The Project Gutenberg eBook, Zeugnisse fr die Stellung des Menschen in
der Natur, by Thomas Henry Huxley, Translated by J. Victor Carus


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Title: Zeugnisse fr die Stellung des Menschen in der Natur


Author: Thomas Henry Huxley



Release Date: October 26, 2010  [eBook #34137]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ZEUGNISSE FR DIE STELLUNG DES
MENSCHEN IN DER NATUR***


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ZEUGNISSE FR DIE STELLUNG DES MENSCHEN IN DER NATUR.


[Illustration: =Gibbon=. =Orang=. =Chimpanze=. =Gorilla=. =Mensch=.

Photographisch nach Abbildungen in natrlicher Grsse reducirt (mit
Ausnahme des Gibbonskelets, welches in doppelt natrlicher Grsse war),
die Zeichnungen von Mr. Waterhouse Hawkins nach Exemplaren im Royal
College of Surgeons.]


ZEUGNISSE FR DIE STELLUNG DES MENSCHEN IN DER NATUR.

Drei Abhandlungen:

ber die Naturgeschichte der menschenhnlichen Affen.

ber die Beziehungen des Menschen zu den nchstniederen Thieren.

ber einige fossile menschliche berreste.

von

THOMAS HENRY HUXLEY.

Aus dem Englischen bersetzt von J. Victor Carus.

Mit in den Text eingedruckten Holzstichen.

Allein berechtigte deutsche Ausgabe.







Braunschweig,
Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn.
1863.




VORWORT DES BERSETZERS.


Es gereicht mir zur grossen Freude, das vorliegende Buch meines
vortrefflichen Freundes bei den deutschen Lesern einfhren zu knnen, da
es nicht nur eine Frage behandelt, deren wissenschaftlich begrndete
Beantwortung einen umgestaltenden Einfluss auf die Lebensanschauung
jedes Gebildeten ausben muss, sondern dies auch in einer sehr
vorurtheilsfreien, ruhigen Weise thut, welche wohlthtig von der leider
nur zu hufig vortretenden Gereiztheit, und, der Verbreitung gesunder
Ansichten sehr hinderlichen Einseitigkeit bei Besprechung hnlicher oder
verwandter Fragen absticht.

So wenig es mir anstehen wrde, das Werk besonders zu empfehlen, so kann
ich doch nicht umhin, ausser auf die usserst vollstndige Mittheilung
des Thatbestandes vorzglich auf die Einleitung zur zweiten Abhandlung
aufmerksam zu machen. Es ist wohl selten nicht bloss die Continuitt der
menschlichen Bestrebungen ber gewisse Fragen zur Klarheit zu
gelangen, sondern auch die genetische Abhngigkeit der einzelnen
Beantwortungsversuche so bndig dargestellt worden, wie hier. Auch sei
mir erlaubt darauf aufmerksam zu machen, wie der Verfasser, ein
erklrter Anhnger Darwin's, ausdrcklich darauf hinweist, welch' grosse
Aufgaben wir in Folge der Darwin'schen Theorie noch zu lsen haben. Es
wird damit besonders denen ein wissenschaftlicher Dienst erwiesen,
welche zu glauben scheinen, dass sich die Naturforscher nun leichten
Kaufs ber alle Schwierigkeiten hinwegsetzen zu knnen meinten. Dass
sich der Verfasser in Bezug auf den Inhalt der dritten Abhandlung
lediglich an die anatomischen Thatsachen gehalten hat, ohne auf das
geologische Detail einzugehen (ber welches sich leider neuerdings ein
unerquicklicher persnlicher Streit in England erhoben hat), ist durch
das gleichzeitige Erscheinen des Buches von Sir Charles Lyell
hinreichend gerechtfertigt. Gerade die hier geusserten Ansichten
drften besonders den Anthropologen und Ethnographen zur Beherzigung zu
empfehlen sein.

    =Leipzig=, im Juni 1863.

                                                    J. Victor Carus.




INHALTSVERZEICHNISS.


                                     I                            Seite.

  Ueber die Naturgeschichte der menschenhnlichen Affen               1

                                    II

  Ueber die Beziehungen des Menschen zu den nchstniederen
  Thieren                                                            64

                                   III

  Ueber einige fossile menschliche Ueberreste                       135




I.

Ueber die Naturgeschichte der menschenhnlichen Affen.


Werden alte Ueberlieferungen an der Hand der strengeren Untersuchungen
unserer Zeit geprft, so erbleichen sie gewhnlich genug zu blossen
Trumen. Es ist indess eigenthmlich, wie oft ein solcher Traum sich als
ein halbwacher herausstellt, der etwas real ihm zu Grunde Liegendes
voraussagt. Ovid deutete die Entdeckungen der Geologen vorher an; die
Atlantis war ein Erzeugniss der Einbildungskraft, aber Columbus
entdeckte dann die westliche Welt; und obschon die seltsamen Formen der
Centauren und Satyrn nur im Bereiche der Kunst existiren, so kennt man
doch jetzt nicht bloss im Allgemeinen, sondern ganz sicher und notorisch
Geschpfe, die dem Menschen in ihrem wesentlichen Bau noch nher stehen
als jene, und doch durchaus so thierisch sind, wie die Bock- und
Pferdehlfte jener mythischen Zusammensetzungen.

Ich habe keine Notiz ber einen der menschenhnlichen Affen von frherem
Datum gefunden, als die in =Pigafetta's= Beschreibung des Knigreichs
Congo[1] enthaltene, welche Beschreibung nach den Bemerkungen eines
Portugiesischen Matrosen, =Eduardo Lopez=, angefertigt und 1598
verffentlicht wurde. Das zehnte Kapitel dieses Werkes trgt den Titel:
De Animalibus quae in hac provincia reperiuntur und enthlt eine kurze
Stelle des Inhalts, dass es im Lande Songan, an den Ufern des Zaire,
eine grosse Menge Affen giebt, welche durch das Nachahmen menschlicher
Gesten den Vornehmen grosses Ergtzen gewhren. Da man dies fast auf
jede Art Affen beziehen knnte, wrde ich wenig auf die Stelle gegeben
haben, htten es nicht die Brder =De Bry=, deren Stiche das Werk
illustriren, fr passend erachtet, in ihrem elften Argumentum zwei
dieser Simiae magnatum deliciae abzubilden. Der die Affen enthaltende
Theil dieser Tafel ist in dem Holzschnitt, Fig. 1, getreu copirt worden;
man wird bemerken, dass die Affen schwanzlos, langarmig und grossohrig,
und ungefhr von der Grsse des Chimpanze sind. Es knnte nun sein, dass
diese Affen ebenso Gebilde der Einbildungskraft der genialen Brder
seien, wie der geflgelte, zweibeinige, krokodilkpfige Drache, der
dieselbe Tafel schmckt; andererseits knnten aber die Knstler ihre
Zeichnungen nach irgend einer im Wesentlichen treuen Beschreibung eines
Gorilla oder Chimpanze angefertigt haben. Wenn nun auch in beiden Fllen
diese Figuren einer kurzen Erwhnung werth waren, so datiren doch die
ltesten glaubwrdigen und bestimmten Berichte ber irgend ein Thier
dieser Art aus dem 17. Jahrhundert. Sie rhren von einem Englnder her.

[Illustration: Fig. 1. Simiae magnatum deliciae. -- De Bry, 1598.]

Die erste Ausgabe jenes usserst unterhaltenden alten Buches,
=Purchas=' Wanderschaft (Purchas his Pilgrimage), erschien 1613, und
hier finden sich viele Hinweise auf die Angaben eines Mannes, den
Purchas bezeichnet als Andreas Battell (mein naher Nachbar, zu Leigh in
Essex wohnhaft), welcher unter Manuel Silvera Perera, Gouverneur unter
dem Knige von Spanien, in seiner Stadt St. Paul diente und mit ihm weit
in das Land Angola hineingieng; und weiter mein Freund Andreas
Battell, welcher viele Jahre im Knigreiche Congo lebte, und welcher
nach irgend einem Streite zwischen den Portugiesen (unter denen er
Sergeant einer Abtheilung war) und ihm selbst acht oder neun Monate in
den Wldern lebte. Von diesem wettergebrunten alten Soldaten hrte
Purchas mit Staunen von einer Art grosser Affen, wenn man sie so nennen
kann, von der Grsse eines Mannes, aber zweimal so dick in der Gestalt
ihrer Gliedmaassen, mit verhltnissmssiger Kraft, ber den ganzen
Krper behaart, im Uebrigen durchaus wie Mnner und Weiber in ihrer
ganzen krperlichen Gestalt.[2] Sie leben von solchen wilden Frchten,
wie sie die Bume und Wlder darbieten und wohnen zur Nachtzeit auf den
Bumen.

Dieser Auszug ist indess weniger ausfhrlich und klar in seinen Angaben
als eine Stelle im dritten Kapitel des zweiten Theils eines andern
Werkes -- Purchas' Wanderungen (Purchas his Pilgrimes), 1625
erschienen, von demselben Verfasser --, welches oft schon, aber kaum
jemals vllig richtig citirt worden ist. Das Kapitel fhrt den Titel:
Die wunderbaren Abenteuer des Andreas Battell aus Leigh in Essex, von
den Portugiesen als Gefangener nach Angola geschickt, welcher dort und
in den angrenzenden Gegenden nahezu achtzehn Jahre lebte. Der sechste
Abschnitt dieses Kapitels ist berschrieben: Von den Provinzen Bongo,
Calongo, Mayombe, Manikesocke, Motimbas: von den Affenungeheuern Pongo,
ihrer Jagd: Gtzendienereien; und verschiedene andere Beobachtungen.

Diese Provinz (Calongo) grnzt nach Osten an Bongo und nach Norden an
Mayombe, welches der Kste entlang neunzehn (franz.) Meilen von Longo
entfernt ist.

Diese Provinz Mayombe ist ganz Wald und Hain, so berwachsen, dass man
zwanzig Tage im Schatten ohne Sonne oder Hitze reisen kann. Hier giebt
es keine Art Getreide oder Korn, so dass die Leute nur von Pisang und
Wurzeln verschiedener sehr guter Art und von Nssen leben; auch giebt es
weder irgend eine Art zahmen Viehs noch Hhner.

Sie haben aber grosse Mengen von Elephantenfleisch, welches sie hoch
schtzen, und viele Arten wilder Thiere; und grosse Mengen von Fischen.
Hier ist eine grosse sandige Bucht, zwei Meilen nrdlich vom Cap
Negro,[3] welche der Hafen von Mayombe ist. Die Portugiesen laden
zuweilen Farbholz in dieser Bucht. Hier ist ein grosser Fluss, Banna
genannt; im Winter hat er keine Barre, weil die Winde eine hohe See
verursachen. Wenn aber die Sonne ihre sdliche Declination hat, dann
kann ein Boot einfahren; denn dann ist er des Regens wegen glatt. Dieser
Fluss ist sehr gross und hat viele Inseln, und Leute, die auf diesen
leben. Die Bume sind so bedeckt mit Pavianen, Meerkatzen und grossen
Affen, dass sich wohl Jedermann frchtet, in den Wldern allein zu
reisen. Hier giebt es auch zwei Arten von Ungeheuern, die in den Wldern
gemein und sehr gefhrlich sind.

Das grssere der beiden Ungeheuer wird in ihrer Sprache Pongo genannt,
das kleinere heisst Engeco. Dieser Pongo ist in der ganzen Gestalt wie
ein Mensch, nur dass er der Grsse nach mehr einem Riesen als einem
Manne hnlich ist; denn er ist sehr gross, hat eines Menschen Antlitz,
hohlugig, mit langen Haaren in den Augenbrauen. Sein Gesicht und seine
Ohren sind ohne Haare, ebenso seine Hnde. Sein Krper ist voller Haare,
aber nicht sehr dicht; das Haar ist von schwarzbrauner Farbe.

Er ist vom Menschen nur in seinen Beinen verschieden, denn er hat keine
Waden. Er geht immer auf seinen Beinen und hlt die Hnde im Genick
bereinandergeschlagen, wenn er auf der Erde geht. Sie schlafen auf den
Bumen und bauen sich Schutzdcher gegen den Regen. Sie nhren sich von
Frchten, die sie in den Wldern finden, und von Nssen; denn sie essen
keine Art von Fleisch. Sie knnen nicht sprechen und haben nicht mehr
Verstand als ein Thier. Wenn die Leute im Lande in den Wldern arbeiten,
so znden sie Feuer an, wo sie in der Nacht schlafen; und wenn sie
Morgens fortgegangen sind, kommen die Pongos und setzen sich um das
Feuer, bis es ausgegangen ist; denn sie verstehen nicht, Holz
zusammenzulegen. Es gehen ihrer immer viele zusammen und tdten viele
Neger, die in den Wldern arbeiten. Oftmals fallen sie ber die
Elephanten her, die zum Fressen dahin kommen, wo sie sind, und schlagen
sie so mit ihren geballten Fusten und Holzstcken, dass jene brllend
ausreissen. Diese Pongos werden niemals lebendig gefangen, weil sie so
stark sind, dass zehn Mnner nicht einen halten knnen; sie fangen aber
viele von ihren Jungen mit vergifteten Pfeilen.

Der junge Pongo hngt am Bauche seiner Mutter mit seinen Hnden fest um
sie herumgeschlagen, so dass die Eingebornen, wenn sie eins von den
Weibchen tdten, das Junge fangen, welches fest an seiner Mutter hngt.

Wenn einer unter ihnen stirbt, so bedecken sie den Todten mit grossen
Haufen von Zweigen und Holz, wie es gewhnlich im Walde gefunden
wird.[4]

Es scheint nicht schwer zu sein, die Gegend genau zu bestimmen, von
welcher Battell spricht. Longo ist ohne Zweifel der Name des auf unsern
Karten gewhnlich Loango geschriebenen Platzes. Mayombe liegt noch
ungefhr neunzehn Lieues nrdlich von Loango, der Kste entlang; und
Cilongo oder Kilonga, Manikesocke und Motimbas werden noch von den
Geographen verzeichnet. Das Cap Negro Battell's aber kann nicht das
heutige Cap Negro in 16 sdlicher Breite sein, da Loango selbst unter
4 sdlicher Breite liegt. Andererseits entspricht der grosse Fluss
genannt Banna sehr gut dem Camma und Fernand Vas der neueren
Geographen, die an diesem Theile der Afrikanischen Kste ein grosses
Delta bilden.

Dies Camma-Land nun liegt ungefhr anderthalb Grad sdlich vom
Aequator, whrend wenige Meilen nrdlich von der Linie der Gaboon und
einen Grad oder ungefhr so nrdlich von diesem der Money River liegt --
beide neueren Naturforschern sehr wohl als Oertlichkeiten bekannt, wo
die grssten menschenhnlichen Affen gefunden worden sind. Uebrigens
wird noch heutzutage das Wort Engeco oder N'schego von den Eingebornen
dieser Gegenden zur Bezeichnung des kleineren der zwei grossen Affen,
die dort leben, gebraucht. Es kann daher kaum ein vernnftiger Zweifel
darber aufkommen, dass Andreas Battell das berichtet, was er aus eigner
Anschauung kannte, oder jedenfalls wenigstens was er aus unmittelbaren
Berichten der Eingebornen des westlichen Afrika erfahren hatte. Der
Engeco indess ist jenes andere Ungeheuer, dessen Natur Battell zu
schildern vergass, whrend der Name Pongo -- der fr das Thier
gebraucht wurde, dessen Charaktere und Gewohnheiten so umstndlich und
sorgfltig beschrieben werden -- ausgestorben zu sein scheint,
wenigstens in seiner ursprnglichen Form und Bedeutung. Es giebt in der
That Beweise dafr, dass er nicht bloss in Battell's Zeit, sondern noch
bis zu einem viel neueren Datum herab in einem Sinne gebraucht wurde,
der gnzlich von dem verschieden war, in dem Battell ihn anwendet.

Es enthlt z. B. das zweite Kapitel von Purchas' Werke, das ich vorhin
citirt habe, Eine Beschreibung und geschichtliche Erklrung des Goldnen
Knigreichs Guinea etc. etc., aus dem Hollndischen bersetzt und mit
dem Lateinischen verglichen, worin es heisst (S. 986):

Der Fluss Gaboon liegt ungefhr fnfzehn Meilen nrdlich von Rio de
Angra und acht Meilen nrdlich vom Cap de Lope Gonsalvez (Cap Lopez) und
ist gerade unter der Linie, ungefhr fnfzehn Meilen von St. Thomas, und
ist ein grosses Land, gut und leicht zu kennen. An der Mndung des
Flusses liegt drei oder vier Faden tief eine Sandbank, auf welcher eine
starke Brandung herrscht wegen der aus dem Flusse in das Meer
ausgehenden Strmung. Dieser Fluss ist an seiner Mndung wenigstens vier
Meilen breit; aber in der Nhe der Pongo genannten Insel ist er nicht
ber zwei Meilen breit ... Auf beiden Seiten des Flusses stehen viele
Bume ... Die Pongo genannte Insel, die einen ungeheuer hohen Berg hat.

Die franzsischen Flottenoffiziere, deren Briefe der ausgezeichneten
Abhandlung des verstorbenen Isidore Geoffroy Saint Hilaire ber den
Gorilla[5] beigegeben sind, geben die Breite des Gaboon in hnlicher
Weise an, ebenso die Bume, welche seine Ufer bis zum Wasserspiegel
herab bekleiden, ebenso die starke von ihm in das Meer ausgehende
Strmung. Sie beschreiben zwei Inseln in seiner Mndung, -- eine
niedrige, genannt Perroquet; die andere ist hoch mit drei conischen
Bergen, Coniquet genannt; und einer von ihnen, M. Franquet, fhrt
ausdrcklich an, dass frher der Huptling von Coniquet _Meni-Pongo_
genannt worden wre, was so viel heisst als Herr von Pongo, und dass die
_N'Pongues_ (wie er in Uebereinstimmung mit Dr. Savage versichert, dass
sich die Eingebornen nennen) die Mndung des Gaboon selbst _N'Pongo_
nennen.

Im Verkehr mit Wilden ist es so leicht, ihre Anwendungen von Worten auf
Dinge misszuverstehen, dass man zunchst zu vermuthen geneigt ist,
Battell habe den Namen der Gegend, wo sein grsseres Ungeheuer noch
reichlich vorkmmt, mit dem Namen des Thieres selbst verwechselt. In
Bezug auf andere Gegenstnde (mit Einschluss des Namens fr das
kleinere Ungeheuer) hat er aber so vllig Recht, dass man den alten
Reisenden nur ungern im Irrthum vermuthet; und auf der andern Seite
werden wir sehen, dass hundert Jahre spter ein anderer Reisender den
Namen Boggoe erwhnt als von den Einwohnern eines ganz andern Theils
von Afrika -- Sierra Leone -- auf einen grossen Affen bezogen.

Ich muss indessen diese Frage den Philologen und Reisenden zur
Entscheidung berlassen; auch wrde ich mich kaum so lange dabei
aufgehalten haben, wre es nicht wegen der merkwrdigen Rolle, welche
dies Wort _Pongo_ in der sptern Geschichte der menschenhnlichen
Affen gespielt hat.

Die nchste Generation nach Battell sah den ersten menschenhnlichen
Affen, der je nach Europa gebracht wurde, oder wenigstens, dessen Besuch
einen Geschichtschreiber fand. Im dritten Buch der Observationes
medicae des =Tulpius=, 1641 erschienen, ist das 56. Kapitel (oder der
56. Abschnitt) dem von ihm sogenannten _Satyrus indicus_ gewidmet, von
den Indiern Orang-outang genannt, von den Afrikanern Quoias Morrou. Er
giebt, augenscheinlich nach dem Leben, eine sehr gute Abbildung des
Exemplars dieses Thieres, nostra memoria ex Angola delatum, ein Geschenk
fr den Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien. Tulpius sagt, es sei so
gross wie ein Kind von drei Jahren, und so dick wie ein sechsjhriges;
und dass sein Rcken mit schwarzem Haar bedeckt war. Es ist offenbar ein
junger Chimpanze.

[Illustration: Fig. 2. Der Orang des Tulpius, 1641.]

Unterdessen wurde die Existenz anderer Asiatischer menschenhnlicher
Affen bekannt, anfangs jedoch in sehr mythischer Weise. So giebt Bontius
(1658) eine durchaus fabelhafte und lcherliche Beschreibung und
Abbildung eines Thieres, das er Orang-outang nennt; und obgleich er
sagt vidi Ego cujus effigiem hic exhibeo, so ist doch die erwhnte
Abbildung (vergleiche Fig. 6 nach Hoppius' Copie) nichts als eine sehr
behaarte Frau von im Allgemeinen anstndigem Ansehen, in ihren
Proportionen und Fssen vllig menschlich. Der besonnene englische
Anatom =Tyson= war berechtigt, von dieser Beschreibung des Bontius zu
sagen: Ich gestehe, ich traue der ganzen Darstellung nicht.

Dem letztgenannten Schriftsteller und seinem Mitarbeiter Cowper
verdanken wir den ersten Bericht ber einen menschenhnlichen Affen, der
irgend welche Ansprche auf wissenschaftliche Genauigkeit und
Vollstndigkeit machen kann. Die Abhandlung mit dem Titel Orang-outang
sive Homo sylvestris; or the Anatomy of a Pygmie compared with that of a
Monkey, an Ape and a Man, von der Royal Society im Jahre 1699
herausgegeben, ist in der That ein Werk von merkwrdigem Verdienst und
hat in gewissen Beziehungen sptern Untersuchern als Vorbild gedient.
Tyson erzhlt uns: Dieser Pygmie wurde von Angola in Afrika gebracht,
war aber erst ein grosses Stck weiter hinauf im Lande gefangen worden;
sein Haar war kohlschwarz von Farbe und schlicht, und wenn er wie ein
Vierfssler auf allen Vieren ging, so war es ungeschickt; er setzte
nicht die Handflche platt auf den Boden, sondern ging auf den Kncheln,
wie ich es ihn habe thun sehen, wenn er schwach und nicht krftig genug
war, den Krper zu tragen. -- Von der Hhe des Kopfes bis zur Ferse
des Fusses maass er in einer geraden Linie sechs und zwanzig Zoll.

[Illustration: Fig. 3. Fig. 4. Der Pygmie nach Tyson's Figuren 1 und 2
verkleinert, 1699.]

Diese Charaktere wrden selbst ohne Tyson's gute Figuren (Fig. 3 und 4)
zu dem Beweise gengt haben, dass sein Pygmie ein junger Chimpanze
war. Da sich mir indessen hchst unerwartet die Gelegenheit dargeboten
hat, das Skelet des nmlichen Exemplars zu untersuchen, das Tyson
anatomirt hatte, so bin ich im Stande, ein ganz unabhngiges Zeugniss
dafr abzulegen, dass er ein wirklicher, wenngleich noch sehr junger
_Troglodytes niger_[6] war. Obgleich Tyson die Aehnlichkeiten zwischen
seinem Pygmie und dem Menschen vllig anerkannte, so bersah er doch
keineswegs die Verschiedenheiten zwischen den beiden, und er schliesst
seine Abhandlung damit, dass er zuerst die Punkte zusammenstellt, in
denen der Orang-outang oder Pygmie dem Menschen hnlicher ist, als
Affen und Meerkatzen, und zwar in sieben und vierzig besondern
Abschnitten, und dann in vier und dreissig gleicherweise kurzen
Paragraphen die Beziehungen, in denen der Orang-outang oder Pygmie vom
Menschen abweicht und mehr dem Affen- und Meerkatzengeschlecht gleicht.

Nach einer sorgfltigen Uebersicht der zu seiner Zeit ber den
Gegenstand vorhandenen Literatur kmmt unser Verfasser zu dem Schlusse,
dass sein Pygmie weder mit den Orangs des Tulpius und Bontius
identisch ist, noch mit dem Quoias Morrou des Dapper (oder vielmehr des
Tulpius), dem Barris des D'Arcos, noch mit dem Pongo Battell's, dass es
vielmehr eine Affenart ist, die wahrscheinlich mit den Pygmen der Alten
identisch ist; und obgleich er, sagt Tyson, einem Menschen in vielen
seiner Theile so sehr hnlich ist, mehr als irgend ein Affe oder irgend
ein anderes Thier in der Welt, das ich kenne, so betrachte ich ihn doch
durchaus nicht als das Product einer Kreuzung, -- es ist ein Thier sui
generis und eine besondere Species von Affen.

Der Name Chimpanze, unter dem einer der Afrikanischen Affen jetzt so
wohl bekannt ist, scheint in der ersten Hlfte des achtzehnten
Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein; aber die einzige wichtige
Erweiterung unserer Kenntniss der menschenhnlichen Affen Afrika's aus
jener Zeit ist in der Neuen Reise nach Guinea von William Smith
enthalten, die das Datum 1744 trgt.

[Illustration: Fig. 5. Facsimile der Figur des Mandrill von William
Smith, 1744.]

Bei der Beschreibung der Thiere von Sierra Leone, p. 51, sagt der
Verfasser:

Ich will zunchst eine eigenthmliche Art von Thieren beschreiben,
welches die Weissen hier zu Lande Mandrill[7] nennen; warum sie es so
nennen, weiss ich aber nicht, noch hrte ich je den Namen zuvor; auch
knnen die, die es so nennen, mir es nicht angeben, es msste denn wegen
der grossen Aehnlichkeit mit einem menschlichen Geschpf sein, da es
durchaus keinem Affen gleicht. Erwachsen ist sein Krper im Umfang so
dick wie der eines mittelgrossen Mannes, -- seine Beine viel krzer,
seine Fsse aber grsser, Arme und Hnde im Verhltniss. Der Kopf ist
ungeheuer gross und das Gesicht breit und platt, ohne irgend welche
Haare ausser an den Augenbrauen; die Nase ist sehr klein, der Mund
breit, die Lippen dnn. Das von einer weissen Haut bedeckte Gesicht ist
ungeheuer hsslich, ganz ber und ber faltig wie bei alten Leuten; die
Zhne sind breit und gelb; die Hnde haben ebensowenig Haare wie das
Gesicht, aber dieselbe weisse Haut, whrend der ganze brige Krper mit
langem schwarzem Haar, wie ein Br, bedeckt ist. Sie gehen niemals auf
allen Vieren, wie Affen; wenn sie gergert oder geneckt werden, schreien
sie ganz wie Kinder ...

Als ich in Sherbro war, machte mir ein gewisser Mr. Cummerbus, den ich
hernach noch zu erwhnen Veranlassung haben werde, mit einem dieser
merkwrdigen Thiere ein Geschenk; die Eingebornen nennen sie Boggoe: es
war ein junges, sechs Monate altes Weibchen, aber schon damals grsser
als ein Pavian. Ich bergab es der Sorge eines der Sklaven, welcher
wusste, wie es zu fttern und zu pflegen war, da es ein sehr zartes
Thier war; sobald ich aber das Verdeck verliess, fingen die Matrosen an,
es zu necken -- die einen sahen seine Thrnen gern und hrten es gern
weinen; andere hassten seine Schmutznase; als einer, der es schlug, vom
Neger, der es besorgte, angefahren wurde, sagte er dem Sklaven, er habe
seine Landsmnnin sehr gern und fragte ihn, ob er sie nicht gern zur
Frau nehmen mchte? Darauf antwortete der Sklave sehr schlagfertig:
Nein, das ist nicht meine Frau; das ist eine weisse Frau, das ist eine
passende Frau fr Dich. Ich glaube, dieser unglckliche Witz des
Negers beschleunigte seinen Tod, denn am nchsten Morgen fand man es
todt unter der Winde.

William Smith's Mandrill oder Boggoe war ohne Zweifel ein Chimpanze,
wie seine Beschreibung und Abbildung bezeugen.

Linn kannte aus eigner Beobachtung nichts von den menschenhnlichen
Affen, weder Afrika's noch Asiens; indessen kann man annehmen, dass eine
Dissertation seines Schlers =Hoppius= in den Amoenitates Academicae
(VI. >Anthropomorpha<) seine Ansichten ber diese Thiere enthalte.

[Illustration: Fig. 6. Die Anthropomorpha Linn's.]

Die Dissertation wird durch eine Tafel erlutert, von welcher der
beistehende Holzschnitt, Fig. 6, eine verkleinerte Copie ist. Die
Figuren sind (von links nach rechts) bezeichnet als: 1. _Troglodyta
Bontii_; 2. _Lucifer Aldrovandi_; 3. _Satyrus Tulpii_; 4. _Pygmaeus
Edwardi_. Das erste ist eine schlechte Copie von Bontius' imaginrem
Orang-outang, an dessen Existenz indess Linn vollstndig geglaubt zu
haben scheint; wenigstens wird er in der Originalausgabe des Systema
naturae als eine zweite Species Homo angefhrt, H. nocturnus.
_Lucifer Aldrovandi_ ist eine Copie einer Figur in Aldrovandi De
Quadrupedibus digitatis viviparis, Lib. 2, p. 249 (1645) bezeichnet:
Cercopithecus formae rarae _Barbilius_ vocatus et originem a china
ducebat. Hoppius ist der Ansicht, dass dies mglicherweise einer jener
katzenschwnzigen Menschen sei, von denen Nicolaus Kping versichert,
dass sie eine Bootsmannschaft, den gubernator navis und alle
miteinander auffrssen! Im Systema naturae nennt ihn Linn in einer
Anmerkung Homo caudatus und scheint geneigt zu sein, ihn als dritte
Species Mensch zu betrachten. Der _Satyrus Tulpii_ ist nach Temminck
eine Copie der Figur eines Chimpanze, die Scotin 1738 publicirte, die
ich nicht gesehen habe. Es ist der _Satyrus indicus_ des Systema
naturae und wird von Linn fr eine mglicherweise vom _Satyrus
sylvestris_ verschiedene Art gehalten. Das letzte, der _Pygmaeus
Edwardi_ ist nach der Abbildung eines jungen Waldmenschen oder
wirklichen Orang-Utan copirt, die in Edwards' Gleanings of Natural
History (1758) gegeben ist.

Buffon war glcklicher als sein grosser Nebenbuhler. Er hatte nicht
bloss die seltene Gelegenheit, einen jungen Chimpanze lebendig
beobachten zu knnen, sondern er gelangte auch in den Besitz eines
erwachsenen Asiatischen menschenhnlichen Affen -- des ersten und
letzten erwachsenen Exemplars irgend eines dieser Thiere, die fr viele
Jahre nach Europa gebracht wurden. Unter der werthvollen Untersttzung
Daubenton's gab Buffon eine ausgezeichnete Beschreibung dieses
Geschpfes, das er nach seinen eigentmlichen Krperverhltnissen den
langarmigen Affen oder Gibbon nannte. Es ist der heutige _Hylobates
lar_.

Als daher Buffon im Jahre 1766 den vierzehnten Band seines grossen
Werkes schrieb, kannte er aus persnlicher Anschauung das Junge von
einer Art Afrikanischer menschenhnlicher Affen und das Erwachsene einer
Asiatischen Art, whrend er den Orang-Utan und den Smith'schen Mandrill
aus Beschreibungen kannte. Ausserdem hatte der Abb Prevost einen
grossen Theil von Purchas' Wanderungen in seiner Histoire gnrale des
Voyages ins Franzsische bersetzt (1748), und hier fand Buffon eine
Uebersetzung von Andreas Battell's Beschreibung des Pongo und des
Engeco. Alle diese Angaben versucht Buffon in dem Les Orang-outangs ou
le Pongo et le Jocko berschriebenen Kapitel mit einander in
Uebereinstimmung zu bringen. Dieser Ueberschrift ist die folgende
Anmerkung beigefgt:

     Orang-outang, nom de cet animal aux Indes orientales: Pongo, nom
     de cet animal  Lowando Province de Congo.

     Jocko, Enjocko, nom de cet animal  Congo que nous avons adopt.
     _En_ est l'article que nous avons retranch.

Andreas Battell's Engeco wurde auf diese Weise in Jocko verwandelt
und in dieser letzteren Form ber alle Welt verbreitet, in Folge der
ausgedehnten Popularitt von Buffon's Werken. Der Abb Prevost und
Buffon thaten aber noch mehr als Battell's nchternen Bericht durch
Weglassen eines Artikels zu entstellen. So gab Buffon Battell's
Angabe, dass die Pongos nicht sprechen knnen und nicht mehr Verstand
haben als ein Thier in der Art wieder, qu'il ne peut parler,
_quoiqu'il ait plus d'entendement que les autres animaux_; ferner steht
die Versicherung Purchas', bei einer Unterredung mit ihm sagte er mir,
dass einer dieser Pongos einen Negerknaben nahm, der einen Monat unter
ihnen lebte, in der franzsischen Uebersetzung so, un pongo lui enleva
un petit negre qui passa un _an_ entier dans la socit de ces animaux.

Nach Mittheilung der Beschreibung des grossen Pongo bemerkt Buffon mit
Recht, dass alle Jockos und Orangs, die bis dahin nach Europa
gebracht wren, jung gewesen seien; und er stellt die Vermuthung auf,
dass sie im erwachsenen Zustande so gross wie der Pongo oder der grosse
Orang sein mchten, so dass er vorlufig die Jockos, Orangs und Pongos
als alle zu einer Art gehrig betrachtet. Und vielleicht war dies gerade
soviel als der Zustand der Kenntniss zu jener Zeit erlaubte. Wie es aber
kam, dass Buffon die Aehnlichkeit des Smith'schen Mandrill mit seinem
eigenen Jocko bersah und den ersteren mit einem so gnzlich
verschiedenen Geschpf verwechselte, wie der Pavian mit blauem Gesicht
ist, ist nicht leicht einzusehen.

Zwanzig Jahre spter nderte Buffon seine Ansicht[8] und usserte die
Meinung, dass die Orangs eine Gattung mit zwei Arten bildeten, -- eine
grssere, der Pongo Battell's, und eine kleinere, der Jocko; dass die
kleinere (Jocko) der ostindische Orang sei; und dass die jungen Thiere
von Afrika, die er selbst und Tulpius beobachtet htten, nur junge
Pongos wren.

In der Zwischenzeit gab der hollndische Naturforscher Vosmaer eine sehr
gute Beschreibung und Abbildung eines jungen, lebendig nach Holland
gebrachten Orangs (1778), und sein Landsmann, der berhmte Anatom =Peter
Camper=, verffentlichte (1779) eine Abhandlung ber den Orang-Utan von
hnlichem Werthe wie die Tyson's ber den Chimpanze. Er anatomirte
mehrere Weibchen und ein Mnnchen, welche alle er nach der
Beschaffenheit ihrer Skelete und ihrer Bezahnung mit Recht fr junge
Thiere hielt. Nach Analogie vom Menschen aus urtheilend, schliesst er
indessen, dass sie im erwachsenen Zustande vier Fuss Hhe nicht
berschritten haben knnten. Uebrigens ist er sich vllig klar ber die
specifische Verschiedenheit des wahren ostindischen Orang.

Der Orang, sagt er, weicht nicht bloss vom Pigmy des Tyson und vom
Orang des Tulpius durch seine besondere Farbe und seine langen Zehen,
sondern auch durch seine ganze ussere Form ab. Seine Arme, seine Hnde
und seine Fsse sind lnger, whrend die Daumen im Gegentheil viel
krzer und die grossen Zehen im Verhltniss viel kleiner sind[9]. Und
ferner: Der wahre Orang, das ist der asiatische von Borneo, ist also
nicht der Pithecus oder der ungeschwnzte, von den Griechen und
vornehmlich von Galen beschriebene Affe. Er ist weder der Pongo, noch
der Jocko, noch der Orang des Tulpius, noch der Pigmy des Tyson, sondern
ist _ein Thier einer besonderen Art_, wie ich aus dem Sprachorgane und
dem Knochenbau auf das Klarste nachweisen werde[10].

Wenige Jahre spter publicirte Radermacher, welcher eine hohe Stellung
in der Regierung der hollndischen Besitzungen in Indien einnahm und ein
thtiges Mitglied der Batavischen Gesellschaft der Knste und
Wissenschaften war, im zweiten Bande der Verhandlungen dieser
Gesellschaft[11] eine Beschreibung der Insel Borneo, die zwischen 1779
und 1781 geschrieben ist und unter vielen anderen interessanten Dingen
auch einige Bemerkungen ber den Orang enthlt. Er meint, die kleinere
Art des Orang-Utan, nmlich die von Vosmaer und Edwards, werde nur auf
Borneo und vorzglich um Banjermassing, Mampauwa und Landak gefunden.
Von dieser Art hatte er whrend seines Aufenthaltes in Indien einige
fnfzig gesehen; keiner aber war lnger als hchstens 2 Fuss.
Radermacher fhrt fort: die grssere, oft fr Chimre gehaltene Art
wrde vielleicht noch lange dafr gehalten worden sein ohne die
Anstrengungen des Residenten in Rembang, Mr. Palm, welcher auf der
Rckreise von Landak nach Pontiana einen schoss und ihn, zur
Uebersendung nach Europa, in Spiritus aufbewahrt nach Batavia schickte.

Palm's Brief, der die Beschreibung des Fanges enthlt, lautet so: Eurer
Excellenz sende ich hierbei einen Orang, von dem ich diesen Morgen
ungefhr um die achte Stunde hrte; es bertrifft dies alle Erwartung,
da ich schon vor langer Zeit den Eingebornen fr einen Orang-Utan von
vier oder fnf Fuss Hhe hundert Ducaten geboten hatte. Lange Zeit
versuchten wir das Mgliche, um das schreckliche Thier lebendig in dem
dichten Walde, ungefhr halbwegs nach Landak, zu fangen. Wir vergassen
selbst zu essen, so ngstlich waren wir, ihn nicht entwischen zu lassen;
wir mussten uns aber in Acht nehmen, dass er sich nicht rchte, da er
fortwhrend schwere Stcken Holz und grne Zweige nach uns warf. Dies
Spiel dauerte bis Nachmittag 4 Uhr, wo wir uns entschlossen, ihn zu
schiessen. Dies glckte mir auch sehr gut, und besser, als ich je vorher
von einem Boote aus geschossen hatte. Die Kugel drang gerade in die
Seite des Brustkastens ein, so dass er nicht sehr beschdigt wurde. Wir
brachten ihn noch lebendig auf das Vordertheil des Schiffes und banden
ihn fest; am andern Morgen starb er an seinen Wunden. Nach unserer
Ankunft kam ganz Pontiana an Bord, um ihn zu sehen. Palm giebt seine
Grsse vom Kopfe bis zur Ferse zu 49 Zoll an.

Ein usserst intelligenter deutscher Beamte, Baron von Wurmb, der zu
jener Zeit eine Stellung im hollndisch-ostindischen Dienste hatte und
Secretair der Batavischen Gesellschaft war, untersuchte dies Thier, und
seine sorgfltige Beschreibung desselben erschien unter dem Titel:
Beschrijving van der Groote Borneosche Orang-outang of de Oost-Indische
Pongo in demselben Bande der Abhandlungen der Batavischen Gesellschaft.
Nachdem von Wurmb seine Beschreibung aufgesetzt hatte, giebt er in
einem, Batavia Febr. 18, 1781[12] datirten Briefe noch an, dass das
Exemplar in Weingeist verwahrt nach Europa gesandt worden sei, um in die
Sammlung der Prinzen von Oranien aufgenommen zu werden;
unglcklicherweise, erzhlt er weiter, hren wir, dass das Schiff
Schiffbruch gelitten hat. Von Wurmb starb im Laufe des Jahres 1781, der
Brief, in dem diese Stelle vorkommt, war der letzte, den er schrieb; in
seinen nachgelassenen, im vierten Theile der Verhandlungen der
Batavischen Gesellschaft publicirten Arbeiten findet sich eine kurze
Beschreibung eines weiblichen Pongo von vier Fuss Hhe mit Maassangaben.

Erreichte nun eines dieser Originalexemplare, nach denen von Wurmb's
Beschreibung entworfen wurde, jemals Europa? Es wird gewhnlich
angenommen, dass sie herbergekommen sind; aber ich bezweifle die
Thatsache. Denn in der gesammelten Ausgabe von Camper's Werken ist der
Abhandlung De l'Orang-outang, Tom. I, pag. 64-66, von Camper selbst
eine sich auf die Arbeiten von Wurmb's beziehende Anmerkung beigefgt,
in der es heisst: Bis jetzt ist diese Affenart in Europa noch nie
bekannt geworden. Radermacher hat die Gte gehabt, mir den Schdel eines
dieser Thiere zu schicken, welches drei und fnfzig Zoll oder vier Fuss
fnf Zoll in der Lnge maass. Ich habe an Soemmerring in Mainz ein paar
Skizzen geschickt, welche indessen mehr darauf berechnet sind, eine Idee
von der Form als von der wirklichen Grsse der Theile zu geben.

[Illustration: Fig. 7. Der von Radermacher an Camper gesandte
Pongo-Schdel, nach Camper's Originalskizzen in der Lucae'schen Copie.]

Diese Skizzen sind von Fischer und von Lucae reproducirt worden und
tragen das Datum 1783; Soemmerring erhielt sie im Jahre 1784. Wre eines
der von Wurmb'schen Exemplare nach Holland gekommen, so wrde es gewiss
um diese Zeit Camper nicht mehr unbekannt geblieben sein, der nun aber
fortfhrt: Es scheint, dass seitdem noch einige mehr von diesen
Ungeheuern gefangen worden sind; denn ein ganzes, sehr schlecht
aufgestelltes Skelet, das an das Museum des Prinzen von Oranien
geschickt war und welches ich erst am 27. Juni 1784 sah, war hher als
vier Fuss. Ich habe dies Skelet noch einmal am 19. December 1785
untersucht, nachdem es von dem geistvollen Onymus vorzglich zurecht
gemacht worden war.

Es scheint daher evident zu sein, dass dieses Skelet, welches
zweifelsohne das ist, was immer unter dem Namen von Wurmb's Pongo ging,
nicht von dem Thiere herrhrt, welches er beschrieben hat, obschon es
ihm ohne Frage in allen wesentlichen Punkten hnlich war.

Camper fhrt dann fort, einige der wichtigsten Zge dieses Skelets zu
erwhnen, verspricht es gelegentlich im Detail zu beschreiben, und ist
augenscheinlich im Zweifel ber die Beziehung dieses grossen Pongo zu
seinem kleinen Orang.

Die versprochenen weiteren Untersuchungen wurden niemals ausgefhrt, und
so kam es, dass der Pongo von Wurmb's seinen Platz neben dem Chimpanze,
Gibbon und Orang erhielt als eine vierte und colossale Art
menschenhnlicher Affen. Es konnte auch den damals bekannten Chimpanzes
oder Orangs nichts weniger hnlich sein als der Pongo; denn alle zur
Beobachtung gekommenen Exemplare vom Chimpanze und Orang waren von
kleiner Statur, von eigenthmlich menschlichem Ansehen, sanft und
gelehrig; whrend Wurmb's Pongo ein Ungeheuer von beinahe doppelter
Grsse, von grosser Strke und Wildheit und sehr thierischem Ausdruck
war; seine grosse vorstehende, mit starken Zhnen bewaffnete Schnauze
war ferner noch durch das Auswachsen der Wangen in fleischige Lappen
entstellt.

Gelegentlich wurde dann, in Uebereinstimmung mit den blichen
marodirenden Gewohnheiten der Revolutionsarmee, das Pongo-Skelet von
Holland fort nach Frankreich geschafft, und 1798 gaben Geoffroy St.
Hilaire und Cuvier Bemerkungen ber dasselbe mit der ausdrcklichen
Absicht, seine vllige Verschiedenheit vom Orang und seine
Verwandtschaft mit den Pavianen zu beweisen.

Selbst in Cuvier's Tableau Elmentaire und in der ersten Ausgabe
seines grossen Werkes, des Rgne animal, wird der Pongo als eine
Species Pavian aufgefhrt. Es scheint indessen, dass Cuvier schon
zeitig, im Jahre 1818, veranlasst wurde, seine Ansicht zu ndern und der
Meinung beizutreten, die mehrere Jahre frher Blumenbach[13] und nach
ihm Tilesius ausgesprochen hatte, dass der Pongo von Borneo einfach ein
erwachsener Orang sei. Im Jahre 1824 wies Rudolphi aus dem Zustande der
Bezahnung ausfhrlicher und vollstndiger, als es von seinen Vorgngern
geschehen war, nach, dass die bis zu jener Zeit beschriebenen Orangs
smmtlich junge Thiere wren und dass der Schdel und die Zhne des
Erwachsenen wahrscheinlich so sein wrden, wie sie der Wurmb'sche Pongo
darbte. In der zweiten Ausgabe des Rgne animal (1829) zieht Cuvier
aus den Verhltnissen aller Theile und den Anordnungen der Lcher und
Nhte des Schdels den Schluss, dass der Pongo der erwachsene
Orang-Utan sei, wenigstens eine sehr nahe verwandte Art, und dieser
Schluss wurde dann spter ausser allen Zweifel gestellt durch die
Abhandlung Professor Owen's, in den Zoological Transactions fr 1835,
und von Temminck in seinen Monographies de Mammologie. Temminck's
Abhandlung ist ausgezeichnet durch die Vollstndigkeit des beigebrachten
Nachweises ber die Modificationen, denen die Form des Orang nach Alter
und Geschlecht unterliegt. Tiedemann verffentlichte zuerst einen
Bericht ber das Gehirn des jungen Orang, whrend Sandifort, Mller und
Schlegel die Muskeln und Eingeweide des erwachsenen beschrieben und den
ersten detaillirten und glaubwrdigen Bericht ber die Lebensart des
grossen indischen Affen im Naturzustande gaben; da dann noch von sptern
Beobachtern wichtige Zustze gegeben worden sind, so sind wir in diesem
Augenblicke besser mit dem erwachsenen Zustand des Orang-Utan bekannt,
als mit dem irgend eines der andern grsseren menschenhnlichen Affen.

Er ist sicher der Pongo von Wurmb's[14]; und er ist ebenso gewiss nicht
der Pongo Battell's, da wir jetzt sehen, dass der Orang-Utan gnzlich
auf die grossen asiatischen Inseln Borneo und Sumatra beschrnkt ist.

Und whrend die aufeinander folgenden Entdeckungen so die Geschichte des
Orang aufklrten, wurde noch nachgewiesen, dass die einzigen andern
menschenhnlichen Affen in der stlichen Welt die verschiedenen Arten
von Gibbon seien -- Affen von kleinerer Statur, und daher die
Aufmerksamkeit weniger fesselnd als die Orangs, obgleich sie eine viel
weitere Verbreitung haben und deshalb der Beobachtung viel zugnglicher
sind.

