The Project Gutenberg EBook of Knigliche Hoheit, by Thomas Mann

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Title: Knigliche Hoheit
       Roman

Author: Thomas Mann

Release Date: February 19, 2011 [EBook #35328]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                              THOMAS MANN

                               Knigliche
                                 Hoheit

                                 Roman


                           MIT EINER VORREDE
                                  VON
                          HANNS MARTIN ELSTER


                  Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H.
                                 Berlin




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Vorspiel


Es ist auf der Albrechtsstrae, jener Verkehrsader der Residenz, die den
Albrechtsplatz und das Alte Schlo mit der Kaserne der Gardefsiliere
verbindet -- um Mittag, wochentags, zu einer gleichgltigen Jahreszeit.
Das Wetter ist mig gut, indifferent. Es regnet nicht, aber der Himmel
ist auch nicht klar; er ist gleichmig weigrau, gewhnlich,
unfestlich, und die Strae liegt in einer stumpfen und nchternen
Beleuchtung, die alles Geheimnisvolle, jede Absonderlichkeit der
Stimmung ausschliet. Es herrscht ein Verkehr von mittlerer Regsamkeit,
ohne viel Lrm und Gedrnge, entsprechend dem nicht sehr geschftigen
Charakter der Stadt. Trambahnwagen gleiten dahin, ein paar Droschken
rollen vorbei, auf den Brgersteigen bewegt sich Einwohnerschaft,
farbloses Volk, Passanten, Publikum, Leute. -- Zwei Offiziere, die Hnde
in den Schrgtaschen ihrer grauen Paletots, kommen einander entgegen:
ein General und ein Leutnant. Der General nhert sich von der Schlo-,
der Leutnant von der Kasernenseite her. Der Leutnant ist blutjung, ein
Milchbart, ein halbes Kind. Er hat schmale Schultern, dunkles Haar und
so breite Wangenknochen, wie viele Leute hierzulande sie haben, blaue,
ein wenig mde blickende Augen und ein Knabengesicht von freundlich
verschlossenem Ausdruck. Der General ist schlohwei, hoch und breit
gepolstert, eine beraus gebietende Erscheinung. Seine Augenbrauen sind
wie aus Watte, und sein Schnurrbart berbuscht sowohl Mund als Kinn. Er
geht mit langsamer Wucht, sein Sbel klirrt auf dem Asphalt, sein
Federbusch flattert im Winde, und langsam schwappt bei jedem Schritte
der groe rote Brustaufschlag seines Mantels auf und nieder. So kommen
sie aufeinander zu. -- Kann dies zu Verwickelungen fhren? Unmglich.
Jedem Beobachter steht der naturgeme Verlauf dieses Zusammentreffens
klar vor Augen. Hier ist das Verhltnis von alt und jung, von Befehl und
Gehorsam, von betagtem Verdienst und zartem Anfngertum, hier ist ein
gewaltiger hierarchischer Abstand, hier gibt es Vorschriften. Natrliche
Ordnung, nimm deinen Lauf! -- Und was, statt dessen, geschieht? Statt
dessen vollzieht sich das folgende, berraschende, peinliche,
entzckende und verkehrte Schauspiel. Der General, des jungen Leutnants
ansichtig werdend, verndert auf seltsame Art seine Haltung. Er nimmt
sich zusammen und wird doch gleichsam kleiner. Er dmpft sozusagen mit
einem Ruck den Prunk seines Auftretens, er tut dem Lrm seines Sbels
Einhalt, und whrend sein Gesicht einen brbeiigen und verlegenen
Ausdruck annimmt, ist er ersichtlich nicht einig mit sich, wohin er
blicken soll, was er so zu verbergen sucht, da er unter seinen
Wattebrauen hinweg schrg vor sich hin auf den Asphalt starrt. Auch der
junge Leutnant verrt, genau beobachtet, eine leichte Befangenheit, die
aber seltsamerweise bei ihm in hherem Grade als bei dem greisen
Befehlshaber von einer gewissen Grazie und Disziplin bemeistert scheint.
Die Spannung seines Mundes wird zu einem Lcheln von zugleich
bescheidener und gtiger Art, und seine Augen blicken vorlufig mit
einer stillen und beherrschten Ruhe, die den Anschein der Mhelosigkeit
hat, an dem General vorbei und ins Weite. Nun sind sie auf drei Schritt
aneinander. Und statt die vorschriftsmige Ehrenbezeugung auszufhren,
legt der blutjunge Leutnant ein wenig den Kopf zurck, zieht
gleichzeitig seine rechte Hand -- nur die rechte, das ist auffallend --
aus der Manteltasche und beschreibt mit eben dieser weibehandschuhten
Rechten eine kleine ermunternde und verbindliche Bewegung, nicht
strker, als da er, die Handflche nach oben, die Finger ffnet; aber
der General, der dieses Zeichen mit hngenden Armen erwartet hat, fhrt
an den Helm, biegt aus, gibt in halber Verbeugung sozusagen den
Brgersteig frei und grt den Leutnant von unten herauf aus rotem
Gesicht mit frommen und wsserigen Augen. Da erwidert der Leutnant, die
Hand an der Mtze, das Honneur seines Vorgesetzten, erwidert es, indem
eine kindliche Freundlichkeit sein ganzes Gesicht bewegt, erwidert es --
und geht weiter.

Ein Wunder! Ein phantastischer Auftritt! Er geht weiter. Man sieht ihn
an, aber er sieht niemanden an, er sieht zwischen den Leuten hindurch
geradeaus, ein wenig mit dem Blick einer Dame, die sich beobachtet wei.
Man grt ihn, dann grt er zurck, fast herzlich und dennoch aus einer
Ferne. Wie es scheint, so geht er nicht gut; es ist, als sei er des
Gebrauches seiner Beine nicht sehr gewohnt oder als behindere ihn die
allgemeine Aufmerksamkeit, so ungleichmig und zgernd ist sein
Schritt, ja, bisweilen scheint er zu hinken. Ein Schutzmann macht Front,
eine elegante Frau, aus einem Laden tretend, sinkt lchelnd ins Knie.
Man blickt nach ihm um, man weist mit dem Kopfe nach ihm, man zieht die
Brauen empor und nennt gedmpft seinen Namen...

Es ist Klaus Heinrich, der jngere Bruder AlbrechtsII. und nchster
Agnat am Throne. Dort geht er, man kann ihn noch sehen. Gekannt und doch
fremd bewegt er sich unter den Leuten, geht im Gemenge und gleichsam
doch von einer Leere umgeben, geht einsam dahin und trgt auf seinen
schmalen Schultern die Last seiner Hoheit.




Die Hemmung


Schsse wurden gelst, als auf den verschiedenen Verstndigungswegen der
Neuzeit in die Residenz die Nachricht gelangte, da auf Grimmburg die
Groherzogin Dorothea zum zweiten Male von einem Prinzen entbunden sei.
Es waren zweiundsiebzig Schsse, die ber Stadt und Land hinrollten,
abgefeuert von militrischer Seite auf dem Wall der Zitadelle. Gleich
darauf kanonierte auch die Feuerwehr mit den stdtischen
Salutgeschtzen, um nicht zurckzustehen; aber es entstanden lange
Pausen dabei zwischen einzelnen Detonationen, was viel Heiterkeit in der
Bevlkerung erregte.

Die Grimmburg beherrschte von einem buschigen Hgel das malerische
Stdtchen des gleichen Namens, das seine grauen Schrgdcher in dem
vorberflieenden Stromarm spiegelte und von der Hauptstadt in
halbstndiger Fahrt mit einer unrentablen Lokalbahn zu erreichen war.
Sie stand dort oben, die Burg, in grauen Tagen vom Markgrafen Klaus
Grimmbart, dem Ahnherrn des Frstengeschlechts, trotzig erbaut, mehrmals
seither verjngt und instand gesetzt, mit den Bequemlichkeiten der
wechselnden Zeiten versehen, stets wohnlich gehalten und als Stammsitz
des Herrscherhauses, als Wiege der Dynastenfamilie auf eine besondere
Weise geehrt. Denn das Hausgesetz und Herkommen bestand, da alle
direkten Nachkommen des Grimmbartes, alle Kinder des jeweils regierenden
Paares hier geboren werden muten. Diese berlieferung war nicht wohl
auer acht zu lassen. Das Land hatte geistesklare und leugnerische
Souverne gesehen, die ihren Spott daran gebt hatten, und dennoch
hatten sie sich ihr achselzuckend gefgt. Nun war es lngst zu spt
geworden, noch davon abzugehen. Vernnftig und zeitgem oder nicht --
warum denn ohne Not mit einer ehrwrdigen Gepflogenheit brechen, die
sich gewissermaen bewhrt hatte? Im Volke stand fest, da etwas daran
sei. Zweimal im Wandel von fnfzehn Generationen hatten Kinder
regierender Herren infolge irgendwelcher Zuflligkeiten auf andern
Schlssern das Licht erblickt: mit beiden hatte es ein unnatrliches und
nichtswrdiges Ende genommen. Aber von Heinrich dem Bufertigen und
Johann dem Gewaltttigen nebst ihren lieblichen und stolzen Schwestern
bis auf Albrecht, den Vater des Groherzogs, und diesen selbst, Johann
AlbrechtIII., waren alle Souverne des Landes und ihre Geschwister hier
zur Welt gebracht worden, und vor sechs Jahren war Dorothea mit ihrem
ersten Sohne, dem Erbgroherzog, hier niedergekommen...

brigens war das Stammschlo ein Zufluchtsort, so wrdig als friedevoll.
Als Sommersitz mochte man ihm, der Khle seiner Gemcher, des schattigen
Reizes seiner Umgebung wegen, sogar vor dem steif-lieblichen Hollerbrunn
den Vorzug geben. Der Aufstieg vom Stdtchen, jene ein wenig grausam
gepflasterte Gasse zwischen rmlichen Heimsttten und einer geborstenen
Mauerbrstung, durch massige Torwege bis zu der uralten Schenke und
Fremdenherberge am Eingang zum Burghof, in dessen Mitte das Steinbild
Klaus Grimmbarts, des Erbauers, stand, war pittoresk, ohne bequem zu
sein. Aber ein ansehnlicher Parkbesitz bedeckte den Rcken des
Schloberges und leitete auf gemchlichen Wegen hinab in das waldige und
sanft gewellte Gelnde, das voller Gelegenheit zu Wagenfahrten und
stillem Lustwandeln war.

Das Innere der Burg angehend, so war es zuletzt noch zu Beginn der
Regierung Johann AlbrechtsIII. einer umfassenden Auffrischung und
Verschnerung unterzogen worden -- mit einem Kostenaufwand, der viel
Gerede hervorgerufen hatte. Die Einrichtung der Wohngemcher war in
einem zugleich ritterlichen und behaglichen Stil ergnzt und erneuert,
die Wappenfliesen des Gerichtssaales waren genau nach dem Muster der
alten wiederhergestellt worden. Die Vergoldung der verschmitzten, in
vielfachen Spielarten wechselnden Kreuzbogengewlbe zeigte sich glnzend
aufgemuntert, alle Gemcher waren mit Parkett ausgestattet, und der
groe sowohl wie der kleine Bankettsaal war durch die Knstlerhand des
Professors von Lindemann, eines hervorragenden Akademikers, mit groen
Wandmalereien geschmckt worden, Darstellungen aus der Geschichte des
landesherrlichen Hauses, angefertigt in einer leuchtenden und glatten
Manier, die fernab und ohne Ahnung von den unruhigen Bedrfnissen
jngerer Schulen war. Es fehlte an nichts. Da die alten Kamine und
seltsam bunten, in runden Terrassen sich deckenhoch aufbauenden fen der
Burg nicht wohl verwendbar waren, so hatte man, im Hinblick auf die
Mglichkeit eines winterlichen Aufenthaltes, sogar Anthrazitfen
gesetzt.

Aber am Tage der zweiundsiebzig Schsse war beste Jahreszeit,
Sptfrhling, Frhsommer, Junianfang, ein Tag nach Pfingsten. Johann
Albrecht, in aller Frhe telegraphisch benachrichtigt, da gegen Morgen
die Geburt begonnen habe, traf um acht mit der unrentablen Lokalbahn auf
Station Grimmburg ein, von drei oder vier offiziellen Persnlichkeiten,
dem Brgermeister, dem Amtsrichter, dem Pastor, dem Arzt des Stdtchens,
mit Segenswnschen empfangen, und begab sich sofort zu Wagen auf die
Burg. In der Begleitung des Groherzogs langten der Staatsminister
Doktor Baron Knobelsdorff und der Generaladjutant General der Infanterie
Graf Schmettern an. Ein wenig spter fanden sich noch zwei oder drei
Minister, der Hofprediger Oberkirchenratsprsident D. Wislizenus, ein
paar Herren mit Hof- und Oberhofchargen und ein noch jugendlicher
Adjutant, Hauptmann von Lichterloh, auf dem Stammschlo ein. Obwohl der
groherzogliche Leibarzt, Generalarzt Doktor Eschrich, sich bei der
Wchnerin befand, hatte Johann Albrecht die Laune, den jungen Ortsarzt,
einen Doktor Sammet, der obendrein jdischer Abstammung war,
aufzufordern, ihn auf die Burg zu begleiten. Der schlichte, arbeitsame
und ernste Mann, der alle Hnde voll zu tun hatte und sich solche
Auszeichnung nicht vermutend gewesen war, stammelte mehrmals: Ganz gern
... ganz gern..., was einiges Lcheln hervorrief.

Der Groherzogin diente als Schlafzimmer die Brautkemenate, ein
fnfeckiges, sehr bunt ausgemaltes Gemach, welches, im ersten Stockwerk
gelegen, durch sein feierliches Fenster eine prangende Fernsicht ber
Wlder, Hgel und die Windungen des Stromes bot und rings mit einem
Fries von medaillonfrmigen Portrts geziert war, Bildnissen frstlicher
Brute, die hier in alten Tagen des Gebieters geharrt hatten. Dort lag
Dorothea; ein breites und starkes Band war um das Fuende ihres Bettes
geschlungen, daran sie sich hielt wie ein Kind, das Kutschieren spielt,
und ihr schner, ppiger Krper tat harte Arbeit. Doktorin Gnadebusch,
die Hebamme, eine sanfte und gelehrte Frau mit kleinen feinen Hnden und
braunen Augen, die durch runde und dicke Brillenglser einen mysterisen
Glanz erhielten, untersttzte die Frstin, indem sie sagte:

Nur fest, nur fest, Knigliche Hoheit ... Es geht geschwinde ... Es
geht ganz leicht ... Das zweitemal ... das ist nichts ... Geruhen: die
Knie auseinander ... Und stets das Kinn auf die Brust...

Eine Wrterin, gleich ihr in ein weies Leinen gekleidet, half ebenfalls
und ging in den Pausen auf leisen Sohlen mit Gefen und Binden umher.
Der Leibarzt, ein finsterer, schwarzgraubrtiger Mann, dessen linkes
Augenlid gelhmt schien, berwachte die Geburt. Er trug den
Operationsmantel ber seiner Generalarzt-Uniform. Zuweilen erschien in
der Kemenate, um sich vom Fortschreiten der Entbindung zu berzeugen,
Dorotheas vertraute Oberhofmeisterin, Freifrau von Schulenburg-Tressen,
eine beleibte und asthmatische Dame von unterstrichen spiebrgerlichem
uern, die jedoch auf den Hofbllen eine Welt von Busen zu entblen
pflegte. Sie kte ihrer Herrin die Hand und kehrte zurck in ein
entlegenes Gemach, wo ein paar magere Schlsseldamen mit dem
diensttuenden Kammerherrn der Groherzogin, einem Grafen Windisch,
plauderten. -- Doktor Sammet, der das Linnengewand wie einen Domino ber
seinen Frack gezogen hatte, verharrte in bescheidener und aufmerksamer
Haltung am Waschtisch.

Johann Albrecht hielt sich in einem zur Arbeit und Kontemplation
einladenden Gewlbe auf, das von der Brautkemenate nur durch das
sogenannte Frisierkabinett und einen Durchgangsraum getrennt war. Es
fhrte den Namen einer Bibliothek, im Hinblick auf mehrere
handschriftliche Folianten, die schrg auf dem wuchtigen Schranke
lehnten und die Geschichte der Burg enthielten. Das Gemach war als
Schreibzimmer eingerichtet. Globen schmckten die Wandborte. Durch das
Bogenfenster, das geffnet stand, wehte der starke Wind der Hhe. Der
Groherzog hatte sich Tee servieren lassen, Kammerdiener Prahl hatte
selbst das Geschirr gebracht; aber es stand vergessen auf der Platte des
Sekretrs, und Johann Albrecht schritt in einem rastlosen, unangenehm
angespannten Zustande von einem Winkel in den anderen. Sein Gang war vom
unaufhrlichen Knarren seiner Lackstiefel begleitet. -- Flgeladjutant
von Lichterloh horchte darauf, indem er sich in dem beinahe leeren
Durchgangszimmer langweilte.

Die Minister, der Generaladjutant, der Hofprediger und die Hofchargen,
neun oder zehn Herren, warteten in den Reprsentationsrumen des
Hoch-Erdgeschosses. Sie wanderten durch den groen und den kleinen
Bankettsaal, wo zwischen den Lindemannschen Gemlden Arrangements von
Fahnen und Waffen hingen; sie lehnten an den schaftartigen Pfeilern, die
sich ber ihnen zu bunten Gewlben entfalteten; sie standen vor den
deckenhohen und schmalen Fenstern und blickten durch die in Blei
gefaten Scheibchen hinab ber Flu und Stdtchen; sie saen auf den
Steinbnken, die um die Wnde liefen, oder auf Sesseln vor den Kaminen,
deren gotische Dcher von lcherlich kleinen gebckt schwebenden und
fratzenhaften Kerlchen aus Stein getragen wurden. Der heitere Tag machte
den Tressenbesatz der Uniformen, die Ordenssterne auf den wattierten
Brustwlbungen, die breiten Goldstreifen an den Beinkleidern der
Wrdentrger erglitzern.

Man unterhielt sich schlecht. Bestndig hoben sich Dreimaster und
weibekleidete Hnde vor Mnder, die sich krampfhaft ffneten. Fast alle
Herren hatten Trnen in den Augen. Mehrere hatten nicht Zeit gefunden zu
frhstcken. Einige suchten Zerstreuung, indem sie das Operationsbesteck
und das kugelfrmige, in Leder gehllte Chloroformgef, das Generalarzt
Eschrich hier fr alle Flle niedergelegt hatte, einem furchtsamen
Studium unterzogen. Nachdem Oberhofmarschall von Bhl zu Bhl, ein
starker Mann mit schwnzelnden Bewegungen, einem braunen Tupee, goldenem
Zwicker und langen gelben Fingerngeln, in seiner abgerissen plappernden
Art mehrere Geschichten erzhlt hatte, machte er in einem Lehnstuhl von
seiner Gabe Gebrauch, mit offenen Augen zu schlafen -- reglosen Blicks
und in bester Haltung das Bewutsein von Zeit und Raum zu verlieren,
ohne die Wrde des Ortes im mindesten zu verletzen.

Doktor von Schrder, Minister der Finanzen und der Landwirtschaft, hatte
an diesem Tage ein Gesprch mit dem Staatsminister Doktor Baron
Knobelsdorff, Minister des Inneren, des ueren und des groherzoglichen
Hauses. Es war eine sprunghafte Plauderei, die mit einer
Kunstbetrachtung anhob, zu finanziellen und konomischen Fragen
berging, eines hohen Hofbeamten in ziemlich abflligem Sinne gedachte
und sich auch mit den Personen der allerhchsten Herrschaften
beschftigte. Sie begann, als die Herren, die Hnde mit ihren Hten auf
dem Rcken, vor einem der Gemlde im Groen Bankettsaal standen, und
beide dachten mehr dabei, als sie aussprachen. Der Finanzminister sagte:
Und dies? Was ist das? Was passiert da? Exzellenz sind so
orientiert...

Oberflchlich. Es ist die Belehnung zweier jugendlicher Prinzen des
Hauses durch ihren Oheim, den rmischen Kaiser. Exzellenz sehen da die
beiden jungen Herren knien und in groer Zeremonie ihren Eid auf das
Schwert des Kaisers leisten...

Schn, ungewhnlich schn! Welche Farben! Blendend. Was fr reizende
goldene Locken die Prinzen haben! Und der Kaiser ... es ist der Kaiser,
wie er im Buche steht! Ja, dieser Lindemann verdient die Auszeichnungen,
die ihm zuteil geworden sind.

Durchaus. Die ihm zuteil geworden sind, die verdient er.

Doktor von Schrder, ein langer Mann mit weiem Bart, einer zart
gebauten goldenen Brille auf der weien Nase, einem kleinen Bauch, der
sich unvermittelt unter dem Magen erhob, und einem Wulstnacken, der den
gestickten Stehkragen seines Fracks berquoll, blickte, ohne die Augen
von dem Bilde zu wenden, ein wenig zweifelhaft drein, von einem
Mitrauen berhrt, das ihn zuzeiten im Gesprch mit dem Baron berkam.
Dieser Knobelsdorff, dieser Gnstling und hchste Beamte war so
vieldeutig ... Zuweilen waren seine uerungen, seine Erwiderungen von
einem ungreifbaren Spott umspielt. Er war weit gereist, er kannte den
Erdball, er war so mannigfach unterrichtet, auf eine befremdende und
freie Art interessiert. Dennoch war er korrekt. Herr von Schrder
verstand sich nicht vllig auf ihn. Bei aller bereinstimmung war es
nicht mglich, sich ganz im Einverstndnis mit ihm zu fhlen. Seine
Meinungen waren voll heimlicher Reserve, seine Urteile von einer
Duldsamkeit, die in Unruhe lie, ob sie Gerechtigkeit oder
Geringschtzung bedeute. Aber das Verdchtigste war sein Lcheln, ein
Augenlcheln ohne Anteil des Mundes, das vermge strahlenfrmig an den
ueren Augenwinkeln angeordneter Fltchen zu entstehen schien oder
umgekehrt mit der Zeit diese Fltchen hervorgerufen hatte ... Baron
Knobelsdorff war jnger als der Finanzminister, ein Mann in den besten
Jahren damals, obwohl sein gestutzter Schnurrbart und sein glatt in der
Mitte gescheiteltes Haupthaar schon leicht ergraut waren -- untersetzt
brigens, kurzhalsig und von dem Kragen seines bis zum Saume betreten
Hofkleides sichtlich beengt. Er berlie Herrn von Schrder einen
Augenblick seiner Ratlosigkeit und fuhr dann fort: Nur wre vielleicht
im Interesse einer lblichen Hoffinanzdirektion zu wnschen, da der
berhmte Mann sich ein wenig mehr mit Sternen und Titeln begngte, und
... roh gesprochen, was mag dieses gefllige Bildwerk gekostet haben?

Herr von Schrder gewann wieder Leben. Der Wunsch, die Hoffnung, sich
mit dem Baron zu verstndigen, dennoch zur Intimitt und vertraulichen
Einhelligkeit mit ihm zu gelangen, machte ihn eifrig.

Genau mein Gedanke! sagte er, indem er sich wandte, um den Gang durch
die Sle wieder aufzunehmen. Exzellenz nehmen mir die Frage vom Munde.
Was mag fr diese 'Belehnung' bezahlt worden sein? Was fr die brige
Farbenpracht hier an den Wnden? Denn _in summa_ hat die Restauration
der Burg vor sechs Jahren eine Million gekostet.

Schlecht gerechnet.

Rund und nett! Und diese _summa_ geprft und genehmigt vom
Oberhofmarschall von Bhl zu Bhl, der sich dort hinten seiner
angenehmen Katalepsie berlt, geprft, genehmigt und ausgekehrt vom
Hoffinanzdirektor Grafen Trmmerhauff...

Ausgekehrt oder schuldig geblieben.

Eins von beiden!... Diese _summa_, sage ich, auferlegt und zugemutet
einer Kasse, einer Kasse...

Mit einem Worte: der Kasse der groherzoglichen Vermgensverwaltung.

Exzellenz wissen so gut wie ich, was Sie damit sagen. Nein, mir wird
kalt ... ich beschwre, da ich weder ein Knicker noch ein Hypochonder
bin, aber mir wird kalt in der Herzgrube bei der Vorstellung, da man im
Angesicht der waltenden Verhltnisse gelassenen Sinnes eine Million
hinwirft -- wofr? fr ein Nichts, eine hbsche Grille, fr die
glnzende Instandsetzung des Stammschlosses, auf dem geboren werden
muߠ...

Herr von Knobelsdorff lachte: Ja, mein Gott, die Romantik ist ein
Luxus, ein kostspieliger! Exzellenz, ich bin Ihrer Meinung --
selbstverstndlich. Aber bedenken Sie, da zuletzt der ganze Mistand
frstlicher Wirtschaft in diesem romantischen Luxus seinen Grund hat.
Das bel fngt an damit, da die Frsten Bauern sind; ihre Vermgen
bestehen aus Grund und Boden, ihre Einknfte aus landwirtschaftlichen
Ertrgnissen. Heutzutage ... Sie haben sich bis zum heutigen Tage noch
nicht entschlieen knnen, Industrielle und Finanzleute zu werden. Sie
lassen sich mit bedauerlicher Hartnckigkeit von gewissen obsoleten und
ideologischen Grundbegriffen leiten, wie zum Beispiel den Begriffen der
Treue und Wrde. Der frstliche Besitz ist durch Treue --
fideikommissarisch -- gebunden. Vorteilhafte Veruerungen sind
ausgeschlossen. Hypothekarische Verpfndung, Kreditbeschaffung zum
Zwecke wirtschaftlicher Verbesserungen scheint ihnen unzulssig. Die
Administration ist in der freien Ausnutzung geschftlicher Konjunkturen
streng gehindert -- durch Wrde. Verzeihung, nicht wahr! Ich sage Ihnen
Fibelwahrheiten. Wer so sehr wie diese Menschenart auf gute Haltung
sieht, kann und will mit der Freizgigkeit und ungehemmten Initiative
minder eigensinniger und ideell verpflichteter Geschftsleute natrlich
nicht Schritt halten. Nun denn, was will gegenber diesem negativen
Luxus die positive Million bedeuten, die man einer hbschen Grille
wegen, um Eurer Exzellenz Ausdruck zu wiederholen, geopfert hat? Wenn es
mit dieser einen sein Bewenden htte! Aber da haben wir die regelmige
Kostenlast einer leidlich wrdigen Hofhaltung. Da sind die Schlsser und
ihre Parks zu unterhalten, Hollerbrunn, Monbrillant, Jgerpreis, nicht
wahr ... Eremitage, Delphinenort, Fasanerie und die anderen ... ich
vergesse Schlo Segenhaus und die Ruine Haderstein ... vom Alten
Schlosse zu schweigen ... Sie werden schlecht unterhalten, aber es ist
ein Posten ... Da ist das Hoftheater, die Galerie, die Bibliothek zu
untersttzen. Da sind hundert Ruhegehlter zu zahlen -- auch ohne
Rechtspflicht, aus Treue und Wrde. Und auf welch frstliche Art der
Groherzog bei der letzten berschwemmung eingesprungen ist ... Aber das
ist eine Rede, die ich da halte!

Eine Rede, sagte der Finanzminister, mit der Eure Exzellenz mir zu
opponieren gedachten, whrend Sie mich damit untersttzen. -- Teuerster
Baron -- und hierbei legte Herr von Schrder die Hand aufs Herz--,
ich gebe mich der Sicherheit hin, da ber meine Gesinnung, meine
loyale Gesinnung zwischen Ihnen und mir jedes Miverstndnis
ausgeschlossen ist. Der Knig kann nicht unrecht tun ... Die hchste
Person ist ber jeden Vorwurf erhaben. Aber eine Schuld ... ach, ein
doppelsinniges Wort!... eine Schuld ist vorhanden, und ich wlze sie
ohne Zgern auf den Grafen Trmmerhauff. Da die frheren Inhaber seines
Postens ihre Souverne ber die materielle Lage des Hofes
hinwegtuschten, lag im Geiste der Zeiten und war verzeihlich. Das
Verhalten des Grafen Trmmerhauff ist es nicht mehr. Ihm, in seiner
Eigenschaft als Hoffinanzdirektor, htte es obgelegen, der herrschenden
... Sorglosigkeit Einhalt zu tun, ihm wrde es heute noch obliegen,
Seine Knigliche Hoheit rckhaltlos zu belehren...

Herr von Knobelsdorff lchelte mit emporgezogenen Brauen.

Wirklich? sagte er. Es ist also Eurer Exzellenz Anschauung, da die
Ernennung des Grafen zu diesem Ende erfolgt ist? Und ich, ich male mir
das berechtigte Erstaunen dieses Edelmannes aus, wenn Sie ihm Ihre
Auffassung der Dinge darlegten. Nein, nein ... Exzellenz drfen sich
nicht darber tuschen, da diese Ernennung eine ganz gemessene
Willensuerung Seiner Kniglichen Hoheit in sich schlo, die der
Ernannte als Erster zu achten hatte. Sie bedeutete nicht nur ein
Ich-wei-nichts, sondern auch ein Ich-will-nichts-wissen. Man kann eine
ausschlielich dekorative Persnlichkeit und dennoch befhigt sein, dies
zu begreifen ... Im brigen ... aufrichtig ... wir alle haben es
begriffen. Und fr uns alle gilt zuletzt nur ein mildernder Umstand:
dieser, da in der Welt kein Frst lebt, zu dem von seinen Schulden zu
sprechen eine fatalere Sache wre als zu Seiner Kniglichen Hoheit.
Unser Herr hat in seinem Wesen ein Etwas, das einem solche Mesquinerien
auf der Lippe ersterben lt...

Sehr wahr. Sehr wahr, sagte Herr von Schrder. Er seufzte und
streichelte gedankenvoll den Schwanbesatz seines Hutes. Die beiden
Herren saen, einander halb zugewandt, an erhhtem Ort, einem
Fensterplatz in gerumiger Nische, an welcher drauen ein schmaler
Steingang vorbeilief, eine Art Galerie, die durch spitze Bogen den Blick
auf das Stdtchen freigab. Herr von Schrder sagte wieder:

Sie antworten mir, Baron, Sie scheinen mir zu widersprechen, und Ihre
Worte sind im Inneren unglubiger und bitterer als die meinen.

Herr von Knobelsdorff schwieg mit einer vagen und anheimgebenden Geste.

Es mag sein, sagte der Finanzminister und nickte trbe auf seinen Hut
hinunter. Exzellenz mgen recht haben. Vielleicht sind wir alle
schuldig, wir und unsere Vorgnger. Was htte nicht alles verhindert
werden mssen! Sehen Sie, Baron, einmal, es ist zehn Jahre her, bot sich
eine Gelegenheit, die Finanzen des Hofes zu sanieren, zu bessern auch
nur, wenn Sie wollen. Sie ist versumt worden. Wir verstehen einander.
Der Groherzog hatte es damals, bestrickender Mann, der er ist, in der
Hand, die Verhltnisse durch eine Heirat, die von einem gesunden
Standpunkt htte glnzend genannt werden knnen, zu rangieren. Statt
dessen ... meine persnlichen Empfindungen beiseite ... aber ich
vergesse niemals die Jammermiene, mit der man im ganzen Lande die Ziffer
der Mitgift nannte...

Die Groherzogin, sagte Herr von Knobelsdorff, und die Fltchen an
seinen Augenwinkeln verschwanden fast ganz, ist eine der schnsten
Frauen, die ich je gesehen habe.

Eine Erwiderung, die Eurer Exzellenz zu Gesichte steht. Eine
sthetische Erwiderung. Eine Erwiderung, die Stich halten wrde, auch
wenn die Wahl Seiner Kniglichen Hoheit, wie die seines Bruders Lambert
auf ein Mitglied des Hofballetts gefallen wre...

Oh, da bestand keine Gefahr. Der Geschmack des Herrn ist schwer zu
befriedigen, er hat es gezeigt. Seine Bedrfnisse haben immer das
Gegenstck zu jenem Mangel an Wahl gebildet, den Prinz Lambert zeit
seines Lebens an den Tag gelegt hat. Er hat sich spt zur Ehe
entschlossen. Man hatte die Hoffnung auf direkte Nachkommenschaft
nachgerade aufgegeben. Man bequemte sich wohl oder bel, in dem Prinzen
Lambert, ber dessen ... Indisponiertheit wir einig sein werden, den
Thronerben zu sehen. Da, wenige Wochen nach seiner Thronbesteigung lernt
Johann Albrecht die Prinzessin Dorothea kennen, er ruft aus: Diese oder
keine! und das Groherzogtum hat eine Landesmutter. Exzellenz erwhnten
der bedenklichen Mienen, die entstanden, als die Ziffer der Mitgift
bekannt wurde -- Sie erwhnten nicht des Jubels, der gleichwohl
herrschte. Eine arme Prinzessin, allerdings. Aber ist die Schnheit,
solche Schnheit, eine beglckende Macht nicht? Unvergelich ihr Einzug!
Sie war geliebt, als ihr erstes Lcheln ber das schauende Volk hinflog.
Exzellenz mssen mir gestatten, mich wieder einmal zu dem Glauben an den
Idealismus des Volkes zu bekennen. Das Volk will sein Bestes, sein
Hheres, seinen Traum, will irgend etwas wie seine Seele in seinen
Frsten dargestellt sehen -- nicht seinen Geldbeutel. Den zu
reprsentieren sind andere Leute da...

Sie sind nicht da. Bei uns nicht da.

Ein bedauerliches Faktum fr sich. Die Hauptsache: Dorothea hat uns
einen Thronfolger beschert...

In dem der Himmel einigen Zahlensinn entwickeln mge!

Einverstanden...

Hier endete das Gesprch der beiden Minister. Es brach ab, es wurde
unterbrochen, und zwar dadurch, da Flgeladjutant von Lichterloh die
glcklich vollzogene Entbindung meldete. Eine Bewegung entstand im
kleinen Bankettsaal, und alle Herren fanden sich pltzlich dort
zusammen. Die eine der groen geschnitzten Tren war lebhaft geffnet
worden, und der Adjutant stand im Saale. Er hatte ein gertetes Gesicht,
blaue Soldatenaugen, einen flchsernen gestrubten Schnurrbart und
silberne Gardetressen an seinem Kragen. Bewegt und ein wenig auer sich,
wie ein Mann, der von tdlicher Langeweile erlst und einer freudigen
Nachricht voll ist, setzte er sich im Gefhl des auerordentlichen
Augenblicks keck ber Form und Vorschrift hinweg. Er salutierte lustig,
indem er mit gespreiztem Ellenbogen den Griff seines Sbels beinahe zur
Brusthhe hinaufzog, und rief mit bermtigem Schnarren: Melde
gehorsamst: Ein Prinz!

_A la bonne heure_, sagte Generaladjutant Graf Schmettern.

Erfreulich, sehr erfreulich, das nenne ich hchst erfreulich! sagte
Oberhofmarschall von Bhl zu Bhl in seiner plappernden Art; er war
sofort ins Bewutsein zurckgekehrt.

Oberkirchenratsprsident D. Wislizenus, ein glattgesichtiger Herr von
schner Turnre, der als Sohn eines Generals und dank seiner
persnlichen Distinktion in verhltnismig jungen Jahren zu seiner
hohen Wrde gelangt war, und auf dessen seidigem schwarzen Rock sich ein
Ordensstern wlbte, faltete seine weien Hnde unterhalb der Brust und
sagte mit wohllautender Stimme: Gott segne Seine Groherzogliche
Hoheit!

Sie vergessen, Herr Hauptmann, sagte Herr von Knobelsdorff lchelnd,
da Sie mit Ihren Konstatierungen in meine Rechte und Pflichten
eingreifen. Bevor ich nicht ber die Sachlage grndlichste Erhebungen
angestellt, bleibt die Frage, ob Prinz oder Prinzessin, durchaus
unentschieden...

Man lachte hierber, und Herr von Lichterloh antwortete: Zu Befehl,
Exzellenz! Ich habe denn auch die Ehre, Euere Exzellenz in hchstem
Auftrage zu ersuchen ...

Diese Wechselrede bezog sich auf des Staatsministers Eigenschaft als
Standesbeamter des groherzoglichen Hauses, in welcher Eigenschaft er
berufen und gehalten war, das Geschlecht des frstlichen Kindes nach
eigenem Augenschein festzustellen und amtlich aufzunehmen. Herr von
Knobelsdorff erledigte diese Formalitt in dem sogenannten
Frisierkabinett, wo das Neugeborene gebadet worden war, verweilte sich
aber lnger dort, als er selbst erwartet hatte, nachtrglich stutzig
gemacht und angehalten durch eine peinliche Beobachtung, ber die er
zunchst gegen jedermann, ausgenommen gegen die Hebamme, Stillschweigen
bewahrte.

Die Doktorin Gnadebusch enthllte ihm das Kind, und ihre hinter den
dicken Brillenglsern geheimnisvoll glnzenden Augen gingen zwischen dem
Staatsminister und dem kleinen kupferfarbenen und mit einem -- nur einem
-- Hndchen blindlings greifenden Wesen hin und her, als wollte sie
fragen: Stimmt es? -- Es stimmte, Herr von Knobelsdorff war
befriedigt, und die weise Frau hllte das Kind wieder ein. Aber auch
dann noch lie sie nicht ab, auf den Prinzen nieder und zu dem Baron
emporzublicken, bis sie seine Augen dorthin gelenkt hatte, wo sie sie
haben wollte. Die Fltchen an seinen Augenwinkeln verschwanden, er zog
die Brauen zusammen, prfte, verglich, betastete, untersuchte den Fall
zwei, drei Minuten lang und fragte schlielich: Hat der Groherzog das
schon gesehen?

Nein, Exzellenz.

Wenn der Groherzog das sieht, sprach Herr von Knobelsdorff, so sagen
Sie ihm, da es sich auswchst.

Und den Herren im Hoch-Erdgescho berichtete er: Ein krftiger Prinz!

Aber zehn oder fnfzehn Minuten nach ihm machte auch der Groherzog die
miliche Entdeckung -- das war unvermeidlich und hatte fr Generalarzt
Eschrich eine kurze, auerordentlich unangenehme Szene zur Folge, fr
den Grimmburger Doktor Sammet aber eine Unterredung mit dem Groherzog,
die ihn sehr in dessen Achtung steigen lie und ihm in seiner spteren
Laufbahn von Nutzen war. Kurz zusammengefat, ging dies alles vor sich
wie folgt.

Whrend der Nachgeburt hatte Johann Albrecht sich wieder in der
Bibliothek aufgehalten und sich dann einige Zeit, Hand in Hand mit
seiner Gemahlin, am Wochenbette verweilt. Hierauf begab er sich in das
Frisierkabinett, wo der Sugling nun in seinem hohen, zierlich
vergoldeten und halb von einer blauseidenen Gardine umhllten Bettchen
lag, und lie sich in einem rasch herzugezogenen Armstuhl zur Seite
seines kleinen Sohnes nieder. Aber whrend er sa und das schlummernde
Kind betrachtete, geschah es, da er wahrnahm, was man ihm gern noch
verhehlt htte. Er zog die Decke weiter zurck, verfinsterte sich und
tat dann alles, was vor ihm Herr von Knobelsdorff getan hatte, sah
nacheinander die Doktorin Gnadebusch und die Wrterin an, die
verstummten, warf einen Blick auf die angelehnte Tr zur Kemenate und
kehrte erregten Schrittes in die Bibliothek zurck.

Hier lie er sofort die silberne, mit einem Adler geschmckte
Druckglocke ertnen, die auf dem Schreibtisch stand, und sagte zu Herrn
von Lichterloh, der klirrend eintrat, sehr kurz und kalt: Ich ersuche
Herrn Eschrich.

Wenn der Groherzog auf eine Person seiner Umgebung zornig war, so
pflegte er den Betreffenden fr den Augenblick all seiner Titel und
Wrden zu entkleiden und ihm nichts als seinen nackten Namen zu lassen.

Der Flgeladjutant klirrte aufs neue mit seinen Sporen und zog sich
zurck. Johann Albrecht schritt ein paarmal heftig knarrend durch das
Gemach und nahm dann, als er hrte, da Herr von Lichterloh den
Befohlenen in das Vorzimmer einfhrte, am Schreibtisch Audienzhaltung
an.

Wie er dastand, den Kopf herrisch ins Halbprofil gewandt, die Linke, die
den mit Atlas ausgeschlagenen Gehrock von der weien Weste hinwegraffte,
fest in die Hfte gestemmt, glich er genau seinem Portrt von der Hand
des Professors von Lindemann, welches, als Gegenstck zu dem Dorotheas,
im Residenzschlo im Saal der zwlf Monate zur Seite des groen
Spiegels ber dem Kamine hing und von dem zahllose Nachbildungen,
Photographien und illustrierte Postkarten im Publikum verbreitet waren.
Der Unterschied war nur der, da Johann Albrecht auf jenem Bildnis von
heldischer Figur erschien, whrend er in Wirklichkeit kaum mittelgro
war. Seine Stirne war hoch vor Kahlheit, und unter ergrauten Brauen
blickten seine blauen Augen, matt umschattet, mit einem mden Hochmut
ins Weite. Er hatte die breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Wangenknochen, die ein Merkmal seines Volkes waren. Sein Backenbart und
das Brtchen an der Unterlippe waren grau, der gedrehte Schnurrbart
beinahe schon wei. Von den geblhten Flgeln seiner gedrungenen, aber
vornehm gebogenen Nase liefen zwei ungewhnlich tief schrfende Furchen
schrg in den Bart hinab. In dem Ausschnitt seiner Pikeeweste leuchtete
das zitronengelbe Band des Hausordens zur Bestndigkeit. Im Knopfloch
trug der Groherzog ein Nelkenstruchen.

Generalarzt Eschrich war mit tiefer Verbeugung eingetreten. Er hatte
sein Operationsgewand abgelegt. Sein gelhmtes Augenlid hing schwerer
als sonst ber den Augapfel hinab. Er machte einen finsteren und
unseligen Eindruck.

Der Groherzog, die Linke in der Hfte, warf den Kopf zurck, streckte
die Rechte aus und bewegte sie, die Handflche nach oben, mehrmals kurz
und ungeduldig in der Luft hin und her.

Ich erwarte eine Erklrung, eine Rechtfertigung, Herr Generalarzt,
sagte er mit vor Gereiztheit schwankender Stimme. Sie werden die Gte
haben, mir Rede zu stehen. Was ist das mit dem Arm des Kindes?

Der Leibarzt hob ein wenig die Arme -- eine schwache Geste der Ohnmacht
und der Schuldlosigkeit. Er sagte:

Geruhen Knigliche Hoheit ... Ein unglcklicher Zufall. Ungnstige
Umstnde whrend der Schwangerschaft Ihrer Kniglichen Hoheit...

Das sind Phrasen! Der Groherzog war so erregt, da er eine
Rechtfertigung nicht einmal wnschte, sie geradezu verhinderte. Ich
bemerke Ihnen, mein Herr, da ich auer mir bin. Unglcklicher Zufall!
Sie hatten unglckliche Zuflle hintanzuhalten...

Der Generalarzt stand in halber Verneigung da und sprach mit unterwrfig
gesenkter Stimme auf den Fuboden hinab.

Ich bitte gehorsamst, erinnern zu drfen, da ich zum wenigsten nicht
allein die Verantwortung trage. Geheimrat Grasanger hat Ihre Knigliche
Hoheit untersucht -- eine gynkologische Autoritt ... Aber niemanden
kann in diesem Falle Verantwortung treffen...

Niemanden ... Ah! Ich erlaube mir, Sie verantwortlich zu machen ... Sie
stehen mir ein ... Sie haben die Schwangerschaft berwacht, die
Entbindung geleitet. Ich habe auf die Kenntnisse gebaut, die Ihrem Range
entsprechen, Herr Generalarzt, ich habe in Ihre Erfahrung Vertrauen
gesetzt. Ich bin schwer getuscht, schwer enttuscht. Der Erfolg Ihrer
Gewissenhaftigkeit besteht darin, da ein ... krppelhaftes Kind ins
Leben tritt...

Wollen Knigliche Hoheit allergndigst erwgen...

Ich habe erwogen. Ich habe gewogen und zu leicht befunden. Ich danke!

Generalarzt Eschrich entfernte sich rckwrts, in gebeugter Haltung. Im
Vorzimmer zuckte er die Achseln, sehr rot im Gesicht. Der Groherzog
schritt wieder in der Bibliothek auf und ab, knarrend in seinem
frstlichen Zorn, unbillig, unbelehrt und tricht in seiner Einsamkeit.
Sei es aber, da er den Leibarzt noch weiter zu krnken wnschte oder
da er es bereute, sich selbst um jede Aufklrung gebracht zu haben --
nach zehn Minuten trat das Unerwartete ein, da der Groherzog durch
Herrn von Lichterloh den jungen Doktor Sammet zu sich in die
Bibliothek befehlen lie.

Der Doktor, als er die Nachricht empfing, sagte wieder: Ganz gern ...
ganz gern... und verfrbte sich sogar ein wenig, benahm sich dann aber
ausgezeichnet. Zwar beherrschte er die Form nicht vllig und verbeugte
sich zu frh, schon in der Tr, so da der Adjutant diese nicht hinter
ihm schlieen konnte und ihm die Bitte zuraunen mute, weiter
vorzutreten; dann aber stand er frei und angenehm da und antwortete
befriedigend, obgleich er die Gewohnheit zeigte, beim Sprechen ein wenig
schwer, mit zgernden Vorlauten anzusetzen und hufig, wie zu schlichter
Bekrftigung, ein Ja zwischen seinen Stzen einzuschalten. Er trug
sein dunkelblondes Haar brstenartig beschnitten und den Schnurrbart
sorglos hngend. Kinn und Wangen waren sauber rasiert und ein wenig wund
davon. Er hielt den Kopf leicht seitwrts geneigt, und der Blick seiner
grauen Augen sprach von Klugheit und ttiger Sanftmut. Seine Nase, zu
flach auf den Schnurrbart abfallend, deutete auf seine Herkunft hin. Er
hatte zum Frack eine schwarze Halsbinde angelegt, und seine gewichsten
Stiefel waren von lndlichem Zuschnitt. Eine Hand an seiner silbernen
Uhrkette, hielt er den Ellenbogen dicht am Oberkrper. Redlichkeit und
Sachlichkeit waren in seiner Erscheinung ausgedrckt; sie erweckte
Vertrauen.

Der Groherzog redete ihn ungewhnlich gndig an, ein wenig in der Art
eines Lehrers, der einen schlechten Schler gescholten hat und sich in
pltzlicher Milde zu einem anderen wendet.

Herr Doktor, ich habe Sie bitten lassen ... Ich wnsche Auskunft von
Ihnen in betreff dieser Erscheinung an dem Krper des neugeborenen
Prinzen ... Ich nehme an, da sie Ihnen nicht entgangen ist ... Ich
stehe vor einem Rtsel ... einem uerst schmerzlichen Rtsel ... Mit
einem Wort, ich bitte um Ihre Ansicht. Und der Groherzog, die Stellung
wechselnd, endete mit einer vollkommen schnen Handbewegung, die dem
Doktor das Wort lie.

Doktor Sammet sah ihm still und aufmerksam zu, wartete gleichsam ab, bis
der Groherzog mit seinem ganzen frstlichen Benehmen fertig war. Dann
sagte er: Ja. -- Es handelt sich also um einen Fall, der zwar nicht
allzuhufig eintritt, der uns aber doch wohlbekannt und vertraut ist.
Ja. Es ist im wesentlichen ein Fall von Atrophie.

Ich mu bitten ... 'Atrophie'...

