The Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke

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Title: Neue Gedichte

Author: Rainer Maria Rilke

Release Date: October 15, 2010 [EBook #33863]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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NEUE GEDICHTE

Von

RAINER MARIA RILKE

LEIPZIG

IM INSEL-VERLAG

MCMXX




KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT IN FREUNDSCHAFT





FRHER APOLLO


Wie manches Mal durch das noch unbelaubte
Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz
im Frhling ist: so ist in seinem Haupte
nichts, was verhindern knnte, da der Glanz

aller Gedichte uns fast tdlich trfe;
denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,
zu khl fr Lorbeer sind noch seine Schlfe,
und spter erst wird aus den Augenbraun

hochstmmig sich der Rosengarten heben,
aus welchem Bltter, einzeln, ausgelst
hintreiben werden auf des Mundes Beben,

der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend
und nur mit seinem Lcheln etwas trinkend,
als wrde ihm sein Singen eingeflt.




MDCHENKLAGE


Diese Neigung, in den Jahren,
da wir alle Kinder waren,
viel allein zu sein, war mild;
andern ging die Zeit im Streite,
und man hatte seine Seite,
seine Nhe, seine Weite,
einen Weg, ein Tier, ein Bild.

Und ich dachte noch, das Leben
hrte niemals auf zu geben,
da man sich in sich besinnt.
Bin ich in mir nicht im Grten?
Will mich meines nicht mehr trsten
und verstehen wie als Kind?

Pltzlich bin ich wie verstoen,
und zu einem bergroen
wird mir diese Einsamkeit,
wenn, auf meiner Brste Hgeln
stehend, mein Gefhl nach Flgeln
oder einem Ende schreit.




LIEBESLIED


Wie soll ich meine Seele halten, da
sie nicht an deine rhrt? Wie soll ich sie
hinheben ber dich zu andern Dingen?
Ach gerne mcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrhrt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten _eine_ Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O ses Lied.




ERANNA AN SAPPHO


O du wilde weite Werferin:
Wie ein Speer bei andern Dingen
lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen
warf mich weit. Ich wei nicht, wo ich bin.
Mich kann keiner wiederbringen.

Meine Schwestern denken mich und weben,
und das Haus ist voll vertrauter Schritte.
Ich allein bin fern und fortgegeben,
und ich zittere wie eine Bitte;
denn die schne Gttin in der Mitte
ihrer Mythen glht und lebt mein Leben.




SAPPHO AN ERANNA


Unruh will ich ber dich bringen,
schwingen will ich dich, umrankter Stab.
Wie das Sterben will ich dich durchdringen
und dich weitergeben wie das Grab
an das Alles: allen diesen Dingen.




SAPPHO AN ALKAOS

FRAGMENT


Und was httest du mir denn zu sagen,
und was gehst du meine Seele an,
wenn sich deine Augen niederschlagen
vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,

sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge
hingerissen und bis in den Ruhm.
Wenn ich denke: unter euch verginge
drftig unser ses Mdchentum,

welches wir, ich Wissende und jene
mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,
trugen unberhrt, da Mytilene
wie ein Apfelgarten in der Nacht
duftete vom Wachsen unsrer Brste--.

Ja, auch dieser Brste, die du nicht
whltest wie zu Fruchtgewinden, Freier
mit dem weggesenkten Angesicht.
Geh und la mich, da zu meiner Leier
komme, was du abhltst: alles steht.

Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,
aber wenn er durch den einen geht




GRABMAL EINES JUNGEN MDCHENS


Wir gedenkens noch. Das ist, als mte
alles dieses einmal wieder sein.
Wie ein Baum an der Limonenkste
trugst du deine kleinen leichten Brste
in das Rauschen seines Bluts hinein:

--jenes Gottes.
                Und es war der schlanke
Flchtling, der Verwhnende der Fraun.
S und glhend, warm wie dein Gedanke,
berschattend deine frhe Flanke
und geneigt wie deine Augenbraun.




OPFER


O wie blht mein Leib aus jeder Ader
duftender, seitdem ich dich erkenn;
sieh, ich gehe schlanker und gerader,
und du wartest nur--: wer bist du denn?

Sieh: ich fhle, wie ich mich entferne,
wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.
Nur dein Lcheln steht wie lauter Sterne
ber dir und bald auch ber mir.

Alles was durch meine Kinderjahre
namenlos noch und wie Wasser glnzt,
will ich nach dir nennen am Altre,
der entzndet ist von deinem Haare
und mit deinen Brsten leicht bekrnzt.




STLICHES TAGLIED


Ist dieses Bette nicht wie eine Kste,
ein Kstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Nichts ist gewi als deine hohen Brste,
die mein Gefhl in Schwindeln berstiegen.

Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
in der sich Tiere rufen und zerreien,
ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
was drauen langsam anhebt, Tag geheien,
ist das uns denn verstndlicher als sie?

Man mte so sich ineinanderlegen
wie Bltenbltter um die Staubgefe:
so sehr ist berall das Ungeme
und huft sich an und strzt sich uns entgegen.

Doch whrend wir uns aneinanderdrcken,
um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
kann es aus dir, kann es aus mir sich zcken:
denn unsre Seelen leben von Verrat.




ABISAG


I

Sie lag. Und ihre Kinderarme waren
von Dienern um den Welkenden gebunden,
auf dem sie lag die sen langen Stunden,
ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.

Und manchmal wandte sie in seinem Barte
ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;
und alles, was die Nacht war, kam und scharte
mit Bangen und Verlangen sich um sie.

Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,
der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,
der Vorhang rhrte sich und gab ein Zeichen,
und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.

Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,
und, von der Nacht der Nchte nicht erreicht,
lag sie auf seinem frstlichen Erkalten
jungfrulich und wie eine Seele leicht.



II

Der Knig sa und sann den leeren Tag
getaner Taten, ungefhlter Lste
und seiner Lieblingshndin, der er pflag--.
Aber am Abend wlbte Abisag
sich ber ihm. Sein wirres Leben lag
verlassen wie verrufne Meereskste
unter dem Sternbild ihrer stillen Brste.

Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,
erkannte er durch seine Augenbrauen
den unbewegten, ksselosen Mund;
und sah: ihres Gefhles grne Rute
neigte sich nicht herab zu seinem Grund.
Ihn frstelte. Er horchte wie ein Hund
und suchte sich in seinem letzten Blute.




DAVID SINGT VOR SAUL


I

Knig, hrst du, wie mein Saitenspiel
Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?
Sterne treiben uns verwirrt entgegen,
und wir fallen endlich wie ein Regen,
und es blht, wo dieser Regen fiel.

Mdchen blhen, die du noch erkannt,
die jetzt Frauen sind und mich verfhren;
den Geruch der Jungfraun kannst du spren,
und die Knaben stehen, angespannt
schlank und atmend, an verschwiegnen Tren.

Da mein Klang dir alles wiederbrchte.
Aber trunken taumelt mein Getn:
Deine Nchte, Knig, deine Nchte--,
und wie waren, die dein Schaffen schwchte,
o wie waren alle Leiber schn.

Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,
weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten
greif ich dir ihr dunkles Lustgesthn?--



II

Knig, der du alles dieses hattest
und der du mit lauter Leben mich
berwltigest und berschattest:
komm aus deinem Throne und zerbrich
meine Harfe, die du so ermattest.

Sie ist wie ein abgenommner Baum:
durch die Zweige, die dir Frucht getragen,
schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,
welche kommen--, und ich kenn sie kaum.

La mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;
sich dir diese Knabenhand da an:
glaubst du, Knig, da sie die Oktaven
eines Leibes noch nicht greifen kann?



III

Knig, birgst du dich in Finsternissen,
und ich hab dich doch in der Gewalt.
Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,
und der Raum wird um uns beide kalt.
Mein verwaistes Herz und dein verworrnes
hngen in den Wolken deines Zornes,
wtend ineinander eingebissen
und zu einem einzigen verkrallt.

Fhlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?
Knig, Knig, das Gewicht wird Geist.
Wenn wir uns nur aneinanderhalten,
du am Jungen, Knig, ich am Alten,
sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.




JOSUAS LANDTAG


So wie der Strom am Ausgang seine Dmme
durchbricht mit seiner Mndung berma,
so brach nun durch die ltesten der Stimme
zum letztenmal die Stimme Josuas.

Wie waren die geschlagen, welche lachten,
wie hielten alle Herz und Hnde an,
als hbe sich der Lrm von dreiig Schlachten
in einem Mund; und dieser Mund begann.

Und wieder waren Tausende voll Staunen
wie an dem groen Tag vor Jericho,
nun aber waren in ihm die Posaunen,
und ihres Lebens Mauern schwankten so,

da sie sich wlzten, von Entsetzen trchtig
und wehrlos schon und berwltigt, eh
sie's noch gedachten, wie er eigenmchtig
zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!

Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,
und hielt die Sonne, bis ihm seine Hnde
wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,
nur weil da einer wollte, da sie stnde.

Und das war dieser; dieser Alte wars,
von dem sie meinten, da er nicht mehr gelte
inmitten seines hundertzehnten Jahrs.
Da stand er auf und brach in ihre Zelte.

Er ging wie Hagel nieder ber Halmen.
Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezhlt
stehn um euch Gtter, wartend, da ihr whlt.
Doch wenn ihr whlt, wird euch der Herr zermalmen.

Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:
Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermhlt.

Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen
und strke uns zu unsrer schweren Wahl.

Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,
zu seiner festen Stadt am Berge steigend;
und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.




DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES


NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,
das unser ist und uns doch nicht gehrt,
das, wie das Wasser in den alten Bornen,
uns zitternd spiegelt und das Bild zerstrt;
von allem diesen, das sich wie mit Dornen
noch einmal an uns anhngt--fortzugehn
und Das und Den,
die man schon nicht mehr sah
(so tglich waren sie und so gewhnlich),
auf einmal anzuschauen: sanft, vershnlich
und wie an einem Anfang und von nah
und ahnend einzusehn, wie unpersnlich,
wie ber alle hin das Leid geschah,
von dem die Kindheit voll war bis zum Rand--:
Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,
als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,
und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,
weit in ein unverwandtes warmes Land,
das hinter allem Handeln wie Kulisse
gleichgltig sein wird: Garten oder Wand;
und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,
aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,
aus Unverstndlichkeit und Unverstand:
Dies alles auf sich nehmen und vergebens
vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um
allein zu sterben, wissend nicht warum--

Ist das der Eingang eines neuen Lebens?




DER LBAUMGARTEN


Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelst im lgelnde
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heien Hnde.

Nach allem dies. Und dieses war der Schlu.
Jetzt soll ich gehen, whrend ich erblinde,
und warum willst Du, da ich sagen mu,
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist,  namenlose Scham...

Spter erzhlte man: ein Engel kam--.

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und bltterte gleichgltig in den Bumen.
Die Jnger rhrten sich in ihren Trumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.

Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nchte werden nicht um solche gro.
Die Sich-Verlierenden lt alles los,
und sie sind preisgegeben von den Vtern
und ausgeschlossen aus der Mtter Scho.




PIET


So seh ich, Jesus, deine Fe wieder,
O die damals eines Jnglings Fe waren,
da ich sie bang entkleidete und wusch;
wie standen sie verwirrt in meinen Haaren
und wie ein weies Wild im Dornenbusch.

So seh ich deine niegeliebten Glieder
zum erstenmal in dieser Liebesnacht.
Wir legten uns noch nie zusammen nieder,
und nun wird nur bewundert und gewacht.

Doch, siehe, deine Hnde sind zerrissen--:
Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.
Dein Herz steht offen, und man kann hinein:
das htte drfen nur mein Eingang sein.

Nun bist du mde, und dein mder Mund
hat keine Lust zu meinem wehen Munde--.
O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?
Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.




GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER


Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;
denn wir sind nichts als solche Seligkeit.
Was Blut und Dunkel war in einem Tier,
das wuchs in uns zur Seele an und schreit

als Seele weiter. Und es schreit nach dir.
Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,
als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.
Und darum meinen wir, du bist es nicht,

nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,
an den wir uns ganz ohne Rest verlren?
Und werden wir in irgendeinem _mehr_?

Mit uns geht das Unendliche _vorbei_.
Du aber sei, du Mund, da wir es hren,
du aber, du Uns-Sagender: du sei.




DER TOD DES DICHTERS


Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war
bleich und verweigernd in den steilen Kissen,
seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,
von seinen Sinnen abgerissen,
zurckfiel an das teilnahmslose Jahr.

Die, so ihn leben sahen, wuten nicht,
wie sehr er _eines_ war mit allem diesen,
denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen
und diese Wasser waren sein Gesicht.

O sein Gesicht war diese ganze Weite,
die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;
und seine Maske, die nun bang verstirbt,
ist zart und offen wie die Innenseite
von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.




BUDDHA


Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....
Wir halten ein und hren sie nicht mehr.
Und er ist Stern. Und andre groe Sterne,
die wir nicht sehen, stehen um ihn her.

O er ist alles. Wirklich, warten wir,
da er uns she? Sollte er bedrfen?
Und wenn wir hier uns vor ihm niederwrfen,
er bliebe tief und trge wie ein Tier.

Denn das, was uns zu seinen Fen reit,
das kreist in ihm seit Millionen Jahren.
Er, der vergit, was wir erfahren,
und der erfahrt, was uns verweist.




L'ANGE DU MRIDIEN

CHARTRES


Im Sturm, der um die starke Kathedrale
wie ein Verneiner strzt, der denkt und denkt,
fhlt man sich zrtlicher mit einem Male
von deinem Lcheln zu dir hingelenkt:

lchelnder Engel, fhlende Figur,
mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:
gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden
abgleiten von der vollen Sonnenuhr,

auf der des Tages ganze Zahl zugleich,
gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,
als wren alle Stunden reif und reich?

Was weit du, Steinerner, von unserm Sein?
und hltst du mit noch seligerm Gesichte
vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?




DIE KATHEDRALE


In jenen kleinen Stdten, wo herum
die alten Huser wie ein Jahrmarkt hocken,
der sie bemerkt hat pltzlich und erschrocken
die Buden zumacht und ganz zu und stumm,

die Schreier still, die Trommeln angehalten,
zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs--:
dieweil sie ruhig immer in dem alten
Faltenmantel ihrer Contreforts
dasteht und von den Husern gar nicht wei:

in jenen kleinen Stdten kannst du sehn,
wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis
die Kathedralen waren. Ihr Erstehn
ging ber alles fort, so wie den Blick
des eignen Lebens viel zu groe Nhe
fortwhrend bersteigt und als geschhe
nichts anderes; als wre _das_ Geschick,
was sich in ihnen aufhuft ohne Maen,
versteinert und zum Dauernden bestimmt,
nicht _das_, was unten in den dunkeln Straen
vom Zufall irgendwelche Namen nimmt
und darin geht, wie Kinder Grn und Rot
und was der Krmer hat als Schrze tragen.
Da war Geburt in diesen Unterlagen,
und Kraft und Andrang war in diesem Ragen
und Liebe berall wie Wein und Brot,
und die Portale voller Liebesklagcn.
Das Leben zgerte Im Stundenschlagen,
und in den Trmen, welche voll Entsagen
auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.