Obgleich der geographische Bezirk, der von dem Pongo und Engeco
Battell's bewohnt wird, Europa so viel nher ist, als der, in dem der
Orang und Gibbon sich findet, so hat doch unsere Bekanntschaft mit den
afrikanischen Affen langsamer zugenommen; und in der That ist die
wahrheitsgetreue Erzhlung des alten englischen Abenteurers erst in den
letzten paar Jahren vllig verstndlich gemacht worden. Erst 1835 wurde
das Skelet des erwachsenen Chimpanze bekannt durch die Publication von
Professor Owen's oben erwhnter ausgezeichneter Abhandlung On the
osteology of the Chimpanzee and Orang in den Abhandlungen der
Zoologischen Gesellschaft, -- eine Abhandlung, welche durch die
Genauigkeit der Beschreibung, die Sorgfalt in der Vergleichung und die
Vortrefflichkeit der Abbildungen epochemachend war in der Geschichte
unserer Kenntniss des knchernen Baues nicht bloss des Chimpanzes,
sondern aller menschenhnlichen Affen.

Durch die hier mitgetheilten detaillirten Untersuchungen wurde erwiesen,
dass der alte Chimpanze in Bezug auf Grsse und Ansehen von den Tyson,
Buffon und Traill bekannten jungen Formen so weit abweicht, wie der
alte Orang vom jungen Orang; und die sptern usserst wichtigen
Untersuchungen der Herren Savage und Wyman, eines amerikanischen
Missionars und eines Anatomen, haben nicht bloss diesen Schluss
besttigt, sondern viele neue Einzelheiten beigebracht[15].

Eine der interessantesten unter den vielen werthvollen Entdeckungen, die
Dr. Thomas Savage gemacht hat, ist die Thatsache, dass heutigen Tages
die Eingebornen des Gaboonlandes den Chimpanze mit einem Namen
bezeichnen -- Ench-eko -- der offenbar identisch ist mit dem Engeko
Battell's, eine Entdeckung, die von allen spteren Forschern besttigt
worden ist. War hierdurch aber bewiesen, dass Battell's kleineres
Ungeheuer wirklich existirte, so lag natrlich die Vermuthung sehr
nahe, dass sein grsseres Ungeheuer, der Pongo, frher oder spter
auch entdeckt werden wrde. Und in der That hatte ein neuerer Reisender,
Bowdich, unter den Eingebornen starke Beweise fr die Existenz eines
zweiten grossen Affen gefunden, der Ingena genannt wird, fnf Fuss
hoch und vier ber die Schultern breit ist, ein rohes Haus baut,
ausserhalb dessen er schlft.

Dr. Savage war 1847 so glcklich, einen weiteren und usserst wichtigen
Beitrag zu unserer Kenntniss der menschenhnlichen Affen liefern zu
knnen; denn als er wider Erwarten am Gaboonfluss zurckgehalten wurde,
sah er im Hause des dort residirenden Missionars, Mr. Wilson, einen
Schdel, der von den Eingebornen als der eines affenhnlichen Thieres
bezeichnet wurde, das durch seine Grsse, Bsartigkeit und Gewohnheiten
merkwrdig wre. Durch die Umrisse des Schdels und die Berichte
mehrerer intelligenter Eingebornen wurde ich zu dem Glauben
veranlasst, sagt Dr. Savage, dass er einer neuen Art von Orang
angehre, wobei er den Ausdruck Orang in seinem lteren allgemeineren
Sinne brauchte. Ich drckte diese Meinung gegen Mr. Wilson aus mit dem
Wunsche weiterer Untersuchung und mit der Bitte, wenn mglich die Frage
durch Inspection eines lebendigen oder todten Exemplars zu entscheiden.
Das Resultat der vereinten Bemhungen der Herren Savage und Wilson war
nicht bloss ein sehr vollstndiger Bericht ber die Lebensweise des
neuen Geschpfes, sondern sie leisteten der Wissenschaft noch einen
wichtigeren Dienst dadurch, dass sie den bereits erwhnten
ausgezeichneten amerikanischen Anatomen, Professor Wyman, in den Stand
setzten, nach einem reichen Material die unterscheidenden osteologischen
Charaktere der neuen Form zu beschreiben. Das Thier wurde von den
Eingebornen des Gaboon Eng-ena genannt, ein offenbar mit dem Ingena
Bowdich's identischer Name. Dr. Savage kam zu der Ueberzeugung, dass
dieser letztentdeckte aller grossen Affen der lange gesuchte Pongo
Battell's sei.

Die Richtigkeit der Folgerung ist in der That ausser allem Zweifel; denn
es stimmt der Eng-ena mit Battell's grsserem Ungeheuer nicht bloss
in den hohlen Augen, der grsseren Statur, der schwrzlichen oder grauen
Frbung berein, sondern der einzige andere menschenhnliche Affe, der
jene Breiten bewohnt, der Chimpanze, ist sofort durch seine geringere
Grsse mit dem kleineren Ungeheuer zu identificiren, und selbst die
Mglichkeit, dass er der Pongo sei, wird ausgeschlossen durch die
Thatsache, dass er schwarz und nicht schwarzgrau ist, wobei kaum auf den
wichtigen bereits erwhnten Umstand aufmerksam gemacht zu werden
braucht, dass er noch jetzt den Namen Engeko oder Ench-eko fhrt,
unter dem ihn Battell kannte.

Bei dem Aufsuchen eines specifischen Namens fr den Eng-ena vermied
Dr. Savage wohlweislich den vielfach missbrauchten Namen Pongo; da er
vielmehr in dem alten Periplus des Hanno das Wort Gorilla fand als
Bezeichnung fr ein gewisses behaartes wildes Volk, welches der
carthagische Reisende auf einer Insel an der afrikanischen Kste
entdeckt hatte, gab er seinem neuen Affen den specifischen Namen
Gorilla, woher denn seine bekannte Benennung rhrt. Vorsichtiger
indessen als einige seiner Nachfolger identificirt Dr. Savage seinen
Affen keineswegs mit Hanno's Wilden. Er sagt nur, dass die letzteren
wahrscheinlich eine der Arten Orang seien; und ich stimme mit Brull
berein, dass kein Grund vorhanden ist, den heutigen Gorilla mit dem
des carthagischen Admirals zu identificiren.

Seit dem Erscheinen der Abhandlung von Savage und Wyman ist das Skelet
des Gorilla von Professor Owen und dem verstorbenen Professor Duvernoy
vom Jardin des Plantes untersucht worden; der Letztere hat ferner eine
werthvolle Beschreibung des Muskelsystems und vieler anderen Weichtheile
geliefert. Auch haben afrikanische Missionare und Reisende den
ursprnglich von der Lebensweise dieses grossen menschenhnlichen Affen
gegebenen Bericht besttigt und erweitert, eines Affen, der das
eigenthmliche Geschick hatte, zuerst der Welt im Allgemeinen bekannt
und zuletzt wissenschaftlich untersucht zu werden.

Zwei und ein halbes Jahrhundert sind verflossen, seitdem Battell seine
Geschichten vom grsseren und kleineren Ungeheuer dem Purchas
erzhlte, und beinahe so viel Zeit hat es bedurft, um zu dem klaren
Resultate zu kommen, dass es vier bestimmte Arten menschenhnlicher
Affen gebe -- in Ost-Asien die Gibbons und Orangs, in West-Afrika den
Chimpanze und den Gorilla.

                    *       *       *       *       *

Die menschenhnlichen Affen, deren Entdeckungsgeschichte im
Vorstehenden erzhlt wurde, haben gewisse Merkmale der Structur und
Verbreitungseigenthmlichkeiten gemeinsam. So haben sie alle dieselbe
Zahl von Zhnen wie der Mensch -- sie besitzen vier Schneidezhne, zwei
Eckzhne, vier falsche und sechs wahre Backzhne in jeder Kinnlade,
oder 32 Zhne in allem, im erwachsenen Zustande. Sie gehren zu den
Affen, die man Catarrhini nennt -- das heisst, ihre Nasenlcher haben
eine schmale Scheidewand und sehen nach abwrts; ausserdem sind ihre
Arme stets lnger als ihre Beine, zuweilen ist der Unterschied grsser,
zuweilen kleiner; ordnet man die vier Affen nach der Lnge ihrer Arme im
Verhltniss zu der der Beine, so erhalten wir folgende Reihe: Orang
(1 4/9-1), Gibbon (1 1/4-1), Gorilla (1 1/5-1), Chimpanze (1 1/16-1). Bei
allen enden die Vordergliedmaassen in Hnde, die mit lngeren oder
krzeren Daumen versehen sind; auch die grosse Zehe der Fsse, die stets
kleiner als beim Menschen ist, ist weit beweglicher als bei diesem und
kann wie ein Daumen dem brigen Fusse gegenbergestellt werden. Keiner
dieser Affen hat einen Schwanz und keiner besitzt die den niedrigeren
Affen eigenen Backentaschen. Endlich sind sie alle Bewohner der alten
Welt.

Die Gibbons sind die kleinsten, schlankesten und mit den lngsten
Gliedmaassen versehenen menschenhnlichen Affen: ihre Arme sind lnger
im Verhltniss zu ihrem Krper als die irgend eines anderen
menschenhnlichen Affen, so dass sie den Boden erreichen, selbst wenn
sie aufrecht stehen. Ihre Hnde sind lnger als die Fsse, und sie sind
die einzigen Anthropoiden, welche Schwielen haben wie die niedrigeren
Affen. Sie sind verschieden gefrbt. Die Orangs haben Arme, welche bei
aufrechter Stellung des Thieres bis zu den Kncheln reichen; ihre Daumen
und grossen Zehen sind sehr kurz, ihre Fsse lnger als die Hnde. Der
Krper ist von rothbraunem Haar bedeckt und die Seiten des Gesichts sind
bei erwachsenen Mnnchen in zwei halbmondfrmige biegsame Auswchse, wie
fettige Geschwlste, verlngert. Die Chimpanzes haben Arme, welche bis
unter die Knie reichen; sie haben grosse Daumen und grosse Zehen, ihre
Hnde sind lnger als ihre Fsse, und ihr Haar ist schwarz, whrend die
Haut des Gesichts bleich ist. Der Gorilla endlich hat Arme, welche bis
zur Mitte des Beins reichen, grosse Daumen und grosse Zehen, Fsse
lnger als die Hnde, ein schwarzes Gesicht und dunkelgraues Haar.

Fr meinen mir vorgesteckten Zweck ist es unnthig, in irgend weitere
Details in Betreff der unterscheidenden Charaktere der Gattungen und
Arten einzugehen, in welche diese menschenhnlichen Affen von
Naturforschern getheilt worden sind. Es mag die Bemerkung gengen, dass
die Orangs und Gibbons die besondere Genera _Simia_ und _Hylobates_
bilden; whrend die Chimpanzes und Gorillas von Einigen einfach als
besondere Arten einer Gattung, _Troglodytes_ betrachtet werden, von
Andern als besondere Gattungen, wobei der Name _Troglodytes_ fr den
Chimpanze, _Gorilla_ fr den Eng-ena oder Pongo angewandt wird.

                    *       *       *       *       *

Eine genaue Kenntniss der Gewohnheiten und Lebensweise der
menschenhnlichen Affen zu erhalten, ist selbst noch schwieriger
gewesen, als eine richtige Darstellung ihres Krperbaues.

Nur einmal in jeder Generation wird man einen Wallace finden, der
krperlich, geistig und gemthlich geeignet ist, ohne Schaden durch die
tropischen Wildnisse Amerikas und Asiens zu wandern, prachtvolle
Sammlungen auf seinen Wanderungen zu machen und bei alledem
noch scharfsinnig die sich aus seinen Sammlungen ergebenden
Schlussfolgerungen zu ziehen. Dem gewhnlichen Erforscher oder Sammler
bieten die dichten Wlder des aequatorialen Asiens und Afrikas, welche
die Lieblingsaufenthaltsorte des Orang, Chimpanze und Gorilla bilden,
Schwierigkeiten von nicht gewhnlicher Grsse dar; und ein Mann, welcher
sein Leben wagt selbst bei einem kurzen Besuch an den Fieberksten
dieser Gegenden, ist wohl zu entschuldigen, wenn er vor den Gefahren des
Innern zurckschreckt, wenn er sich damit begngt, den Fleiss der besser
acclimatisirten Eingebornen zu reizen, und die mehr oder weniger
mythischen Berichte und Ueberlieferungen zu sammeln und neben einander
zu stellen, mit denen jene ihn nur zu gern versehen.

Auf eine solche Weise entstanden die meisten der frheren Beschreibungen
der Lebensweise der menschenhnlichen Affen; und selbst jetzt noch muss
ein guter Theil von dem, was darber cursirt, als nicht sicher begrndet
zugegeben werden. Die besten Nachrichten, die wir besitzen, sind die
fast gnzlich auf europischen Zeugnissen beruhenden ber die Gibbons;
die nchst besten Zeugnisse betreffen die Orangs, whrend unsere
Kenntniss von den Gewohnheiten des Chimpanze und Gorilla weitere Beweise
von unterrichteten europischen Augenzeugen dringend bedrfen.

Wenn wir daher versuchen, uns von dem einen Begriff zu machen, was wir
ber diese Thiere zu glauben berechtigt sind, so wird es zweckmssig
sein, mit den bestgekannten menschenhnlichen Affen, den Gibbons und
Orangs, zu beginnen und die vollstndig zuverlssigen Nachrichten ber
diese als eine Art Criterium fr die Wahrheit oder Falschheit der ber
die andern verbreiteten Erzhlungen zu benutzen.

Von den =Gibbons= findet sich ein halbes Dutzend Arten zerstreut ber
die asiatischen Inseln, Java, Sumatra, Borneo, und ber Malacca, Siam,
Arracan und einen nicht scharf bestimmten Theil von Hindostan auf dem
asiatischen Festlande. Die grssten erreichen eine Hhe von einigen
Zollen ber drei Fuss von dem Scheitel zur Ferse, so dass sie kleiner
als die andern menschenhnlichen Affen sind, whrend die Schlankheit
ihres Krpers ihre ganze Krpermasse, selbst im Verhltnisse zu dieser
geringeren Grsse, noch viel unbedeutender erscheinen lsst.

Dr. Salomon Mller, ein ausgezeichneter hollndischer Naturforscher,
welcher viele Jahre lang im ostindischen Archipel lebte und auf dessen
persnliche Erfahrungen ich mich hufig zu beziehen Veranlassung haben
werde, giebt an, dass die Gibbons chte Bergbewohner sind, dass sie die
Abhnge und Kmme der Berge lieben, obschon sie selten ber die Grenze
der Feigbume hinaufgehen. Den ganzen Tag lang treiben sie sich in den
Wipfeln der hohen Bume umher; und obgleich sie gegen Abend in kleinen
Trupps auf das offene Land herabsteigen, so schiessen sie doch die
Bergabhnge hinauf und verschwinden in den dunkleren Thlern, sobald sie
einen Menschen wittern.

[Illustration: Fig. 8. Ein Gibbon (H. pileatus) nach Wolf.]

Alle Beobachter bezeugen den fabelhaften Umfang der Stimme dieser
Thiere. Dem Schriftsteller zufolge, den ich eben angefhrt habe, ist bei
einem derselben, dem Siamang, die Stimme voll und durchdringend, den
Lauten g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek ha ha ha ha
haa[=a][=a][=a] entsprechend und kann sehr gut aus einer Entfernung von
einer halben (franzs.) Meile gehrt werden. Whrend der Schrei
ausgestossen wird, wird der grosse hutige Sack unter der Kehle, der mit
dem Stimmorgane communicirt, der sogenannte Kehlsack, stark ausgedehnt
und sinkt wieder zusammen, wenn das Thier zu schreien aufhrt.

Mr. Duvaucel versichert gleicherweise, dass der Schrei des Siamang
meilenweit gehrt werden kann, dass er die Wlder wiederhallen macht. So
beschreibt Mr. Martin[16] den Schrei des _Hylobates agilis_ (des Ungko)
als berwltigend und taubmachend in einem Zimmer, und durch seine
Strke wohl berechnet, durch die ungeheuren Wlder zu drhnen. Mr.
Waterhouse, ein ebenso vorzglicher Musiker als Zoolog, sagt: des
Gibbons Stimme ist bestimmt viel krftiger als die irgend eines Sngers,
den ich je gehrt habe. Und doch muss man sich erinnern, dass das Thier
nicht halb so hoch und viel weniger massig im Verhltniss ist, als ein
Mensch.

Wir haben sichere Zeugnisse, dass verschiedene Arten vom Gibbon sehr
leicht die aufrechte Stellung annehmen. Mr. George Bennett[17], ein ganz
vorzglicher Beobachter, sagt bei der Beschreibung der Gewohnheiten
eines mnnlichen Siamang (_H. syndactylus_), der einige Zeit in seinem
Besitz war: Auf einer ebenen Flche geht er unverndert in aufrechter
Stellung; dann hngen die Arme entweder herab und gestatten ihm, sich
mit den Kncheln zu untersttzen, oder, und dies ist das Gewhnlichere,
er hlt die Arme in einer fast aufrechten Stellung erhoben mit
herabhngenden Hnden, bereit ein Seil zu ergreifen, um bei dem
Herannahen einer Gefahr oder dem Andrngen von Fremden hinaufzuklettern.
In aufrechter Stellung geht er ziemlich geschwind, aber mit einem
wackligen Gange und strzt leicht hin, wenn er, verfolgt, keine
Gelegenheit hat, durch Klettern zu entfliehen ... Wenn er aufrecht geht,
dreht er das Bein und den Fuss nach aussen, was seinen Gang wacklig
macht und ihn krummbeinig scheinen lsst.

Dr. Burrough giebt von einem andern Gibbon, dem Horlack oder Hooluk an:

Sie gehen aufrecht und wenn sie auf ebene Erde oder auf offenes Feld
gebracht werden, balanciren sie sich sehr gut dadurch, dass sie ihre
Hnde ber den Kopf erheben und den Arm im Ellbogen und Handgelenk
leicht biegen, und laufen dann ziemlich schnell, von einer Seite zur
andern wankend: werden sie zu grsserer Eile getrieben, dann lassen sie
ihre Hnde auf den Boden fallen und untersttzen sich damit, mehr
springend als laufend, aber immer den Krper nahezu aufrecht haltend.

Etwas verschiedene Angaben macht indessen Dr. Winslow Lewis[18]:

Ihre einzige Art zu gehen war auf ihren hinteren oder unteren
Gliedmaassen, wobei die anderen nach oben gehoben wurden, um das
Gleichgewicht zu erhalten, wie Seiltnzer auf Jahrmrkten durch lange
Stangen sich untersttzen. Beim Gehen setzten sie aber nicht einen Fuss
vor den andern, sondern brauchten beide gleichzeitig wie beim Springen.
Auch Dr. Salomon Mller giebt an, dass die Gibbons sich auf der Erde in
kurzen Reihen wackelnder Sprnge fortbewegen, die nur von den
Hinterbeinen ausgefhrt werden und wobei der Krper vollstndig aufrecht
erhalten wird.

Mr. Martin aber, der auch aus directer Erfahrung spricht, sagt von den
Gibbons im Allgemeinen (a. a. O. S. 418):

Obgleich die Gibbons ganz besonders fr Leben auf den Bumen geeignet
sind und in den Zweigen eine staunenerregende Lebendigkeit entfalten,
so sind sie doch nicht so ungeschickt oder verloren, wenn sie auf ebener
Erde sind, als man glauben mchte. Sie gehen aufrecht, mit einem
wackligen oder unsichern Gang, aber mit schnellem Schritt. Mssen sie
das Gleichgewicht des Krpers herstellen, so berhren sie den Boden erst
mit den Kncheln der einen, dann mit denen der andern Seite, ober sie
heben die Arme zum Balanciren. Wie beim Chimpanze wird die ganze schmale
lange Sohle des Fusses auf einmal auf den Boden gesetzt und auf einmal
abgehoben ohne irgend welche Elasticitt des Schrittes.

Nach dieser Masse bereinstimmender und unabhngiger Zeugnisse kann man
vernnftigerweise nicht zweifeln, dass die Gibbons gewhnlich und
natrlich die aufrechte Stellung annehmen.

Ebener Boden ist aber nicht der Ort, wo diese Thiere ihre hchst
merkwrdigen und eigenthmlichen bewegenden Krfte und jene fabelhafte
Lebendigkeit entfalten knnen, welche uns fast versuchen knnte, sie
eher unter fliegende als unter gewhnliche kletternde Sugethiere zu
versetzen.

Mr. Martin hat eine so ausgezeichnete und malerische Beschreibung der
Bewegungen eines _Hylobates agilis_, der im Jahre 1840 im zoologischen
Garten lebte, gegeben (a. a. O. S. 430), dass ich dieselbe ausfhrlich
mittheilen will:

Es ist fast unmglich, in Worten eine Idee von der Schnelligkeit und
der Grazie seiner Bewegungen zu geben: sie knnen fast luftig genannt
werden, da er bei dem Fortbewegen die Zweige, auf denen er seine
Evolutionen ausfhrt, nur zu berhren scheint. Bei diesen
Kunstleistungen sind seine Arme und Hnde die einzigen Bewegungsorgane;
hngt der Krper wie an einem Seil befestigt an einer Hand (ich will
sagen, der rechten), so schwingt er sich durch eine energische Bewegung
nach einem entfernten Zweig, den er mit der linken Hand fasst; das
Festhalten ist aber krzer als augenblicklich: der Anstoss fr den
nchsten Schwung ist gegeben; der jetzt erzielte Zweig wird wieder mit
der rechten Hand gefasst und augenblicklich wieder losgelassen und so
fort in abwechselnder Folge. Auf diese Weise werden Zwischenrume von
zwlf bis achtzehn Fuss mit der grssten Leichtigkeit und ohne
Unterbrechung durchflogen, und zwar stundenlang ohne die geringsten
Zeichen einer Ermdung; und es ist klar, dass, wenn ihm mehr Platz
eingerumt werden knnte, Entfernungen von weit ber achtzehn Fuss
ebenso leicht berwunden wrden, so dass Duvaucels Behauptung, dass er
gesehen habe, wie sich diese Thiere von einem Zweig auf einen andern,
vierzig Fuss davon entfernten, geschwungen htten, so wunderbar es
klingt, wohl Glauben verdient. Ergreift er in seinen Bewegungen einen
Zweig, so wirft er sich zuweilen nur mit der Kraft eines einzigen Armes
vollstndig rings um ihn herum, macht dabei einen solchen Umschwung,
dass er das Auge vllig tuscht, und setzt dann seine Bewegungen mit
unverminderter Schnelligkeit fort. Es ist ganz eigenthmlich zu sehen,
wie pltzlich dieser Gibbon anhalten kann, whrend doch die
Geschwindigkeit und die Entfernung seiner schwingenden Sprnge einen
solchen Stoss verursacht, dass ein allmliges Abnehmen der Bewegungen
nothwendig zu sein scheint. Mitten in seinem Fluge wird ein Zweig
ergriffen, der Krper gehoben und nun sieht man ihn wie durch Zauber
ruhig auf ihm sitzen und ihn mit den Fssen festhalten. Ebenso pltzlich
wirft er sich wieder in Thtigkeit.

Folgende Thatsachen werden einen Begriff von seiner Geschicklichkeit
und Schnelligkeit geben. Ein lebender Vogel wurde in seiner Behausung
losgelassen; er beobachtete dessen Flug, schwang sich an einen
entfernten Zweig, fing unterwegs den Vogel mit der einen Hand und
ergriff den Zweig mit der andern; sein Ziel, sowohl der Vogel als der
Zweig, war so sicher erreicht, als ob nur ein einziger Gegenstand seine
Aufmerksamkeit gefesselt htte. Hinzufgen will ich, dass er sofort dem
Vogel den Kopf abbiss, die Federn ausrupfte und ihn dann hinwarf, ohne
einen Versuch zu machen, ihn zu essen.

Bei einer andern Gelegenheit schwang sich dies Thier von einer Stange
ber einem Gang, der mindestens zwlf Fuss breit war, gegen ein Fenster,
welches, wie man dachte, augenblicklich msste zerbrochen werden; aber
dem war nicht so: zu Aller Verwunderung erfasste es das schmale
Holzgerst zwischen den Scheiben mit der Hand, gab sich im Moment den
geeigneten Stoss und sprang zurck zu dem Kfig, den es verlassen hatte
-- eine Leistung, die nicht bloss grosser Kraft, sondern besonders
grosser Prcision bedurfte.

                    *       *       *       *       *

Die Gibbons scheinen von Natur sehr sanft zu sein; es giebt aber sichere
Beweise dafr, dass sie gereizt gefhrlich beissen knnen, -- ein
weiblicher _Hylobates agilis_ hatte einen Mann so gefhrlich mit seinen
langen Eckzhnen verletzt, dass er starb. Da er noch Andere bedeutend
verletzt hatte, wurden Vorsichts halber diese frchterlichen Zhne
abgefeilt; wurde ihm aber gedroht, fiel er doch noch ber seinen Wrter
her. Die Gibbons fressen Insecten, scheinen aber im Allgemeinen
thierische Nahrung zu vermeiden. Mr. Bennett hat indessen gesehen, wie
ein Siamang eine lebendige Eidechse ergriff und gierig verzehrte. Sie
trinken gewhnlich so, dass sie ihre Finger in die Flssigkeit
eintauchen und diese dann ablecken. Es wird angegeben, dass sie sitzend
schlafen.

Duvaucel versichert gesehen zu haben, dass Weibchen ihre Jungen an das
Wasser trugen und ihnen dort das Gesicht wuschen trotz Widerstand und
Geschrei. In Gefangenschaft sind sie sanft und zuthulich, voller Laune
und empfindlich, wie verzogene Kinder, und doch nicht ohne ein gewisses
Bewusstsein oder eine Art Gewissen, wie eine von Mr. Bennett (a. a. O.
S. 156) erzhlte Anecdote zeigen wird. Es mchte fast scheinen, als
htte sein Gibbon eine eigenthmliche Neigung gehabt, die Sachen in
seiner Cajte in Unordnung zu bringen. Unter diesen Gegenstnden
fesselte ein Stckchen Seife ganz besonders seine Aufmerksamkeit, und
ein- oder zweimal schon ist er wegen Entfernens derselben gescholten
worden. Eines Morgens schrieb ich, sagt Mr. Bennett, der Affe war in
der Cajte, und als ich die Augen erhebend nach ihm hinsah, bemerkte
ich, wie der kleine Kerl wieder die Seife nahm. Ich beobachtete ihn,
ohne dass er merkte, dass ich es that: gelegentlich warf er einen
verstohlenen Blick nach der Stelle hin, wo ich sass. Ich that, als ob
ich schriebe, und da er mich emsig beschftigt sah, nahm er die Seife
und entfernte sich, sie in seiner Pfote haltend. Als er die halbe Lnge
der Cajte gegangen war, sprach ich ruhig, ohne ihn zu erschrecken. In
dem Augenblick, wo er merkte, dass ich ihn she, ging er zurck und
legte die Seife fast auf dieselbe Stelle, von der er sie genommen hatte.
In dieser Handlungsweise lag doch gewiss mehr als blosser Instinct: er
offenbarte entschieden das Bewusstsein, sowohl bei der ersten als bei
den letzten Handlungen unrecht gethan zu haben -- und was ist Vernunft,
wenn dies nicht ein Zeichen von ihr ist?

[Illustration: Fig. 9. Ein erwachsener mnnlicher Orang-Utan, nach
Mller u. Schlegel.]

                    *       *       *       *       *

Der ausfhrlichste Bericht ber die Naturgeschichte des =Orang-Utan= ist
der von Dr. Salomon Mller und Dr. Schlegel in den Verhandelingen over
de Natuurlijke Geschiedenis der Nederlandsche overzeesche Bezittingen
(1839-45), und was ich ber den Gegenstand zu sagen habe, werde ich
fast ausschliesslich auf ihre Angaben basiren, hier und da interessante
Zge aus den Schriften von Brooke, Wallace und Anderen hinzufgend.

Es scheint, als ob der Orang-Utan nur selten hher wrde als vier Fuss,
der Krper ist aber sehr dick, er misst zwei Drittel der Hhe im
Umfang[19].

Der Orang-Utan findet sich nur auf Sumatra und Borneo und ist auf keiner
dieser Inseln gemein; auf beiden trifft man ihn immer nur auf niedrigen
flachen Ebenen, niemals in Bergen. Er liebt die dichtesten und
schattigsten Wlder, die sich von der Kste landeinwrts erstrecken, und
wird daher nur in der stlichen Hlfte von Sumatra angetroffen, wo sich
allein solche Wlder finden, obgleich er gelegentlich auch auf die
westliche Seite hinbergerth.

Dagegen ist er allgemein ber Borneo verbreitet, mit Ausnahme der Berge
oder wo die Bevlkerung dicht ist. Hat ein Jger Glck, so kann er an
gnstigen Stellen drei oder vier an einem Tage sehen.

Mit Ausnahme der Paarungszeit leben die alten Mnnchen gewhnlich
allein. Die alten Weibchen und jungen Mnnchen dagegen sieht man oft zu
zweien oder dreien; die ersteren haben gewhnlich Junge bei sich,
obgleich sich die trchtigen Weibchen gewhnlich von den anderen trennen
und auch noch nach der Geburt ihrer Jungen allein bleiben. Die jungen
Orangs scheinen ungewhnlich lange unter der Protection ihrer Mtter zu
bleiben, wahrscheinlich in Folge ihres langsamen Wachsthums. Beim
Klettern trgt die Mutter das Junge stets an ihrem Busen, wobei sich das
Junge am Haare der Mutter festhlt[20]. In welchem Alter der Orang-Utan
fortpflanzungsfhig wird und wie lange die Weibchen die Jungen tragen,
ist unbekannt; es ist indess wahrscheinlich, dass sie nicht vor dem
zehnten bis fnfzehnten Lebensjahre erwachsen werden. Ein Weibchen, das
fnf Jahre lang in Batavia gelebt hatte, war noch nicht ein Drittel so
gross als die wilden Weibchen. Es ist wahrscheinlich, dass sie nach
Erreichung ihres erwachsenen Alters noch fortwachsen, wenn auch langsam,
und dass sie vierzig bis fnfzig Jahre alt werden. Die Dyaks erzhlen
von alten Orangs, die nicht bloss alle Zhne verloren hatten, sondern
denen selbst das Klettern so beschwerlich wurde, dass sie von gefallenem
Obste und saftigen Krutern lebten.

Der Orang ist langsam und zeigt durchaus nicht jene wunderbare
Behendigkeit, die so charakteristisch fr die Gibbons ist. Hunger allein
scheint ihn zu Bewegungen zu veranlassen, und ist dieser gestillt, so
verfllt er wieder in Ruhe. Wenn das Thier sitzt, so beugt es den Rcken
und senkt den Kopf so, dass es gerade nach unten auf den Boden sieht;
manchmal hlt es sich mit den Hnden an hheren Zweigen fest, manchmal
lsst es dieselben phlegmatisch an den Seiten herabhngen -- und in
solchen Stellungen bleibt der Orang stundenlang auf demselben Fleck,
fast ohne jede Bewegung und nur dann und wann einen Ton seiner tiefen
brummenden Stimme von sich gebend. Bei Tage klettert er gewhnlich von
einem Baumwipfel zum andern und steigt nur des Nachts auf die Erde
herunter; schreckt ihn dann Gefahr, so sucht er im Unterholze Schutz.
Wird er nicht gejagt, so bleibt er lange an demselben Orte und bleibt
sogar viele Tage auf demselben Baume, wobei ihm ein fester Platz unter
den Zweigen als Bett dient. Nur selten verbringt der Orang die Nacht auf
dem Gipfel eines hohen Baumes, wahrscheinlich weil es dort zu kalt und
windig fr ihn ist; sobald die Nacht anbricht, steigt er vielmehr aus
der Hhe herab und sucht sich ein passendes Bett im niedrigern und
dunklern Theile oder im blattreichen Gipfel eines kleinen Baumes, unter
denen er Nibong Palmen, Pandanen oder einer jener parasitischen
Orchideen den Vorzug giebt, welche den Urwldern von Borneo ein so
charakteristisches, auffallendes Ansehen geben. Wo immer er aber zu
schlafen sich entschliesst, da macht er sich eine Art Nest: kleine
Zweige und Bltter werden um den auserwhlten Ort zusammengezogen und
kreuzweise ber einander gebogen, und um das Bett weich zu machen,
werden dann grosse Bltter von Farnen, Orchideen, _Pandanus
fascicularis_, _Nipa fruticans_ etc. darber gelegt. Die Nester, welche
Mller sah, und viele waren ganz frisch, waren in einer Hhe von zehn
bis fnf und zwanzig Fuss ber der Erde angebracht und hatten im Mittel
einen Umfang von zwei oder drei Fuss. Einige waren viele Zoll dick mit
Pandanusblttern bepackt; andere waren nur durch die zusammengebogenen
Zweige merkwrdig, die in einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt verbunden
eine regelmssige Flche bildeten. Die rohe _Htte_, sagt Sir James
Brooke, welche sie nach der gewhnlichen Angabe auf Bumen bauen,
knnte man zutreffender einen Sitz oder ein Nest nennen, denn sie hat
kein Dach noch irgend eine Bedeckung. Die Leichtigkeit, mit der sie
dieses Nest bauen, ist merkwrdig; ich hatte die Gelegenheit, ein
verwundetes Weibchen die Zweige in einer Minute zusammenweben und sich
setzen zu sehen.

Nach den Angaben der Dyaks verlsst der Orang selten sein Bett, bevor
die Sonne ber den Horizont herauf ist und die Nebel zerstreut hat. Er
steht ungefhr um neun Uhr auf und geht ungefhr um fnf Uhr wieder zu
Bett, manchmal indess erst spt in der Dmmerung. Er liegt zuweilen auf
dem Rcken, oder der Vernderung halber dreht er sich auf die eine oder
die andere Seite, wobei er die Beine an den Krper heranzieht und den
Kopf mit der Hand sttzt. Ist die Nacht kalt und windig oder regnerisch,
so bedeckt er den Krper gewhnlich mit einem Haufen von Pandanus-,
Nipa- oder Farnblttern, wie die, aus denen das Bett gemacht ist, und
trgt besondere Sorge, seinen Kopf in solche einzuhllen. Wahrscheinlich
hat diese Gewohnheit, sich zuzudecken, zu der Fabel veranlasst, dass der
Orang Htten auf Bume baue.

Obgleich der Orang den Tag ber auf den Zweigen grosser Bume sich
aufhlt, so sieht man ihn doch selten auf einem dicken Aste kauern, wie
es andere Affen und besonders die Gibbons thun. Im Gegentheil beschrnkt
sich der Orang auf die dnneren bltterigen Zweige, so dass man ihn im
wirklichen Wipfel des Baumes sieht, eine Lebensweise, welche in enger
Beziehung zur Bildung seiner Hintergliedmaassen und besonders seines
Gessses steht. Dies hat nmlich keine Schwielen, wie es viele niedere
Affen und selbst die Gibbons haben; auch sind die Knochen des Beckens,
die man Ischia oder Sitzbeine nennt und welche das feste Gerst der
Flche bilden, auf welcher der Krper in der sitzenden Stellung ruht,
nicht verbreitert wie bei den Affen, die Schwielen besitzen, sondern
sind denen des Menschen hnlicher.

Der Orang klettert so langsam und vorsichtig[21], dass er dabei mehr
einem Menschen als einem Affen hnelt; er ist sehr besorgt um seine
Fsse, so dass eine Verletzung derselben ihn bei weitem mehr zu
afficiren scheint, als andere Affen. Ungleich den Gibbons, deren
Vordergliedmaassen den grssten Theil der Arbeit besorgen, wenn sie sich
von Zweig zu Zweig schwingen, macht der Orang niemals auch nur den
kleinsten Sprung. Beim Klettern bewegt er abwechselnd eine Hand und
einen Fuss, oder zieht, nachdem er sich mit den Hnden ordentlich fest
gehalten hat, beide Fsse zusammen nach. Beim Uebergang von einem Baume
zum andern sucht er sich stets eine Stelle aus, wo beider Zweige dicht
zusammenkommen oder in einander reichen. Selbst wenn er dicht verfolgt
wird, ist seine Umsicht staunenerregend; er schttelt die Zweige, um zu
sehen, ob sie ihn tragen, und indem er dann einen berhngenden Zweig
niederbeugt, dadurch, dass er mit seinem Gewicht allmlig auf ihn
drckt, bildet er sich eine Brcke von dem Baume, den er verlassen will,
zum nchsten[22].

Auf ebener Erde geht der Orang immer mhsam und wackelnd auf allen
Vieren. Beim Anlauf rennt er geschwinder als ein Mensch, wird aber bald
berholt. Die sehr langen Arme, die beim Rennen nur wenig gebogen sind,
heben den Krper des Orang merkwrdig, so dass er fast die Stellung
eines ganz alten Mannes, der vom Alter gebeugt ist und sich mit Hlfe
eines Stockes forthilft, annimmt. Beim Gehen ist der Krper gewhnlich
gerade nach vorwrts gerichtet, ungleich den anderen Affen, die mehr
oder weniger schrg laufen, mit Ausnahme indessen der Gibbons, die in
dieser wie so mancher andern Beziehung merkwrdig von ihren Genossen
abweichen.

Der Orang kann seine Fsse nicht platt auf den Boden setzen, sondern
sttzt sich auf deren ussere Kante, wobei die Ferse mehr auf dem Boden
ruht, whrend die gekrmmten Zehen zum Theil mit der obern Seite ihrer
ersten Knchel den Boden berhren und die zwei ussersten Zehen jeden
Fusses dies gnzlich mit dieser Flche thun. Die Hnde werden in der
entgegengesetzten Weise gehalten, so dass ihre inneren Rnder als
Hauptsttzpunkte dienen. Die Finger sind dabei so gebogen, dass ihre
obersten Gelenke, besonders die der beiden innersten Finger, mit ihrer
obern Seite auf dem Boden ruhen, whrend die Spitze des freien und
geraden Daumens als weiterer Sttzpunkt dient.

Der Orang steht niemals auf seinen Hinterbeinen, und alle Abbildungen,
die ihn so darstellen, sind ebenso falsch wie die Behauptung, dass er
sich mit Stcken vertheidige und Aehnliches.

Die langen Arme sind von besonderem Nutzen nicht bloss beim Klettern,
sondern auch um Nahrung von Zweigen zu pflcken, denen das Thier nicht
sein Krpergewicht anvertrauen kann. Feigen, Blthen und junge Bltter
verschiedener Art machen die Hauptnahrung des Orangs aus; es wurden aber
auch zwei oder drei Fuss lange Streifen vom Bambus im Magen eines
Mnnchens gefunden. Man weiss nicht, dass sie lebendige Thiere
verzehrten.

Obgleich der Orang bald gezhmt wird, wenn er jung gefangen ist, und in
der That menschliche Gesellschaft vorzuziehen scheint, so ist er doch im
Naturzustand ein sehr wildes und scheues Thier, obgleich scheinbar trge
und melancholisch. Die Dyaks versichern, dass wenn alte Mnnchen mit
Pfeilen nur verwundet sind, sie gelegentlich die Bume verlassen und
wthend auf ihre Feinde losgehen, deren einzige Rettung in
augenblicklicher Flucht liegt, da sie sicher sind getdtet zu werden,
wenn sie sich einholen lassen[23].

Wenngleich aber der Orang unendliche Kraft besitzt, so ist es doch
selten, dass er sich zu vertheidigen versucht, besonders wenn er mit
Schusswaffen angegriffen wird. Bei solchen Gelegenheiten versucht er
sich zu verbergen oder den ussersten Gipfelzweigen der Bume entlang zu
entfliehen, wobei er die Zweige abbricht und herunterwirft. Ist er
verwundet, so zieht er sich auf den erreichbar hchsten Punkt eines
Baumes zurck und stsst ein eigenthmliches Geschrei aus, das zuerst
aus hohen Tnen besteht, sich aber allmlich zu einem leisen Brummen
vertieft, nicht unhnlich dem eines Panthers. Whrend er die hohen Tne
ausstsst, stsst er die Lippen trichterfrmig vor, beim Hervorbringen
der tiefen Tne hlt er dagegen den Mund weit offen, und gleichzeitig
wird auch der grosse Kehlsack ausgedehnt.

Nach den Erzhlungen der Dyaks ist das einzige Thier, mit dessen Strke
der Orang die seinige misst, das Krokodil, das ihn gelegentlich bei
seinen Besuchen am Ufer angreift. Sie sagen aber, dass der Orang seinem
Feinde mehr als gleich sei, und ihn zu Tode schlgt oder ihm durch
Auseinanderziehen der Kinnladen die Kehle aufreisst!

Viel von dem, was hier mitgetheilt worden ist, hat Dr. Mller
wahrscheinlich aus den Erzhlungen seiner Dyak-Jger geschpft. Ein
grosses Mnnchen indessen von vier Fuss Hhe lebte unter seiner Aufsicht
einen Monat lang in Gefangenschaft und erhielt eine sehr schlechte
Censur.

Er war ein sehr wildes Thier, sagt Mller, von fabelhafter Strke und
falsch und schlecht im hchsten Grade. Nherte sich irgend Jemand, so
erhob er sich langsam mit einem tiefen Brummen, fixirte die Augen in der
Richtung, in der er seinen Angriff zu machen gedachte, steckte die Hand
langsam zwischen die Stangen seines Kfigs und machte dann, indem er
seinen langen Arm ausstreckte, einen pltzlichen Griff -- gewhnlich
nach dem Gesicht. Er versuchte niemals zu beissen (obgleich die Orangs
sich untereinander beissen), seine grossen Angriffs- und
Vertheidigungswaffen sind seine Hnde.

Seine Intelligenz war sehr gross; und Mller bemerkt, obgleich die
geistigen Fhigkeiten des Orang zu hoch geschtzt worden seien, so wrde
doch Cuvier, wenn er dies Exemplar gesehen htte, seine Intelligenz
nicht bloss fr wenig hher als die des Hundes betrachtet haben.

Sein Gehr war usserst scharf, der Gesichtssinn dagegen schien weniger
vollkommen zu sein. Die Unterlippe war das Hauptgefhlsorgan und spielte
beim Trinken eine grosse Rolle; zuerst wurde sie wie ein Trog
vorgestreckt, um entweder den herabfallenden Regen aufzufangen oder den
Inhalt der mit Wasser gefllten halben Cocosnussschale aufzunehmen,
womit der Orang versehen wurde und welchen er beim Trinken in den so
gebildeten Trog ausgoss.

Der Orang-Utan der Malayen geht unter den Dyaks in Borneo unter dem
Namen _Mias_, und sie unterscheiden mehrere Arten, als _Mias Pappan_
oder _Zimo_, _Mias Kassu_ und _Mias Rambi_. Ob dies aber verschiedene
Species oder blosse Rassen sind, und wie weit irgend einer derselben mit
dem sumatranischen Orang identisch sei, wie Wallace von dem Mias Pappan
glaubt, sind bis jetzt noch unentschiedene Probleme; auch ist die
Variabilitt dieser grossen Affen so gross, dass die Entscheidung dieser
Frage ein usserst schwieriger Gegenstand ist. Von der Mias Pappan
genannten Form bemerkt Mr. Wallace[24]: Er ist bekannt durch seine
bedeutende Grsse und die seitliche Ausdehnung des Gesichts in fettige
Vorsprnge oder Leisten ber den Schlfenmuskeln, die flschlich als
Schwielen bezeichnet worden sind, whrend sie vllig weich, glatt und
biegsam sind. Fnf Exemplare dieser Form, die ich gemessen habe,
schwankten nur von 4 Fuss 1 Zoll bis 4 Fuss 2 Zoll in Hhe von der Ferse
bis zur Scheitelspitze, der Umfang des Krpers von 3 Fuss bis zu 3 Fuss
7, Zoll, und die Lnge der ausgestreckten Arme von 7 Fuss 2 Zoll bis
zu 7 Fuss 6 Zoll, die Breite des Gesichts von 10 bis zu 13 Zoll.
Die Farbe und Lnge des Haars variirte bei verschiedenen Individuen und
an verschiedenen Theilen desselben Individuums; einige hatten einen
rudimentren Nagel an der grossen Zehe, andere durchaus keinen; im
Uebrigen boten sie aber keine usseren Verschiedenheiten dar, auf die
man selbst Varietten einer Art htte grnden knnen.

Untersucht man indessen die Schdel dieser Individuen, so findet man
merkwrdige Verschiedenheiten der Form, Verhltnisse und Grsse, und
nicht zwei sind einander vllig gleich. Die Neigung des Profils, das
Vorspringen der Schnauze, zusammen mit der Grsse der Schdelkapsel
bieten ebenso entschiedene Differenzen dar, wie die ausgeprgtesten
Formen der kaukasischen und afrikanischen Schdel bei der Menschenart.
Die Augenhhlen variiren in Hhe und Breite, die Schdelleiste ist
entweder einfach oder doppelt, entweder viel oder wenig entwickelt und
die Oeffnung des Jochbogens schwankt betrchtlich in ihrer Grsse.
Dieses Schwanken in den Verhltnissen der Schdel setzt uns in den
Stand, die so ausgeprgte Verschiedenheit der Schdel mit einem
Muskelkamm und mit zweien, die fr die Existenz zweier grossen Arten von
Orang als beweisend angesehen werden, gengend zu erklren. Die ussere
Oberflche des Schdels nmlich variirt betrchtlich in Grsse, ebenso
wie die Jochbeinffnung und die Schlfenmuskel es thun; sie stehen aber
in keiner notwendigen Beziehung zu einander, ein kleiner Muskel findet
sich oft bei einer grossen Schdeloberflche und umgekehrt. Diejenigen
Schdel nun, welche die grssten und strksten Kinnladen und die
weitesten Jochbogen besitzen, haben so grosse Muskeln, dass sie auf dem
Scheitel zusammenstossen und die kncherne Leiste absetzen, die sie von
einander trennt und welche bei denen am hchsten ist, die die kleinste
Schdeloberflche haben. Bei denen, welche mit einer grossen Oberflche
schwache Kinnladen und kleine Jochbogen besitzen, reichen die Muskeln
von beiden Seiten nicht bis zur Schdelhhe, zwischen beiden bleibt ein
Raum von 1 bis 2 Zoll, und hier werden ihrem Rande entlang kleine
Muskelleisten gebildet. Man findet auch zwischenliegende Formen, bei
denen die Leisten sich nur am hintern Theile des Schdels treffen. Die
Form und Grsse dieser Leisten sind daher unabhngig vom Alter, sind
vielmehr zuweilen bei jngeren Thieren strker entwickelt. Professor
Temminck besttigt, dass die Reihe von Schdeln im Leydner Museum
dasselbe Resultat ergiebt.

