The Project Gutenberg eBook, Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid, by
Marie Ebner von Eschenbach


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Title: Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid
       Zwei Erzhlungen


Author: Marie Ebner von Eschenbach



Release Date: February 8, 2010  [eBook #31233]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RITTMEISTER BRAND; BERTRAM
VOGELWEID***


E-text prepared by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow, and the Project
Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)



RITTMEISTER BRAND.

BERTRAM VOGELWEID.

Zwei Erzhlungen

von

MARIE VON EBNER-ESCHENBACH.







[Verlags-Logo]


Berlin.
Verlag von Gebrder Paetel.
1896.

Alle Rechte, vornehmlich das der bersetzung in fremde Sprachen,
vorbehalten.



     Ihrer Kniglichen Hoheit der durchlauchtigsten Prinzessin

     Mary von Hannover

     in tiefster Verehrung

     zugeeignet.




Rittmeister Brand.


I.

Dietrich Brand entstammte einer uralten angesehenen Kaufmannsfamilie. Seit
fast einem Jahrhundert bestand das Rohseidengeschft Brand&Co. in Ehren
auf dem Wiener Platze. Es hatte seine Begrnder und ihre nchsten
Nachfolger reich gemacht und trotz der Ungunst der Verhltnisse in den
letzten Decennien keinen Rckgang erfahren. Diesen Erfolg verdankte das
Haus der Tchtigkeit seines Chefs, und Niemand zweifelte, da sein
willensstarker und energischer Sohn sein Nachfolger werden wrde. Durch
lange Zeit blieb das streng, sogar vor einander bewahrte Geheimni seiner
Eltern: Dietrich zeigt zum Kaufmannsstande wenig Lust und Talent.

Trotzdem war es ein Tag des Entsetzens fr sie, als er kam und ihnen seinen
unerschtterlichen Entschlu kund that, nichts anderes zu werden, als wozu
er sich im Innersten berufen fhlte, Soldat.

Warum Soldat, um Gotteswillen? Warum nicht Beamter oder Landwirth, wenn
schon durchaus nicht Kaufmann? -- Ja, weil er dazu beitragen wollte, die
auer Rand und Band gerathenen Menschen wieder an Zucht zu gewhnen. Weil
er erziehen wollte, wie er von klein auf gethan. Das muten die Eltern
gelten lassen. An dem Hunde und Papagei seiner Mutter, an den Tauben und
Spatzen, die er mit Weibrotkrumen auf den Fenstersims lockte, an Allen
hatte er -- und mit Glck -- erzogen. Im Sommer, wenn die Familie in ihrer
Villa in Neuwaldegg Aufenthalt nahm, kamen die Kinder dran. Da war er immer
von einem Trupp umgeben, den er commandirte und der ihm gehorchte, weil es
sich von selbst versteht, da man dem Dietrich Brand gehorcht.

Dem Vater wollte das Befehlshaberische im Wesen seines Sohnes nicht
gefallen: Aus Dir wird einmal ein Schulmeister, sprach er zu ihm.

Nicht ein Schulmeister, ein General, antwortete Dietrich.

Ja, sie htten es voraus sehen knnen und nicht schweigen sollen. Auch
nicht zu den schweren Kmpfen, die er im Stillen bestand. Den Trbsinn, der
ihn seit lngerer Zeit ergriffen hatte, sein bles Aussehen, die rothen,
berwachten Augen, mit denen er jeden Morgen zum Frhstck kam, erklrte
Vater Brand fr Symptome der bergangsjahre, die einem weiter keine Sorgen
zu machen brauchen. Das sagte er freilich nur, um die Frau zu beruhigen,
die sich wieder ihm zur Liebe beruhigt stellte; denn die wahre Liebe, die
Alles kann, kann sogar ihre eigenste Natur verleugnen, kann sogar lgen,
wenn's gilt.

Als Dietrich ihnen sein Vorhaben mittheilte, wuten die Beiden gar wohl:
Leicht ist es ihm nicht geworden, unsere Luftschlsser nieder zu reien und
unsere Altershoffnungen bankerot zu machen.

Was ihnen anfangs ganz unauffindbar schien, war der Zusammenhang zwischen
seiner Lust am Erziehen und seiner Liebe zum Militrstande. Er wies ihnen
aber nach, da kein anderer so viel Macht verleiht, auf den armen und
ungebildeten Nchsten frdernden Einflu zu nehmen. Und in diesem edelsten
Stande giebt es wieder keine Waffengattung, die dem Erzieher so viel
Mglichkeit bietet, sein Talent nutzbringend zu entfalten wie die
Kavallerie. Das Wesen, dem ich meine Sorgfalt widme, wird zugleich
angehalten, die seine einem anderen Wesen zu spenden -- seinem Pferde. Da
steht also der Mann gleichsam in der Mitte zwischen einer heilsamen Ursache
und einer heilsamen Wirkung und erfhrt zugleich zweifachen Nutzen. Deshalb
wollte Dietrich Brand nicht nur Soldat, er wollte ein Reiter werden, ein
schwer wiegender, ein Dragoner.

Unser Sohn ist ein Feuergeist, klagten die tiefbetrbten Eltern ihrem
Vertrauensmanne, dem greisen Buchhalter; und er dachte bei sich: Zur Hlfte
Feuergeist, zur Hlfte Pedant. Die Sorte setzt Alles durch.

Klug wie er war, befolgte er auch dieses Mal die bewhrte Praxis, die ihm
das Vertrauen des Herrn und der Frau Principal sicherte. Er rieth ihnen,
das zu thun, was sie ohnehin gethan htten -- nachzugeben.

Der Vater vershnte sich nie ganz mit der Berufswahl Dietrichs; aber das
uneingeschrnkte und einstimmige Lob, das seinem Sohne gezollt wurde,
freute ihn doch. Was seine Vorgesetzten am meisten an ihm rhmten, um was
seine Kameraden ihn am meisten beneideten, das war die unerschpfliche
Geduld, die ihn bei all' seiner eisernen Strenge nie verlie.

Htten wir viele Offiziere wie Sie, wrde unsere Armee zur grandiosesten
Volkserziehungsanstalt der Welt, hatte ein sehr hoher Herr zu Dietrich
gesagt, und an diesen Ausspruch erinnerte man sich im Regimente noch lang,
nachdem Brand aus ihm geschieden war.

Seine Mutter gerieth nach und nach in eine wahre Begeisterung fr den
Militrstand. Vom Tage der Ernennung ihres Sohnes zum Lieutenant begann sie
den Militrschematismus zu studiren und fehlte bei keiner Revue auf der
Schmelz. Remonte, Train, Mnage, Zug, Eskadron, Regiment, Division, in der
Tour, auertourlich u.s.w. wurden fr sie gebruchliche Worte. Von allen
kamen aber keine so oft ber ihre Lippen wie die: Mein Sohn, der
Lieutenant. Als sie sagen durfte: Mein Sohn, der Oberlieutenant, und als
er in dieser Charge die Wiener Garnison bezog, da mute Vater Brand mit
ihr hinaus fahren auf den Exercirplatz zu jeder Truppenausrckung. Die
Gattin an seiner Seite gerieth beim Defiliren der Regimenter in solche
Extase, da er sich fragte, ob der Sohn nicht am Ende von ihr die
kriegerischen und heroischen Neigungen geerbt habe. Aber die erbliche
Belastung wre in dem Falle schwer nachweisbar gewesen, denn Frau Brand
entstammte, wie ihr Gemahl, einer alten, friedfertigen Kaufmannsfamilie.

Im Winter wurde der Zug des Oberlieutenants Brand mit Puls- und
Seelenwrmern, mit Socken und Flanellunterkleidern so reichlich versehen,
da die Leute sich durch ihr behagliches Aussehen vor allen Anderen
auszeichneten. Frau Brand erlebte auch noch die Glckseligkeit, von ihrem
Sohne, dem Rittmeister, sprechen zu knnen und ihren guten Alten dazu ein
wenig schmunzeln zu sehen.

Zu der Kaiserrevue in dem Jahre, in dem Dietrich zum ersten Male eine
Eskadron kommandirte, kam seine Mutter allein gefahren im schnen offenen
Landauer. Die Pferde hatten schwarze Geschirre, und die Diener trugen
schwarze Livre, und im Wagen sa eine gebrochene Frau in Wittwentrauer.
Noch ein Jahr, und der Rittmeister hatte keine Eltern mehr, er hatte auch
sonst Niemanden, er hatte nur seinen Beruf.

Nein, man darf nicht sagen nur, wenn von einem Beruf die Rede ist, von
einem vollen, ganzen. Der Beruf ist Alles, ist mehr als Eltern und Kinder,
als die Geliebte, als der Freund. -- So glaubte Dietrich wenigstens damals.


II.

Wenn seine Mutter ihm gesagt hatte: Du solltest doch endlich ans Heirathen
denken, war seine Antwort gewesen: In Gottesnamen; nur nicht zu viel, nur
nicht zu oft; mein Beruf lt mir keine Zeit zu Nebenbeschftigungen.

Und gerade im ersten Sommer nach dem Tode der guten alten Frau verliebte er
sich. Es geschah so sachte, so allmhlich, da er's anfangs gar nicht
merkte. Die Ehe seiner Eltern hatte ihn gelehrt, von der Liebe den hchsten
Begriff zu haben. Sie kommt nicht, oder im Triumphe, die unwiderstehliche,
allmchtige Siegerin. Und nun war sie erschienen ohne Sang und Klang,
hatte sich ihm ins Herz geschlichen unter fremdem Namen in der bescheidenen
Gestalt von Sympathie, Werthschtzung und tiefem Mitleid.

Die es ihm angethan hatte, hie Sophie von Henning, und war die Tochter
eines mhrischen Landedelmannes, der sich, als Brands Eskadron in der Nhe
seines Gutes einquartiert wurde, eben damit beschftigte, die Reste seines
einst ansehnlichen Vermgens in alle Winde zu streuen.

So lange seine, ihm weit berlegene Frau am Leben gewesen war, hatte sie
verstanden, seiner Verschwendungssucht bis zu einem gewissen Grade Einhalt
zu thun. Nach ihrem Tode, den er sechs Wochen lang leidenschaftlich
betrauerte, erwachte er aus seinem Grame als ein verjngter,
lebensfreudiger Mensch. Er frbte seine Haare, unterzog sich einer
Entfettungskur, machte jungen Damen den Hof, stellte kostbare Pferde in den
bauflligen Marstall ein, steckte seine drfliche Dienerschaft in Livren
von falscher Eleganz, und hielt offenes Haus.

Seine Tochter sah den Augenblick des unabwendbaren Zusammenbruches immer
nher heran kommen, war aber dem leichtsinnigen Vater gegenber
ohnmchtig. Sie konnte nichts thun, als mhsam und unter Entbehrungen aller
Art die Lcken und Risse verkleistern, die hinter der klglichen
Herrlichkeit des zu Grunde gehenden Haushaltes klafften.

Herr von Henning nahm die Hlfe Brands, der ihn schon mehrmals aus
momentaner Verlegenheit gerettet hatte, mit der grten Unbefangenheit in
Anspruch. Sobald der hart gesottene Optimist die Spur einer Neigung des
Rittmeisters fr Sophie wahrgenommen hatte, stand es ihm auch fest: Brand
wird sein Schwiegersohn und rangirt ihn. In frhlicher Weinlaune verga er
sich einmal so weit, da er in Gegenwart der Beiden Anspielungen auf diesen
Zukunftsplan machte.

Von Stunde an vernderte Sophiens Benehmen gegen Brand sich vllig; keine
Spur mehr des unbefangenen Vertrauens, mit dem sie ihm bisher begegnet war,
auch keine auffallende Zurckhaltung, die wieder auszeichnend gewesen wre.
Gleichgltigkeit schien an die Stelle der stillen, tiefen Neigung getreten
zu sein, die in ihr erwacht war, ihren Ernst hold durchsonnte, ihr stilles
Wesen lieblich verklrte.

Aber Dietrich lie sich nicht tuschen: er bewunderte die Seelenstrke, mit
der sie ihre Neigung verleugnete, den Stolz, aus dem diese
Selbstverleugnung entsprang. Zum ersten Male erwog er die Mglichkeit,
seine goldene Freiheit aufzugeben und sich frs Leben an ein anderes Wesen
zu ketten. Dann hatte er die Wahl: austreten -- den Gedanken schleuderte er
nur so hinweg; oder: allen seinen berzeugungen und Grundstzen untreu
werden und als verheiratheter Mann weiter dienen. Also -- thun, was er von
jeher verschworen hatte: eine Frau, und wei Gott wie bald, auch Kinder
nachschleppen in kleine Kavallerie-Garnisonen, immer bereit, das eben erst
errichtete Zelt wieder abzubrechen.

Militrwirthschaften -- er hatte ihrer genug vor Augen -- waren ihm ein
Greuel. Kaum hat die Familie sich sehaft gemacht, wohnt leidlich, schickt
die Kinder in die Dorfschule oder den Dorfschullehrer zu den Kindern, und
schon wieder heit es wandern. Die richtige rarische Frau sagt dann zu
ihrem Manne: Du brauchst Dich um nichts kmmern, die bersiedlung ist
meine Sache. Der Bagagewagen steht vor der Thr und daneben sie und
berwacht das Aufladen der Einrichtungsstcke, der Betten, der Kisten. Ein
Kind hngt sich an ihr Kleid, ein anderes ist in Gefahr, unter die Rder zu
kommen, wie der Wagen sich in Bewegung setzt, ein drittes heult um sein
Schaukelpferd, das ihm davon gefhrt wird. Der ahnungsvolle Engel sieht
es im Geiste schon nach dem berladen auf den Lastzug und von da wieder auf
den Fuhrmannswagen mit drei Beinen ankommen, wenn's gut geht. Die Tische
und Sthle theilen sein Schicksal. Im unbekannten Lande, im neuen Haus, das
meistens eine Htte ist, wird dann geleimt, geflickt, die Bude wieder
hergerichtet -- frs Auge.

So manche unternehmende Lieutenantsgattin ldt schon am Tage des Einrckens
in die Station einige Offiziere zum Thee. Auf einer umgestrzten Kiste wird
er servirt, aus schartigen Tassen getrunken. Wie der Hausrath aussieht, wie
die Kinder untergebracht sind, darber geht man hinweg mit Leichtsinn und
Humor. -- Aber _haben_ mu man die, ein Pedant darf man nicht sein, fr
den die schnste Frau allen Reiz verliert, wenn er dahinter kommt, da sie
nicht Ordnung hlt in ihrem Wscheschrank. Ein solcher Mann darf seine Frau
nicht in Lagen bringen, in denen die Schnheit der ueren Lebensform gar
zu oft verletzt werden _mu_.

Nein denn, und dreimal nein.

Und nun kam er auf den Gedanken, den er schon als vllig unausfhrbar
verworfen hatte, zurck -- den Dienst aufgeben.

Ja, er berlegte, erwog die groe Frage aufs Neue. Konnte es einen besseren
Beweis geben, da er liebte, innig und tief? Aber das Resultat seines
peinigenden Nachgrbelns war doch wieder nein gewesen. Und nun stand es
fest, und kein Gott htte daran rtteln knnen. Dem Rittmeister blutete das
Herz. Man sagt das oft so leicht hin: Mir blutet das Herz. Erfahre es nur
an dir selbst, wie das ist, wenn sich's zusammenschnrt, immer fester,
immer erstickender, bis man meint, die schweren, schmerzenden Tropfen
hervorquellen zu fhlen, mit denen Frohsinn und Lebensfreude dahin flieen.

Er wute auch: Sie leidet und vielleicht mehr als er selbst; sie hat ja
nicht einen Beruf, der fr Alles Trost bietet, sie hat nur elende Sorgen.

Seitdem Brand das Haus Henning mied, war dort ein Freier aufgetreten, der
sich bisher vor dem brillanten Rittmeister bescheiden im Hintergrunde
gehalten hatte, ein Herr von Mller, Major in Pension, von dem es hie, da
er ein wohlhabender Mann sei und den traurigen Muth haben wolle, das
verschuldete Gut Hennings zu bernehmen. Er knpfte an dieses
problematische Erlsungswerk die Hoffnung, Sophie werde sich entschlieen,
ihm ihre Hand zu reichen. Sie that es nicht, sie widerstand seinem treuen
Werben, dem flehenden Beschwren ihres Vaters.

Brand hrte durch gemeinsame Bekannte ab und zu von ihr in der fernen
Garnison, in die sein Regiment versetzt worden war.

Zwei Jahre gingen vorber, da traf eine berraschende Kunde ein. Mllers
Gromuth und Gte muten Sophie endlich gerhrt haben, sie war seine Frau
geworden.


III.

Nun erfuhr Brand, was heie Reue ist. Er sagte sich, da es doch besser
gewesen wre, im Kampfe gegen seine Herzensneigung zu unterliegen als zu
siegen. Schade, schade um diese edle Sophie, die ihm herabgewrdigt schien
durch eine nicht aus Liebe geschlossene Verbindung. Die Schuld an dem
schweren Unrecht, das damit an ihr begangen wurde, ma er mit gutem Grunde
sich selbst zu.

Alles, was Brand damals im Stillen litt, trat aber bald in den Hintergrund
vor einem anderen wichtigen Ereigni, das ber seine ganze Zukunft
entscheiden sollte.

Von Kind auf hatte er bedauert, da er keine Geschwister gehabt, keinen
schwachen, kleinen Bruder, den er htte beschtzen, leiten, erziehen
knnen. Im Regimente fand er, was die Familie ihm schuldig geblieben war,
den jngern, etwas unselbstndigen Kameraden, auf den er alle Bruderliebe,
die in ihm geschlummert hatte, bertragen konnte, und der ihm dafr durch
unbedingte Ergebenheit dankte.

Es war ein schner, etwas zur Melancholie geneigter Mensch, dem das
Leben mehr Bitternisse zu kosten gegeben hatte als gut ist fr eine feine,
scheue Natur. Frh verwaist, arm, die ganze Kindheit hindurch auf das
Gnadenbrot angewiesen, das wohlhabende Verwandte ihm und seiner Schwester
widerwillig reichten, schlug fr ihn die erste glckliche Stunde, als seine
Angehrigen seinem Drngen nachgaben und ihm erlaubten, in eine
Militr-Erziehungsanstalt zu treten. Er wird die harte Schule bald satt
haben, meinten sie, und ungestmer herausstreben, als er hineingestrebt
hat. Sie irrten. Er bestand die harte Schule zum Verdru der Onkel und
Tanten, denen seine Ausdauer als eine weitgetriebene und ziemlich
respektlose Rechthaberei erschien. Sobald die lange -- oft endlos
scheinende -- Lehrzeit vorbei und er Offizier geworden war, hatte er seine
Schwester zu sich nehmen wollen. Darber lachte man nur. Einem
zwanzigjhrigen Lieutenant, wenn er auch ein Muster von Soliditt ist,
pflegt man nicht ein achtzehnjhriges Mdchen zur Vollendung ihrer
Erziehung zu bergeben. Ihr mt warten, sagten der Onkel-Vormund und
seine Frau, denen es sehr angenehm war, eine unbesoldete Bonne im Hause zu
haben, auf die man sich unbedingt verlassen konnte.

Die Geschwister warteten, bis die Ernennung Wildensteins zum Rittmeister
nahe bevorstand und seine Schwester mndig gesprochen werden sollte. Sie
hatten in dem kleinen, dunkeln Hofzimmer, das sie bewohnte, das letzte,
kurze Wiedersehen vor der letzten Trennung gefeiert. In drei Wochen also
komme ich und hole Dich -- hatte er gesagt, und sich erhoben und ihr die
Hand gereicht. Aber sie hatte die Hand nicht erfat, sie war in
unaussprechlichen Jubel ausgebrochen. Die Schchternheit, von der sie sonst
in der Nhe des abgttisch verehrten Bruders ergriffen wurde, verschwand.
Sie strzte in seine Arme, und ihre Glckseligkeit verrieth ihm, wie viel
sie bisher gelitten hatte: So nahe der Augenblick, in dem die Sehnsucht
ihres ganzen Lebens sich erfllen sollte! So nahe die Erlsung! Es war kaum
zu fassen, es berauschte sie, es stand vor ihr wie das pltzlich geffnete
Himmelsthor: Ich werde bei Dir sein! Sie lag an seiner Brust, die kleine,
stille Dulderin, seine echte Schwester, so schweigsam und tapfer in ihrer
Weise, wie er in der seinen -- und weinte.

Da verlor er seine gewohnte Selbstbeherrschung, sein Herz berflo. Sie
erfuhr, da er ihrer bedurfte, ihrer trstenden, heilenden Nhe, der immer
wach erhaltenen berzeugung: da ist ein Wesen, fr das ich leben mu. Wre
sie nicht, wrde er selbst nicht mehr sein; er htte lngst den Qualen
einer thrichten, verdammenswerthen und unberwindlichen Liebe ein Ende
gemacht. Als er seine Schwester in die Tiefen seiner Seele blicken lie,
lernte sie mit Entsetzen eine Leidenschaft kennen, von der bis jetzt nicht
die leiseste Ahnung in ihr gedmmert hatte. Ihr Bruder liebte eine
Unerreichbare, liebte wie nur einsame und verschlossene Menschen lieben,
die bezaubernde junge Frau seines Obersten. Grfin Erny ermuthigte ihn
nicht -- er betheuerte, da sie es nie gethan habe. An Wahnsinn grenzte,
sich einzubilden, der Wunsch vermchte die Erfllung zu erzwingen, es war
Aberwitz, khne Hoffnungen zu nhren. Er wollte sie austilgen, sich
befreien, dem entnervenden Kampfe ein Ende machen, und zhlte dabei auf die
Hlfe seiner Schwester.

Als er sie verlie, blieb sie, im Innersten erschttert, zurck. Erhrt
oder zurckgewiesen werden, fragte sie verwirrt und rathlos: Was ist das
grere Unheil in dieser sndhaften Liebe? Aus ihrem Gleichgewicht
gebracht, in unsglicher Angst um ihn, htte sie sich an seine Fersen
heften, nicht mehr von ihm weichen mgen. Sie hatte so lange geduldig
gelitten und gewartet; die zwanzig Tage, die sie noch von dem Zusammenleben
mit ihm trennten, glaubte sie nicht berdauern zu knnen.

Sie schrieb ihm tglich; er beschftigte sich mit den Vorbereitungen zu
ihrem Empfang, und Rittmeister Brand, der sonst zu zetern und zu wettern
pflegte, wenn die Ankunft einer Frau in der Station bevorstand, erwartete
die Schwester des Freundes mit fast ebenso groer Ungeduld wie dieser
selbst. Ehe noch ein Auge sie erblickt hatte, that sie Wunder: Brand sehnte
ihr Erscheinen herbei, Wildenstein brachte es in der Selbstbeherrschung so
weit, vierzehn Tage lang den Anblick der geliebten Frau zu meiden. Das war
mehr, als er sich zugetraut hatte, und es gewhrte ihm eine stolze
schmerzvolle Freude, der Schwester schreiben zu knnen: Wieder ein Tag, an
dem ich sie nicht gesehen habe. Sei _Du_ nur einmal da, und was mir jetzt
als etwas Ungeheueres erscheint, wird mir leicht werden.

Die Oberstin zeigte sich verstimmt; sie wollte Wildenstein nicht verlieren.
Es verdro sie nicht nur, es krnkte sie, da er vermochte, den
Gleichgltigen zu spielen, zu thun, als ob sie ihre Macht ber ihn
eingebt htte.

Grfin Erny war mehr als schn, sie war bildhbsch, lebenslustig,
emotionsbedrftig und hatte Anwandlungen von Sentimentalitt. Als fnfte
Tochter eines unbegterten, ungarischen Edelmannes geboren, bei reichen
Verwandten aufgewachsen, kehrte sie nach deren Tod in das vterliche Haus
zurck. Die khle Aufnahme, die sie dort fand, that ihr weh, die
kleinlichen Verhltnisse beengten sie. Nur fort, wieder fortkommen,
heirathen, gleichviel wen, wenn er sie nur erlst aus der Familie, in der
sie das fnfte Rad am Wagen ist, war fortan ihr heier Wunsch. Als ihr
Vater ihr lachend mittheilte, der alte Oberst Graf Prach habe bei ihm um
sie geworben, dachte sie einen Augenblick nach und rief dann entschlossen:
Hol's der Kuckuck, ich nehm' ihn!

Er war freilich nicht verlockend, der unfrmig dicke Oberst. Um ein
Vierteljahrhundert lter als sie, so plump, wie sie zierlich, so
langweilig, wie sie sprhend von guten Einfllen war. Allerdings hatte auch
Prach eine kurze Blthezeit gehabt, als er, ein junger Major, mit seinem
Regimente die Garnison Wien bezog. Da war er in der Gesellschaft bis in
exclusive Kreise vorgedrungen und hatte dort den Spitznamen: #Le boeuf 
la mode# erhalten, denn Anlagen zum Dickwerden zeigte er schon damals und
war auch nicht gescheiter als jetzt. Aber er konnte doch vor seiner Braut
mit einst errungenen Erfolgen prahlen, und sie fhlte sich befriedigt in
ihren Ansprchen auf Glck, wenn sie die Frau eines Mannes wurde, der eine
Stellung in der groen Welt hatte und Kommandant eines eleganten
Kavallerieregiments war.

Kurz nach ihrer Verheirathung erlebte sie eine bittere Enttuschung. Prach,
der bisher immer von vterlicher Freundschaft und von der Unabhngigkeit
gesprochen hatte, die Erny als regierende Frau Oberstin genieen sollte,
wurde ein verliebter, eiferschtiger Gatte und ein engherziger Haustyrann.
Die schnen, glnzenden Augen der jungen Frau verschleierten sich
allmhlich, und die leise Trauer, von der die angeborene Munterkeit und
Frische ihres Wesens nun oft gedmpft wurde, gab ihr einen neuen Reiz. Er
wirkte auf keinen ihrer zahlreichen Verehrer so ergreifend wie auf
Rittmeister Wildenstein.

Erny hatte mit ihm gespielt wie mit Allen, die ihr huldigten. Sie lie sich
gern den Hof machen in allen Ehren. Weiter als bis zu einem Handku
brachten es bei ihr selbst die Unternehmendsten nicht. Seltsam war, da
fast Jeder, der in ihren Banden gelegen hatte, ihr Feind wurde von der
Stunde an, in der er seine Eroberungsplne aufgab. Sie mute eine gar
unangenehme Manier haben, die Leute abblitzen zu lassen. Andere wieder, die
ihr Glck bei ihr gar nicht versucht hatten, behandelten sie mehr wie einen
lustigen Kameraden, denn als Respectsperson.

Herr von Wildenstein war ihr, von allem Anfang an, anders als alle Anderen
begegnet. Er verehrte sie wie eine Knigin, wie ein hheres Wesen. Ihr
mochte das etwas komisch vorgekommen sein, nach und nach aber begann sie
den Unterschied zwischen den Huldigungen, an die sie gewhnt war und denen,
die der junge Rittmeister ihr darbrachte, zu fhlen. Der Ton, den sie ihm
gegenber angeschlagen hatte, ihr gewhnlicher, spielerischer, den Scherz
herausfordernder Ton stimmte sich allmhlich um. Sie mute einen Blick in
dieses Mnnerherz gethan haben, der ihr etwas vllig Neues, Schnes
enthllte: eine tiefe, ernste, an die Wurzeln des Lebens greifende
Empfindung.

Und die wollte Erny nicht einben, sie wute sehr wohl, da sie damit
ihren besten Reichthum verlor. Sie beging eine groe Unvorsichtigkeit, sie
schrieb, sie beschied Wildenstein zu sich. Er kam nicht; sie erfuhr, da er
einen kurzen Urlaub nach Wien genommen hatte. Einige Tage hindurch waren
die Briefe von seiner Schwester ausgeblieben, dann gab der Vormund traurige
Nachricht von ihr. Sie hatte ihre Zglinge in einer ansteckenden Krankheit
gepflegt und lag nun selbst schwer darnieder.

Als Wildenstein zur bestimmten Frist zurckkehrte, kam er vom Begrbnisse
seiner Schwester.

Die Grfin uerte ihr Mitgefhl in liebenswrdiger Weise, schonend und
herzlich. Wildenstein und sie hatten die Rollen getauscht; sie zeigte sich
ihm dankbar, wenn er einer Gelegenheit, ein freundlich trstendes Wort von
ihr zu hren, nicht auswich. Seine Leidenschaft schien erloschen,
untergegangen in seinem tiefen Schmerz.

Und doch war der Oberst nie eiferschtiger auf ihn gewesen als jetzt. Er
bewachte, er belauschte seine Frau, er verschlang sie mit den Augen, wenn
sie den Namen Wildenstein aussprach, er htte den zweiten Rittmeister von
der Erde forttilgen mgen -- und den ersten dazu. Die Eifersucht auf den
einen lie ihn nicht schlafen, der Neid auf das Ansehen, die Beliebtheit,
die der andere im Regimente geno, raubte ihm den Appetit. Seine Anlage zur
Grausamkeit, das Erbtheil vieler bornirter Menschen, entwickelte sich unter
solchen Umstnden zu ppiger Blthe. Das Offizierscorps und die Mannschaft
hatten schlechte Zeiten und waren berzeugt: es giebt keine Hoffnung auf
bessere, bevor der Oberst die beiden Rittmeister weggebissen haben wird.

Mhe genug lie er sich's kosten.

Die Eskadron Brands lag in der Stabstation, und der Morgenritt des Obersten
fhrte an der Reitschule vorbei. Alle Augenblicke war er da, spttelte,
nrgelte -- raste, brachte die Leute zur Verzweiflung und Brand beinahe um
seine Geduld.

Auch seiner Frau machte der Oberst das Leben schwer. Einmal, in einer
Stunde der Emprung ber ihn, lie sie sich hinreien, Wildenstein ihr Leid
zu klagen. Das wurde fr beide verhngnivoll. Die lange zurckgedmpfte
Empfindung im Herzen Wildensteins brach mit elementarer Macht hervor; er
entrang der Geliebten ein halbes Gestndni ihrer Gegenliebe und drckte in
an Wahnsinn grenzendem Entzcken den ersten Ku auf nur schwach
widerstrebende Lippen. Sie hatte ihm durch ihre Klage das Recht gegeben,
sie zu beschtzen, und dieses Recht war nun sein, und er wollte es wahren,
es vertheidigen, und _sie_ war sein. Um dieses hchste Gut sollte ihn keine
Macht der Erde bringen. Aber nicht unrechtmig, nicht in Unehren wollte er
sie besitzen. Er sprach von der Scheidung ihrer Ehe, von dem Eingehen einer
neuen mit ihm. Er entrollte vor ihr ein Zukunftsbild, das ihm die
Seligkeit auf Erden verkrperte, vor dem ihr aber graute. So hatte sie es
nicht gemeint! Emprend und lcherlich erschien der gesellschaftlich hoch
stehenden, an Luxus gewhnten Frau die Zumuthung Wildensteins und er selbst
als ein rcksichtsloser Egoist.

Am folgenden Tage erhielt er einen langen Brief von der Grfin. Sie bat
ihn, ihre gestrige bereilung gromthig zu verzeihen. Sie war seitdem
von Reue gefoltert. Sie hatte schwer gegen ihren Gatten gefehlt, dem sie ja
im Grunde keinen anderen Vorwurf machen durfte als den, da er sie zu sehr
liebe. Sie hatte sich auch an Wildenstein schwer versndigt, sie hatte ihn
-- freilich eine Selbstgetuschte -- ber die Strke ihrer Empfindung fr
ihn getuscht. Sie wrde sich nie entschlieen knnen, ihren Pflichten
untreu zu werden, ihren Gatten zu verlassen. Ich bin in Ihrer Hand, hie
es am Schlusse. Sie knnen mich verderben, Sie sind ein edler Mensch, Sie
werden es nicht thun. Ich hoffe, ich baue auf Sie, Sie werden die arme,
kleine Erny nicht unglcklich machen wollen. Ich wage nicht, Sie um Ihre
Freundschaft zu bitten, ich bitte nur, seien Sie nicht mein Feind.


IV.

Eines Abends in der Offiziersmenage, -- auch der Oberst war da und sa an
einem Tische mit Brand, -- kam das Gesprch auf allgemeine militrische
Verhltnisse. Die Herren geriethen in Eifer, Dietrich behandelte mit
besonderer Wrme sein Lieblingsthema: Keine Institution ist zur Erfllung
des hohen Zweckes, die Menschen zu erziehen, so berufen und so fhig wie
die Institution des Waffendienstes. Sie stellt die strengsten Anforderungen
an die Pflichttreue, Ehrenhaftigkeit, den Mannesmuth. Sie verlangt blinden
Gehorsam von den Gefhrten und deshalb von den Fhrern sehende Augen,
klaren Vorausblick, scharfen Einblick. Sie verlangt von ihnen Gerechtigkeit
und Strenge, denn nicht Freiheit braucht der Mensch, der Mensch braucht
Zucht. Aber weise mu die Strenge sein; unweise Strenge wird immer
Grausamkeit und unter dem grausamen Fhrer die Mannschaft zur wilden
Rotte. Der Dutzendoffizier verroht, der tchtige verbittert. Ein Fluch fr
die Armee ist Jeder, der Gewalt hat ber Andere und nicht ber sich selbst,
ein Verrther, der unseren Stand dem Ha und der Verleumdung ausliefert.

Er sah, whrend er sprach, dem Obersten fest ins Gesicht, und der erwiderte
kein Wort, zog die giftigen uglein nur immer mehr zusammen. Pltzlich
stand er auf, nickte den Herren, die alle zugleich seinem Beispiel folgten,
kaum merklich zu und ging nach Hause.

Besonders zeitig fand er sich am nchsten Morgen auf der Reitschule ein, wo
Brand Chargenreiten abhielt.

Schon als er vom Pferde stieg, sich in den breiten Hften wiegte, die Beine
warf, da ihm die Kniescheiben knackten, und am staubfarbigen Schnurrbart
ungeduldig zupfte, wuten seine unglcklichen Untergebenen: Der ist
geladen. Gnade Gott Jedem, den er heute aufs Korn nimmt.

Der Oberst untersuchte die Packung, die Zumung, die Bgelschnallung,
tadelte Alles, fand auch die Wartung der Pferde, die Haltung der Reiter
miserabel, unterzog die Abrichtung selbst einer herben Kritik.

Herr Rittmeister Brand, hie es auf einmal, Sie scheinen vorzugehen nach
einem ganz neuen, eigens von Ihnen erfundenen Reglement. Ihre
Unteroffiziere haben die schlechtesten Pferde.

Entschuldigen Herr Oberst, das ist nicht der Fall, antwortete Brand.

Wie, nicht der Fall? Er bezeichnete ein Pferd in der Abtheilung
Wildensteins, der eben aufgesessen war, und auf den Befehl, in die
Reitschule zu kommen, wartete: Der Braune dort im zweiten Glied ist mir
lieber als alle Ihre Unteroffiziers-Pferde.

Aber auf einem Auge blind, sprach Dietrich mit grter Ruhe.

Der Oberst schnaubte: Was? ... Sie ... Den mein' ich nicht. Den andern,
den lichten, der ist das richtige Unteroffiziers-Pferd.

Er ist's auch gewesen, aber Herr Oberst haben ihn selbst vor vierzehn
Tagen als untauglich dazu erklrt.

Das auf offener Reitschule, vor aller Mannschaft. Dem Obersten liefen dicke
Schweitropfen ber die Hngebacken, er bi die Lippen und wendete sich der
Abtheilung des zweiten Rittmeisters zu. Mit dem war der Kampf leichter
aufzunehmen, der sollte jetzt ben fr den Freund und fr sich selbst,
hatte ihn der Regiments-Kommandant doch schon lange genug im Magen, den
melancholischen Frechling, der es wagte, die Frau Oberstin anzuschmachten.

Die Nrgeleien begannen. Wildenstein erfuhr Rge um Rge, Spott um Spott.
Was einen Menschen, der seine Schuldigkeit thut, und mehr als seine
Schuldigkeit, nur reizen und demthigen kann, folgte Schlag auf Schlag. Nun
entsetzte sich der Oberst pltzlich ber das Aussehen eines der Dragoner.

Kommandiren Sie den Mann in die Mitte der Reitschule, befahl er, und
nachdem das geschehen war, betrachtete er den armen Teufel von Rekruten,
einen blutjungen, plumpen, hochschultrigen Burschen, und schrie dann auf,
mit geheucheltem Zorn: Der ist ja bucklig. Sagen Sie mir einmal, Herr
Rittmeister Wildenstein, wie heit der Mann? -- Wie er heit, frag' ich.

Merkwrdig -- der Rittmeister besinnt sich. Hat ihn das Gedchtni
verlassen, hat er nicht reden knnen, weil es schon so gekocht hat in ihm,
er antwortete nicht. Da brach der Oberst in ein abscheuliches Lachen aus:
Ach ja, freilich, Mnnernamen merken Sie sich nicht. Freilich, freilich,
wenn eine Amalia Rosenduft oder eine Eulalia Lilienstengel da oben se, da
htten Sie nicht nthig, erst lange nachzudenken. Ich mu Ihnen doch
rathen, befassen Sie sich zeitweise wenigstens mit dem, was Ihre Pflicht
ist.

Herr Oberst, knirschte Wildenstein, und in seine Arme htte Dietrich ihn
nehmen, wegtragen htte er ihn mgen. Er sieht es ihm an, es ist aus mit
seiner Selbstbeherrschung, seiner Willenskraft, mit Allem.

Schweigen Sie, donnerte der Oberst ihn an. Riskiren Sie nicht ein
einziges Wort, man soll das Schicksal nicht versuchen, wenn man so wenig
Glck hat wie Sie.

Das war mit einer so schndlich gemeinen Ironie gesprochen, da es Jeden
anwiderte, der es mit anhren mute. Wildenstein war leichenbla: Herr
Oberst, sprach er mit lauttnender Stimme, ich dulde das nicht, das
gehrt nicht hierher. Seine Hand ballte sich um den Sbelgriff, er trat
auf den Kommandanten zu.

Brand sprang ihm nach, packte ihn und hielt ihn fest.

Gehen Sie zum Profosen, ich mache Ihnen den Proce, sagte der Oberst. Er
triumphirte; endlich war die Gelegenheit da, Herrn Rittmeister Wildenstein
den Hals zu brechen.

Als der sich wendete, um zu gehorchen, stand Dietrich vor ihm und sah ihn
unsagbar besorgt und beschwrend an. Wildenstein antwortete mit einem
ernsten, entschlossenen Blick, einem Blick, der deutlich sprach fr den
verstehenden Freund: Sag' selbst, ist's nicht genug?

Nach dem Schlu der Reitschule ging Brand gerade aus ins Quartier seines
Freundes. Da fand er ihn, mit dem Rcken an die Wand gelehnt, auf dem Bette
sitzend, neben ihm lag die abgeschossene Pistole; er hatte sich meisterlich
ins Herz getroffen. Auf dem Tische war sein Geld ausgebreitet,
zweiundvierzig Gulden, und ein Briefbogen, auf dem mit Bleistift
geschrieben stand:

Lieber Dietrich, zwanzig Gulden meinem Burschen, den Rest den Leuten
meiner Abtheilung. Hab' Dank fr Deine Liebe und Treue. Auf Wiedersehen.
Ich glaube dran.

Dieser Tag und die darauf folgende Nacht waren die schwersten im ganzen
Leben Dietrich Brands. Da mu er frchterlich mit sich gerungen haben. Am
Morgen war sein Entschlu gefat. Beim Begrbni des Freundes hat er zum
letzten Male den Sbel gezogen.

Nach der Heimkehr von der Beerdigung verfate er sein Gesuch um Enthebung
von der Militrcharge.

Im ganzen Regimente rief der Entschlu Brands Bestrzung hervor. Aber das
nderte nichts daran. Er that auch keinen Dienst mehr. Der Regimentsarzt
stellte ihm ein Krankheitszeugni aus und konnte es mit gutem Gewissen
thun. Er war ehrlich besorgt und sagte: Ein Nervenfieber oder der Wahnsinn
-- der Herr Rittmeister kann von Glck sagen, wenn er ohne eines von
beiden durchkommt.

Als das Gesuch des Rittmeisters bewilligt worden und er wieder in den
Civilstand zurckgetreten war, schickte er seine Herausforderung dem
Obersten zu. Der nahm sie an; seine Secundanten und die Brands einigten
sich ohne Schwierigkeiten ber die Bedingungen des Duells: Pistolen, zehn
Schritte Barrire. Nie waren zwei Leute entschlossener, einander das
Lebenslicht auszublasen. Der Oberst wute: treff' ich ihn nicht, bin ich
ein todter Mann, und Brand hatte sich's zugeschworen: dem grausamen Fhrer
wird das Handwerk gelegt. -- Gute Pistolenschtzen waren beide. Und doch --
die Anwesenden trauten ihren Augen nicht, der Oberst drckte los und --
fehlte. Auch sein Gegner fehlte. Nachdem die Secundanten einen
pflichtgemen und selbstverstndlich nutzlosen Vershnungsversuch gemacht
hatten, wurden die Pistolen wieder geladen. Der Oberst zielte und traf
Dietrich in die linke Schulter. Dieser zuckte. Die Secundanten wollten
hinzu springen, doch winkte er sie fort, lie den Obersten bis an die
Barrire heran kommen und scho ihn durch und durch. Die Kugel prallte an
einem kleinen Baume ab, der Mann strzte nieder ohne einen Laut. Fr todt
-- nicht todt. Im Wagen schon, in dem sie ihn nach Hause brachten, erlangte
er die Besinnung wieder. Es fand sich, da die Kugel zwischen den Lungen
durchgegangen war. Er genas nach verhltnimig kurzem Siechthum. Aber
Brand hatte ihm doch das Handwerk gelegt; der Oberst mute den Dienst
aufgeben, denn seine Stimme war zum Kommandiren zu schwach geworden.

Die Verwundung Dietrichs erwies sich als eine schwere; lange Zeit verging,
ehe er die volle Gesundheit wieder erlangte.

Den Titel, dessen er sich entuert, erhielt ihm die Tradition. Die
Erinnerung an seine ehrenvolle Dienstzeit, an die Beliebtheit, die er
genossen hatte, blieb unvergessen, und er, trotz all' seines Protestirens,
Verbietens und Verbittens, fr Jeden, der ihn in frheren Jahren gekannt
und in spteren von ihm gehrt hatte: der Rittmeister Brand.


V.

Gescheitert, wie Robinson, richtete er sich auf seiner Insel ein. Er
nderte, als Feind der halben Maregeln, seine Lebensweise aus dem Grunde,
verschenkte seine Pferde, seine Waffen an arme, einstige Kameraden, zog
nach der Stadt und vegetirte dort wie ein pensionirter Hofrath. Er mied die
Kaffeehuser, in denen Offiziere verkehrten, machte groe Spaziergnge,
besuchte Museen, Kunstausstellungen, Concerte, Theater und populre
Vorlesungen. Er holte manches nach, was ihm an litterarischer Bildung
fehlte, las die Klassiker, las auch moderne Poeten, konnte sich erfreuen an
einem schnen Buch, einem schnen Bildwerk und an guter Musik. Diese
wohlthuenden Eindrcke gingen aber nicht tief; hinter der flchtigen Wrme
und dem Interesse, die sie erregten, schauerte es kalt, ghnte die Leere.

Der Zeit wilder Aufregung war eine unausbleibliche Reaktion gefolgt. Brand
hatte einem gebieterischen Mssen gehorcht, als er Alles hingab, was den
besten Inhalt seines Daseins ausmachte, um einen Verbrecher bestrafen zu
knnen. Er hatte nicht rechts noch links geschaut, nur nach dem einen,
einzigen Ziele hin; nicht gefragt: wenn es erreicht sein wird, was dann?
Und als dieses dann zur Gegenwart wurde, erschien sie ihm recht de,
nutzlos und armselig, und der Blick in die Zukunft wie ein Blick ins Grab.

Die Wohnung, die er fr sich und fr seinen ehemaligen Privatdiener
gemiethet hatte, lag im zweiten Stock eines schnen Hauses der
Rathhausstrae, war hell und freundlich und zeichnete sich durch die
hchste, eine wahrhaft erfinderische Reinlichkeit aus. Wer die drei Zimmer
durchschritt, aus denen sie bestand, brauchte keinen besondern Scharfsinn,
um zu erkennen: hier haust ein einfacher und solider Mann, der eine
Vorliebe hat fr mattgeschliffenes Nuholz und fr die grne Farbe.

Zwischen der Thr, die aus dem conventionell ausgestatteten Salon herein
fhrte und dem ersten Fenster links, ragte ein hoher Bcherschrank fast bis
zur Decke, und die Bcher darin waren nett gebunden und sorgfltig
eingereiht. Dem Bcherschrank gegenber, zwischen dem zweiten Fenster und
der Thr des Schlafzimmers, machte sich ein groer Schreibtisch breit; ein
Strohsessel mit runder, niederer Lehne stand vor ihm, und ber ihm hingen
zwei schne Kupferstiche: Erzherzog Carl, nach dem Gemlde von Kellerhoven,
und Laudon, nach L'Allemands prchtigem Reiterbilde.

Die Lngswand wurde zur Hlfte von einer groen Ottomane, eine der Ecken
von einem Kachelofen eingenommen, der in sanftem Maigrn schimmerte, die
andere von einer Etagre mit Rauchrequisiten, Alles gediegen, lauter brave
Arbeit von tchtigen Handwerkern, natrlich auch der Tisch, die Fauteuils
und die Sthle, die mit der Ottomane zusammen eine Familie bildeten. Sie
wieder hatte ein wrdiges #vis--vis# in der zwischen den Fenstern
angebrachten Konsole, der Trgerin einer vortrefflichen, altdeutschen Uhr.

Neben ihr standen zwei Armleuchter aus Messing. Das mattfarbige und
weichliche Silber wird in Brands Haushaltung nur in Gestalt von Ebestecken
geduldet. Wohl verpackt steht der Schatz an schnem Silbergerth, der von
seinen Eltern und Groeltern herstammt, im Schranke und wird auf Dietrichs
nicht gerade lachende, aber auch nicht weinende Erben bergehen, entfernte,
wohlhabende Verwandte. Mit Fug und Recht darf er sich sagen, da sein Tod
keinem seiner sogenannten Angehrigen eine Stunde trben oder erheitern
wird. Und dessen freut er sich. Wo er gleichgltig ist, will er auch
gleichgltig lassen. Das rgste wre ihm, in der Schuld eines Anderen zu
stehen, ob sich's nun um Gulden handelt oder um liebevolle Empfindungen.

       *       *       *       *       *

Es war an einem heien Mainachmittag des Jahres 1890, und Brand eben aus
dem Restaurant zurckgekommen, in dem er seine einfache Mahlzeit
einzunehmen pflegte. Die Sonne brannte mit sommerlichen Gluthen zur Erde
nieder und machte jedes Fenster, das sie beschien, zu einem Brennspiegel,
und jeden Pflasterstein zu einem kleinen Ofen.

Mit Behagen empfand der Heimgekehrte den Kontrast zwischen der drckenden
Schwle, dem grellen Lichte auf der Strae und der angenehmen Temperatur
in seinem hohen, luftigen Zimmer. Leicht gedmpft durch die herabgelassenen
Storen fiel das Licht herein, ein mildes, grnliches Licht, bei dem man
ungemein gut lesen konnte. Brand zndete eine Cigarre an, setzte sich auf
seinen Sessel vor den Schreibtisch und nahm ein Buch, das aufgeschlagen
neben der Mappe gelegen hatte, zur Hand: Mllhausens Reisen im
Felsengebirge Nordamerikas.

Von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Lektre, um einen Blick nach der
riesigen Weltkarte zu werfen, die ber der Ottomane hing. Einen scharfen,
durchdringenden Blick aus seinen grauen, tiefliegenden Augen, die von ihrer
ungewhnlichen Sehkraft noch nichts verloren, obwohl achtundvierzig Jahre
verflossen waren, seitdem sie sich zum ersten Male aufgeschlagen hatten.
Dabei zog er seine dichten Brauen zusammen, und auf der viereckigen Stirn
entstanden zwei tiefe Furchen, die ihm einen klugen und strengen Ausdruck
gaben.

Eine halbe Stunde verging. Die Thr des Salons wurde geffnet, und Jemand
trat ein. Brand wute, ohne sich umzusehen, wer es war. Er kannte den
festen und zugleich diskreten Schritt, den sein Diener sich hatte
angewhnen mssen, er kannte auch dessen Art, die Thre zu ffnen und zu
schlieen. Wer hatte sie ihm denn beigebracht?

Die uere Klinke gefat, Du Waldmensch. Eins! -- niedergedrckt: Zwei! --
Thr auf! -- Vorwrts, und die andere Klinke gefat: Eins! --
niedergedrckt: Zwei! -- Thr zu!--

Diese bung zehnmal nach einander durch drei Tage wiederholt, und ein
ehemaliger Waldmensch war fr den ganzen Rest seines Lebens befhigt, als
ein Gesitteter unter Gesitteten zu erscheinen. Ist solcher Gewinn nicht der
kleinen Mhe werth?

Peter Peters war also eingetreten. Ein weiteres Lebenszeichen gab er nicht.
Was willst Du? fragte Brand nach einer Weile, ohne sich umzusehen.

Peter zgerte, seine Stimme war furchtbar gepret, als er sie endlich
erhob, um seine gehorsamste Mittheilung vorzubringen.

Eigentlich wurde die Mittheilung _hinter_bracht, denn er sagte, was er zu
sagen hatte, in seines Herrn Rcken, der ihm wohl auch imponirte, aber
doch nicht so sehr wie seines Herrn Gesicht.

Wenn er gesehen htte, was auf dem vorging, whrend er sprach, wrde er
seine Rede schwerlich zu Ende gebracht haben. Bestrzung, Zorn, Wehmuth
spiegelten sich in den Zgen des erregten Mannes, um als sein Diener
schwieg, einer rasch erkmpften, eisernen Ruhe zu weichen. Jetzt wendete er
pltzlich den Kopf. Er, der Sitzende, der Kleine ma den flehenden groen
Peter von oben herunter und sagte, die Ellbogen auf die Sessellehne
gesttzt, die Cigarre zwischen den Zhnen: Heirathen willst Du, wenn ich
nichts dagegen habe? -- Was soll ich dagegen haben? -- Du heirathest und Du
gehst. Einen mit Familie behafteten Diener kann ich nicht brauchen. Und wie
heit die Gans, die Dich nimmt?

Nicht _ein_ protestirendes Wort zu Gunsten seiner Erkorenen kam ber Peters
Lippen. Du gehst. Wie eine Pistolenkugel hatte es ihn getroffen. Er
wunderte sich, da er noch aufrecht stand. Du gehst. Diese --
_Unmglichkeit_ hatte er nicht erwogen.

Wie heit sie? wiederholte Brand.

Tonlos, mit verglasten Augen vor sich hinstarrend, gab Peter die Antwort:
Magdalena Snftentrger. Kinderlose Wittwe. Das Delicatessengeschft grad
gegenber gehrt ihr. Wo ich zum Souper fr den Herrn Rittmeister die kalte
Kche hole.

Die kalte Kche, schn. Bei der haben die Herzen Feuer gefangen. Gut.
Abgemacht. Geh'.

Peter ging, und die grollenden Gedanken Brands folgten ihm nach. Der will
heirathen, der will sich etabliren, einen Haushalt grnden, dieser Peter,
an dem immer noch erzogen werden mu, der nichts kann und nichts ist ohne
seinen Herrn. Wenn man nur denkt! -- Zum zweiten Dragonerregiment war er
gekommen vor zwlf Jahren, halb verhungert, der verwaiste Sohn einer armen
Tagelhnerin, die mit ihm in der Welt herumgezogen war, da- und dorthin, wo
sie gerade Arbeit fand, der nie eine Schule regelmig besucht, nie einen
ganzen Rock am Leib gehabt hatte. Und nun auf einmal gut genhrt, gekleidet
und bewohnt, von seinem Rittmeister mit besonderer Aufmerksamkeit
behandelt als der rmste, im Zustande rgster Verwahrlosung bernommene
Rekrut. Man konnte Freude an ihm haben, an seinem physischen, geistigen und
moralischen Gedeihen, an dem Glck, das sich auf seinem gutmthigen,
braunen Gesichte spiegelte -- wenn er nicht gerade weinte -- denn das war
seine Schwche. Viel zu leicht fr einen Mann, einen Soldaten, traten ihm
Thrnen in die Augen. Der brenhafte Bursche konnte nicht leiden sehen, am
wenigsten Thiere. Er war allem Lebendigen ein Freund: er hielt sich fr den
Beneidenswerthesten auf Erden, als ihm ein Pferd anvertraut wurde. Keines
im ganzem Regimente war besser gehalten als Peters Sinbad, und in
verhltnimig kurzer Zeit keines besser geritten. Auf dem Rcken des
Thieres, dessen Gedanken er, und das seine Gedanken errieth, verlebte er
seine glcklichsten Stunden.

Neun Jahre hatte er schon gedient und sich mit seinem Stande immer gleich
zufrieden gefhlt, als die groe Katastrophe im Leben Brands eintrat, als
das Unerwartetste, Unglaublichste geschah, als er den Dienst aufgab. Da
bewhrte sich Peter Peters, da bethtigte er die Liebe und Dankbarkeit,
die sich allmhlich in ihm gesammelt, aber nie einen Ausdruck gefunden
hatte. Ohne ein Wort darber zu verlieren, als ob es nicht anders sein
knnte, brachte er sein Opfer. Er verlie den Dienst, das Regiment, seinen
Sinbad und folgte dem Rittmeister, der ihn vor Jahresfrist zu seiner
Ordonnanz gemacht hatte, ins Civil.

Dummer Peter, treuer Peter, dachte Brand, als diese Erinnerungen in ihm
aufstiegen, und mit ihnen zugleich alle die anderen, die er nie
wissentlich, nie mit Willen herauf beschwor, die er am liebsten ruhen lie.
Er seufzte schwer. Was vorbei ist, ist vorbei; ein Schwchling, der
widerbellt gegen die Notwendigkeit. Wenn er noch so tief berlegte, mute
er sich sagen: Alles, was geschehen war, war regelrecht geschehen. Brand
hatte gehandelt, wie er seinem Charakter nach handeln mute, wie er, in
dieselbe Lage versetzt, noch einmal handeln wrde. Keine Reue -- _darber_
nicht. Er lie den Kopf auf die Brust sinken -- darber nicht!

Schattengleich zog eine schlanke Mdchengestalt an seinem innern Auge
vorbei, und er streckte mechanisch abwehrend die Hand gegen sie aus, die
in ihrer Lieblichkeit vor ihm aufgetaucht war.

Verdrielich ber die Trumerei, in die Peters scheinbare Treulosigkeit ihn
versetzt hatte, richtete er sich entschlossen auf und schrieb an ein
Dienstvermittlungsbureau, das er tglich in seiner Zeitung angekndigt
fand. Dann erhielt Peter Peters den Befehl, den Brief abzugeben. Das war
fr den Mann ein groer Schmerz. Er htte gern Einwand erhoben, und brachte
es doch nur zu einem: Aber Herr Rittmeister, weil seine Stimme in einem
Schluchzen erstickte, das um keinen Preis vor dem strammen Herrn laut
werden durfte.

So trug er das unselige Schreiben ins nchste Postkstchen und ging dann,
sich ausweinen, zu seiner Magdalena.

Am nchsten Vormittage schon stellte sich eine Anzahl Bedienter, vom
Dienstvermittlungs-Bureau entsendet, dem Rittmeister vor. Er whlte den,
dessen ueres den schrfsten Kontrast zu dem uern Peters bildete: einen
feinen, wunderhbsch frisirten Menschen, der ausgezeichnet gute Manieren
und wohlgepflegte Hnde hatte.

Vier Wochen spter, am Hochzeitstage seines Vorgngers, trat er den Dienst
an, und zwar, wie er sich ausbedungen hatte, mit dem Range eines
Kammerdieners.

Bevor Peter seine Braut zum Altar fhrte, mute sie mit ihm zu Brand, der
die schne, von Kraft und Gesundheit strotzende Wittwe ernsthaft
betrachtete und sprach:

Stattlich, stattlich. Du hast Dir eine gewichtige Lebensgefhrtin
ausgesucht, Peter.

Peter strich ber seinen dicken, rothen, an den Enden leicht gelockten
Schnurrbart und versetzte: Ich mag die Mageren nicht.

Und ich, sprach Magdalena und warf dabei einen zrtlichen Blick auf den
Auserwhlten, habe mir vorgesetzt; wenn ich wieder heirathe, nehme ich
einen Groen. Ein Kleiner kann grad so grob sein und macht kein Ansehen.

Brand meinte, dem Peter seien noch andere gute Eigenschaften nachzurhmen
als seine Gre, und als ganz armer Schlucker kme er ihr auch nicht ins
Haus. Damit legte er ein auf zweitausend Gulden lautendes Sparkassenbuch in
die Rechte des Brutigams und schlo:

Ich danke Dir fr Deine treuen Dienste. Werde ein so braver Ehemann wie Du
ein braver Diener warst. Leb' wohl.

Peter schluchzte laut whrend der ganzen Fahrt zur Kirche, und vor dem
Altare stie ihn der Bock so heftig, da er sein Ja mehr bellte als
sprach.

Vom Hochzeitsmahle sprang er auf, als eben die Torte mit den verschlungenen
Lettern #P# und #M# servirt wurde, lief hinber zum Herrn Rittmeister,
um zu sehen, ob der Neue die Lampe angezndet und das Bad ordentlich
hergerichtet habe. Und am nchsten Morgen kam er, sich zu berzeugen, wie
denn der Kaffee gemacht und die trkische Pfeife gestopft worden war.
Einmal da, blieb er auch gleich beim Aufrumen.

Als Brand ihn erblickte, fuhr er ihn an: Was willst Du hier, nrrischer
Kerl? Geh' zu Deiner Frau.

Aus diesen Worten fhlte Peter die Eifersucht seines Herrn auf seine Herrin
heraus, und Thrnen traten ihm in die Augen. Die Eifersucht rhrte ihn und
der nrrische Kerl auch. Wer besser dran war mit seiner Vernunft, wute
Peter gar gut, respektirte aber die Tuschung, in der der Rittmeister sich
ber diesen Punkt befand. Mge er nur in ihr fortleben und wenigstens _die_
Freude haben, er, der sonst keine hat.

Um das grausame Lebewohl, das Brand gesprochen hatte, Lgen zu strafen,
fand er sich alle Finger lang bei ihm ein und wnschte ihm eine gute, je
weilige Tageszeit.

Arbeit gab es drben immer. Der elegante Kammerdiener berlie ihm
neidlos die ganze. Seine eigene Thtigkeit beschrnkte sich darauf, das
Haus durch seine Gegenwart zu schmcken. Aber auch das wurde ihm nach und
nach lstig, und eines Abends verschwand er, nachdem er vorher mit seinen
wohlgepflegten Hnden den Schreibtisch Brands erbrochen und eine reich
gefllte Brieftasche daraus entnommen hatte.

ber diese kurze Majordomus-Epoche im rittmeisterlichen Intrieur wurden
nicht viel Worte gemacht. Wie von selbst kam Alles ins alte Geleise.
Hchstens, da Peter frher als sonst die kalte Kche zum Souper holen ging
und spter als sonst zurckkehrte, wozu Brand regelmig bemerkte:

Bist schon wieder da?

Einmal fragte er: Was sagt denn Deine Frau dazu, da sie Dich so wenig
sieht? Und die Antwort lautete:

Die sagt niemalen nichts. Die hat eine Kusin, der Ihrer trifft nur alle
vier Wochen einmal nach Haus.


VI.

Genau am ersten Jahrestage ihrer Vermhlung erschien Magdalena Peters bei
Dietrich Brand und brachte ohne viel Umstnde die Bitte vor, er mge, im
Fall da es ein Bub werden sollte, sich gtigst herbeilassen, ihn aus der
Taufe zu heben. Die Erfllung ihres Wunsches wurde ihr sogleich und mit
groem, feierlichem Ernste zugesagt. Brand holte sofort die genaueren
Erkundigungen ber die Pflichten ein, die er mit der Taufpathenschaft auf
sich nahm. Er gedachte sie pnktlich zu erfllen und erhielt Gelegenheit
dazu, denn es wurde ein Bub, ein niedlicher Peter #junior#.

Sein Vater bergo ihn mit Thrnen der Rhrung, das Kindlein nieste, und
Dietrich selbst, sehr bewegt durch den ihm vllig fremdartigen Anblick
eines neugeborenen Menschen, fhrte Peter von der Wiege fort und sagte:

Blamire Dich nicht vor Weib und Kind.

Brands Frsorge wuchs mit ihrem Gegenstande. Er schrieb sich
Eigentumsrechte ber das Knblein zu und forderte, da ohne Unterla an ihm
erzogen werde.

Frau Magdalene verlor endlich die Geduld. Dein Rittmeister, sagte sie zu
ihrem Manne, wie der's treibt. Bald wird Niemand mehr wissen, bin ich die
Mutter, oder ist er's!

Peter hatte Mhe, sie mit der Versicherung zu beschwichtigen, darber knne
kein gescheidter Mensch im Zweifel sein.

Das Interesse, das der Rittmeister fr den kleinen Peter gefat hatte,
breitete sich allmhlich auch auf andere Kinder aus. Man mu doch
vergleichen, den Blick schrfen, Erfahrungen sammeln. Dietrich, der bisher
ziemlich gleichgltig an Allem vorber gegangen war, was nicht im Alter der
Militrpflicht stand, begann nun, dem Kindervolke seine Aufmerksamkeit zu
schenken. Es traf sich, da er mit kleinen Schulbesuchern, Knaben und
Mdchen, die mit ihm im selben Hause wohnten und denen er tglich auf der
Treppe begegnete, einen Gru tauschte. Zu dem Grue kam bald eine
Ansprache, und aus der entwickelten sich nach und nach frmliche
Konversationen, die man nicht schon unterm Thor abbrechen wollte. Nicht
selten geschah's, da Brand dem oder jenem jugendlichen Geschpfe das
Geleite gab bis zur Schule.

Er hatte sich zuerst an die Kinder der Armen gewendet und ihr Vertrauen,
und bis zu einem gewissen Grade, das ihrer Eltern errungen. Dann schritt er
an verfeinerte Gesellschaftskreise heran, machte auch da Glck und war bald
wieder in seinem Elemente, konnte wieder erziehen. Er bte auch
Gastfreundschaft. An jedem Samstag-Nachmittag wimmelte es von Jugend in
seiner Wohnung; die verschiedensten Stnde waren da durch auserlesene
Exemplare vertreten. Entsprechende Kost fr Kopf und Herz lieferte der
Hausherr, das Ehepaar Peters sorgte fr den Magen; berladung, in irgend
einer Weise, kam nicht vor. Glcklich, gesund, von frischem Eifer zur
Bravheit beseelt, kehrten die Kinder heim.

Im Frhling des zweiten Jahres nach der Geburt Klein-Peters' frhstckte
Brand an jedem schnen Morgen, statt zu Hause, im Stadtpark und ging dann
in den Kinderpark hinber, wo sein Tufling im Korbwgelchen unweigerlich
bis zehn Uhr zu schlafen hatte.

Dabei schenkte Brand aber auch fremden Kindern seine Aufmerksamkeit, sah
ihren Spielen zu, ermunterte die Schchternen, ging den Ungeschickten zur
Hand, beschtzte die Unterdrckten und hatte eine beneidenswerte Art, die
bermthigen und Tyrannischen zurecht zu weisen. Durch eine kurze
Bemerkung, einen Blick verstand er zu bndigen, ohne zu empren und zu
erbittern.

Eines Tages war Dietrich vom Stadtpark auch noch in den Volksgarten
gegangen. Er nahm dort Platz auf einer Bank mit der Aussicht auf das
Grillparzer-Denkmal und freute sich, da es wieder Frhling war, da die
Natur in erneuter Jugendherrlichkeit blhte und da die Menschen ihrer
pflegten, mit so viel Sorgfalt und Geschmack, wie es hier geschah in
diesem kleinen irdischen Paradiese. Er freute sich auch, da sie in all'
die Schnheit Schnes hingestellt haben, das edle Denkmal, das unsern
Dichter veranschaulicht mit ergreifender Wahrheit, und die Werke seines
Schpfergeistes im beseelten Steine vor uns aufleben lt.

Brand lchelte vor sich hin. Er gedachte der uerung, die eine seiner
Cousinen jngst gethan hatte: Heirathe doch, es ist noch gerade Zeit. Du
hast Kinder so gern, und eigene sind noch etwas ganz Anderes als fremde,
und eine angenehme Huslichkeit ist auch nicht zu verschmhen.

Huslichkeit, eigene Kinder -- als ob ein Mensch ihrer bedrfe, der gewhnt
ist, sich berall huslich einzurichten; dem alles Gute und Schne in der
Welt gehrt, weil er es lieben und bewundern kann. Die glauben nur das zu
besitzen, was sie an sich gerissen haben, das sind die ewig Unersttlichen
und ewig Entbehrenden.

In seiner Nachbarschaft hatten sich drei fein aussehende Damen auf eine
Bank niedergelassen; offenbar Gouvernanten in sehr wohlhabenden Husern. Es
waren zwei ltliche Englnderinnen, die in guter Laune und schlechtem
Franzsisch ein eifriges Gesprch mit einer jungen -- ihr tadelloser Accent
verrieth's -- Pariserin fhrten. Ihre drei Zglinge, nicht Kinder mehr und
noch nicht Backfische, pendelten auf dem Wege zwischen ihren Bndigerinnen
und Brand hin und her.

Er konnte Einiges hren von ihrer laut und ungenirt gefhrten Konversation:

Du, Aurora, sagte das muntere Ding am linken Flgel, das in Blau
gekleidet, blond, frisch und ein wenig untersetzt war, zu der in der Mitte
Schreitenden, Deine Stiefeletten sind hbscher als die meinen, aber ich
habe einen hbscheren Fu.

Und ich habe eine hbschere Taille, fiel das Frulein zur Rechten ein.
Die Deine ist ja viel zu lang. Sie prangte havannafarbig, und man konnte
schwerlich eine zierlichere Gestalt sehen.

Allerdings durfte sich die zwischen den Beiden wandelnde, eckige und blasse
Aurora an persnlichen Vorzgen mit ihnen nicht vergleichen. Dafr aber
schlug ihre Toilette die der Freundinnen vllig. Allerersten Ranges waren
der hellgraue Stoff und die Mache des Kleides, und der Hut mit seiner
breiten, genial aufgestlpten Krempe und feinem Federngewoge. Wenn eine
Harpye ihn aufgesetzt htte, Jedermann wrde ausgerufen haben: O wie
anmuthig sehen Sie heute aus, meine Gndige!

Ihre Verhandlung eifrig fortfhrend, hatten sich die Frulein mitten auf
dem Wege aufgepflanzt, als von der Ringstrae, in der Richtung gegen den
ueren Burgplatz, zwei rmlich gekleidete Kinder einher kamen. Ein Knabe
von etwa sieben Jahren und ein viel jngeres Mdchen. Der Knabe, hoch
aufgeschossen und schmchtig, trug an einem Riemen am Arme eine der mit
Wachsleinwand berzogenen Schachteln, in denen Modehndler ihre Waare
verschicken. Das kleine Mdchen im ausgewaschenen Percailkleidchen, einen
blauen, gestrickten Capuchon auf dem Kopfe, ein Tchlein um die mageren
Schultern geschlungen, hpfte neben ihm her.