DAS PORTAL


I

Da blieben sie, als wre jene Flut
zurckgetreten, deren groes Branden
an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;
sie nahm im Fallen manches Attribut

aus ihren Hnden, welche viel zu gut
und gebend sind, um etwas festzuhalten.
Sie blieben, von den Formen in Basalten
durch einen Nimbus, einen Bischofshut,

bisweilen durch ein Lcheln unterschieden,
fr das ein Antlitz seiner Stunden Frieden
bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;

jetzt fortgerckt ins Leere ihres Tores,
waren sie einst die Muschel eines Ohres
und fingen jedes Sthnen dieser Stadt.



II

Sehr viele Weite ist gemeint damit:
so wie mit den Kulissen einer Szene
die Welt gemeint ist; und so wie durch jene
der Held im Mantel seiner Handlung tritt:--
so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd
auf seiner Tiefe tragisches Theater,
so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater
und so wie Er sich wunderlich verwandelnd

in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier
auf viele kleine beinah stumme Rollen,
genommen aus des Elends Zubehr.

Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)
aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen
der Heiland wie ein einziger Akteur.



III

So ragen sie, die Herzen angehalten
(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);
nur selten tritt aus dem Gefll der Falten
eine Gebrde, aufrecht, steil wie sie,

und bleibt nach einem halben Schritte stehn,
wo die Jahrhunderte sie berholen.
Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,
in denen eine Welt, die sie nicht sehn,

die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,
Figur und Tier, wie um sie zu gefhrden,
sich krmmt und schttelt und sie dennoch hlt:
weil die Gestalten dort wie Akrobaten
sich nur so zuckend und so wild gebrden,
damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fllt.




DIE FENSTERROSE


Da drin: das trge Treten ihrer Tatzen
macht eine Stille, die dich fast verwirrt;
und wie dann pltzlich eine von den Katzen
den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,

gewaltsam in ihr groes Auge nimmt,--
den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis
ergriffen, eine kleine Weile schwimmt
und dann versinkt und nichts mehr von sich wei,

wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,
sich au auftut und zusammenschlgt mit Tosen
und ihn hineinreit bis ins rote Blut--:

so griffen einstmals aus dem Dunkelsein
der Kathedralen groe Fensterrosen
ein Herz und rissen es in Gott hinein.




DAS KAPITL


Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten
aufsteigend aus verwirrendem Gequl
der nchste Tag erhebt,--so gehn die Gurten
der Wlbung aus dem wirren Kapitl

und lassen drin, gedrngt und rtselhaft
verschlungen, flgelschlagende Geschpfe:
ihr Zgern und das Pltzliche der Kpfe
und jene starken Bltter, deren Saft

wie Jhzorn steigt, sich schlielich berschlagend
in einer schnellen Geste, die sich ballt
und sich heraushlt: alles aufwrtsjagend,

was immer wieder mit dem Dunkel kalt
herunterfllt, wie Regen Sorge tragend
fr dieses alten Wachstums Unterhalt.




GOTT IM MITTELALTER


Und sie hatten ihn in sich erspart,
und sie wollten, da er sei und richte,
und sie hngten schlielich wie Gewichte
(zu verhindern seine Himmelfahrt)

an ihn ihrer groen Kathedralen
Last und Masse. Und er sollte nur
ber seine grenzenlosen Zahlen
zeigend kreisen und wie eine Uhr

Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.
Aber pltzlich kam er ganz in Gang,
und die Leute der entsetzten Stadt

lieen ihn, vor seiner Stimme bang,
weitergehn mit ausgehngtem Schlagwerk
und entflohn vor seinem Zifferblatt.




MORGUE


Da liegen sie bereit, als ob es glte,
nachtrglich eine Handlung zu erfinden,
die miteinander und mit dieser Klte
sie zu vershnen wei und zu verbinden;

denn das ist alles noch wie ohne Schlu.
Was fr ein Name htte in den Taschen
sich finden sollen? An dem berdru
um ihren Mund hat man herumgewaschen;

er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.
Die Brte stehen, noch ein wenig hrter,
doch ordentlicher im Geschmack der Wrter,

nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.
Die Augen haben hinter ihren Lidern
sich umgewandt und schauen jetzt hinein.




DER GEFANGENE


I

Meine Hand hat nur noch eine
Gebrde, mit der sie verscheucht;
auf die alten Steine
fllt es aus Felsen feucht.

Ich hre nur dieses Klopfen,
und mein Herz hlt Schritt
mit dem Gehen der Tropfen
und vergeht damit.

Tropften sie doch schneller,
kme doch wieder ein Tier.
Irgendwo war es heller--.
Aber was wissen wir.



II

Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,
Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,
das wrde Stein bis um die kleine Stelle,
an der dein Herz und deine Hnde sind.

Und was jetzt in dir morgen heit und: dann
und: spterhin und nchstes Jahr und weiter--
das wrde wund in dir und voller Eiter
und schwre nur und brche nicht mehr an.

Und das was war, das wre irre und
raste in dir herum, den lieben Mund,
der niemals lachte, schumend von Gelchter.

Und das was Gott war, wre nur dein Wchter
und stopfte boshaft in das letzte Loch
ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.




DER PANTHER

IM JARDIN DES PLANTES, PARIS


Sein Blick ist vom Vorbergehn der Stbe
so md geworden, da er nichts mehr hlt.
Ihm ist, als ob es tausend Stbe gbe
und hinter tausend Stben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betubt ein groer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille--
und hrt im Herzen auf zu sein.




DIE GAZELLE

ANTILOPE DORCAS


Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
erwhlter Worte je den Reim erreichen,
der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,

und alles Deine geht schon im Vergleich
durch Liebeslieder, deren Worte, weich
wie Rosenbltter, dem, der nicht mehr liest,
sich auf die Augen legen, die er schliet,

um dich zu sehen: hingetragen, als
wre mit Sprngen jeder Lauf geladen
und schsse nur nicht ab, solang der Hals

das Haupt ins Horchen hlt: wie wenn beim Baden
im Wald die Badende sich unterbricht,
den Waldsee im gewendeten Gesicht.




DAS EINHORN


Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet
fiel wie ein Helm zurck von seinem Haupte:
denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,
das weie Tier, das wie eine geraubte
hilflose Hindin mit den Augen fleht.

Der Beine elfenbeinernes Gestell
bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
ein weier Glanz glitt selig durch das Fell,
und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,
stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,
und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.

Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum
war leicht gerafft, so da ein wenig Wei
(weier als alles) von den Zhnen glnzte;
die Nstern nahmen auf und lechzten leis.
Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,
warfen sich Bilder in den Raum
und schlssen einen blauen Sagenkreis.




SANKT SEBASTIAN


Wie ein Liegender so steht er; ganz
hingehalten von dem groen Willen.
Weit entrckt wie Mtter, wenn sie stillen,
und in sich gebunden wie ein Kranz.

Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt
und als sprngen sie aus seinen Lenden,
eisern bebend mit den freien Enden.
Doch er lchelt dunkel, unverletzt.

Einmal nur wird eine Trauer gro,
und die Augen liegen schmerzlich blo,
bis sie etwas leugnen, wie Geringes,
und als lieen sie verchtlich los
die Vernichter eines schnen Dinges.




DER STIFTER


Das war der Auftrag an die Malergilde.
Vielleicht da ihm der Heiland nie erschien;
vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde
an seine Seite wie in diesem Bilde
und legte leise seine Hand auf ihn.

Vielleicht war dieses alles: so zu knien
(so wie es alles ist, was wir erfuhren):
zu knien: da man die eigenen Konturen,
die auswrtswollenden, ganz angespannt
im Herzen hlt, wie Pferde in der Hand.

Da, wenn ein Ungeheueres geschhe,
das nicht versprochen ist und nieverbrieft,
wir hoffen knnten, da es uns nicht she
und nher kme, ganz in unsre Nhe,
mit sich beschftigt und in sich vertieft.




DER ENGEL


Mit einem Neigen seiner Stirne weist
er weit von sich, was einschrnkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende, das kreist.

Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
und jede kann ihm rufen: komm, erkenn--.
Gib seinen leichten Hnden nichts zu halten
aus deinem Lastenden. Sie kmen denn

bei Nacht zu dir, dich ringender zu prfen,
und gingen wie Erzrnte durch das Haus
und griffen dich, als ob sie dich erschfen,
und brchen dich aus deiner Form heraus.




RMISCHE SARKOPHAGE


Was aber hindert uns zu glauben, da
(so wie wir hingestellt sind und verteilt)
nicht eine kleine Zeit nur Drang und Ha
und dies Verwirrende in uns verweilt,

wie einst in dem verzierten Sarkophag
bei Ringen, Gtterbildern, Glsern, Bndern,
in langsam sich verzehrenden Gewndern
ein langsam Aufgelstes lag--

bis es die unbekannten Munde schluckten,
die niemals reden. (Wo besteht und denkt
ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)

Da wurde von den alten Aqudukten
ewiges Wasser in sie eingelenkt--:
das spiegelt jetzt und geht und glnzt in ihnen.




DER SCHWAN


Diese Mhsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir tglich stehn,
seinem ngstlichen Sich-Niederlassen--:

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glcklich und vergangen,
unter ihm zurckziehn, Flut um Flut;
whrend er unendlich still und sicher
immer mndiger und kniglicher
und gelassener zu ziehn geruht.




KINDHEIT


Es wre gut viel nachzudenken, um
von so Verlornem etwas auszusagen,
von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,
die so nie wiederkamen--und warum?

Noch mahnt es uns--: vielleicht in einem Regnen,
aber wir wissen nicht mehr, was das soll;
nie wieder war das Leben von Begegnen,
von Wiedersehn und Weitergehn so voll

wie damals, da uns nichts geschah als nur,
was einem Ding geschieht und einem Tiere:
da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
und wurden bis zum Rande voll Figur.

Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
und so mit groen Fernen berladen
und wie von weit berufen und berhrt
und langsam wie ein langer neuer Faden
in jene Bilderfolgen eingefhrt,
in welchen nun zu dauern uns verwirrt.




DER DICHTER


Du entfernst dich von mir, du Stunde.
Wunden schlgt mir dein Flgelschlag.
Allein: was soll ich mit meinem Munde?
mit meiner Nacht? mit meinem Tag?

Ich habe keine Geliebte, kein Haus,
keine Stelle, auf der ich lebe.
Alle Dinge, an die ich mich gebe,
werden reich und geben mich aus.




DIE SPITZE


I

Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,
noch unbesttigter Bestand von Glck:
ist das unmenschlich, da zu dieser Spitze,
zu diesem kleinen dichten Spitzenstck
zwei Augen wurden?--Willst du sie zurck?

Du Langvergangene und schlielich Blinde,
ist deine Seligkeit in diesem Ding,
zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,
dein groes Fhlen, kleinverwandelt, ging?

Durch einen Ri im Schicksal, eine Lcke
entzogst du deine Seele deiner Zeit;
und sie ist so in diesem lichten Stcke,
da es mich lcheln macht vor Ntzlichkeit.



II

Und wenn uns eines Tages dieses Tun
und was an uns geschieht gering erschiene
und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,
da wir so mhsam aus den Kinderschuhn
um seinetwillen wachsen--: Ob die Bahn
vergilbter Spitze, diese dichtgefgte
blumige Spitzenbahn, dann nicht gengte,
uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.

Ein Leben ward vielleicht verschmht, wer wei?
Ein Glck war da und wurde hingegeben,
und endlich wurde doch, um jeden Preis,
dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben
und doch vollendet und so schn, als sei's
nicht mehr zu frh, zu lcheln und zu schweben.




EIN FRAUENSCHICKSAL


So wie der Knig auf der Jagd ein Glas
ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,--
und wie hernach der, welcher es besa,
es fortstellt und verwahrt, als wr es keines:

so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,
bisweilen Eine an den Mund und trank,
die dann ein kleines Leben, viel zu bang
sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch

hinstellte in die ngstliche Vitrine,
in welcher seine Kostbarkeiten sind
(oder die Dinge, die fr kostbar gelten).

Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne
und wurde einfach alt und wurde blind
und war nicht kostbar und war niemals selten.




DIE GENESENDE


Wie ein Singen kommt und geht in Gassen
und sich nhert und sich wieder scheut,
flgelschlagend, manchmal fast zu fassen
und dann wieder weit hinausgestreut:

spielt mit der Genesenden das Leben;
whrend sie, geschwcht und ausgeruht,
unbeholfen, um sich hinzugeben,
eine ungewohnte Geste tut.

Und sie fhlt sich beinah wie Verfhrung,
wenn die hartgewordne Hand, darin
Fieber waren voller Widersinn,
fernher, wie mit blhender Berhrung,
zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.




DIE ERWACHSENE


Das alles stand auf ihr und war die Welt
und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,
wie Bume stehen, wachsend und gerade,
ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade
und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.

Und sie ertrug es; trug bis obenhin
das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,
das Ungeheuere, noch Unerlernte
gelassen wie die Wassertrgerin
den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,
verwandelnd und auf andres vorbereitend,
der erste weie Schleier, leise gleitend,
ber das aufgetane Antlitz fiel

fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend
und irgendwie auf alle Fragen ihr
nur eine Antwort vage wiedergebend:
In dir, du Kindgewesene, in dir.




TANAGRA


Ein wenig gebrannter Erde,
wie von groer Sonne gebrannt.
Als wre die Gebrde
einer Mdchenhand
auf einmal nicht mehr vergangen;
ohne nach etwas zu langen,
zu keinem Dinge hin
aus ihrem Gefhle fhrend,
nur an sich selber rhrend
wie eine Hand ans Kinn.

Wir heben und wir drehen
eine und eine Figur;
wir knnen fast verstehen,
weshalb sie nicht vergehen,--
aber wir sollen nur
tiefer und wunderbarer
hngen an dem, was war,
und lcheln: ein wenig klarer
vielleicht als vor einem Jahr.




DIE ERBLINDENDE


Sie sa so wie die anderen beim Tee.
Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse
ein wenig anders als die andern fasse.
Sie lchelte einmal. Es tat fast weh.

Und als man schlielich sich erhob und sprach
und langsam und wie es der Zufall brachte
durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),
da sah ich sie. Sie ging den andern nach,

verhalten, so wie eine, welche gleich
wird singen mssen und vor vielen Leuten;
auf ihren hellen Augen, die sich freuten,
war Licht von auen wie auf einem Teich.

Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,
als wre etwas noch nicht berstiegen;
und doch: als ob, nach einem bergang,
sie nicht mehr gehen wrde, sondern fliegen.




IN EINEM FREMDEN PARK

BORGEBY-GRD


Zwei Wege sinds. Sie fhren keinen hin.
Doch manchmal, in Gedanken, lt der eine
dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;
aber auf einmal bist du im Rondel
alleingelassen wieder mit dem Steine
und wieder auf ihm lesend: Freiherrin
Brite Sophie--und wieder mit dem Finger
abfhlend die zerfallne Jahreszahl--.
Warum wird dieses Finden nicht geringer?

Was zgerst du ganz wie zum erstenmal
erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,
der feucht und dunkel ist und niebetreten?

Und was verlockt dich fr ein Gegensatz,
etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,
als wrs der Name eines Rosenstocks?

Was stehst du oft? Was hren deine Ohren?
Und warum siehst du schlielich, wie verloren,
die Falter flimmern um den hohen Phlox?




ABSCHIED


Wie hab ich das gefhlt, was Abschied heit.
Wie wei ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schnverbundnes
noch einmal zeigt und hinhlt und zerreit.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen lie,
zurckblieb, so als wrens alle Frauen
und dennoch klein und wei und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes--, schon kaum
erklrbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.