Verzeihung, Knigliche Hoheit. Ich meine von Verkmmerung. Ja.

Sehr richtig. Verkmmerung. Das trifft zu. Die linke Hand ist
verkmmert. Aber das ist unerhrt! Ich begreife das nicht! Niemals ist
dergleichen in meiner Familie vorgekommen. Man spricht neuerdings von
Vererbung...

Wieder betrachtete der Doktor still und aufmerksam diesen entrckten und
gebietenden Herrn, zu dem ganz krzlich die Kunde gedrungen war, da man
neuerdings von Vererbung spreche. Er antwortete einfach: Verzeihung,
Knigliche Hoheit; aber von Vererbung kann in dem vorliegenden Fall auch
gar nicht die Rede sein.

Ach! Wirklich nicht! sagte der Groherzog ein wenig spttisch. Ich
empfinde das als Genugtuung. Aber wollen Sie mir freundlichst sagen,
wovon denn eigentlich die Rede sein kann.

Ganz gern, Knigliche Hoheit. Die Mibildung hat eine rein mechanische
Ursache, ja. Sie ist bewirkt worden durch eine mechanische Hemmung
whrend der Entwicklung des Fruchtkeimes. Solche Mibildungen nennen wir
Hemmungsbildungen, ja.

Der Groherzog horchte mit einem ngstlichen Ekel; er frchtete
sichtlich die Wirkung jedes neuen Wortes auf seine Empfindlichkeit. Er
hielt die Brauen zusammengezogen und den Mund geffnet; seine beiden in
den Bart verlaufenden Furchen schienen noch tiefer dadurch. Er sagte:
Hemmungsbildungen ... Aber wie in aller Welt ... ich kann nicht
zweifeln, da jede Sorgfalt angewandt worden ist...

Hemmungsbildungen, antwortete Doktor Sammet, knnen auf verschiedene
Weise entstehen. Aber man kann mit ziemlicher Gewiheit sagen, da in
unserem Falle ... in diesem Falle das Amnion die Schuld trgt.

Ich mu bitten ... 'Das Amnion'...

Das ist eine der Eihute, Knigliche Hoheit. Ja. Und unter gewissen
Umstnden kann sich die Abhebung dieser Eihaut vom Embryo verzgern und
so schwerfllig vor sich gehen, da sich Fden und Strnge zwischen
beiden ausziehen ... amniotische Fden, wie wir sie nennen, ja. Diese
Fden knnen gefhrlich werden, denn sie knnen ganze Gliedmaen des
Kindes umschlingen und umschnren, knnen zum Beispiel einer Hand vllig
die Lebenswege unterbinden und sie allenfalls amputieren, ja.

Mein Gott ... amputieren. Man mu also noch dankbar sein, da es nicht
zu einer Amputation der Hand gekommen ist?

Das htte geschehen knnen. Ja. Aber es hat mit einer Abschnrung und
infolge davon mit einer Atrophie sein Bewenden gehabt.

Und das war nicht zu erkennen, nicht vorauszusehen, nicht zu
verhindern?

Nein, Knigliche Hoheit. Durchaus nicht. Es steht ganz fest, da
niemanden irgendwelches Verschulden trifft. Solche Hemmungen tun im
Verborgenen ihr Werk. Wir sind ohnmchtig ihnen gegenber. Ja.

Und die Mibildung ist unheilbar? Die Hand wird verkmmert bleiben?

Doktor Sammet zgerte, er sah den Groherzog gtig an.

Ein vlliger Ausgleich wird sich nicht herstellen, das nicht, sagte er
behutsam. Aber auch die verkmmerte Hand wird sich doch verhltnismig
ein wenig entwickeln, o ja, das immerhin...

Wird sie brauchbar sein? Gebrauchsfhig? Beispielsweise ... zum Halten
des Zgels oder zu Handbewegungen, wie man sie macht...

Brauchbar ... ein wenig ... Vielleicht nicht sehr. Auch ist ja die
rechte Hand da, die ganz gesund ist.

Wird es sehr sichtbar sein? fragte der Groherzog und forschte
sorgenvoll in Doktor Sammets Gesicht ... Sehr auffllig? Wird es die
Gesamterscheinung sehr beeintrchtigen, meinen Sie?

Viele Leute, antwortete Doktor Sammet ausweichend, leben und wirken
unter schwereren Beeintrchtigungen. Ja.

Der Groherzog wandte sich ab und tat einen Gang durch das Gemach.
Doktor Sammet machte ihm ehrerbietig Platz dazu, indem er sich bis zur
Tr zurckzog. Schlielich nahm der Groherzog wieder am Schreibtisch
Stellung und sagte:

Ich bin nun unterrichtet, Herr Doktor; ich danke fr Ihren Vortrag. Sie
verstehen Ihre Sache, das ist keine Frage. Warum leben Sie in Grimmburg?
Warum praktizieren Sie nicht in der Residenz?

Ich bin noch jung, Knigliche Hoheit, und bevor ich mich in der
Hauptstadt einer Spezialpraxis widme, mchte ich mich einige Jahre lang
recht vielseitig beschftigen, auf alle Weise ben und umtun. Dazu
bietet ein Landstdtchen wie Grimmburg die beste Gelegenheit. Ja.

Sehr ernst, sehr respektabel. Welchem Spezialgebiet denken Sie sich
spter zuzuwenden?

Den Kinderkrankheiten, Knigliche Hoheit. Ich beabsichtige, Kinderarzt
zu werden. Ja.

Sie sind Jude? fragte der Groherzog, indem er den Kopf zurckwarf und
die Augen zusammenkniff...

Ja, Knigliche Hoheit.

Ah. -- Wollen Sie mir noch die Frage beantworten ... Haben Sie Ihre
Herkunft je als ein Hindernis auf Ihrem Wege, als Nachteil im
beruflichen Wettstreit empfunden? Ich frage als Landesherr, dem die
bedingungslose und private, nicht nur amtliche Geltung des parittischen
Prinzips besonders am Herzen liegt.

Jedermann im Groherzogtum, antwortete Doktor Sammet, hat das Recht
zu arbeiten. Aber dann sagte er noch mehr, setzte beschwerlich an, lie
ein paar zgernde Vorlaute vernehmen, indem er auf eine
linkisch-leidenschaftliche Art seinen Ellenbogen wie einen kurzen Flgel
bewegte, und fgte mit gedmpfter, aber innerlich eifriger und
bedrngter Stimme hinzu: Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir
diese Bemerkung erlauben darf, wird je verhindern knnen, da sich
inmitten des gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die
in einem erhabenen oder anrchigen Sinne vor der brgerlichen Norm
ausgezeichnet sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner
Sonderstellung zu fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu
sehen und jedenfalls eine auerordentliche Verpflichtung daraus
abzuleiten. Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl
nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr
als sie zu ungewhnlichen Leistungen hat. Ja. Ja, wiederholte Doktor
Sammet. Es war die Antwort, die er mit zweimaligem Ja bekrftigte.

Gut ... nicht bel, sehr bemerkenswert wenigstens, sagte der
Groherzog abwgend. Etwas Vertrautes, aber auch etwas wie eine
Ausschreitung schien ihm in Doktor Sammets Worten zu liegen. Er
verabschiedete den jungen Mann mit den Worten: Lieber Doktor, meine
Zeit ist gemessen. Ich danke Ihnen. Diese Unterredung -- von ihrer
peinlichen Veranlassung abgesehen -- hat mich sehr befriedigt. Ich mache
mir das Vergngen, Ihnen das Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone
zu verleihen. Ich werde mich Ihrer erinnern. Ich danke.

Dies war das Gesprch des Grimmburger Arztes mit dem Groherzog. Ganz
kurz darauf verlie Johann Albrecht die Burg und kehrte mit Extrazug in
die Residenz zurck, hauptschlich um sich der festlich bewegten
Bevlkerung zu zeigen, dann aber auch, um im Stadtschlo mehrere
Audienzen zu erteilen. Es stand fest, da er abends auf die Stammburg
zurckkehren und fr die nchsten Wochen dort Wohnung nehmen wrde.

Alle Herren, welche sich zu der Entbindung auf Grimmburg eingefunden
hatten und nicht zum Hofstaat der Groherzogin gehrten, wurden
ebenfalls von dem Extrazuge der unrentablen Lokalbahn aufgenommen und
fuhren zum Teil in unmittelbarer Gesellschaft des Monarchen. Aber den
Weg von der Burg zur Station legte der Groherzog allein mit dem
Staatsminister von Knobelsdorff im offenen Landauer zurck, einem der
braun lackierten Hofwagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage. Die
weien Federn auf dem Hute des Leibjgers vorn flatterten im
Sommerwinde. Johann Albrecht war ernst und stumm auf dieser Fahrt,
zeigte sich bedrckt und grmlich; und obgleich Herr von Knobelsdorff
wute, da der Groherzog es auch im intimen Verkehr schlecht ertrug,
da man ungefragt und ohne Aufforderung das Wort an ihn richte, so
unternahm er es endlich doch, das Schweigen zu brechen.

Knigliche Hoheit, sagte er bittend, scheinen sich die kleine
Anomalie, die man am Krper des Prinzen ausfindig gemacht hat, so sehr
zu Herzen zu nehmen ... Dennoch sollte man glauben, da an diesem Tage
die Beweggrnde zur Freude und stolzen Dankbarkeit so sehr
berwiegen...

Ach, lieber Knobelsdorff, antwortete Johann Albrecht gereizt und
beinahe weinerlich, Sie werden mir meine Verstimmung nachsehen, Sie
werden nicht geradezu verlangen, da ich trllere. Ich sehe keinerlei
Veranlassung dazu. Die Groherzogin befindet sich wohl -- nun gewi. Und
das Kind ist ein Knabe -- nochmals gut. Aber da kommt es nun mit einer
Atrophie zur Welt, einer Hemmungsbildung, veranlat durch amniotische
Fden. Niemand hat schuld daran, es ist ein Unglck. Aber die
Unglcksflle, an denen niemand schuld ist, das sind die eigentlich
schrecklichen Unglcksflle, und der Anblick des Frsten soll seinem
Volke andere Empfindungen erwecken als Mitleid. Der Erbgroherzog ist
zart, man mu bestndig fr ihn frchten. Es war ein Wunder, da er vor
zwei Jahren die Rippenfellentzndung berstand, und es wird nicht viel
weniger als ein Wunder sein, wenn er zu Jahren gelangt. Nun schenkt mir
der Himmel einen zweiten Sohn -- er scheint krftig, aber er kommt mit
einer Hand zur Welt. Die andere ist verkmmert, unbrauchbar, eine
Mibildung, er mu sie verstecken. Welche Erschwerung! Welch Hindernis!
Er mu es bestndig vor der Welt bravieren. Man wird es allmhlich
bekanntmachen mssen, damit es bei seinem ersten ffentlichen
Hervortreten nicht allzu anstig wirkt. Nein, ich komme noch nicht
hinweg darber. Ein Prinz mit einer Hand...

Mit einer Hand, sagte Herr von Knobelsdorff. Sollten Knigliche
Hoheit diese Wendung mit Absicht wiederholen?

Mit Absicht?

Also nicht?... Denn der Prinz hat ja zwei Hnde, nur da die eine
verkmmert ist und da man, wenn man will, also sagen kann, es sei ein
Prinz mit einer Hand.

Nun also?

Und da man also fast wnschen mte, nicht Eurer Kniglichen Hoheit
zweiter Sohn, sondern der unter der Krone geborene mchte der Trger
dieser kleinen Migestaltung sein.

Was sagen Sie da?

Nun, Knigliche Hoheit werden mich auslachen; aber ich denke an die
Zigeunerin.

Die Zigeunerin? Ich bin geduldig, lieber Baron!

An die Zigeunerin -- Verzeihung! -- die das Erscheinen eines Frsten
aus Eurer Kniglichen Hoheit Haus -- eines Frsten 'mit einer Hand' --
das ist die berlieferte Wendung -- vor hundert Jahren geweissagt und an
das Erscheinen dieses Frsten eine gewisse, sonderbar formulierte
Verheiung geknpft hat.

Der Groherzog wandte sich im Fond und blickte stumm in Herrn von
Knobelsdorffs Augen, an deren ueren Winkeln die strahlenfrmigen
Fltchen spielten.

Sehr unterhaltend! sagte er dann und setzte sich wieder zurecht.

Prophezeiungen, fuhr Herr von Knobelsdorff fort, pflegen sich in der
Weise zu erfllen, da Umstnde eintreten, die man, einigen guten Willen
vorausgesetzt, in ihrem Sinne deuten kann. Und gerade durch die
grozgige Fassung jeder rechten Weissagung wird das sehr erleichtert.
'Mit einer Hand' -- das ist guter Orakelstil. Die Wirklichkeit bringt
einen migen Fall von Atrophie. Aber damit, da sie das tut, ist viel
geschehen, denn wer hindert mich, wer hindert das Volk, die Andeutung
fr das Ganze zu nehmen und den bedingenden Teil der Weissagung fr
erfllt zu erklren? Das Volk wird es tun, und zwar sptestens dann,
wenn auch das Weitere, die eigentliche Verheiung, sich irgend
bewahrheiten sollte, es wird reimen und deuten, wie es das immer getan
hat, um erfllt zu sehen, was geschrieben steht. Ich sehe nicht klar --
der Prinz ist zweitgeboren, er wird nicht regieren, die Meinung des
Schicksals ist dunkel. Aber der einhndige Prinz ist da -- und so mge
er uns denn geben, soviel er vermag.

Der Groherzog schwieg, im Innern durchschauert von dynastischen
Trumereien.

Nun, Knobelsdorff, ich will Ihnen nicht bse sein. Sie wollen mich
trsten, und Sie machen Ihre Sache nicht bel. Aber man nimmt uns in
Anspruch...

Die Luft schwang von entferntem, vielstimmigem Hochgeschrei. Grimmburger
Publikum staute sich schwrzlich an der Station hinter dem Kordon.
Amtliche Personen standen in Erwartung der Equipagen einzeln davor. Man
bemerkte den Brgermeister, wie er den Zylinder lftete, sich mit dem
bedruckten Schnupftuch die Stirn trocknete und einen Zettel vor die
Augen fhrte, dessen Inhalt er memorierte. Johann Albrecht nahm die
Miene an, mit der er die schlichte Ansprache entgegennehmen und kurz und
gndig beantworten wrde: Mein lieber Herr Brgermeister... Das
Stdtchen war beflaggt; seine Glocken luteten.

Alle Glocken der Hauptstadt luteten. Und abends war Freudenbeleuchtung
dort, ohne besondere Aufforderung von seiten des Magistrats, aus freien
Stcken -- groe Illumination in allen Bezirken der Stadt.




Das Land


Das Land ma achttausend Quadratkilometer und zhlte eine Million
Einwohner.

Ein schnes, stilles, unhastiges Land. Die Wipfel seiner Wlder
rauschten vertrumt; seine cker dehnten und breiteten sich, treu
bestellt; sein Gewerbewesen war unentwickelt bis zur Drftigkeit.

Es besa Ziegeleien, es besa ein wenig Salz- und Silberbergbau -- das
war fast alles. Man konnte allenfalls noch von einer Fremdenindustrie
reden, aber sie schwunghaft zu nennen, wre khn gewesen. Die
alkalischen Heilquellen, die in unmittelbarer Nhe der Hauptstadt dem
Boden entsprangen und den Mittelpunkt freundlicher Badeanlagen bildeten,
machten die Residenz zum Kurort. Aber whrend das Bad um den Ausgang des
Mittelalters von weither besucht gewesen war, hatte sich spter sein Ruf
verloren, war von den Namen anderer bertnt und in Vergessenheit
gebracht worden. Die gehaltvollste seiner Quellen, Ditlindenquelle
genannt, ungewhnlich reich an Lithiumsalzen, hatte man erst krzlich,
unter der Regierung Johann AlbrechtsIII., erschrft. Und da es an einem
nachdrcklichen und hinlnglich marktschreierischen Betriebe fehlte, war
es noch nicht gelungen, ihr Wasser in der Welt zu Ehren zu bringen. Man
versandte hunderttausend Flaschen davon im Jahr -- eher weniger als
mehr. Und nicht viele Fremde reisten herbei, um es an Ort und Stelle zu
trinken...

Alljhrlich war im Landtage von wenig gnstigen finanziellen
Ergebnissen der Verkehrsanstalten die Rede, womit ein durchaus und
vollstndig ungnstiges Ergebnis bezeichnet und festgestellt werden
sollte, da die Lokalbahnen sich nicht rentierten und die Eisenbahnen
nichts abwarfen -- betrbende, aber unabnderliche und eingewurzelte
Tatsachen, die der Verkehrsminister in lichtvollen, aber immer
wiederkehrenden Ausfhrungen mit den friedlichen kommerziellen und
gewerblichen Verhltnissen des Landes sowie mit der Unzulnglichkeit der
heimischen Kohlenlager erklrte. Krittler fgten dem etwas von
mangelhaft organisierter Verwaltung der staatlichen Verkehrsanstalten
hinzu. Aber Widerspruchsgeist und Verneinung waren nicht stark im
Landtage; eine schwerfllige und treuherzige Loyalitt war unter den
Volksvertretern die vorherrschende Stimmung.

Die Eisenbahnrente stand also unter den Staatseinknften
privatwirtschaftlicher Natur keineswegs an erster Stelle; an erster
Stelle stand in diesem Wald- und Ackerlande seit alters die Forstrente.
Da auch sie gesunken, in einem erschreckenden Mae zurckgegangen war,
das zu rechtfertigen hatte grere Schwierigkeiten, wiewohl nur zu
ausreichende Grnde dafr vorhanden waren.

Das Volk liebte seinen Wald. Es war ein blonder und gedrungener Typ mit
blauen, grbelnden Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden
Backenknochen, ein Menschenschlag, sinnig und bieder, gesund und
rckstndig. Es hing an dem Wald seines Landes mit den Krften seines
Gemtes, er lebte in seinen Liedern, er war den Knstlern, die es
hervorbrachte, Ursprung und Heimat ihrer Eingebungen, und nicht nur im
Hinblick auf Gaben des Geistes und der Seele, die er spendete, war er
fglich der Gegenstand volkstmlicher Dankbarkeit. Die Armen lasen ihr
Brennholz im Walde, er schenkte es ihnen, sie hatten es frei. Sie gingen
gebckt, sie sammelten allerlei Beeren und Pilze zwischen seinen Stmmen
und hatten ein wenig Verdienst davon. Das war nicht alles. Das Volk sah
ein, da sein Wald auf die Witterungsbeschaffenheit und gesundheitlichen
Verhltnisse des Landes vom entscheidendsten gnstigen Einflu war; es
wute wohl, da ohne den prchtigen Wald in der Umgebung der Residenz
der Quellengarten dort drauen sich nie mit zahlenden Fremden fllen
wrde; und kurz, dies nicht sehr betriebsame und fortgeschrittene Volk
htte begreifen mssen, da der Wald den wichtigsten Vorzug, den auf
jede Art ergiebigsten Stammbesitz des Landes bedeutete.

Dennoch hatte man sich am Walde versndigt, gefrevelt daran seit Jahren
und Menschenaltern. Der groherzoglichen Staatsforstverwaltung waren die
schwersten Vorwrfe nicht zu ersparen. Dieser Behrde gebrach es an der
politischen Einsicht, da der Wald als ein unveruerliches Gemeingut
erhalten und bewahrt werden mute, wenn er nicht nur den gegenwrtigen,
sondern auch den kommenden Geschlechtern Nutzen gewhren sollte, und da
es sich rchen mute, wenn man ihn, uneingedenk der Zukunft, zugunsten
der Gegenwart malos und kurzsichtig ausbeutete.

Das war geschehen und geschah noch immer. Erstens hatte man groe
Flchen des Waldbodens in ihrer Fruchtbarkeit erschpft, indem man sie
bestndig in bertriebener und planloser Weise ihres Streudngers
beraubt hatte. Man war darin wiederholt so weit gegangen, da man da und
dort nicht nur die jngst gefallene Nadel- und Laubdecke, sondern den
grten Teil des Abfalls von Jahren teils als Streu, teils als Humus
entfernt und der Landwirtschaft berliefert hatte. Es gab viele Forsten,
die von aller Fruchterde entblt waren; es gab solche, die infolge
Streurechens zu Krppelbestnden entartet waren; und das war bei
Gemeindewaldungen sowohl wie bei Staatswaldungen zu beobachten.

Wenn man diese Nutzungen vorgenommen hatte, um einem augenblicklichen
Notstand der Landwirtschaft abzuhelfen, so waren sie schlecht und recht
zu entschuldigen gewesen. Aber obgleich es nicht an Stimmen fehlte, die
einen auf die Verwendung von Waldstreu gegrndeten Ackerbau fr
unratsam, ja gefhrlich erklrten, so trieb man den Streuhandel auch
ohne besonderen Anla aus rein fiskalischen Grnden, wie man sagte, aus
Grnden also, die bei Lichte betrachtet nur ein Grund und Zweck waren,
der nmlich, Geld zu machen. Denn das Geld war's, woran es fehlte. Aber
um welches zu schaffen, vergriff man sich unablssig am Kapital, bis der
Tag kam, da man mit Schrecken ersah, da eine ungeahnte Entwertung
dieses Kapitals eingetreten sei.

Man war ein Bauernvolk, und in einem verkehrten, knstlichen und
unangemessenen Eifer glaubte man zeitgem zu sein und rcksichtslosen
Geschftsgeist an den Tag legen zu mssen. Ein Merkmal war die
Milchwirtschaft ... es ist hier ein Wort darber zu sagen. Klage ward
laut, zumal in den amtsrztlichen Jahresberichten, da ein Rckgang in
der Ernhrungsweise und also in der Entwicklung der lndlichen
Bevlkerung zu beobachten sei. Wie das? Die Viehbesitzer waren versessen
darauf, alle verfgbare Vollmilch zu Gelde zu machen. Die gewerbliche
Ausbildung der Milchverwertung, die Entwicklung und Ergiebigkeit des
Molkereiwesens verlockte sie, das Bedrfnis des eigenen Haushaltes
hintanzustellen. Die krftige Milchnahrung ward selten auf dem Lande,
und an ihre Stelle trat mehr und mehr der Genu von gehaltarmer
Magermilch, von minderwertigen Ersatzmitteln, Pflanzenfetten und leider
auch von weingeisthaltigen Getrnken. Die Krittler sprachen von einer
Unterernhrung, ja geradezu von einer krperlichen und sittlichen
Entkrftung der Landbevlkerung, sie brachten die Tatsachen vor die
Kammer, und die Regierung versprach, der Sache ernste Aufmerksamkeit
zuzuwenden.

Aber es war allzu klar, da die Regierung im Grund von demselben Geiste
beseelt war wie die irregefhrten Viehbesitzer. Im Staatswalde nahmen
die berhauungen kein Ende, sie waren nicht wieder einzubringen und
bedeuteten eine fortschreitende Minderung des ffentlichen
Besitzstandes. Sie mochten zuweilen ntig gewesen sein, wenn Schdlinge
den Wald heimgesucht hatten, aber oft genug waren sie einzig und allein
aus den angefhrten fiskalischen Grnden verfgt worden, und statt die
aus den Fllungen erzielten Einnahmen zum Ankaufe neuer Forstgrundstcke
zu benutzen, statt auch nur die abgehauenen Flchen so rasch als mglich
wieder aufzuforsten, statt, mit einem Worte, den Schaden, der dem
Staatswalde an seinem Kapitalwert erwachsen war, auch an seinem
Kapitalwerte wieder gutzumachen, hatte man die flssig gemachten Gelder
zur Deckung laufender Ausgaben und zur Einlsung von Schuldverschreibungen
verbraucht. Nun schien gewi, da eine Verringerung der
Staatsschuld nur zu wnschenswert sei; aber die Krittler
meinten, die Zeiten seien nicht danach angetan, da man
auerordentliche Einknfte zur Speisung der Tilgungskasse verwenden
drfe.

Wer kein Interesse daran hatte, die Dinge zu beschnigen, mute die
Staatsfinanzen zerrttet nennen. Das Land trug sechshundert Millionen
Schulden -- es schleppte daran mit Geduld, mit Opfermut, aber
mit innerlichem Seufzen. Denn die Brde, an sich viel zu schwer,
wurde verdreifacht durch eine Hhe des Zinsfues und durch
Rckzahlungsbedingungen, wie sie einem Lande mit erschttertem Kredit
vorgeschrieben werden, dessen Obligationen tief, tief im Kurse stehen und
das in der Welt der Geldgeber beinahe schon unter die interessanten
Lnder gerechnet wird.

Die Reihe der schlechten Finanzperioden war unabsehbar. Die ra der
Fehlbetrge schien ohne Anfang und Ende. Und eine Miwirtschaft, an der
durch hufigen Personenwechsel nichts gebessert wurde, sah im Borgen die
alleinige Heilmethode gegen das schleichende Leiden. Noch Finanzminister
von Schrder, dessen reiner Charakter und edle Absichten nicht in
Zweifel gezogen werden sollen, erhielt vom Groherzog dafr den
persnlichen Adel, da er unter den schwierigsten Umstnden eine neue
hochverzinsliche Anleihe zu placieren gewut hatte. Er war von Herzen
auf eine Hebung des Staatskredits bedacht; aber da er sich nicht anders
zu helfen wute, als indem er neue Schulden machte, whrend er alte
tilgte, so erwies sich sein Verfahren als ein wohlgemeintes, aber
kostspieliges Blendwerk. Denn beim gleichzeitigen Aufkauf und Verkauf
von Schuldscheinen zahlte man einen hheren Preis als man erhielt, und
dabei gingen Millionen verloren.

Es war, als ob dies Volk nicht imstande sei, einen Finanzmann von irgend
zulnglicher Begabung aus seiner Mitte emporzuheben. Anstige Praktiken
und Vertuschungsmittelchen waren zuzeiten im Schwange. In der
Aufstellung des Budgets war der ordentliche vom auerordentlichen
Staatsbedarf nicht mehr klar zu unterscheiden. Man spielte ordentliche
Posten unter die auerordentlichen und tuschte sich selbst und die Welt
ber den wahren Stand der Dinge, indem man Anleihen, die vorgeblich fr
auerordentliche Zwecke gemacht waren, zur Deckung des Defizits im
ordentlichen Etat verwandte ... Eine Zeitlang war tatschlich der
Inhaber des Finanzportefeuilles ein ehemaliger Hofmarschall.

Doktor Krippenreuther, der gegen Ende der Regierung Johann
AlbrechtsIII. ans Ruder kam, war derjenige Minister, welcher, gleich
Herrn von Schrder, von der Notwendigkeit eifriger Schuldentilgung
berzeugt, im Parlament eine letzte und uerste Anspannung des
Steuerdruckes durchsetzte. Aber das Land, steueruntchtig von Natur,
stand an der Grenze seiner Leistungsfhigkeit, und Krippenreuther
erntete lediglich Ha. Was er vornahm, war nichts als eine
Vermgensbertragung von einer Hand in die andere, die sich obendrein
mit Verlust vollzog; denn mit der Steuererhhung lud man der heimischen
Volkswirtschaft eine Last auf, die schwerer und unmittelbarer drckte
als jene, die man ihr durch die Schuldentilgung abnahm...

Wo also war Abhilfe und Heilung? Ein Wunder, schien es, sei ntig --
und, bis es geschhe, die unerbittlichste Sparsamkeit. Das Volk war
fromm und treu, es liebte seine Frsten wie sich selbst, es war von der
Erhabenheit der monarchischen Idee durchdrungen, es sah einen
Gottesgedanken darin. Aber die wirtschaftliche Beklemmung war zu
peinlich, zu allgemein fhlbar. Zum Unbelehrtesten redeten die
abgeholzten und verkrppelten Waldbestnde eine klgliche Sprache. Und
so hatte es geschehen knnen, da im Landtage wiederholt auf Abstriche
an der Zivilliste, auf Verkrzung der Apanagen und der Krondotation
gedrungen worden war.

Die Zivilliste betrug eine halbe Million, die Einknfte aus dem der
Krone zu eigen gebliebenen Dominialbesitz beliefen sich auf
siebenhundertundfnfzigtausend Mark. Das war alles. Und der Hof war
verschuldet -- in welchem Mae, das wute =vielleicht= Graf
Trmmerhauff, der groherzogliche Finanzdirektor, ein formvoller, aber
fr geschftliche Dinge ganz und gar unbegabter Herr. Johann Albrecht
wute es nicht, gab sich wenigstens den Anschein, es nicht zu wissen,
und befolgte darin genau das Beispiel seiner Vorfahren, die ihre
Schulden selten einer mehr als flchtigen Aufmerksamkeit gewrdigt
hatten.

Der ehrfrchtigen Gesinnung des Volkes entsprach ein auerordentliches
Hoheitsgefhl seiner Frsten, das zuweilen schwrmerische, ja berreizte
Formen angenommen und sich am sichtbarsten und -- bedenklichsten zu
allen Zeiten als ein Hang zum Aufwand und zur rcksichtslosen, die
Hoheit sinnfllig darstellenden Prunkentfaltung geuert hatte. Ein
Grimmburger hatte ausdrcklich den Beinamen des ppigen gefhrt --
verdient htten ihn fast alle. Und so war die Verschuldung des Hauses
eine geschichtliche und altberlieferte Verschuldung, die in jene Zeiten
zurckwies, wo noch alle Anleihen Privatangelegenheiten der Souverne
gewesen waren, und wo Johann der Gewaltttige, um ein Darlehen zu
erhalten, die Freiheit angesehener Untertanen verpfndet hatte.

Das war vorbei; und Johann AlbrechtIII., seinen Trieben nach ein
echtgeborener Grimmburger, war schlechterdings nicht mehr in der Lage,
diesen Trieben freien Lauf zu lassen. Seine Vter hatten mit dem
Familienvermgen grndlich aufgerumt, es war gleich Null oder glich
nicht viel mehr, es war fr den Bau von Lustschlssern, mit
franzsischen Namen und Marmorkolonnaden, fr Parks mit Wasserknsten,
fr pomphafte Oper und jederlei goldene Schaustellung aufgegangen. Man
mute rechnen, und sehr gegen die Neigung des Groherzogs, ja ohne sein
Zutun, war die Hofhaltung allmhlich auf kleineren Fu gesetzt worden.

ber die Lebensfhrung der Prinzessin Katharina, der Schwester des
Groherzogs, sprach man in der Residenz in gerhrtem Tone. Sie war mit
einem Kognaten des im Nachbarlande regierenden Hauses vermhlt gewesen,
war, verwitwet, in die Hauptstadt ihres Bruders zurckgekehrt und
bewohnte mit ihren rotkpfigen Kindern das ehemalige erbgroherzogliche
Palais an der Albrechtsstrae, vor dessen Portal den ganzen Tag mit
Kugelstab und Bandelier ein riesiger Trhter in prahlerischer Haltung
stand und in dessen Innerem es so auerordentlich gemigt zuging...

Prinz Lambert, des Groherzogs Bruder, kam wenig in Betracht. Er lag mit
seinen Geschwistern, die ihm seine Miheirat nicht verziehen, in
Unfrieden und ging kaum zu Hofe. Mit seiner Gemahlin, die ehemals ihre
Pas auf der Bhne des Hoftheaters vollfhrt hatte und, nach dem Namen
eines Gutes, das der Prinz besa, den Titel einer Freifrau von Rohrdorf
fhrte, lebte er in seiner Villa am Stadtgarten, und dem hageren
Sportsmann und Theaterhabitu standen seine Schulden zu Gesichte. Er
hatte sich seines Hoheitsscheines begeben, trat ganz als Privatmann auf,
und wenn sein Hauswesen im Rufe einer liederlichen Drftigkeit stand, so
erregte das nicht viel Teilnahme.

Aber im Alten Schlosse selbst hatten Vernderungen stattgefunden,
Einschrnkungen, die in Stadt und Land besprochen wurden, und zwar
zumeist in einem ergriffenen und schmerzlichen Sinne, denn im Grunde
wnschte das Volk, sich stolz und herrlich dargestellt zu sehen. Man
hatte um der Ersparnis willen verschiedene Oberhofmter in eines
zusammengezogen, und seit mehreren Jahren war Herr von Bhl zu Bhl
Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und Hausmarschall in einer
Person. Man hatte weitgehende Entlassungen im Offizendienst und der
Hoflivree, unter den Furieren, Bchsenspannern und Bereitern, den
Hofkchen und Konfektmeistern, den Kammer- und Hoflakaien vorgenommen.
Man hatte den Bestand des Marstalles auf das Notwendigste herabgesetzt
... Was verschlug das? Des Groherzogs Geldverachtung emprte sich gegen
den Zwang in pltzlichen Ausbrchen, und whrend die Bewirtung bei den
Hoffestlichkeiten die uerste Grenze erlaubter Einfachheit erreichte,
whrend zum Souper am Schlusse der Donnerstagkonzerte im Marmorsaal ohne
Abwechslung nichts als Roastbeef in Remouladensoe und Gefrorenes auf
den roten Sammetdecken der goldbeinigen Tischchen serviert wurde,
whrend an des Groherzogs eigener von Wachskerzen strotzender Tafel
alltglich gespeist wurde wie in einer mittleren Beamtenfamilie, warf er
trotzig die Einkunft eines Jahres fr die Wiederherstellung der
Grimmburg hin.

Aber unterdessen verfielen seine brigen Schlsser. Herrn von Bhl
standen einfach nicht die Mittel zur Verfgung, ihre Verwahrlosung zu
verhindern. Und doch war es schade um manche davon. Die, welche in der
weiteren Umgebung der Residenz und drauen im Lande gelegen waren, diese
zierlich ppigen, in Naturschnheit eingebetteten Refugien, deren
kokette Namen auf Ruhe, Einsamkeit, Vergngen, Zeitvertreib und
Sorglosigkeit hindeuteten oder eine Blume, ein Kleinod bezeichneten,
bildeten Ausflugsorte fr die Residenzler und die Fremden und warfen an
Eintrittsgeldern dies und jenes ab, was zuweilen -- nicht immer -- fr
ihre Instandhaltung benutzt wurde. Bei denen jedoch, die in
unmittelbarer Nhe der Hauptstadt lagen, war das kaum der Fall. Da war
das Empire-Schlchen Eremitage, das am Rande der nrdlichen Vorstadt so
verschwiegen und anmutig-streng, aber lngst unbewohnt und
vernachlssigt inmitten seines wuchernden Parkes, der in den Stadtgarten
berging, zu seinem kleinen, von Schlamm starrenden Teich
hinberblickte. Da war Schlo Delphinenort, welches nur eine
Viertelstunde Weges von dort, im nrdlichen Teile des Stadtgartens
selbst, der ehemals ganz der Krone gehrt hatte, seine Ungepflegtheit in
einem ungeheuren, viereckigen Springbrunnenbecken spiegelte: mit beiden
stand es bejammernswert. Da namentlich Delphinenort, dieses erlauchte
Bauwerk, Frhbarock im Geschmack, mit dem vornehmen Sulenaufbau seines
Portals, seinen hohen, in kleine, wei gerahmte Scheiben geteilten
Fenstern, seinen gemetzten Laubgewinden, seinen rmischen Bsten in den
Nischen, seinem splendiden Treppenaufgang, seiner ganzen gehaltenen
Pracht auf immer, wie es schien, dem Verfall berlassen bleiben sollte,
war der Schmerz aller Liebhaber bauknstlerischer Schnheit, und als es
eines Tages infolge unvorhergesehener, ja abenteuerlicher Umstnde
wieder zu Ehren und Jugend gelangte, erweckte das in diesen Kreisen
jedenfalls allgemeine Genugtuung ... brigens war von Delphinenort in
fnfzehn oder zwanzig Minuten der Quellengarten zu erreichen, der ein
wenig nordwestlich zur Stadt gelegen und mit ihrem Zentrum durch eine
direkte Trambahnlinie verbunden war.

In der Benutzung der groherzoglichen Familie standen allein Schlo
Hollerbrunn, die Sommerresidenz, ein Trakt von weien Gebuden mit
chinesischen Dchern, jenseits der Hgelkette, welche die Hauptstadt
umringte, khl und angenehm am Flusse gelegen und berhmt durch die
Fliederhecken seines Parks; ferner Schlo Jgerpreis, das vllig in Efeu
gehllte Jagdhaus inmitten der westlichen Waldungen; und endlich das
Stadtschlo selbst, das Alte genannt, obgleich es durchaus kein neues
gab.

Es hie so, ohne Vergleich, nur eben um seines Alters willen, und die
Krittler fanden, da seine Auffrischung dringlicher gewesen wre als die
der Grimmburg. Verblichenheit und Zerschlissenheit herrschte bis in die
Rume hinein, die unmittelbar der Reprsentation und der hohen Familie
zum Aufenthalt dienten, zu schweigen von den vielen unbewohnten und
unbenutzten, die in den ltesten Gegenden des vielfltigen Gebudes
lagen, und in denen es nichts als Erblindung und Fliegenschmutz gab.
Seit einiger Zeit war dem Publikum der Zutritt versagt -- eine Manahme,
die offenbar in Hinsicht auf den anstigen Zustand des Schlosses
getroffen war. Aber Leute, die Einblick hatten, Lieferanten und
Personal, gaben an, da aus mehr als einem stolzen und steifen
Mbelstck das Seegras hervorgucke.

Das Schlo bildete zusammen mit der Hofkirche einen grauen,
unregelmigen und unbersichtlichen Komplex mit Trmen, Galerien und
Torwegen, halb Festung, halb Prunkgebude. Verschiedene Zeitalter hatten
an seiner Ausgestaltung gearbeitet, und groe Partien waren baufllig,
verwittert, schadhaft, zum Brckeln geneigt. Es fiel steil ab zum
westlichen, tiefer gelegenen Stadtteil, zugnglich von dort auf
brchigen, von rostigen Eisenstangen zusammengehaltenen Stufen. Aber dem
Albrechtsplatz war das gewaltige, von kauernden Lwen bewachte
Hauptportal zugewandt, zu dessen Hupten ein frommes, trotziges Wort:
_Turris fortissima nomen Domini_, halb nur noch leserlich,
eingemeielt stand. Hier war Wache und Schilderhaus, Ablsung, Trommeln,
Parade und Auflauf von Gassenbuben...

Das Alte Schlo besa drei Hfe, in deren Ecken sich schne Treppentrme
erhoben und zwischen deren Basaltfliesen brigens meistens allzuviel
Unkraut spro. Aber inmitten des einen Hofes stand der Rosenstock --
stand dort von jeher in einem Beet, obgleich sonst keine grtnerischen
Anlagen vorhanden waren. Es war ein Rosenstock wie andere mehr, ein
Kastellan wartete ihn, er ruhte im Schnee, er empfing Regen und
Sonnenschein, und kam die Zeit, so trieb er Rosen. Es waren
auerordentlich herrliche Rosen, edelgeformt, mit dunkelrotsamtenen
Blttern, eine Lust zu sehen und wahre Kunstwerke der Natur. Aber diese
Rosen besaen eine seltsame und schauerliche Eigentmlichkeit: sie
dufteten nicht! Sie dufteten dennoch, aber aus unbekannten Grnden war
es nicht Rosenduft, was sie ausstrmten, sondern Moderduft -- ein
leiser, aber vollkommen deutlicher Duft nach Moder. Jedermann wute das,
es stand im Reisefhrer, und die Fremden kamen in den Schlohof, um sich
mit eigener Nase davon zu berzeugen. Auch ging ein populres Gerede, da
oder dort stehe geschrieben, da irgendwann einmal, an einem Tage der
Freude und der ffentlichen Glckseligkeit, die Blten des Rosenstockes
auf die natrlichste und lieblichste Art zu duften beginnen wrden.

brigens war es begreiflich und unvermeidlich, da die Einbildungskraft
des Volkes durch den sonderbaren Rosenstock gereizt wurde. Sie wurde es
auf hnliche Art durch die Eulenkammer im Alten Schlosse, die eine
Polterkammer sein sollte. Sie lag an gnzlich unverfnglicher Stelle,
nicht weit von den Schnen Zimmern und dem Rittersaal, wo die Herren
des Hofes sich zur groen Cour zu versammeln pflegten, und also in einem
vergleichsweise neuen Teil des Gebudes. Aber es sollte nicht geheuer
dort sein, und zwar insofern, als zuweilen ein Rumoren und Lrmen darin
entstand, das auerhalb des Gemaches nicht zu vernehmen und dessen
Ursprung unerfindlich war. Man schwor, da es spukhafter Herkunft sei,
und viele behaupteten, da es sich vornehmlich vor wichtigen und
entscheidenden Ereignissen in der groherzoglichen Familie bemerkbar
mache -- ein ziemlich unbewiesenes Gemunkel, das selbstverstndlich
nicht ernster zu nehmen war als andere volkstmliche Erzeugnisse einer
historischen und dynastischen Stimmung, wie zum Beispiel eine gewisse
dunkle Prophezeiung, die ber hundert Jahre hinweg berliefert worden
war, und die in diesem Zusammenhange Erwhnung finden mag. Sie war von
einer alten Zigeunerin ausgegangen und lautete dahin, da durch einen
Frsten mit einer Hand dem Lande das grte Glck zuteil werden werde.
Er wird, hatte dies zottige Weib gesagt, dem Land mit einer Hand mehr
geben, als andere mit zweien nicht vermchten. -- So stand der
Ausspruch aufgezeichnet, und so wurde er gelegentlich angefhrt.

Aber um das Alte Schlo lag die Residenz, bestehend aus Altstadt und
Neustadt, mit ihren ffentlichen Gebuden, Monumenten, Brunnen und
Anlagen, ihren Straen und Pltzen, welche die Namen von Frsten,
Knstlern, verdienten Staatsmnnern und ausgezeichneten Brgern trugen,
in zwei sehr ungleiche Hlften geteilt durch den mehrfach berbrckten
Flu, der in groer Schleife das sdliche Ende des Stadtgartens umging
und sich zwischen den umringenden Hgeln verlor ... Die Stadt war
Universitt, sie besa eine Hochschule, die nicht sehr besucht war, und
an der ein beschauliches und ein wenig altmodisches Gelehrtentum
herrschte; einzig der Professor fr Mathematik, Geheimrat Klinghammer,
geno in der Welt der Wissenschaft bedeutenden Ruf ... Das Hoftheater,
wiewohl krglich dotiert, hielt sich auf anstndiger Hhe der Leistung
... Es gab ein wenig musikalisches, literarisches und knstlerisches
Leben ... Einiger Zuzug von Fremden fand statt, die an der gemessenen
Lebensfhrung, den geistigen Darbietungen der Residenz teilzunehmen
wnschten, begterte Kranke darunter, die dauernd die Villen in der
Umgebung des Quellengartens bewohnten und als fhige Steuerzahler von
Staat und Gemeinde in Ehre gehalten wurden...

Das war die Stadt; das war das Land. Das war die Lage.




Der Schuster Hinnerke


Des Groherzogs zweiter Sohn trat ffentlich zum ersten Male hervor,
als er getauft wurde. Diese Feierlichkeit erregte im Lande die ganze
Teilnahme, die man allen Geschehnissen innerhalb der hohen Familie
entgegenzubringen pflegte. Sie fand statt, nachdem man mehrere
Wochen lang ber die Art ihrer Anordnung hin und her gesprochen
und gelesen hatte, ward abgehalten in der Hofkirche durch den
Oberkirchenratsprsidenten D. Wislizenus, mit aller Umstndlichkeit und
ffentlich insofern, als das Oberhofmarschallamt Einladungen dazu auf
hchsten Befehl in alle Gesellschaftsklassen hatte ergehen lassen.

Herr von Bhl zu Bhl, ein hfischer Ritualist von hchster Umsicht und
Akribie, berwachte in groer Uniform und mit Hilfe von zwei
Zeremonienmeistern den ganzen verwickelten Vorgang: die Versammlung der
frstlichen Gste in den Schnen Zimmern, den feierlichen Zug, in
welchem sie sich, gefhrt von Pagen und Kammerherren, ber die Treppe
Heinrichs des ppigen und durch einen gedeckten Gang in die Kirche
begaben, den Zutritt des Publikums bis zu demjenigen der hchsten
Herrschaften, die Verteilung der Pltze, die Wahrung aller ueren
Gebruche whrend der religisen Handlung selbst, die Reihenfolge und
Rangordnung bei der Gratulation, die sich unmittelbar an den vollendeten
Gottesdienst schlo ... Er atmete abgerissen, schwnzelte, hob seinen
Stab, lchelte leidenschaftlich und verbeugte sich, indem er rckwrts
ging.

Die Hofkirche war mit Pflanzen und Draperien ausgestattet. Neben den
Vertretern des Hof- und Landadels und des hohen und niederen Beamtentums
fllten Handeltreibende, Landleute und schlichte Handwerker erhobenen
Herzens das Gesthl. Aber vorn am Altar saen im Halbkreise auf
rotsamtenen Armsthlen die Anverwandten des Tuflings, fremde Hoheiten
als Paten und betraute Vertreter solcher, die selbst nicht gekommen
waren. Vor sechs Jahren, bei des Erbgroherzogs Taufe, war die
Versammlung nicht glnzender gewesen. Denn bei Albrechts Zartheit, bei
des Groherzogs vorgerckten Jahren, bei dem Mangel an Grimmburger
Agnaten galt die Person des zweitgeborenen Prinzen sogleich als wichtige
Gewhr fr die Zukunft der Dynastie ... Der kleine Albrecht nahm an der
Feier nicht teil; mit einer Unplichkeit lag er im Bette, die nach
Generalarzt Eschrichs Erklrung nervser Natur war.

D. Wislizenus predigte ber ein Schriftwort, das der Groherzog selbst
bestimmt hatte. Der Eilbote, ein schwatzhaft abgefates
hauptstdtisches Journal, hatte genau zu berichten gewut, wie der
Groherzog sich eines Tages ganz persnlich aus dem selten betretenen
Bchersaal die enorme, mit Metallspangen verschlossene Hausbibel geholt,
sich damit in seinem Kabinett eingeschlossen, wohl eine Stunde darin
gesucht, schlielich das erwhlte Wort mit seinem Taschenbleistift auf
ein Blatt Papier exzerpiert, es Johann Albrecht unterzeichnet und dem
Hofprediger bersandt habe. D. Wislizenus behandelte es motivisch und
sozusagen auf musikalische Art. Er wandte es hin und her, wies es in
verschiedener Beleuchtung auf und erschpfte es in allen Beziehungen; er
lie es mit suselnder Stimme und mit der ganzen Kraft seiner Brust
ertnen, und whrend es zu Beginn seiner Kunstleistung, leise und
sinnend ausgesprochen, nur ein dnnes, fast krperloses Thema gewesen
war, erschien es am Schlu, als er es der Menge zum letztenmal
vorfhrte, reich instrumentiert, voll ausgedeutet und tief belebt. Dann
ging er zum eigentlichen Taufakt ber, und er nahm ihn ausfhrlich vor,
sichtbar fr alle und unter Betonung jeder Einzelheit.

An diesem Tage also reprsentierte der Prinz zum erstenmal, und da er
im Vordergrunde der Handlung stand, fand Ausdruck schon darin, da er
zuletzt und in Abstand von aller Welt auf dem Schauplatze eintraf.
Langsam erschien er, unter Vorantritt des Herrn von Bhl, auf den Armen
der Oberhofmeisterin Freifrau von Schulenburg-Tressen, und aller Augen
waren auf ihn gerichtet. Er schlief, in seinen Spitzen, seinen Schleifen
und seiner weien Seide. Das eine seiner Hndchen war zufllig verdeckt.
Er erfreute, rhrte und gefiel ungemein. Mittelpunkt des Ganzen und
Gegenstand jeder Aufmerksamkeit, verhielt er sich ruhig, persnlich
anspruchslos und naturgem noch vllig duldend. Sein Verdienst war, da
er nicht strte, nicht eingriff, nicht widerstand, sondern, zweifellos
aus eingeborener Vertrautheit, sich still der Form berlie, die um ihn
waltete, ihn trug, ihn heute noch jeder eigenen Anspannung berhob...