Beim Anblick der aufgeputzten Frulein blieb sie pltzlich stehen und
staunte, wie angenagelt vor Entzcken, zu ihnen hinauf. Besonders
hingerissen schien sie von dem grauen Federhut; zu ihm kehrte ihr
leuchtender Blick immer wieder zurck.

Sie wurde bemerkt, die Modedckchen nahmen den Zoll naiver Bewunderung, den
das Kind ihnen darbrachte, spttisch auf, und die Blaue sprach:

Wie dumm sie ist!

Und wie sie nach Armuth riecht, setzte Aurora mit der langen Taille
hinzu. Meine Mama sagt, das ist der rgste Geruch. Bhmische Spitzen
riechen manchmal so.

Die Kleine verstand sie nicht. Seelenvergngt blieb sie regungslos wie ein
hypnotisirtes Hhnchen, bewunderte weiter und bemerkte nicht, da sie
ausgelacht und verachtet wurde.

Der Auftritt hatte auer Brand noch einen Beobachter gehabt, einen sehr
jugendlichen. Ein braunes, ungemein feinknochiges Bbchen verlie eine
Gruppe Spielgenossen und kam auf die Verspottete zu mit einer herzigen und
komischen Gebrde. Er verschrnkte die Finger so fest er konnte und
streckte die gerungenen Hnde einmal ums andere mit heftigem Rucke von
sich. So trat er, kmpfend mit Emprung und Rhrung, vor das arme Kind hin
und sagte im durchdrungensten Tone:

Wenn sie nur zu mir km', in mein Haus, ich wrd' ihr geben, was ich nur
hab!

Sie sah ihn eine Weile berrascht und zweifelnd an, steckte zuerst ihr
Zeigefingerchen in den Mund, zog es dann heraus und deutete schchtern auf
seine hundsledernen Handschuhe: Die gieb mir.

Sogleich fing er an, hastig an ihnen zu zerren, brachte sie auch herunter;
als er sie aber der Kleinen reichte und sie danach griff, kam ihr Bruder
ihr zuvor:

Wir drfen nichts annehmen. Du weit, Annerl, die Mutter will's nicht,
sagte er sehr sanft und sehr entschieden, und es war ein merkwrdig
trauriger Klang in seiner Stimme. Wir danken Ihnen vielmals, junger Herr;
komm Annerl, er zog seine Schwester mit sich fort.

Der abgewiesene Wohlthter sah ihnen verdutzt und bestrzt nach. Dietrich
stand auf und half ihm seine Handschuhe wieder anziehen, allein wre er
damit kaum fertig geworden.

Wie alt bist Du? fragte Brand, als die fr sie beide sehr schwierige
Arbeit zu Stande gebracht war.

Fnf Jahre.

Wie heiest Du?

Der Taufname des Bbleins war Fritz, sein Familienname der eines
sterreichischen Grafen- und Frstengeschlechts.

Fritz, sagte der Rittmeister, Du hast einen schnen Namen, weit Du, was
das heit? Weit Du auch, was es heit, seinem Namen Ehre machen?

Der Kleine hob seine prachtvollen, von langen dunklen Wimpern beschatteten
Augen zu Brand empor und erwiderte ohne Zgern: O ja.

Dietrich verbi ein Lcheln: Nun, wenn Du das jetzt schon weit, dann
salutire -- das heit, verbesserte er sich, dann gre ich Dich.

Er lftete den Hut, und der Kleine ri den seinen frmlich herunter, holte
weit aus mit der Rechten und machte eine tiefe, respektvolle Verbeugung.

Der verspricht, der verspricht, dachte Brand: so jung er ist, kennt er
schon das Mitleid und die Ehrfurcht. Beim Mitleid und bei der Ehrfurcht
fngt der Mensch an, sehr frh also bei diesem Fritzchen.

Er verlie den Garten und folgte den Kindern, die nach Armuth rochen.


VII.

Er hatte die kleinen Gestalten bald entdeckt, und bald auch hatte er sie
eingeholt. Was war es doch, was ihn unwiderstehlich zu ihnen hinzog? Nicht
Theilnahme, nicht sein immer reger Helfedrang allein. Es war mehr; ein
tieferes, ein ganz eigenes Interesse, das besonders der Anblick des Knaben
in ihm erweckt hatte. Er fragte sich, an wen er ihn mahne, mit seinen
aschblonden Haaren, seiner durchsichtigen Haut, seiner Sprechweise, seiner
Haltung, in der zwei Gegenstze sich so anmuthig vereinten: Stolz und
Schchternheit.

Die Kinder gingen ber die beiden Burgpltze und verschwanden auf dem
Kohlmarkt im Thorweg eines alten, stattlichen Hauses, einst das Eigenthum
eines groen Herrn, jetzt das eines Pferdehndlers, und vermiethet an
allerlei Parteien. Ein Schild mit der Aufschrift: Madame Amlie war unter
dem Mittelfenster des ersten Stockes angebracht, und hinter den groen,
blanken Spiegelscheiben blhte ein Garten von Hten und Hauben, quollen aus
halb geffneten Kartons Bche von Spitzen, Strme von Gaze und
Seidenstoffen hervor.

So wenig Dietrich Brand sich auch um die Berhmtheiten der Damenmodenwelt
kmmerte, der Name Amlie Vernon war bis zu ihm gedrungen. Seine Cousinen
sagten in einem Tone: O Madame Vernon! Ja, Madame Vernon! der so viel
hie wie: Erhaben ber alle Kritik.

Eine solche Gromacht schickt ihre Waaren gewi nicht durch Kinder aus. Was
hatten die armen Beiden hier zu holen oder hierher zu bringen?

Er wollte es wissen und entschlo sich, auf ihre Rckkehr zu warten. Nach
einer Viertelstunde erschien klein Annerl wieder und trug ein Weibrot in
der einen und einen Apfel in der anderen Hand. Bla und mde kam ihr Bruder
nach. Brand hielt ihn an und fragte auf gut Glck und in geschftsmigem
Tone, ob Madame Vernon zu Hause sei? Ja wohl, die Kinder kamen von ihr,
hatten sie eben gesprochen.

Und das hat sie mir geschenkt, sagte Annerl, und hob ihr Weibrot und
ihren Apfel triumphirend in die Hhe.

Und das darfst Du auch annehmen, die Mutter erlaubt es Dir, Annerl?

Ja, das erlaubt die Mutter, und auch Georg erlaubt's.

Georg, wiederholte Brand. Dein Bruder, nicht wahr? Er legte die Hand
auf den kleinen, blauen Capuchon und sagte ziemlich unberlegt: Ich wre
froh, wenn ich Dir auch etwas schenken drfte, Annerl.

Nein, nein, dank', wir danken, stie Georg rasch hervor. Er war bei den
Worten Dietrichs roth geworden ber das ganze Gesicht bis unter die Haare,
und seine Augen leuchteten pltzlich auf.

Jetzt wute Brand, an wen ihn das Kind vom ersten Moment an erinnert hatte.
Vergessene Unvergessene -- arme Sophie! Dieses Errthen, dieses Aufleuchten
im Blicke hatten oft sein stilles Entzcken ausgemacht. Die ganze Reinheit,
aller Stolz des Mdchens, das er liebte, sprachen aus ihnen. Was ihr das
Blut in die Wangen und die Stirne trieb, war nicht Verwirrung, nicht
Beschmung, es war ein schmerzliches Staunen, eine leidvolle Entrstung:
Ich errthe, ja, aber fr Euch! -- Brand sah sie vor sich, wie damals in
der peinlichen Stunde, in der der Ri zwischen ihnen entstanden war...

Du heiest Georg Mller, mein lieber Junge, sagte er zu dem Knaben.

Der erschrak und sah ihn voll Mitrauen an. Wie kam der fremde Mann dazu,
nach seinem Namen zu fragen? Er suchte seine Angst hinter einer trotzig
abwehrenden Miene zu verbergen, ergriff die Hand seiner Schwester und
hastete mit ihr davon.

Brand blickte ihnen nach: Ihre Kinder! ja gewi -- auch das Mdchen hatte
hnlichkeit mit ihr in den Bewegungen, dem Gang, in der Art und Weise, den
Kopf zu tragen. Im Forteilen noch wendete Annerl sich mehrmals um und
lchelte den ernsten, alten Herrn an, vor dem davon zu laufen ihr Bruder
sie zwang, und der ihr gar keine Furcht einflte, o nein, nicht die
mindeste!

Ihre Kinder -- das waren sie, so hatte er sie gefunden. Die Wirklichkeit
bertraf seine traurigsten Befrchtungen. Das scheue Wesen des Knaben,
seine Beschftigung, die Kleidung, das Aussehen der Kleinen. Alles, Alles
an ihnen erzhlte von Drftigkeit, von Entbehrung, von einem harten Kampfe
um das tgliche Brot.

Dietrich blieb noch eine Weile unter dem Thore stehen. Mit mchtiger
Selbstberwindung rang er die tiefe Gemtsbewegung nieder, die ihn
ergriffen hatte: kein ueres Zeichen durfte verrathen, was in ihm vorging.

Als ein sehr gelassener, fast bertrieben hflicher Mann betrat er den
Modesalon und wurde von Frulein Julie, einer gut erhaltenen Schnheit,
#comme il faut# bis an die Spitzen ihrer langen, lanzenfrmig
zugeschnittenen Ngel, wrdevoll empfangen. Sie schien befremdet, als er
sie bat, fragen zu wollen, ob er die Ehre haben knne, mit Madame Vernon
selbst und zwar privatim zu sprechen. Das Frulein bernahm seine Karte,
warf einen Blick darauf -- und war elektrisirt.

Dietrich Brand! Herr Rittmeister Brand...

Nein, mein Frulein, Brand kurzweg; ich habe meinen Militr-Charakter
abgelegt.

Aber das wute Frulein Julie besser. Ablegen, einen solchen Charakter? Als
ob man das knnte! Nie! O, sie hatte die Gnade, den Herrn Rittmeister zu
kennen, hatte so viel von ihm gehrt. O, und wer nicht? Und einige ihrer
Verwandten hatten die Gnade gehabt, unter ihm zu dienen. Und nun wollte
_sie_ die Gnade haben, ihn der gndigen Frau zu melden. Einen solchen
Besuch werde sie sicherlich empfangen, wenn auch sonst keinen andern, denn
die gndige Frau sei heute nervos.

Sie enteilte, und Brand lie ein mibilligendes: Hm, hm, nervos
vernehmen, worauf ihn einige der Magazins-Damen verstohlen anguckten.
Andere kicherten vor sich hin, und ein lustiges Ding von einer Modistin,
das eben einer ltlichen Kundin einen sehr jugendlichen Hut anprobirte,
rang mit einem Lachkrampfe.

Nach kurzer Zeit war Frulein Julie wieder da und ersuchte den Herrn
Rittmeister, die Gnade zu haben, ihr zu Madame Vernon zu folgen. Sie
geleitete ihn durch eine Reihe von Ateliers und Salons und verabschiedete
sich mit einem wundervollen Knix, in den sie ihre ganze Seele legte, an
der Thr des Boudoirs der Gebieterin.


VIII.

Das war ein Schmuckkstchen. Die Wnde mit hellblauem Seidenstoff
verkleidet, die Mbel mit demselben Stoffe berzogen, Tische, Tischchen,
Etagren von den verschiedensten Formen, mit theils sehr kostbaren
Nippesgegenstnden besetzt, ein groer Ankleidespiegel mit vergoldetem
Gestell, und mitten in all' der Pracht die berhmte, geniale, viel
umworbene Madame Amlie. Sie war schn und geschmackvoll angethan in einem
spitzenbesetzten Schlafrock aus Atlas, der wie die Abendrthe schimmerte
und eine zwei Meter lange Schleppe hatte. Der Anzug war ein Kunstwerk und
machte so schlank als mglich; aber auch den hchsten Toilettenknsten sind
die Wege gewiesen; Anmuth konnten sie der vierschrtigen Gestalt nicht
verleihen, die sich beim Eintreten Brands von dem Ruhebette erhob. Der Kopf
Madame Amlies sa auf krftigem Nacken und trug eine Flle stark
angegrauter Haare. Die gewellte, gelockte Frisur erinnerte in ihrem
knstlichen, architektonischen Aufbau an die der rmischen Kaiserinnen. Das
Gesicht hatte einen ausgesprochenen Neger-Typus, aber die Augen waren schn
und intelligent. Leider befanden sie und auch die Nase sich eben in einem
Zustande, der nicht gleich errathen lie, ob die Dame geweint hatte oder an
Schnupfen litt.

Als Dietrich eintrat, rieb sie sich eben die Schlfen mit weier
Matteischer Elektrizitt. Auf einem Tischchen neben ihr befanden sich
allerlei Riechmittel; in einer mit heiem Wasser gefllten Achatschale
verdampften einige Tropfen Fichtennadelextrakt.

Brand dankte in seiner ritterlichen Weise fr die Gunst, die Madame Vernon
ihm erwies, ihn trotz ihres Unwohlseins zu empfangen. Er wollte ihre Gte
nicht mibrauchen, sie nicht lang in Anspruch nehmen; er kam nur, um sich
von ihr Auskunft zu erbitten ber die beiden Kinder, die eben bei ihr
gewesen waren. Nicht Neugier leite ihn, sondern ein ernstes Interesse,
dessen Grund er ihr, wenn sie es gestatte, ein nchstes Mal darlegen
werde.

Madame Amlie versicherte ihn, da sie bei einem Manne #de sa trempe# nur
die edelsten Absichten voraussetze, zgerte aber doch mit der Antwort, als
er nach dem Familiennamen der Kleinen fragte.

Frchten Sie nicht, ein Geheimni zu verrathen, sagte er und fate sie
scharf ins Auge. Es sind die Kinder des Majors von Mller.

Sie widersprach nicht.

Eines meiner besten Freunde und einstigen Kameraden, fuhr er fort, der
vor drei Jahren in seiner Vaterstadt Klausenburg gestorben ist. Ein nur zu
edler und gromthiger Mensch.

#Certainement#, fiel die Franzsin ein, so gromthig fr Andere, da
die Seinen in der #gne# zurckblieben.

#Gne#? wiederholte Brand mit qualvoll gepreter Stimme. Was ich eben
gesehen habe, ist schlimmer als #gne#. Diese Kinder sind schlecht genhrt,
schlecht gekleidet, sie darben.

Nun, jetzt eigentlich nicht mehr, meinte Madame Vernon und widerstand
nicht lnger der Versuchung, Monsieur Brand, der ein so #noble
coeur# war und so tiefe Theilnahme fr die Hinterbliebenen seines
Freundes hatte, die ganze Wahrheit zu sagen, und bei dieser Gelegenheit
sich selbst in schnem Lichte zu zeigen.

Dietrich erfuhr nun Alles.

In der langen Krankheit des Majors waren die Reste des Vermgens
aufgebraucht und leider sogar einige Schulden gemacht worden. Sophie mute
ihre Pension fr Jahre hinaus verpfnden, um die dringendsten Glubiger zu
befriedigen. Sie wre dem Elend preisgegeben gewesen, ohne ihr
auergewhnliches, dem der groen Wiener Modistin congeniales Talent. Mit
ihren #doigts de fe# gewann sie den Lebensunterhalt fr sich und ihre
Kinder. Krglich, wie sich von selbst versteht, #mon Dieu, en province!#
bis eine Verwandte Madame Amlie's und Gattin eines sterreichischen
Oberstlieutenants nach Klausenburg kam, dort erst die Werke Frau von
Mllers, dann sie selbst kennen lernte und eine begeisterte Freundschaft
und Bewunderung fr sie fate.

Unglck und Talent, #quels titres# auf unsere Theilnahme, Monsieur,
sprach die Modistin mit einer pathetischen Gebrde.

Die Frau Oberstlieutenant brauchte nur einige Proben der Kunstfertigkeit
Sophie Mllers an Madame Vernon zu schicken, um ihr Mitgefhl fr die arme
Wittwe zu erwecken. Amlie hatte ihr sogleich geschrieben und sie
eingeladen, nach Wien zu kommen. Seit einem halben Jahre war sie da,
stellte ihre Begabung und ihren Flei ausschlielich in den Dienst des
Hauses Vernon und drfte keinen Grund haben, es zu bereuen. Sie wurde
besoldet wie keine zweite. Ihre Verhltnisse mssen sich jetzt schon
gebessert haben.

Mssen sich? Sie wissen nichts Genaues darber? fragte Brand.

Das nicht. Frau von Mller spricht nie von sich. Sie ist sehr stolz, sehr
zurckhaltend. Jawohl, sehr stolz. Er beugte sich vor auf dem niederen
Fauteuil, den Madame Amlie ihm angewiesen hatte, und wieder mute sie den
forschenden Blick seiner ernsten, grundehrlichen Augen eine ganze Weile
hindurch aushalten und that es mit der Unbefangenheit eines vortrefflichen
Gewissens. Pltzlich gab sie ihrem Kopfe einen kleinen Ruck, ein
muthwilliges Lcheln glitt verschnernd ber ihr derbes Gesicht, und sie
sprach:

Ja, ja, Monsieur, ich bin eine gute und brave #personne#, man kann auf
mich zhlen.

Brand verneigte sich: Gut und brav, ich bin berzeugt. Aber auerdem auch
Gedankenleserin. Ich bewundere. Eine echte Knstlerin freilich hat immer
etwas Divinatorisches.

O Monsieur! Ihre Augen glnzten vor Freude ber diese Schmeichelei:
#Vous tes aussi aimable que clbre.#

Er lehnte ab; Loben Sie mich nicht. Ich habe groe Schwchen.

Zum Beispiel?

Unter Anderem eine gewisse Schwche fr Damen-Mode-Artikel, erwiderte er
scherzend. Ich wre zum Beispiel neugierig, die Putzgegenstnde zu sehen,
die Frau Major Sophie von Mller Ihnen eben geschickt hat. Ich mchte diese
Putzgegenstnde sogar an mich bringen.

Amlie war erstaunt: Sind Sie verheirathet?

Nicht im Geringsten. Aber ich habe Cousinen und sogar Nichten...

Die Brand heien? Beinahe wre der Zusatz: Brand #tout court# ihr
entwischt, doch verschluckte sie ihn noch rechtzeitig.

Brand und anders, erwiderte Dietrich.

Anders? Sie war auf einmal merkwrdig khl geworden, sie bedauerte, auch
nicht ber _ein_ Stck im Magazin verfgen zu knnen, der Bedarf war so
gro, der Vorrath so klein, man mute doch einige Auswahl haben fr die
lteren, werthen Kunden.

Ich wrde hhere Preise bezahlen als Ihre ltesten, werthesten Kunden,
sagte Dietrich langsam, nachdrcklich, aber auffallend sanft und fast
liebreich.

Bedaure. Ich habe eine groe Verehrung fr Herrn Rittmeister Brand, aber
seine Nichten mssen warten.

Da ergriff er ihre kleine, harte, brunliche Hand und fhrte sie rasch an
seine Lippen: Respekt vor Ihnen Madame! Ihr Verdacht ist ganz unbegrndet
-- Ihre brave Gesinnung steht wie ein Fels. Ich sehe voraus, da sich eine
gute Freundschaft zwischen uns bilden wird.

Entzckt ber seinen Handku, aber doch noch etwas unsicher, bat Amlie,
ihr zu verzeihen, wenn sie ihm Unrecht gethan habe.

Ich verzeihe jeder Frau jeden, auch den schndesten Verdacht gegen jeden
Mann in dem einen Punkte, entgegnete er. Wir verdienen es nicht besser --
im Allgemeinen.

Seine Worte wirkten wie ein Petroleumgu in glimmendes Feuer. Sie richtete
sich auf, sie rckte nher zu ihm und brach flammend und hochathmend in
einen Hymnus des Lobes aus. Rittmeister Brand war mehr als liebenswrdig
und berhmt, er war einzig. Er kannte sein Geschlecht. O, und sie
ebenfalls, wenn auch nur in einem Exemplar, in dem freilich die
Fehlerhaftigkeit #de tout le genre masculin# vertreten war. O, wenn er
ahnen knnte! wenn er wte...

Ein diskretes Klopfen an der Thr unterbrach sie.

Frulein Julie zeigte sich, sie trug ein Karton unter dem Arme und meldete,
die Frstin A. habe sich fr den Nachmittag ansagen lassen und da mute
Madame doch bestimmen, ob die heutige Sendung Sophie Mllers sogleich oder
erst zuletzt vorgezeigt werden solle. Mit zierlichst gerundeten
Handbewegungen entnahm sie dem eleganten Behltnisse nach einander vier
Hte und stellte sie auf Haubenstckchen vor die Gebieterin hin:

Nein, das waren wieder Sachen! Sachen! Nicht eines dieser Huterln wrde
auch nur einen Tag alt werden im Salon. Die Frstin A. wrde gewi zwei
Stck nehmen und Prinzessin B. die andern zwei; sie waren wie geboren fr
die beiden Damen, und nur auf ihren Huptern wollte Frulein Julie sie
sehen. Der Baronin C. drften sie gar nicht vor Augen kommen, die kauft
sonst den wirklichen Damen alle vier auf einmal weg.

Amlie prfte jeden einzelnen Hut genau: Ja, Madame Mller ist
erstaunlich, sie bertrifft sich bei jeder neuen Leistung. Was fr Ideen
sie hat! Sehen Sie nur, Mr. Brand, wie die Aigrette auf diesem Spitzenhut
placirt ist. Welche Grazie und welcher Geschmack in der Wahl der Farben,
eine hebt die andere, und keine schlgt die andere. Den Hut verkaufen wir
als Modell.

_So_ schn! _so_ schn! fiel Julie ein, und diese Nettigkeit! Alles wie
aus dem Ei geschlt.

Brand blieb stumm und betrachtete die Hte mit tief innerlichster Rhrung.
Dieses schimmernde, phantastische, kostbare Zeug hat der Mangel geschaffen,
die Armuth hat es gemacht fr den bermthigsten Luxus. Die Schnheit
dieses Zeuges ist wie Hauch, einige Regentropfen vernichten sie. Und dafr
den Schlaf der Nchte, das Licht der Augen... Dafr!

Wieder wurde geklopft und angezeigt, da der Wagen der Frstin vorgefahren
sei. Frulein Julie raffte hastig ihre Waaren zusammen und eilte in den
Salon.

Madame Amlie und Brand waren zugleich aufgestanden. Er verabschiedete sich
sehr bewegt und sagte: Der Wittwe meines Freundes mu geholfen werden.
Helfen Sie mir helfen. ber das wie mssen wir uns berathen. Wann darf ich
wiederkommen?

Kommen Sie morgen, sprach sie huldvoll.


IX.

Am selben Nachmittage lief Peter zu seiner Magdalena hinber. Er hatte es
sehr eilig, blieb aber doch einen Augenblick in Bewunderung vor dem breiten
hauchrein geputzten Auslagenfenster des Ladens stehen. Wie kstlich sah
der heute wieder aus, in seinem Reisig- und Blumenschmuck! Ein zierliches
Grtlein, in dem Schinken, gerucherte Zungen und Fische und allerhand
Pasteten wuchsen. Auf der Marmorplatte im Fenster erhoben sich zwischen
ppigen Hortensienstckchen die appetitlichsten Wurstpyramiden, schimmerten
rothe und gelbe Aspicrotunden. Hinter der frischlackirten Tafel, neben der
groen Wage, deren Schsseln wie Gold glnzten, prangte sie, die Herrin, in
ihrem unverwstlich jugendlichen Flor. Ihr Hubchen schien mit
Schneeflocken garnirt, ihr kurzrmeliges Kleid und ihre Wangen hatten die
selbe Centifolienrosenfarbe. Der Latz der weien, mit einem Spitzenstreifen
besetzten Schrze bedeckte die mchtige Brust, warf nicht eine Falte, hatte
nicht das kleinste Flecklein. Frau Magdalena zerlegte eben mit spielender
Meisterschaft ein junges, fettes Huhn.

Ein Herr, der vorberging, warf einen Blick in den Laden, lchelte und
sagte: Zum Hineinbeien!

Peter sah ihn unwirsch an; er wute nicht, ob das Huhn gemeint sei oder die
Frau, rasch trat er ein und befahl ihr, verdrielich wie Einer, der gerade
einen kleinen Anfall von Eifersucht gehabt hat, das Huhn auf einem Teller
anzurichten.

Das thu' ich ohnehin, sagte sie, es gehrt fr den Hofrath im zweiten
Stock.

Peter schttelte den Kopf: Wird nicht gehen: dem Hofrath giebst ein
anderes, das da nehm' ich gleich mit fr meinen Herrn Rittmeister, der
heute vergessen hat, ins Gasthaus zu gehen.

Was? Vergessen! Der was vergessen, das ist ja wie wenn die Uhr am
Stephansthurm stehen geblieben wr. Sie hatte das Huhn schon auf ein
Schsselchen gelegt, umgab es mit Rauten aus Aspic, verzierte es
geschmackvoll mit kleinen Bouquets aus Petersilie, stellte das Ganze auf
eine vor Neuheit schimmernde Serviette und hielt ihrem Manne die
zusammengefalteten Enden hin. Statt diese zu ergreifen, trat Peter hinter
die Pudel, gab der Gemahlin einen nachdrcklichen Ku auf die Lippen, einen
zweiten mitten in die blonden Lckchen hinein, die sich ihr bermthig im
Nacken kruselten, und dachte: Teufel, Teufel, ich hab das Frauenzimmer
alle Tage lieber!

Wieso hat er denn vergessen ins Gasthaus zu gehen?

Ja, Peter wrde es sagen, wenn er's wte. Der Herr kam nach Hause um eine
halbe Stunde frher als sonst und: Ich seh' ihm's gleich an, da er noch
nicht gespeist hat.

Was Du ihm nicht Alles ansiehst!

Natrlich, was ich ihm nicht Alles anseh'. Auch gleich, da er nicht
zugeben will, da er vergessen hat, und wie ich sag': Haben denn
gespeist? sagt er: Esse heute nicht; bring Thee und Cigarretten. Den
Speisezettel kenn' ich von damals, wo er verliebt gewesen ist. Ich hab'
aber immer etwas dazu gegeben, und er hat's hinunter geschlungen in der
Zerstreutheit.

Peter lief davon, und seine Frau rief ihm nach: Du, zum Hinunterschlingen
htt's ein mageres Hendel auch gethan. Verliebt, der alte Brand? Es kam
ihr unglaublich lcherlich vor. Aber, dachte sie, so bel wr's am End'
nicht, vielleicht tht' er sich dann weniger hineinmischen in der Erziehung
von meinem Peterl.

Und wirklich kmmerte sich Brand in den nchsten Tagen ein bichen weniger
um Peterls physisches und moralisches Wohlergehen. Seine Gedanken waren
augenscheinlich von etwas Bezwingendem erfllt, das ihn manchmal
erheiternd, manchmal betrbend, immer aber vllig in Anspruch nahm. Er
machte auch sehr oft Besuche, zu denen er sich aufs Feinste kleidete. Peter
war nicht der Mann, der seinem Herrn nachsprte, zur Spionage erniedrigte
er sich nicht, aber seines Verstandes, seines Scharfsinns konnte er sich
nicht entuern, die Fhigkeit, richtige Schlsse zu ziehen, konnte er
nicht pltzlich los werden. An dem Tage, an dem er mit einem prachtvollen
Bouquet zu Madame Amlie geschickt wurde, wute er Alles.

Da es eine #marchande de modes# war, krnkte ihn tief, das sagte er nicht
einmal seiner Magdalena.

Der Verdacht Peter Peters' war nicht unbegrndet; sein Herr ging wirklich
auf Eroberung aus. Aber nicht Liebe wollte er gewinnen, sondern Vertrauen,
und errang es auch in einem Mae, das seine Erwartungen und sogar seine
Wnsche berstieg. Madame Amlie machte ihn mit ihrem Lebenslauf bekannt
und schttete ihr ganzes, bervolles Herz vor ihm aus.

Sie stammte aus einer guten Pariser Familie, hatte in frher Jugend ihre
Eltern und spter dann durch die Unredlichkeit eines Verwandten ihr
Vermgen verloren. Eine alte, alleinstehende Tante, Madame Justine Vernon,
die in Wien ein eintrgliches Modengeschft fhrte, erbarmte sich ihrer
Verlassenheit und nahm sie zu sich. Und nun kam das Talent zur Entfaltung,
dem Amlie ihre spteren Erfolge verdanken sollte. Ein Talent, das sie,
genau wie diese liebe Madame Mllr, ahnungslos besessen hatte, bis uere
Verhltnisse die schlummernde Gottesgabe in ihr weckten. Sehr bald zeigte
sich, da die Thtigkeit, die ihr aufgezwungen worden, eine ihren Anlagen
und Fhigkeiten vllig zusagende war. Sie ging aber auch in ihr auf. Sie
trat nach dem Tode Madame Vernons an die Spitze des Hauses, erweiterte das
Geschft zu einer Putzwaaren- und Konfektionshandlung, erwarb einen
Wohlstand, der an Reichthum grenzte, und nahm eine Stellung ein, wie noch
nie eine Modistin vor ihr. An Bewerbern hatte es ihr natrlich nicht
gefehlt: Die Mnner sind so geldgierig und immer bereit, sich zu
verkaufen.

Auf den Sklavenmarkt mit dieser Mnner-Ausschuwaare! murmelte Brand.

Aber Amlie Vernon dachte nicht daran, ihre Freiheit aufzugeben; sie war
stolz auf ihre jungfruliche Unabhngigkeit und bewahrte sie bis zu ihrem
vierzigsten Jahre. Dann war das Verhngni hereingebrochen mit dem Tode des
alten und mit der Aufnahme des neuen Buchhalters, eines glnzend
empfohlenen, jungen Menschen. Tchtig in seinem Fache, verllich in
Geldsachen, solid und rangirt, hie es, und das glaubte Madame Amlie; aber
auch hbsch, liebenswrdig, bezaubernd, und das sah Madame Amlie. Ach!
der schne Buchhalter spielte sich auf den schmachtenden Troubadour, und
sie gab seinen Schwren, seinem Flehen, seinen Thrnen nach und erhob ihn
zum Chef des Hauses und zu ihrem Gatten.

Vor zwei Jahren, Monsieur. Ja! die Monate, die Wochen und Tage, die
seitdem vergangen sind, kann ich zhlen -- die #infidlits#, die douard
an mir begangen hat, nicht. Er betrgt mich wie ein Franzose, Ihr biederer
sterreicher! rief sie und sah Dietrich so feindselig an, als ob er ein
Mitschuldiger ihres Ungetreuen wre. O der Quler! Wie sie ihn liebte, ihn
hate, ihm fluchen und ihn vertheidigen mute in einem Athem, denn -- war
er schlecht, die Frauen waren schlechter. Sie stellten ihm nach, er konnte
sich nicht retten vor ihnen. _Damen_, #de vraies dames# schickten ihm
Bouquets. #_Pauvre_ chri!# aber ein -- #fier misrable#! Heuchlerisch,
gewissenlos und von einer Eitelkeit!... Wenn eine Frau gleichgltig an ihm
vorbeigeht, fhlt er sich von ihr insultirt und nimmt sie #en grippe#. So
z.B. Madame Mllr.

Frau Major von Mller? Brand mute sich fest anklammern an die Lehnen
seines Fauteuils, um nicht in die Hhe zu fahren: Dieser... Herr wird
doch nicht wagen... Er hielt inne, vollbrachte ein Meisterstck der
Selbstbeherrschung und fragte gelassen und khl: Sie kommt zu Ihnen? Wann?
Wie oft?

Nun, frher, als sie ihrer Sache noch nicht ganz sicher war, kam sie
allwchentlich. Sie hatte die Bestellungen selbst abgeliefert und das
Urtheil und die Rathschlge der Meisterin erbeten. Derer bedurfte sie jetzt
nicht mehr und fand sich nur noch an jedem Letzten des Monats zur
Abrechnung bei der Prinzipalin ein; zwischen Elf und Zwlf, die Stunde, in
der der Chef im Bureau festgehalten ist. Hchst seltsam, aber -- sie hat
fr ihn etwas Abstoendes: Was fr eine steifleinene Person hast Du da
aufgegabelt? fragte er schon mehrmals. Die Majorin scheint bemerkt zu
haben, da sie ihm mifllt, sie vermeidet, ihm zu begegnen, betritt die
Ateliers nicht mehr, sondern kommt ber die Seitentreppe direkt in den
Privatsalon Amlies.

So -- weil sie ihm mifllt? Das ist merkwrdig. Sie mu sich sehr
gendert haben, wenn sie irgend Jemandem mifallen kann.

Mir nicht, o mir nicht, versicherte Amlie, fr mich hat sie etwas sehr
Anziehendes, einen auerordentlichen #charme#. Und ihre Kinder sind
entzckend, besonders der kleine Junge. Ich lasse ihn immer rufen, wenn er
die Arbeiten seiner Mutter abliefern und Material zu neuen Arbeiten holen
kommt. Er hat so touchante Augen. Um diesen Schatz beneide ich Madame
Mllr. O, wenn der Himmel mir Kinderchen mit so touchanten Augen schenken
wollte!

Brand wartete ihr mit einer guten Lehre auf: Den besten Trost fr den
Mangel an eigenen Kindern findet man in der Liebe zu denen der Anderen.
Schlieen Sie fremde Kinder ans Herz, Madame. Was mich betrifft, ich
beabsichtige mich der Kinder meines verstorbenen Freundes anzunehmen. Zu
dem Ende will ich sie aufsuchen, mu demnach wissen, wo sie wohnen, und
bitte Sie, mir ihre Adresse mitzutheilen.

Die war: #VII.# Bezirk, Berggasse Nr.19, Erster Stock, Thr6. Aber
hingehen? Amlie widerrieth es ihm. Sie hatte schon mehrmals bemerkt wie
vorsichtig Frau von Mller jedem Zusammentreffen mit Bekannten aus
frheren, besseren Tagen auswich. Sehr begreiflich das, wenn man so viel
Charakter hat, so viel Stolz. Weder die Neugier noch das Mitleid sollen
Einblick nehmen in ihre traurigen Verhltnisse. Etwas gebessert haben sie
sich brigens schon. Madame Mller verrichtet nicht mehr alle Hausarbeit
selbst, ihre Zeit ist kostbar geworden, ihre kunstreichen Hnde brauchen
Schonung; sie hat eine Magd aufgenommen.

_Etwas_ gebessert haben sich die Verhltnisse der Frau Major, sagen Sie,
Madame. Das ist zu wenig, versetzte Brand, sie mssen gut werden. Wir
wollen dafr sorgen, wir Zwei. Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt, Sie
werden das meine nicht tuschen. Ich rechne auf Ihren Takt, Ihre
Feinfhligkeit.

Feinfhligkeit? das ist Delicatesse? O, Sie knnen auf die meine zhlen.

Dietrich nahm ein Couvert aus seiner Tasche und legte es auf das Tischchen,
auf dem heute eine blaue Matteische Elektrizitt stand. Erweisen Sie eine
Wohlthat, Madame, unter dem Scheine eines entrichteten Honorars. Wenn Sie
sagen: 'ich habe alle Hte, die Sie mir neulich geschickt haben, als
Pariser Modelle verkauft und betheilige Sie mit fnfzig Prozent am
Reingewinne', das mte doch eine hbsche Summe ausmachen. Nicht?

Amlie zog die Augenbrauen in die Hhe. O, Monsieur, so viel wie allgemein
angenommen wird, kommt bei unserem Geschfte nicht heraus. Doch will ich
Mittel finden, Madame Mllr glauben zu machen, da wir eben jetzt, die
Saison ist ja sehr gnstig, ungewhnlich hohe Preise fr unsere Arbeiten
fordern konnten.

Thun Sie das, Madame, sprach Brand mit groer Wrme. Geben Sie mir meine
Seelenruhe wieder; der Gedanke an die Kinder meines verstorbenen Kameraden
lt mich nicht schlafen.


X.

Brand ging in gedrckter Stimmung und mit sich selbst unzufrieden heim. Es
mifiel ihm, da er eine Freundschaft fr den seligen Major von Mller
heuchelte, von der sein Herz nie etwas gewut. Warum? Weil ihm der brave
Mann, der genau das gethan hatte, was Dietrich htte thun sollen, ein
lebender Vorwurf war.

Verzeih mir, Major, sagte Brand unwillkrlich laut und trat in seiner
Benommenheit einem drftig gekleideten, schmalen, schchternen Herrn, der
bescheiden an ihm vorberhuschte, auf den Fu. Der Herr grte und --
entschuldigte sich. Fr einen Major gehalten zu werden, schmeichelte ihm;
denn er war nur ein ganz kleiner Beamter.

Verzeihung, wiederholte Dietrich, zog den Hut und dachte: Demthiges
Menschlein, wenn Du wtest, wie klein ich mich fhle!

Sein Elend und seine Qual muten ein Ende nehmen; er fate einen groen
Entschlu. Wenn er auch nicht wagen durfte, Frau von Mller zu besuchen,
sehen mute er sie. Morgen ist der letzte April, da tritt sie ihre
Wanderung zu der Brotgeberin an, da will er sie erwarten vor ihrem Hause,
will ihr folgen, vorerst unbemerkt. Wer wei, vielleicht zeigt der Zufall
sich gnstig und bietet Brand Gelegenheit, sich ihr vorzustellen.

Er schlief wenig in dieser Nacht, verfiel erst gegen Morgen in einen
unerquicklichen, durch wirre Trume gestrten Schlummer. Als er erwachte,
war es fnf Uhr, und aus grauen Wolken, die den ganzen Himmel bedeckten,
strmte dichter Regen nieder. Nach dem Frhstck ging Dietrich in die
Wohnung hinber, die er fr das Ehepaar Peters im dritten Stock des Hauses
gemiethet hatte, in dem das Geschft Magdalenas sich befand. Er kam gerade
zurecht zum Bade seines Tuflings, und Frau Peters erschrak nicht wenig,
als sie ihn erblickte; denn das war die Gelegenheit, bei der Dietrich mit
Ermahnungen am Wenigsten sparte und so oft gesagt hatte, da es ihr schon
auf die Nerven ging:

Ja, meine Liebe, das Baden eines kleinen Kindes ist keine leichte Sache.
Ich habe darber in ganz vortrefflichen Bchern gelesen und auch gesprochen
mit Widerhofer, Auchenthaler und Monti.

Heute kein Wort, nicht einmal ein recht aufmerksames Zusehen, und als die
Uhr Neun schlug, nahm er seinen Hut (seinen schnsten Cylinder bei dem
Wetter) und ging und verga den Regenschirm. Zum Glck bemerkte Frau Peters
es gleich und schickte ihm den Unentbehrlichen nach und dachte bei sich mit
aufrichtigem Bedauern: Der ist wirklich verliebt, und fest, der arme
Alte!

Es hatte ihn auf einmal gepackt: Vielleicht kommt sie heute frher als
gewhnlich zu Madame Vernon. Warum sie das thun sollte, da sie doch einen
bestimmten Grund hat, zu keiner anderen Stunde als zwischen Elf und Zwlf
zu kommen, wute Brand nicht und konnte es nicht wissen. Aber mglich war's
ja doch, und wenn ein vernnftiger Mensch eine Mglichkeit einmal
angenommen hat, dann richtet er sich auch nach ihr ein.

Er war ein guter Geher und erreichte in erstaunlich kurzer Zeit sein Ziel,
die lange Berggasse. Sie machte ihrem Namen Ehre und stieg ziemlich steil
in die Hhe. Zwischen ihren alten, niedrigen Husern ragten hie und da
neue, thurmartige Zinskasernen in den Himmel und raubten seinen Anblick
ihrem armen Gegenber und waren trotz ihres unverschmt protzigen Aussehens
doch nur Wohnsttten der Armuth und der Noth.

Auch Nummer19 hatte solch' ein lichtraubendes #vis--vis# und schien aus
Ehrfurcht vor ihm halb in die Kniee gesunken. Brand trat durch das schiefe
Thor in einen elend gepflasterten Hof, der ein schmales, unregelmiges
Viereck bildete. Rings um die zwei Geschosse liefen offene Gnge mit
Gelndern aus verbogenen Eisenstben. Die Fenster waren klein und in
defektem Zustande. Im Hofe unter einem Vordach ber dem Eingang, der zu der
Hausmeisterwohnung fhrte, beschftigte sich ein derbes Weib mit dem
Reinigen des Kchengerthes und wurde dabei von einer Schar von Hhnern
umgackert und von zwei Katzen umschmeichelt. Auf einem leeren Fasse sa ein
schwarzer Kater; und ein kleines, steinaltes, kaffeebraunes Thierchen, mit
weien Pfoten und langen, flatternden Ohren, das beim Anblicke Brands eine
Art Gebell erhob, mute man erst eine Weile betrachten, um zu erkennen, da
es zum Hundegeschlecht gehrte.

Die Hausmeisterin musterte den durch das Hndlein Angekndigten vom Kopf
bis zu den Fen und fragte unfreundlich: Was wnschen's denn?

Auf einem Gang des ersten Geschosses war eine alte Frau mit zerzausten
Haaren und mit einer Brille auf der Nase, in einen fettigen Schlafrock
gekleidet, erschienen, hatte sich ngstlich umgesehen, einen kleinen
zerfetzten Teppich auf das Gelnder gelegt, und angefangen, ihn so leise
als mglich auszuklopfen.

Aber die Hausmeisterin bemerkte die geplante Unthat sogleich und hemmte
ihre Fortsetzung durch energische, mit Schimpfworten reichlich gespickte
Einsprache. Die erschrockene Alte raffte ihren Teppich zusammen und
verschwand in der Thr, aus der sie getreten war.

Diesen Zwischenfall benutzte Brand, um sich aus dem Hause und aus der Nhe
seiner groben Beherrscherin zu stehlen. Diese Person nach Sophie Mller zu
fragen, widerte ihn an. Diese Person schien ihm so recht fhig, alle
mglichen infamen Schlsse aus der einfachen Erkundigung zu ziehen: Wohnt
hier Frau Major von Mller, und ist sie zu Hause?

Nein, er wollte nicht fragen, er wollte warten; geduldig, mehr als
geduldig, mit dem Wunsche sogar, sie mge noch nicht kommen. Ihr Anblick
wird ihm eine groe Gemtsbewegung verursachen. Er hatte sich das kaum
eingestanden, als er sich auch sofort ins Gebet nahm. Und was weiter? Hat
er eine feige Scheu vor Gemtsbewegungen? Ist es so weit mit ihm gekommen
in dem Schlaraffenleben, das er fhrt, und vergit er vor lauter Erziehen
an Anderen die Erziehung seiner selbst? Gemtsbewegung, ja -- es wird eine
sein, und er wird sie aushalten.

Nach langem Auf- und Abgehen blieb er in der Nhe des Thores stehen.
Unaufhrlich strmte der Regen nieder, Brand nahm sich unter den acht
Wasserfden, die von seinem Schirm herunterliefen, wie ein steinerner
Wassergott aus. Es wurde halb Elf. Sie kommt nicht, das Wetter ist zu
schlecht, dachte er und -- wartete weiter, obwohl er recht gut merkte, da
er schon die Aufmerksamkeit einiger Schuhmacher erregt hatte, die an einem
Fenster des gegenber liegenden Hauses arbeiteten.

Zu jeder anderen Zeit wrde er hingegangen sein und die jungen Leute
gefragt haben, was sie zu gaffen und zu kichern htten? Ob die Beobachtung
der Passanten oder das Verfertigen von Schuhen ihre Pflicht und ihr
Geschft sei? Jetzt aber lie er die Trpfe ungehindert in dem Pfuhl ihrer
Nichtsnutzigkeit versinken und blieb auf seinem Posten, bis die Uhr des
nchsten Kirchthurms Elf schlug und der letzte Schein von Hoffnung, der
noch in ihm glimmte, erlosch.

Und gerade in dem Augenblick, in dem er jede Hoffnung aufgegeben hatte,
wurde sie erfllt. Er war noch einige Schritte hinauf bis an das Thor von
Nummer21 gegangen, da war ihm, als ob er zurckgezogen wrde an
unsichtbaren, aber starken Fden. Etwas Geheimnivolles, nie Empfundenes
zwang, ja _zwang_ ihn, sich umzuwenden.

Da trat sie aus dem Hause. Er erkannte sie sogleich. Wie zgernd blieb sie
ein paar Sekunden vor dem kleinen Wasserreservoir stehen, das sich zwischen
der Schwelle und dem Trottoir gebildet hatte, sah zum trostlos grauen
Himmel hinauf, ffnete rasch ihren Schirm, hob sich auf die Fuspitzen und
schritt eilig und entschlossen des Weges.

Brand folgte ihr anfangs aus einiger Entfernung, dann wagte er sich nher
heran, ging auf die andere Seite der Gasse, ging ihr vor, sah ihr ins
Gesicht. Sie trug einen kleinen, schwarzen Schleier, hielt die Augen
aufmerksam auf das Pflaster gerichtet und suchte die Steine aus, auf welche
sie ihre schlanken, schmalen Fe setzte. Sie hatte ihren leichten und
entschlossenen Gang, die anmuthig aufrechte Haltung behalten, die ihm so
deutlich in der Erinnerung geblieben waren. Sie sah wie ein junges Mdchen
aus, und fein und elegant in ihren alten Kleidern. O wie alt, wie
abgetragen!

Brand verlangsamte seine Schritte und ging wieder hinter ihr her; und als
ein Lmmel, der ihr entgegen kam, sie beinahe vom Trottoir gestoen htte,
schob er ihn zur Seite mit solchem Nachdruck und so aggressiver Miene, da
der Mensch ein Pardon stammelte und sich davon machte.

Sie waren am Ziele. Frau von Mller lief mehr als sie ging ins Haus, und
Brand dachte daran, heim zu gehen. Aber er that es nicht, er brachte sich
nicht fort. Er hatte ja die Mglichkeit, sie noch einmal zu sehen, ihr noch
einmal zu folgen, sie vielleicht noch einmal in Schutz zu nehmen vor
irgend einem Lmmel und sich dann ein Wort des Dankes von ihr zu
verdienen.... Da sie doch in eine groe Gefahr gerathen mchte, da er
ihr Leben um den Preis seines eigenen retten und ihr sterbend sagen knnte:
Frau von Mller, jetzt sind wir quitt!

Sie war nicht die breite Treppe zum ersten Stockwerk hinaufgestiegen, die
links in die Salons fhrte, sondern die Seitentreppe rechts, ber die man
zur Privatwohnung Madame Amlies gelangte. Brand hatte sich in den Hof
zurckgezogen und beobachtete von dort aus, was unter dem Thorwege vorging.
Nach kaum zehn Minuten kam Sophie die kleine Treppe wieder herab. Ihre
Wangen waren leicht gerthet, ein heller Ausdruck von Freude verklrte ihr
Gesicht. Die angenehme berraschung, die Brand ihr zugedacht, war gelungen;
Madame Amlie hatte ihre Sache gut gemacht.

Mit groer Raschheit eilte Frau von Mller vorwrts und wre beinahe an
einen groen, breiten, nach der neuesten Mode gekleideten Herrn angeprallt,
der pltzlich und ebenfalls sehr rasch aus der Thr der gegenber
liegenden Treppe getreten war. Brand erkannte in ihm das Urbild der vielen
Portrts, die das Zimmer seiner Gattin schmckten, den Chef des Hauses,
Herrn Eduard Wei. Das waren seine impertinent blauen, vorgehenden Augen,
seine ppigen Backenbrte, die schwellenden Lippen, die -- um mit Amlie zu
sprechen -- unter dem blonden Schnurrbart hervorblinkten, wie rother Mohn
ans dem Weizenfelde.

Er lachte laut auf ber den Schrecken, mit dem Sophie vor ihm
zurckgefahren war, und sprach, ohne den Hut zu rcken: Seh'n Sie, da
haben Sie's. Zur Strafe, da Sie immer vor mir davonlaufen, wirft Sie der
Zufall in meine Arme.

Sie wendete sich und eilte dem Ausgang zu; Eduard vertrat ihr den Weg:

Nein, nein, Sie bleiben! Warum so scheu? Hab' ich Sie beleidigt, oder
frchten Sie, da ich Ihnen gefhrlich werden knntet Wenn das wre, schne
Frau, wenn ich das hoffen drfte...

Zrtlich, mit elegischer Gebrde, streckte er die fein behandschuhte Rechte
aus, um ihren Arm zu fassen; aber im selben Augenblick legte sich eine
nervige Faust auf den seinen, und eine gebieterische Stimme befahl:

Platz da, Herr!

Betroffen sah Eduard sich um und ma den kleinen, unscheinbaren Mann, der
ihn angerufen hatte, mit einem hlichen, verchtlichen Blicke. Dieser Mann
lftete jetzt vor Frau von Mller den Hut wie vor einer Knigin und fragte
ehrfurchtsvoll:

Darf ein alter Bekannter Ihnen sein Geleit anbieten, gndige Frau?

Sie war zurckgewichen. Ein leises Beben durchrieselte ihren ganzen Krper,
mit gro geffneten Augen starrte sie ihn an, ihre Oberlippe zog sich ein
wenig in die Hhe, man sah, wie ihre weien Zhne sich fest auf einander
klemmten.

Herr Rittmeister Brand, sprach sie zagend, fast unhrbar.

Brand? wiederholte Herr Eduard eingeschchtert. Rittmeister Brand, von
dem Amlie in den letzten Tagen so oft und mit so herausforderndem
Entzcken sprach? Derselbe Brand, von dem man wute, da er den Dienst
aufgegeben hatte, um sich mit seinem Obersten duelliren zu knnen. War
er's? war er's nicht? Fr alle Flle fand Herr Wei es gerathen, die Augen
zu senken.

Sophie hatte ihre Fassung bald wieder gewonnen. Ruhig, hflich, aber
unwiderruflich entschieden sprach sie, als Brand seinen Antrag wiederholte:
Ich danke Ihnen, Herr Rittmeister, nein, nein.

Dietrich trat schweigend zur Seite, und sie schritt an ihm vorbei und
hinaus in den strmenden Regen, in den Sturm, der sich erhoben hatte und
die Straen durchfegte.

Eduard machte einen zaghaften Versuch, ihr zu folgen. Aber Brand sah zu ihm
hinauf (er reichte ihm genau bis zum Ohrlppchen) und sprach:

Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung. Ich begleite Sie auf Ihr
Comptoir.

Ich komme von dort, versetzte der schne Mann und wute nicht recht, ob
er mehr Grund zur Entrstung oder zur Bestrzung habe. Ich gehe jetzt aus.
Ich habe zu thun.

Auch ich habe zu thun, und zwar mit Ihnen, sagte Dietrich bestimmt, aber
gar nicht agressiv. Dem Chef lief es trotzdem eiskalt ber den Rcken, und
er fragte sich, ob das vielleicht die Art der Herren vom Militr sei, einen
Civilisten zum Duell heraus zu fordern. Zum Duell! Diesem Unsinn, diesem
Verbrechen, das jeder vernnftige und rechtglubige Mensch verabscheut.
Aber Gottlob, beschwichtigte er sich, wir haben ein Gesetz, und dieses hat
einen Paragraphen, der Schutz gewhrt gegen Bedrohung am Leben. Diese
Erwgung gab ihm einige Sicherheit und den Muth, zu sagen:

Eigentlich wei ich nicht... Mit wem hab' ich denn eigentlich die Ehre?

Eine ganz berechtigte Frage, Herr Eduard Wei. Ich habe versumt, mich
Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Dietrich Brand.

Also wirklich... Meine Frau hat schon fters das Vergngen gehabt, Herr
Rittmeister...

Nicht mehr. Ich habe meinen Militrcharakter abgelegt.

Ja so, also richtig, also -- bitte.

Wenn Du nur nicht so verflucht martialisch ausshest, Du alte
Tugendpolizei, dachte Eduard.

Er hatte den Gast in das ebenso elegant wie gediegen eingerichtete Comptoir
gefhrt, wies ihm dort einen bequemen Fauteuil an und setzte sich ihm
gegenber an den Schreibtisch. Da hatte er die Taster der elektrischen
Glocken in der Nhe. Ihr Anblick und der des Telephons an der Wand war ihm
erfreulich. Es berhrte ihn auch angenehm, als er aus dem zweiten Zimmer
die se Stimme Frulein Juliens, die mit dem Zuschneider konferirte,
herberflten hrte.

Brand nahm von dem ihm angebotenen Platz nur so viel in Anspruch, als seine
schmchtige Gestalt durchaus brauchte. Er sa kerzengerade, mit fest
geschlossenen Beinen, und als Eduard ihm den Hut, den er in der Hand
behalten hatte, abnehmen wollte, lehnte er kurz ab: Nicht nthig. Ich habe
Ihnen nur mitzutheilen, da der verstorbene Major von Mller ein Kamerad
von mir gewesen ist. Erst neulich habe ich erfahren, da seine Wittwe hier
lebt. In wie traurigen Verhltnissen, theilte Ihre Frau Gemahlin mir mit.
Ich bin nun entschlossen, Frau von Mller und ihre Kinder in meine Obhut zu
nehmen. Soeben war ich Zeuge des Benehmens, das Sie sich gegen diese Dame
erlauben; wohl nur, weil sie von Ihnen fr schutzlos gehalten wird. Sie ist
es nicht mehr. Wer sie beleidigt mit einem einzigen Worte, einem einzigen
Blick, beleidigt _mich_. Ich aber versichere Ihnen, da ich Beleidigungen
nicht dulde. Das lassen Sie sich gesagt sein.

Er stand auf, und Eduard folgte seinem Beispiel. Er sprach nicht, er
verbeugte sich nur, ber sein wohlgenhrtes Gesicht flog ein Ausdruck...
Alles zugleich, cynisch, frech, feige.

Brand nahm sich zusammen; er wollte seinen Zorn nicht berwallen lassen.
Das kostete ihn einen schweren Kampf. Unbegreiflich! Seinen Soldaten
gegenber war seine Ruhe unerschtterlich, seine Geduld unerschpflich
gewesen. Wie kam dieser Bengel zu der Ehre, ihn dergestalt in Aufregung zu
bringen?


XI.

Diese Frage war nicht die einzige, die ihn bedrngte. Das erste Wiedersehen
zwischen Sophie und ihm war fr sie ein mit Schrecken verbundenes, fr ihn
ein glckliches gewesen, denn er hatte ihr einen Dienst leisten drfen. Was
aber nun? Ihr gleich, ihr heute noch einen Besuch abstatten, ginge nicht
an. Es she gar zu hungrig aus nach Lob und Dank, und wahrlich dadurch, da
man einen Zudringlichen fern gehalten hat, erwirbt man doch zu allerletzt
das Recht, selbst zudringlich zu sein. Andererseits wieder -- verfluchtes
Dilemma! -- mchte er doch um keinen Preis gleichgltig und theilnahmslos
erscheinen.

Vierundzwanzig Stunden lang ertrug Brand die Zweifelsqualen. Lnger nicht.

Am nchsten Tag war das Wetter schn, er hatte Klein-Peterl im Stadtpark
besucht und wie gewhnlich unter der frhlich spielenden Jugend lehr- und
segensreich gewaltet. Als es Zwlf schlug, als die Zeit wiederkehrte, zu
der die tapfere Frau gestern ausgewandert war, um den Ertrag ihrer Arbeit
heimzuholen, als sie vor seinem Geiste stand, wie er sie mit Augen gesehen
hatte, in ihrer lieblichen Verwirrung beim unerwarteten Wiedersehen -- da
war's beschlossen: Um Drei bin ich bei ihr.

Die Stunde schien ihm die passendste fr einen ersten Besuch. Es ist eine
so hbsche Stunde, diese dritte -- nach der Mittagshhe. Sie lastet nicht
mehr drckend schwl und ist doch krftig von Sonnenlicht durchtrnkt. Die
dritte Nachmittagsstunde hat manche Analogie mit gewissen gesetzten Jahren
im Leben...

Brand ging ins Restaurant, rascher als nothwendig gewesen wre, und hatte,
nach Hause zurckgekehrt, schon um halb zwei Uhr seine Cigarre fertig
geraucht. Dann wurde Toilette gemacht. Cylinder Nr.2, dunkelgrauer
Straenanzug Nr.2. Alles sehr einfach, aber brsten mute Peter den Hut,
den Anzug, die Stiefel, da ihm das Herz weh that um den Filz, das Tuch und
das Leder. Brand warf sogar einen Blick in den Spiegel, schttelte den Kopf
und sah unzufrieden aus. Ist auch an _seinem_ Lebenstage frher
Nachmittag... oder naht schon der Abend?

Es mu heute eine Andere sein, dachte Peter. Zu den Besuchen bei der
#Marchand' Mod'# wird nur Garderobe Nr.1 angelegt. Nun ja, von so einer
Putzgredl will man sich nicht spotten lassen.

Jetzt geh' ich, sagte Brand, und hinter den armseligen Worten schwoll es
empor wie komprimirter Jubel, dem man ein bichen Luft macht. Wohin
glaubst Du wohl? setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu, und sah den guten
Peter, und wute selbst nicht warum, streng an: Zur Frau Major von
Mller.

Peter war verblfft; er gestand sich ungern, da er nicht wute, was er
denken sollte von seinem Rittmeister. So stie er denn einen Seufzer aus
und sprach: Die Frau Major von Mller, ja. Belieben jetzt in Klausenburg
zu sein, die Frau Major.

Sie war dort, ist jetzt in Wien.

Da mu sie g'rad hergereist sein, Herr Rittmeister, stotterte Peter, und
ein Licht ging ihm auf, sonnenhell, sonnengro, und er platzte
aufleuchtenden Blickes heraus: Die Frau Major sind jetzt auch eine
Witib.

Was -- auch? Wer -- auch? Ein solcher Esel! setzte er im Stillen hinzu,
ob man mit einem solchen Esel ein Wort reden darf, das nicht absolut zum
Dienst gehrt.

Die kleine Verstimmung Brands verflog im Augenblick, in dem er aus dem
Hause trat. So schlecht das Wetter gestern gewesen, so wunderschn war es
heute. In strahlender Herrlichkeit stand die Sonne am lichtblauen Himmel;
ein verklrender, wie von Millionen winziger Fnkchen durchschimmerter
Dunst lag ber den Prachtbauten der Ringstrae und ber den fernen Bergen.
Das alte, ewig junge Wien prangte im Frhlingsschmuck seiner Alleen,
Rasenpltze und Grten: aber noch lag ein winterlicher Hauch in der Luft
und gab ihr etwas Kerniges, Strkendes. Jeder Blick trank Schnheit, jeder
Athemzug Kraft, und mit jedem Schritte, den Brand vorwrts machte,
steigerte sich sein Glcksgefhl, und sein Unternehmungsgeist wirbelte,
wirbelte empor, bis er ins bermthige umschlug.

Dietrich trat in einen uerst eleganten Spielereiladen und kaufte dort den
gediegensten Malkasten, der sich auf Lager fand, und die grte Pariser
Puppe: ein Wickelkind, von einem lebendigen nur dadurch zu unterscheiden,
da es im zartesten Alter schon beim leisesten Drucke Papa und Mama
quietschte.

Da Brand durchaus nicht wnschte, beladen wie er war, einem Bekannten zu
begegnen, nahm er einen Wagen und fuhr bis an die Ecke der Berggasse.
Indessen fhlte er sich auch hier nicht ganz behaglich: die Puppe war
schlecht verpackt, aus einem Spalt des Papiers kam eine ihrer blonden
Locken zum Vorschein, und aus einem anderen ihre rosenfarbige Hand, und mit
der schlug sie einem seiner Grundstze ins Gesicht. Wie oft hatte er Mtter
und Gouvernanten gewarnt: Von dem Tragen groer Puppen werden die Kinder
schief. Und was wird Frau von Mller sagen, wird sie es nicht taktlos
finden, da er gleich beim ersten Besuche mit Geschenken angerckt kommt?

Er verwnschte den Ankauf, zu dem ihn der berauschende Einflu der
Frhlingsluft verleitet hatte und wrde seine bereilung gar zu gern
ungeschehen gemacht haben. Die Gasse war ziemlich de, die wenigen
Menschen, die er traf, schenkten ihm keine Aufmerksamkeit; er glaubte etwas
wagen zu drfen, er unternahm den Versuch, sein Paket hinter ein Hausthor
zu legen. Aber das unselige Puppenzeug quietschte, und ein angetrunkener
Maurer, der pltzlich, wie aus einer Versenkung, auftauchte (es drfte die
Kellerstiege gewesen sein, erklrte Brand sich spter), schrie ihn an, das
Haus sei kein Findelhaus, er mge sein Kind wo anders weglegen.

In der Entrstung ber diese stupide Verdchtigung fand Dietrich seine
Seelenstrke wieder. Mit dem Bewutsein, da er Frau von Mller gegenber
nur eine Ungeschicklichkeit, nicht aber ein Unrecht begehe, verfolgte er
seinen Weg, erreichte sein Ziel und stieg die schmale Wendeltreppe des
alten Hauses mit ihren gefhrlich ausgetretenen Stufen empor. Auf dem Gange
wendete er sich nach rechts. Dicht neben der Thr6 befand sich ein
Fenster, das ein weier Vorhang von innen verhllte. Brand zog an dem
Glockenstrang, und dabei durchzuckte es ihn vom Wirbel bis zur Sohle wie
ein elektrischer Schlag.

Alter Mann! alter Mann, was sind das fr Gefhle? So war Dir ja zu Muthe,
als Du, ein zwanzigjhriger Lieutenant, der unvergelich schnen Frau
Brgermeisterin von Wilna zum Geburtstag gratuliren gingst, mit einem
Rosenbouquet.

Die Glocke tnte, wie sie zu tnen pflegt in den Wohnungen der Armen:
Bring was, bring was! sagt sie. Ein Zipfel des Vorhangs wurde in die Hhe
gehoben und hinter der sehr sauber geputzten Fensterscheibe erschien ein
ltliches, gutmthiges Frauengesicht. Brand wurde mit prfendem Blick
gemustert und schien einen Vertrauen einflenden Eindruck zu machen; der
Vorhang sank wieder, die Thr ffnete sich.

Auf die Frage, was er wnsche, gab er zur Antwort:

Ich heie Brand, ich mchte Frau Major von Mller sprechen, wollen Sie
mich geflligst bei der gndigen Frau melden.

Die Kche, in der er eingeladen worden war, bildete den Zugang zum
Wohnzimmer. Von dorther lie eine frhliche Kinderstimme sich vernehmen,
kleine Schritte trippelten, kleine Hnde zerrten ungeduldig und ungeschickt
an der Klinke der Thr. Sie ging auf. Aus einem Fenster ihr gegenber
strmte eine breite Lichtwelle herein, es sah ins Freie, und von
leuchtendem Grunde hoben sich die Gestalten Sophiens und Annerls, die auf
der Schwelle erschienen.

Brand grte mit einem tiefen Neigen des Hauptes: Frau Major, gndige
Frau! entschuldigen, verzeihen Sie, da ich es wage...

Verzeihen? wiederholte Sophie -- ich habe Sie erwartet, Herr
Rittmeister.

Erwartet? ja dann!... dann waren alle seine Skrupel todt, dann war er von
allem Bangen erlst: Brand, kurzweg, gndige Frau, ich habe meinen
Militr-Charakter... Er hielt inne. Was Teufel kmmerte sie sein
Militr-Charakter und in diesem Augenblick ihn selbst? Sie stand vor ihm,
ihre Augen sahen ihn freundlich, gtig an, sie hatte ihn erwartet...
Gndige Frau, begann er von Neuem und -- hrte auch damit auf. Wer zu
viel zu sagen htte, zu viel des Innigen, Warmen, Liebevollen, sagt lieber
nichts.

Annerl zupfte die Mutter am Kleide: Du Mama, das ist der Herr, der mir so
gern etwas schenken mcht'.

Sophie runzelte ein wenig die Stirn, und Brand wurde sich erst jetzt wieder
bewut, da er seine Darbringungen noch immer unter dem Arme hielt:

Knnen Sie mir verzeihen, gndige Frau, da ich mir den indiskreten Wunsch
erfllen wollte, da ich, einer bermthigen Regung nachgebend... ich bin
beschmt, wirklich... besann mich zu spt, htte unterwegs gern Alles
weggeworfen, wenn ich nur gewut htte, wohin?

Seine Verlegenheit entwaffnete sie, und sie lchelte sogar, als er die
Puppe aus ihrer Umhllung befreite, in beide Hnde nahm und der Kleinen
entgegen hielt.

Annerl war wie geblendet, sie betrachtete das kostbare Spielzeug mit
scheuer Ehrfurcht, legte die rmchen auf den Rcken und wich Schritt fr
Schritt langsam zurck. Brand machte sich so klein er konnte und nahm die
feinste Stimme an und den bittendsten Ton und zirpte:

Nimm mich! ich bin eine gute Puppe, ich bin eine arme Puppe, ich habe
keine Mama.

Bewunderung und Zrtlichkeit drckten sich in den schnen Augen Annerls
aus, aber sie setzte ihren Rckzug ununterbrochen fort. Brand folgte und
hinter ihm ging Sophie, und hinter Sophie die Dienerin, die den Malkasten
trug.

So gelangte die Gesellschaft in das Wohnzimmer. Es war niedrig, rmlich und
reinlich, hatte zwei Fenster und zwei Thren und die Aussicht in einen
ziemlich groen und gut gehaltenen Garten. Ein Arbeitstisch, ber dem eine
Petroleumlampe an der Decke hing, ein paar Schrnke, vier Strohsessel
bildeten die Einrichtung des grau getnchten Gelasses.

Georg, der, eifrig mit Zeichnen beschftigt, am Tische gesessen hatte, war
beim Einzug der kleinen Karavane aufgestanden, rckte einen Stuhl fr Brand
herbei und ersuchte ihn, Platz zu nehmen, mit einer hausvterlichen Art,
die komisch gewesen wre bei jedem anderen Kinde, bei diesem frhreifen,
mit den Sorgen des Lebens schon vertrauten Knblein jedoch wehmthig
berhrte.

Sophie nahm Brand die Puppe ab und stellte ihm ihren Jungen vor: Er hat
mir gebeichtet, da er unartig gegen Sie gewesen ist, er meinte -- er
frchtete... Verzeihen Sie ihm. So einem kleinen Waarenaustrger mu man
leider Mitrauen ins Herz pflanzen, und er ist dumm und unerfahren und
wendet es am unrechten Orte an.

Brand erwiderte, daran lge nichts, aber Georg soll jetzt beweisen, da er
sein Mitrauen gegen ihn aufgegeben hat, indem er diesen Malkasten von ihm
annimmt; Willst Du, mein lieber Junge?

Ob er wollte! Lautere Seligkeit strahlte aus seinem armen Gesichtchen, und
er machte sich sogleich daran, die Geheimnisse des Wunderschranks zu
erforschen: Nein, aber -- aber! murmelte er, bei jeder neuen Entdeckung
von Neuem entzckt, vor sich hin, und Brand staunte ber die
Geschicklichkeit, mit der das Kind die kleinen Werkzeuge in die Hand nahm,
prfte, und zu bentzen begann.

Sie htten ihn nicht glcklicher machen knnen, sagte Sophie; und sehen
Sie einmal die Kleine an.

Annerl hatte sich endlich an das schne Wickelkind, das auf dem Scho der
Mutter lag, heran gewagt, ihren Kopf an den seinen gelegt und streichelte
ihm voll wonniger Zrtlichkeit die blonden Locken.

Sophie nickte ihr, dann aber auch Brand freundlich zu: Die ist im Himmel.
Und der Kunstjnger dort... Machen Sie sich gefat, jetzt bekommen wir ein
wohlgetroffenes Bild von Ihnen, sie deutete mit einem Augenwink nach
Georg, der mit unendlichem Ernst daran gegangen war, Brand zu portrtiren.