TODESERFAHRUNG


Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Ha
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefllt.


Doch als du gingst, da brach in diese Bhne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,
durch den du hingingst: Grn wirklicher Grne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebrden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stck entrcktes Dasein kann

uns manchmal berkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so da wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.




BLAUE HORTENSIE


So wie das letzte Grn in Farbentiegeln
sind diese Bltter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Bltendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschnes wie an einer Kinderschrze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fhlt man eines kleinen Lebens Krze.

Doch pltzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rhrend Blaues sich vor Grnem freuen.




VOR DEM SOMMERREGEN


Auf einmal ist aus allem Grn im Park
man wei nicht was, ein Etwas, fortgenommen;
man fhlt ihn nher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Instndig nur und stark

ertnt aus dem Gehlz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Gu

erhren wird. Des Saales Wnde sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als drften sie nicht hren, was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich frchtete als Kind.




IM SAAL


Wie sind sie alle um uns, diese Herrn
in Kammerherrentrachten und Jabots,
wie eine Nacht um ihren Ordensstern
sich immer mehr verdunkelnd, rcksichtslos,
und diese Damen, zart, fragile, doch gro
von ihren Kleidern, eine Hand im Scho,
klein wie ein Halsband fr den Bologneser;
wie sind sie da um jeden: um den Leser,
um den Betrachter dieser Bibelots,
darunter manches ihnen noch gehrt.

Sie lassen, voller Takt, uns ungestrt
das Leben leben, wie wir es begreifen
und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blhn,
und blhn ist schn sein; doch wir wollen reifen,
und das heit dunkel sein und sich bemhn.




LETZTER ABEND

(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)


Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train
des ganzen Heeres zog am Park vorber.
Er aber hob den Blick vom Clavecin
und spielte noch und sah zu ihr hinber

beinah, wie man in einen Spiegel schaut:
so sehr erfllt von seinen jungen Zgen
und wissend, wie sie seine Trauer trgen,
schn und verfhrender bei jedem Laut.

Doch pltzlich wars, als ob sich das verwische:
sie stand wie mhsam in der Fensternische
und hielt des Herzens drngendes Geklopf.

Sein Spiel gab nach. Von drauen wehte Frische.
Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische
der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.




JUGENDBILDNIS MEINES VATERS


Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berhrung
mit etwas Fernem. Um den Mund enorm
viel Jugend, ungelchelte Verfhrung,
und vor der vollen schmckenden Verschnrung
der schlanken adeligen Uniform
der Sbelkorb und beide Hnde--, die
abwarten, ruhig, zu nichts hingedrngt.
Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie
zuerst, die Fernes greifenden, verschwnden.
Und alles andre mit sich selbst verhngt
und ausgelscht, als ob wirs nicht verstnden,
und tief aus seiner eignen Tiefe trb--.

Du schnell vergehendes Daguerreotyp
in meinen langsamer vergehenden Hnden.




SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906


Des alten lange adligen Geschlechtes
Feststehendes im Augenbogenbau.
Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau
und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,
doch eines Dienenden und einer Frau.
Der Mund als Mund gemacht, gro und genau,
nicht berredend, aber ein Gerechtes
Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes
und gern im Schatten stiller Niederschau.

Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;
noch nie im Leiden oder im Gelingen
zusammgefat zu dauerndem Durchdringen,
doch so, als wre mit zerstreuten Dingen
von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.




DER KNIG


Der Knig ist sechzehn Jahre alt.
Sechzehn Jahre und schon der Staat.
Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
vorbei an den Greisen vom Rat

in den Saal hinein und irgendwohin
und fhlt vielleicht nur dies:
an dem schmalen langen harten Kinn
die kalte Kette vom Vlies.

Das Todesurteil vor ihm bleibt
lang ohne Namenszug.
Und sie denken: wie er sich qult.

Sie wten, kennten sie ihn genug,
da er nur langsam bis siebzig zhlt,
eh er es unterschreibt.




AUFERSTEHUNG


Der Graf vernimmt die Tne,
er sieht einen lichten Ri;
er weckt seine dreizehn Shne
im Erbbegrbnis.

Er grt seine beiden Frauen
ehrerbietig von weit--;
und alle voll Vertrauen
stehn auf zur Ewigkeit

und warten nur noch auf Erich
und Ulriken Dorotheen,
die sieben- und dreizehnjhrig
   (sechzehnhundertzehn)
verstorben sind in Flandern,
um heute vor den andern
unbeirrt herzugehn.




DER FAHNENTRGER


Die andern fhlen alles an sich rauh
und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.
Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,
doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;
er aber trgt--als trg er eine Frau--
die Fahne in dem feierlichen Kleide.
Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,
die manchmal ber seine Hnde fliet.

Er kann allein, wenn er die Augen schliet,
ein Lcheln sehn: er darf sie nicht verlassen.

Und wenn es kommt in blitzenden Krassen
und nach ihr greift und ringt und will sie fassen--:

dann darf er sie abreien von dem Stocke,
als ri er sie aus ihrem Mdchentum,
um sie zu halten unterm Waffenrocke.

Und fr die andern ist das Mut und Ruhm.




DER LETZTE GRAF VON BREDERODE
ENTZIEHT SICH TRKISCHER
GEFANGENSCHAFT


Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod
von ferne nach ihm werfend, whrend er
verloren floh, nichts weiter als: bedroht.
Die Ferne seiner Vter schien nicht mehr

fr ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,
gengt ein Tier vor Jgern. Bis der Flu
aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschlu
hob ihn samt seiner Not und machte ihn

wieder zum Knaben frstlichen Gebltes.
Ein Lcheln adeliger Frauen go
noch einmal Sigkeit in sein verfrhtes

vollendetes Gesicht. Er zwang sein Ro,
gro wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglhte:
es trug ihn in den Strom wie in sein Schlo.




DIE KURTISANE


Venedigs Sonne wird in meinem Haar
ein Gold bereiten: aller Alchemie
erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
den Brcken gleichen, siehst du sie

hinfhren ob der lautlosen Gefahr
der Augen, die ein heimlicher Verkehr
an die Kanle schliet, so da das Meer
in ihnen steigt und fllt und wechselt. Wer

mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

die unverwundbare, geschmckt, erholt--.
Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.




DIE TREPPE DER ORANGERIE

VERSAILLES


Wie Knige, die schlielich nur noch schreiten
fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit
sich den Verneigenden auf beiden Seiten
zu zeigen in des Mantels Einsamkeit--:

so steigt, allein zwischen den Balustraden,
die sich verneigen schon seit Anbeginn,
die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden
und auf den Himmel zu und nirgends hin;

als ob sie allen Folgenden befahl
zurckzubleiben,--so da sie nicht wagen,
von ferne nachzugehen; nicht einmal
die schwere Schleppe durfte einer tragen.




DER MARMORKARREN

PARIS


Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,
verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;
denn was hochmtig in des Marmors Mitte
an Alter, Widerstand und All verweilt,

das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht
unkenntlich, unter irgendeinem Namen,
nein: wie der Held das Drngen in den Dramen
erst sichtbar macht und pltzlich unterbricht:

so kommt es durch den stauenden Verlauf
des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,
als ob ein groer Triumphator nahte,

langsam zuletzt; und langsam vor ihm her
Gefangene, von seiner Schwere schwer.
Und naht noch immer und hlt alles auf.




BUDDHA


Schon von ferne fhlt der fremde scheue
Pilger, wie es golden von ihm truft;
so als htten Reiche voller Reue
ihre Heimlichkeiten aufgehuft.

Aber nher kommend wird er irre
vor der Hoheit dieser Augenbraun:
denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
und die Ohrgehnge ihrer Fraun.

