The Project Gutenberg EBook of Der Neuen Gedichte, by Rainer Maria Rilke

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Title: Der Neuen Gedichte
       Anderer Teil

Author: Rainer Maria Rilke

Release Date: October 15, 2010 [EBook #33864]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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DER NEUEN GEDICHTE

ANDERER TEIL

Von

RAINER MARIA RILKE

LEIPZIG

IM INSEL-VERLAG

MCMXIX


A MON GRAND AMI AUGUSTE RODIN




ARCHASCHER TORSO APOLLOS


Wir kannten nicht sein unerhrtes Haupt,
darin die Augenpfel reiften. Aber
sein Torso glht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurckgeschraubt,

sich hlt und glnzt. Sonst knnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden knnte nicht ein Lcheln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stnde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle

und brche nicht aus allen seinen Rndern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mt dein Leben ndern.




KRETISCHE ARTEMIS


Wind der Vorgebirge: war nicht ihre
Stirne wie ein lichter Gegenstand?
Glatter Gegenwind der leichten Tiere,
formtest du sie: ihr Gewand

bildend an die unbewuten Brste
wie ein wechselvolles Vorgefhl?
Whrend sie, als ob sie alles wte,
auf das Fernste zu, geschrzt und khl,

strmte mit den Nymphen und den Hunden,
ihren Bogen probend, eingebunden
in den harten hohen Gurt;

manchmal nur aus fremden Siedelungen
angerufen und erzrnt bezwungen
von dem Schreien um Geburt.




LEDA


Als ihn der Gott in seiner Not betrat,
erschrak er fast, den Schwall so schn zu finden;
er lie sich ganz verwirrt in ihm verschwinden.
Schon aber trug ihn sein Betrug zur Tat,

bevor er noch des unerprobten Seins
Gefhle prfte. Und die Aufgetane
erkannte schon den Kommenden im Schwane
und wute schon: er bat um eins,

das sie, verwirrt in ihrem Widerstand,
nicht mehr verbergen konnte. Er kam nieder,
und halsend durch die immer schwchre Hand

lie sich der Gott in die Geliebte los.
Dann erst empfand er glcklich sein Gefieder
und wurde wirklich Schwan in ihrem Scho.




DELPHINE


Jene Wirklichen, die ihrem Gleichen
berall zu wachsen und zu wohnen
gaben, fhlten an verwandten Zeichen
Gleiche in den aufgelsten Reichen,
die der Gott, mit triefenden Tritonen,
berstrmt bisweilen bersteigt;
denn da hatte sich das Tier gezeigt:
anders als die stumme, stumpfgemute
Zucht der Fische, Blut von ihrem Blute,
und von fern dem Menschlichen geneigt.

Eine Schar kam, die sich berschlug,
froh, als fhlte sie die Fluten glnzend:
Warme, Zugetane, deren Zug
wie mit Zuversicht die Fahrt bekrnzend,
leichtgebunden um den runden Bug
wie um einer Vase Rumpf und Rundung,
selig, sorglos, sicher vor Verwundung,
aufgerichtet, hingerissen, rauschend
und im Tauchen mit den Wellen tauschend
die Trireme heiter weitertrug.

Und der Schiffer nahm den neugewhrten
Freund in seine einsame Gefahr
und ersann fr ihn, fr den Gefhrten,
dankbar eine Welt und hielt fr wahr,
da er Tne liebte, Gtter, Grten
und das tiefe, stille Sternenjahr.




DIE INSEL DER SIRENEN


Wenn er denen, die ihm gastlich waren,
spt, nach ihrem Tage noch, da sie
fragten nach den Fahrten und Gefahren,
still berichtete: er wute nie,

wie sie schrecken und mit welchem jhen
Wort sie wenden, da sie so wie er
in dem blau gestillten Inselmeer
die Vergoldung jener Inseln shen,

deren Anblick macht, da die Gefahr
umschlgt; denn nun ist sie nicht im Tosen
und im Wten, wo sie immer war:
lautlos kommt sie ber die Matrosen,

welche wissen, da es dort auf jenen
goldnen Inseln manchmal singt--,
und sich blindlings in die Ruder lehnen,
wie umringt

von der Stille, die die ganze Weite
in sich hat und an die Ohren weht,
so als wre ihre andre Seite
der Gesang, dem keiner widersteht.




KLAGE UM ANTINOUS


Keiner begriff mir von euch den bithynischen Knaben
(da ihr den Strom anfatet und von ihm hbt...).
Ich verwhnte ihn zwar. Und dennoch: wir haben
ihn nur mit Schwere erfllt und fr immer getrbt.

Wer vermag denn zu lieben? Wer kann es?--Noch keiner.
Und so hab ich unendliches Weh getan--.
Nun ist er am Nil der stillenden Gtter einer,
und ich wei kaum welcher und kann ihm nicht nahn.

Und ihr warfet ihn noch, Wahnsinnige, bis in die Sterne,
damit ich euch rufe und drnge: meint ihr den?
Was ist er nicht einfach ein Toter. Er wre es gerne.
Und vielleicht wre ihm nichts geschehn.




DER TOD DER GELIEBTEN


Er wute nur vom Tod, was alle wissen:
da er uns nimmt und in das Stumme stt.
Als aber sie, nicht von ihm fortgerissen,
nein, leis aus seinen Augen ausgelst,

hinberglitt zu unbekannten Schatten,
und als er fhlte, da sie drben nun
wie einen Mond ihr Mdchenlcheln hatten
und ihre Weise wohlzutun:

da wurden ihm die Toten so bekannt,
als wre er durch sie mit einem jeden
ganz nah verwandt; er lie die andern reden

und glaubte nicht und nannte jenes Land
das gutgelegene, das immerse--.
Und tastete es ab fr ihre Fe.




KLAGE UM JONATHAN


Ach, sind auch Knige nicht von Bestand
und drfen hingehn wie gemeine Dinge,
obwohl ihr Druck wie der der Siegelringe
sich widerbildet in das weiche Land.

Wie aber konntest du, so angefangen
mit deines Herzens Initial,
aufhren pltzlich: Wrme meiner Wangen.
O da dich einer noch einmal
erzeugte, wenn sein Samen in ihm glnzt.

Irgendein Fremder sollte dich zerstren,
und der dir innig war, ist nichts dabei
und mu sich halten und die Botschaft hren;
wie wunde Tiere auf den Lagern lhren,
mcht ich mich legen mit Geschrei:

denn da und da, an meinen scheusten Orten,
bist du mir ausgerissen wie das Haar,
das in den Achselhhlen wchst und dorten,
wo ich ein Spiel fr Frauen war,

bevor du meine dort verfitzten Sinne
aufstrhntest, wie man einen Knaul entflicht;
da sah ich auf und wurde deiner inne:--
jetzt aber gehst du mir aus dem Gesicht.




TRSTUNG DES ELIA


Er hatte das getan und dies, den Bund
wie jenen Altar wieder aufzubauen,
zu dem sein weitgeschleudertes Vertrauen
zurck als Feuer fiel von ferne, und
hatte er dann nicht Hunderte zerhauen,
weil sie ihm stanken mit dem Baal im Mund,
am Bache schlachtend bis ans Abendgrauen,

das mit dem Regengrau sich gro verband?
Doch als ihn von der Knigin der Bote
nach solchem Werktag antrat und bedrohte,
da lief er wie ein Irrer in das Land,

so lange, bis er unterm Ginsterstrauche
wie weggeworfen aufbrach in Geschrei,
das in der Wste brllte: Gott, gebrauche
mich lnger nicht. Ich bin entzwei.

Doch grade da kam ihn der Engel tzen
mit einer Speise, die er tief empfing,
so da er lange dann an Weidepltzen
und Wassern immer zum Gebirge ging,

zu dem der Herr um seinetwillen kam:
im Sturme nicht und nicht im Sich-Zerspalten
der Erde, der entlang in schweren Falten
ein leeres Feuer ging, fast wie aus Scham
ber des Ungeheuren ausgeruhtes
Hinstrzen zu dem angekommnen Alten,
der ihn im sanften Sausen seines Blutes
erschreckt und zugedeckt vernahm.




SAUL UNTER DEN PROPHETEN


Meinst du denn, da man sich sinken sieht?
Nein, der Knig schien sich noch erhaben,
da er seinen starken Harfenknaben
tten wollte bis ins zehnte Glied.

Erst da ihn der Geist auf solchen Wegen
berfiel und auseinanderri,
sah er sich im Innern ohne Segen,
und sein Blut ging in der Finsternis
aberglubig dem Gericht entgegen.

Wenn sein Mund jetzt troff und prophezeite,
war es nur, damit der Flchtling weit
flchten knne. So war dieses zweite
Mal. Doch einst: er hatte prophezeit

fast als Kind, als ob ihm jede Ader
mndete in einen Mund aus Erz;
alle schritten, doch er schritt gerader;
alle schrieen, doch ihm schrie das Herz.

Und nun war er nichts als dieser Haufen
umgestrzter Wrden, Last auf Last;
und sein Mund war wie der Mund der Traufen,
der die Gsse, die zusammenlaufen,
fallen lt, eh er sie fat.




SAMUELS ERSCHEINUNG VOR SAUL


Da schrie die Frau zu Endor auf: Ich sehe--
Der Knig packte sie am Arme: Wen?
Und da die Starrende beschrieb, noch ehe,
da war ihm schon, er htte selbst gesehn:

den, dessen Stimme ihn noch einmal traf:
Was strst du mich? Ich habe Schlaf.
Willst du, weil dir die Himmel fluchen,
und weil der Herr sich vor dir schlo und schwieg,
in meinem Mund nach einem Siege suchen?
Soll ich dir meine Zhne einzeln sagen?
Ich habe nichts als sie.... Es schwand. Da schrie
das Weib, die Hnde vors Gesicht geschlagen,
als ob sie's sehen mte: Unterlieg--

Und er, der in der Zeit, die ihm gelang,
das Volk wie ein Feldzeichen berragte,
fiel hin, bevor er noch zu klagen wagte:
so sicher war sein Untergang.
Die aber, die ihn wider Willen schlug,
hoffte, da er sich fate und verge;
und als sie hrte, da er nie mehr e,
ging sie hinaus und schlachtete und buk
und brachte ihn dazu, da er sich setzte;
er sa wie einer, der zu viel vergit:
alles, was war, bis auf das Eine, Letzte.
Dann a er, wie ein Knecht zu Abend it.




