The Project Gutenberg EBook of Der Lwe von Flandern, by Hendrik Conscience

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Der Lwe von Flandern
       ein historische Roman aus Alt-Belgien

Author: Hendrik Conscience

Release Date: January 30, 2010 [EBook #31129]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LWE VON FLANDERN ***




Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net







Anmerkungen zur Transkription:

Gesperrt gedruckte Passagen im Originaltext sind hier durch _Unterstriche_
gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.




  Hendrik Conscience

  Der Lwe von Flandern

  ein historischer Roman
  aus Alt-Belgien

  1916

  Wilhelm Borngrber Verlag
  Berlin


  Die Bearbeitung dieses Werkes
  besorgte im Auftrage des
  Flaminganten-Ausschusses
  Kurt L. Walter van der Bleek
  auf Grund des vlaemischen
  Originals. Alle Rechte daran
  sind vom Verleger gewahrt

  11. bis 20. Tausend


  Seiner Exzellenz
  dem Herrn
  Generaloberst Freiherrn v. Bissing
  Generalgouverneur von Belgien




An den Stamm der Vlaemen:


    Suche nicht das Heil im Westen!
    In der Fremde wohnt kein Glck:
    Suchst du deines Glckes Festen,
    Kehre in Dich selbst zurck!
    Aus der Tugend Deiner Ahnen
    Mut Du Deine Burgen bau'n,
    Und der Lw' auf Deinen Fahnen
    Lehre Dich, Dir selbst vertrau'n.

    Treu bewahr' in Deiner Mitte
    Vor dem welschen bermut
    Deine Sprach' und Deine Sitte,
    Deiner Vter Gut und Blut.
    Dann erst kannst Du rhmend sagen,
    Da Du lebst in unsrer Zeit,
    Da erblht in unsern Tagen
    Deine alte Herrlichkeit.

                Hoffmann v.Fallersleben.




I.


Langsam lie die rote Morgensonne ihr Nachtwolkengewand fallen, und jeder
Tautropfen strahlte siebenfarbig ihr leuchtendes Bild zurck. Blaue
Dunstwolken stiegen von der Erde auf, ruhten zgernd in den Baumwipfeln,
und in zagender Liebe erschlossen sich taufeuchte Blumenkelche den ersten
Strahlen des jungen Tages. Immer wieder hatte die Nachtigall ihr sanftes
Lied erklingen lassen, aber das verworrene Zwitschern der anderen
Waldsnger lie ihre schmelzenden Tne verstummen.

Ein kleiner Trupp Ritter zog schweigend nach Rousselare[1]. Ihr
Rossestampfen und Waffengeklirr strten den schweigenden Waldesfrieden. Ein
Hirsch wurde aus seiner Einsamkeit aufgeschreckt, scho aus dem Buschholz
hervor und floh schneller als der Wind vor der drohenden Gefahr.

    [1] Eine kleine Stadt in Westflandern.

Gewnder und Waffen der Ritter waren so kostbar, da man beim ersten Blick
darauf schlieen konnte, da man Grafen oder noch hhere Herren vor sich
hatte.

Ein seidener Waffenrock fiel in wallenden Falten von ihren Schultern, und
ein versilberter Helm mit purpurnen und blauen Federn schmckte ihr Haupt.
Die Stahlschuppen ihrer Panzerhandschuhe und die Goldmaschen ihrer
Knieplatten blitzten in der flammenden Morgensonne. Die khnen
Schlachtrosse waren mit weiem Schaum bedeckt und lieen sich nur schwer
bndigen. Bei ihren heftigen Bewegungen funkelten Silberknpfe und
Seidentroddeln ihres reichen Zaumzeuges in glitzerndem Farbenspiel.

Obgleich die Ritter keine Harnische angelegt hatten, waren sie doch gegen
feindliche berflle auf der Hut.

Die gepanzerten Arme sahen aus dem Wams hervor. Gewaltige Schlachtschwerter
hingen an ihren Stteln. Knappen folgten mit mchtigen Schilden. Auf der
Brustseite des Gewandes trug jeder Ritter sein gesticktes Wappen, so da
man auf den ersten Blick Geschlecht und Familie erkennen konnte.--

Die Morgenfrische hatte ihnen die Lust zum Sprechen genommen. Dmmerung lag
schwer auf ihren Augenlidern; nur mit Mhe kmpften sie gegen den
Schlummer, der sie einhllen wollte.

Ein junger Fhrer schritt der edlen Schar voran. Langes, blondes Haar
wallte auf seine breiten Schultern herab. Feurige blaue Augen sprhten
unter dichten Brauen hervor. Leichter Flaum beschattete sein Kinn. Um sein
wollenes Gewand hatte er einen Grtel geschlungen, und als Waffe trug er
ein Kreuzmesser in einer ledernen Scheide.

In seinen Zgen konnte man leicht lesen, da die Gesellschaft, die er
fhrte, ihm keineswegs angenehm war. Man konnte sogar glauben, da er einen
geheimen Plan gegen sie im Schilde fhrte; denn von Zeit zu Zeit warf er
einen Seitenblick auf die ihm folgenden Ritter. Er war von hoher,
ungewhnlich krftiger Gestalt. Sein fester Schritt war so schnell, da die
Pferde nur mit Mhe folgen konnten.

So trabte der kleine Tro seit kurzer Zeit vorwrts, als pltzlich das Ro
eines Ritters ber einen Baumstumpf strauchelte und strzte, so da der
Ritter mit der Brust auf den Nacken seines Pferdes fiel und beinahe aus dem
Sattel kam.

Was soll das bedeuten? rief er in franzsischer Sprache. Ich glaube,
mein Gaul ist im Trab eingeschlafen!

Herr von Chtillon, rief ihm sein Begleiter lachend zu, einer von beiden
hat sicher getrumt.

Lache nur, soviel Du willst, Du schlechter Sptter, entgegnete ihm der
Graf von Chtillon, es ist darum nicht weniger wahr, da ich nicht
schlief. Denn schon seit zwei Stunden blicke ich unverwandt nach jenen
Trmen, die sich anscheinend immer weiter entfernen, je mehr wir ihnen
nher kommen wollen. Aber es ist leichter, an den Galgen zu kommen, als
einmal von Dir ein freundliches Wort zu erhalten.

Whrend die beiden Ritter spttisch miteinander scherzten, machten sich
ihre Begleiter vergngt auf Kosten des Grafen lustig, und der leichte
Unfall hatte die Mdigkeit des ganzen Truppes verjagt.

Herr von Chtillon, der sein Ro wieder emporgerissen hatte, konnte die
Anzglichkeiten, die auf ihn gemnzt waren, nicht lnger ruhig mit anhren,
und in seinem pltzlich aufwallenden Zorn stie er seinem Pferd den
scharfen Sporn tief in die Weichen. Der Schmerz machte das Tier wild, es
bumte sich hoch auf und scho dann wie ein Pfeil zwischen den Bumen
dahin. Aber nach einigen hundert Schritten strmte es gegen den Stamm einer
alten Eiche und strzte, schwer verletzt, zu Boden.

Glcklicherweise war der Graf beim Anprall aus dem Sattel gesprungen oder
geschleudert worden; nichtsdestoweniger mute er sich ernstlich die Seite
verletzt haben, denn er blieb einige Augenblicke regungslos liegen.

Als ihn seine Begleiter eingeholt hatten, stiegen sie alle von ihren
Pferden, richteten ihn auf und bewiesen ihm das wrmste Mitgefhl.

Der Ritter, der mit den Sptteleien begonnen hatte, schien jetzt am meisten
beunruhigt zu sein, und tiefe Trauer lag auf seinem Gesicht.

Lieber Chtillon, ich bedauere Dich von ganzem Herzen. Verzeih' mir meine
unbesonnenen Reden, bat er, ich wollte Dich nicht beleidigen.

Lat mich in Ruh'! rief Chtillon aus und ri sich aus den Armen seiner
Begleiter los; meine Herren, ich bin noch nicht gestorben. Glaubt Ihr
denn, die Sarazenen htten mich geschont, damit ich spter wie ein Hund im
Walde verenden knnte! Nein, bei Gott, noch lebe ich, und Du solltest Deine
Sptteleien auf der Stelle ben, Saint-Pol, wenn ich mich an Dir rchen
drfte.

Aber, beruhige Dich doch, entgegnete Saint-Pol. Du bist verwundet,
lieber Bruder; das Blut rinnt ja durch Dein Panzerhemd.

Chtillon streifte den rechten Panzerrmel hoch und sah, da ein Zweig die
Haut leicht geritzt hatte.

Es ist nicht der Rede wert, sagte er, nur eine kleine Schramme. Aber
ohne Absicht hat uns dieser verdammte Vlaeme nicht diesen widerlichen Weg
gefhrt. Ich werde es schon herausbekommen. Und ich will nicht mehr
Chtillon heien, wenn ich den Schurken nicht an einem Ast dieser
verwnschten Eiche aufhngen lasse.

Der Vlaeme, der auf diese Weise zur Rechenschaft gezogen wurde, tat, als
verstnde er die franzsische Sprache nicht; doch sah er auf und blickte
Chtillon khn ins Auge.

Meine Herren, rief da der Ritter aus, seht nur den unverschmten Blick
dieses Bauernlmmels.-- Hierher, Schurke!

Langsam kam der junge Mann nher. Sein Haupt war stolz erhoben; aber in
seinen Augen lag ein sonderbarer Zug, ein Ausdruck, der Wut mit List
vereinigte und so dstere Drohungen enthielt, da sich Chtillon von einer
beklemmenden Unruhe ergriffen fhlte.

In diesem Augenblick brachte pltzlich einer der Ritter, der diesem
Auftritt beigewohnt hatte, sein Pferd in Trab, verschwand bald hinter den
mchtigen Bumen und gab dadurch deutlich genug seinen Unwillen zu
erkennen.

Nun also! herrschte Chtillon den Fhrer an. Sage mir, weshalb hast Du
uns auf diesen Weg gefhrt, und warum hast Du uns nicht auf den Baumstamm
aufmerksam gemacht, der da im Wege lag?

Herr, antwortete der Vlaeme in gebrochenem Franzsisch, ich kenne keinen
anderen Weg nach Schlo Wijnendaal, und ich wute nicht, da Ew.Edeln die
Gewohnheit haben, zu Pferd zu dieser Tageszeit zu schlafen.

Als der Fhrer diese Worte aussprach, huschte ein Lcheln ber sein
Gesicht, das zugleich Hochmut und Ironie verriet. Man htte meinen knnen,
er wolle den Zorn des Grafen reizen, um ihm dann zu trotzen.

Unverschmter Lmmel! schrie ihn Chtillon an, wagst Du es etwa, Dich
ber mich lustig zu machen! Holla! Leute! Hngt mir diesen Burschen. Die
Raben sollen ihn fressen.

Das spttische Lcheln des jungen Mannes wurde unverhohlener. Seine
Mundwinkel zuckten immer verrterischer, und seine Wangen entfrbten sich.

Einen Vlaemen wollt ihr hngen? stie er leise hervor. Da wartet nur,
meine Herren!

Er sprang einige Schritte zurck, stemmte sich gegen einen Baumstamm,
streifte die rmel seines Wamses bis zu den Schultern auf und zog seinen
blitzenden Dolch aus der Scheide. Die Muskeln seines nackten Armes spannten
sich, und sein Gesichtsausdruck erinnerte an den eines Lwen. Weh dem, der
mich anrhrt! rief er ihnen mit drhnender Stimme zu. Flanderns Raben
fressen keinen Vlaemen! Sie fressen lieber Franzosenfleisch!

Ergreift ihn! rief Chtillon aus, ergreift den Lumpen! Seht die
Feiglinge! Ihr frchtet euch wohl vor seinem Messer? Meine Hnde kann ich
mit seinem Blut nicht besudeln, denn ich bin aus edlem Hause. Das ist eure
Aufgabe. Pack gegen Pack! Werft euch auf ihn!

Einige Ritter suchten Chtillon zu beruhigen. Aber den meisten wre es nur
zu recht gewesen, wenn man den Vlaemen gehngt htte.-- Die Waffentrger,
die durch ihren Herrn aufgereizt waren, hatten sich gerade auf den jungen
Mann strzen wollen, als unvermutet der Ritter hinzukam, der, in Gedanken
versunken, vorausgeritten war[2]. Die Kostbarkeit seines Gewandes und
seiner Rstung bertraf die der anderen Ritter bedeutend. Das gestickte
Wappen auf seiner Brust enthielt drei goldene Lilien in blauem Felde unter
einer Grafenkrone. Das war ein Zeichen dafr, da knigliches Blut in
seinen Adern rollte.

    [2] Karl, der zweite Sohn Philipps des Khnen, war Graf von
    Valois, von Alenon und von Perche. Er empfing von seinem Bruder
    Philipp dem Schnen, Knig von Frankreich, den Oberbefehl ber
    die franzsische Armee und eroberte Flandern.

Halt! rief er den Waffentrgern streng zu, und dann wandte er sich an den
Grafen von Chtillon:

Herr von Chtillon, Ihr scheint zu vergessen, da ich Flandern von meinem
kniglichen Bruder Philipp von Frankreich zu Lehen erhalten habe. Der
Vlaeme ist mein Vasall, und nur mir allein gehrt sein Leben.

Dieser verchtliche Brger soll mich also ungestraft beleidigen drfen!
entgegnete Chtillon voll Zorn. Graf, es ist tatschlich unglaublich, da
Ihr das niedere Volk immer gegen den Adel verteidigt. Dieser Vlaeme soll
sich also rhmen drfen, ungestraft einen franzsischen Ritter verhhnt zu
haben? Hat er den Tod nicht verdient?

Herr von Valois, sagte Saint-Pol, gnnt meinem Bruder die kleine
Genugtuung, diesen Vlaemen hngen zu sehen. Was kmmert Eure Knigliche
Hoheit das Leben dieses starrkpfigen Burschen?

Meine Herren, rief Karl von Valois mit zorniger Stimme, versteht mich
recht, ich untersage es euch, in meiner Gegenwart derart zu sprechen. Ich
schtze das Leben meiner Untertanen hher ein. Lassen Sie den jungen Mann
gehen. Zu Pferd! meine Herren. Wir verlieren sonst zu viel Zeit.

Steig' auf, flsterte Saint-Pol seinem Bruder zu, antworte nicht, nimm
das Pferd Deines Schildknappen und komm. Herr von Valois ist ein
unverbesserlicher Volksfreund.

Inzwischen hatten die Schildknappen ihre Schwerter in die Scheide gesteckt
und fhrten nun die Pferde ihren Gebietern vor.

Seid ihr fertig, meine Herren? fragte Graf von Valois, dann beeilt euch,
bitte, sonst werden wir zu spt zur Jagd kommen. Und Du, Vasall, bleib' an
unserer Seite und entferne Dich nicht vom Weg! Wie weit ist es noch bis
Wijnendaal?

Der junge Mann nahm hflich die Mtze ab, verbeugte sich vor seinem Retter
und erwiderte: Noch eine knappe Stunde, gndiger Herr.

Der Bursche ist mir verdchtig! sagte Saint-Pol. Ein Wolf in
Schafskleidern.--

Das habe ich mir schon lange gedacht, fgte der Kanzler Pierre Flotte
hinzu. Er beobachtet uns tatschlich wie ein Wolf und spitzt die Ohren wie
ein Hase, wenn wir sprechen.

Aha! nun wei ich, wer's ist! rief Chtillon aus. Meine Herren, habt ihr
nicht von einem Weber gehrt, der Peter de Coninck heit und in Brgge
wohnt?

Das ist ein Irrtum, warf Raoul de Nesle ein, ich habe in Brgge
persnlich mit dem berchtigten Weber gesprochen, und obwohl er diesen hier
an Schlauheit und Arglist weit bertrifft, mu ich Ihnen sagen, da er nur
ein Auge hat, whrend unser Fhrer zwei sehr schne besitzt. Ohne Zweifel
liebt er den alten Grafen von Flandern und sieht uns als seine Besieger
scheel an. Das ist's! Nehmt ihm die Treue nicht bel, die er seinem
unglcklichen Frsten hlt.

Jetzt haben wir dieses Thema aber zur Genge errtert! sagte Chtillon.
Gibt's denn gar keinen anderen Gesprchsstoff? Halt, fgte er hinzu,
wit ihr brigens, was unser allergndigster Knig Philipp mit diesem
edlen Flandern vorhat? Auf mein Wort: hlt unser erhabener Herrscher seine
Schatzkammern ebenso verschlossen wie Herr von Valois seinen Mund, so wird
man uns am Hofe magere Kost reichen.

Das sagt Ihr so, antwortete Pierre Flotte, aber der Knig spricht auch,
wenn's ihm gefllt. Reitet etwas langsamer, meine Herren, und ich will euch
etwas mitteilen, wovon ihr euch nichts trumen lat.

Neugierig kamen die Ritter dicht an ihn heran und lieen den Grafen von
Valois etwas vorausreiten. Als er weit genug entfernt war, so da er sie
nicht mehr hren konnte, ergriff der Kanzler wieder das Wort:

Also hrt: die Beutel unseres allergndigsten Knigs Philipp des Schnen
sind leer. Enguerrand von Marigny hat ihm aufbinden lassen, Flandern sei
eine wahre Goldgrube. Und er hat gar nicht so unrecht. Denn dies Lndchen
hier besitzt allein mehr Gold und Silber als ganz Frankreich.

Die Ritter lchelten und nickten wiederholt zustimmend.

Hrt weiter! Unsere Knigin Johanna ist auf die Vlaemen sehr erbittert.
Sie hat dieses hochmtige Volk unaussprechlich. Sie sagte vor einiger Zeit
in meiner Gegenwart, da sie den letzten Vlaemen am Galgen sehen wollte.

So spricht nur eine Knigin, rief da Chtillon aus, sollte ich je
Statthalter dieses Landes werden-- was mir ja meine hochherzige Nichte
versprochen hat--, so gelobe ich euch, meine Herren, da die Landeskasse
Geld speien wird, und da es mir schon gelingen wird, mich dieses Peters de
Coninck mitsamt seiner Gilden zu entledigen und die Plunderwirtschaft der
Volksregierung abzuschaffen. Aber warum lauscht denn dieser dreiste Lump
auf unsere Unterhaltung!

Der Vlaeme, der ihnen als Fhrer diente, hatte sich unbemerkt nher
herangeschlichen und gespannt die uerungen, die die Ritter fallen lieen,
verfolgt. Als er sah, da man es entdeckt hatte, scho er pfeilschnell in
den Wald zurck. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. In
einiger Entfernung blieb er stehen und zog den Dolch aus der Scheide.

Herr von Chtillon, rief er diesem drohend zu, seht Euch diese Klinge
genau an, da Ihr sie wiedererkennen knnt, wenn sie Euch zwischen Hals und
Nacken fhrt!

Ist denn kein einziger unter meinen Leuten, der mich rcht? schrie
Chtillon wutentbrannt.

Kaum hatte er das gesagt, als ein gewaltiger Krieger vom Pferde sprang und
sich mit bloem Degen auf den jungen Mann warf. Dieser steckte in aller
Ruhe seinen Dolch, anstatt sich mit ihm zu verteidigen, in die Scheide
zurck, ballte die Fuste und erwartete seinen Feind.

Stirb, verfluchter Vlaeme! schrie der Waffentrger und zckte die Klinge
nach dem Fhrer.

Der Jngling antwortete nicht; aber er heftete seine groen Augen, in denen
ein unheimliches Feuer leuchtete, fest auf seinen Gegner. Dieser, dem der
Blick durch und durch ging, senkte die Waffe, als versagte ihm der Mut.

Schlag ihn nieder! schrie ihm Chtillon zu.

Aber der Vlaeme wartete nicht, bis der Feind sich ihm genhert hatte. Mit
einem Satz hatte er den Waffentrger erreicht und ihm sein Schwert
entrissen. Nun prete er ihn mit starken Armen an sich und schleuderte ihn
mit dem Kopf so unbarmherzig gegen den Baumstamm, da der Unglckliche
entseelt zu Boden sank.

Ein gellender Todesschrei hallte durch den Wald, und die Augen des
Franzosen schlossen sich fr immer.

Ein triumphierendes Lachen entrang sich der Brust des Vlaemen. Er nherte
die Lippen dem Ohr des Toten, und mit beiendem Spott sagte er: Bestelle
Deinem Gebieter, da Jan Breydels[3] Fleisch nicht den Raben zugedacht ist:
das Blut der Fremdlinge ist viel geeigneter fr sie.

    [3] Breydel war Hauptanfhrer der Schlchter in Brgge.

Mit diesen Worten lief er quer durch das Buschholz und verschwand im Dunkel
des Waldes.

Voll gespannter Furcht hatten die Ritter diesen schrecklichen Kampf mit
angesehen. Aber er war so kurz gewesen, da sie nicht ein einziges Wort
hatten wechseln knnen. Kaum waren sie aus ihrer Bestrzung wieder zu sich
gekommen, als Graf Saint-Pol ausrief: Bruder, ich glaube tatschlich, da
Du es mit einem Zauberer zu tun gehabt hast. Bei diesem Kampf ist's nicht
mit rechten Dingen zugegangen.

Ein verwnschtes Land! antwortete Chtillon zerknirscht. Mein Pferd
bricht den Hals; mein Diener bezahlt seine Treue mit dem Leben. Heut ist
ein Unglckstag. Nun, Leute, nehmt euren Kameraden auf und bringt ihn, so
gut es geht, zum nchsten Dorf, damit er geheilt oder-- bestattet werde.
Bitte, meine Herren, sagt dem Grafen von Valois nichts von dem, was hier
geschehen ist.

Das versteht sich von selbst, gab Pierre de Flotte zur Antwort. Aber,
meine Herren, wir mssen unseren Pferden die Sporen geben und vorwrts
kommen. Sehen Sie, Herr von Valois verschwindet schon hinter den Bumen.

Sie lieen ihren Rossen die Zgel schieen und waren bald bei dem Grafen,
ihrem Feldherrn. Dieser ritt langsam weiter, ohne ihre Anwesenheit zu
bemerken. In tiefem Nachsinnen sa er weit vorgebeugt im Sattel, und sein
eiserner Panzerhandschuh ruhte achtlos mit dem Zgel auf der Mhne seines
Pferdes. Die andere Hand umfate den Griff seines Schlachtschwertes, das am
Sattel hing. Whrend ihn so seine Gedanken beschftigten und sich die
anderen Ritter wegen seiner dsteren Stimmung spttische Blicke zuwarfen,
tauchte pltzlich vor ihnen Schlo Wijnendaal mit seinen himmelhohen Trmen
und riesigen Wllen auf.

Nol! rief Raoul de Nesle voll Freude, dort ist das Ziel unserer Reise.
Das ist Wijnendaal, trotz Teufel und Hexerei!

Ich mchte es in Brand setzen, murrte Chtillon, es kostet mich ein
Pferd und einen treuen Diener.

Nun wandte sich der Ritter, der die Lilien auf der Brust trug, um und
sprach: Meine Herren, dort wohnt der unglckliche Landesherr Gwijde von
Flandern, ein Vater, dem man sein Kind entrissen hat, und dessen Land wir
durch Waffenglck gewonnen haben. Ich bitte euch, zeigt ihm nicht, da ihr
als Sieger kommt, und vergrert sein Leid nicht durch bermtige Worte.

Aber, Graf von Valois, fiel Chtillon gekrnkt ein, glaubt Ihr etwa, da
wir nicht wissen, was man vom rechten Ritter verlangt. Wissen wir denn
nicht, da ein franzsischer Ritter sich nach dem Siege edelmtig zeigen
soll?

Ich sehe also, da Ihr's wit, erwiderte Graf von Valois mit Nachdruck,
ich ersuche Euch, nun auch danach zu handeln! Die Ehre besteht nicht in
eitlen Worten, Herr von Chtillon. Was ntzt es, die Gesetze der
Ritterschaft auf der Zunge zu tragen, wenn sie Euch nicht von Herzen
kommen. Wer sich aber seinen Untergebenen gegenber nicht edelmtig
erweist, wird es auch nicht im Umgange mit seinesgleichen sein.

Dieser Vorwurf rief Chtillons Zorn wieder wach, und er wre sicher in
wtende Reden ausgebrochen, htte ihn sein Bruder Saint-Pol nicht
zurckgehalten und ihm zugeflstert: Schweig, Chtillon, schweig doch
still, denn unser Feldherr hat ganz recht. Es gehrt sich auch so, da wir
dem alten Grafen von Flandern kein Leid mehr zufgen. Er ist unglcklich
genug.

Der untreue Vasall hat unserem Knige den Krieg erklrt und den Groll
unserer Nichte Johanna von Navarra so heftig erregt, da sie beinahe
dadurch erkrankt wre-- und da sollen wir ihm noch schonend
entgegenkommen.

Meine Herren, rief Graf von Valois ihnen nochmals zu, ihr kennt meine
Bitte. Ich glaube nicht, da es euch an Edelmut fehlen wird. Nun, vorwrts,
ich hre die Meute bellen. Man hat uns bereits bemerkt, denn die Brcke
fllt, und die Sturmegge[4] wird aufgezogen!

    [4] Fallgatter.

Schlo Wijnendaal[5], das der edle Graf Gwijde von Flandern erbaut hatte,
war eins der schnsten und strksten Schlsser jener Zeit. Aus den breiten
Grben, von denen es umgeben war, stiegen gewaltige Mauern auf, an denen
eine Anzahl Wachthuschen hing. Durch die Schiescharten hindurch konnte
man die Ausschau haltenden Armbrustschtzen und ihre sthlernen
Lanzenspitzen sehen. Innerhalb der Wlle erhoben sich die Dcher des
grflichen Hauses mit den wehenden Wetterfahnen. Sechs runde Trme standen
an den Mauerecken und in der Mitte des Vorhofes. Von hier aus konnte man
mit allerlei Wurfgeschossen den heranziehenden Feind treffen und ihm so die
Annherung ans Schlo erschweren. Eine einzige Brcke verband diese
befestigte Insel mit den umliegenden Tlern.

    [5] Schlo Wijnendaal ist nun verfallen. Es liegt in der Nhe
    eines Dorfes gleichen Namens bei Thourout in Westflandern.

Sobald die Ritter ankamen, gab der Turmwchter der inneren Wache ein
Zeichen, und sogleich kreischten die schweren Tore in ihren Angeln.

Unterdes erdrhnte hallendes Rossestampfen auf der Brcke, und die
franzsischen Ritter zogen zwischen zwei Reihen vlaemischer Fusoldaten in
die Burg. Die Tore wurden hinter ihnen geschlossen. Die Sturmegge mit
ihren eisernen Spitzen rasselte nieder, und die Brcke ging langsam in die
Hhe.




II.


Die Luft war so klarblau, da das staunende Auge vergeblich ihre
unermebare Tiefe zu ergrnden suchte. Strahlend stieg die Sonne am
Horizont auf, und eine girrende Turteltaube trank die letzten Tautropfen
von den grnen Blttern der Bume. Aus Schlo Wijnendaal erscholl
unaufhrlich das Klffen der Meute. Das Wiehern der Pferde mischte sich mit
den lieblichen Tnen des Jagdhorns. Aber die Zugbrcke war noch aufgezogen,
und vorbergehende Landleute konnten nur raten, was da im Gange war.
Zahllose Wachen mit Armbrust und Schild schritten auf den ueren Wllen
auf und ab, und durch die Schiescharten hindurch konnte man sehen, wie
viele Waffenknechte innerhalb der Mauern geschftig hin und her liefen.

Endlich erschienen einige Leute ber dem Tor und lieen die Brcke herab.
Da wurde es auch schon geffnet, um den Jagdzug hinauszulassen. In dem
stattlichen Zug, der langsam ber die Brcke ritt, sah man folgende Damen
und Herren:

Voran ritt der achtzigjhrige Graf Gwijde[6] von Flandern auf einem Fuchs.
Seine Haltung trug den Stempel stiller Ergebenheit. Alter und Unglck
hatten sein stolzes Haupt schwer gebeugt. Seine schmalen Wangen waren tief
gefurcht. Ein purpurnes Wams fiel von seinen Schultern bis auf den Sattel
herab, und sein schneeweies Haar war von einem gelbseidenen Tuche
umwunden. Durch diese Hlle glich sein Haupt einem Silbergefe mit
goldenem Reif. Auf der Brust trug er in einem herzfrmigen Schild den
schwarzen springenden Lwen in goldenem Felde.

    [6] Guy van Dampyere, der Sohn des alten Wilhelm van Dampyere,
    war der vierundzwanzigste Graf von Flandern. (Dits die excellente
    Cronike van Vlaenderen.)

Der unglckliche Frst sah sich an seinem Lebensabend, wo ihm die Ruhe als
Lohn fr seine Arbeit zu gnnen gewesen wre, seiner Krone beraubt. Seine
Kinder hatten durch das Los der Waffen ihr Erbe verloren, und Armut
erwartete sie, die eigentlich die reichsten Frsten Europas htten sein
mssen. Siegprahlende Feinde umringten den unglcklichen Landesherrn, und
doch gab er der Verzweiflung in seinem Herzen nicht Raum.

Neben ihm ritt Karl von Valois, der Bruder des franzsischen Knigs. Er
unterhielt sich eifrig mit dem alten Gwijde; doch es schien, als wren sie
nicht einer Meinung.

Jetzt hing kein Schlachtschwert mehr am Sattel des franzsischen Feldherrn;
ein langer Degen ersetzte die schwere Waffe; auch die blitzenden
Stahlplatten hatte er von den Beinen geschnallt.

Ihnen folgte ein Ritter von ungemein wildem und trotzigem Aussehen. Seine
Augen rollten, und wenn sein Blick auf einen Franzosen fiel, prete er
seine Lippen ingrimmig aufeinander und knirschte mit den Zhnen.

Er war etwa fnfzig Jahre alt; aber noch beseelte ihn volle Lebenskraft,
und man mute ihn mit seiner starken Brust und seinem gewaltigen Krperbau
fr den strksten Ritter halten. Auch sein Ro war grer als die anderen,
und so berragte er den ganzen Zug an Haupteslnge. Ihn schtzten sein
blinkender Helm mit blauem und gelbem Federbusch, ein schwerer Waffenrock
und das gebogene Schwert. Sein Koller, das von seinem Rcken bis auf das
Pferd niederwallte, trug auch den vlaemischen Lwen im goldenen Felde. Die
Ritter jener Zeit htten unter tausend anderen in diesem trotzigen Reiter
Robrecht van Bethune[7], den ltesten Sohn von Gwijde, erkannt.

    [7] Robrecht van Nyvers (auch van Bethune) hat der heiligen
    Kirche groe Dienste erwiesen; so hat er in Apoelghen Meinfoort,
    den stolzen Feind der heiligen Kirche, erschlagen. (Die
    excellente Cronike). Die Tatsache, auf die dieser Satz anspielt,
    ist folgende:

    Karl von Anjou, Knig von Sizilien, wollte gegen Manfred, der
    dieses Knigreich gegen den Willen des Papstes besa, in den
    Krieg ziehen. Er bildete ein franzsisches Heer aus etwa 20000
    auserlesenen Kriegern und bergab den Oberbefehl an Robrecht van
    Bethune, der damals achtzehn Jahre alt war. Bald darauf nahm Karl
    von Anjou den jungen Konradin, den Enkel des deutschen Kaisers
    Friedrich, gefangen. Karl, der sich von einem so hochgestellten
    Feind befreien wollte, beschlo, ihn zum Tode verurteilen zu
    lassen. Sismonde von Sismondi (Histoire des rpubliques
    italiennes) sagt darber: Ein einziger Richter sprach das
    Todesurteil, und der junge Konradin wurde auf das Schafott
    gebracht, um enthauptet zu werden. Der Richter, der Konradin zum
    Tode verurteilt hatte, las das Urteil gegen ihn vor, das ihn als
    Verrter der Krone und Feind der Kirche bezeichnete. Er war
    gerade damit zu Ende und sprach das Todesurteil aus, als Robrecht
    von Flandern, der eigene Schwager von Karl von Anjou, auf den
    falschen Richter zustrzte, ihm seinen Degen in die Brust stie
    und rief: Es steht Euch nicht zu, Elender, einen so edlen und
    schnen Herrn zum Tode zu verurteilen. Der Richter starb in
    Gegenwart des Knigs, und dieser durfte seinen Gnstling nicht
    rchen.-- Noch andere Taten beweisen, da Robrecht von einem
    wunderbaren Mut beseelt war, so da man von ihm sagen konnte: ein
    Lwenherz schlgt in seiner eisernen Brust.

Seit einigen Jahren hatte ihm sein grflicher Vater die innere Regierung
von Flandern bertragen. In allen Feldzgen hatte er die vlaemischen Heere
angefhrt und sich in der Fremde einen gefrchteten Namen erworben. Whrend
des sizilianischen Krieges hatte er im Lager der Franzosen so
staunenswerte Waffentaten vollfhrt, da er von der Zeit an der Lwe von
Flandern genannt wurde. Das Volk, das seine Helden allzeit liebt und
bewundert, besang die Unerschrockenheit des Lwen in seinen Sagen und
verherrlichte den, der einst die Krone von Flandern tragen sollte. Da
Gwijde wegen seines hohen Alters Schlo Wijnendaal selten verlie und auch
von den Vlaemen nicht sehr geliebt wurde, erhielt auch Robrecht den
Grafentitel, wurde im ganzen Land als der Herr angesehen, und als solchem
wurde ihm Gehorsam geleistet.

An seiner rechten Seite ritt Wilhelm, sein jngster Bruder, dessen bleiche
Wangen und schwermtigen Zge wie die eines kranken Mgdeleins neben dem
gebrunten Antlitz von Robrecht erschienen. Seine Kleidung unterschied sich
von der des Bruders nur durch das krumme Schwert, das Robrecht allein trug.

Darauf folgten viele andere Herren, sowohl Franzosen wie Vlaemen. Hierunter
waren die vornehmsten: Walter, Herr van Maldeghem, Karl, Herr van
Knesselare, Roegaert, Herr van Axpoele, Jan, Herr van Gavere, Rase Mulaert,
Dietrich der Fuchs und Gerhard der Mohr.

Die Ritter Jacques de Chtillon, Guy de Saint-Pol, Raoul de Nesle und ihre
Begleiter ritten ungeordnet, liebenswrdig plaudernd, zwischen den
vlaemischen Herren.

Ihnen folgte der junge Adolf van Nieuwland, der Sprling eines der
edelsten Geschlechter der reichen Stadt Brgge. Sein Antlitz bestach nicht
durch weibische Schnheit. Das war keiner jener Mnner mit rosenfarbigen
Wangen und lchelndem Munde, denen zum Weibe nur die Frauenkleidung fehlt.
So hatte sich die Natur nicht an ihm vergangen. Die Sonne hatte seine
ernsten Wangen leicht gebrunt. Durch seine Stirn zogen sich zwei Falten,
die frhzeitige Klugheit ankndigten. Sein Antlitz war scharf und mnnlich
geschnitten, und die edlen Linien seines Krpers erinnerten an ein
griechisches Bildwerk. Aus seinen Augen, die halb von den Brauen
beschattet waren, leuchtete eine weiche, aber einsame Seele.

Obwohl er den anderen Rittern an Geburt nicht nachstand, blieb er doch
zurck und lie die, die geringerer Herkunft waren, vorausreiten. Mehrmals
hatte man ihm Platz gemacht, um ihn nach vorn reiten zu lassen, aber er
achtete nicht auf diese Liebenswrdigkeit und schien in tiefes Nachdenken
versunken zu sein.

Auf den ersten Blick htte man Adolf fr einen Sohn Robrechts van Bethune
halten knnen. Denn bis auf den groen Altersunterschied glichen sich die
beiden Ritter auffallend. Die gleiche Gestalt, die gleiche Haltung, die
gleichen Bewegungen! Doch war die Kleidung von anderer Farbe, und das
gestickte Wappen auf Adolfs Brust zeigte drei goldblonde Mgdelein auf
rotem Grunde. Darber stand sein Wahlspruch: Pulchrum pro patria mori[8].

    [8] Schn ist der Tod frs Vaterland.

Dieser Jngling war von seiner Kindheit an in Robrechts Hause aufgewachsen.
Jetzt war er sein vertrauter Freund und wurde von ihm wie ein geliebter
Sohn behandelt. Er schtzte seinen Wohltter als Vater und Frst und liebte
ihn und seine Kinder von ganzem Herzen.

Dicht hinter ihm ritten die Frauen, die so prchtig geschmckt waren, da
das reiche Gold und Silber ihrer Kleidung die Augen blendete. Alle saen
auf leichten Zeltern. Ein langes Reitkleid fiel an der Seite des Pferdes
ber ihre Fe bis zur Erde herab. Golddurchwirkte, eng anliegende Mieder
bedeckten ihre Brust, und von ihren hohen, mit Perlen geschmckten Hauben
flatterten zierliche Bnder. Die meisten trugen einen Raubvogel auf der
Hand.

Unter diesen Edelfrauen war eine, die durch Pracht und Schnheit alle
anderen in Schatten setzte. Es war Machteld, Robrechts jngste Tochter.

Die Maid war sehr jung. Sie war kaum lter als fnfzehn Jahre; aber ihre
hohe, schlanke Gestalt, ein Erbteil ihrer edlen, mchtigen Vorfahren, die
Strenge ihrer feinen Zge, die Ruhe ihrer Haltung gaben ihr etwas
Knigliches, Ehrfurchtgebietendes.

Obwohl die Ritter darin wetteiferten, ihr zu gefallen und ihr jede
erdenkliche Hflichkeit erwiesen, entbrannte doch keiner in vermessener
Liebe zu ihr. Sie wuten, nur ein Frst durfte Machteld von Flandern
heimfhren.

Traumhaft schn sa die schlanke, junge Maid lieblich in der Seide ihres
Zelters und trug ihr Haupt stolz erhoben. Whrend die linke Hand leicht den
Zgel hielt, sa auf der Rechten ein Habicht mit roter Kappe, an der
goldene Glckchen luteten.

Unmittelbar nach der lieblichen Tochter des Landesfrsten ritten zahlreiche
Schild- und Hofknappen, alle in zweifarbige Seide gekleidet. Die Knechte,
die zum Hause des Grafen Gwijde gehrten, konnte man leicht von den anderen
unterscheiden, denn die rechte Seite ihrer Kleidung war aus schwarzem, die
linke aus goldgelbem Moir. Einige waren in Purpur und Grn, andere in Rot
und Blau gekleidet, je nach den Wappenfarben ihrer Gebieter.

Endlich kamen Jger und Falkentrger. Vor den ersteren lief die Meute von
etwa fnfzig Hunden an ledernen Koppeln; darunter waren Windhunde, Bracken
und Sprhunde aller Art.

Die Tiere waren von sonderbarem Ungestm; sie zogen so stark an den
Koppeln, da die Jger sich rckwrtsstemmend ziehen lassen muten.

Die Falkeniere trugen auf Querstangen allerlei Falken und Jagdvgel:
Habichte, Steinfalken, Geier und Sperber. Die Vgel hatten rote, mit
Glckchen besetzte Kappen auf dem Kopfe und dnne Lederhschen an den
Beinen.

Auerdem trugen die Falkeniere noch knstliche, scharlachrote Lockvgel mit
Flgeln; die sollten die Falken whrend der Jagd zurckrufen.

Sobald der Zug sich etwas von der Brcke entfernt hatte und auf einen
breiteren Weg gekommen war, mischten sich die Herren, ohne auf die
Standesunterschiede zu achten, untereinander. Jeder suchte sich einen
Freund oder Kameraden, um die Reise durch geflliges Gesprch zu verkrzen.
Sogar viele Frauen waren zu ihnen herangeritten. Doch blieben Gwijde von
Flandern und Karl von Valois noch an der Spitze des Zuges, denn niemand
wre so unhflich gewesen, an ihnen vorbeizureiten. Robrecht van Bethune
und Wilhelm hatten ihre Rosse neben das ihres Vaters gefhrt, und auch
Raoul de Nesle war mit Chtillon zu ihrem Feldherrn geritten. Dieser
blickte traurig auf das weie Haupt Gwijdes und in Wilhelms schwermtiges
Antlitz und sagte: Ich bitt' Euch, edler Graf, glaubt mir, da mir Euer
trauriges Los sehr zu Herzen geht. Es ist mir, als htte mich selbst Euer
Unglck getroffen. Doch noch ist alle Hoffnung nicht verloren. Auf meine
Bitte wird mein kniglicher Bruder alles vergeben und vergessen.

Herr von Valois, entgegnete Gwijde, da tuscht Ihr Euch, Euer Frst hat
es deutlich bewiesen, da Flanderns Untergang sein grter Wunsch ist; hat
er nicht meine Untertanen gegen mich aufgestachelt? Hat er mir nicht mit
unmenschlicher Grausamkeit meine Tochter Philippa geraubt und in einen
Kerker geworfen? Und erwartet Ihr etwa, da er alles wieder aufrichtet, was
er so blutig zerstrt hat? Frwahr, Ihr tuscht Euch sehr, Philippe-le-Bel,
Euer Bruder und Knig wird mir das Land, das er mir entrissen hat, nie
zurckgeben. Euern Edelmut, Herr von Valois, werde ich nie vergessen, doch
ich bin zu alt, um mich noch mit einer trgerischen Hoffnung trsten zu
knnen. Meine Herrschaft ist aus. Das war Gottes Wille!

Ihr kennt meinen kniglichen Bruder Philipp nicht, erwiderte Valois,
seine Taten sprechen allerdings gegen ihn, aber ich versichere Euch, er
hat ein edles, ritterliches Herz.

Da unterbrach Robrecht van Bethune Valois voll Ungeduld: Was sagt Ihr--
ein edles, ritterliches Herz! Bricht ein edler Ritter sein gegebenes Wort,
seine Treue? Als wir mit unserer unglcklichen Philippa arglos nach Corbeil
kamen, hat Euer Knig das Gastrecht verletzt und uns alle eingekerkert. Ist
diese Verrterei etwa eines edlen Ritters wert?

Herr van Bethune, antwortete Valois ernst, Eure Worte sind sehr scharf.
Ich hoffe, da Ihr nicht die Absicht hattet, mich zu krnken.

O nein, auf Ehre nicht, gab Robrecht zur Antwort, Eure Gromut hat Euch
meine Freundschaft gewonnen. Aber Ihr knnt doch nicht mit voller
berzeugung behaupten, da Euer Knig ein ehrenwerter Ritter ist?

Hrt mich an, entgegnete da Valois, glaubt mir, da in der Brust
Philipps des Schnen das beste Herz schlgt; aber feige Schleicher aus
seiner Umgebung beraten ihn. Enguerrand de Marigny[9] ist ein
eingefleischter Teufel, der ihn zum Bsen verleitet, und noch jemand treibt
ihn zu unerhrten Scheulichkeiten. Doch hier verbietet mir die Ehrfurcht,
Namen zu nennen; doch gerade hier liegt die Schuld an Eurem Unglck.

    [9] _Enguerrand de Marigny_, ein normannischer Edelmann, wurde
    unter Philipp dem Schnen Palastleiter vom Louvre und den
    ffentlichen Bauten und Finanzminister. Er mibrauchte seine
    Gewalt, verschwendete die Gelder des Reiches, verflschte die
    Mnzen und verarmte das Volk durch Auflegung willkrlicher
    Lasten.

Wen meint Ihr denn, fragte Chtillon absichtlich.

Da fragt Ihr nach einer allbekannten Sache, Herr von Chtillon, rief ihm
Robrecht van Bethune zu, hrt zu, ich will's Euch sagen, es ist Eure
Nichte, Johanna von Navarra[10], die meine unglckliche Schwester gefangen
hlt; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Frankreichs Geld
verflschen lie; es ist Eure Nichte, Johanna von Navarra, die Flandern den
Untergang geschworen hat!

    [10] Johanna war die einzige Tochter HeinrichsI., Knigs von
    Navarra; sie erbte dieses Knigreich von ihrem Vater und wurde
    dadurch eine der reichsten Frstinnen ihrer Zeit. Sie vermhlte
    sich mit Philipp dem Schnen und vereinigte durch diese Heirat
    zwei Kronen auf ihrem Haupte.

Chtillon wurde rot vor Zorn. Er ritt dicht an Robrecht heran und rief ihm
zu: Das ist schmhlich erlogen!

Diese Beschuldigung verletzte Robrechts Ehre. Schnell ri er sein Pferd
zurck und zog sein gebogenes Schwert aus der Scheide. Schon wollte er sich
auf Chtillon strzen-- da sah er, da sein Feind keine Waffen bei sich
trug. Mit sichtlichem Unmut steckte er sein Schwert in die Scheide zurck,
ritt wieder auf Chtillon zu und sprach mit verhaltener Erregung: Ich
halte es nicht mehr fr ntig, mein Herr, Euch meinen Handschuh zuzuwerfen.
Ihr wit, da der Vorwurf der Lge ein Flecken ist, der nur durch Blut
abgewaschen werden kann. Noch vor Sonnenuntergang fordere ich Genugtuung
fr diesen Schimpf!

Es sei, entgegnete ihm Chtillon, ich bin bereit, die Ehre meiner
kniglichen Nichte gegen alle Ritter der Welt zu verteidigen.

Nun schwiegen beide und ritten wieder auf ihre vorigen Pltze zurck.
Whrend des kurzen Streites hatten die anderen Ritter mit sehr
verschiedenen Gefhlen die Worte Robrechts mit angehrt. Manchen Franzosen
erbitterte die uerung des Vlaemen tief; doch Ritterehre untersagte es
ihnen, sich in den Streit zweier Feinde einzumischen. Karl von Valois
schttelte ungeduldig sein Haupt, und deutlich konnte man in seinem Gesicht
den Unwillen lesen, den dieser Streit hervorgerufen hatte. Dagegen huschte
ber das Antlitz des Grafen Gwijde ein zufriedenes Lcheln, und leise sagte
er zu Valois: Mein Sohn Robrecht ist ein mutiger Ritter. Das hat Euer
Knig Philipp bei der Belagerung von Rijssel erfahren mssen. Da hat
Robrechts Schwert manch tapferen Franzosen erschlagen. Die Brgger, die ihn
mehr als mich lieben, nennen ihn den Lwen von Flandern, und diesen
ehrenvollen Beinamen hat er sich in der Schlacht bei Benevent[11] gegen
Manfred wohl verdient.

    [11] Die Schlacht wurde am Freitag, dem 26. Februar 1266,
    geschlagen. Manfred verlor in ihr Krone und Leben. (Sismonde de
    Sismondi.)

Ich kenne Herrn Robrecht seit langer Zeit, war die Antwort. Wei nicht
ein jeder, mit welcher Khnheit er dem Tyrannen Manfred das Schwert
entwandt? Die Ritter meines Landes rhmen seine Waffentaten. Der Lwe von
Flandern gilt als unberwindlich-- und mit Recht.

Ein stolzes Lcheln erhellte das Antlitz des alten Vaters; aber pltzlich
verdsterte es sich, er beugte in tiefem Schmerze sein Haupt: Herr von
Valois, ist das nicht doppelt schmerzvoll fr mich, gerade einem solchen
Sohne kein Erbe hinterlassen zu knnen? Ihm, der dem Haus von Flandern
soviel Ruhm und Ehre erworben htte. Ach, das und die Gefangenschaft meiner
unglcklichen Tochter sind zwei Schicksalsschlge, die mich gebrochen
haben.

Karl von Valois antwortete nicht auf Gwijdes Klagen. Lange Zeit hllte er
sich in tiefes Nachdenken und lie den Zgel seines Trabers am Sattelknopf
hngen. Gwijde betrachtete voll Bewunderung den edlen Freund, denn er
erkannte, wie schmerzlich das Unglck des Hauses von Flandern den
ritterlichen Franzosen betrbte.

Da richtete sich pltzlich Karl von Valois glckstrahlend im Sattel auf,
und erfreut rief er aus: Eine Eingebung Gottes!

Gespannt sah Gwijde ihn an.

Graf von Flandern, sagte Valois, ich will, da mein kniglicher Bruder
Euch wieder auf den Thron Eurer Vter setze!

Und welches Mittel haltet Ihr fr stark genug, dieses Wunderwerk zu
vollbringen; denn er hat doch mein Land schon Euch bertragen?

Hrt zu, edler Graf, Eure Tochter weint trostlos in den Kerkern des
Louvre. Euer Erbe ist verloren. Euern Kindern blieb kein Lehen. Ich wei
nun ein Mittel, das Eurer Tochter die Freiheit und Euch Euer Land
wiedergeben soll.

Wirklich, rief Gwijde zweifelnd, ich kann's nicht glauben, Herr von
Valois; oder Eure Knigin Johanna von Navarra mte nicht mehr am Leben
sein.

Nein, das nicht! Unser Knig Philipp der Schne hlt in Compigne offenen
Hof. Meine Schwgerin Johanna weilt gerade in Paris, und dort hlt sich
auch Enguerrand de Marigny auf. Begleitet mich nach Compigne, und lat
auch die edelsten Ritter Eures Landes mitziehen, tut Fufall vor meinem
Bruder und huldigt ihm als reumtiger Vasall.

Und dann? fragte Gwijde verwundert.

Er wird Euch gndig empfangen und Flandern und auch Eure Tochter
freigeben. Verlat Euch auf mein Wort, denn mein Bruder ist in der
Abwesenheit der Knigin der gromtigste Frst.

Von Herzen danke ich Eurem guten Engel fr diese glckliche Eingebung und,
Herr von Valois, fr Euern groen Edelmut, rief Gwijde hocherfreut. O,
mge Gott mir vergnnen, da ich durch dieses Mittel die Trnen meines
unglcklichen Kindes trocknen kann! Aber wer wei, ob in diesem
gefhrlichen Frankreich Kerkerbande nicht auch mir bevorstehen?

Frchtet nichts, Graf, frchtet nichts, entgegnete ihm Valois, ich
selbst will Euch verteidigen und Euch treu zur Seite stehen. Und sollten
unsere Bemhungen fruchtlos bleiben, so werden Euch mein Siegel und meine
Ehre freies Geleit nach Rupelmonde zurck sichern.

Gwijde lie die Zgel los, ergriff die Hand des franzsischen Ritters und
drckte sie in tiefer Dankbarkeit. Ihr seid ein edler Feind, sagte er
schmerzlich.

Whrend dieses Zwiegesprches war der ganze Zug in eine weite Ebene
gekommen, durch welche der Krekelbach rauschte. Jeder machte sich zur Jagd
bereit.

Die vlaemischen Ritter setzten sich ihre Falken auf die Faust. Die Hunde
wurden verteilt, und die Leitbnder der Jagdvgel gelst.

Die Frauen hatten sich unter die Ritter gemischt, und es traf sich, da
Karl von Valois nun neben der schnen Machteld ritt.

Ich glaube, anmutiges Edelfrulein, sagte er, da Ihr den Preis der Jagd
erringen werdet; denn einen schneren Vogel als den Euren habe ich nie
gesehen. Er hat so gleichmiges Gefieder, so starke Schwingen, so gelb
geschuppte Klauen. Er ist wohl recht schwer auf der Hand?

O ja-- sehr schwer, edler Herr, gab Machteld zur Antwort. Und obgleich
er nur fr den tiefen Flug abgerichtet ist, kann er doch Reihern und
Kranichen hoch in der Luft nachjagen.

Es scheint mir, bemerkte Valois, da Euer Wohledeln ihn zu reichlich
fttern. Es wre besser, ihm etwas schmalere Kost zu geben.

O nein, verzeiht, Herr von Valois, rief die Maid hoheitsvoll, aber da
tuscht Ihr Euch sicherlich: mein Falke ist so gerade recht. Ich bin in der
Falkenzucht nicht unkundig. Ich selbst habe diesen schnen Habicht
aufgezogen, zur Jagd abgerichtet und ihn des Nachts bei Kerzenschein
bewacht. Aus dem Weg, Herr von Valois, aus dem Weg, ber dem Sumpf steigt
eben eine Schnepfe auf.

Als Herr von Valois nach der angedeuteten Stelle sah, zog Machteld ihrem
Falken die Kappe ab und warf ihn hoch.

Steig' auf, mein lieber Falke! rief ihm Machteld nach.

Auf dies Gehei flog der Vogel himmelwrts. Das Auge konnte ihm nicht mehr
folgen. Einige Zeit ruhte er bewegungslos auf seinen Fittichen, und seine
durchdringenden Augen suchten nach dem ihm bestimmten Wild. Bald sah er die
Schnepfe in der Ferne fliegen. Schneller als ein niederstrzender Stein
stie der Falke auf den armen Vogel und packte ihn mit seinen scharfen
Klauen.

Seht Ihr, Herr von Valois, rief Machteld erfreut aus, da Frauenhand
auch gut Falken abrichten kann. Da kommt mein treuer Vogel mit seiner Beute
zurck.

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als der Habicht schon mit der
Schnepfe auf ihrer Hand sa.

Gnnt mir die Ehre, das Wild aus Euern schnen Hnden zu empfangen, bat
Karl von Valois.

Bei dieser Frage wurde das Antlitz der Jungfrau traurig. Sie blickte den
Ritter flehend an und sagte: Ach, Herr von Valois, nehmt es mir nicht
bel, ich habe meine erste Beute schon meinem Bruder Adolf, der da neben
meinem Vater steht, versprochen.

Euerm Ohm Wilhelm, wollt Ihr sagen, mein edles Frulein.

Nein, unserem Bruder Adolf van Nieuwland. Er ist so gut, so gefllig zu
mir. Er hilft mir beim Abrichten meines Falken. Er lehrt mich Lieder und
Sagen und spielt mir auf der Harfe vor. Wir haben ihn alle sehr lieb.

Whrend dieser Worte hatte Karl von Valois seinen durchdringenden Blick
forschend auf Machteld geheftet, doch er erkannte, da nur Freundschaft im
Herzen der Jungfrau wohnte.

Da hat er sich diese Gunst redlich verdient, sagte er lchelnd, lat
Euch nur nicht durch meine Bitte lnger zurckhalten.

Ohne sich um die Gegenwart der anderen Ritter zu kmmern, rief Machteld so
laut sie konnte: Adolf, Herr Adolf! Und ausgelassen wie ein Kind schwang
sie ihre Schnepfe hoch in der Luft.

Auf ihren Ruf ritt der Jngling zu ihr heran.

Adolf, rief sie, das ist Eure Belohnung fr die schnen Sprche, die Ihr
mich gelehrt habt.

Der junge Ritter verbeugte sich ehrerbietig vor ihr und nahm frhlich die
Schnepfe in Empfang. Die Ritter betrachteten ihn mit neidischer Neugierde,
und mehr als einer suchte auf seinem Antlitz heimliche Liebe zu
entdecken;-- aber vergeblich! Pltzlich wurden sie aus ihrem neugierigen
Forschen aufgeschreckt.

Schnell, Herr van Bethune, rief der Hauptfalkenier, nehmt Euerm
Geierfalken die Kappe ab und werft ihn auf; denn da luft ein Hase!

Einen Augenblick spter schwebte der Vogel bereits hoch ber den Wolken und
stie dann senkrecht auf das fliehende Wild. Es war ein sonderbarer
Anblick. Denn als der Falke seine Krallen in den Rcken des flchtigen
Hasen geschlagen hatte, klammerte er sich dort fest, und so strzten beide
windschnell vorwrts; doch dauerte es nicht lange. Gerade als sie an einem
Buschholz vorbeiliefen, krallte sich der Falke mit der einen Klaue daran
fest und hielt mit der anderen das Wild, da es nicht fortkam, soviel es
auch zappelte und sich wand. Schnell wurden einige Hunde von der Koppel
gelst. Sie strzten sich auf den Hasen und nahmen ihn dem Falken ab.

Siegesfroh kreiste der mutige Vogel ber den Hunden und flog ber ihnen her
bis zu den Jagdknechten; dann stieg er hoch auf und brachte seine Freude in
eigenartigen Wendungen zum Ausdruck.

Herr van Bethune, rief Valois aus, das ist ein Vogel, der seine Beute
tapfer schwcht. Ein herrlicher Geierfalke!

Ja, edler Graf, er ist der allerprchtigste, antwortete Robrecht. Ihr
solltet einmal seine Adlerklauen bewundern.

Mit diesen Worten warf er den Lockvogel hoch. Der Falke, der dies sah,
kehrte sofort auf die Faust seines Herrn zurck.

Seht nur, sagte Robrecht und zeigte Valois den Vogel, seht nur das
schne Blond seines Gefieders, die silberweie Brust und seine hohen,
blulich glnzenden Krallen!

Ja, Herr Robrecht, das ist allerdings ein Vogel, der keinen Adler zu
frchten braucht, antwortete Valois, aber sein Bein blutet anscheinend.

Robrecht, der seinen Falken genauer untersucht hatte, rief nun ungeduldig:

Falkentrger, komm schnell her zu mir, mein Vogel hat sich ernstlich
gequetscht. Ach Gott, das arme Tier hat seine Klauen zu sehr angestrengt.
Pflege ihn gut, mein treuer Steven. Sein Tod wrde mich sehr traurig
machen.

Er reichte den verletzten Falken zu Steven hinunter, der fast ber den
Vorfall weinte, denn da sein Amt darin bestand, die Falken zu lehren und
abzurichten, so lagen ihm diese Tiere wie Kinder am Herzen.

Kaum hatten die vornehmsten Herren ihre Falken aufgeworfen, so fingen auch
alle anderen mit der Jagd an.

Innerhalb von zwei Stunden fing man allerlei hochfliegendes Wild, wie:
Enten, Mwen, Reiher und Kraniche und auch die tiefer streichenden
Rebhhner, Drosseln und Brachvgel.

Als die Sonne im Zenit stand, hallten die klaren Jagdhrner durch die
Ebene. Der ganze Zug sammelte sich wieder, und in langsamem Schritt ging's
zurck nach Wijnendaal.

Unterwegs nahm Karl von Valois sein Gesprch mit dem alten Gwijde wieder
auf. Obgleich der Graf von Flandern nicht ohne Mitrauen an eine Reise nach
Frankreich dachte, wollte er sie doch aus Liebe zu seinen Kindern trotz
aller Gefahren unternehmen. Er beschlo, auf Anraten des franzsischen
Feldherrn, sich mit allen Edeln, die ihm geblieben waren, Philipp dem
Schnen zu Fen zu werfen, um durch diese demtige Huldigung sein Mitleid
zu erwecken. Die Abwesenheit der Knigin lie ihn hoffen, da Philipp der
Schne nicht unerbittlich sein wrde.--

Robrecht van Bethune kam nicht mehr mit Chtillon in Berhrung; sie
vermieden es, sich zu begegnen, und keiner von beiden sprach ein Wort.
Adolf van Nieuwland ritt jetzt neben Machteld und ihrem Oheim Wilhelm. Die
Jungfrau war allem Augenschein nach damit beschftigt, ein Lied oder einen
Spruch auswendig zu lernen, den ihr Adolf vorsprach; denn von Zeit zu Zeit
riefen die verwunderten Edelfrauen: Wie schn er das sagt! Was ist doch
Herr van Nieuwland fr ein kluger Minnesnger.

So erreichten sie endlich Wijnendaal. Der ganze Zug ritt ins Schlo.
Hinter ihm zog man die Brcke nicht auf, und auch das Fallgatter wurde
nicht herabgelassen.

Einige Augenblicke spter verlieen die franzsischen Ritter in voller
Rstung die Burg. Als sie ber die Brcke ritten, sagte Chtillon zu seinem
Bruder: Du weit, da ich heut' abend die Ehre unserer Nichte verteidigen
mu, und ich rechne damit, da Du mein Sekundant sein wirst.

Geht's etwa gegen den khnen Robrecht van Bethune? fragte Saint-Pol. Ich
wei nicht, mich dnkt, Du wirst schlecht dabei wegkommen; denn der Lwe
von Flandern ist kein Ktzchen, das man ohne Handschuhe anfassen kann. Das
sollte Dir auch bekannt sein!

Was geht's mich an! unterbrach ihn Chtillon zornig. Ein Ritter vertraut
seiner Geschicklichkeit und seinem Mut und nicht roher Krperkraft!

Du hast recht, Bruder, ein Ritter darf vor keinem Feind weichen, aber er
soll sich auch nicht unbesonnen einer Gefahr aussetzen. Ich htte an Eurer
Stelle den finsteren Robrecht reden lassen, soviel er wollte. Was kmmern
Dich seine Worte, wo er ja doch unser Gefangener ist.

Schweig, Saint-Pol, solche Reden stehen einem Ritter nicht wohl an! Fehlt
es Dir etwa an Mut?

Als sie diese Worte wechselten, verschwanden sie mit den anderen Rittern
zwischen den Bumen des Waldes.

Jetzt lieen die Waffenknechte das Fallgatter herab, zogen die Brcke auf
und waren nicht mehr zu sehen.




III.


Der befreundete Ritter oder der bedrftige Minnesnger, dem sich das
gastliche Tor des Schlosses Wijnendaal geffnet hatte, befand sich zuerst
auf einem kleinen, viereckigen freien Platz. Ihm zur Rechten lagen die
Stallungen, in denen wohl hundert Pferde ohne jede Schwierigkeit
untergebracht werden konnten; davor lagen die Dunghaufen, auf denen
zahllose Enten und Tauben herumliefen. Zu seiner Linken lag ein Gebude,
das die Wohnungen der Waffenknechte und Troknappen enthielt. Weiter hinten
standen die Belagerungsgeschtze fr Zeiten des Krieges. Da waren groe
Rammen und Sturmbcke mit ihren Sttzbalken und Wagen, dann Wurfmaschinen,
die Geschosse in die belagerte Stadt schleudern sollten, und auch solche,
mit denen man groe Steine gegen die feindlichen Tore oder Wlle senden
konnte.

Endlich waren dort noch allerlei Sturmbrcken, Fuangeln, Feuertonnen und
unzhlige andere Kriegswerkzeuge aufgestellt.

Dicht vor den ankommenden Reisigen erhob sich der stattliche grfliche
Palast mit seinen Trmen ber die niederen Gebude, die ihn umringten. Eine
steinerne Treppe, an deren Fu zwei schwarze Lwen ruhten, fhrte zum
ersten Stockwerk hinauf und in eine lange Flucht viereckiger Sle. In
vielen stand ein Bett fr den jeweiligen Gast, whrend andere mit den alten
Waffenrstungen verstorbener Grafen oder mit eroberten Bannern und
Standarten geschmckt waren.

Auf der rechten Seite, in einer Ecke des Gebudes, lag ein kleiner Saal,
der sich von den brigen in allem unterschied. Seine Wandbekleidung zeigte
die ganze Geschichte der Kreuzzge in lebensgroen Bildern.

Auf dem einen Bild stand Gwijde, von Kopf zu Fu mit einer eisernen Rstung
bedeckt, und hielt den Rittern, die ihn umgaben, das Kreuz entgegen[12].

    [12] Der Graf Gwijde lag mit dem Heiligen Ludwig, Knig von
    Frankreich, im Kampf gegen die Sarazenen.

Im Hintergrunde waren mehrere Kriegsknechte, die sich schon auf den Weg
gemacht hatten. Das nchste Bild stellte die Schlacht von Massura dar; hier
hatten die Christen 1250 den Sieg errungen. Der heilige Ludwig, Knig von
Frankreich, und Graf Gwijde waren unter den anderen durch ihre Banner
kenntlich. Das dritte Bild zeigte ein grausiges Schauspiel. Viele
christliche Ritter lagen pestkrank, mit dem Tode ringend, in einer den
Steppe zwischen schrecklichen Leichen und Pferdekadavern. Schwarze Raben
kreisten ber dieser Unglckssttte und warteten auf den Tod eines Ritters,
um dann sein Fleisch fressen zu knnen.

Das vierte Bild stellte die glckliche Rckkehr des Grafen von Flandern
dar. Seine erste Gemahlin, Fogaats van Bethune, lag weinend an seiner
Brust, und seine Shne Robrecht und Balduin drckten mit inniger Liebe
seine Hnde. Das war das letzte Gemlde.

Vor dem Marmorkamin, in dem ein kleines Feuer brannte, sa der alte Graf
von Flandern in einem mchtigen Armstuhl. Das gedankenschwere Haupt hatte
er auf seine rechte Hand gesttzt. Unbewut blickte er auf seinen Sohn
Wilhelm, der emsig aus einem Buch mit silbernem Schlo Gebete las.
Machteld, die junge Tochter von Robrecht van Bethune, stand mit ihrem
Falken auf der anderen Seite des Raumes. Sie streichelte den Vogel, ohne
auf den alten Gwijde und seinen Sohn zu achten. Whrend der Graf mit tiefem
Schmerz an seine berstandenen Leiden dachte und Wilhelm die himmlische
Gnade anflehte, spielte Machteld mit ihrem geliebten Falken und dachte gar
nicht daran, da das Erbe ihres Vaters von den Franzosen erobert war. Und
dennoch war die kindliche Maid nicht gefhllos; aber ihre Trauer dauerte
selten lnger als der unglckliche Vorfall selbst, der sie erschtterte.
Als man ihr gesagt hatte, da alle Stdte Flanderns vom Feinde erobert
wren, brach sie in eine Flut von Trnen aus und weinte bitterlich; aber
schon am Abend desselben Tages wurde der Falke von neuem geliebkost, und
die Trnen waren getrocknet und vergessen.

Nachdem Gwijde lange seinen Sohn unsicher angestarrt hatte, lie er
pltzlich die Hand, die sein Haupt sttzte, sinken und fragte:

Wilhelm, um was flehst Du Gott so eifrig an?

Ich bete fr meine arme Schwester Philippa, gab der Jngling zur Antwort.
Wei Gott, vielleicht hat Knigin Johanna sie schon ins Grab gestoen;
aber dann gelten meine Gebete ihrem Seelenheil!

Bei diesen Worten beugte er sein Haupt tief, als wollte er die beiden
Trnen verbergen, die ihm ber die Wange liefen.

Der alte Vater seufzte tief. Er ahnte, da die dstere Prophezeiung
Wilhelms sich verwirklichen konnte; denn Johanna von Navarra war eine
boshafte Frau. Doch lie er seine Trostlosigkeit nicht merken und sagte:

Wilhelm, man darf sich nicht mit dsteren Vorahnungen betrben. Die
Hoffnung ist den irdischen Sterblichen als Trost gegeben. Und weshalb
solltest Du auch nicht hoffen? Seit der Gefangenschaft Deiner Schwester
grmst Du Dich und siechst hin, und nicht ein einziges Lcheln hat seither
Dein Antlitz erhellt. Es ist recht, da Du das Schicksal Deiner Schwester
nicht gefhllos mit ansiehst; aber reie Dich um Gottes willen aus Deiner
dsteren Verzweiflung empor!

Du sprichst von einem Lcheln, Vater? Lcheln sollte ich, derweil meine
arme Schwester im Kerker schmachtet? Nein, das kann ich nicht. Einsam
rinnen ihre Trnen auf den kalten Boden ihres Gefngnisses. Dem Himmel
klagt sie ihr Unglck, sie ruft Dich, mein Vater! Sie ruft uns alle, denn
wir sollen ihr Labsal bringen. Und wer gibt ihr Antwort? Das grausige Echo
der unterirdischen Gewlbe des Louvre. Seht Ihr sie nicht, wie sie
totenbleich, schwach und welk wie eine hinsterbende Blume ihre Arme Gott
entgegenstreckt. Hrt Ihr nicht, wie sie ruft: O mein Vater, meine Brder,
erlst mich, ich schmachte in Ketten. Das sieht und hrt mein Herz.-- Das
fhlt meine Seele!-- Und da sollte ich lcheln?

Machteld, die nur einen Teil dieser schmerzlichen Worte mit angehrt hatte,
setzte ihren Falken hastig auf die Lehne eines Sessels und fiel ungestm
weinend und heftig schluchzend ihrem Grovater zu Fen. Sie lehnte ihr
Haupt auf seinen Scho und rief: Ist meine geliebte Muhme tot? O Gott,
welch' Unglck! Ist sie wirklich tot? Werde ich sie niemals wiedersehen?
Der Graf hob sie zrtlich auf und sprach voll Gte zu ihr: Sei ruhig,
meine liebe Machteld, weine nicht, Philippa ist nicht tot.

Nicht tot? fragte die Maid erstaunt. Aber weshalb sprach denn Herr
Wilhelm vom Sterben?

Du hast ihn nicht richtig verstanden, antwortete der Graf. Philippas
Lage ist unverndert geblieben.

Whrend die junge Machteld ihre Trnen trocknete, blickte sie Wilhelm
vorwurfsvoll an und sagte schluchzend:

Immer betrbt Ihr mich grundlos. Fast knnte man glauben, Ihr httet alle
trostreichen Worte vergessen; denn stets sprecht Ihr von so grausigen
Dingen, da mich ein Zittern berfllt; meinem Falken ist bang vor Eurer
Stimme,-- sie klingt so hohl! Das ist gar nicht nett von Euch, und Ihr
krnkt mich damit!

Wilhelm sah die Maid an, und sein Blick flehte um Mitleid fr seinen
Schmerz. Als Machteld ihm in die traurigen Augen sah, lief sie auf ihn zu
und drckte ihm die Hand.

Ach, verzeiht mir, lieber Wilhelm, bat sie, ich habe Euch sehr lieb;
aber Ihr mt mich auch nicht mehr mit dem schrecklichen Worte >Sterben<
krnken; das klingt noch lange in meinen Ohren nach! Seid mir, bitte, nicht
mehr bse!

Noch ehe Wilhelm ihr antworten konnte, lief sie zu ihrem Falken zurck und
begann ihren Zeitvertreib von neuem, whrend die Trnen noch ber ihre
Wangen liefen.

Mein Sohn, sagte Gwijde, tragt der Jungfrau die Worte nicht nach. Du
weit, da sie nicht bse gemeint waren!

Ich vergebe ihr von ganzem Herzen; denn ich liebe sie wie eine Schwester.
Der Schmerz, den sie um Philippas vermeintlichen Tod empfand, hat mir sehr
wohlgetan.

Mit diesen Worten ffnete Wilhelm wieder sein Buch und las jetzt mit lauter
Stimme:

Jesus Christus, Seligmacher, erbarm' Dich meiner Schwester. Um Deiner
bitteren Leiden willen erlse sie, o Herr!

Bei dem Namen des Herren entblte der alte Gwijde sein Haupt, faltete die
Hnde und betete mit Wilhelm zusammen. Machteld lie ihren Falken auf dem
Stuhl stehen, kniete in der einen Ecke des Zimmers nieder, in der ein
Kissen vor einem groen Kruzifix lag.

Wilhelm fuhr fort:

Sancta Maria, Mutter Gottes, ich bitte Dich, hr' mich an, trste sie in
dem dunklen Kerker, o heilige Magd.

O Jesus, ser Jesus, Barmherziger, erbarm' Dich meiner armen Schwester.

Gwijde wartete, bis das Gebet zu Ende war, ohne auf Machteld zu achten, die
wieder zu ihrem Falken gegangen war:

Aber sag' mir nur, Wilhelm, dnkt es Dich nicht, da wir Herrn von Valois
groen Dank schulden?

Herr von Valois ist der wrdigste Ritter, den ich kenne, antwortete der
Jngling. Hat er uns nicht mit grtem Edelmut behandelt? Er hat Euerm
grauen Haupt Ehrerbietung erwiesen und Euch sogar getrstet. Ich wei
bestimmt, da er unserem Unglck und der Gefangenschaft meiner Schwester
ein Ende gemacht haben wrde, wenn das in seiner Macht stnde. Gott lohne
ihm seinen Edelmut mit der ewigen Seligkeit!

Ja, Gott sei ihm in seiner letzten Stunde gndig, fgte Graf Gwijde
hinzu. Kannst Du das glauben, mein Sohn, da er, unser Feind, so edelmtig
sein will, sich um unsertwillen in Gefahr zu begeben und sich den Ha
Johannas von Navarra zuzuziehen.

Ja, da Ihr von Karl von Valois sprecht, glaube ich das gern. Aber was kann
er fr uns und unsere Schwester tun?

Hre, Wilhelm! Als er heute morgen mit uns zur Jagd ritt, hat er mir ein
Mittel geraten, durch welches wir mit Gottes Hilfe Knig Philipp den
Schnen vershnen knnen.

Auer sich vor Freude schlug der Jngling die Hnde zusammen und rief:

O Himmel, sein guter Engel hat durch seinen Mund gesprochen. Und was sollt
Ihr tun, Vater?

Zu Compigne mit meinen Edeln den Knig aufsuchen und ihm zu Fen
fallen.

Und Knigin Johanna?

Die ungndige Johanna von Navarra ist mit Enguerrand de Marigny in Paris.
Jetzt ist der gnstigste Augenblick!

Gebe Gott, da Eure Hoffnung Euch nicht tuscht! Wann wollt Ihr denn die
gefahrvolle Reise unternehmen, Vater?

bermorgen wird Herr von Valois mit seinem Gefolge nach Wijnendaal kommen,
um uns das Geleite zu geben. Ich habe die Edeln, die mir noch treu
geblieben sind, zu mir entbieten lassen, um sie davon in Kenntnis zu
setzen.-- Aber Dein Bruder Robrecht kommt gar nicht. Weshalb bleibt er
solange dem Schlo fern?

Habt Ihr seinen Streit von heut morgen bereits vergessen, Vater? Er hat
eine Beleidigung von sich abzuwaschen. Jetzt kmpft er wohl gerade mit
Chtillon.

Du hast recht, Wilhelm. Das hatte ich vergessen. Dieser Zwist kann uns
schdlich sein; denn Herr von Chtillon besitzt am Hofe Philipps des
Schnen groen Einflu.

Zu jener Zeit waren Ehre und Ruhm das kostbarste Gut des Ritters. Er durfte
keinen Verdacht der Verleumdung auf sich fallen lassen, ohne Rechenschaft
dafr zu fordern. Deshalb waren Zweikmpfe etwas Alltgliches, und sie
fanden keine besondere Beachtung.

Pltzlich erhob sich Gwijde und sagte:

Da hre ich die Brcke fallen. Sicher sind meine Lehnsleute schon da.
Komm, wir gehen in den groen Saal.

Sie gingen aus dem Gemach und lieen die junge Machteld allein.

Bald kamen in den Saal zu dem alten Grafen die Herren van Waldeghem, van
Roode, van Kortrijk, van Oudenaarde, van Heyle, van Nevele, van Roubais,
der Herr Walter van Lovendeghem mit seinen beiden Brdern und mehreren
anderen, zweiundfnfzig an der Zahl. Einige hielten sich gerade im Schlo
auf. Andere hatten ihre Herrschaftssitze in der umliegenden Ebene. Sie
warteten alle voll Neugierde auf den Befehl oder die Nachricht des Grafen
und standen mit entbltem Haupte vor ihrem Gebieter.

Dieser hielt ihnen bald darauf folgende Ansprache:

Meine Herren, Ew.Edeln wissen, da die Treue, die ich meinem Lehnsherren,
Knig Philipp, geschworen habe, die Ursache zu meinem Unglck ist. Als er
mich aufforderte, Rechenschaft ber die Besteuerung der Gemeinden
abzulegen, habe ich als untertniger Vasall seinem Wunsche willfahren.
Brgge hat mir den Gehorsam verweigert, und meine Untertanen haben sich
gegen mich erhoben. Als ich mit meiner Tochter nach Frankreich gereist bin,
um dem Knige zu huldigen, hat er uns alle gefangen genommen. Mein
unglckliches Kind trauert noch im Kerker des Louvre. Das alles wit ihr;
denn ihr steht eurem Frsten treu zur Seite. Ich habe, wie es meiner Wrde
ziemte, mir mein Recht erkmpfen wollen, aber das Waffenglck war gegen
uns. Der meineidige Eduard von England brach das Bndnis, das wir mit ihm
geschlossen hatten, und lie uns in der Not im Stich. Mein Land ist
verloren, ich bin zum Geringsten unter euch geworden, und mein graues Haupt
kann die Grafenkrone nicht mehr tragen. Ihr habt einen anderen Herren.

Noch nicht, rief Walter van Lovendeghem, eher wrd' ich meinen Degen
zerbrechen. Ich erkenne keinen anderen Herren an als den edlen Gwijde van
Dampierre!

Herr van Lovendeghem, ich freue mich ber Eure treue Liebe von ganzem
Herzen; aber erst hrt mich kaltbltig zu Ende an! Herr von Valois hat
Flandern durch Waffengewalt gewonnen und von seinem kniglichen Bruder zu
Lehen erhalten. Seinem Edelmut allein verdanke ich es, da ich mit
Ew.Edeln hier in Wijnendaal zusammen sein kann; denn er selbst hat mich
aus Rupelmonde in dieses liebe Heim gebeten. Noch mehr: er hat beschlossen,
das Haus von Flandern wieder aufzurichten und mich wieder zum regierenden
Grafen zu machen. Darber wollte ich mit Ew.Edeln verhandeln,-- denn ich
brauche eure Hilfe.

Das Erstaunen der Herren, die gespannt gelauscht hatten, wurde durch diese
letzten Worte noch mehr gesteigert. Da Karl von Valois das Land, das er
erobert hatte, wieder hergeben wollte, kam ihnen unglaublich vor. Verblfft
sahen sie den Grafen an, und dieser fuhr nach kurzer Unterbrechung fort:

Meine Herren, ich setze nicht den geringsten Zweifel in eure aufrichtige
Treue zu mir, deshalb habe ich die grte Zuversicht, da ihr meine letzte
Bitte erfllen werdet: bermorgen breche ich nach Frankreich auf, um mich
dem Knig zu Fen zu werfen, und ich bitte Ew.Edeln, mich zu begleiten.

Einer nach dem anderen antwortete, da er bereit sei, seinem Grafen berall
hin Folge zu leisten und ihm beizustehen. Nur einer sagte nichts. Das war
Dietrich der Fuchs.

Herr Dietrich, fragte ihn der Graf, wollt Ihr mich nicht begleiten?

Aber selbstverstndlich! rief Dietrich, der Fuchs kommt mit, und ging's
in den Rachen der Hlle! Aber, verzeiht, edler Graf,-- ich sage Euch, hier
braucht man kein Fuchs zu sein, um die Falle zu merken. Man hat Ew.Hoheit
schon einmal gefangen genommen, und Ihr verfolgt schon wieder die gleiche
Spur. Gebe Gott, da die Sache gut abluft; aber das verspreche ich Euch,
da Philipp der Schne den Fuchs nicht fangen wird.

Ihr urteilt und sprecht allzu leichtfertig, edler Herr! entgegnete ihm
Gwijde. Karl von Valois stellt uns einen Geleitsbrief aus und gelobt uns
bei seiner Ehre, da er uns wieder ungehindert nach Flandern zurckbringen
wird.

Die Herren, die Valois' edle Gesinnung kannten, glaubten seinem Versprechen
und berieten weiter mit dem Grafen. Inzwischen schlich sich Dietrich der
Fuchs unbemerkt aus dem Saal, ging auf den Vorhof und schritt dort in
tiefes Nachdenken versunken auf und ab.

Einige Augenblicke spter wurde die Brcke herabgelassen, und Robrecht van
Bethune ritt auf das Schlo zu. Als er vom Pferde stieg, nherte sich ihm
Dietrich und sagte:

Man braucht erst gar nicht zu fragen, Herr Robrecht, was aus Euerm Feind
geworden ist. Das Schwert des Lwen hat noch nie sein Ziel verfehlt. Herr
von Chtillon reist wohl schon ins Jenseits?

Nein, antwortete Robrecht, mein Schwert ist so heftig auf seinen Helm
niedergesaust, da Chtillon drei Tage lang nicht sprechen kann. Aber er
mu seinem Schpfer danken, da er nicht erschlagen wurde. Doch ein anderes
Unglck hat uns betroffen. Adolf van Nieuwland, der mein Sekundant war, hat
mit Saint-Pol gefochten. Adolf hatte Saint-Pol gerade am Kopf verletzt, als
unglcklicherweise sein Panzer aufging, so da die feindliche Waffe den
Jngling tdlich verwundete. Ihr werdet ihn gleich sehen; denn meine
Knappen tragen ihn ins Schlo.

Aber, Herr van Bethune, fragte Dietrich, haltet Ihr diese Reise nach
Frankreich nicht auch fr ein recht unbesonnenes Unternehmen?

Welche Reise? Ihr setzt mich in Erstaunen!

Wit Ihr denn noch nichts davon?

Kein Wort.

Nun, wir ziehen bermorgen mit unserem Grafen nach Frankreich!

Was sagt Ihr, Dietrich, mein Freund? Ihr scherzt! Wie! Nach Frankreich?

Ja, ja, Herr Robrecht, um den franzsischen Knig fufllig um Verzeihung
zu bitten. Ich habe ja allerdings noch nie von einer Katze gehrt, die von
selbst in den Sack kriecht, und nun werde ich es in Compigne bald selbst
mit ansehen knnen;-- oder es fehlt mir an gesundem Menschenverstand.

Wit Ihr das, was Ihr da sagt, auch ganz sicher? oder tuscht Ihr Euch
vielleicht?

Ganz sicher. Beliebt nur in den Saal zu gehen, und Ihr werdet alle Herren
bei unserem Grafen, Euerm Vater, antreffen. bermorgen reisen wir in die
Gefangenschaft, das knnt Ihr mir glauben! Bekreuzigt Euch deshalb am
Schlotor von Wijnendaal!

Als Robrecht das hrte, konnte er seinen Zorn nicht lnger zurckhalten.

Dietrich, mein treuer Freund, sagte er zu ihm, lat, bitte, den
verwundeten Adolf auf das linke Bett in meinem Schlafgemach tragen, und
sorgt fr ihn, bis ich zurckkomme! Schickt auch zu Meister Rogaert, da er
ihm die Wunde verbinde!

Whrend er dies sagte, lief er schon voller Ungeduld in den Saal, wo die
Ritter mit ihrem Grafen berieten. Er schob sie ungestm zur Seite, bis er
vor seinem Vater stand.

Die Ritter waren hchst erstaunt, denn Robrecht hatte Harnisch und Rstung
noch nicht abgelegt.

Aber, Herr Vater, rief er aus, was erzhlt man mir da! Ihr wollt Euch
Euern Feinden ausliefern, so da sie Euer graues Haupt mit Schmach bedecken
knnen,-- so da die schnde Johanna Euch in Fesseln schlagen kann?

Ja, mein Sohn, antwortete Gwijde mit Wrde. Ja, ich gehe nach
Frankreich-- und Du begleitest mich. Dein Vater will es so!

Nun, so sei's! entgegnete Robrecht. Aber der Fufall, der schndliche
Fufall?

Ich werde den Fufall tun und Du auch, war die unerbittliche Antwort.

Ich? rief Robrecht zornig. Ich soll den Fufall tun. Ich, Robrecht van
Bethune, soll unserem Feinde zu Fen fallen? Wie! Der Lwe von Flandern
soll sein Haupt vor einem Franzosen beugen, vor einem Falschmnzer, vor
einem Meineidigen?

Der Graf lie einige Augenblicke verstreichen. Als er glaubte, da Robrecht
sich etwas beruhigt hatte, sagte er:

Du wirst es tun, mein Sohn!

Nie und nimmer, rief Robrecht aus, niemals werde ich meine Waffen mit
solcher Schmach bedecken. Ich sollte mich vor einem Fremdling beugen,--
ich? Da kennt Ihr Euern Sohn schlecht, Vater!

Robrecht! entgegnete Gwijde kaltbltig. Der vterliche Wille ist ein
Gesetz, gegen das Du nicht handeln darfst.-- Ich will es so!

Nein, rief Robrecht nochmals, der Lwe von Flandern beit,-- aber er
schmeichelt nicht. Nur vor Gott und vor Euch beuge ich mein Haupt. Aber
niemals, niemals vor einem anderen Menschen!

Aber, Robrecht, entgegnete ihm der Vater, hast Du denn gar kein Mitleid
mit mir, mit Deiner unglcklichen Schwester Philippa, mit Deinem Vaterland,
da Du das einzige Mittel, das uns noch helfen kann, zurckweist?

Robrecht, in dessen Brust Schmerz und Zorn tobten, ballte in ungestmem
Jammer beide Fuste.

Wollt Ihr denn, o mein Herr und Vater, antwortete er, da ein Franzose
auf mich wie auf seinen Sklaven herabsieht? Der Gedanke allein krnkt mich
tdlich. Nein, nein,-- niemals. Euer Befehl, sogar Eure Bitte ist
nutzlos!-- Ich werde es nie tun!

Zwei Trnen glnzten auf den schmalen Wangen des alten Grafen. Der
sonderbare Ausdruck in seinem Antlitz lie die anwesenden Ritter im
Zweifel, ob Freude oder Schmerz sie vergossen hatte; denn ein trostreiches
Lcheln schien seine Zge zu erhellen.

Robrecht wurde durch die Trnen seines Vaters tief ergriffen; sein Herz
schlug in Hllenpein. Auer sich vor Erregung rief er:

Verwnscht, verflucht mich, o mein Frst und Vater; aber ich versichere
Euch, da ich niemals mit krummem Rcken vor einem Franzosen kriechen
werde,-- und sollte ich Euerm Befehl trotzen!

Robrecht van Bethune erschrak ber seine eigenen Worte. Er wurde bleich und
bebte am ganzen Krper. Er rang seine zuckenden Hnde, und man hrte, wie
die eisernen Schuppen seiner Panzerhandschuhe klirrend aneinander schlugen.
Er fhlte seinen Mut sinken und erwartete mit tdlicher Angst den Fluch
seines Vaters.

Whrend die Ritter in grter Bestrzung auf die Antwort des Grafen
harrten, schlang dieser seine schwachen Arme um Robrechts Hals, und mit
Trnen der Freude und Liebe rief er aus:

O mein edler Sohn! Mein Blut, das Blut der Grafen von Flandern fliet rein
in Deinen Adern. Dein Ungehorsam hat mir den schnsten Tag meines Lebens
bereitet. Nun will ich gern sterben! Nimm mich in Deine Arme, o mein Sohn;
denn ich fhle mich unaussprechlich glcklich.

Die anwesenden Herren waren von Verwunderung und Mitgefhl tief
erschttert. In feierlicher Stille sahen sie schweigend auf diese Umarmung.
Der alte Graf lie seinen Sohn los und blickte in leidenschaftlicher
Begeisterung auf seine Lehnsleute.

Seht her, meine Herren, sagte er, so war ich in meiner Jugend;-- so
waren die Dampierres immer. Urteilt nach dem, was ihr gehrt und gesehen
habt, ob Robrecht die Grafenkrone nicht verdient.-- O Flandern, so sind
deine Krieger. Ja Robrecht, Du hast recht. Ein Graf von Flandern darf sein
Haupt vor keinem Fremdling beugen. Aber ich bin alt und bin der Vater der
gefangenen Philippa und auch Deiner, mein tapferer Sohn! Ich werde Philipp
dem Schnen zu Fen fallen. So befiehlt es Gott! Ich unterwerfe mich
seinem heiligen Willen. Du wirst mich begleiten. Aber Dein Haupt wirst du
nicht beugen.-- Bleibe stets dabei, auf da die Grafen, die nach mir
kommen werden, ohne jede Schmach und Schande ihr Haupt erheben knnen!

Hierauf besprach man das Nhere der Reisevorbereitungen und noch
verschiedene politische Fragen. Robrecht van Bethune hatte seine Ruhe
wiedergewonnen; er verlie den Saal und ging in das kleinere Gemach, in dem
sich Machteld aufhielt. Er ergriff die Hand des jungen Mdchens, fhrte es
zu einem Lehnstuhl, und dann zog er, ohne ihre Hand loszulassen, einen
zweiten Sessel heran, in den er sich setzte.

Meine liebe Machteld, sagte er, Du hast Deinen Vater doch lieb, nicht
wahr?

O ja, das wit Ihr doch ganz genau, rief die Maid aus, und streichelte
mit ihren zarten Hnden die rauhen Wangen des Ritters.

Aber, sagte nun Robrecht, wenn nun jemand zu meiner Verteidigung sein
Leben aufs Spiel setzte, wrdest Du den nicht auch lieb haben?

Sicherlich, war ihre Antwort, und ich wrde ihm dafr ewig dankbar
bleiben.

Jetzt hat nun ein Ritter Deinen Vater gegen einen Feind verteidigt und ist
tdlich verwundet worden.

O Gott, seufzte Machteld, ich will vierzig Tage fr ihn beten und auch
noch lnger,-- bis er gesund wird.

Ja, bete auch fr mich, mein gutes Kind; aber ich verlange noch etwas von
Dir.

Sprecht nur, Herr Vater! Ich bin Eure gehorsame Tochter.

Versteh mich recht! Ich verreise auf einige Tage,-- und Dein Grovater
und alle Edelleute, die Du kennst, ziehen gleichfalls fort. Wer wird nun
dem armen verwundeten Ritter zu trinken geben, wenn ihn drstet?

Wer das tun wird? Ich, Herr Vater; ich werde ihn nie verlassen, bis Ihr
wiederkommt. Ich werde meinen Falken mit in sein Zimmer nehmen und ihm
stets Gesellschaft leisten. Frchte nicht, da ich ihn den Dienstboten
berlasse! Meine Hand soll ihm die Trinkschale an seine Lippen fhren,
wenn ihn drstet. Und wie will ich mich freuen, wenn er wieder gesund
wird!

Das ist recht von Dir, mein Kind. Ich kenne Dein liebevolles Herz; aber Du
mut mir noch versprechen, da Du in den ersten Tagen seiner Krankheit kein
Gerusch in seinem Zimmer machen wirst. Auch darf kein Dienstbote dort laut
sein.

O, nein, das braucht Ihr nicht zu befrchten, Vater. Ich werde ganz leise
mit meinem Falken sprechen, so da es der Ritter nicht hren kann.

Robrecht nahm die gute Machteld bei der Hand und fhrte sie aus dem Zimmer.

Ich werde Euch den Kranken zeigen, sagte er, aber sprich nicht laut in
seiner Gegenwart. Adolf van Nieuwland war durch die Knappen in einem Saal
in Robrechts Wohnung auf ein Bett gelegt worden. Zwei rzte hatten die
Wunde verbunden und standen mit Dietrich dem Fuchs neben dem Krankenlager.
Der Kranke gab kein Lebenszeichen von sich, sein Antlitz war bleich, die
Augen geschlossen.--

Nun, Meister Rogaert, wandte sich Robrecht an einen der rzte, wie geht
es unserem unglcklichen Freunde?

Schlecht, antwortete Rogaert, recht schlecht, Herr van Bethune. Ich kann
noch nicht sagen, ob man hoffen kann; aber ich glaube, er wird nicht
sterben mssen.

Ist die Wunde nicht tdlich?

O doch, tdlich oder nicht tdlich, die Natur ist der beste Arzt; sie tut
zuweilen mehr Wunder als Kruter oder Steine[13]. Ich habe ihm einen Dorn
von der Krone unseres Heilandes auf die Brust gelegt;-- diese heilige
Reliquie wird uns helfen.

    [13] In frheren Zeiten gebrauchte man oft Steine zum Heilen von
    Krankheiten; man schrieb ihnen bernatrliche Kraft zu. Der
    Stein, den man im Neste eines Adlers gefunden hatte, wurde als
    bestes Heilmittel angesehen.

Whrend dieses Gesprchs war Machteld nher an den Kranken herangetreten.
Die Neugier trieb sie, das Gesicht des kranken Ritters zu erkennen.
Pltzlich erkannte sie Adolf Nieuwland. Mit einem Aufschrei fuhr sie
zurck, eine Flut von Trnen strzte aus ihren Augen, sie schrie laut auf.

Was soll das heien, meine Tochter? sagte Robrecht. Kannst Du Dich nicht
migen, Du mut Dich ruhig und leise am Bett eines Kranken verhalten.

Ruhig sein! schluchzte die Maid. Ruhig sein, wo Herr Adolf im Sterben
liegt, er, der mich so schne Lieder lehrte! Wer wird nun der Minnesnger
von Wijnendaal sein? Wer wird nun beim Abrichten meiner Falken helfen und
mein Bruder sein?--

Dann trat sie an das Bett, betrachtete weinend den verwundeten Ritter und
rief schluchzend:

Adolf, Herr Adolf, mein guter Bruder!

Als sie keine Antwort bekam, schlug sie die Hnde vors Gesicht und sank
weinend in einen Stuhl. Robrecht glaubte, seine Tochter wrde nicht
aufhren mit Klagen, und ihre Gegenwart wrde dadurch eher schdlich als
ntzlich sein; er ergriff deshalb die junge Machteld bei der Hand:

Komm, mein Kind, sagte er, komm aus diesem Zimmer heraus, bis Du Dich
gefat hast.

Doch Machteld wollte das Gemach nicht verlassen, sie antwortete:

O, mein Vater, lat mich hier, ich will auch nicht mehr weinen. Lat mich
bei meinem Bruder Adolf, ich will die heien Gebete, die er mich gelehrt
hat, fr ihn zu Gott schicken!

Sie nahm ein Kissen von einem Sessel, legte es auf den Boden am Kopfende
des Bettes und betete dort leise. Doch ihre Worte waren von tiefen Seufzern
zerrissen, und heie Trnen liefen ber ihre Wangen.

Robrecht van Bethune wachte bis in die spte Nacht hinein an Adolfs Lager
und hoffte, da Gehr und Sprache wiederkehren wrden. Doch vergeblich.
Nur schwach und langsam atmete der Verwundete und lag regungslos da.

Meister Rogaert frchtete nun doch ernst fr sein Leben; denn auf den
Schlfen des Kranken brannte heies Fieber.--

Inzwischen zogen die adligen Herren, die nicht im Schlosse wohnten, mit
groer Genugtuung aus Wijnendaal. Die treuen Ritter freuten sich, da sie
sich ihrem Gebieter gefllig erweisen konnten. Die anderen, die im
grflichen Hause wohnten, suchten ihre Schlafgemcher auf.

Zwei Stunden spter hrte man in Wijnendaal nur noch die Rufe der Wachen,
das Anschlagen der Hunde und die schrillen Schreie der Nachteule.




IV.


Die Reise, die Graf Gwijde auf Anraten des Herrn von Valois unternahm,
sollte fr ihn und sein Land Flandern sehr gefhrlich werden; denn
Frankreich hatte zu schwerwiegende Grnde, das reiche Land mglichst lange
zu besitzen.

Philipp der Schne und seine Gemahlin Johanna von Navarra hatten zu ihrer
leichtsinnigen Verschwendung alles Gold des Reiches in ihre Schatzksten
flieen lassen, und dennoch hatten die ungeheuren Summen, die das Volk
bewilligt hatte, nicht gengt, um ihre unersttliche Geldgier zu
befriedigen. Philipp hatte jetzt zu dem letzten Mittel gegriffen und
flschte die Mnzen des Reiches, lud dadurch unmgliche Lasten auf sein
Land, und doch war er noch nicht befriedigt.

Seine habschtigen Minister und besonders Enguerrand de Marigny veranlaten
ihn trotz der Unzufriedenheit des Volkes, unter dem jeden Tag der Ausbruch
der Revolution drohte, dazu, neue Abgaben zu fordern.

Es ist unbegreiflich, da Philipp der Schne trotzdem immer an groem
Geldmangel litt.

In Brgge allein war mehr Geld als in ganz Frankreich. Das wute er und
hatte seit Jahren alles aufgeboten, um Flandern zu unterwerfen.

Anfangs verlangte er Unmgliches vom alten Grafen Gwijde, um ihn zum
Ungehorsam zu zwingen; dann nahm er seine Tochter gefangen und eroberte
schlielich Flandern durch Waffengewalt.--

Das alles hatte sich der alte Graf wohl berlegt und verhehlte sich die
mglichen Folgen der Reise keineswegs; aber der Schmerz, den ihm die
Gefangenschaft seiner jngsten Tochter bereitete, zwang ihn, auch dieses
letzte Mittel zu ihrer Befreiung zu versuchen. Das freie Geleit, das Karl
von Valois ihm zugesichert hatte, befestigte ihn in seinem Entschlu.

So machte er sich mit seinen Shnen Robrecht und Wilhelm und fnfzig
vlaemischen Edlen auf den Weg. Karl von Valois begleitete ihn mit einer
groen Anzahl franzsischer Ritter.

Als der Graf mit seinen Edlen in Compigne angekommen war, wurde er auf
Veranlassung des Herrn von Valois ausgezeichnet beherbergt; er erwartete
nun den Befehl des Knigs, der ihn an den Hof rufen sollte.

Der edelmtige Franzose verwendete sich so eindringlich bei seinem
kniglichen Bruder, da dieser gndig Gwijde allein zu sich entbot.

Der alte Graf begab sich voller Hoffnung in den kniglichen Palast. Hier
fhrte man ihn in einen groen Prachtsaal. Im Hintergrunde stand der
knigliche Thron. Blaue, mit goldenen Lilien bestickte Samtbehnge fielen
zu beiden Seiten auf den Boden herab. Die Stufen waren mit einem gold- und
silberdurchwirkten Teppich belegt. Philipp der Schne wandelte mit seinem
Sohne Ludwig Hutin[14] auf und ab. Ihnen folgten viele franzsische Edle,
von denen sich einer hin und wieder in das Gesprch des Knigs mischte. Das
war Herr von Nogaret, der es auf Philipps Befehl hin gewagt hatte, den
Papst Bonifatius gefangen zu nehmen und zu mihandeln.

    [14] Hutin = Znker.

Als man Gwijde meldete, ging der Knig neben den Thron. Sein Sohn Ludwig
blieb an seiner Seite; die anderen Herren stellten sich in zwei Reihen
lngs der Wand auf. Langsam trat der alte Graf von Flandern nher und
kniete vor dem Knig nieder--

Vasall! sprach er, diese demtige Stellung gebhrt sich fr Euch nach
all dem Verdru, den Ihr uns bereitet habt. Ihr verdient den Tod und seid
verurteilt. Dennoch beliebt es unserer kniglichen Gnade, Euch Gehr zu
schenken. Erhebt Euch und sprecht!

Der alte Graf richtete sich auf und sagte: Mein Frst und Gebieter, im
Vertrauen auf Eure knigliche Gerechtigkeit bin ich Eurer Majestt zu Fen
gefallen und vertraue mein Schicksal Eurer Gromut an.

Ihr unterwerft Euch recht spt! erwiderte der Knig. Ihr habt mit Eduard
von England gegen uns ein Bndnis geschlossen. Ihr habt Euch als ungetreuer
Vasall gegen Euern Herrn erhoben und seid hochmtig genug gewesen, ihm den
Krieg zu erklren. Euer Land habt Ihr Euch durch Euern Ungehorsam
verscherzt.

O Frst, sprach Gwijde, lat mich Gnade vor Euch finden. Mge Eure
Majestt bedenken, wie schmerzlich und kummervoll es fr einen Vater sein
mu, wenn man ihm sein Kind entreit. Habe ich nicht in tiefer Wehmut
gebeten? Habe ich nicht gefleht, um sie wieder zu erhalten? O Knig, wenn
man Euch Euern Sohn, meinen zuknftigen Herrn Ludwig, der so stattlich
neben Euch steht, wenn man Euch diesen entrisse und ihn in fremdem Lande
einkerkerte, wrde Eure Majestt nicht zu jeder Gewalttat bereit sein, um
das Blut, das Euch entsprossen ist, zu rchen und zu befreien? O ja, Euer
Vaterherz versteht mich, ich werde Gnade vor Euch finden!

Philipp der Schne blickte seinen Sohn zrtlich an; in diesem Augenblick
erwog er Gwijdes Schmerz und empfand inniges Mitleid mit dem unglcklichen
Grafen.

Sire, rief Ludwig in tiefer Rhrung, o seid ihm um meinetwillen gndig!
Habt doch Mitleid mit ihm und seinem Kinde, ich bitte Euch herzlich darum!

Der Knig richtete sich auf, und seine Zge wurden streng.

Lat Euch durch die Worte eines ungehorsamen Vasallen nicht so leicht
hinreien, mein Sohn, sagte er. Aber ich will nicht unerbittlich sein,
wenn man mir beweisen kann, da er nur durch Vaterliebe und nicht durch
Trotz zu seiner Handlung getrieben wurde.

Herr, sagte Gwijde, es ist Eurer Majestt bekannt, da ich, um mein Kind
wieder zu bekommen, alles versucht habe, was in meiner Macht lag. Aber
vergebens. Mein Flehen, mein Bitten waren umsonst. Alles, selbst die
Bemhung des Papstes, blieben fruchtlos... Was war da noch zu tun? Da
hatte ich zu hoffen gewagt, da Waffengewalt meiner Tochter Befreiung
bringen wrde. Doch das Geschick war mir nicht gnstig. Ew.Majestt
behielt den Sieg.

Aber, fiel ihm der Knig ins Wort, was knnen wir fr Euch tun? Ihr habt
unseren Vasallen ein verderbliches Beispiel gegeben. Wenn wir Euch nun
gndig sind, werden sie alle gegen uns aufstehen, und Ihr werdet Euch
sicher aufs neue mit unseren Feinden verbinden!

O, mein Frst, antwortete Gwijde, beliebt nur, die unglckliche Philippa
ihrem Vater wiederzugeben, und ich werde Euch ewig dankbar sein!

Und wird Flandern die geforderten Summen aufbringen, und werdet Ihr uns
das ntige Geld verschaffen, um die Kosten, die Euer Ungehorsam verursacht
hat, zu decken?

Dieser Gnadenbeweis Eurer Majestt wird mir nie zu teuer sein! Eure
Befehle werde ich ehrerbietigst vollziehen. Aber mein Kind, o Knig, mein
Kind!

Euer Kind, wiederholte der Knig unschlssig.

Jetzt dachte er an Johanna von Navarra, die die Tochter des Grafen von
Flandern nicht gutwillig freigeben wrde. Er durfte seinem guten Herzen
nicht folgen; denn zu sehr frchtete er den Zorn der trotzigen Johanna.
Deshalb wollte er kein bestimmtes Versprechen geben und sagte:

Nun, die Frsprache meines geliebten Bruders hat viel fr Euch getan. Seid
guter Hoffnung, denn Euer trauriges Los rhrt mich. Ihr wart schuldig, aber
Eure Strafe ist schwer. Ich werde versuchen, sie zu erleichtern. Trotzdem
beliebt es uns heute nicht, Euch in Gnaden zu empfangen: erst mssen
grndliche Nachforschungen stattfinden. Dann verlangen wir Eure
Unterwerfung in Gegenwart aller Vasallen, damit sie sich an Euch ein
Vorbild nehmen. Verlat uns jetzt, damit wir beraten knnen, was sich fr
einen untreuen Vasallen tun lt.

Auf diesen Befehl verlie der Graf von Flandern den Saal. Er war noch nicht
aus dem Palast gegangen, als sich schon unter den franzsischen Herren das
Gercht verbreitete, da ihm der Knig Land und Tochter wiedergeben wollte.
Viele beglckwnschten ihn von Herzen; andere wieder, die auf die Eroberung
von Flandern ihre ehrgeizigen Plne gebaut hatten, waren tief ergrimmt.
Aber sie lieen es nicht merken, da sie gegen den kniglichen Willen doch
nichts ausrichten konnten.--

Freude und Vertrauen erfllten jetzt die Herzen der vlaemischen Ritter; sie
schmeichelten sich mit ser Hoffnung und freuten sich schon auf die
Befreiung ihres Vaterlandes. Sie glaubten, da nichts den guten Ausgang des
Unternehmens hindern knnte, da der Knig nach dem guten Empfang Herrn von
Valois versichert hatte, da er Gwijde gromtig entgegenkommen wollte.--

Graf Gwijde traf schon die ntigen Vorbereitungen, um bei seiner Rckkehr
den kniglichen Befehlen nachzukommen und seine Untertanen durch einen
langen Frieden fr den letzten Krieg zu entschdigen. Sogar Robrecht van
Bethune zweifelte durchaus nicht an der versprochenen Gnade; denn seit sein
Vater am Hofe gewesen, waren die franzsischen Herren uerst liebenswrdig
und ehrerbietig zu den Vlaemen. Hierin zeigte sich nach ihrer Meinung des
Knigs Wohlwollen: sie wuten, da die Absichten und Gedanken der Frsten
stets auf den unentschiedenen Mienen der Hflinge zu lesen sind.--

Herr von Chtillon hatte den Grafen auch einige Male aufgesucht und
beglckwnscht. Aber sein Herz barg ein teuflisches Geheimnis, und er
lchelte, um es zu verbergen. Seine Nichte, Johanna von Navarra, hatte ihm
Flandern als Lehen versprochen. Alle seine herrschschtigen Plne hatten
auf die Erlangung dieser reichen Grafschaft gezielt, und nun verschwand
diese Aussicht wie ein Traum.

Chtillon, der von politischem Ehrgeiz ergriffen war, schmiedete einen
verrterischen Plan und beschnigte ihn vor seinem Gewissen mit dem Namen
der Pflicht.--

An dem gleichen Tage, an dem er aus Flandern am kniglichen Hofe ankam,
rief er einen seiner treuesten Diener zu sich und sandte ihn auf seinem
besten Pferde nach Paris.

Ein Brief, den er dem Boten mitgab, mute die Knigin und Enguerrand de
Marigny von allem unterrichten und sie nach Compigne rufen.

Sein verrterischer Plan glckte vollkommen. Als Johanna den Brief las,
bebte sie vor Wut. Sie, die den Vlaemen ewigen Ha geschworen hatte, sollte
sich nun diese Beute entgehen lassen. Und erst Enguerrand de Marigny, der
das Geld, das man mit Gewalt aus Flandern erpressen wollte, bereits
verspielt und verausgabt hatte! Beiden lag viel zu viel an Flanderns
Untergang, als da sie mit seiner Befreiung einverstanden htten sein
knnen. Kaum hatten sie die Nachricht erhalten, als sie auch schon, so
schnell sie konnten, nach Compigne fuhren und unerwartet in die Gemcher
des Knigs eilten.

Sire, rief Johanna aus, gelte ich Euch denn nichts mehr, da Ihr in
dieser Weise und ohne mich zu fragen meine Feinde gndig empfangt? Oder
habt Ihr den Verstand verloren, da Ihr diese Vlaemischen zu Euerm eigenen
Schaden erhalten wollt!

Madame, antwortete der Knig voll Selbstbeherschung, es wre ratsam, da
Ihr Euerm Knig und Gemahl mehr Ehrerbietung entgegenbrchtet! Wenn es mir
beliebt, den alten Grafen von Flandern gndig zu empfangen, so werde ich
meinen Willen durchsetzen.

Im Gegenteil! rief Johanna rot vor Zorn, das wird nicht geschehen. Ich
dulde es nicht, versteht Ihr? Ich dulde es nicht! Wie! Die Meuterer, die
meine Oheime enthauptet haben, sollen straflos bleiben. Sie sollten damit
prahlen knnen, da sie Blutsverwandte der Knigin von Navarra ungestraft
verhhnen durften!

Der Zorn reit Euch hin, Madame! antwortete der Knig, berwgt es
selbst in aller Ruhe und sagt mir dann, ob es recht und billig ist, da man
Philippa wieder zu ihrem Vater fhrt?

Diese Worte steigerten die Wut Johannas bis zum uersten.--

Ich sollte Philippa wieder hergeben! fiel sie ihm ins Wort. Aber
Majestt, berlegt Ihr denn nicht, was Ihr da sagt? Sie vermhlt sich dann
mit dem Sohne Eduards von England, und Euer eigenes Kind wird um diese
Hoffnung betrogen. Nein, um keinen Preis! Ihr knnt Euch drauf verlassen;
das wird niemals geschehen. Auerdem ist Philippa ja meine Gefangene, und
es wird Euch nicht gelingen, sie mir zu entreien!

Aber, Madame, rief Philipp aus, da irrt Ihr Euch nun doch! Verget auch
nicht, da mir Eure hochmtigen Worte sehr mifallen, und da ich Euch
meinen Unwillen fhlen lassen kann, sobald es mir beliebt. Mein Wille ist
zugleich der Wille Eures Frsten.

Und Ihr wollt Flandern dem trotzigen Gwijde wiedergeben? Ihr wollt es ihm
mglich machen, Euch nochmals den Krieg zu erklren? Diese Unklugheit soll
Euch noch teuer zu stehen kommen! Ich werde mich, da ich jetzt gesehen
habe, wie wenig Ihr mich achtet, mit Philippa in mein Knigreich Navarra
zurckziehen!

Diese letzten Worte trafen den Knig hart. Navarra war der wertvollste Teil
Frankreichs, und er htte es nicht gern entbehrt. Da Johanna diese Drohung
schon mehrmals ausgesprochen hatte, frchtete er, sie knnte sie endlich
verwirklichen. Nach einigem Bedenken sagte er:

Ihr regt Euch unntz auf, Madame. Wie knnt Ihr behaupten, da ich
Flandern zurckgeben wollte? Ich habe in dieser Angelegenheit noch gar
keinen Entschlu gefat!

Eure Worte waren deutlich genug, antwortete Johanna. Aber wie dem auch
sei, ich erklre Euch: verwerft Ihr meinen Rat, so verlasse ich Euch; denn
ich mag die Folgen Eurer Unvorsichtigkeit nicht tragen. Der Krieg gegen
Flandern hat des Reiches Schatzkammern erschpft, und nun wollt Ihr die
Meuterer in Gnaden aufnehmen, da Ihr doch in der Lage seid, Euch wieder
alles Ntige zu beschaffen! Nie hat unsere Geldlage schlechter dagestanden!
Das kann Euch Herr von Marigny beweisen.

Bei diesen Worten trat Enguerrand von Marigny vor den Knig.

Sire, es ist unmglich, die Soldaten noch weiter zu lhnen, sagte er;
das Volk will die Lasten nicht mehr aufbringen. Der Obmann der Pariser
Kaufleute hat den Zuschu verweigert, und bald vermag ich die Ausgaben des
kniglichen Hauses nicht mehr zu bestreiten. Auch die Mnzen drfen nicht
weiter entwertet werden. Flandern allein kann uns retten. Die Zollbeamten,
die ich dahin geschickt habe, treiben die Gelder ein, die uns aus dieser
Verlegenheit erretten sollen. Bedenket, Sire, welch groem Unheil Ihr Euch
aussetzt.