Wte einer denn zu sagen, welche
Dinge eingeschmolzen wurden, um
dieses Bild auf diesem Blumenkelche

aufzurichten: stummer, ruhiggelber
als ein goldenes und rundherum
auch den Raum berhrend wie sich selber.




RMISCHE FONTNE

BORGHESE


Zwei Becken, eins das andre bersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,

dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand
ihm Himmel hinter Grn und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;

sich selber ruhig in der schnen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal trumerisch und tropfenweis

sich niederlassend an den Moosbehngen
zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis
von unten lcheln macht mit Obergngen.




DAS KARUSSELL

JARDIN DU LUXEMBOURG


Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zgert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein bser roter Lwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weier Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
nur da er einen Sattel trgt und drber
ein kleines blaues Mdchen aufgeschnallt.

Und auf dem Lwen reitet wei ein Junge
und hlt sich mit der kleinen heien Hand,
dieweil der Lwe Zhne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weier Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorber,
auch Mdchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herber--

Und dann und wann ein weier Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, da es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grn, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil.
Und manchesmal ein Lcheln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel.




SPANISCHE TNZERIN


Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei,
eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten
zuckende Zungen streckt--: beginnt im Kreis
naher Beschauer hastig, hell und hei
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.

Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar.

Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,
die nackten Arme wach und klappernd strecken.

Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp,
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
und flammt noch immer und ergibt sich nicht--.
Doch sieghaft, sicher und mit einem sen
grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht
und stampft es aus mit kleinen festen Fen.




DER TURM

TOUR ST.-NICOLAS, FURNES


Erdinneres. Als wre dort, wohin
du blindlings steigst, erst Erdenoberflche,
zu der du steigst im schrgen Bett der Bche,
die langsam aus dem suchenden Gerinn

der Dunkelheit entsprungen sind, durch die
sich dein Gesicht, wie auferstehend, drngt
und die du pltzlich _siehst_, als fiele sie
aus diesem Abgrund, der dich berhngt

und den du, wie er riesig ber dir
sich umstrzt in dem dmmernden Gesthle,
erkennst, erschreckt und frchtend, im Gefhle:
o wenn er steigt, behngen wie ein Stier--:

Da aber nimmt dich aus der engen Endung
windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier
die Himmel wieder, Blendung ber Blendung,
und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,

und kleine Tage wie bei Patenier,
gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,
durch die die Brcken springen wie die Hunde,
dem hellen Wege immer auf der Spur,
den unbeholfne Huser manchmal nur
verbergen, bis er ganz im Hintergrnde
beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.




DER PLATZ

FURNES


Willkrlich von Gewesnem ausgeweitet:
von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,
das die Verurteilten zu Tod begleitet,
von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,
und von dem Herzog, der vorberreitet,
und von dem Hochmut von Burgund,

(auf allen Seiten Hintergrund):

ladet der Platz zum Einzug seiner Weite
die fernen Fenster unaufhrlich ein,
whrend sich das Gefolge und Geleite
der Leere langsam an den Handelsreihn

verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,
wollen die kleinen Huser alles sehn,
die Trme voreinander scheu verschweigend,
die immer malos hinter ihnen stehn.





QUAI DU ROSAIRE

BRGGE


Die Gassen haben einen sachten Gang
(wie manchmal Menschen gehen im Genesen
nachdenkend: was ist frher hier gewesen?)
und die an Pltze kommen, warten lang

auf eine andre, die mit einem Schritt
ber das abendklare Wasser tritt,
darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,
die eingehngte Welt von Spiegelbildern
so wirklich wird, wie diese Dinge nie.

Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie
(nach einem unbegreiflichen Gesetz)
sie wach und deutlich wird im Umgestellten,
als wre dort das Leben nicht so selten;
dort hngen jetzt die Grten gro und gelten,
dort dreht sich pltzlich hinter schnell erhellten
Fenstern der Tanz in den Estaminets.

Und oben blieb?--Die Stille nur, ich glaube,
und kostet langsam und von nichts gedrngt
Beere um Beere aus der sen Traube
des Glockenspiels, das in den Himmeln hngt.




BGUINAGE

BGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRGGE


I


Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,
die Brcke geht gleich gerne hin und her,
und doch sind sicher alle in dem alten
offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr
aus ihren Husern, als auf jenem Streifen
zur Kirche hin, um besser zu begreifen,
warum in ihnen so viel Liebe war.

Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen
so gleich, als wre nur das Bild der einen
tausendmal im Choral, der tief und klar
zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;
und ihre Stimmen gehn den immer steilern
Gesang hinan und werfen sich von dort,
wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,
den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.

Drum sind die unten, wenn sie sich erheben
und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend
mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend
Empfangenden, geweihtes Wasser, das
die Stirnen khl macht und die Munde bla.

Und gehen dann, verhangen und verhalten,
auf jenem Streifen wieder berquer--
die Jungen ruhig, ungewi die Alten
und eine Greisin, weilend, hinterher--
zu ihren Husern, die sie schnell verschweigen
und die sich durch die Ulmen hin von Zeit
zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,
in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.



II


Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben
das Kirchenfenster in den Hof hinein,
darin sich Schweigen, Schein und Widerschein
vermischen, trinken, trben, bertreiben,
phantastisch alternd wie ein alter Wein?

Dort legt sich, keiner wei von welcher Seite,
Auen auf Inneres und Ewigkeit
auf Immer-Hingehn, Weite ber Weite,
erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.

Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor
des Sommertags, das Graue alter Winter:
als stnde regungslos ein sanftgesinnter
langmtig lange Wartender dahinter
und eine weinend Wartende davor.




DIE MARIENPROZESSION

GENT


Aus allen Trmen strzt sich, Flu um Flu,
hinwallendes Metall in solchen Massen,
als sollte drunten in der Form der Gassen
ein blanker Tag erstehn aus Bronzegu,

an dessen Rand, gehmmert und erhaben,
zu sehen ist der buntgebundne Zug
der leichten Mdchen und der neuen Knaben,
und wie er Wellen schlug und trieb und trug,
hinabgehalten von dem ungewissen
Gewicht der Fahnen und von Hindernissen
gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;

und drben pltzlich beinah mitgerissen
vom Aufstieg aufgescheuchter Rucherbecken,
die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken
an ihren Silberketten zerrn.

Die Bschung Schauender umschliet die Schiene,
in der das alles stockt und rauscht und rollt:
das Kommende, das Chryselephantine,
aus dem sich zu Balkonen Baldachine
aufbumen, schwankend im Behang von Gold.

Und sie erkennen ber all dem Weien,
getragen und im spanischen Gewand,
das alte Standbild mit dem kleinen heien
Gesichte und dem Kinde auf der Hand
und knieen hin, je mehr es naht und naht,
in seiner Krone ahnungslos veraltend
und immer noch das Segnen hlzern haltend
aus dem sich gro gebrdenden Brokat.

Da aber, wie es an den Hingeknieten
vorberkommt, die scheu von unten schaun,
da scheint es seinen Trgern zu gebieten
mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,
hochmtig, ungehalten und bestimmt:
so da sie staunen, stehn und berlegen
und schlielich zgernd gehn. Sie aber nimmt

in sich die Schritte dieses ganzen Stromes
und geht, allein, wie auf erkannten Wegen
dem Glockendonnern des grooffnen Domes
auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.




DIE INSEL

NORDSEE


I


Die nchste Flut verwischt den Weg im Watt,
und alles wird auf allen Seiten gleich;
die kleine Insel drauen aber hat
die Augen zu; verwirrend kreist der Deich

um ihre Wohner, die in einen Schlaf
geboren werden, drin sie viele Welten
verwechseln schweigend; denn sie reden selten,
und jeder Satz ist wie ein Epitaph

fr etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,
das unerklrt zu ihnen kommt und bleibt.
Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,

von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,
zu Groes, Rcksichtsloses, Hergesandtes,
das ihre Einsamkeit noch bertreibt.



