Project Gutenberg's Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pck, by Ricarda Huch

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Title: Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pck
       Eine Erzhlung

Author: Ricarda Huch

Release Date: March 31, 2010 [EBook #31834]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  [ Anmerkungen zur Transkription:

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  Das Original ist in Fraktur gesetzt.
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                             Lebenslauf
                    des heiligen Wonnebald Pck


                           Eine Erzhlung
                                von
                            Ricarda Huch


                     Im Insel-Verlag zu Leipzig




ber Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux
Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem
zehnjhrigen Brun und der kaum dreijhrigen Lisutt, nach dem jenseitigen
Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte. Es lebte dort der Vater ihres
verstorbenen Mannes, Christoph Bernkule, in hohem Alter als Schermuser
oder Maulwurfsfnger, welches Amt ihm ein nettes Einkommen verschaffte,
und bei dessen Ausbung ihn die Schwiegertochter mit ihren Kindern
untersttzen sollte. Sein Sohn Henne, ihr Mann, hatte mit seinem Vater
von jeher in Unfrieden gelebt, so da er ihm Frau und Kinder niemals
vorgestellt, die Ursache davon aber niemals hatte laut werden lassen; da
nun der Lux die enge Rechtlichkeit und Hartkpfigkeit ihres Mannes wohl
bekannt waren, bildete sie sich ein, da auch er schuld an dem Zwiespalt
getragen haben knnte, und war wohl geneigt, der Einladung des Greises
Folge zu leisten, teils aus Neugier, teils aus Mitleid mit seinem
einsamen Alter, und schlielich weil sie durch einen mchtigen Gnner,
der ihr alles Erdenkliche an Schutz und Begnstigung zusicherte, dazu
angeregt wurde. Dies war der Abt des Klosters, in dessen Nachbarschaft
ihr Mann Forstgehilfe gewesen war, Wonnebald Pck, der krzlich zum
Bischof von Klus ernannt worden war und, heftig verliebt in die
anmutreiche Frau, sie eindringlichst ermunterte, gleichfalls dorthin
berzusiedeln, wo sie einzig auf der Welt noch Familienanhang htte.
Einem Ratschlag des alten Bernkule folgend, hatte sie Mnnerkleidung
angelegt und stieg so behende, aber ohne sich zu eilen, den alten
Saumpfad hinan, der den Fugngern diente, mit Hilfe des kleinen Brun
einen Karren bald schiebend, bald ziehend, der mit allerlei Kleidern
und Hausrat beladen war, und auf dem auch Lisutt, wenn sie mde war,
gefahren wurde. An einem hochgelegenen Punkte kreuzte sich der alte,
beschwerliche Weg mit der neuen Strae, die fr die Eisenbahn gebaut
worden war, und es fgte sich, da die Wanderer dort mit dem Zuge
zusammentrafen, der den neuen Bischof seinem Ziele entgegenfhrte.

Er sa im Speisewagen an einem gedeckten Tischchen und erblickte,
wie er gerade ein Glas rotgelben Weines an die Lippen setzte, die
fahrenden Leute, die vor dem niedrigen Stationsgebude standen, dicht
aneinandergedrngt in dem beienden Hhenwinde, die Kinder ein Stck
Brot in den rotgefrorenen Hnden. Seine Augen weilten mit Appetit wie
auf einer leckeren Schssel auf Lux, deren ragende Schlankheit in der
losen Jacke und kurzen Pumphose sich schner als sonst sehen lie; ihre
feinen braunen Haare waren abgeschnitten und hingen in weicher Bewegung
um ihr helles Gesicht, das in reizvollem Wechsel bald tiefgreifendes,
wgendes Denken, bald betrende Sigkeit ausdrckte. In ihrem Lcheln,
mit dem sie seinen leutseligen Gru erwiderte, lag mehr berlegenheit,
als Ehrerbietung oder Liebe zugelassen htten, allein er rgerte sich
weder darber noch ber den trotzigen Blick, den Brun ihm zuwarf, da er
nicht zweifelte, da die Zeit, die ihm lieblichste Vergtung im berflu
zuteil werden lassen wrde, vor der Tr stnde. Mit freundlicher Wrde
winkte er einen Angestellten des Zuges herbei, hndigte ihm zugleich mit
einem reichlichen Trinkgeld eine Flasche Wein ein und bedeutete ihm, sie
den armen Leuten drauen zu berreichen, und als gleich darauf der Zug
sich langsam in Bewegung setzte, bewegte er die Hand majesttisch
grend gegen die kleine Gruppe.

Whrend der Bischof, trumerisch speisend, in dem gemtlichen Wagen, der
weich wie ein Schlitten dahinsauste, weiterfuhr, malte er sich die mit
seiner Befrderung verknpften Annehmlichkeiten in genureichen Bildern
aus, wobei seine Zufriedenheit nur durch die Sorge beeintrchtigt wurde,
ob und wie er sich die Mittel, die seine Lebensfhrung kostete, wrde
beschaffen knnen.

Der Vater von Wonnebald Pck war ein schwerreicher Kaufmann und sowohl
dadurch wie durch seinen Verstand und schlielich durch eine vornehme
Heirat eine in weiten Kreisen magebende Persnlichkeit gewesen. Seine
Frau, hbsch und von altem Adel, hatte ihm mehrere Kinder geboren, von
denen das jngste etwa zwlfjhrig war, als sie ihm unerwarteterweise
noch einmal das Glck, Vater zu werden, in Aussicht stellte. Der bereits
ergrauende Mann freute sich doppelt, da das Kind ein Knabe wurde, und
erteilte ihm zu bestndigem Andenken an die Seligkeit, die seine Ankunft
mit sich gebracht hatte, den Namen Wonnebald; doch verwandelte sich
seine bertriebene Zrtlichkeit bald in Kummer und rger, da der Jngste
die Anlagen eines Taugenichts, Faulenzers, Dummkopfs verriet, whrend
seine lteren Geschwister nicht hervorragend, aber doch leidlich begabt
und durchaus rechtschaffen waren. Weder in der Schule noch unter
huslicher Aufsicht lernte er etwas, galt es aber mutwillige Streiche
auszufhren oder etwas Verbotenes zu erschleichen, mangelte es ihm nicht
an Erfindungsgabe und Pfiffigkeit, so da, wie bel er auch in allen
ernsten und ehrlichen Angelegenheiten bestand, er doch immer frech und
guter Dinge und der Zukunft gewi war. Die Ermahnungen und Drohungen
seines Vaters schlugen ihm nicht an, einzig bei seiner Furchtsamkeit
konnte man ihn fassen, und zwar wirkte die Angst vor dem Fegfeuer oder
Gespenstern weit krftiger als Angst vor Prgelstrafe oder andern
natrlichen schmerzhaften Folgen seines argen Lebens, denen er durch
Glck und schlaue Anschlge zu entrinnen dachte. Wre aber auch die
Strenge seines Vaters von Einflu auf Wonnebald gewesen, so htte diesen
die Torheit der einsichtslosen Mutter sogleich wieder aufheben mssen,
die, so anspruchsvoll und unnachgiebig sie brigens sein konnte, eine
Wollust darin fand, sich von ihrem Sohne umgarnen und ausbeuten zu
lassen, was er geschickt und freundlich zu tun verstand. Ihr war dabei
etwa so zumute, als ob sie im angenehmen Halbschlummer, so da sie die
Tne und Gegenstnde nur verschwommen wahrnhme, auf einer Ottomane
lge, whrend das Fell einer schnurrenden Katze sich schmeichelnd an
ihr riebe. So traute sie zum Teil seinen Vorspiegelungen, zum Teil
seine arglistige Absicht durchschauend, und verharrte beglckt in dem
gaukelnden Zwielicht, ja widersetzte sich eigensinnig, wenn ihr Mann
oder ihre andern Kinder sie zwingen wollten, die Wahrheit zu erkennen
oder zuzugestehen. Als sich die Schwierigkeit und eigentlich
Unmglichkeit, Wonnebald in irgendeinem Berufe vorwrts zu bringen,
zeigte, verfiel sie, mit Vorwrfen wegen ihrer unbesonnenen Erziehung
berhuft, auf den Gedanken, ihn geistlich werden zu lassen, da ihm auf
dieser Laufbahn, so hoffte sie, die bedeutenden Verbindungen ihrer
adligen Familie zugute kommen wrden. Hiergegen strubte sich der Vater,
der die Religion fr gut und ntzlich, die Kirche aber fr faul und
verdammlich hielt, allein da er keinen andern Ausweg wute und ohnehin
einen rechten Zusammenhang des Herzens mit Wonnebald nicht mehr sprte,
gab er nach und mute bald gestehen, da, uerliches Fortkommen und
Ansehen anbelangend, seine Gattin einen guten Griff getan hatte.

Wonnebalds Geist, der sowohl den einfachen wie den hheren
Wissenschaften gegenber unzugnglich geblieben war, nahm glatt und
geschwind die religisen Lehren auf, die ihm auf dem Seminar, das er nun
besuchte, beigebracht wurden, so da seine Mutter mit Fug behaupten
durfte, es wre derselbe einer geweihten Erde vergleichbar, in der
kein andrer als der gottgefllige Samen der Theologie gedeihen knnte.
Zwar klagten die Leiter der Anstalt nicht selten ber unerlaubte
Leichtfertigkeiten des jungen Pck, doch pflegten sie, in Anbetracht
des strengen Wandels, der spterhin unweigerlich zu fhren war, den
Jnglingen die Schwchen und Unzutrglichkeiten ihrer Jahre im
allgemeinen hingehen zu lassen, besonders wenn diese sich mit so viel
Talent und Flei in kirchlichen Dingen vertrugen wie bei Wonnebald.
Besonders glnzte seine Kunst der heiligen Darstellung, insofern er
nmlich beim kirchlichen Amtieren ebensoviel Pomp und Weihe wie
kindliche Demut in seine Gebrden zu legen wute, so da, noch ehe er
jemals ffentlich aufgetreten war, der Ruf aufkam, er werde sich
dereinst zu auerordentlichen Wrden erheben.

Wonnebalds Mutter warf sich unter dem Eindruck dieser Ereignisse mehr
und mehr auf die religise Seite, besuchte eifrig die Kirche, verkehrte
mit Geistlichen, machte Stiftungen und Schenkungen und war durch nichts
mehr zu erbittern, als wenn ihr Mann und ihre Kinder Verwunderung
darber uerten, wie sie bisher ganz ohne religise Bedrfnisse und
Veranstaltungen gelebt habe, was sie bestritt. Bei den Besuchen ihres
Sohnes befli sie sich eines bescheidenen und hingebenden Benehmens,
dessen Frchte er in liebenswrdiger Harmlosigkeit pflckte, wie er denn
berhaupt alles Gute geno, ohne sich und andre durch Zweifel oder
Bedenklichkeiten irgendeiner Art zu stren.

Obwohl er sich durch sein umgngliches Betragen und vergngtes Gesicht
bei seinen Lehrern und Vorgesetzten beliebt gemacht hatte, waren diese
doch nicht ohne Sorge, wie seine eher zu- als abnehmenden fleischlichen
Wesenseigentmlichkeiten sich mit dem geistlichen Berufe vertragen
sollten, und fhrten ihn deshalb mit uerster Beschleunigung durch alle
Bildungsgrade bis zur Weihe, in der Meinung, da durch die mystische
Handlung das niedrig Stoffliche, was ihm leider noch anklebte, mehr oder
weniger entzndet und verklrt werden wrde.

Indessen wurde eine augenblickliche Wirkung nicht bemerkbar, vielmehr
entfaltete er seine frhlichen Triebe, nachdem er Benefiziat in einem
kleinen entlegenen Dorfe geworden war, erst recht, als wre nach
mannigfacher Entbehrung nun die schne Zeit der Ernte herbeigekommen.
Was er durchaus nicht lassen konnte und mochte, war, mit hbschen
Weibern, wenn es irgend anging, Liebschaften anzuknpfen, wodurch er die
Bauern nicht wenig rgerte, und da er ihnen dazu noch dadurch anstig
wurde, da er sich so viel wie mglich Hhner, Eier und Butter schenken
lie, hielten sie mit lautem Tadel seiner Predigten nicht zurck, die
kurz, hohl und unntz wie Seifenblasen ber ihren Kpfen zerplatzten.
Der Bischof, zu dessen Regiment er gehrte, sah sich gentigt, Wonnebald
einen Vorhalt zu machen ber den Leichtsinn, mit dem er seinen Beruf
auffate, worauf dieser sich damit entschuldigte, da das kleine Dorf
ihm keine seinem Geiste angenehme Nahrung gewhrte, und da er deshalb
den grberen Zerstreuungen nachginge, die es ihm darbte, ferner,
was die Predigt betrfe, da die Bauern sich zu seiner Hhe nicht
aufschwingen knnten, er zu ihrer Dummheit sich nicht herablassen
mchte. Hierauf bildete sich die Ansicht, es wrde das beste sein, den
jungen Mann an eine bessere Stelle zu setzen, wo seine Vorzge mehr
zur Geltung kmen, seine lasterhaften Gewohnheiten aber teils weniger
auffielen, teils wegen der bestndigen berwachung durch Gleichstehende
und Vorgesetzte sich mehr in ein schtzendes Dunkel verkriechen wrden.
Solche Erwartungen enttuschte jedoch Pck, der nunmehr Pfarrer in einer
greren Stadt wurde, vollstndig, indem er der vermehrten Gelegenheit
zu Lust und Wonne nicht widerstehen konnte und es weit ausgelassener
trieb als zuvor, so da an Abhilfe ernstlich gedacht werden mute.

                 *       *       *       *       *

In derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der, gelehrt und
sittenstreng, an dem ungebhrlichen Betragen Wonnebalds einen groen
Ansto nahm und sich hufig ber ihn so ereiferte, da er ihn gern mit
Schimpf und Schande aus der Kirche ausgestoen htte. Doch berlegte
er sich, da der leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen
Familienanhang habe, der ein so scharfes Vorgehen bel aufnehmen wrde,
und ferner, da es der Kirche einen schlechten Leumund bereiten knnte,
wenn man erfhre, da ein unwissender, untchtiger und gewissenloser
Mensch wie Pck es bis zum Pfarrer hatte bringen knnen. Unter seinen
Augen aber wollte er solche Leichtfertigkeit sich nicht breitmachen
sehen und betrieb deshalb seinen bergang in ein Kloster, so die
Verantwortung fr seine schamlose Auffhrung von sich abladend, aber
nicht ohne ihn mit nachdrcklichen Empfehlungen auszursten. In dieser
und hnlicher Art rckte Wonnebald mhelos empor und wurde etwa
fnfundvierzigjhrig Abt eines Klosters, das in schner, waldreicher
Gegend abseits vom Verkehr der groen Welt gelegen war. Immerhin gab es
in der Nachbarschaft des Klosters mehrere groe Gter, deren Besitzer
mit dem geselligen Abte in freundliche Beziehungen traten und im Verein
mit welchen er sich bald das Leben so genureich einzurichten wute,
wie es nach seinem Sinn war. Umsonst freilich gelangte er weder zu den
ppigen Speisen noch zu den Zrtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er
dafr so viel Geld aus, da er sich auf das Spielen verlegte, wobei er
im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage noch verschlimmerte. Was
er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt hatte, war bereits
aufgebraucht, und die Geschwister, die ihm fters Geld vorgestreckt,
aber stets vergeblich auf Wiedererstattung gedrungen hatten, weigerten
sich durchaus, ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den
Gutsbesitzern abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte, und
ihnen ebenfalls nichts davon zurckzuzahlen. Dies verdro die Herren,
die alle nacheinander an die Reihe kamen, mehr und mehr und vergllte
ihnen das Zechen und Bechern mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel
es jetzt auf, da er kein Gottesmann wre, wie er sein sollte, und sie
setzten ihn daheim und ffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter.
Im Kloster selbst hatte er alle diejenigen auf seiner Seite, denen ein
gemchliches Leben ber alles gefiel, einige aber, die aus Frmmigkeit
oder galliger Gemtsart den Freudentaumel nicht mitmachen wollten,
mibilligten ihn durch schweigende Zurckhaltung oder verklagten ihn
bswillig, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.

Diese Zustnde bewirkten mit der Zeit, da Wonnebald zuweilen von
seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwrfen und Drohungen erhielt, ber
deren Beantwortung er seufzte und schwitzte, ohne doch etwas Rechtes
zustande zu bringen, wodurch er auf den Gedanken kam, die Arbeit
einem geschickten Kopf zu bertragen, der ihm ergeben wre. Dies
auszufhren, war aber nicht leicht, denn er wollte sich weder den
Klosterbrdern noch den Gutsnachbarn anvertrauen, sondern am liebsten
einem einfachen, armen Manne, der ihn womglich fr einen bel
verleumdeten, ehrwrdigen Kirchenvater anshe und auerdem durch
kleine Belohnungen in Abhngigkeit zu halten wre. Unter den Bauern
und Tagelhnern, die in der Gegend wohnten, war ihm indessen keiner
bekannt, der gescheiter als er selbst gewesen wre, doch fiel ihm ein,
einmal von einer Frau gehrt zu haben, die mit zierlicher Handschrift
wundervoll zu schreiben verstnde und fr die ganze Bauernschaft
ringsum ausfertigte, was an Schreibereien vorkme, sei es in
Liebessachen oder beim Handel oder vor Gericht. Wonnebald, der unter
den Frauen und Mdchen brigens gut Bescheid wute, hatte sich die
Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um diese handelte es sich, aus
mehreren Grnden bisher entgehen lassen: einmal weil er die gelehrten
Weiber verabscheute und sodann weil er wute, da sie eines Jgers
Frau war, eines strengen, aufbrausenden Mannes, der berdies auf die
Geistlichkeit nicht gut zu sprechen war.

Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten, in
allerlei Knsten gebten Dame, die einen schon vor ihrer Einkleidung
ihr vertrauten Liebhaber auch im Kloster noch fters gesehen und eine
Tochter geboren hatte, und der eine nachsichtige btissin gestattete,
da das Kind unter den Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar
durfte sie mit ihrer Mutter nur flchtig verkehren und ihr auch nie,
obwohl ihr das gegenseitige Verhltnis nicht verborgen blieb, den
Mutternamen geben, doch hatte sie Gelegenheit, mancherlei zu lernen und
sich zu bilden, und benutzte sie willig, wie denn berhaupt ihrem
gesunden Geiste von allen Seiten Nhrendes und Heilsames zugeflogen kam.
Manches Mdchen wre unter so heiklen Umstnden vergrmt und vergrillt
geworden, Lux indessen war mild und heiter geartet, durchschaute die
Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu rgern, und verlangte
nicht viel, auer da man sie anstndig und freundlich behandelte, denn
sie war empfindlich gegen harte oder unschne Berhrungen, wie ihr denn
berhaupt ein gewisser Hang fr anmutige Lebensformen angeboren war.
Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjhrig war, in den Jger
Henne Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten war, was freilich in
der Zeit der Werbung, wo die Leidenschaft seine krftige Schnheit
veredelte und immerwhrender Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen
herrschte, leicht bersehen werden konnte. Spter sah sie allerlei
Gebrden und Gewohnheiten an ihm, die mit ihrem Schnheitssinn nicht in
Einklang waren, doch hatte sie ihn deswegen nicht weniger lieb, sondern
lachte zuweilen darber oder denn es rhrte sie. Peinlich war es ihr,
wenn ihr Mann, was er gern tat, ber die schlechten Menschen schimpfte,
insbesondere ber die Geistlichkeit, wobei er immer dieselbe Beweisfhrung
und dieselben Ausdrcke anwendete, und zwar erging er sich am bittersten
ber das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht zum wenigsten eben
deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas von ihm wute, zufrieden
gefhlt hatte.

Nun wollte es das Glck des Abtes, da der Forstmann im Kampfe mit einem
Wilderer verwundet wurde und starb, gerade zu der Zeit, als er der Hilfe
seiner Frau bedrftig wurde, die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden
konnte, um ihr sein Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der
groen, mit stiller Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft
lchelnden Augen machte ihn fast ein wenig verlegen, da er sie sich
anders vorgestellt hatte; aber sein Anliegen betreffend, flte ihm
die Art ihrer Erscheinung sogleich die berzeugung ein, da sie alles
Erforderliche verstehen und auch tun wrde. Sie hrte auf eine solche
Weise zu, da die Worte des Sprechenden ihr von selbst entgegenkamen und
er flieender und einleuchtender, als er selbst geglaubt hatte, die
Angelegenheit erklren konnte: wie er mit Geschften berladen und dazu
an einem bsen Gliederfu leidend sei, so da er die Feder nicht stramm
fhren knne, wie er von Unruhstiftern verleumdet, und wie verdrielich
ihm, einem friedfertigen Priester, solches Geznk sei, so da er
herzlich dankbar sein wrde, wenn ein einsichtiger und verschwiegener
Freund den hlichen Briefwechsel, wie es ihn gut dnkte, erledigte. Lux
sagte vergngt und bescheiden, sie habe alles verstanden und werde das
Ding zur Zufriedenheit des Abtes ausfhren, brachte auch wirklich in
Blde ein Schriftstck zustande, das Wonnebald mit behaglichem Stolz als
seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die Witwe nicht geeignet, da
sie nichts weder von der drallen und schnippischen noch von der slich
weinerlichen Frauenart hatte, die er bevorzugte; sie kam ihm unscheinbar
vor, und er sah es fr eine schne Leutseligkeit seinerseits an, da er
ihr trotzdem eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer hre glich
sie wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine
prangenden Blten trgt, aber durch die bald silbern aufglnzende, bald
blau und lila schattende Farbe und den wrzereichsten, belebendsten
Geruch jeden Wanderer anzieht und unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner
eignen Verwunderung mute sich der Abt bald gestehen, da er in
auergewhnlich hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen
durfte, da sie eine so ganz unverdiente Zuneigung ohne Zgern reichlich
erwidern wrde, fand er doch nicht sogleich eine Wendung, um aus der
geschftlichen Region in die menschlich gefhlvolle berzugehen. Nach
kurzer Zeit indessen hatte er sich so weit ermannt, da er sich ihr mit
zutraulicher Zrtlichkeit nherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab,
indem sie erklrte, sie sei Mutter zweier Kinder und erst krzlich
Witwe geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze zu
dulden oder gar auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende uerung
seiner Dankbarkeit drfe sie sich immerhin gefallen lassen, hielt sich
aber doch seitdem zurck, da seine Kenntnis des weiblichen Geschlechts
ihm riet, sich in diesem Falle nicht aufzudrngen, sondern klglich die
Annherung der Stolzen abzuwarten. Inzwischen besuchte er sie zuweilen
in ihrer Wohnung, um sich mit ihren Kindern zu befreunden, womit er
aber nicht viel Glck hatte; denn Brun zeigte sich um so trotziger, je
schmeichelnder die Liebenswrdigkeit des Abtes ihn zu gewinnen suchte,
und die kleine Lisutt machte sich wohl seine Beflissenheit zunutze,
indem sie ihn Greifen und Verstecken spielen lie, da er schwitzte,
schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz, weil er nicht hurtig genug auf
die Spiele einging, und drehte ihm den Rcken, sowie sich ein besserer
Kamerad einfand.

Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das auf beiden
Seiten der rundgewlbten Stirn auf den festen Hals fiel, einen winzigen
Mund, der stets etwas offen stand, und eine winzige Nase, die dem runden
Gesicht den Ausdruck von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit
dem es unbekmmert in die Welt blickte. Der Abt hatte fr die Sigkeit
dieser vollkommenen Lebensknospe keinen Sinn, und wenn er Kindern auch
nichts zuleide tat, wnschte er doch im Herzensgrunde, da sie alle der
Kuckuck holte, als etwas, was schwirrend und blutsaugend um einen herum
wre wie Mcken im Hochsommer. Zuweilen rgerte er sich auch ber Lux,
da sie diese Kinder hatte und sich so kostbar machte, anstatt die liebe
lange Zeit mit ihm zu genieen, aber der Groll erhitzte nur seinen
Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe fr ihre Widerborstigkeit
recht kurz am Zgel zu halten. Obwohl er im allgemeinen mit vollen
Hnden spendete, um vergngte und ergebene Gesichter um sich zu sehen,
belohnte er Lux fr die Schreiberdienste, die sie ihm leistete, nur
krglich; denn er meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und msse
womglich durch Geldmangel in Demut und Abhngigkeit erhalten werden.

Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwhrend derselbe, und da
einer von seinen Glubigern, der sich selbst in milicher Lage befand,
eigensinnig auf sein Recht pochte und ihn mit bsartigen Drohungen
verfolgte, beschlo er, die zudringliche Habgier desselben msse, es
koste, was es wolle, gesttigt und sein eigner Beutel wiederum gefllt
werden. Die Verzweiflung befruchtete seine Erfindungsgabe: beim Anblick
eines starken, blank abgesogenen Gnsebeines kam er auf den Gedanken,
dasselbe knne fglich auch einem andern Lebewesen, beispielsweise einem
Menschen angehrt haben, und wenn es einerseits bedauerlich sei, da es
einen Teil eines unwrdigen Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes
bilde, als welches es angebetet werden, Wunder verrichten und viel Geld
einbringen knnte, so sei anderseits nichts dagegen einzuwenden, wenn
ein denkender Kopf es als verschollenen Knochen eines hervorragenden
Mrtyrers ausgbe, und mte sowohl die Kirche wie die Laienwelt
demselben fr eine so glckliche Eingebung dankbar sein.

Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde Erregung,
so da er, um die Stimmung gehrig auszukosten, sogleich seinen
vertrautesten Genossen, den Pater Eulogius, rief und eine Karaffe voll
des erlesensten Weines in den kleinen erkerartigen Ausbau bringen
lie, den der sinnige Erbauer des Klosters hatte anbringen lassen, um
von dort aus das Untergehen der Sonne hinter den dunkeln Wldern zu
betrachten. Hierauf setzten sich die Mnner in die beiden breiten
geschnitzten Sthle, die die Nische ausfllten, und besprachen
lchelnd und flsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit
dem Eulogius augenblicklich einleuchtete, mglichst glaubwrdig und
ersprielich knne ausgerichtet werden. Wie sie zuweilen zwischen dem
Plaudern die Glser hoben, einen bedchtigen Schluck nahmen und, die
Augen halb schlieend, sich zurcklehnten, fielen ihre Blicke auf ein
altes Gemuer, das den nchsten Hgel bekrnte und von dem die Legende
berichtete, es sei ein berbleibsel des ersten Klosters, das der
Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber spter von wilden
Vlkern, Hunnen oder Trken, zerstrt sei, worauf das neue im Tale,
grer und prchtiger als jenes, auferbaut worden sei. Zwischen diesen
Trmmern, meinten Wonnebald und Eulogius, knnte der auserkorene
Knochen schicklicherweise aufgefunden werden, ja es sei eigentlich
hochwahrscheinlich, da das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hie
der sagenhafte Stifter, dort oben begraben liege und schon lngst
wrde aufgefunden sein, wenn man nur fleiiger nachgesprt htte.
Bereits stand es dem Abte fest, da das jngste Kind der Lux beim
Spielen das Gebein zufllig finden sollte, indem die Zutagefrderung
der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das hohe Ereignis desto
lieblicher einkleiden wrde.

In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes und des Paters
auseinander, besonders hielt es der letztere fr notwendig, einen echt
menschlichen Knochen zu benutzen, da ein tierischer von aufgeklrten
Nrglern mglicherweise als solcher erkannt und beanstandet werden
knnte, wogegen der Abt, der ber alle Maen aberglubisch und furchtsam
war, einwandte, da man ein menschliches Gerippe nicht angreifen und
verkleinern drfe, da der Geist desselben einen sonst bei Nacht
verfolgen wrde, welcher Plage er sich durchaus nicht aussetzen
wolle. Auer dieser gab es noch andre Schwierigkeiten: so mute der
zweifelschtigen Welt bewiesen werden, da der wunderbar entdeckte
Knochen vom heiligen Krauti herstamme, und es wollte sogleich berlegt
sein, ob ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen oder eine
Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente. Es muten noch
mehrere Zusammenknfte in der von der Abendsonne rtlich vergoldeten
Nische stattfinden, bis alle Punkte erledigt waren, was endlich in
zufriedenstellender Weise so geschah, da man sich auf den Knochen
eines ausgewachsenen Schweines einigte, der durch gewisse Wunder und
Zeichen als der des frommen Stifters sollte beglaubigt werden.

                 *       *       *       *       *

Demnach begab es sich eines Nachmittags, da Frau Lux dem Abte einen
Knochen berbrachte, den ihre Kinder zwischen dem Gemuer, auf dem
Hgel spielend, gefunden hatten und der das Aussehen eines menschlichen
Kinnbackens zu haben schien. Der Abt hrte den Bericht gndig an
und begab sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren
Glocken, sowie er die Schwelle betrat, merklich zu luten anfingen,
was Wonnebald, nachdem eine natrliche Ursache des Geluts nicht
entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen Kinnbacken zuschreiben mute.
Die herbeigerufenen Vter und Brder waren geneigt, dieser Ansicht
beizustimmen, und die lose und unklar in der Luft schwebende Vermutung
besttigte sich, als der Knochen, den der Abt, um die Hnde zum Gebete
frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt hatte, da er
ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen erwies und
allen Bemhungen, ihn von der Stelle abzulsen, mit augenscheinlich
magischen Krften trotzte.

Weitere emsige Nachgrabungen frderten noch mehrere Knochen ans Licht,
die dem Gutachten der wrdigsten Mnner zufolge einem einzigen Gerippe
angehrten, so da, da auch die im Kloster aufbewahrten Urkunden
und Chroniken bereinstimmend auf Krauti hinwiesen, der Beweis in
anatomischer, historischer und gttlicher Hinsicht geleistet worden war.

Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als sich die Kunde
von der Erhebung eines so ehrwrdigen Knochens verbreitete, der seine
Kraft innerhalb des Klosters bereits durch verschiedene wundervolle
Kuren bettigt hatte.

Der nchstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen Krauti
gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession nach dem Hgel,
der die seligen Reste des verehrten Mannes von sich gegeben hatte,
eingeweiht, worauf das Volk gegen Opferung freiwilliger Pfennige zur
Berhrung derselben zugelassen wurde. Seitdem flo den Anfeindungen
glaubensloser Sptter zum Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen
auf das Kloster, und der Abt hatte Ursache, sich seiner Erfindung
herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein allgemeiner Zufriedenheit
und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne verdunkelt wurde, indem
eine schottische Kirche, deren unberhmter Name noch niemals ber die
Grenzen der Heimat hinaus erschollen war, Einspruch gegen die Verehrung
der neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, da sie selbst seit ber
tausend Jahren das vollzhlige Gerippe des heiligen Krauti unangefochten
und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein Ire, im Alter nach den
britischen Inseln zurckgekehrt sei und dort durch Zerschmetterung des
Schdels von Heiden, die er bekehren wollte, die Mrtyrerkrone erworben
habe, wovon die Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen
seien.

Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Dizese, Herrn
Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflchliche Teilnahme
zugewendet hatte. Dieser war ein Mann von den vornehmsten Sitten und
Lebensgewohnheiten, mit einem feinen Herzen und katzenschnellen
Verstande begabt, der hpfend und schlpfend jeder Schwierigkeit
begegnete, und wie er mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene
ins gleiche zu bringen wute, liebte er es, wenn ihm verzweifelte Flle
zum Ordnen bertragen wurden. Er antwortete der schottischen Kirche
in wrdiger, ein wenig herablassender Fassung, da die legendarischen
Berichte ber das Ende des heiligen Krauti voneinander abwichen, und da
seines Wissens die Wahrheit von seiten der Kirche noch nicht endgltig
festgestellt sei, da er aber ihren Anspruch, das echte Gerippe zu
besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus einem
seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, da der fragliche Knochen,
dessen Wunderttigkeit fortwhrend im Gange sei, dem heiligen Zeterbogk
zugehre, der, ein Begleiter des Krauti, der zweite Abt des Klosters
gewesen und in demselben verstorben sei, und dessen berreste schon seit
Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber frher nicht
htten gefunden werden knnen.

Der Erzbischof urteilte, da, da die mannigfaltige Wirksamkeit der
Reliquie nun einmal mit Glck in Betrieb gesetzt sei, die Kirche mit dem
Zuwachs an heilkrftigem Gebein zufrieden sein knne, ob dasselbe nun
einen Bestandteil des heiligen Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk
gebildet htte. Allerdings tadelte der Erzbischof den Abt, der die
schwierige Sache zu leichthin und roh behandelt habe, insgeheim scharf,
bildete sich aber bei nherem persnlichen Verkehr eine berwiegend
gnstige Meinung ber ihn, was zum Teil eine Folge seiner vornehmen
Gesinnung und Herzenswrme war, zum Teil aber daher rhrte, da er den
Blick immer auf Bedeutendes und Merkwrdiges richtete und darum gerade
in der Beurteilung des Einfachen und Einfltigen hufig irrte. Da
Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging ihm nicht,
und auch seine dreiste, unbezhmbare Sinnlichkeit erkannte er, doch
glaubte er in ihm jene geniale Zeugungskraft weittragender Einflle,
jenen Sprsinn, jene Sehergabe wahrzunehmen, vermge welcher Kinder und
Toren oft den Gebildeten beschmen, und war deshalb der Meinung, es
knne groer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man ihn unter Aufsicht
hielte und ein denkender Geist sich gewissermaen seiner unbewuten
Fhigkeiten bediente. Da nun auerdem das Kloster durch den Knochen
des Krauti oder Zeterbogk einen sichtbaren Aufschwung genommen hatte
und der Abt, unter dessen Regiment die Entdeckung stattgefunden hatte,
ein Zeichen der Anerkennung durchaus verdiente, und da es, angesichts
der Anfeindungen und Anklagen, die Wonnebald in dieser Gegend sich
zugezogen hatte, ratsam schien, ihn von dort zu entfernen, wo sein bler
Ruf schlielich auch auf den von ihm eingefhrten Knochen htte fallen
knnen, hielt es Giselbert fr das angemessenste, wenn er zum Bischof von
Klus ernannt wrde, einem einst bedeutenden, jetzt heruntergekommenen,
unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner eignen Residenz, so da er
sein Tun und Lassen einigermaen bewachen knnte.