EIN PROPHET


Ausgedehnt von riesigen Gesichten,
hell vom Feuerschein aus dem Verlauf
der Gerichte, die ihn nie vernichten,--
sind die Augen, schauend unter dichten
Brauen. Und in seinem Innern richten
sich schon wieder Worte auf,

nicht die seinen (denn was wren seine,
und wie schonend wren sie vertan),
andre, harte: Eisenstcke, Steine,
die er schmelzen mu wie ein Vulkan,

um sie in dem Ausbruch seines Mundes
auszuwerfen, welcher flucht und flucht;
whrend seine Stirne, wie des Hundes
Stirne, das zu tragen sucht,

was der Herr von seiner Stirne nimmt:
Dieser, Dieser, den sie alle fnden,
folgten sie den groen Zeigehnden,
die Ihn weisen, wie Er ist: ergrimmt.




JEREMIAS


Einmal war ich weich wie frher Weizen,
doch, du Rasender, du hast vermocht,
mir das hingehaltne Herz zu reizen,
da es jetzt wie eines Lwen kocht.

Welchen Mund hast du mir zugemutet,
damals, da ich fast ein Knabe war:
eine Wunde wurde er: nun blutet
aus ihm Unglcksjahr um Unglcksjahr.

Tglich tnte ich von neuen Nten,
die du, Unersttlicher, ersannst,
und sie konnten mir den Mund nicht tten;
sieh du zu, wie du ihn stillen kannst,

wenn, die wir zerstoen und zerstren,
erst verloren sind und fernverlaufen
und vergangen sind in der Gefahr:
denn dann will ich in den Trmmerhaufen
endlich meine Stimme Wiederhren,
die von Anfang an ein Heulen war.




EINE SIBYLLE


Einst, vor Zeiten, nannte man sie alt.
Doch sie blieb und kam dieselbe Strae
tglich. Und man nderte die Mae,
und man zhlte sie wie einen Wald

nach Jahrhunderten. Sie aber stand
jeden Abend auf derselben Stelle,
schwarz wie eine alte Zitadelle,
hoch und hohl und ausgebrannt;

von den Worten, die sich unbewacht
wider ihren Willen in ihr mehrten,
immerfort umschrieen und umflogen,
whrend die schon wieder heimgekehrten
dunkel unter ihren Augenbogen
saen, fertig fr die Nacht.




ABSALOMS ABFALL


Sie hoben sie mit Geblitz:
der Sturm aus den Hrnern schwellte
seidene, breitgewellte
Fahnen. Der herrlich Erhellte
nahm im hoch offenen Zelte,
das jauchzendes Volk umstellte,
zehn Frauen in Besitz,

die (gewohnt an des alternden Frsten
sparsame Nacht und Tat)
unter seinem Drsten
wogten wie Sommersaat.

Dann trat er heraus zum Rate,
wie vermindert um nichts,
und jeder, der ihm nahte,
erblindete seines Lichts.

So zog er auch den Heeren
voran wie ein Stern dem Jahr;
ber allen Speeren
wehte sein warmes Haar,
das der Helm nicht fate
und das er manchmal hate,
weil es schwerer war
als seine reichsten Kleider.

Der Knig hatte geboten,
da man den Schnen schone.
Doch man sah ihn ohne
Helm an den bedrohten
Orten die rgsten Knoten
zu roten Stcken von Toten
auseinanderhaun.
Dann wute lange keiner
von ihm, bis pltzlich einer
schrie: Er hngt dort hinten
an den Terebinthen
mit hochgezogenen Braun.

Das war genug des Winks.
Joab, wie ein Jger,
ersphte das Haar--: ein schrger
gedrehter Ast: da hings.
Er durchrannte den schlanken Klger,
und seine Waffentrger
durchbohrten ihn rechts und links.




ESTHER


Die Dienerinnen kmmten sieben Tage
die Asche ihres Grams und ihrer Plage
Neige und Niederschlag aus ihrem Haar
und trugen es und sonnten es im Freien
und speisten es mit reinen Spezereien
noch diesen Tag und den: dann aber war

die Zeit gekommen, da sie ungeboten,
zu keiner Frist, wie eine von den Toten
den drohend offenen Palast betrat,
um gleich, gelegt auf ihre Kammerfrauen,
am Ende ihres Weges _den_ zu schauen,
an dem man stirbt, wenn man ihm naht.

Er glnzte so, da sie die Kronrubine
aufflammen fhlte, die sie an sich trug;
sie fllte sich ganz rasch mit seiner Miene
wie ein Gef und war schon voll genug

und flo schon ber von des Knigs Macht,
bevor sie noch den dritten Saal durchschritt,
der sie mit seiner Wnde Malachit
grn berlief. Sie hatte nicht gedacht,

so langen Gang zu tun mit allen Steinen,
die schwerer wurden von des Knigs Scheinen
und kalt von ihrer Angst. Sie ging und ging.

Und als sie endlich fast von nahe ihn,
aufruhend auf dem Thron von Turmalin,
sich trmen sah, so wirklich wie ein Ding:

empfing die rechte von den Dienerinnen
die Schwindende und hielt sie zu dem Sitze.
Er rhrte sie mit seines Zepters Spitze;
und sie begriff es ohne Sinne, innen.




DER AUSSTZIGE KNIG


Da trat auf seiner Stirn der Aussatz aus
und stand auf einmal unter seiner Krone,
als war er Knig ber allen Graus,
der in die andern fuhr, die fassungsohne

hinstarrten nach dem furchtbaren Vollzug
an jenem, welcher, schmal wie ein Verschnrter,
erwartete, da einer nach ihm schlug;
doch noch war keiner Manns genug:
als machte ihn nur immer unberhrter
die neue Wrde, die sich bertrug.




LEGENDE VON DEN DREI LEBENDIGEN UND DEN DREI TOTEN


Drei Herren hatten mit Falken gebeizt
und freuten sich auf das Gelag.
Da nahm sie der Greis in Beschlag
und fhrte. Die Reiter hielten gespreizt
vor dem dreifachen Sarkophag,

der ihnen dreimal entgegenstank,
in den Mund, in die Nase, ins Sehn;
und sie wuten es gleich: da lagen lang
drei Tote mitten im Untergang
und lieen sich grlich gehn.

Und sie hatten nur noch ihr Jgergehr
reinlich hinter dem Sturmbandlr;
doch da zischte der Alte sein:
--Sie gingen nicht durch das Nadelhr
und gehen niemals--hinein.

Nun blieb ihnen noch ihr klares Getast,
das stark war vom Jagen und hei;
doch das hatte ein Frost von hinten gefat
und trieb ihm Eis in den Schwei.




DER KNIG VON MNSTER


Der Knig war geschoren;
nun ging ihm die Krone zu weit
und bog ein wenig die Ohren,
in die von Zeit zu Zeit

gehssiges Gelrme
aus Hungermulern fand.
Er sa, von wegen der Wrme,
auf seiner rechten Hand,

mrrisch und schwergesig.
Er fhlte sich nicht mehr echt:
der Herr in ihm war mig,
und der Beischlaf war schlecht.




TOTENTANZ


Sie brauchen kein Tanz-Orchester;
sie hren in sich ein Geheule,
als wren sie Eulennester.
Ihr ngsten nt wie eine Beule,
und der Vorgeruch ihrer Fule
ist noch ihr bester Geruch.

Sie fassen den Tnzer fester,
den rippenbetreten Tnzer,
den Galan, den echten Ergnzer
zu einem ganzen Paar.
Und er lockert der Ordensschwester
ber dem Haar das Tuch;
sie tanzen ja unter Gleichen.
Und er zieht der wachslichtbleichen
leise die Lesezeichen
aus ihrem Stunden-Buch.

Bald wird ihnen allen zu hei,
sie sind zu reich gekleidet;
beiender Schwei verleidet
ihnen Stirne und Stei
und Schauben und Hauben und Steine;
sie wnschen, sie wren nackt
wie ein Kind, ein Verrckter und Eine:
die tanzen noch immer im Takt.




DAS JNGSTE GERICHT


So erschrocken, wie sie nie erschraken,
ohne Ordnung, oft durchlocht und locker,
hocken sie in dem geborstnen Ocker
ihres Ackers, nicht von ihren Laken

abzubringen, die sie liebgewannen.
Aber Engel kommen an, um le
einzutrufeln in die trocknen Pfannen
und um jedem in die Achselhhle

das zu legen, was er in dem Lrme
damals seines Lebens nicht entweihte;
denn dort hat es noch ein wenig Wrme,

da es nicht des Herren Hand erklte
oben, wenn er es aus jeder Seite
leise greift, zu fhlen, ob es glte.




DIE VERSUCHUNG


Nein, es half nicht, da er sich die scharfen
Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
alle seine trchtigen Sinne warfen
unter kreiendem Gekreisch

Frhgeburten: schiefe, hingeschielte
kriechende und fliegende Gesichte,
Nichte, deren nur auf ihn erpichte
Bosheit sich verband und mit ihm spielte.

Und schon hatten seine Sinne Enkel;
denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
und in immer bunterem Gesprenkel
hingehudelt und verhundertfacht.
Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
seine Hnde griffen lauter Henkel,
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
warm und zu Umarmungen erwacht--.

Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
und der Engel kam in seinem Schein
und war da: und jagte sie
wieder in den Heiligen hinein,

da er mit Geteufel und Getier
in sich weiterringe wie seit Jahren
und sich Gott, den lange noch nicht klaren,
innen aus dem Jsen destillier.




DER ALCHIMIST


Seltsam verlchelnd schob der Laborant
den Kolben fort, der halbberuhigt rauchte.
Er wute jetzt, was er noch brauchte,
damit der sehr erlauchte Gegenstand

da drin entstnde. Zeiten brauchte er.
Jahrtausende fr sich und diese Birne,
in der es brodelte; im Hirn Gestirne
und im Bewutsein mindestens das Meer.

Das Ungeheuere, das er gewollt,
er lie es los in dieser Nacht. Es kehrte
zurck zu Gott und in sein altes Ma;

er aber, lallend wie ein Trunkenbold,
lag ber dem Geheimfach und begehrte
den Brocken Gold, den er besa.




DER RELIQUIENSCHREIN


Drauen wartete auf alle Ringe
und auf jedes Kettenglied
Schicksal, das nicht ohne sie geschieht.
Drinnen waren sie nur Dinge, Dinge,
die er schmiedete; denn vor dem Schmied
war sogar die Krone, die er bog,
nur ein Ding, ein zitterndes und eines,
das er finster wie im Zorn erzog
zu dem Tragen eines reinen Steines.

