The Project Gutenberg EBook of Gottfried Keller, by Ricarda Huch

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Gottfried Keller

Author: Ricarda Huch

Release Date: February 1, 2010 [EBook #31150]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GOTTFRIED KELLER ***




Produced by Norbert H. Langkau, Chaotica and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net






                           Gottfried Keller

                                  von

                             Ricarda Huch

                            [Illustration]

                      Im Insel-Verlag zu Leipzig



Das von den groen Mchten Deutschland, sterreich, Frankreich und
Italien wie ein Edelstein eingefate Land Schweiz, zwischen unzugnglich
hohe und mittlere Gebirge gelagert, die die Quellen starker Strme
bergen, wird von einem Volke bewohnt, das wie kein anderes mit dem
Boden, aus dem es gewachsen ist, zusammenhngt und Herr in dem Hause
ist, das es sich unter Kmpfen selbst gebaut hat. Von Fremden beneidet
oder gehat, ist es seiner teils natrlichen teils absichtlichen
Zurckhaltung wegen wenig von ihnen gekannt und hat sich bis jetzt,
obwohl bestndig von Auslndern heimgesucht und selbst zum Zwecke des
Erwerbs und der Ausbildung viel im Auslande sich aufhaltend, in seiner
ausdrucksvollen Besonderheit erhalten.

Die Schweizer sind ein durchaus aristokratisches und konservatives Volk:
vor allen Dingen die eigentlichen Aristokraten, Nachkommen der
regierenden Geschlechter, aristokratischer als irgendwo, weil zugleich
mit dem Bewutsein der berlegenheit durchdrungen und beseelt von dem
Gefhl der Verpflichtung, den Tieferstehenden als Muster zu dienen; aber
ebensowohl die brgerlichen Stdter, deren Ahnen seit undenklicher Zeit
jeder an seinem Teil an den allgemeinen und persnlichen Geschften
mitwirkten und eine wohlerworbene Stelle in der scharfen Freiheit des
Gemeinwesens ausfllten, wie schlielich die Landbewohner, die es
berall sind, die allerdings in den stdtischen Kantonen durch ihre
vergleichsweise rechtlose, untergeordnete Lage auf die demokratische
Linke gedrngt wurden.

Die Tugenden der Ausdauer, des Rechtsgefhls, der Sachlichkeit und der
Selbstbeherrschung, die ihnen allein das Kleinod der Freiheit bewahrten
in den Zeiten, wo es die Vlker ringsumher sich entwenden oder
entreien lieen, haben sich immer mehr befestigt, so da der Auslnder
mit Staunen sehen kann, wie ein ganzes Volk trotz aller Abweichungen im
einzelnen, mit Vernunft und Besonnenheit handelt, den eigenen Vorteil,
wie es sich gehrt, im Auge behlt, ohne unbillig gegen andre zu sein,
mit sich selbst zufrieden, wie es die Art der Gesunden und Guten ist,
doch geneigt von andern zu lernen. Elend und Verbrechen trben das
schne Bild nicht so, wie es in anderen Lndern der Fall ist, weil die
Beherrschung der Leidenschaften, die freilich in dem harten Lande auch
nicht so hitzig sind wie anderswo, einen leidlichen allgemeinen
Wohlstand ermglicht. So geschieht es, da der Schweizer hufig von
Auslndern wegen seiner Ungeschliffenheit verlacht wird, whrend er doch
mehr Kultur hat als jene, insofern als er durch Jahrhunderte sich nach
einem bestimmten Ideale gebildet hat und nun im Besitze nicht
blendender, aber humaner und erhaltender Eigenschaften ist.

Was nun die Nchternheit betrifft, die dem Schweizer oft vorgeworfen
wird, so ist diese allerdings vorhanden; aber man ist im Irrtum, wenn
man glaubt, deswegen knne die Schweiz keine Knstler hervorbringen. Die
Trockenheit des Schweizers ist die des kindlich oder buerlich
verschlossenen Menschen, in dessen Innern die Phantasie oft um so
krftiger glht, weil sie nicht bestndig nach auen verschwendet wird.
Besonders aber sollte man endlich wissen, was die Romantiker unter
vielen Schmerzen an sich selbst erfuhren, da knstlerisches Empfinden,
Reizbarkeit und die Sehnsucht nach dem Schnen keineswegs den
schaffenden Knstler machen, da vielmehr, wie E. T. A. Hoffmann sagte,
dem knstlerischen Feuer eine gute Dosis Phlegma beigemischt sein
msse, damit es nicht den Menschen verzehre, anstatt ihm in seiner
heiligen Werkstatt zu dienen. Indem das Phlegma gegen den Einflu
fremder und eigener Reize festmacht, verleiht es dem, der es im rechten
Mae besitzt, eine gewisse berlegenheit, die sich beim Schweizer
bescheidentlich als Humor uert und ihn seine Eigenart unbefangen
genieen lt.

Dem Satze vom Knstlerfeuer und Phlegma, dessen negative Seite die
Romantiker illustrieren, kann niemand so gut als positives Beispiel
dienen wie Gottfried Keller. Er war in seiner Natur durch und durch
Schweizer, wenn ihm auch die berchtigte Schweizer Gewinnsucht und
Geldliebe vllig abging, die er selbst oft bitter an seinen Landsleuten
rgte. Seine Eltern stellten Gegenstze dar, wie sie bei den meisten
Dichtereltern umgekehrt verteilt sind, wo die Mutter gegenber dem
strengen, charaktervollen Vater ein poetisch-religises Gefhlselement
zu vertreten pflegt; womit aber nicht gesagt sein soll, da es Kellers
Vater an Ernst und Charakterstrke oder seiner Mutter an Empfindung
gefehlt htte. Der Drechslermeister Hans Rudolf Keller aus Glattfelden,
1791 geboren und schon 1822 dreiunddreiigjhrig gestorben, und
Elisabeth Scheuchzer, ebendaher, 1787-1864, also vier Jahre lter als
ihr Mann und ihn um zweiundvierzig Jahre berlebend, waren beide
tchtige und rechtliche Menschen, er schwungvoll, das Neue, Poetische,
ber den Alltag Hinausgehende suchend, sie fleiig, ausdauernd,
pflichtbewut, nach auen trocken, mit einem sehr guten, gesunden
Verstande und einer Neigung zu gutmtiger Ironie begabt. Fr die
liebenswrdige Erscheinung des frhverstorbenen Vaters bewahrte Keller
lebenslang wehmtige Verehrung und verga das Erinnerungsbild nie, wie
der schlanke junge Mann im grnen Anzug ihn, ein kleines Bbchen, unter
schnen Reden ber erhabene Dinge durch ein blhendes Kartoffelfeld
trug. Mit der Mutter war er zusammengewachsen, und indem er sich als ein
Stck von ihr fhlte, kam es ihm selbstverstndlich vor, da sie alle
seine Leiden mit Leib und Seele mitleiden msse, gerade so wie er sich
im alten Grnen Heinrich ihr nachsterben lt, als ob es nicht anders
sein knne. Was uns oft wie unbegreifliche Grausamkeit erscheinen will,
sein langes Fernbleiben und mehr noch sein langes, einmal jahrelanges
Schweigen war in der Tat nur die allerinnigste Liebe, wie sie die beiden
strengen Herzen fhlten. Die stille Heldenhaftigkeit der kleinen alten
Frau, deren berschwengliche Liebe in den starren Kreis des unbeugsamen
Pflichtbewutseins gebannt erscheint, gibt seiner Kindheit und Jugend
einen altertmlichen Hintergrund, wozu der alte Zrcher Stadtteil, in
dem er aufwuchs, das enge Haus mit dem Fernblick auf die weien Berge,
die er vom Gewlk nicht unterschied, wohl stimmte.

Der kleine Gottfried war ein Bursche, wie es wohl manch einen in Zrich
gibt: schweigsam und trotzig bei innerlicher Regsamkeit und
Zrtlichkeit, lernbegierig trotz trumerischer Faulheit, zugleich
ehrlich und listig, trocken und phantastisch, fest in seiner krausen
Eigenart steckend. ber dieser drolligen Mischung herrschte ein
mchtiger Intellekt, der sich langsam der Erscheinungen bemchtigte, die
ihn umgaben, um schlielich die Welt zu umfassen. Gab es einen Ri in
Gottfried Kellers Wesen, so bestand er in diesem berma des
Intellektes, dem ein gleich starker, auf das ttige Leben gerichteter
Wille nicht entsprach, was sich in seinem ueren ausprgte durch das
groe Haupt mit der herrlichen Stirn und den schnen Augen auf dem
kleinen kurzbeinigen Krper. Eine prchtige Blume und schwere Frucht an
hohem, starkem Stamme wrde uns als eine vollendete Naturerscheinung
entzckt haben; nun, kurz und knorrig gestielt ist die Pflanze wohl
etwas sonderlich ausgefallen, was aber eben Kellers Persnlichkeit
ausmacht, die solche, die ihn lieben und verehren, sich nicht anders
wnschen mchten.

Seine Jugendgeschichte hat Keller im Grnen Heinrich treu erzhlt, nur
da die Gestalt der Judith seiner eigenen Angabe nach erdichtet ist; sie
nimmt sich fast aus wie seine Muse, obwohl er gewi nicht daran gedacht
hat, ein Symbol zu schaffen. Da schildert er die Ratlosigkeit des armen
Jungen, der niemand hatte, um die Triebe seiner reichen Begabung zu
pflegen und zu leiten, und die reine Glckseligkeit, die das Bewutsein
guten Eltern anzugehren, eine heilsame Ordnung, das Umgebensein von
einer heiteren, schnen Natur und dazu eine stets wirksame Phantasie und
betrachtende Vernunft verleihen. Nichts trbte das seiner Entfaltung
frohe Dasein als die eintnige Enge der Armut und die Sorge, wie der
Kampf ums Dasein auszufechten sein wrde; denn die schwellende Frucht
des Intellekts zog alle Lebenssfte an sich und machte den Begabten
ohnmchtig gegenber Anforderungen, die weniger Ausgezeichnete ohne
weiteres erledigen. Da er darauf verfiel, Maler werden zu wollen, war
ein Ausweg, den sein Genius ihm schuf: die Richtung zur Kunst war damit
eingeschlagen, der Umgang mit der Natur ihm gesichert, und auf seine
Seele konnte nicht von einem praktischen Berufe Beschlag gelegt werden.
Es kann wohl nicht bezweifelt werden, da Keller ein leidlich guter
Maler htte werden knnen, mit Fug aber, da er etwas wahrhaft
Originelles und zugleich Meisterhaftes geschaffen htte. Ihm fehlte
nicht nur die angeborne Lust zu der handwerklichen Bettigung, die mit
der Malerei verbunden ist, sondern auch das Erfassen des malerisch
Wesentlichen und das farbige und figrliche Verdichten der Natur, welche
Gabe ihm in bezug auf das Dichterische ganz besonders eigen war.
berhaupt mute ihn die dichterische Veranlagung berall stren; denn in
ihrem Sinne war es damals sein Beruf, sich mit Bildern des Lebens und
Anschauungen des Geistes vollzusaugen, was er denn auch tat und weswegen
er mehr und mehr dazu kam, das Malen als eine Ablenkung vom Wichtigsten
und Liebsten zu empfinden. Allerdings stellte sich ihm und andern das,
was er tat, als Bummeln und zielloses Zeitverschleudern dar, ein
Zustand, der bei der Armut und Verschuldung, in die er geriet, sein
Gemt schwer bedrckte. Auch erschien aus seiner Wanderung nach Hause
kein vorurteilsloser, menschlich fhlender Graf, wie im Grnen Heinrich,
der ihm die leeren Taschen mit Gold gefllt htte, sondern arm und
aussichtslos kehrte er im Herbst 1842 nach zweiundeinhalbjhriger
Abwesenheit heim; dafr aber fand er die Mutter auf ihrem alten
Sorgensthlchen ohne Lehnen aufrecht wie ein Tnnlein wieder, und er
konnte das wunderliche Irren und Graben nach dem Geheimnis des eigenen
Ich fortsetzen.

Zunchst wurde unter dem Dache der Mutter noch ein Atelier eingerichtet,
weniger um zu malen, als im Schatten der Staffelei zu lesen; vor allen
Dingen aber wurde weiter gebummelt, bis auf einmal aus dem stillen,
chaotischen Whlen seines Inneren lautlos die schimmernden Trume
aufstiegen und eine ungeduldige Schar glutheller Lieder. Keller hatte
wie unzhlige andere Knaben in der Kindheit Schauerdramen erfunden, in
Mnchen witzige Bierzeitungen verfat und auch sonst wohl manches
niedergeschrieben, nie aber mit dem Gedanken ein Dichter zu sein oder zu
werden; ungerufen trat die schaffende Phantasie ber die Schwelle und
sagte: ich bin da. Vom Anfang an zeigte die Muse Kellers ihr
Doppelwesen: die Lieder entstanden aus patriotisch-politischer Erregung,
whrend die Trume, wirklich getrumte, doch von Meisterhand weich und
bestimmt umrissen, ein absichtsloses Spiel selbstgengsamer Schnheit
sind. Der Traum von den zwei Mdchen, die ihn im Mondschein in ein hohes
Haus fhren, freundlich bewirten und ihn liebkosen, atmet bereits den
unnachahmlich starken, sen, doch erfrischenden Duft seiner besten
Prosadichtungen aus; und das Ende des Vorfrhlingstraumes mit der
Gestalt der mchtigen silbergrauen Weide, die, ein Bild tiefster
Zerknirschung, wie rasend mit den sten um sich schlgt und in
herzzerreienden Tnen braust und singt, trgt klar den Stempel des
vollendeten Dichters. -- Das ist allerdings erst im Jahre 1848
geschrieben.

