, und der
zweite Nachkomme des grossen Soter gruendete Adulis am Golf von Zula, nahe
dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas
Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen
Inschrift, siegreich bis ueber den Takazziefluss in die damals schon
erwaehnten Schneegebirge Semien's und verpflanzten griechische Sprache und
Gesittung in das Land. In Tigrie entstand das koenigliche Axum mit seinen
hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Koenigsgraebern, und die aethiopischen
Fuersten schlugen Gold- und Kupfermuenzen. - Doch griff diese Art hoher
Kultur, deren Bluete in das 4. bis 7. Jahrhundert faellt, erst nach der
Einfuehrung des Christenthums um sich.

Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst
maechtig bluehenden Koenigsstadt in der Provinz Tigrie. Sie sind, wenige
andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte
Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche
das aethiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts,
als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, muessen manche merkwuerdige
Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind.
In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heisst es:
"Chaxuma hat vieler schoener Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede
seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen
herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht
sind.... Man findet auch an den Haeusern viel alter seltzamer Figuren, in
gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w." Auch
jetzt enthaelt Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen,
Koenigsgraeber, Opferaltaere, ueber die wir durch Salt, Rueppell und Heuglin
genaue Auskunft erhalten haben.

Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Huegeln
ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder-
und Feigenbaeumen ist ueberraschend schoen. Noch ehe man das Thal betritt,
begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den
mehrere aehnliche umgestuerzt in Truemmern liegen; etwas weiter sind
Schutthuegel mit Opfersteinen und einer 7 Fuss hohen Stele (Inschriftstein),
deren eine Seite eine aethiopische, die andere eine griechische Inschrift
vom Axumitenkoenig Aizanas enthaelt. Von hier fuehrt ein in den Fels
gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geraeumigen
Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem
riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuss Umfang hat. Hier ist das
eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese
schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast ueberladenen
Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh
gedeckten Steinhuetten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedraengt in
einzelnen ummauerten Gehoeften zusammenstehen, beschattet von immergruenen
Wanzabaeumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blueten
uebersaeet ist. Das heutige Axum hat eine Laenge von etwa einer halben
Stunde, aber Haeuser, Gehoefte und Gaerten stehen nicht dicht beisammen und
sind zuweilen durch Felder und mit Truemmern bedeckte Plaetze unterbrochen.
Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2-3000. Sie treiben Ackerbau
und Viehzucht und leben in verhaeltnissmaessig glaenzenden Umstaenden, da die
vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische
Asyl - ein von Mauern umgebener Platz beim Markte - zahlreiche Fremde nach
Axum ziehen.

  [Illustration: Der sogenannte Koenigssitz zu Axum. Nach Salt.]

Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast
vollstaendig. Die meisten sind jetzt umgestuerzt und alle scheinen aus in
der Naehe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur
rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60-70 Fuss hohe Monolithe, die
schon in der Form von aehnlichen aegyptischen Monumenten abweichen,
namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der
Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen
(natuerlich nicht hohlen) Thurm mit 8-10 Stockwerken darzustellen, an dem
Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten
umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle
und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der
Stadt stoesst man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale
Quadersteine. Allerlei Toepfergeschirre, Amphoren, Schalen, Loewenkoepfe, die
als Brunnenroehren dienten, sind in Truemmer zerstreut und es koennte hier
sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu
Tage gefoerdert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente
auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Waehrend
z. B. Rueppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schaetzt, ist
Salt von den Obelisken ganz entzueckt. Ja, von dem 60 Fuss hohen Obelisk,
der sich praechtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: "Nach
Vergleichung mit vielen Spitzsaeulen von aegyptischer, griechischer und
roemischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswuerdigste und
vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstueck findet".

Nahe bei dem Haupteingange der beruehmten Kirche des Ortes stoesst man auf
elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altaere_ von
eigenthuemlicher Bauart, deren einen Salt als "Koenigssitz" abbildet. Jeder
derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkuerzenden Stufen,
von welchen die unterste etwa neun Fuss im Quadrat hat. Auf der zweiten
Stufe befinden sich vier Wuerfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen
und von welchen jeder eine achteckige Saeule traegt, aller
Wahrscheinlichkeit nach zur Stuetze der verschwundenen Deckplatte.

Eine Stunde nordoestlich von der Stadt liegen die sogenannten "Fuchsloecher"
oder Koenigsgraeber auf einem Huegel mit herrlicher Aussicht. Auf dem
schmalen Gebirgsruecken bemerkt man ein aus grossen Quadern und Saeulen
bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum
Eingange eines Felsengrabes fuehrt, das wie sein einfaches Portal in den
Fels gearbeitet und nachher mit kuenstlicher Mauerung aus grossen Bloecken
ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Koenigsgraebern von Theben fuehrt von
da aus dann ein Gang schraeg abwaerts; dieser muendet in drei Kammern, deren
mittlere mit einer Thuer verschlossen werden konnte.

Erwaehnen wir nun noch die aufgefundenen Muenzen (eine kupferne des Koenigs
Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Koenige Aphidas und
Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rueppell mit), so haben wir
so ziemlich alles erwaehnt, was von dem koeniglichen Axum uebrig blieb, das
ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stuermer Granje eingeaeschert wurde.

Die Bluetezeit der Stadt faellt mit der Einfuehrung des Christenthums
zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius
(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die
aethiopische Kueste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_
mit Namen, machte naemlich mit seinen beiden Gehuelfen _Frumentius_ und
_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschaeftsreise laengs den Kuesten des Rothen
Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst
einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen
erschlagen. Nur den beiden Juenglingen schenkte die wuethende Bande das
Leben. Man brachte sie an den koeniglichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden
und bald vom Koenige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf
ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach
Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere
Einheimische bekehrten. Die beiden Juenglinge reisten dann spaeter in ihr
Vaterland zurueck, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war.
Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der
dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in
Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius
wusste hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem
ehemaligen Handlungsgehuelfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien
zurueck. Hier angelangt fuehrte er den Namen Abba Salama, Vater des
Friedens, uebersetzte das Neue Testament in die aethiopische Sprache und
breitete das Christenthum weit ueber das Land aus, wenn auch noch ein
grosser Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die
fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen
von Koenigsnamen ausgefuellt, an welche sich nur hier und da einzelne
historische Thatsachen knuepfen.

Aus diesen entnehmen wir, dass zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian
(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im suedlichen
Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen
Koenig _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee ueber das Rothe Meer, schlug
die Juden und unterwarf sich den groesseren Theil des suedlichen Arabiens, in
dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed's
Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wuetheten, gezwungen
wurden, sich wieder in ihr Land zurueckzuziehen. Im uebrigen ist aus der
langen Periode des aethiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel
Erwaehnenswerthes ueberliefert; das Volk vergeudete seine Kraefte in
unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht
aus dem Kriegszustande heraus.

Unterdessen trat, den ganzen Orient erschuetternd, Muhamed mit seiner Lehre
auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das
damals noch bluehende Reich Adal fuer diese neue Lehre gewonnen, und dieses
gab den zwischen beiden Laendern bestehenden Streitigkeiten bedeutende
Nahrung, indem zu den politischen nun noch religioese Kaempfe sich
gesellten, welche das Land mit Blut ueberschwemmten. Doch bevor noch diese
muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige
Revolution durchzukaempfen und es war fraglich, ob die Juden oder die
Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich naemlich
unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch
Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Haeuptlinge und der
abessinischen Koenigsfamilie brachten sie den Koenigsthron an sich und
suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa
1000 Jahre darueber hingegangen, dass der letzte salomonische Koenig,
_Delnaod_, vom Throne seiner Vaeter gestossen wurde, und zwar durch eine
Juedin aus Lasta Agau, welche die ganze koenigliche Familie, einen Knaben
ausgenommen, der nach Schoa fluechtete, ermorden liess. Sie hiess _Judith_,
wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten
Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte spaeter wurde
die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause
Sague vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur
selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter
fuehrten. Elf Koenige soll das Haus Sague (Zagye) den Abessiniern geliefert
haben, die fuer das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der spaeter
heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen
ausgehauenen Kirchen, die aegyptische Werkmeister auffuehrten, beruehmt
geworden ist.

Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen
Invasion im 16. Jahrhundert zerstoert worden, doch haben sich einzelne
derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce
schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam noerdlich von den Quellen
des Takazzie, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v.
Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste duerfte aber
wol jene sein, welche der Missionaer Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe
Hauazien in der Provinz Tembien besuchte, als er gerade im Begriff war,
das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. "Obgleich
ich aus leicht erklaerlichen Gruenden nicht aufgelegt war, die Kirche dieses
Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre aeussere Form
anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der
zu dem Zwecke ausgehoehlt ist, kann aber, nach dem aeussern Umfange des
Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die aeussere
Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuss hoch und in der
mittleren Hoehe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden
Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuss breit sein; seine Tiefe aber von
vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem
Seitenfluegel des Kreuzes und ueber der Thuere eine Fensteroeffnung; alles
dieses in den Fels gehauen." Gewiss ist zu beklagen, dass Isenberg diese
interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es
scheint, er der einzige europaeische Reisende war, welcher sie zu Gesicht
bekam.

Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur
Zeit der Judenherrschaft nach Schoa gefluechteten letzten Prinzen der
salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In
Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sague. Als eigentlicher
Herrscher des Landes musste aber der maechtige Abuna oder Erzbischof _Tekla
Haimanot_ angesehen werden, heute noch der beruehmteste Heilige der
abessinischen Kirche und Gruender des grossen Klosters Debra Libanos in
Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten
Dynastie ermoeglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes
Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone
und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkoemmling der salomonischen
Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek's,
Platz zu machen.

Zum Entgelt fuer sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher
in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Koenigs bestellt und
dazu der Vorbehalt ausbedungen, dass fuer den Fall des Aussterbens der Linie
Menilek's die Krone an die Linie Nakwetolaab's zurueckgelange, ein
Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, dass es bis in die
juengste Zeit zurueckwirkt. - Von dieser Zeit an bietet die politische
Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar,
welche ihre Koenige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswaertige
Voelker unternahmen, waehrend die muhamedanische Macht an der Grenze sich
immer drohender entwickelte.

  [Illustration: Felsenkirche von Hauazien. Nach Isenberg.]

In dieser Noth fand eine naehere Verbindung zwischen Europa und Abessinien
statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der
roemisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt
worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem
aufstrebenden Glanze Portugals gehoert, und die Berichte derselben erregten
in Koenig _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem
abendlaendischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde
nach Lissabon geschickt, um dort vom Koenige Alphons Huelfe gegen die
Unglaeubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plaenen gegen
die Mauren Nordafrika's umging, kam der Wunsch Jakob's sehr gelegen,
obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht
entdeckt war; allein er konnte, ohne den maechtigen Papst gefragt zu haben,
auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als
erste Bedingung eines Buendnisses die unbedingte Unterwerfung der
getrennten aethiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen
Gesandten mussten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo
eine vorlaeufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im
folgenden Jahre erschienen neue Bevollmaechtigte auf dem lateranischen
Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu bestaetigen und dringend aufs neue um
Huelfe zu bitten. Diese jedoch verzoegerte sich und an ihre Stelle trat nach
langem Briefwechsel 1490 eine von Koenig Johann II. an Koenig Eskander von
Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den groessten
Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und
die Muhamedaner rueckten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527
wurde der Hafenplatz Massaua von den Tuerken eingenommen und von diesen mit
dem an der Kueste herrschenden Dankali-Koenige _Muhamed Granje_, dem
"Linkshaendigen", ein Buendniss abgeschlossen, welches den Zweck hatte,
Abessinien gaenzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den
Koran zu setzen. Granje, dessen Vaeter von den abessinischen Koenigen mit
dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und
fiel gleich einem reissenden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land
ein. Durch den gelben Sand der duerren Adalebenen und die gluehend heissen
Gestadelaender ziehend, stieg er hinauf in die kuehleren, gesegneten
Berglandschaften Schoa's, alles vor sich niederwerfend, sengend und
brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen;
nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Staedte, darunter der
Koenigssitz Axum, wurden niedergebrannt, die koenigliche Familie aus ihrer
Felsenburg Endoto verjagt und fluechtig von dannen getrieben. Damals war
es, dass die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum
ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren
ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die
Muhamedaner aber ergossen sich ueber das wehrlose Land, veruebten die
groessten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort
niederzulassen, als die laengst erwartete Huelfe aus Portugal eintraf.

Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des beruehmten Vasco da Gama, kam
mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400
wohlgeruesteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrie eilte, sie dort
mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun
muthig den Streitern des Islams entgegenfuehrte. Das erste groessere Gefecht
der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief ungluecklich. Da Gama wurde
verwundet und fluechtete in eine Hoehle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin
von ausserordentlicher Schoenheit, welche er als Dienerin mit sich fuehrte,
ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje gefuehrt, welcher ihm
eigenhaendig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel
gesandt wurde, waehrend die Stuecke des geviertheilten Koerpers nach
verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch
den Verlust ihres Feldherrn bestuerzt gemacht, rafften sich indessen von
neuem auf, schlugen die Muhamedaner, toedteten Muhamed Granje und setzten
den rechtmaessigen Koenig Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines
Thrones.

Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die
Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten,
traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunaechst verlangten sie den dritten
Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der aethiopischen Kirche
unter den roemischen Papst. Die Abessinier sahen ein, dass sie einen Feind
losgeworden, dafuer aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue
sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre
machen liess, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu beduerfen glaubte,
verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna
(Vorstand der aethiopischen Kirche) aus Alexandrien, waehrend er den
roemischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl
heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne
weiteres die Fruechte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine
Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter
dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren
vergeblich, indem Koenig Claudius selbst ueber Glaubenssachen mit Orviedo
disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze
abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem
Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan
versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einfluss gelangend, auch spaeter wieder,
wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden.
Von Indien aus versuchten es die Juenger Loyola's nun zu wiederholten
Malen, in Abessinien festen Fuss zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit
der Regierung des Koenigs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich
festzusetzen. Unter diesem Koenige, der ausserordentlich viel auf eine
Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die roemische
Kirche fuer die alleinseligmachende erklaert, die bisherigen abweichenden
Lehren und Gebraeuche abgeschafft und die Einfuehrung des roemischen
Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich
warnten den Koenig seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem
hundertjaehrigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten
nicht zu folgen und treu am Glauben der Vaeter festzuhalten. Wer nicht
wollte, musste gehorchen oder des koeniglichen Missfallens und schwerer
Strafen gewaertig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern liess das
Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um
die alte Religion zu vertheidigen. Der Koenig, durch die fanatischen
Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein
maechtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch
bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlasste
das Einstroemen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den
Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem groessten Eifer fuer
Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer
feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntniss fuer
abgeschafft erklaert und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der
neuen Ordnung nicht fuegte.

Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem
Fanatismus blieben nicht einmal die Graeber verschont. Einer der
vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefuegt hatte, starb
und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez
grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyaenen vor. Diese und
aehnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum
brach eine Empoerung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen
Vetter des Koenigs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche
Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung
zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez
gestattete, dass die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingefuehrt,
sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit
Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier
hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann
stark den Koeniglichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla
bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodass 8000 tapfere Maenner von
Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenueber
diesem Anblick, bei den verstuemmelten Koerpern ihrer dahingeopferten
Brueder, die fuer den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der
Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging - was wol
einzig in der Kriegsgeschichte dastehen duerfte - der Sieger zu dem
Besiegten ueber, dessen Sache zur seinigen machend und den Koenig Sosneos
zwingend, zur Religion der Vaeter zurueckzukehren. Nach diesem Siege, der
zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land,
welcher laut verkuendigte: "Hoert, hoert! Frueher haben wir euch den roemischen
Glauben empfohlen, in der Meinung, dass er der wahre sei. Da aber grosse
Scharen unserer Unterthanen fuer den alten Glauben ihrer Vaeter das Leben
geopfert haben, so soll auch die freie Ausuebung desselben wieder gestattet
sein. Eure Priester moegen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin
dem Gott ihrer Vaeter dienen."

Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd stroemten
die Abessinier in die alten Gotteshaeuser, und als im Jahre 1632, nach dem
Tode des Koenigs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren
auch die Stunden der Jesuitenvaeter gezaehlt. Sie wurden zunaechst in das
Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, fluechteten aber von hier vor den
Verfolgungen des Poebels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin
in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien
den hoechsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der
Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten ueber das Land nicht ohne Einfluss
in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil
des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugefuehrt.

In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Koenige, mehr oder minder
kraeftig, die aber alle nicht hindern konnten, dass die Macht der Haeuptlinge
wuchs, die Herrscherwuerde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich
unaufhaltsam in seine Theile aufloeste, sodass allmaelig die drei Staaten
_Amhara_ in der Mitte, _Tigrie_ im Norden, _Schoa_ im Sueden sich unter
eigenen Fuersten herausbildeten, die den ohnmaechtigen Koenig im Palaste zu
Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter Koenig _Joas_ (1753-1769)
hatte der Statthalter von Tigrie, der furchtbare _Ras Michael_, als eine
Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen
lassen und dessen bejahrten Grossoheim, Johannes, gleich einer Puppe auf
den Thron erhoben, und als dieser fuenf Monate spaeter starb, dessen jungen
Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns
Bruce mit grosser Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines
der blutigsten Blaetter in der Geschichte Abessiniens.

  [Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.]

Sturz und Erhebung, Buergerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die
Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Haeuptlinge, der ermordeten
Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten
sich die abessinischen Haeuptlinge gegenseitig zu ueberlisten, wobei ihnen
meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglueckliche
Land fortwaehrenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur
Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des
Reiches gefuehrt wurden. Durch so viele Veraenderungen und durch die
bestaendigen Buergerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen,
dass das Koenigthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Koenigs zu Gondar
thatsaechlich bestand, ausserhalb desselben aber so wenig, dass die meisten
der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers
kannten_. Die Existenz des Koenigs war nur eine Aegide fuer den _Ras_ oder
Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Koenigs auf seinen
Thron und durch Beschuetzung desselben seine eigene Wuerde erhielt, sonst
aber ganz nach seinem eigenen und seiner Grossen Gutduenken schaltete. Unter
ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren
Wuerde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhaengigkeit zu erstreben
suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei
militaerischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Huelfe zu
eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein buergerlicher Rang im
abessinischen Staatskoerper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im
Heere, d. h. im koeniglichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde.

Vorzueglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemasst,
Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen missfaelligen Thronbesitzer zur
Abdankung zu zwingen. Da sie ueberdies noch die Tributzahlungen
einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Koenige so herabgewuerdigt,
dass sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf
dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste fuer einen Herrscher
Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen
Koenigswuerde eine rechte Vorstellung machen zu koennen, sei hier bemerkt,
dass seit dem Abdanken des Koenigs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre
1833 vierzehn verschiedene Fuersten zweiundzwanzigmal als Koenige in Gondar
auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstueck hierzu finden wir allerdings
in den sogenannten Republiken Suedamerika's, wo der Praesidentenstuhl nicht
minder haeufig wechselt.

Nachdem der erwaehnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta,
_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war,
bemaechtigte sich der Befehlshaber von Tembien, _Kefla Jesus_, der Provinz
Tigrie. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum moeglichst zu
befestigen, seinen Verbuendeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen
Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen sass, aus der
Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den
Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus
bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge
nach Tigrie, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu
ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, ueber. Jener
wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben
gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode ueber Tigrie herrschte
und seinen Sohn _Ras Walda Selassie_ zum Nachfolger erhielt; dieser Fuerst,
welcher aus den Erzaehlungen der englischen Reisenden Salt und Pearce
bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestoert, bis zum Mai
1816 ueber Tigrie; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem
hoechst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Haeuptlinge
nacheinander um die Obergewalt kaempften. Im Jahre 1822 gelang es
_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agamie, sich in der Obergewalt zu
befestigen und ueber acht Jahre lang in Tigrie zu regieren. Er soll damals
den kuehnen Gedanken gefasst haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien
zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche
Europaeer veranlasst wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner
Vorgaenger und erhielt in _Ubie_, einem talentvollen, kuehnen und grausamen
Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubie war der
Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz
Semien; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen
aufstrebende Macht er fuerchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria,
dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rueckte nun Ubie an
den Takazzie, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater
Sabagadis vollstaendig und liess ihn am folgenden Tage hinrichten. Waehrend
nun Ubie von den Grossen zu Axum als Herr Tigrie's ausgerufen wurde,
kaempfte der aeltere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch
ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getoedtet, und auch der zweite Sohn,
Kassai, musste sich Ubie ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern
versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knuepfen,
schenkte ihm Ubie im Spaetjahre 1836 seine siebenjaehrige Tochter zur Frau,
sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembien zur Mitgift und liess sich dabei
alle Hauptanhaenger Kassai's nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als
darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubie mit einer bedeutenden Armee
gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine
Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und
erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia's, eines maechtigen
Fuersten in Ost-Tigrie, der zeitweise die Abwesenheit Ubie's zu raschen
Verheerungs- und Raubzuegen bis nach Adoa und zum Takazzie benutzte. Im
Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubie und wurde von
demselben mit Laendereien belehnt.

Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht
minder gewaltig, doch mit weniger Glueck, _Ras Ali_, welcher die ganze
Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den Koenig oder Kaiser _Saglu
Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrueckte, als dieses bisher mit
den Herrschern geschehen war. Fuer seinen Lebensunterhalt waren diesem
Herrscher ueber Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jaehrlich
geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art
Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem
Betrage einiger wenigen zufaellig eingehenden Strafgelder musste die ganze
Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende grosse finanzielle
Bedraengniss, bei welcher der Titularkoenig des Reiches kaum die noethigsten
Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu
Denghel auf den Gedanken brachte, dass, da in Abessinien der Herrscher
zugleich als das hoechste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch
das Recht haben muesse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in
gluecklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe
zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise
zurueckzuverlangen. Er erklaerte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in
Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus
gegen sich auf - also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein Koenig von
Italien die Kirchengueter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm
Erfolge. Dass Soldaten sich der Einkuenfte vieler Kirchengueter bemeisterten,
hatte man freilich geschehen lassen muessen, weil es nicht verhindert
werden konnte; aber in die Schmaelerung der kirchlichen Revenuen als etwas
Gesetzliches von freien Stuecken einzuwilligen, dazu war die abessinische
Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa's.
Saemmtliche Geistliche von Gondar verfuegten sich also zum Kaiser und
protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die
Kirchen zu schliessen und jegliche geistliche Funktion einzustellen,
worueber besonders die alten Frauen in Bestuerzung geriethen. Am 19. Januar
1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum
Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu
Denghel die Koenigswuerde zu nehmen, weil er sich derselben durch die
Einfuehrung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche
bestehenden Verhaeltnisse unwuerdig gemacht habe. Solche Versuche, fuegten
sie hinzu, wuerden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen
und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen
Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von
Rueppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen,
kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die
Rede, wo beim Streite ueber die Aufhebung des Konkordates der Klerus der
Regierung gegenueber die naemliche Sprache, die naemlichen Argumente
gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen
unserer Erde.

Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte
sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, dass der Koenig
augenblicklich das Schloss verlasse und die Krone niederlege, fuer welche er
bei seiner Rueckkehr von einem Kriegszuge einen Wuerdigeren ernennen werde,
und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge
geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel's nach einer
Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die
Protektoren mit dem "Koenige" um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher
ein kleines Dorf in der Naehe des Tanasees als zukuenftigen Wohnsitz und die
geringen Einkuenfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit
blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Koenige sind auch nur von
chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und
das Land in der That aus drei gaenzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter
Koenig Sahela Selassie, Amhara unter Ras Ali und Tigrie unter Ubie bestand.
Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese
drei Theilfuersten zu erwaehnen, von welchen namentlich der erstere und der
letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den
Europaeern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden
aufgesucht wurden. Ubie, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rueppell's
Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Groesse; in der Kopfform
und Koerperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schoenen
lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war
gelbbraun; sein schoengelocktes Haar kurz verschnitten. Man ruehmte ihm
Tapferkeit, Grossmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. "Die
Art, wie er den Frieden in Tigrie herzustellen und zu befestigen suchte,"
sagt Rueppell, "giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen,
wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen." Auch mit Huelfe
der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit
vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als
Ubie im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba
Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen liess. Er hatte
schon laengst darauf gesonnen, Ras Ali zu stuerzen und durch Einsetzung
eines neuen Koenigs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder
Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu
erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einfluss auf die Kirche seine Macht
verstaerken und wol auch den neuen Koenig salben, zu welchem der Prinz Tekla
Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb.

Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubie noch Ras Ali, sollte auf den
alten Thron Abessiniens gelangen, - die Herrschaft fiel einem dritten zu,
der, vom Gluecke beguenstigt, mit Thatkraft ausgeruestet, wenigstens
zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem
das Land zerfleischte und Rueppell die Worte abdraengte: "Ich muss gestehen,
dass bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der
geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation
leuchtet und dass der vollkommene Mangel einer kraeftigen Regierung das
Haupthinderniss dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da
gegenwaertig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung
einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen
Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden.
Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische
Aufloesung des Landes und dreht sich blos um die Haeuptlinge, welche in den
verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhaengigen Staaten,
sich zu unumschraenkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kuehnheit ihre
Nebenbuhler verdraengten und dann meistens selber wieder durch
Treulosigkeit ihrer Verbuendeten gestuerzt wurden. So herrschen denn
fortwaehrend Buergerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben,
als einen durch Versprechungen und Eidschwuere eingeschlaeferten Gegner zu
verdraengen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen
Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszupluendern. Die nothwendige
Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat
beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr
vernachlaessigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der
Verkehr ist wegen der grossen Unsicherheit oft ganz unterbrochen."

Rueppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch
Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen
Landes und Volkes, das nach Erloesung aus diesen Uebeln jammerte, war bis
dahin und ist auch noch heute derselbe.

Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien.
Nach der Tradition sollte ein Koenig _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande
den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im
15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird
er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich
des ewigen Friedens in Aethiopien einzufuehren. An der Spitze seiner
Scharen wird er das heilige Grabmal den Haenden der Unglaeubigen entreissen,
die Tuerken aus Europa in ihre urspruengliche asiatische Wildniss
zuruecktreiben, Mekka und Medina zerstoeren und die ganze muhamedanische
Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und
Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu
Glanz und unerhoerter Bluete entfalten wird. - -

Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb
aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder
in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie.

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Ueber die Verfassung Abessiniens koennen wir kurz berichten. Der Herrscher
(Kaiser oder Koenig) fuehrt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za
Aitiopija_, d. h. Koenig der Koenige von Aethiopien. Die Residenz war in der
aelteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte
salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet
in Schoa, spaeter zu Gondar, wenn auch das ehrwuerdige Axum noch immer
Kroenungsort blieb. Allein der duestere Palast, den die Jesuiten zur Zeit
des Koenigs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern
nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und
dort ihre Einkuenfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen,
waehrend sie die Zoelle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen
ueberliessen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte
nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben
einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Koenige auch
fortwaehrend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That
unumschraenkt, und nur ueber gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und
geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen.
Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des koeniglichen
Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brueder des Herrschers bis
ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefaengnissen gehalten wurden, um
keine Intriguen anzetteln zu koennen. Ein besonderes Ministerium gab es
nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsaemter. Welche Rolle die
Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie
gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Koenigsmacht setzten, wurde
bereits gezeigt.

Naechst dem Ras war frueher der maechtigste Gouverneur der von Tigrie, der
den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hueter der
Bundeslade in Axum fuehrte. Der hoechste Wuerdentraeger ist gegenwaertig der
Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das
Wort bedeutet eigentlich einen, "der an der Thuere kaempft", um anzudeuten,
dass im koeniglichen Heerlager dieser Wuerdentraeger mit seinen Truppen die
Stelle vor der Thuere des koeniglichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde
des Herrschers anschliesst. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_,
der Fuehrer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere
rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder,
wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Wuerdentraeger
sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des koeniglichen
Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen
kriegerischen Wuerden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl
gelehrter Maenner, Lik geheissen, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten
und mit deren Huelfe schwierige Faelle entschieden wurden. Die Justiz war
von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_,
d. h. Richtschnur der Koenige, umfasste das weltliche und kanonische Recht.

  [Illustration: Koenig Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.]

Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu
derjenigen der europaeischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung
stehen wuerde, waere das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem
Christenthum verdankt es das Interesse, welches fuer dasselbe stets im
Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und
Missionaere nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten liess, um
uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschoenheiten, seinen Bewohnern
und deren Religion zu bringen.

Sehen wir ab von der schon erwaehnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_,
eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die
Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er
in seiner "_Topographia christiana_" veroeffentlichte, so treffen wir
zunaechst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_
(15. Jahrhundert) auf ein Gemaelde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht
blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluss des Nil, den Takazzie,
unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralfoermig
gekruemmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai
bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre
(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor.
Auch die Kuestenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In
die Naehe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt
Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi
(Hawasch), in dessen Naehe er die Stadt Haerraer setzt.

Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr
mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hoeren wir auch von
Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu
Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa's aufmerksam, wie nuetzlich
ein Buendniss mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem
Kreuzzuge gegen Aegypten sein muesste. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts
wurde auch auf die abessinischen Koenige der Titel des _Erzpriesters
Johannes_ uebertragen und die Kunde von einem angeblich maechtigen
Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge ploetzlich
nach den Alpenlaendern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser
Erzpriester erreichten nicht blos die roemische Kurie, sondern auch andere
europaeische Hoefe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf
den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich
dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen
antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit
das "dritte Indien" nannten, das aeusserste Ziel, welches sie anfaenglich ins
Auge fassten und auf dem Wege des fabelhaften "Goldflusses", der ganz
Afrika der Quere nach durchstroemen sollte, zu erreichen hofften.

Spaeter, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen
sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und
gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier.
Dort erreichten sie also das urspruengliche Ziel des Infanten Heinrich, des
Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer
maechtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein
beschraenktes, in ihren Augen aermliches Gebiet, rohe Bewohner und ein
verwahrlostes Christenthum.

Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemuehungen der
Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden
bereits oben erwaehnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionaere erhielt
man dann die erste ausfuehrliche Kunde von den Glaubensbruedern im Innern
Afrika's und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich
durch die Reise des _Alvarez_ (1520-1526) zu uns, der ganz Aethiopien
durchpilgerte und suedwaerts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte
Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen
kurzen Bericht ueber seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen;
ausfuehrlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_,
ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der
1640 nach Europa zurueckkehrte.

Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder
vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu
Frankfurt am Main ein glaenzendes literarisches Meisterstueck deutscher
Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf's_ (Ludolf's) klassische "_Historia
aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod
vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_", welcher noch mehrere Kommentare
und Anhaenge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die
Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhaeltnisse, die Literatur
Abessiniens werden darin ausfuehrlich behandelt. Grosse Huelfe bei der
Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen
_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von
Sachsen-Gotha weilte und dessen Portraet in dem Kommentar mitgetheilt ist.
Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der
Alterthuemer des Landes sind in einer fuer die damalige Zeit sehr treuen
Wiedergabe in den Werken Leutholf's enthalten, der uns auch die
Korrespondenz der abessinischen Koenige mit den Koenigen Spaniens, ein
Verzeichniss aethiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den
abessinischen Kalender u. s. w. uebermittelt hat und dessen Werk fast ein
Jahrhundert lang die vorzueglichste Quelle ueber Abessinien blieb. Kurz
darauf, nachdem Leutholf seine aethiopische Historie veroeffentlicht hatte,
durchzog 1698 der franzoesische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von
Sennar ausgehend, ueber Amhara und Tigrie bis Massaua gelangte. Gruendlicher
als alle seine Vorgaenger foerderte aber 70 Jahre spaeter, durch Leutholf's
Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniss des Landes
durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue
astronomische Ortsbestimmungen.

  [Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen "_Historia
  aethiopica_".]

_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland,
wird fuer alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen
Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt
worden war, beschaeftigte er sich eifrig mit dem Studium der
morgenlaendischen Sprachen und machte von dort aus Reisen laengs der Kueste
des Mittelmeers, den Nil aufwaerts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra
in Asien, wo er die beruehmten Alterthuemer zeichnete. So vorbereitet trat
er im Jahre 1769 seine grosse Reise an, auf der er von Massaua unter grossen
Muehen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier
ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europaeischer Heilmittel
sowol bei Hofe als im Volke grosses Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in
alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren
Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb ueber drei Jahre in
Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Suedwesten des
Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise noerdlich durch
das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach
Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 gluecklich erreichte. Seine
Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fuenf Baenden erst
1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz
von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so
grosse Muehen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die
letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch ausserordentlich verbittert
worden. Als er sein umfangreiches Werk veroeffentlichte, fand das Publikum
darin eine solche Menge von ungewoehnlichen Nachrichten, Uebertreibungen
und Ungeheuerlichkeiten, dass man den Reisenden kurzweg fuer einen Luegner
erklaerte. Er wurde mit Zuschriften bestuermt, die weisen Kritiker
behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich ueber die
Angabe, dass die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genoessen,
nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausfuehrlich zurueckkommen. Man
nannte ihn Mr. Mendax, Herr Luegner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt,
wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu
sehen.

Drei Jahrzehnte waren seit Veroeffentlichung von Bruce's so oft
angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den
ersten Entschluss fasste, mit dem merkwuerdigen abessinischen Volke in
Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts
beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen
Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Kueste wissenschaftlich zu
untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten ueber Abessinien
einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit
diesem Lande anzuknuepfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten
fuer die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der
ostafrikanischen Kueste, sowie fuer die Belebung des indischen Handels
begleitet; jedoch hatte sie fuer Abessinien nicht den Erfolg, den sie haette
haben koennen, wenn die Unterhandlungen kraeftiger betrieben worden waeren.
Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Kueste, waehrend er seinen
wissenschaftlich gebildeten, tuechtigen Sekretaer _Henry Salt_ mit der
Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise ueber Massaua,
Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum
Koenige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassie
unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die
glaenzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg's III. von England
ueberreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu
ueberzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte
mit ausfuehrlichen Nachrichten ueber das Land und seine Bewohner und mit der
Ueberzeugung zurueck, dass sich hier England fuer die Erweiterung seines
Handels als auch der Kultur ein weites und guenstiges Feld eroeffne. Einer
von Salt's Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurueck. Dieser
ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt's
Goenner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite
Gesandtschaft unter Salt's eigener Fuehrerschaft. Diese hatte den Erfolg,
dass das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestaerkt und
durch Pearce's laengeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien
vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrie ein, welche
England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes
einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitaen _Harris_ nach Schoa ging und jene
politische Mission ausfuehrte, von welcher wir eine ausfuehrliche
Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem
dreibaendigen Werke "_The highlands of Aethiopia_" mittheilen.

Es konnte nicht fehlen, dass bei den merkwuerdigen Sagen, die ueber
Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die ueber dessen Volk und
Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der naeheren
Erschliessung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele,
wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eroeffneten zwei
der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G.
Ehrenberg_, welche schon frueher Nubien durchzogen hatten und nun, von der
preussischen Regierung unterstuetzt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua
aus durchwanderte Hemprich die Kuestengebirge, waehrend Ehrenberg nach den
heissen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurueckgekehrt, traf ihn der
harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber
erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der
Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen
entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und
Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war.

Die bedeutendste und ergebnissreichste Reise in Abessinien fuehrte nach
Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rueppell_, geboren 20. November 1794
zu Frankfurt a. M., aus. Reich beguetert und vortrefflich in
naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er
nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das
Petraeische Arabien 1823-1825 besucht und sich dann Abessinien als
Hauptziel seiner Forschungsthaetigkeit erkoren. Am 17. September 1831
landete er auf Massaua an der abessinischen Kueste, wo er den Rest des
Jahres und den naechsten Fruehling zu Ausfluegen in die Umgebung, nach
Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis
benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren
Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt
beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise gluecklich zurueckgelegt,
so verlief sie doch nicht ohne grosse Gefahren, denn in Tigrie, wo gerade
Ubie ans Ruder gelangt war, wuetheten noch die grausamsten Buergerkriege.
Fuer diesen Herrscher hatte Rueppell ein sonderbares Geschenk, naemlich eine
schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Ruecken von
Maulthieren viel Muehe verursachte, aber mit grosser Freude angenommen
wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf
der Reise zu verschaffen, lieh Rueppell einem abessinischen Grosshaendler 600
Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapass auf Halai, die
abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepaeck in Massaua zur
Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen
tuerkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoss, fast das Leben
geraubt und die grosse, wohl vorbereitete Reise verhindert worden waere. Von
Halai wandte sich Rueppell in suedlicher Richtung nach Atigrat am Fusse des
hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reissenden Bergstroms
Takazzie und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, kuehn
geformten Alpen der Provinz Semien, wo er den fast 12,000 Fuss hohen Pass am
Selkiberge ueberschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben
Ericabueschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde
Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen
_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen
Einzug in die Koenigsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Koenigs Saglu
Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit
benutzte er zu einem Ausfluge in die heissfeuchte Niederung (Kolla) von
Workemeder und Ermetschoho, noerdlich von Gondar, wo seine Elephantenjaeger
reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang,
dessen Hoehe ueber dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fuss bestimmte.
Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der beruehmten _Bruecke
von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entstroemt.

Am 18. Mai 1833 brach Rueppell von Gondar auf, um ueber die alte
Kroenungsstadt Axum, wo er eine wichtige altaethiopische Inschrift
entdeckte, und ueber Adoa, die Hauptstadt Tigrie's, wieder nach Massaua
zurueckzukehren, das er am 29. Juni gluecklich erreichte. Seine Ausbeute,
die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn
nicht nur hatte er viele Orts- und Hoehenbestimmungen vorgenommen, die der
Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepraege geben, sondern auch
archaeologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt,
vor allem aber die zoologische Kenntniss des Landes bereichert, wie seine
"Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehoerig" und seine "Uebersicht
der Voegel Nordostafrika's" beweisen.

  [Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit,
  im Vordergrunde Klippspringer.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Seine "Reise in Abyssinien" erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Fuer alle
seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu
Theil, dass ihm die Londoner geographische Gesellschaft die grosse goldene
Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt
Frankfurt, wofuer diese ihm eine lebenslaengliche Pension aussetzte.

Auf Rueppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrueder _Tamisier_ und
_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu
sammeln, des andern, sich fuer die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter
vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der
Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rueckkehr 1846 zu Paris vier starke
Baende ("_Voyage en Egypte, en Nubie etc._") einer sehr romantischen und
wenig glaubhaften Erzaehlung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veroeffentlicht.
Mit nicht viel mehr Glueck machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen
kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrie, kehrte jedoch bald wieder zurueck und
beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit
der gewissenhafte Rueppell gar manches auszusetzen hat. ("Reise in
Abyssinien im Jahre 1836". Stuttgart und Tuebingen 1838.)

Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals
der Hauptstadt Ubie's, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu
Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier,
fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach
Muenchen wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tuechtige
Ausbildung erlangt, trat er groessere Reisen nach dem Orient an; er
besuchte, vom wuerttembergischen Reiseverein unterstuetzt, Algerien,
Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er ueberall reiche
Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch
Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, ueber Massaua in die
abessinischen Hochlande, wo er bei Ubie in Adoa eine freundliche Aufnahme
fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein
Einfluss bei diesem Fuersten stieg immer mehr, sodass Schimper als
Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt
Antitscho in Tigrie zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die
rechte Hand Ubie's, als dessen Baumeister und Minister er sich
unentbehrlich zu machen wusste. Schimper war bereits frueher in Rom zum
Katholizismus uebergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de
Jacobis in Abessinien unterstuetzte, was er um so leichter mit Einfluss
auszufuehren wusste, als er mit einer Tochter des Landes sich vermaehlt
hatte. Auch begann er fuer Frankreich zu wirken, von wo aus er
Unterstuetzungsgelder bezog, um dafuer seine Sammlungen an den _Jardin des
plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubie's hatte Schimper
anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er spaeter bei Theodoros wieder
in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin ueber ihn: "Mein alter
Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und
zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fuenf bis sechs
Jahren ausschliesslich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zaehlt
jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte ruestige und bewegliche Mann,
voll unverwuestlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen
zu lernen das Vergnuegen hatte."

Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte
die franzoesische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein
gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten
verschiedener franzoesischer Abenteurer gestoert worden war. Leider waren
diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen
Maenner, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten
sie den europaeischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und
vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europaeischen Verkehr im Lande
schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach
Kairo zurueck, waehrend Dufey durch Schoa nach der Kueste des Rothen Meeres
ging und als der erste Europaeer die gefaehrliche Strasse von Ankober nach
Tadschurra zuruecklegte. Die Sendung dieser beiden Maenner wurde, da das
franzoesische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorlaeuferin einiger
andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus,
die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter
_Lefebvre's_, eine 1840 unter _Combes'_ Anfuehrung (welcher zum zweiten
male Abessinien besuchte) nach Tigrie und auch nach Amhara gegangen. Ubie,
der damals noch in Tigrie herrschte, behandelte namentlich Lefebvre sehr
veraechtlich, musterte die ihm vom Koenige Ludwig Philipp uebersandten
Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: "Nimm diesen Unrath in die
Schatzkammer hinueber." Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen
mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den
Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn
Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des
Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den franzoesischen
Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in
Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwaehnen ist, weil
sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen
durchkreuzte, indem Blodell ueber Sennar und Chartum nach Kairo
zurueckkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit
die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigrie, Semien und Amhara.

Combes war von Ubie gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen
Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrueder
_d'Abbadie_, von denen der eine Ubie beleidigt hatte durch seinen Antheil
an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d'Abbadie's wurden mit der
Drohung verwiesen, dass, wenn sie je wieder ihre Fuesse in Ubie's Gebiet
tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen wuerden. Ebenso mussten infolge
dieses Vorfalles Combes und Lefebvre das Land verlassen. Abgesehen von
ihren politischen Intriguen waren die Gebrueder Anton und Michael d'Abbadie
ausgezeichnete, mit tuechtigen Kenntnissen versehene und reich begueterte
Maenner, die nicht unwesentlich fuer die Erweiterung unserer Kunde
Abessiniens thaetig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf
die Verbreitung des Katholizismus und auf die Foerderung der Interessen
Frankreichs gewandt haben moegen. Nach langen Vorbereitungen und einigen
missglueckten Versuchen gelang es 1842 Anton d'Abbadie, ueber Tigrie in das
Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea's, Kaffa's
und des Quellgebiets des Uma beschaeftigte. Nach zehnjaehriger Abwesenheit
kehrten beide Brueder 1848 nach Frankreich zurueck, wo sie die Resultate
ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen veroeffentlichten.

Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen ueberhaupt
allmaelig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft
aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische
Missionaere wirkten im Interesse Grossbritanniens, katholische Sendboten und
franzoesische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, dass die
abessinischen Fuersten, welche die Plane bald durchschauten, misstrauisch
wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste
unter allen war wohl _Rochet d'Hericourt_, nach Isenberg's Bericht ein
franzoesischer Gluecksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als
Chemiker und Mineralog aufhielt und bestaendig mit dem Plane umging, nach
Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere
Versuche misslungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk,
indem er den deutschen Missionaeren nach Schoa folgte. Als er dort jedoch
nicht gleich zu grossen Reichthuemern gelangte, wurde er ungehalten und von
dem Koenige fuer halb verrueckt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch
wenden und Rochet zu grossem Ansehen gelangen. Da der Koenig, dessen erste
Frage an jeden ankommenden Europaeer gewoehnlich die war, was er verstehe,
Rochet's chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden,
Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in
seiner Achtung. Ausserdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen
heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien,
wurde er dem Koenige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die
Franzosen gewoehnlich thun, die steigende Gunst beim Koenige, sich politisch
maechtig zu machen, indem er Schoa dem franzoesischen Einflusse zu eroeffnen
und den Englaendern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem
Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurueckkehren wollte, bestimmte er den
Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den Koenig Ludwig Philipp von
Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung
zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen
suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionaere, namentlich
Krapf, zu verhindern, indem sie den Koenig bewogen, eine Botschaft nach
Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England
abzuschliessen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die
glaenzende Ambassade unter Kapitaen Harris.

Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung
seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden.
Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte ("_M. Rochet
d'Hericourt, Voyage sur la cote occidentale de la Mer Rouge, dans le pays
__d'Adel et le Royaume de Choa._" Paris 1841), kehrte er im Auftrage
seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach
Schoa zurueck. Kaum an der Kueste angelangt, wusste er es durchzusetzen, dass
der Koenig von Schoa befahl, keinen andern Europaeer, sei er Franzose oder
Englaender, ausser ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens.
Infolge dessen mussten denn die deutschen Missionaere Krapf, Isenberg und
Muehleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach
Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun
weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke
("_Second voyage_", Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten ueber Schoa.

Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniss
des Koenigs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete naemlich,
nur dann den Koenig heilen zu koennen, wenn er ein Praeparat von einem
ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen muesse.
Das nachtheiligste Licht auf Rochet's Wahrheitsliebe und Glaubwuerdigkeit
wirft indessen wol, was der deutsche Missionaer Ludwig Krapf ueber ihn
berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Koenigs
Sahela Selassie von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla
begriffen war. Man war in der Naehe der Quellen des Hawaschflusses, allein
beide Europaeer bekamen sie nicht zu Gesicht, waehrend Rochet sich in seinem
Reisewerke fuer deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den
noethigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. "Rochet" so
schreibt Krapf, "sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, dass wir angeben
muessten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm
erwiederte, dass dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er laechelnd:
Oh, wir muessen Philosophen sein." - So erlauben sich gewissenlose Reisende
Geographie zu machen oder vielmehr zu faelschen.

Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun
ungemein zu haeufen, sodass wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben
koennen.

Dr. _Beke_, frueher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London
nach Aden, unterstuetzt von den Freunden Afrika's, um in Schoa und den
angrenzenden Laendern Nachrichten ueber das Innere und besonders ueber den
geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Voelker einzusammeln. Gluecklich
kam er ueber Tadschurra in Ankober an, wo der Missionaer Krapf ihm Huelfe
leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Koenige manche
Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Spaeter, nach Ankunft der
englischen Gesandtschaft und von dieser unterstuetzt, reiste er nach
Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach
Antalo ziehend, Tigrie erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts
waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein
Augenmerk der politischen Rivalitaet der Franzosen und Englaender im Rothen
Meere, welche die grossen Fragen des Suezkanals und des ostindischen
Ueberlandwegs einschliesst und ueber welche er in seinem Werke "_The French
and the English in the Red Sea_" seine Ansichten niedergelegt hat.

  [Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemaelde im Besitze Sr. Hoheit
  des Herzogs von Anhalt.]

Mit Schimper's Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer
deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm
Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der
charakteristischen Illustrationen dieses Buches herruehrt, ward am 22.
Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner
Heimat, wo er noch immer den besten Ruf geniesst, wird er als ein Mann von
bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religioesem Charakter
geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten
technischen Dingen besass. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich
dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung laengere Zeit in
Muenchen auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft fuer
das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm spaeter sehr zu statten kam. Da
es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend
zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach
einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und
Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua
Anker. Durch den Tarantapass stieg er in das abessinische Hochland hinauf
und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von
seiner Ankunft in Kenntniss setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn
zurueckweisenden Antwort beschloss er dennoch, nach Antitscho, Schimper's
Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwuestet
wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er
gluecklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als
Gehuelfe Schimper's bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten
durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er
endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubie vorrueckte, von diesem
Laendereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr
Eskie in Semien zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor
II. vom Abuna zum Herrscher ueber Gesammt-Abessinien gekroent wurde. In
Ubie's Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch
verheirathete ihn dieser Fuerst mit einem schoenen Gallamaedchen. In der
grossen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubie
von dem Emporkoemmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die
Artillerie des ersteren. Als alles fuer Ubie verloren war, trat Zander in
die Dienste Theodor's und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora
im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Koenigs zu hueten
hatte. Dieser, der den tuechtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen
Mann zu schaetzen wusste, machte ihn zu seinem Vertrauten und hoechsten
militaerischen Wuerdentraeger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der
Seite Theodor's. Seine werthvollen Arbeiten ueber Abessinien, die uns in
vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eroeffnen, sind in dem vorliegenden
Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeitraege zur
besondern Zierde.

  [Illustration: Werner Munzinger.]

In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europaeischen Reisenden
durchschwaermt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch
die geographisch nicht unwichtigen Zuege des italienischen Moenches
_Giuseppe Sapeto_ durch die noerdlichen Grenzlaender der Mensa, Bogos und
Habab. Begleitet von den Bruedern d'Abbadie landete er im Jahre 1838 in
Massaua und erreichte am 3. Maerz desselben Jahres Adoa. Er wusste sich bei
Ubie in Gunst zu setzen und gruendete zu Adoa nach Vertreibung der
protestantischen Geistlichen (siehe darueber weiter unten) eine katholische
Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fuenfjaehrigem Aufenthalt - wie
Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens - durch Krankheit genoethigt,
nach Aegypten zurueckzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach
Massaua, indem er laengs der Westkueste des Rothen Meeres hinaufreiste und
nun mit dem Missionaer Stella in die Laender der Bogos, Mensa und Habab
vordrang, ueber die wir einen ausfuehrlichen Bericht mittheilen werden. Es
war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum
den Namen der Habab, und die andern beiden Voelker existirten bis dahin fuer
uns nicht. Sapeto's Werk erschien erst 1857 zu Rom und fuehrt den Titel:
"_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_."

Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugaengigkeit dann
haeufig das Ziel europaeischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau
bekannt wie ein Land Europa's. Am 13. Juli 1857 brach ein oesterreichischer
Loewenjaeger, _Graf Ludwig Thuerheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die
katholischen Missionaere sich niedergelassen hatten, und gelangte gluecklich
durch Barka und Taka nach Chartum.

Die vorzueglichsten Nachrichten ueber jene Laender, werthvolle, bleibende
Schaetze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer
_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu
Olten geboren. Er studirte in Bern und Muenchen Geschichte,
Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren
vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im
Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort spaeter in
ein Handelsgeschaeft, unternahm dann 1854 eine kaufmaennische Reise nach dem
Rothen Meere und benutzte die guenstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach
den Bogoslaendern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen,
und er fuehrte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit
Saemereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann laengere Zeit
gewohnt hat. Dort verfasste er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes
Werk "Ueber die Sitten und das Recht der Bogos", dessen Vorrede aus Keren
vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen,
trieb dabei auch Handelsgeschaefte und machte sich bei dem Volke so
beliebt, dass er oft das Richteramt ausuebte und mit Regierungsgeschaeften
betraut wurde. Er fand aber auch Musse zur Ausarbeitung seiner Studien und
schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern
uebersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche
Arbeit ueber die Bogos war jedoch nur die Vorlaeuferin eines groesseren
Werkes: "Ostafrikanische Studien" (Schaffhausen 1864), in welchem auch das
Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhaeltnisse
in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir
spaeter zurueck; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von
Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im
Jahre 1862.

Nicht unerwaehnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionaere,
namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, fuer unsere Kenntniss Abessiniens gethan
haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die
gebuehrende Wuerdigung erhaelt, waehrend die Reise des vortrefflichen
Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des
Koenigs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europaeern, in einem
besondern Kapitel besprochen wird.

Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil
derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in
Dschama-Gala vordrang, als wuerdiger Schluss dieser Aufzaehlung der Reisen in
Abessinien, ihre Erwaehnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das
Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus
Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, dass ihn der Sultan von Wadai zu
Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August
Petermann in Gotha ein Comite zusammen, welches in ganz Deutschland
Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der
Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker
beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in
Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher
Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den
Gegenden am oberen Weissen Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner
Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschliessen sollte.

  [Illustration: Theodor von Heuglin]

Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart,
geboren den 20. Maerz 1824 zu Hirschlanden in Wuerttemberg, unternahm
bereits im Jahre 1850 eine Reise laengs dem Rothen Meere, durchzog dann
1853 mit dem oesterreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen
bedeutenden Theil Abessiniens, worueber er in seinen "Reisen in
Nordostafrika" (Gotha 1857) berichtete. Er wurde oesterreichischer Konsul
in Chartum, erforschte die Somalikueste, sowie abermals das Rothe Meer, und
trat schliesslich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glueck zu
wuenschen hatte, einen so umsichtigen, thaetigen und mit den Verhaeltnissen
des Landes vertrauten Fuehrer zu erhalten.

Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder gluecklich in Massaua, von wo sie
sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die grosse Reise
gehoerig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche
Sommerregenzeit zu Ende war, ruestete man sich zum Aufbruch, zog durch die
bergige Provinz Hamasien und trennte sich zu Mai Scheka in Serawie.
Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November laengs dem
Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten ueber Eduard Vogel einzuziehen,
waehrend Heuglin und Steudner einen hoechst beschwerlichen, an Abenteuern,
aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Sueden unternahmen, der sie bis ins
Gallaland und das Feldlager des Koenigs Theodoros II. fuehrte. Die Reisenden
besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen
Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzie, ueberstiegen die
Alpen von Semien und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar
ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu
duerfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl
ertheilt, die Reisenden vor sich zu fuehren. Geleitet von deutschen
Missionaeren begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, ueber Gafat
und Magdala, das 15,000 Fuss hohe Kollogebirge durchziehend, in das
Feldlager des Koenigs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang
war ein ausserordentlich gnaediger, und reich beschenkt durften die
Reisenden am 25. April den Rueckweg antreten, auf welchem sie das 13,000
Fuss hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze
erreichten und ueber Meteme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen
Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die grossen Reisen
Heuglin's und Steudner's auf dem Weissen Nil und dem Gazellenfluss in
Gemeinschaft mit den Damen Tinne, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10.
April 1863 dem Klimafieber erlag, gehoeren nicht hierher. Ausser in
geographischer Beziehung war das Ergebniss der deutschen Expedition, welche
allerdings das urspruengliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel's, aus den
Augen verlor, namentlich fuer die Botanik und Zoologie von grossem Werthe.
Nachdem die Berichte derselben einzeln in den "Geographischen
Mittheilungen" und der Berliner "Zeitschrift fuer Erdkunde" erfolgt, fasste
sie Heuglin nochmals in seiner "Reise nach Abessinien" (Jena 1868)
zusammen.





  [Illustration: Debra Damo in Tigrie. Nach einer Originalzeichnung von
  Zander.]





                 DAS LAND, SEINE PFLANZEN- UND THIERWELT.


        Begrenzung. - Das Hochland. - Geologie Abessiniens. - Der
      versteinerte Wald. - Heisse Quellen. - Oberflaechengestaltung. -
     Natuerliche Felsenfestungen. - Die Alpen Semiens. - Charakter der
     Fluesse. - Ihr Anschwellen. - Ursachen der Nilueberschwemmungen. -
       Der Tanasee und der Abai. - Klimatische Verhaeltnisse. - Die
     Vegetationsguertel. - Kola. - Woina Deka. - Deka. - Die niederen
     Thiere. - Voegel. - Saeugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung,
                                  Jagd.


Am suedlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade
abstuerzend, aber langsam und allmaelig gegen Ost-Sudan sich abstufend,
liegt zwischen dem 16. und 8. Grade noerdlicher Breite das afrikanische
Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und gluehende
Sandwuesten aus, natuerliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die
ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von aussen zu schuetzen
scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den
Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der
heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam
durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein
Guertel von groesstentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion
bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Sueden
bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast
unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die
Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen,
von raeuberischen muhamedanischen Hirtenvoelkern bewohnten
Kuestenlandschaften, welche die Grenze ausmachen.

Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit
steilen Raendern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen
jaehen Rand muehsam erklommen hat, waehrend seine Fuesse von den scharfen
Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen
wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso
jaeh wie das erste, ebenso rauh und zerklueftet. Wie an ein zerstoertes
Titanenwerk erinnernd, draengen sich die Berge in den wunderbarsten Formen
durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertruemmerten Mauern, dort runde
Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestuerzte
Kegel, spitz wie Kirchthuerme, dort Saeulenreihen in Gestalt ungeheurer
Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der
Daemmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses
Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und oede, als es der
aeussere Anblick erwarten laesst. Obgleich sich seine Berge in weiten Flaechen
oft zu einer Hoehe von 10,000 Fuss erheben und ihre hoechsten, sich in die
Wolken verlierenden Gipfel ueber 15,000 Fuss hoch aufragen, birgt sich doch
in seinen Thaelern und Klueften manche Abwechselung, manche Landschaft voll
tropischer Fuelle.

Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einfoermig und zeigt
keineswegs grosse Abwechselung bezueglich der vorkommenden Formationen.
Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes
abgab, nimmt an, dass nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und
Hebungen des Landes stattfanden, dass dagegen partielle geologische
Oberflaechenveraenderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierueber in dem
erwaehnten Manuskripte: "Die Uroberflaeche des Landes war fast ueberall eben,
und nur hier und da wurde dieselbe von Huegelketten durchzogen, deren
hoechste Spitzen bis zu 6000 Fuss ueber dem Meere anstiegen. Die allgemein
herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen groesste
Maechtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuss betraegt und der oft von maechtigen
Basalten durchsetzt ist, so in den Laendern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir
70-100 Fuss maechtige Basalte antreffen.

"Diese "Uroberflaeche" Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende
vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklueftet, zerspalten; es entstanden
jene unzaehligen groesseren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch
eine Tiefe von 4000-5000 Fuss haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch
Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschuettet oder in sanfte
Thaeler umgewandelt wurden.

"Die _erste_ dieser grossen Umwaelzungen hob das Land allgemein, nur waren
ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald staerker, bald
schwaecher. Die hoechsten Hebungen fanden statt in Semien, Woggera,
Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, waehrend in
Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Naehe des
Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Laender stehen in einem innigen
Zusammenhange und zeigen durchweg den kraeftigsten Verlauf der Hebung von
Suedost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des
Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semien im Westen war ein
grosses Becken entstanden, das die heutigen Laender Hamasien, Tigrie und
Enderta umschloss. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein
grosser Suesswassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines
einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die
Grauwacke gelten muessen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der
ersten und zweiten vulkanischen Umwaelzung abgesetzt wurden. Neben diesen
Floetzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei
Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem
_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fuss ansteigender
Maechtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit
wechselt.

"Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwaelzung_ waren jenen der
ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der
heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die
niedrigsten in den Laendern Semien, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo.
Der grosse Suesswassersee im heutigen Tigrie verschwand, und sein horizontal
gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine
sanfte Schraegung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und ueberall
gleichmaessigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe
Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmaelig in westlicher Richtung
bis Semien und von da noch noerdlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die
Gesammtsenkung betraegt ungefaehr 2000 Fuss, denn die Eisenthone liegen an
der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der
Grenze von Wolkait und Semien dagegen nur 6000 Fuss hoch. So weit
ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig maechtig erscheint
seine Lagerung; denn waehrend es an der oestlichen Grenze nur einige Zoll
stark auftritt und im Innern Tigrie's, seinem Centrum, eine Maechtigkeit
von nahe an 12 Fuss erreicht, nimmt es am Fusse der Laender Semien, Woggera
und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuss Maechtigkeit ab.

"Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberflaeche
gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verlaeuft, dessen Maechtigkeit aber
von der Gestaltung der Urthonschiefer abhaengig ist, welche seine Unterlage
bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder
Grauwacke) durchziehen, zeigen einen aeusserst wilden und romantischen
Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung
verflossen, nicht zerstoert wurde.

"Auch durch die zweite gewaltsame Umwaelzung entstanden viele neue groessere
und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, grosse
_Lavastroeme_ auf die Oberflaeche des Landes ergossen, namentlich auf der
dem Rothen Meere zugekehrten Seite des oestlichen Gebirgsabfalles. Wenn der
Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlaegt, so bieten sich
seinem Auge am Fusse des Tarantagebirges und noch bis zur Haelfte an diesem
hinauf in Rissen und Spalten grosse Lavastroeme dar. So muendet ungefaehr zwei
Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapass) linker Hand ein Spalt in das
grosse Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuss hoher, gut erhaltener
Lavastrom herabstuerzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die
Felswaende noch hier und da mit Lava ueberzogen. Die hier stets herrschende
heisse trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser
Lavamassen besonders guenstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet
werden kann, wo fortwaehrend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung
der Laven beguenstigen. Im Innern fanden ueberhaupt auch weniger
Lavaergiessungen statt und sind deren Spuren ueberhaupt aeusserst selten.
Einen merkwuerdigen Lavaueberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand
ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasien.
Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Huegels, war fest auf den Trachyt
gelagert, 21/2-3 Fuss maechtig und bestand aus lauter Roehren von 1/2-11/2 Zoll
Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker
ausgefuellt waren."

So viel berichtet Zander ueber die geologischen Verhaeltnisse des Landes.
Zur weiteren Erlaeuterung fuegen wir hier noch Rueppell's kurze Bemerkungen
bei: "Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der
Kueste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von
imposanter Hoehe, welcher zehn Stunden landeinwaerts bereits
durchschnittlich 8-9000 Fuss ueber die Flaeche des Arabischen Busens
hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an
seiner oestlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Stroeme;
isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferflaeche des
Annesleygolfs bei Afte und Zula hervor und das von Salt beobachtete
Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis fuer die Verbreitung
einer frueheren vulkanischen Thaetigkeit laengs der ganzen Kueste hin.
Westlich von dieser Kuestengebirgskette bildet durchaus das naemliche
Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in
allen tief eingewuehlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation
ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau
ueberdeckt, das aber durch spaetere vulkanische Thaetigkeit auf eine
merkwuerdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils
verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst
der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirie,
durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und
erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, ueber dieselbe;
anderwaerts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese
Lavaergiessungen zusammenhaengende vulkanische Huegelzuege; stellenweise
endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze
Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile
Felswaende begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembien,
deren mittlere Erhebung ueber die Meeresflaeche auf sechstausend Fuss
anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einfoermigkeit in dem geognostischen
Charakter des ganzen oestlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere
Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide
und Kalkmergel bestehenden Hoehen, welche zu Sanafe (in Agamie) zu Tage
kommen und die ich ausserdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu
Agometen und Gantuftufie sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen,
welche theils als stark verwitterte kolossale Bloecke, theils als plumpe
Massen etwas suedlich von Amba Zion und unfern des Staedtchens Magab
sichtbar sind und die ich in Schirie, unter einem fast gleichen
Breitengrade, als die Seitenwaende der von dem Kamelo durchflossenen
Thalausfloetzung wiederfand."

Spaetere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere
geologische Gebilde angetroffen. So tertiaere Gesteine in Hamazien, und
nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk ueberall lose in der
Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als
Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette
Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr betraechtliche
_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im
Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere
mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders
hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer
Menge von _versteinerten Baumstaemmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge
und dem Beschlofluss durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und
zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gaenge von
Insektenlarven. Offenbar sind diese Staemme durch den Einfluss heisser,
kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf
den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor
Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der
sogenannte "versteinerte Wald" bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn
bildenden Staemme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach
ihrer jetzigen Lagerstaette gefuehrt und unter Verhaeltnissen begraben, die
ihre Konservirung zur Folge hatten.

Trotz der grossen vulkanischen Thaetigkeit, welche in Abessinien geherrscht,
zeigt keine der hoeheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz
unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Flaeche von Woggera
und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher
kraterfoermiger Vertiefung, welche sicherlich Spaetlinge der vulkanischen
Thaetigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte
Vulkanausbrueche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan
von Ed an der Danakilkueste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen
hatte. Auch fuehrt Rueppell nach den Landeschroniken einen heftigen
Aschenregen an, der fuer ganz Abessinien ein unerhoertes Ereigniss war.
Erdbeben sind dagegen ziemlich haeufig.

Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, dass
_heisse Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die beruehmtesten
Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Naehe Massaua's im
Kuestenlande und zu Filamba im noerdlichen Schoa. Letztere, fuenf an der
Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von
praechtigen Baeumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von
weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen.
Die heilkraeftigste dieser Quellen fuehrt den Namen Aragawi nach einem der
neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien
ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell "Heilige Dreieinigkeit",
dessen Temperatur 48 deg. C. betraegt. Die Zulassung zu den Baedern muss mit
einem Stueck Salz im Werthe von etwa 21/2 Groschen erkauft werden. Der
Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas.

_Oberflaechengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflaechengestaltung des
Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen
Meeres abstuerzend, nur durch wenige Paesse durchbrochen, zieht sich an der
ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich
durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuss ueber dem Meere erhebt. Westlich von
dieser treffen wir im Herzen Tigrie's auf theils isolirte, theils
zusammenhaengende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt
Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefasst werden. Alle die
vielen Gipfel derselben gehen wenig ueber 9000 Fuss hinauf; die meisten
erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuss. Der hoechste unter ihnen, der
Semajata im Osten Adoa's, steigt bis zu 9518 Fuss. Von diesem Systeme
verzweigt sich durch die Provinzen Agamie und Haramat eine andere Reihe
von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich
zuruecklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika's oder in den
malerischen Gebilden der Saechsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und
die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten
einer seltsamen Laune der Natur. Ihre hoechste Erhebung finden sie in dem
Tatsen oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanafe mit 10,242 Fuss.
Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht muede,
die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von
diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle uebrigen Berggestaltungen unsrer
Erde, die verschiedensten Bauformen - Rueppell spricht sogar von
aegyptischen Tempeln - werden angefuehrt, doch ist das geschriebene Wort nur
wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier
tritt der Griffel des Kuenstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen,
die wir gluecklicherweise in dieser Beziehung vorfuehren koennen, sind
vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden
Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil
Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubie's 1838 beruehrte, ist ganz
entzueckt ueber jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_
- so nennt man jene Bergformen - folgendermassen: "Wir gelangten in ein
Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen oestlichem
Ende auf der Spitze eines Granitfelsens - aus welchem ueberhaupt meistens
diese Berge bestehen - ueber einem Engpasse ein Kloster Namens Debra
Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen
dann ein wellenfoermiges Plateau, welches links von einer majestaetischen
von Norden nach Sueden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen
unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht
sich mit meist senkrechten maechtigen Waenden fuenf oder sechs Stunden weit
hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebaeude in kolossalster
Form und Vollendung.

  [Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard
  Zander.]

Die in regelmaessigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Saeulen,
womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den
Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensteraehnliche
Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr duenn
ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heisst _Amba Saneiti_. An seinem
suedlichen Ende steht ein grosser isolirter konischer Fels, der einer hoechst
kolossalen alten Ritterburg aehnlich ist.

Diese und aehnliche Berge, an welchen besonders Agamie so reich ist, dienen
haeufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugaenglich, und sehr
haeufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empoerern und ueberhaupt
kriegfuehrenden Haufen als _natuerliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst
Vorraethe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind
vertheidigen und leicht Ausfaelle auf ihn machen koennen." Prachtvoll ist
auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich suedlich von Atigrat in der
Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuss erhebt. Rueppell zog durch wiesenreiche
Gruende am 1. Juni 1832 an dieser maerchenhaften Felswand hin. "Die
Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes
Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuss ueber die Thalebene erhob und einen
ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist
Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden
(nach Sueden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und
stellenweise mehrere Fuss breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren
Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefuellt waren."

Von all den eben angefuehrten Gebirgen werden die noch hoeheren und
majestaetischeren Berge Semien's durch den Takazziestrom, eine der
Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem
hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzie in Tigrie ausdehnt, dem
Lande _Semien_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares
Panorama. Die Thaeler von Telemt und Semien liegen noch in Fruehnebel
eingehuellt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten
sich die obern Flaechen der Duenste horizontal und leicht vom Winde bewegt
ueber dem tiefen Bette des Takazzie und andern unzaehligen Rissen und
Thaelern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln
und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum
Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semien mit weit vorgeschobenen,
Tausende von Fuss senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus
vulkanischer Natur, aber laengs ihrer vom Takazzie bespuelten Basis findet
sich dieselbe Formation wie auf dem oestlichen Ufer dieses Stromes,
Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein ueberdeckt und vulkanische
Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die hoechsten Spitzen von
Semien reichen bis in die Eisregion und sind namentlich waehrend der
Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuss herab mit hagel- oder
firnartigem, sehr koernigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt,
und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschuetzten
Felsbaenken und in Schluchten fast das ganze Jahr ueber Eis, d. h.
gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen,
theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und
ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein.

In der Tigriesprache heisst der Schnee Berit. Bruce, welcher nur ueber die
niedrige Kette des Lamalmon in Semien gekommen war, glaubte nicht, dass
jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der
fruehesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas
Indikopleustes, und spaeter von den am besten unterrichteten Jesuiten,
welche in Abessinien reisten, erwaehnt wird. Rueppell fand im Juni das obere
Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung,
die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den ueppig gruenen
Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika hoechst Fremdartiges an sich
hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe
Gebirgskamm, welcher die Provinz Semien von Ostsuedost nach Westnordwest zu
begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermassen
ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter
Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe ueberragt,
kroent gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die
echte "afrikanische Schweiz", die unter die Tropen gerueckte Alpenwelt, wie
Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der
That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. "Unser
Marsch am 26. Juni", schreibt Rueppell, "brachte uns in eine Landschaft,
welche ganz den Charakter der schoeneren europaeischen Hochgebirgspartien
hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Hoehen mit Nebenthaelern
hervor, welche theils beholzt, theils mit einem gruenen Teppich der
schoensten Gerstensaat besaeet sind. Das Ganze aber umgiebt
amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel ueber
fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach
Suedwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit
Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der hoechsten der ganzen Kette.
Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den
Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmueckt eine ehrwuerdige
Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft
aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewoelbe des Himmels
tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwaertigt hier den
Charakter der Hochalpen Europa's, und es fehlten nur die malerisch
gelegenen Sennhuetten."

  [Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semien. Originalzeichnung
  von E. Zander.]

Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzie zustroemender
Gebirgsfluss, dessen Bett mit Felsbloecken gleichsam durchsaeet ist. An
seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fuss hohe _Dschinufra_, dessen
trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen
hier 3000 Fuss jaeh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten
Zweige von Sueden her einen imposanten Anblick gewaehren. Ueberreich ist
Semien an aehnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodass es schwer
haelt, aus der grossen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schoensten
auszuwaehlen, um sie dem Leser vorzufuehren. Da ist der _Awirr_, der sich
nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins
Takazziethal abfaellt, waehrend sich sein Westabhang ins Appenathal senkt;
ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil
des Totscha.

Unsere schwindelerregenden Alpenpaesse mit ihren grausigen Schluenden, sie
reichen in ihrer Gefaehrlichkeit nicht an die Berge Semiens hinan. Der Weg
windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgruenden
hin, sodass auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen
kann. An mehreren Stellen wuerde es sogar fuer Menschen unmoeglich sein,
vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf
kuenstlich angelegten Baumstaemmen ein Pfad geschaffen waere; aber auch dies
ist mit so wenig Geschick gemacht, dass man oft in grosser Lebensgefahr
schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gestraeuch, welches aus jedem
Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das
Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden
besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in
anschaulicher Weise geschildert. "Der Pfad, den kein Maulthier zu
erklimmen im Stande ist, fuehrt ueber zwei sehr enge, tiefe Schluchten
hinweg von einem Felsgrat zum andern, uebrigens haeufig durch ueppigen
Baumschlag und gruenes Gebuesch, an Quellen mit moosigem Gestein und
blumigen Rasenplaetzen hin, steiler und immer steiler aufwaerts. Ueber
schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Bruecke, links
erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund
wagt keiner, ehe er die verhaengnissvolle Passage hinter sich hat. An
steilen Gelaenden windet man sich immer hoeher, zuweilen ueber weite
Eisstrecken weg. Da scheint der hoechste senkrechte Abfall des Amba-Ras
wirklich jedes weitere Vordringen unmoeglich zu machen, doch es oeffnet sich
eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fuss Weite, wie in einem Schornstein
klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle moeglichen
Situationen uebergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit
wunden Koepfen, Haenden und Fuessen auf der Plattform zwischen Bachit und
Amba-Ras wieder zu Tage." So sind die Wege in Semien beschaffen und doch
haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende
Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der
angefuehrten Bergriesen Semiens, ausser denen wir hier noch den Walia-Kant,
den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen,
erreichen eine Hoehe von mehr als 14,000 Fuss ueber dem Meere und werden nur
noch durch das Kollogebirge in den Galalaendern uebertroffen.

Suedwestlich von Semien setzen sich die Gebirge in der _Hochflaeche von
Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer hoechsten
Ebene bis zu 9500 Fuss emporragt, sich allmaelig aber nach Suedosten
verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem
kesselfoermig von Hoehen umgebenen grossen Becken des _Tanasees_ abfaellt.
Woggera und alle Bergzuege in der Umgebung dieses grossen Binnensees
bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung
hoechst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft.
Von Gondar aus wendet sich, an die Abfaelle Woggera's anschliessend, ein
schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Suedosten, der die Verbindung
mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine groesste Hoehe
zwischen 9000 und 10,000 Fuss erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf
das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fuss). Die Gipfel
bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweisses, feldspathartiges
Gestein einschliessen; an einzelnen Stellen der Gehaenge sieht man Wacken
und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach
Sueden und Osten faellt er steiler ab und verlaeuft nach Westen nach und nach
gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schliessen sich wieder,
zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna
an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Laender Woadla,
Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet.

  [Illustration: Suedansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra,
  vom Hai aus gesehen.
  Originalzeichnung von Eduard Zander.]

Die Plateaux der zuerst genannten Laender steigen bis 9000 Fuss ueber das
Meer an, waehrend die hoechsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion
hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt
Abessiniens hoechstes Gebirge, die _Kollo_, bis ueber 15,000 Fuss an, und
auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf
10,000 Fuss hohe Gipfel.

Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuss hohen
Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuss ihre groesste
Erhebung findet. Endlich im Sueden steigen kuehn und malerisch wie die
Gebirge Semiens die Felsmassen von Schoa auf, die in der "Mutter der
Gnade", dem _Mamrat_ (13,000 Fuss), einen wuerdigen Abschluss finden.

_Fluesse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflaechen Abessiniens
werden von zahlreichen Baechen und Stroemen durchschnitten, die nach kurzem
Laufe auf dem Plateau ploetzlich in tiefeingeschnittene Thaeler fallen, in
welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fuss unter der
Flaeche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semien in
seinem ziemlich gleichfoermigen Rande eine Hoehe von 10,000 Fuss. Aber das
Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuss, das des
Takazzie an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuss ueber dem Meere. Die
groesseren Flussthaeler, z. B. des Takazzie und des Abai im Sueden, sind
ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fuenf deutschen
Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus
dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thaeler sind
ausserordentlich wild und unregelmaessig, im ganzen aber von ziemlich
uebereinstimmendem Charakter. Die obere Haelfte des Abfalls ist immer
ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Baenken von Lava,
Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenfoermig uebereinander
liegende Plateaux mit sanfteren Abfaellen, oft aus fest zusammengebackenen
Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend.
Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in
ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben
tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Waenden eingerissen. In
der trockenen Jahreszeit sind die Stroeme in diesen Thaelern theilweise ohne
Wasser, kaum schlammigen Baechen aehnlich; in der Regenzeit ueberfluten sie
das ganze Flachland. Da, wo die Fluesse das Flachland verlassen, bilden sie
meistens Katarakte von bedeutender Hoehe, und in solchen Wasserfaellen und
Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um
mehrere tausend Fuss.

Praechtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der
abessinischen Stroeme geschildert. Er fuehrt uns in die tiefe Thalschlucht,
in der es fast den ganzen Tag ueber dunkel ist, denn nur wenige
Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. "Hier wird
selbst der Vogel scheu und stumm und die am spaerlichen Wasser sich labende
Gazelle lauscht aengstlich auf bei jedem Geraeusch in der fluchtwehrenden
Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich
ins Freie draengenden Baches, selten gestoert von dem Geheul der an den
jaehen Abgrund sich klammernden Affen.

"Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt muede bettet
sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschoepft, selbst
diese finstern Gruende laden ihn zur Ruhe. Im heissesten Mittag wiegt er
sich in suesse Traeume; seiner harret das freundliche Heim - da droehnt es
dumpf im Hochgebirge; ein Schuss, ein zweiter, dann der schreckliche, den
ganzen Himmel durchrasende Donner.

"Doch fuerchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und
traeumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen,
wie wenn der Wind durch die Blaetter fuehre. Es wird lauter, gewaltiger, es
zischt, es prasselt, es toset, es bruellt, als wenn die boesen Geister
anfuehren - nun naht es, mauergleich, sich schaeumend und ueberstuerzend - _es
ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein maechtiger
Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stuerzt er wild und feurig
in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht
und die grasige Ebene wird von Schutt ueberrollt; das Wasser fuellt das
ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann!
Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Fluegel des Adlers, hast du die
Krallen des Affen, der ueber dir schwebend deiner Noth hoehnt? Bist du im
Bunde mit den Geistern, dass sie dich forttruegen? Hier ist sie nicht dein
Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige
Jahre her, dass ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen
Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem
ungeahnten Waldstrom ueberfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen,
Tausende von Ziegen wurden seine Beute."

Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfuellt er
andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rueppell war der
erste, welcher 1832 darauf hinwies, dass _diese Stroeme die Bildner des
fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilueberschwemmungen_
sind. "Die aufgeloesten vulkanischen Massen Abessiniens", sagt er, "sind,
indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Fluessen fortgefloesst werden,
die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom
laengs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljaehrlich absetzt. Bedenkt
man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes
in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfuellt ueber die Masse
der nach und nach durch die Verwitterung zerstoerten Vulkane Abessiniens."
(Reise in Abyssinien, II, 319.)

Erst volle dreissig Jahre spaeter widmete der Englaender Baker dieser
Thaetigkeit der abessinischen Stroeme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang
zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schliesslich fuer den
Entdecker der schon frueher von Rueppell aufgestellten Thatsache, die
allerdings von ihm in vielen Stuecken erlaeutert wurde. Der _Atbara_, der
_Takazzie_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der
_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die grossen Entwaesserungskanaele Abessiniens;
sie haben alle einen gleichfoermigen Lauf von Suedost nach Nordwest und
treffen den Hauptnil in zwei Muendungen, durch den Blauen Nil bei Chartum
und durch den Atbara.

Alle die genannten Stroeme gehoeren zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland
des Abai (Blauer Fluss, Bahr el Asrek) muss das Becken des _Tanasees_ (Zana,
Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten
Becken sammeln sich ungefaehr im Mittelpunkte von Amhara die meisten
Gewaesser von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshoehe
von 5732 Fuss einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesaeumt
von gruenen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in
Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in
elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfuenfzig Quadratstunden
einnimmt, war einst wol um die Haelfte groesser, aber im Laufe der
Jahrtausende haben die fortwaehrenden Schlammniederschlaege von zersetzter
Lava, welche die Gewaesser waehrend der Regenzeit von den vulkanischen Hoehen
abspuelen, eine wagerechte Bodenflaeche an vielen Stellen seiner Ufer
gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60
Fuss tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstuerzende Seitenwaende an
mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind,
rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See
hervor. Waehrend der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt
mit Wasser ausgefuellt, sondern der Strom ueberflutet dann auch eine
betraechtliche Strecke des suedlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten
vulkanischen Geroellen von kolossaler Groesse bedeckt ist. Hier woelbt sich
ueber ihn die _Bruecke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle
untereinander von ungleicher Groesse sind und von denen der noerdlichste,
ueber die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom
durchflossene, bei weitem der groesste von allen ist. Die Laenge der Bruecke
betraegt neunzig Schritt und ihre Breite fuenfzehn Fuss. Sie bildet in ihrer
Laengenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei noerdlichen
Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Woelbung der Bogen ist aus kleinen
behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte
der Bruecke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem
Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Truemmern
liegt. Von hier aus umfliesst der Blaue Nil in spiralfoermigem Laufe, sich
den Grenzen Schoa's naehernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl
und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehaelt bis
zu seiner Vereinigung mit dem Weissen Nil bei Chartum. Der Abai erhaelt noch
reichliche Zufluesse von Osten und Sueden her, namentlich den _Beschlo_ und
die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den
westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist
waehrend der trockenen Jahreszeit so klein, dass er nicht Wasser genug fuer
kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar
nach Chartum beschaeftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schoen hell,
und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem
wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Fluss Anlass gegeben. Es giebt
kein koestlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen
das des Weissen Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen
Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des
Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Fluesse; der eine, der
Blaue Nil, ist ein reissender Gebirgsstrom, der mit grosser Schnelligkeit
steigt und faellt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fliesst durch
ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden;
er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und waehrend
der starken Regen liefern seine Wasser einen maechtigen Beitrag erdigen
Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des
Nil in Unteraegypten.

  [Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semien. Nach
  Originalzeichnung von E. Zander.]

Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und
ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere
Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfuetzen
beschraenkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkroeten und Flusspferde
zusammendraengen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit
setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zustroemt. Die Regenzeit
beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind
die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Giessbach; Baeume
werden von den ueber ihre Ufer geschwollenen Bergstroemen entwurzelt, der
Atbara wird ein ungeheurer Fluss, der mit einer alles ueberwaeltigenden
Stroemung den ganzen Ablauf von fuenf grossen Fluessen (des Takazzie, Salam,
Dinder und Angrab nebst seiner eigenen urspruenglichen Wassermasse)
herabbringt. Seine Fluten sind getruebt vom Erdreich, das von den
fruchtbarsten Laendereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil
abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst grossen Baeumen und haeufig die
Leichen von Elephanten und Bueffeln werden von seinen schlammigen Wassern
in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern
wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.

Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluss Abessiniens
aufnehmen, ergiessen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in
den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weisse Nil einen betraechtlich
hohen, obwol nicht seinen hoechsten Stand, und der ploetzliche Wassersturz,
der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den
Weissen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die
jaehrliche Ueberschwemmung in Unteraegypten.

Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzie_ gelten,
wenngleich er nur ein Nebenfluss des Atbara ist. Er entspringt oestlich vom
Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den
Eingeborenen Ain (das Auge des) Takazzie heissen. Diese ergiessen sich in
einen Behaelter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache
herausfliesst. Der Strom, die grosse Scheide zwischen den Landen Amhara in
seinem Westen und Tigrie in seinem Osten, geht erst in noerdlicher Richtung
weiter und rauscht dann in schaeumenden Kaskaden an den Alpen Semien's am
Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Waenden eingefasstes Bett
wuehlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuss ueber dem Meere liegenden
Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht
eine heisse ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere
meiden diesen Aufenthalt, und nur die unfoermigen Koepfe der Nilpferde
erscheinen ueber dem Spiegel des in Stromschnellen ueber Kiesgrund
dahinschiessenden Flusses. Von Semien an nimmt der Takazzie eine westliche
Richtung an und tritt durch das heisse Land Wolkait auf aegyptisches Gebiet
ueber, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land
der Homranaraber und eine ueberaus wildreiche Gegend, das Paradies der
Jagdfreunde, waelzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem
Atbara zu. Als ein weiterer Zufluss desselben kann der in Hamasien
entspringende, die Provinz Serawie in einem Bogen umfliessende _Mareb_
betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der
aegyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhaelt und jenseit
Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.

Die Wasser der noerdlichen Grenzlaender Abessiniens endlich sammelt der
_Barka_, die er bei Tokar suedlich von Sauakin dem Rothen Meere zufuehrt.
Aber alle diese Fluesse, so grosse Gaben sie sonst fuer das Land sind,
verlieren dadurch bedeutend an Werth, dass sie nicht als
Kommunikationsmittel dienen koennen. Es fehlen die Stroeme, die sich
schiffbar in das Rothe Meer ergiessen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu
ersetzen, die allmaelig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Kueste
auslaufend, den Kameeltransport ermoeglichen. Mehr noch als das: die Fluesse
verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Bruecken baut der
Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten
zerfallen.

Schoa schliesslich, der suedliche Theil Abessiniens, sendet seine nach
Westen gehenden Stroeme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus
Gurague kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer
nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilkueste.

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_Klimatische Verhaeltnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meereskueste
bis zu 15,000 Fuss Hoehe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die
suedliche Hitze und nordische Kaelte vereinigend, bietet Abessinien auf
seinem verhaeltnissmaessig beschraenkten Raume alle Erscheinungen der
ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wueste bis zu jener der
Hochlande in seltener Fuelle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so
verschiedenen Hoehenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des
_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden
aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die
Vegetation ein Ende nimmt. Schliesst man die heissen Kuestenstriche, die
tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land
eingerissenen Thaeler, wie jenes des Takazzie, aus, so kann das Hochland
als ein klimatisch sehr beguenstigtes bezeichnet werden. Nach Rueppell sind
die taeglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang;
starke Stuerme sind eine grosse Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit
hat gar keinen nachtheiligen Einfluss auf die Gesundheit, ja waehrend dieser
Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen
zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewoehnlich
eine bewoelkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate
November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man
sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer
faellt und die Waerme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Hoehe des
Landes nichts weniger als drueckend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses
Klima zu demjenigen des groesseren Theils von Afrika, das so viele Opfer
fordert!

In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander's finden sich ueber den
Wechsel der Temperatur in Abessinien von den hoechsten Berggipfeln bis zu
den tiefsten Thaelern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuss,
folgende mittlere Werthe in Graden nach Reaumur angefuehrt. Zwischen 14,000
und 13,000 Fuss: frueh und Abends im Sommer + 1 bis 3 deg.; in den Wintermonaten
zu derselben Zeit - 3 bis - 6 deg.; des Mittags + 3 bis 4 deg..

Zwischen 13,000 und 12,000 Fuss: frueh und Nachts 0 deg. in den Wintermonaten;
im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3 deg.; Mittags + 5 bis 7 deg..

Zwischen 12,000 und 10,000 Fuss: Morgens und Nachts + 5 bis 7 deg.; Mittags 10
bis 12 deg..

Zwischen 10,000 und 8000 Fuss: Morgens und Abends + 7 bis 9 deg.; Mittags 12
bis 15 deg..

Zwischen 8000 und 6000 Fuss: frueh und Abends + 14 bis 18 deg.; Mittags 20 bis
23 deg..

Zwischen 5000 und 3000 Fuss: frueh und Abends + 24 bis 28 deg.; Mittags 30 bis
32 deg..

Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer
Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen
oder Vegetationsguertel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem
vermittelnden Gliede fuer beide, Woina-Deka genannt. Hiernach laesst sich,
wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander uebergehen, die
_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen.

_Die Kola._ Kola heisst das Tiefland unter 5500 Fuss. Seine Vegetation
zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, dass sie im
Allgemeinen zur heissen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region
gehoeren die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara,
das Takazzie-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. "Im September
und Oktober herrschen in diesen Flussthaelern aeusserst gefaehrliche, meist
todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Luefte verpestet, theils durch
die aeusserst ueppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils
durch die stagnirenden Gewaesser, die nach der Regenzeit in Lachen und
unzaehligen Vertiefungen ohne Abfluss verdunsten muessen und in denen sich
oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen
Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jaehrlich dieser
Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, dass
der Getreidewaechter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und
gesund gelegenes Heimatsdorf zurueckbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern
mittheilt, das sich nun von da ueber die naechsten Ortschaften weiter
verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, dass ganze Doerfer rein
aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Laendern faellt in die Monate
Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer
geheuer." (Zander's Manuskript.)

Gern meidet der Europaeer diese fieberschwangern Thaeler und Niederungen,
oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgaenglich beruehren muss, wie
z. B. das Takazziethal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in
die Kola eingedrungen, um dort laengere Zeit zu weilen; so Munzinger in
jene am Mareb, Rueppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar
aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Hoehe
von 8200 Fuss auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach
dem Atbara fliessenden Gewaesser trennt. Hier breitete sich vor seinen
Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet
durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff
aufgethuermte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene
Gegend erniedrigt sich allmaelig und wird von mehreren betraechtlichen
Gewaessern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den
Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait
durchschlaengelt und sich in den Salam (Nebenfluss des Atbara) ergiesst. In
der Thalniederung angelangt, marschirte er ueber eine wellenfoermige, mit
schoenen Baumgruppen bestandene Ebene, oft ueberragt von zehn Fuss hohem,
schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche
Herden furchtbarer Bueffel, kleine Familien von Elephanten, einige
menschenscheue Rhinozeros, blutduerstige Loewen und Leoparden, verschiedene
Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den grossen gemeinschaftlichen
Weideplaetzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten
Spuren von Elephantenfusstritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen
ihrer verderblichen Luft von den Menschen gaenzlich gemieden. Wenn waehrend
der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer ueppig
vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet
wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den
Luftzug und somit die Zertheilung der Duenste, und schon derjenige, welcher
nur durch die Landschaft fluechtigen Fusses dahineilt, wird vom boesartigen
Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner
Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermoegen. Die in Rede stehende Kola
schaetzt Rueppell auf 4700 Fuss Hoehe ueber dem Meeresspiegel.

Betrachten wir nun die einzelnen Repraesentanten der Pflanzenwelt in diesen
Niederungen und den sich ihnen anschliessenden bergigen Gegenden bis zur
Hoehe von 5500 Fuss. Aus dem heissen ungesunden Tieflande aufwaerts steigend,
gewahren wir grosse gewaltige Baeume nur in den Tiefen des Thales. Die Waende
sind zwar ueppig begruent, doch nur von kleinen Baeumen bestanden; namentlich
wuchert die _Akazie_ empor und nur an den guenstigsten Stellen treten
andere Baeume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die
_Tamarinden_ mit ihren blaugruenlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_
mit dem herrlichen Laubgewoelbe, aus welchem die grossen, wurstfoermigen, an
langen, elastischen Stielen haengenden Fruechte hervorschauen; der _Baobab_
(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schoenen Baeumen
geworden sind, und viele andere herrliche Gewaechse. Blumen aller Art,
Graeser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten
ohne Zahl bemaechtigen sich des von den Baeumen selbst nicht in Besitz
genommenen Erdreichs und verleihen den Waenden auf grosse Strecken hin
schmueckende Farben. Je hoeher man im Thale aufwaerts steigt, um so kraeftiger
und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuss ueber dem Meere
an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die praechtige
Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbaeume_ wesentlich
dazu bei, diesem Guertel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen
letztere an und fuer sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, dass
ihr Anblick unangenehm werden koennte. Ihr ungewisses Graugruen sticht
praechtig ab von den auf grosse Strecken hin durch die bluehende Aloe
rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blaettern und Blueten mancher
Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Baeume. Mit dem Wachholder
und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuss den
vorzueglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein
kleiner suedeuropaeischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche
Hoehe von sechzig bis achtzig Fuss und einen Durchmesser von vier Fuss. Die
erbsengrossen fleischlosen Fruechte werden nicht benutzt, dagegen liefert
der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T.
indica_) erreicht eine majestaetische Groesse, wird aber von den Eingeborenen
wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wuesten,
sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A.
eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbaeume von grosser
Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln koennen.
Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen
als Futter.

Eine sehr eigenthuemliche Erscheinung in der Kolaregion ist die
papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum
mit grossen ahornartigen Blaettern und kleinen rothen Bluetenbuescheln.
Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blassgruene glatte
Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in grossen papierduennen
Blaettern abloest. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher
Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhaertet und klare
Bernsteinfarbe annimmt.

Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites,
Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die
langfruechtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der
graublaetterige Uscher (_Calotropis procera_) ueberrascht durch seine
ballonartigen, mit atlasglaenzender Wolle gefuellten Fruechte.

Mehrere Euphorbia-Arten kommen in ausserordentlicher Groesse vor. Unter
denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schoene,
armleuchterartige, oft bis vierzig Fuss hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E.
abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der
zum Baum geworden ist, aber seine Regelmaessigkeit, sein eigenthuemliches
Wesen, die Fuelle seiner Blaetter, die gleichartige Verzweigung derselben
beibehalten hat.

  [Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde
  Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

  [Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen.
  Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelaende und verleiht der Landschaft
einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon
mancher erblindet, waehrend er andererseits als Arznei gegen
Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum
Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben
fabrizirt man Schiesspulver. Der Kolqual erreicht seine groesste Verbreitung
zwischen 4500 und 5000 Fuss Meereshoehe, allein er kommt selbst bis 11,000
Fuss Hoehe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein
Begleiter, der ihn aber bald verlaesst. Diese Feigenart, welche von den
Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen
Gallas in grosser Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit
maechtigem Laubdach ueber ihre Umgebung hervor. Rueppell sah ein Exemplar,
dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuss hatte. Andere Exemplare
von vielleicht tausendjaehrigem Alter und einer Groesse, dass eine ganze
Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepaeck in ihrem Schatten bequem
ruhen koennen, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man
Sykomoren, die, eine ganze Welt fuer sich bildend, so von
Schmarotzerpflanzen ueberdeckt sind, dass man nur Waende von diesen, selten
aber ein Stueckchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von
ihnen in Besitz genommenen Baeume in Lauben um, welche der Kunst jedes
Gaertners zu spotten scheinen.

Die Botaniker haben gezeigt, dass _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer
Unterabtheilungen ueber die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind.
Unter gleichen Umstaenden bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie
in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden
zu entdecken. Auch in den heisseren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man
sich, dass selbst die oedesten, aermsten Stellen des Gebirges begruent und
belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der
Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen
festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit
einer Art von Misstrauen betrachtet, namentlich die Gefaess-Kryptogamen,
welche den Zauberern ihre hauptsaechlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze
und Boviste werden fuer giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr
feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische
Pflanze, als eine wahre Landplage, die grosse Zerstoerungen unter den
Vorraethen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden
von den Baeumen herabhaengende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien
haeufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkraeutern_ finden wir
allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium,
Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris,
die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.

Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuss
hinaufreicht, fuehrt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die
hauptsaechlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte
besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rueppell noch
1832 eine grosse Menge Trauben zu aeusserst billigen Preisen auf dem Markte
bei der Kirche von Bada, suedlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt
etwa zehn Pfund derselben fuer ein Stueck Salz oder dritthalb Centner fuer
einen Maria-Theresia-Thaler. Die grossbeerigen, blauen und sehr suessen
Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit
uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam naemlich der Weinstock schon zur
Zeit der axumitischen Koenige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm
allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und
besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiss man nichts. Der groesste Theil
der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur
Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kraeftig ist. Durch Heuglin
wissen wir, dass im Beginn der fuenfziger Jahre diese Weinstoecke durch eine
Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.

Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen fuer diese Region hergab,
keineswegs als Charakterpflanze fuer die Woina-Deka gelten. Statt seiner
uebernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewaechse, die an Zahl, Ueppigkeit
und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola uebertreffen. Dahin
gehoert zunaechst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste
Bauholz liefert. Der Wanza wird ein grosser, starker Baum, dessen Stamm oft
vier Fuss im Durchmesser erreicht. Seine Fruechte stehen in Buescheln und
nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der
Geschmack derselben ist sehr suess und oft sind sie die einzige Nahrung der
Armen, wenn Hungersnoth eintritt.

Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt waehrend der
Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschaelten Blattrippen, die aehnlich
unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er waechst in Suempfen und an
Baechen, ist eine jaehrige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel
entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Bueschel kleiner Blueten
traegt. Auch die haeufig bis zu fuenf Fuss hoch werdende Nessel wird in der
Fastenzeit als Gemuese verspeist. An diese Pflanzen schliessen sich an die
reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen
fleischige Wurzel zum Rothfaerben der Butter benutzt wird. Als eine
Nutzpflanze dieser Region muss hier ein uns allen bekanntes Gewaechs
besonders hervorgehoben werden.

Nach der Tradition sollen die suedabessinischen Landschaften Enarea und
Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben
mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa
war der Anbau und Genuss des Kaffees untersagt, weil er das
Lieblingsgetraenk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die
Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza)
am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermassen
ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa
und Enarea dagegen waechst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen
Bewohner ihn als Lieblingsgetraenk betrachten und fast nur einen nominellen
Preis fuer ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es
zuzuschreiben, dass er von dort aus nicht ganz Europa ueberschwemmt und alle
uebrigen Sorten dort durch Guete und Billigkeit vom Markte verdraengt. Der
kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling ueber
der Erde, wird verpflanzt, bewaessert und mit Schafmist geduengt, um nach
sechs Jahren als erwachsenes Baeumchen waehrend der Monate Maerz und April
dreissig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem
vulkanischen Gestein, in geschuetzten Thallagen gedeiht der acht bis zehn
Fuss hohe, mit dunkelglaenzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene
Baum vortrefflich. Die dunkelgruenen Beeren werden zur Reifezeit roth und
umschliessen mit milchweissem Fleische die Samen. Nachdem sie geschuettelt
und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind
das Geschaeft des Reinigens von den duerren Schalen uebernimmt, das
gewoehnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch,
welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird
das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit
und Unsicherheit der Strassen, die nach dem Meere fuehren, und durch die
Abgaben, welche an alle kleinen Haeuptlinge im Danakillande gezahlt werden
muessen, ehe die Karawane die Seehaefen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was
den Geschmack des suedabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern
Kenner, dass er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch
vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich
wegen der Unsicherheit der Karawanenstrassen ist so leicht nicht daran zu
denken, dass Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen
Produkte auf unsern Maerkten verdraengen wird.

Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen
Bluetenschmuck ueberziehen, gelten als vorzuegliche Charakterpflanzen
Abessiniens. Aber nur die essbaren Arten werden kultivirt, da Ziergaerten
den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Waehrend die Spargelarten und
die Aloe trockene, wueste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen
_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren "Vogeleier"
genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schliessen
sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen,
hellgruenen Blaettern und schoengestalteten Bluetenaehren leuchtet aus den
gruenen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, waehrend unter den Spargeln der
kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwaehnung verdient, dessen in das Haar
des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, dass der Traeger ein wildes
Thier erfolgreich bekaempft hat.

_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsaechlichster
Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende
_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane
(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu
erwaehnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_
haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Kuestenlandschaften
des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer
Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und
Faecherpalme.

  [Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.]

Die Teich- oder Seerosen sind spaerlich vertreten; ebenso die
Aristolochien, von denen _A. bracteata_ gegen die Wunden vergifteter
Pfeile angewandt wird. Reichlich auftretend bilden die _Nadelhoelzer_ den
Stolz der abessinischen Waelder; in den noerdlichen Hochlanden gedeiht die
Cederfichte, waehrend weiter landeinwaerts schoene _Ded-_ oder
_Wachholderbaeume_ (_Juniperus excelsa_) die Kirchen und Friedhoefe mit
ihren duestern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem
Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuss hohen
Baeume, deren Stamm am Fussende vier bis fuenf Schuh im Durchmesser erreicht.
Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die
unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme ausgehen, sodass etwa
zwei Drittel desselben des gruenen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist
immer pyramidenfoermig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs
gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in
Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht
benutzt; mit den Zweigen schmueckt man jedoch die Leichen, bevor sie in die
Gruft gesenkt werden.

Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur
verhindert keineswegs die kraeftige Entwicklung der _Feigenarten_, die in
ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhoelzern bilden.
Der _Schoala_, eine Art von Banyane mit breiten, eifoermigen, zugespitzten
und gesaegten Blaettern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den
Hauptaesten sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuss, bei
einer Hoehe von 40 Fuss. Seine Wurzeln ragen ueber den Boden empor; doch
fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen
Raum einnimmt, steht er gewoehnlich allein oder am Rande der Waelder, in
seinem tiefen Schatten alle andern Gewaechse erdrueckend. Die braunen,
taubeneigrossen Fruechte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.

Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in
Gestalt und Farbe den hoechsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat,
fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora.
Aepfel, Birnen, Mandeln - ueberhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so
schwach vertreten, dass man in der That einen hoechst auffallenden Mangel an
Fruchtbaeumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze
liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentaeschchen (_Thlaspi
bursa pastoris_), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in
Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf waechst wild und dient
als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kuerbisse, welche
Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an duerren
Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heissen Kuestenzone. Die
Samen der _Phytolacca abessinica_ (Septe oder Endott) dienen statt der
Seife, und die getrockneten Blaetter der _Callanchoe verna_ werden von
Schwindsuechtigen statt des Tabaks geraucht.

Wir fuegen hier die Citronen an, die in den koeniglichen Fruchtgaerten gebaut
werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (_Rubus
pinnatus_), welche die besten aller wildwachsenden Fruechte liefern, und
die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (_Rosa abessinica_).

Waehrend der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen
abessinischen Speisen, eingefuehrt und theuer bezahlt wird, kultivirt man
den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (_Capsicum
frutescens_) in den Tieflanden sehr sorgfaeltig. Von den uebrigen Solaneen
wird der Tabak eingefuehrt; vom Umboistrauch (_Solanum marginatum_) benutzt
man die Samen, um damit die Fische zu betaeuben, welche nichtsdestoweniger
essbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (_Atropa arborea_) dient
zum Faerben der Naegel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen
Eigenschaften des Stechapfels (_Datura __Strammonium_) sind den Zauberern
und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die
Leute betaeuben. Gefaehrlich fuer kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee
(_Kannahia laniflora_), die an den Ufern der meisten abessinischen
Gewaesser vorkommt, nur mit dem Unterschiede, dass sie, je nach den
verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blueht. In
den Kuestenthaelern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer
vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blueht die
Pflanze im Oktober. Merkwuerdig ist die toedtlich-betaeubende Eigenschaft,
welche ihr verfuehrerischer Geruch oder suesser Nektarsaft auf verschiedene
Insekten ausuebt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, dass in dem Kelche
der meisten Blueten sich todte Wespen, Kaefer u. s. w. finden.

Durch zahlreiche Repraesentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen
und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume
(_Stapelia pulvinata_) und _Calotropis gigantea_. Die erstere hat einen
fleischigen, viereckigen und zwei Fuss hohen Stengel, dem man, wenn er
seine Blueten entfaltet, wegen des ueblen Geruches jedoch nicht zu nahen
vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schiesspulver.

_Die Deka_ nimmt ihrer Ausdehnung nach den groessten Theil Abessiniens ein.
Sie reicht von 7500 Fuss bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuss. Bis zu
12,000 Fuss Hoehe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuss
findet man den _Kussobaum_ (_Brayera anthelmintica_), der als Wahrzeichen
des Landes gelten kann. Wegen der Schoenheit seines Wuchses und seiner
Brauchbarkeit wird er allgemein geschaetzt; denn infolge des rohen
Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewuermern
(_Taenia_ und _Strongilus_) geplagt, gegen welche sie sich regelmaessig und
zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblueten bedienen. Drei
Loth der getrockneten Blueten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen
den Koerper auf eine merkwuerdig schnelle und sichere Weise von den
gefraessigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur
eine voruebergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht
eine Hoehe von fuenfzig bis sechzig Fuss und verleiht mit seinen
weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kuehlen Schatten;
jedoch soll es gefaehrlich sein, zur Bluetezeit unter ihm zu schlafen; so
berichtet wenigstens Isenberg.

In Schoa wird unter Kusso die _Hagenia abessinica_ verstanden, die
gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze
verdient die _stachelige Kugeldistel_ (_Echinops horridus_), die bis zu
zehn Fuss Hoehe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche
Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezaehnten Blaettern und
runden Bluetenkoepfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir
eine andere nicht minder auffaellige Art, die riesige Kugeldistel
(_Echinops giganteus_), deren kopfgrosse Blueten auf 15 Fuss hohem Stengel
stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuss an.

Wir sind nun allmaelig hinaufgelangt in die hoechsten Regionen der Deka. Die
Hochbaeume erscheinen immer spaerlicher und finden sich vorzueglich noch
laengs den Ufern der Wildbaeche und Schluchten, die dornigen Akazien und
Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden
von kleinen, schoen bluehenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich
blaubluehende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen
und der fiebervertreibende _Celastrus obscurus_, die _Primula semiensis_.
Ueber diesen erheben sich Straeucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den
europaeischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen koennen,
vertreiben die _baumartigen Eriken_ oder Zachdi (_Erica arborea_), die bis
zu 30 Fuss heranwachsen und einen 11/2 Fuss im Durchmesser haltenden Stamm
besitzen, dessen Holz eine vorzuegliche Schmiedekohle liefert, waehrend die
reiche weisse Bluetenfuelle den suessesten Honigseim den Bienen darbietet.
Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Hoehe von
12,000 Fuss ein neues, ueberraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die fuer
den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, die _Dschibarra_
(_Rhynchopetalum montanum_). Diese Lobeliacee ueberrascht den Wanderer in
den kalten Hochgebirgen an der aeussersten Grenze der Vegetation mit einer
dort gewiss von ihm nicht gesuchten Form: naemlich der der Palme. Auf einem
hohlen, etwa acht bis zehn Fuss hohen benarbten und armdicken Markstengel
mit einer Krone von grossen, ueberhaengenden, lanzettfoermigen Blaettern erhebt
sich eine fuenf Fuss lange Bluetenaehre, deren einzelne blaeuliche Knospen der
Bluete des Loewenmauls aehneln. Fuer Feuerung oder sonstigen technischen
Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur
Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblueht hat, knickt
der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Bluetenschossen wiegt sich
paarweise die einzige Glanzdrossel (_Oligomydrus tenuirostris_), die in
diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen uebrigen
vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch fuehren uns aus dem
tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflaechen, ueber
denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuss relative Hoehe in
die Wolken ragen; drunten haust die fluechtige Gazelle, Meerkatzen necken
sich in den Hochbaeumen; hier aber setzt kuehn der Springbock (_Oreotragus
saltatrix_) ueber die Felsen, grast friedlich der Steinbock (_Ibex Walia_)
und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden
Gefahr; Alpenkraehen umschwaermen geschwaetzig und in rauschendem Fluge die
hoechsten Felsen und drueber schwebt in weiten Kreisen der Koenig der Alpen,
der Laemmergeier. Auch die gefleckte Hyaene steigt bis in diese Hoehen,
seltener der Leopard und ein Fuchs (_Canis semiensis_), der ausschliesslich
von den aeusserst zahlreich hier hausenden Ratten und Maeusen lebt. Auch
Tauben (_Columba albitorques_) schwaermen in grossen Fluegen in diesen
hoechsten abessinischen Alpengegenden umher.

_Die Fauna Abessiniens._ Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt
bietet dem Beobachter die _Thierwelt_ Abessiniens dar. Nicht genuegend
erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige
Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der
Eingeweidewuermer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede;
die hoeher stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der waermeren
Jahreszeit in grossen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder
in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die _Heuschrecken_, amharisch
Anbasa, richten oft grossen Schaden an, wie in den andern Nillaendern auch.

  [Illustration: Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E.
  Zander.]

Ihr ploetzliches Verschwinden wird in der Regel der gnaedigen Fuersprache der
Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die
Wanderheuschrecke dehnt ihre Zuege bis hoch in die Gebirgsgegenden aus.
Rueppell fand das Land am Takazzie von Myriaden dieser Thiere geradezu
abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstaeblich von ihnen
bedeckt. Er fuegt hinzu: "Wenn uebrigens manche Reisende von einer
Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzuege reden, so ist diese
Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige
Atmosphaere zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge von
Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwuelen suedlichen
Luftzug veranlasst wird. Der ganze Boden schien mit diesen Thieren
ueberdeckt zu sein, bei genauem Zaehlen aber fanden sich nur etwa 12 bis 30
Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfusses". Die christlichen Abessinier
essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene Speise und
unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu dieser Nahrung. Ein
nuetzliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkoerben gezuechtetes Insekt
ist die _aegyptische Honigbiene_, von der grosse Mengen des suessen Seims
gewonnen und zu dem landesueblichen Meth benutzt werden. Es giebt auch eine
kleinere wilde Biene, die in Erdloechern ihre Baue aufschlaegt und einen
Dasma genannten Honig liefert, der als Medikament sehr geschaetzt ist.
Diese Dasma wirkt leicht abfuehrend, hat eine roethlichere Farbe als
gewoehnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack. In Gegenden, wo die
Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und andern giftigen Pflanzen
sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr nachtheilig auf die
Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen und andere
Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und Moskitos kommen wol in den
kuehlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht zur Landplage, in der Weise
wie die Floehe. Die schwarze Ameise, welche sich wasserdichte Wohnungen
gegen den Regen baut, wird dem Menschen oft laestig, waehrend die Termiten
nur selten in die Haeuser dringen und meist unter losen Steinen ihre
kleinen Kolonien anlegen. _Kaefer_, amharisch Densissa, sind in grosser
Menge vorhanden, besonders die Koth- und Pillenkaefer, die man auch in
Aegypten antrifft. _Spinnen_ und _Skorpione_ werden als unrein gemieden
und vernichtet.

_Fische_ sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu haeufig, um genuegende
Fastenspeise liefern zu koennen. Der Takazzie allein ist besonders reich an
grossschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben Flossen
und enthaelt einen Heterobranchus von enormer Groesse, welcher mit der Angel
gefangen oder mit abessinischem Fischgift betaeubt wird. In Atbara kommt
ein Wels vor, der schoene Hausenblase liefert, welche jedoch nicht
eingesammelt wird.

Die _Amphibien_ sind Gegenstaende des Abscheus und des Aberglaubens. Die
Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr gefuerchtet;
in der Kola, sowie in den Kuestengegenden fehlen jedoch grosse Pythonarten
und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden auch
Schildkroeten gefunden, unter denen die grosse _Geochelone senegalensis_
hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen
Suempfen und Baechen vor, und die _Pentonyx Gehafie_ steigt ueberall aus dem
Tieflande bis zu 8000 Fuss empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind
die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr haeufig; im Setit, Atbara
und Mareb werden sie von den Eingeborenen harpunirt und ihr
moschusduftendes Fleisch verzehrt. Faelschlich jedoch hat man ihr Vorkommen
im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu nennen der
Skink (_Scincus officinalis_), das Chamaeleon, der Gekko und _Stellio
cyanogaster_ als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse
(_Varanus niloticus_) ist auch in Abessinien haeufig und hat hier ihren
einheimischen Namen, Angoba, auf viele Fluesse uebertragen.

Schwer haelt es, bei dem grossen Reichthum der verschiedenen Arten
abessinischer _Voegel_, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen
Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge
dieser prachtvoll gefaerbten, eigenthuemlich gestalteten und hinsichtlich
ihrer Lebensweise merkwuerdigen Geschoepfe zu treffen. Aber gerade auf dem
Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rueppell, Heuglin, Brehm
Vorzuegliches geleistet worden, sodass man wohl behaupten darf, besser als
das Pflanzenreich und die uebrigen Klassen des Thierreichs sei die
Vogelwelt der "afrikanischen Schweiz" durchforscht.

  [Illustration: Wanderheuschrecke.]

Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an _Tag-Raubvoegeln_ ist wie
Abessinien. Vermoege der hoehern Lage der Plateaux bieten sich in den
Felspartien guenstige Lebensbedingungen fuer Adler, Geier und Falken, die
hier ihre Horst- und Zufluchtsstaetten finden. Die Vegetation prangt in
ausserordentlicher Fuelle; in allen Thaelern und Schluchten sprudeln
Gebirgswasser; im dichten Gestruepp und in den Graesern hausen Reptilien in
Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange
herab; Schildkroeten weiden gemuethlich an Hecken und Teichen; an
Saeugethieren von der Groesse der Feldmaus aufwaerts ist Ueberfluss vorhanden,
waehrend schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene
Schluchten, die selten eines Menschen Fuss betritt, und fast unersteigliche
Felsen und kolossale Hochbaeume den Raubvoegeln jeden Schutz und Schirm
gewaehren. Da horstet denn der maechtige _Gyps Rueppellii_, der gemeine
ostabessinische Moenchsgeier (_Neophron pileatus_), der Schmuzgeier (_N.
percnopterus_), der Bartgeier (_Gypaetos meridionalis_) und Schlangenadler
(_Gypogeranus serpentarius_), die viele Schlangen verzehren und maessig
starke Wuestenschildkroeten mit einem Schlag ihrer starken Faenge
zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den
Beschluss der Tagraubvoegel. Der unreinliche Mensch giebt den Schmuzgeiern
tagtaeglich neue Nahrung und damit neue Beschaeftigung; deshalb vermisst man
diese wohlthaetigen Voegel an keinem Orte. Sie folgen den Herden wie den
Handelszuegen, umschweben die Doerfer und Schlachtplaetze und raeumen schnell
allen Unrath auf. Der grosse, von Brehm zuerst genau beschriebene
Rueppell'sche Aasgeier erscheint erst dann, wenn irgend ein Aas ihn
heranlockt. In ungemessenen Hoehen, wohin ihm des Menschen Auge nicht zu
folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge beherrscht ein weites Gebiet
und die maechtigen Schwingen tragen ihn schnell nach dem Orte, wo ein Stueck
Wild verendet oder einem Schaf die Kehle durchschnitten wird. Kaum fliesst
das Blut, so ist auch der Aasgeier da; reiche Beute aber wird ihm zu
Theil, wenn das Land weit und breit mit Menschenleichen uebersaeet ist, wenn
die grausamen Buergerkriege wuethen und den Zug der Heere gefallene Rinder
und Schafe bezeichnen. Wo er erscheint, da fehlen auch selten seine
kleineren Verwandten, der Schopf- und der Ohrengeier (_Vultur occipitalis_
und _V. auricularis_). Unter den Adlern begleitet der Augur, ein naher
Verwandter unsers Bussards, den Zug der Reisenden, waehrend der
"_Himmelsaffe_" oder Gaukler (_Helotarsus ecaudatus_) sowol durch die
Kuehnheit seines Fluges, als durch die Schoenheit seines Gefieders jeden
Beschauer in Entzuecken versetzt. Unter allen Raubvoegeln ist er der
stolzeste Flieger: er jagt foermlich durch die Luft. Nur waehrend des Fluges
zeigt er seine volle Schoenheit. Sitzend blaeht er die Federn auf, straeubt
Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen Federklumpen um.
Eine der haeufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-Milan (_Milvus
parasiticus_), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der durch seine
Allgegenwart an den Schlachtplaetzen, wo kein Stueckchen Fleisch vor ihm
sicher ist, sich laestig macht oder durch die groesste Frechheit, mit welcher
er dem Menschen das Fleisch fast unter den Haenden wegzieht, diese in
Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (_Melierax polyzonus_) kommt
suedlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen haeufig vor; er verweilt am
liebsten auf einzelnstehenden Baeumen, hat jedoch keinen besonders schoenen
Flug und giebt ein langgezogenes, eintoeniges Pfeifen, keineswegs aber
einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung besteht in Insekten,
vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen Abessinien eben nicht arm ist.
Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika haeufige Steppenweih (_Circus
pallidus_); er meidet jedoch das Gebirge und zieht die breiten Niederungen
mit kurzem Gestruepp vor, aus welchem er auf kluge Weise das kleine
Gefluegel aufscheucht.

Unter den _Eulen_ finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die
kurzoehrige Eule (_Otus brachyotus_) und die Zwergohreule (_Ephialtes
Scops_). Im Gebirge haust ein Uhu (_Bubo cinerascens_), der zu den
gemeinsten Eulen gehoert. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Baeumen und
wird nicht wie unsere europaeische Art von kleinern Voegeln verfolgt. In den
Steppen wie im Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten),
jene unheimlichen Voegel mit leisem Fluge und eigenthuemlichem Nachtgesange.
Gleich grossen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Baeume und die
Daecher der Haeuser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen.

Reich vertreten sind die _schwalbenartigen Voegel_ (_Hirundo_, _Cypselus_).
Die meisten derselben sind auch hier Zugvoegel und kommen vor Beginn der
Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brueten.

  [Illustration: Abessinische Voegel. Originalzeichnung von Robert
  Kretschmer.
  Hornvogel.    Ohrengeier.    Webervoegel.
  Schmuzgeier.          Eisvogel.
  Hornrabe.    Schlangenadler.    Schattenvogel.]

Die Hausschwalbe ist _Hirundo_ oder _Cecrops rufifrons_; sie erscheint
kurz vor den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde
etwas erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das
sie mit der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwaerts anklebt wie
unsere Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verlaesst die Hoehen erst
im Dezember. - Durch schoenen Flug zeichnet sich der abessinische Segler
(_Cypselus abessinicus_) aus, der in den Baeumen nistet; er ist ein
ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen
vertritt ihn die Felsenschwalbe (_Cotyle obsoleta_), die ihr Nest in den
Ritzen und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die
raeuberischen Affen nicht hingelangen koennen.

Praechtig gefaerbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkraehe
(_Coracias abessinicus_) und dem Eisvogel (_Ispidina cyanotis_) vor allen
andern die _Bienenfresser_ (_Merops Lafrenayi_) und die Narina (_Trogon
Narina_), die lautlos ueber den Mimosenbueschen dahinschwebt, die
Schmetterlinge oder andere Insekten faengt und durch ihr glaenzendes
Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schliesst sich der
Wiedehopf (_Upupa_) an, der neben den Aasgeiern fleissig allen Unrath
wegraeumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten
sind die Baumwiedehopfe (_Promerops erythrorhynchus_), die in
Gesellschaften gleich Spechten auf den Baeumen umherklettern, die Ameisen
aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch annehmen.
Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglaenzenden _Honigsauger_
(_Nectarinia metallica_, _abessinica_, _affinis_), welche von den Arabern
"Abu Risch", Federtraeger, genannt werden und als die ersten Tropenvoegel in
Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus kaelteren Gegenden kommend,
stoesst. Die reizenden Voegelchen leben meist paarweise auf den Mimosen und
ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Bluete zu Bluete, um dort Insekten zu
fangen, zu singen, die Federn zu straeuben, den Schwanz zu heben und das
glaenzende Gefieder im Sonnenlichte glaenzen zu lassen.

Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben
dem glaenzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Toene seine
Vertretung. Im Rohre schmettert froehlich der Buschschluepfer (_Drymoica
rufifrons_) oder die Caricola (_C. cisticola_), an welche sich die
abessinische Baumnachtigall (_Aedon minor_) anschliesst, die schon dem
Wanderer entgegenschlaegt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei Massaua
seinen Fuss ans Gestade setzt. An Steinschmaetzern (Saxicola-Arten),
Vertretern unserer Drosseln (_Thamnolaea_), Bachstelzen (_Motacilla alba_
und _flava_) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten
Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (_Budytes_), niedliche
Voegel, welche in grosser Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter
sind und diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in
Semien, lebt eine Drossel (_Turdus simensis_), welche unsrer Singdrossel
sehr aehnelt, neben der als regelmaessige Wintergaeste die Steindrosseln
(_Petrocincla saxatilis_) erscheinen. Als guter Saenger wird der von
Lichtenstein entdeckte Drossling (_Picnonotus Arsinoe_) bald der Liebling
aller Reisenden, vor denen er sich durchaus nicht scheut. Anschliessend
hieran erwaehnen wir aus der Familie der Fliegenfaenger den Paradiesfaenger
(_Tchitrea melanogastra_), den Wuergerschnaepper (_Dicrourus_), die
zahlreich vertretenen Wuerger (_Lanius_) und unsre Nebelkraehe, die als
Wintergast nach Abessinien kommt. Diese trifft als Verwandte hier den
Wuestenraben (_Corax umbrinus_), ein Mittelglied zwischen Rabe und Kraehe,
der aber nicht blos in der Wueste vorkommt, sondern auch die Flecken und
Doerfer besucht, wo er den Hunden und Geiern das Aas streitig macht,
waehrend er draussen nach Fruechten, am Strande nach Muscheln sucht und eben
Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein echter Gebirgsvogel ist der
kurzschwaenzige Rabe (_Corvus affinis_), der bis zu 11,000 Fuss aufsteigt
und dort in grossen Scharen weilt. Durch seinen kurzen Schwanz macht er
sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in Abessinien
unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn er zur Rast
geht, oft grosse Felsbloecke. Die Staare sind durch mehrere Geschlechter,
die dohlenartigen Felsenstaare (_Ptilonorhynchus_), Glanzdrosseln
(_Lamprocolius_) und Glanzelstern (_Lamprotornis_) vertreten. Bei Weitem
der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der afrikanische
_Madenhacker_ (_Buphaga erythrorhyncha_), der von der Suedspitze Afrika's
an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste Begleiter der
Herden ist, sodass es scheint, als koennten Rinder, Kameele, Pferde kaum
ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche die Fliegen
ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch die
Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und sucht
ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthaeter recht gut, aber die
Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, dass er durch sein
Picken die aufgeriebenen Stellen reize.

Die _finkenartigen Voegel_ kommen gleichfalls in grosser Menge vor.
Reichlich treffen wir vorzueglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles
gute Saenger, waehrend der _Weber_ (_Textor alecto_) nur einen
drosselartigen Ruf und unschoenes Gezwitscher ertoenen laesst. Dafuer baut er
aber ein zusammenhaengendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brueten. Es
besteht aus duerrem Reisig, von dem eine grosse Masse, oft von 5 bis 8 Fuss
Laenge und 3 bis 5 Fuss Breite und Hoehe, zwischen tauglichen Astgabeln der
Baobab-Baeume aufgehaeuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im
Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefuettert. Die
Farbe der Eier wechselt zwischen rein weiss, roth, gruen, braun mit allen
moeglichen Zeichnungen, sodass man glaubt, Eier verschiedener Arten vor sich
zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so gross,
dass man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber und geht
in einen Kanal ueber, gerade fuer den Vogel passend. Durch prachtvollen
Federschmuck sind die Witwen (_Viduae_) ausgezeichnet, und leicht
unterscheidet man das Maennchen durch seine langen, am Fluge hindernden
Schwanzfedern von dem Weibchen. Hat es aber im Winter das praechtige
Gefieder abgelegt, dann fliegt es leicht dahin, aehnlich wie unsere Ammern.
Als Haussperling tritt, unserm Spatz das Recht streitig machend, in
Nordostafrika der rothrueckige Sperling (_Passer rufidorsalis_) auf, dessen
Sitten und Lebensweise ganz die unseres Haussperlings sind, nur ist er
schoener gefaerbt. Gemein, wie bei uns, ist auch in Abessinien die
Haubenlerche (_Galerita abessinica_), welcher sich als Verwandte die
seltenere Wuestenammerlerche (_Ammomanes deserti_) anschliesst.

Haben wir bisher viele, unsern europaeischen Arten verwandte Voegel
gefunden, so treffen wir in der folgenden Familie, jener der
Pisangfresser, durchaus auf fremdartige Gestalten. Da sind zunaechst die
Maeusevoegel (_Colius_), die in dichten Bueschen leben, durch die schmalsten
Oeffnungen der Verzweigungen sich zwaengen und im Klettern eine grosse
Geschicklichkeit entwickeln. Der von Rueppell entdeckte Helmvogel
(_Corythaix leucotis_) tritt erst da auf, wo die Kronleuchter-Euphorbie
beginnt; er ist ein praechtiger, rastloser, unsern Hehern im Betragen
aehnlicher Geselle, der die Sykomoren, Tamarinden und Aloepflanzen gern
besucht und auf diesen sich in grosser Anzahl sammelt. Der eigentliche
Pisangfresser (_Schizorhis zonurus_), der sich durch ein affenartiges
Geschrei auszeichnet, hat Vieles mit seinen Verwandten, den Nashornvoegeln
ueberein, von denen mehrere kleine Arten (_Tockus erythrorhynchus_ und
_nasutus_) haeufige Bewohner der Steppen und des Urwaldes sind. Je mehr man
in das Gebirge kommt, desto haeufiger werden sie, desto oefter vernimmt man
ihren charakteristischen Ruf. Weit groesser als die nur anderthalb Fuss
langen Nashornvoegel, aber auch seltener sind die kraeftigen, fast 4 Fuss
langen, sehr scheuen Hornraben (_Bucorax abessinicus_).

Wenig ist aus der Ordnung der Klettervoegel zu berichten. Die Papageien
finden im abessinischen Gebirge keineswegs, wie in ganz Afrika, ergiebigen
Boden, obgleich einige Arten von ihnen vorkommen. So liebt der
Zwergpapagei (_Psittacula Tarantae_) die Kolkwal-Euphorbie, auf welcher er
haeufig anzutreffen ist, der Halsbandpapagei (_Palaeornis torquatus_) aber
dichte Waelder, in welchen er in grossen Familien und Fluegen gewoehnlich mit
den Affen zusammen erscheint. Die Bartvoegel (_Pogonias Saltii_) kommen nur
einzeln im dichtesten Gebuesche vor und sind still, bis auf den Perlvogel
(_Trachyphonus margaritatus_), welcher im Verein mit dem Weibchen einen
lustigen Gesang vortraegt und die Gaerten der Doerfer belebt. Die Spechte
treten nur als kleine Baumspechte (_Dendropicus Hemprichii_) auf.

Unter den _Kukuksarten_ spielt der _Honigvogel_ eine grosse Rolle in der
Ornithologie der Abessinier; obgleich selten vorkommend, kennt ihn
Jedermann, und schon die aeltesten Nachrichten ueber das Land (so Ludolf in
seiner "_Historia aethiopica_") erwaehnen der Eigenschaft dieses
unscheinbaren Thierchens, den Menschen zu den Bienenstoecken zu fuehren. Die
Honigvoegel (_Indicator_) halten sich vorzueglich an baumreichen Bachufern
auf, flattern von einem Baume zum andern und lassen dabei ihre starke,
wohlklingende Stimme hoeren. Dass sie so rufend haeufig zu Bienenschwaermen
fuehren, weiss jeder Eingeborene Afrika's vom Kap bis zum Senegal und von
der Westkueste bis nach Abessinien herueber, doch fuehrt der Indicator den
ihm folgenden Menschen ebenso haeufig auf gefallene Thiere, die voller
Insektenlarven sind; er verfolgt mit seinem Geschrei den Loewen und
Leoparden, kurz Alles, was ihm auffaellt; auch ist er dem Menschen
gegenueber nichts weniger als scheu und trotz der unscheinbaren Groesse und
Faerbung sind alle Arten an der eigenthuemlichen Weise des Flugs leicht zu
erkennen. In Nordostafrika giebt es vier Arten von Honigvoegeln, von denen
jedoch nur zwei (_Indicator minor_ und _albirostris_) in Abessinien
vorkommen.

Ueberall wo man in Abessinien Voegel findet, wird man auch _Tauben_
wahrnehmen in den verschiedenartigsten schoen gestalteten und gefaerbten
Formen. Die abessinische Taube (_Treron abessinica_) bewohnt in kleinen
Familien die tieferen Gebirgsthaeler, wo sie die Mimosen, Kizelien und
Sykomoren sich zum schattigen Ruhesitz aussuchen, um ihre Liebesspiele zu
treiben und gleich dem Papagei durch das Laub zu klettern. Unsere
Felsentaube vertritt die blaurueckige Taube (_Columba glauconotos_), als
eigentliche Waldtaube tritt die Guineataube (_Stictoenas guinea_) auf;
auch die Turteltaube (_Turtur auritus_), die Lachtaube (_T. risorius_)
finden sich; eigenthuemlich ist aber die Erscheinung der Erdtaube
(_Chalcopelia afra_), die nicht ueber den 16. Grad noerdlicher Breite
hinaufgeht und friedlich das dichtverschlungenste Gebuesch an der Erde
bewohnt, auf welcher sie auch, ihren Verwandten unaehnlich, ihr Nest baut.

Von Huehnern tritt in zahlloser Menge das lautschreiende Perlhuhn (_Numida
ptilorhyncha_), die Wachtel als Wintergast und an Stelle unserer Rebhuehner
die verschiedenen, schoen gezeichneten und in Einweibigkeit lebenden
Frankoline (_Francolinus rubricollis_, _Erkelii_ u. s. w.) auf; auch die
Flughuehner (_Pterocles_) sind vertreten und die Laufvoegel beginnen mit der
in den Steppen haeufigen Trappe (_Otis arabs_), die nicht die Groesse unserer
grossen Trappe erreicht, aber weniger scheu ist und besonders von Insekten
lebt. Kommt der _Strauss_ (_Struthio Camelus_) auch nirgends im
abessinischen Hochland vor, so umzieht er dasselbe doch ringsum in den
Steppen und Wuesten.

Unter den Regenpfeifern und Kiebitzen faellt nur der Dickfuss (_Oedicnemus
affinis_) wegen seiner naechtlichen, eulenartigen Lebensweise auf; an
feuchten, fischreichen Stellen wimmelt es oft von Reihern, Storcharten,
Schattenvoegeln und Stoerchen und an den Kuesten des Rothen Meeres sind
Moeven, Pelikane, Seeschwalben und Toelpel im Ueberfluss vorhanden. Reich an
Wassergefluegel ist auch der Tanasee, dessen breite, mit Inseln durchzogene
Flaeche demselben einen guenstigen Aufenthaltsort gewaehrt. Dort wimmelt es
von Seeschwalben, Enten (_Anas clypeata_, _sparsa_ u. s. w.),
Strandlaeufern, Kiebitzen, Regenpfeifern; da stehen unbeweglich der
Riesenreiher und der schwarzkehlige Fischreiher (_Ardea Goliath_ und _A.
atricollis_), auf Reptilien lauernd, da plaetschern Wasserhuehner, Gaense und
Spornschwaene in der Flut.

Weil mehr mit dem Menschen im Verkehr und ihn als Raub-, Jagd- oder
Hausthier meist naeher angehend, fesselt auch das Reich der Saeugethiere
mehr unser Interesse als jenes der Voegel.

Abessinien mit seinen Grenzlaendern kennt etwa sechs bis acht _Affenarten_.
Ruhig und gemuethlich verfliesst das Leben der graugruenen _Meerkatze_
(_Cercopithecus griseo-viridis_), eines echten Baumaffen, der in starken
Banden gesellig zusammenlebt und von der Hoehe seines Aufenthaltes selten
auf den Boden herabkommt, gleichviel ob er dort in Dornen der Mimosen oder
im Laub der Sykomore sitzt. Seine Behendigkeit ist unglaublich gross und
mit Huelfe des steuernden Schwanzes fuehrt er die kuehnsten Spruenge aus. Als
unumschraenkter Herr und Gebieter steht der lustigen Herde ein altes,
geprueftes Maennchen vor, das alle jungen Nebenbuhler von den seiner Obhut
unterstehenden Damen fernhaelt. Diese zeigen gegen ihre haesslichen
Sproesslinge eine ausserordentliche Mutterliebe, welche sie durch
fortwaehrendes Reinigen und Liebkosen des Kindchens bethaetigen. Nur
nebenbei verzehrt diese Meerkatze Heuschrecken und andere Insekten;
Fruechte, Knospen und Getreide sind ihre Lieblingsgerichte und wehe dem
Durrah- oder Maisfelde, in das die verschmitzte Bande luestern eindringt!
Das Wenigste wird nur verzehrt, das Meiste unbarmherzig verwuestet und dann
auf der Staette des Diebstahls ein Tummelplatz freudiger Spiele fuer Alt und
Jung bereitet. Vor Menschen weniger, wohl aber vor Hunden, Schlangen,
Froeschen und ihrem besondern Feinde, dem Habichtsadler, fuerchtet sich die
Meerkatze sehr. Weit wuerdevoller als die Meerkatzen treten die Paviane
auf, unter denen der _Silberpavian_ oder _Hamadryas_ (_Cynocephalus
Hamadryas_) der haeufigste ist. Dieses merkwuerdige Geschoepf, dem schon die
alten Aegypter Achtung zollten und das man auf ihren Denkmalen abgebildet
findet, lebt zwischen 1000 und 7000 Fuss Meereshoehe und findet sich um so
haeufiger, je pflanzenreicher das Gebirge ist. Jede Bande behauptet im
Gebirge ein bestimmtes Gebiet und zaehlt etwa fuenfzehn bis zwanzig
erwachsene und kampftuechtige Maennchen, wahre Ungeheuer mit einem Gebiss,
welches fast mit dem eines Loewen wetteifern kann, dasjenige des Leoparden
jedoch uebertrifft. Schon von Weitem unterscheidet man die Maennchen an
ihrem langen graugruenlichen Mantel und der hervorragenden Gestalt von den
braeunlicher gefaerbten Weibchen, die vollauf mit ihren uebermuethigen Jungen
zu thun haben. Greift auch der Pavian so leicht einen Mann nicht an, so
ist er doch den Frauen ein Gegenstand des Entsetzens, von welchen eine
groessere Anzahl von Pavianen als von Loewen und Leoparden umgebracht wird.
Der aergste Feind des Silberpavians ist der Leopard, der ihm Tag und Nacht
nachschleicht und sich ebenso listig wie kuehn auf jedes von der Herde
isolirte Thier stuerzt.

Auch mit ihren Verwandten leben diese Paviane nicht immer auf gutem Fusse,
namentlich mit den _Tscheladas_ (_Cercopithecus Gelada_), gegen welche sie
in Semien oft foermliche Schlachten liefern. Letzterer Mantelpavian bewohnt
einen Hoehenguertel von 7-11,000 Fuss ueber dem Meere, waehrend der Hamadryas
mehr die Tiefen-Gegenden liebt; jedoch steigen die Tscheladas von ihren
Bergen herab, um die unten liegenden Felder zu pluendern, wobei dann die
Schlachten mit den Silberpavianen stattfinden.

Der _schwarze Pavian_ (_Cercopithecus obscurus_) wurde erst 1862 von
Heuglin entdeckt. Dieser stattliche Affe lebt in grossen Rudeln auf 6 bis
10,000 Fuss Hoehe meist an felsigen Schluchten. Man sieht ihn selten auf
Baeumen, gewoehnlich auf Weideplaetzen oder Felsen, von denen herab er nicht
selten gegen seine Verfolger Steine schleudert. Die Nacht verbringt er in
Gesellschaft in Klueften und Hoehlen, steigt in der Morgensonne auf Huegel,
wo er zusammengekauert sich erwaermt und zieht dann in die Thaeler nach
Nahrung, die aus Blaettern zu bestehen scheint. Gewoehnlich fuehren zwei bis
sechs alte Maennchen gravitaetischen Schrittes eine Herde von 20 bis 30
Weibchen und Jungen an, welche theils spielend um den Trupp sich tummeln,
theils von den Muettern getragen und zuweilen tuechtig geohrfeigt werden.
Naht Gefahr, so fluechtet auf ein leises Bellen des Warners die ganze
Gesellschaft in Felsenschluchten. Der schoenste Affe Abessiniens ist der
von Rueppell entdeckte _Colobus Gueraza_, dessen durch den starken Kontrast
von schwarz und weiss ausgezeichnetes Fell ein beliebtes Pelzwerk und eine
Zierath fuer die Kriegsschilder liefert. Er lebt in der Waldregion der Kola
auf den hoechsten Baeumen.

Waehrend Afrika im Allgemeinen reich an Flatterthieren ist, kommen
dieselben in dem hier in Rede stehenden Gebiete weniger vor. Die Ursache
davon hat Heuglin ergruendet. Namentlich in den noerdlichen Grenzlaendern
Abessiniens, in Bogos u. s. w. wird starke Viehzucht getrieben, und die
Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr
Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der
Besitzer zurueck. Die Rinder sind gewoehnlich mit Myriaden Fliegen bedeckt,
die ihnen nachfolgen und wiederum die _Fledermaeuse_, welche von letzteren
leben, veranlassen, gleichfalls eine Wanderung zu unternehmen. Mit der
letzten Rinderherde verschwinden auch die Fledermaeuse spurlos, um mit dem
Einruecken derselben in ihre alten Standquartiere auch wieder zu
erscheinen. Die gemeinste Art der in Ostabessinien, namentlich um Massaua
vorkommenden Fledermaeuse ist der kleine von Rueppell entdeckte _Nyctinomus
pumilus_. Auch haessliche Glattnasen (Phyllorina-Arten) kommen vor, die
nicht nur in der Daemmerzeit, sondern die ganze Nacht hindurch fliegen. Der
grosse _Pteropus schoensis_ zeigt sich auch am Tage und lebt von den
Fruechten der Feigen und Bananen.

Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die
kleinpfotige Katze, welche von Einigen fuer die Stammutter unsrer Hauskatze
gehalten wird, den _Gepard_ (_Cynailurus guttatus_), den _Leoparden_
(_Felis Leopardus_) und den _Loewen_ (_Felis Leo_), doch verdienen nur die
beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die
Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den
tieferen Gegenden, in der Kola, den noerdlichen Grenzlaendern, der Samhara.
Der Loewe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu
gemein und oft genug hoert man des Nachts die Stimme des Koenigs der Thiere
erschallen. Doch fuerchtet man ihn verhaeltnissmaessig wenig, denn sein
Jagdgebiet ist so reich, dass ihn nur selten der Hunger treibt, sich am
Menschen zu vergreifen. Es kommt haeufig vor, dass junge, noch saeugende
Loewen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch verkaufen
und verschenken diese die allmaelig kostspielig werdenden Thiere bald an
reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die beruehmten Loewen des
Koenigs Theodoros. Das Fell eines erlegten Loewen gehoert dem Koenige, der
tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon beschenkt, der
seinen Schild ziert. Weit haeufiger und auch gefaehrlicher als der Loewe ist
der _Leopard_ (Nemr auf amharisch), den man naechst der Hyaene und dem
Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens ansehen kann. Von der
Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und bei Nacht, ueberall
ist dieser freche Raubmoerder zu finden. Er scheut den Menschen gar nicht
und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer; frech dringt er in
die Huetten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich mit seiner
Beute in das Dickicht zurueck. Von der Antilope bis zur Maus bewaeltigt er
alle Saeugethiere. Brehm erzaehlt, dass im Dorfe Mensa ein einziger Leopard
waehrend eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder, ungefaehr 20 Ziegen
und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann man Hunde und Huehner
kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen die Abessinier das ihnen
so verhasste Raubthier ebenso wenig wie den Loewen; bei Weitem die meisten
Leoparden, welche man erlegt, werden erst in Fallen gelockt und in diesen
gewoehnlich durch Lanzenstiche getoedtet. Diese Fallen sind ganz nach dem
Grundsatze starker Mausefallen gebaut, d. h. sie bestehen aus einem
Pfahlgitterwerk mit Fallthuer; ein lebendiges Thier, ein Stueck Fleisch sind
der Koeder, mit dem der Leopard angelockt wird; haeufig bringt man auch eine
lebende, klaeglich meckernde Ziege in die Falle. Mit grosser Vorsicht umgeht
der Raeuber oft zwei oder drei Naechte lang den Kaefig, bis er endlich sich
hineinwagt und gefangen ist. Von der Meereskueste geht dieser kuehne Raeuber
bis zu 12,000 Fuss Hoehe an die Eisgrenze hinauf. Der _Gepard_ findet sich
ausschliesslich in der Samhara und nicht im Gebirge; er ist ein Tagraeuber
und keine gemeine Katze; denn er ist nicht blutgierig und raubt niemals
mehr als er zu seinem Unterhalte bedarf. Draussen in der freien Steppe
betreibt er seine Jagd auf Antilopen, Hasen, Maeuse, Perlhuehner. Gegen den
Menschen vertheidigt er sich nicht, doch macht dieser meist auf ihn Jagd,
um das bunte Fell zu verwerthen, das nur selten im Handel vorkommt. Aber
zur Jagd wird er in Abessinien nicht abgerichtet, wenn auch einzelne
gezaehmte Thiere hier und da gehalten werden.

Bis zu den hoechsten Spitzen der Berge Semiens in die Region der Dschibarra
streift der _Walgie_ (_Canis simensis_), um den Ratten nachzustellen. Er
ist eine haeufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen
ist der _Wolfshund_ (_Canis Anthus_) ziemlich selten, desto gemeiner aber
wieder der _Schakal_ (_Canis mesomelas_), der nicht mit dem weiter
noerdlich vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der
abessinische, schwarzrueckige Schakal ist etwas groesser als sein Verwandter
und in der Samhara wie im Gebirge in jedem groesseren Dickicht anzutreffen.
Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Huehner, Perlhuehner, Ziegen, ja
selbst Maeuse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher,
regelmaessiger Gast in den Doerfern oder am Lagerplatz der Karawane, welcher
er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich naehert. Auch wo
gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Plaetzen
trifft er mit der _gefleckten Hyaene_ (_Hyaena crocuta_, amharisch Dschib)
zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch langgezogene
Klagetoene kuendigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher Nahrung an, um den
ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch sie wird von den Eingeborenen
arg gehasst, obgleich sie ihnen nicht gerade erheblichen Schaden zufuegt,
sondern als Landreiniger, Aas- und Auswurfvertilgerin eher nuetzlich wird.
Die Eingeborenen fangen die Hyaene in Gruben, die in einem von Dorngebuesch
umgebenen Gange ausgegraben werden, an dessen Ende ein bloeckendes Zicklein
angebracht wird. Die heisshungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute
zueilt, in die mit Reisig und Sand sorgfaeltig ueberdeckte Grube ein, in
welcher man sie moeglichst bald toedten muss, weil sie sonst sich einen
Ausweg wuehlt. Es gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine
Hyaene zu fangen, da die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr
erkennen. Neben ihr kommt noch ein anderes hyaenenartiges Raubthier, der
"_gemalte Hund_" (_Lycaon pictus_) truppweise vor; er ueberfaellt die Herden
und richtet unter ihnen grosse Verheerungen an. Die Steppenlandschaften
sind die eigentliche Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen
Geschoepfes, das niemals allein jagt. Seinen Namen fuehrt es von den grossen,
dunkeln, auf dem hellen Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin
leicht zu unterscheiden ist.

  [Illustration: Gemalter Hund (_Lycaon pictus_).]

Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die _gestreifte Manguste_,
einen weit verbreiteten, schlanken Moerder, der kleinen Saeugethieren und
Voegeln nachstellt, und den _Honigdachs_ oder das _Ratel_ (_Ratelus
capensis_), ein in jeder Hinsicht merkwuerdiges Thier, welches die
Bienenstaende pluendert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer obliegt,
unangegriffen ruhig seine Strasse zieht, angegriffen aber aus seinen
Stinkdruesen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet, der weit
und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es sich mit
seinen gewaltigen Klauen leicht graebt und in denen es den Tag ueber
verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen.

Die nordoestlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der Koenig
einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt,
sondern auch wegen der Zucht von _Zibethkatzen_ (_Viverra Civetta_)
beruehmt. Poncet berichtet, dass dort von diesen Thieren eine so grosse Menge
vorhanden ist, dass manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten.
Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze bekommt
als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal einen
Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgeruechen beraeuchert und in jeder
Woche kratzt man ihr mit hoelzernen Loeffeln einmal eine salbenartige
Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhoerner gethan wird
und einen eintraeglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist
Dering. Ein dem Hausgefluegel, den Maeusen und Ratten sehr gefaehrliches
Raubthier ist die _Genettkatze_ (_Viverra abessinica_), ein schlankes,
elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch den
Mangel der Rueckenmaehne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet sie sich
von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein
_Fischotter_ (_Lutra inunguis_) kommt, wiewol selten, in den abessinischen
Gewaessern vor. Derselbe ist so gross wie unsere Art und schoen kaffeebraun.

Unter den Nagethieren ist zunaechst zu erwaehnen das _bunte Eichhorn_
(_Sciurus multicolor_), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein
langweiliges scheues Geschoepf, das sich einzeln versteckt in den hohen
Baumwipfeln aufhaelt und niemals kuehne Spruenge wagt, sondern immer an den
Aesten klebt. Viel haesslicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein
Verwandter, das _rothe Erdhoernchen_ (_Xerus rutilus_), das Schillu der
Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf
Baeumen umher, bald hier, bald da aus seiner Hoehle hervorschauend, oder
sich possirlich auf die Spitze eines Huegels setzend. Unter allen
Nagethieren ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im
Verhaeltniss zu seiner Groesse solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich
sogar knurrend und fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das _Filfil_
(_Bathyergus splendens_), das zu den Ratten gerechnet wird, in
maulwurfsaehnlichen Erdhoehlen, die es im dichten Gebuesch anlegt, waehrend
die Baue des _Stachelschweins_ (_Hystrix cristata_), das bis zu 6000 Fuss
Hoehe hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verlaesst das
Stachelschwein seine Hoehle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen
und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der _abessinische
Hase_ (_Lepus aethiopicus_) die meiste Beachtung, da er sich von unserm
gewoehnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der
Niederung zu den gewoehnlichsten Erscheinungen gehoert.

Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der
gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht
verfolgt, und da er dieses weiss, so faellt es ihm gar nicht ein, vor dem
Menschen zu fluechten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere,
schwarz, weiss, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet.

  [Illustration: Erdferkel. Nach Wood.]

Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das _Erdferkel_ (_Orycteropus
aethiopicus_) zu erwaehnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka
vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehoer, haust in
selbstgegrabenen Hoehlen, zeichnet sich durch lebhafte Spruenge und eine
kaenguruartige Stellung aus, wobei es durch den kraeftigen Schwanz
unterstuetzt wird. Es geht haeufig nur auf den Hinterfuessen und beschnuppert
mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweineruessel
gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche
Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und kraeftig mit den
Vorderfuessen zu graben und die aufgewuehlte Erde mit den Hinterfuessen
zurueckzustossen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die
Mahlzeit; nach v. Heuglin faengt es die Ameisen mit den Lippen und diese
fallen in Menge ueber den Ruhestoerer her, dessen dicke Haut keineswegs vor
den Bissen schuetzt. Fuer Urin und Mist graebt das Erdferkel eine kleine
Grube, die dann wieder sorgfaeltig verdeckt wird. Im Bau selbst schlaeft es
zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Saetzen
davon und graebt sich rasch ein, die Roehre hinter sich schliessend. Das
Fleisch ist fein, weiss und saftig.

Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir spaeter. Das
_Kameel_, in den Kuestengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt
im Hochgebirge eine traurige, unnuetze Rolle, da sein Wirkungskreis die
Wueste ist. Ebenso ist die _Giraffe_ nur Bewohnerin der Tieflandsteppen,
dort aber, in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in grosser
Menge vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als
edles Wildpret hoch angesehen.

Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren floessen uns die
Wiederkaeuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und
alle in ihren schoensten Repraesentanten, namentlich sind die Antilopen
herrliche Thiere, bei denen man nicht weiss, welcher man den Preis der
Schoenheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die _Tedal-Antilope_
(_Antilope Soemmeringii_) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in
der Samhara, kommt von da wol noch ins Huegelland, nie aber ins Hochgebirge
hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht des Mittags
wiederkaeuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr misstrauisch. -
Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird von Rueppell
folgendermassen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem Bezirk, wo
diese Thiere regelmaessig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel haben, legen
die Jaeger viele an Pfaehle befestigte Schlingen. Sobald nun die Antilopen
kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute herbei, von
denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Bueschel Straussenfedern
versehener Stoecke hat; diese werden mit grosser Schnelligkeit so in die
Erde gesteckt, dass sie lange nach der Gegend der Schlingen gerichtete
Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den im Winde
wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem Blick fixiren.
Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen keine freie
Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin;
gewoehnlich bleiben mehrere darin haengen und hier schlagen ihnen die Jaeger
mit Knueppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe
Weise werden auch die Strausse gejagt. Noch haeufiger als der Tedal ist die
_Gazelle_ (_Antilope Dorcas_), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie
aest, fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps
von drei bis acht Stueck beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene,
wie im Gebirge umher. Zur Traenke geht die Gazelle nicht, denn ihr genuegt
der Nachtthau auf den Blaettern der Baeume, die sie alle Morgen eifrig
ableckt, und diese Genuegsamkeit macht sie zum echten Wuestenthier. Als die
lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Saetze von
vier bis sechs Fuss Hoehe auszufuehren und ein fluechtiges Rudel gewaehrt einen
wahrhaft prachtvollen Anblick.