Alles, was nicht zu seiner Beschftigung gehrte, schien fr den Kleinen
versunken; der Eifer rthete seine Wangen, furchte seine kluge, berkluge
Stirn. Er schob die Unterlippe ein wenig vor, hob die Augen zu Dietrich
hinauf und senkte sie dann auf die Arbeit, nach einem so merkwrdig
forschenden, in die Tiefe dringenden Blick, da Brand sich auf dem
lcherlichen Verdacht ertappte, da diesem Kind mehr darum zu thun sei,
ihm auf den Grund der Seele zu schauen, als sein Gesicht abzukonterfeien.

Die Mutter hat heute viel zu thun, sagte Georg pltzlich ganz laut, aber
in sein Buch hinein.

Dietrich blickte Sophie fragend an. Ja wohl, es waren noch einige
Nachbestellungen gekommen, die morgen abgeliefert werden muten.

Da kostet Sie die Zeit, die ich hier zubringe, etwas von Ihrem Schlafe?

Und was weiter?

Was weiter! rief er bekmmert aus. Er war aufgesprungen: Gndige Frau,
entschuldigen Sie, und nicht wahr? dieser Besuch gilt nicht; haben Sie die
Gromuth, ihn zu vergessen.

Sie reichte ihm die Hand: Gut denn, Sie waren nicht da.

Und wenn ich komme, dann sagen Sie wieder: Ich habe Sie erwartet.


XII.

Bei seinem nchsten Besuche fand er sie allein. Sie hatte die Dienerin mit
den Kindern ausgeschickt und gnnte sich nach den Anstrengungen der letzten
Tage einige Stunden Ruhe. Sie lud ihn ein, am offenen Fenster Platz zu
nehmen, und machte ihn aufmerksam auf die Schnheit eines jungen
Kastanienbaumes, der ber und ber mit Blthen bedeckt war. An dem Garten
hatte sie ihre Freude, und nur sie und ihre Kinder durften ihn den Sommer
ber bentzen, mit Erlaubni des Hausherrn, der sich jetzt auf dem Lande
befand. Der Garten wurde vortrefflich gehalten von guten und hflichen
Leuten, und man konnte sich in ihm so frei bewegen wie im Zimmer, denn er
war nur von Feuermauern umgeben.

Das Alles erzhlte sie ihm ein bichen unsicher und hastig, wie Jemand, der
sich frgt, whrend er zu einem Andern spricht: Interessirt es Dich auch?

Und er wieder war froh, da sie es bernommen hatte, die Konversation
einzuleiten; er htte nicht gewut, wie das anfangen.

Sophie fuhr fort: Sehen Sie, daran, da ich so dasitzen kann mit den
Hnden im Scho und hinaussehen auf dieses kleine Stckchen Natur, und
davon einen Genu habe, daran erkenne ich das Herannahen des Alters. In
meiner Jugend war ich viel zu fleiig und auch viel zu sehr mit mir selbst
beschftigt, um mich in mige Bewunderung der Auenwelt versenken zu
knnen, und dazu htte es in unserem schnen, alten Garten doch mehr
Gelegenheit gegeben als hier.

Brand blickte sie gerhrt an, erwiderte einiges herzlich Unbedeutende und
fing jeden Satz mit einem so durchdrungenen: Verzeihen Sie an, da sie
sich eines Lchelns nicht zu erwehren vermochte und endlich mit munterer
Entschlossenheit sprach:

Lieber Herr Rittmeister, Sie haben ein Schuldgefhl gegen mich, und davon
will ich Sie befreien und zugestehen, da ich Ihnen gegenber im gleichen
Falle bin. Ich habe ein Unrecht gegen Sie begangen.

Wirklich, rief er freudig, wenn ich... wenn Sie... Wie sieht das
Unrecht aus?

Sie sind gut und theilnehmend gewesen, haben mir Hlfe bringen wollen, und
ich -- nicht da ich ablehnte, das wrde ich wieder thun, aber die Art, in
der ich's that, reut mich, und nicht erst jetzt, sie hat mich sogleich
gereut und ich bitte...

Bitten Sie nicht, rief er aus, beschmen Sie mich nicht zu tief.
Erweisen Sie mir lieber eine Gnade, wrdigen Sie mich Ihres Vertrauens.
Sagen Sie mir, ob Sie in diesem Augenblick doch so ziemlich, doch halbwegs
sorgenfrei...

Meine drckendste Sorge, erwiderte sie rasch, ist jetzt die um Georg.
Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwchlich, um die Schule regelmig
besuchen zu knnen; seine wohlwollendsten Lehrer rathen mir, ihn zu Hause
unterrichten zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es
mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse ausreichen, um
einen Knaben zu unterrichten? Und den Umgang mit anderen Kindern vllig
entbehren mssen -- wie nachtheilig ist das fr ihn, er wird immer mehr in
sich gekehrt und weltfremd.

Gndige Frau, sprach Brand nach kurzem Besinnen, Sie werden sich
vielleicht noch erinnern, da Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe
ihn nicht aufgegeben, ich be ihn wieder aus in etwas vernderter Form. Ich
habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe
Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Vertrauen zu bitten...

Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie haben.

Dann, gndige Frau, berlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes, sagte
Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so instndig bittend,
und aus seiner Stimme klang ein so warmer Herzenston, da Sophie trotz der
peinlichen berraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versetzte,
nur Dankbarkeit empfand.

Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden, fuhr Brand
fort. bergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht
mehr ausschlielich unter weiblicher Zucht stehen soll.

Unmglich, unmglich, sagte Sophie. Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer
Ordnungsliebe! Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Zge
angenommen hatten, that ihr weh.

Er glaubte einen Anflug von Ironie in ihren Worten zu entdecken. Seine
Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen
hatte ber seine Liebe zu ihr: wollte sie ihn daran mahnen?

Ich drnge Sie nicht zur Entscheidung, begann er von Neuem, ich bitte
nur, erwgen Sie meinen Vorschlag, erweisen Sie mir diese Gnade. Wieder
blickte er sie lange und gerhrt an, seufzte tief und sagte pltzlich: Ja,
ja, ich bin einst ganz dicht am Glck vorbeigegangen.

An dem, was uns damals als Glck erschien, berichtigte sie. Wir wollen
offenherzig mit einander reden -- offenherzig ist mehr als aufrichtig --,
einmal und nicht wieder, da sich's ja um Unwiderrufliches,
Unwiederbringliches handelt. Ich habe in jener fernen Zeit sehr gelitten,
Sie auch bitter angeklagt, spter jedoch mich gefreut fr Sie, da Alles
gekommen ist, wie es kam, und da Sie nicht hereingezogen wurden in unser
Elend. Es handelte sich bald nicht mehr um Armuth und Noth, sondern um
Schande, um ffentliche Schande. Im Geheimen war sie lngst da, trotz
Allem, was Mller that, trotz der bergroen Opfer, die er brachte,
hoffnungsfreudig im Anfang -- in der Folge hoffnungslos. Ich tuschte ihn
nie, aber er lie sich nicht entmuthigen. Bei ganz edlen Menschen, dachte
er wohl, verwandelt sich die Dankbarkeit endlich in Liebe. Ich war so edel
nicht -- er mute es zuletzt einsehen, erwartete nichts mehr, und verlie
uns doch nicht, gab Alles fr uns hin. Das uns das rgste erspart blieb,
da die Schmach vom Sterbebette meines Vaters ferngehalten wurde, war sein
Werk. Als er sich dann anschickte, Abschied zu nehmen, ohne einen Lohn, ja
ohne Dank zu erwarten, da entschlo ich mich, ihn nicht allein ziehen zu
lassen, fr den verarmten, krnklichen Mann zu arbeiten, ihm eine treue
Pflegerin und Frau zu sein.

Sie haben Ihren Entschlu redlich ausgefhrt, sprach Brand nach einer
langen Pause, und nichts, nicht das Geringste zu bereuen. Wohl Ihnen.

Er empfahl sich und ging heim und hatte ein sehr schweres Herz.


XIII.

Zu Hause fand er ein nach Veilchen duftendes Billet von Madame Amlie. Sie
bat ihn fr denselben Abend zum Thee, im #tte  trois# mit ihr und ihrem
Gatten. Es handle sich um eine wichtige, Frau von Mller betreffende
Angelegenheit, die sie mit ihm besprechen wollten.

Die Eheleute empfingen Brand in einer traulichen Ecke des Salons, an einem
elegant gedeckten Tischchen. Das beste Einvernehmen herrschte heute
zwischen ihnen; sie waren wie Liebende, die nach kurzem Zerwrfni ein
groartiges Vershnungsfest gefeiert haben. Amlie strahlte vor Hingebung,
Wonne, Zrtlichkeit; Eduard neigte sich ihr gtig und milde zu. Er hatte
Unrecht erfahren und verschmerzt, und lie nun das Licht seiner Huld
leuchten ber der reuigen, wieder in Gnaden aufgenommenen Snderin.

Meine Frau und ich, begann er nach dem ersten Austausch von
Hflichkeiten, kennen das vterliche Interesse, das Sie an Frau von Mller
nehmen, Herr Rittmeister...

Ich bin nicht mehr Rittmeister.

Das Sie, Herr von Brand...

Ich bin nicht Herr von und kann Ihnen das Recht nicht zugestehen, mich zu
adeln.

Ein Ausdruck des Unmuths verzog die schnen Lippen Eduards; er war aber
entschlossen, sich dieses Mal durch den brbeiigen Pedanten nicht aus dem
Gleichgewicht bringen zu lassen. Herr Brand also, fuhr er mit erhhter
Patzigkeit fort, wir zweifeln auch nicht, da Sie, als der beste Freund des
verstorbenen Majors, Einflu auf seine Wittwe haben, und wollen Sie
ersuchen, ihn zu Gunsten der Proportionen anzuwenden, die wir dieser
Dame... Er wollte sagen: machen wollen, das schien ihm aber zu
gewhnlich, und so sagte er: proponiren wollen.

Er hatte aus zuverlssiger Quelle erfahren, da das Haus Bauer, das sich
schon seit lngerer Zeit bemhte, Madame Amlie Konkurrenz zu machen,
Konkurrenz dieser Frau, dieser genialen Frau, lcherlich, nicht wahr? --
Frau von Mller durch glnzende Anerbietungen fr sich zu gewinnen suche:
Die Dame ist natrlich viel zu fein, um uns gegenber ein Wort darber zu
verlieren. Wir aber wollen ihre Noblesse nicht mibrauchen. Wir gedenken
vielmehr sie so zu stellen, da sie sich zu ihrem eigenen Vortheil fr
immer an uns fesseln lasse.

Propositionen proponiren -- sie so zu stellen, da sie sich fesseln lasse?
Merkwrdig, murmelte Brand und war voll Mitrauen. Wenn die Unbildung
Phrasen drechselte, war sie ihm vollends ein Greuel.

Amlie nickte ihrem Manne beifllig zu, und er sprach ihr durch einen Blick
seine Anerkennung ihrer Anerkennung aus.

Dann entwickelte das Ehepaar den Plan, den es gemeinsam verfat hatte,
wie Eduard sich gewhlt ausdrckte. Das Geschft sollte in zwei Ressorts
getheilt werden, Konfektion und Putzwaaren. An der Spitze des ersten blieb
Frulein Julie, an die Spitze des zweiten sollte Frau von Mller treten.
Von eigentlicher Arbeit wurde sie entlastet, sie hatte die der Anderen zu
berwachen und nur hier und da #un coup de main# zu geben. Ihre
Erfindungsgabe, ihr Geschmack knnen sich in viel hherem Mae bethtigen,
indem sie ihren Glanz ber das groe Ganze verbreiten, statt zur
Herstellung einzelner #bijoux# zu dienen. Als Besoldung wurden
zweitausend Gulden geboten, bei auerordentlichen Gelegenheiten, zu Beginn
der Herbst- und Frhjahrssaison zum Beispiel, wenn die Bestellungen sich
huften, auch auerordentliche Remunerationen. Die Atelierstunden waren die
zwischen acht Uhr Morgens und acht Uhr Abends mit entsprechenden Ruhepausen
fr die Mahlzeiten. Nur wenn es, wie schon gesagt, ungewhnlich viel zu
thun gab, wurden die Damen bis Mitternacht, wohl auch bis ein Uhr im
Atelier festgehalten.

Und dann knnen die Damen nach Hause laufen bei Nacht? fragte Brand mit
Schrfe.

Ja, Monsieur, erwiderte Madame Amlie, die von ihm ein ganz anderes
Entgegenkommen erwartet hatte, Equipagen kann ich ihnen nicht halten.

Nun, gndige Frau, aufrichtig gestanden, ich werde Frau von Mller
abrathen, auf den von Ihnen gewi sehr gut gemeinten Antrag einzugehen.

Warum? Amlie wechselte einen verstndniinnigen Blick mit ihrem Manne.
Er hatte die Augen zum Kronleuchter erhoben, als ob er von dort Strkung
seiner hartgeprften Langmuth erflehen wollte, und dabei einen leichten
Seufzer ausgestoen.

Ah -- ich errathe Alles -- ich wei? Sie lachte und zeigte dabei ihre
gesunden und noch ganz kompletten Zhne: Eduard hat mir erzhlt. Sie waren
neulich Zeuge eines Scherzes, den er sich mit Madame Mller erlaubte, um
sie ein wenig zu qulen. O die Mnner sind immer grausam, am grausamsten
aber doch, wenn sie lieben, setzte sie hinzu und sah dabei ihrem Mann
jmmerlich kokett in die Augen.

Der abgefeimte Racker hat das Prvenire gespielt, dachte Brand und benahm
sich so borstig, da er an diesem Abend das Wohlwollen Madame Vernons
beinahe eingebt htte.

Als er fortgegangen war, brach Eduard in Lachen aus:

Wir haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wieso?

Du fragst, kannst fragen? O, was habe ich fr eine liebe, geniale, blinde
Frau!... Er will nicht, da jemand Anderer dieser Mller ein Sort mache,
er will selbst ihr Sort sein... O, er hat die gediegensten Absichten, er
will sie heirathen.

Was Dir einfllt -- der alte Herr.

Ist nicht so alt, kommt nur Dir so vor, bist halt verwhnt durch den
Anblick Deines Mannes, schkerte er. Aber weit Du was? wir spielen ihm
einen Streich.

Warum denn? er hat uns ja nichts gethan.

Ich, ich bin eiferschtig auf ihn, rief Eduard in bezauberndem bermuthe.

Madame Amlie war denn auch bezaubert.

Wenn wir ihr nicht helfen von ihrer Armuth, entschliet sie sich am Ende
und nimmt ihn und geht an seiner Seite in die ewige Langeweile. Mir knnte
das zwar sehr gleichgltig sein, denn, wie Du weit, ich mag sie nicht,
aber ein Schaden frs Geschft wr's, wenn wir sie verlieren wrden.
Deshalb, Schatz, wollen wir die Mller so stellen, da sie seine Wohlthaten
nicht braucht. Ich bitte Dich, schicke ihr morgen in aller Frhe einen
Boten. Jetzt wr's zu spt, jetzt schlft schon Alles bei ihr im Hause. Sie
gehen ja dort zur Ruhe zugleich mit den Hhnern in ihrem Hofe.

Woher weit Du, da es Hhner giebt in ihrem Hof? fragte Amlie rasch in
einer Anwandlung von Mitrauen. Eduard aber erwiderte ganz unbefangen:

Ich bin einmal dort vorbeigekommen. Also schreibe heute noch und bescheide
sie fr morgen Mittag zu Dir. Sei vielleicht ganz besonders liebenswrdig
und lade sie ein, die Kinder mitzunehmen. Denen machen wir einen guten Tag
und schicken sie mit Frulein Julie zu Wagen in den Prater. Bist Du dafr,
mein Herz, mein geliebtes?

Wenn er sagte: Mein Herz, mein geliebtes, war sie verloren und hatte
keinen Willen mehr als den seinen. Ja, ja, Alles, was er bestimmte, sollte
geschehen. Ihn ergriff eine tolle Lustigkeit, er nahm seine dicke Frau in
die Arme und tanzte mit ihr im Zimmer herum.


XIV.

Der nchste Vormittag traf Dietrich auf dem Wege zu Frau von Mller. Er
wollte sie in Kenntni des Anerbietens setzen, das Madame Vernon ihr machen
werde, und sie bitten, es abzuweisen.

Minutenlang lie man ihn heute vor der Thr warten. Er lutete mehrere Male
diskret und geduldig nach entsprechenden Zwischenpausen. Ihm kam vor, als
ob er in der Kche flstern, leise Schritte ber die Steinplatten gleiten
hrte, als ob eine Thr mglichst geruschlos geffnet und wieder
geschlossen wrde.

Endlich hob sich der Zipfel des weien Vorhanges. Die Dienerin erschien am
Fenster und fuhr beim Anblick Brand's erschrocken zurck.

Was ist? was giebt's? Machen Sie doch auf! rief er laut und beunruhigt.

Noch eine Weile zgerte sie, ffnete aber endlich doch und stand vor dem
Eintretenden, sie die brave, in Ehren ergraute Magd, verwirrt, mit unstt
flackernden Blicken, mit glhenden Wangen, ein Bild des schlechten
Gewissens. Niemand zu Hause, stotterte sie und sah dabei schief und
verstrt nach einem Gegenstande hinber, der auf dem Kchenbrette lag neben
einem kleinen Krater aus Mehl, in den sie ein Eigelb eingebettet hatte.
Dieser Gegenstand war eine Zehnguldennote.

Sie lgen schlecht, sprach Brand. Ja, was Hnschen nicht lernt, meine
liebe... Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?

Pauline, zu dienen.

Meine liebe Pauline. Die gndige Frau mag nicht zu Hause sein, aber jemand
Anderer ist da bei Ihnen. O, Pauline, in Ihrem -- ich will sagen in unserem
Alter -- in Abwesenheit der gndigen Frau, und mitten im Kochen!

Herr Rittmeister, Jesus Maria, was glauben Sie von mir? Ich wei nicht,
was ich thun soll, ich wei nicht, was ich sagen soll...

Die Wahrheit, Pauline. Wer ist da, wen verstecken Sie?

Ich verstecke ihn nicht, er versteckt sich selbst. Ich wei nicht, warum.
Er hat mir befohlen, zu sagen, da Niemand zu Hause ist, wenn wer Anderer
kommt, als die gndige Frau, und er mu auf sie warten und mu mit ihr
sprechen in Geschften.

Er hat befohlen? Wer hat Ihnen etwas zu befehlen?

Der Herr Chef, Herr Jesus! Er ist der Chef. Der gndige Herr Chef wird
doch etwas zu befehlen haben. Er kann uns Alle brotlos machen, sagt er.

Brotlos machen, so? Nun, meine Liebe, ich habe Ihnen zwar nichts zu
befehlen, aber _rathen_ mchte ich Ihnen...

Herr Jesus! dieser Rath war in einer Manier gegeben, viel frchterlicher
als die des Chefs, Befehle zu ertheilen. Fast htte die arme Pauline
aufgeschrieen.

Seien Sie still und kochen Sie ruhig weiter, das ist mein Rath. Und dieses
Geld -- Brand wies auf die Banknote -- dieses Sndengeld...

Sndengeld? -- Jetzt war ihr Gekreische nicht mehr zu unterdrcken: Ich
mag's nicht, ich hab's nicht angerhrt. Nehmen Sie's, gndiger Herr, geben
Sie's zurck.

Gut, vortrefflich. Brand steckte das Geld zu sich und trat ins Atelier.
Aber da war Niemand.

Der Elende hatte sich weiter zurckgezogen, ins Zimmer nebenan -- Gnade ihm
Gott! -- ins Schlafzimmer Sophiens. Dietrich ging auf die Thr zu, eine
niedere Thr ohne Schlo, drckte die Klinke, und stand in dem Zimmer, in
dem die Geliebte, ja, ja, die Vielgeliebte! ausruhte von den Mhen des
Tages.

Ein armes, schmales, grau getnchtes Stbchen. An der kurzen Wand, dem
geffneten Fenster gegenber, stand ein mit einem rothen Kotzen zugedecktes
eisernes Bett, ziemlich dicht daneben ein alter, kleiner Ofen, und zwischen
diesem und dem Bett war Herr Wei eingeklemmt und machte verzweifelte
Anstrengungen, sich, immer tiefer niederkauernd, zu verstecken. Ein
lcherliches Unternehmen, von dem nur Einer, der vor Angst den Kopf
verloren hat, glcklichen Erfolg erwarten konnte.

Brand betrachtete ihn mit durchbohrender Verachtung. Kommen Sie doch
hervor, sagte er, Sie demoliren noch den Ofen.

Der Rittmeister spate. Unerwartetes Glck! da konnte ja auch Herr Wei
spaen. Er richtete sich auf, glttete seinen Rock, seine Weste, lachte
geqult und stotterte mit unverflschtem Galgenhumor: Ha, ha, berraschung
ber berraschung -- Sie verderben mir eine berraschung... Ich wollte --
ja, wollte im Auftrage meiner Frau...

Brand hatte den Blick von ihm ab und auf einen eleganten Cylinder gewendet,
der auf dem Bette lag: Sie haben Ihren Hut in unpassender Art abgelegt,
nehmen Sie ihn wieder auf! sprach er gebieterisch, und Eduard brachte nur
ein: O Pardon! heraus und gehorchte.

Brand stellte einen Sessel, den einzigen, der da war, vor die geschlossene
Thr, setzte sich und kreuzte die Arme.

Wei sah ihm mit bangen Gefhlen zu. Was beliebt Ihnen eigentlich? fragte
er, Schlimmes ahnend, aber bemht, einen legeren Ton anzunehmen. Sollen
wir Frau von Mller hier erwarten?

_Wir_ nicht. Sie gehen gleich, das heit, Sie springen -- da hinaus.

Verwirrte die Furcht Eduards Sinne oder streckte der entsetzliche Brand
jetzt wirklich den Arm aus, gegen das Fenster?

Er war ganz Kraft, ganz Wille, dieser ehemalige Rittmeister. Unerbittliche
Entschlossenheit funkelte aus den tiefliegenden Augen, und um den Mund mit
den fest aufeinander gepreten Lippen hatte ein Zug sich gebildet --
dieselben scharfen Furchen mochten sich, wie mit dem Grabstichel in Erz
gezeichnet, von den Mundwinkeln herab gezogen haben, damals, als er die
Pistole hob, um den Obersten durch und durch zu schieen... In Eduard
stieg ein einziger, heier Wunsch auf, der alle anderen Wnsche verschlang,
der Wunsch, aus der Nhe dieses gefhrlichen Menschen zu kommen.

Ich empfehle mich, sagte er, bitte nur, mir Platz zu machen.

Dort ist Platz genug, versetzte Brand. Und wieder die entsetzliche
Gebrde. Frau von Mller kann jeden Augenblick nach Hause kommen, und ich
will ihr das Mivergngen, Ihnen zu begegnen, ersparen. Deshalb gehen Sie
nicht ber die Stiege, sondern springen aus dem Fenster, wenn Sie es nicht
vorziehen, hinaus geworfen zu werden. Sie nehmen auch Ihr Eintrittsgeld
mit... Er hielt ihm die Banknote hin, die Eduard in rathloser Bestrzung
einsteckte. Wenn ich bedenke, da Sie sich erfrecht haben, Eintrittsgeld
zu zahlen...

Herr Rittmeister, Sie verkennen meine Absichten, ich versichere Ihnen auf
Ehre...

Reden Sie nicht von Ehre! rief Brand. Ich habe auch Nerven, ich kann
manche Worte von manchen Leuten nicht aussprechen hren. -- Springen Sie!
Wieder streckte er den Arm aus, und Eduard berlief's.

Was thun? Sich mit dem Frchterlichen in einen Ringkampf einlassen -- der
wahnsinnige Gedanke kam ihm, doch verwarf er ihn sogleich und stotterte:
Es giebt eine Polizei--

Nicht in der Nhe. Wenn Sie rufen, kommt hchstens die Hausmeisterin.

Die nicht! die nicht! Vor der graute ihm offenbar -- was mochte es
gegeben haben zwischen ihr und ihm?

Helle Tropfen perlten auf seiner Stirn. Er nherte sich dem Fenster. Ein
Blick, den er in den Garten hinabwarf, beruhigte ihn einigermaen; es war
ein geringes Wagni, das von ihm gefordert wurde. Nur eine abscheuliche
Verletzung der Eitelkeit, niedertrchtig beschmend. Aber da kam Hlfe in
der Noth, da hatte er einen rettenden Einfall. Der Spie lie sich umdrehen
und dem Beschtzer Sophiens ins vterliche Herz stoen.

Wenn ich's thu', thu' ich's, weil ich's will, weil's mir einen Jux macht,
sprach er munter, weil's flott ist, weil's fesch ist. Mich braucht's nicht
zu tangiren, wenn man mich aus dem Schlafzimmerfenster der Frau von Mller
springen sieht.

Keine Gefahr. Die unteren Fenster sind blind, und der zweite Stock ist
unbewohnt. Man lutet. Nun, wird's?

Aus Jux thu' ich's -- merken Sie sich das... Er hatte sich auf das
Fensterbrett gesetzt und die Fe hinaufgezogen; er sah, da Brand aufstand
und auf ihn zukam. Nein, nein! das verbat er sich -- Nachhlfe war
berflssig. Hastig erhob er die Hnde zur Abwehr, verlor das
Gleichgewicht, fuchtelte, einen Sttzpunkt suchend, in der Luft herum, und
plumpste kopfber hinaus.

Brand trat ans Fenster und sah ihn auf dem Boden liegen, und gar nicht
fesch, gar nicht flott, mit bld aufgerissenen Augen zum blauen Himmel
empor starren. Er war tief eingesunken in ein frisch rigoltes Beet, das zur
Aufnahme schner Blumen und nicht zu der eines solchen Klotzes bestimmt
war. Dietrich warf ihm seinen Cylinder nach, den er vergessen hatte, und
konnte nicht umhin, einen neuen Mangel in der Erziehung dieses Herrn zu
rgen:

Wenn er voltigiren gelernt htte, wie ganz anders wre er da unten
angekommen.


XV.

Sophie kehrte in freudiger Stimmung heim. Sie war nicht erstaunt, Brand da
zu finden. Madame Amlie hatte ihr gesagt, da er ihr abrathen werde, das
Anerbieten des Herrn Vernon anzunehmen, und:

Einen einmal gefaten Entschlu lang hinauszuschieben, liegt nicht in
Ihrer Art... Aber denken Sie, jhrlich zweitausend Gulden!

Da ihr Talent, ihre Thtigkeit so hoch angeschlagen wurden, erfllte sie
mit einem wahren Glcksgefhl. Wenn sie auf den Vorschlag, den Amlie ihr
gemacht hatte, einging, war sie sorgenfrei, hatte die Mglichkeit, ihre
Kinder gut zu nhren und zu kleiden. Erwgen Sie, was das heit, rief sie
aus.

Es heit viel, versetzte Brand. Sich aber tglich fr zwlf Stunden von
ihnen trennen und sie der Obsorge der Dienerin berlassen, heit mehr.

Pauline ist brav, und meine Kinder sind gehorsam. Georg hlt sein Wort wie
ein Mann; ich wei, was ich mir von ihm versprechen lasse, geschieht. Die
Trennung an jedem Morgen wird mir freilich schwer werden, aber was ertrgt
man nicht, wenn man wei, in zwei Jahren wird Alles besser. Und das wird
sein, denn ich darf jetzt hoffen, in zwei Jahren meine verpfndete Pension
eingelst zu haben.

So haben Sie angenommen...

Noch nicht Ich habe mir eine achttgige Bedenkzeit ausgebeten, obwohl
Madame Amlie anfnglich auf sofortiger Entscheidung bestand und den Grund
meines Zgerns durchaus kennen wollte. Ich konnte ihr ihn nicht sagen,
diesen einzigen Grund... es ist unmglich -- und auch vielleicht hchst
lcherlich... In meinen Jahren sollte ich doch die Furcht vor der
Zudringlichkeit eines Frechlings berwinden knnen, der seine albernen
Spe gewi einstellen wrde, wenn ich den Muth fnde, ihn einmal derb
abzuweisen.

Fragen Sie Pauline, welchen Spa der Frechling sich eben erst machen
wollte, sagte Brand und schilderte ihr kurz und lebhaft, was zwischen ihm
und Eduard vorgefallen war.

Sophie schttelte den Kopf. Sie war mit seiner Handlungsweise nicht
einverstanden: ihr schien, da er eine Unvorsichtigkeit begangen hatte,
eine bereilung! Er und eine bereilung! Wie kann man seinem Charakter so
untreu werden?

Dietrich suchte sich zu rechtfertigen. Er war mit den Gepflogenheiten des
Hauses schon bekannt genug, um zu wissen, da um diese Stunde hchstens der
schwarze Kater sich im Hofe aufhielt. Pauline ist die Einzige, meinte er,
der man zu erklren braucht, wie so der Herr Chef zwar durch die Thr
herein, aber nicht mehr durch die Thr hinaus spazierte.

Sophie nahm den Hut ab und die altmodische Mantille, die sie sorgfltig
zusammenfaltete, damit das vielfach geflickte Futter nicht zum Vorschein
komme. Dann setzte sie sich an den Werktisch und fing an, eine Haube zu
montiren.

Sie sa am Fenster im vollen Lichte des sonnigen Tages und Dietrich ihr
gegenber, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Ihre Wangen waren leicht
eingefallen, ein Zug von Schwermuth spielte um den Mund mit seinen etwas zu
blassen Lippen. Sie sah in diesem Augenblick nicht jnger aus als ihre
Jahre. Nur ihre schnen, kunstfertigen Hnde waren ganz unverndert
geblieben und lsten mit bewunderungswrdigem Geschick und erstaunlicher
Leichtigkeit ihre heikle Aufgabe. Der kleine Finger der Rechten, der selbst
am Wenigsten leistete, schien der geistige Urheber all des Geleisteten zu
sein, schien zu prfen, zu leiten, sanft gerundet Beifall zu spenden, jh
ausgestreckt Bedenken zu erheben. Brand betrachtete ihn und htte ihn
kssen mgen, bezwang sich aber und blieb regungslos; ein stiller
Beobachter, aus dem allmhlich ein gekrnkter wurde. Etwas von dem, was in
ihm vorging, htte Sophie doch errathen mssen. War's mglich, da der
Kampf, den er mit seinem bervollen Herzen kmpfte, von ihr unbemerkt
blieb? Nur absolute Gleichgltigkeit kann eine scharfsichtige und gtige
Frau so blind und grausam machen. Sophie war sich seiner Anwesenheit wohl
gar nicht mehr bewut, sie hatte ihn vergessen ber den Spitzen und
Bndern, aus denen sich immer deutlicher ein wunderhbsches,
kopfputzartiges Ding gestaltete, das sie nun in die Hhe hielt und aus
einiger Entfernung prfend ansah.

Nein, das knnt' ich nicht, rief Dietrich pltzlich aus. Sie lachte:

Das glaub' ich, da Sie das nicht knnen.

Er hatte aber etwas ganz Anderes gemeint. Er hatte gemeint: Ich knnte
einen Menschen, der mich liebt, der blutig bereut, mich nicht schon einst
geliebt zu haben wie jetzt, dem sein ganzes Leben und Alles, was er hat,
erst dann etwas werth wrde, wenn er es mir darbringen drfte, nicht so
neben mir sitzen lassen, ohne ihm ein Zeichen der Theilnahme zu geben.

Die Kinder waren zurckgekehrt. Man hrte sie in der Kche laut und eifrig
sprechen; Annerl lief herein und mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter
zu:

Wir sind gefahren, so weit, so geschwind, in einem zugemachten Wagen. Und
Frulein Julie sagt, wenn wir andere Kleider haben werden, werden wir in
einem offenen Wagen fahren. Und jetzt sind wir wieder da.

Georg folgte der Schwester bald nach. Sein melancholisches Gesichtchen war
freudig belebt, aber der ihm ungewohnte Ausdruck erlosch pltzlich, er
richtete die dunkeln Augen finster auf Brand, zgerte einen Augenblick und
kehrte auf der Schwelle wieder um.

Sehen Sie nun, sprach Sophie, so ist er. Da er nicht Alles findet, wie
er sich's wahrscheinlich vorher ausgemalt hat; da Sie da sind, da Annerl
ihm zuvorgekommen ist mit ihrer Begrung, macht ihn unglcklich, verdirbt
ihm die Laune fr den Rest des Tages. Ein anderes Kind wrde man strafen.
Ich hab' es ja auch bei ihm mit Strenge versucht, aber immer bereut. Er
leidet zu viel darunter, die Strafe steht auer Verhltni zu dem
Vergehen.

Sie hatte die Kleine auf ihren Scho gehoben, und das Kind umschlang den
Hals der Mutter mit beiden rmchen und war glckselig.

Brand hatte sich kerzengrade auf seinen Sessel aufgerichtet: Gndige
Frau, sagte er, ich wiederhole meine schon neulich gestellte Bitte:
Vertrauen Sie Ihren Sohn meiner Leitung an, berlassen Sie mir seine
Erziehung.

Sophie erhob die Augen zu ihm, sah ihn dankbar an, aber sie schwieg.

Thun Sie's, fuhr Dietrich fort, Georg soll es gut haben bei mir, es soll
ihm an nichts fehlen, auch nicht an weiblicher Pflege. Diese liee ihm eine
hchst anstndige Person zu Theil werden, Frau Magdalena Peters, die Mutter
meines Tuflings, Dietrich Peter Peters.

Sie haben Alles erwogen, ich seh's, versetzte Sophie freundlich, ja
herzlich, und dennoch klang eine leise Ironie aus ihrem Tone. Aber man
mag sich etwas Unbekanntes noch so deutlich vorstellen, wenn es in
Wirklichkeit an uns herantritt, berrascht es doch immer. Sie wissen nicht,
was Sie sich aufbrden wollen... Ich habe es schon einmal gesagt -- ein
Kind, in ihrem gewi schnen, musterhaft gefhrten Haushalt...

_Ein_ Kind? fiel er ihr ins Wort. Zwanzig Kinder tummeln
sich wchentlich einmal bei mir herum. Ich gebe Soiren,
Erziehungs-Unterhaltungen ... Ihr Sohn ist feierlich geladen. Gestatten
Sie mir meinen Beruf auch an ihm zu erfllen; es wrde vielleicht nicht
ohne Nutzen fr ihn sein. Fr mich -- was freilich kaum in die Wagschale
fllt -- wre es ganz gewi ein Glck. Lassen wir's auf eine Probe
ankommen, gndige Frau. Natrlich mte ich vor Allem trachten, Georg an
mich zu gewhnen, seine Zuneigung zu erringen. Ich wrde am Liebsten
morgen schon den ersten Versuch machen und ihn abholen kommen zu einem
Spaziergang, wenn Sie es erlauben.

Gern, wie gern, und ich danke Ihnen. Sie war verlegen und gerhrt und
sprach mhsam: Ich danke, und in einem Athem bitte ich auch... Was die
Antwort betrifft, die Madame Vernon in acht Tagen von mir erwartet -- Herr
Rittmeister, da lassen Sie mich allein entscheiden. Rathen Sie nicht ab,
suchen Sie nicht, mich zu beeinflussen. Ich mu in dieser Sache ganz frei,
ganz nach eigener Einsicht handeln.

Wenn ich nicht abrathen darf, erwiderte Brand schmerzlich, darf ich Sie
whrend der Bedenkzeit, die Sie sich bedungen haben, nicht sehen, nicht
sprechen, denn sonst...

Er wurde durch das Eintreten Paulinens unterbrochen, die den Tisch decken
kam.

Warten Sie, rief Sophie ihr hastig entgegen und errthete ber und ber;
sie wollte keinen Zeugen haben bei ihrer rmlichen Mahlzeit.

Brand empfahl sich, und es that ihm bitter weh, da ihr Abschiedswort
lautete:

Auf Wiedersehen also, in acht Tagen.

Unter dem Thore wurde er von der Hausmeisterin erwartet.

Sie schlich auf ihn zu, eine lchelnde Hyne, warf einen sphenden Blick
in die Runde, konnte nirgends einen Lauscher entdecken, und sprach:

Hob'n e'n beim Fenster 'nausg'schmi'n! Recht is ihm g'scheg'n. Nur schod,
da mer kein' dritt'n Stock hob'n.

Ich habe Niemanden zum Fenster hinausgeworfen, erwiderte Brand.

No, versteht si! Sie lchelte verschmitzt, und jetzt erinnerte sie an ein
Krokodil. Thon hoben's es nit, aber hundertmol verdient htt's der Schuft,
der miserabliche. Schon von weg'n den jung'n Ding von do drib'n. So an
arm's jung's Ding. Die Eltern sein Schneidersleit', brave Leit', und 's
Mdl war a brav... Bis der Schuft -- ober ds steht ihm no ins Haus, ds
wird sei Gndige erfohren, ob s'es g'freit oder nit... Jetzt'n hot er's
satt, ds arme Ding, und bandlet gern an mit uns'rer Frau von Miller. No
jo, so en einschichtigs Frauenzimmer wre ihm holt commod, 's is a Glick,
da der gn' Herr zum Recht'n seg'n und ihn 'nauspfeffern.

Frau Hausbesorgerin, ich habe ihn nicht hinaus gepfeffert, ich habe ihn
ersucht, sich selbst an die frische Luft zu setzen, sprach Brand ernst
und nachdrcklich.

Wenn er nur g'setzt ist, wenn's 'n nur obg'schofft hob'n. Wie S'n
obg'schofft hob'n -- sie fuhr mit dem Arme durch die Luft, als ob sie
etwas Schweres bei Seite bringen und fr immer begraben wollte, und legte
dann betheuernd ihre Rechte auf die Brust: Ds bleibt bei mir!


XVI.

Die ganze folgende Woche hindurch kam Brand regelmig, um Georg abzuholen.
Er bernahm ihn am Morgen an der Thr und gab ihn Abends an der Thr wieder
ab. Der Kleine kehrte tglich mit einem greren Wiesen- und
Waldblumenstrau heim, und auch tglich munterer, mit frischeren Augen,
rosig angehauchten Wangen.

Das Portrt, das er an jenem Tage, an dem die Anwesenheit Brand's seinen
Unmuth erregt, in die tiefste Tiefe des Malkastens verbannt hatte, kam
wieder zum Vorschein; Georg strichelte so lange daran, bis der Kopf und der
geheimnivolle Hintergrund, von dem man nicht wute, ob er einen
Gewitterhimmel mit Geisterschlacht, oder ganz einfach die Zimmerwand
vorstellen sollte, ganz schwarz wurden. Aber hnlichkeit mit einem ins
Mohrenhafte bersetzten Dietrich Brand war da, und nach einiger Zeit
befestigte der Knabe das Bild an der Wand neben seinem Bette und schlief
unter den rabendunkeln Augen des neuen Freundes ein. Freilich nur, um bald
wieder zu erwachen. Ruhiger, gesunder Schlaf wollte sich weniger als je
einfinden. In seinen Trumen setzte Georg die Wanderungen mit dem Herrn
Rittmeister fort, lachte laut ber die tollen Sprnge eines
aufgescheuchten Hsleins, fuhr auf mit einem gellenden Schrei, weil er eine
Schlange heranschleichen und sich ringeln sah auf seiner Bettdecke. Kaum
beschwichtigt und wieder eingeschlummert, bte er im Schlafe seine neueste
Kunst, ahmte den Schlag der Nachtigall nach, den Sang der Drossel, das
zierliche Gezwitscher der Meise. Es klang eigen, lieblich und unheimlich
zugleich, und Sophie fragte sich, ob ihrem armen Kinde auch die Freude,
die es jetzt geno, zum Unsegen werden sollte.

Die Bedenkzeit war um; am achten Tage kam Sophie selbst, den Touristen die
Thr zu ffnen und Brand fragte:

Was werden Sie beschlieen?

Ich habe schon beschlossen, ich habe heute mein Amt angetreten.

Dietrich fuhr zusammen. Ihm war, als stnde er nicht mehr vor ihr an ihrer
Schwelle, als sei sie ihm in weite Ferne gerckt, als htte eine Kluft sich
pltzlich zwischen ihnen aufgethan. Und in der war versunken, was ihm mehr,
als er selbst es gewut, die letzte Zeit hindurch das Leben erhellt hatte
-- eine leise und hold schimmernde Hoffnung auf zuknftiges Glck.

So? sprach er. So?... Ganz recht, Sie sind Ihr eigener Herr.

Sie war's und wollte es bleiben; htte sie ihm das deutlicher beweisen
knnen? Sein Rath, sein Wunsch, seine Bitten galten ihr nichts. Nun ja,
wenn einem ein Mensch gleichgltig ist! Denke den Gedanken nur aus -- eine
erloschene Neigung lt sich nicht wieder anfachen, nie. Dietrich verbarg
seine schmerzvolle Enttuschung; er lchelte nur sehr traurig, als Frau von
Mller sagte:

Sie sind im Begriff, meinem Kind zu Liebe Ihr Behagen aufzugeben, Ihre
Freiheit, und ich sollte dieses groe Opfer annehmen und selbst nicht das
kleinste bringen? Es ist unmglich. O, Herr Rittmeister, Sie an meiner
Stelle wrden das auch finden, Sie wrden genau so fhlen und handeln wie
ich.

Brand erwiderte, da er nicht im Stande sei, sich in die Empfindungsweise
einer Dame hinein zu versetzen. brigens verstehe es sich von selbst, da
Sophie nichts Anderes thun knne und drfe als das, was sie fr das Rechte
halte.

Er nahm Abschied und war ein wenig erbittert und fest entschlossen, mit
sich fertig zu werden. Es mute ihm gelingen, es gelingt jedem tchtigen
Menschen, dem eine schne Aufgabe gestellt ist, an deren Erfllung er mit
ganzer Liebe geht, die ihn abzieht von der Grbelei ber das eigene Wohl
und Weh und dem thrichten Hangen und Bangen nach Unerreichbarem. Diese
Aufgabe war zunchst: Georg an sich zu gewhnen und die Eiswand ein- fr
allemal zum Schmelzen zu bringen, die immer noch von Zeit zu Zeit wie auf
ein Zauberwort aus dem Boden stieg und sich zwischen ihm und dem Kinde
aufstellte.

Dietrich warb um seine Zuneigung mit groer Kunst, mit stets bewhrter
Geduld, und mute lange werben und durfte sich's nie merken lassen, da er
warb. Er mute ihn selbst herankommen lassen, den scheuen kleinen Menschen,
der so viel Liebe brauchte und sich immer wieder in pltzlichen
Anwandlungen des Mitrauens von Dem abwendete, der ihm die reichste
entgegen trug.

Der berhmte Kinderarzt, mit dem sich Brand seit der Geburt seines
Tuflings befreundet hatte und dem er nun auch seinen Pflegesohn vorfhrte,
empfahl die uerste Sorgfalt. Gute Nahrung, gute Luft, Bewegung, aber
keine Ermdung, Beschftigung, aber keine Anstrengung. So ein geschicktes
Lootsen zwischen allen mglichen Klippen, schwer, schwer! -- Nun, setzte
er trstend hinzu, als er den tieftraurigen Eindruck sah, den seine Worte
auf Brand machten. Sie bringen ihn vielleicht durch. Ein
Erziehungsknstler sind Sie schon, jetzt mssen Sie noch das Krankenwarten
erlernen. Schwchlich bleibt Ihnen der Bursch brigens sein Lebtag.

Schwchlich und einsam, dachte Brand. Georg pate nicht in die Gesellschaft
anderer Kinder; hlflos und fremd stand er bei den Samstag-Versammlungen,
betheiligte sich nicht an den Spielen der Kinder, sah ihnen nur aufmerksam
zu, und dabei verklrte gar oft ein Aufleuchten der Freude, der Liebe, der
Bewunderung sein stilles Gesichtchen. Die Kinder wuten diese platonische
Theilnahme nicht zu schtzen. Die Mdchen lachten ihn aus, die Buben
neckten ihn, vor denen mute ihn Brand fortwhrend retten.

Wehr' Dich! rief er ihm einmal zu, als ein bermthiger Junge sich vor
ihn hinstellte, ihn zum Kampf herausforderte und ihm statt aller anderen
Prliminarien einen Faustschlag versetzte.

Wehr' Dich! wiederholte Brand.

Georg richtete einen seltsam fragenden, berlegenden Blick auf ihn,
schttelte den Kopf und sprach: Nein, la' ihn, den Armen.

Was ging in ihm vor? Verstand er, was er da sagte? Woher kam ihm die
Offenbarung, da Unrecht thun mehr Qual in sich birgt als Unrecht erfahren,
und bedauerte er deshalb den Knaben, der ihn schlug?

Ein solcher Mitleidsknstler sollte dieser kleine Georg sein, dem jede
sentimentale Weichlichkeit fern lag, der, wie manches von Geburt an
krnkliche Kind, krperliche Schmerzen mit klaglosem Heldenmuth ertrug? Er
hatte kaum gezuckt, als die Faust des Angreifers auf ihn niederfiel, er
htte sich als Mann nicht anders benehmen knnen, wenn die schwere Hand des
Schicksals ihn getroffen htte.

Die Zeit, zu der Dietrich in den vergangenen Jahren seine Sommerreise
angetreten hatte, war vorbei, und noch immer traf er nicht die geringste
Vorbereitung, die Stadt zu verlassen. Frau Peters und ihr pausbckiger
Junge residirten schon seit einigen Wochen im Hochparterre der Villa in
Neuwaldegg, die seit dem Tode der Eltern Brands leer gestanden hatte.
Magdalena kam wchentlich zweimal, um im Geschft nachzusehen, das in
ihrer Abwesenheit von der Kusin gefhrt wurde, und versumte nie,
Dietrich zu besuchen und zu ermahnen.

Kommen's doch hinaus, Herr Rittmeister, 's is ja Snd und Schad, so ein
schnes Haus, und Niemand drin als ich und mein kleiner Bub. So ein schner
Garten, und wenn ich Abends da sitz allein unter den Buchen, da mein ich
ordentlich, ich hr' sie lamentiren, um ihren Herrn.

Glauben Sie das, Frau Peters, erwiderte Brand. Sie hren die Buchen um
Jemand ganz Andern lamentiren als um mich.

Magdalena errthete und sprach resolut: Da ich nix dagegen htt, wenn
mein Mann da wr, das ist natrlich, aber auch Sie, Herr Rittmeister,
gehren zu uns. Wenn einem der liebe Gott so was Schnes beschert, will er
auch, da man was davon hat. Auf so einen Besitz, so einen prchtigen,
g'hren mehr Leut hin als wir Zwei, mein Peterl und ich.

Brand wute wohl, wer seiner Meinung nach hingehrte, wen er am Liebsten
durch die Zimmer schreiten she, die ihm so traut belebt wurden durch die
Erinnerung an seine Eltern. Er wute, wem er am Liebsten gesagt htte:
Tritt ein, nicht als Gast, nein, als Gebieterin, und verwandle mir mein
verdetes Eigenthum in ein trautes Zuhause. Sophie hielt ihn aber viel zu
kurz, als da er eine Anspielung auf einen so khnen Wunsch wagen durfte.
Er getraute sich nicht einmal, von seinen peinigenden Sorgen um sie zu
sprechen und sah doch, da ihre Krfte in dem selben Mae sanken, in dem
ihr Eifer, die bernommene Aufgabe gut zu erfllen, stieg. Da diese
Aufgabe keine leichte sein werde, darber hatte sie sich nicht getuscht,
hatte im Voraus gewut, da sie sich die Stellung, die man ihr _gab_, erst
_machen_ msse. Es war eben ein Kampfplatz in Miniatur, auf dem sie stand.
Sie hatte den passiven Widerstand der lteren Frulein gegen eine
pltzlich hereingeschneite Autoritt zu erdulden und die Unbotmigkeit
der jungen Frulein zu besiegen.

Und -- was mir am Schwersten fllt, sagte sie, ich mu mich gewhnen,
die Arbeit, die ich immer mit Ernst und Sorgfalt gethan habe, von Anderen
mit emprender Nachlssigkeit thun zu sehen, ohne sie ihnen aus der Hand
nehmen und kurz und gut selbst fertig machen zu drfen. Ich werde fr
etwas ganz Anderes bezahlt; ich soll lehren, leiten, heranbilden.

Lehren, leiten, heranbilden -- unmglich, wenn man Ihnen keine Macht
einrumt, erwiderte Brand nach einigem Nachdenken. Ich staune nur, da
ein groes Etablissement wie das von Madame Vernon's berhaupt bestehen
kann ohne militrische Organisation.

Sie lachte: Schlecht und recht geht's doch weiter, und was mich betrifft,
ich mu und ich werde mich zurecht finden. Es ist Feigheit von mir, da ich
klage. Eines, die Hauptsache, hat sich von Anfang an so gut gemacht, wie
ich's besser gar nicht wnschen kann -- der Chef ignorirt mich. Das
verdanke ich Ihnen, auch _das_...

Wann werden Sie sich eine Erholung gnnen? fiel Brand rasch und beinahe
aggressiv ein. Wann gedenken Sie Urlaub zu nehmen?

In diesem Jahre doch nicht, im ersten Jahre doch nicht. Am wenigsten doch
jetzt, da in sechs Wochen der Schlu der Ateliers fr fast zwei Monate
whrend der #saison morte# bevorsteht.

Mit dieser Antwort mute er sich bescheiden und war in nicht eben rosiger
Laune, als Madame Amlie nach langer Zeit einmal wieder einen Hlferuf
ertnen und Brand zu sich bitten lie.

Er traf sie in einem bejammernswerten Zustand. Sie lag auf dem Ruhebette,
ber dessen Lehne ihre langen dichten Haare, in Strhnen aufgelst, hingen;
sie sthnte und hielt dem Eintretenden mit krampfhaft zuckenden Fingern
einige zerknitterte, thrnengetrnkte Briefe entgegen:

#Eh bien -- voil!#

Sie wute Alles. Ein Armenadvokat hatte sie in Kenntni von der neuen
Schlechtigkeit ihres Gatten gesetzt, der die jngste und hbscheste unter
den jungen Arbeiterinnen verfhrt, verlassen und, als sie ausblieb aus dem
Atelier, schndlich verleumdet hatte bei seiner Frau. O, ihr graute, ihr
ekelte vor ihm. Er war kein #pauvre chri# mehr, er war Monsieur Wei, der
#fripon#, den sie verachtete, und von dem sie sich trennen wollte, auch
wenn ihr Herz darber in Stcke ginge.

In Stcke, _darber_? da mte es doch ein recht zerbrechliches Ding sein.
Ich aber halte es fr ein stolzes und standhaftes Herz, das sich aus
erniedrigenden Banden befreien wird. Gehrt Heldenmuth dazu? Sie haben ihn,
Sie sind gewi nicht umsonst die Tochter des Landes, das so viele Heronen
geboren hat.

Amlie richtete sich auf, der Schmeichelei war sie noch am Rande der
Verzweiflung zugnglich.

Dietrich fuhr eine Weile in gleichem Tone fort, warf sich dann aber auf das
Praktische: Wenn Sie diesen Menschen noch eine Zeit lang als Chef walten
lassen, fhrt er eine Paschawirthschaft ein, verwandelt Ihre Ateliers in
Harems. Die Achtung, in der Ihr Haus steht, geht verloren. Ihr sauer
erworbenes Geld, das Sie guldenweise hereingebracht haben, fliegt zu
Tausenden hinaus. Wofr, Allgerechter! Ihre Schande, die Snden, die man an
Ihnen begeht, werden damit bezahlt.

Madame Amlie hrte ihm zu, rieb sich die Schlfen mit Migrnestift,
errthete und erbleichte. Niemals hatte die Beredsamkeit Brands eine solche
Wirkung auf sie ausgebt, wie im Augenblick, in dem er gegen Herrn Eduard
fr ihr Geld plaidirte. Sie gab ihm in Allem Recht. Ja, es war aus und
mute aus sein! Elend hatte der #fripon# sie gemacht, zur Bettlerin sollte
er sie nicht machen. Sie trennte sich von ihm, sie that's, wenn es auch --
von dieser Befrchtung kam sie nicht los -- ihren Tod herbeifhren oder
doch beschleunigen werde.

Im Gegentheil! rief Brand. Die Kraft haben, eine nichtsnutzige Neigung
auszurotten aus unserem Innersten, heit den besten Beweis liefern, da wir
recht lebendig sind. Rotten Sie aus, Madame! Es wre doch des Teufels, wenn
Sie etwas Unwrdiges nicht ausrotten knnten!

Amlie gerieth in Extase: Helfen Sie mir, Monsieur Rittmeister Brand,
nobles, groes Herz! Verlangen Sie von mir einen heiligen Eid, da ich
werde unerbittlich bleiben... Sie erhob die Schwurfinger: #Je jure#...

Dietrich lie sie nicht weiter reden: Ein fester Vorsatz ist ein Eid und
darum nicht weniger heilig, weil wir ihn nur uns selbst geleistet haben.

Sie dankte ihm fr dieses schne Wort, sie war es werth, da man ein so
schnes Wort zu ihr sprach, denn sie hatte volles Verstndni fr alles
Schne und berhaupt ein sehr feines Gefhl. Jetzt war aber nicht #le
moment#, Gefhle zu haben, jetzt regierte khle #raison# allein das Thun
und Lassen Madame Vernons. In raschen Zgen entwarf sie ihren Zukunftsplan.
Heute noch wollte sie ihren Geschftsfreund beauftragen, die vorbereitenden
Schritte zur Scheidung einzuleiten, morgen bestellte sie ihr Haus, setzte
eine Regentschaft mit Frulein Julie an der Spitze ein, bermorgen reiste
sie. O seliger Tag! Tag der Befreiung aus entehrendem Joche! bermorgen
fuhr sie nach ihrem #Paris bien-aim#, zu ihren Verwandten, von denen sie
bei ihren alljhrlichen Knstlerfahrten nach der Metropole der Intelligenz,
der Erfindungsgabe, des Geschmacks immer mit offenen Armen empfangen, von
denen sie verwhnt, choyirt, adorirt wurde.

Einen letzten Freundschaftsdienst erweisen Sie mir, schlo sie. Gehen
Sie zu Ihm--

Zu wem?--

Sie senkte die Augen: Zu Monsieur Wei. Sagen Sie ihm, da ich ihn
verachte und lieber sterben, als ihn auch nur einmal wiedersehen will. Sie
aber, #mon bon ami#, Sie kommen, bermorgen Lebewohl sagen der armen
Amlie.

Er versprach, sich gewi noch vor ihrer Abfahrt einzufinden, und ging
hinber ins Bureau.

Der Chef stand vor dem Pulte, auf dem das Hauptbuch aufgeschlagen war und
beschftigte sich damit, seine Ringe von einem Finger auf den andern zu
stecken und grndlich zu erwgen, auf welchem sie den schnsten Effekt
machten.

Brand kam mit sozusagen knirschenden Schritten auf ihn zu, bestellte die
Botschaft Madame Amlies und gab die Erklrung ab: Auch wenn Ihre Frau
Gemahlin mich nicht dazu aufgefordert htte, wre ich gekommen, um Ihnen zu
sagen: Was ich thun konnte, um Sie in das Nichts zurckzustoen, aus dem
eine Ihnen tausendfach berlegene Frau Sie in unbegreiflicher Verblendung
gerissen hat, das habe ich gethan.

Wei war anfangs uerst betroffen und rathlos gewesen, sammelte sich aber
allmhlich und suchte dem unerwarteten Angriff zu begegnen: Zu gtig, zu
viel Ehre fr uns. Inkommodiren sich... mischen sich in unsere kleinen
ehelichen Zwistigkeiten.

Sie haben mich miverstanden, versetzte Brand. Von kleinen Zwistigkeiten
ist nicht die Rede. Ihre Frau trennt sich von Ihnen, sie reist, sie begiebt
sich nach Paris, in den Schutz ihrer Familie.

So, sie reist? Allein, die Arme? Eduard steckte seine Ringe definitiv auf
den kleinen Finger der linken Hand. Er war in den Wiederbesitz seiner
ganzen Dreistigkeit gelangt, hatte die Rolle gefunden, die er heute dem
alten Hofmeister Brand gegenber spielen wollte, die des vielerfahrenen
Weltmanns. Wird eine traurige Reise sein, sagte er und stie einen
leichten Seufzer durch die Nase aus.

Und ein trauriges Zurckbleiben fr Sie.

Vielleicht auch nicht. Wenn aber -- kann ich ja nachreisen. Kenne Paris
noch nicht, sehe mir's vielleicht an -- zur Abwechslung. Wir Mnner lieben
die Abwechslung, sind einmal auf den Wechsel gestellt... nicht alle. Es
giebt auch Ausnahmen, zum Beispiel Sie. Sie sind fr die Tugend, fr das
Vterliche.

Er bebte zurck vor dem Blick, den Brand auf ihn richtete; er wich aus,
als dieser sich ihm um einen Schritt nherte, aber seine aufgestachelte
Frechheit errang doch den Sieg ber seine Feigheit: Seien Sie, wofr Sie
wollen und thun Sie nach Ihrem Belieben, Herr Rittmeister, ich thu' nach
dem meinen. Seine Stimme wurde immer sicherer, die Finger der
ausgestreckten Hand spielten nachlssig mit dem Drcker der elektrischen
Glocke, die auf dem Schreibtische stand -- eine Bewegung, und Hlfe war da.
Herr Wei durfte viel wagen, er war in guter Hut.

So fuhr er denn, seine Worte manchmal gewaltsam hervorstoend, fort: Jedes
Thierel hat sein Manierel, heit's im Sprichwort: Das vergessen Sie immer,
Sie mchten den Katzen Flgel und den Vgeln Pfoten anerziehn. Lassen Sie
das bleiben, Herr Rittmeister, Sie plagen sich und ndern doch nichts,
lassen Sie die Katzen ungeschoren laufen und die Vgel ungeschoren
fliegen.

Herr, erwiderte Brand, die beklagenswerthe Thatsache, da es
unverbesserliche Hallunken giebt, erschttert mir nicht den Glauben an die
Macht der Erziehung.

Er sprach diese Worte ganz ruhig, er wunderte sich selbst, wie ruhig er
geworden war und jetzt seiner Wege ging.

Da hatte er wieder eine Lektion bekommen: La ihn, den Armen, sagte sein
kleiner, lieber Junge. Lassen Sie mich ungeschoren, Sie ndern doch nichts
an mir, sagte Herr Eduard. Kam das nicht auf Eins heraus? War es nicht
dasselbe?

Dasselbe und nicht dasselbe, es ist ein Unterschied in der Qualitt, wie
ein Unterschied ist zwischen dem Nichtwissen des Philosophen und der
Unwissenheit des Laffen, zwischen dem in ringender Qual geborenen Unglauben
des Denkers, und dem frechen Annichtsglauben des Galgenstricks.


XVII.

Die Zeit, in der geschienen hatte, da die Gesundheit Georgs sich strke,
kindliche Lebenslust in ihm erwache, war vorbei. Er sank wieder zurck in
die frhere, stille, wehmthige Niedergeschlagenheit. Schlaf- und ruhelos
bei Nacht, stand er nach kurzem Morgenschlummer auf, um bald in ein
traumseliges Hindmmern zu gerathen, das ihm wohl that, aus dem er sich
aber oft gewaltsam aufraffte oder aufzuraffen suchte. Er litt nicht, er
sprach nie einen Wunsch aus, er lchelte, wenn Jemand sagte, er sei krank.
Ach nein, er war nicht krank, ihm fehlte nichts, er war auch ganz
glcklich, er war nur md', sehr md'.

Einige Male hatte Brand den Nachmittag mit ihm in Neuwaldegg zugebracht,
zum Entzcken des kleinen Dietrich Peters. Wenn der hrte: Der Herr
Rittmeister kommt, war er vom Gartenthor nicht fortzubringen, prete sein
Gesichtchen an die Eisenstbe und schien durch die Kraft, mit der er's
that, die Kraft seiner Sehnsucht ausdrcken zu wollen. Sobald er Brand von
Weitem erblickte, schrie er auf und rief in allen Tnen der Zrtlichkeit --
jauchzend, jubelnd, in Rhrung hinschmelzend: _Mein_ _Jitt_meiste! _Mein_
He Jittmeiste!

Und dem einsamen Manne, der eine unerwiderte Liebe im Herzen trug, that die
anbetende und uerungsbedrftige Liebe dieses Kindes wohl.

Auch der immer freundliche, immer nachgiebige Georg wurde von Peter Peters'
warmfhlendem Sprling angebetet. Der groe Georg war so gut mit ihm,
that Alles, was er wollte, verwies ihm kaum je einen Ungehorsam, eine
Unart, rumte ihm aber die Gelegenheit und die Versuchung zu Ungehorsam und
Unart sorglich und unauffllig aus dem Wege.

Hren Sie, Frau Peters, sagte Brand zu Magdalena, der Umgang mit meinem
Pflegesohn drfte fr meinen Tufling sehr ersprielich werden. Mein Georg,
der ist ein Erzieher!

Magdalena empfand dies Lob als Tadel ihrer Erziehungskunst, was ihr nicht
angenehm war und ihr den Gepriesenen nicht angenehm machte. Sie hatte fr
ihn viel Mitleid und wenig Zuneigung. Da er Stunden lang zeichnend, malend
auf einem Flecke sitzen konnte, oder auch Stunden lang nichts Anderes thun,
als Ameisen oder Vgel oder die Wolken am Himmel beobachten, das ging ihr
wider den Strich, war der rhrigen Frau unbegreiflich und deshalb
unsympathisch.

Und die Sanftmuth von dem Buben, Herr Rittmeister! Diese ewigen
Rcksichten auf andere Leut', und wie er so g'scheit spricht... 's is
unnatrlich, Herr Rittmeister. Eine solche Bravheit, eine solche
G'scheitheit kann gar nicht g'sund sein fr einen Buben.

Fr einen Buben, so? Ein Mdchen drfte natrlich, ohne Gefahr, da ihr
Wohlbefinden darunter leidet, nach Belieben brav und gescheit sein,
erwiderte Dietrich. Beim Manne, der sich ja doch nur zum zuknftigen
Hllenbraten auswchst, kann es nicht zeitlich genug 'brandeln', meinen
Sie. Das sind Irrthmer, meine liebe Frau Peters, sehr gefhrliche
Irrthmer, die ihr Scherflein beitragen knnen zu dem schndlichen Kampfe
der Geschlechter, den die Weibmnner und die Mannweiber der 'Moderne' in
die Welt gesetzt haben.

Frau Peters war verdutzt: Kampf der Geschlechter? Die Moderne? Sie
ahnte nicht, was das zu bedeuten hatte, und wollte doch den Herrn
Rittmeister nicht fragen, aus Furcht, ungebildet zu erscheinen. So beschlo
sie, zu warten und von ihrem Manne Aufklrung ber die Sache zu verlangen.

       *       *       *       *       *

Brand hatte seinen Besuch bei Madame Amlie bis zur letzten Stunde vor
ihrer Abreise verschoben. Da bedurfte die Scheidende am nothwendigsten
seines strkenden Zuspruches. Er wollte noch einmal an ihren Stolz
appelliren und die Hoffnung aussprechen, da sie im Bewutsein ihrer
geretteten Wrde Ersatz finden werde fr ihr zweifelhaftes und immer
bedrohtes Glck.

Als er sich um halb acht Uhr Morgens dem Hause nherte, sah er einen mit
Koffern beladenen Landauer davor stehen. Sollte das der fr Madame Vernon
bestellte Wagen sein? Nicht zu denken! Der Pariser Zug geht erst wenige
Minuten vor Neun ab, sie wird doch nicht eine geschlagene Stunde im
Wartezimmer sitzen wollen. Indessen erschien aber ihr Stubenmdchen und
reichte dem Kutscher eine umfngliche Hutschachtel auf den Bock hinauf.
Kein Zweifel mehr -- die seelenstarke Frau hatte Eile, ihren heroischen
Entschlu auszufhren und ihr husliches Domicil, diese Brutsttte des
Unheils fr Andere, des moralischen Unterganges fr sie selbst, zu
verlassen.

Brand trat unter das Hausthor, und im selben Augenblick kam die groe
Modistin ihm aus dem Treppenhause entgegen. Sechs ihrer Damen geleiteten
sie, einige vergossen Thrnen, andere schienen mhsam, aber heldenmthig
einen groen Schmerz niederzukmpfen. Amlie blieb stehen, ihr Gefolge
umdrngte sie, ihre Hnde wurden ehrfurchtsvoll gepret, strmisch gekt.
Sie dankte mit Rhrung und Grandezza fr jedes Liebeszeichen.

Ein Gymnasiast, der eben vorberging, weidete sich ein Weilchen an dem
Anblick und rief: Die reine Maria Stuart vom Burgtheater.

Brand schob den kecken Jngling zur Seite, nherte sich Madame Amlie mit
erhobenem Hute und beglckwnschte sie: Sie sind Ihrem Entschlusse treu
geblieben, Madame, sehen Sie, es geht auch ohne Eid. Meine Hochachtung,
Madame.

Sie war merkwrdig verlegen, ja bestrzt: Ach, oh -- diese
Liebenswrdigkeit! diese Gte!... Ich htte wirklich nicht erwartet... da
Sie so frh...

Nicht erwartet? -- Da ich Ihnen doch versprochen hatte... Ich glaube
fast, ich komme Ihnen ungelegen, scherzte er.

Sie protestirte, und er ergriff ihren Arm und half ihr in den Wagen
steigen. Dabei that er einen Blick in das Innere des Gefhrts... Alle
Teufel! eine Ecke war schon besetzt, sehr dick und breit durch einen
schnen Mann mit wei und rothem Gesicht, mit schwellenden Lippen. Brand
kannte das Lcheln, das hhnische und ngstliche Lcheln, zu dem sie sich
in diesem Augenblicke verzogen. Entrstet warf er den Wagenschlag zu.
Amlie, schamroth und verwirrt, beugte den Kopf und machte eine um
Verzeihung flehende Gebrde. Der Kutscher trieb die Pferde an.

Glckliche Reise, Unglckliche! Sie nimmt den Elenden mit -- auf die Flucht
vor ihm. O die Weiber, die Weiber!

Fast htte Dietrich es laut ausgerufen. Die Damen unter dem Thor waren
indessen von toller Lustigkeit ergriffen worden, schnatterten und lachten,
da es ein Vergngen gewesen wre, ihnen zuzuhren, wenn die Immoralitt
dieses Gelchters ein Vergngen htte aufkommen lassen. Unter der Anfhrung
Frulein Juliens, die im Bewutsein ihrer Regentschaftswrde um zwei Zoll
gewachsen schien, hpften und tanzten die Frauenzimmer die Stiege wieder
hinauf. Mibilligend sah Brand ihnen nach.

Beim Abschied und nach dem Abschied mu man euch sehen, ihr falschen
Krten! dachte er. Alsbald aber regte sich sein Gerechtigkeitsbedrfni und
veranlate ihn zu allerlei Erwgungen und zu der Frage: Machen wir
Soldaten es nicht im Grunde ebenso? Mit Trauerklngen begleiten wir den
entschlafenen Kameraden zur letzten Ruhesttte -- mit klingendem Spiele
marschiren wir hinweg von seinem Grabe.

Der Vergleich hinkt freilich wie jeder Vergleich. brigens sei es wie es
wolle -- mit Weibererziehung gedachte Brand sich vorlufig wenigstens nicht
mehr zu befassen.

Sophie war bei dem theatralischen Abschied der Principalin nicht
erschienen: Dietrich traf sie unterwegs, und sogleich fiel ihre Blsse und
ihre sorgenvolle Miene ihm auf. Was ist Ihnen, sprach er sie an. Sie
sehen bekmmert aus.