Seine Augen wurden immer klter
von dem kalten tglichen Getrnk;
aber als der herrliche Behlter
(goldgetrieben, kstlich, vielkartig)
fertig vor ihm stand, das Weihgeschenk,
da darin ein kleines Handgelenk
frder wohne, wei und wunderttig:

blieb er ohne Ende auf den Knien,
hingeworfen, weinend, nicht mehr wagend,
seine Seele niederschlagend
vor dem ruhigen Rubin,
der ihn zu gewahren schien
und ihn, pltzlich um sein Dasein fragend,
ansah wie aus Dynastien.




DAS GOLD


Denk es wre nicht: es htte mssen
endlich in den Bergen sich gebren
und sich niederschlagen in den Flssen
aus dem Wollen, aus dem Gren

ihres Willens; aus der Zwangidee,
da ein Erz ist ber allen Erzen.
Weithin warfen sie aus ihren Herzen
immer wieder Mero

an den Rand der Lande, in den ther,
ber das Erfahrene hinaus;
und die Shne brachten manchmal spter
das Verheiene der Vter,
abgehrtet und verhehrt, nach Haus,

wo es anwuchs eine Zeit, um dann
fortzugehn von den an ihm Geschwchten,
die es niemals liebgewann.
Nur (so sagt man) in den letzten Nchten
steht es auf und sieht sie an.




DER STYLIT


Vlker schlugen ber ihm zusammen,
die er kren durfte und verdammen;
und erratend, da er sich verlor,
klomm er aus dem Volksgeruch mit klammen
Hnden einen Sulenschaft empor,

der noch immer stieg und nichts mehr hob,
und begann, allein auf seiner Flche,
ganz von vorne seine eigne Schwche
zu vergleichen mit des Herren Lob;

und da war kein Ende: er verglich;
und der andre wurde immer grer.
Und die Hirten, Ackerbauer, Fler
sahn ihn klein und auer sich

immer mit dem ganzen Himmel reden,
eingeregnet manchmal, manchmal licht;
und sein Heulen strzte sich auf jeden,
so als heulte er ihm ins Gesicht.
Doch er sah seit Jahren nicht,

wie der Menge Drngen und Verlauf
unten unaufhrlich sich ergnzte,
und das Blanke an den Frsten glnzte
lange nicht so hoch hinauf.

Aber wenn er oben, fast verdammt
und von ihrem Widerstand zerschunden,
einsam mit verzweifeltem Geschreie
schttelte die tglichen Dmonen:
fielen langsam auf die erste Reihe
schwer und ungeschickt aus seinen Wunden
groe Wrmer in die offnen Kronen
und vermehrten sich im Samt.




DIE GYPTISCHE MARIA


Seit sie damals, betthei, als die Hure
bern Jordan floh und, wie ein Grab
gebend, stark und unvermischt das pure
Herz der Ewigkeit zu trinken gab,

wuchs ihr frhes Hingegebensein
unaufhaltsam an zu solcher Gre,
da sie endlich, wie die ewige Ble
aller, aus vergilbtem Elfenbein

dalag in der drren Haare Schelfe.
Und ein Lwe kreiste; und ein Alter
rief ihn winkend an, da er ihm helfe:

(und so gruben sie zu zwein.)

Und der Alte neigte sie hinein.
Und der Lwe, wie ein Wappenhalter,
sa dabei und hielt den Stein.




KREUZIGUNG


Lngst gebt, zum kahlen Galgenplatze
irgendein Gesindel hinzudrngen,
lieen sich die schweren Knechte hngen,
dann und wann nur eine groe Fratze

kehrend nach den abgetanen Drein.
Aber oben war das schlechte Henkern
rasch getan; und nach dem Fertigsein
lieen sich die freien Mnner schlenkern.

Bis der eine (fleckig wie ein Selcher)
sagte: Hauptmann, dieser hat geschrien.
Und der Hauptmann sah vom Pferde: Welcher?
und es war ihm selbst, er htte ihn

den Elia rufen hren. Alle
waren zuzuschauen voller Lust,
und sie hielten, da er nicht verfalle,
gierig ihm die ganze Essiggalle
an sein schwindendes Gehust.

Denn sie hofften noch ein ganzes Spiel
und vielleicht den kommenden Elia.
Aber hinten ferne schrie Maria,
und er selber brllte und verfiel.




DER AUFERSTANDENE


Er vermochte niemals bis zuletzt
ihr zu weigern oder abzuneinen,
da sie ihrer Liebe sich berhme;
und sie sank ans Kreuz in dem Kostme
eines Schmerzes, welches ganz besetzt
war mit ihrer Liebe grten Steinen.

Aber da sie dann, um ihn zu salben,
an das Grab kam, Trnen im Gesicht,
war er auferstanden ihrethalben,
da er seliger ihr sage: Nicht--

Sie begriff es erst in ihrer Hhle,
wie er ihr, gestrkt durch seinen Tod,
endlich das Erleichternde der le
und des Rhrens Vorgefhl verbot,

um aus ihr die Liebende zu formen,
die sich nicht mehr zum Geliebten neigt,
weil sie, hingerissen von enormen
Strmen, seine Stimme bersteigt.




MAGNIFIKAT


Sie kam den Hang herauf, schon schwer, fast ohne
an Trost zu glauben, Hoffnung oder Rat;
doch da die hohe tragende Matrone
ihr ernst und stolz entgegentrat

und alles wute ohne ihr Vertrauen,
da war sie pltzlich an ihr ausgeruht;
vorsichtig hielten sich die vollen Frauen,
bis da die junge sprach: Mir ist zumut,

als wr ich, Liebe, von nun an fr immer.
Gott schttet in der Reichen Eitelkeit
fast ohne hinzusehen ihren Schimmer;
doch sorgsam sucht er sich ein Frauenzimmer
und fllt sie an mit seiner fernsten Zeit.

Da er mich fand. Bedenk nur; und Befehle
um meinetwillen gab von Stern zu Stern--.
Verherrliche und hebe, meine Seele,
so hoch du kannst: den Herrn.




ADAM


Staunend steht er an der Kathedrale
steilem Aufstieg, nah der Fensterrose,
wie erschreckt von der Apotheose,
welche wuchs und ihn mit einem Male

niederstellte ber die und die.
Und er ragt und freut sich seiner Dauer
schlicht entschlossen; als der Ackerbauer,
der begann und der nicht wute, wie

aus dem fertig-vollen Garten Eden
einen Ausweg in die neue Erde
finden. Gott war schwer zu berreden;

und er drohte ihm, statt zu gewhren,
immer wieder, da er sterben werde.
Doch der Mensch bestand: sie wird gebren.




EVA


Einfach steht sie an der Kathedrale
groem Aufstieg, nah der Fensterrose,
mit dem Apfel in der Apfelpose,
schuldlos-schuldig ein fr alle Male

an dem Wachsenden, das sie gebar,
seit sie aus dem Kreis der Ewigkeiten
liebend fortging, um sich durchzustreiten
durch die Erde, wie ein junges Jahr.

Ach, sie htte gern in jenem Land
noch ein wenig weilen mgen, achtend
auf der Tiere Eintracht und Verstand.

Doch da sie den Mann entschlossen fand,
ging sie mit ihm, nach dem Tode trachtend,
und sie hatte Gott noch kaum gekannt.




IRRE IM GARTEN

DIJON


Noch schliet die aufgegebene Karthause
sich um den Hof, als wrde etwas heil.
Auch die sie jetzt bewohnen, haben Pause
und nehmen nicht am Leben drauen teil.

Was irgend kommen konnte, das verlief.
Nun gehn sie gerne mit bekannten Wegen
und trennen sich und kommen sich entgegen,
als ob sie kreisten, willig, primitiv.

Zwar manche pflegen dort die Frhlingsbeete,
demtig, drftig, hingekniet;
aber sie haben, wenn es keiner sieht,
eine verheimlichte, verdrehte

Gebrde fr das zarte frhe Gras,
ein prfendes, verschchtertes Liebkosen:
denn das ist freundlich, und das Rot der Rosen
wird vielleicht drohend sein und berma

und wird vielleicht schon wieder bersteigen,
was ihre Seele wiederkennt und wei.
Dies aber lt sich noch verschweigen:
wie gut das Gras ist und wie leis.




DIE IRREN


Und sie schweigen, weil die Scheidewnde
weggenommen sind aus ihrem Sinn,
und die Stunden, da man sie verstnde,
heben an und gehen hin.

Nchtens oft, wenn sie ans Fenster treten:
pltzlich ist es alles gut.
Ihre Hnde liegen im Konkreten,
und das Herz ist hoch und knnte beten,
und die Augen schauen ausgeruht

auf den unverhofften, oftentstellten
Garten im beruhigten Geviert,
der im Widerschein der fremden Welten
weiterwchst und niemals sich verliert.




AUS DEM LEBEN EINES HEILIGEN


Er kannte ngste, deren Eingang schon
wie Sterben war und nicht zu berstehen.
Sein Herz erlernte, langsam durchzugehen;
er zog es gro wie einen Sohn.

Und namenlose Nte kannte er,
finster und ohne Morgen wie Verschlge;
und seine Seele gab er folgsam her,
da sie erwachsen war, auf da sie lge

bei ihrem Brutigam und Herrn; und blieb
allein zurck an einem solchen Orte,
wo das Alleinsein alles bertrieb,
und wohnte weit und wollte niemals Worte.

Aber dafr, nach Zeit und Zeit, erfuhr
er auch das Glck, sich in die eignen Hnde,
damit er eine Zrtlichkeit empfnde,
zu legen wie die ganze Kreatur.




DIE BETTLER


Du wutest nicht, was den Haufen
ausmacht. Ein Fremder fand
Bettler darin. Sie verkaufen
das Hohle aus ihrer Hand.

Sie zeigen dem Hergereisten
ihren Mund voll Mist,
und er darf (er kann es sich leisten)
sehn, wie ihr Aussatz frit.

Es zergeht in ihren zerrhrten
Augen sein fremdes Gesicht;
und sie freuen sich des Verfhrten
und speien, wenn er spricht.




FREMDE FAMILIE


So wie der Staub, der irgendwie beginnt
und nirgends ist, zu unerklrtem Zwecke
an einem leeren Morgen in der Ecke,
in die man sieht, ganz rasch zu Grau gerinnt,

so bildeten sie sich, wer wei aus was,
im letzten Augenblick vor deinen Schritten
und waren etwas Ungewisses mitten
im nassen Niederschlag der Gasse, das

nach dir verlangte. Oder nicht nach dir.
Denn eine Stimme, wie vom vorigen Jahr,
sang dich zwar an und blieb doch ein Geweine;
und eine Hand, die wie geliehen war,
kam zwar hervor und nahm doch nicht die deine.
Wer kommt denn noch? Wen meinen diese vier?