Mr. Wallace konnte indessen zwei erwachsene mnnliche Orangs (Mias Kassu
der Dyaks) untersuchen, die so verschieden von all den brigen waren,
dass er sie fr specifisch verschieden hlt; sie waren beziehentlich 3
Fuss 8 Zoll und 3 Fuss 9 Zoll hoch und hatten keine Spur der
Backenauswchse, glichen aber im Uebrigen den grsseren Formen. Der
Schdel hat keinen knchernen Kamm, sondern zwei kncherne Leisten,
1 bis 2 Zoll von einander entfernt, wie beim _Simia morio_ Professor
Owen's. Die Zhne sind aber ungeheuer, denen der andern Art
gleichkommend, oder sie noch bertreffend. Die Weibchen dieser beiden
Formen haben nach Mr. Wallace keine Auswchse und gleichen den kleineren
Mnnchen, sind aber um 1 bis 3 Zoll kleiner; ihre Eckzhne sind im
Verhltniss klein, abgestutzt und an der Basis verbreitert, wie bei dem
sogenannten Simia morio, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Schdel
eines Weibchens derselben Art ist, wie die kleineren Mnnchen. Beide,
Mnnchen und Weibchen dieser kleineren Art sind nach Mr. Wallace durch
die verhltnissmssig bedeutende Grsse der mittleren Schneidezhne des
Oberkiefers zu unterscheiden.

So viel ich weiss, hat Niemand die Richtigkeit der oben angefhrten
Angaben ber die Lebensweise der beiden asiatischen menschenhnlichen
Affen bestritten; und wenn sie wahr sind, so muss als evident zugegeben
werden, dass ein solcher Affe

1. sich auf ebener Erde leicht in der aufrechten oder halbaufrechten
Stellung fortbewegen kann, ohne sich direct auf die Arme zu sttzen;

2. dass er eine sehr laute Stimme haben kann, so laut, dass sie leicht
eine bis zwei Meilen weit gehrt werden kann;

3. dass er gereizt sehr bsartig und heftig werden kann, was vorzglich
fr erwachsene Mnnchen gilt;

4. dass er ein Nest bauen kann, in dem er schlft.

Sind dies nun in Bezug auf die asiatischen Anthropoiden sichergestellte
Thatsachen, so wren wir schon nach Analogie berechtigt zu erwarten,
dass die afrikanischen Arten hnliche Eigenthmlichkeiten zeigen werden,
einzeln oder in gleicher Verbindung; jedenfalls wrden jene Thatsachen
die Beweiskraft irgend welcher a priori aufzustellender Grnde gegen die
Sicherheit von Zeugnissen schwchen, die zu Gunsten des Vorhandenseins
jener Eigenthmlichkeiten vorgebracht worden sind. Und wenn gezeigt
werden knnte, dass der Bau irgend eines afrikanischen Affen ihn noch
besser als seine asiatischen Verwandten zur aufrechten Stellung und zu
einem wirksamen Angriff befhigt, so wre noch weniger Grund vorhanden
zu zweifeln, dass er gelegentlich die aufrechte Haltung annimmt und
aggressiv verfhrt.

Von der Zeit Tyson's und Tulpius' an ist die Lebensweise des jungen
=Chimpanze= ausfhrlich beschrieben und mit erluternden Bemerkungen
dargestellt worden. Glaubwrdige Zeugnisse ber die Manieren und
Gewohnheiten erwachsener Anthropoiden dieser Art in ihren heimathlichen
Wldern haben aber bis zur Zeit des Erscheinens von Dr. Savage's
Abhandlung, auf welche ich mich vorhin bezogen habe, fast ganz gefehlt;
dieselbe enthlt Schilderungen der von ihm gemachten Beobachtungen und
Mittheilungen der Nachrichten aus von ihm fr glaubwrdig gehaltenen
Quellen whrend der Zeit eines Aufenthaltes am Cap Palmas, an der
Nordwestgrenze des Bezirks von Benin.

Die von Dr. Savage gemessenen Chimpanzes berschritten niemals fnf Fuss
in Hhe, die Mnnchen waren fast genau so hoch.

In der Ruhe nehmen sie gewhnlich eine sitzende Haltung an. Man sieht
sie gewhnlich stehen und gehen; werden sie aber dabei entdeckt, so
nehmen sie unmittelbar alle vier und fliehen aus der Gegenwart der
Beobachter. Ihr Bau ist der Art, dass sie nicht ganz aufrecht stehen
knnen, sondern nach vorn neigen. Wenn sie stehen, sieht man sie daher
die Hnde ber dem Hinterhaupte zusammenschlagen oder ber der
Lendengegend, was nothwendig zu sein scheint, um die Haltung zu
balanciren oder zu erleichtern.

Die Zehen sind beim Erwachsenen stark gebogen und nach innen gewendet,
und knnen nicht vollstndig ausgestreckt werden. Beim Versuch hierzu
erhebt sich die Haut des Rckens in dicken Falten, woraus hervorgeht,
dass die vllige Streckung des Fusses, wie es beim Gehen nothwendig
wird, unnatrlich ist. Die natrliche Stellung ist die auf allen Vieren,
wobei der Krper vorn auf den Kncheln ruht. Diese sind bedeutend
verbreitert, mit vorspringender und verdickter Haut wie an der
Fusssohle.

Sie sind geschickte Kletterer, wie man schon aus ihrem Baue vermuthen
kann. In ihren Spielen schwingen sie sich auf grosse Entfernungen von
einem Beine zum andern und springen mit staunenerregender Behendigkeit.
Man sieht nicht ungewhnlich die >alten Leute< (in der Sprache eines
Beobachters) unter einem Baume sitzen, sich mit Frchten und
freundschaftlichem Geschwtz unterhalten, whrend ihre >Kinder< um sie
herum springen und sich von Baum zu Baum mit ausgelassener Freude
schwingen.

Wie man sie hier sieht, knnen sie nicht gesellig oder in Heerden lebend
genannt werden, da man selten mehr als fnf, hchstens zehn zusammen
findet. Auf gute Gewhr sich sttzend, hat man erzhlt, dass sie sich
gelegentlich bei Spielen in grosser Zahl versammeln. Mein
Berichterstatter versichert, bei einer solchen Gelegenheit einmal nicht
weniger als fnfzig gesehen zu haben, jubelnd, schreiend und mit Stcken
auf alten Stmmen trommelnd, welches letztere mit gleicher Leichtigkeit
mit allen vier Extremitten gethan wird. Sie scheinen nie offensiv zu
verfahren und selten, wenn berhaupt, defensiv. Sind sie nahe daran
gefangen zu werden, so leisten sie dadurch Widerstand, dass sie ihre
Arme um ihren Gegner werfen, und ihn in Berhrung mit ihren Zhnen zu
bringen suchen (Savage, a. a. O. S. 384).

In Bezug auf diesen letztern Punkt ist Dr. =Savage= an einer andern
Stelle sehr ausfhrlich:

Ihre vorzgliche Vertheidigungsweise ist das Beissen. Ich habe einen
Mann gesehen, der auf diese Weise bedeutend an den Fssen verwundet war.

Die starke Entwickelung der Eckzhne beim Erwachsenen mchte eine
Neigung zu Fleischnahrung anzudeuten scheinen; aber in keinem Falle, mit
Ausnahme der Zhmung, zeigen sie dieselbe. Anfnglich weisen sie Fleisch
zurck, erlangen aber leicht eine Vorliebe fr dasselbe. Die Eckzhne
werden zeitig entwickelt und sind augenscheinlich dazu bestimmt, die
bedeutende Rolle der Vertheidigungswaffe zu bernehmen. Kommt das Thier
mit Menschen in Berhrung, so ist beinahe das Erste, was das Thier thun
will, =beissen=.

Sie vermeiden die Aufenthaltsorte der Menschen und bauen sich ihre
Wohnungen auf Bumen. Der Bau derselben ist mehr der von =Nestern=, als
von =Htten=, wie sie irrthmlich von manchen Naturforschern genannt
worden sind. Sie bauen im Allgemeinen nicht hoch ber der Erde. Grssere
oder kleinere Zweige werden gebogen oder angeknickt, gekreuzt und das
Ganze durch einen Ast oder einen Gabelzweig gesttzt. Manchmal findet
man ein Nest nahe dem Ende eines dicken blattreichen Astes zwanzig oder
dreissig Fuss ber der Erde. Krzlich erst habe ich eins gesehen, das
nicht niedriger als vierzig Fuss sein konnte, wahrscheinlicher aber
fnfzig hoch war. Dies ist aber eine ungewhnliche Hhe.

Sie haben keinen festen Wohnort, sondern wechseln ihn beim Aufsuchen von
Nahrung und aus Bedrfniss nach Ungestrtheit, je nach der Strke der
Umstnde. Wir sahen sie fter in hoch gelegenen Stellen; dies rhrt aber
von der Thatsache her, dass die dem Reisbau der Eingebornen gnstigeren
Niederungen fter gelichtet werden und daher fast stets Mangel an
passenden Bumen fr ihre Nester eintritt. Es ist selten, dass mehr als
ein oder zwei Nester auf einem und demselben Baume gefunden werden, oder
selbst in derselben Umgebung: einmal hat man fnf gefunden, dies war
aber ein ungewhnlicher Umstand.

Sie sind sehr schmutzig in ihrer Lebensweise. -- Unter den Eingebornen
hier geht eine Ueberlieferung, dass sie einstmals Mitglieder ihres
eigenen Stammes waren, dass sie aber wegen ihrer entarteten Gewohnheiten
von aller menschlichen Gesellschaft verstossen und in Folge ihres
hartnckigen Beharrens bei ihren gemeinen Neigungen allmhlich auf ihren
gegenwrtigen Zustand und zu ihrer jetzigen Organisation herabgesunken
wren. Sie werden indessen von jenen gegessen, und, mit dem Oel und dem
Marke der Palmennuss gekocht, fr ein usserst schmackhaftes Gericht
gehalten.

Sie zeigen einen merkwrdigen Grad von Intelligenz in ihren
Gewohnheiten, und von Seiten der Mutter viel Liebe zu ihren Jungen. Das
zweite der beschriebenen Weibchen war, als es zuerst entdeckt wurde, auf
einem Baume mit seinem Manne und zwei Jungen (einem Mnnchen und
Weibchen). Sein erster Impuls war, mit grosser Schnelligkeit
herunterzusteigen und mit seinem Manne und dem jungen Weibchen ins
Dickicht zu entfliehen. Bald kehrte es aber zur Rettung seines
zurckgebliebenen jungen Mnnchen zurck. Es stieg hinauf und nahm es in
seine Arme und in diesem Augenblick wurde es geschossen, die Kugel drang
auf dem Wege zum Herzen der Mutter durch den Vorderarm des Jungen.

In einem neueren Falle blieb die Mutter, nachdem sie entdeckt war, mit
ihrem Jungen auf dem Baume und folgte aufmerksam den Bewegungen des
Jgers. Als er zielte, machte sie eine Bewegung mit ihrer Hand, genau in
der Weise, wie es ein Mensch thun wrde, um den Jger zum Abstehen und
Fortgehen zu bewegen. War die Verwundung nicht augenblicklich tdtlich,
so hat man die Beobachtung gemacht, dass sie das Blut durch Aufdrcken
der Hand auf die Wunde stillen, und wenn dies nicht ausreichte, durch
Auflegen von Blttern und Gras. -- Sind sie geschossen, so stossen sie
einen pltzlichen Schrei aus, nicht ungleich dem eines Menschen, der
pltzlich in grosse Noth kommt.

Man versichert indess, dass gewhnlich die Stimme des Chimpanze nicht
sehr laut, rauh, guttural sei, ungefhr wie whuu-whuu (a. a. O. S.
365).

Die Analogie zwischen Chimpanze und Orang in Bezug auf die Sitte und die
Art und Weise, ein Nest zu bauen, ist usserst interessant, whrend
andererseits die Beweglichkeit dieses Affen und seine Neigung zu beissen
Eigenthmlichkeiten sind, in denen er den Gibbons eher hnlich ist. Die
Ausdehnung der geographischen Verbreitung der Chimpanzes -- die sich von
Sierra Leone bis Congo finden -- erinnern mehr an die Gibbons als an
irgend einen andern menschenhnlichen Affen; und es scheint nicht
unwahrscheinlich, dass, ebenso wie es mit den Gibbons der Fall ist, auf
diesem geographischen Gebiete mehrere Arten dieser Gattung verbreitet
sind.

Derselbe ausgezeichnete Beobachter, dem ich den vorstehenden Bericht
ber die Gewohnheiten des erwachsenen Chimpanze entlehnt habe, hat vor
fnfzehn Jahren[25] eine Beschreibung des =Gorilla= verffentlicht, die
in ihren wesentlichsten Punkten von spteren Beobachtern besttigt
worden ist, und der so wenig hat Thatschliches zugesetzt werden knnen,
dass ich, um Dr. Savage gerecht zu sein, sie beinahe in ihrer ganzen
Ausdehnung gebe.

Man muss im Auge behalten, dass mein Bericht auf die Angaben der
Eingebornen jener Gegend (des Gaboon) sich grndet. Bei dieser
Gelegenheit darf ich auch wohl bemerken, dass ich mich nach
mehrjhrigem Aufenthalt als Missionr und einem durch fortwhrenden
Verkehr ermglichten Studium des afrikanischen Geistes und Charakters
fr fhig halten darf, die Angaben der Eingebornen zu prfen und ber
ihre Wahrscheinlichkeit zu entscheiden. Da ich ausserdem mit der
Naturgeschichte und der Lebensart seines interessanten Verwandten
(_Troglodytes niger_, Geoff.) vertraut war, war ich auch im Stande, die
Berichte ber die beiden Thiere aus einander zu halten, die, weil sie in
derselben Gegend leben und hnliche Gewohnheiten haben, im Geiste der
Masse verwechselt werden, besonders da nur wenige -- wie Leute, die mit
dem Innern handeln und Jger -- das fragliche Thier je gesehen haben.

Der Volksstamm, dem wir die Kenntniss des Thieres verdanken und dessen
Gebiet ihm zum Wohnort dient, ist der der _Mpongwe_, die beide Ufer des
Gaboonflusses von seiner Mndung einige fnfzig oder sechszig Meilen
aufwrts inne haben.

Wenn das Wort Pongo afrikanischen Ursprungs ist, dann ist es
wahrscheinlich eine Corruption des Wortes _Mpongwe_, des Namens des
Volksstammes an den Ufern des Gaboon, und von diesem auf die von ihm
bewohnte Gegend bertragen. Ihr localer Name fr den Chimpanze ist
_Ench-eko_, so gut er sich wiedergeben lsst, von dem wahrscheinlich
der gewhnliche Ausdruck Jocko herrhrt. Die Mpongwe-Bezeichnung fr
seinen neuen Verwandten _Eng-ena_, mit Verlngerung des Klangs des
ersten Vocals und nur leise den zweiten anklingend.

Der Wohnort des _Eng-ena_ ist das Innere von Nieder-Guinea, whrend der
_Ench-eko_ nher der Kste lebt.

Seine Hhe ist ungefhr fnf Fuss; er ist unverhltnissmssig breit ber
den Schultern, dick bedeckt mit krausem schwarzen Haar, welches in
seiner Anordnung dem des _Ench-eko_ hnlich sein soll; im Alter wird es
grau, welche Thatsache zu dem Bericht Veranlassung gegeben hat, dass man
beide Thiere in verschiedenen Frbungen finde.

[Illustration: Fig. 10. Der Gorilla, nach Wolf.]

=Kopf=. Die vorstechenden Eigenthmlichkeiten des Kopfes bestehen in der
grossen Breite und Verlngerung des Gesichts, der Hhe der
Backzahngegend (die Aeste des Unterkiefers sind sehr hoch und reichen
weit zurck) und in der verhltnissmssigen Kleinheit des eigentlichen
Schdeltheils. Die Augen sind sehr gross und, wie man sagt, gleich denen
des Ench-eko hellbraun; die Nase ist breit und flach, nach der Wurzel
hin leicht erhoben; die Schnauze breit, Lippen und Kinn vorstehend, mit
zerstreut stehenden grauen Haaren; die Unterlippe ist usserst beweglich
und, wenn das Thier gereizt wird, einer grossen Verlngerung fhig,
wobei sie ber das Kinn herabhngt; die Haut des Gesichts und der Ohren
ist nackt, dunkelbraun, dem Schwarzen sich nhernd.

Der merkwrdigste Zug am Kopfe ist ein hoher Kamm von Haaren im Verlaufe
der Pfeilnaht, welcher vorn mit einem queren Haarkamme zusammentrifft.
Der letztere ragt weniger vor und luft von einem Ohre ringsum zum
andern. Das Thier hat die Fhigkeit, die Kopfhaut nach hinten und vorn
frei bewegen zu knnen; wenn es in Wuth gerth, soll es dieselbe stark
ber die Stirn zusammenziehen und auf diese Weise den Haarkamm nach
unten und vorn rcken, wobei die Haare nach vorn gerichtet sind, so dass
das Thier einen unbeschreiblich wilden Anblick darbietet.

Der Hals ist kurz, dick, haarig; die Brust und Schultern sind sehr
breit, wie man sagt, noch einmal so breit wie die des Ench-eko; die
Arme sehr lang, etwas ber das Knie reichend, der Vorderarm ist bei
weitem am krzesten; Hnde sehr lang, der Daumen viel strker als die
anderen Finger.

Der Gang ist wackelnd; die Bewegung des Krpers, der niemals aufrecht
steht wie beim Menschen, sondern nach vorn gebeugt ist, ist
gewissermaassen rollend, von einer Seite zur andern. Da die Arme lnger
sind als beim Chimpanze, so staucht das Thier beim Gehen nicht so sehr;
wie jener wirft es beim Gehen die Arme nach vorn, setzt die Hnde auf
den Boden und giebt dann dem Krper eine halb springende, halb
schwingende Bewegung zwischen ihnen. Bei dieser Handlung soll es nicht
die Finger beugen und sich auf die Knchel sttzen, wie der Chimpanze,
sondern sie ausstrecken und die Hand als Hebel brauchen. Wenn es die
Stellung zum Gehen annimmt, soll der Krper sehr geneigt sein; es
balancirt dann den grossen Krper dadurch, dass es die Arme nach oben
einbiegt.

[Illustration: Fig. 11. Gorilla gehend (nach Wolf).]

Sie leben in Gruppen, sind aber nicht so zahlreich wie die Chimpanzes:
die Weibchen sind in der Regel in der Mehrzahl. Meine Berichterstatter
stimmen alle in der Angabe berein, dass bei jeder Gruppe nur ein
erwachsenes Mnnchen ist; dass beim Heranwachsen der jungen Mnnchen ein
Kampf um die Herrschaft beginnt und das strkste nach Tdtung oder
Forttreiben der anderen sich als Oberhaupt der Gemeinde aufthut.

Dr. =Savage= weist die Geschichten zurck, nach denen die Gorillas
Weiber entfhren und Elephanten besiegen sollen, und fhrt dann fort:

Ihre Wohnungen, wenn man sie so nennen kann, sind denen der Chimpanzes
hnlich, sie bestehen nur aus wenig Stben und bltterigen Zweigen, die
durch Aeste und Gabelzweige derselben gesttzt werden; sie bieten keinen
Schutz dar und werden nur eine Nacht benutzt.

Sie sind usserst wild und stets offensiv in ihrem Verhalten, sie
fliehen nie vor dem Menschen, wie es der Chimpanze thut. Sie sind
Gegenstnde des Schreckens fr die Eingebornen und werden von ihnen nie
angegriffen, ausser zur Vertheidigung. Die wenigen, die gefangen wurden,
wurden von Elephantenjgern und eingebornen Handelsleuten getdtet, als
sie pltzlich auf ihrem Wege durch die Wlder ber sie kamen.

Es wird erzhlt, dass das Mnnchen, sobald es gesehen wird, einen
schreckenerregenden Schrei ausstsst, der weit und breit durch den Wald
klingt, ungefhr wie =kh--eh=! =kh--eh=! schrillend und gedehnt. Seine
enormen Kinnladen ffnen sich bei jeder Expiration, die Unterlippe hngt
ber das Kinn herab, und der Haarkamm und die Kopfhaut sind ber die
Augenbrauen zusammengezogen, einen Anblick unbeschreiblicher Wildheit
darbietend.

Die Weibchen und Jungen verschwinden schnell beim ersten Schrei. Das
Mnnchen geht dann in grosser Wuth auf seinen Feind los, wobei es seine
schrecklichen Schreie in schneller Aufeinanderfolge ausstsst. Der Jger
erwartet seine Annherung mit angelegter Flinte; wenn er nicht sicher
zielen kann, so lsst er das Thier den Lauf erfassen und feuert ab, wenn
es denselben zum Munde fhrt (was es gewhnlich thut). Sollte das Gewehr
nicht losgehen, so wird der Lauf (einer gewhnlichen Jagdflinte, welcher
nicht stark ist) zwischen den Zhnen zermalmt, und der Zweikampf endet
bald fr den Jger tdtlich.

Im wilden Zustande ist ihr Verhalten im Allgemeinen wie das des
_Troglodytes niger_; sie bauen ihre Nester lose auf Bumen, leben von
hnlichen Frchten und ndern ihren Aufenthaltsort, durch die Umstnde
gezwungen.

Dr. =Savage's= Beobachtungen werden durch die des Mr. =Ford= besttigt
und erweitert, welcher eine interessante Abhandlung ber den Gorilla im
Jahre 1852 der Akademie der Naturwissenschaften in Philadelphia
mittheilte. In Bezug auf die geographische Verbreitung dieses grssten
von allen menschenhnlichen Affen bemerkt Mr. =Ford=:

Das Thier bewohnt den Gebirgszug, welcher das Innere von Guinea
durchsetzt, von Cameroon im Norden his nach Angola im Sden und ungefhr
100 Meilen landeinwrts, und der von den Geographen die Krystallberge
genannt wird. Die Grenze, bis zu welcher im Sden und Norden das Thier
vorkommt, bin ich nicht im Stande zu bestimmen. Doch liegt diese Grenze
ohne Zweifel eine ziemliche Strecke weit nrdlich von diesem Flusse
(Gaboon). Ich konnte mich selbst auf einer neulichen Excursion in das
Quellgebiet des Morney-Flusses (des gefhrlichen), der einige sechzig
Meilen von hier in das Meer mndet, von dieser Thatsache berzeugen. Mir
wurde berichtet (und ich denke, glaubwrdig), dass sie auf den Bergen,
von denen dieser Fluss entspringt, und weit nrdlich davon zahlreich
seien.

Nach Sden breitet sich diese Art bis zum Congoflusse aus, wie mir
eingeborne Kaufleute erzhlt haben, welche die Kste zwischen dem Gaboon
und jenem Flusse besucht haben. Jenseits desselben fehlen mir
Nachrichten. In den meisten Fllen findet sich das Thier nur in einiger
Entfernung vom Meere, und kommt ihm nach meinen besten Nachrichten
nirgends so nahe, als an der Sdseite dieses Flusses, wo sie zehn Meilen
vom Meere gefunden worden sind. Dies ist indessen erst neuerdings
vorgekommen. Einige der ltesten Mpongwe-Mnner theilten mir mit, dass
es frher nur an den Quellen dieses Flusses gefunden worden sei, dass
man es aber jetzt schon einen halben Tagemarsch von seiner Mndung
finden knne. Frher bewohnte es nur den gebirgigen Kamm, den nur
Buschmnner bewohnten, jetzt nhert es sich aber dreist den
Mpongwe-Pflanzungen. Dies ist ohne Zweifel der Grund fr die drftigen
Nachrichten aus frheren Zeiten, da die Gelegenheiten, Kenntniss von dem
Thiere zu erlangen, nicht gefehlt haben; Kaufleute haben seit hundert
Jahren diesen Fluss besucht, und Exemplare, wie sie innerhalb eines
Jahres hierher gebracht wurden, wrden nicht knnen gezeigt worden sein,
ohne die Aufmerksamkeit selbst der Einfltigsten zu fesseln.

Ein Exemplar, das Mr. =Ford= untersuchte, wog ohne die Brust- und
Baucheingeweide 170 Pfund und maass vier Fuss vier Zoll um die Brust.
Dieser Schriftsteller beschreibt den Angriff des Gorilla so minutis und
malerisch -- obgleich er nicht einen Augenblick vorgiebt, Zeuge der
Scene gewesen zu sei --, dass ich versucht werde, diesen Theil seiner
Abhandlung zur Vergleichung mit anderen Erzhlungen ausfhrlich zu
geben:

Er stellt sich stets auf seine Fsse, wenn er einen Angriff macht,
obgleich er seinem Gegner in gebckter Stellung sich nhert.

Obgleich er nie auf der Lauer liegt, so stsst er doch unmittelbar, wenn
er einen Menschen hrt, sieht oder sprt, seinen charakteristischen
Schrei aus, bereitet sich zu einem Angriff vor und verfhrt stets
offensiv. Der Schrei, den er ausstsst, gleicht mehr einem Grunzen als
einem Brummen und ist dem Schrei des Chimpanze hnlich, wenn dieser
gereizt wird, nur unendlich viel lauter. Er soll auf grosse Entfernungen
hrbar sein. Seine Vorbereitung besteht darin, dass er die Weibchen und
Jungen, von denen er gewhnlich begleitet wird, in eine geringe
Entfernung wegbringt. Er selbst kehrt indessen schnell zurck mit
aufgerichtetem und vorstehendem Kamme, erweiterten Nasenlchern und nach
unten geworfener Unterlippe; zu gleicher Zeit stsst er seinen
charakteristischen Schrei aus, gewissermaassen um seinen Gegner zu
erschrecken. Wenn er nicht durch einen gutgezielten Schuss unfhig
gemacht wird, so macht er sofort einen Anlauf und streckt den Gegner
durch einen Schlag mit der flachen Hand, oder nachdem er ihn erst mit
einem Griff gefasst hat, von dem kein Entkommen ist, zu Boden und
zerreisst ihn mit seinen Zhnen.

Man sagt, er ergreift eine Flinte und zermalmt augenblicklich den Lauf
zwischen seinen Zhnen. -- Die wilde Natur dieses Thieres zeigt sich
sehr gut in der nicht zu besnftigenden Verzweiflung eines
hierhergebrachten Jungen. Es wurde sehr jung gefangen und vier Monate
lang gehalten, auch viele Mittel angewendet, es zu zhmen; es war aber
unverbesserlich, so dass es mich noch eine Stunde vor seinem Tode biss.

Mr. =Ford= bezweifelt die Geschichten von dem Huserbauen und dem
Elephantenverjagen und sagt, dass kein gut unterrichteter Eingeborner
sie glaubt. Es sind Geschichten, die man Kindern erzhlt.

Ich knnte noch andere Zeugnisse beibringen, die auf Aehnliches
hinauskommen, aber, wie mir scheint, weniger sorgfltig abgewogen und
gesichtet sind; solche finden sich in den Briefen der Herren =Franquet=
und =Gautier Laboullay=, die der bereits erwhnten Abhandlung J. G. St.
=Hilaire's= angehngt sind.

Erinnert man sich dessen, was mit Bezug auf den Orang und den Gibbon
bekannt ist, so scheinen mir die Angaben des Dr. =Savage= und Mr. =Ford=
gerechter Weise keiner Kritik nach a priori Grnden ausgesetzt zu sein.
Wir sahen, dass die Gibbons gern die aufrechte Stellung annehmen, der
Gorilla ist aber viel besser zu dieser Stellung durch seine Organisation
geschickt als die Gibbons; wenn die Kehlscke der Gibbons, wie es
wahrscheinlich ist, von Bedeutung fr den Umfang ihrer Stimme sind, die
man eine halbe franzsische Meile weit hrt, so kann der Gorilla,
welcher hnliche Scke, nur strker entwickelt besitzt und dessen
Krpermasse das Fnffache eines Gibbons betrgt, wohl auf eine doppelt
so grosse Entfernung gehrt werden. Wenn der Orang mit seinen Hnden
kmpft, die Gibbons und Chimpanzes mit ihren Zhnen, so kann der Gorilla
wahrscheinlich genug eins von beiden oder beides thun; auch ist nichts
dagegen zu sagen, dass der Chimpanze oder Gorilla ein Nest baue, wenn
bewiesen ist, dass der Orang-Utan diese Leistung bestndig ausfhrt.

Bei all diesen, nun zehn bis fnfzehn Jahre alten, in aller Welt Besitz
befindlichen Zeugnissen ist es nicht wenig zu verwundern, dass die
Behauptungen eines neuern Reisenden, der, soweit sie den Gorilla
betreffen, in der That wenig mehr thut, als auf seine Autoritt die
Angaben =Savage's= und =Ford's= zu wiederholen, so viel und so heftigen
Widerspruch gefunden haben. Wenn man das abzieht, was schon vorher
bekannt war, so ist die Summe und der Inhalt dessen, was =Du Chaillu=
als einen Gegenstand seiner eigenen Beobachtung ber den Gorilla
behauptet, das, dass beim Vorgehen zum Angriff das grosse Thier seine
Brust mit den Fusten schlgt. Ich gestehe, ich sehe nichts sehr
Unwahrscheinliches, oder eines Streites Werthes in dieser Angabe.

In Bezug auf die anderen menschenhnlichen Affen Afrikas sagt uns =Du
Chaillu= absolut nichts vom Chimpanze nach eigener Beobachtung; er
berichtet aber von einer kahlkpfigen Art oder Variett, dem _Nschiego
mbouve_, welche sich ein Obdach baut, und von einer anderen seltenen
Form mit einem verhltnissmssig kleinen Gesicht, grossem Gesichtswinkel
und einem eigenthmlichen, wie Kuuluu klingenden Tone.

Da sich der Orang durch eine rohe Decke von Blttern schtzt und der
gewhnliche Chimpanze nach der Angabe des so usserst glaubwrdigen
Beobachters, Dr. =Savage=, einen Laut von sich giebt wie Whuu-whuu, so
ist der Grund fr die summarische Zurckweisung, die =Du Chaillu's=
Angaben ber diesen Gegenstand gefunden haben, nicht einzusehen.

Wenn ich trotzdem davon abgesehen habe, =Du Chaillu's= Werk zu citiren,
so ist es nicht, weil ich in seinen Angaben bezglich der
menschenhnlichen Affen irgend welche innere Unwahrscheinlichkeit
gefunden htte, noch weil ich irgend welchen Verdacht auf seine
Wahrhaftigkeit zu werfen wnschte, sondern weil meiner Meinung nach
seine Erzhlung, so lange sie in ihrem gegenwrtigen Zustande
unerklrter und scheinbar unerklrlicher Confusion sich befindet, keinen
Anspruch auf originale Autoritt betreffs irgend welchen Gegenstandes
machen kann.

Es mag Alles wahr sein, es ist aber kein Beweis.


Funoten:

[1] =Regnum Congo=: hoc est =Vera Descriptio Regni Africani quod tam ab
incolis quam Lusitanis Congus appellatur=, per Philippum Pigafettam,
olim ex Edoardo Lopez acroamatis lingua Italica excerpta, nunc Latio
sermone donata ab August. Cassiod. Reinio. Iconibus et imaginibus rerum
memorabilium quasi vivis, opera et industria Joan. Theodori et Joan.
Israelis de Bry, fratrum exornata Francofurti, MDXCVIII.

[2] Ausgenommen dass ihre Beine keine Waden hatten. -- (Ed. 1626.) Und
in einer Randnote: Diese grossen Affen werden Pongo's genannt.

[3] =Purchas' Anmerkung=. -- Cap Negro ist 16 Grad sdlich von der
Linie.

[4] =Purchas' Randbemerkung=, p. 982: -- Der Pongo, ein riesiger Affe.
Er erzhlte mir bei einer Besprechung, dass einer dieser Pongos einen
seiner Negerknaben wegnahm, der einen Monat mit ihnen lebte. Denn sie
verletzen die nicht, die sie unvermuthet berraschen, ausgenommen sie
sehen sie an, was jener vermied. Er sagte, ihre Grsse wre die eines
Mannes, ihre Dicke wre zweimal so gross. Den Negerknaben habe ich
gesehen. Was das andere Ungeheuer wre, hat er zu schildern vergessen;
auch kamen diese Papiere erst nach seinem Tode in meine Hnde, sonst
wrde ich es bei unsern hufigen Besprechungen erfahren haben.
Vielleicht meint er die erwhnten Pigmy Pongo-tdter.

[5] Archives du Musum, Tome X.

[6] Ich danke es dem Dr. Wright von Cheltenham, dessen palaeontologische
Arbeiten so wohl bekannt sind, dass er diese interessante Reliquie zu
meiner Kenntniss brachte. Tyson's Enkelin, wie es scheint, heirathete
Dr. Allardyce, einen genannten Arzt in Cheltenham, und brachte ihm als
Theil ihrer Mitgift das Skelet des Pygmie zu. Dr. Allardyce schenkte
es dem Cheltenham Museum, und durch die freundlichen Bemhungen meines
Freundes Dr. Wright liehen mir die Vorstnde des Museums seine
vielleicht merkwrdigste Zierde.

[7] Mandrill scheint ein menschenhnlicher Affe zu heissen, da das
Wort Drill oder Dril vor Zeiten in England gebraucht wurde, um einen
Affen oder Pavian zu bezeichnen. So finde ich in Blount's
Glossographia, or a Dictionary interpreting the hard words of
whatsoever language now used in our refined English tongue ... very
useful for all such as desire to understand what they read, 1681
erschienen: Dril: Werkzeug eines Steinarbeiters, womit er kleine Lcher
in Marmor bohrt etc. Auch ein grosser ausgewachsener Affe oder Pavian
wird so genannt. In demselben Sinne wird Drill in Charleton's
Onomasticon Zoicon, 1688, gebraucht. Die eigenthmliche Etymologie,
die Buffon von dem Worte giebt, scheint kaum wahrscheinlich.

[8] Histoire naturelle, Suppl. Tome 7. 1789.

[9] Camper, Oeuvres, I, p. 56.

[10] Camper, Oeuvres, I, p. 64.

[11] Verhandelingen van het Bataviaasch Genootschap. Tweede Deel. Derde
Druk. 1826.

[12] Briefe des Herrn v. Wurmb und des Herrn Baron v. Wollzogen. Gotha
1794.

[13] Vergl. Blumenbach, Abbildungen naturhistorischer Gegenstnde, Nr.
12. 1810; und Tilesius, naturhistorische Frchte der ersten kaiserlich
russischen Erdumsegelung, S. 115. 1813.

[14] In der weiteren Bedeutung des Wortes Orang und ohne die Frage
vorher zu entscheiden, ob es mehr als eine Art Orang gebe.

[15] Vergl. Observations on the external characters and habits of the
Troglodytes niger von Thom. N. Savage, and on its organization von
Jeffries Wyman, in: Boston Journal of Natural History, Vol. IV. 1843-4;
und External characters, habits and osteology of Troglodytes Gorilla,
von denselben ebenda. Vol. V. 1847.

[16] Man and monkies, pag. 423.

[17] Wanderings in New South Wales. Vol. II. chap. VIII. 1834.

[18] Boston Journal of Natural History, Vol. I. 1834.

[19] Der grsste von Temminck erwhnte Orang-Utan maass im aufrechten
Stehen vier Fuss; er erwhnt aber, so eben die Nachricht von dem Fange
eines Orang erhalten zu haben, der fnf Fuss drei Zoll hoch war.
Schlegel und Mller sagen, dass ihr grsstes altes Mnnchen aufrecht
1,25 niederlndische Elle msse, vom Scheitel bis zur Zehenspitze
1,5 Elle, der Umfang des Krpers ungefhr 1 Elle. Das grsste alte
Weibchen war im Stehen 1,09 Elle hoch. Das erwachsene Skelet im
Museum des College of Surgeons wrde, wenn es aufrecht stnde, drei Fuss
sechs bis acht Zoll vom Scheitel bis zur Sohle messen. Dr. Humphry giebt
drei Fuss acht Zoll an als mittlere Hhe von zwei Orangs. Von siebzehn
von Wallace untersuchten Orangs war der grsste vier Fuss zwei Zoll hoch
von der Ferse bis zum Scheitel. Mr. Spencer St. John erzhlt indess in
seinem Life in the Forests of the Far East von einem Orang, der fnf
Fuss zwei Zoll vom Kopfe zur Ferse, 15 Zoll Gesichtsbreite und 12 Zoll
um das Handgelenk gemessen habe. Es scheint indess nicht, dass Mr. St.
John diesen Orang selbst gemessen hat.

[20] Vergl. Wallace's Beschreibung eines Orangsuglings in den Annals
of nat. Hist. fr 1856. Mr. Wallace gab seinem interessanten Pflegling
eine knstliche Mutter von Bffelhaut, die Tuschung war aber zu
gelungen. Die Erfahrung des Kindes lehrte es Haare mit Zitzen zu
associiren, und da es die ersteren fhlte, verbrachte es sein Leben im
vergeblichen Bemhen, die letzteren zu entdecken.

[21] Sie sind die langsamsten und wenigst beweglichen von dem ganzen
Affengeschlecht, und ihre Bewegungen sind berraschend ungeschickt und
plump. Sir James Brooke in dem Proceedings of the Zoological Society,
1841.

[22] Mr. Wallace's Beschreibung der Bewegungen des Orang stimmt fast
genau hiermit berein.

[23] Sir James Brooke sagt in einem in den Proceedings of the Zoological
Society fr 1841 abgedruckten Briefe an Mr. Waterhouse: So weit ich zu
beobachten im Stande gewesen bin, kann ich ber die Gewohnheiten der
Orangs so viel bemerken, dass sie so langsam und trge sind, wie man
sich nur vorstellen kann, und bei keiner Gelegenheit bewegten sie sich,
als ich sie verfolgte, so schnell, dass ich nicht htte in einem
einigermaassen lichten Walde mit ihnen Schritt halten knnen; und selbst
wenn Hindernisse von unten (wie das Waten halstief) sie eine Strecke
vorausliessen, so hielten sie sicher an und liessen uns wieder
herankommen. Ich habe nie den geringsten Versuch zur Vertheidigung
gesehen, und das Holz, was um unsere Ohren raschelte, war durch ihr
Gewicht abgebrochen, aber nicht geworfen, wie es von Manchen dargestellt
wird. Wird der Pappan indessen zum Aeussersten getrieben, so muss er
frchterlich sein, und ein unglcklicher Mensch, der mit mehreren
anderen einen grossen lebendig zu fangen versuchte, verlor zwei Finger,
wurde auch ausserdem bedeutend ins Gesicht gebissen, whrend das Thier
schliesslich seine Verfolger abschlug und entfloh.

Auf der andern Seite behauptet Mr. Wallace, dass er mehreremale
beobachtet habe, wie sie verfolgt Zweige herabgeworfen htten. Es ist
wahr, dass er sie nicht =nach= einer Person wirft, sondern senkrecht
herab; denn es leuchtet ein, dass ein Zweig nicht weit vom Gipfel eines
hohen Baumes geworfen werden kann. In einem Falle unterhielt ein
weiblicher Mias auf einem Durianenbaum fr wenigstens zehn Minuten einen
continuirlichen Schauer von Zweigen und den schweren dornigen Frchten,
so gross wie ein 32-Pfnder, der uns usserst wirksam von dem Baume
entfernt hielt. Man konnte ihn dieselben abbrechen und herabwerfen sehen
in scheinbar voller Wuth, in Zwischenrumen einen lauten grunzenden Ton
ausstossend und augenscheinlich Ernst machend. On the habits of the
Orang-Utan, Annals of nat. hist. 1856. Diese Angabe wird man in
vlliger Uebereinstimmung mit dem oben citirten Briefe des Residenten
Palm finden (s. S. 18.)

[24] On the Orang-Utan, or Mias of Borneo. Annals of natural history,
1856.

[25] Notice of the external characters and habits of Troglodytes
Gorilla. Boston Journal of Natural History, 1847.




        Afrikanischer Cannibalismus im sechszehnten Jahrhundert.


Beim Durchblttern von Pigafetta's Uebersetzung der Erzhlung des Lopez,
die ich oben citirt habe, traf ich auf eine so merkwrdige und
unerwartete, um zwei und ein halbes Jahrhundert voraus gemachte
Besttigung eines der wunderbarsten Theile von Du Chaillu's Erzhlung,
dass ich nicht umhin kann, in einer Anmerkung die Aufmerksamkeit darauf
zu lenken, obgleich ich bekennen muss, dass der Gegenstand streng
genommen mit den behandelten Fragen in keiner Beziehung steht.

[Illustration: Fig. 12. Fleischerladen der Anziquen, Anno 1598.]

Im fnften Capitel des ersten Buches der Descriptio, ber den
nrdlichen Theil des Knigreichs Congo und seine Grenzen wird ein Volk
erwhnt, dessen Knig Maniloango heisst, und das unter dem Aequator,
westlich bis zum Cap Lopez lebt. Dies scheint das Land zu sein, was nach
Du Chaillu jetzt von den Ogobai und Bakalai bewohnt wird. -- Jenseits
desselben wohnt ein anderes Volk, die Anziquen genannt, von
unglaublicher Wildheit; denn sie essen einander und schonen weder
Freunde noch Verwandte.

Diese Menschen sind mit kleinen, dicht mit Schlangenhaut umwickelten
Bogen bewaffnet, die mit Schilf oder Binsen bespannt sind. Ihre Pfeile,
aus hartem Holz, kurz und dnn, werden mit grosser Schnelligkeit
geschossen. Sie haben eiserne Aexte, deren Griffe mit Schlangenhaut
umwunden sind, und Schwerter mit Scheiden aus demselben Stoff; zu
Vertheidigungsschildern gebrauchen sie Elephantenhaut. In der Jugend
schneiden sie ihre Haut ein, so dass Narben entstehen. Ihre
Fleischerlden sind mit Menschenfleisch gefllt, statt mit Ochsen- oder
Schaffleisch; denn sie essen die Feinde, die sie im Kampfe gefangen
nehmen. Sie msten, schlachten und verzehren auch ihre Sklaven, wenn sie
nicht glauben, einen guten Preis fr sie zu erhalten; berdies noch
bieten sie sich zuweilen aus Lebensmdigkeit oder Ruhmsucht (denn sie
halten es fr etwas Grosses und fr das Zeichen einer edlen Seele, das
Leben zu verachten) selbst als Speise an.

Es giebt allerdings viele Cannibalen, wie in Ostindien, in Brasilien und
anderswo, aber keine solche wie diese; denn die anderen essen nur ihre
Feinde, diese aber ihre eigenen Blutsverwandten.

Die sorgfltigen Zeichner der Illustrationen zu Pigafetta haben ihr
Mglichstes gethan, den Leser in den Stand zu setzen, sich nach diesem
Bericht von den Anziquen ein lebhaftes Bild zu machen, und der
beispiellose Fleischerladen in Fig. 12 ist das Facsimile eines Theils
von ihrer Plate XII.

Du Chaillu's Bericht ber die Fans stimmt eigenthmlich mit dem berein,
was Lopez hier von den Anziquen erzhlt. Er spricht von ihren kleinen
Bogen und Pfeilen, von ihren Aexten und Messern, sinnreich mit Scheiden
aus Schlangenhaut versehen. Sie tttowiren sich mehr als irgend ein
anderer Stamm, den ich nrdlich vom Aequator angetroffen habe. Und alle
Welt weiss, was Du Chaillu von ihrem Cannibalismus sagt: -- Unmittelbar
darauf begegnete uns eine Frau, die alle Zweifel lste. Sie trug ein
Stck eines menschlichen Schenkels, genau so wie wir zu Markte gehen und
von dort einen Braten oder Beefsteak mitbringen wrden. Du Chaillu's
Zeichner kann im Allgemeinen nicht des Mangels an Muth bei der
Verkrperung der Angaben seines Verfassers angeklagt werden, und es ist
zu bedauern, dass er bei so gutem Vorwande uns nicht mit einem passenden
Gegenstck zu der Skizze der Gebrder De Bry versehen hat.




II.

Ueber die Beziehungen des Menschen zu den nchstniederen Thieren.


     Multis videri poterit, majorem esse differentiam Simiae et Hominis,
     quam diei et noctis; verum tamen hi, comparatione instituta inter
     summos Europae Heros et Hottentottos ad Caput bonae spei degentes,
     difficillime sibi persuadebunt, has eosdem habere natales; vel si
     virginem nobilem aulicam, maxime comtam et humanissimam, conferre
     vellent cum homine sylvestri et sibi relicto, vix augurari possent,
     hunc et illam ejusdem esse speciei. -- _Linnaei Amoenitates Acad.
     Anthropomorpha_.

Die Frage aller Fragen fr die Menschheit -- das Problem, welches allen
brigen zu Grunde liegt und welches tiefer interessirt als irgend ein
anderes --, ist die Bestimmung der Stellung, welche der Mensch in der
Natur einnimmt, und seiner Beziehungen zu der Gesammtheit der Dinge.
Woher unser Stamm gekommen ist, welches die Grenzen unserer Gewalt ber
die Natur und der Natur Gewalt ber uns sind, auf welches Ziel wir
hinstreben: das sind die Probleme, welche sich von Neuem und mit
unvermindertem Interesse jedem zur Welt geborenen Menschen darbieten.
Die meisten von uns schrecken vor den Schwierigkeiten und Gefahren,
welche den bedrohen, der selbststndig nach Antworten auf diese Rthsel
sucht, zurck und begngen sich damit, sie vollstndig zu ignoriren oder
den forschenden Geist unter dem Pfhl respectirter und respectabler
Ueberlieferungen zu ersticken. In jedem Zeitalter hat es aber einen oder
zwei ruhelose Geister gegeben, die mit jenem constructiven Talent
gesegnet, das nur auf sicherer Grundlage bauen kann, oder vom blossen
Geist der Zweifelsucht besessen, nicht im Stande sind, dem
ausgetretenen und bequemen Pfad ihrer Vorgnger und Zeitgenossen zu
folgen, und uneingedenk der Dornen und Steine ihre eigenen Wege gehen.
Die Zweifler kommen zum Unglauben, welcher das Problem fr ein
unlsbares erklrt, oder zum Atheismus, welcher die Existenz irgend
einer geordneten Fortschreitung und Leitung der Dinge leugnet: die Leute
von Genie bringen Lsungen vor, welche in theologische oder
philosophische Systeme auswachsen oder, in eine klangreiche Sprache
gekleidet, die mehr verspricht als hlt, die Gestalt der Dichtung des
Zeitalters annehmen.

Jede solche Antwort auf die grosse Frage wird unwandelbar von den
Nachfolgern dessen, der sie giebt, wenn nicht von ihm selbst, als
vollstndig und endgltig hingestellt; sie bleibt, sei es fr ein
Jahrhundert oder fr zwei oder zwanzig, in grosser Autoritt und
Achtung; aber ebenso unwandelbar weist die Zeit nach, dass eine jede
Antwort eine blosse Annherung zur Wahrheit gewesen ist, die
hauptschlich in Folge der Unkenntniss derer, die sie empfingen,
tolerirt wurde, aber vllig unertrglich wird, wenn sie an der Hand der
erweiterten Kenntnisse ihrer Nachfolger geprft wird.