Die Revolutionsluft des Vlkerfrhlings der vierziger Jahre, in Zrich
doppelt sprbar, weil die Flchtlinge aus anderen Lndern, namentlich
aus Deutschland, ihre eigenen Angelegenheiten als einen groen,
allgemeinen Hintergrund zu den einheimischen hinzutrugen, erzeugte die
ersten Gedichte, von denen Keller eine betrchtliche Anzahl in die
sptere Sammlung seiner Gedichte nicht mit aufnahm. Dennoch, sagte er
gelegentlich, beklage ich heute noch nicht, da der Ruf der lebendigen
Zeit es war, der mich weckte und meine Lebensrichtung entschied; und in
der Tat ist es wesentlich, da Keller mit ganzem Herzen Brger in einem
irdischen Staate wie im Reiche der Schnheit, da der spielende
Trumer auch ein politisches Geschpf war. Neben Gedichten, deren Wert
mehr im Gegenstand und ehrlichen Feuer als in der poetischen Form lag,
waren unter den ersten auch allerschnste, so der 1844 entstandene
Schweizerhymnus O mein Heimatland und das 1845 entstandene Bei einer
Kindesleiche, die, auer da sie durch Inbrunst, Flle und Tiefe
hinreien mssen, auch einen ganz eigenen, einzigen Ton haben. Der
Humorist zeigt sich in dem Scherzgedicht an Caroline Schulz, die
verehrte Frau des Freundes Wilhelm Schulz, eines seit 1836 in Zrich
ansssigen hessischen Flchtlings, als sie in den Jahrbchern der
Gegenwart eine etwas bertrieben lobende Rezension ber meine ersten
Gedichte ergo߫:

    Wenn aus dunkeln Tannenbschen
    Kritisch lungerndes Gesindel,
    Schbig feige Wegelagrer,
    Die in ihres Bettelsackes
    Bodenlosen schwarzen Grnden
    Nichts als schlechte Kupfermnze,
    Krumen, drre Kserinde
    Und dergleichen mit sich fhren,
    Auf den wandernden Poeten,
    Der da harmlos geht und singt,
    Ihre schlechten Witze senden,
    Ihres Neides stumpfe Pfeile:
    O, dann nimmt er von der Strae
    Nur den ersten besten Stein,
    Werfend ihn nach dem Gestruche;
    Und das feige Pack verkriecht sich,
    Schneuzt und reibt die wunde Nase,
    Froh, da man es nicht erkannt.

    Aber wenn der gute Dichter
    Nchtlich durch die Straen wandelt
    Trumerisch im Mondenlicht,
    Und von blumigem Balkone
    Hinter Ros- und Myrtenstcken
    Oder gar aus kleinem Fenster
    Mit romant'schen Efeuranken
    Lauschende verborgne Frauen
    berschwenglich ihres Lobes
    Eine ganze Sndflut gieen
    Auf den Dichterling herab:
    Rosenl und klnisch Wasser,
    Mandelmilch und Limonade
    Und dergleichen ses Zeug --
    Ach, dann bleibt ihm gar nichts brig,
    Als den nassen Kopf zu schtteln,
    Dumm verblfft empor zu schauen,
    Rufend: O, ich bitte sehr!

                    (18. Juli 1845.)


Mit Lesen, Dichten, Nichtstun, Politik, Freundschaft und einer
unglcklichen Liebe zu Louise Rieter, der Winterthurerin, hatte Keller
sechs Jahre, von 1842-1848, in Zrich verbracht, ohne auch nur die
Aussicht auf irgendeine brgerliche Lebensstellung, oder irgendeiner ihm
gemen, einigermaen geregelten und ertragsfhigen Ttigkeit auf einen
Schritt nher gekommen zu sein, als ihm auf das Drngen mehrerer, ihm
wohlgesinnter Professoren die Regierung und der Erziehungsrat des
Kantons Zrich ein Stipendium von 800 Franken zum Zweck weiterer
wissenschaftlicher Ausbildung im Auslande anboten, was er ohne Besinnen
annahm. Er whlte als Reiseziel nicht den Orient, wie ihm von einer
Seite vorgeschlagen wurde, sondern Deutschland, wo Tchtigkeit, Kraft
und Licht ist; denn es war ihm nicht um Eindrcke und Stimmungen zu
tun, sondern, da das Bewutsein ungengender Bildung ihn fortwhrend
drckte, um den Erwerb grndlicher Kenntnisse, Erziehung im Verkehr mit
der menschlichen Gesellschaft und allmhliches Erweitern seines
natrlichen Gesichtskreises. Zuerst ging er nach Heidelberg, wo er wohl
nach Romantiker Weise schwrmte, aber auch tchtig lernte und liebte. Er
hrte bei Henle Anthropologie, bei Hettner Philosophie und
Literaturgeschichte, bei Husser Geschichte und die Vorlesungen von
Ludwig Feuerbach ber das Wesen der Religion. Wie mchtig der Zuwachs an
Wissen ihn bewegte, erfhrt man am besten aus dem Grnen Heinrich, da
Keller dort die Episode des Heidelberger Studiums in die Mnchner Zeit
verlegt hat. Fr ihn war der Erwerb von Kenntnissen ebensosehr Bedrfnis
und Genu, wie fr den gesunden Menschen die Nahrungsaufnahme ist; sein
religis-philosophischer Trieb ntigte ihn, innerlich bestndig an einem
Weltbilde zu arbeiten, und was er ber das Wesen der Erscheinungen
erfuhr, reihte er sogleich seinem allgemeinen Vorstellungskreise ein
oder vernderte ihn demgem, damit die Grundlage seines Daseinsgefhls
befestigend.

Eine neue Liebe ging Keller auf zu der Tochter des Philosophen Kapp,
Johanna, einem stattlichen, edelgearteten, begabten Mdchen, die selbst
eine verhngnisvolle Leidenschaft zu verbergen hatte. Auf die mit ihr
zwischen den Heidelberger Hgeln verlebten Tage bezieht sich das
Gedicht:

    Schne Brcke, hast mich oft getragen,
    Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
    Und mit dir den Strom ich berschritt.
    Und mich dnkte, deine stolzen Bogen
    Sind in khnerm Schwunge mitgezogen,
    Und sie fhlten meine Freude mit!

Johanna verlie Heidelberg noch vor Keller, um in Mnchen die Malerei zu
studieren; sie verfiel spter in unheilbaren Irrsinn und starb im Jahre
1882.

Nietzsche hat die Bemerkung gemacht, da ein jeder Charakter sein
typisches Schicksal habe: Keller verliebte sich mehrere Male in groe,
schne, willenskrftige, begabte Mdchen, die seine Gefhle mit
herzlicher Freundschaft, aber nicht mit Gegenliebe erwiderten; zweimal
verwendete er Jahre auf das Studium eines Berufes, der nicht der rechte
war, whrend er das, wozu er wie wenig andere berufen war, verkannte
oder doch hintansetzte -- so wollte er in Mnchen Maler, in Berlin,
wohin er im Frhling 1850 ging, dramatischer Dichter werden. Er whlte
demgem seine Lektre und zum Teil seinen Umgang und bildete sich durch
hufiges Lesen und Anschauen von Dramen eine gute Theorie, im Anschlu
an welche er eine Anzahl von Entwrfen, die er sich ausdachte, mit der
Zeit auszufhren beabsichtigte. Unter denen, die vorhanden sind,
leuchten manche als wirkungsvolle Theaterstoffe ein, so ein etwas
possenhafter Lustspielplan, in dem zwei politische Heisporne
entgegengesetzter Richtung sich gegenseitig zum Tode verurteilen, wobei
sie aber nur das Werkzeug von ein paar geschickten Spavgeln sind, bald
von Gewissensqualen verzehrt werden, um sich am Schlusse leibhaftig zu
begegnen; was man sich als ein drastisches Werk saftigen Kellerschen
Humors ausgezeichnet vorstellen kann. Indessen, wenn man auch glauben
darf, da ein geistvoller Dichter wie Keller auch etwas Dramatisches
ordentlich zustande gebracht htte, so ist es doch sicher, da seine
starke epische und lyrische Begabung selbst ihn als Dramatiker behindert
htten. Dem ruhevollen Schilderer menschlicher Zustnde und schner
Dinge wre es schwer gefallen, auf der Bhne vorwrtszustrmen, das
tiefste, weiseste ungesagt und den wonnigen Kleinkram des Lebens
beiseite lassend, und htte er es der Theaterwirkung zuliebe getan,
mten wir es schlielich nur bedauern. In des Dichters eigener
Denkweise drfen wir wohl glauben, da, wenn er ein groer
Theaterdichter htte sein knnen, es ihm auch beschieden gewesen wre,
seine Plne zu vollenden. Da brigens Keller so lange und so fest
darauf beharrte, zum Dramatiker berufen zu sein, liegt vielleicht an der
Lebendigkeit, mit der er seine Dichtungen schaute, so da seine
Gestalten wie auf einer Bhne vor seinen inneren Augen auf- und
abtraten, ihren Satz sagten und ihre Mienen und Gebrden dazu machten
und sich so zuerst gewissermaen dramatisch abspielte, was er seinem
Genius gem erzhlen mute.

Inzwischen arbeitete er geqult und verdrossen am Grnen Heinrich, teils
des Gelderwerbs wegen, teils um eine vergangene Lebensperiode, die er
berlebt hatte, wie eine sich lsende Haut endgltig abzustreifen. Der
Plan zum Grnen Heinrich hatte sich ihm zuerst im Jahre 1846 dargestellt
als eine elegische Geschichte, die seine Hoffnungen und Irrungen im
Hinblick auf seinen vermeintlichen Malerberuf schildern und mit dem Tode
des Gescheiterten enden sollte, der das teure Leben der Mutter einem fr
seine Schwachheit zu hoch gestellten Ideale geopfert hat. Der Umstand,
da die Idee des Buches Biographie war, aber mit dem Untergang und Tode
des Helden schlieen sollte, der in Wahrheit lebte und im Grunde von
jeher wute, da er trotz alledem sich aufwrts bewegte, die
Grundstimmung des Buches also eine dem vorbildlichen Leben verschiedene
zu sein hatte, bedingte einen Zwiespalt, der dem Verfasser die Arbeit
unertrglich erschwerte, um so mehr als er damals die berlegene
Beherrschung des Stoffes, die ihn spter auszeichnete, noch nicht besa.
Wre er dabei geblieben, mit dem Mnchner Aufenthalte abzuschlieen,
htte er es verhltnismig leicht gehabt; allein der Trieb, sich alles
Erlebte bildlich zu machen, veranlate ihn, den Inhalt des Heidelberger
und Berliner Aufenthaltes, also das Gegenwrtige, mit in den Roman
aufzunehmen, wodurch, da die fast erreichte Reise der letzten Periode
mit der Absicht des ursprnglichen Planes nicht zusammenpate und
berhaupt die Ferne zu einem berblick nicht da war, das Miverhltnis
noch vergrert wurde.

Der Braunschweiger Verleger Vieweg, ein feiner, verstndnisvoller Mann,
fhrte einen tragikomischen Kampf mit dem trotzigen Autor um sein
Erstlingswerk, das er ihm Stck fr Stck entreien mute, und ging in
seiner Gutwilligkeit so weit, ihn zu sich nach Braunschweig einzuladen,
damit er sein Buch dort ungestrt vollenden knne. Keller wute ihm
keinen Dank, brummte vielmehr ber den Zwang, der ihm angetan wurde, und
schob darauf die Schuld an der ungleichen Ausfhrung der letzten Teile
und des Schlusses, den er buchstblich unter Trnen schmierte.

Das hohe Honorar, das Keller fr den Grnen Heinrich erhielt, und eine
nochmalige Untersttzung von seiten seiner Regierung konnte doch, wie es
sich von selbst versteht, die Kosten des fnfjhrigen Berliner
Aufenthalts nicht bestreiten, und Keller mute wie in Mnchen sparen,
darben, Schulden machen. Die bitterlichen Leiden und Demtigungen der
Armut hat er Tropfen fr Tropfen gekostet, nicht nur in der ersten
Jugend, wo eine gewisse uere Beschrnkung die innere Genukraft etwa
noch steigern kann, sondern in den dreiiger Jahren, wo der bewute
Wille der natrlichen Elastizitt mhsam nachhelfen mu, und wo
drftiges Leben und Erscheinen an einem, der im Kreise der Gebildeten
und Wohlhabenden verkehrt, Aufsehen, wo nicht Ansto erregt. An einem
traurigen Tage hatte er nichts mehr als ein Zehnpfennigstck, mit dem er
sich ein Brot kaufen wollte; als er aber im Bckerladen war und bezahlen
wollte, wies die Verkuferin seinen Groschen zurck, weil er ungltig
sei, worauf er den Tag ohne etwas zu essen verbrachte und am folgenden
sich entschlo, zu borgen. Unter dem Drucke des Bewutseins, arm und
verschuldet zu sein, verkroch er sich so gut es anging und lebte ein
einsames und schweigsames Sonderlingsleben, das ihn selbst doch nicht
befriedigte; damals machte er wohl die Erfahrung, die er dem Grafen im
Grnen Heinrich in den Mund legte: man msse durchaus danach streben,
Geld zu haben, nur dann brauche man nicht daran zu denken, und sei
wirklich frei. Wenn es nicht geht, so kann man allerdings auch sonst
ein rechter Mann sein; aber man mu alsdann einen absonderlichen und
beschrnkten Charakter annehmen, was der wahren Freiheit auch
widerspricht. Das ist eine Bemerkung, die den unerbittlich wahren,
stets mit der Wirklichkeit als mit einer unanfechtbaren Gre
rechnenden, hoch ber sich und seinen persnlichen Leiden stehenden
Geist schlagend offenbart.