LEICHEN WSCHE


Sie hatten sich an ihn gewhnt. Doch als
die Kchenlampe kam und unruhig brannte
im dunkeln Luftzug, war der Unbekannte
ganz unbekannt. Sie wuschen seinen Hals,

und da sie nichts von seinem Schicksal wuten,
so logen sie ein anderes zusamm,
fortwhrend waschend. Eine mute husten
und lie solang den schweren Essigschwamm

auf dem Gesicht. Da gab es eine Pause
auch fr die zweite. Aus der harten Brste
klopften die Tropfen; whrend seine grause
gekrampfte Hand dem ganzen Hause
beweisen wollte, da ihn nicht mehr drste.

Und er bewies. Sie nahmen wie betreten
eiliger jetzt mit einem kurzen Huster
die Arbeit auf, so da an den Tapeten
ihr krummer Schatten in dem stummen Muster

sich wand und wlzte wie in einem Netze,
bis da die Waschenden zu Ende kamen.
Die Nacht im vorhanglosen Fensterrahmen
war rcksichtslos. Und einer ohne Namen
lag bar und reinlich da und gab Gesetze.




EINE VON DEN ALTEN

PARIS


Abends manchmal (weit du, wie das tut?)
wenn sie pltzlich stehn und rckwrts nicken
und ein Lcheln, wie aus lauter Flicken,
zeigen unter ihrem halben Hut.

Neben ihnen ist dann ein Gebude,
endlos, und sie locken dich entlang
mit dem Rtsel ihrer Rude,
mit dem Hut, dem Umhang und dem Gang.

Mit der Hand, die hinten unterm Kragen
heimlich wartet und verlangt nach dir:
wie um deine Hnde einzuschlagen
in ein aufgehobenes Papier.




DER BLINDE

PARIS


Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,
die nicht ist auf seiner dunkeln Stelle,
wie ein dunkler Sprung durch eine helle
Tasse geht. Und wie auf einem Blatt

ist auf ihm der Widerschein der Dinge
aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.
Nur sein Fhlen rhrt sich, so als finge
es die Welt in kleinen Wellen ein:

eine Stille, einen Widerstand--,
und dann scheint er wartend wen zu whlen:
hingegeben hebt er seine Hand,
festlich fast, wie um sich zu vermhlen.




EINE WELKE


Leicht, wie nach ihrem Tode
trgt sie die Handschuh, das Tuch.
Ein Duft aus ihrer Kommode
verdrngte den lieben Geruch,

an dem sie sich frher erkannte,
Jetzt fragte sie lange nicht, wer
sie sei (:eine ferne Verwandte),
und geht in Gedanken umher

und sorgt fr ein ngstliches Zimmer,
das sie ordnet und schont,
weil es vielleicht noch immer
dasselbe Mdchen bewohnt.




ABENDMAHL


Ewiges will zu uns. Wer hat die Wahl
und trennt die groen und geringen Krfte?
Erkennst du durch das Dmmern der Geschfte
im klaren Hinterraum das Abendmahl:

wie sie sich's halten und wie sie sich's reichen
und in der Handlung schlicht und schwer beruhn.
Aus ihren Hnden heben sich die Zeichen;
sie wissen nicht, da sie sie tun

und immer neu mit irgendwelchen Worten
einsetzen, was man trinkt und was man teilt.
Denn da ist keiner, der nicht allerorten
heimlich von hinnen geht, indem er weilt.

Und sitzt nicht immer einer unter ihnen,
der seine Eltern, die ihm ngstlich dienen,
wegschenkt an ihre abgetane Zeit?
(Sie zu verkaufen, ist ihm schon zu weit.)




DIE BRANDSTTTE


Gemieden von dem Frhherbstmorgen, der
mitrauisch war, lag hinter den versengten
Hauslinden, die das Heidehaus beengten,
ein Neues, Leeres. Eine Stelle mehr,

auf welcher Kinder, von Gott wei woher,
einander zuschrien und nach Fetzen haschten.
Doch alle wurden stille, sooft er,
der Sohn von hier, aus heien, halbveraschten

Geblken Kessel und verbogne Trge
mit einem langen Gabelaste zog,--
um dann mit einem Blick, als ob er lge,
die andern anzusehn, die er bewog

zu glauben, was an dieser Stelle stand.
Denn seit es nicht mehr war, schien es ihm so
seltsam: phantastischer als Pharao.
Und er war anders, wie aus fernem Land.




DIE GRUPPE

PARIS


Als pflckte einer rasch zu einem Strau:
ordnet der Zufall hastig die Gesichter,
lockert sie auf und drckt sie wieder dichter,
ergreift zwei ferne, lt ein nahes aus,

tauscht das mit dem, blst irgendeines frisch,
wirft einen Hund, wie Kraut, aus dem Gemisch
und zieht, was niedrig schaut, wie durch verworrne
Stiele und Bltter, an dem Kopf nach vorne

und bindet es ganz klein am Rande ein;
und streckt sich wieder, ndert und verstellt
und hat nur eben Zeit, zum Augenschein

zurckzuspringen mitten auf die Matte,
auf der im nchsten Augenblick der glatte
Gewichteschwinger seine Schwere schwellt.




SCHLANGENBESCHWRUNG


Wenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwrer
die Krbisflte pfeift, die reizt und lullt,
so kann es sein, da er sich einen Hrer
herberlockt, der ganz aus dem Tumult

der Buden eintritt in den Kreis der Pfeife,
die will und will und will und die erreicht,
da das Reptil in seinem Korb sich steife
und die das steife schmeichlerisch erweicht,

abwechselnd immer schwindelnder und blinder
mit dem, was schreckt und streckt, und dem, was lst--;
und dann gengt ein Blick: so hat der Inder
dir eine Fremde eingeflt,

in der du stirbst. Es ist, als berstrze
glhender Himmel dich. Es geht ein Sprung
durch dein Gesicht. Es legen sich Gewrze
auf deine nordische Erinnerung,

die dir nichts hilft. Dich feien keine Krfte,
die Sonne grt, das Fieber fllt und trifft;
von bser Freude steilen sich die Schfte,
und in den Schlangen glnzt das Gift.




SCHWARZE KATZE


Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
dran dein Blick mit einem Klange stt;
aber da an diesem schwarzen Felle
wird dein strkstes Schauen aufgelst:

wie ein Tobender, wenn er in vollster
Raserei ins Schwarze stampft,
jhlings am benehmenden Gepolster
einer Zelle aufhrt und verdampft.

Alle Blicke, die sie jemals trafen,
scheint sie also an sich zu verhehlen,
um darber drohend und verdrossen
zuzuschauern und damit zu schlafen.
Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,
ihr Gesicht und mitten in das deine:
und da triffst du deinen Blick im geelen
Amber ihrer runden Augensteine
unerwartet wieder: eingeschlossen
wie ein ausgestorbenes Insekt.




VOR-OSTERN

NEAPEL


Morgen wird in diesen tiefgekerbten
Gassen, die sich durch getrmtes Wohnen
unten dunkel nach dem Hafen drngen,
hell das Gold der Prozessionen rollen;
statt der Fetzen werden die ererbten
Bettbezge, welche wehen wollen,
von den immer hheren Balkonen
(wie in Flieendem gespiegelt) hngen.

Aber heute hmmert an den Klopfern
jeden Augenblick ein voll Bepackter,
und sie schleppen immer neue Kufe;
dennoch stehen strotzend noch die Stnde.
An der Ecke zeigt ein aufgehackter
Ochse seine frischen Innenwnde,
und in Fhnchen enden alle Lufe.
Und ein Vorrat wie von tausend Opfern

drngt auf Bnken, hngt sich rings um Pflcke,
zwngt sich, wlbt sich, wlzt sich aus dem Dmmer
aller Tren, und vor dem Geghne
der Melonen strecken sich die Brote.
Voller Gier und Handlung ist das Tote;
doch viel stiller sind die jungen Hhne
und die abgehngten Ziegenbcke
und am allerleisesten die Lmmer,

die die Knaben um die Schultern nehmen
und die willig von den Schritten nicken;
whrend in der Mauer der verglasten
spanischen Madonna die Agraffe
und das Silber in den Diademen
von dem Lichter-Vorgefhl beglnzter
schimmert. Aber drber in dem Fenster
zeigt sich blickverschwenderisch ein Affe
und fhrt rasch in einer angematen
Haltung Gesten aus, die sich nicht schicken.




DER BALKON

NEAPEL


Von der Enge, oben, des Balkones
angeordnet wie von einem Maler
und gebunden wie zu einem Strau
alternder Gesichter und ovaler,
klar im Abend, sehn sie idealer,
rhrender und wie fr immer aus.

Diese aneinander angelehnten
Schwestern, die, als ob sie sich von weit
ohne Aussicht nacheinander sehnten,
lehnen, Einsamkeit an Einsamkeit;

und der Bruder mit dem feierlichen
Schweigen, zugeschlossen, voll Geschick,
doch von einem sanften Augenblick
mit der Mutter unbemerkt verglichen;

und dazwischen, abgelebt und lnglich,
lngst mit keinem mehr verwandt,
einer Greisin Maske, unzugnglich,
wie im Fallen von der einen Hand
aufgehalten, whrend eine zweite,
welkere, als ob sie weitergleite,
unten vor den Kleidern hngt zur Seite

von dem Kinder-Angesicht,
das das Letzte ist, versucht, verblichen,
von den Stben wieder durchgestrichen
wie noch unbestimmbar, wie noch nicht.




AUSWANDERER-SCHIFF

NEAPEL

Denk, da einer hei und glhend flchte,
und die Sieger wren hinterher,
und auf einmal machte der
Flchtende kurz, unerwartet, Kehr
gegen Hunderte--: so sehr
warf sich das Erglhende der Frchte
immer wieder an das blaue Meer,

als das langsame Orangenboot
sie vorbertrug bis an das groe
graue Schiff, zu dem, von Sto zu Stoe,
andre Boote Fische hoben, Brot,--
whrend es voll Flohn in seinem Sche
Kohlen aufnahm, offen wie der Tod.




LANDSCHAFT


Wie zuletzt, in einem Augenblick
aufgehuft aus Hngen, Husern, Stcken
alter Himmel und zerbrochnen Brcken,
und von drben her, wie vom Geschick,
von dem Sonnenuntergang getroffen,
angeschuldigt, aufgerissen, offen--
ginge dort die Ortschaft tragisch aus:

fiele nicht auf einmal in das Wunde,
drin zerflieend, aus der nchsten Stunde
jener Tropfen khlen Blaus,
der die Nacht schon in den Abend mischt,
so da das von ferne Angefachte
sachte, wie erlst, erlischt.