In einem oft gebrauchten Gleichnisse wird eine Parallele zwischen dem
Leben eines Menschen und der Metamorphose einer Raupe in den
Schmetterling gezogen; die Vergleichung drfte aber noch passender und
auch neuer sein, wenn man im Gleichniss an die Stelle des Lebens des
Einzelnen den geistigen Fortschritt des Geschlechts setzt. Die
Geschichte zeigt, dass der durch bestndige Zufuhr von Kenntnissen
genhrte menschliche Geist periodisch fr seine theoretischen Hllen zu
gross wird und sie durchbricht, um in neuen Bekleidungen zu erscheinen,
wie die sich nhrende und wachsende Larve von Zeit zu Zeit ihre zu enge
Haut abstreift und eine andere, selbst wieder zeitweilige annimmt.
Wahrlich, der entwickelte Zustand des Menschen scheint noch schreckbar
fern zu liegen; jede Hutung ist aber ein gewonnener Schritt und deren
sind schon viele gethan.

Seit dem Wiedererwachen der Gelehrsamkeit, womit die westeuropischen
Rassen in jenen Entwickelungsgang nach wahrer Wissenschaft eintraten,
der von den griechischen Philosophen begonnen, in spteren Zeiten langer
geistiger Stagnation oder hchstens Schwankung fast ganz zum Stillstand
gekommen war, hat sich die menschliche Larve krftig genhrt und im
Verhltniss hierzu gehutet. Eine solche Larvenhaut von ziemlichem
Umfang wurde im 16. Jahrhundert, eine andere gegen das Ende des 18.
abgeworfen; und innerhalb der letzten fnfzig Jahre hat die
ausserordentliche Zunahme jedes einzelnen Theiles der physikalischen
Wissenschaften geistige Nahrung von so nahrhafter und reizender Art
unter uns verbreitet, dass eine neue Hutung bevorzustehen scheint. Es
ist dies aber ein Vorgang, der nicht ungewhnlich von vielen Wehen und
einiger Krankheit und Schwche, oder wohl auch von grsseren Strungen
begleitet wird; so dass sich jedes gutgesinnte Mitglied der brgerlichen
Gesellschaft fr verbunden erachten muss, den Vorgang zu erleichtern,
und, sollte es nichts weiter zur Hand haben als ein anatomisches Messer,
die berstende Hlle nach seinem besten Vermgen lften zu helfen.

In dieser Pflicht liegt fr mich die Entschuldigung, diese Abhandlungen
zu verffentlichen. Denn es wird zugegeben werden mssen, dass einige
Kenntniss von der Stellung des Menschen in der belebten Natur eine
unentbehrliche Vorbereitung fr das richtige Verstndniss seiner
Beziehungen zur Gesammtheit der Dinge ist; -- und diese selbst wiederum
lst sich schliesslich in eine Untersuchung ber die Natur und Enge der
Beziehungen auf, welche ihn mit jenen sonderbaren Geschpfen verbindet,
deren Geschichte[26] auf den vorstehenden Seiten skizzirt wurde.

Die Bedeutung einer solchen Untersuchung ist durch sich selbst offenbar.
Aber von Angesicht zu Angesicht jenen verzerrten Abbildern seiner selbst
gegenbergebracht, ist sich selbst der gedankenloseste Mensch eines
gewissen Schreckens bewusst, der vielleicht nicht sowohl Folge des
Abscheus beim Anblick einer scheinbar beleidigenden Caricatur seiner
selbst, sondern dem Erwachen eines pltzlichen und tiefen Misstrauens
zuzuschreiben ist; eines Misstrauens gegen altehrwrdige Theorien und
festgewurzelte Vorurtheile in Bezug auf seine eigene Stellung in der
Natur und seine Beziehungen zu den unteren Schichten des Lebens; und
whrend dies fr den nicht weiter Nachdenkenden eine dunkle Ahnung
bleibt, wird es fr alle die, welche mit den neueren Fortschritten der
anatomischen und physiologischen Wissenschaften bekannt sind, ein
weiter, mit den tiefsten Consequenzen beschwerter Beweisgrund.

Ich beabsichtige nun, diesen Beweis anzutreten und in einer auch fr
die, welche keine specielle Bekanntschaft mit anatomischer Wissenschaft
besitzen, verstndlichen Form die hauptschlichsten Thatsachen
vorzufhren, auf welche alle Schlussfolgerungen ber die Natur und den
Umfang der Beziehungen, welche den Menschen mit der Thierwelt verbinden,
basirt sein mssen; ich werde dann den einen unmittelbar sich daraus
ergebenden Schluss andeuten, der meinem Urtheile nach durch jene
Thatsachen gerechtfertigt wird, und werde zum Schlusse die Tragweite
dieser Folgerung in Bezug auf die Hypothesen errtern, die bis jetzt
betreffs des Ursprungs des Menschen aufgestellt worden sind.

Obgleich die Thatsachen, auf die ich zunchst die Aufmerksamkeit des
Lesers lenken mchte, von vielen anerkannten Lehrern des Volkes ignorirt
werden, so sind sie doch leicht nachzuweisen und mit Uebereinstimmung
von allen Mnnern der Wissenschaft angenommen; whrend andererseits ihre
Bedeutung so gross ist, dass diejenigen, welche sie gehrig erwogen
haben, meiner Meinung nach wenig andere biologische Offenbarungen finden
werden, die sie berraschen knnen. Ich beziehe mich hier auf die
Thatsachen, welche durch das Studium der Entwicklungsgeschichte bekannt
geworden sind.

Es ist eine Wahrheit von sehr weiter, wenn nicht allgemeiner Gltigkeit,
dass jedes lebende Geschpf sein Leben in einer Form beginnt, welche
einfacher und von der, die es spter annimmt, verschieden ist.

Die Eiche ist ein zusammengesetzteres Ding als die kleine rudimentre in
der Eichel enthaltene Pflanze; die Raupe ist zusammengesetzter als das
Ei, der Schmetterling zusammengesetzter als die Raupe; und jedes dieser
Geschpfe durchluft beim Uebergang von seinem rudimentren zum
vollkommenen Zustand eine Reihe von Vernderungen, deren Summe seine
Entwicklung genannt wird. Bei den hheren Thieren sind diese
Vernderungen usserst complicirt; im Verlaufe des letzten halben
Jahrhunderts haben aber die Arbeiten von Mnnern, wie von Baer, Rathke,
Reichert, Bischoff und Remak dieselben fast vollstndig aufgeklrt, so
dass die aufeinanderfolgenden Entwickelungszustnde, eines Hundes z. B.,
jetzt dem Embryologen so bekannt sind, wie es die Verwandlungszustnde
des Seidenwurmes jedem Schulknaben sind. Es wird von Nutzen sein,
aufmerksam die Natur und Reihenfolge der Entwickelungszustnde des
Hundes zu betrachten, als ein Beispiel dieses Vorganges bei hheren
Thieren im Allgemeinen.

Der Hund beginnt, wie alle Thiere, mit Ausnahme der niedersten (und
fernere Untersuchungen werden wahrscheinlich diese scheinbare Ausnahme
noch beseitigen), sein Leben als ein Ei, als ein Krper, der in jeder
Bedeutung ebenso gut ein Ei ist, als das der Henne, aber jene Anhufung
von nhrender Substanz entbehrt, die dem Vogelei seine ausnahmsweise
Grsse und husliche Brauchbarkeit verleiht; ebenso fehlt ihm die
Schale, die nicht bloss fr ein Thier nutzlos wre, das innerhalb des
Krpers seiner Mutter ausgebrtet wird, sondern demselben auch die
Erlangung der Nahrung unmglich machen wrde, die das junge Geschpf
bedarf, die aber das kleine Sugethier nicht in sich besitzt.

Das Hundeei ist ein kleines kugliges Blschen (Fig. 13), aus einer
zarten durchsichtigen Haut, der sogenannten _Dotterhaut_, gebildet und
ungefhr 1/130 bis 1/120 Zoll im Durchmesser. Es enthlt eine Masse
zhflssiger nhrender Substanz, den _Dotter_, innerhalb dessen ein
zweites noch viel zarteres kugliges Blschen, das sogenannte
_Keimblschen_ (_a_), eingeschlossen liegt. In diesem letzteren
endlich liegt ein mehr solider rundlicher Krper, der sogenannte
_Keimfleck_ (_b_).

[Illustration: Fig. 13. A. Ein Hundeei, mit geborstener Dotterhaut, so
dass der Dotter, das Keimblschen (_a_) und der von diesem eingeschlossene
Keimfleck (_b_) ausgetreten ist.

B. C. D. E. F. Aufeinanderfolgende Vernderungen des Dotters, wie im
Text beschrieben wurde (nach =Bischoff=).]

Das Ei oder Ovum wird ursprnglich in einer Drse gebildet, aus der es
sich zur passenden Zeit loslst und in den lebendigen Behlter eintritt,
der zu seinem Schutze und zu seiner Erhaltung whrend des lngern
Processes der Trchtigkeit eingerichtet ist. Unterliegt es den
erforderlichen Bedingungen, so wird hier dieses usserst kleine und
scheinbar unbedeutende Theilchen lebender Substanz von einer neuen und
geheimnissvollen Thtigkeit belebt. Das Keimblschen und der Keimfleck
hren auf erkennbar zu sein (ihr definitives Schicksal ist noch eins
der ungelsten Probleme der Embryologie), der Dotter aber wird am
Umfange eingeschnitten, als ob ein unsichtbares Messer rings um ihn
gezogen worden wre, und er erscheint nun in zwei Halbkugeln getheilt
(Fig. 13, C).

Durch Wiederholung dieses Vorganges in verschiedenen Ebenen werden diese
Halbkugeln weiter getheilt, so dass vier Segmente entstehen (D); diese
theilen sich weiter und weiter, bis endlich der ganze Dotter in eine
Menge von Krnchen umgewandelt ist, von denen jedes aus einem kleinen
Kgelchen von Dottersubstanz besteht, das ein in der Mitte gelegenes
Krperchen, den sogenannten _Kern_, einschliesst (F). Die Natur hat
durch diesen Vorgang dasselbe Resultat erreicht, wie ein menschlicher
Handwerker beim Anfertigen von Ziegeln. Sie nimmt das rohe plastische
Material des Dotters und theilt es in passend geformte, ziemlich
gleichgrosse Massen, fertig in den Aufbau irgend eines Theils des
lebendigen Gebudes einzutreten.

Zunchst erhlt nun diese Masse organischer Bausteine oder _Zellen_,
wie sie technisch genannt werden, eine bestimmte Anordnung; sie wird in
ein kugliges Hohlblschen mit doppelter Wandung verwandelt. Dann tritt
auf einer Seite dieser Kugel eine Verdickung auf, und allmhlich
bezeichnet in der Mitte des verdickten Feldes eine gerade, seichte Rinne
(Fig. 14, A) die Mittellinie des zu errichtenden Gebudes, sie
bezeichnet mit anderen Worten die Lage der Mittellinie des Krpers des
knftigen Hundes. Die diese Rinne zu beiden Seiten einfassende Substanz
erhebt sich dann zunchst in eine Falte, die Andeutung der Seitenwand
jener langen Hhlung, welche spter das Rckenmark und das Gehirn
enthlt; am Boden dieses Behlters erscheint ein solider zelliger
Strang, die sogenannte _Rckensaite_. Das eine Ende der
eingeschlossenen Hhlung erweitert sich zur Bildung des Kopfes (Fig. 14,
B), das andere bleibt eng und wird spter der Schwanz; die Seitenwnde
des Krpers bilden sich aus den nach abwrts gerichteten Verlngerungen
der Wandungen jener Rinne; und von diesen aus wachsen kleine Knospen
hervor, welche allmhlich die Form von Gliedmaassen annehmen. Verfolgt
man diesen Bildungsvorgang Schritt fr Schritt, so wird man stark an
einen Bildner in Thon erinnert. Jeder Theil, jedes Organ wird zuerst
gewissermaassen roh angelegt und nur aus dem Rohen skizzirt, dann
sorgfltiger geformt, und erst zuletzt erhlt es die Zge, die seinen
definitiven Charakter ausmachen.

Auf diese Weise erhlt mit der Zeit das junge Hndchen eine solche
Gestalt, wie die in Fig. 14, C dargestellte. Auf diesem Zustande hat es
einen unverhltnissmssig grossen Kopf, der dem Kopfe eines Hundes so
ungleich ist, wie die knospenartigen Gliedmaassen den Beinen des Hundes
ungleich sind.

[Illustration: Fig. 14. A. Frheste Anlage des Hundes. B. Anlage weiter
vorgeschritten, die Grundlage des Kopfes, Schwanzes und der Wirbelsule
zeigend. C. Das ganz junge Hndchen, mit den befestigten Enden des
Dottersacks und der Allantois, und vom Amnios umhllt.]

Die Ueberbleibsel des Dotters, die nicht auf die Nahrung und das
Wachsthum des jungen Thieres verwandt wurden, sind in einen Sack
eingeschlossen, der am rudimentren Darm befestigt ist und Dottersack
oder _Nabelblschen_ genannt wird. Zwei hutige Blasen, beziehentlich
zum Schutze und zur Ernhrung des jungen Geschpfes bestimmt, haben sich
von der Haut und von der untern und hintern Flche des Krpers aus
entwickelt; die erstere, das sogenannte _Amnios_, ist ein mit
Flssigkeit gefllter Sack, der den ganzen Krper des Embryo umhllt und
die Rolle einer Art von Wasserbad fr ihn spielt; die andere,
_Allantois_ genannt, wchst, Blutgefsse tragend, von der Bauchgegend
aus und legt sich spter an die Wandung des Hohlraumes, in dem der sich
entwickelnde Organismus enthalten ist, hierdurch jene Blutgefsse zu den
Canlen machend, durch welche der Nahrungsstrom, der die Bedrfnisse des
Jungen zu decken bestimmt ist, ihm von der Mutter geliefert wird.

Das Gebilde, welches sich durch die Verschlingungen der Blutgefsse des
Jungen mit denen der Mutter bildet und mittelst dessen das erstere in
den Stand gesetzt wird, Nahrung zu erhalten und verbrauchte Stoffe zu
entfernen, wird Placenta oder Mutterkuchen genannt.

Es wre langweilig und fr meinen gegenwrtigen Zweck unnthig, den
Fortschritt der Entwickelung weiter zu verfolgen; es genge zu sagen,
dass das hier beschriebene und abgebildete Rudiment durch eine lange und
allmhliche Reihe von Vernderungen ein Hndchen wird, geboren wird und
dann durch noch langsamere und weniger auffallende Schritte in einen
erwachsenen Hund sich verwandelt.

Es besteht keine auffallende Aehnlichkeit zwischen einem Haushuhn und
dem Hunde, der den Meierhof beschtzt. Nichtsdestoweniger findet der,
welcher die Entwickelung studirt, nicht bloss, dass das Hhnchen sein
Leben als Ei beginnt, das ursprnglich in allen wesentlichen Beziehungen
mit dem des Hundes identisch ist, sondern dass der Dotter einer Theilung
unterliegt, dass sich die primitive Rinne bildet und dass die hieran
stossenden Theile des Keimes, in genau hnlicher Weise, in ein Hhnchen
umgebildet werden, welches auf einem Zustande seiner Existenz dem
werdenden Hunde so gleich ist, dass eine gewhnliche Betrachtung die
beiden kaum unterscheiden kann.

Die Entwickelungsweise irgend eines andern Wirbelthieres, einer
Eidechse, Schlange, eines Frosches oder Fisches erzhlt uns dieselbe
Geschichte. Ueberall findet sich als Ausgangspunkt ein Ei mit derselben
wesentlichen Structur wie das des Hundes: der Dotter dieses Eies
erleidet berall eine Theilung, oder Segmentation, Furchung, wie es auch
oft genannt wird; die letzten Producte dieser Theilung bilden die
Baumaterialien fr den Krper des jungen Thieres; und dieser wird um
eine primitive Rinne angelegt, in deren Grunde sich eine Rckensaite
entwickelt. Ferner giebt es eine Periode, auf welcher sich die Jungen
aller dieser Thiere einander hnlich sind, nicht bloss in usserer Form,
sondern in allen wesentlichen Stcken ihres Baues, und zwar so sehr,
dass die Verschiedenheiten nur unbetrchtlich sind, whrend sie sich in
ihrem weitern Verlaufe immer weiter und weiter von einander entfernen.
Und es ist ein allgemeines Gesetz, dass, je mehr sich irgend welche
Thiere in ihrem erwachsenen Bau einander hnlich sind, desto lnger und
eingehender sich ihre Embryonen gleichen, so dass z. B. die Embryonen
einer Schlange und einer Eidechse lnger einander hnlich bleiben, als
die einer Schlange und eines Vogels; und die Embryonen eines Hundes und
einer Katze bleiben einander eine lngere Zeit hnlich, als die eines
Hundes und eines Vogels, oder die eines Hundes und einer Beutelratte,
oder selbst als die eines Hundes und eines Affen.

Auf diese Weise bietet das Studium der Entwickelung einen deutlichen
Beweis von der Nhe der Verwandtschaft im Bau dar, und wir wenden uns
mit Ungeduld zu der Untersuchung, was fr Resultate das Studium der
Entwickelung des Menschen aufweist. Ist er etwas Besonderes? Entsteht er
in einer ganz andern Weise als ein Hund, Vogel, Frosch und Fisch, giebt
er damit denen Recht, welche behaupten, er habe keine Stelle in der
Natur und keine wirkliche Verwandtschaft mit der niedern Welt
thierischen Lebens? Oder entsteht er in einem hnlichen Keim,
durchluft er dieselben langsamen und allmhlichen progressiven
Modificationen, hngt er von denselben Einrichtungen zum Schutz und zur
Ernhrung ab und tritt er endlich in die Welt mit Hlfe desselben
Mechanismus? Die Antwort ist nicht einen Augenblick zweifelhaft, und ist
fr die letzten dreissig Jahre nicht zweifelhaft gewesen. Ohne Zweifel
ist die Entstehungsweise, sind die frheren Entwickelungszustnde des
Menschen identisch mit denen der unmittelbar unter ihm in der
Stufenleiter stehenden Thiere: -- ohne allen Zweifel steht er in diesen
Beziehungen den Affen viel nher, als die Affen den Hunden.

Das menschliche Ei ist ungefhr 1/125 Zoll im Durchmesser und kann mit
denselben Worten beschrieben werden wie das des Hundes, so dass ich nur
auf die zur Erluterung seines Baues gegebene Figur (15, A) zu verweisen
habe. Es verlsst das Organ, in dem es gebildet wurde, in einer
hnlichen Weise und tritt in die zu seiner Aufnahme vorbereitete Kammer
in derselben Weise ein, da eben die Bedingungen zu seiner Entwickelung
in jeder Hinsicht dieselben sind. Es ist bis jetzt nicht mglich gewesen
(und es kann nur durch einen seltenen Zufall je mglich werden), das
menschliche Ei auf einem so frhen Entwickelungszustand wie dem der
Dottertheilung zu untersuchen, es ist aber Grund zu dem Schluss
vorhanden, dass die Vernderungen, die es erleidet, mit denen identisch
sind, die die Eier anderer Wirbelthiere darbieten; denn das
Bildungsmaterial, aus dem der rudimentre menschliche Krper
zusammengesetzt wird, ist auf den frhesten Zustnden, die bis jetzt zur
Beobachtung kamen, dasselbe wie das anderer Thiere. Einige dieser
frhesten Zustnde sind in Fig. 15 abgebildet, und sie sind, wie zu
sehen ist, den sehr frhen Zustnden des Hundes genau vergleichbar; die
merkwrdige Uebereinstimmung zwischen den beiden, welche mit dem
Fortschritt, der Entwickelung selbst noch eine Zeit lang aufrecht
erhalten wird, springt sofort in die Augen bei einer einfachen
Vergleichung der Figuren mit denen auf Seite 71.

Es dauert in der That lange, ehe der Krper des jungen menschlichen
Wesens von dem des jungen Hndchens leicht unterschieden werden kann;
schon in einer ziemlich frhen Periode aber werden sie beide durch die
verschiedene Form ihrer Anhnge unterscheidbar, des Dottersacks und der
Allantois. Der erstere wird beim Hunde lang und spindelfrmig, whrend
er beim Menschen kugelig bleibt; die letztere erreicht beim Hunde eine
ausserordentlich bedeutende Grsse, und die Gefssfortstze, welche sich
von ihr aus entwickeln und spter die Grundlage zur Bildung der Placenta
geben (gewissermaassen im mtterlichen Organismus Wurzel fassend, um aus
ihm Nahrung aufzunehmen, wie die Wurzeln eines Baumes aus dem Boden
Nahrung aufnehmen), werden in einer ringfrmigen Zone angeordnet,
whrend beim Menschen die Allantois verhltnissmssig klein bleibt und
seine Gefsswrzelchen spter auf einen scheibenfrmigen Fleck
beschrnkt bleiben. Whrend daher die Placenta eines Hundes wie ein
Grtel ist, hat die des Menschen eine kuchenfrmige Gestalt, woher auch
ihr Name rhrt.

[Illustration: Fig. 15. A. Menschliches Ei (nach Klliker).
a. Keimblschen, b. Keimfleck.

B. Sehr frher Entwickelungszustand des Menschen mit Dottersack,
Allantois und Amnios (Original).

C. Ein spterer Zustand (nach Klliker), vergl. Fig. 14. C.]

Aber genau in diesen Beziehungen, in denen der sich entwickelnde Mensch
vom Hunde verschieden ist, gleicht er dem Affen, der wie der Mensch
einen kugeligen Dottersack und eine scheibenfrmige, zuweilen theilweis
gelappte Placenta besitzt.

Es ist daher erst in den spteren Entwickelungszustnden, dass das junge
menschliche Geschpf ausgeprgte Verschiedenheiten vom jungen Affen
darbietet, whrend der letztere genau so weit in seiner Entwickelung vom
Hunde abweicht, als es der Mensch thut.

So verwunderlich die letzte Behauptung auch klingen mag, so ist sie doch
nachweisbar wahr; und dieser Umstand allein scheint mir hinreichend, die
Einheit im Bau zwischen Menschen und der brigen thierischen Welt, aber
besonders die nahe Verwandtschaft mit den Affen ausser allen Zweifel zu
setzen.

Wie der Mensch so mit den Thieren, die in der Stufenleiter unmittelbar
unter ihm stehen, identisch ist in den physikalischen Vorgngen, durch
welche er entsteht, identisch in den ersten Zustnden seiner Bildung,
identisch in der Weise seiner Ernhrung vor und nach der Geburt, -- so
zeigt er auch, in seinem erwachsenen Zustande mit jenen verglichen, wie
zu erwarten war, eine merkwrdige Aehnlichkeit der Organisation. Er ist
ihnen hnlich in derselben Weise, wie sie einander hnlich sind, er
unterscheidet sich von ihnen, wie sie sich unter einander unterscheiden.
Und obgleich diese Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten nicht gewogen
und gemessen werden knnen, so ist doch ihr Werth leicht zu schtzen;
der Maassstab der Beurtheilung mit Bezug auf diesen Werth wird durch das
classificatorische System dargeboten und ausgedrckt, welches jetzt
unter den Zoologen gelufig ist.

Ein sorgfltiges Studium der von den Thieren dargebotenen Aehnlichkeiten
und Verschiedenheiten hat in der That die Naturforscher dahin gefhrt,
die Thiere in Gruppen anzuordnen oder in gewissen Kreisen zu vereinigen,
wobei alle Glieder einer jeden Gruppe einen gewissen Betrag leicht
bestimmbarer Aehnlichkeit darbieten, und wobei die Zahl der
bereinstimmenden Punkte kleiner wird, je grsser die Gruppe wird und
umgekehrt. So bilden alle Geschpfe, welche nur in den wenig
unterscheidenden Zeichen der Animalitt bereinstimmen, das Reich
Thiere, Animalia. Die zahlreichen Thiere, welche nur in dem Besitz der
speciellen Charaktere der Wirbelthiere bereinstimmen, bilden ein
Unterreich dieses Reiches. Dann wird weiter das Unterreich
Wirbelthiere in fnf Classen eingetheilt, Fische, Amphibien,
Reptilien, Vgel und Sugethiere, diese wieder in kleinere Gruppen,
Ordnungen genannt, diese in Familien und Gattungen, whrend die
letzteren in die kleinsten Vereinigungen aufgelst werden, die durch den
Besitz constanter, nicht geschlechtlicher Merkmale unterschieden werden.
Diese letzten Gruppen sind die Arten, Species.

Jedes Jahr bringt eine grssere Gleichmssigkeit der Ansichten durch die
ganze zoologische Welt in Bezug auf die Grenzen und Merkmale dieser
grsseren und kleineren Gruppen mit sich. Gegenwrtig hat z. B. Niemand
den geringsten Zweifel in Bezug auf die Merkmale der Classen:
Sugethiere, Vgel oder Reptilien; noch entsteht die Frage, ob irgend
ein durch und durch wohlgekanntes Thier in die eine oder in die andere
Classe gestellt werden sollte. Ferner herrscht in Bezug auf die
Charaktere und Grenzen der Ordnungen der Sugethiere eine allgemeine
Uebereinstimmung, ebenso in Bezug auf die Thiere, welche von ihnen ihrem
Baue nach in die eine Ordnung eingereiht werden mssen, und welche in
eine andere.

Niemand zweifelt z. B., dass das Faulthier und der Ameisenfresser, das
Knguruh und die Beutelratte, der Tiger und der Dachs, der Tapir und das
Rhinoceros beziehentlich Glieder derselben Ordnungen sind. Diese
einzelnen Paare knnen, und einige werden wirklich unendlich unter
einander verschieden sein, und zwar in solchen Punkten, wie die
Verhltnisse und der Bau ihrer Gliedmaassen, die Zahl der Rcken- und
Lendenwirbel, die Anpassung ihres Baues an die Fhigkeit zu klettern,
springen oder laufen, die Zahl und Form ihrer Zhne, und die Charaktere
ihrer Schdel und des in diesen eingeschlossenen Gehirns. Aber bei all
diesen Verschiedenheiten sind sie in allen bedeutenderen und
fundamentalen Charakteren ihrer Organisation so nahe verwandt, und durch
dieselben Merkmale von anderen Thieren so deutlich unterschieden, dass
die Zoologen es eben fr nothwendig halten, sie als Glieder einer
Ordnung zusammenzustellen. Und wenn irgend ein neues Thier entdeckt
wrde, das keine grssere Verschiedenheiten vom Knguruh und der
Beutelratte darbte, als diese unter einander haben, so wrde der Zoolog
nicht bloss logisch verbunden sein, es mit diesen in dieselbe Ordnung zu
bringen, sondern er wrde berhaupt gar nicht daran denken, etwas
anderes zu thun.

Wir wollen einmal, diesen klaren Gang eines zoologischen Raisonnements
vor Augen, versuchen, unsere Gedanken fr einen Augenblick von unserer
Stellung als Menschen loszumachen; wir wollen uns einmal in die Stelle
wissenschaftlich gebildeter Bewohner des Saturn versetzen, die
hinreichend mit solchen Thieren, wie sie jetzt die Erde bewohnen,
bekannt sind. Wir wren bei einer Discussion ber die Beziehungen dieser
Thierwelt zu einem neuen und eigenthmlichen aufrechten und federlosen
Zweifssler, den irgend ein unternehmender Reisender, der die
Schwierigkeiten des Raumes und der Schwerkraft berwunden htte, von
jenem entfernten Planeten wohl verwahrt, vielleicht in einem Fasse Rum
zu unserer Betrachtung mitgebracht htte. Wir wrden alle sofort darin
bereinkommen, ihn unter die Wirbelthiere und unter die Sugethiere zu
stellen; und sein Unterkiefer, seine Backzhne und sein Gehirn wrden
uns nicht zweifeln lassen, dass die neue Gattung ihre systematische
Stellung unter denjenigen Sugethieren finde, deren Junge whrend der
Trchtigkeit mittelst einer Placenta ernhrt werden, die wir daher
placentale Sugethiere nennen.

Es wrde uns ferner selbst die oberflchlichste Untersuchung sofort
berzeugen, dass unter den Ordnungen der placentalen Sugethiere weder
die Wale, noch die Hufthiere, noch die Faulthiere und Ameisenfresser,
noch die fleischfressenden Katzen, Hunde und Bren, noch weniger die
nagenden Ratten und Kaninchen oder die insectenfressenden Maulwrfe und
Igel oder die Fledermuse unsere neue Form Homo als Glieder ihrer
selbst beanspruchen knnen.

Es wrde daher nur eine einzige Ordnung zur Vergleichung brig bleiben,
die der Affen (das Wort im weitesten Sinne gebraucht), und die zu
errternde Frage wrde sich dahin concentriren: -- ist der Mensch von
irgend welchen dieser Affen so verschieden, dass er eine Ordnung fr
sich bilden muss? Oder weicht er weniger von ihnen ab, als sie unter
einander abweichen, und muss er deshalb seine Stelle in derselben
Ordnung mit ihnen einnehmen?

Da wir glcklicherweise frei von jedem wirklichen oder eingebildeten
persnlichen Interesse an den Resultaten der so veranstalteten
Untersuchung wren, so wrden wir daran gehen, die Grnde der einen wie
der andern Ansicht gegeneinander abzuwgen, und zwar mit so viel Ruhe
des Urtheils, als ob die Frage eine neue Beutelratte betrfe. Wir wrden
alle die Merkmale, durch welche unser neues Sugethier von den Affen
abweicht, zu bestimmen versuchen, ohne sie vergrssern oder verkleinern
zu wollen; und wenn wir fnden, dass diese unterscheidenden Merkmale von
geringerem Werthe in Bezug auf den ganzen Bau wren, als die, welche
gewisse Formen der Affen von anderen, nach allgemeiner Uebereinstimmung
zu derselben Ordnung gehrigen Formen unterschieden, so wrden wir ohne
Zweifel die neu entdeckte irdische Gattung in dieselbe Gruppe einordnen.

Ich will nun daran gehen, die Thatsachen einzeln durchzugehen, welche
mir keine andere Wahl zu lassen scheinen, als der letzterwhnten
Eventualitt zu folgen.

                    *       *       *       *       *

Es ist vllig sicher, dass die Affenform, welche dem Menschen in der
Gesammtheit des ganzen Baues am nchsten kommt, entweder der Chimpanze
oder der Gorilla ist; und da es fr den Zweck meines gegenwrtigen
Beweises von keiner praktischen Verschiedenheit ist, welcher zur
Vergleichung einerseits mit dem Menschen, andererseits mit den brigen
Primaten[27] genommen wird, so whle ich (so weit seine Organisation
bekannt ist) den letzteren als ein jetzt in Prosa und Poesie so
gefeiertes Thier, dass alle von ihm gehrt haben und sich irgend ein
Bild von seiner Erscheinung entworfen haben mssen. Ich werde so viele
von den wichtigsten Differenzpunkten zwischen dem Menschen und diesem
merkwrdigen Geschpf aufnehmen, als der mir zur Disposition stehende
Raum zu errtern gestattet und die Beweisbedrfnisse erfordern; ich
werde ferner den Werth und die Grsse dieser Differenzen untersuchen und
mit denen vergleichen, welche den Gorilla von anderen Thieren derselben
Ordnung trennen.

In den allgemeinen Verhltnissen des Krpers und der Gliedmaassen
besteht ein merkwrdiger Unterschied zwischen dem Gorilla und dem
Menschen, der sofort in die Augen springt. Die Schdelkapsel des Gorilla
ist kleiner, der Rumpf grsser, die unteren Extremitten krzer, die
oberen lnger im Verhltniss als beim Menschen.

Ich finde, dass die Wirbelsule eines vllig erwachsenen Gorilla, in dem
Museum des knigl. Collegiums der Wundrzte, der vorderen Krmmung
entlang 27 Zoll misst, vom obern Rand des Atlas oder ersten Halswirbels
bis zum untern Ende des Kreuzbeins, dass der Arm ohne die Hand 31
Zoll, das Bein ohne den Fuss 26, die Hand 9 Zoll, der Fuss
11 lang ist.

Nehmen wir mit anderen Worten die Lnge der Wirbelsule zu 100 an, so
sind die Arme gleich 115, die Beine 96, die Hnde 36, die Fsse 41.

Am Skelet eines mnnlichen Buschmann in derselben Sammlung sind die
Verhltnisse zur Wirbelsule, diese auf gleiche Weise gemessen und
wieder zu 100 genommen, wie folgt: Arm 78, Bein 110, Hand 26, Fuss 32.
Bei einer Frau derselben Rasse ist der Arm 83, das Bein 120, Hand und
Fuss wie vorhin. Am Skelet eines Europers fand ich den Arm 80, das Bein
117, die Hand 26, den Fuss 35.

Das Bein ist daher in seinem Verhltniss zur Wirbelsule beim Gorilla
nicht so verschieden von dem des Menschen, wie es auf den ersten Blick
scheint, es ist beim erstern unbedeutend krzer als die Wirbelsule und
zwischen 1/10 und 1/5 lnger als die Wirbelsule beim letztern. Der Fuss
ist lnger und die Hand viel lnger beim Gorilla; die grosse
Verschiedenheit beruht aber in den Armen, welche beim Gorilla sehr viel
lnger als die Wirbelsule sind, beim Menschen sehr viel krzer als die
Wirbelsule.

Es entsteht nun die Frage, wie verhalten sich die anderen Affen in
dieser Beziehung zum Gorilla, wenn wir die Lnge der auf gleiche Weise
gemessenen Wirbelsule gleich 100 setzen. Bei einem erwachsenen
Chimpanze ist der Arm nur 96, das Bein 90, die Hand 43, der Fuss 39, --
es entfernen sich also Hand und Bein mehr von den menschlichen
Verhltnissen, der Arm weniger, whrend der Fuss ungefhr dem des
Gorilla gleichkommt.

Beim Orang sind die Arme sehr viel lnger als beim Gorilla (122),
whrend die Beine krzer sind (89); der Fuss ist lnger als die Hand (52
und 48) und beide sind viel lnger im Verhltniss zur Wirbelsule.

Bei den anderen menschenhnlichen Affen, den Gibbons, sind diese
Verhltnisse noch weiter verndert; die Lnge der Arme verhlt sich zu
der der Wirbelsule wie 19 zu 11; auch sind die Beine um ein Drittel
lnger als die Wirbelsule, so dass sie lnger als beim Menschen sind,
anstatt krzer zu sein. Die Hand ist halb so lang als die
Wirbelsule; der Fuss, krzer als die Hand, misst ungefhr 5/11 der
Wirbelsulenlnge.

Es ist daher _Hylobates_ um so viel lnger in den Armen als der Gorilla,
als der Gorilla in den Armen lnger als der Mensch ist; whrend er auf
der andern Seite um so viel in den Beinen lnger als der Mensch ist,
als der Mensch in den Beinen lnger als der Gorilla ist, so dass er an
sich selbst die extremsten Abweichungen von der mittleren Lnge beider
Gliedmaassenpaare vereinigt (s. Titelbild).

Der Mandrill bietet einen mittleren Zustand dar, die Arme und Beine sind
ungefhr in Lnge gleich, und beide sind krzer als die Wirbelsule,
whrend Hand und Fuss nahebei dasselbe Verhltniss zu einander und zur
Wirbelsule haben, als beim Menschen.

Beim Klammeraffen (_Ateles_) ist das Bein lnger als die Wirbelsule,
der Arm lnger als das Bein; und endlich ist bei jener merkwrdigen
lemurinen Form, dem Indri (_Lichanotus_), das Bein ungefhr so lang als
die Wirbelsule, whrend der Arm nicht mehr als 11/18 ihrer Lnge
betrgt; die Hand ist etwas weniger, der Fuss etwas mehr als ein Drittel
der Lnge der Wirbelsule lang.

Diese Beispiele knnen sehr vervielfltigt werden; die mitgetheilten
reichen fr den Nachweis hin, dass, in welchen Verhltnissen der
Gliedmaassen auch der Gorilla vom Menschen abweichen mag, die anderen
Affen noch weiter vom Gorilla abweichen, und dass folglich solche
Verschiedenheiten der Proportionen keinen Ordnungswerth haben knnen.

Wir wollen zunchst die vom Rumpfe dargebotenen Verschiedenheiten
betrachten, welche aus der Wirbelsule oder dem Rckgrat und den Rippen
und dem Becken, die mit jenem verbunden sind, bestehen, und zwar
beziehentlich beim Menschen und beim Gorilla.

Beim Menschen hat die Wirbelsule, zum Theil in Folge der Anordnung der
Gelenkflchen der einzelnen Wirbel, zum grossen Theil in Folge der
elastischen Spannung einiger der faserigen Bnder oder Ligamente, welche
diese Wirbel unter einander verbinden, als ein Ganzes eine elegante
S-frmige Krmmung, sie ist am Halse nach vorn convex, am Rcken concav,
an den Lendenwirbeln convex und endlich wieder concav in der
Kreuzbeingegend, eine Anordnung, die dem ganzen Rckgrat eine grosse
Elasticitt giebt und den bei der Bewegung in aufrechter Stellung der
Wirbelsule und durch diese dem Kopfe mitgetheilten Stoss vermindert.

Unter gewhnlichen Umstnden hat ferner der Mensch sieben Wirbel in
seinem Halse; darauf folgen zwlf, welche Rippen tragen und den obern
Theil des Rckens bilden, weshalb man sie Rckenwirbel (Dorsalwirbel)
nennt; fnf liegen in der Lendengegend und tragen keine freien oder
besonderen Rippen, dies sind die Lendenwirbel (Lumbarwirbel); diesen
folgen fnf zu einem grossen vorn ausgehhlten, fest zwischen die
Hftbeine eingekeilten Knochen vereinigte Wirbel, die den Rckentheil
des Beckens bilden und als Kreuz- oder Heiligenbein (sacrum) bekannt
sind; und endlich bilden drei oder vier kleine mehr oder weniger
bewegliche Knochen, ihrer Kleinheit wegen unbedeutend, den Coccyx oder
rudimentren Schwanz.

Beim Gorilla ist die Wirbelsule hnlich in Hals-, Rcken-,
Lendenwirbel, Kreuzbein- und Schwanzwirbel eingetheilt, und die
Gesammtzahl der Hals- und Rckenwirbel zusammengenommen ist dieselbe wie
beim Menschen; aber die Entwickelung eines freien Rippenpaares am ersten
Lendenwirbel, die ein ausnahmsweises Vorkommen beim Menschen bildet, ist
beim Gorilla die Regel, und da die Rcken von den Lendenwirbeln durch
die Anwesenheit oder das Fehlen von freien Rippen unterschieden werden,
werden die siebzehn Dorsolumbarwirbel des Gorilla in dreizehn Rcken-
und vier Lendenwirbel getheilt, whrend beim Menschen zwlf Rcken- und
fnf Lendenwirbel vorhanden sind.

Es besitzt indessen nicht bloss der Mensch gelegentlich dreizehn
Rippenpaare[28], sondern der Gorilla hat auch zuweilen vierzehn Paar,
whrend andererseits ein Orang-Utanskelet im Museum des knigl.
Collegiums der Wundrzte wie der Mensch zwlf Dorsal- und fnf
Lumbarwirbel hat. Cuvier giebt dieselbe Zahl bei einem _Hylobates_ an.
Auf der andern Seite besitzen viele der niederen Affen zwlf Rcken- und
sechs oder sieben Lendenwirbel; der Douroucouli (_Nyctipithecus
trivirgatus_) hat vierzehn Rcken- und acht Lendenwirbel, und ein Lemur
(_Stenops tardigradus_) fnfzehn Rcken- und neun Lendenwirbel.

Die Wirbelsule des Gorilla als Ganzes weicht von der des Menschen in
dem weniger ausgesprochenen Charakter ihrer Krmmungen ab, besonders in
der geringeren Convexitt der Lendengegend. Nichtsdestoweniger sind die
Krmmungen vorhanden und sind an jungen Skeletten des Gorilla und
Chimpanze, die ohne Entfernung der Bnder aufgestellt worden sind, sehr
augenfllig. Bei hnlich prparirten jungen Orangs ist dagegen die
Wirbelsule in der ganzen Ausdehnung der Lendengegend entweder gerade
oder selbst nach vorn concav.

Ob wir nun diese Charaktere nehmen oder solche untergeordnetere, wie die
aus der proportionalen Lnge der Dornfortstze der Halswirbel
abzuleitenden oder hnliche andere, so kann doch irgend welcher Zweifel
mit Bezug auf die ausgesprochene Verschiedenheit des Menschen und des
Gorilla nicht bestehen; ebensowenig aber darber, dass gleich scharf
ausgeprgte Verschiedenheiten derselben Art zwischen dem Gorilla und den
niederen Affen obwalten.

Das Becken oder der kncherne Grtel an den Hften des Menschen ist ein
auffallend menschlicher Theil seines ganzen Baues; die verbreiterten
Hftbeine bieten eine Sttze fr seine Eingeweide whrend seiner
bestndig aufrechten Stellung, und Raum zu Ansatz fr die grossen
Muskeln dar, die ihn befhigen jene Stellung anzunehmen und zu
behaupten. In dieser Hinsicht weicht das Becken des Gorilla bedeutend
von dem seinigen ab (Fig. 16). Man braucht aber nicht tiefer hinunter zu
gehen, als bis zu dem Gibbon, um zu sehen, wie unendlich mehr dieser
vom Gorilla abweicht, als der letztere vom Menschen, selbst in diesem
Gebilde. Man betrachte nur die platten, schmalen Hftbeine, den langen
und engen Beckencanal, die rauhen, nach auswrts gekrmmten
Sitzbeinhcker, auf denen der Gibbon bestndig ruht, und die aussen von
den sogenannten Schwielen bekleidet sind, derben Hautstellen, die beim
Gorilla, beim Chimpanze, beim Orang fehlen, wie beim Menschen!

[Illustration: Fig. 16. Ansichten des Beckens vom Menschen, Gorilla und
Gibbon von vorn und von der Seite; nach Zeichnungen von Mr. Waterhouse
Hawkins nach der Natur verkleinert, von derselben absoluten Lnge.]

Bei den niederen Affen und den Lemuren wird der Unterschied noch
auffallender; das Becken nimmt hier durchaus den Charakter der
Vierfsser an.

Wir wollen uns aber jetzt zu einem edleren und charakteristischeren
Organ wenden, -- durch das der menschliche Krper so streng von allen
brigen geschieden zu werden scheint und wirklich geschieden wird, --
ich meine den Schdel. Die Verschiedenheiten zwischen dem Schdel eines
Gorilla und dem eines Menschen sind in der That ungeheuer (Fig. 17). Bei
dem erstem berwiegt das vorzglich von den massiven Kieferknochen
gebildete Gesicht ber die Gehirnkapsel oder den eigentlichen Schdel,
beim letztem ist das Verhltniss der beiden Hlften umgekehrt. Beim
Menschen liegt das grosse Hinterhauptsloch, durch welches der grosse das
Gehirn mit den Krpernerven verbindende Nervenstrang, das Rckenmark,
durchtritt, unmittelbar hinter der Mitte der Basis des Schdels, welcher
hierdurch in der aufrechten Stellung genau balancirt wird; beim Gorilla
liegt es im hintern Dritttheil jener Basis. Beim Menschen ist die
Oberflche des Schdels verhltnissmssig glatt und die
Augenbrauenhcker ragen nur wenig vor, whrend beim Gorilla ungeheure
Knochenleisten auf dem Schdel entwickelt sind und die Augenbrauenhcker
die Augenhhlen wie grosse Wetterdcher berragen.

Durchschnitte durch die Schdel zeigen indessen, dass einige der
scheinbaren Mngel des Gorillaschdels in der That nicht von einer
Kleinheit der Schdelkapsel als vielmehr von einer excessiven
Entwickelung der Gesichtstheile herrhren. Die Schdelhhle ist nicht
bel gebildet und die Stirn ist nicht wirklich abgeplattet und nicht
sehr stark zurcktretend, ihre in der That wohlausgebildete Wlbung ist
einfach durch die Masse von Knochen, die an sie hinangebaut ist,
maskirt.

Die Dcher der Augenhhlen steigen aber schrger in die Schdelhhle auf
und vermindern hierdurch den Raum fr den untern Theil der vordern
Lappen des Gehirns, auch ist der absolute Rauminhalt des Schdels viel
kleiner als beim Menschen. So viel mir bekannt ist, ist bis jetzt noch
kein menschlicher Schdel, von einem erwachsenen Manne, mit einem
geringern cubischen Inhalt als 62 Cubikzoll beobachtet worden; der
kleinste unter allen Rassenschdeln, den Morton untersucht hat, enthielt
63 Cubikzoll, whrend auf der andern Seite der gerumigste
Gorillaschdel, der bis jetzt gemessen worden ist, nicht mehr als 34
Cubikzoll Inhalt hatte. Wir wollen der Einfachheit wegen annehmen, dass
der niedrigste Menschenschdel einen doppelt so grossen Rauminhalt hat,
als der hchste Gorillaschdel[29].

Dies ist ohne Zweifel ein sehr auffallender Unterschied, er verliert
aber viel von seinem scheinbaren systematischen Werthe, wenn er im
Lichte gewisser anderer gleichfalls unbezweifelbarer Thatsachen betreffs
der Schdelmaasse betrachtet wird.

Die erste derselben ist die, dass die Verschiedenheit im Umfange der
Schdelhhle bei verschiedenen Rassen des Menschengeschlechts absolut
viel grsser ist, als die zwischen dem niedersten Menschen und dem
hchsten Affen, whrend sie relativ ungefhr dieselbe ist. Der grsste
von Morton gemessene menschliche Schdel enthielt nmlich 114 Cubikzoll,
das heisst also, hatte sehr nahe den doppelten Inhalt des kleinsten,
whrend sein absolutes Uebergewicht von 52 Zoll bei weitem grsser ist,
als die Differenz, um welche der niedrigste erwachsene menschliche
mnnliche Schdel den grssten Gorillaschdel bertrifft (62 - 34 = 27).
Zweitens differiren die bis jetzt gemessenen Gorillaschdel
untereinander um beinahe ein Drittel, der grsste Inhalt ist 34,5
Cubikzoll, der kleinste nur 24 Cubikzoll; und drittens sinken, wenn man
selbst die Differenz der Grsse gehrig in Rechnung bringt, die
Schdelinhalte einiger der niederen Affen relativ nahebei so weit unter
die der hheren Affen, wie diese unter die des Menschen.