Ist denn alles Geld bereits dahin, das dem dritten Stande auferlegt
wurde? fragte der Knig migestimmt.

Sire, antwortete Enguerrand, die Gelder, welche die Zollpchter von
Paris Eurer Majestt geliehen hatten, habe ich Etienne Barbette
zurckerstattet. Im Reichsschatz blieb nichts oder doch nur sehr wenig.

Die Knigin merkte voll Freude, wie sehr diese Nachricht den Knig
erschtterte. Ihr dnkte, nun wrde das Urteil ber Gwijde unschwer zu
erlangen sein. Listig trat sie zu ihrem Gemahl und sprach:

Ihr sehet wohl, Sire, wie vorteilhaft mein Rat fr Euch ist. Wie knnt Ihr
Frankreichs Heil aus den Augen lassen, um Aufrhrer zu begnstigen? Sie
haben Euch und mich verhhnt, unsern Feinden geholfen und es gewagt, unsern
Befehlen zu trotzen. Der Besitz des Goldes macht sie stolz und aufgeblasen.
Nichts ist leichter, als sie dieses berflssigen Geldes zu entledigen; sie
sollten Eure knigliche Hand kssen, die ihnen das Leben lt, denn
allesamt haben sie den Tod verdient.

Aber Herr von Marigny, fragte der Knig, findet Ihr denn gar keine
Mglichkeit, noch fr einige Zeit die Ausgaben des Reiches aufzubringen?
Denn ich glaube nicht, da die Gelder aus Flandern so bald kommen werden.
Dieser Zustand bringt mich in die grte Verlegenheit.

Keine, Sire, wir haben schon zu viel versucht. Johanna mischte sich ein:

Wenn Ihr meinem Rate folgen und mit Gwijde verfahren wollt, wie ich's
begehre, so werde ich eine auerordentliche Steuer in meinem Knigreiche
Navarra erheben, und fr lange Zeit werden wir dann dieser lstigen Sorgen
enthoben sein.

Mochte nun Schwche oder Geldgier den Knig bestimmen, jedenfalls gab er
Johannas Drngen nach, und so ward ihr der alte Gwijde ausgeliefert. Das
arglistige Weib beschlo, den Grafen von Flandern den Fufall tun zu
lassen; doch in sein Vaterland sollte er nicht mehr zurckkehren.




V.


Spt am Abend kam Johanna von Navarra zu Compigne an. Whrend sie dem
wankelmtigen Knig mit List und Drohungen die Verurteilung der Vlaemen
entlockt hatte, sa Graf Gwijde mit seinen edlen Lehensmannen in einem
Saale seines Hauses. In silbernen Schalen kreiste der Wein, und jeder
ermunterte die andern mit frohen Hoffnungen und trstlichen Aussichten.

So hatten sie frhlich ber dies und jenes gesprochen, als Dietrich der
Fuchs in den Saal trat, der als Robrechts bester Freund in dem Hause des
Grafen untergebracht war. Schweigend hemmte er den Schritt und blickte bald
auf den alten Grafen, bald auf dessen beiden Shne. Aus seinen Zgen sprach
tiefer Schmerz und inniges Mitleid. Da er sonst immer frhlich und
offenherzig war, so erschraken die Ritter nicht wenig ob seines gramvollen
Aussehens; sie ahnten, da irgendeine schlimme Nachricht sein Antlitz
verdsterte.

Als erster verlieh Robrecht van Bethune seinen Gedanken Ausdruck: Stockt
Euch die Zunge, Dietrich? Sprecht! Und bringt Ihr traurige Kunde, so
lasset, bitte, Eure Scherze ruhn.

Das will ich gern, Herr Robrecht, meinte Dietrich; aber ich wei nicht,
wie ich Euch die Nachricht beibringen soll; es schmerzt mich, den
Unglcksboten spielen zu mssen.

Furcht malte sich auf den Gesichtern der Zuhrer; mit ngstlicher Neugier
schauten sie auf Dietrich. Der fllte einen Becher mit Wein, trank und
sprach dann:

Das soll mir Mut machen. Hrt denn und seht es dem Fuchs, eurem Diener,
nach, da sein Mund euch Schlimmes knden mu. Mit Recht habt ihr geglaubt,
Philipp der Schne wrde euch in Gnaden empfangen; ist er doch ein
edelmtiger Frst. Noch vorgestern war er froh, euch seines Herzens Gromut
zu erweisen; doch damals war er noch nicht von bsen Geistern besessen.

Wie denn? riefen die Ritter erstaunt, ist er besessen?

Herr Dietrich, sprach Robrecht strenge, lat alle Umschweife; Ihr habt
uns andres zu sagen, aber es scheint Euch nicht recht ber die Lippen zu
wollen.

Ganz recht, mein Herr van Bethune, entgegnete Dietrich. Hrt, was mich
so tdlich betrbt: Johanna von Navarra und Enguerrand von Marigny sind in
Compigne.

Diese Namen wirkten auf alle Ritter frchterlich. Wie betubt beugten alle
schweigend das Haupt. Endlich reckte der junge Wilhelm die Hnde gen Himmel
und rief verzweifelt:

O Himmel! die schlimme Johanna-- Enguerrand von Marigny! Weh! meine arme
Schwester!-- Vater, wir sind verloren!

Das also sind die Teufel, von denen der gute Frst besessen ist, sagte
Dietrich. Ihr sehet nun, durchlauchtigster Graf, da es Euer Diener nicht
schlecht meinte, als er Euch in Wijnendaal vor dieser Schlange warnte.

Wer hat Euch gesagt, da die Knigin von Navarra nach Compigne gekommen
sei? fragte der Graf, als ob er noch an der Sache zweifle.

Meine eigenen Augen, ihr Herren, antwortete Dietrich. Stets frchtete
ich Verrat, denn ich traute den doppelsinnigen Worten nicht. Deshalb habe
ich dauernd gewacht, gespht und aufgepat. So habe ich Johanna von Navarra
gesehen, ihre Stimme gehrt. Meine Ehre setz' ich dran, da meine Worte
wahr sind.

Hrt, ihr Herren, sprach Walter van Lowendeghem, Dietrich sagt uns die
Wahrheit, er gibt sein Ehrenwort darauf; Johanna von Navarra ist also beim
Knig. Die ungndige Frstin wird alles aufbieten, um uns zu schdigen, und
Gott wei, was ihr alles zu Gebote steht. Am besten berlegen wir
schleunigst, wie wir uns aus dieser Schlinge ziehen. Kme man, um uns
festzunehmen, so wre es zu spt.

Der alte Graf versank in trostlose Trauer. Keine Rettung sah er aus dieser
gefhrlichen Lage, hier inmitten in des Knigs Landen schien ihm die Flucht
nach Flandern unmglich. Robert van Bethune murrte und verwnschte
innerlich die Reise, die ihn seinen Feinden wehrlos in die Hnde geliefert
hatte.

Whrend sie alle in trbem Schweigen auf den trostlosen Grafen blickten,
trat ein Hofknappe in die Tr des Saales und rief:

Herr von Nogaret, Gesandter des Knigs!

Eine pltzliche Bewegung offenbarte die Erschtterung der Vlaemen ob dieser
Ankndigung. Nogaret war stets der Vollstrecker geheimer Befehle des
Knigs. Sie glaubten, er kme mit den Leibwachen, um sie gefangenzunehmen.
Robrecht van Bethune zog seinen Degen aus der Scheide und legte ihn vor
sich auf den Tisch; auch die andern griffen an die Schwerter, whrend sie
zur Tr starrten.

So standen sie da, als Nogaret hereintrat. Er verbeugte sich hflich vor
den Rittern und sagte zu Gwijde gewandt:

Graf von Flandern, mein gndiger Knig und Gebieter wnscht, da Ihr Euch
morgen vormittag gegen elf Uhr mit Euren Lehensmannen zu Hofe begebet, um
ffentlich von ihm Verzeihung fr Euer Vergehen zu erflehen. Die Ankunft
der durchlauchtigsten Knigin von Navarra hat diesen Befehl beschleunigt.
Sie selbst hat sich bei ihrem frstlichen Gemahl fr Euch verwandt, und ich
soll Euch von ihr ausrichten, da sie Eure Unterwerfung gern she.-- Also
bis morgen, ihr Herren! Entschuldigt, da ich euch so eilig verlasse. Ihre
Majestt wartet auf mich, und ich darf nicht sumen,-- der Herr beschtze
euch!

Mit diesem Gru schritt er aus dem Saale.

Dem Himmel sei Dank, meine Herren, sprach Gwijde. Der Knig ist uns
gndig gesinnt, und nun knnen wir getrost und heiter zur Ruhe gehen. Ihr
habt des Knigs Wnsche vernommen: rstet euch also, ihnen geziemend zu
entsprechen.

Nun fanden die Ritter ihre frohe Laune wieder. Sie plauderten noch eine
Weile von Dietrichs Furcht und dem verheienen guten Erfolg, dann ward der
letzte Becher auf ihres Grafen Wohl geleert. Als sie sich trennen wollten,
ergriff Dietrich Robrechts Hand und sagte schwermtig:

Lebt wohl, mein Freund und Gebieter! ja, lebt wohl; denn vielleicht wird
eine lange Zeit vergehen, ehe ich Euch wieder einmal die Hand drcken kann.
Denkt daran, da Euer Diener Dietrich Euch immer trsten und beistehen
wird, in welchem Kerker Ihr auch sein mget.

Robrecht sah eine Trne in Dietrichs Augen glnzen und entnahm daraus die
tiefe Rhrung seines treuen Freundes. Ich verstehe Euch, Dietrich,
flsterte er ihm ins Ohr. Was Ihr frchtet, ahnt auch mir; aber es gibt
keinen Ausweg. Lebt denn wohl, bis auf bessere Tage.

Ihr Herren, rief Dietrich im Fortgehen, wenn ihr Nachrichten an eure
Blutsverwandten nach Flandern zu senden habt, so rate ich euch, macht sie
bald fertig; ich werde euer Bote sein.

Was sagt Ihr, verwunderte sich Walter van Lowendeghem, wollt Ihr denn
nicht mit uns zu Hofe gehen, Dietrich?

Jawohl, ich werde bei euch sein, aber ihr werdet mich so wenig erkennen
als die Franzosen. Ich hab' es verschworen, Philipp soll den Fuchs nicht
fangen! Gott behte euch, ihr Herren!

Als er ihnen diesen letzten Gru zurief, war er bereits zur Tr hinaus. Der
Graf zog sich mit seinen Leibpagen zurck, und auch die brigen verlieen
den Saal, um schlafen zu gehen.

Zur festgesetzten Stunde konnte man in einem weiten Saale des kniglichen
Palastes die vlaemischen Ritter mit ihrem alten Grafen erblicken. Ihre
Waffen hatten sie im Vorzimmer ablegen mssen. Heitere Zufriedenheit sprach
aus ihren Zgen, als ob sie sich schon im voraus der gelobten Gnade
freuten. Das Antlitz Robrechts van Bethune hatte freilich einen anderen
Ausdruck. Es zeigte bitteren Groll, rasende Wut. Der mutige Vlaeme konnte
nicht ertragen, wie hochmtig die Franzosen dreinschauten, und ohne die
Liebe zu seinem Vater htte er gar manchen deshalb zur Rechenschaft
gezogen. Der Zwang der Not bedrckte ihn; bei genauer Beobachtung htte man
merken knnen, da er die Hnde rang, als wollten sie Fesseln sprengen.

Karl von Valois stand bei dem alten Gwijde und unterhielt sich freundlich
mit ihm. Er harrte des Augenblicks, da er nach dem Gehei seines
kniglichen Bruders die Vlaemen zum Throne geleiten sollte. Auch einige
bte und Prlaten sah man unter den Anwesenden, ferner auch manch wackeren
Brger von Compigne, der absichtlich zu dieser Feier geladen worden war.

Whrend alle von Gwijdes Angelegenheit sprachen, kam ein alter Pilger in
den Saal, mit einem breiten Hut auf dem demtig geneigten Haupte, so da
die Gesichtszge kaum zu erblicken waren. Ein brauner muschelgezierter
Pilgerrock verhllte seine Gestalt, und ein langer Stab, mit einem
Trinkgef daran, sttzte seine matten Glieder. Sobald die Prlaten ihn
erblickten, traten sie zu ihm und berschtteten ihn mit Fragen. Der eine
wollte wissen, wie es den Christen in Syrien erginge, der andre, wie der
Krieg in Italien stnde, ein dritter erkundigte sich, ob er keine
wunderbaren Reliquien mitgebracht habe, und was man sonst noch alles von
Pilgern erfahren mchte. Auf alles das antwortete er wie jemand, der erst
eben aus diesem fernen Lande kommt, und erzhlte so viel Wundersames, da
ihm die Umstehenden ehrerbietig und neugierig lauschten. Inmitten seiner
ernsten, sachlichen Schilderung gebrauchte er aber doch zuweilen so
komische Wendungen, da selbst die Prlaten laut lachen muten. Bald hatten
sich mehr als fnfzig Personen rund um ihn geschart, und einige gingen in
ihrer Bewunderung und Verehrung so weit, da sie unauffllig seinen Rock
berhrten, als ob ihnen das besonderen Segen brchte. Dennoch kam dieser
seltsame Pilger nicht von der Reise; er hatte die Lande, die er so gut zu
kennen schien, nur in der Jugend besucht und wute nicht viel mehr von dem,
was er gesehen hatte. Aber wo die Erinnerung versagte, kam die Phantasie zu
Hilfe; dann erzhlte er von bernatrlichen Dingen und lachte innerlich
ber die leichtglubigen Zuhrer: es war Dietrich der Fuchs. Niemand kam
ihm in der Kunst gleich, sich zu verkleiden und alle mglichen Gestalten
anzunehmen. Er konnte sein Gesicht durch Wsser und Farben lter und jnger
machen, und zwar so geschickt, da selbst seine Freunde ihn nicht zu
erkennen vermochten. Er traute dem Wort des franzsischen Frsten nicht im
mindesten und wollte, wie er im voraus zum Grafen gesagt hatte, nicht
leiden, da man den Fuchs finge. Deshalb hatte er diese Verkleidung
angelegt, um den Feinden nicht in die Hnde zu fallen.

Kurz darauf betrat der Knig mit der Knigin, gefolgt von zahllosen Rittern
und Hofdamen, den Saal, und beide bestiegen den Thron. Die meisten
franzsischen Herren stellten sich lngs der Wand in zwei Reihen auf, die
andern blieben in der Nhe der Brger stehen. Zwei Herolde mit den Bannern
von Frankreich und Navarra nahmen zu beiden Seiten des Thrones Aufstellung.

Auf ein Zeichen des Knigs trat Karl von Valois mit den vlaemischen Edlen
vor; selbige beugten vor dem Thron ein Knie auf Sammetkissen nieder und
verharrten schweigend in dieser demtigen Haltung. Zur Rechten des Grafen
kniete sein Sohn Wilhelm, zur Linken, auf Robrechts Platz, ein Edler,
Walter van Maldeghem. Robrecht war bei den franzsischen Rittern geblieben;
anfangs glckte es ihm, von Philipp dem Schnen unbemerkt zu bleiben.

Die Gewnder der Frstin Johanna glnzten von Gold und Edelsteinen, und die
knigliche Krone, die ihr Haupt schmckte, strahlte mit ihren tausend
Diamanten heller denn des Tages Licht. Hochmtig und eitel warf die stolze
Frau verchtliche Blicke auf die Vlaemen, die vor ihr auf den Knien lagen,
und lchelte haerfllt und lie den alten Grafen absichtlich so lange
warten. Endlich flsterte sie Philipp dem Schnen einige Worte ins Ohr, und
dieser sprach mit erhobener Stimme zu Gwijde: Ungetreuer Vasall, in Unsrer
kniglichen Gnade haben Wir es fr gut befunden, Erhebungen ber Eure
Verbrechen anstellen zu lassen. Wir wollten sehen, ob es Uns mglich sei,
Euch zu vergeben; aber Wir haben befunden, da die Vaterliebe nur ein
Vorwand fr Eure Widerspenstigkeit war, und da Euch verbrecherischer
Hochmut zum Ungehorsam angetrieben hat.

Bei diesen Worten schlugen die Herzen der Ritter in wildem Schreck, und
Staunen erfllte sie. Jetzt wurden sie der Schlinge gewahr, vor der
Dietrich der Fuchs sie gewarnt hatte. Da Gwijde sich nicht regte, blieben
auch sie noch auf den Knien. Der Knig fuhr fort:

Ein Vasall, der sich treulos gegen seinen Knig und Landesherrn auflehnt,
geht seines Lebens verlustig, und wer mit Frankreichs Feinden in Verbindung
tritt, verwirkt sein Leben. Ihr habt Euch den Befehlen Eures Knigs
widersetzt; Ihr habt mit Eduard von England, Unserm Feinde, die Waffen
wider Uns erhoben und mit Uns Krieg gefhrt[15]. Somit habt Ihr als
ungetreuer Lehensmann das Leben verwirkt. Dennoch wollen Wir dieses Urteil
nicht berhastet vollstrecken, sondern vorerst ordnungsgem eine
Untersuchung anstellen lassen. Deshalb sollt Ihr und die Edlen, die an
Eurer Auflehnung teil hatten, in Haft gehalten werden, bis es Uns beliebt,
andre Maregeln zu Eurer Beaufsichtigung zu treffen.

    [15] Der Graf Gwijde hatte bereits im Jahre 1295 mit dem Knig
    von England ein Bndnis geschlossen, worin unter anderem eine
    Heirat zwischen dem Prinzen von Wales und der Tochter des Grafen
    von Flandern festgesetzt war. (Jahrbcher von Brgge.)

Karl von Valois hatte diese Rede mit tiefem Herzeleid mitangehrt. Jetzt
trat er vor den Thron und sprach:

Mein Knig und Herr! Es ist Euch bekannt, mit welcher Treue ich Eurer
Majestt gleich dem geringsten Eurer Untertanen gedient habe. Nie hat
jemand sagen knnen, da ich mein Wappenschild auch nur durch einen Schein
von Feigheit oder Untreue besudelt htte. Und nun solltet Ihr es sein, o
Knig, der meine Ehre,-- die Ehre Eures eigenen Bruders-- schndete? Ihr
knntet mich zum Verrter machen,-- Euer Bruder sollte ein treuloser
Ritter genannt werden drfen. O Sire, bedenkt, da ich Gwijde freies Geleit
verbrgt habe, da Ihr mich jetzt zu einem Meineidigen macht!

Whrend Karl von Valois also sprach, war er in flammende Wut geraten. Sein
Blick strahlte so gewaltige Kraft, da Philipp der Schne fast bereit war,
sein Urteil zu widerrufen. Da ihm selbst die Ehre des Ritters ber alles
ging, fhlte er innerlich den Schmerz seines treuen Bruders mit. Derweile
hatten sich die Vlaemen erhoben und harrten bangend des Erfolges. Die
brigen erwarteten in regungsloser Angst, was kommen wrde.

Aber die Knigin Johanna lie ihrem Gemahl keine Zeit zur Antwort; voll
Sorge, da ihr die Beute wieder entgehen knnte, rief sie mit
leidenschaftlichem Eifer:

Herr von Valois, es steht Euch nicht zu, die Feinde Frankreichs zu
verteidigen! Ihr begeht damit eine Treulosigkeit! Es ist dies nicht das
erste Mal, da Ihr Euch dem Willen Eures Knigs widersetzt!

Madame, widersprach Karl bitter, Euch ziemt es wahrlich nicht, den
Bruder Philipps des Schnen einer Treulosigkeit zu beschuldigen. Soll es um
Euretwillen heien, da Karl von Valois einen unglcklichen Landesherrn
verraten habe? Soll mein Wappenschild mit Schande bedeckt werden? Nein,
beim Himmel! das wird nicht geschehen. Ich berufe mich auf Euch, Philipp,
mein Frst und mein Bruder; werdet Ihr es dulden, da das Blut Ludwigs des
Heiligen in mir entehrt wird? Soll das der Lohn fr meine treuen Dienste
sein?

Offensichtlich versuchte der Knig, Johanna zu einer Milderung des Urteils
zu bestimmen; doch in ihrem unerbittlichen Ha gegen die Vlaemen wies sie
die Vorstellungen des Frsten hochmtig zurck und wurde bei den Worten
Karls von Valois flammend rot. Pltzlich rief sie mit lauter Stimme:

Heda, Leibwachen, des Knigs Wille geschehe; man nehme die ungetreuen
Lehensmannen gefangen!

Auf diesen Ruf drangen zahlreiche Wachmannschaften durch alle Tren in den
Saal. Die vlaemischen Ritter lieen sich ohne Gegenwehr gefangennehmen. Sie
wuten, da Gewalt sie nicht retten konnte, da sie unbewaffnet und von
vielen Feinden umringt waren.

Einer der Anfhrer ging auf den alten Gwijde zu, legte ihm die Hand auf die
Schulter und sagte:

Herr Graf, ich nehme Euch im Namen des Knigs, meines Gebieters,
gefangen.

Der Graf von Flandern blickte ihn traurig an, wandte sich zu Robrecht hin
und seufzte:

Weh, unglcklicher Sohn!

Robrecht van Bethune stand regungslos bei den franzsischen Rittern, die
ihn fragend anschauten. Als htte ihn eine unsichtbare Hand mit einem
Zauberstabe berhrt, zuckte jh eine krampfhafte Bewegung durch seinen
Krper; seine Muskeln spannten sich, seine Augen sprhten. Wie ein Lwe
sprang er vor, und der ganze Saal erdrhnte von seiner gewaltigen Stimme,
da er ausrief:

Unselige, ich sah eine unedle Hand die Schulter meines Vaters berhren;
hinweg mit ihr, oder ich will des Todes sein!

Im Sprunge ri er einem Sldner gewaltsam die Streitaxt aus den Hnden. Ein
furchtbarer Schrei entfuhr den Rittern ringsum, und alle zogen die Degen,
denn sie glaubten das Leben des Knigs bedroht. Doch bald schwand die
Furcht, denn Robrecht hatte schon zugeschlagen. Er hatte seine Drohung
ausgefhrt: der Arm des Anfhrers, der seinen Vater berhrt, lag mit der
vermessenen Hand am Boden, und das Blut strmte aus der schrecklichen
Wunde.

Ein Haufen Sldner strzte auf Robrecht zu, um ihn zu packen, doch blind
und toll vor Wut schwang er die Streitaxt ums Haupt, und nicht einer wagte
sich in seinen Bereich. Ohne Zweifel wrde noch mehr Unglck geschehen
sein, wenn nicht der alte Gwijde in ngstlicher Sorge um das Leben seines
Sohnes diesem flehend zugerufen htte:

Robrecht, du mein groherziger Sohn, ach, ergib dich um meinetwillen; tue
es, ich bitte dich, ich befehle es dir!

Bei diesen Worten umfate er Robrecht, und dieser fhlte die Trnen seines
Vaters auf seine Hand niedertropfen. Jetzt sah er seine Unbesonnenheit ein.
Er entrang sich den Armen des Grafen, warf die Streitaxt wuchtig ber die
Kpfe der Sldner hinweg an die Wand und rief:

Heran, ihr feigen Mietlinge! fangt denn den Lwen von Flandern; zaget
nicht mehr, er ergibt sich.

In groer Anzahl warfen sich die Sldner auf ihn und nahmen ihn gefangen.

Whrend er mit seinem Vater aus dem Saale gefhrt wurde, rief er Karl von
Valois zu:

Euer Wappenschild ist nicht beschmutzt; Ihr waret und seid weiter der
edelste Ritter von Frankreich, Eure Treue bleibt unversehrt. Dies sagt der
Lwe von Flandern, auf da man es hre.

Die franzsischen Ritter hatten ihre Degen wieder eingesteckt, sobald sie
inne wurden, da das Leben des Knigs nicht bedroht war. Mit der
Gefangennahme der Vlaemen mochten sie nichts zu tun haben,-- es htte
ihren Adel geschndet.

In dem Herzen des Knigs und der Knigin herrschten sehr verschiedene
Gefhle. Philipp der Schne war schmerzlich ergriffen und betrbt ber das
gefllte Urteil. Johanna hingegen freute sich ber Robrechts Widerstand.
Er hatte es gewagt, in Gegenwart des Knigs einen seiner Diener zu
verwunden; diese Tat konnte ihr in ihren rachschtigen Plnen vortrefflich
zustatten kommen.

Der Knig vermochte seine Rhrung und Betrbnis nicht zu bergen und wollte
gegen den Wunsch seiner stolzen Gemahlin den Thron und den Saal verlassen.
Er erhob sich und sprach:

Meine Herren! Wir beklagen den ungestmen Verlauf dieses Verhrs gar sehr.
Lieber htten Wir bei dieser Gelegenheit euer Edlen Unsere Gnade erzeigt;
aber zu Unserm groen Leidwesen war das im Interesse Unserer Krone nicht
mglich. Gem Unserm kniglichen Willen sorget, da die Ruhe in Unserm
Palast frder nicht gestrt werde.

Auch die Knigin erhob sich und wollte mit ihrem Gemahl die Stufen des
Thrones herabsteigen, doch ein neues Hemmnis trat ihr in den Weg. Karl vor
Valois hatte lange fernab in tiefem Nachdenken gestanden; die Ehrerbietung
und Liebe, die er seinem Bruder entgegen brachte, kmpften lange in ihm
gegen den rger ber diesen Verrat. Pltzlich brach sein Zorn los, sein
Antlitz ward wei, rot und blau, und wie rasend warf er sich der Knigin
entgegen.

Madame, schrie er, Ihr sollt mich nicht ungestraft entehren! Hrt, meine
Herren, ich spreche vor Gott, unser aller Richter: Ihr, Johanna von
Navarra, seid es, die das Vaterland durch ihre Verschwendung gebrandschatzt
hat! Ihr seid es, die das Reich meines edlen Bruders zugrunde richtet! Ihr
bringt Frankreich nur Schmach und Hohn! Die Untertanen des Knigs machtet
Ihr durch Verflschung der Mnzen und ungerechte Erpressungen
unglcklich!-- Und ich sollte Euch noch dienen?! Nein, Ihr seid ein
falsches, verrterisches Weib!

Wtend ri er seinen Degen aus der Scheide, brach ihn auf dem Knie entzwei
und warf die Stcke mit solcher Gewalt zu Boden, da sie auf die Stufen des
Thrones flogen.

Johanna barst schier vor rasendem Zorn. Ihren Zgen entschwand in
teuflischer Verzerrung alles Weibliche; man htte glauben knnen, da sie
vom Schlag getroffen sei.

Packt ihn! packt ihn! stie sie hervor.

Die Leibwachen, die noch im Saale waren, wollten diesen Befehl vollziehen.
Schon trat ihr Hauptmann an Karl von Valois heran; aber der Knig liebte
seinen Bruder zu innig, als da er dies dulden konnte.

Wer Herrn von Valois berhrt, soll noch heute sterben! rief er.

Auf diese Drohung blieben die Wachen regungslos stehen, und von Valois
verlie ungehindert den Saal, so sehr auch die wtende Knigin zeterte.

Derart endigte dies strmische Schauspiel. Gwijde ward zu Compigne
eingekerkert, Robrecht fhrte man nach Bourges in Berry, seinen Bruder
Wilhelm nach Rouen in der Normandie. Die brigen vlaemischen Herren wurden,
ein jeglicher in einer andern Stadt, gefangen gehalten, damit sie einander
nicht trsten konnten. Dietrich der Fuchs kehrte als einziger nach Flandern
zurck, denn in seinem Pilgerrock hatte man ihn nicht erkannt.

Mit Hilfe seiner Freunde zog Karl von Valois alsbald nach Italien und kam
erst wieder nach Frankreich, als Ludwig Hutin nach dem Tode Philipps des
Schnen den Thron bestiegen hatte. Er verklagte dann Enguerrand von Marigny
wegen vieler Staatsverbrechen und lie ihn zu Montfaucon henken. Aber in
Wahrheit darf man behaupten, da der Tod dieses Ministers mehr der
Gefangennahme des Grafen Gwijde als seinen anderen Missetaten zuzuschreiben
ist, und da Karl von Valois ihn henken lie, um fr diesen Verrat Rache zu
nehmen.




VI.


Damals gab es in Flandern zwei Parteien, die einander gegenberstanden, und
die nichts unversucht lieen, um sich gegenseitig nach Krften zu schaden.
Die meisten Edlen und Machthaber hatten bei allen Gelegenheiten zur
franzsischen Regierung gestanden und bekamen deshalb den Namen
Leliaerts, weil sie der franzsischen Lilie anhingen. Weshalb sie die
Feinde des Vaterlands so begnstigten, wird sich aus dem Folgenden leicht
entnehmen lassen.

Seit einigen Jahren waren durch die kostbaren Ritterspiele, die
inlndischen Kriege und die weiten Kreuzfahrten die meisten Edelleute
verarmt. Hierdurch sahen sie sich gezwungen, ihre Stadt- und
Herrschaftsrechte an die Einwohner gegen groe Summen zu verkaufen und
ihnen Freiheiten und Vorrechte zu verleihen.

Die Stdte verarmten wohl anfangs dadurch; doch bald trug die erkaufte
Freiheit die schnsten Frchte. Das niedere Volk, das vordem mit Leib und
Eigen den Edlen zugehrte, begriff nun, da es den Schwei seines
Angesichts nicht mehr fr ungerechte Herren vergo. Es erwhlte sich
Brgermeister und Ratsherren und bildete eine Regierung, um welche die
Herren des Landes sich nicht im mindesten zu kmmern hatten. Die Gilden
wirkten vereint fr die allgemeine Wohlfahrt und setzten Obmnner ein,
welche der Sachwaltung vorstanden. Die liebenswrdigste Gastfreiheit lockte
Fremde aus allen Weltgegenden nach Flandern, und der Handel entfaltete ein
Leben und eine Betriebsamkeit, wie sie unter den Lehensherren unmglich
gewesen waren. Der Gewerbeflei blhte, das Volk wurde reich und war stolz
auf die so lang verkannte Wrde, es erhob sich mehr als einmal mit den
Waffen in der Hand gegen die frheren Herren. Die Edlen sahen ihre Rechte
und Gter dadurch schwer bedroht und suchten durch List und Gewalt die
wachsende Macht der Gemeinden zu behindern; doch das war ihnen nie
geglckt. Denn der Reichtum der Stdte erlaubte selbigen, ein Heer
aufzubieten, die bestehenden Freiheiten zu verteidigen und sie
ungeschmlert zu bewahren. In Frankreich war das anders. Philipp hatte in
seiner Geldnot wohl zuweilen den dritten Stand oder die Brger
zusammengerufen; aber dieses verlieh dem Volke nur zeitweilig einiges
Ansehen, das unmittelbar darauf durch die Lehensherren wieder vernichtet
wurde.

Die zurckgebliebenen Edlen, die in Flandern nicht mehr viel zu sagen
hatten und nun mit allen anderen gleiche Eigentumsrechte besaen,
betrauerten gar sehr ihre verlorene Macht. Um sie wieder zu erhalten,
htten sie die blhenden Gemeinden zerstren mssen. Da es in Frankreich
noch keine Freiheit gab und die Herrschaft der Lehensherren dort noch
ausschlielich und gewaltherrlich war, so hofften sie, Philipp der Schne
wrde die Verhltnisse in Flandern umstoen und ihnen die einstigen Rechte
wieder verleihen. Deshalb also begnstigten sie Frankreich gegen Flandern,
und das trug ihnen den Schimpfnamen Leliaerts[16] ein. Deren gab es zu
Brgge, das damals nchst Venedig die reichste Handelsstadt der Welt war,
sehr viele. Sogar die Brgermeister und andere Verwaltungsbeamte, die ihre
Stellung franzsischem Einflu verdankten, waren Leliaerts.

    [16] Leliaert = Lilienverehrer. Vgl. das Wappen des franzsischen
    Herrscherhauses.

Die Gefangennahme des Grafen und der ihm treu gebliebenen Edelleute wurde
von ihnen mit Freude begrt; denn nun war Flandern Philipp dem Schnen
ausgeliefert und dieser konnte daraufhin alle Gesetze und Vorrechte
umstoen.

Der Wortbruch des franzsischen Hofes erfllte das Volk mit grter
Bestrzung. Das Mitleid steigerte noch die Liebe, mit der es jeder Zeit
seinem Grafen ergeben war, und diese Treulosigkeit lste Emprung aus. Aber
die zahlreichen franzsischen Truppen, die allenthalben lagen, und die
Uneinigkeit unter den Brgern brach vorerst den patriotischen
Klauwaarts[17] den Mut. So blieb Philipp der Schne ruhig im Besitz von
Gwijdes Erbteil. Als die traurige Mr nach Flandern kam, begab sich Maria,
die Schwester Adolfs van Nieuwland, mit zahlreicher Dienerschaft nach
Wijnendaal, um ihren verwundeten Bruder in einer Tragbahre in sein
Vaterhaus nach Brgge zu berfhren. Die junge Machteld folgte angesichts
der schmerzlichen Trennung von all ihren Blutsverwandten der neuen Freundin
und verlie Schlo Wijnendaal, das franzsische Besatzung erhalten hatte.

    [17] Zu dieser Zeit wurden die franzsisch gesinnten Vlaemen
    Leliaerts genannt, wogegen die Freunde des Grafen und der
    Unabhngigkeit des Landes unter dem Namen Klauwaarts bekannt
    waren; dies bezog sich auf die Klauen, womit der Lwe von
    Flandern die Lilien zu bedrohen schien. (Voisin, Notice sur la
    bataille de Courtrai.)

Das Haus der Familie Nieuwland lag an der spanischen Strae zu Brgge. Zwei
runde Trme ragten zu beiden Seiten des Giebels mit ihren Wetterhhnen ber
das Dach und beherrschten alle umliegenden Gebude. Zwei Pfeiler aus
Quadersteinen in griechischem Stil sttzten den Torbogen, den der Schild
und Wahlspruch derer van Nieuwland zierte: Pulchrum pro patria mori! Zu
beiden Seiten des Schildes schwebte ein Engel mit Palmenzweigen in der
Hand. In einem Gemach, welches fern genug von dem dauernden Lrm der Strae
lag, ruhte der kranke Adolf auf einem kostbaren Bett. Er war so bleich und
durch den Schmerz der Wunde so abgezehrt, da man ihn kaum wiedererkennen
konnte. Zu Hupten des Bettes stand auf einem Tischchen ein kleiner Krug
und ein silberner Becher. An der Wand hing der Harnisch, der unter
Saint-Pols Waffe geborsten war und dadurch Adolfs Wunde verschuldet hatte;
daneben eine Harfe mit zerrissenen Saiten. Rings um ihn war es totenstill.
Da die Fenster halb geschlossen waren, wurde das Gemach nur schwach
erleuchtet.

Schweigend sa in einer Ecke Machteld, mit niedergeschlagenen Augen. Der
Falke auf der Lehne ihres Stuhles schien an dem Gram der Gebieterin
teilzunehmen: den Kopf unter dem Flgel ruhte er regungslos. Einst war das
Mgdelein in ihrer munteren Frhlichkeit gegen jeden Schmerz gefeit
gewesen; nun war sie ganz umgewandelt. Die Gefangenschaft aller, die ihr
teuer waren, hatte ihr junges Herz tief erschttert. Jetzt schien ihr alles
schwarz und dster: der Himmel war fr sie nicht mehr blau, die Felder
nicht mehr grn,-- durch ihre Trume zogen sich nicht mehr Gold- und
Silberfden. Nur Kummer und stille Verzweiflung fanden den Weg zu ihrem
Herzen; nichts konnte sie ber den schmerzlichen Gedanken an die
Gefangenschaft ihres Vaters trsten.

Nach einiger Zeit erhob sie sich aus ihrer Regungslosigkeit und nahm ihren
Falken auf die Hand. Weinend blickte sie auf den Vogel, und whrend sie hie
und da eine Trne auf ihren bleichen Wangen trocknete, flsterte sie leise:

Du treuer Vogel, traure nicht so bang, mein Vater wird bald wiederkehren.
Die bse Knigin von Navarra soll ihm kein Leid antun: ich hab so hei fr
ihn zum heiligen Michael gebetet, und Gott ist immer gerecht. Darum traure
frder nicht, du lieber Falke.

Das Mgdelein weinte heie Trnen. Schienen auch ihre Worte voller Trost
und Hoffnung-- in ihrem Herzen wohnte tiefer Gram. Und weiter sprach sie:

Du armer Falke, nicht wirst du nun mehr in den Gefilden unseres
vterlichen Schlosses jagen; Franzosen hausen in unserem schnen
Wijnendaal. Meinen unglcklichen Vater haben sie in einen Kerker geworfen,
in schwere Ketten geschlossen. In dunklem Gefngnis schmachtet er so
einsam, und wer wei, ob ihn nicht die grausame Johanna noch umbringt! Ach
du mein lieber Vogel, dann werden auch wir vor Angst vergehen.-- Der
Gedanke, der furchtbare Gedanke allein raubt mir alle Kraft. Ach! setze
dich doch nieder, meine zitternde Hand kann dich nicht mehr tragen.

Das trostlose Kind sank ermattet in den Sessel, doch ihr Antlitz ward nicht
bleicher; waren doch schon lngst die Rosen auf ihren Wangen gewelkt, die
Augenlider durch ewiges Weinen gertet. Der Huldreiz ihrer Zge war
geschwunden und ihr Auge ohne Feuer und Leben.

Lange blieb sie so in Traurigkeit versunken; der Reihe nach grbelte sie
ber all das nach, was ihre Verzweiflung nur noch steigern mute. Die
traurigen Gedanken weckten die schauerlichsten Vorstellungen. Sie sah ihren
unglcklichen Vater gefesselt in einem feuchten Kerker, hrte seine Ketten
rasseln, hrte den Widerhall seiner wehen Seufzer an dieser grausen Sttte.
Auch der Gedanke, da man in Frankreich so hufig die Menschen vergiftete,
qulte sie bestndig, und die grlichsten Bilder tauchten vor ihren Augen
auf. Solcherart wurde das Mgdelein unaufhrlich gefoltert und lebte in
tdlicher Pein.

Ein unterdrckter Seufzer tnte vom Bette her. Schnell wischte Machteld die
Trnen von ihren Wangen und eilte in banger Sorge zu dem Kranken. Sie go
den Trank in die silberne Schale, sttzte mit der rechten Hand ein wenig
Adolfs Haupt und brachte die Schale an seinen Mund.

Weit ffnete der Ritter die Augen und heftete sie voller Staunen auf das
junge Mgdelein. Dankbarkeit sprach aus seinen matten Blicken, und ein
unbeschreibliches Lcheln verklrte seine bleichen Zge.

Seit seiner Verwundung hatte der Kranke noch nicht wieder verstndlich
gesprochen; es schien sogar, als ob er die Worte, die man leise zu ihm
sprach, nicht vernahm. Doch als Machteld ihn in den ersten Tagen seiner
Krankheit freundlich ermunterte: Werde doch gesund, armer Adolf, mein
teurer Bruder; ich will fr dich beten, denn dein Tod wrde mich noch
unglcklicher machen,-- und mancherlei, was sie ganz arglos an seinem
Bette sprach, hatte Adolf gar wohl vernommen und verstanden, wenn es ihm
auch an Kraft gebrach, zu sprechen.

In der vergangenen Nacht hatte sich Adolfs Zustand wirklich gebessert. Nach
langem Kampf hatte ihm die Natur heilsamen Schlaf geschenkt, und daraus war
er mit neuer Lebenskraft erwacht. Der Seufzer, der sich bei seinem Erwachen
seiner Brust entrang, war krftiger, als es ihm seine Wunde bisher
gestattet hatte.

Als nun Machteld den Becher von seinem Munde nahm, fate sie gewaltiges
Staunen; denn mit schwacher, doch klarer Stimme sprach er:

O edle Jungfrau! Mein lieber Schutzengel! Ich danke dem gtigen Gott fr
den Trost, den er mir durch Euch beschert hat. Bin ich der Sorge wert, edle
Maid, da Eure durchlauchtige Hand mein Haupt so freundlich sttzt? Seid
gesegnet fr Eure Mhen um einen armen Rittersmann.

Das Mgdelein sah ihn verwundert an; als sie aber merkte, wie sehr er an
Lebenskraft gewonnen hatte, schlug sie die Hnde ber dem Kopf zusammen und
lieh ihrer Freude jubelnden Ausdruck.

O, Ihr werdet wieder genesen, Herr Adolf! rief sie. Nun mag ich nicht
mehr trauern; jetzt werde ich wenigstens einen Bruder haben, der mich
trstet.

Als erinnerte sie sich dann aber an etwas Vergessenes, hemmte sie jh ihre
heftige Bewegung; ihr Gesicht wurde ernst, und kniend warf sie sich vor
einem Kreuz am Kopfende des Bettes nieder. Sie faltete ihre Hnde und
richtete ein langes Dankgebet an den Herrn, der ihren Freund und Bruder
Adolf hatte genesen lassen. Dann erhob sie sich, blickte noch einmal den
Ritter an und sprach frhlich:

Haltet Euch recht still, Herr Adolf, und rhret Euch nicht, so hat es
Meister Rogaert geheien.

Was habt Ihr nicht alles fr mich getan, durchlauchtigste Tochter meines
Herrn, sprach Adolf. Bestndig vernahm ich Eure Gebete, so manches Mal
hat Eure trstende Stimme mein Herz gestrkt! Ja, im Schlummer schien es
mir, da ein Engel Gottes den Tod von meinem Bett abwehrte. Ein Engel, der
mein Haupt sttzte, meinen brennenden Durst mitleidig stillte und mir
unaufhrlich versicherte, da ich nicht sterben wrde. Mge Gott mir bald
meine Gesundheit wieder geben, auf da ich mein Blut fr die Euren
vergieen kann.

Herr van Nieuwland, entgegnete das Mgdelein, Ihr habt Euer Leben fr
meinen Vater gewagt; Ihr liebt ihn so treu wie ich; ziemte es mir da nicht,
Euch meine Dankbarkeit zu beweisen und fr Euch wie fr meinen Bruder zu
sorgen? Der Engel, den Ihr sahet, war der heilige Michael, den ich bat, da
er Euch seine Hilfe leihe.-- Nun will ich geschwind Eure gute Schwester
Maria rufen; sie soll sich mit mir ber Eure Besserung freuen.

Sie verlie den Ritter und kam einige Augenblicke danach mit Maria ins
Gemach zurck. Ihre Freude ber die Fortschritte in Adolfs Befinden sprach
aus ihren Zgen und ihrer ganzen Haltung. Ihre Bewegungen wurden rascher
und bestimmter; die Trnen waren versiegt, und der treue Vogel hrte wieder
heitere Worte. Sobald sie mit Maria in das Gemach zurckgekehrt war, hatte
sie den Falken vom Stuhl auf ihre Hand genommen und war mit ihm an Adolfs
Bett getreten.

Mein teurer Bruder, rief Maria und kte ihn auf die bleiche Wange, du
wirst gesund; nun werden die trben Trume von mir weichen. O, wie bin ich
froh! Wie oft habe ich an deinem Bette in bittrem Herzeleid geweint, wie
oft glaubte ich, da du sterben wrdest, doch nun schwindet aller Gram.
Willst du trinken, Bruder?

Nein, gute Maria, antwortete Adolf. Nie habe ich in meiner Krankheit
Durst gelitten: hat mich doch die edelmtige Machteld gar frsorglich
gelabt! Sobald ich nur zum heiligen Kreuz[18] wandern kann, soll mein Gebet
den Segen Gottes auf sie niederflehen, auf da ihr nie ein Unglck
widerfahren mge.

    [18] Ein Dorf in geringer Entfernung von der Stadt Brgge. Es war
    dort eine berhmte Kapelle zum heiligen Kreuze.

Inzwischen erzhlte Machteld eifrig flsternd ihrem Falken von der
erfreulichen Besserung. Als der Vogel seine Gebieterin so frhlich sah,
schttelte er sein Gefieder, als rstete er sich zur Jagd.

Treuer Vogel, sagte das Mgdelein, indem es des Falken Kopf Adolf
zuwandte, sieh, nun wird Herr van Nieuwland gesund, den wir so lange in
tiefem Schweigen daliegen sahen. Nun knnen wir zusammen sprechen und
werden nicht mehr so im Dunkeln sitzen. Unsere Furcht entschwand, und so
wird auch aller Kummer entweichen, denn nun wirst du wohl inne, da Gott
gtig und gerecht ist. Ja, mein schner Falke, so endet wohl auch dereinst
die bittere Gefangenschaft von...

Hier merkte Machteld, da sie fast etwas gesagt htte, was der kranke
Ritter nicht wissen sollte. Aber brach sie auch kurz ab, das Wort
Gefangenschaft erklang befremdend in Adolfs Ohr. Auch die Trnen, die er
bei seinem Erwachen auf des Mgdeleins Wangen bemerkt hatte, erfllten ihn
nun mit banger Ahnung.

Was sagt Ihr, Machteld? rief er, von wessen Gefangenschaft sprecht Ihr?
Ihr weint! Himmel, was ist Euch widerfahren?

Machteld durfte nicht antworten; aber Maria lenkte geschickt ein und
flsterte ihm ins Ohr:

Sie meint die Gefangenschaft ihrer Tante Philippa; sprich nicht mehr
darber; denn sie weint unaufhrlich. Da es dir nun besser geht, kann ich
bald Wichtiges mit dir besprechen, wenn Meister Rogaert es erlaubt; aber
sie darf uns nicht hren, auch will ich erst Meister Rogaert erwarten. Nun
bleib' ruhig, lieber Bruder, ich will Machteld in ein anderes Zimmer
fhren.

Der Ritter lie sein Haupt in die Kissen sinken und stellte sich, als ob er
ruhe. Alsbald wandte sich Maria zu Machteld und sprach:

Kommt, lat uns gehen; denn Adolf mchte ein wenig schlafen. Aus
Dankbarkeit gegen Euch spricht er zu viel.

Das Mdchen folgte willig ihrer Freundin. Bald darauf trat der Wundarzt
Rogaert ein, und Maria fhrte ihn zu ihrem Bruder.

Nun, Herr Adolf, rief Rogaert und ergriff seine Hand, ich sehe, es geht
gut. Nur keine Furcht, wir sind nun ber den Berg. Ich brauche Eure Wunde
jetzt nicht zu verbinden. Trinkt nur reichlich von diesem Wasser und haltet
Euch so ruhig wie mglich. In weniger als einem Monat werden wir eine
Wanderung zusammen machen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Rckflle
eintreten. Da aber Euer Geist nicht so krank ist wie Euer Krper, so
gestatte ich, da Frulein Maria Euch von dem traurigen Ereignis berichtet;
aber bitte, Herr Adolf, erschreckt nur nicht und bleibt immer hbsch
ruhig.

Maria hatte schon zwei Sthle herangeschoben und setzte sich mit Meister
Rogaert beim Kopfende des Bettes nieder. Der kranke Ritter betrachtete sie
voll gespannter Neugierde. Man konnte in seinen Zgen lesen, wie sehr es
ihm schon jetzt nahe ging.

La mich erst ganz ausreden, begann Maria, unterbrich mich nicht und sei
vernnftig, lieber Bruder.-- Am Abend deines Migeschicks rief unser Graf
seine getreuen Lehnsleute zusammen und teilte ihnen mit, da er nach
Frankreich reisen wolle, um dem Knig Philipp dem Schnen zu Fen zu
fallen, und Gwijde von Flandern zog also mit den Edlen nach Compigne; aber
dort wurden sie allesamt gefangen genommen, und nun wird unser Land von den
Franzosen beherrscht. Flandern untersteht Raoul von Nesle...

Dieser knappe Bericht ergriff den Ritter nicht so heftig, als man htte
erwarten sollen. Er antwortete nicht und schien in tiefes Nachdenken
versunken.

Ist das nicht traurig? fragte Maria.

O groer Gott! seufzte Adolf, welche holde Seligkeit hast du Gwijde
zugedacht, da er so viele Demtigungen hienieden erdulden mu!-- Aber sage
mir, Maria, ist auch der Lwe von Flandern gefangen?

Ja, lieber Bruder, Robrecht van Bethune sitzt zu Bourges in Berry gefangen
und Herr Wilhelm in Rouen. Von all den Edlen, die mit ihm beim Grafen
waren, ist nur einer diesem traurigen Schicksal entgangen-- der listige
Dietrich.

Nun begreife ich auch die abgebrochenen Worte und die Trnen der
unglcklichen Machteld.-- Ohne Vater, ohne Verwandte mu die Tochter des
Grafen von Flandern bei Fremden Zuflucht suchen!

Hell funkelten seine Augen, sein Gesicht strahlte vor Begeisterung, und er
fuhr fort:

Das teure Kind meines Frsten und Gebieters ist mein Schutzengel gewesen!
Wohl ist sie jetzt verlassen, unglcklich, allen Verfolgungen ausgesetzt;
aber eingedenk der Wohltaten des Lwen werde ich ber sie wachen wie ber
ein Heiligtum. O, welch schne, welch erhabene Aufgabe ward mir zuteil! Wie
ist mir nun das Leben wert, da ich es ganz der Dankbarkeit weihen kann.

Nach kurzem, tiefem Nachdenken ward pltzlich sein Gesicht finster; flehend
blickte er den Arzt an und sprach:

O Gott! wie qulend wird nun meine Wunde, wie unertrglich das
Krankenlager! Rogaert, werter Freund, o macht mich doch rasch gesund--
Gott wird's Euch vergelten, damit ich etwas fr sie tun kann, die mich so
liebreich in meiner Krankheit gepflegt hat. Spart kein Geld, braucht die
kstlichsten Kruter, die edelsten Arzneien, damit ich aus dem Bett komme,
denn hier werde ich frder keine Ruhe mehr haben!

Aber, Herr van Nieuwland, antwortete Rogaert, die Heilung Eurer Wunde
lt sich nicht beschleunigen, die Natur mu immer Zeit haben, die
Wundflchen wieder zu vereinigen. Geduld und Ruhe werden Euch mehr helfen
als alle Wundersteine. Aber wir wollten Euch noch mehr sagen. Wit, da die
Franzosen berall die Herren spielen und mit jedem Tag hochmtiger werden.
Bisher haben wir die junge Machteld noch ihren Augen entzogen, aber wir
frchten, sie knnte doch einmal entdeckt werden, und dann kann es
geschehen, da auch sie an Johanna von Navarra ausgeliefert wird.

Heiliger Himmel! rief Adolf aus, Ihr habt recht, Meister Rogaert, man
wrde sie nicht schonen! Aber was tun? Welch Elend, so da zu liegen,
whrend sie meine Hilfe braucht!

Ich wei einen Platz, erwiderte Rogaert, wo Machteld in Sicherheit sein
wrde.

O, Ihr rettet mich aus der Verzweiflung, sagt rasch, wo das ist!

Meint Ihr nicht, Adolf, da sie im Jlicher Lande bei ihrem Ohm Wilhelm in
aller Ruhe bleiben knnte?

Bei dieser Frage erschrak der Ritter sichtlich. Sollte er Machteld in
fremde Lande ziehen lassen? Sollte er sich selbst in die Unmglichkeit
setzen, ihr zu helfen, sie zu verteidigen? Dazu konnte er sich nicht
entschlieen, da er sich doch schon innerlich vorgenommen hatte, Machteld
persnlich ihrem Vater zurckzugeben und sie vor jeder Krnkung zu
bewahren.

Er bot all seine Seelenkrfte auf, um einen anderen Weg zu finden, ohne da
sie so weit von ihm fort mute. Als er ihn gefunden glaubte, verklrte die
Freude sein Gesicht, und er entgegnete:

Wahrlich, Meister Rogaert, dieser Ort scheint mir recht gnstig; aber Ihr
sagt selbst, da die franzsischen Banden ber ganz Flandern verstreut
sind; deshalb wre solche Reise fr ein Edelfrulein wohl zu gefhrlich.
Mit einem Geleit stnde es noch rger. Und sollte ich Jungfrau Machteld
allein mit einigen Dienern ziehen lassen? Nein! ich mu ber sie wie ber
mein Seelenheil wachen, denn Robrecht van Bethune wird von mir einst seine
Tochter zurckfordern.

Aber, Herr Adolf, erlaubt mir zu erwidern, da Ihr die Jungfrau noch mehr
blostellt, wenn Ihr sie in Flandern haltet; denn wer soll sie beschirmen?
Ihr nicht,-- dazu seid Ihr nicht imstande.-- Die Herren der Stadt werden
es auch nicht tun, sie sind ja Frankreich ergeben. Was wrde aus dem armen
Edelfrulein werden, wenn die Franzosen es entdeckten?

Ich habe ihren Beschirmer bereits gefunden, antwortete Adolf,-- Maria,
schick' bitte einen Knecht zu dem Zunftmeister der Wollenweber, er mchte
mich besuchen. Meister Rogaert, ich beabsichtige, unsere junge Edeldame
unter den Schutz der Gemeinde zu stellen.-- Findet Ihr den Einfall nicht
gut?

O ja, er ist nicht bel, aber es wird Euch nicht glcken; denn das Volk
ist aufgebracht gegen alles, was sich adlig nennt; man darf ihm damit nicht
kommen.-- Und eigentlich haben sie nicht so unrecht, Herr Adolf, denn die
meisten der Edelleute halten zu den Feinden und wollen die Rechte der
Gemeinden vernichten.

Das kann mich von meinem Vorhaben nicht abbringen, Meister Rogaert. Mein
Vater hat der Stadt Brgge viele Vorrechte verschafft, und der Zunftmeister
der Weber und seine Kameraden haben das nicht vergessen. Sollte es mir aber
dennoch miglcken, so werden wir berlegen, wie wir die Jungfrau nach
Jlich bringen.

Etwa eine halbe Stunde nach dieser Unterredung trat Meister De Coninck,
Obmann der Wollweber, in Adolfs Zimmer.

Ein langes Koller von braunwollenem Tuche, ohne Zierat oder Borten, also
gnzlich verschieden von der stolzen Kleidung der Edlen, wallte bis auf
seine Fe herab. Man sah, da der Vorsteher der Weber absichtlich allen
Putz mied, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen und so Hochmut mit Hochmut
zu beantworten; denn dieses wollene Wams umhllte den mchtigsten Mann von
Flandern. Auf dem Haupte trug er eine flache Mtze, unter der seine Haare
einen halben Fu lang ber die Ohren fielen. Ein Grtel hielt die weiten
Falten seines Kollers ber den Hften zusammen, und der Griff eines
Kreuzmessers blinkte an seiner Seite. Da er ein Auge verloren hatte, war
sein Antlitz nicht sehr einnehmend. Ungewhnliche Blsse, vorstehende
Backenknochen und die gefurchte Stirn verliehen seinem Gesicht einen
sinnenden Ausdruck. Gewhnlich fiel nichts Besonderes an ihm auf; wenn
aber etwas seine Aufmerksamkeit erregte, ward sein Blick durchdringend und
lebhaft; dann leuchtete sein kluger, mnnlicher Geist aus dem einzigen
Auge, das ihm noch geblieben war, und seine Haltung wurde trotzig und
stolz. Beim Eintreten betrachtete er wie ein mitrauischer Fuchs die
Menschen im Zimmer und zumal Meister Rogaert; denn er merkte gleich, da
dieser listiger war als die anderen.

Meister De Coninck, sprach Adolf, wollet bitte nher treten. Ich habe
eine Bitte, die Ihr mir nicht abschlagen werdet; denn meine ganze Hoffnung
ruht auf Euch. Aber erst mt Ihr mir geloben, das Geheimnis, welches ich
Euch anvertrauen will, niemandem zu entdecken.

Die Rechtfertigkeit und die Freundlichkeit des Herrn van Nieuwland sind
den Wollwebern noch unvergessen, antwortete De Coninck, deshalb mgen
Euer Edeln auf mich als einen dankbaren Diener rechnen. Sollte allerdings
Eure Bitte den Rechten des Volkes und der Gemeinde widersprechen, so wrde
ich Euch raten, das Geheimnis fr Euch zu behalten und nichts von mir zu
verlangen.

Seit wann, rief Adolf etwas unwillig, seit wann, Meister, haben die
Herren van Nieuwland Eure Rechte verkrzt? Ihr beleidigt mich.

Vergebt mir, Herr, wenn Euch meine Worte verletzt haben, entgegnete De
Coninck; es ist so schwer, die Guten von den Bsen zu unterscheiden, da
man klglich allen mitraut. Gestattet mir eine Frage, um allen Zweifel in
mir zu zerstreuen: Ist Euer Edeln ein Leliaert?

Ein Leliaert? fuhr Adolf entrstet auf, nein, Meister De Coninck, in mir
pocht ein Herz, das allen Franzosen feind ist; meine Bitte an Euch sollte
gerade gegen sie gerichtet sein.

O Herr, dann sprecht frei heraus, ich stehe zu Euren Diensten.

Schn. Also Ihr wit, da unser Graf Gwijde mit all' seinen Edlen gefangen
ist; noch aber ist jemand in Flandern verblieben, die, aller Hilfe, alles
Beistands bar, des Mitleids der Vlaemen um ihres Unglcks und ihrer edlen
Abkunft willen wert ist.

Ihr sprecht von Jungfrau Machteld, der Tochter des Herrn van Bethune,
fiel De Coninck ein.

Woher wit Ihr das? fragte Adolf erstaunt.

O, ich wei noch mehr. So heimlich habt Ihr Machteld nicht in Eure Wohnung
bringen knnen, da De Coninck es nicht gewut htte, und sie wrde sie
auch nicht ohne mein Wissen verlassen haben. Aber seid nur ruhig; ich kann
Euer Edeln versichern, da nur wenige Personen in Brgge auer mir um
dieses Geheimnis wissen.

Meister, Ihr seid ein wunderlicher Mann; doch Euer Edelmut brgt mir
dafr, da Ihr die junge Tochter des Lwen von Flandern gegen die Gewalt
der Franzosen beschtzen werdet, falls es ntig wre.

De Coninck entstammte wohl dem Volke, aber er war einer jener seltenen
Geister, die durch Verstand und Einsicht die geborenen Beherrscher ihrer
Mitmenschen sind. Kaum hatten die Jahre seine Gabe zur Reife gebracht, da
rttelte er seine Brder aus ihrem trgen Schlummer, berzeugte sie von der
Macht der Einigkeit und erhob sich mit ihnen wider die Zwingherren. Die
wollten freilich das Erwachen ihrer einstigen Sklaven gewaltsam hindern,
doch vergeblich: De Conincks Beredsamkeit hatte den Geist seiner Brder so
hoch gestimmt, da sie kein Joch mehr tragen mochten. Wurden sie dennoch
bisweilen mit bewaffneter Hand unterdrckt, so beugten alle demtig den
Nacken, und De Coninck tat, als ob ihm Sprache und Verstand fehle; aber
sein rastloser Geist ruhte nicht: Kaum hatte er den Mut seiner Brder in
der Stille wieder gesthlt, so standen sie vereint gegen die Bedrcker auf,
und die Gemeinde erlangte wieder ihre Freiheit. Alle politischen Plne der
Edelleute zerstoben vor De Conincks Geist, und durch ihn sahen sie all ihre
Rechte auf das Volk schwinden, ohne es hindern zu knnen. Entschieden hat
De Coninck mit am meisten das Verhltnis der Edlen zum Volke umgestaltet;
all sein Planen galt lediglich der Erhebung eines Volkes, das so lange in
der niederen Knechtschaft der Lehensherren geschmachtet hatte.

Als Adolf van Nieuwland die junge Machteld seinem Schutz anvertraute, da
lchelte er befriedigt, denn das war ja ein Triumph des Volkes, welches er
vertrat. Er berechnete die Vorteile, die ihm bei der Ausfhrung des groen
Befreiungsplanes aus der Gegenwart des durchlauchtigsten Edelfruleins
erwachsen konnten.

Herr van Nieuwland, antwortete er, Eure Bitte ehrt mich sehr. Alles soll
zum Schutz eines so edlen Sprosses geschehen. Und um die Bedeutung des
Volkes noch mehr zu unterstreichen, fgte er hinzu:

Aber sie knnte von hier entfhrt werden, noch ehe ich ihr zu Hilfe kommen
kann.

Das erzrnte Adolf sehr, denn er schlo daraus, da der Obmann nicht so
recht bei der Sache war. Deshalb erwiderte er:

Wenn Ihr uns nicht tatkrftig helfen knnt, Meister, so ratet mir bitte,
was man am besten zum Schutze der Tochter unseres Landesherrn tun knnte.

Die Weberzunft ist stark genug, um das Edelfrulein vor allem Unheil zu
bewahren, antwortete De Coninck listig; ich kann Euch versichern, sie
wrde hier in Brgge ebenso sicher wie in Deutschland wohnen knnen, wenn
ich sie beraten drfte.

Aber wer hindert Euch daran? fragte Adolf.

O Herr, ein geringer Brger kann nicht so ohne weiteres ber seine
Landesherrin verfgen; sollte es ihr aber belieben, knftig meinem Rate zu
folgen, so knnte ich fr sie einstehen.

Ich verstehe Euch nicht recht, Meister. Was verlangt Ihr denn von der
Jungfrau? Ihr wollt sie doch nicht anderswohin bringen?

O nein;-- aber sie drfte sich nicht ohne mein Wissen auf die Strae
begeben, sich auch nicht weigern, auszugehen, wenn ich es fr ntig halte.
brigens soll es Euch freistehen, mir diese Vollmacht zu entziehen, sobald
Ihr an meiner Aufrichtigkeit zweifelt.

Da De Coninck in Flandern fr einen der verstndigsten Mnner galt, so nahm
Adolf an, da sein Verlangen von Vorsicht diktiert war, und gestand ihm
deshalb alles zu, unter der Bedingung, da er persnlich fr die Jungfrau
einstehe. Der Obmann machte alsdann darauf aufmerksam, da er die edle
Machteld nicht kannte, und deshalb wurde sie von Maria herbeigeholt.

De Coninck verbeugte sich tief und demtig vor ihr; das Mgdelein aber
betrachtete ihn erstaunt, denn es wute nicht, wer er war. Da hrte man
pltzlich Lrm auf dem Gang, als ob zwei Menschen sich stritten.

So wartet doch! rief einer von ihnen, ich will gehen und fragen, ob Ihr
eintreten drft.

Was? rief eine andere noch gewaltigere Stimme, Ihr wollt die Fleischer
fernhalten, whrend die Weber zugelassen werden? Rasch, macht Platz, oder
Ihr werdet es bereuen!

Die Tr ging auf, und ein junger krftig gebauter Mann mit stolzen Zgen
trat ins Zimmer. Er trug ein Koller wie De Coninck, nur war es
geschmackvoller verziert. Ein groes Kreuzmesser steckte in seinem Grtel.
Als er in das Zimmer trat, warf er sein langes blondes Haar zurck und
blieb verblfft an der Tr stehen. Er hatte geglaubt, den Obmann der Weber
mit einigen seiner Genossen zu finden. Als er jetzt aber diese herrliche
Jungfrau und vor ihr De Coninck in demtiger Haltung erblickte, wute er
nicht, was er denken sollte. Doch lie er sich weder hierdurch, noch durch
Meister Rogaerts forschende Blicke auer Fassung bringen. Er entblte
sein Haupt, verbeugte sich hastig vor allen anwesenden Personen und ging
stracks auf De Coninck zu. Dem klopfte er freundschaftlich auf die Schulter
und meinte:

Meister Peter, ich suche Euch schon seit zwei Stunden in der ganzen Stadt,
aber ich konnte Euch nirgends finden. Ihr wit ja noch nicht, was vorgeht,
was ich Euch fr Nachrichten bringe.

Nun, was gibt es denn, Meister Breydel? fragte De Coninck ungeduldig.

Starrt mich doch nicht so mit Eurem grauen Auge an, rief Jan Breydel,
denn Ihr wit wohl, da ich mich vor Eurem Katzenblick nicht frchte. Doch
einerlei-- wisset denn, Knig Philipp der Schne und die verfluchte
Johanna von Navarra kommen morgen nach Brgge.-- Und die sauberen Herren
vom Magistrat haben hundert Weber, vierzig Fleischer, und ich wei nicht
wie viele noch zum Herrichten von Triumphbogen, Wagen und Schafotten
verlangt.

Und was besagt denn das so Auerordentliches, da Ihr so lauft?

Wie, Meister!-- was das besagt? Mehr, als Ihr denkt; denn nicht ein
einziger Fleischer mag helfen, und dreihundert Weber warten auf Euch vor
dem Pand[19]. Was mich betrifft, so sollen sie nur warten, bis ich mich fr
die rhre. Die Goedendags[20] stehen bereit, die Messer sind geschliffen.
Ihr wit wohl, was das bei meiner Zunft besagen will.

    [19] Die Znfte hatten besondere Gebude, wo sie sich
    versammelten und ihr Festgert, wie Standarten usw., bewahrten.
    Dies nannte man Pand.

    [20] Sprich: Gutentags.-- Die Vlaemen hatten eine frchterliche
    Waffe, die sie mit groer Behendigkeit zu gebrauchen wuten. Es
    waren lange Speere, mit einer eisernen Spitze versehen. Sie
    hatten sie aus Scherz Goedendags genannt, was so viel
    bedeutete, als da sie den Feind damit tchtig begren konnten.

Die Anwesenden lauschten neugierig den ungezwungenen Worten des Fleischers.
Seine Stimme war angenehm und wohlklingend, ohne die Weichheit einer
Frauenstimme. De Coninck bedachte, da Breydels Vorhaben heikel war und
antwortete daher:

Meister Jan, ich komme mit; wir werden unter uns die ntigen Manahmen
treffen. Erst aber erkennet in dieser edlen Jungfrau die Tochter von
unserem Herrn Robrecht van Bethune!

Breydel warf sich bestrzt vor Machteld auf die Knie, blickte zu ihr auf
und rief:

O meine durchlauchtigste Gebieterin! vergebt mir die unbesonnenen Worte,
die ich ahnungslos vor Euch sprach. Die edle Tochter des Lwen von
Flandern, unseres Herrn, mge es einem geringen Brger nachsehen.

Steht auf, Meister, antwortete Machteld freundlich. Eure Worte haben
mich nicht verletzt; denn Liebe zum Vaterland und Ha gegen unsere Feinde
gaben sie Euch ein. Ich danke Euch fr Eure Treue.

Gndige Grfin, sprach Breydel, und stand auf, Euer Edeln knnen nicht
glauben, wie sehr ich die Snakkers[21] und Leliaerts hasse! O, knnte ich
das Leid rchen, das dem Hause von Flandern angetan wurde,-- o, knnt'
ich's doch! Aber der Obmann der Wollenweber kommt mir immer dazwischen.
Vielleicht hat er recht, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben; aber ich
kann kaum an mich halten. Morgen kommt die falsche Knigin von Navarra nach
Brgge: Gott wende meinen Sinn, sonst sieht sie ihr verhates Frankreich
nicht wieder.

    [21] Wenn die Brgger kamen, um ihre Steuern zu bezahlen, wurden
    sie von den franzsischen Beamten barsch angefahren. Sie nannten
    die Scheltworte: de Snakkers. Die Brcke, an der das Zollhaus
    stand, heit noch heute die Snaggaartsbrcke.

Meister, sprach Machteld, wollt Ihr mir etwas versprechen?

Ich Euch etwas versprechen, edle Dame? Wie gtig sprecht Ihr doch zu Eurem
unwrdigen Diener! Ein Gedanke von Euch soll mir ein heiliges Gebot sein,
durchlauchtige Jungfrau!

Gut; ich wnsche, da Ihr whrend der Anwesenheit Eurer neuen Frsten die
Ruhe nicht strt.

Es soll geschehen, sagte Breydel betrbt, ich htte lieber gehrt, da
Ihr meinen Arm und mein Messer braucht. Aber was nicht ist, kann noch
werden!

Dann beugte er nochmals ein Knie vor der jungen Machteld und fuhr fort:

Ich bitte, ich beschwre Euch, edle Tochter des Lwen, verget Euren
Diener Breydel nicht, falls Ihr jemals mutiger Mnner bedrfet. Die
Fleischerzunft wird ihre Goedendags und ihre Messer Euch zu Diensten
geschliffen halten.

Das Mdchen erschrak nicht wenig ber dies blutige Anerbieten; aber der
junge Mann gefiel ihr sehr.

Meister, entgegnete sie, ich werde meinen Herrn und Vater, wenn ihn mir
Gott zurckgibt, von Eurer Treue in Kenntnis setzen; ich kann Euch nur
meiner Dankbarkeit versichern.

Bei diesen Worten stand der Obmann der Fleischer auf und zog De Coninck am
Arm mit sich fort. Nachdem beide das Zimmer und das Nieuwlandsche Haus
verlassen hatten, plauderten die Zurckbleibenden noch lange ber den
unerwarteten Besuch.

Als die beiden auf der Strae waren, begann De Coninck:

Meister Jan, Ihr wit, der Lwe von Flandern war immer ein Freund des
Volkes; deshalb ist es unsre Pflicht, seine Tochter wie ein Heiligtum zu
hten.

Still, sprach Breydel, der erste Franzose, der sie unfreundlich ansieht,
soll mit meinem Kreuzmesser Bekanntschaft machen. Aber, Meister Peter, wre
es nicht besser, wenn wir die Tore schlssen und Johanna nicht in die Stadt
lieen? Alle Fleischer stehen bereit; die Goedendags stehen hinter der Tr,
und auf den ersten Ruf sind die Leliaerts...

Htet Euch wohl, Gewaltttigkeiten zu begehen, unterbrach De Coninck.
Es ist berall Sitte, seinen Landesherrn prunkvoll zu empfangen-- das
kann also die Gemeinde nicht entehren. Es ist besser, die Krfte fr
wichtige Unternehmungen aufzusparen. Das Vaterland wimmelt von
franzsischen Kriegsknechten, und wahrscheinlich wrden wir gegen sie den
krzeren ziehen.

Aber, Meister, das dauert schon zu lange. Wir wollen lieber den Knoten mit
einem guten Messer durchschneiden, statt ihn so langsam zu lsen. Ihr
versteht--!

O ja, aber der Plan ist schlecht. Das beste Messer ist die Vorsicht,
Breydel. Es schneidet zwar langsam, aber es wird nie stumpf und bricht auch
nicht.-- Wozu wollt Ihr denn die Tore schlieen? Nichts ist damit
gewonnen. Ich will Euch einmal etwas sagen: Lat das Unwetter sich ruhig
verziehen, lat die Kriegsknechte mhlich nach Frankreich zurckkehren,
gebt den Franzslingen und Leliaerts ein wenig nach, damit ihre Wachsamkeit
nachlt.

Nein, warf Breydel ein, unmglich.-- Schon werden sie herrisch,
beginnen zu drohen; sie berauben die Bauern ihrer Freiheit und behandeln
uns Brger wie Sklaven.

Desto besser, Meister Jan, desto besser!

Desto besser! was soll das heien? Geht, Meister! Habt Ihr den Mantel
gedreht, wollt Ihr uns mit Eurer Fuchsesschlue verraten?-- Fast scheint
es mir, als wenn Ihr mit der Zeit etwas nach Lilien rchet!

Nein, nein, mein Freund Jan! Bedenkt nur wie ich, da die Befreiung um so
schneller naht, je mehr die Erbitterung steigt. Wrden sie ihr Tun
beschnigen, mit scheinbarer Gerechtigkeit herrschen, dann wrde das Volk
im Joch entschlummern und das Gebu unserer Freiheit snke fr immer dahin.
Seht, die Tyrannei der Herrscher brtet die Freiheit des Volkes wie eine
Henne aus. Sollten sie aber wagen, die Vorrechte unserer Stadt anzutasten,
so wre ich der erste, der Euch zum Widerstand ermunterte-- aber auch dann
noch nicht zur offenen Gewalt. Es gibt andere Waffen, die sicherer
arbeiten.

Meister, gestand Jan Breydel zu, ich verstehe jetzt, Ihr habt immer
recht, als stnden Eure Worte auf Pergament. Aber es fllt mir sehr schwer,
die kecken Franzosen so lange zu ertragen; lieber noch wre ich sarazenisch
als welsch[22]. Doch Ihr sagt ganz richtig: je mehr ein Frosch sich
aufblst, desto eher platzt er. Ich mu zugeben: im Verstand sind uns die
Weber ber.

    [22] In dieser Zeit bezeichnete man das franzsische Volk mit dem
    Namen Walen. Diese Bezeichnung ist aus dem franzsischen Wort
    Gaulois gebildet worden. Anscheinend haben die Walen ihren
    Namen auf diese Weise erhalten. Jakob von Maerlant, ein Dichter
    des 13. Jahrhunderts, nennt die franzsischen Dichter welsche,
    falsche Poeten.

Gut, Meister Breydel, und in Mut und Khnheit die Fleischer. Gehen beide
Tugenden, Vorsicht und Mut, bei uns stets Hand in Hand, dann wird es den
Franzosen an Zeit fehlen, uns in Ketten zu schlagen.

Der Obmann der Fleischer lachte laut und zufrieden ber die Schmeichelei.
Ja, meinte er, in meiner Zunft gibt's tapfere Leute, Meister Peter. Und
die Welschen sollen das merken, wenn der bittere Apfel reif ist. Aber da
fllt mir ein: wie wollt Ihr die Tochter des Lwen, unseres Herrn, den
Augen der Knigin entziehen?

Ich werde sie ihr im Sonnenlicht zeigen.

Wie, Meister? Jungfrau Machteld Johanna von Navarra zeigen? Mir scheint,
Ihr redet irre! Seid Ihr auf den Kopf gefallen?

Keineswegs! Morgen, beim Einzug der fremden Herrschaften, sollen alle
Weber unter Waffen sein; Ihr werdet an der Spitze der Fleischer stehen. Was
knnen die Welschen dann ausrichten? Nichts natrlich. Schn. Dann stelle
ich Jungfrau Machteld in die vorderste Reihe, damit Johanna von Navarra sie
bestimmt bemerkt. So erfahre ich auch zugleich, was die Knigin im Sinne
hat, und was wir fr Machteld zu befrchten haben.

Recht so, Meister Peter! Ihr habt zu viel Verstand fr einen sterblichen
Menschen! Ich werde die Tochter des Lwen bewachen und habe nur den einen
Wunsch, da ein Franzose sie beleidigt, denn es juckt mir gewaltig in den
Fusten. Aber heute mu ich noch nach Lijseele gehen und Hornvieh kaufen,
so lange werdet Ihr ber die junge Grfin wachen.

Nun seid nur ruhig, Freund Jan, und lat Euer Blut nicht zu arg kochen.
So, da sind wir ja am Weber-Pand.

Wie Breydel gesagt hatte, standen dort unzhlige Weber vor der Tr. Alle
hatten sie Wmser und Mtzen genau wie ihr Obmann. Hie und da hatte wohl
ein junger Gesell lngeres Haar und mehr Verzierungen am Rocke, aber
schlimm war das nicht, denn allzu viel Eitelkeit war bei der Zunft nicht
gestattet.

Jan Breydel sprach noch leise ein paar Worte mit De Coninck und verlie ihn
dann ganz befriedigt.

Beim Nhern ihres Obmannes lste sich die Schar der Weber; sie entblten
ehrerbietig das Haupt und folgten ihm in die Herberge.




VII.


Die Leliaerts hatten ungewhnliche Anstalten zum Schmucke der Stadt
getroffen; sie hofften sich dadurch die Gunst des neuen Frsten zu
erringen. Alle Zunftgesellen hatten an der Errichtung der Triumphbgen
mitgearbeitet; mit Geld war nicht gespart worden; die reichsten Stoffe
waren aus den Lden hervorgesucht und an den Giebeln der Huser aufgehngt
worden; auch viele junge Bume hatte man abgehauen und in den Straen
aufgestellt. Am andern Morgen um zehn Uhr war alles fertig.

In der Mitte des groen Marktes hatte die Zunft der Zimmerleute ein
prachtvolles, mit blauem Sammet berzogenes Schaugerst errichtet. Darauf
standen Sessel mit goldenen Borden und gestickten Kissen und daneben zwei
Standbilder, der Friede und die Macht, die Kronen aus Lorbeer- und
lzweigen ber die Hupter Philipps des Schnen und Johannas von Navarra
halten sollten. Leichte Behnge schmckten den Thron, und der Markt war
rings mit reichen Teppichen belegt. Am Eingang der Steinstrae ragten vier
marmorne Fusulen; auf jeder stand ein Posaunenblser in Engelskleidung,
mit langen Flgeln und purpurnem Gewand. Gegenber der groen Fleischhalle
in der Frauenstrae war ein prchtiger Triumphbogen mit gotischen Pfeilern
errichtet worden. Ob der Wlbung hing das Wappen von Frankreich auf
purpurnem Grunde, weiter unten an Pfeilern die Schilde von Flandern und
Brgge. berall an den Leisten waren Sinnbilder angebracht, um dem fremden
Gebieter zu schmeicheln. Hier kroch Flanderns schwarzer Lwe vor einer
Lilie, dort waren die Sterne des Himmels mit Lilien vermengt, kurz lauter
plattes Zeug, das die Bastardvlaemen erdacht hatten.

Wre Jan Breydel nicht durch den Obmann der Weber zurckgehalten worden, so
htten die unwrdigen Darstellungen das Volk nicht lange erbittert; so aber
verhehlte er seinen rger und beschaute alles mit finsterer Ruhe. De
Coninck hatte ihm begreiflich gemacht, da der rechte Augenblick noch nicht
gekommen war.

Die Kathelinenstrae war ihrer ganzen Lnge nach mit schneeweier Leinwand
und langen Laubkrnzen behangen. Willkommensprche schmckten die Huser
der Leliaerts. Auf kleinen viereckigen Stndern brannte allerlei Rauchwerk
in prchtig getriebenen Vasen und junge Mgdelein streuten Blumen auf die
Straen.-- Das Kathelinentor, durch das die Frsten in die Stadt einziehen
muten, war von auen mit kostbarem Scharlach behangen. Sinnbilder
schmeichelten den Fremden und entehrten den Lwen, das siegreiche Zeichen
frherer Geschlechter. Acht Trompeter standen neben dem Tor auf dem Wall,
um den Willkomm zu blasen und die Frsten anzukndigen. Auf dem groen
Markte standen die Znfte mit ihren Goedendags in Reihe und Glied lngs der
Huser. De Coninck lehnte sich mit dem rechten Flgel der Weber an den
Eiermarkt; Breydel mit der Fleischerzunft stand zur Steinstrae hin; die
anderen Znfte verteilten sich in kleineren Gruppen auf der anderen Seite.
Die Leliaerts und vornehmsten Edlen der Stadt hatten sich unter der Halle
auf einem prchtigen Gerst versammelt.

Gegen elf Uhr kndeten die Trompeter auf den Wllen die Ankunft der
Herrschaften an, und endlich betrat der knigliche Zug durch das
Kathelinentor die Stadt. Voraus ritten vier Herolde auf schnen weien
Pferden; an ihren Trompeten hingen die Banner Philipps des Schnen, ihres
Gebieters, mit goldenen Lilien auf blauem Felde. Sie bliesen einen schnen
Marsch und entzckten die Zuhrer durch den Zusammenklang der Tne.

Zwanzig Schritt dahinter ritt Knig Philipp der Schne hoch zu Ro einher.
Keiner von allen Rittern, die ihn begleiteten, konnte ihn an Schnheit
bertreffen; schnes schwarzes Haar fiel in leichten Locken auf seine
Schultern nieder und spielte schmeichelnd um seine zarten Wangen, auf die
ein Weib htte stolz sein knnen. Die gebrunte Farbe seines weichen
Gesichts verlieh ihm einen mnnlichen Ausdruck; sein Lcheln war sanft und
seine ganze Erscheinung sehr einnehmend. Die hohe, schne Gestalt und die
edle Haltung machten ihn zum vollkommensten Ritter seiner Zeit. Deshalb
wurde er denn auch in ganz Europa le Bel >der Schne< genannt.-- Seine
Kleidung war reich mit Gold und Silber gestickt und doch nicht berladen.
berhaupt empfand man, da feinster Geschmack, nicht Eitelkeit den
Ausschlag gab. Der versilberte Helm auf seinem Haupte war mit einem groen
Federbusch geschmckt, der bis auf den Rcken seines Pferdes herabhing.

Neben ihm ritt seine Gemahlin, die stolze Johanna von Navarra. Sie sa auf
einem falben Zelter und war ganz mit Gold und Edelsteinen beladen. Ein
langes Reitkleid von Goldstoff, das eine silberne Schnur auf der Brust
zusammenfate, fiel in schweren Falten bis auf die Erde und schillerte
lebhaft in tausendfltigem Glanz. Perlen, Knpfe und Eicheln aus den
kostbarsten Stoffen hingen im berma an ihr und ihrem Zelter. Man konnte
in den Zgen der hochmtigen, eitlen Frstin lesen, da dieser siegreiche
Einzug ihrem stolzen Herzen schmeichelte. Sie blickte mit hochfahrender
Aufgeblasenheit auf das berwundene Volk, das in den Fenstern, auf den
Brunnen, ja sogar auf den Dchern stand, um den Zug sehen zu knnen.

An der andern Seite des Knigs ritt sein Sohn Ludwig Hutin. Der junge Frst
war trotz seiner hohen Stellung demtig und gutartig; Wohlwollen fr seine
neuen Untertanen strahlte von seinem Gesicht, und die Brger sahen ihn
stets freundlich lcheln. Er besa die guten Eigenschaften seines Vaters,
nichts von den hlichen Wesenszgen seiner Mutter.

Dicht hinter dem Knig kamen einige Schildknappen, Pagen und Hofdamen, dann
folgte ein langer Zug prchtig gekleideter Ritter, darunter die Herren
Enguerrand von Marigny, Chtillon, Saint-Pol, de Nesle, de Nogaret und
andere. Die knigliche Standarte und eine Menge kleiner Fahnen flatterten
lustig ber den edlen Rittern.

Schlielich kam noch ein Trupp Leibwachen, wohl dreihundert Mann, alle zu
Pferde, von Kopf bis zu Fen in Eisen. Lange Speere ragten wohl zwanzig
Fu ber die Schar empor; sie hatten Helme, Harnische, Waffenrcke, Schilde
und eiserne Handschuhe, auch die schweren Pferde waren mit Eisenplatten
bedeckt.

Die vielen Brger, deren Scharen berall standen, betrachteten den Zug in
feierlichem Schweigen. Kein einziger Willkommengru ertnte aus ihren
Reihen, keinerlei Freude tat sich kund. Durch diesen kalten Empfang fhlte
sich Johanna von Navarra schwer gekrnkt, und ihre Erbitterung stieg, als
sie bemerkte, da viele Augen ohne jede Ehrerbietung auf ihr ruhten, und
da manch verchtliches Lcheln ihr den Ha der Vlaemen gegen sie bezeigte.

Sobald der Zug zum Markt kam, setzten die beiden Engel auf den Marmorsulen
ihre Posaunen an und bliesen ihren Willkomm, da es ber den ganzen Platz
schallte. Dann stimmten die Herren vom Magistrat mit einigen anderen
Leliaerts den Ruf an: Hoch Frankreich! Es lebe der Knig! Es lebe die
Knigin!

Die stolze Johanna kochte innerlich vor Wut, als sie auch nicht einen
Einzigen aus dem Volk oder den Znften rufen hrte. Alle Brger standen
regungslos da, nicht das kleinste Zeichen von Ehrerbietung oder Freude ward
laut[23]. Die zornige Knigin verbi vorerst ihren Grimm, und nur ihr
Gesicht verriet ihre Mistimmung.

    [23] Als Philipp seinen Einzug in Brgge hielt, verwunderte er
    sich darber, da ihn die Einwohner ohne jedes Zeichen von Freude
    empfingen. (Brgger Jahrbcher.)

Etwas abseits vom Throne befand sich eine Schar Edeldamen auf auserlesenen
Zeltern. Um die Knigin Johanna mit geziemender Pracht zu empfangen, hatten
sie sich so reich mit Juwelen und kostbarem Schmuck behangen, da das Auge
den Glanz kaum ertragen konnte. Machteld, die schne junge Tochter des
Lwen von Flandern, war ganz vorn und fiel der Knigin zuerst in die Augen.

Ein langer spitzer Hut von gelber Seide und rotsammeten Bndern sa leicht
auf ihrem Kopf; darunter fiel ein Tuch von feinstem Linnen ber Wangen,
Hals und Schultern bis zur Mitte des Rckens hernieder. An einem goldenen
Knopf, oben auf dem Hut, hing ein durchsichtiger, mit tausend goldenen und
silbernen Punkten durchwirkter Schleier; ihr Obergewand war vorn offen und
lie einen Latz von blauem Sammet mit silbernen Schnren hervorschauen; es
reichte nur bis an die Knie und war von dem kostbarsten Goldstoff.
Darunter kam ein grnes Atlasgewand hervor, das lang, in reichen Falten bis
zur Erde niederhing. Lieblich schimmerte dies reiche Gewand, denn bei jeder
Bewegung nderte es die Farbe: bald schien es im Sonnenlichte wie feinstes
Gold in gelbem Glanze zu erstrahlen, bald wieder ward es grn, bald blau.
Auf der Brust der jungen Edeldame an einer kostbaren Perlenschnur, blinkte
eine Platte von geschlagenem Gold, die den schwarzen Lwen von Flandern,
kunstvoll in Achat geschnitten, umfate. Ein goldener Schuppengrtel mit
seidenen und silbernen Fransen zeigte einen Verschlu aus zwei Rubinen. Das
Geschirr des Zelters, der die liebliche Jungfrau trug, war auch ber und
ber mit goldenen und silbernen Plttchen und beweglichen Eicheln verziert.
Ebenso kostbar und prchtig waren auch die anderen Frauen gekleidet.

Die Knigin von Navarra kam mit dem ganzen Zuge langsam angeritten und
richtete den Blick mit unwilliger Neugierde auf diese Frauen, die so im
Sonnenlicht glnzten. Als sie sich ihnen auf eine bestimmte Entfernung
genhert hatte, ritten ihr die Edeldamen mit vielem Anstand entgegen und
bewillkommneten ihre neue Frstin mit manch hflichem Grue. Nur Machteld
schwieg und betrachtete Johanna ernst; es war ihr nicht mglich, die Frau
zu ehren, die ihren Vater hatte in den Kerker werfen lassen. Ihr Grimm war
deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen; Johanna bemerkte es. Hochmtig blickte
sie auf Machteld, um sie einzuschchtern; aber sie tuschte sich, denn die
Jungfrau senkte ihre Augenlider nicht und sah die grimmige Knigin stolz
an. Diese war schon durch die ungewohnte Pracht der Edeldamen erregt, nun
konnte sie nicht lnger an sich halten, wandte mit sichtlichem rger ihren
Zelter um und rief, mit dem Kopf auf die Damen weisend:

Seht, meine Herren, ich glaubte allein Knigin in Frankreich zu sein; aber
fast dnkt mich, die Vlaemen, die in unseren Gefngnissen liegen, sind
allesamt Prinzen, da ich ihre Frauen hier gekleidet sehe wie Kniginnen und
Prinzessinnen.

Sie hatte das so laut gerufen, da alle umstehenden Ritter, ja, selbst
einige Brger es verstanden. Mit schlecht verhehltem Mivergngen fragte
sie den Ritter, der ihr folgte:

Herr von Chtillon, was ist das nur fr eine trotzige Jungfrau hier vor
mir mit dem Lwen von Flandern auf der Brust? Was bedeutet das?

Chtillon ritt heran und antwortete:

Es ist die Tochter des Herrn van Bethune, sie heit Machteld.

Dabei legte er seinen Finger auf den Mund, um der Knigin Verstellung und
Schweigen anzuraten. Sie verstand und gab ihre Zustimmung durch ein Lcheln
zu erkennen, ein Lcheln voll grausamer Falschheit und hlicher Rachsucht.

Wer in diesem Augenblick den Vorsteher der Weber beobachtete, der konnte
sehen, wie starr sein einziges Auge auf die Knigin gerichtet war; kein
Fltchen war auf ihrer Stirn erschienen und verschwunden, das De Coninck
nicht bemerkt htte. In ihren wechselnden Zgen hatte er ihren Zorn, ihre
Absichten und Plne gelesen. Schon wute er, da Chtillon der Vollstrecker
ihrer Befehle sein sollte, und sann sofort auf Mittel, der List und Gewalt
dieser Feindin zu begegnen.

Bald darauf stieg das Frstenpaar ab und nahm auf dem Schaugerst Platz.
Die Edelknaben und Hofdamen stellten sich in zwei Reihen auf die Stufen,
die edlen Ritter scharten sich hoch zu Ro um das Gerst. Als alle die
bestimmten Pltze eingenommen hatten, traten die Herren vom Magistrat mit
den Jungfrauen als den Vertreterinnen der Stadt Brgge vor und berreichten
auf einem kostbaren Sammetkissen die Schlssel der Stadt. Gleichzeitig
stieen die Engel wieder in ihre Posaunen, und die Leliaerts riefen
abermals: Es lebe der Knig! Es lebe die Knigin!

Totenstille herrschte unter den Brgern; sie schienen sich absichtlich so
ruhig zu verhalten, um ihre Unzufriedenheit um so deutlicher zu zeigen,
und erreichten auch vollkommen ihren Zweck; denn Johanna bedachte schon in
ihrem beleidigten Herzen, wie sie am besten diese unehrerbietigen
Untertanen bestrafen und ducken knnte.

Knig Philipp der Schne empfing in seiner Sanftmut den Magistrat mit
grtem Wohlwollen und gelobte, fr die Wohlfahrt Flanderns nach
Mglichkeit zu sorgen. Dieses Versprechen war aufrichtig gemeint. Er war ja
ein edelmtiger Frst und ehrenhafter Ritter und htte vielleicht in
Frankreich wie in Flandern seine Untertanen glcklich gemacht, wenn nicht
zwei Ursachen die Ausfhrung seiner guten Vorstze verhindert haben wrden.
Die erste und schlimmste war die Herrschaft seiner stolzen Frau Johanna.
Hatte Philipp der Schne etwas Gutes im Sinn, so lenkte sie ihn wie ein
bser Geist zum Schlechten und zwang ihn, all ihre verderblichen Plne
gutzuheien. Dazu kam die Verschwendung, die ihn zu allen Mitteln, guten
wie schlechten, greifen lie, um das vergeudete Geld zu ersetzen. Wohl
meinte er es jetzt aufrichtig gut mit Flandern, aber was ntzte das, da
doch Johanna darber schon anders beschlossen hatte?

Nachdem die Schlssel berreicht waren, lieh der Knig noch einige Zeit der
Ansprache des Magistrats ein gndiges Ohr und verlie dann den Thron. Alles
stieg zu Pferde, und langsam ritt der Zug durch die brigen Straen der
Stadt, bis zum Prinzenhof, wo sie einkehrten, um hier mit den vornehmsten
Herren und Leliaerts das Mittagmahl einzunehmen.

Derweile kehrten die Zunftgenossen heim, und das Fest nahm sein Ende.

Abends, als die Gste lngst fort waren, sa die Knigin Johanna allein mit
ihrer Kammerfrau in ihrem Schlafgemach. Schon hatte sie einen groen Teil
der lstigen Prachtgewnder abgelegt und war noch damit beschftigt, sich
ihrer Schmuckstcke zu entledigen. Ihre Hast und der unzufriedene Ausdruck
ihrer Zge verrieten die grte Ungeduld. Die Kammerfrau mute heftige
Worte hren und alles, was sie tat, trug ihr scharfen Tadel ein. Halsband
und Ohrgehnge flogen wie wertloses Zeug umher.

Dann schritt sie in weiem Nachtgewand, tief in Gedanken im Zimmer auf und
ab. Sie hatte nicht die mindeste Lust zu schlafen, und ihre flammenden
Augen irrten wild umher. Die Kammerjungfer nherte sich der Frstin mit
liebenswrdiger Ehrerbietung und fragte:

Beliebt es Eurer Majestt noch lnger zu wachen, und soll ich einen
grern Leuchter mit mehr Wachslichtern herbeiholen?

Ungestm erwiderte die Knigin:

Es ist hell genug. Qult mich nicht mit Euren lstigen Fragen und lat
mich allein. Wartet im Vorsaal auf meinen Oheim de Chtillon-- er soll
gleich kommen! Geht!

Whrend die Kammerjungfer dem groben Befehl Folge leistete, setzte sich
Johanna an einen Tisch und lie den Kopf auf die Hand niedersinken. In
dieser Stellung verharrte sie einige Augenblicke: sie gedachte, wie man
ihrer gespottet hatte. Dann stand sie auf, schritt hastig mit heftigen
Gebrden im Zimmer auf und ab. Endlich sprach sie mit gedmpfter Stimme:

Wie! Ein kleines erbrmliches Volk sollte mich, die Knigin der Franzosen,
verhhnen drfen? Ein trotziges Mdchen wagt es, meinen Blick zu erwidern?
Das ist Hohn! Trnen des Zornes rollten ber ihre glutroten Wangen.

Pltzlich warf sie den Kopf zurck und lachte tckisch wie ein bser Geist.
Dann fuhr sie fort:

Wartet nur, ihr aufgeblasenen Vlaemen, ihr kennt Johanna von Navarra noch
schlecht; ihr wit nicht, wie schrecklich ihre Rache euch treffen kann.
Ruht und schlaft nur ohne Bangen in eurer Vermessenheit; ich wei euch zu
foltern! Trnen sollt ihr vergieen, schmerzhaft sollt ihr meine Hand
fhlen! Ja, ihr sollt meine Macht kennen lernen! Kriechen sollst du und
winseln, vermessenes Volk! Und ich werde euerm Flehen taub sein. Mit Wonne
werde ich eure stolzen Hupter mit Fen treten. Vergebens sollt ihr weinen
und jammern, Johanna von Navarra ist unerbittlich-- das wit ihr noch
nicht.

Jetzt vernahm sie die Schritte der Kammerjungfer im Vorzimmer. Aufgeregt
eilte die Frstin zum Spiegel und nderte ihre ganze Haltung; sie glttete
ihre Zge, alle Erregung schien geschwunden. In der Kunst der Verstellung,
der grten Untugend der Frauen, war Johanna von Navarra Meisterin.

Alsbald trat Chtillon in das Zimmer und beugte ein Knie vor der Knigin.

Herr von Chtillon, sprach sie, und hob ihn mit der Hand empor, Ihr
scheint auf meine Wnsche nicht viel Wert zu legen. Habe ich Euch nicht vor
zehn Uhr hierher beschieden?

Es ist wahr, Madame, aber der Knig, mein Herr, hielt mich wider meinen
Willen zurck. Seid versichert, durchlauchtigste Nichte, da ich auf
glhenden Kohlen gestanden habe; ich brannte, Eurem kniglichen Befehl
Folge zu leisten.

Eure Ergebenheit freut mich; ich beabsichtige auch, Euch heute fr Eure
treuen Dienste zu belohnen.

Gndige Frstin, es ist schon eine hohe Gnade fr mich, Eurer Majestt
folgen und dienen zu drfen. Lat mich Euch berall begleiten. Ein anderer
Untertan mag hheren mtern nachjagen; fr mich ist Eure huldreiche
Gegenwart das grte Glck; weiter verlange ich nichts.

Die Knigin lchelte und sah mibilligend auf den Schmeichler; denn sie
durchschaute, wie sehr sein Herz seine Worte Lgen strafte. Dann sagte sie
mit Nachdruck zu ihm: Und wenn ich Euch das Land Flandern zu Lehen geben
wollte?

Chtillon, der solches Anerbieten nicht erwartet hatte, bereute sofort
seine Worte; er wute im ersten Augenblick nicht, was er antworten sollte.
Doch sammelte er sich schnell und sprach:

Falls Eure Majestt mich gndigst mit soviel Vertrauen beehren wollte, wie
drfte ich es da wagen, mich Eurem kniglichen Willen eigensinnig zu
widersetzen. In dankbarer Ergebenheit wrde ich diese hohe Gunst hinnehmen
und Eure gromtige Hand mit ehrerbietiger Liebe kssen.

Hrt, Herr von Chtillon, rief die Knigin ungeduldig, ich beabsichtige
nicht, Eure Hflichkeit auf die Probe zu stellen; deshalb wre es mir
lieber, wenn Ihr Eure Redensarten lieet und offen reden wrdet! Denn Ihr
knnt mir doch nichts sagen, was ich nicht besser wte. Was dnkt Euch von
meinem Einzug hier? Hat Brgge nicht die Knigin von Navarra ber die Maen
herrlich empfangen?

Ich bitte Euch, durchlauchtige Nichte, lat diese bittern Scherze. Mir ist
der Hohn, der Euch zuteil ward, furchtbar nahe gegangen; ein schlechtes,
verchtliches Volk hat Euch offen getrotzt und Eure Wrde mit Fen
getreten. Doch bekmmert Euch nicht darber. Es fehlt uns ja nicht an
Mitteln, die vermessenen Untertanen zu bndigen und zu zhmen.

Kennt Ihr Eure Nichte, Herr von Chtillon? Das stolze Herz der Knigin von
Navarra?

Wahrlich, o Frstin, edelster, preislichster Stolz. Denn wer eine Krone
trgt, ohne ihr Achtung zu verschaffen, verdient sie nicht. Mit Recht
bewundert jedermann Euer knigliches Wesen.

Wit Ihr auch, da kleine Rache mir nicht gengt? Die Strafe der
Beleidiger mu meiner Stellung entsprechen. Ich bin Knigin und ein Weib;
das gengt Euch, um zu wissen, wie Ihr Euch zu verhalten habt, wenn ich
Euch zum Landvogt von Flandern mache.

Eure Majestt braucht sich deshalb nicht lnger Sorgen zu machen; seid
sicher, da Eure Rache vollkommen befriedigt werden wird. Vielleicht werde
ich Eure Wnsche bertreffen, denn ich habe nicht nur Eure Schmach, nein
auch die Beleidigungen zu rchen, die dies starrkpfige Volk der Krone von
Frankreich tglich antut.

Herr von Chtillon, lat Eure Schritte durch schlaueste Politik leiten;
zieht den Strick nicht mit einem Male um ihren Hals zusammen; raubt ihnen
vielmehr durch langsame Demtigung den Mut. Nehmt ihnen mhlich ihr Geld,
das ihren Widerstand spornt, und habt Ihr sie an den Pflug gewhnt, so
pret das Joch so fest, da ich mich siegesfroh an ihrer Erniedrigung
weiden kann. berhastet nichts; ich habe gengend Geduld, wenn man dadurch
besser zum Ziel kommt. Es wird schneller gehen, wenn man klglich einen
gewissen De Coninck, den Obmann der Weber, entfernt und stets nur Franzosen
oder gute Freunde zu einflureichen mtern zult.

Chtillon lauschte aufmerksam dem Rat der Knigin und wunderte sich
innerlich ber ihre schlaue Politik. Da ihn schon eigene Rachsucht zu
schlimmer Zwingherrschaft trieb, so freute er sich sehr, gleichermaen
seiner Leidenschaft und den Wnschen seiner Nichte entsprechen zu knnen.

Er antwortete mit sichtlicher Freude:

Dankbar empfange ich die Ehre, die mir Eure Majestt erzeigt, und ich
werde nichts versumen, um als treuer Diener den Rat meiner Frstin zu
befolgen. Habt Ihr mir sonst noch Befehle zu geben?

Diese Frage bezog sich auf die junge Machteld. Chtillon wute wohl, da
diese Jungfrau den Zorn der Knigin erregt hatte, und konnte sich deshalb
wohl denken, da sie es shnen mute. Johanna entgegnete:

Es scheint ratsam, die Tochter des Herrn van Bethune nach Frankreich zu
berfhren, denn auch sie hat sich die vlaemische Starrkpfigkeit zu eigen
gemacht. Es wre mir lieb, sie am Hofe zu haben. Doch genug davon-- Ihr
versteht meine Absichten. Morgen verlasse ich dies verwnschte Land, denn
ich habe schon zu lange den Hohn ertragen. Raoul von Nesle folgt uns, Ihr
bleibt als Statthalter in Flandern mit der Vollmacht, das Land nach Eurem
Willen zu regieren.

Oder vielmehr gem dem Willen meiner kniglichen Nichte, fiel von
Chtillon ihr schmeichelnd ins Wort.

Ganz recht, fuhr Johanna fort, Eure Bereitwilligkeit freut mich.
Zwlfhundert Reiter sollen Euch zur Seite bleiben und Euren Befehlen
Nachdruck verschaffen. Nun mge Euer Edlen mich die ntige Ruhe genieen
lassen. Ich wnsche Euch gute Nacht, mein trefflicher Oheim!

Ein guter Engel bewahre Eure Majestt, sprach Chtillon, indem er sich
verneigte und das Gemach der argen Frau verlie.




VIII.


Die Herren vom Magistrat hatten mit Zustimmung der Leliaerts bergroe
Kosten zur Einholung der franzsischen Frsten aufgewandt. Das Errichten
von Siegesbgen und Prunkgersten mit den dazu ntigen Stoffen hatte
bedeutende Ausgaben verursacht. Zudem hatte jeder Mann von der Leibwache
des Knigs ein gutes Ma vom besten Wein erhalten. Da diese Ausgaben durch
die Regierung angeordnet waren und deshalb auch aus dem Gemeindesckel
bestritten werden muten, so hatten sich die Brger dazu ziemlich
gleichgltig verhalten.

Nun war all dies Prunkwerk schon wieder fortgerumt. Chtillon war in
Kortrijk, der Einzug der fremden Frsten fast vergessen, als eines Morgens
um zehn Uhr ein Ausrufer vor dem Stadthaus auf dem Pui[24] erschien und mit
einigen Posaunensten das Volk zusammenrief. Als der Haufe gro genug war,
zog er ein Pergament aus der Tasche und las mit lauter Stimme:

    [24] Dies war der Platz vor dem Rathause, von welchem man zu dem
    Volke sprach (rostra).

Es wird jeglichem Brger kund und zu wissen getan, da der Magistrat das
Folgende beschlossen hat:

Eine auerordentliche Besteuerung ist festgesetzt, um die Kosten vom Einzug
unseres gndigsten Frsten Philipp, des Knigs von Frankreich, zu decken.

Jeder Eingesessene der Stadt Brgge hat hierzu, ohne Unterschied des
Alters, auf jeden Kopf acht Grooten Vlaamsch zu bezahlen;

die Zollbeamten sollen das Geld am nchsten Samstag an den Tren in Empfang
nehmen; wer sich mit List oder Gewalt der Zahlung entzieht, soll hierzu
durch den Herrn Baljuw von Rechts wegen dazu gezwungen werden.

Die Brger sahen sich ob dieser Verkndigung verwundert an und murrten im
stillen gegen das willkrliche Gebot. Auch einige Mitglieder der Weberzunft
waren darunter. Sie gingen unverzglich zu ihrem Obmann, um ihn sofort
davon in Kenntnis zu setzen.

De Coninck vernahm die Nachricht mit innerem Grimm. Dieser einschneidende
Streich gegen die Vorrechte der Gemeinde machte ihn sehr besorgt; er sah in
diesem Erla ein Vorzeichen dafr, da sich die Adligen aufs neue unter
franzsischem Schutz Gewaltherrschaft ber das Volk anmaen wollten, und
beschlo, diesen ersten Versuch durch List oder Gewalt zu vereiteln. Zwar
konnte er das Opfer seiner Vaterlandsliebe werden, weil das fremde Heer
noch in Flandern stand. Aber das vermochte ihn nicht zurckzuhalten; mit
Leib und Seele hatte er sich dem Wohle seiner Vaterstadt geweiht. Sofort
berief er den Zunftknappen zu sich und hie ihn:

Geh schnell zu allen Meistern und entbiete sie in meinem Namen zum Pand.
Sie sollen sofort ihr Geschft verlassen, denn es eilt!

Der Weberpand war ein gerumiges Gebude mit rundem Giebel. Durch ein
einziges groes Fenster mit dem Wappen der Zunft darber fiel das Licht in
das erste Stockwerk der Vorderseite. ber dem groen Tore ragte kunstvoll
in Stein gehauen St.Georg mit dem Drachen. Im brigen war der Giebel
dieses Versammlungshauses unbedeutend und ohne Zierat. Nach seinem uern
htte man schwerlich erraten knnen, da die reichste Zunft in Flandern
hier ihre Zusammenknfte hielt; denn viele Huser in der Nachbarschaft
bertrafen es an Gre und Pracht. War es auch in zahlreiche grere und
kleinere Rume geteilt, so blieb doch keiner leer oder unbenutzt. In einer
gerumigen Kammer des zweiten Stockwerks waren die Probestcke der
Freigesellen und Meister mit den Mustern vom kostbarsten Tuch oder Stoff
aufgehngt, der je in Brgge gefertigt worden war. In einem anderen Gemach
daneben waren all die Werkzeuge aufgestellt, die von den Webern,
Tuchwalkern und Frbern gebraucht werden. Ein drittes Gemach diente zur
Aufbewahrung der Prachtgewnder und Festwaffen der Zunft.

Der groe Versammlungssaal der Meister lag vorn an der Strae. Alle
Wandlungen der Wolle auf dem Wege vom Schafhirten bis zum Weber, vom Frber
bis zu dem fremden Kaufmann, der aus fernen Landen kam, um vlaemisches Tuch
gegen Gold zu erhandeln, waren auf den Wnden dargestellt. Einige eichene
Tische und viele schwere Sessel standen auf den Quadersteinen des
Fubodens. Sechs mit Sammet ausgeschlagene Lehnsthle bezeichneten die
Pltze des Obmannes und der Altmeister im Hintergrund des Gemaches.

In kurzer Zeit waren die Weber bereits zahlreich in dem Saale versammelt.
Leidenschaftlich besprachen sie die wichtige Frage, und die grte
Unzufriedenheit leuchtete aus ihren Zgen. Die meisten ergingen sich in
bitteren Worten ber den Magistrat, doch einige schienen nicht sehr zum
Widerstand geneigt. Whrend die Versammlung stndig wuchs, kam De Coninck
in den Saal und schritt langsam durch seine Genossen auf den fr ihn
bestimmten groen Sessel zu. Die Altmeister setzten sich neben ihn; die
brigen blieben zumeist bei ihren Lehnsthlen stehen, um auf der gefurchten
Stirn ihres Vorstehers den Sinn seiner Worte besser lesen zu knnen.
Zusammen waren es ihrer sechzig.

Sobald De Coninck die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf sich gerichtet
sah, sprach er ausdrucksvoll und anschaulich:

Meine Brder! Achtet auf meine Worte: denn die Feinde unserer Freiheit,
unserer Wohlfahrt wollen uns aufs neue in Banden schlagen! Der Magistrat
und die Leliaerts haben dem fremden Gebieter mit ungewohnter Pracht
geschmeichelt, sie haben uns zur Errichtung von Prunkgersten gezwungen,
und nun verlangen sie, da wir ihre dummen Verschwendungen mit dem Lohn
unserer Arbeit bezahlen! Das widerspricht den Vorrechten der Stadt und der
Zunft. Meine Brder, versteht mich wohl und richtet mit mir einen Blick auf
die Zukunft! Wenn wir dieses Mal dem willkrlichen Gebot Gehorsam leisten,
wird unsere Freiheit bald niedergetreten sein. Dies ist der erste Versuch,
das erste Stck des Sklavenjochs, das man unserm Nacken aufbrden will. Die
treulosen Leliaerts, die es dulden, da ihr Graf, unser rechtmiger Herr,
bei dem Fremden im Kerker schmachtet, um uns desto ungestrter unterdrcken
zu knnen,-- sie haben sich lange vom Schwei unseres Angesichts gemstet.
Lange hat das Volk wie ein verchtliches Lasttier fr sie die schwerste
Arbeit getan und sich abgeqult; Euch, Brgger! Kameraden! euch ward zuerst
des Himmels Licht zuteil; ihr habt die Ketten zuerst gebrochen; gro und
mnnlich habt ihr euch aus der Knechtschaft erhoben und eure Hupter beugen
sich nicht mehr vor Zwingherrn. Nun beneiden uns die Vlker ob unseres
blhenden Wohlstands; sie bewundern unsre Gre. Ist es denn nicht unsere
Pflicht, ungeschmlert die Freiheit zu bewahren, die uns zum edelsten Volke
der Welt macht? Ja, eine heilige Pflicht! Wer sie vergit, ist ein
Feigling, der seine Menschenwrde verkennt: ein Sklave nur, der zur
Verachtung geboren ward.

Brakels, ein Weber, der schon zweimal Obmann gewesen war, erhob sich von
seinem Sessel und unterbrach De Conincks Rede:

Ihr sprecht immer von Knechtschaft und Rechten! Aber wer sagt denn, da
der Magistrat uns schmlern will? Ist es nicht besser, die acht Grooten zu
zahlen und Ruhe zu halten? Ihr knnt Euch doch denken, da es zum
Blutvergieen kommen wird. Gar mancher von uns wird die Leichen seiner
Kinder und Brder begraben mssen-- und all das wegen acht Grooten! Hrte
man auf Euch, so htten die Weber mehr mit dem Goedendag als mit dem
Weberschiff zu schaffen; aber ich hoffe, da es unter unseren Meistern noch
mehr gescheite Leute gibt, die Eurem Rat nicht folgen.

Diese Worte riefen unter den Webern die grte Bestrzung hervor. Einige,
doch nur ganz wenige, hatten durch ihre Gebrden zu erkennen gegeben, da
sie diese Ansicht teilten. Die meisten waren mit Brakels Rede unzufrieden.