Ruhig sind die Tore und die Bogen,
durchsichtige Wolken wogen
ber blassen Huserreihn,
die schon Dunkel in sich eingesogen;
aber pltzlich ist vom Mond ein Schein
durchgeglitten, licht, als htte ein
Erzengel irgendwo sein Schwert gezogen.




RMISCHE CAMPAGNA


Aus der vollgestellten Stadt, die lieber
schliefe, trumend von den hohen Thermen,
geht der grade Grberweg ins Fieber;
und die Fenster in den letzten Fermen

sehn ihm nach mit einem bsen Blick.
Und er hat sie immer im Genick,
wenn er hingeht, rechts und links zerstrend,
bis er drauen atemlos beschwrend

seine Leere zu den Himmeln hebt,
hastig um sich schauend, ob ihn keine
Fenster treffen. Whrend er den weiten

Aqudukten zuwinkt herzuschreiten,
geben ihm die Himmel fr die seine
ihre Leere, die ihn berlebt.




LIED VOM MEER

CAPRI. PICCOLA MARINA


Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:
du kommst zu keinem her;
wenn einer wacht,
so mu er sehn, wie er
dich bersteht:
uraltes Wehn vom Meer,
welches weht
nur wie fr Urgestein,
lauter Raum
reiend von weit herein.

O wie fhlt dich ein
treibender Feigenbaum
oben im Mondschein.




NCHTLICHE FAHRT

SANKT PETERSBURG


Damals als wir mit den glatten Trabern
(schwarzen, aus dem Orloffschen Gestt)--,
whrend hinter hohen Kandelabern
Stadtnachtfronten lagen, angefrht
stumm und keiner Stunde mehr gem--,
fuhren, nein: vergingen oder flogen
und um lastende Palste bogen
in das Wehn der Newa-Quais,

hingerissen durch das wache Nachten,
das nicht Himmel und nicht Erde hat,--
als das Drngende von unbewachten
Grten grend aus dem Ljetnij-Ssad
aufstieg, whrend seine Steinfiguren
schwindend mit ohnmchtigen Konturen
hinter uns vergingen, wie wir fuhren--:

damals hrte diese Stadt
auf zu sein. Auf einmal gab sie zu,
da sie niemals war, um nichts als Ruh
flehend; wie ein Irrer, dem das Wirrn
pltzlich sich entwirrt, das ihn verriet,

und der einen jahrelangen kranken
gar nicht zu verwandelnden Gedanken,
den er nie mehr denken mu: Granit--
aus dem leeren schwankenden Gehirn
fallen fhlt, bis man ihn nicht mehr sieht.




PAPAGEIENPARK

PARIS


Unter trkischen Linden, die blhen, an Rasenrndern,
in leise von ihrem Heimweh geschaukelten Stndern
atmen die ra und wissen von ihren Lndern,
die sich, auch wenn sie nicht hinsehn, nicht verndern.

Fremd im beschftigten Grnen wie eine Parade,
zieren sie sich und fhlen sich selber zu schade,
und mit den kostbaren Schnbeln aus Jaspis und Jade
kauen sie Graues, verschleudern es, finden es fade.

Unten klauben die duffen Tauben, was sie nicht mgen,
whrend sich oben die hhnischen Vgel verbeugen
zwischen den beiden fast leeren vergeudeten Trgen.

Aber dann wiegen sie wieder und schlfern und ugen,
spielen mit dunkelen Zungen, die gerne lgen,
zerstreut an den Fufesselringen. Warten auf Zeugen.




DIE PARKE


I


Unaufhaltsam heben sich die Parke
aus dem sanft zerfallenden Vergehn;
berhuft mit Himmeln, berstarke
berlieferte, die berstehn,

um sich auf den klaren Rasenplnen
auszubreiten und zurckzuziehn,
immer mit demselben souvernen
Aufwand, wie beschtzt durch ihn,

und den unerschpflichen Erls
kniglicher Gre noch vermehrend,
aus sich steigend, in sich wiederkehrend:
huldvoll, prunkend, purpurn und pomps.




II


Leise von den Alleen
ergriffen, rechts und links,
folgend dem Weitergehen
irgendeines Winks,

trittst du mit einem Male
in das Beisammensein
einer schattigen Wasserschale
mit vier Bnken aus Stein;

in eine abgetrennte
Zeit, die allein vergeht.
Auf feuchte Postamente,
auf denen nichts mehr steht,

hebst du einen tiefen
erwartenden Atemzug;
whrend das silberne Triefen
vor dem dunkeln Bug

dich schon zu den Seinen
zhlt und weiterspricht.
Und du fhlst dich unter Steinen,
die hren, und rhrst dich nicht.



III


Den Teichen und den eingerahmten Weihern
verheimlicht man noch immer das Verhr
der Knige. Sie warten unter Schleiern,
und jeden Augenblick kann Monseigneur

vorberkommen; und dann wollen sie
des Knigs Laune oder Trauer mildern
und von den Marmorrndern wieder die
Teppiche mit alten Spiegelbildern

hinunterhngen, wie um einen Platz:
auf grnem Grund, mit Silber, Rosa, Grau,
gewhrtem Wei und leicht gerhrtem Blau
und einem Knige und einer Frau
und Blumen in dem wellenden Besatz.



IV


Und Natur, erlaucht und als verletze
sie nur unentschlones Ungefhr,
nahm von diesen Knigen Gesetze,
selber selig, um den Tapis-vert

ihrer Bume Traum und bertreibung
aufzutrmen aus gebauschtem Grn
und die Abende nach der Beschreibung
von Verliebten in die Avenn

einzumalen mit dem weichen Pinsel,
der ein firnisklares aufgelstes
Lcheln glnzend zu enthalten schien:

der Natur ein liebes, nicht ihr grtes,
aber eines, das sie selbst verliehn,
um auf rosenvoller Liebes-Insel
es zu einem grern aufzuziehn.



V


Gtter von Alleen und Altanen,
niemals ganzgeglaubte Gtter, die
altern in den gradbesehnittnen Bahnen,
hchstens angelchelte Dianen,
wenn die knigliche Venerie

wie ein Wind die hohen Morgen teilend
aufbrach, bereilt und bereilend--;
hchstens angelchelte, doch nie

angeflehte Gtter. Elegante
Pseudonyme, unter denen man
sich verbarg und blhte oder brannte,--
leichtgeneigte, lchelnd angewandte
Gtter, die noch manchmal dann und wann

das gewhren, was sie einst gewhrten,
wenn das Blhen der entzckten Grten
ihnen ihre kalte Haltung nimmt;
wenn sie ganz von ersten Schatten beben
und Versprechen um Versprechen geben,
alle unbegrenzt und unbestimmt.



VI


Fhlst du, wie keiner von allen
Wegen steht und stockt;
von gelassenen Treppen fallen,
durch ein Nichts von Neigung
leise weitergelockt,
ber alle Terrassen
die Wege, zwischen den Massen
verlangsamt und gelenkt,
bis zu den weiten Teichen,
wo sie (wie einem Gleichen)
der reiche Park verschenkt

an den reichen Raum: den Einen,
der mit Scheinen und Widerscheinen
seinen Besitz durchdringt,
aus dem er von allen Seiten
Weiten mit sich bringt,
wenn er aus schlieenden Weihern
zu wolkigen Abendfeiern
sich in die Himmel schwingt.



VII


Aber Schalen sind, drin der Najaden
Spiegelbilder, die sie nicht mehr baden,
wie ertrunken liegen, sehr verzerrt;
die Alleen sind durch Balustraden
in der Ferne wie versperrt.

Immer geht ein feuchter Bltterfall
durch die Luft hinunter wie auf Stufen,
jeder Vogelruf ist wie verrufen,
wie vergiftet jede Nachtigall.

Selbst der Frhling ist da nicht mehr gebend,
diese Bsche glauben nicht an ihn;
ungern duftet trbe, berlebend
abgestandener Jasmin

alt und mit Zerfallendem vermischt.
Mit dir weiter rckt ein Bndel Mcken,
so als wrde hinter deinem Rcken
alles gleich vernichtet und verwischt.




BILDNIS


Da von dem verzichtenden Gesichte
keiner ihrer groen Schmerzen fiele,
trgt sie langsam durch die Trauerspiele
ihrer Zge schnen welken Strau,
wild gebunden und schon beinah lose;
manchmal fllt, wie eine Tuberose,
ein verlornes Lcheln md heraus.

Und sie geht gelassen drber hin,
mde, mit den schnen blinden Hnden,
welche wissen, da sie es nicht fnden,

und sie sagt Erdichtetes, darin
Schicksal schwankt, gewolltes, irgendeines,
und sie gibt ihm ihrer Seele Sinn,
da es ausbricht wie ein Ungemeines:
wie das Schreien eines Steines--

und sie lt mit hochgehobnem Kinn
alle diese Worte wieder fallen,
ohne bleibend; denn nicht eins von allen
ist der wehen Wirklichkeit gem,
ihrem einzigen Eigentum,
das sie wie ein fuloses Gef
halten mu, hoch ber ihren Ruhm
und den Gang der Abende hinaus.




VENEZIANISCHER MORGEN

RICHARD BEER-HOFMANN ZUGEEIGNET


Frstlich verwhnte Fenster sehen immer,
was manchesmal uns zu bemhn geruht:
die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer
von Himmel trifft auf ein Gefhl von Flut,

sich bildet, ohne irgendwann zu sein.
Ein jeder Morgen mu ihr die Opale
erst zeigen, die sie gestern trug, und Reihn
von Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale,
und sie erinnern an die andern Male:
dann gibt sie sich erst zu und fllt sich ein

wie eine Nymphe, die den Zeus empfing.
Das Ohrgehng erklingt an ihrem Ohre;
sie aber hebt San Giorgio Maggiore
und lchelt lssig in das schne Ding.




SPTHERBST IN VENEDIG


Nun treibt die Stadt schon nicht mehr wie ein Kder,
der alle aufgetauchten Tage fngt.
Die glsernen Palste klingen sprder
an deinen Blick. Und aus den Grten hngt

der Sommer wie ein Haufen Marionetten
kopfber, mde, umgebracht.
Aber vom Grund aus alten Waldskeletten
steigt Willen auf: als sollte ber Nacht

der General des Meeres die Galeeren
verdoppeln in dem wachen Arsenal,
um schon die nchste Morgenluft zu teeren

mit einer Flotte, welche ruderschlagend
sich drngt und jh, mit allen Flaggen tagend,
den groen Wind hat, strahlend und fatal.