Pck war mit diesem Wechsel, der auf die Befrwortung des Erzbischofs
wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen des guten Fortschritts
auf seiner Laufbahn, wie weil der Aufenthalt im Kloster ihm allzu
eintnig geworden war und er nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und
nicht betriebsam, aber ein behagliches Stdtchen war, wo infolge seiner
schnen Lage reiche Leute ihre Einknfte verzehrten, werde eine Flle
von Anregungen fr seine Gemtsart in sich bergen. Einzig der Gedanke
war ihm unleidlich, da er sich von Lux trennen sollte, bevor er seinen
Liebesmut gekhlt htte, und nicht zum wenigsten deshalb, weil ihm ihre
Hilfe in Schreibereien und andern Dingen unentbehrlich geworden war. Er
hatte die berzeugung gewonnen, da Frauen, vernnftiger und bescheidener
als Mnner, sich geleisteter Dienste wegen weit weniger als jene
berhben und sich oft schon dadurch als belohnt betrachteten, da sie
einem Manne und insbesondere einem Geistlichen berhaupt von Nutzen sein
durften. Deswegen untersttzte er eifrig die Bitte des alten Bernkule,
der eben um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden
Gebrechlichkeit wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig und
zuwider sei und den er gern durch einen Verwandten ersetzen mchte; wenn
Lux willens wre, Mnnerkleidung anzulegen und sich je nach Alter und
Aussehen, das ihm unbekannt sei, fr seinen Sohn oder Enkel auszugeben,
knne sie einerseits ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich
sein und zugleich, da sie zweifelsohne sein Nachfolger werden wrde,
sich und ihren Kindern eine schne, gesicherte Zukunft begrnden. Auch
damit war Wonnebald vollkommen einverstanden, denn er meinte, wenn Lux
als Mann auftrte, knne er sich desto hufiger in ihrer Nhe sehen
lassen, ohne sich bswilligen Deutungen auszusetzen, und er versprach
ihr, wenn sie nur mitkme, das Seinige zu tun, damit der unschuldige
Betrug zur Ausfhrung gebracht werden knnte. Der kleine Brun
mibilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur aus Rechtlichkeit,
sondern aus einem trotzigen Mnnergefhl, das sich dagegen strubte, die
Mutter in einen lteren Bruder verwandelt zu sehen, aber ihre neckischen
Spe und holdseligen Liebkosungen berwanden seinen Groll, und so ging
die bersiedlung glcklich vonstatten; im sanftesten Frhlingswetter
stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hgeligen Fluren auf der
einen Seite eines weien, strmisch hinschieenden Flusses und dem
gemach ansteigenden Gebirge auf der andern beraus zufriedenstellend
dar. Der Bischof bewohnte eine wunderlich aufgetrmte Burg, an der
Jahrhunderte gebaut haben mochten und die von einer Anhhe ber den
Flu, der an dieser Stelle einen tosenden Strudel bildete, auf das Tal
und hinber auf die Berge blickte.

In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von auen unscheinbar, aber
innen mit goldenen Altren, pompsen Grabmlern und engelumflatterten
Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet. Wonnebald fhlte sich inmitten
dieser Pracht und in seinem neuen Galagewande endlich ebenbrtig
eingefat und umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so
majesttisch und gelufig, da die anwesenden Geistlichen und Laien
betubt und verlegen dasaen und sich ihres minderen Wertes bewut
wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche hineinzudrngen gewut und
betrachtete gemchlich von oben die stumm wogende Menge und den
kstlichen Zierat in Gold und Porphyr um sich her, bis sich im
Hintergrunde eine Pforte auftat und der Bischof mit geschwindem Schritt
und geblhtem Mantel das Kreuzschiff durchma, vor einigen Heiligtmern
sich rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des Altarraumes zu
verschwinden. Die schmalen grauen Augen der Lux lchelten vor Vergngen,
wie sie an die Briefe dachte, die sie fr den Abt geschrieben hatte, an
die Liebeswerbungen, mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im
Allerheiligsten so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick
des Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah,
wandelte sie eine solche Lustigkeit an, da sie zuweilen das Gesicht
mit den Hnden bedecken mute, um nichts davon merken zu lassen.

                 *       *       *       *       *

Besonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene Auftreten
des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den unbeteiligten Augen, der
frommen, regelmigen Nase und dem molligen Kinn auf mehrere Damen
gewirkt, von denen Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes
fr adelige Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im allgemeinen
von herber Sinnesart, war sie der Liebe doch in hohem Mae zugnglich
und htte sich leicht in einen leidenschaftlichen Lebenswandel
verwickeln knnen, wenn nicht die Herrschsucht, die sich schon in ihrer
stattlichen Erscheinung ausprgte, manche Liebhaber abgeschreckt und vor
manchen andern ihr Hochmut sie beschtzt htte. Nichts hingegen sprach
gegen den Bischof, dessen hochehrwrdiges Amt, Ansehen und mnnliche
Schnheit wohl das Opfer des Herzens und der Ehre wert war, und es
bereitete sich in ihrem Innern eine grenzenlose Hingebung gegen ihn vor,
zugleich mit dem Trieb, sich seiner, es koste, was es wolle, ganz und
ausschlielich zu bemchtigen.

Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die er eingeflt
hatte, zu entziehen, und verschlo sich den Vorzgen der Hermenegilde,
die zwar nicht jung und hold, aber desto saftiger und ppiger war,
nicht; doch verdrngten die Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus
seinem Herzen, nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte,
je mehr ihm tglich fhlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu verleihen
imstande ist.

Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins von den
einstckigen kleinen Husern, die an den Fu der Burg angebaut und
einstmals fr die Lehensleute des Burgherrn mochten errichtet worden
sein und die ngstlich geduckten Schafen glichen, die vor Gewitter
oder Sturm einen Unterschlupf suchen. Bei seinem ersten Anblick
fhlte Lux, da sie dem alten Manne nicht gram sein knnte, so gut
gefielen ihr seine kleinen beschatteten, munteren und schlauen Augen,
die oft nach innen versanken und sich dort auszuruhen schienen, dann
pltzlich aufglommen und hierhin und dorthin sprhten, die letzte
Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften Krper die
Zeit vertrieben hatte. Aus seinem gelbfaltigen Gesicht sprang eine
scharfe, spitzhckerige Nase, die ihn auffallend und kenntlich
machte, und er konnte bedrohlich bse aussehen, doch war es ihm
selten ernst damit, und das Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln,
wenn er mit funkelnden Blicken und grimmigen Worten Kindern oder
ungelegenen Leuten Furcht einflte. Seine Schwiegertochter sagte ihm
zu, am liebsten aber hielt er sich in Gesellschaft der kleinen Lisutt
auf, deren trichtes Geplauder ihn anmutete, wie wenn ein Bchlein
neben ihm herrieselte und mit kristallenen Zungen von den groen
Geheimnissen der Natur schwatzte.

Eine beliebte Unterhaltung war es fr Lisutt, bei den Marienbildern
und Kruzifixen, die hier und da zwischen den Feldern errichtet waren,
stehen zu bleiben, eine winzige Verbeugung zu machen und sich zu
bekreuzigen, indem sie mit den kleinen Hnden eifrig ber Gesicht und
Brust wischte. Gab es ein Gebetbnkchen, so kniete sie darauf nieder
und veranlate den Grovater durch einen gebieterischen Wink, die
morschen Knie zu krmmen und sich neben sie zu kauern, worauf er
denn mit vergngtem Augenzwinkern das ernste Gesicht neben sich mit
dem in leiser, flsternder Bewegung das Beten nachahmenden Munde
betrachtete: die Oberlippe wlbte sich wie ein rosenbltteriger
Triumphbogen ber seidener Schwelle und lie den unschuldvollen Duft
der gedankenlosen Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche
oder Kapelle am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich
hinein und schnurstracks zum Weihwasserbecken, um ihn und sich
andchtig zu beplantschen. Hufig mute der alte Bernkule von den
jenseitigen Verhltnissen erzhlen, was anfangs nicht leicht war;
denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung vom Himmel als einer Art
gerumiger und vollzhliger Menagerie oder Arche Noah, wo es nicht
nur Lwen und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen, Grashpfer
und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die guten Bren
und Wlfe, die man hienieden nur von ferne durch ein Gitter betrachten
durfte, nach Herzenslust streicheln knnten, und sie litt durchaus
keine Schilderung, die von dieser Anschauungsweise abwich. brigens
war dem Alten in seinem dmmernden Sinn oft nicht anders zumute, als
befnde er sich in der Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf
den Himmel vorbereitete und aus dessen sonnigem Fleisch, das so
aromatisch und ssaftig war wie eine Sdfrucht, eine neue, reinere
Lebensjugend auf ihn berstrmte.

Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten Anfang; das
Geschft stellte sich angenehm dar, solange Lux mit den Kindern
umherging, den Boden untersuchte und Fallen aufrichtete, wobei namentlich
Brun sich anstellig zeigte; eines Tages aber hatte sich ein Maulwurf
gefangen und hing mit schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner
Kralle durchstochen, wehmtig baumelnd an dem grausamen Galgen. In
Lisutts Gesicht malte sich bei diesem Anblick zuerst Erstaunen, dann, wie
sie allmhlich begriff, was geschehen war, Schrecken und Jammer, worauf
ihre taufeuchten Mundwinkel sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den
sich verbreiternden Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes
Weinen ihre vllige Verzweiflung ankndigte. Lux litt nicht viel weniger,
denn das Mitgefhl, das sie selber mit dem listig erwrgten Gesellen
hatte, wurde verdoppelt und gleichsam geweiht durch die unschuldigen
Trnen ihres Kindes, die zu sehen ihr ohnehin unertrglich war. Sie
versuchte Lisutt durch Schilderung eines netten, mit Blutnelken und
Katzenpftchen bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf legen wrde,
zu trsten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig erholt, so fielen
ihre Augen wieder auf das hbsche Samtfell, und der Jammer brach von
neuem hervor. Brun, obwohl nicht gefhllos, nahm sich dem ausgelassenen
Schmerz seiner Mutter und Schwester gegenber zusammen, sagte mit
gerunzelten Brauen, das gehre zum Geschft, und schickte sich an, dem
Toten das winzige Schwnzchen abzuschneiden, das, wie der Grovater ihm
gesagt hatte, nach erfolgtem Fang der zustndigen Behrde berreicht
werden mute. Lisutt drang, um dies zu verhindern, mit geballten Fusten
furchtlos auf ihn ein, und Lux hatte Mhe, die Kmpfenden zu trennen und
die Kleine nach Hause zu bringen, die nunmehr den Grovater tchtig
ausschimpfte und ihm dieses und jenes androhte, wenn er fortfahren wrde,
die guten Maulwrfe umzubringen. Der alte Bernkule lachte, da ihm die
Augen na wurden, nahm darauf seine Schwiegertochter beiseite und machte
ihr heimlich die folgende Erklrung: sie brauche sich wegen der
Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht wichtig damit, seine
Einknfte grndeten sich vornehmlich auf eine andre Arbeit, die ohne
Widerwrtigkeit im stillen Kmmerchen knne ausgefhrt werden. Es sei
nmlich Herkommen, da der Magistrat dem Maulwurfsfnger auer dem fr
das Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf einzeln
bezahle, ber deren Zahl er sich nach altem Gebrauche durch Ablieferung
der betreffenden Schwnze auszuweisen habe, die zu zwlfen an eine Schnur
gebunden, in Form kleiner Krnze berreicht zu werden pflegten. Da nun
das Gehalt zu gering sei, als da ein einzelner, geschweige denn eine
Familie davon leben knne, und anderseits der Maulwurf in dieser Gegend
nicht so zahlreich wre, da das Fehlende durch groe Ausbeute knnte
ausgeglichen werden, habe er sich von jeher bestrebt, knstliche
Maulwurfschwnze herzustellen, was ihm auch nach mannigfachen Versuchen
und Erfindungen ber Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe er die
Jagd hintangesetzt und anstatt dessen Schwnze angefertigt, da das
letztere sich als bei weitem eintrglicher erwiesen habe und auch
dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe den Maulwurf eigens mit
unersttlicher Gefrigkeit begabt, um fr die Vertilgung schdlicher
Insekten zu sorgen, und es empfehle sich deswegen, eine gewisse Anzahl am
Leben zu lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel von echten und
knstlichen Schwnzen zu treffen, und was die Menge der abzuliefernden
betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten, ber die hinausgehend man
das Mitrauen des Magistrates zu erregen Gefahr laufe, unter der man aber
nicht bleiben knne, ohne den Vorteil des Geschfts zu vernachlssigen.

Lux war ber diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr sogleich
ein, da dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem verstorbenen Manne
und seinem Vater gewesen sein knne, was derselbe auf ihre Frage ohne
weiteres bejahte. Freilich, freilich, erwiderte er kichernd und
blinzelnd, darber sei es hergekommen; Henne sei ein guter Junge
gewesen, aber voll Eigensinn und Schrullen habe er gesteckt, und seine
Ehrbarkeit sei wie ein Stck Eisen gewesen, womit man den Leuten die
Kpfe habe zerschlagen knnen. Er habe es fr Betrug erklrt, fr
Schwnze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen wie fr ehrlich
abgefangene Maulwrfe, und habe nicht einsehen wollen, da er sich gut
und die Obrigkeit nicht bel bei der Sache befnde; zwar habe er den
Vater nicht verraten oder verklagen wollen, aber teilen habe er den
Frevel nicht knnen, sei davongegangen und nicht zurckgekehrt. Lux
sagte lchelnd, ja, so sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf
seinen Sohn Brun bergegangen, weswegen es ratsam sei, die empfindliche
Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen.

Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der Mondschein ins
Zimmer fiel, am Fenster saen und schweigend der Arbeit oblagen, erwachte
Brun, sah mit groen Augen eine Weile zu und brach in zornige Trnen aus,
als er begriff, zu was fr einem Zweck da geschnitten, genht, geleimt
und gewalzt wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begtigend
zu, allein er stie sie von sich, verlangte herrisch, sie drfe das nicht
wieder tun, und schlief erst nach mehreren Stunden, von der Mdigkeit
berwltigt, wieder ein. Ganz wie sein Vater, murmelte der alte
Bernkule; ein guter, ein ausgezeichneter Junge, aber ein Starrkopf und
Grillenfnger, wie jener war. Brun betrachtete seitdem seinen Grovater
mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter, die ihm
vorhielt, da das Alter unter allen Umstnden geschont und geachtet
werden msse, von offener Unehrerbietigkeit zurckgehalten werden. Lux
bewachte er, so gut er konnte, indem er sich auer der Schulzeit fast
immer in ihrer Nhe aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines
eiferschtigen Liebhabers umstellte, was sie sich gutmtig gefallen lie.

                 *       *       *       *       *

Inzwischen hatte der Bischof erfahren, da es in der neuen Residenz zwar
einen berflu an herrschaftlichen Genssen fr ihn gab, da ihn
dieselben aber ein teures Geld kosteten, so da sich die alten
Verlegenheiten in Blde erneuern muten.

Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der
Justizrat Dr.Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher
des allgemeinen Krankenhauses Dr.Joseph Maria von Boll ein, die beide
auch, das Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht
wenig voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und
leichtbltig, Boll dagegen einseitig, beschrnkt und schwerfllig war,
doch hatten sie sich aneinander gewhnt und hielten zusammen, ohne sich
sonderlich zu achten. Dr.Gregorius war ein gewiegter Jurist, wute die
verwickeltsten Fragen zu klren und irrte sowohl in menschlicher wie in
rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen lngst
feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war,
nahm er sich seines Berufes kaum noch an und lie die Sachen gehen, wie
sie wollten. berhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach gleich
viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es fr
belanglos, ob ihr Los sich so oder so fgte. Weit wichtiger als die
menschlichen Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde,
Mnzwissenschaft und die wrdige Ausstattung der Wohnrume, wie denn
sein Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und
von den Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wute von der
Kunst nichts, da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und
wie sehr er von den Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm
darin nicht nachstehen zu drfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte
Gemlde, Schnitzereien und Altertmer, und da er weder einen guten noch
einen schlechten Geschmack und noch viel weniger ein sicheres Urteil
hatte, whlte er von den Gegenstnden, die ihm vorlagen, was am meisten
kostete, wodurch sich diese Liebhaberei ber alle Maen kostspielig
gestaltete.

Boll stand dem Bischof insofern nher, als ihn Verstand oder Kunstsinn
oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch
nicht so einfltig und ungebildet wie jener, ungewhnlich beschrnkt;
allein er wute in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so da
Wonnebald in seiner Gegenwart stets Errterungen frchtete, die ihn
blostellen und entwurzeln knnten. Boll stammte von einer Familie ab,
die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es
nie anders gewut, als da er seine Laufbahn im Schatten und zum Schutze
der Kirche zu nehmen habe. Seine medizinischen Kenntnisse und Fhigkeiten
waren mittelmig, aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das
Wohl der kirchlichen Partei galt, zu deren ttigsten und angesehensten
Fhrern er gehrte. In dem Krankenhause, das er leitete, wurden zwar
neben den Katholiken auch Heiden aller Art aufgenommen, damit die Partei
sich religiser Duldsamkeit rhmen knnte, aber dafr wurde die Heilkunde
an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgebt, da sie einem hllischen
Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als Abgeschiedene
hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die groe Sterblichkeit der
Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause vorgehalten,
so leugnete er dieselbe nicht, sondern rhmte sich, wie Gott dem
Rechtglubigen die Arznei besser anschlagen lasse. brigens war Boll,
wenn auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bsartig und tat nur
blindlings, was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu
lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. Dr.Schimmelmann lachte bei
sich ber sein bigottes Treiben und htte nichts mit ihm anzufangen
gewut, wenn Boll nicht eine ausnehmende Meisterschaft im Fltenspiel
besessen htte, die der musikliebende Justizrat trefflich zu verwerten
wute. So musikalisch gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war
Joseph Maria freilich nicht, aber Gefhl fr Musik hatte er berflssig
und fltete so lieblich und traurig, da Schimmelmann, wenn sie
miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu groer Zrtlichkeit
warnen mute.