Mit der Zeit erschien Keller doch, um seinem Sichgehenlassen und
schweigendem Erstarren entgegenzuarbeiten, in der Gesellschaft,
besonders in dem Kreise, den Varnhagen und seine Nichte Ludmilla Assing
um sich versammelten, und in dem des Verlegers Franz Duncker und seiner
Frau Lina; aber, wie man sich denken kann, sagte das geistreich
sthetisierende Berliner Wesen seinem auf das einfach Schne und Wahre
und auf ungebundene Daseinslust gerichteten Sinne nicht zu. Er
seinerseits, der in grerer Gesellschaft meistens schwieg, tat es
jedenfalls in ausdrucksvoller Weise und machte trotzdem berall einen
bedeutenden Eindruck; wie ja das Gewicht einer Persnlichkeit, sie
braucht blo zu erscheinen, gesprt wird. Im Dunckerschen Hause lernte
Keller ein schnes, groes Mdchen kennen, die ihn anfnglich in Berlin
festhielt und schlielich daraus vertrieb; denn er wurde noch einmal von
einer ungefgen Leidenschaft befallen, die, wie es scheint, durch ein
mehr oder weniger unschuldiges Kokettieren von seiten der Geliebten
unertrglich gesteigert wurde. Der Dichter hat ihr nicht nur im Grnen
Heinrich als Dortchen Schnfund ein Denkbild gesetzt, sondern auch in
der Novelle von Pankraz dem Schmoller als Lydia, so da wir sie vom
Standpunkt des Liebenden aus in ihrem Liebreiz, und von dem des
Grollenden mit ihren gefhrlichen Verfhrungsknsten kennen lernen. In
dieser Zeit entstand das durch seinen sen Ton ausgezeichnete Gedicht:

    Weise nicht von dir mein schlichtes Herz,
    Weil es schon so viel geliebet.
    Einer Geige gleicht es, die gebet
    Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.

Aus den grausamen Fngen dieser Leidenschaft rettete er sich endlich an
das unwandelbare Herz der Mutter, und die oft ertrumte Heimkehr wurde
endlich im Dezember 1855 nach siebenjhriger Abwesenheit ausgefhrt.

Nichts weniger als reich und nur in einem kleinen Kreise von Kennern
berhmt, aber als ein bewut lebender und schaffender Mann kehrte der
suchende Trumer zurck; den Schatz, auf den es ankommt, hatte er also
doch gehoben. Welche Rolle bei Keller das bewute Geistesleben spielte,
verdient nachdrcklich betont zu werden in einer Zeit, wo viele glauben,
das Hchste in der Kunst vermge nicht des Menschen bewuter Geist,
sondern es gehe aus einer ihm selbst nicht ganz durchdringlichen
Dmmerung seines Innern hervor, und durch Bildung, also Aufhellen des
Bewutseins, laufe man Gefahr, die im Dunkel hausende Genialitt zu
verscheuchen. Keller hatte von frh auf den Trieb, sich ber sich und
die Welt klar zu werden, der mit der Zeit zur festen Einsicht wurde, da
erst im Lichte des Bewutseins das Schwankende sich gestaltet, das
Zufllige notwendig wird. Von dem alten Schlachtendichter Scherenberg,
mit dem er in Berlin verkehrte, sagt er, er sei ein Genie, aber ein
alter, unwissender Hanswurst, der den Mangel an Selbstbeaufsichtigungs-
und Bildungsfhigkeit durch allerhand Charlatanerie zu verdecken sucht.
Nicht minder hart urteilt er ber die Gedankenlosigkeit und Faulheit
seiner Jugend und die Erzeugnisse der unwissenden Lmmelzeit. Der
Grne Heinrich in seiner ersten Form und die erste von den Seldwyler
Novellen, Pankraz der Schmoller, sind noch mehr Schpfungen eines
genialen Dranges als eines gttlichen Geistes, der, wenn er es Licht
werden lt, schon jedes Teilchen der Welt kennt, die darin spielen
soll. Merkt man diesen Werken auch an, da sie von einem denkenden
Dichter sind, so ist doch nicht zu verkennen, da er seinen Stoff nicht
durchaus in der Hand hat, sondern zuweilen von ihm gefhrt wird, wohin
er nicht eigentlich wollte. Was er danach schrieb, ist von einem, der
sich fr jedes Wort und die Stelle, an der es steht, verantwortlich wei
und darber Rechenschaft ablegen kann. Der klarste Verstand hantiert mit
den Ausgeburten der unbndigsten Phantasie, und die bacchantischen
Gebilde, die aus den Schluchten des Unbewuten auftauchen, nimmt ein
feingeschliffenes Spiegelglas mit reinem Umri auf.

Es ist der Mangel an Verstand und der Mangel an Gefhlsklte und
Gefhlsferne, der die meisten Dichter von dem Preise, nach dem sie
ringen, ausschliet. Kellers ungemeiner Verstand bewahrte ihn vor
Geschmacklosigkeiten und Banalitten, deren Nachbarschaft jede noch so
blhende poetische Schnheit vollstndig entwertet, doch macht er sich
niemals positiv bemerkbar; der Dichter erscheint in seinen Werken nur
schaffend, gestaltend, bejahend, niemand denkt an den schneidigen
Mitarbeiter, der mit ruhiger Selbstverstndlichkeit, daher unauffllig,
im Hintergrunde steht. Er hatte die Nchternheit, die Hlderlin heilig
nennt, im Augenblick, wo er die andern berauschte. berwltigte ihn auch
wohl einmal beim Schreiben das Gefhl bis zu Trnen, so dachte er doch
im ganzen, wenn er arbeitete, nur an die Gestaltung des Stoffes nach
einem bestimmten Kunstideal: Denn ich bin ein Auktor, schrieb er
einmal, bei dem es sich auer dem Honorar auch noch um eine
gesetzmige, ordentliche Entwicklung handelt, wo das letzte Opus immer
das beste und ein Fortschritt erkenntlich sein soll. Die Strme, Trnen
und ngste waren abgetan zur Zeit der knstlerischen Verarbeitung, und
das Gefhlsmige in seinen Stoffen konnte die harte Hand des
Schaffenden nicht mehr erweichen. Diese Klte des Menschen, die die
wahre Glut des Knstlers ist, erschwert vielen Lesern den Genu seiner
Werke, da weitaus die meisten Menschen, nicht nur die Frauen, nur durch
das Gefhl, ja nur durch Sentimentalitt berhrbar sind. Selbst ein
feiner Dichter und Knstler wie Storm konnte Keller in seine dnne
Hhenluft, bis zu der scheinbaren Grausamkeit, die das angenehme
Verweilen auf jedem wonnigen Pltzchen verschmht, nicht immer ganz
folgen.

Es soll nun selbstverstndlich nicht gesagt sein, Verstand und Absicht
fr sich allein wren imstande, ein Kunstwerk hervorzubringen, und am
allerwenigsten, das wre Kellers Fall gewesen; aber wie es aus dem
Unbewuten vom Bewutsein erzeugt werden soll, das lt sich an seinem
Muster studieren. Er trgt sein Geschpf wie eine Mutter ihr Kind ohne
Ungeduld, ohne sein Traumweben zu stren, speist es mit allen Zuflssen,
die sein Geist mit oder ohne Willen aufnimmt, ja manchmal verpat er
sogar die Stunde, wo es lebendig ans Licht htte kommen knnen. Es
wurzelt mit ihm in dunkler Erde und treibt mit ihm die Krone ins grne
Licht. Nichts war Keller mehr zuwider als das ohnmchtige Betasten und
Zerfasern des Gegenstandes, das Grbeln ber die Mache, das er an
Grillparzer und Otto Ludwig tadelt, da doch das einzig richtige sei,
unbefangen etwas zu machen; wobei er als selbstverstndlich voraussetzt,
da das Wissen, wie etwas zu machen sei, vom Knstler bereits erworben
und ihm Natur geworden sei. hnlich wie wir beim tierischen Krper nicht
die im Innern des Organismus verlaufenden Funktionen, nur seine fertige
Gestaltung wahrnehmen, so will der Knstler, da wir nur den hellen
Gedanken und das sprechende Bild, nicht den trben Weg, der vom Gefhl
dahin fhrte, sehen; Keller wenigstens empfand das Entblen von etwas
Innerem, das zudringliche Aufwhlen von dem, was die Natur zu verhllen
pflegt, ja schon das Spintisieren und weitgehende Zerlegen der
Erscheinungen durch den Verstand als eine Verletzung der Unschuld und
Bescheidenheit, weswegen er eine impulsive Abneigung gegen die
Briefwechsel der Rahel Varnhagen nicht unterdrcken konnte.

Beim Anblick eines Schwanes, der, auf einem Waldsee ziehend, bald den
Hals in die Flut taucht, bald ihn wieder hebt und lauscht, mute Keller
an seine eigene Seele denken, die, verwundert ber das Leben,
umherschaut, und er ruft ihr zu:

    Atme nun in vollen Zgen
    Dieses friedliche Gengen
    Einsam auf der stillen Flur.
    Und hast du dich klar empfunden,
    Mgen enden deine Stunden,
    Wie zerfliet die Schwanenspur.

Er hielt es geradezu fr ein Ziel des Daseins, ber sich und seine
Stellung in der Welt zur Klarheit zu gelangen; aber nicht ber sich als
eine unbegrenzte Mglichkeit, sondern als Realitt, die lebend und
handelnd erscheint, wozu vor allen Dingen Ehrlichkeit erforderlich ist.

Man mu, wenn man Keller als bewuten Menschen betrachtet, um ein
richtiges Bild zu gewinnen, stets im Auge behalten, da er ebensosehr
Instinktmensch war, mit starken Zuneigungen und Abneigungen, die leicht
gegen ungermanische Rasse und Art entstanden, und sich nicht selten in
bedrohlicher Weise uerten, indem er etwa auf den Tisch schlug, da die
Glser zersprangen, oder Prgel an Unliebsame austeilte. In solchen
Wutausbrchen durchbrach zuweilen das unterirdische Feuer sein
natrliches Phlegma. Es lt sich aber wohl denken, da er fr sein
ungeheuer weites und helles Bewutsein mehr Gegengewicht brauchte, als
seine Natur und seine Lebensumstnde ihm boten, und da er bermiger
Liebhaber des Weingenusses wurde, weil er das im Rausche fand. Im Grnen
Heinrich erzhlt Keller, wie er beim Tellfest auf dem Lande angefangen
habe zu tanzen und zu lrmen, ohne zufrieden zu sein; denn die Lust sei
ihm im einzelnen viel zu nchtern und langsam gewesen. Da gert er zu
einer Gesellschaft weintrinkender Burschen, und hier findet seine
Sehnsucht endlich ein Ziel: Ich trank von dem khlen Wein, dessen
schne Farbe meinen Augen sehr wohl gefiel, und fing leidenschaftlich an
zu singen. Man sieht, da erst nach Lhmung des groen kritischen
Apparates, den er im Kopfe hatte, die Wirklichkeit seinen
Phantasievorstellungen hnlich wurde, und da er sich im Grunde nur nach
dieser innerlichen Entfesselung sehnte. Noch allgemeiner und tiefer ist
es berhaupt das Bedrfnis der von ihrer durchdringenden Bewutheit und
ihrer Einzelheit ermdeten Seele, sich von einer groen Lethewelle
berschwemmen zu lassen, hnlich wie man sich im Schlaf vom Wachen
erholt. Nach strenger Anspannung tritt eine beglckende Lsung ein. Es
ist scherzhaft zu beachten, was fr einen Ehrenplatz der goldfarbene
Lwe in Kellers Werken einnimmt; hufiger noch als bei E. T. A.
Hoffmann die gemtlichen Punschbereitungen sind bei Keller die
Gelegenheiten, wo schnfarbiger Wein gereicht wird, und nicht genug, da
sich die Wackern am Guten erfreuen, kennzeichnen die Schlechten ihre
Verachtungswrdigkeit dadurch, da sie sauren und wohlfeilen trinken,
wie der Seldwyler Viggi Strteler mit seinen Genossen, die noch dazu den
Schwefelwein nicht vertragen knnen und groe Abschwchung und
belkeit davontragen. brigens lobte Keller seinen Hang zum Weintrinken
im Ernste selbst nicht und gab sich ihm auch nicht in so maloser Weise
hin, da er dadurch sein Leben und seine Lebensarbeit geschdigt htte.

Kellers Beschaffenheit, die ich eben mit einigen Strichen zu umschreiben
versuchte, spiegelte sich wieder in seiner Weltanschauung und in seinem
praktischen Verhalten, das mit dieser bereinstimmte. Es wurzelte
nmlich seine Weltanschauung gleichermaen im Bewuten wie im
Unbewuten, das heit, er erfate Gott sowohl als das allgemeine
Bewutsein, in dem jedes einzelne seinen Urquell habe, wie in der Natur
als ewig wechselnden und gestaltenden Lebenswillen; und wenn er als
Kind und Jngling die Leitung seines Lebenslaufes der Frsorge des
allweisen Versorgers anvertraute, war das ebenso aufrichtig, wie wenn er
nach den wundervollen Strophen:

    Damals war ich ein kleiner Pantheist
    Und ruhte selig in den jungen Bumen

im Schoe der Natur sich im Schoe Gottes fhlte. Unter dem Einflusse
Feuerbachs machte er insofern eine Umwandlung durch, als er das
Dogmatische und Vermenschlichte, was infolge der Erziehung seinem
Glauben noch anhing, abwarf, namentlich in bezug auf den Glauben an die
Unsterblichkeit. Wenn er mehrmals betont, da er den Gedanken an
Unsterblichkeit aufgebe zugunsten eines desto glhenderen Erfassens der
Wirklichkeit, des Lebens, so sieht man daraus, da er hauptschlich jene
Auffassung bekmpfen will, die den Schwerpunkt auf ein nach Magabe des
irdischen Wesens vorgestelltes oder besser ertrumtes Jenseits verlegt,
anstatt die auf Erden gestellten Aufgaben mit ganzer Hingebung zu
erfassen und sich dem groen Gesetzesgange der Welt bescheiden zu
unterwerfen. Er hat die unter dem Einflu Feuerbachs geklrten Ansichten
in der Figur Dortchen Schnfund verdichtet, in der die Wehmut des
Verzichtes auf die Unantastbarkeit des eignen Selbst sich reizvoll
vermischt mit der eben dadurch erhhten Lebenswonne.