SAN MARCO

VENEDIG


In diesem Innern, das wie ausgehhlt
sich wlbt und wendet in die goldnen Smalten,
rundkantig, glatt, mit Kstlichkeit gelt,
ward dieses Staates Dunkelheit gehalten

und heimlich aufgehuft, als Gleichgewicht
des Lichtes, das in allen seinen Dingen
sich so vermehrte, da sie fast vergingen.
Und pltzlich zweifelst du: vergehn sie nicht?

und drngst zurck die harte Galerie,
die wie ein Gang im Bergwerk nah am Glanz
der Wlbung hngt; und du erkennst die heile

Helle des Ausblicks: aber irgendwie
wehmtig messend ihre mde Weile
am nahen berstehn des Viergespanns.




EIN DOGE


Fremde Gesandte sahen, wie sie geizten
mit ihm und allem, was er tat;
whrend sie ihn zu seiner Gre reizten,
umstellten sie das goldene Dogat

mit Sphern und Beschrnkern immer mehr,
bange, da nicht die Macht sie berfllt,
die sie in ihm (so wie man Lwen hlt)
vorsichtig nhrten. Aber er,

im Schutze seiner halbverhngten Sinne,
ward dessen nicht gewahr und hielt nicht inne,
grer zu werden. Was die Signorie

in seinem Innern zu bezwingen glaubte,
bezwang er selbst. In seinem greisen Haupte
war es besiegt. Sein Antlitz zeigte wie.




DIE LAUTE


Ich bin die Laute. Willst du meinen Leib
beschreiben, seine schn gewlbten Streifen:
sprich so, als sprchest du von einer reifen
gewlbten Feige. bertreib

das Dunkel, das du in mir siehst. Es war
Tullias Dunkelheit. In ihrer Scham
war nicht so viel, und ihr erhelltes Haar
war wie ein heller Saal. Zuweilen nahm

sie etwas Klang von meiner Oberflche
in ihr Gesicht und sang zu mir.
Dann spannte ich mich gegen ihre Schwche,
und endlich war mein Inneres in ihr.




DER ABENTEURER



I


Wenn er unter jene, welche waren,
trat: der Pltzliche, der schien,
war ein Glanz wie von Gefahren
in dem ausgesparten Raum um ihn,

den er lchelnd berschritt, um einer
Herzogin den Fcher aufzuheben:
diesen warmen Fcher, den er eben
wollte fallen sehen. Und wenn keiner

mit ihm eintrat in die Fensternische
(wo die Parke gleich ins Trumerische
stiegen, wenn er nur nach ihnen wies),
ging er lssig an die Kartentische
und gewann. Und unterlie

nicht, die Blicke alle zu behalten,
die ihn zweifelnd oder zrtlich trafen,
und auch die in Spiegel fielen, galten.
Er beschlo, auch heute nicht zu schlafen,

wie die letzte lange Nacht, und bog
einen Blick mit seinem rcksichtslosen,
welcher war: als htte er von Rosen
Kinder, die man irgendwo erzog.



II


In den Tagen--(nein, es waren keine),
da die Flut sein unterstes Verlies
ihm bestritt, als war es nicht das seine,
und ihn, steigend, an die Steine
der daran gewhnten Wlbung stie,

fiel ihm pltzlich einer von den Namen
wieder ein, die er vor Zeiten trug.
Und er wute wieder: Leben kamen,
wenn er lockte; wie im Flug

kamen sie: noch warme Leben Toter,
die er, ungeduldiger, bedrohter,
weiterlebte mitten drin;
oder die nicht ausgelebten Leben,
und er wute sie hinaufzuheben,
und sie hatten wieder Sinn.

Oft war keine Stelle an ihm sicher,
und er zitterte: Ich bin ----
doch im nchsten Augenblicke glich er
dem Geliebten einer Knigin.

Immer wieder war ein Sein zu haben:
die Geschicke angefangner Knaben,
die, als htte man sie nicht gewagt,
abgebrochen waren, abgesagt,
nahm er auf und ri sie in sich hin;
denn er mute einmal nur die Gruft
solcher Aufgegebener durchschreiten,
und die Dfte ihrer Mglichkeiten
lagen wieder in der Luft.




FALKEN-BEIZE


Kaiser sein heit unverwandelt vieles
berstehen bei geheimer Tat:
wenn der Kanzler nachts den Turm betrat,
fand er ihn, des hohen Federspieles
khnen frstlichen Traktat

in den eingeneigten Schreiber sagen;
denn er hatte im entlegnen Saale
selber nchtelang und viele Male
das noch ungewohnte Tier getragen,

wenn es fremd war, neu und aufgebrut.
Und er hatte dann sich nie gescheut,
Plne, welche in ihm aufgesprungen
oder zrtlicher Erinnerungen
tieftiefinneres Gelut
zu verachten, um des bangen jungen

Falken willen, dessen Blut und Sorgen
zu begreifen er sich nicht erlie.
Dafr war er auch wie mitgehoben,
wenn der Vogel, den die Herren loben,
glnzend von der Hand geworfen, oben
in dem mitgefhlten Frhlingsmorgen
wie ein Engel auf den Reiher stie.




CORRIDA

IN MEMORIAM MONTEZ, 1830


Seit er, klein beinah, aus dem Toril
ausbrach, aufgescheuchten Augs und Ohrs,
und den Eigensinn des Picadors
und die Bnderhaken wie im Spiel

hinnahm, ist die strmische Gestalt
angewachsen--sieh: zu welcher Masse,
aufgehuft aus altem schwarzen Hasse,
und das Haupt zu einer Faust geballt,

nicht mehr spielend gegen irgendwen,
nein: die blutigen Nackenhaken hissend
hinter den gefllten Hrnern, wissend
und von Ewigkeit her gegen den,

der in Gold und mauver Rosaseide
pltzlich umkehrt und, wie einen Schwrm
Bienen und als ob er's eben leide,
den Bestrzten unter seinem Arm

durchlt,--whrend seine Blicke hei
sich noch einmal heben, leichtgelenkt,
und als schlge drauen jener Kreis
sich aus ihrem Glanz und Dunkel nieder
und aus jedem Schlagen seiner Lider,

ehe er gleichmtig, ungehssig,
an sich selbst gelehnt, gelassen, lssig
in die wiederhergerollte groe
Woge ber dem verlornen Stoe
seinen Degen beinah sanft versenkt.




DON JUANS KINDHEIT


In seiner Schlankheit war, schon fast entscheidend,
der Bogen, der an Frauen nicht zerbricht;
und manchmal, seine Stirne nicht mehr meidend,
ging eine Neigung durch sein Angesicht

zu einer, die vorberkam, zu einer,
die ihm ein fremdes altes Bild verschlo:
er lchelte. Er war nicht mehr der Weiner,
der sich ins Dunkel trug und sich vergo.

Und whrend ein ganz neues Selbstvertrauen
ihn fter trstete und fast verzog,
ertrug er ernst den ganzen Blick der Frauen,
der ihn bewunderte und ihn bewog.




DON JUANS AUSWAHL


Und der Engel trat ihn an: Bereite
dich mir ganz. Und da ist mein Gebot.
Denn da einer jene berschreite,
die die Sesten an ihrer Seite
bitter machen, tut mir not.
Zwar auch du kannst wenig besser lieben,
(unterbrich mich nicht: du irrst),
doch du glhest, und es steht geschrieben,
da du viele fhren wirst
zu der Einsamkeit, die diesen
tiefen Eingang hat. La ein
die, die ich dir zugewiesen,
da sie wachsend Helosen
berstehn und berschrein.




SANKT GEORG


Und sie hatte ihn die ganze Nacht
angerufen, hingekniet, die schwache
wache Jungfrau: Siehe, dieser Drache,
und ich wei es nicht, warum er wacht.

Und da brach er aus dem Morgengraun
auf dem Falben, strahlend Helm und Haubert,
und er sah sie, traurig und verzaubert
aus dem Knieen aufwrtsschaun

zu dem Glnze, der er war.
Und er sprengte glnzend lngs der Lnder
abwrts mit erhobnem Doppelhnder
in die offene Gefahr,

viel zu furchtbar, aber doch erfleht.
Und sie kniete knieender, die Hnde
fester faltend, da er sie bestnde;
denn sie wute nicht, da der besteht,

den ihr Herz, ihr reines und bereites,
aus dem Licht des gttlichen Geleites
niederreit. Zu Seiten seines Streites
stand, wie Trme stehen, ihr Gebet.




DAME AUF EINEM BALKON


Pltzlich tritt sie, in den Wind gehllt,
licht in Lichtes, wie herausgegriffen,
whrend jetzt die Stube wie geschliffen
hinter ihr die Tre fllt

dunkel wie der Grund einer Kamee,
die ein Schimmern durchlt durch die Rnder;
und du meinst, der Abend war nicht, ehe
sie heraustrat, um auf das Gelnder

noch ein wenig von sich fortzulegen,
noch die Hnde,--um ganz leicht zu sein:
wie dem Himmel von den Huserreihn
hingereicht, von allem zu bewegen.




BEGEGNUNG IN DER KASTANIEN-ALLEE


Ihm ward des Eingangs grne Dunkelheit
khl wie ein Seidenmantel umgegeben,
den er noch nahm und ordnete: als eben
am andern transparenten Ende, weit,

aus grner Sonne, wie aus grnen Scheiben,
wei eine einzelne Gestalt
aufleuchtete, um lange fern zu bleiben
und schlielich, von dem Lichterniedertreiben
bei jedem Schritte berwallt,

ein helles Wechseln auf sich herzutragen,
das scheu im Blond nach hinten lief.
Aber auf einmal war der Schatten tief,
und nahe Augen lagen aufgeschlagen

in einem neuen deutlichen Gesicht,
das wie in einem Bildnis verweilte
in dem Moment, da man sich wieder teilte:
erst war es immer, und dann war es nicht.




DIE SCHWESTERN


Sieh, wie sie dieselben Mglichkeiten
anders an sich tragen und verstehn,
so als she man verschiedne Zeiten
durch zwei gleiche Zimmer gehn.

Jede meint die andere zu sttzen,
whrend sie doch mde an ihr ruht;
und sie knnen nicht einander ntzen,
denn sie legen Blut auf Blut,

wenn sie sich wie frher sanft berhren
und versuchen, die Allee entlang
sich gefhrt zu fhlen und zu fhren:
ach, sie haben nicht denselben Gang.




BUNG AM KLAVIER


Der Sommer summt. Der Nachmittag macht mde;
sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid
und legte in die triftige Etde
die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

die kommen konnte morgen, heute abend,
die vielleicht da war, die man nur verbarg;
und vor den Fenstern, hoch und alles habend,
empfand sie pltzlich den verwhnten Park.