Das bin ich auch. Georg ist in der Nacht von heftigem Fieber ergriffen
worden, und ich habe den Arzt rufen lassen, ihn aber nicht erwarten
knnen.

_Ich_ will ihn erwarten und Ihnen Botschaft ins Atelier bringen, sagte
Dietrich.

Nicht selbst, erwiderte sie rasch, schicken Sie mir Nachricht. Ich
bitte. Sie machte eine flehende Gebrde, nickte ihm zu und eilte davon.

In der Wohnung angelangt, wurde Dietrich von Klein-Annerl begrt.

Weit Du was? rief sie, nimm heute mich mit auf die Reise. Georg bleibt
da, er ist eingeschlafen.

Und so war's. Auf einem Sessel in der Fensterecke, mit seinem Htchen auf
dem Schoe, zum Ausgehen bereit, war er in Schlaf gesunken. Sein Kopf hing
tief herab auf die Brust, sein Athem ging unhrbar leise. Er war sehr
gewachsen in der letzten Zeit, die rmel seiner Jacke reichten kaum noch
bis zu den schmalen Handgelenken. Wie glichen seine Hnde denen seiner
Mutter, wie farblos aber und wie abgezehrt waren sie!

Dietrich stand lange vor ihm, ehe er erwachte, pltzlich auffuhr und in das
Gesicht des Freundes blickte.

Lieber Herr Rittmeister, guter Herr Rittmeister, sagte er freudig, und
seine Augen leuchteten.

Das war die erste Liebeserklrung, die Brand von dem Kinde zu hren bekam.
Sie erhellte ihm die Seele bis auf den tiefsten Grund, doch that er, als ob
er nichts Neues und Merkwrdiges an ihr fnde, und fragte: Wie geht's? Wie
fhlst Du Dich? Wollen wir heute in die Berge?

In die Berge, ja, ja, in die Berge, wiederholte das Kind, erhob sich,
wankte und fiel besinnungslos in Dietrichs Arme.

Er und Pauline brachten ihn zu Bette und labten ihn. Der Arzt, der bald
darauf erschien, fand ihn noch in halber Betubung, sprach sich nicht aus,
wollte am Abend wiederkommen. Da war Sophie schon zu Hause, und fr sie
hatte er nur Worte des Trostes und der Beruhigung. Zu Brand sagte er aber
schon am nchsten Tage im Vertrauen:

Wir schwanken auf einem schmalen Brette ber dem Abgrund.

Und es wurde ein langes, langes Schwanken, eine schwere, schleichende
Krankheit. Sie fra allmhlich die physischen Krfte des Kindes auf,
konnte aber seiner Intelligenz, seiner Phantasie, seiner Gte, allen
liebenswrdigen Eigenschaften, die ihn beseelten, nichts anhaben. Sie kamen
vielmehr erst recht zu Tage, jetzt, da seine Scheu, zu uern, was er
fhlte, gewichen war.

Nur nicht aufregen, warnte der Arzt, dmpfen! Zerstreuung braucht er
jetzt nicht, langweilen soll er sich.

Aber leider langweilte Georg sich nie; Alles interessirte ihn, ein
Schatten, der an der Mauer hinglitt, ein Baumblatt, das durchs offene
Fenster hereinflog, gab seinem Geiste berreichen Stoff zu rastlosem Denken
und Sinnen.

Einmal erfuhr er einen groen Schmerz. Der Arzt hatte den Rath gegeben,
Annerl fortzubringen aus der Nhe des Kranken, und es wurde beschlossen,
sie der treuen Obhut der Frau Peters anzuvertrauen. Als diese kam, um ihre
Schutzbefohlene in Empfang zu nehmen, brach Annerl beim Abschiede von ihrem
Bruder in heie Thrnen aus. Sie war aber kaum in die Kche getreten, wo
Dietrich Peters von seiner Mutter deponirt worden war, als man sie auch
schon frhlich lachen und ihn begren hrte.

Georg richtete sich im Bette auf bei diesem Freudenausrufe. Jetzt ist sie
glcklich, wenn sie nur glcklich ist, die Kleine, sagte er, kehrte sich
mit dem Gesichte gegen die Wand -- und weinte ganz leise.

Bei einem Haar htte Brand mitgeweint, so nahe ging ihm das Leid, das
seinem lieben Jungen widerfuhr. Aber zwischen dem, was sich an weichen
Empfindungen in einem Manne regt und dem, was von ihnen zu Tage kommt,
liegt eine Welt des Unausgesprochenen. Brand hielt sich immer im Zaume,
verrieth nie eine Schwche und pflegte eifrigst das Talent zur erziehlichen
Krankenwartung, das er in sich entdeckte. Dazu gehrte unter Anderem auch
eine ganz vortreffliche, originelle Erzhlungsgabe, von der Dietrich bisher
nichts geahnt hatte. Kein brutales Vorbringen all' dessen, was Einem
eingefallen ist, nein, ein Erfinden whrend des Erzhlens, und dabei ein
fortwhrendes Beobachten des Eindrucks, den dieses hygienische Fabuliren
hervorbringt. Der Eindruck, den es macht, ist seine Muse, sein Stachel und
Zgel: er lehrt: jetzt darfst du steigern, spannen, und jetzt mut du
nachlassen, wohlthuend und sanft, und jeden Miton auflsen und verklingen
lassen in Frieden und Harmonie.

Das konnte Brand, das hatte er gelernt, das hatte die Liebe zu seinem
lieben Jungen ihn gelehrt. Und was nicht Alles noch! Die Anordnungen des
Doktors befolgte er gewissenhaft, aber gegen seine Diagnose erhob er
Einwendungen:

Es ist eine Entwicklungskrankheit, glauben Sie mir, aus der Georg sich neu
gestrkt erheben, und dann erst recht krftig an Leib und Seele gedeihen
wird. Er wird seine kleinen Absonderlichkeiten und Empfindlichkeiten
abstreifen, und Einer wie Tausende werden in allem Geringfgigen und
Nebenschlichen; Einer wie Wenige aber in allem Groen, Ernsten, Wichtigen.
Machen Sie ihn nur zu einem gesunden Menschen, Herr Doktor, zu einem
tchtigen, einem ausgezeichneten Menschen, wird er sich machen ohne Sie und
ohne mich, denn -- ich sehe das schon -- er gehrt zu Denen, die sich
selbst und gelegentlich ganz unbewut den Erzieher erziehen.


XVIII.

Die Stellung Sophiens im Hause Vernon war seit der Abreise ihrer Gnnerin
ungemein schwierig geworden. Die Untergebenen legten offene Feindseligkeit
an den Tag. Frulein Julie vernderte den Ton. Kein Entgegenkommen mehr,
nicht die geringste Freundlichkeit. Ja, sie trug nun einmal die
Verantwortung fr das strengste Aufrechthalten der Disziplin im Geschfte.
Sie bedauerte sehr, da Frau von Mller ein krankes Kind zu Hause hatte;
schlug aber ihre Bitte, durch wenige Tage nur etwas spter als sonst ins
Atelier kommen zu drfen, rund ab. Nicht sie hatte Gnaden auszutheilen,
dieses Vorrecht geno einzig die Prinzipalin. Etwas Anderes ist, wenn Frau
von Mller Urlaub nehmen will; den kann sie jede Stunde haben, selbstredend
mit Verzicht auf ihre hohe, sehr hohe Besoldung.

Dietrich nannte das Vorgehen Frulein Juliens ganz korrekt, als ihm Sophie
so gelassen, als ihr mglich war, von ihrem Mierfolg berichtete.

Aber, meinte sie, man kann noch etwas mehr als korrekt, man kann
barmherzig, man kann sein -- wie Sie. Was thun Sie fr uns! Nie vermag ich
Ihnen zu danken...

Er blickte sie vorwurfsvoll an: Danken! Sie werden doch _mir_ nicht
danken... Wenn Sie wten, wie mir vor aller Dankbarkeit graut...

Seitdem Sie aus Dankbarkeit den Major von Mller geheirathet haben, htte
er hinzufgen mssen, wenn Sophie den Grund seines Abscheus gegen eine so
schne Tugend htte erfahren wollen. Aber sie fragte nicht, und er schwieg.

Sehr bald darauf erfllte sie ihm den sehnlichen Wunsch, den auszusprechen
er nicht gewagt hatte: sie nahm Urlaub.

Ich bringe Alles wieder ein, was ich jetzt versume, sagte sie, ich
werde doppelt fleiig sein, sobald Georg nur wieder hergestellt ist.

An der berzeugung, da er genesen werde, hielten Brand und sie
unerschtterlich fest, diese Hoffnung lieen sie sich nicht rauben.

Zwei Nchte hatte Sophie aufrecht, auf einem hlzernen Sessel sitzend,
neben dem Bette des Kranken gewacht. Am nchsten Abend stand auf einmal
ein groer, bequemer Fauteuil da. Peter Peters hatte ihn gebracht mit
tausend dringenden Entschuldigungen seines Herrn, und an das Fuende von
Georgs Lager gestellt. Und dann war Brand gekommen mit neuen und noch
dringenderen Entschuldigungen.

Lassen Sie das Ding nicht hinauswerfen, haben Sie die einzige Gnade; es
ist ein Reconvalescenten-Fauteuil, dulden Sie ihn hier eine Zeitlang
wenigstens, dem Kinde zu Liebe.

Sie staunte, da er so flehentlich bat. Er frchtete, ihren Stolz zu
verletzen, und sie hatte dem Wohlthter ihres Kindes gegenber keinen mehr.

Aber Herr Rittmeister, sagte sie, wie knnen Sie noch daran zweifeln,
da ich Ihr Geschenk freudig annehme? Ich nehme ja so viel von Ihnen an,
das Opfer Ihrer Zeit, Ihres...

Er unterbrach sie: Opfer? -- Sie betrben mich. Wissen Sie denn nicht,
da, was Sie mein Opfer nennen, mein Glck ist? Vor Kurzem noch war ich ein
ganz armer Teufel, ein alter, vergrmter Mann, der nichts mehr vor sich sah
als eine Reihe eintnig, einfrmig hinreichender Jahre; jetzt bin ich
reich... Er suchte ein allzu warmes Wort zu vermeiden: Durch meine
Theilnahme fr Sie, und meine Liebe zu Ihren Kindern.

Sophiens Augen hatten sich ein wenig verschleiert, aber sie sprach in
munterem Tone: Und zu Dietrich Peters.

Gott segne den Kleinen, die erste Aufrichtung verdankte ich ihm. Aber er
hat ein robustes Elternpaar... es ist doch etwas Anderes, etwas... Seine
Stimme gerieth in Gefahr, umzukippen, alle moralischen Rippenste, die er
sich zur Strkung versetzte, blieben wirkungslos. Der Grimm, den er darber
empfand, spiegelte sich in seinem Gesichte wider und gab ihm ein so
brbeiiges Aussehen, da Sophie, die schon einen Schritt auf ihn zu
gemacht hatte, sich ganz erschrocken abwendete, und die Hand, die sie ihm
hatte reichen wollen, liebkosend auf das Haupt ihres Kindes legte.

Als es Abend wurde, sprach sie nicht wie sonst: Herr Rittmeister, Sie
mssen heim. Sie sa in dem bequemen Lehnstuhl, ihre Fe ruhten auf einem
Schemel, ihr Kopf sank in die Kissen zurck.

Die Mutter schlft, flsterte Georg, lassen wir sie schlafen, und Du
erzhl' mir eine schne Geschichte.

Eine schne Geschichte. Ja, mein Junge, was fr eine denn?

Etwas von Feen, das habe ich am liebsten. Das Kind richtete seine
fieberglnzenden Augen voll Erwartung auf ihn.

Er besann sich. Der Kopf war ihm so seltsam wst. Von Feen, gut, von
alten, uralten -- ein Kind kann sich's nicht vorstellen, wie alt sie sind.

Aber Du, Herr Rittmeister, kannst Dir's vorstellen, Du kannst Alles, Herr
Rittmeister, sprach Georg aus tiefster berzeugung.

Glaub' doch das nicht, ich kann nur erzhlen von uralten Feen, versetzte
Brand in einschlferndem Tone. Sie haben graue Kleider an, mit Schleppen
und schweben hin und her. Denk' Dir wie das Pendel an einer groen Uhr --
ein langes, langweiliges Pendel, so schweben die grauen Feen hin und her.

Es kommen aber auch rothe, und die tanzen.

Richtig! Brand sah richtig rothe Feen tanzen, wie Funken unter Bumen mit
klingenden Blttern, und im Hintergrunde zogen Landschaften vorbei von
wundersamer Schnheit, und ein Licht lag ber ihnen, milder als Sonnen-,
anders als Mondlicht, ein Licht, wie es auf Erden keines giebt und von dem
sich einen Begriff nur machen kann, wer es geschaut hat, denn schauen mu
man's, nicht sehen... Er unterbrach sich. Was er da Alles zusammen
redete...

Sag' nur weiter, bat Georg, ich wei, was das heit. -- Ich sehe Dich
und schaue die Feen.--

Dietrich war unglcklich; statt das Kind sanft einzulullen, regte er es zum
Denken an. Voll Zrtlichkeit und Reue strich er ihm ber den Scheitel:
Weit Du was? Denk' nicht, schlafe. Lieber Junge, wenn Du einschlafen
knntest, das wre so gescheit und so gut!

Georg seufzte tief auf, prete die Wange an das Kissen, schlo die Augen
und regte sich nicht mehr. Sophie schlief sanft und fest. Es war so still,
da Dietrich das Ticken seiner Taschenuhr hrte, die er auf den Tisch
gelegt hatte neben das Nachtlmpchen und die Arzneiflasche. Merkwrdig
hell drang der leise, gleichmige Schall durch ein seltsames Brausen in
seinem Kopfe hindurch.

Seine Adern klopften, eisige Schauer schttelten ihn, und im Nacken fhlte
er sich gepackt von einer Riesenfaust, die ihm den Kopf zusammenprete.

Teufel, Teufel, was soll das heien? In der vorigen Nacht schon wollten
hnliche Sinnestuschungen ihn narren; aber er hatte sich ihrer erwehrt,
war aufgestanden wie gewhnlich, und wie gewhnlich in die Berggasse
gegangen.

Allerdings hatte der Doktor, den er dort traf, ihm auf die Schulter getippt
und gesagt:

Es giebt heute einen glhend heien Tag, fahren Sie zeitig nach Hause,
Herr Rittmeister, Sie haben Fieber.

Fieber? In seinem ganzen Leben hatte Dietrich nie Fieber gehabt, auer
damals nach seiner Verwundung. Fieber! Wenn man wissen will, ob Jemand
Fieber hat, greift man ihm an den Puls. Sich aber hinstellen vor ihn, ihm
nur einen Blick zuwerfen und gleich wissen: Der fiebert -- das kann man
auch dann kaum, wenn man Seheraugen hat wie dieser Doktor.

Dietrich stand leise auf -- ihm war, als zge er an jedem Fue einen
Centner mit -- und sah nach der Uhr. Bald Zwei; die Stunde, zu der Pauline
kommen sollte, um die Gebieterin am Krankenbette abzulsen. Als Brand zu
seinem Platze zurckkehrte, war Sophie eben erwacht.

Um Gotteswillen, wie viel Uhr?... Das Medikament... Ich habe
versumt...

Nichts, nichts, beruhigte Brand. Sehen Sie, da ist Pauline. Verlassen
Sie sich nur auf uns Zwei.

Die erschpfte Frau gab seinen und den Bitten ihrer Dienerin nach und ging
in ihr Zimmer, um noch ein paar Stunden zu ruhen vor der Ankunft des
Arztes.

Als dieser Schlag Sechs eintrat, war sie wieder auf ihrem Posten. Sehr
bla, sehr mde, aber vollkommen angekleidet, anmuthig -- rhrend anmuthig!
-- in ihrer rmlichkeit, und bereit ihr Tagewerk tapfer anzutreten.

Der Arzt war heute zufrieden mit seinem Patienten, fand ihn frischer als
seit langem. Aber Ihnen, sagte er zu Brand, Ihnen geht's elend. Sie
mssen zu Bette. Nein, nein in vollem Ernst. Kommen Sie mit, ich bringe Sie
in meinem Wagen nach Hause.


XIX.

So also ist Einem, der ganz unmotivirt, ohne jeden vernnftigen Grund, aufs
Krankenlager geworfen wird. Aufs Krankenlager in der selben Zeit, da er
sich zum ersten Male der Vielgeliebten und Vielverehrten wirklich ntzlich
machen knnte!

Peter war zu Tod erschrocken, als er seinen Herrn erblickte, der, vom
Doktor begleitet, die Stiege herauf kam, wankend, erdfahl, mit tief
eingefallenen Augen, sich ins Bett kommandiren und sich sogar helfen lie
beim Auskleiden, er, der Rittmeister Brand! Kein Wunder, da Peter den Kopf
verlor, stille Thrnen vergo, an seine Frau telegraphirte und sie in die
Stadt berief zur Pflege des Herrn und zu seinem eigenen Troste.

Frau Peters eilte herbei, wurde aber schlecht empfangen. Dietrich gerieth
in Zorn ber das eigenmchtige Vorgehen seines Dieners. Dieser Peter!
Kannte dieser Peter ihn noch nicht, glaubte er wirklich, da Dietrich Brand
einer Frau erlauben werde, sein Krankenzimmer zu betreten, wenn es denn,
hol's der Teufel, ein Krankenzimmer gab? Magdalena wurde nicht vorgelassen,
sondern beordert, allsogleich nach Neuwaldegg zurckzukehren, wo sie ein
Feld fr ihre Thtigkeit hatte und wohin ihre Pflicht sie rief.

Brand aber verlebte einen schlimmen Tag und eine noch schlimmere Nacht.
Nie, niemals htte er es fr mglich gehalten, da eine Krankheit -- pah!
nicht einmal eine Krankheit, nur ein armseliges Unwohlsein -- einen Mann so
packen und niederwerfen konnte! Machtlos, sich machtlos fhlen dem eigenen
Krper gegenber, dem Sklaven! Giebt es eine tiefere Beschmung? Er
verfluchte sich selbst. In seinem Kopfe ging es zu wie in einem Hammerwerk,
in seiner Kehle schnitt es wie mit Messern, der ganze Mensch glhte wie
eine Kohle.

Trotz alledem fand ihn der Arzt, der Morgens kam, rasirt, gebadet,
sorgfltig angekleidet in einem Lehnstuhl am Fenster des Schlafzimmers
sitzen.

Wie geht es bei Frau Major von Mller? war Dietrichs erste, mit
bedenklich kurzem Athem vorgebrachte Frage.

Ganz leidlich, erwiderte der Arzt und vermied dabei, den forschend auf
ihn gerichteten Augen des Kranken zu begegnen. Frau Sophie ist aber sehr
besorgt um Sie.

Sehr besorgt um mich? wiederholte Brand mit leisem Zweifel, mit
wehmthiger Wonne.

Sie lt Sie dringend bitten, sich zu schonen, einmal auch an sich zu
denken.

Was soll ich thun?

Zu Bette gehen, gewissenhaft Arznei nehmen. Sie sind dann wahrscheinlich
in einigen Tagen hergestellt, und das wre gut, denn Frau Sophie wird Ihrer
Sttze recht sehr bedrfen.

Dietrich erschrak: Was ist mit ihr? Ist sie krank?

Nein, nein, darber beruhigte ihn der Doktor, aber mit sehr wenig Worten;
er hatte Brand nur einen Augenblick sehen wollen, setzte sich nicht
einmal, griff wieder nicht nach dem Pulse des Patienten, legte blo die
schmale, blasse Hand auf dessen Schulter und sprach mit sanfter Bitte:
Bleiben Sie wenigstens zu Hause.

Zu Befehl, erwiderte Brand, worauf ihn der Arzt ein wenig spttisch und
unbeschreiblich gtig ansah und sich mit einem kurzen: Adieu! empfahl.

Warum in aller Welt hatte er spttisch dreingesehen? Aus niedertrchtiger,
rztlicher Schadenfreude? Oder machte es ihm Spa, da ein alter Soldat
sich seinen Anordnungen so ngstlich unterwarf wie ein maroder Pfrndner?
Ja, das war's, und darber gedachte ihn Brand eines Besseren zu belehren.
Pltzlich entschlossen, streckte er die Rechte aus und drckte den
Tasterknopf der elektrischen Glocke an der Wand anhaltend und energisch
nieder.

Peter eilte herbei.

Meinen Paletot, meinen Hut, befahl Dietrich, ich gehe -- oder vielleicht
ich fahre -- zu Frau Major von Mller.

Nicht ein Wort des Widerspruchs kam ber Peters Lippen, doch betrachtete er
den Gebieter mit der hoffnungslosen und liebevollen Traurigkeit, mit der
eine Mutter ihr starrsinniges Kind betrachtet. Brand fhlte die Empfindung
seines Dieners nach, und auch er blieb stumm. Man sagt nicht, man beweist,
was man kann.

Peter sah ihn eine so gewaltige Anstrengung machen, als ob er sich aus
einem Sumpfe, in dem er halb versunken war, emporarbeiten wollte, sah ihn
aufschnellen -- und fast zugleich besinnungslos zu Boden sinken.

Es war so schnell geschehen, da Peter den Sturz nicht verhindern konnte.
Jetzt kniete er bei seinem Herrn, hob ihn auf, trug ihn in seinen Armen
(welches Glck, da Brand davon nichts wute!) auf das Bett, labte ihn und
brachte ihn bald wieder zu sich. Als der Rittmeister die Augen aufschlug,
stand Peter aber schon abgewendet und ordnete die Kleider im Schranke.

Ich will heute doch lieber zu Hause bleiben, sagte Dietrich nach einer
Weile, ich hab' etwas Schwindel, das kommt von den verfluchten
Medikamenten.

Von nichts Anderem, Herr Rittmeister, versetzte Peter.


Du brauchst dem Doktor nichts davon zu sagen, nahm Brand nach einer
abermaligen Pause wieder das Wort, es wrde ihn krnken, und am Ende
bildet er sich noch ein, da ich ohnmchtig geworden bin wie ein
bleichschtiger Backfisch.

Natrlich, Herr Rittmeister, denn wer kann wissen, was ein Zivilist sich
einbildet.

Zweimal im Laufe des Vormittags mute Peter einen Kommissionr in die
Berggasse schicken, um Nachrichten zu holen. Nur bei Pauline; die gndige
Frau durfte nicht belstigt werden mit den vielen Anfragen. Pauline lie
den Rittmeister beschwren, sich keine Sorgen zu machen. Er fand die
Antwort ungengend und sendete Peter in Person nach einer Botschaft aus,
und der kehrte mit der Meldung zurck:

Die gndige Frau lt sich empfehlen, dem kleinen Georg geht's gut.

Wirklich, wirklich? Hast Du ihn gesehen?

Ihn nicht, aber die Frau Majorin ist selbst herausgekommen, sie
selbst... Eine unbesiegbare Rhrung packte und wrgte ihn.

Jetzt weint er wieder, der Waschlappen, murmelte Brand und dankte Gott
im Stillen, da er der armen Mutter ihr Kind wieder geschenkt und auch ihm,
der es freilich nicht anders erwartet hatte, seinen lieben Jungen.

Es duldete ihn nicht lnger im Bette; er lie sich ankleiden, konnte aber
nur auf den Arm seines Dieners gesttzt bis zum Lehnsessel gelangen.

Gegen die siebente Abendstunde wurde gelutet, und unmittelbar darauf
lutete auch Dietrich und befahl Peter, der hereinstrzte, hochroth im
Gesicht und mit verklrter Miene:

Niemanden vorlassen, keinen Menschen!

Herr Rittmeister, es ist die Frau Majorin von Mller.

Brand erhob sich. Mit ihm zugleich erhob sich aber auch der Fuboden und
rollte Wellen, die Decke flatterte wie ein Segel. Dietrich war froh, bei
dem allgemeinen Aufruhr wieder in die Arme seines Fauteuils zurckkehren zu
knnen:

_Wer_ kommt? Wer?...

Da stand sie schon auf der Schwelle.

Gndige Frau... Mein hchster Wunsch -- Sie bei mir!

Sie konnte nicht gleich sprechen, sie ging langsam auf ihn zu und reichte
ihm beide Hnde.

Verzeihen Sie, sagte er. Nein, da ich Sie so empfangen mu. Invalid,
nicht einmal entgegen gehen, nicht einmal aufstehen... Nein, da Sie zu
mir kommen... Es geht also besser. Mein lieber, kleiner Freund -- wie hab'
ich mich nach ihm gesehnt!

Er sich auch nach Ihnen. Sanft entzog sie ihm ihre Hnde, setzte sich ihm
gegenber und schlug den Schleier zurck: Auch Sie sind sehr leidend.

Gewesen! rief er aus.

Nie, niemals hatte ihr Anblick ihn so bewegt in allen Herzenstiefen. Nie
war sie ihm so erhaben hold erschienen, Majestt und Lieblichkeit in einer
Gestalt.

Brand lie sie nicht aus den Augen: Aufrichtig, gndige Frau, sprach er,
und seine Stimme zitterte, wie steht's mit ihm?

Gut, anwortete sie, ganz gut.

Er athmete auf, er wurde heiter und gesprchig. Er hatte viel nachgedacht
in diesen Tagen der Einsamkeit. Was denkt man nicht Alles zusammen in
zweimal vierundzwanzig Stunden! Seine ganze Vergangenheit war vor ihm
lebendig geworden, und die leuchtende berzeugung hatte ihn durchdrungen,
da er nur zu danken habe.

Gndig hat mein Herr und Gott sich mir immer erwiesen, zweimal in meinem
Dasein aber allgtig. An dem Tage, Brand senkte nachdenklich den Kopf, an
dem ich im Begriff war, ein Licht auszulschen, das er angefacht hatte, und
er mich in seiner Huld davor beschtzte, den Frevel zu begehen. Ein zweites
Mal -- da er mich Sie, verehrte Frau, wiederfinden lie, die ich durch
eigene Thorheit verloren hatte und jetzt lieben darf -- in Ihren Kindern.

Sie hatte ihm still und teilnehmend zugehrt, nun stand sie rasch auf,
sagte ihm Lebewohl und wnschte ihm eine recht gute Nacht.

Peter erhielt den Auftrag, einen Wagen zu nehmen und die gndige Frau nach
Hause zu bringen. So geschah's, und er kam zurck mit einem Gru von ihr,
und Dietrich ging zur Ruhe und schlief wie ein Gesunder. Er erwachte
gestrkt, glcklich, und obwohl es regnete, war fr ihn die Welt voll
Sonnenschein.

Im Laufe des Vormittags brachte ein Dienstmann einen Brief.

Von der Frau Majorin, sagte Peter und berreichte ihn ngstlich und
zgernd.

Der Inhalt des Schreibens lautete:

            Lieber gtiger Herr Rittmeister!

         Seien Sie stark, machen Sie sich auf das
     Traurigste gefat. Ihr kleiner Freund ist todt,
     gestern gestorben, als die Kirchenglocken zum Ave
     luteten. Selig entschlafen -- ich wei jetzt,
     was das heit. Ich bin zu Ihnen gekommen,
     um es Ihnen zu sagen, und konnte nicht, Sie
     haben mir zu leid gethan...

Brand las nicht weiter. Das Blatt entsank seiner Hand. Sie war gekommen, um
ihm zu sagen: Das Kind ist todt, und hatte es nicht vermocht; sie wute,
wie weh es ihm thun wrde, und hatte es ihm nicht sagen knnen. Aus
Mitleid, aus himmlischem Erbarmen -- -- -- Nein, das war mehr als Mitleid
und Erbarmen -- unendlich mehr.




Bertram Vogelweid.


I.

Bertram Vogel hatte ein Pack Manuskripte in die ohnehin schon berfllte
Lade seines alten Ungeheuers von Schreibtisch gestopft und bemhte sich
nun, sie zuzuschieben. Aber sie leistete Widerstand, und als er bse wurde
und anfing, heftig an ihr zu rtteln, spiete sie sich gar. Auf einmal
schien sie ein menschliches Gesicht anzunehmen, das einen groen,
viereckigen Rachen voll Bosheit gegen ihn aufsperrte.

Er trat zurck und seufzte grimmig: Schon wieder! Schon wieder!

Auch eine Folge seiner entsetzlichen Nervositt, da alles Leblose, das ihn
umgab, sobald er in die geringste Aufregung gerieth, ein hhnisch
grinsendes Gesicht annahm, -- das Gesicht eines seiner Feinde und Neider.
Er hat ihrer zahllose, er, von Natur der friedfertigste und wohlwollendste
Mensch, ist mit Feinden und Neidern bespickt, wie der Schild des Achilles
mit Speeren. Und daran, und berhaupt an allem bel, das ihn trifft, ist
der Beruf schuld, den er ausbt und hat, der Beruf, in den die
Verhltnisse ihn hineingeschoben haben und fr den die zrtlichste,
geliebteste, thrichtste Mutter ihn auserwhlt glaubte.

Wart', du Verfluchter, wie ich dich sitzen lasse, murmelte er und ballte
die Fuste gegen etwas Unsichtbares in der Luft. Wart' nur noch ein Jahr!
Wartet auch ihr, wie ich euch verlassen werde, rief er den verrauchten
Wnden zu.

Nur weil die Wohnstube wohlfeil war, hatte er so lange in ihr ausgehalten.
Sie lag im vierten Stock eines alten Zinshauses der inneren Stadt, hatte
die Form einer Bratrhre und nur ein einziges Fenster, das nie und niemals
von der Glorie eines Sonnenstrahls umspielt wurde. Und das Gchen, in dem
das alte Haus stand, war so schmal, und die bsartig duftenden Rauchfnge
seines Gegenbers waren so nahe! Mit einem langen Pfeifenrohr htte man die
Katzen, die Nachts auf dem Dache herumspazierten und ein
verachtungswrdiges Konzert auffhrten, herunterfegen knnen. In diese
Versuchung gerieth Bertram nicht, er besa keine lange Pfeife, er war
(ebenfalls aus Sparsamkeit) kein Raucher. Er hielt das Fenster berhaupt
geschlossen, denn es kam nichts Gutes herein, und fr Ventilation war durch
die beiden ffnungen der Bratrhre hinlnglich gesorgt. Die verruchten zwei
standen in bestndiger, heimtckischer Wechselwirkung und verbanden sich
alle Augenblicke zu einem grausamen Attentat gegen den am Schreibtisch
sitzenden Mann. Pltzlich legte sich's ihm wie ein eisernes Band um den
Hals, oder es bohrte sich ihm ins Ohr wie ein Dolch, und nun begann das
Tosen und Brausen im Kopf und machte ihm die Anstrengung des Denkens zur
Hllenqual.

Gedacht aber mute, es mute sogar erfunden werden, spannend und originell
um jeden Preis, ohne weiteres auch -- um den des gesunden
Menschenverstandes. O greulich!

In der Fenstervertiefung, ber dem Abreikalender, der das Datum 25.Juli
zeigte, hing der Rasierspiegel. Bertram trat vor ihn hin, betrachtete nach
langer Zeit einmal wieder das Bild, das ihm daraus entgegensah, mit
Aufmerksamkeit. Sie ging allmhlich in zornige Entrstung ber.

Achtunddreiig Jahre alt sein und schon so tiefe Falten auf der Stirn haben
und so eingefallene Wangen, so rothumrnderte, trbe Augen, das ist doch
des Teufels! Den verbissenen Zug um den Mund verdeckt glcklicherweise zum
Theil der blonde Schnurrbart, dessen Enden sich breit ausgebrstet mit dem
kurz gehaltenen Backenbart vereinigen; es sieht fein aus, und der ganze
Mensch sieht fein aus, aber schrecklich unruhig und nervs. -- Fortwhrend
mu er blinzeln und von Zeit zu Zeit verzieht ein blitzartiges Zucken ihm
das Gesicht. Wie er das hlich fand, wie er sich darber krnkte und wie
er nun einen neuen Grund zur Krnkung erfuhr! Eine berraschung -- aber was
fr eine! Mitten im ppigen Wald seiner Haare, gerade auf dem Scheitel,
hatte er eine kleine Lichtung entdeckt.

Das hast _du_ mir angethan, rief er und ballte wieder die Faust,
diesesmal gegen den Arm des Gasrohrs an der Wand ber dem Schreibtisch.

Die Flamme war lngst ausgelscht worden, aber bis zum Morgen hatte sie dem
unermdlichen Arbeiter geleuchtet. Achtstundentag -- lcherliches Wort! Sei
du ein fleiiger Schriftsteller und Redakteur an der groen Zeitung: Die
junge Grenzenlose und sprich vom Achtstundentag. Habe allmorgendlich ein
halbes Hundert Briefe zu verschlingen, ein paar Dutzend Manuskripte,
Brochuren, Bcher durchzublttern, habe gewohnheitsmig zwei Romane unter
der Feder und sprich vom Achtstundentag. Ein Roman luft in einem
Volksblatt, der andere in einem Salonblatt, und: Fortsetzung folgt, heit's
unerbittlich. Eher drfte die Zeit in ihrem Laufe innehalten, als so ein
Roman in dem seinen.

Trotzdem ist die tgliche Arbeit nicht die arge, weil man an sie nur
denken braucht, so lange man dabei ist. Die argen, die nervenzerrttenden
Arbeiten sind die, die nur wchentlich einmal erscheinen, an die man aber
bestndig denken mu. Da ist der gewisse berblick ber die neueste
Litteratur. Heies Pech und brennenden Schwefel ber den Erfinder dieses
an ber berreichen Titels.

ndern wir ihn, er ist zu lgenhaft, hatte Bertram Vogel dem Chef und den
Kollegen vorgeschlagen. Wenn wir von einem Einblick in den Wust sprchen,
wr's protzig genug von uns. Ordinre Ehrlichkeit sprche von einem Streif-
oder Seitenblick.

Man lachte ihn aus. Der berblick gehrte zum eisernen Bestand der
Grenzenlosen, die Abonnenten waren an ihren berblick gewhnt, hatten ihn
bezahlt und geschluckt und glaubten ihn zu haben.

Einer noch grern Beliebtheit als der berblick erfreute sich das
Sonntagsfeuilleton. Es hatte Bertrams Schriftstellerruf begrndet, ihn
populr gemacht, ihm seinen begeisterten Anhang erweckt und seine
ehrenvollen Feindschaften.

Niemand sagte mehr: Das Feuilleton von Vogelweid, wie niemand sagt: Der
Wein Burgunder. Es hie nur noch: Haben Sie den heutigen Vogelweid
gelesen? Und: Der ist wieder unerreichbar, macht einen witzig fr die
ganze Woche. Und das alles nur so hingeworfen, man sprt ordentlich, wie er
sich selbst dabei unterhalten hat.

ber die Leichtigkeit, mit der Vogel produzirte, hatten sich Legenden
gebildet, die man ihm erzhlte, ihm ins brbeiige Gesicht. Er konnte
wthend werden und widersprechen, so viel er wollte; es half nichts, die
Leute schworen auf ihren Unsinn. Auf den zum Beispiel, da er seine
Feuilletons am Setzkasten diktire, oder da er ihrer zwlf an jedem
Samstage hinkritzle, eines davon ziehen lasse von der Hausmeisterin, die
brigen ins Feuer werfe.

In Wirklichkeit waren die lustigen Feuilletons, die ins Leben
hineingeflattert schienen, lauter Zangengeburten, und Bertram fhlte die
Qualen, unter denen sie entstanden, in demselben Verhltni wachsen, in dem
seine Jugend abnahm. Sie war's, ihr Frohsinn, ihre Lebenslust, was einst in
seinen Arbeiten gesprudelt hatte, er besa kein eigentliches wahres, nur
ein Formtalent. Die Form war auch noch immer anmuthig, geschmeidig,
tadellos rein, aber der Inhalt bot nichts Neues mehr. Die Feinde und Neider
haben es lngst gemerkt, die Leser noch nicht. Werden sie sich noch
fnfundzwanzig Mal, werden sie sich noch ein Jahr lang darber tuschen
lassen, da es dieselbe Voltige ist, die ihnen bei vernderter Dekoration
in einem fort vorgemacht wird?

Noch ein Jahr, nur noch ein Jahr, und mit der widerlichen Tintenkleckserei
ist's vorber. Bertram Vogelweid ist todt, Bertram Vogel auferstanden. Er
lebt in tiefster Zurckgezogenheit auf seinem eigenen Grund und Boden, auf
dem Bauerngtchen, das er erworben und allmhlich schuldenfrei gemacht hat.
Er wird sein Feld bebauen, sein Grtlein pflegen, Bume pflanzen,...
Bume! Was giebt es Schneres in der Welt? Was hat er je geliebt wie Bume,
der im Wald geborene Frsterssohn?

Bume! Bume! Heute noch wird er Bume sehen und freies Feld. Es wirbelt
ihm im Kopf bei dem Gedanken, es schwindelt ihm, er mu sich setzen. Er
sieht wieder berall Gesichter, vertrgt nicht einmal die Freude mehr; sein
Arzt und Freund hat ihm mit gutem Grunde vor kurzem erst gesagt: Jetzt
wird mir der Mensch in seinen alten Tagen noch hysterisch.

Auf dem Schreibtische liegen die Frchte seines wahnsinnigen Fleies. Vier
berblicke, vier Feuilletons, die letzten Fortsetzungen seiner, ja, das hat
er sich zugeschworen, letzten Romane. Des Volksromans mit seinen idealen
Anarchisten, ausbeuterischen Kapitalisten, vom Blut und Schwei des Volkes
lebenden Baronen, Grafen und Frsten, des Salonromans mit seinen
Zweideutigkeiten, seinen Schlpfrigkeiten. Nur allzu treu nach
franzsischen Mustern, und doch berall Champagner in Bier verwandelt.

Ekel und Greuel! Eine pltzliche Wuth erfate ihn ber sich selbst, ber
die Wege, die er ging, und ber alle die Hunderte von Narren, die sich an
ihn herandrngten und seinen Spuren folgen wollten, und denen er davon
abgerathen hatte, im Anfang seiner Karriere recht hflich, in der Folge
derb und derber.

Er besann sich auch der Singvgel mnnlichen und weiblichen Geschlechts,
die ihm scharenweise zugeflogen waren. Erbarmungslos hatte er sie
verscheucht, und wer wei, ob sich unter ihnen nicht vielleicht doch eine
Nachtigall befand.

Da war eine Anna Mimona, deren er nicht ohne eine Art Reue gedenken
konnte. Sie hatte ihm ein Heft Gedichte -- ein kalligraphisches Meisterwerk
-- geschickt, und um sein Urtheil gebeten. Ein empfehlendes Wort von ihm,
schrieb sie, wrde diesen poetischen Versuchen einen Verleger verschaffen
und dadurch einer verarmten Familie die Existenz erleichtern.

Bertram hatte das Buch nicht aufgeschlagen. Was kann man einer Person
zutrauen, die albern genug ist, die Lyrik als Einnahmequelle anzusehen! Als
die Poetin nach langer Zeit wieder schrieb und auf das hflichste um
Bescheid ersuchte, erhielt sie ihn. Er lautete: Kaufen Sie sich eine
Nhmaschine.

Seitdem hatte sie ihn nicht mehr behelligt, und das gefiel ihm; Anna Mimona
war also eine feinfhlige Person und bildete einen gewaltigen Gegensatz zu
den vielen, die sich ihm nahten, girrend wie die Tauben, sobald aber der
Beifall, den sie verlangten, ausblieb, zu bsartigen Krhen wurden und die
Augen des unerbittlichen Kritikers bedrohten.

Das alles aber wre zu verschmerzen, es giebt viel Schlimmeres: die
Anhnger und Freunde, die gelobt werden mssen, weil sie loben, die Gegner,
die getadelt werden mssen, wenn auch der eignen berzeugung zum Trotze. So
lange gelobt und getadelt, bis aus all dem Mssen eine Art Wollen sich
entwickelt und die aufgedrungene Meinung zur eignen wird, weil man um sie
gelitten und Anfeindung erduldet hat. Aus dem fortwhrenden Bekennen
entsteht ein Glauben. Das Vorurtheil ist zur Religion geworden, das Amt hat
den Menschen gefressen.

Bertram stie ein hhnisches Gelchter aus und prete beide Hnde
konvulsivisch an den Kopf.

Eine alte Kuckucksuhr, die in der Nhe der Thr ihr langes Pendel schwang,
erhob jetzt ein lautes Geschnarre. Sie hatte die Absicht, elf zu schlagen,
konnte sie aber nicht ausfhren.

In einer Viertelstunde wird der Wagen da sein, der den Reisenden nach dem
Bahnhof bringen soll. Bertram hat gestern einem Komfortablekutscher auf dem
Stephansplatz das Versprechen abgenommen, sich Punkt ein Viertel auf Zwlf
vor dem Hausthor einzufinden. Wenn er nur kommt, der Mensch. Im Moment, in
dem Vogel ihm das Angeld gegeben und er's eingesteckt hat, sind dem
Besteller die unverllichen Augen des Menschen aufgefallen. Wenn er nur
Wort hlt. Wort halten ist eine groe Tugend, und von einem
Komfortablekutscher eine groe Tugend verlangen die pure Romantik, die
reine Thorheit. Aber man begeht sie, man ist so dumm, man ist ein so
vertrauensseliger Esel!

Bertram sprte einen gallbittern Geschmack im Munde und betrachtete mit
Wehmuth das hbsche Kofferchen, das er sich gestern angeschafft hatte. Es
stand in der Ecke auf zwei Sesseln sauber zusammengeschnallt. Die Schlsser
glnzten wie zwei Augen und schienen zu fragen: Nun -- wird's? Wandern wir?
Die Handtasche (auch neu und fertig gepackt) war auf dessen Rcken etablirt
und noch offen. Sie wartete auf den Schreibtischschlssel, den sie
aufnehmen sollte. Aber der steckte, und die Lade ghnte wie ein Haifisch.
Bertram sprang auf und wollte sie mit einem gewaltigen Ruck zuschieben. Da
entfaltete sie eine teuflische Bosheit und spie ihm, soviel sie von ihrem
Inhalt nur herausbringen konnte, vor die Fe.

Sinnlose Wuth bermannte ihn, er fiel ber die Tckische her und rttelte
an ihr, da sie sthnte und in allen Fugen bebte.

Jetzt wurde an der Thr geklopft und ohne weitere Umstnde eingetreten.
Frau Hundlgruber, die Hausmeisterin, ein Bild grandioser Gelassenheit,
zwang sich zu einem kleinen Schrei beim Anblick des Zimmerherrn, der seinen
Schreibtisch prgelte:

Jessas und Joseph, Herr von Vogel, was sein's denn schon wieder nervios,
was regen's Ihnen denn auf? Kommen's, gehn's weg, lassen's mich her.

Sie schob ihn fort mit einer sanften Macht und Leichtigkeit, wie sie ein
Feldsesselchen fortgeschoben htte, sammelte die auf dem Boden liegenden
Schriften und legte sie mit glttenden Hnden in die Lade, die, empfnglich
fr anstndige Behandlung, den ganzen Reichthum nun gutwillig aufnahm und
sich auch ohne Widerstand absperren lie.

Frau Hundlgruber warf den Schlssel in die Reisetasche und meldete auch,
da es Zeit, und da der Einspnner vorgefahren sei.

Wieder gerieth Bertram auer sich: Zeit ist's; ich versum' den Zug! ich
versum' den Zug! stie er hervor, ri seinen Hut und berzieher vom
Kleiderstock und wollte mit Hinterlassung aller seiner Reiseeffekten
davonlaufen.

Frau Hundlgruber ertheilte ihm eine neue Ermahnung, gab ihm seine Tasche
und seinen Regenschirm in die Hand, nahm selbst das Kofferchen unter den
krftigen Arm und fragte, was mit den Sachen auf dem Schreibtisch zu
geschehen habe.

Bertram rief voll Hast: Alles Rekommandirte auf die Post... Die Rezepisse
verwahren Sie, die bind' ich Ihnen auf die Seele, mit Spagat, Frau
Hundlgruber. Das groe Paket tragen Sie, bitte, auf die Redaktion.

Jessas und Joseph, das is g'wi das End' von Ihrer schnen G'schicht,
sprach Frau Hundlgruber und lchelte seelenvergngt: Sagen Sie mir nur
noch g'schwind, ich knnt' ja heut' nit schlafen vor Neugier: Wird der
Baron wirklich lebendig begraben? Verdienen tht er's, der Schuft der
miserable. Is der Plcher wirklich der Stiftsdam' ihr Sohn, und wird der
brave Anarchist richtig noch Minister bei der Polizei?

Das alles soll die Zukunft Ihnen enthllen, jetzt lassen Sie uns scheiden.
Leben Sie wohl, Meisterin dieses Hauses, sprach Bertram pathetisch, und
wenn hier Feuer ausbrechen sollte, dann retten Sie alles, nur _den_, er
wies mit ausgestrecktem Finger nach dem Schreibtische, den lassen Sie
verbrennen, der ist assekurirt.

Damit rannte er die Treppe hinab, stieg in den, vor dem Hause wartenden
offenen Wagen, das Gepck wurde untergebracht und fort ging's im Gezottel
eines steifen Fliegenschimmels, dem Nordbahnhofe zu.


II.

Eine peinliche Fahrt. Wohl zehnmal tippte Bertram mit der Spitze seines
Regenschirms dem Kutscher auf die Schulter und flehte: Fahren Sie zu,
vorwrts! Er suchte zu imponiren und befahl: Vorwrts. Fahren Sie zu! Es
machte keinen Eindruck. Er knirschte in Verzweiflung: Wir kommen zu spt!
Kutscher! Mensch! Zu spt! Half alles nichts. Der Kutscher, breit wie
sein Bock, antwortete nur mit undefinirbaren Lauten, einer Art Gegrunze,
und sein Fahrgast schalt ihn im Stillen eine Pappendeckelseele, ein
stumpfsinniges Halbthier.

Wagen um Wagen, alle mit Koffern beladen, fuhren ihnen vor, der
Fliegenschimmel schttelte dazu nicht einmal den Kopf. Sein Lenker war
unzugnglich, und er war ohne Ehrgeiz. Bertram rutschte immer weiter vor
auf seinem Sitze und sa zuletzt nur noch auf der Polstereinfassung. Er
meinte sich dadurch leichter zu machen; er htte ums Leben gern mitgezogen
und erreichte nichts anderes, als da ihm zuletzt in seiner Aufregung alles
vor den Augen tanzte, und da er statt des breiten Kutscherrckens ein
abscheuliches braunes Gesicht mit Hngebacken vor sich sah. Voll Entsetzen
wandte er den Blick ab, lehnte sich zurck im Wagen und gab alle Hoffnung
auf, noch zurecht zu kommen. Das begab sich ganz in der Nhe seines Zieles,
und ein paar Minuten spter hatte er den Bahnhof erreicht.

Aber welch ein Gewirr und Getreibe herrschte da!

Der Schnellzug is heut' ungeheuer besetzt, sagte ein riesenhafter
Trger, der an den Wagen Bertrams herantrat und sich des Gepcks
bemchtigte.

Ungeheuer besetzt. O du liebes Schicksal! Just heute, an dem ersten Tag
nach vier Jahren, an dem Bertram reisen kann, mssen Hunderte von Leuten
reisen, die's wahrscheinlich ebenso gut frher htten thun knnen. Er
springt aus dem Wagen und will dem Trger folgen, der die Stufen zur Halle
hinaufsteigt. Da wird der schlfrige Kutscher pltzlich lebendig und
schreit:

Erscht hetzen! und durchgeh'n a no? Halt's 'n auf!

Bertram erschauderte bei dem Gebrll. Der Vorwurf, den ihm der Grobian vom
Bocke zuschleuderte, traf ihn wie der Blitz vom Himmel. Er hatte vergessen,
seine Fahrt, wie es sich gehrt, im Voraus zu bezahlen, stand als Betrger
da, die Blicke der Menschen, die sich nach ihm umsahen, sprachen es aus. Er
bemerkte auch, da ein Wachmann ihn fixirte. In zitternder Eile, mit vor
Klte steifen Fingern (am 25.Juli um die Mittagsstunde, bei 28 Graden ber
Null) entnahm er seinem Portemonnaie eine Banknote und reichte sie dem
Grobian, der augenblicklich den Hut zog und kriechend und demthig bat:
Schaffen Euer Gnaden ein andres Mal wieder.

Bertram eilte dem Trger nach, der schon auf ihn wartete, kurzweg fragte:
Wohin? und ebenso kurzweg hinzufgte, nachdem er die Antwort: Hullein
erhalten hatte: Nehmen's Ihr Billet.

Ja, nehmen! Das ist leicht gesagt. Bei dem Fenster, durch das die Banknoten
hinein- und die Fahrbillete herausgeschoben werden, gab es ein Gedrnge,
als ob dort Brot vertheilt wrde unter Hungernde. Bertram stand als der
letzte zwischen den eisernen Schlangen, die zum Schalter fhren, und
zappelte vor Ungeduld und qulte sich mit grlichen Zweifeln: Wohin ist
der Kyklope gerannt, was hat er mit meiner Bagage angefangen? Was hat sein
mysterises Verschwinden zu bedeuten? Der Kyklope ist am Ende gar kein
Trger, sondern ein als Trger verkleideter Strolch, der jetzt das Weite
sucht mit meinem Hab und Gut.

Bertram spht ihm vergeblich mit verstrten Blicken nach, mchte nach Hlfe
schreien und wagt es doch nicht recht, trotz der berzeugung, da er
bestohlen ist, beraubt! O die Menschen! die Menschen! Was fr ein
ausbndiges Gesindel! Fluch ber sie und ihre hllische Erfindung, die
Eisenbahn, die allen Lastern eine nie dagewesene Flle von Gelegenheiten
bietet, sich auszubreiten, zu wuchern, hereinzustieben, triumphirend mit
Dampf in die frher -- verhltnimig wenigstens -- unschuldige Welt.
Bertram seufzte, schnaubte, stampfte und hatte zur Verstrkung seiner Pein
ein dumpfes Gefhl, da er lcherlich sei und sich so ausnehme.

Unweit von ihm, neben einer Sule in der Halle, stand eine junge, groe,
schlanke Frau in hellgrauem Reiseanzug, mit einem allerliebsten Mtzchen
ohne Schirm auf dem Kopfe. Sie blieb ganz gelassen mitten in dem
frchterlichen Trubel, der sie umgab, hatte ihre Reisetasche (wo ist die
meine, dachte Bertram schmerzlich) auf den Boden gestellt und schien in
vollkommener Gemthsruhe auf jemanden zu warten. Dabei beobachtete sie den
armen, zwischen den Eisenbarriren zuckenden Vogel, diskret, mit hchster
Wohlerzogenheit, aber offenbar belustigt. Ihre blauen, ehrlichen und
unbeschreiblich sympathischen Augen sprachen: Du machst mir Spa.

Der vorletzte Passagier war abgefertigt, Bertram trat an seine Stelle und
quetschte mhsam das Wort Hullein hervor, whrend drauen -- es fuhr ihm
in die Kniee, da sie zusammenknickten -- das erste Luten erscholl. Der
Beamte hinter dem Schalter streifte ihn mit einem flchtigen Blicke, hielt
ihn fr einen anderen, schob ihm ein Billet erster Klasse hin und sagte
whrend des Herausgebens auf zwei Zehnernoten:

Eile, Herr Baron, hchste Zeit.

Trger! Wo ist der Trger? rief Bertram und verga vllig, da der ein
Schuft, ein Strolch war und die Bagage entwendet hatte.

Was fr a Nummer? fragten ein paar Blousenmnner.

Wei ich's? Und noch einmal rief er, aber schon vllig hoffnungslos:
Trger!

Siehe, da kam der Strolch aus dem Magazin herausgelaufen und hatte ein
vertraueneinflendes Gesicht und sprach: Da drin hat einer an Koffer
falsch aufgegeben.

Den meinen, sthnte Bertram.

Na, na, den Ihren nit. Jetzt aber machen's g'schwind. Wo is Ihr Billet?
Er bemerkte die Aufregung des Reisenden und lchelte -- die Nervsen sind
die eintrglichsten -- nahm ihn unter seinen vterlichen Schutz, fhrte ihn
zur Wage und wieder an einen Schalter -- was das fr unnthige
Frmlichkeiten sind! und wieder hie es bezahlen, und Bertram glaubte zu
bemerken, da ihm ein Fnfer fehle. Jetzt aber war nicht Zeit, nachzusehen,
das zweite Luten ertnte, und Bertram verlor vllig den Kopf. Er ri
seinen Regenschirm dem Trger aus der Hand, rannte durch die Halle ber die
Treppe, durch den Wartesaal an dem verblfften Portier vorbei auf den
Perron.

Dort wieder ein schreckliches Gedrnge und grausame Rcksichtslosigkeit
gegen den Nchsten. Mit den Ellbogen, den Knieen, den Fen wird gerungen,
gestoen, gepufft. Die Mnner denken nur an sich, die Frauen nur an ihre
Brut, nie wird Bertram einen Platz erobern; auf den Faustkampf ist er nicht
eingerichtet. Er bleibt stehen, sieht den Anderen nach und hat einen neuen
verzweifelten Anfall von Menschenverachtung.

Sie! Herr! schreit ihm pltzlich jemand in die Ohren. Er wendet sich um,
und vor ihm steht sein Trger, der gute Kyklop. Er hat sich Bahn gebrochen
bis zu ihm und bringt ihm den Gepckschein, die Handtasche und das
Portemonnaie:

Das alles haben's bei der Wag liegen lassen, spricht er, grt
militrisch und will enteilen. Aber Bertram ruft ihn zurck, sein Herz
quillt ber vor Beschmung und Rhrung. Wie unrecht hat er einem Ehrenmann
gethan! Er sucht nach in seiner Geldtasche, ein Fnfer ist noch drin, mu
noch drin sein, den Fnfer hat er nicht ausgegeben, aber er findet oder
sieht ihn jetzt nicht, knllt krampfhaft alles Papierene, das ihm zwischen
die Finger kommt, zusammen und schenkt es dem Ehrenmann. Dann rennt er
weiter, die Ufer der tobenden Menschenfluth entlang. Hinein wirft er sich
nicht, das nicht, o pfui! ihm graut.

Mit Verzweiflung fand er sich pltzlich fast allein auf dem Perron. Der
ungeheure Zug hatte alles geschluckt. Aus den Fenstern, unter denen Bertram
herumirrte, zu denen er hlfeflehend emporsah, blickten bse Gesichter,
drohende Augen auf ihn nieder. Alles besetzt! riefen grausame Stimmen.
Einzelne, noch offen stehende Thren wurden von innen heftig zugeschlagen.

Einsteigen! donnerte ein Schaffner dem armen Ausgeschlossenen zu, und der
sthnte:

Wo?

Welche Klasse?

Erste.

Was kriechen's also da herum? Also zurck, ganz hinten! braust der
Schaffner auf, selbst schon im Begriff, seinen luftigen Sitz zu erklettern,
und der schreckliche Mensch an der Glocke hebt den Schwengel zum dritten
Luten.

Da ffnet sich der Schlag des letzten Waggons, ein junger Mann steckt den
Kopf heraus und winkt dem athemlos heranstrmenden Bertram: Da her, da ist
noch Platz!

Wenige Sekunden spter setzte Bertram den Fu auf das erste Trittbrett,
sein Retter streckte ihm die Hand entgegen, er ergriff sie und lie seinen
Regenschirm fallen und sah sich nicht einmal nach ihm um, erklomm das
zweite Trittbrett und stand im Wagen keuchend, verstrt. Im selben
Augenblick wurde die Glocke gelutet -- ein durchdringender Pfiff -- ein
Ruck, Bertram taumelte und sa, aber so schlecht, da er gleich wieder
aufsprang.

Der junge Mann hatte einen Schrei ausgestoen: Donnerwetter, was thun Sie
denn? Aber um Gotteswillen, Sie setzen sich ja auf meine Tauben!


III.

Auf dem Ecksitze des Halbcoups, in das Bertram hereingestrzt war, stand
ein Vogelbauer, und in dem befanden sich zwei prchtige Ringeltauben, die
ganz erschrocken ber die pltzliche Verfinsterung ihres Lokals, Tne des
Entsetzens ausstieen und mit den Flgeln schlugen. Ihr Eigenthmer bemhte
sich, die in eine Plattform verwandelte Kuppel ihres Bauers aus Draht
wieder zurecht zu biegen, und Bertram konnte kein Ende finden mit
Entschuldigungen:

Es ist hoffentlich nichts geschehen? fragte er besorgt.

Den Tauben nichts. Aber so lach' doch nicht, wandte der junge Mann sich
an seine Begleiterin, die in der anderen Ecke sa, und in der Bertram die
anmuthige Frau erkannte, deren wenig schmeichelhafte Aufmerksamkeit er
schon auf dem Bahnhofe erregt hatte. Trotz der redlichsten Mhe vermochte
sie das helle, herzerquickende Lachen, in das sie ausgebrochen war, nicht
zu unterdrcken. Sie entschuldigte sich:

Verzeihen Sie, es ist aber zu spaig gewesen, der Schreck meines Mannes
und dann der Ihre.

O, gndige Frau, was mich betrifft, lachen Sie weiter, es klingt so
schn, erwiderte Bertram.

Da wurde sie sogleich ernst und lud ihn ein, sich zu setzen. Er wollte
seinen Platz durchaus mit dem Vogelbauer theilen, durfte aber nicht, mute
sich allein in die Ecke placiren. Der Ehemann, der auffallend schne,
braune Augen hatte und kurzgeschorene, schwarze Haare, stellte die Tauben
auf den Mittelsitz, den auch er einnahm und sagte:

Sie mssen sich's bequem machen, Sie sind unser Gast. Wir haben das ganze
Coup genommen wegen der dummen Viecher und weil die Leute so kurios sind.
Wenn einer mit einem Bettsack von hundert Kilo, sechs Kopfpolstern und
drei Decken einrckt, sagt niemand was, bringt man aber einen Kolibri in
den Waggon, schreien sie gleich: In den Ochsenwagen damit!

Ein erbitterter Ausdruck tiefster Menschenverachtung lagerte wieder auf
Bertrams Zgen: Dummes, eingebildetes Volk! brummte er. Als ob man nicht
hunderttausendmal besser aufgehoben wre in der Nhe einer Taube als in der
eines Tabakrauchers!

Bei diesen Worten wechselte das Ehepaar einen Blick, dessen Bedeutung er
sich nicht erklren konnte. Das setzte ihn in Verlegenheit; um sie zu
verbergen und sich mglichst angenehm zu machen, begann er, die Tauben zu
bewundern; ihre Gre, ihre sanfte Cedernholzfarbe, ihre Ringkragen  la
Philippine Welser.

Ja, ja, sind schn, wenn sie mir nur nicht davonfliegen, sprach der junge
Mann und betrachtete sie mit halb stolzen, halb bekmmerten
Eigenthmerblicken, ich habe sie in Wien gekauft fr meine Zucht.

Sie zchten Tauben? fragte Bertram voll Begeisterung. Ich werde auch
Tauben zchten, ja, ja, das ist meine Absicht, ich habe sie eben gefat.
Ich werde alles thun, was man auf dem Lande thun kann. Er war wie
berauscht. Die krftige Luft, der Sonnenschein, der Anblick der Felder in
ihrer goldigen Pracht, rissen ihn hin. Unbeirrt durch das Erstaunen, das er
mit seiner Beredtsamkeit erregte, fuhr er fort: Ich werde hinter dem
Pfluge gehen und singen mit Alexei Koltzow: Vorwrts Gulchen, vorwrts,
zieh die Ackerfurche. O weh! unterbrach er sich, ich citire wieder --
Werkstattgewohnheit; ich bin wie der Kammerdiener im Proverbe Leclerqs, ich
kann in der Freiheit die schnen Tage der Sklaverei nicht vergessen. Er
klopfte mit dem Knchel des Zeigefingers an seine Stirn: Nichts als Bcher
da drin, todte Buchstaben. Ich bin nmlich -- Gott sei's geklagt, Litterat.
Aber nicht lange mehr, bald schon -- unnennbare Wonne -- Bauer.

Der Mann und die Frau wechselten wieder einen Blick, den Bertram dieses Mal
verstand. Sie hatten sich zurckgelehnt, er beugte sich weit vor, um ihnen
in die Augen sehen zu knnen. Es war ihm so wohlthuend. Diese Menschen
schienen so ganz im reinen mit sich selbst, so friedlich, so ausgeglichen.

Gndige Frau, sagte Bertram, und Sie, mein edler Retter, Sie halten mich
fr geistesgestrt, ich bin es nicht, ich bin nur entsetzlich nervs. Das
wird man in meinem sogenannten Berufe, der nicht der meine ist. Ich bin ein
Frsterssohn und durch Natur, Geburt, Neigung zum Forstwesen bestimmt.

Das Ehepaar antwortete mit So? -- Ja? hflich, aber erschreckend khl,
er fhlte, da er sich unangenehm machte, da man sein Geschwtz
zudringlich fand, und doch war's, als ob ihm ein Teufelchen auf der Zunge
se, das auf ihr herumhpfte wie auf einem Trampolin und ihn zwang, all
die berflssigkeiten vorzubringen.

Die junge Frau benutzte die erste Pause, die er machte, um ihn zu fragen:
Ist es Ihnen sehr unangenehm, wenn ich rauche?

Er verneigte sich: O gndige Frau, wenn _Sie_ rauchen, ist es mir eine
Ehre und ein Glck!

Sie lchelte, jetzt fand sie ihn offenbar wieder komisch, griff in ihren
Reisesack und entnahm ihm eine Cigarrentasche, ein Feuerzeug und die
gestrige Grenzenlose, die mit dem Sonntagsfeuilleton.

Jetzt will ich meinen Vogelweid erst genieen, sagte sie zu ihrem Mann,
in der Stadt kommt man zu nichts. Ich hab' gestern in die Zeitung grad nur
hineingeguckt. Sie brannte einen ziemlich groen Glimmstengel an, drckte
sich behaglich in ihre Ecke und rauchte und las und verga in ihrer
genureichen Versunkenheit alles um sich her -- nur nicht ihren Mann. Der
hatte sich tief hinuntergleiten lassen auf seinem Sitze, einen Fu an die
Wand des Waggons gestemmt, den anderen berschlagen und sah unverwandt zu
ihr hinauf.

Er ist heut' besonders gut, nicht wahr? fragte er, wenn sie sich so recht
zu unterhalten schien. Sie antwortete mit stummem Kopfnicken, und er suchte
ihr Interesse noch zu erhhen.

Wart nur, lies nur, es wird immer besser.

Excellent! rief sie pltzlich aus, nein, der Vogelweid -- wie ich den
liebe!

Bertram hielt sich nicht lnger: Sie haben Unrecht, gndige Frau, das
ist, ich bitte um Verzeihung, eine Geschmacksverirrung.

Sie wurde roth, ihr Mann fuhr auf: Erlauben Sie mir--

In keinem anderen Punkte htte ich Ihnen etwas zu erlauben oder zu
verbieten, Ihnen, meine gndige Frau, oder Ihnen, mein edler Retter,
versetzte Vogel. Aber in dem einen Punkte habe ich das Recht einer Meinung
und die Pflicht sie auszusprechen. Sie drfen mir glauben, da dieses
Feuilleton, das Ihnen besonders gut vorkommt, besonders schlecht ist, und
da Sie ber etwas mhsam Zusammengequltes lachen. Lauter alte Witze und
Spe, denen man aber ihr Alter nicht anmerken soll, immer das alte Ragout,
nur mit neuem bergu.

Erstens, erwiderte die junge Dame, haben Ragouts keine bergsse,
sondern Saucen, und wenn mir die Sauce schmeckt.--

Unglcklicherweise. Sie _sollten_ sich das Gebru nicht schmecken lassen
und wrden auch nicht, wenn Sie wten, aus welchen Ingredienzen es besteht
und mit wie niedertrchtiger Knstlichkeit es eingerhrt ist.
Knstlichkeit -- Karrikatur der Kunst! und natrlich auch Routine. Die Zwei
bringen das Trnklein fertig, das dann den Leuten so leicht eingeht,
wirklich wie nichts. Sie brauchen nur den Mund aufthun, es luft von selbst
hinein, das charakterlose, fr jeden Gaumen berechnete Zeug!

Das Ehepaar hatte dem aufgeregten Reisegefhrten schweigend zugehrt: Sie
sind vom Fach, man sieht's, sprach der Mann, und die Frau erklrte:

Nein, nein! ich lasse mir die Freud' an meinem Vogelweid nicht verderben.
Sie sagen immer wegwerfend: das Zeug. Wie viele wrden ihrem Gott danken,
wenn sie solches 'Zeug' schreiben knnten.

Das gewi. Es trgt ja viel mehr Geld ein, als das Herstellen guter,
gediegener Kost. Und -- Geld! 'Am Gelde hngt, nach Gelde drngt' &c. ist
heute noch wahr, und bleibt es vielleicht noch ein Weilchen, bis uns die
Sozialisten von dem elenden Tauschmittel befreien. Seien Sie ganz
aufrichtig mit mir, gndige Frau, begann er nach einer kleinen Weile von
Neuem. Oder seien Sie es auch nicht -- mit Worten, ich wei doch was Sie
denken, ich _sehe_ Sie denken. Der Neid spricht aus dir, denken Sie, Sie
irren. Der litterarische Bajazzo, den Sie in Schutz nehmen, und den ich
angreife, der alte, verbitterte, mde Vogelweid flt mir nicht den
geringsten Neid ein, dazu kenne ich ihn zu gut, bin zu genau eingeweiht in
die Geheimnisse seiner armseligen Journalistenexistenz. Ich bin ja selbst
dieser Vogelweid. Habe die Ehre, mich noch einmal vorzustellen: Bertram
Vogel, genannt Vogelweid.

Es entstand eine kleine Verlegenheitspause.

Sie glauben mir nicht? fragte Bertram.

Doch! ja, sie glaubten ihm. Sie besannen sich jetzt, Portrts von ihm in
illustrirten Blttern gesehen zu haben. Nicht sehr hnlich, allerdings. Das
entschuldigte, so hofften sie wenigstens. Der Retter nannte sich:

Gerhart Neuhaus.

Graf Neuhaus, rief Bertram und lftete freudig den Hut, ein Nachbar
meines Gnners und Jugendfreundes, Hugo von Weienberg? Es ist mir eine
ganz besondere Ehre.

Uns auch, sagten der Graf und die Grfin, und man schttelte einander die
Hnde. Wir haben nicht nur viel von Ihnen gelesen, wir haben auch viel von
Ihnen gehrt, setzte die junge Frau hinzu. Sie sind doch auf dem Wege
nach Obositz, bringen Ihre Ferien bei Weienbergs zu, nicht wahr? Man kann
Ihre Ankunft kaum mehr erwarten, wird Sie ganz anschlieend in Beschlag
nehmen. 'Vogelweid will Niemanden sehen, er ist ein bichen menschenscheu,'
reden Sie uns immer zu Gehr. Nun, da Sie nervs sind, gebe ich zu, aber
menschenscheu? davon haben wir nichts bemerkt.

Sie freilich nicht, meine Herrschaften, ich habe mich Ihnen an den Kopf
geworfen und krame mein Innerstes vor Ihnen aus mit barbarenmiger
Aufdringlichkeit. Stimmung! alles Stimmung! Ich bin ein Sklave meiner
Stimmung! Das ist die Folge des unglckseligen Sichberarbeitens. Arbeit
ist der beste Inhalt unseres Lebens, Weisheit, Tugend, Gesundheit, Glck!
Sich _ber_arbeiten ist Fluch, ist der Tod aller unserer Fhigkeiten, nicht
der geistigen allein, auch der moralischen. Man taugt nichts mehr, man
verliert allen Halt... Sehen Sie mich; ich perorire da unaufhaltsam und
wei, in einer halben Stunde, in fnf Minuten vielleicht, werde ich stumm
sein wie ein Stock, nicht eine Silbe herausbringen und nicht mehr wissen,
ob man sagt: Schne Frau, ich habe die Ehre oder: Schne Ehre, -- ich hab'
eine Frau.