Die Menschen weichen daher selbst in diesem wichtigen Zuge des
Schdelinhaltes viel weiter untereinander ab, als von den Affen, whrend
die niedrigsten Affen im Verhltniss ebensoweit von den hchsten
abweichen, wie diese vom Menschen. Der letzte Satz wird noch besser
erlutert durch das Studium der Modificationen, welche andere Theile des
Schdels in der Affenreihe erleiden.

[Illustration: Fig. 17. Durchschnitte der Schdel des Menschen und
verschiedener Affen, so gezeichnet, dass in jedem Falle die Gehirnhhle
dieselbe Lnge hat, wobei das wechselnde Verhltniss der Gesichtsknochen
deutlich wird. Die Linie _b_ giebt die Ebene des Tentorium an, welches das
grosse vom kleinen Gehirn trennt; _d_ die Axe des Hinterhauptsloches des
Schdels. Die Ausdehnung der Gehirnhhle hinter _c_, welches eine auf _b_
in dem Punkte, wo das Tentorium hinten befestigt ist, errichtete Senkrechte
ist, giebt den Grad an, in welchem das grosse Gehirn das kleine berragt,
der vom letzten eingenommene Raum ist durch die dunkle Schraffirung
bezeichnet. Vergleicht man diese Zeichnungen, so muss man sich daran
erinnern, dass Figuren in einem so kleinen Maassstabe wie diese nur die im
Texte gemachten Angaben beispielsweise zu erlutern bestimmt sind, deren
Beweise in den Schdeln selbst gesucht werden mssen.]

Es ist die bedeutende relative Grsse der Gesichtsknochen und das
bedeutende Vorspringen der Kinnladen, welche dem Gorillaschdel seinen
kleinen Gesichtswinkel und thierischen Charakter verleihen.

Betrachten wir aber die proportionale Grsse der Gesichtsknochen nur zu
dem eigentlichen Schdel, so differirt die kleine _Chrysothrix_ (Fig.
17) sehr weit vom Gorilla, und zwar nach derselben Seite wie der Mensch,
whrend die Paviane (_Cynocephalus_, Fig. 17) die starken Proportionen
der Schnauze des grossen Anthropoiden noch bertreiben, so dass des
letztern Gesicht im Vergleich mit dem ihrigen mild und menschlich
aussieht. Die Verschiedenheit zwischen dem Gorilla und dem Pavian ist
selbst grsser, als sie auf den ersten Blick scheint; denn bei dem
ersten kommt die grosse Gesichtsmasse zum grossen Theil auf Rechnung
einer Entwickelung der Kinnladen nach unten; dies ist aber eine
wesentlich menschliche Eigenthmlichkeit, die hier zu der wesentlich
thierischen Entwickelung derselben Theile beinahe nur nach vorn
hinzukommt, welche den Pavian charakterisirt, noch merkwrdiger aber den
Lemur auszeichnet.

In hnlicher Weise liegt das Hinterhauptsloch bei _Mycetes_ (Fig. 17) und
noch mehr bei den Lemuren vollstndig auf der hintern Flche des
Schdels, oder um so viel weiter hinten als das des Gorilla, als das des
Gorilla weiter hinten liegt als das des Menschen; und als ob die
Fruchtlosigkeit des Versuchs, irgend eine grssere classificatorische
Eintheilung auf einen solchen Charakter zu grnden, dargelegt worden
sollte, so enthlt dieselbe Gruppe der Platyrhinen oder amerikanischen
Affen (Affen der neuen Welt), zu der der _Mycetes_ gehrt, auch die
_Chrysothrix_, deren Hinterhauptsloch viel weiter nach vorn liegt als
bei irgend einem andern Affen, und fast der Lage beim Menschen sich
nhert.

Ferner hat der Schdel des Orang ebensowenig jene excessiven
Augenbrauenhcker als der des Menschen, obgleich einige Varietten
grosse Knochenleisten an anderen Stellen des Schdels entwickeln (s.
oben S. 46); und bei manchen Formen der _Cebus_-artigen Affen und bei
_Chrysothrix_ ist der Schdel so glatt und abgerundet wie der des
Menschen selbst.

Was von diesen leitenden Merkmalen des Schdels gilt, gilt ebenso gut,
wie man sich vorstellen kann, von allen untergeordneten Zgen, so dass
fr jede constante Verschiedenheit zwischen dem Schdel des Gorilla und
dem des Menschen eine hnliche constante Differenz derselben Ordnung
(das heisst, in einem Excess oder einem Mangel derselben Eigenschaft
bestehend) zwischen dem Schdel des Gorilla und dem irgend eines andern
Affen gefunden werden kann. Es gilt daher fr den Schdel nicht weniger
als fr das ganze Skelet der Satz, dass die Verschiedenheiten zwischen
dem Menschen und dem Gorilla von geringerem Werthe sind, als die
zwischen dem Gorilla und manchen anderen Affen.

Im Anschluss an den Schdel will ich noch von den Zhnen sprechen, --
Organe, die einen eigenthmlichen classificatorischen Werth haben und
deren Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten an Zahl, Form und
Aufeinanderfolge, als ein Ganzes genommen, gewhnlich fr zuverlssigere
Zeichen der Verwandtschaft betrachtet werden, als irgend welche andere.

Der Mensch wird mit zwei Folgen von Zhnen versehen -- Milchzhne und
bleibende Zhne. Die ersteren bestehen aus vier Incisoren oder
Schneidezhnen, zwei Eck- oder Augenzhnen (Hundszhne, canini) und vier
Backzhnen oder Mahlzhnen in jeder Kinnlade, was zusammen zwanzig
giebt. Die letzteren (Fig. 18) umfassen vier Schneidezhne, zwei
Eckzhne, vier kleine Backzhne, falsche Mahlzhne oder Praemolare
genannt, und sechs grosse Back- oder Mahlzhne in jeder Kinnlade, was in
Allem zwei und dreissig macht. Die inneren Schneidezhne sind grsser
als das ussere Paar im Oberkiefer, kleiner als das ussere Paar im
Unterkiefer. Die Kronen der oberen Mahlzhne zeigen vier Hcker oder
stumpferhabene Spitzen, und eine Leiste geht quer ber die Krone vom
innern vorderen Hcker zum ussern hintern (Fig. 18 _m_^2). Die
vorderen unteren Mahlzhne haben fnf Hcker, drei aussen, zwei innen.
Die falschen Backzhne haben zwei Hcker, einen ussern und einen
innern, von denen der ussere hher ist.

In allen diesen Beziehungen kann das Gebiss des Gorilla mit denselben
Worten beschrieben werden wie das des Menschen; in anderen Punkten aber
bietet es viele und bedeutende Verschiedenheiten dar (Fig. 18).

[Illustration: Fig. 18. Seitenansicht der Oberkiefer verschiedener Primaten
von gleicher Lnge. _i_ Schneidezhne, _c_ Eckzhne, _pm_ falsche
Backzhne, _m_ Backzhne. Durch den ersten Backzahn des Menschen,
_Gorilla_, _Cynocephalus_ und _Cebus_ ist eine Linie gezogen, und die
Kauflche des zweiten wahren Backzahnes ist bei jedem besonders gezeichnet,
wobei der vordere und innere Winkel gerade ber dem _m_ in der Bezeichnung
_m_^2 steht.]

So bilden die Zhne des Menschen eine regelmssige und ebene Reihe, ohne
irgend eine Unterbrechung und ohne irgend ein merkliches Vorspringen
eines Zahnes ber die Reihe der brigen, eine Eigenthmlichkeit, welche,
wie Cuvier schon vor langer Zeit bemerkte, von keinem andern Thier
getheilt wird, mit Ausnahme eines einzigen, und zwar eines vom Menschen
so verschiedenen Geschpfes, als man sich nur einbilden kann, nmlich
von dem lngst ausgestorbenen _Anoplotherium_. Die Zhne des Gorilla
zeigen dagegen eine Unterbrechung oder einen Zwischenraum, _Diastema_
genannt, in beiden Kinnladen: im Oberkiefer vor dem Augen- oder Eckzahn
oder zwischen ihm und dem ussern Schneidezahn, im Unterkiefer hinter
dem Augen- oder Eckzahn oder zwischen ihm und dem vordersten falschen
Backzahn. In diese Unterbrechung der Reihe passt in jedem Kiefer der
Eckzahn des entgegengesetzten Kiefers ein; dabei ist die Grsse des
Eckzahns beim Gorilla so gross, dass er wie ein Stosszahn weit ber das
Niveau der andern Zhne vorragt. Ferner sind die Wurzeln der falschen
Backzhne beim Gorilla complicirter als beim Menschen und die relative
Grsse der Backzhne ist verschieden. Der Gorilla hat am hintersten
Mahlzahn des Unterkiefers eine complicirtere Krone, und die Reihenfolge
des Durchbrechens der bleibenden Zhne ist verschiedener; die bleibenden
Eckzhne erscheinen vor den zweiten und dritten Backzhnen beim
Menschen, beim Gorilla aber nach ihnen.

Whrend daher die Zhne des Gorilla denen des Menschen in Zahl, Art und
in der allgemeinen Form ihrer Kronen sehr hnlich sind, bieten sie in
untergeordneten Punkten, wie der relativen Grsse, Zahl der Wurzeln und
Reihe des Auftretens ausgeprgte Verschiedenheiten dar.

Werden nun aber die Zhne des Gorilla mit denen eines Affen verglichen,
der nicht weiter von ihm entfernt ist als ein _Cynocephalus_ oder
Pavian, so wird man finden, dass Verschiedenheiten und Aehnlichkeiten
derselben Ordnung leicht zu beobachten sind, dass aber gerade viele von
den Punkten, in denen der Gorilla dem Menschen hnlich ist, solche sind,
in denen er vom Pavian abweicht, whrend verschiedene Beziehungen, in
denen er vom Menschen abweicht, beim _Cynocephalus_ viel strker
ausgeprgt sind. Die Zahl und Art der Zhne bleiben beim Pavian
dieselben wie beim Gorilla und dem Menschen. Die Form der Kronen der
oberen Backzhne beim Pavian ist aber von der oben beschriebenen vllig
verschieden (Fig. 18); die Eckzhne sind relativ lnger und mehr
messerhnlich; der vordere falsche Backzahn des Unterkiefers ist
besonders modificirt; der hintere Backzahn des Unterkiefers ist noch
grsser und complicirter als beim Gorilla.

Wenden wir uns von den Affen der alten Welt zu denen der neuen Welt, so
begegnen wir einer Vernderung, die eine noch grssere Bedeutung hat als
irgend eine der genannten. Bei einer solchen Gattung, wie z. B. _Cebus_
(Fig. 18), wird man finden, dass, whrend in untergeordneten Punkten,
wie in dem Vorspringen der Eckzhne, dem Diastema, die Aehnlichkeit mit
den grossen menschenhnlichen Affen noch bewahrt ist, die Bezahnung in
anderen und usserst wichtigen Punkten vllig verschieden ist. Anstatt
20 Milchzhne sind hier 24 vorhanden; anstatt 32 bleibender Zhne sind
hier 36, da die Zahl der falschen Backzhne von acht auf zwlf gestiegen
ist. In ihrer Form sind die Kronen der Backzhne denen des Gorilla sehr
unhnlich und weichen noch weiter von der menschlichen Form ab.

Auf der andern Seite zeigen die Sahui's oder Marmosette (_Hapale_)
dieselbe Zahl von Zhnen wie der Mensch und der Gorilla; aber
nichtsdestoweniger ist ihr Gebiss doch sehr verschieden; sie haben vier
falsche Backzhne mehr, wie die brigen amerikanischen Affen; da sie
aber vier wahre Backzhne weniger haben, bleibt die Zahl dieselbe. Gehen
wir dann von den amerikanischen Affen zu den Lemuren, so wird die
Bezahnung noch vollstndiger und wesentlicher von der des Gorilla
verschieden. Die Schneidezhne fangen in Zahl und Form zu variiren an.
Die Backzhne erhalten immer mehr und mehr den vielspitzigen Charakter
der Insectenfresser, und in einer Gattung, dem Aye-Aye (_Cheiromys_),
verschwinden die Eckzhne, und die Zhne gleichen vllig denen eines
Nagethieres (Fig. 18).

Hieraus ist denn ersichtlich, dass das Gebiss des hchsten Affen, so
weit es auch von dem des Menschen verschieden ist, doch noch viel weiter
von dem der niederen und niedersten Affen abweicht.

Welchen Theil des thierischen Baues, welche Reihe von Muskeln, welche
Eingeweide wir auch immer zur Vergleichung auswhlen mchten, das
Resultat wrde immer dasselbe sein, die niederen Affen und der Gorilla
wrden verschiedener von einander sein als der Gorilla und der Mensch.
Ich kann es an dieser Stelle nicht versuchen, alle diese Vergleichungen
im Einzelnen durchzufhren, und es ist auch in der That nicht nthig,
dies zu thun. Es bleiben aber noch gewisse wirkliche oder nur
gemuthmaasste anatomische Verschiedenheiten zwischen dem Menschen und
den Affen brig, auf welche so viel Gewicht gelegt worden ist, dass sie
eine sorgfltige Betrachtung verdienen. Der wahre Werth der wirklich
vorhandenen muss nachgewiesen, die Leere und Haltlosigkeit derer, welche
nur in der Einbildung bestehen, aufgedeckt werden. Ich beziehe mich hier
auf die Charaktere der Hand, des Fusses und des Gehirns.

Der Mensch ist charakterisirt worden als das einzige Thier, welches zwei
Hnde, in die die Vordergliedmaassen ausgehen, und zwei Fsse besitze,
in denen die Hintergliedmaassen enden, whrend angegeben worden ist,
dass alle Affen vier Hnde haben; ferner ist versichert worden, dass der
Mensch in den Charakteren seines Gehirns fundamental von allen Affen
differire, welches allein, wie wunderbar genug immer und immer wieder
behauptet wurde, die Gebilde haben soll, die dem Anatomen als hinterer
Lappen, hinteres Horn des Seitenventrikels und Hippocampus minor bekannt
sind.

Dass der erstgenannte Satz allgemeine Annahme hat finden knnen, ist
nicht berraschend, -- es ist in der That auf den ersten Blick der
Schein ganz zu seinen Gunsten: aber in Bezug auf den zweiten kann man
nur den alles bertreffenden Muth seines Verknders bewundern, da doch
bewiesen werden kann, dass es eine Neuerung ist, die nicht bloss
allgemein und mit Recht angenommenen Lehren widerspricht, sondern die
durch das Zeugniss aller selbstndigen Beobachter, die den Gegenstand
besonders untersucht haben, verneint wird, und dass sie durch kein
einziges anatomisches Prparat untersttzt worden ist noch je werden
kann. Sie wrde in der That keiner ernstlichen Zurckweisung werth sein,
wre es nicht des allgemeinen und natrlich sich aufdrngenden Glaubens
wegen, dass wohl berlegte und wiederholt ausgesprochene Behauptungen
irgend welchen Grund haben mssen.

                    *       *       *       *       *

Ehe wir den ersten Punkt mit Vortheil errtern knnen, mssen wir den
Bau der menschlichen Hand und den des menschlichen Fusses mit
Aufmerksamkeit betrachten und mit einander vergleichen, so dass wir
davon klare Vorstellungen erhalten, was eine Hand und einen Fuss
ausmache.

Die ussere Form der menschlichen Hand ist Jedermann hinlnglich
bekannt. Sie besteht aus einem starken Handgelenk, auf das eine breite
aus Fleisch, Sehnen und Haut bestehende Handflche folgt, in der vier
Knochen verbunden sind, und welche sich in vier lange, biegsame Finger
theilt, von denen jeder auf dem Rcken seines letzten Gliedes einen
breiten abgeplatteten Nagel trgt. Der lngste Spalt zwischen irgend
zwei Fingern ist etwas weniger als halb so lang als die Hand. Von dem
ussern Rande der Handflche geht ein starker Finger ab, der nur zwei
Glieder hat statt drei; er ist so kurz, dass er nur wenig ber die Mitte
des ersten Gliedes des nchsten Fingers reicht; ferner ist er durch
seine grosse Beweglichkeit ausgezeichnet, in Folge deren er nach aussen
gerichtet werden kann, fast unter einem rechten Winkel zu den brigen.
Dieser Finger wird pollex oder Daumen genannt, und wie die brigen
trgt er einen platten Nagel auf dem Rcken seines Endgliedes. In Folge
der Verhltnisse und der Beweglichkeit des Daumens wird er, wie man sich
ausdrckt, gegenberstellbar; mit anderen Worten, seine Spitze kann mit
grsster Leichtigkeit mit den Spitzen aller brigen Finger in Berhrung
gebracht werden, eine Eigenschaft, auf der zum grossen Theile die
Mglichkeit beruht, die Ideen, die wir uns bilden, praktisch ausfhren
zu knnen.

Die ussere Form des Fusses ist weit von der der Hand verschieden; und
doch bieten beide, wenn nher betrachtet, einige eigenthmliche
Aehnlichkeiten dar. So entspricht gewissermaassen die Ferse dem
Handgelenk, die Sohle der Handflche, die Zehen den Fingern, die grosse
Zehe dem Daumen. Die Zehen, oder Finger des Fusses, sind aber im
Verhltniss viel krzer als die Finger der Hand, und weniger beweglich;
dieser Mangel an Beweglichkeit fllt besonders bei der grossen Zehe auf,
welche wiederum im Verhltniss zu den brigen Zehen viel grsser ist als
der Daumen zu den brigen Fingern. Bei Betrachtung dieses Punktes drfen
wir indess nicht vergessen, dass die von Kindheit an eingeengte und
gezwngte civilisirte grosse Zehe sehr unvortheilhaft zu sehen ist, und
dass sie bei uncivilisirten und barfssigen Vlkern einen grossen Theil
ihrer Beweglichkeit, selbst eine Art Gegenberstellbarkeit beibehlt.
Mit ihrer Hlfe sollen die chinesischen Bootsleute rudern knnen, die
bengalischen Handwerker weben, die Carajas Angelhaken stehlen; nach
Allem muss man indess sich daran erinnern, dass der Bau ihrer Gelenke
und die Anordnung ihrer Knochen nothwendig ihre Fhigkeit zum Greifen
viel unvollkommener macht als die des Daumens.

[Illustration: Fig. 19. Das Skelet der menschlichen Hand und des
menschlichen Fusses nach Dr. Carter's Zeichnung in Gray's Anatomie
verkleinert. Die Hand ist in einem grssern Maassstab gezeichnet als der
Fuss. Die Linie _aa_ in der Hand giebt die Grenze zwischen Handwurzel und
Mittelhand an, _bb_ die zwischen der letztern und den nchsten
Fingergliedern; _cc_ giebt die Enden der letzten Phalangen an. Die Linie
_a'a'_ im Fusse giebt die Grenze zwischen Fusswurzel und Mittelfuss, _b'b'_
die zwischen letzterm und den nchsten Zehengliedern an; _c'c'_ verbindet
die Enden der letzten Glieder; _ca_ Fersenbein, _as_ Astragalus oder
Sprungbein, _sc_ Kahnbein oder Scaphoid in der Fusswurzel.]

Um indessen eine genaue Vorstellung von den Aehnlichkeiten und
Verschiedenheiten der Hand und des Fusses und von den unterscheidenden
Merkmalen beider zu erhalten, mssen wir unter die Haut blicken und in
beiden das kncherne Gerst und den motorischen Apparat vergleichen.

Das Skelet der Hand zeigt in der Gegend des Handgelenks, die technisch
_Carpus_, Handwurzel, genannt wird, zwei Reihen dicht zusammengefgter
vieleckiger Knochen, vier in jeder Reihe und nahezu gleich an Grsse.
Die Knochen der ersten Reihe bilden mit den Knochen des Unterarms das
Handgelenk und sind einer zur Seite des andern angeordnet, keiner die
brigen bedeutend berragend oder umfassend.

Die vier Knochen der zweiten Reihe der Handwurzel tragen die vier langen
Knochen, welche die Handflche sttzen. Der fnfte Knochen derselben Art
ist in einer viel freiern und beweglichern Art als die brigen an seinem
Handwurzelknochen eingelenkt und bildet die Basis des Daumens. Diese
fnf Knochen heissen Mittelhand- oder _Metacarpal_-Knochen, und sie
tragen die Phalangen oder knchernen Fingerglieder, von denen zwei im
Daumen, in den brigen Fingern drei vorhanden sind.

In manchen Beziehungen ist das Skelet des Fusses dem der Hand sehr
hnlich. So hat jede der kleineren Zehen drei Phalangen, die grosse
Zehe, die dem Daumen entspricht, nur zwei. Fr jede Zehe ist ein langer
Knochen, ein sogenannter _Metatarsal_-Knochen oder Mittelfussknochen
vorhanden, der dem Mittelhand- oder Metacarpalknochen entspricht; und
der _Tarsus_, die Fusswurzel, der dem Carpus oder der Handwurzel
entspricht, zeigt vier kurze vieleckige Knochen in einer Reihe, die sehr
nahe den vier Handwurzelknochen der zweiten Reihe entsprechen. In
anderen Beziehungen weicht der Fuss sehr weit von der Hand ab. So ist
die grosse Zehe die zweitlngste, und ihr Mittelfussknochen weit weniger
beweglich mit der Fusswurzel eingelenkt, als der Mittelhandknochen des
Daumens mit der Handwurzel. Ein viel wichtigerer Unterschied wird aber
durch die Thatsache gegeben, dass anstatt vier weiterer
Fusswurzelknochen nur drei vorhanden sind, und dass diese drei nicht
einer zur Seite des andern oder in einer Reihe angeordnet sind. Einer
derselben, das Fersenbein (_ca_), liegt nach aussen und schickt
rckwrts den grossen Fersenfortsatz ab; ein andrer, der Astragalus oder
das Wrfel- oder Sprungbein, ruht mit einer Flche auf jenem, mit einer
andern bildet er mit den Unterschenkelknochen das Knchelgelenk, eine
dritte Flche endlich, die nach vorn gerichtet ist, wird von den drei
inneren Fusswurzelknochen der zweiten, dem Metatarsus nchsten Reihe
durch einen, Kahnbein oder Scaphoid genannten Knochen (_sc_) getrennt.

Vergleicht man die Fusswurzel und die Handwurzel mit einander, so
besteht also hier ein fundamentaler Unterschied zwischen dem Bau der
Hand und des Fusses; ferner beobachtet man gradweise Verschiedenheiten,
wenn die Verhltnisse und die Beweglichkeit der Mittelfuss- und
Mittelhandknochen mit ihren Zehen und Fingern mit einander verglichen
werden.

Dieselben Classen von Differenzen treten zu Tage, wenn man die Muskeln
der Hand mit denen des Fusses vergleicht.

Drei Hauptgruppen von Muskeln, die Flexoren oder Beuger, beugen die
Finger und den Daumen, wie beim Ballen der Faust, und drei Gruppen, die
Extensoren oder Strecker, strecken dieselben, wie beim geraden
Ausstrecken der Finger. Diese Muskeln sind alle lange Muskeln, das
heisst, der fleischige Theil eines jeden liegt und ist befestigt an den
Knochen des Arms, setzt sich aber am andern Ende in Sehnen, rundliche
Strnge, fort, welche in die Hand eintreten und endlich an den zu
bewegenden Knochen befestigt werden. Wenn daher die Finger gebeugt
werden, so ziehen sich die im Arme liegenden fleischigen Theile der
Beugemuskeln der Finger kraft ihrer besonderen Eigenschaften als Muskeln
zusammen; da sie hierdurch an den sehnigen Strngen ziehen, die mit
ihren Enden zusammenhngen, so veranlassen sie diese, die Fingerknochen
nach der Handflche herunterzuziehen.

Es sind nicht bloss die Hauptbeuger der Finger und des Daumens lange
Muskeln, sondern sie bleiben auch in ihrer ganzen Lnge vllig von
einander geschieden.

Am Fusse giebt es auch drei Hauptbeuger der Zehen, ebenso wie drei
Hauptstreckmuskeln; der eine Beuger aber und der eine Strecker sind
kurze Muskeln, das heisst, ihr fleischiger Theil liegt nicht im
Unterschenkel (der dem Unterarm entspricht), sondern am Rcken und an
der Sohle des Fusses, Gegenden, welche dem Rcken und der Flche der
Hand entsprechen.

Ferner bleiben die Sehnen des langen Zehenbeugers und des langen Beugers
der grossen Zehe, wenn sie die Fusssohle erreichen, nicht von einander
getrennt, wie es die Beugemuskeln in der Handflche thun, sondern sie
werden verbunden und in einer sehr merkwrdigen Weise vermengt, whrend
ihre vereinigten Sehnen einen accessorischen Muskel erhalten, der am
Fersenbein entspringt.

Das vielleicht absoluteste Unterscheidungsmerkmal bei den Fussmuskeln
ist aber die Existenz des sogenannten langen Wadenbeinmuskels, des
_Peronaeus longus_, eines langen, an dem ussern Rhrenknochen (dem
Wadenbein) des Unterschenkels befestigten Muskels, der seine Sehne an
den ussern Knchel schickt, hinter und unter dem sie vorbergeht, den
Fuss in einer schrgen Richtung kreuzt, um sich an der Basis der grossen
Zehe anzuheften. Kein Muskel an der Hand entspricht diesem genau, der
also vorzugsweise Fussmuskel ist.

                    *       *       *       *       *

Fassen wir das Gesagte zusammen, so unterscheidet sich der Fuss des
Menschen von seiner Hand durch die folgenden absoluten anatomischen
Unterschiede:

1. durch die Anordnung der Fusswurzelknochen;

2. durch den Besitz eines kurzen Beugemuskels und eines kurzen
Streckmuskels;

3. durch den Besitz eines besondern Muskels, des langen
Wadenbeinmuskels, _Peronaeus longus_.

Und wenn wir bestimmen wollen, ob die terminale Abtheilung einer
Gliedmaasse bei anderen Primaten ein Fuss oder eine Hand genannt werden
muss, so mssen wir uns durch das Vorhandensein oder Fehlen dieser
Merkmale leiten lassen und nicht durch die blossen relativen
Verhltnisse oder die grssere oder geringere Beweglichkeit der grossen
Zehe, welche unendlich variiren kann ohne irgend welche fundamentale
Aenderung in dem Bau des Fusses.

                    *       *       *       *       *

Wir wenden uns nun, diese Betrachtungen im Auge behaltend, zu den
Gliedmaassen des Gorilla. Die terminale Abtheilung der Vorderextremitt
bietet keine Schwierigkeit dar; -- Knochen fr Knochen und Muskel fr
Muskel finden sich wesentlich ebenso angeordnet wie beim Menschen, oder
mit solchen untergeordneten Verschiedenheiten, wie sie beim Menschen als
Varietten auch gefunden werden. Die Hand des Gorilla ist plumper,
schwerer und hat einen im Verhltniss etwas krzern Daumen als die des
Menschen; Niemand hat aber jemals daran gezweifelt, dass es eine wahre
Hand ist.

Auf den ersten Blick sieht das Ende der Hinterextremitt sehr
handhnlich aus, und da dies bei vielen der niederen Affen noch mehr der
Fall ist, so ist es nicht zu verwundern, dass der Ausdruck Quadrumana
oder Vierhnder, den Blumenbach von den lteren Anatomen[30] annahm und
Cuvier unglcklicherweise zur gelufigen Bezeichnung machte, eine so
verbreitete Annahme als Name fr die Gruppe der Affen finden konnte.
Aber die oberflchlichste anatomische Untersuchung weist sofort nach,
dass die Aehnlichkeit der sogenannten hintern Hand mit einer
wirklichen Hand nur bis auf die Haut geht, nicht tiefer, und dass in
allen wesentlichen Beziehungen die Hinterextremitt des Gorilla so
entschieden mit einem Fusse endigt wie die des Menschen. Die
Fusswurzelknochen gleichen in allen wichtigen Beziehungen der Zahl,
Anordnung und Form denen des Menschen (Fig. 20). Die Mittelfussknochen
und Finger sind andererseits relativ lnger und schlanker, whrend die
grosse Zehe nicht bloss relativ krzer und schwcher, sondern durch ein
beweglicheres Gelenk mit ihrem Metatarsalknochen an die Fusswurzel
gelenkt ist. Gleichzeitig steht der Fuss schrger am Unterschenkel als
beim Menschen.

In Bezug auf die Muskeln, so ist ein kurzer Beuger, ein kurzer Strecker
und ein langer Wadenbeinmuskel vorhanden, auch sind die Sehnen der
langen Flexoren der grossen und der brigen Zehen mit einander verbunden
und haben ein accessorisches Muskelbndel.

Die hintere Gliedmaasse des Gorilla endet daher in einen wahren Fuss mit
einer sehr beweglichen grossen Zehe. Es ist allerdings ein Greiffuss,
aber in keiner Weise eine Hand: es ist ein Fuss, der in keinem
wesentlichen Charakter, sondern nur in bloss relativen Verhltnissen, im
Grade der Beweglichkeit und der untergeordneten Anordnung seiner Theile
von dem des Menschen abweicht.

Man darf nun indess nicht glauben, weil ich von diesen Differenzen als
nicht fundamentalen spreche, dass ich ihren Werth zu unterschtzen
suche. Sie sind in ihrer Art wichtig genug, da ja in jedem Falle der Bau
des Fusses in strenger Beziehung zu den brigen Theilen des Organismus
steht. Auch kann nicht bezweifelt werden, dass die weitergehende
Theilung der physiologischen Arbeit beim Menschen, so dass die Function
des Sttzens gnzlich dem Bein und Fuss bergeben ist, fr ihn ein
Fortschritt im Baue von grosser Bedeutung ist; nach Allem aber sind
anatomisch betrachtet die Uebereinstimmungen zwischen dem Fusse des
Menschen und dem Fusse des Gorilla viel auffallender und
bedeutungsvoller, als die Verschiedenheiten.

Ich habe mich lange bei diesem Punkte aufgehalten, weil es einer ist, in
Bezug auf den viele Tuschung besteht; ich htte ihn aber ohne Nachtheil
fr meinen Beweis bergehen knnen, da ich dabei nur zu zeigen nthig
habe, dass, mgen die Differenzen zwischen der Hand und dem Fusse des
Menschen und denen des Gorilla sein, welche sie wollen, -- die
Differenzen zwischen denen des Gorilla und denen der niedrigeren Affen
noch viel grsser sind.

Wir brauchen nicht weiter in der Reihe hinabzusteigen als bis zum Orang,
um hierfr einen entscheidenden Beweis zu erlangen.

Der Daumen des Orang weicht mehr von dem des Gorilla ab, als der Daumen
des Gorilla von dem des Menschen abweicht, nicht bloss durch seine
Krze, sondern durch den Mangel irgend eines besondern langen
Beugemuskels. Die Handwurzel des Orang enthlt, wie die der meisten
niederen Affen, neun Knochen, whrend sie beim Gorilla, wie beim
Menschen und dem Chimpanze, nur acht enthlt.

Der Fuss des Orang weicht noch mehr ab (Fig. 20); seine sehr langen
Zehen und kurze Fusswurzel, kurze grosse Zehe und in die Hhe gerichtete
Ferse, die grosse Schiefe der Gelenkverbindung mit dem Unterschenkel und
der Mangel eines langen Beugemuskels fr die grosse Zehe trennen
denselben noch viel weiter vom Fusse des Gorilla, als der letztere vom
Fusse des Menschen entfernt ist.

Bei einigen der niederen Affen entfernen sich Hand und Fuss noch weiter
von denen des Gorilla, als sie es beim Orang thun. Bei den
amerikanischen Affen hrt der Daumen auf gegenberstellbar zu sein; beim
Klammeraffen (_Ateles_) ist er bis zu einem blossen von Haut bedeckten
Rudiment verkmmert; bei den Sahuis ist er nach vorn gerichtet und wie
die brigen Finger mit einer gekrmmten Kralle versehen -- so dass in
allen diesen Fllen kein Zweifel darber bestehen kann, dass die Hand
von der des Gorilla verschiedener ist, als die des Gorilla von der des
Menschen.

[Illustration: Fig. 20. Fuss des Menschen, Gorilla und Orang, von derselben
absoluten Lnge, um die relativen Verschiedenheiten in jedem zu zeigen.
Buchstaben wie in Fig. 19. Verkleinert nach Originalzeichnungen von
Waterhouse Hawkins.]

Und mit Bezug auf den Fuss, so ist die grosse Zehe der Sahuis noch
unbedeutender im Verhltniss als die des Orangs, whrend sie bei den
Lemuren sehr gross und vllig daumenartig und gegenberstellbar ist, wie
beim Gorilla; bei diesen Thieren ist aber die zweite Zehe oft ganz
unregelmssig modificirt, und in einigen Arten sind die zwei
Hauptknochen der Fusswurzel, das Sprung- und Fersenbein, so ungeheuer
verlngert, dass der Fuss in dieser Hinsicht dem irgend eines andern
Thieres vllig unhnlich wird.

Dasselbe gilt fr die Muskeln. Der kurze Zehenbeuger des Gorilla weicht
von dem des Menschen durch den Umstand ab, dass ein Bndel des Muskels
nicht an das Fersenbein, sondern an die Sehnen der langen Beuger
befestigt wird. Die niederen Affen weichen durch eine Weiterfhrung
desselben Merkmals vom Gorilla ab, zwei, drei oder mehre Bndel werden
an die langen Beugesehnen befestigt oder die Bndel werden
vervielfltigt. Ferner weicht der Gorilla unbedeutend in der Art des
Durchflechtens der langen Beugesehnen vom Menschen ab; die niederen
Affen sind dadurch vom Gorilla verschieden, dass sie wieder andere,
zuweilen sehr complicirte Anordnungen derselben Theile besitzen und dass
ihnen gelegentlich das accessorische Muskelbndel fehlt.

Bei all diesen Modificationen muss man sich erinnern, dass der Fuss
keines seiner wesentlichen Merkmale verliert. Jeder Affe und Lemur zeigt
die charakteristische Anordnung der Fusswurzelknochen, besitzt einen
kurzen Beuger und Strecker und einen _Peronaeus longus_. So
verschiedenartig die relativen Verhltnisse und die Erscheinung des
Organs sein mgen, so bleibt die terminale Abtheilung der hintern
Extremitt im Plan und Grundgedanken des Baues ein Fuss und kann in
dieser Hinsicht nie mit einer Hand verwechselt werden.

Man kann daher kaum irgend einen Theil des krperlichen Baues finden,
welcher jene Wahrheit besser als Hand und Fuss illustriren knnte, dass
die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem Menschen und den
hchsten Affen von geringerem Werth sind als die zwischen den hchsten
und niedersten Affen; und doch giebt es ein Organ, dessen Studium uns
denselben Schluss in einer noch berraschenderen Weise aufnthigt -- und
dies ist das Gehirn.

Ehe wir aber die Grsse der Verschiedenheit zwischen einem Affengehirn
und dem menschlichen Gehirn zu prcisiren suchen, ist es nthig,
darber klar zu werden, was im Bau des Gehirns einen grossen und was
einen kleinen Unterschied ausmacht; und wir erreichen dies am besten
durch eine kurze Untersuchung der hauptschlichsten Modificationen,
welche das Gehirn in der Wirbelthierreihe darbietet.

Das Gehirn eines Fisches ist im Vergleich zu dem Rckenmark, in welches
es sich verlngert, und zu den Nerven, die von ihm austreten, sehr
klein; von den Abschnitten, aus denen es zusammengesetzt ist --
Riechlappen, Hemisphrenlappen und die folgenden --, herrscht keiner vor
den andern so weit vor, dass er sie bedeckte oder undeutlich machte; und
hufig sind die sogenannten Sehlappen die grssten Hirnmassen unter
allen. Bei den Reptilien nimmt die Masse des Gehirns im Verhltnisse zum
Rckenmark zu und die Hemisphren des grossen Gehirns fangen an, ber
die anderen Theile zu prdominiren, whrend bei Vgeln dies Vorherrschen
noch ausgeprgter ist. Das Gehirn der niedersten Sugethiere, wie des
Schnabelthiers und der Beutelratten und Knguruhs, zeigt einen noch
entschiedenern Fortschritt in dieser Richtung. Die Grosshirnhemisphren
haben nun so sehr an Grsse zugenommen, dass sie mehr oder weniger die
Reprsentanten der Sehlappen verdecken, welche verhltnissmssig klein
bleiben, so dass das Gehirn eines Beutelthieres usserst verschieden ist
von dem eines Vogels, Reptils oder Fisches. Noch einen Schritt weiter in
der Reihe, unter den placentalen Sugethieren, erleidet das Gehirn eine
usserst wichtige Modification, -- nicht dass es usserlich sehr
verndert erschiene, in einer Ratte oder einem Kaninchen gegen das eines
Beutelthiers, oder dass die relativen Verhltnisse seiner Theile
gendert wren, sondern man findet ein scheinbar vllig neues Gebilde
zwischen den Hemisphren des grossen Gehirns, sie unter einander
verbindend, in der Gestalt der sogenannten grossen Commissur oder des
corpus callosum. Der Gegenstand erfordert eine sorgfltige
Nachuntersuchung; wenn aber die gewhnlich angenommenen Angaben correct
sind, so ist das Auftreten des Corpus callosum bei den placentalen
Sugethieren die grsste und am pltzlichsten erscheinende Modification,
die das Gehirn in der ganzen Reihe der Wirbelthiere darbietet, es ist
der grsste Sprung, den die Natur irgendwo beim Aufbau des Gehirns
macht. Denn nun, da die beiden Hlften des Gehirns einmal so mit
einander verbunden sind, ist der Fortschritt in der allmhlich grsser
werdenden Complicirtheit des Gehirnbaues durch eine vollstndige Reihe
hindurch von den niedersten Nagethieren oder Insektenfressern bis zum
Menschen hin zu verfolgen; und diese Complexitt besteht hauptschlich
in der unverhltnissmssigen Entwickelung der Hemisphren des grossen
Gehirns, und des kleinen Gehirns, aber besonders des erstern, im
Verhltniss zu den anderen Hirntheilen.

Bei den unteren placentalen Sugethieren lassen die Grosshirnhemisphren
die eigentliche obere und hintere Flche des kleinen Gehirns vllig
sichtbar, wenn das Gehirn von oben betrachtet wird; in den hheren
Formen aber neigt sich der hintere Theil jeder Hemisphre, die nur durch
das Hirnzelt (s. S. 112) von der vordern Flche des kleinen Gehirns
getrennt wird, nach hinten und unten und wchst zu dem sogenannten
hintern Lappen aus, um endlich das kleine Gehirn zu berragen und zu
bedecken. Bei allen Sugethieren enthlt jede Hemisphre des grossen
Gehirns eine Hhlung, den sogenannten Seitenventrikel, und da dieser
Ventrikel einerseits vorwrts, andererseits rckwrts in die Substanz
der Hemisphre verlngert ist, so sagt man, dass er zwei Hrner oder
cornua habe, ein vorderes, cornu anterius, und ein absteigendes
Horn. Ist der hintere Lappen ordentlich entwickelt, so erstreckt sich
eine dritte Verlngerung der Ventricularhhle in ihn hinein und wird
dann hinteres Horn, cornu posterius, genannt.

Bei den niedrigeren und kleineren Formen der placentalen Sugethiere ist
die Oberflche der Grosshirnhemisphren entweder glatt und eben
abgerundet, oder zeigt nur wenig Gruben, welche technisch Furchen,
sulci, genannt werden und die Erhhungen oder Windungen der
Gehirnsubstanz von einander trennen; die kleineren Arten aller Ordnungen
neigen zu einer hnlichen Gltte des Gehirns hin. In den hheren
Ordnungen aber, und besonders in den grsseren Formen derselben, werden
die Furchen usserst zahlreich und die zwischenliegenden Windungen
relativ in ihren Durchschlingungen mehr complicirt, bis endlich die
Oberflche des Gehirns beim Elephanten, Tmmler, den hheren Affen und
dem Menschen ein vlliges Labyrinth solcher gewundenen Falten darbietet.

Wo ein hinterer Lappen existirt und seine zustndige Hhle, das hintere
Horn, darbietet, da trifft es sich gewhnlich, dass eine besondere
Furche auf der innern und untern Oberflche des Lappens parallel dem
Boden des Horns und neben ihm erscheint, welch' letzterer
gewissermaassen ber die Decke der Furche gewlbt ist. Es ist, als ob
die Grube oder Furche dadurch gebildet worden wre, dass Jemand den
Boden des hintern Horns von aussen her mit einem stumpfen Instrument
eingedrckt htte, so dass der Boden als convexe Hervorragung sich
erheben musste. Diese Hervorragung ist nun das, was Hippocampus minor
genannt wird; der Hippocampus major ist eine Hervorragung am Boden des
absteigenden Horns. Welches die functionelle Bedeutung beider Gebilde
sein mag, wissen wir nicht.

Als ob die Natur an einem auffallenden Beispiele die Unmglichkeit
nachweisen wollte, zwischen dem Menschen und den Affen eine auf den
Gehirnbau gegrndete Grenze aufzustellen, so hat sie bei den letzteren
Thieren eine fast vollstndige Reihe von Steigerungen des Gehirns
gegeben, von Formen an, die wenig hher sind als die eines Nagethieres,
zu solchen, die wenig niedriger sind als die des Menschen. Und es ist
ein merkwrdiger Umstand, dass, obgleich nach unserer gegenwrtigen
Kenntniss ein wirklicher anatomischer Sprung in der Formenreihe der
Affengehirne vorhanden ist, die durch diesen Sprung entstehende Lcke in
der Reihe nicht zwischen dem Menschen und den menschenhnlichen Affen,
sondern zwischen den niedrigeren und niedersten Affen liegt, oder, mit
anderen Worten, zwischen den Affen der alten und neuen Welt und den
Lemuren. Bei jedem bis jetzt untersuchten Lemur ist das kleine Gehirn
zum Theil von oben sichtbar, und sein hinterer Lappen mit dem
eingeschlossenen hintern Horn und Hippocampus minor ist mehr oder
weniger rudimentr. Jeder Sahui, amerikanische Affe, Affe der alten
Welt, Pavian oder Anthropoide hat dagegen sein kleines Gehirn hinten
vllig von den Lappen des grossen Gehirns bedeckt und besitzt ein
grosses hinteres Horn mit einem wohlentwickelten Hippocampus minor.

Bei vielen dieser Geschpfe, wie beim Saimiri (_Chrysothrix_), berragen
die Grosshirnlappen das kleine Gehirn im Verhltniss noch mehr und
reichen viel weiter nach hinten als beim Menschen (Fig. 17, S. 89); und
es ist vollstndig sicher, dass bei allen das kleine Gehirn hinten
vllig von wohlentwickelten hinteren Lappen bedeckt wird. Die Thatsache
kann von einem Jeden nachgewiesen werden, der den Schdel irgend eines
Affen der alten oder neuen Welt besitzt. Denn da das Gehirn bei allen
Sugethieren die Schdelhhle vollstndig erfllt, so leuchtet ein, dass
ein Abguss des Innern vom Schdel die allgemeine Form des Gehirns
wiedergeben wird, in jedem Falle mit so kleinen und fr unsern
gegenwrtigen Zweck vllig bedeutungslosen Differenzen, wie sie in Folge
des Mangels der das Gehirn einhllenden Hute am trocknen Schdel
auftreten. Macht man nun solch einen Abguss in Gyps und vergleicht ihn
mit einem hnlichen Abguss eines menschlichen Schdels, so springt
sofort in die Augen, dass der Abguss der Grosshirnkammer, der das grosse
Gehirn des Affen darstellt, ebenso vollstndig den Abguss der das kleine
Gehirn darstellenden Kleinhirnkammer berragt und bedeckt, wie er es
beim Menschen thut (Fig. 21). Ein nicht sorgfltiger Beobachter, der
vergisst, dass ein so weiches Gebilde wie das Gehirn seine Gestalt in
dem Moment verliert, wo es aus dem Schdel genommen wird, kann wohl
allerdings den unbedeckten Zustand des kleinen Gehirns eines
herausgenommenen und verzerrten Gehirns fr die natrlichen Verhltnisse
der Theile halten; sein Irrthum muss ihm aber selbst klar werden, wenn
er versuchen wollte, das Gehirn in die Schdelhhle wieder
zurckzubringen. Anzunehmen, dass das kleine Gehirn eines Affen im
natrlichen Zustande hinten unbedeckt sei, ist ein Missverstndniss, das
nur dem zu vergleichen wre, wenn sich Jemand einbilden wollte, dass die
Lungen des Menschen immer nur einen kleinen Theil der Brusthhle
einnehmen -- weil sie dies thun, sobald die Brust geffnet ist und ihre
Elasticitt nicht lnger durch den Luftdruck neutralisirt wird.

[Illustration: Fig. 21. Zeichnungen der Ausgsse der Schdel vom Menschen
und Chimpanze, von derselben absoluten Lnge und in entsprechender
Stellung. _A_ grosses, _B_ kleines Gehirn. Die obere Zeichnung ist nach
einem Abguss im Museum des Royal College of Surgeons, die untere nach der
Photographie eines Abgusses vom Chimpanzeschdel, die den Aufsatz
Marshall's ber das Gehirn des Chimpanze in der Natural History Review,
July 1861, erlutert. Die schrfere Ausprgung der untern Kante des
Ausgusses der Grosshirnkammer beim Chimpanze rhrt von dem Umstande her,
dass in diesem Schdel das Tentorium vorhanden war, in dem des Menschen
aber nicht. Der Abguss stellt das Gehirn vom Chimpanze genauer dar als das
vom Menschen; das starke Vorspringen der hinteren Lappen des grossen
Gehirns des erstern nach hinten, ber das kleine Gehirn, ist sehr
deutlich.]

Der Irrthum ist um so weniger zu entschuldigen, als er jedem deutlich
werden muss, der den Durchschnitt des Schdels irgend eines ber den
Lemuren stehenden Affen untersucht, selbst ohne sich die Mhe zu geben,
einen Abguss zu machen. Denn in jedem solchen Schdel findet sich eine
sehr deutliche Grube, wie beim menschlichen Schdel, die die Ansatzlinie
des sogenannten _Tentorium_ oder Hirnzeltes andeutet, einer
pergamentartigen Scheidewand, welche im frischen Zustande zwischen das
grosse und kleine Gehirn eingeschoben ist und das erstere abhlt auf das
letztere zu drcken (s. Fig. 17, S. 89).