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschrnkte
die Hnde, wnschte sich ein langes Buch
und schob auf einmal den Jasmingeruch
erzrnt zurck. Sie fand, da er sie krnkte.




DIE LIEBENDE


Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich wrde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?

Ich knnte meinen, alles
wre noch ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich knnte auch noch die Sterne
fassen in mir; so gro
scheint mir mein Herz; so gerne
lie es ihn wieder los,

den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd wie niebeschrieben
sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,
da einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem andern bestimmt.




DAS ROSENINNERE


Wo ist zu diesem Innen
ein Auen? Auf welches Weh
legt man solches Linnen?
Welche Himmel spiegeln sich drinnen
in dem Binnensee
dieser offenen Rosen,
dieser sorglosen, sieh:
wie sie lose im Losen
liegen, als knnte nie
eine zitternde Hand sie verschtten.
Sie knnen sich selber kaum
halten; viele lieen
sich berfllen und flieen
ber von Innenraum
in die Tage, die immer
voller und voller sich schlieen,
bis der ganze Sommer ein Zimmer
wird, ein Zimmer in einem Traum.




DAMEN-BILDNIS AUS DEN ACHTZIGER JAHREN


Wartend stand sie an den schwergerafften
dunklen Atlasdraperien,
die ein Aufwand falscher Leidenschaften
ber ihr zu ballen schien;

seit den noch so nahen Mdchenjahren
wie mit einer anderen vertauscht:
mde unter den getrmten Haaren,
in den Rschen-Roben unerfahren
und von allen Falten wie belauscht

bei dem Heimweh und dem schwachen Planen,
wie das Leben weiter werden soll:
anders, wirklicher, wie in Romanen,
hingerissen und verhngnisvoll,--

da man etwas erst in die Schatullen
legen drfte, um sich im Geruch
von Erinnerungen einzulullen;
da man endlich in dem Tagebuch

einen Anfang fnde, der nicht schon
unterm Schreiben sinnlos wird und Lge,
und ein Blatt von einer Rose trge
in dem schweren leeren Medaillon,

welches liegt auf jedem Atemzug.
Da man einmal durch das Fenster winkte
diese schlanke Hand, die neuberingte,
htte dran fr Monate genug.




DAME VOR DEM SPIEGEL


Wie in einem Schlaftrunk Spezerein,
lst sie leise in dem flssigklaren
Spiegel ihr ermdetes Gebaren;
und sie tut ihr Lcheln ganz hinein.

Und sie wartet, da die Flssigkeit
davon steigt; dann giet sie ihre Haare
in den Spiegel und, die wunderbare
Schulter hebend aus dem Abendkleid,

trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt,
was ein Liebender im Taumel trnke,
prfend, voller Mitraun; und sie winkt

erst der Zofe, wenn sie auf dem Grunde
ihres Spiegels Lichter findet, Schrnke
und das Trbe einer spten Stunde.




DIE GREISIN


Weie Freundinnen mitten im Heute
lachen und horchen und planen fr morgen
abseits erwgen gelassene Leute
langsam ihre besonderen Sorgen,

das Warum und das Wann und das Wie,
und man hrt sie sagen: Ich glaube--;
aber in ihrer Spitzenhaube
ist sie sicher, als wte sie,

da sie sich irren, diese und alle.
Und das Kinn, im Niederfalle,
lehnt sich an die weie Koralle,
die den Schal zur Stirne stimmt.

Einmal aber, bei einem Gelache,
holt sie aus springenden Lidern zwei wache
Blicke und zeigt diese harte Sache,
wie man aus einem geheimen Fache
schne ererbte Steine nimmt.




DAS BETT


La sie meinen, da sich in privater
Wehmut lst, was einer dort bestritt.
Nirgend sonst als da ist ein Theater;
rei den hohen Vorhang fort--; da tritt

vor den Chor der Nchte, der begann
ein unendlich breites Lied zu sagen,
jene Stunde auf, bei der sie lagen,
und zerreit ihr Kleid und klagt sich an,

um der andern, um der Stunde willen,
die sich wehrt und wlzt im Hintergrunde;
denn sie konnte sie mit sich nicht stillen.
Aber da sie zu der fremden Stunde

sich gebeugt: da war auf ihr,
was sie am Geliebten einst gefunden,
nur so drohend und so gro verbunden
und entzogen wie in einem Tier.




DER FREMDE


Ohne Sorgfalt, was die Nchsten dchten,
die er mde nicht mehr fragen hie,
ging er wieder fort; verlor, verlie--.
Denn er hing an solchen Reisenchten

anders als an jeder Liebesnacht.
Wunderbare hatte er durchwacht,
die mit starken Sternen berzogen
enge Fernen auseinanderbogen
und sich wandelten wie eine Schlacht;

andre, die mit in den Mond gestreuten
Drfern, wie mit hingehaltnen Beuten,
sich ergaben, oder durch geschonte
Parke graue Edelsitze zeigten,
die er gerne in dem hingeneigten
Haupte einen Augenblick bewohnte,
tiefer wissend, da man nirgends bleibt;
und schon sah er bei dem nchsten Biegen
wieder Wege, Brcken, Lnder liegen
bis an Stdte, die man bertreibt.

Und dies alles immer unbegehrend
hinzulassen, schien ihm mehr als seines
Lebens Lust, Besitz und Ruhm.
Doch auf fremden Pltzen war ihm eines
tglich ausgetretnen Brunnensteines
Mulde manchmal wie ein Eigentum.




DIE ANFAHRT


War in des Wagens Wendung dieser Schwung?
War er im Blick, mit dem man die barocken
Engelfiguren, die bei blauen Glocken
im Felde standen voll Erinnerung,

annahm und hielt und wieder lie, bevor
der Schlopark schlieend um die Fahrt sich drngte,
an die er streifte, die er berhngte
und pltzlich freigab: denn da war das Tor,

das nun, als htte es sie angerufen,
die lange Front zu einer Schwenkung zwang,
nach der sie stand. Aufglnzend ging ein Gleiten
die Glastr abwrts; und ein Windhund drang
aus ihrem Aufgehn, seine nahen Seiten
heruntertragend von den flachen Stufen.




DIE SONNENUHR


Selten reicht ein Schauer feuchter Fule
aus dem Gartenschatten, wo einander
Tropfen fallen hren und ein Wander-
vogel lautet, zu der Sule,
die in Majoran und Koriander
steht und Sommerstunden zeigt;

nur sobald die Dame (der ein Diener
nachfolgt) in dem hellen Florentiner
ber ihren Rand sich neigt,
wird sie schattig und verschweigt--.

Oder wenn ein sommerlicher Regen
aufkommt aus dem wogenden Bewegen
hoher Kronen, hat sie eine Pause;
denn sie wei die Zeit nicht auszudrcken,
die dann in den Frucht- und Blumenstcken
pltzlich glht im weien Gartenhause.




SCHLAFMOHN


Abseits im Garten blht der bse Schlaf,
in welchem die, die heimlich eingedrungen,
die Liebe fanden junger Spiegelungen,
die willig waren, offen und konkav,

und Trume, die mit aufgeregten Masken
auftraten, riesiger durch die Kothurne--:
das alles stockt in diesen oben flasken
weichlichen Stengeln, die die Samenurne

(nachdem sie lang, die Knospe abwrts tragend
zu welken meinten) festverschlossen heben:
gefranste Kelche auseinanderschlagend,
die fieberhaft das Mohngef umgeben.




DIE FLAMINGOS

PARIS, JARDIN DES PLANTES


In Spiegelbildern wie von Fragonard
ist doch von ihrem Wei und ihrer Rte
nicht mehr gegeben, als dir einer bte,
wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grne
und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,
beisammen, blhend, wie in einem Beet,
verfhren sie verfhrender als Phryne

sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche
hinhalsend bergen in der eignen Weiche,
in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volire;
sie aber haben sich erstaunt gestreckt
und schreiten einzeln ins Imaginre.




PERSISCHES HELIOTROP


Es knnte sein, da dir der Rose Lob
zu laut erscheint fr deine Freundin: nimm
das schn gestickte Kraut und berstimm
mit dringend flsterndem Heliotrop

den lbl, der an ihren Lieblingspltzen
sie schreiend preist und sie nicht kennt.
Denn sieh: wie se Worte nachts in Stzen
beisammenstehn ganz dicht, durch nichts getrennt,
aus der Vokale wachem Violett
hindftend durch das stille Himmelbett--:

so schlieen sich vor dem gesteppten Laube
deutliche Sterne zu der seidnen Traube
und mischen, da sie fast davon verschwimmt,
die Stille mit Vanille und mit Zimt.




SCHLAFLIED


Einmal, wenn ich dich verlier,
wirst du schlafen knnen, ohne
da ich wie eine Lindenkrone
mich verflstre ber dir?

Ohne da ich hier wache und
Worte, beinah wie Augenlider,
auf deine Brste, auf deine Glieder
niederlege, auf deinen Mund?

Ohne da ich dich verschlie
und dich allein mit Deinem lasse,
wie einen Garten mit einer Masse
von Melissen und Sternanis?




DER PAVILLON


Aber selbst noch durch die Flgeltren
mit dem grnen, regentrben Glas
ist ein Spiegeln lchelnder Allren
und ein Glanz von jenem Glck zu spren,
das sich dort, wohin sie nicht mehr fhren,
einst verbarg, verklrte und verga.

Aber selbst noch in den Steingirlanden
ber der nicht mehr berhrten Tr
ist ein Hang zur Heimlichkeit vorhanden
und ein stilles Mitgefhl dafr,

und sie schauern manchmal wie gespiegelt,
wenn ein Wind sie schattig berlief;
auch das Wappen, wie auf einem Brief
viel zu glcklich, berstrzt gesiegelt,

redet noch. Wie wenig man verscheuchte:
alles wei noch, weint noch, tut noch weh.
Und im Fortgehn durch die trnenfeuchte,
abgelegene Allee

fhlt man lang noch auf dem Rand des Dachs
jene Urnen stehen, kalt, zerspalten,
doch entschlossen, noch zusammzuhalten
um die Asche alter Achs.




DIE ENTFHRUNG


Oft war sie als Kind ihren Dienerinnen
entwichen, um die Nacht und den Wind
(weil sie drinnen so anders sind)
drauen zu sehn an ihrem Beginnen;

doch keine Sturmnacht hatte gewi
den riesigen Park so in Stcke gerissen,
wie ihn jetzt ihr Gewissen zerri,

da er sie nahm von der seidenen Leiter
und sie weitertrug, weiter, weiter:

bis der Wagen alles war.