Waehrend die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen aengstlich meidet, sucht
das "Judenkind" oder die _Zwerg-Antilope_ (_A. Hemprichiana_) gerade die
verschlungensten und undurchdringlichsten Gebuesche zu ihrem Wohnsitze auf.
Nur paarweise in zaertlicher Ehe und nicht wie die uebrigen Antilopen es den
Tuerken oder Mormonen gleich thuend, findet man die Zwerg-Antilope von der
Kueste bis zu 2000 Fuss Hoehe im Gebirge sehr haeufig.

  [Illustration: Agaseen- oder Kudu-Antilopen.]

Die Faerbung des weichen schoenen Haars stimmt mit dem Blaetterdunkel des
niedern Gebuesches so vollkommen ueberein, dass es schwer haelt, die zarte,
kleine Gestalt inmitten des Gebuesches wahrzunehmen. Beim geringsten
verdaechtigen Geraeusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach
der verdaechtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsaeule auf,
wendet die Ohren vorwaerts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher
erhoben wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und
nur der Haarschopf zwischen den Hoernern deutet durch sein Senken oder
Heben an, dass in dem Geschoepf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope
ist nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen
Geschmack und ist ausserdem sehr zaehe.

Sind Soemmerings-Antilope und Gazelle echte Wuestenthiere, so sucht der
_Klippspringer_ oder _Sassa_ (_Oreotragus saltatrix_) nur felsige Gegenden
auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rueppell war der erste, der nachwies, dass
diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den
buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schoene Thier mit
zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in
das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am
gewoehnlichsten in einer Meereshoehe von 2000 bis zu 12,000 Fuss. Bei
heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Kaelte steigt
er in die Thaeler hinab. Die Bezeichnung "afrikanische Gemse" ist fuer ihn
gut gewaehlt, denn an den steilsten Felswaenden entlang, neben Abgruenden
vorueber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen wuerden, eilt er mit
Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die
geringste Unebenheit genuegt ihm, um festen Fuss zu fassen; jeder Sprung
schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken,
bald ist er im Gebuesch verschwunden, und wenige Minuten genuegen, ihn allen
Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und groesste Antilope Abessiniens
ist der _Agaseen_ (_Antilope strepsiceros_), welcher die Gebirge in einer
Hoehe von 2000 bis 7000 Fuss bewohnt. Dieses stattliche, an unsern
Edelhirsch erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fuss lange, praechtig
gewundene Hoerner ausgezeichnet ist, gehoert einem grossen Theil Mittel- und
Suedafrika's an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt
einzeln oder in kleinen Trupps, die, ungestoert, majestaetisch und langsam
an den Bergwaenden hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und
Bloeken davoneilen. Die Araber in den Steppen noerdlich von Abessinien
hetzen den Agaseen mit Pferden und toedten ihn mit Lanzenstichen, waehrend
er im Hochlande nur von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein
Fleisch ist vorzueglich, dem des Hirsches im Geschmack aehnlich und aus den
grossen gewundenen Hoernern verfertigen die Eingeborenen Fuellhoerner zum
Aufbewahren des Salzes und Honigs. Auch die in Suedafrika haeufigere
_Oryx-Antilope_ (_Antilope Beisa_) findet sich in den das Land umgebenden
Steppen und Niederungen. Stets traegt sie ihre schnurgeraden Hoerner
aufrecht, die von der Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens
wie ein einziges aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben
haben koennen. Es wuerde uns zu weit fuehren, wollten wir alle Antilopen hier
aufzaehlen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen leben.
Nur noch zu erwaehnen sind die grosse Marif-Antilope (_Hippotragus Bakeri_),
die Defassa (_Antilope defassa_), der Bohor (_A. redunca_), _Bubalis
mauritanica_, _Antilope montana_, _madoqua_, _decula_, _leptoceros_
u. s. w. Die meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fuss Hoehe in die
Gebirge.

Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die
Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunaechst den
stolzen _Steinbock_ (_Ibex Walia_). Rueppell entdeckte dieses Thier auf den
hoechsten Bergen Semiens, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare
Geschichte ueber dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Walie, so erzaehlten
sie, ist im hoechsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hoerner und
einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der
Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwuerdig. Die Mutter hat naemlich, so
fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geoeffneten
Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch naehrt, dass
es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde
grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Geraeusch
in seinen Behaelter zurueck. So lebt es wochenlang, bis es zu gross geworden
und in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt
heraus, laeuft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europaeische
Reisende haben gefunden, dass der abessinische Steinbock in Lebensweise und
Koerperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der Gattung
abweicht. Von der Ziege (_Hircus aethiopicus_) wird in dem Abschnitte ueber
die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege und
kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rueckwaerts niedergedrueckte
Hoerner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in
grosser Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an
allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die
abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von _Schafen_ werden
verschiedene Arten gezuechtet. An den Kuesten und in den heissen Steppen
findet man das arabische _Fettschwanzschaf_, mit schwarzem Kopf,
ausgezeichnet durch den Mangel der Hoerner und Wolle und einen dicken
Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg) hat
braeunliche oder schwarze Wolle; die Galla zuechten eine mit langen weissen
Haaren versehene Art, deren schwarzgefaerbte Felle eine Lieblingskleidung
ihrer Haeuptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der _afrikanische
Buckelochse_ (_Bos africanus_), ausgezeichnet durch schlanken Bau und den
kleinen Hoecker. Der Berie, wie er in Amhara heisst, ist ein aeusserst
geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmuethiges und lenksames
Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack- oder Reitthier,
zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das Getreide und wird
zum Danke fuer alle Liebesdienste schliesslich oft bei lebendigem Leibe
verzehrt, worueber weiter unten mehr gesagt wird. In einigen suedlichen
Provinzen lebt der _Sanga_, eine besondere Art, die sich durch gewaltige,
weit geschwungene Hoerner auszeichnet, aber von nur wenigen Reisenden
beobachtet wurde. Die Hoerner kommen in den Handel und gelten auch als
schaetzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere geschenkt, allein
sie waren so wild, dass er sie erschiessen lassen musste. Das laengste Horn
hatte beinahe 4 Fuss und sein Umfang an der Basis betrug 21 Zoll. Stier und
Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des kolossalen Gehoerns
nicht groesser als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der _wilde Bueffel_
(_Bos Pegasus_ und _Caffer_), der Gosch der Abessinier, ein unzaehmbarer,
gefuerchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefaehrlichsten Beschaeftigungen
der Eingeborenen zaehlt. Seine Haut wird blos zur Bereitung von Schildern
benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut durch Speere
nicht sehr zerfetzt, so koennen aus einer Haut vier Schilde gemacht werden,
welche einen Preis von je zwei bis drei Thalern haben. Aus den enormen
Hoernern dieses Bueffels verfertigt man Trinkbecher.

Aus der Ordnung der Dickhaeuter oder Vielhufer haben wir ein _Rhinozeros_
(_Rh. africanus_), das Worsisa, anzufuehren, welches die Eigenschaften der
asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten des ersteren mit
den zwei Hoernern des letzteren vereinigt und aus den Suempfen der Kolla bis
in die Berge 8000 Fuss hoch aufsteigt. Der _Hippopotamus_ fehlt weder in
den Seen, noch in den groesseren Fluessen des Landes. Im Allgemeinen meiden
die Abessinier dieses fuer unrein gehaltene Thier, nur die am Tanasee
angesiedelten heidnischen Waito beschaeftigen sich mit der Jagd dieses
"Gomari", indem sie die Thiere mit hoelzernen Lanzen zu verwunden suchen,
deren Spitzen mit einem Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene
gewoehnlich nach zwoelf Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie
grossentheils, um es aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine
Reitpeitschen. Eine wahre Landplage ist in Abessinien das haessliche, mit
grossen Hauern versehene _Warzenschwein_ (_Phacochoerus africanus_), das
die mit Gebuesch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis
zu 9000 Fuss im Gebirge vor. Es lebt aehnlich wie unser europaeisches
Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die
Eingeborenen halten es natuerlich fuer unrein und geben sich nicht mit der
Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat.

Abessinien beherbergt auch ein eigenthuemliches _Nachtschwein_
(_Nyctochoerus Hassama_), das nach Aussage der Eingeborenen sich
vorzueglich gern von Aas naehrt. Es hat die Groesse unsrer Wildschweine, ist
aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebuesch und Felsen in einem
grossen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fuss Meereshoehe, ist scheu, soll
sich angegriffen wuethend zur Wehre setzen, ruht den Tag ueber in
undurchdringlichen Verstecken und faellt Nachts verheerend in die Felder
ein.

Jedenfalls ist unter den Vielhufern der kleinste der interessanteste,
naemlich der _Klippschliefer_ oder Klippdachs (_Hyrax abessinicus_). Schon
Bruce erwaehnt, dass dieser Aschkoko unmittelbar in der Naehe der Staedte
geeignete Felswaende bewohnt und vor den Augen der Menschen sein
possirliches, an Kaninchen und Murmelthiere erinnerndes Wesen treibt.
Seine Bewegungen sind ungemein mannichfaltig und grazioes; er versteht
ausgezeichnet zu klettern, mit dem Kopfe nach oben und unten. Grosse
Sanftmuth und Aengstlichkeit zeichnen ihn aus, und seine Feinde sind nur
im Thierreich zu suchen, da er vom Menschen, der ihn gleichfalls fuer
unrein haelt, nicht verfolgt wird. Sie selbst sind sehr gefraessig und naehren
sich von Graesern, Kraeutern und Tamarindenzweigen. Wahrscheinlich kommen
zwei verschiedene Arten vor, die vom Tiefland bis zu 12,000 Fuss Meereshoehe
aufsteigen.

Heuglin war der erste, welcher die Bemerkung machte, dass der
Klippschliefer in bestem Einvernehmen mit einer Ichneumon-Art (_Herpestes
Zebra_) und einer Eidechse (_Stellio cyanogaster_) auf seinen Felsen
zusammen lebt. Naehert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man
zuerst einzeln oder gruppenweise vertheilt die munteren und possirlichen
Klippschliefer auf Spitzen und Absaetzen sich gemuethlich sonnend oder mit
den zierlichen Pfoetchen den Bart kratzend; dazwischen sitzt oder laeuft ein
behender Ichneumon und am steilen Gestein klettern oft fusslange
Stellionen. Wird ein Feind der Gesellschaft von dem auf dem erhabensten
Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachs bemerkt, so
richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von dem fremden
Gegenstand, aller Augen richten sich nach und nach dahin, dann erfolgt
ploetzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze
Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man
letzteres genauer, so findet man Klippschliefer und Eidechsen vollstaendig
in die tiefsten Ritzen zurueckgezogen, der Ichneumon dagegen setzt sich in
Vertheidigungszustand und klaefft zornig den Feind an. Hat dieser sich
entfernt, so rekognoszirt zunaechst die Eidechse das Terrain, ob Alles
sicher sei, dann erscheint der Ichneumon und zuletzt, vorsichtig den Kopf
hervorstreckend, der Klippschliefer. Der Ichneumon, obgleich ein arger
Raeuber, verkehrt mit ihm in der groessten Eintracht; dagegen ist der Leopard
sein Hauptfeind, der trotz aller Vorsicht dann und wann einen
Klippschliefer faengt und mit Ausnahme von Wolle und Magen verspeist.
Uebrigens werden diese Thiere durch Raben gewarnt, die unablaessig
schreiend auf den Leoparden stossen, sobald sie seiner ansichtig werden.

  [Illustration: Klippschliefer (_Hyrax abessinicus_).]

Den Beschluss unter den Saeugethieren macht der Riese unter denselben, der
_Elephant_ (amharisch Sochen). Aus den heissfeuchten Niederungen steigt er
auf seinen Wanderungen regelmaessig bis hoch ins Gebirge hinauf; Steilungen,
welche einem Pferde unersteiglich sind, werden von ihm ohne Muehe
ueberwunden; denn wie ein berechnender Strassenbaumeister geht er zu Werke,
bedaechtig und verstaendig waehlt er den Weg. Vor allem in den noerdlichen
Grenzlaendern, in Kunama, Bogos, Mensa ist er haeufig; dort jagt ihn der
wilde Schankalla, indem er ihm die Flechsen der Hinterbeine durchsaebelt;
aber Bogos und Mensa, welche das Feuergewehr noch nicht besitzen, lassen
ihn ungestoert seine Wanderungen machen. Die reiche Natur bietet ihm Alles,
was er bedarf, in Fuelle, und wenn oben in der Hoehe die Nahrung knapp wird,
wenn die Wasser sich unter der Thalsohle bergen und der zweimal im Jahre
eintretende Fruehling, d. h. die Regenzeit, noch fern ist, zieht sich das
gewaltige Thier nach den wasserreichen Niederungen zurueck. Wie der
Elephant in Nordabessinien haeufig den Feldern schaedlich wird, so verwuestet
er im Sueden die Zuckerrohrpflanzungen; da er selten gejagt wird, so steht
seiner Vermehrung nichts im Wege und der Handel Abessiniens mit Elfenbein
ist gering.

Nach von Heuglin lebt im Tanasee auch ein manatiartiges Thier, ueber das
wir jedoch noch keine naehere Kunde haben.

  [Illustration: Afrikanische Bueffel.]





  [Illustration: Landschaft in der Provinz Wochni (Westabessinien). Nach
  v. Heuglin.]





       DAS VOLK, SEINE SITTEN UND GEBRAeUCHE, HANDEL UND INDUSTRIE.


      Physischer Charakter des Volks. - Die Juden oder Falaschas. -
     Muhamedaner. - Gamanten. - Heidnische Ueberreste. - Waito. - Die
      Sprachen Abessiniens. - Literatur und Malerei. - Charakter und
         Sittenlosigkeit der Abessinier. - Blutrache. - Justiz. -
    Aberglauben. - Das Verzehren von rohem Fleische. - Nahrungsweise.
      - Krankheiten und Aerzte. - Kleidung. - Industrie und Handel.


Abessinien, von der Natur zur Buehne eines einheitlichen Lebens geschaffen,
durch seine Felsenwaelle streng abgeschieden von den Nachbarlaendern, ist
dennoch der Sitz verschiedener Voelkerstaemme und Nationalitaeten, die
keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander
geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder spaeter
eingedrungene Staemme abgerechnet, gehoeren die Abessinier dem aethiopischen
Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der Bevoelkerung ist ein
schoengeformter, mittelgrosser Menschenschlag von hellbraeunlicher bis
dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische seines Aeussern besteht
hauptsaechlich in einem ovalen Gesicht, einer fein zugeschaerften Nase,
einem wohlproportionirten Munde mit regelmaessigen, nicht im geringsten
aufgeworfenen Lippen, lebhaften schwarzen Augen, schoen gestellten Zaehnen,
etwas gelocktem oder auch glattem Haupthaar und einem schwachen krausen
Barte. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende
Gesichtszuege, schlanken Bau und aeusserst zierliche und elegante Haende sowie
Fuesse aus. Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingefuehrten Sklaven
und deren Nachkommen.

Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum bekennenden
Hauptvolke wenden, muessen wir die verschiedenen, theils durch die
Religion, theils auch durch ihre Nationalitaet von ihm abweichenden
Voelkersplitter des Landes betrachten.

Eine gewiss auffaellige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden
oder _Falaschas_, d. h. Wanderer oder Verbannte, die frueher eine
bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Hoehe sehr
herabgesunken sind. Fast alle Reisenden beschaeftigten sich mit ihnen, und
namentlich waren es die protestantischen Missionaere, die ihnen ihre
Aufmerksamkeit zuwandten. Gobat gab zunaechst einige Nachrichten von diesem
Volke, doch bemerkt er, dass die Falaschas so von den Christen abgesondert
lebten, dass letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebraeuchen
etwas wuessten. Sie haben sich hauptsaechlich in der Gegend von Gondar,
Tschelga und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die
Falaschas behaupten, ihre Stammvaeter seien schon zur Zeit Salomo's mit
Koenig Menilek, dem Sohne der Koenigin von Saba, ins Land eingewandert;
andere unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von
den Roemern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden
sie sich von den uebrigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der
hebraeischen Sprache und dadurch, dass die endliche Erscheinung des Messias
fuer sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierueber, so erwidern sie
kalt, dass sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch
die abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten.
Dieser Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias fuer
die Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen
sie eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebraeischen und
Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: "In ihre Wohnungen
kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die
Christen nicht grosse Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefuerchtet
sind. Sie selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht
einmal zur Vertheidigung. Fuer ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese
duerfen nie betteln gehen."

Der Missionaer Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum
uebergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die
Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, veroeffentlichte
aber ein Buch ("_Wanderings among the Falashas_"), in welchem wir die
besten Nachrichten ueber das seltsame Volk finden. Nach ihm ruehmen sich die
Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr
altjuedisches Blut rein erhalten zu haben. Mischheirathen mit andern
Staemmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon fuer Suende, das Haus eines
Andersglaeubigen zu betreten. Wer eine solche Suende begeht, muss sich einer
Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er
wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschliesslichkeit hat uebrigens gute
Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und
Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann
gesteht ein, dass die Falaschas, Frauen wie Maenner, die zehn Gebote streng
befolgen. Heirathen in frueher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da
Maenner erst zwischen dem zwanzigsten und dreissigsten, Maedchen zwischen dem
fuenfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermaehlen. Ehescheidungen kommen
nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist nicht
erlaubt; Frauen und Maedchen gehen unverschleiert frei umher. Die Tempel
haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang liegt
nach Osten, und auf der Spitze des kegelfoermigen Daches ist allemal ein
rother Topf angebracht.

Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den ueberstrengen Begriffen von
Reinigung zusammenhaengt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine
"unreine Huette". Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod fuer
unabwendbar gilt und laesst sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei
ihnen sein und nur Menschen, welche fuer unrein gelten, duerfen sich um sie
kuemmern. Merkwuerdig erscheint die Thatsache, dass diese abessinischen Juden
_dem Handel aeusserst abgeneigt sind_ und ihn geradezu verachten. Stern
schreibt: "Diese Falaschas sind von exemplarischer Sittlichkeit, ungemein
sauber, sehr andaechtig und glaubensstreng und dabei sehr fleissig und
thaetig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige Handwerke: man
findet z. B. unter ihnen Weber, Toepfer und Schmiede. Der Handel gilt ihnen
fuer unvertraeglich mit dem mosaischen Glauben, und man findet unter dieser
Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen Kaufmann." Es kann bei
Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht befremden, dass sie alle
andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie zumeist von Goetzendienern
umgeben, und auch die christlich-abessinische Kirche hat in ihrem Verfall
nichts Anlockendes. Im Aeussern und seinem Typus nach unterscheidet sich
der Falaschas uebrigens von den andern Abessiniern keineswegs.

Was die oft verfolgten _Muhamedaner_ Abessiniens betrifft, so stehen sie
in den meisten Beziehungen ueber den einheimischen Christen. Bei dem
niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft
genoethigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und
Redlichkeit erfordert, namentlich Zollaemter, durch Muhamedaner zu
besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften
angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembien
nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und
Baumwollenspinnen beschaeftigen. Die Maenner sind meist Kaufleute, die im
Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen.
Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen
haben sie dadurch, dass jeder Muhamedaner seine Soehne lesen und schreiben
lernen laesst, waehrend jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem
geistlichen Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt fortwaehrend zu,
was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen Christenthums
keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen leben auf gutem
Fusse miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien animalische Speise
von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim Schlachten des Viehs sich
der Formel bedienen: "Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen", die Christen
aber: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Frueher
wohl, zu Muhamed Granje's Zeiten, stuermten die Bekenner des Korans mit
Waffengewalt gegen das christliche Abessinien und wurden zurueckgeschlagen;
jetzt aber breitet sich der Islam stillschweigend aus, da er den
christlichen Abessiniern ueberlegen ist. "Er benutzt", sagt Munzinger, "die
Schwaechen seines uneinigen Gegners, er erringt nur vereinzelte Erfolge und
dennoch darf man nicht verschweigen, dass er einer steten Zunahme sich
erfreut. Waehrend er schon halb Afrika beherrscht und immer suedlicher
dringt, hat er sich wol den dritten Theil der Bevoelkerung des eigentlichen
Abessinien schon unterworfen und die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind
dem Christenthum jedenfalls fuer immer verloren. Die Galla werden in kurzer
Zeit alle muhamedanisch sein, die Grenzvoelker im Norden, die Habab und die
Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz abtruennig geworden und die
Bogos selbst sind kaum zu retten."

Ausser den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere
religioese Sekten. Zu diesen gehoeren die _Gamanten_, die sich ueber mehrere
Provinzen des suedlichen und westlichen Abessinien und selbst ueber Schoa
ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an
einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter
Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage,
ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg
verrichten sie ihre Religionsuebungen im dichtesten Gebuesche, welches kein
Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie
verschiedenen Pflanzen, die zu beschaedigen sie aengstlich vermeiden. Unter
diesen nimmt die Aloe die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie
dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und fuer den
Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine
Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie
schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen
sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleissige und bescheidene
Ackerbauer, von ihren andersglaeubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten
geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft
das Ohr und zwaengen in die Oeffnung nach und nach immer groessere
Holzpfropfen, die schliesslich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr
erlangen, sodass das Ohrlaeppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die
Schulter herabhaengt, wie dies aehnlich bei suedamerikanischen Voelkern
gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der
einheimischen Juden uebereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein
sollen. Aeusserlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen
Kopf, eine etwas aufwaerts gekruemmte Nase und einen kleinen Mund aus. Sie
haben schoengelockte, etwas gekraeuselte Haare und grosse lebhafte Augen. Die
Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann in Tschelga,
Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die Bergpaesse zu
hueten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste Beschaeftigung,
gelegentlich auch Strassenraeuberei.

  [Illustration: Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus
  Tigrie. Originalzeichnung von Eduard Zander.]

Spuren vom ehemaligen _Heidenthum_ lassen sich bei den abessinischen
Christen immer noch erkennen. Rueppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in
der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in grosser Anzahl an eine
wasserreiche Quelle, welche unter einer schoenen Baumgruppe hervorsprudelt,
begaben, dort Haende und Fuesse wuschen und sich dann vor einem
grobbehauenen, mit zwei eifoermigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwuerfel
einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rueppell hielt den Stein fuer einen
Opferaltar, konnte jedoch ueber den Kultus nichts Naeheres erfahren,
obgleich seine Begleiter erklaerten, es handle sich hier um einen Rest
heidnischer Abgoetterei.

Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen _Waito_ fuehrt und als
heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten
unterscheiden sie sich dadurch, dass sie keinerlei religioese Ceremonie
haben. Auch essen sie Wasservoegel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine
u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Graeuel erscheint. Sie haben keine
eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder
durch Gesichtszuege, noch durch andere koerperliche Eigenschaften von den
uebrigen Abessiniern unterscheiden.

Als heidnisch ist noch die _Schlangenverehrung_ zu nennen, die Pearce in
der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce
berichtet, dass die _Agows_ (im westlichen Abessinien) in ihren Huetten
zahme Schlangen aufziehen, denen sie goettliche Verehrung zollen. Ein
Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthuemlichen Menschen und den echten
Abessiniern keinen grossen Unterschied, ausser dass die Agows im ganzen
vielleicht ein staerkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als
jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara,
ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kraeftig als die
von Tigrie. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung
der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt
sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirie. Nach der Sage waren die
Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur
christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von
ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern
Tigrie's, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht moeglich,
dass dieses Volk einen Theil der Urbevoelkerung Abessiniens ausmacht.

Hier muss der Ausdruck _Schangalla_ oder _Schankela_ erwaehnt werden, unter
dem man sich faelschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten
Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama
verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die
heidnischen, ausserhalb Abessinien wohnenden Voelker, namentlich die Neger
und Negersklaven, angewandt wird.

Abessinien besitzt gegenwaertig _zwei Hauptsprachen_, die sich wieder in
mehrere zum semitischen Stamme gehoerige Dialekte trennen. Als
ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die _aethiopische_
oder das Geez, das zur Zeit der Einfuehrung des Christenthums geredet und
in welchem alle Buecher abgefasst wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf,
der sich um die aeltere Kunde Aethiopiens die groessten Verdienste erwarb, im
Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfasst.
Denkmaeler der alten aethiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an
verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden;
besonders aber in der alten Koenigsstadt Axum in Tigrie. Auf einem
Schutthaufen daselbst entdeckte Rueppell drei gleichgrosse Kalksteinplatten,
jede ueber vier Fuss lang und mit ziemlich wohl erhaltenen aethiopischen
Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte spaeter diese
Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich
mit jener des Professors Roediger in Halle ueberein. Wir geben, um die
altaethiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel
wieder, welche von dem Kriegszuge des Koenigs La San nach Magasa handelt,
von wo er mit grosser Beute heimkehrte:

  [Illustration: Inschrift des Koenigs La San]

Die Uebersetzung lautet:

   1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten
   2. Halen Koenig von Axum und von Hamara
   3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala-
   4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas.
   5. Der Sohn des Unglaeubigen bisher unbesiegt
   6. bekaempfte als Feind; ihr Oberhaupt ward
   7. verjagt, das uns unguenstig war, und ihre Tapfern erschlagen;
   8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher
   9. schickten sie aber das Heer; ihr Anfuehrer, der Tapfere
  10. zog aus mit Gezelt und dem Anfuehrer der Vornehmsten.

Das Geez hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehaengt
werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts
und jedes Wort wurde vom naechstfolgenden frueher durch einen vertikalen
Strich, jetzt durch zwei uebereinanderstehende Punkte getrennt. Wie
bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als
Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche
die von Isenberg eingefuehrten, in die modernen Sprachen uebersetzten Bibeln
als Ketzerwerke erklaerten. An die Stelle des ausgestorbenen Geez traten
zwei lebende Sprachen, das _Amharische_ und _Tigrische_, von denen das
erstere in den vom Takazzie suedlich und westlich, das letztere in den von
diesem Flusse oestlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische,
das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und
also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter-
oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die groesste
Aehnlichkeit mit dem alten Geez behalten hat. Das Tigrische ist reich an
kraeftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Gurague, einer
suedabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache
erhoben, hat in der Sprache von Haerraer, oestlich vom Hawaschflusse, eine
Tochter.

Waehrend die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische
sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geez mit sechserlei denselben
angehaengten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die
Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, naemlich _Schaat_
lautet in der Form [Aethiopisch: sha] _scha_. [Aethiopisch: shu] ist =
_schu_ u. s. w. Ebenso wird aus _Tjawi_ in der Form [Aethiopisch: ca]
(_tja_) durch Hinzufuegung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts
[Aethiopisch: cu] _tju_, [Aethiopisch: ci] ist _tji_, [Aethiopisch: caa]
_tja_, [Aethiopisch: cee] _tje_ u. s. w. Die andern fuenf dem Amharischen
eigenthuemlichen Charaktere sind: _Gnahas_ [Aethiopisch: nya] (_gna_; es ist
also [Aethiopisch: nyu] _gnu_ und [Aethiopisch: nyee] _gne_ auszusprechen);
_Chaf_ [Aethiopisch: xwa], _cha_; _Jai_ [Aethiopisch: zha], _ja_
(franzoesisch auszusprechen); _Djent_ [Aethiopisch: ja], _dja_ und _Tschait_
[Aethiopisch: cha], _tscha_. Das Aethiopische und Amharische wird von der
Linken zur Rechten gelesen. Wenn _sakaja_, anklagen, geschrieben wird
[Aethiopisch: sa][Aethiopisch: xwa][Aethiopisch: ya], so bezeichnet also das
dem grossen _P_ im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe _ja_ und man
wird sofort einsehen, dass [Aethiopisch: yu] wieder _ju_, [Aethiopisch: yaa]
_ja_ ist.

Als untergeordnete Dialekte muessen noch erwaehnt werden, das Baze-Tigre
(nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der
Samhara und weiter noerdlich herrschende Sprache, das erwaehnte Idiom der
Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt
(Hauaraza) sprechen, und die Sprache der Gallastaemme im Sueden von Habesch,
ueber die weiter unten mehr gesagt wird.

Soviel ueber die Sprachen des Landes. Von einer _Literatur_, welche das
ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben
ein Privilegium der hoeher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit
ist. In frueheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine
ungleich ruehrigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die
meisten Buecher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im
Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte
sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und
elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf
der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen
abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben
bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Haeufig sind kolorirte
Vignetten in den Text angebracht, die in aelterer Zeit weit schoener als
jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbaende, in
welche man mit heissen Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und
Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist
geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder
laesst sie verschimmeln. Durch die Bemuehungen der deutschen Missionaere,
namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Buecher in
amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollstaendige
Bibeluebersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriss der Weltgeschichte.
Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch
keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionaeren feindlich gesinnte
abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke
vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleisses, ohne
lebendige Anwendung zu finden.

  [Illustration: St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach
  Harris.]

Nach Krapf umfasst die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von
denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenvaeter sind. Die
saemmtlichen Buecher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren
erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die
dritte enthaelt juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus
u. s. w., die vierte endlich besteht aus Moenchsschriften und dem Leben der
Heiligen. Die grossen Sammlungen von aethiopischen und amharischen
Schriften, welche die Gebrueder d'Abbadie nach Frankreich, Rueppell nach
Frankfurt, Krapf nach Tuebingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen
Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da
finden wir "den Glauben der Vaeter" (_Haimanot Abau_), eine Dogmensammlung
der abessinischen Kirche, das Leben des Koenigs Lalibela (_Gadela
Lalibela_), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie
lebte, die Biographie Tekla Haimanot's, eine Menge wichtiger Chroniken
u. s. w.

Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemaelde entwerfen, die oft auch
die Pergamentmanuskripte schmuecken, beschreibt Salt. Der Maler machte
zunaechst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und ueberzog
denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter
im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der
Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier
vergroessern in ihren Gemaelden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen
die Figuren _en face_; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt.
Die Farben sind aeusserst grell: Gruen, Roth, Blau und Gelb herrschen vor.

                              --------------

Wenden wir uns nun zur Betrachtung des _Charakters der Abessinier_, so
treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im
allgemeinen behauptet werden, dass derselbe nach unsern europaeischen
Begriffen ein keineswegs vorzueglicher ist. Waehrend z. B. Munzinger und
Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile
von Bruce, Rueppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande
giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehoerten
vor allem der Koenig Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene
Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzuegliche, durch Liebenswuerdigkeit, edlen
Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persoenlichkeiten hat es jedoch
immer gegeben und sie beweisen, dass in dem befaehigten Volke noch nicht
alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der hoechste Kirchenfuerst
des Landes, allerdings ein Auslaender, von dem selbst kein sehr
erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: "Die
Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntniss verlangt, noch Liebe
zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, dass Sie sein Bestes suchen.
Was es will, ist, dass Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes.
Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben
moegen - koennen Sie immer noch glauben, dass die Abessinier seien wie andere
Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntniss verlangen?"
Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm
widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rueppell, ein sehr
nuechterner Beobachter, fasst sein Urtheil folgendermassen zusammen: "Die
Hauptzuege des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz,
Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit,
Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, grosse Gewandtheit
im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschaemtheit im Fordern von Geschenken
und eine des spruechwoertlichen Gebrauches wuerdige Luegenhaftigkeit."
Mildernd setzt er hinzu: "In der Regel ist ihnen uebrigens ein leutseliges,
ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflaechliche Beurtheilung zu
ihren Gunsten ausfaellt." Dann weiter: "Zur Erregung eines bessern
moralischen Gefuehls traegt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich muss
durchaus dem beistimmen, was der Missionaer S. Gobat als das Resultat eines
beinahe einjaehrigen Aufenthalts in Gondar ueber den sittlichen Zustand
dieser Stadt ausspricht, naemlich: "Alle Abessinier, wenn sie keine
Regierungsgewalt zu fuerchten haben, treiben das Raeuberhandwerk. Ich kenne
die Abessinier zu gut, als dass ich einen grossen Werth auf ihre suessen Worte
legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt,
als sei jeder Rettungsversuch vergeblich."" Rueppell fuehrt eine Menge diese
Aussprueche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende
Illustrationen bilden; allen Staenden schreibt er gleich grosse Rohheit zu.
Auch die Traegheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende
bestellt nicht mehr Feld, als fuer den Bedarf seiner Familie noethig ist,
und an ein Aufspeichern von Vorraethen ist nicht zu denken. Jede Art von
Handarbeit halten sie fuer etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, dass
fast die ganze Industrie des Landes in den Haenden der Muhamedaner und
Juden ist. Betrug im Handel, Verfaelschung der Waaren sind gang und gaebe.

Alledem gegenueber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings
einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: "Ueber dieses Land
darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er
denkt, er traeumt, er liebt und hasst ja auch; er fuehlt wie wir, nur roher
und oft viel natuerlicher und freimuethiger. Soll denn das schwarze Gesicht
immer ein schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen!
Wenn der schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet,
da kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers
harrt ein freundlicher Gruss, ein froehlich loderndes Feuer und ein warmes,
in Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschuetzer der
Frauen und Schwachen. Der Misshandelte findet seinen Advokaten. Auch
Freunde kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der
Gefahr dich beschirmen. Treue Liebe, glueckliche Gatten sind nicht selten,
und wie oft folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den
fruehen Tod! Du siehst in Hungersnoethen die Mutter mit hohlen Wangen, die
Kinder frisch und munter, denn das letzte Brot spart sie fuer ihre Lieben
auf. Unermuedet wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Soehne
opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu
bereiten, Gefuehl fehlt nicht und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen
und tanzen die sternenhelle Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den
Loewentoedter, den Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das
Lied dient auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die
Hochzeit." Im grellen Gegensatz steht - gegenueber fast allen andern
Berichten - was Munzinger hier ueber die ehelichen Verhaeltnisse bemerkt,
und es scheint uns fast, als sei wenigstens hier ein rosiger Schimmer ueber
seine Darstellungen ausgebreitet.

Hier muss erwaehnt werden, dass die _Blutrache_ in ganz Abessinien allgemein
herrscht und dass eine ausgebreitete und maechtige Verwandtschaft daher als
ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine Frau in
der groessten Angst gelaufen mit der Bitte, er moege fuer ihren Mann beten,
der am Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen ausgegangen sei; dies habe
sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm bewaffnet zu folgen. "Wir
erfuhren, dass diese Feindschaft zwischen den beiden Vettern von ihren
Vaetern herruehrt, die einander in toedtlicher Feindschaft umgebracht haben
sollen. Auch die Vettern haben in ihren Streitigkeiten schon zehn ihrer
Leute verloren." Salt lernte einen jungen Haeuptling (Schum) Namens
Schelika Negusta kennen, der einen Feind im Zweikampfe erschlagen hatte.
Mehrere maechtige Verwandte des Gebliebenen bemaechtigten sich seiner Person
und fuehrten ihn vor den Ras, welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode
verdammte und zwar wurde er nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des
Ermordeten uebergeben, damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen moechten.
Gewoehnlich wird bei solchen Gelegenheiten der Thaeter nach dem Markte
gefuehrt und dort zu Tode gespeert, und so sollte es auch dem Schelika
Negusta ergehen, als die Osoro's (Prinzessinnen), von seiner Schoenheit
geruehrt, sich hinter die Geistlichkeit steckten und durch deren
Banndrohungen es vermochten, dass der der Blutrache Geweihte gegen eine
hohe Geldsumme freigegeben wurde.

Die _Justiz_ wird in Abessinien ungemein willkuerlich gehandhabt. Ein
oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in
weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezueglich der Todesurtheile
steht dem Koenige die Entscheidung zu. Dieser haelt woechentlich mehrere Mal
oeffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier
laesst er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhoert die vorgeladenen
Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch
ab, dem jedoch die ausuebende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten
angesehen werden muss. Ist der Koenig verreist, so waehlen sich die Parteien
selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur
und zwar gleichfalls oeffentlich, in der Regel auf einem Huegel in der Naehe
der Stadt. Rueppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in
Semien bei. Der Gouverneur sass auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen
die Zuhoerer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei
der sowol Mann wie Frau ihre Sache persoenlich vortrugen und zwar beide mit
vieler natuerlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwaehrend laut
dazwischen und machten ihre Bemerkungen ueber den Gang der Unterhandlungen.
Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur verkuendigte das Urtheil,
worauf er beide Parteien mit einem "Marsch!" entliess.

Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens, das
_Feta Negust_ (die Richtschnur des Koenigs) nur selten angewandt, da man es
meist nur bei verwickelten Rechtsfaellen zu Rathe zieht. Es soll angeblich
unter Konstantin dem Grossen durch die auf dem Konzil zu Nicaea versammelten
Kirchenvaeter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust besteht aus
zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die andere das
buergerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51 Unterabtheilungen.
Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von der
Rechtglaeubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von deren
Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.; die 29
Paragraphen des buergerlichen Rechtes von der Dienstbarkeit, der Ehe, dem
Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen, Grundeigenthum,
Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die von Rueppell
nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, dass als Verfasser dieses
Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionaer _Pater
Heyling von Luebeck_ anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach Abessinien kam.

Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein moegen, hindern das Volk nicht in
seinem faulen, zuegellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung
ausserordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche
Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wuesten Treiben Einhalt zu
thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo fuer
Aufklaerung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder
nehmen, dass unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und
der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist.

Nach den aberglaeubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Moench, jeder
Einsiedler, jeder Zwerg die Faehigkeit, in die Zukunft schauen und
weissagen zu koennen. Geschriebene _Talismane_ werden unter die Saat
gemischt, damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein
Maulthier, ohne sich vorher mit einer solchen Papierruestung versehen zu
haben, die ihn angeblich stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen
derart eine grosse Rolle und schuetzen den Inhaber gegen jede vorhergesehene
oder unvorhergesehene Gefahr. Der _Tulsim_, ein Guertel, an dem kleine
Ledertaeschchen haengen, enthaelt diese schuetzenden Papierschnitzel, welche
Maenner, Weiber, Kinder tragen und die selbst der Koenig fuer unentbehrlich
haelt. Auch uebt der Einfluss des boesen Auges eine grosse Macht auf alle
Abessinier aus; boese Geister durchschwaermen nach ihrer Vorstellung die
Erde und das Wasser. Haeufig wendet man das _Besa_ oder Krankenopfer an,
indem man unter Singen und Schreien um das Lager des Patienten einen
Ochsen treibt und denselben dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier
wird an einem Sonnabend oder Sonntag eine Schlange zu toedten wagen, weil
an diesen Tagen jene Thiere als ein glueckverheissendes Omen erscheinen.
Uebereinstimmend mit den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni
dem _Sar_ (boesen Geiste) Dankopfer dar, obgleich dieser Goetzendienst durch
Verordnungen aufs strengste untersagt ist. Drei Maenner und eine Frau, die
mit dem Boesen in Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem
frisch ausgekehrten Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige
Henne, eine roethliche Gais oder ein Ziegenbock mit weissem Halsringe werden
geopfert und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, waehrend
der Nacht auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Daruebergehenden das
Uebel des Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar
dargebracht wurde.

Das Aechzen der Wassernixen hoert der aberglaeubige Abessinier in jedem
Wasserfall, und der Unglueckliche, welcher im ploetzlich angeschwollenen
Wildbache ertrinkt, wird als Speise der boesen Wassergeister angesehen.
Verschiedene Pflanzen und Kraeuter besitzen zauberische Eigenschaften, so
ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit
und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine
seltenen Erscheinungen in Abessinien, erreichen nach der Volksmeinung das
anstaendige Alter von vier- oder fuenfhundert Jahren; sie fliegen mit der
Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen ploetzlich und ungesehen in der
schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten Fleischbissen vor
der Nase weg.

Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das zauberhafte
Dorf _Duka Stephanos_, ein Paradies auf Erden, das, alle irdischen und
himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des wunderliebenden
Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und praechtigen Waelder
laden zum suessen Schlummer ein, und am heitern Ufer des Nil, der seine
blauen Fluten durch die praechtige Landschaft rollt, wandern die schoensten
Weiber. Dort fliessen die koestlichsten Getraenke in nimmer versiechendem
Strome, und die Erde bringt saftige Fruechte in unendlicher Fuelle ohne
Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhuellt, oeffnet dieses Elysium
seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schoenem Aeussern, die das
Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten.

  [Illustration: Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E.
  Zander.]

_Zwerge_ werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind Gegenstaende
der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute des
Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassie's, des Koenigs von Schoa,
ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswuerdiger
und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger
Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Grossen des Landes waehlen sich
gern missgestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretaeren.

Ganz besonders mit uebernatuerlichen Kraeften ausgestattet erscheint aber der
_Grobschmied oder Budak_, da er sich nach Belieben in einen Wolf oder eine
Hyaene zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen vermag. Dem boesen
Blicke eines Schmiedes wird gewoehnlich Krankheit und Unglueck
zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubie's, des frueheren Herrschers von
Tigrie, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten,
niederzumachen, um weiteres Unglueck zu verhueten. Ueberall bluteten die
unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses aberglaeubige Werk
vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem
Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der nuetzlichen Eisenarbeiter
sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame
Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt
sind. Indessen genuegt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder
der Heiligen Schrift, um die ueblen Wirkungen der Schmiede zu
neutralisiren. Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweisst
werden. Als die britische Gesandtschaft in Schoa war, muehten sich ein paar
eingeborene Schmiede mit ihren kleinen Blasebaelgen vergeblich ab, einen
Reifen um das Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklaerten nun,
dass die Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschaefte
hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die
Blasebaelge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Fluss zu
bringen. Nun wurden englische Blasebaelge gebracht, und als die Funken vor
der Windroehre davon spruehten, war das Eisen in fuenf Minuten weissgluehend
und der Reif aufgeschweisst. Die einheimischen Magier baten aber,
dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen
verloren ginge!

  [Illustration: Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E.
  Zander.]

Da der Handel grossentheils in den Haenden der Muhamedaner, die
Gewerbthaetigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben fuer den
christlichen Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd,
Ackerbau und Viehzucht als Erwerbszweige uebrig.

In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den
Elephanten, Bueffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt
uns der Eingeborene oft als kuehner _Jaeger_ entgegen. In den meisten Huetten
der Kola von Eremetschoho fand Rueppell getrocknete Elephantenruessel oder
die Schweife von Bueffeln, welche als Zeichen des persoenlichen Muthes
aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildniss
gegenueber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein
nebensaechlicher Erwerbszweig.

Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise _Ackerbauer_ und
_Viehzuechter_, und nach den Produkten dieser Thaetigkeit richtet sich auch
seine Nahrungsweise. Die Nachricht, dass die Abessinier grosse Freunde rohen
Fleisches (_Brundo_) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa. Man
glaubte ihm jedoch nicht, bis dann spaetere Reisende Alles bestaetigten, was
er erzaehlt hatte. Bruce berichtete, dass, wenn die Gesellschaft zum Essen
versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Huette
gefuehrt habe. Man bindet dem Thiere die Fuesse, macht unten am Halse in die
Haut einen Einschnitt bis an das Fett und laesst fuenf bis sechs Tropfen Blut
auf die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann
fallen einige Leute ueber das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Koerper bis
in die Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke
viereckige Stuecke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebruell des
ungluecklichen Thieres ist ein Zeichen fuer die Gesellschaft, sich zu Tische
zu setzen. Statt der Teller legt man jedem Gaste runde Tiefkuchen vor, die
als Zuspeise und Serviette zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei
Diener mit viereckigen Stuecken Rindfleisch, welches sie in den blossen
Haenden tragen; sie legen dasselbe auf Tiefkuchen; der Tisch ist ohne
Tafeltuch. Die Gaeste halten schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet
mit seinem krummen Saebelmesser kleine Stuecken Fleisch herunter, in welchen
man noch die Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien
speist sich kein Mann selbst und ruehrt seine Kost nicht an. Die
Frauenzimmer nehmen diese Stuecken und schneiden sie erst in Streifen von
der Dicke eines kleinen Fingers und dann in Wuerfel. Diese legt man auf ein
Stueck Tiefbrot, das stark mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine
Rolle zusammengewickelt wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt
beide Haende auf die Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit
vorgebeugtem Leibe, gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen
Nachbarin, welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze
Stueck in den Mund, der davon so voll wird, dass der Mann in Gefahr geraeth
zu ersticken. Je vornehmer der Mann, um so groesser ist das Stueck, und es
wird fuer sehr fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt.

Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England
allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Luegner gebrandmarkt da. Hoeren wir
nun, was spaetere Reisende ueber diesen Gegenstand berichten. _Salt_, der
mehr als dreissig Jahre spaeter in Abessinien war, bezuechtigte Bruce der
Unwahrheit, indem er erzaehle, es sei _Gewohnheit_ bei den Abessiniern,
sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem zu ergoetzen;
doch stellt er keineswegs in Abrede, dass rohes Fleisch, je frischer, je
lieber, ihr groesster Leckerbissen sei. Rueppell (1832) berichtet an mehr als
einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, dass die Leute _noch
zuckendes_ Fleisch genossen haetten. Er sagt: "Dasjenige Fleisch, welches
noch seine natuerliche Waerme hat und bei dem die Muskelfasern noch unter
dem Messerschnitte zucken, gilt fuer einen besondern Leckerbissen. Das
Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt, wiewol in den von
mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das geschlachtete
Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stuecke Fleisch von einem
noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce beschrieben hat, mag
zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden haben, ist aber
sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas Gewoehnliches. Dass
derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch jetzt noch zuweilen
vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt's und der ganz
grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und Tamisier ueber Bruce
veroeffentlichten." Der Missionaer Isenberg (1843) bezweifelt dagegen wieder
die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce und stellt jene Thatsache
als Aushuelfe in Nothfaellen hin, "wo z. B. auf einem Marsche befindliche
Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz, wenn sie der Hunger
ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein Stueck Fleisch aus
dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die leere Stelle mit Heu
oder anderm Material ausfuellen, die abgeloeste Haut wieder darueberziehen
und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben, wo seinem Leben ein
Ende gemacht werde." Entscheidend moechte jedoch Folgendes sein.

Als der Reisende _Apel_ im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen und
nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das vermittels
eines Seiles von etwa 3 Ellen Laenge an dasjenige eines ungeheuren
Abessiniers befestigt war. "Auf diesem Ritt von Wochni nach Gondar habe
ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so standhaft behauptet
und von der unglaeubigen Civilisation bestritten wurde, - naemlich das
_Herausschneiden des Fleisches von noch lebenden Thieren_ und das Geniessen
desselben, waehrend das Thier noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von
den Christen die Fuesse gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt
man ihm Stuecke Fleisches aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der
Muskelbewegung, gierig von den Christen verschlungen wurden. Das Thier
verblutete und blieb dann eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges
zuckendes Stueck Fleisch zugeworfen und ich habe, so widerwaertig mir das
Ganze auch war, doch den groessten Theil desselben verzehrt, so arg hatte
mich der Hunger mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts
genossen. Dieselbe Kost wurde mir waehrend der ganzen Reise angeboten."
Krapf endlich sah in Schoa, wie Soldaten einem lebendigen Schafe ein Bein
abschnitten, das Thier nicht toedteten und das rohe Fleisch vom Knochen
sogleich abnagten!

Nicht viel weniger widerwaertig ist die Art und Weise, wie die Abessinier
ihr uebriges Fleisch zubereiten und ueberhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen,
sodass man bei ihnen wol vom "Fressen" sprechen kann.

Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gaeste geschlachtet und
abgehaeutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fuenf Minuten ueber ein
Flammenfeuer gehalten und die aeusserste Lage Fleisch, die kaum durchroestet
ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in
langen, gewundenen Antilopenhoernern umhergereicht. Waehrend des Essens
selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch
Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der
Ueberbringer desselben giesst dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine
Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um
demselben damit zu zeigen, dass der Trank nicht vergiftet sei. Auch die
zubereiteten Speisen erscheinen fuer einen Europaeer sehr widerlich, denn
bei vielen wird ein Oel aus den Samenkoernern der Nukpflanze von sehr
unangenehmem Geschmack zugesetzt.

Die Abessinier koennen ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die
Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar uebertreibend anfuehrt,
wird auch von Rueppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist
jedoch, dass sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze
bewegen muessen. Laendlich, sittlich! und diese "Sitte" gilt nicht nur in
den niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei
Theodoros II. Dieser hatte den Missionaer Stern zur Tafel geladen; die
Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tiefkuchen und
Honigwasser. "Da machte ich", erzaehlt Stern, "einen Verstoss gegen die
Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen muss jeder Mann
aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon wusste ich
leider nichts; ich ass so, wie wir in Europa es fuer schicklich halten, aber
das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich
allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den
Englaender Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete:
Gewiss haben Sie das. Ihr Betragen ist so _ungentlemanly_, dass alle Gaeste
glauben muessen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und
gar nicht gewohnt, sich in anstaendiger Gesellschaft zu bewegen. - Nun,
wodurch habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? - Einfach
durch die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman waeren, so
wuerden Sie das bei Tafel beweisen; Sie muessen recht laut und derb
schmatzen und Keiner wird bezweifeln, dass Sie ein Mann von Stande seien.
Da Sie aber nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier
Jeder, dass Sie ein armer Tropf sind. - Ich erklaerte dann den abessinischen
Aristokraten, dass bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche,
und damit brachte ich die Dinge wieder in richtigen Zug." -

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  [Illustration: Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.]

In der _Kleidung_ der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte
Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die Frauen
die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem Weben
beschaeftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die Kleidung der
_Maenner_ besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um die Brust und den
Leib geschlungenen Guertel, der eine Ausdehnung von zuweilen 100 Ellen hat,
und einem weiten faltigen Mantelueberwurf, welcher aus einem grossen Stuecke
Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem faltigen Rande versehen ist.
Mehr ist von der _weiblichen Kleidung_ zu berichten. Sie besteht aus einem
grossen Hemde mit weiten, jedoch an der Handwurzel eng zulaufenden Aermeln.
Darueber tragen sie den Umschlagmantel gleich den Maennern. Ausser einigen
Seidenstickereien am Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen
Schoenen aus. Ohrringe oder Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen,
sind ein sehr beliebtes Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und
dicke Ringe an den Fussknoecheln, beide oefter mit kleinen Silbergloeckchen
behaengt. Das Haupthaar der Frauen ist gewoehnlich kurz abgeschnitten oder
es wird, wenn es in seinem natuerlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von
vieler Butter in duenne anliegende Zoepfchen geflochten. Auch hier ruft, wie
bei unseren Damen, die Mode sehr haeufig Aenderungen der Haartracht hervor,
die genau befolgt werden. Stirnbaender oder Schuhe von rothem Leder kommen
nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der maennlichen Kleidung sind Arm- und
Stirnbaender als Ehrendekorationen. Die blaue Schnur von Seide oder
Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums gilt, wird allgemein
getragen.

Diese allgemeine Tracht erleidet natuerlich vielerlei Ausnahmen. In den
Grenzlaendern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz
tragen; in Schoa hatte allein der Koenig das Recht, sich mit goldenen
Dingen zu schmuecken. In Foggera, oestlich vom Tanasee, tragen Frauen und
Maedchen grosse gegerbte Lederhaeute, welche zugleich Nachts als
Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein
sonderbares Geraeusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semien
schuetzen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von
ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa),
welches sie bestaendig mit sich herumtragen, um ihre durch duerftige Lumpen
nur zum Theil bedeckten Koerper gegen ploetzliche Regenguesse und
Schneegestoeber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die
schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis
ueber die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier
bei Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides
(Schama) herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur geguertet, d. h. er
schlaegt die den Oberkoerper bedeckenden Theile des Kleides ueber dem Guertel
um den Leib, waehrend ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter
Personen sich das Gesicht vom Kinn bis ueber den Mund verhuellt.

_Sauberkeit_ ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie ihre
Koerper zeigen oft den hoechsten Grad von Schmuz. Merkwuerdig ist, dass in
ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstuecke Sache der Maenner und nicht
der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten
Samenkapseln des Septestrauches (_Phytolacca abessinica_), welche zwischen
Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt
werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den
Fuessen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt
wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Kuestengegend bei
Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim
Waschen getrockneten Kameelmistes.

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Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler
_Krankheiten_, die grosse Verheerungen unter ihnen anrichten.
Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso
Kraetze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut
an den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach
ab und loest sich endlich ganz vom Koerper. So verliert der Kranke ein Glied
der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier
Gliedmassen allein uebrig geblieben ist und der sonst scheinbar gesunde
Mensch zum huelflosen Geschoepf wird. Der Verlauf und die Unheilbarkeit
dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl bekannt, und den
Kranken ueberfaellt, wenn er die ersten Anzeichen spuert, natuerlicherweise
Schwermuth. Die _Filaria_ oder der Medinawurm kommt ziemlich haeufig vor,
ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses Schmarotzers dringt
in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort aus und verursacht
die groessten Schmerzen, gegen welche man mit Glueck Zibethmoschus anwendet;
Kroepfe und Kretinismus finden sich in einigen Gegenden; die Blattern
richten periodisch grosse Verwuestungen an; Schwindsucht und
Augenentzuendungen sind haeufig. Die einheimischen _Aerzte_ (Tabib) koennen
nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren auch medizinische Werke,
darunter eins mit dem Titel "El Falasfa", dessen mitunter hoechst
laecherliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art sind. Auch die
Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rueppell sah, wie ein
Knabe, der ueber und ueber mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig und dem
Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde. Nach vier
Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die "boesen Geister" werden von den
Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu beobachten
Gelegenheit hatte. Der Geistliche liess sich einen Topf mit Wasser geben,
las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot (Glaube) und
spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte ihm Vorwuerfe
hierueber, allein der Priester liess sich nicht aus der Fassung bringen und
besprengte mit der Fluessigkeit das Haus, welches solchergestalt von allen
Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei uns
immer noch geuebten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns daher
wenig an, darueber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht frei
von aehnlichen Thorheiten sind.

Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundaerzte erinnert an die "gute
alte Zeit". Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede
ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu
bearbeiten pflegt. Aderlass wird mit einem Rasirmesser, Schroepfen mit einem
Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verduennt wurde.
Schlecht geheilte Knochenbrueche, die verkuerzte Glieder hinterliessen,
werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen
Amulete stehen in weit hoeherem Ansehen, als der _Bala medanit_ oder
Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und
aehnliche oft unheilbare Uebel, fuer welche man keine Heilmittel kennt,
werden einfach dem Einflusse von Daemonen zugeschrieben und der Patient
hiernach behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen;
gewisse Pflanzensamen, in Saeckchen bei sich getragen, schuetzen gegen den
Biss toller Hunde und gegen Unglueck auf Reisen. Doch muessen diese Saemereien
mit der linken Hand gepflueckt werden zu einer guenstigen Zeit, wenn die
Sterne dem Pflueckenden hold sind - sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie
wir schon aus Bruce wissen, verwuesten die Pocken oft das Land und fordern
ihre Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird,
findet dann von den _menschlichen_ Pusteln statt, in deren Folge oft viele
Leute sterben. In allen Faellen wendet man sich indessen, dem Aberglauben
huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was im Grunde
genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern Begriffen
nichts verstehen.

                              --------------

Wenngleich es den Abessiniern nicht an der noethigen Faehigkeit und
Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden
Indolenz die _Industrie_ und Gewerbthaetigkeit sehr gering entwickelt, ja,
sie erhebt sich kaum ueber den allgemein afrikanischen Standpunkt, und
manche Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den
benachbarten Negervoelkern betrieben. Ein grosser Theil der industriellen
Thaetigkeit liegt in den Haenden der fleissigeren Juden und Muhamedaner.

Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus
dem rothen Eisenthon in Tigrie bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in
Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere
Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die
Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela
in Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thueren und Fenstern angebracht und
theilweise bemalt. Ausser den Arabesken, deren freie Erfindung und schoene
Harmonie einen vorzueglichen Eindruck hervorbringt, sieht man Darstellungen
aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie den _Sebetat_,
der halb Mensch, halb Loewe ist. Sein Schwanz bestand aus zwei Schlangen;
seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schuetzten ihn nicht gegen
den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes Horn trug und
den Sebetat toedtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den Kaiser
Konstantin; dann - figuerlich ausgedrueckt - dessen Gewalt und schliesslich
die Fuerstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der Kirche.

Bei der oft herrschenden grossen Kaelte werden die sonst wenig industrioesen
Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe
Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird
gegen einige Salzstuecke eingehandelt und auf der einfachen, urthuemlichen
Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn
gar nicht darauf an, dass die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer
kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz
gewoehnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Huelfe des Schiffchens in
einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die
Abbildungen S. 98 und 99.)

Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug,
Schilden, Riemen, Schuhen fuer die Priester ist ein weitverbreitetes
Gewerbe. Toepferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler
liefern aus den Hoernern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte
Becher (Wantscha). Zierliche Koerbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen
oder Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder
Abessinier selbst fuer seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Baecker
und Mueller, und von groesseren Industriezweigen, die an einem Export ihrer
Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur Rohprodukte zur
Ausfuhr gelangen.

Der _Handel_ Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender
genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in
Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den
schwer zugaengigen Paessen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und
die saemmtlichen Fluesse des Landes sind fuer die Schiffahrt nicht im
geringsten geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion
von Handelswaaren, sodass schliesslich fuer den abessinischen Handel - von
den Sklaven abgesehen - nur die aus den suedwestlichen Laendern kommenden
Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht
kommen. Hierdurch erklaert sich auch das geringe Interesse, welches man -
Missionsfragen ausgenommen - in Europa an Abessinien vom praktischen
Gesichtspunkte hatte und das erst durch Koenig Theodoros und die
Gefangenhaltung der Englaender wieder aufgefrischt wurde.

  [Illustration: Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in
  der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E. Zander.]

Fuer den Grosshandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher
ist aber jeder zugethan und sucht auf alle moegliche Weise sein
Geschaeftchen zu machen. Auf den Messen und Maerkten, die sich meist an die
Kirchen knuepfen, geht es lebhaft zu, und grosse Menschenmengen sind dann
versammelt. So traf Rueppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche von Bada,
oestlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen, von denen
allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren.

Der europaeische Handel hat sich in Abessinien noch verhaeltnissmaessig wenig
Einfluss verschaffen koennen. Die bestaendigen Kriege, die schlechten
Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn
nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide,
Huelsenfruechte, Tabak, Kaffee, ist verhaeltnissmaessig viel zu gering, waehrend
doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemaessigten Zone praechtig
gedeihen wuerden. Dagegen werden Haeute, Maulthiere und gute Gebirgspferde
in grosser Menge exportirt.

_Honig_ und Wachs werden in sehr grosser Menge ausgefuehrt. Der erstere, Mar
genannt, wird in Toepfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er nur so
zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe
ausschliesslich verbraucht wird. Die betruegerischen Abessinier wenden ihre
ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern
Schichten der Toepfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfuellen. Neben
dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den Markt.
Unter den _Manufakturen_ spielen die Baumwollenwaaren (Schama) eine grosse
Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtuechern, Beinkleidern u. s. w.
verarbeitet und sind entweder rein weiss oder mit blauen und rothen
Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune kommen aus
Indien ueber Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Faellen den Vorzug,
und namentlich sind es blaue Seidenschnuere (Mareb), die sich stets eines
grossen Absatzes erfreuen. Jede Schnur muss ziemlich dick und fuenf Fuss lang
sein, sodass sie bequem um den Hals getragen werden kann. Da kein
abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets
begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere
gangbare, meist eingefuehrte Handelsartikel sind: Spiessglanz, zum Faerben
der Augenlider, Weihrauch, zum Raeuchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus,
um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, "Tombak" (indischer
Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um ihn in
Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu
Zollzahlungen dient; Naehnadeln mit grossem Oehr; Glasperlen, Kaurimuscheln,
Sandelholz zum Raeuchern. Ein Handelsartikel, nach dem namentlich die
abessinischen Frauen greifen, sind duenne silberne Ringe, die am kleinen,
und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. _Gummi_, das in grosser
Menge gewonnen werden koennte, kommt nicht auf die abessinischen Maerkte,
obwol es in Massaua gut bezahlt werden wuerde.

Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie
bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen _Sklaven_
ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen
den Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und
Massaua sind die grossen abessinischen Sklavenmaerkte, zu denen die lebende
Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die
eingeborenen freien Abessinier koennen nur durch Kriegsgefangenschaft oder
Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den kleineren Theil, die
meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol im Norden als im Sueden;
entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus den Laendern suedlich vom
Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den Aegyptern aus Fazogl oder
Sennaar eingefuehrt werden. Da die _Christen_ sich eigentlich mit dem
Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie dieses dadurch, dass
sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch Muhamedaner abschliessen lassen.
Die Behandlung der Sklaven ist in der Regel eine milde und ihr Verhaeltniss
zu dem Herrn dem des freigeborenen Dieners gleich; die Zuechtigungen sind
selten hart und bestehen nur in voruebergehender Fesselung. "Wenn sich
Voelker auch bekaempfen", schreibt Munzinger, "so sind die Opfer doch nur
die Soldaten und die Gueter; Weib und Kind sind respektirt. Kein freier
Abessinier wird von seinem Mitbuerger in die Sklaverei verkauft. Die
Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von aussen eingefuehrten
Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevoelkerung ausmachen. Der
Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei Todesstrafe verboten.
Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten grossen Rechte."

_Werthmesser_ in Abessinien sind das Salz und der oesterreichische
Maria-Theresia-Thaler. Das _Salz_ kommt aus den am Meeresufer liegenden
natuerlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die
Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an
bestimmten Plaetzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im
nordoestlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, waehrend in
den uebrigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der oestlich von der
Provinz Agamie gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften
aermerer Leute, von denen jeder nur ueber ein Kapital von einigen Thalern zu
verfuegen hat, ziehen regelmaessig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den
oestlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen
Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert
ein solcher Haendler sein Kapital durch Pluenderung, so muss er fuer
wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn
begnuegen. Das Salz wird in Taltal in regelmaessige Stuecken von der Gestalt
eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als _Scheidemuenze_ in ganz
Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8-1/8 Zoll lang, 11/2 Zoll dick, an
beiden Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr
Verhaeltniss zu den Speziesthalern ist sehr verschieden und haengt theils von
der Entfernung eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder
unruhigen Zustaenden der Gegenden ab, durch welche diese Stuecken
transportirt werden muessen. Sie schwanken also genau so wie unsere
europaeischen Werthpapiere je nach den politischen Verhaeltnissen, haben
jedoch vor diesen den Vorzug, stets einen reellen Werth zu repraesentiren.
In der Amharasprache heisst das Salz ueberhaupt Schau; als Scheidemuenze in
der beschriebenen Form benennt man es jedoch Amole oder Galep. Rueppell
fand den Werth eines _Maria-Theresia-Thalers_ in Gondar je nach den
politischen Zustaenden zwischen 20 und 32 Salzstuecken schwankend, oder, dem
Gewichte nach ausgedrueckt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz fuer den
Thaler. Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt,
sondern nach dem Gepraege bedeutend im Werthe und ist der Agiotage
unterworfen. Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden
Vorurtheile sind die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen
Thaler die besten und allen uebrigen Muenzen vorzuziehen, und zwar muss bei
ihnen das Diadem im Haare sieben wohlausgedrueckte Perlen zeigen, der
Schleier am Haupte sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter gross
und der Avers mit den Muenzbuchstaben _S. F._ deutlich versehen sein. Ohne
diese Zeichen und die Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im
Werthe, und selbst wenn der Kopf der Kaiserin ungluecklicherweise Locken
statt des Schleiers zeigt, ist es schwer, ein solches Muenzstueck
anzubringen. Dieselben Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein
der obigen Muenzpraegung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafuer jedoch
zum "Abu gnuchte", zum "Vater der Zufriedenheit" wird. Durchloecherte
Thaler oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind,
haben geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen
spanische Saeulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermuenzen. Noch
fuer lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in
Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich praegt
fuer diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem
alten Stempel, ja es hat sich sogar in der Muenzuebereinkunft mit Frankreich
(1867) vorbehalten, fortwaehrend Maria-Theresia-Thaler praegen zu duerfen.

Noch ist zu erwaehnen, dass in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte
Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder
Stuecken von 8 Ellen Laenge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend
ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in
Tigrie von Jedermann getragen werden. Einkaeufe von geringem Betrag
berichtigt man mit Getreide.

  [Illustration: Maria-Theresia-Thaler.]





  [Illustration: Die Kirche zu Axum in Tigrie. Nach H. Salt.]





    RELIGION, KIRCHE UND GEISTLICHKEIT ABESSINIENS. DAS MISSIONSWESEN.


     Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. -
          Der Abuna. - Art des Gottesdienstes. - Die lasterhafte
        Geistlichkeit. - Moenche und Kloester. - Politische Asyle. -
      Zeitrechnung. - Feste. - Taufe, Ehe, Begraebniss. - Die Kirchen,
         ihre Einrichtung und Ausschmueckung. - Die verschiedenen
       Missionsversuche in Abessinien, deren Misslingen und Urtheile
                                 darueber.


Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der
Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhaengen, aber nach
zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich
loesten, denen im fuenften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und
Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die
beide fast monophysitisch sind, beide von selbstaendigen Sprachen,
Stiftungen und Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen
und entartet sind: die armenische und abessinische Kirche. Die letztere,
die entlegenste, abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten
von Heidenthum, Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und ueberhaupt dem
Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtglaeubigkeit
hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des
Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser
Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten
Bischofs, und leere Ceremonien gelten fuer Gottesverehrung. Dazu gesellt
sich, dass die Traeger dieser Kirche, vom hoechsten Kirchenfuersten an bis zum
niedrigsten Moenche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem
ganzen Volke mit ueblem Beispiel vorangehen und dass sie die bedeutende
Macht, welche sie ausueben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden.
Selbst die grosse Versunkenheit, in welche die europaeische Geistlichkeit im
Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der
abessinischen Priester heran.

Von der Einfuehrung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun,
wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen.
Sie glauben an eine goettliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch
hat die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach
dem Missionaer Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des
Christenthums von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und
Werken, von der Schoepfung der Welt, von den Engeln, von der Schoepfung, dem
Fall, der Erloesungsbeduerftigkeit des Menschen, von der Erloesung durch
Christum, von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den
Sakramenten, von der Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber
zum Theil durch allerlei Zuthaten so veraendert, dass nur noch mit Muehe ein
biblisches Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur
vom Vater ausgehen, leugnen jedoch nicht, dass er nur durch Christus
vermittelt ist. In Christus nehmen sie mit den uebrigen _Monophysiten_ nur
eine Natur an, sind jedoch ueber die Art der Vereinigung des Goettlichen und
Menschlichen in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schoepfung
und Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen,
juedischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch
Christus vollbrachte Heilswerk, beschraenken dasselbe jedoch durch
Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbniss der menschlichen Natur
durch die Folgen der Suende Adam's und erklaeren die natuerlichen Anlagen und
Kraefte des Menschen fuer hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die
Jungfrau Maria geniesst unter den Abessiniern eine ganz besondere
Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, dass sie fuer
die Suenden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem
Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionaere weit
mehr zu als diejenige der Protestanten.

Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von
den _drei Geburten Christi_, ein Dogma, das von einem Moenche in Gondar
aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang schon aus
dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der Jungfrau
Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan durch den
Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen Kampfe mit der
Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840 durch Befehl Sahela
Selassie's, des Koenigs von Schoa, der Glaube an die drei Geburten als
allein rechtglaeubig durchgesetzt und die Anhaenger der zwei Geburten mussten
das Feld raeumen. Sie flohen zum Abuna in Gondar, der sie in seinen Schutz
nahm und vom Koenige verlangte, dass er die Vertriebenen wieder aufnehme, da
ihr Glaube, als mit demjenigen des heiligen Markus uebereinstimmend, der
einzig rechte sei. Als Sahela Selassie sich nicht fuegen wollte, bedrohte
ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst 1856 unter Koenig Theodoros gegen
Sahela's Sohn zur Ausfuehrung kam. Dieser unterwarf Schoa und fuehrte die
Lehre von den zwei Geburten wieder ein, die nun allein herrschend ist,
nichtsdestoweniger aber als "Karra-Haimanot", d. h. Messer-Glauben
bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt Christi gleichsam "abschnitt".

Suendentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben,
Kasteiungen, Moenchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten
groesserer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern
Buechern. Der Priesterstand uebernimmt fuer Geld ebenso wie in der
katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher _Ablass_ und eine Art von
Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche
des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei
Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war,
am Mittwoch und Freitag. Ausserdem enthalten sie sich noch an folgenden
Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken
der Busse von Ninive's Bewohnern; waehrend der 55 Tage, die unmittelbar dem
Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten Christi in
der Wueste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen geweiht sind; die
Fasten der Apostel sind von verschiedener Laenge, je nachdem Pfingsten
frueher oder spaeter faellt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau Maria, wozu 15
Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu ihrer
Himmelfahrt; vierzigtaegiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der
Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichniss der
Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen
Abessiniern gehalten werden, dass ein diesen Enthaltungsvorschriften
nachlebender Christ im Laufe des Jahres beilaeufig 192 Tage, d. h. weit
ueber die Haelfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne
Straffasten, so kommt _dreivierteljaehriges Fasten_ heraus! Dass dieses
nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor Ostern,
sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln unweigerlich.
Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd, den Hasen,
die Gaense und Enten und meistens auch das Schwein als unreine Thiere.

Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die
Wunderkraefte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausruestete; auch
glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was
die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer
_Verlosung der bewohnten Welt unter die Apostel_, sie koennen aber nicht
nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel bekommen habe. Dass Petrus
und Paulus Rom und Europa, Johannes Antiochien, Kleinasien und Syrien,
Marcus Aegypten bekommen habe, steht ihnen fest; daher halten sie diese
drei Kirchen fuer einander gleichstehend. Sie erkennen dem Papste als
Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als dem Ersten unter
Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal. Der zu Kairo
residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der
abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof, den sie
vorzugsweise _Abuna_, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des
Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich
Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die
sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die
Verordnung, dass _kein Abessinier_ mehr zu dieser Wuerde gelangen darf,
sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der Hoffnung Raum
zu geben, immer einen neuen Zufluss theologischer Anregung von aussen zu
bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna aus abessinischem
Stamm, daran verzweifelte, tuechtiges theologisches Leben in der
Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot (ums Jahr
1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes fuer kirchliches
Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil fuer seine Person
erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Koenige zu salben und Priester und
Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen
Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem _Etschege_, dem
Oberhaupte der Moenche.

Beim Amtsantritt des Abuna muss die abessinische Regierung dem Patriarchen
ein Geschenk von 7000 Thalern einhaendigen. Lejean erzaehlt, dass die stolze
Fuerstin Menene ueber den letzten im Herbste 1867 gestorbenen _Abuna Abba
Salama_ geaeussert habe: "Dieser Sklav, den wir aus unserm Beutel bezahlt
haben, benimmt sich sehr hochmuethig." Das kam dem Oberpriester zu Ohren
und er antwortete: "Allerdings bin ich ein Sklave, aber einer, der viel
werth ist. Hat man doch 7000 Thaler fuer mich gezahlt! Mit der Fuerstin
Menene verhaelt es sich freilich anders. Man koennte sie auf dem Markte zu
Wochni ausstellen und bekaeme nicht zehn Thaler fuer sie." Auf jenem Markte
werden naemlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. - Andraos (Abba
Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa 1815 geboren und kam
1841 unter Ubie zu seiner Stellung. Dem Kaiser Theodor gegenueber hatte er
eine eigenthuemliche wandelbare Stellung. Beide beobachteten einander,
legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg, hassten und fuerchteten sich
und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde seien. Sehr oft machte
Theodoros gar keine Umstaende mit dem Seelenhirten; er sperrte ihn in eine
Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom Hofgesinde auf den
Knieen Speise reichen und die Fuesse kuessen mussten. Salama, ein geborener
Aegypter, galt fuer einen Freund der Englaender. Als er sich frueher in Kairo
der Studien halber aufhielt, besuchte er die protestantisch-englische
Schule des deutschen Missionaers Lieder, der im Auftrage der anglikanischen
Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an ihm einen Proselyten
gemacht zu haben, sah sich aber arg getaeuscht, denn der Abuna erklaerte
spaeter die Protestanten fuer Ketzer. Als er einmal auf das Aeusserste
gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun, dieser aber liess eine
Huette aus duerren Zweigen errichten, worin der Abuna verbrannt werden
sollte. Dies that er, um sich nicht in "blutiger" Weise an dem Gesalbten
vergreifen zu muessen. Schleunig hob jedoch nach solchem Vorgange der Abuna
den Bann auf.

  [Illustration: Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach
  Lefebvre.]

Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der
Patriarch von Alexandria, im Auftrage des aegyptischen Vizekoenigs in
Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr
und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und
jener schleuderte ihm dafuer muendlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb
ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und
bat ganz sanft: "Bester Vater, gieb mir deinen Segen!" David fiel auf die
Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Haenden den Segen.

Der Reisende _Apel_ schildert den Abuna Salama folgendermassen: "Er ist ein
trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen
abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf
jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar
Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefaesse
anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der
geschworene Feind aller Europaeer." Der Empfang, welchen der Reisende bei
diesem "Kirchenfuersten" fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er
gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene
ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. "Bist du
wieder", so begann er seine Schimpfrede, "einer von diesen vermaledeiten
Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und
Aedilius selbst empfangen haben, umstuerzen wollen?" Apel antwortete, dass
er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: "Hast du
keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu fuehren und unsere heilige Kirche
zu untergraben?" Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein
Geistlicher, bemerkte der Abuna: "Ihr seid aber alle Raeuber und Luegner,
ihr Englaender! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch
mit der Arbeit zu beschaeftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und fuehrt
es zum Verderben." Schimpfreden gegen die Missionaere beschlossen den
Sermon des Kirchenfuersten.

Guenstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: "Er mag 45
Jahre alt sein, ist ein schoener Mann von kraeftiger Statur, jedoch viel
leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein
Schicksal, fuer Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, traegt der Abuna
mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische
Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er haelt dieselbe
fuer vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden ueber die
vielen Maengel und angestammten Krebsschaeden der hiesigen Kirche aus;
trotzdem ist er aber den europaeischen Missionaeren hoechst abhold und
erklaert, er halte sich unter den obwaltenden Umstaenden fuer verpflichtet,
jede Art von Propaganda zu unterdruecken." Abba Salama, der 27 Jahre ueber
Abessinien als Kirchenfuerst regierte, starb am 25. Oktober 1867.

So traurig steht es heute um den hoechsten Kirchenfuersten Abessiniens, und
ihn uebertreffen die uebrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und
Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Wuerde zwar
untereinander verschieden, allein ausser dem Abuna hat keiner das Recht, zu
ordiniren. Ausser den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des
kirchlichen Thuerhueters und Brotbaeckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka,
dessen Geschaeft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu
beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und
Staat zu vermitteln.

  [Illustration: Erzbischoefliche Wuerdezeichen des Abuna. Nach Lefebvre.]

Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen,
zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu
meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande
ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm spaeter nicht
mehr erlaubt ist. Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das
Nicaeische Glaubensbekenntniss her, bezahlt zwei Salzstuecke an den Abuna,
der ihm das Kruzifix entgegenhaelt und den Segen ueber ihn spricht. Unter
dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreissig bis vierzig Jahren lebte, sollen
Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack
mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels
derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem
Dienste der Kirche weihen wollten!

Die Thaetigkeit der Priester besteht in taeglichem drei- bis viermaligen
Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens frueh die Priesterschaft
mit Moenchen und Schuelern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt.
Ausserdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehoeren in ihr
Bereich. Der _Kirchengesang_ ist, obgleich hoechst unerbaulich, doch sehr
kuenstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das
Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre
Zeit. Laecherlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester
aus ihren heiligen Buechern lesen, denn das Lesen an und fuer sich gilt
schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen,
entspricht unserm "plappern" und passt daher gut, um das gedankenlose,
ueberaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein
lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher
Behendigkeit, dass das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum
besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines
schnell kreisenden Rades. - Was die Zahl der _Sakramente_ betrifft, so
scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren
bedienen sie sich gesaeuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen
gebacken sein muss, und des Saftes ausgepresster Weintrauben. Dieses wird im
Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze
geweiht und mit einem Loeffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte
uebertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem
vorgeschriebenen Formulare (Nusasie) fragt der Priester den Beichtenden,
ob er gewisse Suenden, die in einer ungeheuren Schandliste alle
auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Suende steht nun
eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung
abgebuesst wird.

Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem Priester
dazu, ueber Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, die
ueberhaupt das hoechste Ziel der Wuensche eines Abessiniers zu sein scheint,
weil er dadurch nach seiner Rueckkehr gleichsam das Recht erhaelt, seine
wohlhabenderen Landsleute auf die unverschaemteste Art um Geschenke zu
bestuermen. Der Einfluss, welchen sich die Priester auf die Bevoelkerung zu
verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen Lebenswandels
ein ausserordentlich grosser. Wenn in der Hauptstadt Gondar eine Frau einem
Priester ihrer Bekanntschaft auf der Strasse begegnet, so kuesst sie
demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Maenner thun dies wohl
auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester kuessen
zur Begruessung einander gegenseitig die rechte Schulter. Schon durch die
_Tracht_ unterscheidet sich der Priester vor seinen Mitmenschen. Sie,
sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse zaehlen, tragen am Kinn
einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und umwinden es turbanartig mit
einem weissen Tuche. Den Oberkoerper deckt eine weisse Weste mit weiten
Aermeln; ausserdem haben sie weisse, weite Beinkleider, eine schmale
Leibbinde und ein grosses weisses Umschlagetuch mit farbigem Randstreifen.
Grosse Schnabelschuhe vollenden den Anzug. Selten fehlt dem Priester ein
Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen Personen kuessen, und ein bunter,
aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um den Hals tragen sie ausser einer
blauen Seidenschnur, ohne welche man nie einen abessinischen Christen
sieht, meistens einen Rosenkranz, der aus Jerusalem stammt. Die Priester
jeder Kirche (die normale Zahl derselben an einer Hauptkirche betraegt
nicht weniger als _einundzwanzig_!) wohnen immer in kleinen Haeusern, die
sich innerhalb der Mauer befinden, welche die Kirche sammt den sie
umschattenden Baumgruppen gewoehnlich umfasst. Dieser abgeschlossene Raum
wird oder wurde als ein heiliger Ort betrachtet, der gegen Pluenderungen
gesichert ist.

  [Illustration: Abessinischer Klostergeistlicher und Student der
  Theologie aus Schoa.
  Originalzeichnung von Eduard Zander.]

Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit
seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, musste er vor der versammelten
Geistlichkeit der Stadt ein foermliches Examen ueber seinen Glauben ablegen.
Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche kuesse? ob er an eine
Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim
Abendmahl glaube? und ob er glaube, dass die Jungfrau Maria und die
Heiligen uns mit ihrer Fuerbitte bei Christo vertreten? Vom
protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und
weitlaeufig auseinander, allein dieses genuegte, um ihn als Ketzer
erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der
Versammlung den Ruecken gewandt, als ein Priester feierlich ueber beide den
Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den
Hyaenen, ihr Eigenthum den Dieben uebergab und jeden, der ihnen nahe kommen
oder sie bedienen wuerde, gleichfalls exkommunizirte.

Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die
_Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten,
die sich hauptsaechlich mit Buechern beschaeftigen, sobald sie eine gewisse
Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des
Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshuette, und
der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, dass
die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschliessen sollen, wie
es die Stiftshuette that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine
Beschaeftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen
Buecher auf Pergament und - wenn es nothwendig ist - im Assistiren in der
Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten,
die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen
Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr fruehzeitig widmen sich die
Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten
der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die
Kirchensprache, einige Geez-Woerter, die Geheimnisse des abessinischen
Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei
Salzstuecken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre
Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in
Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb - seine einzigen
Lebensstuetzen - bei sich fuehrt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit
einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras).

Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei grossen Festen,
abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische
Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rueppell die Kirche von
_Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar,
besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rueckkehr Christi aus Aegypten
beizuwohnen, fand er dieselbe ausserordentlich mit Menschen angefuellt,
sodass er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor
dem Gebaeude hatte man grosse Tuecher von fussbreiten blauen, weissen und
rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne
zu gewaehren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im
Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter
schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Koerper
machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Hoehe sprangen. Jeder
Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern
einen langen krueckenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer
zweizinkigen Gabel, welche durch Querstaebchen oben geschlossen ist, und in
ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch
ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum
Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muss ein sehr alter sein, denn schon
unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nuernberg
gedruckten "Reisbeschreibung in Egypten": "Gegenueber unter den Armeniern
haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten.
Wann sie Mess singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei
Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer
hat ein Schloetterlein, welches voll Schellen haengt, daran er mit der
andern Hand schlaegt, dass es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie
es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen
behaengt, die stehen beieinander, huepfen und tanzen zugleich miteinander,
singen viel Alleluja, welches laecherlich zuzusehen und zu hoeren ist, seynd
aber dabei fromme und gottesfuerchtige Leute." - Inmitten der Gruppe sich
verzerrender Priester sass einer auf dem Boden und schlug eine grosse, von
Silberblech gearbeitete tuerkische Trommel. Nachdem diese religioese
Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten saemmtliche Priester
innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende
Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr grosse Helme von
Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden
Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei
grossen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die spaeter der Kirche
geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna
gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit
gemacht und mit farbigen Steinen oder Stuecken Glasfluss verziert. Einige
der Priester hatten eine Art Messgewand von Brokat an, das jedoch sehr
verschabt war; andere trugen Staebe mit Bronzekreuzen und ueber dem
vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm
getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in
Rueppell mehr Neigung zum Lachen als religioese Empfindung.

  [Illustration: Krone des Kaisers Jasu.
  Nach Rueppell.]

Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch
Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft
auszeichnet, steht noch eine grosse Schar von Moenchen und Nonnen in
Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben.
Dieser, ein Schueler des heiligen Antonius, war der erste, der die
Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenfuehrte
und auch spaeter das erste Nonnenkloster gruendete. Seine keineswegs
strengen Regeln eignen sich fuer die immer noch lebenslustigen
abessinischen Moenche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben
ueberschreiten.

Abessinien ist ueberfuellt mit Moenchen und Einsiedlern, die sich in gelbe
Gewaender, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle huellen.
Gewoehnlich fuehren diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwaermen
durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie
heimsuchen. Die Maenner koennen in jeder Periode Moenche werden; die, welche
mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Geluebde, nach ihrer
Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche
uebergeben ihr Vermoegen den Kindern, werden Moench und lassen sich dann von
ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Moenche dagegen leben von
der Gnade des Koenigs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen
sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemuethlich mit Weib und Kind
zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut,
die mit dem ungewaschenen Aeussern zusammen an die Legende von ihrem grossen
Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich ruehmte, niemals seinen
Koerper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel ueber
die Fluten des Jordan schwamm, ohne dass ihn ein Tropfen Wasser feindlich,
d. h. reinigend, beruehrte.

Eins der beruehmtesten Kloester befindet sich auf dem _Debra Damo_ in
Tigrie, vier Stunden nordoestlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben
leben gegen 300 Moenche in kleinen Huettchen zusammen. Nach Zander's Bericht
fuehrt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des
Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre
hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein
besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das
ganze Jahr hindurch vorzuegliches Trinkwasser liefert und niemals
versiecht. An Handschriften und Buechern, die noch keinem europaeischen
Reisenden zugaengig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht
aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer,
die Hoehe ueber dem Meere 6800 Fuss. In frueheren Zeiten galt Debra Damo als
Gefaengniss der juengeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte
soll im Jahre 1260 durch den Koenig Jakuno Amlak eingefuehrt und bis ins
vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung
Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab.

Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; beruehmt sind noch
die Kloester von Axum und Debra Libanos, wo der erwaehnte Abuna Tekla
Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Moenchskloster
betreten, allein das haelt die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen
Lebenswandel zu fuehren. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes
baumwollenes Hemd und ein Kaeppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle
das Keuschheitsgeluebde abgelegt, befinden sich jedoch meist in
vorgerueckten Jahren. Wichtig werden die Kloester namentlich dadurch, dass
viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der
Buergerkriege viele Fluechtlinge sich retten. Dieser Umstand fuehrte zu
grossen Missbraeuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Moenche zu ewigen
Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freistaette meistens
streng eingehalten wurde, bis Koenig Theodoros auch hier einen gewaltigen
Schritt that und mit kuehner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen
hervorholte.

Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der
uebermaessigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und
Vorbedeutungen, der Auslegung von Traeumen, Furcht vor Hexerei und boesen
Kuensten muss andererseits hervorgehoben werden, dass jedenfalls im Lande
kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der
allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene
Wichtigmachung von Gebraeuchen und aeussern Werken, die Unterscheidung
zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Haengen am Buchstaben. Fuer
das Hauptuebel Abessiniens aber erklaert Munzinger den Stolz, der, von dem
kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich ueberheilig und ueberweise waehnt und nur
ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier
frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefaehrliche Seite;
der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr;
die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionaer sehr
gefaehrlich, da sie ihn, ohne dass er es ahnt, in die Landespolitik
hineinzieht.

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Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie
von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen.
Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste.
Der Jahresanfang faellt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in
zwoelf Monate von je dreissig Tagen und zur Ausgleichung fuegen sie denselben
am Jahresschluss noch einen verkrueppelten dreizehnten Monat bei, der in
drei Jahren fuenf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewoehnlichen
Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach
den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe:
Johannes, Matthaeus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schluss den
eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heisst oft in den
Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des
Evangelisten Matthaeus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate
sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia,
Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger faellt natuerlich ganz
mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10.
September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrueppelte
dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die
Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von
dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage
weniger als wir Europaeer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den
alexandrinischen Bischoefen befolgte Chronologie des Julius Africanus und
spaeter durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjaehrige
Abaenderung.

Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der
Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen ueberreichen
ihren Bekannten Blumenstraeusse, wobei sie ausrufen: "Glueck bringe dir das
neue Jahr". Auch finden Taenze mit Gesang und Schmausereien statt. Das
groesste Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26.
September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen
Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses
Ereignisses moeglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man
sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der
Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern
Freudenfeuer auf den Huegeln, Maenner mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen
auf und kriegerische Taenze werden abgehalten. Der Anblick der
bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine
der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmaessig hin und her bewegen, ist
ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden
Tage statt. Dann ziehen alle waffenfaehigen Maenner zu Fuss oder zu Pferde
nach einem nahen Huegel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezuendet
wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hoernern und Pauken; nachdem die
Menge an dem Scheiterhaufen sich gewaermt, kehrt sie zurueck, um mit
Reiterspielen und kriegerischen Taenzen die Feierlichkeit zu beschliessen.
Der Gouverneur haelt offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches
werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe
Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste.

Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage,
bei den Maedchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der
Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schoepfung in das irdische Paradies
eingefuehrt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage spaeter nachfolgte. Die
Ceremonie selbst ist von der bei uns ueblichen in vieler Hinsicht
abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thoenerne
Schuessel, deren Wasser erst beraeuchert und dann mit dem Fusse des
Geistlichen beruehrt wird, worauf dieses fuer geweiht gilt; Loblieder zu
Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem
Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die
Taeuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis ueber den Kopf
ins Wasser getaucht; schliesslich wird dem Taeuflinge eine in geweihtes Oel
getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorueber.
Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden.

Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die
allergroesste Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein
aeusserliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich
geschlossen, was einfach dadurch geschieht, dass die Brautleute das
Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen
sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich
trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man
die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustaende in
dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg's hervor, dass er
waehrend der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr
grossen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte,
dass einander treu blieb. Das Gesetz, dass man sich nur dreimal trauen
lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rueppell traf zu Ategerat ein
huebsches, erst _siebzehnjaehriges_ Frauenzimmer, welche bereits von
_sieben_ mit ihr ehelich vermaehlten Maennern geschieden war und im Begriffe
war, sich zum _achten Male zu vermaehlen_! Ehescheidungen sind blosse
Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behoerden gebracht werden,
wenn man in Betreff der Vermoegenstheilung sich nicht miteinander
verstaendigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und
die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind.
Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das
Gewoehnliche, besonders noch dadurch beguenstigt, dass die Zahl der Frauen
ueberwiegt. Dies mag auch ein Grund dafuer sein, dass unter jenen Christen
die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem
naemlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem
besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschaefte
halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewoehnlich an jedem
derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam,
dienstwillig und selbst demuethig unterwuerfig gegen ihren Mann. Sie darf
ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, waehrend der Gatte gegen sie
das "Du" gebraucht; sie muss ihm, wenn er es verlangt, die Fuesse waschen und
ihm bei Tische haeufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der
abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist
berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch
die groesste Sittenverderbniss ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen
genuegt schon ein Vermoegen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd fuer
die Braut, etwas Geld fuer die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei
reichen Leuten werden grosse Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern.
Gegen Ende derselben fuehrt der Braeutigam, auf einem Maulthier reitend, die
Braut scheinbar aus dem aelterlichen Hause in das seinige. Die Maedchen
werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten
Jahre verheirathet; so erzaehlt Pearce, dass ein mehr als siebenzigjaehriger
Landesfuerst die noch nicht zehnjaehrige Tochter des Kaisers heirathete!

Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so laesst er den
Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu
empfangen. Der wuerdige Priester benutzt dann gewoehnlich diese Gelegenheit,
um moeglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden fuer sich und die
Kirche zu erlangen, waehrend er fuer das _Begraebniss_ selbst keinen Heller
nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Koerper wird mit
gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer
Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube
bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im
Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein grosses Mahl
gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten
auszudruecken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit
Asche zu bestreuen und die Schlaefen zu zerkratzen, bis Blut fliesst. Alles
dieses ist jedoch blos aeusserliche Heuchelei und fern von tiefgefuehlter
Betruebniss, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der
Abessinier.

Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur
klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von
grossen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne
herziehend, haeufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu
Einkaeufen benutzen. So knuepfen sich auch hier die Messen an die Kirchen,
wie in den meisten anderen Laendern der Erde gleichfalls. Gewoehnlich sind
die Kirchen im Grundrisse rund und 20-24 Fuss hoch; viereckige gehoeren zu
den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat
an ihrer Facade zwei gleich grosse, dicht nebeneinander stehende Thueren und
im Innern eine Art von grossem hoelzernen Sessel oder Thron, der die
Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und
Wein fuer das Abendmahl eingesegnet werden, fuehrt den Namen Manwer oder
Tabot und ist ueberall in Abessinien der Gegenstand der groessten Verehrung.
Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der groesseren Staedte; statt
ihrer behelfen sich die Priester mit duennen Steinplatten, die schwebend
aufgehaengt sind und durch deren Anschlagen die Glaeubigen zusammenberufen
werden. Die gewoehnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei
Gemaechern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine
Fluegelthuere miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem
gemeinschaftlichen kegelfoermigen Strohdache ueberdeckt und fast immer von
schoenen Baeumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof
beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei
befindliche kleine Huetten beherbergen die den Kirchendienst versehenden
Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe
oder Sandalen traegt - uebrigens eine Seltenheit in Abessinien - zieht
dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung,
der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim
Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thueren
ehrfurchtsvoll gekuesst haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien
verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische
Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche
gegen das zweite Gebot verstossen wuerde. Das Kuessen der Kirche ist als
Zeichen der Gottesverehrung ueblich, sodass der Ausdruck "die Kirche kuessen"
gleichbedeutend mit unserem "in die Kirche gehen" ist. Ueberhaupt werden
alle fuer heilig gehaltenen Gegenstaende, Kirchen, Kreuz, Bilder und Buecher
gekuesst. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch
die offene Fluegelthuer erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den
Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen haelt
eine brennende Wachskerze in der Hand, ausserdem Schelle und Rauchfass, die
sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze
Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den
Anwesenden das Kreuz zum Kuessen dar - von einer christlichen Erbauung
gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwaehrend
mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre
Gedanken bei ganz anderen Gegenstaenden.

  [Illustration: Grundriss der Kirche Lalibela.
  Nach E. Zander.]

Besser sind die Kirchen in den grossen Staedten beschaffen, namentlich zu
Gondar, wo es allein gegen fuenfzig giebt. Die groesste ist die
_Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen liess.
Mit ihrem hohen konischen Dache ueberragt sie alle anderen Gebaeude der
Stadt und zeichnet sich ausserdem durch ein grosses griechisches Kreuz von
Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt
man mehrere etwa fuenf Fuss lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum
mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein
Leichentuch gehuellten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von
Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese muessen jedoch
erst herkoemmlicher Weise fuenfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe
sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die uebrigen
Kirchen sind gewoehnlich von Bogengaengen umgeben, von denen aus mehrere
grosse Thueren in das Innere fuehren. Waende, Thueren und Querbalken des
Gebaeudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thuergesimse
mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch
Lampen sind eine seltene Erscheinung.

Vorzueglich schoene und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die
Arabesken betrifft, auch einem europaeischen Kuenstler Ehre machen wuerden,
enthaelt die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Fuerstin Menene.
Ihr Grundriss ist rund, das Dach, wie allgemein ueblich, konisch und an der
Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen
Abtheilungen. Der aeussere, von Saeulen getragene Kreis, ist der allgemeine
Raum fuer die Kirchgaenger; der zweite, mittlere Raum ist fuer die
Abendmahlempfaenger bestimmt; der innerste, viereckige, enthaelt die
Bundeslade. Die erwaehnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an
Thueren und Fenstern angebracht.

Wohl die beruehmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in
Tigrie, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Roemern bekannten
axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde,
wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluss 1657 an der
Stelle der 1535 von Muhamed Granje zerstoerten alten Kirche erbaut. Durch
Groesse, Reichthum und Heiligkeit uebertrifft sie alle anderen Kirchen
Tigrie's. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern
erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden
eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thueren in den inneren Raum
gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von
gleicher Hoehe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale
Fenster ein sehr spaerliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal
liegende Balken; die Waende sind mit geschmacklosen, stark beschaedigten
Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rueppell fand ihn
voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthaelt eine Treppe, die zu dem flachen,
mit Zinnen gekroenten Dache fuehrt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat,
giebt ihre Laenge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuss an. In der Naehe steht ein
kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst
gegossene Glocken haengen, und in einem anderen Gebaeude werden die
Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt.
Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die
echte juedische aus der Zeit des Koenigs Salomo, welche Menilek, der Sohn
der Koenigin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl.
S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hueter, der Gouverneur
von Tigrie, fuehrt den Titel Nabr Id (Hueter der Bundeslade). Die Abbildung
zeigt unsere Anfangsvignette.

                      *Die Missionen in Abessinien.*

Schon bald nach Entstehung der englischen "Missionsgesellschaft fuer Afrika
und den Osten" wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der
Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzufuehren und
dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange
im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun
Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus
man allmaelig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen
abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Moench die ganze Bibel in die
amharische Sprache uebersetzt, welche die verbreitetste unter den
abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionaere, welche nach Ategerat
(Adigrat) in Tigrie im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen
_Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich,
indessen die politischen Verhaeltnisse, die immerwaehrenden Kriege zwischen
Sabagadis und Ubie um die Herrschaft Tigrie (vergl. S. 107) waren ihrem
Werke nicht guenstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar
vor, waehrend Kugler in Tigrie zurueckblieb, um bald an den Folgen einer
Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu
derselben Zeit Sabagadis von Ubie geschlagen und getoedtet wurde, brach
auch fuer den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Laengere Zeit
hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo,
verborgen, musste schliesslich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen,
die er bezueglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur
trauriger Art; er fand, "dass der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die
Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken laesst". _Der erste
misslungene Versuch._

  [Illustration: Gefangennahme des Missionaers Krapf durch Adara Bille.
  Nach Krapf's Reisewerk.]

In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurueckgekehrte
Gobat einen treuen Freund und Unterstuetzer, der mit neuem Eifer das
schwierige Geschaeft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe
Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April,
begleitet von ihren Frauen, in Tigrie an, wo die Buergerkriege immer noch
fortwuetheten. Ubie sicherte indessen den Missionaeren seinen Schutz zu, die
nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von
Krankheit genoethigt, schon 1836 zurueckzukehren und gegen den bleibenden
Isenberg richtete sich nun der Hass der abessinischen Geistlichkeit, die
ihren Einfluss durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt
wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Unterstuetzer
in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunaechst im Auge
hatte, besser wirken zu koennen, begann man mit dem Schulunterricht und
baute ein grosses Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und
den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubie erregte, da es
fuer eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gaenge zum
Waffen- und Truppentransport bis Massaua fuehren sollten! Als mit Ende des
Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Wuerttemberg zu der kleinen Mission
stiess, fand er schon grosse Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und
bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionaere den Befehl, das Land
wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne
Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen
katholischen Missionaere, namentlich Sapeto's, dessen wir bereits oben
S. 31 gedachten. _Der zweite misslungene Versuch._

Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr fuer eine
gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloss man mit zaeher
Ausdauer im Sueden, in Schoa, das Werk fortzusetzen.

Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionaeren in Adoa ein Bote des
Koenigs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief
ueberbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jaeger Rueppell's,
herruehrte. Durch diesen liess Sahela Selassie die Missionaere um Arznei und
einen tuechtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, dass die Missionaere
womoeglich selbst zu ihm kommen moechten. Arznei wurde sofort nebst einem
langen Briefe von Isenberg ueberschickt, ein Mechaniker aber war nicht
vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionaer, ob der Koenig ihm sein
Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, wuerde
er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall,
so muesse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine
indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf
den Weg nach Schoa und kamen nach einer hoechst beschwerlichen Reise auf
einem bis dahin unbekannten Wege ueber Tadschurra und das Adal-Land am 6.
Juni in Ankober beim Koenige Sahela Selassie an, der sie mit der groessten
Freundschaft aufnahm und behandelte. "Hier nun gelang es unter sehr
guenstigen Umstaenden einen guten Anfang mit der Verkuendigung des
Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen." Da es jedoch an Buechern
und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im
November 1839 nach Europa zurueck, um das zur Fortfuehrung der uebernommenen
Aufgabe Noethige zu holen.

Krapf blieb nun laengere Zeit allein in Schoa, fuehlte sich aber wohl sehr
einsam und beschloss, ehe er sein Werk weiter fortfuehrte, seine Braut
heimzufuehren. Am 11. Maerz 1842 unternahm er die aeusserst gefahrvolle Reise
von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das noerdliche
Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte
ueber Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr
vorher berufenen Abuna machen.

  [Illustration: Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.]

Vom Koenige Sahela Selassie mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches
ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit
amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom
Koenige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied
genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der
einflussreichen Mutter des Koenigs, welche beinahe halb Schoa unabhaengig
beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und
umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, liess sich einen bunten Schal,
einige Scheren, sowie ein Neues Testament in aethiopischer Sprache
schenken, und entliess darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten
Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet
hinziehen. Mans ist die groesste Provinz Schoa's und wird als Gut der
Koenigin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhaengig und mit
allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie hoechst
unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu koennen.
Er passirte verschiedene nach Westen fliessende kleine Zufluesse des Nil und
stieg dann von den Hoehen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses
Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte
Provinz Gesche ausmacht. Der Haeuptling der Galla, Adara Bille, residirte
damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen
Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entliess ihn am
naechsten Tage mit einem Fuehrer versehen.

Am 23. Maerz gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und
erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Fluechtlinge
entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon
flohen und auch Krapf veranlassten, zu dem anscheinend freundlichen Adara
Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien fuer den
Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land
sich einigermassen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte,
erklaerte ihm Adara Bille, dass er ihn nach Schoa zuruecksenden muesse, da er
nur fuer _einmal_ die Erlaubniss erhalten haette, das Land zu verlassen.
Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine
Maulthiere und Pferde und liess ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun
trotzdem seine uebrig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen
versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgefuehrt, wo man
ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel
wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten
Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und
auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das
schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fuenf Maulthiere,
140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompass, die Uhr und viele andere
werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des
frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet,
ueber die Grenze transportirt wurde.(1)

Bettelnd gelangte er in das schoene, vom Dscherado durchstroemte Thal
Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter
Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit
Doerfern, Weilern und Wachholderbaeumen bestandene Bergketten, die den
gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schoenheit entzueckten. Allein die
rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: "Du bist unser Vieh, wir
koennen mit dir anfangen, was uns beliebt." Am Ufer des Flusses Berkona,
der dem Hawasch zufliesst, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig
erstaunt war, einen weissen Mann auf diese Art durch das Land gefuehrt zu
sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den
Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke;
diese wuerden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadie fuehren, der
auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Naehe des Sees Haik, residire. Krapf
befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn
trotz des Straeubens der Soldaten befreiten und zu Amadie fuehrten, dem
Haeuptlinge der Tehulladarie-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara
Bille's augenblicklich zurueck und liess den geprueften Mann ruhig seine
Strasse ziehen. Auf muehevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu
Station durch wilde ungastliche Voelker von dem See Haik an der
nordoestlichen Grenze von Schoa ueber Jedschau, Angot, Wafila, Lasta,
Enderta und das oestliche und nordoestliche Tigrie bettelnd bis Massaua, wo
der franzoesische Konsul de Goutin ihm die Heimreise moeglich machte, die er
am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der
dritte misslungene Versuch._

Wer jedoch glauben wuerde, die eifrigen Missionaere haetten sich durch
solchen betruebenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, wuerde arg
irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibeluebersetzungen und Woerterbuechern
versehen, preiswuerdigen Zeugnissen echt deutschen Fleisses, gingen 1842
Isenberg, Krapf und Muehleisen abermals nach der Somalikueste, um ueber Zeyla
nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter
Kapitaen Harris weilte. Schon an der Kueste stellten sich die groessten
Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf
auf Intriguen aller Art. Auch soll der franzoesische Reisende Rochet seinen
ganzen Einfluss bei Sahela Selassie angewandt haben, um den deutschen
Maennern den Eingang nach Schoa zu verschliessen. (Vergl. S. 29.)

Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassie geschrieben und angezeigt, dass
er nach Ankober gehen wuerde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden
Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen
der Geistlichkeit, Priester und Moenche verfuegten sich geraden Weges zum
Palaste, um den Koenig anzuflehen, dass weder Krapf noch Isenberg zugelassen
werden moechten. "Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch
ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet
worden ist. Erlaubt man ihnen zurueckzukehren, so wird das Volk vom Glauben
seiner Vaeter abfallen." Dergestalt gedraengt, entschied Sahela Selassie
gegen Kapitaen Harris, welcher sich fuer die Missionaere verwandte: "Isenberg
und Krapf koennen nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen
nicht erlauben. Ich habe lange darueber nachgedacht und es ist besser, wenn
sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder ueber den
Hawasch zu kommen." Und dabei blieb es, die Missionaere zogen betruebt ab.
Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen
auf die glaubenseifrigen Priester zurueckwirken musste, welche durch ein
Schreiben des Kapitaen Harris von diesen Vorgaengen in Schoa in Kenntniss
gesetzt wurden. "Gern haetten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem
Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet
und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir mussten bei
der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben,
sie ist nicht mehr." _Der vierte misslungene Versuch._

Waren dergestalt alle Aussichten im Sueden benommen, so wollte man abermals
das alte Feld im Norden, in Tigrie, aufsuchen und sehen, ob sich hier die
Verhaeltnisse seit 1838 nicht etwa guenstiger gestaltet haetten. Im April
1843 brachen Isenberg und Muehleisen, fortwaehrend grosse Massen von Bibeln
verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasien durchziehend, nach
Adoa, der Hauptstadt Tigrie's, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil
verwuestet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und
das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem
Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionaere hatten ein
foermliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu
bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren
ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis,
welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben.
Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubie, wurde
aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen:
"er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen,
Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er frueher aus dem Lande
gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner
Hartnaeckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelaestert, ja, er sei soweit
gegangen, dass er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle
also in sein Land zurueckkehren, denn in Tigrie duerfe er nicht bleiben." So
mussten die Missionaere also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der
letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg troestete sich dann ueber das
Scheitern seines Missionswerkes folgendermassen: "Durch das ganze Land
hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission
verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare
verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und aethiopischer
Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln
befindet, erhalten, welche nun auch nicht muessig liegen, sondern gewiss eine
stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausueben werden. Die
Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlaessigung und unglaeubige
Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren
eingewurzelten Thorheiten und Suenden, durch ihre allgemeine Traegheit und
Habsucht einer laengeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande
fuer unwerth erklaert, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen,
sie fuer die naechste Zukunft aufzuheben." _Der fuenfte misslungene Versuch._

Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionaere hier
schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld
aufzugeben, muessen wir hier die Thaetigkeit der kaum minder eifrigen
katholischen Glaubensboten anfuehren, die aber fast ebenso wenig Erfolge
aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betruebende Thatsache, dass ueberall
katholische und protestantische Missionaere einander befeinden. Kaum ist
ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um fuer seinen
Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das
Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen
Menschen fuer seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht waere es,
hierfuer viele Beispiele anzufuehren, denn in Afrika, Nordamerika, auf
Madagascar, in der Suedsee, ueberall wiederholt sich dasselbe Schauspiel,
und die Eingeborenen sollen schliesslich Richter sein zwischen den Lehren
des Protestantismus und Katholizismus. Dass auf diese Weise die Sache nicht
gefoerdert wird, ist nur zu natuerlich. Jeder Theil schiebt indessen die
Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen faellt es schwer, anders zu
entscheiden, als dass _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien.

Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der
Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu
erobernde Provinz und beschloss, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz
nachdem die Protestanten sich in Tigrie niedergelassen hatten. Der Anfang
damit wurde im Maerz 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe
Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubie
stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und
gewann bald Einfluss, den er, eingestandenermassen, gegen die Ketzer
Isenberg und Krapf verwandte, sodass diese mit Recht seinem Einflusse ihre
Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen
Kirchen, schloss sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als
abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22
Proselyten, die jedoch spaeter wieder zu ihrer Landeskirche zuruecktraten.
Ehe er Abessinien verliess, bewog er den Etschege, das Oberhaupt der
abessinischen Moenche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat
als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm
jedoch eine Macht ueber ihre Kirche einzuraeumen. Die verschiedenen
Sendungen der franzoesischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk
der roemischen Mission in Adoa zu foerdern, und so entschloss sich denn der
Papst, mit noch groesserem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein
Piemontese von Geburt und frueher Beichtvater der Koenigin von Neapel, ein
durch grosse Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit
sechs Gefaehrten nach Adoa, wo er bei Ubie zu bedeutendem Einflusse
gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841
den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Waehrend de Jacobis weiter nach
Rom ging, wo er einige junge Abessinier als "Gesandte des Koenigs von
Aethiopien an den Papst" vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter
seinem Ruecken und griff zu allen moeglichen Mitteln, um die katholischen
Proselyten wieder zur Landeskirche zurueckzubringen, was ihm auch gelang,
sodass Jacobis nach seiner Rueckkehr in Adoa sich darauf beschraenken musste,
seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten.
Wie der Abuna ueber den katholischen Missionaer dachte, sieht man aus einem
Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und
in welchem es heisst: "Wenn Sie selbst den "Jakob" vertreiben koennen _und
dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber
nicht koennen, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu
bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhasst werden, und
man wird sagen, ich sei ein Freund der Englaender. Wenn Sie mir aber sagen,
ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben." Die Katholiken
hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken koennen, denn erst im Fruehjahr
1855, als Theodor ueber seinen Gegner Ubie siegte, wurden sie von ersterem,
dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis
sollte Anfangs getoedtet werden, allein Theodoros liess sich durch den Abuna
bestimmen, ihn einfach ueber die Grenze zu weisen und mit 100
Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte.
Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in
Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht
dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden
nicht zulassen koenne. Die Anhaenger der roemisch-katholischen Kirche mussten
zum abessinischen Glauben zurueckkehren, und so war die siebzehnjaehrige
Thaetigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach
dem Grenzorte Halai zurueck, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen
noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den
eifrigen Anhaengern der katholischen Mission zaehlen. Auch in der Provinz
Agamie und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30
eingeborene Priester, die fuer das Land sehr gebildet sind, breiteten den
Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Misstrauen,
das jeden Fremden empfaengt, zu bekaempfen hatten. Die Kirchen wurden
fleissiger besucht, die Ehen regelmaessiger geschlossen und das Volk darum
schon eher fuer den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich
den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein
gegen die Feindschaft Theodor's und des Abuna konnten auch die Katholiken
nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste misslungene
Versuch._

Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden
und dort die grossen politischen Umwaelzungen stattfanden, welche Theodor
ans Ruder brachten, beschloss Bischof Gobat die protestantische Mission,
die in Tigrie seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte
zu diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermuedlichen Kaempfer, und _Martin
Flad_, gleich jenem ein Wuerttemberger, im Dezember 1854 nach Abessinien.
Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier traf nun bald
der fluechtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die
protestantischen Missionaere sich schleunig anschickten. Alles stand fuer
sie guenstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den Koenig im Lager in
der Naehe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die
Missionaere benahm. Dass er die Protestanten schuetzen, die Katholiken aber
keineswegs dulden wolle, war eine angenehme Nachricht fuer Krapf, der
sofort seine Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem aegyptischen
Teppich, einem Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf
dem eine Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer
Sprache. Das Taschentuch freute den Koenig sehr, und als er bemerkte, dass
die Flagge von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der
Ursache. Krapf theilte nun dem Koenige mit, dass Bischof Gobat ihm eine
Anzahl christlicher Handwerker, Buechsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken
wolle. Dieser Plan fand guenstige Aufnahme, um so mehr als der Koenig
bereits die Absicht hatte, nach Deutschland, England und Frankreich zu
schreiben, um sich von dort Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der
Religion wurde diesen Leuten ausdruecklich gewaehrleistet, eine
Missionsthaetigkeit unter den christlichen Abessiniern ihnen jedoch nicht
gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf ueber Wochni, Metemme und Sennar,
den Nil abwaerts nach Europa, wo sie Bericht ueber ihre Reise erstatteten.
Schon im April 1856 gingen denn unter Flad's Leitung mehrere Laienbrueder
aus dem Chrischona-Institute bei Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs
gut aufgenommen und zu Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor
angesiedelt. Ihre spaetere Wirksamkeit faellt indessen mit der politischen
Geschichte des Koenigs Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf
verzichten, sie zu schildern. Wohl waren sie als Handwerker thaetig,
indessen konnten sie fuer die Ausbreitung des Protestantismus so gut wie
gar nichts thun, und ihre Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den
_siebenten misslungenen Missionsversuch_. Gleich ihnen waren auch die etwas
spaeter eintreffenden Judenmissionaere _Stern_ und _Rosenthal_ ungluecklich,
deren Beginnen als der _achte missglueckte Versuch_ hier angefuehrt werden
muss.

                              --------------

Wohl ist das Missionswerk ein preiswuerdiges, wohl verdienen jene Maenner
wegen ihres Eifers, ihrer unermuedlichen Ausdauer unser Lob. Allein von
Missgriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die
politischen Verhaeltnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick
selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhaeltnissen gegenueber gewesen und
leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende,
die ungetruebten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch
ferne von den gleichen argen Taeuschungen und stellten mit seltener
Einmuethigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar.
Allein ihre klaren, fuer uns unumstoesslichen Anschauungen und Beweise haben
fuer die Missionaere nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben der
Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurueck
und lassen wir die Aussprueche einiger der bewaehrtesten Reisenden ueber die
Missionen in Abessinien folgen.

_Werner Munzinger_ ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe
einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. "Abessinien aber
protestantisch machen zu wollen, faehrt er fort, das waere ein Beginnen, so
radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, dass die Leute, denen
man ploetzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter
Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig wuerden. Das
ruecksichtslose Abreissen wuerde sie so stutzig und verwirrt machen, dass sie
das Kind mit dem Bade ausschuetten und den Glauben allen zusammen, sogar an
Gott, wegwerfen wuerden, und mit der Verkuendigung einer Religion, die keine
Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt fuer schoenes goldenes
Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube
gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter
Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel
rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein
Extrem fallen; man muss nur das Moegliche versuchen, nur das Moegliche ist
gut."

Weit unumwundener spricht sich _Alfred Brehm_ aus. Er schreibt: "Die
Bemuehungen der Missionaere sind zeitweilig von grossen Erfolgen gekroent
gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heisst, so lange die Mission Geschenke
der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu verabreichen
hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getraenken abnahm, um
so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Duerre benahmen
sie sich regelmaessig so, als waeren sie niemals Christen gewesen. Es geht
hier eben wie fast ueberall, wo christliche Missionaere wirken: sie gewinnen
in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen, einige
Gebraeuche des Christenthums nachzuaeffen! Dass man sich in der Lehre, wie in
der Ausuebung auf Aeusserlichkeiten beschraenkt, versteht sich ganz von
selbst. - - Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, dass die
christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes
bewirken, als ueberspannten oder glaubenskranken Europaeern eine gewisse
Genugthuung zu geben."

Der klar blickende _Baker_, welcher in Galabat mit ein paar von den
Chrischona-Missionaeren zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied
befand, machte ihnen bemerklich, dass daheim in Europa ein sehr grosses Feld
fuer die Missionsthaetigkeit offen liege und dass es sicherer und besser sei,
dieses zu bebauen. "Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so hart
wie sein Amboss war, nicht ueberzeugen. Er hatte sich vollstaendig
eingeredet, dass das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem
Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die
dicken Schaedel treiben muesse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu
greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er
antwortete, das Wort Gottes muesse in allen Laendern gepredigt werden; der
Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er
habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem
uebermaessig unwissenden Missionaer begegnet bin, hat er sich immer mit dem
Apostel Paulus verglichen."

Endlich urtheilt der fromme und religioese _Zander_, hart aber wahr,
folgendermassen: "Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren,
haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die
Erwachsenen wandten. Das Volk koennte nur einzig und allein dadurch gehoben
werden, dass man sich der Kinder von frueh auf sorgfaeltig annaehme und sie
gut erzoege. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe hingeben
wuerde, koennte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings nicht fuer
die Gegenwart, wohl aber fuer die Zukunft. Doch die bisherigen Leiter aller
Missionen sammt ihren Gehuelfen waren rein unfaehig, eine solche Aufgabe zu
vollfuehren, und die Missionshaeupter wurden stets von Eitelkeit, Hochmuth
und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schuetteten stets das Kind mit
dem Bade aus."

Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele aehnlich
lautende Aussprueche angefuehrt werden koennten, moegen zur Bildung eines
Urtheils ueber das abessinische Missionswesen genuegen.





  [Illustration: Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von
  Eduard Zander.]





               DER ACKERBAU UND DIE VIEHZUCHT ABESSINIENS.


                            Von Eduard Zander.


         Die Kulturflaeche Abessiniens. - Die Getreidearten, ihre
     Anpflanzung und Verwendung. - Gewuerze, Gemuese, Wein, Baumwolle,
         Gescho. - Ernteertrag. - Nuk. - Einfelderwirthschaft. -
    Ackerwerkzeuge. - Regenzeit. - Bewaesserung. - Soziale Stellung der
    Landleute. - Die Viehzucht. - Die Regierung und der Grundbesitz. -
    Das Frohnwesen. - Steuern. - Wiesen und Moorgrund. - Bienenzucht.
      - Aussicht fuer europaeische Ansiedelungen. - Die Wohnungen der
                   Landleute. - Die Muehlen Abessiniens.


Abessinien besitzt sehr viel Land, welches sich vortrefflich zum Anbau
eignet; jedoch kann man mit Sicherheit annehmen, dass von allem
kultivirbaren Boden kaum die Haelfte benutzt wird, sodass ungefaehr von der
gesammten Bodenoberflaeche kaum ein Drittel bebaut erscheint.

Die zwischen 8000 und 10,000 Fuss ueber dem Meere gelegenen Hochlaender, wie
Semien, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes, Begemeder,
das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die Quellen des Blauen
Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo und Schoa sind
meist eben und abwechselnd mit sanften Huegeln und Hoehen bedeckt, die eine
zwei bis acht Fuss maechtige, sich nie erschoepfende Humusdecke tragen. In
allen diesen Laendern wird, manchmal bis zu 11,000 Fuss hinaufreichend, die
vierreihige Gerste kultivirt, waehrend die zweireihige nur zwischen 7000
und 8000 Fuss Meereshoehe angebaut wird. Die verschiedenen Arten des
Weizens, unter denen die Eidscha genannte die vorzueglichste ist, gedeihen
nur zwischen 8000 und 9000 Fuss; in derselben Hoehe kommt der Flachs am
besten fort, obwol er bis zu 6000 Fuss hinabgeht. Die Flachsbereitung zu
Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das nuetzliche Gewaechs nur,
um aus den Samen zur Fastenzeit ein Lieblingsgericht herzustellen. Die
Bereitung desselben ist sehr einfach. Man roestet zunaechst die Samen in
einem flachen Tiegel ueber Feuer, doch nicht zu stark, und zerstoesst sie
hierauf in einem hoelzernen Moerser sehr fein. So zubereitet laesst sich die
gestossene Masse in Kugeln formen und fuer lange Zeit aufbewahren. Um aus
diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige Kugeln in Wasser zu
einer dicken Suppe zerruehrt, und in diese taucht der Abessinier seine
gesaeuerten, duenn gebackenen Brote. Fuer weitere Reisen ist diese Speise
ausserordentlich praktisch, ja fast unschaetzbar; ich selbst habe mich
derselben haeufig bedient und kann nur sagen, dass sie eine wohlschmeckende
ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Hoehe von mehr als 9000 Fuss.
Als Gemuese werden in dieser Hoehe angebaut: Kohl, Senf und Knoblauch.

Zwischen 6000 und 8000 Fuss Meereshoehe finden wir auch ganz vortreffliche
zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasien und Serawie mit durchgaengig
urbarem Boden, liegen 7000-7500 Fuss ueber dem Meere; die Distrikte Dixan,
Adigrat, Schumnesanie, Hausien, Faresmai, Adoa, Okulekusai, Adiarwate,
Schirie, Tembien, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die zu Tigrie gerechnet
werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera, ganz Dembea, das
niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta u. s. w. In den
genannten Laendern auf einer Hoehe von 7000 bis herab zu 5500 Fuss gedeihen
vorzueglich folgende Getreidearten: Tief, das werthvollste und
wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais oder
Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietaeten vorkommt; Dakuscha,
die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein
vortreffliches Speiseoel liefert und der in grosser Menge angebaut wird.
Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemuese gelten:
viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w.

Von 5000 Fuss bis zu 3000 Fuss ueber dem Meere werden noch besonders Mais und
Dakuscha gebaut, die dort vorzueglich gedeihen. Dann Schimbera, spanischer
Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut fort.

Nach diesem fluechtigen Umriss, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach
der Hoehe ihres Standpunktes und Vorkommens ueber dem Meere anzufuehren, gehe
ich ausfuehrlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag und
Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein.

_Gerste_ kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und
11,000 Fuss angebaut; da sie gegen Kaelte und rauhe Witterung nicht so
empfindlich ist wie die erstere, laesst sich ihre Kultur mit mehr Gewinn
betreiben. Allein sie hat sehr dicke Huelsen und deshalb geben die Koerner
nicht viel Mehl, naemlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie
gewoehnlich, im Maerz und April einiger Regen gefallen ist, findet die
Aussaat statt. Ende Juni folgt dann eine - meist missrathende - Nachsaat.
Jedoch ist die Aussaat nicht ueberall gleichzeitig. So saeet man im
Hochlande von Wollo die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewoehnlich faellt die
Ernte Mitte Oktober bis Ende November; auf den Hoehen ueber 11,000 Fuss aber
in den Dezember. Unregelmaessige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und
Hoehe des Feldes abhaengig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und
zum Brotbacken benutzt. Die _Gerstenbrote_ sind 2-3 Linien dicke,
anderthalb Fuss im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu denselben
wird sehr duennfluessig angestellt, einer zwoelfstuendigen Gaehrung ueberlassen
und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die fluessige Masse wird in eine
flache, thoenerne Schuessel gegossen, mit der Hand gleichmaessig vertheilt,
mit einem gewoelbten Deckel ueberdeckt und in einer Minute ueber freiem Feuer
gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesaeuertem Brote wird bei allen
Getreidearten ohne Ausnahme angewandt.

Zur _Bierbrauerei_ wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach braun
geroestet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen grossen thoenernen
Krug geschuettet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser zugegossen, bis
das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden ist. Nun wird
auf folgende Art die eigentliche Wuerze bereitet. Man quellt Gerste in
einem Thonkruge 24 Stunden lang, schuettet das Wasser davon ab und
schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man mit
Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt so
lange in Ruhe, bis die Gerste 2-3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann
trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur
Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen
geroestetes Gerstenmehl 1/2 Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und, mit
3 Metzen geroestetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angeruehrt ist. Diese
Masse laesst man kurze Zeit gaehren und baeckt aus dem so erhaltenen Teige
duenne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine
Stueckchen zerbroeckelt werden. Die Quantitaet derselben und das geroestete
Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhaeltnisse. Die gemischte Masse wird
in ein trichterfoermiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht,
gestellt, dann Wasser darueber gegossen und nun unter fortwaehrendem
Wasserzugiessen so lange durchgeruehrt, bis aller Mehlstoff, mit
Zuruecklassung der Huelsen, in den Krug geflossen ist. Nach vier bis sechs
Stunden tritt in dem mit Wasser noch verduennten Inhalte des Kruges Gaehrung
ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen Getreidearten,
wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet. In Thonkruegen,
deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen sind, haelt sich das
Gebraeu oft geraume Zeit.

Der _Weizen_ wird zwischen 7000 und 9000 Fuss ueber dem Meere angebaut. Die
Saatzeit faellt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas spaeter.
Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die
gewoehnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot,
dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu
Broten von 11/2 Zoll Dicke, aber beliebiger Groesse, verbacken wird.

_Dakuscha_ (_Eleusine_) wird zwischen 3500 und 6500 Fuss gebaut, ist aber
besonders in den Hoehen zwischen 4000 und 5000 Fuss sehr ergiebig. Dieses
Getreide dient vorzueglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbaeckt
man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und naehrend.
Die Saatzeit faellt Anfang Maerz; die Ernte in den November und Dezember. Es
giebt schwarze und weisse Dakuscha.

_Tief_ oder Tef (_Eragrostis_), zwischen 5500 und 7500 Fuss gebaut, ist das
beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und das
aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande, besonders
das rein weisse. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen Sorten.
Sie faellt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende September
bis Anfang November.

_Mais_ oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und
7000 Fuss, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fuss, wo er oft zwei-
und dreihundertfaeltigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken
und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte faellt - je
nach Sorte und Standort - in den November und Dezember; in Woro Haimano
gar schon zu Anfang Oktober.

_Schimbera_ (_Lathyrus_), eine Wickenart, zwischen 4000 und 7000 Fuss
angebaut, wird vorzueglich zu Schiro, einem Lieblingsgerichte der
Abessinier, verwendet. Man roestet hierzu die Samen, enthuelst sie auf der
Muehle, setzt spanischen Pfeffer, geroestete Zwiebeln und Salz zu und mahlt
die ganze Masse zu Pulver. In siedendes Wasser nach und nach eingeruehrt,
mit Schmalzbutter oder Oel gefettet, bildet es ein gutes Gericht. Auch
backt man aus dem Mehle ungesaeuerte Kuchen, die als Reiseprovision
geschaetzt sind. Die Saat beginnt gleich nach der Regenzeit - da die
Pflanze trockene Luft und Sonne liebt - also Anfang September. Wo die
Felder nass und sumpfig sind, beginnt die Aussaat erst im Oktober oder gar
im November. Die Ernte erfolgt drei Monate spaeter. Man unterscheidet eine
weisse und eine gelbe Schimbera.

Zwei Arten _Saubohnen_ und eine _Erbse_ werden wie die vorige verwendet.
Man baut sie zwischen 6000 und 9000 Fuss, saet zu Anfang Juli und erntet im
Oktober.

  [Illustration: Henset-Bananenpflanzung (_Musa Ensete_). Nach v.
  Heuglin (Natur 1861).]

Die _Linse_ kultivirt man zwischen 6000 und 9500 Fuss. Die Saat derselben
erfolgt Anfang Juli, die Ernte Anfang Oktober. Gewoehnlich enthuelst man die
Linsen auf der Muehle, kocht sie, wuerzt sie mit Pfeffer, Salz und Butter
und geniesst sie auf diese Weise. Wo sie aber, wie in Woadla und Daunt,
viel gebaut wird, baeckt man auch gesaeuertes Brot daraus, das allerdings
nicht sonderlich gut ist. _Eiwisch_, eine Bohnen- oder Kleeart, zwischen
6000 und 7000 Fuss, wird im August gesaet und im Dezember geerntet. Die
abgekochten und fein zerriebenen, dann so lange umgeruehrten Samen, bis sie
einen kleisterartigen Brei liefern, der mit Knoblauch und Pfeffer gewuerzt
wird, sind die beliebteste Fastendelikatesse der Abessinier. _Atunkere_,
eine Schlingbohne, zwischen 5000 und 6500 Fuss gebaut, im April gesaet,
Anfang November geerntet, wird wie die Linsen gegessen.

Der rothe oder _spanische Pfeffer_ ist das hauptsaechlichste und
beliebteste Gewuerz der Abessinier, das diesen so unentbehrlich geworden
ist, dass sie es handvollweise den Speisen beimischen. Die abgekochten,
aber fortwaehrend feuchtgehaltenen Fruechte werden auf der Muehle zu feinem
Pulver zerrieben, dann eine gleiche Quantitaet geroesteter, feingemahlener
Zwiebeln zugesetzt, einige wohlriechende, pulverisirte Pflanzen und Salz
beigemischt und die so bereitete Wuerze aufbewahrt. Manchmal reibt man den
Pfeffer auch nur mit Salz und Wasser ab. Man baut den Pfeffer zwischen
4000 und 6500 Fuss und bewaessert ihn wohl; in Dembea wird er ohne
Bewaesserung gezogen und Ende Oktober geerntet. Andere Gewuerze sind
Sinjewil, eine beliebte, dem Pfeffer beigemischte Kalmuswurzel; gleich
dieser benutzt man noch Adees, eine Rubiacee, die Samen der Awoseda, einer
Umbellifere, und Schenadam, eine Labiate. Die Samen des Foeto, welches
unserer Gartenkresse gleicht, werden gleichfalls gegessen; jene des Schuf,
einer Compositee, wie Schiro zubereitet. Dinnitsch ist ein Convolvulus,
dessen den Kartoffeln aehnliche Wurzelknollen eine wohlschmeckende Speise
liefern.

Zu den _Gemuesen_ uebergehend, erwaehne ich zunaechst zwei sehr beliebte, wie
unser Raps aussehende Kohlarten, deren Blaetter wie Spinat gekocht werden.
Im Tiefland gedeiht der Kohl nur in der Regenzeit bis zu Anfang Oktober;
im Hochland aber bis zu 10,000 Fuss gruent er das ganze Jahr hindurch. Der
reichliche, oelige Samen wird nur zur Aussaat und zum Einreiben der
Backschuesseln benutzt, damit sich das Brot gut loese. Das einzige Gemuese,
auf dessen Anbau die Abessinier neben dem rothen Pfeffer noch Fleiss
verwenden, sind verschiedene Melonenarten, die nicht roh, wohl aber
gekocht genossen werden. Die Samen legt man Anfang April; fehlen dann die
Regen, so muessen die jungen Pflaenzchen bis zum Eintritt der Regenzeit
bewaessert werden. Die Fruechte beginnen Anfang September zu reifen. In
einigen Gegenden baut man auch vortreffliche Gurken (Wuschisch). Das
Gewuerz Bello, eine Solanumart, dessen Samen aehnlich wie der rothe Pfeffer
benutzt werden, kultivirt man besonders in Walduba bis zu 6000 Fuss Hoehe.
Man bedient sich seiner namentlich in den 60taegigen Osterfasten.

In der gleichen Zeit bildet auch der Knoblauch, der zwischen 7000 und 8500
Fuss haeufig gebaut wird, einen betraechtlichen Handelsartikel. Er wird dann
stark gegessen, und man sieht sehr oft, wie der Abessinier ganze Haende
voll der rohen Zwiebeln hinabwuergt. Es kann nichts Unangenehmeres geben
als die Beruehrung mit einem Knoblauchsfresser, dessen stinkender Athem
unertraeglich ist. Die Reife des Knoblauchs beginnt im Januar und Februar.
Mit dem Ausgange der Regenzeit pflanzt man eine kleine, rothe, laengliche
Zwiebel; sie wird bewaessert und reift zugleich mit dem Knoblauch. Ihre
Verbreitungsregion ist zwischen 5500 und 8000 Fuss; der Handel damit sehr
bedeutend.

Die _Banane_ oder Mus (_Musa paradisiaca_) wird zwischen 5000 und 6500 Fuss
kultivirt. Hoeher hinauf bis zu 7500 Fuss kommt eine zweite ihr ganz
aehnliche Art, die _Henset_, vor. Ihre kleinen Fruechte sind aber nicht
essbar, dagegen liefern der fleischige Stamm und die starken Blattrippen im
gekochten Zustande eine nahrhafte, wohlschmeckende, den Kartoffeln
aehnliche Speise. Diese Riesenpflanze liefert in manchen Gegenden die
Hauptnahrung der Bewohner. Sie wird angebaut von 5500 bis zu 8000 Fuss ueber
dem Meere.

Der _Wein_ kommt zwischen 5000 und 7500 Fuss ueber dem Meere vor, ist aber
nur sehr wenig in Abessinien verbreitet, doch von ganz vortrefflichem
Geschmack; ja, ich kann behaupten, dass, wenn man denselben mit
europaeischer Umsicht, Geschicklichkeit und Pflege behandelte, er seines
Gleichen nicht finden wuerde. Doch der Abessinier kennt weder Pflege noch
Wartung des edlen Gewaechses, dessen Verschneiden ihm ein unbekanntes Ding
ist; er ueberlaesst die Rebe ganz sich selbst. Aber es giebt ungemein viel
Strecken im Lande, die unter verstaendigen Haenden sich ganz vorzueglich zur
Weinkultur eignen wuerden. Man baut nur eine Sorte mit grossen, blaubeerigen
Trauben, die je nach Stand und Ort von Anfang Maerz bis Mitte April reifen.
(Vergl. S. 57.)

Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr
gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt,
erreicht die Groesse eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch
ist sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granataepfel.

Die _Baumwolle_ wird nicht in dem Masse gebaut, um die Beduerfnisse des
Volkes decken zu koennen. Abermals ein trauriger Beweis von der
Unbetriebsamkeit und dem Unfleisse der Abessinier! Und doch fehlt es nicht
an geeigneten Laendereien. Man koennte sehr leicht den achten Theil
Abessiniens mit der nuetzlichen Pflanze bestellen - leider ueberlaesst man
denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und
5000 Fuss gedeiht eine vorzuegliche Qualitaet, und dabei bezieht man
Baumwolle aus fremden Laendern!

Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak
dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die
Summe, welche jaehrlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr gross,
und welchen Ersatz hat das Land fuer das viele ihm entgehende Geld?
Antwort: keinen.

Die Blaetter des _Geschobaumes_, die einen nicht unbetraechtlichen
Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und
werden beim Bierbrauen und bei der Herstellung des _Honigweines_ benutzt.
Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Mass Honig giebt man fuenf
Mass Wasser, spuelt das Wachs aus und giesst die duenne Honigfluessigkeit in
einen wohlgereinigten, sechs Mass fassenden Krug. Man fuegt eine Hand voll
Geschoblaetter hinzu und laesst das Ganze bei maessiger Waerme vier bis fuenf
Tage gaehren. Nun ist der Wein fertig - allein trinken darf ihn nicht
Jedermann, da er koenigliches Monopol ist und der Herrscher den Genuss
desselben nur seinen vorzueglichsten Dienern und den Fremden gestattet.

Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thaetigkeit hat, so
laesst er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung
angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer
Wildniss. Liebe, Sinn fuer die Natur und ihre Schoenheiten sind ihm
unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine
Wildniss.

Folgendes sind die _durchschnittlichen_ Ernteergebnisse, jedoch ist dabei
zu bemerken, dass der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer
gelegenen Laendern am Mareb, Takazzie und Nil nicht als Norm anzunehmen
ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodenguete, oft drei- und
vierhundertfaeltig ausfaellt. Je _ein_ Scheffel Tief giebt 30, Mais 150,
Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10,
Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteertraegniss im Durchschnitt.

Nur eine einzige Oelfrucht, _Nuk_ (_Guizotia olifera_) wird zwischen 5000
und 7000 Fuss angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit
zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30-40 Scheffel Ertrag. Das Nukoel ist
sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen
Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach geroestet,
fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umruehren unter
Beibehaltung einer Waerme von etwa 50 deg. R. ueber dem Feuer erhalten. Alsdann
scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten.

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Der Abessinier hat durchschnittlich eine _Einfelderwirthschaft_ und nur
hier und da Zweifelderwirthschaft. Er duengt nicht, obgleich er den Nutzen
der Felderduengung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und
sonstigen Thaetigkeit, seine Stellung zur Regierung sind fuer ihn
Hindernisse, die er niemals zu ueberwinden vermag. Diese Indolenz wird
vorzueglich durch die Groesse und durch den Reichthum seines Landbesitzes
genaehrt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind
die Lebensbeduerfnisse des Besitzers gesichert. Gewoehnlich liegt der dritte
Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die
Haelfte. Man muss die traurigen Zustaende mit eigenen Augen gesehen haben, um
einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom
Pfluge beruehrt zu werden, wuest liegen!

Ein solches "Ackerfeld" gleicht gewissermassen einer gut aufkeimenden
Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell;
man scheut auch das Ausroden der Struenke und Wurzeln und begnuegt sich
damit, die Baumstaemme 1-2 Fuss ueber dem Boden abzuhauen. So sieht man die
Felder mit grossen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Staemmen und Wurzeln
bedeckt. Und nun erst die Steine, die gross und klein, oft so dicht, dass
man kaum den Boden erkennt, ueber den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal
den kleinsten Stein entschliesst sich der Abessinier auf die Seite zu
schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren!

Naht die Zeit heran, dass diese Ackerwueste bestellt werden soll, so sendet
der Eigenthuemer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so
geht er auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige
Arbeit darin, das aufgewucherte Gestruepp, Strauchwerk und Holz
niederzuhauen. Dies geschieht gewoehnlich gleich nach der Ernte im
November, Dezember, Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat
das abgehauene Reisig Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand
gesetzt. Leicht und oft ereignet es sich nun hierbei, dass auch die
benachbarten Wildnisse Feuer fangen und ein grosser Brand ueber viele Meilen
Landes sich verwuestend erstreckt. Die von dem verbrannten Holzwerk
zurueckgebliebene Asche macht die einzige Duengung des Landes aus. Stellen
sich dann die ersten Regenguesse ein, so wird der Pflug angesetzt und der
Boden hintereinander zweimal umgepfluegt, einmal der Laenge und einmal der
Breite nach. Die Saat wird schon vorher ausgestreut und mit untergepfluegt;
eine nachherige Aussaat kennt der Abessinier nur bei Tief und Dakuscha,
bei welchen die Haende der Weiber und Kinder dann das Geschaeft des Eggens
besorgen. Da, wo bei herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von
Holz und Gestruepp frei sind, werden dieselben zweimal gepfluegt; einmal
gleich nach der Regenzeit und das zweite Mal bei der Aussaat. In den
Hochlaendern, wo Holzwuchs und Gestruepp seltener, ja in vielen Gegenden gar
nicht anzutreffen ist, hat der Bauer leichteres Spiel, namentlich beim
Gerstenbau.

Das einzige Ackerwerkzeug ist der _Pflug_, aber was fuer ein Pflug! Ist die
Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wueste einem
Felde, das von einer Herde Schweine durchwuehlt wurde. Lange Furchen zieht
der Abessinier nicht; schon nach 20-30 Schritten lenkt er wieder um,
vollendet so ein gewisses Stueck und beginnt da, wo er abgesetzt, von
Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepfluegten
Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die
in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder
Peitsche des Pfluegers gelenkt werden. Da sie zuegellos sind, so wenden sie
sich bald rechts, bald links und ziehen demgemaess krumme Furchen.(2) Egge
und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche
Regenzeit ein, dann gruent das Feld lustig von Unkraeutern und
Schmarotzerungethuemen, die von den Frauen und Kindern ausgejaetet werden
muessen.

Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf
diesen Punkten das Gestruepp mangelt, ungeachtet des unbehuelflichen Pfluges
trefflich kultivirte und gereinigte Felder an.

Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezaehnten Sicheln
geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in
Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kuemmert den Abessinier nicht; er
bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die
an Ort und Stelle mit langen Stoecken ausgedroschen oder von Ochsen
ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das
Getreide durch Emporwerfen mittels hoelzerner Gabeln; der Wind vertritt
Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch
hoelzerner Schaufeln. Um die muehsame Reinigung von 6-8 Scheffeln Getreide
zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt es nicht
und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schluss der Regenzeit
kein Regen mehr eintritt.

Die eigentliche _Regenzeit_ beginnt nach europaeischer Zeitrechnung am 24.
Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September.
Waehrend dieser Periode regnet es alltaeglich im Tieflande. Vormittags
herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regenguesse,
begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Naechte
sind heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere
Landregen, und ihr Eintreten ist sehr unregelmaessig. Bald regnet es frueh,
bald Mittags, bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne
Aufhoeren hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August haeufiger,
besonders zu Ausgang der Regenzeit. Auf den Hoehen zwischen 12,000 und
14,000 Fuss faellt gewoehnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne
einige Vormittage geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt
sich, was gewoehnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar,
Februar einiger Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland
kennt in der Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schlossen von der
Groesse eines Taubeneies.

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Ist eine Ackerwueste nur einigermassen fruchtbar, so erzielt man von Tief in
zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb
nimmt. Ausser der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die
_Felderbewaesserung_ an, doch sind nur wenige und mangelhafte
Wasserleitungen vorhanden. Wuerden durch vaterlaendischen Fleiss,
Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und
verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen koennte, welch
unberechenbarer Nutzen liesse sich alsdann erzielen! Die Hoehen zwischen
8000 und 11,000 Fuss eignen sich indessen fuer die Bewaesserung nicht, da die
Naechte in den Monaten Dezember bis Maerz so kalt sind, dass das Wasser
gefriert.

  [Illustration: Ackerpflug. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Die Hauptursache der Unlust und Unthaetigkeit der Abessinier zu jeder
ackerbautreibenden Beschaeftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung.
Diese laesst es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur
Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu unterstuetzen. Der Regierung ist
es vollkommen gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie
denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der
Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie
trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete
Einquartierung und _Frohndienste_ aller Art. In einer unbestimmten,
willkuerlichen Anzahl von Frohntagen muss der Landmann die Aecker der
Regierung und der hohen Beamten bestellen; er muss Baufrohnen leisten, wenn
ein hoher Herr bauen will, und dazu das noethige Holz oft viele Tagereisen
weit auf dem Ruecken herbeischleppen. Es kommt vor, dass hundert Menschen an
einem einzigen grossen Balken tragen muessen. Man bedenke dabei aber, welche
Wege zu ueberschreiten, welche Abgruende zu passiren, welche Hoehen zu
erklimmen sind! Gestruepp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport.
Gebahnte Wege und Strassen besitzt das Land nicht. Ausser dem Holze muss der
Bauer noch Steine, Stroh, Moertel, Wasser und was sonst von Noethen zum Bau
herbeischaffen.

Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drueckt, ist der _Adel_. Es giebt
einen niederen, Mosseso, und einen hoeheren, Mokunnen, genannt. An sie
schliessen sich drueckend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerfuehrer,
alle aus der Adelsklasse, endlich die Raethe und Minister. Alle diese
Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen,
je nach Rang und Stellung, Laendereien, von denen sie gesetzliche _Steuern_
zu beziehen haben; allein sie alle, gross und klein, erlauben sich
Ausschreitungen und Bedrueckungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch die
Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen
liebenswuerdigen Leuten bis auf die Haut ausgepluendert. Derjenige, welcher
vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschraenkter Herr ueber
alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen
Haenden; diese weiss er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur
in halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkuerlich darf der
Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent uebrigens ein
Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so
kann jener in demselben Masse die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld,
Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln.
Auch ausserordentliche Steuern kennt Abessinien.

Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers,
die der aeusseren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit
erkennen laesst. Betrachten wir zunaechst den _Viehstand_. Man zuechtet
Pferde, Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Huehner. Die _Pferde_
und Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu
erfreuen haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut
proportionirter Gestalt, kraeftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes
betraegt 40-50 Maria-Theresia-Thaler. Die _Maulthiere_ sind stark,
gedrungen, ausdauernd und in dem wildzerkluefteten, weg- und steglosen
Lande fuer den Reisenden von sehr grossem Nutzen; auch weiss der Abessinier
die Vorzuege des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schaetzen. Der Preis
eines sehr guten Exemplares steigt oft bis zu 100 Maria-Theresia-Thalern,
waehrend man geringere mit 10-25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden
eigentlich nur fuer die Kavallerie verwendet.

  [Illustration: Rinderhirt. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Der _Esel_ gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder
der Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lasttraeger ein
ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschoepfes ist ein recht
beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20
Tagereisen weit ohne Unterbrechung von frueh bis Abends schwere Lasten
schleppen muessen. Abends hat das Thier dann noch selbst fuer seine Nahrung
zu sorgen. Der Preis ist gering, naemlich nur 2-3 Thaler.

_Rindvieh_ kommt in grosser Menge vor. Die Ochsen werden im gemeinsamen
Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgequaelt und erhalten fuer
die muehsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkraeuter baut der Abessinier
nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre Nahrung zu
suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh
angewiesen. Im Allgemeinen geben die Kuehe durch ihre Milch wenig Nutzen.
Nur waehrend der Regenzeit, wo Nahrung in Huelle und Fuelle emporkeimt,
fliesst diese Quelle reichlicher; aber vom Maerz bis oft in den Juni ist der
Milchertrag aeusserst gering, zumal die abessinische Kuh ueberhaupt keine
gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz vortrefflich zum
Anbau der Futterkraeuter, die dort nicht den schaedlichen
Witterungseinfluessen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der
Abessinier besitzt weder die noethigen Kenntnisse noch die noethigen Gefaesse,
um sein unvollkommenes _Molkenwesen_ verbessern zu koennen; die
Kaesebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Kaelber ein ganzes Jahr und
darueber saeugen laesst, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber das
Kalb nach vier- oder sechswoechentlichem Saeugen absetzen zu koennen, fehlt
es wieder an Nahrung fuer dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten November
bis Juni, ist das Vieh von frueh bis Abend den gluehenden Strahlen
ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das traegt dazu bei, die
Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die
Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt
3 Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3-4
Maria-Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder
mager, 2-3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von frueh bis
Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehuetet,
die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so
ereignet es sich haeufig, dass traechtige Kuehe geschlachtet werden; ja, ich
habe gesehen, dass man Kuehe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen
geworfen haben wuerden.

Von _Ziegen_ und _Schafen_ haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen
deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochlaendern kommt das Schaf
gut fort, es gedeiht in den tiefen und heissen Gegenden nicht. Auf den
Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur
Schafzucht benutzt werden koennen. Die Wolle des abessinischen Schafes ist
noch groeber als jene der lueneburger Heidschnucken; sie ist meistens
schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu
Kleidungsstuecken verwendet. Nicht im Geringsten kuemmert sich der
Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er waehlt keine Boecke und
Muetter aus und laesst diese, nebst den Laemmern stets beisammen. Das Haemmeln
der Boecke ist unbekannt; Pferde, ausser den Gestuethengsten, Bullen und
Ziegenboecke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild beisammen
leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der Schafe,
je nach Groesse und Qualitaet, betraegt fuer 6-8 Stueck 1 Maria-Theresia-Thaler.
Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhaelt man fuer denselben Preis nur
4-6 Stueck, und zwei grosse und fette, verschnittene Ziegenboecke kosten auch
1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Haeuten bereitet man Getreidesaecke ohne
Naht, auch Pergament, das jedoch meist aus Schafleder gemacht wird. Rauh
gegerbt dienen letztere auch als Kleidungsstuecke.

Die Zucht der _aegyptischen Huehner_ ist sehr im Schwange. Ein Huhn bruetet
jaehrlich fuenf- bis sechsmal 15-17, also im guenstigsten Falle 100 Eier aus.
Anderes Gefluegel, wie Gaense, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt. Braechte
man sie jedoch hierher, so wuerden sie besser gedeihen als in meinem
Vaterlande. Der Preis fuer drei bis vier Huehner ist 1 Stueck Salz oder fuer
90-100 Stueck 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Haehne, wiewol von
einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgeuebt.

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Der Abessinier ist _fester Grundbesitzer_, und die Regierung kann ueber den
Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkuerlich verfuegen oder denselben
nach Gutduenken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskraeftigen Spruch.
Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthuemer kinderlos
oder ohne Verwandte, naehere oder fernere, stirbt. Dann zieht die Regierung
die Laendereien des Verstorbenen fuer ewige Zeiten an sich. Zeitweilig wird
die Regierung Besitzerin eines Grundstueckes, wenn dessen Eigenthuemer die
darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten vermag. Sie
behaelt dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder uebergiebt sie
unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe
vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmaessige Eigenthuemer wieder
zahlungsfaehig ist und die vollstaendigen Steuern entrichtet. Oft uebernimmt
die Gemeinde dieses Geschaeft; Verkauf der Laendereien findet selten statt.