Die Grfin lachte: Da sind Sie ja sehr zu bedauern.

In einem Jahre werde ich sehr zu beneiden sein, wenn ich mein Glck
erlebe, wenn ich nicht frher berschnappe, es kommen mir manchmal so elend
feige Gedanken.

Sie werden noch eine Menge Gutes erleben, sagte der Graf. Der kleine
Besitz, den Weienberg fr Sie gekauft hat, ist sehr hbsch. Aber ich darf
nichts verrathen, das sollen ja lauter berraschungen werden.

Die Augen Bertrams leuchteten, doch sprach er ngstlich: Ich will mir
nicht zu groe Erwartungen machen. Alles hat zwei Seiten, auch mein Besitz
wird sie haben. Vorlufig rechne ich mit Zuversicht nur auf _ein_
ungetrbtes Glck. Auf das Glck, vier volle, gesegnete Wochen in einer
unlitterarischen Umgebung zu verleben. Sie _knnen_ nicht ermessen, was das
bedeutet fr einen Tintenmenschen wider Willen. Vier Wochen, in denen er
kein Buch in die Hand nehmen braucht, in denen ihm kein Manuskript unter
die Augen kommt, Niemand ein Autograph von ihm verlangt, vier Wochen
himmlischer Seligkeit! Weienberg war mein Schulkamerad, er ist mir der
treuste Freund, meine Vorsehung ist er. O, wie freudig bin ich ihm zu
ewigem Dank verpflichtet; in keines Menschen Schuld stnde ich mit solcher
Wonne, wie ich in der seinen stehe, und ich bin doch lieblos genug, mich
weder auf ihn noch auf die Seinen so zu freuen, wie ich mich auf die
absolut litteraturfreie Atmosphre seines Hauses freue.

Der Graf rusperte sich, die Grfin sah befremdet aus. Wann waren Sie zum
letztenmal in Obositz? fragte sie.

Vor vier Jahren.

Stehen Sie nicht in Korrespondenz mit Ihrem Freunde?

Alle Jahr zweimal schicke ich ihm Geld, und er schickt mir eine
Empfangsbesttigung. Ein litterarischer Taglhner wie ich, schreibt nicht
Briefe zu seinem Vergngen, und Freund Weienberg schreibt berhaupt nicht.
Bei meinem letzten Besuche wollte er einen berschlag machen, dazu muten
wir in die Kanzlei gehen, weil die Tinte im Schreibzeug des famosen,
mnnlich thtigen Mannes eingetrocknet war. Und seine liebenswrdige
Gattin, die keinen Anspruch auf klassische Bildung macht, und ihre
schngeistigen Bedrfnisse mit ein paar Familienblttern bestreitet... Bei
ihrer letzten Anwesenheit in Wien waren wir im Burgtheater und sahen
Egmont. Am Schlusse sagte sie: 'Der Egmont ist doch das schwchste Stck
von Laube.' Eine verehrungswrdige Frau!

Die Thr des Coups wurde geffnet, der Schaffner trat ein und bat um die
Fahrkarten. Bertram zog sein Portemonnaie heraus, suchte, fand nichts,
wurde kreidewei, griff in die Brusttasche, und fand auch da nichts.

Wie kommt dieser Herr herein, der Herr Graf haben doch das ganze Coup
genommen? sprach der Schaffner.

Und ich habe eine Karte genommen und bezahlt, schrie Bertram. Er war
aufgesprungen und griff verzweiflungsvoll in alle seine Taschen. Und dann
-- was hab' ich dann gethan? Ihm ward pltzlich alles klar und die
Schamrthe stieg ihm ins Gesicht: Dann habe ich einem Komfortabler fnf
Gulden gegeben, und der Mensch hatte es nicht verdient, denn er war sehr
grob; und ich habe einem Trger, einem ausgezeichneten Manne, statt des
Trinkgeldes, das ich ihm zudachte, meine Fahrkarte und meinen Gepckschein
in die Hand gedrckt. Nein, brach er aus, da ich reise ohne ein paar
Kinderfrauen mitzunehmen, eine zur Rechten und eine zur Linken, da ich
berhaupt reise -- ein Mensch, wie ich!


IV.

Auch der Graf war aufgestanden, er drckte Bertram auf seinen Sitz zurck
und redete ihm zu, sich zu beruhigen. Sie sind mein Gast im Coup, Sie
fahren mit der Taubenkarte, und Ihren Koffer mssen wir halt schauen ohne
Gepckschein herauszukriegen. Nach Hullein ist er aufgegeben, da steigen
wir ohnehin zusammen aus.

Er besprach sich halblaut mit dem Kondukteur, Bertram verstand nur einzelne
Worte, es sauste ihm so furchtbar in den Ohren. Aber jetzt erhob sich die
Stimme der jungen Frau, die auf eine nur geflsterte Bemerkung des
Schaffners laut erwiderte:

Es war der groe Michel, und der Koffer war neu und aus gelbem Leder, ich
habe ihn gesehen und erkenne ihn gleich wieder.

Dann schienen der Graf und der Schaffner einen Hndedruck zu tauschen, und
der Schaffner wurde ein Lauzun an Hflichkeit, gab die trstlichsten
Versicherungen und entfernte sich, alle, auch Bertram grend.

Der lebte auf, aber noch recht drftig, war ganz Weichheit und Wehmuth und
so voll Dankbarkeit gegen seine Wohlthter wie ein glcklich Operirter
gegen seine rzte.

Nach Journalistenbrauch dachte er im allgemeinen ziemlich gering von den
Aristokraten, und staunte, da gerade zwei Angehrige dieser Menschenklasse
sich frei von der rohen und egoistischen Rcksichtslosigkeit zeigten, die
fast jeden ergreift, sobald er einen Bahnhof betritt: Ja, ja, sagte er
pltzlich laut, willst du deinen Nchsten kennen lernen? Sieh dir ihn an
im Gedrnge und im Eisenbahnwaggon!

Vogel wurde allmhlich wieder beredtsam, seine Reisegefhrten verstanden
gar diskret und mit achtungsvoller Theilnahme zuzuhren, und so hatte er,
er wute selbst nicht, wie's geschah, den fremden Leuten, bevor man
Lundenburg noch erreichte, wo die groe Kofferagnoscirung ins Werk gesetzt
werden sollte -- seine Lebensgeschichte erzhlt.

Er war der Sohn eines seltsamen Ehepaares, nicht seltsam als einzelne fr
sich, seltsam als Paar, als glckliches, liebendes Paar. Der Vater, Sohn
und Enkel von Forstleuten, ein Jger durch und durch -- alle Jger sind
gute Menschen, sagt Turgeniew -- von klassischer Bildung nicht angeleckt.
Aber auch kein Feind von Bchern, keineswegs; er las sie nur nicht. Wo
htte er die Zeit hergenommen Allotria zu treiben, er ein Oberfrster,
verantwortlich fr das Thun und Lassen eines groen Personals und fr jedes
Stck Wild und fr jeden Baum in einem Komplex von zweitausend Joch Wald!
Er hatte immer zu thun, zu thun, was er gern that, hchste irdische
Seligkeit! So mhe- und oft gefahrvoll sein Tagewerk gewesen sein mochte,
er kam am Abend zufrieden heim, kte seine Frau und seinen Jungen, hing
sein Jagdzeug an den Rechen, versorgte seine Hunde und setzte sich zu Tisch
mit gehrigem Waidmannshunger und -durst. Wenn die gestillt waren, zndete
er seine Pfeife an, und nun kam das Plauderstndchen. Meistens sprach der
Vater allein, und sein Junge hrte ihm mit begeisterter Aufmerksamkeit zu,
weil sich's um Kulturen handelte, um den Holzschlag, um Hunde, um Wild und
Wilddiebe. Und auch die Frau hrte ihn immer gern erzhlen, nicht weil ihr
Interesse an den Dingen, von denen er sprach, gro war, sondern weil sie
ihn liebte, ihren braven alten Mann. Innigst liebte, trotz der groen
Verschiedenheit ihres Alters und ihres geistigen Horizonts. Sie war die
Tochter eines Professors an der Wiener Universitt, und die Umstnde, unter
denen das hochgebildete schne Gelehrtenkind den einfachen Jgersmann vom
Lande kennen lernte und sich in ihn verliebte, wrden den Stoff zu einem
wunderlieblichen Novellchen bieten. Nur schade, das Publikum, dem dieses
Novellchen gefallen wrde, liegt mit unseren Gromttern begraben.

Kennen Sie, fragte Bertram, das liebenswrdige Buch: Als der Grovater
die Gromutter nahm? Da hinein wrde das Novellchen gehren. Immer begiebt
sich dasselbe, das Thun der Menschen bleibt sich bestndig gleich, aber was
die anderen von diesem Thun wissen wollen, darber entscheidet die Mode.
Alle groen Strmungen in der Weltgeschichte, alle Richtungen in der
Wissenschaft, in der Kunst -- Sache der Mode, nichts weiter.

Das Ehepaar wollte Einspruch gegen diese Behauptung erheben, Bertram
schnitt jede Kontroverse mit dem Ausruf ab:

Ich habe eine glckliche Kindheit gehabt! Die beste Lehrerin, die ich
htte finden knnen, war auch die einzige, von der ich Unterricht erhielt:
meine Mutter. Nun aber das Unglck: ich hatte ein merkwrdig gutes
Gedchtni; es machte mir das Studiren zu leicht und deshalb bis zu einem
gewissen Grade unfruchtbar. Das Wissen 'flog mir am Kopfe vorbei,' um
einmal wieder zu citiren und zwar Lichtenberg. Nur Freude war fr mich, was
man Arbeit nannte, und Hochgenu die Erholung -- das Wandern durch den Wald
mit meinem Vater. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich jeden Baum, jeden
Strauch, jede Blume kannte, 'von Namen und von Angesicht,' und den Gesang
jedes unserer Waldvgel nachmachen konnte, da man ihn selbst zu hren
glaubte. Ja, die Kindheit war schn. Und das alles auf einmal wie
abgeschnitten. Mein Vater wurde eines Tages nach Hause gebracht -- todt.
Bauern, die an der Waldgrenze jagten, hatten ihn erschossen. Absicht?
Zufall? es ist nie herausgekommen. Von den Geschworenen sind die Thter
freigesprochen worden. Das begab sich kurz bevor das groe, wie man einst
sagte: herrschaftliche Gut, auf dem mein Vater und seine Vorfahren durch
Generationen das Oberfrsteramt versahen, unter den Hammer kam. Ein junges,
nichtsnutziges Frchtlein von einem Majoratsherrn hatte das vterliche
Erbe, wenige Jahre, nachdem er es antrat, verspielt, verlumpt.

Meine Mutter wurde abgefertigt mit einer kleinen Summe, die ich aber fr
einen unerschpflichen Reichtum hielt. Wir zogen fort aus dem Haus im
Walde, nach einem Provinzstdtchen, wo ein Bruder meiner Mutter an der
Spitze des Gymnasiums und einer zahlreichen Familie stand. Lauter Buben,
und alle studirten, und nun war's selbstverstndlich, da auch ich
studirte. Ich that's ungern, wei Gott, aber nicht schlecht, dank meinem
lcherlichen Gedchtni. Als Vorzugsschler zog ich durch die Klassen. Von
Zeit zu Zeit bumte es sich in mir auf: 'Mutter, ich will nicht Philologe
werden und Bibliothekenstaub schlucken. Ich will ein Frster werden und
leben im thauigen Wald, Bume pflanzen, Wild hegen.' -- 'Alles schn,'
sagte sie, 'aber klassische Bildung ist doch das Hchste. Lerne wenigstens
den Schatz kennen, den die Menschheit an den Klassikern besitzt, lerne ihre
erhebende, veredelnde Macht empfinden.'

Sie selbst war eine tchtige Lateinerin, und wenn wir an Winterabenden
beisammen saen, las sie mir vor aus ihren geliebtesten Autoren, und dabei
bebte leises Entzcken in ihrem Tone, und ihr feines weies Gesicht
verklrte sich. Ich wieder deklamirte deutsche Gedichte, ich war zu
fnfzehn Jahren eine wandelnde Anthologie. Mein kleinwinziges,
musikalisches Talent half das Unheil vollenden. Aus den vielen Versen und
dem bichen Musik entstand ein Summen, das herauskommen mute und herauskam
in einer Form, die blinde Mutterliebe und meine unerfahrene Jugend fr
Poesie hielten. Es regnete nicht, es schttete Gedichte. Die Pseudomuse
kargte nicht. Sie spendete ihr Reimgeklingel bei jedem Anla, bei
Geburtstagen der Professoren, beim Schlu des Studienjahres, bei
Fahnenweihen &c. Viele dieser Dithyramben erschienen im Wochenblatt, und
wenn meine Mutter mich gedruckt sehen konnte, war sie glcklich.

In vorgerckten Jahren begann sie auf einmal gesellig zu werden. Sie ging
regelmig bei jedem Wetter und an jedem Wochentage zu Bekannten, wie sie
sagte, und kam manchmal je nach der Jahreszeit, erhitzt, regentriefend oder
durchfroren heim. Und zu meiner Betrbni zog sie immer dieselben Kleider
an, und die wurden nur noch mit viel Kunst und Mhe in leidlichem Stand
erhalten. Ich sah meine Mutter aber auch elegante Toilettenstcke
anfertigen, die sie niemals trug. Sie liebte es nicht, bei solchen Arbeiten
von mir berrascht zu werden, verbarg sie gleich im Schranke, wenn ich
eintrat. Trotzdem kam es mir einmal vor, als feiere ich ein Wiedersehen
beim Anblick einer Sammetmantille auf dem Rcken der Brgermeisterin.

'Mutter', sagt' ich, 'die Brgermeisterin hat deine Sammetmantille.'
'Wieso? ich werde doch keine Sammetmantille haben.' 'Aber gemacht hast du
sie, ja, ja, ganz gewi, und verschenkt, oder -- Mutter!' Ihre Verlegenheit
erweckte einen beschmenden Verdacht in mir, und er hatte ein Gefolge von
peinlichen Gedanken.

Meine Mutter verheimlichte mir allerlei. Es kamen manchmal Briefe mit
kleinen Geldbetrgen von rthselhafter Provenienz ins Haus. Meine Mutter
arbeitete doch nicht um Geld? Wir waren ja wohlhabend. Und wenn der
Hausherr neulich den berhflichen Bckling, den meine Mutter ihm machte,
nur mit einem Kopfnicken erwidert hatte, so hie das eben: Ich bin ein
Flegel, und nicht: Sie sind im Rckstand mit dem Miethzins. Von Geldnoth
konnte bei uns keine Rede sein. In der Schule galt ich fr reich. Hatte ich
nicht alles, was ich brauchte, waren meine Kleider nicht immer in bestem
Stand? Fand ich nicht immer beim Heimkehren einen fr mich gut besetzten
Tisch? Alle diese Fragen konnte ich bejahen und wurde doch den Zweifel
nicht los, der mich berkommen hatte und sprach: 'Wenn die Renten nicht
ausreichen, um den Miethzins zu bezahlen, so nimm doch einmal vom Kapital.'
Sie erwiderte mhsam und mit leiser Stimme: 'Unser Kapital hat einst aus
dreitausend Gulden bestanden. Die Renten reichten nicht aus, um uns leben
zu machen, ich habe Jahr fr Jahr das Kapital angreifen mssen. Da hat es
sich denn sehr verringert, das heit, nein,' sprach sie und ffnete mir die
Arme und zog meinen Kopf an ihre Brust, 'es hat sich verwandelt, aus sehr
Schtzbarem in Unschtzbares. Unser Kapital, das bist jetzt du, das ist
deine krftige Gesundheit, deine rothen Wangen sind's, deine guten Augen.'

Ich war sehr enttuscht und sagte: 'Auerdem haben wir aber doch noch
etwas?' Sie lchelte: 'Etwas weniges -- mich und meine Arbeitskraft.'

Einige Tage danach erkrankte sie schwer und verlor das Bewutsein. Und
whrend sie dalag in Fiebertrumen mit geschlossenen Augen, gingen mir die
Augen auf. Der Arzt hatte Eisumschlge verordnet, ich mute die Tcher dazu
aus ihrem Schranke, einem Hng- und Legeschrank, nehmen, den sie -- gar oft
hatte ich sie damit geneckt! -- immer vor mir versperrt hielt. Wie ein Dieb
kam ich mir vor, als ich den Schlssel aus der Lade ihres Tisches nahm und
den Schrank ffnete.

Auf den ersten Blick errieth ich das Geheimni, das sie darin vor mir
verbarg, das Geheimni ihrer tiefen Armuth. Da hingen ein paar Gewnder,
der Rest ihrer einst wohlbestellten Garderobe, und gewannen eine Sprache,
in der sie sagten: Sieh uns an, wir sind in Wirklichkeit anders, als wir
uns ausnehmen, wenn uns die Herrin trgt; ganz ausgedient und lebensmde,
kein guter Faden ist mehr an uns. Blthenwei und fein geplttet war auf
den Legebrettern, um sie nur halbwegs zu bedecken, die Wsche Stck fr
Stck nebeneinander gebreitet. Alles geflickt und wieder geflickt mit
beispielloser Sorgfalt. Ich hatte meiner Mutter oft einen Vorwurf gemacht
aus diesem Sparsamkeitsfleie. Aber da sagte sie: 'Nhen kann bald eine,
zum Flicken braucht man Bildung,' und citirte das schne Gedicht von
Annette von Droste: Die junge Mutter. -- 'Ob man den Schleier um die Wiege
hing, den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie
flickte ihn so nett, da alle Frauen hchlich es gepriesen.'

Auf einem Taschentuche lag ein Scklein aus verblichenem Seidenzeug mit
Lavendelblthen gefllt, eine Erinnerung an unsern Garten am Frsterhaus.
Die Blthen einzusammeln, war meine Arbeit. Ich that sie gern und trug dann
ihre Spuren als starken, erfrischenden Duft tagelang in meinen Kleidern.
Die Blthen im Scklein strmten ihn lngst nicht mehr aus; sie waren nur
noch Staub.

Auch Schriften lagen im Schranke. Etwas vom Gericht, die Aufkndigung
unserer Wohnung, Rechnungen fr Modeartikel, von der Hand meiner Mutter
geschrieben, und mit dem offenbar zagend hingesetzten Worte: 'Duplikat'
versehen, aber nicht abgeschickt. Ein Brief mit der demthigen Bitte, das
Honorar fr dreiig Unterrichtsstunden gtigst entrichten zu wollen,
gleichfalls nicht abgeschickt. Sie hatte gearbeitet, Unterricht gegeben, um
die ihr gebhrende Entlohnung gebettelt. Gott wei, wie oft umsonst. Sie
hatte gedarbt und gekargt, schweigend und glcklich, da sie's fr mich
thun konnte -- bis sie zusammenbrach.

Das alles erzhlte mir der alte Schrank, und ich stand vor ihm... Der
Frmmste der Frommen hat noch nie andchtiger vor dem allerheiligsten
Tabernakel gestanden.

Mit der Andacht war uns aber nicht geholfen, und helfen galt's, und wenn
ich ein Kapital war, galt's Zinsen tragen.

Vor kurzem, da ich in der Redaktion des Wochenblattes mein Honorar fr ein
Gedicht abholte, das der Herausgeber zu einer offiziellen Feier bestellt
hatte, sagte der zu mir: 'Ihre Gedichte sind recht schn, wenn Sie aber die
Leier, von der in jedem die Rede ist, in die Ecke werfen, und mir einige
pudelnrrische Feuilletons leisten wollten, wrde dabei fr mich und Sie
mehr herausschauen, als bei all dem Schwung. Aber der Humor! woher nehmen
und nicht stehlen? Sie schon gar. Immer umrauscht von Zaubertnen und
verheirathet mit den Kamnen. Von Zeit zu Zeit eine kleine Untreue tht
nicht schaden, die verzeiht man auch dem besten Ehemann, aber freilich das
Zeug dazu mte man haben.'

Teufelmig gelockt hatte es mich, ihm gleich zu zeigen, da ich das Zeug
besa, und da die Kamnen, so eng verbunden ich mich auch mit ihnen hielt,
mir doch noch nicht die Schlafhaube ber die Ohren gezogen hatten.

Meine Herrschaften, am Bette meiner schwerkranken Mutter habe ich mein
erstes lustiges Feuilleton geschrieben, und bin dabei -- dummer Junge, der
ich war -- selbst lustig geworden. Eine groe Zuversicht erfllte und
beseligte mich durch und durch: Morgen lacht das ganze Stdtchen mit mir,
und wir bekommen Geld, und meine Mutter wird gesund, denn ich kaufe ihr die
theuersten Medikamente und die besten Sachen zum essen und alles was sie
freut.

Als ich fertig war mit meiner Arbeit und sie berlas, mute ich mir den
Mund zuhalten, um nicht laut aufzulachen, um nicht einen Jubelschrei
auszustoen, der meine Mutter geweckt htte. Sie schlief sanft, und ich
wagte nicht nher zu treten, schickte ihr nur einen langen, innigen Ku zu
und dachte: Meine Mutter ist jetzt auch mein Kind.

Meine khnsten Trume sind in Erfllung gegangen. Ich habe -- welch ein
Glck fr den Geldmacher, welch ein Unglck fr den Knstler! nie einen
Mierfolg gehabt, nur mehr oder weniger Erfolg. Zu zwanzig Jahren war ich
Redakteur des ehemaligen Wochenblattes, das ich in ein Journal verwandelt
hatte, von dem die groen Zeitungen in Wien Notiz nahmen. Dahin erhielt ich
einen ehrenvollen Ruf in die Redaktion der 'Grenzenlosen'. In Wien ist,
jetzt sind es schon zwlf Jahre, meine Mutter, in der berzeugung, da sie
der Welt in ihrem Sohne einen groen Schriftsteller hinterlie, bis zum
letzten Augenblick zufrieden und glcklich, gestorben.

Er hatte immer leiser gesprochen, sich immer mehr vorgebeugt, seine Arme
lagen auf seinen ausgespreizten Knien, er hielt die flachen Hnde an sein
Gesicht gepret. Pltzlich fiel auf den Teppich des Waggons eine Thrne,
die er rasch mit dem Fue verwischte. Er wandte den Kopf, sah zum Fenster
hinaus und sprach mit etwas erzwungenem Entzcken: Sehen Sie doch das
schne Kartoffelfeld. Ich mchte auch ein Kartoffelfeld haben!

Der Zug fuhr in eine groe Station ein. Lundenburg, riefen die
Condukteurs und ffneten die Thren der Waggons.

Jetzt wird Ihre Koffergeschichte in Ordnung gebracht, sagte der Graf,
stieg aus, und Bertram mute ihn zum Gepckswagen begleiten, wo er von
autoritativer Seite die Versicherung erhielt, da sein Kollo in Hullein
ausgeladen werden solle.

Ins Coup zurckgekehrt, brauchte er einige Zeit, um sich von seiner neuen
Gemthsbewegung zu erholen, und sprach nur noch so viel als nthig war, um
die teilnehmenden Fragen seiner Reisegefhrten zu beantworten.

Er hatte nach dem Tode seiner Mutter einen einstigen Schulkameraden, Hugo
von Weienberg, auf dem Lande besucht, und damals schon den Entschlu
gefat, an Flei zu leisten, was ein Mensch nur leisten kann, zu sparen wie
ein Geizhals, und wenn er das nthige Geld zusammengebracht haben wrde,
ein Gtchen zu kaufen, auf dem er leben wollte nach seinem Sinne als Bauer,
als Jger. Vor mehreren Jahren schon hatte Weienberg den kleinen Besitz
fr ihn erworben, aber damals war noch kein Wohnraum da, kein Stck Vieh,
kein Ackergerth, nichts.

Alles Fehlende mute erschrieben werden. Der beste, frsorglichste Freund,
der sich mit dem Instruiren meines zuknftigen Tusculum plagt, als glte es
seinem eignen Sohn eine Heimsttte einzurichten, sagt immer noch: 'Arbeite
weiter, ein kleines Betriebskapital mut du haben, du verhungerst ohne
Betriebskapital!'

Jetzt will ich mich ihm vorstellen, und zu ihm sprechen: 'Sieh mich an,
dahin hat die Litteratur mich gebracht. Ist's nicht besser im Freien
verhungern, als berschnappen in einer zugigen, lichtlosen Kammer? Ich
brauche Ruhe, Ruhe vor der Litteratur.'

Mgen Sie die in Obositz finden, erwiderte die Grfin. Sie stand auf und
trat ans Fenster, an dem Bertram sa. In fnf Minuten sind wir angelangt,
nehmen wir jetzt schon Abschied. Auch der Graf trat heran: Auf baldiges
Wiedersehen; sagen Sie Freund Weienberg, da wir nchstens kommen, ich
bitte, Herr Doktor.

O, Herr Graf, ich bin nicht Doktor.

Wie titulirt man Sie also?

Vogel, ganz einfach.

Was mich betrifft, sagte die Grfin liebenswrdig, ich bleibe bei
Vogelweid. Meine Erklrung habe ich Ihnen schon gemacht und pflege nichts
zurckzunehmen.

Gerhart, da sind die Kinder, wandte sie sich an ihren Mann.

Vor der Bahnhofstation, in Begleitung eines kleinen, alten, unbeschreiblich
munter dreinblickenden Kindermdchens, warteten ein braunes, schlankes,
etwa sechsjhriges Knblein und seine noch jngere, vor Lebhaftigkeit
sprhende, blonde Schwester. Sie jubelten: Vater, Mutter, und die Grfin
antwortete ihnen nicht, winkte ihnen nicht zu, hielt die Arme gekreuzt,
aber ein Ausdruck von tiefinnerlichem Glck breitete sich ber ihr Gesicht,
und ihre Augen lachten die Kinder an.

Bertram wollte ihr beim Aussteigen behlflich sein, sie war schon
herabgehpft und hatte dabei ihre Reisetasche in der Hand behalten, und
nicht einmal ihren Regenschirm fallen lassen. Ihr Mann folgte ihr, er trug
die Reisetasche Bertrams, und der sah nun, in Aufmerksamkeit ganz
versunken, der freudigen Begrung zwischen den Eltern und den Kindern zu.

Ich mchte auch Kinder haben, sagte er pltzlich.

Tauben, Erdpfelfelder und jetzt auch noch Kinder? Ach, lieber Herr
Nachbar, zu denen kommt man, ehe man sich's versieht, sprach der Graf.

Bertram aber schrie auf: All ihr Gtter, ich vergesse ja ganz, wo ist mein
Koffer?

Da steht er, auf der Strecke.

Wahrhaftig! Da stand er wie von unsichtbaren Hnden hingetragen. Er stand,
whrend der Zug, in dem er sich eben befunden hatte, davonbrauste. Doch
eine groartige Erfindung, die Eisenbahn!


V.

Eine Viertelstunde spter fuhr Bertram auf breitem Wege zwischen
Baumgruppen, Wiesen und Gebschen dem Schlosse Obositz zu. Unter den
grnumrankten Sulen des Altans erwartete Weienberg, umringt von seiner
ganzen Familie, den werthen Gast. Der Hintergrund wurde von der
Dienerschaft ausgefllt. Sonntglich angethan, in schneeiger Weste
schwenkte der Freund das Taschentuch und schrie aus Leibeskrften:
Willkommen! In der ganzen Gruppe entstand eine freudige Bewegung, und in
den Zuruf des Hausherrn mischten sich einzelne Vivats.

Es schien Bertram unmglich, da dieser feierliche Empfang ihm gelte; er
wendete sich, um zu sehen, ob nicht hinter ihm der Statthalter einherfahre,
oder der Bischof. Aber er erblickte nur ein Staubwlkchen, das die Rder
des Wagens aufgewirbelt hatten. Ach, und rings dufteten die Wiesen, und im
Zweige eines breitbltterigen Lindenbaumes wurde eine Vogelsoire mit
Gesang und Wettflgen abgehalten.

Die Pferde waren in vollem Lauf, und ihr Lenker trieb sie noch an. Vom
Wunsche beseelt, sich auszuzeichnen, wollte er vor dem Altan pltzlich
pariren. Das Kunststck milang, die Equipage scho wie der Blitz an den
Herrschaften vorbei und dem Stalle zu.

Holla, halt! rief der Baron, riefen die mnnlichen Diener und rannten
nach, und smmtliche Schlohunde setzten sich mit wthendem Gebell an die
Spitze des Zuges. Nach wenigen Augenblicken ri der Kutscher sein Gespann
zusammen, aber Bertram hatte Zeit genug gehabt, um voll Erbitterung vor
sich hin zu knirschen: Bravo! wir liegen schon. Wenn das nicht scheitern
heit im Hafen!

Der Wagen hielt, und in der nchsten Minute reichte Weienberg dem Freunde
die Hand. Sie hatte Schwielen. Bist einmal da, endlich!

Endlich! wiederholte Bertram, stieg aus und trat dem Schohndchen der
Frau Baronin, das ihn umwedelte, auf die Pfote. Es entfloh heulend und er
rief: Himmel, wieviel Unglck habe ich heute mit Hausthieren!

Die stattliche und gtige Wirthin war herbeigeeilt: Es thut nichts, gar
nichts, trsten Sie sich, sprach sie huldvoll, Paffi ist selbst schuld,
warum drngt sie sich so heran? Freilich hat sie eine Entschuldigung; die
Getreue machte sich zum Dolmetsch unserer Gefhle.

Das Gesicht Weienbergs leuchtete vor freudigem Stolze, whrend seine
Gemahlin diese vortreffliche Ansprache hielt, und er massirte -- bei ihm
ein Zeichen hoher Erregung -- sein rundes, ausrasirtes Kinn krftig mit dem
ringfrmig zusammengebogenen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten.

Bertram verbeugte sich, kte der Baronin die Hand und erhaschte einen
Blick aus ihren noch immer schnen Augen -- er traute den eignen nicht --
wahrlich einen zrtlichen Blick. Man trat unter das Portal; alte
Bekanntschaften wurden aufgefrischt, neue gemacht.

Sieglinde, die Tochter des Hauses, vor vier Jahren ein schmales
Backfischchen, prangte jetzt in vorzeitig strotzender Flle. Sie litt zum
Erbarmen unter den Ausbrchen der Verwunderung, die sie durch ihre
bavarienhafte Erscheinung bei aller Welt hervorrief, und kmpfte bis zum
Weinen mit bestndigem, unmotivirbarem Errthen.

Den Gegensatz zur Schwester bildete Hagen. Das Jungelchen, wie seine
Mutter ihn nannte, war zwar hoch aufgeschossen, aber mager und fahl; es
hatte ziemlich dnne, blonde Haare und blasse Augen von unbestimmter Farbe,
ein aufgestlptes Nschen und einen groen Mund mit dnnen Lippen. Er wurde
vorgestellt als Lateiner und Grieche:

Ja, ja, bereits Schler, beinahe Vorzugsschler der sechsten Klasse. Und
hier, die Baronin machte eine so zierliche Handbewegung wie eine
Ballettnzerin, die ein Bouquet berreicht, und deutete auf einen jungen
Mann von breiter Statur, mit rthlichen Haaren und rthlichem Schnurr- und
Backenbarte: Herr Doktor Meisenmann, der freundliche Gesellschafter und
Professor unseres Sohnes.

Man begrte einander, und Bertram htete sich wohl zu fragen, wozu der
Gymnasiast, der beinahe Vorzugsschler war, einen eignen freundlichen
Professor brauche.

Der Zimmerwrter kam herbei: Bitte um den Kofferschlssel, da ich
auspacken kann, sprach er mit der Ungenirtheit und Wichtigthuerei
verwhnter alter Diener und nahm das Verlangte in Empfang, indem er dem
Gaste vertraulich zunickte.

Weienberg belohnte ihn mit einem: Sehr gut, Vater Simon, hie ihn
vorausgehen und nahm den Arm Bertrams. Wir folgen, komm, ich fhre dich.
Nicht depreciren! Nein, sag' ich dir, du findest den Weg nicht, wohnst
nicht in deinem alten Quartier, wohnst im ersten Stock, wir wissen, was wir
dir schuldig sind, Mann des Tages. Appartement mit Badezimmer und
Badewannen, _nen_! wiederholte er, die letzte Silbe nachdrcklich
betonend.

Die Baronin lie ein bedeutsames Ruspern vernehmen, und Sieglinde
errthete.

Der Hausherr fuhr unentwegt fort: Vorwrts also! Und ihr, wandte er sich
an die Dienerschaft, habt ihn gesehen, gebt euch zufrieden und tretet
ab... Das gilt nicht dir, rief er einem jungen Mdchen zu, das hinter der
Baronin und ihrer Tochter gestanden hatte wie hinter zwei Ofenschirmen und
sich jetzt den abgehenden Leuten anschlieen wollte. Sie blieb stehen, sehr
verwirrt, mit gesenkten Augen, die sie auch nicht erhob, als Weienberg
sprach: Gertrud, Herr Vogel, genannt -- na, du weit schon. Bertram, das
ist Frulein von Weienberg, das heit unsere Nichte Gertrud.

Er zog den Freund mit fort, sie schritten durch die Halle, ber die Treppe.
Beeile dich mit der Wascherei, empfahl der Baron. Wir essen gewhnlich
um zwei Uhr, haben aber heute dir zu Ehren die Speisestunde verschoben. In
zwanzig Minuten wird die Tischglocke dich rufen, die Kchin ist schon
fertig.

Was sie fr Wimpern hat! sagte Bertram pltzlich, wie aus Trumen
erwachend.

Wer?

Deine Nichte. Und warum ist sie in Trauer?

Weil ihre Mutter vor einem halben Jahre gestorben ist.

Eine liebliche Erscheinung, so fein und zart.

Zart? Ist dir nur so vorgekommen neben unserem Sieglinderl.

Und warum so verlegen, ja sogar bestrzt?

Unser Sieglinderl ist immer bestrzt.

Nein, die andere mein' ich.

So, war die auch bestrzt? Ist sonst nicht ihre Sache. Aber du wirst ihr
imponirt haben. Kein Wunder, die erste lebendige Berhmtheit, die ihr vor
Augen kommt.

Eine Berhmtheit wie ich! Da mte sie bis heute in der Wildni gelebt
haben.

In Wien hat sie gelebt. Freilich seit Jahren wie angeschnallt ans Bett der
kranken Mutter.

Sie waren sehr langsam, denn Bertram blieb alle Augenblicke stehen, die
sehr hbsche, freitragende Treppe hinaufgegangen. Weienberg machte seinen
Gast auf die Wnde und die hochgewlbte Decke des Treppenhauses aufmerksam:
Sauber, nicht wahr? Ich habe einen Italiener da gehabt, der die
Stuckaturen aus dem Mrtel herausgearbeitet hat, unter dem sie durch
oftmaliges bertnchen schon halb verschwunden waren.

Bertram bewunderte. Reizend, rief er begeistert, das ist Reichthum ohne
ppigkeit, edle Keuschheit, anmuthige Flle, Sehnsucht und Fhigkeit sich
aus steifen, veralteten Formen zu befreien, ohne Ausartung ins Malose. Ich
sage dir, brach er pltzlich aus, deine Nichte ist eine Dame im
sterreichischen Barockstil!

Der Baron legte die Hand auf Bertrams Schulter und sprach warnend: Du, da
du dich nicht verliebst! Es wre die grte Dummheit, du brauchst Geld, der
konom braucht immer Geld, und unsere Nichte -- die reine Kirchenmaus. Da
sind wir, unterbrach er sich, und sie blieben abermals stehen vor einer
Flgelthr am Ende des bildergeschmckten, teppichbelegten Ganges, den sie
durchschritten hatten. Ich geh', sonst verplaudern wir uns, und wie
gesagt, die Kchin wartet, um anzurichten, nur aufs Glockenzeichen.
Nochmals willkommen, und la dir's bei uns wohl sein!

Er enteilte geschftig, und Bertram sah ihm nach. War auch nicht mehr der
selbe, der liebe, alte Mensch! Er schien kleiner, sein Hals krzer
geworden, seine Haltung hatte etwas von der frheren Strammheit verloren.
So kann man denn auch vorzeitig altern auf dem Lande, in dieser
ozonreichen Luft, in herrlichem Frieden, in nervenstrkender Thtigkeit?

Simon hatte die Thr geffnet, ermahnte den Gast einzutreten und weidete
sich still und stolz an seinem Staunen ber die schnen Rume, die ihn
umfingen. Ein Salon in dunkelgrnem Sammet, ein luftiges, behaglich
eingerichtetes Schlafzimmer mit Himmelbett und nebenan eine kstliche
Badestube.

Bitte, jetzt kommt das Scheenste, sagte Simon und schwebte auf den Zehen
ber die ganze Breite des Schlafzimmers. Dem Himmelbett gegenber befand
sich der Eingang zu einem vierten von einer schweren Portire verhllten
Gela. Der Diener zog sie zurck, und Bertram blickte in ein groes
Arbeitszimmer, in dem ein kolossaler Schreibtisch stand, und das voll war
von Bcherschrnken, und jeder hatte ein anderes bses Gesicht, das ihn
angrinste und triumphirend hhnte: Guck du, wir sind wieder da!

Er prallte zurck: Vorhang zu! Ich bitte Sie um Gotteswillen, Simon,
befreien Sie mich von diesem Anblick.

Simon rhrte sich nicht. Der Herr Doktor werden's da so scheen ruhig haben
zur Arbeit, sagt die Frau Baronin. Wir haben die Bicher vom Boden
heruntergeschleppt. Der Schreibtisch, der is aus der Kanzlei.

Bertram wute wohl, da man den Alten nicht beleidigen durfte, weil er
sonst in akute Stummheit verfiel und sich aufs Schmollen verstand, trotz
einer Dame des vorigen und einer Kammerjungfer dieses Jahrhunderts.

Lassen Sie mit sich reden, Simon, sprach er, seine Ungeduld mhsam
bemeisternd. Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht Herr Doktor, ich bin
kein Doktor, ich bin Herr Vogel, ein armer 'Herr', der von frh bis Abends
und manchmal von Abends bis frh dasitzen und reines, weies Papier in
schwarz beschmiertes verwandeln mu.

Mu? fragte Simon unglubig.

Jawohl, um Geld zu verdienen mit meiner Arbeit. Hier aber will ich nicht
arbeiten; ich bin gekommen, mich ausruhen vom Lesen und Schreiben und will,
solang ich hier bin, kein Buch aufschlagen und keine Feder berhren.

Damit begab er sich in das Waschzimmer, und Simon folgte ihm, um als Lein-
und Handtuchstnder zu fungiren. O Jekerle, seufzte er betrbt auf, und
wir haben sich schon alle so gefreit.

Worauf? fragte Bertram ahnungsvoll und tauchte aus dem Riesenlavoir
empor, in dem er seinen Kopf gebadet hatte.

Aber Simon war ganz Sphinx. Werden schon hren, bitte, erwiderte er.


VI.

Die Familie war vollzhlig im kleinen Salon versammelt, als Bertram, sauber
gewaschen und elegant angethan, eintrat. Im selben Augenblick wurden beide
Flgel der Thr, die in den Speisesaal fhrte, geffnet, der Gast bot der
Hausfrau seinen Arm und erhielt am zierlich gedeckten Tisch den Platz zu
ihrer Rechten und zur Linken des Hausherrn. Neben diesem sa der
Professor und zwischen ihm und Hagen die ernste Kirchenmaus. Dann kam
Sieglinde, die ihren Sessel so nahe als mglich an den der Mutter gerckt
hatte.

Schau dir das Obst an, sagte Hugo, die selben Sorten haben wir in deinem
Garten gepflanzt.

Bertram sah den Freund glckverklrt an. Wann werd' ich ihn sehen, meinen
Garten? Und solches Obst hab' auch ich?

Entzckt betrachtete er die goldigen Aprikosen, Himbeeren, die dem
Rothkppchen als Kopfbedeckung htten dienen knnen, purpurne Kirschen,
durchsichtige Weichseln, Erdbeeren von mrchenhafter Gre und Gestalt.

Nehmen Sie die Melone nach der Suppe oder zum Dessert? fragte die
Hausfrau und zeigte ihrem lieben Gaste freundlich die blanken Zhne. Sie
war wirklich noch eine schne Frau, trotz ihrer fnfunddreiig Jahre und
ihrer berreich entfalteten Sptsommerblthe.

Verehrte Frau, erwiderte Bertram, ich esse Melone, wann Sie erlauben und
befehlen.

Nach der Suppe ist sie gesnder, bemerkte Weienberg.

Beirre ihn doch nicht. Bitte, entscheiden Sie.

Es ist mir wirklich gleich.

Der Gymnasiast, der whrend dieses Austausches von Hflichkeiten hhnisch
gelacht hatte, brach jetzt aus: Macht keine solchen Geschichten. Ihm ist's
gleich, hat er schon gesagt, wenn er nur berhaupt Melone kriegt.

Bertram sah einen Purpurschein sich verbreiten, er ging vom Gesicht
Sieglindens aus, er vernahm ein Gekicher, es hatte sich der Brust
Meisenmanns entrungen. Weienberg zeichnete mit dem Messer die Umrisse
einer Scheune auf das Tischtuch, die Hausmutter that unbefangen und winkte
pltzlich entschlossen den immer noch auf eine Entscheidung wartenden
Bedienten, die Melone zu serviren.

Ich lese jetzt 'Die Kronenwchter' von Achim von Arnim, wandte sie sich
von Neuem an Bertram.

Sie lesen, so? die Kronenwchter? versetzte er und dachte: Sind
wahrscheinlich auch vom Boden heruntergeschleppt worden.

Ein merkwrdiges Buch, aber doch mehr merkwrdig als spannend.

Wie meinst du das? rief Hagen seine Mutter herausfordernd an. Weienberg
aber sagte rasch:

Sie ist gut, die, was? eine gestrickte. Hast die selbe Sorte in deinen
Mistbeeten.

Sieglinde errthete, und Mutter Bertha berichtigte in rcksichtsvoll
gedmpftem Tone: Frhbeeten.

Der Hausherr begann nun freudig und ausfhrlich zu erzhlen, wie er den
Kauf des Bauerngutes -- einer ehemaligen Erbrichterei -- fr Bertram
geschlossen, wie er alles in leidlicher Ordnung bernommen habe und in
musterhafter zu bergeben gedenke. Dann aber kam er auf sein altes Lied vom
Betriebskapital zurck, und Bertram erklrte:

Ich will kein Kapital, ich brauche keins; was wrden die Sozialisten
sagen, wenn ich ein Kapital aufhufte.

In die Gefahr wirst du schwerlich kommen. Nicht ums Aufhufen handelt
sich's, sondern ums Zustopfen, wenn irgendwo eine gefhrliche Lcke
entsteht; die Maschine, die zu stocken droht, mu in Gang erhalten werden.
Wie schaffst du die Mittel dazu her ohne Reservefond?

Der Bauer hat keinen und lebt doch auch.

Bilde dir das nicht ein, der Bauer geht zu Grunde.

Durch eigne Schuld.

Nicht immer.

Jetzt gerieth der Professor in hohe Erregung und sprach berstrzt mit
bebender Stimme und so leise, da man ihn kaum verstand. Es zischte und
pustete aus ihm heraus wie aus einem berheizten Theekessel. Er verwnschte
die Juden und die Deutschen, die Feinde und Verderber des mhrischen
Bauern. Der Judenwirth verleitet den Bauern zum Trinken, giebt ihm
Branntwein, so viel er will, bis er Hab und Gut versetzt hat. Dann kommt
der Deutsche und kauft den Bauern aus.

Den Schlu seiner Rede hatte Meisenmann geradezu an den Baron gerichtet und
schien, einmal im Zuge, in immer heftigere Anklagen ausbrechen zu wollen.
Aber Hagen fuhr drein:

Sitzt schon! sitzt schon wieder auf seinem Steckenpferd. Du mut wissen,
Vogel, er ist Jungczeche und Antisemit.

In der Theorie, nicht in der Praxis. Sie knnen berzeugt sein, Hagen,
und Frulein von Weienberg kann berzeugt sein...

Wir sind alle berzeugt, rief der immer vershnliche Baron dazwischen.
Sie deklamiren gegen die Juden und die Deutschen, aber Sie thun keinem
etwas zu Leide.

Ein theoretischer Jungczeche also? sagte Bertram. Auch das setzt mich in
Erstaunen. Wenn man einen uralten deutschen Namen fhrt--

Die Baronin hatte ein aristokratisches Bedenken: Uralt?

Gewi. Ich ahne zwar nicht, aus welcher Schpfungsperiode die Meisen und
die Mnner stammen, aber sicherlich aus einer lteren, als die ltesten
Adelsgeschlechter.

Du sprichst #pro domo#, Vogel, weil dann auch du einen uralten Namen
hast. Hagen lachte, und es war betrbend, ihn lachen zu hren und zu
sehen. Er lachte wie er sprach, stoweise, bellend, und schien dabei eine
unangenehme Empfindung zu haben, seine Zge erheiterten sich nicht, sie
verzerrten sich.

Sollte der nervse Bertram unter Menschen gerathen sein, noch nervser als
er? An dem jungen Sohn des Hauses mit dem alten Gesichte war alles
krankhaft, auch die Hast, mit der er a, und der prahlerische bermuth, mit
dem er ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstrzte.

Sein Vater richtete eine schchterne Ermahnung an ihn, sie blieb
wirkungslos und wurde nicht wiederholt; augenscheinlich frchtete
Weienberg des Sohnes offenen Widerstand heraufzubeschwren.

Auch Sieglindchen verrieth eine #Boa constrictor#-Natur beim Verschlingen
der thurmhohen Portionen, die sie sich vorlegte. Das Mittagessen war
allerdings ausgezeichnet, und Bertram bedauerte, ihm nicht so viel Ehre
erweisen zu knnen, als seine gastfreien Wirthe gewnscht htten.

Was war's, das ihm den Appetit raubte? Der Anblick der beiden jungen
Fresser am Tische, die bengstigende Liebenswrdigkeit der Hausfrau, oder
vielleicht die Nhe des Fruleins von Weienberg? Sie wirkte mchtig auf
ihn, beschftigte seine Gedanken, zwang ihn zu fortwhrender
Selbstberwindung, um nicht der Versuchung zu unterliegen, sie gar zu oft
anzusehen.

Eine eigentliche Schnheit konnte man sie nicht nennen, aber es war so
vieles an ihr schn! Die Form des Kopfes, ihre Art ihn zu tragen, der
wundervolle Ansatz des schlanken Halses, die reichen dunkelbraunen Haare,
die Nase, der Mund, der hartnckig schwieg und der, das glaubte Bertram zu
errathen, doch so gern gelacht und gescherzt htte. Und die streng
blickenden Augen, dunkel wie die Flgel des Trauermantels, wie muten die
leuchten knnen, wenn ein Glcksgefhl sich in ihnen widerspiegelte!

Es ist schrecklich, Sie essen nicht, sagte die Baronin, und ihr Gast
entschuldigte sich:

O, bitte, warten Sie nur, in Kurzem wird sich Heihunger bei mir
einstellen, wenn ich nur erst zu taglhnern anfange.

Wie meinen Sie das, zu taglhnern?

Ich meine, da ich arbeiten will wie ein Taglhner.

Alle lachten, sogar die Bedienten lachten verstohlen.

Wie ein Taglhner? mit Ihrer Bildung! sprach die Hausfrau, und Bertram
steigerte sich:

Wie zehn Taglhner, _aus Bildung_.

Mit diesen Hnden? Bertha sah bewundernd und Bertram sah verchtlich und
grollend auf seine schmalen, wohlgepflegten Hnde nieder.

Die werden bald anders aussehen, die werden bald Schwielen haben, wie die
deinen, Hugo. Wer keine Schwielen hat, kommt nicht in den Himmel, sagt
Tolstoi.

Ach, Tolstoi, fltete die Baronin, der groe Tolstoi, glauben Sie an
ihn?

Bertram war betroffen. Jetzt wute sie auch von dem? Sollte sie ihre
litterarische Unschuld verloren haben? Er scheute sich, Gewiheit zu
erlangen ber den heiklen Punkt und fuhr eifrig fort: Ich will alles
lernen, mhen, Garben binden, aufladen, pflgen, sen. Wonne und Erholung
wird fr mich sein, was Ihr schwere Arbeit nennt, weil Ihr die wirklich
schwere nicht kennt.

Ein Vers, rief Sieglindchen und verlor einen Augenblick alle
Schchternheit, Das war ein Vers, Mama!

Ja wohl, mein Engel. O, sie hat ein Ohr!

Sie hat sogar zwei Ohren und hbsch groe, dachte Bertram und betrachtete
sie mitrauisch. Der Teufel soll mich holen, wenn die nicht dichtet.

Wann bereisen wir meine Besitzungen, lieber Hugo? fragte er.

Morgen mit dem frhesten, natrlich.

Warum nicht gar schon nachts, wenn die Hhne krhen? Was halten Sie von
Mricke? interpellirte Frau von Weienberg.

Ich habe den grten Respekt vor ihm.

Da fiel Hagen ein: Respekt! Du wirst just Respekt haben vor so einem
verschimmelten Pater. berlasse die Heuchelei den Frauen, denen sie
unabgeleistete Natur ist.

Unabgeleistete Natur? wiederholte Bertram. Oho! Du studirst Nietzsche?

Ich bet' ihn an. Ich habe einen Gott gesucht und ihn in Nietzsche
gefunden.

Hast Du? Wenn ich nur wte, der wievielte Du bist, von dem ich das hre.

Und wenn ich der zweite oder tausendste bin -- seine Jnger sind wir alle.
Das ist euch unheimlich, ihr Alten; das treibt euch alle Haare, die ihr
noch habt, zu Berge.

Aber Hagen! aber Hagen! hatte Weienberg einmal ums andere, bengstigt
und flehend gesagt und sich dabei nicht an den Sohn, sondern an den
Instruktor gewendet. Der zuckte die Achseln:

Es ist heute nichts mit ihm anzufangen, man mu ihn gehen lassen. Er
produzirt sich, nicht blo wie gewhnlich vor dem Frulein von Weienberg,
sondern auch vor Herrn Vogel.

Daneben geschossen, mein Lieber! erwiderte sein Zgling. Sich
produziren! vor dir, Cousine! Als ob man das drfte in seiner Gegenwart!
Der girrende Ziska -- eine neue Ziskaspecies, die girrende -- brennt vor
Eifersucht wie eine Pechfackel. Nicht wahr, Cousine?

Gertrud hatte whrend dieses Intermezzos nicht mit einer Wimper gezuckt,
nicht das geringste Zeichen von Ungeduld ber das Jngelchen gegeben, die
mordbrennerischen Blicke, die Meisenmann ihr verstohlen zuwarf, ruhig
ausgehalten. Und bei dem ehrfurchtsvoll auf sie gerichteten Blicke Bertrams
wechselte sie wieder die Farbe und gerieth in Bestrzung. Wie sollte er
sich das erklren? Was machte sie so verlegen vor ihm, sie, die den andern
gegenber wie eingefroren blieb in majesttische Gelassenheit?


VII.

Das Mittagsessen war vorbei, die Tafel wurde aufgehoben. Herr Meisenmann
machte eine rasche, aggressive Verbeugung, die ganz unverkennbar den Wunsch
ausdrckte: Hol euch alle der Teufel! und scho davon. Mit anmuthigem
Neigen des Hauptes verlie auch Gertrud den Speisesaal. Geschah das
freiwillig oder auf Befehl? Nahm sie im Hause nicht die Stellung eines
Familienmitgliedes, sondern die einer Erzieherin ein, und durfte sie den
geheiligten Raum des Rauchzimmers, in das man sich jetzt begab, nicht
betreten?

Bertram fhrte die Baronin zu ihrem Platze. Das war ein rechtwinkliges
kleines Kanape mit dnnen Beinen und so steifen Lehnen aus politirten
Stbchen, da es im Bereiche der Sitzmbel schwerlich etwas Steiferes gab.
Es stand vor einem Tische, auf dem der schwarze Kaffee und verschiedene
Liqueurs servirt waren. Hugo bot dem Freunde Cigarren an, die er aus einer
verschlossenen Lade geholt hatte.

Vor dem da, sagte er auf seinen Sohn deutend, mu ich sie einsperren, er
raucht mich sonst arm. Es sind meine Feiertagscigarren. Nimm, so nimm
doch, nthigte er.

Bertram dankte: Ich rauche nicht.

Rauchst nicht?

Nicht mehr.

Trinkst nicht, rauchst nicht, sprach Weienberg betrbt, was thust du
denn?

Ich spare, wie du weit.

Hagen, der schon eine schwere Cigarre angebrannt hatte, tippte mit dem
Finger auf die kahle Stelle auf Bertrams Scheitel: Trinkst nicht, rauchst
nicht, eine Tonsur hast dir auch schon angeschafft, fehlt nur noch die
Kutte.

Sein Vater schob ihn etwas unsanft weg und entschuldigte sich bei seinem
Gaste: Wir gehen jetzt die Hunde fttern, sind gleich wieder da. Kommst
du, Sieglinderl?

Das Tchterchen hatte die Arme um die Taille ihrer Mutter geschlungen und
fragte im Tone eines fnfjhrigen Kindes: Mama, darf ich Schifferl
fahren?

Nicht unmittelbar nach dem Essen, mein Herzchen. Begleite jetzt den guten
Papa und sieh zu, wie die Hndchen speisen. Dann kannst du Gertrud holen.
Ich lasse ihr sagen, da sie mit dir zum Fischerhause gehen und achtgeben
soll, da du nicht ins Wasser fllst. Du wirst ihr meinen Auftrag
bestellen, ich wei, mein Herzchen ist gewissenhaft.

Mutter und Tochter umarmten einander, nahmen Abschied, als ob ihnen eine
jahrelange Trennung bevorstnde, und das Herzchen trampelte dem Vater nach.

Hagen hatte sein Mifallen ber die sentimentale Scene zwischen Mutter und
Tochter in gewohnter Art durch ein mrrisches Gemurmel kund gegeben:
Kriegt man heute Kaffee oder nicht? stie er jetzt verdrielich hervor.

Seine Mutter beeilte sich, ihm eine Tasse starken, aromatischen Mokkas
einzuschnken, und er titulirte das kstliche Getrnk, das reichlich aus
der Kanne flo, mit dem beleidigenden Namen Zwetschkenwasser. Dann zog er
sich mit seinen Vorrthen an Kaffee, Liqueur und Cigarren in die Ecke des
Zimmers zurck, nahm dort Platz in einem groen Fauteuil und vertiefte sich
in einen Band der Fliegenden Bltter. Sein Gemurmel hrte auch jetzt noch
nicht auf: Fliegende, sauberes Fliegen, sollten die kriechenden heien. So
dumm, zu dumm! Pltzlich schwieg er, die Cigarre war ausgegangen, das Buch
glitt von seinen Knieen zur Erde. Er schlief.

Seine Mutter hatte ihn voll Besorgni beobachtet. Dieses foudroyante
Einschlafen, wie sie sich ausdrckte, machte ihr unbeschreiblich bange. Es
kam fters ber ihn, am Tage heit das; bei Nacht hingegen, floh der
Schlaf seine Augen. O, es ist schwer! Die Baronin seufzte, und das
Kanape, auf das sie sich setzte, seufzte auch.

Drauen erscholl lautes Hundegebell; die Thiere wurden nach der Abftterung
in den Garten hinaus gelassen. Bewegt und leise sprach die Baronin: Mein
guter Mann kommt zurck, und ich htte Ihnen so gern... ich mu Sie
sprechen. Ihre mchtige Persnlichkeit bekam etwas gretchenhaft
Hinschmelzendes: Ich mu Sie sprechen, lieber Vogelweid, im Vertrauen
sprechen.

Nun, gndige Frau, ich bitte, thun Sie es doch.

Jetzt? nicht jetzt, spter.

Warum erst spter?

Sie schwieg, aber ihre flehenden Augen fragten: Verstehst du mich denn gar
nicht? Kein Wort davon, vor meinem guten Manne, begann sie nach einer
peinlichen Pause wieder, ich beschwre Sie!

Weienberg trat ein, und Bertha bemhte sich ihn anzulcheln; der Versuch
milang klglich, und die der Verstellung ungewohnte Frau war auf dem
Punkte, in Thrnen auszubrechen. Ein Schatten berflog das runde,
freundliche Gesicht Hugos. Er trat voll Theilnahme heran und keilte sich
hchst liebreich, aber mit schwerer Mhe zwischen seine Gemahlin und die
Seitenlehne des Kanapes ein.

Placirt wren sie, dachte Bertram, wie sie aber wieder aufstehen sollen,
das wei Gott.

Mein Bertherl hat schon mit dir gesprochen, seh' ich von unserem Kummer;
Hugo wies mit einer Kopfbewegung nach seinem laut schnarchenden Sohne hin.
Ach, der giebt uns was aufzulsen, der!

Ja, bettigte die Baronin, und wir haben auf Sie gewartet und gehofft,
Sie werden uns rathen und helfen, ja, auch darin.

Du hast neulich, sprach Weienberg, ein Buch ber Erziehung total in den
Grund gebohrt und seinem Autor, einem groen Professor, famos
heimgeleuchtet. Meine Bertha und ich, wir haben gleich gesagt: Wer so
versteht, da der andere nichts versteht, der versteht selbst sehr viel.
Er lie sich durch das betroffene: O, Nemesis! das Bertram ausstie,
nicht beirren: Ja, du verstehst's, hast recht, unsere Schulen taugen
nichts. Wie ausgetauscht ist mein Bub, seitdem er in die Schule geht. Du
mut dich noch erinnern, was fr ein lieber Kerl er vor vier Jahren war.

Gewi. Etwas verzogen zwar schon damals, aber ein liebes Kind und voll
Talent.

Talent! was das betrifft -- die Eltern berboten einander an
Versicherungen, wie talentvoll, phnomenal talentvoll ihr Sohn sei, das
wten sie wohl. Aber, meinte Weienberg, ein so starker Geist in einem
noch unentwickelten Krper, das stimmt nicht. Die Mistimmung ruft
Nervositt hervor, und diese eine Menge kurioser Erscheinungen. Zum
Beispiel heute sein Benehmen bei Tische. Deine Anwesenheit hat ihn
aufgeregt, er wollte sich, wie Meisenmann ganz richtig sagte, vor dir
produziren; du drftest ihn fr lmmelhaft gehalten haben, er war aber nur
nervs.

Die Baronin kam auf den Geist ihres Hagens zurck, den starken Geist, der
Glck und Unglck in sich schliet, und verglich ihren Sohn mit einer
Kerze, die einen Scheffel durchbrennt und dabei flackert und zngelt.

Bertram sagte, da er den Scheffel nicht sehe, dem Gatten jedoch gefiel das
Bild, und er prete seinen linken Arm, der auf der Lehne des Kanapes
ausgestreckt lag, sehr innig an den Rcken seiner Gemahlin. Ihr war
furchtbar hei, und ihr sthetisches Gefhl litt unter dem Bewutsein des
unschnen Eindrucks, den die Einpferchung zweier dicker Personen in ein
Sitzmbel, das hchstens fr zwei Elfengestalten berechnet war,
hervorbringen mute. So lie sie denn die schchterne Frage fallen, ob man
nicht in den Garten gehen solle.

Weienberg war dagegen: Wir mssen ihm, bei dem wir Rath und Hlfe suchen,
alles sagen, wir drfen kein Geheimni vor ihm haben, und so sollst du
wissen, Freund, da wir's vor zwei Jahren in den Ferien mit Strenge
versucht haben bei dem Burschen. Das war schrecklich, da hat sich die
Nervositt bis zu Wuthanfllen gesteigert. Einmal lasse ich mich hinreien
und hau' ihn, und er, auf mich losgegangen -- ja! mit Augen wie rauchende
Zndhlzeln, und dann pltzlich niedergestrzt, geschumt und gezappelt.
Wir, nach allen Richtungen um rzte ausgeschickt. Drei kommen. Zuerst zwei
junge; die sehen ihn an und verordnen ein Gramm Bromnatrium drei Tage
nacheinander vor dem Schlafengehen. Zuletzt kommt der Alte, der
Kreisphysikus, schaut den Buben auch an und erklrt sich einverstanden mit
der Verordnung der Kollegen. Eine Krhe hackt der andern die Augen nicht
aus, denken wir, und wie die zwei jungen fort sind, sagen wir: 'Wirklich,
Herr Kreisphysikus, htten Sie dem Patienten auch nichts anderes gegeben
als Brom?' Er -- so scheint es uns wenigstens -- verbeit ein Lachen:
'Vielleicht doch,' sagt er, 'wenn ich statt in ein Schlo in eine Htte
gerufen worden wre. Aber hier wrde das Medikament, das ich ordiniren
mte, kaum verabreicht werden.' Mehr war aus ihm nicht herauszubringen.
Verstehst du den Orakelspruch?

Ich glaube fast.

Nun denn, leg' ihn aus und handle danach.

Ich? fragte Bertram erschrocken, das kommt mir nicht zu.

Wir geben dir unumschrnkte Vollmacht. Nimm dich unseres Buben an, er ist
unser Glck, der Stolz des Hauses.

Seien Sie fr ihn ein Arzt der Seele! Sie haben doch auch eine groe
Vorliebe fr dieses schne Buch? sagte die Baronin gepret, nicht nur im
bildlichen Sinne, denn ihr Gemahl rckte jetzt mit uerster Anstrengung
auf seinem Sitze vor und legte die mhsam frei gemachte Rechte auf Bertrams
Kniee:

Hilf uns, du kannst, du verstehst alles, man sieht's aus deinen Kritiken.
Welche Vielseitigkeit! sagen wir immer, meine Frau und ich.

Im Tadeln, erwiderte Bertram. Die Kunst, alles zu tadeln, erlernt man in
meinem Metier. Aber, die Kunst, es besser zu machen, natrlich nicht. So
habe ich denn auch von Kinderzucht keinen Dunst, ausgemacht ist mir nur,
da die deine, lieber Alter, und die Ihre, gndige Frau, nichts taugt.

Dieser Meinung sind wir selbst, sprach Weienberg kleinmthig, unsere
Kinderzucht hat Mngel. Gieb sie an, sag' etwas Positives.

Etwas Positives... Nun, wenn ich aufrichtig sein darf -- diesen Mngeln
abzuhelfen, scheint mir Hagens Lehrer nicht der rechte Mann.

Dich genirt der Czech und der Antisemit. Ja, Verehrtester, finde du mir
heutzutage einen Lehrer, der nicht etwas ist, was er besser nicht wre. Wir
haben traurige Erfahrungen gemacht. Meisenmann hat Unarten, aber doch auch
Qualitten. Unterrichtet vorzglich, ist famos in seinem Fache --
Geschichte. Im Herbst wird er Professor am Gymnasium, und mit der Zeit
ganz gewi Direktor.

So? so!... Das ist das Holz aus dem... Ein neuer emprender Gedanke
durchkreuzte Bertrams Hirn, eh' noch der frhere ganz ausgesprochen war,
und machte sich Luft in den Worten: Und in deine Nichte ist er verliebt,
der Mensch!

Die Baronin lchelte sanft, Weienberg massirte sein Kinn und war heiter.
Ja, der 'Professor' ist tchtig verbrannt. Ob hoffnungslos? Jetzt hat's
freilich den Anschein. Doch wer wei, was noch geschieht, wenn er sich
nicht zu frh abschrecken lt.

Und du wrdest, und Sie, gndige Baronin, wrden zugeben, da sie ihn
nimmt?

Warum nicht? vorausgesetzt, da er sie anstndig versorgen kann, sagte
Hugo, und seine Gattin seufzte:

Groe Ansprche darf sie nicht machen, die Arme.

Schrecklich! Entsetzlich! Dieser Schwrmer sollte doch nur versuchen, sich
um Euer Trampelgrundchen zu bewerben; er kme schn an. O gute Menschen,
wo bleibt Eure Gte, wenn's abwgen gilt zwischen einer armen Verwandten
und Eurer Brut! dachte Bertram und rief: Ich fasse dich, ich fasse Sie
nicht, Frau Baronin. Dieses Mdchen wrden Sie wegwerfen an einen
bornirten, giftgeschwollenen Taboriten!

Gieb acht! warnte Weienberg mit einem besorgten Blick auf seinen Sohn.
Es war zu spt. Hagen regte sich.

Unsinn. Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht, ich
habe jedes Wort gehrt, das ihr geredet habt.

Was hast du gehrt? sag' es, wenn du nicht als Grosprecher dastehen
willst, sprach Bertram mit unterdrcktem Zorne.

Du hast meinen Korrepetitor beschimpft, hast ihn einen giftgeschwollenen
Taboriten genannt. Der Stolz des Hauses erhob sich: Das sag' ich ihm!

Thu's, ich gnn' dir die Freude.

O, lieber Vogelweid, wohin denken Sie? Es fllt ihm nicht ein. Er liebt es
nur, sich selbst zu verleumden. Auch eine seiner Eigenheiten, versicherte
die Baronin. Aber, fragte sie in pltzlich verndertem Tone: Wollen wir
nicht jetzt in den Garten gehen?

Ihr Gatte erklrte sich einverstanden, beide erhoben sich rasch und zu
gleicher Zeit, und das kleine Kanape folgte demselben Impulse. Der kurzen
Verlegenheitspause, die dadurch entstand, machte Bertram ein Ende, indem er
hinzusprang, die Hnde auf die Lehne des wanderlustig gewordenen Sitzmbels
drckte und es zwang, seinen gewohnten Platz wieder einzunehmen.


VIII.

Die Pflege seines Gartens, das war die Erholung Weienbergs, seine
Liebhaberei. Er betrieb sie mit Kunst, mit Wissenschaft und mit
Bercksichtigung der Mode, wenn sie nicht gegen ein Schnheitsgesetz
verstie: Denn das giebt's! ich glaube dran, sagte er. Ich lasse mich
auslachen von meinem Buben und glaube an ewige Schnheitsgesetze.

Er machte Bertram auf jede der Neuerungen aufmerksam, die er in den letzten
Jahren vorgenommen hatte. Keine flachen Wiesen mehr, alle knstlich
gewellt, wie sie vielleicht von Natur aus gewesen waren, bevor man sie, um
den Garten anzulegen, planirt hatte. Anmuthige Hebungen und Senkungen,
Hgel und Mulden, bewachsen mit dichtem, feinem Grase. Die Baumgruppen,
nach den verschiedenen Farben des Laubes mit gutem Bedacht gepflanzt, sahen
aus wie malerisch angeordnete Riesenbouquets.

Erinnerst du dich des Perrckenstrauches, der bei den Pyramideneichen
gestanden hat? Das war fad. Wir haben Blutbuchen hingestellt, kommen
prchtig, machen sich besser -- was meinst du? Weienberg mute sich
umwenden, wenn er mit Bertram sprechen wollte, und der mute ihm die
Antwort zuschreien, denn Hagen hielt ihn fortwhrend zurck und brummte:

La die Alten vorausgehen. Ich hab' Dir etwas zu sagen.

Auch du mein Sohn? Nun, wenn der Bursche mir sein Vertrauen schenkt, ist
die Gelegenheit da, auf ihn einzuwirken, wie seine Eltern wnschen, dachte
Bertram, und als Hugo sich wieder umsah, machte er ihm ein Zeichen. Der
Freund verstand ihn sogleich, winkte freudig zustimmend und rief:

Schau dir den Garten nur recht gemchlich an. Wir treffen uns dann bei der
Fischerhtte.