Mit forschendem Auge hatte De Coninck alle scharf beobachtet und seine
Anhnger gezhlt. Es schmeichelte ihn, da nur wenige die Besorgnisse
seines Gegners teilten. So antwortete er:

Es steht ausdrcklich im Gesetz, da man dem Volk ohne seine Zustimmung
keine neuen Lasten aufbrden darf. Wir bezahlen diese Freiheit nur allzu
teuer, und niemand, selbst der Hchste nicht, darf sie antasten. Fr einen
Menschen, der nicht weiter in die Zukunft blickt, machen freilich acht
Grooten einmal bezahlt nicht viel aus; aber es sind ja auch nicht die acht
Grooten, die mich zum Widerstande reizen; sollen wir etwa die Vorrechte,
unsere Schutzwehr gegen die Herrschsucht der Leliaerts zerstren lassen?
Nein, das wre feig und hchst unvorsichtig. Wit, meine Brder, die
Freiheit ist ein zarter Baum, bricht man einen seiner Zweige ab, so vergeht
er und stirbt. Duldet ihr, da die Leliaerts den Baum derart beschneiden,
so werden sie uns bald die Kraft rauben, den verdorrten Stamm zu
verteidigen. Wer ein Mnnerherz hat, darf die acht Grooten nicht bezahlen!
Wer das echte Klauwaarts-Blut in sich strmen fhlt, der ergreife den
Goedendag und verteidige die Rechte des Volkes! Die Abstimmung mag hierber
entscheiden, denn mein Rat ist kein Befehl.

Nun ergriff der Weber, der bereits gesprochen hatte, wieder das Wort:

Ihr gebt uns einen verderblichen Rat. Ihr freut Euch an Aufruhr und
Blutvergieen, damit Ihr berall als Anfhrer genannt werdet; wre es nicht
viel weiser, uns der franzsischen Herrschaft als getreue Untertanen zu
unterwerfen und dadurch unseren Handel auf dieses groe Land auszudehnen?
Ja, ich behaupte: die Regierung Philipps des Schnen wird unseren Wohlstand
vermehren, und jeder wohldenkende Brger mu die franzsische Herrschaft
als ein Glck betrachten. Unser Magistrat besteht aus achtbaren, weisen
Herren.

Alle Weber waren hchst verdutzt und viele warfen finstere, verchtliche
Blicke auf den Mann, der solch feige Worte gesprochen hatte. De Coninck
flammte zornig auf. Seine Volksliebe kannte keine Grenzen; da ein Weber so
reden konnte, schien ihm die ganze Zunft zu entehren.

Wehe! rief er, ist denn alle Liebe zur Freiheit und zu eurem Vaterland
in eurer Brust erstorben? Wollt ihr aus Geldgier denen die Hnde kssen,
die euch in Ketten schlagen? Sollen unsere Nachkommen sagen, die Brgger
htten ihr Haupt vor einem Fremden und vor dessen Sklaven gebeugt? Nein,
Brder, duldet das nicht, besudelt euren Namen nicht mit solcher Schmach!
Lat die feigen Leliaerts immerhin um der Ruhe und des Geldes willen ihre
Freiheit dem Auslnder verpfnden. Wir bleiben frei von Schande und
Schmach! Mgen die Kinder des freien Brgge nochmals ihr Blut fr das Recht
dahingeben. Um so herrlicher prangt die purpurne Standarte, um so fester
wird des Volkes Recht besiegelt!

Meister Brakels lie De Coninck nicht fortfahren:

Was Ihr auch sagen mgt, ich wiederhole, es ist keine Schande fr uns,
einem fremden Frsten zu unterstehen; im Gegenteil sollten wir uns freuen,
da wir nunmehr dem groen Frankreich zugehren. Was kmmert es ein
handeltreibend Volk darum, unter wem es seinen Reichtum mehrt? Mohammeds
Gold ist so gut wie das unserige.

Die Erbitterung gegen Brakels erreichte jetzt den Hhepunkt; niemand
antwortete. De Coninck seufzte laut und schmerzlich: O welche Schande! ein
Leliaert, ein Bastard hat in der Versammlung der Weber gesprochen; der
Fleck ist nicht zu tilgen.

Ungestmer Zorn packte die Schar der Weber; wutentbrannt, flammenden Auges
blickten sie auf Meister Brakels. Und pltzlich ertnte hier und dort der
Schrei: Stot ihn aus, den Leliaert! Kein franzsisch Gesinnter soll unter
uns sein!

De Coninck mute allen Einflu aufbieten, um die Ruhe wiederherzustellen,
denn manche waren drauf und dran, zu Gewalttaten zu schreiten. Es ward
beantragt, da man Meister Brakels von der Zunft ausschlieen oder zu einer
Bue von vierzig Pfund Wachs verurteilen sollte. Whrend der Schreiber mit
der Abstimmung beschftigt war, stand Brakels ganz ruhig vor dem Obmann. Er
baute auf alle, die seine erste Rede gutgeheien hatten. Aber er tuschte
sich gewaltig; der Name Leliaert galt allen als Schandfleck, und deshalb
blieb ihm kein einziger Freund. Alle Stimmzettel trugen das Urteil:
Ausgestoen, und diese Entscheidung wurde mit allgemeinem Jubel begrt.

Nun flammte der Zorn des Leliaerts auf, und er erging sich in ungestmen
Drohungen und Scheltworten gegen De Coninck. Der Obmann blieb mit der
grten Ruhe in seinem Stuhl sitzen und antwortete nicht auf die
Schmhungen seines Gegners. Zwei starke Gesellen, die als Trwrter
angestellt waren, traten alsbald zu dem Ausgestoenen und befahlen ihm, auf
der Stelle die Versammlung zu verlassen. In bitterem Grimm gehorchte
Brakels dem Gehei und lief wutschnaubend zu Johannes van Gistel, dem
Oberzllner, den er von dem Widerstand des Obmanns der Weber in Kenntnis
setzte.

De Coninck sprach noch lange mit seinen Genossen und ermutigte sie zur
Verteidigung ihrer Rechte; doch verlangte er keinerlei Aufstand, sondern
empfahl ihnen, einfach Zahlung der acht Grooten zu verweigern und zu
warten, bis er sie zu den Waffen rufen wrde. Hierauf trennten sie sich
und gingen heim. De Coninck allein schritt tief nachdenklich durch die alte
Sackstrae, um sich zu seinem Freunde Breydel zu begeben. Er sah voraus,
welche Anstrengungen die Lehensherren machen wrden, um ihre Herrschaft
ber das Volk wiederzugewinnen, und bedachte, wie er seine Brder vor der
Knechtschaft bewahren knnte. Als er fast die Fleischerstrae erreicht
hatte, wurde er von etwa zehn Bewaffneten umringt. Angesichts dieses
berfalls blieb er stehen, der Vogt trat an ihn heran und befahl ihm, ohne
Widerstand den Dienern des Gesetzes zu folgen. Wie einem Missetter wurden
ihm die Hnde auf den Rcken gebunden; man berhufte ihn mit Schmhungen;
aber er trug das alles mit der grten Geduld und ohne Murren; denn er
begriff, da jeder Widerstand hier nutzlos war. Er lie sich von den mit
Streitxten bewaffneten Gerichtsdienern durch drei bis vier Straen fhren
und schien gar nicht auf die Ausrufe des verwunderten Volkes zu achten.
Endlich brachte man ihn in den oberen Saal des Prinzenhofs.

Hier waren die vornehmsten Leliaerts und der Magistrat versammelt. Der
Oberzllner Johannes van Gistel nahm unter ihnen den hchsten Rang ein; er
war auch in ganz Flandern der wrmste Freund der Franzosen. Sobald er De
Coninck vor sich sah, sprach er erzrnt:

Wie wagt Ihr es, die Oberhoheit des Magistrats zu miachten, hochfahrender
Brger? Eure Auflehnung ist uns bekannt, und in Blde werdet Ihr Euren
Ungehorsam am Galgen ben.

De Coninck antwortete ruhig:

Mir ist die Freiheit des Volkes teurer als das Leben. Auch die
schndlichste Todesstrafe werde ich furchtlos erleiden, denn mit mir stirbt
das Volk doch nicht; es gibt noch Mnner genug, die das Joch nicht mehr
gewohnt sind.

Das ist ein Traum, fuhr Gistel fort, das Reich des Volkes hat ein Ende.
Unter der Herrschaft der Franzosen mu ein Untertan seinem Herrn
gehorchen. Die Vorrechte, die ihr schwachen Frsten abgetrotzt habt, sollen
berprft und eingeschrnkt werden; denn ihr werdet gar zu hochmtig durch
die Gunst, die wir selbst euch bewiesen haben, und erhebt euch wider uns
wie undankbare, verchtliche Diener.

Ein Zornesblitz scho aus De Conincks Auge. Verchtlich! rief er, das
wei Gott, wer von beiden verchtlich ist, das Volk oder die entarteten
Leliaerts. Ihr verget Vaterland und Ehre, um feige dem fremden Gebieter zu
schmeicheln; demtig kniet ihr vor einem Frsten, der Flandern den
Untergang geschworen hat; und warum? Um eure tyrannische Zwingherrschaft
ber das Volk wiederzuerlangen, aus Habsucht! Wartet nur! das glckt euch
nicht. Denn wer die Frchte der Freiheit einmal gekostet hat, dankt fr
eure Gunst. Ihr seid ja doch Sklaven der Auslnder! Glaubt ihr etwa, da
die Brgger die Sklaven anderer Sklaven werden sollen? O, ihr tuscht euch,
ihr Herren. Mein Vaterland ist gro geworden, das Volk hat seine Wrde
erkannt, und euch ist das eiserne Zepter fr ewig entrissen.

Schweigt! Ihr Aufrhrer, rief Gistel, die Freiheit steht Euch nicht zu.
Ihr seid nicht fr sie geschaffen.

Die Freiheit, antwortete De Coninck, haben wir mit dem Schwei unseres
Angesichts, mit unserem Herzblut erkauft-- und Ihr solltet sie
vernichten?

Gistel lchelte spttisch und fuhr fort:

Eure Worte und Drohungen sind leerer Schall, Meister. Mit den
franzsischen Truppen werden wir dem Ungestm schon die Flgel beschneiden.
Andere Gesetze werden die Gemeinden beherrschen; der Starrsinn hat lange
genug gewhrt. Seid nur ruhig, es ist dafr gesorgt, da Brgge demtig
seinen Nacken beugen wird und Ihr-- werdet das Sonnenlicht nicht mehr
erblicken.

Tyrann! rief der Obmann der Weber, Ihr Schande von Flandern! Wlbt sich
das Grab Eurer Vter nicht in dieser Erde? Ruhen ihre heiligen Gebeine
nicht in dem Scho des Landes, das Ihr dem Fremden verschachert, Ihr
Bastard? Die Nachwelt wird das Urteil ber Eure Schandtat fllen, und in
den Chroniken Eurer Kinder wird man den Fluch ber Euren Verrat lesen.

Genug von Euren lcherlichen Schmhungen! rief Gistel; in den Kerker der
Missetter mit ihm, bis der Galgen ihn empfngt.

Auf dies Gehei ward De Coninck ber die Treppen in ein unterirdisches
Verlies gefhrt. Ein eiserner Grtel umschlo ihn, und eine Kette fesselte
seinen linken Fu an seine rechte Hand. Er bekam etwas Wasser und Brot;
dann wurde der Kerker geschlossen, und er blieb allein an diesem dunklen
Orte.

Die Worte des Zllners hatten ihn tief erschttert: er sah die Freiheit
seiner Vaterstadt ernstlich bedroht. In seiner Abwesenheit konnte es den
Leliaerts mglicherweise glcken, mit den franzsischen Truppen die Stadt
einzunehmen und den Bau zu zerstren, dem er sein ganzes Leben geweiht
hatte. Dieser Gedanke war fr den Volksfreund furchtbar. Rttelte er
zuweilen schmerzlich an seinen Ketten, dann war es ihm, als she er seine
Brder in solchen Fesseln, als Opfer schndlichster Knechtschaft. Und dann
erschimmerte eine bittere Trne auf seinen Wangen.

Die Leliaerts hatten schon lngst einen verrterischen Anschlag unter sich
vereinbart. Bisher konnten sie ihre Herrschaft in Brgge nicht fest
begrnden; denn da alle Brger bewaffnet waren, so konnte man sie nicht
zwingen, die Befehle auszufhren. Wollte der Magistrat gegen die
Brgerschaft Gewalt anwenden, dann kamen die schrecklichen Goedendags zum
Vorschein, und alle Anstrengungen blieben fruchtlos,-- die Znfte waren zu
mchtig. Um nun ein fr allemal dies lstige Hindernis fortzurumen, waren
die Leliaerts mit dem Landvogt Chtillon bereingekommen, am nchsten
Morgen ganz frh die Brgerschaft zu berfallen und zu entwaffnen.
Chtillon sollte zur selben Stunde mit fnfhundert franzsischen Reitern
vor den Toren stehen. De Coninck allein war es mglich, diesen Plan zu
entdecken, so geheim man ihn auch halten mochte. Er verfgte ber geheime
Hilfsmittel, denen die Franzslinge vergeblich nachzuspren gesucht hatten.
Der Obmann der Weber war listiger als sie alle, das wuten sie. Und um dem
Volke seinen schlauen Beschtzer zu entreien und es hierdurch arg zu
schwchen, hatten sie ihn gefangengenommen. Brakels Enthllungen ber den
Widerstand der Weber diente ihnen nur als Vorwand.

Nachdem sie die Stadt Brgge derart durch nichtswrdige Anschlge den
geldgierigen Fremden verkauft hatten, wollten sie sich trennen. Da flog die
Saaltr auf, und ein Mann drngte sich gewaltsam durch die Wchter. Mit
stolzem Schritte trat er zu dem Magistrat und rief:

Die Znfte von Brgge lassen euch fragen, ob ihr De Coninck loslassen
wollt oder nicht? Ich rate euch, bedenkt euch nicht lange!

Meister Breydel, antwortete Gistel, Ihr habt keine Erlaubnis, in diesen
Saal zu treten; verlat ihn schleunigst!

Ich frage euch, wiederholte Jan Breydel, ob ihr den Vorsteher der
Wollweber loslassen wollt?

Gistel flsterte leise einer der Magistratspersonen etwas ins Ohr und rief
dann:

Wir beantworten die Drohungen eines starrkpfigen Schurken mit der
verdienten Strafe: Nehmt ihn gefangen!

Ha, ha! Nehmt ihn gefangen? rief Breydel lachend, wer soll mich denn
gefangennehmen? Wisset denn, da die Brgerschaft im Begriff steht, sich
des Prinzenhofs gewaltsam zu bemchtigen, und da ihr alle mit eurem Leben
fr das Leben des Obmanns der Weber haftet. Das Liedchen wird gleich anders
klingen, das versichere ich euch.

Derweile waren einige Wachen herangekommen und hatten den Vorsteher der
Fleischer beim Kragen gepackt; einer richtete schon die Stricke, mit denen
er gebunden werden sollte. Whrend Breydel sprach, hatte er diese
Vorbereitungen kaum beachtet; als er sich nun aber von den Leliaerts den
Wachen zuwandte, entrang sich ein dumpfer Laut seiner Brust, gleich dem
Gebrll eines Stieres. Flammenden Auges blickte er seine Hscher an und
rief:

Denkt ihr, Jan Breydel, ein Fleischer von Brgge, lt sich wie ein Kalb
binden? Ho, ho, heute jedenfalls nicht!

Er hatte diese Worte mit frchterlicher Wut ausgestoen. Nun hieb er dem
Sldner, der ihn beim Wams festhielt, so gewaltig mit der Faust auf den
Kopf, da der wankend zu Boden strzte. Wie ein Blitz fuhr er unter die
erschrockenen Wchter, warf eine Menge nieder, und als er zur Tr gelangt
war, drehte er sich um und fuhr die Leliaerts heftig an:

Das sollt ihr ben, ihr Halunken! Einen Fleischer von Brgge binden!
Schmach! Wehe euch, Tyrannen! Hrt ihr, die Trommel der Fleischer schlgt
euren Totenmarsch!

Er htte sie noch weiter bedroht; aber er konnte den andringenden Wachen
nicht lnger widerstehen und lief wtend die Treppe hinab.

Ein dumpfes Gerusch wie ferner Donner ertnte in diesem Augenblick von der
anderen Seite der Stadt her. Die Leliaerts erbleichten, dies drohende
Unwetter jagte ihnen Furcht ein. Doch sie wollten ihren Gefangenen nicht
loslassen, stellten mehrere Wachen vor dem Hof auf, um den Ansturm des
Volkes abzuwehren, und lieen sich durch Kriegsknechte bis heim
geleiten.-- Eine Stunde spter war die ganze Stadt in Aufruhr.

Die Sturmglocke ertnte, die Trommeln der Znfte drhnten durch alle
Straen, und ein furchtbares Getse, gleich dem Geheul eines Orkans, fegte
durch die Stadt. Tren und Fenster wurden geschlossen, und die Wohnungen
ffneten sich nur, um den bewaffneten Hausvater hinauszulassen. Die Hunde
bellten frchterlich, als htten sie den Wehruf verstanden, und vereinten
ihre rauhe Stimme mit dem Geschrei ihrer racheheischenden Herren. Groe
Volkshaufen liefen eilig hin und her. Der eine hatte eine Keule, der
andere einen Goedendag oder eine Streitaxt. Inmitten der wogenden Scharen
konnte man die Fleischer leicht an ihrem blinkenden Schlachtbeil erkennen.
Die Schmiede mit ihren groen Vorhmmern auf den Schultern begaben sich
ebenfalls zum Sammelplatz bei dem Weberpand. Hier standen bereits unzhlige
Zunftgesellen, und ihre Zahl wuchs in dem Mae, als sich die angekommenen
Freunde unter ihre Fahne scharten.

Als der Trupp gro genug war, stieg Jan Breydel auf einen Wagen, der sich
zufllig auf dem Platze befand, und schwang sein Schlachtbeil in
furchtbaren Kreisen um sein Haupt.

Mnner von Brgge, schrie er, es gilt jetzt Leben und Freiheit! Wir
wollen den Verrtern zeigen, wie es mit den Brggern steht und ob ein Pfund
Sklavenfleisch unter uns zu finden ist; denn das glauben sie schon. Meister
De Coninck liegt in Ketten-- mag denn unser Blut fr seine Befreiung
flieen! Dies ist fr alle Znfte Pflicht, fr die Fleischer ein Fest!
Geschwind die rmel aufgestreift!

Whrend die Fleischerzunft diesen Befehl ausfhrte, entblte er selbst
seine sehnigen Arme bis an die Schultern und rief, vom Wagen springend:

Vorwrts und Heil! Heil De Coninck!

Heil De Coninck! riefen alle. Vorwrts! vorwrts!

Gleich den rollenden Wogen der brausenden See strmte die Menge zum
Prinzenhof. Todesschreie und Waffenklirren begleiteten die furchtbare
Schar. Die Rufe der Mnner und das Heulen der Hunde mengte sich mit
Glockenschall und Trommelwirbel. Es schien, als wren die Brger von
allgemeiner Raserei ergriffen.

Kaum wurden die Wachen dieser wtenden Rotte ansichtig, so flohen sie nach
allen Seiten und lieen so das Gebude schutzlos; aber nicht alle hatten
sich durch die Flucht retten knnen, denn im Nu lagen mehr als zehn Leichen
auf dem Vorhof.

Rasend wild, wie ein gereizter Lwe, strmte Breydel die Treppen hinauf
und warf einen franzsischen Diener, den er im Gange betraf, von oben hinab
unter das Volk. Das unglckliche Opfer ward auf den Spitzen der Goedendags
aufgefangen und sofort mit Keulen erschlagen. Bald erfllte das Volk den
ganzen Hof. Breydel hatte einige Schmiede herbeigerufen und lie die Tren
der Kerker sprengen. Zu ihrem grten Schmerz fanden sie sie alle leer. Nun
fluchten sie noch wilder, da sie den Tod De Conincks rchen wollten.

Als die Weber erfuhren, da ihr Obmann nicht zu finden war, lieen sie sich
nicht mehr halten; statt weiter nach ihm zu suchen, liefen sie in Scharen
nach den Wohnungen der vornehmsten Leliaerts und zertrmmerten dort alles.
Doch gelang es ihnen nicht, einen einzigen Leliaert aufzuspren, denn die
hatten den Besuch vorausgesehen. Eben wollte Breydel voll Verzweiflung und
Rachedurst den Prinzenhof verlassen; da trat ein greiser Tuchwalker zu ihm
und sprach:

Meister Breydel, Ihr sucht nicht gut; es gibt noch einen Kerker an der
anderen Seite des Gebudes, ein tiefes Loch, in dem ich schon ein Jahr
meines Lebens verbracht habe. Kommt, folgt mir, bitte.

Durch mehrere Gnge hindurch gelangten sie zu einer kleinen eisernen Tr.
Der alte Walker nahm einem der umherstehenden Schmiede einen groen Hammer
aus den Hnden und zertrmmerte das Schlo mit wenigen Schlgen, doch die
Tr ging nicht auf. Ungeduldig ri Jan Breydel den Hammer an sich und
schmetterte so gewaltig wider die Tr, da gleichzeitig alle Klammern aus
der Tr sprangen. Nun die Tr zusammengebrochen war, konnte man in den
Kerker sehen. In einem Winkel stand De Coninck, mit einer schweren Kette an
die Mauer gefesselt. Voll leidenschaftlicher Freude lief Jan Breydel ihm
entgegen und umarmte den Freund wie einen wiedergefundenen Bruder.

O Meister! rief er, welche Freudenstunde fr mich! Ich wute nicht, da
ich Euch so innig liebte.

Ich danke Euch, tapferer Freund, gab De Coninck zur Antwort, whrend er
den Ku des erregten Fleischers erwiderte. Ich wute wohl, da Ihr mich
nicht im Kerker sitzen lassen wrdet; zu gut kenne ich Euren edlen Mut. Ihr
seid wie die Vlaemen von echtem Schrot und Korn.

Dann wandte er sich zu den anderen und rief mit einer Begeisterung, die
leidenschaftlich zu Herzen ging:

Brder! Ihr habt mich heute vom Tode befreit. Euch weihe ich mein Blut;
eurer Freiheit jeder Funke meiner Seele! Betrachtet mich nicht mehr als
einen Obmann, als einen Weber, der unter euch wohnt, sondern als einen
Mann, der vor Gott geschworen hat, eure Freiheiten gegen den Feind zu
schtzen. Unverbrchlich sei der Eid, der durch die dunklen Gnge meines
Gefngnisses hallte! Mein Blut, mein Leben, meine Ruhe dem Vaterland...

Der Ruf: Heil De Coninck! Heil! Heil! verschlang seine Stimme und drhnte
weithin durch das Gefngnis. Von Mund zu Mund ging der Schrei hinaus, und
bald hrte man nur ihn allein in der ganzen Stadt, ja selbst die Kinder
stammelten: Heil De Coninck!

Der eiserne Grtel wurde durchgefeilt, und De Coninck trat mit Jan Breydel
in das Haupttor. Kaum aber hatte das harrende Volk die Fesseln an seinen
Hnden und Fen bemerkt, da erhob sich von allen Seiten ein rasendes
Mordgeschrei. Trnen der Rhrung und der Wut strmten aus den Augen der
Zuschauer, und der Ruf: Heil De Coninck! erdrhnte mit donnernder
Gewalt[25]. Pltzlich strzte ein Haufe Weber zu De Coninck und hob ihn
voll Eifer auf den blutigen Schild eines erschlagenen Kriegsknechts. Mochte
sich auch der Obmann gegen diese Ehrung struben, mute er es dulden, da
man ihn derart sieghaft durch alle Straen der Stadt trug.

    [25] De Coninck blieb nicht lange eingekerkert, denn er wurde
    noch am gleichen Tage durch die Waffengewalt der Stadtgemeinde in
    Freiheit gesetzt. (Vgl. Brgger Jahrbcher.)

Es war ein seltsames Schauspiel. Tausende von Menschen liefen mit Messern,
Beilen, Speeren, Hmmern, Keulen und anderen Zufallswaffen schreiend und
wie toll ber den Markt. Ob ihren Huptern auf dem Schilde sa De Coninck;
er hatte noch an Hnden und Fen seine Fesseln. Neben ihm gingen die
Fleischer mit bloen Armen und blinkenden Beilen. Als solchermaen eine
gute Stunde vergangen war, verlangte De Coninck die Obmnner und Anfhrer
der Znfte zu sprechen und bedeutete sie, da es sich um eine hchst
wichtige Angelegenheit der Brgerschaft handelte. Er ersuche sie deshalb,
am Abend in seine Wohnung zu kommen, um die ntigen Maregeln zu
besprechen.

Alsdann dankte er dem Volk und empfahl ihm stete Bereitschaft, zu den
Waffen zu greifen. Nachdem dann seine Hnde und Fe von den Ketten befreit
waren, wurde er unter dem Jubel der Brgger bis an die Tr seiner Wohnung
in der Wollstrae geleitet.




IX.


Bevor die Sonne am nchsten Morgen aufgegangen war, stand Jan van Gistel
mit den Leliaerts in voller Rstung auf dem Gemsemarkt; wohl dreihundert
Reiter und bewaffnete Diener waren dort versammelt. Tiefstes Schweigen
herrschte in dem kleinen Heere; denn sollte ihr Anschlag glcken, so
durften sie die Brger von Brgge nicht wecken. Sie erwarteten geduldig die
ersten Strahlen der Morgensonne, um das Volk zu berfallen und zu
entwaffnen; dann wollten sie De Coninck und Breydel wegen ihres
aufrhrerischen Trotzes hngen lassen und die Znfte zur Unterwerfung
zwingen. Chtillon sollte am selben Tage seinen Einzug in die entwaffnete
Stadt halten, Brgge fr immer eine andere Verfassung bekommen. Zu ihrem
Unglck hatte jedoch der schlaue De Coninck ihr Geheimnis entdeckt und sich
zum Kampfe gerstet. Zur nmlichen Zeit und ebenso still standen die Weber
und die Fleischer mit den anderen Zunftgenossen in der vlaemischen Strae.
De Coninck und Breydel gingen etwas abseits von der Schar auf und ab und
entwarfen den Plan, nach dem sie handeln wollten. Whrend die Weber und die
Fleischer die Leliaerts angriffen, sollten die brigen Gesellen sich der
Stadttore bemchtigen und dieselben verschlossen halten, damit der Feind
von auen keine Hilfe bekme.

Kaum war dies beschlossen, da tnte die Morgenglocke auf der
St.Donatus-Kirche, und weithin hallte das Gestampf der Rosse Jan van
Gistels.

Nun setzten sich auch die Znfte in Bewegung und zogen in grter Stille
den Leliaerts entgegen. Auf dem Markt erblickten die beiden feindlichen
Haufen einander. Die Franzslinge traten eben aus der Breydelstrae,
whrend die Znfte noch in der vlaemischen Strae waren. Die Leliaerts
erschraken gewaltig, als sie merkten, da ihr Geheimnis entdeckt war. Doch
gaben sie ihren Plan nicht auf, denn sie waren Ritter und mutige Krieger.
Bald lie die Kriegsdrommete ihre ermunternden Klnge ertnen, die Rosse
stoben mit ihren Reitern gegen die noch in der vlaemischen Strae
zusammengedrngten Brger. Die gefllten Speere der Leliaerts kreuzten sich
mit den Goedendags der Weber, die standhaft den Sto abwarteten. Aber aller
Mut, alle Gewandtheit der Zunftleute war vergebens, sie konnten ob ihrer
ungnstigen Stellung der Gewalt des strmischen Angriffs nicht widerstehn.
Fnf aus dem ersten Glied fielen tot oder verwundet nieder und so ward es
den Reitern mglich, die Schlachtordnung zu durchbrechen. Drei Abteilungen
wichen zurck; die Leliaerts glaubten sich schon Herren des Schlachtfelds
und brachen in den Siegesruf aus: Monjoie St.Denis! Frankreich!
Frankreich!-- Sie stachen und hieben links und rechts auf die Weber ein
und bedeckten den Platz mit den Leichen der Brger.

De Coninck wehrte sich tapfer an der Spitze mit einem langen Goedendag und
verhinderte einige Zeit, da die ersten Glieder zerstreut wurden. Diese
hatten allein die ganze Macht der Leliaerts wider sich; denn da die Strae
sie einschlo, konnten die hintersten Glieder nicht in den Kampf
eingreifen. Doch die Zurufe und das Beispiel des Obmannes beschworen das
Schicksal nicht lange. Mit erneuter Kraft griffen die Leliaerts die
vorderen Scharen an und warfen sie in groer Verwirrung aufeinander. Das
geschah so schnell, da schon viele gettet waren, ehe Jan Breydel den
Kampf bemerkte. Denn er stand mit seiner Zunft weiter hinten in der Strae.
Erst eine Wendung, die De Coninck angeordnet hatte, zeigte ihm endlich, in
welcher Gefahr die Weber schwebten. Er brllte mit heiserer Stimme einige
unverstndliche Worte, wandte sich dann zu seinen Leuten und rief:

Vorwrts, Fleischer, vorwrts!

Wie rasend fuhr er durch die Weber hin und strmte mit all den Seinigen auf
die Reiter los. Der erste Schlag seines Beils ging durch die Nasenplatte
und den Kopf eines Pferdes, der zweite streckte dessen Reiter zu seinen
Fen hin. Im Nu war er ber vier Leichen hinweg und kmpfte grimmig
weiter, bis er selbst eine kleine Wunde an dem linken Arm erhielt. Der
Anblick des eigenen Blutes brachte ihn vollends auer sich. Wutschumend
ersphte er den Ritter, der ihn verwundet hatte, mit jagendem Blick warf er
sein Beil fort, bckte sich dann unter den Speer seines Feindes, sprang am
Pferde hinauf und umklammerte den Leliaert. Mochte der auch fest im Sattel
sitzen, der Kraft des tollen Breydel konnte er nicht widerstehen: er flog
aus dem Sattel und strzte zu Boden. Whrend der Obmann der Fleischer seine
Rache an ihm khlte, hatten sich seine Genossen und die brigen Zunftleute
stracks auf die Leliaerts geworfen und viele niedergeschmettert. Da der
Kampf lange auf demselben Platze stand, so trmten sich die Leichen von
Menschen und Pferden, und Strme von Blut frbten die Strae dunkelrot.

Bald konnte nichts mehr dem wuchtigen Ansturm der Znfte widerstehen, denn
mit dem Weichen der Leliaerts konnten sich ihre Feinde auf dem Markte
ausbreiten und nunmehr smtlich in den Kampf eingreifen. Offenbar suchten
sie die Reiter zu umzingeln und dehnten deshalb ihren rechten Flgel bis
zum Eiermarkt aus. Nun wandten die besiegten Ritter ihre Pferde und flohen
eiligst, um dem drohenden Tode zu entgehen. Die Weber und Fleischer
verfolgten sie mit Siegesgeschrei; doch sie konnten sie nicht einholen, da
alle gut beritten waren.

Beim Klange der Drommeten und dem Lrm des Kampfes war die ganze Stadt in
Aufruhr geraten. Bald war alles auf den Beinen. Tausende bewaffneter Brger
strmten aus allen Straen herbei, um den streitenden Brdern beizustehen;
aber der Sieg war schon erfochten. Da die Leliaerts auf die Burg geflohen
waren, so wurde dieser Platz von den Zunftgenossen rings umzingelt und
bewacht.

Whrend sich dies auf dem Markte zutrug, umringte der Landvogt Chtillon
die aufrhrerische Stadt mit fnfhundert franzsischen Reitern. Er hatte
vorausgesehen, da die Brgger nach alter Gewohnheit die Stadttore
geschlossen halten wrden und deshalb auch das Ntige zur Beseitigung
dieses Hindernisses vorbereitet. Sein Bruder Gui de Saint-Pol mute mit
zahlreichem Fuvolk und den ntigen Angriffsmaschinen zu ihm stoen. In
Erwartung dieser Hilfe entwarf er bereits einen Plan fr den Sturm und
suchte die schwchste Seite der Stadt ausfindig zu machen. Obgleich er nur
wenig Mannschaften auf den Wllen sah, hielt er es doch nicht fr ratsam,
mit Reitern allein etwas zu unternehmen; denn er wute wohl, was fr ein
unbndiges Volk in Brgge wohnte. Eine halbe Stunde spter erschien in der
Ferne der Zug Saint-Pols. Die Spitzen der Speere und die Streitxte
blitzten in den ersten Strahlen der Sonne, und eine undurchdringliche
Staubwolke erhob sich vor den Pferden, welche die Sturmwerkzeuge zogen. Die
wenigen Brger, welche die Tore und Wlle bewachten, sahen nicht ohne
Furcht die zahlreichen Haufen nahen. Als sie der schweren Balken und
Sturmwerkzeuge ansichtig wurden, beschlich sie eine bange Ahnung. In wenig
Augenblicken verbreitete sich die Schreckenskunde durch die ganze Stadt,
und die Herzen der Frauen packte Weh und Angst.

Die bewaffneten Zunftleute waren noch um die Burg geschart, als die
Nachricht von dem heranrckenden feindlichen Heere sie berraschte. Sie
lieen einige Mannschaften auf dem Platze zurck, um einen Ausfall der
verschanzten Leliaerts zu verhindern, liefen eiligst zu den Wllen und
verteilten sich auf den bedrohten Mauern. Als sie sahen, wie die
franzsischen Sldner bereits die Balken zu den furchtbaren Werkzeugen
zusammenfgten, ward ihnen um ihre Vaterstadt bange. Die Belagerer
arbeiteten in ziemlicher Entfernung von den Mauern der Stadt und waren
auer dem Bereich der Pfeile, die ihnen von dort zugeschleudert wurden.
Ruhig setzten sie ihre Arbeiten fort, whrend Chtillon mit seinen Reitern
jeden Ausfall der Brger verhinderte. Alsbald erhoben sich denn auch schon
im Lager der Franzosen hohe Trme mit Fallbrcken; Sturmrammen und
Ballisten waren auch fast fertig, und alles kndigte den Brggern ein
furchtbares Schicksal an. Trotz der groen Gefahr war den Mienen der
Zunftleute keine feige Furcht anzumerken. Starr und regungslos blickten sie
auf den Feind. Ihre Herzen schlugen rascher, und ihr Atem flog; aber das
war nur der erste Eindruck beim Anblick des feindlichen Lagers. Bald
strmte das Blut freier in ihren Adern, ohne da sie die Augen vom Feinde
abzuwenden brauchten; mannhaftes Feuer glhte auf ihren Wangen, und die
Herzen smtlicher Brger waren von Rachedurst und Heldenmut beseelt.

Ein einzelner Mann stand heiter und froh auf dem Walle. Seine
Lebhaftigkeit, sein zufriedenes Lcheln lie annehmen, da er einer
glcklichen Stunde entgegensah. Bisweilen wandte er sein flammendes Auge
vom Feinde auf das Schlachtbeil, das in seiner starken Faust blitzte, und
dann streichelte er den Mordstahl mit zrtlicher Liebe.-- Es war der
unverzagte Jan Breydel.

Die Obmnner der Znfte versammelten sich bei De Coninck und erwarteten
schweigend seinen Rat und seine Befehle. Wie gewhnlich bedachte der Obmann
der Weber sich lange und blickte trumerisch zum franzsischen Heere
hinber. Das dauerte dem unruhigen Breydel zu lange, und er rief
ungeduldig:

Nun, Meister De Coninck, was befehlt Ihr denn? Sollen wir einen Ausfall
machen und die franzsischen Snakkers berfallen, oder sollen wir sie auf
unsern Wllen totschlagen?

Der Vorsteher der Weber antwortete nicht; er starrte noch immer in tiefem
Nachdenken auf die feindlichen Arbeiten und zhlte genau die groen
Sturmwerkzeuge.

Obgleich die anderen seine Gedanken auf seinem Gesicht zu lesen suchten,
konnten sie doch nichts als kaltes Wgen darin wahrnehmen. Ruhe und
Besonnenheit erfllten De Conincks Herz, doch keine Hoffnung auf ein
glckliches Gelingen. Er sah ein, da es unmglich war, der Gewalt der
Feinde zu widerstehen; denn die riesigen Ballisten und hohen Trme machten
die Feinde den Brggern allzu berlegen, da diese nicht mit so gewaltigen
Kriegswerkzeugen ausgerstet waren. Als er sich genau berzeugt hatte, da
die Stadt, wenn es zum Sturme kme, durch Feuer und Schwert vernichtet
werden wrde, entschlo er sich zu einem traurigen Mittel; er wandte sich
zu den Obmnnern und sprach langsam:

Genossen, die Not drngt; unsere Stadt, die Blume von Flandern, war
verkauft gewesen, ohne da wir es wuten. In dieser Lage kann uns nur
Vorsicht helfen. Mu euch auch solch Opfer eurer edelsten Gefhle
schmerzen, so bedenkt, bitte, wohl, da zwar der Held, der sein Blut fr
die Rechte seiner Mitbrger vergiet, zu preisen ist, doch da der
Tollkhne trig handelt, der sein Vaterland khnlich in Gefahr bringt. Hier
ntzt kein Kampf...

Was? Was? rief Breydel, hier ntzt kein Kampf? Wer gibt Euch diese Worte
ein?

Vorsicht und Liebe zu meinem Geburtsort, antwortete De Coninck. Wir
mgen als Vlaemen auf den Trmmern unserer Stadt mit den Waffen in der Hand
sterben; wir wrden gern zwischen den blutigen Leichen unserer Brder
jauchzend niedersinken: wir sind ja Mnner. Aber unsere Frauen-- unsere
Kinder-- sollten wir wehrlos der zgellosen Rachsucht unserer Feinde
ausliefern? Nein, der Mut ist dem Manne verliehen, um seine schwcheren
Mitmenschen zu beschirmen... Wir mssen die Stadt bergeben!

Die Umstehenden erschraken bei diesen Worten, als wre ein Blitz zwischen
ihnen niedergefahren, und sie schauten den Obmann mit zornigen Blicken an.
Die Schmach schien ihnen zu gro, und alle riefen in hchster Erregung:

Die Stadt bergeben?-- Wir?

De Coninck ertrug kalt ihre vorwurfsvollen Blicke und antwortete:

Ja, Genossen, mag es auch euren freiheitliebenden Herzen mifallen, es ist
dennoch der letzte Ausweg, der uns bleibt, um unsere Stadt vor der
Zerstrung zu retten.

Jan Breydel hatte diese Worte mit bitterem Ingrimm vernommen. Als er
merkte, da schon viele Obmnner schwankend wurden und zur Unterwerfung
neigten, trat er leidenschaftlich vor und rief:

Den ersten, der noch von bergabe zu sprechen wagt, strecke ich als
Verrter zu meinen Fen nieder! Lieber sterbe ich lachend auf der Leiche
eines Feindes, als da ich ehrlos am Leben bleibe. Was denkt ihr denn--
da meine Fleischer vor der Gefahr beben? Seht sie dort mit ihren
aufgestreiften rmeln! Ihr Herz pocht wild, ungestm verlangen sie den
Kampf, und ich soll ihnen sagen: bergebt die Stadt! Bei Gott, solche
Sprache verstehen sie nicht. Ich sage euch: wir beschtzen die Stadt, und
wer sich frchtet, der gehe heim zu Weib und Kind. Die Hand, die das Tor
ffnet, reckt sich zum letztenmal-- mein Beil soll die Feigheit richten!

Wutentbrannt eilte er zu seinen Genossen und schritt hastig vor ihren
Gliedern auf und ab.

Die Stadt bergeben!-- Wir die Stadt bergeben! wiederholte er nochmals
voll zorniger Verachtung.

Einige Anfhrer der Zunft hatten das gehrt und fragten ihn erstaunt, was
er damit sagen wolle; da brach er los:

Gnade uns der Himmel, ihr Mnner! Mein Blut kocht in den Adern-- o ber
den Schimpf, den unertrglichen Schimpf! Die Weber wollen die Stadt an die
Snakkers bergeben. Ich aber beschwre euch, Brder, bleibt bei mir, wir
wollen als echte Vlaemen sterben. Sehet den Boden, darauf wir stehen,--
hier fielen unsere Vter! Wohlan, hier sei auch mein Grab! Ja, dies sei
unser Grab und das der Franzosen! Unser Tod mag den feigen Webern zur
ewigen Schande gereichen. Wer kein echter Fleischer ist, mag heimgehen.--
Sprecht, wer geht mit mir in den Tod?

Die Fleischer erhoben ein erschreckliches Geheul, und dreimal erdrhnte das
furchtbare Wort: Tod! gleich einem Sthnen aus unheilschwangerem Abgrund.
In den Tod! erscholl es aus siebenhundert wtenden Kehlen, und in die
Rufe mengte sich das furchtbare Getse der Schlachtbeile, die sie auf dem
sthlernen Pfriem schliffen.

Unterdessen hatten sich die meisten Obmnner durch De Coninck berzeugen
lassen, da sein trauriger Vorschlag die einzige Rettung war und htten die
Stadt gern bergeben, wenn Breydels Widerspenstigkeit es nicht unmglich
gemacht htte. Angesichts der vielen schrecklichen Sturmwerkzeuge, die beim
feindlichen Heere emporragten, beschlossen sie endlich, ohne Rcksicht auf
Breydels Widerstand, mit dem Feind in Unterhandlungen zu treten. Als der
gereizte Breydel ihre Absicht merkte, brllte er vor Wut wie ein
verwundeter Lwe und strmte mit einem unverstndlichen Geschrei auf De
Coninck los. Die Fleischer sahen den Zorn ihres Obmannes und folgten ihm
in Unordnung und voller Rachegier.

Tod! Tod! heulte der rasende Haufe, Tod dem Verrter De Coninck!

De Conincks Leben schwebte in groer Gefahr; dennoch sah er die wtende
Schar herankommen, ohne die geringste Furcht zu verraten. Wie man
Wahnsinnige mitleidig anschaut, so blickte er mit verschrnkten Armen, fest
und unerschttert den anstrmenden Fleischern entgegen. Mitten aus der
wogenden Menge ertnte immer heftiger der schreckliche Ruf: Ttet ihn, den
Verrter! und schon schwebte das Beil ber dem Haupte des groen Mannes.
Er stand ungebeugt wie eine Rieseneiche, die der Gewalt des Sturmwindes
trotzt, und von dem Bollwerk, darauf er stand, beherrschte er die Menge wie
ein Knig.

In diesem Augenblick vollzog sich in Jan Breydels Zgen eine seltsame
Wandlung. Als wre er jhlings aller Kraft beraubt, lie er das Beil
schlaff an seiner Seite niedersinken. Er bewunderte die Gre des Mannes,
dessen Ratschlge er nicht hatte annehmen wollen. Doch nur einen
Augenblick; denn alsbald sah er, in welcher Gefahr der Freund schwebte. Er
warf den Fleischer, der schon sein Beil ber De Conincks Haupte schwang, zu
Boden und schrie:

Halt, ihr Mnner! Haltet ein!

Anfangs wurde dieser Befehl nicht gehrt, denn in dem wirren Mordgeheul
konnte eine einzelne Stimme nicht durchdringen. So stellte sich Breydel
drohend vor den Weberobmann und lie zornig sein Beil kreisen. Nun erst
begriffen seine Gehilfen, da er De Coninck beschirmen wollte; sie senkten
die Waffen und harrten mit drohendem Murren, was kommen wrde.

Whrend sich Breydel bemhte, sie zur Ruhe zu bringen, kam ein Herold aus
dem franzsischen Lager zum Fu der Mauer, auf der sie standen. Die
Aufmerksamkeit der erregten Brger wandte sich daher dem feindlichen Boten
zu. Der rief den Belagerten zu: Im Namen des mchtigen Knigs Philipp von
Frankreich lt euch aufrhrerische Untertanen mein Feldherr Chtillon
fragen, ob ihr die Stadt auf Gnade oder Ungnade bergeben wollt? Gebt ihr
nicht binnen zehn Minuten entsprechende Antwort, so wird eure Feste durch
Sturmwerkzeuge zerstrt und alles durch Feuer und Schwert vernichtet.

Alle richteten ihre Blicke auf De Coninck. Ihn, den sie eben noch tten
wollten, schienen sie nun um Rat zu bitten. Selbst Breydel schaute ihn
fragend an; doch keiner erhielt die gewnschte Antwort. De Coninck stand
schweigend unter ihnen, als ob ihn dies alles gar nichts anginge.

Nun, Freund De Coninck, wozu ratet Ihr denn? fragte Breydel.

Da man die Stadt bergibt, kam es kalt zurck.

Aufs neue begannen die Fleischer zu murren und zu toben. Doch ein
gebieterisches Zeichen Jan Breydels brachte sie zur Ruhe.

Glaubt Ihr nicht, De Coninck, fragte er, da wir mit unverzagtem Mut die
Stadt verteidigen knnen? Lt hier auch grte Tapferkeit keinen Erfolg
erwarten? O unselige Stunde!

Deutlich konnte man bei dieser Frage den tiefen Schmerz in Breydels Zgen
lesen. Hatten seine Augen auch vordem in Kampfeslust geglht, jetzt war
aller Heldenmut darin erloschen.

De Coninck erhob nun seine Stimme und sprach zu der umstehenden Menge:

Ihr alle seid meine Zeugen, da nur Liebe zum Vaterland mich leitet. Fr
meine Vaterstadt gab ich mich eurer tollen Wut preis, und so wre es mir
auch nicht schwer gefallen, durch Feindeshand zu fallen; aber der Schutz
der Perle Flanderns ist mir heilige Aufgabe. Schmht mich, verhhnt und
verspottet mich wie einen Verrter; ich kenne meine Pflicht. Nichts, und
mag es auch noch so schmerzlich sein, kann mich von diesem Ziel abbringen;
aber einst werde ich euch befreien, wenn ich auch jetzt nicht nach euren
Wnschen handle. Zum letzten Male sage ich es euch: es ist unsere Pflicht,
die Stadt zu bergeben.

Wer bei dieser kurzen Ansprache Breydels Mienen beobachtet htte, htte die
verschiedensten Regungen wahrgenommen: Trotz, Mut und Kummer wechselten
darin, und sein Hnderingen verriet den Kampf mit seiner
Leidenschaftlichkeit. Als die Worte: Wir mssen die Stadt bergeben noch
einmal wie ein Todesurteil an sein Ohr schlugen, umfing ihn inniger Gram,
und er stand eine Weile wie in Gedanken verloren.

Die Fleischer und die anderen Zunftleute blickten in tiefem Schweigen
abwechselnd die beiden Obmnner an.

Meister Breydel, rief De Coninck, wenn Ihr an unserem Untergang nicht
schuld sein wollt, so sagt rasch ja. Dort kommt der Herold der Franzosen
zurck; die zehn Minuten sind vorber!

Breydel erwachte pltzlich aus tiefem Sinnen und sagte traurig:

Ihr wollt es, Meister? Mu es so sein? Wohlan, so bergebt die Stadt!

Bei diesen Worten ergriff er gerhrt De Conincks Hand; zwei Trnen innigen
Schmerzes entfielen seinen Augen, und ein dumpfer Seufzer schlich ber
seine Lippen. Die beiden Obmnner sahen sich mit einem Blick an, darin sich
ihr ganzer Seelenzustand widerspiegelte. Sie verstanden sich und schlossen
einander gerhrt in die Arme.

So lagen die zwei grten Mnner Brgges-- Heldenmut und Vernunft-- Brust
an Brust, in gegenseitige Bewunderung versunken.

O tapferer Bruder! rief De Coninck, Ihr besitzt eine groe Seele! Welch
inneren Kampf habt Ihr durchlebt! Aber Ihr habt ihn bestanden!

Bei diesem rhrenden Anblick ging ein Freudenblitz durch die ganze Schar,
und alle Uneinigkeit schwand aus den Herzen der tapferen Vlaemen. Auf De
Conincks Befehl ertnte dreimal schmetternd das Horn der Weber, und ihr
Herold rief dem franzsischen Boten zu:

Gibt Euer Feldherr unserem Gesandten freies Geleit?

Er gibt sicheres Geleit, nach Kriegsgebrauch, bei seiner Treue, lautete
die Antwort.

Auf diese Zusicherung hin wurde das Fallgatter aufgezogen, die Brcke
niedergelassen, und zwei Brger verlieen die Stadt: De Coninck und der
Herold der Znfte. Als sie ins franzsische Lager kamen, wurden sie in das
Zelt des Feldherrn Chtillon gefhrt. De Coninck nahte sich mit khner
Miene dem Landvogt und sprach:

Herr von Chtillon, die Brger von Brgge lassen Euch durch mich, ihren
Gesandten, verknden, da sie nicht nutzlos Menschenblut vergieen wollen
und deshalb beschlossen haben, Euch die Stadt zu berliefern; da aber nur
dies edle Gefhl sie zur Unterwerfung drngt, lassen sie Euch folgenden
Vertrag anbieten: Da die Kosten des kniglichen Einzugs nicht durch eine
neue Belastung des dritten Standes beschafft werden, da der Magistrat
abgesetzt und keine Untersuchung der Grnde des Aufruhrs angestellt wird.
Wollet mir nun sagen, ob Ihr auf diese Bedingungen eingeht!

Die Zge des Landvogts verfinsterten sich.

Was bedeutet diese Sprache, rief er, wie wagt Ihr es, mir Bedingungen zu
stellen, da ich nur meine Sturmwerkzeuge vorzubringen brauche, um eure
Mauern in Trmmer zu verwandeln?

Das mag sein, erwiderte De Coninck, aber ich sage es Euch und wge meine
Worte wohl: ehe ein Franzose unsere Wlle besteigt, sollen die Grben
unserer Stadt mit den Leichen Eurer Leute gefllt werden. Es fehlt uns
keineswegs an Kriegsgert, und die Geschichte bezeugt, da die Brgger fr
ihre Freiheit zu sterben wissen.

Ja, ich wei, da ihr euch immer durch eure Starrkpfigkeit ausgezeichnet
habt; aber die kmmert mich wenig, denn der Mut der Franzosen kennt keine
Hindernisse. Ich will die Stadt auf Gnade oder Ungnade haben, das ist meine
Antwort.

Chtillon war beim Anblick der vielen Zunftleute und ihrer trotzigen
Haltung auf den Wllen im Hinblick auf die bevorstehende Schlacht von
banger Sorge erfllt worden. Aus Vorsicht war ihm die bergabe der Stadt
erwnscht. Er kannte die Unerschrockenheit der Brgger, und er war daher
sehr froh, als die Ankunft De Conincks seinen Wunsch zu knden schien; aber
die vorgeschlagenen Bedingungen gingen ihm wider den Strich. Dennoch wrde
er sie vielleicht zugestanden haben mit dem Hintergedanken, ihrer Erfllung
sich spter irgendwie zu entziehen; aber er mitraute dem Obmann der Weber
und zweifelte an der Aufrichtigkeit seiner Worte. Um festzustellen, ob sich
die Brgger wirklich bis zum uersten verteidigen wollten, gab er mit
lauter Stimme den Befehl, die Sturmwerkzeuge in Ttigkeit zu setzen.

Whrend der Verhandlung hatte De Coninck unverwandt die Zge des Feldherrn
beobachtet und Unentschlossenheit und Verstellung darin gelesen. So gewann
er die berzeugung, da Chtillon einen Kampf nicht wnschte. Er bestand
daher auf seinen Vorschlgen ungeachtet der Anstalten, die schon fr den
Sturmlauf getroffen wurden. Die kalte Standhaftigkeit De Conincks tuschte
den franzsischen Feldherrn. Er glaubte nun sicher, da die Brgger ihn
nicht frchteten und ihre Stadt hartnckig verteidigen wrden; und weil er
nicht sein ganzes Heer samt Flandern um dieses einzigen Handels willen aufs
Spiel setzen wollte, so begann er, mit De Coninck ber die Bedingungen der
bergabe zu unterhandeln. Nach langem Hin- und Herreden einigten sie sich
endlich dahin, da der Magistrat im Amte bleiben solle; die brigen Punkte
wurden den Brggern zugestanden. Der Landvogt machte seinerseits zur
Bedingung, da er beliebig viel Soldaten in die Stadt legen knne.

Als der Siegelbrief von beiden aufgesetzt und unterzeichnet war, kehrte De
Coninck mit dem Herold der Weber zur Stadt zurck. Die Bedingungen wurden
in allen Straen verkndet. Eine halbe Stunde spter hielt das franzsische
Heer mit Posaunenschall und fliegenden Bannern siegprunkenden Einzug; die
Zunftleute dagegen zogen sich voll Schmerz und Kummer in ihre Wohnungen
zurck. Nun kam auch der Magistrat mit den Leliaerts aus der Burg hervor,
und scheinbare Ruhe breitete sich ber die Stadt.




X.


Da sich die Stadt Brgge jetzt ganz in der Macht der Franzosen befand, so
begann Chtillon, ernstlich an die Erfllung der Wnsche der Knigin zu
denken. Sie hatte ihn angewiesen, die junge Machteld van Bethune nach
Frankreich zu schleppen. Daran schien ihn nichts zu hindern, weil seine
Kriegsknechte die Stadt besetzt hielten. Aber Grnde der Klugheit hielten
ihn vorerst davon zurck. Vor allem wollte er seine Macht in Brgge
befestigen, die Znfte knechten, ein Kastell bauen[26]. Dann erst gedachte
er, die Tochter des Lwen von Flandern gefangenzunehmen und der Knigin
auszuliefern.

    [26] Man fing in der Tat mit dem Bau des Kastells dort an, wo
    jetzt die Wassermhlen stehen; jedoch wurde er nicht vollendet.

Adolf van Nieuwland war beim Einzug der Franzosen um Machteld hchlichst
besorgt gewesen, da er sie jetzt schutzlos den Feinden preisgegeben
glaubte. De Conincks tgliche Besuche und seine ununterbrochene Wachsamkeit
vermochten ihn anfangs nicht zu beruhigen, und erst als die Franzosen
mehrere Wochen hindurch nichts Feindseliges unternommen hatten, begann er
anzunehmen, da sie das Edelfrulein van Bethune vergessen hatten und ihr
kein Leid antun wrden. Sein krftiger Krper und die sorgfltige
Behandlung Meister Rogaerts hatten seine Wunden zur Heilung gebracht; er
bekam wieder Leben und Farbe, aber eine tiefe Traurigkeit lag noch auf
seinem Antlitz. Der unglckliche Ritter sah die Tochter seines Frsten und
Wohltters tglich bleicher werden, von trben Gedanken gepeinigt siechte
Machteld matt und krank dahin, wie eine welkende Blume. Und er, der ihrer
aufopfernden Pflege das Leben verdankte, konnte ihr nicht helfen, sie nicht
trsten. Waren auch seine Worte noch so freundlich, sie vermochten nichts
bei dem gebeugten Mgdelein, das bestndig um den Vater seufzte und weinte.
Noch keine Kunde hatte sie bisher von ihm erhalten, und sie sah sich fr
immer von ihrer teuren Familie getrennt. Adolf suchte ihren Gram zu
verscheuchen; er dichtete Verse und Lieder fr sie, spielte auf der Harfe
oder besang Robrechts Heldentaten; aber das alles beeinflute die Stimmung
des Mdchens nicht, ihre dsteren Gedanken waren durch nichts zu bannen.
Sie war sanft, freundlich und dankbar, doch ohne Leben, ohne Empfindung
oder irgendeine Neigung; selbst ihr Falke trauerte einsam und vergessen.

Wenige Wochen nach seiner vlligen Genesung wagte sich Adolf langsamen
Schrittes aus der Stadt und wandelte sinnend bei Sevecote[27] durch die
Felder. Die Sonne stand schon tief am Himmel, und der Westen flammte in
leuchtenden Farben. Gesenkten Hauptes, von bitteren Gedanken erfllt
schritt Adolf weiter, ohne auf den Weg zu achten. Eine Trne des Schmerzes
feuchtete sein Auge, und zuweilen hob ein Seufzer seine Brust. Tausenderlei
Mittel bedachte er, um das Los der jungen Machteld ertrglicher zu
gestalten, doch seine Verzweiflung nahm nur zu, denn er fand keinen Trost
fr sie. Er sah sie tglich weinen, immer mehr dahinsiechen, ohne da man
ihr raten, helfen konnte. Fr einen mutigen Ritter wie er, war das Gefhl
solcher Ohnmacht peinigend, und bisweilen knirschte er erbittert mit den
Zhnen-- aber was ntzt das? Nur eines blieb ihm: Trnen des Schmerzes zu
weinen und von besseren Tagen zu trumen.

    [27] Ein Weiler bei Brgge.

Schon weit ab von der Stadt setzte er sich, voll trber Gedanken, am Rande
des Weges nieder. Er starrte zu Boden und hing seinen traurigen
Vorstellungen nach. Whrend er also schweren Herzens dasa, kam ein Mann
des Weges. Er trug eine baumwollene Mnchskutte, daran eine weite Kapuze
die bis zum Rcken niederhing; ein Greisenbart wallte auf seine Brust
herab, und starke Wimpern berschatteten die schwarzen Augen; seine hohlen
Wangen waren gebrunt und die Stirn voll tiefer Falten.

Langsamen Schrittes, wie ein mder Reisender, nahte der Mnch mhlich dem
Platze, wo sich Adolf niedergelassen hatte, und blieb pltzlich vor ihm
stehen. Freudige berraschung belebte seine Zge; offenbar war ihm Adolf
wohlbekannt. Aber sein Gesicht wurde gleich wieder ernst und kalt, als
wollte er sich verstellen.

Adolf merkte erst jetzt die Anwesenheit des Mnches. Er stand auf und
begrte ihn mit hflichen Worten.

Mein Herr, erwiderte der Mnch, ich bin von einer weiten Reise ermdet,
Euer Sitz lockt auch mich zu ruhen. Bitte, lat Euch durch mich nicht
stren.

Er lie sich auf den Rasen nieder und winkte Adolf, ihm nachzutun. Der nahm
voll Ehrfurcht, doch gern seinen vorigen Platz wieder ein und setzte sich
neben den Fremdling. Freilich erregte dessen Stimme seine Aufmerksamkeit:
es schien ihm, als htte er sie schon fters gehrt. Doch er schlug sich
diesen Gedanken aus dem Sinne, weil er sich nicht erinnern konnte, wo er
diesen Priester gesehen htte.

Der Mnch schaute den jungen Ritter eine Weile durchdringend an; dann
fragte er:

Ich habe Flandern schon vor geraumer Zeit verlassen; deshalb htte ich
gern von Euch gehrt, was sich berhaupt in unserer Stadt Brgge zutrgt.

O mein Vater, antwortete Adolf, damit kann ich Euch gern dienen. In
unserer Stadt Brgge sieht es schlimm aus: die Franzosen haben sie
eingenommen.

Das scheint Euch nicht zu gefallen? Ich hrte aber doch, da die meisten
Adligen ihren rechtmigen Grafen verleugnet und die Fremden liebevoll
empfangen haben.

Ach, das ist nur zu wahr! Der unglckliche Graf Gwijde ist von vielen
seiner Untertanen verlassen, und gar mancher hat seinen alten Ruhm
vergessen; aber nicht allen ist das vlaemische Blut in den Adern versiegt,
noch gibt es Herzen, die den Fremdlingen nicht gewogen sind.

Bei diesen Worten leuchtete sichtliche Freude aus den Zgen des Mnches,
und er erwiderte:

Eure Gefhle, Herr, sind lblich und meiner Achtung wert. Es freut mich
aufrichtig, einen edlen Menschen zu finden, in dem noch nicht alle Liebe zu
dem unglcklichen Landesherrn Gwijde erloschen ist. Gott lohne Euch Eure
Treue.

O mein Vater, rief Adolf, wre es Euch vergnnt, meinem Herzen auf den
Grund zu schauen und zu fassen, welche Liebe ich fr meinen unglcklichen
Herrn Gwijde und die Seinen hege! Ich schwre Euch: der glcklichste
Augenblick meines Lebens wre der, da ich den letzten Blutstropfen fr ihn
dahingeben knnte.

Der Mnch kannte das Menschenherz gengend, um fest an die Worte des jungen
Ritters und an seine innige Liebe zu dem gefangenen Gwijde zu glauben. Nach
kurzem Sinnen hub er an:

Wenn ich Euch Gelegenheit gbe, diesem Eide gem zu handeln, wrdet Ihr
nicht zurcktreten, sondern als Mann allen Gefahren trotzen?

Bitte, Vater, rief Adolf flehentlich, bitte, zweifelt weder an meiner
Treue noch an meinem Mute. Sprecht rasch, Euer Schweigen drckt mich...

So hrt denn aufmerksam zu. Ich bin dem Hause Gwijde von Flandern ob
mancher Wohltat die grte Dankbarkeit schuldig; Liebe und Erkenntlichkeit,
wie ich sie stets fr meinen gndigen Frsten hegte, trieben mich an, ihm
in seiner Bedrngnis beizustehen. Mit diesem Vorsatz verlie ich mein
Kloster und zog nach Frankreich. Dort ermglichten mir Bitten, Geld und
mein geistlicher Stand, zu all den edlen Gefangenen Zutritt zu erlangen,
und so berbrachte ich dem Vater die Worte des Sohnes, dem Sohne den Segen
des Vaters. Im Kerker des Louvre habe ich mit der armen Philippa geseufzt
und geweint. Derart habe ich ihre Pein gelindert, ihre Einsamkeit fr kurze
Zeit unterbrochen. Ganze Nchte hindurch bin ich gereist; oft wurde ich
verjagt, geschmht und verhhnt. Aber des achtete ich nicht, angesichts des
Glckes, meinem rechtmigen Frsten in seiner Bedrngnis dienen zu knnen.
Die Trnen der Dankbarkeit, die bei meinem Kommen flossen, waren mir ein
Lohn, den alle Gter der Welt nicht aufwiegen knnen.

Seid gesegnet, edelmtiger Priester, rief Adolf, der Himmel wird es Euch
lohnen; aber sagt mir, ich bitte Euch, wie geht es Herrn van Bethune?

Er sitzt in einem Turme zu Bourges, im Lande Berry. Sein Los ist nicht zu
schlimm, denn er ist von Banden und Ketten frei. Sein Gefangenenwrter ist
ein alter Soldat, der im sizilischen Kriege mannhaft unter dem Banner des
schwarzen Lwen gefochten hat. So ist er eher Herrn Robrechts Freund als
sein Wchter.

Adolf lauschte mit grter Aufmerksamkeit; mitunter wollte er seine Freude
in Worten knden, doch er hielt an sich. Der Mnch fuhr fort:

Seine Gefangenschaft wrde ihn weniger hart bednken, wenn ihn nicht sein
Herz von hinnen zge; er ist Vater und trbe Ahnungen qulen sein Herz.
Seine Tochter ist in Flandern geblieben, und er frchtet, die tckische,
grausame Knigin von Navarra wird auch dieses Kind verfolgen und schwere
Leiden ber sie verhngen. Dieser schmerzliche Gedanke foltert den
zrtlichen Vater, und sein Kerker wird ihm unertrglich; bitterste
Verzweiflung durchtobt sein Herz, und jeder Tag seines Lebens gleicht den
Qualen einer verdammten Seele. berlegt Euch nun, ob Ihr wirklich
entschlossen seid, Euer Leben fr den Lwen, Euren Herrn, zu wagen. Der
Kastellan von Bourges will ihn gegen Ehrenwort fr einige Zeit in Freiheit
setzen, falls ein treuer, opferbereiter Untertan sich aus Liebe zu ihm an
seiner Statt einkerkern lassen will.

Der junge Ritter warf sich vor dem Priester nieder und kte ihm
ehrfrchtig die Hand.

O selig die Stunde! rief er, da ich Machteld diesen Trost verschaffen
kann. Sie soll ihren Vater sehen, o Gott! und ich soll diese heilige
Sendung vollbringen? Wie pocht mein Herz so froh! Der glcklichste Mensch
auf Erden sitzt zu Euren Fen, ehrwrdiger Priester! Wit Ihr, in welche
Seligkeit, in welch reine Freude mich Eure Worte strzen? Ja, dankbar will
ich die Ketten wie einen kostbaren Schmuck entgegennehmen. Nichts soll mir
ber diese eisernen Fesseln gehen! O Machteld, Machteld! Knnten dir doch
die Lfte diese Freudenbotschaft knden.

Der Mnch unterbrach die Begeisterung des Ritters nicht und stand auf;
langsam schritt Adolf hinter ihm her, der Stadt zu.

Mein Herr, begann jener schlielich, Eure edlen Gefhle erfllen mich
mit berechtigter Bewunderung. Wohl zweifle ich nicht an Eurem Mute; aber
habt Ihr auch bedacht, welchen Gefahren Ihr Euch aussetzt? Wenn die List
entdeckt wrde, mtet Ihr Euer Opfer mit dem Leben ben.

Ein vlaemischer Ritter frchtet den Tod nicht, entgegnete Adolf, nichts
kann mich schrecken. Wenn Ihr wtet, wie ich seit sechs Monden Tag und
Nacht mein Gehirn martere, nach einer Gelegenheit suche, um fr das Haus
Flandern mein Leben zu wagen,-- Ihr wrdet mir nicht von Furcht und Gefahr
reden. Noch eben, da ich trostlos am Wege sa, bat ich um eine gttliche
Eingebung, und durch Euch hat Gott zu mir gesprochen.

Wir mssen noch heute nacht fort von hier, damit man nicht hinter unser
Geheimnis kommt.

Je eher, je lieber! Denn meine Gedanken weilen schon in Bourges bei dem
Lwen von Flandern, meinem Herrn und Frsten.

Ihr seid jung, Herr Ritter; aber sonst gleichen Eure Gesichtszge wohl
denen von Herrn Robrecht; nur im Alter seid Ihr gar verschieden. Dies soll
uns jedoch nicht hindern; denn meine Kunst wird Euch schnell die fehlenden
Jahre verleihen.

Was wollt Ihr damit sagen, Vater? Knnt Ihr mich lter machen, als ich
bin?

O nein. Aber ich kann Euer Gesicht so verndern, da Ihr Euch selbst nicht
wiederkennen sollt. Dazu verwende ich Kruter, deren Wirkungen ich kenne;
denkt aber nicht, da ich gottlosen Knsten frhne. Doch nun sind wir ja
dicht bei der Stadt: knnt Ihr mir sagen, wo ein gewisser Adolf van
Nieuwland wohnt?

Adolf van Nieuwland? rief der Ritter, der bin ich ja, mit dem Ihr
sprecht!

Der Priester schien ba verwundert. Er blieb mitten auf dem Wege stehen und
blickte den Junker mit geheucheltem Staunen an.

Wie, Ihr seid Adolf van Nieuwland? Dann ist also Machteld van Bethune in
Eurer Wohnung!

Diese Ehre ist meinem Haus zuteil geworden, antwortete Adolf. Eure
Ankunft wird sie hchlich freuen. Fast kommt der Trost zu spt, den Ihr
bringt; denn trauernd siecht sie dahin, als ob sie sterben wollte.

Hier, diesen Brief von ihrem Vater knnt Ihr Machteld geben; denn ich
merke wohl, da es Euch glcklich machen wird, ihr Trost zu bringen.

Dabei holte er unter der Kutte ein Pergament hervor, das mit einem seidenen
Faden und durch Siegel verschlossen war und bergab es dem Ritter. Der
beschaute es schweigend in hchster Erregung. Seine Vorstellung trug ihn
schon zu Machteld, und er sprte die eigne Freude an des Mgdeleins
Glckseligkeit. Nunmehr ging ihm der Mnch viel zu langsam; er war immer
etwas voraus, denn Ungeduld beflgelte seine Schritte. Als sie in der Stadt
bei Adolfs Wohnung angelangt waren, betrachtete der Mnch das Haus, als
wollte er es sich einprgen, und sprach:

Gott mit Euch! Herr van Nieuwland! Heute abend, vielleicht ziemlich spt,
komme ich wieder zu Euch. Richtet derweile Euer Gepck.

Wollt Ihr nicht mit mir zu der Jungfrau gehen? Ihr seid so ermdet: nehmt
bitte mit meiner Wohnung vorlieb.

Ich danke Euch, Herr; meine Priesterpflichten machen mich anderen Orts
ntig. Gegen zehn Uhr treffe ich Euch wieder. Gott nehme Euch in seinen
Schutz!

Damit verlie er den erstaunten Ritter und ging in die Wollstrae, wo er in
De Conincks Hause verschwand. Voller Freude ber dies unerwartete Glck,
das ihm wie ein goldener Traum erschien, pochte Adolf mit heier Ungeduld
an seine Tr. Der Brief des Herrn van Bethune brannte ihm in der Hand, und
als der Diener ihm ffnete, strmte er ungestm ins Haus.

Wo ist Machteld? Wo ist Frulein Machteld? fragte er hastig.

Im Saale an der Strae, entgegnete der Diener.

Der Ritter flog die Treppe hinan und ffnete strmisch die Tr des Saales.

O edle Machteld, rief er, trocknet Eure Trnen. Nun lacht sonnige
Freude, denn unser Unglck ist vorbei!

Die junge Grfin sa beim Eintritt Adolfs traurig am Fenster. Sie
betrachtete den aufgeregten Junker mit Zweifel und Unglauben.

Was sagt Ihr? rief sie endlich, stand auf und setzte ihren Falken rasch
auf den Stuhl, unser Unglck ist vorbei?

Ja, edle Frau, nun harret Euer ein besseres Los. Hier ist ein
glckbringendes Schreiben-- sagt Euer Herz Euch nicht, von welcher teuren
Hand?

Ehe er noch ausgesprochen hatte, lief Machteld in hchster Aufregung auf
ihn zu und ri ihm den Brief aus den Hnden. Ungewhnte Glut frbte ihre
Wangen mit flammendem Rot, und Freudentrnen entstrmten ihren Augen. Sie
erbrach das grfliche Siegel und las den Brief dreimal, ehe sie irgendein
Wort zu verstehen schien-- ach nein, sie verstand ihn nur zu wohl, das
unglckliche Mgdelein. Unaufhaltsam flossen ihre Trnen, aber es war nicht
mehr Freude; herber Schmerz entlockte ihr diese Zhren.

Herr Adolf, rief sie schmerzbewegt, Eure Freude zerreit mir das Herz.
Unser Unglck ist vorbei, sagt Ihr? Da-- leset selbst und beweint mit mir
meinen unglcklichen Vater.

Der Ritter ergriff den Brief aus Machtelds Hand und begann ihn gesenkten
Hauptes zu lesen. Anfangs glaubte er, der Priester habe ihn betrogen und
als Boten einer schrecklichen Nachricht gebraucht; als er aber den ganzen
Inhalt des Schreibens kannte, schwand sein Argwohn. Einige Augenblicke sann
er schweigend ber seine unvorsichtigen Worte nach. Als ihn Machteld so
bekmmert sah, bereute sie innerlich den Vorwurf, den sie ihm gemacht
hatte; sie trat zu dem traurigen Junker und sagte freundlich:

Vergebt mir, Herr Adolf. Seid nicht traurig und glaubt nicht, da ich Euch
gram bin, weil Ihr mir zu viel Glck verheien habt. Ich wei, wie glhend
Ihr auf das Wohl eines armen Mgdeleins bedacht seid. Seid berzeugt,
Adolf, da ich fr Eure edelmtige Aufopferung nicht undankbar bin.

Edle Machteld, rief er, ein groes Glck kann ich Euch verheien. Nein,
meine Freude ist nicht dahin. Den Inhalt des Briefes kannte ich; aber der
war nicht der Grund meiner Freude. Trocknet Eure Trnen, Machteld; ich
wiederhole Euch, grmt Euch nicht mehr, denn bald werdet Ihr lange an Eures
Vaters Brust ruhen knnen.

O, welches Glck, schluchzte Machteld, sollte es wahr werden? Sollte ich
meinen Vater sehen und sprechen? Aber warum qult Ihr mich, Herr Adolf?
Weshalb klrt Ihr mir dies Rtsel nicht auf? Sprecht doch, damit meine
Zweifel schwinden.

Ein flchtiger Schatten verdsterte die heiteren Zge des Junkers. Er htte
Machtelden die geforderte Erklrung so gern gegeben, aber seine edle Seele
duldete nicht, von den eigenen Verdiensten zu sprechen. Mit hrbarer
Betrbnis erwiderte er:

Vergebt es mir, bitte, edle Jungfrau, wenn ich schweige. Seid gewi, da
Ihr Euren Durchlauchtigen Vater sehen werdet, da er seine teure Tochter
auf dem Boden der Heimat sprechen und umarmen wird; aber mehr darf ich Euch
nicht sagen.

Die junge Grfin gab sich damit nicht zufrieden. Zweierlei drngte sie,
dies Rtsel zu lsen: weibliche Neugier und die noch haftenden Zweifel. In
sichtlichem rger prete sie die Lippen aufeinander und sagte schlielich:

Ach, Herr Adolf, enthllt mir doch, was Ihr mir verbergen wollt; haltet
mich nicht fr so unbesonnen, da ich es zu meinem eigenen Schaden
preisgeben wrde.

Ich darf, ich kann nicht.

Es wrde mich doch so froh machen, Herr Adolf. Nun also glaube ich Euren
Worten nicht. Ihr raubt mir die Freude, die ich erlebt htte. Sagt mir es
doch.

Ich bitte Euch, verschont mich, edles Frulein, ich kann nicht.

Bei jedem Wort des Ritters wuchs die Neugierde Machtelds. Immer wieder
fragte sie ihn nach dem Geheimnis,-- vergebens. Endlich packte sie die
Ungeduld: als alle Bitten nichts ntzten, begann sie aus rger wie ein Kind
zu weinen. Beim Anblick ihrer Trnen entschlo er sich endlich, ihr alles
zu sagen, mochte ihm auch das Eingestndnis der eigenen Aufopferung noch so
viel kosten. Machteld las in seinen Zgen ihren Sieg und nahte ihm in
froher Erwartung, whrend er also zu ihr sprach:

Hrt denn, Machteld, wie wundersam ich den Brief und die frohe Nachricht
erhielt. In tiefem Sinnen sa ich bei Sevecote und flehte in glhendem
Gebet die Gnade des Himmels auf meinen unglcklichen Landesherrn herab. Wie
gro war mein Staunen, als ich pltzlich einen Priester vor mir stehen sah!
Sofort dachte ich, mein Gebet sei erhrt und dieser Mann werde mir Trost
bringen-- und so war es auch; denn aus seiner Hand empfing ich den Brief,
aus seinem Mund vernahm ich die Kunde: Euer Vater kann sein Gefngnis auf
einige Tage verlassen, aber ein anderer Ritter mu die Ketten fr ihn
tragen.

Welche Freude! rief Machteld aus, ich werde ihn sehen und sprechen. O
mein Vater, mein teurer Vater! Wie drstet meine Seele nach Eurer Umarmung!
Adolf, Ihr macht mich berglcklich; Eure Worte tun so wohl! Aber wer wird
die Stelle meines Vaters einnehmen wollen?

Der Mann ist schon gefunden, gab der Ritter zur Antwort.

Der Segen des Himmels komme ber ihn! rief die Jungfrau. Welch Edelmut,
meinen Vater solcherart zu befreien, mir das Leben wiederzugeben! O, stets
werde ich diesen Mann lieben, allzeit ihm dankbar sein; er verdient noch
mehr. Aber wer ist denn dieser edelmtige Ritter?

Adolf lie sich auf ein Knie vor der Jungfrau nieder und rief:

Wer anders als Euer Diener Adolf, o edle Tochter des Lwen, meines
Herrn!

Machteld blickte den Jngling voll inniger Rhrung an, hob ihn vom Boden
auf und sprach:

Adolf, mein guter Bruder, wie kann ich Euch je Eure Hingabe lohnen? O, ich
wei, was Ihr alles getan habt, um mein Schicksal zu erleichtern. Es ist
mir nicht entgangen: auf mein Wohlergehen war Euer ganzes Leben gerichtet.
Nun wollt Ihr gar die Ketten meines Vaters auf Euch nehmen und geht
vielleicht in den Tod, um mir einen glcklichen Augenblick zu schaffen. Ich
unfrohes, trauriges Ding habe das nicht verdient.

Seltsam feurig erglnzten die Augen des Ritters. Begeistert rief er:

Fliet nicht das Blut meiner Grafen in Euren Adern, edle Frau? Seid Ihr
nicht der teure Spro des Lwen, des Frsten, der meines Vaterlandes Ruhm
verkrpert? Nie, niemals kann ich ihm seine Wohltaten vergelten; mein Blut,
mein Leben habe ich Eurem Durchlauchtigen Hause geweiht. Alles, was der
Lwe liebt, ist mir heilig!

Whrend Machteld ihn bewundernd anschaute, meldete ein Diener den Priester,
und dieser wurde auf Adolfs Gehei in den Saal gefhrt.

Seid gegrt, durchlauchtige Tochter des Lwen, unseres Herrn, sprach er
mit ehrerbietiger Verneigung, whrend er die Kappe seiner Kutte zurckwarf.

Machteld betrachtete forschend den Mnch und strengte ihr Gedchtnis an, um
sich seines Namens zu entsinnen; denn seine Stimme griff ihr tief ins Herz.
Pltzlich nahm sie seine Hand; ihre Augen glnzten vor Freude, und sie rief
leidenschaftlich bewegt:

O Gott! Der Herzensfreund meines Vaters-- Herr Dietrich! Ich glaubte,
alle auer Herrn van Nieuwland htten uns verlassen. Nun sei dem Himmel
Dank, er hat mir einen zweiten Beschtzer gesandt! Und ich-- ich wagte
Euch in Gedanken der Untreue zu beschuldigen! Vergebt meinem bekmmerten
Herzen diesen Irrtum, Herr Dietrich.

Dietrich war ganz verdutzt, da seine Kunst von einem Frauenauge
durchschaut worden war. rgerlich legte er seinen Bart ab und erschien nun
der Jungfrau in kenntlicherer Gestalt. Adolf erging sich in Danksagungen
und drckte ihm mit inniger Freundschaft die Hand. Dann wandte sich
Dietrich zu Machteld und sprach:

Frwahr, edles Frulein, ich mu gestehen, Ihr habt ein scharfes Auge.
Jetzt freilich heit es wieder natrlich sprechen. Und doch wre ich lieber
unerkannt geblieben; denn die Maske, die Ihr durchschaut habt, ist fr das
Wohl meines Gebieters, des Lwen, unentbehrlich. Ich bitte Euch deshalb,
nennt bei niemandem meinen Namen, das knnte mir das Leben kosten. Euer
Antlitz, edle Jungfrau, trgt die Spuren Eures langen, tiefen Schmerzes;
aber die sollen nicht dauern, wenn sich unsere Hoffnungen verwirklichen.
Sollte sich jedoch die Gefangenschaft Eures Vaters gegen all' unsere
Hoffnung lnger hinziehen, so gebietet Euch die Religion, auf die
Gerechtigkeit des Herrn zu vertrauen. Ich habe Herrn van Bethune gesehen
und gesprochen. Sein Los ist durch das Wohlwollen des Kastellans
erleichtert, und er ersucht Euch, seinetwegen nicht zu weinen.

Erzhlt mir doch, was er Euch gesagt hat, Herr Dietrich. Beschreibt mir
seinen Kerker, sein Leben. Nur seinen teuren Namen zu hren, tut meinem
Herzen schon wohl.

Dietrich der Fuchs begann eine eingehende Beschreibung des Turmes von
Bourges und erzhlte dem Mgdelein alles, was er wute. Mit der grten
Bereitwilligkeit beantwortete er jede kleinste Frage und trstete sie durch
erheuchelte Frhlichkeit.

Inzwischen war Adolf aus dem Saal gegangen, um mit seiner Schwester Maria
seine Reise zu besprechen und anzuordnen, da man hierzu sein Pferd und
seine Waffen instand setzte. Auch hatte er durch einen treuen Diener De
Coninck und Breydel benachrichtigt und aufgefordert, ber die junge Grfin
zu wachen. Das war freilich unntig, da Dietrich der Fuchs schon mit
geheimen Befehlen beim Weber gewesen war. Sobald Adolf zurckkam, erhob
sich Dietrich von dem Sessel und sprach:

Herr van Nieuwland, ich kann nicht lnger bleiben. Geduldet Euch nun,
bitte, nur ein wenig, damit ich Eurem Gesicht das ntige Alter verleihe.
Frchtet nicht, da es Euch irgendwie schaden knnte, und lat mich gleich
beginnen.

Der Ritter setzte sich vor Dietrich auf einen Sessel und lehnte sein Haupt
zurck. Machteld, die dies alles nicht begreifen konnte, stand verwundert
neben ihnen. Neugierig verfolgte sie, wie Dietrichs Finger auf Adolfs
Gesicht zahlreiche graue Flecken und schwarze Linien zeichneten. Bei jedem
Strich erstaunte das Mgdelein mehr; denn die Zge des Ritters vernderten
sich und erinnerten an die ihres Vaters. Beim Anblick dieser Wunder pochte
der Jungfrau Herz gar ungestm. Als dann alle Linien recht dastanden,
befeuchtete Dietrich Adolfs Wangen und Stirn mit einem blulichen Wasser
und ersuchte ihn, aufzustehen.

Wir sind fertig, sagte er, Ihr gleicht Herrn van Bethune, als ob ihr
beide Kinder desselben Vaters wret. Und htte ich Euch nicht selbst so
umgestaltet, ich wrde Euch mit dem Namen des durchlauchtigsten Lwen
begren. Ja, glaubt es mir, ich empfinde wirklich Ehrfurcht vor Eurem
neuen Gesicht.

Die junge Machteld stand sprachlos und wie von Sinnen vor Adolf. Sie konnte
sich nicht sattsehen und betrachtete abwechselnd die beiden Ritter, wie man
nach der Erklrung eines unbegreiflichen Vorganges fragt. Adolf glich Herrn
van Bethune so genau, da sie htte glauben knnen, ihr Vater stnde
wirklich vor ihr.

Herr van Nieuwland, sagte Dietrich der Fuchs, wenn Ihr Euer edles
Vorhaben glcklich ausfhren wollt, so ist es ratsam, da wir schleunigst
abreisen. Wenn Euch ein Feind oder ungetreuer Diener so erblickt, dann
schwebt Ihr in der grten Gefahr, Euer Leben nutzlos aufs Spiel zu
setzen.

Adolf sah ein, da er die Wahrheit sprach.

Lebt wohl, edle Jungfrau, rief er, lebt wohl und denkt zuweilen an Euren
Diener Adolf.

Sie schluckte die Trnen herunter, die schon in ihren Augen glnzten, und
lste ihren grnen Schleier.

Hier, sprach sie, empfanget das aus den Hnden Eurer dankbaren
Schwester. Er mag Euch an mich erinnern, die Eure edle Tat nie vergessen
wird. Es ist meine Lieblingsfarbe.

Der Ritter sank auf ein Knie, als er dies Pfand empfing, und drckte es mit
dankbarem Blick an seine Lippen.

O Machteld! rief er, ich habe diese Gunst nicht verdient. Mchte
dereinst der Augenblick kommen, da ich mein Blut fr das Haus von Flandern
vergieen kann: dann werde ich mich Eurer Freundschaft und Gte wrdig
zeigen.

Es ist Zeit; bitte, unterbrecht Eure Danksagungen, bemerkte Dietrich.

Lebt wohl, Machteld!

Lebt wohl, Adolf!

Und der Ritter verlie rasch den Saal. Im Vorhof schwangen er und Dietrich
sich in den Sattel; einige Augenblicke spter hallten die einsamen Straen
der Stadt von dem Tritt zweier Pferde wieder, bis sie unter dem Genter Tor
verschwanden.




XI.


Im Jahre 1280 hatte ein furchtbarer Brand die alte Halle am Markt vllig
vernichtet. Dort war der hlzerne Turm mit allen Rechtsurkunden der Stadt
Brgge in Flammen aufgegangen. Nur einige massive Mauern des untersten
Stockwerkes waren verschont geblieben und mit ihnen einige Rume, welche
bisweilen als Wachtstuben dienten. Die franzsischen Kriegsknechte hatten
dies verlassene Gemuer zum Sammlungsplatz erwhlt, und hier verbrachten
sie ihre freien Stunden mit Schwelgen und Spielen.

Einige Zeit nach der Abreise Adolfs van Nieuwland befanden sich acht
franzsische Sldner in einem der entlegensten Rume der Brandsttte. Eine
groe tnerne Lampe beleuchtete die gebrunten Gesichter der Krieger, und
kruselnd stieg ihr Qualm zum Gewlbe empor. An den Wnden konnte man beim
grellen Lampenschein noch einige Verzierungen im rmischen Stile bemerken.
Eine weibliche Statue ohne Hnde, deren Gesicht mit der Zeit schon ganz
entstellt war, stand in einer Nische des Gemachs. Vier Kriegsknechte saen
an einem schweren eichenen Tische und wrfelten eifrig. Mehrere andere
standen dabei und folgten aufmerksam dem Spiel. Offenbar waren diese Leute
nicht zum Wrfeln allein hierhergekommen: sie hatten Helme auf, und breite
Schwerter hingen an ihrem Grtel, als ob es zum Kampfe ginge.

Nach einigen Augenblicken stand einer der Spieler auf und warf rgerlich
die Wrfel beiseite.

Ich glaube, der alte Bretone hat keine sauberen Finger, rief er. Das
wre doch recht sonderbar, wenn ich unter fnfzig Wrfen nicht einmal
gewinnen sollte. Ich habe keine Lust mehr zum Spiel, ich hre auf.

Ihr wollt nicht mehr spielen! rief der Gewinner frohlockend. Was Teufel,
Johann, Eure Tasche ist doch sicher nicht leer!-- Fliehet Ihr so vor dem
Feind?

Wage es noch einmal, meinte ein anderer, vielleicht wendet sich das
Glck.

Der Sldner, der Johann genannt wurde, schwankte lange, ob er sein Glck
noch einmal versuchen sollte; endlich griff er in sein Panzerhemd und zog
einen glnzenden Schmuck hervor. Es war ein Halsschmuck von den feinsten
Perlen mit goldenem Schlo.

Da, sprach er, ich setze diese Perlen gegen euren Gewinn: die schnste
Schnur, die je am Hals einer vlaemischen Frau geblinkt hat! Wenn ich
diesmal wieder verliere, bleibt mir kein Hrlein von der Beute.

Der Bretone nahm den Schmuck in die Hand und betrachtete ihn neugierig.

Gut, es gilt! rief er; in wieviel Wrfen?

In zwei, antwortete Johann, werft Ihr zuerst.

Ein Haufen Goldstcke lag auf der Tafel neben den kostbaren Juwelen. Aller
Augen folgten in beklemmender Spannung den rollenden Wrfeln, und die
Herzen der Spieler klopften heftig. Beim ersten Wurf schien das Glck
Johann zu lcheln, denn er warf zehn, sein Genosse nur fnf. Whrend er
sich nun der Hoffnung hingab, sein Geld wiederzugewinnen, sah er, da der
Bretone die Wrfel heimlich zum Munde fhrte und an einer Stelle benetzte.
Als er merkte, da Trug an seinem Verluste schuld war, jagte ihm rger und
Rachsucht das Blut zu Kopfe. Er tat aber, als habe er nichts gesehen, und
meinte:

So werft; was zaudert Ihr? Seid Ihr bange?

Nein, nein! rief der Bretone und lie die Wrfel rasch aus den Hnden
rollen. Das Glck kann sich wenden-- seht Ihr wohl? Zwlf!

Nun warf Johann die Wrfel nachlssig auf den Tisch. Da er
unglcklicherweise diesmal nur sechs bekam, nahm der Bretone mit
Freudenrufen das Geschmeide an sich und barg es unter seinem Harnisch.
Johann wnschte ihm mit erknstelter Ruhe Glck zu seinem Gewinn und schien
sich ber den Verlust nicht sonderlich zu grmen. Aber in seiner Brust fra
geheimer Grimm, und er konnte sich nur mhsam zurckhalten. Whrend der
frohe Gewinner mit einem anderen Genossen sprach, flsterte Johann denen,
die bei ihm standen, etwas ins Ohr und schien den Bretonen durch seine
Blicke ihrer Aufmerksamkeit anzuempfehlen; dann rief er:

Da Ihr mir alles abgewonnen habt, Kamerad, werdet Ihr es mir nicht
abschlagen, das Glck noch einmal zu versuchen. Ich setze das Geld, das wir
diesen Abend noch verdienen, gegen eine gleiche Summe. Tut Ihr mit?

Aber natrlich, ich weiche nie!

Johann nahm die Wrfel und warf achtzehn in zweimal. Whrend nun der andere
die Wrfel von der Tafel nahm und sie beim Sprechen ganz absichtslos in der
Hand zu halten schien, gaben die Soldaten neben Johann genau darauf acht.
Sie sahen deutlich, da der Bretone die Wrfel nochmals an seine Lippen
fhrte, und dank dieser List einmal zehn und einmal zwlf warf.

Ihr habt verloren, Freund Johann! rief er.

Ein furchtbarer Faustschlag war die Antwort auf diesen Zuruf; Blut strmte
aus seinem Mund, und einen Augenblick war er ganz betubt, denn der Schlag
hatte sein Hirn erschttert.

Ihr seid ein Schelm, ein Dieb! schrie Johann; ich habe gar wohl gesehen,
wie Ihr die Wrfel na machtet und mich so um mein Geld betroget! Ihr sollt
mir alles wiedergeben, oder...

Der Bretone lie ihn nicht fortfahren. Er zog sein breites Schwert und
strzte unter furchtbaren Schmhungen auf ihn los. Auch Johann hatte sich
kampfbereit gemacht und schwur blutige Rache. Aber dazu kam es nicht. Schon
blitzten die beiden Klingen bereits im Lampenschein, und alles kndete
unvermeidliches Blutvergieen, als ein anderer Krieger in die Stube trat.

Seine stolzen und gebieterischen Blicke auf die Streitenden machten ihn
sogleich als Vorgesetzten kenntlich. Sowie die Soldaten seiner ansichtig
wurden, verstummten die Flche und Scheltworte, und die Schwerter fuhren
schleunigst in die Scheiden.

Johann und der Bretone kndeten einander durch Blicke an, da der Kampf nur
aufgeschoben sei, und traten mit den anderen zu ihrem Vorgesetzten, der sie
fragte:

Seid ihr bereit, Leute?

Wir sind fertig, Herr de Cressines! klang es zurck.

Beobachtet die grte Stille, nahm de Cressines das Wort, und verget
nicht, da das Haus, in das uns dieser Brger fhrt, unter dem Schutz
unseres Feldherrn Chtillon steht. Der erste, der irgend etwas anrhrt,
wird es bitter bereuen. Man folge mir.

Der Brger, der den franzsischen Kriegsknechten als Fhrer diente, war
eben jener Meister Brakels, der Leliaert, der aus der Weberzunft
ausgestoen worden war. Als die Sldner mit ihrem Anfhrer auf der Strae
waren, ging Brakels schweigend voran und fhrte sie durch die Finsternis in
die spanische Strae zur Tr von Herrn van Nieuwlands Wohnung. Hier
stellten sich die Sldner lngs der Mauer auf und atmeten kaum, damit man
ihre Gegenwart nicht bemerkte. Meister Brakels lie den Klopfer des Tores
leise niederfallen. Nach einigen Augenblicken kam eine Dienstmagd in den
Gang und fragte mitrauisch, wer so spt anklopfe.

ffnet rasch, gab Brakels zur Antwort, ich komme von Meister de Coninck
mit einer eiligen Nachricht fr Jungfrau Machteld van Bethune. Zgert
keinen Augenblick; denn die Jungfrau ist in groer Gefahr.

Die Dienstmagd war weit entfernt, Verrat zu argwhnen. Sie zog den Riegel
weg und ffnete die Tr rascher als sonst wohl. Aber wie gro war ihre
Bestrzung, als acht franzsische Soldaten hinter dem Vlaemen her in den
Gang drangen. Ihr gellender Schrei scholl bis in die entlegensten Gemcher
des Hauses, und sie wollte sich durch die Flucht retten. Aber Cressines
hielt sie zurck.

Wo ist Eure Gebieterin, Machteld van Bethune? fragte Cressines mit kalter
Ruhe.

Grfin Machteld hat sich schon seit zwei Stunden zur Ruhe begeben, und nun
schlft sie, stammelte die erschrockene Magd.

Geht zu ihr, sprach der Befehlshaber, und sagt ihr, sie mge sich
ankleiden; denn sie mu auf der Stelle dieses Haus verlassen und uns
folgen. Seid gehorsam, denn es tte mir leid, wenn ich Gewalt anwenden
mte.

Die Magd lief in angstvoller Eile die Treppe hinauf und weckte Adolfs
Schwester.

Ach, Herrin, rief sie, steht schnell auf, das ganze Haus wimmelt von
Soldaten!

Himmel, sagte Maria mit bebender Stimme, was sagst du? Soldaten in
unserem Hause? Was wollen sie?

Sie wollen die Grfin van Bethune sofort wegfhren. Bitte eilt, denn sie
schlft noch-- ich frchte, die Soldaten knnten in ihr Zimmer dringen.

Hastig, ohne Antwort warf die erschrockene Maria ein weites Gewand ber und
ging mit der Magd zu Herrn de Cressines, der noch auf dem Gange stand. Zwei
Diener des Hauses waren auf das Geschrei der Magd herbeigelaufen und
standen entmutigt zwischen den franzsischen Soldaten. Man hatte sie
gepackt und festgehalten.

Mein Herr, fragte Maria den Anfhrer, wollt Ihr mir sagen, warum Ihr so
zur Nachtzeit in meine Wohnung dringt?

Ja, edle Dame, bekam sie zur Antwort, es geschieht auf Befehl des
Landvogts. Grfin Machteld van Bethune, die hier wohnt, mu uns
unverzglich folgen. Frchtet nicht, da sie schlecht behandelt wird. Ich
verpfnde Euch meine Ehre, da kein Wort sie krnken soll.

O mein Herr, rief Maria, wtet Ihr, welches Los Ihr dem Mgdelein
bereitet, Ihr wrdet unverrichteter Sache wieder fortgehen; denn ich
entnehme Euren Worten, da Ihr ein ehrenwerter Ritter seid.

Ihr habt recht, ich bin kein Freund solcher Unternehmungen, aber den
Befehl meines Feldherrn mu ich pnktlich ausfhren. Wollet mir also die
Jungfrau Machteld ausliefern; wir knnen nicht lnger warten. Erspart mir
strenge Maregeln.

Maria sah wohl, da nichts diesen Schlag abwenden konnte; doch verhehlte
sie ihre tiefe Betrbnis vor den fremden Kriegsknechten und weinte nicht.
Mit sichtlichem Abscheu schaute sie auf den Vlaemen, der in einem Winkel
des Ganges stand, und ihre Blicke schienen ihm seinen Verrat vorzuwerfen.
Meister Brakels war nicht khn genug, dem entrsteten Mgdelein in die
Augen zu sehen. Zitternd ward er sich nun bewut, welche Rache ihn
verfolgen wrde, und wich einige Schritte zurck, als ob er fliehen wollte.

Man bewache diesen Vlaemen, rief Cressines seinen Leuten zu; lat ihn
nicht fort; denn wer wie er seine Freunde verrt, ist zu allem fhig.

Meister Brakels wurde beim Arm gepackt und mit Gewalt zwischen die Soldaten
gedrngt. >Verrter< ward er geschmht, und die Verachtung der Mnner,
denen er gedient hatte, war sein Lohn.

Maria verlie den Gang und trat bekmmerten Herzens in Machtelds
Schlafgemach; wie erstarrt blieb sie vor dem Bette stehen und betrachtete
das unglckliche Mgdelein, das so sanft schlief. Eine helle Trne glnzte
unter seinen Wimpern, und der Atem ging schwer und fiebrig. Pltzlich zog
es die Hand unter der Decke hervor und reckte sie, als wollte es ein
Schreckbild verscheuchen. Aus dem unverstndlichen Gemurmel tnte mehrmals
Adolfs Name wie ein Hilferuf.

Trnen brachen aus Marias Augen; der Anblick griff ihr tief ins Herz, und
ihr Mitleid wuchs noch bei dem Gedanken an das Leid, das das arme Mgdelein
frder erdulden sollte. Doch so sehr sie sich auch qulte, ihrer
unglcklichen Freundin die Nachricht zu bringen, sie durfte nicht zgern,
die Zeit war kostbar. Jeden Augenblick konnten die Sldner in das Zimmer
treten, und welchen Schrecken, welchen Kummer htte dann die edle Machteld
erlebt! In dieser Erkenntnis ergriff sie die Hand ihrer Freundin und weckte
sie mit den Worten:

Meine liebe Machteld, wachet auf, ich habe Euch etwas Eiliges zu sagen.

Die Berhrung Marias hatte das Mgdelein heftig erschreckt; weit ffnete
sie die Augen und zitterte, whrend sie ihre Freundin unsicher anschaute.

Seid Ihr es, Maria? fragte sie und rieb die trnenfeuchten Augen; was
fhrt Euch zu so ungewhnlicher Stunde zu mir?

Ach, meine arme Machteld, rief Maria weinend aus, steht auf. Hier ist
Euer Kleid,-- steht rasch auf, ein groes Unglck steht Euch bevor.

Erschrocken sprang Machteld auf und blickte Maria ngstlich an; die weinte
bitterlich, whrend sie Machteld ankleidete. Erst als sie ihr ein langes
Reitkleid reichte, antwortete sie mit einem tiefen Seufzer:

Ihr geht auf Reisen, edle Dame, der heilige Georg beschtze Euch!

Aber warum dieses Reitkleid, meine teure Maria? Ach, jetzt sehe ich,
welches Los meiner harrt! Mein bser Traum ist wahr geworden: als Ihr mich
wecktet, sah ich mich in Frankreich, vor Johanna von Navarra. O Gott, nun
ist alle Hoffnung dahin! Ich werde das schne Flandern nicht wiedersehen,
und Du, mein teurer Lwe, du lieber Vater, wirst Dein Kind vielleicht nicht
mehr in dieser Welt wiedersehen...

Maria hatte sich gramverzehrt in einen Sessel niedergelassen und schluchzte
schweigend. Sie brachte es nicht ber sich, die Befrchtungen ihrer
Freundin zu besttigen. Nach einigen Augenblicken warf sich ihr die
gengstigte Machteld um den Hals und sagte:

Weinet nicht so um mich, liebe, teure Freundin. Schon lngst bin ich mit
Unglck und Elend vertraut; fr das Haus Flandern ist alle Ruhe, alle
Freude dahin.

Unglckliches, edles Mgdelein, schluchzte Maria, Ihr wit nicht, da
drunten franzsische Sldner Eurer harren, da man Euch auf der Stelle
fortfhren wird.

Das bleiche Mgdelein erschauerte bei diesen Worten.

Sldner? rief sie. Soll ich der Roheit unedler Mietlinge ausgesetzt
sein? O liebe Maria, schtzet mich... O Gott, knnte ich jetzt sterben!
Robrecht, Robrecht, wtet Ihr, welche Schmach Eurem Kinde widerfhrt!

Erschreckt nicht so; ein ehrenwerter Ritter ist bei ihnen.

So ist denn die Unglcksstunde gekommen; ich mu Euch verlassen, Maria,
und die bse Knigin von Navarra wird mich, wie meinen Vater, einkerkern.
Doch es sei! Es gibt einen Beschtzer im Himmel, der mich nicht verlassen
wird...

Zieht rasch Euer Reitkleid an, ich hre die Tritte der Sldner.

Whrend Machteld das Kleid anzog, ffnete sich die Tr. Die Magd trat ein
und sagte:

Der franzsische Edelmann lt fragen, ob das Frulein van Bethune bereit
sei, und ob er vor ihr erscheinen drfe.

Er mag kommen! war Marias Antwort.

Herr de Cressines war der Magd gefolgt und trat unmittelbar darauf in das
Zimmer. Er verbeugte sich vor der Jungfrau, und man las in seinen
mitleidigen Blicken, da er diesen Auftrag widerwillig ausfhrte.

Grfin, sprach er, deutet es mir nicht bel, wenn ich Euch ersuche, mir
auf der Stelle zu folgen. Ich darf keinen Augenblick mehr sumen.

Ich werde mich gehorsam fgen, antwortete Machteld, die ihre Trnen
zurckhielt. Ich hoffe, mein Herr, da Ihr mich vor aller Schmach bewahren
werdet.

Ich versichere Euch, edle Dame, rief Cressines, den des Mgdeleins
Ergebung rhrte, da Euch kein Leid zugefgt werden soll, solange Ihr
unter meinem Schutze steht.

Aber Eure Sldner, mein Herr?

Meine Sldner, Frulein, sollen Euch kein Wort sagen. Diese Versicherung
mag Euch gengen.

Die beiden Mdchen umarmten sich zrtlich und vergossen viele Trnen. Immer
aufs neue wiederholten sie die bitteren Worte der Trennung, immer wieder
fielen sie sich um den Hals. Endlich folgten sie dem Ritter in den Gang.

O mein Herr, rief Maria, sagt mir doch, wohin Ihr meine unglckliche
Freundin fhrt!

Nach Frankreich, sagte Cressines; und den Soldaten gebot er:

Achtet auf meine Worte!-- Wer in Gegenwart dieser Dame ein unziemendes
Wort sagt, wird streng bestraft. Ich will, da man sie ihrem
durchlauchtigen Stande gem behandelt. Fhrt die Pferde vor!

Machteld weinte still unter dem Schleier, der ihr Gesicht bedeckte. Maria
hielt eine Hand gefat, und beide standen bewegungslos wie Bildsulen da.
Worte reichten nicht hin, ihren herben Abschiedsschmerz auszudrcken.

Als die Pferde vor die Tr gebracht waren, half Herr de Cressines
Machtelden auf einen leichten Traber. Meister Brakels und die Diener wurden
freigelassen, und der Zug entfernte sich rasch durch die Straen von
Brgge. Einige Augenblicke spter waren sie auf freiem Felde, auf Wegen,
welche Machteld nicht erkennen konnte. Die Nacht war dster, und feierliche
Stille lag auf der schlummernden Natur. Herr de Cressines blieb stets an
Machtelds Seite. Weil er sie in ihrer Betrbnis nicht stren wollte, sprach
er nicht mit ihr und wrde vielleicht die Reise schweigend zurckgelegt
haben, wenn ihn nicht die junge Machteld zuerst angeredet htte.

Ist es mir erlaubt, mein Herr, etwas ber mein zuknftiges Schicksal zu
wissen, und darf ich fragen, von wem der Befehl stammt, der mich aus meiner
Wohnung reit?

Der Befehl ward mir durch Herrn de Chtillon gegeben, antwortete de
Cressines. Wahrscheinlich kommt er von hherer Seite, denn das Ziel Eurer
Reise ist Compigne.

Ja, schluchzte das betrbte Mgdelein, Johanna von Navarra erwartet
mich. Meinen Vater und alle meine Blutsverwandten einzukerkern gengte
nicht; ich fehle ihr noch. Jetzt ist ihre Rache vollstndig. O mein Herr,
Ihr habt eine bse Knigin!

Ein Mann htte mir das nicht sagen drfen. Es ist wahr, edle Frau, unsere
Knigin behandelt die Vlaemen sehr strenge, und ich hege innigstes Mitleid
fr Herrn van Bethune; aber ich kann nicht mit anhren, da man meine
Frstin schmht.

Vergebt! Eure ritterliche Treue verdient meine Achtung. Ich werde ber
Eure Knigin nicht mehr Klage fhren und schtze mich glcklich, in meinem
Unglck einen so ehrenwerten Ritter zum Fhrer zu haben.

Es wre mir ein wahres Vergngen, Euer Edeln bis nach Compigne zu
begleiten; aber diese Ehre ist mir nicht zugedacht. In einer Viertelstunde
bekommt Ihr eine andere Gesellschaft, aber das kann Eure Lage in nichts
ndern; die franzsischen Ritter vergessen nie, was sie den Frauen schuldig
sind.

Es ist wahr, mein Herr, die franzsischen Ritter sind sehr hflich und
ehrerbietig gegen uns; aber wer brgt mir dafr, da ich immer eine
Begleitung haben werde, die meinem Stande angemessen ist?

O! das wird sicher der Fall sein. Ich bringe Euch nach Schlo Male und mu
Euch dem Herrn von Saint-Pol bergeben. Soweit geht mein Auftrag.

Sie plauderten noch einige Zeit, bis sie vor der Brcke des Schlosses
anlangten. Bei ihrem Nahen rief die Torwache sie an, und das Fallgitter
ging hoch. Kurz darauf fiel die Brcke rasselnd nieder, und der ganze Zug
ritt in das Schlo.




XII.


Nun waren schon Monate seit der bergabe der Stadt Brgge verflossen. Herr
de Chtillon hatte Herrn von Mortenay[28] zum Stadtvogt ernannt und war
nach Kortrijk zurckgekehrt; denn er traute den Brggern nicht genug, um
unter ihnen zu wohnen. Die Sldner, welche er in der eroberten Stadt
gelassen hatte, begingen allerlei Ausschreitungen und setzten den Brgern
gar boshaft zu. Dieses Druckes mde, kehrten fast alle fremden Kaufleute in
ihr Vaterland zurck, und der Handel ging von Tag zu Tag zurck. Die
Znfte sahen mit Schmerz und innerer Erbitterung ihren Wohlstand
dahinsinken; doch die Maregeln der Franzosen waren hinreichend streng, um
einstweilen ihre Wut zu zgeln. Ein groer Teil der Festungswerke wurde
geschleift und ein starkes Kastell gebaut, um die Stadt im Zaume zu halten.

    [28] Der vlaemische Text enthlt eine doppelte Form fr diesen
    Namen: >Mortenay< und >Montenay<.

Zur groen Verwunderung seiner Mitbrger lie De Coninck all das ohne
Widerstreben geschehen und ging ruhig und anscheinend gleichgltig durch
die Straen; nur in den Versammlungen der Weber verkndete er die Befreiung
des Vaterlandes und hielt so die Hoffnung in den Herzen seiner Brder wach.

Breydel war gar nicht mehr wiederzuerkennen. Dsteres Brten hatte seine
jugendlichen Zge alt gemacht. Seine Augenbrauen hingen tief herab, das
stolze Haupt des tapferen Vlaemen war gebeugt wie unter einer drckenden
Last. Die Herrschaft, der Anblick der aufgeblasenen Franzosen war fr ihn
wie eine Natter, die sein Herz fest umschlungen hielt und grausam
zerfleischte. Alle Freude, alle Zufriedenheit war fr ihn dahin. Selten
verlie er seine Wohnung; denn das eroberte Brgge war ihm ein Kerker,
dessen Luft ihn erdrckte. Dieser edle Schmerz verlie ihn keinen
Augenblick, und seine Brder vermochten ihn durch nichts zu trsten oder
aufzumuntern. In den Augen jedes Franzosen las er gleich einem Vorwurf das
Schandwort: Sklave!

Eines Morgens war er sehr frh in seinem Laden und setzte die Trumereien
der Nacht fort, mit der linken Hand auf einen Hauklotz gesttzt. Seine
unsteten Blicke glitten ber die Fleischstcke an der Wand, doch er sah sie
nicht; seine Seele war mit anderen Gedanken beschftigt. So stand er
geraume Zeit regungslos da, bis seine rechte Hand unwillkrlich ein
Schlachtbeil ergriff, das, viel grer als die anderen, besonderen Zwecken
bestimmt schien. Als er den glnzenden Stahl gewahrte, glitt ein seltsames
Lcheln ber seine grimmen Zge, und lange starrte er das Mordwerkzeug an.
Pltzlich wurde sein Angesicht finster und traurig. Er blickte dster vor
sich hin und sagte klagend: Vorbei! Keine Hoffnung mehr auf Befreiung! Wir
mssen das Haupt beugen und weinen ber unser besiegtes Vaterland. Da
laufen tglich diese frohblickenden Franzosen durch die Stadt, spotten,
verhhnen jeden-- und wir, wir Vlaemen, wir mssen es dulden, mssen es
ertragen! O Gott, wie grausam nagt die Verzweiflung an meinem Herzen! Er
packte krampfhaft das Beil und betrachtete es: Und du, meine treue Waffe,
wozu wirst du mir frder dienen? Es gibt kein Vaterland mehr zu rchen,
kein fremdes Blut mehr zu vergieen. Trnen der Scham benetzen dich,
Breydel flennt wie ein Weib...

Alsbald ergriff ihn heftige Wut. Er warf das Beil zu Boden und trat mit dem
Fue darauf. Geh! rief er, ein Sklave bedarf keiner Waffen! Und dann
sank seine Hand wieder auf die Bank nieder.

Die Tr des Ladens tat sich auf, und Breydel erkannte nun verwundert De
Coninck.

Guten Tag, Meister, sprach er, welch schmerzliche Neuigkeit bringt Ihr
mir so frh?

Freund Jan, erwiderte De Coninck, ich frage Euch nicht, weshalb Ihr so
traurig seid, ich kenne Eure edle Seele; der Gedanke an die Sklaverei
bringt Euch um, ich sehe es wohl.

Schweigt, Meister, schweigt davon; mir ist, als ob die Wnde meines Hauses
dieses schmachvolle Wort wiederholen. O mein Freund, wre ich doch auf den
Mauern unserer Stadt gestorben, dann htte ich mir solch bittere Pein
erspart. Wieviel feindliche Franzosen htten dann neben mir ihr Grab
gefunden! Aber diese glorreichen Tage sind vorber.

De Coninck betrachtete den Obmann der Fleischer mit Rhrung; er erma an
seinen eigenen Leiden, wie tdlich dieser Schmerz fr eine Seele, wie die
Breydels, sein mute und antwortete:

Trstet Euch doch, edler Freund! Bedenkt: das Feuer, welches unter der
Asche glimmt, ist noch nicht erloschen. Einst kehren die ruhmreichen Tage
zurck; die dunstige Luft der Knechtschaft klrt sich auf; schon hat die
Freiheitssonne einige Strahlen zu uns niedergesandt. Ihr wit es nicht,
aber Ihr knnt mir glauben, die Stunde der Freiheit naht. Noch sind wir
nicht schwer genug gedrckt, die Bande der Sklaverei mssen noch
schmerzlicher auf uns lasten, damit selbst den Feiglingen die Kette
unertrglich wird. Dann, tapferer Bruder, dann wird unsere teure Vaterstadt
wieder den schwarzen Lwen von Flandern hochtragen vor allem Volke.