Sei dem wie ihm wolle: man kann mit dem Verstande und dem Geschmack die
verschiedensten religisen und philosophischen Meinungen billigen, eine,
die im Wesen des Menschen begrndet ist, bleibt davon unberhrt, und das
war bei Gottfried Keller die eigentliche Frmmigkeit und
Gottglubigkeit, bestehend in der immer gegenwrtigen berzeugung von
der Folgerichtigkeit und Zweckmigkeit alles Geschehenden und in der
unerschtterlichen Verehrung der Vernunft des Weltganzen. Im Grnen
Heinrich lst er selbst das Wunder der Gebetswirkung, als welches er es
zuerst ansieht, dahin auf, da er die rettende Wendung aus der durch das
Gebet in ihm entstandenen Sammlung und Krftigung erklrt, die ihn
befhigte, ein geeignetes Hilfsmittel zu entdecken, und er fhlt sich
nun wiederum befriedigt, indem eben dieser Proze gttlicher Natur sei,
und Gott in diesem Sinne ein fr allemal die Appellation des Gebetes dem
Menschen delegiert habe, ohne im einzelnen Falle einzugreifen, auch ohne
sich fr den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbrgen. Dies lautere
Gottesbewutsein bildet den goldenen Grund aller Dichtungen Kellers: ein
tiefes Ruhen in der Vernunft des Alls, dem er sich selbst angehrig
fhlt.

Dieselbe Frmmigkeit beseelte Keller gegenber der Natur; whrend es im
allgemeinen solche Menschen gibt, die Ehrfurcht vor Gott, dem Geiste,
empfinden bei verhltnismiger Herabsetzung der Natur, und solche, die,
weil sie die eisige Majestt des Geistes frchten, sich mit fast
krankhafter Zrtlichkeit in die Arme der Mutter, der Natur, flchten, so
hegte Keller, glcklich harmonisch, gleiche Liebe fr beide. Ich kenne
keinen Dichter, der so treu und inbrnstig verehrend und dabei mit
durchfhlendem, lchelndem Verstndnis die Natur in die Kunst bertragen
hat, wie es eben nur ein Kind mit der Mutter tun kann. Er kennt ihre
herrlichsten Wunder und ihre heimlichsten Wege, er liebt ihre goldenen
und grauen Tage, teilt das Hchste und Kleinste mit ihr. Sie ist die
Geliebte, die ihn mit ewiger Treue und Jugend erquickt; ihren warmen
Mutterblick mchte er im Streit des Lebens auf sich ruhen fhlen, ihre
Frhlinge, Frchte und Sterne sind ihm statt alles irdischen Gutes. Sein
Herz ist ganz in dem armen Jungen, der die Pfennige zu erbetteln
vergit, die seinen Hunger stillen sollten, weil einer Hyazinthe
seliger Duft ihn betrte, und das Begrabenwerden in der braunen Erde
ist ihm ein wohliges Verkriechen in den guten mtterlichen Scho. Tiere
fhrte er mit so piettvoller Liebe ein, da durch ihn der Menschengeist
ihre bewutlos wissende, haltlos flutende Seele mit seinem unsterblichen
Atem zu berhauchen scheint. Ich erinnere an die Eidechse in dem Zyklus
vom Lebendig Begrabenen, die vom Zweige herab auf den Jungen schaut, der
unter dem Baume liegt und trumt:

    Nie hab ich mehr solch guten Blick gesehn
    Und so lebendig ruhig, fein und glhend;
    Hellgrn war sie, ich sah den Odem gehn
    In zarter Brust, bla wie ein Rschen blhend;

wie sie sich dann vom Zweige herablt und sich ihm, ein feines
Geschmeide, um den Hals biegt:

    Das war der einzige und schnste Schmuck,
    Den ich in meinem Leben je getragen!

Oder man denke an die Schilderung der schnen Schlange im Sinngedicht,
die Reinhart Lucie zu berhren lehrt, und von der sie zu trumen
wnscht, wenn sie einmal traurige Tage htte; oder an die Schilderung
des Steinbocks im Apotheker von Chamounix, der zierlich auf dunkler
Klippe steht, alle Fe nah beisammen:

    Manchmal sah ers oben stehen
    In des Herbstes Rosensonne,
    Wie ein Traum von hohen Zinnen
    Sah es lauschend in die Tiefen.

Niemals hingegen finden wir bei Keller das Sichauflsen in die Natur,
das im Grunde nur ein wollstiges Abwerfen der mhseligen
Verantwortlichkeit und des selbstbewuten Lebens von seiten der
Schwachen ist.

Kellers Anschauungen sind alle Erwerb aus seinem Leben und stehen
deshalb nicht in Widerspruch dazu. Es verdient hchste Bewunderung, wie
ernst und ehrlich er die Folgen seines Daseins auf sich nahm, so lastend
sie sein mochten, was man in seinen biographischen Dokumenten, im Grnen
Heinrich und den Briefen verfolgen kann. Es gehrte zu seiner Art der
Frmmigkeit, da er das Bse ebenso willig wie das Gute hinnahm, von
vornherein berzeugt, da es berechtigt sein msse, und befriedigt, wenn
er seinen notwendigen Zusammenhang mit seinem Leben eingesehen hatte.

    Ich kenne Dich, o Unglck, ganz und gar,
    Ich sehe jedes Glied an deiner Kette,
    Du bist vernnftig, zum Bewundern klar,
    Als ob ein Denker dich geordnet htte.

Wer entzge sich nicht gern dem bel und klagte Gott, Schicksal oder
Menschen an, es veranlat zu haben? Fr Keller war es in Wahrheit ebenso
heilig wie das Gute, als etwas Gegebenes und irgendwie von anderen
Menschen, besonders von ihm selbst folgerichtig Hervorgebrachtes; er
kostete es nicht weniger grndlich aus wie die Gensse, und anstatt zu
klagen, befli er sich einzig, sein Unglck zu verstehen und davon zu
lernen. Man mag es tadeln, da er seine Armut nicht energischer
bekmpfte, wird aber immer die rhmliche Tapferkeit und vornehme
Gesinnung bewundern mssen, mit der er sie auf sich nahm. Entgegen den
wissenschaftlichen Meinungen, die er hrte, entschied er sich denn auch
zugunsten der Willensfreiheit, da er es verschmhte, die Verantwortung
fr sein Tun und Lassen auf ein unverantwortliches Unbekanntes
abzuwlzen. Der freie Wille, meint er im Grnen Heinrich, mge bei
wilden Vlkern und in verwahrlosten Einzelnen nicht vorhanden sein: er
msse sich einfinden und entwickeln, sobald einmal die Frage nach ihm
aufgekommen sei, und Voltaires Trumpf, da man Gott erfinden msse, wenn
es keinen gbe, sei mit Recht auf das Dasein der Willensfreiheit
anzuwenden.

Die Gebundenheit des Menschen erfuhr er auch an sich; aber wenn er sich
gehen oder sinken lie, geschah es doch in dem Gefhl, da er selbst das
Zeichen zur Wiedererhebung wrde geben knnen. Nicht umsonst hatte ihm
der Eichmeister, wie es im Grnen Heinrich erzhlt wird, das Urma an
den Hals gelegt und dazu gesprochen: Bis hier hinauf und nicht weiter
drfen Glck und Unglck, Freude und Kummer, Lust und Elend gehen und
reichen! Mags in der Brust strmen und wogen, der Atem in der Kehle
stocken! Der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod.

Der Gedicht-Zyklus Lebendig begraben, dessen allzu gesuchter, von
Keller auf fremde Anregung gewhlter Stoff den knstlerischen Genu
beeintrchtigt, zeigt seine unerschpfliche Schnheit, wenn man dabei
nur an des Dichters Leben und Kmpfen denkt. Er konnte kein besseres
Symbol finden fr seine Art das Unglck zu bemeistern, indem er sich
erkennend und schlielich liebend hinein vertiefte, und fr die Kraft,
in der er sich bte, sein edleres Ich beschaulich aus dem dunklen
Spiegel der Not zurckleuchten zu sehen. Darum haben die Verse, in
denen der Begrabene sich der ganzen Tiefe seines Elends bewut wird und
zugleich die Verzweiflung beschwrt, die ihn anfllt, nichts
Prahlerisches, sondern drcken geradezu die stolzbescheidene
Geistesgre Gottfried Kellers aus:

    Halt ein, o Wahnsinn! denn noch bin ich Meister
    Und bleib es bis zum letzten Odemzug!
    So scharet euch, ihr armen Lebensgeister,
    Treu um das Banner, das ich ehrlich trug.

    So ffnet euch, krampfhaft geballte Fuste,
    Und faltet euch ergeben auf der Brust!
    Wenn zehnfach mir die Qual das Herz umkreiste,
    Fest will ich bleiben und mir selbst bewut!

    Von Erdenduldern ein verlorner Posten,
    Will ich hier streiten an der Hlle Tor;
    Den herbsten Kelch des Leidens will ich kosten,
    Halt mir das Glas, o Seelentrost Humor!

Die bekannte Weltbejahung Gottfried Kellers hngt zusammen oder ist
eigentlich eins mit seiner Frmmigkeit, die an die Vernunft des
Weltganzen glaubt und wei, da eher ein Berg einstrzt, als ein
Menschenwesen ohne angemessene Schuld zugrunde geht; mit dem daraus
entspringenden Freiheits- und Verantwortlichkeitsgefhl, mitttig in der
groen Lebenswelt zu sein, und schlielich mit der Lust an der schnen
Erscheinung, ohne die keiner Knstler sein kann. Seine Lust zu schauen
ist unverwstlich; wer sich ihm anvertraut, geht an seiner Hand ber die
Erde wie durch ein Land an einem hohen Frhlingsfesttage, wo Himmel und
Erde prangen, schne Menschen bekrnzt und geschmckt in Prozessionen
daherziehen, alle Huser ihre Teppiche aus den Fenstern gehngt und ihr
bestes Gert ausgestellt haben. Es kennt wohl jeder die schne Stelle in
Schopenhauers Hauptwerk, wo er das Wesen des Genies erklrt als eines
Menschen, dessen Intellekt die Fhigkeit besitzt, sich vorbergehend von
dem tyrannischen Willen frei und zum Spiegel der Welt zu machen, der ihr
Wesen rein aufnimmt, nicht wie sie dem gebundenen Menschen in bezug auf
seine Bedrfnisse, Meinungen und Ziele erscheint. Man nennt diese
Fhigkeit auch Objektivitt, weshalb sich denn bei Schopenhauer der
Ausspruch findet, Objektivitt sei Genie. Daran mu man bei Keller immer
denken. Wie in dem gefeiten Himmelswasser dem Gletscher von Chamounix
das Lichtbild der geluterten Klara erscheint,

    Gleich dem Umri eines Engels,
    Den ein Meister in das Trinkglas
    Seiner Liebsten leis gegraben,

so rein und unentstellt spiegeln sich Menschen und Dinge in seiner
Seele.

Mit der Objektivitt hngt auch der Humor zusammen, indem sie auf einen
hohen Standpunkt stellt, von welchem aus das Wichtige in bezug auf
Hheres als unwichtig und alles im Wechsel der Beziehungen zu erkennen
ist, wozu freilich, damit wir von Humor sprechen knnen, ein gleichmig
wohlwollendes Gefhl kommen mu. Bei Keller haben wir die berlegenheit
des Intellektes und die der Liebe; er will uns fast wie ein guter alter
Himmelvater aus Kinderbibeln vorkommen, der mit unendlichem
Wohlgefallen, doch oft nicht wenig belustigt, auf seine eigenwillige
Schpfung herunterblickt, so hoch und fern, da er die Musen an den
himmlischen Quellen der oberen Bergpartien auf kleinen Melksthlen
sitzen sieht, und so innig nah, da er die winzige Heuernte der
Murmeltiere zwischen den Felsen bis auf das Mnnchen, das der kleinste
Murmelbub dabei macht, beschreiben kann. Dies gttliche Umfassen und
lchelnde Durchschauen, das den Grundton seiner Werke bildet, scheint
mir fr Keller wesentlich charakteristisch zu sein, und es mag damit der
von ihm beliebte und fters bemerkte hufige Gebrauch von Diminutiven
zusammenhngen, als einer vterlich liebenden Stellungnahme zu allen
Dingen.