Der Vater und die Mutter schlugen einen Sturmschritt ein, um den Liebling
so geschwind als mglich von ihrer unerwnschten Gegenwart zu befreien.

Was die schlau sind, wie fein sie alles machen! spttelte Hagen. Davon
merk' ich nichts, meinen sie, da du auf mich dressirt worden bist und
jetzt losgehen und mir ins Gewissen reden sollst. Fr einen solchen Esel
halten sie mich. Ich sag' dir aber gleich: Spar' deine Mhe. Ich bin kein
Moraltrottel, ich bin ein berzeugter Nietzscheaner, stehe jenseits von Gut
und Bse, und wer mir ins Gewissen spricht, spricht zu etwas, das nicht
existirt.

Bertram lachte: O Nietzsche! groer Krankheitserreger! Welch ein
Bacillengezcht hast du in diesem Jnglingsgemthe ins Leben gerufen!

Er sah den Burschen von der Seite an, der neben ihm dahinschritt, mit
verdrielich aufgeworfenen Lippen, die Nase in die Hhe gehoben, die
Augenbrauen zusammengezogen, die Hnde in den Taschen seiner Jacke
vergraben. Ein Jngling ohne Jugend, mrrischer Hochmuth die Krankheit, die
an ihm zehrte, und den bestndig Verletzten in bestndiger Aufregung
erhielt.

Auf dem Gewissen kannst Du also nichts haben, sagte Bertram, aber du
hast etwas auf dem Herzen. Sprich dich aus, ich hre.

Auf dem Herzen ist auch wieder zu viel, erwiderte Hagen nachlssig. Ich
will dir einfach anzeigen, da ich eine Novelle geschrieben habe.

Novelle? Geschrieben? Bertrams Ton wurde pltzlich druend.

Du wirst das Manuskript auf deinem Zimmer finden. Du kannst es lesen. Du
kannst es drucken lassen.

Bertram schnaubte ihn an: Ich werde von deiner Erlaubni keinen Gebrauch
machen; ich bin nicht hierher gekommen um zu lesen, sondern um vom Lesen
auszuruhen. Wie oft werde ich das noch wiederholen mssen! -- Da du
schreibst, er ma den Jngling von oben bis unten, htte ich mir denken
knnen. In Eurem Stdtlein erscheint ein Blttchen, war einmal ehrsam, ist
jetzt ein Schandblttchen, das von frechen Bbchen herausgegeben wird. Da
mut du ja Mitarbeiter sein.

Beide waren stehen geblieben. Auf Hagens wuthverzerrtem Gesicht bildeten
sich grnliche Schatten; seine Augen schwammen in unheimlich
phosphorescirendem Lichte: Bbchen! Bbchen... Satisfaktion! keuchte er,
seine Glieder zuckten konvulsivisch, er wankte und schien im Begriffe
niederzustrzen. Bertram sah schon eine Wiederholung des Auftritts voraus,
den Weienberg ihm eben geschildert hatte; er empfand einen groen Ekel vor
dieser Ohnmacht, die es nicht einmal zu einem tchtigen Zornesausbruche
bringen konnte, und zugleich bereute er, den Rangen so schwer gereizt zu
haben.

Beruhige dich, Hagen, sagte er. Ich bin ein nervser Mensch, den gewisse
Worte, zum Beispiel: 'Novelle,' 'Manuskript,' 'drucken lassen,' auer Rand
und Band bringen. Nun hab' ich mich wieder im Zaume. Mache mir's nach,
Selbstbeherrschung, mein Lieber! Wenn ich dir sage, ich bedauere, dich
gergert zu haben, ist dir das Satisfaktion genug?

Hagen hatte sich leidlich gesammelt. Ohne den Kopf nach Bertram zu wenden,
hartnckig und steif in die Ferne blickend, brummte er: Lies meine
Novelle, dann reden wir weiter. Die Katz im Sack brauchst du nicht zu
kaufen. Aber schweige, das bitte ich mir aus. Fr meine Alten schreibe ich
nicht. Wirst du meine Novelle lesen?

Ein schreckliches Wesen, der Junge, aber der Sohn des Mannes, dem Bertram
so viel verdankt -- es sei!

Ich werde sie lesen -- in Gottes Namen. 'In Gottes Namen, sprach sie dann,
und weinend hielt er sie umfangen,' deklamirte er und setzte brbeiig
hinzu: Das hast du von mir nicht zu befrchten, Miserbelchen!

Miserbelchen?

Ich citire! Ich citire! Kennst du das schne Gedicht vom Miserbelchen
nicht?

Nein, erwiderte Hagen wegwerfend. Ich lese keine Gedichte.

Ich aber soll deine Novelle lesen? Na, ich hab's gesagt -- und 'wenn was
auf Erden heilig ist'... Er schttelte sich.

Wre er jetzt zu Hause gewesen in seiner Bratrhre, am Schreibtisch unter
der Gasflamme, die trbseligste Entmuthigung wrde ihn ergriffen haben als
Rckschlag seines Entschlusses. Aber er war auf dem Lande, in einem
reizenden, von Wiesen, Hainen und Wldern umgebenen Garten. In der Ferne
vor ihm bauten sich schn bekuppte Bergketten auf, im Westen, wo das grne
Land mit dem Horizont zu verschwimmen schien, war die Sonne untergegangen
und sandte der Erde ihre leuchtenden Abschiedsgre zu, lohende
Lichtstrahlen, die ein Auge Gottes bildend, fcherartig ausgebreitet,
hoch hinaufstiegen bis ans Himmelsgewlbe.

Athmen ist Glck! rief Bertram pltzlich aus und jauchzte in jhem
Stimmungswechsel:

Herrlicher Sonnenuntergang, dem bald, o Wonne, eine gttliche Sternennacht
folgen wird, und morgen wieder ein freier Tag im Freien!

Er lief mehr als er ging der Fischerhtte zu, bewunderte berstrmenden
Herzens den Teich, der vergrert worden war, und eine unregelmige Form
bekommen hatte, gerieth in Entzcken ber den Springbrunnen, den
musikalisch niederpltschernden, wie die Baronin sagte, und war hchlich
einverstanden, als die Hausfrau vorschlug nach dem Schlosse zurckzukehren
und den Thee auf der Terrasse einzunehmen.

Nur gegen das letzte Wort erlaubte er sich zu protestiren: Trinken,
Hochverehrte! nicht einnehmen. Einnehmen mahnt an die Apotheke, und wir
sind frisch und gesund.

Seine Frhlichkeit weckte in jedem einzelnen der Gesellschaft ein mehr oder
minder lautes Echo. Die Baronin fhrte munter eine so lange Reihe von
Bchertiteln und Autoren an, da in Bertram der Verdacht aufstieg, sie
habe, um ihm ein Fest zu bereiten, einen Leihbibliothekskatalog auswendig
gelernt. Er machte unwillkrlich eine abwehrende Bewegung, als alle die
Namen ihn umtanzten wie ein unsichtbarer Fliegenschwarm, und sagte mit
forcirter Hflichkeit:

Ein neuer Vorzug, gndige Baronin, Ihr Interesse fr Litteratur. Ich bin
erstaunt...

Sie haben keine Ursache! Sie nicht!... Sie, der Urheber dieses Interesses.
O, lieber Vogelweid, Ihre Romane und Ihre 'berblicke!' Stumpf mte man
sein, um nicht von ihnen gepackt und hingerissen zu werden; mitten hinein
in den Strom des geistigen Lebens unserer Zeit...

Sie spricht gut, meine Frau, dachte Weienberg einmal wieder, und rieb sich
vergngt die Kniee.

Meine 'berblicke', sagte Bertram schmerzlich, das Seichteste, das es
giebt. -- Ist's mglich?... ber die selbstgeflochtenen Ruthen!

Die Baronin wute nicht recht, was er damit meinte und bat ihn dann aufs
Gerathewohl, nicht so bescheiden zu sein.

Ihr Gatte wurde immer heiterer, fing an, Jugenderinnerungen aufzuwrmen,
und sang ein lustiges Studentenlied: #Ipse fecit!# Und der Text ist von
dir, Mann des Tages. Das waren Zeiten! Einige Neidhammel behaupteten
freilich hnlichkeiten zwischen unserm Meisterwerk und schon Dagewesenem zu
entdecken...

Ein czechischer Kollege machte sogar Vaterrechte auf das Kind unserer
Talente geltend. Halb und halbe Rechte, die wir ihm ganz zugestanden. Hren
Sie, Herr Meisenmann, so nachgiebig sind wir von jeher gewesen.

Die rthlichen Brte des Angeredeten schimmerten siegreich, er zuckte
wieder mit den Achseln: Ja, selbst die Deutschen geben nach, wenn sie
nicht anders knnen, erwiderte er.

Zwischen der Baronin und Sieglinde fand eine leise, aber eifrige Debatte
statt: Mir zu Liebe, Lindchen, -- Ach, Mama, nein -- ich bitte dich!
wurde hin und her geflstert. Endlich durfte Mama der Versammlung
ankndigen, da Lindchen ein Gedicht vortragen werde. Es ist nur, um ihr
das Verlegensein abzugewhnen, hauchte sie Bertram im Vertrauen zu.

Sieglinde sprach unter schweren Athembeklemmungen den Wanderer von
Friederike Kempner und bereitete damit dem Auditorium ein wahres Vergngen.
Sogar Hagen lie sich zu einem gndigen: Nicht bel! herbei.

Die Kirchenmaus blieb zwar stumm, aber etwas weniger bedrckt, um einen
Schein zuversichtlicher als am Nachmittage war sie doch. Es kam sogar
einmal vor, da sie Bertram, der eben sehr lebhaft sprach, ansah, _sie ihn_
-- o des lieblichen Wunders! -- ganz kurz, aber recht aufmerksam. Und er
studirte -- o des wonnigen Studiums! -- jeden Zug ihres holden Gesichtes,
jedes kaum merkliche Stirnrunzeln, jedes Lcheln, das um ihren jungen,
klugen, ausdrucksvollen Mund erschimmerte. Es zeigte sich in dem
Augenblick, in dem sie ihn ansah und verrieth eine angenehme berraschung:
Schau, schau, du bist nicht so arg, wie ich mir eingebildet hatte, sprach's
ganz deutlich fr den, der sich auf solche Sprache versteht.


IX.

Mit dem Schlage zehn Uhr wnschte Hugo den Seinen eine gute Nacht und
forderte den Freund auf, auch zu Bette zu gehen: Morgen in aller
Gottesfrh reiten wir. Nimm dir Zeit, auszuschlafen.

Bertram stand rasch auf. Sich Zeit nehmen knnen, ausschlafen knnen -- das
war ihm all die Tage als Inbegriff der Seligkeit erschienen. Er empfahl
sich und folgte dem Hausherrn nach, der ihn an der Thr erwartete. Sie
traten in den hell erleuchteten Gang hinaus:

Du gehst rechts, ich gehe links, sagte Weienberg. Begleite dich nicht,
will dir gestehen, ich dusele schon. Morgen also pnktlich... Aber,
unterbrach er sich, was hast du denn? Bist roth geworden wie mein
Sieglinderl.

Gute Nacht, du Guter, erwiderte Bertram, und der Freiherr gab sich mit
der Antwort zufrieden und segelte schlaftrunken seinen Gemchern zu.

Was hast du? hatte er den armen Bertram gefragt. Da er sich reif fhlte,
aus dem Hause geworfen zu werden, oder sich selbst hinauswerfen zu mssen,
das hatte er. Als er eben auf die Baronin zugegangen, um ihr die Hand zu
kssen, war sie aufgestanden, ihm entgegengeschritten und hatte ihm
zugeraunt:

Ich mu Sie sprechen, Sie wissen.

Und sie war dabei unaussprechlich bewegt gewesen. Wie durfte sie sich
erlauben, bewegt zu sein? Donner und Doria! war's nicht genug, da seine
elenden berblicke ihr Interesse fr Litteratur erweckt hatten, sollten
seine verdammten Romane einen noch viel rgern Schaden angerichtet haben?
Schwrmereien fr Knstler, fr Schriftsteller, auf ein Bildwerk, ein Buch
hin, kommen vor bei den edelsten Frauen, ja sogar nur bei denen. Geburten
der Phantasie, nichts anderes; aber so eine sechsunddreiigjhrige
Phantasie ist zh, giebt ihre Geburten nicht leicht wieder her... Wenn es
wre, wenn er unschuldig schuldig, ahnungslos zum Verrther am Freunde
geworden wre, dann bleibt ihm nichts brig, als sein Rnzel packen und --
entfliehen. Dann ist ihm der Boden unter den Fen weggerissen, sein eigner
Grund und Boden, bevor er ihn noch betreten hat.

Von den schmerzlichsten Gedanken geqult, ging er weiter. Sein Weg fhrte
an der Thr des Kammerjungferzimmers vorbei, sie war nur angelehnt, er
hrte dahinter kichern und wispern, fast schien es, als ob ihm dort
aufgelauert wrde. Wenn er in Palermo wre, knnte er an einige von Hugo
gemiethete Banditen denken. Pltzlich strzte jemand aus dem Zimmer, aber
es war kein hagerer Bandit, sondern eine kleine, dicke Person (in diesem
Hause wurden die meisten dick), und wie mit tollkhnem Entschlu auf
Bertram zu. Ebenso pltzlich gurgelte sie ein seltsames Gemisch von
Angstgeschrei und Gelchter hervor und rannte wieder in das Zimmer zurck,
wo das Gekicher und Gewisper sich in verstrktem Mae erneuerte.

Die hat sicher gemeint, ihren Liebhaber kommen zu hren und ist jetzt
enttuscht, nur mich getroffen zu haben, sagte sich Bertram, bog um die
Ecke des Ganges und betrat seine Wohnung.

O Behaglichkeit, was fr eine schne Sache bist du! Wie wohl ist einem da
zu Muthe, wo du herrschest! In diesen hohen, gerumigen Stuben geniet man
dich, man athmet dich ein. Beide Flgel der Schlafzimmerthr sind geffnet,
das groe, herrliche Bett ist zur Nachtruhe sorglich hergerichtet, die
schneeweien Polster, die seidene Decke verbreiten einen zarten Lavendel-
und Veilchenduft und schimmern im matten Scheine zweier, von einem
Lichtschirme beschatteten Kerzen. Im Wohnzimmer aber, auf dem runden
Tische, brennt eine stolze Bronzelampe, so hell, wie Lampen nur in ganz
gut gefhrten Husern brennen. Unter der Lampe liegt ein unheimliches Ding,
ein Manuskript in Folio, mit zahlreichen Tinten- und Fettflecken, mit
umgebogenen, abgestoenen Ecken -- Hagens Novelle. Bertram gruselte es, er
wandte sich rasch um und stand vor Simon, der ihm auf dem Fue gefolgt war.
Der Alte wollte sich dem Herrn Doktor durchaus ntzlich machen beim
Auskleiden und war trotz alles Protestirens nicht wegzubringen. Bertram
tuschte sich nicht ber den Grund dieses hartnckigen Diensteifers.

Sie wollen etwas von mir, ich wei ja, sagte er rgerlich, kommen Sie
nur heraus mit der Sprache.

So aufgemuntert trug Simon sein Anliegen, das der smmtlichen Dienerschaft
und auch der Beamten, vor. Die Sache war die. In acht Tagen feiert der Herr
Verwalter seine silberne Hochzeit. Der Herr Verwalter hat zwei Tchter, von
denen jede etwas aufsagen soll. Die eine etwas Bhmisches, und daran
lernt sie schon auswendig, der Herr Meisenmann hat's gemacht. Aber die
Bevlkerung von Obositz besteht auch aus deutschen Gemeinden, und der Herr
Baron und der Herr Verwalter sind fr Gleichberechtigung der
Nationalitten. So braucht man denn fr die zweite Tochter eine deutsche
Ansprache. Herr Meisenmann hat auch die machen wollen, aber alle Leute
haben gesagt: Gott bewahre! Wenn der Herr Doktor da sind, wird man doch von
keinem anderen ein Gedicht machen lassen, das wre ja eine Beleidigung.

Beleidigung! Bertram donnerte den Alten an, da er vor ihm zurckwich.
Glauben Sie, da ich hierher gekommen bin, um Gedichte zu silbernen
Hochzeiten zu machen? Sie sind nicht gescheit, Simon.

Jekerle, bitte, sprach Simon kleinlaut, die Frauenzimmer haben mich
anstiftet, ich soll dem Herrn Doktor sagen. Die Frauenzimmer haben dem
Herrn Doktor selbst sagen wollen, aber nicht knnen, haben nicht
herausbracht. Die Kchin, die ist die Schwester der Frau Verwalterin, und
die Kammerjungfer, die eine Cousine der Kchin ist...

Knnten Sie mir die Verwandtschaften nicht aufschreiben? fragte Bertram
grimmig.

Simon, einmal im Zuge, lie sich nicht irre machen. Die Kchin, die das
beste Mundstck hat, erzhlte er weiter, hat dem Herrn Doktor aufgepat bei
der Kammerjungfer, und wie er vorbergeht, ist sie herausgeschossen und auf
ihn zu. Wie sie ihm aber in die Nhe kommt, verliert sie die Kourage und
ist wieder hineingeschossen, sie frchtet sogar -- mit Geschrei. Und jetzt
schmt sie sich und hat schon geweint und schwrt bei allen Heiligen, da
sie sich lieber die Zunge abbeien, als den Herrn Doktor je wieder
ansprechen wird.

Bertram erklrte schon sehr aufgeregt: Einen gescheiteren Entschlu htte
sie nicht fassen knnen.

Das krnkte den Alten, und er fragte mit groer Bitterkeit, wie es jetzt
aussehen werde mit der Gleichberechtigung? Die Landsleute des Herrn Doktors
htten ihm eine Ehre erweisen wollen und nicht erwartet, da er sie zum
Dank dafr ganz und gar von der Gnade des Herrn Meisenmann abhngig machen
werde.

Bertram erwiderte: Meine Landsleute sind die Mhrer ebenso gut wie die
Deutschen. Ich bin ein sterreicher, ich habe ein Vater- und ein
Mutterland, und wenn Sie glauben, da ich hierher gekommen bin, um l ins
Feuer der ehelichen Zwistigkeiten meiner Elternlnder zu gieen, sind Sie
auf dem Holzwege. Er wurde heftig, er verstieg sich derart ins Malose,
da er sich vorkam wie eine Feuerwerksrakete, die mit lcherlichem
Spektakel in die Hhe fhrt, um dort oben gar nichts auszurichten. Das sind
die Nerven, dachte er und war auch schon voll Reue, und Simon that ihm
leid, der, vllig geknickt, kein Wort von allen, die Bertram
hervorsprudelte, verstand, sich aber von jedem im Innersten und Heiligsten
beleidigt fhlte. Er nahm sich vor, es genau so zu machen, wie die Kchin
und den Herrn Doktor nie mehr um etwas anzusprechen. Mit diesem Entschlusse
wollte er das Zimmer verlassen.

Aber der stille Kampf Bertrams war ausgekmpft, und er holte Simon zurck:
Sie unbarmherziger Mensch, verfallen Sie nicht in Stummheit, das ist mir
schrecklich. Ich gebe nach, ich will den Kelch leeren, den ihr Giftmischer
mir zum Willkommsgru -- na! Ich mache euch das Gedicht. Schon gut,
lehnte er die Dankesbezeugungen ab, in die Simon ausbrechen wollte. Aber
Daten brauche ich, rief er, geben Sie mir ein paar Daten.

Wie meinen?

Ich meine, da ich etwas wissen mu von Ihrem Herrn Verwalter, wenn ich
ihn ansingen soll. Also goldene Hochzeit, sagen Sie?

Silberne, bitte, Herr Doktor.

Ganz recht, ich habe mich nur versprochen. Und allgemein beliebt ist er?

O, und wie, bei alle braven Leut'! Schlechte giebt freilich auch.

Fr die schlechten dichten wir nicht, Simon. Also -- er ghnte. Wie ein
Gewappneter kam der Schlaf ber ihn; er begann seine Kleider abzulegen und
lie sich dabei Simons Dienste gefallen: Und sagen Sie mir noch -- ist er
verheirathet?

Jekerle, Herr Doktor, wenn er silberne Hochzeit hat!

Und Kinder hat er auch?

Aber bitte, ja, die zwei Tchter, bitte, die aufsagen sollen.

Sie waren whrend dieses Zwiegesprches aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und
bis ans Bett gelangt. Simon betreute den Gast wie eine Mutter ihre Tochter,
die morgen debutiren soll, zog, als er sich auf dem kstlichen Lager
ausstreckte, die Decke ber ihn und lschte die Lichter. Bertram sah ihn
noch die Lampe vom Tisch nehmen und hrte ihn die Thr schlieen. Dann war
alles dunkel und still.

Nach einer Weile lag er aber nicht mehr im Bette, sondern stand auf der
Wiese, hatte grne Arme, einen blauen Helm auf dem Kopf, einen Apfel in der
Hand und war ein Rittersporn und zugleich Paris und sollte den Preis der
Schnheit ertheilen. Eine Theerose, eine dicke Gretl in der Staude, und
eine Wunderblume, dergleichen er nie erschaut hatte, bewarben sich darum.
Er wute wohl: die Theerose ist die Dame aus dem Coup, und die Gretl in
der Staude seine zu gndige Hausfrau. Wer aber ist die Wunderblume? Und ist
sie schn? _Das_ wute er nicht, er konnte sie nicht einmal deutlich sehen,
so nahe sie ihm auch stand. Dennoch trat er auf sie zu und reichte ihr den
Preis. Der war aber kein Apfel mehr, sondern eine Goldfeder von Morton in
New-York und schrieb mit silbernen Lettern einen Hochzeitscarmen.


X.

Am nchsten Morgen war Bertram fast so frh auf wie die Sonne und mit dem
Ankleiden fertig, als Simon kam, um ihm dabei behlflich zu sein.

Sind schon lange wach, Herr Doktor, haben vielleicht nicht schlafen
knnen? fragte der Alte und warf suchende Blicke umher, die den leicht
gereizten Bertram sofort ungeduldig machten.

Sie suchen umsonst, sagte er. Das Gedicht liegt weder da noch da, noch
dort, -- er deutete auf das Bett, den Nachttisch und die Badewanne. --
Das Gedicht ist noch nicht gemacht. Sie mssen die Gte haben, zu warten,
bis ich nach Hause komme. Jetzt reit' ich fort.

Simon erwiderte zugleich beschwichtigend und ermunternd: Eine ganze halbe
Stunde habe der Herr Doktor vor sich und msse doch frhstcken;
aufgetragen sei schon. Wirklich hatte ein Diener den Tisch im Wohnzimmer
gedeckt und mit so guten Sachen besetzt, da ihr bloer Anblick jeden
gesunden Menschen erheitert htte. Aber einer, der zum Dichten gepret
wird, den erheitert nichts, dem gefllt und schmeckt nichts. Bertram trank
eine Tasse vorzglichen Thees und gedachte dabei recht mit Flei all des
Bsen, das V. Vischer diesem edlen Getrnk nachgesagt hat. Es rchte
sich, wie's dem Edlen geziemt, es erfllte seinen Anklger mit wohligem
Behagen, klrte ihm den vertrumten Geist und erweckte ihm die erlsende
Erinnerung an eine, ihrerzeit vielgerhmte Elegie auf den Tod eines
Professors, die er als Student gemacht hatte. Sie lie sich fr die jetzige
Gelegenheit adaptiren. Der Enthusiasmus, mit dem darin die Beliebtheit, die
Tugend und das Eheglck des Professors besungen wurden, sollte nun den
silbernen Hochzeitern zu Ehren noch einmal verwerthet werden. Man brauchte
nur jedes deine in ein eure, jedes du warst in ein ihr seid zu
verwandeln, den Kindersegen bedeutend zu vermindern und das ganze Opus aus
der wehmthigen Moll- in eine freudige Cis-Durtonart zu transponiren.
Bertram wollte eben an die Arbeit gehen, als ihm gemeldet wurde, die Pferde
seien vorgefhrt. Da nahm er seinen Hut und eilte so rasch hinab, als ob er
gefrchtet htte, da sie wieder davon laufen knnten.

Der Freund trat mit ihm zugleich vors Haus. Er kam aus dem Garten, wo er
seit einer Stunde schon Gebsche ausgeschnitten und Gras geschoren hatte.
Sein Diener brachte eine Reitpeitsche, an der lngst der Smi fehlte, ein
paar groe, uralte Handschuhe und Gamaschen, die aus der Haut eines
vorsintfluthlichen Thieres gemacht schienen. An den Fen trug der Baron
ein paar starke, sehr abgentzte Schuhe, sein breiter Oberkrper war in
einen kurzen, grnen Rock eingepret, und auf dem Kopfe sa ihm ein
braunes, zerquetschtes Htlein mit schmaler Krempe, unter dem rckwrts die
Glatze hervorguckte.

Im Nu war er im Sattel; fr Bertram hatte das Aufsteigen einige
Schwierigkeit, und als die glcklich besiegt war und sein Pferd sich, ohne
eine Aufforderung dazu abzuwarten, in Trab setzte, befiel ihn ein
Schwindel, er wurde bla und machte die klglichste Figur.

Was, Teufel, was hast? fragte Hugo. Sitz' grad', halt' dich nicht am
Zgel. Courage! Das Pferd ist ja gar kein Pferd, ist ja eine Kuh!

Bertram hatte aber vier Jahre lang nicht einmal auf einer Kuh gesessen. Ihn
beseelten zwei heie Wnsche: bald ankommen, und nicht vom Pferde fallen.
Die Freunde ritten im gemthlichen Zotteltrab quer ber die Wiese. Rechts
von ihnen lag schmuck und wohlgepflegt ein Musterwldchen, links stieg der
Boden sachte auf, und die kleinen Anhhen, hinter denen die Lepiden
blauten, waren von den schneewei getnchten Stationen eines
Kalvarienberges gekrnt. Vor den Reitern blinkte es manchmal wie Funken
auf, am hellen Horizonte. Die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen und
Kirchthrmen der erzbischflichen Stadt erglnzten im Morgensonnenschein.
Jenseits des Wassers erhoben sie sich, des klaren Gebirgsstromes, der seine
Umgebung verschnerte, befruchtete oder auch -- verheerte.

Bis zum Meierhof, dem der Freiherr und Bertram entgegenritten, war er aber
noch nie gedrungen. In respektvoller Entfernung von ihm aufgebaut, geno
die stattliche Besitzung die Segnungen seiner Nachbarschaft, ohne von ihren
Gefahren bedroht zu werden.

Der Weg wurde schmaler, er fhrte jetzt durch eine Allee von Obstbumen.
Hugo sah sich nach allen Seiten um, sah auch alles, kmmerte sich um alles,
nur nicht um sein Pferd. Mit dem war er wie verwachsen, der reine Centaur,
der dicke, alte Herr. Er ritt, wie ein anderer zu Fu geht, lief mit vier
Beinen statt mit zweien, das war der Unterschied.

Schau, sagte er und deutete auf einen frischen, tiefen Hieb, der einem
jungen Apfelbaume offenbar mit der Axt beigebracht worden war. Und schau,
da und da! Eine ganze Reihe von Bumen war so bis aufs Mark zerhauen.

Dumme Verwstung, rief Bertram, wer thut das? Und warum geschieht's?

Sagen wir aus bermuth, erwiderte Hugo achselzuckend, und der Freund
bewunderte seine Gelassenheit, sein geistiges, moralisches, und in diesem
Augenblick ganz besonders, und mit entschiedenem Neide, sein physisches
Gleichgewicht.

In der Nhe des Meierhofes befand sich eine kleine Ansiedlung. Eine Gruppe
von zehn Husern. Jedes Haus hatte ein Grtchen, und in jedem Grtchen
standen Bume, und alles war nett und sauber gehalten und machte den
Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit.

Der Baron stellte sich auf in den Bgeln, richtete die Spitze seiner
Reitgerte auf ein graues Schieferdach, das zwischen dem Meierhofe und dem
letzten der kleinen Huser sichtbar wurde, und sprach: Da guckt's schon
heraus, dein Palais.

Bertram ri den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und jauchzte:
Hoch Palais Vogelweid! Nein, nicht Palais, nicht Vogelweid, Haus.
Vogelhaus!

Gieb acht! schrie Hugo. Hinter ihnen kam ein Reiter im Galopp
einhergesaust. Es war Hagen, der sie einholte, und vorberjagte, ohne Notiz
von ihnen und dem Schrecken ihrer Pferde zu nehmen. Der Braune des
Freiherrn machte eine Lanade, die den Reiter aber kaum im Sattel hob. Mit
einer Mischung von rger und Stolz blickte er dem Sohne nach:

Da reitet er wieder die Fohlenstute, was ihm streng verboten ist. Ich
hab's in meiner Jugend auch weit gebracht im Ungehorsam, aber so weit wie
der lange nicht. Und wie er oben sitzt, wie ein Schneider! Bei diesen
Worten wendete er sich nach dem Freunde um, vermite ihn aber auf seinem
frheren Platze. Der Sattel der Kuh war leer, sie begann eben gemthlich zu
grasen, und jenseits von ihr auf der weichen Wiese, die beiden flachen
Hnde auf den Boden gestemmt, sa Bertram und schien uerst erstaunt.

Weienberg hielt sein Pferd an und sagte: O jeh!

Ja wohl, erwiderte Bertram. Wie Hagen so vorbeigewettert ist, da mu sie
erschrocken sein, die Kuh, und da hat sie sich geschttelt.

Und da hat sie dich hinuntergeschttelt. Macht nichts, steig' nur wieder
auf.

Um keinen Preis. Zu Fu will ich mein zuknftiges Daheim betreten,
ehrerbietig wie Washington auf der Rckkehr von seinen Siegen sein
Mutterhaus betreten hat. Er hing die Zgel seines Rosses ber den Arm und
ging wohlgemuth neben Weienberg, der sein Pferd in Schritt gesetzt hatte,
einher. Das Glck trgt mich, was soll ich mich von einem Pferde tragen
lassen!

Der kleine Besitz, den der Freiherr fr Bertram gekauft hatte, bestand aus
sechzig Hektaren fast durchwegs besten Bodens und zwar aus vier Hektaren
Wald, zehn Wiesen, vier Weideland, der Rest Felder. Das Haus, von Grund auf
neu gebaut, hatte fnf Fenster Front im ersten Gescho, und vier im
erhhten Halbstock, je zwei neben dem Hausthor. Das war aus massivem
Eichenholz, fest und kunstvoll gefgt und mit einem so gediegenen Schlosse
und Klopfer und so schn gezeichneten Beschlgen aus blankem Schmiedeeisen
versehen, da sein Anblick ein Genu gewesen wre, auch wenn es nicht den
Eingang zum Vogelhaus gebildet htte. Steinerne Stufen fhrten zu ihm
hinauf, die kanellirten Sulchen, die den Abschlu des Gelnders bildeten,
trugen Blumenvasen aus Thon, in denen grobltteriger Epheu wuchs und
gedieh. Das Haus stand dicht vor dem Wldchen und mitten in dem kleinen
Garten, in dem schon allerlei Nutzpflanzen grnten, aber auch Blumen
blhten und dufteten. Hinter dem Drahtgitter, das den Garten umfriedete,
hoben junge Fichtenbumchen die frischen, hellgrnen Kpfe aus der Erde und
waren bestimmt, in einigen Jahren einen ppigen lebenden Zaun zu bilden.

Je mehr die Freunde sich dem Vogelhause nherten, desto stiller war Bertram
geworden. Am Gitterpfrtchen trat ihnen ein ltlicher, hagerer Mann in
abgetragener Kleidung entgegen. Sein echt slavisches Gesicht hatte einen
ernsten Ausdruck, seine breiten Hnde schienen eben eine Tncherarbeit
verrichtet zu haben, denn sie waren inwendig ganz wei.

Der Freiherr stellte ihn vor: Joseph Waniek, ein Prachtmensch. Man darf
das vor ihm sagen, es ist keine Schmeichelei, er wei, was er werth ist. Er
wird deine Wirthschaft fhren, solange du willst: er ist alles: konom,
Grtner, Maurer, Schlosser, Zimmermann.

Ich werde zu Ihnen in die Schule gehen, Herr Waniek, sagte Bertram und
reichte ihm die Hand.

Waniek verbeugte sich hflich deprecirend, ergriff die Zgel der Pferde und
fhrte sie fort:

Wohin? wohin geht er mit ihnen?

Nun -- in den Stall.

Der neue Grundbesitzer brach in Entzcken aus: Ich hab' einen Stall.
schrie er. Wo? Er wollte davonstrzen, besann sich aber, wandte sich und
strzte dem Freund an die Brust: Wie soll ich dir danken?

Der Baron wurde auf einmal kalt und ablehnend:

Keinen Unsinn. Wofr? Da ich dein Geld zweckmig (so hoff' ich
wenigstens) verwendet habe? Es hat mir Spa gemacht. Du aber besinn' dich,
was du einst fr mich gethan hast. Auf deinen Schultern durch die Schulen
getragen hast du mich, du, der viel Jngere, mich, den ewigen Repetenten.
Himmel, Himmel, waren das Zeiten! Mein guter, alter Vater, der selbst
nichts gelernt hatte und das Lernen deshalb fr eine so leichte Sache
hielt. 'Ich krnk' mich zu Tod', wenn du nicht lernst.' Und ich, der ihn
liebte, es ihm beweisen wollte und nicht konnte mit meinem Dickschdel,
der so empfnglich war fr Gelehrsamkeit, wie eine Rbe fr Magnetismus.

Thu' dir nicht Unrecht, Hugo, versetzte Bertram und brach pltzlich in
Schluchzen aus. Bei dem Anblick kamen auch dem Baron die Thrnen in die
Augen, er zog sein Taschentuch hervor und schneuzte sich krftig: So,
fertig, sprach er. Jetzt wollen wir deinen Grundbesitz in Augenschein
nehmen. Sie traten ins Haus, durchwanderten seine wohnlichen, aber noch
sprlich eingerichteten Rume, begaben sich dann in den Stall, in dem vier
stattliche Khe und zwei tchtige Gule standen. In einem kleineren Stalle
waren einige Schafe untergebracht, und im Schweinekoben hrte man's
vergnglich grunzen.

Borstenvieh hab' ich auch! jubelte Bertram. Dem Freiherrn wurde bange um
ihn. Whrend er sein Grundeigenthum beschritt, wechselten seine Stimmungen
mit unheimlicher Schnelligkeit. Aus berwallender Freude verfiel er in
tiefste Muthlosigkeit und rief hnderingend:

Ich bin Moses! Ich sehe das Land der Verheiung, aber in Besitz nehmen
werde ich es nicht, erleb's nicht. Ein solches Glck erlebt man nicht. Des
Lebens ungemischte Freude...

Nur vor der keine Angst, unterbrach ihn Hugo. Die Mischung findet sich.
Fr die Sorgen des Landwirths ist gesorgt.

Sie kamen zu einem Weizenfelde, wo eben geschnitten wurde; sechs Schnitter
waren dabei beschftigt, das heit, zwei mhten, zwei schliffen ihre Sensen
und schnupften dazwischen mit groer Umstndlichkeit, zwei tranken
Branntwein.

Schau dir den Weizen gut an, sagte der Freiherr. Fr den rechne ich auf
den ersten Preis bei der landwirtschaftlichen Ausstellung.

Er nahm eine Hand voll hren, zerrieb sie in den Hnden, blies die Spreu
hinweg, und hielt Bertram die schweren, goldgelben Krnlein hin: Das ist
eine Pracht.

Wenn ich nur davon etwas verstnde! Ich verstehe aber nichts, ich sehe
auch nichts, mit mir dreht sich alles im Kreise. Ich kann nicht mit dir
fort, kann mich von Vogelhaus noch nicht trennen. Gehe du deinen Geschften
nach und la mich da. Ich will arbeiten, mich physisch ermden, meinen
Grund und Boden mit meinem Schweie dngen. Sage diesen guten Leuten, einer
von ihnen mge mir seine Sense berlassen. Sage ihnen, da ich Mhe und
Plage und auch ihr Mittagessen mit ihnen theilen werde, gegen Bezahlung
natrlich.

Da kriegst du in Branntwein aufgeweichtes Brot und Hutzeln mit Gries
gekocht. Und was die Bezahlung betrifft -- bei Sacher ist's billiger. Aber
wie du willst.

Er trat an die Schnitter heran und theilte ihnen, selbstverstndlich in
slavischer Sprache, mit, da Herr Vogel, ihr Arbeitgeber, beabsichtige,
beim Mhen mitzuhelfen. Einige lachten, die anderen trugen eine hochmthige
Theilnahmslosigkeit zur Schau. Ein einziger, ein alter, groer, schner
Mann nahm den Hut ab, und begrte Bertram mit einem deutschen: K' die
Hand.

Ihr zwei knnt euch zur Noth verstndigen, sprach Weienberg, ermahnte
den Freund, ja nicht zu spt zum Souper zu kommen, und verabschiedete sich.

Bertram hatte den Rock abgelegt, die Sense ergriffen und war bald in voller
Thtigkeit. Er wollte den Leuten, die ihre Arbeit mit erstaunlicher
Schlfrigkeit verrichteten, zeigen, wie ganz anders ein gebildeter Mensch
die Sache angreift. Aber nur zu bald mute er in seinem Eifer nachlassen
und sah ein, in dem Tempo, das er angeschlagen hatte, knne es nicht lange
weitergehen.

Seine Sense war stumpf geworden, er ersuchte in der Zeichensprache seinen
Nebenmann um den Schleifstein, wetzte und wetzte, die Sense wollte nicht
scharf werden. Schleifen konnte er nicht. Bisher hatten die Arbeiter ihn
ganz unbeachtet gelassen, jetzt wurden sie alle auf einmal auf ihn
aufmerksam und hatten ihre helle Freude an seiner Ungeschicklichkeit. Der
Nachbar nahm Bertram endlich das Werkzeug aus der Hand, war mit dem
Schrfen gleich fertig, streckte aber auch sofort die Rechte aus und sprach
hflich: Trinkgeld. Dieses deutsche Wort schien ihm gelufig. Groes
Gelchter erhob sich, Bertram stimmte ein und spendete dem Taglhner fr
den geringen Dienst einen blanken Silbergulden. Der Beschenkte steckte ihn
hastig in eine Tasche seines zerrissenen Rockes und zog aus der andern ein
Flschchen hervor. Es war in ein schmutziges Tuch gewickelt und mit einer
trben, dicklichen Flssigkeit gefllt. Der Arbeiter entkorkte es und hielt
es Bertram hin. Dem graute, aber um keinen Preis htte er das
kameradschaftliche Anerbieten zurckgewiesen. Er dachte an Neshdanow in
Turgeniews Neuland und wollte strker sein als der russische Held. Heroisch
setzte er die Flasche an und that einen krftigen Schluck. Es war grlich.
Der Hals brannte, ein fast unberwindlicher Ekel ergriff ihn. Er machte
sich rasch wieder an die Arbeit und kehrte den Leuten den Rcken zu. Sie
sollten sein Gesicht nicht sehen, oder vielmehr die Gesichter, die er
unwillkrlich schnitt. Aber bald drohte die Mdigkeit ihn zu berwltigen,
seine Arme schmerzten, in kleinen Bchen flo der Schwei ihm ber den
Leib, und jetzt mute er wieder an Tolstois Ljoisin denken und rgerte
sich, da er sogar beim Taglhnern nicht herauskam aus der Litteratur. Nur
noch ehrenhalber fhrte er die Sense und nahm sich vor, das nchste Mal die
Arbeit mit geringerem Feuereifer zu beginnen, um lnger bei ihr aushalten
zu knnen. Gemchlich mu arbeiten, wer den ganzen Tag arbeiten soll.
Bertram war zufrieden, als der alte Schnitter auf ihn zuschritt, und ihm
lchelnd seine Sense aus der Hand nahm. Nun sah er zu, und es war ein
vllig grandioser Anblick, wie der Greis im gleichmigen, weitausholenden
Schwung, einen groen Halbkreis mit seinem Werkzeug beschrieb und jedesmal
einen Arm voll Halme vom Boden wegrasirte, da sie hinsanken, so
bereitwillig, als ob es ihnen ein wahres Vergngen wre. Ihre goldenen,
brtigen Kpfchen, die eben noch zum strahlenden Blau des Himmels
hinausgeschaut hatten, ruhten jetzt wohlig und sanft an der Brust der alten
Mutter Erde.


XI.

Pltzlich hielt der Alte in seiner Arbeit inne, streckte den Hals und rief:
Ferd! Ferd! Die Fohlenstute raste einher -- ledig. Die Steigbgel
peitschten ihre Flanken, die zerrissenen Zgel ihren Kopf. Wild gemacht
durch die berflssigen Hlfen, tollte sie wie rasend querfeldein ihrem
Wohnorte zu. In weiter Entfernung von ihr folgte ihr Exreiter; bel
zugerichtet, wie sich immer deutlicher zeigte, je nher er kam. Bertram
lief ihm entgegen, und ein frmliches Ringen entspann sich zwischen ihnen.
Bertram wollte ihn zwingen, dazubleiben, der Junge wollte durchaus weiter
rennen. Das Blut flo ihm aus der Nase in den Mund, er spuckte wie eine
bse Katze, nieste, machte alle mglichen Anstrengungen, um zu sprechen,
und konnte nicht. Mit Gewalt fhrte ihn Bertram ins Haus und zwang ihn,
sich pflegen zu lassen. Im Zimmer neben der Kche stand eine mit Stroh
gefllte Bettlade, Waniek breitete einen Kotzen darber, den er aus dem
Stalle gebracht hatte, und trug, ohne einen Befehl abzuwarten und ohne ein
Wort zu verlieren, einen Krug mit frischem Wasser gefllt herbei. Der
Verwundete mute sich auf dem Lager ausstrecken. Sein und Vogels
Taschentuch wurden einstweilen abwechselnd zu Umschlgen verwendet. Der
alte Arbeiter kam mit dem Rocke, den der fleiige Stadtherr auf dem Felde
liegen gelassen hatte, und wurde beauftragt, ins Schlo zu gehen, um Wsche
zu holen und der Baronin eine Karte, auf die Bertram eilends einige Worte
schrieb, zu berbringen.

Wozu? wozu das? Was schreibst du ihr? rief der Patient und wollte
aufspringen. Wieder suchte Vogel ihn zu beschwichtigen. Wenn deine Mutter
erfhrt, da dein Pferd ohne Reiter nach Hause gekommen ist, erschrickt sie
tdtlich. Ich habe sie ber dein Befinden beruhigt. Wr' ich's nur selbst.
Dein Auge sieht entsetzlich aus und mu dir infam weh thun.

Mir thut nichts weh, nichts, polterte Hagen, und wenn du sagst, da ich
vom Pferde gestrzt bin, bist du mein Feind. Ich bin nicht gestrzt, ich
bin abgestiegen, habe das Vieh an einen Baum gebunden, da hat sich's
losgerissen.

Und dein geschwollenes, zerschlagenes Gesicht, und dein Auge, Hagen. Dein
Auge sieht aus wie ein einziger, groer Blutstropfen. Wie kommst du dazu?

Eine Fliege hat mich gestochen.

Junge! Junge, du bist verdreht. Zugeben, ich habe mich auf ein Pferd
gesetzt, das ich nicht reiten kann -- welche Schande! Aber lgen wie ein
Schulbub, der sich ausreden will, das geht dir nicht an die Ehre.

Der Kranke kehrte ihm den Rcken zu und blieb eine Weile regungslos.
Bertram beugte sich ber ihn und sah ihn voll Besorgni an. Da ffnete
Hagen das gesunde Auge und sprach langsam:

Ich habe strzen wollen. Ich habe sterben wollen. Es ist milungen.

Zuerst glaubte Bertram, das sei Geflunker. Aber nein. Aus der Miene des
Jnglings, aus seiner pltzlichen, ungewohnten Ruhe sprach wahrhaftige
Verzweiflung.

Um Gotteswillen, du phantasierst. Ich _hoffe_, du phantasierst! Er griff
hastig nach Hagens Puls.

Ich phantasiere nicht; ich bin ganz kalt.

Deine neueste Pose, dachte Bertram. Er schwankte zwischen Entrstung und
Schrecken: Du hast dich tdten wollen. Herrgott im Himmel! Und deine
Eltern -- hast du nicht an deine Eltern gedacht?

Nein, nur an sie, an der ich mich rchen will, der ich einen Stachel ins
Herz bohren will... Sie hat mich verschmht -- wenn du wtest, _wie_? Ich
biete ihr meine Liebe und sie demthigt mich -- mich, den Sohn ihrer
Wohlthter... beleidigt mich, ich kann es nie sagen, wie sie gewagt hat
mich zu beleidigen. -- O, Nietzsche, _du_ hast Recht, du allein -- die
Peitsche fr die stumpfsinnigen, imbecilen Weiber!

Er wand sich, er bi in den Rock, den Bertram als Decke ber ihn gebreitet
hatte.

Erstens bitte ich dich, sagte der, la meinen Rock in Ruh. Er ist neu
und kostet ein Heiden-, ein sauer verdientes Geld. Zweitens: von wem
sprichst du? doch nicht von Frulein Gertrud? Oder ja? -- Ja so! Du willst
deine Cousine heirathen? Seine Mundwinkel umspielte etwas, das Hagen zu
dem Ausruf berechtigte:

Darber lachst du selbst. Ans Heirathen werd' ich denken, wenn ich einmal
fnfzig bin. Meine Liebe habe ich ihr angetragen, meine Leidenschaft, mich
habe ich ihr angetragen, mich! und mich verschmht die Nrrin, die prde,
eingetrocknete, versauerte alte Jungfer, die mir die Hnde kssen
sollte...

Warum nicht gar. Schweige! Du bist beunruhigend. Ich wei wirklich nicht,
was bei mir berwiegt, das Mitleid mit dir oder die Emprung ber dich.
Schweig! wetterte er ihn an. Ich befehle es dir. Du kommst um dein Auge,
fuhr er sanfter fort. Du mut ja fhlen, wie's um dein Auge steht. Leg'
dich hinber, sprich nicht, denk' auch nicht, verla dich drauf, was du
jetzt sprichst und denkst ist Unsinn. Ich bin hier Herr, bin gesund, und du
bist mein Gast und bist krank. Kranke mssen gehorchen. Er beugte sich
wieder ber ihn: Hagen, mein Junge, ich beschwre dich, sei ein
standhafter Mann, der einen Puff aushlt, ohne gleich an feige Flucht aus
dem Leben zu denken.

O Wunder, der Unbndige gehorchte, legte sich hin und blieb ganz still. --
Das Wasser im Kruge war warm geworden, Bertram ging zum Brunnen, frisches
zu holen. Es freute ihn, das selbst zu besorgen, und er hatte dabei einen
Anfall von Aberglauben. Da er das erste Wasser aus seinem eigenen Brunnen
zur Linderung fremder Leiden schpfte -- hatte gewi etwas zu bedeuten,
etwas Gutes, Schnes. Zur Linderung fremder Leiden? Nicht fremder, kein
Mensch war ihm fremd, am wenigsten der vertrackte Junge, das verirrte
Schaf, das er auf den rechten Weg fhren wird.

Als er ins Zimmer zurckkam, war's darin muschenstill. Er erneuerte den
Umschlag auf dem Auge des Patienten und setzte sich auf einen Schemel neben
das Bett. Daheim! ber seinem Kopfe wlbt sich sein eigenes Dach, und jede
Schiefertafel, die darauf liegt, hat er sich selbst verdient. Wie herrlich
dieses Bewutsein, wie wonnig die Ruhe in der khlen Stube. Vor zwei Tagen
erst hatte er sich krank und elend gefhlt und heute -- eben erst sprach er
zu seinem Gaste: Ich bin gesund. Ein Glcksgefhl ergriff ihn, und er
murmelte: Dank, Dank! Ach, ihm war wohl! Drauen brtete die Hitze des
Sommertages millionenfaches Leben aus. Allerweckerin! Allernhrerin!
himmlische Sonne! du hast auch Bertrams Getreide zur Reife gebracht, und
bleichst jetzt in den goldenen Hlsen das silberweie Mehl. Man riecht's,
es duftet so nahrhaft. Man hrt die Arbeiter auf dem Felde sprechen, man
hrt auch Vgel zwitschern, und jeder Schall schlgt gleichsam wie
gereinigt durch die therklare Luft, als Wohllaut ans Ohr.

Du! sprach der Patient auf einmal mit unheimlich heiserer und gequlter
Stimme.

Was denn, mein Junge?

Die Antwort lie auf sich warten, wurde aber doch mhsam hervorgepret.

Hast sie gelesen?

Was gelesen?

Zum Teufel, die Novelle.

Ach ja -- die deine. Noch nicht.

Nicht? knirschend kam es heraus dieses: Nicht. So schick' sie zurck,
zum Teufel, wenn du sie nicht lesen willst. Schick' sie zurck,
augenblicklich.

Ich laufe schon, erwiderte Bertram rgerlich, ich warte nur noch den
Besuch deiner Mutter ab. Er trat ans Fenster und sah hinaus. Da kommt sie
gefahren mit deiner Schwester und dem Doktor.

So? Natrlich, der mu dabei sein; der Flohbichirurg, die Wanze, der
Zeck!

Die Baronin hielt sich beim Anblick ihres verwundeten Sohnes tapferer, als
Bertram es ihr zugetraut htte. Sieglinde schwamm in Thrnen. Der Doktor,
ein ltliches, pfiffig dreinschauendes Mnnlein, war bald fertig mit der
Untersuchung des Patienten.

Ihnen fehlt nichts, sagte er ironisch. Stehen Sie auf. Sie knnen nach
Hause reiten, wenn Sie's freut. Schmerzen werden Sie ja nicht haben.

Ich will nach Hause fahren, sagte Hagen.

Thun Sie das, erwiderte der Doktor. Weil wir aber ganz
berflssigerweise einen Kbel mit Eis mitgebracht haben, werde ich Ihnen
einen Umschlag machen und Sie verbinden.

Das geschah. Hagen stand sofort auf, wankte, nahm ziemlich gutwillig den
Arm seiner Mutter und verlie das Zimmer, ohne ein Wort des Grues an
Bertram zu richten.

Sind Sie besorgt? fragte dieser den Arzt.

Es wird hoffentlich alles gut, aber leiden mu er wie ein Hund.

Bertram blickte der, auf Befehl des Doktors langsam fahrenden, Equipage
nach und dachte: Ein Gezcht, dieser Hagen, und kann doch ein tchtiger
Mensch werden. Hundemige Schmerzen heldenmig ertragen, das ist etwas.
Er blieb bis gegen Abend in Vogelhaus; a wirklich Hutzeln mit Gries, kam
vor, whrend und nach der Mahlzeit wirklich so oft in Gelegenheit,
Trinkgelder bezahlen zu mssen, da er endlich mit leerem Portemonnaie sein
Rlein bestieg und in einem Schritt, der sich immer mehr verschrfte, je
nher die Kuh dem Stalle kam, heimritt nach Obositz.


XII.

Beim Souper auf der Veranda war's schn und gemthlich, trotz einiger
kleiner Zwischenflle, die das gute Einvernehmen vorbergehend strten.

Der Baron kam wehmthig ergriffen von einem Besuche bei seinem Sohne
zurck, verrieth aber seine Gemthsbewegung nicht. Er setzte sich mit
Nachdruck nieder, steckte die Hnde in die Hosentaschen und sprach mit
rauher Stimme: Recht ist ihm gescheh'n! ganz recht.

Seine Gattin entsetzte sich: O, wie grausam du bist! und er erwiderte
kurz:

So ist es und nicht anders. Er war stolz auf die Brutusgefhle, die er an
den Tag gelegt hatte, und wenn er einmal in der Toga steckte, kam er nicht
so bald wieder heraus.

Der Meisenmann ist bei ihm geblieben, fuhr er fort. Guter Kerl der
Meisenmann.

So? fragte Bertram -- der Fanatiker?

Weich wie Watte. Willst du ihn weinen sehen?

Trage gar kein Verlangen danach.

Nun, ich meine nur. Wenn du vielleicht wolltest, dann sprich ihm nur von
seinem alten Vater. -- Ein sehr guter Mensch, der Meisenmann! (diese
letzten Worte richtete der Baron direkt an Gertrud). Und was seinen
Fanatismus betrifft -- Naturerscheinung. Das kommt so ber die Menschen,
wie die Nonne ber die Bume und die Reblaus ber die Weinstcke. Der
Weinstock ahnt auch nicht, da die Reblaus ihn hat und aufspeist, er
glaubt, _er_ hat die Reblaus und soll sie verbreiten zum Wohl des
Weinbergs. Und deshalb, schlo Weienberg mit scharfer Logik und warf
einen nicht minder scharfen Blick auf seine Nichte, ist Meisenmann ein
grundguter Mensch, der auch eine gesicherte Zukunft hat und jede Frau
glcklich machen wrde. Und du, wandte er sich an seine Tochter, die
sofort vor Bestrzung in Atemnoth gerieth. Was treibst du? ich mu mich
wundern. Bin grad' auf dem Gang deiner Dobka begegnet. Sie hat etwas
Versiegeltes aufs Zimmer unseres Freundes getragen. Was war das? Sie wollte
ich nicht fragen, um dich nicht vielleicht zu beschmen vor deinem
Stubenmdchen; ich frage dich selbst. Hast du sie und was hast du
geschickt?

Sieglinde rang die Hnde unterm Tisch, sie litt Qualen, und die treue
Mutter litt mit ihr, und Gertrud sah die beiden theilnehmend und dann
Bertram an, und ihm schien, als sprche sich in ihrem Blick die Bitte aus:
Kommen Sie ihnen zu Hlfe.

Da konnte er nicht widerstehen und sagte mit bittersem Lcheln: Die
Baronesse sammelt ohne Zweifel Autographen und hat mir ihr Album
geschickt.

Ja -- ich werde auch -- aber... Sie kam nicht weiter, Thrnen erstickten
ihre Stimme. Sie stand auf und warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter,
die ebenfalls aufgestanden und ihr entgegengegangen war. Leise und
unverstndlich flsterten sie miteinander. Weienberg fhrte seine groe
Theetasse an den Mund und setzte sie erst wieder ab, als die Baronin und
Sieglinde auf ihre Pltze zurckgekehrt waren.

Lieber Vogelweid, nahm die Hausfrau das Wort, meine Tochter wird Ihnen
selbstverstndlich ihr Album schicken, verzeihen Sie, da es noch nicht
geschah.

Verzeihen?

Gertrud erhob den Kopf. Bertram hatte diese Frage mit so bsartiger Ironie
gestellt, da einem bange werden konnte vor ihm. Die Baronin schwebte
wieder ein paar Meter hoch ber den Parketten und merkte nichts.

Sie sollten vorher wissen, lieber Freund, fuhr sie fort, da es eine
kleine Kollegin ist, die um einige Zeilen von ihrer berhmten Hand bitten
kommt. Sieglindchen dichtet.

Ob ich mir nicht so was gedacht hab', rief Weienberg verdrielich aus.
Sie spielt ja schon seit einiger Zeit alle Farben, wenn jemand sagt:
'Poet' oder: 'lyrisches Gedicht'.

Bisher, setzte die Baronin hinzu, haben nur die Augen der Mutter auf den
jungen Geistes- und Gemthsblthen des Kindes geruht.

So? die eigenen hat das Kind dabei zugemacht, es wird ihr im Schlaf
gekommen sein, brummte Hugo, sagte sich aber im stillen: sie spricht gut,
meine Frau.

Sieglindchen ist so bescheiden, so ngstlich. 'O Mutter, wenn ich nur
Talent habe', klagt sie oft gar rhrend. 'Ich wei nicht, ob ich weiter
dichten soll'. Nach schweren Kmpfen hat sie sich entschlossen, Ihnen die
Entscheidung zu berlassen. Lesen Sie, prfen Sie ernst und gewissenhaft,
rathen Sie, soll sie weiter dichten oder nicht?

Wenn sie nicht ein Riesentalent hat, nein! erklrte Weienberg. Dichten
ist heutzutage Mnnersache. Wund're dich nicht, da ich das wei, rief er
Bertram triumphirend zu. Kein Geringerer als du hat es mich gelehrt. Die
Bcher, die du lobst in deinen 'berblicken', darf eine anstndige Frau
nicht lesen. Er nahm keine Notiz von dem lauten Widerspruch aller: Nicht
lesen! Die Litteratur ist in einer groartigen Reform -- der Rckkehr zur
Mnnlichkeit aus weibischer Versumpfung, begriffen -- sagt Vogelweid. Und
ich sag': Bravo! Jetzt ist die Mnnerlitteratur dran. Will meine Tochter
mitthun? will sie Bcher schreiben, die ihre Mutter nicht lesen darf? fuhr
er Sieglinde an.

Die und die Baronin blieben stumm vor Verwirrung ber diesen heftigen
Ausfall, nur Gertrud entgegnete:

Aber, lieber Onkel!

Bertram horchte hoch auf, verneigte sich gegen sie und sprach: O, wie
recht haben Sie, mein verehrtes Frulein!

Da wurde sie gleich wieder verlegen: Warum denn? ich habe ja nichts
gesagt.

Doch! Sie haben gesagt: Aber, lieber Onkel! Ich wiederhole: Aber, lieber
Hugo!

Kann nicht helfen, #Mulier taceat in ecclesia#! Da nach diesem Worte
gethan wird, das erhlt die Kirche gro. Wren die Frauen auch in der
Litteratur nicht zu Wort gekommen, wre auch die Litteratur gro
geblieben.

O lieber Freund, es ginge der Kirche schlecht, wenn sie auf die
Frmmigkeit der Mnner allein angewiesen wre, und der Litteratur ging's
schlecht, wenn ihr die Frauen ihr Interesse entziehen wrden.

Das sollen sie auch nicht. Nachbeten sollen sie, aber nicht vorbeten,
nicht #in ecclesia#, nicht #in litteris#.

Einige Vorbeterinnen mchte ich doch nicht missen, versetzte Bertram. Ihm
schwoll die Galle, weil er nun doch in ein litterarisches Gesprch
hineingerathen war, und als der Freund schlagfertig entgegnete:

Ausnahmen bettigen die Regel, sprach er gereizt:

Stehende Redensart. Unsere Rede soll nicht stehen, sie soll wenigstens
flieen, wenn sie nicht sprudeln kann. Er zwirbelte an seinem Schnurrbart:
Sie schreiben also, Baronesse?

Ich schreibe nicht, ich dichte, verbesserte sie weinerlich.

Sie dichten und wollen gedruckt werden. 'Hat er es einmal aufgeschrieben,
will er, die ganze Welt soll's lieben,' sagt Goethe. Das ist ein Unglck,
wissen Sie; eine unselige, weitverbreitete Krankheit. Die Vielschreiberei
ist epidemisch geworden. Das Skelett im Hause ist heutzutage -- das
Manuskript. Es fehlt nirgends, nicht in den Schreibtischen der Erlauchten,
nicht in der Lade des Krmers, nicht im Pult des Studenten und des
Schulmdchens, nicht im Arbeitskorb der Nherin. Alles schreibt, jeder
Mann, jede Frau, jedes Kind!

Das wuten wir in unserer unschuldigen Abgeschiedenheit freilich nicht.
Sie setzen mich in schmerzliches Erstaunen, Vogelweid, sagte die Baronin
offenbar verletzt. Sieglinde glhte wie eine Feuerlilie, und Gertrud, fast
so roth wie sie, senkte den Kopf und beschftigte sich eifrig mit einer
Hkelarbeit, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.

Bertram stie einen schweren Seufzer aus: Naturerscheinung, alles
Naturerscheinung. Du hast recht, Hugo. Das schreibt und schreibt und will
berhmt werden. Es ist die Zeit, in der jedes Individuum sich selbst
vergttert, nach Vergtterung lechzt. Es ist aber auch die Zeit, in der der
Socialismus in breiten Kolonnen anrckt, sein ungeheures Prokrustesbett
hinstellt und den Genius und den Trottel, den rastlosen Arbeiter und den
Faulenzer, den Asketen und den Lstling, nebeneinander einpfercht als
Genossen und als gleichwerthige Knechte der unumschrnkten, unfehlbaren
Tyrannin -- der Gesellschaft. Dann wieder eine andere Strmung: Keine
Gesellschaft! kein Staat! keine Gesetze. Jeder sein eigener Lykurg.
Egoismus das einzige Menschenrecht, Nchstenliebe fluchwrdige Schwche.
Und wie viele andere Strmungen noch! Und jede in den Augen ihrer Vertreter
der alleinig zur berschwemmung der Welt berufene, die Zukunft befruchtende
Nil! Mit tglich wachsender Furie platzen sie aufeinander -- bumen sich zu
Gischtsulen empor... Wartet nur, wartet, bis die rasenden Naturgewalten
verheerend losbrechen. Die Stunde kommt. Wie es jetzt in der Welt aussieht,
so hat es immer ausgesehen vor dem Untergange einer Civilisation!

Whrend er diese Rede hielt, starrte er unverwandt vor sich hin in den
Garten. Weil aber Sieglinde ihm gegenber sa, schien sein Blick auf ihr zu
ruhen. Der rmsten war, als ob sie mit glhenden Ngeln an die Pfeiler der
Veranda genagelt wrde.

Weienberg hatte dem Freunde fortwhrend seine Zustimmung zu erkennen
gegeben, jetzt sagte er, wie einer, der seiner Sache zwar nicht sicher ist,
den Kampf aber um keinen Preis aufgeben will, zu seiner Tochter:

Siehst du, siehst du, das alles kommt von der Dichterei.

Oder die Dichterei von alledem, und sie ist krank und faul, wie wir
selbst, versetzte Bertram.

Gertrud erhob den Kopf und lachte: Sie scheinen zur bertreibung geneigt,
Herr Vogel.

Sie hatte ihn angesprochen. Endlich! Er verneigte sich so freudig, als ob
sie ihm die grte Schmeichelei gesagt htte: Ja, ganz gewi! Ich
bertreibe, ich bin bertrieben, im Treibhaus wird man bertrieben.

Er wurde auf einmal ungeheuer vergngt, fate himmelhohe Hoffnungen und
entwarf traumhaft schne Zukunftsplne. Sein hitziger Ausfall von vorhin
erschien ihm jetzt wie ein Bombenattentat auf die armen Damen. Er wollte
ihn vergessen machen, wollte unterhalten, liebenswrdig sein, gefallen mit
einem Wort. Es gelang ihm, er hatte davon eine bestimmte Empfindung und
wurde immer heiterer und sprhte Geistesfunken, denen eine so zndende
Kraft innewohnte, da selbst Sieglinde, die seit dem heien Gu, der ber
sie ergangen war, mehr einer gebadeten Maus als einer begeisterten
Dichterin und stolzen Baronesse gleich gesehen hatte, sich zu einigen
Witzchen und Spchen aufraffte, die belacht wurden. Ihre Eltern waren
selig. Einen solchen Abend hatte man in Obositz nie erlebt.

Beim Gutenachtwnschen war Bertram noch voll Begeisterung. Er drckte beide
Hnde Weienbergs, nannte ihn zum hundertsten Male seinen Wohlthter und
dankte ihm mit berstrmendem Gefhl, er kte die Hand der Baronin und die
Sieglindens und htte gar zu gern auch die Gertruds gekt; er ging auf sie
zu. Aber sie errieth seine Absicht und wich ihm aus, und so kte er denn
noch einmal die Hand der Baronin.

Sie sind gro, Vogelweid, sprach die edle Frau. Nein, nein, depreziren
Sie nicht, Sie _sind_ gro... Morgen um neun Uhr unter den Platanen. Dort
erwarte ich Sie, Vogelweid, setzte sie rasch und mit leisem Flehen hinzu.


XIII.

Wenn das nicht ein Stelldichein war, dann hatte Bertram sein Lebtag keines
gehabt. Was sie nur von ihm wollte, diese Frau? Wie sie ihm die Nerven
angriff mit ihrem ewigen Gewisper: Ich mu Sie sprechen, bleiben Sie bei
mir. In welch ein Wespennest war er gerathen! Blind htte er sein mssen,
um nicht zu sehen, da die beiden jungen Damen, als er gegen die
Vielschreiberei wetterte, Butter auf dem Kopfe gehabt hatten. So trug denn
auch sie, der sein Herz zujauchzte, im Geheimen blaue Strmpfe.... Auch
sie, wie merkwrdig! An ihr kam die Naturerscheinung ihm nicht so widrig
vor wie an anderen, er -- konnte sich Gertrud mit der Feder in der Hand
denken, ohne da der alte Raubvogel sich in ihm regte. O wie liebte er sie
schon! Liebte sie bis zum Verleugnen seines tiefst eingewurzelten
Vorurtheils!

In seinem Zimmer angelangt, setzte er sich an den Tisch. Zur Arbeit, zur
verpnten! Er ri die schneeweie Umhllung von dem Buche, das Sieglinde
ihm geschickt hatte. Ein prachtvoller Einband kam zum Vorschein, vergoldete
Beschlge, Monogramm, Freiherrnkrone.

Auf der ersten Seite begrte den Leser das in moderner Steilschrift
hingemalte Motto. Wo mochte Sieglinde die Verse aufgestbert haben? Sie
kamen Bertram nicht ganz unbekannt vor:

     Wenn einst durch ein centralisch Feuer
     Dieser groe Planet zerspringt,
     Sitzt noch der Dichter mit der Leier
     Auf dem letzten Stein und singt.

Mit ihm um die Wette sang die Dichterin von Obositz und besang ihren Gesang
und schrieb gewissenhaft unter jedes ihrer Lieder, wann und wo es gesungen
worden war. Am Neujahrstage, in der Kaffeekche, Am 10.Mrz, im
Gemsegarten, Am 9.April, um sechs Uhr frh, im Bette; und an allen
diesen Orten hatte Sieglinde zur Harfe gesungen. Aber Bertram wollte
whrend seines Erdenwallens von Harfen nichts mehr hren; er bltterte
weiter in dem schnen Buche und stie auf eine Leier (o je -- eine alte
Bekannte!), die gestimmt wurde. Auf Seite7 zu einer hohen, himmlischen,
auf Seite8 zu einer ordinren, huslichen Feier. Da hatte er genug.
Ernstlich prfen -- diese Lyrik? Anker werfen in einem Lavoir! Warum nicht
gar!

Er ri Hagens dickes und schmutziges Manuskript an sich. Die Schrift
fuselig und liederlich; Form und Inhalt genau so, wie Bertram sie erwartet
hatte. Mit Widerwillen las er eine Weile und fluchte dabei halblaut:
Hysterischer Schweinigl!

Auf einmal fuhr er zusammen. An der Thr hatte es geklopft. Wer ist's? Ein
Todesschrecken lief ihm durch die Glieder. Wr's denkbar? -- Er hielt den
Athem an, er hatte Lust, die Lampe auszulschen. Es klopfte wieder, laut
und krftig.

Ich schlafe schon, schrie er auer sich.

Spavogel, antwortete eine wohlbekannte, o Wonne, o Glck! eine mnnliche
Stimme. Er sprang auf, er ffnete die Thr vor dem Freunde.

Warum sperrst du dich denn ein wie eine Komte? fragte der. Hast du denn
kein Vertrauen zu unserm Burgfrieden? Er hatte eine geheimnivoll
sieghafte Miene und trug ein groes, viereckiges Paket unter dem Arme.
Damit schlug er auf den Tisch, da es einen Knall gab, wie von einer
schnalzenden Kinderklatsche.

Um Gottes willen, sprach Bertram, das ist Papier!