Breydel betrachtete den Obmann der Weber bei diesen Worten mit seltsamem
Ausdruck. Ein Lcheln der Hoffnung verklrte sein Gesicht, und sein
bedrcktes Herz erleichterte sich durch einen tiefen Seufzer. Er ergriff De
Conincks Hand, drckte sie an sein Herz und sprach:

Ihr allein, mein Freund, kennt mich, Ihr allein knnt mich rhren und
trsten.

Aber, fuhr De Coninck fort, mein Besuch hat einen anderen Zweck, Meister
Jan. Ihr wit, da wir gelobt haben, die junge Machteld zu beschtzen.

Was gibt's? rief Breydel ungestm. Bange Ahnung verfrbte seine Wangen.
Freund, bringt Ihr eine schreckliche, schmhliche Kunde? rief er aus.

Die Franzosen haben die Tochter unseres Herrn gefangengenommen und
fortgefhrt!

Breydel trat einen Schritt vorwrts, hob das Beil vom Boden und schwang es
wtend in seiner Faust. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam aus
seinem Mund; endlich rollten zwei glnzende Trnen ber seine Wangen,
Trnen der Wut und Rachsucht.

O Lwe von Flandern! keuchte er, so gehen sie mit Deinen Kindern um; und
das sollte ich dulden? Nein, nein, jetzt ist's vorbei, De Coninck, es ist
vorbei! Ich hre auf nichts; heute mu ich Blut sehen, viel Blut, oder ich
sterbe!

Ruhig, mein Freund, antwortete De Coninck, ruhig, und nehmt Vernunft
an: Euer Leben schuldet Ihr dem Vaterland und drft es nicht nutzlos
wagen.

Ich will nichts hren, fuhr Jan Breydel fort. Ich danke Euch fr Euren
weisen Rat, aber ich mag und kann ihn nicht befolgen. Spart Eure Worte, sie
sind fruchtlos.

Aber, Meister Jan, lat Euch nicht so hinreien; Ihr knnt die Franzosen
doch nicht allein verjagen.

Das kmmert mich nicht, so weit denke ich nicht. Rache fr die Tochter des
Lwen, und dann den Tod! O, jetzt bin ich glcklich! Mein Geist ri sich
wieder empor, mein Herz schlgt wieder khn und stark! Aber ich will mich
beruhigen; sagt mir nur, was Ihr wit.

O, nicht viel. Heute ganz frh hat mich ein Diener des Herrn van Nieuwland
geweckt. Von ihm erfuhr ich, da die edle Machteld in der Nacht fortgefhrt
worden ist, und da der Verrter Brakels den Franzosen zum Fhrer gedient
hat.

Brakels! rief Breydel; noch einer mehr fr mein Beil; der soll den
Franzosen nicht mehr dienen!

Wohin man die Jungfrau gebracht, wei ich nicht; vermutlich nach Schlo
Male; denn der Diener hat diesen Namen zweimal von den Sldnern nennen
hren. Ihr seht wohl, Breydel, es wre besser, Genaueres abzuwarten, statt
so unbesonnen zu Werke zu gehen. Ja, es ist fast gewi, da die edle
Jungfrau bereits nach Frankreich gebracht worden ist.

Ihr pocht an eines Tauben Tr, rief Breydel; ich sage Euch, nichts kann
mich mehr wankend machen. Ich will und mu fort, vergebt mir, da ich Euch
stehenden Fues verlasse.

Er barg das Beil unter seinem Wams und wandte sich hastig nach der Tr;
aber De Coninck hatte ihm rasch der Weg vertreten. Wie ein Tiger, der in
der Schlinge hngt, sphte Breydel im Laden umher, als suchte er einen
Ausgang. Sein Krper neigte sich vor, seine Muskeln waren gespannt, wie
wenn er sich auf etwas strzen wollte, das seine Flucht hemmte.

Lat die nutzlosen Versuche, redete ihm De Coninck zu, ich versichere
Euch, Ihr werdet mit dem Beil nicht ausgehen. Ihr seid mir zu teuer, und
ich halte es fr meine Pflicht, Euch vor Unheil zu bewahren.

Lat mich durch, Meister Peter, rief der Obmann der Fleischer, ich bitte
Euch, lat mich fort. Ihr qult mich grausam.

Nein, hierin bin ich unerbittlich; glaubt Ihr, Ihr wret Euer eigener
Herr, da Ihr Euer Leben nach Belieben wagen drftet? O nein, Meister, Gott
hat Euch eine tiefere Seele geschenkt, und das Vaterland hat in Euch einen
krftigen Mann gefunden, um Euch zum Schutz fr unsre Freiheit am Leben zu
erhalten. Bedenkt diese hohe Sendung, Meister, und vergeudet Eure Krfte
nicht durch nutzlose Rache.

Whrend De Coninck so sprach, besnftigte sich die Aufregung des
Fleischers. Seine Haltung wurde ruhig, und man htte glauben knnen, da er
durch die weise Rede seines Freundes berzeugt worden sei. Das war zwar
nicht Verstellung, aber auch nicht der wahre Ausdruck seiner Gefhle. Er
schwankte zwischen Rachsucht und Besonnenheit, ohne innerlich zur Ruhe zu
kommen.

Ihr habt recht, mein Freund, sprach er, ich lasse mich zu leicht
hinreien; aber Ihr wit, es gibt Leidenschaften, deren Drngen man nicht
widerstehen kann. Ich will meine Waffe da wieder an die Wand hngen; nun
werdet Ihr mich doch herauslassen; ich mu ja heute noch nach Thourout, um
Vieh zu kaufen.

Gut, ich will Euch nicht lnger zurckhalten, obgleich ich wei, da Ihr
nicht nach Thourout gehen werdet.

Gewi, Meister, ich habe kein Vieh mehr im Stalle und mu mir noch vor
Abend welches beschaffen.

Ihr knnt mich nicht tuschen, Meister Jan, ich kenne Euch zu lange. Durch
Eure Augen blicke ich bis ins Innerste Eurer Seele; Ihr geht geradeswegs
nach Male.

Ihr seid ein Zauberer, Meister Peter, denn Ihr kennt meine Gedanken besser
als ich. Ja, ich gehe nach Male, aber glaubt mir, nur, um nach der
unglcklichen Tochter unseres Herrn zu forschen. Ich gelobe Euch, die Rache
bis auf einen gnstigeren Tag zu verschieben.

Die beiden Obmnner gingen zusammen hinaus und trennten sich vor der Tr
nach kurzem Gesprch.

Breydel erreichte nach einer halben Stunde das Dorf Male. Die Herrschaft
Male liegt eine kleine Meile von Brgge entfernt. Zur Zeit unserer
Erzhlung bestand sie vornehmlich aus ungefhr dreiig Strohhtten, die
hier und da auf dem Gebiet des Schlosses zerstreut lagen. Zwischen den
undurchdringlichen Wldern rings um das Dorf waren durch Flei die
fruchtbarsten cker erstanden. Da die Erde jener Gegend ihren Bewohnern
dankbar schien und mit reicher Ernte lohnte, htte man annehmen sollen, da
die Bauern von Male in Wohlstand lebten. Und doch zeigte ihre Kleidung,
ihre ganze Erscheinung grte Drftigkeit. Knechtschaft und Bedrckung
waren an ihrer Armut schuld. Der Schwei ihres Angesichts rann weder fr
sie noch fr ihre Familie. Alles kam dem Lehnsherrn, ihrem Gebieter,
zugute, und sie schtzten sich glcklich, wenn ihnen nach Abzug der Steuer
und Lehnsabgaben noch genug blieb, um ihren Krper whrend des Jahres fr
die schwere Arbeit zu strken.

Unweit des Schlosses befand sich ein viereckiger Platz, um den etwas
dichter einige steinerne Gebude errichtet waren. In der Mitte stand eine
steinerne Sule, und daran hing eine Kette mit einem eisernen Halsband.
Dies war das Wahrzeichen der grflichen Rechtspflege und die Sule der
bekannte Pfahl, an dem man die Missetter ausstellte. An der einen Seite
war eine kleine Kapelle erbaut, deren Kirchhof seine Mauern einige Schritte
auf den Platz hin dehnte.

Daneben stand ein ziemlich hohes Haus, der einzige Krug oder das Wirtshaus,
da man Wein und Bier ausschenkte. Der Name der Herberge war ber der Tr
dargestellt, aber so schlecht und ungeschickt, da man kaum den heiligen
Martin in diesem steinernen Bilde erkennen konnte. Der Flur des untersten
Stockwerkes war so weit, wie es die Auenmauern erlaubten. Ein breiter,
sehr groer Herd ragte einige Fu vor und fllte den Hintergrund des Raumes
aus; er lie nur an jeder Seite einen kleinen Winkel brig, in dem Samen
und Pflanzenwurzeln zum Trocknen hingen. Die anderen Wnde waren mit Kalk
geweit und mit allerlei hlzernem und zinnernem Kchengert behngt. Ein
Schlachtbeil und eine Anzahl groer Messer in ledernen Scheiden hingen an
einem dafr bestimmten Platz. Der Rauch, der bestndig vom Herd in die
Stube drang, hatte die Balken der Decke ganz geschwrzt. Das Zimmer erhielt
dadurch ein ungemtliches Aussehen. Obgleich die Sonne sehr hell schien,
war es darin doch ziemlich dster; denn die halb romanischen, halb
gotischen Fenster waren fast sieben Fu ber dem Boden und bestanden aus
kleinen Scheiben. Schwere Sessel und noch klumpigere Tische standen in der
Stube herum. Die Wirtin lief hin und her, um die zahlreichen Gste zu
bedienen und ihnen einzuschenken. Die zinnernen Kannen und Becher standen
nicht still, und dadurch wurde die lebhafte Unterhaltung der Gste zu einem
unverstndlichen Summen. Am Herde kndete mnnlich-krftiger Klang, da
Vlaemisch gesprochen wurde, whrend in der Stube mehr weibische, lispelnde
Tne die franzsische Sprache verrieten. Unter denjenigen, welche sich
dieser fremden Sprache bedienten und zur Besatzung des Schlosses gehrten,
war ein Kerl namens Leroux, der wie ein Vorgesetzter zu seinen Genossen
sprach; doch war er ein einfacher Krieger wie sie; nur seine ungewhnliche
Strke hatte ihm diesen Vorrang verschafft.

Whrend die franzsischen Kriegsknechte ihre Kannen unter heiteren
Gesprchen leerten, kam ein anderer Sldner in den Krug und sprach zu
ihnen:

Holla, Kameraden, ich bringe euch gute Kunde. Wir werden das verwnschte
Flandern verlassen, und wahrscheinlich sehen wir schon morgen unser schnes
Frankreich wieder.

Die Sldner staunten ber seine Worte und blickten den Boten verwundert an.

Ja, fuhr der fort, morgen geht es mit der schnen Edeldame fort, die uns
heut nacht so zur Unzeit besucht hat.

Ist das wahr, was Ihr da sagt? fragte Leroux.

Natrlich ist es wahr, unser Herr de Saint-Pol hat mich geschickt, Euch
davon zu benachrichtigen.

Ich glaube Euch, denn Ihr seid immer ein Unglcksbote, rief Leroux.

Aber warum erbittert Euch diese Nachricht? Kehrt Ihr nicht gern nach
Frankreich zurck?

Durchaus nicht, wir genieen hier die Frchte des Sieges, und ich habe
keine Lust, sie sobald im Stiche zu lassen.

O, dann erschreckt nicht so sehr, wir kommen in wenigen Tagen wieder
zurck. Wir mssen Herrn de Saint-Pol nur bis Rijssel begleiten.

Als Leroux eben antworten wollte, ffnete sich die Tr und ein Vlaeme trat
ein. Er betrachtete die Franzosen mit khnem Stolz, setzte sich allein an
einen Tisch und rief:

Wirt! einen Krug Bier und rasch, denn ich bin eilig.

Sogleich, Meister Breydel, war die Antwort.

Das ist ein schner Vlaeme, flsterte ein Sldner Leroux in das Ohr. Er
ist zwar nicht so gro wie Ihr; aber welch krftiger Krper und was fr
eine Stimme; das ist kein Bauer!

Wahrlich, antwortete Leroux, es ist ein prchtiger Kerl. Er hat Augen
wie ein Lwe. Ich wrde mich gern mit ihm anfreunden.

Wirt, rief Jan Breydel und stand auf, wo bleibt Ihr, die Kehle brennt
mir frchterlich.

Sagt, Vlaeme, begann Leroux, knnt Ihr Franzsisch?

Mehr, als mir lieb ist, antwortete Breydel in derselben Sprache.

Schn. Ich sehe, Ihr seid ungeduldig und habt Durst. Hier biete ich Euch
meine Kanne an. Trinkt, und wohl bekomm's!

Breydel nahm die Kanne mit einem Zeichen des Dankes aus der Hand des
Sldners und sprach, indem er sie zum Munde fhrte:

Auf Eure Gesundheit und Glck im Kriege.

Doch kaum hatten nur einige Tropfen seinen Mund benetzt, so setzte er den
Becher mit Widerwillen auf den Tisch.

Was ist das? Frchtet Ihr Euch vor dem edlen Trank? Die Vlaemen sind das
nicht gewohnt, rief Leroux lachend.

Das ist franzsischer Wein, antwortete Breydel so gleichgltig, als wre
der Widerwille ganz natrlich.

Die Sldner sahen einander verwundert an, und sichtlicher rger
verfinsterte Leroux' Zge. Doch bestimmte ihn Breydels kalter Ausdruck, den
Vlaemen ohne Auseinandersetzung zu seinem Sitz zurckzulassen. Mittlerweile
hatte der Wirt das verlangte Bier gebracht, und der Obmann der Fleischer
tat mehrere Zge, ohne auf die Franzosen zu achten.

Nun denn, Kameraden, rief Leroux und hob den Becher, lat uns noch ein
Glas leeren, damit man nicht sagen kann, wir verreisten mit trockener
Kehle. Auf die Gesundheit der schnen Edelfrau.

Jan Breydel kmpfte bei diesen Worten mit Mhe seine Aufregung nieder.

Wenn whrend unserer Abwesenheit nur nichts vorfllt! meinte Leroux
anzglich, die Brgger beginnen wieder zu murren und unruhig zu werden.
Man mte die Stadt einmal plndern, whrend wir in Frankreich sind.

Breydel knirschte vor Wut mit den Zhnen, aber er hatte sein Gelbde und
die Warnung De Conincks noch nicht vergessen. Er horchte noch gespannter,
als Leroux fortfuhr:

Den Schaden wrden wir der schnen Edeldame zu danken haben... Aber wer
mag es nur sein? Ich fr meinen Teil glaube, es ist die Frau eines
mchtigen Meuterers, und sie wird zu den anderen nach Frankreich gefhrt.
Sie wird noch bitteres Brot essen...

Der Vorsteher der Fleischer war von seinem Sessel aufgestanden, und whrend
er lssig in der Stube auf und ab ging, um seine Aufregung zu verbergen,
brummte er mit leiser Stimme einige Worte eines Volksliedes:

    Seht ihr den schwarzen Leu'n sich recken
    So stolz in reichem, goldnem Feld?
    Seht seine mcht'ge Riesenklaue
    Mit der _ein Schlag_ den Gegner fllt!
    Seht ihr sein blutig Auge blitzen:
    Seht ihr der Mhne wirre Pracht?--
    Der Leu ist unser Leu von Flandern,
    Des _Rast_ die Welt noch bangen macht.

Als die Franzosen diese Tne hrten, waren sie uerst erstaunt.

Hrt, sagte einer, das ist das Lied der Klauwaerts; welche Frechheit!
Wagt es der Vlaeme, in unserer Gegenwart so etwas zu singen!

Breydel hatte diese Worte wohl gehrt. Aber er sang ruhig weiter, ja, er
hob sogar seine Stimme, als ob er den Franzosen trotzen wollte:

    Vor seiner Klauen Schlag im Osten
    Der Feinde zitternd Heer entfleucht;
    Die ungestmen Sarazenen,
    Den Halbmond hat sein Blick verscheucht.
    Dann zog er wiederum gen Westen,
    Verlieh, der Tapferkeit zum Lohn,
    Dem unverzagt'sten seiner Shne
    Den Knigs- oder Kaiserthron.

Aber was bedeutet dieser Gesang, den ihr ewig im Munde fhrt? fragte
Leroux einen Vlaemen aus dem Schlo, der bei ihm sa.

Nun, er besagt, da der schwarze Lwe von Flandern seine Klauen in den
Halbmond der Sarazenen geschlagen und Graf Boudewyn zum Kaiser gemacht
hat.

Hrt mal, Vlaeme, rief Leroux Breydel zu, Ihr mt doch zugeben, da der
schreckliche schwarze Lwe vor dem Lilienbanner unseres mchtigen Frsten,
Philipps des Schnen, fliehen mute; jetzt ist er sicher fr immer tot.

Meister Jan lchelte und antwortete mit verchtlichem Spott:

Das Lied hat noch einen Schluvers, hrt nur:

    Nun schlummert er.-- Der Welschen Knig
    Schlug ihn in eisern Kerkerband.
    So drangen feige Ruberbanden
    Tief in des Leuen Vaterland...
    Wenn er erwacht-- dann weh euch, Ruber!
    Die Klaue bringt euch schlimmen Tod:
    Die stolze Pracht der weien Lilie
    Besudelt er mit Blut und Kot.

Fragt nun, was das bedeutet!

Als Leroux sich den Sinn dieser Worte hatte erklren lassen, warf er heftig
seinen Sessel um, schenkte seinen Becher bis zum Rande voll und rief:

So will ich denn doch mein Leben lang eine feige Memme sein, wenn ich Euch
nicht den Hals breche, falls Ihr noch ein Wort sagt!

Jan Breydel lachte spttisch bei dieser Drohung und antwortete:

Schwrt nicht solche Sachen, Ihr macht die Rechnung ohne den Wirt. Denkt
Ihr, ich werde vor Euch schweigen? Vor allen Franzosen der Welt wrde ich
auch nicht ein einziges Wort unterdrcken. Und, um Euch das zu beweisen,
trinke ich auf die Ehre des Lwen,-- und ich verachte die Franzosen, hrt
Ihr es?

Kameraden, sagte Leroux wutbebend, lat mich allein mit dem Vlaemen
kmpfen, er soll durch meine Hand sterben.

Dann trat er an Breydel heran und sprach:

Ihr lgt! Es lebe die Lilie!

Ihr selbst lgt! Und Heil dem schwarzen Lwen von Flandern! schrie
Breydel ihm ins Gesicht.

Kommt heran, fuhr der Franzose fort, Ihr seid stark; ich will Euch
beweisen, da die Lilie vor keinem Lwen zu weichen braucht. Wir kmpfen
bis auf den Tod!

Versteht sich, aber lat uns schnell machen. Es freut mich, einen mutigen
Feind gefunden zu haben; das ist der Mhe wert!

Schon waren sie auerhalb des Kruges und schritten zwischen den Bumen hin.
Als sie einen bequemen Platz gefunden hatten, trat jeder einen Schritt
zurck, und beide richteten sich zu einem furchtbaren Kampfe. Breydel warf
seinen Dolch auf die Erde und streifte die rmel seines Wamses bis zu den
Schultern auf; seine muskelstrotzenden Arme setzten die Sldner in
Erstaunen, die abseits standen, um das Ringen mit anzusehen. Da Breydel
keine andere Waffe als den Dolch hatte, warf Leroux seine Waffen ebenfalls
von sich. Er wandte sich zu seinen Kameraden und sprach:

Achtung, was auch geschehen mag, ich will nicht, da man mir hilft. Dieser
Kampf mu ehrlich abgemacht werden, denn mein Gegner ist ein tapferer
Vlaeme.

Seid Ihr fertig? rief Breydel.

Ich bin bereit! war die Antwort.

Nun zogen die Kmpfer die Kpfe zwischen die Schultern, die Augen blitzten
unter den gefalteten Brauen, Zhne und Lippen preten sich hart zusammen,
und so strzten sie wie zwei rasende Stiere aufeinander los. Von jeder
Seite fiel ein schwerer Faustschlag auf des Gegners Brust, wie ein Hammer
auf einen Ambo, und beide Streiter taumelten zurck; aber das entflammte
sie zu noch grerer Wut. Sie stieen ein dumpfes Geheul aus und
umschlangen sich mit den Armen wie mit zwei eisernen Grteln; jetzt
drckten sie sich gegenseitig mit furchtbarer Gewalt nieder. Arme, Beine,
Schenkel-- alle Glieder zeigten ungewhnliche Kraft; denn sie preten sich
furchtbar widereinander, und manchmal sthnten die Streiter ob der
qulenden Quetschungen infolge dieses erbitterten Ringens. Das Feuer der
Raserei brannte in ihren grimmen Zgen, und ihrer Augen Wei war ganz mit
Blut unterlaufen. Doch keiner konnte den andern aus seiner Stellung
bringen; es war, als wren ihre Fe am Boden festgewurzelt. Breydels Adern
waren so geschwollen, da sie wie Bnder auf seinen Armen lagen. Dampfender
Schwei troff strmend von den Wangen der Kmpfer, und ihr Atem ward kurz
und abgerissen. Ihre Brust senkte und hob sich rasch; aber man hrte nichts
als einige Flche, und dazwischen dumpfes Sthnen.

Nachdem sie solcherart einige Zeit miteinander gerungen hatten, trat der
Franzose etwas zurck, umschlang Breydels Hals und drckte ihm den Kopf
unwiderstehlich vornber, so da er wankte und sich niederbeugte. Leroux
lie ihm keine Zeit, sich aufzurichten. Er benutzte seinen Vorteil-- nun
noch ein krftiger Druck, und Breydel mute seine Knie unter dieser
furchtbaren Gewalt beugen.

Da kniet der Lwe schon, rief Leroux und versetzte Breydel einen so
entsetzlichen Schlag auf den Kopf, da dem das Blut aus dem Munde strzte.

Aber dabei hatte er Breydel mit einer Hand loslassen mssen. Als er eben
die Hand reckte, um dem Vlaemen den Garaus zu machen, sprang dieser auf und
wich drei Schritt zurck. Schnell, wie der Blitz, schnellte er brllend auf
den Franzosen los und umfate ihn mit solcher Wut, da ihm die Rippen im
Leibe krachten. Aber auch der schlang seine Glieder wie Schlangen um
Breydels Krper mit einer Kraft, die noch durch bung und Gewohnheit
gesteigert wurde. Der junge Vlaeme fhlte, da sich seine Beine unter den
Knien des Franzosen bogen und den Grund verloren. Dies anhaltende Ringen,
darin er zum erstenmal in seinem Leben seinen Mut zuschanden werden sah,
war ihm qualvoller als die Hlle. Schaum trat auf seine Lippen, und er
wurde ganz toll vor Wut; pltzlich ri er sich von dem Franzosen los,
senkte sein Haupt gegen die Brust und warf sich ihm entgegen. Wie eine
Sturmramme gegen eine Mauer stie Breydels Stirn gegen die Brust seines
Feindes, also da dieser wankend zurckwich und nun auch ihm das Blut aus
Nase und Mund strzte. Ehe er sich wieder erholen konnte, fiel des Vlaemen
Faust wie ein Stein zerschmetternd auf sein Haupt, und er strzte mit einem
Schmerzensschrei zu Boden.

Ihr habt des Lwen Klauen gesprt, keuchte Breydel.

Die Sldner, welche diesem Ringen beiwohnten, hatten ihren Genossen durch
Worte und Zurufe ermutigt, sich jedoch in den Kampf nicht weiter
eingelassen. Whrend sie den rchelnden Leroux vom Boden aufhoben, verlie
Breydel langsamen Schrittes den Platz und kehrte in das Wirtshaus zurck.
Er verlangte einen anderen Krug Bier und tat mehrere Zge, um seinen Durst
zu lschen. Er sa eine Weile an dem Tisch, und seine Mdigkeit begann zu
schwinden, als sich die Tr hinter seinem Rcken auftat. Ehe er sich
umdrehen konnte, um zu sehen, wer hereinkam, ward er von starken Mnnern
gepackt und zu Boden geworfen. In einem Augenblick wimmelte das ganze Haus
von bewaffneten Franzosen. Breydel kmpfte lange mit nutzloser Anstrengung
gegen seine Feinde. Macht- und kraftlos blieb er endlich still liegen und
betrachtete die Franzosen mit giftigem Blick wie einer, der tten will oder
den Tod erwartet. Gar mancher Sldner bebte beim Anblick des
dahingestreckten Vlaemen; denn whrend sein Leib regungslos am Boden lag,
rollten seine flammenden Augen so gar stolz und drohend, da die Herzen der
Umstehenden banges Ahnen durchschauerte.

Ein Ritter, dem man an der Kleidung den Anfhrer ansehen konnte, nherte
sich Breydel vorsichtig. Er befahl, ihn in jeder Bewegung zu hindern, und
sagte zu dem Vlaemen:

Wir kennen uns schon lngst, schndlicher Bursch! Im Walde von Wijnendaal
habt Ihr den Schildknappen des Herrn von Chtillon erschlagen und uns
Ritter mit dem Messer zu bedrohen gewagt. Nun untersteht Ihr Euch wieder,
auf dem Grund und Boden meines Rechtsgebieters einen meiner besten Leute zu
ermorden. Euch soll nach Euren Taten geschehen; noch heute soll man Euch
einen Galgen auf den Mauern von Male errichten, damit die Brgger Meuterer
sich an Euch ein Beispiel nehmen.

Ihr seid ein Verleumder! rief Breydel, ich habe ehrlich um mein Leben
gekmpft, und wenn Ihr mich nicht mit verrterischer Gewalt daran hindert,
so wrde ich Euch beweisen, da ich keine Reue habe!

Ihr habt Frankreichs Wappen zu lstern gewagt!

Ich habe den schwarzen Lwen meines Vaterlandes gercht und wrde es
wieder tun. Aber lat mich nicht wie einen geschlachteten Ochsen hier auf
dem Boden liegen,-- oder ermordet mich auf der Stelle. Ich werde mich
geduldig fhren lassen.

Ohne ihn loszulassen, lieen ihn die Sldner auf Befehl Saint-Pols
aufstehen, und man brachte ihn mit aller Vorsicht an die Tr. Der gefangene
Vlaeme ging langsam zwischen den Kriegsknechten vorwrts; zwei der
strksten hielten ihn an den Armen, vier andere gingen vor und hinter ihm,
so da es ihm unmglich war, zu entwischen. Das war aber auch nicht seine
Absicht. Getreu seinem Versprechen leistete er nicht den geringsten
Widerstand. Whrend die Sldner dann mit dem Gefangenen des Weges
schritten, ergingen sie sich in hhnenden Scherzen ber ihn. Breydel
erfate ob ihres Spottes eine unaussprechliche Wut, und innerlich wnschte
er sich den Tod. Doch er bekmpfte seine leidenschaftliche Aufwallung, bis
einer zu ihm sagte:

Hrt mal, schner Vlaeme, wenn Ihr morgen am Strick so lieblich vor uns
tanzt, werden wir die Raben von Eurer Leiche fortjagen.

Der Obmann der Fleischer warf einen verchtlichen Blick auf den Sldner,
der seines Migeschickes spottete. Der fuhr fort:

Betrachtet mich doch nicht immer, verwnschter Klauwaert, oder ich
zerschlage Euch das Gesicht.

Feigling! rief Breydel; das sieht euch hnlich! einen gefangenen Feind
verhhnt und verspottet ihr; unedle Mietlinge eines verchtlichen
Herrn...

Ein Backenstreich des Sldners unterbrach ihn. Er schwieg pltzlich und
neigte sein Haupt, als ob er den Mut sinken liee; aber das war es nicht.
Furchtbare Wut kochte in seiner Seele, und gleich dem Feuer im Schoe des
Vulkans flammte rasende Rachsucht im Herzen des Vlaemen auf. Die Sldner
fuhren fort, ihn zu schmhen, und sein Schweigen reizte sie noch mehr. Aber
an der Brcke des Schlosses fand ihr Lachen ein jhes Ende, und ihre
Gesichter erbleichten vor Angst und Schrecken. Breydel raffte in diesem
Augenblick all seine Krfte, die ihm die Natur so freigebig verliehen
hatte, zusammen und ri sich von seinen Wchtern los. Wie ein Leopard
strzte er sich auf die beiden Sldner, die ihn am meisten gereizt hatten,
und krallte seine Hnde um ihre Kehlen.

Fr Dich, Du Lwe von Flandern, will ich sterben, aber nicht am Galgen,
nicht ohne Rache!

Mit diesen Worten drckte er die Gurgel der Sldner so fest zu, da ihre
Wangen bleich und bleifarben wurden; mit unwiderstehlicher Gewalt
schttelte er die Krper seiner Feinde hin und her und schlug ihre Kpfe
mit furchtbarer Kraft widereinander. Durch das Wrgen betubt, leisteten
sie keinen Widerstand, und ihre Arme hingen schlaff an ihrem Krper
herunter. Die Tat war unbeschreiblich schnell vollbracht. Als die brigen
Franzosen ihre Genossen in Gefahr sahen, liefen sie fluchend herbei. Aber
Breydel lie die Erwrgten zu Boden fallen und floh eiligst davon. Er wurde
von den Sldnern bis an einen breiten Graben verfolgt. Gewohnt, auf Wiesen
und Weiden seinem Gewerbe nachzugehen, sprang Breydel wie ein Hirsch ber
das Wasser und lief weiter nach Saint Kruis. Zwei Sldner versuchten es,
ihm nachzutun, aber sie fielen bis an den Hals hinein und muten die
Verfolgung aufgeben.-- Der Obmann der Fleischer eilte voll Wut nach Brgge
und ging stracks nach seiner Wohnung. Er fand nur einen jungen Gesellen
dort vor, der sich just anschickte, auszugehen.

Wo sind meine Gesellen? rief Breydel ungeduldig.

Nun, Meister, antwortete der Bursche, die sind nach dem Pand, denn die
Fleischer sind eiligst zusammengerufen.

Was ist denn wieder geschehen?

Ich wei nicht recht, Meister, aber der Stadtbote hat vor dem Rathaus
einen Befehl verlesen, da alle Brger, welche ihren Lebensunterhalt mit
ihrer Hnde Arbeit gewinnen, jede Woche am Samstag einen Silberpfennig von
ihrem Arbeitslohn an die Zollknechte zahlen mssen. Es heit allgemein,
dies sei die Veranlassung zu der Zunftversammlung, die der Obmann der Weber
angeordnet hat.

Bleib du hier und schliee den Laden, hie ihn Breydel; sage meiner
Mutter, da ich diese Nacht nicht nach Hause komme. Sie braucht sich nicht
zu ngstigen.

Er nahm sein gewohntes Beil von der Wand. Als er es unter seinem Wams
verborgen hatte, verlie er seine Wohnung und begab sich nach dem Pand
seiner Zunft. Sobald er in den Saal trat, verbreitete sich ein freudiges
Gemurmel unter den Gesellen, und sie riefen:

Ha! Da ist Breydel, unser Obmann.

Jeder, der einstweilen seinen Platz eingenommen hatte, stand auf und bot
ihm den groen Sessel an. Aber Breydel setzte sich nicht wie gewhnlich an
das obere Ende, sondern nahm einen kleineren Stuhl und lie sich mit
bitterm Lcheln darauf nieder.

O meine Brder, rief er, kommt, reicht mir die Hand, denn ich habe eure
Freundschaft ntig. Mir und unserer Zunft ist heute eine tiefe Schmach
widerfahren.

Meister und Gesellen drngten sich um Breydels Sessel. Nie hatten sie eine
so tiefe Bestrzung und Betrbnis an ihm bemerkt; er schien unsagbaren
Folterqualen zu erliegen. Aller Augen richteten sich fragend auf ihn; nach
einem tiefen Seufzer fuhr er fort:

Ihr echten Shne von Brgge habt nun schon zu lange mit mir diese Schmach
erduldet, auch ihr knnt die Sklaverei nicht ertragen. Aber, o Himmel,
wtet ihr, was mir heute widerfahren ist, so wrdet ihr wie Kinder weinen.
O ber die unerhrte Schande! Ich wage nicht, es auszusprechen, die Schmach
qult mich zu sehr.

Schon waren die gebrunten Gesichter all dieser Mnner von Wut gertet.
Noch kannten sie nicht den Grund ihres Zornes, und doch ballten sie schon
krampfhaft die Fuste und stieen furchtbare Flche aus.

Hrt, fuhr Breydel fort, und erliegt nicht der Scham. Hrt wohl, tapfere
Brder! Die Franzosen haben euren Obmann ins Gesicht geschlagen, und diese
Wange ist durch einen schmhlichen Backenstreich entehrt.

Unbeschreiblich war die Wut, die den Fleischern bei diesen Worten aufstieg.
Unerhrtes Rachegebrll stieg zur Decke des Saales empor, und jeder schwur
bei sich, diese Schmach zu rchen.

Und womit, fragte Breydel, wscht man solchen Schandfleck ab?

Mit Blut! schrien alle.

Ihr versteht mich, Brder, fuhr der Obmann fort, ja, Blut allein kann
mich rchen. Wisset denn, da die Besatzung des Schlosses Male mich also
behandelt hat. Sprecht denn mit mir: Morgen soll die Sonne kein Schlo von
Male mehr finden!

Sie soll es nicht mehr finden! wiederholten alle Fleischer mit wilder
Rachegier.

Kommt, sprach Breydel, lat uns gehen. Jeder kehrt nach seiner Wohnung
zurck, macht sich bereit und nimmt sein bestes Beil. Besorgt euch
womglich auch andere Waffen und Gertschaften, denn wir mssen das Schlo
ersteigen. Gegen elf Uhr in der Nacht werden wir uns alle im Elsterbusch
hinter Saint Kruis zusammenfinden.

Nachdem er den ltesten noch einige besondere Anordnungen erteilt hatte,
verlie er den Pand, und auch seine Genossen gingen bald heim. Noch ehe
jene Stunde auf dem Turm von Saint Kruis geschlagen hatte, konnte man
nchtlings beim schwachen Scheine des zunehmenden Mondes zwischen den
Bumen und auf allen Pfaden um das Dorf einen Haufen Menschen erblicken.
Alle eilten derselben Richtung zu und verschwanden einer nach dem andern im
Elsterbusch. Einige von ihnen trugen Armbrste, andere Keulen; doch die
meisten hatten keine sichtbaren Waffen. Jan Breydel stand in der Mitte des
kleinen Gehlzes und beratschlagte mit den Meistern der Zunft, von welcher
Seite man den Angriff auf das Schlo wagen sollte.

Endlich einigten sie sich, den Graben neben der Brcke mit Holz zu fllen.
Dann wollte man versuchen, die Mauer zu bersteigen. Der Obmann ging
rastlos zwischen den vielen Gesellen umher, die damit beschftigt waren,
Stauden und kleine Bume umzuhauen und in Bndel zu binden. Sobald er sich
berzeugt hatte, da es ihnen nicht an Leitern fehle, gab er den Befehl zum
Aufbruch. Die Fleischer verlieen das Gehlz, um Schlo Male zu zerstren.

Den Chroniken zufolge waren es ihrer siebenhundert; und dennoch waren sie
so einig in ihrer Rachegier, da sich nicht ein einziger unvorsichtiger
Laut aus dieser Menge vernehmen lie. Man hrte nur das Rascheln des
Reisigs, das man nachschleifte, und das Bellen der Hunde, die von dem
ungewohnten Gerusch aufgeschreckt wurden. Einen Bogenschu vom Schlosse
blieben sie stehen, und Breydel ging mit einigen Gesellen voraus, um die
Feste zu erkunden. Die Torwache hatte das Gerusch ihrer Schritte gehrt;
so lauschte sie, da sie noch im Zweifel war, mit grerer Aufmerksamkeit
und kam auf den Wall heraus.

Warte, sprach einer der Gesellen Breydels, ich werde den lstigen
Wchter da einmal heimschicken.

Damit spannte er seine Armbrust und zielte auf die Schildwache. Er
erreichte sein Ziel, doch der Pfeil zersplitterte an dem Panzer des
Franzosen. Der lief, durch diesen Schlag erschreckt, zurck und schrie aus
voller Kraft:

Frankreich! Der Feind! Zu den Waffen! Zu den Waffen!

Vorwrts, Genossen! rief Breydel. Vorwrts! Hierher mit den Bndeln!

Die Fleischer warfen einer nach dem andern ihre Bndel in den Graben; bald
war er hinlnglich ausgefllt, um ber ihn hin wie ber eine Brcke zum Fu
der Mauer gelangen zu knnen. Die Leitern wurden angesetzt, und ein Teil
der Vlaemen erstieg die Mauer, ohne Gegenwehr zu finden. Auf den Ruf der
Schildwache war die Besatzung aus den Betten gesprungen, und in wenigen
Augenblicken waren mehr denn fnfzig bekleidet und gewappnet. Die Zahl
verstrkte sich rasch. Besser noch als der Ruf der Wache hatte das Geschrei
der Fleischer die Schlafenden geweckt.

Jan Breydel befand sich mit nur dreiig seiner Gesellen innerhalb des
Schlosses, als eine groe Schar Ritter und Sldner gegen ihn anstrmte.
Anfangs fiel gar mancher Fleischer; denn da sie keine Panzerhemden hatten,
konnte nichts die Pfeile der Franzosen hemmen. Doch das dauerte nicht
lange; in kurzer Zeit waren alle Vlaemen innerhalb der Mauern.

Seht, Brder, rief Breydel, ich beginne das Schlachten! Mir nach!

Wie sich ein Pflug selbst eine Spur in die Erde grbt, so bahnte sich
Breydel einen Weg durch die Franzosen. Jeder Schlag mit seinem Beil kostete
einem Feind das Leben, und das Blut seiner Schlachtopfer strmte in Bchen
von seinem Wams. Wtend wie er warfen sich die anderen Vlaemen von allen
Seiten auf die Sldner, und ihr Jauchzen bertnte das Todesgeschrei der
Franzosen.

Whrend solcherart im Vorhof und auf den Wllen gekmpft wurde, hatte der
Burgvogt, Herr von Saint-Pol, in aller Eile einige Pferde satteln lassen.
Als man ihm verkndete, da keine Hoffnung mehr wre, und da die meisten
Sldner erschlagen seien, lie er das Tor ffnen. Dann wurde mit Gewalt ein
weinendes Mdchen aus dem Gebude geschleppt, und nachdem sie in den Armen
eines Sldners auf einem der Pferde Platz gefunden hatte, durchschwammen
alle Reiter den Graben und verschwanden zwischen den Bumen des Waldes. Es
war den Franzosen unmglich, der Gewalt der Fleischer zu widerstehen, zumal
ihnen letztere an Zahl berlegen waren. Eine Stunde spter war keiner mehr
in Male, der nicht sein Leben auf vlaemischem Boden empfangen hatte. Man
durchsuchte ber zwei Stunden mit Fackeln alle Gemcher und Keller des
Schlosses, doch traf man nirgends mehr einen Feind, denn wer nicht gettet
worden war, hatte sich durch's Nottor ins Freie geflchtet.

Nachdem sich Breydel von einem Diener des Schlosses genau alle Rume hatte
zeigen lassen, nahm er mit Recht an, da die Jungfrau Machteld fortgefhrt
war. Nun berlie er sich ganz seiner Wut und steckte das herrliche Schlo
an allen vier Ecken in Brand. Whrend die Flammen zum Himmel aufloderten
und schon ein groer Teil der Mauern krachend zusammenstrzte, hieben die
Fleischer Bume, Brcken und alles, was vernichtet werden konnte, nieder,
bis das Schlo ein Bild gnzlicher Zerstrung darbot. Die Glocken der
umliegenden Drfer luteten Brand, und die Bauern verlieen ihre Htten, um
das Feuer zu lschen, aber es war zu spt. Von der grflichen Burg stand
nichts mehr als die vier glhenden Mauern.

Ja, ja, mag denn die morgige Sonne vergebens nach dem Schlo von Male
suchen!

Da nunmehr die Rache vollzogen war, kamen die Fleischer wieder zusammen und
verlieen die Brandsttte mit siegesfrohem Gesang: sie sangen das Lied vom
schwarzen Lwen.




XIII.


Als die Franzosen whrend des Krieges 1296 ganz Westflandern besetzten,
leistete ihnen Schlo Nieuwenhove hartnckigen Widerstand. Zahlreiche
vlaemische Ritter hatten sich unter Robrecht van Bethune darin
eingeschlossen und wollten es nicht bergeben, solange sich auch nur einer
von ihnen noch verteidigen konnte. Aber die berzahl der Feinde machte
ihren Heldenmut nutzlos; sie blieben fast alle auf den Mauern der Feste.
Die Franzosen drangen durch die zerstrten Wlle ein, aber sie fanden nur
Leichen; und da sie ihre Wut nicht an Feinden auslassen konnten, steckten
sie das Kastell in Brand, rissen die Mauern nieder und fllten die Grben
mit Schutt aus.

Die berreste von Nieuwenhove lagen ungefhr zwei Meilen von Brgge nach
Kortrijk zu. Inmitten eines dichten Waldes, fern von den Wohnsttten der
Landleute, wurden diese Trmmer selten besucht, zumal das bestndige
Krchzen der Nachtvgel bei den aberglubischen Dorfbewohnern den Glauben
erweckt hatte, da die Geister der gefallenen Vlaemen hier um Rache oder
Genugtuung riefen.

Hatte auch der Brand das ganze Schlo in Flammen gesetzt, so war es doch
nicht vllig zerstrt, und die Mauerreste lieen seine ursprngliche Form
noch erkennen. Das Gebude stand, war aber mit unzhligen Spalten und
Rissen gelockert. Die Dcher waren eingestrzt, und von den zerstrten
Fenstern war nur noch die steinerne Einfassung brig. Alles trug den
Stempel eiliger Zerstrung; denn einige Teile waren unversehrt geblieben,
whrend andere sorgfltig vernichtet waren. Auf dem Vorhof, den die halb
geborstene Festungsmauer umschlo, lagen hier und da Schutthaufen, wie sie
der Zufall aufgetrmt hatte.

Nun waren schon sechs Jahre seit der Zerstrung Nieuwenhoves verflossen.
Die Gewchse, die der Wind zwischen das umherliegende Gestein gest hatte,
waren mit der Zeit immer zahlreicher geworden. ppiges Gras sprote berall
auf, und wie Lieblingskinder der wilden Natur wiegten Feldblumen ihre
silbernen Kelche auf den Rndern der Trmmer. Das braune Gemuer des
Gebudes wurde von mchtigen Efeuranken erklettert, die in den
ausgebrannten Spalten wurzelten. Andere Gewchse, wie wilde Weinreben und
Geiblatt, rankten sich von einer Mauer zur anderen und breiteten so ber
die tiefen Risse ein Gewebe von herrlichem Grn.

Es war vier Uhr morgens; schwachgelbe Dmmerung erhellte den Osten, und ein
Kranz goldener Lichtstrahlen erglnzte als Vorbote der Sonne am Horizont.
Die Ruinen von Nieuwenhove freilich waren noch in graue Schatten gehllt;
in ungewissem Farbenkleid schlummerte die Natur, whrend der erwachende Tag
sich bereits am blauen Himmel spiegelte. Hier und da glitt noch eine trge
Nachteule aufgeschreckt nach ihrer Hhle und krchzte verdrielich ber den
Glanz, der sie vertrieb.

Da sa ein Mann auf einem der Schutthaufen inmitten der Trmmer. Ein Helm
ohne Federbusch war mit Sturmriemen auf seinem Haupte befestigt. Ein
Harnisch umschlo die krftige Brust, und Stahlplatten bedeckten die
brigen Glieder. Er sttzte sich mit seinem eisernen Handschuh auf einen
Schild, darauf man vergebens ein Wappenzeichen suchte; nichts war darauf
als ein brauner Querstreifen. All seine Waffen, selbst der lange Speer
neben ihm, waren schwarz. Wahrscheinlich hatte sich dieser Ritter in tiefer
Trauer also gewappnet. Nicht weit von ihm stand ein Pferd, das noch
schwrzer war als der Ritter; da es auch ganz mit Eisen bedeckt war, konnte
es nur mit Mhe den Kopf zur Erde neigen, um die feuchten Spitzen der
Kruter abzurupfen. Das Schlachtschwert am Sattel war ungewhnlich gro und
schien fr eine Riesenhand bestimmt zu sein.

Whrend Totenstille ber den Trmmern lastete, seufzte der Ritter oft und
tief und bewegte die Hnde, als ob er mit jemandem sprche. Von Zeit zu
Zeit wandte er sein Haupt mitrauisch nach dem Gebsch und den Wegen, die
das Schlo umgaben, und als er sicher war, allein zu sein, schlug er das
Visier seines Helmes zurck. Nun konnte man sein Gesicht erblicken.

Es war ein Mann von hherem Alter mit gefurchten Wangen und grauem Bart.
Wohl hatte langer Kummer seine Zge gezeichnet, aber es lohte noch genugsam
Feuer in seiner Brust, um seinen Augen ungewhnliche Lebhaftigkeit zu
verleihen.

Nachdem er einige Augenblicke auf die Ruinen von Nieuwenhove gestarrt
hatte, glitt ein bitteres Lcheln ber seine Wangen. Er senkte das Haupt,
als ob er etwas auf dem Boden suche-- Trnen glnzten auf seinen Wimpern
und rollten perlend zur Erde.-- Dann sprach er:

O Helden, meine Brder! In diesen Mauern ist euer edles Blut geflossen,
mir zu Fen ruhen eure Leichen im endlosen Todesschlaf; und die einsamen
Blumen umranken wie Mrtyrerkronen eure Gebeine. Glcklich ihr, die ihr das
schmerzenreiche Leben dem Vaterland habt opfern knnen, denn ihr habt die
Knechtschaft Flanderns nicht gesehen. Frei und herrlich seid ihr gestorben,
eure Seelen tragen nicht die Schande, wie sie die Fremdlinge auf das Haupt
der Vlaemen gehuft haben! Das Blut dessen, dem ihr den stolzen Namen >der
Lwe< gegeben habt, strmte mit dem eurigen auf diesen Boden. Sein Schwert
war ein versengender Blitz, sein Schild eine Mauer-- und nun, o Schmach!
nun sitzt er seufzend wie ein Verworfener auf euren stillen Grbern;
ohnmchtige Trnen flieen wie aus den Augen einer schwachen Frau ber
seine Wangen!

Pltzlich stand der Ritter auf, lie hastig das Visier seines Helmes herab,
wandte den Blick nach dem Wege und schien aufmerksam auf etwas zu lauschen.
Ein Gerusch wie Pferdegestampf klang von ferne herber. Als er sicher war,
sich nicht zu tuschen, nahm er seinen Speer vom Boden auf, lief rasch zu
seinem Pferde, legte ihm das Gebi an, sprang in den Sattel und ritt hinter
eine bergende Mauer. Aber er war noch nicht lange in diesem Versteck, als
noch andere Tne zu ihm herberschallten. In das Geklirr der Waffen und das
Schnauben der Rosse klang das Wehklagen einer weiblichen Stimme. Als der
Ritter diesen Notschrei hrte, erblate er unter seinem Helm. Nicht Furcht
trieb die Farbe von seinen Wangen-- Furcht war ihm unbekannt; aber Ehre
und Ritterpflicht geboten ihm, der Klagenden zu Hilfe zu eilen; schon
erglhte sein khnes Herz in dem Wunsche, die Unglckliche zu retten,
whrend wichtigere Grnde und ein feierliches Gelbde ihm verboten, sich
von irgend jemand erkennen zu lassen. Er bebte bei dem inneren Kampfe mit
sich selbst. Bald kam der Zug nher, und die Klagerufe des Mgdeleins
wurden ihm nun verstndlicher.

O mein Gott, mein Vater! rief es in unverkennbarem Schmerz.

Nun waren alle Bedenken des Ritters geschwunden. Die Stimme hatte etwas
unbeschreiblich Rhrendes fr ihn. Er prete seinem Rosse den Sporn in die
Seite und sprengte ber die Trmmerhaufen in den Weg. In kurzer Entfernung
sah er den Zug nahen. Sechs franzsische Reiter ohne Speer, aber sonst
wohlbewaffnet, sprengten mit verhngten Zgeln heran. Einer von ihnen hatte
eine Dame vor sich, die er fest umschlang. Sie wehrte sich verzweifelt, die
Luft hallte von ihren Hilferufen wider. Der schwarze Ritter blieb mitten
auf dem Wege stehen und legte seinen Speer an, um die Ruber zu erwarten.
Erstaunt ber das unvorhergesehene Hindernis, zgelten die Ritter ihre
Pferde und betrachteten den schwarzen Krieger nicht ohne geheimes Bangen.
Derjenige, der unter ihnen zu gebieten schien, ritt voraus und rief:

Aus dem Weg, Herr Ritter! Aus dem Weg, oder wir reiten Euch nieder!

Ich fordere euch, ihr falschen und ehrlosen Ritter, auf, diese Dame
freizugeben. Wenn ihr's nicht tut, so erklre ich mich fr ihren Streiter.

Vorwrts! Vorwrts! rief der Anfhrer seinen Leuten zu.

Der schwarze Ritter lie ihnen keine Zeit, heranzukommen. Er beugte sich
auf den Nacken seines Pferdes und strmte pltzlich mitten zwischen die
erstaunten Franzosen. Mit dem ersten Stoe seiner Lanze durchbohrte er die
Sturmhaube und den Kopf eines Feindes und warf ihn tdlich verwundet aus
dem Sattel. Aber whrend es ihm geglckt war, einen seiner Feinde zu
besiegen, hatten die brigen die Schwerter gegen ihn gezckt, hatte der
Anfhrer Saint-Pol bereits mit einem frchterlichen Hiebe die
Schulterplatte an der Rstung des schwarzen Ritters zerschmettert. Beim
Angriff so vieler Feinde lie der seinen Speer fallen und zog sein
Riesenschwert aus der Scheide; er umfate den Griff mit beiden Hnden und
schlug so wild um sich, da ihm kein Franzose zu nahen wagte; denn jeder
Hieb seiner Waffe fiel wie ein schmetternder Hammerschlag auf die Rstung
der Gegner. Der Reiter, der die Jungfrau hielt, wehrte sich mit einem
langen Degen und umfate mit dem anderen Arm das unglckliche Mdchen. In
dieser gewaltigen Erregung, von Schrecken und Hoffnung durchtobt, fehlte es
der geraubten Jungfrau an Kraft, zu sprechen oder zu klagen. Unbeweglich
starrten ihre Augen im Kopf, und die zarten Wangen waren krampfhaft
verzerrt. Zuweilen streckte sie ihre Arme flehend nach dem Unbekannten aus,
der sie erretten wollte, doch bald hingen sie wieder schlaff und kraftlos
ber dem Rcken des Pferdes.

Die furchtbaren Schwerthiebe wider die Helme und Schilde hallten drhnend
rings im Walde wider, und das Blut quoll unter den Harnischen hervor; doch
in der Hitze des Gefechts achteten die Streiter nicht darauf und kmpften
wtend weiter. Schon waren die Rstungen an vielen Stellen zerschlagen und
zerbrochen, und Saint-Pols Pferd hatte eine klaffende Wunde im Nacken;
deshalb lie es sich nicht mehr willig von seinem Herrn lenken, und der
hatte die grte Mhe, den Schlgen des schwarzen Ritters auszuweichen. Als
er sah, da das Gefecht fr die Franzosen eine ungnstige Wendung nahm, gab
er dem Sldner, der die Dame hielt, ein Zeichen. Der Reiter verstand diesen
Wink und versuchte, dem Befehl zu gehorchen und vom Schlachtfeld zu
fliehen; aber der schwarze Ritter merkte seine Absicht, drckte seinem
Rosse den Sporn in die Seite und sprengte pltzlich vor den Sldner.
Geschickt wich er den Schlgen der brigen Feinde aus, und er rief:

Setzt die Dame zur Erde, wenn Euch Euer Leben lieb ist!

Ohne auf diesen Zuruf zu achten, wandte der Sldner sein Ro auf die Seite
und suchte vorbeizukommen; aber das Schwert des schwarzen Ritters sauste
mit doppelter Kraft auf seinen Helm nieder und spaltete ihm das Haupt bis
auf die Schulter. Sein Blut strmte zurck auf den Kopf und das weie Kleid
des Mgdeleins; ihre schnen blonden Locken wurden davon vllig gent und
dunkelrot gefrbt. Gleich darauf gaben sie die Arme des Erschlagenen frei,
und beide strzten zur Erde.

Whrenddes hatte der Ritter noch einen anderen Franzosen zu Boden geworfen,
und nun blieben nur noch drei Gegner. Das Gefecht schien jetzt noch
hitziger zu werden; die Pferde wurden hin und her geworfen und schnaubten
bei jedem Schlage, der auf ihre eiserne Rstung fiel. Das Mgdelein lag
bewutlos unter ihnen. Da sie zuerst aus dem Sattel geglitten war, lag die
blutende Leiche des Sldners ber ihr. Es war merkwrdig, da die Pferde
sie nicht verletzten; sie traten um und neben sie, ohne sie zu berhren.
Nur warfen sie die Erde hoch und bedeckten so die Wangen des Mgdeleins mit
Staub und Schmutz.

Die Streiter schpften Atem und waren allesamt durch schwere Wunden oder
Blutverlust gelhmt und geschwcht. Pltzlich wich das Ro des schwarzen
Ritters einige Schritte zurck und blieb stehen. Die Franzosen freuten
sich innerlich, als sie dieses scheinbaren Rckzuges ihres Feindes gewahr
wurden. Sie glaubten, er bedrfe der Ruhe und wrde den Kampf aufgeben;
aber sie tuschten sich, denn jhlings fiel er sie mit verhngtem Zgel an,
und sein Schlag war so wohl berechnet, da das Haupt des vordersten
Sldners mit dem Helm auf den Weg flog. Staunend und durch diese Wundertat
erschreckt, floh Saint-Pol mit dem einzig verbliebenen Genossen in aller
Eile vom Schlachtfeld; sie trieben ihre Pferde schnell voran und verlieen
den schwarzen Ritter in dem festen Glauben, da er mit dem Teufel im Bunde
stehe.

Das Gefecht hatte nur einige Augenblicke gewhrt, denn die Schlge der
Kmpfer waren unaufhaltsam niedergeprasselt; deshalb stand die Sonne auch
noch nicht ber dem Horizont, aber die Nebel erhoben sich bereits ber dem
Wald, und die Wipfel der Bume erglnzten in lieblichem Grn.

Als der Ritter sich als Herrn des Schlachtfelds sah und keine Feinde mehr
gewahrte, stieg er vom Pferd, band es an einen Baum und nherte sich dem
regungslosen Mgdelein. Es lag ausgestreckt unter der Leiche des Sldners
und gab kein Lebenszeichen von sich; der Boden um sie her war von den
Pferden zerstampft und zertreten. Der schwarze Ritter konnte ihre Zge
nicht erkennen, das Blut des Franzosen war auf ihren Wangen mit Erde
vermengt geronnen, und ihre langen Locken waren von den Rossen in den Grund
gestampft. Ohne lange Untersuchung hob der Ritter das unglckliche
Mgdelein vom Boden auf und trug es in seinen Armen in die Ruinen von
Nieuwenhove; hier legte er es sanft auf dem Vorhof ins Gras und ging in den
noch erhaltenen Teil des Gebudes. Zwischen den ragenden Mauern fand er
glcklicherweise einen Saal, dessen Decke noch nicht eingefallen war und
der als Zufluchtsort dienen konnte. Zwar waren die Scheiben der Fenster von
dem Brande zersprungen und geschmolzen, aber das brige war noch erhalten;
lange Stcke zerrissener Tapeten hingen an der Wand, und Reste
zerbrochener Kasten und Betten lagen zerstreut auf dem Boden. Der Ritter
raffte einiges zusammen und legte Bretter darauf und stellte so eine Art
Feldbett her; dann ri er die Teppiche von den Wnden und legte sie ber
die Bretter.

Froh, da er diesen gnstigen Ort gefunden hatte, kehrte er zu der
ohnmchtigen Jungfrau zurck und trug sie in den Saal. Mit ngstlicher
Sorge bettete er sie auf dies seltsame Lager und legte noch ein Stck
Teppich unter ihren Kopf. Nur edle Menschenliebe und Ritterpflicht trieb
ihn zu diesen Mhen und Sorgen. Um sich zu berzeugen, da sie nicht
verwundet sei, betrachtete er genau ihre Kleider und stellte zu seiner
grten Freude fest, da nur ihr oberstes Gewand befleckt war und ihr Herz
noch fhlbar klopfte. Nachdem er ihr Mund und Augen von Staub gereinigt
hatte, verlie er das Gemuer und kehrte zu dem Wege zurck, da die Leichen
seiner Feinde lagen. Einem der toten Franzosen nahm er den Helm ab und
schpfte ihn an einem Bache, der am Kampfplatz vorbeiflo, voll Wasser.
Dann ergriff er den Zaum seines Pferdes und brachte es in einen Winkel des
Schlosses. Als er zu der Jungfrau in den Saal zurckkam, ri er ein Stck
von dem Wams, das er unter dem Harnisch trug, und benutzte es als Tuch, um
das Gesicht des Mgdeleins damit zu waschen. Schon nahte der Tag, und die
Felder prangten bereits in klaren Farben. Aber im Gewlbe dieses Saales war
es noch dster, und der Ritter konnte nicht sehen, ob die Wangen des
Mdchens gehrig von Staub und Blut gesubert waren. Er wusch ihr Kopf,
Hals und Hnde und bedeckte sie gegen die Klte mit einem groen Teppich,
den er zu diesem Zwecke von der Wand ri. Als er so alles Erdenkliche getan
hatte und berzeugt war, da die Jungfrau noch lebte, berlie er sie
krftigender Ruhe und kehrte zu seinem Rosse zurck; er reinigte die
Rstung mit Krutern, um die blutigen Spuren des Kampfes mglichst zu
verwischen, und ging dann in den Vorhof, um Gras fr sein Pferd zu
sammeln. Das dauerte eine gute Weile; doch er lie es sich nicht
verdrieen, und demtig gebrauchte er seine edlen Hnde zu dieser niedrigen
Arbeit. Endlich brachte er seinem Pferde einen Arm voll saftigen Futters.

Schon hatte die Sonne sich ber den Horizont erhoben, und ihre Strahlen
leuchteten hell ber die Fluren. Durch die Fenster des Saales fiel jetzt
gleichfalls hinlnglich Licht, um alle Gegenstnde auf dem Boden zu
unterscheiden. In der Hoffnung, das Mdchen nun besser betrachten zu
knnen, trat der Ritter in den Saal. Die Jungfrau sa aufgerichtet und
starrte entsetzt auf die schwarzen Wnde ihres grausigen Aufenthalts. Die
Augen waren weit aufgerissen, und sie glich einer Wahnsinnigen; denn ihre
Wimpern senkten sich nicht, sondern blieben regungslos offen. Sobald der
Ritter ihr sein Angesicht zuwandte, ergriff ein jhes Zittern seinen ganzen
Krper; er erbleichte und fhlte, da ihm die Beklemmung die Sprache
raubte; statt Worte kamen nur unverstndliche Laute aus seinem Mund. Derart
erregt eilte er auf die Jungfrau zu und drckte sie mit feuriger Liebe an
sein Herz.

Mein Kind, meine unglckliche Machteld, rief er in Verzweiflung, mute
ich mein Gefngnis verlassen, um dich nun in den Armen des Todes
wiederzufinden!

Das Mdchen stemmte seine Hand mit Widerwillen gegen die Brust des Ritters
und stie ihn leidenschaftlich von sich.

Verrter, sprach sie, wie drft Ihr die Tochter des Grafen von Flandern
antasten? Ihr schmt Euch nicht, ein wehrloses Mgdelein gewaltsam
fortzufhren? Aber Gott beschtzt mich. Es gibt noch Blitze des Himmels;
hrt Ihr? Eure Strafe naht-- horcht, wie der Donner grollt, Bsewicht!

Als der Ritter diese Worte hrte, entstrmten Trnen seinen Augen; er ri
den Helm ungestm von seinem Haupt, und nun konnte man die Zhren ber
seine Wangen flieen sehen.

O meine vielgeliebte Machteld, rief er, erkenne mich doch, ich bin Dein
Vater Robrecht, den Du so lieb hast, der sich so sehr in der Gefangenschaft
um Dich gegrmt hat. Himmel! Du stt mich von Deiner Brust!

Mit einem wilden Lachen entgegnete das Mgdelein:

Jetzt bebt Ihr, ehrloser Ruber. Nun packt Euch das Bangen des Bsewichts.
Aber fr Euch gibt es keine Gnade. Der Lwe, mein Vater, wird mich rchen,
und Ihr werdet nicht ungestraft das grfliche Blut von Flandern gekrnkt
haben. Still!... Ich hre das Gebrll des Lwen... Mein Vater naht--
horch! Die Erde drhnt unter seinen Schritten. Fr mich einen Ku, fr Euch
den Tod!

Jedes Wort drang wie ein Pfeil in das Herz des Ritters. Alle Qualen der
Hlle durchtobten sein Inneres, und unaussprechliche Betrbnis ergriff ihn;
heie Trnen rannen ber seine gefurchten Wangen, und voll Verzweiflung
schlug er sich an die Brust.

So erkenne mich doch, armes Kind, rief er, bring' mich nicht um, lache
nicht so bitter; Deine Blicke geben mir den Tod. Ich bin der Lwe, den Du
liebst, der Vater, den Du rufst.

Ihr der Lwe? antwortete Machteld mit Verachtung, Ihr der Lwe? O
Lsterer! Nein, der Lwe spricht vlaemisch! Hre ich etwa nicht, da Ihr
die Sprache der Knigin Johanna redet? Die Sprache, die schmeichelt und
verrt? Auch der Lwe ist fort-- man sagt ihm, komm!-- und eine Kette...
ein Kerker-- ein goldenes Gef und Gift. O Frankreich! Frankreich! sein
Blut!... und auch ich-- ich, sein Kind! Aber Ihr bedenkt nicht, da das
Grab eine Zuflucht bietet. Bei Gott im Himmel kann eine Seele nicht mehr
entehrt werden!

Der Ritter konnte seiner Verzweiflung nicht Herr werden; er umarmte sie
nochmals und rief:

Hrst Du denn nicht, mein Kind, da ich die Sprache unserer Vter spreche?
Was fr ein bitteres Leid hat Dich gefoltert, da sich Dein Geist
verwirrte? Erinnere Dich, da unser Freund, Herr Adolf van Nieuwland, mich
befreien wollte, und nenne mich nicht mehr Verrter und Bsewicht, denn
Deine Worte durchbohren mein Herz!

Bei Adolfs Namen wurden die krampfhaften Zge Machtelds leichter. Ein
sanftes Lcheln verscheuchte den schmerzlichen Ausdruck ihres Angesichts,
und sie antwortete mit ruhiger Stimme:

Adolf habt Ihr gesagt? Adolf ist fort, um den Lwen zu holen. Habt Ihr ihn
gesehen? Er hat Euch von der unglcklichen Machteld erzhlt, nicht wahr? O
ja, er ist mein Bruder! Er hat ein Gedicht fr mich gemacht... Still! Ich
hre die Klnge seiner Harfe... Welch schnes Lied! Aber was ist das?...
Ja, mein Vater kommt; ich sehe schon einen Strahl... ein heiliges
Licht... weg, Ehrloser!

Nun gingen ihre Worte in dumpfe Laute ber, und ihre Rede wurde
unverstndlich. Ein schwermtiger Ausdruck verdsterte ihre Zge.

Der Ritter erschrak bei diesen drohenden Blicken. In seiner argen Pein
wute er nicht, was tun, und fhlte, da ihm der Mut schwand. Ohne zu
sprechen, fate er die Hand seines kranken Kindes und benetzte sie mit
Trnen der Liebe und des Schmerzes; doch sie ri schnell die Hand aus der
seinen und rief:

Diese Hand ist nicht fr einen Franzosen! Ein falscher Ritter, ein Ruber,
wie Ihr, darf sie nicht berhren. Eure Trnen sind Flecken, die der Lwe
mit Blut tilgen wird. Erschreckt, Schlange! Bebt, denn der Augenblick naht!
Seht Ihr dies Blut auf meinem Gewande? Das ist auch franzsisches Blut--
wie schwarz!

Der Ritter konnte diese Folterqualen nicht mehr ertragen. Flehentlich fiel
er vor der Jungfrau nieder und schluchzte:

Um der Liebe des Herrn willen, meine unglckliche Machteld, weise die
Liebe Deines Vaters nicht lnger von Dir. La meine traurige Reise nicht
vergebens sein. Kannst Du meine Trnen so gleichgltig anschauen, hat Deine
teure Stimme nicht ein einzig trstendes Wort fr mich? Soll ich denn vor
Schmerz zu Deinen Fen sterben?

Die Jungfrau sah ihn mit Abscheu an.

Ein Wort! fuhr der Ritter fort; nenne mich Deinen Vater, stoe ihn nicht
mehr von Dir. Ach, wtest Du, mein unglckliches Kind, welche Schmerzen
mir Deine Verachtung verursacht, knntest Du doch die Angst Deines Vaters
sehen! Aber nein, Du bist auer Dir, die Verfolgung der Franzosen hat
Deinen Geist verwirrt! O Jammer!

Er wollte sein unglckliches Kind in die Arme schlieen, doch sie erschrak
bei diesem Versuch und rief heftig mit gellender Stimme:

Hinweg! Streckt Eure Arme nicht so nach mir aus! Es sind Schlangen, die
das Gift der Schande in sich tragen. Ha! Berhrt mich nicht, haltet ein,
Bsewicht! Hilfe! Hilfe!

Durch eine rasche Bewegung ri sie sich aus den Armen des Ritters und
sprang laut jammernd vom Bett auf. In ihrer Angst lief sie nach dem Ausgang
des Saales und wollte entfliehen. Der Ritter erbebte und warf sich ihr
ngstlich in den Weg, um sie zurckzuhalten. Wie schrecklich war dies
Schauspiel, wie unermelich der Schmerz des Ritters! Er umfate seine
Tochter mit banger Sorge und versuchte, sie zum Bette zurckzubringen; aber
sie in ihrer Verwirrung hielt ihn fr ihren Feind und kmpfte mit
furchtbarer Heftigkeit gegen ihren verzweifelten Vater. Mit fast
bernatrlicher Anstrengung entwand sie sich mehrmals seinen Hnden, und er
mute ihr im Saale nachsetzen; sie schrie laut auf und schlug bei ihrem
Widerstreben mit unglaublicher Kraft um sich. Um sie an der Flucht zu
hindern, sah ihr Vater sich gentigt, sie mit grerer Gewalt
zurckzuhalten und sie fest in seine Arme zu drcken. Er machte von seiner
Kraft Gebrauch, hob das klagende Mgdelein empor und trug es auf das Bett
zurck. Sie betrachtete ihn mit zornigen Blicken und begann bitterlich zu
weinen.

Ihr habt die Krfte eines Mgdeleins niedergezwungen, falscher Ritter,
schluchzte sie. Was zaudert Ihr nun? Niemand sieht ja Euer Verbrechen als
Gott allein. Aber dieser Gott hat den Tod zwischen uns gestellt! Ein Grab
ghnt zwischen uns! Darum weint Ihr.

Der unglckliche Vater war so schmerzzerrissen, da er diese Worte nicht
hrte. Wiederum setzte er sich gramerfllt nieder und betrachtete sein
weinendes Kind mit irrem Blick; unbeschreibliche Qualen nagten an ihm und
raubten ihm den Mut; sein Haupt sank kraftlos auf die Brust.

Whrenddessen hatten sich Machtelds Augen geschlossen, und sie schien zu
schlafen. Ein lichter Hoffnungsschimmer drang in das Vaterherz; diese Ruhe
konnte sein Leiden und die Schmerzen seiner Tochter lindern. In diesem
Gedanken verhielt er sich ganz still, um den Schlaf des Mgdeleins nicht zu
stren. Er betrachtete sie mit liebevollem Blick, und trotz allen Schmerzes
empfand er doch noch eine wehmtige Freude.




XIV.


Einige Zeit, nachdem Breydel das zerstrte Schlo verlassen hatte, kam er
mit seinen Genossen nach Saint-Kruis. Schon unterwegs waren ihm viele
Brgger entgegengekommen und hatten ihm mitgeteilt, da die franzsische
Besatzung der Stadt gewaffnet bereit stnde, um ihn in Empfang zu nehmen.
Noch siegestrunken von dem errungenen Erfolge hrte er auf keine Warnungen
und hielt sich fr stark genug, den Franzosen zum Trotz Brgge zu betreten;
aber einige Schritte hinter dem Dorfe Saint-Kruis ward er mit seinen
Fleischern durch ein unerwartetes Hindernis aufgehalten.

Der Weg bis zum Stadttor wimmelte so von Menschen, da man unmglich durch
die dichten Scharen dringen konnte. Trotz der noch herrschenden Dunkelheit
konnte man aus dem Gebraus der Tausende von Stimmen die unzhlbaren Massen
ermessen, die aus der Stadt strmten. Mit staunender Verwunderung
betrachtete Breydel diese Menge, die wie ein wogender See vorwrts drngte,
und wich mit seinen Leuten zur Seite des Weges aus. Die Flchtlinge liefen
nicht verwirrt durcheinander, sondern jede Familie hielt sich fr sich,
ohne sich unter die anderen zu mischen. Fast in jedem Trupp war eine
weinende Frau; auf die Schulter der einen lehnte sich ein greiser Vater,
eine andere trug einen Sugling an der Brust und fhrte ihre schreienden,
mden Kinder an der Hand. Dahinter kamen die lteren Shne, die unter der
Last des Hausgerts und des Bettzeugs gebckt dahinzogen. Solcher Gruppen
gab es unendlich viele. Manche hatten kleine Wagen voll Waren, die sie in
Sicherheit brachten, etliche saen zu Pferde; doch Lasttiere hatten nur
sehr wenige.

Breydel htte gern die Ursache dieses seltsamen Zuges erfahren und fragte
viele Flchtlinge, wohin sie strebten, und weshalb sie ihre Stadt
verlieen; aber die Klagerufe der Frauen gaben ihm keine Lsung dieses
Rtsels.

O Herr! rief die eine, die Franzosen wollen uns lebendig verbrennen, wir
entfliehen qualvollem Tode!

Ach, Meister Breydel, rief eine andere noch schmerzvoller, wenn Euch
Euer Leben lieb ist, geht nicht nach Brgge; denn fr Euch steht ein Galgen
ber dem Schneidertor!

Als Breydel durch eine zweite Frage sich die Sache aufklren wollte,
ertnte aus dem Zuge eine krftige Stimme gleich dem Geheul des Wolfes und
schrie:

Vorwrts! Vorwrts! Wir rmsten! Die franzsischen Reiter verfolgen uns!

Und alle strzten verzweifelt weiter, und mit unglaublicher Schnelligkeit
flchtete die Menge in der Finsternis vorbei. Da erschollen gleichzeitig
mehrere Klagerufe:

Wehe, wehe! Sie verbrennen unsere Vaterstadt! Seht, die Flammen steigen
ber unseren Dchern auf. O wehe, wehe!

Breydel war bis dahin erstaunt stehen geblieben. Nun wandte er den Blick
nach der Stadt und gewahrte rote Flammen und Rauchwirbel ber den Wllen.
Wut und Schmerz lohten in seiner Brust auf. Er wies nach der Stadt und
rief:

O Leute, gibt es Feiglinge unter euch, die ihre Stadt so verwsten lassen?
Nein! Sie sollen sich nicht an diesem Freudenfeuer ergtzen! Auf, auf,
werft alles aus dem Weg! Wir mssen durch!

Gefolgt von seinen Genossen warf er sich mit unwiderstehlicher Gewalt in
die Menge und trieb die erschreckten Familien auseinander. Ein furchtbarer
Lrm, ein schreckliches Geheul entstand, und die Flchtlinge liefen eilig
nach allen Seiten aus dem Wege, denn sie glaubten, da die franzsischen
Reiter ihnen nach dem Leben trachteten. Es fiel Breydel nicht schwer, durch
die flchtenden Frauen und Kinder zu dringen, und er kam rasch genug
vorwrts. Whrend er sich noch verwunderte, keine streitbaren Leute oder
Zunftgenossen anzutreffen und vergebens nach ihnen aussphte, stie er
unerwartet auf eine geordnete Rotte. Es waren viele Gesellen von der
Weberzunft, und alle bewaffnet, wenn auch gar kunterbunt: sie trugen
Armbrste, Messer, Beile oder was sie sonst an Waffen gefunden hatten. Ein
Hauptmann ging strammen Schrittes vor ihnen her und sperrte so den Weg wie
mit einem Schlagbaum. Immer mehr solche Scharen kamen nach und nach aus der
Stadt, und die Zahl der Bewaffneten betrug fast fnftausend Mann. Breydel
wollte sich dem Hauptmann nhern, aber jetzt hrte er etwas weiter eine
Stimme, die das Gerusch der Waffen beherrschte. Er erkannte De Coninck an
seinen Worten:

Behaltet nur Ruhe und Mut im Herzen, meine Gesellen! Da niemand sein
Glied verlt! Und geht nicht hastig vorwrts, damit ihr nicht in Unordnung
kommt. Vorwrts die dritte Rotte, schliet auf den Tro! Hauptmann
Lindens, brecht Euren linken Flgel!

Aber was bedeutet das? rief Jan Breydel, indem er zu De Coninck trat.
Ihr ergtzt euch an schnen bungen und duldet, da man unsere Stadt
verbrennt? Wollt ihr als Memmen euren Frauen und Kindern auf der Flucht
folgen? Ach, was seid ihr fr jmmerliche Feiglinge!

Immer hitzig, immer leidenschaftlich! entgegnete De Coninck. Was redet
Ihr nur von Brennen? Seid ganz ruhig, die Franzosen werden schon nichts
verbrennen.

Aber, Meister Peter, seid Ihr denn blind? Seht Ihr denn nicht die Flammen
ber unseren Mauern?

Schn. Das ist das Stroh, das wir angezndet haben, um unsere Trowagen
ungehindert durch das Tor zu bringen. Die Stadt ist nicht in Not, mein
Freund. Kommt mit mir nach Saint-Kruis zurck, ich habe Euch wichtige
Geheimnisse mitzuteilen. Jetzt ist die Zeit da. Ihr wit, da ich die Sache
kaltbltig beurteile und deshalb oft Recht behalte. Folgt meinem Wunsch und
stellt Eure Fleischer geordnet an die Spitze. Wollt Ihr?

Ich mu wohl, denn ich wei ja nicht, was im Werk ist. Lat Eure Weber
einen Augenblick haltmachen.

De Coninck befahl den Anfhrern, ihre Leute haltmachen zu lassen. Dann rief
Jan Breydel mit erhobener Stimme:

Genossen! Stellt euch in Reih und Glied an die Spitze des Zuges! Jeder zu
seiner Abteilung; macht schnell!

Derweil lief er zwischen den Fleischern auf und ab und stellte sie an ihre
Pltze. Als das geschehen war, kam er wieder zu de Coninck und sagte:

Wir sind fertig, Meister, Ihr knnt nun die Befehle geben!

Nein, Breydel, antwortete der Obmann der Weber, ich lasse Euch den
Oberbefehl. Gebietet Ihr dem Zug, Ihr geniet mehr das Ansehen eines
Heerfhrers als ich.

Der Obmann der Fleischer freute sich sehr ber diese Anerkennung und rief
mit donnernder Stimme:

Fleischer und Weber! In gemessenem Schritt---- vorwrts marsch!

Auf diesen Befehl setzten sich die Rotten in Bewegung, und das kleine Heer
zog langsam des Wegs dahin. Bald stieen sie bei Saint-Kruis auf die Frauen
und Kinder, die dort mit Hab und Gut hockten. Seltsam sah es auf diesem
wirren Lagerplatze aus. Unzhlige Familien hatten sich auf einem
ausgedehnten Felde niedergelassen. Die Nacht war so dster, da man kaum
einige Schritte vor sich etwas unterscheiden konnte. Aber man hatte schon
etliche Feuer angezndet, so da man die traurigen Familien beisammensitzen
sah. Die Flammen beleuchteten mit rtlichem Schein die bekmmerten Zge der
Mtter und zeigten, wie sie mit banger Liebe den Sugling an die beklemmte
Brust drckten. Andere Kinder lagen ermdet auf den Knien und weinten vor
Hunger und Durst gar bitterlich; aber man konnte ihnen nichts zur
Erquickung bieten. Wie schwer muten die armen Mtter bei diesem
schmerzlichen Anblick leiden! Das Gerusch auf dem Lagerplatz klang bei der
Dunkelheit und dem Leuchten des Feuers noch unheimlicher. Das Geschrei der
Kinder und die unterdrckten Klagen der Frauen griffen tief in die Seele,
wie das letzte Gebet am Freundesgrab. Durch alles dieses tnte der
ngstliche Ruf der Kinder, die ihre Mtter verloren hatten, und das Heulen
der Hunde, welche vergeblich ihre Herren in dieser Verwirrung suchten.

De Coninck ging mit Breydel in ein Haus am Wege und lie sich von den
Bewohnern ein Zimmer anweisen. Mit der grten Ehrerbietung rumten ihm die
Landleute ihre ganze Wohnung ein und fhrten die beiden berhmten Brgger
in eine kleine Kellerkammer zu ebener Erde. De Coninck nahm der Frau,
welche sie dorthin fhrte, die Lampe aus der Hand. Als sie das Zimmer
verlassen hatte, schlo er die Tr fest zu, damit sie niemand belauschte
oder berraschte. Dann gab er Breydel einen Zettel und setzte sich neben
ihn. Whrend der Fleischer ihn neugierig ansah, begann er:

Erst will ich Euch erklren, warum wir die Stadt in der Nacht wie
Flchtlinge verlassen. Daran seid Ihr schuld mit dem unvorsichtigen
Racheakt, den Ihr gegen Euer Gelbde an der Besatzung von Male begangen
habt. Als die Flammen himmelhoch ber dem Wald emporlohten, wurden die
Sturmglocken in der Stadt gezogen, und alle Einwohner liefen ngstlich
zusammen. In diesen traurigen Zeiten sehen sie ja immer den Tod vor sich.
Herr von Montenay hatte seine franzsischen Sldner, und zwar nur um der
eigenen Sicherheit willen, auf dem Markte versammelt. Man wute nicht, was
vorging; aber als einige Eurer Schlachtopfer von Male herbeieilten und laut
schrien, man msse an den Brggern Rache nehmen, da waren sie nicht mehr zu
halten; sie wollten alles verbrennen und ermorden, und Herr von Montenay
mute ihnen mit dem Tode drohen, um mit ihnen fertig zu werden. Ihr knnt
Euch denken, da ich angesichts dieser Lage meine Weber versammelt hatte
und mich zu blutiger Gegenwehr bereit machte. Vielleicht wre es uns
geglckt, die Franzosen zu verjagen, aber das htte uns nur geschadet; ich
werde Euch das gleich beweisen. Ich ging dann unter freiem Geleite zu Herrn
von Montenay und erlangte von ihm, da er nichts wider die Stadt unternehme
unter der Bedingung, da wir alle stehenden Fues fortzgen.-- Bei
Sonnenaufgang wird er alle in der Stadt verbliebenen Klauwaerts hngen
lassen.

Breydel fuhr heftig auf, als er den Obmann der Weber diese schndlichen
Bedingungen so kaltbltig erzhlen hrte.

Ist es mglich! rief er; wie konntet ihr das so feigherzig annehmen? Ihr
lat euch wie eine Herde dummer Schafe vertreiben? Wre ich zur Stelle
gewesen, ihr httet Brgge nicht verlassen!

Oho, wret Ihr dagewesen! Wit Ihr, was dann geschehen wre? Die Straen
von Brgge lgen voller Leichen, verheerende Flammen htten unsere Huser
bereits in Asche gelegt. Aber, mein leidenschaftlicher Freund Jan, ich mu
Euch erst die Lage noch besser klarmachen; dann werdet Ihr mir sicher recht
geben. Solange die anderen Stdte des Landes von den Fremden geknechtet
werden, kann die Stadt Brgge nicht frei und unabhngig bleiben; denn
alsdann hocken unsere Feinde dauernd unter unseren Wllen. Man darf auch
nicht das Vaterland ber die Geburtsstadt vergessen. Die Ketten der
franzsischen Zwingherrschaft knnen wir nur mit Hilfe der anderen Stdte
Flanderns brechen, weil in jedem Orte Feinde wohnen, die alles darauf
anlegen wrden, uns die errungene Freiheit wieder zu rauben. Gewi habt
auch Ihr daran wohl schon gedacht, aber in Eurer aufbrausenden Hitze
springt Ihr ber die Hindernisse, ohne sie aus dem Wege zu rumen. Etwas
weit Bedeutsameres ist Euch entgangen; wollt Ihr mir, bitte, auf die Frage
antworten: Wer gab uns das Recht, zu morden und zu brennen? Wer hat solchen
Taten, die auf Erden mit dem Tod, bei Gott mit Verdammnis bestraft werden,
bei uns Gesetzesrechte verliehen?

Breydel blickte De Coninck unwirsch an und entgegnete:

Aber, Meister, ich glaube, Ihr sucht mich mit hochtrabenden Reden zu
verwirren. Wer gab uns das Recht, zu morden und zu brennen? Sagt, wer gab
es denn den Franzosen?

Wer? Ihr Knig Philipp der Schne und ihr Feldherr Chtillon. Die Frsten
tragen auf ihren gekrnten Huptern auch Lohn oder Strafe fr ihre guten
oder bsen Anordnungen; durch Treue und Gehorsam kann ein Untertan nicht
sndigen. Das vergossene Blut zeugt wider den Herrn, der gebietet, nicht
wider den Diener, der gehorcht. Aber wir, die wir ohne Befehl, nur aus
freiem Willen zu Werke gehen, sind auch vor Gott und der Welt
verantwortlich fr unsere Taten; auf unsere Hupter fllt das durch uns
vergossene Blut zurck.

Das ging dem Obmann der Fleischerinnung innerlich nahe. De Conincks
Darlegung fiel ihm schwer aufs Herz, und wenn er nicht viel dagegen
einzuwenden wute, so qulte es ihn doch sehr, da er sie so hinnehmen
sollte.

Aber, Meister, rief er aus, Ihr scheint hinterher Reue zu empfinden; das
wre doch eine Schande. Haben wir nicht unser Leben und unsere Rechte
verteidigt, hat uns nicht die Liebe zu unserem gesetzmigen Herrn, dem
Lwen, dazu getrieben? Ich wei mich frei von aller Missetat;-- und ich
hoffe bestimmt, da mein Beil noch nicht sein letztes Schlachtopfer gesehen
hat. Wohl bin ich zuweilen geneigt, Euer unbegreifliches Verhalten zu
tadeln, so wage ich es doch nicht, weil Eure Wege geheimer sind als die
anderer Sterblicher.

Ihr habt recht, es steckt noch etwas anderes dahinter, und das ist der
Knoten, den ich Euch lsen will. Ihr habt immer gedacht, Meister Jan, da
ich zu langsam in unserer Sache gewesen bin; aber hrt, was ich tat,
whrend Ihr aus Rachsucht das Blut der Feinde nutzlos vergosset. Ich habe
unseren Grafen Gwijde von unseren Bemhungen zur Befreiung des Vaterlandes
in Kenntnis gesetzt, und er hat sie durch seine frstliche Billigung
bekrftigt. Jetzt sind wir keine Meuterer mehr, mein Freund, jetzt sind wir
gesetzliche Feldobersten unseres Landesherrn.

Dank Euch, Meister, rief Breydel begeistert aus, nun versteh' ich Euch.
Wie klopft mir das Herz bei diesem Ehrennamen! Ja, ich war ein Meuterer,
und ich wute es, aber nun bin ich ein wrdiger Krieger. Die Franzosen
sollen die Wandlung spren.

Von dieser Billigung unseres Frsten habe ich Gebrauch gemacht, erzhlte
De Coninck weiter, alle Freunde des Vaterlands zum allgemeinen Aufstand
aufzustacheln, und das ist mir geglckt. Auf den ersten Ruf werden in allen
Stdten Flanderns mutige Klauwaerts aus dem Boden wachsen!

Der Obmann der Weber empfand ein glckhaftes Ahnen; eine Trne blinkte an
seinen Wimpern, und er drckte Breydels Hand, whrend er fortfuhr:

Und dann, mein heldenmtiger Freund Breydel, dann soll die Sonne der
Freiheit nicht einen lebenden Franzosen mehr bescheinen, und aus Furcht vor
unserer Rache werden sie uns den Lwen wiedergeben! Uns, uns, Brgges
Shnen, wird Flandern seine Freiheit verdanken! Wird Euer Geist nicht bei
diesem Gedanken von edlem Stolz erfllt?

Breydel umarmte De Coninck mit ungestmer Freude.

Mein Freund, o mein Freund! rief er, wie greifen mir doch Eure Worte ans
Herz. Ein unbeschreibliches Gefhl hebt mich empor, ich bin der
glcklichste Mensch auf Erden! O Vaterland, wie gro machst Du die Seelen
derer, die Dich lieben! Seht, Meister Peter, in diesem Augenblick wrde ich
den Namen eines >Vlaemen< nicht gegen die Krone Philipps des Schnen
vertauschen!

Ihr wit noch nicht alles, Meister. Der junge Gwijde von Flandern und
Johann, der Graf van Namen, haben sich uns angeschlossen; Herr Jan Borluut
soll die Genter fhren; in Oudenaarde haben wir Herrn Arnold; in Aalst
Herrn Balduin van Papenrode. Herr Johann van Renesse versprach uns all
seine Vasallen aus Seeland, und noch eine ganze Reihe mchtiger
Lehensherren wird uns beistehen. Was sagt Ihr nun von meiner Langsamkeit
und Geduld?

O, ich bewundere Euch, teurer Freund, und danke innerlich Gott, da er
Euch so viel Verstand gegeben hat. Nun ist es mit den Franzosen aus! Auch
fr das Leben des letzten gebe ich keine sechs Grooten mehr.

Heute morgen um neun Uhr werden die vlaemischen Herren zusammenkommen, um
den Tag der Rache zu bestimmen. Der junge Gwijde bleibt als Feldherr unter
uns; die brigen kehren geradeswegs nach ihren Gtern zurck und halten
ihre Leute bereit. Es wre ratsam, da auch Ihr mitginget, damit Ihr die
getroffenen Maregeln nicht etwa aus Unkenntnis vereitelt. Wollt Ihr mit
mir zum Weibusch bei Dale gehen?

Wenn Ihr es wnscht, Meister; aber was werden unsere Genossen zu unserer
Abwesenheit sagen?

Dafr ist schon gesorgt; ich habe sie von meiner Abreise in Kenntnis
gesetzt und den Oberbefehl dem Obmann Lindens bertragen. Er wird sich mit
unseren Leuten nach Damm begeben, um uns dort zu erwarten. Kommt, wir
reisen sofort ab, denn schon graut der Tag!

In aller Eile wurden zwei gesattelte Pferde vorgefhrt, und nachdem Breydel
seinen Fleischern die ntigen Befehle gegeben hatte, verlieen die beiden
Obmnner das Dorf Saint-Kruis. Whrend ihres schnellen Rittes konnten sie
nicht viel reden. Immerhin beantwortete De Coninck Breydels Fragen in
abgerissenen Stzen und legte ihm den groen Entwurf der allgemeinen
Befreiung dar. Nachdem sie so eine ganze Stunde mit verhngtem Zgel
dahergeritten waren, sahen sie die zerstrten Trme von Nieuwenhove ber
die Bume ragen.

Das ist gewi Nieuwenhove, wo der Lwe so viel Franzosen erschlagen hat?
fragte Breydel.

Ja, noch eine halbe Meile vom Weibusch.

Ihr mt zugeben, da man unseren Herrn Robrecht nicht besser taufen
konnte. Er ist wahrhaft ein Lwe, wenn er das Schwert in der Faust fhrt.

Dabei waren sie zu der Stelle gekommen, wo der schwarze Ritter mit den
Entfhrern Machtelds gekmpft hatte; sie sahen die blutigen Leichen am
Boden liegen.

Franzosen, murmelte De Coninck im Vorbeireiten, vorwrts, Meister, wir
drfen uns nicht aufhalten.

Breydel weidete sich an dem grlichen Anblick mit innerer Freude; mehrmals
trieb er sein Ro ber die ausgestreckten Leichen, ohne auf De Conincks Ruf
zu achten. Der Obmann der Weber mute wider seinen Willen zu ihm zurck.

Aber, Meister Breydel, rief er, was treibt Ihr? Um Gottes willen, hrt
auf, Ihr nehmt ehrlose Rache.

Lat mich, antwortete Breydel. Ihr wit nicht, da dies die Sldner
sind, die mir ins Gesicht geschlagen haben. Aber was ist das? Horcht!
Vernehmt Ihr nicht dort hinten aus den Ruinen von Nieuwenhove einen Laut
wie die Klagen einer Frau? O, welcher Gedanke kommt mir da; sie haben die
Jungfrau Machteld aus Male hierhergebracht!

Jhlings sprang er vom Pferde, und ohne es anzubinden, lief er in aller
Eile nach den Ruinen.

Sein Freund folgte ihm; doch Breydel war schon auf dem Vorhof des
Schlosses, ehe noch De Coninck vom Pferd gestiegen war. Der brauchte zu dem
noch einige Augenblicke, um die Rosse am Wege anzubinden. Je nher Breydel
den Ruinen kam, um so deutlicher vernahm er die Klagerufe. Da er nicht
rasch genug den Eingang zu dem Orte fand, von dem der Ruf scholl, so stieg
er auf einen Haufen Steine und blickte durch ein Fenster in den Saal. Er
erkannte Machteld auf den ersten Blick; den schwarzen Ritter aber mute er
natrlich fr einen Feind halten. Darob ri er das Beil unter seinem Wams
hervor und sprang in den Saal.

Schndlicher Ruber! rief er dem schwarzen Ritter zu; ehrloser Franzose!
Ihr habt lange genug gelebt! Ihr sollt Euch nicht ungestraft an der Tochter
des Lwen, meines Herrn, vergriffen haben.

Der Ritter stand wie versteinert ob dieser pltzlichen Erscheinung und
hrte die Drohungen Breydels mit Staunen. Bald jedoch fate er sich und
erwiderte:

Ihr tuscht Euch, Meister Breydel, ich bin ein Sohn Flanderns. Seid ruhig,
die Tochter des Lwen ist gercht.

Breydel wute nicht, was er denken sollte. Noch bebte er vor Wut; aber die
Worte des Ritters, der ihm vlaemisch antwortete und seinen Namen nannte,
hatten Macht genug, ihn zurckzuhalten. Machteld war bei Breydels
Erscheinen durchaus nicht erschrocken; in ihrer Verwirrung war sie sicher,
da der schwarze Ritter einer ihrer Ruber sei, sie lachte froh auf und
rief:

Tod ihm! Er hat meinen Vater eingekerkert und will mich zu der bsen
Johanna von Navarra bringen. Der Heuchler! Warum rcht Ihr nicht das Blut
Eurer Grafen, Vlaeme?

Der Ritter betrachtete die Jungfrau mit schmerzlichem Mitleiden, und Trnen
strmten aus seinen Augen.

Unglckliches Kind! seufzte er.

Ihr liebt und beklagt die Tochter des Lwen, sagte Breydel und drckte
dem Ritter die Hand, vergebt mir, ich habe Euch verkannt.

In diesem Augenblick trat De Coninck in den Eingang des Saales. Erstaunt
erhob er die Hnde ber das Haupt, warf sich vor dem Ritter auf die Knie
und rief:

O Himmel, der Lwe, unser Herr!

Der Lwe, unser Herr? wiederholte Breydel, der nun auch neben dem Obmann
der Weber niederkniete, Gott, was wollte ich tun!

Sie blieben ehrerbietig und tief gebeugt, ohne ein Wort, vor dem Ritter auf
den Knien.

Steht auf, meine getreuen Untertanen, sprach Robrecht van Bethune, ich
wei, was ihr fr euren Frsten getan habt.

Als sie sich erhoben hatten, fuhr er fort:

Sehet hier auf meine Tochter! Bedenkt, wie das Herz eines Vaters bei
diesem Anblick leiden muߠ-- und nichts habe ich, um ihr zu helfen: keine
Speise und keinen Trank, als das kalte Wasser des Baches. Ihr seht, der
Herr prft mich mit harten Schlgen!

Wolltet Ihr, durchlauchtigster Graf, nur befehlen, da ich Euch das alles
besorge? fragte Breydel. Darf ein geringer Untertan Euch darin zu
Diensten sein?

Damit lief er schon zur Tr, doch ein gebieterisches Zeichen des Grafen
ntigte ihn wieder zurck.

Geht, sprach er, sucht einen Arzt; aber nur einen getreuen Untertan.
Nehmt ihm den Eid ab, da er nichts verrt, was er sehen oder hren mag.

Herr Graf, rief Breydel hocherfreut, da fllt mir just einer meiner
besten Freunde ein, der glhendste Klauwaert in Flandern. Er wohnt zu
Wardamme, und ich werde ihn gleich herbringen.

Nennet aber den Lwen von Flandern nicht. Und euch beiden empfehle ich
unverbrchliches Stillschweigen an. Geht!

Breydel verlie den Saal. Nun richtete der Graf an den Obmann der Weber
mancherlei Fragen ber des Landes Angelegenheiten und meinte dann:

Ja, Meister De Coninck, ich habe in meiner Gefangenschaft durch Herrn
Dietrich und Herrn van Nieuwland von Euren miglckten Versuchen erfahren.
Es tut mir unendlich wohl, noch so treue Untertanen zu haben, whrend die
meisten Edeln mich verlassen.

Es ist wahr, durchlauchtigster Graf, antwortete De Coninck, viele Herren
haben sich gegen das Vaterland erklrt, aber die Zahl der treugebliebenen
Adligen ist doch grer als die der Abtrnnigen. Meine Versuche sind auch
nicht miglckt, wie Eure Grfliche Hoheit das glauben. Nie war Flandern
der Befreiung nher; just zu dieser Stunde sind die Herren Gwijde und
Johann van Namen mit vielen anderen Edeln im Weibusch bei Dale versammelt,
um einen mchtigen Bund zu schlieen. Sie warten nur auf mich.

Was sagt Ihr, Obmann? So nahe diesen Ruinen sind meine beiden Brder?

Ja, Hoher Herr, Eure beiden durchlauchtigen Brder und auch Euer treuer
Freund Jan van Renesse.

O Gott! und ich kann sie nicht umarmen! Herr Dietrich hat Euch gesagt,
unter welcher Bedingung ich meinen Kerker verlassen habe. Ich will das
Leben des Jnglings, der mir augenblicklich die Freiheit verschafft hat,
nicht in Gefahr bringen; und doch wnsche ich, meine Brder zu sehen. Ich
will mit Euch gehen, aber mit geschlossenem Visier. Scheint es mir ntig,
mich zu entdecken, so werde ich Euch ein Zeichen geben, und Ihr sollt dann
den anwesenden Rittern das Ehrenwort abnehmen, da sie meinen Namen geheim
halten; wenn sie es verweigern, dann werde ich mich nicht entdecken. Auch
sprechen werde ich nicht.

Wie Ihr es wollt, mein Herr; Ihr werdet sicher mit mir zufrieden sein;
denn ich verstehe Euch sehr wohl.-- Die kranke Machteld scheint zu
schlafen; mchte ihr doch die Ruhe heilsam sein!

Sie schlft nicht, das arme Kind, sie schlummert vor Mattigkeit. Aber mir
scheint, ich hre Schritte von Menschen. So, nun habe ich meinen Helm
aufgesetzt; jetzt kennt Ihr mich nicht mehr, verget das nicht!

Der Arzt trat mit Breydel in den Saal, grte ehrerbietig den schwarzen
Ritter und ging, ohne etwas zu sagen, zu der Kranken. Nachdem er die
bliche Untersuchung vorgenommen hatte, erklrte er, die Jungfrau msse
schleunigst zur Ader gelassen werden, und tat dementsprechend mit der
Lanzette einen Stich in die Ader ihres linken Armes, whrend die beiden
Obmnner sie auf dem Bette festhielten. Der Graf seufzte schmerzlich und
wandte sich nach einer anderen Seite des Saales. Als das Blut in
sprudelndem Strahl aus dem Arme seines unglcklichen Kindes hervorsprang,
packte ihn bitteres Weh, und er erzitterte heftig. Als er seine Betrbnis
mhsam berwunden hatte, wandte er sich wieder zu seiner Tochter, aber ohne
sie anzublicken. Der Arzt stillte das Blut erst, als ihre Krfte zu
schwinden begannen. Sie atmete noch einigemal tief auf und sank dann in
eine krampfhafte Ohnmacht. Nun wurde ihr der Arm verbunden, und sie schien
zu schlafen.

Mein Herr, sprach der Arzt, zu Robrecht gewandt, ich versichere Euch,
da die Jungfrau keine Gefahr luft. Die Ruhe wird ihren Geist
wiederherstellen.

Als der Graf die trstenden Worte hrte, winkte er den beiden Obmnnern und
ging aus dem Saal. Drauen vor den Ruinen sprach er zu Breydel: Meister,
ich empfehle mein Kind Eurer Sorge. Kehrt zu ihr zurck und bewacht die
Tochter Eures Grafen bis zu meiner Wiederkehr. Meister Peter, wir gehen zum
Weibusch.

Er holte seinen Traber und ritt aus den Ruinen. De Coninck begleitete ihn
zu Fu und lie sein Pferd am Wege stehen, obgleich er mit dem Grafen daran
vorbeikam; denn er wute sehr wohl, da es ihm nicht geziemte, neben seinem
Landesherrn zu reiten.

Kurz vor dem Weibusch traten ihnen ungefhr zehn Herren entgegen. Sobald
sie De Coninck erkannten, wandten sie sich mit den beiden zum Wald zurck.
Die vornehmsten unter ihnen waren Johann Graf van Namen und der junge
Gwijde, beide Brder Robrechts van Bethune, Wilhelm van Jlich, ihr Neffe,
Priester und Probst zu Aachen, Johann van Renesse, der mutige Seelnder,
Johann Borluut, der Held von Woeringen, Arnold van Oudenaarde und Balduin
van Papenrode. Die Gegenwart eines unbekannten Ritters erfllte sie mit
grtem Mitrauen, und sie blickten auf De Coninck, als ob sie von ihm
schleunige Aufklrung erwarteten. Der Vorsteher der Weber trat mitten unter
sie und sprach:

Meine Herren, ich bringe Euch den grten Feind der Franzosen, den
edelsten Ritter von Flandern. Ein sehr triftiger Grund, an dem das Leben
eines vortrefflichen Menschen hngt, verbietet ihm, sich jetzt Euer Edeln
erkennen zu geben; wollet es ihm also nicht mideuten, da er seinen Helm
geschlossen hlt und auch nicht spricht; denn seine Stimme ist Euch allen
wie die Stimme Eurer Mutter bekannt. Meine lang erprobte Treue mag Euer
Edeln eine Brgschaft dafr sein, da ich keinen falschen Bruder in unseren
Kreis bringe.

Die Ritter verwunderten sich ber diese seltsame Erklrung und versuchten,
den Namen des Unbekannten zu erraten; doch da ihnen die Gegenwart des
gefangenen Lwen ganz unmglich scheinen mute, so gingen all ihre
Vermutungen in die Irre. Sie verlieen sich jedoch vollstndig auf den
vorsichtigen Obmann der Weber und schickten ihre Diener nach den
verschiedenen Seiten, um sich vor einer unerwarteten berraschung zu
sichern. De Coninck begann hierauf folgendermaen:

Meine Herren, die Gefangenschaft unseres durchlauchtigsten Landesherrn ist
den Brggern sehr schmerzlich gewesen. Es ist wahr, wir haben uns manchmal
gegen euch erhoben, weil man unsere Vorrechte verletzen wollte, und
vielleicht habt ihr gedacht, wir wrden es mit den Franzosen halten. Aber
bedenkt, ein edelmtiges und freies Volk kann keine fremden Gebieter
dulden; seit dem verrterischen Anschlag Philipps des Schnen haben wir
wiederholt unser Leib und Gut daran gewagt; mancher Franzose hat die
Freveltat seines Frsten mit dem Tode gebt, und das Blut der Vlaemen ist
zu Brgge in Strmen geflossen. Angesichts dieser Lage habe ich mich
unterfangen, Eurer Edeln wegen der Mglichkeit einer allgemeinen Befreiung
vorstellig zu werden; ich glaube, unser Joch ist stark erschttert und kann
durch einen krftigen Sto abgeschttelt werden. Ein glcklicher Zufall kam
uns wundersam zu statten: der Obmann der Fleischer hat das Schlo Male
zerstrt, und deshalb hat Herr von Montenay alle Klauwaerts aus Brgge
verjagt; nun befinden sich meine Zunftgenossen in Strke von mehr als
fnftausend Mann zu Damm. Siebenhundert Fleischer haben sich uns
angeschlossen, und ich kann Euer Edeln versichern, die Fleischer mit ihrem
Obmann Breydel brauchen auch vor zehnmal so viel Franzosen nicht zu
weichen; es ist eine wahre Lwenschar. Wir besitzen nun ein Heer, das nicht
zu verachten ist, und knnen sofort gegen die Franzosen in den Kampf
ziehen, wenn durch euch die ntige Hilfe aus den andern Stdten zu uns
stt. Dies mute ich euch bekanntgeben; wollet nun die ntigen Maregeln
treffen. Der Augenblick ist gnstig! Ich erwarte eure Befehle, um mich als
getreuer Untertan nach ihnen zu verhalten.

Mich dnkt, antwortete Johann Borluut, allzu groe Eile kann uns nur
schaden. Wohl sind die Brgger aufgestanden und zum Kampf bereit, doch in
anderen Stdten ist es noch nicht so weit gediehen. Man sollte die Rache
noch etwas hinausschieben, um mehr Mittel sammeln zu knnen. Ihr knnt
sicher sein, da das Heer der Franzosen durch eine groe Schar vlaemischer
Abtrnniger und Leliaerts verstrkt werden wird. Wir mssen bedenken, da
wir die Freiheit des Vaterlands in diesem Spiele wagen; denn wenn wir in
diesem Kampfe unterliegen, so ist es fr immer verloren. Dann knnen wir
unsere Waffen nur noch an den Nagel hngen.

Da der edle Borluut durch ganz Flandern als ein tchtiger und weiser
Krieger bekannt war, so stimmten viele der anwesenden Ritter, darunter auch
Johann van Namen, seiner Rede bei. Doch nun trat der junge Gwijde vor und
sprach mit Leidenschaft:

Bedenkt doch, meine Herren, da jede enteilende Stunde eine Stunde des
Leidens fr meinen alten Vater, fr meine unglcklichen Blutsverwandten
bedeutet; bedenkt, welchen Schmerz mein durchlauchtigster Bruder Robrecht
erdulden mu! Wir haben ihn hilflos in den Hnden seiner Feinde gelassen;
wir lieen in feigem Abwarten unsere Schwerter rosten und die Schande auf
unseren Huptern sich hufen! Wenn unsere gefangenen Brder aus ihren
Kerkern uns fragend zurufen knnten: Wie habt ihr euch eurer Schwerter
bedient, wie seid ihr den Pflichten eines Ritters nachgekommen?-- was
knnten wir ihnen dann antworten? Nichts! Schamrte wrde unsere Wangen
frben und unser Haupt sich unter ihrem Vorwurf beugen. Nein, ich will
nicht lnger warten; das Schwert ist gezckt, und nur mit dem Blute der
Feinde gertet soll die Scheide es frder umfangen. Ich hoffe, da mein
Neffe Wilhelm mich bei diesem Unternehmen durch seinen Beistand
untersttzen wird.

Je eher, je lieber, rief Wilhelm von Jlich, nur zu lange haben wir die
Leiden der Unseren voller Leides mitangesehen. Es ziemt sich nicht, fr
einen Mann, sich so lange reizen zu lassen, ohne sich zu rchen. Ich habe
den Harnisch angetan, und ich werde ihn erst am Tage der Befreiung wieder
ablegen. Ich kmpfe mit meinem Neffen Gwijde und will von keinem Hinziehen
mehr hren.

Aber, meine Herren, nahm Johann Borluut das Wort, darf ich euch
bemerken, da wir Zeit brauchen, um unsere Leute heimlich zu versammeln,
da es euch an Hilfe fehlen wird, wenn ihr ohne uns ins Feld zieht; Herr
van Renesse hat bereits hnliche Bedenken geuert.

In weniger als vierzehn Tagen kann ich wirklich meine Vasallen nicht unter
die Waffen bringen, sprach Herr van Renesse, und ich wrde den Herren
Gwijde und Wilhelm raten, sich dem Rat des edeln Borluut zu fgen.
Jedenfalls ist es unmglich, die deutschen Reiter so bald hierher zu
bringen. Was dnkt Euch, Meister De Coninck?

Wenn die Worte eines geringen Untertanen vor den Herren seines Landes
einigen Wert haben sollen, so wrde ich ebenfalls zur Vorsicht raten,
obgleich es meinem Plan zuwiderluft. In diesem Fall wrden wir unsere
brigen Brder auch noch aus Brgge locken und so unser Heer vermehren;
inzwischen wrden diese Herren ihre Vasallen versammeln knnen und bereit
halten, bis Herr von Jlich mit seinen deutschen Reitern zu uns stt.

Der schwarze Ritter gab mehrmals seine Unzufriedenheit durch Kopfschtteln
zu erkennen; er war sichtlich in groer Versuchung, zu sprechen, doch
jedesmal hielt er sich zurck. Endlich muten sich Gwijde und Wilhelm dem
Willen der anderen Herren fgen, denn diese waren smtlich gegen den
Vorschlag der beiden Brder. Es wurde dann nher festgestellt, da De
Coninck sein Volk zum Damm und zu Aardenberg lagern sollte; Wilhelm von
Jlich sollte nach Deutschland, um seine Reiter zu holen, der junge Gwijde
die Sldner des Grafen, seines Bruders, aus Namen herbeifhren; Herr van
Renesse nach Seeland, und die brigen ein jeglicher nach seiner Herrschaft,
um alles zum allgemeinen Aufstand vorzubereiten.

In dem Augenblick, da sie einander die Hnde zum Abschied drckten, hielt
sie der schwarze Ritter durch einen Wink zurck und sprach:

Meine Herren!...

Seine Stimme rief allgemeines Erstaunen unter den Rittern hervor; sie
streiften einander mit flchtigem Blick, um die eigene Vermutung in den
Mienen der anderen besttigt zu finden. Aber der junge Gwijde strzte vor
und rief:

O glckliche Stunde! Mein Bruder, mein lieber Bruder, Deine Stimme dringt
zum Grunde meines Herzens!

Mit ungestmer Gewalt ri er den Helm von dem Haupte des schwarzen Ritters
und umarmte ihn in inniger Liebe.

Der Lwe, unser Graf! stieen alle hervor.

Unglcklicher Bruder! fuhr Gwijde fort, Du hast so viel gelitten, und
Deine Gefangenschaft hat mich so tief bekmmert. Doch nun, o Seligkeit!
kann ich Dich umarmen. Du hast Deine Ketten zerbrochen und Flandern hat
seinen Grafen wieder. Vergib mir meine Trnen, sie flieen aus Liebe zu
Dir, im schmerzvollen Gedenken an Dein Leid. Dank sei dem Herrn fr dies
unerwartete Glck!

Robrecht drckte den jungen Gwijde zrtlich an sein Herz; dann wandte er
sich zu seinem anderen Bruder Johann van Namen, umarmte auch ihn und sagte
alsdann:

Meine Herren, ich hatte wichtige Grnde, mich nicht zu entdecken. Aber ich
halte es fr meine Pflicht, euch etwas mitzuteilen, was euren Entschlu
ndern mu. Wit denn, da der Knig von Frankreich all seine Lehensleute
mit ihren Untergebenen entboten hat, um gegen die Mauren zu Felde zu
ziehen! Da er diesen Zug nur unternimmt, um den Knig von Majorka wieder in
den Besitz seines Reiches zu setzen, so ist es sicher, da er dieses
mchtige Heer viel eher gebrauchen wird, um Flandern zu behaupten. Die
Zusammenkunft ist auf Ende Juni festgesetzt. Also noch einen Monat, und
Philipp der Schne steht an der Spitze von siebzigtausend Mann. Bedenkt
nun, ob es nicht ratsam wre, die Befreiung vor diesem Zeitpunkt ins Werk
zu setzen; spter wird es unmglich sein. Ich befehle euch nichts, denn
morgen mu ich in meine Haft zurckkehren.

Die Ritter begriffen die Bedeutung seiner Worte und beschlossen mglichste
Eile. Dies nderte ihren Plan, indem sie nicht lnger warten, sondern
schleunigst mit ihren Scharen zu De Coninck nach Damm kommen wollten. Der
junge Gwijde wurde als nchster Blutsverwandter Robrechts zum
Oberbefehlshaber des Heeres ernannt, da Wilhelm von Jlich diese Wrde in
Rcksicht auf seinen Stand als Priester nicht annehmen wollte. Johann van
Namen konnte den Vlaemen nicht persnlich beistehen, denn bei der
bevorstehenden Bewegung hatte er genug zu tun, sich seine Grafschaft zu
erhalten; aber er wollte ihnen doch eine starke Abteilung Reiter
zuschicken.

Kurz darauf brachen die Herren nach ihren Herrschaften auf. Robrecht blieb
mit seinen Brdern, seinem Neffen Wilhelm und De Coninck allein.