Keller liebte die Menschen, soweit sich das tun lt, ohne urteilslos
jedermann mit einem faden Gefhlsschleim zu berziehen. Er liebte sein
Volk treu wie ein lterer Bruder, der lehrt, rt, eifert, sich mit freut
und mit leidet, seine Familie dauerhaft und selbstverstndlich, wie es
zum Wesen dieses Instinktes gehrt. Wie er es mit seiner Mutter hielt,
ist bekannt, und man wird nicht ohne Rhrung in seinen Briefen lesen,
wie er die herbe, doch tapfere und urwchsige Schwester Regula nach
ihrem Tode betrauerte. Gegen Kameraden und Freunde war er anhnglich,
anerkennend, dankbar und hilfsbereit. Zu kameradschaftlichem
Wirtshausverkehr, den er im Auslande zunchst zu suchen pflegte, paten
ihm am besten die Landsleute, unter denen es immer biedere Gesellen gab,
die guten Spa und guten Trunk zu schtzen wuten. Daneben begegnete er
einer Reihe von ausgezeichneten Mnnern, die ihm nicht nur menschlich
zusagten, sondern ihn auch geistig anregten, so Ferdinand Freiligrath,
der aufrichtige und brave Freiheitsapostel und tchtige Mann, dessen
Frhlichkeit und Gelchter erquickend aus kindlicher Gemtsart quoll;
Hermann Hettner, eine lebhafte, ttige Natur, durch vornehme Gesinnung
ausgezeichnet, mit dem mndlich und schriftlich ein anregender
Gedankenaustausch ber literarische, namentlich dramatische Fragen
betrieben wurde; Varnhagen, dessen auserlesenen Stil Keller bewunderte;
Gottfried Semper, der Architekt, von dem es Keller ein Jahr nach seinem
Tode so wunderlich trumte, er sei von drben her ihn besuchen gekommen
und habe ihm beim Abschied zugerufen: Gehen Sie nicht dorthin, Herr
Keller! Schlechte Wirtschaft dort! Ferner der sthetiker Vischer, der
in seiner Pfahldorfgeschichte Kellers uere Erscheinung liebevoll
geschildert hat, schlielich ein verwandter und ebenbrtiger Geist:
Arnold Bcklin.

Sein Verhltnis zu C. F. Meyer wurde niemals herzlich, immerhin war es
durchaus wrdig und diente beiden Mnnern zum Ruhme. Meyer, der Kellers
berlegenheit anerkannte, nherte sich dem etwas lteren mit
Ehrerbietung, unbeirrt durch Kellers khlere Haltung; die unbefangene
Herzhaftigkeit, die Keller sicherlich am liebsten gewesen wre, war ihm
nicht gegeben. Aus Kellers kurzen Briefen spricht Hflichkeit und der
Wunsch, gerecht zu sein und nicht zu verletzen, zugleich aber auch eine
gewisse Ungeduld, die er, wie mir scheint, lebhaft empfand, wenn jemand
nicht ganz und gar er selbst zu sein entweder wagte oder sich begngte.

Besonders liebenswert erscheint Keller in seinen Beziehungen zu den
Frauen. Da Keller die herzlichsten Gefhle, aber keine Gegenliebe in
den von ihm geliebten Mdchen erregte, lag vielleicht an seinem
weiblichen Mangel an Feuer und Tatkraft, der ihn verhinderte, da, wo er
liebte, als Eroberer und zuknftiger Besitzer, berhaupt mit der
leidenschaftlich elementaren Sicherheit aufzutreten, die Frauen nun
einmal hinzureien pflegt. So tief er fhlte, war er der Geliebten
gegenber doch ebensosehr der geniale, humorvolle Beschauer wie der
begehrende Mann, welch letzterer einzig zwar nicht unbedingt beglckt,
aber, wie die menschliche Natur ist, Leib und Seele der Frauen gewinnt.
Was Keller als Freier schdigte, mu ihn als Menschen in unsern Augen
erheben: die mannhafte stolze Art, wie er sein Liebesunglck im stillen
berwand, und vor allen Dingen sein vornehmes Betragen gegen die, die
ihn abgewiesen hatten, das niemals von Empfindlichkeit, geschweige denn
jener Gehssigkeit und Rachsucht zeugt, die beim Manne leicht an die
Stelle der zurckgewiesenen Liebesleidenschaft treten.

Von den Frauen vor allen sollte Gottfried Keller verehrt und dankbar
liebend im Herzen getragen werden, denn sie haben unter den Dichtern
keinen besseren Freund als ihn. Er, der so unwirsch ber die sogenannte
Frauenemanzipation brummte, hat in seinen Werken ein Frauenidealbild
geschaffen, wie es die nach wahrer Freiheit strebenden Frauen sich
wnschen mgen: die Frau, reich an weiblicher Se und Herzensflle wie
an edeln Krften des mnnlichen Geistes, die den Titel des Mannweibes im
guten Sinne tragen drfte. Klarer Geist und Tatkraft zeichnen alle die
lieblichen Wesen aus, die seinem Haupte entsprungen sind. Da ist das
Schlofrulein Fides, die mit stillbescheidener Festigkeit aller Welt
zum Trotz ihren Minnesnger Hadlaub zum Gemahl nimmt, und die der
Dichter folgendermaen charakterisiert: Aus einem raschen und
leidenschaftlichen Kinde war ein tief und stolz fhlendes und nicht
minder klar sehendes und verstndiges Wesen geworden, dessen Neigungen
vorzglich nach Recht und Ehre gingen. Ihre uere Schnheit beschreibt
er so: In diesem Gesichte gab es keine unklaren topographischen
Verhltnisse, keine unbestimmten oder berflssigen Rume, Flchen und
Linien, alle Zge waren bestimmt, wenn auch noch so zart geprgt, wie in
einem wohlvollendeten Metallgu, und alles beseelt von der eigensten,
sesten Persnlichkeit. Die Schnheit war hier von innen heraus
ernsthaft, wahr und untrglich, obgleich ein Zug ehrlicher
Schalkhaftigkeit darin schlummerte, der des Glckes zu harren schien, um
zu erwachen. Ebenso betont er in Pankrazius dem Schmoller, da Lydia
nicht nur eine Schnheit, sondern eine Person gewesen sei; und zwar
schien diese edle Selbstndigkeit gepaart mit der einfachsten
Kindlichkeit und Gte des Charakters und mit jener Lauterkeit und
Rckhaltlosigkeit in dieser Gte, welche, wenn sie so mit
Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine wahre berlegenheit
verleiht und dem, was im Grunde nur ein unbefangenes, ursprngliches
Gemtswesen ist, den Schein einer weihevollen und genialen berlegenheit
gibt. Die wilde, herrliche Kngolt hat mehr leidenschaftliches Blut als
klaren Geist, dafr besitzt sie aber Humor, der sonst den Frauen
abgesprochen wird, und es liegt wahrhafte berlegenheit darin, wie sie
im Augenblick, wo sie enthauptet werden soll und am Abend desselben
Tages, als sie zufrieden an der Seite ihres Mannes liegt, beide Male
leise vor sich hinsagt: So kann es einem ergehen!

Anna Margarete Landolt, die Mutter Salomons, schildert Keller als die
beste und gerechteste Person in ihrer verwilderten Familie. Sie reitet
zwar mit den Mnnern auf die Jagd, fhrt die Hetzpeitsche und pfeift
durch die Finger, aber sie hlt sich doch mit hellem Verstande und
heiterer Laune bei guten Sitten, so da sie ihren Kindern eine
zuverlssige Freundin werden kann. Recht ein Liebling Kellers ist Frau
Marianne in derselben Geschichte, die seltsamste Kuzin von der Welt,
eine Person durch und durch, urwchsig, echt, groherzig und darum
unwiderstehlich. Das Kloster, in dem sie nicht bleiben will, entlt sie
aus Schrecken ber ihren wilden und furchtbaren Widerstand; die
verliebten Offiziere und Studenten, die ihr nachstellen, weist sie
energisch zurck, und einem Offizier, der sie aus Eifersucht verleumdet
hat, zerbricht sie den Degen, da er seinen Abschied nehmen mu. Als es
dem Manne, den sie aus Liebe geheiratet hat, in ihrer Pflege zu wohl
geworden ist und er anfngt, sie zu verachten, lt sie ihn ziehen und
kmpft sich allein weiter durch das Leben. Ihr Herz, das strker war
als alle Schicksale und den Verlust von neun leidenschaftlich geliebten
Kindern berlebt hat, berstrahlt ihre verwitterte, rauhe Erscheinung,
die sie eher einem alten Husaren als einer Wirtschaftsdame gleichen
lt; und als sie, mde von Arbeit und Pflichterfllung, stirbt, folgt
ihrer Leiche ein Grabgeleite wie einem angesehenen Manne.

In vielen Fllen verleiht Keller den Frauen eine gewisse berlegenheit
den Mnnern gegenber, die als gute, leidenschaftliche Wesen, nach
altgermanischer Auffassung, ihrer Harmonie und Besonnenheit bedrfen.
Spielt auch anderswo der Mann die fhrende Rolle, wie Dietegen die
trichte Kngolt beschtzt oder Justine durch den feineren Jukundus
beschmt wird, so ist es dann doch wieder irgendeine Schwche des
Mannes, Verstocktheit oder Mangel an rechtem Zugreifen, die die
Verwirrung herbeifhrt.

Hat sich nun auch Keller selbst zu der lieblichsten der Dichtersnden
bekannt, Frauenbilder, wie die Erde sie nicht trgt, zu erfinden, so ist
das ganz buchstblich nicht zu nehmen; denn er war der Meinung, da das
Dichten nur berechtigt sei, wenn man, bei allem phantastischen Zauber,
Wahres darstelle, und wrde sich nie herbeigelassen haben, Menschen zu
schaffen, die ihresgleichen in der Natur nicht htten oder haben
knnten. Er hatte gute Vorbilder in seiner Mutter sowohl wie in allen
den Frauen, die nacheinander sein Herz bewegten. Luise Rieter, die
Winterthurerin, ein offenes, heiteres und schlagfertiges Mdchen, die
nach dem Tode ihres Vaters, obwohl viel umworben und in Wohlhabenheit
aufgewachsen, im Ausland Erzieherin wurde, um sich ihr Leben selbst zu
verdienen, und spter trotz eines schweren Leidens, das sie sich
zugezogen hatte, Sonnenschein um sich zu verbreiten wute bis zu ihrem
im Jahre 1879 erfolgten Tode, war augenscheinlich durch Charakter,
Temperament und Begabung ausgezeichnet; ebenso Johanna Kapp, die hnlich
wie Luise Rieter mit der Fhigkeit, sich einem geliebten Manne
rckhaltlos hinzugeben, einen starken Unabhngigkeitssinn verbunden zu
haben scheint. Es ist den Werken Gottfried Kellers zugute gekommen, da
er sich im Leben an nicht nur liebreizende, sondern auch feste und
tchtige Personen hielt.

Was Keller an den Frauen nicht liebte, sieht man an einer Gestalt wie
Zs Bnzlin, mit der er, wie er gelegentlich bekennt, ohne Absicht
manche Erscheinung der sthetischen Berliner Kreise getroffen hat. Sehr
unduldsam war er gegen berechnende Gefallsucht und konnte, wo er etwas
davon sprte, in Wirklichkeit ebenso grob werden, wie sein Pankraz gegen
Lydia; dort hat er sich auch in sehr verdienstlicher Weise scharf ber
die von vielen Frauen beliebte Koketterie ausgelassen, sich absichtlich
dumm und albern zu stellen und das fr weibliche Anmut auszugeben. Er
liebte Gesundheit, Ehrlichkeit, Freimut, Kraft, ganze Gefhle, und
widerwrtig waren ihm Verlogenheit, Gespreiztheit, hohles
Verstandeswesen, Kleinlichkeit, ohnmchtiges Wollen ohne Vermgen,
Eitelkeit; aber keineswegs war er der Meinung, irgendeine von diesen
oder anderen Eigenschaften kmen dem mnnlichen oder weiblichen
Geschlechte allein zu. Von dem alten Trdlerpaar im Grnen Heinrich hat
eigentlich die Frau, die das Geschft gegrndet und das Vermgen gemacht
hat, die geistiger Interessen fhig ist, Wohlwollen zeigt und berhaupt
in groen Linien angelegt ist, die Eigenschaften, die man fr gewhnlich
mnnlich nennt, der schmarotzende kleine Mann hingegen, der nichts ernst
nehmen kann, rachschtig, gehssig und genschig ist, die sogenannt
weiblichen. Ebenso ist Eugenie in den Sieben Legenden selbstndigen und
starken Geistes, so da sie ein ganzes Kloster regieren kann, whrend
die Hyazinthen weiblich abhngig und faul sind und, sowie sich die
Gelegenheit gibt, unter vollstndigem Absterben aller geistigen Regungen
dicke Mnche werden.

Der Knstler, der selbst in erster Linie Mensch und dann erst
Geschlechtswesen ist, sieht auch in den andern zunchst den Menschen,
woher die hohe Sittlichkeit der groen Kunstwerke rhrt. Keller steht
hoch ber der sinnlich subjektiven Enge eines E. T. A. Hoffmann, der mit
Frauen, die hlich oder mehr als zwanzig Jahre alt waren, nichts
anzufangen wute; seine Briefe an die Witwe Freiligraths und ihre
Schwester Marie Melos zeigen seine zarte, liebevolle und ehrerbietige
Gesinnung im Verkehr mit liebenswerten alten Damen, und selbst einer ihm
unsympathischen, ungewhnlich reizlosen Erscheinung gegenber, wie
Ludmilla Assing war, lt er es trotz aller gelinden Ironie nicht an
Achtung vor dem, was sie leisten konnte, und nicht an Mitleid mit ihrem
halb lcherlichen halb tragischen Schicksal fehlen. Demgem hat seine
Kunst auch nicht nur hbsche junge Frauen, sondern in der Mutter und
Gromutter des Grnen Heinrich, der Frau Hediger und Frau Regel Amrain,
der erwhnten Marianne und der Marie Salander Typen fr die Schnheit
und Wrde einer jeden Altersstufe geschaffen.

Dem Bilde seiner Frau entsprechend ist die Liebe in seiner Dichtung
dargestellt: stark, naiv, rein und s. Von Sinnlichkeit hat sie soviel
wie es einer schnen und gesunden Natur gem ist, und da sie immer
durch eine geistige Kraft im Gleichgewicht gehalten wird und naiv ist,
tritt das Bedrfnis nach Verschleierung nicht auf, die hliche
Lsternheit aus einem natrlich guten Triebe macht. Wie nun innerhalb
der Liebe deren sinnlicher Seite ihr gutes Recht gelassen, doch auch
eine bestimmte Schranke gezogen wird, so hlt es Keller mit der Liebe
berhaupt, indem er ihre Lust und Qual ganz empfindet und empfinden
lt, ohne da sie sich im Leben allzu breit machen darf.