Ja, sagte Hugo und setzte sich. Ich bin nicht zu Ende mit den
berraschungen, die grte stand dir noch ins Haus, da ist sie. Noch einmal
wurde das Paket mit beiden Hnden ergriffen und damit auf den Tisch
geschlagen, da es noch lauter knallte:

Ich habe ein Lustspiel geschrieben.

Du?

Ich und kein anderer! Dir zu Lieb' und Ehr'. Du schreist ja bestndig nach
einem Mnnerstck, einem Lustspiel nur fr uns Mnner. Da ist eins. Da hast
du's. Zum Kuckuck, das wird dir stark genug sein.

Bertram brachte kein Wort hervor. Er sa da mit weit aufgerissenen Augen
und betrachtete den Freund, wie er den alten, bis zur Decke reichenden
Schrank dort an der Wand, mit seinen armdicken, gewundenen Sulen
betrachtet haben wrde, wenn der sich pltzlich auf die Kanten seiner
plumpen Fe gestellt und angefangen htte, zu tanzen und zu pirouettiren.

Du staunst, rief Weienberg. Das httest du mir nicht zugetraut. Nun --
ich mir selbst nicht. Jetzt schau nur, da sie mir's auch auffhren am
Burgtheater... Um den Erfolg ist mir nicht bange. Ich wei nur nicht --
er fuhr mit der Hand etwas rathlos ber seine Glatze, ob ich mich
entschlieen werde, herauszukommen, wenn sie mich rufen.

Wir haben jedenfalls noch Zeit, darber nachzudenken.

Die haben wir. Jetzt heit's vor allem andern: Schweigen, Schweigen wie
das Grab. Du schwrst? -- Gut. Begreifst ja, meine Frau, meine Kinder
drfen keine Ahnung haben, da ich etwas so Starkes... Er unterbrach sich
und streichelte liebevoll sein Manuskript.

'Don Juan am Lande' heit's.

_Am_ Lande. So?

Knig Lear, Hamlet, Romeo und Julia auf dem Dorfe haben wir. Jetzt kommt
ein Don Juan dazu. Das ist ein Kerl! Weienberg schmunzelte schon beim
Vorlesen des Personenverzeichnisses und schttelte sich vor Lachen, als
sein Held im ersten Auftritt drei betrogene Ehemnner durchprgelte.

Bertram bemhte sich, wenigstens die Caricatur eines Lchelns
hervorzubringen und sagte: Was du fr lustige Einflle hast -- es ist zum
Weinen. Und als der erste Aufzug schlo, ermannte er sich zu dem
tiefsinnigen Ausspruch: Das war also der erste Akt.

Weienberg hatte eine kleine Anwandlung von Verlegenheit: Gieb acht, jetzt
kommt der zweite.

Vogel bog sich zurck im Fauteuil, hielt die Lehne fest und hob die Augen
zur Decke, wie jemand, der entschlossen ist, eine Zahnoperation tapfer
auszuhalten. Der zweite ging vorber, und der Zuhrer wute wieder nichts
anderes zu sagen als:

Das war also der zweite Akt.

Hugo war etwas zaghaft geworden: Nun, wie findest du's?

Der Kritiker kmpfte einen schweren Kampf. Sein feines, blasses Gesicht
hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Das nervse Zucken, das seit der
Abreise von Wien verschwunden war, stellte sich wieder ein.

Wie findest du's? fragte Weienberg abermals und Bertram ergriff beide
Hnde des Freundes, drckte sie unendlich liebevoll und sprach aus der
Flle der berzeugung:

Niedertrchtig!

Die groen Hnde, die er mit den seinen vergeblich zu umklammern suchte,
entzogen sich ihm. Das war alles. Von den Lippen des Freundes kam kein
Laut. Nach einer Weile erst wagte Bertram ihn anzusehen und wandte die
Augen sogleich wieder ab, der Anblick that ihm zu weh. Sein Recensentenamt
mute aber dennoch gewissenhaft ausgebt werden.

Dein Stck ist roh und unsittlich, sprach er, das Gegentheil von allem,
was du selbst bist. Einen besseren Beweis dafr, da du gar kein Talent
hast, giebt es nicht. Unser Talent ist der Ausflu unseres ureigensten
Wesens, ist sein tiefster und hchster Ausdruck.

Talent? Lieber Gott, murmelte Hugo eingeschchtert. Ich mache ja gar
keinen Anspruch auf so was.

O, wenn du mir weniger lieb wrst, wenn ich dich weniger schtzte und
verehrte, ich wrde mich nicht verpflichtet fhlen, dir die Wahrheit zu
sagen und damit dir und mir weh zu thun!

Das war keine Phrase. Mit Schmerz sah der Delinquent, da sein Richter
mehr litt als er: Weh thun, was dir einfllt!

Flunkere nicht. Es thut immer weh, wenn einem eine Hoffnung zerstrt
wird.

Lcherlich -- einem konomen. Dem werden ganz andere Hoffnungen zerstrt,
und er mu sich's gefallen lassen.

Bertram rckte ganz nahe zu ihm heran und sprach im Tone einer Mutter, die
ihr Kind ermahnt, es zugleich aber zu trsten sucht ber die Ermahnung:
Das Stck ist nicht einmal ganz von dir. Du hast -- Ehrlichster der
Ehrlichen -- du hast gestohlen -- was fr ein gottverfluchtes Ding ist doch
die Litteratur, wozu verleitet sie! Du hast fr dein Lustspiel (es pat
hinein wie ein junger Tiger in eine Bocksfamilie), eine ganze Scene aus der
Macht der Finsterni von Tolstoi gestohlen.

Hugos mchtige Adlernase erglhte viel tiefer, als die Wangen seiner
Tochter je erglhen konnten: Merkt man das? fragte er beschmt.

Leider, oder sagen wir -- zum Glcke! Ich freue mich, da sich diese
Sachen nicht in dir gestaltet haben; das ist kein Vergngen, so grliches
zu... Er hielt inne und blickte dem Freunde tief in die Augen: Du nimmst
mir meine Aufrichtigkeit gewi nicht bel?

Im Gegentheil, ich bin dir dankbar, erwiderte Weienberg ohne eine Spur
von Groll, aber recht bekmmert. Er stand auf und packte mit der
mechanischen Sorgfalt eines ordnungsliebenden Mannes sein Manuskript wieder
in den Umschlagbogen. -- Dem ist jetzt, als ob er einen lieben Todten ins
Bahrtuch hllen wrde, dachte Bertram und wurde schwach:

La es da, sagte er, vielleicht macht sich's gegen das Ende besser.

Nein, da gerad' nicht. Das Ende geht mir nicht recht zusammen. Ich habe
mich aufs Vorlesen verlassen und gemeint, dabei fllt mir noch allerlei
ein. Statt dessen ist mir aber allerlei herausgefallen. Merkwrdige Sache
das, mit dem Vorlesen. Die eigne Stimme schon bt Kritik. Na, seufzte er
voll Resignation, ich hab' mich halt blamiert. Versprich mir noch einmal:
kein Wort davon gegen irgendwen. Es ist eine Dummheit, aber ich bitte dich
-- versprich mir's.

Wie kannst du glauben? rief Bertram mit zrtlichem Vorwurf.

Versprich's doch--

Ich versprech's.

Du wirst nicht einmal dran denken, es vergessen.

O wie gern!

Dank' dir. Gute Nacht.

Gute Nacht.

Er ging, und Bertram wischte sich die Stirn, auf der die hellen
Schweitropfen perlten. Das war ein Stck Arbeit, das er da vollbracht,
indem er dem Freund, dem Wohlthter erbarmungslos seine Meinung gesagt
hatte.

An der Thr hielt Weienberg an, kehrte um und blieb zwei Schritte vor
Bertram stehen: Noch einmal ehrlich, sprach er, Mann gegen Mann, bin ich
in deinen Augen gesunken?

Gesunken? Du? Nie hher gestanden, Mensch ohne Eitelkeit, guter, lieber
Alter!


XIV.

Als Bertram am nchsten Morgen erwachte, schlug die Schlouhr acht, und
Simon trat zum zweitenmal ins Zimmer. Er war schon vor einer halben Stunde
dagewesen und hatte den Herrn Doktor noch fest und s schlafend gefunden.
Hatte der Herr Doktor das Schpektakel gehrt in der Nacht? das Horn des
Feuerwchters, das Gerassel der Spritzen und Wasserwagen, das Geschrei der
Leute? Mit der berlegenheit eines Menschen, der etwas erlebt hat, whrend
der andere ruhig im Bette lag, erzhlte Simon, da ein groes Feuer gewesen
war. Der entlassene Ochsenknecht, der schlechte Kerl, hatte es gelegt. Ein
Meierhof war abgebrannt, die Mutter des Schaffers und sein kleinstes Kind
wren bei einem Haar mit verbrannt. Aber der Herr Baron hat sie mit eigener
Lebensgefahr gerettet.

Bertram war aufgesprungen, hatte hastig einige Kleidungsstcke angethan und
wollte auf und davon -- zum Freunde, zum Feuer.

Der Herr Baron sind aber wieder da und schlafen jetzt, und Feuer ist
keins mehr, sagte Simon innerlichst zufrieden mit dem Effekt, den er
hervorgebracht hatte. Er redete Bertram zu, Toilette zu machen und zu
frhstcken, und Bertram bergo sich mit kaltem Wasser und rief:

Mein Freund im Feuer, mein Freund in den Flammen, und ich lieg' da und
schnarche. O Simon, Simon! warum haben Sie mich nicht geweckt!

Wecken? Jekerle, wo htte Simon die Zeit dazu hergenommen? Er war ein
paarmal in der Nacht zur Brandsttte gelaufen, der Frau Baronin Nachricht
zu bringen, die bei ihrem Sohne wachte und in groer Angst gewesen ist um
Hagen, weil er fieberte, und um den Herrn Baron, weil sie schon wei, wie
der ist, wenn's brennt.

Tummeln sich, bitte, schlo er, die gndige Frau Baronin haben grad
wieder nach Herrn Doktor gefragt und warten auf ihn im Garten.

Das Stelldichein gab sie also nicht auf, die Unselige! Ein Verbrechen war
begangen, es war Feuer gelegt worden. Ihr Sohn hatte Fieber gehabt, ihr
Mann in Lebensgefahr geschwebt, ihres Stelldicheins verga sie ber alledem
nicht!

O Weiber! Weiber! -- Mchtig ergriff ihn Schopenhauersche Indignation gegen
das treubrchige, breithftige, leichthirnige Geschlecht.

Sie wnschen ein Rendezvous, Madame? Sie sollen es haben!

Mit schroff ablehnender Miene erschien er eine Viertelstunde spter unter
den Platanen. Baronin Weienberg erwartete ihn. Sie trug ein Morgenkleid
aus Battist mit Spitzen und Stickereien und hellgrauen Schleifen. Auf ihren
etwas altmodisch, aber hbsch frisirten Haaren sa ein allerliebstes
Hubchen. Ihre Gesichtsfarbe war wie gewhnlich frisch und rosig, aber ihre
Augen hatten etwas Verschleiertes, sie schien geweint zu haben.

Bertram begrte sie und fing sogleich an vom Feuer zu reden, in so
barschem Tone, als ob sie es gelegt htte. Die arme Frau war ganz
eingeschchtert, und ihr Mund verzog sich krampfhaft.

Hugo hat keinen Schaden genommen, dem Himmel sei Dank. Er exponirt sich
bei solchen Gelegenheiten immer entsetzlich. Alles Lebendige ist gerettet,
und das Gebude war versichert, sagte sie und blickte hlflos und wie
suchend umher. Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.

Da haben Sie wohl recht, assekurirt mu man sein, und ich leichtsinniger
Thor habe noch nicht gefragt, ob diese so nothwendige Maregel in Vogelhaus
getroffen wurde, rief Bertram. Entschuldigen Sie, wenn ich keinen
Augenblick lnger zgere, mir Gewiheit darber zu verschaffen. Er stand
auf.

O Vogelweid, wie grausam Sie sind! Ja, ja, das ist Grausamkeit!
wiederholte die Baronin und lehnte sich vllig gebrochen an die Gartenbank:
Sie mssen doch ahnen -- ein Mann wie Sie!... Und statt mir mein schweres
Gestndni zu erleichtern -- ein Gestndni, das zu thun so beschmend...

Wie wr's, wenn Sie sich's ersparten? fragte Bertram kalt und spttisch.

_Gut_ wr's, wenn ich's knnte, aber ich kann nicht. Ich bin zu Ende mit
meiner moralischen Kraft... In drei Nchten kein Auge geschlossen. Heute
die dritte Nacht, die schrecklichste von allen. Mein Sohn im Fieber, mein
Mann im Feuer, ich in Hllenqualen... O Vogelweid, ich rufe Ihre Hlfe
an. Schwren Sie mir, da Sie mein Vertrauen nicht mibrauchen werden.

Wozu schwren, was sich von selbst versteht? erwiderte er; aber sie gab
nicht nach.

Ihre Hand darauf! und sie reichte ihm ihre Rechte hin, ihre schngeformte
weie Rechte, die er drckte und bewundern mute, obwohl ihm graute und er
sich vorkam wie ein Zolascher Held.

Zuerst, was mich zum Theil wenigstens, entschuldigt, sagte Bertha hastig
und beklommen. Ich habe Phantasie--

Seit wann?

Ich werde sie wohl immer gehabt haben, ich bemerkte es nur nicht. Ich bin
jetzt so allein. Hagen ist auf dem Gymnasium, Lindchen lernt oder dichtet,
die Poesie ist eine einsame Kunst. Meinen Mann sehe ich oft wochenlang nur
bei den Mahlzeiten. Das giebt dem besten ehelichen Verhltni einen
gewissen Anstrich, ich mchte ihn einen prosaischen Anstrich nennen. Ich
habe doch auch poetische Bedrfnisse.

Seit wann?

Seitdem ich mehr lese--

Da haben wir wieder die verfluchte Litteratur! murmelte Bertram.

Und wenn man viel liest und wenn man viel allein ist und wenn man
Phantasie hat, trumt man und bildet sich allmhlich ein Ideal, ein Urbild
alles Schnen, alles Vollkommenen. -- Man giebt diesem Urbild einen Namen
und versetzt ihn in bestimmte Verhltnisse -- und sich an seine Seite --
und -- was dann vorgeht, malt man sich aus--

Aha! Die Brauen Bertrams zogen sich druend zusammen, und er kreuzte die
Arme ber der Brust.

Die Baronin zitterte: O wie unerbittlich Sie aussehen, Vogelweid. Mitleid!
Mitleid! Ich habe es zu Papier gebracht. Erbarmen Sie sich, ich habe einen
Roman geschrieben.

Einen Roman haben Sie geschrieben? Er athmete, er jubelte auf. Ihm war zu
Muthe wie dem treuen Heinrich, als die Eisenringe, die ihn umpanzert
hatten, sprangen. Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu kssen, bat er und
that es strmisch: Sie Wunderbare! Nie htte ich's fr mglich gehalten,
da ich in Entzcken gerathen knnte, weil eine Dame einen Roman
geschrieben hat!

Bertha lchelte wehmthig und blieb beklommen. Entweder berschtzen Sie
meine Leistung, oder andere unterschtzen sie. (Als sie das sagte, dachte
sie selbst: Ich spreche gut.) Mein Manuskript erfuhr manche Zurckweisung.
Es gelangte zuerst an die Redaktion der 'Neuen Freien Presse.'

Es gelangte -- das heit, da Sie es hingeschickt haben.

Nun ja, mit einem sehr, sehr hflichen, ich darf sagen, einem demthigen
Brief.

Wehe! sprach Bertram.

Nach einiger Zeit kam meine Sendung zurck. Die Herren schrieben, da sie
fr drei Jahre mit Romanen versorgt seien. Nun wandte ich mich an die 'Alte
Presse', an die Tagebltter -- dieselbe Antwort. Alle diese Zeitschriften
haben Romanvorrath fr drei Jahre. Ach! es wird doch viel geschrieben!

Das wre nicht so schlimm, versetzte Vogel, schlimmer ist, da das
Geschriebene ein Gedrucktes werden will... O, Frau Baronin, sehen Sie, ich
an Ihrer Stelle wrde eine leuchtende Ausnahme machen; ich liee nichts
drucken -- just nicht.

Wenn es noch in meiner Macht stnde, Freund! Aber ich bin schndlich
hintergangen worden. Just Carolus...

Bertram schrie auf: Just Carolus? Wie kommen Sie zu dem?

Er annoncirte vor einem halben Jahre die Grndung einer neuen Zeitschrift,
lud zur Einsendung von Beitrgen und...

Und besonders zum Abonnement ein.

Ganz recht. Ich schrieb, ich sandte meinen Roman und erhielt einen Brief.
Vogelweid, ich bin eine glckliche Frau, aber der Tag, an dem dieser Brief
kam, war doch einer der schnsten meines schnen Lebens, ein Ausbruch der
Bewunderung der ganze Brief. Carolus stellte mich in eine Reihe mit Heyse,
Keller und Meyer. Ihr Manuskript, schrieb er, ist von der Lesekomission
einstimmig angenommen worden.

Aus dem einfachsten aller Grnde -- sie hatte nur eine Stimme.

Er wollte seinen ersten Jahrgang mit mir erffnen. Mein Herz quoll ber,
ich antwortete in Ausdrcken, ich bekenne Ihnen alles, Vogelweid, es werden
wohl berschwngliche Ausdrcke gewesen sein. Nach so bitteren
Enttuschungen ein solcher Erfolg. Carolus steht im Krschner an der Spitze
einer langen Reihe von Werken. Ich verehrte ihn, ich pries ihn, er ragte
als Halbgott in meinem Herzen.

Ja, das ist so! Es schmeichle einer nur unserer Autoreneitelkeit, und wir
sind zu jeder Selbsterniedrigung bereit. Baronin, da Sie in diese Falle
gingen!

Richten Sie nicht, Vogelweid, helfen Sie. Ich bin in einer furchtbaren
Klemme. Er bat um meine Photographie, ich schickte sie ihm mit einer
Widmung.... und dann, denken Sie, nannte er mich: Erhabene Schlofrau,
angebetete Herrin.

Sie haben ihm gewi auf dem schnen Briefpapier geschrieben, mit der in
Gold geprgten Aufschrift: Schlo Obositz, und der wehenden Fahne mit dem
Doppelwappen.

Mein Gott, ja. Und nun hlt er mich fr eine Millionrin, spricht von den
Kosten, die das Grnden einer Zeitschrift verursacht, und ich soll eine
Aktie zu zehntausend Gulden nehmen. Und ich habe nur ein ganz kleines
Vermgen, das Hugo verwaltet. Ich konnte das Geld nicht geben, ich mute es
gestehen. Seitdem hat Carolus den Ton gendert, er schmeichelt nicht mehr,
er droht... Womit am rgsten? Mit der Verffentlichung meines Romans!
Damit, behauptet er, macht er mich lcherlich vor der ganzen Welt. Er droht
auch, meinem Manne meine Photographie mit jener Widmung und meine Briefe --
Liebesbriefe nennt er sie -- zu schicken. Das sind sie nicht, aber -- o,
ich bin sehr schuldig! -- ich sprach von ungestillter Sehnsucht nach
regerem Geistesleben, -- von Seeleneinsamkeit. Ich wei nicht, wessen Hugo
fhig wre, wenn er erfhre, da ich mich an seiner geliebten Seite
seeleneinsam gefhlt habe... Mir schaudert, und ich zittere um den Frieden
meiner Ehe... Ach, Vogelweid! und soeben brachte man mir ein Telegramm
auf Hagens Zimmer. Ich habe es noch nicht erffnet. Eine furchtbare Ahnung
sagt mir: es ist von Carolus und enthlt mein Schicksal. Himmel, warum
mute ich an einen so elenden Menschen gerathen!

Das eben ist Ihr Glck im Unglck, beruhigen Sie sich, Baronin. Ich rette
Sie, ich habe den Mann in der Hand. Einige meiner Kollegen und ich sind vor
Jahren durch ihn arg geschdigt worden, und wir haben uns vor seinen
Schlichen sicher gestellt. In einem gewissen eisernen Schrank bei einem
gewissen Advokaten sind Beweise gegen ihn deponirt, die ihn jeden
Augenblick ins Kriminal bringen knnen. Daran will ich ihn erinnern und die
Herausgabe Ihres Eigenthums verlangen. Er seufzte tief und schwer: Ich
will ihm schreiben.

O Vogelweid, wie dank' ich Ihnen! Aber lesen Sie zuerst das Telegramm.

Bertram ffnete das gefaltete Blatt, warf einen Blick hinein und sprang
auf: Nein, rief er, nicht schreiben, handeln! Da ist keine Zeit zu
verlieren, er will mit dem Zwlfuhrzug kommen, ich geh, ich _reite_,
steigerte er sich, ihm entgegen, fang' ihn auf auf der Station.

Kommen? Hierher? Die groe, starke Frau stammelte, erbleichte, ihre Augen
wurden starr, sie rang mit einer Ohnmacht. Bertram ermahnte mit Energie:

Muth, Baronin. Nehmen Sie sich zusammen. Sie drfen jetzt nicht ohnmchtig
werden. Erstens ist es nicht mehr modern, und zweitens mssen auch Sie
jetzt handeln. Er erhob die Arme, seine Hnde ballten, seine Brust
erweiterte sich: Knapp', sattle mir mein Dnenro. Geben Sie Befehl, Frau
Baronin, da die Kuh vorgefhrt werde. Ich will Ihr Ritter sein, ich fhle
das ganze Mittelalter in meiner Faust.


XV.

Bertram lief ins Schlo, um seine Morgenschuhe mit Reitstiefeln zu
vertauschen, bei einem Haar htte er Sporen angeschnallt. In den Sattel
_stieg_ er nicht, sondern _schwang_ er sich und ergriff die Zgel mit
solcher Entschlossenheit, da die Kuh die Ohren spitzte. Aber das
imponierte ihm mit nichten. Spitze du, dachte er, ich sitz' das aus. Hier
bin ich Mann und nicht Schreiber. Munter und khn trabte er vorwrts und
traf eine Viertelstunde vor dem Zuge auf der Station ein. Die Kuh war dort
eine bekannte Persnlichkeit. Sie wurde bei besonderen Anlssen, dem
Aufgeben und in Empfang nehmen von Geldbriefen und dergleichen vom
Postboten herbergeritten, und whrend der seine Gnge besorgte, in den
Schuppen eingestellt.

Das geschah auch heute auf die freundliche Einladung des Herrn Expeditors,
sie erhielt Gastfreundschaft fr den Nachmittag, und Bertram lie ihr zur
Unterhaltung ein Bndel Heu vorsetzen. Dann trat er an den Schalter mit
groartiger Ruhe -- er war freilich der einzige Passagier -- und lste zwei
Billete erster Klasse, eines zur nchsten Station, eines nach Trzebinia,
begab sich auf den Perron und erwartete den Zug. Ein paar Trger
schlotterten daher, vorahnend, da es keine Beschftigung fr sie geben
werde. Ein kleines Mdchen barfig und zerlumpt, mit verwilderten,
staubigen Haaren, brachte auf einem angebrochenen Teller schne, schwarze
Kirschen herbei. Jeder der Trger machte sich das Vergngen ihr einige
davon zu entreien, und Bertram, der Landessprache unkundig, mute zu
dieser Brutalitt schweigen. Aber auch schweigend vollbringt der
Hochgemuthe eine rettende That. Er ging auf die Kleine zu, steckte ihr
einen Gulden in die Hand, eine Kirsche zwischen die Zhne und wies mehrmals
nacheinander von dem Inhalt des Tellers auf ihren Mund, und von dem Fleck,
auf dem sie stand, nach dem Ausgang. Sie lachte, sie begriff, stopfte
gleich ein halbes Dutzend der saftigen Frchte in den Mund und rannte
davon.

Das Glockenzeichen wurde gegeben, majesttisch fuhr der Zug ein. Aus dem
Fenster eines Coups dritter Klasse neigte sich ein schwarzes Lockenhaupt,
das ein riesiger Rembrandthut malerisch beschattete.

Hierher, Schaffner! hierher! rief eine dnne Stimme, und im nchsten
Augenblick erglnzten auf den Stufen des Waggons ein Paar Lackstiefeletten,
zwei kurze Beinchen hpften zur Erde, blieben aber pltzlich steif und
regungslos stehen:

Willkommen, Just Carolus! sprach Bertram und lftete den Hut. Der
Rembrandt wurde einen halben Meter hoch ber das Lockenhaupt gehoben.

Sie, Herr Vogel, welche berraschung.

Wir haben nur eine Minute Aufenthalt! steigen Sie wieder ein und wundern
Sie sich spter. Die Frau Baronin schickt mich Ihnen entgegen. Infolge
eines Miverstndnisses wurde der Wagen aus Obositz nicht hierher, sondern
zur nchsten Station dirigiert. Steigen Sie ein. In dieses, das nchste
Coupe!

Erste Klasse, so? ach ja, das ist ja sehr aufmerksam von der Frau
Baronin.

Sie haben Gepck bei sich?

Diese Tasche.

Es ist doch alles drin, was Sie der Frau Baronin mitbringen wollten, ihre
Briefe, ihre Photographie?

Woher wissen Sie...

Fragen Sie nicht, steigen Sie ein! befahl Bertram so khl und
gebieterisch, als ob er auf der Nordbahn zu Hause wre und zu ihren
Machthabern gehrte.

In dem Coup, in das er Carolus vorantreten hie, hatte eine ltliche, sehr
dicke Dame mit trkischem Gesichtstypus sich huslich eingerichtet. Ihre
Fe ruhten auf dem Sitze ihr gegenber, der auerdem von einem
wundervollen, grauen Affenpintscher eingenommen wurde. Neben ihr stand eine
geffnete Reisetoilette mit kostbarer Einrichtung, die verschiedensten
Effekten, seidene Decken, Kissen, ein Vermeillebesteck, eine goldene
Cigarettentasche, lagen auf den Wagenpolstern umher. Die Luft war etwas
dumpf und mit Peau d'Espagne-Dften und denen des feinsten gyptischen
Rauchtabaks erfllt.

Die Fremde warf den beiden Herren, die sich bescheiden in die Ecken neben
dem Eingang gesetzt hatten, einen feindseligen Blick zu, der aber milder
wurde, nachdem er Justs Lockenkopf gestreift, auf den er auch fters und
immer freundlicher wiederkehrte, bis er endlich wie gebannt auf ihm ruhen
blieb.

Sollte das der berhmte franzsische #coup de foudre# sein? fragte sich
Bertram.

Carolus aber war zu verwirrt, um den guten Eindruck, den er hervorbrachte,
zu bemerken. Ihm wurde bang und bnger in Vogels Nhe. Er war ihm drauen
schon furchtbar gewesen, als er mit natrlicher Stimme zu ihm gesprochen
hatte, jetzt fand er ihn doppelt furchtbar, als er sich zu ihm neigte und
ihm leise zuflsterte:

Sie werden mir die Photographie und die Briefe, die Sie bei sich haben,
sofort ausliefern, und dann werden Sie eine Vergngungsfahrt unternehmen
nach Trzebinia.

Warum nach Trzebinia?

Diese Gegend ist ohne Reize, sprach die Dame, und statt Justs, an den sie
sich gewendet hatte, erwiderte Bertram kurz abbrechend:

Gnzlich. Er setzte seinen Fu mit Wucht auf das Fchen des zierlichen
Mnnleins, neigte sich vor und begann wieder im frheren Tone.

Sie bergeben mir die Sachen, die ich verlange, auf der Stelle und
schicken mir das Manuskript der Frau Baronin morgen nach Obositz oder...

Oder was? Keine Drohung... Ich bitte mir aus -- Carolus hauchte es nur;
er hatte sich zurckgelehnt, seine Zhne klapperten. Die Mitreisende
betrachtete ihn voll Erbarmen. Sie fand ihn gar zu herzig in seinem
sammtenen hellbraunen Knstlerflaus, in seinen taubengrauen Hschen, und
unbeschreiblich rhrend war ihr der Ausdruck der Qual in seinem
interessanten Gesichtchen.

Ihr Freund befindet sich schlecht, sagte sie und reichte Bertram ein
Riechflschchen: Bitte, lassen Sie ihn dieses athmen.

Athmen Sie, rief Bertram, hielt dem bleichen Carolus mit einer Hand das
Flacon unter die Nase und nahm mit der andern ein Pckchen in Empfang, das
der Bedrngte aus der Brusttasche gezogen hatte. Die Herren fhrten ein
kurzes Gesprch, das der Lrm des ber eine Brcke hinrasselnden Zuges fr
ihre Gefhrtin im Coup unhrbar machte.

Sie berfallen mich wie ein Straenruber.

Wie ein Straenruber, der ber alle Errungenschaften der Kultur verfgt,
ja. Wenn Sie mir das, er spielte mit dem Pckchen, lie es kreisen
zwischen seinen Fingern, nicht gutwillig anvertraut htten, wrde Ihrer
irgendwo unterweges eine bescheidene Empfangsfeierlichkeit gewartet
haben.

In Trzebinia, meinen Sie. Als ob es mir nicht freistnde, auszusteigen, wo
ich will.

Unbemerkt nicht. Dafr wre leicht gesorgt. Ein Passagier erster Klasse,
mit Ihrem uern, so auffallend hbsch gekleidet, wie Sie immer sind. Ich
bin Ihrer sicher, verlassen Sie den Train, wo es Ihnen beliebt; seien Sie
nur gewi morgen nachmittags wieder in Wien. Mein Advokat, den Sie ja
kennen, wird den Auftrag haben, abends bei Ihnen anzufragen, ob das Paket
abgeschickt ist.

Es wird abgeschickt sein, knirschte Carolus. Aber bei nchster
Gelegenheit -- machen Sie sich gefat.

Auf einen Vipernstich in die Ferse ist unsereins immer gefat -- Sie
fahren also bis Trzebinia, geehrter Freund, sagte er laut, und so
bentzen Sie wohl den nchsten Zug, der morgen um 7Uhr 55Minuten von dort
abgeht, zur Rckkehr nach Wien?

Nach Wien? mischte die Dame sich ins Gesprch. Ich komme von dort, eine
charmante, kleine Stadt, dieses Wien.

Und, gndige Frau, fragte Bertram, sind auf dem Wege nach?--

Nach Hotin.

In Bessarabien?

Meine Gter sind in der Nhe.

Gter in Bessarabien? Carolus machte eine rasche Schwenkung auf seinem
Sitze und sandte einen Blick voll heier Sympathie zu der Reisenden
hinber. Sie hatte die Zeit der Reife lngst berschritten, und sie hatte
sehr schwellende Formen, aber sie hatte eine goldene Cigarettentasche und
Ringe von unermelichem Werthe und eine mit Diamanten besetzte Uhr, und sie
kam, wie er bald erfuhr, aus England, wo sie eine Saloneinrichtung fr ihr
Schlo gekauft hatte, und auch den schnen Affenpintscher. Fr fnfzig
Pfund -- ein Bettel; hundert waren ihr schon fr das Prachtthierchen
geboten worden.

Das Gesprch zwischen Carolus und der Bessarabierin belebte sich immer
mehr. Sie nannten einander ihre Namen. Der ihre war ihm unaussprechbar, der
seine entzckte sie. Just Carolus. Wie das klang! wie mild und fest, wie
edel und gelehrt. Er war gewi ein Gelehrter. Ihr verstorbener Gatte, der
Bojar, wre auch gern ein Gelehrter gewesen, aber die Verwaltung seiner
Besitzungen gab ihm viel zu thun, er konnte sich seiner Liebhaberei nicht
widmen.

Verstorben der Gatte! O seliger Bojar, Wohlthter! Carolus pries sein
Andenken. Er bezeigte der Dame tiefste Theilnahme und hoffte nur, da ihr
daheim, zu ihrem Troste, liebliche Kinder blhten...

Aber nein, sie war kinderlos und stand einsam und trotz einiger
Glcksgter, mit denen der Himmel sie gesegnet hatte, doch recht arm in der
Welt.

Die langen Wimpern Justs, seine grte Schnheit, senkten sich und
verschleierten seine habgierigen Augen. Er seufzte tief, und auch die
Wittwe seufzte.

Der Schaffner kam, war mrrisch, entschuldigte sich bei der gndigen Frau.
Er hatte die Herren nicht einsteigen gesehen, er wrde ihnen sonst andere
Pltze angewiesen haben.

Auch Bertram entschuldigte sich und nahm zugleich Abschied. Er stellte der
Reisegefhrtin ihr Flacon zurck und reichte Just sein Fahrbillet. Mit
Mivergngen entdeckte dieser, als er es in die Brusttasche steckte, da er
nur groe Banknoten bei sich habe. Am Schalter wechselt man so ungern.

Sie knnen mir, sagte er nachlssig, dreiig Gulden zur Rckreise
vorstrecken, Vogel.

Verdammter Kerl, fluchte Bertram im Stillen und suchte in seinem
Geldtschchen: Kann ich? Da sind fnfzehn. Sie werden gegen Ihre
Gewohnheit zweiter Klasse fahren mssen.

Die Bojarin erschrak. Zweiter Klasse durfte nicht einmal ihre Kammerjungfer
mehr fahren. Ein deutscher Baron hatte ihr dort einen Heirathsantrag
gemacht. In die Gefahr, meinte Bertram, werde Carolus nicht kommen, aber
die liebenswrdige Wittwe bestand darauf, ihm fr alle Flle aus der
Verlegenheit zu helfen.

Mein Diener kommt auf jeder Station meine Befehle holen, sagte sie. Er
fhrt die Kasse, er wird die Banknote Herrn Justs Carolus wechseln.

Der Zug hielt. Bertram betrat die Plattform im Augenblick, in dem ein
groer, brtiger Russe im Nationalkostm die Stufen heraufstieg. Er hatte
eine wohlgefllte Geldkatze umhngen und trat mit der Mtze in der Hand an
die Thr des Coups.

Nun gilt's dein Meisterstck, Just Carolus, dachte Vogel, finde Mittel, die
kleinen Banknoten einzustecken und die Abwesenheit der groen zu erklren.


XVI.

Bertram ging auf der Landstrae den selben Weg zurck, den er eben mit der
Eisenbahn vorwrts gebraust war. Eine echt mhrische Gegend. Der
Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Hhen gekrnt, goldig
schimmernde Felder und ppige Wiesen, soweit das Auge reichte,
Pflaumenbume mit Frchten berladen, krftiges Weideland, auf dem schne
Rinder grasten und in der Nhe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute
Scharen des mhrischen Schwans, des Hausthiers ohne Furcht und Tadel, der
glorreichen Gans. Auf einen Tiger wrde sie losfahren, mit aggressiv
vorgestrecktem Halse, mit zornig wackelndem Schwanze. Das hrteste
Schicksal trifft sie, beugt sie aber nicht. Jahr fr Jahr erbarmungslos
gerupft, ihres zarten Flaums beraubt, erhebt sie sich aus den Hnden ihrer
Peiniger und flattert mit blutendem Flgel und hinkt mit verstauchtem Fu
wund und nackt ebenso stolz, wie ehedem in blhender Gesundheit und
prangendem Gefieder.

Und die Dorfleute, die nicht nur gegen dieses, sondern gegen jedes Thier
die naivste Grausamkeit ausben, sind beinahe durchwegs gutmthig und haben
eine freundliche Wrde und eine angeborene Hflichkeit in ihrem Benehmen.
Fast alle, denen Bertram begegnete, grten ihn, er dankte aufs
freundlichste, nahm sich vor, die Landessprache eifrig zu studieren und
trumte von knftiger Popularitt. Dann dachte er an das Duett, das jetzt
im Waggon, den er verlassen hatte, gesungen werden drfte, klopfte lachend
auf das in seiner Brusttasche untergebrachte Pckchen, und sang nach der
ins Heitere bersetzten Melodie von: Der gute Kamerad:

     Was immer auch daraus entsteh',
     Ich hab' eine That gethan, Juchhe!
     Eine bessere find'st du nit, Juchhe!

So lustig ging's eine Weile fort, dann begann ihm sehr hei zu werden. Die
Sonne brannte -- wie glhende Liebe! rief er laut. Ich liebe dich, o
Mdchen -- du Knigliche! Ich kenne dich kaum und kenne dich doch. Du
imponierst mir, und ich fhle mich doch zu deinem Beschtzer berufen.

Die Hitze wurde drckend, einige Mdigkeit stellte sich ein, aber seltsam
-- ging's nicht zu wie im Mrchen? im Augenblick, in dem er sich das zum
Bewutsein brachte, wurde er von einem raschen Gefhrt ereilt, das
pltzlich neben ihm anhielt:

Wohin, Herr Vogelweid? ertnte vom Kutschbock herunter die Stimme Gerhart
des Retters.

Zur Station, Herr Graf.

Da bringe ich Sie hin. Kommen Sie.

So las er ihn zum zweitenmal von der Strae auf: Sie machen aber sehr
weite Spaziergnge, sagte er. Mir scheint, da Sie es schon nthig haben,
sich von der durchaus nicht litteraturfreien Atmosphre in Obositz zu
erholen. Ja, der Zug der Zeit. Uns hat er noch nicht ergriffen.

Sie sind ihm entronnen. Sie gehren gewi zu den wahrhaft, den vom Buche
zum Leben Vorgeschrittenen.

O, ich bitte, wir haben uns vom Buche durchaus nicht ganz emancipiert.
Meine Frau liest sogar recht viel und auch ernste Sachen.

Wenn er sagte: Meine Frau, nahm seine Stimme einen ganz eigen lieben
Ausdruck an, und ein schnes Leuchten brach aus seinen dunkeln Augen.
Meine Frau, Zrtlichkeit und Ehrfurcht, freudige und stolze Liebe
verkndete sich dabei unwillkrlich und unbewut in seinem Blicke. Heil
dir, dachte Bertram, du braver Mensch bist auch ein glcklicher Mensch:

Das Frulein Gertrud von Weienberg, sprach er pltzlich, hat groe
hnlichkeit mit Ihrer Frau Gemahlin.

Das wre mir nie aufgefallen.

Gro, wenn auch nicht so gro, schlank, wenn auch nicht so schlank... und
das Gesicht..

Nun ja, ein Gesicht hat jede. Was aber die hnlichkeit betrifft...

Sie liegt in dem Eindruck, den die ganze Erscheinung hervorbringt. Edelste
Anspruchlosigkeit, die schnste Ruhe, die vollkommenste Natrlichkeit ist
beiden Damen eigen. Er schwieg eine Weile und sagte dann nachdenklich:
Wie sich wohl die Zukunft des Fruleins gestalten wird?

Nicht besonders heiter.

Warum? warum sollte sich das Frulein nicht glcklich verheirathen?

Weil wir vor lauter Geldgier dumm geworden sind, wir Mnner; wer heirathet
heutzutage ein armes Mdchen?

Ich wt' wohl einen, der sich selig preisen wrde... platzte Bertram
heraus. Htt' er doch geschwiegen! Der Graf sah ihn von der Seite
unangenehm fragend in einer Weise an, die ihn verwirrte, er bereute
gesprochen zu haben und -- redete weiter: Sie glauben also nicht, da sie
ihn nehmen wrde?

Ich glaube nicht.

Also nicht. -- Er war so bestrzt, da der Graf ihn besorgt fragte:

Was ist Ihnen?

Die Antwort blieb aus, und im nchsten Augenblick wurde die Aufmerksamkeit
beider durch ein wildes Schreien und Fluchen, das sich in der Ferne hren
lie, in Anspruch genommen. Gerhart gab den Pferden die Zgel und fuhr die
jetzt ziemlich steil ansteigende Strae rasch hinauf. Inmitten der Anhhe
sah man ein mit Brettern beladenes Fuhrwerk halten, dem zwei armselige,
alte Mhren vorgespannt waren. Unfhig, ihre schwere Last weiter zu
schleppen, hatten sie ihr nachgegeben und den Wagen in ein Rinnsal gleiten
lassen, in dem er nun quer ber dem Wege stand. Der Lenker des
unglcklichen Gespanns schlug drein in sinnloser Wuth mit dem
Peitschenstiel, den Fusten, den Stiefelabstzen, und die Gule senkten
ihre Kpfe zur Erde, rhrten sich nicht mehr, lieen die Mihandlungen
ihres Peinigers in stumpfer Verzweiflung ber sich ergehen.

Gerhart hielt knapp bei ihnen an. Er war dunkelroth und bi die Zhne
zusammen: Entschuldigen Sie einen Moment, Herr Vogel, sagte er und winkte
seinem Kutscher, der sofort absprang. Er schien zu wissen, um was es sich
handelte, und schob einen Stein hinter eines der Wagenrder. Auch Gerhart
sprang ab, ging mit drohenden Worten auf den Fuhrmann zu, entri ihm die
Peitsche und schleuderte sie zur Erde. Einen Augenblick war's, als wolle
der Mensch sich zur Wehre setzen; als er aber sah, da der Graf und der
Diener die Strnge ihrer Pferde zu lsen begannen, und errieth, da man ihm
zu Hlfe kommen wollte, zog er den Hut und brach in jmmerliche Klagen aus.

Nach wenigen Minuten waren die krftigen Pferde den erschpften vorgespannt
und zogen das Gefhrt den Berg hinauf.

Bertram blieb sitzen und sah ihnen nach.

Ein gutmthiger Mensch, der Graf. Da half er gequltem Gethier aus der
Noth, ihm aber hatte er ganz gelassen einen Stachel ins Herz gebohrt, mit
seinem zweifelnden Blick und mit seinem grausamen: Ich glaube nicht.

Als Gerhart nach einer Weile zurck kam und die unterbrochene Fahrt
fortsetzte, sagte er: Sehen Sie, dieser Fuhrmann ist ein armer Teufel; ich
wei nicht, was mit ihm geschieht, wenn seine Pferde umstehen, und dennoch
schindet er sie zu Tod. Die Armuth ist eben nicht sparsam.

Es war spt am Nachmittag, als Bertram heimkehrte; die Schatten wuchsen
und die Sonne sank, und das Vesperbrot war, wie Simon Befehl hatte Herrn
Vogel zu melden, auf der Terrasse serviert.

Dort fand Bertram die Baronin in peinlicher Erwartung, ruhelos auf und ab
wandelnd. Sie empfing ihn mit einem unterdrckten Aufschrei.

Ach Sie! Endlich, Vogelweid! Was bringen Sie? Erlsung? Befreiung... Bin
ich gerettet?

Als er alles bejahte, kannte ihr Dank keine Grenzen. Eine Sechzehnjhrige
htte ihn nicht heier empfinden, und kindlicher ausdrcken knnen, als
Bertram die verfnglichen Briefe an Carolus und die Photographie mit der
Widmung hervorzog und ihr berreichte.

Wie hatte diese Frau sich und ihre Gefhle konserviert. So etwas wre
unmglich in der Stadt.

Ich will nicht ungestraft gefehlt, geirrt haben, sagte sie. Ich werde
ehrlich Bue thun; ich habe das Bedrfni, zu shnen, Vogelweid.

ber die Art, in der das geschehen sollte, konnte sie ihm im Augenblick
keine Aufklrung geben, denn Hugo kam eben in Begleitung Meisenmanns
herbei. Der Freund und die Gattin bereiteten dem Herrn des Hauses einen
Empfang, auf den er nicht gefat gewesen war.

Hugo! Hugo! mein Alter! Ich hab' dich noch nicht gesehen, seitdem du im
Feuer gewesen bist und Menschenleben gerettet hast. O, ich wei -- ich
wei, du Braver! rief Bertram ihm begeistert entgegen, und die Gattin
schwebte im wuchtigen Fluge auf ihn zu und lag an seiner Brust und weinte
auf seine lichtblaue Piquweste Thrnen der Wiedergeburt.

Ihr Mann fand das schn gesagt und gut gegeben, ersuchte sie aber Ma zu
halten: Du warst am Vormittag schon gerhrt, Bertherl, das ist
hinreichend, auch fr eine so liebe und treue Frau wie du.

Treu? -- die Baronin zuckte zusammen wie eine verwundete Taube.

Nun, vielleicht nicht? Ich bitte dich, Bertherl, mache dich nicht
interessant. Wir wollen jausen ohne Interessantmacherei und ohne Rhrung.
Solche Sachen verderben einem nur den Appetit.

Vor meiner Rhrung brauchen Herr Baron sich nicht zu frchten, sprach
Meisenmann mit forciertem Humor. Haben unter anderen einen deutschen Juden
aus dem Feuer gezerrt. Ich an Ihrer Stelle htte ihn tiefer
hineingeworfen.

Sie Meisenmann? Wie macht das ein Theoretiker? Ich bin neugierig. Sie
mssen es mir zeigen bei nchster Gelegenheit.

Der Professor rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. Nchste
Gelegenheit? Was fr eine Gelegenheit meinen?

Wir werden ja sehen, sie kommt.

Wenn man sie herbeifhren will, kommt sie freilich.

Ohne Sorge! Ich werde nicht extra Feuer legen, damit Sie Juden
hineinwerfen knnen.

Sieglinde und Gertrud kamen, die erstere aufgelst in Verlegenheit, im
scheuen Blick die Frage: Was sagen Sie zu meinen Gedichten? die zweite sehr
ernst und noch stiller als gewhnlich. Bertram glaubte zu bemerken, da
Meisenmann sie schon einigemale triumphirend angesehen habe, und war voll
Indignation und htte ihm gar zu gern zugerufen: Sie nimmt dich nicht;
mich nicht und dich ebensowenig.

Etwas freier athmete er, als Hugo und Meisenmann sich zu Hagen verfgten
und er allein blieb mit den Damen. Die Baronin und Sieglinde fingen an zu
flstern und einander gegenseitig aufzumuntern: _Du_, Lindchen, _du_! Um
Gotteswillen, nein, _du_, Mama! Die liebende Mutter gab nach. Sie
rusperte sich, sie hielt eine kleine Rede, in der sie ihren sehnlichen und
den nicht minder sehnlichen Wunsch ihrer Tochter ausdrckte, Bertrams
Urtheil ber die Gedichte Lindchens in Erfahrung zu bringen.

Gedichte? Er mute sich besinnen. Gedichte -- ja so!

Mama, Mama, Herr Vogelweid hat ganz vergessen... klagte Lindchen tief
gekrnkt.

Nein, Baronesse, ich habe nicht vergessen, ich habe ge--geblttert, sagen
wir, in den Gedichten, die Sie mir geschickt haben... Erbarmungslose, die
einen berftterten noch stopft, wollte er hinzusetzen, aber die ngstlich
gespannten Mienen der Mutter und der Tochter, die demthig sehnschtige
Erwartung, mit der beide Damen zu ihm empor schmachteten, entwaffnete ihn.
Diese Dilettanten! sie haben alle Aspirationen, machen alle Leiden des
echten Knstlers durch -- nur was dabei herauskommt, ist anders. Vor
allem, Baronesse, wendete er sich an Sieglinde, was haben Sie vor mit
Ihren Gedichten?

Drucken lassen -- sie sthnte es fast, und er seufzte, wurde aber nicht
grimmig, sondern sprach in weichem, zuredendem Tone:

Sehen Sie sich um in der Welt. Wohin Sie blicken, berall begegnen Sie den
allgemeinen, unaufhaltsamen Fortschritten...

Unserer Litteratur! fiel Bertha begeistert ein.

--Der Socialdemokratie, Frau Baronin.

Ach ja, versetzte sie und lchelte ihn hchst unsicher an.

Wir gehen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung entgegen. Lsung der
wirtschaftlichen Fragen heit der nchste Schritt zum Ziele, und er liegt,
wie man sagt, in der allgemeinen Verstaatlichung. Meine unmagebliche
Meinung ist nun, da der bergang zu dieser breiten Strae des Heiles uns
wieder auf jetzt ganz verlassene Fupfade fhren wird, zum Beispiel -- zur
Hausindustrie.

Ach ja, wiederholte die Baronin und gab ein heuchlerisches: Ganz recht!
dazu, um zu verbergen, da sie ihn durchaus nicht begriff.

Eilen Sie uns voran, Baronesse! Streben Sie keine fabriksmige
Vervielfltigung Ihrer Dichtungen an, verschmhen Sie die kapitalistische
Bcherproduktion durch den Verleger -- singen Sie, ein liebliches
Vgelchen, Ihre zarten Lieder den Eingeborenen von Obositz, zirpen Sie, ein
trautes Heimchen, am huslichen Herde.


XVII.

Als man sich am Abend trennte, nahm Bertram Abschied von seinen Wirthen fr
den ganzen morgigen Tag, den er in Vogelhaus zubringen wollte. Lieber auch
rumlich von der Unerreichbaren getrennt sein, als in ihrer Nhe
schmerzvoll hangen und bangen. Er ging allein seinen Zimmern zu; der
Freund, der ihn sonst geleitete, die Dienerschaft, die heute bis zum Morgen
gewacht, hatten sich frher als gewhnlich zur Ruhe begeben. Die Lampen
waren gelscht, vor der Mondesscheibe lagerte eine langgestreckte Wolke,
ein trumerisches Halbdunkel herrschte, eine schne Stille, Balsam fr den
geruschesmden Stadtbewohner. Jeder Blick durch die hohen Fenster des
Ganges in den Garten bot Erhebung, wirkte sanft und beschwichtigend. Leise
wie ein angefachtes Fnkchen begann die erloschene Hoffnung wieder zu
glimmen. Qulst du dich nicht mit Hirngespinnsten, du Narr? fragte er sich.
Waren die Worte, die dich unglcklich machen, auf dich gemnzt, oder
beziehst du sie nur auf dich, krankhaft empfindlicher Thor? Mu der Graf an
mich gedacht haben, als er sagte: Ich glaube nicht? Er dachte vielleicht
an:

Meisenmann! rief Bertram wonnig mit wahrem Entdeckerjubel aus. Zu seinem
Schrecken antwortete eine Stimme aus der Tiefe des Querganges:

Ich bin's, bitte. Simon trat hervor. Der junge Herr Baron schickte ihn,
er lie den Herrn Doktor bitten, zu ihm zu kommen.

Jetzt? jetzt gehe ich schlafen, und Hagen soll auch schlafen gehen. Sagen
Sie ihm das von mir.

Er schlft aber nicht, er schreibt und liest die ganze Nacht.

In dem Zustand, mit dem Auge?

Ach Gott ja! 's is schaudris. Gehen Sie zu ihm, bitte, auf den Herrn
Doktor wird er hren, auf uns hrt er nicht, auf mich und den Meisenmann.

Ein schrecklicher Kerl, ein Tyrann, murmelte Bertram, folgte dem Alten
widerwillig und trat verdrielich bei Hagen ein, der ihn verdrielich
empfing und anbrummte:

Ist dir's endlich gefllig?

Er sa mit verbundenem Kopfe in einem groen Lehnstuhl unter der grell
leuchtenden Hngelampe und sah elend aus. Auf einem Tische neben ihm waren
die neuesten Werke der modernsten nordlndischen, franzsischen und
deutschen Unsittenschilderer recht zur Schau ausgelegt. In einer Hand hielt
der Jngling Juvenals Satiren, in der andern einen Rothstift.

Das Zimmer befand sich in greulicher, in gewollter Unordnung. Die Mbel und
einen Theil des Fubodens bedeckten Bcher, Schriften, Cigarrenkistchen,
Waffen, Fecht- und Turngerthe; an den Wnden hingen, mit Ngeln befestigt,
schamlose Photographien. Auf einem Schranke neben der Thr lag eine
Pistole; der Hahn war gespannt, das Zndhtchen aufgesetzt.

Komdiant! dachte Bertram und sprach mit eisigem Spotte: Ich mu dir doch
den Gefallen thun, dir zu bettigen, da ich dich gefunden habe, im Juvenal
lesend. Das Grellste hast du wohl mit Strichen versehen, damit niemand
zweifeln knne, da du's verstanden hast. Mir freilich wre nie ein Zweifel
gekommen, bei den Erfahrungen, die du schon gemacht haben mut, im
Kaffeehaus oder in der Zuckerbckerei.

Bei dem letzten Worte fuhr Hagen zusammen, Zorn und Schrecken verzerrten
sein Gesicht.

Verzeih', wenn ich dich rgere, ich sollte dir dankbar sein, weil du dir
so viele Mhe gegeben hast, mir zu Ehren dein Zimmer zu dekorieren.

Dir zu Ehren, ja just, was der sich einbildet!

Bertram deutete auf die Bilder an der Wand: Die wirst du doch nicht da
lassen, wenn du deine Mutter erwartest, oder...

Hagen hielt sich mit beiden Hnden die Ohren zu: Gieb deiner Beredsamkeit
Urlaub, ich frage nicht nach deinen Moraltrotteleien, ich frage...

Hast du meine Novelle gelesen? unterbrach ihn nun Bertram seinerseits.
Ja, denn, ich habe sie gelesen, leider. Er rckte einen Sessel an den
Tisch und setzte sich.

Hagen spielte den Gleichgltigen und den Hhnischen, aber die Kniee
zitterten ihm. Hast du wirklich die Gnade gehabt?

Die Gnade, ganz richtig. Wie du weit, bin ich nicht hierher gekommen, um
mich mit dem Lesen dilettantischen Pfuschwerkes zu beschftigen, sondern um
mich vom Lesen zu erholen und von der Litteratur berhaupt. -- Saubere
Erholung.. Er hielt inne, er wrgte tapfer die Klagen hinunter, die sich
ihm auf die Zunge drngten. Genug davon. Trotzdem hab' ich, wie gesagt,
deine Novelle gelesen.

Groartig! Nicht zu glauben! Und was meint der patentierte Kritiker? Hab'
ich Talent?

Vielleicht ja, mglicherweise hast du Talent.

Ein hliches, rechthaberisches Lcheln verzog die blutlosen Lippen Hagens.
Wie mhsam er das herausquetscht! Einen Jungen loben, thut ihnen gar zu
weh, den Alten. Kann dir nicht helfen... Ich hab' Talent, und wei es, und
wollte dich nur zwingen, es zuzugeben.

Und dann? was weiter? Talente laufen zu Hunderten auf der Gasse herum.
Pferde, Hunde, Ferkel haben Talent. Talent, mein Lieber, ist viel und --
nichts. Was du daraus machst, und was dieses 'Du' fr ein Ding ist, darauf
kommt's an! Zuerst mache du _dich_, dann wirst du vielleicht etwas machen
aus deinem Talent.

Ist mir zu hoch, die Weisheit.

Streck' dich! am Ende langt's.

Wenn man eine gute Novelle geschrieben hat.

Wer spricht von einer guten Novelle? Die deine ist elend, als Vorwurf, als
Komposition, Charakterzeichnung, Stilprobe. Man mu scharf hinsehen, um
eine Spur von Talent darin zu entdecken. Kein anderes als ein Ferkeltalent
natrlich. Nun, auf ein Adlertalent machst du ja keinen Anspruch.

Du bist beleidigend.

Wenn die Wahrheit beleidigt.

Richtig! die hast du gepachtet... Moraltrottel! das eine Wort murmelte
er nur, dann schrie er wieder: Bleib' bei der Stange! Mag die Novelle
sein, wie sie will, Talent verrth sie. Empfiehl mir einen Verleger.

Da steht er, erwiderte Bertram und deutete auf den Ofen.

Das wrde dir in den Kram passen. Wir kennen euch, ihr doktrinren Zpfe.
Aus dem Weg die Werke der Neuen! Du irrst, wenn du glaubst, da ich dir
aufsitze. Geh zum Teufel. Ich werde meinen Weg allein machen. Ich werde mir
selbst einen Verleger suchen.

Wirst ihn auch finden, wenn du Unglck hast. Brauchst dich nur an den
Rechten zu wenden, der besorgt alles, den Widerspruch provozierenden Tadel,
das aller Wrde hohnsprechende Lob. Irgend eine Zeitung sagt dann wohl:
Dergleichen wurde noch nie gewagt -- und der Erfolg ist da. Freilich giebt
es nur eine Entschuldigung fr das Jagen nach solchem Erfolg -- den
Hunger.

Whrend er sprach, verfolgte er aufmerksam in den bewegten Zgen des
Jnglings den Eindruck, den seine Worte hervorbrachten. Es ging viel vor in
diesem Werdenden, und so viel Sensationen, so viele Zgel, an denen ein
Mensch gefat werden kann.

Hagen, begann Bertram von neuem und jetzt in vershnlichem Tone, ich
habe diese Entschuldigungen gehabt. Nicht etwa, da ich schnden Erfolgen
nachgejagt wre, aber dafr, da ich einen Beruf ergriff, zu dem ich nicht
berufen war. Die Zwangslage, in der ich mich befand, kann allein
verzeihlich machen...

Und weit du, Alleswisser, ob ich nicht auch in einer Zwangslage bin?

Oho, hast du etwas versprochen, dein Wort verpfndet? Gesteh! hab' in
Kuckucksnamen Vertrauen zu mir.

Ich hab' nur zu viel. Seine Stimme versagte, die Spannung, in der er sich
knstlich erhalten hatte, lie pltzlich nach. Er weinte, er schluchzte
heftig, leidenschaftlich. Sein schmchtiges Krperchen wand sich in Schmerz
und in ohnmchtiger Wuth ber den weibischen Ausbruch, den er verachtete
und dem er nicht Einhalt thun konnte.

Bertram htte gern Mitleid mit ihm gehabt und brachte es nicht zuwege. Ach,
wenn einem jemand unsympathisch ist, wo bleibt da die Gte, die
vielgerhmte, die allumfassend, unendlich, ewig gegenwrtig sein soll?
Bertram war angst und bang um den Jungen, aber ein warmes Gefhl fr ihn
konnte er sich nicht abringen. Guter, starker Mensch, schlag' an dein Herz,
nicht einen Funken Erbarmen schlgst du heraus, wenn es ihn nicht
freiwillig giebt.

Ich bin der rmste Teufel, rief Hagen, ich stehe ganz allein in der
Welt. Gertrud verabscheut mich, der Vater versteht mich nicht, die Mutter
zieht mir diese Gans von einer Sieglinde vor. Auf dem Gymnasium bin ich
verhat... Das freilich ist mir Wurst. Ich kann ohnehin ins Gymnasium
nicht mehr zurck. Hier kann ich auch nicht bleiben; wohin soll ich? Aus
der Welt!

Warum kannst du denn nicht aufs Gymnasium zurck?

Weil ich Schulden hab', zum Teufel. Beim Zuckerbcker.

Bertram brach in Lachen aus: Beim Zuckerbcker? Der blasierte Decadent
sitzt beim Zuckerbcker und stopft sich mit Kuchen, der bermensch ist eine
Naschkatz! Einen Lutschbeutel hast du doch auch, der liegt vielleicht als
Merkzeichen im Juvenal?

Lache du... Elende Possen zu reien, wenn dein Freund ins Unglck
gerathen ist, pat fr dich.

Es wird nicht gro sein, das Unglck.--

Woher vermuthest du das? Meinen Alten darf ich's nicht klagen, sie haben
ohnehin schon Schulden fr mich gezahlt. Sie hinter seinem, und er hinter
ihrem Rcken, und ihm habe ich mein Ehrenwort geben mssen, nichts mehr auf
Rechnung zu nehmen. Und jetzt schreibt mir dieser verfluchte Zuckerbcker
Brief auf Brief... Hilf du mir, er faltete die Hnde, ich werde dir ewig
dankbar sein.

Bertram blickte finster vor sich hin: Wieviel bist du schuldig? Antworte!
Zehn Gulden? Zwanzig Gulden?

Zwanzig! Ein solcher Bettel brchte mich doch nicht in Verlegenheit.

Einen Bettel nennst du das? Ich habe in meinem ganzen Leben nicht zwanzig
Gulden fr Backwerk ausgegeben.

Andere Verhltnisse, mein Lieber, versetzte Hagen hochmthig.

Bilde dir noch etwas ein auf deine ekelhafte Genschigkeit. Also nochmals:
wieviel bist du schuldig?

Zweihundert Gulden.

O du Entsetzlicher! Um zweihundert Gulden hat dieser Mensch Backwerk
gegessen und Likr getrunken.

Ich habe auch traktirt, sagte Hagen kleinlaut.

Abermals bestand Bertram einen schweren Kampf mit sich selbst und abermals
ging er siegreich aus ihm hervor. Es hatte groe Selbstberwindung
gekostet.

Aber durfte er zgern? Er durfte nicht. Er besann sich, wie mchtig es ihn
ergriffen hatte beim Anblick von Vogelhaus: Was knnte ich fr dich thun,
du Treuer? Wie wrd' ich die Stunde segnen, die mir eine Antwort brchte
auf diese Frage. Nun war die Stunde unerwartet schnell gekommen, nun konnte
er etwas thun fr seinen Freund.

Er stand auf: Gieb mir die Rechnung. Ich werde zahlen, nicht deinetwegen,
deines Vaters wegen. Es tht' ihm zu weh, wenn er erfhre, da er einen
Sohn hat, der sein Ehrenwort bricht. Wenn du aber glaubst, da ich mein
Geld umsonst gebe, irrst du. Ich geb' und nehme.

Was nimmst du?

Dein Manuskript--

So httest du doch Verwendung dafr? rief Hagen mitrauisch.

Jawohl. Und diese Photographien.

Das ist Erpressung.

Jawohl, Erpressung und Gewaltttigkeit. Er nahm die Bilder von der Wand
und ri sie in Stcke. Er that's ganz ruhig, und Hagen lie es ohne
Einsprache geschehen, lehnte den Kopf zurck, streckte die Beine weit aus
und lag da wie ein Todter.

Der Arzt kam, nach seinem Patienten zu sehen, fand ihn erschpft und etwas
fieberhaft, und wollte bei ihm wachen.

Bertram verlie das Zimmer. Beim Weggehen hatte er aber einen Diebstahl
begangen. Er hatte die Pistole abgespannt und sie mit sich genommen.


XVIII.

Er ging zu Bette, konnte aber nicht einschlafen. Die Sorge um Hagen hielt
ihn wach. Nach einer Stunde stand er auf und begab sich zu ihm hinber, um
nach seinem Befinden zu fragen. Es war gut; der Ungerechte schlief den
Schlaf des Gerechten, und dieser ngstigte sich um das saubere Frchtchen,
das ihn sicherlich auslachen wrde, wenn es davon wte. Bereuen konnte er
seine nchtliche Wanderung aber nicht, denn er brachte Seelenruhe von ihr
heim.

In aller Gottesfrhe, nach einigen Stunden kurzer, kstlicher Rast, war er
auf dem Wege nach Vogelhaus. Unaufhaltsam hatte er vorwrts eilen wollen,
aber die Schnheit des Gartens hielt ihn fest. Eine wahrhaft vollendete
Schnheit.

Auf einer Brcke, die ber das klare und wasserreiche Bchlein fhrte, das
den Garten durchschlngelte, blieb Bertram stehen. Er legte die
verschrnkten Arme auf das Gelnder und versank in die Wonne still
bewundernden Schauens. Zwischen den Bumen und Baumgruppen auf den welligen
Wiesen erffnete sich ein weiter Ausblick auf die Berge und Wlder. Ein
Blick voll Frieden. Wohnt er auch wirklich dort? Er wohnt, wohin du ihn
trumst, und das ist in der Natur ewig und immer -- die Ferne. Tritt nher,
du siehst den Kampf.

Ein Knistern des Kieses, das Gerusch nahender Schritte, weckte ihn aus
seinen Betrachtungen. Er wendete den Kopf und erblickte Gertrud, die
langsam auf ihn zukam. Sie sah ihn nicht, sie wandelte unter dem Schutze
eines groen Sonnenschirms, dessen breiter Spitzenrand ihr Gesicht
verdeckte, und fuhr zusammen bei dem freudigen Grue, den Bertram ihr
zurief. Sie wre ihm offenbar gern ausgewichen, konnte es aber nicht mehr
thun, ohne geradezu die Flucht zu ergreifen. So entschlo sie sich denn,
ihren Weg -- noch langsamer als vorhin -- fortzusetzen.

Sie scheint nicht angenehm berrascht durch meine Anwesenheit, sagte sich
Bertram -- ich stre sie -- worin nur? Warum steht sie so frh auf? Sie
dichtet! Ohne Zweifel, sie dichtet. Man kann nicht anders in diesem Milieu.
Sie geht vielleicht ins Fischerhaus, um dort zu dichten.

Merkwrdig! Als ihm der Einfall kam, da war's, als ob eine Mauer
niedergefallen wre, die zwischen ihm und ihr gestanden hatte. Sie
Dichterin, er Journalist: er fhlte sich beinahe auf dem gleichen Fue mit
ihr. Beinahe, nicht ganz. Sie war ihm doch noch zu fremd und -- eine
Wrde, eine Hhe...

Er setzte den Hut, den er feierlich abgenommen hatte, wieder auf, ging ihr
entgegen und wand dabei, wie man beim Waschen thut, eine seiner Hnde um
die andere, was immer etwas sehr Verbindliches hat. Vor ihr angelangt,
neigte er sich mit einer gewissen freundlich erwartungsvollen Spannung und
sagte: Nun, mein gndiges Frulein... und was schreiben denn Sie?

Gertrud war betroffen: Ich?

Sie! -- Sie werden doch auch schreiben.

Nein, gewi nicht.

Nun war _er_ betroffen. Ist das mglich? Und warum nicht?

Warum? -- weil ich kein Talent habe, gab sie mit groer Gelassenheit zur
Antwort und zuckte ein wenig die Achseln.

Kein Talent?... Eine Dame von heute ohne Talent zur Schriftstellerei? Die
niedergesunkene Mauer richtete sich sogleich wieder auf, und die Geliebte
stand ihm wieder so hoch wie je, und er htte das Knie vor ihr beugen mgen
und ausrufen: Verzeih', Erhabene, da ich dich anbete!

Zum ersten Male whrend ihres Gesprches hatte sie die Augen zu ihm erhoben
und sah ihn mit einem Gemisch von Verlegenheit und Muthwillen flchtig an:
Ich wre vielleicht so gut wie andere im Stande gewesen, mir poetisches
Talent zuzutrauen, wenn mich nicht eine Autoritt bei Zeiten aus der Gefahr
gerettet htte.

So sind Sie, mein gndiges Frulein -- das kam mit einem Anflug von
Wehmuth heraus -- doch auch in Gelegenheit gewesen, sich an eine Autoritt
in dergleichen Dingen zu wenden?

Jawohl, wie ich in Gelegenheit gewesen bin, bei Blumenmacherinnen und
Stickerinnen anzufragen: Ist meine Arbeit etwas werth und knnt' ich Geld
dafr bekommen? Was versucht man nicht alles, wenn man jung ist und voll
Selbstvertrauen.

Und arm, ergnzte er in Gedanken.

Nun kamen sie an dem Weg vorber, der zur Strae nach Vogelhaus fhrte.
Bertram lie ihn links liegen und schritt weiter, an der Seite seiner
holden Begleiterin. Sie sprachen von gleichgltigen Dingen, aber ihm ging
dabei das Herz auf; die Scheu, die Gertrud bei jeder neuen Begegnung mit
ihm zu berwinden hatte, war verschwunden bis auf die letzte Spur, da wagte
er's, da sprach er die Frage aus, die ihm schon so lang auf der Seele
brannte:

Was haben Sie gegen mich gehabt, Furcht oder Abneigung? Eines dieser
beiden Gefhle war ich so unglcklich, Ihnen einzuflen.

Das erste, erwiderte sie ohne Zgern.

Du lieber Gott, wer ist schuld? Wer hat mich verleumdet?

Niemand; bei uns wird nur Ihr Lob gesungen, ich habe aber meine
Privatempfindung.

Und die ist Furcht?