Hufig, an bestimmten Punkten der Zeremonie, wechselten die Arme, in
denen er ruhte. Freifrau von Schulenburg berreichte ihn mit Verneigung
seiner Tante Katharina, die mit strengem Gesichtsausdruck ein neuerlich
umgearbeitetes lila gefrbtes Seidenkleid trug und mit Kronjuwelen
frisiert war. Sie legte ihn, als der Augenblick kam, feierlich in die
Arme Dorotheas, seiner Mutter, die ihn, hoch und schn, mit einem
Lcheln ihres stolzen und lieblichen Mundes, eine gemessene Weile den
Segnungen darbot und ihn dann weitergab. Ein paar Minuten lang hielt ihn
eine Cousine, ein elf- oder zwlfjhriges Kind mit blonder Lockenfrisur,
stockdnnen Beinchen, bloen, frstelnden rmchen und einer breiten
rotseidenen Schrpe, die hinten in kolossaler Schleife von ihrem weien
Kleidchen abstand. Ihr spitzes Gesichtchen war ngstlich dem
Zeremonienmeister zugewandt...

Vorbergehend erwachte der Prinz; aber die flimmernden Flmmchen der
Altarkerzen und eine farbige Sule durchsonnten Staubes blendeten ihn,
so da er die Augen wieder schlo. Und da keine Gedanken, sondern nur
sanfte, gegenstandslose Trume in seinem Kopfe waren, da er auch im
Augenblick keinerlei Schmerz empfand, so schlief er sofort wieder ein.

Er erhielt eine Menge Namen, whrend er schlief; aber die Hauptnamen
waren: Klaus Heinrich.

Und er schlief in seinem Bettchen mit Goldleisten und blauseidener
Gardine noch fort, whrend ihm zu Ehren im Marmorsaale Familientafel und
im Rittersaale Tafel fr die brigen Taufgste stattfand.

Die Zeitungen besprachen sein erstes Auftreten; sie schilderten sein
ueres und seine Toilette, sie stellten fest, da er sich wahrhaft
prinzlich benommen habe, und kleideten die rhrende und erhebende
Wirkung in Worte, die seine Erscheinung ausgebt hatte. Dann hrte die
ffentlichkeit lngere Zeit wenig von ihm und er nichts von ihr.

Er wute noch nichts, begriff noch nichts, nichts ahnte ihm von der
Schwierigkeit, Gefhrlichkeit und Strenge des Lebens, das ihm
vorgeschrieben war; seine Lebensuerungen lieen nicht die Vermutung
zu, da er sich in irgendeinem Gegensatz zur groen Menge fhle. Sein
kleines Dasein war ein verantwortungsloser, von auen sorgfltig
geleiteter Traum, der sich auf einem schwer bersichtlichen Schauplatze
abspielte; und dieser Schauplatz war von beraus zahlreichen und
farbigen Erscheinungen, statierenden und agierenden, bevlkert, flchtig
auftauchenden und solchen, die beharrten.

Unter den beharrenden waren die Eltern fern, recht fern und nicht
vollkommen deutlich. Sie waren seine Eltern, das war gewi, und sie
waren erhaben und freundlich. Nahten sie sich, so war der Eindruck
dieser, als ob alles brige nach beiden Seiten zurckwiche und eine
Gasse der Ehrfurcht bildete, durch die sie zu ihm schritten, um ihm
einen Augenblick Zrtlichkeit zu erweisen ... Am nchsten und
deutlichsten waren zwei Frauen mit weien Hauben und Schrzen, zwei
vollkommen gute, reine und liebevolle Wesen augenscheinlich, die seinen
kleinen Leib auf jede Art pflegten und sich sehr um sein Weinen
kmmerten ... Ein naher Teilnehmer am Leben war auch Albrecht, sein
Bruder; aber er war ernst, ablehnend und weit vorgeschritten.

Als Klaus Heinrich zwei Jahre alt war, fand nochmals Geburt auf
Grimmburg statt, und eine Prinzessin kam zur Welt. Sechsunddreiig
Schsse wurden ihr zugemessen, weil sie weiblichen Geschlechts war, und
in der Taufe ward sie Ditlinde genannt. Das war Klaus Heinrichs
Schwester, und da sie erschien, war ein Glck fr ihn. Sie war anfangs
befremdend klein und verletzlich, aber bald ward sie ihm gleich, holte
ihn ein und war bei ihm den ganzen Tag. Mit ihr lebte er, mit ihr
schaute, erfuhr, begriff er, im Zwiegefhl mit ihr empfing er die
gemeinsame Welt.

Es war eine Welt, es waren Erfahrungen, danach angetan, nachdenklich zu
stimmen. Wo sie im Winter wohnten, war das Alte Schlo. Wo sie im Sommer
wohnten, am Flu, in der Khle, im Duft der violetten Hecken, zwischen
denen weie Statuen standen, war Hollerbrunn, die Sommerresidenz. Auf
dem Wege dorthin, oder wenn sonst Papa oder Mama sie mit sich in einen
der braun lackierten Wagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage
nahmen, standen die brigen Menschen, riefen und grten; denn Papa war
Frst und Herr ber das Land, und folglich waren sie selbst ein Prinz
und eine Prinzessin -- besttigtermaen durchaus in demselben Sinne, in
welchem die Prinzen und Prinzessinnen in den franzsischen Mrchen es
waren, die Madame aus der Schweiz ihnen vorlas. Dies war des Verweilens
wert und ohne Frage ein Sonderfall. Wenn andere Kinder die Mrchen
hrten, so blickten sie auf die Prinzen, von denen sie handelten,
notwendig aus groem Abstand und wie auf festliche Wesen, deren Rang
eine Verherrlichung der Wirklichkeit war, und mit denen sich zu
beschftigen ihnen zweifellos eine Verschnerung der Gedanken und
Erhebung ber den Wochentag bedeutete. Aber Klaus Heinrich und Ditlind
blickten auf jene Gestalten als auf ihresgleichen und in gelassener
Ebenbrtigkeit, sie atmeten dieselbe Luft wie sie, sie wohnten in einem
Schlosse gleich ihnen, sie standen mit ihnen auf brderlichem Fue und
erhoben sich nicht ber das Wirkliche, wenn sie lauschend eins mit ihnen
wurden. Lebten sie also bestndig und immerdar auf jener Hhe, zu
welcher andere nur aufstiegen, wenn sie Mrchen hrten? Madame aus der
Schweiz htte es ihrem ganzen Verhalten gem nicht leugnen knnen, wenn
die Frage in Worte zu bringen gewesen wre.

Madame aus der Schweiz war eine calvinistische Pfarrerswitwe, die fr
sie beide da war, whrend jedes von ihnen zwei besondere Kammerfrauen
hatte. Madame war ganz schwarz und wei: ihr Hubchen war wei und
schwarz ihr Kleid, wei war ihr Antlitz mit der ebenfalls weien Warze
auf einer Wange und schwarzwei gemischt ihr metallisch glattes Haar.
Sie war sehr genau und leicht zu entsetzen. Sie blickte zu Gott empor
und schlug ihre weien Hnde zusammen bei Dingen, die ohne Gefahr und
dennoch unzulssig waren. Aber ihr stillstes und schwerstes Zuchtmittel
fr ernste Flle war dies, da sie die Kinder traurig ansah ... man
hatte sich vergessen. Von einem bestimmten Tage an begann sie, auf eine
Weisung hin, Klaus Heinrich und Ditlind Groherzogliche Hoheit zu
nennen und war nun noch leichter entsetzt...

Jedoch Albrecht hie Knigliche Hoheit. -- Tante Katharinens Kinder
gehrten nicht zum Mannesstamm der Familie, wie sich erwies, und waren
also von minderer Bedeutung. Aber Albrecht war Erbgroherzog und
Thronfolger, womit nicht schlecht bereinstimmte, da er so bla und
abweisend schien und viel im Bette lag. Er trug sterreichische Joppen
mit Klappentaschen und Rckenzug. Er hatte einen nach hinten ausladenden
Schdel mit schmalen Schlfen und ein lngliches kluges Gesicht. Sehr
klein noch hatte er eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt,
gelegentlich welcher, nach Generalarzt Eschrichs Behauptung, sein Herz
vorbergehend auf die rechte Seite gewandert war. Auf jeden Fall hatte
er den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen, und das mochte die scheue
Wrde, die ihm eigen war, wohl sehr verstrkt haben. Er schien von
uerster Zurckhaltung, kalt aus Befangenheit und stolz aus Mangel an
Anmut. Er lispelte ein wenig und errtete dann darber, da er sich
scharf in Obacht hielt. Seine Schulterbltter waren ein wenig
ungleichmig gestellt. Sein eines Auge war mit einer Schwche behaftet,
und so bediente er sich beim Anfertigen seiner Aufgaben einer Brille,
die dazu beitrug, ihn alt und klug zu machen ... Unverbrchlich hielt
sich an Albrechts linker Seite sein Erzieher, der Doktor Veit, ein Mann
mit hngendem, lehmfarbenem Schnurrbart, hohlen Wangen und blassen,
unnatrlich erweiterten Augen. Zu jeder Stunde war Doktor Veit in
Schwarz gekleidet, indem er ein Buch, zwischen dessen Blttern sein
Zeigefinger steckte, an seinem Oberschenkel herniederhngen lie.

Klaus Heinrich fhlte sich von Albrecht gering geschtzt, und er sah
ein, da es nicht nur wegen seiner Rckstndigkeit an Jahren so war. Er
selbst war weichmtig und zu Trnen geneigt, das war seine Natur. Er
weinte, wenn man ihn traurig ansah, und als er sich an einer Ecke des
groen Spieltisches die Stirn stie, da es blutete, klagte er laut aus
Mitleid mit seiner Stirn. Aber Albrecht hatte den Tod gesehen und weinte
doch unter keiner Bedingung. Er schob ein wenig seine kurze, gerundete
Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen sog -- das war
alles. Er war vornehm. Madame aus der Schweiz wies in Fragen des _comme
il faut_ ausdrcklich auf ihn als Muster hin. Nie htte er sich mit den
prchtigen aufgeschirrten Zierleuten, die zum Schlosse gehrten und
nicht eigentlich Mnner und Menschen, sondern Lakaien waren, in ein
Gesprch eingelassen, wie Klaus Heinrich es damals in unbewachten
Augenblicken zuweilen tat. Denn Albrecht war nicht neugierig. Seine
Augen blickten einsam und ohne Verlangen, die Welt zu sich einzulassen.
Klaus Heinrich dagegen plauderte mit den Lakaien aus diesem Verlangen
und aus einem drngenden, wenn auch vielleicht gefhrlichen und
ungehrigen Wunsche, sein Herz berhren zu lassen von dem, was etwa
jenseits der Grenzen war. Aber die Lakaien, die alten und jungen, an den
Tren, auf den Korridoren und in den Durchgangszimmern, mit ihren
sandfarbenen Gamaschen und braunen Frcken, auf deren rtlich-goldenen
Tressen sich viele Male die kleine Krone vom Wagenschlag wiederholte --
sie machten die Knie fest, wenn Klaus Heinrich mit ihnen plauderte,
legten die groen Hnde an die Nhte ihrer dicken Sammethosen, lieen
sich dabei ein wenig zu ihm herab, da die Fangschnre ihnen von den
Schultern baumelten, und gaben leere, geziemende Antworten, an denen die
Anrede Groherzogliche Hoheit das Gewichtigste war, und zu denen sie
lchelten, mit einem mitleidig behutsamen Ausdruck, als wollten sie
sagen: Du Reiner, du Feiner! ... Zuweilen, wenn es sich mglich
machte, unternahm Klaus Heinrich Forschungszge in unbewohnte Gegenden
des Schlosses, mit Ditlind, seiner Schwester, als sie gro genug war.

Damals hatte er Unterricht bei Schulrat Drge, Rektor der stdtischen
Schulen, der zu seinem ersten Lehrer bestellt war. Schulrat Drge war
sachlich von Natur. Sein Zeigefinger, faltig von trockener Haut und
geschmckt mit einem goldenen Siegelring ohne Stein, verfolgte die
gedruckten Zeilen, wenn Klaus Heinrich las, und rckte nicht eher von
der Stelle, als bis das Wort gelesen war. Er kam in Gehrock und weier
Weste, das Band eines untergeordneten Ordens im Knopfloch, und in
breiten, blankgewichsten Stiefeln, deren Schfte naturfarben waren. Er
trug einen ergrauten, kegelfrmigen Bart, und aus seinen groen und
flachen Ohren wuchs graues Gestrpp. Sein braunes Haar war in Form von
aufwrtsstrebenden Spitzen in die Schlfen gebrstet und scharf
gescheitelt, so da man deutlich die gelbliche, trockene Kopfhaut sah,
die pors war wie Stramin. Aber hinten und an den Seiten kam unter dem
festen braunen Haar dnnes, graues hervor. Er neigte den Kopf ein wenig
gegen den Lakaien, der ihm die Tr zu dem groen, getfelten Schulzimmer
ffnete, wo Klaus Heinrich ihn erwartete. Jedoch gegen Klaus Heinrich
verbeugte er sich, nicht im Hereinkommen und obenhin, sondern
ausdrcklich und mit berlegung, indem er vor ihn hintrat und wartete,
da sein erlauchter Schler ihm die Hand reichte. Das tat Klaus
Heinrich, und da er es beide Male, bei der Begrung sowohl wie beim
Abschied, in hbscher, gewinnender und gerundeter Weise tat, so, wie er
gesehen hatte, da sein Vater den Herren die Hand reichte, die darauf
warteten, das schien ihm wichtiger und wesentlicher als aller
Unterricht, der dazwischen lag.

Als Schulrat Drge unzhligemal gekommen und gegangen war, hatte Klaus
Heinrich unvermerkt allerlei Anwendbares gelernt, fand sich wider
Erwarten und Absicht zu Hause in den Fchern des Lesens, Schreibens und
Rechnens und wute auf Verlangen die Ortschaften des Groherzogtums
ziemlich lckenlos aufzuzhlen. Aber es war wie erwhnt nicht eigentlich
dies, was ihm ntig und wesentlich schien. Zuweilen, wenn er beim
Unterricht unachtsam war, ermahnte der Schulrat ihn mit dem Hinweis auf
seinen hohen Beruf. Ihr hoher Beruf verpflichtet Sie... sagte er,
oder: Sie schulden es Ihrem hohen Beruf... Was war sein Beruf, und
worin bestand die Hhe desselben? Warum lchelten die Lakaien Du
Reiner, du Feiner, und warum war Madame so heftig entsetzt, wenn er
sich in Rede und Tun nur ein wenig fahren lie? Er blickte um sich in
seinem Gesichtskreis, und zuweilen, wenn er fest und lange hinsah und
seinen Blick in das innere Wesen der Erscheinungen einzudringen zwang,
fhlte er eine Ahnung von dem Eigentlichen in sich aufsteigen, um das
es sich fr ihn handelte.

Er stand in einem Saal, der zu den Schnen Zimmern gehrte, dem
Silbersaal, worin, wie er wute, sein Vater, der Groherzog, feierliche
Gruppenempfnge vornahm -- er war gelegentlich allein in den leeren Raum
getreten und sah ihn sich an.

Es war Winter und kalt, seine kleinen Schuhe spiegelten sich in dem
glasig hellen, durch gelbliche Einlagen in groe Vierecke geteilten
Parkett, das sich wie eine Eisflche vor ihm ausbreitete. Die Decke, mit
versilbertem Arabeskenwerk berzogen, war so hoch, da eine lange, lange
Metallstange ntig war, um den vielarmigen, dicht mit hohen weien
Kerzen besteckten silbernen Kronleuchter in der Mitte der ganzen Weite
schweben zu lassen. Silbern gerahmte Felder mit blassen Malereien zogen
sich unterhalb der Decke hin. Die Wnde, von silbernen Leisten
eingefat, waren mit weier, hier und da gelbfleckiger und eingerissener
Seide bekleidet. Eine Art monumentalen Baldachins, auf zwei starken
silbernen Sulen ruhend und vorn mit einer zweimal gerafften
Silbergirlande geschmckt, von dessen Hhe das Bildnis einer toten,
gepuderten Vorfahrin inmitten einer nachgeahmten Hermelindraperie
herniederblickte, gliederte den Kaminraum vom Ganzen ab. Breite
versilberte, mit weier, verschlissener Seide bespannte Armsthle
umgaben dort hinten die kalte Feuerstelle. An den Seitenwnden, einander
gegenber, ragten enorme, silbern gerahmte Spiegel empor, deren Glas
blinde Flecken zeigte, und auf deren breiten weien Marmorkonsolen
Armleuchter standen, je rechts zwei und links zwei, die niedrigen vor
den hhern, mit langen weien Kerzen besteckt wie die Wandleuchter
ringsumher, wie die vier silbernen Schaftkandelaber in den Ecken. Vor
den hohen Fenstern zur Rechten, die auf den Albrechtsplatz blickten, und
auf deren ueren Bnken Kissen von Schnee lagen, fielen weiseidene
Vorhnge, gelbfleckig, mit silbernen Schnren gerafft und mit Spitzen
unterlegt, schwer und reichlich auf das Parkett hinab. In der Mitte des
Raums, unter dem Kronleuchter, stand ein Tisch von miger Gre, dessen
Untersatz wie ein knorriger silberner Baumstumpf war, und dessen
achteckige Platte aus milchiger Perlmutter bestand -- stand unntz und
ohne Sthle dort, bestimmt und geeignet hchstens dazu, dir als Halt und
Sttzpunkt zu dienen, wenn die Lakaien die Flgeltr ffneten und
diejenigen einlieen, die in Gala auf eine festlich gemessene Weile vor
dich traten...

Klaus Heinrich sah in den Saal, und deutlich sah er, da nichts hier von
der Sachlichkeit wute, die Schulrat Drge trotz seiner Verbeugungen ihm
auferlegte. Hier herrschte Sonntag und Feierernst, ganz hnlich wie in
der Kirche, wo des Schulrats Forderungen gleichfalls verfehlt gewesen
wren. Strenger und leerer Prunk herrschte hier und ein frmliches
Gleichma der Anordnung, das rein von Zweck und Bequemlichkeit sich
selbstgengsam darstellte ... ein hoher und angespannter Dienst, ohne
Zweifel, der weit entfernt schien, leicht und behaglich zu sein, der
dich auf Haltung und Zucht und beherrschte Entsagung verpflichtete, doch
dessen Gegenstand ohne Namen war. Und es war kalt in dem silbernen
Kerzensaal wie in dem der Schneeknigin, wo die Herzen der Kinder
erstarren.

Klaus Heinrich ging ber die spiegelnde Flche und stellte sich an den
Tisch in der Mitte. Er sttzte die rechte Hand leicht auf die
Perlmutterplatte und stemmte die linke so in die Hfte, da sie weit
hinten, fast schon im Rcken sa und von vorn nicht sichtbar war; denn
sie war unschn: brunlich und runzlig und hatte mit der rechten im
Wachstum nicht Schritt gehalten. Er lie sich auf einem Beine ruhen,
stellte das andere ein wenig vor und hielt den Blick auf die silbernen
Ornamente der Tr gerichtet. Es war kein Standort zum Trumen und nicht
die Haltung dazu; und dennoch trumte er.

Er sah seinen Vater und sah ihn an wie den Saal, um zu begreifen. Er sah
den matten Hochmut seiner blauen Augen, die Furchen, die stolz und
grmlich von den Flgeln seiner Nase in den Bart verliefen, und die
manchmal von einem berdru, einer Langeweile vertieft und nachgezogen
wurden ... Man durfte ihn nicht anreden, nicht freierdings sich ihm
nhern und ungefragt das Wort an ihn richten -- auch die Kinder nicht,
es verbot sich, es war gefhrlich. Er antwortete wohl, doch fremd und
kalt, und eine Ratlosigkeit entstand auf seinem Gesicht, eine kurze
Verstrung, fr die Klaus Heinrich ein tiefes Verstndnis empfand.

Papa redete an und entlie; so war er's gewohnt. Er hielt Sprechcour zu
Beginn des Hofballs und zum Schlu des Diners, mit dem der Winter
begann. Er ging mit Mama durch die Zimmer und Sle, in denen die
Hofrangklassen versammelt waren, ging durch den Marmorsaal und die
Schnen Zimmer, durch die Bildergalerie, den Rittersaal, den Saal der
zwlf Monate, den Audienzsaal und Tanzsaal, ging nicht nur in einer
bestimmten Richtung, sondern auch auf einer bestimmten Bahn, die der
eilfertige Herr von Bhl ihm freihielt, und richtete Worte an Herren und
Damen. An wen er sich wandte, der bog in Verbeugung aus, lie einen
Abstand von blankem Parkett zwischen sich und Papa und antwortete
mavoll und glcklich bewegt. Dann grte Papa ber den Abstand hinweg,
aus der Sicherheit sorgfltiger Vorschriften, die die Bewegungen der
anderen beschrnkten und seine Haltung begnstigten, grte lchelnd und
leicht und wandte sich weiter. Lchelnd und leicht ... Gewi, gewi,
Klaus Heinrich verstand sie wohl, die Ratlosigkeit, die einen Augenblick
Papas Miene verstrte, wenn man ungestm genug war, ihn geradeswegs
anzureden -- verstand sie und fhlte sie ngstlich mit! Irgend etwas,
ein Zartes, Gefhrdetes, war dann verletzt, worin so sehr unser Wesen
beruhte, da wir hilflos standen, wenn man es roh durchbrach. Und es war
dennoch dies selbe Etwas, was unsere Augen matt machte und uns so tiefe
Furchen der Langeweile grub...

Klaus Heinrich stand und sah -- er sah seine Mutter und ihre Schnheit,
die weit und breit berhmt und gepriesen war. Er sah sie aufrecht _en
robe de crmonie_, vor ihrem groen, von Kerzen erhellten Spiegel; denn
zuweilen, bei Festlichkeiten, durfte er anwesend sein, wenn der
Hoffriseur und die Kammerfrauen die letzte Hand an ihre Toilette legten.
Auch Herr von Knobelsdorff war anwesend, wenn Mama mit Juwelen aus dem
Kronschatz geschmckt wurde, hielt Aufsicht und notierte die Steine, die
zur Verwendung gelangten. Die Fltchen an seinen Augen spielten, und er
brachte Mama mit drolligen Redewendungen zum Lachen, so da sich die
wundervollen kleinen Gruben in ihren weichen Wangen bildeten. Aber es
war ein Lachen voll Kunst und Gnade, und sie sah in den Spiegel dabei,
als bte sie sich.

Einiges slawisches Blut flo in ihren Adern, wie man sagte, und daher
hatten ihre tiefblauen Augen einen so sen Glanz, wie die Nacht ihres
duftenden Haares so schwarz. Klaus Heinrich war ihr hnlich, hrte er
sagen, insofern auch er stahlblaue Augen zu dunkeln Haaren hatte,
whrend Albrecht und Ditlind blond waren, wie Papa gewesen war, bevor er
ergraute. Aber er war weit entfernt, schn zu sein, seiner breiten
Wangenknochen und vor allem seiner linken Hand wegen, die Mama ihn
anhielt, auf geschickte Art zu verbergen, in der Seitentasche seiner
Jacke, auf dem Rcken oder vorn in der Brust -- ihn anhielt, gerade
dann, wenn er aus zrtlichem Antriebe sie mit beiden Armen umschlingen
wollte. Ihr Blick war kalt, wenn sie ihn aufforderte, auf seine Hand zu
achten.

Er sah sie wie auf dem Bild im Marmorsaal: in schillernder Seidenrobe
mit Spitzenbehang und hohen Handschuhen, die unter den gepufften rmeln
nur einen Streifen ihres elfenbeinfarbenen Oberarmes sehen lieen, ein
Diadem in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
Gestalt, ein Lcheln khler Vollkommenheit um die wunderbar herben
Lippen -- und hinter ihr schlug ein Pfau mit metallisch blinkendem Hals
sein hoffrtiges Rad. So weich war ihr Gesicht, aber die Schnheit
machte es streng, und man konnte wohl sehen, da auch ihr Herz streng
war und auf nichts als ihre Schnheit bedacht. Sie schlief viel am Tage,
wenn Ball oder Cercle bevorstand, und a nur Eidotter, um sich nicht zu
beschweren. Dann strahlte sie abends an Papas Arm auf der
vorgeschriebenen Bahn durch die Sle -- graue Wrdentrger errteten,
wenn sie ihrer Ansprache teilhaftig wurden, und der Eilbote schrieb,
da Ihre Knigliche Hoheit nicht nur nach ihrem erhabenen Rang die
Knigin des Festes gewesen sei. Ja, sie wirkte Glck, indem sie sich
zeigte, bei Hofe sowohl wie drauen in den Straen oder nachmittags im
Stadtgarten, zu Pferd oder zu Wagen -- und die Wangen der Leute frbten
sich hher. Blumen und Lebehochs und alle Herzen flogen ihr zu, und die
Hoch riefen, meinten sich selbst damit, wie man deutlich sah, und
riefen freudig aus, da sie selbst hochlebten und an hohe Dinge glaubten
in diesem Augenblick. Aber Klaus Heinrich wute wohl, da Mama lange,
sorgfltige Stunden an ihrer Schnheit gearbeitet hatte, da ihr Lcheln
und Gren voller bung und Absicht war und da ihr eigenes Herz nicht
hochschlug, keineswegs, fr nichts und fr niemanden.

Liebte sie irgendwen, zum Beispiel ihn selbst, Klaus Heinrich, der ihr
doch hnlich war? Ach, doch, das tat sie wohl dennoch, soweit sie Zeit
dazu hatte, und dann selbst, wenn sie ihn mit khlen Worten an seine
Hand erinnerte. Aber es schien, da sie Ausdruck und Zeichen ihrer
Zrtlichkeit fr solche Gelegenheiten sparte, wo Zuschauer zugegen
waren, die sich daran erbauen konnten. Klaus Heinrich und Ditlind kamen
nicht oft mit ihrer Mutter in Berhrung, zumal sie nicht, wie seit
einiger Zeit Albrecht, der Thronfolger, an der elterlichen Tafel
teilnahmen, sondern mit Madame aus der Schweiz gesondert speisten; und
wenn sie, was einmal die Woche geschah, in Mamas Wohnrume zu Besuch
berufen wurden, so verlief solch Beisammensein ohne Gefhlswallungen
unter gelassenen Fragen und artigen Antworten, whrend es sich im ganzen
darum handelte, wie man auf ansprechende Art mit einer Teetasse voll
Milch in einem Fauteuil se. Aber bei den Konzerten, die jeden zweiten
Donnerstag unter dem Namen Donnerstage der Groherzogin im Marmorsaal
stattfanden und so angeordnet waren, da die Hofgesellschaft an kleinen
Tischen mit goldenen Beinen und roten Sammetdecken sa, whrend der
Kammersnger Schramm vom Hoftheater mit Musikbegleitung so mchtig sang,
da die Adern auf seiner kahlen Stirne schwollen -- bei den Konzerten
durften Klaus Heinrich und Ditlind zuweilen festlich gekleidet eine
Nummer und Pause lang im Saale sein, und dann zeigte Mama, da sie sie
lieb habe, zeigte es ihnen und allen so innig und ausdrucksvoll, da
kein Zweifel blieb. Sie nahm sie zu sich an den Tisch, dem sie vorsa,
und hie sie mit glcklichem Lcheln, sich zu ihren Seiten zu stellen,
lehnte sich ihre Wangen an Schulter und Brust, sah ihnen mit weichem,
beseeltem Blick in die Augen und kte sie beide auf Stirn und Mund.
Aber die Damen neigten die Kpfe zur Seite und blinzelten rasch mit
verklrter Miene, indes die Herren langsam nickten und sich in die
Schnurrbrte bissen, um auf mnnliche Art ihre Ergriffenheit zu
bemeistern ... Ja, das war schn, und die Kinder fhlten sich beteiligt
an dieser Wirkung, die alles bertraf, was Kammersnger Schramm mit
seinen seligsten Tnen erzielte, und schmiegten sich stolz an Mama. Denn
Klaus Heinrich wenigstens sah ein, da es uns dem Wesen der Dinge gem
nicht anstand, einfach zu fhlen und damit glcklich zu sein, sondern
da es uns zukam, unsere Zrtlichkeit im Saale anschaulich zu machen und
auszustellen, damit die Herzen der Gste schwllen.

Zuweilen bekamen auch die Leute drauen in Stadt und Park zu sehen, da
Mama uns lieb hatte. Denn whrend Albrecht am frhen Morgen mit dem
Groherzog ausfuhr oder ritt -- obgleich er so schlecht zu Pferde
saߠ--, so hatten Klaus Heinrich und Ditlind von Zeit zu Zeit und
abwechselnd Mama auf ihren Spazierfahrten zu begleiten, die im Frhjahr
und Herbst nachmittags um die Promenadezeit stattfanden, in Gegenwart
der Freifrau von Schulenburg-Tressen. Klaus Heinrich war ein wenig
erregt und fieberhaft vor diesen Spazierfahrten, mit denen
schlechterdings kein Vergngen, sondern im Gegenteil viel Mhe und
Anstrengung verbunden war. Denn gleich, wenn zwischen den
prsentierenden Grenadieren der offene Wagen das Lwenportal am
Albrechtsplatze verlie, so stand viel Volks dort versammelt, das die
Ausfahrt erwartet hatte, Mnner, Frauen und Kinder, die riefen und
gierig schauten; und es galt, sich zusammenzunehmen und anmutig
standzuhalten, zu lcheln, die linke Hand zu verbergen und so mit dem
Hute zu gren, da es Freude im Volke hervorrief. Das ging so fort auf
der Fahrt durch die Stadt und im Grnen. Die anderen Fuhrwerke muten
wohl Abstand wahren von unserem, die Schutzmnner hielten darauf. Jedoch
die Fugnger standen am Wegessaum, die Damen lieen sich knicksend
nieder, die Herren hielten den Hut am Schenkel und blickten von unten
mit Augen voll Andacht und dringlicher Neugier -- und dies war Klaus
Heinrichs Einsicht: da alle da waren, um eben da zu sein und zu
schauen, indes er da war, um sich zu zeigen und geschaut zu werden; und
das war das weitaus Schwerere. Er hielt seine linke Hand in der
Paletottasche und lchelte, wie Mama es wnschte, whrend er fhlte, da
seine Wangen in Hitze standen. Aber der Eilbote schrieb, da die
Wangen unseres kleinen Herzogs wie Rosen gewesen seien vor Wohlbefinden.

Klaus Heinrich war dreizehn Jahre alt, als er an dem einsamen
Perlmuttertischchen inmitten des kalten Silbersaales stand und das
Eigentliche zu ergrnden suchte, um das es sich fr ihn handelte. Und
wie er die Erscheinungen innig durchdrang: den leeren, zerschlissenen
Stolz der Gemcher, der ber Zweck und Behagen war, die Symmetrie der
weien Kerzen, in welcher ein hoher und angespannter Dienst, eine
beherrschte Entsagung ausgedrckt schien, die kurze Verstrung auf
seines Vaters Gesicht, wenn man ihn freihin ansprach, die khl und
streng gepflegte Schnheit seiner Mutter, die sich lchelnd der
Begeisterung darstellte, die andachtsvollen und dringlich neugierigen
Blicke der Leute drauen -- da ergriff ihn eine Ahnung, eine ungefhre
und wortlose Erkenntnis dessen, was seine Angelegenheit war. Aber zur
selben Zeit kam ihn ein Grauen an, ein Schauder vor dieser Art von
Bestimmung, eine Angst vor seinem hohen Beruf, so stark, da er sich
wandte und beide Hnde vor seine Augen warf, beide, die kleine runzlige
linke auch, und an dem einsamen Tischchen niedersank und weinte, weinte
vor Mitleid mit sich und seinem Herzen, bis man kam und zu Gott
emporblickte und die Hnde zusammenschlug und fragte und ihn wegfhrte
... Er gab an, da er Furcht gehabt, und das war die Wahrheit.

Er hatte nichts gewut, nichts begriffen, nichts geahnt von der
Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm vorgeschrieben war; er war
lustig gewesen, hatte sich sorglos fahren lassen und viel Anla zum
Entsetzen gegeben. Aber frh mehrten sich die Eindrcke, die es ihm
unmglich machten, sich der wahren Sachlage zu verschlieen. In der
nrdlichen Vorstadt, unweit des Quellengartens, war eine neue Strae
entstanden; man erffnete ihm, da sie auf Magistratsbeschlu den Namen
Klaus-Heinrich-Strae erhalten habe. Gelegentlich einer Ausfahrt
sprach seine Mutter mit ihm beim Kunsthndler vor; es galt einen
Einkauf. Der Lakai wartete am Schlage, Publikum sammelte sich an, der
Kunsthndler eiferte beglckt -- das war nichts Neues. Aber Klaus
Heinrich bemerkte zum erstenmal seine Photographie im Schaufenster. Sie
hing neben denen von Knstlern und groen Mnnern, hochgestirnten
Mnnern, deren Augen aus einer berhmten Einsamkeit blickten.

Man war im ganzen zufrieden mit ihm. Er nahm zu an Haltung, und ein
gefater Anstand kam in sein Wesen, unter dem Druck seiner Berufenheit.
Aber das Seltsame war, da zu gleicher Zeit sein Verlangen wuchs: diese
schweifende Wibegier, die zu befriedigen Schulrat Drge der Mann nicht
war, und die ihn getrieben hatte, mit den Lakaien zu plaudern. Er tat
das nicht mehr; es fhrte zu nichts. Sie lchelten Du Reiner, du
Feiner, sie bestrkten ihn durch eben dieses Lcheln in der dunklen
Vermutung, da seine Welt der symmetrisch aufgesteckten Kerzen in einem
unwissenden Gegensatz zur brigen Welt dort drauen stehe, aber sie
halfen ihm gar nicht. Er sah sich um auf den Spazierfahrten, auf den
Gngen, die er mit Ditlind und Madame aus der Schweiz, gefolgt von einem
Lakaien, durch den Stadtgarten unternahm. Er fhlte: wenn alle einig
gegen ihn waren, um zu schauen, indes er einzeln und herausgehoben war,
um geschaut zu werden, so war er also ohne Teil an ihrem Treiben und
Sein. Er begriff ahnungsweise, da sie mutmalich nicht immer so waren,
wie er sie sah, wenn sie standen und grten mit frommen Augen, da wohl
seine Reinheit und Feinheit es sein mute, die ihre Augen fromm machte,
und da es ihnen ging wie den Kindern, wenn sie von Mrchenprinzen
hrten und so eine Verschnerung der Gedanken und Erhebung ber den
Wochentag erfuhren. Aber er wute nicht, wie sie unverschnt und
unerhoben am Wochentage blickten und waren -- sein hoher Beruf
enthielt es ihm vor, und es war wohl also ein gefhrlicher und
ungehriger Wunsch, sein Herz berhren zu lassen von Dingen, die seine
Hoheit ihm vorenthielt. Er wnschte es dennoch, wnschte es aus einer
Eifersucht und jener schweifenden Wibegier, die ihn zuweilen trieb,
Forschungszge in unbewohnte Gegenden des Alten Schlosses zu
unternehmen, mit Ditlind, seiner Schwester, wenn es sich machen lie.

Sie nannten es Stbern, und der Reiz des Stberns war gro; denn es
war schwer, mit dem Grundri und Aufbau des alten Schlosses vertraut zu
werden, und jedesmal, wenn sie weit genug ins Entlegene vordrangen,
fanden sie Stuben, Gelasse und de Sle auf, die sie noch nie betreten
hatten, oder doch seltsame Umwege zu bekannten Rumen. Aber einmal bei
solchem Streifen hatten sie eine Begegnung, stie ihnen ein Abenteuer
zu, das, uerlich unscheinbar, Klaus Heinrichs Seele doch mchtig
ergriff und belehrte.

Gelegenheit bot sich. Whrend Madame aus der Schweiz sich in Urlaub zum
Nachmittagsgottesdienst befand, hatten sie bei der Groherzogin in
Gesellschaft zweier Ehrendamen ihre Milch aus Teetassen getrunken, waren
entlassen und angewiesen worden, Hand in Hand in die unfernen
Kinderzimmer zu ihren Beschftigungen zurckzukehren. Er bedrfe keines
Geleites; Klaus Heinrich sei gro genug, Ditlinden zu fhren. Das war
er; und auf dem Korridor sagte er: Ja, Ditlind, wir wollen nun
allerdings in die Kinderzimmer zurckkehren, aber es ist nicht ntig,
weit du, da wir es auf dem krzesten, langweiligsten Wege tun. Wir
wollen zuerst ein bichen stbern. Wenn man eine Treppe hher steigt und
den Gang verfolgt, bis die Gewlbe anfangen, so ist da hinten ein Saal
mit Pfeilern. Und wenn man von dem Saal mit den Pfeilern die
Wendeltreppe hinaufklettert, die hinter der einen Tr ist, dann kommt
man in ein Zimmer mit hlzerner Decke, wo eine Menge sonderbare Sachen
herumliegen. Aber was hinter diesem Zimmer kommt, das wei ich noch
nicht, und das wollen wir auskundschaften. Nun gehen wir also.

Ja, gehen wir, sagte Ditlinde, aber nicht zu weit, Klaus Heinrich,
und nicht, wo es zu staubig ist, denn auf meinem Kleide sieht man
alles.

Sie trug ein Kleidchen aus dunkelrotem Sammet, mit Atlas von derselben
Farbe besetzt. Sie hatte damals Grbchen in den Ellenbogen und
goldblankes Haar, das sich in Locken gleich Widderhrnern um ihre Ohren
legte. Spter wurde sie aschblond und mager. Auch sie hatte die breiten,
ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen ihres Vaters und Volkes, aber
sie waren zart gebildet, so da sie der Feinheit ihres herzfrmigen
Gesichtchens keinen Abbruch taten. Aber bei ihm waren sie krftig und
ausgeprgt, so da sie seine stahlfarbenen Augen ein wenig zu bedrngen,
zu verengern und ihren Schnitt in die Lnge zu ziehen schienen. Sein
dunkles Haar war seitwrts glatt gescheitelt, an den Schlfen mit
Genauigkeit rechtwinklig beschnitten und schrg aus der Stirn
hinweggebrstet. Er trug eine offene Jacke mit hochgeschlossener Weste
und weiem Fallkragen. In seiner Rechten hielt er Ditlindens Hndchen,
aber sein linker Arm hing dnn und zu kurz mit seiner brunlichen,
runzligen und unentwickelten Hand von der Schulter hinab. Er war froh,
sie sorglos hngen lassen zu drfen und nicht geschickt verbergen zu
mssen; denn niemand war da, der schaute und verschnt und erhoben sein
wollte, und er selbst durfte schauen und forschen fr sein eigenes Herz.

So gingen sie und stberten, wie sie Lust hatten. Ruhe herrschte in den
Korridoren, und sie sahen kaum von fern einen Lakaien. Sie stiegen eine
Treppe hher und verfolgten den Gang, bis die Gewlbe begannen und sie
also in dem Teil des Schlosses waren, der aus den Zeiten Johanns des
Gewaltttigen und Heinrichs des Bufertigen stammte, wie Klaus Heinrich
wute und erklrte. Sie kamen in den Saal mit den Pfeilern, und Klaus
Heinrich pfiff dort mehrere Tne schnell nacheinander, weil die ersten
noch hallten, wenn der letzte kam, und so ein heller Akkord unter dem
Kreuzbogen schwebte. Sie kletterten tastend und manchmal auf Hnden und
Fen die steinerne Wendeltreppe hinan, die hinter einer der schweren
Tren mndete, und kamen in das Zimmer mit der hlzernen Decke, wo sich
mehrere seltsame Gegenstnde befanden. Es gab dort einige tppisch
groe, zerbrochene Flinten mit dick verrosteten Schlssern, die wohl zu
schlecht frs Museum gewesen waren, und einen Thronsessel auer Dienst
mit zerrissenem roten Sammetpolster, kurzen, weit geschwungenen
Lwenbeinen und schwebenden Kinderchen oberhalb der Rckenlehne, die
eine Krone trugen. Dann aber war da ein arg verbogenes und verstaubtes,
kfigartiges und grlich anmutendes Ding, das sie lange und sehr
beschftigte. Trog sie nicht alles, so war es eine Rattenfalle, denn man
erkannte die eiserne Spitze, woran der Speck zu befestigen war, und
furchtbar zu denken, wie hinter dem groen und widrig bissigen Tier die
Klapptr niedergefallen war ... Ja, das nahm Zeit in Anspruch, und als
sie sich von der Falle aufrichteten, waren ihre Gesichter erhitzt, und
ihre Kleider starrten von Rost und Staub. Klaus Heinrich klopfte sie
beide ab, aber das machte nicht vieles gut, denn seine Hnde waren
ebenfalls grau. Und pltzlich sahen sie, da die Dmmerung
vorgeschritten war. Sie muten rasch umkehren, Ditlinde bestand
ngstlich darauf; es war zu spt geworden, noch weiter vorzudringen.

Das ist unendlich schade, sagte Klaus Heinrich. Wer wei, was wir
noch entdeckt htten und wann wir wieder Gelegenheit zum Stbern
bekommen, Ditlinde! Aber er folgte der Schwester doch, und sie sputeten
sich, die Wendeltreppe wieder zurckzulegen, durchquerten den
Pfeilersaal und traten hinaus in den Bogengang, um eilig und Hand in
Hand den Heimweg aufzunehmen.

So wanderten sie eine Strecke; aber Klaus Heinrich schttelte den Kopf,
denn ihm schien, als sei dies der Weg nicht, den sie gekommen waren. Sie
wanderten weiter; aber mehrere Anzeichen bewiesen, da sie die Richtung
verfehlt hatten. Diese steinerne Bank mit den Greifenkpfen war hier
vorhin nicht gestanden. Dies spitze Fenster ging auf den westlichen,
tiefer gelegenen Stadtteil statt auf den inneren Hof mit dem Rosenstock.
Sie gingen irr, es half nichts, das fortzuleugnen; sie hatten vielleicht
den Saal mit den Pfeilern durch einen falschen Ausgang verlassen und
hatten sich jedenfalls grndlich verlaufen.

Sie gingen ein Stckchen zurck, aber ihre Unruhe litt den Rckschritt
nicht lange, und so machten sie wiederum kehrt und zogen es vor, bei dem
einmal eingeschlagenen Weg aufs Geratewohl zu beharren. Sie gingen in
dumpfer, eingeschlossener Luft, und groe, ungestrt ausgearbeitete
Spinngewebe breiteten sich in den Winkeln aus; sie gingen in Sorge, und
Ditlinde zumal war reuevoll und dem Weinen nah. Man werde ihr Ausbleiben
bemerken, sie traurig ansehen, vielleicht gar dem Groherzog Meldung
machen; sie wrden niemals den Weg finden, vergessen werden und Hungers
sterben. Und wo eine Rattenfalle sei, Klaus Heinrich, da seien auch
Ratten ... Klaus Heinrich trstete sie. Es gelte einzig, die Stelle zu
finden, wo an der Wand die Harnische und gekreuzten Fahnen hingen; von
diesem Punkte an sei er der Richtung sicher. Und pltzlich -- sie hatten
eben ein Knie des Wandelganges zurckgelassen -- pltzlich geschah
etwas. Sie schraken zusammen.

Was sie hrten, war mehr, als der Widerhall ihrer eigenen Schritte; es
waren andere, fremde, schwerer als ihre, sie kamen ihnen bald rasch,
bald zgernd entgegen und waren von einem Schnaufen und Brummen
begleitet, das ihnen das Blut erstarren lie. Ditlind machte Miene,
davonzulaufen vor Schrecken; aber Klaus Heinrich gab ihre Hand nicht
frei, und sie standen mit weiten Augen und lieen kommen, was kam.

Es war ein Mann, der im Halbdunkel sichtbar wurde, und ruhig betrachtet,
war seine Erscheinung nicht grauenerregend. Er war gedrungen von
Krperbau und gekleidet wie ein Veteran im Festzuge. Er trug einen
Gehrock von altfrnkischem Schnitt, einen wollenen Schal um den Hals und
eine Medaille auf der Brust. Er hielt in der einen Hand einen
geschweiften Zylinderhut und in der anderen die beinerne Krcke seines
knotig gerollten Regenschirms, den er im Gehen taktmig auf die Fliesen
stie. Sein sprlich graues Haar war von dem einen Ohr aufwrts in
verklebten Strhnen ber seinen Schdel gestrichen. Er hatte
bogenfrmige, schwarze Augenbrauen und einen gelblich-weien Bart, der
ihm wuchs wie dem Groherzog, schwere Oberlider und blaue, wssrige
Augen mit Scken aus welker Haut darunter; er hatte die landesblichen
Wangenknochen, und die Falten seines gerteten Gesichtes waren wie
Risse. Ganz nahe herangekommen, schien er die Geschwister zu erkennen,
denn er stellte sich gegen die Auenwand des Ganges, machte gleichsam
Front und fing an, eine Anzahl Verbeugungen auszufhren, dergestalt, da
er seinen ganzen Krper von den Fuballen an mehrmals kurz und ruckhaft
nach vorn fallen lie, wobei er seinem Mund einen biederen Ausdruck gab
und seinen Zylinderhut, die ffnung nach oben, vor sich hielt. Klaus
Heinrich gedachte mit einer Kopfneigung an ihm vorberzugehen, aber
betroffen blieb er dennoch stehen, denn der Veteran begann zu sprechen.

Um Vergebung! stie er tief und pltzlich hervor und fuhr dann
gemchlicher fort. Suche ausdrcklich um Vergebung nach bei den jungen
Herrschaften! Aber wrden die jungen Herrschaften es wohl fr ungut
nehmen, wenn ich ihnen die Bitte unterbreitete, mir geflligst den
nchsten Weg nach dem nchsten Ausgang bekanntzugeben? Es braucht nicht
gerade das Albrechtstor zu sein -- gar nicht mal ntig, da es das
Albrechtstor ist. Aber irgendein Ausgang aus dem Schlo, wenn ich so
frei sein darf, das Ersuchen an die jungen Herrschaften zu richten...

Klaus Heinrich hatte seine linke Hand in die Hfte gestemmt, weit
hinten, so da sie fast schon im Rcken sa, und sah zu Boden. Man hatte
einfach das Wort an ihn gerichtet, hatte ihn geradeswegs und in
unbehilflicher Form zur Rede gestellt; er dachte an seinen Vater und zog
die Brauen zusammen. Er arbeitete hastig an der Frage, wie er sich in
dieser fehlerhaften und unordentlichen Lage zu verhalten habe. Albrecht
htte seinen kleinen Mund gemacht, htte mit seiner kurzen, gerundeten
Unterlippe ein wenig an der oberen gesogen und wre schweigend
weitergegangen -- soviel war sicher. Aber warum stberte man, wenn man
an dem ersten ernsthaften Abenteuer steif und gekrnkt vorbergehen
wollte? Und der Mann war rechtschaffen und fhrte sicher nichts Bses im
Schilde, das sah Klaus Heinrich, als er sich zwang, die Augen
aufzuschlagen. Er sagte einfach: Gehen Sie mit uns, das ist das beste.
Ich will Ihnen gerne zeigen, wo Sie abbiegen mssen, damit Sie zu einem
Ausgang kommen. Und sie gingen.