Auer der Musik verband diese beiden Mnner noch die Wertschtzung
guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof
vereinigte. Was fr die whlerischen Gelage, in denen sie miteinander
wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an,
unerschwinglich dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh
von ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald fr Propaganda und
Mission, bald fr die Partei schlechthin.

                 *       *       *       *       *

In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine
Freundin Hermenegilde und sein Sekretr und Schtzling Lando, der Neffe
des Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er msse wegen einer
unpassenden Leidenschaft von Hause entfernt werden und die vterliche
Obhut eines Geistlichen genieen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte,
um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nmlich Lando trotz seiner Jugend,
denn er war etwa 26 Jahre alt, durch berlegenen Verstand und eine
merkwrdige Khle und Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte
er sich geschickt verstellen, ja fand Vergngen daran, eine beliebige
Rolle zu spielen, so da nicht zu befrchten war, der Bischof knnte
der List auf die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen
persnlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile, der er
in Klus ausgesetzt sein wrde, einer vorteilhaften Heirat geneigt zu
machen, durch die der trge und trumerische, wenig ehrgeizige Jngling,
der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz
entsprechende Stellung befrdert werden sollte.

Lando, der wute, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich
einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenber als
ein der Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie
durch Religion bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und
bewundernd darber, da er in dem Bischof einen freien Geist gefunden
habe, mit dem sich leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzufhren,
aber doch pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schdliches zu wittern, so
da er Lando, ohne zu wissen warum, nicht vllig traute; da er es aber
in jedem Falle fr das beste hielt, ihn durch ppiges Freudenleben zu
betuben, und er an die Mglichkeit nicht glaubte, da das Fischlein
dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen knnen, tat er,
soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern
hatte er ganz unrecht nicht, als Lando sich die Frchte, die seine Rolle
abwarf, vortrefflich schmecken lie, nur freilich setzten sie ihm nicht
so zu, da er dadurch unfhig geworden wre, den Bischof mit klaren und
vergngten Augen zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln,
wollte Wonnebald berhaupt nicht glcken, obwohl Hermenegilde als reife
und strmische Liebesgttin ihn an mancher lauschigen Grotte und
bekrnzten Laube des Stiftsgartens vorbertrieb; weder die adligen Damen
noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu knnen und waren auch ihrerseits
durch das barsche Regiment der Vorsteherin zu eingeschchtert, um ihren
Gefhlen freie Entfaltung zu vergnnen.

Hermenegilde hatte nmlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, wenn sie bei
guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu verlocken, was sie hernach
benutzte, um sie aufs grblichste zu verleumden und sie durch Androhung
ffentlicher Anklage in Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm
war, wenn sie vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fnden,
das rgernis, zu dem sie selber Anla gab, bekanntzumachen. An Wonnebald,
der geistlicher Oberhirt und Beichtvater des Stiftes war, gelangten zwar
nicht selten Klagen ber das gesetz- und gewissenlose Regiment der
Vorsteherin, doch blieben sie wirkungslos in seiner Brust verschlossen,
von niemand geteilt als von Hermenegilde selbst, die sich bei nchster
Gelegenheit an ihren Feindinnen rchte. Zuweilen lie sich Hermenegilde
durch ihre gewaltsame Natur allzuweit fortreien: so ereignete es sich
einmal, da eine Stiftsdame, die in der Umgegend einen Besuch gemacht
hatte, bei ihrer Rckkehr den Einla nicht erhielt, weil die Stunde, wo
abends das Tor abgeschlossen wurde, vorber war, angeblich damit der
Unfug nchtlichen Schwrmens bestraft wrde, und das Frulein, eine
ltere, ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach in der Stadt
suchen mute, nicht ohne infolge der Aufregung und Schande empfindlichen
Schaden an der Gesundheit zu nehmen. Da sich die Tugend des Fruleins
nachweisen lie, htte die Sache ein bles Ende nehmen knnen, wenn nicht
die Anverwandten desselben durch die Menge des Geldes zum Schweigen
gebracht worden wren, die aus Wonnebalds Beutel flo. Abgesehen von
solchen und hnlichen Ausgaben, zu denen sie ihn mittelbar veranlate,
sammelte Hermenegilde auch fr sich selbst, sowohl weil sie viel
verbrauchte, wie um ihr Alter zu sichern, und schlielich aus angeborener
Habgier. Da nun der Bischof einer Frau, die ihm nahestand, nicht gern
etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine leere Tasche zu
zeigen nicht den Mut gehabt htte, mute er sich fleiig nach guten
Einnahmen umtun und kam zu der berzeugung, da er wieder einmal etwas
Grndliches unternehmen oder erfinden msse, um die gemeine Sorge ein fr
allemal loszuwerden.

                 *       *       *       *       *

Es war ein warmer Vorfrhlingstag, als der Bischof auf einem bequemen
Spaziergang am Rande des schwellenden Flusses der Lux begegnete, die,
Lisutt an der Hand, schlank und wohlgemut daherkam, im Begriff, einer
alten gichtleidenden Frau Trost und Heilmittel zu bringen. Beim Anblick
ihrer traulichen Miene ging dem Bischof das Herz auf, und er bat sie,
sich ihm anzuschlieen, was sie mit dem stolzen Kopfnicken und
allwissenden Lcheln, das ihr eigen war, tat. Ungeachtet er sich
vorgenommen hatte, ihrer Sprdigkeit wegen strenger und zurckhaltender
gegen sie zu sein als vormals, verfiel er bald in ein seliges Schwatzen,
erzhlte von der Verlegenheit seiner leidigen Geldverhltnisse und
fragte, ob sie nicht, wenn sie nach Maulwrfen grbe, Spuren von
Schtzen fnde, wie sie hier und da in der Erde vergraben sein sollten.
Koste es auch seiner Seelen Seligkeit, er sei bereit, sie um solchen
Preis zu opfern, Gott werde weiter helfen.

Wenn dem so sei, sagte Lux, knne sie ihm wohl dienen. Freilich habe sie
keine Schtze entdeckt, aber als Mdchen im Kloster habe sie viel in
einem alten dicken Buche von den Wundern der Natur gelesen, worin die
geheimen Krfte der Pflanzen und Wurzeln beschrieben gewesen seien, und
wovon sie sich manches gemerkt habe; wenn er die ewige Seligkeit aufs
Spiel setzen wolle, knne er sich durch ein Alrunchen so viel Geld er
immer wolle verschaffen. Der Bischof sagte, um sich selber Mut zu
machen, mit Lachen: Es wird den Kopf nicht kosten, ich denke es wohl
mit dem Teufel aufzunehmen, erzhle nur, was es mit dem Alraunen fr
eine Bewandtnis hat; worauf Lux sagte, zunchst msse derselbe unter
schwierigen und hchst gefhrlichen Frmlichkeiten gewonnen werden, was
sie aber, um ihm zu helfen, auf sich nehmen wolle, sodann msse der
Eigentmer das Mnnlein sorgfltig und ehrfrchtig behandeln, es nett
ankleiden, nachts das Bett mit ihm teilen und schlielich es durch
Kniebeugung und allerhand Anrufungen verehren und eigentlich anbeten.

Das wre freilich, meinte Wonnebald, mehr, als einer Wurzel zukme,
indessen wenn sie wirklich wunderwirkend und gewissermaen goldzeugerisch
wre, knne man fglich ein Auge zudrcken und ein wenig vor ihr
scharwenzeln, einstweilen solle die Lux so gut sein und ihm das Ding
herbeischaffen. Sie sah ihn von der Seite an und lachte ein weiches,
kosendes Lachen, das er warm in den Eingeweiden sprte, so da er die
Arme nach ihr ausstreckte und sie an sich ziehen zu knnen vermeinte, die
ihm aber entschlpfte und, Lisutt fest an der Hand fassend, geschwind den
grnen Hang, an dem sie entlang gingen, hinunterlief. Wonnebald blickte
ihr ein wenig gergert nach, doch berwog die Zrtlichkeit, die ihr
milder Blick ihm eingeflt hatte, und er bedachte, whrend ihm das
Wasser im Munde zusammenlief, wie honigmild und mondklar ihr Wesen um ihn
weben wrde, wenn sie ihm erst einmal zugetan wre. Dazu, sagte er sich,
wre ihre Klugheit so ungemein, da sie alle seine Angelegenheiten
betreiben und es selbst mit dem Erzbischof wrde aufnehmen knnen,
selber aber dessen unbewut bleiben und vielleicht nach Frauenart und
Frauenpflicht ihm das Verdienst von allem zuschreiben, was sie geleistet
htte.

                 *       *       *       *       *

Lux begab sich bald daran, eine Zaunrbe ausfindig zu machen, deren
Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, da sie allenfalls
menschenhnliche Figrchen vorstellen knnen, und nachdem sie eines
Morgens mehrere, die ihr passend schienen, gefunden hatte, warf sie
sich ermdet ins Gras und lie Lisutt um und ber sich herumklettern.
Enzian und Gnseblmchen blhten, und schon drngte sich prangender
Lwenzahn in Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze
aus erlangen konnte, pflckte, um einen Kranz daraus zu flechten, den
sie Lisutt auf das braune Kpfchen setzte. Er war wild und locker
gewunden und strahlte feurig in ungleichen Bscheln um das lachende
Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe die Frhlingssonne bereits
gebrunt hatte. Whrend Lisutt ihrerseits Gras und Kruter ausraufte
und in ihrer Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das butterweiche
Gesicht in deren Hals grub und frohlockend sagte: Du riechst gut!
kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufllig des Weges, sah
das Kindergesicht, das lachte und leuchtete, und die Gestalt, die
das Gras verdeckte, die sich aber bei seinem annhernden Schritt
aufrichtete, so da er ihre anmutigen Zge und die mnnliche Kleidung,
die sie trug, erkennen konnte. Gleichzeitig fielen ihm die krummen
Wurzeln auf, die neben ihr auf einem ausgebreiteten roten Tuche
lagen, und er benutzte dies, um sie anzusprechen mit der Frage, was
das sei und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den jungen Mann
zuweilen in der Nhe des Schlosses gesehen hatte und wute, wer er
war, sagte lchelnd: Das ist eine Kost fr Ihren Herrn, den
Bischof, worauf er neugierig weiterfragte und sich zu ihr ins Gras
setzte. Es sei ein Geheimnis, entgegnete Lux, und sie wisse nicht,
ob er so in Gunst und Vertraulichkeit des Bischofs stehe, da er es
teilen drfe, hatte aber im Grunde schon beschlossen, ihm alles zu
erzhlen, weil sein Aussehen und seine Art sie gewi machten, da er
von Herzen darber lachen, vielleicht sogar ihr helfen wrde, die
Schelmerei vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando sogleich
erraten, da es weniger galt, dem Bischof einen Dienst zu leisten,
als ihm einen Possen zu spielen, und nachdem sie sich so, ohne sich
zu bereden, durch das bloe Gefhl ihres Wesens, das sich ihnen
gegenseitig mitteilte, miteinander ins Einvernehmen gesetzt hatten,
erzhlte Lux, was fr Hoffnungen der Bischof in sie gesetzt habe und
wie sie ihm das Alrunchen nach bestem Vermgen zubereiten wolle,
und schlug ihm vor, den Schabernack dadurch zu verlngern, da er
die Geldsumme, die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter
die Wurzel legen wrde, verdoppele und ihn so im Glauben an die
Trefflichkeit des Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall
entzckt, verabredete mit Lux alle Einzelheiten, wie sie es halten
wollten, und scherzte zwischendurch in kindlicher Weise mit Lisutt,
die ihn ohne Zgern als guten Spielkameraden behandelte. Sein
hbsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche Haut zierte,
strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch aber der Ausdruck
gelangweilter Melancholie nicht ganz ausgelscht wurde, der ihm
natrlich war und dessen Ursache zum Teil eine vorgeschobene und ein
wenig hngende Unterlippe sein mochte. Dieser an sich unschne Zug
reizte das Auge, ihn immer von neuem zu betrachten, und nachdem er
sich verabschiedet hatte, erwog Lux noch eine gute Weile lang, ob
sein Gesicht ihr besser lachend oder in hochmtiger Traurigkeit
gefallen habe.

Whrend Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, da der junge
Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie er war,
umgegangen sei, und auch gegen den Bischof, so unwrdig derselbe
sein mge, sich allzuviel herausnhme, und es rgerte ihn ein wenig,
da er sich durch seine Lust an Schelmenstreichen und sein Vergngen
an munteren Kindern hatte verfhren lassen, so vertraulich mit ihm
zu verkehren, als ob er seinesgleichen wre. Er wurde mit sich
einig, da er den Bischof von der Treulosigkeit seines Gnstlings in
Kenntnis setzen und vor der Torheit, die zu begehen er im Begriffe
stand, bewahren wollte; als er aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr
wurde, wie er sich in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer
zurckzog, berkam ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann
vornehmen wrde, und er sagte sich, es sei nicht seine Sache, einem
bermtigen Schlaukopf zu schaden, um einem aufgeblasenen Narren zu
dienen. Also richtete er es so ein, da der Bischof nach kurzer Zeit
durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit abgerufen wurde, und
schlich sich unterdessen in sein Gemach, wo er denn auch in einer
Ecke, auf eine Konsole gesetzt, den Wurzelgtzen entdeckte, mit
einem Mntelchen aus Brokat bekleidet, das der Bischof ihm soeben
verfertigt haben mochte, und in welchem er das Aussehen eines
zwerghaften Kobolds hatte. Unter die Konsole hatte der Bischof einen
Betschemel gerckt, um dem kleinen Zauberer die Anbetung zu widmen,
die Lux angeordnet hatte, welche Vorrichtungen alle Lando in der
Meinung bestrkten, da es schade wre, eine solche Narrheit zu
stren. Als Wonnebald frher als gewhnlich schlafen gegangen war,
folgte ihm Lando bis an die Tr, in der Hoffnung, ihn belauschen zu
knnen, nahm aber durch das Schlsselloch nichts wahr und hrte auch
anfangs nichts als ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das
Licht bereits gelscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, so
da Lando folgende Worte unterscheiden konnte:

            Alrunchen, Wurzelgttle,
            Mach mir fleiig Gold ins Bettle!

ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mhe beigebracht hatte. Wonnebald
hatte sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine Tapetentr offen
gelassen, die in sein Badezimmer fhrte, in das Lando durch ein Fenster
gelangen konnte. Kaum hrte er den Bischof schnarchen, als er auf leisen
Fen in das Schlafgemach eintrat, und da er beim gelben Schein eines
Nachtlmpchens die nunmehr nackte Wurzel auf dem bischflichen Kissen
und drei Goldstcke daneben liegen sah, fgte er flink drei andre hinzu
und entfernte sich lautlos und geschwinde. Lux hatte nmlich die
Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschrfen, da er die Summe, die
der Alraun verdoppeln solle, besonders im Anfang nicht zu hoch anlege,
ebensowohl um ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um das
drre und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber hufiger
und gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, der
Wurzel das Hufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, unbemerkt
unterzuschieben, und er belustigte sich tagsber, den Bischof mit Fragen
zu bedrngen, warum er auf einmal ein eingezogenes Leben fhre, anstatt
wie sonst die Nchte durchzuschlemmen und zu prassen.

Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine
Neugierde; denn um zu sehen, was fr eine Andacht der Bischof allabendlich
vor dem Alraun ausbte, ffnete er die Tr seines Schlafzimmers, als
Wonnebald eben eifrig knicksend vor der Zaunrbe umhersprang, wurde
trotz aller Vorsicht von diesem gehrt und mute wohl oder bel vollends
eintreten und sein unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen
Vorwand erklren. Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu
schenken, aber da Lux ihm gesagt hatte, da das Alrunchen augenblicks
seiner Fruchtbarkeit verlustig gehen wrde, wenn ein dritter es she
oder etwa gar ihn bei seinen andchtigen Verrichtungen berraschte, war
er berzeugt, da es mit dem unschtzbaren Brutgeschft nunmehr zu Ende
wre, und fand sich durch das Ergebnis des nchsten Morgens darin
bestrkt; er hatte sich nmlich aus Angst vor neuen Strungen so
grndlich eingeschlossen und verschanzt, da Lando nicht eintreten
konnte, um den blichen Zauber vorzunehmen.

Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fgte,
da er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu
setzen. Noch war die Hitze des Tages nicht verdmmert, und er suchte
unwillkrlich schattige Wege auf, so da er an den unteren Lauf des
Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem
Bette hinstrmte. Hellgrne Weiden und buschige Erlen bekrnzten seine
beiden Ufer und lieen einen schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes
Stck unterhalb der Ortschaft, wenig begangen wurde; auch fragte sich
Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer Seele zu begegnen, vorwrts
gegangen war, wie er dazu kme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu
suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein Pltschern und
verstohlenes Lachen hrte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen.
Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nchsten Bume zurck,
da er bemerkte, da das Gerusch von Badenden herrhrte, erkannte aber
fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte,
Lux und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt sa auf einem
Stein und schlug mit den zierlich krftigen Beinen auf das Wasser,
wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, ber
und ber bespritzt wurde, der nun seinerseits die Kleine mit Wasser
bergo; sie streckte abwehrend die runden Arme aus, kniff die lustigen
Augen zusammen und schttelte sich, da die braunen Haare wild um ihre
nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen
Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flchtig, so sehr fesselte ihn
das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das grne
Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, whrend Nacken,
Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rcken, wenn sie
sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wrme
lebendigen Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen,
obwohl er wute, da sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die
lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu
fhlen. Da sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein
besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als htte er es von
jeher gewut oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines
Schmetterlings erwartet.