Ich staune, da Sie darber staunen. Wenn man grausam sein kann wie Sie,
wenn man arme, vielleicht feinfhlige Menschen an den Pranger stellen und
dazu lachen kann... denn Sie lachen, wenn Sie Ihre Feuilletons
schreiben...

Lngst nicht mehr. Ich schwitze, schwitze Blut! Und was die armen,
feinfhligen Menschen betrifft -- die sich ohne Berechtigung an die
ffentlichkeit drngen, die haben eine dicke, eine Rhinozeroshaut; denen
geschieht nichts, aber die Pfeile meines Witzes stumpfen sich ab an ihnen;
haben Sie noch nicht bemerkt, wie stumpf meine Pfeile geworden sind?

Sie waren beim Teiche angelangt, sie standen im Schatten hoher Bume und
dichter Gebsche. Gertrud hatte ihren Sonnenschirm auf die Achsel fallen
lassen, er bildete einen lichten Hintergrund zu ihrem schnen Kopfe, mit
den reichen, braunen Haaren, die zusammengewunden einen schweren Knoten im
Nacken bildeten. Einzelne von ihnen, dem Zwang entschlpft, kruselten sich
auf dem Scheitel und an den Schlfen und schimmerten zart und goldig. Sie
trug ein schwarzes Morgenkleid, und aus der Tasche guckte grellroth mit
goldenem Schnitt ein Elzevirbndchen, auf das Bertram langsam und zagend
mit dem Zeigefinger wies:

Mein gndigstes Frulein, ich besorge, Sie lesen meine letzte Novelle.

Ja, auf Empfehlung der Tante.

Hm! Wenn Sie eine Nichte htten, wrden Sie ihr die Novelle auch
empfehlen?

Ich wei noch nicht, ich bin noch nicht sehr weit.

O, dann lesen Sie auch nicht weiter! Lernen Sie mich nicht von meiner
schlechtesten Seite kennen, von der schriftstellerischen. Ich habe bessere
Seiten, ich schwr's. Damit ist allerdings nicht viel gesagt, denn meine
Romane... Er blickte ihr fest ins Gesicht, elend, nicht wahr? Sie
errthete und wendete sich ab, pltzlich aber wich die leichte
Verlegenheit, von der sie ergriffen worden war, einem heitern, fast
bermthigen Ausdruck:

Ich darf's nicht sagen, sprach sie. Sie knnten sonst glauben, da ich
Repressalien gebrauche.

Ich verstehe Sie nicht, sagte er.

Erinnern Sie sich vielleicht einer gewissen Anna Mimona?

Ja, nicht ganz ohne Gewissensbisse. Anna Mimona--

Das war ich.

Er prallte zurck bis an den Rand des Teiches.

Geben Sie acht! rief sie erschrocken, und er blieb stehen und starrte sie
an.

Nhmaschine! schrie er auf. O, dann ist alles verloren, dann frchten
Sie mich nicht nur, Sie hassen mich auch. Nhmaschine!... Das knnen Sie
mir nie und nimmer verzeihen!

Ich kann es freilich nicht mehr, weil ich es lngst gethan habe. Ihr Rath
war ja gut, aber befolgen konnte ich ihn nicht. Um eine Nhmaschine zu
kaufen, braucht man Geld, und ich hatte keines.

Sie hatten keines. O ich roher, gedankenloser Dummkopf! Und ich habe die
Gedichte nicht einmal gelesen.

Mit welchem Pathos Sie das sagen! Wie Grfin Orfina.

Jetzt aber will ich's thun und mit dem innigsten Interesse, mit Andacht!
Ich bitte um Ihr Manuskript, mein gndiges Frulein.

Das kann ich Ihnen nicht geben, es existirt nicht mehr.

Haben Sie's vernichtet? Ja? -- Ewig schade!

Doch nicht: das Manuskript ist fort, der Inhalt ist da. Sie knnen ihn in
Sieglindens Gedichten wiederfinden.

So? Schreibt sie ab?

Niemals -- es fllt ihr eben dasselbe ein: das alte Lied, das in jedem
jungen, aufknospenden Herzen erklingt.

Ich gbe alles darum, es von Ihnen singen zu hren.

Unmglich, ich bin keine Dichterin mehr. Das hatte sie lachend gesagt,
wurde aber bald wieder ernst und vertraute ihm, da sie das Haus ihrer
Verwandten zu verlassen gedenke.

Wegen Hagens, diesem jungen Laster! rief Bertram. Sie antwortete nicht,
er gerieth in Bestrzung, und Funken tanzten ihm vor den Augen.

Oder -- verzeihen Sie einem ngstlichen, aufgeregten Menschen, den ein
Hirngespinnst um den Schlaf bringt, denken Sie vielleicht -- nein, Sie
denken nicht daran, Frau Meisenmann zu werden?

Gewi nicht, erwiderte sie, es ist ja auch undenkbar. Sie finden mich
auf dem Wege zur Fischerhtte, da bin ich am frhem Morgen ruhig und
ungestrt. Ich will an eine alte Frau schreiben, bei der wir gewohnt haben,
meine Mutter und ich, die nimmt mich gern wieder auf.

Nach Wien also wollen Sie? Und was dort?

Eine Stelle suchen oder -- mein guter Onkel giebt mir die Mittel dazu, --
wieder flog ein Ausdruck von Heiterkeit wie ein Sonnenstrahl ber ihre
Zge: oder eine Nhmaschine kaufen.

Helllodernde Liebe flammte in Bertram auf und funkelte ihm aus den Augen
-- eine andere Sprache fand er nicht; nach einer Pause erst wiederholte er
voll des innigsten Mitleids: Eine Stelle wollen Sie suchen, mein gndiges
Frulein?

Schwer zu finden, ich wei. Es giebt ja Bonnen, Gouvernanten und
Gesellschafterinnen in Hlle und Flle. Aber ein Mangel herrscht, wie ich
hre, an guten Krankenwrterinnen. So gedenke ich mich denn zur
Krankenwrterin auszubilden.

Dann etablire ich mich im Spital! rief er aus.

Sie scherzen--? fragte Gertrud befremdet: Mir war mit allem ernst, was
ich Ihnen gesagt habe.

Bertram wollte sich entschuldigen, sie lie ihm dazu keine Zeit:

Auf Wiedersehen, sagte sie, neigte den Kopf und trat in die Fischerhtte.

Er war entlassen und ging und verwnschte sich einmal wieder. Was fr eine
Taktlosigkeit hatte er begangen! Wenn er ihr mifiel und sie es ihn fhlen
lie, geschah ihm recht.

Unterwegs begegnete er Herrn Meisenmann und einigen Bauern, denen der
Agitator fleiig vordeklamirte. Sie hrten ihm aufmerksam zu und lieen den
Gru Bertrams unerwidert.

In Vogelhaus war's schn und herrlich, und doch -- mitten in seinem lieben
Eigenthum, schon nah dem Ziele, dem er in leidenschaftlichem Bemhen
jahrelang entgegen gestrebt hatte, wute der neue Herr: all das Errungene
ist werthlos, und nie werde ich seiner froh, wenn ich nicht auch _Die_
erringe, die mir so unsagbar lieb geworden ist.

Als er am Abend nach Obositz zurckkehren wollte, kamen von dort zwei
Phaetons einhergerollt. Den ersten kutschirte Hugo, und im Wagen saen
Bertha und Sieglinde, den zweiten kutschirte der Retter, und im Wagen saen
die liebenswrdige Reisegefhrtin und Gertrud.

Wir sind da, um dich abzuholen, Ausreier! rief Hugo.

Und um Sie als Grundherrn willkommen zu heien, 'bei uns zu Lande auf dem
Lande.' Annette von Droste, nicht wahr? sprach die Baronin, indem sie sich
aus der Wagendecke wickelte.

Ja -- ich glaube. Sehr dankbar, wenn auch etwas zerstreut, empfing
Bertram alle seine Gste im Vogelhaus, als aber Gertrud die Schwelle
berschritt, sprach er leise und glckstrahlend: Segen meinem Hause!


XIX.

Der Besuch der Nachbarn wurde von Weienberg und seinem Gast am folgenden
Nachmittag erwidert. Als ihr Wagen ber die Grenze fuhr, begann der
Freiherr Vergleiche zwischen Obositz und Luchov anzustellen, die alle zu
Gunsten Luchovs ausfielen:

Obwohl die Bevlkerung rmer ist als bei uns, hat sie fast keine
Steuerrckstnde und hat ein hinreichend dotirtes Armenhaus und Spital und
eine gut organisirte Feuerwehr und einen Veteranenverein, der nicht wie der
unsere drei Viertel seiner Einnahmen auf Landpartien verjubelt. Das Beste
von allem aber ist: Gerhart hat Einflu auf die Leute, whrend meine
Obositzer lieber zu Grunde gehen, als einen Rath von mir befolgen wrden.
Und doch ist nie etwas geschehen, wodurch ihr Mitrauen sich rechtfertigen
liee. Meine Eltern und Groeltern waren gute und hlfreiche Herren. Das
Gut Luchov geht seit Generationen von einer Hand in die andere; warum ist
gerade hier die Bevlkerung rechtschaffen, fleiig, nchtern, warum erhlt
und entwickelt sich gerade hier die Kultur, whrend ringsum alles
verwildert? Ja, warum? Wie kommt das Goldkorn in den Kies, in die
Quarzgnge? Naturerscheinung, und die Kulturgeschichte ist
Naturgeschichte.

Am Ende des Dorfes bog ein breiter Weg, der zum Schlogarten fhrte, von
der Strae ab. Das Thor stand offen, und an einem der Pfeiler war eine
Tafel mit einer bhmischen Inschrift angebracht.

Schau, nahm Weienberg wieder das Wort. Da steht: Hier wohnt der
Vorsteher des Ortes Luchov. Gerhart ist zum Brgermeister gewhlt worden,
nachdem er kaum einige Jahre hier zugebracht hatte. Einstimmig gewhlt. Ich
kann meine Wahl nicht durchsetzen, mich wollen sie nicht. Und sie knnten
doch wissen, da ich es ehrlich mit ihnen meine. Beweise dafr haben sie
genug.

Die zwei Kinder, die Bertram schon auf der Eisenbahn gesehen hatte, kamen
mit offenen Armen auf Hugo zugelaufen, als er aus dem Wagen stieg: Der
Vater und die Mutter sind im Dorf, werden aber bald kommen, sagte das
Knblein und schwenkte den breiten Strohhut vor Hugo, vor Bertram, vor dem
Kutscher, begrte auch die Pferde, die er beim Namen anrief und erkundigte
sich nach dem Befinden der Hunde in Obositz.

Indessen hatte Bertram einen Handschlag mit dem kleinen Mdchen gewechselt,
das auf die Frage, ob es ihn noch kenne, antwortete: O ja, du bist ein
Vogel und ich, sie warf sich in die Brust, bin die Tochter des
Brgermeisters. Da kommt er schon und die Mutter auch.

Lauft ihnen entgegen, Kinder, sagte Hugo. Aber der kleine Junge stellte
sich der Schwester, die schon davonstrmen wollte, mit ausgespreizten
Beinen in den Weg und redete eifrig mit einer wahren Richtermiene auf sie
ein:

Du darfst nicht, du weit recht gut. Du siehst doch, da der Vater mit dem
Leschka spricht. Wir drfen nicht zu ihm, wenn er mit einem groen
Menschen spricht, wandte er sich erklrend an Weienberg.

Das nenn' ich Kinderzucht, meinte der. Ja, ja, da knnt' ich was lernen.
Mein Junge war seinerzeit auch ein lieber Kerl. Wei Gott, wie's kommt, da
er sich so kurios herausgewachsen hat.

Der Graf und die Grfin wurden von einem buerlichen Ehepaar, einem
stattlichen Greise und einem hochgewachsenen, spindeldrren Weibe,
begleitet. In dem Mann erkannte Bertram einen der Bauern, die er gestern
auf dem Wege nach Vogelhaus in Gesellschaft Meisenmanns getroffen hatte;
die Frau war eine unheimliche Erscheinung, mit ihrem wie aus Citronenholz
geschnittenen Gesichte und dem stechenden Blick ihrer dunkeln Augen.

Gerhart grte seine Gste, blieb aber am Thor stehen und lie sich nicht
stren in seiner Verhandlung mit dem Bauern. Die Grfin eilte auf
Weienberg und Bertram zu, und das Weib folgte ihr, unaufhrlich sprechend
in gleichmig klapperndem Tone. Pltzlich vertrat die Alte ihr den Weg,
streckte die Rechte aus, streichelte ihr die Wange, sagte dabei etwas, das
sich offenbar auf die Kinder bezog, und hastete davon.

Die Grfin hatte die unerwnschte Liebkosung ruhig erduldet, deutete mit
einer Bewegung des Kopfes nach der Forteilenden und sprach zu Weienberg:
Antisemitischer Wahnsinn, importirt aus Obositz. Die Leschkova hat mir
eben empfohlen, auf meine Kinder acht zu geben, damit sie nicht einem
Ritualmorde zum Opfer fallen und er, Leschka, will, da alles daran gesetzt
werde, den einzigen Juden, den wir im Dorfe haben, den kleinen Handelsjuden
Moschko, der seit zehn Jahren unangefochten hier haust, um sein
Wohnungsrecht zu bringen. Gerhart hat zu thun, dem Herrn Gemeinderath,
hinter dem schon eine Partei steht, den Kopf zurecht zu rcken.

Schad' um die Mh. Sie ist verschwendet. Einen Bauern kriegt unsereins
nicht herum.

Mein Mann hat schon so manchen herumgekriegt, erwiderte die Grfin mit
ruhiger Sicherheit, und Bertram sah sie bewundernd an. Mein Mann, das
hatte sie mit demselben beglckten Stolze, mit eben solcher Zrtlichkeit
gesagt, mit denen _er_ sagte: Meine Frau.

Nach zehn Ehejahren war die Zuneigung dieser beiden Menschen noch warm und
begeistert wie junge Liebe und durch die Zeit vertieft, durch Treue
geheiligt worden.

Dein Meisenmann set Drachenzhne, sprach Gerhart, der nun auch
herbeikam, zu Weienberg. Er predigt Deutschenha und Antisemitismus. Wann
kriegen wir ihn endlich einmal fort aus unserer Gegend, wann zieht er als
Professor in das goldene Prag?

Im Herbst, denk' ich.

Erst? Die Grfin zuckte die Achseln. Nein, lieber Freund, da Sie den
nicht hinausgeworfen haben, als er sich bei Ihnen um unsere Gertrud bewarb,
verzeih' ich Ihnen nie.

Je nun, sie knnt's schlechter treffen. Er hat sie sehr gern und ist ein
guter Mensch.

Ein guter Mensch, der Bses thut.

Ach was! Deklamirt gegen die Deutschen und gegen die Juden und wrde doch
keinem ein Haar krmmen.

Werden die Leute, die er verhetzt, ebenso platonisch hassen? fragte
Gerhart. Ich glaube, da sie sehr aufgelegt sind, zu Kntteln und Beilen
zu greifen. Das bedenkt er nicht, der Maulheld, oder macht sich kein
Gewissen draus. Ein roher Kerl, der aus eigenster berzeugung selbst
dreinschlgt, ist mir lieber.

Mit einem solchen kann ich dir auch aufwarten; hab' erst neulich meinen
Heger vor ihm retten mssen, der ein paar Holzdiebe arretirt hatte und den
er dafr zur Rechenschaft zog. Er ist ein ehemaliger Schlossergeselle,
zieht hier herum und verbreitet die sozialistischen Lehren auf dem Lande.
Ich kenn' ihn seit Jahren; er war ein tchtiger Arbeiter, bis er ein
Rednertalent in sich entdeckte. Das ist das einzige, das er jetzt ausbt,
und wo seine Zunge nicht ausreicht, hilft er mit den Fusten nach.

Der Graf fhrte seine Gste in den Garten, der hbsch angelegt war, sich
aber an Gre und Schnheit mit dem Obositzer nicht vergleichen konnte. Vor
zwei Jahren hatte ein Wirbelsturm hier gehaust und die schnsten Bume
ihrer Kronen, viele auch der Hauptste beraubt.

Bertram wurde immer schweigsamer. Schadenfeuer, Deutschenha,
sozialistische Agitation, Wirbelsturm -- das waren freilich Dinge, an die
er nicht gedacht hatte, als er noch in seiner Bratrhre sa und den
Aufenthalt auf dem Lande fr die reine Idylle hielt.

Aus dem Garten ging man in den Meierhof und in die Stallungen; die
Ftterung war vorbei, den Rindern die Streu zum Nachtlager zurecht gemacht,
der Boden wurde gekehrt, die Barren wurden gereinigt. Beaufsichtigt oder
nicht, verrichteten die Leute emsig und ruhig ihre Arbeit, und Bertram
bewunderte die Sauberkeit und Ordnung, die nach vollendetem Tagewerk
allenthalben herrschte.

Es bleibt noch manches zu wnschen brig, erwiderte der Graf, und,
glauben Sie mir, lernen knnen Sie bei uns nichts. Wir sind selbst Schler,
wir richten uns, so viel wir knnen, nach der Wirthschaft in Obositz. Da
steht unser Vorbild. Er klopfte Weienberg liebreich und respektvoll auf
die Schulter.

Der lehnte ab: Den Mechanismus hab' ich in leidlichen Stand gesetzt, aber
mein Werk ist todt, weil ich die Menschen nicht gefunden habe, die auf
meine Absichten eingehen; im Gegentheil, mit wenigen Ausnahmen lauter
Gegner, offene und geheime. Abgetrotzt mu ihnen werden, was sie mir
leisten sollen. Dir thun deine Leute was zu lieb, mir zu leid, was sie
knnen! Er kam wieder auf seine Naturerscheinung zurck, und man sah wohl,
da Gerhart ihm nicht recht gab, sich aber schwer entschlo, dem verehrten
Manne zu widersprechen.

Da deine Obositzer nicht viel taugen, ist ausgemacht, sagte er.
Vielleicht hat gerade die Gromuth ihrer frheren Herren, die ihnen
materiell ntzte, ihnen moralisch geschadet. Du, Lieber, Bester, bist in
vielem zu gut und nachgiebig.

Aha, ich verstehe, das heit schwach.

Verzeih, ja, in vielem -- in anderem wieder -- wie soll ich sagen? -- zu
empfindlich. Bist halt vom alten Schlag, hast noch Erinnerungen an eine
Zeit, in der der Grundbesitzer der Herr gewesen ist. Das merken diese
Menschen, die sich nicht mehr beugen und unterordnen wollen. Bei mir ist's
anders, ich bin hier von allem Anfang an ein Gleicher unter Gleichen
gewesen. Manches, das dir rcksichtslos erscheint, kommt mir
selbstverstndlich vor. Sie haben mich zum Brgermeister gewhlt, ja, aber
wer wei, ob sie mich wieder whlen, wenn meine Zeit um ist? Ihre
Interessen liegen mir am Herzen wie die meinen, sie _sind_ die meinen, wie
die meinen die ihren sind -- trotzdem: der Klassenha, der Argwohn wurzeln
schon zu tief in den Gemthern. Meine Treuesten wissen nicht, was sie
antworten sollen, wenn ein Sozialist -- ich achte jeden uneigenntzigen! --
sie fragt: Warum whlt ihr einen Grafen?

Die Grfin hatte sich mit den Kindern ins Haus begeben und lie nach einer
kleinen Weile die Herren zur Jause rufen. Aber Gerhart, der eben angefangen
hatte, eine nthig gewordene Grenzregulirung mit Weienberg zu besprechen,
ersuchte Bertram, einstweilen allein voraus zu gehen.

Der Salon, in dem die Hausfrau ihn empfing, war behaglich eingerichtet,
spiegelhell und gerumig. Die bunten, doch geschmackvollen Cretonnetapeten
und Draperien erinnerten Bertram an Turgenjews Schilderung des Gastzimmers
Frau Shipjagins, und zugleich fiel ihm ein, da er hier das Widerspiel der
Gattin des russischen Staatsmannes vor sich habe. Einen grern Kontrast
zwischen ihrem gemachten Wesen und dem der lieben Frau, die ihn jetzt
einlud, am Tische Platz zu nehmen, konnte es nicht geben.

Die Herren sprechen von Grenzregulirung. Da finden sie kein Ende, und wir
wollen nicht auf sie warten. Nehmen sie eine Tasse Thee? fragte sie.

Aber er wnschte ihrem Beispiel und dem der Kinder zu folgen und bat um ein
Glas Milch. Ich mu wenigstens im kleinen alles Nervenaufregende
vermeiden.

Wenn Sie das nur auch im groen knnten.

Freilich, wenn! Aber Sie wissen, Frau Grfin, ein Jahr lang mu noch
gesndigt werden auf meine Nerven, ein Jahr lang mu ich noch frohnen,
widerstrebend, verzweifelnd, aber ich mu!

Durchaus?

Durchaus. Ich darf meine Zeitung, meine alte Nhrmutter, nicht sitzen
lassen. Es wre eine Treulosigkeit.

Dann thun Sie's nicht, versetzte die Grfin rasch. Wie schwer es Ihnen
auch falle, thun Sie's nicht.

Er hob den Kopf, den er hatte sinken lassen, und blickte ihr in die Augen.
Einen andern Rath, als den, treu zu sein, kann nicht geben, wer so ehrliche
Augen hat. Alles echt an der Frau und klar wie der Tag. Wieder kam die
hnlichkeit zwischen ihr und Gertrud ihm in den Sinn, eine rein geistige
hnlichkeit. Er konnte nicht umhin, der Grfin diese berraschende
Beobachtung mitzutheilen und ihm schien, als ob ein Lcheln voll
gutmthigen Spottes ihre Lippen umspiele, als sie sprach:

Mein Mann hat mir schon gesagt, da Sie das finden. Dabei blickte sie ihm
fest und freundlich ins Gesicht, und schon war er im Begriff sein Herz vor
ihr auszuschtten, als Weienberg und Gerhart eintraten.

Die beiden Kinder hatten wie auf Verabredung ihre Sessel immer nher an
Bertram herangerckt. Auf einmal legte sich ein kleiner Arm um seinen
Hals, und Gretl flsterte ihm zu:

Du sollst spter zu uns kommen.

Komm' nur, ergnzte Hans, wir haben einen Rutschberg, da kannst du mit
dem Dackerl fahren, er fhrt auch gern.

Ich komme gewi, erwiderte Bertram und drckte den kleinen Arm an seinen
Mund und hatte antizipirte Vatergefhle. In der Nhe dieser Frau, dieser
Kinder, im Frieden dieses Hauses wehte eine Atmosphre der Lauterkeit, der
Gesundheit, die einzuathmen Heilung und Segen war.

Beim Abschied kte er der Grfin die Hand, schttelte die Gerharts viele-
und vielemale und erschpfte alle Beredsamkeit, ber die er zu verfgen
hatte, mit den Worten:

O Herr Graf, o Frau Grfin, o Seelencurort Luchov!


XX.

Die erste Stunde nach Sonnenuntergang war angebrochen. Mild und klar die
Luft, alle Farbentne gedmpft und harmonisch, alle Schatten durchsichtig.
Aber schon vertiefen sie sich, wie heiterer Frieden in feierliche Wehmuth
bergeht, wenn sich in Erinnerung verwandelt, was seliges Genieen war.
Hochsommerabend. Kein jubelvolles Wachsen der Tage mehr, die Hhe ist
berschritten, nun kommt die Wende.

Die Freunde hatten whrend ihrer Heimfahrt lange schweigend nebeneinander
gesessen. Auf einmal sprachen beide fast zugleich, und sie muten so
ziemlich denselben Gedanken verfolgt haben, denn Weienberg sagte:

Ich bin auch ein glcklicher Mensch, und Bertram sagte:

Es wre hchste Zeit fr mich, glcklich zu werden.

Meine Frau ist eine Frau allerersten Ranges, begann Hugo von neuem, und
Bertram erwiderte mit pltzlicher Heftigkeit:

Und wenn ich nicht auch eine Frau allerersten Ranges bekomme, wenn deine
Nichte mich verschmht, bin ich ein rmerer Teufel, als ich je war. 'Wer
die Schnheit hat gesehen mit Augen'..

Weienberg verschrnkte die Hnde ber dem Magen und sprach: Ob ich's
nicht vorausgesehen habe! Ich htte sie wegschicken sollen. Hab' mir noch
gedacht, schick' sie weg.

Das _konntest_ du dir denken? Du wutest, er mu sie lieben und httest
sie aus dem Wege rumen mgen? Du httest mir das anthun knnen? Du, du!
Er schttelte den Kopf wie einer, der die bitterste, die schmerzlichste
Enttuschung erlebt hat.

Weienberg drckte sich in die Ecke des Wagens und sah ihn von der Seite
an: Wenn du sie nicht gesehen httest, wrdest du sie schwerlich geliebt
haben, mein ich. Und jetzt fiel er aus dem Ton des weichen Vorwurfs in den
der Anklage; Du bist unrettbar verliebt. So unvernnftig redet ein sonst
Vernnftiger nur, wenn er unrettbar verliebt ist.

Und wenn ich's bin?

Und wenn sie's wird und dich nimmt -- du bist nicht reich, und sie bekommt
von uns nur ein ganz kleines Heirathgut -- dann hast du dich sehr geirrt,
wenn du auf ein sorgenfreies Leben in deinem Vogelhaus gehofft hast. Dann
geht die Mh' und Plag' erst recht an.

Frevle nicht! Sprich nicht von Mh' und Plage -- du kennst sie nicht.
Mensch, der immer hat, was man nicht zu schtzen wei, wenn man's nicht hat
-- Zeit. Was schiert mich Mh' und Plage, wenn ich Zeit hab', mich zu mhen
und zu plagen? Es giebt nur _eine_ Qual: Mehr Arbeit als Fhigkeit sie zu
bewltigen, innerhalb einer unverrckbaren, eisernen Frist. Und was fr
Arbeit -- nicht gebenedeite Feldarbeit unter Gottes freiem Himmel, bei der
die Brust weit, das Auge hell wird und die Krfte wachsen -- wie ich sie
jetzt schon wachsen fhle in diesen meinen Armen! Er hob sie hoch empor.
Nein, Gedankenarbeit, ein Aufwerfen schillernder Blasen, in denen fremde
Gedanken sich spiegeln, mehr ist's nicht. Mein ganzes, sogenanntes Schaffen
Rauch und Dunst, aber auch der, lieber Freund, auch der kann nur einem
siedenden Gehirn entsteigen.

Na, na, sagte Weienberg. Ich bitte dich, hr' auf. Du sprichst dich
sonst in einen Anfall von Nervositt hinein.

Er ist vorber. Ich wollte dir nur erklren--

Brauchst nicht. Wenn man auch nur einen Don Juan u.s.w. vor der Ankunft
eines gewissen Jemand fertig bringen wollte, kann man sich schon einen
Begriff machen... aber ich sag' dir doch... es giebt rgeres.

Du sagst mir? -- Mit Entrstung hatte er's hervorgestoen und -- schmte
sich ihrer sofort, denn der Freund sprach:

Was wird aus meinem Hagen werden? -- Pltzlich, mit einem schmerzlich
gepreten Laut entrang es sich seiner Brust. Man sah es wohl, das war seine
Lebenspein. Wie selten er sie aussprach, sie qulte ihn immer.

Ich will dir einen Vorschlag machen, erwiderte Bertram. Gieb mir den
Jngling mit nach Wien.

Nach Wien? Dort geht er vielleicht ganz zu Grunde.

Hier aber gewi, in seiner Ausnahmsstellung auf dem Gymnasium eurer
kleinen Stadt. Die einen hofiren ihm aus Interesse, die anderen feinden ihn
an aus Neid oder Vorurtheil -- lauter Gift. Schmeichelei oder Verfolgung --
seine Eitelkeit wird durch beide genhrt.

Nun sprach er von einem gemeinsamen Freunde aus frherer Zeit, einem
gewiegten Pdagogen, mit dem er in Verbindung geblieben: Dem mcht' ich
Hagen anvertraut sehen, das ist der rechte Mann! Der wrde ihn im Zgel
halten, ohne ihn je die Abhngigkeit unnthig fhlen zu lassen.

Aber Wien... die Versuchungen einer groen Stadt.

Versuchungen hat er in der kleinen auch. Sie rcken ihm da noch viel
nher.

Halb und halb gab Hugo ihm recht, wollte die Sache erwgen, sich jedenfalls
mit seiner Frau darber berathen.

Thu' das, versetzte Bertram, und sie versanken wieder in ihr frheres
Schweigen.


XXI.

Morgen rede ich mit ihr, -- heute rede ich mit ihr, war Bertrams letzter
Gedanke beim Einschlafen und sein erster beim Erwachen gewesen. Er stand
zeitlich auf und ging in den Garten und hoffte sie dort zu finden, aber
umsonst. Das Wetter war freilich nicht einladend, der Himmel aschgrau, am
Horizont ballten sich schwer und drohend riesige Wolken und glichen einem
phantastischen Gebirgszuge.

Spter erst traf Bertram die Ersehnte in Gesellschaft ihrer Cousine, auf
dem Wege nach der Nhschule im Dorfe, und von dort aus gedachte Gertrud
einen Krankenbesuch bei einer alten Pensionistin im Namen der Tante
abzustatten.

Das knnte die gute Baronin auch selbst thun, dachte Bertram, ging auf sein
Zimmer, legte seinen neuen Lodenanzug an, der ihn vom Kopf bis zu den Fen
wetterfest machte und begab sich nach Vogelhaus.

Auf dem Felde nchst der Villa war eine Anzahl Tagelhner und Fuhrleute in
voller Thtigkeit. Das Getreide sollte noch vor dem Ausbruch des Regens
unter Dach gebracht werden. Ein hochbeladener Erntewagen fuhr eben ins
breit ghnende Thor der Scheune ein, auf einen anderen wurden die letzten
Garben kunstvoll gehuft. Waniek leitete die Arbeit, hatte die Augen
berall, gab gelassen seine Befehle, und ohne Einwand und ohne aufhaltsame
Hast wurden sie vollzogen.

Als Bertram erschien, nderte sich das Bild. Die Weiber legten die Rechen
weg, wischten den Schwei vom Gesicht und jammerten ber die Hitze. Die
Arme und Beine der Mnner waren pltzlich wie mit Blei eingegossen. Die
aufgespieten Garben schwankten lange auf den Zinken der Gabel, ehe die
Lader die Kraft aufbrachten, sie zum Ordner emporzuheben, und den hatte
eine solche Mdigkeit berkommen, da Waniek ihn vom Wagen herabsteigen
hie und seine Stelle einnahm.

Ein paar heftige Windste erbrausten, Staubwolken wirbelten, dann fielen
die ersten, schweren Regentropfen. Mnner und Frauen verlegten sich auf
Wetterbeobachtungen, und drangen alle zugleich auf Bertram ein; einige
bittend und klagend, andere mit brsk heischenden Gebrden.

Er verstand sie nicht, wandte sich an Waniek und fragte:

Was wollen sie?

Ganzen Tagelohn wollen's, war die phlegmatisch und verchtlich ertheilte
Antwort.

Sie sollen ihn haben, natrlich, was knnen denn sie dafr, da es
regnet? Bertram nickte gewhrend und rief den Leuten eines der wenigen
Worte zu, die er erlernt hatte:

Ano, ano!

Ano! wiederholten sie und lachten den gromthigen Arbeitgeber an, und er
konnte sich mit dem besten Willen nicht verhehlen, da diese Lustigkeit
eine starke Zugabe von Geringschtzung hatte. So schweigsam man frher
gewesen war, jetzt wurde geplaudert, geschrien, aller Thtigkeitsdrang
schien sich in die Zungen geflchtet zu haben. Nicht ruhig, wie die
frheren, fuhr der letzte Wagen in die Scheune. Die Pferde, bermig
angetrieben, wurden stutzig, muten ausgespannt und andere vorgespannt
werden. Einzig und allein der Energie Wanieks war's zu danken, da auch
diese Fuhre eingebracht wurde, ehe der Platzregen niederging.

Bertram begab sich ins Haus. Es kam ihm heute ganz besonders schmuck vor
und war in der That auf den Glanz hergerichtet. Auf der Stiege lag ein
Lauftuch aus Kokosstroh, eine Binsenmatte auf dem Gange, die Klinke der
Thr, die zum Wohnzimmer fhrte, blinkte freundlich einladend wie ein
Freundesauge. Komm nur, komm, tritt ein, schien sie zu sagen. Jetzt sah er
auch, da ein Pergamentstreifen an dem Schlssel hing und auf dem waren die
Worte zu lesen: Berthas Dank.

Nein, diese Baronin, diese allerletzte Romantikerin, welch einen
wunderbaren, guten, lieben Einfall hatte sie gehabt! Bertram fand seinen
Salon genau wie den Goethes in Weimar eingerichtet. Im Schlosse muten sich
Mbel aus der Zeit der groen Klassiker vorgefunden haben, denn da standen
sie, altmodisch ehrwrdig und prchtig erhalten. An der Wand das
wohlbekannte Kanapee mit steifen Rcken- und Seitenlehnen und abgestumpftem
Aufsatz unter einer trefflichen Reproduktion der aldobrandinischen
Hochzeit und davor der runde, mit einem Teppich bedeckte Tisch. Auch ein
Klavier war da, dieses aber kein alterthmliches Juwel, sondern ein, wenn
auch nicht neues, doch vorzgliches Instrument. Hingegen stand im
Arbeitszimmer ein dem Goetheschen hnlicher Bcherschrank. Das Stehpult ihm
gegenber, der Tisch in der Mitte der Stube, die beiden Sessel, das Kissen
erinnerten gleichfalls deutlich an ihre Urbilder. In solcher Nutzanwendung
lie sich Bertram die Litteratur gefallen und ging uerst gerhrt von
einem Einrichtungsstck zum anderen, ans Klavier aber setzte er sich und
schlug einige Akkorde an. Seit dem Tode seiner Mutter hatte er keine Taste
mehr berhrt. Nun kam pltzlich die Begeisterung ber ihn. Sein
musikalisches, sein kleines, aber sein wirkliches, armes, vernachlssigtes
Talent gab einige schwache Lebenszeichen. Er phantasirte, er begann zu
singen: Hier gedachte still ein Liebender seiner Geliebten, anfangs
leise, dann immer lauter, immer hingerissener, endlich brllte er's hinaus:
Hier gedachte still...

Ein Klopfen an der Thr unterbrach ihn, Waniek trat ein, und Bertram ward
bestrzt und entschuldigte sich:

Lieber Waniek, ich glaube, ich habe gesungen, ich kenne mich nicht vor
Freude, mssen Sie wissen; welche berraschung habt Ihr mir bereitet!

Waniek sah ihn mit der freudigen Theilnahme eines gerhrten Vaters an:
Wird hochwohlgeborene Frau Baronin fraien, wenn herte, da gndige Herr
Fraide haben. Ein gutes Lcheln lagerte auf seinen breiten Lippen, er
wute etwas von jedem Gegenstand zu erzhlen, der aus dem Mbeldepot des
Schlosses nach Vogelhaus geschafft worden war. Das Schreibpult hatte dem
seligen Excellenzherrn gedient, auf dem Kanapee hatte Kaiser Joseph
gesessen, als er den Grovater des Herrn Barons in Obositz besucht hatte.
Bald aber ging Waniek vom Historischen zum Praktischen ber. Er mute
sagen, da der gndige Herr Vogel nicht weiter wirtschaften drfe, wie er
angefangen hatte. Fr einen halben Arbeitstag einen ganzen Taglohn
auszahlen, is nix. Die Leute sollen nicht eben so viel Geld wie
gewhnlich und noch einmal so viel Zeit haben, um es auszugeben. Dabei
kommen nur Rusche heraus, die statt um vier Uhr frh, wie sich's gehrt,
erst um Mittag ausgeschlafen sind. Auch mit dem Arbeiten des gndigen Herrn
Vogel auf dem Felde war Waniek nicht einverstanden. Wenn er sich durchaus
ntzlich machen wolle, knne es hchstens als Aufseher geschehen, sonst
lachen die Leute den gndigen Herrn aus.

Aber, mein lieber Waniek, wie soll ich denn ein Aufseher sein, wenn ich
gar nichts verstehe? wandte Bertram ein.

Wer'n schon lernen.

Von Ihnen! Nehmen Sie mich in die Schule, ich habe Ihnen gut zugesehen.
Die Leute gehorchen Ihnen und haben Respekt vor Ihnen, weil Sie alles
hundertmal besser verstehen und machen knnen als jeder andere. Darum will
auch ich Ihnen gehorchen und so lange Unterricht bei Ihnen nehmen, bis aus
mir ein tchtiger konom geworden ist. Sie sind Soldat gewesen, richten Sie
mich ab, wie ein Wachtmeister den Rekruten, kommandiren Sie mich.

Waniek hatte wieder sein prchtiges Lcheln: Werd' schon kommandiren,
wenn befehlen, sagte er und verabschiedete sich in seiner kraftvollen und
bescheidenen Ruhe; der Beneidenswerthe!

Bertram trat ans Fenster und sah ihm nach. Da stand er im Vorgrtchen und
schnitt aus bereitliegenden Rasenziegeln Streifen zurecht, die
wahrscheinlich zur Einfassung von Blumenbeeten bestimmt waren. Bei der
Arbeit knnte Bertram ihm helfen und wrde es mit dem grten Vergngen
thun; aber leider ging's nicht an. Leider gebot ihm die einfachste Pflicht
der Hflichkeit, augenblicklich nach Obositz zurckzueilen, um der Frau
Baronin zu danken, gleich im ersten Freudenausbruch. Hastig knpfte er die
Lodenjoppe zu und griff nach seinem Hute. Ein dunkles Gefhl sagte ihm
freilich: Was dich jetzt wieder auf und davon jagt, ist ein ganz anderes
als reines, pures Dankbarkeitsbedrfni, es ist die fieberhafte Unsttheit,
die dich seit Tagen in schwebender Pein, ein lebendes Pendel, hin und her
treibt zwischen Obositz und Vogelhaus. Ja, das war's und war ein
unabwendbares Schicksal, in das es hie, sich fgen mit mnnlicher
Ergebung.

Nachdenklich ging er die Treppe hinab und mit etwas verlegenem Grue an dem
fleiigen Waniek vorbei in den strmenden Regen hinaus. Gar bald besiegte
das Bewutsein, da jeder Schritt ihn der Vielgeliebten nher fhrte, alle
unbehaglichen Empfindungen. Herrlich erschien ihm sein Spaziergang unter
der Himmelstraufe. Welch ein Unterschied zwischen der Stadt und dem Lande!
Dort schtten die Wolken nassen Ru auf unsere Hupter, hier weiches,
thauklares Wasser. bermthig schob Bertram den Hut ins Genick, warf den
Kopf zurck und bot sein Gesicht dem Regen dar. Wohlthuend khl rann er ihm
ber die Stirn und die Wangen. Der Sturm hatte sich gelegt, mit sanftem,
gleichmigem Rauschen fiel der Regen zur heidrstenden Erde nieder, die
ihm alle ihre Poren ffnete und neu belebt den Duft ihrer urkrftigen,
zhen Schollen als urgesunden Athem ausstrmte.

In der Nhe der Wegstelle, an der ein Fusteig abzweigte und dem Dorfe
zulief, waren einige Linden im Dreiecke gepflanzt. Am Stamme der einen
lehnte eine weibliche Gestalt, in einem langen, grauen Mantel, und sie
schien etwas Rothes in den Armen zu tragen und nun etwas Weies in Bewegung
zu setzen. Sollte das vielleicht ein Taschentuch sein, und gab sie ein
Nothsignal?

Er beschleunigte seine Schritte und hrte ganz deutlich seinen Namen rufen,
und nun berrieselte es ihn auch im bildlichen Sinne, denn o Zufall,
verhllter, geheimnivoller Gott! Die ihn rief, war sie, seine unbewute
Qulerin, die geliebte Feindin seiner Seelenruhe.

Er rannte, er sprang mit beiden Fen ber einen Graben (was der Mensch
nicht alles kann, ohne zu ahnen, da er's kann) und war bei ihr und fragte:
Was befehlen Sie, mein Frulein?

Sehen Sie nur diese Verzweiflung, antwortete sie und wies auf ein
Knblein von etwa fnf Jahren, das auf dem Boden lag, sich an ihren Mantel
anklammerte und jmmerlich schluchzte. Der rothe Gegenstand aber, den
Bertram von weitem gesehen hatte, war ein Federbett, und in dem steckte ein
Wickelkind, das zu Gertrud, die es sanft und liebkosend wiegte, mit
weitgeffneten erschreckten Augen emporsah und jeden Augenblick bereit
schien, in ein Geheul auszubrechen.

O du dummes Kind! dachte Bertram.

Er hrte nun, da der Junge, der sein kleines Schwesterchen trug -- sie
hatten es nach hiesiger Sitte mit einem Tuch an seinen Hals festgebunden --
vor Gertrud hergelaufen war, als sie von ihrer Pflegebefohlenen
zurckkehrte. Pltzlich glitt er aus und fiel und konnte nicht aufstehen,
ehe sie ihm zu Hlfe kam.

Und nun mu man ihn nach Hause tragen, sagte sie, seine Eltern sind im
Meierhof bedienstet. Er hat sich weh gethan, kann nicht gehen, sehen Sie
nur, sein Knie blutet, bitte, heben Sie ihn auf.

Bertram war betreten: Ich habe noch nie ein Kind aufgehoben, sagte er.

So will ich's thun, bernehmen einstweilen Sie das Kleine.

Ihn berfiel ein Grauen: Da nehme ich doch lieber den Buben, erwiderte
er, beugte sich nieder und hob ihn in die Hhe, und das Knblein schrie wie
am Spiee und schlug mit den Fen und Fusten gegen ihn. Gebrochen hat
er sich wenigstens nichts, sprach Bertram beruhigend.

Pltzlich und mit merkwrdig krftiger Stimme, fiel das Baby ins Gezeter
des Bruders ein. Unter schmetternder Vokalbegleitung zogen Herr Vogel und
Frulein von Weienberg in den Hof und erregten die Heiterkeit aller, denen
sie begegneten. Zwei junge Mgde standen vor dem Thor des Kuhstalles;
Gertrud richtete in gebrochenem Czechisch eine Bitte an sie und deutete
dabei nach der Wohnung der Meierknechte. Aber die Angeredeten schttelten
die Kpfe und wiesen mit ausgestreckten Fingern auf ein drres,
schiefgewachsenes Weib, das jetzt von der andern Seite des Hofes
herbergestoben kam.

Das wird wohl die Mutter sein, sagte Gertrud.

Megrenhaft drohend war die Frau der Gruppe am Stallthor zugeeilt und
bergo das betroffene Menschenpaar, das ihre kreischenden Sprlinge in
den Armen trug, mit einem Schwall von Verwnschungen. Sie schien
Rechenschaft von den beiden zu fordern, Antwort zu heischen. Eben so gut
wie mit ihr htte man sich aber mit dem Rheinfall in eine Kontroverse
einlassen knnen. Sie befreite zuerst Bertram von seiner Brde, indem sie
ihm den Buben entri und ihn so jh und heftig auf den Boden stellte, als
ob sie ihn hineinstoen wollte, legte ihm eine Hand auf den Scheitel und
drehte ihn mit der andern an der Schulter einige Mal wie einen Kreisel um
seine eigne Achse.

Er war pltzlich verstummt und lie sich das rauhe, mtterliche Verfahren
lautlos gefallen. Mit bedenklichem Kopfschtteln, aber sichtlich
enttuscht, schob das Weib ihn hinweg, trat auf Gertrud zu und nahm ihr das
Kindlein vom Arm. Es hrte alsbald zu weinen auf und jauchzte und
strampelte seiner Mutter entgegen. Sie blickte mit boshaftem Triumph um
sich, lauter und lauter erscholl ihr Geschrei, und wenn ihre Worte fr
Gertrud und Bertram auch unverstndlich blieben, deutlich sprachen ihre
wild anklagenden Gebrden, ihr leidenschaftlicher Ton: Seht, seht, das Kind
athmet auf, ich hab's von seinen Peinigern erlst. Die Mgde lehnten am
Thrpfosten, zwinkerten ihr zu und machten sich ein Vergngen daraus, durch
eine Bemerkung, ein Auflachen, l ins Feuer ihres zu gieen.

Ich bitte Sie, sprach Gertrud, schenken Sie ihr etwas, ich habe nichts
mehr bei mir. Sie fhrt diese ganze Szene nur auf, weil sie etwas geschenkt
haben will.

Entschuldigen Sie, gndiges Frulein, erwiderte Bertram, ein so
nichtsnutziges Vorgehen darf man nicht belohnen. Stark wie ein Lwe kam er
sich vor, weil er vermochte, der Vielgeliebten eine Bitte abzuschlagen. Er
wendete sich und rief dem kreischenden Weibe mit Entschlossenheit das
zweite czechische Wort, das er wute, zu: Ne! Ne!

Dann wurde der Rckzug angetreten, aber langsam, um ihm jeden Anschein von
Flucht zu nehmen. Gertrud hatte ihren Gleichmuth gewahrt, Bertram war tief
gebeugt:

Diese frchterliche Person scheint zu glauben, sagte er, da wir ihre
Kinder berfallen und mihandelt haben und sie ihr meuchlings hinlegen
wollten, wie der grimme Hagen den erschlagenen Siegfried.

Gott beht's, sie glaubt nicht das geringste Bse, sie wollte uns nur
eine unangenehme Komdie vorspielen und Geld bekommen -- fr's Aufhren.

Sie meinen?

Gewi. Es macht mich oft staunen, wie wunderbar die Leute hier Komdie
spielen knnen.

Er blickte sie liebreich an und rief: Ich danke, danke Ihnen!

Wofr denn?

Dafr, da Sie die Sache so leicht nehmen; wenn ich jetzt allein gewesen
wre, ohne Sie, meinen eignen Grbeleien berlassen -- den ganzen Tag htte
der Auftritt mit dem widerwrtigen Weibe mir verdorben. Einen ganzen, von
den wenigen Tagen, die ich mir gnnen darf zur Erholung von jahrelanger,
verhater Thtigkeit.

Wirklich so sehr verhat? Und es war doch eine erfolgreiche Thtigkeit.

Erfolgreich? Wenn ich etwas nicht sehe, ist's eben der Erfolg. Wen hab'
ich belehrt, erhoben, gebessert?

Nun, Sie haben doch gewi veredelnd auf den Geschmack der Schriftsteller
und des Publikums gewirkt, Sie haben auch viele erheitert.

Aber eine verletzt, die mir mehr gilt als viele, als alle.

Sie sind fast Ihr Leben lang von dieser Thtigkeit erfllt gewesen; wird
sie Ihnen nicht abgehen? Wird die ungewohnte neue Beschftigung Ihnen die
alte ersetzen knnen?

Welche Frage! Was Sie die neue nennen, ist mein Ausgangspunkt, ist das,
wozu ich mich als Knabe schon berufen fhlte, nach dem ich mich als Mann
hei gesehnt habe. Eine Heimkehr wird es sein, die ich hier, einlaufend wie
in den Hafen, feiern werde. Dort drauen war ich blo ein schwaches Echo
aller Stimmen in der modernen Litteratur, ein venetianischer Lwenrachen,
eine Art Dinoysiusohr.

Gertrud unterbrach ihn lachend: Was nicht alles noch?

Verstehen Sie mich, ich will sagen, ich war nichts und gebe nichts auf...
Aber denken Sie an Shakespeare, der sich in Flle der Kraft schaffens- und
ruhmesmde nach seinem Stratford zurckgezogen hat und wieder Landmann und
Jger geworden ist. Und ich armseliger Skribler sollte Sehnsucht empfinden
nach meiner jmmerlichen Frohnarbeit?

Sie waren aus dem Bereich der kleinen Seen, die sich auf der Strae zu
bilden begannen, in den Schutz des Gartens gelangt. Ganz nahe dem Eingang
breitete ein blthenbedeckter Tulpenbaum sein dichtes Gezweig ber eine
Bank, die seinen Stamm umschlo. Bertram und Gertrud traten unter die grne
Kuppel und standen eine Weile schweigend vor einander. Er versank in ihren
Anblick. Sie war herzbezwingend in ihrer ruhigen Anmuth, ihrer edlen
Gelassenheit.

Krankenwrterin also, sagte er auf einmal ganz unmotivirt. Und Sie
wollen natrlich viele Patienten pflegen, mein gndiges Frulein... Aber
entschuldigen Sie! ich sage immer 'mein Frulein,' statt Ihnen den Titel zu
geben, der Ihnen gebhrt.

Dafr habe ich Ihnen von Anfang an gedankt.

Um so besser. Ich wei freilich keinen so hold und adelig wie die
Verkleinerung des schnsten deutschen Wortes: Frau, Herrin, Gebieterin.
Fraue mein! wer das sagen darf zu der Geliebten, was bleibt dem zu wnschen
brig, was kann das Schicksal ihm anhaben? Und wenn ihm sein Haus ber den
Kopf angezndet wird, und wenn ihn die Sozialisten um Hab und Gut bringen
und wenn er fr einen Vivisector kleiner Kinder gehalten wird, er trgt's,
er bleibt aufrecht, was soll ihn beugen, so lange sie in Treuen zu ihm
steht? Fraue mein!... ich will sagen, mein Frulein, mein gndiges...

Er hielt inne, er zitterte am ganzen Leibe: Setzen wir uns, sagte er. Und
sie setzten sich neben einander auf die Bank; er warf seinen Hut ins Gras
und lehnte den Kopf an den Stamm des Baumes.

Viele Patienten, ja, ja. Einen einzigen zu pflegen, einen unertrglichen,
nervsen Menschen, der sein eigentliches Selbst verloren hat und erst
wiederfinden mu, zur Vernunft bringen, ihm helfen, seinen Frieden
wiedergewinnen, die Aufgabe wre Ihnen zu gering?

Sie ist nicht gering. Es ist eine schne Aufgabe.

O, wre sie's! Dann wre sie ja Ihrer wrdig... und Sie knnten sich
entschlieen, sie zu bernehmen, es wenigstens zu versuchen?

Versuchen? ja -- vielleicht.

Ein unaussprechliches, ein kindisches Entzcken erfate ihn: Wissen Sie,
was Sie sagen? Wissen Sie, da in dem Falle ein Versuch schon das Gelingen
und himmlische Gewiheit ist?... Antworten Sie mir... oder nein, antworten
Sie nicht, erwgen Sie! Das Leben, das ich Ihnen zu bieten habe, ist ernst
und arbeitsvoll...

Hab' ich je Anspruch auf ein anderes gemacht? unterbrach sie ihn. War
ich nicht darauf gefat, meinen Weg durch dieses ernste Leben allein zu
gehen?

Und wenn sich nun ein Gefhrte findet, der Sie beschwrt, lassen Sie uns
miteinander wandern, lassen Sie uns fest und treu zusammenhalten -- er
machte eine jhe Bewegung, als ob er auf das Knie sinken wollte.

Nicht knieen, flsterte sie, nicht auf dem feuchten Boden knieen!

Aber da lag er schon zu ihren Fen: Doch, doch! _so_ mu ich Ihnen in
Demuth gestehen, da ich Sie liebe, Sie geliebt habe vom ersten Augenblick
an.

Und ich -- wenn ich denke -- ich habe Sie gefrchtet.

Gertrud! Er nahm ihre Hnde und prete sie an seine Lippen: Fraue mein,
darf ich Sie so nennen? O Gertrud, welche Wonne, welche Wohlthat!

Sie beugte sich ber ihn und drckte mit scheuer Zrtlichkeit die Wange auf
seinen Scheitel: Sagen Sie doch nicht Wohlthat, ich habe Sie ja von Herzen
lieb.

Ist das mglich? wirklich mglich?

Es ist. Ich kenne Sie erst seit kurzer Zeit, und doch kommt mir vor, als
htte ich Sie schon lang sehr lieb.

Wie lang?

Seitdem ich aufgehrt habe, Sie zu frchten ... oder vielleicht sogar
schon etwas frher...

Frher? trotz der Furcht?

Trotz der Furcht, und wahrscheinlich _auch_ vom ersten Augenblick an.

Ihr Ernst? Gertrud, Sie Wunderbare, ich mu es glauben, wenn ich
weiterleben soll -- aber lehren Sie mich es glauben. Da ich nur Vogel
heie, macht Ihnen das nichts?... Und, er fuhr erschrocken mit der Hand
nach seinem Kopfe, da ich eine Glatze habe, macht Ihnen das auch nichts?

Gar nichts, erwiderte sie und lchelte ihn an, freundlich, zutraulich,
liebreich.

Glckstrahlend sah er zu ihr empor, sprang auf, setzte sich wieder an ihre
Seite, schlang den Arm um sie und sprach, sprach sehr viel und nicht ein
gescheites Wort und gab sich davon gar keine Rechenschaft. Er hatte
vergessen, wonnig vergessen, da es je sein Metier gewesen war, geistreich
zu sein.

Sie fand das nicht lcherlich, es rhrte sie. Dann erzhlten sie einander
ihre Lebensgeschichte, und das Schnste war, da sie keine hatte, oder doch
nur eine, deren Inhalt sich in zwei Stze fassen lie: Ich habe krnkliche
Eltern gepflegt. Ich habe standesgem gedarbt von Jugend auf.

Und die seine?

So streng er sein Gewissen erforschte, so sehr ihm daran lag, der
Geliebten ein wahres und nicht ein geschmeicheltes Bild von sich zu
entwerfen, er mute seiner milden Richterin zugeben, da er im Leben mehr
Plage als Genu gehabt und mehr gelitten als gesndigt hatte.

Sie hrte ihm teilnehmend zu und fand eine Entschuldigung fr jede seiner
Selbstanklagen. Und er war ein stolzer, glckseliger Mann, kte sie und
hielt sie in seinen Armen wie ein Heiligthum.

Der Regen hatte ein wenig nachgelassen; von den kleinen Zweigen, aus den
Tulpenkelchen fielen einzelne, helle Regentropfen schwer zu Boden. In dem
Wipfel des Baumes lie ein sanftes, wohliges Rauschen sich vernehmen, als
wte der Alte, da er zwei glckliche Menschen unter seinem mchtigen
Gezweige barg.

       *       *       *       *       *

Bertram und Gertrud traten in das Zimmer Weienbergs. Sie hatte sich Zeit
genommen, ihren Hut und ihren Mantel abzulegen, er brachte den Regen des
Himmels auf seinen Kleidern mit.

Freund, o Freund, sie ist mein, ich hab' ihr Jawort! rief er aus, stockte
aber pltzlich, denn sein Erscheinen hatte Verlegenheit hervorgerufen.
Hugo und seine Gattin, die neben ihm stand, schienen sehr ergriffen; die
Augen Weienbergs waren feucht, die Baronin schwamm in Thrnen und sah aus
wie eine ltliche Rose im frischen Morgenthau.

Auf einem Tische in der Nhe des Kamins lagen zwei Pakete. Das eine war
Bertram wohlbekannt; unter seinen Augen hatte der Freund es krzlich erst
in stiller Ergebung so nett zusammengefaltet, wie es sich da wieder
prsentirte. Das andre war viel grer, eine gewaltige, verschnrte und
versiegelte Postsendung. Auf der Adresse las man auer dem Namen der
Baronin: Hundert Gulden Nachnahme.

Bertram schlug mit der Faust darauf: Schuft von einem Carolus!

Verzeihen Sie ihm, wie ich ihm verzeihe, sprach Bertha mit vielem Gefhl,
in meiner Seele ist heute kein Platz fr eine herbe Empfindung; ich grolle
nicht.

Wie gut fr uns, da wir Sie in so milder Stimmung finden, theure,
verehrte Frau!... Hugo, mein Freund, segne uns, wir sind ein Brautpaar.
Gndigste Baronin, segnen Sie uns.

Die vortreffliche Baronin sandte einige gerhrte: Ah! zum Himmel,
gratulirte ihrer Nichte, gratulirte Bertram und gratulirte sich selbst zu
ihrer Divinationsgabe. Sie hatte es ja gedacht, da es so kommen msse. Ein
seltener Geist, eine eben so seltene anmuthige Gediegenheit knnen nichts
Besseres thun, als sich vereinigen zum ewigen Bunde. Schn bewegt wollte
sie die Hnde erheben, aber ihr Gatte sprach:

Einen Augenblick; jetzt will auch ich eine Rede halten. Er hatte diesen
Vorsatz etwas voreilig ausgesprochen, blickte nun hlflos umher, suchte
nach Worten und fand sie erst nach einer Weile: Junges Paar, vor dir steht
ein altes, das zum ersten Mal nach zwanzigjhriger Ehe ein Geheimni vor
einander gehabt hat. Der Vertraute beider, ein Ehrenmann, wrde es ewig
bewahrt haben, aber sie hielten es nicht aus, die beiden, da ein dritter
in irgend einer Sache von einem von ihnen mehr wute, als einer der beiden
vom andern. Sie hielten es nicht aus... Seine Stimme gerieth ins
Schwanken. Ihre alte, treue Liebe -- alte Liebe... ich will sagen...
Jetzt kippte die Stimme vllig um.

Die Baronin hllte ihren Gatten in einen Blick voll Zrtlichkeit und
sprach: Du willst sagen, Hugo: das Geheimni war begraben in der Brust des
Freundes, aber nicht einmal den Schatten eines todten Geheimnisses konnten
die beiden zwischen einander dulden.

So ist es, sie spricht gut, die Tante, sagte der Baron etwas kleinmthig
zu Gertrud, und diese ergriff seine Hand und kte sie rascher, als er's
wehren konnte.

Wir verstehen dich aber doch und lieben dich, Onkel Weienberg.

Und auch mich? fragte die Baronin und machte ihrerseits Anstalt, die Arme
auszubreiten -- aber gegen Bertram.

O gndigste Frau!

Sage Tante, mein Neffe Vogelweid.

Und nun kam es zu mehreren Umarmungen.

Rhrstck, fnfter Aufzug, letzte Szene, lie eine schrille Stimme sich
vernehmen. Hagen, gefolgt von Sieglinde, war eingetreten. Er warf einen
kurzen Blick auf Bertram, der Gertrud an seine Brust gezogen hatte und
prallte zurck. In der nchsten Sekunde aber schon wurde er seiner Bewegung
Herr und sprach kalt und hhnisch: Der reine Kotzebue, wir verschimmeln
hier.

In einem Tone, so streng, wie er ihn dem Liebling gegenber noch nie
angeschlagen hatte, versetzte Weienberg:

Du wenigstens nicht. Du kommst fort aus dem Elternhause, du kommst nach
Wien.

Nach Wien? Die Wangen des Jnglings flammten in freudiger Rthe auf;
alsbald jedoch kam der Skeptiker wieder zum Vorschein: Nach Wien, das
geschieht nicht, das wre zu gescheit.

Mama! rief Sieglinde weinerlich, hrst du? er fhrt nach Wien, und ich
kann hier sitzen bleiben, an mich denkt niemand.

Es bildet ein Talent sich in der Stille, junge Dichterin, trstete
Bertram. Sie bleiben, um in Erwartung des eigenen Glckes das unsere zu
besingen.

Sieglinde lchelte unter Thrnen. Da der strenge Kritiker sie Dichterin
nannte, war ein heilendes Pflaster auf die Wunde, die man ihr durch eine
vermeintliche Zurcksetzung geschlagen hatte.

Am Mittagstische fehlte Herr Meisenmann. Die Baronin deutete auf seinen
leeren Platz und sprach:

Der Professor lt sich entschuldigen, er ist zu Schiff -- nach Bhmen.

Beim Dessert eine neue berraschung, ein Telegramm fr Herrn Vogel. Er
erbat von der Hausfrau die Erlaubni, es zu lesen. Es lautete:

Artemis Wassiljewna Tschertschaptschikow, Gutsbesitzerin, Just Carolus,
Schriftsteller, empfehlen sich als Verlobte.

Bertram brach in Lachen aus: Ist das eine unmoralische Geschichte! Einem
Spitzbuben wird die Bufahrt, die er antreten soll, zur Brautfahrt.

Fr Bertram und Gertrud folgten wunderschne Tage. Der unbarmherzige
Vogelweid war weich wie ein Kind in der Reconvalenscenz. Das Glck hatte
alle Bitterkeit in ihm aufgezehrt. Lngst entschlummerte Tugenden:
Nachsicht, Geduld, erwachten wieder in seiner Brust und regten schneeweie
Engelsflgelchen. Ohne den leisesten Spott berichtigte er die nicht ganz
zutreffenden Schlagworte der Baronin, und lchelte sanftmthig, wenn sie
sich gedrungen fand, ihm die Honneurs der Litteratur zu machen.

Ganz selig und gelutert und ber alle irdische Mhsal erhaben, fhlte er
sich, wenn Gertrud in einem solchen Augenblicke aufstand, zu ihm trat,
seinen vielgeplagten Kopf zwischen ihre Hnde nahm, ihn auf die Stirn kte
und sprach:

Mein Freund, mein geliebter. Einmal sagte sie auch: Vielgefrchteter, du
bist das Hchste, das es giebt, du bist die Gte selbst.

Viel, viel zu rasch kam die Stunde der Trennung herbei. Nicht allein, wie
er gekommen war, trat Bertram die Rckreise an. Der Herr und der Sohn des
Hauses begleiteten ihn; die smmtliche Dienerschaft folgte und nahm
Aufstellung unter dem Thor.

Weienberg umarmte seine Frau und seine Tochter: In acht Tagen, sobald der
Junge installirt ist, bin ich wieder da.

Und ich im Juli, rief Hagen, und schwang sich flatternd vor Ungeduld
neben den Kutscher auf den Bock: Adieu, adieu. Ein unterdrcktes
Schluchzen der Baronin, Sieglindens, einiger Diener und Dienerinnen machte
sich Luft. Gertrud und Bertram standen Hand in Hand. Sie war sehr bla;
ber sein Gesicht blitzte das fatale Zucken, das die ganze Zeit hindurch
nicht mehr zum Vorschein gekommen war. Traumverloren stieg er in den Wagen,
schrie aber, sobald sich der in Bewegung gesetzt hatte:

Halt! halt! um Gotteswillen halt! ich habe ja vergessen, mich zu
empfehlen. Der Kutscher ri die Pferde zusammen, Bertram sprang zur Erde,
eilte auf die Baronin zu und kte ihre Hand: Dank fr alle Ihre Gte und
Gnade. Dank dafr, da sie mich zu den Ihren zhlen. Gndigste Baronin,
verehrte Tante, bewahren, behten Sie mir mein Glck!

Die Baronin wollte sprechen, konnte aber nicht, sie war zu bewegt.

Bertram wendete sich zu Sieglinde: Baronesse ...

Cousine, verbesserte sie errthend.

Liebe, theure Cousine, leben Sie wohl: auerordentlich wohl! Ich bitte um
Ihre Photographie. Und Sie -- und du Gertrud, mein Trost, mein
Hoffnungsstern, mein Alles, bleib mir treu und gut... bers Jahr, meine,
meine Gertrud. Er breitete die Arme aus, er schlo die Geliebte noch
einmal vor der langen Trennung an sein Herz.


       *       *       *       *       *


Druck von _Martin Oldenbourg_, Berlin C., Adlerstrae5.





       *       *       *       *       *




Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. Nur offensichtliche
Druckfehler im Text wurden korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Textauszeichnungen wurden
folgendermaen gekennzeichnet:

     Sperrung: _gesperrter Text_
     Antiquaschrift: #Antiquatext#

[oe] in den Wrtern 'boeuf' und 'coeur' wird im Originaltext durch die
lateinische kleine Ligatur oe dargestellt. In der Transkription
erscheint [oe] als 'oe'.

Gro geschriebene Umlaute erscheinen im Originaltext als Ae, Oe und
Ue. Diese wurden zur Leseerleichterung in ,  und  konvertiert.


Auflistung der gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

     Seite 11: Du brauchst Dich um nichts kmmern, die bersiedlung
     ist meine Sache. --> schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt

     Seite 22: Als Wildenstein zur bestimmten Frist zurckehrte -->
     Komma nach 'zurckkehrte' ergnzt

     Seite 28: Aber auf einem Auge blind, sprach Dietrich mit grter
     Ruhe. --> Komma nach 'blind' ergnzt

     Seite 25: Am folgenden Tage erhielt er einen langen Brief von der
     Grfin. --> Punkt nach 'Grfin' ergnzt

     Seite 42: zum Souper fr den Herrn Rittmeister die kalte Kche hole.
     -->  ergnzt

     Seite 46: Ich mag die Mageren nicht. --> Punkt nach 'nicht' ergnzt

     Seite 48: mglicher Fehler: je weilige Tageszeit. --> jeweilige (keine
     nderung vorgenommen)

     Seite 54: Gesprch mit einer jungen -- ihr tadelloser Accent
     verrieth's -- Pariserin, fhrten. --> Komma nach 'Pariserin' entfernt

     Seite 61: Nein, nein, dank', wir danken, stie Georg rasch hervor.
     -->  nach 'danken' ergnzt

     Seite 70: Er lehnte ab; Loben 'sie' mich nicht. --> Loben 'Sie'

     Seite 77:  Esse heute nicht; bring Thee und Cigarretten. -->
     schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt

     Seite 85: Geben Sie mir meine Seelenruhe wieder; -->
     Anfhrungszeichen ergnzt

     Seite 91: Nach langem Auf- und Abgehen blieb er in der Nhe des Thores
     stehen. --> Punkt nach 'stehen' ergnzt

     Seite 101: Kapitelberschrift korrigiert: IX. --> XI.

     Seite 122: Umbildung --> Unbildung

     Seite 122: Wenn die Unbildung Phrasen drechselte, war sie ihm vollends
     ein Greuel. --> Punkt nach Greuel ergnzt

     Seite 122: Amlie nickte ihrem Manne beifllig zu, und er sprach ihr
     durch einen Blick seine Anerkennung ihrer Anerkennung aus. --> Punkt
     nach 'aus' ergnzt

     Seite 126: Sie gehen ja dort zur Ruhe zugleich mit den Hhnern in
     ihrem Hofe. --> Punkt nach 'Hofe' ergnzt

     Seite 140: Die Kinder waren zurckgekehrt. --> Punkt nach
     'zurckgekehrt' ergnzt

     Seite 155: Sie lag auf dem Ruhebette, ber dessen Lehne ihre langen
     dichten Haare, in 'Strhne' aufgelst, --> 'Strhnen'

     Seite 171: Das war die erste Liebeserklrung, die Brand von dem Kinde
     zu hren bekam. --> Punkt nach 'bekam' ergnzt

     Seite 179: Die Mutter schlft, flsterte Georg, lassen wir sie
     schlafen, und Du erzhl' mir eine schne Geschichte. --> Punkt nach
     'Geschichte' ergnzt

     Seite 223: Wart nur, lies nur, es wird immer besser. Punkt nach
     'besser' ergnzt

     Seite 233: 'wie 's geschah' --> 'wie's geschah'
     Leerzeichen vor Apostroph entfernt

     Seite 249: der freudigen Begrung zwischen den Eltern und den Kindern
     zu. Punkt nach 'zu' ergnzt

     Seite 289: Herrlicher Sonnneuntergang --> Sonnenuntergang

     Seite 328: Und was seinen Fanatismus betrifft -->
     Anfhrungszeichen ergnzt

     Seite 392: Es wird nicht gro sein, das Unglck -- --> Punkt nach
     'Unglck' ergnzt

     Inkonsistente Schreibweise im gesamten Text fr: 'mein ich' --
     'mein' ich' --> keine nderung vorgenommen

     Inkonsistente Schreibweise im gesamten Text fr: 'Brands' -- 'Brand's'
     --> keine nderung vorgenommen



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK RITTMEISTER BRAND; BERTRAM
VOGELWEID***


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