Danke! sagte der Mann. Danke aufrichtig fr alle Freundlichkeit!
Htte wahrhaftigen Gott nicht gedacht, da ich eines Tages noch mal mit
den jungen Herrschaften im Alten Schlo herumspazieren wrde. Aber so
geht es, und nach all meinem rger ... denn ich hab' mich gergert,
mchtig gergert, das bleibt wahr und bestehen ... nach all meinem rger
hab' ich nun doch noch diese Ehre und dieses Vergngen.

Klaus Heinrich wnschte sehr, zu fragen, was der Grund von soviel rger
gewesen sei; aber der Veteran fuhr schon fort (und stampfte taktmig
dabei seinen Regenschirm auf die Fliesen): Und ich hab' die jungen
Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bichen dunkel ist
hier in den Gngen, denn ich hab' sie doch manches liebe Mal in der
Kalesche gesehn und mich immer gefreut, denn ich hab' selbst so'n Paar
Wrmer zu Haus, will sagen, meine sind Wrmer, meine ... und der Junge
heit auch Klaus Heinrich.

Gerade wie ich? sagte Klaus Heinrich aus unmittelbarem Vergngen ...
Das ist ein hbscher Zufall!

N, Zufall? Nach =Ihnen=! sagte der Mann. Das ist denn doch wohl kein
Zufall nicht, wo er doch ausgesprochen nach Ihnen so heit, denn er ist
ein paar Monat jnger als Sie, und da gibt es viele in Stadt und Land,
die auch so heien, alle nach Ihnen. N, Zufall kann man doch das wohl
nicht nennen...

Klaus Heinrich verbarg seine Hand und schwieg.

Ja, gleich erkannt, sagte der Mann. Und hab' mir gedacht: Gottlob,
dacht' ich, und das nenn' ich Glck im Unglck, und die werden dir aus
der Falle helfen, worein du alter Tlpel getappt bist, und kannst wohl
lachen, dacht' ich, denn hier ist schon mancher herumgestolpert, den die
Kujone auf den Leim gefhrt haben und der's so gut nicht getroffen
hat...

Kujone? dachte Klaus Heinrich ... Und auf den Leim? Er blickte starr
geradeaus, er wagte nicht zu fragen. Eine Furcht, eine Hoffnung kam ihn
an ... Er sagte ganz leise: Man hat Sie ... auf den Leim gefhrt?

An der Nase! sagte der Veteran. An der Nase haben sie mich gefhrt,
die Halunken, und das mit Glanz! Aber das kann ich den jungen
Herrschaften sagen, so jung Sie sind, aber das wird Ihnen gut tun, zu
wissen, da es eine groe Verderbnis ist hier mit den Leuten. Da kommt
man und liefert mit allem Respekt seine Arbeit ein ... Ja, Gott soll
mich bewahren! rief er pltzlich und schlug sich mit seinem Hut vor die
Stirn Ich hab' mich den Herrschaften wohl noch nicht mal prsentiert
und bekanntgegeben? -- Hinnerke! sagte er. Schuhmachermeister
Hinnerke, Hoflieferant, gedient und ausgezeichnet! Und er wies mit dem
Zeigefinger seiner groen, rauhen und gelblich gefleckten Hand auf die
Medaille an seiner Brust. Die Sache ist so, da Knigliche Hoheit, der
Herr Papa, die Gnade gehabt hat, ein Paar Stiefel bei mir zu bestellen,
Schaftstiefel, Reitstiefel, mit Sporenkppchen und in Lackleder von
prima Qualitt. Die mach' ich denn, ich hab' sie ganz allein gemacht mit
aller Akkuratesse, und heut sind sie fertig und blitzten nur so. Sollst
selbst gehen, sag' ich zu mir ... ich hab' einen Jungen, der austrgt,
aber ich sage zu mir: Sollst selbst gehen, es ist fr den Herrn
Groherzog. Und zieh' mich denn an und nehm' meine Stiefel und gehe aufs
Schlo. 'Schn!' sagen gleich unten die Lakaien und wollen sie mir
abnehmen. 'Nein!' sag' ich, denn ich trau' ihnen nicht. Ich hab' meine
Auftrge und meinen Hoftitel fr mein Renommee, will ich den
Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien bezahle. Aber
die Bursche sind verwhnt mit Trinkgeldern von den Lieferanten und
wollen blo was von mir fr die Besorgung. 'Nein,' sag' ich, denn ich
bin nicht fr Durchstecherei und schleichendes Wesen, 'ich will sie
persnlich einliefern, und wenn ich sie nicht dem Herrn Groherzog
selber geben kann, so will ich sie Herrn Kammerdiener Prahl geben.' Sie
giften sich, aber sie sagen: 'Dann mssen Sie da hinaufgehen!' Und ich
gehe da hinauf. Da oben sind wieder welche und sagen 'Schn!' und wollen
die Stiefel besorgen, aber ich verlange nach Prahl und bleibe dabei. Sie
sagen: 'Er trinkt Kaffee', aber ich bin fest und sage, dann will ich
warten, bis er ausgetrunken hat. Und indem ich das sage, wer kommt
vorbei in seinen Schnallenschuhen? Kammerdiener Prahl. Und sieht mich
denn, und ich gebe ihm die Stiefel mit ein paar angemessenen Worten, und
er sagt 'Schn!' und sagt noch eigens: 'Hbsch sind sie!' und nickt mir
zu und trgt sie weg. Nu bin ich ruhig, denn Prahl, auf den is Verla,
und nu will ich gehen. 'H!' ruft einer. 'Herr Hinnerke! Sie gehen ja
falsch!' 'Verdammt!' sag' ich und kehre um und gehe nach der andern
Seite. Aber das war das Dmmste, was ich tun konnte, denn sie hatten
mich in den April geschickt, und ich gehe, wohin ich nicht will. Ich
gehe ein Stck und treffe wieder so einen und frage ihn nach dem
Albrechtstor. Aber er merkt gleich, was los ist und sagt: 'Dann gehen
Sie man erst die Treppe hinauf und dann immer nach links und dann wieder
hinunter, dann schneiden Sie ein groes Stck ab!' Und ich habe
Vertrauen zu seiner Freundschaft und tue, wie er sagt und verbiestere
mich mehr und mehr und komme aus aller Kontenanz. Da merke ich, da es
nicht meine Schuld ist, sondern die von den Spitzbuben, und mir fllt
ein, da ich gehrt habe, da sie das oft so machen mit Lieferanten, die
ihnen kein Trinkgeld geben, und lassen sie herumirren, da sie
schwitzen. Und der rger macht mich blind und dumm, und komme in
Gegenden, wo keine Seele mehr atmet und wei nicht ein und nicht aus und
graule mich ordentlich. Und schlielich treff' ich die jungen
Herrschaften. Ja, so ist es mir gegangen mit meinen Stiefeln! schlo
Schuster Hinnerke und wischte sich die Stirn mit dem Handrcken.

Klaus Heinrich prete Ditlindens Hand. Sein Herz pochte so stark, da er
ganz und gar verga, seine Linke zu verbergen. Das war es. Das war etwas
davon, ein wenig, ein Zug! Sicher, das war von den Dingen, die sein
hoher Beruf ihm vorenthielt, war von dem Treiben der Leute, wie sie
unverschnt und am Alltag waren! Die Lakaien ... Er schwieg, er fand
kein einziges Wort.

Da schweigen sie nun, sagte der Schuster, die jungen Herrschaften!
Und seine biedere Stimme war ganz bewegt. Ich htte es ihnen wohl gar
nicht erzhlen sollen, weil es nicht ihre Sache ist, so was Schlechtes
zu erfahren. Aber dann denk' ich doch wieder, sagte er, legte den Kopf
auf die Seite und schnippte mit den Fingern in der Luft, da es nicht
schaden kann, da es ihnen gar nicht schaden kann fr knftig und
spterhin...

Die Lakaien... sagte Klaus Heinrich und nahm einen Anlauf ... Die
sind wohl schlimm? Ich kann es mir lebhaft vorstellen...

Schlimm? sagte der Schuster. Nichtswrdig sind sie. Das ist das Wort
fr sie. Wissen Sie, wozu sie fhig sind? Sie halten die Waren zurck,
wenn sie nicht genug Trinkgeld bekommen, halten sie zurck, wenn der
Lieferant sie in aller Pnktlichkeit zur bestimmten Zeit bersendet, und
geben sie mit groer Versptung ab, damit den Lieferanten die Schuld
trifft und er dasteht als pflichtvergessen in den Augen der hchsten
Herrschaften, und ihm die Auftrge entzogen werden. Das tun sie ohne
Skrupeln, und es ist ganz bekannt in der Stadt...

Ja, das ist arg! sagte Klaus Heinrich. Er lauschte, lauschte. Er wute
noch kaum, wie sehr erschttert er war. Sie tun wohl noch mehr? sagte
er ... Ich glaube bestimmt, da sie noch mehr tun in dieser Art.

Und ob! sagte der Mann und lachte. Nein, die lassen es nicht fehlen,
will ich den jungen Herrschaften sagen, die bettigen sich in mancher
Hinsicht. Da ist zum Beispiel der Spa mit dem Trenffnen ... Das
machen sie so. Jemand wird zur Audienz zugelassen bei Herrn Papa, unserm
gndigsten Groherzog, und nehmen Sie an, da er ein Neuling ist und
noch nie bei Hofe war. Und kommt denn im Frack und hat Frost und Hitze,
denn es ist ja natrlich keine Kleinigkeit, zum erstenmal vor der
Kniglichen Hoheit zu stehen. Und die Lakaien lcheln ber ihn, weil sie
hier zu Hause sind, und bugsieren ihn ins Vorzimmer, und er wei nicht,
wie ihm geschieht, und vergit denn auch richtig, den Lakaien Trinkgeld
zu geben. Aber dann kommt sein Augenblick, und der Herr Adjutant sagt
seinen Namen, und die Lakaien machen die Flgeltr auf und lassen ihn in
das Zimmer hinein, wo der Herr Groherzog warten. Da steht denn der
Neuling und macht Reverenz und sagt seine Antworten, und der Herr
Groherzog in seiner Gte gibt ihm die Hand, und nu is er entlassen und
geht nach rckwrts und denkt, die Flgeltr soll hinter ihm aufgehen,
wie man es ihm bestimmt versprochen hat. Aber sie geht nicht auf, sag'
ich den jungen Herrschaften, denn die Lakaien sind giftig auf ihn, weil
sie kein Trinkgeld bekommen haben, und rhren keinen Finger da drauen.
Aber er darf sich nicht umdrehen, das darf er beileibe nicht, weil er
dem Herrn Groherzog seinen Rcken nicht zeigen darf, das wre ein
groer Versto und eine Beleidigung fr den hohen Herrn. Und sucht denn
hinter sich mit der Hand nach dem Trgriff und findet ihn nicht und
kriegt das Zappeln und springt an der Tr herum, und hat er schlielich
durch Gottes Erbarmen den Griff, so is es 'ne altmod'sche Klinke, und er
versteht sich nich drauf und fingert und renkt sich den Arm aus und
rackert sich ab und verneigt sich zwischendurch aus Verzweiflung, bis
der gndigste Herr ihn womglich zuletzt mit eigener Hand hinauslassen
mu. Ja, das ist das mit dem Trffnen! Aber das ist noch gar nichts,
und nun will ich den jungen Herrschaften...

Sie hatten im Sprechen und Lauschen des Weges kaum acht gehabt, hatten
Treppen zurckgelegt und befanden sich im Erdgescho, unweit des
Albrechtstores. Eiermann, ein Kammerlakai der Groherzogin, kam ihnen
entgegen. Er trug einen violetten Frack und Backenbartstreifen. Er war
ausgesandt, Ihre Groherzoglichen Hoheiten zu suchen. Er schttelte
schon von weitem in lebhaftem Bedauern den Kopf und machte einen
trichterfrmigen Mund dazu. Aber als er den Schuster Hinnerke gewahrte,
der mit den Kindern ging und seinen Regenschirm vor sich herstie,
versagten alle Muskeln seines Gesichtes, und es ward schlaff und dumm.

Es blieb kaum Zeit zu Dank und Abschied, so rasch wute Eiermann den
Meister von den Kindern zu trennen und zu entfernen. Und unter schlimmen
Ankndigungen geleitete er Ihre Groherzoglichen Hoheiten in deren
Zimmer hinauf, zu Madame aus der Schweiz.

Man blickte zu Gott empor und schlug die Hnde zusammen bezglich ihres
Ausbleibens und des Zustandes ihrer Kleider. Das Schlimmste geschah: Man
sah sie traurig an. Aber Klaus Heinrich brachte nur das Notdrftigste
an Zerknirschung zustande. Er dachte: Die Lakaien ... Du Reiner, du
Feiner, lchelten sie, denn sie nahmen Geld und lieen die Lieferanten
auf den Korridoren irren, wenn sie keins bekamen, hielten die Waren
zurck, damit den Lieferanten die Schuld trfe, und ffneten nicht die
Flgeltr, so da der Audienzhabende zappeln mute. Das war im Schlo,
und wie mochte es drauen sein? Drauen unter den Leuten, die so fromm
und fremd auf ihn schauten, wenn er grend vorberfuhr?... Aber wie
unterfing sich der Mann, es ihm zu sagen? Nicht ein einziges Mal hatte
er ihn Groherzogliche Hoheit genannt, hatte ihm Gewalt angetan und
seine Reinheit und Feinheit grblich verletzt. Und warum war es
gleichwohl so seltsam s, das von den Lakaien zu hren? Warum schlug
sein Herz mit solcher entsetzten Freude, da etwas von den wilden und
frechen Dingen es berhrte, deren seine Hoheit nicht teilhaft war?




Doktor berbein


Klaus Heinrich verlebte drei Knabenjahre gemeinsam mit Altersgenossen
aus dem Hof- und Landadel der Monarchie in einem Internat, einer Art
erlauchten Konvikts, das Hausminister von Knobelsdorff seinethalben auf
Jagdschlo Fasanerie begrndet und eingerichtet hatte.

Seit hundert Jahren im Kronbesitz, gab Schlo Fasanerie dem ersten
Aufenthaltspunkt einer von der Residenz gen Nordwesten fhrenden
Staatsbahnlinie seinen Namen und hatte ihn seinerseits von einem unweit
in Wiese und Busch gelegenen zahmen Fasanengehege, das die Liebhaberei
eines frheren Landesherrn gewesen war. Das Schlo, ein einstckiges,
kastenartiges Landhaus mit einem von Blitzableitern berragten
Schindeldach, stand mit Remise und Stallgebude hart am Saume
ausgebreiteter Nadelwaldungen. Eine Reihe bejahrter Linden in Front,
blickte es ber ein weites, in fernem, blauendem Bogen vom Walde
umgrenztes und von Pfaden durchkreuztes Wiesengelnde hin, auf dem sich
gewalzte Spielpltze und Hrden zum Hindernisreiten abzeichneten. Dem
Schlosse schrg gegenber war ein Wirtshaus, ein Bier- und Kaffeegarten
mit hohen Bumen gelegen, den ein bedchtiger Mann namens Staventer in
Pacht hatte, und der an Sommersonntagen von Ausflglern, besonders
Radfahrern, aus der Hauptstadt bevlkert war. Den Zglingen der
Fasanerie war der Besuch des Wirtsgartens nur unter Aufsicht eines
Lehrers erlaubt.

Es waren ihrer fnf auer Klaus Heinrich: ein Trmmerhauff, ein
Gumplach, ein Platow, ein Prenzlau und ein Wehrzahn. Sie wurden in der
Gegend die Fasanen genannt. Ein ziemlich ausgedienter Landauer aus dem
Hofbestande, ein Gig, ein Schlitten und einige Reitpferde standen ihnen
zur Verfgung, und wenn zur Winterszeit ein Teil der Wiesen berschwemmt
und gefroren war, so bot sich Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen. Es gab
einen Koch, zwei Kammermdchen, einen Kutscher und zwei Lakaien auf
Schlo Fasanerie, von denen der eine zur Not gleichfalls zu fahren
verstand.

Gymnasialprofessor Krtchen, ein kleiner, mitrauischer und reizbarer
Junggeselle von komdiantischen Formen und einer altfrnkischen
Ritterlichkeit, leitete das Konvikt. Er trug einen gestutzten, ergrauten
Schnurrbart, eine Goldbrille vor seinen unruhigen braunen Augen und im
Freien stets einen in den Nacken gerckten Zylinderhut. Er ging mit
vorgestrecktem Unterleib, indem er seine kleinen Fuste nach Art eines
Dauerlufers zu beiden Seiten seines Buchleins hielt. Er behandelte
Klaus Heinrich mit einem selbstgeflligen Takt, war aber voller Verdacht
gegen den Adelshochmut seiner brigen Zglinge und geriet in die Wut
eines Katers, wenn er Geringschtzung seines Brgertums witterte. Auf
Spaziergngen liebte er es, wenn Leute in der Nhe waren,
stehenzubleiben, seine Schler in dichter Gruppe um sich zu versammeln
und ihnen, mit dem Stock im Sande zeichnend, irgend etwas zu
demonstrieren. Frau Amelung, eine stark nach Hoffmannstropfen duftende
Hauptmannsfrau, welche die Schlssel der Anstalt fhrte, nannte er
gndige Dame und wute sich etwas mit dieser Art Kenntnis des feinen
Tones.

Ein noch jugendlicher Hilfslehrer mit Doktorgrad stand dem Professor
Krtchen zur Seite -- ein aufgerumter, ttigkeitsfroher und redegewandt
schwadronierender, dabei schwrmerisch gesinnter Mensch, der Klaus
Heinrichs Denkart und Selbstempfindung vielleicht mehr, als gut war,
beeinflute. Auch ein Turnmeister namens Zotte war genommen worden.
Nebenbei bemerkt hie der Hilfslehrer berbein, mit Vornamen Raoul. Was
sonst an Lehrern noch ntig war, kam jeden Tag mit der Eisenbahn aus der
Hauptstadt.

Klaus Heinrich bemerkte mit Einverstndnis, da in sachlicher Beziehung
die Ansprche, die man an ihn stellte, sich rasch verminderten. Schulrat
Drges faltiger Zeigefinger haftete nicht mehr an den Zeilen, er hatte
das seine getan; und whrend der Unterrichtsstunden sowohl wie bei
Korrektur der schriftlichen Arbeiten nahm Professor Krtchen ausgiebig
Gelegenheit, seinen Takt zu erweisen. Ganz kurze Zeit nach Begrndung
des Internates bat er eines Tages -- es war nach dem Gabelfrhstck in
dem hochfenstrigen Speisesaal zu ebener Erde -- Klaus Heinrich zu sich
hinauf in sein Studierzimmer und uerte wrtlich: Es ist gegen das
allgemeine Interesse, da Groherzogliche Hoheit whrend unserer
gemeinsamen wissenschaftlichen bungen zur Beantwortung von Fragen
herangezogen werden, die Ihnen im Augenblick unwillkommen sind.
Andererseits ist es wnschenswert, da Groherzogliche Hoheit sich stets
durch Handerheben zur Antwort melden. Ich bitte Groherzogliche Hoheit
daher, zu meiner Orientierung, bei unwillkommenen Fragen den Arm in
ganzer Lnge auszustrecken, bei solchen aber, zu deren Lsung
aufgefordert zu werden Ihnen angenehm wre, ihn nur halbwegs und im
rechten Winkel zu erheben. Was Doktor berbein betraf, so erfllte er
den Schulsaal mit einer schallenden Gesprchigkeit, deren Frohsinn das
Gegenstndliche unter sich lie, ohne es aus den Augen zu lassen. Er
hatte mit Klaus Heinrich keinerlei Vereinbarung getroffen, sondern
befragte ihn, wann es ihm einfiel, mit freier Freundlichkeit, ohne da
eine Verlegenheit daraus entstand. Und Klaus Heinrichs wenig
sachdienliche Antworten schienen Doktor berbein zu entzcken, ihn zu
einer heiteren Begeisterung hinzureien. Ohoho! rief er und legte
lachend den Kopf hintber ... O Klaus Heinrich! O Prinzenblut! O Eure
Ahnungslosigkeit! Des Lebens rauhe Problematik fand Sie unvorbereitet!
Nun denn, mir umgetriebenem Manne steht es an, sie zu entwirren. Und er
gab selbst die Antwort; rief keinen anderen mehr auf, wenn Klaus
Heinrich falsch geantwortet hatte. -- Die Unterrichtsweise der brigen
Lehrer trug einen anspruchslos vortragenden Charakter. Und Turnlehrer
Zotte hatte von hoher Stelle die Weisung, die krperlichen Exerzitien
mit aller Rcksicht auf Klaus Heinrichs linke Hand zu leiten -- so zwar,
da nicht einmal des Prinzen eigene oder der anderen Knaben
Aufmerksamkeit unntigerweise auf den kleinen Fehler gelenkt werde. Die
Leibesbungen beschrnkten sich also auf Laufspiele, und in der
Reitstunde, die gleichfalls Herr Zotte erteilte, war alle Verwegenheit
ausgeschlossen.

Klaus Heinrichs Verhltnis zu den fnf Kameraden war nicht innig zu
nennen, es wollte zu eigentlicher Vertrautheit nicht gedeihen. Er stand
fr sich, war niemals einer von ihnen, ging schlechterdings in ihrer
Anzahl nicht auf. Sie waren fnf, und er war einer; der Prinz, die Fnfe
und die Lehrer, das war die Anstalt. -- Mehreres stand einer
unbefangenen Freundschaft entgegen. Die Fnf waren Klaus Heinrichs wegen
da, sie waren zur Gefhrtschaft mit ihm befohlen, sie wurden in der
Stunde nicht mehr gefragt, wenn er falsch geantwortet hatte, sie hatten
sich bei Ritt und Spiel seiner Krperbeschaffenheit anzupassen. Sie
fanden sich auf den Vorzug der Lebensgemeinschaft mit ihm bis zum
berdru hingewiesen. Ein paar von ihnen, die jungen von Gumplach, von
Platow und von Wehrzahn, minderbegterte Landjunker, standen die ganze
Zeit unter dem Einflu des beglckten Stolzes, den ihre Eltern an den
Tag gelegt hatten, als die Einladung des Hausministeriums ihnen
zugegangen war, der Glckwnsche, die man ihnen von allen Seiten
dargebracht hatte. Graf Prenzlau andererseits, jener Dicke, Rothaarige,
Sommersprossige mit der atemlosen Sprechweise und dem Vornamen Bogumil,
war ein Spro der reichsten und adligsten Grundbesitzerfamilie des
Landes, verwhnt und voll Selbstgefhl. Er wute genau, da die Seinen
die Aufforderung des Barons von Knobelsdorff nicht wohl hatten
ausschlagen knnen, da sie ihnen aber durchaus keine Himmelsgnade
bedeutet hatte, und da er, Graf Bogumil, auf den Gtern seines Vaters
weit besser und standesgemer htte leben knnen als auf Schlo
Fasanerie. Er fand die Reitpferde schlecht, den Landauer schbig, den
Gig in der Bauart veraltet; er murrte heimlich ber das Essen. Dagobert
Graf Trmmerhauff, ein windhundhnlicher und feiner Knabe, dessen Rede
ein Suseln war, hielt zu ihm in allen Stcken.

Sie hatten ein Wort miteinander, das voll von dem Ausdruck ihres
mkligen und aristokratischen Wesens war, und das sie mit einer
schneidenden Kehlstimme gern und hufig verwandten: Schweinerei. Es
war eine Schweinerei, sich lose Kragen ans Hemd zu knpfen. Es war eine
Schweinerei, im gewhnlichen Sakko-Anzug Lawn-Tennis zu spielen. Aber
Klaus Heinrich fhlte sich nicht zur Pflege dieses Wortes geboren. Er
hatte bisher berhaupt nicht gewut, da es Hemden mit angenhten Kragen
gab, und da man so viele Anzge auf einmal besitzen knne wie Bogumil
Prenzlau. Er htte gern Schweinerei gesagt, aber ihm fiel ein, da er
zur selben Stunde gestopfte Strmpfe trug. Er fand sich unelegant neben
Prenzlau und plump im Vergleich mit Trmmerhauff. Trmmerhauff war edel
wie ein Tier. Er hatte eine lange, spitze Nase mit messerscharfem Rcken
und weiten, vibrierenden, dnnwandigen Nstern, bluliche Adern an
seinen zarten Schlfen und winzige Ohren ohne Lppchen. Aus seinen
weiten farbigen Manschetten, die mit goldenen Kettenknpfen geschlossen
waren, kamen erlesene Damenhnde mit gewlbten Ngeln hervor, und das
Gelenk der einen war mit einem goldenen Armband geschmckt. Er suselte
mit halbgeschlossenen Augen ... Nein, es war klar, da Klaus Heinrich
mit Trmmerhauff an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte
Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und
geradezu stmmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. Wohl mglich, da
Albrecht es besser verstanden htte, mit den Fasanen Schweinerei zu
sagen. Er seinerseits war kein Aristokrat, war keiner, deutliche
Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich,
so hieen die Schustershne im Land, und Herrn Staventers Kinder dort
drben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie
seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hieen Bogumil und
Dagobert ... Klaus Heinrich stand einzeln und allein unter den Fnfen.

Er schlo dennoch eine Freundschaft auf Schlo Fasanerie, und es war
die mit Doktor berbein, dem Hilfslehrer. Raoul berbein war kein
schner Mann. Er hatte einen roten Bart und eine grnlich-weie
Gesichtsfarbe zu wasserblauen Augen, sprliches rotes Haar und beraus
hliche, abstehende und nach oben spitz zulaufende Ohren. Aber seine
Hnde waren klein und zart. Er benutzte ausschlielich weie Krawatten,
was seiner Erscheinung etwas Festliches verlieh, obgleich seine
Garderobe drftig war. Er trug im Freien einen Lodenmantel und beim
Reiten -- denn Doktor berbein ritt, und zwar vortrefflich -- einen
strapazierten Gehrock, dessen Sche er mit Sicherheitsnadeln umlegte,
enge, geknpfte Hosen und einen neuen Hut.

Worin bestand der Zauber, den er auf Klaus Heinrich ausbte? Dieser
Zauber war mehrfach zusammengesetzt. Man lebte noch nicht lange
miteinander, als unter den Fasanen das Gercht in Umlauf kam, der
Hilfslehrer habe vor Jahr und Tag mit genauer Not ein Kind aus einem
Moor oder Sumpf gezogen und befinde sich im Besitz der Rettungsmedaille.
Das war ein Eindruck. Spter erfuhr man noch mehr aus Doktor berbeins
Leben, und auch Klaus Heinrich erfuhr davon. Es hie, er sei dunkler
Herkunft, sei vaterlos. Seine Mutter sei eine Schauspielerin gewesen,
die ihn gegen Entgelt von armen Leuten an Kindes Statt habe annehmen
lassen, und ehemals habe er Hunger gelitten, woher die grnliche Frbung
seines Gesichtes rhre. Das waren Dinge, die sich der Einsicht, ja dem
Nachdenken verschlossen, wilde, unzugngliche Dinge, auf welche brigens
Doktor berbein zuweilen selber anspielte, zum Beispiel, wenn die
adeligen Knaben, denen sein dunkler Ursprung im Sinne sa, sich etwa
anmaend und unziemlich gegen ihn betrugen. Nesthkchen und
Muttershnchen! sagte er dann in lautem Unmut. Ich lasse mir lange
genug den Wind um die Nase wehen, um Bescheidenheit von euch Herrchen
verlangen zu drfen! -- Auch dies, da Doktor berbein sich den Wind
hatte um die Nase wehen lassen, verfehlte nicht seine Wirkung auf Klaus
Heinrich. Aber das eigentlich Reizvolle an des Doktors Person war die
Art seines direkten Verhaltens gegen Klaus Heinrich, der Ton, in dem er
vom ersten Tage an mit ihm verkehrte, und der ihn von allen anderen
Menschen strikt unterschied. Er wute nichts von der steifen
Verschlossenheit der Lakaien, von Madames bleichem Entsetzen, von
Schulrat Drges sachlichen Verbeugungen oder von Professor Krtchens
selbstgeflliger Rcksichtnahme; er wute gar nichts von dem fremden,
frommen und dennoch zudringlichen Wesen, mit dem die Leute drauen auf
Klaus Heinrich blickten. Whrend der ersten Tage nach Zusammentritt des
Konviktes verhielt er sich schweigsam, beschrnkte sich auf Beobachtung.
Dann aber nherte er sich dem Prinzen mit einem lchelnden und lauten
Freimut, einer frischen, vterlichen Kameradschaftlichkeit, wie Klaus
Heinrich sie niemals gekannt hatte. Sie verstrte ihn anfangs, er
blickte erschreckt in des Doktors grnliches Gesicht. Aber diese
Verwirrung wirkte auf jenen nicht zurck, schchterte ihn keineswegs
ein; sie bestrkte ihn in seiner herzlich schwadronierenden
Unbefangenheit, und nicht lange, so war Klaus Heinrich erwrmt und
gewonnen. Denn in Doktor berbeins Art lag nichts Gemeines, nichts
Niederreiendes, nicht einmal etwas Absichtliches und Erzieherisches. Es
lag darin die berlegenheit eines Mannes, der sich den Wind hatte um die
Nase wehen lassen, und zugleich eine zarte und freie Huldigung fr Klaus
Heinrichs anderes Sein und Wesen; Liebe und Anerkennung lag darin, nebst
dem frhlichen Antrag eines Bndnisses zwischen ihren beiden
Wesensarten. Er nannte ihn ein paarmal Hoheit, dann einfach Prinz,
dann ganz einfach Klaus Heinrich. Und dabei blieb es.

Sie hielten die Tete, der Doktor auf seinem breiten Schecken links von
Klaus Heinrich auf seinem gutgesinnten Fuchs, wenn die Fasanen
spazieren ritten -- trabten im Schnee oder Bltterfall, durch
Frhjahrsschmelze oder Sommersbrten den Waldessaum entlang, ber Land,
durch die Drfer, und Doktor berbein erzhlte von seinem Leben. Raoul
berbein, wie das klang, nicht wahr? Geschmackvoll war wesentlich
anders! Ja, berbein war der Name seiner Adoptiveltern gewesen, armer,
alternder Leutchen aus der unteren Bankbeamtensphre, und er fhrte ihn
nach Recht und Spruch. Aber da er Raoul genannt werde, darin hatte die
einzige Bestimmung und Vorschrift seiner Frau Mutter bestanden, als sie
die Abfindungssumme nebst seiner fatalen kleinen Person den Leutchen
eingehndigt hatte -- eine sentimentale Bestimmung offenbar, eine
Bestimmung der Piett. Sehr mglich wenigstens, da sein rechter und
eigentlicher Vater Raoul geheien hatte, und hoffentlich hatte sein
Nachname in schnem Einklang damit gestanden. brigens war es eine
ziemlich leichtsinnige Handlungsweise seiner Pflegeeltern gewesen, ein
Kind anzunehmen, denn ein gewisser Schmalhans war Kchenmeister
gewesen bei berbeins, und wahrscheinlich hatten sie nur aus einer
dringenden Notlage nach der Abfindungssumme gegriffen. Nur die
drftigste Schulausbildung war dem Knaben zuteil geworden, aber er hatte
sich die Freiheit genommen, zu zeigen, wer er war, hatte sich ein
bichen hervorgetan, und da er gern Lehrer werden wollte, so waren ihm
aus einem ffentlichen Fonds die Mittel zur Seminarausbildung bewilligt
worden. Nun, er hatte das Seminar absolviert, nicht ohne Auszeichnung
brigens, denn es war ihm drauf angekommen, und dann hatte man ihn als
Volksschullehrer angestellt, mit einem kolossalen Gehalt, wovon er noch
hie und da aus Erkenntlichkeit seine ehrlichen Pflegeeltern untersttzt
hatte, bis sie beinahe gleichzeitig gestorben waren. Wohl ihnen! Da
hatte er gestanden, allein in der Welt, ein Malheur von Geburt und arm
wie ein Spatz und von Gott begabt mit einer grnlichen Fratze nebst
Hundsohren, um sich einzuschmeicheln. Freundliche Bedingungen, nicht
wahr? Aber solche Bedingungen, das waren die guten Bedingungen -- ein
fr allemal, so verhielt es sich. Eine elende Jugend, Einsamkeit und
Ausgeschlossenheit vom Glcke, von der Bummelei des Glcks, ein
ausschlieliches und strenges Auf-die-Leistung-Gestelltsein -- man
setzte kein Fett an dabei, man ward innerlich sehnig, man kannte kein
Behagen und berflgelte diesen und jenen. Welche Begnstigung der
Fhigkeiten, wenn man kalt und klar auf sie angewiesen war! Welch
Vorteil vor denen, die es nicht ntig, in dem Grade nicht ntig
hatten! Vor den Leuten, die sich des Morgens eine Zigarre anzndeten
... Zu jener Zeit, am Krankenbett eines seiner ungewaschenen kleinen
Schler, in einer Stube, wo es nicht gerade nach Frhlingsblten roch,
hatte Raoul berbein die Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht --
etliche Jahre lter als er, aber in hnlicher Lage und ebenfalls ein
Malheur von Geburt, insofern er ein Jude war. Klaus Heinrich kannte ihn
-- doch man konnte sagen, da er ihn bei intimer Gelegenheit
kennengelernt hatte. Sammet war sein Name, _medicinae doctor_; er war
durch Zufall auf der Grimmburg zugegen gewesen, als Klaus Heinrich
geboren wurde, und hatte sich ein paar Jahre danach in der Hauptstadt
als Kinderarzt aufgetan. Nun, das war berbeins Freund, war es heute
noch, und damals hatten sie manches gute Gesprch ber Schicksal und
Strammheit miteinander gehabt. Verdammt noch mal, sie hatten sich den
Wind um die Nase wehen lassen, einer wie der andere. berbein angehend,
so dachte er mit ernster Freude an die Zeit zurck, da er
Volksschullehrer gewesen war. Seine Ttigkeit hatte sich nicht ganz und
gar auf das Klassenzimmer beschrnkt, er hatte sich den Spa gemacht,
sich auch persnlich und menschlich ein bichen um seine kleinen
Strolche zu kmmern, ihnen in ihr Heim, ihr zuweilen nicht sehr
idyllisches Familienleben nachzugehen, und dabei verfehlte man nicht,
allerlei Einblicke zu tun. Wahrhaftig, wenn er vordem des Lebens
schmallippiges Antlitz noch nicht gekannt hatte, so hatte er damals
Gelegenheit gehabt, hineinzusehen. brigens hatte er nicht aufgehrt,
fr sich selbst zu arbeiten, hatte fetten Brgerkindern Privatstunden
erteilt und sich den Leibgurt enger gezogen, um sich Bcher kaufen zu
knnen -- hatte die langen, stillen und freien Nchte benutzt, um zu
studieren. Und eines Tages hatte er mit auerordentlicher Genehmigung
die Staatsprfung abgelegt, hatte nebenbei promoviert und war zur
Lateinschule bergegangen. Eigentlich hatte es ihm leid getan, seine
kleinen Strolche zu verlassen; aber so war sein Weg gewesen. Und dann
hatte es sich gefgt, da man ihn zum Hilfslehrer auf Schlo Fasanerie
erkoren hatte, wiewohl er doch ein Malheur von Geburt war...

So erzhlte Doktor berbein, und Klaus Heinrich wurde von Freundschaft
erfllt, whrend er ihm zuhrte. Er teilte seine Geringschtzung derer,
die es nicht ntig hatten und sich des Morgens eine Zigarre
anzndeten, Furcht und Freude bewegten ihn bei dem, was berbein in
seiner lustig bramarbasierenden Art ber den Wind, die Einblicke und
ber des Lebens schmallippiges Antlitz verlauten lie, und mit einer
persnlichen Teilnahme verfolgte er seine glcklose und tapfere Laufbahn
von der Abfindungssumme bis zur Anstellung als Gymnasiallehrer. Ihm war,
als sei er auf irgendeine allgemeine Weise befhigt, sich an einem
Gesprch ber Schicksal und Strammheit zu beteiligen. Er fhlte eine
Weichheit, das Erlebnis seiner eigenen fnfzehn Jahre geriet in
Bewegung, ein Drang nach eigener Mitteilung und Hingabe kam ihn an, und
er versuchte, auch seinerseits von sich zu erzhlen. Aber das
Merkwrdige war, da Doktor berbein dem Einhalt tat, sich solcher
Absicht aufs entschiedenste widersetzte. Nein, nein, Klaus Heinrich,
sagte er, halt und Punktum. Nur keine Unmittelbarkeiten, wenn ich
bitten darf! Nicht, als ob ich nicht wte, da Sie mir allerlei zu
erzhlen htten ... Ich habe es gewut, als ich Ihnen einen halben Tag
lang zugeschaut hatte. Aber Sie miverstehen mich vllig, wenn Sie
glauben, da ich Sie dazu verleiten mchte, an meinem Halse zu weinen.
Erstens wrden Sie es ber kurz oder lang bereuen. Aber zweitens kommen
Ihnen die Freuden des traulichen Gestndnisses berhaupt nicht zu ...
Sehen Sie, ich darf schwatzen. Was bin ich? Ein Hilfslehrer. Kein ganz
alltglicher meinetwegen, aber doch nichts darber hinaus. Ein sehr
bestimmbares Einzelwesen. Aber Sie? Was sind Sie? Das ist schwieriger
... Sagen wir: ein Inbegriff, eine Art Ideal. Ein Gef. Eine
sinnbildliche Existenz, Klaus Heinrich, und damit eine formale Existenz.
Aber Form und Unmittelbarkeit -- wissen Sie noch nicht, da sich das
ausschliet? Es schliet sich aus. Sie haben kein Recht auf unmittelbare
Vertraulichkeit, und wenn Sie's versuchten damit, so wrden Sie selber
erfahren, da sie Ihnen nicht taugt, wrden sie als unzulnglich und
abgeschmackt erfinden. Ich mu Sie zur Haltung ermahnen, Klaus
Heinrich...

Klaus Heinrich salutierte lchelnd mit der Reitpeitsche. Und lchelnd
ritten sie weiter.

Ein andermal sagte Doktor berbein beilufig: Die Popularitt ist keine
sehr grndliche, aber eine groartige und umfassende Art der
Vertraulichkeit. Mehr sagte er nicht hierber.

Zuweilen im Sommer, in der groen Unterrichtspause am Vormittag, saen
sie miteinander in dem leeren Wirtsgarten -- promenierten in
irgendwelchem Gesprch ber das Wiesenland, auf dem die Fasanen sich
tummelten, und improvisierten einen Aufenthalt mit Limonade in Herrn
Staventers Anwesen. Herr Staventer wischte freudig den rohen Tisch und
brachte persnlich die Limonade. Man mute den Glaskugelpfropfen durch
den Flaschenhals stoen. Reine Ware! sagte Herr Staventer. Das
Bekmmlichste von allem. Kein Gesudel, Groherzogliche Hoheit und Sie,
Herr Doktor, sondern gezuckerte Natursfte und mit dem besten Gewissen
zu empfehlen! Dann hie er seine Kinder singen, dem Besuch zu Ehren.
Sie waren zu dritt, zwei Mdchen und ein Knabe, und konnten dreistimmig
singen. Sie standen in einiger Entfernung unter dem grnen Bltterdach
der Kastanienbume und sangen Volkslieder, indem sie sich mit den
Fingern schneuzten. Einmal sangen sie ein Lied mit dem Anfang:
Menschen, Menschen sind wir alle, und Doktor berbein gab durch
Zwischenbemerkungen sein Mifallen an dieser Nummer des Programms zu
erkennen. Ein faules Lied, sagte er und beugte sich seitwrts zu Klaus
Heinrich. So recht ein ordinres Lied. Ein bequemes Lied, Klaus
Heinrich, es mu Ihnen nicht sehr zusagen. Spter, als die Kinder nicht
mehr sangen, kam er nochmals auf dieses Lied zurck und bezeichnete es
geradezu als schlampig. Wir sind alle, alle Menschen, wiederholte er
-- Gott erbarme sich, ja, zweifelsohne. Aber vielleicht darf man
demgegenber daran erinnern, da die Bemerkenswerteren unter uns
immerhin die sein mgen, die Veranlassung geben, diese Wahrheit
besonders zu betonen ... Sehen Sie, sagte er, indem er sich
zurcklehnte, ein Bein ber das andere schlug und seinen roten Bart von
unten, von der Kehle aus streichelte, sehen Sie, Klaus Heinrich, ein
Mann von etwelchem geistigen Bedrfnis wird sich nicht enthalten knnen,
in dieser platten Welt das Auerordentliche zu suchen und es zu lieben,
wo und wie es irgend erscheint -- er mu sich rgern an solchem
schlampigen Lied, an solcher schafsgemtlichen Wegleugnung des
Sonderfalles, des hohen und des elenden und desjenigen, der beides
zugleich ist ... Rede ich frs Haus? Unsinn! Ich bin nur ein
Hilfslehrer. Aber Gott mag wissen, was mir im Blute spukt -- ich finde
keine Genugtuung darin, zu betonen, da wir im Grunde alle nur
Hilfslehrer sind. Ich liebe das Ungewhnliche in jeder Gestalt und in
jedem Sinne, ich liebe die mit der Wrde der Ausnahme im Herzen, die
Gezeichneten, die als Fremdlinge Kenntlichen, all die, bei deren Anblick
das Volk dumme Gesichter macht -- ich wnsche ihnen die Liebe zu ihrem
Schicksal, und ich wnsche nicht, da sie sich's mit der liederlichen
und lauwarmen Wahrheit bequem machen, die wir da eben dreistimmig zu
hren bekommen haben ... Warum bin ich Ihr Lehrer geworden, Klaus
Heinrich? Ich bin ein Zigeuner, ein strebsamer meinetwegen, aber doch
ein geborener Zigeuner. Meine Vorbestimmtheit zum Frstenknecht ist
nicht sonderlich einleuchtend. Warum bin ich mit aufrichtigem Vergngen
dem Rufe gefolgt, als er an mich erging, in Ansehung meiner
Strebsamkeit, und obwohl ich doch ein Malheur von Geburt bin? Weil ich
in Ihrer Daseinsform, Klaus Heinrich, die sichtbarste, ausdrcklichste,
bestgehtete Form des Auerordentlichen auf Erden sehe. Ich bin Ihr
Lehrer geworden, weil ich Ihr Schicksal in Ihnen lebendig erhalten
mchte. Abgeschlossenheit, Etikette, Verpflichtung, Strammheit, Haltung,
Form -- wer darin lebt, sollte kein Recht auf Verachtung haben? Er
sollte sich auf Menschlichkeit und Gemtlichkeit verweisen lassen? Nein,
kommen Sie, wir wollen gehen, Klaus Heinrich, wenn es Ihnen angenehm
ist. Es sind taktlose Blge, diese kleinen Staventers. -- Klaus
Heinrich lachte; er schenkte den Kindern ein wenig von seinem
Taschengeld, und sie gingen.

Ja, ja, sagte Doktor berbein auf einem gemeinschaftlichen
Waldspaziergang zu Klaus Heinrich -- es hatte sich einiger Abstand
zwischen ihnen und den fnf Fasanen hergestellt--, heutzutage mu
das Verehrungsbedrfnis des Geistes sich bescheiden. Wo ist Gre? Ja,
prosit! Aber von aller eigentlichen Gre und Sendung abgesehen, so gibt
es immer noch das, was ich Hoheit nenne, erlesene und schwermtig
isolierte Lebensformen, denen man sich geflligst mit der zartesten
Teilnahme zu nahen hat. brigens ist die Gre stark, sie trgt
Kanonenstiefel, sie hat die Ritterdienste des Geistes nicht ntig. Aber
die Hoheit ist rhrend -- sie ist, hol' mich der Teufel, das Rhrendste,
was es auf Erden gibt.

Einigemal im Jahr fuhr die Fasanerie in die Residenz, um den
Auffhrungen klassischer Opern und Dramen im groherzoglichen Hoftheater
beizuwohnen; besonders Klaus Heinrichs Geburtstag wurde mit solchem
Theaterbesuch begangen. Er sa dann in ruhiger Haltung auf seinem
geschweiften Armstuhl an der Plschbrstung einer rot ausgeschlagenen
Proszeniums-Hofloge, deren Dach auf den Kpfen zweier weiblicher
Skulpturen mit gekreuzten Hnden und leeren, strengen Gesichtern ruhte,
und sah seinen Kollegen, den Prinzen, zu, deren Schicksal sich auf der
Bhne erfllte, whrend er zugleich den Opernglsern standhielt, die
sich von Zeit zu Zeit, auch whrend des Spiels, aus dem Publikum auf ihn
richteten. Professor Krtchen sa zu seiner Linken und Doktor berbein
mit den Fasanen in einer Nebenloge. Einst hrte man so die
Zauberflte, und auf dem Heimweg nach Station Fasanerie, in dem
Abteil erster Klasse, brachte Doktor berbein das ganze Konvikt zum
Lachen, indem er nachahmte, wie Snger sprechen, wenn ihre Rolle sie
ntigt, in den Prosadialog berzugehen. Er ist ein Prinz! sagte er
salbungsvoll und entgegnete sich selbst in einem ziehenden und singenden
Pastorenton: Er ist mehr als das; er ist ein Mensch! Selbst Professor
Krtchen amsierte sich so sehr, da er meckerte. Aber am nchsten Tage,
gelegentlich einer Privatrepetition in Klaus Heinrichs Bcherzimmer mit
dem runden Mahagonitisch, der geweiten Decke und dem griechischen Torso
auf dem Kachelofen, wiederholte Doktor berbein seine Parodie und sagte
dann: Groer Gott, das war einmal neu zu seiner Zeit, war eine
Botschaft, eine verblffende Wahrheit!... Es gibt Paradoxe, die so lange
auf dem Kopfe gestanden haben, da man sie auf die Fe stellen mu, um
wieder etwas leidlich Verwegenes daraus zu machen. 'Er ist ein Mensch
... Er ist mehr als das' -- das ist nachgerade khner, es ist schner,
es ist sogar wahrer ... Das Umgekehrte ist bloe Humanitt; aber ich bin
von Herzen nicht sehr fr Humanitt, ich rede mit dem grten Vergngen
wegwerfend davon. Man mu in irgendeinem Sinne zu denen gehren, von
welchen das Volk spricht: 'Es sind schlielich auch Menschen' -- oder
man ist langweilig wie ein Hilfslehrer. Ich kann den allgemeinen,
gemtlichen Ausgleich von Konflikten und Distanzen nicht aufrichtig
wnschen, Gott helfe mir, so bin ich veranlagt, und die Figur des
_principe uomo_ ist mir, deutlich gesagt, ein Greuel. Ich hoffe nicht,
da sie Ihnen sonderlich zusagt, Klaus Heinrich?... Sehen Sie, es hat zu
allen Zeiten Frsten und Auerordentliche gegeben, die ihr Dasein der
Ausnahme mit Leichtigkeit fhrten, einfltig unbewut ihrer Wrde oder
sie derb verleugnend und fhig, mit den Brgern in Hemdrmeln Kegel zu
schieben, ohne eine qualvolle Verzerrung ihres Innersten zu erfahren.
Aber sie sind wenig betrchtlich, wie zuletzt alles unbetrchtlich ist,
was des Geistes ermangelt. Denn der Geist, Klaus Heinrich, der Geist ist
der Hofmeister, der unerbittlich auf Wrde dringt, ja die Wrde erst
eigentlich schafft, er ist der Erzfeind und vornehme Gegner aller
humanen Gemtlichkeit. 'Mehr als das?' Nein! Reprsentieren, fr viele
stehen, indem man sich darstellt, der erhhte und zuchtvolle Ausdruck
einer Menge sein -- Reprsentieren ist selbstverstndlich mehr und hher
als Einfachsein, Klaus Heinrich--, darum nennt man Sie Hoheit...