Hier waere wohl der Ort, einige Worte ueber _Ansiedelungen_ vom Vaterlande
aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwaertigen Regierung
koennen dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er komme woher er
wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstuecke kaeuflich erwerben, doch
vermag er niemals sichere Garantie fuer deren dauernden Besitz zu erhalten,
denn alle Regierungen des Landes waren bis zum heutigen Tage
Willkuerherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der Ansiedler sicher zu
Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das Land von einem
Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei der neuen
Regierung streitig machen koennen. Dann stellt sich gewoehnlich heraus, dass
der Verkaeufer nur zeitweiliger Besitzer der Laendereien war, und das
abessinische Recht giebt unter solchen Umstaenden den Verwandten das Land
zurueck. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der Regierung
ein Grundstueck erwirbt und den Kaufabschluss unter Zuziehung von Zeugen in
das Kirchenbuch eintragen laesst. Aber wie lange ihm das Land gesichert
bleibt, weiss Gott allein!

Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach vorhanden.
_Doch die gegenwaertige Regierung des vortrefflichen Kaisers Theodoros laesst
schoene Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der liebe Gott wolle stets
ueber meinem Kaiser, welchen ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen
Segen und Frieden walten lassen. Amen!_

Zum Schluss noch einige Worte ueber _Wiesen und Moorgrund_ Abessiniens.
Besonders die Hochlaender Semien und Woggera zeichnen sich durch schoenen
und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am Tana-See
unuebersehbare Wiesenflaechen, Begemeder im Hoch- und Tieflande; Sebit
besteht ganz aus Wiesen; aehnlich verhaelt es sich mit Woadla, Daunt und
Talanta. Am Fusse des Kollogebirges in Wollo ziehen sich gleichfalls grosse
Wiesenflaechen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind stellenweise reich
daran. Vergleichsweise mit diesen Hochlaendern sind die Tieflaender arm an
Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger. Das Heumachen ist
ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie keinerlei
Werkzeuge zum Maehen der Wiesen. Steht im September das Gras hoch, so wird
alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten wird und
hoechstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden zerstoert, so
tritt bittere Noth und Hunger fuer den Viehstand ein, ohne dass die Menschen
dadurch zum Nachdenken veranlasst wuerden.

Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch
vaterlaendischen Fleiss und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde
umgeschaffen werden koennten. Jetzt liegen sie alle wuest und nutzlos da.
Vor allem waeren die Moorgruende am Tanasee hierzu passend; sie koennten eine
Quelle des Reichthums fuer das Land sein. Auch eine gute und verstaendige
_Bienenzucht_ wuerde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land eignet
sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise, wie
sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem
liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs
gewonnen; letzteres wird meist ausgefuehrt, ersterer zu Honigwein benutzt.
Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europaeische Art. Schwaermt
ein Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft
drei bis vier Tage weit, bis die Koenigin in einem hohlen Baume oder einer
Felsenhoehle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat.

Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele
Stunden weit rasch vorwaerts, bis Muedigkeit der Koenigin eintritt, die sich
an irgendeiner Stelle niederlaesst, welche dann als Rastepunkt der Schar bis
zum naechsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung
gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock
oder Korb einschlagen, so muss er zunaechst der Koenigin die Fluegel
verschneiden; unterlaesst er dieses, so geht der Schwarm gewoehnlich wieder
fort. Ich habe selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm
dreimal eingesetzt; allein nach ein- bis dreitaegigem Aufenthalte ging er
stets wieder fort, weil ich der Koenigin die Fluegel nicht verschnitten
hatte. Die Form der Bienenstoecke ist walzenfoermig; sie werden aus
Rohrstaeben zusammengesetzt, die man aeusserlich mit frischem Kuhmist, dem
etwas Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick ueberzieht. Haeufig haengt
man diese Koerbe in grosse Baeume, doch halten die meisten Abessinier
dieselben bei ihren Haeusern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshoehe von
5000-9000 Fuss betrieben. Der Preis fuer 50 Pfund Honig ist 1
Maria-Theresia-Thaler.

Vermoege der Verschiedenartigkeit seines Klimas duerfte sich Abessinien zum
Anbau aller europaeischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterlaendischer
Geschicklichkeit herrlich gedeihen wuerden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird
so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark
kultivirt wird er in den Gallalaendern Limu, Enarea und Kaffa, und die von
dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40
Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer
Pfeffer, Baumwolle, Indigo koennten vorzueglich gebaut werden; einige Arten
Indigo wachsen wild. Fuer Zuckerrohr und Runkelrueben findet sich geeigneter
Boden. Ich selbst habe in Tigrie Runkelrueben kultivirt, die eine
bedeutende Groesse erreichten und viel zuckerhaltiger als die
vaterlaendischen waren. Alle Gewuerze der Gewuerzinseln und die
verschiedensten Oelpflanzen wuerden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu
nothwendigen Geraethe sind hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und
Flachs zum Spinnen und Weben. Beeren, Fruechte, Wein - sie alle finden hier
zusagenden Boden.

Doch mit Schmerz muss ich bekennen, dass alles dieses, so lange der
gegenwaertige Zustand des Landes dauert, so lange nicht eine radikal
veraenderte Regierungsweise eintritt, eitler Wunsch bleiben wird. Denn
erst, wenn die Regierung eine unbeschraenkte Kultivirung des Landes durch
Deutsche, Englaender, Franzosen u. s. w. zulaesst und unterstuetzt, kann aus
diesem etwas werden. Durch die Abessinier selbst kann eine nutzbringende
Kultur niemals geschaffen werden, denn sie sind bitter arm; es fehlen
ihnen alle Instrumente, welche den Anbau foerdern koennten, oder die
Arbeiter, die sie zu verfertigen verstaenden. Auch ist ihr geistiges
Besitzthum arm, duerftig, auf niederer Stufe stehend; sie sind entbloesst von
allen guten Eigenschaften, Liebe und Lust zur Arbeit, Sinn fuer die Natur.

Liesse sich das Vaterland den gegenwaertigen Zustand Abessiniens angelegen
sein, setzte dasselbe kraeftige, wirksame und heilsame Hebel an den
gegenwaertig verwahrlosten Agrikulturzustand Abessiniens, so wuerde reicher
Segen seine Muehen und Opfer lohnen. Doch wie Hebel anlegen, dass sie nicht
brechen? Oder will das Vaterland feste Gerechtsame in Abessinien erwerben,
so koennen diese nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten werden.

Wie der Zustand der Felder und des Viehstandes, so ist auch die _Behausung
des Abessiniers_ und deren Umgebung beschaffen. In und ausser seinem Hause
oder vielmehr seiner Strohhuette, ist alles voller Schmuz und Unrath. In
der Regenzeit gleichen die Wohnungen einer Kloake, der man sich nicht
naehern kann, ohne Gefahr zu laufen, in diesen Mistsuempfen zu versinken. Um
eine Wohnung zu errichten, haut der Eingeborene krumme und gerade, duenne
und dicke Holzstangen ab, die er in einem Kreise in den Boden pflanzt und
wobei er einen schmalen Raum fuer die Eingangsthuer freilaesst. Die Stangen
werden nun mit Bast und duennen Ruthen gleichwie mit Fassreifen umwunden und
die Zwischenraeume mit Reisig ausgefuellt. Im Innern wird diese Ringwand
dann mit etwas Erdmoertel ueberzogen. Hierauf wird das Ganze mit einem
pyramidenfoermigen Dache, das gleichfalls aus Stangen, Reisig und Bast
zusammengesetzt ist, gekroent und mit einer 3 Fuss langen holzigen Grasart
belegt. Nun ist die Wohnung vollendet und der Einzug kann stattfinden.
Alle Familienmitglieder, nebst Knechten und Maegden, wohnen und schlafen
hier beisammen; die Kuehe, die Muehle, das Maulthier, falls ein solches
vorhanden, die Huehner - sie alle finden hier ihren Platz. Auch das
Getreide hat hier in grossen aufrecht stehenden Erdtonnen oder wohl
verdeckten Gruben seine Stelle. Der Hausherr ruht auf seiner Alga (oder
Arat), einem hoelzernen Bettgestell mit vier 2 Fuss hohen Beinen, ueber das
schmale Riemen von ungegerbter Rindshaut gezogen sind. Die uebrigen
Bewohner legen Rindshaeute auf den Boden, die ihnen zur gemeinschaftlichen
Schlafstaette dienen. Selten wird eine solche Behausung ausgekehrt und
unzaehlige Floehe, Laeuse und Wanzen sind die regelmaessigen Insassen, um
welche der Bewohner sich wenig oder gar nicht kuemmert. Der Kuechenrauch,
Asche, Staub und Unrath aller Art haeufen sich im Verlaufe eines Jahres
dermassen an, dass man das Innere mit einem Schornstein vergleichen kann.

Uebrigens wendet man in Abessinien verschiedene Bauarten an. Oft bestehen
die Waende aus Steinen, die mit Moertel verbunden oder ohne diesen
aneinander gefuegt sind. Steinhaeuser finden sich fast durchgaengig im
Hochlande, und da es hier in der Nacht sehr kalt ist, so findet auch Vieh
aller Art in denselben seine Schlafstaette. Da, wo gute passende Erde
vorkommt, baut man auch quadratische Haeuser mit plattem Dache. Dieses ist
namentlich in Tigrie haeufig der Fall. Diese Decke wird dann durch starke
Baumstaemme und Balken getragen, die mit einer 1 Fuss dicken Lage Erde
ueberdeckt sind, welche zur Regenzeit kein Wasser durchlaesst. Hier sieht man
auch oft grosse, auf diese Weise ueberdachte Saeulenhallen aus rohen
Baumstaemmen, unter denen das Vieh zur Regenzeit Schutz und Obdach findet.
Ueberhaupt herrscht im Lande Tigrie mehr Fleiss und Ordnung als in anderen
Gegenden Abessiniens.

Das hier von den Wohnungen Gesagte gilt nur von den Behausungen des
ackerbautreibenden Theiles der Bevoelkerung. Die _Haeuser der Reichen_ und
Grossen des Landes sind besser gestaltet. Sie sind gewoehnlich gut mit
Erdmoertel aufgefuehrt und auch die innere Wand mit Moertel ueberzogen. Das
Innere besteht oft aus Abtheilungen, von denen eine fuer Pferde und
Maulthiere, eine als Speicher, eine dritte als Empfangszimmer, eine vierte
fuer den Hausherrn und seine Familie bestimmt ist. Ist das Haus klein, so
wird das Empfangszimmer besonders angebaut. Das Dach ist im Innern haeufig
schoen mit zusammengesetzten Rohrstaeben verziert, ja manchmal mit farbigen
Baumwollstoffen kuenstlich dekorirt, die Eingaenge mit Breterthueren, der Hof
mit einer Mauer versehen. Doch herrscht im Innern derselbe Schmuz und das
Ungeziefer wie bei den Landleuten.

Die _Muehlen_ der Abessinier bestehen aus einem einzigen Stein, der 1 Fuss
breit und 13/4 Fuss lang ist. Das Material besteht aus grobem Sandstein oder
Trachyt; enthaelt der letztere viele kleine Blasenraeume, so wird er sehr
geschaetzt. Die Muehle wird durch Klopfen mit einem harten kleinen Steine
geschaerft. Der Laeufer, mit dem das Getreide zerrieben wird, ist ein 3/4 Fuss
langer, 4 Zoll breiter Stein. Das Mahlgeschaeft wird nur von den Frauen
besorgt. Eine Person zerreibt taeglich etwa 6 Metzen (Berliner Mass). Das
Mahlsieb besteht aus Grasgeflecht. Weizen und Gerste werden, bevor sie auf
die Muehle kommen, enthuelst; dieses geschieht in ausgehoehlten Baumstaemmen,
welche die Moerser vertreten; der Stoessel ist ein 3 Fuss langer, 2-3 Zoll im
Durchmesser haltender Knittel aus wildem Olivenholz. Die einzigen
Instrumente, welche sonst noch bei der Agrikultur in Abessinien Dienste
leisten, sind eine Axt, eine Erdhaue, eine gezaehnte Sichel und ein Messer.
In Schoa wurde unter der Regierung des Koenigs Sahela Selassie von einem
Europaeer eine Wassermuehle errichtet, doch als diese anfing zu mahlen,
empoerte sich die Geistlichkeit gegen das Teufelswerk und bedrohte den
Koenig mit dem Bannfluche, wenn das Mahlen nicht eingestellt wuerde. Die
Muehle ist heute gaenzlich zerfallen.

  [Illustration: 1. Muehle (a. Laeufer, b. Bodenstein). 2. Erdhacke. 3.
  Sichel. 4. Messer. 5. Axt der Abessinier. Originalzeichnung von E.
  Zander.]





  [Illustration: Ansicht von Suez.]





              MASSAUA UND DIE ABESSINISCHE KUeSTENLANDSCHAFT.


      Die Bedeutung des Rothen Meeres. - Der Dahlak-Archipel und die
        Perlenfischerei. - Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. -
    Sklavenhandel. - Die Cisternen. - Der Markt. - Karawanenhandel mit
      Abessinien. - Die Bai von Adulis. - Schohos und Danakil. - Die
    Samhara. - Eine abessinische Karawane. - Der Tarantapass und Halai.


Das Rothe Meer, lange Zeit fuer den grossen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist
in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt
lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Laenge von fast vierhundert
Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb
zwischen dem nordoestlichen Afrika und der westlichen Kueste Arabiens.
Regelmaessig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtaeglich von
Riesendampfern seiner ganzen Laenge nach durchkreuzt; Telegraphendraehte
sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie
Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist ueber
diese Strasse. Noch groessere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen,
wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von
Alexandrien ueber Kairo nach Suez fuehrenden Eisenbahn alljaehrlich viele
Tausende von Vergnuegungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen
Seiten fuehren von seinen Kuesten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden
Laender, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika's, ungemein produktenreich
sind: Gummi und Straussenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig,
nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenplaetzen feil gehalten und
finden regelmaessigen Absatz gegen europaeische Produkte.

Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat,
ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und
wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich
als eifersuechtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu
machen suchen. Beide wissen, dass im Rothen Meere der Schluessel zu Indien
liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran
zeigt, denselben mit in Haenden zu haben, so ist es doch schon des
Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den
Englaendern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein franzoesisches Unternehmen, hat
mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn
wie die Englaender Aden und die Insel Perim am suedoestlichen Ende des Rothen
Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die
Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der
Handelsstrasse zu errichten. Und auch noch andere Kuestenplaetze sind nach
und nach in die Haende der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich
auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor
der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus
ueberwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen
Elementen der Bevoelkerung, um bei guter Gelegenheit sich ueberall in die
Landesangelegenheiten mischen zu koennen. Europaeische Konsularagenten haben
in den meisten Hafenplaetzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder
banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europaeische
Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschliessung
desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen
Gestadelaendern - mag es wollen oder nicht - immer mehr in unsere
Beziehungen hineingezwungen.

Freilich ein Hinderniss hat die Natur selbst geschaffen, welches die
Bedeutung dieses Meerarmes fuer den Verkehr bedeutend abschwaecht. Das Rothe
Meer ist fuer Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die
Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das
halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Haefen ist.
Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt aeusserst gefaehrlich, und auch
die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine
aeusserst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden
liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm vollstaendig und in vier bis fuenf
Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann
weiter die Fahrt nach Indien anzutreten.

Waehrend die grossen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer
durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben
besuchen, sind fuer letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist
von einer tuerkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von _Suez_, wo
die Eisenbahn muendet, steuern wir zunaechst nach _Kosseir_, von wo eine
Karawanenstrasse nach Keneh am Nil fuehrt, der in dieser Gegend einen weiten
Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere naehert. Von Kosseir
fahren wir in suedoestlicher Richtung nach der arabischen Kueste hinueber und
landen in _Jembo_, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, naemlich Medina,
fuer welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade
fortsteuernd erreicht der Dampfer _Dschidda_, "die Ebene ohne Wasser".
Aber dieser Hafenplatz, das Seethor fuer Mekka, ist in vieler Beziehung
wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir
verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und
durchkreuzen abermals nach Suedwesten hin das Rothe Meer, um _Sauakin_ an
der afrikanischen Kueste zu erreichen, von wo aus die grosse Karawanenstrasse
nach dem oestlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weissen und
Blauen Nil fuehrt.

Und nun geht nochmals der Anker in die Hoehe, nach Sueden ist der Bug des
Dampfers gerichtet, die afrikanische Kueste, das Land der nomadisirenden
Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die _Dahlak-Inseln_
kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der
Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Kueste, gegenueber
dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind
Gross-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Grosshandelsfahrzeuge legen dort nicht
an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat.
Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, dass einst die
Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf
demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern
beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Koepfe. Alle sind
Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser
erhaelt seine Belehnung von dem aegyptischen Gouverneur in Massaua, welchem
er jaehrlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserlaeufe giebt es auf den
Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund.

Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine
Hauptbeschaeftigung der Bewohner. Doch noch andere Schaetze bietet die
salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzueglich ihre Beruehmtheit
verdanken. Namentlich kommt die _Perlenauster_ (_Pintatina_) in grosser
Menge, foermliche Baenke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis
in den August eine grosse Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschaeftigt.
Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben
werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von
der gegenueberliegenden arabischen Kueste. Man bedient sich zum Fange der
gewoehnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und
auch Mattensegel haben. Von den zwoelf bis vierzehn Koepfen der Mannschaft
sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!)
stuerzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel laenger als eine Minute
bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und
diesen durch die Gefaehrten an einem Seil in die Barke ziehen laesst. Mehr
als dreissig, hoechstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage
nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte
Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500
Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln
fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser
betraegt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine
einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob
eigentliche, voellig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen
Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als
Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiss und geniessbar; man trocknet es
an der Sonne und zieht es auf Faeden, worauf es dann einen Theil des Jahres
hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet.

Alljaehrlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter
nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort
legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmaessig finden
sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber
oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu
ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schaetzt diese nach ihrer Groesse,
Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das
Oeffnungen von verschiedener Groesse hat. Je nach den verschiedenen
Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo
betraegt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also
immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenstaenden der Dahlak-Inseln gehoert
ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkroetenweibchen ist
durchgehends schwerer und dicker als das der Maennchen, und ein zwei Fuss
langes Rueckenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die
Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemuenze gelten, werden
auf den Dahlak-Inseln in grosser Menge gefischt. Seltener aber ist ein
hoechst interessantes Meersaeugethier, der _Dugong_ (_Halicore Dugong_), das
wegen seiner starken Haut und perlmutterglaenzenden Zaehne sehr geschaetzt
war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Kuesten vor,
an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben
paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige
Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie
Meerjungfern mit erhobenem Oberkoerper in der See. Sie sind ueber 12 Fuss
lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walross aehnlichen
Stosszaehne wurden frueher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkraenzen
verarbeitet, waehrend die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von
grosser Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen.
Merkwuerdig erscheint uns der Dugong noch dadurch, dass er dasjenige Thier
ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht
haben sollen.

Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich
der Dampfer nach Westen, der abessinischen Kueste zu, von der aus die
kuehnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasien uns entgegenstarren. Wir
naehern uns der Insel _Massaua_, deren Bucht, von Vorgebirgen
eingeschlossen, nun in Sicht kommt.

  [Illustration: Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weissgetuenchten Doppelthuerme
der Moschee, die tuerkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden
Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit draussen auf
der See eigenthuemlich gestaltete _Fischerfloesse_, die aus fuenf
zusammengebundenen Baumstaemmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der
mit einer beiderseits schaufelfoermigen Ruderstange geschickt und schnell
seine Faehre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen
und Baenken, faengt eine grosse Anzahl Fische und toedtet sie jedesmal
sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt _Massaua_ oder
Mesaueh ist der Hauptort fuer das Aegypten untergeordnete abessinische
Kuestenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines
Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfuegung hat. Ausserdem residiren hier
aegyptische Zollbeamte und verschiedene europaeische Konsuln, denn Massaua
ist die Pforte des Handels fuer fast ganz Abessinien und von groesster
politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenueber dem letztgenannten
Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzueglichen Hafen, der sich
auch dadurch vor andern Haefen am Rothen Meere auszeichnet, dass man sich
hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w.
versehen kann.

  [Illustration: Wassertraegerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit
verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben
befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche
unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825
der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid
Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel
bezogen haben soll, weil er glaubte, dass der Lebenswandel seiner Mitbuerger
allzu irreligioes sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen
zahlreiche Gesellschaften naechtliche Ausfluege nach dem Grabe dieses
Heiligen, wobei weniger religioese Absichten die Pilger leiten sollen, als
der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile
Laenge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Haelfte traegt die
Stadt, die oestliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer Zeit und
ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz
unregelmaessige, wenig aeltere Gebaeude bestehen aus Stein, die meisten sind
Strohhuetten, die auf Pfaehlen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren
zeichnen sich das Gouvernementsgebaeude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet
Scheik Hamal) und das Zollhaus aus.

Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religioeser Gebaeude; darunter jene
bemerkenswerthe Moschee, die frueher eine christliche Kirche gewesen war
und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie "Matzua", so
nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen
des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so
leitet ihn Munzinger aus der Tigriesprache ab, in welcher Mesaua den Raum
bedeutet, ueber welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hoeren koenne,
und das trifft hier allerdings fuer die Meeresbreite zwischen Insel und
Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heisst Stadt und
Insel gar nicht Massaua, sondern Base.

Die Bevoelkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehoeren der
aethiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die uebrigen
Bewohner, mit Ausnahme der tuerkischen Beamten und der Besatzung, sind
Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und
Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und
Lasttraeger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Ausser etwas Weberei,
Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Staerke der
Bevoelkerung schaetzte Rueppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen,
einschliesslich des Militaers. Die Einkuenfte der Provinz, meist aus den
Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden
Reisenden 40,000-50,000 Thaler.

Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schoener Menschenschlag
und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die
Maedchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmaessige Zuege des ovalen
Gesichts, grosse, lebhafte Augen und feinen Mund mit schoenen Zaehnen aus.
Wenn sich zwei Bewohner nach laengerer Zeit wieder begegnen, kuessen sie
sich gegenseitig die Haende und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten
nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten
die Urtheile darueber sehr unguenstig. Dem blossen Schacher ergeben, ueben sie
alle moeglichen Verstellungskuenste und erfuellen selbst die heiligsten
Versprechungen nicht. Dazu kommt, dass der fortwaehrende Sklavenhandel ihre
moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung
verstockt machen musste. Diebereien und Einbruch sind gewoehnliche
Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist gross
und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben.
Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als
Rueppell einst einen Mann von einer gefaehrlichen Schusswunde geheilt hatte,
drueckte dieser seine Freude darueber folgendermassen aus: "Gott ist gross und
wunderbar! Hat er doch diesen _Hund von Unglaeubigen_ hierhergeschickt, um
mich zu heilen!"

Eine Eigenthuemlichkeit der Massauaner besteht darin, dass sie Familiennamen
haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So
heissen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi
(aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen
die _Banianen_ eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen grossen Theil
des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Haenden und bewohnen in Massaua
ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Maenner nur halb
bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und praechtigen
schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so
sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der
Baniane traegt auf der Strasse einen rothen, mit Gold oder gelber Seide
verbraemten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen
kein Fleisch und moegen solches nicht einmal anruehren. Beklagten sie sich
doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darueber, dass die Hunde der
katholischen Mission einmal in der Naehe ihrer, der Banianen, Cisterne
Knochen abgenagt haetten! Dadurch koenne das Wasser verunreinigt werden. Die
Zahl der Europaeer ist in Massaua nie betraechtlich gewesen und besteht nur
aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionaeren. Unter
den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene
_Raffaele Barroni_ den Tuerken besonders verhasst, weil er den Muth hatte,
eine unablaessige Fehde gegen die Sklavenhaendler zu fuehren. Um recht mit
Nachdruck auftreten zu koennen, hatte er sich sogar eine eigene Polizei
eingerichtet. Er wusste allemal, wieviel Sklaven eine im Kuestenland aus
Abessinien ankommende Kafle (Karawane) mit sich fuehre, zog ihr an der
Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn noethig,
mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die
Freiheit. Die Kaufleute hassten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber
er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg
gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Buechsen die Umgegend
bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende
Lejean folgende Aufzeichnung: "Ich habe Sklaven befreit, nachdem der
Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von
Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man
nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurueckgehalten. Im Jahre 1856:
240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und
schickte sie nach Abessinien zurueck. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2
von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft" u. s. w. Eine andere Notiz
lautet: "Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhaendler sind
hocherfreut, dass Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm
eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere." Wie die Englaender
es uebrigens mit der Unterdrueckung des Sklavenhandels nicht immer ernst
nehmen, dafuer bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem
Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings
gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, dass man
es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter tuerkischer Flagge
nicht zu ernsthaft nehmen duerfe "damit diese befreundete Flagge im Rothen
Meere in ihrem Ansehen nicht geschwaecht werde".

Was Lejean sonst noch ueber einzelne Einwohner Massaua's berichtet, ist zu
charakteristisch fuer die dortigen Zustaende, als dass wir es nicht hierher
setzen sollten. Die tuerkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner,
welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Moench
machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum
Zweikampf auf Saebel; dann erklaerte er, er werde den Gouverneur aus dem
Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in
Florenz Zeitungsredakteur.

Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser
Wuerdentraeger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den
wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, dass er alles Land
bis zu den Mondgebirgen erobert habe, waehrend doch wenige Stunden
landeinwaerts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am
Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der
Insel brachten, sodass in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die
Europaeer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben fuehrten Klage,
infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine
Absetzung gleichmuethig auf, schloss sich in seinen Harem ein und erhing
sich an einer Saebelschnur.

Was das Klima Massaua's anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der
andern Hafenplaetze am Rothen Meere. Das Spruechwort sagt, es sei eine
Hoelle, wie Pondichery ein heisses Bad und Aden ein Backofen. Am
empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst
bemerkbar. Die _Cisternen_ auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein
Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den
Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist
wahrscheinlich, dass einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkuendigte,
der persische Koenig Chosroes diese Kuestengegend des Rothen Meeres
beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht
muselmaennisch oder abessinisch ist, als "Farsi", und so auch die
Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewoelbten
Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstuecken besteht. Die
inneren Waende der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von
rosenrother Farbe.

Die aegyptische Regierung thut nichts, um diese so hoechst nothwendigen und
nuetzlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfaellt wird
nicht ausgebessert. Die Tuerken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder
Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei.
Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige
dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltaeglich geht dagegen ein
Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser
indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark
gethrante Schlaeuche gefuellt, dann mittels Lastthieren oder Traegern zum
Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September
fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwaehnte
Arkiko, das frueher Dogen hiess, scheint wenigstens so alt wie Massaua zu
sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Gaerten
umgeben und dient als Militaerstation.

Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle
dort wohnenden Nationalitaeten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei
guenstigen politischen Verhaeltnissen im Innern gewoehnlich zweimal im Jahre
grosse Karawanen (Kafle) aus den Gallalaendern und ganz Abessinien nach der
Kueste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin
auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit hoeher angegeben. Eine
solche Karawane sammelt sich bei guenstiger Jahreszeit und bewegt sich, von
bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, ueber Adoa
dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kafle und
transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der
Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvoelker, die viele Kameele zu
diesem Zwecke halten, die Weiterbefoerderung uebernehmen und die Waaren bis
zum Meere bringen. Der groesste Theil der Verkaufsgeschaefte ist schon vor
Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhaendler abgeschlossen; die
Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den
Gallalaendern, Elfenbein von den Galla- und Kolalaendern, Nashorn, Moschus,
Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter,
Schlachtvieh, Haeute, Maulthiere, Tabak, Straussenfedern und Sklaven. Der
Schiffahrtsverkehr mit den Haefen am Rothen Meere, sowie mit Aden und
Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: "Unter den
von Massaua ausgefuehrten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer
einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser
Handel bedeutend nachgelassen hat und die jaehrliche Ausfuhr in den letzten
Jahren wol kaum auf 1000 Koepfe kommen moechte. Es war deshalb auch zu der
Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europaeer eingenommen,
da man wohl weiss, einen wie schaedlichen Einfluss dieselben auf diesen
ergiebigen Handel haben." Nach Rueppell fuehrte man 1838 etwa 2000 Sklaven
beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60
Speziesthalern. _Markt_ wird taeglich in der Stadt abgehalten. Ausser den
gewoehnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbeduerfnisse, Fleisch, Brot,
Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten
Beduerfnisse machen die Erwerbsquelle fuer die armen Landleute aus. Mit dem
thoenernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wassertraegerinnen heran; schon
am fruehen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch
gefuellte Koerbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr
unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geraeuchert wird, was,
um das Gerinnen zu verhueten, unumgaenglich noethig sein soll. Andere
Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfruechte (_Rhamnus Nabac_)
und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergaerten stammen, sowie
frische Hennablaetter (_Lawsonia inermis_), welche den Schoenen der Stadt
zum Rothfaerben der Naegel und Handflaeche unentbehrlich sind. Fischerknaben
bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Fruehling verkauft man die
Bluetenstengel einer spargelaehnlich schmeckenden Aloeart. Fast die ganze
maennliche Bevoelkerung Massaua's treibt sich den Tag ueber faullenzend unter
den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch
und der halbnackte Hirt einherzieht.

Massaua, sowie Sauakin, gehoerten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt
wurde 1557 durch eine tuerkische Flotte erobert und mit einer bosnischen
Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehoerte sie zu Aegypten, kam jedoch
1850 wieder unter tuerkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der
ganzen Westkueste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten.

                              --------------

Wendet man sich von Massaua gerade nach Sueden, nach dem bis zu 5000 Fuss
ansteigenden Gedemgebirge, so uebersieht man von diesem den ganzen
_Meerbusen von Annesley_ oder die _Bai von Adulis_ (jetzt bei den
Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Waehrend im Westen das Vorgebirge Gedem
die Bai abschliesst, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel
Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden,
traegt eine ueppige Vegetation von Schorabaeumen, zwischen deren Wurzelgewirr
Heuglin hier einen seltsamen Fisch (_Periophthalmus Koehlreuteri_)
entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen
und sogar im Grase lebte und verfolgt in grossen Spruengen sich ins Wasser
rettete. Die Bucht hat eine Laenge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen,
ist tief genug, um selbst die groessten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt
den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu koennen. Den Schluss
der Bai bildet die den Franzosen gehoerige _Insel Dessi_, welche ohne grosse
Kosten leicht befestigt werden koennte, doch haben die Franzosen es bei der
einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes
Wasser und Weide fuer etwa 600 Stueck Rindvieh, die drei Rheden gewaehren
guten Schutz und koennen in vortreffliche Haefen umgeschaffen werden. Im
Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrie's und von den Franzosen als
"_Empereur_" anerkannt war, gab er die Insel dem franzoesischen Agenten
Russel und bot ihm ausserdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that
die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Kuestenland fuer sich
in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Ruecksicht genommen, und der
franzoesische Konsul schloss auf der Halbinsel Buri mit den Haeuptlingen der
Hasorta, welchen Dessi gehoerte, einen Vertrag. Die Schums (Haeuptlinge)
erklaerten, dass sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone
unterthan gewesen seien. So ward Dessi franzoesisch und bestimmt, der von
den Englaendern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu
machen.

Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem
breiten, trockenen Strombette die Ruinen der beruehmten Stadt _Adulis_,
Adule, _Zula_ oder Asule. Sie wurde unter Ptolemaeus Euergetes gegruendet
und war zur Zeit der Ptolemaeer ein bluehendes Emporium, dessen Bewohner
lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit
Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Bluetezeit erlebte Adulis unter den
Koenigen von Axum, fuer deren Staat es Hafenplatz bildete.

  [Illustration: Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert
  Kretschmer.]

Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das
_Monumentum adulitanum_, dessen Inschriften ueber die alte Geographie jener
Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende
Ruinen noch uebrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von
Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in
der Mitte die Truemmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Saeulenreste und
Kapitaele, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk
ueberwachsen - das ist, was von Adulis uebrig blieb. Keine Inschrift, kein
Relief ist mehr zu sehen, aber die Begraebnissplaetze der Muhamedaner haben
sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der
Mangel groesserer Gebaeude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, dass Adulis
einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle grossen
Gebaeude fehlen.

Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Kuestenlandes zu
werfen. Diejenigen der Samhara, des schoenen Thales von Modat, in welchem
die heissen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend
_Beduan_. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die
Tigresprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter
waren sie noch Christen, wie es ihre naechsten Nachbarn im Nordwesten, die
Mensa und Bogos, noch heute - wenigstens dem Namen nach - sind. Sie sind
alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh,
Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen
abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr ueberein mit dem arabischen oder
persischen _Fettschwanzschafe_ und zeichnen sich durch einen schwarzen
Kopf aus.

In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze
Abessiniens wohnen Hirtenvoelker, die Heuglin unter dem Namen _Schoho_
zusammenfasst und zu denen er auch die _Hasorta_ oder Saorto rechnet. Sie
reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthuemliche Gesichtsbildung, sind
blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen
Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen
Religion, kuemmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre
Lebensweise ist einfach, ja duerftig, ihr Charakter leidenschaftlich.
Rueppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthuemlichkeiten
auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin
sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten
Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Maenner hatten
ihre grauen Baerte ziegelroth gefaerbt; andere rochen bis in weite Ferne
nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den
ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle moegliche
Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rueppell mehrere Schafe und Milch
aufzudraengen; gluecklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefaehrten
gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da
solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafuer
zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich
dargebotenen Schale Milch, wofuer er einen halben Maria-Theresia-Thaler
zahlen musste!

Die Begruessungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie
ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen
Negern (z. B. bei den Bari am Weissen Nil, bei den Leuten im Mondlande
u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen naemlich die linke Fusssohle an das
rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhoehle der rechten
Schulter auf einen Stab stuetzen, den Koerper auf die rechte Seite und
stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben
Gegenstand anstarrend.

Folgt man in suedoestlicher Richtung der Kueste des Rothen Meeres, so trifft
man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in
kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden _Danakil_ (in der
Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heissen. Sie sind
in den Kuestenplaetzen am Rothen Meere ansaessige Fischer und Schiffer, die
auch mit der gegenueberliegenden arabischen Kueste Handel treiben. Obgleich
sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel
auslaufen und gewoehnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten
verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von
je muthig weit in die See hinaus und waren frueher auch zuweilen kuehne
Seeraeuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind
sie noch kraeftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgeraendertes
Umhaengetuch und verhuellen sich beim Sprechen damit den Mund; andere
bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist,
dass sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett
triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus
Antilopenfell und einem zweischneidigen Saebelmesser, das aus indischem
Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite
getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden
uebrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed's kennen lernte, als
feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul
und misstrauisch im hoechsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heissen
sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar
einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granje ganz
Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhaeltnissmaessig kleines Terrain
zurueckgedraengt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis
Gubbet-Harab im Sueden (11 deg. 30' noerdl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der
Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwuestenland, das sich laengs
deren Fuss von Norden nach Sueden erstreckt und mit der Samhara oder Samher
theilweise zusammenfaellt.

Diese _Samhara_, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher
oestlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere
verlaeuft, ist ein hoechst interessantes Wuestenland. Dem Gesetze zufolge,
dass die Wueste ueberall da, wo es regnet, Wueste zu sein aufhoert und Steppe
zu werden anfaengt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall
Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet - allein
dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben koennte, dass das Wasser
seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausfuehren koenne, an diesen Kuesten
naemlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die hoechstens als
Mittelglied zwischen Steppe und Wueste angesehen werden kann. Auf grosse
Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wueste, nur in wenigen Thaelern
aehnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich
waltet, beweist sie, dass sie innerhalb des Regenguertels liegt. Aber nicht
die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die
Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst,
obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Huegeln unterbrochen
wird.

Sie gleicht gewissermassen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld
am Fusse eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Huegel, zum guten
Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmaeleren oder breiteren
Thaelern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines
Netzes vergleichbar, zwischen den Huegeln und Bergen verlaufen. So niedrig
diese Huegel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert
auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht
es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es
Zeit, das Erdreich zu traenken und ihm die Feuchtigkeit zu gewaehren, welche
zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so
wasserbeduerftigen Pflanzen unerlaesslich ist. Hier nun macht sich auch
gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die
Mimosen, so zu sagen, muehsam empor; an den schroffen Waenden finden sie
kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und koennen sich deshalb nur zu
duerftigen Gestraeuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die
zeitweilig von Regenbaechen durchstroemt sind, findet man dunkelgruene
Euphorbienbuesche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken,
Christusdorn, Balsamstraeuche, Asklepiasbuesche, Capparis, Stapelien,
Ricinus gesellen, waehrend der Cissus ueberall an den Straeuchern
umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhaelt man einen
Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht
der Tropen mit den Schoenheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue
Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkaestlein ganz
Afrika's eroeffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des
afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken.

Massaua ist fuer die weissen Europaeer die natuerliche Eingangspforte nach
Abessinien. Gewoehnlich schliessen sie sich einer heimkehrenden _Kafle_ an,
die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur
mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den
gesetzlosen Zustaenden des Landes, den fast stets stattfindenden
Buergerkriegen, der Pluenderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien
ausserordentlich gefaehrlich, und nur die Karawanen gewaehren einige
Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den
verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind.

Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugaenglichen Wegen
vorzueglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel
Zeit in Anspruch, da selbige in gleich grosse und wo moeglich gleich schwere
Ballen zusammengeschnuert werden muessen. Eine grosse Anzahl Diener und
Treiber ist deshalb noethig, um das Gras fuer die Thiere, Holz und Wasser
fuer die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepaeck jedesmal durch
gehoeriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schuetzen und des Nachts gegen
die Raeuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher
Rueppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und ueber
200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und
Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die
Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen
koennen.

  [Illustration: Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen
  Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.]

Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fuss.
Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen
krummen Saebelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder
mit einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr
in Aufnahme gekommen. Viele tragen ausserdem noch kleine, aus Rohr
geflochtene Sonnenschirme, die aeusserst nuetzlich sind, wenn man nach
abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung traegt. Am Abend macht die Karawane
gewoehnlich unter einigen Baeumen in der Naehe von Brunnen Halt. Es ist kein
leichtes Stueck Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber erreicht,
der findet in der Natur auch Belohnung fuer seine Muehe, wenn auch die
Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth
erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande.

Hinter uns liegt der ungesunde Kuestensaum und die Samhara, die wir in
wenigen Tagemaerschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande
derselben, steigt jaeh in einer Hoehe von durchschnittlich 8000 Fuss das
_Taranta-Gebirge_, der natuerliche oestliche Grenzwall Abessiniens an, ueber
dem zackige Gipfel in die Hoehe starren. Im Lichte der suedlichen Sonne
spielt es in den praechtigsten Farben, die uns in Entzuecken versetzen; ein
ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es
wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge naeher und naeher
kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft
der Gebirgsthaeler geniessen zu koennen. Die Paesse und Saumwege sind haeufig
so eng, dass nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stuerzt
eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muss Halt machen. Der am
meisten begangene Pass ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein
wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustuerzt. Schroffe
Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen,
begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einoede:
Bergwaende mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben
sich zu beiden Seiten, waehrend die Thalniederung nur hier und da
Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien fuehrt der Weg weiter; es treten nun
verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die
Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Hoehe des Gebirges an
Haeufigkeit zunehmen und aeusserst charakteristisch sind; vorherrschend ist
jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshoehe; in
der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kuehle Wind streicht ueber die
Gipfel, von denen wir noch einen Blick rueckwaerts auf das Rothe Meer -
gleichsam zum Abschied - werfen. Der naechste Fluss senkt sich schon
westlich ab - er gehoert zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die
allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines
europaeischen Staates, ist ueberschritten und das Dorf _Halai_, das erste
des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenfoermig erbaut an die
Kuppe eines Huegels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen
Daechern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch
welchen das Tageslicht in die Huette dringt und der Rauch hinauszieht.

Diese Toepfe - Schornsteine kann man sie nicht nennen - werden mit einem
Steine bedeckt, wodurch dann, da die Huette ausser einer kleinen Thuer keine
andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten
ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein
nie verloeschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur muehsam Abzug findet und
die Waende mit dickem Russ ueberzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu
denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des
Gemachs Unterkunft fanden. Ermuedet werfen wir uns auf eine der mit
Ledergeflecht ueberzogenen Ruhebaenke, reiben die thraenenden Augen, welche
von dem beissenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen
Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen - aber auch
dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank
liegen, stuerzen blutgierig Hunderte von Floehen ueber uns her, denen
europaeisches Blut ein ganz besonderer Genuss zu sein scheint. Wir moechten
hinaus ins Freie - aber auch das ist uns benommen, denn stroemender Regen
giesst auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften
Quartier auszuhalten.

So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen
Meeres her. Anders und mit noch groesseren Schwierigkeiten gelangt man laengs
dem Nil oder laengs dessen Zufluessen in die Hochlande. Hier ist der
Reisende genoethigt, bis nach der Metropole des oestlichen Sudan, Chartum am
Zusammenflusse des Weissen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann
er entweder am Blauen Fluss stromaufwaerts bis nach der zerfallenen Stadt
Sennar reisen und dann nach dem oestlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte
_El Gedaref_ ziehen, oder er verlaesst den Blauen Nil schon frueher bei
Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerie-Araber nach dem
genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in suedoestlicher Richtung die
vielbesuchte Karawanenstrasse am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei
in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwuerdige Grenzstaat, der von
sehr fleissigen Schwarzen - Takruri - bewohnt wird, die aus Darfur und
Wadai stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich
unter einem Oberhaupte - Schum - eine Art von Selbstaendigkeit zu bewahren
gewusst, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und
Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemme ist ein bedeutender
Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionaere hier eine
Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb.

Metemme, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in
der letzten Zeit ungemein haeufig von europaeischen Reisenden besucht
worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das
Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls
so muehevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land
eindringen und zwar unter der Fuehrung _G. Lejean's_, eines franzoesischen
Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste
erworben hat.





  [Illustration: G. Lejean.]





                   G. LEJEAN'S REISE DURCH ABESSINIEN.


     Metemme. - Der Markt Wochni. - Grenzwaechter. - Eine abessinische
        Festung. - Eine deutsche Familie. - Das Land am Tanasee. -
     Schnapphaehne. - Missionsstation Gafat. - Gefangennahme Lejean's
    durch Koenig Theodor. - Theodors Loewen. - Gondar und seine Bauten.
     - Wasserfall des Reb. - In einem Kloster. - Besuch in Korata. -
     Binsenfloesse. - Der Tanasee. - Besteigung des hohen Guna. - Fuenf
         Frauengenerationen. - Befreiung. - Hochebene Woggara. -
             Lamalmonpass. - Reise durch Tigrie nach Massaua.


Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der
Leichtigkeit und Liebenswuerdigkeit echt franzoesischen Wesens eine deutsche
Gruendlichkeit. Dabei ist er kuehn, praktisch und vor keiner Gefahr
zurueckschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum
Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller
Charakter als franzoesischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen
verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung ueber die
verwickelte Ethnographie der europaeischen Tuerkei, die er nach allen Seiten
hin bereist hatte. Als die grosse Zeit der Nilquellenentdeckungen war und
Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloss auch Lejean sein Theil
zur Loesung des Problems beizutragen; er ging den Weissen Nil hinauf,
untersuchte dessen Nebenfluss, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro.
Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, dass er
umkehren musste. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der
bedeutendsten Staedte im oestlichen Sudan, und durchstreifte die
Bogoslaender. Von der franzoesischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt
und mit einer Mission an den Koenig Theodor von Abessinien betraut, ging er
abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemme
in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir
ihn seine an persoenlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst
erzaehlen.

Von dem deutschen Missionaer _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr
freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Englaender, Namens
_Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stuecken
sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als
Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen
Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religioesen Dingen auszeichnet
und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines
reichen Fabrikanten in Leeds gemuethlich zu Hause haette leben koennen,
beschloss er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen
anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben,
wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann
nach Aegypten, den Nil aufwaerts nach Chartum, lud dort sein winziges
Gepaeck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen
heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemme
an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschliessen; er
wuerde so als mein Sekretaer angesehen werden und ohne Schwierigkeit die
abessinische Grenze passiren koennen. Gern ging er auf meinen Vorschlag
ein, und ich gewann einen tuechtigen, sehr gebildeten Reisegefaehrten,
welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte.

Auf dem wohlversorgten Markte von Metemme kaufte ich zwei abessinische
Maulesel, zu 9 Thaler das Stueck, und miethete ausserdem ein Kameel, welches
mein Gepaeck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfaelle beginnen
und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wueste treten. Nach viertaegigem
Aufenthalt in Metemme sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl,
traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunaechst in einen
dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluss _Gandova_
(Nebenfluss des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder
Border, wie man in Schottland sagen wuerde, der von den Aegyptern und
Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile
schon haeufig mit ihrem Blute getraenkt haben. Am dritten Tage passirte ich
die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel
_Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben
erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur
Rast in seinem kuehlen Schatten auffordert.

Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenfoermigen Terrassen,
welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit
einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schoenes Plateau, auf
welchem man gerade das duerre Gras und Kraut behufs der Bestellung der
Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepaeck
abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der muede Koerper auf dem Boden zum
Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein
wuester Laerm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins
derselben riss sich los. Unser Diener schoss aufs Gerathewohl in die
Finsterniss hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyaene einen Ueberfall
versucht, war dabei aber gestoert worden. Das freigewordene Maulthier lief
nach Metemme zurueck, wo es mit einem tiefen Biss in der Weiche bei Eperlein
ankam.

Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und
gelangten nach vierstuendigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen
Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und
Sennar verkauft wird, beruehmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein fuer
allemal muss ich hier bemerken, dass wir wegen unserer europaeischen Kleidung
oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs
belaestigt wurden.

Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die
suedlichen Gallastaemme und Leute aus Tigrie, um Goldstaub und Elfenbein
gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan
bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des
Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Huetten
mit kegelfoermigem Dache; ausser Teppichen und Decken, welche als Divan
dienen, sind darin keine Moebeln vorhanden.

Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Fuehrer ging, um den
_Nagadras_ oder Zollwaechter aufzusuchen. Unterdessen blaetterte ich in
einem illustrirten Buche, waehrend Dufton die hohe steile Basaltterrasse
des Maschelagebirges zeichnete, die sich noerdlich von Wochni mit
senkrechten Raendern 1800 Fuss hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade
zu belaestigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Maedchen fragte
mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie
mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch
die Denghel Mariam verehre? "Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter
Christi!" lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit
welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer
der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener
der romanischen Voelker uebereinstimmt. Die deutschen und englischen
Missionaere mit ihrer kalten und schwerfaelligen Logik haben
ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefuehl, eine der schoensten Formen
des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch
alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben.

Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, dass er
ueber unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem
Markgrafen oder Grenzwaechter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago,
Dagossa und Ermetschoho unterhandeln muesse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte
uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem
Gipfel eines steilen, fast unzugaenglichen Berges liegt, einer Amba, wie
derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni
zu, worauf wir dann auf Gilmo's Befehl, gefuehrt von einem Diener des
Zollwaechters, nach Tschelga aufbrachen.

  [Illustration: _Oenanthus multiflorus_. Nach Lejean.]

Der Weg fuehrt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens
angehoert. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusguertel,
der ueber die Huegel sich hinzieht und fast alle uebrige Baum- und
Strauchvegetation erdrueckt hat. Andere Stellen zeigen praechtigen
Blumenflor. Weisse Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari,
Arum und duester erscheinende Takka; im Grase steht haeufig die Kaempferia,
deren breite gelbe Bluete sich mitten zwischen vier grossen, platt auf der
Erde liegenden, hellgruenen, rothgesaeumten Blaettern, die in einigen
Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen,
grossbluetige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Bluetenknoepfen.
Praechtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_
uns entgegen. Ueber Gestruepp und Gestein fuehrt in Zickzacklinien an
steilem Gehaenge fort durch enge Tiefthaeler der Weg aufwaerts; dann folgt
eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das
gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus geniesst man eine herrliche
Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des
Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna
und suedoestlich auf die Alpen Godschams.

Unter stroemendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die
ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Pass besassen, uns
zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet
sei. Ich miethete jedoch zu dem maessigen Preise von einem Stueck Salz
taeglich ein Haus, das zu beziehen unser Fuehrer, der Diener des Nagadras,
uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierueber aufgebracht, stellte sich
in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: "Also du willst uns
auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!" Nun
drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt
Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten
erreichten wir dennoch unsern Zweck fuers erste: ein schuetzendes Gemach.

Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle
19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus
Theodor einholen zu muessen. Ich argwoehne nur, dass er mich fuer einen
Missionaer hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden,
beschloss ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt
von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als
Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die
nordnordoestlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier
Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen
Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrueckte Stellung
einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Tuerkei. Mit dem
Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der
aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung
ueber das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz ueberrascht still.
Man stelle sich am Ende einer mit gruenenden Huegeln ueberzogenen Terrasse
einen jaeh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fuss Hoehe vor,
also doppelt so hoch als unsere hoechsten Thuerme und fast ebenso gerade
aufschiessend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thaelern, die sich nach
dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in
eine Plattform endigt, etwa von der Groesse der Place de la Concorde in
Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet
sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, dass
zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren koennen, fuehrt zu dieser,
und der Fussgaenger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur
Seite, welcher seinen Fall in den gaehnenden Schlund rechts oder links
verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische
Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen
Herzoege zur Zeit Gregor's von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das
erste Mal, dass ich jene Sitten noch in voller Ausuebung fand, welche in
meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche
dunklen Verhaeltnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den
Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen gefuehrt.

Wir schritten ohne Zoegern die schwindlige Bruecke entlang, die jener
gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die
Hoelle fuehrt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb
entbloessten Lanzentraegern bewacht war, kletterten wir langsam einen
abschuessigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf
einer Plattform, wo uns Gilmo's Leute in eine Art Wartesaal fuehrten, indem
sie uns bedeuteten, dass der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des
Negus verhandle, dass wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen
werden sollten.

Nach Verlauf von zwei Stunden fuehrte man uns in einen weiten, mit Dienern,
Vasallen und Leibwaechtern angefuellten Raum, in welchem der
Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszuege
zeigten zur Genuege an, dass er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei,
welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die grossen
Sykomoren verehrt. Er hielt eine "Berille", weitbauchige Flasche von
antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns
zutrinkend wuenschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand
versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei
meinen "europaeischen Bruedern" in Dschenda zubringen zu duerfen. So nannte
ich naemlich die dort wohnenden Missionaere, von denen ich in der Folge
manche Unterstuetzung zu erhalten hoffte, und mit grosser Genugthuung
vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: "Etsche! Ich willige ein". Durch
diesen guten Anfang kuehner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniss, seine
Festung abzeichnen zu duerfen, die ich fuer ein Weltwunder erklaerte. Er
wurde ernst und sagte: "Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man
dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren
lassen!" Nichts dergleichen, antwortete ich. "Dann", nahm er das Wort,
"hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen
Ort "abschreiben", um dich spaeter seiner zu erinnern?" Sein Misstrauen lag
klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied.
Kaum in mein Quartier zurueckgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen
Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit
Dufton eine koestliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir
kehrten nach Tschelga zurueck, um uns zur Abreise vorzubereiten.

Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden
eingefasster Saphir. Er ist ein grosses vulkanisches Becken von
ausserordentlicher Tiefe, auf dem die Stuerme heftig hausen. Zwanzig Stroeme
und Baeche speisen ihn, fuehren aber auch zur Zeit der Sommerregenguesse ihm
grosse Mengen von Schlamm zu und aendern dadurch stets seine Grenzen.
Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Kloester sich im Gruen der Baeume
verstecken, unterbrechen anmuthig seine Flaeche und verleihen dem
lieblichen Bilde Abwechselung.

Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne
bemerkenswerthen Vorfall zurueckgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga
passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze
aller abessinischen Stroeme folgend, eine Spirale um den Berg Anker
herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam
machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Spaeter liess Koenig
Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstaetten in Gafat damit
versehen zu koennen. In _Dschenda_ wurde ich von einem grossen jungen Manne
empfangen, der mit der abessinischen Schama, tuerkischen Pantoffeln und
einer europaeischen Muetze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionaer
_Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr
zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche
Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war.
Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und
ausserordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen
muessen, welche auf dem Wege ueber Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich
blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel ueber den
Koenig Theodor II., der ihm grosse Gunst bezeugte und ihn ganz anders
behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehoerte jedoch
sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzaehlte mir, dass
vor der Thronbesteigung Theodor's in Dschenda kein Markttag verging, ohne
dass einige Mordthaten vorkamen, dass aber unter der neuen kraeftigen
Regierung dieselben fast ganz aufgehoert haetten.

Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswuerdigen Wirthe ein
glueckliches neues Jahr gewuenscht, verliess ich ihn und seine drei Kollegen
Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus
II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Baechen
durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen
Getreidefeldern und Gaerten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist
das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der
reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich
passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schoene Ebene
_Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzueglichsten, sie durchschneidenden
Flusse heisst. Mir zur Rechten lag der glaenzende Spiegel des Sees, zur
Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei
Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras
erhebt sich auf einem Huegel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des
Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloss _Qusara Giorgis_,
dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhuetten ploetzlich eine
ganz europaeische Staffage hervorzaubern, sodass man eine alte Burg am Rhein
vor sich zu sehen glaubt.

  [Illustration: Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.]

Zwei tuechtige Stunden jenseit des Arno fuehrt der Weg durch das wilde und
meist unfruchtbare Huegelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark
bevoelkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu
langer Zeit waren sie jedoch raeuberisches Gesindel; aber Koenig Theodor II.
hat ihnen die Lust zum Strassenraube benommen. Als er 1855 den Thron
bestieg, erliess er eine Proklamation, in welcher er sagte, dass Jedermann
wieder zu der Beschaeftigung seiner Vaeter zurueckkehren moege; der Soldat zum
Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen
dieser Befehl missfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zaehne bewaffnet
in das Lager des Koenigs. "Lang lebe Se. Majestaet! riefen sie aus. Wir
erscheinen hier nur, um besondere Erlaubniss zu erhalten, zum Geschaefte
unserer Vaeter zurueckkehren zu duerfen!"

"Und was war dies fuer ein Geschaeft?"

"Schnapphaehne und Strassenraeuber waren alle, Vaeter und Kinder."

"Wollt ihr nicht lieber", antwortete ihnen der Negus, "friedliche Buerger
werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene
ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das noethige Vieh und
Ackerpfluege. Nehmt ihr dieses an?"

"Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt..."

"Das ist euer letztes Wort?"

"Ja wohl!"

"Gut; kehrt heim."

Vergnuegt reisten die Schnapphaehne nach Tisba zurueck, indem sie den Negus
eingeschuechtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch
nicht. Kaum waren sie zurueckgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba
anlangte, dessen Kommandant folgendermassen zu ihnen sprach: "Meine Lieben!
Es ist moeglich, dass euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniss gab,
Strassenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig
gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle
Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!"

Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu
Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind
ganz brave Menschen geworden.

Von Tisba an steigt der Pfad laengs den oestlichen Vorbergen an und wird
dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata
(d. h. Empfaengniss). Jene ganze Gegend war einst beruehmt wegen der vor
Alters eingefuehrten Weinkultur, die allerdings jetzt gaenzlich
darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus
vielen zerstreuten Doerfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein
praechtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der
Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An
jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem
aus der Handel zwischen dem Sueden und Norden Abessiniens von Godscham bis
Massaua vermittelt wird, die Haendler von weit und breit mit Vieh, Tabak,
Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig,
Haeuten, Huelsenfruechten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein
und Bier.

In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schoene Ebene von
Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der oestliche Theil
derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan
durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich,
bewaldet, mit Doerfern und Kirchen besaeet, die Berge von Begemeder. Nach
dreistuendigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer
immer mehr zerfallenden Bruecke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch
unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler
haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald
von der wuethenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit
grosse Massen von Schlamm mit sich fuehrt, immer mehr sein Bett erhoeht und
so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im
April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate spaeter ein praechtiger
Strom, groesser als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie
vortreffliche Schwimmer sind, hueten sich dann, ihn zu passiren, da sie
fuerchten, dass gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen koennten.
Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schoene
_Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird.
Sie gehoert zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im
dunklen Laubgruen.

Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Naehe der Bruecke zu; am Morgen
brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner,
steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen
Spitze ganz mit Raubvoegeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund
und sumpfige Wiesen fuehrt ein Fusspfad zu dem Plateau von Debra Tabor
hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen.
Vor uns lag ein leicht wellenfoermiges Land, dicht besaeet mit Doerfern,
zwischen lachenden Kulturflaechen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich
befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, waehrend Dufton
eine Landschaft Yorkshire's vor sich zu sehen glaubte, und unwillkuerlich
rief ich aus: "Hier ist gut Huetten bauen!" Rechts von uns blieb der Huegel
von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Haeusern und dem koeniglichen
Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier grosse Getreidemagazine errichtet,
die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen
haben. Gondar, "die Stadt der Pfaffen und Schauspieler", wie der Koenig
sich ausdrueckt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Huegel von
_Gafat_, nordoestlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise.
Der deutsche Missionaer Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr
freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und
Wuerttemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie,
Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei
diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht ungluecklich zu befinden, und
verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurueckkehren zu duerfen, aber
Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: "Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder
sind noch zu jung, um die weite Reise ueberstehen zu koennen; bleib noch ein
paar Jahre hier." Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzueglich die
Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus
dieser und der franzoesischen zurecht gemacht, das nur ihnen verstaendlich
ist. Eigenthuemer Gafats ist ein alter General ausser Dienst von noblem
Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle,
Bender, Mayer, Salmueller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen
heirathen muessen; Bender eine Tochter Schimper's. Am zurueckhaltendsten war
der junge, huebsche Salmueller, welcher schliesslich eine Tochter des
Irlaenders Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausfuehrlich die Rede
sein).

Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar ploetzlich
Waldmeier auf mich zukam und ausrief: "Dort kommt Se. Majestaet!" Ich ging
mit ihm vorwaerts und traf bald auf ein grosses Gefolge hoher Offiziere,
welche alle den Margef, die bordirte weisse Tunica, trugen. Mitten unter
ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuss, in eine gemeine Soldatenschama
gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiss war; in der Hand hielt er eine
Lanze, an der Seite hatte er einen gekruemmten Saebel. Wer mit den
abessinischen Gebraeuchen vertraut war, musste sofort den Rang dieser
Persoenlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern
bedeckt hatte, und Niemand anders als _Koenig Theodor II._

Gut gelaunt redete er mich mit "Na deratscho (Wie geht es dir?)" an. Die
Etikette erfordert, dass man hierauf nicht antwortet und sich nur tief
verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurueck, setzte sich
auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser
sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschaeftigte sich gern
mit Kindern, fuer die er eine grosse Zuneigung besass. Nachdem er dann einige
Hoeflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich
offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, dass ich ganz zu seinen
Befehlen stehe, worauf er den naechsten Tag zur Audienz in Debra Tabor
bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen
Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders gluecklich ausfiel, und kehrte
dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurueck. Unterdessen
waren verschiedene Umstaende vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem
Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller
Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er liess drei
Europaeer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann,
was ich wolle. Ich antwortete: "Ich wuensche, dringender Angelegenheiten
wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit
Geschenken fuer Ew. Majestaet von meinem Souveraen abholen, welche bereits
angelangt sein duerften. Ich moechte auch gern gleich abreisen, damit ich
vor Eintritt der Regenzeit wieder zurueck sein kann."

Um zu verstehen, was nun folgt, muss man wissen, dass Theodor durch den
ungluecklichen Feldzug in Godscham gedemuethigt war, dass die Aegypter damals
gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und dass er infolge des
Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher
ausgeredet, als der Negus in hoechster Wuth rief: "Ich behalte ihn auf
jeden Fall zurueck. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen
will, so toedtet ihn!"

Der Oberst, welcher zunaechst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.

"Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?"

"Ew. Majestaet sehen, erwiderte der Oberst, dass er ein merkwuerdig
funkelndes Ding unter dem Arme traegt - es war mein goldbesetzter
Konsulatshut -, das vielleicht eine Hoellenmaschine ist, die uns alle
toedten kann."

"Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, dass er dich mit seinen
Augenbrauen toedten kann. Sechs Mann her und nicht mehr."

Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Haenden und Fuessen
gefesselt, obgleich ich in grosser Uniform war, und in mein Zelt
zurueckgefuehrt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf
einen Umschlag der Gemuethsverfassung des Koenigs bauend, an ihn einen
englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklaerungen bat. Am 3. Maerz
schon erschienen die Europaeer wieder, welche mir anzeigten, dass ich frei
sei, unter der Bedingung, dass ich in Gafat internirt bliebe. Ich zoegerte
anfangs, doch ging ich auf Kinzle's Zureden, der meinte, es sei besser in
Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus
selbst will ich hier nur wenige Worte sagen.

In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen moeglichen
barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Loewen umgeben zu
sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit
denselben naehere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden
sie von ihren Waertern in mein Zimmer gefuehrt, um ihre Aufwartung zu
machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich
konnte meine Gaeste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren
aufdringliche Zutraulichkeit gestoert wurde. Der eine Loewe war von dem
genannten Salmueller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden.
Alle vier Loewen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hiess Kuara
(der Stuermische). Dieses Halten und Zuechten von Loewen steht uebrigens bei
den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch
frueher vor, wol deshalb, weil der Loewe als Sinnbild Aethiopiens angesehen
wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassie in Antalo eine Abschiedsvisite
machte, bot dieser ihm zwei Loewen als Geschenk fuer den Koenig von England
an; "allein der weite Weg machte es unmoeglich, sie fortzubringen. Eins
dieser Thiere ward von seinem Waerter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo
wir sassen: aber waehrend meines Aufenthaltes wurde es so wild und
unlenkbar, dass man es einsperren musste."

Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der
Erlaubniss, im Innern des Reiches Ausfluege nach Belieben machen zu koennen,
so zoegerte ich nicht, dieses auszufuehren, und stattete zunaechst der
_Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich
zunaechst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im
genannten Orte trennt sich die Strasse; links fuehrt sie nach Tschelga,
rechts nach Gondar. Ungeachtet des koeniglichen Befehls, dass ich in den
Doerfern, wo ich uebernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich
mancherlei Verdriesslichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal
sogar, und meine Leute fluechteten in Angst davon. Auf einer von den
Portugiesen erbauten Bruecke passirte ich den Fluss Magetsch, ohne welche
zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Suedabessinien auf mehrere
Monate im Jahre vollkommen gestoert sein wuerde.

An Juniperusbaeumen vorbei gelangte ich auf einen Huegel, der verschiedene
Haeusergruppen trug, zwischen denen sich wueste Plaetze hinzogen. Ich war
jetzt schon mitten in Gondar, ohne dass ich eigentlich die Stadt bemerkt
haette, und war nicht wenig verwundert ueber diese Kapitale der Kaiser
Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung
gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt naehert,
fallen die vielen hohen Warten und Thuerme, Zinnen und Mauern des in
mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Koenigspalastes und einzelne
Kirchen mit grossen kegelfoermigen Daechern unter malerischen Baumgruppen
zuerst in die Augen: ein heimisches Bild fuer den Wanderer, der sich
ploetzlich dem Innern des tropischen Afrika entrueckt und in eine
mitteleuropaeische Landschaft versetzt glaubt. Ueber ueppigen Wiesengrund an
schmalblaetterigen Weidenbaeumen mit ueberhaengender Krone hin rauschen klare
Gebirgsbaeche zu Thal und schlaengeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne
durch das gruene, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das noerdlichste Quartier
der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen
fliessendes Baechlein, kahle Flaechen und Ruinenfelder trennen es von der
politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der
Moenche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, oestlich von
beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen
eine Kirche mit zwei von den Hollaendern dem Kaiser Jasu geschenkten
Glocken. Suedlich und oestlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan,
Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schliesst sich
der Gempscha-Bed oder Schlossbezirk. Von einer weitlaeufigen, unregelmaessigen
Mauer, mit Zinnen und Wartthuermen und mit verwilderten Gaerten und Kiosken
umgeben, erhebt sich der grosse, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_
oder das Schloss selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten
Haeusern einen wahrhaft grossartigen Eindruck macht durch seine massive
Bauart, seine vielen Thuerme, hohen Bogenfenster und weiten Hoefe. Die
Facade des Hauptgebaeudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thuerme mit
grossen Thorbogen bilden die Eingaenge zu dem einst gepflasterten, jetzt
halb in Schutt und Gestruepp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig,
zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke
erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein hoeherer viereckiger steht in
der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der
Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebaeude
lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Saele, Kapellen, Bruecken
und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit
Schlingpflanzen ueberwuchert.

  [Illustration: Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von
  Eduard Zander.]

Suedwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren
umgeben, der grosse Marktplatz aus. Am Abhange und Fusse des Huegels liegt
das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und suedwestlich, jenseit des
Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Strassen Gondars sind
eng und krumm, theils mit natuerlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch
Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl duerfte 6000-7000
nicht uebersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. Koenig Theodor
vernachlaessigt sie "als Pfaffenstadt" gaenzlich, ja er hat einmal zur
Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbussen auferlegt und
das Quartier der Muhamedaner zerstoeren lassen. Nicht weniger als 44
Kirchen, darunter sehr praechtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der
darin angestellten Geistlichen betraegt 1200, mithin ist jeder sechste
Mensch ein Priester.

Nach aussen hin ist Gondar offen, nur die Freistaette und verschiedene
Kirchen sind mit groesseren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser
ist grosser Mangel, sodass man in der trockenen Jahreszeit sich oft
genoethigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das noethige Wasser zu
holen und das Vieh zur Traenke dahin zu fuehren. Ueber den letzteren Fluss
fuehrt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Bruecke, die noch
aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen
ist. Am oestlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der
Stadt auf einer gruenen Wiesenflaeche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines
herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden
Wartthuermen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf
Schwebebogen in einem tiefen Bassin, ueber welches eine mit Eckthuermen
befestigte Bruecke fuehrt. Eine grossartige steinerne Wasserleitung auf
hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz
mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im suedwestlichen Eckthurme
geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen musste. Seines Zweckes wegen
ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel
merkwuerdig. Es ist das Grabmal eines koeniglichen Streitrosses, man sagt
von Negus Kaleb. Auch an Baedern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an
anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der
Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die
verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gaenzlichen Ruin
zuzufuehren.

Geht man von der Kacha weiter westwaerts, so gelangt man in ein Seitenthal,
in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_
liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloss mit zwei
Thuermen, deren einer ein Kuppeldach traegt, waehrend das des anderen einem
niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden fuehrt ein
hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit grossen Bogenfenstern und
Thueren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder
Galerien. Das ganze Gebaeude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen
Basaltsteinen, die Thuer- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem
rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines
anderen Prachtgebaeudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schoen
gearbeiteten Saeulen hinfuehrte, Alles ist aber verfallen und mit Gestruepp
und Schlingpflanzen ueberwachsen.

  [Illustration: Bruecke ueber die Kacha. Originalzeichnung von Eduard
  Zander.]

Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thuermen umschlossen,
ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemaelden, die
namentlich Reiterfiguren darstellen.

So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; ueberall auf
Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch koennte diese
Stadt bei ihrer praechtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im
Mittelpunkte Amhara's zu einer grossen Bluete gelangen - wenn nur ihre
Bewohner anders beschaffen waeren.

Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzaehlt, die eine
Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die
abessinische Malerei am besten studiren koenne. Ich begab mich dorthin und
fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain
von Juniperusbaeumen versteckt. Die Gemaelde, so beruehmt in Abessinien,
machten auf mich, der ich sie mit europaeischen Augen ansah, im allgemeinen
einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls
doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Kuenstler hieratische
Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens
merkwuerdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die
Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit grossem
Kunstverstaendniss rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten
abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiefbrote, die
zugleich die Schuesseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum
Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus
guter Familie, bietet zu trinken an; ausserdem gehen Juenglinge mit
Honigweinkruegen umher. Ein Theil der Juenger wendet die Gesichter gegen
Christus, ein anderer gegen Maria. Die Zuege dieser Hauptpersonen aber sind
verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild
jedoch alles Lob.

Als Begleiter auf meinen Ausfluegen in die Umgebung Gafats diente mir ein
junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort
aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle
eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmaessig anmassen; allein Koenig
Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hiess der
civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenueber wollte
er sich nun als Glaubensmaertyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei
war; dagegen war er mir unschaetzbar wegen seiner vortrefflichen
Landeskenntniss.

Als er jedoch einige Monate spaeter einen Salzdiebstahl beging, musste ich
ihn vor die Thuere setzen; anfaenglich ging es ihm nun schlecht - dann
begegnete er mir wohlgenaehrt und gut gekleidet wieder. Gott weiss, wie er
zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in
Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die
Fuesse.

Eine meiner Exkursionen fuehrte mich zur Fafatie oder dem _Wasserfall des
Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich
bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Suedosten und liess zur Linken die
grosse und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome
liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal
des Davezout und kam dann, einem schattigen Fusssteige folgend, zum Reb,
der leise ueber ein mit dunkelblauen Steinen besaeetes Bett dahinfloss. Der
Wasserfall war nur fuenf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber
ein schauderhafter Schlund und ein betaeubendes Bruellen zeigten mir seine
Gegenwart zur Genuege an. Um ihn von vorne zu erblicken, musste ich auf
einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk ueberzogen
und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem huebschen
gruenen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersaeule von 24
Fuss Hoehe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzueckendsten
Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern koennen.

  [Illustration: Wasserfall des Reb. Nach Lejean.]

Vier Monate spaeter gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines
hoechsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er uebertraf so
die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder
viertausend Wasserfaelle Abessiniens_ sind die schoensten, die man sich
denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere
Kaskaden durch Kuenstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten
Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig
abgezeichnet - alle praechtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige
hinreichte, eine Gegend in Europa beruehmt und zum Ziele der
Touristenschwaerme zu machen.

Ich riss mich von den Wundern dieser Fafatie los, um meinen Fuss in
oestlicher Richtung weiter zu setzen ueber eine Ebene, die ganz mit Mimosen
bestanden war. Diese an und fuer sich langweiligen Baeume erhielten durch
die reichlich von ihnen herabhaengenden Schlingpflanzen ein ungemein
malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schoenen
orangefarbenen und rothen Kelchblueten aus. Bald gelangte ich in das
malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu
den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen
hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu uebersehen vermag.
Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug
als Zufluchtsort gedient hat. Am Fusse derselben fand ich zum ersten Male
die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blaettern und rothen
Rippen. Samen der nuetzlichen Pflanze habe ich der
Akklimatisations-Gesellschaft in Paris ueberbracht; die Schoesslinge, welche
ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor
meiner Rueckkehr von den Huehnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in
wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine
romantische Lage deutlich sagte, wie die Moenche es in Abessinien gleichwie
in Europa verstanden, die schoensten Orte zur Anlage ihrer Kloester
auszuwaehlen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in
praechtiger Einsamkeit diese Moenche inmitten eines schoenen Haines, den der
klare Waldbach durchfliesst. Freilich der Anblick einer europaeischen Abtei
und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man
stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen,
vor, der wiederum durch Hecken in 12-15 kleinere Abtheilungen geschieden
ist, deren jede eine Moenchshuette enthaelt und die durch ein Labyrinth von
Strassen verbunden sind, welche schliesslich im Mittelpunkte nach der
spitzdachigen runden Kirche fuehren - und das abessinische Kloster ist
fertig. Dazwischen liegen gruene freundliche Gaertchen, ringsum ein
lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt - wenn ich so sagen darf -,
einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weisse Tunica und
darueber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Wuerde, trug.
Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Masse zu Theil, allein mein
Maulthier musste ich ausserhalb des Klosters lassen - _weil es eine Stute
war_, wobei ich mich der laecherlichen Sitte erinnerte, dass auch in die
griechischen Kloester auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein
darf. Ich wohnte dann bei den guten Moenchen und ass mit ihnen die einfache,
aus Huelsenfruechten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich
Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez "eine
erbaermliche Harmonie" nennt; indessen muss ich gestehen, dass dieser
abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren
Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand ausserhalb des Klosters
die Gemeindekirche, welche fuer beide Geschlechter zugaenglich war; ihr
Gruender war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von
Theodor II. gestuerzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen;
im Gegentheil er zerstoerte und beraubte noch ein- oder zweihundert und
zeigte sich als der echte abessinische "Pfaffenfeind". Nach dem Besuche
dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurueck.

Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach
der Stadt _Korata_ machen, welche Rueppell faelschlich Kiratza nennt. Es ist
eine kleine Stadt am suedoestlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres
starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit beruehmt geworden ist. Da
die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, dass der
Fluss Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloss
deshalb in gerader Linie, an den heissen Quellen von Wanzagie vorbei, nach
Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige
Huegelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer
Schlacht zwischen dem Detschas Ubie von Tigrie und dem Ras Ali. Letzterer
wurde glaenzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um
sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubie, der, in seinem Zelte sitzend,
ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubie die Feinde erblickte, wurde er
aengstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere
aber benutzten diesen Umstand, banden Ubie und machten ihn zum Gefangenen.
Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurueck; doch musste er
Ubie, um der Volksstimme zu genuegen, wieder freigeben. Die Vegetation auf
dem einst blutigen Schlachtfelde war eine praechtige; namentlich fielen mir
weisse Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die
daran gewoehnten Abessinier gar nicht beachteten, waehrend ich jede dieser
Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat.

Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am
meisten ueberraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von
europaeischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, dass sie einst
als Einschliessung eines Parkes gedient hatte, welcher der
Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den
Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend - aber da, wo einst die Erben der
Koenigin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen laermende
Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgaenger im Kaiseramte gruendlich
verachtet und sie "Schauspieler" nennt, behauptet, dass die jetzigen Gaeste
in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor
170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schloss noch nicht
zerstoert, ja nach dem Hoerensagen sollte es groesser als der Gemp in Gondar
sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenueber aufgeschnitten,
denn sie verstehen dieses Geschaeft so gut wie die Yankees. Ein
abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich ueberall
umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt
fragten: "_Paris ist etwa so gross wie Gondar; vielleicht ein klein wenig
groesser._"

Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise ploetzlich ein Ziel gesetzt.

Die reichen und stark bevoelkerten Distrikte Wanzagie, Fogara Dera, Korata
bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser
Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewusst, indem sie
die Wachsamkeit der am Abai aufgestellten Leute Theodor's zu taeuschen
wussten. Fuer dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der
vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der
Armee zur Pluenderung ueberwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer
Habe in die Berge und Waelder fluechteten. Als der Negus dies sah,
verordnete er, dass nur die Schuldigen bestraft werden, die uebrigen aber
frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend,
sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig ueber
sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte
nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die
beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umstaenden weigerten
sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie
fuerchteten, jenem braven General in die Haende zu fallen. So blieb mir
nichts uebrig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs fuer besiegt,
und als nach einiger Zeit der Laerm verstummt war, brach ich in den ersten
Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt
hoch angeschwollen war, musste hier an einer Stelle ueberschritten werden,
wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch
Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine huebsche kleine Stadt, die
aehnlich wie Emfras an einem Huegel liegt. Derselbe faellt nach drei Seiten
hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugaenglich. Das naechste
Nachtquartier war das Dorf Wanzagie, welches seinen Namen von den hier
stehenden schoenen Wanzabaeumen fuehrt; dann wurde die _Goanta_ erreicht.
Diesen Fluss in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmoeglich, und ich musste
deshalb in einem abessinischen Mittel - ich sage nicht Fahrzeug - der
_Hokumada_ uebersetzen. Dies ist eine an den Raendern in Nachenform aufwaerts
gekruemmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Fluss mit einem
Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen
Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert
sich zusammen und huetet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich
ueberzubeugen. So wird er, waehrend noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt,
am Seile an das jenseitige Ufer hinuebergezogen. So kam auch ich ueber die
Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderniss zu
stossen, das dieses Mal mittels einer Tankoa ueberwunden wurde.

  [Illustration: Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung
  nach Lejean.]

Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Floss, welches sechs bis acht Personen
tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten
Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind.
Das Binsen- oder Rohrfloss taucht ziemlich tief unter und kann niemals
untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast
alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Ungluecksfaelle. Das
Gepaeck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthaelt, liegen
hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock
versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floss mit
einer Stange durch Stossen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das
sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebraeuchen hangen.
Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von
Jahrhunderten noch nicht einmal zu schliessen gelernt, dass, wenn ein
simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberflaeche dem Wasser
darbietet, ein Floss fortzubewegen vermag, eine an das Stockende
angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberflaeche darbieten und
also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muss, denn der
Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am
Weissen Flusse wohlbekannt ist.

Uebrigens ist nichts ermuedender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere
wurden ins Wasser gestossen und von einem Schwimmer durch die reissenden
Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von
Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir uebernachteten, um am naechsten
Morgen, quer ueber die Huegel und das Fluesschen Izuri hinweg, unsere Reise
nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald geniessen
sollten. Es ist die huebscheste Stadt Abessiniens und war das aeusserste Ziel
meiner Reise.

_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landruecken, welcher sich in den
Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Haeuser liegen zerstreut um die
Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der
von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniss ablegt. Es war gerade Markt,
welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe
oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen saemmtlich
aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln,
theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den
Samenkoernern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das
Ausscheiden der Samenkoerner mittels eines eisernen Staebchens, welches auf
einem flachen Steine mit den Haenden hin- und hergerollt wird, ist eine
langsame und ermuedende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich
eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleissige
Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als fuer zwoelf vollstaendige
Umhaengetuecher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine
Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer
nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein grosser Baum breitete dort
seine gigantischen Aeste ueber den Weg, unter dem in weissen Gewaendern, mit
riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand,
die Geistlichkeit von Korata sass. Als ich mich ihnen naeherte, stiessen sie
ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, dass ich vom Maulthiere
absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine
allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch
Absteigen auszuweichen mich gemuessigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert
zu Fuss in die Stadt gehen. Spaeter erfuhr ich, dass die Pfaffenstadt Korata
das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre
Strassen reiten zu lassen.

Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand
den ueblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Strassen oder vielmehr
die Alleen zu durchwandern. Diese Strassen sind in der That nur von Hecken
eingefasste Fusspfade, hinter denen sich huebsche Gaerten hinziehen. Blumen
sieht man in diesen selten, dagegen praechtige Granatbaeume, Pfirsiche,
Kaffeestraeucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdaecher der Huetten
hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herueber wehte ein
kuehlendes Lueftchen, das mir den Spaziergang in den Strassen zu einer wahren
Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes
Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in
Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den
Vorwurf zu machen, dass die Kueche dort schlecht bestellt ist, denn waehrend
meines viertaegigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht,
obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von
Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus
dem Tanasee beigesellen.

Die Aussicht auf dieses Binnengewaesser ist von Korata aus eine praechtige.
Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora,
die suedlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der
Bergabfall von Begemeder hin, waehrend mitten im Seespiegel die dunkle
Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthuemlichkeit des Sees
aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha
u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden
Blumenkoerbchen auf der Flut erscheinen. In der Naehe betrachtet, sind diese
Blumenkoerbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche
oder ein Kloster bergen.

Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer grossen Anzahl
von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen
der Stadt und den suedlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrie,
unterhalten. Sie sind schmaeler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15
Fuss lang und fuehren Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen,
um nach Zegrie ueberzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen
von Godscham war, wurde mir die Erlaubniss verweigert. - Bei Korata wohnen
viele Waito, jene eigenthuemlichen Menschen, die sich mit der Flusspferdjagd
beschaeftigen (vergl. S. 90). Waehrend dieser Dickhaeuter sehr haeufig im See
ist, fehlen darin Krokodile gaenzlich; dagegen verhaelt es sich mit dem
Abai, dem Abfluss des Sees, umgekehrt.

Das Flusspferd heisst im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch
die vielen aehnlich klingenden Flussnamen Gomara u. s. w. Nach viertaegigem
Aufenthalte verliess ich Korata wieder und kehrte in mein altes
Standquartier Gafat zurueck.

Die letzte groessere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines
Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuss hohen
_Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schoene Makarthal und
stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein
franzoesisches Ohr toente. Es heisst Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht;
als ich am naechsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im
vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, dass der Negus mich in Gafat
erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo
ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz
darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Koenige bei mir an,
welchen mir Kinzle uebersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu
Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, dass er guter Laune
war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniss zur Heimkehr
nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche
Wuth, dass zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort liess er
mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: "Als
du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du
etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren?
Sind deine Gefuehle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so
schreibe mir auch, damit ich weiss woran ich bin." Sogleich antwortete ich
in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefaehrliche
Korrespondenz zu einem guten Ende fuehrte, denn die schleunig darauf
erfolgende Antwort lautete: "Habe nur einige Geduld und durch die Gnade
der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen
Gruenden zurueckbehalten muessen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt,
will ich dich mit allen gebuehrenden Ehren entlassen." Ich folgte dem mir
ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunaechst meinen
unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf.

In Maginta war ich an die Familie des Irlaenders Bell empfohlen, der einst
eine grosse Rolle bei Theodor II. gespielt und fuer diesen sein Leben
gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen
Langlebigkeit, naemlich auf _fuenf Frauengenerationen_ beieinander: die
abessinische Witwe Bell's, deren Mutter, Grossmutter, Tochter (die Frau
Waldmeier's) und Enkelin! Die Urgrossmutter war die einzige, welche man als
Greisin bezeichnen konnte; denn die Grossmutter, eine feine Frau von 55
Jahren war noch sehr lebhaft und thaetig in der Hauswirthschaft; die
Mutter, Bell's Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und huebsch; deren Tochter
war an den Missionaer Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem
Toechterchen beschenkt hatte.

Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu
Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurueckzulegen.

  [Illustration: Ein Binsenfloss oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer
  nach Lejean.]

Der Weg fuehrte vorbei an Kosso- und Ericabaeumen, Hypericumstaemmen,
praechtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra
(_Rhynchopetalum_).

Letztere gedeiht hier bis zu einer Hoehe von fuenfzehn Fuss. Der Gipfel der
Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfasste mein Auge
eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen
Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin
die Kollo, das maechtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau
an Plateau, durchrieselt von Baechen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf
dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen.

Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus
vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach
ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing
aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kuerzesten Wege
zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien
satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor
nahmen wir ein Fruehstueck bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von
dessen Koch, einem Elsaesser Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, frueher
ein franzoesischer Kuerassier, hatte sich die Gunst des Koenigs zu erwerben
gewusst. Als die Missionaere einst einen Wagen fuer Theodor hergestellt,
fragte dieser den Elsaesser, wie ihm die Maschine gefiele. "Pfui! sagte der
Rheinlaender, bei uns in Muehlhausen faehrt man in solchen Dingen den Mist
aufs Feld!" (Den beruehmten blau angestrichenen Wagen erwaehnen auch Heuglin
und Steudner.) Beim Fruehstueck war auch der Judenmissionaer Dr. _Stern_
zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem
Werke "Wanderungen unter den Falaschas" veroeffentlichte. Einst schenkte
dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems.

"Was ist das fuer ein Gebaeude?" fragte Theodor.

"Die Moschee Omar's", antwortete Stern. - Sogleich warf der Koenig den
Apparat auf die Erde, indem er wuethend ausrief: "Und dieses Europa, das
vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!"

                              --------------

Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Ruecken zu kehren, kam Achmed,
mein Diener, mit der Nachricht zu mir, dass alle meine Leute sich heimlich
entfernt haetten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu
werden!

Mir blieb nichts anderes uebrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen,
wobei sich Salmueller besonders gefaellig erwies. Ich ueberschritt den
Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara,
auf der Strasse, die vor mir Bruce, Lefebvre, Ferret und Galinier, Rueppell,
Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemaerschen
bis Dobarek.

Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogie_, einem Dorfe, welches von
den hier haeufigen Kossobaeumen seinen Namen fuehrt; durch gut bebaute Ebenen
gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort
1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier ueber die Juden
(Falaschas) erfochtenen Sieg gegruendet wurde. Die dritte Station Dokoa war
ein reizender Flecken auf einer Anhoehe mit einer dem Heiligen Kitane
Machrit geweihten grossen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im
portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Strasse; rechts,
nach Osten zu, fuehrt sie ins Alpenland von Semien. Links, in noerdlicher
Richtung ueber den Lamalmon-Pass, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am
naechsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur
Rechten, schon in Semien gelegen, das Dorf _Debr-Eskie_, in dessen Naehe am
9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger
ueber Ubie wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut
ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt;
der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschaedeln besaet, die unter
den Fuessen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier
nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schaedel waren nicht
vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor
gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor ueber seinen rebellischen Neffen
Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher
abgefuehrt. Man enthauptete sie und warf ihre Schaedel aufs Feld.

Am naechsten Tage begann ich den _Lamalmon_ hinabzusteigen. Sein suedlicher
Abfall ist eine schoene, kaum wellenfoermige Ebene; sein noerdlicher dagegen
eine steile, einige tausend Fuss hohe Lehne, von welcher ein steiler
Zickzackfusspfad hinabfuehrt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf
einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte
auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die
Kolla bis zum Takazzie - eine Aussicht, die sich ueber dreissig Meilen
erstreckte. Von allen Seiten sah ich die Fluesse durch die gruenen Waelder
und gesaegten Berge brechen, um sich dem Takazzie zuzuwaelzen, hinter dem,
eingehuellt in Nebeldaempfe, das Hochland von Schirie emporstieg. Ich nahm
meinen Weg nach der _Zarima_, einem Nebenflusse des Takazzie, zu, nicht
ohne von meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der
diese Gegend unsicher machte. Wie ich spaeter erfuhr, war die Rebellion
dieses Mannes mein Glueck, denn Theodor hatte ploetzlich drei Tage nach
meiner Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir
hergeschickt, welche mich zurueckbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche
von Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen
nicht weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfuellt zu haben, zurueck. Der
Negus wurde wuethend und rief aus: "_Welches Unglueck! Der erste Mensch, der
von hier abreiste, ohne genau zu wissen, ob ich sein Freund oder Feind
bin!_"

Sire! Sie taeuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu
beleidigen, fuege ich hinzu, dass ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als
in Gondar erfreue!

Meine erste Station jenseit der Zarima war _Tschober_, wo Theodor gegen
die Gebrueder Garet focht und sein Liebling, der Irlaender Bell, getoedtet
wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich
befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in
_Waldubba_, das foermlich von Moenchen strotzt. Auch die Menschen waren hier
schon andere; die jungen Maedchen sangen in einer Sprache, welche ich noch
nicht gehoert hatte und die weit gutturaler als das Amhara klang. Auch
vernahm ich, dass ich mich schon im Gebiete des Volks von _Tigrie_ befand.
Wie die Amharas ernst, schweigsam und wuerdig auftreten, so erscheinen im
Gegensatz die Leute von Tigrie froehlich, lustig, mit einem Worte als "gute
Kinder". Frankreich stand in den Buergerkriegen 1856-1860 auf Seiten der
letzteren; England beguenstigte die Amharas, und ohne gesuchten Vergleich
kann man sagen, dass diese Sympathien dem beiderseitigen Nationalcharakter
entsprachen.

Drei Tage spaeter gelangte ich an das Ufer des Takazzie, den ich bei
niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube
getruebtes Wasser rollte zwischen dicken Waeldern dahin, die an die Urwaelder
Suedamerika's erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen
Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der
reichen und wohlbevoelkerten Provinz Schirie, die sich nach dem Mareb hin
erstreckt. Ich verliess nun die noerdliche Richtung und wandte mich mehr
nach Nordosten, einer schoenen sumpfigen Praerie zu, welche links von
bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt _Axum_, die alte
heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den
verschiedensten Reisenden geschildert worden ist, dass ich die Leser mit
Aufzaehlung ihrer Alterthuemer hier nicht ermueden will. (Vergl. oben S. 4.)

In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwaertigen
Hauptstadt Tigrie's, _Adoa_. Die Stadt liegt zwischen dem suedlichen Fusse
des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam
vereinigt. Die suedlichen, weniger zusammenhaengenden Quartiere sind ueber
mehrere Anhoehen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele
Kirchen, wie gewoehnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa,
unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas
Sabagadis erbaut, der eine grosse Glocke hierher stiftete. Die Strassen sind
eng, krumm und schmuzig, die Haeuser meist aus Stein gebaut; viele haben
Daecher von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei
Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen
Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Gaertchen hinziehen und Cordiabaeume
stehen. An der nordoestlichen Ecke auf einer steinigen Ebene am Bach ist
der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt gehalten und
geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem Verfall von
Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigrie's, deren
Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen betraegt. Die
industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung.

Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, musste ich
hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und
diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versaeumte
ich, die Ruinen der _Jesuitenresidenz Fremona_ bei Mai Goga in der Naehe zu
besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, dass zu seiner Zeit die
Mauern noch 27 Fuss hoch gewesen seien, ein von Thuermen flankirtes Viereck,
das als Festung gedient hatte. Doch das verhinderte die Vertreibung der
Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine fuerchterliche Qual
Abessiniens waren. Man erzaehlte mir, dass die Ruinen heute ein Gegenstand
der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte Gemaeuer von boesen
Geistern bevoelkert glauben.

Am 29. Oktober 1863 verliess ich mit fuenf Lasttraegern, die ich bis Massaua
zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte,
Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem aeusserst ungesunden
Hamedo-Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet fuer den
Botaniker und Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im
Jahre ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu toedtlich. Hier musste
auch mein Landsmann Dr. _Dillon_, der Freund Lefebvre's, nach der
Regenzeit sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute
in die Kolla hinabstieg. "Vorwaerts, ihr Feiglinge", rief er ihnen
unklugerweise zu. Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: "Dieser
Fremdling geht in den gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist
es aber recht, denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen?
Vorwaerts denn mit Gott!"

  [Illustration: Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.]

Fuenf Tage darauf war Dillon todt und fuenf seiner Diener gleichfalls. Ich
koennte noch viele aehnliche Thatsachen anfuehren. Habe ich nun recht, wenn
ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die
Urtheile gegenueber stehen, allein dieser eine edelmuethige Zug moechte doch
das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger
verneinen kann, ist die aeussere Schoenheit der Abessinier, Beweis dessen ich
hier auf gut Glueck das Portraet eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho
in Tigrie hersetze.

Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den
_Mareb_ in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares
breites Wasser, das jedoch nur einen Fuss Tiefe hatte und zwischen
belaubten Abhaengen, wie zwischen zwei Hecken hinfloss. Jenseit desselben
stiegen wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die
gesunde Deka beginnt.

Meine naechste Station war Asmara, die gegenwaertige Residenz des
Baharnegasch oder Beherrscher der Meereskueste. Diesen stolzen Titel fuehrte
ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz
Hamasien eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler Freundlichkeit
und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel, ohne etwas dagegen
zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman, welcher bei meiner Abreise
mich merken liess, dass es ihm an Zuendhuetchen fehle. Da ich leider keine bei
mir hatte, schickte ich ihm nach meiner Ankunft in Massaua eine groessere
Partie. Asmara ist keineswegs die Hauptstadt von Hamasien; als solche galt
in alter Zeit Debaroa und heute _Tzazega_, wo der Detschas Hailu, ein
Liebling Theodor's II., residirte. Der Ort liegt malerisch zerstreut auf
einem Huegel und zaehlt etwa 2000 Einwohner, die etwas Handel und namentlich
Maulthierzucht treiben.

Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in
demjenigen des _Anseba_, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen Meere
zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die Terrassen
lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heissen Samhara
hinabsenken. Erst jetzt fuehlte mein Herz eine Erleichterung; das
Damoklesschwert hing nicht mehr ueber meinem Haupte, ich war der Gewalt
Theodor's gaenzlich entrueckt.

Schnell war auch das Kuestenland durchzogen, und in Massaua begruessten mich
nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europaeischer Civilisation.

  [Illustration: Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rueppell.]





  [Illustration: Inneres einer Mensahuette. Originalzeichnung von Robert
  Kretschmer.]





  REISEN IN DEN NOeRDLICHEN UND NORDWESTLICHEN GRENZLAeNDERN ABESSINIENS.


        Das Land der Mensa und Bogos. - Reise des Herzogs Ernst. -
    Monkullo. - Labathal. - Plateau von Mensa. - Das Volk der Mensa. -
    Ausflug nach Keren. - Elephantenjagd. - Rueckkehr. - Munzinger ueber
       die Bogos. - Geschichtliches. - Ein aristokratisches Volk. -
    Rechtsverhaeltnisse. - Aberglauben. - Das Christenthum der Bogos. -
           Der Marebfluss. - Die demokratischen Bazen und Barea.




          1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos.


Da, wo die Terrassen des noerdlichsten Distrikts von Abessinien, der
Provinz Hamasien, die natuerliche geographische und politische Grenze des
Landes ausmachen, hoeren die vulkanischen Wackengebilde, die rothen
Eisenthone und ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite,
Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge,
das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des
Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche
waehrend der heissen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser
Gebirgsbaeche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch
vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gaenzlich
unbekannt - jetzt gehoert es zu einem derjenigen Theile Afrika's, dessen
Kenntniss am meisten gefoerdert ist. Die Voelkerschaften, die dort wohnen,
die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise
Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen.
Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren
Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr
dem Tigre Platz macht. (Vergl. S. 92.)

Vor Allem aber hat die Natur dies "Alpenland unter den Tropen" mit dem
herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach
gegliederten Hochebenen und kuehnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt
sich dort eine hoechst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das
Thierreich ist so ueberaus wohl vertreten, dass Bogos sammt Mensa dem
Waidmann als ein Paradies erscheinen muessen.

Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin ueber diese
gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an
und fuer sich erwecken mussten, endlich die vergleichsweise leichte
Zugaenglichkeit, die nahe Lage an der Kueste - man kann von Triest aus, wenn
Alles ineinander greift, jetzt in ungefaehr vierzehn Tagen nach Mensa
gelangen - machten auch in einem deutschen Souveraen den Wunsch rege, jene
Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands
Hochbergen hatte _Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha_ schon den
Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fusse der Alpengletscher erlegt und
nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Loewen, Leoparden,
Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu puerschen. Doch die
Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und
so versah sich der Herzog mit einem Stabe tuechtiger Maenner, die vollkommen
geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung
aufzubewahren.

Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem
Fuersten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von
Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer
- dem wir einen Theil der praechtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem
Werke verdanken - dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstaecker und
einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits
kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins
Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verliess die Expedition
selbst Triest. Nach sechstaegiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo
besucht und den Nil stromaufwaerts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft,
endlich mit einem Extrazug durch die Wueste nach Suez gefahren, wo die
hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. Maerz einschifften. Fuenf
Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer
bei _Massaua_ Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der
herzoglichen Expedition waehrend ihres Aufenthalts an der entlegenen Kueste
Schutz angedeihen zu lassen.

Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das
Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie
blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe _Monkullo_
(Umkullu, M'Kullu) zurueck, das man als eine Art Vorstadt von Massaua
bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Huetten und die
meisten Geschaeftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben,
von denen sie taeglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer
Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem suessen Wasser, das bis
Massaua gefuehrt wird. Monkullo wird von mehreren Huegeln ueberragt, von
deren Hochflaeche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei
lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewaesser abheben; der laengere,
zur Haelfte gelb, zur anderen gruen, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich
begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe ruehrt von
Korallen, die gruene von einem dichten Gebuesch her, dessen immergruene,
fettglaenzende Blaetter denen des Kirschlorbers aehnlich sind; diese Pflanze,
der _Schorawurzeltraeger_ (_Avicennia tomentosa_), heisst zu Massaua
Sackerib und waechst nur an solchen Stellen, welche taeglich bei der Flut
vom Meereswasser bespuelt werden. Aus der Ferne gesehen, gewaehren die
Wurzeltraeger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Gruen thut dem Auge
wohl; sie strecken ihre ziemlich duennen Aeste in das Meer, und das Ganze
lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen
angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphaere ist hier feucht, man kann
wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, dass es gewissermassen als eine
Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr
heraustritt und wieder von den gluehenden Strahlen der aethiopischen Sonne
beschienen wird.

Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden
Kuestenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara,
welche sie durchritten, sehr oede und arm; die sandigen, aus grobkoernigem
Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wueste. Das thierische Leben
der Samhara wird zuerst bei den Regenstroemen bemerklich, die nach kurzem
Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Grossartig wird die Natur erst da, wo
das _Labathal_ mit frisch sprudelndem Fluesschen aus dem Gebirge
hervortritt. Im hellsten Gruen prangten die Gehaenge des Thals bis hoch zu
den Bergen hinauf; alle Baeume standen im Blaetterschmuck, viele von ihnen
waren gerade mit den koestlichsten Blueten bedeckt und leuchteten von den
Felswaenden herunter. Gesicht, Gehoer, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit.
Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfuellte das Thal und
wie ein Gruss toente der Floetenruf des aethiopischen Wuergers den Fremdlingen
ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Voegel aller Art von den kleinsten
Honigsaugern (_Nectarinia_) bis zum riesigen Ohrengeier. Auch sah man
Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich
Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhaenge hinauf und muntere
Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen
Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt.

Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter
unsagbaren Muehen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche
wiederum von riesigen Alpen umgeben die Huettengruppen des Hirtenvolkes der
_Mensa_ traegt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkoernigen
Granit, welcher jedoch nur an den hoechsten Spitzen durchbricht, und aus
Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern
Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thaelern finden sich steile Waende,
welche jedoch fast ueberall zugaenglich sind und es noch viel leichter sein
wuerden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind
gruen bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plaetzchen sich findet, da
hat die Pflanzenwelt sicher Fuss gefasst. Doch bestimmt die Armuth an
Dammerde das Gepraege der Vegetation. Grosse gewaltige Baeume giebt es nur im
Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewaechse der
Kollaregion: schirmfoermige Mimosen, praechtige Tamarinden, Kigelien mit
ihren grossen Fruechten, Adansonien, Akazien, Oelbaeume, die
Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme.

Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa
gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der
herzoglichen Expedition beruehrt wurden, zu einer Hoehe von 8000 bis 9000
Fuss erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuss ueber der
Meeresflaeche liegen und wird durch einen niedrigen Huegelruecken in zwei
Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Bueschen bewachsene,
sandige Flaeche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt
besseren Boden und wird bebaut.

Das Dorf _Mensa_ bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa
100 Huetten, die sich an die beiden Raender der Hochebene anlehnen. Dicht
hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehaenge noch kuehn empor und
tritt zwischen riesigen Granitbloecken ein klarer Quell hervor, und ringsum
entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausfluegen gut
gewaehlt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein grosser
Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden liessen sich
jedoch dadurch nicht abhalten, tuechtig der ergiebigen Jagd nachzuspueren
und die Sitten der Eingeborenen zu studiren.

Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa.
Die _Huetten_ bestehen aus Stangen oder Zweigen, ueber die man einfach
Reisig wirft, das nicht einmal gegen den stroemenden Regen gedichtet wird.
Eine kleine niedrige Thuer fuehrt in das Innere des hohlen Reiserhaufens.
Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Staebe,
welche auf Querhoelzern ruhen und von gegabelten Pfaehlen getragen werden,
bilden den Schlafplatz. Diese Bettstaette ist ausserdem mit einem
laubenaehnlichen Bau ueberdacht, der immer noch den Regen durchlaesst. Ausser
einigen irdenen Toepfen, dem unentbehrlichen Reibstein, auf dem das
Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt,
und einigen Schlaeuchen sieht man keine Geraethschaften im Innern. Eine
Dornumzaeunung schliesst die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der
kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Maennern
leidenschaftlich aus grossen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehaelter
durch einen Kuerbiss gebildet wird.

Die Mensa sind schoene, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis
dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigre. Das Haar ist
eigenthuemlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel
versehen, welche die Ruhe unter den laestigen Insassen herzustellen hat.
Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmaentel machen die Kleidung der
Maenner aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schuerze bildet die
einzige Bekleidung der unverheiratheten Maedchen, welche am Tage der
Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des
Volkes haengt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die
Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres
Lebens aus. Der Mensa haelt sich um so verstaendiger, je besser er mit dem
Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so gluecklicher, je
zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten,
welche in einer der beschriebenen erbaermlichen Huetten leben, nennen 5000
bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um ueberall die Weide gut ausnutzen zu
koennen, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Hoehe ihres Gebirges zur
Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regenguesse ein frisches Gruen
hervorgezaubert haben. Die Milch der Kuehe ist ihr vornehmstes
Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse
geschlachtet, dessen halbgeroestetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als
geistiges Getraenk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier
sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr
verschieden von diesen.

Das _Christenthum_ der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern,
den Bogos, weiter unten schildern. Das haeusliche und eheliche Leben
unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang
sammeln sich die Maedchen auf den oeffentlichen Plaetzen und beginnen zu
tanzen, wobei die Zuschauer laut bruellen. Dieses Vergnuegen waehrt bis tief
in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu
fuerchten sind. An Festtagen hoert man noch eine andere Musik, dann geben
die Floetenblaeser ihre Kuenste zum besten. Die abessinischen Floeten sind
hohle Roehren mit verschiedenen kleinen Schalloechern, welche nach Art der
Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Kuenstler verstehen auch eine Art
Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von
Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine
Handtrommel mit Schellen unterstuetzt gewoehnlich dieses Konzert aufs
wirksamste.

Eigenthuemlich sind die _Grabhuegel_ der Mensa. In weitem Kreise um das Grab
herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen
Raum fuellt man alsdann mit grossen und kleinen Steinen aus. Die Steine
schichtet man in einem Haufen hoch auf und ueberlegt sie endlich mit
blendenden Quarzstuecken, welche weit und breit zusammengetragen werden.
Die tropische Erzeugungsfaehigkeit sorgt bald fuer gruene Umrankung und
Umlaubung, und dann heben sich diese Graeber um so heller von dem dunklen
Hintergrunde ab.

Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte
einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von
seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach _Keren_ im Bogoslande
an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in
nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am naechsten Tage
bereits in eine sehr veraenderte Gegend. Die reiche Vegetation des
Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergruecken waren kahl und nur
an den Abhaengen zeigten sich Mimosen und verkrueppelte Oelbaeume. In den
tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach
einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem
felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren
Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. "In keiner Weise konnten wir,"
erzaehlt Herzog Ernst, "auf der ganzen Reise zwischen diesen Voelkerschaften
auch nur ueber die geringste Unbill klagen, und ich muss lobend erwaehnen,
dass uns ueberall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft
begegnet wurde." Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an
das malerische Ufer des _Anseba_ (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb
Fuss Wasser und floss silberhell und reissend dahin. In unendlichen Windungen
sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasien
entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im
Jahre austretenden Gewaessern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist,
zeigt auch der Boden die ganze Fuelle der Tropenvegetation; wunderbar
geformte Baeume, dicht mit Lianen ueberzogen, wechseln malerisch mit
haushohem Schilf. Tausende von Voegeln aller Art bevoelkern diesen schmalen
Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt,
welcher spaeter seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem
Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehoert.

Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafuer stattete man dem
jenseit des Flusses liegenden Dorfe _Keren_, dem Hauptorte von Bogos,
einen Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer
Hochebene gelegenes Dorf, das ausser den Huetten der Eingeborenen nur zwei
groessere Gebaeude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionaers
_Stella_, aufweist. "Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit
stechenden klugen Augen, aber sonst wohlwollenden Zuegen. Er gehoert zum
Orden der Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich ueber ihn
gehoert und gelesen, zu den wenigen intelligenten Europaeern zu rechnen,
welche seit einer Reihe von Jahren das Innere Afrika's bewohnten. Durch
seinen Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer
bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos hoechst
angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser
Theodor und den ganzen politischen Verhaeltnissen Abessiniens. Die
Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am
Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler zwischen
obwaltenden Streitigkeiten der Staemme zu sein. Ein Gehalt, der ihm
regelmaessig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm bei
geringen Beduerfnissen ein angenehmes Leben moeglich."

  [Illustration: Eingeborene von Mensa vor ihren Huetten.
  Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Der Boden bei Keren, das 4469 Fuss ueber dem Meere liegt, ist fruchtbar,
aber nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewoehnlichen
Seifenkraut bepflanzt. Nach Osten und Sueden steigen rauhe Gebirge in die
Hoehe, waehrend sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen.
Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, dass sie aus einer Ebene
emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare
Barka-Steppe. Wasser enthaelt die Hochebene so gut wie gar nicht.

Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er
zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurueck, wo er am 16. April
wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glueckliche
Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf
den 8000 Fuss hohen Felsenhoehen des Beit-Schakhan einen alten und einen
jungen Elephanten zu erlegen.

Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: "Es mochte
wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein fuer uns kaum hoerbarer Ton das Ohr
des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange schnellte
die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die heftigste sich in
den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies uns, dass ein
Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag beruehrt,
sprangen wir jetzt auf die Fuesse und griffen zu unseren Buechsen. Die
reizende Aussicht war, wie Muedigkeit fuer uns verschwunden, die
Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr heiss, und ohne weiter zu ueberlegen,
was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft ueber
Steinbloecke durch Dick und Duenn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden
Zwischenraeumen das schon vorher erwaehnte Zeichen wiederholt wurde.

"Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, fuehrte den Zug,
und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er
in ein wahrhaft gefaehrliches Tempo, fuer das nur die juengsten Beine
geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden
Elephantenjaeger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen
schon zum allgemeinen Entzuecken, auf der gegenueberliegenden Bergwand,
zwischen dem Gestruepp und alten Euphorbienbaeumen, Elephanten ruhig ihr
Diner verspeisen.

  [Illustration: Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in
  Mensa.
  _(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)_]

"Hier haette nun ein Kriegsrath gehalten werden muessen, um, wie vorher
verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu liessen uns die aufgeregten
Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schuettelte
mich, als ob es gaelte, Aepfel von einem Baume zu schuetteln, wies mit
grimmigen Geberden auf die unten aesenden Elephanten und riss mich mit sich
fort. Vorwaerts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Aloe, Cactus und
Mimosen. Bald waren die ohnehin defekten Hemden und Beinkleider zerrissen,
und die gluehende Sonnenhitze badete uns im Schweiss. Mit einem Male hielt
der Jaeger an, schnitt mir ein wuethendes Gesicht und klopfte mit dem Laufe
seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein Wunsch war augenscheinlich
der, dass ich von jetzt ab die Puersche barfuss - wie er ging - fortsetzen
solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und bezeichnenden
Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, dass die Sohlen unserer
Fuesse nicht, wie die seinen, fuer Dornen und scharfe Steine geschaffen
seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen ausgetrockneten
Sturzbach hindurch und drueben einen steilen Graben hinauf. Wir folgten
genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen der kleinen
Pfade, welche die Ungethueme, sich vor uns aesend, erst im Augenblicke
getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen Strand hinab,
und in langen Saetzen wollten wir eben die Felsen eines zweiten Sturzbaches
ueberschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten unter uns denselben
Bach kreuzen sahen.

"Athemlos hielt Alles still. Ich riss meine Buechse an den Backen und wollte
eben den groessten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jaeger in den
Arm und machte solche furchtbare Grimassen, dass ich nicht anders glauben
konnte, als er halte es noch fuer zu weit. Die Elephanten, welche schlecht
aeugen, gingen unter uns vorueber. Kaum waren sie aber auf der
entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf ihrer
Faehrte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jaegers zu sein,
die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte zusammen zu
kommen.

"Die Leidenschaft hatte uns alle erfasst und jeglicher Ueberlegung der
drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum moegen acht
Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwaerts
fuehrenden Spur in langen Spruengen von Fels zu Fels folgend, mit dem
vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere
hatten einen auf uns zurueckfuehrenden Pfad eingeschlagen. Noch einen
Schritt weiter und wir waeren saemmtlich verloren und zu Brei getreten
gewesen.

"Mit kuehner Geistesgegenwart erfasste der Jaeger den Augenblick, und indem
er einen gellenden Schrei ausstiess, stuerzte er sich - gleichwie der
Schwimmer von einem Springbret in das Wasser - von dem erhoehten
Standpunkte etwa zehn Fuss tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum
Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmaessig, den
sicheren Tod vor Augen, das Manoever nach. Auf das furchtbarste
zugerichtet, drueckten wir uns, wie ein Kitt Huehner unter eine Krautstaude,
hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare
Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht,
dergestalt, dass sie uns schraeg abwaerts in einer Entfernung von vielleicht
10 bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten fluechtig zu sein, die Flanken
zeigten.

"Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jaeger, Hermann (Fuerst
Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf
dem Felsen, der uns gerettet, die Buechsen flogen in die Hoehe und vier
Spitzkugeln bohrten sich hinter das riesige Gehoer des Ungethuems. Der
Elephant war toedtlich getroffen. Er hielt an und stiess jenen durch Gordon
Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und waere unsere Lage
nicht so misslich gewesen, so haetten wir ruhig sein Verenden abwarten
koennen. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit Buechsen _a
la_ Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in wenigen
Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Koloss hinter Blatt und
Gehoer zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schiessen beunruhigt,
kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine Kugel auf das
Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei entlockte, aber nur
dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen. Unser erstes Opfer
schwankte noch einige Male, indem es sich langsam umdrehte, hin und her.
Da erhielt er aus der Muskete unsers Jaegers den letzten Gnadenschuss durchs
Herz. Das Thier stuerzte mit einem furchtbaren Getoese und rollte, wie ein
Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand wol 500 Schritt hinunter,
Baeume und Felsen vor sich her waelzend. Die Strasse, die sein Koerper
beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen, die man so oft im
Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem Freudengeschrei jagten
wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund nach, wo wir es tief
unten, zwischen zwei Granitbloecken eingeklemmt, noch gewaltig mit seinen
Fuessen arbeitend, liegen sahen."

Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu raechen,
wuethend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und
beleuchtet von den Strahlen der gluehend untergehenden Sonne standen die
Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in
welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog
folgendermassen: "Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen Orten
Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer gruener und
brauner Berge, hier in den schoensten und reichsten Formen gelagert, dort
wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten
vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein
goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen uebrigen
Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige Besteigen
jener Alpen waere schon hinreichend durch die unbeschreibliche Aussicht
belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne war
gluehend, dennoch erfrischte uns ein kuehler Luftzug und ausgestreckt im
hohen Grase schwelgten wir in den Genuessen der Natur."

Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die
Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau
Herzogin wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame
folgende Worte in ihr Tagebuch: "Die Tage, welche wir hier verlebten,
waren keine Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war fuer uns
verwoehnte Kulturkinder Manches recht schwer zu ueberwinden; aber es war
doch ein Stilleben voll von grossen Eindruecken, und die Erinnerung daran
moechte wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen
Sonne auf Himmel, Land und Meer geblickt hat, der wird die Farbenpracht
der Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie
mehr vergessen. Was Licht heisst und gluehende Farbenschoenheit, das erfaehrt
man erst im Sueden. Und die Einwirkung dieser Fuelle von Licht und Farbe,
die grossen Gegensaetze, welche ohne Daemmerung, ohne das Nebelgrau der
Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der
wundervollen Schoenheit geben, werden immer maechtiger, je laenger man weilt,
und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die maerchenhaft und fast
bewaeltigend ist. Und in diesem Zauberlichte glaenzt eine fremde Erdenwelt,
denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der an den
Reisenden herantritt, traegt dazu bei, die Stimmung, welche die Landschaft
hervorruft, zu erhoehen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der Europaeer
in dieser Wildniss empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses
tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht
grossartiger und einfacher aus, und ohne Muehe kann man sich hier um
Jahrtausende zurueckdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war,
dasselbe Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle,
dasselbe Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintruemmern und
dem weissen Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der
grossartigen Bestaendigkeit dieser Welt nur wenig."

Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade
Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider
hielten gefaehrliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurueck, und
erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europaeische Boden betreten. Die
fuerstliche Reise war auch fuer die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn
abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate
verarbeitete, veroeffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der
mit den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer's
Meisterhand geschmueckt wurde.

                              --------------

Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu fluechtig
gewesen, als dass derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben
haette eingehend foerdern koennen. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und
Rechtsverhaeltnisse ein hoechst interessantes Volk, lernen wir am besten
durch _Werner Munzinger_ kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt
und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm.

Ueber das Bogosland sind viele Stuerme hinweggebraust. Die ganze Nordgrenze
Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge, in alten
Tagen von den _Rom_ bewohnt, einem riesenhaften, uebermenschlichen
Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit Gott, schleuderte
eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfrass ihm ein von Gott gesandter
Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen und spitzige
Steinhaufen fuer ihre Graeber ausgegeben. Nach den Rom kamen die Kelau, ein
aethiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste blieben; dann
wanderten die Barea von Hamasien her ein und schliesslich die Bogos.

Ihr Stammvater _Gebre Terke_ ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl. S. 90).
Aus Furcht vor der Blutrache verliess er seine Heimat, stieg hinab in die
Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag 1530
gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kaempfe gegen das christliche
Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des Stammvaters geht
auch heute noch kein Bogos vorueber, ohne ihn zu kuessen.

Bei den Bogos ist das Stammverhaeltniss stark ausgepraegt und die einzelnen
Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwaegert, dass innere Fehden
zur Unmoeglichkeit werden. Frueher standen sie direkt unter Abessinien und
sandten alljaehrlich 60 Ochsen als Tribut an den Koenig in Gondar. Sie
bildeten eine _Aristokratie_, die sich selbst nach eigenem Rechte
regierte, eine gewisse Kultur besass, jedoch durch Kriege und Beruehrungen
mit den Nachbarn allmaelig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die
Aegypter von Ostsudan aus machten Verheerungszuege in das Bogosland und es
kam 1854 so weit, dass die Bogos endlich um Frieden flehten und den
Aegyptern versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der
erwaehnte Missionaer Johannes _Stella_ und sammelte die Leute wieder, und
der englische Konsul _Plowden_ erwirkte im Namen Grossbritanniens, dass das
christliche Gebiet fuer unverletzlich erklaert wurde. Doch noch immer nicht
hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzuege fanden gegen sie statt, man fuehrte
viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow's Reise wissen, erschien
im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in Kassala,
um beim aegyptischen Gouverneur darueber Klage zu fuehren, dass die Barea
ausser vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande entfuehrt
haetten.

Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl betraegt
etwa 8000 Koepfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte _Tigres_
sind, und ein Drittel aus _Schmagillis_ oder wirklichen Bogos besteht. Das
Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Haeuser und etwa 10,000 Stueck Rindvieh.
Von hoechstem Interesse sind die durch den genannten Forscher uns bekannt
gewordenen _Rechtsverhaeltnisse_ des Voelkchens. Das Recht ist ein
patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist Staat, Souveraen und
Gesetzgeber, hat Recht ueber Leben und Tod der einzelnen Glieder. Wer nicht
Schmagilli, echter Bogos ist, waehlt sich einen Schutzherrn und wird nun
dessen Dienstmann, Tigre. Eigentlich gilt jeder Fremde als Feind. Der
Patriarch (_Sim_) ist geheiligt; er ist gleichsam Koenig ohne Koenigsgewalt.
Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem er sich den ganzen
Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche des Vaters gewaschen
wurde. Mit verhuelltem Kopfe fastet er nun drei Tage; dann wird er, immer
noch mit verbundenen Augen, vor die Huette gefuehrt und ihm Kuhduenger,
Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so bedeutet dies
Krieg; Sand laesst auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhduenger auf Gedeihen der
Heerden.

Fuer die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der
oeffentlich versammelte Dorfrath (Mohaeber). Trotz des Christenthums
herrscht unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen und
schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder
verkaufte man frueher oft fuer weniger als einen Thaler. Unter den vielen
eigenthuemlichen Sitten und Braeuchen heben wir folgende hervor. Kein Weib
wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz
seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann
jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht
gerade selten vor, dass ein Mann nach dem Ableben des Vaters die
Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, dass ein Mann die
Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind haeufig,
die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt.

  [Illustration: Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R.
  Kretschmer.]

Frueher bauten die Bogos Haeuser aus Stein - jetzt Zweighuetten wie die
Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Haelften. Auch in den
haeuslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B.
Feuer und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um
diese Zeit kein verliehenes Beil zurueckgenommen. So lange eine Leiche sich
im Hause befindet, wird kein Feuer angezuendet, und frische Butter zu
essen, gilt fuer eine Schande.

Die Bogos haben schoene, regelmaessige Gesichtszuege und nicht das leiseste
Negergepraege. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die Augen
sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und vollstaendig,
doch grob.

Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das
ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner
wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das noethige Gepaeck wird
aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter
Palmenmatten, die bei einer Platzveraenderung leicht abgebrochen und auf
Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat
ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde.

Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das _Blutrecht_.
Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die
Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein
Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getoedtet
worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der
Blutrache (_Merbat_). So lange die im Blut stehenden Familien sich
eigenmaechtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu
sagen; der Zwist wird den Blutfeinden ueberlassen. Sobald dieselben aber
zur Versoehnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher
jeder ihr Recht giebt; die Parteien zaehlen ihre Todten, und der Ueberschuss
wird mit dem Blutpreis gesuehnt.

Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der
Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich _Kostan_,
Christen; zum Beweise, dass sie es seien, beruehrten sie niemals Fleisch,
das ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und assen weder Elephanten, noch
Hasen oder Strausse. Der Sonntag hiess grosser Sabbath, allein die
Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei Kirchen;
bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt
besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken
vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religioesen
Kenntniss ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafuer
einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. "Der alte
Stammpriester von Keren ist ein vermoegender Mann, der sich nie
niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht
einmal das Vaterunser." Von der Bedeutung der Festtage hat man keine
Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdruecke
fuer die Gottheit, aber ueber den besondern Sinn der Woerter ist man sich
nicht klar. Die heilige Jungfrau geniesst die groesste Verehrung, aber dass
sie Mutter des Heilandes sei, weiss Niemand. "Im Ganzen ist das
Christenthum ein Name, erhalten durch die Anhaenglichkeit dieser Voelker an
das Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte
Sorge, und der Aberglauben ueberwuchert." Dass Munzinger die Befuerchtung
ausspricht, der Islam werde auch dieses Voelkchen erobern, wurde frueher
schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das
noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen?




              2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama.


Es wurde frueher bei Erwaehnung der deutschen Expedition gesagt, dass W.
Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche
Route einschlug, waehrend Heuglin nach Sueden in das eigentliche Abessinien
eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis
22. Dezember 1861 faellt, fuehrte ihn laengs des Marebflusses in Regionen und
zu Voelkern, die bisher noch kein Europaeer kennen zu lernen Gelegenheit
hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im
Suedwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom Mareb
durchstroemt.

Dieser Strom ist vermoege seines Charakters einer der eigenthuemlichsten der
ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasien,
dann bildet er, suedlich fliessend, eine Spirale, die von Gundet ab nach
Westen sich wendet und in die Kolla von Serawie eintritt. Bis hierher
gehoerte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama
naehert, veraendert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und
heisst nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_.
Wo naemlich der Boden das Wasser nicht an der Oberflaeche halten kann, wo es
durchsickernd erst spaeter auf einer festen Schicht Widerstand findet, da
zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches
nur zur Regenzeit ueberflutet wird und das ganze uebrige Jahr scheinbar
trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der
Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Fluss und Torrent und verliert
diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September,
wird er regelmaessiger Fluss; in den uebrigen Monaten zeigt er sich als
Torrent, aber so, dass sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen
wird, wo das Wasser fuer kurze Zeit an die Oberflaeche hervortritt. In der
Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heisst der Fluss _Gasch_ oder Chor
el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewaesserung
des Landes benutzt und hat eine Menge kuenstlicher Stromwehren, vermittelst
deren man ihn aufstaut und die Felder ueberschwemmt. So verliert er sich
meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen faellt, wird es ihm moeglich,
sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund
des Gasch, erreicht.

Die Voelker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von
den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_
Wesen. "Die Natur," sagt Munzinger, "ist hier einfoermig, kein Berg ragt
empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug
und keine grossartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst
der Baumwuchs ist nur mittelmaessig; Gestraeuch ist vorherrschend - und so
der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose
zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der
buergerlichen Verschiedenheiten."

Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich
ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch
stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander ueberein. Die Bazen bewohnten
frueher Tigrie, bis sie von den Geezvoelkern hinausgedraengt wurden. Die
Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos
voller Zeugnisse ihrer frueheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Voelker
ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder
christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religioes
ist die Sorgfalt, die man auf die Graeber wendet, die aus Hoehlen bestehen,
in welche der Leichnam beigesetzt wird; religioes die unbegrenzte Ehrfurcht
vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des
Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und,
fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher ueblich, und
der Islam hat unter ihnen grosse Fortschritte gemacht.

Beide Voelker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die
Abwesenheit des Staates; so leben die Doerfer zusammen friedlich und ruhig,
Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenueber aber fehlt der staatliche
Zusammenhang, die gegenseitige Huelfe. Beiden eigenthuemlich ist die
Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt
mit Ausschluss der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also
nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen haengen Neffe und
muetterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes,
und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschluesse der Gemeinde auf.
Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich.

Die Leute leben von heute auf morgen und dafuer genuegt der Ackerbau, den
sie fleissig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes
nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima.
_Blutrache_ ist natuerlich ueberall nothwendig, wo der Staat sie nicht
besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten
Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Moerder muss sich dem Tode durch ein
mehrjaehriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes
Blutgeld ausgesoehnt wird.

Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark geniessen,
waehrend die Barea sich vorzugsweise von Bier naehren. Dieser Lebensweise
schreibt Munzinger es zu, dass die Bazen volle muskuloese Gestalten haben,
waehrend die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Voelker sind
runde, glockenfoermige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte
Huetten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmaelig den
eingefuehrten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie
alle uns schon bekannten Voelker von Nordabessinien; der Bart ist meist
sehr duenn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei
den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist gross, jedoch nicht
aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von
Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor.

Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren
sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft laermend,
schnell aufbrausend. Die Eheverhaeltnisse bei den Bazen scheinen sehr lose
zu sein, waehrend die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande
beruehmt sind. Beide Voelker sind zu Hause sehr friedfertig, waehrend mit dem
Auslande ein ewiger Krieg gefuehrt wird. Barea und Bazen stehen nicht in
voelkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander.

Die Bazen muessen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen
sich den grossen Stroemen Mareb und Takazzie nach; ersterer heisst bei ihnen
Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur
theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither
spielende "Schangalla" vom Mareb nach Zander's Zeichnung angesehen werden
(S. 89).

Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thaeler, welche sie
bewohnen, gehoeren schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und
ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Auslaeufer des
Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind haeufig und
die Regen fallen dort meist in der Nacht.

So sind die Voelker beschaffen, welche die noerdlichen Vorlande Abessiniens
bewohnen. Aber auch im Sueden, zwischen Amhara und Schoa und wieder ueber
Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes hoechst interessantes Volk, das
der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschaeftigen,
der uns das Koenigreich Schoa vorfuehrt, welches von Amhara sich seit langem
unabhaengig zu machen wuenscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel;
schon dass der Herrscher daselbst den Titel "Negus" fuehrt, deutet darauf
hin, dass wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben.

  [Illustration: Fettschwanzschaf]





  [Illustration: Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.]





        SCHOA UND DIE BRITISCHE GESANDTSCHAFT UNTER MAJOR HARRIS.


    Begrenzung. - Englische Gesandtschaft unter Harris. - Tadschurra.
    - Zug durch die Adalwueste. - Salzsee. - Mord im Thale Gungunte. -
    Versammlung der Eingeborenen. - Sklavenkarawane. - Myrrhen. - Der
    Hawasch. - Der Grenzdistrikt. - Alio Amba, ein Marktort. - Empfang
      beim Koenige Sahela Selassie. - Die Hauptstadt Ankober. - Debra
      Berhan, die Sommerresidenz. - Sklavendepot. - Truppenrevue. -
    Angollala. - Schlucht der Tschatscha. - Medoko, der Rebell. - Das
     Gallavolk. - Kriegszug gegen dasselbe. - Siegesfest. - Abschluss
                     des Handelsvertrags. - Rueckkehr.




Schoa im weiteren Sinne umfasst den Theil der abessinischen Hochlande,
welcher im Osten von der Adalwueste, im Sueden vom Hawaschflusse und im
Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze
machen muhamedanische Gallastaemme aus. Im engeren Sinne versteht man
darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, naemlich die
Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabietie, Mans und Gesche. Die oestliche,
im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfasst
dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Sueden, Argobba im Osten
und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens
ziemlich stark bevoelkert, wozu noch das gesunde Klima und eine
vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schaetzt die
Bevoelkerung mit Einschluss der im Sueden unterjochten Galla auf eine Million
Seelen. Quellen, Baeche, Fluesse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden,
das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem uebereinstimmt, was wir
im allgemeinen ueber Abessinien bemerkten.

In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte
_Sahela Selassie_ als Negus ueber Schoa. Er hatte den protestantischen
Missionaer Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und
von Beiden viel ueber Englands Macht und Groesse gehoert, wodurch sich in ihm
der Wunsch regte, zunaechst mit der Ostindischen Compagnie in ein
Freundschaftsverhaeltniss zu treten, so dass er schon am 6. Juli 1840 einen
Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die
Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloss
sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine
staendige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitaen _W.
Cornwallis Harris_ stand, ein vorzueglicher Offizier, der sich bereits
durch seine Reisen in Suedafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse
vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter
wurde ihm Kapitaen Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth,
als Maler der Deutsche Martin Bernatz, ausserdem fuenf andere Europaeer, zwei
Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fuenfzehn
freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken fuer Koenig Sahela
Selassie versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten
befanden, verliess die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay,
besuchte zunaechst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte
dann nach der afrikanischen Kueste hinueber, um in der Bucht von
_Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen,
wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei
Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und
von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepraege deutlich zur Schau
tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der
Danakil und Somalvoelkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und
empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn
Muhamed. Eine haesslichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen
Fuersten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden
seine mit ekelhaften Klauen versehenen Haende und liess sich dann zum
Gespraech nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau
gewesen war, eingehuellt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter
gebunden und war ausserdem mit einem Saebel gegen seine leiblichen und mit
Amuleten gegen seine ueberirdischen Feinde versehen. Sein braunes,
durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von
einem weissen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunaechst die Erlaubniss erlangt,
nach Schoa vordringen zu duerfen, eine Erlaubniss, die gegenueber den Kanonen
der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte.

Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Haenden der Tuerken,
nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt
auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine
selbstaendige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der
gegenueberliegenden arabischen Kueste abhaengig ist. Fanatische Muhamedaner,
meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige
Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist
Kraemer oder Haendler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel
wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Suedabessinien statt, wohin
jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen,
Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort
gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht;
allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt
auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemuenze
Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden koennen. Ausserdem nimmt man
im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knoepfe und
Perlen als Scheidegeld an.

Die gewoehnliche Klage der afrikanischen Reisenden, dass bei ihren
Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der
britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der
Geschenke fuer den Koenig, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber
die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren
schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles muehselig
ueberwunden, war das Jahr so vorgeschritten, dass man die Wueste gerade
durchreisen musste, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und
ungesunde Wind ueber die wasserlose Ebene von Suedwesten her den Reisenden
entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die
Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, grosse
Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepaeck zu ordnen und zu
vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten,
beisammen; Wasserschlaeuche und Maulthiere wurden fuer die Europaeer gekauft,
und mit den Gefuehlen, mit denen man eine Raeuberhoehle verlaesst, setzte sich
der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Ruecken zu kehren, dessen Bewohner
Harris die abscheulichsten und niedertraechtigsten Menschen nennt, welche
die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenfuehrer fungirte Isaak,
ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als
zuverlaessiger und tuechtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs laengs dem
Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge,
welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gaehnende _Pass der
Isa_ war zunaechst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem
raeuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen
manchen Mord ausfuehrten. Ein Zickzackriss, hervorgebracht durch die
plutonischen Aeusserungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem
mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure
schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu
beiden Seiten wie Mauern in die Hoehe, bei deren Bau die Cyklopen thaetig
waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller
Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton ausser den Zurufen der
Kameeltreiber war zu hoeren; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und
nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten,
glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes - geisterhaft
bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemuethern, und
erst als die Fruehlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten,
wich die Pein von den bangen Gemuethern.

Weiter ging der Zug durch einsame Thaeler, deren Boden mit zertruemmertem
basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und
Spalten die Gewalt der vulkanischen Kraefte bezeugten, welche hier einst
sich aeusserten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine taenzelnde
Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phaenomen war
keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen
Laenge war zur Haelfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Haelfte mit
einer blendendweissen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch
Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umguerteten hohe, brennendheisse
Berge dieses Seebecken, waehrend auf der vierten Lavatruemmer und tiefe
Schluende sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die
Erscheinung dieser Wildniss von Land und stagnirendem Wasser, ueber dem ein
dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemueth niederzudruecken.
Nicht ein Laut toente an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserflaeche,
nur die brennendheisse Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort
und sandte gluehende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder,
ueber dem kein kuehlendes Lueftchen wehte.

In diesem hoellischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu
leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken,
waehrend das Thermometer selbst im Schatten der Maentel und Schirme eine
Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad
Reaumur zeigte! Fuenfhundert und siebzig Fuss liegt das Becken des Assalsees
unter dem Spiegel des Meeres; kein Lueftchen weht dort, kein Obdach ist zu
entdecken, nur der weisse Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die
lechzende Zunge haengt am Gaumen und empfaengt keinerlei Labung von dem
warmen Wasser, das die Schlaeuche darbieten, jeder Schritt vorwaerts ermuedet
Mensch und Thier noch mehr und zwoelf lange Stunden dauert die Reise durch
das Seebecken - sie muessen zurueckgelegt werden, wenn nicht der Tod ueber
den Wanderer kommen soll.

In einer Bucht des Sees waren Salzgraeber damit beschaeftigt, ihre Kameele
fuer die Maerkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen
bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung
dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem
andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Saecke aus
Dattelpalmblaettern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien
gebracht.

Nachdem die traurige Einoede am Assal durchzogen war, ueberstieg man einen
aus Gyps bestehenden Huegelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in
eine ganz andere Welt versetzt fuehlte. Allerdings fehlte hier noch
Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser liess
diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten
die ermuedeten Wanderer unter ueberhaengenden Basaltklippen aus, die ihnen
Schatten spendeten. Hier am Fluesschen _Gungunte_ endigte der erste
Abschnitt der Wuestenreise. Der Zug durch die Einoede ist im Stande, die
Gesundheit des kraeftigsten Europaeers zu untergraben; von der herrschenden
Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hoert, dass 50 Pfund gut
verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunte
so vollstaendig aus der sie bergenden Buechse herausgeschmolzen waren, dass
sich in derselben schliesslich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die
Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die
brennendheisse Lava dieser Tehama-Wueste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend
am Assal-Salzsee nur als "Feuer".

Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der ueber alle
Begriffe nichtswuerdigen, moerderischen und raeuberischen Staemme der Isa und
Mudaito, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Pluenderung geht. So
vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunte eingerichtet hatte,
ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert
werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich ploetzlich ein heftiger
Wuestenwind ein, der Alles mit Sand und Staub ueberdeckte. Einige schwere
Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte
jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertoente vom aeussersten Ende
des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in
wilder Flucht stuerzten die Maenner, die sonst keine Furcht kannten, durch
das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Muehe
gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu
forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein
Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition
begleiteten, waelzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war
die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz
versetzt worden, waehrend nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine
fuerchterliche Wunde quer ueber den Leib hatte, sodass die Eingeweide
hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im
hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschliessenden
Bergen in die Hoehe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung
konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses
Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen
hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Haende
dieser Teufel in Menschengestalt faellt, giebt diesen das Recht, als
Ehrenzeichen eine weisse Straussenfeder in den fettigen schwarzen Haaren,
einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des
Saebelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache
wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergiessen unter den Staemmen
der Danakil und Somal kein Ende.

  [Illustration: Schlucht von Gungunte. Nach M. Bernatz.]

Am naechsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer
dieses schaendlichen Mordes und zog dann auf der gefaehrlichen Strasse
weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der
Seekueste durch solche Schurken foermlich geschlossen, die jeden
Durchziehenden kaltbluetig abschlachteten, bis der junge Haeuptling der
Debeni die Banditen ausrottete und die Strasse wieder oeffnete; jedoch ist
es nicht zu verhindern, dass einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben.
Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Koerper
Spuren grosser, von den Wegelagerern empfangener Wunden.

Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche
Posten aus, die alle Herannahenden zurueckweisen mussten. Im Thale Alluli
schien man den vorhergehenden Stationen gegenueber in ein Paradies gelangt
zu sein, denn hier traf man Baeume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die
ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter suedwestlich in
Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehoert. Diese Leute sind
Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen-
und Schafherden leben oder Kameele zuechten und mit diesen Salz vom
Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaito, fuehren. Grosse Architekten sind
sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus
Dattelpalmblaettern erbauten Huetten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer
als die ersten Wohnstaetten, die sie seit ihrer Abreise sahen.

Wegen der grossen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer ueber schwarze
Lavafelder oder gelbe Sandflaechen - ein trauriger Anblick, der noch
melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhuegel wird, die ueber den
kaltbluetig ermordeten Opfern der Isa von den Vorueberziehenden aufgethuermt
werden. Tamarisken, Kapperstraeuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen
ueberzogenes Gestruepp, in dem Voegel nisteten, unterbrach hier und da die
Einoede; auch Strausse liessen sich sehen; dann kamen Grasflaechen,
Wasserplaetze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzuege,
ausgetrocknete Thaeler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_),
Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thaetigkeit des Bodens.

Im Thale _Amadu_ machte die Karawane bei einem grossen Regenwassersumpfe
Halt, dessen gruenes, von einer Legion Esel, Ziegen, Schafe und Rindvieh
verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht trinkbar erschien. Hier
hatten Leute vom Mudaitostamme ihr Lager aufgeschlagen - ganz
nichtswuerdige Schurken. Mit finstern Blicken schauten sie die weissen
Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe in die kuehlende Flut,
in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich selbst gewaschen, ihre
alten Lederschlaeuche reinigten, waehrend eine alte magere Hexe ihrem Hunde
den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten gingen mit Speer und Schild
bewaffnet und kamen zum Zelte der Gesandtschaft heran, wo sie versuchten,
dies oder jenes Ding sich zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl kuehn gemacht,
begannen sie, den Karawanenfuehrer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er
die Fremdlinge durch dieses Land fuehre, wo sie "Herren des Bodens" seien -
doch als sie sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer
Flintenkugel zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden.

  [Illustration: Versammlung der Somal-Krieger.]

Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltbloecken
ueberstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpfuetzen bargen, zog
man weiter ins Land der Woema, eines Danakilstammes. Wo Wasserlaeufe die
Einoede unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (_Hyrax_) und ein
Baum, in der Form der Casuarina aehnlich. Im Killulluthale war der halbe
Weg von der Kueste bis nach Abessinien zurueckgelegt. Bewaffnete Eingeborene
der verschiedensten Staemme waren hier versammelt, um Berathung darueber zu
halten, ob man einer so grossen Anzahl fremder Leute gestatten duerfe, bis
nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, dass man
sie entweder zurueckjagen oder umbringen muesse. Zugleich wurde die
Gelegenheit ergriffen, um ueber alte Streitigkeiten und Fehden zu
unterhandeln. Hunderte dieser Schurken sassen so von Sonnenaufgang bis zum
Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in groesseren und
kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Waehrend der langen
Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da,
senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschluss gefasst war, und schlossen,
nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die
Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft
einer _Sklavenkarawane_ aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder von
verschiedenem Alter, die unter den duennbelaubten Baeumen oder unter
Felsvorspruengen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten.
Jedes hatte eine thoenerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist
bei guter Laune waren, konnten doch die Europaeer, welche die heisse Wueste
jetzt durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen,
welche die armen Geschoepfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen
hatten. Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs
bessere war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz ertraeglich und begannen,
nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die
meisten waren Christenkinder aus Gurague, von wo die so hoch gepriesenen
"rothen Aethiopier" nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten
bereits, wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen
und schwuren beim Propheten.

Waehrend der Zeit, dass die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt
hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (351/2 deg. R.) und die
zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen draengten sich
mit grosser Unverschaemtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft
noch unertraeglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte,
verschmaehten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der
"Christenhunde" und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit.
Unter den verschiedenen Staemmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze
versammelt waren, befanden sich die _Adal_ mit breitspitzigem Speer und
uralten Schilden, die _Kuesten-Somal_ mit leichter Lanze und Buckelschild,
nicht viel groesser als ein Schiffszwieback, ihre gefuerchteten
Stammesbrueder, die moerderischen _Isa_, mit langem starken Bogen von
antiker Form und versehen mit einem Koecher voll vergifteter Pfeile. Sie
waren unter allen die malerischsten Gestalten; kuehn hatten sie den
wallenden Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die
Schulter herab. Sie koennen als ein Raeuber- und Jaegervolk bezeichnet
werden. Viele unter ihnen besitzen gezaehmte Strausse, die mit den Herden
zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese
gigantischen Voegel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere
benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jaeger seine mit
Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschiesst. Die Schilde, welche die
Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope
verfertigt; auch handeln sie mit Straussenfedern. Die Art und Weise, wie
sie die erlegten Voegel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem
Vogel die Fuesse ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und
Federn in feuchten Thon und backen diesen in heissem Feuer; nachdem die
Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurueck.

Nicht ohne grosse Muehe und Gefahr konnte nach einwoechentlichem Aufenthalt
die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte
losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von
Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in suedwestlicher Richtung weiter.
Lange Zuege von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen.
Alle Buerde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Staemme, waehrend
der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt.
Der _Myrrhenbaum_ (_Balsamodendron Myrrha_) kam in der Naehe der
bienenkorbfoermigen Huetten, auf die man jetzt oefter traf, haeufig vor; seine
aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbuersten, welche sie in
der Saebelscheide tragen. Haeufige Regen traten in der Nacht ein und
durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder
Wuestenwinde daher, waren wasserlose Flaechen oder mit vulkanischem,
scharfem Gestein uebersaeete Ebenen zu durchziehen - mit einem Worte, der
Weg war aufreibend, muehsam und beschwerlich im hoechsten Grade. Selten nur
unterbrach eine Oase die Einoede, um dann gleich wieder vulkanischen
Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld _erloschener
Vulkane_, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelfoermiger Gestalt hier aus
den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten
Vulkane, der ueber 3000 Fuss hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des
nun zerfallenen aethiopischen Reichs. Wuest und traurig war die todte
Umgebung dieser Berge - aber eine freudige Ueberraschung wurde den
Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an
diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten
Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf
_Myrrhenbaeume_, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz
liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, saegefoermigen
Blaettern, waehrend die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt
liefert, zehn Fuss hoch wird und helle, glaenzende Blaetter hat. Nach der
geringsten Verletzung fliesst der milchige Saft in reicher Menge heraus und
erstarrt an der Oberflaeche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird,
kann man im Januar und wieder im Maerz grosse Mengen von einer Pflanze
gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhaelt man auf diese Art im
Vorbeipassiren leicht; dieselbe wird von den Voruebergehenden in einer
Hoehlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhaendler
gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren
Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschoepfung leiden. In der
europaeischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr
Ruf aber ist gross und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den
Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde
brachten!

Von dem Gipfel eines Huegels herab hatten die Reisenden endlich den
freudigen Anblick des _Hawasch_, des abessinischen Grenzflusses, dessen
Lauf durch einen dichten Baumguertel bezeichnet wurde. Jenseit desselben
ragten kuehn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden
winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war ueberwunden.

Der Hawasch ist der zweitgroesste Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen
des Landes in einer Hoehe von 8000 Fuss, wird von einer grossen Anzahl
kleiner Stroeme gespeist und fliesst gleich einer belebenden Ader gruen und
laengs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heissen Adal-Ebenen, bis er
in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je naeher man dem
Strome kam, desto kraeftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende
Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhuehner stoben bei
dem Heranziehen der Karawane auseinander; man musste sich schliesslich durch
das Dickicht foermlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange
durch wilde Einoeden gezogen, vor einem grossen, maechtig dahinrauschenden
Strome, der seine vom Regen getruebten Wasser wild dahinwaelzte.

Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluss zu ueberschreiten hatten,
liegt mehr als 2000 Fuss ueber dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Bruecke
wurden zehn Floesse zusammengefuegt und auf diesen die Kameele, das grosse
Gepaeck und die zahlreichen Menschen uebergesetzt. - Man war nun im
Koenigreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die
christliche Bevoelkerung erst weiter westlich beginnt.

Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur
Traenke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Baeumen umgeben war.
Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins
derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den
maechtigen Rachen auf und bruellte, dass man es auf eine halbe Stunde Wegs
hoeren konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf
gejagt, deren Einschlagen in den Schaedel man deutlich vernahm. Das Thier
sank unter, wurde jedoch erst am naechsten Tage aufgefunden und von den
benachbarten Nomaden zerstueckelt und verzehrt.

Mit leichtem Herzen sagte man den trueben Fluten des Hawasch Lebewohl und
zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige
vorkommende Schaf das fettschwaenzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte
Thier gewesen. Statt dessen traten nun die grossen, fetten abessinischen
Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hoernern zeigten sich, von kleinen
fuchsartigen Hunden bewacht, in grossen Herden. Grosse Fluege von
Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung
gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten foermlich den Himmel und zogen gleich
einer finstern Wolke mit grosser Schnelligkeit durch die Luefte hin. In den
Waeldern waren Perl- und Rebhuehner haeufig, zusammen mit der Zwergantilope,
und die langentbehrte Jagd brachte in die Kueche und die Lebensweise der
Europaeer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der
Hawasch ueberschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft,
sah sich ueberall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder
wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhueters der Provinz Ifat, der
seinem Herrn Nachricht ueber die Fremdlinge bringen sollte. Diese
Erscheinung versetzte die begleitenden misstrauischen Danakil in Aufregung,
denn sie argwoehnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europaeer
nicht empfangen.

  [Illustration: Rachen des Nilpferdes.]

Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der _Mamrat_, "die
Mutter der Gnade", mit seinem kuppelfoermigen maechtigen Berghaupte, das
weit ueber die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen
Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man
befand sich jetzt schon 3000 Fuss ueber dem Meere und stand am Eingange des
hauptsaechlichsten, nach Suedabessinien fuehrenden Passes. Eine erfrischende
Brise wehte den Englaendern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und
das Klima so beschaffen, dass sie sich eher in der Heimat als unter die
Tropen versetzt glaubten. Berg ueber Berg, bedeckt mit herrlicher, ueppiger
Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thuermte sich unordentlich ueber dem
andern empor; bis schliesslich die letzten, mit einem glaenzend weissen
Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lueften zu verlieren
schienen. Doerfer und Weiler schauten aus den gruenen Baumgruppen hervor;
reiche Saatfelder erglaenzten in der Sonne und zeugten von dem Fleisse eines
Theils der Bewohner.

Spaeter erfuhr man, dass der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von
dreihundert Luntengewehrtraegern solle die Gaeste am westlichen Ufer des
Hawasch empfangen, allein der _Wulasma Muhamed_, d. h. der hoechste dem
Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut wie der
Koenig selbst duenkte, hatte die Garde zurueckgeschickt, da ja die Ehre
Unglaeubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den
Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten in den Weg, um sie vom Vordringen
abzuhalten, konnte schliesslich jedoch bei der Festigkeit, mit welcher man
gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die Kameele
beladen, um am 16. Juli 1842 in _Farri_, der Grenzstadt der Provinz Ifat,
einzuziehen. Haufen kegelfoermig gedeckter Haeuser, welche auf zwei Huegeln
zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebuehren erhoben wurden, waren die
ersten permanenten Wohnstaetten, welche die Wanderer seit ihrem Abmarsch
von der Kueste als ein Zeichen des Fortschrittes begruessten, denn bisher
waren sie nur auf Nomadenhuetten getroffen. Sowol wegen der nun beginnenden
Hochlande, als wegen des kuehleren Klimas wird hier das "Schiff der Wueste",
das fuer die brennendheissen wasserlosen Ebenen geschaffen ist, als
Lastthier vollkommen unnuetz und muss zurueckgelassen werden. Damit lag aber
auch die Wueste nun zugleich hinter den Reisenden, und als die Danakil,
welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren auch die Leiden und
Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden. Menschen, Klima, Boden,
Thiere, Pflanzen - Alles war anders. Wie wenn ein Zauberer seine Ruthe
ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage veraendert haette, so sah
man die Hochlande Abessiniens jetzt, ueberall nur Kultur bedeckte Flaechen
statt der brennenden Wuesteneien. Jede fruchtbare Bodenerhebung war mit
einem friedlichen Weiler gekroent, durch jedes Thal stroemte rauschend ein
krystallheller Bach, schwaermten Herden. Die kuehlenden Bergwinde wehten den
aromatischen Geruch von Jasminen und wilden Rosen herab, und im
schwellenden Rasen bluehten Tausendschoenchen und Butterblumen. Das Gepaeck
schleppten jetzt 600 kraeftige Muhamedaner, die auf koeniglichen Befehl von
den benachbarten Doerfern gestellt worden waren. Der Koenig, so vernahm man,
war vor Ungeduld ausser sich, die Gesandtschaft zu empfangen und die
schoenen Geschenke zu besichtigen, welche sie mitbrachte.

Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer,
kuehlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom
Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische
Klimate erinnert. Steil fuehrte der steinige Pfad bergan ueber Schluende,
Thaeler und Gipfel, eingefasst von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am
Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern
bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Doerfchen, dessen Bewohner
herbeigestuerzt kamen, um die neue Prozession, die Gaeste des Koenigs zu
sehen, denen Freudenrufe entgegentoenten. Die Frauen waren hier in rothe
Baumwollmaentel gehuellt, die einen angenehmen Gegensatz zu den ledernen
Schurzfellen der Damen in der Wueste darboten. In der 3000 Fuss ueber dem
Grenzorte Farri oder 5200 Fuss ueber dem Meeresspiegel gelegenen Marktstadt
_Alio Amba_, die auf einem scharfen Bergruecken sich erhebt, musste wieder
ein laengerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250 Haeusern mit 1000
muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr verschiedenen Voelkerschaften
rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio Amba liegt, ist nur einer von
den vielen tausend jaehen Erhebungen, in welche das ganze Gebirge nach der
Seite der Ebene hin zerbrochen ist. Gleich schmalen Silberfaeden stroemen
durch die Schluchten zwischen gruenen Gestraeuchen und Feldern die Baeche
hin, und wo ein Fleckchen dem Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen
Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Baumwollen- und Oelpflanzen
angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch in die Berge hinaufragen und
sich allmaelig am Mamrat, "der Mutter der Gnade", verlieren. Dieser die
Gegend beherrschende Pik, der noch in Wolken verborgen war, als unten
schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit einem dichten Walde von Nutzholz
bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000 Fuss ueber dem Meeresspiegel. Der
interessanteste Punkt in dieser Landschaft ist jedoch ein kegelfoermiger
Berg, der mit dunklen Wachholderbaeumen bestanden ist und ganz vereinsamt
sich erhebt. Auf ihm steht die Feste _Gontscho_, die Residenz des Wulasma
Muhamed, in welcher die drei juengern Brueder des christlichen Koenigs -
Opfer eines barbarischen Gesetzes - zeitlebens gefangen gehalten wurden.

Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen laengeren Aufenthalt zu
nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswuerdiger Brief
von demselben an, welcher verhiess, die Fremden bald zu empfangen.
Unterdessen hatten die Europaeer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben
kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage stroemten schon kurz vor
Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig, Baumwolle,
Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf oder Tausch zu
bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle, gefaerbte Garne und
Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den Erzeugnissen seiner
Herde, waehrend der muhamedanische Haendler aus dem Innern Straussenfedern
oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten Gegenden stammen.
Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeesaecke von Kaffa und Enarea liegen
ueberall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere vermehren das Getuemmel der
verschiedenen Voelkerschaften, die hier durcheinander wogen. Fettig und in
ein schmuziges Baumwollengewand gleich einer aegyptischen Mumie eingehuellt
schreitet der Bauer aus der Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt
sein Marktgeld, das in die koenigliche Kasse fliesst. Hier geht laessig ein
Luntengewehrmann von der koeniglichen Garde umher; doch die Eifersucht des
Monarchen verbietet ihm, die primitive Waffe mit sich zu fuehren und sie wo
anders als in der koeniglichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Raeuber
aus den Kuestenstrichen, tritt in die niedrige Huette des Sklavenhaendlers
aus dem Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Maedchen
anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weisse Straussenfeder, das
Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekruemmte
Saebelmesser des Mannes an, der so kuehn ist, keine sklavische Verehrung fuer
den grossen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Gefluegel draengt
sich ein Christenweib durch die Menge. Die Haesslichkeit ihres Antlitzes
wird durch das Ausreissen der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch
gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes
grazioeses Gewand fehlen ihr gaenzlich, denn die Natur scheint sie
absichtlich vernachlaessigt zu haben. Die Maenner der abessinischen
Grenzprovinzen Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach,
unterscheiden sich durch verschiedene Sprache von den echten Abessiniern,
denen sie im Aeussern sonst gleichen, waehrend ihre Frauen wie arabische
Zigeunerinnen aussehen; sie sind schoener, schlanker als ihre christlichen
Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge staeubt
auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von
zahlreicher Dienerschaft, barfuss durch den dicken Strassenschmuz
dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen
zur Genuege seine Wuerde an, die durch den weissen, mit karminrothen Streifen
eingefassten Baumwollenmantel ueberdies kenntlich ist. Die Anordnung seines
Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen und der ueble Geruch der
ranzigen Butter, welche aus all den kleinen Loeckchen hervorglitzert,
verpestet ringsum die Luft. Bis ueber das Kinn verhuellt, sieht man nur
seine Nase und die blutunterlaufenen, von naechtlichen Orgien zeugenden
Augen, aus denen er einen verwunderten Blick auf die weissen Ankoemmlinge
richtet. Im blauen Gewande, mit fliegenden Locken kommt endlich auf
ziegenduerrem Klepper der wilde Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter
aus den grasreichen Ebenen seiner Heimat in die wild zerkluefteten Berge.

Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von Moerdern
heimgesuchten Kuestenstrichen haben, sind die Ursache, dass fast der ganze
Handel von Alio Amba in den Haenden der Danakil liegt, die vom Koenige mit
aller moeglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate langen
Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten und gute
Geschaefte machen - namentlich auch in Menschenfleisch, denn auch hier im
Sueden des christlichen Reiches blueht der Sklavenhandel so gut wie im
Norden, und die Ausfuhr ueber Tadschurra ist noch bedeutender als jene ueber
Massaua.

Vierzehn Tage lang musste die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann
war die Erscheinung des Oberkommandanten der koeniglichen Leibgarde das
erste Zeichen, dass sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit dem
Koenige sollte an einem der naechsten Tage stattfinden, wenn die Kusso- oder
Bandwurmkur Seiner Majestaet vorueber sein wuerde. Denn da gleich allen
Abessiniern auch der Koenig ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so litt er
infolge dessen stark an Eingeweidewuermern, von denen er sich durch
regelmaessig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte.

Nachdem das zahlreiche Gepaeck auf die Traeger vertheilt war, konnte man der
Marktstadt den Ruecken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen. Die
guetige Natur hatte in verschwenderischer Fuelle und Mannichfaltigkeit ihre
Gaben ueber das Land zerstreut und dadurch den laessigen Bewohnern die
meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder laengs des Weges wechselten mit
stillen Doerfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden
herabschiessenden Baechen.

Das suedliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fusse der ersten
Huegelkette, welche allmaelig an Fruchtbarkeit und Hoehe zunimmt. Heftige
Gewitterstuerme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen
Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den maechtigen Wasserfluten
laechelt noch das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu dem
klimatischen und allgemeinen Charakter der heissen Zone, dass der entzueckte
Wanderer sich in seine noerdliche Heimat versetzt fuehlen kann.

Langsam zogen die Reisenden fuerbass, der koeniglichen Sommerresidenz
_Matschal-wans_ zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer
Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, schoss die begleitende Garde
ploetzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den
Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden
Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden
auf die lieblich gelegene koenigliche Residenz, deren kegelfoermige weisse
Daecher ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbaeumen
entgegenleuchteten.

  [Illustration: Sahela Selassie, Koenig von Schoa. Nach Harris.]

Durch gruene, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom,
waehrend die majestaetischen Bergriesen mit nebelumhuellten Gipfeln den
Hintergrund des praechtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhaeuser
waren ueber die gruene Landschaft zerstreut, reiche Felder glaenzten im
reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfaelle bildend, stuerzten die
geschwollenen Wildbaeche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde
war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gaeste
erwartete. Wild und ungestuem draengten sie sich heran, Alles war ihnen neu,
und gleich Menageriethieren starrten sie die weissen Leute an, die weit
ueber das Meer hergekommen waren, um dem grossen Koenige von Schoa Geschenke
darzubringen. Nachdem noch einige Foermlichkeiten erledigt waren, konnte
die Vorstellung stattfinden.

Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des koeniglichen
Palastes und vor ihr oeffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und
ohne den gewoehnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die
hohen, massiven Lehmwaende des Gemaches, ueberdeckt mit Silberzierathen,
Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von
den verschiedensten Groessen, Farben und Mustern deckten die Flur und
Scharen von Hoeflingen, Beamten und hohen Wuerdentraegern standen, bis zum
Guertel entbloesst, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung
ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen
loderte ein Feuer, waehrend in der andern auf einer gebluemten
Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestuetzt
auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-aethiopische Majestaet
Sahela Selassie hingelagert war. Der Thuerhueter (zugleich
Zeremonienmeister) stand mit einem Bueschel Binsen in der Hand vor dem
Koenige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich
der Majestaet nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre
Verbeugungen vor dem Throne und liess sich auf eben hereingebrachten
Stuehlen nieder.

Der Koenig war mit einer gruenseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die
zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit
karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig
unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn
leicht gefurcht und das in hohe Loeckchen frisirte reiche Haar etwas
ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas
entstellt, war der Ausdruck seiner maennlichen Gesichtszuege doch offen,
angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit
und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm
selbst unter den Danakil den Beinamen der "feinen Goldwage" eingebracht
hatte.

Der Gesandte ueberreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt,
sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt
war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen
hereingetragen und vor dem Koenige und den erstaunten Blicken der Hoeflinge
ausgebreitet wurden. Der schoene Bruesseler Teppich, der die ganze
Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten
indischen Schaerpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den
Eunuchen dem Koenig zur naeheren Beschauung in den Alkoven gereicht.
Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender
chinesischer Figuren, und als dann die europaeische Eskorte in voller
Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte,
sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen
"_God save the Queen_" spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen
des Koenigs ihren Hoehepunkt und er erklaerte, nicht Worte finden zu koennen,
um seine Dankbarkeit auszudruecken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als
ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten ueberreicht
wurden. Vor Verwunderung ueberfliessend sagte er nur: "Euch wird Gott
belohnen - ich kann es nicht."

Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien
Platze am Fusse eines Huegels wurde eine grosse Scheibe aufgestellt und nach
dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das gruene Thal
hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der
Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartaetschen die Scheibe und die
Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Koenigs
und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.

Schoene Komplimente von Seiten des Koenigs, Beglueckwuenschungen durch die
Hoeflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte
Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von
dem Wunsche, dass "des Koenigs Kinder es sich wohl sein lassen moechten", war
der naechste Dank. Unerhoert grosse Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch
durch einen Besuch des koeniglichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein,
dass er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich haette verbergen koennen. In
faltige Gewandung und einen Turban eingehuellt, mit dem silbernen Kreuze
geschmueckt, liess sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin
bestanden, seinen Naechsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und
hob an folgendermassen zu reden: "Vierzig Jahre sind verflossen, dass Asfa
Wusen, der Grossvater unsres geliebten Monarchen - sein Andenken ruhe in
Frieden - in einem Traume sah, wie rothe Maenner aus Laendern von jenseit
der See gar merkwuerdige und schoene Dinge in dieses Koenigreich brachten.
Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklaerten
einstimmig, dass Fremdlinge aus dem Lande Aegypten waehrend der erhabenen
Regierung Seiner Majestaet nach Abessinien kommen wuerden und dass noch
maechtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen wuerden.
Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfuellung gegangen. Meine
alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und
waehrend Schoa von sieben Koenigen regiert wurde, sind niemals solche
Mirakel in das Land gebracht worden."

Der Koenig verbrachte den groessten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner
Schaetze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehaeuft hatten. Jeder neue
Gegenstand wurde mit der Wissbegierde eines Kindes untersucht und die
koeniglichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein
Verzeichniss all der schoenen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv
aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das grosse
Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositaeten mit Inschriften versehen,
auf denen fuer kuenftige Geschlechter verzeichnet stand, dass diese Schaetze
ein Geschenk rother Maenner seien, die man "Gyptzis" nannte und die "von
ferne" gekommen seien. Am fruehen Morgen erschien ein Hofpage, um
nachzufragen, wie die Gaeste geruht haetten. Die Etikette erforderte zu
sagen, dass sie sehr gut geruht haetten; allein leider war das Gegentheil
der Fall, denn der Regen war in Stroemen durch das Zeltdach gedrungen und
hatte die Schlaefer arg belaestigt. Noch schlimmer hatten die 600
requirirten Lasttraeger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse,
durchweichte Boden ihre Lagerstaette gewesen. Als der Morgen graute,
schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen
ueberliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und
abgeledert; die Messer der wilden Menge wuehlten in dem blutigen Fleische,
das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh
verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und
in einer Viertelstunde war ausser Hoernern, Hufen und Knochen von den Ochsen
nichts mehr uebrig, sodass selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen
fanden.

Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober
zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Koenige statt. "Meine
Kinder", sagte Seine Majestaet, "alle meine Flintentraeger sollen euch
begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur
wuenschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund
in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will
ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hoert nicht, denn das
ist schlecht."

Froh verliess man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet,
durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten
Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Baeumen,
voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren duestere,
cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so
verstanden es auch die Abessinier, die schoensten Plaetze zur Anlage von
Kloestern auszuwaehlen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen
Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an
seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier grosse
Festlichkeiten unterhalten.

Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem gruenen Huegel
erbaut, die 8200 Fuss ueber dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa's.
Unregelmaessig, bald gross, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen
gestaltet, von gruenen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die
Haeuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Huegels hin.
Diese Wohnungen beherbergten nach Harris' Schaetzung 12,000-15,000
Menschen. Auf dem hoechsten, abgesonderten Theile des Huegels liegt der
unschoene, mit vielen thoenernen Schornsteinen versehene und von Palissaden
umgebene Palast des Koenigs. An ihn schliessen sich zahlreiche Huetten fuer
die Sklaven, Kuechen, Keller, Vorrathshaeuser und Kornmagazine. Baeume,
Buesche und zerklueftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter
Wachholderbaeumen das Bronzekreuz der Kirche "Unsrer lieben Frau"
hervorleuchtete.

_Anko_ war eine Koenigin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach
dem Einfall Granje's bevoelkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade
hinterliess, welcher das "_Ber_" oder Thor zu den Vorstaedten bildet. Daher
bedeutet _Ankober "Thor der Anko"_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit
genug fuer den Fuss des Maulthiers, kann man diesen Pass nur mit dem Gefuehle
der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden wuerden genuegen, um ihn zu
verrammeln und die Stadt fuer jeden Feind unzugaengig zu machen. Laute
Jubelrufe des versammelten Volkes begruessten die Gaeste, denen nun ein sehr
elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung fuer Europaeer
glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fussboden war so, wie ihn
Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst
vieler Arbeit, um die Huette, ueber der man stolz die Flagge Grossbritanniens
aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thuere mit einem Teppich verhangen
hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniss in dem Raume: die
Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus
den koeniglichen Vorraethen dargereichten, mit Wachs getraenkten Dochte das
einzige Beleuchtungsmaterial der Gaeste. Und diese elenden Kerzen waren ein
Handelsmonopol des Fuersten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den
Aufenthalt recht ungemuethlich zu machen, stuerzten Tausende von
blutduerstigen Floehen ueber die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die
Schoenheit der Natur bewundert und vom Koenige freundlich empfangen worden
waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten.

In der Nacht brach unter Donner, Blitz und stroemendem Regen ein gewaltiger
Sturm ueber Ankober los, der die Erde mit einer wahren Suendflut
ueberschuettete; jeder Fluss stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden
Bache und tausendfaeltig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als
am naechsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte,
entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europaeer. Tief
unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in
den Thaelern. Man stand ueber diesen Wasserdaempfen, aus denen nur die
Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank
in die Hoehe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch
Kleider und Mauern hindurch.

Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muss, der
in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche
speziell abessinische Uebelstaende. Die nothwendigsten Lebensmittel waren
trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die
gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann,
sich Sklaven haelt; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die hoechsten
Preise zu miethen, und fuer das kleinste Geschaeft musste eine Menge
kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst fuer die Abessinier
keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten
muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre
Entlassung und kehrten durch das heisse Kuestenland nach Tadschurra zurueck,
wobei die Haelfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen
Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, dass sie unermessliche Portionen
rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei
verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollfuehren zu koennen.
Ausserdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher
alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darueber an den Hof
berichten musste. Am gefaehrlichsten wurde den Gaesten jedoch die Feindschaft
der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete
und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen
und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese
Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Geruecht aus, die Englaender seien
als Spione einer grossen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen,
welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Koenigreich zu
erobern und den abessinischen Glauben zu zerstoeren.

Waehrend alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der
Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der Koenig in
seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit
Pflanzenoel und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in
Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen
hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die
Englaender mit Sr. Majestaet zusammen, so pflegte er zu sagen: "Es giebt in
meinem Lande sehr schoene Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und
wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen." Fortwaehrend
waren die Fremden mit allerlei Auftraegen des Koenigs beschaeftigt: bald
mussten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald
Kleidungsstuecke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles
wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgefuehrt. Auch als der Koenig einmal
unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch
musste diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in
bestaendiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne
Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug,
fuerchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gaesten, die selbst mit
geladenen Flinten in seiner Naehe stehen durften, auch wenn keine Diener
bei ihm waren; bei diesen Zusammenkuenften liess er Portraets zeichnen, Plaene
zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine
wurden mit Granatschuessen in die Luft gesprengt, siebenlaeufige Pistolen
zuerst bei Hofe eingefuehrt und ihm ein grosser Respekt vor den Windbuechsen
eingefloesst, deren Wirkung er fuer das Merkwuerdigste erklaerte, was er all
sein Lebtag gesehen hatte.

Wieder einmal waren die Englaender zum Koenig beschieden, der mit ihnen ueber
einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und
Silberarbeiter sassen unter der Veranda der Residenz, Kuenstler malten
Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Saettel und allerlei
Kriegsgeraeth wurden unter den Augen des Fuersten reparirt, Speere und
Flinten gereinigt - doch alle diese Handwerker wurden vom Koenige schleunig
entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu koennen, der
schliesslich nicht ausgefuehrt wurde. So schlich der traurige Winter hin.
Unterdessen begannen die Haendler, welche sich durch die Ankunft der
Englaender beeintraechtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei
abenteuerliche Geruechte gingen um. Die Gyptzis, so hiess es, verzehrten
Schlangen, Maeuse, Spinnen und aehnliche Thiere, und waeren im Begriff, durch
magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente
erregten gleichfalls Argwohn; doch der Koenig hoerte nicht auf diese
Verdaechtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreissen zu
lassen, und kuemmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit
dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa's glaubten dem gegenueber im
vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkuendigten, Sahela Selassie wuerde
wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben
verlieren.

Als der Winter vorueber war, brach der Koenig nach _Debra Berhan_ auf, einer
Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte
ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man
wieder durchzog, voller Sturzbaeche, Klippen und schoener Baeume. An einem
Fluesschen traf man das einzige Maschinenwerk des Koenigreichs - eine rohe
Wassermuehle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die
Priester erklaerten dieselbe fuer ein Werk des Teufels, und nachdem die
Muehle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die
Teufelsmuehle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und
steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zufluesse
des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des
Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuss ragte der
hohe _Mamrat_ ueber diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem
13,000 Fuss hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort fuer denselben suedlich von
den kalten Bergen Semiens in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie
verschieden ist doch das Schicksal der Gewaesser, die von dieser Bergkette
nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die
nach Ankober zu gelegene Seite faellt, wendet sich nach kurzem Laufe dem
Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwueste der Aussalagune
zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der
Gewaesser im Westen. Dort finden viele kleine Baeche ihren Weg zur Dschumma,
die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergiesst, der, durch den Goldsand von
Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weissen Flusse vereinigt, bei
Meroe, Theben und den stattlichen Pyramiden vorueberfliesst und seinen
Beitrag zur Bewaesserung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers
liefert!

Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Stroeme, ueber deren einen eine rohe
Steinbruecke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers fuehrte, folgten nun;
dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von
Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein
Kusso, war zu erblicken; doch sind spaerliche christliche Ansiedelungen
hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die
Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen gruenen Baeumen
leuchteten die weissen Gebaeude von Debra Berhan hervor. "Willkommen meine
Kinder, wie geht's euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?" so lautete
der Empfangsgruss, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier
die Gaeste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und
mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder.

Keine andere fuerstliche Residenz kann in jaemmerlicherem Zustande sich
befinden als Debra Berhan, "der Huegel des Ruhms". Es besteht aus elenden
Gebaeuden, deren ohne Moertel zusammengefuegte Mauern einzustuerzen drohen.
Palissaden umgeben das Ganze und schliessen den mit Rasen ueberzogenen
Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt
dient. Hier hat der Koenig eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in
welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen
entgegenklingt; auch die Gesichtszuege deuten auf verschiedene Rassen, und
nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige
heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen
gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gaeule, traegt er eine
ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Muehe bewaeltigen
koennten. Fuenfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der Koenig fuer dies
ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt
wurde. Er hat hier ein ganz gemaechliches Leben, vollauf zu essen und dient
als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden.
Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemueth noch nicht
der Geist der Unabhaengigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und
gekruemmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene.
Schwermuethig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Buerde und denkt an die
Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen
nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen
schwere irdene Wasserkruege auf dem Ruecken und singen leise ein trauriges
Lied, das wol von der Heimat erzaehlt, von Gurague. Es sind Christinnen,
alles schoene, schlanke Maedchen, weit schoener als ihre Tyrannen, das
rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmueckt und in den langen
Augenwimpern haengt eine Thraene der Wehmuth. - Hinter ihnen folgen einige
bevorzugte Damen, in Staatsgewaendern mit rothem Rande - sie haben laengst
das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die
koeniglichen _Braugesellen_; silberne Knoepfe in den Ohren, zu ungeheurem
Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie koennen plappern und
schwatzen soviel sie wollen, aber ueber einen gewissen Raum duerfen sie
nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine
traurig, der andere froh - so leben die Menschen im Sklavenraume des
Koenigs. -

Ein Monat war in dem kuehlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan
verflossen, als der Koenig beschloss, seine jaehrliche _Truppenmusterung_
abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen
lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Kaelte sich schuettelnde Kameele,
die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzuege
waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur
Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rueckten mit Fackeln in den
Haenden die koeniglichen Garden vor das Zelt Sr. Majestaet, um dort zu Ehren
der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzufuehren. Praechtig nahmen sich die
mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere
unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang
anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unkoeniglich war das
Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und hoechst unfuerstlich die bei
Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und knoecheltiefer Schmuz
herrschte ringsum; der Thuerhueter zerschlug einen Stock nach dem andern auf
den Koepfen des herbeidraengenden heftigen Volkes, das nicht einmal still
wurde, als Seine Majestaet sich in der Thuer des Banketsaales niederliess.
Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu
achten, dass ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den Koenig niederfiel.
Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, fuehrten die
Scharen der Vasallen, der Priester, Moenche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer
zum Fuersten, der von jedem ein Geschenk empfing, sodass Honig, Butter,
Perlen u. s. w. bald in grosser Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der
Unordnung wichen der hoeher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der
britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Koenige aufzog, der
in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der
hoeheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasass.
Zunaechst rueckten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch ueber
ihrem Haupte Buendel abgeschaelter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen
trugen. Sie begruessten die Rueckkehr der Bluetenzeit, "wenn die Floehe
wiederkommen und die Fliegen erscheinen", mit Gesang, der lauter und
lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Buendel wurden dann auf einen Haufen
vor dem Throne niedergelegt, waehrend die in Thierfelle gekleideten Fuehrer
dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht
aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien
schlossen.

  [Illustration: Truppenmusterung des Koenigs von Schoa. Nach M.
  Bernatz.]

Hierauf wurden die englischen Gaeste zu einem mit bunten Teppichen
ausgekleideten Pavillon gefuehrt, von dem aus der Koenig mit seinen
Wuerdentraegern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte
Reitermassen, waehrend in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein
grosser Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem gruenen Rasen
aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich
Schildkroeten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten
grosse Feldschlangen von ungewoehnlichen Dimensionen mit Zuendkraut und Lunte
zu bedienen. Nun begann die _Revue_ mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu
Fuss, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen
bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebruell des
Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in
Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen,
kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als waeren sie in Bereitschaft,
anrueckende Reiterei zu empfangen, waehrend ein graukoepfiger Veteran tanzend
vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu
stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde.

Nachdem diese Truppe abgetreten war, rueckte die glaenzende Schwadron der
berittenen Lanzentraeger, die Bluete der schoanischen Kavallerie, heran.
Kuehn sprengte an der Spitze, auf schoenem Ross, mit einem rothen Fell ueber
der Schulter, der Fuehrer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer
Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten,
sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorueber nach dem Scheiterhaufen
zu, wo die grossen Kesselpauken ertoenten und die Feldschlangen losgebrannt
wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den
Englaendern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfuender, welcher von
Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben
erschallte und weisse Rauchwolken in die Luft stiegen, wie man sie bisher
nur von brennenden Doerfern gesehen - da kannte die Verwunderung der
wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Loewen- oder
Leopardenfelle gekleidete Gouverneure fuehrten nach und nach ihre Truppen
vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen,
Hoeflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth ueber das rohe
Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen.

Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel,
das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr waehrte, hinterliess einen
wilden und ungewoehnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der
Leute war vorzueglich und unter guter Fuehrung von ihnen Tuechtiges zu
erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Koenige wie dem
Volke von Seiten der Englaender noch ein Schauspiel geboten, von dem jene
sich nichts traeumen liessen. Praechtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen
Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem
Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor
den Gaesten, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und
mehr. Schliesslich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezuendet,
und die Fackeltraeger fuehrten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes
einen Tanz auf.

                              --------------

_Angollala_, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegruendet und
vom Koenige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin
begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter
bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezaeumten Maulthiere
ritt. Vier- bis fuenfhundert runde Huetten mit rohen Steinmauern und
Strohdaechern bedecken die Abhaenge einer Anzahl flacher Huegel, die ein
grosses Viereck einfassen. Auf der Spitze des hoechsten Huegels steht der von
sechs Reihen Palissaden beschuetzte koenigliche Palast, aus dessen Mitte ein
zweistoeckiges, finstres Gebaeude hervorragt, das ein Albanese erbaute und
welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle
uebrigen Gebaeude Schoa's ueberragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und
"Erdbeben", so meinte Se. Majestaet, "sind ein uebles Ding, denn sie werfen
Haeuser und Menschen um".

Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinauffuehrte, begruesste eine
dichtgedraengte Menschenmenge den Koenig und seine Gaeste mit lautem
Jubelgeschrei. Kuechen, Vorrathshaeuser und Brauereien lagen rings um das
Gebaeude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den
Frauengemaechern und einzelnen Zellen ein merkwuerdiges, aber keineswegs
imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot fuehrte seine Gaeste in den ersten
Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fussboden, der mit
frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an
welchem sich behaglich mehrere Katzen waermten, die in keinem koeniglichen
Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige
Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weissgetuenchten Waende aus.
"Ich habe euch", hub der Koenig an, "hierhergefuehrt, um euch zu zeigen, was
mir fehlt. Diese Gemaecher muessen ausgeschmueckt werden, und ich wuensche,
dass euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren
Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt koennen meine Kinder sich
entfernen."

Die Naechte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs
angenehm; sie froren ungemein und wussten sich kaum vor der Kaelte zu
schuetzen; in der Fruehe hatte regelmaessig weisser Reif die Wiesen ueberzogen.
Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um
den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knoecheltief oder in grossen
Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der
Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor
Sonnenaufgang weckt das Gekraeh von tausend Haehnen die dennoch etwa sich im
Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird
durch das Gebruell des um alle moeglichen Dinge petitionirenden Volkes
aufgestoert, welches unter dem Rufe "Abiet! Abiet! Meister! Meister!" mit
dem Fruehgrauen sich zum Palaste draengt. Lernten Harris und seine Gefaehrten
auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt
daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen.

In der Umgebung Angollala's befindet sich das Naturwunder Schoa's, die
_Schlucht der Tschatscha_, zu welcher der Koenig eines Tags seine Gaeste
hinfuehrte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da
sein Lieblingsross, das er in der Schlacht einem maechtigen Galla-Haeuptling
abgenommen hatte und das seinen Stall in der koeniglichen Bettkammer hatte,
durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. "Was denkt ihr von
meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?" so redete
der Herrscher seine Gaeste an, als er sie an Ort und Stelle gefuehrt hatte,
und in der That liess sich schwerlich eine grossartigere und schauerlichere
Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die
gruenen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch
niedrige, kahle Huegelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Baeche dem
tief unten gaehnenden Erdriss zustroemen, welcher den Boden gleich einem
gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt
dieser Schlund ploetzlich 1000 bis 1500 Fuss tief und ueber eine
Viertelstunde breit urploetzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem
Gestein bestehenden Seitenwaende sind duenn mit zartem Moose und
suessduftendem Thymian ueberzogen, und nur wenige armselige Huetten sind auf
einzelnen vorspringenden Terrassen der Waende angebracht, die sonst in
ihren duestern Hoehlen den Woelfen und Hyaenen Schlupfwinkel darbieten,
waehrend hoch oben ueber dem gaehnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise
in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevoelkert aber den Spalt
mit allerlei Unholden, waehrend der Koenig nicht mit Unrecht in ihm die
beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief
unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend
kleinen Wasserfaellen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren
Tribut dem maechtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas
erweitert, liegen die koeniglichen Eisenwerke von Gurejo. Hier wird auf
rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich
gutes Eisen gewonnen.

  [Illustration: Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M.
  Bernatz.]

In einen dunkelgruenen Wachholderhain eingehuellt, erhebt sich auf einem
Huegel am jenseitigen Ufer das stille Staedtchen _Tscherkos_, dessen
Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, ueber tausend an der Zahl, in
einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Fuehrung des
Rebellen _Medoko_ hingeschlachtet wurden, zur Rache fuer eine ihm am Hofe
zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schoene Mann, auf den alle
Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat einst vor
den Koenig hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen, 20
Sklaven und zwei grosse Koerbe voll Silberthaler, die gnaedig angenommen
wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat,
wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnoede misshandelt; der Beichtvater
des Koenigs trat ihm in das Gesicht, dass das Blut herunterlief, und die
Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er wieder
zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen herbeieilten
und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der Fuehrung ihres
Koenigs rueckten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam es zur
blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in die
geheiligten Asylraeume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher waehnte.
Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen die
Verzeihung des Koenigs ueberbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen hiess.
Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglueck. Neuer Verrath wurde gegen ihn
gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein Lager, um
ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der
verwundete, riesenkraeftige Loewe auf, ein Blutbad unter seinen Moerdern
anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre
trauerte, erschien er aber als Heros und Maertyrer, und die Fehden zwischen
Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang.




                                Die Galla.


Die Galla sind ein schoener Menschenschlag, dessen Physiognomie kaukasisch
ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen Sprachen ab,
aber in Konjugation, den Fuerwoertern und vielen anderen Woertern verraeth sie
doch einen semitischen Charakter und bildet mit den Sprachen der Danakil
und Somalen eine eigene Familie des semitischen Sprachstammes. Von ihren
zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und Isenberg ueber fuenfzig
herausgefunden, welche fast alle voneinander unabhaengig sind, hier und da
in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe Sprache reden und
urspruenglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber ihre Herkunft
bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba, oestlich von
Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr
unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf
in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: "Eine koenigliche Prinzessin von
Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel's im 14. Jahrhundert, als die
Koenigsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der ein
Hirte war aus dem Sueden von Gurague, und gebar ihm sieben Soehne, die alle
das Geschaeft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie
erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der Raub-
und Pluenderungssucht hin, sodass sie zuletzt die Abessinier beunruhigten."
Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Gurague am Flusse Galla
lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die Abessinier und
andere umwohnende Voelker sie benennen. Sie selbst aber heissen sich
Ilmorma, Menschenkinder. Spaeter, nachdem Granje mit seinen muhamedanischen
Horden Abessinien verwuestet hatte, liessen sich mehrere Staemme von ihnen in
Schoa nieder. Spaeterhin wiesen die neuen Koenige von Schoa den
Wollo-Staemmen, die entweder damals schon den Muhamedanismus angenommen
hatten oder dasselbe spaeter thaten, die Nordgrenze von Schoa an, wo sie
bis 1856 eine Schranke bildeten, welche die Verbindung zwischen diesem
Lande und Abessinien erschwerte, bis Koenig Theodoros II. Schoa und mit ihm
die Wollo-Galla unterwarf. Diese noerdlichen Galla sind fanatische
Muhamedaner geworden, waehrend es den christlichen Abessiniern nicht
gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu machen. Auch diesen
heidnischen Galla gegenueber bewaehrt sich wieder die afrikanische Regel:
Der Islam siegt ueber das Kreuz.

Die urspruengliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren
ein hoechstes, unsichtbares Wesen, welches sie _Wak_ (Himmel) nennen. Ihn
betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher
richten sie ihre Gebete hauptsaechlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte
Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persoenlichkeit zu und
glauben, dass er sich ihren Priestern im Traume offenbare, dass er zu ihnen
rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, dass er
ueber Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch
steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehuelfen,
deren eine _Oglia_, maennlich, deren andere _Atete_, weiblich ist.
Letzteren beiden feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen
Opferthiere, Ziegen und Huehner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und
ihren Willen durch Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren
suchen. Die Feste des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im
September gefeiert. Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie grossen
Sabbat nennen, zum Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen
Sabbat heissen. Gewisse Baeume sind den Galla heilig; unter diesen opfern
sie und verehren ihre Goetter. In besonders grosser Achtung steht ein grosser
Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im suedlichen Schoa. Hier
versammeln sich jaehrlich ihre Priester und Grossen von mehreren Staemmen, um
Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heisst
Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten Staemmen;
nur Weiber duerfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter welchem dem Wak
jaehrliche Opfer gebracht werden, heisst Riltu. Waehrend sie opfern beten
sie: "O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns, unsere Feinde zu
toedten. O Wak, fuehre uns zu dir, fuehre uns zum Paradiese und fuehre uns
nicht zum Satan". Auch der Ahorn und der Wanzabaum werden fuer heilig
gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere wird namentlich
zur Entscheidung von Krieg und Frieden angewandt. Sie nehmen das Fett aus
der Bauchhoehle, legen es auseinander und bestimmen die eine Seite fuer die
Galla, die andere fuer ihre Feinde; die Seite nun, auf welcher das meiste
Blut in den Adern sich befindet, erhaelt den Sieg. Die beiden
Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder ueber eine Menge
unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und boese
Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und Opfer
dargebracht. Zur Ausuebung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha) und
Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die
Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum
Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und
zieht damit im Lande herum. Merkwuerdig ist, dass ein ganzer Stamm der Galla
fuer heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die ueberall frei
umhergehen, segnen oder fluchen duerfen, ohne dass ihnen Jemand ein
Hinderniss in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze urspruenglich
reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehoerigen heirathen nur unter
sich. Sie kennen kein anderes Geschaeft als Segnen und Fluchen, und weil
Alles in dem Glauben steht, dass, was sie sagen, eintreffen muesse, so sind
diese Leute sehr respektirt. Kein Galla laesst einen Wato zu sich ins Haus
kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich zeigen, vor
die Haeuser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch fuerchtet.
Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des Flusspferdes,
welches in grosser Menge im Hawasch vorkommt.

Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen
entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, "dass alle von
einem Blute herkommen". Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab
geheissen; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele
gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwuere verrichten die
Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den
Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie
mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwoeren nun, dass, falls
sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube stuerzen, ihre
Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungeraecht und unbegraben liegen
bleiben moegen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten
werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Staemmen selten zu sein
scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla,
so bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von
ihrem Manne, so behaelt der Mann das Heirathsgeschenk. Gewoehnlich heirathen
sie drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die
Witwe oder Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal
durch den Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Doerfer. Toedtet ein Galla
einen Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch
viel Ruhm, toedtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getoedtete
ein Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da
abessinische Christen nebst den sie umgebenden Muhamedanern keine Muehe,
keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Soehne und Toechter als profitable
Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist's
natuerlich, dass sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische
Fuersten wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten,
mit dem Schwerte aufdringen; abessinische Moenche wagten ihr Leben selbst
daran, ihnen den Genuss des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den
Abessiniern fuer unrein gehaltenen Speisen und Getraenken, abzuschneiden,
und dafuer nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere
Observanzen aufzubuerden; kein Wunder, dass sie sich gegen Beides mit aller
Macht wehrten. Sie haben die Idee, dass sie sicher bald sterben muessen,
wenn sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten
Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an,
dann ruft das Volk einstimmig: "Moege er bald sterben, moege er bald
sterben."

  [Illustration: Eine Galla (die Frau Eduard Zander's).
  Originalzeichnung von E. Zander.]

Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht
aufgehoert. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer
wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen Heiden
und fuellen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern, welche sie
fuer die Menschenwaare erhalten.

Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemme, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat,
an der Grenze zwischen Abessinien und dem aegyptischen Sudan. Baker
besuchte dort 1862 die Sklavenhaendler. Sie wohnten in grossen Mattenzelten
und besassen viele junge Maedchen von ausserordentlicher Schoenheit, deren
Alter zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswuerdigen
Gefangenen mit einer schoenen braunen Farbe, zart geformten Zuegen und
Gazellenaugen waren Gallamaedchen, welche aus ihrem Vaterlande an den
abessinischen Grenzen von abessinischen Haendlern hierher gefuehrt wurden,
um in die tuerkischen Harems verkauft zu werden. So schoen diese Maedchen
sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und kraenkeln und sterben bald,
wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus
unter ihnen, und nicht genug, dass ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet
schoen sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die groesste
Anhaenglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas
eigenthuemlich Gewinnendes in der natuerlichen Anmuth und Milde dieser
jungen Schoenheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefuehlen, welche unter
rohen und rauhen Staemmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben.
Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Haende und Fuesse
namentlich ausserordentlich zart. Die Nase ist gewoehnlich leicht gebogen
und mit grossen und schoengeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und
glaenzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken
hinunter. Obgleich diese Maedchen aus den Gallalaendern sind, bezeichnen sie
sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein
bekannt. Sie sind ausserordentlich stolz und hochgesinnt und lernen
merkwuerdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten
Europaeer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Maennern
ohne Ausnahme grosse Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der
Preis fuer eine dieser Schoenheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre
nach Baker's Aufenthalt (Maerz 1865) scheint aber der Handel mit
Gallamaedchen in Metemme fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare
vom Weissen Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher
damals dort war, bemerkt: "Die in frueheren Zeiten massenhaft fuer die
Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Maedchen
kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das
abscheuliche Treiben fast ganz aufgehoert" (?).

Jedenfalls stehen die Gallamaedchen weit ueber den lasterhaften
Abessinierinnen und vermoegen nach Umstaenden wohl auch einen Europaeer zu
begluecken. Lassen wir darueber einen Brief Eduard Zander's vom 27. Juni
1854 reden: "Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des
Regenten Ubie verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes
Beistand auch ein Toechterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen
Charakters, weiss und blond, sehr wohlgestaltet und schoen und erhielt in
der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. - Zwanzig
Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubie eine grossartige
Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kuehe
abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floss in
Stroemen. Auch ich war besonders von Ubie eingeladen worden; bei ihm
angelangt, befahl er sofort, dass ich mich neben ihn auf seine Alga setzen
sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt fuer die groesste Auszeichnung bei
Hofe, welche nur den Mitgliedern des hoechsten Adels zu Theil wird. Ubie
hatte mich im Laufe der Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen,
sodass ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu
jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er
ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach
allen moeglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei?
Offen und rund heraus erklaerte ich ihm denn, dass die Toechter seines Landes
mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem
schaetzten, fehle, naemlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete
mir Ubie, sie taugen alle nicht fuer dich, denn du bist ein ordentlicher
Mann. Ich werde selbst fuer dich sorgen und dir eine passende Frau
aussuchen. Kaum waren fuenf Monate vergangen, so erfuellte Ubie bereits sein
Wort. Waehrend dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten
ausgesandt, die fuer mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber
hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische
Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhaendler befand, welcher
sieben schoene Sklavinnen feil hatte. Ubie liess sich die Maedchen vorfuehren
und suchte unter allen sieben die schoenste aus, um sie mir zum Weibe zu
schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der
Regent oder Oberhaeuptling des Landes heisst Ababokiwo. Meine Frau zaehlt
jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von
Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders
auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend."

In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht
eindrang, ist der Galla ein freier, unabhaengiger Mann, dem nur der
Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Haeuptling oder Heiu zu
befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins
Privatleben zurueck, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem
Muthe und Talent, gewaehlt wird. Sein Geschaeft besteht darin, dass er durch
den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates
schlichtet und unterstuetzt und namentlich ueber Krieg und Frieden
entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhaelt,
verpflichtet, ihn zu unterhalten.

Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine
bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum
Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anstaendig
begraben, das Grab mit schoenen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf
gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten
verzehrt. Sobald die Aloe ausschlaegt, glauben sie, die Seele des
Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, dass auch
in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden
wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren
besonderen Ort, um die guten oder ueblen Folgen ihres Verhaltens in dieser
Welt zu geniessen. Die Luege scheint bei ihnen verpoenter zu sein als bei
ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Luegner ertappt, so
verliert er Sitz und Stimme in den oeffentlichen Versammlungen und wird der
Verachtung preisgegeben.

Was im Vorstehenden ueber die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den
Berichten Krapf's und Isenberg's entlehnt. Das Volk erscheint uns nach
diesen Mittheilungen weit liebenswuerdiger und besser als seine
abessinischen Bedruecker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen
die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das
Schmaehlichste verwuesten, darueber koennen wir uns am besten unterrichten,
wenn wir abermals der Erzaehlung des Major Harris folgen.

Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela
Selassie keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der
oeffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzuege oder auf die
Unterdrueckung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der
Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch
aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart
derselben sollte ihm Kraft, seinen Voelkern neuen Muth verleihen. Nur fuer
20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schliessen
wollte, dass das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in
grosser Aufregung und alle Handwerker damit beschaeftigt, die Waffen in
Stand zu richten, waehrend im koeniglichen Arsenale Tag und Nacht grosse
Thaetigkeit herrschte. Bei dem aberglaeubischen Charakter der Abessinier war
vorauszusehen, dass erst das Schicksal befragt und nach guten oder boesen
Vorzeichen geforscht werden muesste. Priester und Moenche hatten in dieser
Beziehung alle Haende voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom
Sattelknopf, die Erscheinung eines weissen Falken sind unguenstige Zeichen,
waehrend ein paar Raben Glueck verheissen. Auch das Heulen der Hunde waehrend
der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schluesse zu ziehen. Endlich brach
man auf und zwar in der groessten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu
machen, damit die zahlreichen Nachzuegler sich sammeln konnten. Vor der
Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die
Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Ruecken eines
Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen
Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezaeumtem Maulthiere der
Koenig, umgeben von seinen Luntengewehrtraegern und den Musikanten mit
Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure,
Offiziere, Moenche, Priester und zuletzt - das Sonderbarste von allen: 40
Frauen und Fraeulein, welche die koenigliche Kueche zu versorgen hatten.
Soweit das koenigliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke,
soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fusse, Saumrosse, Esel,
Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie grosse Scharen
Weiber anschlossen, die maechtige Toepfe mit Bier und Honigwein auf dem
Ruecken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese
Masse sich niederliess, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im
Durchmesser ein, in dessen Mitte das koenigliche Zelt und dabei die Kueche
stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmassregeln war aber, selbst
als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig
Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male
in praktischen Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des
Koenigs Wunsch die Englaender allabendlich steigen liessen, um die Galla
durch den Feuerregen derselben zu schrecken.

Frueh am Morgen erschallten die _Nugarits_ oder Trommeln, um die
Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die
Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den
Beinen. Das militaerische System Schoa's ist ein rein feudales, da jeder
Gouverneur des Reiches im Verhaeltniss zu dem ihm unterstehenden Lande ein
Kontingent zu stellen gezwungen ist. Ausser den Pferden, Waffen und
Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Koenigs
bekommen Zahlung, naemlich 8 Amolen (Salzstuecken) im Jahre, etwa 18
Groschen im Werthe, ausser der Bekoestigung, wie sie jeder koenigliche Sklave
auch erhaelt. Dass in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin
herrscht, laesst sich denken. Ohne Ruecksicht fuer die der Reife
entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, waelzte sich die Schar,
einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in
suedwestlicher Richtung weiter, ohne dass die Einzelnen wussten, wohin der
Raubzug eigentlich gehe, denn der Koenig bewahrte das Geheimniss seines
Zieles so streng, dass nicht einmal seine hoeheren Offiziere davon
unterrichtet waren.

Nichts konnte einfoermiger sein als der Landstrich, den man zuerst
durchzog. Weite, grasige, wellenfoermige, mit Feldern durchsetzte Ebenen,
ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene
kleine Baeche und Fluesse, die dem Nile zustroemen, wurden ueberschritten, und
Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung
einmal gehen, stieg ab und liess sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber
bald im Kothe stecken blieben, sodass der Koenig schliesslich vorzog, gleich
seinen Unterthanen barfuss einherzuschreiten. In der weiten, von Huegeln
umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde ploetzlich der Befehl ertheilt, das
Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszupluendern. Sogleich rueckten im
vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die
Doerfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager.
Fortwaehrend herrschte die groesste Unordnung im Heere, das nur in losen
Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer
geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten
Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden-
oder Loewenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten
die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges
Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu
Grunde, da es in der Nacht gewoehnlich fror.

An der 1200 Fuss hohen Gebirgskette _Garra Gorfu_ war endlich das Ziel
erreicht. Langsam zog die Armee zum Ruecken der Berge hinauf, waehrend
rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer
Breite von vier bis fuenf und einer Laenge von etwa zwoelf Stunden bilden die
mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil
und Hawasch; an ihnen wohnen die _Sertie-Galla_, die sich seit langer Zeit
schon in offenem Aufstande gegen den Koenig befanden, d. h. sie hatten die
verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben
abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der
Rache fuer den verweigerten Gehorsam.

Gleich einem angeschwollenen Strome ergoss sich das Heer ueber die
friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Boeses ahnten, und nun rueckten
15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der
friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschaeftigung nach
und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. "Moege der Gott, welcher der
Gott meiner Vaeter ist, uns staerken und verzeihen!" sprach wuthfunkelnden
Blickes der christliche Koenig und gab damit das Zeichen zur Verwuestung.
Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch
verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach
Fluechtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgefuehrt;
alte und junge Maenner erbarmungslos erschlagen und die Herden
weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und
Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und
niedergespeert; Unglueckliche, die auf die offene Ebene sich fluechteten,
gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjaehrige
Kinder, welche auf Baeume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Voegel
vom Baume schiesst. Nach Verlauf von zwei Stunden verliess das Heer wieder,
mit Beute beladen, das verwuestete Thal. Da, wo die Staette eines
friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glueckliche Menschen gewohnt, hoerte man
nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das
Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne
herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so
war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlaechterei -
selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn.

Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar.
Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten
laut die Rosse, bruellten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die
gefangenen Gallamaedchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger,
welche ihre Haende in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten,
funkelten durch die Nacht; erst allmaelig erstarb der wueste Laerm, und die
Nacht deckte ihren dunklen Schleier ueber die barbarischen Scenen des
Tages.

Nach dieser blutigen Fehde hielt der Koenig seinen triumphirenden Einzug
erst in Angollala, dann spaeter in der Landeshauptstadt Ankober, welche er
seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht
hatte. Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von
den koeniglichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern,
Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die
jubelnde Stadt ein, deren Daecher, Palissadenzaeune und Strassen mit einer
dichten Menschenmasse erfuellt waren. Der Laerm und die Musik dauerten so
lange an, bis der Koenig und sein Gefolge den steilen, gewundenen Pfad zum
Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten
Hofraume Platz genommen hatte. Hier liess sich Se. Maj. in einem erhoehten
Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertoente wieder die grosse Pauke und
dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Haende zu
klatschen, waehrend eine Taenzerin vor dem Herrscher ihre Spruenge machte und
ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers
geendigt und z. B. gesagt, dass der Fuerst, der stets ueber seine Feinde
triumphirt hatte, niemals seine koenigliche Stirn mit einem schoeneren
Siegeskranze geschmueckt haette als gerade jetzt, wandte sie sich nach der
Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die
Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Grossen des Reichs, die
Haeuptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Haende und die vor
dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen
Siegesjubel, waehrend, um die Freude voll zu machen, die britischen
Artilleristen ihr Geschuetz abbrannten.

  [Illustration: Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.]

Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem Palaste
steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassie das heilige Abendmahl und
stattete Gott ein Dankgebet fuer den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade,
die ihm im Kriege Glueck gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession
an ihre alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen reichlich
Almosen gespendet. So schloss das Siegesfest.

Mit Erlaubniss des Koenigs unternahm die britische Gesandtschaft
verschiedene Streifzuege durch das Land, namentlich in die noerdlichen
Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem
_Abschlusse eines Handelsvertrages_ mit Schoa, immer naeher, gegen den der
Koenig sich anfangs sehr gestraeubt hatte. Die Artikel wurden sauber auf
Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung bestimmt.

Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den
Wuerdentraegern seines Reiches. Das kuenstlerisch ausgestattete Dokument, auf
dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa's Wappen und das koeniglich
englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassie in englischer
und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch
solche, welche eine foermliche Umwaelzung in vielen der bisher in Schoa
geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone, das
Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich
aneignen zu koennen, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden
gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurueckkehren
zu duerfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der koenigliche
Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela
Selassie's, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte,
welche lautet: "So geschehen und beschlossen zu Angollala, der
Galla-Hauptstadt Schoa's, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und
Siegel hier beisetzen, Sahela Selassie, Negus von Schoa, Ifat und der
Galla." In Gegenwart hoher Beamten drueckte dann der Schreiber noch das
koenigliche Siegel - ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist -
unter den Handelsvertrag, der dem Kapitaen Harris vom Koenige mit folgenden
Worten eingehaendigt wurde: "Ihr habt mich mit koestlichen Geschenken
erfreut. Das Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die
vielen Merkwuerdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der
grossen Halle haengen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch
dagegen bieten? Mein Koenigreich ist so viel wie Nichts."

Kurze Zeit darauf wurde der Koenig, dessen Lebenswandel nicht der solideste
war, wieder einmal sehr krank und liess die englischen Aerzte rufen, um ihn
zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er fasste,
gleichsam um die Vorsehung mit sich zu versoehnen, den Entschluss, alle
seine maennlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefaengniss zu Gontscho
bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu
durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron
errichtet hatte. Die Koenige von Schoa naemlich hatten, nach erlangter
Unabhaengigkeit von den uebrigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht, dass
Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brueder in ein
Staatsgefaengniss einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine
Mitbewerbung um den Thron zu fuerchten war, behielten ihre Freiheit. Dass in
einem despotischen Staate wie Schoa sich allerdings eine solche Massregel
empfehlen konnte, geht aus der frueheren Regierungsgeschichte des Koenigs
Sahela Selassie hervor, da einer seiner Brueder, der die Freiheit behalten
und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das Moenchsgewand dazu
benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen anzustiften. Die Koenige von
Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur das Verfahren der
sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im Allgemeinen sich zum
Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese Sitte in Amhara und
Tigrie abgeschafft. _Seitdem herrschte aber dort auch bestaendiger
Buergerkrieg._

Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigniss, welches die britische
Gesandtschaft waehrend ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte,
denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung.

Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die Gesandtschaft
in Schoa unfreundlich beruehrt worden, indem die neue Tory-Regierung einer
Fortsetzung der Verbindung mit Schoa unguenstig war und die Gesandtschaft
zurueckberief. Kapitaen Harris hatte jedoch sich gegen die Zurueckberufung
gestraeubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als Gesandter mit seiner
blossen Pension als Kapitaen der Artillerie in Ankober zu bleiben. Da keine
Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen Mitteln Mangel
litt, musste Kapitaen Harris sich endlich im Februar 1843, nachdem er 18
Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschliessen. Erst in der
Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl;
allein es war nun zu spaet, da keiner ausser Harris selbst Lust zur Umkehr
spuerte. In Erwiederung auf jene glaenzenden Gaben, die der Koenig von Schoa
von England erhalten, schickte dieser nun der Koenigin Viktoria ein
huebsches Maulthier, einige naturhistorische Merkwuerdigkeiten und einige
Gold- und Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu
Gegengeschenken. Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassie
derselben auch zwei seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die
freundschaftlichen Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen
Regierung auszudruecken.

Noch einige Jahre lebte Sahela Selassie, dessen Ruf durch verschiedene
Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und
erhielt in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht
allein, dass die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und
seinen Thron erschuetterten - sondern die Selbstaendigkeit Schoa's ging
unter ihm zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene
Sonne, Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als
dieser in den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel
Sahela Selassie's, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der
folgende Abschnitt, welcher die so merkwuerdige neueste Geschichtsepoche
Abessiniens behandelt, giebt darueber Auskunft.





  [Illustration: Suedwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer
  Originalzeichnung von E. Zander.]





                   THEODOROS II., NEGUS VON AETHIOPIEN.


      Bewegte Jugend. - Der Emporkoemmling. - Schlacht von Debela und
    Koenigskroenung. - Rebellenkriege. - Reformen. - Abessinische Heere
         und Kriegspraxis. - Verwicklungen mit den Missionaeren. -
    Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England. - Magdala.
    - Beginn der englischen Invasion. - Erstuermung von Magdala und Tod
                   Theodor's. - Rueckzug der Englaender.


Im aeussersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern
unterthane Gebiet, liegt die Provinz _Koara_, bekannt durch die besondere
Sprache, welche, abweichend von derjenigen des uebrigen Landes, ihre
Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fuerstenthum Sana
regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses
Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repraesentirt wurde. Seine
Frau, die sich ruehmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte
abzustammen, da sie mit der "salomonischen Dynastie" verwandt war, gebar
ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der _Kasa_ genannt wurde. Gewiss war es dem
Knaben, der spaeter den Namen Theodor II. fuehrte, nicht an der Wiege
gesungen, dass er einst ueber ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine
Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht,
bezeichneten seine fruehesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode
seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa's unter sich und
zwangen die aus koeniglichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den
Verkauf von Heiltraenkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu
ernaehren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, suedlich von
Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Dass er dort den
Studien fleissig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien
erlernen kann, dafuer zeugt seine spaetere Laufbahn, in welche der arme
Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingefuehrt wurde. Es
war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die
Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog.
Auch das Kloster Tschankar wurde ueberfallen und dort ein Blutbad
angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Muehe entkam. Mit einem Haufen
Abenteurer durch das Land ziehend, fuehrte er ein Raeuberleben und schwang
sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glueckliche Erfolge kuehn
gemacht, beschloss er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunaechst ueber
Dembea her, wo damals die kluge und grausame Fuerstin _Menene_, die Mutter
des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die
beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied
gegen sie. Geschlagen wusste sie doch dem Unheil noch die beste Seite
abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin
_Tsubedsche_, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft
das Glueck! dachte Kasa, in dessen Kopf nun grossartige Plaene sich zu
entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die
Hauptstadt dieser Provinz, Metemme, richtete er nun seinen ersten Angriff.
Es war gerade Markttag, als er heranrueckte und mit seinen Gefaehrten den
Ort ueberfiel, auspluenderte und mit grosser Beute sich zurueckzog. Indessen
die Rache folgte auf dem Fusse. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei
Compagnien regulaerer aegyptischer Infanterie und wurde gruendlich
geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst fluechtete mit einer
Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen,
huelflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Fuerstin
Menene; allein diese wies ihn spoettisch zurueck und ihr General, der
Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer
Kussoverkaeuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhaenger und
schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor
ihn fuehrte, redete er sie folgendermassen an: "Liebe Leute! Wie ihr ganz
richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkaeuferin und ihr
erinnert mich, dass meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht
diesen Fehler gut und trinkt gefaelligst diese Flasche aus." Und damit
zwang er sie, das abscheulich schmeckende, kraeftig wirkende
Abfuehrungsmittel zu verschlucken.

Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluss von Tag zu Tag
wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, Ras
Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und musste 1852 nach Debra
Tabor, spaeter zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde
geschlagen, so rueckte der Detschasmatsch _Goschu_ aus Godscham gegen Kasa
vor, um den Emporkoemmling zu zuechtigen. Wieder wandte sich das Geschick
und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, fluechtete in ein Maisfeld.
Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: "Wer faengt mir diesen Vagabunden
ein?" Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schuss
Kasa's ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend,
Goschu's Truppen zurief: "Schaut, euer Fuerst ist hin, und ihr seid Hunde,
was wollt ihr machen?" Entmuthigt durch den Tod ihres Fuehrers streckten
die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder
gesammelten Truppen Kasa's. Mit dem Falle dieses letzten Haeuptlings hatte
Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und
Tigrie waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhaengig _Hailu
Melekot_, der Sohn Sahela Selassie's, in letzterem der alte _Ubie_. Der
naechste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubie, doch musste Kasa
mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den
uebrigen Gegnern. In Adoa, Ubie's Hauptstadt, spielten damals die
katholischen Missionaere, namentlich de Jacobis, eine grosse Rolle, welche
den alten Ubie ganz fuer sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz
zusagten, waehrend sie den Abuna Abba Salama zu verdraengen suchten. Hierauf
baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfuersten, der durch die Katholiken
seine Macht immer mehr geschmaelert sah, auf seiner Seite zu haben, liess er
ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Koenige
kroenen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen,
die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubie aufgefordert, sich zu
unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im
Schosse des Gluecks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, liess es
auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen.

Gross und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum
Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher ueber Abessiniens Zukunft
entscheiden sollte, war gekommen.

Ueber die Hochebene von Woggara rueckte im Januar 1855 das Heer des
Emporkoemmlings nach Semien vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der
alte Ubie. Immer hoeher winden sich die Truppen in die Alpenpaesse hinauf,
immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee laesst seine
weissen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen,
die in gedeckter Stellung am Fusse des maechtigen Bachit sich treffen und
zoegernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine
erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewissheit,
welche rasche Erfolge und Glueck verliehen haben. Schon zaudert man
wochenlang - da bricht mit einem Male - es war am 9. Februar - Ubie mit
seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe _Debela_ kommt es zur
entscheidenden Schlacht, in der Ubie's Heer vernichtet, er selbst
gefangen, einer seiner Soehne getoedtet wurde. 7000 Flinten und zwei vom
Koenige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000
Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai
in die Haende des gluecklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wuensche
angelangt war.

Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander
erbaute Kirche _Debr Eskie_. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der
Schlacht, umringt von seinen Generalen und gefuehrt vom Abuna, der
siegreiche Sohn der armen Kussohaendlerin. Sein Stern war glaenzend
aufgegangen und dem gluecklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele,
dass er berufen sei, das grosse aethiopische Reich wieder aufzurichten. Er
glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen
Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser _Tadros_ (Theodoros)
erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land gross, das
Volk frei und gluecklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die
Muhamedaner zu ueberwaeltigen und Mekka sammt Medina zu zerstoeren. Daran
anknuepfend, liess sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr
Eskie am 11. Februar 1855 zum Negus ueber Aethiopien kroenen, wobei er den
Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken mussten nun
unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land raeumen.

Nachdem Theodor nothduerftig durch Einsetzung eines Statthalters sein
Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrie hergestellt,
beschloss er, zunaechst Schoa zu unterjochen, wozu theologische
Spitzfindigkeiten, naemlich die Frage von den zwei oder drei Geburten
Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben mussten. Durch Wollo-Galla zog
er auf Schoa zu, dessen schwacher Koenig, _Hailu Melekot_, an einem
entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch
die Provinz Godscham von Rebellen gesaeubert war, hielt der siegreiche
Fuerst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu
Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten
aethiopischen Reichs umfasste, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es
haette nicht Abessinien heissen muessen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten
regte es sich, um den Koenig wieder niederzuwerfen, und der Buergerkrieg
brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrie aus.

Ein Neffe des entthronten Ubie, _Agau Negusi_, setzte sich im
nordwestlichen Tigrie fest und vertrieb den Statthalter Theodor's. Negusi
war ein gutmuethiger, loewenherziger Juengling, dem es nur an festem Willen
fehlte. Fuenf Jahre lang war er Herrscher ueber Tigrie an der Spitze einer
glaenzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze
der raeuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen
knuepfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in naechster Beziehung
zu den franzoesischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis,
welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen
Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi's an Herrn von
Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen,
wurde in Massaua verfasst, und Negusi soll kaum soviel Kunde davon gehabt
haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch
welche den Franzosen unter der Bedingung, dass sie ihn beim Umsturz der
jetzigen Dynastie beguenstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel
Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitaen Russel mit einigem Gefolge wurde
sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem "Empereur Negousi" zu
verhandeln, der stuendlich auf die versprochenen franzoesischen Huelfstruppen
sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel's
Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen
Abessinien und dem Kuestenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte.
Allein die Anhaenger Theodor's setzten ihn, da mittlerweile Negusi
geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis' Garantie wurde er
freigelassen, allein unter der Bedingung, dass er dessen Haus nicht
verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch
Jacobis in grosse Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in
schmaehlicher Gefangenschaft, musste ein Loesegeld bezahlen und starb kurz
nach seiner Rueckkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die
glaenzende franzoesische Intervention ihr Ende.

Der Untergang und Fall Negusi's selbst war ein hoechst tragischer. Als
Theodoros Zeit fand, nach Tigrie zurueckzukehren, entzog sich Anfangs
Negusi durch eine kuehn ausgefuehrte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den
Rueckzug, weil er wusste, dass seine Soldaten sich nie gegen Theodoros
schlagen wuerden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der Koenig abermals ueber den
Takazzie und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tuechtigkeit
ueberlegenen Heere; er erklaerte als ein guter Ritter auf seinem Rosse
siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fuenf Jahre mit ihm
gezecht hatte, liess ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das
Lager; Theodor erliess eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon
anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt
seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros liess sie
vorfuehren und beiden die linke Hand und den rechten Fuss abhauen, und um
die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst
zu loeschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum
dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein
Ende. Die Kirchen stroemten vom Blute der Hingerichteten und als eine
Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, aeusserte dieser:
"Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf
Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu
steigen und ihn zu bekaempfen!"

Nachfolger Negusi's als Gegenkoenig und Rebell wurde ein gewisser _Marit_,
der jedoch im Oktober 1861 durch den _alter ego_ des Kaisers Theodor, den
Detschas Salu von Tigrie gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen
erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher ueber Aegypten und
Massaua.

Doch diese ganze Empoerung ist ein gewoehnliches Stueck abessinischer
Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffaellt,
waehrend dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen
allein ein Heer in die Flucht jagte, gegenueber gestellt werden zu duerfen.
Von grosser Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige
Episoden dieses Empoerungskrieges, der Theodor seiner besten europaeischen
Freunde beraubte.

Kurz vor dem Emporkommen Theodor's errichtete die britische Regierung ein
Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten
Gang zu bringen, knuepfte der Konsul _Walther Plowden_ freundschaftliche
Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch
er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof
und trug dazu bei, Theodor's Vorliebe fuer europaeische Sitten und
europaeisch aussehende Reformen zu naehren. Auf vielen seiner zahllosen
Kriegszuege begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf
seinen Jagdzuegen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten
Haltung britischer Diplomaten an anderen Hoefen, als der waermste und
thaetigste Parteigaenger des Koenigs. Fuenf Jahre lang war er der intimste
Freund Theodor's, bis ihn, zum Schmerze des Fuersten, im Beginne des Jahres
1860 die Kugel eines aufstaendischen Soldaten, der dem Rebellencorps der
Gebrueder Garet angehoerte, niederstreckte. Noch naeher ging dem Koenige der
Tod des Irlaenders _John Bell_, der ein Jaegerleben am Blauen Nil gefuehrt
und eine schwaermerische Zuneigung zu Theodor gefasst hatte, sodass er gleich
einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthuer schlief. Gern hoerte ihn der
Fuerst ueber das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen
europaeischen Staaten sprechen, um Lehren fuer sich daraus zu ziehen. Bell
wurde zum Likamankuas, d. h. zum Traeger des koeniglichen Kleides in der
Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfaehrt, die sich
ganz wie der Koenig kleiden muessen, damit der Feind den wirklichen Koenig
nicht unterscheiden koenne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden
ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor's, der die
feindlichen Gebrueder Garet in der Naehe von _Dobarek_, da, wo die
Hochebenen von Wogara sich an Semien anschliessen, einholte.

Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wusste, rief seinen Bruder
und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor
zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt
war. Als Garet sich in Schussweite befand, hielt er an, zielte und feuerte.
Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem
Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch
den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge,
infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und
streckte den juengeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Koenigs
ueber den Verlust seines getreuen Dieners ueberstieg alle Grenzen und
Garet's ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen
streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute ueber die Ebene von
Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit
Menschengebeinen uebersaet, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche
Theodor an den Moerdern seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und
doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als die frueher uebliche
Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverraether wurden
nach Isenberg's Zeugniss frueher oeffentlich bei lebendem Leibe geschunden,
das Fleisch dann in kleine Stuecken zerhackt und den Hunden vorgeworfen;
die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese
barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwaehrenden
Unruhen zwangen ihn, spaeter wieder darauf zurueckzukommen, und das Blut
floss auch unter Theodor in Stroemen.

Die inneren Feinde waren so allmaelig niedergeworfen, dafuer trat jedoch von
aussen ein weit maechtigerer Widersacher, _England_, auf. Ehe wir jedoch
hierzu uebergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und
Persoenlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu
werfen, der jedenfalls _ein ganz bedeutender Mensch_ in seiner Weise war,
eine seltene und grossartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit
europaeischem Massstabe nicht gemessen werden darf.

"Theodoros", so schrieb 1862 Lejean, "mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist
von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen
Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine
fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den juedischen
Typus. Er ist aus Koara gebuertig und ich halte ihn fuer einen Agow oder
Gamanten; fuer einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu
dunkelfarbig. Seine aeussere Erscheinung imponirt, sie zeigt, dass er in der
That ein Mann von grosser geistiger Regsamkeit und unermuedlicher
Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er
vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Huegeln herab- und
heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, dass seine Umgebung ein
Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho
und seine Rosse zittern buchstaeblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein
Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Haeuptlingen: Abba Senghia, d. h.
Vater der Pferde. Fuer gewoehnlich traegt er sich hoechst nachlaessig; als
tuechtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie
ein gewoehnlicher Offizier, Kopf und Fuesse sind unbedeckt. Aber auf einen
Schmuck der Krieger legt er Werth; er laesst das Haar in drei lange Flechten
legen, welche auf die Schulter herabfallen, und traegt ein weisses
Stirnband." Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib
Einfluss auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers
Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor,
war er kaum zu troesten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau,
_Toronesch_, einer Tochter Ubie's, die er geheirathet, um sich mit der
Familie dieses einst maechtigen Fuersten auszusoehnen. Er verstiess sie
einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhueten, erhielt
eine gehoerige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem Koenig
Theodoros nicht minder am Herzen als einem europaeischen Fuersten, und er
behauptete, dass wenigstens einer seiner Soehne ans Ruder kommen muesse,
"denn die Propheten haetten nicht gelogen". Sein aelterer Sohn, von der
Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, missrathener Mensch, den der
Vater eines schoenen Tages in einen Eselstall sperren liess, damit er dort
"_en famille_" sei. Der zweite jedoch, Detschas _Maschescha_, wurde 1862
zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so
beliebt machte, dass Theodor es fuer gerathen hielt, ihn abzuberufen. "Was
soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des
Absalon spielen und den Vater vom Throne verdraengen?"

Das Auftreten Theodor's war meist theatralisch oder, wie die Abessinier
sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und
Niemand wusste besser als er den Praesidentensitz bei einer Versammlung
auszufuellen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und
seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb kloesterliche
Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen,
und so galt der Koenig fuer einen sehr gebildeten Mann. Er war in der
Nationalliteratur bewandert und kannte die europaeischen Zustaende. Als
Probe seines Stils moege folgende von ihm eigenhaendig niedergeschriebene
Proklamation gelten: "Von Menilek bis auf die juengste Zeit herab sind alle
Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist
noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich,
seinen Diener, zum Koenige erwaehlte, sagten meine Landsleute: Der Fluss ist
ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie
beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein
Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Tuerken, da er sie
von den Landesgrenzen bis in ihre Staedte zurueckgejagt. Mein Vater und
meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte
Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie
betteln heute selbst um ihr taegliches Brot. Ohne den Willen Gottes koennen
weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schuetzen. Viele Grosse dieser
Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen.
Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der
Moskowiter, ist von Franzosen und Tuerken besiegt worden; er starb, ohne
dass seines Herzens Wunsch in Erfuellung ging."

Von der europaeischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der
Moral der Europaeer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders
der Fall sein konnte, da die meisten Europaeer, mit denen er zu verkehren
hatte, verdorbenes, hochmuethiges Gesindel waren. So wild der Koenig auch im
Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich
der Waisen an, sorgte fuer sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und
liess sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder ausserordentlich und
kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Hoeflingen ab, um sich an der
Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im hoechsten Grade,
grossmuethig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam.
"Ich selbst war Zeuge," schreibt Krapf 1856, "wie schon Nachts 2 Uhr
Scharen von Beschwerde fuehrenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das
koenigliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestaet) riefen. Ich glaube
kein Koenig in der Welt thut es ihm in dieser Beziehung gleich, und musste
mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thaetigkeit
bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten
kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, dass sie ihn mit
dem Koenig David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, dass die alte
Weissagung, wonach ein Koenig Theodorus kommen und Abessinien gross und
gluecklich machen, auch Mekka und Medina zerstoeren werde, sich zu erfuellen
anfange."

Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht
wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der
Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten
Missbraeuchen gegenueber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thaetigkeit
entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf grosse
Hindernisse stossen musste. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur
todte Buchstaben geworden und die Kirche in die groessten Missbraeuche
gerathen. Alle ueblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und
Besitzern der Kirchengueter. Gegen diese Missbraeuche trat nun Theodor mit
eisernem Willen auf; er erklaerte die todte Hand als ein nationales Uebel
und annektirte alle Kirchengueter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein
gewisses Einkommen und den Kloestern genug Land liess, um sich zu ernaehren.
Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei grosse Stuecke; doch war er
Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei
Jahren Christen zu werden. Mit den Missionaeren, protestantischen wie
katholischen, die sich doch in die politischen Verhaeltnisse mischten,
wollte er nichts zu thun haben - er untersagte ihnen jegliche Thaetigkeit.
Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte
alle die unzaehligen Zollstaetten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei
Plaetze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden
verboten, freilich ohne grossen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber
immer, das grosse aethiopische Reich phoenixartig aus der modernden Asche
wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Huelfe der Europaeer, und
darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf's
Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war ueberall ein Fortschritt,
auch in der Justiz zu erkennen, sodass 1862 Heuglin aus Abessinien in die
Heimat schreiben konnte:

"Die Zustaende in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wuenschen
uebrig. Der Koenig stoesst auf tausend Schwierigkeiten bei Einfuehrung seiner
Reformen und muss mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermassen
Ordnung erhalten zu koennen, doch ist trotzdem, dass ihm seine Kriegszuege
keine Zeit lassen, viel fuer Administration zu thun, auch manches sehr
Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist fuer bessere Kommunikation
wirklich mit Erfolg an Strassenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und
Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher
andere Herrscher ein Exempel nehmen duerfte."

Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher fuer Land und
Volk gethan, keiner war aber auch mit so ausserordentlichen Gaben des
Geistes ausgeruestet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits
Jaehzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu
gewaltsamen, unueberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er
auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen,
wenn wir mit dem deutschen Reisenden _Steudner_, dem Begleiter Heuglin's,
einen Besuch im Lager des Koenigs abstatten, der sich auf einem Feldzuge
gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand.

Spaet am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin,
um diesen einzuladen, beim Koenige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in
eine grosse Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter
Fackelschein ueber Sturzaecker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen
umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im
Zelte des Negus erst eine laengere Berathung darueber stattfand, ob Heuglin
auch mit dem Saebel an der Seite eintreten duerfe. Nachdem dies bewilligt
war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingefuehrt, in welchem sie
Seine schwaerzliche Majestaet mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem
alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm
kauerte sein Beichtvater, der Etschege. Se. Majestaet trug ein weisses
abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich
ansah; er gruesste sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch
nicht fuer noethig, sich zu erheben; dann lud er die Gaeste ein, neben ihm
Platz zu nehmen. Das Zelt war von grossen Wuerdentraegern und Eunuchen
ueberfuellt; zur Linken des Koenigs sass dessen Sohn Maschescha, und der Sohn
des gestuerzten Koenigs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen
wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant
Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder
Esskorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise
verzehrten. Se. Majestaet liess durch seinen Af sich erkundigen, was die
Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeroestetes)
oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des
Koenigs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu
wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie
vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor's anheim, mit was er seine
Gaeste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schoenem
Tiefbrot gefuellt, um den die beiden Europaeer sich lagerten, waehrend zwei
hohe Wuerdentraeger beordert wurden, sie zu fuettern, d. h. abgerissene
Stuecke Tiefbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in
den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in
hoechst liebenswuerdiger Weise, indem sie moeglichst grosse Brotballen mit
moeglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gaesten in den Mund
steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwuergten. Nach
der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich
unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Waehrend der
Unterhaltung wurde Honigwein in schoenen Punschglaesern aus einer Bowle
servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war.

Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschaeften ueberhaeuft und liess sich
mehrmals entschuldigen, dass er die Reisenden nicht gleich offiziell
empfangen koenne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem koeniglichen Zelte
das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und
Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die
Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geraeusch der grossen Knuten und
Stoecke das Ergebniss verkuendigte, welches nicht selten in die frische
Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit
beschaeftigt, die im Lager mitgefuehrten Herden zu zaehlen. Nachdem dieses
koenigliche Geschaeft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen
passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche
Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie
am Abhange eines Huegels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er sass
auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr grossen Kaschmir bedeckt
war; darueber lag noch ein mit indischer Goldstickerei ueberladener Teppich
ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Koenige standen zwei
Schirmtraeger, welche beide ungeheuer grosse bunte Schirme auf 10 Fuss hohen
Staeben ueber dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in
einen sehr feinen Margef gehuellt und lehnte nachlaessig auf der Alga, vor
welcher fuer die beiden Europaeer gute Teppiche zum Niedersitzen
ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fuersten und seinen
schirmtragenden Kammerherren, waehrend im Umkreise von 30 Schritt
Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die
Peitschentraeger mit langen Stoecken in der Hand, um das neugierige Publikum
abzuhalten.

Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniss zur Ueberreichung der
Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen,
die mit gaenzlich entbloesstem Oberkoerper, die Gewaender um den Leib geguertet,
mit den Gegenstaenden erschienen. Jedes einzelne Stueck musste dem Negus
gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke
bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr
schoenen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht grossem Kaliber,
zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem
Kolben auch als Puerschbuechsen benutzen konnte, einem Hirschfaenger mit
vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schoen
gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten
hierauf sich dankend ueber die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der
Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darueber aus, dass die Tuerkei
bisher noch nicht von den christlichen Maechten erobert sei, ja dass einige
derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschuetzt haetten,
wobei er bemerkte: "ein Reich, das sich nicht selbst regieren koenne, habe
keinen Anspruch darauf, selbstaendig zu existiren". Uebrigens erschien der
Koenig sehr ermuedet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem
anstrengenden Rinderzaehlen beschaeftigt hatte, kein Wunder also, dass seine
Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien Koenig
Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kraeftig, schlank, wenn auch nicht
gross. Seine Gesichtszuege waren frei; in der Tracht unterschied er sich
kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfuss in
dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht
am Kopfe anliegende Zoepfe geflochten.