O Gwijde! sprach Robrecht tief bewegt, o Wilhelm! ich bringe euch eine
so schreckliche Nachricht, da meine Zunge sie nicht wiederzugeben wagt,
da der bloe Gedanke daran mir schon die Augen mit Trnen fllt. Ihr wit,
wie boshaft die Knigin Johanna unsere arme Schwester Philippa gefangen
genommen hat. Sechs Jahre war ein Kerker des Louvre die Behausung der
Unglcklichen, und whrend dieser ganzen Zeit hat sie weder ihren Vater
noch ihre Brder sehen drfen. Ihr glaubt sie noch auf Erden; denn ihr
fleht zu Gott um ihre Befreiung; aber ach! eure Gebete sind vergeblich!
Unsere Schwester hat man vergiftet und ihren Leichnam in die Seine
geworfen.

Wenn die Trauer zu tief ins Herz des Menschen greift, raubt sie ihm
jhlings die Sprache; so erging es auch mit Gwijde und Wilhelm. Sie
erbleichten und starrten schweigend vor sich hin. Gwijde erwachte zuerst
aus seiner Bestrzung.

So ist es denn wirklich wahr, seufzte er, Philippa ist tot! O seliger
Geist meiner armen Schwester, Du kannst in meinem Herzen meinen Gram, den
Rachedurst lesen, der mich beseelt. Du sollst gercht werden! Strme von
Blut will ich im Gedenken an Dich vergieen!

Lat Euch nicht zu sehr vom Schmerz hinreien, teurer Neffe, sprach
Wilhelm von Jlich. Beklagt Eure Schwester, betet fr ihre Seele; aber
kmpft fr die Freiheit des Vaterlands. Das neidische Grab gibt seine Toten
auch nicht fr Blut wieder zurck.

Brder, unterbrach sie Robrecht, kommt, bitte, mit zu eurer Nichte
Machteld; sie befindet sich nicht weit von hier. Ich werde euch unterwegs
noch manches Traurige berichten; lat eure Diener hier warten.

Robrecht erzhlte ihnen nun, wie wundersam er sein Kind aus den Hnden der
Franzosen befreit, welchen Schmerz er in den Ruinen von Nieuwenhove
erlitten hatte. Doch sein Kummer hatte sich gesnftigt, denn er vertraute
den Worten des Arztes. Die Hoffnung, da Machteld ihn endlich erkennen
werde, go Trost in sein Herz, und er vertraute auf seine Seelenstrke, die
ihm helfen wrde, auch diesen Schmerz zu berwinden. Bald kamen sie in den
Saal, wo Machteld ruhig zu schlafen schien. Ihre Wangen waren wei wie
Alabaster und ihr Atem so schwach, da sie einer Toten glich. Als die
Ritter das mit Schmutz vermengte Blut auf Machtelds Kleidern sahen, packte
sie arge Bestrzung. Voll innigen Mitleids falteten sie die Hnde, doch sie
sagten nichts; denn der Arzt hatte den Finger auf den Mund gelegt und
ihnen so zu verstehen gegeben, da die grte Ruhe herrschen msse. Der
junge Gwijde umarmte seinen Bruder Robrecht und weinte heftig an seiner
Brust.

O Himmel, schluchzte er, wie liegt es da, des Lwen Kind!

Der Arzt winkte die Ritter zum Eingang und fhrte sie aus dem Saal; dann
sprach er:

Die Jungfrau ist wieder im Besitz ihrer Sinne, aber sie ist sehr schwach
und ermattet; in eurer Abwesenheit ist sie einmal erwacht und hat Meister
Breydel erkannt; sie hat ihn vielerlei gefragt, um ihr Gedchtnis zu
sammeln. Er hat sie getrstet und ihr versichert, da Herr van Bethune
kommen werde, sie zu besuchen; es ist nicht ratsam, meine Herren, diese
Hoffnung zu zerstren; deshalb rate ich, nicht von ihr zu gehen. Auch ist
es ntig, da die Dame ein besseres Lager und andere Kleider bekommt.

Robrecht kehrte mit seinen Brdern zu Machteld zurck und betrachtete ihre
bleichen Zge mit stillem Kummer. Ihre Lippen bewegten sich, und von Zeit
zu Zeit stie sie unverstndliche Laute aus. Mit einem krftigeren Atemzug
wiederholte sie zweimal das Wort Vater!-- es tnte wie ein ser
Harfenklang in Robrechts Ohr; im berma seiner Liebe prete er seinen Mund
auf die Lippen der trumenden Tochter. Dieser lange Ku schien der Jungfrau
neues Leben einzuflen. Leichte Rte erschien auf ihren Wangen, und ihre
Augen ffneten sich unter sanftem, seligem Lcheln. Unbeschreiblich war der
Ausdruck in den Zgen des Mgdeleins. Sie blickte schweigend in ihres
Vaters Augen und schien in sestem Entzcken zu schwelgen. So sehen gewi
die Engel im Himmel aus, wenn sie das Antlitz des Herrn erschauen! Alsbald
hob die Jungfrau ihre Arme, und Robrecht beugte sich zu ihr herab, um sich
von ihr umarmen zu lassen. Aber das war nicht des Mdchens Absicht: es
streichelte mit ihren zarten Hnden liebkosend seine Wangen. Beide waren
in Wonne versunken und sprten in sich eine Welt voll Seligkeit. Nun hatte
der Vater all seine Schmerzen vergessen und dankte er Gott, der die
Unglcklichen fr Freude nur um so empfnglicher macht.

Nicht minder ergriffen waren die Umstehenden von diesem Anblick heiliger
Vaterliebe; sie wagten nicht, das feierliche Schweigen durch einen Laut zu
stren und trockneten heimlich ihre Trnen. Ihre Haltung war jedoch ganz
verschieden: Johann van Namen konnte seine Erschtterung am besten
bemeistern und stand mit starrem Blick, erhobenen Hauptes da. Wilhelm von
Jlich, der Priester, war niedergekniet und betete mit gefalteten Hnden.
Bei dem jungen Gwijde und Jan Breydel mischte sich bitterer Schmerz mit
glhender Rachsucht; das war in ihren zusammengepreten Lippen und den
drohenden Bewegungen ihrer geballten Fuste deutlich zu lesen. De Coninck,
der in anderen Fllen so kalt schien, war jetzt der Betrbteste von allen;
seine Trnen flossen in Strmen unter der Hand hervor, mit der er sein
Gesicht bedeckte.

Endlich erwachte die junge Machteld aus ihrem stillen Schauen.
Leidenschaftlich drckte sie das Haupt ihres Vaters an ihr klopfendes Herz
und sprach mit schwacher Stimme:

O mein Vater! mein geliebter Vater! Da liegt Ihr nun an dem Herzen Eures
glcklichen Kindes! Ich fhle Euer Herz an dem meinigen schlagen! Gott sei
gelobt, der dem Menschen so viel Glck beschert! Bleibet so dicht bei mir,
lieber Vater, denn Eure Ksse versetzen mich in den Himmel!

Deine Liebe, mein Kind, rief Robrecht, lt mich alle erlittenen Leiden
vergessen. Du kannst nicht begreifen, wie bitter es mir war, von Dir nicht
erkannt zu werden; aber Gott allein wei, wieviel Freude er in dieser
Stunde meinem Herzen bereitet hat. Ich will meine Liebkosungen verdoppeln,
denn sie sind ein Balsam fr meine Seele. Meine liebe Machteld, wie traurig
war doch Dein Los!

Inzwischen war auch der junge Gwijde nher getreten und stand mit offenen
Armen vor der Ruhestatt. Sobald Machteld ihn bemerkte, sprach sie, ohne
ihren Vater loszulassen:

Ach, mein geliebter Oheim Gwijde! Auch Ihr seid hier? Ihr weint ber mich?
Und Herr Wilhelm, der da drben kniet und betet, und Herr van Namen-- sind
wir denn in Wijnendaal?

Unglckliche Nichte, antwortete Gwijde, Eure Leiden brechen mir das
Herz. O lat mich Euch umarmen, denn meine Seele drstet nach Trost; ich
bin zu Tode bekmmert.

Machteld lie ihren Vater los und bot dem liebevollen Gwijde die Hand dar.
Dann sagte sie etwas lauter:

Herr von Jlich, kommt, gebt mir auch einen Ku, und Ihr, mein teurer
Oheim Johann, drckt mich an Eure Brust: ihr alle seid mir so herzlich
zugetan.

Sie wurde der Reihe nach von all ihren Verwandten geliebkost, und war in
tiefster Seele glcklich; alsbald war das berstandene Leid aus ihren
Gedanken entschwunden. Als Wilhelm von Jlich zu ihr trat, beschaute sie
ihn verwundert von Kopf bis zu Fen und fragte:

Was bedeutet das, Herr Wilhelm? Warum tragt Ihr diesen Harnisch ber Eurem
Priestergewand, weshalb fhrt Ihr, ein Diener des Herrn, dieses lange
Schwert?

Der Priester, der das Vaterland verteidigt, streitet auch fr die Altre
seines Gottes! gab er zur Antwort.

De Coninck und Breydel standen mit entbltem Haupt etwas abseits von ihrem
Ruhelager und nahmen an der allgemeinen Freude teil. Machteld schaute sie
ob ihrer Liebe dankbar an; sie zog das Haupt ihres Vaters an ihre Brust und
fragte mit leiser Stimme:

Wollt Ihr mir etwas geloben, mein vielgeliebter Vater?

Alles, mein Kind; ich bin von Herzen froh, wenn ich Deine Wnsche erfllen
kann.

So bitte ich Euch, mein lieber Vater, da Ihr diese beiden treuen
Untertanen nach Verdienst belohnt; sie haben Tag fr Tag ihr Leben fr das
Vaterland aufs Spiel gesetzt.

Ich will Deinen Wunsch gern erfllen, Machteld; ich werde dafr sorgen,
da sie Dich ein anderes Mal gleichfalls umarmen drfen, wenn sie es, wie
jetzt, verdient haben. Nun la mich los, ich mu mit Gwijde sprechen.

Er winkte seinen Bruder heran und fhrte ihn aus dem Saal in den Vorhof.

Lieber Bruder, sagte er, es ist angemessen, die Liebe dieser beiden
Obmnner unserer guten Stadt Brgge nicht unbelohnt zu lassen; ich gebe
Euch deshalb die ntige Vollmacht, diesen meinen Wunsch auszufhren. Ich
wnsche, da Ihr auf dem Schlachtfelde inmitten aller Znfte De Coninck und
Breydel in Gegenwart all ihrer Gesellen zu Rittern schlagt; so soll die
Liebe zum Vaterland in ihnen geadelt werden. Bewahret diesen Befehl wie ein
Geheimnis in Eurem Herzen, bis die Zeit gekommen ist. Nun wollen wir wieder
in den Saal zurck, denn ich mu Euch verlassen.

Robrecht trat zu seiner Tochter heran, ergriff ihre Hand und sprach:

Mein Kind, Du weit, wie ich aus meiner Gefangenschaft herauskam: ein
edelmtiger Ritter setzt fr mich sein Leben in dem Kerker aufs Spiel.
Werde nicht traurig, Machteld, beuge Dich mit mir dem schrecklichen
Schicksal...

Machteld unterbrach ihn und antwortete:

O, ich kenne das traurige Wort, das auf Euren Lippen schwebt: Ihr mt
mich verlassen!

Du hast es gesagt, mein edles Kind; ich mu in meinen Kerker zurck; ich
habe bei meiner Treue gelobt, nur einen Tag in Flandern zu bleiben. Weine
nicht, das Unglck wird uns nicht lange mehr verfolgen.

Ich werde nicht weinen, das wre eine groe Snde. Ich bin dem Herrn
dankbar fr so viel Trost und werde durch Geduld und Gebet mein Glck von
ihm zu verdienen suchen. Gehet, mein Vater, gebt mir noch einen Ku, und
mgen die Engel des Himmels Euch auf Eurer Reise begleiten.

Obmann Breydel, sprach Robrecht, ich gebe Euch den Befehl ber die Leute
von Brgge; Meister De Coninck sei der oberste Anfhrer. Jetzt ersuche ich
Euch, eine gute Pflegerin zu meiner Tochter herbeizuschaffen; besorgt ihr
andere Kleider. In Blde werdet Ihr sie von hier fortfhren und vor aller
Schmach bewahren. Ich stelle sie unter Euren Schutz, damit sie behandelt
wird, wie es ihrer Abkunft entspricht. Meister Breydel, wollet meinen
Traber auf den Vorhof fhren.

Nachdem Robrecht von seinen beiden Brdern Abschied genommen hatte, umarmte
er seine Tochter und blickte sie mit grter Innigkeit an. Machteld kte
ihn wiederholt und hielt ihn fest umschlungen.

Nun, mein Kind, fuhr Robrecht fort, trste Dich, bald werde ich fr
immer zurckkehren. In wenigen Tagen wird Dein guter Bruder Adolf wieder
bei Dir sein.

O, sagt ihm, ich bitte ihn, sich zu eilen.

Seid berzeugt, er wird seinem Rosse Flgel verleihen.

Gehet nun mit Gott, mein lieber Vater; ich werde ber die Trennung von
Euch nicht weinen.

Robrecht verlie endlich seine Tochter und stieg mit den anderen Rittern zu
Pferde. Als Machteld den Hufschlag der fortsprengenden Rosse hrte,
strmten trotz ihres Versprechens Trnen ber ihre Wangen. Doch das hatte
keine schlimmen Folgen fr sie, denn ihr blieb ein trstliches Bewutsein.

De Coninck und Breydel vollzogen die Befehle des Lwen, ihres Gebieters.
Eine Frau wurde herbeigeholt, und Machteld erhielt reine Kleidung. Gegen
Abend waren alle zu Damm im Lager der Brgger.




XV.


Whrend der acht Tage, die auf diese Vorflle folgten, verlieen noch mehr
als dreitausend Brger die Stadt Brgge und begaben sich nach Ardenberg zu
De Coninck oder nach Damm zu Breydel. Durch den Abzug dieser streitbaren
Mnner ermutigt, berlieen sich die Franzosen allen Zgellosigkeiten und
behandelten die verbliebenen Einwohner wie gekaufte Sklaven. Es gab aber
auch viele Brgger, denen die Franzosen keine Schwierigkeiten machten, und
die mit ihnen sprachen und scherzten wie mit Brdern; das waren Vlaemen,
die ihr Vaterland verleugnet hatten und durch Selbsterniedrigung die Gunst
der Feinde zu erlangen suchten. Sie rhmten sich des Schandnamens
Leliaert, als wre er ein Ehrentitel. Die brigen waren Klauwaerts, echte
Shne Flanderns, die das Joch mit Ungeduld trugen; aber das Gut, das sie im
Schwei ihres Angesichts erworben hatten, war ihnen zu teuer, als da sie
es schutzlos den Hnden der fremden Plnderer berlassen htten.

An diesen Klauwaerts und den Frauen und Kindern der Verbannten lieen die
Franzosen ihre feige Gewaltttigkeit aus. In ihrer schndlichen Rache
lieen sie sich durch nichts hindern; ungestrt raubten sie alles nach
Belieben, holten mit Gewalt die Waren aus den Lden und bezahlten sie mit
Schimpfworten und Schmhungen. Dies erbitterte die bedrckten Brger so
sehr, da sie sich smtlich weigerten, den Franzosen auch nur mehr ein
Stck Fleisch oder einen Bissen Brot zu verkaufen und in ihren Lden irgend
etwas auszuhngen. Sie verbargen die Lebensmittel in der Erde, um sie dem
Spherblick des Feindes zu entziehen, und in vier Tagen war die Besatzung
so ausgehungert, da sie in Scharen auf den Feldern umherlief, um etwas zu
finden. Zu ihrem Glck kam ihnen noch einiges durch die Frsorge der
Leliaerts zugute; trotzdem aber herrschte fortwhrend drckender Mangel in
der Stadt. Die Zunftleute waren ohne Arbeit; sie konnten deshalb die
Schtzungen nicht mehr aufbringen und muten sich verbergen, um den
Verfolgungen des Zollmeisters Jan van Gistel zu entgehen. Wenn die
Zolldiener Sonnabends herumgingen, um den weien Pfennig in Empfang zu
nehmen, fanden sie nie einen Mann zu Hause; dann war es, als ob alle
Brgger die Stadt verlassen htten. Viele von den Znften klagten bei Jan
van Gistel, da sie nichts verdienten und deshalb den Zoll nicht bezahlen
knnten. Aber der entartete Vlaeme hrte sie nicht an und wollte die
Abgaben durch Zwang erheben. Viele Brger wurden ins Gefngnis geworfen,
andere umgebracht.

Herr von Montenay, der franzsische Stadtvogt und Befehlshaber der
Besatzung, war weniger grausam als der Zollmeister. Er wollte angesichts
dieser drngenden Not die Lasten herabsetzen und sandte zu dem Zweck einen
Boten nach Kortrijk, der dem Feldherrn Chtillon die Hungersnot und die
gefhrliche Lage der Besatzung vorstellen und ihn zur Abschaffung des
weien Pfennigs bewegen sollte. Jan van Gistel, der als abtrnniger Vlaeme
von seinen Landsleuten verachtet und gehat wurde, nahm die Gelegenheit
wahr, um Chtillon zur Strenge aufzustacheln. Er schilderte die
Widerspenstigkeit der Brgger in den schwrzesten Farben und bat ihn, fr
ihre Starrkpfigkeit Rache zu nehmen, indem er vorgab: sie wollten nicht
arbeiten, um aus anscheinend stichhaltigen Grnden den weien Pfennig
verweigern zu knnen. Als Chtillon hiervon benachrichtigt wurde,
entbrannte er in heftigem Zorn. Es ging ihm wider den Strich zu sehen, wie
nutzlos alle von ihm aufgewandte Mhe war, des Knigs Befehle auszufhren;
denn das vlaemische Volk war nicht zu bndigen. Tglich gab es Auflufe in
allen Stdten, der Ha gegen die Franzosen brach berall hervor, und an
einigen Orten, wie zum Beispiel in Brgge, wurden die Diener des Knigs
Philipp im geheimen, sogar am hellen Tage umgebracht. Noch rauchten die
zerstrten Trme von Male, und das Blut der erschlagenen Franzosen klebte
ungercht an den Trmmern.

Der Quell all dieses Leides, das sich fr Frankreich ber ganz Flandern
ergo, entsprang in Brgge. Hier war die Flamme des Aufruhrs zuerst
aufgetreten. Breydel und De Coninck waren die Hupter des Drachen, der
sich unter Philipps des Schnen Zepter nicht beugen wollte. In dieser
Erwgung beschlo Chtillon, einen krftigen Anlauf zu nehmen und Flanderns
Freiheit im Blute der Widerspenstigen zu ersticken. Er versammelte
schleunigst siebzehnhundert Reiter aus dem Hennegau, der Picardie und dem
franzsischen Flandern, nahm noch eine groe Abteilung Fuknechte dazu und
zog mit diesem Heer voll Wut nach Brgge. Neben Lebensmitteln und sonstigem
Gut fanden sich in diesem Zuge auch mehrere groe Fsser voller Seile und
Schlingen, die Chtillon fr einen furchtbaren Zweck bestimmt hatte: De
Coninck, Breydel und all ihre Genossen sollten daran gehngt werden. Um den
Klauwaerts keine Zeit zur Vorbereitung von Meutereien zu lassen, hatte der
franzsische Landvogt seine Ankunft heimlich Herrn von Montenay angezeigt;
niemand als der Stadtvogt wute etwas von den schrecklichen Dingen, die da
kommen sollten.

Am 18. Mai 1302 um neun Uhr morgens rckte das franzsische Heer mit
fliegenden Fahnen in die Stadt. Chtillon ritt an der Spitze seiner
siebzehnhundert Reiter. Sein Blick war wild und drohend; die Brger befiel
qulende Angst, und sie ahnten bereits einen Teil der Leiden, die ihrer
harrten. Die Klauwaerts konnte man an ihren Gefhlsuerungen erkennen.
Ihre Hupter waren gebeugt, und schwerster Kummer sprach aus ihren Zgen.
Doch sie glaubten nicht, da ihnen noch Schlimmeres widerfahren knnte als
die Eintreibung des weien Pfennigs und allenfalls noch hrtere Bedrckung.
Die Leliaerts hatten sich auf dem Freitagsmarkt um die Besatzung geschart.
Ihnen war die Ankunft des Landvogts sehr willkommen, denn er sollte ja auch
sie fr die Verachtung seitens der Klauwaerts rchen. Als Chtillon
herankam, riefen die feigen Abtrnnigen immer wieder:

Heil Frankreich! Heil dem Landvogt!

Die Neugierde hatte das Volk zusammengetrieben, und es stand nun
dichtgedrngt am Markte. berall sah man unbeschreibliche Furcht und
Beklemmung. Die Frauen drckten ihre Kinder schweigend ans Herz, und manche
weinten, ohne recht zu wissen, warum. Aber trotz aller Furcht vor der Rache
des Landvogts rief doch keiner: Heil Frankreich! Waren sie auch jetzt
ohnmchtig, so lohte doch der Ha gegen die Unterdrcker Flanderns in ihrem
Herzen, und trotz allen Kummers sprhte noch bisweilen ein drohender Blick
aus ihren Augen, wie ein flchtiger Strahl; dann dachten sie an Breydel und
De Coninck und trumten von blutiger Rache.

Whrend sie die Franzosen scharf beobachteten, hatte Chtillon seine Leute
folgendermaen aufgestellt: An jeder Seite stand eine lange Reihe Reiter,
dazwischen eine Abteilung Sldner, so da der Platz mit Ausnahme einer
Seite geschlossen war; diese hatte man absichtlich offen gelassen, damit
die Brger sehen knnten, was vor sich ging. Nachdem diese Anordnung
getroffen war, wurden die brigen Reiter und Sldner unbemerkt nach den
Stadttoren geschickt, um sie zu schlieen und zu bewachen.

Chtillon stand mit einigen Anfhrern inmitten seiner Reiter. Der Kanzler
Pierre Flotte, der Stadtvogt Montenay und Jan van Gistel, der Leliaert,
schienen mit ihm ber etwas sehr Wichtiges zu verhandeln. Ihre Zge
drckten die grte Bestrzung aus. Obgleich sie nicht so laut sprachen,
da sie von den Brgern gehrt werden konnten, so verstanden doch die
franzsischen Anfhrer zuweilen etwas; mancher brave Ritter blickte
mitleidig auf das bange Volk und mit tiefer Verachtung auf den Verrter van
Gistel, als der zum Landvogt sagte:

Glaubt mir, Herr, ich kenne meine starrkpfigen Landsleute; Eure Gnade
wrde ihren Trotz nur steigern. Wrmt keine Schlange an Eurer Brust. Sie
wird Euch tdlich verletzen. Ich wei aus Erfahrung: die Brgger werden
ihren Nacken nicht beugen, solange die Rdelsfhrer unter ihnen wohnen;
dieses Unkraut mu man ausrotten, oder man wird nie damit fertig.

Herr van Gistel, bemerkte lchelnd der Kanzler, scheint seine Landsleute
nicht sehr in sein Herz geschlossen zu haben; wrde man auf ihn hren, so
wrde morgen keine lebende Seele mehr in Brgge sein.

Wirklich, meine Herren, fuhr Gistel fort, nur die Liebe zu meinem Knig
gibt mir diese Worte ein. Ich wiederhole, der Tod der Aufwiegler allein
kann die Flammen des Aufruhrs in unserer Stadt lschen. Ich habe mir die
Namen der hartnckigsten Klauwaerts gemerkt; solange die Meuterer frei in
Brgge umhergehen knnen, ist Ruhe ausgeschlossen.

Wieviel sind es? fragte Chtillon.

Etwa vierzig, antwortete er kalt.

Wie? rief Montenay entrstet, Ihr wollt vierzig Brger hngen lassen?
Diese hier haben solch grausame Strafe nicht verdient, aber wohl die
Aufrhrer, die sich in Damm befinden. Die Rdelsfhrer De Coninck und
Breydel mit ihren Anhngern, diese haben sich des Todes schuldig gemacht,
aber nicht diese schwachen Brger, die Ihr aus persnlicher Rache gehngt
sehen mchtet.

Herr von Montenay, bemerkte Chtillon, Ihr habt mich benachrichtigt, da
sie Euren Sldnern kein Essen mehr verkaufen wollen; ist das nicht genug?

Es ist wahr, Herr Landvogt, sie haben das unberechtigterweise verweigert;
es war ihre Untertanenpflicht zu gehorchen. Aber meine Sldner haben auch
in sechs Monaten keine Bezahlung erhalten, und die Vlaemen wollen nur gegen
bares Geld verkaufen. Ich wrde es in der Tat bedauern, wenn meine Meldung
so beklagenswerte Folgen htte.

Diese Rcksicht kann Frankreichs Krone groen Schaden tun, meinte Gistel.
Es wundert mich, da Herr von Montenay die aufrhrerischen Brgger
verteidigt!

Montenay wurde sehr zornig ber diesen Vorwurf; denn Gistel hatte seine
Worte in sehr verletzender Form geuert. Der edelmtige Stadtvogt
betrachtete den Leliaert mit Verachtung und antwortete:

Wenn Ihr Euer Vaterland liebtet, so wrdet Ihr den Tod Eurer unglcklichen
Brder nicht verlangen und ich, als Franzose, brauchte sie nicht zu
verteidigen. Und nun wit, damit es auch der Landvogt hrt: Die Brgger
wrden uns die Lebensmittel nicht verweigert haben, wenn Ihr den weien
Pfennig nicht in so unvernnftig drckender Form eingefordert httet. Euch
verdanken wir diese Unruhen. Ihr sucht Eure Landsleute nur zu vergewaltigen
und ruft dadurch in ihrem Herzen den bitteren Ha gegen uns hervor.

Ihr alle seid meine Zeugen, da ich die Befehle des Herrn von Chtillon
getreulich ausgefhrt habe, entgegnete van Gistel.

Das war durchaus nicht Eure Absicht, erwiderte Montenay, vielmehr
wolltet Ihr Euch fr die Verachtung der Brgger rchen. Es ist ein arger
Migriff des Knigs, unseres Gebieters, da er einen Mann, der von allen
verachtet wird, zum Zollmeister ber Flandern eingesetzt hat.

Herr von Montenay, rief van Gistel leidenschaftlich, Ihr werdet mir fr
diese Worte einstehen.

Meine Herren, fiel Chtillon ihnen in die Rede, ich verbiete jede
weitere Auseinandersetzung in meiner Gegenwart; eure Schwerter mgen diesen
Streit entscheiden. Ich sage Euch, Herr von Montenay, Eure Redensarten
haben mir sehr mifallen. Der Zollmeister hat meinem Willen gem
gehandelt. Die Krone von Frankreich mu gercht werden, und wenn die
Rdelsfhrer die Stadt nicht verlassen htten, so wrde es mehr Galgen als
Straenkreuzungen in Brgge geben. Ehe ich nach Damm gehe, um die Znfte zu
strafen, will ich dieser aufrhrerischen Stadt ein abschreckendes Beispiel
bieten. Herr van Gistel, nennt mir die acht starrkpfigsten Klauwaerts,
damit sofort die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme.

Um nicht um seine Rache zu kommen, lie Gistel seine Augen ber das
bestrzte Volk schweifen und suchte acht der Mnner aus der Menge heraus;
diese nannte er dem Landvogt. Darauf mute ein Herold vor dem Volk
Aufstellung nehmen; nachdem er mit seiner Trompete Stille geboten hatte,
verkndete er:

Im Namen des mchtigen Knigs Philipp, unseres Herrn und Gebieters, werden
die Brger, deren Namen ich jetzt nennen werde, auf der Stelle vor meinen
Feldherrn Chtillon gerufen und entboten; wer sich nicht einstellt, soll
unverzglich und ohne Gnade mit dem Tode bestraft werden.

Dieser Trug glckte vollstndig: kaum waren diese Namen bekannt gegeben
worden, so kamen die Klauwaerts aus der Menge zum Markt und begaben sich
ohne Zgern zu Chtillon. Sie wuten wohl, da sie nichts Gutes zu erwarten
hatten, und wrden sich vielleicht durch die Flucht gerettet haben, wenn es
mglich gewesen wre. Die meisten unter ihnen waren etwa dreiig Jahre alt,
nur ein einziger Greis nahte langsamen Schrittes und gebeugten Hauptes.
Stille Duldung lag in seinen Zgen, und nicht die geringste Furcht war
darin bemerkbar. Er blieb vor Chtillon stehen und betrachtete ihn mit
fragenden Blicken, als ob er sagen wollte: Was verlangt Ihr?

Sobald der letzte der Gerufenen herangekommen war, gab der Landvogt ein
Zeichen, und die acht Klauwaerts wurden ungeachtet ihres Strubens mit
Stricken gebunden. Klagen und Murren erhob sich im Volke, aber eine
Abteilung der Reiter stellte sich drohend vor ihm auf und machte es bald
verstummen. In wenigen Augenblicken wurde ein langer Galgen auf dem Markte
errichtet und ein Priester den Verurteilten zugefhrt. Beim Anblick dieser
schrecklichen Vorbereitungen flehten die Frauen und Brder der
unglcklichen Klauwaerts um Gnade, und das Volk drngte sich ungestm
zusammen. Lautes Schluchzen, vermischt mit Verwnschungen und
Rachegeschrei, ertnte aus der Brgerschar und lief wie ein Vorbote des
Aufruhrs durch die Menge. Alsbald kam ein Trompeter heran und rief:

Es sei euch kund und zu wissen getan: Wer sich widerspenstig getraut, die
Rechtspflege des Landvogts, meines Herren, durch Rufen oder auf andere
Weise zu stren, soll an demselben Galgen neben den Meuterern aufgehngt
werden!

Bei dieser Ankndigung erstarb die Klage in aller Munde, und Totenstille
herrschte unter dem bangen Volke. Die Frauen blickten trnenberstrmt gen
Himmel und flehten zu dem, der allein die Menschen versteht und hrt, wenn
ein Tyrann ihnen die Sprache raubt. Die Mnner verfluchten ihre Ohnmacht
und entflammten in fieberhafter Wut. Sieben Klauwaerts wurden der Reihe
nach an den Galgen gehngt und starben angesichts ihrer Mitbrger. Der
Schmerz der gengsteten Brgger wandelte sich in Verzweiflung. Jedesmal,
wenn einer von der Leiter gestoen wurde, beugten sie das Haupt zu Boden
und wandten so ihre Augen von dem schrecklichen Schauspiel ab. Sicher
wrden viele sich von dem Platz entfernt haben, wenn sie sich htten
bewegen drfen; aber das war ihnen verboten, und wenn sich nur die
geringste Unruhe unter ihnen bemerkbar machte, kam ein Sldner mit
entbltem Schwert, um sie zur Ruhe zu zwingen.

Nur noch ein Klauwaert stand bei Herrn von Chtillon; jetzt war die Reihe,
gehangen zu werden, an ihm. Er hatte gebeichtet und sich bereit gemacht;
dennoch eilte man nicht mit ihm, denn der Landvogt hatte das Zeichen noch
nicht gegeben. Inzwischen bemhte sich Montenay, die Begnadigung des
greisen Vlaemen zu erlangen, aber van Gistel hatte auf diesen Klauwaert
einen besonderen Ha geworfen und gab vor, er sei einer der Rdelsfhrer
und habe sich der franzsischen Herrschaft am meisten widersetzt. Auf
Befehl des Landvogts redete er den alten Vlaemen folgendermaen an:

Ihr habt gesehen, wie Eure Genossen fr ihre Widerspenstigkeit bestraft
worden sind. Gleich ihnen seid auch Ihr verurteilt; dennoch will der
Landvogt aus Ehrfurcht vor Euren grauen Haaren Gnade vor Recht ergehen
lassen. Er schenkt Euch das Leben unter der Bedingung, da Ihr Euch fortan
wie ein ergebener Untertan Frankreichs unterwerft. Rettet Euch mit dem Ruf:
Heil Frankreich!

Der Greis warf einen Blick voll Zorn und Verachtung auf den Abtrnnigen und
antwortete mit bitterem Lcheln:

Wenn ich Euch gliche, wrde ich das wohl rufen; ich tt's, wenn ich mein
weies Haar durch eine niedere Tat besudeln knnte. Doch nein; ich verachte
Euch und trotze Euch bis in den Tod.-- Ihr, Verrter, gleicht der
Schlange, die im Eingeweide ihrer Mutter whlt; denn Ihr liefert den
Fremden das Land aus, das Euch ernhrt hat. Zittert! Ich habe noch Shne,
die mich rchen werden, und Ihr, Ihr werdet nicht in Eurem Bette sterben!
Ihr wit, da ein Mensch in seiner letzten Stunde nicht lgen kann.

Jan van Gistel erbleichte bei dieser feierlichen Verkndigung des Greises.
Fast bereute er seine Rache, und er versank in trbes Sinnen; ein Verrter
frchtet den Tod gleich einem Racheboten des Herrn. Chtillon konnte an dem
Gesicht des Klauwaerts hinlnglich bemerken, da er hartnckig blieb.

Nun, was sagt der Meuterer? fragte er.

Mein Herr, antwortete Gistel, er verhhnt mich und verachtet Eure
Gnaden.

Hngt ihn! befahl der Landvogt.

Der Sldner, der das Henkeramt versah, nahm den Greis beim Arm, und der
folgte ihm gehorsam bis zum Fu der Leiter; es vergingen noch einige
Augenblicke, ehe die Schlinge um seinen Hals gelegt war. Er empfing den
letzten Segen des Priesters und setzte endlich seinen Fu auf die Leiter,
um den Galgen zu besteigen. Aber pltzlich ging trotz der Wachen eine
ungestme Bewegung durch das Volk. Vor einem unwiderstehlichen Drucke
taumelten einige gegen die Mauern der Huser, andere wurden vorwrts
gestoen, und ein Jngling mit bloen Armen drang durch die Menge bis auf
den Markt. Kaum war er aus der dichtgedrngten Volksmasse heraus, so
berschaute er mit wildem Blick den Markt, schnellte wie ein Pfeil vorwrts
und rief:

Vater, Vater! Ihr sollt nicht sterben!

Mit diesen Worten zckte er einen Dolch und stie ihn bis an das Heft in
die Brust des Henkers. Der fiel mit einem Schmerzensschrei von der Leiter
und wlzte sich sterbend in seinem Blut. Inzwischen umfate der junge
Klauwaert seinen Vater, hob ihn vom Boden auf und lief mit seiner heiligen
Brde ins Volk zurck. Die Franzosen hatten in regungsloser Erstarrung
diesen Auftritt mit angesehen, doch nur einen Augenblick. Chtillon ri sie
schnell aus ihrer Bestrzung. Ehe noch der Jngling zehn Schritte weit
gelaufen war, hatten ihn mehr als zwanzig Sldner eingeholt. Er setzte
seinen Vater auf den Boden und drohte seinen Feinden mit dem noch
rauchenden Messer. Aber wohl fnfzig andere Vlaemen scharten sich um ihn,
so da die Sldner zwischen sie dringen muten, um ihn zu packen. Aber wie
gro wurde die Wut der Franzosen, als sie ihre zwanzig Gefhrten einen nach
dem anderen niederfallen sahen! Jhlings blinkten die Messer in den Hnden
der umstehenden Klauwaerts, und die Sldner wurden unbarmherzig
niedergestoen, wobei freilich auch mancher Vlaeme sein Leben lie.

Nun strzte sich die ganze Reiterei wtend auf das flchtende Volk. Die
groen Schlachtschwerter trieben die Menge bald auseinander, und die Pferde
zerstampften die Widerspenstigen. Doch sie waren nicht ungercht gestorben:
erschlagene Franzosen bildeten ihr Lager. Auch Vater und Sohn waren
geblieben, ein Degen hatte beide durchbohrt. Das Volk floh wie ein
reiender Strom mit ngstlichem Geschrei durch die Straen hin. Alles eilte
nach seiner Wohnung. Tren und Fenster wurden geschlossen, und einige
Stunden spter schien es, als htte die Stadt keine Einwohner mehr.

Rasend vor Wut ber den Tod ihrer Kameraden und von Natur zu
Gewaltttigkeiten geneigt, liefen die Sldner in Scharen durch die
menschenleeren Straen und lieen sich die Huser der Klauwaerts von den
Leliaerts bezeichnen. Sie schlugen Tren und Fenster in Stcke, raubten
Geld und Gut und zertrmmerten alles, was ihnen nicht kostbar genug oder zu
schwer war. Die weinenden Mdchen, die man in Kellern oder anderen
Verstecken auffand, wurden grausam mihandelt. Mnner, die ihre Frauen und
Schwestern verteidigen wollten, wurden bald von der rasenden Horde
berwunden und hingemordet. Hier und da lagen vor den Tren der
geplnderten Huser verstmmelte Leichen zwischen zertrmmertem Hausrat.
Nichts als das wtende Geschrei der Sldner und das Jammern der
unglcklichen Frauen war zu hren. Lachend kamen die Plnderer aus den
verwsteten Wohnungen, beladen mit geraubtem Gut, triefend von vlaemischem
Blute. Zogen einige von Mord und Raub gesttigt ab, so traten andere,
schlimmere an ihre Stelle, und so trieben die Franzosen Stunden um Stunden
dies schndliche Spiel. Alle Schandtaten, die nur ein zgelloser Feind
begehen kann, wurden durch sie ausgefhrt. In der Wohnung Peter De Conincks
blieb kein Stck ganz; selbst die Mauern wren nicht stehen geblieben, wenn
die Plnderer nicht ihre Zeit zu anderen Missetaten gebraucht htten. Eine
andere Rotte lief geradewegs zum Hause des Obmanns Breydel. In wenig
Augenblicken war die Tr eingestoen, und zwanzig Sldner traten fluchend
in den Laden; sie trafen niemanden, obgleich sie alle Stuben durchsuchten.
Die Kassen wurden erbrochen, Geld und Gut geraubt und und alles in Trmmer
verwandelt. Whrend sie mde und ermattet mit boshafter Freude auf die
Schutthaufen starrten, kam einer ihrer Genossen die Treppe herab und
sprach:

Ich habe auf dem Boden ein Gerusch gehrt, sicher verbergen sich Vlaemen
unter dem Dach. Ich glaube, wir werden da noch bessere Beute finden, denn
sie haben gewi ihr Geld mitgenommen.

Die Sldner wandten sich hastig nach der Treppe. Jeder wollte zuerst
hinauf, aber die Stimme ihres Genossen hielt sie zurck.

Wartet, wartet! rief er, ihr knnt nicht hinauf, die Bodenluke ist
wenigstens zehn Fu hoch, und die Leiter haben sie aufgezogen; aber das hat
nichts zu sagen, ich habe eine Leiter im Hofe stehen sehen; ich gehe
schnell hin und hole sie.

Er kam bald damit zurck und stieg mit seinen Genossen nach oben. Die
Leiter wurde unter die Luke gestellt und man versuchte, sie aufzuheben.
Aber das gelang nicht; ein starker Riegel hinderte sie.

Schn! rief einer von ihnen, whrend er ein schweres Stck Holz vom Boden
aufnahm, da sie nicht gutwillig ffnen, wollen wir ein anderes Mittel
versuchen.

Er schlug mit dem Holz gewaltig vor die Luke, doch sie blieb fest und
rhrte sich nicht. Ein Wehelaut tnte vom Boden her, so schmerzlich, als ob
jemand sein Leben ausgehaucht htte.

Ha, ha, riefen die Sldner, sie liegen auf der Luke!

Wartet, meinte ein anderer, ich werde sie bald wegjagen; wollt ihr mir
etwas helfen?

Nun nahmen sie einen schweren Balken, hoben ihn zusammen auf und stieen
ihn dann mit solcher Gewalt gegen die Luke, da die Bretter davon
losbrachen und herabfielen. Mit tobendem Geschrei legten sie rasch die
Leiter an und strmten alle nach oben. Hier blieben sie pltzlich stehen;
es schien, da ihre Herzen weicher wurden, denn die Flche erstarben auf
ihren Lippen, und sie blickten sich unschlssig an. Im Hintergrund des
Bodens stand ein Knabe, nicht ber vierzehn Jahre alt, mit einem
Schlachtbeil in der Hand; bleich vor Angst und bebend hielt er die Waffe
wider die Franzosen erhoben, ohne einen Laut von sich zu geben. Aus seinen
blauen Augen schossen Strahlen von Verzweiflung und Heldenmut. Er war
sichtlich von heftiger Bewegung ergriffen; denn die Muskeln seiner zarten
Wangen zogen sich zusammen und verliehen ihm einen furchtbaren Ausdruck. Er
glich im kleinen einer griechischen Statue. Hinter dem jungen Fleischer
knieten zwei Frauen: Eine alte Mutter mit gefalteten Hnden und zum Himmel
erhobenen Augen, und eine zarte Jungfrau mit aufgelstem Haar. Das
gengstigte Mgdelein hatte sein Gesicht in den Kleidern seiner Mutter
verborgen und hielt sie wie in Todesangst umschlungen. In dieser Haltung
saen sie regungslos. Kein Seufzer, keine Klage kam ber ihre Lippen.

Als sich die Sldner von ihrem ersten Erstaunen erholt hatten, nahten sie
sich den Unglcklichen ungestm und ergingen sich in Scheltworten gegen
sie. Just wollten sie Hand an sie legen, denn das Kind flte ihnen nicht
die mindeste Furcht ein. Aber wie packte sie der Zorn, als der junge
Fleischer den linken Fu zurcksetzte und sein Beil verzweifelt schwang.
Sie stutzten, einen Augenblick wurden sie in ihren schndlichen Plnen
gehemmt. Dann wollte einer von ihnen das Kind durchbohren, aber der Knabe
wehrte den Degen ab und hieb mit verzweifelter Kraft seinem Feind in die
Schulter, so da dieser wankend seinen Genossen in die Arme fiel. Als htte
dieser Schlag des Kindes Kraft erschpft, strzte es rcklings zu Boden und
blieb regungslos neben den Frauen liegen.

Die Sldner hatten sich um ihren verwundeten Genossen versammelt, und
entkleideten ihn unter Rachegeschrei und Verwnschungen. Derweile weinte
die alte Frau in grter Angst und flehte um Gnade.

O, ihr Herren! rief sie und streckte die Arme aus, habt doch Mitleid mit
uns Unglcklichen! Mordet uns nicht, um der Liebe des Herrn willen! Seht
doch meine Trnen und erbarmt euch unserer Leiden. Was ntzt euch der Tod
von zwei wehrlosen Frauen?

Es ist die Mutter des Fleischers, der so viele Franzosen zu Male ermordet
hat, rief einer der Sldner; sie mu sterben!

O nein, nein, mein Herr! erwiderte die alte Frau, taucht eure Hnde
nicht in mein Blut, ich bitte euch beim bitteren Leiden unseres Erlsers,
lat uns das Leben! Nehmt alles, was wir besitzen.

Heraus mit eurem Geld! rief eine Stimme.

Daraufhin ergriff die Frau ein Kstchen, das hinter ihr stand, und warf es
dem Sldner zu.

Da, meine Herren, sprach sie, das ist alles, was uns in der Welt
geblieben ist, ich schenke es euch gern.

Das Kstchen ging auf, und eine Menge Goldstcke und kostbares Geschmeide
rollte auf den Boden. Whrend die Sldner einander wegstieen, um die Beute
zu haschen, fate einer das Mdchen beim Arm und schleifte es grausam ber
die Erde.

Mutter, o Mutter, hilf mir! schluchzte die Jungfrau mit ersterbender
Stimme.

Aus Verzweiflung und Liebe zu ihrem Kinde wurde die Mutter zur rasenden
Furie; ihre Augen sanken tief in ihre Hhlen zurck und funkelten unter den
dichten Brauen wie bei den Wlfen; ihre Lippen bebten im Krampf und lieen
die Zhne sehen, als wre die Mutter in diesem furchtbaren Augenblick von
der Wildheit einer Tigerin erfat. Wtend sprang sie auf den Sldner los,
schlang ihre Arme um seinen Kopf, packte ihn dann mit ihrer Hand wie mit
einer Klaue, prete ihm die Ngel in das Gesicht und zerfleischte ihm die
Wangen, so da ihm das Blut ber das Kinn lief.

Mein Kind! schluchzte sie, mein Kind, Bsewicht!

Das Gesicht des Sldners verriet hinlnglich den unertrglichen Schmerz,
denn die Augen traten ihm aus dem Kopfe. Da er das Mgdelein nicht
loslassen wollte, setzte er der Mutter den Degen auf die Brust und
durchbohrte ihr grausam das Herz. Die unglckliche Frau lie ihren Feind
los und lehnte sich wankend an das Dach. Blut lief ber ihre Kleider, ihre
Augen erloschen, ihre Zge erstarben und ihre Hnde griffen ins Freie wie
nach einer Sttze. Der Sldner ri das goldene Gehnge aus den Ohren des
jammernden Mgdeleins, zog ihr die Perlenschnur vom Hals, die Ringe vom
Finger. Dann ergriff er mit einem wilden Lachen seinen Degen, durchbohrte
sie, und rief dabei hhnisch der sterbenden Mutter zu:

Ihr sollt die lange Reise zusammen machen knnen, vlaemische Brut!

Die Mutter stie noch einen Schmerzensschrei aus, strzte nach vorn und
sank dann auf die Leiche ihres Kindes.

Das alles war in wenigen Augenblicken geschehen, so da die anderen Sldner
noch immer die Juwelen zusammenrafften, als Mutter und Tochter schon die
Erde mit einer besseren Welt vertauscht hatten. Sobald die fremden
Plnderer alles nur einigermaen Wertvolle geraubt hatten, verlieen sie
das Haus und eilten weiter, um anderswo die gleiche Verwstung anzurichten.
Die unglcklichen Brger, die nunmehr aus ihren Wohnungen vertrieben waren
oder nicht darin zu bleiben wagten, irrten wie verloren in den Straen
umher, und die Franzosen riefen ihnen Schmhworte nach. Wie mute diese
Verzweiflung, diese Ohnmacht den vlaemischen Herzen nahe gehen! Wie bitter
und leidenschaftlich verwnschten sie alles, was franzsisch hie!

Etwa um Mittag ritt eine groe Reiterschar durch die Stadt, um die Sldner
wieder zusammenzurufen; denn Herr von Chtillon fand, da Frankreichs Krone
nun hinlnglich gercht war. Man lie ausrufen, die Leichen sollten
begraben werden, und jeder mge nach seiner Wohnung zurckkehren. Einige
Klauwaerts waren in das Haus des Obmannes Breydel gegangen, hatten die
Leichen der beiden Frauen vom Boden geholt und brachten sie auf einer
Tragbahre nach dem Damm-Tor. Hier vollzog sich ein trauriges,
herzzerreiendes Schauspiel. Tausende weinender Frauen, jammernder Kinder
und schwacher Greise baten kniend, die Stadt verlassen zu drfen; doch den
Sldnern war befohlen, die Tore geschlossen zu halten. Sie hrten auf kein
Flehen und beantworteten die Trnen der gengstigten Brger mit bitterem
Hohn. Als diese lange Zeit vergebens gebeten hatten, kam eine der Frauen
auf den glcklichen Gedanken, den Wachen ihr Geschmeide zu geben. Viele
andere folgten dem Beispiel, und bald lagen ein groer Haufen von kostbaren
Halsschnren, Schlssern, Ohrgehnge und anderem reichen Zierat vor dem
Tore. Die Sldner griffen gierig nach dem blinkenden Tande und versprachen,
die Tore zu ffnen, wenn man ihnen all diese Kostbarkeiten schenken wrde.
Daraufhin warfen die Frauen hastig ihr Geld und Gut auf den Boden, und die
Tore wurden geffnet. Frohes Jauchzen begrte die glckliche Befreiung.
Die Mtter nahmen ihre Kinder auf den Arm, der Sohn sttzte den Vater, und
so strmte alles durch das Tor. Die Mnner, welche die Leichen der Mutter
und Schwester Jan Breydels trugen, folgten den anderen auf der Flucht, und
hinter ihnen schlo sich wieder das Tor.




XVI.


Jan Breydel hatte sich mit seinen siebenhundert Genossen unweit Damm, etwa
eine Meile von Brgge gelagert. Dreitausend Gesellen anderer Znfte hatten
sich seinem Befehl unterstellt. So befand er sich an der Spitze eines
Heeres, das zwar gering an Zahl, aber machtvoll war durch seinen Mut und
seine Unerschrockenheit: denn die Herzen dieser Mnner lechzten nach
Freiheit und Rache. In dem Gehlz, das der Obmann zum Lagerplatz gewhlt
hatte, war eine Viertelstunde weit alles mit Zelten bedeckt. Am Morgen des
18.Mai, kurz bevor Chtillon in Brgge einrckte, rauchten vor den
regelmigen Linien dieses Lagers unzhlige Feuer; doch man sah nur wenig
Volk bei den Zelten. Frauen und Kinder waren genug da, aber nur selten
zeigte sich ein Mann, und auch dann war es nur eine Schildwache. Etwas
abseits von dem Lager, hinter den Bumen, die ihre Zweige ber die Zelte
breiteten, befand sich ein offener, unbewachsener Platz. Dort hrte man das
summende Gerusch vieler Stimmen, das nur zuweilen von starken Schlgen
bertnt wurde. Der Ambo ertnte von den Schmiedehmmern klingend wider,
und die grten Bume sanken krachend unter den Beilen der Fleischer dahin.
Lange Stangen wurden gerundet, geglttet und mit einer Eisenspitze
versehen. Schon lagen groe Haufen solcher Goedendags am Boden. Andere
Gesellen flochten Weidenzweige zu Schilden und gaben sie der Reihe nach der
Gerberzunft, die sie mit einer Ochsenhaut berzogen. Auch die Zimmerleute
verfertigten allerlei schweres Kriegswerkzeug zum Sturm auf Stdte, zumal
Ballisten und andere Wurfmaschinen.

Jan Breydel lief von der einen Seite zur anderen und trieb seine Genossen
durch ermutigende Worte an; zuweilen nahm er selbst ein Beil aus den Hnden
seiner Fleischer und brachte dann zu ihrem Staunen mit bewunderungswrdiger
Kraft einen Baum in ganz kurzer Zeit zu Falle.

Auf der linken Seite dieses offenen Platzes stand ein prchtiges Zelt von
himmelblauem Stoff mit silbernen Borten. Daran hing ein Schild, auf dem der
schwarze Lwe in goldenem Felde gestickt war: das zeigte, da hier eine
Person von grflichem Blute untergebracht war. Es war Machteld, die sich
unter den Schutz der Znfte gestellt hatte und bei ihnen wohnte. Zwei
Frauen aus dem durchlauchtigsten Hause van Renesse waren aus Seeland
gekommen, um als Ehrendamen und Freundinnen bei ihr zu sein. Nichts fehlte
ihr; die kostbarsten Mbel, die prchtigste Kleidung hatte ihr der edle
Herzog von Seeland zugeschickt. Zwei groe Scharen Fleischer mit blinkendem
Beile standen zu beiden Seiten des Zeltes und dienten der jungen Grfin als
Leibwache.

Der Obmann der Weber ging vor dem Eingang auf und ab-- in tiefem
Sinnen;---- er starrte zu Boden. Die Leibwachen betrachteten ihn still,
und voller Ehrerbietung wagten sie nicht zu sprechen. Er war mit dem
Entwurf eines allgemeinen Lagerplatzes beschftigt. Damit es ihnen nicht am
Ntigsten fehlte, hatte er das ganze Heer in drei Gruppen geteilt. Die
Fleischer und Gesellen verschiedener Znfte lie er unter Breydels Befehl
zu Damm ein Lager beziehen. Hauptmann Lindens stand mit zweitausend Webern
bei Sluis, und De Coninck selbst blieb mit zweitausend anderen zu
Aardenburg. Aber diese erzwungene Trennung der verschiedenen Heeresteile
mifiel ihm; er htte lieber vor der Rckkunft des Herrn Gwijde alle
Abteilungen zusammengezogen. Deshalb war er nach Damm gekommen und hatte
schon mit Jan Breydel darber verhandelt. Jetzt wartete er auf die
Erlaubnis, die Tochter seines Herrn zu sehen und zu begren. Whrend er
noch diesen Entwurf berdachte, wurde der Vorhang des Zeltes beiseite
gezogen, und Machteld schritt langsam ber den Teppich, der vor dem Eingang
lag. Sie war bleich und matt, ihre schwachen Glieder trugen sie nur mit
Mhe; sie schwankte schon bei den wenigen Schritten, die sie tat, und ruhte
schwer auf dem Arme der jungen Adelheid van Renesse, die sie begleitete.
Ihre Kleidung war kostbar, aber prunklos; sie hatte jeden Schmuck
verschmht und trug als einziges Kleinod die goldene Brustplatte mit dem
schwarzen Lwen von Flandern.

De Coninck hatte sein Haupt entblt und stand ehrerbietig vor ihr.
Machteld lchelte ergreifend. Auf ihren Zgen mischte sich bitterer Schmerz
mit ruhiger Zufriedenheit, denn sie war erfreut, den Obmann zu sehen. Mit
schwacher Stimme sprach sie:

Seid gegrt, Meister De Coninck, unser Freund! Ihr seht, ich fhle mich
nicht wohl, das Atmen fllt mir recht schwer; aber ich mag nicht immer in
meinem Zelte bleiben. Die Trauer berwltigt mich in dieser engen
Behausung. Ich will die treuen Untertanen meines Vaters arbeiten sehen,
wenn mich meine Fe so weit tragen knnen. Ihr werdet mich begleiten; ich
bitte Euch, Meister, beantwortet meine Fragen; das wird meinem kranken
Geiste Erleichterung schaffen. Die Wachen sollen uns nicht folgen. Die
reine Morgenluft tut mir so wohl.

De Coninck folgte seiner Landesherrin und begann, mit ihr ber mancherlei
zu plaudern; mit seinem gewohnten Scharfsinn und seiner Beredsamkeit wute
er ihr viel Trost zu schaffen und verscheuchte so vorbergehend all ihre
trben Gedanken. Als die Jungfrau inmitten der Zunftleute stand, ward sie
mit Jauchzen und Glckwnschen begrt. Alsbald ertnte allenthalben der
Ruf: Heil der edeln Tochter des Lwen! Er lief langhin hallend durch das
Gehlz, und Machteld empfand innige Freude ber dies Zeichen feuriger
Liebe. Sie trat zu dem Obmann der Fleischer und sagte freundlich:

Meister Breydel, ich habe Euch von weitem gesehen, Ihr arbeitet mit mehr
Eifer als der geringste Eurer Gesellen. Es scheint, die Arbeit gefllt
Euch!

Meine Gebieterin, antwortete Breydel, wir machen Goedendags, die das
Vaterland und den Lwen, unseren Herrn, befreien sollen. Ich habe gewaltige
Freude an dieser Arbeit, denn es kommt mir vor, als wenn auf der Spitze
eines jeden Goedendags, den wir herstellen, bereits ein Franzose steckt.
Verwundert Euch nicht, durchlauchtige Grfin, wenn ich so zornig in diese
Bume haue; mir ist dabei, als hiebe ich auf den Feind ein, und dieser
Rachetraum lt meine Hand nicht matt werden.

Machteld bewunderte den jungen Mann, dessen Blicke all sein Heldenfeuer
verrieten, dessen Gesicht, wie das einer griechischen Gottheit, den
Ausdruck der zartesten und wildesten Leidenschaften vereinte. Mit
Wohlgefallen betrachtete sie diese Augen, darin mnnlicher Stolz unter den
langen Wimpern hervorstrahlte, die sanften Zge, die als der Spiegel einer
edeln Seele in hingebender Aufopferung und Vaterlandsliebe erglnzten. Mit
wohlwollendem Lcheln meinte sie:

Meister Breydel, Eure Gesellschaft wre mir sehr angenehm: wollet uns
bitte folgen.

Jan Breydel warf das Beil weg, strich die blonden Locken zurck, setzte
seine Mtze anmutiger auf den Kopf und folgte der Jungfrau voll Stolz.
Machteld sagte leise zu De Coninck:

Wenn mein Vater tausend so treuer, unerschrockener Untertanen in seinem
Dienste htte, so wrden die Franzosen nicht lange in Flandern bleiben.

Vlaemen wie Breydel gibt es nur einen, antwortete De Coninck. Die Natur
vereint selten einen so feurigen Geist mit einem so krftigen Krper, und
das ist eine weise Fgung Gottes; denn sonst wrden die Menschen in ihrem
Kraftgefhl zu stolz werden, gleich den Riesen des Altertums, die den
Himmel erstrmen wollten...

Er wollte in seiner Rede fortfahren, aber eine Wache mit Schild und Schwert
kam atemlos zu ihnen gelaufen und meldete Breydel:

Meister, meine Genossen von der Lagerwache haben mich geschickt, um Euch
zu benachrichtigen, da man vor dem Tor unserer Stadt Brgge eine dichte
Staubwolke von dem Wege emporsteigen sieht und ein brausendes Tosen wie von
einem Heere vernehmbar ist. Der Zug verlt die Stadt und kommt auf unseren
Lagerplatz zu.

Zu den Waffen! Zu den Waffen! rief Breydel so kraftvoll, da es alle
hrten. Jeder in seine Abteilung; rasch!

Die Arbeiter griffen voller Ungestm zu den Waffen und liefen wild
durcheinander, aber nur einen Augenblick. Schnell hatten sich die Zge
geordnet, und bald standen die Gesellen bewegungslos in dichtgeschlossenen
Reihen da. Breydel schickte fnfhundert erlesene Leute zu Machtelds Zelt;
die Jungfrau war eilends dorthin zurckgekehrt. Ein Wagen und einige
leichte Pferde wurden vor das Zelt gebracht und alles zur Flucht
vorbereitet. Dann ging Breydel mit seinen Leuten rasch aus dem Gehlz und
stellte sie in Schlachtordnung auf, um den Feind zu empfangen.

Bald bemerkten sie, da sie sich getuscht hatten, denn der Zug, der den
Staub aufwirbelte, kam ohne jede Ordnung heran. Massen von Frauen und
Kindern liefen durcheinander. Die Frauen weinten und wehklagten alle um
eine Bahre, die von Mnnern herbeigetragen wurde. Die Ursache, weshalb die
Zunftleute zu den Waffen gegriffen hatten, bestand also nicht mehr. Dennoch
blieben sie in ihren Gliedern, sttzten sich auf ihre Waffen und warteten
neugierig, was das bedeute.

Endlich nahte der Zug dem Heere. Whrend sich viele Frauen und Kinder
herzudrngten, um ihre Mnner oder ihre Vter zu umarmen, enthllte sich
inmitten der Scharen ein schreckliches Bild. Vier Mnner trugen die Bahre
nahe vor Breydel hin und legten die Leichen zweier Frauen auf den Boden:
deren Kleider waren ganz mit Blut befleckt; ihre Zge konnte man nicht
erkennen, da ein schwarzer Schleier ihre Hupter bedeckte. Als die Leichen
von der Bahre gehoben und auf den Boden gelegt wurden, erfllten die Frauen
die Luft mit ihren Klagen. Nur ein herzzerreiendes Wehe! Wehe! konnte man
verstehen. Endlich rief eine Stimme:

Die Franzosen haben sie grausam ermordet!

Dieser Ruf weckte Wut und Rachedurst unter den Zunftleuten, die bis dahin
bestrzt gewartet hatten; aber ihr Vorsteher Breydel wandte sich ihnen zu
und rief:

Der erste, der sein Glied verlt, wird streng bestraft!

Er war von qulender Unruhe gepeinigt, als ob ein Vorgefhl seines Unglcks
sein Herz ergriffen htte. Ungestm lief er zu den am Boden liegenden
Leichen und zog das Tuch von ihrem Angesicht. Aber o Gott! Welch
furchtbarer Anblick fr ihn. Kein Seufzer entrang sich seiner Brust, kein
Glied bewegte er: er stand, als wre er vom Schlage getroffen. Er war
totenbla, und seine Haare strubten sich. Er starrte nur regungslos auf
die Augen der Leichen; seine Lippen bebten; es war, als sei seine letzte
Stunde gekommen. In dieser Stellung blieb er wenige Augenblicke; dann
atmete er tief auf. Verzweifelt sprang er vorwrts zu seinen Leuten, reckte
zugleich beide Arme und schrie schmerzvoll:

O welch entsetzliches Unglck! Meine alte Mutter!... Meine arme
Schwester!

Mit diesen Worten warf er sich in De Conincks Arme und lag, aller Kraft
beraubt, an der Brust seines Freundes. Mit schrecklichen Blicken stierte er
rings umher, also da seine Gefhrten vor Angst und Mitleid zitterten. In
seiner dsteren Verzweiflung nahm er sein Beil an seinen Mund und bi wie
ein Rasender mit solcher Kraft in den Stiel, da er ein Stck davon
zwischen den Zhnen behielt; aber man nahm ihm rasch die gefhrliche Waffe
fort. De Coninck gebot den Gesellen, in Ordnung zur Arbeit zurckzukehren,
bis ein Befehl sie zu den Waffen rufen werde. Sie htten lieber schleunige
Rache genommen, aber sie wagten keinen Widerspruch, denn ihnen war bekannt,
da De Coninck von dem jungen Gwijde zum Oberbefehlshaber ernannt worden
war; so kehrten sie murrend ins Gehlz zurck und setzten ihre Arbeit
widerwillig fort.

Als die beiden Obmnner in Breydels Zelt gekommen waren, setzte sich dieser
matt und niedergeschlagen an einen Tisch und lie das Haupt auf die Brust
sinken. Er sagte nichts; ein bitteres Lcheln glitt ber seine Zge, als
spottete er des eigenen Unglcks.

Mein unglcklicher Freund, sprach De Coninck, beruhigt Euch um Gottes
willen.

Beruhigt Euch, beruhigt Euch! wiederholte Breydel, bin ich nicht ruhig?
Habt Ihr mich je so ruhig gesehen?

Lieber Freund, fuhr De Coninck fort, wie bitter sind doch die Qualen
Eurer Seele; ich sehe den Tod auf Eurem Gesicht. Trsten kann ich Euch
nicht;-- Euer Unglck ist zu gro, fr solche Wunden wei ich keinen
Balsam.

Ich wohl, antwortete Breydel, der Balsam, der mich heilen kann, ist mir
bekannt, aber mir fehlt die Macht. O meine arme Mutter! Sie haben ihre
Hnde in dein Blut getaucht, weil dein Sohn ein Vlaeme ist-- und dieser
Sohn, ach, dieser Sohn kann dich nicht rchen!

Sein Gesichtsausdruck nderte sich bei diesem Ausruf; er knirschte mit den
Zhnen und packte die Fe des Tisches, als ob er ihn zerbrechen wollte;
trotzdem wurde er bald wieder ruhig, und tiefste Trauer beschattete sein
Gesicht.

Nun, Meister, seid ein Mann, berwindet Eure Verzweiflung. Seid mutig bei
dem bitteren Leid, das Euch heute trifft; das Blut Eurer Mutter soll
gercht werden.

Ein grauenhaftes Lcheln trat wieder auf Breydels Lippen, und er
entgegnete:

Gercht werden? Wie leicht gelobt Ihr etwas, das Ihr nicht halten knnt!
Wer kann mich rchen? Ihr nicht. Glaubt Ihr, da ein Strom franzsisches
Blut hinreicht, um meiner Mutter Leben wieder zu erkaufen? Ruft das Blut
eines Tyrannen seine Schlachtopfer wieder ins Leben zurck? O nein, sie
sind tot, fr immer, fr ewig, mein Freund! Ich werde still und ohne Klagen
leiden; nichts kann mich trsten; wir sind zu schwach, unsere Feinde zu
mchtig.

De Coninck antwortete nicht auf Breydels Worte und schien ber etwas
Wichtiges zu sinnen. Zuweilen glitt ein Schatten ber sein Gesicht, als ob
er sich Gewalt antte, die innere Wut zu verbergen. Breydel betrachtete ihn
neugierig in der Meinung, da etwas Auergewhnliches in der Brust seines
versonnenen Freundes vorging. Der leidenschaftliche Ausdruck verschwand von
De Conincks Gesicht, er stand langsam auf und sprach:

Unsere Feinde sind zu mchtig, sagt Ihr; morgen werdet Ihr das nicht mehr
sagen. Sie haben sich des Verrats und der Bosheit bedient und sich nicht
gescheut, unschuldiges Blut zu vergieen, als ob kein Racheengel mehr am
Throne des Herrn wre. Sie wissen nicht, da ihrer aller Leben in meiner
Hand steht, und da ich sie zermalmen kann, als wenn mir Allmacht von Gott
verliehen wre. Sie suchen ihren Vorteil in Treubruch und schndlicher
Niedertracht. Wohlan, ihr eigenes Schwert soll sie vernichten; das sage ich
Euch!

De Coninck erschien in diesem Augenblick wie ein Prophet, der dem
lasterhaften Jerusalem den Fluch des Herrn kndet; es war etwas so
Furchtbares im Tone seiner Stimme, da Breydel voll ehrfrchtiger Andacht
seinen Worten lauschte.

Wartet ein wenig, fuhr De Coninck fort, ich werde einen der
Neuankmmlinge holen, damit wir erfahren, wie dieses alles sich zugetragen
hat. Lat Euch durch seine Erzhlung nicht hinreien; ich gelobe Euch eine
Rache, wie Ihr sie selbst nicht vollkommener wnschen knntet. Denn nun ist
es doch so weit gekommen, da Geduld eine Schmach wre.

Kurz nachdem er das Zelt verlassen hatte, kam er mit einem Zunftgesellen
zurck und lie ihn die Vorflle, die sich an diesem Tage in Brgge
ereignet hatten, mit allen Einzelheiten erzhlen. Sie erfuhren von ihm, wie
gro Chtillons neues Heer war, den Tod der gehngten Brger und die
schreckliche Plnderung der Stadt. Breydel hrte die Erzhlung kaltbltig
mit an; denn alle diese Schandtaten waren ihm nicht so schmerzlich wie die
Ermordung derjenigen, der er das Leben verdankte. De Coninck dagegen wurde
immer zorniger, je mehr er dies schreckliche Schauspiel vor seinem Geist
sich entrollen sah. Vaterland und Befreiung waren die beiden Gefhle,
welche ihn zu solcher Leidenschaft entflammten. Nun sah er wohl, da es
Zeit war, da man unverzglich losschlagen mute; denn solch grausame
Rechtspflege konnte die Vlaemen erschrecken und entmutigen. Er entlie den
Gesellen und sttzte schweigend den Kopf in die Hand, whrend Breydel
ungeduldig erwartete, was er sagen wrde.

Pltzlich schritt De Coninck auf Breydel zu und rief:

Freund, schleift Euer Beil, verscheucht die Trauer aus Eurem Herzen, wir
werden die Ketten des Vaterlands zersprengen.

Was wollt Ihr damit sagen? fragte Breydel.

Hrt: Der Landmann wartet, bis da die Morgenkhle alle Raupen in ein Nest
getrieben hat; dann schneidet er es vom Baume, legt es hin und zertritt das
Ungeziefer auf einmal. Versteht Ihr das?

Vollendet Eure Verkndigung, rief Breydel; treuester Freund, ein
Lichtstrahl verscheucht meine dstere Verzweiflung! Vollendet, sprecht
aus!

Also: auch die Franzosen haben sich in unserer Vaterstadt wie Ungeziefer
eingenistet. Sie sollen gleichfalls zermalmt werden, als fiele ein Berg
ber sie. Freuet Euch, Meister Jan, sie sind verurteilt. Der Tod Eurer
Mutter soll mit Wucher gercht werden, und das Vaterland wird aus diesem
Blute frei emportauchen!

Breydels Auge schweifte ungestm im Zelte umher. Er suchte sein Beil, bis
ihm einfiel, da man es ihm abgenommen hatte. Gerhrt ergriff er De
Conincks Hand.

Mein Freund! rief er, Ihr habt mich vielmals gerettet, aber alsdann gabt
Ihr mir nur das Leben; jetzt erhalte ich durch Euch Freude und Glck
zurck. Sagt mir nur schnell, wie wir diese Rache ins Werk setzen sollen,
damit ich meiner Sache sicher bin.

Einen Augenblick Geduld, Ihr sollt es gleich hren; ich mu diesen Plan
vor allen Obmnnern darlegen; ich werde sie gleich rufen lassen.

Er ging hastig aus dem Zelt, rief eine Schildwache und sandte sie nach dem
Gehlz, um alle Anfhrer zu sich zu entbieten. Bald darauf standen sie,
ihrer dreiig, in einem Kreise vor dem Zelte. De Coninck sagte zu ihnen:

Genossen! Die feierliche Stunde ist gekommen. Die Freiheit mssen wir
erringen oder den Tod. Lange genug trugen wir das Mal der Schande auf der
Stirn. Es ist Zeit, da wir unseren Feinden Rechenschaft ber das Blut
unserer Brder abfordern; und wenn wir fr das Vaterland sterben mssen, so
denkt daran, Genossen, da die Ketten der Sklaverei am Rande des Grabes
abfallen, und da wir frei und sonder Schmach bei unseren Vtern schlafen
werden. Aber nein, wir werden siegen, das wei ich. Der schwarze Lwe von
Flandern kann nicht untergehen; und sehet, ob wir das Recht nicht auf
unserer Seite haben? Die Franzosen haben unser Land geplndert, unseren
Grafen und die Edeln, die Blte der echten Vlaemen eingekerkert. Philippa
haben sie vergiftet, unsere Stadt Brgge verwstet und die redlichsten
unserer Brder an den Galgen gehngt. Die blutigen Leichen der Mutter und
der Schwester unseres unglcklichen Freundes Breydel ruhen in unserer
Mitte. Diese Leichen und alle, die durch die Hand der fremden Tyrannen
gestorben sind, schreien in eurem Herzen nach Rache! Wohl, so bergt in
eurem Herzen wie in einem Grabe, was ich euch sagen werde. Die Franzosen
sind heute durch ihr teuflisches Treiben ermattet, sie werden fest
schlafen; aber dieser Schlaf soll fr die meisten bis zum jngsten Gericht
dauern! Sagt euren Gesellen nichts; aber fhrt sie morgen zwei Stunden vor
Sonnenaufgang bis hinter Saint-Kruis in den Elsterbusch[29]. Ich gehe
stehenden Fues nach Aardenburg, um meine Mannen vorzubereiten und den
Hauptmann Linden zu benachrichtigen; denn ich mu noch heute in Brgge
sein. Das wundert euch: doch ihr werdet mir zugeben: ein Franzose ist in
Brgge, den wir nicht tten drfen, sein Blut wrde ber unsere Hupter
kommen.

    [29] Und sie kamen berein, da sie sich am nchsten Morgen in
    aller Frhe, noch vor Sonnenaufgang, bei Sinte-Kruiskercke bei
    Brgge gut gewappnet und mit allem Ntigen versehen versammeln
    wollten. (Die excellente Chronike.)

Herr von Montenay? antworteten viele Stimmen.

Dieser Ritter, fuhr De Coninck fort, hat uns stets gtig behandelt; er
hat gezeigt, da ihm das Unglck unseres Vaterlandes nahe geht. Er hat sich
gar manches Mal den grausamen Verfolgungen des verfluchten Jan van Gistel
widersetzt und Gnade fr die Verurteilten erhalten. Mit diesem edeln Blute
drfen wir unsere Waffen nicht frben; um dies zu verhten, gehe ich heute
nach Brgge, mag auch noch so groe Gefahr damit verbunden sein.

Aber, fiel ihm einer der Obmnner in die Rede, wie sollen wir morgen in
die Stadt kommen, da die Tore doch bis Sonnenaufgang verschlossen sind?

Die Tore werden uns geffnet werden, antwortete De Coninck, ich werde
nicht aus der Stadt zurckkehren, bevor unsere Rache unfehlbar sicher ist.
Ich habe euch genug gesagt, morgen auf dem Versammlungsplatz werde ich euch
nhere Befehle geben; haltet eure Leute bereit. Ich nehme unsere junge
Grfin von hier mit fort; sie soll dieses blutige Schauspiel nicht sehen.

Breydel hatte whrend dieser Worte nicht die geringsten Zeichen der
Zustimmung gegeben, aber sein Gesicht erstrahlte in ungemeiner Freude.
Sobald die Obmnner fort waren, warf er sich an De Conincks Brust und
sprach, whrend Trnen ber seine Wangen rollten:

Ihr habt mich aus meiner Verzweiflung gerissen, teurer Freund! Nun kann
ich ruhig ber den Leichen meiner Mutter und Schwester weinen und sie mit
Andacht zur Erde bestatten.-- Und dann, wenn sich das Grab ber ihnen
geschlossen hat...! O, was bleibt mir dann noch in der Welt, das ich
lieben knnte?

Euer Vaterland und sein Aufblhen! bekam er zur Antwort.

Ja ja, Vaterland, Freiheit-- und Rache! Denn jetzt, hrt Ihr, mein
Freund, jetzt wrde ich vor Grimm weinen, wenn die Franzosen unser Land
verlieen. Dann wrde ja mein Beil keine Opfer mehr finden, ich wrde ihre
Leichen nicht mehr zertreten knnen, wie die Hufe ihrer Rosse unsere Brder
zerstampft haben. Die Freiheit ohne Kampf ginge mir wider die Seele; jetzt,
wo sie das Herz, unter dem ich das Leben empfing, durchbohrt haben, kann
mich nur der Anblick strmenden Blutes zufriedenstellen. Macht rasch und
geht mit Gott, damit sich alles zum Guten wende; denn ich drste nach der
versprochenen Rache.

De Coninck nahm von Breydel Abschied: Haltet alles geheim und seid
vorsichtig, mein Freund.

Ehe er das Lager verlie, bereitete er alles zur Abreise der edeln Machteld
vor; nachdem er noch kurz mit ihr gesprochen hatte, bestieg er einen Traber
und verschwand in der Richtung nach Aardenburg.

Unterdes waren die Leichen der Mutter und Schwester Breydels von den Frauen
gewaschen und umgekleidet worden. Sie hatten erst ein Zelt inwendig schwarz
ausgeschlagen und in der Mitte die beiden Leichen auf ein Feldbett
niedergelegt. Sie lagen in dsterem Totenkleid, nur das Antlitz konnte man
sehen. Rund um die feierliche Lagersttte brannten acht gelbe Wachskerzen;
ein Kreuz mit einem silbernen Weihwasserkessel und einigen Palmzweigen
stand am Kopfende, whrend weinende Frauen dabei saen und beteten.

Unmittelbar nach De Conincks Abreise ging Breydel nach dem Gehlz und
befahl, die Arbeit aufzugeben; er sandte die Zunftleute nach den Zelten zur
Ruhe und kndigte ihnen an, da sie am anderen Morgen vor Tagesanbruch
aufbrechen mten. Nachdem er noch einige Maregeln getroffen, um die
Frauen und Kinder im Lager unterzubringen, begab er sich nach dem Zelt, in
dem die Leiche seiner Mutter lag. Dort schickte er die Frauen weg und
schlo die Tr ab.

Vergeblich kamen mehrere Anfhrer zu dem Zelt, um den Obmann zu sprechen,
Anweisungen oder Befehle zu holen; sie bekamen auf ihr Klopfen keine
Antwort. Anfangs glaubten sie ihren Meister in Trauer versunken; aber als
sie vier Stunden vor der Tr gewartet hatten, ohne das geringste Gerusch
zu vernehmen, wurden sie von Furcht gepackt. Sie wagten nicht, ihre
Gedanken zu uern. War Breydel tot? Hatte das Beil oder der Schmerz seinen
Lebensfaden zerschnitten?

Pltzlich ffnete sich die Tr, und Breydel erschien, anscheinend ohne ihre
Gegenwart zu bemerken. Niemand sprach, denn seine Zge lieen das Herz
erstarren, die Sprache stocken. Er war bleich, seine Blicke irrten wild
umher, und viele bemerkten, da zwei Finger seiner rechten Hand mit Blut
befleckt waren. Keiner wagte, ihm zu nahen; der Tod strahlte aus seinen
Augen, und wen er ansah, dem drang jeder Blick wie ein Pfeil in die Seele.
Das Blut an seinen Fingern machte sie noch mehr zittern; eine schreckliche
Ahnung lie sie erraten, woher es stammte. Gewi hatte er in die Wunde
seiner Mutter gegriffen und aus dieser furchtbaren Berhrung diese Raserei
geschpft, die seine Kraft mehren, seinen Rachedurst erhhen mute! So
wandelte er sprachlos durch das Gehlz, bis der Abend das Lager mit
Finsternis bedeckte und ihn den Augen seiner Genossen entzog.

Als De Coninck nach Aardenburg gekommen war, unterstellte er seine
zweitausend Weber dem Befehl eines der ersten Anfhrer und sandte einen
Boten mit Befehlen an den Hauptmann Lindens. Nachdem er die Vereinigung der
drei Heeresabteilungen zu Saint-Kruis vorbereitet hatte, schwang er sich
wieder aufs Pferd und ritt stracks nach Brgge. Dort lie er seinen Traber
in einer Herberge stehen und ging zu Fu in die Stadt. Nichts trat ihm in
den Weg; denn es war bereits spt am Abend, die Tore waren offen und keine
Soldaten als die Schildwachen auf dem Wall zu sehen. Furchtbare Stille
herrschte in den Straen, durch die er gehen mute. Alsbald machte er vor
einem kleinen Hause an der Donatuskirche halt. Er wollte anklopfen, aber er
ward inne, da die Wohnung keine Tr mehr hatte und der Eingang mit einem
langen Tuchstreifen verhngt war. Dies Haus und seine Rume mochten ihm
wohlbekannt sein; denn er hob das Tuch und schritt rasch in den Laden
geradeswegs zu einem kleinen Hinterstbchen, das durch das unbestimmte
Licht einer Lampe erleuchtet war. Zwischen dem zertrmmerten Hausrat, der
am Boden umherlag, sa eine Frau weinend an einem Tische. Sie hielt zwei
kleine Kinder fest an ihre Brust gedrckt und kte sie unter Schluchzen,
als wre sie glcklich, wenigstens diesen Reichtum behalten zu haben.
Weiter hinten in einem Winkel, der von der Lampe nur halb erleuchtet
wurde, sa ein Mann: er hatte das Haupt in die Hnde gesttzt und schien zu
schlafen.

Beim unerwarteten Erscheinen De Conincks erschrak die Frau heftig. Sie
drckte ihre Kinder fester an sich, und ein lauter Schrei kndete ihre
Angst. Der Mann griff hastig nach seinem Dolch; als er aber seinen Obmann
erkannte, stand er auf und sprach:

O Meister, welch schmerzliche Last habt Ihr mir auferlegt, da Ihr mir
gebotet, in der Stadt zu bleiben; die Gnade Gottes allein hat uns von dem
unvermeidlichen Tode gerettet. Unsere Huser sind geplndert, unsere Brder
gehngt und ermordet, und Gott wei, was morgen noch geschehen wird. O
gestattet mir, zu Euch nach Aardenburg zu gehen: ich bitte Euch
flehentlich.

De Coninck antwortete nicht auf diese Bitte; er winkte den Zunftgesellen in
einen Winkel, der am dunkelsten war, und sagte dann mit leiser Stimme:

Gerhard, als ich die Stadt verlie, habe ich Euch mit dreiig anderen
Gesellen zurckgelassen, um die Anschlge der Franzosen zu entdecken. Ich
whlte gerade Euch hierzu, weil ich Euren Mut und Eure Vaterlandsliebe
kenne. Der Tod Eurer Genossen hat Euch wohl Angst gemacht: ist dem so, dann
mget Ihr noch heute nach Aardenburg abreisen.

Meister, antwortete Gerhard, Eure Worte machen mich bekmmert. Ich
frchte den Tod durchaus nicht; aber mein Weib und meine armen Kinder
bleiben hier allem Unheil ausgesetzt. Furcht und Schrecken machen sie
krank. Sie weinen und beten den ganzen Tag, und die Nacht gibt ihnen die
Krfte nicht wieder. Knntet Ihr sie sehen, wie bleich sie sind! Sollte
mich der Anblick all dieser Leiden, all dieser Angst unberhrt lassen? Ich
bin doch ihr Vater und Beschtzer. Und heischen sie nicht von mir allein
den Trost, den ich ihnen doch nicht geben kann? O Meister, glaubt mir, ein
Vater leidet mehr, als seine Frau und Kinder leiden knnen. Und doch bin
ich bereit, fr das Vaterland alles zu vergessen, selbst die Meinen: wenn
ich Euch mit irgend etwas dienlich sein kann, drft Ihr auf mich rechnen.
Sprecht also, ich spre, da Ihr mir eine wichtige Anordnung zu geben
habt.

De Coninck ergriff des braven Gerhard Hand und drckte sie gerhrt. Noch
eine Seele wie die Breydels, dachte er.

Gerhard, rief er aus, Ihr seid ein wrdiger Gesell; ich danke Euch fr
Eure Treue und Euren Mut. Hrt also, denn ich habe wenig Zeit. Ihr mt
rasch zu Euren Genossen gehen und sie benachrichtigen. Heut Nacht sollt Ihr
heimlich mit ihnen in die Pfeffergasse schleichen. Ihr allein werdet dann
auf den Wall zwischen dem Damm- und dem Kruistor steigen. Legt Euch platt
auf die Erde und schauet nach der Gegend von Saint-Kruis aus. Seht Ihr ein
Feuer im Felde leuchten, so werft Euch mit Euren Genossen auf die Wache und
ffnet das Tor; es sollen siebentausend Vlaemen davorstehen.

Das Tor wird zur bestimmten Zeit offen sein, seid deshalb, bitte, ohne
Sorge, antwortete Gerhard kaltbltig.

Ist das sicher?

Ganz sicher.

Dann guten Abend, werter Freund. Gott behte Euch!

Und sei auch mit Euch, Meister!

De Coninck lie den Zunftgesellen zu seiner Frau zurckkehren und entfernte
sich aus dem Hause. So gelangte er zu einer prchtigen Wohnung bei der
alten Halle. Er klopfte an, und die Tr wurde geffnet.

Was wollt Ihr, Vlaeme? fragte der Diener.

Ich wnsche Herrn von Montenay zu sprechen.

Ja, habt Ihr aber auch keine Waffen? Man kann Euch nicht trauen.

Was kmmert das Euch! meinte der Obmann; geht und sagt Eurem Herrn, da
De Coninck ihn sprechen will.

Herr du mein Gott! Ihr heit De Coninck; dann kommt Ihr sicherlich in
bser Absicht! Damit lief der Diener eiligst nach oben und kam nach
einigen Augenblicken zurck.

Ihr mchtet hinaufkommen, sagte er; wollet mir, bitte, folgen.

Er fhrte De Coninck die Treppe hinauf bis zum Eingang eines Gemachs.
Montenay sa an einem kleinen Tisch, auf dem sein Helm, sein Degen und
seine eisernen Handschuhe lagen. Er sah den Obmann verwundert an; der
beugte sich vor dem Stadtvogt und sprach:

Herr von Montenay, im Vertrauen auf Eure Rechtlichkeit kam ich hierher.
Ich bin fest berzeugt, da ich diese Khnheit nicht zu bereuen habe.

Gewi, antwortete Montenay, Ihr sollt zurckkehren, wie Ihr gekommen
seid.

Euer Edelmut ist unter uns sprichwrtlich geworden, fuhr De Coninck fort,
ich kam auch nur deshalb zu Euer Edeln, um Euch zu zeigen, da wir einen
geradherzigen Feind hochachten. Chtillon hat heute unsere Stadt der Wut
seiner Sldner preisgegeben, acht unserer unschuldigen Brder hngen
lassen. Gebet selbst zu, Herr von Montenay, da es unsere Pflicht ist,
ihren Tod zu rchen; denn was konnte der Landvogt ihnen anderes vorwerfen,
als da sie sich seinen tyrannischen Befehlen nicht fgen wollten?

Der Untergebene mu seinem Herrn gehorchen; mag auch die Strafe noch so
streng sein, es steht ihm nicht zu, die Handlungen seiner Vorgesetzten zu
verurteilen.

Ihr habt recht, Herr von Montenay, so spricht man in Frankreich, und da
Euer Edeln von Rechts wegen Untertan Philipps des Schnen sind, so ziemt es
Euch, seine Befehle auszufhren. Wir aber sind freie Vlaemen und knnen die
schmhlichen Ketten nicht lnger tragen; da nun der Landvogt in seinen
Grausamkeiten so weit gegangen ist, so kann ich Euch die Versicherung
geben, da in Blde das Blut in Strmen flieen wird. Wre uns das
Schicksal feind, behieltet ihr Franzosen den Sieg, dann blieben euch nur
wenig Sklaven, denn wir wollen sterben. Aber wie dem auch sei, und deshalb
kam ich her: kein Haar Eures Hauptes soll Euch von uns gekrmmt werden. Das
Haus, in dem Ihr Euch befindet, soll uns heilig sein; kein Vlaeme soll den
Fu ber die Schwelle Eurer Wohnung setzen. Empfangt darauf mein Wort.

Ich danke den Vlaemen fr ihre Liebe zu mir; aber ich lehne den Schutz,
den Ihr mir anbietet, ab und werde nie davon Gebrauch machen. Fiele
wirklich etwas der Art vor, so wrde ich mich unter des Landvogts Banner
und nicht in meiner Wohnung befinden, und falls ich sterbe, soll es mit dem
Schwert in der Faust geschehen. Aber ich glaube nicht, da es so weit
kommen wird, denn die Unruhen werden wohl gedmpft werden. Euch, Obmann,
rate ich als Freund, das Land schleunigst zu verlassen.

Nein, mein Herr, ich verlasse dieses Land nicht, die Gebeine meiner Vter
ruhen in dieser Erde. Bitte, bedenkt, da nichts unmglich ist, da auch
franzsisches Blut durch uns vergossen werden kann; dann gedenket meiner
Worte. Das ist alles, was ich Eurer Edeln zu sagen hatte. Ich wnsche Euch
Lebewohl, Gott nehme Euch unter seinen Schutz.

Montenay berdachte die Worte des Obmannes genau und ward zu seinem groen
Schmerz inne, da sie ein furchtbares Geheimnis bargen. Er beschlo
deshalb, am nchsten Tage Chtillon zur Wachsamkeit zu mahnen und selbst
einiges zur Sicherheit der Stadt anzuordnen. Aber er ahnte nicht, da seine
Befrchtung so bald eintreten wrde, legte sich zu Bett und schlief ruhig
ein.




XVII.


Hinter dem Dorfe Saint-Kruis, einige Pfeilschsse von Brgge, lag ein
kleines Gehlz, der Elsterbusch, unter dessen schattigen Bumen die
Einwohner der volkreichen Stadt sich gewhnlich des Sonntags ergingen. Die
Bume standen nicht sehr dicht, und weicher Rasen deckte die Erde wie mit
einem grnen Teppich. Um zwei Uhr nachts war Breydel bereits auf der
festgesetzten Stelle. Es war undurchdringlich finster; der Mond hatte sich
hinter schweren Wolken verborgen. Leise suselnd hauchte der Wind wie ein
Seufzer durch das Laub, und das eintnige Rauschen der Bltter mehrte noch
die Schrecken dieser furchtbaren Nacht. Auf den ersten Blick konnte man im
Elsterbusch nichts wahrnehmen; nur bei genauerem Zusehen htte man die
vielen Menschen wie dunkle Schatten auf dem Boden ausgestreckt bemerkt. Bei
jeder Gestalt blinkte ein flimmernder Stern, als wre der Rasen in ein
Himmelsgewlbe verwandelt. Es war, als htte man mit vollen Hnden tausende
leuchtender Punkte darber hingestreut. Diese Sterne waren Beile, auf deren
glattem Stahl sich das wenige Licht der Nacht spiegelte. Mehr als
zweitausend Fleischer lagen reihenweise, alle in der gleichen Haltung auf
der Erde; ihre Herzen pochten, ihr Blut strmte rasch, denn die
langersehnte Stunde, die Stunde der Rache und der Erlsung war nahe. Grte
Stille herrschte unter den Leuten, und etwas Geheimes, Schaudererregendes
hing wie ein Zauberschleier ber dem schweigenden Heer.

Breydel lag tiefer in dem Busch; einer seiner Genossen, den er ob seiner
Unverzagtheit ganz besonders liebte, hatte sich neben ihn auf den Boden
hingestreckt. Mit unterdrckter Stimme plauderten sie:

Die Franzosen sind auf dies seltsame Erwachen nicht gefat, sagte
Breydel, sie schlafen gut, denn sie haben ein verstocktes Gewissen, diese
Bsewichte. Ich bin auf ihre Gesichter neugierig, wenn sie zugleich meine
Waffe und den Tod vor sich sehen.

O, mein Beil schneidet wie Gift; ich habe es geschliffen, bis ich mir die
Haare vom Arm damit scheren konnte, und ich hoffe, da es diese Nacht
stumpf wird. Sonst schleife ich es nie wieder!

Es ging ja auch zu weit, Martin. Die Franzosen behandeln uns wie eine
Herde dummer Ochsen und denken, wir sollen vor ihrer Tyrannei weichen;
aber, wei Gott, sie kennen uns nicht und tuschen sich, wenn sie uns nach
den verfluchten Leliaerts beurteilen.

Ja, diese Bastarde rufen: Heil Frankreich! Sie schmeicheln den Fremden,
aber auch sie sollen etwas erleben! Als ich mein Beil so sorglich schliff,
habe ich auch an sie gedacht.

Nein, Martin, das Blut Eurer Landsleute drft Ihr nicht vergieen. De
Coninck hat es verboten.

Und Jan van Gistel, dieser feige Verrter: soll er etwa am Leben bleiben?

Jan van Gistel soll sterben! Er mu fr den Tod von De Conincks altem
Freunde Rechenschaft abgeben. Aber er soll auch der einzige sein.

So sollen die anderen Abtrnnigen unbestraft bleiben? Seht, Meister, solch
Gedanke tut mir weh, das kann ich nicht bers Herz bringen.

Ihre Strafe wird gro genug sein-- Schmach und Verachtung wird ihnen
zuteil; wir werden sie hhnen und schmhen. Sagt doch, Martin, macht Euch
nicht der Gedanke beben, da Euch jeder ins Gesicht speien, Euch sagen
drfte: Ihr seid ein Abtrnniger, ein Feigling, ein Landesverrter? Das
soll ihnen widerfahren.

Wirklich, Meister, bei Euren Worten geht mir ein kalter Schauer ber den
Leib! Welch furchtbare Strafe, tausendmal hrter frwahr als der Tod.
Welche Hlle fr sie, wenn sie ein vlaemisches Herz besen!

Sie schwiegen einige Augenblicke, da sie von ferne etwas wie
Menschenschritte hrten, doch das Gerusch entschwand bald; alsdann fuhr
Breydel fort:

Die schndlichen Franzosen haben meine alte Mutter ermordet. Ich habe mich
davon berzeugt: ein feindlicher Degen hat das Herz durchbohrt, das mich so
innig liebte. Sie empfanden kein Mitleid mit ihr, weil sie einen
unbeugsamen Vlaemen geboren hatte; aber nun werde auch ich kein Mitleid mit
ihnen haben und zugleich mein Blut und das Vaterland rchen.

Geben wir auch Gnade, Meister? Machen wir auch Gefangene?

Unglck ber mich, wenn ich jemand gefangen nehme oder ihm das Leben
schenke! Geben sie etwa Gnade? Nein, sie schpfen Mut aus dem Morden,
zerstampfen die Leichen unserer Brder unter den Hufen ihrer Rosse. Und
glaubt Ihr, Martin: nun, da der blutige Schatten meiner lieben Mutter mir
stets vor Augen schwebt, knnte ich einen Franzosen sehen, ohne in Raserei
zu kommen? O, mit den Hnden wrde ich sie zerfetzen, mit den Zhnen
zerfleischen, wenn mein Beil durch die vielen Schlachtopfer stumpf wrde.
Aber das kann nicht sein, meine Waffe war mir schon seit langem ein treuer
Begleiter.

Hrt, Meister, das Gerusch auf dem Wege von Damm nimmt zu! Wartet ein
wenig!

Er legte sich mit dem Ohr zur Erde nieder, richtete sich dann auf und
sprach:

Meister, die Weber sind nicht mehr weit, nur mehr vier Bogenschsse.

So kommt denn, stehen wir auf! Geht still die Rotten entlang und heit sie
liegen bleiben. Ich gehe De Coninck entgegen, damit er wei, nach welcher
Seite er seine Leute aufstellen kann.

Einige Augenblicke spter kamen viertausend Weber von verschiedenen Seiten
in das Gehlz und legten sich, wie ihnen befohlen war, schweigend auf den
Boden nieder. Die Stille wurde durch ihre Ankunft kaum gestrt, und bald
war kein Laut mehr zu vernehmen. Nur einige Leute konnte man von einer
Schar zur anderen gehen sehen; sie berbrachten den Anfhrern den Befehl,
sich zur Ostseite des Busches zu begeben. Als sie dort zahlreich
versammelt waren, scharten sie sich um De Coninck, um seine Befehle in
Empfang zu nehmen. Der hub an:

Brder, heute mu die Sonne unsere Freiheit oder unseren Tod bestrahlen;
kmpft zaglos, wie es euch die Liebe zum Vaterland lehrt; bedenket wohl,
da ihr fr die Stadt, da die Gebeine eurer Vter ruhen, fr die Stadt, da
eure Wiege stand, streiten mt. Gebt niemand Gnade; ttet alle Franzosen,
die euch in die Hnde fallen, lat auch nicht einen Strunk dieses fremden
Unkrautes brig. Wir oder sie mssen sterben! Ist jemand unter euch, der
noch Mitleid fr die Leute empfindet, die unsere Brder erbarmungslos
erhngt oder erschlagen haben, fr diese Verrter, die unseren Grafen
gefangengenommen, sein Kind vergiftet haben?

Ein Gemurmel glitt unter dem Laubdach der Bume dahin, so dster und
rachegierig, da dieser Ton allein schon das Herz mit Bangen erfllen
konnte.

Sie sollen des Todes sterben! gaben die Anfhrer zur Antwort.

Wohlan, fuhr De Coninck fort, noch heute werden wir frei sein; aber wir
werden noch greren Mutes bedrfen, um unsere Freiheit zu bewahren; denn
ohne Zweifel wird der franzsische Knig mit einem neuen Heere nach
Flandern kommen.

Um so besser, fiel ihm Breydel ins Wort, dann werden noch mehr Kinder um
ihre Vter weinen mssen, wie ich meine arme Mutter beweine. Gott habe sie
selig!

Breydel hatte De Coninck unterbrochen. Der frchtete, die Zeit, um ihnen
die ntigen Anweisungen zu geben, knnte zu kurz werden, und fuhr fort:

Hrt zu, was ihr zu tun habt: sobald die Glocke von Saint-Kruis drei
schlgt, lat eure Leute aufstehen, sich gliedern und auf die Stadt
zurcken. Ich werde mich mit einigen Gesellen an die Stadtmauern begeben;
und wird gleich danach das Tor durch die Klauwaerts geffnet, die ich in
der Stadt gelassen habe, so ziehet schweigend in die Stadt ein und nehmt
folgende Richtung: Meister Breydel mit den Fleischern wird das Speitor
besetzen und sich dann mit seinen Leuten in alle Straen nchst der
Snaggaartsbrcke verteilen. Meister Lindens, Ihr nehmt das Kathelinentor
und schickt Eure Leute in alle Straen bei der Frauenkirche. Die Zunft der
Gerber und Schuster soll das Genter Tor bis an den Stein und die Burg
besetzen; die anderen Znfte unter dem Obmann der Maurer sollen das Dammtor
nehmen und sich im Umkreis der Saint-Donatuskirche ausbreiten; ich mit
meinen zweitausend Leuten werde mich zum Boverietor begeben, und meine
Gesellen werden das ganze Viertel von dort bis ans Eselstor und den groen
Markt einkreisen. Habt ihr solcherart die Wachen der Tore berfallen, so
bleibt mglichst still in den Straen stehen; denn wir wollen die Franzosen
erst wecken, wenn alles bereit ist. Merket wohl! Sobald ihr den
vaterlndischen Ruf hrt: Flandern der Lwe! ruft ihn alle mit; der soll
als Zeichen dienen, und ihr knnt euch dadurch in der Finsternis
wiedererkennen. Strmt dann die Tren der Huser ein, wo die Franzosen
untergebracht sind, und macht alles nieder.

Meister, meinte einer der Anfhrer, wir werden doch aber die Franzosen
nicht von unseren Mitbrgern unterscheiden knnen, denn meist werden wir
sie zu Bett und entkleidet antreffen.

Da gibt es ein leichtes Mittel, jeden Migriff zu vermeiden. Hrt, was ihr
zu tun habt. Knnt ihr auf den ersten Blick nicht sehen, ob ihr auf einen
Franzosen oder Vlaemen trefft, dann heit ihm: Schild en vriend! zu sagen.
Wer diese Worte nicht aussprechen kann, hat eine franzsische Zunge, und
den macht nieder.

Eben schlug es drei Uhr auf dem Turme zu Saint-Kruis.

Noch etwas! sagte De Coninck hastig. Ich habe das Haus des Herrn von
Montenay unter meinen Schutz gestellt; es darf also von euch weder zerstrt
noch angegriffen werden; niemand soll einen Fu ber die Schwelle dieses
edelen Feindes setzen. Nun rasch zu euren Leuten! Teilt ihnen meine Befehle
mit und tut, wie befohlen. Macht rasch! Und bitte, kein Gerusch!

Die Anfhrer begaben sich zu ihren Abteilungen und fhrten sie nacheinander
zum Wegesrand. De Coninck stellte eine groe Schar Weber lngst des Weges
bis auf Bogenschuweite von der Stadt auf. Er allein schlich dem Wall noch
nher und suchte die Finsternis zu durchdringen. Das brennende Ende einer
Lunte, das er in seiner Hand verborgen hielt, schimmerte rotglhend durch
seine Finger. Er sah einen Kopf sich ber die Stadtmauer erheben: es war
der Weber, den er am Abend zuvor besucht hatte. Nun nahm er flink ein
Bndel Flachs, das er unter dem Wams verborgen hatte, legte es auf den
Boden und blies die Lunte stark an. Alsbald lohte eine lichte Flamme vom
Felde auf, und das Haupt des Webers verschwand hinter der Stadtmauer. Das
Zeichen war noch keine vier Minuten gegeben worden, als die Schildwache,
die oben auf dem Wall stand, mit einem Schmerzensschrei zu Boden strzte
und ber die Mauer geworfen wurde. Dann hrte man hinter dem Tore Waffen
rasseln und das Sthnen von Sterbenden; und gleich darauf folgte
Totenstille.

Mit der grten Vorsicht zogen alle Znfte in Brgge ein. Jeder Anfhrer
begab sich mit seinen Leuten nach dem Stadtviertel, das ihm De Coninck
angewiesen hatte. Eine Viertelstunde spter waren die Wachen an allen Toren
erschlagen, und jede Zunft befand sich auf ihrem Platz. Vor jedem Hause, da
Franzosen untergebracht waren, standen acht Klauwaerts bereit, sich mit
Hammer und Beil den Eingang zu schaffen. Keine einzige Strae war
unbesetzt, die ganze Stadt war in den Hnden der Klauwaerts, die nur des
Zeichens zum Angriff harrten. De Coninck stand mitten auf dem
Freitagsmarkt; nach kurzem Bedenken sprach er laut den Fluch ber die
Franzosen:

Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaed al dood![30]

    [30] Flandern der Lwe! Was welsch (franzsisch) ist, ist falsch!
    Schlagt alle tot!

Dieser Ruf, das Todesurteil fr die Fremden, wurde von fnftausend Kehlen
wiederholt. Man kann sich leicht das furchtbare Geheul, die schauerliche
Verwirrung, das entsetzliche Mordgeschrei vorstellen. Im gleichen
Augenblick wurden alle Tren eingestoen und zertrmmert. Die Klauwaerts
strmten voll Rachedurst zu den Schlafkammern der Franzosen und ermordeten
alles, was die Worte >Schild en vriend< nicht aussprechen konnte. Weil in
einigen Husern mehr Franzosen untergebracht waren, als man in so kurzer
Zeit erschlagen konnte, hatten viele Zeit, sich anzukleiden und zu den
Waffen zu greifen. Das geschah zumal in dem Stadtviertel, wo Chtillon mit
seinen zahlreichen Wachen wohnte. Ungeachtet der Wut Breydels und seiner
Leute hatten sich ungefhr sechshundert Franzosen solcherart
zusammengerottet. Viele waren, wenngleich verwundet, dem Gemetzel entkommen
und begaben sich aus den anderen Straen zur Snaggaartsbrcke. So stieg die
Zahl der Flchtigen schlielich auf ungefhr tausend Mann, die ihr Leben so
teuer als mglich verkaufen wollten. In dichten Scharen standen sie vor den
Husern und verteidigten sich verzweifelt gegen die Fleischer. Viele hatten
Armbrste und schossen gar manchen Klauwaert nieder. Aber das steigerte nur
die Raserei der anderen, die ihre Genossen fallen sahen. Man hrte
Chtillons Stimme, der die Seinen zum Widerstand anfeuerte, und ward auch
Herrn von Montenays ansichtig, dessen Riesenschwert in der Finsternis wie
ein Blitzstrahl leuchtete.

Breydel raste wie ein Wahnsinniger und hieb rechts und links auf die
Franzosen ein. Er stand schon einige Fu ber der Erde, soviel Feinde hatte
er vor sich niedergeworfen. Strme von Blut flossen unter den Leichen, und
der Ruf: Flandern der Lwe! Schlagt alles tot! mischte sich schauerlich
mit dem chzen der Sterbenden.

Unter den Franzosen befand sich auch Herr van Gistel. Da er wute, da sein
Tod unvermeidlich war, wenn die Vlaemen den Sieg behielten, so rief er
bestndig: Hoch Frankreich! Hoch Frankreich! Er hoffte die Sldner
dadurch anzufeuern. Aber Jan Breydel erkannte seine Stimme.

Leute! rief er in voller Wut, ich mu die Seele dieses Abtrnnigen
haben! Vorwrts! Das hat lange genug gedauert, wer mich liebt, der folge
mir nach!

Mit diesen Worten warf er sich mit seinem Beil mitten unter die Franzosen
und hieb alles um sich her sofort nieder. Als seine Genossen das sahen,
strzten sie sich mit solcher Wut auf den Feind, da sie ihn gegen eine
Mauer drngten und an fnfhundert Leute tteten. In diesem entscheidenden
Augenblick, in dieser furchtbaren Todesstunde, gedachte Montenay der Worte
und des Gelbdes De Conincks; er hoffte, den Landvogt noch retten zu
knnen, und rief:

Ich bin Montenay, man gebe mir den Weg frei!

Die Klauwaerts lieen ihn ehrerbietig durch und hemmten ihn nicht.

Hierher, hierher! Folgt mir, Genossen! rief er dem verbliebenen Huflein
Franzosen zu; denn er glaubte, sie so zu retten. Aber die Vlaemen hieben so
schrecklich auf sie ein, die Zahl der Flchtenden schmolz so zusammen, da
mit Chtillon nicht mehr als dreiig Leute in das Haus des Herrn von
Mortenay gelangen konnten; die brigen lagen alle in ihrem Blut am Boden.
Breydel stellte seine Leute vor der Tr des Stadtvogts auf und verbot
ihnen, das Haus zu betreten. Er kreiste die Wohnung ein, damit niemand
entfliehen sollte, und hielt selbst vor dem Eingang Wache.

Whrend dieses Gefechts war De Coninck in der Steinstrae bei der
St.Salvatorskirche noch damit beschftigt, die letzten Franzosen
aufzuspren. Das gleiche taten auch die anderen Znfte in den ihnen
angewiesenen Straenvierteln. Man warf die Leichen der Getteten aus den
Husern, bis die Straen ganz damit bedeckt waren und man in der Finsternis
nur mit Mhe mehr hindurchdringen konnte. Viele Sldner der Besatzung
hatten sich verkleidet und glaubten so, durch das eine oder andere Tor
entfliehen zu knnen. Aber das glckte ihnen nicht, da man ihnen befahl,
die Worte >Schild en vriend< auszusprechen. Kaum hrte man nur den Klang
ihrer Stimme, da sa ihnen schon das Beil im Nacken, und sthnend strzten
sie zur Erde. Aus allen Vierteln der Stadt ertnte der Ruf: Vlaenderen den
Leeuw! Wat walsch is, valsch is-- slaed al dood! Hie und da floh noch ein
Franzose vor einem Klauwaert; aber er fiel bald einem anderen in die Hnde
und starb wenige Schritte weiter.

Dies Gemetzel dauerte, bis sich die Sonne bereits ber den Horizont
erhoben. Fnftausend Fremde wurden in dieser Nacht den Geistern der
ermordeten Vlaemen geopfert. Das ist ein blutiges Blatt in den Chroniken
Flanderns; die schreckliche Zahl steht genau darin aufgezeichnet.

Vor der Wohnung des Herrn von Montenay gab es ein seltsam schreckliches
Schauspiel. Tausend Fleischer lagerten auf dem Boden, die Beile in der
Hand, die Augen drohend und voll Rachsucht auf die Tr gerichtet. Ihre
bloen Arme, ihre Wmser waren von Blut gertet, und zwischen ihnen lagen
viele Leichen. Aber darauf schienen sie nicht zu achten. Einige Gesellen
der anderen Znfte schritten hie und da ber die am Boden liegenden
Fleischer und suchten die Leichen der erschlagenen Vlaemen, um sie zu
bestatten. Wohl sah man den Fleischern die heftige Wut an, doch kein
einziges Schimpfwort kam ber ihre Lippen. Montenays Wohnung war ihnen dem
gegebenen Wort gem heilig. Sie wollten De Conincks Gelbde nicht brechen;
auch hatten sie zu viel Achtung vor dem Stadtvogt, und sie gaben sich
deshalb damit zufrieden, das Quartier zu besetzen und zu bewachen.

Herr von Chtillon und Jan van Gistel, der Leliaert, waren in Montenays
Haus geflchtet. Furchtbarste Angst hatte sie gepackt, denn sie sahen den
sicheren Tod vor Augen; Chtillon war ein mutiger Ritter und erwartete
kaltbltig sein Schicksal. Jan van Gistel dagegen war bleich und bebte.
Trotzdem er sich Gewalt antat, konnte er seine Angst nicht verhehlen und
erregte das Mitleid der anderen Franzosen, selbst bei Chtillon, der doch
in derselben Gefahr schwebte. Die Herren waren in einem Saal des oberen
Stockwerks nach der Strae zu. Von Zeit zu Zeit gingen sie zum Fenster und
blickten schaudernd auf die Fleischer, die vor den Tren lagerten wie ein
Haufen Wlfe, die auf ihre Beute lauern. Als auch van Gistel zum Fenster
trat, hatte Breydel ihn bemerkt und mit dem Beil bedroht. Eine jhe
Bewegung entstand unter den Fleischern. Alle hatten ihre Waffen zu dem
Verrter, den sie tten wollten, erhoben. Wie bebte des Leliaerts Herz, als
ihm diese tausend Beile sein Todesurteil entgegenblitzten! Er wandte sich
zu den anderen Rittern und sprach gar klglich:

Wir mssen sterben, meine Herren, es gibt keine Gnade fr uns; denn sie
drsten nach unserem Blute wie rasende Tiger. Sie werden nicht fortgehen;
ach Gott, was sollen wir tun?

Durch dieses Pack umzukommen, entgegnete Chtillon, ist nicht ehrenvoll.
Ich wnschte, ich wre wie ein Ritter mit dem Degen in der Faust gefallen;
aber nun lt sich das nicht ndern!

Chtillons Kaltbltigkeit entmutigte van Gistel noch mehr.

Es lt sich nicht ndern! wiederholte er, ach Gott, welch schrecklicher
Augenblick, wie werden sie uns martern! Herr von Montenay, ich bitte Euch
um Gottes willen, Ihr vermgt doch so viel ber sie, fragt doch, ob sie uns
fr groes Lsegeld das Leben schenken wollen.

Ich werde sie fragen, antwortete Montenay, aber lat Euch nicht sehen,
sonst holen sie Euch aus dem Hause!

Er ffnete das Fenster und rief:

Meister Breydel! Herr van Gistel lt Euch fragen, ob Ihr ihm gegen ein
groes Lsegeld freies Geleit gewhren wrdet. Verlangt alles, was Ihr
wollt, bestimmet selbst die Summe. Verweigert es nicht, ich bitte Euch.

Leute! rief Breydel seinen Genossen bitter lachend zu, sie bieten uns
Geld! Sie glauben, die Rache eines Volkes knnte mit Geld geshnt werden;
sollen wir das annehmen?

Wir mssen den Leliaert haben, heulten die Fleischer, sterben mu er,
der Verrter, der Bastardvlaeme!

Dieses Geschrei gellte frchterlich in Gistels Ohren. Es kam ihm vor, als
ob die Beile ihm schon den Todesstreich versetzten. Montenay wartete, bis
sich das ungestme Rachegeschrei gelegt hatte, und rief dann von neuem:

Ihr habt mir gesagt, da meine Wohnung eine Freistatt sei. Warum brecht
Ihr nun das gegebene Wort?

Wir werden Eure Wohnung achten, antwortete Breydel. Aber ich gebe Euch
mein Wort: weder Chtillon noch Gistel sollen die Stadt lebend verlassen;
ihr Blut soll das Blut unserer Brder shnen, und wir werden nicht von hier
weichen, bis unsere Beile ihnen den letzten Nackenstreich versetzt haben.

Und darf ich frei die Stadt verlassen?

Ihr, Herr von Montenay, Ihr mgt mit Euren Dienern gehen, wohin Ihr wollt.
Kein Haar auf Eurem Haupt soll gekrmmt werden; aber tuscht uns nicht,
denn wir kennen die Leute, die wir suchen, nur zu wohl.