Vorsichtig, die Augen auf den Flu gerichtet, ging er rckwrts, dann,
als er sicher war, da er von dort aus nicht mehr gehrt oder
wahrgenommen werden konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein,
als er bei einer breitkpfigen Ulme angekommen war, die eine leichte
Bodenerhebung krnte und unter der er sich niederlegte. Trnen liefen
ihm ber die Wangen, ohne da er es bemerkte, so erschttert war seine
Brust von Rhrung und inniger Liebe; noch schwankte der nackte Leib vor
seinen Augen, und zugleich war es ihm, als msse er, vor ihre Fe
geworfen, sie um Vergebung anflehen, da er, wenn auch ohne seine
Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in
Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und
fhlte sich beglckt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darber
hinaus dieser einzigen Frau anzugehren. Der Mond stieg allgemach,
berflieend von gelbem Lichte, hinter dem Gehlz empor, und Lando lag
noch immer in das schaudernde Gras gedrckt, sah den stillen Flug des
vollen Gestirnes und fhlte sich eins mit der Erde, die rein entzckt
die Beseligung der Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause,
schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im
schwelgerischen Vorgenu der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt, sie
hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizufhren.

                 *       *       *       *       *

Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der
dem Alrunchen zugestoen war, erzhlt, worauf sie, zufrieden, da der
Spa so weit geglckt war, es fr unmglich erklrte, unter den Augen
eines Sphers und vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche
Zauberei anzuzetteln. Wonnebald, dem nichts erwnschter war, als von
einer unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende Natur so
artig eingerichtet hatte, allnchtlich ein Hufchen Gold auf das
Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem Wunsche, Lando, den er
fr das einzige Hindernis der Goldabsonderung ansah, auf die eine oder
andre Weise zu entfernen, und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Bchern
eines Mittels kundig wre, um unliebsame Strenfriede, sei es mit
Beeintrchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schdigung
derselben, aus dem Wege zu rumen, so wolle er die Folgen auf sich
nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht zurckhalten.
Sie erschrak im Herzen ber diese Zumutung, lie aber nichts davon
merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte,
eine solche Sache msse langsam reif werden, sie wolle alles wohl
bedenken, er mge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat
einzuholen. Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz
am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem weien Wasser, das
nicht mde wurde sich selber zu verschlingen und in furchtbaren
Todesstrzen sich von sich selber befreien zu wollen schien, und dem
bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft zusammenzudrcken
schien. An dem gegenberliegenden breiten Berge zog sich deutlich
erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, ber dem das farblose
Gewlk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschttet wre, und
ein beklemmendes Gefhl, eingeengt und gefangen zu sein, bemchtigte
sich ihres Herzens. Wie sie so dasa, kam Lando unter ihrem Fenster
vorbei, blieb stehen, als er ihrer ansichtig wurde, grte und suchte
errtend nach einer Anrede, ohne ein Wort finden zu knnen, das ihm
passend schien. Sie wartete ein wenig und erzhlte ihm dann flsternd,
halb scherzhaft, halb ngstlich, da der Bischof ihm nach dem Leben
trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. Das knntest du doch
nicht, sagte er leise und sah sie ernsthaft und zrtlich an, indem er
dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf
auf die gefalteten Hnde legte. Sie antwortete treuherzig: Nein,
das knnte ich nicht, und beugte sich, von seinem flehenden Blick
angezogen, zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang und
ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, kte. Sie blieben eine Weile
so, lieen sich los, lachten und umarmten sich von neuem; da er ihr
Geschlecht erraten hatte, erschien ihr selbstverstndlich und keiner
Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die nher kamen, erschreckt,
sich mit kurzem Gru entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und
brach endlich in Trnen aus, die lange nicht trocknen wollten, dann
aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.

An den nchstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und
es schien ihnen bald so, als wren sie seit Wochen, ja seit Monaten und
Jahren durch gegenseitige Liebe verbunden, nur da Lando nicht verriet,
da er sie an jenem Abend im Flu hatte baden sehen und es als Geheimnis
bewahrte, mit dessen Offenbarung ihr Glck die letzte, berschwengliche
Weihe erhalten wrde. Oft, wenn er bei ihr war, verga er es, oder es
kam ihm pltzlich unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig
wissenden Augen blickte, schien es ihm tricht oder anmaend oder
zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an einem heien, wolkenlosen
Sommertage, entfuhr ihm zufllig ein andeutendes Wort, das er gleich
darauf zurcknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rtsel zu lsen,
beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den
Flu zu kommen, wo er ihr einzig gestehen knne, was er nicht laut unter
der Sonne zu sagen wage. Lux errtete und stutzte, aber nein htte sie
nicht sagen knnen.

Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich
ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wren; aber Brun, der
eine auergewhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kmpfte
mit Anstrengung gegen die Mdigkeit, und erst als es eine Stunde vor
Mitternacht war, berwltigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hrte es
an seinen ruhigeren Atemzgen und schwang sich mit ganzem Leibe in die
Fensterbank, um ins Freie zu springen, zgerte aber wieder und kehrte
noch einmal ins Zimmer zurck, um sich zu vergewissern, da die Kinder
fest und ruhig schliefen. Sie war so erregt und aufgewhlt, da das
unzhlige Male gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas
Fremdes rhrte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als wren
scharenweise Engel um sie versammelt und hielten einen himmlischen
Baldachin ber ihr, dessen Licht von ihren Wangen widerschiene. Ihre
Lippen waren so weit geffnet wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger
Blutring in einfachster und sester Linie um das berirdische Geheimnis
gebogen, das in kaum hrbar aus- und einwehendem Atem sein Dasein
verriet. Lux stand mit berflieenden Augen an dem Bett und konnte nicht
gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit
ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte
sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und lie
sich sacht an der niedrigen, leise brckelnden Mauer herab.

Drauen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthllte ruhevoll
ihren Leib in der einsamen Dmmerung. Lux atmete tief auf und reckte die
Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mute gewaltsam den
Schrei des Entzckens auf den Lippen festhalten, whrend sie mit
fliegenden Fen die weichen Pfade zu den Gebschen am Flu
hinuntereilte.

Sie trafen sich nun mehrere Nchte so, wohingegen sie sich am Tage nicht
zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anla zu Verdacht und Geschwtz
zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzufhren,
wollte aber mit der Verffentlichung des Verhltnisses warten, bis seine
Mutter, die krank und nach Aussage der rzte in Lebensgefahr war,
entweder genesen oder dann durch den Tod aller Krnkung entrckt wre.
Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden
auch nicht selten bei Tage, so da es dem Bischof nicht entgehen konnte,
der nicht aufhrte, Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab
unverlegen die Erklrung, da sie vertraut mit Lando werden msse, um
ihm etwas Zweckmiges beibringen zu knnen, womit Wonnebald sich
zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerrgsten Sorgen voll hatte.

Nachdem nmlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers
von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine frheren
Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenknfte mit
Hermenegilde, die bereits ein eiferschtiges Mitrauen wegen seiner
Zurckgezogenheit und Geheimtuerei gefat hatte. Das lenzliche Prangen
der Natur schien auch die Liebe saftiger und wrziger zu machen, so da
Wonnebald sich schon ber die unterbrochene Goldmacherei getrstet
fhlte; aber der widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den
Wollsten des Lebens entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde
pltzlich Muttergefhle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem
Gedanken an Kindersegen vertraut machen mute. Nach berwindung des
ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierber mehr Freude als Kummer,
die tglich zunahm, Wonnebald hingegen schlug das Glck, Vater zu
werden, gering an und htte den unwillkommenen Sprling gern schon
im Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, da es je spter desto
schwieriger und gefhrlicher sein wrde. Anfnglich trug er sich mit dem
Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen wirksamen Zauber anzugehen,
mute aber bald bemerken, da Hermenegilde ber seine lieblose Gesinnung
in groe Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch vllige
Unterwrfigkeit und heuchlerische Zrtlichkeitsvorspiegelungen
beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, da die unterjochten
Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten, sich ducken und
schweigen wrden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres vorstellen,
als da das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der erstaunten Welt
mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie lie es nicht an
beienden Bemerkungen ber die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.

Vorzglich verlie sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd,
die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an
Mitwisserin des hochwrdigen Liebesverhltnisses gewesen war, das sie
freilich mibilligte. Die Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose
Stiftsfrulein ins Wesenlose befrdert htte, das ihrer Herrin unbequem
gewesen wre, betrbte und entrstete sich darber, da die gewaltige
Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne aufopferte, und
erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwche vorzurcken. Vor allen
Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet
hatte, und lie sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr
zusteckte, damit sie ihm ein weniger grmliches Gesicht mache,
keineswegs besnftigen, vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser
furchtsamen Bestechungen um so grndlicher.

Dem Bischofe brach kalter Schwei aus, wenn er daran dachte, was fr ein
Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Bengstigung
kam ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelbde zu versuchen,
da doch mglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer
wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wren. Von der Aussicht
schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab
sich geradeswegs in die Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der
Mittagshitze, die drauen siedete, liebliche Khle und Dunkel herrschten.
Ein kitzelndes Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er
durch die Sulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die der
sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet war. Es befand
sich dort nmlich in einem verschlossenen Glasschreine eine schn
geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzglich
als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der
Pest, die Klus fast smtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich von den
briggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen, Einhalt
geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus
Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von auerordentlicher
Gre und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den
erwhnten Namen angehngt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein
mochte, da sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Glubigen
an sie wandten. Als der Blick des knienden Bischofs auf die milde
funkelnden Steine fiel, kam ihm der Gedanke, da dieser brachliegende
Schatz ihn fr alle Zeit aus seinen Verlegenheiten retten knnte, und
wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen
Wunsche, da er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in
Gebetsstellung zusammengekrmmt, berlegte er sich, da auer ein paar
alten blden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wre, da,
abgesehen davon, niemand sehen knne, was abseits in der dsteren
Kapelle vorginge, und also, da er auch die Schlssel bei sich hatte,
nichts ihm im Wege stnde, um sich augenblicklich des Kleinodes zu
bemchtigen. Nachdem er vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und
sich berzeugt hatte, da sie leer und totenstill war, ffnete er leise
die glserne Tr und lste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich
nicht ohne heftiges Rtteln und Zerren vonstatten ging. Auch war das
Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos war, einigermaen nackt
und kmmerlich; aber da das der Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch
tun wrde, hielt es der Bischof fr unntz, sich das Gewissen darber zu
beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm durch die
Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der Erwerbung
zu ergtzen.

Es waren zwlf Edelsteine in die Krone gefat, hauptschlich Smaragde
und Rubine, von denen er die grten zu verkaufen oder zu versetzen, die
kleineren der Hermenegilde zu schenken beschlo. Selbst das Geschft
auszufhren, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, da Lux
sich wrde bereitfinden lassen, in die nchste Stadt zu reisen und die
ausgewhlten Steine einem Juwelenhndler zum Kaufe anzubieten; sie
stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem Ringe
getragen habe, und die Sache msse geheim bleiben, weil es dem Rufe
eines Kirchenhauptes schaden knne, wenn man erfhre, da er sich eines
so heiligen Erbstcks habe entuern wollen oder mssen. Lux war zu sehr
in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darber nachzudenken, ob es
sich so oder anders verhielte, fhrte den Auftrag aus und hndigte dem
freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlst hatte.

                 *       *       *       *       *

Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und
ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an
zu sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen
groen Streich vollfhrt hatte, befand er sich so wohl und krftig, da
er mit Lux und den Kindern einen groen Spaziergang unternahm, der sie
weiter als sonst in die umliegenden Tler hineinfhrte. Auf einer Anhhe
machten sie halt, und nachdem sie einen Imbi zu sich genommen hatten,
erklrte der Alte die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er
in frheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenber
befanden sich auf einem verdeten Hgel die Ruinen einer Burg, an
einigen Stellen so niedrig und verbrckelt, da das Gras darber
hinauswuchs, whrend an andern das Gemuer noch die einstigen Formen
erkennen lie. Christoph Bernkule erzhlte alte berlieferungen, die
sich daran knpften, und fgte hinzu, da er als Kind htte sagen hren,
es tne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine se Musik aus den
verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden knnen; denn
sooft einer sie gehrt und neugierig zwischen den Trmmern nachgesprt
habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa
eine zirpende Grille oder ein weinendes Kuzchen.

Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so da nicht zu
erkennen war, ob sie die Erzhlung des Grovaters verstanden hatte,
pltzlich aber richtete sie die Augen gro und heiter auf ihn, sagte:
Ich hre die Musik! und blickte dann wieder fest auf das Gemuer,
hinter dem, durch unregelmige Lcken sichtbar, das Feuer der
untergehenden Sonne brannte. Whrend der alte Bernkule lchelte, sah
Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tnen
aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und
Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen,
unbewuten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu
einer die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag
ein wenig abseits im Moose und horchte halb auf das Gesprch der andern,
halb in sich hinein, wo der Nachhall der Schwre ihres Geliebten
weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Bestndigkeit
oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken lie, nicht mde wurde zu
wiederholen: da die Kraft der Liebe sein Herz und seinen Willen
gehrtet habe, so da weder Zwang noch Bitten ihn wrden biegen knnen,
da ihre Armut ihn beglcke, weil er, ein Bettler vor der Flle ihres
Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergnglichen und
nebenschlichen Dingen, reich sein und ihr schenken knne, da er
lieber Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hlle mit ihr
teilen wolle, als entblt von ihrer Nhe und Liebe die schauerliche
Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer unfabaren Melodie
durchfluteten sie solche Worte, Minuten wie Stunden erfllend und
verzehrend, so da sie die Flucht der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte
sa selbstvergessen da, aus den verglimmenden uglein auf das Kind
blinzelnd und zuweilen bewutlos in sich hineinlachend. Das kantige
Trmmerwerk starrte schwrzer aus dem weileuchtenden, grnlich
berhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich khle Feuchtigkeit
ber dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun muten
wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen
war, der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt
nach Hause und murmelte zuweilen fr sich unverstndliche Dinge, wobei
er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er,
schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch
einmal volles Bewutsein wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die
Anstrengung des Spaziergangs und die Feuchtigkeit des Abends mochten die
Auflsung des Greises beschleunigt haben.

Der Tod des alten, mehr als neunzigjhrigen Mannes, den jedermann in
Klus, gro und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine
Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weien Haar
und dem wallenden Bart, in dem sich noch schwarze Haare kruselten,
erbaulich wie ein Patriarch dalag und die Umstehenden zu schnen
Betrachtungen ber Leben und Sterben veranlate. Die Kinder, die sich
bei seinen Lebzeiten vor ihm gefrchtet hatten, liefen neugierig herbei
und brachten Blumen ohne Zahl, so da beim Begrbnis der kleine schwarze
Sarg unter Krnzen fast verschwand. Himmel und Erde lachten in
sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf
den Gottesacker fhrte, der, zwischen zwei Hgel eingebettet, ein halbes
Stndchen auerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen
ging mit flinken, frhlichen Schritten Lisutt, wei angetan und wei
bekrnzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie berzeugt war,
den Grovater in das Paradies zu fhren, wo Engel und Heilige auf den
Wiesen tanzten und hurtige Affen auf immergrnen Bumen kletterten.

                 *       *       *       *       *

Es war eine selbstverstndliche Sache, da Lux, als vermeintlicher
Enkel des alten Bernkule, sein Geschft fortfhren werde; aber bevor
sie noch frmlich in das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen
Seiten ein Murren los, die Stelle wrde liederlich verwaltet und keine
Maulwrfe mehr abgefangen, sie gebrdeten sich wie die Herren im Lande,
unterwhlten nicht nur die Gemsepflanzungen, sondern stieen sogar
in den Stllen auf, zu groem Schaden und bler Vorbedeutung. Nun
war freilich die Jagd von jeher und besonders whrend der letzten
Lebensjahre des alten Bernkule beraus nachlssig betrieben worden,
allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden wollten und mochten, hatten
sie geschwiegen und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere
kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, da sie zusehen
mten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen zerstrte, da ja
zugunsten des verschworenen Schermusers eigenmchtiges Ergreifen und
Tten der Maulwrfe verboten wre.

Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser anzunehmen,
wute sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr
selbstverfertigte Schwnzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen
ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht,
der Maulwurfplage keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die
Maulwurfbehrde sich ber die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu
wundern und zu beunruhigen, die, so mute es ihnen scheinen, bei
Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als ob
sie sich aus dem Blute der Hingewrgten phnixartig und vervielfacht neu
erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit vorherrschte, suchte man
nach vernnftigen Erklrungen fr die Erscheinung und besann sich auf
verschiedene Flle, wo Heuschrecken, Frsche, Muse und hnliche Tiere
durch unerhrte Vermehrung zu einer Landplage geworden waren, und auf
das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden jeweilig
solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.