Im modernen Leben wie in der modernen Kunst ist der Liebe zuviel Platz
eingerumt, und es gehrt das zu den bedeutendsten Ursachen und
Kennzeichen der Krnklichkeit und Schwche unserer Zeit. Ein oder zwei
wegen einer Dame ruinierte Jahre mgen allenfalls angehen, schrieb
Keller anllich des Narci von Brachvogel, aber ein ganzes Leben darf
nicht geschnupft werden und ist weder dramatisch gut noch sonst
ersprielich. So lie er wohl seinen Grnen Heinrich an der
Verschuldung gegen die Mutter zugrunde gehen, aber von Liebessachen
lassen seine Helden und Heldinnen sich nicht unterkriegen; selbst Agnes,
die schwchste seiner Mdchen, verwindet ihren Liebesgram, um eine brave
Familienmutter zu werden. Das Unglck unerwiderter Liebe, das er selbst
oft erfuhr, lie er nicht als solches gelten: Nur eigensinnige und
selbstschtige Verfassungen laufen Gefahr sich aufzulsen, wenn sie von
denen nicht geliebt werden, die ihnen gefallen. Aber auch
andersgeartetes dauerndes Abirren der Liebesleidenschaft mifiel ihm: er
verlangte fr dieselbe eine natrliche Grundlage der Zweckmigkeit und
Mglichkeit; was gewi nicht ausschliet, da er fr jedes menschliche
und wahre Gefhl Verstndnis hatte. Am meisten verhat war ihm eben auch
auf diesem Gebiete das Hohle, Unwahre und Sentimentale, in das man sich
hineinduselt, oder das Absichtliche und Prahlerische, was ihn an dem
vierbeinigen zweigeschlechtlichen Tintentier Stahr-Lewald so sehr
erbitterte.

Es ist eigen, da gegen einen Dichter, der in der Auffassung der Liebe
so streng eine gesunde Keuschheit beobachtete, der Vorwurf erhoben
werden konnte, er habe in seiner Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe
ein unwahres Bild der Liebe entworfen und dadurch schdlich gewirkt;
whrend gerade die Hilflosigkeit zweier ganz junger Menschen gegenber
dem groen Elemente zwar nicht vorbildlich ist, aber ein typisches
Naturereignis und in seiner Notwendigkeit von erschtternder Schnheit.
Vergleicht man seine Behandlung dieses Stoffes mit mancher modernen, so
wird man seine Kunst des Poetisierens und Stilisierens, unter der die
Wahrheit nicht leidet, doppelt bewundern.

Zu den Dingen, die fester und lblicher seien als die jugendliche
Kurzweil des Liebens, rechnete Keller besonders die Bettigung als
Staats- und Stadtbrger. Gottfried Keller gehrte nicht zu jenen
Knstlern, die sich vom ffentlichen Leben in einen Schlupfwinkel
zurckziehen, um dort an einer womglich mit dem Leben nicht organisch
verbundenen Kunst zu schaffen, sondern er schlug seine Wurzeln fest in
den Boden, wo alle Menschen sich umtreiben, in der Meinung, von dort aus
desto besser in die Luft wachsen zu knnen. Als ein brgerlicher Stdter
gehrte er nach den damaligen Zeitumstnden und auch nach seinem
trotzigen, unabhngigen Sinn der Demokratie an, wohingegen seine
Objektivitt ihn fr billiges Mahalten und Anerkennen des Berechtigten
aller Parteien geeignet machte. Demgem beteiligte er sich in der
Jugend, die sich dem Strome der Zeit gern hingibt, an den revolutionren
Kmpfen der vierziger Jahre, migte sich spter und bekam im Alter
einen scharfen Blick fr die Schden der Demokratie, ohne darum ein
verbitterter Reaktionr zu werden. Aus seiner Jugendzeit haben wir von
ihm ein Lied vom Vlkerfrieden, von der goldenen Zeit, wo alle Nationen
in eine wrden vereinigt sein. Keller war nicht der Mann, derartige
allgemeine Zukunftsideale mit auf die nchsten Bedrfnisse der Gegenwart
gerichteten Handlungen zu vermengen; aber deswegen waren sie fr ihn
doch etwas anderes als bedeutungsloser schner Schall. Vollends wre es
verkehrt, aus der harten Kritik, die er im Salander an der
zeitgenssischen Demokratie bte, zu schlieen, er sei als alter Mann
seinen Jugendidealen abtrnnig geworden; denn tiefster berzeugung nach
gehrte er immerwhrend dahin

              wo das Herz schlgt,
    Auf der Menschheit frohe Linke,
    Auf des Frhlings groe Seite!

und uerte die Meinung, ein verstndiger Mann msse Freund der Freiheit
und des Fortschritts auf jedem Gebiete sein, was fr Irrtmer und
Torheiten es auch dabei zu berwinden geben mge.

Fr die Weltpolitik fehlte es ihm nicht an Interesse und Verstndnis;
aber indem er die Groartigkeit der Verhltnisse in den Nachbarlndern,
wo sich in seinen Jugendjahren leidenschaftliche Kmpfe abspielten,
bewunderte, kehrte sein Blick doch mit Genugtuung zu seiner Heimat und
ihrer bewuteren, zweckvolleren Entwicklung zurck. Wie unermelich
aber auch alles ist, schrieb er 1848 gelegentlich der Revolutionen in
Wien, Berlin und Paris an einen Freund, wie berlegen, ruhig, wie
wahrhaft vom Gebirge herab knnen wir armen kleinen Schweizer dem
Spektakel zusehen! Wie feingliederig und politisch raffiniert war unser
ganzer Jesuitenkrieg in allen seinen Phasen und Beziehungen gegen diese
freilich kolossalen, aber abc-migen Erschtterungen! Selbst da unsere
Leute weniger Todesverachtung gezeigt haben, als fast alle diese
verschiedenen Stdte, ist mir lieber und beweist die feinere Kultur, das
Bewutsein, da es eben gehen mu und soll, ohne sich allzu toll zu
gebrden.

Kellers Vaterlandsliebe war sowohl die instinktive, unwandelbare
Anhnglichkeit an die mtterliche Erde, der nahezusein ihm Wohlgefhl
und Augenweide bedeutete, wie grndliches Kennen und Schtzen und
schlielich das Bewutsein, durch Blut, Opfer, Ruhm und Gedankenarbeit
der Vorfahren auf seinen Posten verpflichtet zu sein und den Nachkommen
Haus und Gut, soviel an ihm sei, in wrdig wohnlichem Zustande
berlassen zu mssen. In dem Gedicht vom alten Bettler scheint mir
Kellers Vaterlandsliebe vollkommen zum Ausdruck gebracht zu sein;
zugleich seine unzerstrbare Kindestreue und die gttliche Ferne und
Uneigenntzigkeit seines groen Herzens.

Es ist bekannt, da Keller nicht nur Liebhaber in der Politik war,
sondern whrend einer Reihe von Jahren als erster Staatsschreiber
Zrichs der Staatskanzlei vorstand und damit eine betrchtliche Menge
von Geschften zu erledigen hatte. Das gereicht der zrcherischen
Regierung und ihm selbst zu hohem Ruhme; denn es gehrte von seiten der
Regierung ein stolzes Zutrauen und feines Selbstbewutsein dazu, dem
nicht juristisch vorgebildeten und durch seine Gewhnung an
willkrliches Sichgehenlassen ein wenig verwilderten Dichter auf einen
so hohen, jedermann sichtbaren Platz zu stellen, und andererseits
Kellers intelligente Tchtigkeit, der Meinung zu entsprechen.

Am Vorabend seines Amtsantritts machte Keller eine groe Gesellschaft
mit, bei der ihm der Weingenu um so schlechter bekam, als er in den
Groll ber die Extravaganzen, die er mit ansehen mute, hineintrank, und
anstatt um 8 Uhr in der Kanzlei zu erscheinen, mute er nach 10 Uhr von
einem Regierungsrat aus dem Bette geholt werden, was der Entrstung, die
in weiten Kreisen ber die unbedachte Wahl herrschte, Recht zu geben
schien. Allein es war die letzte Welle, die Keller bis an den Hals und
fast ber das Zeichen des Eichmeisters hinaus schlagen lie; nunmehr
gebot er Halt und zeigte sich als ein so unantastbarer und gewiegter
Staatsschreiber, da die Widersacher sich sogleich bekehrten und
ffentlich bekannten, sie htten bei ihrer Beurteilung der Sache das
Genie nicht in Betracht gezogen, das jede Aufgabe zu bemeistern wisse.

Es wre verkehrt, die Sache so aufzufassen, als htte durch den Beruf
der Dichter sich ins brgerliche Joch zwingen lassen und wre Philister
geworden; sehe man es lieber als einen Beweis an, da dieser Dichter
keine an der Menschheit schmarotzende Pflanze, kein auerhalb stehender
Priester oder Gtze sein wollte, sondern sich Mensch wie die andern
fhlte, nur reicher und strker an Trieb wie Bewutsein, und darum der
Gesellschaft mehr als andere verpflichtet.

Da er whrend seiner Amtsjahre nicht dichtete, ist nicht zu beklagen,
weil man sicher sein kann, da in seinem Inneren Keimen und Wachsen war,
und weil das langsame, stille Reifwerden zu seiner Eigenart gehrte, der
zum Teil gewi die besondere Se und Flle seiner Werke zu verdanken
ist; aber auch abgesehen davon, ist es segensreich fr ein Volk, wenn
seine Knstler nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch ihr Leben
voranleuchtend wirken, und die tapfere Selbstherrschaft, die Keller
ausbte, indem er seiner Mutter und seinem Vaterland zuliebe sich in den
Dienst des Staates stellte, macht ihn menschlich ehrwrdig und
vorbildlich.

Nach 15 Jahren machte Keller sich wieder frei und begab sich daran, sein
Lebenswerk zu vollenden, vor allen Dingen durch berarbeitung des Grnen
Heinrich. Verlangte nicht die Piett, dem Dichter zu gehorchen, der
einen Fluch ber diejenigen aussprach, die jemals die erste Fassung
seines Romanes wieder ins Leben riefen, so mte uns der gute Geschmack
bestimmen, sie der Vergessenheit, die er fr sie wnschte, zu
berlassen; denn wenn Keller die Fehler seines Jugendwerkes auch allzu
peinlich empfand, so mu doch zugegeben werden, da ihm der Mangel an
berblick des Ganzen, viel subjektives Reden und nachlssige Breite
stellenweise mehr den Charakter eines Tagebuches als einer
formgewordenen Kunstarbeit geben. Der Grne Heinrich in seiner
endgltigen Fassung dagegen besitzt die Reife und Vollendung, die
vielleicht nur ein Werk haben kann, an dem Jugend und Alter gemeinsam
gearbeitet haben. Einen solchen Roman besa unsere Literatur trotz
Wilhelm Meister und der Romantik noch nicht; der einzige in deutscher
Sprache, der war, was diese Dichtungsform sein sollte, nmlich ein
modernes Epos, eine homerische Dichtung, die doch nirgends eine solche
Analogie sucht und ganz unter ihren eigenen Bedingungen erwachsen ist.

Ein Leben luft ab, aus altem, ansssigen Bauernvolk hervorgegangen, in
die bewegliche Stadt versetzt, von dem Strome des geordneten
Staatswesens aufgenommen und weitergetragen, bis die eigenen
Schicksalstriebe sich regen, die es mit wechselnder Bewegung, bald mig
schlngelnd, bald mit starkem Sto und strzend, durch Irrtum und Kampf,
hart am Untergang vorber, zu vershnter, doch schmerzvoller Klarheit
fhren. Homerisch darf man die Dichtung insofern nennen, als alle
dargestellten Verhltnisse und Menschen einfach und typisch sind und
auch die Besonderheit des Stiles nur darin besteht, mit Unterdrckung
des Zuflligen, Unwesentlichen, das schlechtweg Angemessene und das
Verstndnis Befrdernde zu sagen.

In Hinsicht des Stoffes handelt es sich im Grnen Heinrich -- und
meistens bei Keller -- um die einfachsten menschlichen Verhltnisse:
Trennung und Heimkehr, Erziehung, Schule, Beruf, Arbeit und Feste, aus
welcher einfachen Struktur die Flle, die er energisch verlangte, durch
zahlreiche individuelle Zge, die denn auch bunt, abenteuerlich, ja
grotesk sein durften, organisch hervorblht.

Whrend Keller am ersten Grnen Heinrich arbeitete, beklagte er sich,
da die weitschichtige, unabsehbare Strickstrumpfform des Romans nicht
in seiner Natur liege; namentlich in der endgltigen Fassung hat er den
schwierigen Zwiespalt zwischen den Forderungen epischer Breite und
knstlerischer Zusammenfassung und Gestaltung glnzend berwunden. Die
groe Flche ist aufs reizendste gegliedert, aus dem ruhenden Grunde
hebt sich Bild um Bild und scheint die ungeheure Masse der Erzhlung in
Einzelgedichte aufzulsen, ohne da doch jemals der Eindruck des breiten
Stromes schwindet, der die kleineren und greren Wellen schlgt.

Wundervoll schliet sich an die dumpfen Freuden, Trbsale, Irrsale und
Verrichtungen der Kindheit, die sich natrlich mit dem Phantastischen
und Grausigen mischen und in den krausen Gassen der alten Stadt sich
abspielen, das liebe Dorf mit seinen ckern, Hgeln und Gewssern, wo
eine anmutig kultivierte Natur und eine alte, feierlich fromme Kultur
ineinanderwirken, und aus dessen friedvoll keuschem Grunde dem Helden
Kunst und Liebe erblhen -- und an dieses die Weite der groen
Kunststadt, wo neben den schimmernden Spielen verfeinerten Lebens die
tiefsten Geistesbedrfnisse des Kulturmenschen und seine schndeste
Marter durch hilflose Armut sich entwickeln.