So rsonnierte Doktor berbein, laut, herzlich und wortgewandt, und was
er sagte, beeinflute Klaus Heinrichs Denkart und Selbstempfindung
vielleicht mehr als gut war. Der Prinz war damals fnfzehn, sechzehn
Jahre alt und also recht wohl fhig, solcherlei Ideen -- wenn auch nicht
wirklich aufzufassen, doch nach ihrem Wesensgehalt gleichsam
aufzusaugen. Das Entscheidende war, da Doktor berbeins Lehren und
Expektorationen durch seine Persnlichkeit so ungemein untersttzt
wurden. Wenn Schulrat Drge, der sich gegen die Lakaien verneigte, Klaus
Heinrich an seinen hohen Beruf gemahnt hatte, so war das nicht mehr
als eine bernommene Redensart gewesen, mit dem Zweck, seinen sachlichen
Forderungen Nachdruck zu verleihen, und eigentlich ohne inneren Sinn.
Aber wenn Doktor berbein, der ein Malheur von Geburt war, wie er sagte,
und ein grnliches Gesicht hatte, weil er ehemals Hunger gelitten, wenn
dieser Mann, der ein Kind aus einem Moor oder Sumpf gezogen, Einblicke
getan und sich in jeder Weise den Wind hatte um die Nase wehen lassen,
wenn er, der sich nicht nur nicht vor den Lakaien verbeugte, sondern sie
gelegentlich sogar mit schallender Stimme anschrie, und der Klaus
Heinrich selbst am dritten Tage, ohne um Erlaubnis zu fragen, ganz
unumwunden bei Vornamen genannt hatte -- wenn er mit einem vterlichen
Lcheln erklrte, da Klaus Heinrich auf der Menschheit Hhen wandle
(diese Wendung gebrauchte er gern), so war das etwas Freies und neu
Empfundenes, was sozusagen Widerklang in der Tiefe hatte. Lauschte Klaus
Heinrich den lauten und aufgerumten Erzhlungen des Doktors von seinem
Leben, von des Lebens schmallippigem Antlitz, so war ihm zumute wie
ehemals, wenn er mit Ditlind, seiner Schwester, gestbert hatte; und da
der, welcher so zu erzhlen wute, da dieser umgetriebene Mann, wie
er sich selber nannte, sich nicht fremd und fromm gegen ihn verhielt wie
die anderen, sondern ihn, unbeschadet einer freien und freudigen
Huldigung, als Kameraden im Schicksal und in der Strammheit behandelte,
das erwrmte Klaus Heinrichs Herz zu unaussprechlicher Dankbarkeit und
machte den Zauber aus, der ihn dem Hilfslehrer auf immer verband...

Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag (Albrecht, der Erbgroherzog,
befand sich schon damals seiner Gesundheit wegen im Sden) ward der
Prinz gemeinsam mit den fnf Fasanen in der Hofkirche eingesegnet --
der Eilbote brachte den Bericht, ohne eine Sensation daraus zu machen.
Oberkirchenratsprsident D. Wislizenus kontrapunktierte mit einem
Bibelmotiv, das wiederum der Groherzog ausgewhlt hatte, und Klaus
Heinrich ward bei dieser Gelegenheit zum Leutnant ernannt, obgleich er
von militrischen Angelegenheiten auch nicht das geringste verstand ...
Alle Sachlichkeit entwich mehr und mehr aus seinem Dasein. Und so war
denn auch der zeremonielle Vorgang der Einsegnung ohne einschneidende
Bedeutung, und der Prinz kehrte gleich danach ruhig nach Schlo
Fasanerie zurck, um sein Leben im Kreise der Lehrer und Mitzglinge
ohne Vernderung fortzufhren.

Erst ein Jahr spter verlie er sein altmodisch schlichtes Schlerzimmer
mit dem Torso auf dem Kachelofen -- das Konvikt lste sich auf, und
whrend die fnf adeligen Genossen ins Kadettenkorps bertraten, nahm
Klaus Heinrich wieder im Alten Schlosse Wohnung, um, einer Vereinbarung
gem, die Herr von Knobelsdorff mit dem Groherzog getroffen hatte, ein
Jahr lang die oberste Gymnasialklasse in der Residenz zu besuchen. Das
war eine wohlerwogene und populre Maregel, die aber in sachlicher
Hinsicht nicht vieles nderte. Professor Krtchen war auf seinen Posten
an der ffentlichen Lehranstalt zurckgekehrt, er unterrichtete Klaus
Heinrich nach wie vor in mehreren Fchern und war in der Klasse noch
eifriger als im Internat darauf bedacht, seinen Takt zu bekunden. Auch
erwies sich, da er von jener bereinkunft, welche die beiden Arten des
Prinzen, sich zur Antwort zu melden, betraf, die brigen Lehrer in
Kenntnis gesetzt hatte. Doktor berbein angehend, der gleichfalls an das
Gymnasium zurckgekehrt war, so war er in seiner ungewhnlichen Laufbahn
noch nicht so weit vorgerckt, um in der obersten Klasse zu
unterrichten. Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja instndigen Wunsch,
den er dem Groherzog ohne direkte Anrede und sozusagen auf dem
Dienstwege, durch den wohlwollenden Herrn von Knobelsdorff, unterbreitet
hatte, war der Hilfslehrer zum Repetenten und Leiter der huslichen
Studien bestellt worden, kam tglich aufs Schlo, schrie die Lakaien an
und hatte auch jetzt Gelegenheit, mit seinen burschikosen und
schwrmerischen Reden auf den Prinzen zu wirken.

Vielleicht war es zu einem Teil diesem fortdauernden Einflu
zuzuschreiben, wenn Klaus Heinrichs Beziehungen zu den jungen Leuten,
mit denen er die zerschnitzte Schulbank teilte, noch lockerer und
entfernter blieben als sein Verhltnis zu den Fnfen auf Schlo
Fasanerie, und wenn so der populre Zweck dieses Jahres verfehlt
wurde. Die Pausen, die zur Sommers- und Winterszeit von allen Schlern
auf dem gerumigen, mit Fliesen ausgelegten Vorhofe verbracht wurden,
boten Gelegenheit zur Pflege der Kameradschaft. Allein diese Pausen, der
groen Menge zur Erholung bestimmt, brachten fr Klaus Heinrich erst die
eigentliche, seinem Leben eigentmliche Anstrengung mit sich. Er war
selbstverstndlich, wenigstens im ersten Viertel des Jahres, auf dem
Schulhof der Gegenstand allgemeinen Schauens -- nichts Leichtes fr ihn,
in Ansehung der Tatsache, da hier die Umgebung ihm jede uere Erhhung
und Sttze versagte und er sich auf demselben Pflaster mit denen zu
bewegen hatte, die einig gegen ihn waren, um zu schauen. Die kleinen
Jungen, voll kindlicher Verantwortungslosigkeit, verharrten ganz nahe in
selbstvergessenen Stellungen und gafften, indes die greren mit
erweiterten Augen um ihn schweiften und von der Seite oder von unten
blickten ... Das lie im Laufe der Zeit wohl ein wenig nach, aber auch
dann -- mochte nun wer immer schuld daran sein, Klaus Heinrich oder die
Menge -- auch spter wollte die Kameradschaft so rechte Fortschritte
nicht machen. Man sah den Prinzen zur Rechten des Direktors oder des
Lehrers, welcher die Aufsicht fhrte, gefolgt und umstrichen von
Neugierigen, auf dem Hofe hin und her spazieren. Man sah ihn auch wohl
am Standort seiner Klasse mit seinen Mitschlern plaudern. Ein
liebenswrdiger Anblick! Er lehnte dort halb sitzend an dem schrgen
Vorsprung der glasierten Ziegelmauer, die Fe gekreuzt, die linke Hand
weit hinten in die Hfte gestemmt, die fnfzehn Insassen der Oberprima
in losem Halbkreise vor sich. Es waren nur fnfzehn dieses Jahr, denn
die letzten Versetzungen waren unter dem Gesichtspunkte vorgenommen
worden, da keine Elemente in die Selekta vorrckten, die ihrer Herkunft
oder Persnlichkeit nach ungeeignet waren, mit Klaus Heinrich ein Jahr
lang auf du und du zu stehen. Denn das Du war Vorschrift. Klaus Heinrich
sprach mit einem von ihnen, der ein wenig aus dem Halbkreise hervor ihm
nahe getreten war und ihm unter kurzen, kleinen Verbeugungen antwortete.
Beide lchelten; man lchelte stets, wenn man mit Klaus Heinrich sprach.
Er fragte zum Beispiel: Hast du den deutschen Aufsatz fr nchsten
Dienstag schon fertig?

Nein, Prinz Klaus Heinrich, noch nicht ganz, ich habe den Schlu noch
nicht.

Es ist ein schwieriges Thema. Ich wei noch gar nicht, was ich
schreiben soll.

Oh, Sie werden ... du wirst schon wissen!

Nein, es ist schwer. -- Du hast ja eine Eins in der arithmetischen
Klassenarbeit?

Ja, Prinz Klaus Heinrich, ich habe Glck gehabt.

Nein, das ist Verdienst. Ich werde nie etwas davon verstehen!

Bewegung der Heiterkeit und des Beifalls im Halbkreise. Klaus Heinrich
wandte sich an einen anderen Mitschler, und der erste trat schnell
zurck. Jedem war fhlbar, da es sich bei alldem nicht um den Aufsatz
noch um die arithmetische Arbeit handelte, sondern um das Gesprch als
Vorgang und Handlung, um Haltung und Ton, das Vor- und Zurcktreten, die
glckliche Abwicklung einer zarten, khlen und ber die Dinge erhabenen
Angelegenheit. Vielleicht rhrte von diesem Bewutsein das Lcheln auf
den Gesichtern her.

Zuweilen, wenn er den losen Halbkreis vor sich hatte, sagte Klaus
Heinrich etwas wie: Professor Nicolovius sieht fast wie ein Uhu aus.

Dann war der Jubel gro unter den Kameraden. Sie spannten ab auf dies
Zeichen, sie schlugen ber die Strnge, sie machten Ho, ho, ho! im
Chor ihrer soeben mnnlich gewordenen Stimmen, und einer erklrte bei
solcher Gelegenheit, Klaus Heinrich sei ein famoses Haus. Aber Klaus
Heinrich sagte nicht oft solche Dinge, sagte sie nur dann, wenn er das
Lcheln auf den Gesichtern erlahmen und schal werden, einen berdru,
ja, eine Ungeduld sich der Mienen bemchtigen sah, sagte sie zur
Erfrischung und blickte halb neugierig, halb erschrocken in den kurzen
bermut, den er damit entfesselte.

Anselm Schickedanz war es nicht gewesen, der ihn ein famoses Haus
genannt hatte, und doch hatte Klaus Heinrich gerade seinetwegen den
Vergleich zwischen Professor Nicolovius und einem Uhu gezogen. Anselm
Schickedanz hatte zwar ebenfalls gelacht ber diesen freien Scherz, aber
nicht eigentlich im beiflligen Sinne, sondern mit einer Betonung,
welche ausdrckte: Du lieber Gott! Er war ein Brauner mit schmalen
Hften, der auf der ganzen Schule im Ruf eines verfluchten Kerles stand.
Der Ton war vorzglich dieses Jahr in der obersten Gymnasialklasse. Die
Verpflichtung, die fr alle darin lag, den Klassendienst zusammen mit
Klaus Heinrich zu tun, war den jungen Leuten von verschiedenen Seiten
hinlnglich zum Bewutsein gebracht worden, und Klaus Heinrich war nicht
derjenige, der sie veranlat htte, diese Verpflichtung auer acht zu
lassen. Aber da Anselm Schickedanz ein verfluchter Kerl sei, das war
ihm dennoch wiederholt zu Ohren gekommen, und wenn Klaus Heinrich ihn
ansah, so war er mit einer Art Freudigkeit bereit, es aufs Hrensagen zu
glauben, obgleich es ihm dunkel und verschlossen war, wie jener zu
seinem Ruhm gelangt sein mochte. Unterderhand erkundigte er sich
mehrmals, klopfte an wie von ungefhr und suchte bei einem oder dem
anderen etwas ber Schickedanzens Verfluchtheit in Erfahrung zu bringen.
Er erfuhr nichts Bestimmtes. Aber die Antworten, gehssige und
lobpreisende, erfllten ihn mit der Ahnung einer tollen
Liebenswrdigkeit, einer unerlaubt herrlichen Menschlichkeit, die hier
fr aller Augen vorhanden sei, auer fr seine -- und diese Ahnung war
wie ein Schmerz. Jemand sagte in Hinsicht auf Anselm Schickedanz
geradezu und verfiel unversehens in die verbotene Anrede: Ja, Hoheit,
den sollten Sie sehen, wenn Sie nicht dabei sind!

Nie wrde Klaus Heinrich ihn sehen, wenn er nicht dabei war, nie ihm
nahe kommen, niemals ihn kennenlernen. Er betrachtete ihn verstohlen,
wenn jener mit den anderen im Halbkreise vor ihm stand, lchelnd und
zusammengenommen wie alle. Man nahm sich zusammen Klaus Heinrich
gegenber, sein eigenes Wesen war schuld daran, er wute es wohl, und
nie wrde er sehen, wie Schickedanz war, sich benahm, wenn er sich
behaglich gehen lie. Das war wie Eifersucht, war wie ein leise
brennendes Bedauern...

In diese Zeit fiel ein peinliches, ja anstiges Vorkommnis, wovon dem
groherzoglichen Paare nichts bekannt wurde, weil Doktor berbein reinen
Mund darber hielt, und worber auch sonst in der Residenz fast nichts
verlautbarte, weil alle, die daran teil und schuld gehabt, offenbar aus
einer Art Schamgefhl, spter Stillschweigen darber beobachteten.
Gemeint sind die Ungehrigkeiten, die sich gelegentlich der Anwesenheit
des Prinzen Klaus Heinrich bei dem diesjhrigen Brgerball ereigneten,
und an denen hauptschlich ein Frulein Unschlitt, Tochter des
vermgenden Seifensieders, beteiligt war.

Der Brgerball war eine stehende Veranstaltung im gesellschaftlichen
Leben der Hauptstadt, eine offizielle und dabei zwanglose Festlichkeit,
die, von der Stadt gegeben, jeden Winter im Gasthof Zum Brgergarten,
einem groen, noch krzlich erweiterten und erneuerten Etablissement in
der sdlichen Vorstadt, abgehalten wurde und den brgerlichen Kreisen
Gelegenheit bot, mit dem Hofe gesellige Fhlung zu gewinnen. Man wute,
da Johann AlbrechtIII. dieser zivilen und wenig starren Veranstaltung,
zu der er im schwarzen Leibrock erschien, um die Polonse mit der Frau
Brgermeisterin zu erffnen, niemals Geschmack abgewonnen hatte, und da
er sich mglichst frh davon zurckzuziehen pflegte. Desto angenehmer
berhrte es, da sein zweiter Sohn, obwohl noch nicht verpflichtet dazu,
schon dieses Jahr auf dem Balle erschien -- und zwar, wie man erfuhr,
auf sein eigenes dringliches Verlangen. Der Prinz hatte, so hrte man,
Exzellenz von Knobelsdorff zum bermittler seines sehnschtigen Wunsches
an die Groherzogin gemacht, und diese wieder hatte ihm bei ihrem Gemahl
die Erlaubnis erwirkt...

Das Fest nahm uerlich durchaus den hergebrachten Verlauf. Die hchsten
Herrschaften, Prinzessin Katharina in gefrbtem Seidenkleid und
Kapotthtchen, begleitet von ihren rotkpfigen Kindern, Prinz Lambert
nebst seiner hbschen Gemahlin, zuletzt Johann Albrecht und Dorothea mit
dem Prinzen Klaus Heinrich fuhren am Brgergarten vor, im Vestible
begrt von Stadtverordneten, an deren Frcken langbebnderte Rosetten
hafteten. Mehrere Minister, Adjutanten in Zivil, zahlreiche Herren und
Damen des Hofes, die Spitzen der Gesellschaft, auch Gutsbesitzer aus der
Umgegend waren zugegen. Im groen, weien Hauptsaal nahm das
groherzogliche Paar zunchst eine Reihe von Vorstellungen entgegen und
erffnete dann zu den Klngen der Musik, die droben auf der geschweiften
Empore einsetzte, Johann Albrecht mit der Brgermeisterin, Dorothea mit
dem Brgermeister, im Umzuge den Ball. Hierauf, whrend die Polonse
sich in Rundtanz auflste, das Vergngen um sich griff, die Wangen sich
erhitzten, erregte Beziehungen, se, schmachtende, schmerzliche,
berall in dem warmen Menschendunst des Festes sich herstellten, standen
die hchsten Herrschaften, wie hchste Herrschaften bei solchen
Gelegenheiten zu stehen pflegen: ausgeschlossen und gndig lchelnd an
der oberen Schmalseite des Saales unterhalb der Empore. Von Zeit zu Zeit
zog Johann Albrecht einen Herrn von Ansehen, Dorothea eine Dame ins
Gesprch. Die Angeredeten traten rasch und gesammelt herzu und zurck,
sie hielten Abstand in halber Verbeugung und mit schiefem Kopfe,
nickten, schttelten, lachten in dieser Haltung zu den Fragen und
Bemerkungen, die an sie ergingen, -- antworteten eifervoll, ganz an den
Augenblick hingegeben, mit jhen und zuvorkommenden bergngen von
inniger Heiterkeit zu tiefstem Ernst, mit einer Leidenschaftlichkeit des
Wesens, die zweifellos ihrem Alltag fremd war, und offenbar in einem
gesteigerten Zustande. Neugierige, noch hochatmend vom Tanze, standen im
Halbkreise umher und schauten diesen sachlich wesenlosen Unterredungen
mit einem sonderbar angestrengten Gesichtsausdruck zu, der dadurch
zustande kam, da sie mit emporgezogenen Brauen lchelten.

Viel Aufmerksamkeit war auf Klaus Heinrich gerichtet. Er hielt sich,
zusammen mit zwei rotkpfigen Vettern, die schon dem Heere angehrten,
heut aber ebenfalls das Brgerkleid trugen, ein wenig im Rcken seiner
Eltern, auf einem Beine ruhend, die linke Hand weit hinten in die Hfte
gesttzt, dem Publikum sein rechtes Halbprofil zugewandt. Ein Reporter
des Eilboten, der zum Feste abgeordnet war, machte sich in einem
Winkel Notizen ber ihn. Man sah, wie der Prinz mit der wei
behandschuhten Rechten seinen Lehrer grte, den Doktor berbein, der
mit seinem roten Bart und seinem grnlichen Gesicht das Spalier der
Zuschauer entlang kam, und wie er ihm sogar ein groes Stck in den Saal
entgegenging. Der Doktor, groe Emailleknpfe im Vorhemd, verbeugte sich
zunchst, als Klaus Heinrich ihm die Hand reichte, begann aber dann
sofort, in seiner freien und vterlichen Art auf ihn einzureden. Der
Prinz schien abzuwehren, mit einem unruhigen Lachen brigens. Aber dann
verstand eine ganze Anzahl Personen, da Doktor berbein ausrief: Nein,
Unsinn, Klaus Heinrich -- wozu haben Sie es gelernt?! Wozu hat Madame
aus der Schweiz es Ihnen im zartesten Alter beigebracht?! Ich begreife
nicht, warum Sie zu Balle gehen, wenn Sie nicht tanzen wollen?! Eins,
zwei, drei, nun wird Bekanntschaft gemacht! Und unter fortwhrenden
Witzreden stellte er dem Prinzen vier, fnf junge Mdchen vor, die er
ohne weiteres aufgriff und an der Hand herbeifhrte. Sie tauchten und
stiegen wieder empor, eine nach der andern, in der schleifenden
Wellenbewegung des Hofknickses, setzten die Zhne auf die Unterlippe und
gaben sich Mhe. Klaus Heinrich stand mit zusammengezogenen Abstzen. Er
sagte: Ich freue mich ... Ich freue mich sehr...

Zu einer sagte er sogar: Es ist ein lustiger Ball, nicht wahr, gndiges
Frulein?

Ja, Groherzogliche Hoheit, wir haben viel Spaߠ--, antwortete sie mit
hoher, zwitschernder Stimme. Sie war ein hochgewachsenes, wenn auch
etwas knochiges Brgermdchen, in weien Mull gekleidet, mit einer
blonden, gewellten, unterpolsterten Scheitelfrisur ber dem schnen
Gesicht, einer goldenen Kette um den entblten Hals, an dem die
Schlsselbeine stark hervortraten, und groen, weien Hnden in
Halbhandschuhen. Sie fgte hinzu: Jetzt kommt die Quadrille. Wollen
Groherzogliche Hoheit nicht mittanzen?

Ich wei nicht... sagte er. Ich wei wirklich nicht...

Er sah sich um. Wirklich kam geometrische Ordnung in das Getriebe des
Saales. Linien zogen sich, Karrees bildeten sich, man trat an, man rief
nach einem Gegenber. Noch schwieg die Musik.

Klaus Heinrich erkundigte sich bei seinen Vettern. Ja, sie nahmen teil
am Lancier, sie hielten ihre glcklichen Partnerinnen schon an den
Hnden.

Man sah, wie Klaus Heinrich von hinten an den roten Damastsessel seiner
Mutter herantrat und lebhafte, gedmpfte Worte an sie richtete -- sah,
wie sie mit herrlicher Nackenwendung die Frage an ihren Gatten weitergab
und wie der Groherzog nickte. Und dann erregte es einiges Lcheln, mit
welchem jugendlichen Ungestm der Prinz davonstrzte, um den Beginn des
Reigens nicht zu versumen.

Der Referent des Eilboten, das Notizbuch in der einen und das Krayon
in der anderen Hand, sphte aus seinem Winkel mit seitwrts geneigtem
Oberkrper durch den Saal, um festzustellen, wen der Prinz engagieren
werde. Es war die Blonde, Hochgewachsene, mit den Schlsselbeinen und
den groen, weien Hnden, Frulein Unschlitt, die Tochter des
Seifensieders. Sie stand noch an der Stelle, wo Klaus Heinrich sie
verlassen hatte.

Sind Sie noch da? sagte er atemlos ... Darf ich Sie auffordern?
Kommen Sie!

Die Karrees waren komplett. Sie irrten ein Weilchen umher und fanden
keine Unterkunft. Ein Herr mit bebnderter Rosette eilte herbei, ergriff
ein Paar junger Leute bei den Schultern und veranlate sie, ihren Platz
unter dem Kronleuchter zu rumen, damit seine Groherzogliche Hoheit mit
Frulein Unschlitt antreten knne. Die Musik hatte gezgert, nun setzte
sie ein, das Schreiten und Komplimentieren begann, und Klaus Heinrich
drehte sich mit den andern.

Die Tren zu den Nebenrumen standen geffnet. In einem von ihnen sah
man das Bfett mit Blumenvasen, Punschterrinen und Schsseln voll bunter
Brtchen. Der Tanz zog sich bis dort hinein; zwei Vierecke machten ihre
Pas im Bfettzimmer. In den anderen waren wei gedeckte Tische
aufgeschlagen, die noch leer standen.

Klaus Heinrich schritt vorwrts und rckwrts, er lchelte im
Angesichte, streckte seine Hand aus und empfing Hnde, empfing immer
wieder die groe weie Hand seiner Partnerin, legte seinen rechten Arm
um die weiche Mulltaille des Mdchens und drehte sich mit ihr auf dem
Fleck, indem er die linke Hand, die ebenfalls einen kleinen Handschuh
trug, in die Hfte stemmte. Man sprach und lachte im Drehen und
Schreiten. Er beging Fehler, erinnerte sich nicht, brachte Verwirrung in
die Figuren und stand ratlos, wohin er gehre. Sie mssen mich
zurechtweisen! sagte er im Gewirr. Ich stre ja alles! Geben Sie mir
nur Rippenste! Und man fate allmhlich Mut und wies ihn zurecht,
kommandierte ihn lachend dahin und dorthin, legte sogar Hand an und
schob ihn ein wenig, wenn es ntig war. Das schne Mdchen mit den
Schlsselbeinen bernahm es hauptschlich, ihn zu schieben.

Die Stimmung hob sich mit jeder Tour. Die Bewegungen wurden freier, die
Zurufe kecker. Man fing an, mit den Fen zu stampfen und schwang beim
Vorwrts und Rckwrts, whrend man einander an den Hnden hielt, die
Arme wie Schaukeln. Auch Klaus Heinrich stampfte, zuerst nur
andeutungsweise, dann aber krftiger. Und was das Schaukeln der Arme
betraf, so sorgte das schne Mdchen dafr, wenn sie miteinander
avancierten. Auch machte sie jedesmal, wenn sie ihm entgegentanzte,
einen bertriebenen Kratzfu vor ihm, was die Munterkeit sehr
verstrkte.

Im Bfettzimmer herrschte ein Prusten und Kichern, da alles neidisch
hinbersah. Jemand war dort mitten im Tanz aus dem Karree entwischt,
hatte im Sprung vom Bfett ein belegtes Brtchen stibitzt und kaute nun
stolz beim Schlenkern und Stampfen, zum Gelchter der andern.

Die sind frech! sagte das schne Mdchen. Die mopsen sich nicht! Und
es lie ihr keine Ruhe. Ehe man sich's versah, war sie ausgebrochen, war
leicht und geschickt zwischen den Linien dahingeflogen, hatte dort
drben ein Brtchen erwischt und war zurck.

Klaus Heinrich war es, der am begeistertsten applaudierte. Es ging nicht
gut mit seiner linken Hand, und so half er nach, indem er mit der
rechten auf den Oberschenkel schlug und sich neigte vor Lachen. Dann
ward er stiller und ein wenig bleich. Er kmpfte mit sich ... Die
Quadrille nherte sich ihrem Ende. Was er tun wollte, mute er schleunig
tun. Schon waren die Englischen Ketten an der Reihe.

Und als es fast schon zu spt war, da tat er, um was er gekmpft hatte.
Er lief davon, lief hastig zwischen den Tanzenden hindurch, indem er mit
halber Stimme um Entschuldigung bat, wenn er jemanden anstie, erreichte
das Bfett, ergriff ein Brtchen, strzte zurck, fuhr gleitend in sein
Karree hinein ... Das war nicht alles. Er fhrte das Brtchen -- es war
mit Ei und Sardellen belegt -- gegen die Lippen seiner Partnerin, des
Mdchens mit den groen weien Hnden -- sie beugte ein wenig die Knie,
bi zu, bi, ohne die Hnde zu brauchen, wohl die Hlfte ab ... und
zurckgeworfenen Kopfes schob er sich den Rest in den Mund!

Der bermut des Vierecks lste sich auf in der Groen Kette, die eben
begann. Rings um den Saal ging kreuzweise und verschlungen ein
Hndereichen und gewundenes Wandern. Es stockte, die Strmungen
tauschten die Richtung, und noch einmal ging es herum, mit Lachen und
Plaudern, mit Verirrungen, Verwirrungen und hastig gegltteten Tumulten.

Klaus Heinrich drckte die Hnde, die er empfing, ohne zu wissen, wem
sie gehrten. Er lchelte mit bewegter Brust. Sein glattgescheiteltes
Haar hatte sich gelockert, und etwas davon fiel in die Stirn; sein
Hemdeinsatz buckelte sich ein wenig aus der Weste hervor, und in seinem
Gesicht, seinen erhitzten Augen war jene weiche, ja gerhrte
Begeisterung, die zuweilen der Ausdruck des Glckes ist. Mehrmals sagte
er im Schreiten und Hndereichen: Wir haben viel Spa gehabt! Wir haben
viel Spa gehabt! Er begegnete seinen Vettern, und auch zu ihnen sagte
er: Wir haben so viel Spa gehabt -- wir da drben!

Dann gab es ein Hndeklatschen und Wiedersehen: man war am Ziel; Klaus
Heinrich stand wieder Aug' in Aug' vor dem schnen Mdchen mit den
Schlsselbeinen; und da der Takt wechselte, legte er abermals seinen Arm
um ihre weiche Taille, und sie tanzten im Trubel.

Klaus Heinrich fhrte nicht gut und stie nicht selten mit anderen
Paaren zusammen, weil er die linke Hand in die Hfte gestemmt hielt;
aber er brachte seine Dame schlecht und recht bis zum Eingang des
Bfettzimmers, wo sie haltmachten und sich mit Ananasbowle erfrischten,
die von Aufwrtern dargereicht wurde. Gleich am Eingang saen sie, auf
zwei Samttaburetts, tranken und plauderten von der Quadrille, vom
Brgerball, von anderen geselligen Veranstaltungen, an denen das schne
Mdchen diesen Winter schon teilgenommen...

Um diese Zeit trat ein Herr des Gefolges, Major von Platow,
Flgeladjutant des Groherzogs, vor Klaus Heinrich hin, verbeugte sich
und bat um die Erlaubnis, melden zu drfen, da Ihre Kniglichen
Hoheiten nun aufbrchen. Er sei beauftragt ... Aber Klaus Heinrich gab
in so beweglicher Weise den Wunsch zu erkennen, noch bleiben zu drfen,
da der Adjutant nicht auf seinem Auftrag bestehen mochte. Der Prinz tat
Ausrufe eines fast emprten Bedauerns und war offenbar von dem Ansinnen,
jetzt nach Hause zu fahren, aufs schmerzlichste berhrt. Wir haben so
viel Spa! sagte er, stand auf und ergriff den Major sogar ein wenig am
Arm. Lieber Herr von Platow, bitte, verwenden Sie sich fr mich!
Sprechen Sie mit Exzellenz von Knobelsdorff, tun Sie, was Sie wollen --
aber jetzt fahren, wo wir so viel Spa miteinander haben--! Ich bin
sicher, da auch meine Vettern noch bleiben... Der Major blickte das
schne Mdchen mit den groen weien Hnden an, die ihm zulchelte; auch
er lchelte und versprach dann, sein mglichstes zu tun. Dieser kleine
Auftritt ereignete sich, whrend schon im Entree des Brgergartens der
Groherzog und die Groherzogin sich von den Stadtverordneten
verabschiedeten. Gleich darauf begann im ersten Stockwerk der Tanz aufs
neue.

Das Fest war auf seiner Hhe. Alles Offizielle war abgetan, und man
setzte die Gemtlichkeit in ihre Rechte ein. Die wei gedeckten Tische
in den Nebenrumen waren besetzt von Familien, die Bowle tranken und
soupierten. Jugend strmte ab und zu, lie sich erhitzt und unruhevoll
auf den Rndern der Sthle nieder, um ein paar Bissen zu essen, ein Glas
zu trinken und sich wieder ins Vergngen zu strzen. Im Erdgescho gab
es eine altdeutsche Bierstube, die von gesetzteren Herren stark besucht
war. Der groe Tanzsaal und der Bfettraum wurden nun ganz von der
tanzlustigen Jugend in Besitz gehalten. Der Bfettraum war von fnfzehn
oder achtzehn jungen Leuten angefllt, Tchtern und Shnen der Stadt,
darunter Klaus Heinrich. Es war eine Art Privatball dort. Man tanzte zu
den Klngen der Musik, die aus dem Hauptsaal hereinscholl.

Vorbergehend wurde der Doktor berbein hier gesehen, des Prinzen
Studienlehrer, der eine kurze Unterredung mit seinem Schler hatte. Man
hrte ihn, die Taschenuhr in der Hand, des Herrn von Knobelsdorff
erwhnen, hrte ihn sagen, da er sich drunten in der Bierstube aufhalte
und wiederkommen werde, den Prinzen abzuholen. Dann ging er. Die Uhr war
halb elf.

Und whrend er unten sa und bei einem Kruge Bier mit Bekannten
konversierte, eine Stunde nur noch, anderthalb, nicht mehr, trugen sich
im Bfettraum die anstigen Vorgnge zu, jene eigentlich
unbegreiflichen Ausschreitungen, denen er dann, leider zu spt, ein Ende
machte.

Die Bowle, die getrunken wurde, war leicht, sie enthielt mehr
kohlensaures Wasser als Champagner, und wenn die jungen Leute das innere
Gleichgewicht verloren hatten, so war eher der Tanzrausch daran schuld
als der Geist des Weines. Aber bei des Prinzen Charakter und der
gutbrgerlichen Herkunft der brigen Gesellschaft gengte das nicht zur
Erklrung dessen, was geschah. Hier wirkte, auf beiden Seiten, ein
anderer, eigenartiger Rausch ... Das Seltsame war, da Klaus Heinrich
die einzelnen Stadien dieses Rausches genau verfolgte und dennoch
unfhig oder ohne Willen war, ihn abzuschtteln.

Er war glcklich. Er fhlte auf seinen Wangen dieselbe Hitze brennen,
die er auf den Gesichtern der anderen sah, und sein Blick, verdunkelt
von einer weichen Verwirrung, flog umher, umfate begeistert eine
Gestalt nach der anderen und sagte: Wir! Auch sein Mund sagte es,
sagte mit innerlich seliger Stimme lauter Stzchen, in denen ein Wir
enthalten war. Wir wollen uns setzen, wir wollen wieder tanzen, wir
wollen trinken, wir machen zwei Karrees aus... Besonders zu dem
Mdchen mit den Schlsselbeinen sagte Klaus Heinrich Dinge mit Wir. Er
hatte seiner linken Hand vollstndig vergessen, sie hing hinab, er
fhlte sich nicht gehemmt von ihr in der Freude und dachte nicht daran,
sie zu verbergen. Manche sahen jetzt erst, wie es eigentlich damit stand
und blickten neugierig oder mit einer unbewuten Grimasse auf den dnnen
und zu kurzen Arm im Frackrmel, auf den kleinen, schon etwas
schmutzigen, weien Glachandschuh, der die Hand bekleidete. Aber da
Klaus Heinrich so ganz auer Sorge darum war, so fate man auch in
dieser Beziehung Mut, und es kam vor, da jemand beim Rund- oder
Reigentanz unbekmmert die migebildete Hand ergriff...

Er zog sie nicht zurck. Er fhlte sich getragen, mehr noch,
umhergeworfen von Wohlwollen, einem starken, ausgelassenen Wohlwollen,
das wuchs, sich an sich selbst erhitzte, das immer rcksichtsloser auf
ihn eindrang, sich immer derber und atemnher seiner bemchtigte, ihn
triumphierend auf die Schultern nahm. Was ging vor? Das war schwer zu
bestimmen, schwer festzuhalten. Worte lagen in der Luft, abgerissene
Rufe, unausgesprochen, aber ausgedrckt in den Mienen, der Haltung, in
dem, was getan und gesagt ward. Er soll nur einmal...! Herunter,
herunter, herunter mit ihm... Angefat, immer angefat...! Ein
kleines Mdchen mit Stlpnase, das ihn bei der Damenwahl zum Galopp
aufforderte, sagte ohne ersichtlichen Zusammenhang ganz deutlich Ach
was!, als es sich anschickte, mit ihm davonzujagen.

Er sah eine Lust in aller Augen glimmen und sah, da es ihre Lust war,
ihn zu sich hinabzuziehen, ihn bei sich unten zu haben. In sein Glck,
seinen Traum, mit ihnen, unter ihnen, einer von ihnen zu sein, drang es
von Zeit zu Zeit wie eine kalte, stechende Wahrnehmung, da er sich
tuschte, da das warme, herrliche Wir ihn trog, da er dennoch nicht
aufging in ihnen, sondern Mittelpunkt und Gegenstand blieb, doch anders
als sonst, und im argen. Es waren Feinde gewissermaen, er sah es an der
Zerstrungslust ihrer Augen. Er hrte wie von fern, mit einem seltsam
heien Erschrecken, wie das schne Mdchen mit den groen weien Hnden
ihn einfach bei Namen rief -- und er fhlte wohl, da es in anderem
Sinne geschah, als wenn Doktor berbein ihn so nannte. Sie hatte Recht
und Erlaubnis dazu, auf gewisse Weise, aber htete denn niemand hier
seine Wrde, wenn er es nicht selber tat? Ihm war, als rissen sie an
seinen Kleidern, und zuweilen brach es wild und hhnisch hervor aus dem
bermut. Ein langer, blonder, junger Mensch mit Zwicker, mit dem er beim
Tanzen zusammenstie, rief laut, da es alle hrten: Mu das sein? Und
es lag Bosheit darin, wie das schne junge Mdchen, ihren Arm in seinem,
sich mit ihm herumwirbelte, lange und mit blogelegten Zhnen, bis zum
uersten Schwindel. Er blickte, indes sie wirbelten, mit schwimmenden
Augen auf die Schlsselbeine, die sich, berspannt von der weien, ein
wenig krnigen Haut, an ihrem Halse abzeichneten...

Sie strzten. Sie hatten es zu toll getrieben und fielen hin, als sie
versuchten, den Wirbel zum Stehen zu bringen; und ber sie stolperte ein
zweites Paar, nicht ganz von selbst brigens, gestoen vielmehr von dem
langen jungen Menschen mit Zwicker. Es gab ein Drunter und Drber am
Boden, und ber sich im Zimmer hrte Klaus Heinrich den Chor, den er vom
Schulhof kannte, wenn er zur Erfrischung einen freien Scherz versucht
hatte, ein Ho, ho, ho!, nur bser hier und entzgelter...

Als kurz nach Mitternacht, mit einiger Versptung leider, Doktor
berbein auf der Schwelle des Bfettzimmers erschien, bot sich ihm
folgender Anblick. Sein junger Schler sa allein auf dem grnen
Plschsofa an der linken Seitenwand, in derangiertem Frackanzug und auf
allerlei Weise geschmckt. Eine Menge Blumen, die vorher in zwei
chinesischen Vasen das Bfett geziert hatten, staken in dem Ausschnitt
seiner Weste, zwischen den Knpfen seines Hemdeinsatzes, ja selbst in
seinem Stehkragen; um seinen Hals lag die goldene Kette, die dem Mdchen
mit den Schlsselbeinen gehrte, und auf seinem Kopf balancierte als Hut
der flache, metallene Deckel einer Bowle. Er murmelte: Was tun Sie ...
Was tun Sie ..., indes die Tanzgesellschaft, sich im Halbkreise an den
Hnden haltend, mit halb unterdrcktem Jubeln, Kichern, Prusten und Ho,
ho, ho vor ihm nach rechts und links einen Reigen vollfhrte.

In Doktor berbeins grnlichem Gesicht entstand unterhalb der Augen eine
Rte, die sich vllig sonderbar und unwahrscheinlich ausnahm. Schlu!
Schlu! rief er mit seiner schallenden Stimme, und in der pltzlich
eingetretenen Stille, Bestrzung, Ernchterung ging er mit langen
Schritten auf den Prinzen zu, entfernte mit zwei, drei Griffen die
Blumen, warf die Kette, den Deckel beiseite, verneigte sich dann und
sagte mit ernster Miene: Darf ich Groherzogliche Hoheit nun
bitten...

Ich war ein Esel, ein Esel! wiederholte er drauen.

Klaus Heinrich verlie in seiner Begleitung den Brgerball.

Dies war das peinliche Vorkommnis, das in Klaus Heinrichs Schuljahr
fiel. Wie gesagt, sprach keiner der Beteiligten davon -- auch dem
Prinzen gegenber berhrte Doktor berbein es in Jahren nicht wieder--,
und da niemand der Sache Worte lieh, so blieb sie krperlos und
verschwamm, wenigstens scheinbar, sofort in Vergessen.

Der Brgerball war im Januar gewesen. Fastnachtsdienstag, mit dem
Hofball, und die groe Cour im Alten Schlo, mit welcher die gesellige
Jahreszeit sich endigte -- regelmige Festlichkeiten, denen Klaus
Heinrich noch fernblieb--, lagen zurck. Dann kam Ostern und mit ihm
der Abschlu des Gymnasialjahrs: Klaus Heinrichs Maturittsexamen, jene
schne Frmlichkeit, bei der auf seiten der Professoren die Frage:
Nicht wahr, Groherzogliche Hoheit? so oftmals wiederkehrte, und bei
welcher der Prinz seinen hervorragenden Platz in angenehmer Haltung
ausfllte. Das war kein tiefer Einschnitt; Klaus Heinrich verblieb noch
in der Residenz. Aber nach Pfingsten rckte sein achtzehnter Geburtstag
heran und zugleich ein Komplex von feierlichen Handlungen, mit denen ein
ernster Wendepunkt seines Lebens begangen wurde und die ihm tagelang
einen hohen und angespannten Dienst auferlegten.

Er ward volljhrig, ward mndiggesprochen. Zum erstenmal wieder, seit
seiner Taufe, war er Mittelpunkt jeder Aufmerksamkeit und Trger der
Hauptrolle bei einer groen Zeremonie; aber whrend er sich damals
still, verantwortungslos und duldend der Form hatte berlassen drfen,
die um ihn waltete, ihn trug, oblag es ihm heute, inmitten ihrer
bindenden Vorschriften und streng geschwungenen Linien, umwallt von dem
Faltenwurf ihrer bedeutenden Gebruche, zu Wohlgefallen und Erhebung der
Schauenden sich in Haltung und schner Zucht doch mit scheinbarer
Leichtigkeit darzustellen.

brigens ist nicht nur bildlicherweise von einem Faltenwurf die Rede,
denn der Prinz trug einen Purpurmantel bei dieser Gelegenheit, ein
verschossenes und theatralisches Garderobestck, das schon seinem Vater
und Grovater bei ihrer Mndigsprechung gedient hatte und trotz
tagelanger Lftung nicht frei von Kampferduft war. Der Purpurmantel
hatte ehemals zur Ordenstracht der Ritter vom Grimmburger Greifen
gehrt, war aber nun nicht anders mehr, denn als Zeremonienkleid fr
volljhrig werdende Prinzen noch in Gebrauch. Albrecht, der
Erbgroherzog, hatte das Familienexemplar niemals getragen. Da sein
Wiegenfest in den Winter fiel, verbrachte er es stets im Sden, an einem
Ort mit warmer und trockener Luft, wohin er auch diesen Herbst sich
wieder zu wenden gedachte, und da zur Zeit seines achtzehnten
Geburtstages sein Befinden ihm nicht die Reise in die Heimat gestattet
hatte, so hatte man sich beschieden, ihn in seiner Abwesenheit amtlich
mndigzusprechen und auf den hfischen Festakt Verzicht zu leisten.

Was Klaus Heinrich betraf, so herrschte, besonders auch unter den
Vertretern der ffentlichkeit, nur eine Stimme, da der Mantel ihn
trefflich kleide, und er selbst empfand ihn, trotz der Behinderung, die
er seinen Bewegungen auferlegte, als Wohltat, da er es ihm erleichterte,
seine linke Hand zu verbergen. Zwischen dem Himmelbett und den bauchigen
Schrnken seines Schlafzimmers, das im zweiten Stockwerk gegen den Hof
mit dem Rosenstock gelegen war, bereitete er sich zur Reprsentation,
umstndlich und genau, mit Hilfe des Kammerlakaien Neumann, eines
stillen und akkuraten Menschen, der ihm krzlich als Garderobier und
persnlicher Diener zugeteilt worden war. Neumann war vom Friseurgewerbe
ausgegangen und hauptschlich in der Richtung seines ursprnglichen
Berufes von jener leidenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, jenem
ungengsamen Wissen um das Ideal erfllt, aus welchem das hhere Knnen
erwchst. Er barbierte nicht wie irgendeiner, er beruhigte sich nicht
dabei, da keine Bartstoppel stehenblieb; er barbierte so, da jeder
Schatten des Bartes, jede Erinnerung daran ausgetilgt wurde, und
stellte, ohne die Haut zu verletzen, ihre vollkommene Weichheit und
Gltte wieder her. Er beschnitt Klaus Heinrichs Haar genau rechtwinklig
ber den Ohren und ordnete es mit all dem Flei, den seiner Einsicht
nach diese Vorbereitung zum zeremoniellen Auftreten erforderte. Er wute
den Scheitel zu ziehen, da er ber dem linken Auge ansetzte und schrg
ber den Kopf hin durch den Wirbel lief, damit dort oben weder Strhne
noch Hrchen sich erhben; wute das Haar auf der rechten Seite zu einem
festen Hgel aus der Stirn zurckzubrsten, dem kein Hut oder Helm etwas
anhaben konnte. Dann prete Klaus Heinrich mit seinem Beistand sich
sorgfltig in die Leibgrenadier-Leutnantsuniform, deren hoher, betreter
Kragen und fester Sitz eine beherrschte Haltung begnstigte, legte das
zitronengelbe Seidenband, die flache goldene Kette des Hausordens an und
begab sich hinunter in die Bildergalerie, wo die Mitglieder der engeren
Familie und auswrtige Verwandte des groherzoglichen Paares harrten.
Die Hofstaaten warteten im anstoenden Rittersaal; und dort war es, wo
Johann Albrecht selbst seinen Sohn mit dem roten Mantel bekleidete.

Herr von Bhl zu Bhl hatte einen Zug zusammengestellt, den
zeremoniellen Zug, in welchem man sich vom Rittersaal in den Thronsaal
begab -- er hatte ihn nicht wenig Kopfzerbrechen gekostet. Die
Zusammensetzung des Hofes erschwerte eine eindrucksvolle Anordnung, und
namentlich beklagte Herr von Bhl sich ber den Mangel an Oberhofmtern,
der bei solchen Gelegenheiten aufs empfindlichste hervortrte.
Neuerdings unterstand Herrn von Bhl auch der Marstall, und er fhlte
sich seinen smtlichen mtern gewachsen. Aber er fragte jedermann, woher
er einen wrdigen Vorantritt nehmen solle, da die obersten Chargen
einzig und allein durch den Oberhofjgermeister von Stieglitz und den
Intendanten der Groherzoglichen Schauspiele, einen fuleidenden
General, vertreten seien.

Whrend er als Oberhofmarschall, Oberzeremonienmeister und
Hausmarschall, in seinem gestickten Kleide und seinem braunen Toupet,
mit Orden bedeckt wie ein Ballknig und dem goldenen Zwicker auf der
Nase, schwnzelnd und seinen hohen Stab vor sich hinsetzend hinter den
Kadetten schritt, die als Pagen kostmiert, den Scheitel ber dem linken
Auge, den Zug erffneten, berdachte er sorgenvoll, was hinter ihm kam.
Ein paar Kammerherren -- nicht viele, denn man brauchte ihrer noch am
Ende des Zuges--, den Federhut unterm Arm und den Schlssel an der
hinteren Taillennaht, folgten ihm in seidenen Strmpfen auf dem Fue.
Herr von Stieglitz und die hinkende Schauspiel-Exzellenz schritten
danach dem Prinzen Klaus Heinrich voraus, der, in seinem Mantel zwischen
dem hohen Elternpaar, gefolgt von seinen Geschwistern Albrecht und
Ditlind, den eigentlichen Kern des Zuges bildete. Im Rcken der hchsten
Herrschaften hielt sich zunchst, mit spielenden Augenfltchen, der
Hausminister und Konseilprsident von Knobelsdorff. Eine kleine Gruppe
von Adjutanten und Palastdamen schlo sich an. General Graf Schmettern
und Major von Platow, ein Graf Trmmerhauff, Vetter des
Hof-Finanzdirektors, als militrischer Begleiter des Erbgroherzogs, und
die Damen der Groherzogin unter der Fhrung der kurz atmenden Freifrau
von Schulenburg-Tressen. Dann folgten, geleitet und gefolgt von
Adjutanten, Kammerherren und Hofdamen, Prinzessin Katharina mit ihrer
rotkpfigen Nachkommenschaft, Prinz Lambert mit seiner zierlichen
Gemahlin und die auswrtigen Verwandten oder ihre Vertreter. Pagen
beschlossen den Zug.