Nun denn, so sage ich Euch, da ich binnen einer Stunde nach Kortrijk
abreisen werde.

Gott nehme Euch in seinen Schutz!

Ihr habt also mit wehrlosen Rittern keinerlei Mitleid?

Sie haben auch mit unseren Brdern kein Mitleid gehabt, wir mssen ihr
Blut haben. Der Galgen, den sie errichteten, steht noch da.

Montenay schlo das Fenster wieder und sprach zu den Rittern:

Meine Herren, ich beklage euch tief: sie verlangen euren Tod. Ihr schwebt
in groer Gefahr! Aber ich hoffe dennoch, da ich Euer Edeln noch mit
Gottes Hilfe werde retten knnen. Denn hier fhrt eine Hintertr nach dem
Hofe, durch die ihr vielleicht euren blutdrstigen Feinden entrinnen knnt.
Verkleidet euch und steigt zu Pferde. Dann werde ich mit meinen Dienern zur
Tr hinausgehen, und whrend ich so die Aufmerksamkeit der Fleischer auf
mich ziehe, mt ihr schleunigst durch die Hintertr nach den Wllen
fliehen. Am Schmiedetor ist die Mauer abgebrochen, und es kann euch nicht
schwer fallen, ins freie Feld zu gelangen; denn eure Pferde wird man nicht
aufhalten knnen.

Chtillon und van Gistel warfen sich voller Freude auf dieses letzte
Mittel. Der Landvogt legte die Kleider seines Kaplans an, van Gistel die
eines einfachen Dieners; dreiig andere Franzosen, die noch briggeblieben
waren, zogen die Pferde aus den Stllen und trafen die ntigen
Vorbereitungen, um mit ihrem Feldherrn zu entfliehen.

Als sie alle aufgesessen waren, trat Herr von Montenay mit seinen Dienern
auf die Strae, wo die Fleischer lagen. Diese argwhnten nicht im
geringsten, da man auf einer anderen Seite hinauskommen knne; sie standen
auf und betrachteten alle, die den Stadtvogt begleiteten, ganz genau. Aber
pltzlich erhob sich in einer anderen Strae der Ruf: Vlanderen den Leuw!
Wat walsch is, valsch is! Slaet al dood! und man hrte den Hufschlag der
davonjagenden Rosse an der Straenecke. Hals ber Kopf liefen alle
Fleischer mit wildem Geheul zu der Stelle, von wo der Lrm herbertnte;
aber es war zu spt. Chtillon und van Gistel waren entflohen; von den
dreiig Mann, die sie begleiteten, waren zwanzig niedergemacht worden; denn
berall stieen sie auf Feinde, die ber sie herfielen; doch das Glck
fgte es, da die beiden Ritter entkamen. Sie flohen hinter Saint-Klara
vorbei zum Stadtwall und gelangten ans Schmiedetor; hier sprangen sie mit
ihren Trabern in den Graben und schwammen mit groer Gefahr hindurch,
wobei Chtillons Troknecht samt seinem Pferde ertrank.

Die Fleischer hatten die fliehenden Franzosen bis zum Tor hinein verfolgt.
Als sie ihre beiden Erzfeinde in der Ferne zwischen den Bumen verschwinden
sahen, packte sie rasende Wut, und sie begannen frmlich zu toben; denn nun
war es ihnen, als sei die Rache dennoch unvollstndig geblieben. Nachdem
sie einige Zeit wie versteinert auf die Stelle gestiert hatten wo Chtillon
verschwunden war, verlieen sie den Wall und wandten sich mivergngt zum
Freitagsmarkt. Pltzlich weckte ein anderes Gerusch ihre Aufmerksamkeit.
Inmitten der Stadt erhob sich ein Stimmengewirr, ein fters unterbrochenes,
langanhaltendes Geschrei, als ob ein Frst frohen Einzug hielte. Den
Fleischern war dies Freudengeschrei unverstndlich; sie waren noch zu weit
davon entfernt. Allmhlich kam die jauchzende Menge nher, und bald wurde
der Siegesruf verstndlich:

Heil dem blauen Lwen! Heil unserem Obmann! Flandern ist frei! Heil!
Heil!

Die unbersehbare Menge aller Einwohner von Brgge fegte wie eine
Gewitterwolke durch die Straen. Das Jauchzen der Vlaemen, die ihre
Freiheit erkmpft hatten, hallte wider die Mauern der Huser und drhnte
wie rollender Donner ber der Stadt. Frauen und Kinder liefen zwischen den
bewaffneten Zunftgenossen einher, und frohes Hndeklatschen mischte sich in
den immer wiederkehrenden Ruf:

Heil, heil dem blauen Lwen!

Mitten aus diesen Scharen ragte eine weie Standarte empor, darauf ein
springender Lwe in blauer Seide gestickt war. Es war das groe Banner der
Stadt Brgge, das so lange den Lilien hatte weichen mssen. Jetzt hatte man
es wieder aus seinem Versteck hervorgeholt, jetzt prangte es ber den
Leichen der erschlagenen Feinde, und die Wiederkehr dieses Wappens ward von
Tausenden mit frohem Zuruf begrt.

Ein Mann von kleinem Wuchs trug das bejubelte Sinnbild und prete es mit
den ber der Brust verschrnkten Armen an sein Herz, als wollte er es mit
der innigsten Liebe umfangen. Trnen liefen in Strmen ber seine Wangen,
Trnen der Liebe zum Vaterland und des Glckes; denn eine unaussprechliche
Seligkeit verklrte seine Zge. Er, der selbst bei dem grten Unglck nie
geweint hatte, vergo jetzt Trnen, da er den Lwen seiner Vaterstadt
wieder auf dem Altar der Freiheit aufstellte.

Die Augen der unabsehbaren Menge waren bestndig auf ihn gerichtet, und der
Ruf: Heil De Coninck! Heil dem Lwen! erscholl immer kraftvoller. Als der
Obmann der Weber mit der Standarte dem Freitagsmarkt nahte, wurden auch
schon die Fleischer von toller Freude ergriffen. Auch sie stimmten in den
jauchzenden Siegesruf ein und drckten einander mit feuriger Liebe die
Hnde. Wahrlich, Vaterlandsliebe erweckt im Menschen edle Gefhle. Wie von
Sinnen strzte Breydel vorwrts, erreichte die Standarte und streckte mit
sichtlicher Ungeduld beide Hnde nach dem Lwen aus. De Coninck reichte ihm
das Banner und sprach:

Hier, mein Freund, nun haben wir es zurckerobert, das Sinnbild der
Freiheit unserer Vter.

Breydel antwortete nichts, sein Herz war zu voll. Zitternd vor Rhrung
umschlang er die Standarte und umarmte so den blauen Lwen. Er barg sein
Haupt in den Falten der Seide und weinte regungslos einige Augenblicke.
Dann lie er die Fahne los und warf sich in hchster Erregung an De
Conincks Brust.

Whrend die beiden Vorsteher einander feurig in die Arme schlossen, rief
das Volk unaufhrlich weiter, und fort und fort erscholl das laute Jauchzen
der Tausende. Der Freitagsmarkt war nicht gro genug fr alle Brger,
obgleich sie sich bis zum Ersticken drngten. Die Steinstrae war noch bis
an die St.Salvatorskirche voller Menschen, ebenso wimmelte die Schmiede-
und Boveriestrae bis weit hinauf von Kindern und Frauen.

Der Obmann der Weber wandte sich zur Mitte des Marktes und nahte sich dem
dort ragenden Galgen. Die Leichen der gehenkten Vlaemen waren abgenommen
und bereits begraben worden; aber die acht Schlingen hatte man absichtlich
als ein Erinnerungszeichen an die Zwingherrschaft noch daran gelassen. Die
Standarte mit dem Brgger Lwen wurde neben dem Galgen aufgepflanzt und
alsdann mit neuem Freudengeschrei begrt. Nachdem De Coninck noch einmal
seine Augen zu dem wiedererrungenen Wappen erhoben hatte, sank er in die
Knie, senkte das Haupt und betete mit gefalteten Hnden.-- Lt man einen
Stein in ruhiges Wasser fallen, so breitet sich die Bewegung in zitternden
Kreisen mhlich ber die ganze Wasserflche. Solcherart ging auch De
Conincks Gedanke auf die Brger ber, obgleich die meisten ihn nicht sahen.
Erst knieten die schweigend nieder, welche ihm zunchst standen; sie
teilten die Bewegung den anderen mit, und so senkten sich der Reihe nach
alle Hupter. Die Stimmen verstummten erst in der Mitte des Kreises und
wurden dann immer leiser, bis zuletzt die grte Stille unter der Menge
eingetreten war. Achttausend Menschen knieten auf dem noch blutigen Boden;
achttausend Hupter beugten sich vor Gott, der die Menschen fr die
Freiheit erschaffen hat; sie hofften, da der Herr huldvoll auf sie
herabblickte, die Chre der seligen Geister einstimmten in ihre innigen
Dankgebete. Nach kurzer Zeit erhob sich De Coninck wieder vom Boden, und da
noch immer die frhere Stille herrschte, sprach er mit lauter Stimme, so
da viele ihn verstehen konnten:

Brder, heute hat die Sonne ein helleres Licht fr uns; denn die Luft in
unserer Stadt ist wieder rein; der Atem der Fremden vergiftet sie nicht
mehr. Die stolzen Franzosen glaubten, wir wrden ihre Sklaven sein und
bleiben; aber jetzt haben sie die Lehre, da unser Lwe wohl schlafen,
aber nicht sterben kann, mit dem Verlust ihres Lebens bezahlt. Wir haben
das Erbe unserer Vter wiedererrungen, die Fustapfen der Fremden mit Blut
verwischt. Aber noch sind nicht all unsere Feinde tot; Frankreich wird uns
noch mehr bewaffnete Sldner senden, denn Blut verlangt Blut. Doch das hat
nichts zu sagen, jetzt sind wir unberwindlich. Trotzdem drft ihr nach dem
errungenen Siege nicht rasten! Erhaltet eure Herzen stark und khl, lat
das edle Feuer, das jetzo in eurer Brust glht, nicht erlschen. Nun gehe
ein jeglicher heim und freue sich mit seinem Hausgesinde ber die
glckliche Befreiung. Jauchzet! Trinket den Wein der Freude, denn dies ist
der schnste Tag eures Lebens. Die Brger, die keinen Wein haben, mgen
nach der Halle gehen, dort soll jedem ein Ma verabfolgt werden.

Das Geschrei, welches mhlich wieder anwuchs, hinderte De Coninck, in
seiner Rede fortzufahren; er winkte den umstehenden Anfhrern und ging mit
ihnen an die Ecke der Steinstrae. Die Scharen ffneten sich ehrfurchtsvoll
vor ihm, und berall begrte ihn der frohe Zuruf der Brger. Alles drngte
jetzt zu der Standarte, die neben dem Galgen aufgepflanzt war. Alle
betrachteten in hchster Freude den blauen Lwen, blickten auf ihr
Stadtwappen wie auf das Angesicht eines Freundes, der nach langen Reisen
aus fremden Landen unter seine Brder zurckgekehrt ist. Sie reckten die
Hnde so frhlich empor, da sie ein khler, gleichgltiger Beobachter fr
sinnlos gehalten htte.

Bald kamen auch Gesellen, die sich bereits Wein geholt hatten, mit ihren
Kannen auf den Markt und verbreiteten die frohe Nachricht, da in der Halle
ein Ma fr jeden verschenkt wrde. Eine Stunde spter hatte jeder seinen
Trinkbecher in der Hand, und so endete dieser frohe Tag ohne Unordnung und
Streit; nur ein Gefhl herrschte: ein Gefhl, wie es die Seele des
Gefangenen packt, wenn er die Sonne wieder ber seinem Haupte strahlen
sieht und sich bewut wird, da fortan nur noch die weite Welt sein Kerker
ist.




XVIII.


Nun waren zwei Jahre vergangen, seit der Fremdling den Fu auf den
vaterlndischen Boden gesetzt und gerufen hatte: Beugt euer Haupt, ihr
Vlaemen! Ihr Abkmmlinge des Nordens, gehorcht den Shnen des Sdens oder
sterbt.

Aber damals wuten sie nicht, da es in Brgge einen Mann voll Geist und
Heldenmut gab, einen Mann, der unter all seinen Zunftgenossen
hervorleuchtete, zu dem Gott wie zu Moses gesprochen hatte: Gehe hin und
erlse Deine Brder aus den Banden Pharaos!

Sobald die verheerenden Scharen der Franzosen den Boden des Vaterlands
betreten hatten und die Sonne vom aufgewirbelten Staub verfinstert wurde,
ertnte eine geheime Stimme in De Conincks Seele, eine Stimme, die da
sprach: Gib acht, jene suchen Sklaven! Bei diesem Gedanken erzitterte der
edle Brger in schmerzvoller Entrstung.

Sklaven, wir Sklaven? war sein Seufzer. O Herr, unser Gott, la das
nicht zu! Das Blut unserer freien Vter ist vor Deinen Altren
dahingestrmt, im sandigen Arabien sind sie mit Deinem Namen auf den Lippen
erschlagen worden; o gib es nicht zu, da ihre Shne von Fremdlingen in
Ketten geschlagen werden, damit die Tempel, die wir Dir errichtet haben,
nicht von Sklaven erfllt werden.

De Coninck hatte dieses Gebet in seiner Sprache gesprochen, aber das Herz
der Menschen liegt offen vor ihrem Schpfer. Er fand in dem Vlaemen noch
all den Edelmut, den Geist, daraus seine Seele erschaffen war, und
erleuchtete ihn mit einem gttlichen Strahl. Jhlings von geheimer Kraft
beseelt, fhlte sich der zwiefach stark und rief voll Begeisterung:

Ja, Herr, ich habe Deine starke Hand auf meiner Stirn gefhlt; ja, ich
werde mein Vaterland schtzen! Ich werde die Grber meiner Vter, Deiner
Diener, nicht zertreten lassen! Gesegnet seist Du, o Gott, der mich berufen
hat!

Seit diesem Augenblick hatte De Coninck nur ein Sinnen, nur einen Wunsch in
seinem Herzen bewahrt; aus dem groen Worte >Vaterland< entstanden all
seine Gefhle, all seine Handlungen; Vorteil, Verwandtschaft, Ruhe, alles
wurde geopfert, um allein der Liebe zu dem Lande des Lwen in seinem groen
Herzen Raum zu geben. Wo gab es auch je einen edleren Sterblichen als
diesen Vlaemen, der viele hundertmal sein Leben und seine Freiheit fr
Flanderns Freiheit wagte! Welchem Sterblichen ward jemals hherer Geist
zuteil? Er allein vereitelte trotz aller Bastarde und Leliaerts, die
Flandern verkaufen wollten, jegliche Unternehmung des Knigs von
Frankreich; er allein bewahrte sogar in Ketten ein Lwenherz und bereitete
die Befreiung langsam vor.

Die Franzosen wuten es wohl: sie kannten den, der jeden Augenblick die
Rder ihres Siegeswagens zerschellte. Sie htten den lstigen Gegner wohl
gern aus dem Wege gerumt, aber er besa auch die List der Schlange. Er
hatte sich in seinen Brdern eine Brustwehr errichtet; das wuten die
Fremdlinge und wagten nicht, ihn anzugreifen; denn alsdann wrde er blutig
gercht worden sein. Whrend die Franzosen ganz Flandern unter das Joch der
Tyrannei gebeugt hatten, lebte De Coninck im vollen Genu seiner Freiheit
unter seinen Mitbrgern und beherrschte sogar seine Gebieter; sie
frchteten ihn mehr, als er sie.

Jetzt hatten siebentausend Franzosen die zweijhrige Unterdrckung mit dem
Leben gebt; kein einziger Fremdling atmete mehr in dem befreiten Brgge;
das Volk jubelte ber seine Erlsung; die Stadt hallte wider von frhlichen
Liedern, die von den Minnesngern fr dieses Fest gedichtet wurden, und die
weie Flagge mit dem blauen Lwen flatterte aufs neue vom Wachtturm. Dies
Symbol, das in frheren Zeiten gleichermaen auf den Mauern Jerusalems
geprangt hatte und Zeuge so glorreicher Taten gewesen war, erfllte die
Herzen der Brgger mit Stolz; von diesem Tage an wurde eine Unterjochung
Flanderns unmglich: die Brger erinnerten sich, wie viel Blut ihre Vter
fr die Freiheit vergossen hatten. Bisweilen strzten Trnen aus ihren
Augen, Trnen, die das Herz erleichtern, wenn es zu feurig ist und von
edler Leidenschaft erglht.

Vielleicht wird man annehmen, da De Coninck das Werk nun fr vollendet
gehalten, sich damit beschftigt htte, seine zerstrte Wohnung
wiederherzustellen. Doch nein, er dachte weder an sein Haus, noch an den
Reichtum, der ihm geraubt war; das Wohlergehen und die Ruhe seiner Brder
war seine erste Sorge. Er wute wohl, da von Freiheit zur Unordnung nur
ein Schritt ist; drum erwhlte er noch am gleichen Tage von jeder Zunft
einen Altmeister und legte mit Zustimmung des Volkes die Regierung in ihre
Hnde. Er wurde nicht zum Vorsitzenden dieses Rates ernannt, keine
Geschfte wurden ihm bertragen, aber er bernahm sie alle. Niemand durfte
etwas ohne sein Wissen tun, sein Rat war Befehl in allen Dingen, und ohne
jemals etwas zu gebieten, war sein Gedanke doch die einzige Richtschnur fr
das Gemeinwohl,-- so gro ist die Herrschaft des Geistes.

Das franzsische Heer war zwar vernichtet, aber man konnte sicher sein, da
Philipp der Schne neue, noch zahlreichere Truppen nach Flandern schicken
wrde, um die ihm widerfahrene Schmach zu rchen. Die meisten dachten wenig
an diese furchtbare Gewiheit, es gengte ihnen, jetzt frei und froh zu
sein; aber De Coninck teilte nicht die allgemeine Freude. Er hatte die
Gegenwart bereits vergessen. Denn er sorgte schon dafr, knftigem Unheil
vorzubeugen.-- Es war ihm nicht unbekannt, da mit der Gefahr auch die
Begeisterung und der Mut des Volkes dahingeht, und deshalb wandte er alle
Mhe auf, um in der Stadt die Erinnerung an den Krieg dauernd lebendig zu
erhalten. Jedem Gesellen wurde ein Goedendag oder eine andere Waffe
gegeben, eine neue Einteilung der Znfte vorgenommen und der Befehl
erteilt, sich jederzeit zum Kampf bereitzuhalten. Die Maurerzunft begann,
die Festungswerke wiederherzustellen, und in den Werksttten der Schmiede
war es verboten, anderes als Waffen fr die Gemeinde herzustellen. Die
Zlle wurden neu eingerichtet und die stdtischen Abgaben wieder erhoben.
Durch diese weisen Manahmen lenkte De Coninck alle Gedanken, alle
Bestrebungen auf ein Ziel und bewahrte auf diese Weise seine Vaterstadt vor
dem mannigfachen Unheil, das eine groe Umwlzung, so edel sie auch sei,
allzeit nach sich zieht. Man htte glauben sollen, die neue Regierung
Brgges htte schon lngst bestanden.

Unmittelbar nach der Befreiung, whrend das Volk noch in allen Straen den
Wein der Freude trank, hatte De Coninck einen Boten in das Lager zu Damm
gesandt, um die brigen Zunftleute gleichwie die Frauen und Kinder in die
Stadt zu rufen. Mit ihnen war auch Machteld gekommen, und man hatte ihr
eine prachtvolle Wohnung im Prinzenhof angeboten. Sie hatte jedoch das Haus
van Nieuwland erwhlt, den Ort, da sie so manche trbe Stunde verlebt
hatte, den Ort, daran alle ihre Trnen geknpft waren. Hier fand sie an
Adolfs guter Schwester eine zrtliche Freundin wieder, in deren Herz sie
die Liebe und die Bangigkeit ihres beklemmten Herzens gieen konnte.

Zum vierten Male erhob sich die Sonne mit strahlender Glut ber dem freien
Brgge. Machteld sa allein in dem Gemach, das sie frher in dem Haus
Adolfs van Nieuwland bewohnt hatte. Der treue Vogel, ihr geliebter Falke,
war nicht mehr bei ihr, er war tot. In den ernsten Zgen der Jungfrau
zeigten sich die bleichen, untrglichen Kennzeichen ihrer Krankheit. Ihre
Augen waren trbe, ihre Wangen eingefallen; alles verriet, da bitteres Weh
an ihrem Herzen nagte.

Just eben trat ihre Freundin Maria in das Gemach. Das Lcheln, welches
jetzt ber die Zge der Jungfrau glitt, war dem hnlich, das sich zuweilen,
selbst nach einem schmerzlichen Tode, auf dem Antlitz mancher Gestorbenen
hlt; es drckte, mehr als die heftigste Klage, ihren Schmerz und Kummer
aus. Sie sah die Schwester Adolfs mit einem Blick an, der zu ihr sagte: O,
gib mir Trost und Linderung! Maria nahte dem bekmmerten Mgdelein und
drckte ihm voll zrtlichen Mitleids die Hand. Sie verlieh ihrer Stimme den
sanften Laut, der so wohltuend auf das Herz der Unglcklichen wirkt, und
sprach:

Ihr vergiet im stillen Trnen, teure Machteld, Euer Herz vergeht vor Leid
und Kummer, und nichts, nichts erleichtert Euer bitteres Los! O, wie seid
Ihr doch unglcklich!

Unglcklich, sagt Ihr, liebste Freundin? O ja, es ist etwas in meinem
Innern, das mir das Herz zusammenpret und qult. Wit Ihr, welch
schreckliche Bilder mir stets vor Augen schweben? Begreift Ihr, warum ich
immerdar weinen mu? Ich habe meinen Vater durch Gift sterben sehen, habe
die Stimme eines Sterbenden vernommen, eine Stimme, die da sagte: Leb'
wohl, mein Kind, das ich so zrtlich liebte.

Ich bitte Euch, teure Machteld, fiel Maria ihr ins Wort, verbannt diese
grlichen Gedanken. Ihr macht mich beben! Euer Vater lebt; Ihr versndigt
Euch schwer durch diese Verzweiflung! Vergebt mir diese harten Worte.

Machteld ergriff die Hand Marias und drckte sie sanft, als wollte sie
ihrer Freundin zu verstehen geben, da ihre Worte dennoch fr sie trstlich
gewesen wren. Trotzdem hing sie weiter ihren traurigen Betrachtungen nach,
als wenn es ihr Freude machte. Die Klagen vergrmter Herzen sind auch
Trnen, die den Schmerz erleichtern. Sie fuhr fort:

Ich habe noch mehr gesehen, Maria: ich sah den Scharfrichter, von der
grausamen Johanna von Navarra entsandt, sein Beil ber dem Haupt Eures
Bruders erheben!

O Gott, rief Maria, welch furchtbarer Gedanke!

Sie bebte, und Trnen erzitterten in ihren Augen.

Und auch seine Stimme habe ich vernommen, eine Stimme, die sagte: Lebe
wohl! Lebe wohl!

Von diesem schrecklichen Worte betroffen, warf sich Maria in Machtelds
Arme; ihre Trnen flossen auf die klopfende Brust ihrer unglcklichen
Freundin, und man hrte sie nur noch still schluchzen. Nachdem sie einander
solcherart einige Zeit stumm und voll bitteren Schmerzes umschlungen
gehalten hatten, fragte Machteld:

Versteht Ihr nun meinen Schmerz? Begreift Ihr nun, weshalb ich langsam
hinsieche?

O ja, antwortete Maria verzweifelt, ja, ich verstehe, ich fhle Eure
Leiden. O mein armer Bruder! Aber warum, teuerste Machteld, sollten wir uns
so sehr durch trgerische Gedankengebilde peinigen lassen? Nichts kann
diesem schmerzlichen Vorgefhl, das uns qult, auch nur einige Gewiheit
geben; ich bin berzeugt, da unserem Herrn Robrecht, Eurem Vater, nichts
Schlimmes widerfahren, da mein Bruder bereits auf dem Wege ist, ins
Vaterland zurckzukehren.

Und Ihr habt geweint, Maria? Weint man, wenn einem die Rckkehr des
Bruders entgegenlacht?

Ihr qult Euch selbst, liebe Jungfrau! O, der Schmerz mu tiefe Wunden in
Eurem Herzen geschlagen haben, da Ihr diesen schwarzen Bildern so
hartnckig nachhngt. Glaubt mir, Euer Vater lebt, und vielleicht steht
seine Befreiung nahe bevor. Denkt nur, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr
erst seine Stimme hrt, die zu Euch sagen wird: Meine Ketten sind
zerbrochen! Wenn er einen zrtlichen Ku auf Eure Stirn drcken und seine
liebevolle Umarmung Eure Wangen wieder rten wird. Ihr werdet wieder in dem
herrlichen Schlo Wijnendael wohnen: Herr van Bethune wird den Thron seiner
Vter besteigen, und dann sollt Ihr durch Eure Liebe eine Sttze seines
Alters werden! Dann werdet Ihr nicht mehr Eurer gegenwrtigen Schmerzen
gedenken, es sei denn, um Euch an dem zu erfreuen, was Ihr aus Liebe zu
Eurem durchlauchtigen Vater gelitten habt. Sagt mir nun, meine teuerste
Machteld, wollt Ihr denn jeglichen Hoffnungsstrahl von Eurer Seele
abwehren, knnen diese frohen Aussichten Euch keinen Trost verleihen?

Whrend dieser Worte war eine merkliche Vernderung in Machteld vor sich
gegangen. Sanfte Freude hatte ihr Auge geheitert, und ein liebliches
Lcheln schwebte um ihre Lippen.

O Maria, schluchzte sie, whrend sie ihren rechten Arm um den Hals ihrer
trstenden Freundin schlang, wtet Ihr, welche Erquickung ich empfinde,
welch unerwartetes Glck Ihr wie einen Balsam ber mich ausgegossen habt!
So mge der Engel des Herrn Euch in Eurer letzten Stunde trsten. Welch
se Worte gab Euch die Freundschaft ein, meine Schwester!

Eure Schwester, wiederholte Maria, dieser Name kommt Eurer Dienerin
nicht zu, durchlauchtige Jungfrau. Ich bin hinlnglich belohnt, wenn ich
diesen tiefen Gram von Euch gescheucht habe.

Nehmt diesen Namen an, meine liebe Maria. Ich liebe Euch so zrtlich. Und
ward Euer edler Bruder nicht mit mir erzogen? Ward er mir nicht von meinem
Vater zum Bruder gegeben? Ja, wir sind von der gleichen Familie. O, ich
bete ganze Nchte, da die heiligen Engel Adolf auf seiner gefhrlichen
Reise bewahren mgen! Er kann mich noch trsten, noch erheitern! Aber
horch! sollte mein Gebet erhrt sein? Ja, ja, da ist er, mein lieber
Bruder!

Sie reckte den Arm und wies regungslos mit dem Finger nach der Strae. Sie
stand da gleich einer Statue und schien einem fernen Gerusch zu lauschen.
Maria erschrak; sie glaubte, Machtelds Sinne htten sich verwirrt. Gerade
als sie sprechen wollte, hrte sie den Hufschlag eines Rosses in der Strae
widerhallen und begriff jetzt den Sinn von Machtelds Worten. Dieselbe
Hoffnung durchdrang auch sie, und sie fhlte die ungestmen Schlge ihres
Herzens sich verdoppeln. Einige Augenblicke hatten sie miteinander
solcherart sprachlos dagestanden, dann verstummte pltzlich das Gerusch,
das sie gehrt hatten, und schon glaubten beide, sie htten sich in ihrer
frohen Hoffnung getuscht, als die Tr des Gemachs ungestm aufgerissen
wurde.

Da ist er! Da ist er! rief Machteld. Gott sei Dank, meine Augen sehen
ihn wieder!

Sie lief dem Ritter hastig entgegen, und auch Adolf eilte herbei; doch er
fuhr pltzlich bebend zurck. Statt der lieblichen Jungfrau, der er zu
begegnen glaubte, sah er eine abgehrmte Gestalt vor sich mit eingefallenen
Wangen und tiefliegenden Augen. Whrend er bedachte, ob dieser Schatten
Machteld sei oder nicht, lief ihm ein eiskalter Schauer ber den Krper;
alles Blut drang ihm von den Wangen zum Herzen, und sein Gesicht war
bleicher denn das weie Gewand seiner Freundin. Seine Arme sanken nieder,
und die Augen starrten auf die abgezehrten Wangen Machtelds. So stand er
bewegungslos, als ob ihn der Blitz getroffen htte. Pltzlich senkte er die
Augen zu Boden, und eine Flut bitterster Trnen strmte ber seine Wangen.
Er sprach kein einziges Wort, selbst keine Klage, kein Seufzer kam ber
seine Lippen. Vielleicht htte er noch lange in stiller Verzweiflung
geweint, denn sein Herz war zu sehr von Trauer ergriffen, um es durch Worte
entlasten zu knnen; aber seine Schwester Maria, die sich aus Achtung vor
Machteld bis dahin zurckgehalten hatte, flog ihm um den Hals und weckte
ihn durch Ksse, mit denen sie unter zrtlichen Worten die Wange ihres
geliebten Bruders bedeckte. Die Jungfrau betrachtete die uerung
schwesterlicher Liebe mit inniger Rhrung, sie zitterte und wurde von
tiefster Niedergeschlagenheit ergriffen. Adolfs Erbleichen und der Schreck,
den er so deutlich verriet, hatten ihr gekndet: Du bist entstellt, deine
abgezehrten Wangen bengstigen, deine erloschenen Augen flen Furcht und
Schrecken ein; sogar der Mann, den du deinen Bruder nennst, erbebte bei
deinem Anblick. Von dsterer Verzweiflung durchschttert, fhlte sie die
bebenden Knie versagen. Mhsam schleppte sie sich bis zu einem Lehnstuhl
und lie sich kraftlos und matt in ihn hineinsinken. Sie barg das Gesicht
in den Hnden und blieb in dieser Stellung sitzen. Nach einigen
Augenblicken hrte sie in dem Gemach keinen Laut mehr, grte Stille
herrschte um sie her, und sie vermeinte, da man sie grausam verlassen
habe.

Aber bald fhlte sie eine Hand die ihre drcken; sie hrte sich mit
zrtlich-flehentlicher Liebe anrufen: Machteld! Machteld! O meine
unglckliche Schwester!

Dann ffnete sie die Augen und sah Adolf weinend vor sich stehen. Trnen
rollten ber seine Wangen, und aus seinen Blicken sprach heie Zuneigung,
tiefes Mitleid.

Ich bin verndert, nicht wahr, Adolf, seufzte sie. Ihr frchtet Euch vor
mir; Ihr werdet mich nicht mehr so gern wie frher haben.

Der Ritter verfrbte sich bei diesen Worten und betrachtete das Mdchen mit
seltsamem Blick. Er fate sich jedoch schnell und sprach:

Machteld, habt Ihr an meiner Zuneigung zweifeln knnen? O, das ist nicht
recht von Euch! Wirklich, Ihr seid allerdings verndert! Welche Krankheit,
welcher Kummer hat Euch so geqult, meine arme Schwester, da alle Farbe
aus Euren Wangen gewichen ist? Ich habe geweint und war erschreckt. Ja,
aber es war aus Mitleid, aus Teilnahme an Eurem Schicksal. Immer, immer
will ich Euer Freund und Bruder sein, Machteld. Ich will Euch trsten durch
eine frohe Nachricht, durch gute Neuigkeiten Euch heilen!

Die Jungfrau war allmhlich heiterer geworden. Die Stimme Adolfs bte einen
wunderbaren Einflu auf sie aus, und froh und lebhaft antwortete sie: Eine
gute Nachricht, sagt Ihr, Adolf? Gute Nachricht von meinem Vater? O,
sprecht, sprecht, mein Freund!

Dabei zog sie zwei Sthle zu ihrem Sessel und bot sie Maria und ihrem
Bruder an. Adolf reichte Machteld die eine Hand, die andere seiner teuren
Schwester. So sa er inmitten der beiden nun weniger bekmmerten Mgdelein
wie ein trstender Engel, auf dessen Worte man lauscht wie auf ein frommes
Lied.

Freut Euch, Machteld, dankt Gott fr seine Gte. Euer Vater ist zwar
betrbt, doch ganz gesund nach Bourges zurckgekehrt; niemand denn der alte
Kastellan und Dietrich der Fuchs wissen um seine kurze Abwesenheit. Er
geniet noch Freiheit in seinem Gefngnis; die Feinde, die ihn bewachen
mssen, sind seine besten Freunde geworden.

Aber wenn die bse Johanna Frankreichs Schmach an ihm rchen wollte, wer
wrde ihn dann vor ihren Henkersknechten schtzen? Ihr seid nicht mehr bei
ihm, edler Freund.

Seht, Machteld, die Wachen, denen die Feste zu Bourges anvertraut ist,
sind alle alte Krieger, die ob schwerer Wunden zu weiten Kriegsfahrten
nicht mehr tauglich sind. Die meisten unter ihnen haben die Heldentaten des
Lwen von Flandern zu Benevent mit erlebt. Ihr knnt Euch nicht vorstellen,
welche Liebe, welche Bewunderung ein echter Krieger vor dem Manne fhlt,
dessen Name die Feinde Frankreichs so oft erzittern machte. Wenn Herr van
Bethune ohne Erlaubnis des Kastellans, ihres Befehlshabers, entfliehen
wollte, wrden sie ihn ohne Zweifel zurckhalten; aber ich versichere
Euch,-- denn ich kenne den Edelmut dieser Krieger, die unter dem Harnisch
ergraut sind,-- da sie alle ihr Blut fr ihn dahingeben wrden, wenn man
auf dem von ihnen so verehrten Haupte nur ein Hrlein krmmen wollte.
Frchtet nichts, das Leben Eures Vaters ist in Sicherheit, und wre ihm
Euer neues Unglck nicht so nahe gegangen, er wrde seine Haft geduldig
ertragen.

O, wie gut sind Eure Nachrichten, mein Freund, wie hold erklingen Eure
Worte meinem erleichterten Herzen! Ich fhle mich bei Eurem Lcheln wieder
aufleben; fahrt fort, damit ich Eurer Stimme noch weiter lauschen kann.

Noch sere Hoffnungen gab mir der Lwe fr Euch mit auf den Weg,
Machteld. Vielleicht steht die Befreiung Eures Vaters nahe bevor;
vielleicht werdet Ihr in kurzem mit ihm und all Euren Blutsverwandten
wieder in dem schnen Wijnendaal sein.

Was sagt Ihr, Freund? Eure Liebe gibt Euch diese Worte ein, umschmeichelt
mich doch nicht mit einem unmglichen Glck.

Seid doch nicht so unglubig, Machteld. Hrt, worauf diese frohe Hoffnung
gegrndet ist: Ihr wit, da sich Karl von Valois, der edelste Franzose,
der wackerste Ritter, nach Italien zurckgezogen hat. Auch am rmischen
Hofe hat er nicht vergessen, da er die schuldlose Ursache fr die
Gefangennahme Eurer Verwandten war. Der Gedanke peinigt ihn, wie ein
Verrter seinen Freund und Waffengefhrten, den Lwen von Flandern, den
Hnden seiner Feinde selbst berliefert zu haben. So bemht er sich denn,
auf jede nur mgliche Weise seine Befreiung zu bewirken. Schon sind die
Gesandten des Papstes Bonifacius vor Knig Philipp dem Schnen erschienen
und haben von ihm dringend die Freilassung Eures Vaters und all Eurer
Verwandten gefordert. Der Heilige Vater spart keine Mhe, um Flandern seine
gesetzmigen Frsten zurckzugeben. Der franzsische Hof ist zum Frieden
geneigt. Wir wollen uns an diese trstende Hoffnung klammern, treue
Freundin.

Gewi, Adolf, wir wollen so trostvolle Gedanken nhren! Aber wir
schmeicheln uns nur mit trgender Hoffnung. Wird der Knig von Frankreich
den Untergang seiner Sldner nicht rchen? Wird Chtillon, unser
erbitterter Feind, seine grausame Nichte Johanna nicht aufstacheln? Bedenkt
doch, Adolf, was fr Folterqualen diese blutdrstige Frau ersinnen kann, um
sich an uns fr die Tapferkeit der Vlaemen zu rchen.

Qult Euch doch nicht selbst, meine liebe Machteld. Eure Furcht ist ja
unbegrndet. Vielleicht wird auch Philipp der Schne durch die schreckliche
Vernichtung seiner Sldner inne werden, da die Vlaemen sich niemals der
Franzosenherrschaft fgen. Sein eigner Vorteil wird ihn zwingen, unsere
Landesherren in Freiheit zu setzen, sonst verliert er das schnste Lehen
seiner Krone. Ihr seht, edle Jungfrau, da alles sich gnstig gestaltet.

Ja, ja, Adolf, in Eurer Gegenwart weicht all mein Kummer. Ihr sprecht so
trstlich, da mein Herz gar freudig davon erklingt.

Solcherart sprachen sie noch lange ber ihre Befrchtungen und Hoffnungen,
und als Adolf Machteld alles dargelegt und ihr Herz mit Trost gelabt hatte,
richtete er in brderlicher Liebe auch das Wort an seine Schwester. So
entspann sich ein ruhiges Geplauder, das sie recht froh und heiter stimmte.
Machteld verga alles erlittene Weh; sie atmete freier, krftiger, und ihre
Wangen frbten sich mit einer leichten Rte.

Pltzlich lie sich brausender Lrm in den Straen vernehmen. Tausende von
Stimmen erklangen, und laute Freudenrufe der Menge schollen durcheinander.
Nur in den Pausen lieen sich einzelne Rufe verstehen. Vlaenderen den
Leeuw! Heil, Heil unserem Grafen! schrie das begeisterte Volk mit frohem
Hndeklatschen. Adolf war mit den Frauen zum Fenster getreten. Sie sahen
die wogende Menge, Kopf an Kopf, nach dem Markt eilen. Auch Frauen und
Kinder befanden sich in dem Menschenstrom. In einer anderen Strae
vernahmen sie den Hufschlag zahlreicher Rosse. Aus allem konnten sie
schlieen, da ein Reiterheer in Brgge seinen Einzug hielt. Whrend sie
die mgliche Ursache dieser Volksbewegung besprachen, teilte ein Diener
mit, da ein Bote um die Erlaubnis bte, vor ihnen erscheinen zu drfen.
Sobald sie erteilt war, trat der Bote in das Zimmer. Es war ein junger
Edelknabe, ein liebliches Kind, dessen Zge Unschuld und Treue kndeten.
Seine Kleidung war aus schwarzer und blauer Seide und gar zierlich
geschmckt. Er nahte bis auf wenig Schritt den Frauen, entblte
ehrerbietig das Haupt und verbeugte sich tief, ohne aber zu sprechen.

Welch gute Nachricht bringst Du uns, mein lieber Knabe? fragte Machteld
freundlich.

Jetzt hob der Edelknabe das Haupt und antwortete mit zarter Kinderstimme:

An die durchlauchtigste Tochter des Lwen, unseres Grafen! Ich bringe eine
Botschaft von meinem Herrn und Meister Gwijde, der in diesem Augenblick mit
fnfhundert Reitern in die Stadt eingerckt ist. Er lt seine schne
Nichte Machteld van Bethune gren und wird ihr in nur wenigen Stunden
seine innige Zuneigung selbst bezeigen. Dies meine Botschaft, die Euch
hiermit kund getan sei, edle Jungfrau.

Dann trat er gesenkten Hauptes zur Tr zurck und entfernte sich. Gem dem
Versprechen, das der junge Gwijde von Flandern im Gehlz bei den Ruinen von
Nieuwenhove De Coninck gegeben hatte, war er mit der vereinbarten Hilfe von
Namur eingetroffen. Unterwegs hatte er das Schlo Wijnendaal erstrmt und
die franzsische Besatzung niedergemacht. Ebenso hatte er die Burg
Sijsseele bis auf den Grund zerstrt, weil ihr Kastellan ein geschworener
Leliaert war und den Franzosen in seinen Mauern Zuflucht gewhrt hatte. Der
siegreiche Einzug Gwijdes ri die Brger zu hchster Freude hin. In allen
Straen jauchzte und jubelte die Menge:

Heil unserem Grafen! Vlaenderen den Leeuw!

Sobald der junge Feldherr mit seinen Reitern auf dem Freitagsmarkt
anlangte, berreichten ihm die Altmeister die Schlssel, und so wurde ihm,
als zeitlichem Grafen von Flandern, bis zur Befreiung Robrechts van
Bethune, seines Bruders, gehuldigt. Nun schien den Brggern ihre Freiheit
vollkommen; denn jetzt hatten sie einen Frsten, der sie in den Krieg
fhren konnte. Die Reiter wurden bei den vornehmsten Brgern
untergebracht. Ja, der Eifer und die Dienstfertigkeit war so gro, da man
sich frmlich schlug, um den Zaum eines Pferdes zu erhaschen; jeder wollte
einen der Leute des Grafen bei sich haben. Man kann sich vorstellen, wie
gastfrei und freundlich diese Hilfstruppen empfangen wurden.

Als Gwijde die durch De Coninck eingerichtete Regierung besttigt hatte,
ging er unverzglich zu dem Nieuwlandschen Hause, umarmte seine kranke
Nichte immer und immer wieder und erzhlte ihr, wie er die Franzosen aus
dem geliebten Wijnendaal vertrieben habe. Ein kstliches Mahl harrte ihrer,
das Maria anllich der glcklichen Rckkunft ihres Bruders hatte bereiten
lassen. Sie tranken den Freudentrunk auf die Befreiung der gefangenen
Vlaemen und weihten auch dem schmerzlichen Andenken der vergifteten
Philippa eine Trne.




XIX.


Nach der schrecklichen Nacht, in der solche Strme Franzosenblutes
vergossen worden waren, kamen Chtillon, Jan van Gistel und die wenigen
anderen, die dem Tod entronnen waren, nach Kortrijk. Das war noch stark
besetzt, so da die Truppen in dem festen Kastell ohne Gefahr bleiben
konnten. Die Franzosen setzten auf diesen Ort ob seiner unberwindlichen
Festungswerke das meiste Vertrauen. Chtillon war ganz verzweifelt ber
seine Niederlage und glhte vor Rachedurst. Er zog noch einige
Sldnerabteilungen aus anderen Stdten heran, um Kortrijk gegen jeden
Angriff zu sichern, und bergab den Oberbefehl der Stadt dem Kastellan van
Lens, einem verrterischen Vlaemen. In aller Eile besuchte er noch die
brigen Grenzstdte und besetzte sie mit dem Rest der Truppen aus der
Picardie; zum Befehlshaber von Rijssel machte er den Kanzler Pierre Flotte;
dann reiste er nach Paris an den Hof des Knigs, der die Niederlage seiner
Truppen bereits erfahren hatte. Philipp der Schne empfing den Landvogt von
Flandern mit dem hchsten Unwillen und machte ihm Vorwrfe, da seine
Gewaltherrschaft all dies Unglck verschuldet hatte. Vielleicht wre
Chtillon fr immer in Ungnade gefallen. Aber die Knigin Johanna hate ja
die Vlaemen und hatte sich ber ihre Bedrckung gefreut: sie wute ihren
Oheim Chtillon so gut zu entschuldigen, da Philipp der Schne sich
schlielich mehr zum Dank als zum Zorn geneigt fhlte. Alsbald wandte der
franzsische Frst seinen Unwillen wider die Vlaemen und schwur, an ihnen
sattsam Rache zu nehmen.

Schon war ein Heer von zwanzigtausend Mann vor Paris versammelt, um das
Knigreich Majorka aus den Hnden der Unglubigen zu befreien. Es waren
dies die Truppen, deren Einberufung Robrecht van Bethune den vlaemischen
Herren angezeigt hatte. Mit diesem Heere htte man gegen Flandern Krieg
fhren knnen, aber Philipp zog es vor, die Rache noch einige Zeit
aufzuschieben, um mit noch mehr Truppen zu Felde zu ziehen. Durch
auerordentliche Boten erging ein Aufruf durch ganz Frankreich: darin wurde
den Bannerherren des Landes kundgetan, da die Vlaemen siebentausend
Franzosen ermordet htten, und da der Frst seine Lehensleute mit ihren
Untergebenen so eilig als mglich nach Paris berufe, um diese schmachvolle
Niederlage zu rchen. In jenen Zeiten waren Waffenbungen und Krieg die
einzige Beschftigung der Edelleute;-- sie freuten sich, wenn sich
irgendwo Gelegenheit zum Kmpfen bot; daher ist es also gar nicht
verwunderlich, da sie dem Rufe willig Folge leisteten. Aus allen Teilen
des weiten Frankreich kamen die Vasallen mit ihren bewaffneten Leuten
herbeigeeilt, und in wenigen Tagen war das franzsische Heer mehr als
fnfzigtausend Mann stark.

Neben dem Lwen von Flandern und Karl von Valois war Robert d'Artois einer
der khnsten Kriegshelden Europas und war jenen beiden sogar durch die
Kriegskunde und Erfahrung berlegen, die er auf seinen zahlreichen
Streifzgen erworben hatte. Noch niemals hatte er volle acht Tage
hintereinander seinen Harnisch abgelegt, und so war er in Waffen ergraut.
Sein unerbittlicher Ha war damals gegen die Vlaemen aufgeflammt, als sie
seinen einzigen Sohn bei Veurne erschlagen hatten; er bestimmte die Knigin
Johanna, ihn zum obersten Befehlshaber des Heeres zu ernennen; das
begegnete auch gar keiner Schwierigkeit; denn niemandem stand dieses
ehrenvolle Amt mehr zu als Robert d'Artois.

Geldmangel und auch der tgliche Zustrom noch weiterer Vasallen aus
fernliegenden Herrschaften hielten das Heer einige Zeit in Frankreich
zurck. Die bergroe Hast, mit der die Franzosen gewhnlich bei ihren
Feldzgen zu Werke gingen, war ihnen schon gar manches Mal verderblich
geworden. Sie hatten durch eigenen Schaden gelernt, da auch Vorsicht eine
Macht ist; deshalb wollten sie sich diesmal auf alle Flle vorsehen und mit
mehr Klugheit zu Werke gehen.--

Die boshafte Knigin von Navarra entbot Robert d'Artois zu sich
und peitschte ihn zu jeder nur mglichen Grausamkeit in Flandern
auf. Unter anderem befahl sie ihm, allen vlaemischen Suen die
Brste abschneiden, all ihre Ferkel mit dem Schwerte durchbohren
und die Hunde von Flandern totschlagen zu lassen: Die >Hunde< von
Flandern, das waren die Tapferen, die mit dem Schwert in der Faust
fr das Vaterland stritten; mit den >Suen< und >Ferkeln< waren die
Frauen und Kinder gemeint! Solch schndliche Worte im Munde einer
Knigin, eines Weibes, werden als Beweis ihrer Grausamkeit in den
Chroniken aufbewahrt.

Whrend dieser Verzgerung verstrkten sich aber auch die Vlaemen ganz
gewaltig. Herr Johann van Borluut hatte die Genter gegen die Besatzung
ihrer Stadt aufgewiegelt und vertrieb die Franzosen aus Gent; ihrer
siebenhundert blieben in diesem Kampf. Auch Oudenaarde und mehrere andere
Gemeinden machten sich frei, so da solcherart nur noch in den stark
befestigten Stdten, wohin sich die flchtigen Franzosen zusammengezogen
hatten, Feinde verblieben. Wilhelm von Jlich kam mit einer groen Schar
Bogenschtzen aus Deutschland nach Brgge. Sobald Herr Johann van Renesse
mit vierhundert Seelndern zu ihm gestoen war, brachen sie beide mit den
Truppen und einer Menge Freiwilliger nach Kassel auf, um die franzsische
Besatzung anzugreifen und zu vertreiben. Die Stadt war auerordentlich
stark befestigt und konnte nicht leicht genommen werden. Wilhelm von Jlich
hatte auf die Mitwirkung der Brger gerechnet; aber sie wurden zu gut von
den Franzosen bewacht, als da sie sich htten rhren knnen. Das zwang
ihn, eine regelrechte Belagerung zu beginnen; doch es dauerte recht lange,
ehe er sich die ntigen Werkzeuge dazu verschaffen konnte.

Der junge Gwijde war in den bedeutendsten Stdten Flanderns mit Jubel
empfangen worden. Seine Anwesenheit hatte gar manchem Mut gegeben, ihn zur
Verteidigung des Vaterlandes angespornt. Ebenso hatte Adolf van Nieuwland
die kleineren Ortschaften besucht, um das Volk zu den Waffen zu rufen.

In Kortrijk lagen fast dreitausend Franzosen unter dem Befehl des
Kastellans van Lens. Statt sich durch gute Behandlung bei der Brgerschaft
beliebt zu machen, begingen diese zusammengelaufenen Kriegsknechte alle
mglichen Ausschreitungen. Aber das hatten die Kortrijker sehr bald satt.
Durch das Beispiel der anderen Stdte ermutigt, erhoben sie sich einmtig
gegen die Franzosen und erschlugen mehr als die Hlfte; die brigen flohen
in aller Eile auf das Kastell und verschanzten sich gegen den Ansturm des
Volkes. Aus Rache schossen sie Brandpfeile auf die Stadt und steckten die
schnsten Gebude in Flammen. Alle Huser rings um den Markt und der
Begijnenhof wurden durch das Feuer von Grund aus vernichtet. Die Kortrijker
belagerten das Kastell voll Mut und sonder Zagen; doch es war ihnen nicht
mglich, die Franzosen ohne fremde Hilfe zu vertreiben. Angesichts der
trben Aussicht, ihre Stadt bald ganz abbrennen zu sehen, sandten sie einen
Boten nach Brgge, um Herrn Gwijde dringend um Beistand zu bitten.

Der Bote kam am 5. Juli 1302 zu Gwijde, legte ihm die beklagenswerte Lage
der guten Stadt Kortrijk dar und versprach ihm im Namen der Brger jede
Hilfe und unbedingten Gehorsam. Dem jungen Grafen ging dieser Bericht sehr
nahe, und er beschlo, sich unverzglich nach der unglcklichen Stadt zu
begeben. Da Wilhelm von Jlich alle Kriegsknechte nach Kassel gefhrt
hatte, wute Gwijde kein anderes Mittel, als die Znfte von Brgge
anzurufen. Er lie sofort alle Obmnner in den oberen Saal des Prinzenhofs
entbieten und ging selbst mit den Rittern, die sich bereits zu ihm begeben
hatten, dorthin. Eine Stunde spter waren die Einberufenen, dreiig an der
Zahl, in dem bestimmten Gemach versammelt; mit entbltem Haupt standen sie
am Ende des Saales und erwarteten schweigend, was man ihnen mitteilen
wrde. De Coninck und Breydel, als die Hupter der beiden angesehensten
Znfte, standen vornan. Herr Gwijde sa in einem reichen Lehnstuhl am
oberen Ende des Saales; ringsumher standen die Herren Jan van Lichtervelde
und van Heyne, beide Beers von Flandern[31], der Herr van Gavere, dessen
Vater durch die Franzosen vor Veurne ermordet worden war; der Tempelritter
Herr van Bornhem, Herr Robrecht van Leeuwerghem, Balduin van Ravenschoot,
Ivo van Belleghem, Hendrik, Herr van Lonchyn, ein Luxemburger, Goswijn, van
Goetsenhove und Johann van Cuyck aus Brabant, Peter und Ludwig van
Lichtervelde; Peter und Ludwig Goethals van Gent und Heinrich van
Petershem. Adolf van Nieuwland stand rechts vom jungen Grafen und sprach
mit ihm.

    [31] Es gab vier edle Geschlechter in Flandern, deren Hupter
    jedesmal den Namen >Beers< trugen; wenn das Grafengeschlecht
    ausstarb, wurde der neue Frst aus einer dieser Familien gewhlt.

In der Mitte des Raumes, zwischen den Vorstehern und Rittern, stand der
Bote von Kortrijk. Sobald jeglicher seinen gehrigen Platz eingenommen
hatte, hie Gwijde dem Boten, seine Mitteilung vor den Obmnnern zu
wiederholen. Er gehorchte diesem Befehl und sprach:

Meine Herren, die Brger von Kortrijk lassen euch durch mich wissen, da
sie die Franzosen aus ihrer Stadt vertrieben und ihrer fnfzehnhundert
erschlagen haben; aber jetzt leidet die Stadt die grte Not. Der Verrter
van Lens hat sich in das Kastell geworfen; er lt tglich mit brennenden
Pfeilen auf die Huser schieen, und schon ist der reichste Teil der Stadt
in Asche gelegt. Herr Arnold van Oudenaarde ist den Kortrijkern zu Hilfe
gekommen, ihre Feinde sind jedoch zu zahlreich. In dieser schlimmen Lage
bitten sie den Herrn Gwijde insonderheit und ihre Freunde in Brgge
insgesamt um Hilfe und hoffen, da sie keinen Tag zgern werden, ihre
bedrngten Brder zu befreien. Das ist es, was die Brger von Kortrijk euch
knden lassen.

Ihr habt es gehrt, Obmnner, sprach Gwijde, eine unserer besten Stdte
ist in Gefahr, ganz vernichtet zu werden; ich glaube nicht, da der
Hilferuf eurer Brder von Kortrijk vergeblich sein wird. Aber die Sache
heischt Eile, allein eure Mitwirkung kann sie aus ihrer Bedrngnis retten;
deshalb ersuche ich euch, schnellstmglich eure Znfte zu den Waffen zu
rufen. Wieviel Zeit braucht ihr, um eure Leute fr diesen Zug zu rsten?

De Coninck antwortete:

Heut nachmittag, durchlauchtigster Herr, werden viertausend bewaffnete
Weber auf dem Freitagsmarkt stehen; ich werde sie fhren, wohin Ihr
befehlt.

Und Ihr, Meister Breydel, werdet Ihr auch da sein?

Breydel trat mit stolzem Selbstbewutsein vor und entgegnete:

Edler Graf, Euer Diener Breydel wird Euch nicht weniger als achttausend
Gesellen liefern.

Die Ritter bekundeten die grte Verwunderung.

Achttausend! riefen sie wie aus einem Mund.

Ja, ja, meine Herren, fuhr Breydel fort, achttausend oder mehr. Alle
Znfte Brgges, nur die Weber ausgenommen, haben mich zum Anfhrer gewhlt,
und Gott wei, wie ich mich fr diese Gunst dankbar bezeigen werde. Heut
mittag schon, wenn es Euer Edeln befiehlt, werden sich die getreuen Brgger
auf dem Freitagsmarkt versammeln, und ich kann khnlich behaupten, da Euer
Edeln an meinen Fleischern tausend Lwen in Euerm Lager haben; denn niemand
ist ihnen gleich. Je eher, je lieber, edler Herr! Unsere Beile setzen schon
Rost an.

Meister Breydel, sprach Gwijde, Ihr seid ein tapferer, khner Untertan
meines Vaters. Das Land, das solche Mnner hervorbringt, kann nicht lange
in Sklaverei bleiben; ich danke Euch fr Eure Tchtigkeit.

Ein freundliches Lcheln der umstehenden Ritter verriet, wie angenehm ihnen
Breydels Worte gewesen waren. Der Obmann kehrte zu seinen Genossen zurck
und flsterte De Coninck ins Ohr:

Ich bitte Euch, Meister, rgert Euch nicht ber das, was ich eben Herrn
Gwijde gesagt habe. Ihr seid und bleibt mein Anfhrer, denn ohne Euern Rat
wrde ich nicht viel Gutes ausrichten. Meine Worte haben Euch doch nicht
beleidigt?

Der Obmann der Weber drckte Breydels Hand als Zeichen seiner Freundschaft
und seines Einverstndnisses.

Meister De Coninck, fragte Gwijde, habt Ihr die Znfte von meinem Wunsch
in Kenntnis gesetzt? Sollen mir die ntigen Gelder besorgt werden?

Die Znfte von Brgge, war die Antwort, stellen Euch all ihre Mittel zur
Verfgung, edler Herr. Wollet nur einige Diener mit einem schriftlichen
Befehl nach dem Pand senden: dort soll ihnen so viel Geld in Silber
ausgezahlt werden, als Euer Edeln es wnschen. Sie bitten Euch, keine
Rcksicht auf sie zu nehmen, denn die Freiheit kann ihnen gar nicht zu
teuer sein.

In dem Augenblick, da Gwijde die Bereitwilligkeit der Brgger mit
dankenden Worten anerkennen wollte, tat sich die Tr auf. Alles blickte
erstaunt auf den Mnch, der, ungerufen, keck in den Saal trat und auf die
Obmnner zuging. Eine Kutte von schwerem braunen Tuche war durch einen
Strick um seinen Leib zusammengehalten, eine schwarze Kappe verbarg seine
Zge, so da man ihn nicht erkennen konnte. Er schien sehr alt, denn sein
Rcken war gebeugt, und ein langer Bart hing ber seine Brust herab.
Flchtig betrachtete er der Reihe nach alle Ritter, und sein scharfer Blick
drang bis auf den Grund ihrer Herzen; wenigstens war es sichtlich sein
Bestreben. Adolf van Nieuwland erkannte in ihm den gleichen Mnch, der ihm
den Brief von Robrecht van Bethune gebracht hatte, und wollte ihn mit
lauter Stimme begren, aber das Gebaren des Mnches war so seltsam, da
dem jungen Ritter die Worte auf den Lippen erstarben. Alle Anwesenden
wurden von Zorn ergriffen. Das kecke Auftreten des Fremden war eine
Schmach, die sie sich nicht gefallen lassen wollten. Doch bald lste sich
das Rtsel: da der Mnch seine Prfung beendet hatte, band er den Strick
von den Lenden los, warf seine Kutte und den Bart ab und blieb mitten im
Saale stehen. Er erhob sein Haupt, und so gewahrte man einen Mann von
ungefhr dreiig Jahren, von schlanker, khner Gestalt, der die Ritter
betrachtete, als ob er fragen wollte: Nun, erkennt ihr mich wieder?

Aber die Umstehenden antworteten nicht so rasch, wie er es wnschte, und so
rief er:

Meine Herren, es scheint Euer Edeln zu befremden, einen Fuchs unter dieser
Kutte zu finden, und doch habe ich schon zwei Jahre darin verbracht.

Willkommen, willkommen, teurer Freund Dietrich! riefen die Edeln wie aus
einem Mund; wir dachten, Ihr wret lngst tot!

Dann knnt ihr Gott danken, da ich wieder auferstanden bin, erwiderte
Dietrich der Fuchs; aber nein, ich war nicht tot, unsere gefangenen
Brder und Herr van Nieuwland knnen es bezeugen. Ich habe sie alle
getrstet, denn als ein Wanderpriester durfte ich die Gefangenen besuchen;
Gott vergebe mir das Latein, das ich gesprochen habe. Ja, ja, meine Herren,
lacht nicht, ich habe Latein gesprochen. Ich bringe Nachrichten von all
unseren unglcklichen Landsleuten fr ihre Blutsverwandten und Freunde.

Einige der Ritter wollten ihn ber das Schicksal der Gefangenen ausfragen;
aber er verweigerte jede Antwort und fuhr fort:

Um Gottes willen! fragt mich jetzt nicht darber. Ich habe euch viel
Wichtigeres zu erzhlen. Hrt und zittert nicht; denn ich bringe euch
traurige Kunde. Ihr habt das Joch abgeschttelt und eure Freiheit erkmpft;
ich bedauere, da ich dem Feste nicht habe beiwohnen knnen. Ehre sei euch,
ihr edeln Ritter und Brger, die ihr das Vaterland befreit habt. Ich kann
euch versichern: wenn die Vlaemen binnen vierzehn Tagen keine neuen Ketten
tragen, werden ihnen alle Teufel der Hlle die Freiheit nicht wieder rauben
knnen; aber daran zweifle ich noch stark.

So erklrt Euch denn, Herr Dietrich, erklrt Euch nher und erschreckt uns
nicht durch unverstndliche Worte.

Nun denn, so sage ich euch: vor der Stadt Rijssel lagern
zweiundsechzigtausend[32] Franzosen.

    [32] Die Geschichtschreiber machen die verschiedensten Angaben
    ber die Strke der franzsischen Macht. Wir haben den
    Durchschnitt der verschiedenen Zahlen gegeben.

Zweiundsechzigtausend! wiederholten die Ritter und blickten einander
erschrocken an.

Zweiundsechzigtausend! wiederholte auch Breydel, whrend er erfreut die
Hnde rieb, o Gott, welch schne Herde!

De Coninck senkte sein Haupt und verfiel in tiefes Sinnen; dieses war immer
das erste, was der kluge Obmann der Weber in schwierigen Fllen tat. Dann
berechnete er rasch die Gefahr und die Mittel, ihr zu begegnen.

Ich versichere euch, meine Herren, nahm Dietrich wieder das Wort, es
sind ihrer mehr denn zweiunddreiigtausend Reiter und wohl ebensoviel
Fuknechte. Sie rauben und brennen, als ob sie sich dadurch den Himmel
verdienen sollten.

Seid Ihr dieser schlimmen Kunde auch ganz gewi, fragte Gwijde ngstlich,
hat Euch der, der es Euch sagte, nicht getuscht, Herr Dietrich?

Nein, nein, edler Gwijde, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, habe
selbst gestern abend in dem Zelt des Seneschalls Robert d'Artois gespeist.
Er hat mir auf seine Ehre geschworen, da der letzte Vlaeme von seiner Hand
sterben solle. Seht nun, was Ihr tun knnt. Ich meinesteils werde
schleunigst einen Harnisch anlegen; und mte ich auch allein gegen die
zweiundsechzigtausend verwnschten Franzosen kmpfen, ich wrde keinen
Schritt zurckweichen; ich mag Flanderns Sklaverei nicht mehr lnger mit
ansehen.

Jan Breydel konnte sich keinen Augenblick stillhalten; stndig waren Arme
und Beine in Bewegung. Htte er nur zu sprechen gewagt; aber die Ehrfurcht
vor den anwesenden Herren hielt ihn zurck. Gwijde und die anderen Edeln
sahen einander in ratloser Betrbnis an. Zweiunddreiigtausend gebter
Reiter, das schien ihnen zu viel, um Widerstand leisten zu knnen. Im
vlaemischen Heere waren nur die fnfhundert Reiter, die Gwijde mitgebracht
hatte. Was vermochte diese kleine Anzahl gegen die furchtbare Masse der
Feinde?

Was sollen wir tun, fragte Gwijde, wie sollen wir jetzt das Vaterland
retten?

Einige waren der Meinung, man msse sich in der Stadt Brgge einschlieen,
bis das franzsische Heer aus Mangel an Lebensmitteln abziehen wrde;
andere wieder wollten gerade dem Feinde entgegenziehen und ihn nachts
berfallen. Es wurden noch verschiedene Vorschlge gemacht, aber die
meisten als unvorteilhaft, die brigen als undurchfhrbar verworfen.

De Coninck stand noch immer gesenkten Hauptes sinnend da; er lauschte wohl
auf das, was da gesagt wurde, aber das hinderte ihn nicht an weiterem
Nachdenken.

Endlich fragte ihn Gwijde, welche Mittel er angesichts solcher bedenklichen
Lage vorschlagen knne.

Edler Herr, antwortete De Coninck, wre ich Befehlshaber, so wrde ich
mich folgendermaen verhalten: Ich wrde in aller Eile mit den Znften nach
Kortrijk ziehen, um den Kastellan van Lens zu verjagen-- dann wrden die
Franzosen diese Stadt nicht als Ausgangspunkt fr ihre Plne benutzen
knnen. Wir aber htten eine sichere Unterkunftssttte fr die Frauen und
Kinder und auch fr uns selbst; denn Kortrijk mit seinem Kastell ist stark,
whrend Brgge, so wie es jetzt ist, nicht einen einzigen Sturm aushalten
kann. Ich wrde noch in dieser Stunde dreiig Boten zu Pferde mit der
Nachricht von der Ankunft des Feindes in alle Stdte Flanderns senden und
alle Klauwaerts nach Kortrijk berufen. Desgleichen wrde ich Herrn van
Renesse und Herrn Wilhelm von Jlich dorthin bitten. Auf diese Weise, edler
Graf, davon bin ich berzeugt, werden binnen vier Tagen dreiigtausend
streitbare Vlaemen im Lager sein, und dann brauchen wir die Franzosen nicht
so sehr zu frchten.

Die Ritter lauschten in feierlicher Stille; sie bewunderten den
ungewhnlichen Mann, der in so wenig Augenblicken einen allgemeinen
Kriegsplan entworfen hatte und ihnen jetzt so treffliche Maregeln
darlegte. Obgleich sie die Tchtigkeit des Obmanns kannten, kostete es sie
doch Mhe, sich zu berzeugen, da ein Weber, ein Mann aus dem gemeinen
Volke, soviel Geist besa.

Ihr habt mehr Verstand als wir alle zusammen, rief Dietrich, ja, ja, so
mu es geschehen! Wir sind strker, als wir glaubten: nun wendet sich das
Blatt. Ich glaube, die Franzosen werden ihr Kommen noch bereuen.

Ich danke Gott, da er Euch diesen Gedanken eingegeben hat, Meister De
Coninck, fuhr der junge Graf fort, Eure guten Dienste sollen nicht
unbelohnt bleiben. Ich werde Eurem Rate folgen; er zeugt von groer
Weisheit. Meister Breydel, ich hoffe, Ihr werdet die Leute, die Ihr uns
versprochen habt, auch herbeischaffen.

Achttausend habe ich gesagt, edler Graf, entgegnete Breydel; nun gut!
jetzt sage ich zehntausend. Ich will nicht, da auch nur ein einziger
Geselle oder Lehrjunge in Brgge bleibe. Jung und alt, alles mu mit. Ich
werde schon sorgen, da uns die Franzosen nicht auf einmal ber den Haufen
rennen; und diese Obmnner, meine Freunde, werden das auch tun, das wei
ich.

Frwahr, edler Herr, riefen die Obmnner einstimmig, es soll niemand
fehlen, denn alle brennen auf den Kampf!

Die Zeit ist zu kostbar, um uns noch lnger aufzuhalten, sprach Gwijde,
geht nun schnell, eure Znfte zu versammeln; binnen zwei Stunden werde ich
fr den Kriegszug bereit sein und an der Spitze eurer Scharen auf dem
Freitagsmarkte stehen. Geht, ich bin mit eurer Bereitwilligkeit und eurem
Mute zufrieden.

Alle verlieen den Saal. Gwijde sandte sofort zahlreiche Boten nach allen
Richtungen mit Befehlen fr die Edelleute aus, die dem Vaterland treu
geblieben waren; desgleichen schickte er auch Herrn Wilhelm von Jlich die
Botschaft, da er mit Herrn Jan van Renesse nach Kortrijk kommen msse.

Die schreckliche Kunde verbreitete sich in kurzer Zeit durch die ganze
Stadt. In dem Mae sie von einem zum anderen ging, vergrerte das Gercht
die Zahl der Feinde gar wundersam; bald waren die Franzosen ber
hunderttausend Mann stark. Man kann sich denken, wie zagend und ngstlich
die Frauen und Kinder dem nahenden Unheil entgegenblickten! In allen
Straen sah man weinende Mtter, die ihre zitternden Tchter voll Liebe und
Mitleid umarmten. Die Kinder jammerten, weil sie ihre Mtter weinen sahen,
und zitterten, ohne die drohende Gefahr ganz zu begreifen. Die
schmerzlichen Klagen und die Todesangst in den Zgen dieser schwachen
Wesen stachen seltsam von der khnen, trotzigen Haltung der Mnner ab.

Von allen Seiten kamen die Znfte mit ihren Waffen herangelaufen. Das
Rasseln der eisernen Platten, die einige umgehngt hatten, klang klirrend
in das Ohr und verschwamm mit dem furchtbaren Spottgesang der gengstigten
Frauen und Kinder: Wehe! wehe! Wenn einige Mnner sich in der Strae
begegneten, blieben sie wohl einen Augenblick stehen, um einige Worte
miteinander zu wechseln und sich zum Siegen oder Sterben zu ermutigen. Hier
und da sah man, wie ein Vater vor der Tr seiner Wohnung Frau und Kind
umarmte; aber dann trocknete er bald die Trnen und verschwand
pfeilgeschwind in der Richtung zum Freitagsmarkt. Die Frau blieb noch lange
auf der Schwelle stehen und starrte nach der Ecke, hinter der der Vater
ihrer Kinder verschwunden war. Das Lebewohl schien ihr ein Abschied auf
ewig gewesen zu sein, und Trnen rannen ber ihre Wangen; dann hob sie ihre
schluchzenden Kinder vom Boden auf und lief verzweifelt ins Haus zurck.

In kurzer Zeit standen schon die Znfte in langen Reihen auf dem
Freitagsmarkt versammelt. Breydel hatte sein Versprechen erfllt.
Zwlftausend Gesellen von den verschiedenen Znften hatte er unter sich.
Die Beile der Fleischer blinkten wie Spiegel im Sonnenlicht und blendeten
den Zuschauer. ber der Schar der Weber ragten zweitausend Goedendags mit
ihren eisernen Spitzen empor; auch eine Abteilung Bogenschtzen war
darunter. Gwijde stand in der Mitte des Platzes, etwa zwanzig edle Ritter
um ihn. Er wartete auf die Rckkunft der Boten, die man nach allen Karren
und Pferden ausgeschickt hatte, die in der Stadt aufzutreiben waren. Ein
Weber, den De Coninck auf den Glockenturm geschickt hatte, kam in diesem
Augenblick mit der groen Fahne von Brgge auf den Markt. Kaum wurden die
Zunftleute des blauen Lwen gewahr, da stieg ein hinreiendes Jubelgeschrei
aus ihren Scharen empor. Unaufhrlich wiederholten sie denselben Ruf, der
in der blutigen Nacht das Zeichen der Rache gewesen war:

Vlaenderen den Leeuw! Wat Walsch is, valsch is!

Und dann schwangen sie ihre Waffen, als ob sie ihren Feinden bereits
gegenberstnden.

Als das Gepck des Heeres auf die Wagen geladen war, ertnten die
schmetternden Klnge der Trompeten, und die Brger verlieen mit wehenden
Fahnen durch das Genter Tor ihre Stadt. Da die Frauen sich ohne jeden
Schutz sahen, packte sie die Angst noch mehr. Jetzt war ihnen, als ob sie
nur noch den Tod zu erwarten htten.

Nachmittags verlie Machteld die Stadt mit all ihren Dienern und Frauen,
und diese Abreise brachte viele auf den Gedanken, da sie in Kortrijk
sicherer wrden wohnen knnen. Rasch packten sie alles ein und zogen,
nachdem sie ihre Huser verschlossen hatten, mit ihren Kindern zum Genter
Tor hinaus.

Solcherart zogen unzhlige Familien nach Kortrijk, und ihre bitteren Trnen
netzten das Gras, das am Rande des Weges grnte.

In Brgge ward es so still wie im Grab.




XX.


Es war dunkle Nacht, als Gwijde mit ungefhr sechzehntausend Mann in
Kortrijk anlangte. Die Einwohner waren durch vorausgesandte Reiter
benachrichtigt worden; sie standen gar zahlreich auf den Wllen der Stadt
und empfingen ihren Landesherrn bei Fackelschein mit frohem Jauchzen.
Sobald sich das Heer innerhalb der Mauern aufgestellt hatte, brachten die
Kortrijker alle nur mglichen Lebensmittel heran. Ganze Fsser Wein
schenkten sie an ihre ermdeten Brder aus, blieben die ganze Nacht mit
ihnen auf den Wllen und umarmten sie in ihrer Freude einmal bers andere.
Whrend dieser Beweise brderlicher Liebe gingen eine ganze Menge den
ermatteten Kindern und Frauen auf dem Wege entgegen, um ihnen die Last des
Gepcks abzunehmen. Manche dieser schwachen Wesen, die sich die Fe wund
gelaufen hatten, wurden auf den breiten Schultern der hilfreichen Brger
Kortrijks zur Stadt getragen. Alle wurden beherbergt und sorglich gepflegt
und getrstet. Die Dankbarkeit der Kortrijker und ihre innige Freundschaft
steigerte den Mut der Brgger gewaltig; denn allezeit wird der Menschen
Geist durch edle Gefhle gehoben.

Machteld und Maria, die Schwester Adolfs van Nieuwland, und eine groe
Anzahl anderer Edelfrauen aus Brgge waren bereits einige Stunden in
Kortrijk, ehe das Heer anlangte; sie waren bei ihren Bekannten abgestiegen
und hatten fr das Unterkommen der Ritter bei ihren Blutsverwandten und
Freunden Sorge getragen, so da die Edelleute, die Gwijde begleiteten, bei
ihrer Ankunft die Abendmahlzeit schon bereit fanden.

Am nchsten Morgen besichtigte Gwijde in aller Frhe mit einigen vornehmen
Einwohnern der Stadt die Festungswerke des Kastells und fand zu seiner
groen Betrbnis, da es nicht ohne groe Sturmwerkzeuge erobert werden
knnte. Die Mauern waren zu hoch, und aus den Trmmern, die darob
emporragten, konnten die Belagerer mit zuvielen Pfeilen berschttet
werden. Nachdem er alles vorsichtig bedacht hatte, beschlo er, keinen
tollkhnen Sturm zu wagen, der ihm zum mindesten tausend Mann htte kosten
knnen. Er gebot, Sturmrammen und Falltrme zu bauen und das in der Stadt
befindliche Kriegswerkzeug herbeischaffen. Dies bestand aus einigen
Ballisten und ganz wenigen Blijden[33]. So konnte man erst nach fnf
Tagen daran denken, das Kastell zu bestrmen. Dieser Verzug war brigens
den Kortrijkern nicht mehr so schlimm; denn seit der Ankunft des
vlaemischen Heeres hatte die franzsische Besatzung damit aufgehrt,
Brandpfeile auf die Stadt zu schleudern. Wohl sah man die Besatzung vor
den Schiescharten der Trme mit ihren Armbrsten bereit stehen, aber sie
scho nicht. Den Vlaemen war der Grund unbekannt; sie glaubten, da eine
List dahinter steckte und hielten ihrerseits sehr scharfe Wacht. Jeder
Angriff war von Gwijde verboten worden; er wollte nichts wagen, ehe seine
Sturmwerkzeuge bereit waren und er des Sieges gewi sein konnte. Der
Kastellan van Lens war in uerster Not; seine Bogenschtzen hatten nur
noch wenige Pfeile brig, und daher gebot ihm die Vorsicht, sie fr einen
Angriff aufzusparen. Auch waren die Vorrte so zusammengeschrumpft, da er
der Besatzung nicht mehr als die Hlfte der gewhnlichen Ration geben
konnte. Er hoffte, da die Wachsamkeit der Vlaemen etwas nachlassen und er
so Gelegenheit finden wrde, einen Boten nach Rijssel in das franzsische
Lager zu senden.

    [33] Das waren scharfe, schwere Wurfgeschosse, die man bei der
    Belagerung von Stdten und Burgen gebrauchte.

Arnold van Oudenaarde, der einige Tage zuvor mit dreihundert Mann den
Kortrijkern zu Hilfe gekommen war, hatte sich unter den Wllen der Stadt
auf dem Groeninger Kouter nicht weit von der Abtei gelagert. Dieser Platz
war fr ein allgemeines Lager sehr gnstig und wurde in dem Kriegsrat, den
Gwijde zusammengerufen hatte, auch fr diesen Zweck bestimmt. Schon am
anderen Tage, whrend die Zunft der Zimmerleute an den Sturmwerkzeugen
arbeitete, wurden die anderen Vlaemen aus der Stadt gefhrt, um die Grben
des Lagerplatzes auszuwerfen. Die Weber und die Fleischer bekamen jeder
eine Hacke und einen Spaten und machten sich eifrig ans Werk. Die
Verschanzungen stiegen wie durch Zauberei empor, das ganze Heer wetteiferte
bei der Arbeit, man stritt sich frmlich darum. Die Spaten und Hacken
wurden so rasch gehandhabt, da man ihnen mit den Augen nicht folgen
konnte, und groe Erdschollen flogen in Massen auf die Verschanzung, gleich
den zahllosen Steinen, die eine belagerte Stadt auf den Feind wirft.

Sowie ein Teil der Erdarbeiten vollendet war, kamen andere Leute und
spannten dort ihre Zelte auf. Von Zeit zu Zeit lieen die Arbeiter ihre
Werkzeuge in der Erde stecken und erkletterten hastig die Verschanzung.
Dann hallte ein allgemeiner Willkommgru ber dem Lager, und der Ruf:
Vlaenderen den Leeuw! Vlaenderen den Leeuw! klang noch aus der Ferne als
Antwort wieder. Dies geschah jedesmal, wenn Beistand aus anderen Stdten
herankam.

Das vlaemische Volk hatte seine Edeln doch etwas mit Unrecht der
Treulosigkeit und Feigheit beschuldigt; freilich hatten sich viele von
ihnen offen fr Frankreich erklrt; aber die Zahl der treugebliebenen war
dennoch grer als die der Abtrnnigen. Zweiundfnfzig der vornehmsten
vlaemischen Ritter saen in Frankreich gefangen, und gewi war es nur die
Liebe zum Vaterland und zu ihrem Frsten, die sie ins Gefngnis gebracht
hatte. Die anderen treuen Edelleute, die in Flandern lebten, hielten es fr
unrhmlich, mit einem aufrhrerischen Volke gemeinsame Sache zu machen.
Turnier und Schlachtfeld allein waren wrdige Sttten fr ihre Waffentaten.
Die Sitten jener Zeit hatten diese Meinung in ihnen gefestigt, denn damals
war der Abstand zwischen einem Ritter und einem Brger so gro, wie jetzt
zwischen dem Herrn und seinem Diener. Solange sich der Kampf innerhalb der
Mauern der Stdte und unter dem Befehl der Volksfhrer abspielte, blieben
sie auf ihren Kastellen und trauerten ber die Unterdrckung des
Vaterlands. Jetzt aber, da Gwijde als Feldherr ber seine Untertanen gebot,
kamen sie alle mit ihren Untergebenen aus ihren Herrschaften herbeigeeilt.

Am Morgen des ersten Tages langten die Herren Balduin van Papenrode,
Hendrik van Raveschoot, Ivo van Belleghem, Salomon van Sevecote und Herr
van Maldeghem mit seinen zwei Shnen zu Kortrijk an. Gegen Mittag stieg
wirbelnd eine ungeheure Staubwolke in der Richtung von Moorseele ber dem
umliegenden Wald empor. Whrend die Brgger in ihren Verschanzungen laut
aufjauchzten, zogen fnfzehnhundert Mann von Veurne in die Stadt, an ihrer
Spitze der berhmte Krieger Eustachius Sporkijn. Eine groe Ritterschar,
der sie unterwegs begegnet waren, begleitete sie; die vornehmsten darunter
waren: Herr Johann van Ayshoven, Wilhelm van Dakenam und sein Bruder Peter,
Herr van Landeghem, Hugo van der Moere und Simon van Caestere. Auch Johann
Willebaert van Thourout hatte sich mit einigen Reitern dem Befehl Sporkijns
unterstellt. Fast jeden Augenblick kamen einzelne Reiter in das Lager, ja
selbst Angehrige anderer Lnder oder Grafschaften, die sich eben in
Flandern befanden, zauderten nicht, zur Befreiung Flanderns mitzuwirken. So
waren Hendrik van Lonchijn aus Luxemburg, Goswijn van Goetsenhove und Jan
van Cuyck, zwei edle Brabanter, bereits bei Gwijde, als die Leute von
Veurne in die Stadt kamen. All diese Truppen zogen sofort, nachdem sie in
Kortrijk etwas erfrischt worden waren, ins Lager und wurden dem Befehl des
Herrn van Renesse unterstellt.

Am zweiten Tag eilten die Yperner heran. Obgleich sie die eigene Stadt
bewachen muten, mochten sie doch nicht zugeben, da Flandern ohne ihr
Zutun befreit wrde. Ihre Truppen waren weitaus die schnsten und reichsten
ringsum: fnfhundert Keulentrger, ganz in Scharlach gekleidet, mit schnen
Federn auf ihren glnzenden Helmen, zudem mit kleinen Brustplatten und
Kniescheiben, die im Sonnenschein erglnzten; siebenhundert andere Leute
trugen ungewhnlich groe Armbrste mit sthlernen Federn; sie waren grn
mit gelber Verzierung gekleidet. Bei ihnen befanden sich folgende Herren:
Jakob van Ypern, Waffentrger des Grafen Jan van Namen, Dietrich van
Vlamertinghe, Josef van Hollebeke und Balduin van Passchendale; die
Anfhrer waren Philipp Baalde und Peter Belle, die Vorsteher der beiden
vornehmsten Znfte von Ypern. Am Nachmittag kam die brige Bevlkerung von
der Ost- und Westgrafschaft aus den Drfern, die rund um Brgge herum
lagen, zweihundert wohlgerstete Krieger.

Am dritten Tage kam vormittags Wilhelm von Jlich mit Jan van Renesse von
Kassel zurck, und mit ihnen trafen fnfhundert Reiter, vierhundert
Seelnder und noch eine Anzahl Brgger im Lager ein.

Die einberufenen Ritter und Vertreter der Stdte hatten sich fast smtlich
eingestellt, und alle mglichen Waffengattungen befanden sich unter Gwijdes
Befehl. Die Freude der Vlaemen whrend dieser Tage war unaussprechlich;
jetzt sahen sie, da ihre Landsleute noch nicht entartet waren, da es noch
mutige Mnner in ihrem Vaterland gab. Schon waren an einundzwanzigtausend
tapferer Krieger unter dem Banner des schwarzen Lwen versammelt, und noch
strmten unaufhrlich kleine Abteilungen herzu.

Obgleich die Franzosen ein Heer von zweiundsechzigtausend Mann hatten,
davon die Hlfte beritten war, konnte in den Herzen der Vlaemen nun keine
Furcht mehr Platz finden. In ihrer Begeisterung lieen sie bisweilen ihre
Arbeit liegen, um einander zu umarmen, und dann sprachen sie so
zuversichtlich, als ob ihnen der Sieg nicht entgehen knnte.

Gegen Abend, just als sie mit ihren Spaten in die Zelte gehen wollten,
erhob sich aufs neue der Ruf: Vlaenderen den Leeuw! von den Mauern
Kortrijks. Alle liefen nach der Verschanzung zurck, um zu sehen, was da
vorging, und antworteten dann mit lauter, froher Stimme auf den Ruf der
Kortrijker. Sechshundert Reiter trabten, ganz mit Eisen bedeckt, unter
allgemeinem Jubel in das Lager. Dieser Zug kam von Namur und war durch den
Grafen Johann, Bruder Robrechts van Bethune, nach Flandern gesandt worden.

Durch das Eintreffen dieser Hilfstruppen stieg noch die Freude der Vlaemen;
denn gerade an Reiterei litten sie den grten Mangel. Obgleich sie wohl
wuten, da die Leute von Namur sie nicht verstanden, riefen sie ihnen
Gre zum Willkomm entgegen und brachten ihnen Wein in berflu. Als die
fremden Krieger dieser groen Freundschaft gewahr wurden, fhlten auch sie
in sich Gegenliebe erwachen und schwuren, ihr Blut fr so gute Leute zu
vergieen.

Nur die Stadt Gent hatte den Aufruf noch nicht beantwortet; nicht ein
einziger Geselle war von dorther nach Kortrijk gekommen. Man wute schon
lngst, da es in Gent von Leliaerts wimmelte und der Magistrat ganz
franzsisch gesinnt war; trotzdem waren dort siebenhundert franzsische
Sldner erschlagen worden, und Jan Borluut hatte seinen Beistand zugesagt.
In dieser Ungewiheit erhoben zwar die Vlaemen im Lager gegen ihre Brder
von Gent noch nicht laut den Vorwurf der Verrterei, doch der Argwohn gegen
sie war recht stark.

Am Abend, als die Sonne schon hinter dem Dorfe Moorseele gesunken war,
hatten sich alle Arbeiter in ihre Zelte zurckgezogen. Hie und da ertnte
Gesang. Bisweilen war er vom Klingen der Kannen unterbrochen, und sein
Schluvers wurde von vielen Stimmen jauchzend wiederholt. In anderen Zelten
hrte man wildes Stimmengewirr. Nur der Ruf: Vlaenderen den Leeuw!
verriet, da die Sprechenden sich gegenseitig Mut machten und
berschumende, ungezgelte Worte der Begeisterung austauschten. In der
Mitte des Lagers etwas abseits von den Zelten brannte ein groes Feuer, das
seinen roten Glanz weithin verbreitete. Etwa zehn Leute waren damit
beschftigt, es zu unterhalten; man sah sie hin und wieder groe Baumstmme
heranschleppen und hrte bisweilen, wie ein Anfhrer ihnen zurief:

Vorsichtig, Leute! Hrt auf, und schrt das Feuer nicht zu arg; jagt die
Funken nicht so hoch ber das Lager hinaus!

Einige Schritt von diesem Feuer stand das Zelt der Lagerwache. Es bestand
aus einem Dach, das mit Ochsenhuten berdeckt war. Sein Fachwerk ruhte auf
acht schweren Balken; die vier Seiten waren offen, damit man das Lager nach
allen Richtungen bersehen knnte.

Jan Breydel mute mit fnfzig seiner Leute whrend der Nacht Wache halten.
Sie saen alle auf kleinen hlzernen Sthlen rund um einen Tisch unter dem
Dache, das sie vor Tau und Regen schtzte; ihre Beile blitzten im
Widerschein des Feuers und glimmten in ihren Hnden auf, als ob sie
glhende Waffen wren. Man konnte im Finstern die von ihnen ausgestellten
Wachen auf- und abschreiten sehen. Vor ihnen auf dem Tisch standen ein
groer Krug Wein und einige zinnerne Kannen, und obgleich ein Trunk ihnen
nicht versagt war, so konnte man dennoch merken, da sie sehr mig
tranken. Denn nur selten fhrten sie die Kannen zum Munde. Sie lachten und
schwatzten heiter, um die Zeit zu verbringen, und sprachen schon im voraus
von den schnen Schlgen, die sie den Franzosen beibringen wollten.

Nun soll mal einer sagen, rief Breydel, da die Vlaemen ihren Vtern
nicht gleichen, wenn sich ein Heer, wie das unsrige, aus freiem Willen
versammelt! Jetzt mgen die Franzosen nur kommen mit ihren
zweiundsechzigtausend Mann! Je mehr Wild, desto besser die Jagd. Sie sagen,
wir wren ein Haufen schlechter Hunde; aber sie mgen Gott bitten, da sie
nicht gebissen werden. Die Hunde haben gute Zhne.

Die Fleischer lachten herzlich ber die scherzenden Worte ihres Obmannes
und blickten dabei auf einen greisen Gesellen, dessen grauer Bart sein
hohes Alter bezeugte. Einer von ihnen rief ihm zu:

Ihr, Jakob, werdet sie wohl nicht mehr beien knnen!

Wenn meine Zhne auch nicht so gut sind wie die Eurigen, brummte der alte
Fleischer, so habe ich doch ein Beil, welches schon lange ans Beien
gewhnt ist. Ich mchte wohl zwanzig Ma Wein auf die Wette wagen, wer von
uns beiden die meisten Franzosen zur Hlle sendet.

Es gilt, rief der andere, wir wollen sie zusammen austrinken; ich gehe
und hole sie.

Oho! rief Breydel, wollt ihr euch wohl still verhalten! Trinkt morgen;
denn das sage ich euch: den ersten von euch, der sich betrinkt, lasse ich
in Kortrijk einsperren; er soll am Kampfe nicht teilnehmen.

Diese Drohung bte eine wundersame Wirkung auf die Fleischer aus; die Worte
erstarben auf ihren Lippen, und keiner von ihnen rhrte auch nur mehr ein
Glied. Einzig der alte Fleischer wagte noch zu sprechen.

Beim Barte unseres Obmanns! rief er, wenn mir das widerfhre, dann lie
ich mich lieber noch am Feuer braten, wie das einst dem heiligen Laurentius
geschehen ist. Denn solch ein Fest werde ich nie weder erleben.

Breydel merkte, da seine Drohung der ganzen Wache Furcht und Betrbnis
einjagte; dies war ihm nicht recht, da er selbst freudig gestimmt war. Um
ihnen ihre Heiterkeit wiederzugeben, ergriff er den Krug, fllte die Kannen
und sprach:

Nun, Leute, weshalb schweigt ihr jetzt? Da, nehmt und trinkt, damit euch
der Wein die Sprache wiedergibt. Es ist mir leid, da ich mit euch so
gesprochen habe. Ich kenne euch ja und wei, da echtes Fleischerblut in
euren Adern strmt! Nun denn, auf euer Wohl, Genossen!

Nun war pltzlich die Freude zurckgekehrt, und das Schweigen endete mit
anhaltendem Gelchter, da sie inne wurden, da die Drohung ihres Obmannes
nur Scherz gewesen war.

Trinkt nur, fuhr Breydel fort, indem er seinen Becher fllte, diesen
Krug will ich euch darangeben, ihr mgt ihn bis zum Grunde leeren. Fr eure
Freunde, die auf Wache stehen, soll ein anderer herbeigeschafft werden.
Jetzt, da wir sehen, da aus allen Stdten Hilfe herbeieilt und wir so
stark werden, knnen wir uns dieses Glckes wohl freuen.

Ich trinke einen Verachtungsschluck auf die Genter, rief ein Geselle;
wir wissen schon lngst, da man sich auf einen zerbrochenen Stab sttzt,
wenn man ihnen vertraut. Aber das hat nichts zu sagen; mgen sie nur zu
Hause bleiben, dann hat eben unsere Stadt Brgge allein die Ehre des
Kampfes und der Befreiung.

Sind etwa die Genter Vlaemen wie wir? spottete ein anderer, schlgt ihr
Herz auch fr die Freiheit? Und wohnen auch wohl Fleischer in Gent? Es lebe
Brgge! Da ist der echte Stamm.

Oho! rief Breydel, zu Gent wohnt ein Mann, der ein Lwenherz zu eigen
hat. Ist Jan Borluut nicht in der ganzen Welt bekannt? Ich bin berzeugt,
wollte er die Sache genau untersuchen, so wrde er finden, da seine
Voreltern Fleischer waren oder doch so etwas der Art; denn Herr Jan gleicht
einem Genter, wie ein Stier einem Schaf.

Die Fleischer brachen von neuem in schallendes Gelchter aus; sie begriffen
sehr gut, da ihr Obmann damit sagen wollte, die Genter wren Schafe.

Und ich wei nicht, fuhr Breydel fort, weshalb Herr Gwijde ihre Ankunft
berhaupt wnscht; wir haben keinen solchen berflu an Lebensmitteln im
Lager, da wir uns noch mehr Esser zu der Mahlzeit rufen brauchen. Glaubt
der Feldherr vielleicht, wir wrden das Spiel verlieren? Da merkt man so
recht, da er in Namur gewohnt hat, er kennt die Brgger nicht, sonst wrde
er nicht nach den Gentern verlangen. Wir haben sie nicht ntig. Sie mgen
daheim bleiben, wir werden unsere Sachen schon ohne sie erledigen, und
zudem ist es ja doch nur wankelmtiges Volk!

Als ein echter Brgger liebte Breydel die Genter nicht. Zwischen den beiden
ersten Stdten Flanderns herrschte seit ihrem Ursprung her eine gewisse
Eifersucht. Nicht, da die eine etwa mutigere Leute besa als die andere;
aber beide waren arbeitsam und suchten einander den Handel zu rauben und an
sich zu ziehen. Noch heute besteht dieser Ha zwischen den Einwohnern von
Gent und Brgge; so schwer ist es, dem gemeinen Volke ererbte Gefhle zu
nehmen, da sich diese Eifersucht trotz aller Umwlzungen bis auf uns
erhalten hat.

Solcherart fuhr Breydel fort, mit seinen Genossen zu schwatzen, und manch
hhnisches Scheltwort fiel gegen die Genter, bis diese Frage ganz
erschpft war und das Gesprch auf einen anderen Stoff berging. Pltzlich
wurde die Aufmerksamkeit durch ein Gerusch geweckt; sie hrten ein paar
Schritte hinter dem Zelt einen Wortwechsel, wie wenn sich zwei Mnner
stritten. Alle standen auf, um zu sehen, was da sein mochte; aber ehe sie
noch das Zelt verlassen hatten, kam schon ein Fleischer, der auf Wache
gestanden hatte, mit einem anderen Menschen herbei, den er gewaltsam
vorwrts ri.

Meister, sagte er, whrend er den Fremdling in das Zelt stie, hinter
dem Lager habe ich diesen Minstrell entdeckt; er ging an alle Zelte,
lauschte und schlich wie ein Fuchs durch die Finsternis; ich bin ihm lange
gefolgt und habe ihn beobachtet. Sicher steckt dahinter Verrat, denn seht
nur, wie der Schelm zittert!

Der Mann, den man in das Zelt gebracht hatte, war mit einem blauen Wams
bekleidet, eine Mtze mit einer Feder bedeckte sein Haupt. Ein langer Bart
beschattete sein halbes Gesicht. In der linken Hand hielt er ein kleines
Instrument, das fast einer Harfe glich, als ob er darauf vor der
Gesellschaft ein Liedchen spielen wollte. Er zitterte vor Furcht, und sein
Gesicht war so bleich, als ob er am Sterben sei; sichtlich suchte er sich
den Blicken Jan Breydels zu entziehen, denn er wandte das Haupt nach der
anderen Seite, damit jener seine Zge nicht erblicken sollte.

Was habt Ihr in dem Lager zu tun, rief Breydel, weshalb lauscht Ihr an
den Zelten? Antwortet rasch!

Der Snger antwortete in einer Sprache, die hochdeutsch zu sein schien, und
weckte dadurch die Vermutung, da er in irgend einem anderen Landesteile zu
Hause wre.

Meister, ich komme von Luxemburg und habe dem Herrn van Lonchijn zu
Kortrijk eine Botschaft gebracht. Man hat mir gesagt, einer meiner Brder
wre im Lager, und ich war hergekommen, um ihn zu suchen. Ich bin ngstlich
und frchte mich, weil die Schildwache mich fr einen Spion angesehen hat;
aber ich hoffe, ihr werdet mir nichts zuleide tun.

Breydel, der Mitleid mit dem Snger empfand, sandte die Schildwache zurck,
wies dem Fremdling einen Stuhl und meinte:

Ihr mt von einer so langen Reise ermdet sein. Da, mein schner Snger,
setzt Euch her, trinkt-- diese Kanne ist fr Euch. Ihr mt uns einige
Lieder vorsingen, und wir wollen Euch einschenken. Habt Mut, Ihr befindet
Euch unter guten Leuten.

Vergebt mir, Meister, ich kann nicht hierbleiben, denn Herr van Lonchijn
wartet auf mich. Ich hoffe, da Ihr mich nicht dem Wunsche dieses edlen
Ritters zuwider lnger aufhalten werdet!

Erst ein Lied! riefen die Fleischer; er kommt nicht fort, ehe er ein
Lied gesungen hat!

Macht rasch, rief Breydel; wenn Ihr uns nicht das Vergngen gewhren
wollt, einige Lieder zu hren, dann halte ich Euch bis morgen hier. Httet
Ihr gleich gutwillig damit angefangen, so wret Ihr schon fertig damit.
Singt, ich befehle es Euch!

Die Furcht des Sngers steigerte sich angesichts dieses strengen Befehls;
nur mit Mhe konnte er die Harfe in den Hnden halten, denn er bebte so,
da die Saiten des Instruments seine Kleider streiften und davon erklangen.
Dies kitzelte die Lust der Fleischer noch mehr.

Wollt Ihr spielen oder singen? rief Breydel; wenn Ihr nicht eilt, so
ergeht's Euch schlecht!

Zu Tode erschrocken, griff der Snger mit seinen zitternden Hnden in die
Harfe. Aber er brachte nur falsche, wirre Tne hervor. Nun merkten die
Fleischer, da er nicht spielen konnte.

Er ist ein Spion, rief Breydel, entkleidet ihn und seht nach, ob er
nichts bei sich trgt.

In einem Augenblick waren ihm die Oberkleider vom Leibe gerissen, und
wenngleich er flehentlich um Gnade bat, wurde er bei dieser Untersuchung
von einer Ecke in die andere gestoen.

Hier habe ich's! rief ein Fleischer, der mit der Hand zwischen das Wams
auf der Brust des Unbekannten gegriffen hatte, hier ist der Verrat!

Als er die Hand aus dem Wams hervorzog, hielt er darin ein Pergament. Es
war in drei- oder vierfaches Wachstuch gewickelt, und daran hing ein
Siegel, das mit Flachs umwunden war, um es vor dem Zerbrechen zu schtzen.
Der Snger stand zitternd da, als htte er den Tod vor Augen; whrend er
den Vorsteher ngstlich ansah, murmelte er einige unverstndliche Worte,
welche die Fleischer aber nicht hrten.

Jan Breydel ergriff das Pergament, und nachdem er es entfaltet hatte,
starrte er es lange Zeit an, ohne da ihm dadurch die mindeste Aufklrung
wurde.

Damals konnten auer den Geistlichen nur wenige lesen, selbst fast alle
Edelleute lebten noch in grter Unwissenheit.

Was ist das, Ihr Schelm? rief Breydel.

Es ist ein Brief des Herrn van Lonchijn... stammelte der angebliche
Snger abgebrochen.

Warte, fuhr Breydel fort, das werde ich bald sehen.

Er nahm seinen Dolch und schnitt den um das Siegel gewundenen Flachs ab.
Kaum ward er der Lilien des Wappens von Frankreich ansichtig, da sprang er
voll Wut auf, packte den Unbekannten beim Bart, schleifte ihn daran hin und
her und rief dabei:

Ist das ein Brief des Herrn van Lonchijn, Ihr Verrter? Nein, es ist ein
Brief des Kastellans van Lens, und Ihr seid ein Spion. Ihr sollt eines
bitteren Todes sterben, Ihr Bsewicht!

Bei diesen Worten zog er mit solcher Gewalt an dem Bart des Spions, da die
Bnder rissen, mit denen er am Kopfe befestigt war; nun erkannte Breydel
sein Gesicht. Er stie ihn mit solchem Ingrimm zurck, da er gegen einen
Pfeiler des Zeltes taumelte.

O Brakels! Brakels! Eure letzte Stunde ist gekommen! rief Breydel, als ob
ihn ein Gespenst erschreckte.

Der alte Fleischer, den man ob seiner schlechten Zhne verspottet hatte,
sprang auf Brakels zu, griff ihn mit den Hnden bei der Kehle und prete
ihn wider den Pfeiler, gegen den ihn Breydel geworfen hatte. Die Augen
seines Opfers verdrehten sich in den Hhlen; denn unter dem Griff des
Fleischers ging dem Verrter der Atem aus. Er wre fast erwrgt worden,
wenn er nicht durch seine Bemhungen, sich loszureien, von Zeit zu Zeit
Luft bekommen htte. Das Geschrei der Fleischer hatte viele geweckt; die
strmten nun aus allen Zelten neugierig herbei. Der eine kam ohne Koller,
der andere ohne Wams. Kaum vernahmen sie die Ursache des Lrms, da
verlangten sie wtend, da man ihnen Brakels berliefern solle.

Gebt ihn uns, schrien sie, sein Blut, sein Leben!

Breydel nahm den alten Fleischer bei den Schultern, schob ihn von Brakels
weg und rief:

Besudelt Euch nicht mit dem Blute dieses Verrters! Er ist zu verchtlich,
sonst wre er bereits durch meine Hand gettet worden.

Nein, rief der Fleischer, sein Beil erhebend, ich mu an diesem Spiel
meine Freude haben. Man tut ein verdienstliches Werk, wenn man einen
Landesverrter erschlgt. Lat mich, Meister, ich bitte Euch um Gottes
willen; nur einen Schlag.

O Meister, habt doch Mitleid mit mir... ich werde dem Vaterland
getreulich dienen... ttet mich doch nicht!

Breydel betrachtete ihn voll Wut und tiefer Verachtung, setzte ihm einen
Fu in die Seite und schleuderte ihn pltzlich bis in die andere Ecke des
Zeltes. Inzwischen hatten die Fleischer die grte Mhe, die Menge
zurckzuhalten, die voll Rachsucht das Zelt umringte.

Gebt ihn uns, rief die wtende Schar, ins Feuer, ins Feuer!

Ich will nicht, sprach Breydel mit gebieterischem Blick zu seinen Leuten,
da das Blut dieser Schlange eure Beile beflecke. Er soll dem Volke
ausgeliefert werden.

Der Befehl war noch nicht ausgesprochen, als schon ein Mann aus der Schar
hervortrat und Brakel eine Schnur um den Hals warf; dann rissen sie den
Verrter rcklings ber und schleiften ihn aus dem Zelte. Seine bangen
Schreie verschmolzen mit dem strmischen Jauchzen der Menge. Nachdem sie
ihn rund um das Lager geschleift hatten, kamen sie unter johlendem Geheul
zu dem Feuer und zogen ihn vier-, fnfmal durch die Glut, bis er ganz
unkenntlich geworden war. Dann setzten sie ihren Lauf wieder fort und
verschwanden mit dem leblosen Krper in der Finsternis. Lange noch hrte
man ihr Geschrei in der Ferne, und noch lange zerrten sie die Leiche des
Verrters, bis sie schlielich eine Stunde spter ganz verstmmelt an einem
Galgen beim Feuer zur Schau aushing. Dann kehrten alle in ihre Zelte
zurck, und tiefe Stille folgte diesem schrecklichen Lrm.




XXI.


Gwijde hatte Befehl gegeben, da sich das ganze Heer, eine jegliche Rotte
unter ihrem Anfhrer, am anderen Morgen auf dem Groeninger Kouter vor dem
Lager einfinden sollte; er wollte eine allgemeine Musterung halten.

Gem diesem Befehle hatten sich die Vlaemen auf dem bestimmten Platz
geschickt in einem Viereck aufgestellt, gleich vier Grundmauern eines
Gebudes. Jede Rotte bestand aus acht geschlossenen Gliedern; die
viertausend Weber De Conincks bildeten das vordere Ende des rechten
Flgels. Das erste Glied seiner Abteilung bestand aus Schtzen, die ihre
schweren Armbrste ber die Schulter gehngt hatten, whrend eiserne Pfeile
in einem Kcher an ihrer Seite hingen. Sie hatten keine andere Schutzwaffe
als eine dicke eiserne Platte, die ihnen mit vier Riemen vor die Brust
gebunden war. ber sechs tieferen Gliedern starrten Tausende von Speeren
zehn Fu hoch empor. Diese Waffe, der berchtigte Goedendag, wurde von den
Franzosen am meisten gefrchtet, denn mit ihr konnte man ein Pferd sehr
leicht durchbohren. Kein Harnisch schtzte gegen ihren gewaltigen Stich,
jeder Ritter, der davon getroffen wurde, fiel unfehlbar aus dem Sattel.

Auf demselben Flgel standen auch die schweren Truppen von Ypern; ihr
vorderstes Glied bestand aus fnfhundert krftigen Leuten, deren Kleidung
von einem so hellen Rot wie das der feinsten Korallen war; von ihren
glnzenden Helmen wallten wehende Federbsche auf die Schultern herab,
groe Keulen, mit sthlernen Spitzen beschlagen, standen mit dem dicken
Ende neben ihrem Fue, whrend ihre Hand am Griffe ruhte; ihre Arme und
Schenkel waren mit kleinen eisernen Platten bedeckt. Die brigen Leute
dieser trefflichen Schar waren alle in Grn gekleidet; ihre sthlernen
Bogen ragten entspannt ber ihre Kpfe hinaus. Der linke Flgel bestand
lediglich aus den zehntausend Kriegern Breydels. An der einen Seite
blendeten die unzhligen Beile der Fleischer die Augen der anderen
Kriegsknechte, die auch stndig den Kopf abwendeten; denn die Glut der
Sonne, die aus diesen sthlernen Spiegeln zurckstrahlte, brachte sie in
die Gefahr, zu erblinden. Die Fleischer waren nicht kunstvoll gekleidet;
kurze braune Hosen und Jacken von gleicher Farbe bildeten ihren ganzen
Anzug; die rmel waren bis an den Ellenbogen aufgestreift. Das war ihre
gewhnliche Art, denn sie waren auf ihre krftigen Muskeln stolz. Viele
hatten blondes Haar, aber sie waren von der Sonne ganz verbrannt. Lange
Narben aus frheren Gefechten zogen sich wie tiefe Furchen ber ihr
Gesicht. Fr sie waren es Lorbeeren, die ihre Tapferkeit bezeugten. Die
Zge Breydels stachen auffallend gegen diese dsteren, unheimlichen Wesen
ab; whrend die meisten seiner Genossen durch ihren furchtbaren Ausdruck
Schrecken einflten, war Breydels Gesicht angenehm und edel: schne blaue
Augen flammten unter fein gezogenen Augenbrauen, lange blonde Locken
fielen ber seinen Hals, und sein Bart verlngerte das schne Oval seines
Gesichts. Jetzt, da er heiter und zufrieden war, berhrten seine Zge
angenehm; aber wenn ihn der Zorn hinri, htte kein Lwenhaupt das seine an
Furchtbarkeit bertroffen; dann furchten sich seine Wangen, seine Zhne
knirschten ingrimmig, und seine Brauen ballten sich buschig ber den Augen.

Im dritten Flgel standen die Leute von Veurne mit den Waffenknechten
Arnolds van Oudenaarde und Balduins van Papenrode. Die Znfte von Veurne
hatten tausend Schleuderer und fnfhundert Helmschlger. Die ersteren
standen in den vordersten Gliedern und waren ganz in Leder gekleidet, damit
die Schleuder beim Schwingen an der Kleidung kein Hindernis fnde. Um ihre
Lenden wand sich ein breiter lederner Schlauch wie ein Grtel; darin lagen
die runden Kiesel, die sie auf den Feind warfen. An ihrer rechten Hand hing
ein lederner Riemen mit einer ffnung in der Mitte: das war die Schleuder,
eine furchtbare Waffe, mit der sie ihren Feind so genau zu treffen wuten,
da die schweren Steine, die sie gegen ihn schleuderten, selten ihr Ziel
verfehlten. Hinter ihnen standen die Helmschlger; sie waren ganz mit
eisernen Platten bedeckt und trugen schwere Sturmhauben auf dem Kopf. Ihre
Waffe war eine Streitaxt mit einem langen Stiel; oben an der Axt war eine
dicke eiserne Spitze, mit der sie die Helme und Harnische durchbohrten:
darum hieen sie Helmschlger. Die Leute von Oudenaarde und Papenrode, die
auf derselben Seite standen, hatten verschiedenerlei Waffen; die beiden
ersten Reihen bestanden aber nur aus Bogenschtzen. Die anderen hatten
Speere, Keulen und Schlachtschwerter.

Den letzten Flgel, der das Viereck schlo, bildete die ganze Reiterei des
Lagers, jene elfhundert Mann zu Pferde, die Johann Graf von Namur seinem
Bruder Gwijde geschickt hatte. Diese Abteilung war ganz in Eisen und Stahl
gehllt; man konnte nichts sehen als die Augen der Reiter, die aus dem
Visier des Helmes hervorblitzten, und die Hufe der Pferde, die aus ihrer
eisernen Verhllung herausragten.

Solcherart war das Heer gem dem Befehl des Feldherrn aufgestellt. Grte
Stille herrschte in den Scharen; die Kriegsknechte fragten einander wohl,
was es geben solle, aber dann sprachen sie so leise, da es niemand auer
ihren Nebenmnnern hren konnte.

Gwijde und all die anderen Ritter, welche keine Truppen mitgebracht hatten,
wohnten in Kortrijk; das ganze Heer stand bereits einige Zeit in der
beschriebenen Aufstellung, als man pltzlich das Banner des Herrn Gwijde
unter dem Stadttor hervorkommen sah. Herr van Renesse, der in Abwesenheit
des Feldherrn Oberbefehlshaber des Lagers war, rief:

Die Waffen auf, schliet an! Richtet die Glieder! Ruhe!

Auf den ersten Befehl des edeln Herrn van Renesse brachte jeder seine Waffe
in gehrige Lage; dann nahmen sie nher Fhlung und richteten sich. Kaum
war das geschehen, als die Reiterlinie sich ffnete, um den Feldherrn mit
seinem zahlreichen Gefolge in das Viereck hineinzulassen.

Voran ritt der Fahnentrger mit dem Banner Flanderns; der schwarze Lwe auf
goldenem Felde flatterte leicht neben dem Kopfe des Pferdes und schien den
erfreuten Vlaemen seine Krallen wie ein Siegeszeichen zu weisen. Gleich
nach ihm kam Gwijde mit seinem Neffen Wilhelm von Jlich. Der junge
Feldherr trug einen blinkenden Harnisch, auf dem das Wappen Flanderns
kunstreich dargestellt war; seinen Helm schmckte ein schner Federbusch,
der bis auf den Rcken seines Pferdes herabwallte. Auf dem Harnisch
Wilhelms von Jlich war ein breites rotes Kreuz. Die weie Priesterkleidung
hing unter seinem Panzerhemd hervor und reichte bis auf den Sattel; sein
Helm war ohne Federn und seine ganze Rstung einfach und ohne Verzierung.
Unmittelbar nach diesen durchlauchtigen Herren folgte Adolf van Nieuwland;
seine ganze Bewaffnung war uerst zierlich, berall an den
Verbindungsstellen der Schuppen seiner Rstung waren goldene Knpfe
angebracht. Sein Helmbusch war grn und seine eisernen Handschuhe
versilbert. Unter seinem Panzerhemd konnte man einen grnen Schleier
hervorhngen sehen,-- das Geschenk, das ihm die Tochter des Lwen als
Zeichen der Dankbarkeit berreicht hatte. Neben ihm ritt Machteld auf einem
schneeweien Zelter. Die Jungfrau war noch bla, aber nicht mehr krank. Die
Ankunft ihres Bruders Adolf hatte ihre Krankheit verscheucht. Ein
himmelblaues Reitkleid vom feinsten Samt, mit kleinen silbernen Lwen wie
berst, fiel in leichten Falten ber ihre Fe bis zur Erde nieder, und
ein seidener Schleier hing von der Spitze ihres Hutes bis auf das Pferd
herab.