Und sie roch ihn, den schwarzen Wagen,
um den verhalten das Jagen stand
und die Gefahr.
Und sie fand ihn mit Kaltem ausgeschlagen;
und das Schwarze und Kalte war auch in ihr.
Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befhlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hrte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir.




ROSA HORTENSIE


Wer nahm das Rosa an? Wer wute auch,
da es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entrten sie sich sanft, wie im Gebrauch.


Da sie fr solches Rosa nichts verlangen,
bleibt es fr sie und lchelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zrtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, gromtig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erfhre vom Verblhn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grn
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles wei.




DAS WAPPEN


Wie ein Spiegel, der, von ferne tragend,
lautlos in sich aufnahm, ist der Schild;
offen einstens, dann zusammenschlagend
ber einem Spiegelbild

jener Wesen, die in des Geschlechts
Weiten wohnen, nicht mehr zu bestreiten,
seiner Dinge, seiner Wirklichkeiten
(rechte links und linke rechts),

die er eingesteht und sagt und zeigt.
Drauf, mit Ruhm und Dunkel ausgeschlagen,
ruht der Spangenhelm, verkrzt,

den das Flgelkleinod bersteigt,
whrend seine Decke wie mit Klagen
reich und aufgeregt herniederstrzt.




DER JUNGGESELLE


Lampe auf den verlassenen Papieren,
und ringsum Nacht bis weit hinein ins Holz
der Schrnke. Und er konnte sich verlieren
an sein Geschlecht, das nun mit ihm zerschmolz;
ihm schien, je mehr er las, er htte ihren,
sie aber hatten alle seinen Stolz.

Hochmtig steiften sich die leeren Sthle
die Wand entlang, und lauter Selbstgefhle
machten sich schlfernd in den Mbeln breit;
von oben go sich Nacht auf die Pendle,
und zitternd rann aus ihrer goldnen Mhle,
ganz fein gemahlen, seine Zeit.

Er nahm sie nicht. Um fiebernd unter jenen,
als zge er die Laken ihrer Leiber,
andre Zeiten wegzuzerrn.
Bis er ins Flstern kam; (was war ihm fern?)
Er lobte einen dieser Briefeschreiber,
als sei der Brief an ihn: wie du mich kennst;
und klopfte lustig auf die Seitenlehnen.
Der Spiegel aber, innen unbegrenzter,
lie leise einen Vorhang aus, ein Fenster--:
denn dorten stand, fast fertig, das Gespenst.




DER EINSAME


Nein: ein Turm soll sein aus meinem Herzen
und ich selbst an seinen Rand gestellt:
wo sonst nichts mehr ist, noch einmal Schmerzen
und Unsglichkeit, noch einmal Welt.

Noch ein Ding allein im bergroen,
welches dunkel wird und wieder licht,
noch ein letztes, sehnendes Gesicht
in das Nie-zu-Stillende verstoen,

noch ein uerstes Gesicht aus Stein,
willig seinen inneren Gewichten,
das die Weiten, die es still vernichten,
zwingen, immer seliger zu sein.




DER LESER


Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wre nicht gewi,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getrnktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis

er mhsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstieen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Zge, die geordnet waren,
blieben fr immer umgestellt.




DER APFELGARTEN

BORGEBY-GARD


Komm gleich nach dem Sonnenuntergnge,
sieh das Abendgrn des Rasengrunds;
ist es nicht, als htten wir es lange
angesammelt und erspart in uns,

um es jetzt aus Fhlen und Erinnern,
neuer Hoffnung, halbvergenem Freun,
noch vermischt mit Dunkel aus dem Innern,
in Gedanken vor uns hinzustreun

unter Bume wie von Drer, die
das Gewicht von hundert Arbeitstagen
in den berfllten Frchten tragen,
dienend, voll Geduld, versuchend, wie

das, was alle Mae bersteigt,
noch zu heben ist und hinzugeben,
wenn man willig, durch ein langes Leben
nur das Eine will und wchst und schweigt?




DIE BERUFUNG


Da aber als in sein Versteck der Hohe,
sofort Erkennbare: der Engel, trat
aufrecht, der lautere und lichterlohe,
da tat er allen Anspruch ab und bat,

bleiben zu drfen, der von seinen Reisen
innen verwirrte Kaufmann, der er war;
er hatte nie gelesen und nun gar
ein solches Wort, zu viel fr einen Weisen.

Der Engel aber, herrisch, wies und wies
ihm, was geschrieben stand auf seinem Blatte,
und gab nicht nach und wollte wieder: lies.

Da las er: so, da sich der Engel bog,
und war schon einer, der gelesen _hatte_
und konnte und gehorchte und vollzog.




DER BERG


Sechsunddreiigmal und hundertmal
hat der Maler jenen Berg geschrieben,
weggerissen, wieder hingetrieben
(sechsunddreiigmal und hundertmal)

zu dem unbegreiflichen Vulkane,
selig, voll Versuchung, ohne Rat,--
whrend der mit Umri Angetane
seiner Herrlichkeit nicht Einhalt tat:

tausendmal aus allen Tagen tauchend,
Nchte ohnegleichen von sich ab
fallen lassend, alle wie zu knapp;
jedes Bild im Augenblick verbrauchend,
von Gestalt gesteigert zu Gestalt,
teilnahmslos und weit und ohne Meinung--,
um auf einmal wissend, wie Erscheinung,
sich zu heben hinter jedem Spalt.




DER BALL


Du Runder, der das Warme aus zwei Hnden
im Fliegen oben fortgibt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenstnden
nicht bleiben kann, zu unbeschwert fr sie,

zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
um nicht aus allem drauen Aufgereihten
unsichtbar pltzlich in uns einzugleiten:
das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

noch Unentschlossener, der, wenn er steigt,
als htte er ihn mit hinaufgehoben,
den Wurf entfhrt und freilt--, und sich neigt
und einhlt und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

um dann, erwartet und erwnscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hnde zuzufallen.




DAS KIND


Unwillkrlich sehn sie seinem Spiel
lange zu; zuweilen tritt das runde
seiende Gesicht aus dem Profil,
klar und ganz wie eine volle Stunde,

welche anhebt und zu Ende schlgt.
Doch die andern zhlen nicht die Schlge,
trb von Mhsal und vom Leben trge;
und sie merken gar nicht, wie es trgt--;

wie es alles trgt, auch dann, noch immer,
wenn es mde in dem kleinen Kleid
neben ihnen wie im Wartezimmer
sitzt und warten will auf seine Zeit.




DER HUND


Da oben wird das Bild von einer Welt
aus Blicken immerfort erneut und gilt.
Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt
sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild

sich drngt, ganz unten, anders, wie er ist;
nicht ausgestoen und nicht eingereiht
und wie im Zweifel seine Wirklichkeit
weggebend an das Bild, das er vergit,

um dennoch immer wieder sein Gesicht
hineinzuhalten, fast mit einem Flehen,
beinah begreifend, nah am Einverstehen
und doch verzichtend: denn er wre nicht.




DER KFERSTEIN


Sind nicht Sterne fast in deiner Nhe,
und was gibt es, das du nicht umspannst,
da du dieser harten Skarabe
Karneolkern gar nicht fassen kannst

ohne jenen Raum, der ihre Schilder
niederhlt, auf deinem ganzen Blut
mitzutragen; niemals war er milder,
nher, hingegebener. Er ruht

seit Jahrtausenden auf diesen Kfern,
wo ihn keiner braucht und unterbricht;
und die Kfer schlieen sich und schlfern
unter seinem wiegenden Gewicht.




BUDDHA IN DER GLORIE


Mitte aller Mitten, Kern der Kerne,
Mandel, die sich einschliet und verst,--
dieses alles bis an alle Sterne
ist dein Fruchtfleisch: Sei gegrt.

Sieh, du fhlst, wie nichts mehr an dir hngt;
im Unendlichen ist deine Schale,
und dort steht der starke Saft und drngt.
Und von auen hilft ihm ein Gestrahle,

denn ganz oben werden deine Sonnen
voll und glhend umgedreht.
Doch in dir ist schon begonnen,
was die Sonnen bersteht.






INHALT


Archaischer Torso Apollos
Kretische Artemis
Leda
Delphine
Die Insel der Sirenen
Klage um Antinous
Der Tod der Geliebten
Klage um Jonathan
Trstung des Elia
Saul unter den Propheten
Samuels Erscheinung vor Saul
Ein Prophet
Jeremias
Eine Sibylle
Absaloms Abfall
Esther
Der ausstzige Knig
Legende von den drei Lebendigen und den drei Toten
Der Knig von Mnster
Totentanz
Das Jngste Gericht
Die Versuchung
Der Alchimist
Der Reliquienschrein
Das Gold
Der Stylit
Die gyptische Maria
Kreuzigung
Der Auferstandene
Magnifikat
Adam
Eva
Irre im Garten (Dijon)
Die Irren
Aus dem Leben eines Heiligen
Die Bettler
Fremde Familie
Leichenwsche
Eine von den Alten (Paris)
Der Blinde (Paris)
Eine Welke
Abendmahl
Die Brandsttte
Die Gruppe (Paris)
Schlangenbeschwrung
Schwarze Katze
Vor-Ostern (Neapel)
Der Balkon (Neapel)
Auswanderer-Schiff (Neapel)
Landschaft
Rmische Campagna
Lied vom Meer (Capri, Piccola Marina)
Nchtliche Fahrt (Sankt Petersburg)
Papageienpark (Paris)
Die Parke I-VII
Bildnis
Venezianischer Morgen
Sptherbst in Venedig
San Marco (Venedig)
Ein Doge
Die Laute
Der Abenteurer I, II
Falkenbeize
Corrida (In memoriam Montez, 1830)
Don Juans Kindheit
Don Juans Auswahl
Sankt Georg
Dame auf einem Balkon
Begegnung in der Kastanien-Allee
Die Schwestern
bung am Klavier
Die Liebende
Das Roseninnere
Damen-Bildnis aus den achtziger Jahren
Dame vor dem Spiegel
Die Greisin
Das Bett
Der Fremde
Die Anfahrt
Die Sonnenuhr
Schlafmohn
Die Flamingos (Paris, Jardin des Plantes)
Persisches Heliotrop
Schlaflied
Der Pavillon
Die Entfhrung
Rosa Hortensie
Das Wappen
Der Junggeselle
Der Einsame
Der Leser
Der Apfelgarten (Borgeby-Gard)
Die Berufung
Der Berg
Der Ball
Das Kind
Der Hund
Der Kferstein
Buddha in der Glorie





End of Project Gutenberg's Der Neuen Gedichte, by Rainer Maria Rilke

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER NEUEN GEDICHTE ***

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     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
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     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

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     and discontinue all use of and all access to other copies of
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- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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