So ging es gemessenen Schrittes vom Rittersaal durch die Schnen Zimmer,
den Saal der zwlf Monate und den Marmorsaal in den Thronsaal. Lakaien,
rtlich-goldene Fangschnre auf ihren braunen Galafrcken, standen
paarweise und theatralisch an den geffneten Flgeltren. Durch die
weiten Fenster fiel berall heiter und rcksichtslos die
Junivormittagssonne herein.

Klaus Heinrich sah sich um bei diesem Ehrengange zwischen seinen
Eltern durch die umschnrkelte de, den schadhaften Prunk der
Reprsentationsrume, denen die Verklrung knstlichen Lichtes fehlte.
Der helle Tag beschien frhlich und nchtern ihren Verfall. Die groen
Lustres an ihren mit Stoff umkleideten Stangen lieen, fr diesen Tag
ihrer Hllen entledigt, dichte Haine von flammenlosen Kerzen
emporstarren; aber berall fehlten Prismen, waren Kristallgirlanden
zerrissen in ihren Kronen, so da sie einen angefressenen und
zahnlckigen Eindruck machten. Der seidene, damastene Bezug der
Staatsmbel, die steif geschwungen, weitarmig und in eintniger
Anordnung an den Wnden paradierten, war fadenscheinig, die Vergoldung
ihrer Gestelle abgestoen; groe blinde Flecken unterbrachen die
Lichtfelder der hohen, von Wandkandelabern flankierten Spiegel, und der
Faltensturz der Vorhnge, entfrbt zum Teil und verblichen an den
gerafften Stellen, lie da und dort den Tag durch Mottenlcher scheinen.
Mehrfach hatten sich die vergoldeten, versilberten Leisten der
Tapetenfelder gelst und standen verwahrlost ab von der Wand, ja, in dem
Silbersaal der Schnen Zimmer, wo der Groherzog feierliche
Gruppenempfnge vorzunehmen pflegte und in dessen Mitte ein
Perlmuttertischchen mit silbernem, baumstumpfartigem Fue stand, war
einfach ein Stck des Silberstuckes vom Plafond heruntergefallen, und
eine groe, weie, gipserne Lcke war nun dort oben zu sehen...

Aber warum schien es bei alledem, als ob diese Rume dennoch dem
nchternen, lachenden Tageslicht standhielten, ihm stolz und abweisend
Widerpart boten? Klaus Heinrich betrachtete von der Seite seinen Vater
... Der Zustand der Gemcher schien ihn nicht zu beirren. Von jeher kaum
mittelgro, war der Groherzog mit den Jahren fast klein geworden. Aber
er schritt herrisch zurckgeworfenen Hauptes, das zitronengelbe
Ordensband ber der Generalsuniform, die er heute, obgleich er ohne
militrische Neigungen war, angelegt hatte; unter der hohen und kahlen
Stirn, den ergrauten Brauen blickten seine Augen, blau und matt
umschattet, mit mdem Hochmut ins Weite, und von dem spitzgedrehten
weien Schnurrbrtchen liefen die beiden tief durch die altersgelbe Haut
schrfenden Furchen mit einem verchtlichen Ausdruck in den Backenbart
hinab ... Nein, der klare Tag konnte den Slen nichts anhaben; die
Schadhaftigkeit tat ihrer Wrde nicht nur keinen Abbruch, sondern
erhhte sie sogar gewissermaen. In ihrer hohen Unbehaglichkeit, ihrer
szenenmigen Symmetrie, ihrer seltsam dumpfigen Bhnen- oder
Kirchenatmosphre standen sie fremd und mit kaltem Verzicht der luftigen
und warm durchsonnten Welt da drauen entgegen -- strenge Sttten eines
darstellerischen Kultes, an denen Klaus Heinrich heute zum erstenmal
feierlichen Dienst tat...

Zwischen dem Lakaienpaar hindurch, das mit einem Ausdruck von
Unerbittlichkeit die Lippen zusammenprete und die Augen schlo, hielt
man Einzug in die wei-goldene Weite des Thronsaales. Andchtige
bungen, ein Sinken und Wogen, Scharren, Beugen und Salutieren fing an
und setzte sich fort durch den Saal, wie man an der Front der Festgste
vorberzog. Es waren Diplomaten mit ihren Damen, Hof- und Landadel, das
Offizierkorps der Residenz, die Minister, unter denen man die gezwungen
zuversichtliche Miene des neuen Finanzministers Doktor Krippenreuther
gewahrte, die Ritter des Groen Ordens vom Grimmburger Greifen, die
Prsidenten des Landtags, allerlei Wrdentrger. Aber hoch oben in der
kleinen Loge, die an der Entreeseite ber dem groen Spiegel gelegen
war, bemerkte man die Vertreter der Presse, die emsig notierend einander
ber die Schultern blickten ... Vor dem Thronbaldachin, einem ebenmig
gerafften Sammetarrangement, von Strauenfedern gekrnt und mit
Goldborten eingefat, die der Auffrischung bedurft htten, teilte sich
der Zug wie bei einer Polonse, fhrte genau vorgeschriebene Evolutionen
aus. Die Edelknaben, die Kammerherren schwenkten nach rechts und links,
Herr von Bhl ging mit dem Throne zugekehrtem Antlitz und erhobenem
Stabe rckwrts und blieb inmitten des Saales stehen. Das
Groherzogliche Paar und seine Kinder stiegen die gerundeten, rot
ausgeschlagenen Stufen hinan zu den weit ausladenden und vergoldeten
Theatersthlen, die dort oben standen. Die brigen Mitglieder des Hauses
ordneten sich mit den auswrtigen Hoheiten zu beiden Seiten des Thrones,
hinter ihnen stellte sich das Gefolge, die Ehrendamen, die diensttuenden
Kavaliere auf, und Pagen besetzten die Stufen. Auf einen Handwink Johann
Albrechts eilte Herr von Knobelsdorff, der vorerst gegenber dem Throne
Posten gefat hatte, mit lchelnden Augen und in einer bestimmten
Bogenlinie auf das mit Sammet behangene Tischchen zu, das seitwrts vor
den Stufen stand, und begann an der Hand von mehreren Dokumenten mit den
amtlichen Formalitten.

Klaus Heinrich ward fr mndig erklrt und damit fr fhig und
berechtigt, wenn die Not es erheischte, die Krone zu tragen. Aller Augen
waren auf ihn gerichtet an dieser Stelle -- und auf Albrechts, seines
lteren Bruders, Knigliche Hoheit, der neben ihm stand. Der
Erbgroherzog trug die Rittmeisteruniform des Husarenregimentes, dem er
dem Namen nach angehrte. Aus seinem mit Silber betreten Kragen ragte
unmilitrisch weit der weie Zivilstehkragen hervor, und darauf ruhte
sein feiner, kluger und krnklicher Kopf mit dem langen Schdel und den
schmalen Schlfen, dem strohblonden, noch formlosen Bart auf der
Oberlippe und den blauen, einsam blickenden Augen, die den Tod gesehen
hatten ... Kein Reiterkopf eben, aber so schlank und unnahbar adelig,
da der Klaus Heinrichs mit seinen volkstmlichen Backenknochen fast
plump dagegen erschien. Der Erbgroherzog machte seinen kleinen Mund,
whrend alle ihn ansahen, schob ein wenig seine kurze, gerundete
Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen sog.

Smtliche Orden des Landes wurden dem volljhrig gewordenen Prinzen
verliehen, auch das Albrechtskreuz und der Groe Orden vom Grimmburger
Greifen, abgesehen vom Hausorden zur Bestndigkeit, dessen Insignien er
seit seinem zehnten Geburtstage besa. Und dann fand groe Gratulation
statt, in Form einer Defiliercour, geleitet von dem schwnzelnden Herrn
von Bhl -- woran sich das Galafrhstck im Marmorsaal und im Saal der
zwlf Monate schloߠ...

Whrend der nchsten Tage wurden die auswrtigen Frstlichkeiten
unterhalten. In Hollerbrunn ward ein Gartenfest abgehalten, mit
Feuerwerk und Tanz fr die hfische Jugend im Park. Feierliche
Lustfahrten mit Pagen durch das sommerliche Land nach Monbrillant, nach
Jgerpreis, nach der Ruine Haderstein wurden unternommen, und das Volk,
dieser untersetzte Schlag mit den grbelnden Augen und den zu hoch
sitzenden Wangenknochen, gratulierte, indem es an den Wegen stand und
Lebehochs ausbrachte auf sich selbst und seine Reprsentanten. In der
Residenz hing Klaus Heinrichs Photographie in den Fenstern der
Kunsthndler, und der Eilbote brachte sogar gedruckt ein Bildnis von
ihm, eine populre und seltsam idealisierte Zeichnung, die den Prinzen
im Purpurmantel darstellte. Aber dann kam nochmals ein groer Tag: Klaus
Heinrichs formelle Einstellung ins Heer, in das Regiment der
Leibgrenadiere, ward vorgenommen.

Das ging so zu. Das Regiment, dem die Ehre zuteil werden sollte, Klaus
Heinrich zu seinen Offizieren zu zhlen, war auf dem Albrechtsplatz in
offenem Viereck aufgestellt. Viele Federbsche wehten in der Mitte; die
Prinzen des Hauses, die Generale waren anwesend. Das Publikum,
schwrzlich gegen das bunte Tableau, staute sich hinter den
Absperrungslinien. Photographische Apparate waren an mehreren Stellen
auf den Ort der Handlung gerichtet. Die Groherzogin sah mit den
Prinzessinnen und ihren Damen von den Fenstern des Alten Schlosses dem
Schauspiele zu.

Klaus Heinrich, als Leutnant gekleidet, meldete sich zunchst in aller
Form beim Groherzog im Schlo. Ernst, ohne an ein Lcheln zu denken,
trat er vor seinen Vater hin, um ihm mit geschlossenen Beinen dienstlich
kundzumachen, da er zur Stelle sei. Der Groherzog dankte ihm kurz,
gleichfalls ohne ein Lcheln, und begab sich dann auch seinerseits,
gefolgt von seinen Adjutanten, in groer Uniform und mit flatterndem
Federbusch, auf den Platz hinab. Klaus Heinrich trat vor die gesenkte
Fahne, ein gesticktes, vergilbtes und halbzerfetztes Seidentuch, und
leistete den Eid. Der Groherzog hielt in abgerissenen Stzen und mit
einer scharfen Kommandostimme, deren er sich eigens zu diesem Zwecke
bediente, eine Ansprache, worin er seinen Sohn Eure Groherzogliche
Hoheit anredete, und drckte dem Prinzen ffentlich die Hand. Der
Oberst der Leibgrenadiere brachte mit rotem Gesicht ein Hoch auf den
Groherzog aus, in das die Gste, das Regiment und das Publikum
einstimmten. Eine Parade schlo sich an, und das Ganze endigte mit einem
militrischen Frhstck im Schlo.

Dieser schne Akt auf dem Albrechtsplatze war ohne praktische Bedeutung,
er trug seinen Wert in sich selbst. Klaus Heinrich trat nun keineswegs
den Frontdienst an, sondern begab sich noch am selben Tage mit seinen
Eltern und Geschwistern nach Hollerbrunn, um dort, in den khlen,
altfrnkischen Zimmern am Flu, zwischen den mauerhnlichen Hecken des
Parks, den Sommer zu verbringen und dann, im Herbst, die Universitt zu
beziehen. Denn so entsprach es dem vorgezeichneten Plane seines Lebens:
Im Herbst bezog er auf ein Jahr die Universitt, nicht die der Residenz,
sondern die zweite des Landes, und zwar in Begleitung Doktor berbeins,
seines Studienlehrers.

Die Berufung dieses jungen Gelehrten zum Mentor war wiederum auf einen
besonderen, lebhaft vertretenen Wunsch des Prinzen zurckzufhren, und
gerade was die Persnlichkeit des Gouverneurs und lteren Kameraden
betraf, den Klaus Heinrich whrend dieses Jahres studentischer Freiheit
an seiner Seite sehen sollte, so glaubte man an magebender Stelle seine
ausgesprochene Willensmeinung bercksichtigen zu mssen. Gleichwohl
sprach manches gegen diese Wahl; sie war unpopulr, wurde wenigstens in
weiteren Kreisen laut oder leise mibilligt.

Raoul berbein war nicht beliebt in der Residenz. Seine Rettungsmedaille
und seine ganze bengstigende Strebsamkeit in Ehren, aber dieser Mann
war kein angenehmer Mitbrger, kein liebenswrdiger Kollege, kein
einwandfreier Beamter. Die Wohlwollendsten sahen in ihm einen Sonderling
von verbissener und unselig rastloser Gemtsart, der keinen Sonntag,
keinen Feierabend, kein Ausspannen kannte und es nicht verstand, nach
erfllter Berufspflicht ein Mensch unter Menschen zu sein. Dieser
natrliche Sohn einer Abenteurerin hatte sich mittellos aus den Tiefen
der Gesellschaft, aus einer dunklen und aussichtslosen Jugend mit zher
Willenskraft zum Volksschullehrer, zum akademischen Wrdentrger, zum
Gymnasialdozenten emporgearbeitet, hatte es erlebt -- erreicht, wie
manche sagten--, da er ins Fasaneriekonvikt als Lehrer eines
groherzoglichen Prinzen berufen wurde; und dennoch gelangte er zu
keiner Ruhe, keinem Gengen, keinem behaglichen Genu des Lebens ...
Aber das Leben, wie irgendein guter Kopf ganz zutreffend im Hinblick auf
Doktor berbein bemerkte, das Leben geht in Beruf und Leistung nicht
auf, es hat seine rein menschlichen Anforderungen und Pflichten, die
auer acht zu lassen eine schwerere Snde bedeutet als etwa eine gewisse
Jovialitt gegen sich und andere auf dem Gebiete der Arbeit, und eine
harmonische Persnlichkeit darf jedenfalls nur genannt werden, wer jedem
Teile, dem Beruf und der Menschlichkeit, dem Leben und der Leistung das
seine zu geben versteht. berbeins Mangel an kollegialem Empfinden mute
gegen ihn einnehmen. Er mied jede gesellige Gemeinschaft mit seinen
Amtsgenossen, und sein freundschaftlicher Verkehr beschrnkte sich auf
die Person eines Herrn aus anderer wissenschaftlicher Sparte, eines
Arztes und Kinderspezialisten mit dem unsympathischen Namen Sammet, der
brigens groen Zulauf hatte und mit dem berbein vielleicht in gewissen
Charakterzgen bereinstimmte. Aber hchst selten -- und auch dann nur
gleichsam aus Gnade -- fand er sich etwa an dem Stammtisch ein, der die
Gymnasiallehrer nach des Tages Mh und Last zu einem Glase Bier, einem
Kartenspiel, einem zwanglosen Gedankenaustausch ber ffentliche und
persnliche Fragen um sich vereinigte -- sondern er verbrachte seine
Abende und, wie man von seiner Wirtin wute, auch einen groen Teil der
Nacht mit wissenschaftlicher Arbeit in seinem Studierzimmer--, whrend
seine Gesichtsfarbe bestndig grnlicher wurde und die berspannung ihm
in den Augen zu lesen war. Die Behrde hatte sich kurz nach seiner
Rckkehr von Schlo Fasanerie veranlat gesehen, ihn zum Oberlehrer zu
ernennen. Was wollte er noch werden? Direktor? Hochschulprofessor?
Unterrichtsminister? Fest stand, da sich in der Ma- und Friedlosigkeit
seines Strebens Unbescheidenheit und berheblichkeit verbarg -- oder
vielmehr nicht verbarg. Sein Gehaben, seine laute, scharf
schwadronierende Redeweise rgerte, reizte, erbitterte. Er wahrte gegen
ltere und ihm bergeordnete Mitglieder des Lehrkrpers den Ton nicht,
der ihm zukam. Er benahm sich vterlich gegen jedermann, vom Direktor
bis zum geringsten Hilfslehrer, und seine Art, von sich selbst als von
einem Manne zu reden, der sich den Wind hatte um die Nase wehen
lassen, von Schicksal und Strammheit zu rodomontieren und dabei seine
wohlwollende Geringschtzung all derer an den Tag zu legen, die es
nicht ntig hatten und sich des Morgens eine Zigarre anzndeten, war
zweifellos dnkelhaft. Seine Schler hingen an ihm, er erzielte
ausgezeichnete Ergebnisse mit ihnen, das traf zu. Aber im brigen besa
der Doktor viele Feinde in der Stadt, mehr, als er sich trumen lie,
und das Bedenken, sein Einflu auf den Prinzen mchte kein
wnschenswerter sein, trat sogar in einem Teile der Presse zutage...

Jedenfalls erhielt berbein Urlaub von der Lateinschule, besuchte
zunchst allein, als Quartiermacher, das berhmte Studentenstdtchen, in
dessen Mauern Klaus Heinrich das Jahr seiner Burschenherrlichkeit
verbringen sollte, und wurde bei seiner Rckkehr von dem Minister des
Groherzoglichen Hauses, Exzellenz von Knobelsdorff, in Audienz
empfangen, um die blichen Instruktionen entgegenzunehmen. Ihr Inhalt
war, das nahezu wichtigste Ergebnis dieses Jahres habe darin zu
bestehen, da auf dem gemeinsamen Boden akademischer Ungebundenheit
zwischen dem Frstensohn und der studentischen Jugend eine
kameradschaftliche berlieferung geschaffen werde, und zwar aus
allgemeinem dynastischen Interesse -- feststehende Redewendungen, die
von Herrn von Knobelsdorff ziemlich obenhin vorgebracht wurden, und die
Doktor berbein mit stummer Verbeugung entgegennahm, indem er seinen
Mund mitsamt dem roten Bart ein wenig seitwrts zog. Dann erfolgte Klaus
Heinrichs Abreise, mit seinem Mentor, einem Dogcart und einiger
Dienerschaft, auf die Universitt.

Ein schnes, vom Reize musischer Freiheit umwobenes Jahr in den Augen
des Publikums und im Spiegel der ffentlichen Berichterstattung -- doch
ohne sachliches Schwergewicht in jeder Beziehung. Befrchtungen, die
etwa dahin gegangen waren, Doktor berbein mchte verfehlter- und
miverstndlicherweise den Prinzen mit allzu schwerflligen Ansprchen
in gegenstndlich wissenschaftlicher Richtung behelligen, wurden
zerstreut. Im Gegenteil wurde deutlich, da der Doktor zwischen seiner
eigenen ernsten und der hohen Daseinsform seines Schlers wohl zu
unterscheiden wisse. Andererseits blieb es (gleichviel, ob durch Schuld
des Mentors oder des Prinzen selbst) auch in bezug auf die Instruktion,
auf Ungebundenheit und zwanglose Kameradschaft bei einer mavollen und
rein sinnbildlichen Andeutung, so da als das Wesentliche und
Eigentliche dieses Jahres weder das eine noch das andere, weder die
Wissenschaft noch die Ungebundenheit gelten konnte. Das Wesentliche und
Eigentliche war vielmehr, wie es schien, das Jahr an sich selbst, als
Brauch und schne Umstndlichkeit, der sich Klaus Heinrich in
angemessener Haltung unterzog, wie er sich den darstellerischen bungen
an seinem letzten Geburtstag unterzogen hatte -- nur jetzt nicht mit
einem Purpurmantel, sondern zuweilen mit einer farbigen Studentenmtze,
einem sogenannten Strmer angetan, in deren Schmuck ihn der Eilbote
seinem Leserkreise alsbald im Bilde vorfhrte.

Was das Studium betraf, so vollzog sich die Immatrikulation ohne
besondere Feierlichkeit, doch nicht ohne einen Hinweis auf die Ehre,
welche der Hochschule durch Klaus Heinrichs Aufnahme zuteil werde; und
die Vorlesungen, denen er beiwohnte, begannen mit dem Anruf:
Groherzogliche Hoheit! Von der hbschen grnumwachsenen Villa, die
das Hofmarschallamt seines Vaters ihm in einer vornehmen und nicht zu
teuren Gartenstrae gemietet hatte, fuhr er, einen Diener hinter sich,
vom Straenpublikum bemerkt und begrt, auf seinem Dogcart zu den
Vorlesungen, und er sa dort in dem Bewutsein, da alle diese
Gegenstndlichkeit fr seinen hohen Beruf unwesentlich und unntig sei,
doch mit einer Miene hflicher Aufmerksamkeit. Liebenswrdige Anekdoten
liefen um und erhoben die Herzen: wie der Prinz seine Teilnahme zu
bekunden wisse. Gegen Ende eines Kollegiums ber Naturkunde (denn Klaus
Heinrich besuchte des berblicks wegen auch solche Kollegien) hatte
der Professor, zur Anschauung, eine Metallkugel mit Wasser gefllt und
angekndigt, das Wasser werde, zum Gefrieren gebracht, infolge der
Ausdehnung die Metallhlle sprengen; das nchste Mal werde er die
Bruchstcke vorzeigen. In diesem letzteren Punkte nun hatte er,
wahrscheinlich aus Vergelichkeit, sein Wort nicht gehalten; man hatte
im nchsten Kolleg die zersprungene Kugel nicht zu sehen bekommen. Da
aber hatte Klaus Heinrich sich nach dem Ausfall des Experimentes
erkundigt. Wie irgendeiner hatte er sich am Schlu der Vorlesung unter
die Studenten gemischt, die den Professor interpellierend umstanden, und
hatte an diesen in aller Schlichtheit die Worte gerichtet: Ist die
Bombe geplatzt? -- worauf der Professor zunchst ganz unfhig, sich
zurechtzufinden, ihm schlielich in freudiger berraschung, ja Bewegung,
seinen Dank fr das gtige Interesse zum Ausdruck gebracht hatte...

Klaus Heinrich war Gast einer Studentenkorporation -- nur Gast, denn er
durfte nicht fechten -- und wohnte ein und das andere Mal, den Strmer
auf dem Kopf, ihren frmlichen Trinksitzungen bei. Aber da diejenigen,
die ber ihn wachten, wohl wuten, da der abgespannte und bldselige
Zustand, den der Genu geistiger Getrnke zur Folge hat, sich ganz und
gar nicht mit seinem hohen Beruf vertrug, so durfte er auch nicht
ernstlich trinken, und man war gehalten, auch in dieser Hinsicht Seiner
Hoheit Rechnung zu tragen. Die rauhen Bruche wurden auf ein sinniges
Ungefhr beschrnkt, der Verkehrston wurde vortrefflich wie einst in der
obersten Gymnasialklasse, alte Lieder von frischer Poesie erklangen, und
es waren im ganzen Gala- und Paradesitzungen, verklrte Abbilder ihrer
Alltglichkeit. Das Du war Vereinbarung zwischen Klaus Heinrich und
den Korpsbrdern, als Ausdruck und Grundlage zwangsloser Gemeinschaft.
Aber die allgemeine Beobachtung war, da es grundfalsch und gewaltsam
klang, wie man es auch damit versuchte, und da man jeden Augenblick,
ohne es zu wollen, in die Anrede zurckfiel, in welcher Seiner Hoheit
Erwhnung geschah.

Dies war die Wirkung seines Wesens, dieser freundlich und streng
gefaten, von keiner sachlichen Beteiligung jemals aufgelsten Haltung,
die brigens in dem Benehmen der Personen, mit denen der Prinz in
Berhrung kam, zuweilen ganz seltsame, ja komische Phnomene zeitigte.
So zog er eines Abends, in einer Soiree, die einer seiner Professoren
veranstaltete, einen Herrn ins Gesprch -- einen korpulenten Mann schon
vorgerckten Alters, Justizrat seinem Titel nach, der brigens
unbeschadet seiner gesellschaftlichen Geltung im Geruche eines groen
Liederjahns und unzchtigen alten Snders stand. Das Gesprch, dessen
Gegenstand gleichgltig ist und auch kaum festzustellen gewesen wre,
dauerte, da sich nicht gleich eine Ablsung fand, ziemlich lange. Und
pltzlich, mitten in der Unterhaltung mit dem Prinzen, pfiff der
Justizrat -- fltete mit seinen dicken Lippen eine jener sinnlos
trllernden Tonfolgen, wie man sie von sich gibt, wenn man in bedrngter
Lage sorglose Unbefangenheit heucheln mchte, worauf er durch Ruspern
und Husten die lcherliche Ungehrigkeit zu vertuschen suchte ... Klaus
Heinrich war solcher Erscheinungen gewohnt und ging mit zarter Nachsicht
darber hinweg. Er trat vielleicht in einen Laden, um auf eigene Faust
irgendeinen Einkauf zu machen, und sein Eintritt hatte etwas wie eine
kleine Panik zur Folge. Er tat seine Forderung, verlangte einen Knopf,
dessen er bedurfte; aber das Ladenfrulein verstand ihn nicht, sie
blickte verwirrt, ihre Geisteskrfte waren nur schwer auf den Knopf
hinzulenken, waren ersichtlich von etwas anderem, Auer- und
bersachlichem auf das uerste in Anspruch genommen -- sie lie
mehreres hinfallen, warf in offenbarer Ratlosigkeit die Schachteln
durcheinander, und Klaus Heinrich hatte Mhe, sie freundlich zu
beschwichtigen.

So war, wie gesagt, seines Wesens Wirkung, und vielfach in der Stadt
wurde es als Hochmut und tadelnswerte Menschenverachtung gedeutet.
Andere freilich leugneten den Hochmut, und Doktor berbein, mit dem man
bei irgendeiner geselligen Gelegenheit darber diskutierte, warf die
Frage auf, ob -- jederlei Veranlassung zur Menschenverachtung
bereitwillig zugegeben -- bei einer Entfernung von aller menschlichen
Wirklichkeit, wie sie in diesem Falle bestehe, Verachtung eigentlich
mglich sei. Ja, whrend man dies noch bedachte, stellte er in seiner
unwidersprechlich schwadronierenden Weise die Behauptung hin, da der
Prinz die Menschen nicht nur nicht verachte, sondern sie sogar alle,
auch die minderwertigsten, dermaen respektiere, fr voll nehme, ernst
nehme, gut nehme, da das arme berschtzte und beranstrengte
Alltagsmenschenkind nur so schwitze...

Die Gesellschaft der Universittsstadt hatte keine Zeit, sich hierber
schlssig zu werden. Das Studienjahr war um, ehe man sich's versah, und
Klaus Heinrich reiste ab, kehrte dem Programm seines Lebens gem in die
vterliche Residenz zurck, um dort, trotz seines linken Armes, ein
weiteres Jahr lang in vollem Ernst militrischen Dienst zu leisten. Er
stand sechs Monate bei den Gardedragonern und befehligte die Herstellung
von acht Schritt Distanz zu Lanzenbungen sowie die Bildung viereckiger
Formationen, als ob es seine Sache gewesen wre, wechselte dann die
Waffe und trat, um auch in den Infanteriedienst Einblick zu tun, zu den
Leibgrenadieren ber. Er zog sogar auf die Schlowache und kommandierte
die Ablsung -- ein Vorgang, dem viel Publikum beiwohnte. Er kam, den
Stern auf der Brust, im Geschwindschritt aus der Wachtstube, stellte
sich mit gezogenem Sbel an den Flgel der Kompanie und gab nicht ganz
richtige Kommandos, was aber nicht schadete, da die braven Soldaten
dennoch die richtigen Bewegungen ausfhrten. Auch sa er im Kasino an
der Seite des Obersten beim Liebesmahl und verhinderte durch seine
Anwesenheit, da die Herren ihre Uniformkragen ffneten und sich nach
Tische dem Glcksspiel berlieen. Aber hierauf, nun zwanzigjhrig, trat
er eine Bildungsreise an -- nicht mehr in Gesellschaft des Doktors
berbein, sondern in der eines militrischen Begleiters und
Reisemarschalls, des Gardehauptmanns von Braunbart-Schellendorf, eines
blonden Kavaliers, der bestimmt war, Klaus Heinrichs Adjutant zu
bleiben, und dem durch diese Reise Gelegenheit gegeben wurde, Intimitt
und Einflu zu gewinnen.

Klaus Heinrich sah nicht viel auf der Bildungsreise, die ihn weit
herumfhrte und vom Eilboten eifrig verfolgt wurde. Er besuchte die
Hfe, stellte sich den Souvernen vor, fuhr mit Herrn von Braunbart zu
Galatafeln und erhielt bei seiner Abreise einen hohen Orden des Landes
verliehen. Er nahm die Sehenswrdigkeiten in Augenschein, die Herr von
Braunbart (der gleichfalls mehrere Orden erhielt) fr ihn auswhlte, und
der Eilbote meldete von Zeit zu Zeit, da der Prinz sich ber ein
Bild, ein Museum, ein Bauwerk gegen den fhrenden Direktor oder
Konservator hchst anerkennend geuert habe. Er reiste gesondert,
geschtzt und getragen von der ritterlichen Frsorge des Herrn von
Braunbart, der die Kasse fhrte, und dessen frommer Eifer verhtete, da
Klaus Heinrich am Ende der Fahrt auch nur imstande gewesen wre, einen
Koffer aufzugeben.

Zwei Worte, nicht mehr, mgen einem Zwischenspiel gewidmet sein, welches
eine Grostadt des weiteren Vaterlandes zum Schauplatz hatte und durch
Herrn von Braunbart mit aller gebotenen Sorgfalt in die Wege geleitet
wurde. Herr von Braunbart besa in dieser Stadt einen Kameraden,
welcher, adelig, Rittmeister und Junggeselle, von seiner Seite mit einer
jungen Dame aus der Theaterwelt, einer freundwilligen und dabei
zuverlssigen Persnlichkeit, aufs engste verbunden war. Indem man,
gem brieflicher Vereinbarung zwischen Herrn von Braunbart und seinem
Kameraden, Klaus Heinrich mit dem Frulein -- und zwar in deren
zweckdienlich ausgestattetem Heim -- zusammenfhrte und die
Bekanntschaft unter vier Augen sich hinlnglich vertiefen lie, wurde
auf gewissenhafte Art ein ausdrcklich vorgesehenes Bildungsziel der
Reise erreicht, ohne da es sich auch in diesem Falle fr Klaus Heinrich
um mehr als um eine beifllige Kenntnisnahme gehandelt htte. Das
verdiente Frulein erhielt eine Erinnerungsgabe, und Herrn von
Braunbarts Freund ward gelegentlich dekoriert. Nichts mehr hierber.--

Klaus Heinrich bereiste auch die schnen Lnder des Sdens, inkognito,
unter einem Decknamen von romanhaftem Adelsklang. Da sa er denn wohl,
allein vielleicht auf eine Viertelstunde, gekleidet in ein Zivil von
zurckhaltender Vornehmheit, unter anderen Fremden auf einer weien
Restaurationsterrasse ber einem dunkelblauen See, und es mochte
geschehen, da man von einem anderen Tisch aus ihn beobachtete, ihn nach
der Art Reisender einzuschtzen und gesellschaftlich unterzubringen
versuchte. Was mochte er sein, dieser still und gefat blickende junge
Mann? Man ging die brgerlichen Sphren durch, pate ihn versuchsweise
in die kaufmnnische, die militrische, die studentische ein. Aber es
wollte nicht stimmen, nirgends so recht und ganz. -- Man fhlte die
Hoheit, aber niemand erriet sie.




AlbrechtII.


Groherzog Johann Albrecht starb an einer furchtbaren Krankheit, die
etwas Nacktes und Abstraktes hatte und eigentlich mit keinem anderen
Namen als eben dem des Todes zu bezeichnen war. Es schien, als ob der
Tod, seines Besitzrechtes sicher, in diesem Falle jede Maske und
Erscheinung verschmhe und unmittelbar als er selbst, als die Auflsung
an und fr sich auf den Plan trete. Es handelte sich im wesentlichen um
eine Zersetzung des Blutes, hervorgerufen durch innere Eiterungen, und
eine tiefgreifende Operation, die von dem Direktor der Universittsklinik,
einem namhaften Chirurgen, vorgenommen wurde, konnte den
fressenden Gang der Vernichtung nicht einmal verlangsamen. Es ging
schnell zum Ende, und zwar um so schneller, als Johann Albrecht dem Tode
wenig Widerstand leistete. Er gab Zeichen eines grenzenlosen berdrusses
und uerte sich seinen Angehrigen und sogar den behandelnden rzten
gegenber wiederholt dahin, da er des Ganzen -- also wohl seines
frstlichen Daseins, seiner hohen und zur Schau gestellten Lebensfhrung
-- sterbensmde sei. Seine Wangenzge, diese beiden Furchen des Hochmuts
und der Langeweile, prgten sich in seinen letzten Tagen auf entsetzlich
bertriebene, wahrhaft groteske und grimassenhafte Weise aus, um sich
erst im Tode wieder ein wenig zu gltten...

Des Groherzogs letzte Krankheit fiel in den Winter. Erbgroherzog
Albrecht, von seinem warmen und trockenen Aufenthaltsort abberufen,
geriet in ein nasses Schneewetter, das seine Gesundheit schwer bedrohte.
Sein Bruder Klaus Heinrich unterbrach seine Bildungsreise, die sich
brigens ohnedies ihrem Abschlu nherte, und kehrte mit Herrn von
Braunbart-Schellendorf in groen Tagereisen aus den schnen Lndern des
Sdens in die Residenz zurck. Auer den beiden Prinzen-Shnen weilten
die Groherzogin Dorothea, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde,
Prinz Lambert -- ohne seine zierliche Gemahlin--, die behandelnden
rzte und Kammerdiener Prahl am Sterbelager, whrend im Nebenzimmer die
Hofstaaten und die Minister dienstlich versammelt waren. Wenn man den
Beteuerungen der Dienerschaft glauben durfte, so hatte sich in diesen
Wochen und Tagen das spukhafte Lrmen in der Eulenkammer
auerordentlich verstrkt. Es sollte ein Rumpeln und schtterndes
Poltern sein, das periodisch wiederkehrte und auerhalb des Gemaches
nicht zu vernehmen war.

Johann Albrechts letzte Hoheitshandlung bestand darin, da er dem
Professor, der mit groer Meisterschaft die nutzlose Operation
vorgenommen hatte, eigenhndig seine Ernennung zum Geheimrat
berreichte. Er war furchtbar erschpft, war des Ganzen mde, und sein
Bewutsein war auch in lichteren Augenblicken durchaus nicht mehr klar;
aber er nahm den Akt mit aller Sorgfalt vor und machte eine Zeremonie
daraus. Er lie sich ein wenig aufrichten, verbesserte, die wchserne
Hand schirmend ber den Augen, die zufllige Aufstellung der Anwesenden,
hie seine Shne sich zu beiden Seiten des Himmelbettes stellen -- und
whrend sein Geist bereits vagierte, sich auf unbekannten Abwegen
befand, ordnete er mit mechanischer Kunst seine Miene zum Gnadenlcheln,
um dem Professor, der nach einiger Abwesenheit ins Zimmer zurckkehrte,
das Diplom einzuhndigen...

Ganz gegen das Ende, als die Zerstrung schon das Gehirn ergriffen
hatte, machte der Groherzog einen Wunsch deutlich, der, kaum
verstanden, auch eiligst erfllt wurde, obgleich seine Erfllung nichts
bessern konnte. In dem Murmeln des Kranken kehrten gewisse Worte,
scheinbar zusammenhanglos, bestndig wieder. Er nannte mehrere Stoffe,
Seide, Atlas und Brokat, erwhnte des Prinzen Klaus Heinrich, brauchte
einen medizinischen Fachausdruck und lie etwas von einem Orden, dem
Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone, vernehmen. Zwischendurch
fing man ganz allgemeine Wendungen auf, die sich wahrscheinlich auf des
Sterbenden frstlichen Beruf bezogen und wie auerordentliche
Verpflichtung und bequeme Mehrzahl lauteten; dann wiederholten sich
die Stoffbezeichnungen, zu denen sich schlielich, mit strkerer Stimme,
das Wort Sammet gesellte. Und da begriff man, da der Groherzog den
Doktor Sammet zur Behandlung heranzuziehen wnsche, jenen Arzt, der vor
zwanzig Jahren bei Klaus Heinrichs Geburt zufllig auf der Grimmburg
zugegen gewesen war und nun seit langem in der Hauptstadt praktizierte.
Der Doktor war freilich ein Kinderarzt, aber man berief ihn doch, und er
kam: ziemlich ergraut bereits an den Schlfen, mit sorglos hngendem
Schnurrbart, auf den seine Nase allzu flach abfiel, sauber rasiert
brigens und ein wenig wund davon an den Wangen. Seitwrts geneigten
Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am
Oberkrper, prfte er die Sachlage und begann sogleich, sich in ttiger
Sanftmut um den hohen Kranken zu bemhen, worber dieser in
unzweideutiger Weise seine Befriedigung kundgab. So geschah es, da
Doktor Sammet dem Groherzog die letzten Injektionen verabfolgen, ihm
mit sttzender Hand den schweren bergang erleichtern, vor den brigen
rzten ihm als Todeshelfer beistehen durfte -- eine Auszeichnung, die
bei jenen Herren wohl eine stille Gereiztheit weckte, anderseits aber zur
Folge hatte, da der Doktor kurze Zeit danach, als der wichtige Posten
vakant ward, zum Direktor und Chefarzt des Dorotheen-Kinderhospitals
ernannt wurde, in welcher Eigenschaft er spter an der Entwicklung
gewisser Dinge nicht ohne Anteil war.

So starb denn Johann Albrecht der Dritte, tat seinen letzten Seufzer in
einer Winternacht, und das Alte Schlo war feierlich erleuchtet, whrend
er verschied. Die strengen Furchen der Langeweile gltteten sich in
seinem Gesicht, und jeder eigenen Anspannung berhoben, durfte er sich
der Form berlassen, die zum letztenmal um ihn waltete, ihn trug, seine
wchserne Hlle noch einmal zum Mittelpunkt und Gegenstand ihrer
darstellerischen Bruche machte ... Herr von Bhl zu Bhl fhrte in
voller Rstigkeit die Oberleitung der Funeralien, die in Gegenwart
vieler frstlicher Gste begangen wurden. Die dsteren Umstndlichkeiten,
diese unterschiedlichen Aufbahrungen und berfhrungen,
Leichenparaden, Einsegnungen und Gedchtnisfeiern am Katafalk,
nahmen Tage in Anspruch, und acht Stunden lang war Johann
Albrechts Leiche, inmitten einer Ehrenwache, die aus zwei Obersten, zwei
Oberleutnants, zwei Feldwebeln, zwei Wachtmeistern, zwei Unteroffizieren
und zwei Kammerherren bestand, dem Publikum zur Besichtigung
ausgestellt. Dann endlich kam der Augenblick, da der Zinksarg aus der
Altarnische der Hofkirche, wo er zwischen umflorten Kandelabern und
mannshohen Kerzen paradiert hatte, von acht Lakaien in die Vorhalle
gebracht, von acht Frstern in den Mahagonisarg gestellt, von acht
Leibgrenadieren zum sechsfach bespannten und finster aufgeputzten
Leichenwagen getragen wurde, der sich unter Kanonenschssen und
Glockengelut nach dem Mausoleum in Bewegung setzte. Schwer von Nsse
hingen die Fahnen von der Mitte ihrer Stangen herab. Obgleich es frh am
Nachmittag war, brannten die Gaslaternen in den Straen, die der
Leichenkondukt zurckzulegen hatte. Zwischen traurigen Dekorationen war
die Bste Johann Albrechts in den Schaufenstern ausgestellt, und die
berall feilgebotenen Postkarten mit dem Bilde des dahingeschiedenen
Reprsentanten wurden eifrig begehrt. Hinter den aufgereihten Truppen,
den Turner- und Kriegervereinen, die die Ehrengasse freihielten, stand
das Volk auf den Zehenspitzen im Schneebrei und blickte entblten
Hauptes auf den langsam vorberziehenden Sarg, dem kranztragende
Lakaien, Hofbeamte, die Trger der Insignien und der Hofprediger D.
Wislizenus voranschritten, und dessen silbergestickte Decke
Oberhofmarschall von Bhl, Oberhofjgermeister von Stieglitz,
Generaladjutant Graf Schmettern und Hausminister von Knobelsdorff an den
Zipfeln hielten. Aber zur Seite seines Bruders Klaus Heinrich, gleich
hinter dem Leibpferd, das dem Leichenwagen nachgefhrt wurde, und an der
Spitze der brigen Leidtragenden schritt Groherzog Albrecht der Zweite.
Sein Kostm, der hochragende steife Federbusch vorn an seinem
Pelztschako, die Lackstulpenstiefel unter dem hellen faltigen
Husarenberrock mit dem Trauerflor, stand ihm schlecht. Er schritt
behindert unter den Blicken der Menge, und seine Schulterbltter, ein
wenig schiefstehend von Natur, verzogen sich im Gehen auf linkisch
nervse Art. Widerwille gegen den Zwang, bei dieser funebren
Schaustellung als Erster mitwirken zu mssen, war in seinem blassen
Gesicht zu lesen. Er blickte nicht auf im Schreiten und sog mit seiner
kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen...

Diese Miene behielt er bei whrend der Kurialien des Regierungsantrittes,
die brigens mit aller Schonung vollzogen wurden. Der Groherzog
unterzeichnete im Silbersaal der Schnen Zimmer vor den
versammelten Ministern die Eidesurkunde und verlas im Thronsaal, vor dem
geschwungenen Theatersessel unter dem Baldachin stehend, die Thronrede,
die Herr von Knobelsdorff angefertigt hatte. Die wirtschaftliche Lage
des Landes wurde darin mit Ernst und Zartsinn gestreift und die schne
Einhelligkeit gepriesen, die trotz aller Schwierigkeiten zwischen dem
Frsten und dem Lande herrsche -- bei welcher Stelle ein hherer
Funktionr, der wahrscheinlich mit seinem Avancement nicht zufrieden
war, seinem Nachbar zugeflstert haben sollte, die Einhelligkeit bestehe
darin, da der Frst ebenso verschuldet sei wie das Land -- ein scharfes
Wort, das vielfach weitergetragen wurde und sogar in die gehssig
gesinnte Presse gelangte ... Schlielich brachte der Prsident des
Landtags ein Hoch auf den Groherzog aus, ein Gottesdienst in der
Hofkirche fand statt, und dabei hatte es sein Bewenden. Albrecht
unterschrieb noch eine Verordnung, kraft welcher eine Reihe von Geld-
und Gefngnisstrafen, die fr harmlosere Straftaten, hauptschlich
Forstfrevels halber, verhngt worden waren, in Gnaden erlassen wurden.
Der feierliche Umzug durch die Stadt und die Begrung im Rathause
unterblieben ganz, da der Groherzog sich allzu ermdet fhlte. -- Er
wurde, Rittmeister bisher seiner militrischen Charge nach, gelegentlich
seiner Thronbesteigung sofort zum Obersten _ la suite_ seines
Husarenregimentes befrdert, legte die Uniform aber fast niemals an und
hielt sich seine soldatische Umgebung so fern als mglich. Er nahm,
vielleicht aus Piett, keinerlei Personalwechsel vor, nicht unter den
Hofchargen und auch nicht unter den Ministern.

Das Publikum sah ihn selten. Seine stolze und schamhafte Abneigung, sich
zu zeigen, sich vorzufhren, sich gren zu lassen, trat vom ersten Tage
an in einem Grade hervor, der die ffentlichkeit betrbte. Er erschien
niemals in der groen Loge des Hoftheaters. Er beteiligte sich niemals
an dem Korso im Stadtgarten. Wenn er im Alten Schlo residierte, so lie
er sich in geschlossenem Wagen in eine entlegene und menschenleere
Gegend der Anlagen fhren, wo er ausstieg, um sich ein wenig Bewegung zu
machen; und im Sommer zu Hollerbrunn trat er nur ausnahmsweise aus den
Heckengngen des Parkes hervor.

Wurde das Volk seiner ansichtig, am Albrechtstor etwa, wenn er, gehllt
in den schweren Pelz, den schon sein Vater getragen hatte und auf dessen
dickem Kragen nun sein zartes Haupt ruhte, sein Coup bestieg, so
richteten sich schchterne Blicke auf ihn, und die Rufe blieben zag und
ohne das rechte Zutrauen. Denn die geringen Leute fhlten wohl, da sie
diesen Frsten nicht hochleben lassen und sich selbst damit meinen
konnten. Sie sahen ihn an und erkannten sich nicht in ihm wieder, dessen
reine Vornehmheit kein Merkmal ihres besonderen Schlages trug. Sie waren
es anders gewohnt. Stand nicht auf dem Albrechtsplatz noch heutigestags
ein Dienstmann, der mit seinen zu hoch sitzenden Wangenknochen und
seinem grauen Backenbart auf derbe und niedrige Art genau aussah, wie
der verstorbene Groherzog ausgesehen hatte? Und traf man nicht des
Prinzen Klaus Heinrichs Zge auf dieselbe Weise im niederen Volke
wieder? Es war nicht so mit seinem Bruder. Das Volk fand in ihm nicht
sein erhhtes Wunschbild, in dessen Anblick es hochleben und seiner
selbst htte froh werden knnen. Seine Hoheit -- seine unzweifelhafte
Hoheit! -- war ein Adel von allgemeiner Natur, berheimatlich und ohne
das trauliche Geprge der Echtheit. Auch wute er das; und das
Bewutsein seiner Hoheit zusammen mit dem eines Mangels an
volkstmlicher Echtheit, das mochte wohl seine Scheu und seinen Hochmut
ausmachen. Schon damals fing er an, die Reprsentation nach Mglichkeit
auf den Prinzen Klaus Heinrich zu bertragen. Er schickte ihn zur
Brunnenenthllung nach Immenstadt und zum historischen Stadtfest nach
Butterburg. Ja, seine Verachtung jeder Darstellung seiner frstlichen
Person ging so weit, da Herr von Knobelsdorff ihn nur mit Mhe und Not
berredete, den feierlichen Empfang der Prsidenten der beiden Kammern
im Thronsaale selber abzuhalten und nicht auch diese Schauhandlung aus
Gesundheitsrcksichten, wie er beabsichtigte, an seinen jngeren Bruder
abzutreten.

Albrecht der Zweite lebte recht einsam im Alten Schlo; der Gang der
Dinge brachte das mit sich. Erstens hielt seit dem Tode Johann Albrechts
Prinz Klaus Heinrich selbstndig Hof. Das war eine Forderung der
Etikette, und so hatte man ihm die Eremitage zum Wohnsitz ersehen,
jenes Empireschlchen am Rande der nrdlichen Vorstadt, das so
verschwiegen und anmutig-streng, aber lange unbewohnt und
vernachlssigt, inmitten seines wuchernden Parkes, der in den
Stadtgarten berging, zu seinem kleinen, von Schlamm starrenden Teich
hinberblickte. Schon um die Zeit, da Albrecht mndig geworden war,
hatte man der Eremitage die notwendigste Auffrischung zuteil werden
lassen und sie der Form halber zum Erbgroherzoglichen Palais bestimmt;
aber da Albrecht sich immer von seinem warmen und trockenen
Aufenthaltsort im Sommer direkt nach Hollerbrunn begeben hatte, so hatte
er niemals von seiner Residenz Gebrauch gemacht...