Was die Darstellung im einzelnen betrifft, so ist es unvergleichlich,
wie bei Schilderung irgendeines Gegenstandes oder Vorganges durch die
Kunst der Betonung des Wesentlichen sogleich das Leben als Ganzes schn,
belehrend und mit dem Anspruch ewiger Geltung vor uns hintritt. Liest
man die Erzhlung, wo Heinrich im Dorf versucht die schne Buche zu
zeichnen, so prgt sich nicht nur unvergelich die Gestalt des edlen
Baumes ein, sondern wir wissen fr immer, wie die erste Begegnung
zwischen dem unreifen, nach Kunst ringenden Jngling und der gttlichen
Natur beschaffen ist; wir werden ber das Wesen der Natur und das der
Kunst belehrt und erleben zugleich mit ganzer Seele ein Ereignis mit,
das einem bestimmten Menschen in einziger Weise begegnete. Oder man
denke an die Schilderung, wie Heinrich mit dem norddeutschen Schreiner
den Sarg fr Anna verfertigt. Da erleben wir nicht nur die Verwandlung
des natrlichen Materials in einen knstlichen Gegenstand zu
menschlicher Verwendung mit als ein Ereignis von kultureller Bedeutung,
als wre es das erste Mal: wir dringen wiederum tief ein in die
Lieblichkeit der Natur, wir bewundern den Erfindungsgeist und das
Geschick der Menschen; die Eigenart des Schreiners und die Erzhlungen
aus seiner Heimat verknpfen diesen Augenblick mit weiter Ferne, und
durch das Glas mit den musizierenden Engelsknaben fllt noch ein
himmlisches Licht auf den einfachen Vorgang. Wie Homer nicht veraltet,
kann auch diese Kunst durch keine Geschmacksrichtung und Mode angetastet
werden, da sie die Grundlinien des Lebens selbst zieht.

Gegenber dem lteren Grnen Heinrich waren die Leute von Seldwyla ein
Fortschritt; eine Reihe auserlesener, knstlich geschliffener und
gefater Edelsteine, die die Schnheit, die Schrecken und die Wunder des
Lebens im Lichte blitzen lassen. Der dionysische Dichter lst unsere
Gebundenheit und lt uns die Welt mit seinem Auge als ein in sich
selbst begrndetes Bild schauen. Nicht da er uns die Wirklichkeit
verschleierte oder uns durch Betubung ihr entzge: in einem wahrhaft
heiligen Rausche lt er uns in strahlender Klarheit unsere Flchtigkeit
und Bedingtheit gegenber der ewigen Schnheit auer uns erkennen, in
deren Anschauung wir eine geheimnisvoll ausgleichende Seligkeit genieen
lernen. Die wunderlichen Helden: Pankraz der Schmoller, die Kammacher,
von Neid und Tugend ausgehlt, der allzufeine Glcksritter John Kabys,
der melancholische Schneider, ziehen vorber als farbige Sinnbilder des
eitlen schnen Lebens, unvergngliche Geschpfe einer geistigen Welt,
die sich mit der krperlichen berall durchwchst und durchwirkt. Was
aber diese Novellen vor anderen auszeichnet, ist eigentlich doch das,
da es dem Dichter bis zu einem hohen Grade gelungen ist, das
Verwesliche des Stoffes in der Glut seines arbeitenden Geistes zu
tilgen, so da die Form leicht, klar und dauerhaft geworden ist und das
beglckende Gefhl, etwas Vollendetes anzuschauen, erregt. Das gilt
vorzugsweise von dem Schmied seines Glckes, den gerechten Kammachern,
dem Mrchen Spiegel das Ktzchen, und kann wohl auch von Dietegen und
Romeo und Julia auf dem Dorfe mit Recht gesagt werden.

Es war Kellers Bestreben, diesen Proze, nmlich das Ausscheiden des
Unwesentlichen vom Wesentlichen, gewissermaen des Verweslichen vom
Unverweslichen, fortwhrend zu verfeinern, bis er pures Gold in
schlichter, aber edelster Form gebildet hatte. In diesem Sinne steht das
Sinngedicht, wenn man es als ein Ganzes betrachtet, ber den Seldwyler
Novellen; doch wird der Verehrer Kellers vielleicht die letzteren
vorziehen, weil uns seine einzigartige Persnlichkeit darin
unmittelbarer berhrt. Die Zricher Novellen haben als Ganzes nicht die
Vollendung des Sinngedichtes erreicht, doch gehren das Fhnlein der
sieben Aufrechten und der Landvogt von Greifensee zu den Meisterwerken;
das Fhnlein knpft unmittelbarer an die meisten anderen Novellen an und
ist doch ohne jede phantastische Zutat, nur durch die Durchdringung des
Stoffes auf die Hhe allgemeingltiger Poesie erhoben. Die Blte
Kellerscher Dichtung bilden die Sieben Legenden, goldene Frchte in
silbernen Schalen, Traumgesichte von lebenstreuer Wahrheit, in denen
Frmmigkeit und Schalkheit, Sinnenzauber und Engelreinheit absichtslos
vereinigt sind wie im Gemte eines Kindes. Man kann sie einer Kapelle
vergleichen, durch deren schmale glhende Fenster Licht fllt und Farben
malt, wo zwischen christlichen Figuren und Symbolen heidnische Schnrkel
sprieen, groteske und anmutige, ein lachender, weltlicher bermut, der
nicht anders als wie ein Wohllaut mehr in den heiligen Zusammenklang des
Gotteshauses hineintnt.

Fast alle Werke Kellers -- mit Ausnahme der Zricher Novellen -- sind in
den Zrcher und Berliner Jahren 1846-56 ausgeheckt worden, so da er
an den Sieben Legenden, die 1872, und an den Novellen des Sinngedichtes,
die 1880 erschienen, hauptschlich nur noch die Arbeit des
Kunstverstandes zu besorgen hatte. Einzig Martin Salander ist ganz und
gar ein Werk des Alters. Es ist eine durchsichtige, geschlossene, fein
abgewogene Erzhlung, die aber nicht wie die frheren Dichtungen aus der
chaotischen Werksttte des Lebendigen im Inneren des Dichters
hervorgegangen, sondern berwiegend mit dem Bewutsein gemacht zu sein
scheint. Es sind prchtige Seldwyler Menschen darin, besonders die
beiden Ehepaare Salander und Weidelich, und tragische Szenen, die das
unverminderte knstlerische Vermgen des alten Meisters anzeigen, so
namentlich die, wie die Weidelichs die Schande ihrer Shne erfahren, und
das Sterben der Mutter; und vieles ber die Beschaffenheit eines
Kunstwerks liee sich daraus erlernen von dem, was berhaupt erlernbar
ist --: das, was sich nicht gebieten lt, den Odem des Lebens, hat der
mde Dichter seinem letzten Werke nicht einblasen knnen.

ber sein ganzes Leben zu verteilen sind seine Gedichte, die von vielen
nicht geschtzt wurden und werden, von andern aber, die mir die rechten
Kenner seiner Poesie zu sein scheinen, als seine schnste Gabe und als
allerschnste deutsche Gedichte berhaupt angesehen werden. Es gibt
viele Gedichte, die einem, solange man jung ist, der eigenen poetischen
Stimmung zu entsprechen und das eigene Gefhl klangvoll auszudrcken
scheinen, wenige, die einen durchs Leben begleiten, scheinbar sich mit
einem entwickelnd. So sind viele von Kellers Gedichten; sie berraschen
einen immer wieder durch neue Aussichten, sie fassen nmlich ihren
Gegenstand gerade im Mittelpunkte, sind so rein und wesentlich
empfunden, da der, welcher einen Augenblick darin lebt, immer, er
blicke nach welcher Richtung er wolle, einen Ruhepunkt, einen
Widerhall, ein Gengen fr seine Seele finden mu. Zu solchen Gedichten
rechne ich, ohne damit den ganzen Schatz erschpfen zu wollen, das vom
Sonnenuntergang, das Abendlied an die Natur, das allbekannte Abendlied,
das Waldlied, das Herbstlied, das Gedchtnislied an Wilhelm Baumgartner,
Untergehende Liebe, Poetentod, die von keiner persnlichen Vorliebe oder
allgemeinen Geschmacksrichtung abhngig sind.

Man hat gegen die Gedichte eingewandt, da sie aus der Prosa heraus,
nicht unmittelbar als Melodie und Rhythmus entstanden seien, wogegen
sich, wenn einmal jemand so empfindet, kaum etwas einwenden lt, was
das Gegenteil bewiese. Wer den stolzen, feierlich jauchzenden Rhythmus
in dem Hymnus: O mein Heimatland! o mein Vaterland! nicht fhlt; nicht
den hochmtigen, verfhrerischen, traurigen: Alle meine Weisheit hing
in meinen Haaren; den lautlos schwebenden, durchsichtigen in dem
Wintergedicht: Nicht ein Flgelschlag ging durch die Welt; den
schmelzenden, in unendliche Trnen auflsenden in dem sen
Erinnerungsgedicht: Ich will spiegeln mich in jenen Tagen -- dem
Kellers Gedichte durch umschreibende Grnde aufzudrngen, mchte ich
mich nicht unterfangen.

Die Hrten der Sprache, an denen manche Ansto nehmen, schtzen vielmehr
vor der leidigen Virtuositt und Eleganz, die jeder Unfhigkeit ein
Ansehen gibt und worin jedes etwaige Eigenleben schwindet. Kellers
Sprache berhaupt, das eigentliche Mittel seiner Kunst, hat nicht nur
den unnachahmlichen Reiz der Eigenart, sondern ist auch schn und
musterhaft, insofern sie sich ihre Gesetze geschaffen hat, die fr
jedermann gelten. Er beherrscht die unerklrliche Kunst, die unendlich
oft gebrauchten und abgetragenen Worte neu erscheinen zu lassen, dadurch
geeignet, eine noch unbekannte, nur sich selbst gleiche Welt aufzubauen.
Nie ist ein Wort oder eine Wendung gesucht, und doch erscheinen alle,
als wren sie noch nie dagewesen, frisch von Meisterhand geprgt. Es kam
ihm dabei wohl zugute, da er als Dialekt redender Schweizer an einem
Urquell der deutschen Sprache sa; was den Ausschlag gibt, ist aber doch
seine Intelligenz und seine Persnlichkeit. ber den Zusammenhang
derselben mit seinem Stile kann man nichts Treffenderes sagen, als er
selbst gelegentlich getan hat: Es liegt mein Stil in meinem
persnlichen Wesen: ich frchte immer manieriert und anspruchsvoll zu
werden, wenn ich den Mund voll nehmen und passioniert werden wollte. Er
war durch und durch ehrlich, unfhig, sich nur auf einen Augenblick
selbst zu belgen und sich in irgendeine Stimmung zu steigern, die
seinem Empfinden nicht gem war, wenn auch Lage und Neigung
augenblicklich dazu drngten. Ebenso whlte er in der Sprache stets nur
den wahrheitsgemen Ausdruck fr das, was er darstellen wollte, und
htte es nicht gelitten, wenn derselbe die Strke seines Gefhls
bertroffen oder seinem Gegenstand nicht haarscharf entsprochen htte.
Hier hat nun auch der Verstand seine Stelle, der das Wesen der Dinge mit
dem Wesen der Worte in Einklang zu setzen, den Wert eines Gefhles und
den eines Satzgefges aneinander abzuwgen wei. Der Wahrhaftigkeit in
Kellers Geiste vor allem verdanken wir es, da seine Sprache nirgendwo
gespreizt oder kokett, immer einfach, sachlich, durchgefhlt und
durchgedacht und auf diesem Grunde schn ist. Ein Tropfen Lge und
Eitelkeit im Menschen spiegelt sich notwendig in seinem Stile und kann
ihn zwar glnzend, absonderlich, interessant und sonst noch manches
machen, scheidet ihn aber aus dem Bereiche der Schnheit. Der leise
Hang zur Manieriertheit, wo nicht Affektation des Stiles rgerte ihn
denn auch an C. F. Meyer. Auch Keller stilisierte die Natur, d. h. er
befreite sie vom Zuflligen und Unwesentlichen und gab ihr eine Form,
oder, wie man es auch nennen knnte, vergeistigte und verewigte sie,
ohne welchen Proze von Kunst berhaupt nicht die Rede sein kann; aber
sein Stil wurde niemals affektiert oder manieriert, was erst entsteht,
wenn die vorbildliche Natur dem Stile ganz aufgeopfert und dieser nun
durch Entziehung seiner Grundlage und seines Gehaltes aufgeblasen und
gespreizt oder schwchlich wird.

Stofflich knpfte Keller gern an die Gegenwart und bekmpfte die
Auffassung vieler Menschen, die das Poetische als etwas der Wirklichkeit
Entgegengesetztes begreifen und, von der Wirklichkeit irgendwie
verletzt, sich in eine ihnen bequeme Phantasterei trumen, welche sie
Poesie nennen; was vielmehr nur auf Schwche beruht, die vor dem
grausamen Glanze der Wirklichkeit nicht bestehen kann. Einmal antwortete
er Justinus Kerner, dem ihm in manchen Punkten verwandten, nur weit
schwcheren Schwaben, auf ein Gedicht, in dem derselbe sich ber die
Gegenwart beklagt, die mit ihren Maschinen die Poesie in der Natur
vernichte, mit einem Lobe unserer Zeit, deren Erfindungen die Fabeln des
Mittelalters von dmonischer Geistesherrschaft wahr machten. Er endet
mit den prchtigen Strophen:

    Und wenn vielleicht in hundert Jahren
    Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein
    Durchs Morgenrot km hergefahren --
    Wer mchte da nicht Fhrmann sein?