Diese Grube deutet daher die Trennungslinie zwischen dem Theil der
Schdelhhle, der das grosse Gehirn enthlt, und dem an, der das kleine
Gehirn enthlt; und da das Gehirn die Schdelhhle vollstndig erfllt,
so leuchtet ein, dass die Verhltnisse dieser beiden Theile der
Schdelhhle uns sofort ber die Verhltnisse ihrer Contenta aufklren.
Nun liegt beim Menschen, bei allen Affen der alten und der neuen Welt,
mit einer einzigen Ausnahme, wenn das Gesicht nach vorn gerichtet ist,
diese Ansatzlinie des Tentorium, oder der Eindruck der seitlichen Sinus,
wie sie technisch genannt wird, beinahe horizontal und die
Grosshirnkammer berragt unwandelbar die Kammer fr das kleine Gehirn
oder springt hinter dieselbe vor. Beim Brllaffen oder _Mycetes_ (s.
Fig. 17) geht diese Linie schrg nach oben und hinten und das grosse
Gehirn ragt fast gar nicht vor, whrend bei den Lemuren diese Linie, wie
bei den niedrigen Sugethieren, noch mehr in derselben Richtung
aufsteigt, so dass die Kammer fr das kleine Gehirn bedeutend jenseits
der Grosshirnkammer vorspringt.

Wenn die grbsten Irrthmer in Bezug auf Punkte, die so leicht
aufzuklren sind, wie diese Frage ber die hinteren Lappen, mit dem
Schein der Autoritt vorgebracht werden, so ist es nicht zu verwundern,
dass Gegenstnde der Beobachtung, nicht gerade sehr complicirter Natur,
die aber doch eine gewisse Sorgfalt verlangen, noch schlechter
weggekommen sind. Jemand, der die hinteren Lappen an irgend einem
Affengehirn nicht sehen kann, ist nicht leicht in der Lage, eine
besonders werthvolle Meinung in Bezug auf das hintere Horn oder den
Hippocampus minor abzugeben. Sieht Jemand die Kirche nicht, so wre es
verkehrt, seiner Ansicht ber ihr Altargemlde oder ein gemaltes Fenster
beipflichten zu wollen; ich halte mich daher nicht fr verpflichtet,
hier auf eine Discussion dieser Punkte einzugehen, sondern begnge mich
damit, den Leser zu versichern, dass das hintere Horn und der
Hippocampus minor jetzt nicht bloss beim Chimpanze, dem Orang und dem
Gibbon, sondern bei allen Gattungen der Paviane und Affen der alten
Welt, wie auch bei den meisten der neuen Welt, mit Einschluss der
Sahui's, und zwar gewhnlich wenigstens so gut entwickelt wie beim
Menschen, oft sogar besser, gesehen worden sind[31].

In der That fhrt uns das reichliche und zuverlssige Zeugniss, welches
wir besitzen (und wir haben hier die Resultate sorgfltiger auf die
Errterung dieser speciellen Fragen gerichteter Untersuchungen
geschickter Anatomen vor uns), zu der Ueberzeugung, dass hintere Lappen,
hinteres Horn und Hippocampus minor -- weit davon entfernt,
eigenthmliche und fr den Menschen charakteristische Gebilde zu sein,
fr die man sie immer und immer wieder erklrt hat, selbst nach der
Publication der klarsten Beweise vom Gegentheil -- gerade diejenigen
Gebilde sind, welche die ausgeprgtesten Hirncharaktere darstellen, die
der Mensch mit den Affen gemeinsam hat. Sie gehren zu den deutlichsten
Affeneigenthmlichkeiten, die der menschliche Organismus darbietet.

[Illustration: Fig. 22. Die Hemisphren des grossen Gehirns vom Menschen
und Chimpanze, in derselben Lnge gezeichnet, um die relativen Verhltnisse
der Theile zu zeigen; das obere nach einem Prparat, das Mr. Flower,
Conservator am Museum des Royal College of Surgeons, fr mich zu fertigen
die Gte hatte, das untere nach der Photographie eines in hnlicher Weise
prparirten Chimpanzegehirns, die der oben erwhnten Abhandlung Marshall's
beigegeben war. _a_ hinterer Lappen, _b_ Seitenventrikel, _c_ hinteres
Horn, _x_ Hippocampus minor.]

In Bezug auf die Windungen bieten die Affengehirne alle Uebergnge von
dem beinahe glatten Gehirn des Sahui bis zum Orang und Chimpanze dar,
die nur wenig unter dem Menschen stehen. Und es ist usserst merkwrdig,
dass, sobald alle Hauptfurchen auftreten, die Art ihrer Anordnung mit
der der entsprechenden Furchen beim Menschen identisch ist. Die
Oberflche eines Affengehirns stellt eine Art von Umrisszeichnung des
menschlichen dar; bei den menschenhnlichen Affen werden immer mehr und
mehr Details eingetragen, bis endlich das Gehirn des Chimpanze und Orang
dem Baue nach nur in untergeordneten Merkmalen von dem des Menschen
unterschieden werden kann; hierher gehrt die grssere Aushhlung der
vorderen Lappen, die constante Anwesenheit von Furchen, die dem Menschen
gewhnlich fehlen, und die verschiedene Lage und relative Grsse einiger
Windungen.

Was also den Bau des Gehirns anlangt, so ist klar, dass der Mensch
weniger vom Chimpanze und Orang verschieden ist, als diese selbst von
den Affen, und dass der Unterschied zwischen den Gehirnen des Chimpanze
und des Menschen fast bedeutungslos ist, wenn man ihn mit dem zwischen
dem Gehirn des Chimpanze und eines Lemurs vergleicht.

Es darf indessen nicht bersehen werden, dass eine sehr auffallende
Verschiedenheit in Bezug auf absolute Masse und Gewicht zwischen dem
niedrigsten Menschengehirn und dem Gehirn des hchsten Affen vorhanden
ist, -- eine Verschiedenheit, die um so auffallender wird, wenn wir uns
daran erinnern, dass ein erwachsener Gorilla wahrscheinlich beinahe
zweimal so schwer ist als ein Buschmann, oder als manche Europerin. Es
darf bezweifelt werden, ob ein gesundes Gehirn eines erwachsenen
Menschen je weniger als ein- oder zweiunddreissig Unzen gewogen hat,
oder ob das schwerste Gorillagehirn schwerer als zwanzig Unzen gewesen
ist.

Dies ist ein sehr bemerkenswerther Umstand, der uns einst wohl helfen
wird, den grossen Abstand, welcher in Bezug auf intellectuelle Fhigkeit
zwischen dem niedersten Menschen und dem hchsten Affen besteht, zu
erklren[32]; er hat aber wenig systematischen Werth, und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil (wie schon aus dem ber den Schdelinhalt
Gesagten zu schliessen ist) der Gewichtsunterschied des Gehirns zwischen
dem hchst entwickelten und niedersten Menschen sowohl relativ als
absolut viel grsser ist, als der zwischen dem niedersten Menschen und
dem hchsten Affen. Der letzterwhnte Unterschied wird, wie wir gesehen
haben, durch zwlf Unzen Hirnsubstanz absolut, oder durch 32:20 relativ
ausgedrckt; da aber das grsste bekannte menschliche Gehirn zwischen 65
und 66 Unzen wog, so ist der erstgenannte Unterschied durch mehr als 33
Unzen absolut, oder durch 65:32 relativ zu bezeichnen. Systematisch
betrachtet sind die Differenzen im Gehirn bei Menschen und Affen nur von
generischem Werthe, -- seine Familienmerkmale liegen hauptschlich in
seinem Gebiss, seinem Becken und seinen unteren Extremitten.

Wir mgen daher ein System von Organen vornehmen, welches wir wollen,
die Vergleichung ihrer Modificationen in der Affenreihe fhrt uns zu
einem und demselben Resultate: dass die anatomischen Verschiedenheiten,
welche den Menschen vom Gorilla und Chimpanze scheiden, nicht so gross
sind als die, welche den Gorilla von den niedrigeren Affen trennen.

Indem ich aber diese bedeutungsvolle Wahrheit ausspreche, muss ich mich
gegen ein sehr verbreitetes Missverstndniss verwahren. Ich finde in der
That, dass sich der, wer nur einfach zu lehren sucht, was uns die Natur
in diesen Dingen so klar zeigt, dem aussetzt, seine Meinung falsch
dargestellt und an seiner Ausdrucksweise so lange herumgedeutelt zu
sehen, bis er zu behaupten scheint, dass die anatomischen Unterschiede
zwischen dem Menschen und selbst den hchsten Affen gering und
unbedeutend sind. Ich benutze daher diese Gelegenheit, im Gegentheil
ausdrcklich zu versichern, dass sie gross und bedeutend sind, dass
jeder einzelne Knochen des Gorilla Zeichen an sich trgt, durch welche
er leicht von dem entsprechenden Knochen des Menschen unterschieden
werden kann; und dass jedenfalls wenigstens in der jetzigen Schpfung
kein Zwischenglied den Abstand zwischen _Homo_ und _Troglodytes_
ausfllt.

Es wrde nicht weniger unrecht als absurd sein, die Existenz dieser
Kluft zu leugnen; es ist aber wenigstens ebenso unrecht als absurd, ihre
Grsse zu bertreiben und, sich mit der zugegebenen Thatsache ihrer
Existenz beruhigend, jede Untersuchung ber die Weite oder Enge
derselben zurckzuweisen. Man mag sich, wenn man will, immer daran
erinnern, dass kein verbindendes Glied zwischen dem Menschen und Gorilla
existirt, man soll aber nicht vergessen, dass zwischen dem Gorilla und
dem Orang, oder dem Orang und dem Gibbon eine nicht weniger scharfe
Trennungslinie besteht und hier ebenso vollstndig irgend welche
Uebergangsform fehlt. Ich sage: nicht weniger scharf, wenn sie auch
etwas enger ist. Die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem
Menschen und den menschenhnlichen Affen berechtigen uns sicher zu der
Ansicht, dass er eine besondere, von jenen getrennte Familie bildet; da
er aber weniger von ihnen abweicht, als sie von anderen Familien
derselben Ordnung verschieden sind, so haben wir kein Recht, ihn zu
einer besondern Ordnung zu erheben.

Und so kmmt denn der vorausblickende Scharfsinn des grossen
Gesetzgebers der systematischen Zoologie, Linn, zu seinem Rechte; ein
Jahrhundert anatomischer Untersuchung bringt uns zu seiner Folgerung
zurck, dass der Mensch ein Glied derselben Ordnung ist (fr welche der
Linnische Name _$Primates$_ beibehalten werden sollte) wie die Affen
und Lemuren. Diese Ordnung kann jetzt in sieben Familien von ungefhr
gleichem systematischen Werthe eingetheilt werden: die erste,
_$Anthropini$_, enthlt nur den Menschen, die zweite, die _$Catarhini$_,
umfasst die Affen der alten Welt, die dritte, die _$Platyrhini$_, alle
Affen der neuen Welt, mit Ausnahme der Sahui's; die vierte, die
_$Arctopithecini$_, enthlt die Sahui's, die fnfte, die _$Lemurini$_,
die Lemuren, von denen _Cheiromys_ wahrscheinlich auszuschliessen ist,
um eine sechste besondere Familie, die _$Cheiromyini$_, zu bilden; die
siebente, die _$Galeopithecini$_, enthlt nur den fliegenden Lemur,
_Galeopithecus_, eine merkwrdige Form, welche fast an die Fledermuse
grenzt, wie _Cheiromys_ die Erscheinung eines Nagers darbietet, und die
Lemuren die von Insectenfressern.

Es bietet wohl kaum eine Sugethierordnung eine so ausserordentliche
Reihe von Abstufungen dar, wie diese; sie fhrt uns unmerklich von der
Krone und Spitze der thierischen Schpfung zu Geschpfen herab, von
denen scheinbar nur ein Schritt zu den niedrigsten, kleinsten und
wenigst intelligenten Formen der placentalen Sugethiere ist. Es ist,
als ob die Natur die Anmaassung des Menschen selbst vorausgesehen htte,
als wenn sie mit altrmischer Strenge dafr gesorgt htte, dass sein
Verstand durch seine eigenen Triumphe die Sklaven in den Vordergrund
stelle, den Eroberer daran mahnend, dass er nur Staub ist.

Dies sind die hauptschlichsten Thatsachen und die unmittelbare
Folgerung aus ihnen, auf welche ich im Anfang dieser Abhandlung hinwies.
Die Thatsachen knnen, glaube ich, nicht bestritten werden; und wenn dem
so ist, so scheint mir auch der Schluss unvermeidlich.

Wird aber der Mensch durch keine grssere anatomische Scheidewand von
den Thieren getrennt, als diese von einander, dann scheint mir auch zu
folgen, dass, wenn irgend ein natrlicher Causalvorgang nachgewiesen
werden kann, durch welchen die Gattungen und Familien von Thieren
entstanden sind, dieser Causalvorgang auch vllig hinreicht, die
Entstehung des Menschen zu erklren. Mit anderen Worten, wenn gezeigt
werden knnte, dass die Sahui's z. B. durch allmhliche Modification aus
gewhnlichen Platyrhinen entstanden sind, oder dass beide, Sahui's und
Platyrhini, modificirte Verzweigungen eines ursprnglichen Stammes sind
-- dann wrde auch kein vernnftiger Grund vorhanden sein, daran zu
zweifeln, dass der Mensch in dem einen Falle durch allmhliche
Modification eines menschenhnlichen Affen, oder im andern Falle ebenso
als eine Abzweigung desselben ursprnglichen Stammes wie jene Affen
entstanden sei.

Gegenwrtig hat nur ein solcher natrlicher Causalvorgang irgend welches
Zeugniss zu seinen Gunsten aufzuweisen, oder mit anderen Worten: es
giebt nur eine Hypothese in Betreff der Entstehung der Arten der Thiere
im Allgemeinen, welche eine wissenschaftliche Existenz hat -- die von
Darwin aufgestellte. Denn so scharfsinnig auch viele von Lamarck's
Ansichten waren, so brachte er doch so viel Unreifes und selbst Absurdes
hinzu, dass der Nutzen, den seine Originalitt, wre er ein nchterner
und vorsichtiger Denker gewesen, gehabt htte, wieder neutralisirt
wurde; und obgleich ich von der Ankndigung einer Formel ber das
vorbedachte allmhliche Werden organischer Formen gehrt habe, so ist
doch klar, dass die erste Pflicht einer Hypothese die ist, verstndlich
zu sein, und dass ein vollklingender Satz dieser Art, den man von vorn
und von hinten und von der Seite her lesen kann, ohne seine Bedeutung zu
beeintrchtigen, in Wirklichkeit gar nicht existirt, wenn er auch zu
existiren scheint.

Gegenwrtig lst sich daher die Frage nach den Beziehungen des Menschen
zu den Thieren schliesslich in die umfassendere Frage von der
Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit der Darwin'schen Ansichten auf. Hier
wird aber das Terrain schwierig und es gehrt sich, unsere genaue
Stellung zur Frage mit grosser Sorgfalt zu bestimmen.

Ich glaube, es kann nicht bezweifelt werden, dass Darwin hinreichend
bewiesen hat, dass das, was er Wahl oder Modification in Folge einer
Auswahl nennt, in der Natur vorkommen muss und wirklich vorkommt; er hat
ferner bis zum Ueberfluss bewiesen, dass solche Wahl Formen erzeugen
kann, die ihrem Baue nach so verschieden selbst wie Gattungen sein
knnen. Bte uns die Thierwelt nur anatomische Verschiedenheiten dar, so
wrde ich nicht einen Augenblick zu erklren anstehen, dass Darwin die
Existenz einer wirklichen physikalischen Ursache nachgewiesen habe,
vllig hinreichend, den Ursprung lebender Arten, und des Menschen unter
diesen, zu erklren.

Ausser ihren anatomischen Verschiedenheiten bieten aber Pflanzen- und
Thierarten, wenigstens eine grosse Zahl unter ihnen, physiologische
Merkmale dar: Formen, die man anatomisch als besondere Arten kennt, sind
meist entweder durchaus unfhig, sich unter einander zu vermehren, oder
wenn sie es thun, ist der resultirende Bastard unfhig, seine Rasse mit
einem andern Bastard derselben Art zu erhalten.

Eine wirklich physikalische Ursache wird indessen nur unter einer
Bedingung als eine solche angenommen: dass sie alle Erscheinungen, die
in den Bereich ihrer Wirksamkeit fallen, erklren kann. Ist sie mit
irgend einer Erscheinung unvertrglich, so ist sie zu verwerfen; ist sie
nicht im Stande, eine einzelne Erscheinung zu erklren, so ist sie in
diesem Punkte schwach oder verdchtig, obgleich sie vollstndiges Recht
haben mag, eine provisorische Annahme zu beanspruchen.

So viel mir bekannt ist, ist Darwin's Hypothese mit keiner bekannten
biologischen Thatsache unvereinbar; im Gegentheil erhalten durch ihre
Annahme die Thatsachen der Entwickelung, vergleichenden Anatomie,
geographischen Verbreitung und Palontologie eine gegenseitige
Verbindung und eine Bedeutung, die sie zuvor nie besassen. Was mich
betrifft, so bin ich vllig berzeugt, dass diese Hypothese, wenn sie
nicht streng wahr, doch eine solche Annherung an die Wahrheit ist, wie
die Copernikanische Theorie fr die Planetenbewegungen war.

Trotz alledem muss unsere Annahme der Darwin'schen Hypothese so lange
nur provisorisch sein, als ein Glied in der Beweiskette noch fehlt; und
so lange alle Thiere und Pflanzen, die sicher durch Zuchtwahl von einem
gemeinsamen Stamme entstanden sind, fruchtbar sind, und ihre Nachkommen
unter einander, so lange fehlt jenes Glied. Denn fr so lange kann nicht
bewiesen werden, dass die Zuchtwahl alles das leistet, was zur Erzeugung
natrlicher Arten nthig ist.

Ich habe den letzten Satz so stark als mglich dem Leser vorgelegt; denn
die allerletzte Stellung, die ich einnehmen mchte, ist die eines
Advocaten fr Darwin's oder irgend welche andere Ansichten, wenn unter
einem Advocaten der verstanden wird, dessen Aufgabe es ist, wirkliche
Schwierigkeiten zu ebnen, und zu berreden, wo er nicht berzeugen kann.

Um indessen Darwin gerecht zu sein, muss zugegeben werden, dass die
Zustnde der Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit sehr falsch verstanden
werden, und dass der tgliche Fortschritt der Erkenntniss dieser Lcke
in dem Beweis eine immer geringere Bedeutung beilegt, besonders
verglichen mit der Menge von Thatsachen, welche mit seinen Lehren
harmoniren oder von ihnen aus Erklrung erhalten.

Ich nehme daher Darwin's Hypothese an als eine, die zur Beibringung des
Beweises verpflichtet ist, dass physiologische Arten durch Zuchtwahl
entstehen, ebenso wie ein Physiker die Undulationstheorie des Lichts
annimmt als verpflichtet, die Existenz des hypothetischen Aethers, oder
ein Chemiker die atomistische Theorie als verpflichtet, die Existenz der
Atome nachzuweisen; und zwar genau aus denselben Grnden: sie hat
unendlich viel Wahrscheinliches auf den ersten Blick fr sich, sie ist
gegenwrtig das einzig erreichbare Mittel, das Chaos beobachteter
Thatsachen in eine bestimmte Ordnung zu bringen; und endlich ist sie das
wirksamste Forschungsmittel, was die Naturforscher seit der Erfindung
des natrlichen Classificationssystems und dem Beginn des systematischen
Studiums der Embryologie erhalten haben.

Wenn wir aber selbst Darwin's Ansichten bei Seite lassen, die ganze
Analogie natrlicher Vorgnge liefert uns einen so vollstndigen und
vernichtenden Beweis gegen das Dazwischentreten anderer als sogenannter
secundrer Ursachen bei der Erzeugung aller Erscheinungen im Universum,
dass ich, die innigen Beziehungen zwischen dem Menschen und der brigen
lebenden Welt, und zwischen den in letzterer wirksamen Krften und allen
brigen vor Augen, keinen Grund sehe, daran zu zweifeln, dass alle nur
coordinirte Ausdrcke fr den grossen Fortschritt der Natur sind, vom
Formlosen zum Geformten, vom Unorganischen zum Organischen, von blinder
Naturkraft zu bewusstem Verstand und Willen.

Die Wissenschaft hat ihre Pflicht erfllt, wenn sie die Wahrheit
ermittelt und ausgesprochen hat; und wenn diese Zeilen nur fr Mnner
der Wissenschaft bestimmt wren, so wrde ich jetzt diese Abhandlung
schliessen, wohl wissend, dass meine Fachgenossen nur Beweise
anzuerkennen und es fr ihre hchste Pflicht zu halten gelernt haben,
diesem sich zu fgen, wie sehr es auch gegen ihre Neigungen verstosse.

Da ich aber den weitern Kreis des intelligenten Publicums zu erreichen
wnsche, so wre es eine unwrdige Feigheit, das Widerstreben zu
ignoriren, mit dem die Mehrzahl meiner Leser die Schlsse aufzunehmen
geneigt sein drfte, zu welchen mich das sorgfltigste und
gewissenhafteste Studium, das ich dem Gegenstand nur zu widmen im Stande
war, gefhrt hat.

Von allen Seiten hre ich ausrufen: Wir sind Mnner und Frauen, und
nicht bloss eine bessere Art Affen, mit etwas lngeren Beinen, etwas
compacterem Fusse und grsserem Gehirn als eure thierischen Chimpanzes
und Gorillas. Die Kraft der Erkenntniss -- das Bewusstsein von Gut und
Bse -- die mitleidsvolle Zartheit menschlicher Gemthsstimmungen
erheben uns weit ber alle Genossenschaft mit den Thieren, wie nahe sie
auch an uns heranzutreten scheinen.

Hierauf kann ich nur entgegnen, dass dieser Ausruf usserst gerecht wre
und meine ganze Sympathie bessse, wenn er nur irgend erheblich wre.
Ich bin es gewiss nicht, der die Wrde des Menschen auf seine grosse
Zehe zu grnden sucht, oder der zu verstehen giebt, dass wir verloren
wren, wenn ein Affe einen Hippocampus minor hat. Ich habe im Gegentheil
diese eitlen Fragen zu beseitigen mich bemht. Ich habe zu zeigen
versucht, dass zwischen uns und der Thierwelt keine absolute Linie
anatomischer Abgrenzung gezogen werden kann, die breiter wre, als die
zwischen den unmittelbar auf uns folgenden Thieren; und ich will noch
mein Glaubensbekenntniss hinzufgen, dass der Versuch, eine psychische
Trennungslinie zu ziehen, gleich vergebens ist und dass selbst die
hchsten Vermgen des Gefhls und Verstandes in niederen Lebensformen zu
keimen beginnen[33]. Gleichzeitig ist Niemand davon so stark berzeugt,
wie ich, dass der Abstand zwischen civilisirten Menschen und den Thieren
ein ungeheurer ist, oder so sicher dessen, dass, mag der Mensch von den
Thieren stammen oder nicht, er zuverlssig nicht eins derselben ist.
Niemand ist weniger geneigt, die gegenwrtige Wrde des einzigen
bewussten intelligenten Bewohners dieser Welt gering zu halten, oder an
seinen Hoffnungen auf das Knftige zu verzweifeln.

Es wird uns allerdings von Leuten, die in diesen Sachen Autoritt
beanspruchen, gesagt, dass die beiden Ansichten nicht zu vereinigen
wren, und dass der Glaube an die Einheit des Ursprungs des Menschen und
der Thiere die Verthierung und Erniedrigung des erstern mit sich fhre.
Ist dem aber wirklich so? Knnte nicht ein einigermaassen verstndiges
Kind mit nahe liegenden Beweisen die seichten Redner zurckweisen, die
uns diesen Schluss aufnthigen wollen? Ist es wirklich wahr, dass der
Poet, Philosoph oder Knstler, dessen Genius der Ruhm seiner Zeit ist,
von seiner hohen Stellung erniedrigt wird durch die unbezweifelte
historische Wahrscheinlichkeit, um nicht zu sagen Gewissheit, dass er
der directe Abkmmling irgend eines nackten und halbthierischen Wilden
ist, dessen Intelligenz gerade hinreichte, ihn etwas verschlagener als
den Fuchs, dadurch aber um so mehr gefhrlicher als den Tiger zu machen?
Oder ist er verbunden zu heulen und auf allen Vieren zu kriechen wegen
der ausser aller Frage stehenden Thatsache, dass er frher ein Ei war,
das keine gewhnliche Unterscheidungskraft von dem eines Hundes
unterscheiden konnte? Oder muss der Menschenfreund und Heilige den
Versuch, ein edles Leben zu fhren, aufgeben, weil das einfachste
Studium der menschlichen Natur auf ihrem Grunde alle die selbstschtigen
Leidenschaften und die heftigen Begehrungen der gewhnlichen Vierfssler
offenbart? Ist Mutterliebe gemein, weil eine Henne sie zeigt, oder Treue
niedrig, weil ein Hund sie besitzt?

Der gesunde Menschenverstand der grossen Masse der Menschheit wird diese
Fragen, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, beantworten. Eine
gesunde Menschlichkeit, die sich hart bedrngt fhlt, wirklicher Snde
und Erniedrigung zu entfliehen, wird das Brten ber eine speculative
Befleckung den Cynikern und den Allzugerechten berlassen, die, in
allem Uebrigen verschiedener Meinung, in der blinden Unempfindlichkeit
fr den Adel der sichtbaren Welt und in der Unfhigkeit, die
Grossartigkeit der Stellung des Menschen darin zu erfassen, sich
vereinigen.

Ja noch mehr: haben sich denkende Leute einmal den blindmachenden
Einflssen traditioneller Vorurtheile entwunden, dann werden sie in dem
niedern Stamm, dem der Mensch entsprungen ist, den besten Beweis fr den
Glanz seiner Fhigkeiten finden und werden in seinem langen Fortschritt
durch die Vergangenheit einen vernnftigen Grund finden, an die
Erreichung einer noch edleren Zukunft zu glauben.

Sie werden sich erinnern, dass wir, vergleichen wir den civilisirten
Menschen mit der thierischen Welt, wie Alpenreisende sind, die die Berge
in den Himmel ragen sehen und kaum unterscheiden knnen, wo die tief
beschatteten Klfte und die ewig glnzenden Gipfel aufhren und die
Wolken des Himmels anfangen. Gewiss ist der von tiefem Staunen
ergriffene Reisende zu entschuldigen, wenn er sich weigert, dem Geologen
zu glauben, der ihm erzhlt, dass diese herrlichen Massen doch
schliesslich nichts anderes sind, als erhrteter Schlamm vorweltlicher
Meere oder abgekhlte Schlacken unterirdischer Hochfen, von gleichem
Stoffe wie der zheste Thon, aber durch innere Krfte zu jener Stelle
stolzer und scheinbar unnahbarer Herrlichkeit erhoben.

Aber der Geolog hat Recht; und ernstes Nachdenken ber seine Lehren
fgt, anstatt unsere Ehrfurcht und Bewunderung zu vermindern, zu der
bloss sthetischen Betrachtung des ununterrichteten Beschauers noch all
die Macht intellectueller Erhebung.

Und wenn Leidenschaft und Vorurtheil sich gelegt haben werden, dann wird
die Lehre der Naturforschung ber die grossen Alpen und Andes der
lebenden Welt, -- den Menschen, eine gleiche Wirkung ussern. Unsere
Ehrfurcht vor dem Adel der Menschheit wird nicht verkleinert werden
durch die Erkenntniss, dass der Mensch seiner Substanz und seinem Baue
nach mit den Thieren eins ist; denn er allein besitzt die wunderbare
Gabe verstndlicher und vernnftiger Rede, wodurch er in der
Jahrhunderte langen Periode seiner Existenz die Erfahrung, welche bei
anderen Thieren mit dem Aufhren jeden individuellen Lebens fast
gnzlich verloren geht, langsam angehuft und organisch verarbeitet hat,
so dass er jetzt wie auf dem Gipfel eines Berges weit ber das Niveau
seiner niedrigen Mitgeschpfe erhaben und von seiner grberen Natur
verklrt dasteht, verklrt dadurch, dass er hier und da einen Strahl aus
der unendlichen Quelle ewiger Wahrheit reflectiren konnte.


Funoten:

[26] Es versteht sich, dass ich in der vorhergehenden Abhandlung aus der
ungeheuren Menge von Abhandlungen, die ber die menschenhnlichen Affen
geschrieben worden sind, nur die zur Erwhnung ausgewhlt habe, die mir
von besonderer Bedeutung schienen.

[27] Wir sind bis jetzt noch nicht hinreichend mit dem Gehirn des
Gorilla bekannt; bei Besprechung der Hirnmerkmale werde ich daher den
Chimpanze als die hchste Form unter den Affen annehmen.

[28] Mehr als einmal, sagt Peter Camper, habe ich mehr als sechs
Lendenwirbel beim Menschen angetroffen ... Einmal fand ich dreizehn
Rippen und vier Lendenwirbel. Fallopius erwhnt dreizehn Rippenpaare
und nur vier Lendenwirbel; und Eustachius fand einmal elf Rckenwirbel
und sechs Lendenwirbel. -- Oeuvres de P. Camper, T. 1, p. 42. Wie
Tyson angiebt, hatte sein Pygmie dreizehn Rippenpaare und fnf
Lendenwirbel. Die Frage von der Krmmung der Wirbelsule bei Affen
erfordert noch weitere Untersuchungen.

[29] Man hat angegeben, dass Hinduschdel zuweilen so wenig wie 27 Unzen
Wasser enthalten, was einen Rauminhalt von ungefhr 46 Cubikzoll geben
wrde. Der Minimalinhalt, den ich oben angenommen habe, ist indess auf
die werthvollen Tabellen basirt, die Rud. Wagner in seinen Vorstudien
zu einer wissenschaftlichen Morphologie und Physiologie des menschlichen
Gehirns publicirt hat. Als das Resultat sorgfltiger Wgungen von mehr
als 900 menschlichen Gehirnen giebt Professor Wagner an, dass die Hlfte
zwischen 1200 und 1400 Gramm wog und dass ungefhr zwei Neuntel, meist
mnnliche Gehirne, 1400 Gramm berschritten. Das leichteste Gehirn eines
erwachsenen Mannes mit gesunden Geisteskrften wog 1020 Gramm. Da ein
Gramm gleich 15,4 Gran ist und ein Cubikzoll Wasser 252,4 Gran enthlt,
so ist dies gleich 62 Cubikzoll Wasser, so dass wir, da Gehirn schwerer
ist als Wasser, vllig gegen Irrthum nach der Seite einer zu kleinen
Annahme hin gesichert sind, wenn wir dies als den kleinsten Inhalt eines
erwachsenen mnnlichen Gehirns annehmen. Das einzige erwachsene
mnnliche Gehirn, das nur 970 Gramm wiegt, ist das eines Idioten; das
Gehirn einer erwachsenen Frau aber, gegen deren geistige Gesundheit
nichts vorliegt, wog nur 907 Gramm (55,3 Cubikzoll Wasser); und Reid
fhrt ein erwachsenes weibliches Gehirn von noch kleinerem Rauminhalt
an. Das schwerste Gehirn indessen (1872 Gramm, oder ungefhr 115
Cubikzoll) war das einer Frau; zunchst kommt dann das von Cuvier (1861
Gramm), dann Byron (1807 Gramm) und dann eine geisteskranke Person (1783
Gramm). Das leichteste erwachsene Gehirn, was bekannt ist (720 Gramm),
war das einer bldsinnigen Frau. Die Gehirne von fnf Kindern, vier
Jahre alt, wogen zwischen 1275 und 992 Gramm. Man kann daher ziemlich
richtig sagen, dass ein mittelgrosses europisches Kind von vier Jahren
ein zweimal so grosses Gehirn hat als ein erwachsener Gorilla.

[30] Vom Fusse seines Pygmie sprechend, bemerkt Tyson S. 13: Da aber
dieser Theil in seiner Bildung und auch in seiner Function einer Hand
hnlicher ist als einem Fusse, habe ich gedacht, ob diese Art von
Thieren zur Unterscheidung von anderen nicht besser Quadrumanus genannt
und als solche aufgefhrt werden sollte, denn als Quadrupes, d. i.
besser ein vierhndiges als ein vierfssiges Thier. Da diese Stelle
1699 publicirt wurde, so ist J. G. St. Hilaire offenbar im Irrthum, wenn
er die Erfindung des Ausdrucks Quadrumanus Buffon zuschreibt, obschon
Bimana ihm zugeschrieben sein kann. Tyson gebraucht Quadrumana an
mehreren Stellen, so S. 91: Unser =Pygmie= ist nicht ein Mensch, aber
auch nicht der gewhnliche =Affe=, sondern eine =Thierart= zwischen
beiden, und obgleich ein =Biped=, doch eine von der =Quadrumanus=-Art;
wiewohl manche Menschen beobachtet worden sind, die ihre =Fsse= wie
=Hnde= brauchen, wie ich selbst mehrere gesehen habe.

[31] S. die Anmerkung am Ende dieser Abhandlung, die eine kurze
Geschichte des hier angedeuteten Streites enthlt.

[32] Ich sage zu erklren _helfen_; denn ich glaube durchaus nicht,
dass irgend ein ursprnglicher Unterschied in der Qualitt oder
Quantitt der Hirnsubstanz jenes Auseinandergehen des Menschen- und
Affenstammes verursacht hat, das zu dem gegenwrtigen enormen Abstand
zwischen ihnen gefhrt hat. Es ist in einem gewissen Sinne ohne Zweifel
vllig wahr, dass Unterschied in der Function das Resultat eines
Unterschieds in der Structur ist, oder, mit anderen Worten, eines
Unterschieds in der Combination der primren Molecularkrfte lebender
Substanz; und von diesem unleugbaren Axiom ausgehend argumentiren die
Gegner gelegentlich und scheinbar sehr plausibel, dass die grosse
intellectuelle Kluft zwischen dem Menschen und dem Affen eine
entsprechende anatomische Kluft in den Organen der intellectuellen
Function voraussetzt; so dass der Umstand, dass man so grosse
Differenzen nicht auffinde, kein Beweis dafr sei, dass sie nicht
vorhanden seien, sondern dass die Wissenschaft nicht im Stande sei, sie
nachzuweisen. Nur wenig Ueberlegung indessen wird, denke ich, das Irrige
dieses Schlusses zeigen. Seine Gltigkeit ruht auf der Annahme, dass die
intellectuelle Fhigkeit ganz und gar vom Gehirn abhnge, whrend doch
das Gehirn nur eine jener vielen Bedingungen ist, von denen die
geistigen Manifestationen abhngen; die anderen sind hauptschlich die
Sinnesorgane und die motorischen Apparate, besonders die, welche beim
Greifen und bei der Bildung der articulirten Sprache betheiligt sind.

Ein Stummgeborener wrde trotz seiner grossen Gehirnmasse und der
Ererbung starker intellectueller Instincte nur wenige hhere geistige
Manifestationen zu ussern im Stande sein als ein Orang oder Chimpanze,
wenn er auf die Gesellschaft stummer Genossen beschrnkt wre. Und doch
knnte nicht der geringste erkennbare Unterschied zwischen seinem Gehirn
und dem einer usserst intelligenten und gebildeten Person vorhanden
sein. Die Stummheit knnte die Folge einer mangelhaften Bildung des
Mundes oder der Zunge, oder einer bloss fehlerhaften Innervation dieser
Theile sein; oder die Folge angeborener Taubheit, die wiederum durch
einen minutisen, nur von einem sorgfltigen Anatomen nachzuweisenden
Fehler des inneren Ohres verursacht wre.

Der Schluss: weil eine grosse Differenz zwischen der Intelligenz eines
Menschen und eines Affen besteht, deshalb muss auch ein gleich grosser
Unterschied zwischen ihren Gehirnen bestehen, scheint mir ungefhr
ebenso begrndet, als wenn man beweisen wollte, dass, weil ein grosser
Abstand zwischen einer gutgehenden und einer gar nicht gehenden Uhr
besteht, deshalb auch ein grosser Abstand zwischen der Structur der
beiden bestehen msse. Ein Haar am Balancier, ein bischen Rost an einem
Stifte, ein Bug in einem Zhnchen, irgend etwas so Kleines, dass nur das
gebte Auge des Uhrmachers es nachweisen kann, knnte die Ursache des
ganzen Unterschieds sein.

Und da ich mit Cuvier glaube, dass der Besitz der articulirten Sprache
das grosse Unterscheidungsmerkmal des Menschen ist (mag es ihm absolut
eigenthmlich sein oder nicht), so halte ich es fr sehr leicht
verstndlich, dass eine in gleicher Weise wenig auffallende anatomische
Verschiedenheit die primre Ursache des unermesslichen und praktisch
unendlichen Auseinanderweichens des menschlichen und Affenstamms gewesen
sein mag.

[33] Es ist fr mich ein so seltnes Vergngen, die Ansichten Professor
Owen's in vlliger Uebereinstimmung mit meinen eignen zu finden, dass
ich nicht umhin kann, eine Stelle aus seiner Abhandlung Ueber die
Charaktere etc. der Classe Mammalia im Journal of the Proceedings of
the Linnean Society of London fr 1857 zu citiren, die aber
unerklrlicher Weise in der zwei Jahre spter vor der Universitt
Cambridge gehaltenen Reade Lecture, die im Uebrigen fast nur ein
Abdruck jener Abhandlung ist, weggelassen worden ist. Prof. Owen
schreibt:

Da ich nicht im Stande bin, den Unterschied zwischen den psychischen
Erscheinungen eines Chimpanze und eines Buschmanns, oder eines Azteken
mit gehemmter Hirnbildung, weder fr so wesentlicher Natur anzuerkennen
oder aufzufassen, dass ein Vergleich zwischen ihnen ausgeschlossen wre,
noch fr einen andern als bloss gradweisen zu halten, so kann ich meine
Augen der Bedeutung jener Alles durchdringenden Gleichheit des Baues
nicht verschliessen; jeder Zahn, jeder Knochen ist streng homolog; und
diese Gleichheit macht die Bestimmung des Unterschieds zwischen _Homo_
und _Pithecus_ zu einer schwierigen Aufgabe fr den Anatomen.

Es ist gewiss etwas sonderbar, dass der Anatom, der es fr schwierig
hlt, den Unterschied zu bestimmen zwischen _Homo_ und _Pithecus_,
beide doch auf anatomische Grnde gesttzt in verschiedene Unterclassen
bringt!




      Kurze Geschichte des Streites ber den Bau des Menschen- und
                             Affengehirns.


Bis zum Jahre 1857 stimmten alle Anatomen von Autoritt, die sich mit
dem Hirnbau der Affen beschftigt hatten -- Cuvier, Tiedemann,
Sandifort, Vrolik, Isidore Geoffroy St. Hilaire, Schroeder van der Kolk,
Gratiolet --, darin berein, dass das Affengehirn einen =hintern Lappen=
besitze.

Im Jahre 1825 bildete Tiedemann in seinen Icones das =hintere Horn= der
Seitenventrikel bei Affen ab und erkannte dasselbe auch in dem Text zu
den Icones an, und zwar nicht bloss unter dem Titel Scrobiculus parvus
loco cornu posterioris (eine Thatsache, die man in den Vordergrund
stellte), sondern als cornu posterius (Icones, p. 54), ein Umstand,
der ebenso absichtlich im Hintergrund gehalten wurde.

Cuvier sagt (Leons, T. III. p. 103), die vorderen oder Seitenventrikel
besitzen eine Fingerhhle (hinteres Horn) nur beim Menschen und den
Affen ... Ihre Gegenwart hngt von der der hinteren Lappen ab.

Schroeder van der Kolk und Vrolik und Gratiolet haben gleichfalls das
hintere Horn von verschiedenen Affen beschrieben und abgebildet. In
Bezug auf den Hippocampus minor hat Tiedemann irrthmlich angegeben,
dass er bei den Affen fehle; Schroeder van der Kolk und Vrolik haben
aber auf die Existenz eines von ihnen fr einen rudimentren Hippocampus
minor gehaltenen Gebildes beim Chimpanze hingewiesen, und Gratiolet
besttigt ausdrcklich sein Vorhandensein bei diesen Thieren. Dies war
der Zustand unserer Kenntniss ber diese Punkte im Jahre 1856.

Diese Thatsachen kannte entweder Professor Owen nicht oder er verschwieg
sie ungerechtfertigter Weise. Denn 1857 legte er der Linnean Society
eine Abhandlung vor, On the Characters, Principles of Division, and
Primary Groups of the Class Mammalia, die im Journal jener Gesellschaft
abgedruckt wurde und folgenden Passus enthlt: Beim Menschen bietet das
Gehirn eine hhere Entwickelungsstufe dar, die bedeutender und strker
markirt ist als die, durch welche sich die vorhergehende Unterclasse von
der ihr zunchst stehenden niedern unterscheidet. Es berragen hier
nicht bloss die Hemisphren die Riechlappen und das kleine Gehirn,
sondern sie erstrecken sich weiter nach vorn als die ersteren und weiter
nach hinten als das letztere. Die Entwickelung nach hinten ist so stark
ausgeprgt, dass die Anatomen diesem Theile den Namen eines dritten
Lappens beilegen; _er ist der Gattung Homo eigenthmlich, und in
gleicher Weise ihr eigenthmlich das hintere Horn des Seitenventrikels
und der >Hippocampus minor<, welche den hintern Lappen jeder Hemisphre
charakterisiren_. Journal of the Proceedings of the Linnean Society.
Vol. II. p. 19.

Da die Abhandlung, in der diese Stelle vorkommt, keinen geringern Zweck
hat, als den, die Classification der Sugethiere umzugestalten, so
konnte wohl vermuthet werden, ihr Verfasser habe unter dem Eindruck
einer besondern Verantwortlichkeit geschrieben und die Angaben, die er
vorzubringen wagte, mit besonderer Sorgfalt geprft. Und selbst wenn
dies zu viel erwartet hiesse, Uebereilung oder Mangel an Gelegenheit zur
gehrigen Ueberlegung kann zur Entschuldigung etwaiger Irrungen nicht
vorgeschoben werden; denn die angefhrten Stze wurden zwei Jahre spter
in der vor der Universitt Cambridge gehaltenen Read-Lecture, 1859,
wiederholt.

Als die im obigen Auszug cursiv gedruckten Behauptungen zuerst zu meiner
Kenntniss gelangten, war ich nicht wenig ber einen so directen
Widerspruch mit den unter gutunterrichteten Anatomen gelufigen Lehren
erstaunt. Da ich aber natrlich glaubte, dass die vorbedachten Angaben
einer verantwortlichen Person irgend welche thatschliche Begrndung
haben mssten, hielt ich es fr meine Pflicht, den Gegenstand von Neuem,
schon vor der Zeit, wo es mein Beruf war, in meinen Vorlesungen darber
zu lesen, zu untersuchen. Das Resultat meiner Untersuchung war der
Beweis, dass die drei Behauptungen Owen's, dass der dritte Lappen, das
hintere Horn des Seitenventrikels und der Hippocampus minor der Gattung
Homo eigenthmlich seien, den offenbarsten Thatsachen widersprechen.
Ich theilte diesen Schluss meinen Zuhrern mit; da ich aber keine
Neigung hatte, in einen Streit mich einzulassen, der, mochte sein
Ausgang sein, welcher er wolle, der englischen Wissenschaft nicht gerade
zur Ehre gereichen konnte, wandte ich mich zusagenderen Arbeiten zu.

Die Zeit kam aber bald, wo ein lngeres Beharren in meinem Schweigen
mich eines unwrdigen Betrugs an der Wahrheit schuldig gemacht htte.

Bei der Versammlung der British Association in Oxford, 1860, wiederholte
Professor Owen jene Behauptungen in meiner Gegenwart; natrlich
widersprach ich ihnen sofort direct und ohne Einschrnkung mit dem
Versprechen, dies sonst ungewhnliche Verfahren an einem andern Orte zu
rechtfertigen. Dieses Versprechen lste ich durch die Verffentlichung
eines Artikels in der Januar-Nummer der Natural History Review, worin
ich die Wahrheit der drei folgenden Stze vollstndig nachwies (a. a. O.
S. 71):

1. Dass der dritte Lappen dem Menschen weder eigenthmlich noch
charakteristisch ist, da er bei allen hheren Quadrumanen existirt;

2. dass das hintere Horn des Seitenventrikels dem Menschen weder
eigenthmlich noch charakteristisch ist, da auch er bei den hheren
Quadrumanen vorhanden ist;

3. dass der _Hippocampus minor_ dem Menschen weder eigenthmlich noch
charakteristisch ist, da er sich bei gewissen hheren Affen findet.

Ferner enthlt der Aufsatz folgende Stelle (S. 76):

Obgleich endlich Schroeder van der Kolk und Vrolik (a. a. O. S. 271)
ausdrcklich bemerken, dass >der Seitenventrikel von dem des Menschen
durch sehr mangelhafte Entwicklung des hintern Horns unterschieden ist,
in welchem nur ein Streifen als Andeutung des Hippocampus minor sichtbar
ist<, so zeigt doch ihre Fig. 4 der zweiten Tafel, dass dies hintere
Horn ein vllig deutliches und unverkennbares Gebilde ist, vllig so
gross, als es oft beim Menschen ist. Es ist um so merkwrdiger, dass
Professor Owen die ausdrcklichen Angaben und Figuren dieser Verfasser
bersehen haben sollte, als bei Vergleichung der Figuren augenscheinlich
wird, dass sein Holzschnitt des Chimpanzegehirns (a. a. O. S. 19) eine
verkleinerte Copie der zweiten Figur auf der ersten Tafel Schroeder van
der Kolk's und Vrolik's ist.

Gratiolet bemerkt indess ganz richtig (a. a. O. S. 18):
>unglcklicherweise war das von ihnen als Modell genommene Gehirn
bedeutend verndert (profondment affaiss), weshalb die allgemeine Form
des Gehirns auf diesen Tafeln in einer vllig incorrecten Weise
wiedergegeben ist.< Es wird allerdings bei einer Vergleichung eines
Durchschnitts des Chimpanzeschdels vllig klar, dass dies der Fall
ist; und es ist sehr zu bedauern, dass eine so incorrecte Figur als
typische Darstellung des Chimpanzegehirns genommen wurde.

Von dieser Zeit an htte wohl dem Professor Owen die Unhaltbarkeit
seiner Stellung so klar sein mssen, wie jedem Andern; weit davon
entfernt aber, die grossen Irrthmer, in welche er gerathen war,
zurckzunehmen, bestand er auf ihnen und wiederholte sie: zuerst in
einer vor der Royal Institution am 19. Mrz 1861 gehaltenen Vorlesung,
welche in der Nummer des Athenaeum vom 23. desselben Monats genau
wiedergegeben war, wie Prof. Owen in einem Briefe an dies Journal vom
30. Mrz zugiebt. Der Bericht des Athenaeum war von einer Zeichnung
begleitet, die ein Gorillagehirn darstellen sollte, die aber in der That
eine so ausserordentlich falsche Darstellung war, dass sie Prof. Owen in
dem erwhnten Briefe thatschlich, wenn auch nicht ausdrcklich
zurcknimmt. Beim Verbessern dieses Fehlers fiel aber Prof. Owen in
einen andern Irrthum von viel tieferer Bedeutung. Seine Mittheilung
schliesst nmlich mit dem folgenden Satze: In Bezug auf das wahre
Verhltniss, in welchem das grosse Gehirn das kleine bei den hchsten
Affen bedeckt, verweise ich auf die Abbildung des nicht prparirten
Chimpanzegehirns in meiner >Reade's< Vorlesung ber die Classification
etc. der Sugethiere, S. 25, Fig. 7. 8^o. 1859.