So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in
selbstschtiger Absicht allerlei verdchtige Nachrede umgehen lie; man
wurde sich einig, da die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen knne,
und flsterte sich zu, da Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung
oder den Zuflu von Maulwrfen herbeigefhrt habe, teils aus allgemeiner
Bosheit, damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe,
teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu fllen. Anfnglich
blieb das ein unterdrcktes Grollen und Drohen, wovon eben der, die
es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah, da in der Burgkirche
das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem
Goldschmied drang, dem Lux die beiden grten Edelsteine verkauft hatte,
in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben knnten mit dem groen
Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine Anzeige
erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, da sie
in das vermite Heiligtum gehrten. Augenblicklich fiel der Verdacht der
Leute auf Lux, deren Abreise und zweitgiges Fernbleiben von Klus gerade
whrend der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgefhrt worden war,
sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in belster Weise ausgedeutet
wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und
Zielscheibe aller bsen Gedanken geworden war.

Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe
Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht
geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr
nur mitgeteilt, da sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen
und einer Vorladung vor Gericht sich gewrtig halten solle. Da ihr nicht
gesagt worden war, um was es sich handle, dachte sie, es msse die
Maulwurffngerei angehen, und nahm die Sache nicht schwer.

Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich zwischendurch
fters aus dem Fenster in der Erwartung, da Lando kommen wrde, um sie,
wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wre, zu
trsten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er
noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, da er sich gewi nicht
habe freimachen knnen, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem
wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, da sie nur zerstreut auf Lisutts
Spiele einzugehen vermochte. Frher als sonst brachte sie die Kinder zu
Bett und atmete auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen
und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie
whrend des langen Tages zuweilen ein Gefhl heier Bangigkeit
berlaufen, als msse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie im
Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den
Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewi,
wich die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zuknftigen Glckes ging
strahlend vor ihr auf. Allmhlich verblichen diese Trume in der Lnge
des Wartens, und sie fing an so instndig zu horchen, da das Donnern
des Wassersturzes, das jedes kleinere Gerusch verschlang, sie aufregte
und ihr unertrglich vorkam und sie wnschte, da nur ein obdachloser
Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen kme, um doch einmal
die spttische Leere zu unterbrechen. Sie wurde darber mde und
abgespannt, gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt hatte,
hrte sie den leisen, lssigen Schritt, den sie kannte, und kehrte mit
einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster zurck. Ohne Gru
oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte sich auf
seine Schulter und erzhlte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch
machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was fr eine Anklage
gegen sie erhoben wre, und teilte ihr mit, was er gerchtweise
vernommen hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux
sagte befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe
sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren knne, wohingegen
Lando meinte, das natrliche Recht und das geschriebene seien nicht
immer gleich, auch der Unschuldige knne sich in den Netzen des Lebens
verwickeln oder in Fallen fangen, die Bswillige aufgestellt htten, er
wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und bse Folgen vorberginge.
Sie betrachtete ihn wehmtig lchelnd und sagte: Und wenn ich nun
unterliege? Und wenn ich nun schuldig wre? Wrdest du mich noch lieben,
wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen htte?
oder wenn ich dem Bischof Gift eingegeben htte? Es flammte in seinen
Augen, und er flsterte leidenschaftlich: Wenn du deinen Vater ermordet
und deine Kinder verkauft httest, und wenn ich wte, da du mir selber
das Blut aussaugen wrdest, ich wrde dich immer lieben und nimmer
verlassen! Eher knnten diese Wasser versiegen und jene Berge versinken,
als da ich aufhren knnte, dein zu sein!

Whrend dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen,
allein sie drngte ihn sanft zurck und sagte, sie wolle nicht haben,
da ihre Kinder erwachten und ihn bei ihr fnden, berhaupt wre jetzt
Vorsicht geboten, und sie drften nicht zusammen gesehen werden. Er
empfand, er wute selbst nicht warum, einen khlen und fremden Hauch
in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch
leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte, und so nahm er den
Abschied, zu dem sie ihn drngte. Kaum war er ihr verschwunden, als die
Trnen aus ihren Augen zu flieen begannen, aber zugleich atmete sie
tief auf und fhlte sich wunderbar gekrftigt. Es war ihr, als htte
bisher ein farbiges Gewlk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das er
ihr geheimnisvoll, prchtig und reizend erschienen wre, und als htte
eben ein zuflliger Windsto den Nebel geteilt, so da sie ihn gesehen
htte, wie er in der Tat wre, aller Wunder bar, schwchlich, kmmerlich
und ein wenig lcherlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mute
sie am andern Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der
arme Lando ebensoviel Angst htte, sie zu verlieren, wie sie festhalten
zu mssen, und bald frchtete, sie mchte die ganze Millionenmutter samt
der Krone gestohlen, bald sie mchte es nicht getan haben.

Sie fhlte sich heiter und lieblich mde wie eine Genesende, als sie auf
das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenbergestellt
wurde, der ohne Zaudern erklrte, in ihr den jungen Menschen
wiederzuerkennen, der ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe.
Lux dachte nicht daran, zu leugnen, und sagte aus, da die Steine dem
Bischof gehrten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen wollen,
damit nicht bekannt wrde, da er sich in Geldverlegenheit befinde.
Diese Behauptung, der niemand die mindeste Glaubwrdigkeit beima,
machte den belsten Eindruck sowohl auf die Richter wie vollends auf den
Bischof, der einen jhen Zorn auf sie warf und laut seine Entrstung
ber die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pbels uerte. Am folgenden
Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefngnis verbracht
worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu
sagen und nicht einen frommen und hochwrdigen Mann, wie der Bischof
sei, zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig
erwiderte, etwas andres knne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres
wisse und nichts andres sich begeben habe.

Es folgten nun die Zeugenverhre, wobei eine groe Anzahl von Bauern
und Buerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts ber den Kirchenraub
beizubringen hatten, desto mehr aber ber die Maulwurfplage und wie
sie den jungen Schermuser zaubern gesehen htten. Da dies nicht zur
Sache gehrte, versuchten die Richter die umstndlichen Berichte
abzuschneiden, und der Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim,
da sie dumme Trpfe wren, so da das Geschwtz im Sande verlaufen
wre, wenn der Bischof nicht die Meinung ausgesprochen htte, da hier
ein der Aufmerksamkeit hchst wrdiger Fall vorliege, der scharf
untersucht und unnachsichtig bestraft werden msse. Wenn der Kirchenraub
etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch, in der
Bibel schon als Haupt- und Todsnde gebrandmarkt, und man msse die
Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, da der Satan immer noch
umgehe, die Kirche aber so rstig wie je sei, ihm die List einzutrnken.

Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre
Justizpersonen gemtlich im Gasthaus beieinander saen, kam die
Angelegenheit zur Sprache; der Bischof htte seine Meinung dem Justizrat
gegenber schwerlich verteidigen knnen, wenn Medizinalrat v.Boll ihm
nicht zur Seite gestanden htte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht
und vernnftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner
berzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, da man
verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen
glaube, aber der Glaube an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht
minder verspottet; er und seine Ahnen wren von jeher Kmpfer fr die
heilige Wahrheit gewesen und frchteten den Hohn der Unglubigen so
wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man nicht tglich hren
knne, da die Khe verhext wren, da kleine Kinder, vom bsen Blick
getroffen, in Krmpfe fielen? Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese
Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane
gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schtzen. Die Aufklrer
sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den Tempel des Glaubens
zu unterwhlen! Einstrzend werde er sie zuerst begraben! So wahr wie
Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, htten von jeher Bse durch den
Teufel gezaubert.

Dasselbe und hnliches wiederholte er hufig mit Nachdruck und lautem
Hall und Drhnen der Stimme, so da der Bischof nun erst die Wichtigkeit
und Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwtz der Leute gegen Lux
zu benutzen, ganz begriff und auch die brigen ihre Zweifel an der
Mglichkeit des Zauberns nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten.
Das mnnliche Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, da sich
hingebende Glubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und
mancher erinnerte sich, gehrt oder gelesen zu haben, da die Aufklrung
auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte von Herzen ber
die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern; uerlich ging
er mit frhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wute, da Boll
diese Art sich auszudrcken nicht begriff, vielmehr alles fr bare Mnze
nahm, und er somit das Vergngen genieen konnte, ihn auszuspotten, ohne
seine Freundschaft, an der ihm wegen des Fltenspiels viel gelegen war,
einzuben. Er erzhlte mit verstelltem Ernst, da er seine Kchin im
Verdacht der Hexerei habe, denn sie verzaubere hufig die Speisen, so
da sie mirieten, lasse auch durch Kraft des bsen Blicks den Braten
schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl
richtig auffaten, aber als eines ernsten Mannes unwrdigen Mutwillen
mibilligten, weswegen sie sich durch die stillschweigend darin
ausgedrckte Meinung auch nicht beeinflussen lieen.

Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenproze
einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der
Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und
erklrte sich bereit, den Vorsitz zu bernehmen, da es geistliche Dinge
wren, die geistlich mten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte
hohe Begeisterung ber diese Wendung und frohlockte, es sei ein
herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen wurden,
whrend der Justizrat, um einem solchen Schauspiel nicht beizuwohnen,
als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht entschlieen mochte,
eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.

                 *       *       *       *       *

Sowie die ffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben wurde,
schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, den Erzbischof Giselbert, und
teilte ihm die unerhrte Tatsache mit, zugleich bittend, er mge den
Bischof sogleich verwarnen, damit diese Torheit nicht weiter getrieben
und die Kirche ganz und gar lcherlich gemacht werde; worauf der
Erzbischof sich behutsam bei Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei,
und ihm auf alle Flle riet, sich und der Kirche keine Ble zu geben.
Obwohl er nicht verraten hatte, von wem er seine Nachrichten habe,
zweifelte der Bischof doch nicht, da Lando dahinter stecke, und
antwortete mit Wrde, der Erzbischof mge sich nicht von einem
leichtfertigen Knaben, wie sein Neffe sei, in so ernsten und schweren
Dingen beraten lassen; er wolle ihm insgeheim mitteilen, da die
beklagte Person weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen
weitgehenden Liebeshandel unterhalten habe, und da dies der Grund sei,
warum er den Gang der Justiz zu hintertreiben versuche; anstatt sich von
ihm betren und ausntzen zu lassen, solle Giselbert ihm lieber
behilflich sein, den verblendeten Jngling aus dem Garn der Teufelin zu
erretten. In diesem Schreiben leuchtete dem Erzbischof vornehmlich das
ein, was die Liebschaft seines Neffen betraf, an deren Bestand er nicht
zweifelte, und er beschlo, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf
andre Gedanken zu bringen, zugleich aber ber die wunderlichen
Veranstaltungen des Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte kaum den
Befehl seines Oheims erhalten, als seine Liebe hoch aufloderte und er
bei sich schwur, allen Versuchen, ihn den Pflichten der Treue und Ehre
abwendig zu machen, Trotz zu bieten, nicht vom Flecke zu weichen und die
Geliebte im Notfall mit Aufbietung des letzten Blutstropfens zu
beschtzen.

Indessen dachte die arme Lux nicht daran, da ihr eine ernstliche Gefahr
drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, umringt von vielen
stirnrunzelnden Mnnern, ihr vorhielt, da sie, anstatt demtig ihres
Amtes zu walten und die Maulwrfe einzufangen, wie vorgeschrieben sei,
durch verbotene Zauberei dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren
Verdienst zu erhhen, sei es, um den Menschen zu schaden, konnte sie
sich nicht enthalten zu lcheln und, obwohl es ihr leid tat, den Ruf des
verstorbenen Bernkule anzutasten, entschlo sie sich, den Zusammenhang
freimtig zu erklren. Sie schilderte deutlich und nett das Verfahren
bei Anfertigung der Schwnze, wie es ihr Schwiegervater erfunden hatte,
und gestand, da sie auf die Ermahnung des Magistrates zu grerem
Fleie mehr und mehr knstliche Ware eingeliefert habe, und wie dadurch
der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers natrlich
entstanden sei. Als sie geredet hatte, sah sich der Bischof mit
triumphierendem Lcheln im Kreise um, welches bedeutete, da diese
freche und listige Erfindung, mit der der Beklagte sich aus der Schlinge
zu ziehen suche, ihn schlagend berfhrt habe, und erklrte Lux, da es
nicht erlaubt sei, die Justizpersonen mit grblichen Aufschneidereien
zum besten zu haben. Lux errtete und versprach, wenn man ihr das dazu
Ntige geben wolle, vor den Augen der Versammlung so viel falsche
Maulwurfschwnze man wolle herzustellen, die von echten nicht zu
unterscheiden sein sollten, allein die Herren weigerten sich, so weit
auf die schamlosen Lgen eines Bsewichtes einzugehen; denn nun waren
sie berzeugt, es mit einem verzweifelten Snder zu tun zu haben.

Ohne lnger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt smtliche
Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern ber die Zauberei
des jungen Schermusers aufzubringen wuten: da man ihn fters
Holunderzweige habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen
dazu gebrauche, den Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch
Hexerei sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten
Zwecke dienen knne; da man ihn auch oft im Schatten von Holunderbschen
habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer Ort und Aufenthalt
gewesen sei; da man ihn den lieben langen Tag durch Felder, Grten und
Wiesen htte streifen sehen, Lieder trllernd, die wohl ihre Bedeutung
gehabt htten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer
ehrlicher Arbeit beschftigt; da man ihn ferner auch nachts beim
Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als
ungewhnlich aufgefallen sei. Da er auch in der Erde gegraben habe,
aber augenscheinlich nicht nach Maulwrfen. Da er der Kleinen, die er
stets mit sich gefhrt habe, fters breite Blumenkrnze auf den Kopf
gesetzt habe. Da man von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu
Zaubersuppen verwendet habe, und da man nicht wissen knne, was er im
Sinn gehabt habe. Da man ihn an einem Teich habe sitzen sehen, wo die
Frsche gesungen htten, und da er berhaupt gern mit dem Vieh
umgegangen sei, auch gern in Hfen und Stllen sich aufgehalten habe.

Schlielich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, da Lux
ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unberwindliche
Zuneigung eingeflt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen
sei, da der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher
ihn vielleicht zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermuser habe
spazieren sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines
Alrauns zu bedienen, nmlich einer goldschwitzenden Wurzel, und ihm
auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des
Christengottes msse gehuldigt werden, vermutlich um seine Seele dem
Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich die Augen ber die wahre
Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wren. Nach eignem Gestndnis
htte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten Buche, worin
auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wren, um unbeliebte
Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.

Diese Erzhlung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle
die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen
der junge Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Gte
erwiesen hatte, was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich
ja nur seine schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es
wurden eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen
zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die Abendzeit in seiner
Htte besucht, ihn herzlich angeblickt und ihm Untersttzung versprochen
hatte, um ihn zu trsten, weil er um seinetwillen die Stelle als
Hilfsjger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich hufig zur
schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrmmten
Hnde gestreichelt hatte; wie er dem stelzfigen Klaus, der nicht Weib
noch Kind besa, Kleider und Strmpfe geflickt und oft mit eignen Hnden
eine Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen
Pfennige geschenkt hatte; wie die Mdchen in ihn vernarrt gewesen waren,
obwohl er sich ffentlich nie um sie gekmmert hatte; wie er so sanfte
Hnde und vor allen Dingen einen zrtlichen Blick gehabt habe, wodurch
er die Seelen habe betren knnen, wie sich nun herausstelle, um sie dem
Teufel als schuldigen Tribut oder als Lsegeld in die Krallen zu
spielen. Auch jetzt flte Lux, die bald verwundert, bald wehmtig die
Verhandlungen an sich vorbergehen lie, ohne viel dazu zu sagen,
vielen von den Richtern ein Gefhl ein, das ihnen wie natrliche
Zuneigung erschienen wre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse der
brigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter htten erkennen mssen, so
da ihr Abscheu vor dem gefhrlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt
wurde.

Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie
angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich,
da sie keine Papiere besa, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt
in Klus seinerzeit nur auf eine mndliche Erklrung des Alten und wegen
der bischflichen Frsprache war gestattet worden. Es wurde fr das
beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, whrend man Lisutt
bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorlufiger
Obhut bergeben worden war und von diesem als ehrlicher und zuverlssiger
Bursche geschildert wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter
gegenbersah, ohne sich ihr nhern, geschweige denn mit ihr sprechen zu
drfen, die ihm aber ermunternd zulchelte und zunickte, wurde er bla,
und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, da er es kaum
verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des Bischofs, die
Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei, worber er
aufs uerste erschrak, da er wohl wute, wie sie ihm eingeprgt hatte,
da er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen drfe, und er glaubte, es
hnge ihr Glck oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm
unmglich, eine Lge auszusprechen, und mit einem herzzerreienden Blick
auf Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren
Erklrungen durch kein Zureden zu bewegen.

Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der
Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und
der Medizinalrat bernahm es, indem er sich fr einen Kinderfreund
erklrte, die Kleine an sich zu locken. Lisutt a zwar die Sigkeiten
auf, die er ihr brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte,
schlug sie nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so krftig, da er
sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind habe sich
wie ein feuerspuckender Teufel gebrdet, entweder es sei doch von einer
Brut mit dem Schwarzknstler, oder er habe es bereits von Grund aus
verhext, so da man sie fglich beieinander lassen knne, bis das Urteil
gefllt sei.

Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nmlich war
der Ansicht, ein Zauberer msse mit Feuer verbrannt werden, die andern
dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitlufte,
er solle sich mit dem Galgen begngen, ja verschiedene wollten weder vom
Brennen noch vom Hngen etwas wissen und sagten, man htte einzig die
Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und
allgemein Verstndliches, mit der Zauberei knnten sie viel Anfechtung
und ble Nachrede erfahren.