Dann kamen noch ungefhr dreiig Ritter und Edelfrauen, alle auf das
kostbarste gekleidet und so froh und munter, als ob sie irgendeinem Turnier
beiwohnen wollten. Endlich folgten vier Schildknappen zu Fu; die beiden
ersten trugen jeder einen reichen Harnisch und ein Schlachtschwert am Arme,
die anderen jeder einen Helm und einen Schild. Whrend die Scharen in
feierlicher Stille dastanden, kam der glnzende Zug in die Mitte des
Vierecks und machte dort halt.

Gwijde lie seinen Herold kommen und gab ihm ein Pergament, dessen Inhalt
er verknden sollte.

Fge den Kriegsnamen >Lwe von Flandern< hinzu, sprach er; denn das
freut unsere guten Leute von Brgge.

Die Neugier der Kriegsknechte tat sich durch eine augenblickliche Bewegung
und die grte Aufmerksamkeit kund; sie sahen wohl, da hinter all diesen
feierlichen Formen ein Geheimnis verborgen sei; denn sicherlich hatten sich
die Edeldamen nicht ohne Absicht so reich gekleidet. Der Herold ritt vor,
stie dreimal in die Posaune und rief mit lauter Stimme:

Wir, Gwijde von Namur, entbieten im Namen unseres Grafen und Bruders
Robrecht van Bethune, des Lwen von Flandern, allen, die dieses lesen oder
lesen hren, Heil und Frieden. In Anbetracht...

Pltzlich hielt er inne; ein Murmeln ging durch die verschiedenen Rotten,
und whrend jeder hastig nach seinen Waffen griff, spannten die Schtzen
ihre Bogen, als ob ihnen irgendeine Gefahr drohte.

Der Feind! der Feind! rief es hier und da.

In der Ferne sah man ein zahlreiches Heer heranrcken; mehrere tausend Mann
schritten in dichtgedrngten Scharen vorwrts, und das Ende war nicht
abzusehen. Doch war man ungewi, ob es der Feind wre oder nicht, da keine
Reiterei dabei war. Bald sah man, wie sich ein Reiter von diesem
unbekannten Zug ablste und in vollem Trab auf den Lagerplatz zusprengte.
Er hing vornber auf dem Hals seines Trabers, so da man ihn nicht erkennen
konnte, obgleich er nun schon ganz dicht herangekommen war. Immer mehr
nahte er dem erstaunten Heere und rief zugleich:

Vlaenderen den Leeuw! Vlaenderen den Leeuw! Hier sind die Genter!

Man erkannte den alten Krieger: ein frohes Jauchzen antwortete seinem Ruf,
und sein Name erscholl aus aller Mund:

Hoch Gent! Heil Herrn Johann Borluut! Willkommen, gute Brder!

Als die Vlaemen sahen, da ihnen ein so unerwarteter Beistand, ein so
zahlreiches Heer zu Hilfe kam, da war ihre Freude nicht mehr zu bndigen;
die Anfhrer muten alles aufbieten, um sie nur in ihren Gliedern zu
halten. Sie ergingen sich in ungestmen Bewegungen und tobten vor Freude,
als ob sie wahnsinnig wren. Herr Jan Borluut rief ihnen zu:

Habt Mut, meine Freunde, Flandern wird frei sein. Ich bringe fnftausend
wohlbewaffnete, unverzagte Leute.

Und aufs neue erscholl der Ruf: Heil, Heil dem Helden von Woeringen!
Borluut! Borluut!

Borluut kam zu dem jungen Grafen und wollte ihn mit hflichen Wendungen
begren; aber Gwijde unterbrach ihn:

Lat die Redensarten beiseite, Herr Johann, gebt mir die Hand als Freund.
Ich bin froh, da Ihr gekommen seid, Ihr, der Ihr Euer Leben unter dem
Harnisch verbracht habt, und dem so tiefe Weisheit innewohnt; ich war schon
mimutig, als ich Euch nicht kommen sah. Ihr habt lange gezaudert...

O ja, edler Gwijde, war die Antwort, lnger, als ich wnschte, aber die
feigen Leliaerts haben mich zurckgehalten. Knnen Euer Edeln wohl glauben,
da in Gent eine Verschwrung ausgebrochen war, um den Franzosen wieder
Eingang in die Stadt zu verschaffen? Sie wollten uns nicht herauslassen,
als es galt, unseren Brdern zu Hilfe zu kommen; aber, Gott sei Dank! das
ist ihnen nicht geglckt, denn das Volk hat und verachtet sie ber die
Maen. Die Genter haben den Magistrat auf die Burg gejagt und die Tore der
Stadt erbrochen. Dort hinten kommen nun fnftausend unerschrockene Mnner,
die es ebensosehr nach dem Kampf wie nach einer Mahlzeit verlangt: sie
haben heute noch keinen Bissen Brot gegessen.

Ich dachte mir wohl, da Euch groe Hindernisse zurckhielten, und
frchtete schon, Ihr wrdet nicht kommen.

Wie, edler Gwijde, ich htte nicht in Kortrijk sein sollen? Ich, der ich
mein Blut fr Fremde vergossen habe, ich sollte meinem Vaterland in der Not
nicht beistehen? Das sollen die Franzosen erfahren! Ich fhle mich, als
wre ich keine dreiig Jahre alt! Und meine Leute erst, o Himmel! Wartet
nur, edler, Herr, bis die blutige Stunde gekommen ist, und achtet dann auf
den weien Lwen von Gent, wie Ihr da die Franzosen werdet fallen sehen.

Ihr erfreut mich, Herr Borluut. Auch unsere Leute sind allesamt ebenso
mutig, ebenso unverzagt; wenn wir im Kampf unterliegen sollten, wrden
nicht viele Vlaemen nach Hause zurckkehren, das versichere ich Euch!

Verlieren, sagt Ihr? Verlieren, Herr Gwijde? Das glaube ich nicht, dafr
sind unsere Leute zu guten Mutes. Und Breydel erst! Der Sieg steht ihm auf
dem Gesicht geschrieben. Seht, edler Herr, ich mchte meinen Kopf
verwetten: wenn man Breydel gehen liee, wrde er mit seinen Fleischern
durch die zweiundsechzigtausend Franzosen durchbrechen, wie man durch ein
Kornfeld dringt. Gott und der heilige Georg werden uns beistehen, hofft nur
alles Gute; aber nun entschuldigt mich, Herr Gwijde, mein Heer ist
angelangt. Ich verlasse Euch fr einen Augenblick.

Die Genter schritten schon ganz ermattet und mit Staub bedeckt auf den
Groeninger Kouter; bei starker Sonnenglut waren sie in schnellem Marsch
dahergeeilt. Man sah bei ihnen all die verschiedenen Waffengattungen, die
wir bereits beschrieben haben. An der Spitze trabten etwa vierzig Edle hoch
zu Ro; es waren fast lauter Freunde des alten Kriegers Jan Borluut: Herr
van Leerne, Jan van Coyeghem, Balduin Steppe, Simon Bette, Paul van Severen
und sein Sohn, Jan van Aerseele, Junker van Vijnkt, Thomas van Vuselaare,
Jan van Mechelen, Wilhelm und Robrecht Wenemaer und noch viele, viele
andere. Mitten ber diesem Heere flatterte das Banner von Gent mit seinem
weien Lwen. Die Brgger, die nun fhlten, wie ungerecht ihre Schmhungen
gegen die Genter gewesen waren, riefen immer wieder: Willkommen!
Willkommen, Brder! Heil Gent!

Jan Borluut stellte inzwischen seine Leute in regelmigen Abteilungen vor
dem linken Flgel des Vierecks auf; er wollte seine tapferen Genter
gleichsam zur Schau stellen, damit sich die Brgger berzeugen sollten, da
sie ihnen auch in der Liebe zum Vaterland nicht nachstanden. Auf Befehl
Gwijdes verlie er dann den Lagerplatz und rckte in Kortrijk ein, um seine
Leute gut unterzubringen, so da sie die ntige Ruhe genieen konnten.

Sobald die Genter abgezogen waren, trat Johann van Renesse vor und rief:
Die Waffen auf! Still!

Der Zug, der sich in die Mitte des Heeres begeben hatte, nahm seinen
vorigen Platz wieder ein. Alles schwieg auf Befehl des Herrn van Renesse
und lauschte aufmerksam dem Herold, der die drei Posaunenste wiederholte
und dann mit lauter Stimme las:

Wir, Gwijde von Namur, entbieten im Namen unseres Grafen und Bruders
Robrecht van Bethune, des Lwen von Flandern, allen, die dieses lesen oder
lesen hren, Heil und Frieden!

In Anbetracht der guten und treuen Dienste, die dem Lande von Flandern und
uns selbst von Meister De Coninck und Meister Breydel aus Brgge erwiesen
worden sind;

willens, ihnen beiden, mit Wissen all unserer Untertanen, einen Beweis
unserer Gunst zu geben;

willens auch, ihre edelmtige Liebe zum Vaterland zu belohnen, wie es sich
geziemt und gehrt, auf da ihre treuen Dienste bleiben mgen in ewigem
Gedchtnis und Andenken;

also unser Graf und Vater, Gwijde von Flandern, uns die Macht dazu gegeben
hat, tun zu wissen:

Peter De Coninck, Obmann der Wollweber, und Jan Breydel, Obmann der
Fleischer, aus unserer guten Stadt Brgge, und ihre Nachkommen bis in ewige
Zeiten, sind und sollen bleiben von edelm Blute; genieen die Vorrechte, in
deren Genu die Lehnsherren in unserem Lande von Flandern sind;

und damit sie in Ehren hiervon Gebrauch machen knnen, wird jedem von
ihnen ein Zwanzigstel des Zolles in unserer guten Stadt Brgge zum
Unterhalt ihrer Huser zugestanden.

Ehe noch der Herold geendet hatte, bertnte hallendes Jauchzen der Weber
und Fleischer seine Stimme. Die groe Gunst, die ihren Obmnnern bewiesen
worden, war auch ein Lohn fr ihre Tapferkeit. Ein Teil dieser Ehre mute
auch auf die Znfte zurckfallen. Wren sie nicht so fest von der Treue und
Liebe ihrer Obmnner gegen das Volk berzeugt gewesen, so htten sie diese
Erhebung ohne Zweifel mit Zorn aufgenommen und als eine politische List der
Edeln angesehen. Sie wrden gesagt haben: So rauben die Lehnsherren uns
die Vertreter unserer Rechte und bringen unsere Obmnner auf ihre Seite. In
einem anderen Falle wre dieser Verdacht vielleicht nicht unbegrndet
gewesen, denn die Menschen lassen sich gewhnlich durch Ehrfurcht
verleiten. Daher ist es nicht zu verwundern, da das Volk bitteren Ha
gegen diejenigen seiner Brder hegt, die zu hoch emporsteigen. Denn aus
edelmtigen Volksfreunden werden sie schlechte, feige Schmeichler und
untersttzen die Macht, die sie erhoben hat. Sie wissen, da sie mit
derselben steigen und fallen mssen, und sehen voraus, da sie das Volk,
das sie verlassen haben, als berlufer verstoen und verachten wird.

Die Znfte von Brgge vertrauten zu fest auf De Coninck und Breydel, um in
diesem Augenblick solchen Gedanken Raum zu geben. Ihre Obmnner gehrten
jetzt zu den Edelleuten; sie hatten nun zwei Leute, die zum Grafenrat
zugelassen wurden und den Feinden ihrer Vorrechte frei entgegentreten, sie
offen bekmpfen konnten. Sie fhlten, wie sehr ihre Macht hierdurch wachsen
mute, und gaben sich deshalb der ungetrbtesten Freude hin; ihr Jauchzen
hallte so lange fort, bis ihnen die Stimme versagte. Dann schwieg der Lrm,
und der Jubel war nur noch in ihren Zgen, an ihren Bewegungen zu erkennen.

Adolf van Nieuwland trat jetzt zu den Obmnnern und ersuchte sie, vor den
Feldherrn zu treten; sie gehorchten und nahten langsam dem Zuge der Ritter.

In De Conincks Zgen war keine Freude zu lesen. Er kam stattlich und ruhig
heran, ohne auch nur die mindeste Erregung zu zeigen. Doch in seinem Herzen
herrschte innige Zufriedenheit und edler Stolz. Nur hatte seine gewohnte
Vorsicht seine Zge so sehr in die Gewalt bekommen, da man seine Gefhle
nur selten aus ihnen entnehmen konnte. Jetzt wollte er sich seine
Unabhngigkeit bewahren; wenn man dann einst von ihm etwas verlangen
sollte, das dem Vorteil des Volkes zuwiderlief, so konnte er dem Frsten
sagen: Wer hat Eure Gunst verlangt, was habt Ihr mir denn gegeben, da Ihr
nun Unrechtes von mir fordert?-- Anders bei Breydel: der hatte seine
Empfindungen nie bezwungen; die geringste Regung, das leiseste Gefhl, das
sein Herz bewegte, drckte sich in seinen Zgen aus, und man konnte leicht
bemerken, da eine seiner Tugenden seine groe Offenherzigkeit war. Auch
konnte er die Trnen, die seinen blauen Augen entstrmten, nicht
zurckhalten; er beugte sein Haupt, um sie zu verbergen, und stellte sich
pochenden Herzens neben seinen Freund De Coninck.

Alle Ritter und Edelfrauen waren abgestiegen und hatten ihre Pferde den
Schildknappen bergeben. Gwijde lie die vier Waffentrger vortreten und
bot den Obmnnern die beraus kostbare Rstung dar; der Harnisch wurde
ihnen angelegt und der Helm mit der blauen Feder ihnen aufs Haupt
geschnallt.

Die Brgger betrachteten diese feierliche Handlung mit ruhiger
Aufmerksamkeit. Ihre Herzen waren von Zufriedenheit erfllt, und sie waren
so bewegt, als ob ihnen selbst diese Ehre widerfahren wre. Als die
Obmnner in ihr Gewaffen gekleidet waren, muten sie das eine Knie zur Erde
beugen; dann trat Gwijde vor und erhob sein Schlachtschwert ber De
Conincks Haupt.

Herr De Coninck, sprach er, seid ein treuer Ritter, verletzt nie die
Ehre und greift nie zum Schwert, es sei denn fr Gott, Euer Vaterland und
Euren Frsten.

Damit versetzte er ihm dem Brauch der Ritterschaft zufolge einen leichten
Schlag mit seinem Schlachtschwert. Ebenso wurde Jan Breydel zum Ritter
geschlagen. Zu gleicher Zeit trat Machteld aus dem Zug und stellte sich vor
die knienden Obmnner; sie nahm die Schilde aus den Armen der Knappen und
hing sie um den Hals der neuen Ritter. Viele Zuschauer bemerkten, da sie
den Schild zuerst um Breydels Hals gehngt hatte, und da dies absichtlich
geschehen sein mute, da sie deshalb einige Schritte seitwrts zu tun
hatte.

Dies Wappen ist ein Geschenk meines Vaters fr Euer Edeln, sprach sie,
mehr zu Breydel hingewandt; ich wei, edle Herren, da ihr sie vor aller
Schmach bewahren werdet; ich freue mich, da ich an der Belohnung eurer
Vaterlandsliebe teilnehmen kann.

Breydel sah die junge Edeldame mit tiefster Dankbarkeit an; seine Augen
sprachen den Eid feurigster Zuneigung und Aufopferung. Er wrde sich ohne
Zweifel der edlen Jungfrau zu Fen geworfen haben, aber die feierliche
Haltung der umstehenden Ritter machte zu groen Eindruck auf ihn; erstaunt,
bewegungslos stand er da, ohne zu sprechen.

Meine Herren, nun knnt ihr zu euren Leuten zurckgehen, sprach Gwijde.
Wir hoffen, da ihr diesen Abend in unseren Rat kommen werdet, wir mssen
mit euch eine lngere Besprechung haben. Fhret nun eure Truppen nach dem
Lager zurck.

De Coninck verbeugte sich leicht und ging fort, und ebenso tat es Breydel;
aber kaum hatte sich dieser einige Schritte entfernt, als er schon die Last
der Waffen inne wurde, die ihn berall beklemmte; er kehrte hastig zu
Gwijde zurck und sprach:

Edler Graf, ich ersuche Euer Edeln um noch eine Gunst.

Sprecht, Herr Breydel, sie soll Euch zugestanden werden.

Seht, durchlauchtiger Herr, fuhr der Obmann fort, Ihr habt mir heute
eine groe Gnade erwiesen, aber Ihr wollt mich doch nicht hindern, gegen
unsere Feinde zu streiten? Die Ritter kamen nher an Breydel heran, seine
Worte versetzten sie in groes Staunen.

Was wollt Ihr damit sagen? fragte Gwijde.

Da diese Waffen mich berall beengen und kneifen, Herr Graf! Ich kann
mich in dem Harnisch nicht rhren, und dieser Helm lastet so schwer auf
meinem Kopfe, da ich den Hals nicht bewegen kann; ich versichere Euch, da
ich mich in diesem eisernen Kerker totschlagen lassen mte wie ein
gebundenes Kalb.

Der Harnisch wird Euch vor den Schwertern der Franzosen schtzen,
bemerkte der Ritter.

Ja, entgegnete Breydel, dessen bedarf ich aber durchaus nicht. Wenn ich
frei bin mit meinem Beil in der Faust, dann frchte ich nichts. Wahrlich,
ich wrde da eine schne Figur machen, steif und unbehilflich! Nein, nein,
meine Herren, ich will das nicht am Leibe haben; deshalb, Herr Graf,
ersuche ich Euch: erlaubt mir, bis nach dem Kampfe Brger zu bleiben;
spter will ich dann mit diesem lstigen Harnisch Bekanntschaft machen.

Das mgt Ihr halten, wie es Euch beliebt, Herr Breydel, antwortete
Gwijde, dennoch seid und bleibt Ihr ein Ritter.

Wohlan! rief Breydel erfreut, dann bin ich der Ritter mit dem Beil!
Dank, Dank, durchlauchtiger Herr.

Mit diesem Ausruf lief er zu seinen Leuten, die ihm durch laute
Glckwnsche und allerlei Zurufe ihre Freude bekundeten. Er hatte bereits
die ganze Rstung abgeworfen, noch ehe er die Reihen der Fleischer
erreichte. Nur den Wappenschild behielt er, den ihm Machteld um den Hals
gehngt hatte.

Albrecht, mein Freund, rief er einem seiner Leute zu, nimm die Waffen
auf und trage sie nach meinem Zelt! Ich will kein Eisen an meinem Leibe
tragen, whrend ihr mit bloer Brust der feindlichen Waffe entgegengeht;
dieser Kirme will ich im Fleischergewand beiwohnen. Sie haben mich zu
einem Edelmann gemacht, meine Gesellen, aber das ndert nichts an der
Sache! Mein Herz ist und bleibt den Fleischern treu, und das werden die
Franzosen schon fhlen. Kommt, wir gehen nach dem Lager, ich werde mit euch
Wein trinken, wie vorhin, ich schenke euch jedem ein Ma, und dann trinken
wir ein Hoch auf den schwarzen Lwen!

All seine Gesellen wiederholten diesen Ruf; die Glieder kamen etwas in
Unordnung, und ungestm wollten sie sich nach dem Lager zurckbegeben.

Oho, Leute, rief Breydel, so nicht, jeder in sein Glied, oder wir werden
schlechte Freunde.

Die anderen Abteilungen waren bereits in Bewegung und kehrten beim Schall
der Hrner mit fliegenden Fahnen nach der Verschanzung zurck; der Zug der
Ritter rckte in das Stadttor und verschwand hinter den Wllen. Bald danach
plauderten smtliche Vlaemen vor ihren Zelten von der Erhebung der
Obmnner. Eine groe Schar Fleischer sa in weitem Kreise, die Humpen in
der Hand, auf dem Boden; groe Kannen standen neben ihnen; einstimmig
sangen sie das Lied vom schwarzen Lwen. Mitten unter ihnen, auf einer
leeren Tonne, sa der geadelte Breydel, der als Vorsnger jeden Vers
begann; er trank wiederholt auf die Befreiung des Vaterlandes und suchte
durch grere Vertraulichkeit die nderung seines Standes vergessen zu
machen; denn er frchtete, da seine Gesellen denken knnten, er wolle
ihnen nicht mehr, wie zuvor, ihr Freund und Genosse sein.

De Coninck hatte sich in seinem Zelt eingeschlossen, um den Glckwnschen
seiner Weber zu entgehen; die Beweise ihrer Liebe gingen ihm zu nahe, und
es wurde ihm zu schwer, diese Rhrung zu verbergen; deshalb blieb er den
ganzen Tag allein, whrend das Heer sich der ungetrbtesten Freude hingab.




XXII.


Unweit der Stadt Rijssel, auf einem ungewhnlich groen Felde, war das
franzsische Lager aufgeschlagen. Die unzhligen Zelte, die fr so viele
Menschen ntig waren, bedeckten fast eine halbe Meile Landes. Da ein
hochaufgeworfener Wall das Lager einfate, htte man von fern glauben
knnen, da man eine befestigte Stadt vor sich habe, wenn nicht das Wiehern
der Pferde, die Rufe der Sldner, der Rauch der Wachtfeuer und die Tausende
flatternder Wimpel die Anwesenheit eines Lagers verraten htte. Die
Abteilung, in der die edlen Ritter wohnten, war an den kostbaren
Standarten und gestickten Fhnlein zu erkennen. Whrend hier samtene Zelte
von verschiedenerlei Farben standen, traf man in der anderen Abteilung nur
kleine Zelte von Leinwand oder Stroh an. Es scheint unglaublich, da ein so
zahlreiches Heer nicht vor Hunger umkam; denn in jenen Zeiten fhrte man
selten Lebensmittel mit sich; aber es war im Gegenteil an allem berflu.
Das Getreide lag im Schmutz herum, und die besten Lebensmittel wurden unter
die Fe getreten. Die Franzosen gebrauchten ein gutes Mittel, sich mit
allem zu versorgen und sich zu gleicher Zeit bei den Vlaemen verhat zu
machen. Unaufhrlich zogen groe Sldnerscharen aus der Verschanzung, um
das Land zu durchstreifen und alles zu rauben, zu plndern und zu
vernichten. Die wilden Kriegsknechte hatten die Absicht ihres Feldherrn
Robert d'Artois vollstndig begriffen; um sie auszufhren, vollbrachten sie
die furchtbarsten Greuel, die man im Kriege nur begehen kann. Als Sinnbild
der Verwstung, mit der sie Flandern bedrohten, hatten sie kleine Besen an
ihre Speere gehngt, womit sie andeuten wollten: sie kmen, um Flandern
auszukehren und zu subern; und in der Tat, sie unterlieen nichts, um
diese Drohung auszufhren. Schon nach wenigen Tagen stand im ganzen
sdlichen Teile des Landes kein einziges Haus mehr, nicht eine Kirche, kein
Schlo, kein Kloster, ja selbst kein Baum mehr. Alles war zerstrt und
vernichtet. Man achtete weder Alter noch Geschlecht. Frauen und Kinder
wurden ermordet und ihre unbegrabenen Leichen den Raubvgeln zur Speise
gegeben.

In dieser Weise begannen die Franzosen den Kampf. Nicht die mindeste
Furcht, nicht die geringste Reue regte sich im Herzen der fremden
Bsewichte bei ihrem schndlichen Unternehmen; gesttzt auf ihre bergroe
Macht, hielten sie sich fr unberwindlich; desto feiger und schndlicher
war ihr Tun. Bei ihren ehrlosen Waffen hatten sie geschworen, da ganz
Flandern das gleiche Los treffen solle!

Am selben Morgen, da Gwijde die schne Aufgabe erfllte, die treuen Dienste
De Conincks und Breydels zu belohnen, hatte der franzsische Feldherr die
vornehmsten seiner Ritter zu einem prchtigen Gastmahl geladen.

Das Zelt des Grafen d'Artois war ungemein lang und breit und in
verschiedene Rume eingeteilt; da waren Gemcher fr die Ritter, andere fr
die Schildknappen und Waffentrger, fr die Leibdiener und Kche und fr
verschiedene andere Personen seines Gefolges. In der Mitte war ein groer
Saal, der abwechselnd zu Gastmhlern oder Versammlungen des Kriegsrats
bestimmt war und gar viele Ritter fassen konnte. Die gestreifte Seide des
Zeltes war mit unzhligen kleinen silbernen Lilien bedeckt; an der
Vorderseite ber dem Eingang hing das Wappen des Hauses Artois; ein wenig
weiter auf einer Erhhung flatterte das groe Lilienbanner Frankreichs. In
diesem prchtigen Gemach, das mit reichen Teppichen ausgehangen war, hatte
man lange geschnitzte Tische und Samtsessel aufgestellt. Wahrlich, ein
Palast konnte nicht mehr Reichtum und Pracht entfalten!

Oben an der Tafel sa Robert Graf d'Artois. Er hatte bereits ein hohes
Alter erreicht, war aber noch voll Lebenskraft; eine Narbe auf seiner
rechten Wange zeugte von seiner Tapferkeit im Krieg und verlieh seinen
Zgen noch mehr Strenge. War auch sein Gesicht durch tiefe Furchen und
braune Flecken entstellt, so blitzten doch seine Augen noch mit allem Feuer
mnnlicher Leidenschaft unter seinen buschigen Brauen hervor. Sein Gebaren
war wild, und seine khnen Blicke lieen den unerbittlichen Krieger
erkennen.

Neben ihm zur Rechten sa der greise Sigis, Knig von Melinde; das Alter
hatte sein Haar gebleicht und sein Haupt gebeugt, und doch wollte er dieser
Schlacht beiwohnen. In der Gesellschaft so vieler alter Kriegskameraden
fhlte er den Mut in sein Herz zurckkehren und gelobte sich innerlich,
noch manche rhmliche Waffentat auszufhren. Das Gesicht des alten Frsten
flte die grte Ehrfurcht ein; Milde und Seelenruhe waren darin
ausgedrckt. Der gute Sigis wrde die Vlaemen gewi nicht bekmpft haben,
wenn ihm der Stand der Dinge bekannt gewesen wre; aber man hatte ihn
gleich vielen anderen hintergangen, hatte vorgegeben, die Vlaemen wren
schlechte Christen, und man tte also ein gottgeflliges Werk, wenn man sie
bis auf den letzten Mann ausrottete. In dieser Zeit leidenschaftlichsten
Glaubenseifers gengte es, jemanden der Ketzerei zu beschuldigen, um ihm in
jedermann einen Todfeind erstehen zu lassen.

Zur Linken des Feldherrn sa Balthasar, Knig von Majorka, ein wilder und
tapferer Krieger; seine Zge bezeugten das hinlnglich. Der starre Blick
seiner schwarzen Augen war schier unertrglich. Wilde Freude erheiterte
sein Antlitz, da er hoffte, sein Reich, das ihm von den Mauren entrissen
war, wieder zu erhalten. Neben ihm sa Chtillon, der frhere Landvogt von
Flandern, der Mann, der das Werkzeug der Knigin Johanna, die Ursache alles
geschehenen Unglcks war. Seine Schuld war es, da so viele Franzosen in
Brgge und Gent ermordet worden waren; er war die Ursache der schrecklichen
Metzelei, die noch bevorstand. Welche Strme nach Rache schreienden Blutes
lasteten auf dem Haupte dieses Tyrannen! Er gedachte, wie ihn die Brgger
schmachbedeckt aus ihrer Stadt verjagt hatten und rechnete auf gewaltige
Rache; es schien ihm unmglich, da die Vlaemen der vereinigten Macht so
vieler Knige, Frsten und Grafen widerstehen knnten, und innerlich
jubelte er bereits, und sein Gesicht war frhlich.

Auf ihn folgte sein Bruder Gui de Saint-Pol, der nicht minder rachschtig
war als er; weiter konnte man auch Thibaud, Herzog von Lothringen, zwischen
den Herren Johann von Barlas und Renauld von Trier bemerken; er war den
Franzosen mit sechshundert Pferden und zweitausend Bogenschtzen zu Hilfe
gekommen.

Rudolf von Nesle, ein tapferer und edelmtiger Ritter, sa neben Herrn von
Ligny an der linken Seite der Tafel. Seine Zge verrieten Unzufriedenheit
und Betrbnis, und es war deutlich zu merken, da ihm die grausamen
Drohungen, welche die Ritter gegen Flandern ausstieen, nicht behagten.

In der Mitte der rechten Seite, zwischen Louis von Clermont und dem Grafen
Jean d'Aumale, sa Gottfried von Brabant, der den Franzosen Berittene
zugefhrt hatte.

Neben ihnen bewunderte man die hohe Gestalt des Seelnders Hugo van Arckel;
er ragte weit ber die anderen Ritter empor, und sein krftiger Wuchs
verriet hinlnglich, wie furchtbar ein solcher Kmpfer auf dem Schlachtfeld
sein mute. Dieser Ritter war seit langen Jahren nirgend anders denn in dem
einen oder anderen Kriegslager zu Hause gewesen; seiner Tapferkeit und
groen Waffentaten wegen berall berhmt, hatte er eine Abteilung von
achthundert unverzagten Mnnern um sich versammelt und zog mit ihnen in
alle Lande, wo es nur etwas zu kmpfen gab. Mehrmals hatte er den Sieg
durch seine Gegenwart dem Frsten, dem er diente, zugewandt; er wie seine
Leute waren mit Narben bedeckt. Dies bestndige Kmpfen war sein Leben und
seine Erholung; Ruhe war ihm unertrglich. Er hatte sich in das
franzsische Lager begeben, weil er dort viele seiner Waffenbrder gefunden
hatte; und da ihn lediglich die Lust zum Krieg leitete, so kmmerte er sich
wenig darum, fr wen oder weshalb er kmpfte.

Unter anderem waren ferner noch die Herren Simon von Pimont, Louis de
Beaujeu, Froald, Kastellan von Douai, und Alin de Bretagne anwesend.

Eine weitere Ritterschar fand sich am unteren Ende der Tafel. Gleich als
htten die Franzosen sie nicht zwischen sich haben wollen, saen sie alle
nebeneinander auf dem am wenigsten ehrenvollen Platz. Wirklich hatten die
Franzosen darin nicht unrecht: diese Ritter waren verchtlich. Denn whrend
ihre Vasallen als echte Vlaemen den Feind erwarteten, waren ihre
Lehensherren im franzsischen Heere. Welche Verblendung trieb die
Abtrnnigen dazu, den Scho ihrer Mutter gleich einer Schlange zu
zerfleischen? Sie fochten unter feindlicher Fahne, um das Blut ihrer
Landsleute auf vaterlndischem Boden zu vergieen, vielleicht das Blut
eines Bruders oder das eines Busenfreundes; und weshalb? Um das Land, in
dem sie geboren waren, in Sklavenketten zu schlagen und den Fremden zu
unterwerfen.

Die Entarteten erkannten nicht, da Schande und Verachtung ber ihrem
Haupte schwebte; sie hatten kein Herz, um darin nagende Vorwrfe zu
empfinden! Die Namen dieser Abtrnnigen sind der Nachwelt erhalten
geblieben: Hendrik van Bautershem, Geldof van Winghene, Arnold van Eickhove
und sein ltester Sohn, Hendrik van Wilre, Willem van Redinghe, Arnold van
Hofstad, Willem van Cranendonc und Jan van Raneel waren unter den vielen
anderen die Vornehmsten.

Alle Ritter aen von Tellern aus getriebenem Silber und tranken die
kostbarsten Weine aus goldenen Bechern. Die Gefe, die vor Robert d'Artois
und den beiden Knigen standen, waren kostbarer und grer als die der
anderen Herren; ihre Wappen waren kunstvoll darin eingegraben, und manch
unschtzbarer Stein glnzte an ihrem Rande. Whrend der Mahlzeit war viel
ber den Stand der Dinge die Rede, und aus den Worten der Gste konnte man
sehr wohl entnehmen, welch furchtbares Los dem verurteilten Flandern
zugedacht war.

Ja, ja, antwortete der Feldherr auf eine Frage Chtillons, alles mu
vernichtet werden. Diese verwnschten Vlaemen sind nicht anders zu bndigen
als durch Feuer und Schwert; lieen wir diese Bauernschar leben, so htten
wir nichts erreicht. Das mu ein Ende nehmen! Meine Herren! Lat uns
kurzerhand vorgehen, damit wir unsere Schwerter nicht lnger mehr mit
diesem schlechten Blute zu besudeln brauchen.

Frwahr, sprach Jan van Raneel, der Leliaert, frwahr, Herr d'Artois,
Ihr habt recht. Es ist nicht mglich, mit diesen Meuterern anders fertig
zu werden. Sie sind zu reich und wrden sich bald ber uns erhaben glauben.
Sie wollen bereits nicht mehr anerkennen, da wir, die wir doch auch aus
edelm Blute entsprossen sind, sie als unsere Untertanen behandeln
drfen,-- als ob das Geld, welches sie mit ihrer Hnde Arbeit gewonnen
haben, ihr Blut veredeln knnte! Sie haben sich in Brgge und Gent Huser
gebaut, die unsere Schlsser an Pracht bertreffen; ist das nicht eine
Schmach fr uns? Gewi, wir drfen das nicht lnger ertragen.

Wenn wir nicht alle acht Tage von neuem Krieg fhren wollen, bemerkte
Willem van Cranendonc, so mssen alle Zunftleute erschlagen werden, denn
die Verbleibenden werden sich nicht ruhig verhalten; deshalb finde ich, da
Herr d'Artois allen Grund hat, keinen zu verschonen.

Und was werdet ihr tun, wenn ihr all eure Vasallen ermordet habt? fragte
der gewaltige Hugo van Arckel lachend. Meiner Treu! Dann knnt ihr eure
Lndereien selbst pflgen. Eine schne Aussicht, wahrhaftig.

O, antwortete Jan van Raneel, ich wei ein gutes Aushilfsmittel: wenn
Flandern von dieser starrkpfigen Bande gesubert ist, werde ich
franzsische Freigelassene aus der Normandie rufen und ihnen meine
Lndereien bergeben.

Auf diese Weise knnte Flandern wirklich ein Teil Frankreichs werden. Das
ist ein guter Vorschlag; ich werde dem Knig das vorstellen, damit er die
anderen Lehnsherren auffordert, sich auch dieses Mittels zu bedienen. Ich
glaube, das drfte so schwer nicht sein.

Gewi nicht, mein Herr. Findet Ihr meinen Gedanken nicht gut?

Ja, ja, das wollen wir schon zuwege bringen; lat uns aber zuvor damit
beginnen, den Platz zu subern.

Bei diesen Worten verfinsterte innerer Gram die Zge Rudolfs von Nesle,
denn sein Edelmut strubte sich gegen solche Grausamkeit. Er sagte
leidenschaftlich:

Aber, Herr d'Artois, ich frage Euch, sind wir Ritter oder nicht, und
schtzen wir unsere Ehre so gering, da wir rger als die Sarazenen hausen
sollen? Ihr treibt die Grausamkeit zu weit; ich versichere Euch, es wird
uns nur Schande bringen vor der ganzen Welt. Wir wollen das Heer der
Vlaemen bekmpfen und besiegen, aber damit auch genug! Nennt dies Volk
nicht einen Haufen Bauern, wir werden genug damit zu tun haben! Und
unterstehen sie nicht dem Sohn ihrer Frsten?

Konstable von Nesle, rief Artois leidenschaftlich, ich wei, da Ihr die
Vlaemen ber alle Maen liebt. Diese Liebe ehrt Euch, in der Tat!
Sicherlich flt Euch Eure Tochter solch liebevolle Gesinnung ein?[34]

    [34] Adela, die Tochter Rudolfs von Nesle, war mit Wilhelm van
    Dendermonde, einem der Shne des alten Grafen von Flandern,
    verheiratet.

Herr d'Artois, antwortete Rudolf, da meine Tochter in Flandern wohnt,
hindert mich nicht, ein ebenso guter Franzose zu sein wie nur irgendeiner;
mein Schwert hat das zur Genge bewiesen, und ich habe deshalb allen Grund
zu glauben, da diese Ritter Euren scherzenden Worten kein Gehr schenken
werden. Aber etwas liegt mir mehr am Herzen: die Ehre der Ritterschaft; und
ich versichere Euch, da Ihr diese in groe Gefahr bringt.

Was heit das? rief der Feldherr, soll man daraus etwa verstehen, da
Ihr die Meuterer verschonen wolltet?! Haben sie den Tod etwa nicht
verdient, als sie siebentausend Franzosen ohne Gnade ermordet haben?

Ohne Zweifel haben sie sich des Todes schuldig gemacht, und deshalb werde
ich auch die Krone meines Frsten so schwer als mglich rchen. Aber nur an
denen, die mit den Waffen in der Hand gefunden werden. Ich berufe mich auf
diese Ritter: ziemt es sich wohl, da wir unser Schwert zu einem
Henkerswerk gebrauchen und wehrlose Leute ermorden, whrend sie auf dem
Felde pflgen?!

Er hat recht! rief Hugo van Arckel ergrimmt, wir streiten gegen keine
Mauren, meine Herren, und es ist ein schndliches Werk, das uns da
aufgetragen wird. Bedenkt, da wir es mit Christen zu tun haben! In meinen
Adern strmt auch deutsches Blut, und ich werde nicht leiden, da man meine
Brder wie Hunde behandelt; sie fhren Krieg in offenem Feld und mssen
deshalb den Gesetzen des Krieges gem bekmpft werden.

Ist es wohl mglich, erwiderte d'Artois, da Ihr diesen schlechten
Bauern das Wort redet? Unser Frst, der ja nur zu gut ist, hat bereits
jedes Mittel versucht, um sie zu bndigen, aber alles war vergebens. Wir
sollten also unsere Leute ermorden, unseren Knig hhnen und schmhen
lassen und dann noch das Leben dieser aufrhrerischen Schurken schonen?
Nein, das soll nicht geschehen! Ich wei, welche Befehle mir gegeben sind,
und werde sie vollziehen.

Herr d'Artois, fiel Rudolf von Nesle noch leidenschaftlicher ihm ins
Wort, ich wei nicht, welche Befehle Ihr empfangen habt, aber ich sage
Euch, da ich ihnen nicht Folge leisten werde, wenn sie mit der Ehre der
Ritterschaft in Widerspruch stehen; selbst der Knig hat nicht das Recht,
meine Waffen zu entehren. Und hrt, meine Herren, ob ihr anderer Ansicht
seid oder nicht: heute morgen bin ich in aller Frhe aus dem Lager
gegangen, berall fand ich die Zeichen der schrecklichsten Verwstung. Die
Kirchen sind verbrannt und die Altre beraubt, die Leichen von kleinen
Kindern und Frauen liegen haufenweise auf den Feldern und werden von den
Raben zerfleischt. Ich frage euch, handeln so ehrliche Krieger?

Bei diesen Worten erhob er sich von der Tafel und nahm die Zeltdecke auf:

Seht, meine Herren, fuhr er fort und wies auf das Feld, lat eure Augen
nach allen Richtungen schweifen, berall gewahrt ihr die Flammen der
Verwstung; der Himmel ist dster vom Rauch, dort hinten steht ein ganzes
Dorf in Flammen. Was bedeutet solch ein Krieg? Das ist schlimmer, als wenn
die grausamen Normannen wiedergekommen wren, um die Welt in eine
Mrdergrube zu verwandeln!

Robert d'Artois wurde rot vor Zorn, er rckte ungeduldig auf seinem Sessel
hin und her und rief:

Genug davon! Ich werde nicht dulden, da man so in meiner Gegenwart
spricht! Ich wei, was ich zu tun habe! Flandern mu gesubert werden, ich
kann ihm nicht helfen. Diese Redensarten mifallen mir sehr, und ich
ersuche den Herrn Konstable, sich nicht lnger in dieser Weise zu uern.
Er mag sein Schwert rein erhalten, wir werden das auch tun; die Handlungen
unserer Sldner knnen uns nicht zur Schande gereichen. Lat uns deshalb
dies rgerliche Gesprch abbrechen, und ein jeder tue seine Pflicht.

Er erhob seine goldene Trinkschale und rief: Auf Frankreichs Ehre und der
Meuterer Vernichtung!

Rudolf von Nesle wiederholte: Auf Frankreichs Ehre! und legte absichtlich
besonderen Nachdruck auf diese Worte; ein jeder sah daraus, da er nicht
auf die Vernichtung der Vlaemen trinken wollte. Hugo van Arckel legte seine
Hand an den Becher, der vor ihm stand, erhob ihn jedoch nicht und sagte
auch nichts. Alle anderen wiederholten den Ruf des Feldherrn und tranken
auf die Vernichtung der Vlaemen.

Seit einigen Augenblicken hatten die Zge Hugos van Arckel einen
eigentmlichen Ausdruck angenommen: man konnte Mivergngen und rger
darauf lesen. Er blickte starr auf den Feldherrn, dann rief er aus:

Ich wrde mich schmen, noch auf Frankreichs Ehre zu trinken.

Robert d'Artois flammte zornig auf; er schlug mit seiner Trinkschale auf
den Tisch, da die Trinkgefe der anderen Ritter in die Hhe sprangen, und
schrie:

Herr d'Arckel, Ihr sollt auf Frankreichs Ehre trinken; ich verlange es!

Mein Herr, entgegnete Hugo mit erknstelter Ruhe, ich trinke nicht auf
die Verwstung eines Christenlandes. Ich habe lange in allen Gegenden
gekmpft, aber noch nie habe ich Ritter angetroffen, die ihr Gewissen mit
so schrecklichen beltaten htten beschweren mgen.

Ihr sollt mir Bescheid tun, das fordere ich!

Und ich will es nicht! antwortete Hugo. Hrt, Herr d'Artois, Ihr habt
mir bereits gesagt, da meine Leute zu hohe Bezahlung verlangten und Euch
zu teuer kmen. Wohlan, Ihr sollt nicht mehr zu bezahlen haben, ich will
unter Eurem Heere nicht mehr dienen; so hat unser Streit ein Ende.

Alle Ritter, selbst der Feldherr, wurden ob dieser Worte bestrzt, denn sie
empfanden den Abzug Hugos als einen groen Verlust. Der Seelnder stie
seinen Sessel zurck, warf einen seiner Handschuhe auf den Tisch und rief:

Meine Herren, ich sage, da ihr alle lgt! Ich hhne euch ins Gesicht. Das
ist mein Handschuh, wer Lust hat, mag ihn aufnehmen; ich fordere ihn auf
den Kampfplatz!

Fast alle Ritter griffen ungestm danach, auch Rudolf von Nesle; aber
Robert d'Artois hatte sich so hastig herzugedrngt, da er ihn vor den
anderen ergriffen hatte.

Ich nehme Eure Herausforderung an, sprach er, kommt, wir wollen gehen!

Der alte Knig Sigis von Melinde richtete sich auf und erhob zum Zeichen,
da er sprechen wollte, seine Hand ber den Tisch. Die groe Ehrfurcht, die
beide Kmpfer vor ihm empfanden, hielt sie zurck; sie blieben schweigend
stehen, um ihn zu hren. Der Greis sprach: Meine Herren, lat euren Eifer
sich ein wenig abkhlen und schenkt meinem Rate Gehr. Ihr, Graf Robert,
seid in diesem Augenblick nicht Herr Eures Lebens; wenn Ihr fallt, wird das
Heer Eures Frsten ohne Feldherr und deshalb der Unordnung und
Zersplitterung ausgesetzt sein; das drft Ihr nicht wagen. Euch, Herr van
Arckel, frage ich, ob Ihr an der Tapferkeit des Herrn d'Artois zweifelt?

Keineswegs, antwortete van Arckel, ich erkenne gern an, da Herr Robert
ein unverzagter, mutiger Ritter ist.

Wohlan, fuhr Knig von Melinde fort, Ihr hrt es, Feldherr, man tritt
Eurer Ehre nicht zu nahe; so bleibt Euch nur noch die Schmach zu rchen,
die Frankreich widerfahren ist. Ich rate euch beiden, den Kampf bis auf
einen Tag nach der Schlacht zu verschieben. Meine Herren, gebt es nur alle
zu: ist mein Rat nicht auf eine weise Vorsicht gegrndet?

Ja, ja, antworteten die Ritter, es sei denn, da der Feldherr einem von
uns die Gunst erzeigen wollte, den Handschuh fr ihn aufzunehmen.

Schweigt, rief Artois, davon will ich nichts hren! Herr van Arckel,
willigt Ihr in diese Verzgerung?

Das geht mich nichts an. Ich habe meinen Handschuh hingeworfen, und der
Feldherr hat ihn aufgenommen; er mag also die Zeit festsetzen, ihn mir
wiederzugeben.

So sei es, sprach Robert d'Artois, wenn die Schlacht nicht bis
Sonnenuntergang dauert, werde ich Euch noch am gleichen Abend aufsuchen.

Gebt Euch die Mhe nicht, antwortete Hugo, ich werde eher bei Euch sein,
als Ihr es denkt.

Sie riefen sich noch einige Drohungen zu, doch das dauerte nicht lange. Der
alte Knig Sigis unterbrach sie:

Meine Herren, es ziemt sich nicht, da Ihr lnger darber sprecht! Lat
uns die Becher noch einmal vollschenken und verget Euren Mimut. Setzt
Euch nieder, Herr van Arckel.

Nein, nein! rief Hugo, ich setze mich nicht nieder, ich verlasse sofort
das Heer. Lebt wohl, meine Herren, wir werden einander auf dem Schlachtfeld
wiedersehen: Gott behalte euch unter seinem Schutze!

Damit verlie er das Zelt und rief seine achthundert Mann zusammen; kurz
danach hrte man Trompetenschallen und das Waffengeklirr einer abziehenden
Rotte. Hugo van Arckel verlie das Lager der Franzosen und kam noch am
gleichen Abend zu den Vlaemen, denen er seine Dienste anbot. Es lt sich
leicht denken, mit welcher Freude sie ihn empfingen; denn man rhmte ihn
und seine Leute als unberwindlich, und sie verdienten auch diesen Namen.

Die franzsischen Ritter hatten sich wieder zu Tische gesetzt und tranken
tchtig. Whrend sie noch ber Hugos Vermessenheit sprachen, trat ein
Herold in das Zelt und verbeugte sich ehrerbietig vor den Rittern. Seine
Kleidung und seine Waffen waren mit Staub bedeckt, und der Schwei rann ihm
von der Stirn. Alles verriet, da er in grter Hast herbeigeeilt und fast
auer Atem gekommen war. Die Ritter betrachteten ihn neugierig, whrend er
ein Pergament unter seinem Harnisch hervorzog, es dem Feldherrn berreichte
und sprach:

Mein Herr, diese Urkunde wird Zeugnis dafr ablegen, da ich von Herrn van
Lens aus Kortrijk zu Euch gesandt bin, um Euch unsere Not zu klagen.

Wohlan, sprecht! rief von Artois ungeduldig, kann Herr van Lens das
Kastell von Kortrijk nicht gegen einen Haufen Landstreicher verteidigen?

Gestattet mir, Euch zu sagen, da Ihr Euch tuscht, antwortete der Bote.
Die Vlaemen besitzen ein Heer, das keineswegs zu verachten ist; sie sind
ber dreiigtausend Mann stark und haben Pferde und Kriegsgert im
berflu; sie bauen furchtbare Wurfmaschinen, um das Kastell zu bestrmen.
Unsere Lebensmittel und Pfeile sind zu Ende, und wir haben bereits
begonnen, einige unsrer schlechtesten Pferde zu verzehren. Sollten Eure
Hoheit noch einen Tag lnger zgern, den Herrn van Lens zu entsetzen, dann
werden inzwischen alle Franzosen in Kortrijk erschlagen sein; denn es gibt
keinen Ausweg, um zu entkommen. Die Herren van Lens, Montenay und Rayecourt
bitten demtigst, da Ihr sie aus dieser Gefahr erretten wollet.

Meine Herren, rief Robert d'Artois, welch herrliche Gelegenheit; schner
knnen wir sie uns gar nicht wnschen. Alle Vlaemen haben sich bei Kortrijk
zusammengerottet! Wir gehen hin, greifen sie an, und es sollen nicht viele
von ihnen entkommen; durch die Hufe unserer Rosse soll diesem schlechten
Volke sein Recht werden. Ihr, Bote, bleibt im Lager, morgen sollt Ihr mit
uns in Kortrijk sein. Nun noch einen Trunk zum Abschied, meine Herren. Geht
und rstet eure Scharen fr den Marsch, wir mssen schleunigst aufbrechen.

Kurz darauf verlieen sie das Zelt, um dem Befehl ihres Anfhrers
nachzukommen. Von allen Seiten erklangen die Trompeten, um die Sldner aus
dem Felde zurckzurufen; die Pferde wieherten, die Waffen klirrten,
kriegerischer Lrm erscholl aus allen Teilen des Lagers. Einige Stunden
spter waren die Zelte abgebrochen und auf die Trowagen gepackt, und alles
war bereit. Wohl fehlten noch viele Sldner, die sich irgendwo mit Plndern
aufhielten; aber das konnte bei einem so zahlreichen Heere nicht auffallen.
Nachdem sich jeder Anfhrer an die Spitze seiner Scharen gestellt hatte,
bildeten die Ritter zwei Abteilungen, und das Heer zog in folgender Ordnung
aus der Verschanzung:

Die erste Abteilung, die mit fliegenden Standarten aus dem Lager kam,
bestand aus dreitausend ausgezeichneten leichtberittenen Kriegern; sie
hatten eine lange Streitaxt in der Hand, und lange Schwerter hingen an
ihrem Sattelknopf. Ihre Rstung war nicht so schwer wie die der anderen
Reiter; deshalb ritten sie voraus und waren gleichsam fr die ersten
Plnkeleien bestimmt. Unmittelbar darauf folgten viertausend Bogenschtzen
zu Fu; sie schritten stolz und in dichtgeschlossenen Reihen dahin, indem
sie ihr Gesicht mit groen viereckigen Schilden vor den Strahlen der Sonne
schtzten. Ihre Kcher waren mit Pfeilen gefllt, und ein kurzer Degen ohne
Scheide glnzte an ihrem Grtel. Das waren die Kriegsleute, die aus dem
Sden Frankreichs gekommen waren; mehr als die Hlfte waren Spanier und
Lombarden. Jean von Barlas, ein tapferer Krieger, ritt neben diesen Scharen
auf und nieder und war ihr Oberbefehlshaber.

Die zweite Abteilung stand unter dem Befehl Renaulds von Trier und zhlte
dreitausendzweihundert schwere Reiter. Sie saen auf groen, krftigen
Schlachtrossen und hatten ein breites, glnzendes Schwert rechts
geschultert; Harnische von Eisen umhllten ihren Leib, und Platten aus
einem Stck waren berall um ihre Glieder geschnallt. Den grten Teil
dieser Leute hatte das Gebiet von Orleans geliefert.

Der Herr Konstable von Nesle fhrte die dritte Abteilung. Erst kam eine
Schar von siebenhundert edeln Rittern, in schimmernder Rstung und mit
zierlichen Fhnlein an ihren Speeren; flatternde Federbsche hingen von
ihren Helmen auf den Rcken herab, und ihre Wappen waren in allerlei Farben
auf ihren Harnischen dargestellt. Die Pferde waren vom Kopf bis zu den
Fen mit Eisen bekleidet, und zierliche Troddeln hingen berall an ihrer
Seite. Mehr als zweihundert gestickte Standarten ragten ber diese Schar
empor; das war unstreitig der herrlichste Ritterzug, den man in diesen
Zeiten sehen konnte. Alle waren auf das kostbarste bewaffnet. Hinter ihnen
kamen noch zweitausend Sldner zu Pferde, mit langen Marteelen oder
Waffenhmmern auf den Schultern, dann hing noch das Schlachtschwert an
ihrem Sattel. Sie waren aus Geschwadern zusammengesetzt, die zum stehenden
Heere Philipps des Schnen gehrten.

Die Spitze der vierten Abteilung fhrte Herr Ludwig von Clermont, ein
erfahrener Krieger. Sie bestand aus dreitausendsechshundert Lanzenreitern,
die das Knigreich Navarra gestellt hatte. An ihrer gleichmigen
Bewaffnung konnte man wohl bemerken, da es erlesene, wohlgebte Truppen
waren. Vor dem ersten Gliede ritt der Fahnentrger mit der groen Standarte
von Navarra.

Robert Graf d'Artois, der Oberfeldherr des Heeres, hatte die fnfte, die
Hauptabteilung unter seinen Befehl genommen. Alle Ritter, die keine Leute
mitgebracht oder sie den anderen Scharen einverleibt hatten, befanden sich
bei ihm. Die Knige von Majorka und Melinde ritten an seiner Seite. Unter
allen anderen stach ThibautII., Herzog von Lothringen, durch seine
kostbare Rstung hervor; ebenso bemerkte man die stolzen Standarten der
Herren Johann Graf von Tarcanville, Angelin von Vimeu, Renold von
Longueval, Farald von Reims, Arnold van Wesemaal, Marschall von Brabant,
Robert von Mortfort und unzhlige andere. Diese Abteilung bertraf die
dritte noch an Pracht. Die Helme der Ritter waren versilbert oder vergoldet
und ihre Harnische an den Gelenken mit goldenen Knpfen verziert. Die
Sonne, die auf den blinkenden Stahl ihrer Rstungen niederbrannte, hllte
diesen herrlichen Zug in flammende Glut. Die Schlachtschwerter, die an
ihrer Seite hingen, schwankten hin und her und schlugen klirrend an die
eiserne Bedeckung der Pferde. So entstand ein fortwhrendes Klingen und
Klirren, das den Zug wie Kriegsmusik auf dem Wege begleitete. Auf die edeln
Ritter folgten fnftausend Reiter mit Streitxten und Waffenhmmern.
Auerdem gehrten zu dieser Abteilung noch sechzehntausend Fumannen,
welche in drei Gruppen geteilt waren. Die erste bestand aus tausend
Armbrustschtzen; sie hatten nur eine sthlerne Brustplatte und einen
flachen, viereckigen Helm als Schutzwaffe; kleine Kcher voll eiserner
Pfeile hingen an ihrem Grtel und lange Degen an ihrer Seite. Die zweite
Schar zhlte sechstausend Mann. Sie war mit Keulen bewaffnet, die am dicken
Ende mit furchtbaren sthlernen Spitzen beschlagen waren. Die dritte
bestand aus Helmhauern mit langen Beilen. Alle diese Leute waren aus der
Gascogne, der Languedoc und der Auvergne[35] gekommen.

    [35] Franzsische Provinzen.

Herr von Chtillon, der Landvogt, fhrte den Befehl ber die sechste
Abteilung. Deren zahlreiche Glieder bestanden aus dreitausendzweihundert
Sldnern zu Pferde. Auf die Wimpel ihrer Speere hatten sie flammende Besen
gemalt, zum Zeichen, da sie Flandern subern wollten; sie hatten die
schwersten Pferde vom ganzen Heer, und doch konnten auch diese nur mit Mhe
unter der Last all des Eisens, das sie bedeckte, vorwrtskommen.

Dann folgten die siebente und achte Abteilung; die erstere stand unter dem
Befehl von Johann Graf von Aumale, die andere unter dem Herrn Ferry von
Lothringen. Jede von ihnen umfate zweitausendsiebenhundert Reiter aus
Lothringen, der Normandie und der Picardie[36].

    [36] Franzsische Provinzen.

Herr Gottfried von Brabant bildete mit seinen eigenen Vasallen, insgesamt
siebenhundert wohlgersteten Reitern, die neunte Abteilung.

Die zehnte und letzte Abteilung des Heeres war Herrn Gui de Saint-Pol
anvertraut; er mute den Nachtrab bilden und das Gepck des Heeres
bewachen.

Dreitausendvierhundert Reiter von allen Waffengattungen ritten voraus, dann
folgte noch ein groer Haufe Fuvolks mit Bogen und Schlachtschwertern. Im
ganzen waren es beinahe siebentausend Mann. Ein Teil von ihnen schwrmte
mit brennenden Fackeln vom Heere nach allen Richtungen hin aus, um alles,
was nur brennen wollte, zu vernichten. Endlich folgten unzhlige Trowagen,
die mit den Zelten und dem Kriegsgert beladen waren.

So zog das franzsische Heer, in zehn Scharen geteilt und ber
sechzigtausend Mann stark, langsam den Weg dahin, der nach Kortrijk fhrte.
Das Auge konnte diesen ungeheuren Zug in seiner ganzen Ausdehnung gar nicht
erfassen; die vordersten waren schon am Horizont verschwunden, ehe noch die
letzten das Lager verlieen.

Tausende flatternder Wimpel wehten ber dem wandernden Heere, und die Sonne
spiegelte sich herrlich blinkend in den Rstungen der stolzen Truppen. Die
Pferde schnaubten und sthnten unter ihrer Last; die Waffen schlugen
klirrend widereinander, und aus all diesen verschiedenen Tnen entstand ein
dumpfes Gerusch, das dem Brausen der strmenden See glich. berall, wohin
die vernichtenden Krieger gedrungen waren, stoben die Flammen in dichten
Rauchwolken zum Himmel empor. Nicht eine einzige Wohnung entging der
Verwstung; die Chroniken bezeugen, da kein Mensch, kein Tier verschont
wurde.

Flandern war von Rijssel bis Douai und Kortrijk so verheert, da sich die
franzsischen Vandalen wohl mit Recht rhmen konnten, es wie mit einem
Besen ausgefegt zu haben.

Tief in der Nacht kam das Heer des Herrn d'Artois in die Nhe von Kortrijk.
Chtillon kannte die Gegend genau, weil er geraume Zeit in der Stadt
gewohnt hatte; deshalb wurde er zum Feldherrn gerufen, um den Platz zum
Lager zu bestimmen. Nach kurzer Beratung bogen sie mit den verschiedenen
Abteilungen ein wenig rechts ab und schlugen ihre Zelte auf dem Pottelberg
und den umliegenden Feldern auf.

Herr d'Artois nahm mit den beiden Knigen und einigen vornehmen Herren
Besitz von dem Schlosse Hoogmosscher, das unweit des Pottelberges lag.
Zahlreiche Wachen wurden ausgestellt, und die brigen begaben sich ganz
furchtlos zur Ruhe; in allzu groem Vertrauen auf ihre bermacht htten sie
nie geglaubt, da man es wagen wrde, sie anzugreifen.

Solcherart befanden sich die Franzosen etwa eine Viertelstunde vom Lager
der Znfte; die Vorposten konnten einander in der Finsternis auf und ab
wandeln sehen.

Die Vlaemen hatten ihre Wachen verdoppelt und befohlen, da man nur
bewaffnet zur Ruhe gehen drfe.




XXIII.


Die vlaemischen Ritter, die in Kortrijk Unterkunft gefunden hatten, lagen
alle zu Bett, als sich die Nachricht von der Ankunft der Franzosen in der
Stadt verbreitete. Sogleich lie Gwijde die Trompeten erklingen, die
Trommeln rhren, und eine Stunde spter waren alle Mnner, die in der Stadt
sich befanden, auf den Wllen versammelt. Die Ritter waren in voller
Rstung herbeigeeilt; denn sie vermeinten, da die Franzosen sie
unmittelbar angreifen wrden.

Es stand zu befrchten, da der Kastellan van Lens whrend des Gefechts aus
dem Kastell hervorbrach und ber die Stadt herfiel. Deshalb lie man die
Yperner aus dem Lager kommen. Sie sollten die franzsische Besatzung
bewachen und einen Ausfall verhindern. Am Steintor wurde eine ansehnliche
Wachttruppe aufgestellt, um die Frauen und Kinder innerhalb der Mauern
zurckzuhalten. Denn denen war der Schrecken in die Glieder gefahren, und
sie wollten noch in derselben Nacht entfliehen. Sie glaubten, den
unvermeidlichen Tod vor Augen zu haben: von der einen Seite konnte der
Kastellan van Lens jeden Augenblick einen Ausfall aus dem Schlosse machen,
und nach der anderen Seite hin war die Aussicht noch furchtbarer. Auf die
geringe Anzahl ihrer bewaffneten Brder hatten sie nicht gengend
Vertrauen, um zu hoffen, da der Sieg auf deren Seite sein werde. Und
wirklich: wenn Heldenmut und Furchtlosigkeit die Vlaemen nicht gehindert
htte, die Gefahr zu erkennen, so wrden auch sie wohl an ihr letztes
Stndlein gedacht haben. Nicht nur besa ja das franzsische Heer mehr
Fuvolk als das ihrige, sie hatten dort zudem noch zweiunddreiigtausend
Reiter zu bekmpfen.

Die vlaemischen Anfhrer berechneten kaltbltig die mglichen Folgen der
bevorstehenden Schlacht; wie gro auch ihre Tapferkeit und Kampflust sein
mochte, die Gefahr konnten sie sich nicht verhehlen. Der Heldenmut hindert
den Menschen nicht, all des Furchtbaren einer solchen Lage inne zu werden.
Er lt die angeborene Furcht vor dem Tode nicht schwinden; aber er gibt
dem Manne Kraft genug, diese niederdrckenden Gefhle zu berwinden. Fr
sich selbst frchteten die vlaemischen Fhrer nicht, aber das Vaterland,
die Freiheit, die man gegen eine so ungleiche Macht aufs Spiel setzte,
erfllte sie mit bangem Ahnen. Trotzdem sie also nur schwache Hoffnung
hegen durften, beschlossen sie, den Kampf anzunehmen und lieber als Helden
auf dem Schlachtfeld zu sterben, als sich schmachvoll zu unterwerfen.

Die junge Machteld wurde mit Adolfs Schwester und mehreren anderen
Edelfrauen nach der Abtei von Groeningen gesandt, um da einen sicheren
Aufenthaltsort zu haben, wenn die Franzosen sich Kortrijks bemchtigen
sollten. Nachdem alles derart angeordnet war, zogen die Ritter smtlich in
das Lager.

Das franzsische Volk hat immer die anderen Nationen miachtet und
verkannt; bermut ist ein Hauptmerkmal seines Wesens. Dieser eitle Wahn ist
ihnen schon so oft verderblich gewesen! Wie viele Franzosen liegen auf
fremdem Boden begraben, die als Opfer ihres Leichtsinns in der Blte des
Lebens gefallen sind!

Der Feldherr Robert d'Artois war zwar ein erfahrener, tapferer Krieger,
aber er war zu vermessen; er hielt es in diesem Falle nicht fr ntig,
vorsichtig zu Werke zu gehen, und stellte sich vor, er wrde gleich beim
ersten Angriff das vlaemische Volk ber den Haufen rennen. Diese stolze
berzeugung erfllte auch die Herzen seiner Krieger; ja, das ging so weit,
da das franzsische Heer so ruhig schlief, als ob es irgendwo in einer
befreundeten Stadt gelegen htte, whrend sich Gwijdes Heer in der
Finsternis zur Schlacht vorbereitete. Im Vertrauen auf ihre zahllose
Reiterei waren die Franzosen sicher, da einem solchen Heere nichts
widerstehen knne. Wren sie nicht so tollkhn, so anmalich zu Werke
gegangen, so htten sie die Sttte, darauf sie kmpfen muten, wohl erst
untersucht und die Vorzge und Nachteile seiner Lage erwogen. Dann htten
sie gefunden, da die Bodengestaltung zwischen den beiden Heeren ihre
Reiterei unntz machte. Doch wozu solch berflssige Sorge? War das
vlaemische Heer denn etwa so bedeutend, da es Vorsicht ntig machte?
Robert d'Artois glaubte es nicht.

Die Vlaemen hatten auf dem Groeninger Kouter Stellung genommen. Hinter
ihnen gen Norden zog sich die Leye hin, ein breiter Flu, der jeden Angriff
von dieser Seite her unmglich machte. Vor der Schlachtlinie flo der
Groeninger Bach, der durch seine Breite und seine seichten, sumpfigen Ufer
der franzsischen Reiterei ein unberwindliches Hindernis entgegenstellte.
Der rechte Flgel lehnte sich an den Teil der Wlle Kortrijks unweit der
St.Martinskirche. Der linke Flgel war durch eine Bucht des Groeninger
Baches eingeschlossen, so da die Vlaemen wie auf einer Insel standen,
gegen die ein Angriff sehr schwierig durchzufhren war. Das Gelnde, das
sie von dem franzsischen Heere trennte, bestand aus einigen tiefliegenden
Weideflchen. Ihr Boden war durch den Mosscherbach, der sich
hindurchschlngelte, bewssert und durchweicht. So mute die franzsische
Reiterei mindestens ber zwei kleine Flsse setzen, ehe sie etwas
ausrichten konnte, und diese Hindernisse zu berwinden, war nicht leicht,
da die Pferde auf den sumpfigen Ufern keinen festen Grund fanden und bis an
die Knie einsanken.

Der franzsische Feldherr ging zu Werke, als ob er auf hartem, festem Boden
zu kmpfen htte, und entwarf den Angriffsplan in einer Weise, die mit den
Regeln der Kriegskunst durchaus nicht in Einklang stand. Daran konnte man
wieder sehen, da allzu groes Selbstvertrauen den Menschen unvorsichtig
macht.

Bei Anbruch des Tages, ehe noch die glhende Sonnenscheibe am Horizont
erschien, standen die Vlaemen schon in Schlachtordnung am Groeninger Bach.
Gwijde fhrte den Befehl ber den linken Flgel. Bei ihm waren alle die
kleineren Znfte von Brgge. Eustachius Sporkijn mit den Leuten von Veurne
bildete den Mittelpunkt dieser Abteilung. Die zweite Schar hatte Herrn Jan
Borluut zum Anfhrer und zhlte fnftausend Genter. Die dritte Schar
unterstand Herrn Wilhelm von Jlich und umfate die Weber und Freisassen
von Brgge. Der rechte Flgel, der sich an Kortrijks Wlle anlehnte,
bestand aus den Fleischern mit ihrem Vorsteher Breydel und den Leuten aus
Seeland; Herr Jan van Renesse war ihr Befehlshaber. Die anderen vlaemischen
Ritter hatten keinen bestimmten Platz, sie schlossen sich an, wo es ihnen
gut dnkte, und wo ihre Hilfe etwa ntig sein konnte; die elfhundert
Namurschen Reiter waren hinter der Schlachtordnung aufgestellt. Man wollte
von ihnen keinen Gebrauch machen, damit sie keine Unordnung unter das
Fuvolk brachten.

Endlich begann sich auch das franzsische Heer vorzubereiten. Tausende von
Trompeten schmetterten gleichzeitig ihre schrillen Tne in die Luft, die
Pferde wieherten, und das Waffengerassel war so furchtbar, da die Vlaemen
ein kalter Schauer berkam. Welch eine gewaltige Masse von Feinden sollte
auf sie eindringen! Doch die mutigen Mnner wurden dadurch nicht aus der
Fassung gebracht. Sie gingen dem Tod entgegen, das wuten sie; was aber
sollte aus ihren verlassenen Frauen und Kindern werden? In diesem
feierlichen Augenblick dachten sie an alles, was sie auf Erden am meisten
liebten. Den Vater folterte heftiger Schmerz bei dem Gedanken, seine Shne
den Fremden als Sklaven zurckzulassen; und der Sohn schluchzte wehmtig
auf in Erinnerung an seinen kranken, greisen Vater. Furchtlosigkeit und
Kummer beherrschten zugleich die Brust der Vlaemen. Wenn diese beiden
Gefhle sich angesichts einer drohenden Gefahr verschmelzen, so entsteht
daraus verzweifelte Wut. So geschah es auch bei den Vlaemen. Ihre Blicke
wurden starr und wild, sie knirschten ingrimmig mit den Zhnen, brennender
Durst drrte ihnen Mund und Gaumen aus, und der Atem ihrer klopfenden Brust
war kurz und schwer. Furchtbare Stille lastete auf dem Heere; niemand gab
seinen Gefhlen Ausdruck, denn alle waren in dstere Gedanken versunken. So
standen sie schon geraume Zeit, in langen Reihen aufgestellt, als sich die
Sonne ber dem Horizont erhob und ihnen das Heer der Franzosen sichtbar
werden lie.

Der Reiter waren so viele, da die Speere ber den feindlichen Truppen
dichter emporragten denn die hren eines Kornfeldes. Die Rosse in den
vordersten Gliedern stampften ungeduldig und bedeckten ihre eiserne Rstung
mit Flocken weien Schaumes. Die Trompeten schmetterten wie in festlichem
Jubel, und leicht spielte der Wind mit den flatternden Fahnen und
Standarten.

Die Stimmen der Anfhrer bertnten bisweilen diesen kriegerischen Lrm,
whrend dann und wann aus einer Abteilung der Waffenruf: Nol, Nol!
Frankreich, Frankreich! erscholl und alles Getse beherrschte. Die
franzsischen Reiter waren ungeduldig. Sie spornten hie und da ihre
Schlachtrosse, um sie aufzumuntern; dann wieder streichelten sie sie und
sprachen ihnen zu, damit sie die Stimme ihres Herrn im Kampfe besser
erkennen sollten. Wer wird die Ehre haben, den ersten Sto zu tun? Dieser
Gedanke beherrschte alle und war die Ursache der Ungeduld. Jene Ehre wurde
unter den Rittern gar hoch gehalten. Wenn sie einem in einer bedeutenden
Schlacht zuteil wurde, so rhmte er sich ihrer das ganze Leben hindurch als
eines Beweises unzweifelhafter Tapferkeit. Deshalb hielten sie alle ihre
Pferde bereit und den Speer gefllt, um auf das geringste Zeichen ihres
Feldherrn vorwrts zu strmen.

Auf den Weiden, die sich neben dem Heere erstreckten, bewegten die
franzsischen Fuknechte sich in wogenden Scharen und zogen langsam, wie
ein furchtbares Ungetm, in schlngelnden Windungen durch das Feld. Sie
befleiigten sich der grten Stille.

Als Gwijde merkte, da sich der Angriff vorbereitete, sandte er tausend
Schleuderer unter dem Befehl Salomons, Herrn van Sevecote, gegen den
zweiten Bach vor, um den franzsischen Vortrab anzugreifen.

Dann lie er seine verschiedenen Truppen eine Stellung einnehmen, so da
sie ein Viereck bildeten und in das Innere des Lagers blicken konnten. Dort
war mit Rasen ein Altar errichtet; die groe Standarte St.Georgs, des
Schutzherrn der Krieger, entfaltete den Ritter mit dem Drachen ber dem
Haupte des Priesters, der in vollstndigem Ornate auf den Stufen des Altars
Gebete fr den guten Ausgang des Kampfes zum Himmel sandte. Als er geendet
hatte, stieg er auf die oberste Stufe des Altars, wandte sich zum Volke um
und erhob seine Hnde ber das Heer.

Pltzlich und aus eigenem Antrieb sanken alle Scharen zu Boden und
empfingen in Totenstille den letzten Segen. Dieser feierliche Augenblick
packte sie gewaltig; ein erhebendes Gefhl entflammte ihre Herzen zu edler
Selbstverleugnung, und ihnen war, als ob Gottes Stimme sie zum Mrtyrertod
berufe. Von heiligem Feuer erfllt, vergaen sie alles, was ihnen auf Erden
teuer war, und gedachten mit Begeisterung der Heldentaten ihrer Vter. Da
weitete sich ihre Brust, das Blut strmte ungestm durch ihre Adern, und
sie sehnten sich nach dem Kampfe wie nach der Befreiung.

Als der Priester seine Hnde sinken lie, richteten sie sich schweigend
auf. Jetzt sprang der junge Gwijde vom Pferde, trat mitten unter sie und
rief:

Mnner von Flandern! Gedenket der ruhmreichen Taten eurer Vter; sie
zhlten ihre Feinde nicht. Ihr unerschrockener Mut erkmpfte die Freiheit,
die uns die fremden Tyrannen jetzt rauben wollen. Auch ihr sollt heute euer
Blut fr dieses heilige Pfand dahingeben, und wenn wir sterben mssen, so
wollen wir es tun als ein freies, mannhaftes Volk, als ungebndigte Shne
des Lwen. Denkt an Gott, dessen Tempel sie verbrannt haben, an eure
Kinder, die sie ermorden werden, an eure gengstigten Frauen, an alles, was
ihr liebt: dann werden sich unsre Feinde, auch wenn wir unterliegen mssen,
dieses Sieges nicht rhmen, denn alsdann werden mehr Franzosen als Vlaemen
gefallen sein. Habet zumal auf die Reiter acht und stot eure Goedendags
den Pferden zwischen die Beine. Verlat eure Rotten nicht: wer einen
erschlagenen Feind plndert, oder wer aus dem Kampfe laufen will, den sollt
ihr selbst erschlagen, das befehle ich euch. Findet sich ein Feigling unter
euch, so sterbe er durch eure Hand; sein Blut komme ber mich allein.

Voll hoher Begeisterung beugte er sich nieder und nahm ein wenig Erde vom
Boden in den Mund. Dann erhob er seine Stimme noch lauter und rief:

Bei dieser teuren Erde, welche ich in mir tragen will; heute will ich
sterben oder siegen!

Smtliche Rotten bckten sich zugleich und aen wie er ein wenig vom
vaterlndischen Boden. Dadurch erfllte sie stille Wut und finstere
Rachsucht, ihre Augen schossen giftige Blicke. Ein dumpfes Drhnen, gleich
dem Getse eines Orkans im Scho unterirdischer Hhlen, durchbrauste das
begeisterte Heer; aus dem furchtbaren Lrm waren nur die Worte zu
verstehen:

Wir wollen und werden sterben!

Dann wurde in aller Eile die Schlachtordnung wieder hergestellt, so wie sie
zuvor gewesen war.

Inzwischen war Robert d'Artois mit einigen franzsischen Anfhrern ziemlich
nahe an das vlaemische Heer herangeritten, um zu sehen, welche Stellung es
eingenommen hatte. Nun lie er seine Bogenschtzen gegen die Schleuderer
Gwijdes vorwerfen, und man sah, wie sich die Vorposten der Heere von Zeit
zu Zeit einige Steine oder Pfeile zusandten, whrend Robert seine Reiterei
nach vorn schob. Als er sah, da sich Gwijde mit seinem Volk in einer Reihe
aufgestellt hatte, teilte er sein Heer in drei Gruppen. Die erste unter
Rudolf von Nesle war zehntausend Mann stark. Die zweite behielt er unter
seinem eigenen Befehle und stellte sie aus den besten Kriegern,
fnfzehntausend auserlesenen Reitern zusammen. Die dritte, die den Nachtrab
bilden mute und zum Schutze des Lagers bestimmt war, lie er unter dem
Befehl von Gui de St.-Pol.

Just als er sich anschickte, mit dieser furchtbaren Macht gegen das
vlaemische Heer anzustrmen, kam Johann von Barlas, der Anfhrer der
fremden Truppen, zu ihm und redete ihn folgendermaen an:

Um Gotteswillen, Herr d'Artois, lat mich mit meinen Leuten in den Kampf
gehen; setzt doch nicht die Blte der franzsischen Ritter der Gefahr aus,
von der Hand dieser zusammengelaufenen Vlaemen zu sterben. Das sind wtende
Kerle, die Verzweiflung hat sie wahnsinnig gemacht. Ich kenne ihre
Gewohnheit; sie haben ihre Vorrte in der Stadt gelassen. Bleibt Ihr hier
in Schlachtordnung stehen. Ich werde sie mit meiner leichten Reiterei von
Kortrijk abschneiden und durch kleine Angriffe beschftigen. Die Vlaemen
essen viel und den ganzen Tag, deshalb haben sie viele Lebensmittel. Nehmen
wir ihnen die ab, so werden sie bald aus Hunger abziehen mssen. Dann knnt
Ihr sie an einer gnstigeren Stelle angreifen und so die ganze Brut
vertilgen, ohne Strme edlen Blutes zu vergieen.

Der Konstable von Nesle und mehrere andere Herren hieen diesen Rat gut;
aber Robert war blind vor Wut. Er wollte nichts davon hren und gebot
Johann von Barlas zu schweigen.

Mit all diesen Vorbereitungen war die Zeit dahingegangen. Es war bereits
sieben Uhr morgens; die franzsische Reiterei befand sich nun etwa zwei
Schleuderwrfe vom Feinde. Zwischen den Schtzen der Franzosen und den
Schleuderern der Vlaemen lag der Mosscherbach, so da sie einander nicht
nherkommen konnten und von beiden Seiten nur wenig Leute tot blieben. Der
Seneschall von Artois gab Rudolf von Nesle, dem Anfhrer der ersten Schar,
den Befehl zum Angriff.

Das erste Glied der Reiter strmte in ungestmer Hitze vorwrts und
sprengte bis zum Mosscherbach. Hier aber sanken sie bis an die Sttel in
den Schlamm. Einer ritt den andern ber den Haufen; die vordersten fielen
von ihren Pferden und wurden von den Vlaemen tdlich getroffen oder
erstickten im Schlamm. Wer herauskommen konnte, kehrte in grter Eile
zurck und wagte nicht mehr, sich noch ferner unbesonnen in Gefahr zu
strzen. Inzwischen stand das vlaemische Heer regungslos hinter dem zweiten
Bach und sah den Hergang in tiefem Schweigen mit an.

Als der Konstable Rudolf merkte, da hier fr seine Reiter ein Durchkommen
unmglich war, eilte er zu Herrn d'Artois und rief:

Frwahr, ich sage Euch, Graf, wir setzen unsere Leute groer Gefahr aus,
wenn wir sie in den Bach jagen; nicht ein einziges Pferd will oder kann
hinber. Lat uns lieber unsere Feinde aus dem Lager locken; glaubt mir,
Ihr setzt uns hierbei alle aufs Spiel!

Aber der Feldherr stand zu sehr im Banne des Ingrimms und der Wut, als da
er auf diesen weisen Rat geachtet htte; zornig schrie er:

Konstable, das ist ein Lombarden-Rat! Seid Ihr bange vor diesem Haufen
Wlfe oder tragt Ihr ihr Fell?

Damit wollte er andeuten, da der Konstable die Vlaemen liebte und
vielleicht zu Frankreichs Schaden begnstigen wollte. Durch diesen Verweis
tief gekrnkt, flammte Rudolf in hellem Zorn auf; er ritt nher zu dem
Feldherrn heran und antwortete im hchsten Eifer:

Ihr zweifelt an meinem Mut? Ihr verhhnt mich? So frage ich Euch: wagt Ihr
es, mir stehenden Fues, allein in die Scharen des Feindes zu folgen? Ich
werde Euch so weit bringen, da Ihr nimmer wiederkehren sollt!

Mehrere andere Ritter warfen sich zwischen die streitenden Anfhrer und
erreichten durch Zureden, da sie sich beruhigten. brigens bedeuteten
auch sie dem Seneschall, da ein bergang ber den Bach unmglich wre. Er
wollte aber davon nichts wissen und befahl Rudolf, von neuem vorzurcken.

Von Zorn fortgerissen strmte nun der Konstable mit seinen Scharen ungestm
auf das vlaemische Heer los. Aber als sie beim Bach anlangten, strzten
smtliche Reiter des ersten Gliedes; der eine erdrckte den andern, und
mehr als fnfhundert kamen in dieser Verwirrung um. Denn die Vlaemen
berschtteten sie mit einer solchen Masse von Steinen, da ihnen Helm und
Harnisch am Leibe zerschmettert wurde. Als Herr d'Artois das sah, war er
gentigt, Rudolfs Truppen zurckzurufen. Nur mit grter Mhe konnte man
sie wieder in Reih und Glied bringen; denn die furchtbarste Verwirrung
herrschte unter ihnen. Inzwischen hatte Johann von Barlas eine Stelle
gefunden, wo man den ersten Bach bequemer durchwaten konnte. Dort war er
mit zweitausend Armbrustschtzen hinbergegangen. Als er so auf die Weide
gelangt war, wo die vlaemischen Schleuderer standen, stellte er seine Leute
in einen dichtgedrngten Haufen und lie eine solche Unmenge eiserner
Pfeile auf die Feinde werfen, da die Luft davon verfinstert wurde. Gar
viele Vlaemen fielen tot oder verwundet zur Erde, und die franzsischen
Schtzen gewannen bedeutenden Raum.

Herr Salomon van Sevecote hatte selbst die Schleuder eines gefallenen
Zunftmannes aufgenommen und ermutigte die Seinigen durch sein Beispiel;
aber ein eiserner Pfeil durchbohrte den Vorderteil seines Helmes, und tot
sank er nieder. Als die Vlaemen ihren Anfhrer und so viele ihrer Genossen
fallen sahen und auch keine Kiesel mehr hatten, wandten sie sich langsam zu
ihrem Heer zurck. Nur ein einziger Schleuderer von Veurne blieb mitten auf
der Wiese allein stehen, als ob er den Pfeilen der Franzosen trotzen
wollte. Bewegungslos stand er da, obgleich die Pfeile ber sein Haupt
hinweg und rings um ihn her flogen. Langsam legte er schlielich einen
schweren Kiesel in seine Schleuder und fate das Opfer, welches er treffen
wollte, genau ins Auge. Nachdem er die Schleuder einige Male krftig
geschwungen hatte, lie er das eine Ende los, und der Kiesel flog heulend
durch die Luft. Ein schmerzlicher Schrei entfuhr der Brust Johann von
Barlas', und leblos strzte er mit zerschmettertem Haupte zur Erde.

So fielen die Anfhrer der beiden streitenden Scharen bei demselben
Angriff.

Hierdurch gerieten die franzsischen Schtzen in solche Wut, da sie ihre
Armbrste fortwarfen, mit dem Degen in der Faust den vlaemischen
Schleuderern nacheilten und sie bis an den zweiten Bach, der vor dem
vlaemischen Lager flo, verfolgten.

Als Herr Valepaile, welcher bei Robert d'Artois stand, den Fortschritt der
Schtzen bemerkte, rief er:

O Seneschall, diese schlechten Fuknechte werden so viel erreichen, da
sie allein die Ehre des Kampfes ernten. Wenn sie den Feind
auseinandertreiben, was bleibt dann uns Rittern hier zu tun brig? Es ist
eine Schande! Wir stehen hier, als ob wir nicht zu kmpfen wagten.

Montjoie Saint-Denis! schrie Robert, Vorwrts, Konstable! Greift an!

Bei diesem Befehl lieen alle Ritter der ersten Abteilung ihren Pferden die
Zgel schieen und sprengten in Unordnung vorwrts; jeder wollte der Erste
sein, um den Ehrensto zu tun. Nur von diesem Gedanken erfllt, ritten sie
die Bogenschtzen ber den Haufen und durchbohrten die eigenen Leute.
Hunderte von Fuknechten rangen unter den Hufen der Rosse, die sie
zertraten, mit dem Tode; die brigen flohen nach allen Seiten hin vom
Schlachtfeld davon.

So machten die Ritter den errungenen Vorteil zunichte und lieen den
vlaemischen Schleuderern Zeit, sich wieder zu sammeln. Das Wehegeschrei der
Gefallenen war frchterlich. Die unglcklichen Ritter, ber die eine ganze
Schar anderer Ritter hinwegstrmte, riefen, man mge sie doch nicht
zermalmen. Aber da war kein Halten mehr. Schon waren die Stimmen der zuerst
Gefallenen im letzten Todesrcheln verhallt; diejenigen, die sie berrannt
hatten, wurden nun ihrerseits von den anderen zerstampft, so da das
Wehegeschrei kein Ende nahm. Die hintersten Scharen, die jetzt glaubten,
da der Kampf begonnen habe, setzten nun auch den Pferden die Sporen in die
Weichen und jagten zu dem Bache hin, an dessen Ufern sich das zutrug. Die
meisten von ihnen vermehrten nur die Opfer, die ihres Feldherrn
Unbesonnenheit verschuldete. So kamen unbegreiflich viele Ritter und
Fuknechte ums Leben.

Die Vlaemen hatten sich noch nicht gerhrt. Noch immer standen sie
regungslos, schweigend in einer langen Reihe da und sahen dieses Schauspiel
verwundert mit an. Die vlaemischen Anfhrer gingen mit viel Klugheit und
Erfahrung zu Werke. Manch anderer wrde diesen Augenblick zu einem Angriff
fr gnstig gehalten haben, wre vielleicht ber den Bach vorgestoen und
ber die Franzosen hergefallen. Aber Gwijde und Jan Borluut, dessen Rat
ersterer befolgte, wollten die Vorteile ihrer Stellung nicht fr einen
augenblicklichen Gewinn darangeben. Fortwhrend herrschte im Heere die
grte Stille, damit jegliche Befehle gehrt werden konnten.

Endlich waren beide Bche mit Leichen von Menschen und Pferden aufgefllt,
und so glckte es Rudolf von Nesle, mit ungefhr tausend Reitern
hinberzugelangen. Als er sie in dichtgedrngten Reihen aufgestellt hatte,
rief er:

Frankreich, Frankreich! Vorwrts, vorwrts!

Mutig und sonder Zagen griff er die Mitte des Heeres der Vlaemen an. Die
hatten ihre langen Goedendags mit dem einen Ende in die Erde gestemmt und
nahmen die franzsischen Reiter mit der Spitze dieser furchtbaren Waffe in
Empfang. Eine Unmenge Feinde fiel bei diesem Sto aus dem Sattel und war
bald erstochen. Aber Gottfried von Brabant, der inzwischen auch mit seinen
neunhundert schweren Reitern ber den Bach gekommen war, griff die Schar
Wilhelms von Jlich mit solcher Wucht an, da er die drei ersten Glieder zu
Boden warf und die vlaemische Schlachtordnung durchbrach.

Nun entbrannte ein furchtbarer Kampf. Die franzsischen Reiter hatten ihre
Speere weggeworfen und hieben mit ihren furchtbaren Schlachtschwertern auf
die Vlaemen ein. Die wehrten sich tapfer mit Keulen und Streitxten und
erschlugen auch manchen Reiter; aber der Vorteil blieb doch auf seiten
Gottfrieds von Brabant: seine Leute hatten schon gar viele Vlaemen rings um
sich her zu Boden gestreckt, und in der vlaemischen Schlachtordnung klaffte
eine weite Lcke. Durch diese drangen alsbald alle Franzosen, die ber den
Bach gelangen konnten und griffen jenen Teil des vlaemischen Heeres im
Rcken an. Diese Wendung war fr die Vlaemen uerst verhngnisvoll. Da der
Feind von vorn und hinten auf sie einstrmte, fehlte es ihnen an Raum, um
ihre Goedendags zu gebrauchen. So waren sie gezwungen, sich mit
Streitxten, Keulen oder Schwertern zu verteidigen, und das hatte wieder
fr die franzsischen Reiter groe Vorteile. Nun konnten sie von oben herab
leicht auf die Vlaemen einhauen und spalteten fast mit jedem Schlag einem
das Haupt oder hieben ein Glied vom Leibe.

Wilhelm von Jlich focht wie ein Lwe. Er stand allein mit seinem
Waffentrger und Philipp von Hofstade inmitten von dreiig Feinden, die
sein Banner rauben wollten, aber alle Arme, die sich danach ausgestreckt
hatten, waren unter seinem Schwerte gefallen.

In diesem Augenblicke setzte Artur von Mertelet, ein normnnischer Ritter,
mit einer ansehnlichen Reiterschar ber den Bach und strmte in vollem Trab
auf Wilhelm von Jlich an. Das Eingreifen dieses Trupps mute die Lage der
Vlaemen noch verschlimmern; denn nun wurde die bermacht der Feinde doch
zu gro, der Angriff unwiderstehlich. Als der Normann Wilhelms Fahne zu
Gesicht bekam, trieb er sein Ro pfeilgeschwind darauf zu und fllte den
Speer, um den Fahnentrger zu durchbohren. Aber Philipp von Hofstade
bemerkte es, drngte sich durch einige franzsische Fuknechte hindurch und
strmte Mertelet entgegen. Der Anprall der beiden Ritter war so gewaltig,
da sie sich gegenseitig durchbohrten. Die beiden Kmpfer und ihre Rosse
blieben bewegungslos stehen, als ob pltzlich ihre Leidenschaft abgekhlt
wre. Man htte glauben knnen, da sie sich einander aufmerksam
betrachteten; und dabei drckten sie noch mit dem ganzen Gewicht ihres
Krpers auf den Speer, als ob sie in boshafter Freude den Feind noch rger
qulen wollten. Doch das dauerte nicht lange: bald machte Mertelets Pferd
eine Bewegung, und die Leichen beider Ritter fielen aus dem Sattel zu
Boden.

Als Herr Jan van Renesse, der auf dem rechten Flgel stand, inne ward, in
welcher Gefahr Wilhelm von Jlich schwebte, verlie er seinen Platz, eilte
hinter die Schlachtlinie und griff mit Breydel und seinen Fleischern die
Franzosen von der Seite an.

Nichts konnte solchen Leuten widerstehen. Mit bloer Brust strzten sie
jeder Waffe entgegen und empfingen den Todesstich oder Schlag, der sie
traf, ohne auch nur den Kopf wegzuwenden. Diese Mnner wagten es in der
Tat, dem Tod ins Auge zu blicken, seiner zu spotten. So sank denn auch
alles unter ihre Fe, sobald sie sich zeigten; sie hieben mit ihren Beilen
den Pferden die Fe ab, brachten so den Ritter zu Sturz und spalteten ihm
das Haupt.

Wenige Augenblicke, nachdem sie Wilhelm von Jlich zu Hilfe gekommen waren,
war der Kampfplatz so gesubert, da nur noch etwa zwanzig Franzosen hinter
der Schlachtlinie verblieben, darunter Gottfried von Brabant, der fr den
Feind seiner Sprache und Stammverwandten stritt.

Als Herr van Renesse ihn bemerkte, rief er ihm zu:

Gottfried, Gottfried! Gebt acht, Ihr werdet sterben!

Ihr meint Euch selbst, antwortete Gottfried, indem er Herrn Jan einen
gewaltigen Streich auf den Kopf versetzte. Aber der schwang sein Schwert
mit einer krftigen Wendung von unten nach oben und hieb ihm so stark wider
das Kinn, da Gottfried aus dem Sattel strzte.

Alsbald fielen zwanzig Fleischer ber ihn her, und er empfing zwanzig
Wunden, davon schon die geringste tdlich war. Inzwischen war Jan Breydel
mit einigen seiner Leute tiefer in die Feindesschar eingedrungen und hatte
so lange eingehauen, bis er die Standarte von Brabant erkmpft hatte. Als
er mit ihr unter fortwhrendem Fechten bis an die Schlachtlinie gelangt
war, zerri er sie in Stcke, warf den Schaft fort und rief:

Schande, Schande ber den Verrter!

Die Brabanter wollten diesen Hohn rchen; sie griffen den Feind mit
erhhter Wut an und machten unglaubliche Anstrengungen, um als Vergeltung
auch das Banner Wilhelms zu zerreien. Aber der Fahnentrger Jan Ferrand
stritt wider alle, die ihm zu nahe kamen. Viermal wurde er zu Boden
geworfen, und viermal stand er mit der Standarte wieder auf, obgleich er
ber und ber mit Wunden bedeckt war.

Wilhelm von Jlich hatte bereits eine Unmenge Franzosen zu seinen Fen
hingestreckt. Jeder Schlag seines Riesenschwerts berlieferte einen Feind
dem Tode. Durch all diese gewaltigen Anstrengungen erschpft und berall
durch Hiebe verletzt, quoll ihm das Blut aus Nase und Mund. Er erbleichte
und fhlte, wie ihm die Krfte ausgingen. Voll rger zog er sich hinter die
Schlachtlinie zurck, um sich ein wenig zu erholen. Jan de Vlamijnck, sein
Schildknappe, lste die Riemen seines Harnisches und nahm ihm die Waffen
ab, damit er freier atmen konnte.

Whrend Wilhelms Abwesenheit hatten die Franzosen wieder etwas Raum
gewonnen; die Vlaemen schienen zurckweichen zu wollen. Als Wilhelm das
merkte, lieh er seiner Betrbnis durch verzweifelte Klagen Ausdruck. Darob
ersann Jan de Vlamijnck rasch einen schlauen Streich, der die gewohnte
Tapferkeit seines Gebieters bezeugte. Er legte Wilhelms Waffen an, warf
sich mitten unter die Feinde und rief:

Zurck, ihr Mnner von Frankreich! Hier ist Wilhelm von Jlich wieder!

Gleichzeitig hieb er tapfer auf die Feinde ein und warf gar manchen von
ihnen zu Boden. Die anderen wichen zurck und lieen so den Gliedern Zeit,
sich wieder zu schlieen.

Rudolf von Nesle hatte sich mit dem Kern seiner Reiter auf die fnftausend
Genter des Herrn Borluut gestrzt. Furchtlos hatte der mutige Franzose
versucht, diese Schar zu durchbrechen; schon dreimal hatten die Genter ihn
mit Verlust vieler Krieger zurckgeschlagen, ohne da sich ihre Glieder
lsten. Jan Borluut erwog, da es ein groer Nachteil sein wrde, wenn er
diesen Standort verliee, um Rudolfs Leute anzugreifen, und darum ersann er
ein anderes Mittel. Er nahm drei seiner hintersten Glieder und vereinigte
sie rasch zu zwei neuen Rotten, die er hinter der Schlachtlinie aufstellte:
mit dem einen Ende standen sie unmittelbar hinter dem Heer, mit dem anderen
tiefer im Felde hinter der Schlachtlinie. Nun befahl er der mittleren
Abteilung seiner Truppen, die sich in dem Raum zwischen den beiden neuen
Scharen befand, sie solle beim ersten Ansturm der Franzosen zurckweichen.

Rudolf von Nesle, der seine Reiter wieder in Reih und Glied gebracht hatte,
sprengte aufs neue gegen die Genter an. Alsbald wich die mittlere Abteilung
zurck. Die Franzosen vermeinten, sie htten die Schlachtordnung
durchbrochen und erhoben den frohen Ruf: Nol, Nol! Sieg, Sieg!

Sie drngten smtlich in die Lcke und hofften, das Heer im Rcken
anzugreifen und niederzumachen. Aber dieses glckte ihnen nicht: berall
fanden sie eine Mauer von Speeren und Streitxten. Jan Borluut lie die
beiden Flgel seiner Truppe vorwrtsschwenken; seine fnftausend Genter
bildeten einen Kreis, und so schlo er das Netz, darin er die tausend
Franzosen gefangen hielt. Jetzt begann ein furchtbares Gemetzel; eine ganze
Viertelstunde lang wurde gehauen, geschlagen, gestochen und gestoen, ohne
da man sehen konnte, wer wich oder wer siegte. Menschen und Pferde lagen
untereinander, schreiend, jammernd und schnaubend, man hrte und sah
nichts,-- furchtbar strmte das Blut.

Rudolf von Nesle kmpfte noch lange mit Wunden bedeckt und mit dem Blute
der Seinen bespritzt ber den Leichen; sein Tod war unabwendbar. Als Jan
Borluut dessen inne ward, fhlte er herzliches Mitleid mit dem
heldenmtigen Ritter und rief ihm zu:

Ergebt Euch, Herr Rudolf, ich mchte Euch nicht gern sterben sehen!

Rudolf war durch Wut und Verzweiflung ganz von Sinnen gekommen; er verstand
Borluuts Worte wohl, und vielleicht quoll ein Gefhl des Dankes in seinem
Herzen auf. Aber der Vorwurf des Einverstndnisses mit dem Feinde, den der
Seneschall Robert wider ihn erhoben hatte, war ihm so bitter nahe gegangen,
da er nicht mehr weiterleben wollte. Er winkte mit der Hand, als wenn er
Jan Borluut ein letztes Lebewohl zuriefe, und erschlug noch zwei Genter.
Schlielich fiel er, von einer Keule auf das Haupt getroffen, neben der
Leiche seines Bruders leblos nieder. Gar mancher Ritter, der vom Pferde
gestrzt war, wollte die Waffen strecken, aber man hrte nicht darauf;
nicht ein einziger entkam.

Whrend Borluuts Truppen dies Gemetzel vollzogen, wurde in der ganzen
Schlachtreihe nicht minder heftig gefochten. Hben erscholl der Ruf: Nol,
Nol, Montjoie Saint-Denis! und man konnte daraus entnehmen, da dort die
Franzosen im Vorteil waren. Drben hinwiederum erhob sich der Ruf:
Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaet al dood! Er drhnte
zum Himmel empor und kndete die Vernichtung eines franzsischen
Truppenteils.

Der Groeninger Bach starrte von Blut und Leichen. Das Wimmern der
Sterbenden wurde von dem Gerassel der Waffen bertnt: ein furchtbares
Getse, das gleich dem rollenden Donner ber die Streitenden dahinzog. Eine
lange Reihe von Leichen zog sich wie ein Damm berall vor der Schlachtlinie
hin. Die Verwundeten waren ihres Todes gewi; denn niemand wurde
aufgehoben, und so muten sie entweder im Morast ersticken, oder sie wurden
von den Pferden zertreten.

Whrenddes hatte sich Hugo van Arckel mit seinen achthundert
unerschrockenen Kriegern bis mitten in die Reihen der Franzosen vorgewagt.
Er war so sehr von allen Seiten von Feinden umringt, da es den Vlaemen
unmglich war, ihn zu sehen. Hier kmpfte er so tapfer und gewandt, da die
Masse von Feinden, die ihn angriffen, seine Schar, so klein sie auch war,
nicht durchbrechen konnte; schon hatte er rings um sich her eine gewaltige
Menge Gegner zu Boden gestreckt. Jeder, der sich ihm zu nahen wagte,
bezahlte es mit dem Leben. Allmhlich drang er mehr und mehr nach dem Lager
der Franzosen vor, und es schien, als ob er es erreichen wollte. Doch das
war gar nicht seine Absicht. Als er die Mitte der franzsischen Scharen
erreichte, wandte er sich seitlich der Standarte von Navarra zu und ri sie
dem Fahnentrger aus der Hand. Die Sldner der Knigin von Navarra fielen
wtend ber ihn her und machten viele seiner Leute nieder; doch er
verteidigte die eroberte Fahne so tapfer, da niemand sie seinen Hnden
wieder entreien konnte. Schon war er fast wieder bis zum Heere der Vlaemen
zurckgelangt, als ihm Ludwig von Forest durch einen furchtbaren Hieb den
linken Arm zerschmetterte. Man sah das verstmmelte Glied neben dem
Harnisch hngen. Das Blut flo in dichtem Strome hernieder, und Totenblsse
breitete sich ber seine Wangen; doch er lie die Standarte nicht los.
Ludwig von Forest wurde von einem anderen Vlaemen erschlagen, und Hugo van
Arckel kam fast leblos mit der Standarte von Navarra in der Mitte des
Heeres an. Er versuchte noch einmal den Ruf Vlaenderen den Leeuw!
auszurufen, aber die Stimme versagte ihm, und er sank mit der eroberten
Standarte zur Erde.

Am linken Flgel, wo Gwijdes Schar stand, wurde noch heftiger gekmpft.
Chtillon hatte sich mit mehreren Tausend Reitern auf die Znfte von Veurne
geworfen und bereits einige hundert Mann niedergemacht. Eustachius Sporkijn
lag schwer verwundet hinter der Schlachtreihe und rief seiner Schar zu, sie
solle nur ja nicht ins Wanken kommen. Aber die Gewalt, die sie
zurckdrngte, war zu gro, sie mute weichen. Gefolgt von einem groen
Trupp Reiter durchbrach Chtillon die Schlachtordnung, und ber dem Haupte
des sterbenden Sporkijn, der dann auch bald den Geist aufgab, entspann sich
ein wilder Kampf.

Adolf van Nieuwland hatte allein mit Gwijde und seinem Fahnentrger
standgehalten, so da sie vom Heere getrennt waren und eines gewissen Todes
gewrtig sein konnten. Chtillon bot alles mgliche auf, um das groe
Banner von Flandern zu ergreifen. Wenn auch Segher Lonke, der die Standarte
trug, bereits mehrmals niedergeworfen worden war, so konnte Chtillon sein
Ziel dennoch nicht erreichen. Er tobte, schrie wtend seine Leute an und
hieb wie toll auf die Rstung der drei unberwindlichen Vlaemen ein. Sicher
htten diese es nicht so lange durchfhren knnen, sich gegen eine Schar
mutiger Feinde zu wehren; aber sie hatten so viel niedergemacht, da die
rund um sie angehuften Leichen eine ziemliche Hhe erreicht hatten, die
Annherung der anderen Reiter erschwerten und ihnen als Brustwehr dienten.
Chtillon lie sich von seiner Wut und Ungeduld hinreien: er nahm einen
langen Speer aus den Hnden einer seiner Reiter und strmte damit auf
Gwijde los. Er htte wohl auch den jungen Grafen unfehlbar gettet, denn
der sah seinen neuen Feind nicht ankommen, da er mit anderen Rittern focht.
Schon war es, als ob der Speer zwischen Helm und Harnisch in seinen Hals
eindrang, da erhob Adolf van Nieuwland wie ein Blitz sein Schlachtschwert,
hieb den Speer in zwei Stcke und rettete so das Leben seines Feldherrn.

Im gleichen Augenblick, ehe noch Chtillon Zeit gehabt hatte, wieder zum
Schwert zu greifen, sprang Adolf ber die Leichen hinweg, gelangte so zu
dem franzsischen Ritter und schlug ihm so furchtbar aufs Haupt, da er
einen Teil der Wange nebst einem Stck des Helms einbte. Das Blut strmte
auf seine Schultern. Er wollte sich noch wehren, aber zwei krftige Hiebe
warfen ihn aus dem Sattel unter die Hufe der Pferde. Die Vlaemen zogen ihn
darunter hervor, schleiften ihn hinter die Schlachtlinie und hieben ihn in
Stcke.

Inzwischen war Arnold van Oudenaarde dem linken Flgel zu Hilfe gekommen;
das gab dem Stand der Dinge schnell eine andere Wendung. Die Znfte von
Veurne hatten sich, mit dieser neuen Schar vereint, wieder vorwrts
gestrzt, und die Franzosen wurden in der grten Verwirrung
zurckgetrieben. Mengen von Pferden und Reitern strzten zu Boden, und die
Unordnung unter ihnen wurde so gro, da die Vlaemen den Kampf fr gewonnen
hielten und auf dieser ganzen Linie unaufhrlich jauchzten:

Sieg, Sieg! Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaet al
dood!

Wer in diesem Augenblick die Fleischer htte sehen knnen, der wre, auch
ohne ihren Schlgen ausgesetzt zu sein, schier vor Schrecken und Graus
gestorben. ber Leichen von Menschen und Pferden sah man sie mit bloer
Brust, bloen Armen und bluttriefendem Beile daher laufen, springen und
alles niederschlagen. Ihre Gesichter waren von Schlamm, Schwei und Blut
unkenntlich, ein grimmiges Lachen in ihren Zgen kndete den bitteren Ha
gegen ihre Feinde und ihre Kampflust.

Die Franzosen hatten in ihrem bermut von den Vlaemen gesprochen, als ob
sie sie gleich mit einem Ansturm zu Boden werfen wrden. Jetzt wurden sie
zu ihrem eigenen Schaden inne, da man mit eitlem Geschwtz auf dem
Schlachtfeld nicht viel ausrichtet. Sie bedauerten die Folgen ihrer
Unbesonnenheit und erkannten nun, was fr ein Volk sie vor sich hatten.
Doch den Mut verloren sie nicht; noch immer waren sie zahlreicher als die
Vlaemen, denn sie besaen Truppen, die noch gar nicht im Kampfe gewesen
waren.

Whrend die vordersten Scharen des franzsischen Heeres solchermaen
vernichtet waren, stand der Seneschall d'Artois mit der zweiten Abteilung
von dem vlaemischen Heere noch weiter entfernt. Da die Schlachtordnung des
Feindes nicht breit genug war, da man sie mit so vieler Mannschaft auf
einmal bekmpfen konnte, war er noch nicht vorgerckt. Er glaubte, seine
Leute htten ohne Zweifel die Oberhand, denn er sah keinen von ihnen
zurckkehren. Indessen sandte er Ludwig von Clermont mit viertausend
normannischen Reitern, um die vlaemische Schlachtordnung auf dem linken
Flgel anzugreifen. Es glckte Clermont, an dieser Seite festeren Boden zu
finden. Er gelangte mit allen seinen Reitern ber den Bach und brach
pltzlich auf Gwijdes Scharen herein.

Da diese somit von neuen Feinden im Rcken angegriffen wurden, whrend sie
mit Chtillons Leuten vor sich noch genug zu tun hatten, konnten sie nicht
lnger Widerstand leisten; die ersten Glieder wurden niedergeworfen, die
brigen gerieten in Verwirrung, und dieser ganze Teil des vlaemischen
Heeres wich in Unordnung zurck. Zwar flte ihnen die Stimme des jungen
Gwijde genugsam Mut ein, indem sie beschwor, stehen zu bleiben, aber das
half alles nichts. Der Ansturm war zu gewaltig, und die Bitten ihres
Feldherrn konnten einzig und allein erreichen, da sie ihren Rckzug so
langsam als mglich ausfhrten.

Das Unglck wollte, da Gwijde in diesem Augenblick einen so furchtbaren
Schlag auf seinen Helm bekam, da er vornber auf den Nacken seines Pferdes
strzte und sein Schwert fallen lie. Er war verwirrt und betubt und
konnte sich in dieser Lage nicht wehren. Es wre wohl um ihn geschehen
gewesen, wenn ihm Adolf nicht geholfen htte. Dieser Ritter sprengte vor
Gwijdes Pferd und schwang sein Schwert so khn und unverzagt in die Runde,
da die Franzosen nicht zu dem jungen Gwijde gelangen konnten. Nachdem er
einige Zeit gekmpft hatte, wurde sein Arm schwach und mde: man konnte das
an den Streichen seines Schwertes sehen, die immer langsamer wurden.
Schlge und Hiebe prasselten auf seine Rstung nieder, er fhlte seine
Krfte schwinden und hauchte der Welt bereits sein letztes Lebewohl zu.
Inzwischen war Gwijde hinter die Schlachtordnung gebracht worden und hatte
sich von der Betubung erholt. Angstvoll bemerkte er die Lage seines
Retters, ergriff ein anderes Schwert und strzte sich aufs neue in den
Kampf. Mit ihm waren einige der Khnsten herbeigeeilt, und die Franzosen
wurden noch zurckgedmmt, bis wieder neue Haufen zum Kampf anrckten. Nun
aber konnten die vlaemischen Ritter trotz aller Furchtlosigkeit die
Franzosen nicht mehr aufhalten; der Ruf: Vlaenderen den Leeuw! wurde von
einem anderen bertnt; jetzt waren es die Franzosen, die da riefen:

Nol, Nol! Vorwrts, der Sieg ist unser! Schlagt sie tot, diese
Fugnger!

Die Vlaemen wurden ber den Haufen geworfen und auseinandergetrieben.
Mochte auch Gwijde noch so Erstaunliches leisten, er konnte den Rckzug
seiner Truppen nicht mehr hindern; denn es kamen wohl drei Reiter auf jeden
Vlaemen; die Pferde rannten sie um oder trieben sie mit unwiderstehlicher
Gewalt zurck. Nun kamen ihre Glieder in Unordnung, und dieser Flgel des
vlaemischen Heeres mute vor dem Feinde fliehen; viele von ihnen wurden
erschlagen, die anderen alle so zerstreut, da sie den Reitern keinen
Widerstand mehr zu leisten vermochten und von den Franzosen bis an die Leye
verfolgt wurden, wo ein groer Teil ertrank.

Am Ufer dieses Flusses hatte Gwijde seine Leute wieder einigermaen in
geschlossenen Gliedern aufstellen knnen, aber die bermacht der Feinde war
zu gro. Obgleich zerstreut, fochten die Leute von Veurne voller
Verzweiflung; der Schaum stand ihnen vor dem Mund, und berall rieselte das
Blut an ihrem Krper herab. Doch all ihr Heldenmut konnte ihnen nichts
ntzen. Jeder hatte schon drei bis vier Reiter erschlagen, aber es wurden
ihrer immer weniger, whrend die Zahl der Feinde stetig wuchs. Ihr einziger
Gedanke war, ehrenvoll zu sterben und die Rache vollzogen zu haben.

Als Gwijde sein Heer erliegen sah und die Schlacht fr verloren hielt,
htte er vor Schmerz weinen mgen; aber in seinem Herzen war fr Trauer
kein Raum; dstere Raserei hatte ihn gepackt. Seinem Eide getreu, wollte er
nicht lnger leben, und wie ein Wahnsinniger trieb er sein Pferd mitten
unter die frohlockenden Feinde. Adolf van Nieuwland und Arnold van
Oudenaarde folgten ihm; sie kmpften so wtend, da die Feinde ob ihrer
Wundertaten erschraken. Wie durch Zauberei sanken die Reiter von ihren
Schwertern dahin. Doch die meisten Vlaemen lagen schon am Boden, und die
Franzosen schrien mit Recht: Nol, Nol! denn nichts schien mehr Gwijdes
Scharen retten zu knnen.

In diesem Augenblick sah man von Oudenaarde her, hinter dem Haverschen Bach
etwas hell in der Sonne aufleuchten, das sich zwischen den Bumen bewegte.
Diese seltsame Gestalt nahte sich rasch und langte endlich auf dem offenen
Felde an; zwei Reiter wurden sichtbar, die in grter Eile auf das
Schlachtfeld gesprengt kamen. Der eine war seiner prchtigen Rstung nach
ein Ritter; sein Harnisch und alles Eisen, das ihn und sein Pferd bedeckte,
war vergoldet und verbreitete ungemeinen Glanz. Ein groer, blauer
Federbusch wallte im Winde auf seinen Rcken nieder, das Zaumzeug seines
Rosses war ganz mit silbernen Schuppen bedeckt, und auf seiner Brust
prangte ein rotes Kreuz; ber diesem Zeichen stand auf schwarzem Grunde mit
silbernen Buchstaben das Wort Flandern.