Klaus Heinrich wohnte dort ohne berschwenglichen Aufwand mit einem
Hofchef, der dem Haushalte vorstand, einem Freiherrn von
Schulenburg-Tressen, Neffen der Oberhofmeisterin. Auer dem Kammerdiener
Neumann hatte er noch zwei Lakaien zur tglichen Aufwartung; den Jger,
dessen er zu zeremoniellen Ausfahrten bedurfte, lieh ihm der
Groherzogliche Hof. Ein Kutscher und ein paar Knechte in roten Westen
versahen Remise und Stall, deren Bestand sich auf eine Chaise, ein
Kupee, ein Dogcart, zwei Reit- und zwei Wagenpferde belief. Ein Grtner
besorgte mit Hilfe zweier Burschen den Park und den Garten, und eine
Kchin nebst ihrer Kchenmagd sowie zwei Zimmermdchen bildeten das
weibliche Personal auf Schlo Eremitage. Hofmarschall von Schulenburgs
Sache war es, fr seinen jungen Herrn mit der Apanage hauszuhalten, die
der Landtag nach Albrechts Thronbesteigung dem Bruder des Groherzogs in
einer bedenkenvollen Sitzung bewilligt hatte. Sie betrug fnfzigtausend
Mark. Denn die Summe von achtzigtausend, welche ursprnglich gefordert
worden, hatte keinerlei Aussicht gehabt, im Landtage durchzugehen, und
so hatte man in Klaus Heinrichs Namen beizeiten einen weisen und
gromtigen Verzicht getan, der im Lande den besten Eindruck gemacht
hatte. -- Jeden Winter lie Herr von Schulenburg das Eis des Teiches
veruern. Zweimal im Sommer lie er die Wiesen des Parkes mhen und das
Heu verkaufen. Nach dem Mhen sahen die Wiesenflchen fast aus wie
englischer Rasen.

Ferner residierte Dorothea, die Groherzogin-Mutter, nicht mehr im Alten
Schlo, und mit ihrer Zurckgezogenheit hatte es eine traurige und
unheimliche Bewandtnis. Auch von dieser Frstin nmlich, die der
gereiste und bewanderte Herr von Knobelsdorff gelegentlich als eine der
schnsten Frauen bezeichnet hatte, die er je gesehen, auch von ihr,
deren festlicher Anblick Glck, Herzenserhebung und Lebehochs bewirkt
hatte, wann immer sie sich den sehnschtigen Blicken bedrckter
Alltagsmenschen dargestellt, auch von ihr hatte die Zeit ihren Tribut
gefordert. Dorothea war gealtert, ihre khl und streng gepflegte,
berhmte, bejubelte Vollkommenheit war whrend der letzten Jahre so
schnell und unaufhaltsam verwelkt, da die Frau in ihrem Innern nicht
Schritt mit dieser Wandlung zu halten vermochte. Nichts, keine Kunst,
kein Mittel, auch die lstigen und widerlichen nicht, mit denen sie den
Verfall bekmpft, hatte zu hindern vermocht, da der se Glanz ihrer
tiefblauen Augen erlosch, da Ringe von schlaffer, gelblicher Haut sich
darunter bildeten, da die wundervollen kleinen Gruben in ihren Wangen
sich zu Furchen hhlten und ihr stolzer und herber Mund nun so scharf
und mager erschien. Da aber ihr Herz streng gewesen war wie ihre
Schnheit, und auf nichts als diese Schnheit bedacht, da ihre Schnheit
ihre Seele gewesen war und sie nichts gewollt und geliebt hatte als die
erhebende Wirkung dieser Schnheit, whrend ihr eigenes Herz nicht
hochschlug, keineswegs, fr nichts und fr niemanden, so war sie nun
ratlos und sehr verarmt, konnte innerlich den bergang zu dem neuen
Zustand nicht finden und nahm Schaden an ihrem Gemte. Generalarzt
Eschrich uerte noch etwas von seelischer Erschtterung infolge eines
ungewhnlich raschen Rckbildungprozesses und hatte zweifellos auf seine
Art recht mit dieser Deutung. Die traurige Tatsache war jedenfalls, da
Dorothea schon whrend der letzten Lebensjahre ihres Gemahls Merkmale
tiefer geistiger Trbung und Verstrung gezeigt hatte. Sie ward
helligkeitsscheu, ordnete an, da bei den Donnerstagkonzerten im
Marmorsaal alle Lichter rot umkleidet wurden, und bekam Zuflle, als sie
nicht durchzusetzen vermochte, da diese Maregel auch auf alle brigen
Festlichkeiten, den Hofball, den intimen Ball, das Diner, die groe Cour
ausgedehnt werde, da die Sonnenuntergangsstimmung im Marmorsaal ohnedies
viel Anla zum Gesptt gegeben hatte. Sie verbrachte ganze Tage vor
ihren Spiegeln, und man beobachtete, wie sie diejenigen mit den Hnden
liebkoste, die aus irgendeinem Grunde ihre Erscheinung in gnstigerem
Lichte wiedergaben. Dann wieder lie sie alle Spiegel aus ihren Zimmern
entfernen, ja, die in die Wnde eingelassenen verkleiden, legte sich ins
Bett und rief nach dem Tode. Eines Tages fand Freifrau von Schulenburg
sie vllig zerstrt und entzndet vom Weinen im Saal der zwlf Monate
vor dem groen Portrt, das sie auf der Hhe ihrer Schnheit darstellte
... Gleichzeitig begann eine krankhafte Menschenfurcht ihrer Herr zu
werden, und fr Hof und Volk war es eine Pein, zu bemerken, wie die
Haltung dieser ehemaligen Gttin an Sicherheit verlor, ihr Auftreten
seltsam linkisch wurde und ein elender Ausdruck ihren Blick befing.
Schlielich verbarg sie sich ganz, und bei dem letzten Hofball, dem er
angewohnt, hatte Johann Albrecht statt seiner unplichen Gemahlin
seine Schwester Katharina gefhrt. Sein Tod war insofern eine Erlsung
fr Dorothea, als er sie aller Reprsentationspflichten enthob. Sie
whlte als Witwensitz Schlo Segenhaus, ein klsterlich anmutendes altes
Jagdschlo, das, anderthalb Stunden Wagenfahrt von der Residenz
entfernt, inmitten seines ernsten Parkes lag und von einem frommen
Jagdherrn mit religisen und weidmnnischen Emblemen in seltsamem
Durcheinander geschmckt war. Dort lebte sie, verdstert und wunderlich,
und Ausflgler konnten manchmal von weitem beobachten, wie sie an der
Seite der Freifrau von Schulenburg-Tressen im Park promenierte und mit
gndiger Neigung die Alleebume zu beiden Seiten grte...

Was aber endlich Prinzessin Ditlinde betraf, so hatte sie sich,
zwanzigjhrig, ein Jahr nach dem Tode ihres Vaters, vermhlt. Sie
reichte ihre Hand einem Frsten aus mediatisiertem Hause, dem Prinzen
Philipp zu Ried-Hohenried, einem nicht mehr jugendlichen, aber
wohlerhaltenen, kunstsinnigen, kleinen Herrn von vorgeschrittenen
Anschauungen, der sich lngere Zeit artig um sie bemht, seine Sache
ganz persnlich betrieben und der Prinzessin bei einem Wohlttigkeitsfest
auf gut brgerliche Art Herz und Hand angetragen hatte.
Da diese Verbindung im Lande strmischen Jubel hervorrief, kann
nicht gesagt werden. Sie ward mit Gelassenheit hingenommen, sie
enttuschte wohl gar stolzere Hoffnungen, die man im stillen fr Johann
Albrechts Tochter gehegt hatte, und die Krittler fanden, wenn man diese
Heirat nicht geradezu unebenbrtig nennen msse, so sei das alles. Daran
war richtig, da Ditlinde sich unzweifelhaft aus ihrer Hoheitssphre in
eine ungebundenere und zivilere Lebensgegend hinablie, als sie --
brigens vllig unbeeinflut von auen und aus freier Neigung -- dem
Frsten ihre Hand reichte. Dieser Standesherr war nicht nur ein
Liebhaber und Sammler von lgemlden, sondern auch Geschftsmann und
Gewerbetreibender in groem Mastabe. Das Dynastengeschlecht war seit
hundert Jahren der Landeshoheit entkleidet, aber Philipp war der erste
seines Hauses, der seinen Privatstand wirtschaftlich ungezwungen zu
ntzen sich entschlossen hatte. Nachdem er seine Jugend auf Reisen
verbracht, hatte er nach einer Ttigkeit ausgeschaut, die ihm innere
Befriedigung gewhren, vor allem aber (was ntig geworden) seine
Einknfte vermehren wrde. So ward er zum Unternehmer, errichtete
Meiereien, Bierbrauereien, eine Zuckerfabrik, mehrere Sgemhlen auf
seinen Gtern und fing namentlich an, die ausgebreiteten Torflager, die
dazu gehrten, planmig auszubeuten. Da er all diesen Betrieben mit
Sachkenntnis und umsichtigem Geschftsgeiste vorstand, so begannen sie
bald in Flor zu kommen und warfen Summen ab, die, wenn ihr Ursprung
nicht sehr frstlich war, ihm jedenfalls eine frstliche Lebensfhrung
erst eigentlich ermglichten. Andrerseits mute man den Krittlern die
Frage vorlegen, was fr einer Partie sie sich nchternerweise fr die
Prinzessin hatten versehen knnen. Ditlinde, die ihrem Gatten beinahe
nichts mitbrachte als einen unerschpflichen Schatz von Leibwsche,
darunter viele Dutzende gnzlich veralteter und unntzer Gegenstnde,
wie Nachthauben und Halstcher, die aber ehrwrdiger berlieferung nach
zur Brautausstattung gehrten -- sie gelangte durch diese Heirat in
behaglich reiche und heitere Verhltnisse, wie sie sie von Hause aus
schlechterdings nicht gewohnt gewesen war, wobei die Empfindungen ihres
Herzens noch nicht einmal in Anschlag gebracht sind. Auch tat sie den
Schritt ins Privatleben mit offenbarer Genugtuung und Entschlossenheit
und behielt von den uerlichkeiten der Hoheit nichts als den Titel bei.
Sie blieb in freundschaftlichem Verkehr mit ihren Damen, nahm aber dem
Verhltnis alles Dienstliche und vermied es, ihrem Hauswesen den
Charakter eines Hofes zu geben. Das mochte wundernehmen, bei einer
Grimmburgerin berhaupt und bei Ditlinden im besonderen, mute aber doch
wohl ihren Bedrfnissen entsprechen. Das Paar verbrachte den Sommer auf
den frstlichen Landgtern, den Winter in der Residenz in dem schnen
Palais an der Albrechtsstrae, das Philipp zu Ried erworben hatte; und
hier war es, nicht im Alten Schlo, wo die groherzoglichen Geschwister
-- Klaus Heinrich und Ditlind, zuweilen auch Albrecht -- sich dann und
wann zu vertraulicher Aussprache zusammenfanden.

So geschah es, da eines Tages zu Anfang Herbst, nicht ganz zwei Jahre
nach dem Tode Johann Albrechts, der Eilbote, wohlunterrichtet wie er
war, noch in seiner Abendausgabe die Nachricht brachte, heute nachmittag
htten Seine Knigliche Hoheit der Groherzog und Seine Groherzogliche
Hoheit Prinz Klaus Heinrich bei Ihrer Groherzoglichen Hoheit der
Frstin zu Ried-Hohenried den Tee genommen. Nur diese Notiz. Es waren
aber an jenem Nachmittag zwischen den Geschwistern mehrere fr die
Zukunft belangreiche Dinge besprochen worden.

Klaus Heinrich verlie gegen fnf Uhr die Eremitage. Da sonniges Wetter
herrschte, hatte er die Chaise bestellt, und das offene, braun lackierte
Gefhrt, blank gewaschen, wenn auch nicht sehr neu und modisch von
Ansehen, nherte sich dreiviertel fnf Uhr, vom Stalle kommend, der mit
seinem gepflasterten Hof am rechten Flgel der Wirtschaftsgebude
gelegen war, im Schritt auf dem breiten Kiesweg dem Schlchen. Die
Wirtschaftsgebude, ockerfarbene, altvterische Erdgescho-Baulichkeiten,
bildeten mit dem weien und schlichten Herrenhause (wenn
auch in einiger Entfernung davon) einen ziemlich langen
Trakt, dessen in regelmigen Abstnden mit Lorbeerbumen
gezierte Front dem schlammigen Teich und dem ffentlichen Teile des
Parks zugewandt war. Der vordere Teil des Besitzes nmlich, der in den
Stadtgarten berging, war dem Verkehr, Fugngern und leichtem Fuhrwerk,
geffnet, und eingefriedigt nur der ein wenig ansteigende Blumengarten,
auf dessen Hhe das Schlo lag, sowie der rckwrts gelegene und arg
verwilderte Parkgrund, der durch Hecke und Zaun gegen wste, mit Schutt
bedeckte Vorstadtwiesen abgegrenzt war. -- Der Wagen also fuhr auf dem
Wege zwischen Teich und Wirtschaftsgebude hin, lenkte durch die hohe,
mit zwei ehemals vergoldeten Laternen geschmckte Gartenpforte, legte
die Auffahrt zurck und wartete vor der kleinen, steifen, von
Lorbeerbumen flankierten Terrasse, die zum Gartenzimmer emporfhrte.

Klaus Heinrich kam wenige Minuten vor fnf Uhr heraus. Er trug wie
gewhnlich die festsitzende Uniform eines Oberleutnants der
Leibgrenadiere und hatte den Sbelgriff ber den Arm gehngt. Neumann,
in violettem Frack, dessen rmel zu kurz waren, lief vor ihm die Stufen
hinab und verpackte mit seinen roten Barbierhnden den zusammengelegten
grauen Mantel seines Herrn im Wagen. Dann, whrend der Kutscher, die
Hand am Rosettenhut, sich ein wenig seitwrts vom Bock neigte, ordnete
der Kammerdiener die leichte Wagendecke ber Klaus Heinrichs Knien und
trat mit stummer Verbeugung zurck. Die Pferde zogen an.

Drauen vor der Gartenpforte hatten sich einige Spaziergnger
aufgestellt. Sie grten, fhrten, mit emporgezogenen Brauen lchelnd,
ihre Hte tief hinab, und Klaus Heinrich dankte ihnen, indem er seine
wei bekleidete Rechte an den Mtzenschirm legte und mehrmals lebhaft
den Kopf neigte.

Es ging am Rande unbebauten Gelndes eine Birkenallee entlang, deren
Laub schon vergilbte, und dann durch die Vorstadt, zwischen rmlichen
Wohnungen hin, auf ungepflasterten Straen, wo Volkskinder einen
Augenblick Tonnenreifen und Kreisel ruhen lieen, um dem Gefhrt mit
grblerischen Augen nachzusehen. Einige schrien Hoch und liefen, den
Kopf gegen Klaus Heinrich gewandt, ein Stckchen neben den Rdern her.
brigens htte der Wagen auch den Weg ber den Quellengarten nehmen
knnen; aber der durch die Vorstadt war krzer, und die Zeit drngte.
Ditlinde war von empfindlicher Ordnungsliebe und leicht gereizt, wenn
man durch Unpnktlichkeit den Gang ihres Hauswesens strte.

Dort war das Dorotheen-Kinderhospital, das berbeins Freund Doktor
Sammet leitete; Klaus Heinrich fuhr daran vorber. Und dann verlie sein
Wagen die volkstmliche Gegend und gelangte in die Gartenstrae, eine
stattliche, mit Bumen bepflanzte Avenue, an welcher die Huser und
Villen begterter Brger lagen, und deren Trambahnlinie den
Quellengarten mit dem Zentrum der Stadt verband. Hier herrschte ziemlich
lebhafter Verkehr, und Klaus Heinrich war angestrengt beschftigt, die
Gre zu erwidern, die man ihm darbrachte. Zivilisten zogen die Hte und
blickten von unten, Offiziere, zu Pferd und zu Fu, erwiesen Honneur,
Schutzmnner machten Front, und Klaus Heinrich in seiner Wagenecke
fhrte die Hand zum Mtzenschirm und dankte nach beiden Seiten mit jenem
von Jugend auf gebten Nicken und Lcheln, das bestimmt war, die Leute
in ihrer Teilnahme an seiner festlichen Persnlichkeit zu bestrken ...
Er hatte eine ganz eigentmliche Art, im Wagen zu sitzen -- nicht trg
und bequem in den Kissen zu lehnen, sondern beim Fahren auf hnliche
Weise beteiligt zu sein wie beim Reiten, indem er, die Hnde auf dem
Sbelgriff gekreuzt und einen Fu etwas vorgestellt, die Unebenheiten
des Bodens gleichsam nahm, sich ttig den Bewegungen des schlecht
federnden Wagens anpate...

Die Chaise fuhr ber den Albrechtsplatz, lie das Alte Schlo mit der
prsentierenden Doppelwache zur Rechten liegen, verfolgte die
Albrechtsstrae in der Richtung gegen die Kaserne der Leibgrenadiere und
rollte zur Linken in den Hof des Frstlich Riedschen Palais. Es war ein
Bau von intimen Verhltnissen, im Zopfstil errichtet, mit einem
geschwungenen Giebel ber dem Hauptportal, umschnrkelten
_oeils-de-boeuf_ im Zwischengescho, hohen Balkonfenstern in der
Beletage und einer zierlichen _cour d'honneur_, die von den beiden nur
einstckigen Seitenflgeln gebildet wurde und gegen die Strae durch ein
gebogenes Gatter abgeschlossen war, auf dessen Pfeilern steinerne Putten
spielten. Aber die innere Ausstattung des Schlosses war im Gegensatz zu
dem geschichtlichen Stil seines ueren durchaus in einem neuzeitlichen
und behaglich-brgerlichen Geschmack gehalten.

Ditlinde empfing ihren Bruder in einem groen Salon des ersten
Stockwerks mit mehreren Gruppen geschweifter Causeusen in blagrner
Seide, dessen hinteres Viertel, durch schlanke Pfeiler gegen den
Hauptteil abgegrenzt, ganz und gar mit Palmen, Blumenstcken in
Metallkbeln und farbig prangenden Blumentischen angefllt war.

Guten Tag, Klaus Heinrich, sagte die Frstin. Sie war zart und
schlank, und ppig war nur ihr aschblondes Haar, das sich ehemals gleich
goldenen Widderhrnern um ihre Ohren gelegt hatte und nun in dicken
Flechten ber ihrem herzfrmigen Antlitz mit den Grimmburger
Wangenknochen lastete. Sie trug ein Hauskleid aus weichem, blaugrauem
Stoff mit einem spitz ausgeschnittenen, brusttuchartigen weien
Spitzenkragen, der am Grtel mit einer altmodischen ovalen Brosche
zusammengehalten war. Die feine Haut ihres Gesichtes lie da und dort,
an den Schlfen, auf der Stirn, in den Winkeln ihrer sanft und khl
blickenden blauen Augen, bluliche Adern und Schatten durchscheinen. Es
fing an, sichtbar zu werden, da sie guter Hoffnung war.

Guten Tag, Ditlinde, mit deinen Blumen! antwortete Klaus Heinrich,
indem er sich mit zusammengezogenen Abstzen ber ihre kleine, weie,
ein wenig zu breite Hand beugte. Wie es duftet bei dir! Und da drinnen
ist auch alles voll, wie ich sehe.

Ja, sagte sie, die Blumen hab' ich nun einmal gern. Ich habe mir
immer gewnscht, unter recht vielen Blumen wohnen zu knnen, lebenden,
duftenden Blumen, die ich warten knnte -- so etwas wie ein heimlicher
Herzenswunsch war es, Klaus Heinrich, und eigentlich knnt' ich sagen,
da ich mich dazu verheiratet habe, denn im Alten Schlo, da gab's keine
Blumen, wie du weit ... Das Alte Schlo und Blumen! Da htten wir lange
stbern knnen, meine ich. Rattenfallen und solches Zeug, jawohl. Und
genau besehen war das Ganze wie eine abgeschaffte Rattenfalle, so
staubig und schrecklich ... bewahre...

Aber der Rosenstock, Ditlinde.

Ja, groer Gott -- =ein= Rosenstock. Und der steht im Reisebuch, weil
seine Rosen nach Moder duften! Und dann steht da, da sie eines Tages
ganz natrlich und gut duften sollen wie andere Rosen. Aber das kann ich
mir gar nicht denken.

Du wirst nun bald, sagte er und sah sie lchelnd an, etwas noch
Besseres zu warten haben, kleine Ditlinde, als deine Blumen.

Ja, sagte sie und errtete rasch und schwach, ja, Klaus Heinrich,
=das= kann ich mir nun freilich =auch= nicht denken. Und doch wird es
sein, wenn es Gott gefllt. Aber komm herein. Wir wollen nun wieder
einmal beieinander sitzen...

Das Zimmer, auf dessen Schwelle sie geplaudert hatten, war klein im
Verhltnis zu seiner Hhe, mit einem graublauen Teppich versehen und
ausgestattet mit anmutig geformten und silbergrau lackierten Mbeln,
deren Sitze blasse Seidenbezge zeigten. Ein Lster aus milchigem
Porzellan hing von dem wei umschnrkelten Mittelpunkt der Decke herab,
und die Wnde waren mit lbildern von verschiedener Gre geschmckt,
Erwerbungen des Frsten Philipp, lichterfllten Studien im neuen
Geschmack, die weie Ziegen in der Sonne, Federvieh in der Sonne,
besonnte Wiesen und buerliche Menschen mit blinzelnden, von der Sonne
gesprenkelten Gesichtern zur Anschauung brachten. Der dnnbeinige
Damensekretr beim wei verhangenen Fenster war bedeckt mit hundert
peinlich geordneten Schelchen, Nippes, Schreibutensilien und mehreren
zierlichen Notizblocks -- denn die Frstin war gewohnt, sich ber alle
ihre Pflichten und Absichten sorgfltige und bersichtliche Notizen zu
machen--, vorm Tintenfa lag offen ein Wirtschaftsbuch, daran Ditlinde
augenscheinlich soeben gearbeitet hatte, und neben dem Schreibtisch war
an der Wand ein kleiner, mit seidenen Schleifen verzierter
Abreikalender befestigt, unter dessen gedruckter Tagesangabe der
Bleistiftvermerk zu lesen war: 5 Uhr: meine Brder. Gegenber der
weien Flgeltr zum Empfangssalon war zwischen der Sofabank und einem
Halbkreis von Sthlen der ovale Tisch mit zartem Damast und einem
blauseidenen Lufer gedeckt; das blumige Teegeschirr, ein Aufsatz mit
Konfekt, lngliche Schalen mit Zuckergebck und winzigen Butterbrtchen
waren in ebenmiger Anordnung darauf verteilt, und seitwrts dampfte
auf einem Glastischchen ber seiner Spiritusflamme der silberne
Teekessel. Aber berall, in den Vasen auf dem Schreibtisch, dem
Teetisch, dem Spiegeltisch, dem Glasschrank voll Porzellanfiguretten,
dem Tischchen neben der weien Chaiselongue, waren Blumen, und ein
Blumentisch voller Topfgewchse stand zum berflu auch hier vor dem
Fenster.

Dies Zimmer, abseits und im Winkel zu der Flucht der Empfangsrume
gelegen, war Ditlindens Kabinett, ihr Boudoir, der Raum, in dem sie ganz
enge Nachmittagsempfnge gab und eigenhndig den Tee zu bereiten
pflegte. Klaus Heinrich sah ihr zu, wie sie die Kanne mit heiem Wasser
splte und mit einem silbernen Lffelchen Tee hineinschttete.

Und Albrecht ... wird er kommen? fragte er mit unwillkrlich
gedmpfter Stimme...

Ich hoffe es, sagte sie, indem sie sich aufmerksam ber die
kristallene Teebchse beugte, wie um nichts zu verschtten (und auch er
vermied es, sie anzusehen). Ich habe ihn natrlich gebeten, Klaus
Heinrich, aber du weit, er kann sich nicht binden. Es hngt von seinem
Befinden ab, ob er kommt ... Ich mache nun erst einmal unsern Tee, denn
Albrecht bekommt seine Milch ... brigens kann es sein, da auch
Jettchen heute ein bichen vorspricht. Es wird dich freuen, sie
wiederzusehen. Das lebhafte Ding wei immer so viel zu erzhlen...

Mit Jettchen war ein Frulein von Isenschnibbe gemeint, der Frstin
vertraute Dame und Freundin. Sie standen seit Kindestagen auf du und du.

Und immer gerstet? sagte Ditlinde, indem sie den gefllten Teetopf
auf den Untersatz stellte und ihren Bruder betrachtete ... Immer in
Uniform, Klaus Heinrich?

Er stand mit geschlossenen Abstzen und rieb seine linke Hand, die an
Klte litt, in der Hhe der Brust mit der Rechten.

Ja, Ditlinde, ich habe es gern so, es ist mir lieber. Es sitzt so fest,
weit du, und man ist angezogen. Auerdem ist es billiger, denn eine
ordentliche Zivilgarderobe luft, glaube ich, schrecklich ins Geld, und
Schulenburg klagt ohnedies bestndig, da alles so teuer wird. So komm
ich mit zwei, drei Rcken aus und kann mich mit Ehren sogar bei meinen
reichen Verwandten sehen lassen...

Reiche Verwandte! lachte Ditlinde. Ja, damit hat es noch gute Weile,
Klaus Heinrich!

Sie setzten sich an den Teetisch, Ditlinde auf die Sofabank, Klaus
Heinrich auf einen Stuhl gegenber dem Fenster.

Reiche Verwandte! wiederholte sie, und man sah, wie der Gegenstand sie
erwrmte. Nein, weit gefehlt, wie sollten wir reich sein, wo doch das
Barvermgen gering ist und alles in den Unternehmungen steckt, Klaus
Heinrich. Und die sind jung und im Werden, sind allesamt noch im
Wachstum begriffen, wie mein guter Philipp sagt, und werden wohl erst
unsern Nachkommen die vollen Frchte tragen. Aber es geht vorwrts, so
viel ist wahr, und ich halte Ordnung in der Wirtschaft...

Ja, das tust du, Ditlinde, Ordnung hltst du!

...halte Ordnung und schreibe alles auf und passe auf die Leute, und
bei allem Aufwand, den man der Welt schuldet, bringt man alljhrlich was
Ansehnliches auf die Seite und denkt an die Kinder. Und mein guter
Philipp ... Er lt dich gren, Klaus Heinrich, ich verga das, er
bedauert herzlich, heute nicht anwesend sein zu knnen ... Da sind wir
nun kaum von Hohenried zurck, und er ist schon wieder unterwegs, in
Geschften, auf den Gtern -- so klein und zart von Natur, wie er ist,
aber wenn es um seinen Torf und seine Sgemhlen geht, so bekommt er
rote Backen, und er sagt selbst, da er viel gesnder geworden ist,
seitdem er so viel zu tun hat...

Sagt er das? fragte Klaus Heinrich, und in seine Augen kam etwas
Trbes, whrend er geradeaus ber den Blumentisch hin auf das helle
Fenster blickte ... Ja, ich kann es mir ganz gut denken, da es
gewissermaen anregend wirken mu, so recht tchtig beschftigt zu sein.
Bei mir im Park sind nun auch wieder die Wiesen gemht, zum zweitenmal
dieses Jahr, und es macht mir Spa, zu sehen, wie das Heu zu
regelrechten Hgeln aufgebaut wird, mit einem Stock mitten durch, da es
aussieht wie ein Lager von kleinen Indianerhtten, oder so hnlich, und
dann wird Schulenburg es verkaufen. Aber das ist natrlich nicht zu
vergleichen...

Ach, du! sagte Ditlinde und drckte das Kinn auf die Brust. Mit dir
ist es doch etwas anderes, Klaus Heinrich! Der nchste am Thron! Du bist
doch zu anderen Dingen berufen, sollte ich denken. Bewahre! Freu' du
dich deiner Beliebtheit bei den Leuten...

Sie schwiegen eine Weile.

Und du, Ditlinde, sagte er dann, nicht wahr, dir geht es ebenfalls
gut und besser als frher, da mt' ich mich tuschen. Ich sage nicht,
da du rote Backen bekommen hast, wie Philipp von seinem Torf; ein
bichen durchsichtig warst du ja immer und bist du geblieben. Aber du
hast einen frischen Ausdruck, wie? Ich habe noch nie gefragt, seit du
verheiratet bist, aber ich glaube, man kann getrost sein in Hinsicht auf
dich.

Sie sa in friedlicher Haltung, die Arme leicht unter der Brust
verschrnkt.

Ja, sagte sie, mir ist wohl, Klaus Heinrich, du hast recht gesehen,
und das wre Undank, wollt' ich mich nicht zu meinem Glcke bekennen.
Siehst du, ich wei sehr gut, da manche Leute im Land enttuscht sind
von meiner Heirat und sagen, ich htte mich vertan und sei
hinabgestiegen und was noch alles. Und solche Leute sind gar nicht weit
zu suchen, denn Bruder Albrecht, das weit du so gut wie ich, im Herzen
verachtet er meinen guten Philipp und mich dazu und kann ihn nicht
leiden und nennt ihn bei sich einen Hndler und Brgersmann. Aber das
kann mich nicht kmmern, denn ich habe es gewollt und habe Philipps Hand
genommen -- ergriffen wrd' ich sagen, wenn es nicht so wild klnge--,
habe sie genommen, weil sie warm und gut war und sich bot, mich aus dem
Alten Schlosse herauszufhren. Denn wenn ich daran zurckdenke, an das
Alte Schlo und das Leben darin, wie ich es ohne den guten Philipp wohl
immer fortgefhrt htte, dann graust mir, Klaus Heinrich, und ich fhle,
da ich es nicht ertragen htte und wirr und wunderlich geworden wre
wie die arme Mama. Ich bin ein bichen zart von Natur, wie du weit, ich
wre ganz einfach zugrunde gegangen, in so viel de und Traurigkeit, und
als der gute Philipp kam, da dacht' ich: das ist deine Rettung. Und wenn
die Leute sagen, da ich eine schlechte Prinzessin bin, weil ich
gewissermaen abgedankt habe und hierhergeflchtet bin, wo es ein
bichen wrmer und freundlicher ist, und wenn sie sagen, da es mir an
Wrdegefhl oder Hoheitsbewutsein, oder wie sie es nennen, gebricht,
dann sind sie dumm und unwissend, Klaus Heinrich, denn ich habe zuviel,
ich habe im Gegenteile zuviel davon, das ist die Sache, sonst htte das
Alte Schlo mir nicht solche Angst gemacht, und das sollte Albrecht
verstehen knnen, denn er hat auch zuviel davon auf seine Art -- wir
Grimmburger haben alle zuviel davon, und darum sieht es zuweilen aus,
als htten wir zuwenig. Und manchmal, wenn Philipp unterwegs ist, so wie
jetzt, und ich hier sitze, unter meinen Blumen und Philipps Bildern mit
all ihrer Sonne -- nur gut, da es gemalte Sonne ist, denn bewahre!
sonst mte man Schutzvorkehrungen treffen -- und alles ist ordentlich
und nett, und ich denke an das Bessere, wie du es nennst, das ich nun
bald zu warten haben werde, dann komme ich mir vor wie die kleine
Meernixe in dem Mrchen, das Madame aus der Schweiz uns vorlas, wenn du
dich erinnerst -- die eines Menschen Frau wurde und Beine erhielt statt
ihres Fischschwanzes ... Ich wei nicht, ob du mich verstehst...

O ja, Ditlinde, doch, ich verstehe dich ausgezeichnet. Und ich bin
herzlich froh, da alles sich so gut und glcklich fr dich gefgt hat.
Denn es ist gefhrlich, will ich dir sagen, es ist meiner Erfahrung nach
schwer fr uns, auf eine angemessene Art glcklich zu werden. Man gert
so bald auf Irrwege und wird miverstanden, denn das Schlimme ist, da
eigentlich niemand unsere Wrde htet, wenn wir es nicht selber tun, und
dann artet alles so leicht in Schimpf und Schande aus ... Aber wo ist
der richtige Weg? Du hast ihn gefunden. Mich haben sie auch neulich in
den Zeitungen verlobt gesagt, mit unserer Cousine Griseldis. Das war ein
Versuchsballon, wie sie es nennen, und es scheint ihnen wohl an der
Zeit. Aber Griseldis ist ein trichtes Mdchen und halbtot vor
Bleichsucht und sagt immer nur 'j', soweit ich sie kenne. Ich denke gar
nicht an sie, und Knobelsdorff, Gott sei Dank, auch nicht. Die Nachricht
ist ja auch gleich als unbegrndet bezeichnet worden ... Jetzt kommt
Albrecht! sagte er und stand auf.

Man hatte drauen gehstelt. Ein Diener in olivengrner Livree ffnete
mit einer raschen, festen und lautlosen Bewegung seiner beiden Arme die
Flgeltr und meldete mit gesenkter Stimme: Seine Knigliche Hoheit,
der Herr Groherzog.

Dann trat er in Verbeugung zur Seite. Albrecht kam durch den groen
Salon.

Er hatte die hundert Schritte vom Alten Schlosse hierher in
geschlossenem Wagen, den Jger auf dem Bocke, zurckgelegt. Er war in
Zivil wie fast immer, trug einen geschlossenen Gehrock mit kleinen
Atlasaufschlgen und Lackstiefel an seinen schmalen Fen. Seit seiner
Thronbesteigung hatte er sich einen Spitzbart wachsen lassen. Sein
kurzgeschnittenes blondes Haar trat in zwei Buchten von seinen feinen,
eingedrckten Schlfen zurck. Sein Gang war ein linkisches und dennoch
unbeschreiblich vornehmes Stolzieren, wobei seine Schulterbltter sich
auf befangene Art verzogen. Er trug den Kopf zurckgelehnt und schob
seine kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht damit an der
oberen sog.

Die Frstin ging ihm bis zur Schwelle entgegen. Da er die Bewegung des
Handkusses scheute, so reichte er ihr einfach mit einem leisen, fast
geflsterten Gruwort die Hand -- seine magere, kalte Hand von seltsam
empfindlichem Ausdruck, die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch
nur den Unterarm vom Krper zu lsen. Dann begrte er auf dieselbe Art
seinen Bruder Klaus Heinrich, der ihn mit geschlossenen Abstzen vor
seinem Stuhle erwartet hatte -- und sagte nichts mehr.

Ditlinde redete. Das ist liebenswrdig, Albrecht, da du kommst. Es
geht dir also gut? Du siehst vorzglich aus. Philipp lt dir sein
Bedauern ausdrcken, heute abwesend sein zu mssen. Bitte, nimm Platz,
wo es dir am besten gefllt, zum Beispiel hier, mir gegenber. Der Stuhl
ist ziemlich bequem, du hast ihn das letztemal auch gehabt. Ich habe
einstweilen unseren Tee gemacht. Du bekommst sogleich deine Milch...

Danke, sagte er leise. Ich mu um Entschuldigung bitten ... ich habe
mich versptet. Du weit, wenn der Weg am krzesten ist ... Und dann mu
ich nachmittags liegen ... Wir werden unter uns bleiben?

Ganz unter uns, Albrecht. Hchstens, da Jettchen Isenschnibbe ein
bichen vorspricht, wenn es dir nicht unangenehm ist...

Ah?

Aber ich kann mich ebensogut verleugnen lassen.

Oh, bitte...

Man servierte die heie Milch. Albrecht umfate das hohe, dicke,
gebuckelte Glas mit beiden Hnden.

Ah, etwas Wrme, sagte er. Wie es schon kalt ist hierzulande. Und den
ganzen Sommer habe ich in Hollerbrunn gefroren. Ihr habt noch nicht
geheizt? Ich habe schon heizen lassen. Andererseits leide ich unter dem
Ofengeruch. Alle fen riechen. Von Bhl verspricht mir jeden Herbst die
Zentralheizung fr das Alte Schlo. Aber es scheint nicht tunlich.

Armer Albrecht, sagte Ditlinde. Um diese Jahreszeit warst du schon
immer im Sden, solange Papa noch lebte. Du mut Sehnsucht haben.

Dein Mitgefhl ehrt dich, meine gute Ditlinde, antwortete er, immer
sehr leise und ein wenig lispelnd. Aber wir mssen einsehen, da ich
nicht abkmmlich bin. Ich mu bekanntlich das Land regieren, dazu bin
ich da. Heute habe ich die gndigste Entschlieung gefat, zu gestatten,
da irgendein Staatsbrger -- es tut mir leid, seinen Namen vergessen zu
haben -- einen fremden Orden annimmt und trgt. Ferner habe ich ein
Telegramm an die Jahresversammlung der Gartenbaugesellschaft abgehen
lassen, worin ich das Ehrenprsidium dieser Gesellschaft annehme und
mein Wort verpfnde, ihre Bestrebungen auf alle Weise zu frdern -- ohne
da ich freilich wte, was ich auer dem Telegramm noch zur Frderung
beitragen soll, denn die Herren besorgen ihre Angelegenheiten ganz gut
allein. Auerdem habe ich geruht, die Wahl eines gewissen braven Mannes
zum Brgermeister meiner guten Stadt Siebenberge zu besttigen -- wobei
sich fragen liee, ob dieser Untertan durch meine Besttigung ein
besserer Brgermeister wird, als er ohne sie sein wrde...

Nun ja, Albrecht, das sind Kleinigkeiten! sagte Ditlinde. Ich bin
berzeugt, da dir wichtigere Geschfte vorgelegen haben...

Oh, unbedingt. Ich habe meinen Minister fr Finanzen und Landwirtschaft
bei mir gesehen. Es war an der Zeit. Doktor Krippenreuther htte es mir
bitter belgenommen, wenn ich ihn nicht wieder einmal befohlen htte. Er
ist summarisch verfahren und hat mir zur bersicht ber mehrere
untereinander verwandte Gegenstnde auf einmal Vortrag gehalten, ber
die Ernte, ber die neuen Grundstze fr die Aufstellung des Budgets,
ber die Steuerreform, mit der er beschftigt ist. Die Ernte soll
schlecht gewesen sein. Die Bauern sind von Miwachs und Wetterschden
betroffen worden, und darum sind nicht nur sie, sondern auch
Krippenreuther bel daran, denn die Steuerkraft des Landes, sagt er, ist
wieder einmal beeintrchtigt. Auerdem hat es leider in einem und dem
anderen Silberbergwerk Katastrophen gegeben. Die Betriebe stehen, sagt
Krippenreuther, sie sind ertrgnislos, und die Wiederherstellung wird
groe Summen verschlingen. Ich habe das alles mit einer passenden Miene
angehrt und getan, was ich tun konnte, indem ich meinem Kummer ber
soviel Migeschick Ausdruck gab. Hierauf habe ich die Frage errtern
hren, ob die Kosten der notwendigen Neubauten fr die Rentmter und fr
die Behrden der Forst- und Zoll- und Steuerverwaltung auf den
ordentlichen oder den auerordentlichen Etat zu setzen sind, habe
mehreres von Progressionsskala und Kapitalrentensteuer und
Wandergewerbssteuer und Entlastung der notleidenden Landwirtschaft und
Belastung der Stdte aufgefangen und hatte im ganzen den Eindruck, da
Krippenreuther seine Sache verstnde. Ich selbst verstehe natrlich so
gut wie gar nichts davon, was Krippenreuther auch wei und billigt, und
so habe ich denn 'ja, ja' und 'freilich wohl' und 'ich danke Ihnen'
gesagt und habe alles gehen lassen, so gut es kann.

Du sprichst so bitter, Albrecht.

Nein, ich will euch etwas sagen, was mir heute whrend Krippenreuthers
Vortrag eingefallen ist. Hier in der Stadt lebt ein Mann, ein kleiner
Rentner mit einer Warzennase. Jedes Kind kennt ihn und ruft juchhe, wenn
es ihn sieht, er heit Fimmelgottlieb, denn er ist nicht ganz bei
Troste, einen Nachnamen hat er schon lange nicht mehr. Er ist berall
dabei, wo etwas los ist, obgleich seine Narrheit ihn auerhalb aller
ernsthaften Beziehungen stellt, hat eine Rose im Knopfloch und trgt
seinen Hut auf der Spitze seines Spazierstockes herum. Ein paarmal am
Tage, um die Zeit, wenn ein Zug abfahren soll, geht er auf den Bahnhof,
beklopft die Rder, inspiziert das Gepck und macht sich wichtig. Wenn
dann der Mann mit der roten Mtze das Zeichen gibt, winkt Fimmelgottlieb
dem Lokomotivfhrer mit der Hand, und der Zug geht ab. Aber
Fimmelgottlieb bildet sich ein, da der Zug auf sein Winken hin abgeht.
Das bin ich. Ich winke, und der Zug geht ab. Aber er ginge auch ohne
mich ab, und da ich winke, ist nichts als Affentheater. Ich habe es
satt...

Die Geschwister schwiegen. Ditlinde sah bekmmert in ihren Scho, und
Klaus Heinrich blickte, indem er an seinem kleinen bogenfrmigen
Schnurrbart zupfte, zwischen ihr und dem Groherzog hindurch auf das
helle Fenster.

Ich kann dir ganz gut folgen, Albrecht, sagte er nach einer Weile,
obgleich es ja recht hart von dir ist, da du dich und uns mit
Fimmelgottlieb vergleichst. Siehst du, ich verstehe natrlich auch
nichts von Progressionsskala und Wandergewerbssteuer und Torfstecherei,
und da gibt es noch so vieles, wovon ich nichts verstehe -- alles, was
man sich vorstellt, wenn man sagt: das Elend in der Welt--, Hunger und
Not, nicht wahr, und Kampf ums Dasein, wie man es nennt, und Krieg und
Krankenhausgraus und alles das. Ich habe nichts davon gesehen und
gesprt, ausgenommen den Tod selbst, als Papa starb, und das war auch
wohl nicht der Tod, wie er sein kann, denn es war eher erbaulich, und
das ganze Schlo war erleuchtet. Und zuweilen schme ich mich, da ich
mir niemals den Wind habe um die Nase wehen lassen. Aber dann sage ich
mir auch wieder, da ich es nicht bequem habe, gar nicht bequem,
obgleich ich doch auf der Menschheit Hhen wandle, wie die Leute es
ausdrcken, oder gerade deshalb, und da ich auf meine Art des Lebens
Strenge, sein schmallippiges Antlitz, wenn du mir die Redensart erlauben
willst, vielleicht besser kenne als mancher, der sich auf
Progressionsskala oder sonst irgendein einzelnes Gebiet versteht. Und
darauf kommt es an, Albrecht, da man es nicht bequem hat -- darauf
kommt alles an, wenn ich dir das erwidern darf, und damit ist man
gerechtfertigt. Und da die Leute juchhe rufen, wenn sie mich sehen, so
mssen sie doch wohl wissen, warum, und mein Leben mu irgendeinen Sinn
haben, obgleich ich auerhalb aller ernsthaften Beziehungen stehe, wie
du so ausgezeichnet sagtest. Und deines erst recht. Du winkst zwar nur
zu dem, was geschieht, aber die Leute wollen doch, da du winkst, und
wenn du ihr Wollen und Wnschen nicht wirklich regierst, so drckst du
es doch aus und stellst es vor und machst es anschaulich, und das ist
vielleicht nicht so wenig...

Albrecht sa am Tische, ohne sich anzulehnen. Er hielt seine mageren
Hnde von seltsam empfindlichem Ausdruck auf der Tischkante vor dem
hohen, zur Hlfte geleerten Glase Milch gekreuzt und die Lider gesenkt,
indem er mit der Unterlippe an der oberen sog. Er antwortete leise: Ich
wundere mich nicht, da ein so beliebter Prinz wie du mit seinem Lose
einverstanden ist. Ich fr mein Teil lehne es ab, irgend jemand anders
auszudrcken und vorzustellen als mich selbst -- ich lehne es ab, sage
ich, und ich stelle dir frei, zu denken, da mir die Trauben zu hoch
hngen. Die Wahrheit ist, da mir am Juchhe der Leute so wenig liegt,
als nur einer Seele daran liegen kann. Ich meine nicht meinen Krper.
Man ist schwach -- irgend etwas in einem dehnt sich bei Applaus und
krmmt sich bei kaltem Schweigen. Aber mit meiner Vernunft stehe ich
ber aller Beliebtheit und Unbeliebtheit. Ich wei, was die
Volkstmlichkeit wre, wenn sie kme. Ein Irrtum ber meine Person. Und
damit zuckt man die Achseln bei dem Gedanken an das Hndeklatschen
fremder Leute. Einem anderen -- dir -- mag das hinter sich gefhlte Volk
Hochgefhl verschaffen. Mir verzeih, da ich zu vernnftig fr solche
geheimnisvollen Glcksgefhle bin -- und zu reinlichkeitsliebend auch
wohl, wenn du mir den Ausdruck nachsehen willst. Diese Art Glck riecht
nicht gut, wie mir scheint. Auf jeden Fall bin ich dem Volke fremd. Ich
gebe ihm nichts -- was knnte es mir geben? Mit dir ... oh, das ist
etwas anderes. Hunderttausende, die dir gleichen, danken dir dafr, da
sie sich in dir wiedererkennen. Du knntest wohl lachen, wenn du
wolltest. Die Gefahr besteht fr dich hchstens darin, da du allzu
wohlig in deiner Volkstmlichkeit untertauchst und endlich dennoch
bequemen Sinnes wirst, obgleich du das heut von der Hand weist...

Nein, Albrecht, ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, da ich diese
Gefahr laufe.

Desto besser werden wir einander verstehen. Ich bevorzuge im ganzen
nicht die starken Ausdrcke. Aber die Popularitt ist eine Schweinerei.

Sonderbar, Albrecht. Sonderbar, da du das Wort gebrauchst. Die Fasanen
gebrauchten es immer, meine Mitzglinge, die jungen Adeligen, weit du,
auf Schlo 'Fasanerie'. Ich wei, was du bist. Du bist ein Aristokrat,
das ist die Sache.

Du meinst? Du irrst dich. Ich bin kein Aristokrat, ich bin das
Gegenteil, aus Vernunft und aus Geschmack. Du wirst zulassen mssen, da
ich das Juchhe der Menge nicht aus Dnkel verschmhe, sondern aus
Neigung zur Menschlichkeit und zur Gte. Es ist ein erbrmliches Ding um
menschliche Hoheit, und mir scheint, da alle Menschen das einsehen
mten, da alle sich menschlich und gtig gegeneinander verhalten und
einander nicht erniedrigen und beschmen sollten. Ohne Scham den
Hokuspokus der Hoheit mit sich treiben zu lassen, dazu mu wohl eine
dicke Haut gehren. Ich bin ein bichen zart von Natur, ich fhle mich
der Lcherlichkeit meiner Lage nicht gewachsen. Jeder Lakai, der sich an
der Tr aufpflanzt und mir zumutet, an ihm vorberzugehen, ohne ihn mehr
zu beachten, mehr zu achten als den Trpfosten, setzt mich in
Verlegenheit. Das ist meine Art von Volksfreundlichkeit...

Ja, Albrecht, das ist wahr. Es ist manchmal gar nicht leicht, mit guter
Miene an so einem Gesellen vorberzugehen. Die Lakaien! Wenn man nicht
wte, da es Kujone sind! Saubere Dinge wei man von ihnen...

Was fr Dinge?

Oh, man tut immerhin seine Einblicke...