So standen die Dinge, als pltzlich ein Umschwung in der galligen Laune
des Bischofs eintrat, die zum groen Teil die Ursache war, da er der
armen Lux einen klglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame
Hermenegilde hatte sich, um ihre Entbindung zu erwarten, in einem
kleinen, ihr gehrigen Schlchen in der Nhe von Klus einquartiert, das
fr gewhnlich nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt wurde,
und es war ihr Plan, da das Kind bei diesen Leuten als bei seinen
Eltern aufwachsen sollte, so da sie es, wenn sie immer Lust htte,
besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen knnte. Diese Vorstellung
ngstigte den Bischof ber alle Maen, doch ging er scheinbar auf alle
Wnsche der reizbaren Freundin ein und verstndigte sich nur insgeheim
mit der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete,
das Kind, kaum da es vllig auf der Welt wre, geschwind in das nchste
groe Findelhaus zu tragen, wo es denn fr alle Zeit verschollen
bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle Auftrag sich wrde ausfhren
lassen, verkehrte die bliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung,
die er in dem Proze gegen Lux auslie und die ihm das Brennen auf dem
Scheiterhaufen als etwas Wnschenswertes und Notwendiges erscheinen
lie. Indessen, als er die Nachricht erhielt, da das Kind zwar lebendig
ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wre, wo
niemand es suchen und noch weniger finden knnte, glttete sich die
Unruhe seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit
Platz. Er fing an, zrtliches Mitleiden fr die unschuldig gepeinigte
Lux zu empfinden, und zugleich regte sich die vernnftige Betrachtung,
da am Ende noch ihr Geschlecht bekannt werden wrde und diese Entdeckung
ihm nachtrglich bse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen
lassen, eintragen knnte. Im stillen rgerte er sich ber den
Medizinalrat, da er ihn in eine so dornige Sache hineingestoen htte,
die seinem Gemt nicht zusagte, und es dnkte ihn in jeder Hinsicht das
beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der
leidige Proze fr immer begraben wrde. Zu diesem Zweck ordnete er an,
da Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefngnis in einen Turm
berfhrt wrde, der zum Umfange der Burg gehrte und der in alten
Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war
gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, da der Zauberer
vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen wrde, wogegen
jener feste Zwinger das beste Bollwerk wre. Also wurden Lux und Lisutt
eines Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine
Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem
Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung fhrte.

Das Bewutsein, nicht mehr im Gefngnis, sondern eigentlich im Hause des
Bischofs zu sein, an dessen Gutmtigkeit sie immer noch glaubte, vor
allem das Gefhl der Einsamkeit in der Hhe zwischen den winterlichen
Lften tat Lux wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, lie sie durch
die vier Gucklcher sehen, kte sie ungestm und fing allerlei Spiele
mit ihr zu spielen an mit mehr Frhlichkeit, als sie seit langem getan
hatte, so da Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang, wie
wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen htte und zwitscherte. Nach
einigen Stunden jedoch stellte sich Mdigkeit und Hunger ein, und mit
minderer Lust als im Anfang erzhlte Lux Mrchen und Schnurren, damit
das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben htte.
Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot
und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrsten
und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle,
unheimliche Furcht auf ihr Gemt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob
kein Schlurfen von Schritten kme, war es drinnen still wie Stille im
Grabe, die unendlich und unabnderlich ist. Frh kam die Dmmerung und
brachte wachendes Bewutsein der Klte und Verlassenheit mit sich;
Lisutts Trnen strzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im Gefhle,
wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kmpfend hatte zurckhalten
knnen.

In Lux war Staunen und Schrecken: es htte sie nicht verwundert, wenn
ein neuer schner Stern ber dem unschuldigen Haupte ihres Kindes
aufgegangen wre und Knige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm
gehuldigt htten; anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen
verhungern. Sie fhlte ihr Herz voll der reichsten, strksten,
tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das vergtterte Kind vor
grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der
Menschen, der es erlsen knnte, indem er es ihr entri. Frhlingstage
und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das se Antlitz
unter Blumenkrnzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grten
und segneten, wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es
nicht fassen, da jene Tage gewesen waren und da dieser war.

Mit der Dunkelheit wurde es klter, und der Wind, der lauter und
schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte
der Tod auf wieherndem Ro in engen, immer engeren Kreisen um den Turm,
um ihr die Seele der kleinen Lisutt zu entfhren. Sie nahm das Kind, das
allgemach von Erschpfung berwltigt war, so da es nicht mehr weinte,
und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller,
glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem Huschen aus
tglich gegenber gesehen hatten, und deutlich schimmerte der nackte
Pfad, der sich geduldig an ihm in die Hhe wand. Siehst du? flsterte
Lux, da werden wir, wenn wir noch eine kleine Weile still warten,
zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater
wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mgen. Lisutt nickte
und lallte trumerisch: Da werde ich deine Mutter sein und dich niemals
hungern und drsten lassen. Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdrftiges
Bett fr das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt,
als es in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und
fieberisch wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt
um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers zu spren, aber
schwach, mit flackernder Seele, bald in Trume, bald in Phantasien, bald
in Betubung hingerissen.

Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Sugling mit zahnlosem Mndchen
ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und
dachte, wie gttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschpf selber
zu Speise zu geben. Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im
Bett lag, klein, holzdrr und holzbraun, mit traurig verrunzeltem
Gesicht, eine krumme, empfindungslose Hand, die man nicht anrhren
konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an
den hinkenden Klaus, der die weien Stoppeln auf dem ledernen Gesicht
hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die andre Seite
wlzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und grmlichen
Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick
und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um
sie leiden wrde. Dann wieder dachte sie, da alles das bald nichts mehr
fr sie bedeuten wrde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinbergegangen
wre, wo die Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewutsein
durchdrang ihr auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzckung wie ein
berauschender Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften Schauder
und dem Gedanken, da sie leichten Herzens alle Himmel hingeben wrde,
um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes
Brot beien und essen sehen zu knnen. Zwischen allen diesen hastigen
Vorstellungen hrte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang: Zu
mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes, ewig
schnes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flren und Fetzen, o Leben,
liebe ich dich! Ich singe Nacht fr Nacht unter deinem Fenster und
erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust wirfst!

                 *       *       *       *       *

Da Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlssigt wurden, hing
folgendermaen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, da niemand
sich in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er
sich selbst vorbehalten habe, aber es fgte sich, da er sich lnger,
als er gemeint hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage
einen Besuch abstattete, verweilen mute. Die Kammerfrau, die mit ihm im
Einverstndnis die Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte
der Wchnerin vor, da das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunchst
von ihr getrennt bleiben msse, fand indessen damit wenig Anklang bei
Hermenegilde, denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe
entbrannt, sprach von allen Mnnern ohne Ausnahme mit Geringschtzung,
und es kostete die erdenklichste Mhe und Gewandtheit, um sie im Bette
zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe Hllenpein sowohl durch
die augenblicklichen Angriffe, mit denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie
durch die Angst vor der weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte
zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer
albernen Sprdigkeit schuld an dieser Not wre.

Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der
Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am spten Nachmittag
zurckgekehrt war und sich bei einer krftigen Mahlzeit von der Strapaze
und Gemtsbewegung erholt hatte, schritt er zur Ausfhrung des Planes.
Als er ins Freie trat, blies ihm der Wind so stark entgegen, da er den
Mantel, den er umgehngt hatte, fester zusammenfate und die Kapuze ber
den Kopf zog, worauf er entschlossen ber den freien Platz eilte, der
zwischen dem Hauptgebude der Burg und dem Turme sich erstreckte.

Nun traf es sich, da Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz
umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht fr sich zu befreien,
worber er mit dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens
doch vor Schande und vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren,
ebendieselbe Stunde wie der Bischof gewhlt hatte, um das Rettungswerk
zu verwirklichen. Er hatte, sowie Lux in den Turm gefhrt war,
eingesehen, da die Gelegenheit jetzt gnstig wre, sich Werkzeuge
verschafft, um das Torschlo zu erbrechen, und sich dann in das
leerstehende Huschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum
Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmtigen Trumereien zu betrgen.
Er setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und
geflstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit,
bis ihn der brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein
Vorhaben zu beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er htte
wnschen mgen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die
Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe. Gerhrt und
hingerissen von der Betrachtung, da er das unglckliche Weib in kurzem
wiedersehen wrde, um sich sofort auf immer aus ihren Armen zu reien,
ging er mit verschlossenen Sinnen vorwrts, als er, eben der Pforte des
Turms sich nhernd, einen Schritt hrte und in derselben Entfernung vom
Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig seiner
gewahr wurde. Es scho beiden eine Reihe von Empfindungen des rgers und
der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden
der Wunsch, er mchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl
dies dem Augenscheine nach durchaus unmglich war, machten sie doch
unwillkrlich eine Wendung von der Tr weg, so da sie einander den
Rcken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in
entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob
sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen, einen Spaziergang
unternommen und dabei den Turm gestreift htten, worauf sie nach einigen
beliebigen Umwegen wieder unter das schtzende Dach zurckgekehrt wren,
was freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hrten
einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte aufmerksam, ob
sich noch etwas mit dem andern begbe; auf diese Weise verhielten sich
beide still und wachsam, bis sie endlich ber dem anhaltenden Aufmerken
einschliefen.

Es verstand sich von selbst, da die Befreiung nunmehr bis zum nchsten
Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden
mute, und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darber nach, unter
was fr einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von
der Burg entfernen knnten. Pltzlich indessen wurden sie durch ein
berraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet
nmlich erschien der Erzbischof von Casalba auf der Burg, der nicht
lnger davon abstehen wollte, das Treiben seines Neffen sowohl wie des
Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag
bellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwnscht, und er lie
kstlich auftischen; aber Giselbert frhstckte mig und schnell und
ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten ber,
zunchst des Hexenprozesses, den er fr ein anstiges und bedenkliches
Gemchte erklrte. Wonnebald brachte manches vor ber die Gefahren des
Zauberns, ber die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und ber
Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worber es dem Erzbischof hei
und absonderlich zumute wurde, da er es fr nichts andres als den
Ausflu blden Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, da er Pck
seinerzeit nicht treffend eingeschtzt und nicht an den rechten Platz
gestellt habe, und er sagte sich, da es jetzt an ihm sei, den
verfahrenen Karren, wenn irgend mglich, ohne Lrm und Aufhebens aus dem
Sumpfe zu heben. Darum lie er die Frage selbst unerrtert und sagte
nur, da man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise und bis zum
uersten fhren drfe, da Formen veralteten und da es wesentlich sei,
nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten,
schlielich, da man es aufgeben msse, mittelalterlichen Brauch und
Glauben bis aufs letzte Tpfel wieder lebendig machen zu wollen.
Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern,
und beeilte sich, zu versichern, da er ebenso denke, aber einer Partei
habe nachgeben mssen, die im Lande mchtig sei und an deren Spitze
der Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und
blutdrstiger Charakter und wrde ganz anders gewtet haben, wenn er,
der Bischof, ihn nicht einigermaen im Zaume gehalten htte; auch htte
er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen zu lassen, damit der
Proze hngen bleibe und die bse Sache im Sande verlaufen knne. Damit
erklrte sich der Erzbischof einverstanden, nur msse vermieden werden,
sagte er, da Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat
und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.

Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und
zugnglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei
allen Anzeichen uerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er
sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern
auch dem Oheim in seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm
zugedachte Braut zu heiraten, die Giselbert ihm als krank vor
Sehnsucht und mit mdchenhafter Scham verhlltem Kummer beraus
anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst
herabhngender Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen
Wnschen fgen zu wollen, da er sowieso den Mglichkeiten des Lebens
nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbrgt wrde, da die
Geliebte ungekrnkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt
werden solle, worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken
und Zgern einging. Er streichelte seinen Neffen zrtlich und fing, um
ihn zu zerstreuen, ein Gesprch ber die Torheiten des Bischofs an,
worauf Lando lustiger und gesprchiger wurde, freilich ohne seine
Schwermut abzulegen, so da auf dem schwarzen Grunde seine frechen
Witze desto blendender funkelten.

Nachdem es beschlossene Sache war, da Lux entfliehen sollte, berlegte
sich der Erzbischof, da es weiser wre, anstatt Wonnebald oder Lando
mit der Ausfhrung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand
zu nehmen, wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand,
befriedigt werden wrde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht
und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt htte, herauskam, da
sie nicht nur am laufenden, sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung
geblieben waren, erklrte der Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange
der Sonne warten zu wollen, bis er hinberginge, besonders weil es
sich um ein kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht
erliegen knne. Die Bestrzung Wonnebalds zeigte deutlich an, da dem
Versehen nicht mrderische Absicht, sondern Vergelichkeit zugrunde lag,
weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen, scharfen Fluch, der in
vornehmen Kreisen gebruchlich war, bewenden lie und schnell von
der bischflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein
zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu
bringen.

Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so da er mehrere
Male keuchend stehen bleiben mute; doch beschleunigte er die Schritte
immer wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstbchen sah er
sogleich die Frau und das Kind allem Anschein nach bewutlos auf dem
Boden liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief
umschatteten Augen so traurig an, da sich sein Herz vor Mitleid und
Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben ihr nieder und setzte die
Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie mit dem Arm untersttzte; erst
als sie getrunken hatte, bemerkte er, da ihr Hemd offen stand und Hals
und Brust sehen lie, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten,
verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich ber das Kind, das still mit
halb offenen Augen dalag, und ber dessen Krper dann und wann ein
kleines Zucken lief, rieb seine Schlfen mit Wein und versuchte, einige
Tropfen in das offene Mndchen flieen zu lassen, whrend welcher
Bemhungen Lux anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemhte, desto
leidenschaftlicher schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte
dazu gebracht werden, da sie ein wenig Brot und Fleisch a, worauf sie
sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden Mann betrachtete und
diesen mit freundlich ernstem Blick und zutraulichem Nicken fragte:
Bist du der Himmelvater? Dem Erzbischof kamen Trnen in die Augen,
und er bckte sich ein wenig, um eine von den kltestarren Hnden der
Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drcken, was sie sich
feierlich froh gefallen lie.

Whrend Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte,
Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich
wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen
ftterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf
der Treppe jedoch gab es einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der,
obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter
herunterkommen hrte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach.
Es stellte sich heraus, da er, sowie Lux in den Turm gefhrt worden
war, sich dorthin geschlichen und in dem Gebsch, das ihn umgab,
versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei irgendeiner Gelegenheit
hineinschlpfen zu knnen, jedenfalls aber ihre Gefangenschaft
freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr
nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestrkt war,
verlangte er Lisutt zu tragen, mute sich aber mit dem Korbe begngen,
da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah
den dreien nach, wie sie sich den schlngelnden Pfad des Burghgels
hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er
sie nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurck.

Am Kopfe der Brcke, die unweit des Wassersturzes ber den Strom fhrte,
hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinberginge, das letzte
Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand
zu drcken und ihren Mund zu kssen. Er wartete mit klopfendem Herzen
und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war;
allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel
leicht und krftig durch milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht
dem kalten, schwarzen Himmel, die Augen dem gegenberliegenden Berge
zugewendet, empfand er pltzlich bitteres Weh im Herzen und weinte
verstohlen auf den hlzernen Pfosten, an den er sich so dicht prete,
als ob er eins mit ihm wre. Lux htte ihn ohnehin nicht gesehen, oder
wenn sie ihn gesehen htte, nicht erkannt oder nicht beachtet; nichts
war da fr sie, auer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen,
die sie nah bei sich fhlte, miteinander getragen und gehalten von der
Erde und der Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd,
wissend umgaben. Eben als sie ber die Brcke gingen, erwachte Lisutt,
vielleicht durch das Drhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem
sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase
in den Hals ihrer Mutter grub: Du riechst gut! worauf sie sofort
wieder einschlief. Es kam Lux eine unwiderstehliche Lust an zu lachen,
da es von dem breiten Bergrcken widerhallte, die Frostluft ber dem
winterlich schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu
erschttern; aber sie hielt an sich und drckte nur Bruns magere Hand
und Lisutts leise schmorenden Krper fester.

                 *       *       *       *       *

Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung ber die Flucht des
Schermusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war
bewerkstelligt worden, als eine weit rgere Neuigkeit laut wurde: die
Stiftsdame Hermenegilde nmlich, die inzwischen der Beseitigung ihres
Kindes auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den
Bischof als ruchlosen Bsewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria
die Krone gestohlen, sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens
bezichtigt habe. Um ihre Aussage gehrig zu bekrftigen, wies sie eine
Handvoll Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt
habe, und die allerdings als zu dem vermiten Heiligtume gehrig erkannt
wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde, wrde sich zweifelsohne
im Besitze des Bischofs finden, der sich ohne Errten als Entwender
desselben ihr gegenber bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich
zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, da in
ihrer Brust ein langes Kmpfen verschiedener Pflichtgefhle, als der
Rcksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren
Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nchstenliebe und
mehr dergleichen stattgefunden, und da eben jetzt das Mitleid mit dem
flschlich Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewut htte,
gesiegt habe.

Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten
Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unertrgliche Verlegenheit,
und sie htten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn
nicht einige Herren darunter gewesen wren, die, scharf und scheel,
immer bei der Hand waren, wenn es galt, der Geistlichkeit etwas
aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde
Henne von Haus zu Haus gegangen wre, um ihr faules Geheimnis in jedes
offene Ohr zu legen.