    Dann bg ich mich, ein sel'ger Zecher,
    Wohl ber Bord, von Krnzen schwer,
    Und gsse langsam meinen Becher
    Hinab in das verlane Meer.

Darin haben wir ein Beispiel fr das Verhltnis von Phantasie und
Wirklichkeit in Kellers Dichtungen. Bei seiner Achtung vor der
Wirklichkeit und Abneigung gegen das Gemachte, begann er damit,
Selbsterlebtes darzustellen und betonte einmal mit Nachdruck, fast als
sei das Gegenteil eine Schande, da er es immer so halten werde. Nach
dem Grnen Heinrich knpften noch Pankraz der Schmoller und Frau Regel
Amrain unmittelbar an eigene Lebenserfahrung; seitdem tritt das
Selbsterlebte zurck, und er schpfte seine Stoffe aus Zeitungsberichten,
aus der Geschichte oder anderen berlieferungen. Bei Romeo und Julia auf
dem Dorfe betont er in einem Briefe, da es auf einem wirklichen Vorgang
beruhe, weil nur dadurch die Arbeit sich rechtfertige; es ist das
nicht trgende Gefhl der Alten, die den Dichter als Lgner
verabscheuten, auer wenn er bescheiden im Gefolge des Lebens geht, das
sein Lehrmeister sein mu, wie die Menschen- und Tiergestalt der des
Bildhauers. Hauptschlich das Gerst der Tatsachen entnimmt Keller der
Wirklichkeit und umwindet es schmckend mit ppiger Phantasie; aber es
ist nach einem Ausdruck von Goethe exakte Phantasie, die im Sinne der
Wirklichkeit phantasiert, so da wir, auch wo er am ausgelassensten
fabuliert, Fleisch und Blut riechen und die siegesgewissen Elemente der
Wirklichkeit spren. Die Hexe, die den Schornstein heraufsteigt, ohne
die blanken Schultern schwarz zu machen, whrend Katze und Eule, still
und klug, hinunterlauschen und warten, und der tanzende Knig David mit
dem kleinen singenden Engel, der das Notenblatt zwischen den rosigen
Zehen hlt, sind nicht minder wirklich als der unselige junge Mrder,
der das wehrlose Knblein erschlgt, um es einer Mundharmonika zu
berauben. Das Sichhinwegsetzen ber die Gesetze der Wirklichkeit und das
stille, zusammenhangsvolle Verfahren der Natur, um aus willkrlicher
Einbildungskraft heraus zu erfinden, nennt Keller Arbeitsscheu, mit
literarhistorischen Namen Spiritualismus und Romantik, letzteres mit
Recht in bezug auf die Praxis der Romantiker, die die Hhe ihrer
Theorien nie erreichten. Bei Kellers Werken ist uns zumute, als habe die
Natur selbst sie gemacht, so selbstverstndlich erscheint uns alles; es
fllt uns so wenig ein sie zu kritisieren, wie uns das einem Baum oder
einer Blume gegenber in den Sinn kme: es knnte hchstens sein, da
man eines dem andern vorzge oder etwa berhaupt keinen Sinn dafr
htte. So sollen wir auch nicht fragen, ob er jeden Gipfel erreicht und
jeden Abgrund ausgemessen hat: den weiten Umkreis, den sein Auge
erfate, hat er uns rein in schnem Bilde gegeben, etwas Vollkommenes,
worin niemand ungetrstet und unbelehrt sich versenkt.

Ich habe wenig von den Werken des Dichters gesprochen, um wieder zu ihm
selbst zurckzukehren, ihrem Schpfer; denn an diesem bleibt doch
zuletzt das durch seine Werke erregte Gefhl haften, das sich nicht
beruhigt, als bis es den innersten Lebenskern seines Gegenstandes
erreicht hat. Der Werke, die wir von den Dichtern kennen, werden im
Laufe der Zeit immer weniger: es gibt nur noch einige Verse von Sappho,
und die meisten Menschen haben nur ein paar Strophen oder Gesnge von
Tasso, Dante, Walter von der Vogelweide gelesen; aber ihre Namen
scheinen uns zu Hupten wie Sterne, ja es ist, als ob sie an Leuchtkraft
wchsen, wenn sie die Strahlen, die von ihnen ausgingen, wieder
einsaugen und als gttliche Erscheinungen, ungeteilt und unteilbar, in
unerreichbarer Ferne stehen, wo wir sie staunend betrachten.

Mehr oder weniger traurig, schrieb Keller einmal einem Verehrer, sind
am Ende alle, die ber die Brotfrage hinaus noch etwas kennen und sind,
aber wer wollte am Ende ohne diese stille Grundtrauer leben, ohne die es
keine rechte Freude gibt? Den andeutenden Fragen teilnehmender Freunde,
die meinten, er msse sich, namentlich im hheren Alter, einsam und
unglcklich fhlen, pflegte er stets mit irgendeiner Wendung zu
entschlpfen, teils weil ihm das pfuscherhafte Glcklichseinwollen und
noch mehr das Reden darber zuwider war, teils aber gewi, weil er den
Menschen nicht erklren wollte, aus welchem Quell der Seligkeit er in
der Einsamkeit schpfte. Reich und schn mute das Leben dem weisen
Zauberer sein, sowie er unbehelligt von den Leuten am Tische Gottes sa,
von seinen Genien Phantasie und Witz aus goldenen und kristallenen
Schalen bedient. Wie sehr er Menschen zu schtzen und zu lieben wute,
habe ich schon gesagt; wenn er sich oft unwirsch abwandte, war das
weniger seine als die Schuld der menschlichen Art berhaupt, von denen
so wenige sich unbefangen und klug als das zu geben wissen, was sie
sind. Gegen das unntz Wesen und Sich-mausig-machen war er nach
eigenem Gestndnis starr und untraitable, worber man sich, als ber
ein Zeichen der Unbestechlichkeit seines Verstandes und Charakters,
ehrfrchtig freuen sollte. An Anerkennung hat es ihm nicht gefehlt; aber
auch hier mu man gestehen, da er oft Ursache hatte, auch ber die
wohlmeinendste Kritik zu brummen, da Lob und Tadel meistenteils beide
nicht am richtigen Ort saen. Da er bei der Schtzung eigener und
fremder Werke in erster Linie die Form im Auge hatte, nmlich nicht das
uere, sondern das Nicht-Stoffliche, wurde oft miverstanden, und unter
seinen Beurteilern stellten sich die wenigsten auf diesen Standpunkt. Es
konnte Keller mit Recht bekmmern oder verbittern, wenn selbst
diejenigen, die ihn aufs hchste bewunderten und mit Einsicht rhmten,
unversehens die trichtsten Aussetzungen machten, wie z. B. Vischer die
Nasenzpfe des Ritters Maus des Zahllosen in den Sieben Legenden als
ekelerregend tadelte, oder Storm ihm die kstlichsten Schnrkel und
Spe ausmerzen wollte, oder Emil Kuh schlechthin erklrte, seine
Gedichte nicht zu mgen, was ihm auch von Mommsen berichtet wurde.
Keller antwortete auf derartige Bemerkungen immer mit anstndiger Ruhe,
in Kleinigkeiten meistens dem Tadler recht gebend, nur, wo es ihm darauf
ankam, seinen Standpunkt nachdrcklich verteidigend. Er besa das starke
und gesunde Selbstbewutsein, das mit Bescheidenheit verbunden ist;
nmlich mit gerechter Schtzung anderer, sowohl hherstehender wie
minderwertiger Intellekte, und der Klugheit, letztere nicht durch
Betonen der eigenen berlegenheit reizen zu wollen. Wenn er laut
rhmende Verehrer ersuchte, den starken Lobtabak nicht weiter zu
rauchen, begrndete er die Bitte jedesmal damit, da das
uneingeschrnkte Loben ihm nur Feinde und Neider machen wrde. Eine
allgemeine Anerkennung erfuhr Keller erst spt, wie er denn berhaupt zu
den Dichtern gehrt, die von allen gelobt, von wenigen gelesen und nur
von einzelnen nach ihrem Werte geschtzt werden. Die wrdige Ehrung, die
ihm an seinem siebzigsten Geburtstage bereitet wurde, mag sich ihm
schwer wie ein Grabstein auf das Herz gelegt haben; er wute, da der
silberne Lorbeer nur einem Haupte gereicht wird, das sich nach
vollendetem Lebenswerk dem Tode zuneigt.

C. F. Meyer schrieb nach Kellers Tode, da ihm an dem verstorbenen
Dichter nichts so ergreifend erschienen sei, wie sein Verhalten zu
seinem Volke, ber dem er wie ein guter Geist gewaltet habe, zrnend,
warnend, lobend, zurechtweisend nach Bedarf. Die Verehrung, die alle,
die deutsche Sprache reden, zu ihrem Meister tragen, mge sie ermutigen,
sich mit unter diese treue Hut zu scharen, als ob es wie vor Zeiten nur
ein groes rmisches Reich deutscher Nation gbe. Wir Deutsche drfen
wohl ein Anrecht auf ihn geltend machen, der seine Neigung und sein
Zugehrigkeitsgefhl zum deutschen Volke so beharrlich zeigte, wie er es
bei seiner ber allen Argwohn sicheren, in Blut und Geist eingeborenen
Liebe zum Vaterlande zu tun sich getrauen durfte. Nicht nur seines Lobes
knnen wir uns freuen, sondern auch seines Tadels rhmen, der mehr als
alles seine treue, vterlich verpflichtete Gesinnung beweist. Er und
seine Werke haben die deutsche Art, die sich nur allzuoft mit einem
falschen Blechklange anpreist, in ihrer echten Schnheit verklrt; denn
deutsch, oder sagen wir germanisch, war er von Kopf zu Fen, so da ein
Fremder ihn hchstens achten, nur ein Deutscher -- von den
Deutsch-Schweizern versteht es sich von selbst -- ihn ganz wird
verstehen und lieben knnen. Seine Wahrhaftigkeit, die den Ton nicht um
eine Schwingung lauter werden lt als sein Empfinden, seine
Gerechtigkeit und Objektivitt, die jedes Ding rein ohne Bezug auf seine
Person in sich aufnehmen kann, seine kindliche Arglosigkeit, die alle
gttlichen und menschlichen Mysterien anrhren kann, ohne sie zu
erniedrigen oder sich zu beschmutzen, sind deutsche Idealeigenschaften,
auf die wir stolz sind. Deutsch ist seine Einfachheit und Ruhe, die das
Pathetische und Feierliche, ja die Geste berhaupt nicht kennt, die
Mischung grndlichen Ernstes mit naiver Tollheit, die Auslnder
kopfschttelnd als etwas unbegreiflich Kindisches oder Nrrisches
hingehen lassen, wenn nicht verachten, schlielich der auf Freiheit des
Geistes und hchste Liebe begrndete Humor. Bei ihm ist die
berschwengliche und doch natrlich aus brauner Erde gewachsene
Phantasie zu Hause, der Hang, sich am schnfarbigen Weine zu berauschen,
die verehrende und zugleich vterlich gute Stellung zu den Frauen.
Deutsch vor allem ist die ernste, krftige Auffassung des Lebens als
einer Aufgabe, fr die man, sei es Gott, sei es der Menschheit gegenber
verantwortlich ist, das Bedrfnis, sich mit seinem Gewissen
auseinanderzusetzen, sein Leben auf den Grund einer Weltanschauung zu
stellen. Wir kennen nicht die groartig geschftsmige Kirchlichkeit
der Englnder, noch die gewohnheitsmig spielende der glubigen oder
den melancholischen Atheismus der unglubigen Sdlnder: wir haben oder
suchen Religion oder haben sie oft, ohne es zu wissen und zu wollen,
nmlich das Gefhl, einem Hheren verpflichtet zu sein und das Leben
danach einzurichten.

Ich denke nicht von ferne daran, zu behaupten, da dies alles in den
Deutschen Wirklichkeit sei, nur da es als Mglichkeit in ihrer
Veranlagung liege und durch das anfeuernde Muster bedeutender
Kunstwerke, in denen ein solches Ideal verkrpert ist, ausgewirkt werden
knne.

Du wanderst nicht mehr durch Deinen Garten ber dem See und sammelst
Rosen, Meister Gottfried; aber Dein sind alle, die der Sommer bringt,
denn Dein guter Geist ist lebendig und nhrt sich von allem, was schn
ist. Weile noch unter uns! Lange bleibe die Zeit noch fern, wo die
Menschen Deinen Namen einem einsamen Sternbild geben, das bald mit
lustigem Zwinkern, bald in seliger Schnheit ber der streitenden Erde
steht. Sei uns noch Lehrer und Hter! Wehre uns, wenn wir vom strengen
Wege der Wahrheit abschweifen, rttle uns, wenn wir schwach und feige in
uns selber versinken, weise uns mit Deinen reinen Augen den goldnen
berflu der Welt. Lehre uns vor allen Dingen Eitelkeit, Lge,
Selbstsucht und Kleinlichkeit hassen, doch auch das Geringste lieben,
sofern es unverflschtes Leben hat, und das Gttliche kindlich und
mnnlich verehren; schlielich, bei Ha und Liebe die ewige Ordnung der
Beziehungen im Sinne tragen:

    Die Liebe wird den Ruhm nicht mindern,
    Wenn Kleine mit den Kleinern gehn:
    Die Sonne selbst mit ihren Kindern
    Mu sich um gr're Sterne drehn.





End of the Project Gutenberg EBook of Gottfried Keller, by Ricarda Huch

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GOTTFRIED KELLER ***

***** This file should be named 31150-8.txt or 31150-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/3/1/1/5/31150/

Produced by Norbert H. Langkau, Chaotica and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