So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand,
welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der
Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so laesst er an einem passenden
Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als
Mittelpunkt fuer das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem hoechsten
Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In
einiger Entfernung von diesem und stets - angeblich aus Demuth - tiefer
stehend, wird das sehr grosse, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende
Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei aehnliche
fuer die beiden Koeniginnen; auf dem linken Fluegel dann ein sehr grosses Zelt
fuer den koeniglichen Marstall und die vier zahmen Loewen, diesem
entsprechend auf dem rechten Fluegel gleichfalls ein grosses Zelt fuer die
koenigliche Kueche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der
Zeltthuer errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anfuehrer sind aus
weissem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum
bildet sich ein weiter Kreis kleiner Huetten, _Gotscho_, in welchen die
Leute eng zusammengepresst liegen, um sich gegenseitig zu erwaermen. Eine
bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind
aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei
Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, waehrend kurze
Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pfloecke
einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne dass sie die
wegen der vielen herumlaufenden Thiere hoechst unangenehmen Zeltstricke
noethig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den
Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschaeftigt sind,
fuer diese Tiefbrote oder rothe Pfefferbruehe zu kochen; zu anderen Zeiten
sieht man die Zeltstricke dicht mit grossen Mengen in lange duenne Streifen
geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne
trocknen soll. Reihen von Maegden und Dienern durchziehen von der
koeniglichen Kueche aus nach allen Richtungen das Lager, um grosse, mit
rothem Tuch ueberdeckte Meseb oder Koerbe voller Tiefbrot und maechtige Kruege
voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Grossen zu bringen, die
aus den koeniglichen Vorraethen mit Trank und Speise versehen werden.

Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager
aufbricht. Zunaechst werden die kleinen Gras- und Reisighuetten (Gotscho)
niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Staette des
abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Faellen fuehrt der Negus,
von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersaeulen das Gros
der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren
und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kaelte und
Naesse ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die
geringste Ordnung schreiten Leute einher, die vorsichtigerweise waehrend
des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein
waermendes Feuer machen zu koennen; ihnen folgen Krieger in der einst
weissen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit
dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der grosse
krumme abessinische Saebel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in
der Hand fuehren sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein
Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd,
an dem Kochloeffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe
auf dem Ruecken, die Koechinnen, echte Loeffelgarde, einher. Die koeniglichen
Kuechendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in
das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last
von Grasbuendeln voellig begraben. An jedes der langen Ohren dieser
philosophischen Geschoepfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit
das interessante Kleeblatt beisammen bleibe.

Von einer Anzahl Pfaffen mit grossen Turbanen umgeben, reitet auf schoenem
Maulthiere im violetten Gewande der hoechste Kirchenfuerst, Abuna Abba
Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenaehrten in Gott
vergnuegten Schar schleppt sich muehsam auf skelettartig abgemagertem
Maulthiere ein frueherer Haeuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand
und ein Fuss abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fusses in ein
Trinkgefaess aus Horn gesteckt, den verstuemmelten unbrauchbaren Arm traegt er
im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten,
jeder mit seinem Fuehrer zusammengeschlossen, den der Unglueckliche noch fuer
diese Gefaelligkeit ernaehren und bezahlen muss. Viele dieser Gefangenen
tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fuenf bis sieben Fuss langen
Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und
der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein
Lumpen deckt diese Ungluecklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick
wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem
Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etschege, das
Oberhaupt der Moenche, zugleich Beichtvater des Koenigs, dem er als steter
Begleiter und Rathgeber allueberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles
Maulthier und schuetzt sein theures, mit einem ungeheuren weissen Turban
umhuelltes Haupt durch einen grossen buntseidenen Regenschirm, dessen
abwechselnd goldgelbe und violette Faecherfelder weithin sichtbar sind. Ihm
folgt eine grosse Anzahl schmuziger Moenche in einstens weiss gewesene
Gewaender gehuellt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen
ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weissen oder
gelben Kappen erblickt man die niedertraechtigsten Gaunerphysiognomien,
sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann.
Ploetzlich scheut das Maulthier des Etschege und springt zur Seite: es ist
ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Strasse liegend, das Thier
beunruhigt. Dem Etschege mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe
Tabots, fuer deren wunderthaetigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen
bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz
bestimmt ist. Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander
folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Spruechen
beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfaeltig mit rothem Baumwollstoff
bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem
ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Moench voran, welcher
fortwaehrend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor
den Heiligthuemern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge.

  [Illustration: Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von
  H. Leutemann.]

Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Gloeckchen
behaengt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter
kraeftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark
gekruemmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Guertel und mit der
schoen gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier
Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschlaeuchen; dort Weiber, die das
Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefuellten Kuerbisschalen
(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer
u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die
vielen getrockneten Kuerbisschalen. Keiner dieser Schoenen fehlt indessen
das noethige hoelzerne Kopfkissen in der Form eines fuenf bis sechs Zoll
hohen Leuchters mit einem ausgehoehlten Holzbuegel zum Hineinlegen des
Nackens beim Schlafen. Der Fuss dieses Instrumentes ist oft huebsch
gedrechselt.

Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Koeniginnen, denn zu
jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die
eine rechtmaessig mit dem Negus verbundene war die schon erwaehnte Tochter
des entthronten Detschasmatsch Ubie von Tigrie; die zweite ein Fraeulein
aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue
Maentel, die mit Gold- und Silbergloeckchen behangen sind. Beide haben, wie
alle grossen Damen, ihr Gesicht verhuellt, nur die schwarzen Augensterne
funkeln und leuchten bei beiden gleichmaessig aus der weissen Umhuellung. Das
einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber
gestickter tuerkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf
dem Gewande der einen Koenigin auf dem untersten Theile ihres Rueckens
erglaenzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Koeniginnen umhuellenden
Maentel waren wol einst Schabracken eines aegyptischen Marstalls gewesen.
Beide Majestaeten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und
reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa
moeglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gaenzlich getrennte
Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des koeniglichen
Zeltes haben.

Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere
aufgewuehlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes
Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder
Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendraengen, um
einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde,
Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Strasse,
welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muss ein
Vornehmer sein, denn man traegt ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, ueber
welcher aus weisser Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; waere es nur ein
armer Mann, so haette man ihn einfach auf zwei lange Holzstuecke gebunden.

Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiss
gekleidete Dame, die Frau eines Grossen, reitet dicht verhuellt dahin; ihr
Maulthier wird sorglich von einem Diener gefuehrt. Gestern erst hat sie die
Welt mit einem neuen Buerger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem
weiss bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird.
Der kaum einige Tage aeltere Sproessling einer anderen Frau giebt ebenfalls
durch Schreien Zeichen einer gesunden, kraeftigen Lunge, sein Lager aber
ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kaelte geschuetzt. Mit Riemen ist er
voellig nackt zwischen Koerbe und Kuerbisflaschen auf den Ruecken oder die
Huefte seiner schwer tragenden Mutter geschnuert oder auf das Gepaeck eines
magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fuenf Jahren, voellig
nackt oder nur mit einem Stueckchen Schaf- oder Ziegenfell ueber den
Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Muettern, ja sie tragen
selbst einen Theil von den Kuerbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken,
hoelzernen Schuesseln zum Anruehren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber
rauchen gemuethlich aus einer grossen Tabakspfeife, deren Abguss aus einem
kleinen wassergefuellten Kuerbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige
unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrueckter Ruecken eine einzige
Wundflaeche bildet. Am Wege sitzt ein Kuenstler von Fach auf einem Bunde
Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und
singt zu dem eintoenigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra,
mit scharfer naeselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und
wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen
bepackter Menschen und Thiere ziehen bruellend Herden schoener Rinder,
Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend,
gelegentlich ein kraeftiger Stier durch die Massen.

Die vier _zahmen Loewen_ des Negus (vergl. S. 187), schoene, grosse Thiere,
laufen voellig frei mitten im Tross, ohne auch nur am Stricke gefuehrt zu
werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, dass in unmittelbarer Naehe
der Loewen das Vieh, Kuehe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne
die geringste Furcht vor dem Koenige der Wildniss zu haben. Wie Hunde liefen
sie mitten im Gewuehl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter
welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen
hermarschirten.

Mitten zwischen dem Tross reitet ein Grosser des Landes stolz durch all das
Gedraenge. Vor ihm her schreitet sein Speertraeger, ein Diener mit langer,
haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in
rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes
Bueffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide
steckenden Saebel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben
ihm. Vor ihm fuehrt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem
der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit
bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das uebrige Geschirr
und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber ueberladen. All dieser
Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekuemmert reitet der
Haeuptling barhaupt durch das Trossgedraenge an den Leichen von Menschen und
Thieren oder verwuesteten Saatfeldern vorueber. Seine Thiere sind gegen den
"boesen Blick" durch Dutzende um den Hals haengender Amulete geschuetzt.
Maenner mit aus Stroh geflochtenen Regendaechern aus Begemeder, Sklaven, die
oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt
haben, gehen ihm demuethig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das
Haupt schuetzend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere
Gruppe schwer bepackter Maenner. Landleute, zu diesem Frohndienste gepresst,
tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionaere in
Gafat gebaut - weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere
schleppen die Laffeten schwerer Geschuetze und die dazu gehoerigen
Vollkugeln - allein die Geschuetzrohre hat man in Magdala gelassen!
Soldaten, mit den Saetteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer
und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der naechsten Pluenderung eines
Dorfes neue Thiere zu ihren Saetteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde,
das Geschrei und Gebruell der uebrigen Thiere wird nur manchmal von der
droehnenden, donneraehnlichen Bassstimme des einen oder andern Loewen
unterbrochen.

  [Illustration: Ansicht von Gafat. Nach Lejean.]

So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht
nebeneinander gedraengt erkennen laesst - Bilder zum Weinen und Bilder zum
Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den
Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen,
Sterbende und von Muettern verlassene Kinder - neben froehlich lachenden,
aber gefuehllos vorueberziehenden Menschen.

In jene Zeit, als Theodor so verwuestend, Tod und Verderben verbreitend mit
seinem Heere durch das Land zog, faellt auch der Beginn jener
Misshelligkeiten, die schliesslich zum Kriege mit England fuehrten. Wer sich
auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die truebe,
befangene Brille anmassender Judenmissionaere schaut, dem wird in diesem
Falle das Auftreten des Koenigs von Abessinien nicht so gar schrecklich
erscheinen, zumal wenn man - was ungerecht waere - diesen nicht mit
europaeischem Massstabe misst.

Die deutschen Handwerker und Missionaere (vergl. S. 136) fingen an, im
Lande Strassen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des koeniglichen
Zeughausmaterials, fertigten Moerser und konstruirten einen Wagen. Letztere
beiden Gegenstaende machten dem Koenige viel Spass, namentlich der blau
angestrichene Wagen, der, in Stuecke zerlegt, auf den Schultern von
Lasttraegern weiter transportirt werden musste, da es an einer fahrbaren
Strasse fehlte. Reibereien und Zerwuerfnisse mit den Distriktsbeamten hatten
zur Folge, dass die Handwerker 1861 in _Gafat_, drei Viertelstunden von
Debra Tabor auf einem isolirten Huegel, unter Aufsicht eines Offiziers
internirt wurden. Der Koenig berief einen oder den andern an sein Hoflager
und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom
Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. "Diese Europaeer",
schreibt v. Heuglin, "wollen sich in manchen Verhaeltnissen ueber gewisse
Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlass
gegeben hat." Dass man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie
in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlass zur
Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus uebergetretenen Juden
_Heinrich Stern_ und _Rosenthal_. Beide waren nur unter der Bedingung
zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen,
allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und
diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wuethend
hierueber liess der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich
freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biss. Diese
unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, dass man ewige Rache gegen
die Person schwoert, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel
dies dem Koenige nicht auf, als aber Stern, um sich ueber eine Misshandlung
zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver
bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe stoerend, mit
Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor
jener Geste und liess den Eindringling aufs grausamste in Ketten werfen und
nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon frueher durch
das Geschenk eines Teppichs missliebig gemacht, auf dem der Loewenjaeger
Jules Gerard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen
Loewen erschiesst. Theodor sah in dem feztragenden Jaeger einen Aegypter, in
dem Loewen aber das Sinnbild Abessiniens und waehnte sich verspottet. Als
man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stueckchen von der
Kussohaendlerin, der Mutter des Koenigs, wieder aufgetischt war, wurde auch
Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen
wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach ueber sie wegen Hochverraths
das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslaenglichen Kerker
veraendert wurde. Die Hauptsache aber blieb, dass, gegen die ausdrueckliche
Verabredung, jene Missionaere versucht hatten, Proselyten zu machen.

Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische
Konsul _Cameron_ in Gondar beim Koenige; er war nur fuer Massaua beglaubigt,
keineswegs aber fuer Abessinien, da seit Plowden's Tode kein Konsul dort
anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die
Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und
ueber die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn
Theodor sehr freundlich und mit grossen Ehren auf. Der englischen Allianz
glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten
fuerchtete, gegen Aegypten, bedienen zu koennen. Denn dieses blieb seit dem
Kampfe, den er am Rahadflusse - als er noch Kasa hiess - gekaempft, sein
Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des
Kuestenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft,
welche der Pascha sich ueber die Grenzlande, namentlich Galabat, anmasst,
war der groesste Dorn in Theodor's Augen.

Durch Plowden's warme Freundschaft verwoehnt, konnte der Koenig sich in
Cameron's kalte Neutralitaet nicht finden und wurde um so misstrauischer
gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern's und Rosenthal's
auftreten zu wollen. Die nach europaeischem Muster begonnenen Reformen
wurden nun eingestellt und in jedem Europaeer ein Spion gewittert. So haben
wir gesehen, dass auch Lejean unter jenem Misstrauen zu leiden hatte. Als
dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem
Konsul Cameron, zum Fruehstueck. Unterwegs fanden die beiden Europaeer in
einer der engen Gassen Gondar's einen todten Esel liegen. "Sehen Sie, da
liegt ein krepirter Konsul", sagte Cameron und schritt ueber das todte
Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs
unverstaendlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklaerung. Kaiser
Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr uebler Laune gesagt: "Ich weiss
nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute
geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Englaender ein Esel."
Ganz Unrecht hatte der Fuerst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend
wurde jedoch erst ein anderer Umstand.

Oft schon hatte Theodor sich geaeussert, dass ein Handelsvertrag mit England
in Kraft treten muesse, und demgemaess schrieb er gegen Ende 1862 einen
eigenhaendigen Brief an die Koenigin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben
an den Kaiser Napoleon, mit aehnlichen Antraegen, wurde hoeflich erwidert,
jedoch der Abschluss eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo
das Schreiben im Auswaertigen Amte verlegt wurde - man ist nie klar darueber
geworden, was mit demselben geschah - kam keine Antwort. In ganz
Abessinien machte der Vorfall grosses Aufsehen, da der Koenig sich der
Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung wuerde es sich angelegen
sein lassen, die angeknuepften Beziehungen zu foerdern, angesichts seiner
Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und
wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam.
Sicherlich fuehlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung
verletzt; ein europaeischer Hof wuerde dasselbe gethan haben, und dann
raechte er sich eben wie ein Barbar. Cameron musste zunaechst seinen Zorn
fuehlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Koenigin von England seinen
hoeflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrueckte, mit ihr und ihren
Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet
gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmaechtigten
einer so unhoeflichen europaeischen Monarchin nicht weiter zu respektiren.
Er liess Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben
Kette befestigen. Dabei glaubte er, dass die Englaender ihm in seinem Lande
so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen wuerden und liess sich deshalb
nicht gern auf Unterhandlungen ein.

Schliesslich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten _Rassam_,
einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum Koenig
Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und
Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodass der Koenig schon wenige Stunden
nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europaeer
befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und liess ihnen
die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem Koenig und dessen
Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur
Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgefuehrt. Am
12. Maerz langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit
Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre
Zahl betrug 18 Koepfe, und Rassam bekam Erlaubniss, sie nach Aegypten oder
nach Aden fuehren zu duerfen. Theodor behandelte den Agenten mit grosser
Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, dass Hofleute von
demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mussten Rassam
koenigliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Koenigin sei;
sie mussten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn beruehren. Als er in
Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate
dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal
verhoert, gestanden ein, dass sie Unrecht gethan, und baten, dass der Koenig
Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben moege. Der Koenig hatte an
Rassam geschrieben: "Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich
wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, dass sie im
Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen." Rassam, dem daran lag, den
Koenig bei guter Laune zu erhalten, huetete sich wohl, dem maechtigen Manne
Anlass zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser liess dann das Schreiben
verlesen, welches Koenigin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches
geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: "In meiner Niedrigkeit bin
ich nicht wuerdig, Ew. Majestaet anzureden, aber erlauchte Fuersten und der
tiefe Ozean koennen Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier,
hoffe, dass Ew. Majestaet mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen
verzeihen werde." Der Schluss lautet: "Rathe mir, aber tadle mich nicht, o
Koenigin, deren Majestaet Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im
Ueberfluss gegeben."

Ploetzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemuethe des
Herrschers ein. Rassam's Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit
den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem Koenig auf einmal ein, sie
alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefaengniss zu
werfen. Er war so grimmig, dass er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte.
Dieses geschah allerdings nicht, dagegen fuehrte man die Europaeer wieder
nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Raethsel geblieben, was den Koenig
Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der
veroeffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen
Angelegenheiten findet sich die Andeutung, dass Theodor's boeser Geist ein
Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, frueher Sekretaer Cameron's, aus
Rache gegen letzteren den misstrauischen Theodor gegen alle Europaeer
einzunehmen wusste und ihm den Verdacht einfloesste: die englische Regierung
stehe im Begriff mit Aegypten ein Buendniss abzuschliessen. Die Zahl der
Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die
Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron
sei zu seinen Feinden, den Tuerken, gegangen und habe mit ihnen
unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Koenigin von England
keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron's Diener haetten sich
durch Verspottung und Verlaeumdung der Majestaetsbeleidigung schuldig
gemacht und die andern haetten mit ihnen konspirirt.

Nochmals wurde von Seiten Englands ein guetlicher Versuch gemacht, um den
Koenig zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr
ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geaeussert,
gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese
wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte
Befreiung der Gefangenen zu unterstuetzen. Unser Landsmann _Flad_, von dem
frueher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem
Koenige uebernommen. In einem eigenhaendigen Briefe, den er ueberbrachte,
kuendigte die Koenigin Victoria an, dass die Arbeiter und die Geschenke dem
Koenig zugeschickt werden wuerden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley,
der englische Minister des Auswaertigen, hatte spaeter entschieden, dass die
Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren,
sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurueckgehalten und erst
dann ausgeliefert werden sollten, wenn Theodor die Gefangenen durch eine
Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfuegung des englischen Agenten,
Oberst Merewether's, gestellt haben wuerde. Wie zum Hohn schickte dieser
anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Koenigin
versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz
gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. Koenig
Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee
von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besaenftigt werden
sollte, sagte: "Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wuenscht mich
nur zu verhoehnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein Koenig bist und ich
dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch
zu sehen." Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestaerkte den
misstrauischen Koenig von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, dass es
die Englaender darauf abgesehen, ihn zu betruegen und zu verrathen. Nachdem
Herr Flad Lord Stanley's Verfuegung in Betreff der Geschenke mitgetheilt,
antwortete Theodor: "Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches
mir verweigert wird. _Wenn sie kommen und fechten wollen, lasst sie kommen;
bei dem allmaechtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich
ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!_"

Und nach weiteren Eroerterungen des Herrn Flad: "Ich habe keine Furcht, ich
vertraue auf Gott, der sagt, dass du Berge versetzen kannst, wenn du den
Glauben eines Senfkornes hast. Ihr koennt nicht Alles. Ich weiss, dass, wenn
ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen haette, die Arbeiter mir nie
geschickt worden waeren. Nicht nur zur Zeit des Kapitaens Cameron, als sie
keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat,
fand ich heraus, dass sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern
ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell - diese waren meine
Freunde - und aus Freundschaft fuer sie behandelte ich ihre Landsleute gut.
Ich ueberlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn
wir uns auf dem Schlachtfelde gegenueberstehen." Es ist also klar, dass ein
tiefes Misstrauen gegen die Plaene Englands, dessen Agenten er im Bunde mit
seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswaertigen Feinden,
namentlich den Aegyptern waehnte, die eigentliche Ursache war, weshalb
Theodor alle Englaender und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand
legen konnte, einkerkern liess, und dass das Zurueckhalten der Geschenke ihn
in diesem Misstrauen nur bestaerkte und die Krisis herbeifuehrte.

Die vielgenannte Bergfeste _Magdala_ liegt an der Grenze von Wollo-Galla
im Sueden des reissenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen
Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf
ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Koenigs Theodor besucht und sehr
gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta's her kommend und nach
Sueden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum
Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Laender ist
grossartig. Zu ihren Fuessen schlaengelte sich das ueber 3000 Fuss tiefe Thal
des Flusses, als natuerliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.

  [Illustration: Vordringen der Englaender auf Magdala.]

Zur Linken, nach Osten, muendete eine steile Schlucht, und darueber hinaus
lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die beruehmte
Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im
Sueden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen
Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig
gruenen Thaelern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta,
dahinter die kegelfoermigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Sueden
steigt der majestaetische Kollo, ganz mit blendend weissem Firn bedeckt,
hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150
Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe
erfuellte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs
zeigt. Dieses Thal verliessen die Reisenden nach anderthalbstuendigem
Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf,
die sich am nordwestlichen Fusse von Magdala ausbreitet. Kleine Doerfer mit
niedlichen Gaertchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.

Ein ziemlich steiler Pfad fuehrt in 11/4 Stunde an buschigen Gehaengen und
kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung
Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natuerlichen
Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von
Erdpavianen bewohnen die steilen Waende des Vorwerks. Das erwaehnte Plateau
ist ganz kahl, Gruppen von Huetten befinden sich an der Suedostseite, die,
wie der Platz selbst, _Islam Gie_ (Muhamedaner-Dorf) heissen. Hier ist
zugleich der Marktplatz fuer die Festung.

Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als
Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land suedwaerts
bis Schoa war frueher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und
nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden
muhamedanischen Galla, welche von hier aus bestaendige Einfaelle in
Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte.
Magdala selbst nimmt einen Flaechenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt
100-200 Fuss ueber das Plateau von Islam Gie hinaus, haengt im Sueden mit der
nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen
Felsgrat; im Osten und Westen fallen natuerliche, mauerartige, senkrechte
Bastionen viele hundert Fuss tief in die Seitenthaeler ab, gegen Norden und
Sueden fuehren Felsspalten als natuerliche Thore herab, die mit Ausfallthoren
versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum
Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen
zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden
koennen, wohl erkannte, liess Magdala restauriren, einige Geschuetze
hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitlaeufige
Getreidemagazine bauen.

So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte
schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfuellen sollte. Als die
letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich
zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der
Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen
und am 18. November 1867 von der Koenigin mit einer Thronrede eroeffnet, in
welcher es heisst: "Der Herrscher Abessiniens faehrt fort, allen
internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in
Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt
waren, und seine hartnaeckige Missachtung guetlicher Vorstellungen hat Mir
keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch
eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine
entsprechende Truppenmacht unterstuetzt wird. Ich habe demgemaess die
Absendung einer Expedition zu diesem ausschliesslichen Zweck angeordnet,
und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstuetzung und Mitwirkung
meines Parlaments in Meinem Bemuehen, unsere Landsleute aus einer
ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner
Krone zu wahren."

  [Illustration: Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Suedliche Ansicht.
  Originalzeichnung von E. Zander.]

Nach einigem Zoegern bewilligte das Parlament die noethigen Gelder, und die
indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober
war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,
S. 169) gelandet. Dieses schlug an der oeden, wasserlosen Kueste ein Lager
auf und begann eine Strasse nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belaestigt
zu werden. Die Gesammtstaerke der aus Indien nach Abessinien beorderten
Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europaeer. Die Infanterie war mit
Hinterladern bewaffnet. Ausser diesem Armeecorps folgte ein Tross von 8000
Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten,
welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschuetze bestimmt waren. Zum
Kommandanten der Armee wurde General _Robert Napier_ ernannt. Auch ein
ganzer Stab von Gelehrten, Kuenstlern und Zeitungsberichterstattern schloss
sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner
Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und - im Auftrage des
Koenigs von Preussen - der beruehmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste
Stuetze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von
Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte praegen lassen.

Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs;
namentlich verursachte der Wassermangel grosse Gefahren fuer Menschen und
Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch
destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich
viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als
durch die schlechte Pflege ihrer Waerter. Dieselben waren ein aus Persien,
Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte,
unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und
auf der Strasse liegenliess, die Thiere nicht fuetterte und traenkte, sodass
diese erhitzt und halb verdurstet zu den Traenkrinnen kamen, dann uebermaessig
tranken und erkrankten. Faellt ein solches Thier, so verursacht die
Wegschaffung des Aases, das man im heissen Klima aus Furcht vor Ansteckung
nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte
sich nur dadurch helfen, dass die Aeser mit duerrem Gestraeuche bedeckt und
verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Kueste,
des destillirten Wassers und der Langeweile muede geworden und hatte die
Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu
finden gegruendete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm
offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergstroemen gekennzeichnet,
denn wie zur Zeit der Voelkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande
heute noch Baeche und Fluesse die Wegweiser fuer Wanderer und Voelkerschwaerme.
Die kuerzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch
gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr
links liegende, durch den Fluss Kamoyle gebildete Strasse gewaehlt. Unter den
Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet,
des Inhalts: dass die Englaender nur gekommen seien, die widerrechtlich
gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks
werden ebenso wie Eigenthum und Vermoegen der Individuen geschuetzt und
geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung.
Anfangs ging es durch eine sandige, nur spaerlich von Akazien und
Steppengewaechsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends
waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Huetten zu sehen,
bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich
wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit
der Aufschrift: "Route nach Abessinien" aufstellte. Jetzt gelangte man ins
Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets oeffnete
bei jeder Kruemmung sich ein Ausweg, oft unter ueberhangendem Gestein
hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes
Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuss ueber der Meeresflaeche
liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und
Morgen waren kuehl; gestaerkt von der frischen Luft stieg die Truppe das
Plateau hinauf.

Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunaechst an der Bai von Adulis
zu bemerken. Zwei Landungsbruecken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen
lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein fuer das schwerste
Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fusse des Senafe-Berges, Stationen
auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen,
Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.

In Senafe, 7500 Fuss ueber dem Meere, wurde das erste groessere Lager
aufgeschlagen und ein foermlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte
Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war
nicht genuegend, ein einziges Regiment zu ernaehren. Daher musste Alles durch
eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft
und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Taeglich
verliessen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Haelfte nach Senafe
gelangte, da der andere Theil von den Lasttraegern und Treibern verzehrt
wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden taeglich auf den Schiffen
kondensirt und dieser Prozess kostete allein taeglich ueber 1000 Thaler.

Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Englaender in suedlicher Richtung
weiter verfolgen, muessen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage
umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende
revolutionaere Trieb, die Eifersuechteleien der kleinen Haeuptlinge und die
Sucht derselben, sich unabhaengig zu machen, war mit erneuter Staerke
ausgebrochen, in je groessere Verlegenheiten Koenig Theodor gerieth.
Ueberall, im Norden wie im Sueden, entbrannte die Revolution, und mit
Schluss des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der
es war, ehe Koenig Theodor seinen ehrgeizigen Traum traeumte, ehe er die
zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schliesslich nur der
Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal
dieser, und seine Macht beschraenkte sich nur auf sein Lager, das meistens
in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine fuer uneinnehmbar geltende
Feste, huetete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort
ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, dass sie mit der groessten
Leichtigkeit mit den Englaendern korrespondiren und diese von allen
Vorgaengen im Lager des Negus in Kenntniss setzen konnten.

Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl
unabhaengiger Fuerstenthuemer zerfallen, und nicht das ganze stolze
Aethiopien - nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus
nannte - stand gegen England im Felde. Das grosse Reich Tigrie, das unter
Ubie einst selbstaendig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem
Sohne Ubie's, seine Unabhaengigkeit wieder erlangt, und dieser Fuerst,
welcher fuerchtete, dass Theodor ihn doch einst vertreiben koenne, schloss
sofort mit den Englaendern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner
Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich
Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer
Krieger und einst einer der besten Generaele Theodor's, unabhaengig gemacht.
Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die
Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.

Mehr als der Abfall dieser Fuersten schmerzte Theodor aber der Verrath des
jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Koenigs
Hailu Melekot von Schoa, war Theodor's Schwiegersohn geworden; aber weder
die junge Frau, noch die Gnade des Koenigs vermochten ihn zu fesseln; er
trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen.
Unterstuetzt von der Gallafuerstin Workit entfloh er mit Zuruecklassung
seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus
anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Misstrauen,
welches er gegen die Europaeer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben,
die sich in blutigen Greueln aeusserte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie
wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers
Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwaehrend mit Ungluecklichen ueberfuellt,
die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der
Haende und Fuesse verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte
standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt.
Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, sassen sie
zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror
fingerdickes Eis oder stroemte der Regen auf die Elenden hernieder, waehrend
am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Koerper
trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem
Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er
sass, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber
ereigneten sich fast taeglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und
wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito
wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so
gluecklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloss
Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme
herniederfaehrt zwischen das scheue Gefluegel, so stuerzte er von Debra Tabor
auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde
in die Haeuser getrieben, und als diese mit Maennern, Weibern, Kindern
gefuellt waren, da befahl Theodor, Feuer an die Strohdaecher zu legen, und
Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.

In Gafat, spaeter in Debra Tabor, herrschte waehrenddem eine grosse
industrielle Thaetigkeit. Dort hatte man Flammenoefen gebaut, dort haemmerte,
schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen
Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen.
Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniss ein ziemlich
bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der
Wueste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone,
welche 8 Fuss lang war und eine 6 Zoll weite Seele besass, wurde von dem
ueber den Guss hocherfreuten Koenige "Theodor" getauft, waehrend ein 80
Centner schwerer Riesenmoerser mit anderthalbfussweiter Oeffnung den stolzen
Namen "Sebastopol" erhielt.

Als die Gegend um Debra Tabor im Spaetsommer vollstaendig ausgepluendert war
und die Raubzuege in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten,
beschloss Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es
keinem Feinde in die Haende fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit
einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch
hoechstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen
hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000
Fuss ueber dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen
angeschwollene Stroeme fuehrte der Marsch ueber Tschetscheho nach Woadla.
Mitten im Zuge schritten gebunden die fuenf Deutschen: Steiger, Brandeis,
Schiller, Essler, Makerer, waehrend Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal
u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.

Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa
10,000 Fuss hoch ueber dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick
in das Land nach Sueden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten
Kollogebirge. Suedlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen
Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fliesst
zwischen senkrechten, fast 3000 Fuss hohen Felsen die rauschende Dschidda
hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jaehen mauerartigen Waende. In
diesen Schlund musste die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das
Flussbett ueberschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen
Felsenwall ueber nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene
von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mussten auch die Kanonen und der
Riesenmoerser "Sebastopol" geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem
ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten
Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewoehnlichen
Maulthierpfaden konnte der Moerser unmoeglich durch die Dschiddaschlucht
gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern,
die ihn begleiteten, eine Strasse zu bauen. Dieses geschah, waehrend die
Englaender schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was
er fuer unmoeglich gehalten, dass jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate
nahm der Bau der Strasse in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die
Dschidda gluecklich ueberschritten und die Talanta-Ebene erreicht.

Wohlgefaelligen Auges schaute der Koenig auf die fruchtbare Ebene. Die
Weizen- und Gerstenfelder standen in der ueppigsten Pracht, ueberall
wimmelte es von fleissigen Menschen, die den Boden bestellten, von froehlich
singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Koenigs war umhergezogen
und hatte in ganz Talanta verkuendigt: "Kehrt heim ihr Bauern zu eurer
Arbeit, bestellt die Aecker und fluechtet euch nicht. Der Koenig bringt den
Frieden, kein Haar wird euch gekruemmt, euer Eigenthum ist geachtet." Und
friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Doerfer
zur gewohnten Beschaeftigung zurueck. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er
brauchte Proviant fuer seine Festung Magdala, fiel ueber die schmaehlich
betrogenen Leute von Talanta her und zog dann ueber den Beschlo in seine
Felsenburg ein.

Unterdessen rueckten die Englaender mit grosser Geschwindigkeit nach Sueden
vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muss man bedenken, dass eine
Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala
offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und
der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als
man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit
Gewissheit rechnen konnte, als Gewalt und Glueck auf Seite der Europaeer
stand.

Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Tross, ihren Elephanten
und Kanonen auf Gebirgen, die unsere hoechsten Alpenpaesse bei Weitem
ueberragen, wie aus der folgenden, in Petermann's Mittheilungen (1868,
S. 180) angegebenen Hoehenlage der hauptsaechlichsten Stationen hervorgeht.
Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuss ueber dem Meere;
Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuss; Tschelikut 6279
Fuss; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuss; Aladschin-Pass 9630 Fuss;
Aschangi-See 7264 Fuss; Lat (besetzt 31. Maerz) 8478 Fuss; Dasat-Berg 9502
Fuss; Quelle des Takazzie 7700 Fuss; Abdikom 10,000 Fuss; Talanta (4. April)
10,700 Fuss; Magdala (erstuermt am 13. April) etwa 11,000 Fuss. In diesem
Verzeichniss ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, ueber
die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.

Von Senafe zog das Heer ueber ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit
einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen,
nach _Adigerat_ zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten,
denen nur Baeche und Waelder zur Vollendung der Schoenheit mangeln, schienen
sehr fruchtbar zu sein, sodass man die schwache Zufuhr an Getreide von
Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschraenkten
Zufuhren erschoepften die Gegend immer schnell, da keine Idee von
Grosshandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von
seinen eigenen Vorraethen eruebrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31.
Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Staedten
ueberlegen, da ausser den gewoehnlichen schmuzigen Huetten und einer huebschen
Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden.
Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat fuehrt ein gangbarer Weg nach
_Mai Wihis_, durch weite, offene, grasbewachsene Ebenen, die haeufig von
Doerfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Fuer den kriegerischen
Charakter der Bevoelkerung zeugten genugsam die vielen auf fast
unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europaeischer
Artillerie zu trotzen vermoegen. So namentlich _Amba Zion_ (siehe Abbildung
S. 41), das ehemalige Staatsgefaengniss Theodor's, welches jetzt leer stand,
da bei dem Abfall Kassai's auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung
betraute Haeuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. _Ad
Abagin_, 7849 Fuss ueber dem Meeresspiegel, war die naechste Station. Hier
waren die Naechte so kalt, dass man kaum schlafen konnte, wozu sich die
lieblichen Toene eines Schakal- und Hyaenen-Konzerts gesellten. Allein die
Thiere waren weniger gefaehrlich, als man denken sollte, da sie sich
genuegend an den todten Maulthieren saettigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuss
ueber dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veraenderung der Vegetation.
Duftende Kraeuter versuessten die Luft, die Strasse war wunderbar gut und nur
auf eine kurze Strecke abschuessig. Hier in dieser Gegend erhielt man
wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, dass sie
sich Alle wohl befanden und dass Theodor im Januar Magdala noch nicht
erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Englaendern aufzunehmen.
Da man die Abessinier fuer keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die
Strasse, die nach Magdala fuehrt, durch mehrere Positionen befestigt. So
erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen
Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Fluesse, welche man auf dem
ferneren Wege nach _Antalo_ zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des
Takazzie, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen
des Nil. Die Armee hatte daher ueber eine Reihe von Wasserscheiden im
rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen,
welche, von Taltal kommend, die Salzstuecke in das Innere des Landes
verfuehren.

Waehrend die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber
sich mit den Haeuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu
setzen und begann mit einem Besuche Kassai's, des Fuersten von Tigrie. Als
Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Fluesschen Diab, unweit der
herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai
erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf
einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verliess
aber seinen hohen Sitz auf dem Ruesseltraeger, damit der Anblick des Thieres
unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun
oeffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der
etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weissen Maulthiere angeritten. Die
Briten empfingen ihn mit allen militaerischen Ehren, ihr Oberkommandant
schuettelte ihm die Hand und fuehrte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt
wurde und ein Freundschaftsbuendniss mit England schloss. Er bewunderte
vorzueglich die Waffen der Europaeer und lud hierauf Napier ein, seine
eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle
Feuerwaffen. Der groesste Theil von ihnen besass doppellaeufige
Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele fuehrten
Pistolen und kein einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert
an der rechten Seite getragen haette. Die wenigen, die ohne Gewehre
erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht
schien gut, ihre Manoevrirfaehigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls
beschenkt mit silbernen Armringen, einer Loewenhaut, dem Abzeichen tapferer
Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein
Lager zurueck. Er hatte nun im Ruecken nichts mehr zu besorgen, und der
Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.

Das Land zeigte ueberall Spuren der vielen Kaempfe, denen es durch seine
unruhigen Haeuptlinge ausgesetzt war. Die Doerfer lagen verwuestet, die
Unsicherheit der Zustaende hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt
den Englaendern fuer die Verbesserung der Strassen und Wegbarmachung der
Paesse zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den
Haeuptlingen der Nachbarlaender spaeter feindliche Einfaelle erleichtert
wuerden.

_Antalo_ unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend
als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem
Masse zugefuehrt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte
einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen
nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenuegender Menge zugefuehrt
worden. In ihren Thalern hatten die Englaender das beste Mittel, die
Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen
immer noch zu gering, um den fuerchterlichen Theodor anzugreifen, welcher
sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta,
zwischen den Stroemen Dschidda und Beschlo befestigte.

Der Zug der Englaender ging nunmehr durch Wodscherat und _Doba_ zum
_Aschangi-See_, der oestlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478
Fuss hoch gelegenen _Lat_, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen
getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und
600 Pioniere zaehlend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General
Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war.
Alles unnoethige Gepaeck blieb zurueck; fuer je 12 Offiziere wurde nur ein
Zelt und fuer 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund,
die letzteren nur 25 Pfund Gepaeck mitfuehren.

Nachdem der 10,662 Fuss hohe Emano-Amba-Pass durchschritten war, stieg die
Armee hernieder zu den Quellen des Takazziestromes. Dann wurde die Ebene
von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. Maerz standen die Englaender
in Biedehor am hoechsten Rande des _Dschidda-Thals_, 10,000 Fuss ueber dem
Meere, auf der Kunststrasse, die Theodoros muehsam durch die Deutschen hatte
herstellen lassen. Durch den Bau dieser Strasse hatte der Negus den
Englaendern ein gutes Theil an Zeit und Muehe erspart, allein es blieben
noch Hindernisse genug uebrig. Der Uebergang ueber die Dschidda, welcher am
4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die
abschuessigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein
leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter
und mehrere erlagen den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite
war womoeglich noch schwieriger fuer Menschen und Thiere, die sich mit
leerem Magen und unter schwerem Gepaeck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde
es allmaelig zur Gewissheit, dass Theodor sich auch von der Hochebene
Talanta, die man jetzt betrat, zurueckgezogen und nach Magdala geworfen
habe, dass man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen muesse. Die
vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von
Theodor's Heer erblickt, und nun war es klar, dass in den naechsten Tagen
ein Zusammenstoss stattfinden koenne. Was die Einwohner von Talanta betraf,
so bezeigten sie sich den Englaendern freundlich, da sie kurz vorher von
Theodor's Truppen nach Massgabe der altabessinischen Praxis ausgepluendert
waren und nun in den Fremdlingen ihre Raecher erblickten. Gefaehrlich schien
fuer die Englaender einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus
in ihrem Ruecken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stoeren
versuchte, aber von dem ihnen verbuendeten Kassai von Tigrie zur Ruhe
verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, dass sie sich
wohl befaenden und milder als frueher behandelt wuerden.

Ueber das Verhalten Theodor's kurz vor dem Zusammentreffen mit den
Englaendern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante
Auskunft. Hiernach hatte sich der Koenig schon am 18. Maerz ueber den Beschlo
zurueckgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in
welchem er bedauerte, dass dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne
sein Wissen haetten dieses die Behoerden gethan; gleichzeitig gab er den
Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.

Am 27. Maerz zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in
Magdala ein, wo die groesste Verwirrung herrschte. Ein hoher militaerischer
Wuerdentraeger war desertirt und zwei andere Haeuptlinge wurden angeklagt,
Menilek, den Koenig von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz
zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die
unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth,
dass er zuerst beschloss, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und
durch eine neue zu ersetzen; am naechsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl,
beschraenkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung
durch 1000 Mann zu verstaerken. Am 29. Maerz schickte Theodor zu Rassam, den
er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm hoeflich und in seiner
unberechenbaren Weise mit, dass er ihn nur darum uebel behandelt habe, weil
er wuenschte, die Englaender moechten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf
drueckte er den Wunsch aus, er moege Rassam in der englischen Uniform sehen,
was dieser natuerlich zugestehen musste. Umgeben von 400 Offizieren und den
deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Koenigin
Victoria, welcher die Ehre hatte, dem koeniglichen Prinzen vorgestellt zu
werden. Alles schien dem Koenige daran gelegen, den Gefangenen moeglichst zu
imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der beruehmte
Riesenmoerser Theodor's herbeigeschleppt, den dieser "Sebastopol" getauft
hatte. Freudenschuesse begleiteten die Ankunft des Ungethuems, das sich
spaeter als sehr ungefaehrlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die
Befestigungs- und Wegarbeiten und war darueber, dass er Magdala vor den
Englaendern erreicht, so erfreut, dass er saemmtlichen Gefangenen die Fesseln
abnehmen liess. Nachdem alle Kanonen und Moerser an Ort und Stelle waren,
erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn
ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von
10,000 Mann; er glaube aber nicht, dass mehr denn 6000 bis Magdala kommen
wuerden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so maechtig
waere, wie ehedem, haette er die Englaender bei ihrer Landung erwartet und
sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit
Ausnahme Magdala's das ganze Land verloren und muesse sich damit begnuegen,
sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner
unmittelbaren Naehe zu halten, waehrend er von seiner luftigen Burg
unablaessig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind
kommen musste. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Englaender am
Beschlo anlangen.

Am 10. April ueberschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluss und hatte nun
die Feste Magdala in ihrer ganzen Fuerchterlichkeit vor sich liegen. Kuehn
ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit
seinem Heere. Obgleich die Englaender keineswegs die Absicht hatten,
sogleich zum Angriff ueberzugehen, sondern ausserhalb Schussweite von Fala,
einer Vorburg Magdala's, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor's
doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung
heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen grossen
Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu
nehmen. Aber er hatte nicht gewusst, dass inzwischen die ganze Brigade unter
Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter
zogen sich, als etwa 1200 Fussgaenger von der Amba herunterkamen, so schnell
sie konnten, zurueck. Statt ihrer rueckten nun ein Regiment Beludschen, ein
englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschuetze und eine
Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschuetze in Fala
einige gutgezielte Schuesse und seine Leute liefen in Unordnung, aber
tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Englaender herangekommen waren.
Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschuetze und das auf die
Abessinier einstroemende Feuer der Raketen machte, dass an keinen Halt mehr
zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anfuehrer (Fit Auri, S. 19) an der
Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und fluechtete nach der
Burg zurueck.

Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt
eine andere Abtheilung in den Ruecken der englischen Bagage gesandt; aber
auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstuetzt, richtete
die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an,
die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben.
Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden
konnten nicht in die Burg zurueck, da ihnen der Rueckzug abgeschnitten war,
und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevoelkerung.
Der Kampf dauerte bis 61/2 Uhr Abends, wo Dunkelheit und Regen die Englaender
noethigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwaelle Magdala's selbst
fuehrte, einzustellen. Waehrend des ganzen Gefechts, das die Englaender als
"Schlacht von Arodsche" bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt,
sodass Donner und Kanonengebruell sich miteinander mischten. Die Zahl der
abessinischen Todten betrug viele hundert, die Englaender dagegen hatten
keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.

  [Illustration: Auffindung der Leiche des Koenigs Theodoros. Nach
  englischen Zeichnungen.]

Theodor war ueber den Misserfolg seiner Waffen ausser sich. Zum ersten Male,
seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von
den verachteten "rothen Barbaren". Seine Wuth kannte keine Grenzen, und
das Damoklesschwert schwebte fortwaehrend ueber dem Haupte der europaeischen
Gefangenen. Indessen kuehlte er seinen Zorn nur an den abessinischen
Gefangenen, von denen er ueber 300 vor den Augen der Europaeer hinrichten
und ueber die Felswaelle Magdala's hinabstuerzen liess. Aber soviel sah er
ein, dass er auf die Dauer den Englaendern nicht zu widerstehen vermoege. Am
naechsten Morgen sandte er daher den Missionaer Flad, von zwei abessinischen
Haeuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die
einzige Antwort, die Sir Robert Napier durch diese dem Koenig geben konnte,
war: bedingungslose Kapitulation.

Noch einmal schickte Theodor die Parlamentaere ins Lager, doch Sir Robert
Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in
die Gefangenschaft zurueckzukehren, als sie auf dem Wege die ploetzlich
freigegebenen Europaeer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen.
Am naechsten Morgen wurden alle uebrigen Gefangenen freigelassen, der
Franzose Bardel, den man fuer den schlechten Rathgeber Theodor's hielt,
ausgenommen. Bardel fanden die Truppen spaeter, bei der Einnahme von
Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber.
Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war
entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke
auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben.
So blieb denn den Englaendern nichts uebrig, als zum Sturm auf Magdala zu
schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.

Die Festung, von steilen Felsen beschuetzt, so erzaehlt ein englischer
Bericht, bot nur zwei Zugaenge, an der Nord- und der Suedseite, die so enge
waren, dass nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder
zu einem stark verrammelten Thore fuehrten. Das noerdliche Thor war es,
durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags
am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer
zweistuendigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen
erkletterten den zum Thore fuehrenden Pfad, fanden aber dieses, wie das
umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden
mussten daher mit Huelfe einer Strickleiter ueberstiegen werden, um das
Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger
zuruecktreiben zu koennen. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuss
voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren
Steinen angefuellt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil
erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurueck. Nur sechs Offiziere
stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren
ihrer zu wenige, um die Position halten zu koennen.

Als die Englaender ueber die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie
auf einer etwas entfernten Anhoehe den entseelten Koerper des Koenigs
Theodoros liegen - er hatte die Schande nicht ueberstehen koennen und sich,
um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund
erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm "die Koenigin
Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit fuer die Guete geschenkt hatte, die
er ihrem Diener Plowden erwiesen." So sagte die Inschrift des
sechslaeufigen Revolvers. Theodor's Waffentraeger gab die Einzelheiten an
ueber das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden waehrend des
Angriffs der Englaender, gegen welchen der sonst so gefuerchtete Tyrann nur
mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten
Haeuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner
Seite zu kaempfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, doch hatten
sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszufuehren. Als so Alles
verloren war, erschoss sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde
dadurch zu beschaemen, dass er wie ein Koenig sterbe. Das Gesicht des Todten
liess allerdings nicht auf seine frueheren Zuege schliessen, zumal da das Auge
das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum
bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von
Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei
dem koeniglichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der
Kirche von Magdala begraben wurde.

  [Illustration: Koenigskrone Theodor's.]

Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum
von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen
die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen koenne und es ueberdies noch
jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloss
Napier, Magdala zu zerstoeren. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in
Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsaeulen verkuendeten
den erstaunten Eingeborenen, dass Theodor gefallen, seine Zwingburg
zerstoert sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte,
verbrannte auch der Leichnam des Koenigs. Damit war jedoch nur der Ort
Magdala vernichtet, die natuerliche Felsenfeste aber war unzerstoerbar. Die
Stadt an und fuer sich war uninteressant, sie bestand aus den gewoehnlichen
Huetten mit kegelfoermigen Strohdaechern. Nur die keineswegs schoene Kirche
und die Wohnung Theodor's stachen von den uebrigen Haeusern ab. Letztere
bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In
ihr fand sich eine Anzahl europaeischer Luxusartikel vor, Klaviere,
Harmoniums, Spieldosen, Patronen fuer Hinterlader und ein Gemenge anderer
Gegenstaende. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den
Werkstaetten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen,
Becher, die Moerser Theodor's, Speere, Saebel, Kreuze, amharische Bibeln
u. s. w. wurden als Trophaeen mit nach England genommen. Unter den
Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor's, welchen der Obergeneral
mit nach England zu nehmen beschloss. Auch die beiden Koeniginnen fielen den
Englaendern in die Haende. Die rechtmaessige Gattin Toronesch, die Tochter
Ubie's, erschien als eine vornehm aussehende Frau von 26 Jahren, mit
heller Hautfarbe, lebhaften Augen, huebscher Hand und wunderschoenem Haar,
das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende
ihres Gemahles nicht zu ueberleben und starb auf dem Wege nach der Kueste.

Sofort begannen die Englaender den Rueckmarsch; um den Besitz der kahlen
Felsenwaende Magdala's, das zur Beruehmtheit geworden, stritten sich nun
wieder die Galla - fuer die Abessinier war das Land am Kollogebirge,
welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der
muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die
christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir
R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt ueber dasselbe Revue und dankte
ihm fuer die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda ueberschritten
und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen.

Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Englaender triumphirend
nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen
Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich
nach Adoa in Tigrie zu begeben, wo sie ihre Tage beschliessen wollen. Die
Expedition selbst war ein grosser Erfolg, fuer den England aber theuer
bezahlen musste. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Koenigin
Victoria schrieb, im Auswaertigen Amte nicht vergessen und nicht
unbeantwortet geblieben waere, so wuerde kein Grund vorhanden gewesen sein,
die Expedition ueberhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu
opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit
Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschiessen.

                              --------------

Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit
solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollstaendig ausgefuehrt, wie
die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit
Caesar schreiben: _Veni, vidi, vici!_ Der Koenig todt, Magdala erstuermt, die
Gefangenen frei! Das waren die naechsten Resultate. Die Schnelligkeit und
Entschiedenheit des Erfolges, die vollstaendige Vernichtung Theodor's und
seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem
englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig
geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war fuer letztere von vornherein
ein hoffnungsloser. Das eigenthuemliche Verdienst der Englaender bestand
aber nicht darin, dass sie die Abessinier, sondern dass sie das Land
besiegten. Die Natur kaempfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die
Organisation ueberwanden diesen gefaehrlichsten der Gegner. Napier musste
sich fast Zoll fuer Zoll erst den Weg bahnen, und dieser muehsame und
gefahrvolle Marsch ging ueber jaeh abstuerzende Klippen und an schwindelnden
Abgruenden vorbei; dazu gesellte sich die Kaelte auf den Alpenhoehen von
12,000 Fuss ueber der Meeresflaeche. Man begreift die aengstliche Spannung der
englischen Armee, indem sie sich Magdala naeherte, Theodor moechte sich
zurueckziehen und sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner
Gefangenen zu ermueden suchen - aber der Negus hatte geschworen: "wenn auch
alle seine Truppen floehen, allein den Briten Stand zu halten". Und er hat
Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die frueheren
Grossthaten und die letzte Stunde sein Mitgefuehl dem Manne nicht versagen,
der selbst die Englaender zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe
vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender
Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfaehig, die Kraft einer der
seinigen ueberlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Englaender
liessen dem ueberwundenen Feinde schliesslich Gerechtigkeit widerfahren und
eines ihrer Blaetter ruft aus: "Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar,
das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionaere in
ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der
einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann!
Ein Mann von wilder Genialitaet, durchdringendem Scharfsinn und eiserner
Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgeruestet, welche noethig sind,
um Afrikanern zu imponiren und Barbaren fuer die Civilisation zu gewinnen,
so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut
besiegelt."

In Abessinien sind von Zeit zu Zeit grosse Maenner aufgetreten, welche ihr
daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten - der Abuna
Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der
salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten
und unterwarf alle Rebellen - aber groesser und gewaltiger erscheint der
Sohn der armen Kussohaendlerin aus Koara, Theodor II. - Und Abessinien?
wird man fragen. Ohne kraeftige Regierung steht es wieder da, zerklueftet
und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, "das Land der
Verwirrung".

  [Illustration: Siegel des Koenigs Theodor. Nach Lejean.]

                                 _Ende._






  [Illustration: Uebersichtskarte von Abessinien.]





                 _Verlag von __Otto Spamer__ in Leipzig._

                  Das Buch der Reisen und Entdeckungen.

                            _Neue illustrirte_

                 Bibliothek der Laender- und Voelkerkunde.

                             Herausgegeben
         *unter Mitwirkung mehrerer Geographen und Schulmaenner.*

     Zum _Subscriptions-Preis_ von 5 Sgr. = 18 Kr. rhein. pro Heft zu
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*6-10 Hefte bilden einen Band, welcher ein abgeschlossenes Werk enthaelt.*
       Jeder Band von 18-30 Bogen ist einzeln zu haben und kostet:
 _geheftet_ 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. bis 2 Thlr. = 3 Fl. 36 Kr.
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*Cook, der Weltumsegler.** Leben, Reisen und Ende des Kapitaen *_James
Cook_*, insbesondere Schilderung seiner drei grossen Entdeckungsfahrten.*
Nebst einem Blick auf die heutigen Zustaende der Suedsee-Inselwelt.
Herausgegeben von Dr. Karl *Mueller*. Mit 120 Text-Abbildungen, fuenf
Tonbildern etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3
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                           *B. Neuere Reisen.*

                                _Amerika._

*Kane, der Nordpol-Fahrer.** Arktische Fahrten und Entdeckungen der
zweiten Grinnell-Expedition zur Aufsuchung Sir John Franklin's in den
Jahren 1853, 1854 und 1855 unter Dr. *_Elisha Kent Kane_*.* _Vierte_
durchgesehene Auflage. Mit 125 Text-Abbildungen nach Zeichnungen des
Verfassers, sechs Tondrucktafeln und zwei Kaertchen. *Vollstaendig in 6
Heften.* Elegant gebunden 1-2/3 Thlr.

*Die Franklin-Expeditionen und ihr Ausgang.** Entdeckung der
nordwestlichen Durchfahrt durch *_Mac Clure_*, sowie Auffindung der
Ueberreste von Franklin's Expedition durch Kapitaen Sir *_M'Clintock_*, R.
N. L.* - _Zweite_, durchgesehene und vermehrte Auflage. Mit 110
Text-Abbildungen, 5 Tonbildern, mehreren Kartenumrissen, sowie einer Karte
der noerdlichen Polarlaender etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem
Prachtband 1-2/3 Thlr.

                                _Afrika._

*Livingstone, der Missionaer I.** Aeltere und neuere Erforschungsreisen im
Innern Afrika's.* In Schilderungen der bekanntesten aelteren und neueren
Reisen, insbesondere der grossen Entdeckungen im suedlichen Afrika waehrend
der Jahre 1840 bis 1856 durch Dr. *David Livingstone*. _Dritte_ Auflage.
Mit 90 Text-Abbildungen und 4 Tondrucktafeln. *Vollstaendig in 6 Heften.*
In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Livingstone, der Missionaer II.** Neueste Erforschungsreisen im Sueden
Afrika's und auf dem Eilande Madagascar.* In Schilderungen von *David
Livingstone's* neuesten Forschungen waehrend der Jahre 1858-1864; der
Universitaets-Mission und Livingstone's letzter Expedition von 1866. Ferner
der Reisen von *Albert Roscher* und *Karl Mauch*, der portugiesischen
Expedition in das Land des Muata-Kazembe, sowie der Reisen auf der Insel
Madagascar waehrend des letzten Jahrzehnts. Mit 90 Text-Abbildungen, sechs
Tondrucktafeln und einer Uebersichtskarte des suedlichen und mittleren
Afrika sammt Madagascar, unter Angabe der Reiserouten von David
Livingstone, du Chaillu, Andersson, Burton-Speke, Speke-Grant, A. Roscher
u. s. w. *Vollstaendig in 8 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

                  Das Buch der Reisen und Entdeckungen.

                                _Afrika._

*Die neuesten Entdeckungsreisen an der Westkueste Afrika's.* Mit besonderer
Beruecksichtigung der Reisen und Abenteuer, Handels- und Jagdzuege von *Paul
Belloni du Chaillu* im _aequatorialen Afrika_, sowie von *Ladislaus Magyar*
_in Benguela und Bihe_, von *C. Joh. Anderson* am _Okavango-Flusse_.
Bearbeitet von H. *Wagner*. Mit ueber 100 Text-Abbildungen, fuenf Tonbildern
und zwei Karten etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband
1-2/3 Thlr.

*Eduard Vogel, der Afrika-Reisende.** Schilderung der Reisen und
Entdeckungen des Dr. Eduard Vogel in Central-Afrika:* in der grossen Wueste,
in den Laendern des Sudan, am Tsad u. s. w. Nebst einem Lebensabriss des
Reisenden. Nach den Originalquellen bearbeitet von *Hermann Wagner*.
_Zweite_ durchgesehene Auflage. Mit 100 Text-Abbildungen, acht
Tondrucktafeln und einer Karte von Vogel's Reiseroute. *Vollstaendig in 6
Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Abessinien, das Alpenland unter den Tropen** und seine Grenzlaender.*
Schilderungen von Land und Volk, vornehmlich unter Koenig Theodoros
(1855-1868). Nach den Berichten aelterer und neuerer Reisender bearbeitet
von Dr. *Richard Andree*. Mit 80 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern sowie
einer neuen Karte von Abessinien. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem
Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Die Erforschung des Nilquellen-Gebietes** und der angrenzenden Laender von
Zanzibar bis Chartum.* Nach *Burton*, *Speke*, *Baker*, *Petherick*,
*Heuglin*, *v. d. Decken* u. A. In 6-8 Heften. Mit 100 Text-Abbildungen,
Tondrucktafeln, einer Karte etc. (_In Vorbereitung_.)

                                 _Asien._

*Die Nippon-Fahrer oder das wiedererschlossene Japan.* In Schilderungen
der bekanntesten aelteren und neueren Reisen, insbesondere der
amerikanischen Expedition in den Jahren 1852 bis 1854 und der preussischen
Expedition nach Ostasien in den Jahren 1860 und 1861. Urspruenglich
bearbeitet von *Friedrich Steger* und *Hermann Wagner*. In neuer Auflage
herausgegeben von Dr. *Richard Andree*. _Zweite_ gaenzlich umgearbeitete,
vermehrte Auflage. Mit etwa 150 Text-Abbildungen, sieben Tondrucktafeln,
sowie einer Karte von Japan. *Vollstaendig in 10 Heften.* In elegantem
Prachtband 2-1/3 Thlr.

*Reisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibiriens** und der angrenzenden
Laender Central-Asiens.* Nach Aufzeichnungen von T. W. _Atkinson_ und
Anderen. Bearbeitet von *A. v. Etzel* und *H. Wagner*. Mit 120
Text-Abbildungen und fuenf Tondrucktafeln. *Vollstaendig in 8 Heften.* In
elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Das Amur-Gebiet und seine Bedeutung.** Reisen in Theilen der Mongolei, in
den angrenzenden Gegenden Ost-Sibiriens, am Amur und seinen Nebenfluessen.*
Nach den neuesten Berichten, vornehmlich nach Aufzeichnungen von *A.
Michie*, *G. Radde*, *R. Maack* und Anderen. Herausgegeben von Dr.
*Richard Andree*. Mit 80 Text-Illustrationen, vier Tonbildern, sowie einer
Karte des asiatischen Russlands und der angrenzenden Theile von
Inner-Asien. *Vollstaendig in 6 Heften.* In eleg. Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Die ostasiatische Inselwelt I.** Land und Leute von
Niederlaendisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet waehrend seines
Aufenthaltes in Hollaendisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
Friedmann*. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Das Tropen-Eiland Java.* Mit 120 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern und
einer Karte von Java.

*Die ostasiatische Inselwelt II.** Land und Leute von
Niederlaendisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet waehrend seines
Aufenthaltes in Hollaendisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
Friedmann*. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.

*Sumatra, Borneo, Celebes, die Molukken und Neu-Guinea.* Mit 100
Text-Illustrationen, sechs Tonbildern etc.

       *Neueste Kinderschriften, illustrirt durch F. Flinzer u. A.*

*Die Kinderstube I.** Was man seinen Kindern erzaehlt, wenn sie 2 bis 5
Jahre alt sind.* Kleine Geschichtchen, Gedichtchen und Raethsel. Von *Ernst
Lausch*, Lehrer an der Ersten Buergerschule zu Wittenberg. - In zwei
Abtheilungen, mit 54 Text-Abbildungen und drei Buntbildern. Geheftet 15
Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr.
= 1 Fl. 12 Kr. rhein.

Die _erste_ Abtheilung enthaelt 50 Geschichtchen und Gedichtchen, die
_zweite_ Abtheilung 50 Gedichtchen, Raethsel und Gebete zum
Auswendiglernen.

*Die Kinderstube II.** Hundert kleine Erzaehlungen, Gedichte und Verschen
fuer Kinder von 4 bis 6 Jahren.* Der lieben Kinderwelt und deren Freunden
gewidmet von *Fr. A. Glass*. Neu bearbeitet und herausgegeben von *Ernst
Lausch*. _Zweite_ umgearbeitete Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und drei
Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem
Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein.

*Die Kinderstube III.** Erstes A-B-C-, Lese- und Denkbuch fuer brave
Kinder, die leicht und rasch lesen lernen wollen.* Ein Fuehrer fuer Muetter
und Erzieher beim ersten Unterricht durch Wort und Bild. Herausgegeben von
*Ernst Lausch*. Mit 300 Text-Abbildungen und zwei Buntbildern. Geheftet 15
Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr.
= 1 Fl. 12 Kr. rhein.

*Inhalt:* I. Die kleinen Buchstaben. II. Die grossen Buchstaben und
Ergaenzung der kleinen. III. Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V.
Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch.

Ein namhafter Paedagog spricht sich ueber die vorstehenden Baendchen in
folgender Weise aus: "Wir koennen nicht anders als mit Freuden anerkennen,
dass es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff und fuer denselben die
rechte Form, d. h. die rechte Sprache fuer die Kinder-Erzaehlungen getroffen
zu haben. Die Geschichtchen sind hoechst einfach und natuerlich in der
Sprechweise der Kinder gegeben, ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar
laeppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen Buechelchen deutlich an, dass
ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren paedagogischen
Sinne, sie zunaechst fuer sein Theuerstes auf Erden, fuer seine eigenen
Kinder erfunden und erzaehlt hat. Sie sind den Kleinen aus der Seele
gelesen und darum echte Mosaikstuecke aus einem wahren und wirklichen
Kindesleben. Mit vielem Glueck hat der Verfasser in diesen Erzaehlungen
alles Gekuenstelte und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und
Unnatuerliche _a la_ Struwelpeter, sowie besonders auch trocknes und
langathmiges Moralisiren fern gehalten."

Noch sei bemerkt, dass diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um
von jeder Mutter und Erzieherin jemalig nach dem Beduerfniss und der
Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht umgeaendert oder auch als Themata
zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu koennen.

Wo und wann ein Lehrer von _Muettern_ oder von _Erzieherinnen_ nach
lobenswerthen und zweckdienlichen Erzaehlungen fuer kleine Kinder befragt
wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen die Geschichtchen von *Ernst
Lausch* ihnen aufs Waermste empfehlen.

Gleiches Lob verdient das _neueste_ Baendchen desselben Verfassers unter
dem Titel:

                        Die Schule der Artigkeit.

*Goldenes A-B-C der guten Sitten** in Lehr- und Beispiel, Mahnung und
Warnung.* Auserwaehlte Fabeln, Sprueche und Spruechwoerter _fuer die
Kinderstube_. Herausgegeben von *Ernst Lausch*. Mit einem Titelbilde,
sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler.
Elegant geheftet 221/2 Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem
Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

(Diesem Baendchen schliesst sich im naechsten Jahre eine Sammlung der
vorzueglichsten deutschen *"Maerchen und Sagen"* an.)

                         Die kleinen Tierfreunde.

*Fuenfzig Unterhaltungen ueber die Thierwelt.* Ein lustiges Buechlein, fuer
die liebe Jugend bearbeitet von Dr. *Karl Pilz*, Lehrer an der Dritten
Buergerschule zu Leipzig. _Zweite_, gaenzlich umgearbeitete, vermehrte
Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

                  *Kinderschriften von Hermann Wagner.*

*Illustrirtes Spielbuch fuer Knaben.** 1001* unterhaltende und anregende
Belustigungen, Spiele und Beschaeftigungen fuer Koerper und Geist, im Freien
sowie im Zimmer. Herausgegeben von *Hermann Wagner*. _Zweite_ unveraenderte
Auflage. Ein Band von 400 Seiten in buntem Umschlag, mit mehr als 500 in
den Text gedruckten Abbildungen, sowie einem Titelbilde. Elegant geheftet
Preis 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. In geschmackvollem
Cartonnage-Einband 11/2 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rh.

*Der gelehrte Spielkamerad** oder der kleine Naturforscher, Thierfreund
und Sammler.* Anleitung fuer kleine Physiker, Chemiker, Botaniker und
Naturfreunde zum Experimentiren, zur Anlage von Pflanzen-, Stein-,
Muschel-, Insekten-, Schmetterling-, Vogel-, Briefmarkensammlungen etc.,
sowie zur Pflege der Hausthiere und des Hausgartens. Ein Supplement zum
"Spielbuch fuer Knaben". Herausgegeben von *Hermann Wagner*. Mit ueber 200
Text-Abbildungen, sechs Abtheilungs-Frontispicen sowie einem Titelbilde.
Eleg. geheftet 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rh. In geschmackvollem
Cartonnage-Einband 11/2 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rhein.


 _Bestens empfohlen.]   __Fuer Knaben und Maedchen.__    [Zweite Auflage._

*Entdeckungsreisen in Haus und Hof.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 Abbildungen, Titel- und
Tonbildern. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rhein.

*Entdeckungsreisen in der Wohnstube.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit ueber 100 Abbildungen, Titel- und
Tonbildern etc. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rh. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
1 Fl. 12 Kr. rh.

*Entdeckungsreisen im Wald und auf der Heide.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 130 in den Text gedruckten
Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern und einer Extrabeilage
von getrockneten Moosarten. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. Eleg.
cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

*Entdeckungsreisen in Feld und Flur.* Mit seinen jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 110 in den Text gedruckten
Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern, einem Titelbilde etc.
Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr.
rhein.


*Entdeckungsreisen in der Heimat.** I. Im Sueden.* Eine _Alpenreise_ mit
seinen lieben jungen Freunden unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in
den Text gedruckten Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1
Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.

*Entdeckungsreisen in der Heimat.** II. Im Flachlande von
Mitteldeutschland.* Streifereien mit seinen lieben jungen Freunden
unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in den Text gedruckten
Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg.
cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.


*Im Gruenen oder die kleinen Pflanzenfreunde.* Erzaehlungen aus dem
Pflanzenreich von *Hermann Wagner*. _Dritte vermehrte Auflage._ Mit 80
Abbildungen und kolor. Titelbilde. In prachtvollem Umschlage eleg. carton.
25 Sgr.

                   _Verlag von Otto Spamer in Leipzig._





                                FUSSNOTEN


    1 Adara Bille, der Peiniger Krapf's, liess sich 1863 in eine
      Verschwoerung gegen den Koenig Theodoros ein, die jedoch verrathen
      wurde, infolge dessen jener das Leben verlor.

    2 Die beigefuegte Abbildung stellt einen pfluegenden Mensa dar.
      Zugochsen und Pflug, ebenso das Joch des Ochsen, sind ganz genau so
      wie im eigentlichen Abessinien gestaltet.





                       BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Fussnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.

Die Werbeseiten wurden am Ende des Textes zusammengefasst.

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In der elektronischen Fassung
sind Antiqua (bis auf roemische Zahlen und den Titel "Dr.") und Sperrung
durch Unterstriche markiert, Fettdruck durch Sternchen.

"etc." ist im Original mit der Tironischen Note fuer _et_ geschrieben.

Korrektur offensichtlicher Druckfehler:

      Seite 1: "Lefebvre" in "Lefebvre" geaendert
      Seite 16: "Sanglu" in "Saglu" geaendert
      Seite 19: "Indiko,pleustes" in "Indikopleustes" geaendert, "kopirte-"
      in "kopirte,"
      Seite 26: "wuertembergischen" in "wuerttembergischen" geaendert
      Seite 51: "Allgemeine-n" in "Allgemeinen" geaendert
      Seite 57: "Mohamedaner" in "Muhamedaner" geaendert
      Seite 67: "lezteren" in "letzteren" geaendert
      Seite 95: zweites Anfuehrungszeichen hinter "vergeblich" ergaenzt
      Seite 136: "Metemme" in "Metemme" geaendert
      Seite 144: "brereitete" in "bereitete" geaendert
      Seite 146: "Waizen" in "Weizen" geaendert
      Seite 153: "Einwoher" in "Einwohner" geaendert
      Seite 172: "Rueppel" in "Rueppell" geaendert
      Seite 175: "Raum" in "Rauch" geaendert
      Seite 185: "Reb," in "Reb" geaendert
      Seite 199: "Woito" in "Waito" geaendert
      Seite 203: "Lalmalmon" in "Lamalmon" geaendert
      Seite 218: "Schutzherrrn" in "Schutzherrn" geaendert
      Seite 221: "Regeu" in "Regen" geaendert
      Seite 230: "Assasee" in "Assalsee" geaendert
      Seite 236: "Meeresspiel" in "Meeresspiegel" geaendert
      Seite 237: "vernachlaessigt" in "vernachlaessigt"
      Seite 246: "Banketsales" in "Banketsaales" geaendert
      Seite 250: "Agollala's" in "Angollala's" geaendert
      Seite 253: "Garague" in "Gurague" geaendert
      Seite 253: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen vor "Satan" entfernt
      Seite 287: "Ungust" in "Ungunst" geaendert

Nicht vereinheitlicht wurden (ausser in Faellen einzelner, als Druckfehler
anzusehender Abweichungen) verschiedene Schreibvarianten wie "Augenbrauen"
und "Augenbraunen", "Bajonnet" und "Bajonett", "danieder" und "darnieder",
"erwidern" und "erwiedern", "Galla" und "Gala", "Kusso" und "Kosso",
"male" und "Male", "Tanasee" und "Tana-See", "Victoria" und "Viktoria",
"Wag" und "Waag", "wol" und "wohl" oder unterschiedliche Verwendung von
Akzenten. Das Original verwendet durchgehend die Schreibungen "Schmuz",
"schmuzig", "jenseit".





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLAeNDER***



                                 CREDITS


January 7, 2010

            Project Gutenberg TEI edition 1
            Produced by Mark C. Orton, Markus Brenner, Stefan Cramme and
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                    THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE


_Please read this before you distribute or use this work._

To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


                                Section 1.


General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works


                                   1.A.


By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
forth in paragraph 1.E.8.


                                   1.B.


"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
associated in any way with an electronic work by people who agree to be
bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.


                                   1.C.


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States. If an individual
work is in the public domain in the United States and you are located in
the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
promoting free access to electronic works by freely sharing Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
share it without charge with others.


                                   1.D.


The copyright laws of the place where you are located also govern what you
can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
state of change. If you are outside the United States, check the laws of
your country in addition to the terms of this agreement before
downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
any work in any country outside the United States.


                                   1.E.


Unless you have removed all references to Project Gutenberg:


                                  1.E.1.


The following sentence, with active links to, or other immediate access
to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
distributed:


    This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
    almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
    or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
    included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org


                                  1.E.2.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
distributed to anyone in the United States without paying any fees or
charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.3.


If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
copyright holder found at the beginning of this work.


                                  1.E.4.


Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
terms from this work, or any files containing a part of this work or any
other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.


                                  1.E.5.


Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.


                                  1.E.6.


You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
processing or hypertext form. However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
specified in paragraph 1.E.1.


                                  1.E.7.


Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.


                                  1.E.8.


You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works provided that

    - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
      the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
      already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
      the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
      donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
      days following each date on which you prepare (or are legally
      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
      should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
      Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
      "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
      Archive Foundation."

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      you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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      works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
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    - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
      any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
      electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
      receipt of the work.

    - You comply with all other terms of this agreement for free
      distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.


                                  1.E.9.


If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
work or group of works on different terms than are set forth in this
agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


                                   1.F.


                                  1.F.1.


Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
be read by your equipment.


                                  1.F.2.


LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
OF SUCH DAMAGE.


                                  1.F.3.


LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
the person you received the work from. If you received the work on a
physical medium, you must return the medium with your written explanation.
The person or entity that provided you with the defective work may elect
to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
work electronically, the person or entity providing it to you may choose
to give you a second opportunity to receive the work electronically in
lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
refund in writing without further opportunities to fix the problem.


                                  1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


                                  1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
shall not void the remaining provisions.


                                  1.F.6.


INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
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any volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


                               Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


                                Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


                                Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
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including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
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                                Section 5.


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***FINIS***