Es wrde nun nicht zu glauben sein, wre es nicht unglcklicherweise
wahr, dass diese Figur, auf welche das vertrauende Publicum ohne ein
Wort der Erklrung in Bezug auf das wahre Verhltniss, in dem das
grosse Gehirn das kleine bei den hchsten Affen bedeckt, verwiesen
wird, genau jene unanerkannte Copie der Figur Schroeder van der Kolk's
und Vrolik's ist, auf deren gnzliche Ungenauigkeit vor Jahren Gratiolet
hingewiesen hatte, dessen Ausspruch durch mich in jener Stelle meines
oben citirten Aufsatzes in der Natural History Review zu Prof. Owen's
Kenntniss gebracht worden war.

Ich lenkte von Neuem die ffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Umstand
in meiner Erwiderung an Prof. Owen, Athenaeum, 13. April 1861; die
verworfene Figur wurde aber noch einmal und ohne die leiseste Andeutung
ihrer Ungenauigkeit von Prof. Owen in den Annals of Natural History,
June 1861, reproducirt.

Dies war denn doch den ursprnglichen Verfassern der Figur, Schroeder
van der Kolk und Vrolik, zu viel. In einem an die Akademie zu Amsterdam,
deren Mitglieder sie sind, gerichteten Briefe erklren sie, obgleich
entschiedene Gegner jeder Form von Theorie einer progressiven
Entwickelung, vor Allem die Wahrheit zu lieben, und dass sie es daher
fr ihre Pflicht halten, auf die Gefahr hin, einer ihnen missliebigen
Theorie eine Sttze darzubieten, bei erster Gelegenheit ffentlich Prof.
Owen's Missbrauch ihrer Autoritt zurckzuweisen.

In diesem Briefe rumen sie freimthig die Richtigkeit der oben
erwhnten Gratiolet'schen Kritik ein und stellen in neuen und
sorgfltigen Figuren den hintern Lappen, das hintere Horn und den
Hippocampus minor des Orang dar. Nachdem sie diese Theile in einer
Sitzung der Akademie demonstrirt hatten, fgen sie ferner hinzu: la
prsence des parties contestes y a t universellement reconnue par les
anatomistes prsents  la sance. Le seul doute qui soit rest se
rapporte au pes Hippocampi minoris ... A l'tat frais l'indice du petit
pied d'Hippocampe tait plus prononc que maintenant.

Prof. Owen wiederholte seine irrigen Behauptungen bei der Versammlung
der British Association 1861, und erneuerte ohne besondere Nthigung den
Streit bei der Versammlung in Cambridge 1862, wobei er nicht eine
einzige neue Thatsache oder einen neuen Beweis beibrachte, auch nicht im
Stande war, dem bereinstimmenden, schlagenden Zeugnisse zu begegnen,
das die mittlerweile vorgenommenen Zergliederungen zahlreicher
Affengehirne (von Prof. Rolleston[34], Mr. Marshall[35], Mr. Flower[36],
Mr. Turner[37] und mir selbst[38]) zu Tage gefrdert hatten. Nicht
zufrieden mit der ziemlich krftigen Zurckweisung dieses beispiellosen
Verfahrens in Section D der Versammlung hiess Prof. Owen die
Verffentlichung eines Berichtes ber seine Angaben fr gut, in den
Medical Times vom 11. Oct. 1862, der eine seltsame Entstellung der
meinigen enthielt (wie aus einem Vergleich mit dem Bericht der Times
ber die Discussion zu ersehen ist). Ich fge den Schluss meiner
Entgegnung in derselben Zeitschrift vom 25. October bei:

Wre dies eine Sache der Ansicht oder eine Sache der Erklrung von
Theilen oder von Bezeichnungen, wre es selbst eine Sache der
Beobachtung, wobei das Zeugniss meiner Sinne gegen das einer andern
Person stnde, so wrde ich beim Errtern dieses Gegenstandes einen
andern Ton annehmen. Ich wrde in aller Bescheidenheit die
Wahrscheinlichkeit zugeben, dass ich im Urtheilen geirrt, im Erkennen
gefehlt, oder von Vorurtheilen geblendet wre.

Niemand behauptet aber, dass dies ein Streit um Ausdrcke oder Ansichten
sei. So neu und aller Autoritt bar manche von Prof. Owen's
aufgestellten Definitionen gewesen sein mgen, man kann sie annehmen,
ohne dadurch die Hauptzge der Frage zu alteriren. Obgleich daher
specielle auf diesen Gegenstand gerichtete Untersuchungen whrend der
letzten zwei Jahre von Dr. Allen Thomson, Dr. Rolleston, Mr. Marshall
und Mr. Flower, lauter Anatomen von Ruf in England, und von Schroeder
van der Kolk und Vrolik (die Prof. Owen unvorsichtig genug auf seine
Seite zu ziehen versuchte) auf dem Continent angestellt worden sind, so
haben doch alle diese geschickten und gewissenhaften Beobachter
einstimmig die Genauigkeit meiner Angaben besttigt und die vllige
Grundlosigkeit der Behauptungen Prof. Owen's bezeugt. Selbst der
ehrwrdige Rudolph Wagner, den Niemand progressionistischer Neigungen
anklagen wird, hat seine Stimme fr meine Angaben erhoben, whrend nicht
ein einziger Anatom, gross oder klein, Prof. Owen untersttzt hat.

Ich will nun nicht etwa den Vorschlag machen, wissenschaftliche
Differenzen durch allgemeine Abstimmung zu entscheiden, ich glaube aber,
dass soliden Beweisen etwas Anderes als leere und grundlose Behauptungen
entgegengestellt werden muss. In den zwei Jahren nun, durch welche sich
dieser Streit hinschleppt, hat Prof. Owen nicht gewagt, ein einziges
Prparat zur Begrndung seiner oft wiederholten Behauptungen
vorzubringen.

Die Sache steht daher so: Meine Angaben sind nicht bloss in
Uebereinstimmung mit denen der besten lteren Autoritten und aller
neueren Untersucher, sondern ich bin auch vllig bereit, sie an dem
ersten besten zur Hand kommenden Affen zu demonstriren; Prof. Owen's
Behauptungen dagegen stehen nicht bloss in directem Widerspruch mit
alten und neuen Autoritten, sondern er hat auch kein einziges Prparat
beigebracht und kann keines beibringen, wie ich hinzusetzen will, was
sie rechtfertigt.

Ich verlasse nun den Gegenstand fr jetzt. Im Interesse meines Berufes
wrde ich mich freuen, fr immer schweigen zu knnen. Unglcklicherweise
ist es aber ein Gegenstand, bei dem nach Allem, was vorgefallen ist,
keine Verwechselung oder Confusion von Ausdrcken mglich ist; und wenn
ich behaupte, dass der hintere Lappen, das hintere Horn und der
Hippocampus minor bei gewissen Affen existirt, so behaupte ich entweder
etwas, das wahr ist, oder von dem ich wissen muss, dass es falsch ist.
Die Frage ist hierdurch eine Frage persnlicher Wahrhaftigkeit geworden.
Ich fr meinen Theil will keinen andern Ausgang des gegenwrtigen
Streits annehmen, so traurig er auch ist.


Funoten:

[34] On the Affinities of the Brain of the Orang. Nat. Hist. Review,
April, 1861.

[35] On the Brain of a young Chimpanzee. Ibid. July, 1861.

[36] On the Posterior lobes of the Cerebrum of the Quadrumana.
Philosophical Transactions, 1862.

[37] On the anatomical Relations of the Surfaces of the Tentorium to the
Cerebrum and Cerebellum in Man and the lower Mammals. Proceedings of the
Royal Society of Edinburgh, March, 1862.

[38] On the Brain of Ateles. Proceedings of Zoological Society, 1861.




III.

Ueber einige fossile menschliche Ueberreste.


Ich habe in der vorhergehenden Abhandlung zu zeigen mich bemht, dass
die =Anthropini=, oder Familie des Menschen, eine wohl umschriebene
Gruppe der Primaten bilden. Zwischen ihr und der unmittelbar folgenden
Familie der =Catarhini= fehlt in der jetzigen Schpfung irgend eine
Uebergangsform oder ein Verbindungsglied ebenso vollstndig, wie
zwischen den =Catarhini= und =Platyrhini=.

Es ist nun aber eine allgemein angenommene Lehre, dass die anatomischen
Abstnde zwischen den verschiedenen jetzt existirenden Formen der
organischen Geschpfe verkleinert oder selbst zum Verschwinden gebracht
werden, wenn wir die lange und vielgestaltige Reihe von Pflanzen und
Thieren mit in Betracht ziehen, welche den jetzt lebenden vorausgegangen
sind und die wir nur in ihren fossilen Resten kennen. In wie weit diese
Ansicht gegrndet ist, in wie weit sie andererseits nach dem
gegenwrtigen Zustande unserer Kenntniss die wirklichen Thatsachen
berschtzt und eine Uebertreibung der sicher aus diesen zu ziehenden
Schlsse enthlt, dies sind Punkte von grosser Bedeutung, auf deren
Discussion ich mich aber fr jetzt nicht einlassen will. Dass berhaupt
eine solche Ansicht von den Beziehungen ausgestorbener zu lebenden
Wesen ausgesprochen worden ist, reicht hin, uns zu der scrupulsen
Untersuchung zu fhren, in wie weit die neueren Entdeckungen
menschlicher Ueberreste im fossilen Zustande jene Ansicht untersttzen
oder ihr widersprechen.

[Illustration: Fig. 23. Der Schdel der Hhle von Engis, von der rechten
Seite gesehen. Halbe natrliche Grsse. -- _a_ glabella, _b_
Hinterhauptshcker (_a_ nach _b_ Hinterhaupt-Stirnlinie), _c_ Oeffnung des
knchernen Gehrgangs.]

Ich werde mich bei Errterung dieser Frage auf jene fragmentren
menschlichen Schdel aus den Hhlen von Engis im Meusethal in Belgien
und des Neanderthals bei Dsseldorf beschrnken, deren geologische
Verhltnisse Sir Charles Lyell mit so viel Sorgfalt untersucht hat[39].
Gesttzt auf seine Autoritt, nehme ich als ausgemacht an, dass der
Schdel von Engis einem Zeitgenossen des Mammuth (_Elephas primigenius_)
und des wolligen Rhinoceros (_Rhinoceros tichorhinus_) angehrte, mit
deren Knochen zusammen er gefunden wurde, dass ferner der
Neanderthalschdel von grossem, wennschon unbestimmtem Alter ist. Was
auch das geologische Alter des letzteren Schdels sein mag, so halte ich
es (nach den gewhnlichen Grundstzen palontologischer Folgerungen) fr
vllig sicher, anzunehmen, dass nur der erstere bis jenseits der
unbestimmten biologischen Grenze hinberfhrt, welche die gegenwrtige
geologische Epoche von der ihr unmittelbar vorausgehenden trennt. Und es
kann auch darber kein Zweifel bestehen, dass sich die physikalisch
geographischen Verhltnisse Europas seit der Zeit wunderbar gendert
haben, in welcher Knochen von Menschen, Mammuths, Hynen und
Rhinocerossen bunt durch einander in die Hhle von Engis geschwemmt
wurden.

Der Schdel der Hhle von Engis wurde von Professor Schmerling entdeckt
und mit anderen gleichzeitig ausgegrabenen menschlichen Ueberresten in
seinem werthvollen Werke beschrieben: Recherches sur les ossemens
fossiles dcouverts dans les cavernes de la province de Lige, 1833 (S.
59 und folgende), aus welchem die folgenden Stellen, unter mglichster
Wahrung der genauen Ausdrucksweise des Verfassers, ausgezogen wurden:

An erster Stelle muss ich bemerken, dass diese menschlichen Ueberreste
in meinem Besitz, ganz wie die Tausende von Knochen, die ich neuerdings
ausgegraben habe, durch den Grad der Zersetzung charakterisirt sind, dem
sie unterlegen sind und der genau derselbe ist wie bei Knochen
ausgestorbener Arten. Alle, mit wenig Ausnahmen, sind zerbrochen; einige
sind abgerundet, wie es hufig bei den Resten anderer Arten gefunden
wird. Die Brche sind senkrecht oder schrg; keiner ist erodirt; ihre
Farbe weicht nicht von der anderer fossiler Knochen ab und schwankt vom
weisslich gelben bis zum schwrzlichen. Alle sind leichter als frische
Knochen, mit Ausnahme derer, die kalkig incrustirt sind und deren
Hhlungen mit Kalk erfllt sind.

Der Schdel, den ich auf Taf. I, Fig. 1 und 2 habe abbilden lassen, ist
der einer alten Person. Die Nhte beginnen zu verschwinden; alle
Gesichtsknochen fehlen und von den Schlfenbeinen ist nur ein Fragment
des rechten vorhanden.

Das Gesicht und die Basis des Schdels war schon vor der Ablagerung des
Schdels in der Hhle getrennt; denn wir waren nicht im Stande, diese
Theile zu finden, obgleich die Hhle planmssig durchsucht wurde. Der
Schdel fand sich in einer Tiefe von anderthalb Metern (beinahe 5 Fuss)
unter einer aus Ueberbleibseln kleiner Thiere bestehenden Knochenbreccia
verborgen, die einen Rhinoceroszahn und mehrere Zhne von Pferden und
Wiederkuern enthielt. Diese oben besprochene Breccia (S. 31) war einen
Meter breit (3 Fuss ungefhr), und erhob sich zur Hhe von
anderthalb Meter ber den Boden der Hhle, deren Wnden sie innig
anhing.

Die diesen menschlichen Schdel enthaltende Erde zeigte keine Spur einer
Strung; Zhne vom Rhinoceros, Pferd, Hyne und Br umgaben ihn von
allen Seiten.

Der berhmte Blumenbach[40] hat die Aufmerksamkeit auf die
Verschiedenheiten gelenkt, die die Schdel verschiedener Rassen in Bezug
auf Form und Grsse zeigen. Dies wichtige Werk wrde uns wesentlich
geholfen haben, wenn nicht das Gesicht, ein zur Bestimmung der Rasse mit
grsserer oder geringerer Genauigkeit wesentlicher Theil, an unserem
fossilen Schdel gefehlt htte.

Aber selbst wenn der Schdel vollstndig gewesen wre, sind wir doch
berzeugt, dass sich darber mit Gewissheit etwas nach einem einzigen
Exemplar nicht htte sagen lassen. Denn in ein und derselben Rasse sind
individuelle Abweichungen bei Schdeln so zahlreich, dass man, ohne
sich groben Irrthmern auszusetzen, von einem einzelnen Fragment eines
Schdels keinen Schluss auf die allgemeine Form des zugehrigen Kopfes
ziehen kann.

Um indess keinen Punkt bezglich der Form dieses Schdels zu
vernachlssigen, wollen wir bemerken, dass von Anfang an die lange und
schmale Form der Stirn unsere Aufmerksamkeit auf sich zog.

In der That nhern die geringe Erhebung der Stirnbeine, ihre geringe
Breite und die Form der Augenhhle den Schdel mehr dem eines Negers als
dem eines Europers. Auch sind, wie wir glauben, die in der verlngerten
Form und dem vorstehenden Hinterhaupte liegenden Merkmale in unserem
fossilen Schdel nachzuweisen. Um aber allen Zweifel hierber zu
entfernen, habe ich die Contouren eines Europer- und eines
Negerschdels zeichnen und die Stirnen darstellen lassen. Taf. II, Fig.
1 und 2 und die Fig. 3 und 4 derselben Tafel werden die
Verschiedenheiten leicht erkennbar machen; und ein einfacher Blick auf
die Figuren wird instructiver sein als eine lange und ermdende
Beschreibung.

Zu welchem Schlusse wir auch ber den Ursprung des Menschen, dem dieser
Schdel angehrte, kommen mgen, eine Ansicht knnen wir wenigstens
aussprechen, ohne uns einer fruchtlosen Controverse auszusetzen. Ein
Jeder mag die ihm am wahrscheinlichsten scheinende Hypothese annehmen.
Ich fr meinen Theil halte es fr bewiesen, dass dieser Schdel einer
Person von beschrnkten geistigen Fhigkeiten angehrte, und hieraus
schliessen wir, dass er einem Menschen von niederer Civilisation
angehrte, ein Schluss, der durch einen Vergleich der Stirngegend mit
der Hinterhauptsgegend gerechtfertigt wird.

Ein anderer Schdel eines jungen Individuums wurde am Boden der Hhle
neben einem Elephantenzahn entdeckt; der Schdel war bei seiner
Auffindung ganz; im Augenblick aber, wo er emporgehoben wurde, fiel er
in Stcke, die ich bis jetzt nicht wieder zusammenzusetzen im Stande
war. Auf Taf. I, Fig. 5 habe ich aber die Knochen des Oberkiefers
abbilden lassen. Der Zustand der Alveolen und der Zhne zeigt, dass die
wahren Backzhne das Zahnfleisch noch nicht durchbrochen hatten.
Einzelne Milchbackzhne und einige Fragmente eines menschlichen Schdels
rhren von derselben Stelle her. Fig. 3 stellt einen menschlichen obern
Schneidezahn dar, dessen Grsse in der That merkwrdig ist[41].

Fig. 4 stellt einen Oberkieferknochen dar, dessen Backzhne bis auf die
Wurzeln abgerieben waren.

Ich besitze zwei Wirbelbeine, einen ersten und letzten Rckenwirbel.

Ein linkes Schlsselbein (s. Taf. III, Fig. 1); obgleich einem jungen
Individuum angehrig, zeigt der Knochen doch, dass es von grosser
Gestalt gewesen sein muss[42].

Zwei Fragmente des Radius, schlecht erhalten, deuten an, dass die Grsse
des Menschen, dem sie gehrten, nicht ber fnf und einen halben Fuss
betrug.

In Bezug auf die Reste der Oberextremitten bestehen die in meinem
Besitz befindlichen nur aus einem Fragment einer Ulna und eines Radius
(Taf. III, Fig. 5 und 6).

Taf. IV, Fig. 2 stellt einen in der erwhnten Knochenbreccia enthaltenen
Mittelhandknochen dar; er fand sich im untern Theil oberhalb des
Schdels; hierzu kommen noch in verschiedenen Abstnden gefundene
Mittelhandknochen, ein halbes Dutzend Mittelfussknochen, drei
Fingerphalangen und eine von den Zehen.

Dies ist eine kurze Aufzhlung der in der Hhle von Engis gefundenen
Reste menschlicher Knochen; sie gehren drei Individuen an, die von
Resten von Elephanten, Rhinoceros und Fleischfressern in, der jetzigen
Schpfung unbekannten Arten umgeben waren.

Aus der Hhle von Engihoul, der von Engis gegenber, auf dem rechten
Ufer der Meuse, erhielt Schmerling Reste von drei anderen menschlichen
Individuen, unter denen sich nur zwei Fragmente von Scheitelbeinen, aber
viele Extremittenknochen fanden. In einem Falle war ein zerbrochenes
Fragment einer Ulna mit einem gleichen Fragment eines Radius durch
Stalagmiten verbunden, ein hufig bei den in den belgischen Hhlen
gefundenen Knochen des Hhlenbren (_Ursus spelaeus_) beobachteter
Zustand.

In der Hhle von Engis fand Professor Schmerling, mit Stalagmiten
incrustirt und einem Steine verbunden, das spitze kncherne Werkzeug,
das er in Fig. 7 seiner Tafel XXXVI. abgebildet hat. Bearbeitete
Feuersteine wurden von ihm in all den belgischen Hhlen gefunden, die
zahlreiche fossile Knochen enthielten.

Ein kurzer Brief Geoffroy St. Hilaire's in den Comptes rendus der
Acadmie d. Sc. in Paris vom 2. Juli 1838 spricht von einem (wie es
scheint sehr flchtigen) Besuche in der Sammlung des Professor
Schermidt (muthmaasslich ein Druckfehler fr Schmerling) in Lttich.
Der Schreiber kritisirt kurz die Schmerling's Werk illustrirenden
Zeichnungen und giebt an, dass der menschliche Schdel etwas lnger als
in der Abbildung sei. Die einzige weitere erwhnenswerthe Bemerkung ist
folgende: Das Aussehen der menschlichen Knochen weicht nur wenig von
dem uns bekannten der Hhlenknochen ab, von denen an demselben Orte eine
betrchtliche Sammlung vorhanden ist. In Bezug auf ihre speciellen
Formen knnen im Vergleich mit den Varietten recenter Menschenschdel
nur wenig _sichere_ Schlsse aufgestellt werden; denn zwischen
verschiedenen Exemplaren gut charakterisirter Varietten bestehen viel
grssere Verschiedenheiten, als zwischen dem fossilen Schdel von
Lttich und irgend einer dieser, zum Ausgangspunkt der Vergleichung
gewhlten Varietten.

Geoffroy St. Hilaire's Bemerkungen sind, wie man sieht, wenig mehr als
eine Wiedergabe der philosophischen Zweifel des Entdeckers und
Beschreibers dieser Reste. Was die Kritik ber Schmerling's Figuren
betrifft, so finde ich allerdings, dass die von ihm gegebene
Seitenansicht ungefhr 3/10 Zoll krzer als das Original ist, und dass
die Ansicht von vorn ungefhr in demselben Betrag verkleinert ist. Im
Uebrigen ist die Darstellung in keiner Weise inaccurat, sondern stimmt
sehr wohl mit dem Abgusse berein, den ich besitze.

Ein Stck des Hinterhaupts, welches Schmerling entgangen zu sein
scheint, ist seitdem dem brigen Schdel von dem ausgezeichneten
Naturforscher Dr. Spring in Lttich angepasst worden, unter dessen
Leitung ein vorzglicher Gypsabguss fr Sir Charles Lyell gemacht wurde.
An einer Doublette dieses Abgusses habe ich meine Beobachtungen
angestellt und nach ihr hat mein Freund Busk die beifolgenden Figuren
gezeichnet, deren Contouren nach sorgfltigen Camera lucida Zeichnungen
auf halbe natrliche Grsse reducirt wurden.

Wie Schmerling bemerkt, ist die Schdelbasis zerstrt und die
Gesichtsknochen fehlen vllig; die Schdeldecke aber, Stirnbeine,
Scheitelbeine und der grssere Theil der Hinterhauptsknochen bis zur
Mitte des Hinterhauptsloches sind beinahe vollstndig. Das linke
Schlfenbein fehlt. Vom rechten Schlfenbein sind die Theile in der
unmittelbaren Umgebung des ussern Gehrgangs, der Zitzenfortsatz und
ein ansehnlicher Theil der Schuppe wohl erhalten (Fig. 23).

Die Bruchlinien zwischen den an einander gefgten Stcken des Schdels,
die in Schmerling's Figur treu wiedergegeben sind, sind am Abguss leicht
nachzuweisen. Auch die Nhte sind erkennbar, die complicirte Form ihrer
Zhnelung, die die Figur wiedergiebt, ist aber im Abguss nicht klar.
Obschon die den Muskeln als Ansatzstellen dienenden Leisten nicht gerade
ausserordentlich vorspringen, so sind sie doch gut ausgeprgt, und hlt
man sie mit den scheinbar gut entwickelten Stirnhhlen und dem Zustande
der Nhte zusammen, so hinterlassen sie bei mir keinen Zweifel, dass der
Schdel der eines Erwachsenen, wenn nicht eines Mannes im mittlern Alter
ist.

[Illustration: Fig. 24. Der Schdel von Engis, von oben (_A_) und vorn
(_B_) gesehen.]

Die grsste Lnge des Schdels ist 7,7 Zoll. Seine grsste Breite, die
dem Abstand der Parietalhcker sehr nahe liegt, betrgt nicht mehr als
5,4 Zoll. Das Verhltniss der Lnge zur Breite ist also nahebei 100:70.
Wird eine Linie von dem Punkte aus, wo die Augenbraue nach der Nase hin
sich einbiegt, von der sogenannten Glabella (_a_ in Fig. 23) nach dem
Hinterhauptshcker (_b_, Fig. 23) gezogen und der hchste Punkt des
Schdelbogens senkrecht von dieser Linie gemessen, so ergeben sich 4,75
Zoll. Von oben gesehen (Fig. 24, _A_) zeigt die Stirn eine gleichmssig
abgerundete Curve, die in die Contouren der Seiten und des hintern
Theils des Schdels zur Bildung einer ziemlich regelmssigen
elliptischen Curve bergeht.

Die Ansicht von vorn (Fig. 24, _B_) zeigt, dass die Schdeldecke
regelmssig und elegant in querer Richtung gebogen war, und dass der
Querdurchmesser eher etwas unter als ber den Parietalhckern lag. Die
Stirn kann im Verhltniss zum brigen Schdel nicht schmal genannt
werden, ebenso wenig zurcktretend; im Gegentheil ist der Umriss des
Schdels von vorn nach hinten gut gewlbt, so dass der Abstand entlang
der Krmmung von der Einbucht an der Nasenwurzel his zum
Hinterhauptshcker 13,75 Zoll misst. Der quere Bogen des Schdels von
einem Gehrgang zum andern quer ber die Pfeilnaht ist ungefhr 13 Zoll.
Die Pfeilnaht selbst ist 5,5 Zoll lang.

Die Augenbrauenhcker (zu beiden Seiten von _a_ in Fig. 23) sind gut,
wenn auch nicht excessiv entwickelt und durch eine mittlere Vertiefung
getrennt. Ihre grsste Erhebung liegt so schrg, dass ich sie fr
abhngig von grossen Stirnhhlen halte.

Wird die, die Glabella mit dem Hinterhauptshcker verbindende Linie
(_ab_, Fig. 23) horizontal gelegt, so springt kein Theil der
Hinterhauptsgegend mehr als 1/10 Zoll ber das hintere Ende der Linie
vor, und der obere Rand des Gehrgangs (_c_, Fig. 23) berhrt beinahe
eine auf der ussern Oberflche des Schdels mit jener parallel gezogene
Linie.

Eine quer von einem Gehrgang zum andern gezogene Linie durchsetzt wie
gewhnlich den vordern Theil des Hinterhauptsloches. Der Rauminhalt des
Innern dieses fragmentren Schdels ist nicht bestimmt worden.

                    *       *       *       *       *

Die Geschichte der menschlichen Ueberreste aus der Hhle im Neanderthal
wird am besten mit den Worten ihres ursprnglichen Beschreibers, Dr.
Schaaffhausen[43], gegeben.

Als zu Anfang des Jahres 1857 der Fund eines menschlichen Skelets in
einer Kalkhhle des Neanderthals bei Hochdal zwischen Dsseldorf und
Elberfeld bekannt wurde, gelang es mir nur, einen in Elberfeld
gefertigten Gypsabguss der Hirnschale zu erhalten, ber deren
auffallende Bildung ich zuerst in der Sitzung der niederrh. Gesellsch.
fr Natur- und Heilkunde in Bonn am 4. Februar 1857 berichtet habe[44].
Hierauf brachte Herr Dr. Fuhlrott aus Elberfeld, dem es zu danken ist,
dass diese Anfangs fr Thierknochen gehaltenen Gebeine in Sicherheit
gebracht und der Wissenschaft erhalten worden sind, und dem es spter
gelang, die Knochen in seinen Besitz zu bringen, dieselben nach Bonn und
berliess sie mir zur genaueren anatomischen Untersuchung. Bei
Gelegenheit der Generalversammlung des naturhist. Vereins der
preussisch. Rheinlande und Westphalens in Bonn am 2. Juni 1857[45] gab
Herr Dr. Fuhlrott eine ausfhrliche Darstellung des Fundortes und eine
Beschreibung der Auffindung selbst; er glaubte diese menschlichen
Gebeine als fossile bezeichnen zu drfen und legte in dieser Beziehung
besondern Werth auf die vom Herrn Geheimrath Professor Dr. =Mayer=
zuerst beobachteten Dendriten, welche diese Knochen berall bedecken.
Dieser Mittheilung liess ich einen kurzen Bericht ber die von mir
angestellte anatomische Untersuchung der Knochen folgen, als deren
Ergebniss ich die Behauptung aufstellte, dass die auffallende Form
dieses Schdels fr eine natrliche Bildung zu halten sei, welche bisher
nicht bekannt geworden sei, auch bei den rohesten Rassen sich nicht
finde, dass diese merkwrdigen menschlichen Ueberreste einem hhern
Alterthume als der Zeit der Celten und Germanen angehrten, vielleicht
von einem jener wilden Stmme herrhrten, von denen rmische
Schriftsteller Nachricht geben und welche die indogermanische
Einwanderung als Autochthonen vorfand, und dass die Mglichkeit, diese
menschlichen Gebeine stammten aus einer Zeit, in der die zuletzt
verschwundenen Thiere des Diluvium auch noch lebten, nicht bestritten
werden knne, ein Beweis fr diese Annahme, also fr die sogenannte
Fossilitt der Knochen in den Umstnden der Auffindung aber nicht
vorliege.

Da Herr Dr. =Fuhlrott= eine Beschreibung derselben noch nicht
verffentlicht hat, so entlehne ich einer brieflichen Mittheilung
desselben die folgenden Angaben: Eine kleine, etwa 15 Fuss tiefe, an
der Mndung 7 bis 8 Fuss breite mannshohe Hhle oder Grotte liegt in der
sdlichen Wand der sogenannten Neanderthaler Schlucht, etwa 100 Fuss von
der Dssel entfernt und etwa 60 Fuss ber der Thalsohle des Baches. In
ihrem frhern unversehrten Zustande mndete dieselbe auf ein schmales
ihr vorliegendes Plateau, von welchem dann die Felswand fast senkrecht
in die Tiefe abschoss, und war von oben herab, wenn auch mit
Schwierigkeit, zugnglich. Ihre unebene Bodenflche war mit einer 4 bis
5 Fuss mchtigen mit rundlichen Hornstein-Fragmenten sparsam gemengten
Lehmablagerung bedeckt, bei deren Wegrumung die fraglichen Gebeine, und
zwar von der Mndung der Grotte aus zuerst der Schdel, dann weiter
nach innen in gleicher horizontaler Lage mit jenem die brigen Gebeine
aufgefunden wurden. So haben zwei Arbeiter, welche die Ausrumung der
Grotte besorgten und die von mir an Ort und Stelle darber vernommen
wurden, auf das Bestimmteste versichert. Die Knochen wurden anfnglich
gar nicht fr menschliche gehalten, und erst mehrere Wochen nach ihrer
Auffindung von mir dafr erkannt und in Sicherheit gebracht. Weil man
aber die Wichtigkeit des Fundes nicht achtete, so verfuhren die Arbeiter
beim Einsammeln der Knochen sehr nachlssig und sammelten vorzugsweise
die grsseren, welchem Umstande es zuzuschreiben, dass das
wahrscheinlich vollstndig vorhandene Skelet nur sehr fragmentarisch in
meine Hnde gekommen ist.

Das Ergebniss der von mir vorgenommenen anatomischen Untersuchung dieser
Gebeine ist das folgende:

Die Hirnschale ist von ungewhnlicher Grsse und von lang elliptischer
Form. Am meisten fllt sogleich als besondere Eigenthmlichkeit die
ausserordentlich starke Entwickelung der Stirnhhlen auf, wodurch die
Augenbrauenbogen, welche in der Mitte ganz mit einander verschmolzen
sind, so vorspringend werden, dass ber oder vielmehr hinter ihnen das
Stirnbein eine betrchtliche Einsenkung zeigt und ebenso in der Gegend
der Nasenwurzel ein tiefer Einschnitt gebildet wird. Die Stirn ist
schmal und flach, die mittleren und hinteren Theile des Schdelgewlbes
sind indessen gut entwickelt. Leider ist die Hirnschale nur bis zur Hhe
der obern Augenhhlenwand des Stirnbeins und der sehr stark
ausgebildeten und fast zu einem horizontalen Wulste vereinigten oberen
halbkreisfrmigen Linien der Hinterhauptsschuppe erhalten; sie besteht
aus dem fast vollstndigen Stirnbeine, beiden Scheitelbeinen, einem
kleinen Stcke der einen Schlfenschuppe und dem obern Drittheil des
Hinterhauptbeins. Frische Bruchflchen an den Schdelknochen beweisen,
dass der Schdel beim Auffinden zerschlagen worden ist. Die Hirnschale
fasste 16876 Gran Wasser, woraus sich ein Inhalt von 57,64 Cubikz. =
1033,24 Cubikcentimeter berechnet. Hierbei stand der Wasserspiegel
gleich mit der obern Orbitalwand des Stirnbeins, mit dem hchsten
Querschnitt des Schuppenrandes der Scheitelbeine und mit den oberen
halbkreisfrmigen Linien des Hinterhaupts. Mit Hirse gemessen, war der
Inhalt gleich 31 Unzen preuss. Medicinalgewicht. Die halbkreisfrmige
Linie, welche den obern Ansatz des Schlfenmuskels bezeichnet, ist zwar
nicht stark entwickelt, reicht aber bis ber die Hlfte der
Scheitelbeine hinauf. Auf dem rechten Orbitalrande befindet sich eine
schrge Furche, die auf eine Verletzung whrend des Lebens deutet[46];
auf dem rechten Scheitelbein eine erbsengrosse Vertiefung. Die
Kronennaht und die Pfeilnaht sind aussen beinahe, auf der Innenflche
des Schdels spurlos verwachsen; die lambdafrmige Naht indessen gar
nicht. Die Gruben fr die pachionischen Drsen sind tief und zahlreich;
ungewhnlich ist eine tiefe Gefssrinne, die gerade hinter der
Kronennaht liegt und in einem Loche endigt, also den Verlauf einer Vena
emissaria bezeichnet. Die Stirnnaht ist usserlich als eine leise
Erhebung bemerklich; da wo sie auf die Kronennaht stsst, zeigt auch
diese sich wulstig erhoben, die Pfeilnaht ist vertieft, und ber der
Spitze der Hinterhauptsschuppe sind die Scheitelbeine eingedrckt. Die
Lnge des Schdels, von dem Nasenfortsatz ber den Scheitel bis zu den
oberen halbkreisfrmigen Linien des Hinterhaupts gemessen, betrgt
303mm (300)[47] = 12,0''.

  Der Umfang der Hirnschale, ber
  die Augenbrauenbogen und die
  oberen halbkreisfrmigen Linien
  des Hinterhaupts so gemessen,
  dass das Band berall anlag            590 (590) = 23,37'' od. 23''.

  Breite des Stirnbeins von der Mitte
  des Schlfengrubenrandes einer
  Seite zur andern                       104 (114) = 4,1''-4,5''.

  Lnge der Stirnbeine vom Nasenfortsatz
  bis zur Kronennaht                     133 (125) = 5,25''-5''.

  Grsste Breite der Stirnbeinhhlen      25  (23) = 1,0''-0,9''.

  Scheitelhhe ber der Linie, welche
  den hchsten Ausschnitt der
  Schlfenrnder beider Scheitelbeine
  verbindet                               70       = 2,75''.

  Breite des Hinterhaupts von einem
  Scheitelhcker zum andern              138 (150) = 5,4''-5,9''.

  Die Spitze der Schuppe ist von der
  obern halbkreisfrmigen Linie
  des Hinterhaupts entfernt               51  (60) = 1,9''-2,4''.

  Dicke des Schdels in der Gegend
  der Scheitelhcker                       8

  Dicke des Schdels an der Spitze
  der Hinterhauptsschuppe                  9

  Dicke des Schdels in der Gegend
  der oberen halbkreisfrmigen
  Linien des Hinterhaupts                 10       = 0,3''.

Ausser der Hirnschale sind folgende Knochen vorhanden:

1) Die zwei ganz erhaltenen Oberschenkelbeine; sie zeichnen sich wie die
Hirnschale und alle brigen Knochen durch ungewhnliche Dicke und durch
die starke Ausbildung aller Hcker, Grten und Leisten, die dem Ansatze
der Muskeln dienen, aus. In dem anatomischen Museum von Bonn befinden
sich als sogenannte Riesenknochen zwei Oberschenkelbeine aus neuerer
Zeit, mit denen die vorliegenden an Dicke ziemlich genau bereinstimmen,
wiewohl sie an Lnge von jenen bertroffen werden.

                                Riesenknochen      Fossile Knochen

  Lnge                          542mm=21,4''       438mm=17,4''.
  Durchmesser des Ober-
  schenkelkopfes                  54mm= 2,14''       53mm= 2,0''.
  Durchmesser des untern
  Gelenkendes von einem
  Condylus zum andern             89mm= 3,5''        87mm= 3,4''.
  Durchmesser des Ober-
  schenkelknochens in der
  Mitte                           33mm= 1,2''        30mm= 1,1''.

2) Ein ganz erhaltener Oberarmknochen, dessen Grsse ihn als zu den
Oberschenkelknochen gehrig erkennen lsst.

Lnge des Oberarmbeins 312mm = 12,3''. Dicke in der Mitte desselben
26mm = 1,0''. Durchmesser des Gelenkkopfes 49mm = 1,9''.

Ferner eine vollstndige rechte Speiche von entsprechender Grsse und
das obere Drittheil eines rechten Ellenbogenbeins, welches zum
Oberarmbein und zur Speiche passt.

3) Ein linkes Oberarmbein, an dem das obere Drittheil fehlt, und welches
so viel dnner ist, dass es von einem andern Menschen herzurhren
scheint; ein linkes Ellenbogenbein, das zwar vollstndig aber krankhaft
verbildet ist, indem der Proc. coronoideus durch Exostose so vergrssert
ist, dass die Beugung gegen den Oberarmknochen, dessen zur Aufnahme
jenes Fortsatzes bestimmte Fossa ant. major auch durch Knochenwucherung
geschwunden ist, nur bis zum rechten Winkel mglich war. Dabei ist der
Proc. anconaeus stark nach unten gekrmmt. Da der Knochen keine Spuren
rhachitischer Erkrankung zeigt, so ist anzunehmen, dass eine Verletzung
whrend des Lebens Ursache der Ankylose war. Diese linke Ulna mit dem
rechten Radius verglichen lsst auf den ersten Blick vermuthen, dass
beide Knochen verschiedenen Individuen angehrt haben, denn die Ulna ist
fr die Verbindung mit einem solchen Radius um mehr als einen halben
Zoll zu kurz. Aber es ist klar, dass diese Verkrzung, sowie die
Schwche des linken Oberarmbeins Folgen der angefhrten krankhaften
Bildung sind.

4) Ein linkes Darmbein, fast vollstndig und zu dem Oberschenkelknochen
gehrig, ein Bruchstck des rechten Schulterblattes, ein fast
vollstndiges rechtes Schlsselbein, das vordere Ende einer Rippe
rechter Seite und dasselbe einer Rippe linker Seite, endlich zwei kurze
hintere und ein mittleres Rippenstck, die ihrer ungewhnlichen
abgerundeten Form und starken Krmmung wegen fast mehr Aehnlichkeit mit
den Rippen eines Fleischfressers als mit denen des Menschen haben. Doch
wagte auch Herr H. v. =Meyer=, um dessen Urtheil ich gebeten, nicht, sie
fr Thierrippen zu erklren, und es bleibt nur anzunehmen brig, dass
eine ungewhnlich stark entwickelte Muskulatur des Thorax diese
Abweichung der Form bedingt hat.

Die Knochen kleben sehr stark an der Zunge, der Knochenknorpel ist
indessen, wie die chemische Behandlung desselben mit Salzsure lehrt,
zum grssten Theil erhalten, nur scheint derselbe jene Umwandlung in
Leim erfahren zu haben, welche v. =Bibra= an fossilen Knochen beobachtet
hat. Die Oberflche aller Knochen ist an vielen Stellen mit kleinen
schwarzen Flecken bedeckt, die, namentlich mit der Loupe betrachtet,
sich als sehr zierliche Dendriten erkennen lassen und zuerst vom Herrn
Geheimrath Professor Dr. =Mayer= hierselbst an denselben beobachtet
worden sind. Auf der innern Seite der Schdelknochen sind sie am
deutlichsten. Sie bestehen aus einer Eisenverbindung und ihre schwarze
Farbe lsst Mangan als Bestandtheil vermuthen. Derartige dendritische
Bildungen finden sich nicht selten auch auf Gesteinschichten und kommen
meist auf kleinen Rissen und Spalten hervor. =Mayer= theilte in der
Sitzung der niederrheinischen Gesellschaft in Bonn am 1. April 1857 mit,
dass er im Museum zu Poppelsdorf an mehreren fossilen Thierknochen,
namentlich von _Ursus spelaeus_, solche dendritische Krystallisationen
gefunden habe, am zahlreichsten und schnsten aber an den fossilen
Knochen und Zhnen von _Equus adamiticus_, _Elephas primigenius_ etc.
aus den Hhlen von Balve und Sundwig; eine schwache Andeutung solcher
Dendriten zeigte sich an einem Rmerschdel aus Siegburg, whrend andere
alte Schdel, die Jahrhunderte lang in der Erde gelegen, keine Spur
derselben zeigten[48]. Herrn H. v. =Meyer= verdanke ich darber folgende
briefliche Bemerkung:

Interessant ist die bereits begonnene Dendritenbildung, die ehedem als
ein Zeichen wirklich fossilen Zustandes angesehen wurde. Man glaubte
namentlich bei Diluvialablagerungen sich der Dendriten bedienen zu
knnen, um etwa spter dem Diluvium beigemengte Knochen von den wirklich
diluvialen mit Sicherheit zu unterscheiden, indem man die Dendriten
ersteren absprach. Doch habe ich mich lngst berzeugt, dass weder der
Mangel an Dendriten fr die Jugend noch deren Gegenwart fr hheres
Alter einen sicheren Beweis abgiebt. Ich habe selbst auf Papier, das
kaum ber ein Jahr alt sein konnte, Dendriten wahrgenommen, die von
denen auf fossilen Knochen nicht zu unterscheiden waren. So besitze ich
auch einen Hundeschdel aus der rmischen Niederlassung des benachbarten
Heddersheim, Castrum Hadrianum, der von den fossilen Knochen aus den
frnkischen Hhlen sich in nichts unterscheidet; er zeigt dieselbe Farbe
und haftet an der Zunge wie diese, so dass auch dieses Kennzeichen,
welches auf der frhern Versammlung der deutschen Naturforscher in Bonn
zu ergtzlichen Scenen zwischen =Buckland= und =Schmerling= fhrte,
seinen Werth verloren hat. Es lsst sich sonach in streitigen Fllen
kaum durch die Beschaffenheit des Knochens mit Sicherheit entscheiden,
ob er fossil, eigentlich ob ihm ein geologisches Alter zustehe oder ob
er aus historischer Zeit stamme.

Da wir die Vorwelt nicht mehr wie einen ganz andern Zustand der Dinge
betrachten knnen, aus dem kein Uebergang in das organische Leben der
Gegenwart stattfand, so hat die Bezeichnung der Fossilitt eines
Knochens nicht mehr den Sinn wie zu =Cuvier's= Zeit. Es sind der Grnde
genug vorhanden fr die Annahme, dass der Mensch schon mit den Thieren
des Diluviums gelebt hat, und mancher rohe Stamm mag vor aller
geschichtlichen Zeit mit den Thieren des Urwaldes verschwunden sein,
whrend die durch Bildung veredelten Rassen das Geschlecht erhalten
haben. Die vorliegenden Knochen besitzen Eigenschaften, die, wiewohl sie
nicht entscheidend fr ein geologisches Alter sind, doch jedenfalls fr
ein sehr hohes Alter derselben sprechen. Es sei noch bemerkt, dass, so
gewhnlich auch das Vorkommen diluvialer Thierknochen in den
Lehmablagerungen der Kalkhhlen ist, solche bis jetzt in den Hhlen des
Neanderthals nicht gefunden worden sind, und dass die Knochen unter
einem nur 4 bis 5 Fuss mchtigen Lehmlager ohne eine schtzende
Stalagmitendecke den grssten Theil ihrer organischen Substanz behalten
haben.

Diese Umstnde knnen gegen die Wahrscheinlichkeit eines geologischen
Alters angefhrt werden. Auch wrde es nicht zu rechtfertigen sein, in
dem Schdelbau etwa den rohesten Urtypus des Menschengeschlechts
erkennen zu wollen, denn es giebt von den lebenden Wilden Schdel, die,
wenn sie auch eine so auffallende Stirnbildung, die in der That an das
Gesicht der grossen Affen erinnert, nicht aufweisen, doch in anderer
Beziehung, z. B. in der grssern Tiefe der Schdelgruben und den
grtenartig vorspringenden Schlfenlinien und einer im Ganzen kleinern
Schdelhhle, auf einer ebenso tiefen Stufe der Entwickelung stehen. Die
stark eingedrckte Stirn fr eine knstliche Abflachung zu halten, wie
sie bei rohen Vlkern der neuen und alten Welt vielfach gebt wurde,
dazu fehlt jeder Anlass, der Schdel ist ganz symmetrisch gebildet,
whrend nach =Morton= an den Flachkpfen des Columbia Stirn- und
Scheitelbeine immer unsymmetrisch sind, und zeigt keine Spur eines
Gegendruckes in der Hinterhauptsgegend. Seine Bildung zeigt jene geringe
Entwickelung des Vorderkopfes, die so hufig schon an sehr alten
Schdeln gefunden wurde und einer der sprechendsten Beweise fr den
Einfluss der Cultur und Civilisation auf die Gestalt des menschlichen
Schdels ist.