II


Als lge er in einem Kraterkreise
auf einem Mond: ist jeder Hof umdmmt,
und drin die Grten sind auf gleiche Weise
gekleidet und wie Waisen gleich gekmmt

von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht
und tagelang sie bange macht mit Toden.
Dann sitzt man in den Husern drin und sieht
in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden

Seltsames steht. Und einer von den Shnen
tritt abends vor die Tr und zieht ein Tnen
aus der Harmonika wie Weinen weich;

so hrte ers in einem fremden Hafen--.
Und drauen formt sich eines von den Schafen
ganz gro, fast drohend, auf dem Auendeich.



III


Nah ist nur Innres; alles andre fern.
Und dieses Innere gedrngt und tglich
mit allem berfllt und ganz unsglich.
Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,

welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstrt
in seinem unbewuten Furchtbarsein,
so da er, unerhellt und berhrt,
allein,

damit dies alles doch ein Ende nehme,
dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn
versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan
der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.




HETRENGRBER


In ihren langen Haaren liegen sie
mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.
Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.
Skelette, Munde, Blumen. In den Munden
die glatten Zhne wie ein Reiseschachspiel
aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.
Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,
Hnde und Hemden, welkende Gewebe
ber dem eingestrzten Herzen. Aber
dort unter jenen Ringen, Talismanen
und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)
steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,
bis an die Wlbung voll mit Blumenblttern.
Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,--
Schalen gebrannten Tones, deren Bug
ihr eignes Bild geziert hat, grne Scherben
von Salbenvasen, die wie Blumen duften,
und Formen kleiner Gtter: Hausaltre,
Hetrenhimmel mit entzckten Gttern.
Gesprengte Grtel, flache Skaraben,
kleine Figuren riesigen Geschlechtes,
ein Mund, der lacht, und Tanzende und Lufer,
goldene Fibeln, kleinen Bogen hnlich
zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,
und lange Nadeln, zieres Hausgerte
und eine runde Scherbe roten Grundes,
darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,
die straffen Beine eines Viergespannes.
Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,
die hellen Lenden einer kleinen Leier,
und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,
wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:
des Fugelenkes leichter Schmetterling.

So liegen sie mit Dingen angefllt,
kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,
zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),
und dunkeln wie der Grund von einem Flu.

Flubetten waren sie,
darber hin in kurzen schnellen Wellen
(die weiter wollten zu dem nchsten Leben)
die Leiber vieler Jnglinge sich strzten
und in denen der Mnner Strme rauschten.
Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen
der Kindheit, kamen zagen Falles nieder
und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,
bis das Geflle ihr Gefhl ergriff:

Dann fllten sie mit flachem klaren Wasser
die ganze Breite dieses breiten Weges
und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;
und spiegelten zum erstenmal die Ufer
und ferne Vogelrufe, whrend hoch
die Sternennchte eines sen Landes
in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.




ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES


Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen war da
und wesenlose Wlder. Brcken ber Leeres
und jener groe, graue, blinde Teich,
der ber seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel ber einer Landschaft.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
erschien des einen Weges blasser Streifen
wie eine lange Bleiche hingelegt.

Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fra sein Schritt den Weg
in groen Bissen; seine Hnde hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wuten nicht mehr von der leichten Leier,
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des lbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:

indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nchsten Wendung stand,--
blieb sein Gehr wie ein Geruch zurck.
Manchmal erschien es ihm, als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.
Er aber sagte sich, sie kmen doch;
sagte es laut und hrte sich verhallen.
Sie kmen doch, nur wrens zwei,
die furchtbar leise gingen. Drfte er
sich einmal wenden (wre das Zurckschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), mte er sie sehen,
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reischaube ber hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flgelschlagend an den Fugelenken;
und seiner linken Hand gegeben: _sie_.
Die So-geliebte, da aus einer Leier
mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
da eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal da war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Flu und Tier;
und da um diese Klage-Welt ganz so
wie um die andre Erde eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen--:
diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung
und dachte nicht des Mannes, der voranging,
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfllte sie wie Flle.
Wie eine Frucht von Sigkeit und Dunkel,
so war sie voll von ihrem groen Tode,
der also neu war, da sie nichts begriff.

Sie war in einem neuen Mdchentum
und unberhrbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hnde waren der Vermhlung
so sehr entwhnt, da selbst des leichten Gottes
unendlich leise leitende Berhrung
sie krnkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.
Sie war schon aufgelst wie langes Haar
und hingegeben wie gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.
Und als pltzlich jh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet
begriff sie nichts und sagte leise: Wer?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurckging dieses selben Weges,
den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.




ALKESTIS


Da pltzlich war der Bote unter ihnen,
hineingeworfen in das berkochen
des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.
Sie fhlten nicht, die Trinkenden, des Gottes
heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit
so an sich hielt wie einen nassen Mantel
und ihrer einer schien, der oder jener,
wie er so durchging. Aber pltzlich sah
mitten im Sprechen einer von den Gsten
den jungen Hausherrn oben an dem Tische
wie in die Hh gerissen, nicht mehr liegend
und berall und mit dem ganzen Wesen
ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.
Und gleich darauf, als klrte sich die Mischung,
war Stille; nur mit einem Satz am Boden
von trbem Lrm und einem Niederschlag
fallenden Lallens, schon verdorben riechend
nach dumpfem umgestandenen Gelchter.
Und da erkannten sie den schlanken Gott,
und wie er dastand, innerlich voll Sendung
und unerbittlich,--wuten sie es beinah.
Und doch, als es gesagt war, war es mehr
als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.
Admet mu sterben. Wann? In dieser Stunde.

Der aber brach die Schale seines Schreckens
in Stcken ab und streckte seine Hnde
heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.
Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,
um Monate, um Wochen, um paar Tage,
ach, Tage nicht, um Nchte, nur um eine,
um eine Nacht, um diese nur: um die.
Der Gott verneinte, und da schrie er auf
und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,
wie seine Mutter aufschrie beim Gebren.

Und die trat zu ihm, eine alte Frau,
und auch der Vater kam, der alte Vater,
und beide standen, alt, veraltet, ratlos,
beim Schreienden, der pltzlich, wie noch nie
so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:
Vater,
liegt dir denn viel daran an diesem Rest,
an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?
Geh, gie ihn weg. Und du, du alte Frau,
Matrone,
was tust du denn noch hier: du hast geboren.
Und beide hielt er sie wie Opfertiere
in einem Griff. Auf einmal lie er los
und stie die Alten fort, voll Einfall, strahlend
und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!
Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.
Aber in seinem Antlitz stand das andere,
das er nicht sagte, namenlos erwartend,
wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,
erglhend hinhielt bern wirren Tisch.

Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,
sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,
du aber, du, in deiner ganzen Schnheit--

Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.
Er blieb zurck, und das, was kam, war sie,
ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,
und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.
Die andern alle sind nur ihre Gasse,
durch die sie kommt und kommt--: (gleich wird sie da sein
in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).
Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.
Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,
und alle hrens gleichsam erst im Gotte:

Ersatz kann keiner fr ihn sein. Ich bins.
Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,
wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,
was ich hier war? Das _ists_ ja, da ich sterbe.
Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,
da jenes Lager, das da drinnen wartet,
zur Unterwelt gehrt? Ich nahm ja Abschied.
Abschied ber Abschied.
Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,
damit das alles, unter dem begraben,
der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflst--.
So fr mich hin: ich sterbe ja fr ihn.

Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,
so trat der Gott fast wie zu einer Toten
und war auf einmal weit von ihrem Gatten,
dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,
die hundert Leben dieser Erde zuwarf.
Der strzte taumelnd zu den beiden hin
und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen
schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen
verweint sich drngten. Aber einmal sah
er noch des Mdchens Antlitz, das sich wandte
mit einem Lcheln, hell wie eine Hoffnung,
die beinah ein Versprechen war: erwachsen
zurckzukommen aus dem tiefen Tode
zu ihm, dem Lebenden--

Da schlug er jh
die Hnde vors Gesicht, wie er so kniete,
um nichts zu sehen mehr nach diesem Lcheln.




GEBURT DER VENUS


An diesem Morgen nach der Nacht, die bang
vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,--
brach alles Meer noch einmal auf und schrie.
Und als der Schrei sich langsam wieder schlo
und von der Himmel blassem Tag und Anfang
herabfiel in der stummen Fische Abgrund--:
gebar das Meer.

Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum
der weiten Wogenscham, an deren Rand
das Mdchen aufstand, wei, verwirrt und feucht.
So wie ein junges grnes Blatt sich rhrt,
sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlgt,
entfaltete ihr Leib sich in die Khle
hinein und in den unberhrten Frhwind.

Wie Monde stiegen klar die Kniee auf
und tauchten in der Schenkel Wolkenrnder;
der Waden schmaler Schatten wich zurck,
die Fe spannten sich und wurden licht,
und die Gelenke lebten wie die Kehlen
von Trinkenden.

Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib
wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.
In seines Nabels engem Becher war
das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.

Darunter hob sich licht die kleine Welle
und flo bestndig ber nach den Lenden,
wo dann und wann ein stilles Rieseln war.
Durchschienen aber und noch ohne Schatten,
wie ein Bestand von Birken im April,
warm, leer und unverborgen lag die Scham.

Jetzt stand der Schultern rege Wage schon
im Gleichgewichte auf dem graden Krper,
der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg
und zgernd in den langen Armen abfiel
und rascher in dem vollen Kall des Haars.

Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:
aus dem verkrzten Dunkel seiner Neigung
in klares, wagrechtes Erhobensein.
Und hinter ihm verschlo sich steil das Kinn.

Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl
und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,
streckten sich auch die Arme aus wie Hlse
von Schwnen, wenn sie nach dem Ufer suchen.

Dann kam in dieses Leibes dunkle Frhe
wie Morgenwind der erste Atemzug.
Im zartesten Gest der Aderbume
entstand ein Flstern, und das Blut begann
zu rauschen ber seinen tiefen Stellen.
Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich
mit allem Atem in die neuen Brste
und fllte sie und drckte sich in sie,--
da sie wie Segel, von der Ferne voll,
das leichte Mdchen nach dem Strande drngten.

So landete die Gttin.

Hinter ihr,
die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,
erhoben sich den ganzen Vormittag
die Blumen und die Halme, warm, verwirrt
wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.

Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,
hob sich das Meer noch einmal auf und warf
einen Delphin an jene selbe Stelle.
Tot, rot und offen.




DIE ROSENSCHALE


Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben
zu einem Etwas sich zusammenballen,
das Ha war und sich auf der Erde wlzte
wie ein von Bienen berfallnes Tier;
Schauspieler, aufgetrmte bertreiber,
rasende Pferde, die zusammenbrachen,
den Blick wegwerfend, blkend das Gebi,
als schlte sich der Schdel aus dem Maule.

Nun aber weit du, wie sich das vergit:
denn vor dir steht die volle Rosenschale,
die unvergelich ist und angefllt
mit jenem uersten von Sein und Neigen,
Hinhalten, Niemals-Gebenknnen, Dastehn,
das unser sein mag: uerstes auch uns.

Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum
zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
und Sich-bescheinendes bis an den Rand:
ist irgend etwas uns bekannt wie dies?
Und dann wie dies: da ein Gefhl entsteht,
weil Bltenbltter Bltenbltter rhren?

Und dies: da eins sich aufschlgt wie ein Lid,
und drunter liegen lauter Augenlider,
geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend
zu dmpfen htten eines Innern Sehkraft.
Und dies vor allem: da durch diese Bltter
das Licht hindurch mu. Aus den tausend Himmeln
filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,
in dessen Feuerschein das wirre Bndel
der Staubgele sich erregt und aufbumt.

Und die Bewegung in den Rosen, sieh:
Gebrden von so kleinem Ausschlagswinkel,
da sie unsichtbar blieben, liefen ihre
Strahlen nicht auseinander in das Weltall.

Sieh jene weie, die sich selig aufschlug
und dasteht in den groen offnen Blttern
wie eine Venus aufrecht in der Muschel;
und die errtende, die wie verwirrt
nach einer khlen sich hinberwendet,
und wie die khle fhllos sich zurckzieht,
und wie die kalte steht, in sich gehllt,
unter den offenen, die alles abtun.
Und _was_ sie abtun, wie das leicht und schwer,
wie es ein Mantel, eine Last, ein Flgel
und eine Maske sein kann, je nachdem,
und _wie_ sie's abtun: wie vor dem Geliebten.

Was knnen sie nicht sein: war jene gelbe,
die hohl und offen daliegt, nicht die Schale
von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,
gesammelter, orangerter, Saft war?
Und wars fr diese schon zu viel, das Aufgehn,
weil an der Luft ihr namenloses Rosa
den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?
Und die batistene, ist sie kein Kleid,
in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,
mit dem zugleich es abgeworfen wurde
im Morgenschatten an dem alten Waldbad?
Und dieses hier, opalnes Porzellan,
zerbrechlich, eine flache Chinatasse
und angefllt mit kleinen hellen Faltern,--
und jene da, die nichts enthlt als sich?

Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
wenn Sich-enthalten heit: die Welt da drauen
und Wind und Regen und Geduld des Frhlings
und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
und Dunkelheit der abendlichen Erde
bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
bis auf den vagen Einflu ferner Sterne
in eine Hand voll Innres zu verwandeln?

Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.





INHALT


Frher Apollo
Mdchenklage
Liebeslied
Eranna an Sappho
Sappho an Eranna
Sappho an Alkaos (Fragment)
Grabmal eines jungen Mdchens
Opfer
stliches Taglied
Abisag
David singt vor Saul
Josuas Landtag
Der Auszug des verlorenen Sohnes
Der lbaumgarten
Piet
Gesang der Frauen an den Dichter
Der Tod des Dichters
Buddha
L'Ange du Mridien (Chartres)
Die Kathedrale
Das Portal
Die Fensterrose
Das Kapitl
Gott im Mittelalter
Morgue
Der Gefangene
Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris)
Die Gazelle (Antilope dorcas)
Das Einhorn
Sankt Sebastian
Der Stifter
Der Engel
Rmische Sarkophage
Der Schwan
Kindheit
Der Dichter
Die Spitze
Ein Frauenschicksal
Die Genesende
Die Erwachsene
Tanagra
Die Erblindende
In einem fremden Park (Borgeby-Grd)
Abschied
Todeserfahrung
Blaue Hortensie
Vor dem Sommerregen
Im Saal
Letzter Abend (Aus dem Besitze Frau Nonnas)
Jugendbildnis meines Vaters
Selbstbildnis aus dem Jahre 1906
Der Knig
Auferstehung
Der Fahnentrger
Der letzte Graf von Brederode entzieht sich trkischer Gefangenschaft
Die Kurtisane
Die Treppe der Orangerie (Versailles)
Der Marmorkarren (Paris)
Buddha
Rmische Fontne (Borghese)
Das Karussell (Jardin du Luxembourg)
Spanische Tnzerin
Der Turm (Tour St.-Nicolas, Furnes)
Der Platz (Furnes)
Quai du Rosaire (Brgge)
Bguinage (Bguinage Sainte-Elisabeth, Brgge)
Die Marienprozession (Gent)
Die Insel (Nordsee)
Hetrengrber
Orpheus. Eurydike. Hermes
Alkestis
Geburt der Venus
Die Rosenschale





End of the Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke

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http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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