Es wre nicht unnatrlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch
verbreitete Geschwtz gewarnt, die verrterische Krone auf die Seite
gebracht htte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an
diesem Tag abwesend, weil er den Erzbischof in seiner groen Kutsche
bis zur nchsten Eisenbahnstation begleiten mute, die mehrere Stunden
weit entfernt lag, und kam erst zurck, als sich bereits einige
Gerichtsbeamte in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem
heiligen Gegenstande zu durchstbern. Wonnebald war zu berrascht, um
seinen Schrecken verhehlen zu knnen, und warf sich laut chzend in
einen Sessel, von dem aus er die Nichtswrdigkeit der Hermenegilde
verwnschte, die es nicht fr zu entmenscht hielte, einen treuen Freund,
Vater, Berater und Seelsorger ffentlicher Schande preiszugeben.
Die Herren hrten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an,
wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlssel zu unterbrechen,
mit denen sie die Kasten, Schrnke und Tren ffnen knnten, worauf
Wonnebald mit mder Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in
der sich ein Schlsselbund befand. Whrend sie damit hantierten, fuhr
er fort zu jammern, da er schon am vergangenen Tage durch den Besuch
des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, da
er in aller Frhe habe aufstehen mssen, um im Wagen Knochen und
Eingeweide durcheinander geschttelt zu bekommen, da man ihm in der
Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes
Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausure und Essig geschmeckt
habe, da er keine Mittagsruhe habe halten knnen, und da er nun, da er
gehofft habe, sich endlich wiederherstellen zu knnen, in eine solche
Wirtschaft gerate, so da er sich in Wahrheit einen groen Mrtyrer und
Leidensgenossen nennen drfe.

Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden, das
Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und
das zufllig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich,
indem sie dem Bischof hflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen,
deren Ausgnge brigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald
atmete auf, als die Strenfriede sich entfernt hatten, und da er der
Meinung war, es wrde tricht sein, nachdem das Schicksal ihn dermaen
gepeinigt habe, sich freiwillig weiter zu kreuzigen, lie er sich eine
auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief gut gesttigt bis in den
lichten Morgen. Es zeigte sich, da dies eine glckliche Maregel
gewesen war, denn whrend er bei frischen Krften den Morgenkaffee zu
sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich
aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf
wurde er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus gefhrt zu werden, was
nur langsam vonstatten ging, da brllendes Volk das Gefhrt umdrngte,
um ihn zu beschimpfen und womglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht
merken zu lassen, die Menge mit milder Gebrde durch das verschlossene
Fenster segnete.

Die Entrstung ber die offenbare Schandtat des Bischofs war ohne Ma.
In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten sich zwei Parteien, von
denen die eine glaubte, er habe mit dem Schermuser unter einer Decke
gespielt, ihm nur zum Schein den Proze gemacht und schlielich zur
Flucht verholfen, whrend die andre behauptete, der Jngling sei
unschuldig gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten, der ihm das
eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis war bei beiden Parteien
das gleiche, nmlich, da der Bischof ein fluchwrdiger Charakter und
Wolf im Schafspelze wre, fr den keine der gewhnlichen Strafen, sei
es Hngen oder Halsabschneiden, hinreichend wre. Niemand war so erbost
wie der Medizinalrat, der, whrend einige darauf bestanden, dem Bischof
von Anfang an mitraut und den jugendlichen Maulwurffnger im Herzen
bemitleidet zu haben, frei bekannte, da er sich habe tuschen lassen
und sich dessen nicht schme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes
sei, die Reinen zu betrgen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er,
bleibe noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weies Lamm, und so sei
es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niedertrchtige Diener sie
beschmutzten, nicht entstellen knne; freilich gbe es schwache Seelen,
die sich durch solchen zuflligen Schmutz irremachen lieen, und darum
seien die Urheber des Unflats die gottlosesten unter den Sndern und
mten auf langsamem Feuer gerstet oder mit glhenden Zangen gezwickt
und zerrissen werden.

Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn warten lie,
Mue, sich zu sammeln, und erschien in wrdevoller Fassung vor den
dsterblickenden Herren, die seine Aussage protokollieren sollten. Er
blickte still und rtselhaft ber ihre Kpfe weg, whrend sie ihm
vorlasen, aus was fr einem Grunde er verhaftet wre, und entgegnete auf
ihre frmliche Aufforderung, er knne sich wohl verantworten, wolle es
aber an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor seinem
Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit aus dem eignen Munde
seines Hirten zu vernehmen. Einer der Herren, welche Kirchenfeinde
waren, erwiderte unwirsch, das sei ungesetzlicher Firlefanz und knne
nicht gestattet werden; da aber der Bischof, immer noch still ber
die Kpfe wegblickend, erklrte, er sei mit allem zufrieden, was ihm
auferlegt wrde, und knne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren Willen
umzuwenden, entschied die Mehrheit, da ihm willfahrt werden solle, und
es wurde bekanntgemacht, da der Bischof in der Kirche vor allen, die es
hren wollten, sich wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung
verantworten wrde.

Es wirkte auf das Gemt eines jeden vershnend, da der Bischof auch ihm
das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld ablegen wolle, und keiner
dachte daran, sich seinem Wunsche zu versagen, so da die Wallfahrt den
Burghgel hinan kein Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern
auch die anstoenden Rumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll
wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im Rathause
verbleiben mssen, doch hatte man ihm auf sein Verlangen sein
veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit welchem bekleidet er dann
glanzvoll aus einer Seitenkapelle in die Kirche hereinbrach. Kaum
erschienen, tauchte er wiederum vor einem halbverborgenen Altare unter
und kauerte dort eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, whrend
welcher Zeit die Menge in andchtigem Schweigen verharrte und die
wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe verwies. Nach
Beendigung des stillen Gebets bestieg der Bischof eine niedrige Kanzel,
welche mehr zur Zierde als zum Gebrauch da war, betete nochmals mit
aufgehobenen Hnden lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine
Rede, in welcher er sich etwa folgendermaen verbreitete:

Ach, wie vernderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln Glck und Unglck
im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich als euer Hirt und Vater stand und
euch segnete, stehe ich jetzt wie ein armer Snder, wessen angeklagt?
Gestohlen soll ich haben wie ein Ruber! Meine Kirche soll ich beraubt
haben wie ein wtender Skorpion, der den eignen Schwanz frit! Ihr
Kleinglubigen, ihr seid schuld, da ich meine Zunge entsiegeln, meine
Seele entblen und schamrot werden mu. Hrt, was sich an jenem
gebenedeiten Tage begeben hat, den ihr fr einen Tag des Diebstahls und
der Schande haltet.

Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln gekmpft,
wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott wrdig sei, die
Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu lenken, und unter vielem
Trnenvergieen und Hnderingen forschte ich in mir nach den Tugenden
des vollkommenen Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote
gehalten? Hast du deinen Nchsten wie dich selber geliebt? Wie ist es
mit der Reue? Wie ist es mit der Bue? und so weiter und weiter, bis
mir der Schwei von den Schlfen tropfte und ich zu ersticken glaubte,
weswegen ich vom Bett aufstand und mich in die Kirche begab, um Gott als
Schiedsrichter zwischen mir und meinem Gewissen anzurufen.

Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorberkam, zog es mich
wundersam, da ich nicht unterlassen konnte, vor der frbittenden
Jungfrau niederzuknien, und heftig betete, sie mchte mir ein Zeichen
geben, ob ich des hohen Amtes, das ich bekleide, wrdig sei. Nicht
lange hatte ich in solcher Weise gebetet und geweint, als sie pltzlich
den hochheiligen Arm bewegte, an ihre Krone langte, sie lftete und
mir armen Snder auf den gebckten Kopf setzte. Ich jauchzte und
triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum mich
zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten Gnade! Ferne sei es
von mir, so dachte ich, mit der Gunst Gottes wie mit einem Orden zu
prahlen! Ich verbarg die Himmelsgabe und bego sie stndlich mit
inbrnstigen Trnen, wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, da
die beiden grten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet
worden waren. Nachdem ich fr die Seele des Diebes gebetet hatte, nahm
ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in Versuchung zu fhren, smtliche
briggebliebene Edelsteine und hndigte sie der Stiftsdame Hermenegilde
ein, damit sie aus dem Erls die Nackten kleide und die Hungernden
speise, ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.

Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich knnte im Hause
Gottes lgen? Wrde mich nicht auf der Stelle sein Blitz zerschmettern,
wenn ich lsterte? Aber tut mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter
Gottes den Arm heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht
minder regen knnen, um mich mitten aus brennendem Feuer oder aus
kochendem l herauszuholen.

                 *       *       *       *       *

Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der
Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebrden ausgeschmckt und
dann und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk
andchtig einstimmte, so da ein hrbares Schluchzen und Glucksen durch
die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf
die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel
herunterkam, rutschten sie zu ihm hin, kten sein Gewand und baten um
seinen Segen, den er rstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine
Art war, rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme
des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab sich der
Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehrenden Gang nach
Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da ein solcher ohne Zweifel
durch die begeisterte Volksmenge in Stcke zerrissen worden wre.

Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten
Wunders berzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs
einigermaen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend
Blicke zu, die ebensowohl nachdenkliche Rhrung ber einen solchen
Beweis von bernatrlichkeit wie Erstaunen ber die Unverschmtheit des
Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwhrend wachsendes
Glaubensfeuer im Volke offenbarte, hielten es die meisten fr ratsam,
keine dem Gottesliebling nachteilige uerung laut werden zu lassen,
besonders nachdem der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schn
auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen knne. Diese feurige Natur
nmlich entbrannte bei Enthllung der bischflichen Makellosigkeit
und seiner berirdischen Krnung sofort in andchtigen Eifer und
beanspruchte fr sich nur den Ruhm, vor aller Welt zum Besten der Kirche
von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.

Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein
auserwhltes Gemt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame
Hermenegilde, deren Gefhl pltzlich einen neuen Umschwung, von der
Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstschtiger
Rache einen hochehrwrdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins
Verderben gestrzt zu haben, erfllte sie mit Reue und Sehnsucht, so da
sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu Fen geworfen htte,
wenn das Gedrnge um seine Person nicht zu gro gewesen wre. Schmelzend
vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein
ungeachtet ihrer demtigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich
nicht ohne eine knftig wiederkehrende Gnadenzeit in trstliche Aussicht
zu stellen.

Als dem Erzbischof das Gercht sowohl der gegen den Bischof erhobenen
Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male
und verwnschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum
erstenmal seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der rger
ber sich selbst, da er sich in der Beurteilung und Behandlung des
Menschen so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er
nach vollbrachten Tagesgeschften unternahm, beruhigte er sich ein wenig
durch die Betrachtung, da ihn eine solche Erfahrung vielleicht vor
Selbstberhebung schtzen sollte, da auerdem Dummheit und Dreistigkeit
zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten und also auch diesmal
vielleicht die Spitzbberei des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als
zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten
einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in Klus
verdoppelt und verklrt habe, ertappte er sich des fteren bei einem
unwillkrlichen Lcheln und machte sich selbst das Zugestndnis, da er
mit Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige
getroffen habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persnlich so
wenig wie mglich mit dem wunderttigen Benehmen der Millionenmutter
einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen und lie der
Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht umgehen konnte, sich
darber zu uern, tat er es vorsichtig und in feinen Wendungen, wie da
bei Gott kein Ding unmglich sei oder da fr den Glubigen jedes Wunder
wirklich sei und ihm von niemand bestritten werden drfe noch knne.

Mochten den Papst hnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das Wunder
von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, da das Unkraut des
Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschlo, den Bischof
durch berreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch,
nachdem die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren
Kopfbedeckung entuert hatte, nicht anders als billig genannt werden
konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit
die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen
auch die besseren Kreise an, ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu
uern, und wo etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall
unschlssig und makelschtig umschwirrt hatten, lsten sich diese
nunmehr gnzlich auf wie Nebelgebru vor der triumphierenden Tagessonne.

Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu
berbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an
sonst etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als da der Kluser
Bischof ein Mann von feinster Klugheit und berlegenheit sein msse, da
er den Leuten eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und
verdaulich machen knnen. Er selbst war in der diplomatischen und
schriftstellerischen Laufbahn zu einem groen Ansehen gelangt, niemals
aber hatte er sich in den Geruch der Frmmigkeit bringen knnen, und
bewunderte deshalb nichts so sehr wie die Hinterlist und Gaukelkunst,
vermge der es einem gelang, die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der
Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit des ppstlichen
Gesandten durch ein prchtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle
Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Glser,
Schsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so da
man nicht wute, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war
auch um diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise
zurckgekehrt und zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche
Erzhlungen und vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald a
und trank mit Lust und lie es an geeigneter Stelle nicht an einem
munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beiflliger
Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewhnt, das Lamm
Gottes darzustellen, und trufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er
nicht anders knnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gesprch.
Der berbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Rnkeschmied,
als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit
Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen ber alle Maen
gnstigen, fast begeisterten Bericht ber den erleuchteten Betrieb des
Pckschen Bischofssitzes.

Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich
genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Strung in den
verdauenden Organen zu sein schien, erwies sich als tckische Krankheit,
die den prangenden Krper in wenigen Tagen zerstrte und als Leiche
zurcklie. So unerwnscht dies jhe Sterben dem Bischof sein mochte,
der sein Dasein so geschickt und frhlich zu benutzen verstand, so
gewinnbringend war es fr sein Gedchtnis, das sich nun an den
glorwrdigsten Punkt seiner Laufbahn anknpfen mute. Das Trauergeprnge
dauerte mehrere Tage, und whrend derselben verbreitete sich das
Gesprch hufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend und
dauerhaft ehren knne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende
Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefhl
noch nicht Genge tat. Da nun im Reden der Bevlkerung sowie in dem
Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen
drucken lie, derselbe beilufig als ein heiliger Mann war bezeichnet
worden, kam man von selbst dazu, ohne da ein bestimmter Urheber des
Gedankens htte genannt werden knnen, an die Heiligsprechung des
Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Wrdigung seiner
Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des Medizinalrats
ermglichten es ihm, den Plan als einstimmigen Wunsch der Kluser
Bevlkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl er von allen
Seiten nur das Beste ber den Pckschen Lebenswandel gehrt hatte,
sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurckhielt.
Wie ausdrcklich sich auch die gttliche Meinung durch Aufsetzen
der Marienkrone fr den Bischof ausgesprochen hatte, schien es
vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten, die
Lebensfhrung des Kandidaten Punkt fr Punkt, gleichsam wissenschaftlich,
auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen, wodurch sich denn freilich auch
seine unbedingtesten Verehrer zunchst in eine gewisse Verlegenheit
versetzt fanden. Bei nherem Bedenken indessen sagten sie sich, da,
wenn Wonnebald auch nicht in Hhlen gelebt, noch sich ausschlielich vom
Tau des Himmels oder durch Berhrung der Hostie ernhrt, noch berhaupt
in dieser gewissermaen lteren Richtung Lbliches und Wunderwrdiges
vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und Einfalt, welche
die eigentlich christlichen seien, bis zum uersten getrieben habe, wie
er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann verheimlicht
habe und bis zum Ende haben wrde, wenn ihn nicht die Verleumdung der
Bsen zur Mitteilung gezwungen htte. Er htte, sagten sie, ohne sich je
der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens
sei, eine hohe kirchliche Wrde erlangt, von innen erleuchtet oder durch
Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befhigt.
Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fgten diese Sachwalter
des Bischofs hinzu, da, wenn nicht mehr oder berhaupt gar keine
staunenswerten Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner
vollkommenen Demut herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen,
von denen die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrnt htten.

Diese nachdrcklichen Begrndungen konnten in harmonischer Weise durch
ebenso bedeutende materielle Krfte untersttzt werden, was bei den
groen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering
anzuschlagen war. Ein glcklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an
die Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans
Licht gefrdert, mit Beschlag belegt war und sich nebst smtlichen
dazugehrigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand,
und deren Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des groen Geschftes
daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der
Gottesmutter ihre Krone zurckzugeben, doch lie sich dagegen einwenden,
da sie dieselbe freiwillig und vermutlich aus guten Grnden an
Wonnebald abgetreten habe, und da man in ihrem Sinne handle, wenn man
sie zur Erhhung und ewigen Krnung seiner Person nutzbar mache.

Die Bevlkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs whrend der
Entwicklung der Dinge vllig zu ihrer eignen gemacht und sah in der
Verzgerung eine ihr angetane Krnkung, woraus denn wiederum geschlossen
werden konnte, was fr ein dringendes Bedrfnis die Anbetung des
Wonnebald im Volke sei. In Erwgung aller dieser Umstnde zeigte sich
der ppstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs
in die Schar der Heiligen fand unter den blichen Zeremonien zu
vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen statt. Das Bild Pcks wurde
in der Burgkirche aufgehngt, mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine
Hand im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos
gemalt, aber der andchtigen Gemeinde durch Vergegenwrtigung der
seligen Gesichtszge erbaulich. Auch der Erzbischof von Casalba, der an
gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst abhielt,
verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglckwnschte mit
gedankenvollem Lcheln sich und die Menschheit ber den zeitigen Tod des
Bischofs, da, wenn er lnger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie
bisher fortgesetzt htte, die Kirche schlielich gezwungen gewesen wre,
ihn zum Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen
Bedrfnis entsprechend weiter zu befrdern.


                        21. bis 30. Tausend
                                 *
                         Druck der Offizin
                       Fr.Richter in Leipzig








End of the Project Gutenberg EBook of Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pck, by 
Ricarda Huch

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