An einer sptern Stelle bemerkt Dr. Schaaffhausen:

Die ungewhnliche Entwickelung der Stirnhhlen an dem so merkwrdigen
Schdel aus dem Neanderthale nur fr eine individuelle oder
pathologische Abweichung zu halten, dazu fehlt ebenfalls jeder Grund;
sie ist unverkennbar ein Rassentypus und steht mit der auffallenden
Strke der brigen Knochen des Skelets, welche das gewhnliche Maass um
etwa 1/3 bertrifft, in einem physiologischen Zusammenhange. Diese
Ausdehnung der Stirnhhlen, welche Anhnge der Athemwege sind, deutet
ebenso auf eine ungewhnliche Kraft und Ausdauer der Krperbewegungen,
wie die Strke aller Grten und Leisten, welche dem Ansatze der Muskeln
dienen, an diesen Knochen darauf schliessen lsst. Dass grosse
Stirnhhlen und eine dadurch veranlasste strkere Wlbung der untern
Stirngegend diese Bedeutung haben, wird durch andere Beobachtungen
vielfach besttigt. Dadurch unterscheidet sich nach =Pallas= das
verwilderte Pferd vom zahmen, nach =Cuvier= der fossile Hhlenbr von
jeder jetzt lebenden Brenart, nach =Roulin= das in Amerika verwilderte
und dem Eber wieder hnlich gewordene Schwein von dem zahmen, die Gemse
von der Ziege, endlich die durch den starken Knochen- und Muskelbau
ausgezeichnete Bulldogge von allen anderen Hunden. An dem vorliegenden
Schdel den Gesichtswinkel zu bestimmen, der nach R. =Owen= auch bei den
grossen Affen wegen der stark vorstehenden obern Augenhhlengrte schwer
anzugeben ist, wird noch dadurch erschwert, weil sowohl die Ohrffnung
als der Nasenstachel fehlt; benutzt man die zum Theil erhaltene obere
Augenhhlenwand zur richtigen Stellung des Schdels gegen die
Horizontalebene und legt man die aufsteigende Linie an die Stirnflche
hinter dem Wulste der Augenbrauenbogen, so betrgt der Gesichtswinkel
nicht mehr als 56[49]. Leider ist nichts von den Gesichtsknochen
erhalten, deren Bildung fr die Gestalt und den Ausdruck des Kopfes so
bestimmend ist. Die Schdelhhle lsst mit Rcksicht auf die ungemeine
Kraft des Krperbaues auf eine geringe Hirnentwickelung schliessen. Die
Hirnschale fasst 31 Unzen Hirse; da fr die ganze Hirnhhle nach
Verhltniss der fehlenden Knochen des Schdelgrundes etwa 6 Unzen
hinzuzurechnen wren, so wrde sich ein Schdelinhalt von 37 Unzen Hirse
ergeben. =Tiedemann= giebt fr den Schdelinhalt von Negern 40, 38 und
35 Unzen Hirse an, Wasser fasst die Hirnschale etwas mehr als 36 Unzen,
welche einem Inhalt von 1033,24 Cubikcentim. entsprechen. =Huschke=
fhrt den Schdelinhalt einer Negerin mit 1127 Cubikcentim., den eines
alten Negers mit 1146 Cubikcentim. an. Der Inhalt von Malaienschdeln
mit Wasser gemessen ergab 30 bis 33 Unzen, der der klein gebauten Hindus
vermindert sich sogar bis zu 27 Unzen.

Nach Vergleichung des Neanderthal-Schdels mit vielen anderen alten und
neuen kommt Professor Schaaffhausen zu dem Schlusse:

Die menschlichen Gebeine und der Schdel aus dem Neanderthale
bertreffen aber alle die anderen an jenen Eigenthmlichkeiten der
Bildung, die auf ein rohes und wildes Volk schliessen lassen; sie
drfen, sei nun die Kalkhhle, in der sie ohne jede Spur menschlicher
Cultur gefunden worden sind, der Ort ihrer Bestattung, oder seien sie,
wie anderwrts die Knochen erloschener Thiergeschlechter, in dieselbe
hineingeschwemmt worden, fr das lteste Denkmal der frheren Bewohner
Europas gehalten werden.

Mr. Busk, der Uebersetzer der Schaaffhausen'schen Abhandlung, hat uns in
den Stand gesetzt, uns eine lebhafte Vorstellung von dem niedern
Charakter des Neanderthal-Schdels zu machen, dadurch, dass er neben die
Umrisse desselben die eines Chimpanze in derselben absoluten Grsse
gestellt hat.

[Illustration: Fig. 25. Der Schdel aus der Neanderthalhhle. _A_ Ansicht
von der Seite, _B_ von vorn, _C_ von oben. Halbe natrliche Grsse. Die
Umrisse nach Camera lucida-Zeichnungen von Mr. Busk in halber natrlicher
Grsse, die Details nach dem Abgusse und Dr. Fuhlrott's Photographien. _a_
Glabella, _b_ Hinterhauptshcker, _d_ Lambdanaht.]

Einige Zeit nach Verffentlichung der Uebersetzung von Schaaffhausen's
Abhandlung wurde ich auf ein noch aufmerksameres Studium des
Neanderthal-Schdels gefhrt, als ich ihm vorher gewidmet hatte, da ich
Sir Charles Lyell mit einer Zeichnung zu versehen wnschte, welche die
Eigenthmlichkeiten dieses Schdels im Vergleich mit anderen
menschlichen Schdeln darbte[50]. Um dies zu thun, war es nothwendig,
diejenigen Punkte an den Schdeln prcis zu bestimmen, die sich
anatomisch entsprachen. Von diesen Punkten war die Glabella deutlich
genug; als ich aber einen zweiten durch den Hinterhauptshcker und die
obere halbkreisfrmige Linie bestimmt und den Umriss des
Neanderthal-Schdels so auf den des Schdels von Engis gelegt hatte,
dass Glabella und Hinterhauptshcker beider von derselben geraden Linie
durchschnitten wurden, war der Unterschied so enorm und die Abplattung
des Neanderthal-Schdels so ungeheuer (vergl. Fig. 23 und Fig. 25 A),
dass ich zuerst glaubte, irgend einen Fehler begangen zu haben. Und ich
war um so mehr geneigt, dies zu vermuthen, als bei gewhnlichen
menschlichen Schdeln der Hinterhauptshcker und die obere
halbkreisfrmig gebogene Linie auf der ussern Oberflche des
Hinterhaupts ziemlich genau den seitlichen Sinus und der Ansatzlinie des
Tentorium innen entsprechen. Auf dem Tentorium ruht aber, wie ich in der
zweiten Abhandlung gezeigt habe, der hintere Lappen des Gehirns; und
daher geben annhernd der Hinterhauptshcker und die fragliche gebogene
Linie die untere Grenze dieses Lappens an. War es mglich, dass ein
menschliches Wesen ein so abgeplattetes und deprimirtes Gehirn hatte;
oder hatten die Muskelleisten ihre Lage verndert? Um diese Zweifel zu
lsen und die Frage zu entscheiden, ob die starken Augenbrauenvorsprnge
von der Entwickelung der Stirnhhle abhingen oder nicht, bat ich Sir
Charles Lyell, mir von Dr. Fuhlrott, dem Besitzer des Schdels,
Antworten auf gewisse Fragen und wo mglich einen Abguss oder jedenfalls
Zeichnungen oder Photographien des Schdelinnern zu verschaffen.

[Illustration: Fig. 26. Zeichnungen nach Dr. Fuhlrott's Photographien von
inneren Theilen des Neanderthal-Schdels. _A_ Ansicht der untern und innern
Oberflche der Stirngegend mit den unteren Mndungen der Stirnhhle (_a_).
_B_ Entsprechende Ansicht der Hinterhauptsgegend des Schdels mit den
Eindrcken der seitlichen Sinus (_aa_).]

Dr. Fuhlrott antwortete mit einer Bereitwilligkeit und Freundlichkeit,
fr die ich ihm unendlich verbunden bin, auf meine Fragen und schickte
ausserdem drei ausgezeichnete Photographien. Eine derselben stellt den
Schdel von der Seite dar und nach ihr ist Fig. 25 _A_ schattirt worden.
Die zweite (Fig. 26 _A_) zeigt die weiten Mndungen der Stirnhhlen auf
der untern Flche des Stirntheiles des Schdels, in welche, wie Dr.
Fuhlrott schreibt, eine Sonde einen Zoll tief eingebracht werden kann,
und erlutert die grosse Ausdehnung der Augenbrauenhcker ber die
Schdelhhle hinaus. Endlich die dritte (Fig. 26 _B_) stellt den Rand
und das Innere des hintern oder Occipitaltheiles des Schdels dar und
zeigt sehr deutlich die beiden Eindrcke fr die seitlichen Sinus, die
sich nach innen gegen die Mittellinie des Schdeldaches wenden, um den
longitudinalen Sinus zu bilden. Es war daher klar, dass ich mich in
meiner Erklrung nicht geirrt hatte und dass der hintere Lappen des
Gehirns beim Neanderthal-Menschen so abgeplattet gewesen sein muss, wie
ich es vermuthete.

In der That hat der Neanderthal-Schdel ganz ausserordentliche
Charaktere. Seine grsste Lnge betrgt 8 Zoll, die Breite dagegen nur
5,75 Zoll; oder mit anderen Worten, die Lnge verhlt sich zur Breite
wie 100:72. Er ist ausnehmend flach, von der Glabello-Occipitallinie ist
er bis zum Scheitel nur 3,4 Zoll hoch. Der Lngenbogen betrgt, in
derselben Weise wie beim Schdel von Engis gemessen, 12 Zoll; der quere
Bogen kann wegen des Fehlens der Schlfenbeine nicht genau gemessen
werden, betrug aber wohl ungefhr dasselbe, und sicher mehr als 10
Zoll. Der Horizontalumfang ist 23 Zoll. Dieser grosse Umfang rhrt zu
einem bedeutenden Theile von den Augenbrauenhckern her, obgleich der
Umfang der Gehirnkapsel selbst nicht klein ist. Die grossen
Augenbrauenhcker geben der Stirn einen viel mehr zurcktretenden
Anschein, als sein innerer Umriss zeigen wrde.

Fr ein anatomisches Auge ist der hintere Schdeltheil selbst noch
auffallender als der vordere. Der Hinterhauptshcker nimmt das usserste
hintere Ende des Schdels ein, wenn die Glabello-Occipitallinie
horizontal gestellt wird. Und anstatt dass irgend ein Theil der
Hinterhauptsgegend ber ihn hinausreichte, steigt diese Gegend schrg
nach vorn und oben, so dass die Lambdanaht ganz auf der obern Flche des
Schdels liegt. Gleichzeitig ist trotz der grossen Lnge des Schdels
die Pfeilnaht merkwrdig kurz (4 Zoll) und die Schuppennaht sehr
gerade.

In Beantwortung meiner Fragen schreibt Dr. Fuhlrott, dass das
Hinterhauptsbein bis zur obern halbkreisfrmigen Linie in einem Zustande
vollkommener Erhaltung ist. Diese Linie ist eine sehr starke Leiste,
linear an ihren Enden, aber nach der Mitte breit werdend und hier zwei
Leisten bildend, welche durch eine lineare, in der Mitte eingedrckte
Verlngerung verbunden werden.

Unter der linken Leiste zeigt der Knochen eine schrg geneigte Flche,
sechs (Pariser) Linien lang und zwlf breit.

Dies muss die Flche sein, deren Contour in Fig. 25 A, unterhalb _b_,
angegeben ist. Sie ist besonders interessant, als sie uns trotz der
flachen Beschaffenheit des Hinterhaupts vermuthen lsst, dass die
hinteren Lappen des grossen Gehirns betrchtlich ber das kleine Gehirn
hinausgeragt haben mssen, und als sie einen unter mehreren Punkten
darbietet, in denen eine Aehnlichkeit zwischen dem Neanderthal-Schdel
und gewissen australischen Schdeln besteht.

                    *       *       *       *       *

Dergestalt sind die beiden bestgekannten Formen von Menschenschdeln,
welche in einem ganz gut fossil zu nennenden Zustande gefunden worden
sind. Lsst sich nun zeigen, dass einer von ihnen den anatomischen
Abstand zwischen Menschen und menschenhnlichen Affen ausfllt oder in
einer merkbaren Weise verkleinert? Oder weicht dagegen keiner weiter von
der mittleren Bildung des menschlichen Schdels ab, als man von normal
gebauten menschlichen Schdeln der Jetztzeit weiss?

Man kann sich unmglich ber diese Frage irgend eine Meinung bilden,
ohne vorher sich ungefhr mit dem Umfange der vom menschlichen Bau im
Allgemeinen dargebotenen Variationen bekannt gemacht zu haben. Dies ist
aber ein nur unvollstndig untersuchter Gegenstand; und die mir hier
gesteckten Grenzen erlauben mir selbst von dem, was bekannt ist, nur
eine sehr unvollkommene Skizze zu geben.

Wer sich mit Anatomie beschftigt, weiss sehr wohl, dass es nicht ein
einziges Organ des menschlichen Krpers giebt, dessen Bau nicht bei
verschiedenen Individuen bedeutender oder geringer variire. Das Skelet
variirt in den Proportionen, und in einer gewissen Ausdehnung selbst in
den Verbindungen seiner Knochentheile. Die Muskeln, welche die Knochen
bewegen, variiren bedeutend in ihren Anstzen. Die Varietten in der
Verbreitungsweise der Arterien sind, wegen der praktischen Bedeutung der
Kenntniss ihrer Vernderungen fr den Wundarzt, sorgfltig classificirt
worden. Die Charaktere des Gehirns variiren unendlich; nichts ist
weniger constant als die Form und Grsse der Grosshirnhemisphren und
der Reichthum der Windungen an ihrer Oberflche. Die vernderlichsten
Gebilde aber von allen am menschlichen Gehirn sind gerade diejenigen,
welche man unkluger Weise als die unterscheidenden Merkmale des Menschen
anzusehn versucht hat, nmlich das hintere Horn des Seitenventrikels,
der Hippocampus minor und der Grad des Vorspringens der hinteren Lappen
ber das kleine Gehirn. Endlich weiss alle Welt, dass die Haut und das
Haar bei Menschen die ausserordentlichsten Verschiedenheiten in Farbe
und Textur darbieten knnen.

So weit unsere jetzige Kenntniss reicht, ist die Mehrzahl der hier
angedeuteten anatomischen Varietten individuell. Die affenhnliche
Anordnung gewisser Muskeln, die man gelegentlich bei den weissen
Menschenrassen findet[51], ist, so viel wir wissen, unter Negern und
Australiern nicht gewhnlicher. Ebenso wenig sind wir berechtigt, --
weil man fand, dass das Gehirn der Hottentotten-Venus gltter war,
symmetrischer angeordnete Windungen hatte und insoweit affenhnlicher
war als das gewhnliche europische, -- nun hieraus zu schliessen, dass
eine hnliche Bildung des Gehirns unter den niederen Menschenrassen
allgemein vorherrsche, wie wahrscheinlich auch ein solcher Schluss sein
mag.

In Bezug auf die Kenntniss von der Anordnung und Form der weichen und
zerstrbaren Theile bei allen Menschenrassen ausser unserer eigenen sind
wir allerdings traurig bestellt. In Bezug selbst auf das Skelet sind
unsere Museen beklagenswerther Weise lckenhaft, mit Ausnahme des
Schdels. Schdel giebt es genug; und seit Blumenbach und Camper zuerst
die Aufmerksamkeit auf die ausgeprgten und sonderbaren
Verschiedenheiten, die die Schdel darbieten, hinlenkten, ist
Schdelsammeln und Schdelmessen ein eifrig betriebener Zweig der
Naturgeschichte geworden. Seine Resultate sind von verschiedenen
Schriftstellern zusammengestellt und classificirt worden, unter denen
der verstorbene Retzius stets zuerst genannt werden muss.

[Illustration: Fig. 27. Ansicht von der Seite und von vorn des runden und
orthognathen Schdels eines Kalmucken, nach von Baer, 1/3 nat. Gr.]

Man hat gefunden, dass die menschlichen Schdel nicht bloss in ihrer
absoluten Grsse und in dem absoluten Inhalte ihrer Schdelkapsel von
einander abweichen, sondern auch in den Verhltnissen, welche die
Durchmesser der letzteren zu einander zeigen, in der relativen Grsse
der Gesichtsknochen (besonders der Kiefer und Zhne) im Vergleich mit
denen des Schdels, in dem Grade, in welchem der Oberkiefer (dem
natrlich der untere folgt) unter den vordern Theil der Schdelkapsel
nach hinten und unten, oder vor dieselbe nach vorn und oben rckt. Sie
weichen ferner von einander ab in den Verhltnissen des queren
Durchmessers des Gesichts, durch die Wangenbeine gemessen, zum queren
Durchmesser des Schdels, in der mehr abgerundeten oder mehr
giebelfrmigen Gestalt des Schdeldaches und in dem Grade, bis zu
welchem der hintere Theil des Schdels abgeflacht ist oder ber die
Leiste vorspringt, an und unter welcher sich die Nackenmuskeln ansetzen.

Bei manchen Schdeln kann man die eigentliche Schdelkapsel _rund_
nennen, die grsste Lnge verhlt sich zur grssten Breite wie 100:80,
zuweilen ist sogar der Unterschied noch geringer[52]. Menschen mit
solchen Schdeln nennt Retzius _brachycephalisch_; der Schdel eines
Kalmucken, von dem eine seitliche und vordere Ansicht in Von Baer's
Crania selecta gegeben ist (hiernach die verkleinerten Umrissfiguren
in Fig. 27), bietet ein ausgezeichnetes Beispiel dieser Schdelform dar.
Andere Schdel, wie der in Fig. 28 nach Busk's Crania typica copirte
Negerschdel, haben eine hiervon sehr verschiedene, bedeutend
verlngerte Form und knnen _oblong_ genannt werden. Bei diesem Schdel
verhlt sich die grsste Breite zur grssten Lnge wie 67:100, und der
Querdurchmesser kann selbst noch unter dies Verhltniss sinken. Leute
mit solchen Schdeln nennt Retzius _dolichocephalisch_.

[Illustration: Fig. 28. Oblonger und prognather Schdel eines Negers;
seitliche und vordere Ansicht. 1/3 nat. Gr.]

Selbst der flchtigste Blick auf die Seitenansicht dieser beiden
Schdel gengt zu dem Nachweis, dass sie noch in einer andern Hinsicht
sehr auffallend differiren. Das Profil des Kalmuckengesichts ist fast
senkrecht, die Gesichtsknochen treten abwrts unter den vordern Theil
des Schdels. Das Profil des Negers dagegen ist merkwrdig geneigt, der
vordere Theil der Kinnladen springt weit ber das Niveau des vordern
Theils des Schdels nach vorn vor. Im erstern Fall sagt man, der Schdel
ist _orthognath_ oder geradkiefrig; im letztern wird er _prognath_
genannt, eine Bezeichnung, die mit mehr Kraft als Eleganz durch
schnauzig wiedergegeben werden knnte.

Es sind verschiedene Methoden angegeben worden, um mit Genauigkeit den
Grad des Prognathismus oder Orthognathismus eines gegebenen Schdels zu
bestimmen; die meisten dieser Methoden sind wesentlich Modificationen
der von Camper zur Bestimmung des sogenannten Gesichtswinkels
angegebenen.

Eine kurze Betrachtung zeigt aber, dass alle angegebenen Gesichtswinkel
nur in einer rohen und allgemeinen Weise die anatomischen Modificationen
ausdrcken knnen, die beim Prognathismus und Orthognathismus auftreten.
Denn die Linien, deren Durchschneidung der Gesichtswinkel bildet, sind
durch Punkte am Schdel gezogen, deren Lage durch eine Anzahl von
Umstnden modificirt wird. Der so erhaltene Winkel ist daher das
complicirte Resultat aller dieser Umstnde und nicht der Ausdruck irgend
einer organischen Beziehung der Schdeltheile zu einander.

Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, dass keine Vergleichung von
Schdeln viel werth ist, welche nicht auf die Bestimmung einer
verhltnissmssig fixirten Grundlinie zurckgefhrt wird, auf welche in
allen Fllen die Messungen bezogen werden mssen. Ich halte es auch fr
nicht sehr schwierig zu bestimmen, welches diese Grundlinie sein sollte.
Die Theile des Schdels sind wie die brigen Theile des thierischen
Krpers nach einander entwickelt: die Schdelbasis wird eher gebildet
als die Seiten und das Dach des Schdels; eher und vollstndiger als
die letzten wird sie in Knorpel verwandelt; und diese knorplige Basis
ossificirt und verschmilzt in ein Stck lange vor dem Dache des
Schdels. Ich bin daher der Ansicht, dass die Schdelbasis aus ihrer
Entwickelung als der relativ fixirte Theil des Schdels nachzuweisen
ist, whrend die Seiten und die Decke relativ beweglich sind.

Dasselbe zeigt sich als richtig bei einem Studium der Modificationen,
welche der Schdel, von den niederen Thieren zu den hheren aufsteigend,
erleidet.

Bei einem Sugethier wie dem Biber (Fig. 29) ist eine durch die
Basioccipital, hinteres und vorderes Keilbein genannten Knochen gezogene
Linie (_ab_) sehr lang im Verhltniss zur grssten Lnge der die
Grosshirnhemisphren enthaltenden Hhle (_gh_). Die Ebene des
Hinterhauptsloches (_bc_) bildet einen wenig spitzen Winkel mit dieser
Schdelbasisaxe, whrend die Ebene des Tentorium (_iT_) gegen die
Schdelbasisaxe um etwas mehr als 90 geneigt ist; ebenso die Siebplatte
(_ad_), durch welche die Riechnervenfden den Schdel verlassen. Ferner
bildet eine durch die Gesichtsaxe, zwischen den Ethmoid und Pflugschar
genannten Knochen gezogene Linie, die Gesichtsbasisaxe (_fe_), einen
usserst stumpfen Winkel mit der Schdelbasisaxe, wenn sie bis zum
Durchschneiden dieser verlngert wird.

Wird der von den Linien _bc_ und _ab_ gebildete Winkel der
Hinterhauptswinkel, der von den Linien _ad_ mit _ab_ gebildete der
Siebbeinwinkel, und der von _iT_ mit _ab_ gebildete der
Hirnzeltwinkel genannt, dann bilden alle diese bei dem in Rede
stehenden Sugethiere nahezu rechte Winkel, sie schwanken zwischen 80
und 110. Der Winkel _efb_ oder der von der Schdelbasis mit der
Gesichtsaxe gebildete, Schdelgesichtswinkel zu nennende, ist usserst
stumpf und betrgt beim Biber wenigstens 150.

[Illustration: Fig. 29. Lngen- und senkrechte Schnitte der Schdel eines
Bibers (Castor canadensis), eines Lemur (L. catta) und eines Pavian
(Cynocephalus Papio); _ab_ Schdelbasisaxe; _bc_ Hinterhauptsebene; _iT_
Ebene des Tentorium; _ad_ Siebbeinebene; _fe_ Gesichtsbasisaxe; _cba_
Hinterhauptswinkel; _Tia_ Hirnzeltwinkel; _dab_ Siebbeinwinkel; _efb_
Schdelgesichtswinkel; _gh_ grsste Lnge der die Grosshirnhemisphren
aufnehmenden Hhle oder Grosshirnlnge. Die Lnge der Schdelbasisaxe zu
dieser Lnge, oder mit anderen Worten die relative Lnge der Linie _gh_ zu
der Linie _ab_, diese gleich 100, ist in den drei Schdeln, wie folgt:
Biber 70:100, Lemur 119:100, Pavian 144:100; bei einem erwachsenen Gorilla
wie 170:100, beim Neger (Fig. 30) wie 236:100, bei dem Constantinopolitaner
Schdel (Fig. 30) wie 266:100. Der Schdelunterschied zwischen den hchsten
Affen und den niedrigsten Menschen springt daher durch diese Messungen sehr
in die Augen. -- In der Zeichnung des Pavianschdels geben die punktirten
Linien _d_^1 _d_^2 etc. die Winkel des Biber- und Lemurschdels auf die
Schdelbasisaxe des Pavian bertragen an. Die Linie _ab_ ist in allen drei
Zeichnungen gleich lang.]

Wird nun aber eine Reihe von Durchschnitten von Sugethierschdeln, in
der Mitte zwischen einem Nager und dem Menschen stehend, untersucht
(Fig. 29), so stellt sich heraus, dass bei den hheren Schdeln die
Schdelbasisaxe im Verhltniss zur Grosshirnlnge krzer wird, dass der
Siebbeinwinkel und Hinterhauptswinkel stumpfer werden, und dass der
Schdelgesichtswinkel gewissermaassen durch das Zurckbeugen der
Gesichtsaxe auf die Schdelaxe spitzer wird. Gleichzeitig wird
das Schdeldach mehr und mehr gewlbt, um das Zunehmen der
Grosshirnhemisphren an Hhe zu gestatten, was vorzglich
charakteristisch fr den Menschen ist, ebenso wie die Ausdehnung nach
hinten ber das kleine Gehirn hinaus, welche ihr Maximum in den
sdamerikanischen Affen erreicht. Beim menschlichen Schdel (Fig. 30)
ist daher endlich die Grosshirnlnge zwischen zwei- und dreimal so gross
als die der Schdelbasisaxe; der Siebbeinwinkel 20 oder 30 nach der
untern Seite letzterer Axe, der Hinterhauptswinkel statt kleiner als 90
zu sein, ist bis 150 oder 160 gross. Der Schdelgesichtswinkel kann
90 oder weniger sein und die verticale Hhe des Schdels kann
verhltnissmssig zu seiner Lnge gross sein.

Aus einer Betrachtung dieser Zeichnungen wird klar, dass die
Schdelbasisaxe in der aufsteigenden Reihe der Sugethiere eine relativ
fixirte Linie ist, um welche, wie man sich ausdrcken kann, die Knochen
des Gesichts und der Seiten und Decke der Schdelhhle sich nach unten
und nach vorn oder hinten, je nach ihrer Lage, drehen. Der von einem
Knochen oder einer Ebene beschriebene Bogen steht indess durchaus nicht
immer im Verhltniss zu dem von einem andern beschriebenen Bogen.

Wir kommen nun zu der wichtigen Frage: knnen wir zwischen den
niedrigsten und hchsten Formen menschlicher Schdel irgend etwas
ausfindig machen, das, in was fr einem geringen Grade auch immer,
dieser Drehung der Seiten- und Deckenknochen des Schdels um die
Schdelbasisaxe entspricht, die in so bedeutendem Maasse in der
Sugethierreihe zu beobachten ist? Zahlreiche Beobachtungen fhren mich
zu der Ansicht, dass wir diese Frage bejahend beantworten mssen.

[Illustration: Fig. 30. Durchschnitte von orthognathen (dnne Contour) und
prognathen (dunkle Contour) Schdeln, 1/3 nat. Gr. _ab_ Schdelbasisaxe,
_bc_, _b'c'_, Ebene des Hinterhauptsloches, _dd'_ hinteres Ende der
Gaumenknochen, _ee'_ Vorderende des Oberkiefers, _TT'_ Insertion des
Tentorium.]

Die Zeichnungen in Fig. 30 sind verkleinert nach sehr sorgfltig
gemachten Durchschnittszeichnungen von vier Schdeln, zwei runden und
orthognathen und zwei langen und prognathen, im mittleren senkrechten
Lngsschnitte. Die Durchschnittszeichnungen sind aufeinander gelegt
worden, so, dass die Basalaxen der Schdel mit ihren vorderen Enden und
in ihrer Richtung und Lage zusammenfallen. Die Abweichungen der brigen
Contouren (die nur das Innere des Schdels darstellen) zeigen die
Verschiedenheiten der Schdel von einander, wenn jene Axen als relativ
fixirte Linien betrachtet werden.

Die dunklen Contouren sind die eines Australiers und eines Negers, die
dnneren die eines Tatarenschdels, im Museum des Knigl. Collegiums der
Wundrzte, und eines gut entwickelten runden Schdels, von einem
Begrbnissplatze in Constantinopel, unbestimmter Rasse, der in meinem
Besitze sich befindet.

Es wird hieraus sofort klar, dass die prognathen Schdel, was ihre
Kinnladen betrifft, von den orthognathen wirklich in derselben Weise
abweichen, wenn auch in einem viel geringern Grade, in welcher die
Schdel niederer Sugethiere von dem des Menschen verschieden sind. Es
bildet ferner die Ebene des Hinterhauptsloches (_bc_) mit der Axe in
diesen besonders prognathen Schdeln einen etwas kleinern Winkel als in
den orthognathen. Dasselbe wird auch ziemlich von der durchbohrten
Siebbeinplatte gelten, obschon dies nicht so deutlich ist. Es ist aber
sonderbar, dass in einer andern Beziehung die prognathen Schdel weniger
affenhnlich sind als die orthognathen, da in den prognathen Schdeln
die Gehirnhhle entschieden weiter nach vorn vor das vordere Ende der
Axe vorspringt, als in den orthognathen.

Man sieht, dass diese Zeichnungen nachweisen, wie ausserordentlich gross
der Umfang ist, in dem der Rauminhalt der verschiedenen Gegenden der das
Gehirn enthaltenden Hhle und ihr relatives Verhltniss zur Schdelaxe
bei verschiedenen Schdeln variirt. Ebenso merkwrdig ist die
Verschiedenheit der Ausdehnung, in welcher die Grosshirnhhle die Hhle
fr das kleine Gehirn berragt. Ein runder Schdel (Fig. 30, Const.)
kann ein strker nach hinten vorspringendes grosses Gehirn haben, als
ein langer (Fig. 30, Neger).

So lange bis nicht menschliche Schdel in ausgedehnter Weise nach einer
der hier vorgeschlagenen hnlichen Weise bearbeitet worden sind, so
lange bis es nicht fr eine ethnologische Sammlung eine Schande ist,
einen einzigen nicht senkrecht und lngsweise aufgeschnittenen Schdel
zu besitzen, so lange bis die hier erwhnten Winkel und Maasse, mit
anderen hier nicht berhrten, bestimmt und fr eine grosse Zahl von
Schdeln verschiedener Rassen von Menschen mit Rcksicht auf die
Schdelbasisaxe als Einheit tabellarisch zusammengestellt sind, -- so
lange glaube ich nicht, dass wir irgend eine sichere Grundlage fr jene
ethnologische Craniologie besitzen, welche danach strebt, die
anatomischen Charaktere der Schdel der verschiedenen Menschenrassen zu
geben.

Fr jetzt glaube ich, dass die allgemeinen Umrisse dessen, was mit
Sicherheit ber diesen Gegenstand angegeben werden kann, in wenig Worte
zusammenzufassen sind. Man ziehe auf einem Globus eine Linie von der
Goldkste in Westafrika zu den Steppen der Tatarei. Am sdlichen und
westlichen Ende dieser Linie leben die meisten dolichocephalen,
prognathen, kraushaarigen, dunkelhutigen Menschen, die wahren Neger. Am
nrdlichen und stlichen Ende derselben Linie leben die meisten
brachycephalen, orthognathen, schlichthaarigen, gelbhutigen Menschen,
die Tataren und Kalmucken. Die beiden Enden dieser Linie sind in der
That, so zu sagen, ethnologische Antipoden. Eine unter rechtem oder
beinahe rechtem Winkel auf diese polare Linie durch Europa und Sdasien
bis Indien gezogene Linie wrde uns eine Art Aequator geben, um welchen
rundkpfige, oval- und oblong-kpfige, prognathe und orthognathe, helle
und dunkle Rassen sich gruppiren, aber keine mit den so ausserordentlich
ausgeprgten Charakteren des Kalmucken oder Negers.

                    *       *       *       *       *

Es ist bemerkenswerth, dass die Gegenden der antipoden Rassen auch dem
Klima nach antipod sind. Der grsste Contrast, den die Erde darbietet,
findet sich zwischen den feuchten, heissen, dampfenden alluvialen
Kstenebenen der Westkste von Afrika und den trockenen hochliegenden
Steppen und Plateaus Central-Asiens, die im Winter bitter kalt und so
weit vom Meere entfernt sind, als es nur ein Theil der Erde sein kann.

Von Central-Asien aus nach Osten, einerseits bis zu den Inseln und
Subcontinenten der Sdsee andererseits bis nach Amerika, nimmt die
Brachycephalie und der Orthognathismus allmhlich ab, um von
Dolichocephalie und Prognathismus ersetzt zu werden. Dies findet jedoch
weniger auf dem amerikanischen Festlande statt (durch dessen ganze Lnge
ein runder Schdeltypus bedeutend, aber nicht ausschliesslich
vorherrscht[53]), als in den Sdseegegenden, wo zuletzt auf dem
australischen Festlande und den umliegenden Inseln der lange Schdel,
die vorstehenden Kinnladen und die dunkle Haut wiedererscheint, aber mit
so grossen Abweichungen in anderer Hinsicht vom Negertypus, dass die
Ethnologen diesem Volke den besondern Namen der Negritos geben.

Der australische Schdel ist merkwrdig wegen seiner Schmalheit und der
Dicke seiner Wandungen, besonders in der Gegend der Augenbrauenbogen,
welche hufig, aber durchaus nicht constant, durchweg solid, die
Stirnhhlen dagegen unentwickelt bleiben. Die Nasaldepression ist ferner
sehr pltzlich, so dass die Brauen berhngen und dem Gesicht einen
besonders finstern, schreckenden Ausdruck geben. Auch wird die
Hinterhauptsgegend nicht selten weniger vorspringend, so dass sie nicht
nur nicht ber eine senkrechte Linie hinausreicht, die man auf dem
hintern Ende der Glabello-Occipital-Linie errichtet, sondern in manchen
Fllen selbst von ihr aus beinahe unmittelbar nach vorn sich abzuflachen
beginnt.

In Folge dieses Umstandes machen die Theile ober- und unterhalb des
Hinterhaupthckers einen viel spitzeren Winkel mit einander als
gewhnlich, wodurch der hintere Theil des Schdels schrg abgestutzt
erscheint. Viele australische Schdel haben eine betrchtliche Hhe,
vllig der mittlern Hhe bei anderen Rassen gleich; es giebt aber
andere, bei denen die Schdeldecke merkwrdig deprimirt wird, wobei sich
der Schdel gleichzeitig so verlngert, dass sein Rauminhalt
wahrscheinlich nicht vermindert ist. Die Mehrzahl der Schdel, welche
diese Eigenthmlichkeiten aufwiesen, und die ich gesehen habe, waren aus
der Umgebung von Port Adelaide in Sdaustralien und wurden von den
Eingebornen als Wassergefsse benutzt. Zu diesem Ende war das Gesicht
weggebrochen und ein Faden durch diese Hhlung und das Hinterhauptsloch
gezogen, so dass der Schdel am grssern Theile seiner Basis aufgehngt
war.

[Illustration: Fig. 31. Ein australischer Schdel von Western Port im
Museum des Royal College of Surgeons mit den Umrissen des
Neanderthal-Schdels. Beides auf 1/3 nat. Gr. verkleinert.]

Fig. 31 giebt den Umriss eines Schdels dieser Art von Western Port mit
anhngenden Kiefern und die Contouren des Neanderthal-Schdels, beides
auf ein Drittheil der natrlichen Grsse reducirt. Eine geringe Zunahme
in der Abflachung und Verlngerung mit einer entsprechenden Verdickung
des Augenbrauenhckers wrde die australische Gehirnkapsel in eine mit
dem aberranten Fossil identische Form verwandeln.

Kehren wir nun zu den fossilen Schdeln und zu der Stelle zurck, die
sie unter den existirenden Varietten der Schdelbildung oder jenseits
derselben einnehmen. An erster Stelle muss ich bemerken, dass wir, wie
Schmerling bei Betrachtung des Schdels von Engis richtig hervorhebt,
bei der Bildung eines Urtheils durch die Abwesenheit der Kinnladen von
beiden Schdeln sehr gehindert werden, so dass wir kein Mittel haben zu
entscheiden, ob sie mehr oder weniger prognath waren, als die
niedrigeren jetzt existirenden Menschenrassen. Und doch haben wir
gesehen, dass die menschlichen Schdel, in dieser Hinsicht mehr als in
irgend einer andern, in ihrer Annherung an eine thierische Form oder
Entfernung von einer solchen schwanken; die Schdelkapsel eines mittlern
dolichocephalen Europers weicht viel weniger von der eines Negers z. B.
ab, als es die Kinnladen thun. Bei dem Fehlen der Kinnladen muss daher
jedes Urtheil ber die Beziehungen der fossilen Schdel zu jetzt
existirenden Rassen mit einem gewissen Rckhalt angenommen werden.

Nehmen wir aber den Thatbestand, wie er ist, und wenden wir uns zuerst
zu dem Schdel von Engis, so muss ich bekennen, dass ich kein Merkmal
finden kann an den Ueberresten jenes Schdels, welches einen
zuverlssigen Schlssel darbte zur Ermittelung der Rasse, zu der er
gehren knnte. Seine Umrisse und Maasse stimmen ganz gut mit denen
mehrerer australischen Schdel berein, die ich untersucht habe, und
besonders hat er eine Neigung zu jener Abflachung des Hinterhaupts, auf
deren grosse Ausdehnung ich bei manchen australischen Schdeln
hingewiesen habe. Aber nicht alle australischen Schdel zeigen diese
Abplattung und der Augenbrauenhcker ist dem der typischen Australier
vllig unhnlich.

Auf der andern Seite stimmen seine Maasse gleich gut mit denen mancher
europischen Schdel. Und sicherlich ist an keinem Theil seines Baues
ein Zeichen von Degradation bemerkbar. Er ist in der That ein guter
mittlerer menschlicher Schdel, der einem Philosophen angehrt oder das
Gehirn eines gedankenlosen Wilden enthalten haben kann.

Der Fall mit dem Neanderthal-Schdel ist sehr verschieden. Von welcher
Seite wir auch diesen Schdel betrachten, mgen wir seine verticale
Abplattung, die enorme Dicke seiner Augenbrauenhcker, sein schrges
Hinterhaupt oder seine lange und gerade Schuppennaht bercksichtigen,
wir stossen auf affenhnliche Charaktere, wodurch er zu dem
affenhnlichsten menschlichen Schdel wird, der bis jetzt entdeckt ist.
Professor Schaaffhausen giebt aber an (s. oben S. 148), dass der Schdel
in seinem jetzigen Zustand 1033,24 Cubikcentim. Wasser oder ungefhr 63
Cubikzoll enthalte, und da der vollstndige kaum weniger als 12
Cubikzoll mehr enthalten haben kann, so kann sein Rauminhalt auf
ungefhr 75 Cubikzoll geschtzt werden, was die von Morton fr
Polynesische und Hottentotten-Schdel gegebene mittlere Capacitt ist.

Eine so grosse Gehirnmasse, wie diese, wrde schon allein die Vermuthung
veranlassen, dass die affenhnlichen Beziehungen, die dieser Schdel
andeutet, nicht tief in die Organisation eingedrungen sind. Diese
Folgerung wird durch die Maasse der brigen von Professor Schaaffhausen
gemessenen Skelettheile gerechtfertigt, welche nachweisen, dass die
absolute Hhe und relativen Verhltnisse der Gliedmaassen durchaus die
eines mittelgrossen Europers waren. Die Knochen sind allerdings dicker,
dies ist aber, ebenso wie die starke Entwickelung von Muskelleisten, bei
Wilden zu erwarten. Die Patagonier, die ohne Schutz und Obdach einem
Klima ausgesetzt sind, das mglicher Weise nicht sehr von dem abweicht,
was zur Zeit, wo der Neanderthal-Mann lebte, in Europa herrschte, sind
ausgezeichnet durch die Dicke ihrer Extremittenknochen.

In keiner Weise knnen daher die Neanderthal-Knochen als die Ueberreste
eines zwischen Affe und Mensch in der Mitte stehenden menschlichen
Wesens angesehen werden. Hchstens beweisen sie die Existenz eines
Menschen, dessen Schdel in etwas nach dem Affentypus zurckgeht, --
ebenso wie eine Brieftaube, Pfauentaube oder Purzeltaube zuweilen das
Gefieder des ursprnglichen Stammes der _Columba livia_ anlegt. Und wenn
auch der Neanderthal-Schdel der affenhnlichste aller bekannten
menschlichen Schdel ist, so ist er doch keineswegs so isolirt, wie es
anfnglich scheint, sondern bildet nur den ussersten Ausdruck einer
allmhlich von ihm aus zum hchsten und best entwickelten menschlichen
Schdel fhrenden Reihe. Auf der einen Seite nhert er sich bedeutend
den platten australischen Schdeln, von denen ich gesprochen habe, und
von denen andere australische Formen allmhlich zu Schdeln fhren, die
vielmehr den Typus des Schdels von Engis haben. Auf der andern Seite
ist er selbst noch nher den Schdeln gewisser alter Stmme verwandt,
welche Dnemark whrend der Steinperiode bewohnten und entweder
Zeitgenossen oder Nachfolger der Leute waren, denen die Abraumhaufen
oder Kjkkenmddings jenes Landes ihre Entstehung verdanken.

[Illustration: Fig. 32. Alter dnischer Schdel aus einem Grabhgel bei
Borreby; 1/3 nat. Gr. Nach einer Camera lucida-Zeichnung von G. Busk.]

Der Lngenumriss des Neanderthal-Schdels und einiger Schdel aus den
Grabhgeln von Borreby, von denen Mr. Busk sehr genaue Zeichnungen
gemacht hat, entsprechen sich sehr nahe. Das Hinterhaupt tritt ebenso
zurck, die Augenbrauenhcker sind beinahe ebenso vorstehend und der
Schdel ebenso niedrig. Der Borreby-Schdel gleicht ferner dem
Neanderthal-Schdel, noch mehr als irgend ein australischer Schdel es
thut, in dem viel rapideren Zurcktreten der Stirn. Auf der andern Seite
sind die Borreby-Schdel etwas breiter im Verhltniss zu ihrer Lnge,
als die Neanderthal-Schdel, whrend manche jenes Verhltniss der Breite
zur Lnge erreichen (80:100), was die Brachycephalie charakterisirt.

Zum Schluss kann ich wohl sagen, dass die bis jetzt entdeckten fossilen
Ueberreste von Menschen uns, wie mir scheint, jener pithecoiden Form
nicht merkbar nher fhren, durch deren Modifikation der Mensch
vermuthlich das, was er ist, geworden ist. Ueberblicken wir das, was wir
bis jetzt ber die ltesten Menschenrassen wissen; sehen wir, dass sie
Flintxte und Flintmesser und kncherne Spiesse fast von derselben Form
fabricirten, wie die niedrigsten Wilden der Jetztzeit, und dass wir
allen Grund zu glauben haben, dass die Gewohnheiten und die Lebensweise
solcher Vlker von der Zeit des Mammuth und des tichorhinen Rhinoceros
an bis heute dieselben geblieben sind, so knnte ich nicht sagen, dass
dies Resultat anders sei, als zu erwarten gewesen war.

Wo mssen wir denn nun aber nach dem Urmenschen suchen? War der
lteste _Homo sapiens_ pliocen oder miocen oder noch lter? Warten in
noch lteren Schichten die fossilisirten Knochen eines Affen, mehr
menschenhnlich, oder eines Menschen, mehr affenhnlich, als alle jetzt
bekannten, auf die Untersuchungen noch nicht geborener Palaeontologen?

Die Zeit wird es lehren. Wenn aber eine Theorie der progressiven
Entwickelung in irgend welcher Form richtig ist, dann mssen wir
inzwischen die in Bezug auf das Alter der Menschheit gemachte
reichlichste Schtzung um lange Zeitrume noch verlngern.


Funoten:

[39] s. Sir Charles =Lyell=, The geological evidences of the Antiquity
of Man with remarks on theories of the origin of species by variation.
London 1863. 8.

[40] Decas Collectionis suae craniorum diversarum gentium illustrata.
Gottingae 1790-1820.

[41] An einer folgenden Stelle erwhnt Schmerling das Vorkommen eines
Schneidezahns von enormer Grsse aus den Hhlen von Engihoul. Der hier
abgebildete Zahn ist etwas lang, seine Dimensionen scheinen mir aber
sonst nicht merkwrdig zu sein.

[42] Die Abbildung dieses Schlsselbeins misst von einem Ende zum andern
in einer geraden Linie 5 Zoll, so dass der Knochen eher klein als gross
zu nennen ist.

[43] Zur Kenntniss der ltesten Rassenschdel. Mller's Archiv, 1858. S.
453. Mit Anmerkungen und Originalzeichnungen nach Gypsabgssen bersetzt
von =G. Busk=, in Nat. Hist. Review, April 1861.

[44] Verhandl. des naturhist. Vereins der preuss. Rheinlande und
Westphalens, XIV. Bonn, 1857.

[45] Ebendaselbst, Correspondenzblatt, Nr. 2.

[46] Mr. Busk hat darauf hingewiesen, dass dies wahrscheinlich der
Einschnitt fr den Frontalnerven war.

[47] Die Nummern in Klammern beziehen sich auf die verschiedenen
Messungen nach dem Abgusse. (G. =Busk=.)

[48] Verhandl. d. Naturhist. Vereins in Bonn, XIV. 1857.

[49] Schtze ich den Gesichtswinkel in der angegebenen Weise, am Abguss,
so wrde ich ihn zu 64 bis 67 angeben. (G. =Busk=.)

[50] S. die Anmerkung Huxley's zu dem oben citirten Buche Sir Charles
Lyell's, S. 80 bis 89.

[51] S. die ausgezeichnete Abhandlung von Mr. Church ber die Myologie
des Orang in der Nat. Hist. Review, 1861.

[52] An keinem menschlichen Schdel bertrifft die Breite der
Schdelkapsel ihre Lnge.

[53] S. die werthvolle Abhandlung von Dr. D. Wilson on the supposed
prevalence of one Cranial type throughout the American aborigines.
Canadian Journal, Vol. II. 1857.




                    *       *       *       *       *




Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  S. 3: Freund Andreas Battle -> Battell
  S. 24: Enche-ko -> Ench-eko
  S. 38: Bemhen, die letzeren -> letzteren
  S. 50: a. a. O. p. 384 -> a. a. O. S. 384
  S. 52: a. a. O. p. 365 -> a. a. O. S. 365
  S. 52: Notice of the extertnal -> external
  S. 65: sind, dem ausgegetretenen -> ausgetretenen
  S. 83: Mensch gelegentlich reizehn -> dreizehn
  S. 125: die uns diessen -> diesen
  S. 126: unterirdischer Hohfen -> Hochfen
  S. 130: und Vrolik's ist. -> ist.
  S. 132: und mir selbst -> und mir selbst)
  S. 134: Unterclassen bringt! -> Unterclassen bringt!
  S. 168: der Siebbeinwinkel 20 ->20




The table below lists all corrections applied to the original text.

  p 3: Freund Andreas Battle -> Battell
  p 24: Enche-ko -> Ench-eko
  p 38: Bemhen, die letzeren -> letzteren
  p 50: a. a. O. p. 384 -> a. a. O. S. 384
  p 52: a. a. O. p. 365 -> a. a. O. S. 365
  p 52: Notice of the extertnal -> external
  p 65: sind, dem ausgegetretenen -> ausgetretenen
  p 83: Mensch gelegentlich reizehn -> dreizehn
  p 125: die uns diessen -> diesen
  p 126: unterirdischer Hohfen -> Hochfen
  p 130: und Vrolik's ist. -> ist.
  p 132: und mir selbst -> und mir selbst)
  p 134: Unterclassen bringt! -> Unterclassen bringt!
  p 168: der Siebbeinwinkel 20 ->20



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MENSCHEN IN DER NATUR***


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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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