Kein Ritter auf dem ganzen Schlachtfeld war so prchtig gerstet wie dieser
Unbekannte, aber was ihn am meisten von allen unterschied, war seine
Gestalt. Er war einen Kopf grer als die Grten, und seine Glieder waren
so krftig, da man ihn fr einen Riesen htte halten knnen. Das Pferd,
das er ritt, trug viel zu seinem ungewhnlichen Aussehen bei, denn es war
auch wunderbar gro und stark, der schnste deutsche Hengst, den man sich
denken konnte. Lange Schaumflocken flogen um sein Maul, und schnaubend kam
er heran. Der Ritter hatte keine andere Wehr als einen furchtbaren
Waffenhammer, dessen Stahl sich glnzend in der goldenen Rstung spiegelte.
Der andere Reiter war ein Mnch. Der war schlecht gewappnet: Harnisch und
Helm waren so verrostet, da sie ganz rot zu sein schienen. Er hie Bruder
Wilhelm van Saestinge. In seinem Kloster zu Doest erfuhr er, da bei
Kortrijk gegen die Franzosen gekmpft werden solle; er nahm deshalb zwei
Pferde aus dem Stall, gab das eine fr die verrosteten Waffen dahin, die er
trug, und auf dem anderen kam er jetzt herangesprengt, um der Schlacht
beizuwohnen. Auch er war ungewhnlich krftig gebaut und unverzagten Mutes;
ein langes Schlachtschwert blitzte in seiner Faust, und schon an seinen
Augen konnte man erkennen, da er ein furchtbarer Kmpfer sein mute; er
war dem wunderbaren Ritter soeben begegnet, und da beide demselben Ziel
zustrebten, so waren sie zusammen geritten.

Die Vlaemen richteten ihre Augen mit freudiger Erwartung auf den goldenen
Ritter, den sie von ferne herankommen sahen. Sie konnten das Wort Flandern
noch nicht lesen und also nicht wissen, ob er ein Freund oder Feind war;
aber in ihrer gefhrlichen Lage vermeinten sie, da Gott ihnen unter dieser
Gestalt einen seiner Heiligen sende, um sie zu befreien. Dazu trugen die
glnzende Rstung, die ungewhnliche Gestalt und das rote Kreuz, das der
Ritter auf seiner Brust trug, nicht wenig bei.

Gwijde und Adolf, die mitten unter den Feinden standen, sahen einander
hocherfreut an; sie hatten den goldenen Ritter erkannt. Nun hielten sie die
Franzosen fr verloren; denn auf die Kraft und Erfahrung dieses neuen
Kriegers hatten sie das grte Vertrauen. Die Blicke, die sie sich einander
zuwarfen, besagten: O, welch ein Glck, da ist der Lwe von Flandern!

Der goldene Ritter kam endlich an die franzsischen Truppen heran; ehe man
noch fragen konnte, wen er bekmpfen, wem er beistehen wollte, strzte er
sich in die dichtesten Reiterhaufen und schlug mit seinem Hammer so wild
und furchtbar auf sie ein, da sie, von Schrecken ergriffen, einander
umrannten, um nur seinen Schlgen zu entgehen. Alles strzte unter seinem
schmetternden Hammer nieder, und berall, wo er durch die feindlichen
Scharen drang, blieb hinter seinem Rosse eine Spur wie von einem segelnden
Schiffe. Solcherart warf er alles, was er treffen konnte, nieder und
gelangte mit unheimlicher Schnelligkeit zu den Scharen, die gegen die Leye
gedrngt wurden. Da rief er:

Vlaenderen den Leeuw! Folgt mir! folgt mir!

Mit diesen Worten schleuderte er eine groe Anzahl Franzosen in den Schlamm
und erschlug so erstaunlich viele, da die Vlaemen ihn fr ein
bernatrliches Wesen ansahen.

Jetzt kehrte der Mut in ihre Herzen zurck. Unter Freudengeschrei strzten
sie vorwrts und strebten, den Wundertaten des Ritters gleich zu tun. Die
Franzosen konnten diesem unerschrockenen Lwen nicht lnger widerstehen.
Die vordersten machten kehrt und wollten fliehen, aber sie strzten auf die
Pferde ihrer Genossen, und einer warf den anderen zu Boden.

Ein allgemeines Gemetzel begann jetzt, soweit nur das Heer reichte. Die
Vlaemen schlugen alles nieder und sprangen ber groe Haufen Leichen, um
die entfernteren Feinde anzugreifen. Jetzt wurde nicht mehr Nol!
geschrien, der Ruf: Vlaenderen den Leeuw! beherrschte jeden anderen Laut
und betubte die Kmpfer so, da sie die Schlge ihrer eigenen Waffen
nicht mehr hren konnten.

Bruder Wilhelm, der Mnch, war von seinem Pferde gesprungen und kmpfte zu
Fu; alles, was in seinen Bereich kam, wurde von tdlichen Streichen
getroffen. Er schwang sein Schwert, als wre es eine Feder, und verlachte
spottend die Feinde, die ihn angreifen wollten. Man htte denken knnen,
da er sich an einem Spiel erlustige: er war so frhlich und scherzte so
ausgelassen, als ob er mit Kindern zu kmpfen htte. Trotz seiner
Gewandtheit fiel doch mancher Schwerthieb auf seinen verrosteten Harnisch.
Ein anderer wre recht wohl unter jedem dieser Schlge gefallen; aber
Bruder Wilhelm blieb unerschtterlich. Jeder, der das Unglck hatte, ihm zu
begegnen, sank im gleichen Augenblick vor seinem Riesenschwert dahin.

Pltzlich sah er etwas weiter Ludwig von Clermont mit seinem Banner stehen.

Vlaenderen den Leeuw! rief Bruder Wilhelm. Die Standarte ist mein!

Als sei er tdlich getroffen, lie er sich zu Boden sinken, kroch auf
Hnden und Fen unter den Pferden dahin und stand pltzlich neben Ludwig
von Clermont wieder auf. Von allen Seiten prasselten die Hiebe auf ihn
nieder, doch wute er sich so gut zu verteidigen, da er nur einige arge
Quetschungen davontrug. Da er es auf die Standarte abgesehen hatte, lie
er sich nicht merken; ja, er kehrte ihr sogar den Rcken zu. Aber pltzlich
wandte er sich um, hieb dem Fahnentrger jhlings den Arm ab und zerri das
gefallene Banner in Stcke. Sicherlich htte der Mnch hier seinen Tod
gefunden; aber inzwischen waren die Seinigen schon bis zu ihm vorgedrungen,
und die Franzosen wurden in grter Unordnung zurckgetrieben.

Der goldene Ritter hatte die Feinde, die den jungen Gwijde umringten, in
wenigen Augenblicken zerstreut und drang immer weiter vorwrts. Mit seinem
Hammer zerschmetterte er Helme und Schdel, und niemanden fand er, der ihm
Widerstand leisten konnte. Jeder, der, von seinen Schlgen betubt, zu
Boden fiel, wurde unter den Hufen der Rosse zertreten. Gwijde nahte sich
ihm und sagte rasch:

O Robrecht, mein Bruder, wie danke ich Gott, da Ihr angekommen seid! Ihr
habt das Vaterland gerettet!

Der goldene Ritter antwortete nicht. Nur legte er den Finger auf den Mund,
als wollte er sagen: Still! still!

Adolf hatte dies Zeichen ebenfalls gesehen und beschlo, sich so zu
verhalten, als ob er den Grafen von Flandern nicht kenne.

Inzwischen strzten die Franzosen einer ber den anderen nieder; die
vlaemischen Scharen drangen unwiderstehlich auf die Fliehenden ein und
erschlugen die gefallenen Ritter mit Keulen und Streitxten. Tausende von
Pferden lagen halb versunken in dem sumpfigen Boden; unzhlige Leichen der
Feinde bedeckten den Kampfplatz. Der Groeninger Bach war nicht mehr zu
sehen: die Leichen, mit denen er angefllt war, bildeten eine Masse mit
denen, die an seinen Ufern lagen; vielleicht htte man seinen Lauf an dem
Blutstrom erkannt, aber das Blut stand berall in groen Lachen. Das
Wimmern der Sterbenden, die Klagen der Erstickenden, das Jauchzen der
siegesfrohen Vlaemen vermischte sich zu einem grausigen Lrm; dazu kam das
Schmettern der Trompeten, das Klirren der Schwerter auf den Harnischen, das
schmerzliche Wiehern der verwundeten Pferde! Einzig ein berstender Vulkan,
der unter rollendem Donner das Innere der Erde zerreit, kann ein Bild
solcher Schrecken geben. Es war, als wenn der Jngste Tag hereingebrochen
wre.

Es schlug neun Uhr auf dem Turm zu Kortrijk, als Nesles und Chtillons
weichende Reiterei zu den Scharen Roberts d'Artois flchteten. Als er die
Niederlage der Seinen vernahm, entbrannte Robert in wilder Wut. Er wollte
sich mit den zahlreichen Abteilungen, die seinem Befehl unterstanden, auf
das vlaemische Heer werfen. Die anderen Ritter suchten ihn von diesem
unvorsichtigen Vorhaben abzubringen und machten ihm klar, da sich kein
Pferd auf dem Kampfplatz bewegen knne; aber er wollte auf niemand hren
und sprengte, von all seinen Leuten gefolgt, mitten durch die Flchtlinge
dahin. Die Reiter, die der ersten Niederlage entkommen waren, wurden von
dem Seneschall und seinen neuen Truppen niedergeritten und entflohen
alsbald in grter Unordnung nach allen Seiten hin vom Schlachtfeld, um
dieser schrecklichen Verwirrung zu entrinnen. Aber das war nicht mglich;
die ersten Scharen wurden von den letzten vorwrts gedrngt, und so warf
sich die Masse frischer Truppen mit grtem Wagemut auf die vlaemische
Schlachtordnung.

Beim ersten Sto sah sich Gwijdes Heer gentigt, hinter den Groeninger Bach
zurckzuweichen. Hier aber dienten die gefallenen Pferde als Brustwehr: es
war, als ob sie sich hinter eine Verschanzung zurckgezogen htten. Die
franzsischen Reiter konnten sich in dem sumpfigen Boden nicht aufrecht
erhalten; einer fiel ber den andern, und im Fallen tteten sie sich
gegenseitig. Als Robert d'Artois das sah, wurde er wie wahnsinnig; er
setzte mit einigen furchtlosen Rittern ber den Bach und drang auf Gwijdes
Scharen ein. Nach kurzem Gefecht, in dem eine Menge Vlaemen fielen, ergriff
Robert d'Artois einen Zipfel der groen Standarte von Flandern und ri ein
Stck mit der vordersten Klaue des Lwen davon ab.

Ein rasendes Geschrei erhob sich aus den vlaemischen Scharen, die zunchst
standen. Alles rief:

Schlagt ihn tot! schlagt ihn tot!

Der Seneschall versuchte, die Standarte den Hnden des Segher Lonke zu
entreien. Aber Bruder Wilhelm warf sein Schwert fort, sprang am Pferde
Roberts d'Artois hinauf und schlang seine beiden Arme um den Hals des
Feldherrn. Dann stemmte er seinen Fu gegen den Sattel und ri mit solcher
Gewalt an Roberts Haupte, da dieser das Gleichgewicht verlor und beide
zur Erde fielen. Inzwischen waren die Fleischer herbeigeeilt. Jan Breydel
wollte die Schmach rchen, die der Standarte Flanderns widerfahren war, und
hieb Robert den Arm mit einem Schlag ab.

Als der unglckliche Seneschall inne ward, da er dem Tode verfallen war,
fragte er, ob kein Edelmann da sei, dem er seine Waffen bergeben knne.
Die Fleischer aber brllten, da sie diese Sprache nicht verstnden, und
hieben so lange auf ihn ein, bis er seinen Geist aufgab.

Derweile hatte Bruder Wilhelm den Kanzler Pierre Flotte ebenfalls zu Boden
geworfen und erhob sein Schwert, um ihm das Haupt zu spalten; der Franzose
flehte um Gnade. Bruder Wilhelm lachte hhnisch auf und hieb ihm in den
Nacken, also da er leblos zu Boden sank. Die franzsischen Herren von
Tarcanville und von Aspremont wurden von dem Hammer des goldenen Ritters
niedergeschmettert: Gwijde spaltete Renold von Longueval mit einem Schlage
das Haupt, und Adolf van Nieuwland warf Raoul von Nortfort aus dem Sattel.
In wenigen Augenblicken fielen mehr als hundert Edelleute.

Herr Rudolf von Gaucourt hatte sich mit den beiden Knigen Balthasar und
Sigis und noch siebzehn auserlesenen Rittern lange Zeit gegen die Genter
Jan Borluuts verteidigt. Die beiden Knige waren mit vielen andern Rittern
bereits erschlagen, auch sein Pferd war schon gefallen. Aber Rudolf stand
noch mit wundersamer Khnheit inmitten seiner Feinde. Er wehrte sich mit
der grten Gewandtheit gegen die Genter und hielt sie mit furchtbaren
Schlgen von sich fern. Als er eines Trupps von fast vierzig franzsischen
Reitern ansichtig wurde, sprang er mitten in ihre Reihen. Doch Jan Borluut
setzte ihm mit einer groen Anzahl Genter nach. Die vierzig Ritter waren
bald erschlagen, und noch immer verteidigte sich Rudolf von Gaucourt mit
gleichem Mute. Von Wunden und Anstrengung ermattet, sank er schlielich
auf die Leichen seiner Waffenbrder nieder, und die Genter liefen herzu, um
ihn zu tten; aber Jan Borluut wollte den tapferen Franzosen nicht sterben
lassen. Er lie ihn hinter die Schlachtlinie tragen und nahm ihn unter
seinen Schutz.

Obgleich die Franzosen in den vordersten Gliedern whrend dieses Gefechts
unterlegen waren, rckte die vlaemische Schlachtordnung doch nur wenig vor.
Denn immer neue Feinde eilten herbei, um die Gefallenen zu ersetzen.

Der goldene Ritter kmpfte am linken Flgel wie ein wahrer Lwe gegen eine
ganze Reiterschar. An seiner Seite fochten mit gleichem Mute der junge
Gwijde und Adolf van Nieuwland; letzterer warf sich bestndig mitten unter
die Feinde und brachte sich oftmals in Lebensgefahr. Es war, als ob er
beschlossen htte, unter den Augen des goldenen Ritters zu sterben. Der
Vater Machtelds sieht mich! dachte er, und dann fhlte er, wie seine Brust
sich weitete; seine Muskeln spannten sich, und seine Seele war von
Todesverachtung erfllt. Der goldene Ritter rief ihm manchmal zu, er solle
sich nicht so sehr der Gefahr aussetzen; aber diese Worte klangen in Adolfs
Ohr wie ein Lob: sie hatten nur die entgegengesetzte Wirkung! Bei jedem
Zuruf des goldenen Ritters sprengte das Ro des tapferen jungen Mannes
vorwrts und drang immer tiefer in die Reihen der Franzosen. Es war ein
Glck fr den Jngling, da ein strkerer Arm als der seinige sein Leben
bewachte, da jemand neben ihm war, der in vterlicher Liebe geschworen
hatte, ihn zu beschtzen.

Im ganzen Heere der Franzosen war nur mehr eine Fahne zu sehen: noch
entfaltete das groe Kronbanner seine schillernden Wappenzeichen, seine
silbernen Lilien und all die glnzenden Perlen, woraus das Wappen
Frankreichs zusammengesetzt war. Gwijde wies mit der Hand nach dem Ort, da
der Fahnentrger stand, und rief dem goldenen Ritter zu:

Dort ist es, das mssen wir haben!

Sie versuchten zunchst, ein jeder von seiner Seite, durch die
franzsischen Scharen zu dringen, doch das glckte ihnen anfangs nicht,
mochten sie auch noch so unermdlich die Feinde auseinandertreiben. Adolf
van Nieuwland hatte endlich eine gnstigere Stelle gefunden, drang allein
durch und kam nach langem Kampf bis zum groen Banner.

Welch unseliger Eifer trieb den Jngling so dem Tode entgegen! Wenn er
gewut htte, wieviel bittere Trnen in diesem Augenblick seinetwegen
vergossen wurden, wie oft sein Name aus dem Mund einer Jungfrau mit Gebeten
zum Himmel gesandt wurde, dann wrde er sich nicht so tollkhn dem Tode
preisgegeben haben; vielleicht wre er zurckgeblieben.

Das Kronbanner war von einer groen Reiterschar umringt. Sie hatten bei
ihrer Ehre und Treue geschworen, lieber unter diesem letzten Zeichen zu
sterben, ehe sie es rauben lieen. Was vermochte Adolf wider so viele
mutige Krieger? Sobald sie seiner ansichtig wurden, begrten sie ihn mit
hhnenden Worten: alle Schwerter wurden gleichzeitig ber seinem Haupte
geschwungen, und er sah sich rings umschlossen. Schlge hagelten
unaufhrlich auf seine Rstung nieder, und trotz seiner
bewunderungswrdigen Gewandtheit konnte er sich nicht mehr verteidigen. Das
Blut lief bereits unter seinem Helm hervor, es wurde dunkel vor seinen
Augen; seine Muskeln waren unter so vielen Schlgen erlahmt. Voll
Verzweiflung, in dem sicheren Vorgefhl, da seine letzte Stunde gekommen
sei, rief er mit so lauter Stimme, da es die Franzosen hrten:

Machteld! Machteld! Lebe wohl!

Mit diesem Rufe sprengte er quer durch die Schwerter der Feinde zu dem
Banner hin und ri es dem Fahnentrger aus der Faust. Aber zehn Hnde
nahmen es ihm wieder ab. Hiebe prasselten auf ihn nieder, und kraftlos fiel
er auf den Rcken seines Rosses.

Durch die Bewegung, die in diesem Augenblick unter die Streitenden kam,
wurde der goldene Ritter auf die Gefahr Adolfs aufmerksam. Er dachte an
den Schmerz, den seine unglckliche Machteld erleben wrde, wenn Adolf von
Feindeshand strbe, wandte sich zu seinen Leuten und rief mit einer Stimme,
die wie Donner das Schlachtgetmmel beherrschte:

Vorwrts! Mnner von Flandern! Heran! heran!

Gleich der strmenden See, die mit unermelicher Kraft wider ihre Dmme
tobt, sie nach langem Kampf unter einer himmelhohen Welle begrbt und ihre
schumenden Wogen ber die Fluren ergiet, Wlder entwurzelt und Stdte zu
Boden wirft, so warf sich die vlaemische Lwenschar bei diesem Rufe des
unbekannten Ritters vorwrts. Die Franzosen wurden mit solcher Wut
angegriffen, da beim ersten Stoe ganze Haufen niederstrzten; die
Keulenschlge und die Hiebe der Beile prasselten auf sie ein wie Hagel, der
die Frchte des Feldes vertilgt. Noch nie sah man ein solch hartnckiges
Gefecht; alle Streiter waren mit Blut berdeckt, und viele hatten noch die
Waffen in der Faust, whrend sie schon lngst von tdlicher Wunde getroffen
waren. Es war ein unbeschreibliches Wirrsal von Menschen und Pferden.
Grlichstes Mordgeschrei, schmerzlichste Klagen verschmolzen ineinander
und bildeten ein drhnendes Tosen, das die Herzen noch mehr zur Wut
entflammte. Die franzsischen Ritter konnten sich nicht mehr bewegen, denn
sie wurden von allen Seiten auf die hinter ihnen stehenden Scharen
gedrngt, whrend Beile und Schwerter die vordersten Glieder der Reihe
niederhieben.

Der goldene Ritter hatte sich mit seinem vertilgenden Waffenhammer einen
Weg durch die Feinde gebahnt und war dem Kronbanner von Frankreich genaht.
Dicht hinter ihm kamen Gwijde, Arnold van Oudenaarde und noch einige der
mutigsten Vlaemen. Er versuchte, in dieser Verwirrung die grne Feder
Adolfs van Nieuwland im Umkreise des Banners zu entdecken, doch vergebens.
Einen Augenblick spter schien es ihm jedoch, als ob er sie in der Ferne
unter den Vlaemen gewahrte. Die vierzig erlesenen Ritter, die noch bei dem
Banner standen, sprengten dem goldenen Ritter entgegen. Aber er lie seine
Waffe so rasch kreisen, da kein Schwert ihn berhrte. Das erste Mal, da er
seinen Hammer wie ein Felsstck niedersausen lie, zerschmetterte er den
Herrn Alin von Bretagne, mit dem zweiten Schlage zertrmmerte er den
Harnisch Richards von Falais und zerbrach ihm die Rippen.

Inzwischen kmpften die Vlaemen mit gleichem Mut; Arnold van Oudenaarde
empfing eine Wunde am Kopf, und mehr als zwanzig seiner Leute wurden von
den Franzosen niedergemacht. Der goldene Ritter hieb alles nieder, was er
erreichen konnte; schon lagen die Herren Jean d'Emmery, Arnold von Wahain
und Hugo de Viane zu seinen Fen; das Auge konnte dem Schwunge seines
Hammers nicht folgen, so rasch flog er von einem Feind zum andern.

Der Fahnentrger ward alsbald inne, da das Banner auf diesem Platze nicht
mehr zu halten war, und deshalb floh er mit ihm zurck. Als aber der
goldene Ritter das sah, warf er mit wunderbarer Kraft drei oder vier Feinde
zur Seite und verfolgte den Fahnentrger bis weitab vom Kampfplatz. Als er
ihn eingeholt hatte, kmpfte er so lange und unverdrossen, bis er
schlielich das Banner errungen hatte. Eine ganze Schar Reiter war ber ihn
hergefallen, um die Fahne wieder zu erobern. Doch der goldene Ritter hatte
sie wie einen Speer in den Steigbgel gestellt und begann jhlings so wild
auf sie einzuhauen, da gar viele umkamen. Jetzt drang er unter
fortwhrenden Kmpfen durch die Feinde hindurch und gelangte mitten unter
das vlaemische Heer. Er hob das Banner empor und rief:

Vlaenderen den Leeuw! Unser ist der Sieg! Heil! Heil!

Die Scharen antworteten durch ein lautes Jauchzen und schwangen als Zeichen
ihrer Freude die Waffen hoch in der Luft. Ihr Mut wuchs noch beim Anblick
dieses eroberten Feldzeichens.

Gui de Saint-Pol stand noch mit etwa zehntausend Fuknechten und einer
starken Reiterschar am Pottelberg. Schon hatte er die kostbarsten Gter im
Lager zusammenpacken lassen und wollte seine Leute durch die Flucht retten;
Peter Lebrun, einer der Ritter, die bei dem Kronbanner gefochten hatten,
war halb betubt vom Schlachtfeld zurckgekommen. Als er das sah, ging er
auf ihn zu und rief:

Wie, Saint-Pol! Knnt Ihr das wagen? Wollt Ihr wie ein Feigling den Tod
Roberts d'Artois und all unserer Brder ungercht lassen? Ich bitte Euch um
der Ehre Frankreichs willen, tut das nicht! Lat uns lieber sterben, um
dieser Schande zu entgehen! Fhrt Eure Scharen vorwrts in den Kampf,
vielleicht werdet Ihr noch mit Euren frischen Truppen den Sieg erringen.

Gui von Saint-Pol wollte nichts von Kmpfen hren; Furcht hatte ihn
bermannt, und er antwortete:

Herr Lebrun, ich wei, was ich zu tun habe. Ich werde das Gepck des
Heeres nicht rauben lassen; es ist besser, da ich die briggebliebenen
Leute nach Frankreich zurckbringe, als da ich sie nutzlos erschlagen
lasse.

Und so wollt Ihr alle, die noch mit dem Schwert in der Faust dastehen,
verlassen und dem Feinde ausliefern? Aber das wre gar verrterisch von
Euch! Sollte ich den heutigen Tag berleben, so werde ich Euch der
Treulosigkeit beim Knig beschuldigen.

Die Vorsicht gebietet mir den Rckzug, Herr Lebrun. Ich werde abziehen,
mgt Ihr auch sagen, was Ihr wollt; denn Euer Rat gibt Euch die Aufregung
ein, und Ihr seid gar zu sehr in Wut entbrannt.

Und Ihr seid gar zu sehr von Furcht ergriffen! Aber sei es denn, wenn Ihr
es durchaus wollt; um Euch zu zeigen, da ich noch vorsichtiger bin als
Ihr, werde ich mit einem Trupp den Rckzug decken. Ziehet denn ab, ich
werde den Feind aufhalten.

Er nahm zweitausend Fuknechte und fhrte sie auf das Schlachtfeld.

Inzwischen war die Zahl der kmpfenden Franzosen so zusammengeschmolzen,
da ihre Schlachtordnung an vielen Stellen durchbrochen war. Das erlaubte
den Vlaemen, sie von vorn und im Rcken anzugreifen.

Der goldene Ritter, der ob seiner riesigen Gestalt und der Gre seines
Pferdes das ganze Schlachtfeld bersehen konnte, bemerkte die Bewegung
Lebruns und durchschaute seine Absicht. Es war ihm klar, das Saint-Pol mit
dem Tro des Heeres entwischen wollte. Deshalb ritt er zu Gwijde heran und
setzte ihn von dem Vorhaben des Feindes in Kenntnis. Sofort wurden einige
Ritter hinter die Schlachtlinie gesandt, um den Anfhrern die ntigen
Befehle zu berbringen. Wenige Augenblicke spter setzten sich mehrere
Scharen in Bewegung und breiteten sich nach allen Richtungen hin ber das
Schlachtfeld aus. Jan Borluut zog mit seinen Gentern an den Stadtwllen
entlang und griff Lebrun von der Seite an; die Fleischer mit ihrem Obmann
Breydel schwenkten um das Kastell Nedermosschere herum und strmten das
franzsische Lager von hinten.

Die Scharen Saint-Pols waren dieses Angriffs nicht gewrtig. Sie waren
damit beschftigt, die kostbarsten Gter des Lagers zu sammeln, als sie die
Beile der Fleischer und mit ihnen den Tod ber ihren Huptern schweben
sahen. Das furchtbare Geschrei der angreifenden Vlaemen erschreckte sie so
sehr, da sie in Unordnung durcheinanderliefen und nach allen Seiten hin
ber die Felder entflohen; die Fleischer aber hieben gar furchtbar auf sie
ein. Gui de Saint-Pol, der auf einem guten Traber sa, entging der
Todesgefahr und entfloh so rasch als mglich, ohne sich mehr um seine Leute
zu bekmmern.

Das Lager war bald gesubert, und nach wenigen Minuten war nicht ein
einziger lebender Franzose mehr darin. Die Vlaemen eroberten alle die
goldenen und silbernen Gefe und noch unendlich viele andere Schtze, die
der Feind mitgebracht hatte.

Auf dem Schlachtfeld war der Kampf noch nicht beendet. Ein Haufe von etwa
tausend Reitern verteidigte sich noch; sie kmpften wie die Lwen, trotzdem
sie bereits ber und ber mit Wunden bedeckt waren. Darunter befanden sich
mehr als hundert edle Ritter, die diese Niederlage nicht berleben wollten
und mit rasender Wut auf die Vlaemen einhieben. Allmhlich wurden sie unter
die Wlle der Stadt, in die Bittermeersch[37], getrieben. Hier strzten die
Pferde in den Ronduitebach oder versanken an den Ufern. Die Ritter konnten
sich nicht mehr auf ihren Pferden halten; deshalb sprang einer nach dem
anderen aus dem Sattel, sie scharten sich wieder zu einem Kreise, kmpften
weiter zu Fu und schlugen noch gar manchen Vlaemen tot. Die Bittermeersch
war zu einem Blutsee geworden; die Kmpfenden standen bis ber die Knchel
im Blute. Kpfe, Arme, Beine, alles lag hier mit zerbrochenen Helmen und
Schwertern durcheinander.

    [37] Der Platz, der hier die Bittermeersch genannt wird,
    erhielt spter den Namen Blutmeersch, zum Andenken an das Blut,
    das hier vergossen wurde.

Einige Leliaerts, darunter Jan van Gistel und eine Anzahl Brabanter, sahen,
da an Entkommen nicht mehr zu denken war. Deshalb liefen sie mitten unter
die Vlaemen und riefen: Vlaenderen den Leeuw! Heil, Heil Flandern! Sie
glaubten sich hierdurch zu retten; aber gleich kam ein Weber auf Jan van
Gistel zugelaufen und versetzte ihm einen so furchtbaren Schlag auf den
Kopf, da sein Schdel zerschmettert wurde. Der Weber murmelte mit
unterdrckter Stimme:

Mein Vater hat Euch gesagt, da Ihr nicht auf dem Bette sterben wrdet,
Ihr Verrter!

Die anderen wurden an ihren Wappen erkannt und als Verrter niedergemacht
und durchbohrt.

Der junge Gwijde empfand Mitleid mit den noch verbliebenen Rittern, die
sich so mutig verteidigten, und rief ihnen zu, sie sollten sich gefangen
geben, damit ihr Leben erhalten bliebe. Da sie einsahen, da Mut und
Tapferkeit ihnen nichts mehr helfen konnten, ergaben sich die Ritter und
wurden entwaffnet. Sie wurden Jan Borluuts Obhut anvertraut.

Der vornehmste dieser edlen Kriegsgefangenen (im ganzen waren es etwa
sechzig) war ThibautII., nachmals Herzog von Lothringen; auch die brigen
waren von hoher Geburt und als tapfere Ritter berhmt.

Jetzt blieb kein einziger Feind mehr auf dem Schlachtfeld; aber nach allen
Richtungen sah man sie entfliehen. Die Vlaemen waren ganz verwundert, da
sie nichts mehr zu bekmpfen hatten, und glhten noch von Kampfbegier. So
liefen sie scharenweise durch die Felder, um die Fliehenden zu verfolgen;
beim St.Magdalenen-Hospital holten sie eine Abteilung von Saint-Pols
Leuten ein und erschlugen sie alle; etwas weiter fanden sie Willem van
Mosschere, den Leliaert, der sich mit einigen anderen aus dem Gefecht
entfernt hatte. Als er sich umringt sah, bat er um Gnade und gelobte,
Robrecht van Bethune als ein treuer Untertan zu dienen. Aber sie hrten ihn
nicht an, und die Beile der Fleischer raubten ihm Sprache und Leben.

So ging es den ganzen Tag fort, bis nicht ein einziger Franzose oder
franzsisch Gesinnter mehr zu finden war.




XXIV.


Obgleich eine starke Abteilung der vlaemischen Truppen den Feind
scharenweise in den Feldern verfolgte, blieben doch noch einige geordnete
Truppenteile auf dem Schlachtfeld zurck. Jan Borluut hatte seine Leute
haltmachen lassen, um dem Kriegsbrauch gem das Schlachtfeld bis zum
anderen Tage zu behaupten; nur wenige hatten in heftiger Leidenschaft auf
diesen Befehl nicht geachtet; die Abteilung, die er bei sich hatte, bestand
noch aus dreitausend Gentern; dazu kamen Leute von allen Waffengattungen,
die von Anstrengung oder Wunden ermattet waren, den Feind nicht verfolgen
konnten und deshalb auf dem Schlachtfeld geblieben waren. Jetzt, da der
Kampf gewonnen und die Fesseln des Vaterlands gebrochen waren, jauchzten
die Vlaemen mit inniger Freude:

Vlaenderen den Leeuw! Sieg! Sieg!

Alsbald antworteten die Yperner und Kortrijker von den Wllen der Stadt mit
noch lauterem Jubel. Auch sie konnten wohl Sieg rufen; denn whrend die
beiden Heere einander auf dem Groeninger Kouter bekmpften, war der
Kastellan van Lens mit hundert seiner Leute von dem Kastell in die Stadt
gedrungen und htte sie vielleicht ganz niedergebrannt. Aber die Yperner
hieben so unverzagt auf seine Schar ein, da die Franzosen nach langem
Kampf in Unordnung in das Kastell zurckflohen. Als van Lens seine Leute
zhlte, fand er, da nur der zehnte Teil der Wut der Feinde entgangen war.

Die meisten Anfhrer und Edeln hatten sich in das Lager begeben und um den
goldenen Ritter versammelt; sie drckten ihm alle ihre Dankbarkeit aus, er
aber antwortete nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Gwijde, der bei ihm
stand, wandte sich zu den Rittern und sprach:

Meine Herren, der Ritter, der uns alle und Flandern so wunderbar errettet
hat, ist ein Kreuzfahrer, der unbekannt zu bleiben wnscht: der edelste
Sohn Flanderns trgt seinen Namen.

Die Ritter sagten nichts, aber jeder bemhte sich, zu erraten, wer das wohl
sein mochte, der so edel, so tapfer und so stark war. Diejenigen, die bei
der Zusammenkunft in dem Gehlz bei Dale gewesen waren, wuten schon
lngst, wer es war, aber sie wagten nicht, ihre berzeugung zu verknden,
da sie feierlich gelobt hatten, das Geheimnis zu wahren. Unter den anderen
waren viele, die gar nicht daran zweifelten, da es der Graf von Flandern
selbst sein msse; allein sie schwiegen, weil Gwijde den Wunsch des
goldenen Ritters ausgesprochen hatte.

Robrecht hatte schon einige Zeit leise mit Gwijde gesprochen; da lie er
sein Auge ber die anwesenden Scharen schweifen und sagte endlich:

Ich sehe Adolf van Nieuwland nicht; sollte mein junger Freund unter dem
Schwerte der Feinde gefallen sein? O, das wrde mich ewig schmerzen. Und
wie wrde meine arme Machteld hei um ihren guten Bruder weinen!

Gefallen wird er nicht sein, Robrecht; mich dnkt, ich htte soeben noch
seine grne Feder zwischen den Bumen des Neerlander Busches gesehen. Gewi
jagt er nun den brigen Feinden nach; Ihr habt gesehen, mit welch
unbndiger Wut er sich stets mitten unter die Franzosen wagte. Frchtet
nichts, Gott hat ihn sicherlich nicht sterben lassen.

O Gwijde, ich wollte, Ihr sprchet die Wahrheit! Mein Herz bricht bei dem
Gedanken, da sich mein unglckliches Kind an einem so frohen Tage nicht
freuen sollte. Ich bitte Euch, mein Bruder, lat die Leute Borluuts das
Schlachtfeld absuchen, ob Adolf nicht zu finden ist. Ich gehe, um meine
kranke Machteld zu trsten. Die Gegenwart ihres Vaters mchte ihr zum
wenigsten einen frohen Augenblick geben.

Er grte die anwesenden Ritter mit der Hand und eilte nach der Abtei von
Groeningen. Gwijde befahl Jan Borluut, seine Leute ber das Schlachtfeld zu
schicken, um die Verwundeten unter den Leichen hervorzuziehen und in das
Lager zu bringen.

Als die Genter das Schlachtfeld betraten, blieben sie anfangs, entsetzt
ber den furchtbaren Anblick, stehen. Jetzt, da die Leidenschaft des
Kampfes in ihnen erloschen war, schweiften ihre Augen mit Schaudern ber
das ausgedehnte Blutfeld, darauf Tausende von Leichen, Pferden, Fahnen und
allerlei Waffen in wilder Verwirrung durcheinanderlagen. Hie und da sah man
einen Sterbenden den Arm bittend um Hilfe ausstrecken. Schrecklich tnten
ber das Schlachtfeld die Stimmen der Verwundeten, die da riefen:

Trinken, trinken... gebt uns um Gottes willen zu trinken!

Die Sonne brannte mit sengender Glut auf ihre offenen Wunden und qulte sie
mit unertrglichem Durst; ihre trockenen Lippen klebten aufeinander, und
nur mit Mhe konnten sie rchelnd die Todesklage hervorbringen. Die Luft
war von schwarzen Raben wie von einer Gewitterwolke erfllt; das Krchzen
dieser gefrigen Raubvgel hallte wie der Ruf des Todes ber das
Schlachtfeld und erfllte die Herzen der berlebenden mit dsterer
Beklemmung. Die kreischenden Vgel strzten sich auf die Leichen, und die
Verwundeten kmpften mit Angst gegen diese scheulichen Feinde und
erzitterten bei dem Gedanken, sie knnten eine Beute dieser Tiere werden,
sie sollten keine Ruhesttte nach dem Tode finden, keine geweihte Erde, um
bis zum Jngsten Tage darin zu schlafen!

Welch schreckliche Aussicht! Welch frchterlicher Gedanke!

Unzhlige Hunde hatte der Geruch des Blutes aus der Stadt gelockt; sie
liefen von einer Leiche zur anderen und heulten sich in furchtbaren Tnen
an. Zu alledem gesellte sich das dumpfe Wiehern oder vielmehr das Rcheln
der sterbenden Rosse und der jauchzende Siegesruf der Leute in der Stadt.

Sowie die Genter sich ber das Schlachtfeld hinbreiteten, stiegen die Raben
vor ihnen auf und flogen weiter auf Raub aus. Man untersuchte alle
Gefallenen, und die, deren Herz noch schlug, trug man in das Lager, um sie
in das Leben zurckzurufen. Eine groe Schar hatte in allen mglichen
Gefen frisches Wasser aus dem Gaverschen Bach geschpft, um die noch
Lebenden damit zu laben. Es war rhrend und ergreifend anzuschauen, wie
gierig die Verwundeten das khle Wasser einsogen, wie dankbar sie mit einer
Freudentrne diese Labung aus den Hnden ihrer Brder und Feinde
entgegennahmen. War man eben derart mit einem beschftigt, so reckten sich
in der Nhe flehend eine Menge Arme, und viele schwache Stimmen riefen:

O, gebt auch mir zu trinken-- nur einen einzigen Tropfen Wasser! Bei den
Leiden unseres Seligmachers, Brder, befeuchtet meine Lippen und errettet
mich vom Tode!

Die Genter hatten den Befehl erhalten, die vlaemischen Ritter, die sich
fnden, tot oder lebend in das Lager zu tragen. Sie hatten nun schon fast
die Hlfte des Schlachtfelds abgesucht. Die Leichen der edeln Herren
Salomon van Sevecote, Philipp van Hofstade, Eustachius Sporkijn, Jan van
Severen, Peter van Brgge waren bereits fortgetragen, und man war dabei,
dem verwundeten Jan van Mechelen den Harnisch loszuschnallen. Jetzt waren
sie zu der Stelle gekommen, wo der Kampf am hartnckigsten getobt hatte;
die Leichen lagen mit Blut bedeckt rings um sie her. Whrend sie noch damit
beschftigt waren, Herrn van Mechelen zu laben, hrten sie pltzlich ein
Sthnen, gleich als stieg es aus dem Boden auf; sie horchten, doch sie
sahen nichts, keine der Leichen ringsumher gab das geringste Lebenszeichen
von sich. Nach einiger Zeit wiederholte sich das Sthnen, und nun merkten
sie, da es etwas weiter abseits unter mehreren gefallenen Pferden
hervortnte. Nach langen Mhen hatten sie diese endlich beiseite geschafft
und fanden einen sterbenden Ritter.

Er lag ausgestreckt auf dem Rcken, ganz mit Blut bedeckt. Sein Harnisch
war von der Last eines darauf gefallenen Pferdes ganz eingedrckt. Mit der
rechten Hand hatte er noch das Schlachtschwert umfat, whrend er in der
linken einen grnen Schleier hielt; seine Wangen waren bleich und trugen
das Zeichen des nahenden Todes. Mit wirrem, mattem Blicke betrachtete er
die Leute, die zu seiner Rettung herbeikamen. Seine Wimper hatte nicht mehr
die Kraft, das brechende Auge vor der Sonne zu schtzen.

Jan Borluut erkannte den unglcklichen Adolf van Nieuwland.

In aller Eile wurden die Riemen seines Harnischs gelst, sein Haupt aus dem
Schlamm emporgehoben und seine Lippen mit erquickendem Wasser benetzt. Mit
ersterbender Stimme flsterte er einige unverstndliche Worte, und seine
Augen schlossen sich, als ob seine Seele aus dem wunden Leib entflohen sei.
Einige Augenblicke war er ganz ohne Bewutsein; dann kam er wieder zu sich,
doch er blieb uerst schwach. Er ergriff Jan Borluuts Hand und sprach so
langsam, da zwischen jedem Wort eine lange Pause war:

Ich sterbe, Ihr seht es, Herr Jan; meine Seele wird nicht lange mehr auf
Erden weilen. Aber-- beweint mich nicht. Ich sterbe froh,-- da das
Vaterland befreit ist...

Sein Atem war zu kurz, als da er lnger htte sprechen knnen; er lie
sein Haupt in den Arm Jan Borluuts sinken und fhrte den grnen Schleier
langsam an seine Lippen. Dann sank er wie tot an Jan Borluuts Brust. Sein
Herz schlug aber noch, und die Wrme des Lebens verlie ihn nicht. Der
Anfhrer der Genter lie den verwundeten Ritter mit aller nur erdenklichen
Vorsicht in das Lager bringen.

Machteld hatte sich mit Adolfs Schwester vor dem Gefecht in eine Zelle der
Abtei Groeningen zurckgezogen. Sicherlich war in diesem Augenblick niemand
in Flandern gengstigter als diese unglckliche Jungfrau. All ihre
Verwandten und ihr Freund Adolf waren im Kampfe. Von dieser Schlacht,
welche die Vlaemen gegen eine so berlegene Macht wagten, hing die Freiheit
ihres Vaters ab; diese Schlacht mute den Thron von Flandern
wiederherstellen oder fr immer vernichten. Wenn die Franzosen den Sieg
errangen, dann mute sie auf den Tod all derer, die ihr teuer waren, fr
sich selbst auf das furchtbarste Los gefat sein.

Sobald die Kriegstrompete ihre Tne ber das Schlachtfeld sandte,
erzitterten die beiden Frauen und erbleichten, als ob sie zur gleichen Zeit
ein tdlicher Schlag getroffen htte. In diesem bangen Augenblick
vermochten sie die Gefhle ihrer Seele nicht auszusprechen; sie waren
zugleich auf einen Betstuhl niedergesunken, hatten den Kopf darauf
gesttzt, und still flossen Trnen ber ihre Wangen. So knieten sie nun
dort in feurigem Gebet, ohne sich zu regen, als wren sie in tiefen Schlaf
versunken gewesen; von Zeit zu Zeit hrte man einen schwachen Seufzer, und
wenn das Tosen der Schlacht lauter anschwoll, dann schluchzte Maria:

O allmchtiger Gott, Herr der Heerscharen, erbarme dich unser! Steh uns
bei in der Not, o Herr!

Und Machtelds zarte Stimme erwiderte:

O ser Jesus, Seligmacher, schtze ihn! Und rufe ihn nicht zu dir, o
barmherziger Gott!

Heilige Mutter Gottes, bitte fr uns!

O Mutter Christi, Trsterin der Betrbten, bitte fr ihn!

Dann tnte das donnernde Kriegsgetse noch furchtbarer zu ihnen herber,
und ihre Hnde zitterten vor Angst wie Espenlaub; ihre Hupter beugten sich
tiefer, ihre Trnen flossen reichlicher, und ihr Gebet wurde wieder
unverstndlich; denn die Beklemmung raubte ihnen die Sprache.

Der Kampf dauerte lange, das furchtbare Geschrei der widereinander
anstrmenden Scharen schwebte fortwhrend ber der Abtei von Groeningen,
aber noch lnger dauerte das stille Gebet der Frauen; denn als der goldene
Ritter an die Pforte des Klosters klopfte, waren sie noch nicht vom
Betstuhl aufgestanden. Pltzlich vernahmen sie drhnende Mnnerschritte in
dem Gange, der zur Zelle fhrte. Sie wandten das Haupt, und whrend sie
starr auf die Tr blickten, erbebten beide in einem sen Vorgefhl des
Trostes.

Adolf kommt wieder! schluchzte Maria. O, unser Gebet ist erhrt worden.

Machteld lauschte sorglicher hin und antwortete niedergeschlagen:

Nein, nein, er ist es nicht, sein Schritt ist nicht so schwer. O, Maria,
vielleicht ein Unglcksbote!

In diesem Augenblick hrte man die Tr der Zelle in ihren Angeln knarren;
eine Nonne ffnete sie und lie den goldenen Ritter hinein. Die zarte
Gestalt Machtelds erstarrte, ihre Augen hefteten sich zweifelnd auf den
Krieger, der mit offenen Armen vor ihr stand, um sie zu empfangen. Erst
schien es ihr, als ob ein falscher Traum sie narrte; aber dies Gefhl war
flchtiger denn der Blitz, und ungestm warf sie sich jauchzend an die
Brust des goldenen Ritters.

Mein Vater, rief sie, o mein teurer Vater! Ich sehe Euch wieder, frei,
ohne Ketten! Lat mich Euch in meine Arme schlieen! O Gott, wie gtig bist
du! Entzieht mir Eure Wange nicht, lieber Vater; lat mich die Freude, die
ich empfinde, ausdrcken.

Robrecht van Bethune umarmte seine zrtliche Tochter voller Entzcken; er
hielt sie an seine Brust gepret, bis ihre Aufregung ein wenig nachgelassen
hatte, und legte dann den Helm und seine eisernen Handschuhe auf den
Betstuhl. Von der Anstrengung des Tages ermattet, zog er einen Sessel
herbei und lie sich darin nieder. Machteld umschlang seinen Hals mit
beiden Armen; dann betrachtete sie mit Bewunderung und Ehrerbietung den
Mann, dessen Zge sie mit so viel Glck erfllten, und der sie so zrtlich,
so innig liebte. Mit klopfendem Herzen lauschte sie den sen Worten, die
seine geliebte Stimme ihr zuflsterte.

Machteld, sprach er, mein edles Kind, der Herr hat uns lange geprft;
aber nun ist all unser Leid zu Ende. Flandern ist frei, das Vaterland ist
gercht, der schwarze Lwe hat alle Lilien zerrissen, und alle Fremden sind
erschlagen. Frchte nun nichts mehr, die bsen Sldner, die Johanna von
Navarra ausgeschickt hat, sind tot.

Machteld horchte mit ngstlicher Begierde den Worten ihres Vaters; sie
blickte trumerisch in seine Augen und lchelte mit gar seltsamem Ausdruck.
Sie war so von Freude erfllt, da sie dasa, als ob sie jeglichen Gefhls
beraubt wre. Nach einigen Augenblicken merkte sie, da ihr Vater nicht
mehr sprach, und rief:

O Herr, das Vaterland ist frei! Die Franzosen sind geschlagen! Und Euch,
meinen Vater, Euch habe ich wieder! Dann wollen wir in unser schnes
Wijnendaal zurckkehren, kein Kummer wird Eure alten Tage mehr verbittern,
und ich werde mein Leben froh und glcklich in Euern Armen verbringen!
Solches Glck konnte ich nicht erwarten, soviel wagte ich nicht von Gott in
meinen Gebeten zu verlangen!

Hre, mein Kind, und werde nicht niedergeschlagen, ich bitte Dich: heute
noch mu ich Dich wieder verlassen. Der edelmtige Krieger, der mich
diesmal noch aus meinen Banden freilie, empfing mein Ehrenwort, da ich
zurckkehren wrde, sobald die Schlacht geliefert wre.

Tieftrauernd lie die Jungfrau bei diesen Worten ihr Haupt auf die Brust
sinken und schluchzte.

Sie werden Euch ermorden, unglcklicher Vater!

Sei doch nicht so furchtsam, Machteld, erwiderte Robrecht, mein Bruder
Gwijde hat sechzig franzsische Ritter von edelm Blute gefangengenommen;
man wird Philipp dem Schnen kundtun, da ihr Leben fr das meine als Pfand
dient, und er darf die briggebliebenen Helden seiner Rachsucht nicht
opfern. Ich habe nichts mehr zu befrchten, Flandern ist mchtiger denn
Frankreich. Deshalb bitte ich Dich, weine nicht. Sei froh, unser harrt die
schnste Zukunft! Ich werde Wijnendaal wiederherstellen lassen: es soll uns
alle empfangen. Dann werden wir wieder zusammen auf die Falkenjagd gehen;
denke Dir, wie frhlich unser erster Jagdzug sein wird!

Ein Lcheln unaussprechlicher Freude und ein herzlicher Ku waren Machtelds
Antwort. Aber pltzlich schien sich ein qulender Gedanke in ihrem Geist zu
regen, ihre Zge wurden traurig, und schweigend blickte sie zu Boden, wie
jemand, der von Scham ergriffen ist.

Robrecht warf einen forschenden Blick auf seine Tochter und fragte sie:

Machteld, mein Kind, warum wirst Du pltzlich so traurig?

Die Jungfrau erhob nur halb ihr Haupt und antwortete mit leiser Stimme:

Aber, mein lieber Vater, Ihr sprecht ja gar nicht von Adolf, weshalb kommt
er nicht mit Euch?

Es dauerte einen Augenblick, ehe Robrecht ihre Frage beantwortete; er
glaubte, in Machteld ein Gefhl entdeckt zu haben, das, vielleicht ihr
selbst noch unbewut, in ihrem Herzen verborgen ruhte. Nicht ohne Absicht
sprach er daher folgende Worte:

Ihn halten noch einige Geschfte zurck, mein Kind; noch immer ziehen
zersprengte Feinde im Feld umher; die verfolgt er gewi. Machteld, ich kann
Dir sagen, da unser Freund Adolf der edelste und mutigste Ritter ist, den
ich kenne; noch nie sah ich bei jemandem ein so mnnliches Verhalten.
Zweimal hat er meinem Bruder Gwijde das Leben gerettet, bis unter das
Kronbanner Frankreichs fielen die Feinde haufenweise unter seinem Schwert;
alle Ritter rhmten seine Tapferkeit und gestanden, da ihm ein groer Teil
an der Befreiung Flanderns zukommt.

Whrend Robrecht also sprach, hielt er die Augen auf seine Tochter geheftet
und folgte jeder Regung, die sich in ihren Zgen aussprach. Er sah darin
Freude und Stolz sich ablsen und zweifelte nicht mehr an der Richtigkeit
seiner Ahnung.

Maria stand begeistert vor Robrecht; sie lauschte mit Rhrung dem Lobe auf
ihren Bruder.

Whrend die junge Machteld ihren Vater in grter Erregung anblickte,
vernahm man lautes Stimmengewirr an der Pforte des Klosters; das dauerte
nur wenige Augenblicke, dann wurde alles wieder still. Bald ffnete sich
die Tr der Zelle, und Gwijde, Robrechts Bruder, trat langsam, mit
bedrckter Miene herein; er nahte ihnen und sprach:

Ein groes Unglck, mein Bruder, trifft uns heute in einem Manne, der uns
allen teuer ist. Die Genter haben ihn auf dem Schlachtfeld unter den Toten
gefunden und hierher in das Kloster gebracht; seine Seele schwebt auf
seinen Lippen, und vielleicht ist seine Sterbestunde nahe. Er wnscht Euch
noch zu sehen, ehe er von der Welt scheidet; deshalb bitte ich Euch, ihm
diese letzte Gunst zu erzeigen.

Dann wandte er sich zu Adolfs Schwester und fgte hinzu:

Euch lt er gleichfalls bitten, edle Dame.

Ein schmerzlicher Schrei entfloh dem Munde der beiden Frauen.

Machteld fiel ohnmchtig in die Arme ihres Vaters, und Maria eilte, ohne
weiter auf etwas hren zu wollen, mit herzzerreienden Weherufen zur Tr
und verlie die Zelle. Auf diesen Lrm hin kamen zwei Nonnen herbei und
empfingen die ohnmchtige Machteld aus den Armen des Ritters; der kte
seine Tochter noch einmal und wollte gehen, um den sterbenden Adolf zu
besuchen. Aber die Jungfrau ffnete die Augen, und als sie die Absicht
ihres Vaters merkte, ri sie sich aus den Hnden der Nonnen los,
umklammerte Robrecht und rief:

Lat mich mit Euch gehen, Vater, da er mich noch einmal sieht. Wehe mir,
welch tiefer Schmerz zerreit mein Herz! Mein Vater, ich sterbe mit ihm--
schon fhle ich den Tod in mir-- ich will ihn sehen: eilt, kommt, o kommt
rasch!-- Er stirbt-- Adolf!

Robrecht betrachtete seine Tochter voll Mitleid. Jetzt blieb ihm kein
Zweifel mehr ber das Gefhl, das im geheimen im Herzen seiner Tochter
Wurzel gefat hatte. Diese Gewiheit machte ihn aber weder bestrzt noch
mimutig. Da es ihm nicht mglich war, seine Tochter durch Worte zu
trsten, so drckte er sie fest an sein Herz. Doch Machteld entwand sich
bald den zrtlichen Banden; sie zog Robrecht bei der Hand fort und rief:

O, Vater, erbarmt Euch meiner! Kommt, da ich noch einmal die Stimme
meines guten Bruders hre, da seine Augen mich noch einmal in diesem Leben
anblicken!

Sie kniete vor ihm nieder, und whrend Trnen aus ihren Augen strmten,
fuhr sie fort:

Ich bitte Euch, miachtet mein Flehen nicht. Erhrt mich, Vater!

Robrecht htte am liebsten seine Tochter bei den Nonnen gelassen, denn er
frchtete, da der Anblick des sterbenden Ritters sie zu sehr ergreifen
wrde. Doch den dringenden Bitten Machtelds konnte er nicht lnger
widerstehen; er nahm sie bei der Hand und sprach:

Wohlan, meine Tochter, geh mit mir und besuche den armen Adolf. Aber,
bitte, betrbe mich nicht zu sehr durch Deine Verzweiflung; bedenke, da
Gott uns heute so groe Gnaden erwiesen hat, und da er ob Deiner
Verzweiflung zrnen knnte. Als er diese Worte sprach, waren sie bereits
im Gange vor der Zelle.

Man hatte Adolf in den groen Speisesaal des Klosters gebracht, ein
Federbett auf der Erde hingebreitet und ihn daraufgelegt. Ein Priester, der
in der Heilkunde wohlerfahren war, hatte seinen Krper ganz genau
untersucht und keine offene Wunde an ihm gefunden; lange blaue Striemen
kennzeichneten die empfangenen Schlge auf seiner Haut, und unter den
schweren Quetschungen war das Blut zusammengelaufen und geronnen. Nach
einem Aderla wurde er gewaschen und mit krftigem Balsam gerieben. Durch
die sachverstndige Behandlung des Priesters war er schon ein wenig
gekrftigt, doch schien er noch immer seinem Ende nahe, obgleich seine
Augen nicht mehr so trbe und glasig waren. Rund um das Bett standen gar
viele Ritter, die stumm um ihren Freund trauerten. Jan van Renesse, Arnold
van Oudenaarde und Peter De Coninck leisteten dem Priester hilfreiche Hand,
Wilhelm von Jlich, Jan Borluut und Balduin van Papenrode befanden sich zur
Linken, whrend der junge Gwijde mit Jan Breydel und den anderen
vornehmsten Rittern gebeugten Hauptes am Fuende standen.

Breydel war grlich anzuschauen. Seine Hnde waren in vielen Stellen
geritzt, und ein blutiges Tuch bedeckte die Hlfte seines Hauptes. Seine
Arme und Kleider waren zerrissen und das stumpf gewordene Beil hing an
seiner Seite. Die anderen Ritter hatten gleichfalls das eine oder andere
Glied mit Tchern umwickelt, und eines jeden Rstung zeigte furchtbare
Beulen und war schrecklich zerhackt.

Maria kniete weinend neben ihrem Bruder. Sie hatte seine Hand ergriffen und
benetzte sie mit ihren Trnen, whrend Adolf sein mattes Auge auf sie
heftete.

Sobald Robrecht mit seiner Tochter den Saal betrat, packte alle Ritter
Staunen und Bewunderung: der Held, der ihnen in der Not so wunderbar zu
Hilfe gekommen war, war der Lwe von Flandern, ihr Graf! Sie beugten alle
mit der grten Ehrerbietung ein Knie zur Erde und sprachen:

Ehre sei dem Lwen, unserem Herrn!

Robrecht lie seine Tochter los, hob die Herren Jan Borluut und van Renesse
auf und kte beide auf die Wangen. Dann gab er den brigen ein Zeichen,
sich zu erheben, und sprach:

Meine treuen Untertanen, meine Freunde! Ihr habt mir heute bewiesen, wie
mchtig ein Heldenvolk ist. Jetzt trage ich die Krone meines kleinen
Reiches mit mehr Hochgefhl als Philipp der Schne die von Frankreich; denn
auf euch kann ich mit Recht stolz sein.

Dann ging er zu Adolf, ergriff seine Hand und betrachtete ihn lange; in
beiden Augen des Lwen von Flandern glnzten helle Trnen, die allmhlich
schwerer wurden, sich schlielich losrissen und wie Perlen blinkend zu
Boden fielen. Machteld lag schon neben Adolfs Haupt auf den Knien. Sie
hatte den grnen Schleier, der jetzt beschmutzt und blutig war, an sich
genommen und benetzte mit ihren Trnen dieses Zeichen ihrer Zuneigung und
seiner Aufopferung. Sie sprach kein Wort, sah auch Adolf nicht an; denn sie
hielt ihre beiden Hnde vor das Gesicht und schluchzte in tiefer Betrbnis,
ohne sich zu rhren.

Der Priester blickte gleichfalls bewegungslos auf den leidenden Ritter. Ihm
schien es, als vollzge sich eine wunderbare Vernderung in seinen Zgen,
als strmte wieder mehr Leben in ihn ber. Und wirklich, seine Augen
erhielten mehr Glanz, und sein Gesicht verlor die Anzeichen des nahenden
Todes. Bald richtete er einen Blick voll Liebe auf Robrecht und sprach
langsam und mit Anstrengung:

O, mein Herr und Graf, Eure Gegenwart ist mir ein ser Trost. Nun kann
ich sterben; das Vaterland ist frei! Ihr werdet den Thron in
friedensreichen Tagen besitzen... Ich verlasse freudig die Welt, jetzt, da
die Zukunft Euch und Eurer edeln Tochter dauerndes Glck verheit. O,
glaubt mir in meiner Todesstunde! Euer Unglck war fr mich, Euren
unwrdigen Diener, ergreifender als fr Euch selbst. So manchmal habe ich
in stillen Nchten mein Lager mit Trnen benetzt, wenn ich der traurigen
Lage der edlen Machteld und Eurer Gefangenschaft gedachte...

Dann wandte er das Haupt ein wenig zu Machteld, und ihre Trnen flossen
noch reichlicher, als er also sprach:

Weinet nicht, edle Jungfrau, ich verdiene dieses liebevolle Mitleid nicht.
Es gibt noch ein anderes Leben; dort werde ich meine gute Schwester
wiedersehen! Bleibet auf Erden, um im Alter Eurem Vater eine Sttze zu
sein, und denkt zuweilen in Euren Gebeten an den guten Bruder, der Euch
verlassen muߠ...

Hier brach er pltzlich ab und schaute wie verwundert um sich.

Aber, mein Gott, sprach er und sah den Priester fragend an, was ist das?
Ich fhle neue Kraft, das Blut kreist freier durch meine Adern.

Machteld erhob sich und betrachtete ihn mit ngstlicher Erwartung.

Alle blickten gespannt auf den Priester. Der hatte inzwischen den Kranken
mit scharfem Blicke gemustert und alle Eindrcke, welche auf ihn gewirkt
hatten, geprft. Er ergriff Adolfs Hand und fhlte ihm den Puls, whrend
alle Umstehenden angstvoll seinen Bewegungen folgten; sie schlossen aus den
Mienen des Priesters, da noch nicht jede Hoffnung dahin war, den Leidenden
am Leben zu erhalten.

Der Geistliche setzte schweigend seine Untersuchung fort. Er hob die
Augenlider des Kranken auf und betrachtete sie, er ffnete ihm den Mund und
lie die Hand ber seine bloe Brust gleiten. Dann wandte er sich zu den
umstehenden Rittern und sprach im Tone der tiefsten berzeugung:

Ich sage euch, meine Herren, das Fieber, das diesem jungen Ritter den Tod
bringen mute, ist vorber-- er wird nicht sterben.

Alle wurden so von ihrem Gefhl bermannt, als htten die Lippen des
Priesters ein Todesurteil ausgesprochen. Aber bald vermochten sie, ihrer
Freude durch Worte und Gebrden Ausdruck zu verleihen.

Maria hatte die Verkndigung des Priesters mit einem lauten Schrei
beantwortet und ihren Bruder in grter Aufregung umarmt. Machteld fiel auf
die Knie nieder, erhob ihre Hnde und rief mit lauter Stimme:

Ich danke Dir, Du gtiger, Du barmherziger Gott, da Du das Gebet Deiner
demtigen Dienerin erhrt hast!

Nach dieser kurzen Danksagung sprang sie auf und warf sich voll
grenzenloser Freude in die Arme ihres Vaters. Er bleibt am Leben! Er wird
nicht sterben! rief sie. O, jetzt bin ich so glcklich! und einen
Augenblick ruhte sie ermattet an Robrechts Brust. Aber ebenso rasch kehrte
sie zu Adolf zurck und gab ihrem Entzcken ihm gegenber Ausdruck.

Was allen wie ein Wunder erschien, war nur eine Folge von Adolfs Zustand.
Er hatte weder offene noch tiefe Wunden empfangen, sondern viele
Quetschungen; die Schmerzen, die er infolgedessen litt, hatten ein
gefhrliches Fieber hervorgerufen, das ihm den Tod htte bringen knnen.
Aber Machtelds Gegenwart, die seiner Seele Krfte verdoppelte,
verscheuchte das tdliche Fieber, und so entrann er dem Grabe, das schon
den Rachen nach ihm aufsperrte.

Robrecht van Bethune lie seine Tochter, die vor Freude ganz auer sich
war, neben Adolf niedersitzen, trat zu den Rittern und redete sie
folgendermaen an:

Ihr edeln Mnner von Flandern habt heute einen Sieg errungen, der als ein
Beweis eurer groen Tapferkeit auf eure Kinder und Kindeskinder bergehen
wird; ihr habt der ganzen Welt gezeigt, wie es dem Fremden ergeht, der den
Fu auf unseres Vaterlandes Boden zu setzen wagt. Die Liebe zum Vaterland
hat in euren Heldenseelen unerhrten Mut entflammt und, durch gerechte
Rache gesthlt, haben eure Arme die Tyrannen erschlagen. Die Freiheit ist
einem Volke, das sie mit seinem Blute besiegelt hat, teuer; fortan kann
kein Frst des Westens mehr die Vlaemen auch nur fr einen Augenblick zu
Sklaven machen; denn ihr alle wrdet lieber sterben, ehe ihr das duldetet.
Doch das brauchen wir ja auch nicht mehr zu befrchten. Flandern hat sich
heute ber alle Vlker erhoben, und ihr edeln Mnner seid es, denen das
Vaterland diesen Ruhm verdankt. Jetzt wnschen wir, da Friede und Ruhe
unsere Untertanen fr ihre Treue belohnt; es wird uns glcklich machen, von
allen mit dem Namen Vater begrt zu werden, wenn wir uns durch unsere
frsorgliche Liebe und das unaufhrliche Bestreben, sie glcklich zu
machen, diesen Namen verdienen knnen. Sollte es dennoch wieder geschehen,
da die Franzosen zurckzukommen wagten, so wrden wir _noch_ der Lwe von
Flandern sein, und unser Hammer wrde euch nochmals zum Kampfe fhren. Wir
bitten euch, ihr Herren, snftigt die Gemter, sobald ihr in eure Lehen
zurckgekehrt seid, bringt alles zur Ruhe, damit der Sieg nicht durch
Aufruhr befleckt werde, und leidet vor allem nicht, da das Volk die
Verfolgungen wider die Leliaerts nochmals aufnimmt. Es ist unsere Sache,
ber sie zu Gericht zu sitzen. Wir mssen euch nun verlassen. Whrend
unseres Fernseins werdet ihr unserem Bruder Gwijde als eurem Herrn und
Grafen Gehorsam leisten.

Uns verlassen! rief Jan Borluut unglubig. Ihr kehrt nach Frankreich
zurck? Tut es nicht, edler Graf, sie werden ihre Niederlage an Euch
rchen.

Meine Herren, unterbrach ihn Robrecht, ich frage euch, wer unter euch
mchte aus Furcht vor dem Tode sein Ehrenwort und seine Rittertreue
brechen?

Alle beugten das Haupt, und keiner sprach ein Wort; voll Schmerz sahen sie
ein, da nichts ihren Grafen zurckhalten konnte. Der fuhr fort:

Meister De Coninck, Eure Weisheit hat uns groen Nutzen gebracht und soll
es auch ferner tun; wir berufen Euch in unseren Rat und wnschen, da Ihr
bei uns an unserem grflichen Hofe verbleibt. Herr Breydel, Eure Tapferkeit
und Eure Treue verdienen groen Lohn; seid von jetzt an fr immerdar
Oberbefehlshaber all Eurer Stadtgenossen, die uns mit den Waffen dienen
knnen; wir wissen, wie ehrenvoll Ihr dieses Amt ausben knnt. Zudem sollt
auch Ihr zu unserem Hofe gehren und dorten wohnen knnen, wenn es Euch
beliebt.

Und Ihr, mein Freund Adolf, Ihr verdient noch greren Lohn. Wir alle
waren Zeugen Eures furchtlosen Mutes; Ihr habt Euch des edeln Namens Eurer
Vorfahren wrdig gezeigt. Ich habe Eure Aufopferung nicht vergessen. Ich
wei, mit welcher Sorge, mit welcher Liebe Ihr mein unglckliches Kind
beschtzt und getrstet habt; ich wei, welch reines, welch inniges Gefhl
in euer beider Herzen, still und euch selbst unbewut, lodert. Wohlan, ich
will Euch an Edelmut gleichkommen; die durchlauchtige Familie des Grafen
von Flandern vereinige sich mit der der Edelherren van Nieuwland; der
schwarze Lwe glnze auf Eurem Schilde. Ich gebe Euch mein teures Kind,
meine Machteld, zum Weibe!

Machtelds Brust entfloh nur ein Laut, der Name Adolfs; aber sie ergriff
bewegt seine Hand, zitterte heftig und sah ihm tief in die Augen; dann
strmten ihre Trnen reichlicher; doch jetzt waren sie durch reinste Freude
hervorgelockt. Der junge Ritter sprach gleichfalls kein Wort, sein Glck
war zu innig, zu gro, als da er es htte ausdrcken knnen. Er hob nur
seine glnzenden Augen voll Liebe zu Machteld empor, voll Erkenntlichkeit
zu Robrecht und voll Dankbarkeit zu Gott.

Seit einiger Zeit war lautes Tosen bei dem ueren Tor der Abtei
vernehmlich geworden. Es klang, als ob sich ein Volksauflauf
zusammenrottete. Dies Getse nahm stndig mehr und mehr zu und wuchs
bisweilen zu lautem Jauchzen an. Jetzt kam eine Nonne herein und teilte
mit, da eine groe Volksmenge vor dem Tor stehe und unaufhrlich verlange,
den goldenen Ritter zu sehen. Nun, da die Tr des Saales offen stand, war
der Jubelruf Vlaenderen den Leeuw! Heil unserem Befreier, Heil, Heil! bei
den Rittern deutlicher zu verstehen.

Robrecht wandte sich zu der Nonne und sprach:

Wollet ihnen sagen, da der goldene Ritter, nach dem sie rufen, in wenigen
Augenblicken zu ihnen kommen werde.

Dann trat er zu dem kranken Ritter, ergriff seine noch schwache Hand und
sprach:

Adolf van Nieuwland, meine teure Machteld wird nun Eure eheliche Gemahlin.
Der Segen des Allmchtigen komme ber eure Hupter und verleihe euren
Kindern die Tapferkeit ihres Vaters, die Tugenden ihrer Mutter. Ihr habt
mehr verdient; aber es steht nicht in meiner Macht, Euch ein kostbareres
Geschenk zu geben, denn das Kind, das der Trost und die Sttze meiner alten
Tage werden sollte.

Whrend Adolf von Danksagungen berflo, schritt Robrecht eilig auf Gwijde
zu.

Lieber Bruder, sprach er, ich will, da diese Hochzeit so bald als
mglich mit Pracht gefeiert und durch den Segen der Kirche bekrftigt wird;
das ist mein inniger Wunsch. Meine Herren, ich verlasse euch jetzt in der
Hoffnung, bald frei und ungehindert fr das Glck meiner treuen Untertanen
wirken zu knnen. Ich ersuche euch alle, das Geheimnis von dem wahren Namen
des goldenen Ritters aufs sorglichste zu wahren; mein Bruder Gwijde wird
den Leuten der Abtei dies gleichfalls befehlen.

Nach diesen Worten trat er zu Adolf und kte ihn auf die Wange.

Lebe wohl, mein Sohn, sagte er.

Und seine Machteld ans Herz drckend:

Lebe wohl, geliebte Machteld. Weine nun nicht mehr ber mich; ich bin
glcklich, da das Vaterland gercht ist, und ich werde nun bald zurck
sein.

Dann umarmte er noch seinen Bruder Gwijde, Wilhelm von Jlich und seine
anderen Freunde, drckte allen bewegt die Hand und rief:

Lebt wohl, lebt wohl, ihr alle, edle Shne von Flandern, treue
Waffenbrder!

Auf dem Vorhof legte er seine Rstung an, stieg zu Pferde, lie das Visier
seines Helmes fallen und ritt zum Tor hinaus. Eine unbersehbare Volksmenge
hatte sich davor versammelt; sobald sie des goldenen Ritters ansichtig
wurde, teilte sie sich in zwei Reihen, um ihn durchzulassen, und begrte
ihn mit jauchzenden Zurufen.

Wohl hundertmal schallte immer wieder der Ruf: Heil dem goldenen Ritter!
Sieg! Sieg! Unser Befreier! Sie winkten mit den Hnden, um ihre Freude
auszudrcken, und rafften die Erde aus den Hufspuren seines Pferdes wie ein
Heiligtum auf. Ihnen schien, da der heilige Georg, den man whrend des
Kampfes in allen Kirchen von Kortrijk angerufen hatte, ihnen in dieser
Gestalt zu Hilfe gekommen war. Da der Ritter so langsam und schweigsam
dahinritt, festigte sie noch in dieser Meinung, und manche fielen, whrend
er vorbeiritt, ehrfurchtsvoll auf ihre Knie nieder. Lange folgten sie ihm
nach und schienen sich an seinem Anblick nicht sttigen zu knnen; denn je
lnger es dauerte, um so wundersamer erschien ihnen der goldene Ritter.
Ihre Einbildung lieh ihm eine Gestalt, wie sie sich die Heiligen
vorstellten.

Endlich gab er seinem Pferde den Sporn und verschwand wie ein Pfeil
zwischen den Bumen des Waldes. Das Volk versuchte, seines goldenen
Harnisches noch zwischen dem Laube gewahr zu werden, aber vergebens; das
Ro hatte seinen Herrn bereits weit aus dem Bereich ihrer Augen entfhrt.
Da sahen sie denn einander an und sprachen traurig:

Er ist in sein himmlisches Vaterhaus zurckgekehrt!




Geschichtliche Darstellung

bis zur Befreiung Robrechts van Bethune, des dreiundzwanzigsten Grafen von
Flandern.


Von den sechzigtausend Mann, die von Philipp dem Schnen ausgesandt waren,
um Flandern zu verwsten, entkamen nur etwa siebentausend, die in aller
Eile auf verschiedenen Wegen den franzsischen Boden zu erreichen suchten.
Gui von Saint-Pol hatte bei Rijssel fnftausend von ihnen gesammelt und
glaubte, mit ihnen nach Frankreich zu gelangen, wurde aber von einem Teile
des vlaemischen Heeres angegriffen und in blutiger Schlacht besiegt; fast
alle seine Leute fanden daselbst den Tod, der sie in den frheren Kmpfen
verschont hatte. Die excellente Cronike sagt uns, wie viele Franzosen in
ihr Vaterland zurckgekehrt sind: >Und derer, die entkamen, waren wohl
dreitausend Mann, der Rest des ganzen groen Heeres, das da versammelt
gewesen war zum Untergang Flanderns; sie konnten die Mre berbringen von
ihren Abenteuern, die so traurig waren.<

Die ausgezeichnetsten Edlen, die tapfersten Ritter blieben vor Kortrijk;
ihre Zahl war so gro, da, wie die Geschichte erzhlt, kein Schlo, keine
Herrschaft in Frankreich war, da man nicht Trauer anlegte; berall flossen
Trnen ber den Tod eines Ehegemahls, eines Vaters oder Bruders, und das
ganze Land hallte von Klagen wider. Die vlaemischen Feldherren trugen Sorge
dafr, das die gefallenen Knige und die vornehmsten Lehnsherren in der
Abtei von Groeningen begraben wurden, wie das ein Gemlde kndet, welches
sich noch in der St.-Michaeliskirche zu Kortrijk befindet.

Auer den goldenen Gefen, kostbaren Stoffen und reichen Waffen fand man
auf dem Schlachtfeld siebenhundert vergoldete Sporen; die wurden mit den
eroberten Standarten am Gewlbe der Frauenkirche zu Kortrijk aufgehngt,
und danach wurde dieser Kampf auch die >Schlacht der goldenen Sporen<
genannt. Auch einige tausend Pferde fielen in die Hnde der Vlaemen, die in
den folgenden Kmpfen groen Vorteil davon hatten. Vor dem Genter Tor,
unweit von Kortrijk, hat man 1831 mitten auf dem ehemaligen Schlachtfeld
eine Kapelle zu Ehren Unserer lieben Frau von Groeningen erbaut. Auf dem
Altar sind die Namen der gefallenen franzsischen Feldherren zu lesen, und
einer der goldenen Sporen hngt in der Mitte des Gewlbes. In Kortrijk wird
dieser frohe Tag jedes Jahr durch ein ffentliches Volksfest gefeiert.
Daran schliet sich ein Jahrmarkt, den man Vergaderdag (Versammlungstag)
nennt. Jedes Jahr im Monat Juli ziehen die armen Leute von Haus zu Haus und
erbetteln alte Kleider, um sie zu verkaufen, so wie man es im Jahre 1302
mit der reichen Beute getan hat; von einem Geiger begleitet, ziehen sie
dann zum Potterberg, dem alten Lagerplatz der Franzosen, und erlustigen
sich bis zur Tagesneige.

Die Nachricht von der Niederlage des Heeres versetzte den franzsischen Hof
in tiefe Trauer; Philipp der Schne entbrannte in Wut wider seine Gemahlin
Johanna, deren Bosheit an diesem Unheil schuld war. Er machte ihr das mit
bitteren Worten zum Vorwurf, so wie es uns Lodewijk van Velthem, ein
Dichter, der in jener Zeit lebte und damals seine Reimchronik schrieb,
erzhlt.--

Der Magistrat von Gent, dem nur Leliaerts angehrten, vermeinte, Philipp
der Schne werde eiligst ein neues Heer nach Flandern senden. Deshalb
wollte er die Tore nicht ffnen, um die Stadt so lange als mglich den
Franzosen zu erhalten. Doch er wurde bald von den Gentern selbst fr diese
verrterische Absicht bestraft. Das Volk griff zu den Waffen, der Magistrat
und alle Leliaerts wurden ermordet. Die vornehmsten Brger berbrachten dem
jungen Gwijde die Schlssel der Stadt und gelobten ihm ewige Treue.
Inzwischen kam Johann, Graf von Namur, der Bruder Robrechts van Bethune,
nach Flandern und bernahm die Regierung; er sammelte schnell ein neues,
noch mchtigeres Heer, um den Franzosen widerstehen zu knnen. Ohne seinen
Scharen lange Ruhe zu gnnen, zog er nach Rijssel, das sich nach einigen
Strmen ergab; von dort eilte er nach Douai, nahm auch diese Stadt ein und
machte die Besatzung kriegsgefangen; die Stadt Kassel ergab sich ebenfalls.
Nachdem er den Franzosen noch einige andere feste Pltze abgenommen hatte
und sah, da keine neuen Feinde aus Frankreich heranrckten, sandte Johann
von Namur den grten Teil seines Heeres nach Hause und behielt nur einige
erlesene Scharen erfahrener Krieger.

Das Land war nun ruhig, und der Handel begann von neuem zu blhen; die
verwsteten cker wurden wieder best, und es schien, als htte Flandern
neues Leben, neue Kraft bekommen. Man glaubte nicht ohne Grund, da sich
Frankreich nun die Lehre zu Herzen nehmen wrde.

Philipp der Schne hatte in der Tat keine Lust mehr, den Krieg von neuem zu
beginnen; aber der Racheschrei, der sich in allen Teilen Frankreichs erhob,
die Klagen der Ritter, deren Brder vor Kortrijk gefallen waren, und vor
allem die Hetzerei der rachschtigen Knigin Johanna trieben ihn
schlielich doch wieder zum Kriege. So versammelte er denn ein Heer von
achtzigtausend Mann, darunter sich fast zwanzigtausend Reiter befanden;
dennoch kam es bei weitem dem ersten an Wert nicht gleich, welches er
verloren hatte. Denn es bestand zumeist aus Mietlingen oder zum Dienste
gezwungenen Soldaten. Der Oberbefehl wurde Knig Ludwig von Navarra
bertragen; der sollte, ehe er eine Schlacht lieferte, Douai und die
anderen franzsischen Grenzfestungen den Hnden der Vlaemen entreien. Als
dies Heer nach Flandern kam, schlug es zwei Stunden von Douai bei Vitry
sein Lager auf.

Sobald man in Flandern vernahm, da ein neues franzsisches Heer gesammelt
worden war, lief durch das ganze Land der Ruf: Zu den Waffen! Zu den
Waffen! Noch nie sah man hnliche Begeisterung; aus allen Stdten, aus den
kleinsten Drfern kamen groe Haufen Volkes mit allerart Waffen
herbeigeeilt. Singend und jubelnd ging es dem Feinde entgegen, und Johann
von Namur mute viele zurcksenden aus Furcht, da es an Lebensmitteln
fehlen knnte. Diejenigen, die als Leliaerts bekannt waren, wollten ihr
frheres Tun vergessen machen und baten flehentlichst, als Beweis ihrer
Sinnesnderung ihr Blut fr das Vaterland vergieen zu drfen! Das wurde
ihnen denn auch freudig zugestanden.

Unter dem Feldherrn Johann von Namur standen fast alle Ritter, die sich
auch in der Schlacht vor Kortrijk ausgezeichnet hatten: der junge Gwijde,
Wilhelm von Jlich, Jan van Renesse, Jan Borluut, Peter De Coninck, Jan
Breydel und noch manch anderer. Adolf van Nieuwland war von seiner
Krankheit noch nicht wiederhergestellt und konnte daher diesem Zuge nicht
beiwohnen.

In zwei verschiedenen Abteilungen zogen die Vlaemen bis auf zwei Meilen dem
Feind entgegen und nahmen dort Stellung. Nachdem sie hier kurze Zeit
gelagert hatten, zogen sie weiter bis zur Skarpe, einem kleinen Flu bei
Flines. Tglich forderten sie die Franzosen zum Kampf heraus. Da aber weder
die vlaemischen noch franzsischen Feldherren zum Kampf bereit schienen, so
kam es zu keinem Ereignis. Der Grund zu dieser Ruhe war, da Johann von
Namur die Befreiung seines Vaters und Bruders bewirken wollte und deshalb
Boten nach Frankreich gesandt hatte, um zu versuchen, ob man mit Philipp
dem Schnen nicht Frieden schlieen knne. Wahrscheinlich konnte man am
franzsischen Hofe ber die Bedingungen nicht einig werden, denn die Boten
blieben aus, und man bekam nur ungnstige Antworten.

Das vlaemische Heer begann indes zu murren und wollte trotz des Verbots des
Feldherrn mit den Franzosen eine Schlacht wagen; die Forderung der Truppen
wurde schlielich so nachdrcklich, da Johann von Namur gezwungen war,
ber die Skarpe zu ziehen, um den Feind anzugreifen. Aus fnf Schiffen
wurde eine Brcke ber den Flu geschlagen, und das vlaemische Heer zog
singend hinber, froh, da es endlich zum Kampfe ging. Aber da kam eine
zweideutige Nachricht aus Frankreich, die sie noch einige Tage zurckhielt.
Am Ende wollten sich die Scharen durchaus nicht mehr halten lassen, und es
gab schon bedenkliche Anzeichen von Aufruhr. Nun wurde alles zum Angriff
bereit gemacht, und die Vlaemen zogen den Franzosen entgegen; die wollten
jedoch keine Schlacht wagen, brachen ihr Lager eilig ab und zogen in
Unordnung davon. Die Vlaemen fielen ber die Fliehenden her und erschlugen
ihrer eine groe Zahl. In weiterem Vorsto nahmen sie das Kastell Harne, wo
der Knig von Navarra die Speicher fr das Heer angelegt hatte. Die
Vorrte, die Zelte und alles, was das franzsische Heer mitgebracht hatte,
fiel in die Hnde der Vlaemen. Danach ereigneten sich noch einige
unbedeutende Gefechte, deren Ergebnis war, da die Franzosen mit Schmach
bedeckt bis tief nach Frankreich zurckgetrieben wurden.

Als die vlaemischen Feldherren sahen, da kein Feind mehr im offenen Felde
zu bekmpfen war, entlieen sie einen Teil ihres Heeres und behielten nur
so viel Leute, um die Besatzungen der franzsischen Grenzstdte am Rauben
und Plndern hindern zu knnen.

Aus dem Stdtchen Lessines, auf der Grenze von Hennegau, drangen tglich
Haufen von Sldnern ins vlaemische Gebiet und richteten groen Schaden
unter den Bewohnern des platten Landes an. Als Johann von Namur davon
hrte, legte er sich mit einem Teil seiner Truppen davor und erstrmte,
eroberte und verbrannte Lessines, das dem Grafen von Hennegau gehrte.

Inzwischen wandte sich Wilhelm von Jlich mit den Znften von Brgge und
Kortrijk nach Saint Omaar, um den Franzosen diese Stadt zu nehmen. Dort
wurde er von der franzsischen Reiterei, die bei weitem zahlreicher war
als die seinige, mit Ungestm angegriffen. Da er keinen Ausweg sah, stellte
er seine Leute in einem Kreis auf und wehrte sich, bis es ihm die
Finsternis gestattete, zurckzuweichen und so einer sicheren Niederlage zu
entgehen. Einige Tage spter kehrte Johann von Namur von Lessines zu
Wilhelm zurck, so da deren vereinigte Macht an die dreiigtausend Mann
stark wurde. Sie griffen das franzsische Heer an, schlugen es in die
Flucht und zerstreuten die feindlichen Scharen.

Jetzt begann man Saint Omaar zu bestrmen; alle Tage wurde die Stadt mit
ungewhnlichem Mute von verschiedenen Seiten angegriffen. Da jedoch die
Besatzung sehr stark war, so wurden die Belagerer oft mit Verlust vieler
Leute zurckgeschlagen; das hinderte sie aber nicht, Massen von Steinen
ber die Wlle zu werfen und die Huser arg zu beschdigen. Auch viele
Einwohner von Saint Omaar wurden in den Straen durch die Steine gettet.
Die Franzosen wurden um die Erhaltung der Stadt besorgt, und in der
Absicht, einen krftigen Versuch zu machen, lieen sie alle Brger unter
die Waffen treten. Dadurch bildeten sie eine ansehnliche Kriegsmacht, die
sie in zwei Scharen teilten.

In der Nacht, da undurchdringliche Finsternis die Fluren bedeckte,
schlichen sie insgeheim aus der Stadt, legten die eine Hlfte ihrer Truppen
in ein dichtes Gebsch zur Seite des vlaemischen Lagers, der andere Teil
zog zur Feste Areques, das gleichfalls von den Vlaemen belagert wurde. Bei
Sonnenaufgang begann der Angriff bei Arcques mit solcher Gewalt, da die
Vlaemen, die ganz berrascht waren, fliehen wollten; die Stimme ihrer
Anfhrer gab ihnen jedoch den Mut wieder, sie trieben die Franzosen zurck,
und der Sieg schien sich ihnen zuzuneigen, als sie pltzlich eine groe
Reiterschar im Rcken angriff. Die warf beim ersten Sto mehrere Glieder
ber den Haufen und trieb die Vlaemen nach hartnckigem Kampf auseinander
und in die Flucht.

Der andere Teil des vlaemischen Heeres wurde unvermutet von den in dem
Gehlz verborgenen Soldaten angegriffen. Er stellte sich schleunigst in
Schlachtordnung auf und zog sich langsam zurck. Vielleicht wrden die
Vlaemen ohne groe Verluste davongekommen sein, wenn nicht ein
beklagenswertes Unglck ihre Niederlage verursacht htte. Als sie an den
Aaflu gekommen waren, betraten sie in so groer Anzahl und so dicht
gedrngt die Brcke, da diese das Gewicht der vielen Menschen nicht mehr
tragen konnte und mit furchtbarem Krachen in den Flu strzte. Das Geschrei
und die Klagen der Verwundeten, die in das Wasser fielen, jagte den
vlaemischen Scharen, die noch vor dem Flusse standen, argen Schrecken ein.
Ohne auf die Stimme ihrer Anfhrer zu hren, wandten sie sich zur Flucht
und liefen in vlliger Auflsung vom Schlachtfeld. Diese Niederlage kostete
den Vlaemen fast viertausend Mann.

Als Johann von Namur und Wilhelm von Jlich merkten, da der Feind ihr
verlassenes Lager plnderte, und dadurch aufgehrt hatte, sie zu verfolgen,
da sammelten sie die Flchtlinge, so gut sie konnten, hielten ihnen die
Schmach dieser Niederlage vor Augen und riefen in ihnen den Wunsch nach
schleuniger Rache wach. Dann kehrten sie zum Feinde zurck, berraschten
ihn, als er eben damit beschftigt war, das Lager zu plndern, und warfen
sich unversehens mit groem Geschrei ber ihn her. Die meisten Plnderer
wurden erschlagen und die anderen in die Stadt getrieben; so behielten die
Vlaemen den Sieg des Tages.

Whrend man gegen Frankreich einen langwierigen und wenig erfolgreichen
Krieg fhrte, war Seeland durch den Tod seines letzten Frsten herrenlos
geworden. Wilhelm von Hennegau wollte dies Land in Besitz nehmen, indem er
vorgab, da es ihm durch Erbrecht zugehre. Die Shne des Grafen von
Flandern erhoben gleichfalls Anspruch darauf. Johann von Namur rstete
schleunigst eine Flotte aus und landete mit einem vlaemischen Heer auf der
Insel Katsand; nach einem unbedeutenden Gefecht wandte er sich nach
Walchern und stieg bei Vere, das sich ergab, ans Land. Wilhelm von Hennegau
hatte gleichfalls ein Heer aufgebracht und kam damit nach Seeland, wo er
Johann von Namur eine Schlacht anbot. Die Vlaemen besiegten ihn in einem
furchtbaren Kampf und trieben ihn bis Arnemuiden in die Flucht. Wilhelm von
Hennegau, der dort frische Hilfstruppen fand, sammelte sein zerstreutes
Heer und zog aufs neue wider die Vlaemen. Aber dieses Mal war seine
Niederlage nur noch schrecklicher: er sah sich gezwungen, auf die Insel
Schouwen zu flchten. Kurz darauf eroberten die Vlaemen die Stadt
Middelburg und viele andere Ortschaften. Das ntigte Wilhelm von Hennegau
zu einem Waffenstillstand, durch den der grte Teil von Seeland an
Flandern abgetreten wurde.

Philipp der Schne sammelte inzwischen ein anderes mchtiges Heer, um sich
fr die Niederlage bei Kortrijk zu rchen. Er gab den Oberbefehl darber
Walter de Chtillon und gab ihm den Auftrag, bei seiner Ankunft in Flandern
alle Besatzungen aus den Grenzstdten an sich zu ziehen, wodurch sein Heer
weit ber hunderttausend Mann stark werden mute.

Philipp, einer der Shne des alten Grafen von Flandern, der in Italien die
Grafschaften Tyetta und Lorette geerbt hatte, hrte nicht sobald von dieser
neuen Heeresbildung, als er mit einigen Hilfstruppen nach Flandern eilte,
und dort von seinen Brdern zum Oberbefehlshaber erwhlt wurde. Mit dem
Heere, das in Seeland gekmpft hatte, und noch einigen anderen Truppen
brachte er seine Macht auf fnfzigtausend Mann, zog bis Saint-Omaar, um die
Franzosen zu erwarten, und berrumpelte die Feste Arcques. Die feindlichen
Heere gerieten bald aufeinander. In den beiden ersten Tagen fanden einige
kleine Gefechte statt, in denen Pierre de Courtrenel, einer der
franzsischen Feldherren, mit seinen Shnen fiel und die Franzosen viele
Leute verloren. Von Furcht ergriffen, wagte es Walter de Chtillon nicht,
eine allgemeine Schlacht zu liefern. Er zog nachts mit seinem Heere nach
Utrecht, und zwar so heimlich, da die Vlaemen, die nichts von diesem
Abzuge gemerkt hatten, am anderen Morgen ganz erstaunt waren, als sie nicht
einen einzigen Franzosen mehr erblickten. Philipp bentzte den Rckzug des
Feindes, strmte und nahm die Stdte Terwanen, Lens, Lillers und Bassee.
Zur Rache fr die Greuel, die von den Franzosen vor der Schlacht bei
Kortrijk in Flandern verbt worden waren, wurde die ganze Gegend durch die
Vlaemen verwstet und geplndert. Mit reicher Beute beladen, kehrten sie
nach Flandern zurck.

Der Knig von Frankreich hatte sich durch so viele Niederlagen berzeugt,
da es ihm unmglich sein wrde, Flandern durch die Gewalt der Waffen zu
gewinnen. Daher sandte er Amadeus von Savoyen als Friedensunterhndler zu
dem vlaemischen Feldherrn Philipp. Die Kinder des gefangenen Grafen
wnschten nichts sehnlicher, als die Befreiung ihres Vaters Gwijde und
ihres Bruders Robrecht zu erlangen. Sie waren gern zum Frieden mit
Frankreich bereit und nahmen dafr selbst ungnstigere Bedingungen hin. So
wurde ein Waffenstillstand geschlossen, bis der Vertrag von beiden Seiten
angenommen wre.

Der war am franzsischen Hof aufgesetzt worden und enthielt verschiedene,
fr Flandern hchst nachteilige Punkte. Dennoch hoffte Philipp der Schne,
die Annahme durch List zu erreichen. Er lie den achtzigjhrigen Grafen von
Flandern aus seiner Gefangenschaft zu Compigne nach Flandern gehen und
nahm ihm sein Ehrenwort ab, da er im Monat Mai des knftigen Jahres in
seinen Kerker zurckkehren wrde, wenn er die Annahme des Vertrags, so wie
ihn der franzsische Hof aufgestellt, nicht erreichen knnte.

Der alte Graf wurde von seinen Untertanen prunkvoll empfangen und nahm auf
dem Schlosse Wijnendaal Wohnung. Als er aber die Bedingungen des Friedens
mit Frankreich vorgelegt hatte, wurden sie von Grund auf von den Stdten
verworfen. Der alte Graf hoffte allerdings, mit der Zeit ihre Annahme zu
erlangen.

Als der Waffenstillstand mit Wilhelm von Hennegau abgelaufen war, vernahm
der Graf, da ein hollndisches Heer aufgeboten sei, um Seeland zu nehmen;
in aller Eile wurden deshalb Jan van Renesse und Florenz von Borseele
ausgesandt, diesen neuen Feinden entgegenzutreten. Die Vlaemen besiegten
die hollndische Flotte in einer Seeschlacht, darin die Hollnder und
Hennegauer mehr als dreitausend Mann und all ihre Schiffe verloren. Der
Bischof von Utrecht, der Feldherr der Utrechtschen Scharen, wurde
gefangengenommen und nach Wijnendaal in Gewahrsam gebracht. In derselben
Schlacht fielen Wilhelm van Horn, Dietrich van Harlem, Dietrich van Zulen
und Suederus van Beverenweerdt. Die Vlaemen zogen siegreich durch ganz
Nordholland und eroberten fast alle Stdte, auer Harlem, das sich
hartnckig wehrte. Die vornehmsten Brger von Nordholland wurden als
Geiseln gefangen nach Gent gebracht.

Whrend der Graf von Hennegau das Feld rumte und Holland den Vlaemen
berlie, erhob sich in Dortrecht ein tapferer Mann, namens Niklas van den
Putte; der wollte sein Vaterland befreien, sammelte einige Kriegerscharen,
berfiel mit ihnen eine Abteilung Vlaemen und erschlug in einem Gefecht
fast zweitausend. Von einer anderen Seite brachte auch Witte van
Haemstedde, gleichfalls ein tapferer Mann, viele Krieger zusammen und
machte kurz darauf einen Teil des vlaemischen Heeres, dem er bei Hillegom
begegnete, bis auf den letzten Mann nieder. Diese einzelnen Gefechte
nderten wenig den Stand der Dinge in Seeland und verhinderten nicht, da
die Belagerung von Zierikzee fortdauerte.

Unterdessen kam das Ende des Waffenstillstandes mit Frankreich heran, und
alles kndete einen neuen Krieg an. Der Friede hatte nicht zustande kommen
knnen, weil die Bedingungen fr die Vlaemen unannehmbar waren. Am letzten
Tage des Monats April kehrte der alte Gwijde krank und schwach gleich einem
zweiten Regulus nach Frankreich in die Gefangenschaft zurck.

Philipp der Schne hatte whrend des Waffenstillstandes alles nur mgliche
getan, um ein ungeheures Heer zusammenzubringen. In allen Landen waren fr
seine Rechnung Hilfstruppen geworben und dem Volk verschiedene neue Abgaben
aufgezwungen worden, damit die Kosten dieses Krieges bestritten werden
konnten. Der Knig selbst kam gegen Ende Juni an die vlaemische Grenze.
Obgleich er ber die grte Kriegsmacht gebot, die Frankreich je besessen
hatte, so segelte doch noch eine zahlreiche Flotte unter Reinier Grimaldi
von Genua zur vlaemischen Seekste, um den jungen Gwijde und Jan van
Renesse, die in Seeland waren, in Schach zu halten.

Philipp von Flandern hatte inzwischen auch einen Aufruf im Land erlassen
und viele Kriegsscharen um seine Fahnen versammelt; er zog mit ihnen dem
franzsischen Heer entgegen, um Philipp dem Schnen eine Schlacht
anzubieten. Beide Lager befanden sich so dicht nebeneinander, da sie im
anderen die flatternden Banner erblicken konnten. Am ersten Tage fand nur
ein kleines Gefecht statt, in dem der franzsische Anfhrer Genuilla mit
all seinen Leuten erschlagen wurde. Ungeduldig und kampfbegierig stellten
sich die Vlaemen am anderen Tag in Schlachtordnung auf und rsteten sich zu
einem gewaltigen Angriff. Als die Franzosen aber das merkten, zogen sie
sich eiligst nach Utrecht zurck und berlieen ihr Lager den Vlaemen, die
groe Beute machten und alle Werke, welche die Franzosen errichtet hatten,
schleiften oder zerstrten. Die Stadt Bassee wurde von ihnen zum zweiten
Male erobert und die Vorstdte der Stadt Lens niedergebrannt.

Philipp der Schne wollte nun Flandern vom Hennegau aus angreifen und zog
mit seinem Heere nach Doornick. Aber schon am ersten Tage nach seiner
Ankunft standen ihm die Vlaemen gegenber. Es lag nicht in seiner Absicht,
eine Schlacht anzunehmen, ehe er wute, was seine Flotte in Seeland
ausgerichtet hatte. Um nicht handgemein zu werden, brach er fast jede Nacht
sein Lager ab und zog, stets von den Vlaemen verfolgt, kreuz und quer
durchs Land.

Am 10. August 1304 fand endlich die Seeschlacht zwischen den beiden Flotten
statt. Das Gefecht dauerte zwei Tage, vom Morgen bis zum Abend. Am ersten
Tag war das Kriegsglck auf seiten der Vlaemen, und vielleicht wrden sie
den vollen Sieg errungen haben: aber ihre Schiffe waren des Nachts auf eine
Sandbank festgetrieben worden, und so wurden sie am anderen Tage von den
Franzosen unter dem berhmten Admiral Renier Grimaldi geschlagen. Ihre
Schiffe wurden verbrannt, und der junge Gwijde fiel mit vielen anderen
Rittern in die Hnde der Feinde. Jan van Renesse, der mutige Seelnder, der
mit wenigen Leuten Utrecht bewachte, wollte die Stadt verlassen und bestieg
einen Nachen, um ber die Leck zu fahren; doch das Schiff hatte zu schwer
geladen, sank mitten im Flu, und der edle Ritter Jan fand ein klgliches
Ende-- er ertrank. Als die Vlaemen dieses Unglck von den Flchtigen
erfuhren, betrauerten sie ihn mit schmerzlichen Klagen und schwuren, ihn
nicht ungercht zu lassen.

Als die Nachricht von dem Ausgang der Seeschlacht in das franzsische Lager
kam, befand sich dies bei Rijssel auf dem Peuvelberg. Philipp der Schne
gab die Stellung, obgleich sie gnstig war, auf und bezog etwas abseits
eine andere, whrend jene unmittelbar nachher von den Vlaemen besetzt
wurde. Die wollten die Schlacht nicht lnger hinausschieben. Es war den
Feldherren unmglich, sie noch lnger zurckzuhalten. So stellten sie sich
also in Schlachtordnung, um den Feind anzugreifen. Als Philipp der Schne
das sah, sandte er einen Boten mit Friedensvorschlgen; aber die Vlaemen
wollten nichts davon hren und schlugen den Boten tot.

Kurz darauf fielen sie mit furchtbarem Geschrei und donnerndem Hurra ber
die Franzosen her, die verwirrt und erschreckt durcheinander liefen. Beim
ersten Ansturm wurden die vordersten Glieder ber den Haufen geworfen und
erschlagen. Das vlaemische Heer kmpfte mit noch grerer Erbitterung als
in der Schlacht bei Kortrijk; und die Franzosen konnten ihnen nur schwachen
Widerstand bieten, obzwar sie mit gleichem Mute fochten. Philipp von
Flandern und Wilhelm von Jlich drangen durch alle feindlichen Scharen
hindurch bis zu Knig Philipp dem Schnen, der dadurch in groer Gefahr
schwebte. Seine Leibwache rund um ihn wurde niedergemacht; und er wre
sicherlich auch gefangen oder gettet worden, wenn man ihm nicht seinen
Mantel und die anderen Abzeichen seiner Wrde genommen htte. Derart
unkenntlich gemacht, entkam er; er hatte nur eine leichte Wunde durch einen
eisernen Pfeil erhalten. Das franzsische Heer wurde vollstndig in die
Flucht geschlagen, und die Vlaemen errangen einen entscheidenden Sieg.

Selbst das franzsische Kronbanner (die Oriflamme) wurde in Stcke
gerissen, wie die Chronik von Flandern es berichtet.

In dieser Schlacht verlor Wilhelm von Jlich das Leben. Die Vlaemen waren
bis zum Abend damit beschftigt, des Knigs Zelt und all die anderen
Kostbarkeiten zu erbeuten. Dann kehrten sie nach dem Peuvelberg zurck, um
sich etwas zu erquicken. Da sie jedoch hier nichts fanden, brachen sie nach
Rijssel auf. Am anderen Tage kehrten alle in ihre Heimat zurck. Diese
Schlacht wurde am 15.August 1304 geliefert.

Vierzehn Tage spter kam Philipp der Schne mit einem neuen Heere nach
Flandern, um Rijssel zu belagern. Die vlaemische Brgerschaft schlo ihre
Lden und griff einmtig zu den Waffen; Philipp von Flandern lie sie alle
bei Kortrijk zusammenkommen und zog einige Tage darauf gen Rijssel, den
Franzosen entgegen. Als Philipp der Schne ihre gewaltige Menge sah, rief
er erstaunt aus: Mich dnkt, Flandern speit oder regnet Krieger.

Da er keine Niederlage mehr wagen durfte, machte er nach einigen kleinen
Gefechten Friedensvorschlge. So kam ein Waffenstillstand zustande, und die
Unterhandlungen begannen. Es dauerte aber lange, ehe die Bedingungen von
beiden Seiten angenommen wurden.

Unterdessen starb der alte Graf Gwijde zu Compigne in seinem Gefngnis;
Johanna von Navarra folgte ihm bald in den Tod.

Schlielich wurde zwischen Philipp von Flandern und Philipp dem Schnen der
Friede geschlossen und unterzeichnet. Robrecht van Bethune mit seinen
Brdern Wilhelm und Gwijde und all den anderen gefangenen Rittern kamen
frei und konnten in ihr Vaterland zurckkehren. Das Volk war mit den
Bedingungen des Friedens nicht zufrieden und nannte ihn einen Bund der
Ungerechtigkeit. Dies Mivergngen fhrte aber zu keinen weiteren Folgen.

Als Herr Robrecht van Bethune nach Flandern kam, wurde ihm ein ungewhnlich
prchtiger Empfang bereitet und als Grafen gehuldigt. Er lebte noch
siebzehn Jahre, hielt die Ehre und den Ruhm Flanderns aufrecht und
entschlief im Herrn am 18.September 1322.




Nachwort.


Die Geschichte Belgiens ist die Geschichte von erbitterten Kmpfen des
Germanentums gegen romanischen Vordrang, romanische Herrschsucht. Einst
waren es die Rmer, denen sich das Volk Flanderns unterwerfen mute, spter
die Welschen, die romanisierten Franken, die in steten Kmpfen ihre Macht
ber Belgiens Lande auszudehnen strebten und trotz hufiger schwerer
Niederlagen Fetzen auf Fetzen an sich rissen. Auch in den Zeiten, da der
Kriegslrm zu ruhen schien, ging der Kampf weiter: dann waren es Sprache
und Kultur, die widereinander stritten und das erbitterte Ringen
fortsetzten. In dem Mae, als Belgien, als die deutschen Vlaemen den
Anschlu an den groen germanischen Bruderstamm verloren, in demselben Mae
wurde es dem franzsischen Einflu mglich, Boden zu gewinnen. Die
Erkenntnis dieser bedrohlichen Fortschritte fhrte zu der vlaemischen
Sprachbewegung, die hauptschlich in der zweiten Hlfte des vorigen
Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung gewann und das vlkische Gewissen der
Belgier wachzurtteln strebte.

Einer der erfolgreichsten Vertreter dieser Bewegung wurde Hendrik
Conscience, der, am 3.Dezember 1812 geboren, nach Beendigung seiner
militrischen Dienstzeit 1836 entschieden fr das Vlaementum Stellung nahm.
Gleich sein erster Roman In't wonderjaer 1566, den er, als ersten der
neuen vlaemischen Literaturperiode, 1837, schrieb, erregte gewaltiges
Aufsehen. Ihm folgte im nchsten Jahr als zweiter der Lwe von Flandern,
der die goldene Sporenschlacht verherrlicht. Von da an war die Stellung des
Dichters in seinem Vaterlande gesichert: angesehene Stellungen, ein
Jahresgehalt aus der Schatulle des Knigs lohnten seine verdienstvolle
Ttigkeit und erlaubten ihm, sorgenlos seine dichterische Ttigkeit
fortzusetzen und jene gewaltige Reihe von Romanwerken zu vollenden, die in
den langen Jahren bis zu seinem Tode (1883 zu Brssel) erschienen und in
immer gleichem Mae von seinen Landsleuten freudig und dankbar anerkannt
wurden. Bis zu welchem Grade er sich dem deutschen Brudervolke nahestehend
fhlte, beweist der Umstand, da er, der einen franzsischen Namen trug,
besonders auf die Verbreitung seiner Werke in Deutschland bedacht war und
deshalb die von 1846 bis 1884 in Mnster erschienene Gesamtausgabe seiner
Werke in deutscher Sprache selbst sorglich durchsah.

Denn es sind ja deutsche Kmpfe, deutsche Helden, von denen seine Werke
handeln, so wie der Geist und die Art, die aus dem Lwen von Flandern zu
uns spricht, deutsch ist, trotz mancher Zge, die uns etwas zu kra
anmuten. Aber man mu das Wesen eines Grenzstammes anders werten als das
der Kernbevlkerung, die den Grenzkmpfen zumeist entrckt bleibt. Die
Erbitterung immerwhrenden Ringens verleiht dem Volkscharakter eine
trotzige Hrte, die zur Roheit ausarten kann und unverstndlich bleibt,
wenn man sie nicht aus der geschichtlichen Stellung des betreffenden Volkes
heraus wertet. Um so mehr aber kann man stolz sein auf die glhende
Vaterlandsliebe, auf die rckhaltlose Aufopferungsfhigkeit, die zhe Treue
und die heldenhafte Kraft, die aus all diesen Kmpfen hervorleuchten und
eines Deutschen wrdig sind. Mit Schmerzen denkt man daran, da es unlngst
eine Zeit gegeben hat, da sich durch welschen Einflu und lgenhafte
Verhetzung auch Angehrige dieses deutschen Stammes gegen ihre deutschen
Brder wandten und mit allen Vorzgen und Fehlern ihres Wesens auf der
Seite ihrer Unterdrcker fr eine Freiheit fochten, die von Deutschland
niemals bedroht war. Es ist wohl eine Fgung des Schicksals, da der
gewaltige Krieg der Gegenwart auch in Belgien eine Entscheidung zugunsten
des Germanentums herbeifhrte in dem Augenblick, da der Vordrang des
Franzosentums in diesem Lande bermchtig geworden war und schon sicher auf
seinen Sieg vertraute. Nun knnen Vlaemen und Deutsche gemeinsam jener
heldenhaften Zeiten gedenken, die der Lwe von Flandern zurckzaubert,
die Zeiten jenes Ringens, dessen Hhepunkt die goldene Sporenschlacht
bildete, die Zeiten, da schlichte Mnner aus dem Volke wider den
hochmtigen franzsischen Adel stritten und durch ihre glhende
Vaterlandsliebe die Eroberungslust ihrer westlichen Nachbarn zunichte
machten. Auch wenn einst das groe Weltenringen zu Ende sein wird und die
dadurch erweckte seelische Erhebung nachgelassen hat, wird Consciences
Lwe von Flandern eines der Werke bleiben, das immer wieder mit
flammenden Worten zu Felde zieht gegen materialistische berschtzung
irdischen Wohllebens und kaufmnnischer Erfolge und fr die idealen
Aufgaben und Ziele der Deutschen eintritt.




Anmerkungen zur Transkription:

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, ebenso
unterschiedliche Schreibweisen wie Klauwaart und Klauwaert, Saint Kruis und
Saint-Kruis etc. Es wurden einige nderungen in der Zeichensetzung
vorgenommen.

  S. 28: "ein Mittel, da Eurer Tochter" wurde gendert in
          "ein Mittel, das Eurer Tochter"
  S. 28: "sollten unsere Bemhungen furchtlos bleiben" wurde gendert in
          "sollten unsere Bemhungen fruchtlos bleiben"
  S. 38: "o eilige Magd" wurde gendert in "o heilige Magd"
  S. 57: "antwortete Euguerrand" wurde gendert in "antwortete Enguerrand"
  S. 62: "Karl van Valois" wurde gendert in "Karl von Valois"
  S. 101: "furchbar nahe gegangen" wurde gendert in
          "furchtbar nahe gegangen"
  S. 109: "in ungestmen Drohungen und Scheltworte" wurde gendert in
          "in ungestmen Drohungen und Scheltworten"
  S. 121: "Die Weber und Fleischer verfolgtn" wurde gendert in
          "Die Weber und Fleischer verfolgten"
  S. 153: "Ich hoffe, mein Heer," wurde gendert in "Ich hoffe, mein Herr,"
  S. 170: "Breydel erfat ob ihres Spottes" wurde gendert in
          "Breydel erfate ob ihres Spottes"
  S. 171: "Furchbare Wut kochte" wurde gendert in "Furchtbare Wut kochte"
  S. 192: "mit erhobener Simme" wurde gendert in "mit erhobener Stimme"
  S. 210: "ist es ntig, das" wurde gendert in "ist es ntig, da"
  S. 216: "nahm die Gelegenheit war" wurde gendert in
          "nahm die Gelegenheit wahr"
  S. 235: "Nur ein herzzeiendes" wurde gendert in
          "Nur ein herzzerreiendes"
  S. 242: "Ptzlich ffnete sich die Tr" wurde gendert in
          "Pltzlich ffnete sich die Tr"
  S. 311: "mein Herr ist angelangt" wurde gendert in
          "mein Heer ist angelangt"
  S. 316: "den ihn Machteld um den Hals gehngt hatte" wurde gendert in
          "den ihm Machteld um den Hals gehngt hatte"
  S. 321: "Line weitere Ritterschar" wurde gendert in
          "Eine weitere Ritterschar"
  S. 328: "davon will ich nichts hren?" wurde gendert in
          "davon will ich nichts hren!"
  S. 329: "unter seinen Harnisch hervorzog" wurde gendert in
          "unter seinem Harnisch hervorzog"
  S. 331: "Regnaulds von Trie" wurde gendert in "Renaulds von Trier"
          (vgl. S. 320)
  S. 341: "denn aldann werden mehr Franzosen" wurde gendert in
          "denn alsdann werden mehr Franzosen"
  S. 357: "Adolf von Nieuwland" wurde gendert in "Adolf van Nieuwland"
  S. 366: "Arnold von Oudenaarde" wurde gendert in "Arnold van Oudenaarde"
  S. 368: "und er anwortete" wurde gendert in "und er antwortete"
  S. 407: "die Zeiten jenes Ringes" wurde gendert in
          "die Zeiten jenes Ringens"





End of Project Gutenberg's Der Lwe von Flandern, by Hendrik Conscience

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LWE VON FLANDERN ***

***** This file should be named 31129-8.txt or 31129-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        https://www.gutenberg.org/3/1/1/2/31129/

Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
https://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