Bewahre! sagte Ditlinde. Davon wollen wir nichts wissen. Ihr sprecht
von so allgemeinen Fragen, und ich hatte gedacht, da wir heute
nachmittag ein paar Punkte besprechen wollten, die ich mir
aufgeschrieben habe ... Willst du so freundlich sein, Klaus Heinrich,
mir den Notizblock in blauem Leder dort auf dem Schreibtisch zu
reichen?... Ich danke dir sehr. Hier habe ich alles, was ich mir merken
mu, sowohl was den Hausstand, als was andere Dinge betrifft. Wie das
wohltut, alles so schwarz auf wei bersehen zu knnen! Mein Kopf ist
entschieden schwach, er kann nichts beisammenhalten, und wenn ich nicht
Ordnung hielte und mir alles notierte, so mte ich am Leben
verzweifeln. Erstens, Albrecht, und eh ich's vergesse, so wollte ich
dich aufmerksam machen, da du bei der Cour am ersten November Tante
Katharina fhren mut -- unmglich kannst du umhin. Ich trete zurck,
ich war es beim letzten Hofball, und Tante Katharina wrde schrecklich
verstimmt ... Habe ich deine Einwilligung? Gut, dann streiche ich diesen
Punkt ... Zweitens, Klaus Heinrich, wollte ich dich bitten, beim
Waisenkinder-Bazar im Rathaus am fnfzehnten ein wenig _acte de
prsence_ zu machen. Ich habe das Protektorat, und du siehst, ich nehme
es ernst. Du brauchst nichts zu kaufen ... einen Taschenkamm ... Kurz,
nur, da du dich zehn Minuten lang zeigst. Es ist fr die Waisenkinder
... Willst du kommen? Siehst du, so kann ich wieder etwas
durchstreichen. Drittens...

Aber die Frstin wurde unterbrochen. Frulein von Isenschnibbe, die
Hofdame, lie sich melden und trippelte augenblicklich durch den groen
Salon herein, wobei ihre Federboa sich im Luftzuge strubte und der Rand
ihres enormen Federhutes auf und nieder wippte. Aus ihren Kleidern
strmte der Geruch der frischen Luft von drauen. Sie war klein,
aschblond, spitznsig und so kurzsichtig, da sie die Sterne nicht sehen
konnte. An klaren Abenden stand sie auf ihrem Balkon und betrachtete den
gestirnten Himmel durch ihr Opernglas, um zu schwrmen. Sie trug zwei
scharfe Zwicker bereinander und streckte mit gekniffenen Augen sphend
den Hals vor, indem sie knickste.

Gott, Groherzogliche Hoheit, sagte sie, ich wute nicht, ich stre,
ich dringe ein, ich bitte untertnigst um Entschuldigung!

Die Brder hatten sich erhoben, und das Frulein sank verschmt vor
ihnen nieder. Da Albrecht seine Hand dicht an der Brust ausstreckte,
ohne auch nur den Unterarm vom Krper zu lsen, so war ihr Arm fast
senkrecht ausgestreckt, als der Knicks, den sie vor ihm ausfhrte,
seinen tiefsten Punkt erreicht hatte.

Gutes Jettchen, sagte Ditlinde, wie du sprichst! Du bist erwartet und
willkommen. Und meine Brder wissen, da wir du zueinander sagen. Also
nichts von Groherzoglicher Hoheit, wenn ich bitten darf. Wir sind nicht
im Alten Schlo. Sitz nieder und sei gemtlich. Willst du Tee? Er ist
noch hei. Und hier sind gezuckerte Frchte. Ich wei, du it sie gern.

Ja, tausend Dank, Ditlinde, die esse ich fr mein Leben gern! Und
Frulein von Isenschnibbe nahm mit dem Rcken gegen das Fenster, Klaus
Heinrich gegenber, an der Schmalseite des Teetisches Platz, streifte
einen Handschuh ab und begann, sphend vorgebeugt, mit der silbernen
Zange Sigkeiten auf ihren Teller zu legen. Ihre kleine Brust atmete
rasch und beklommen vor freudiger Erregung.

Neuigkeiten wei ich, sagte sie, unfhig, lnger an sich zu halten ...
Neuigkeiten ... mehr, als in meinen Pompadour gehen! Das heit ... im
Grunde ist es nur =eine=, nur =eine= -- aber die hat das Ma, die kann
sich sehen lassen, und es ist ganz sicher, ich habe es aus bester
Quelle, du weit, da ich zuverlssig bin, Ditlinde, noch heute abend
wird es im 'Eilboten' stehn, und morgen wird die ganze Stadt davon
sprechen.

Ja, Jettchen, sagte die Frstin, das mu man zugeben, du kommst
niemals mit leeren Hnden. Aber nun sind wir gespannt, nun sage deine
Neuigkeit.

Gut also. Ich bitte, Luft holen zu drfen. Weit du, Ditlinde, wissen
Knigliche Hoheit, wissen Groherzogliche Hoheit, wer kommt, wer in den
Quellengarten kommt, wer auf sechs oder acht Wochen zum Kurgebrauch in
den Quellenhof zieht, um das Wasser zu trinken?

Nein, sagte Ditlinde. Aber du weit es, gutes Jettchen?

=Spoelmann=, sagte Frulein von Isenschnibbe. =Spoelmann=, sagte
sie, lehnte sich zurck und machte Miene, mit den Fingerspitzen auf den
Tischrand zu schlagen, tat aber der Bewegung ihrer Hand dicht ber dem
blauseidenen Lufer Einhalt.

Die Geschwister blickten einander zweifelnd an.

Spoelmann? fragte Ditlinde ... Besinne dich, Jettchen: der richtige
Spoelmann?

Der richtige! Des Fruleins Stimme brach sich vor unterdrcktem Jubel.
Der richtige, Ditlinde. Denn es gibt ja nur einen, oder doch nur einen,
den man kennt, und der ist es, den sie im Quellenhof erwarten -- der
groe Spoelmann, der Riesen-Spoelmann, der ungeheure Samuel N. Spoelmann
aus Amerika!

Aber Kind, wie kme wohl der hierher?

Nun, verzeih' mir die Antwort, Ditlinde, aber wie du fragst! Er kommt
natrlich ber den Ozean, auf seiner Jacht oder auf einem groen
Dampfer, das wei ich noch nicht -- wie es ihm gefllt. Er geht in die
Ferien, er macht eine Europareise, und zwar zu dem ausgesprochenen
Zweck, im Quellengarten das Wasser zu trinken.

Aber ist er denn krank?

Gewi, Ditlinde. Alle diese Leute sind krank, es mu wohl dazu
gehren.

Das ist sonderbar, sagte Klaus Heinrich.

Ja, Groherzogliche Hoheit, es ist auffallend. Seine Art von Dasein mu
es wohl mit sich bringen. Denn es ist gewi ein anstrengenderes Dasein
und keineswegs bequem und mu den Krper wohl rascher aufreiben, als ein
gewhnliches Menschenleben tut. Die meisten haben es mit dem Magen zu
tun. Aber Spoelmann hat ja ein Steinleiden, wie man wei.

Ein Steinleiden also...

Gewi, Ditlinde, du hast es natrlich schon gehrt und nur wieder
vergessen. Er hat den Nierenstein, wenn ich mir das hliche Wort
erlauben darf -- ein schweres, qulendes Leiden, und sicher hat er nicht
den geringsten Genu von seinen wahnwitzigen Reichtmern...

Aber wie in aller Welt ist er auf unser Wasser verfallen?

So, Ditlinde. Ganz einfach. Das Wasser ist doch gut, es ist
vortrefflich, zumal die Ditlindenquelle mit ihrem Lithium, oder wie es
heit, ist ausgezeichnet gegen Gicht und Stein, und nur noch nicht nach
Gebhr bekannt und geschtzt in der Welt. Aber ein Mann wie Spoelmann,
das lt sich denken, ein solcher Mann ist erhaben ber Namen und
Marktgeschrei und geht nach seinem eigenen Kopfe. Und so hat er denn
unser Wasser entdeckt -- oder sein Leibarzt hat es ihm empfohlen, das
mag sein -- und hat es in Flaschen bezogen, und es hat ihm wohlgetan,
und nun mag er denken, da es ihm an Ort und Stelle getrunken noch
besser anschlagen mu.

Alle schwiegen.

Groer Gott, Albrecht, sagte Ditlinde endlich, wie man nun immer ber
Spoelmann und seinesgleichen denken mag -- und ich denke vorsichtig ber
ihn, dessen kannst du versichert sein--, aber glaubst du nicht, da der
Besuch dieses Menschen dem Quellengarten zu groem Nutzen gereichen
kann?

Der Groherzog wendete den Kopf mit seinem feinen und steifen Lcheln.

Fragen wir Frulein von Isenschnibbe, antwortete er. Sie hat
zweifellos auch diese Seite der Sache bereits ins Auge gefat.

Da Knigliche Hoheit befehlen ... Zu gewaltigem Nutzen! Zu
unermelichem, ganz unberechenbarem Nutzen -- das liegt auf der Hand!
Die Direktion ist selig, sie ist imstande und bekrnzt das Fllhaus,
illuminiert den Quellenhof! Welche Empfehlung! Welche Anziehung fr die
Fremden! Wollen Knigliche Hoheit doch erwgen ... Dieser Mann ist eine
Sehenswrdigkeit! Groherzogliche Hoheit sprachen eben von
'seinesgleichen' -- aber er hat nicht seinesgleichen, kaum, hchstens
ein paar. Das ist ein Leviathan, ein Vogel Roch! Wie sollte man nicht
weither kommen, um ein Wesen zu sehen, das tglich so gegen eine halbe
Million zu verzehren hat!

Bewahre! sagte Ditlinde erschttert. Und mein guter Philipp, der sich
mit seinen Torfstichen plagt...

Die Sache fngt damit an, fuhr das Frulein fort, da seit ein paar
Tagen in der Wandelhalle da drauen zwei Amerikaner herumlaufen. Wer
sind sie? Es stellt sich heraus, da es Journalisten sind, Abgeordnete
zweier groer Neuyorker Zeitungen. Sie sind dem Leviathan vorangereist
und telegraphieren ihren Blttern vorlufig Schilderungen der
rtlichkeit. Wenn er da ist, werden sie ber jeden Schritt
telegraphieren, den er tut -- gerade wie der 'Eilbote' und der
'Staatsanzeiger' ber Euere Knigliche Hoheit berichten...

Albrecht verbeugte sich dankend, mit niedergeschlagenen Augen und indem
er die Unterlippe emporschob.

Er hat die Frstenzimmer im Quellenhof mit Beschlag belegt, sagte
Jettchen, als vorlufige Unterkunft.

Fr sich allein? fragte Ditlinde...

O nein, Ditlinde, du kannst denken, da er nicht allein kommt. Ich wei
noch nichts Nheres ber seine Umgebung und Dienerschaft, aber fest
steht, da seine Tochter und sein Leibarzt ihn begleiten.

Du sagst immer 'Leibarzt', Jettchen, das rgert mich. Und dann die
Journalisten. Und obendrein die Frstenzimmer. Er ist doch kein Knig.

Ein Eisenbahnknig, soviel ich wei߫, bemerkte Albrecht leise und mit
niedergeschlagenen Augen.

Nicht nur Eisenbahnknig, Knigliche Hoheit, und nicht einmal in der
Hauptsache, nach allem, was ich hre. Da gibt es in Amerika drben diese
groen Handelsgesellschaften, die man Trusts nennt, wie Knigliche
Hoheit wissen, der Stahltrust zum Beispiel, der Zuckertrust, der
Petroleumtrust und dann noch der Kohlen- und Fleisch- und Tabaktrust und
wie sie heien. Und bei fast all diesen Trusts hat Samuel N. Spoelmann
seine Hand im Spiel und ist Groaktionr und Hauptkontrolleur -- so
nennt man es, ich habe es gelesen--, und sein Geschft mu also wohl
sein, was man bei uns eine Gemischte Warenhandlung nennt.

Ein sauberes Geschft, sagte Ditlinde, ein sauberes Geschft wird es
sein! Denn da man durch ehrliche Arbeit ein Leviathan und Vogel Roch
werden kann, das wirst du mir nicht einreden, gutes Jettchen. Ich bin
berzeugt, da das Blut der Witwen und Waisen an seinen Reichtmern
klebt. Wie denkst du, Albrecht?

Ich wnsche es, Ditlinde, ich wnsche es, dir und deinem Gatten zum
Trost.

Wenn es so ist, erzhlte das Frulein, so trifft doch Spoelmann --
unseren Samuel N. Spoelmann -- nur geringe Verantwortung, denn er ist
eigentlich nichts als ein Erbe und soll sogar nie so besondere Lust zu
den Geschften gehabt haben. Wer eigentlich das Ganze gemacht hat, das
war sein Vater -- ich habe alles gelesen und kann sagen, da ich in
groen Zgen Bescheid wei. Sein Vater, das war ein Deutscher -- gar
nichts, ein Abenteurer, der ber See ging und Goldgrber wurde. Und
hatte Glck und gewann sich durch Goldfunde ein kleines Vermgen -- oder
auch schon ein ziemlich groes -- und fing zu spekulieren an, in
Petroleum und Stahl und Eisenbahnen und dann in allem Mglichen und
wurde immer reicher und reicher. Und als er starb, da war eigentlich
alles schon im Gang, und sein Sohn Samuel, der die Vogel-Roch-Firma
erbte, der hatte so gut wie nichts mehr zu tun, als die frchterlichen
Dividenden einzustreichen und noch immer reicher und reicher zu werden,
bis es kaum noch zu sagen war. So ist es vor sich gegangen.

Und eine Tochter hat er, Jettchen? Was ist denn das fr ein Ding?

Jawohl, Ditlinde, seine Frau ist tot, aber er hat eine Tochter, Mi
Spoelmann, und die bringt er mit. Ein sonderbares Mdchen, nach allem,
was ich gelesen habe. Er selbst ist ja schon ein _sujet mixte_, denn
sein Vater holte sich seine Frau aus dem Sden -- kreolisches Blut, eine
Person mit deutschem Vater und eingeborener Mutter. Aber Samuel
heiratete dann wieder eine Deutsch-Amerikanerin mit halbenglischem Blut,
und deren Tochter ist nun Mi Spoelmann.

Bewahre, Jettchen, das ist ja ein buntes Geschpf!

Das magst du wohl sagen, Ditlinde. Und sie ist gelehrt, ich habe
gehrt, sie studiert wie ein Mann, und zwar Algebra und so scharfsinnige
Dinge...

Nun, das kann mich auch nicht mehr fr sie einnehmen.

Aber nun kommt das Strkste, Ditlinde, denn Mi Spoelmann hat eine
Gesellschaftsdame, und diese Gesellschaftsdame ist eine Grfin, eine
ganz richtige Grfin, die ihr Gesellschaftsdienste leistet.

Bewahre! sagte Ditlinde. Schmt sie sich nicht? Nein, Jettchen, mein
Entschlu ist gefat. Ich werde mich nicht um Spoelmann kmmern. Ich
werde ihn hier in Frieden seinen Brunnen trinken lassen und ihn mit
seiner Grfin und seiner algebraischen Tochter wieder abziehen lassen,
ohne mich nach ihm umzusehen. Auf mich macht er keinen Eindruck mit
seinem Sndenreichtum. Wie denkst du, Klaus Heinrich?

Klaus Heinrich blickte ber des Fruleins Kopf hinweg auf das helle
Fenster.

Eindruck? sagte er ... Nein, Reichtum macht mir keinen Eindruck,
glaube ich -- ich meine, was man so Reichtum nennt. Aber mich dnkt, es
kommt darauf an ... es kommt, wie mir scheint, auf den Mastab an. Wir
haben ja auch ein paar reiche Leute hier in der Stadt ... Seifensieder
Unschlitt soll eine Million haben ... Ich sehe ihn manchmal in seinem
Wagen ... Er ist recht dick und gewhnlich. Aber wenn einer ganz krank
und einsam ist vor lauter Reichtum ... Ich wei nicht...

Ein unheimlicher Mann jedenfalls, sagte Ditlinde. Und allmhlich
beruhigte sich das Gesprch ber Spoelmann. Man sprach ber
Familienangelegenheiten, ber das Gut Hohenried, ber die
bevorstehende Saison. Gegen sieben Uhr schickte der Groherzog nach
seinem Wagen. Man erhob sich, man verabschiedete sich, denn auch Prinz
Klaus Heinrich brach auf. Aber in der Vorhalle, whrend die Brder sich
ihre Mntel anlegen lieen, sagte Albrecht: Ich wre dir verbunden,
Klaus Heinrich, wenn du deinen Kutscher nach Hause schicktest und mir
noch eine Viertelstunde das Vergngen deiner Gesellschaft gnntest. Ich
habe noch eine Sache von einiger Wichtigkeit mit dir zu besprechen ...
Ich knnte dich zur Eremitage begleiten, aber die Abendluft ist mir
nicht zutrglich...

Klaus Heinrich antwortete mit geschlossenen Abstzen: Nein, Albrecht,
wo denkst du hin! Ich fahre mit dir ins Schlo, wenn es dir angenehm
ist. Ich bin selbstverstndlich zu deiner Verfgung.

Dies war die Einleitung zu einer bemerkenswerten Unterredung zwischen
den jungen Frsten, deren Ergebnis wenige Tage darauf im
Staatsanzeiger verffentlicht und allgemein mit Beifall aufgenommen
wurde.

Der Prinz begleitete den Groherzog ins Schlo, durch das Albrechtstor,
ber steinerne, breitgelndrige Treppen, durch Korridore, wo offene
Gasflammen brannten, und schweigende Vorzimmer, zwischen Lakaien
hindurch in Albrechts Kabinett, wo der alte Prahl die beiden bronzenen
Petroleumlampen auf dem Kaminsims angezndet hatte. Albrecht hatte das
Arbeitszimmer seines Vaters bernommen -- es war immer das Arbeitszimmer
der regierenden Herren gewesen und lag im ersten Stockwerk zwischen
einem Adjutantenzimmer und dem im tglichen Gebrauch befindlichen
Speisesaal, gegen den Albrechtsplatz, den die Frsten von ihrem
Schreibtisch aus stets berblickt und berwacht hatten. Es war ein
auerordentlich unwohnlicher und widerspruchsvoller Raum, ein kleiner
Saal mit einer zersprungenen Deckenmalerei, rotseidener, in vergoldete
Leisten gefater Tapete und drei bis zum Fuboden reichenden Fenstern,
durch die es empfindlich zog und vor denen jetzt die weinroten, mit
Krepinen geschmckten Vorhnge geschlossen waren. Es hatte einen
falschen Kamin im Geschmack des franzsischen Kaiserreichs, davor ein
Halbkreis von kleinen modernen gesteppten Plschsesseln ohne Armlehnen
angeordnet war, und einen beraus hlich ornamentierten weien
Kachelofen, in dem stark geheizt war. Zwei groe gesteppte Sofas standen
an den Seitenwnden einander gegenber, und vor das eine war ein
viereckiger Bchertisch mit roter Plschdecke gerckt. Zwischen den
Fenstern ragten zwei deckenhohe und schmale, in Gold gerahmte Spiegel
mit weien Marmorkonsolen empor, von denen die rechte eine ziemlich
lsterne Alabastergruppe, die linke eine Wasserkaraffe und Medizinglser
trug. Der Schreibsekretr, ein altes Mbelstck aus Palisanderholz mit
Rolldeckel und Messingbeschlgen, stand frei auf dem roten Teppich im
Raum. Aus einem Winkel, von einem Pfeilertischchen herab, blickte eine
Antike mit toten Augen ins Zimmer.

Was ich dir vorzuschlagen habe, sagte Albrecht -- er stand am
Schreibtisch und hantierte unbewut mit einem Papiermesser, einem
spielzeughaften und albernen Ding in Form eines Kavalleriesbels--,
steht in gewisser Beziehung zu unserem Gesprch von heute nachmittag
... Ich schicke voraus, da ich die Angelegenheit diesen Sommer in
Hollerbrunn mit Knobelsdorff durchgesprochen habe. Er ist einverstanden,
und wenn auch du es bist, woran ich nicht zweifle, so kann ich meine
Absicht sogleich verwirklichen.

Bitte, Albrecht, la hren, sagte Klaus Heinrich, der in aufmerksamer
und militrischer Haltung am Sofatische stand.

Mein Befinden, fuhr der Groherzog fort, lt in letzter Zeit mehr
und mehr zu wnschen brig.

Das tut mir leid, Albrecht! Du hast dich also in Hollerbrunn gar nicht
erholt?

Danke. Nein. Es geht mir schlecht, und meine Gesundheit zeigt sich den
Anforderungen, die man an mich stellt, immer weniger gewachsen. Wenn ich
sage 'Anforderungen', so meine ich in erster Linie die Pflichten
festlicher und reprsentativer Natur, die mit meiner Stellung verbunden
sind -- und hier ist der Berhrungspunkt mit der Unterhaltung, die wir
vorhin bei Ditlinde fhrten. Die Ausbung dieser Pflichten mag
beglcken, wo ein Kontakt mit dem Volke, eine Verwandtschaft, ein
Gleichschlag der Herzen vorhanden ist. Mir ist sie eine Qual, und die
Falschheit meiner Rolle ermdet mich in einem Grade, da ich darauf
bedacht sein mu, Gegenmaregeln zu treffen. Ich bin hierin -- soweit
das Krperliche in Frage kommt -- im Einverstndnis mit meinen rzten,
die mein Vorhaben durchaus untersttzen ... Hre mich also an. Ich bin
unverheiratet, ich hege, wie ich dich versichern kann, nicht die
Absicht, jemals eine Ehe einzugehen, ich werde keine Kinder haben. Du
bist Thronfolger aus angeborenem Recht des Agnaten, du bist es noch mehr
im Bewutsein des Volkes, das dich liebt...

Ach, Albrecht, du sprichst immer von meiner Beliebtheit ... Ich glaube
gar nicht daran. Von weitem vielleicht ... So ist es bei uns. Wir sind
immer nur von weitem beliebt.

Du bist zu bescheiden. Hre weiter. Du hattest schon bisher zuweilen
die Gte, mir diese und jene meiner reprsentativen Pflichten
abzunehmen. Ich mchte, da du sie mir alle abnhmest, ganz, auf immer.

Du denkst an Abdikation, Albrecht? fragte Klaus Heinrich
erschrocken...

Ich darf nicht daran denken. Glaube mir, da ich gern daran dchte.
Aber man wrde mir's verwehren. Woran ich denke, ist nicht einmal
Regentschaft, sondern nur Stellvertretung -- vielleicht erinnerst du
dich aus irgendeinem Kolleg dieser staatsrechtlichen Unterscheidungen--,
eine dauernde und amtlich festgelegte Stellvertretung in allen
reprsentativen Funktionen, begrndet durch die Schonungsbedrftigkeit
meiner Gesundheit. Wie ist deine Meinung?

Ich stehe dir zu Befehl, Albrecht. Aber ich sehe noch nicht ganz klar.
Wie weit soll die Stellvertretung gehen?

Oh, mglichst weit. Ich mchte, da sie sich auf alle Gelegenheiten
erstreckte, bei denen ein persnliches Auftreten in der ffentlichkeit
von mir gefordert wird. Knobelsdorff verlangt, da ich die Erffnung und
den Schlu des Landtags nur, wenn ich bettlgerig bin, nur von Fall zu
Fall an dich abtrete. Stellen wir das also dahin. Aber im brigen wrde
dir meine Vertretung bei allen feierlichen Handlungen zufallen, die
Reisen, die Besuche der Stdte, die Erffnung von ffentlichen
Festlichkeiten, die Erffnung des Brgerballes...

Auch die?

Warum nicht auch die. Wir haben hier ferner die wchentlichen
Freiaudienzen -- eine sinnige Sitte ohne Zweifel, aber sie bringt mich
um. Du wrdest die Audienzen an meiner Stelle abhalten. Ich zhle nicht
weiter auf. Du nimmst meinen Vorschlag an?

Ich stehe dir zu Befehl.

Dann hr' mich zu Ende. Fr alle Flle, in denen du an meiner Stelle
reprsentierst, teile ich dir meine Adjutanten zu. Es ist ferner wohl
ntig, da man dein militrisches Avancement beschleunigt. Du bist
Oberleutnant? Du wirst zum Hauptmann ernannt werden -- oder gleich zum
Major _ la suite_ deines Regiments ... Ich werde das veranlassen.
Drittens aber wnsche ich unserem Arrangement den ntigen Nachdruck zu
geben, deine Stellung an meiner Seite gebhrend zu kennzeichnen, indem
ich dir den Titel 'Knigliche Hoheit' verleihe. Es waren Formalitten zu
erledigen ... Knobelsdorff ist schon fertig damit. Ich werde meine
Entschlsse in die Form zweier Schreiben an dich und an meinen
Staatsminister kleiden. Knobelsdorff hat sie brigens beide schon
entworfen ... Du nimmst an?

Was soll ich sagen, Albrecht. Du bist Papas ltester Sohn, und ich habe
immer zu dir emporgeblickt, weil ich immer gefhlt und gewut habe, da
du der Vornehmere und Hhere bist von uns beiden und ich nur ein
Plebejer bin, im Vergleich mit dir. Aber wenn du mich wrdigst, an
deiner Seite zu stehen und deinen Titel zu fhren und dich vorm Volk zu
vertreten, obgleich ich mich gar nicht so prsentabel finde und diese
Hemmung hier habe, mit meiner linken Hand, die ich immer verstecken mu
-- dann danke ich dir und stehe dir zu Befehl.

So darf ich dich bitten, mich jetzt zu verlassen. Ich bin
ruhebedrftig.

Sie gingen einander, der eine vom Schreibtisch, der andere vom
Bchertisch, auf dem Teppich bis zur Mitte des Zimmers entgegen. Der
Groherzog reichte seinem Bruder die Hand -- seine magere, kalte Hand,
die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch nur den Unterarm vom
Krper zu lsen. Klaus Heinrich zog die Abstze zusammen und verbeugte
sich, als er die Hand empfing, und Albrecht neigte zum Abschied seinen
schmalen Kopf mit dem blonden Spitzbart, indem er mit seiner kurzen,
gerundeten Unterlippe leicht an der oberen sog. Klaus Heinrich kehrte
nach Schlo Eremitage zurck.

Sowohl der Staatsanzeiger als der Eilbote verffentlichten acht Tage
spter die beiden Handschreiben, welche die hchsten Entschlieungen zum
Inhalt hatten: dasjenige mit der Anrede Mein lieber Staatsminister
Doktor Freiherr von Knobelsdorff! und jenes andere, das mit
Durchlauchtigster Frst, freundlich lieber Bruder! begann und Euerer
Kniglichen Hoheit von Herzen anhnglicher Bruder =Albrecht=
unterzeichnet war.




Der hohe Beruf


Hier ist die Lebensfhrung und Berufsbung Klaus Heinrichs, geschildert
in ihrer Eigentmlichkeit.

Er stieg irgendwo aus seinem Wagen, schritt mit bergeworfenem Mantel
durch eine kurze Gasse hochrufenden Volkes ber ein Trottoir, das mit
einem roten Lufer bedeckt war, durch eine von Lorbeerbumen flankierte
Haustr, ber der man einen Baldachin errichtet hatte, eine Treppe
hinan, die leuchtertragende Diener paarweise besetzt hielten ... Er ging
nach einem Festessen, mit Orden bedeckt bis zu den Hften, die
Fransenepaulettes eines Majors auf seinen schmalen Schultern, mit
Gefolge den gotischen Korridor eines Rathauses entlang. Zwei Diener
liefen vor ihm her und ffneten ihm eifrig eine alte, in ihren
Bleifassungen schtternde Fensterscheibe. Denn unten auf dem kleinen
Marktplatz stand zusammengekeilt und Kopf an Kopf das Volk, eine schrge
Flche aufwrts gewandter Gesichter, von qualmigem Fackellicht dunkel
berglht. Sie riefen und sangen, und er stand am offenen Fenster und
verneigte sich, stellte sich eine Weile der Begeisterung dar und grte
dankend...

Ohne rechten Alltag war sein Leben und ohne rechte Wirklichkeit; es
setzte sich aus lauter hochgespannten Augenblicken zusammen. Wohin er
kam, da war Feier- und Ehrentag, da verherrlichte das Volk sich selber
im Feste, da verklrte sich das graue Leben und ward Poesie. Der
Hungerleider wurde zum schlichten Mann, die Spelunke zur friedlichen
Htte, schmutzige Gassenkinder wurden zu zchtigen kleinen Mdchen und
Buben im Sonntagsstaat, das Haar mit Wasser geglttet, ein Gedicht auf
der Lippe, und der dumpfe Brger wurde in Gehrock und Zylinder sein
selber mit Rhrung bewut. Aber nicht er nur, Klaus Heinrich, sah die
Welt in diesem Lichte, sondern sie selbst sah sich so, fr die Dauer
seiner Anwesenheit. Eine seltsame Unechtheit und Scheinbarkeit herrschte
auf den Sttten seiner Berufsbung, eine ebenmige, bestandlose
Ausstattung, eine falsche und herzerhebende Verkleidung der Wirklichkeit
aus Pappe und vergoldetem Holz, aus Kranzgewinden, Lampions, Draperien
und Fahnentchern war hingezaubert fr eine schne Stunde, und er selbst
stand im Mittelpunkte des Schaugeprnges auf einem Teppich, der den
nackten Erdboden bedeckte, zwischen zweifarbig bemalten Masten, um die
sich Girlanden schlangen, stand mit geschlossenen Abstzen im Dufte des
Lacks und der Tannenreiser und stemmte lchelnd seine linke Hand in die
Hfte.

Er legte den Grundstein eines neuen Rathauses. Die Brgerschaft hatte
durch gewisse Finanzmanver die erforderliche Geldsumme aufgebracht, und
ein gelernter Architekt aus der Hauptstadt war mit dem Bau beauftragt
worden. Aber Klaus Heinrich nahm die Grundsteinlegung vor. Er fuhr unter
dem Jubel der Bevlkerung vor der prchtigen Baracke an, die man am
Bauplatz errichtet hatte, stieg mit leichten und beherrschten Bewegungen
aus dem offenen Wagen auf den gewalzten, mit feinem gelben Sande
bedeckten Erdboden hinab und schritt ganz allein auf die amtlichen
Herren in Frack und weier Binde zu, die ihn am Eingang erwarteten. Er
lie sich den Architekten vorstellen und fhrte mit ihm, angesichts des
Publikums und unter dem starren Lcheln der Umstehenden, fnf Minuten
lang ein Gesprch von hoher Allgemeinheit ber die Vorzge der
verschiedenen Baustile, worauf er eine gewisse, whrend des Gesprches
innerlich vorbereitete Wendung machte und ber Lufer und Bretterstufen
zu seinem Sessel am Rande der Mitteltribne geleitet wurde. Er sa dort,
angetan mit Kette und Stern, einen Fu vorgestellt, die wei gekleideten
Hnde auf dem Sbelgriff gekreuzt, den Helm neben sich am Boden, der
Festversammlung sichtbar von allen Seiten, und hrte in gefater Haltung
die Rede des Brgermeisters an. Hierauf, als die Bitte an ihn erging,
erhob er sich, stieg ohne merkliche Vorsicht, ohne auf seine Fe zu
blicken, die Stufen zu jener Vertiefung hinab, wo sich der Grundstein
befand, und tat mit einem kleinen Hammer drei langsame Schlge auf den
Sandsteinblock, wozu er in der tiefen Stille mit seiner etwas scharfen
Stimme ein Sprchlein sprach, das Herr von Knobelsdorff ihm aufgesetzt
hatte. Schulkinder sangen in hellem Chor. Und Klaus Heinrich hielt
Abfahrt.

Er schritt beim Landeskriegerfest die Front der Veteranen ab. Ein Greis
schrie mit einer Stimme, die vom Pulverrauch heiser schien:
Stillgestanden! Hut ab! Augen rechts! Und sie standen, Medaillen und
Kreuze an ihren Rcken, den rauhen Zylinder am Schenkel, und blickten
mit blutunterlaufenen Hundeaugen auf ihn, der freundlich musternd
vorberging und bei diesem und jenem mit der Frage verweilte, wo er
gedient, wo er im Feuer gestanden ... Er nahm teil am Turnerfest,
schenkte dem Wetturnen der Gauvereine seine Gegenwart und lie sich die
Sieger vorfhren, um sie in ein Gesprch zu ziehen. Die khnen und
wohlgebauten jungen Mnner standen linkisch vor ihm, nachdem sie soeben
noch die gewaltigsten Taten vollbracht, und Klaus Heinrich verwendete
rasch hintereinander ein paar Fachausdrcke, deren er sich von Herrn
Zotte her erinnerte und die er mit groer Gelufigkeit aussprach, indem
er seine linke Hand verbarg.

Er fuhr zum Fnfhausener Fischertage, er wohnte auf seiner mit rotem
Stoff ausgeschlagenen Ehrentribne den Pferderennen bei Grimmburg an und
nahm die Preisverteilung vor. Er fhrte auch das Ehrenprsidium und
Protektorat beim Bundesschtzenfest; er besuchte das Preisschieen der
Groherzoglich privilegierten Schtzengesellschaft. Er sprach, wie es
im Berichte des Eilboten hie, dem Willkommtrunke wacker zu, indem
er nmlich den silbernen Pokal einen Augenblick an die Lippen hielt und
ihn dann mit geschlossenen Abstzen gegen die Schtzen hob. Er gab
hierauf mehrere Schsse auf die Ehrenscheibe ab, von denen in den
Berichten nicht gesagt war, wohin sie getroffen hatten, pflog spter mit
drei aufeinander folgenden Mnnern ein und dieselbe Unterredung ber die
Vorzge des Schtzenwesens, die im Eilboten als gemtliche
Aussprache gekennzeichnet war, und verabschiedete sich endlich mit
einem herzlichen Gut Glck!, das unbeschreiblichen Jubel hervorrief.
Diese Gruformel hatte ihm Generaladjutant von Hhnemann, nachdem er
Erkundigungen eingezogen, im letzten Augenblick zugeflstert; denn
natrlich htte es strend gewirkt, htte die schne Tuschung der
Sachkenntnis und ernsten Vorliebe aufgehoben, wenn Klaus Heinrich zu den
Schtzen Glck auf! und zu Bergleuten etwa Gut Heil! gesagt htte.

berhaupt bedurfte er zu seiner Berufsbung gewisser sachlicher
Kenntnisse, die er sich von Fall zu Fall verschaffte, um sie im rechten
Augenblick und in ansprechender Form zu verwenden. Sie betrafen
vorwiegend die auf den verschiedenen Gebieten menschlicher Ttigkeit
gebruchlichen Kunstausdrcke sowie geschichtliche Daten, und vor einer
Reprsentationsfahrt machte Klaus Heinrich daheim in Schlo Eremitage
mit Hilfe von Druckschriften und mndlichen Vortrgen die ntigen
Studien. Als er im Namen des Groherzogs, meines gndigsten Herrn
Bruders, die Enthllung des Johann-Albrecht-Standbildes zu Knppelsdorf
vollzog, hielt er auf dem Festplatze gleich nach dem Vortrage des
Vereins Geradsinnliederkranz eine Rede, in der alles untergebracht
war, was er sich ber Knppelsdorf notiert hatte, und die allerseits den
schnen Eindruck hervorrief, als habe er sich zeit seines Lebens
vornehmlich mit den historischen Schicksalen dieses Mittelpunktes
beschftigt. Erstens war Knppelsdorf eine Stadt, und Klaus Heinrich
erwhnte das dreimal, zum Stolze der Einwohnerschaft. Ferner sagte er,
da die Stadt Knppelsdorf, wie ihre geschichtliche Vergangenheit
bezeuge, mit dem Hause Grimmburg seit vielen Jahrhunderten treu
verbunden sei. Trte doch bekanntlich, sagte er, schon im vierzehnten
Jahrhundert Landgraf HeinrichXV., der Rutensteiner, als Gnner
Knppelsdorfs besonders hervor. Dieser, der Rutensteiner, habe in dem
auf dem nahen Rutensteine erbauten Schlo residiert, dessen trotzige
Trme und feste Mauern zum Schutze Knppelsdorfs weit hinaus ins Land
gegrt htten. Dann erinnerte er daran, wie durch Erbfolge und Heirat
Knppelsdorf endlich an den Zweig der Familie gekommen sei, dem sein
Bruder und er selbst angehrten. Schwere Strme htten im Verlaufe der
Zeiten ber Knppelsdorf dahingebraust, Kriegsjahre, Feuersbrnste und
Pestilenzen htten es heimgesucht, doch immer habe es sich wieder
emporgerafft und in allen Lagen treu zum angestammten Frstenhause
gehalten. Dieselbe Gesinnung aber zeige auch das heutige Knppelsdorf,
indem es dem Andenken seines, Klaus Heinrichs, hochseligen Herrn Vaters
ein Denkmal errichte, und mit besonderer Freude werde er seinem gndigen
Herrn Bruder ber den glnzenden und herzlichen Empfang Bericht
erstatten, den er hier als hchstsein Stellvertreter gefunden habe ...
Die Hlle fiel, der Verein Geradsinnliederkranz tat noch einmal sein
Bestes. Und Klaus Heinrich stand lchelnd, mit einem Gefhle der
Ausgeleertheit unter seinem Theaterzelt, froh in der Sicherheit, da
niemand ihn weiter fragen drfe. Denn er htte nun kein Sterbenswrtchen
mehr ber Knppelsdorf zu sagen gewut.

Wie ermdend sein Leben war, wie anstrengend! Zuweilen schien es ihm,
als habe er bestndig mit groem Aufgebot an Spannkraft etwas
aufrechtzuerhalten, was eigentlich nicht, oder doch nur unter
gnstigsten Bedingungen, aufrechtzuerhalten war. Zuweilen erschien sein
Beruf ihm traurig und arm, obgleich er ihn liebte und jede
Reprsentationsfahrt gern unternahm.

Er fuhr ber Land zu einer Ackerbauausstellung, fuhr in seiner schlecht
federnden Chaise von Schlo Eremitage zum Bahnhof, wo zu seiner
Verabschiedung der Regierungsprsident, der Polizeiprsident und der
Vorstand der Bahn am Salonwagen standen. Er fuhr anderthalb Stunden,
indem er mit den groherzoglichen Adjutanten, die ihm zugeteilt waren,
und dem Referenten fr Landwirtschaft, Ministerialrat Heckepfeng, einem
strengen und ehrfurchtsvollen Herrn, der ihn ebenfalls begleitete, nicht
ohne Mhe ein Gesprch unterhielt. Dann fuhr er in den Bahnhof des
Stdtchens ein, welches das Landwirtschaftsfest veranstaltete. Der
Brgermeister, eine Kette ber dem Frack, erwartete ihn an der Spitze
von sechs oder sieben anderen dienstlichen Persnlichkeiten. Die Station
war mit vielen Tannenbumchen und Laubschnren geschmckt. Im
Hintergrunde standen die Gipsbsten Albrechts und Klaus Heinrichs im
Grnen. Das Publikum hinter der Absperrung rief dreimal hoch. Die
Glocken luteten.

Der Brgermeister hie Klaus Heinrich mit einer Ansprache willkommen. Er
bringe ihm Dank dar, sagte er und schttelte dabei seinen Zylinderhut
mit der Hand, in der er ihn hielt, den Dank der Stadt fr alles, was
Klaus Heinrichs Bruder und er selbst ihr Gutes erwiesen, und innige
Wnsche fr eine weitere segenvolle Regierung. Auch wiederholte er die
Bitte, der Prinz mge das Werk, das unter seinem Protektorat so wohl
gediehen sei, nun krnen und die landwirtschaftliche Ausstellung
gndigst erffnen.

Dieser Brgermeister fhrte den Titel konomierat, was man Klaus
Heinrich bedeutet hatte und weshalb er ihn in seiner Antwort dreimal so
anredete. Er sagte, er freue sich, zu hren, da das Werk der
Landwirtschaftsausstellung unter seinem Protektorate so wohl gediehen
sei. (Er hatte eigentlich vergessen, da er das Protektorat ber die
Ausstellung fhrte.) Er sei gekommen, um heute das Letzte fr das groe
Werk zu tun, indem er die Ausstellung erffnete. Dann erkundigte er sich
nach vier Dingen: nach den wirtschaftlichen Verhltnissen der Stadt, der
Zunahme der Bevlkerung in den letzten Jahren, nach dem Arbeitsmarkt
(obgleich er nicht ganz genau wute, was eigentlich der Arbeitsmarkt
sei) und nach den Lebensmittelpreisen. Hrte er, da die Lebensmittel
teuer seien, so nahm er diese Mitteilung ernst entgegen, und das mute
selbstverstndlich alles sein. Niemand erwartete mehr von ihm, und
allgemein wirkte es trstlich, da er die Mitteilung von den hohen
Preisen sehr ernst entgegengenommen habe.

Dann stellte der Brgermeister ihm die stdtischen Wrdentrger vor: den
Oberamtsrichter, einen adeligen Gutsbesitzer aus der Nhe, den Pastor,
die beiden rzte, einen Expeditor, und Klaus Heinrich richtete an jeden
eine Frage, indem er sich whrend der Antwort berlegte, was er zu dem
nchsten sagen sollte. Es waren auerdem noch der Landestierarzt und der
Landesinspektor fr Tierzucht zugegen. Endlich bestieg man Fuhrwerke, um
unter den Zurufen der Einwohner zwischen einem Spalier von Schulkindern,
Feuerwehrleuten und Fahnenvereinen durch die geschmckte Stadt zur
Festwiese zu fahren -- nicht ohne am Tore noch einmal von wei
gekleideten Jungfrauen mit Krnzen auf den Kpfen angehalten zu werden,
von denen eine, die Tochter des Brgermeisters, dem Prinzen einen
Blumenstrau mit weier Atlasmanschette in den Wagen reichte und zur
immerwhrenden Erinnerung an diesen Augenblick eine jener hbschen und
preiswerten Preziosen eingehndigt erhielt, die Klaus Heinrich auf
seinen Reisen mit sich fhrte, eine, sie wute selbst nicht warum, in
Sammet gebettete Busennadel, die man im Eilboten als goldenes, mit
Edelsteinen besetztes Geschmeide wiederfand.

Zelte, Pavillons und Baracken waren auf der Wiese errichtet. An langen
Reihen von Stangen, die untereinander mit Girlanden verbunden waren,
flatterten bunte Wimpel. Auf einer hlzernen, mit Fahnentchern
behangenen Tribne, zwischen Draperien, Festons und zweifarbigen
Flaggenstangen, verlas Klaus Heinrich die kurze Erffnungsrede. Und dann
begann der Rundgang.

Da war an niedrige Querbume das Hornvieh gefesselt, Reinzucht,
Prachtexemplare mit glatten, gewlbten, scheckigen Leibern, numerierte
Schilder an den breiten Stirnen. Da stampften und schnoben die Pferde,
schwere Ackergule mit gebogenen Schnauzen und Haarbscheln oberhalb der
Hufen, sowie feine, unruhige Reittiere. Da waren die nackten,
kurzbeinigen Schweine, und zwar sowohl Land- als Edelschweine in groer
Auswahl. Sie lieen die Buche hngen und whlten grunzend mit ihren
rosigen Rsseln im Boden, whrend das Geblk der wolligen Schafe, ein
verworrener Chor von Ba- und Kinderstimmen, die Luft erfllte. Da war
die lrmvolle Geflgelausstellung, beschickt mit allen Arten von
Hhnern, vom groen Brahmaputra bis zum Goldlack-Zwerghhnchen, mit
Enten und allerlei Tauben, mit Futtermitteln und Eiern in frischem und
knstlich erhaltenem Zustande. Da war die Ausstellung von Feldprodukten
mit allem Korn, mit Runkeln und Klee, Kartoffeln, Erbsen und Flachs. Da
waren Auslesen von frischem und eingemachtem Gemse, von rohem und
konserviertem Obst, von Beerenfrchten, Marmeladen und Sften. Aber
endlich war da die Ausstellung landwirtschaftlicher Gertschaften und
Maschinen, vorgefhrt von mehreren technischen Firmen, versehen mit
allem, was zur Bestellung des Ackers dient, vom handlichen Pflug bis zu
den groen, schwarzen, geschornsteinten Motoren, bei denen es aussah wie
in einem Elefantenstall, vom einfachsten und begreiflichsten Gegenstande
bis zu solchen, die aus einem Gewirr von Rdern, Ketten, Kolben, Walzen,
Armen und Zhnen bestanden -- eine Welt, eine ganze, beschmende Welt
sinnreicher Ntzlichkeit.

Klaus Heinrich sah alles an, er schritt, den Sbelgriff berm Unterarm,
die Reihen der Tiere, Kfige, Scke, Bottiche, Glser und Utensilien ab.
Der Herr zu seiner Rechten wies ihn mit der Hand im weien
Glachandschuh auf das einzelne hin, indem er sich diese und jene
Erluterung gestattete, und Klaus Heinrich tat, was seines Berufes war.
Er uerte sich in Worten vollster Anerkennung ber alles, was er sah,
er blieb von Zeit zu Zeit stehen und zog die Aussteller der Tiere ins
Gesprch, erkundigte sich in leutseliger Weise nach ihren Verhltnissen
und stellte Fragen, die die lndlichen Mnner beantworteten, indem sie
sich hinter den Ohren kratzten. Und im Gehen dankte er nach beiden
Seiten fr die Huldigungen der Bevlkerung, die seinen Weg besetzt
hielt.

Namentlich am Ausgang des Festplatzes, dort, wo die Wagen warteten,
hatte das Volk sich angesammelt, um seiner Abfahrt zuzuschauen. Ein Weg
war ihm freigehalten, eine gerade Gasse bis zum Schlag seines Landauers,
und er schritt lebhaft hindurch, die Hand am Helm und immerfort nickend,
allein und formvoll geschieden von all diesen Menschen, die ihrem
Urbilde, ihrer echten Art zujubelten, indem sie ihn feierten, und deren
Leben, Arbeit und Tchtigkeit er festlich darstellte, ohne teil daran zu
haben.

Mit einem leichten und freien Schritte bestieg er den Wagen, lie sich
kunstreich nieder, so da er sofort eine anmutige und vollkommene
Haltung gewann, an der nichts mehr zu verbessern war, und fuhr grend
zum Gesellschaftshause, wo das Frhstck eingenommen wurde. Der
Bezirksamtmann brachte dabei -- und zwar nach dem zweiten Gange -- einen
Trinkspruch auf den Groherzog und den Prinzen aus, worauf Klaus
Heinrich sich unverzglich erhob, um auf das Wohl des Bezirks und der
Stadt zu trinken. Nach dem Festessen jedoch zog er sich in die Zimmer
zurck, die der Brgermeister ihm in seiner Amtswohnung eingerumt
hatte, und legte sich auf eine Stunde ins Bett; denn seine
Berufsausbung erschpfte ihn in seltsamem Mae, und nachmittags sollte
er nicht nur in dieser Stadt die Kirche, die Schule, verschiedene
Betriebe, besonders das Kselager der Gebrder Behnke, besichtigen und
sich ber alles hchst befriedigt aussprechen, sondern auch noch seine
Reise eine Strecke fortsetzen und eine Unglckssttte, ein abgebranntes
Dorf besuchen, um der Behrde seines Bruders Mitgefhl und sein eigenes
auszudrcken und die Heimgesuchten zu erquicken durch seine hohe
Gegenwart...

Aber daheim auf Schlo Eremitage, zurckgekehrt in seine enthaltsam
mblierten Empirestuben, las er die Zeitungsberichte ber seine Fahrten.
Dann erschien Geheimrat Schustermann vom Prebureau, das dem Ministerium
des Inneren unterstand, in der Eremitage und brachte die Ausschnitte aus
den Zeitungen, die reinlich auf weie Bogen geklebt, datiert und mit dem
Namen des Blattes versehen waren. Und Klaus Heinrich las von seiner
persnlichen Wirkung, las ber seines Wesens Anmut und Hoheit, las, da
er seine Sache gut gemacht und sich die Herzen von jung und alt im Sturm
gewonnen -- da er den Sinn des Volkes vom Alltag erhoben und zur Liebe
und Freude hingerissen habe.

Und dann erteilte er die Freiaudienzen im Alten Schlo, wie es
vereinbart war.

Die Sitte der Freiaudienzen war von einem wohlmeinenden Vorgnger
AlbrechtsII. geschaffen worden, und man hielt fest daran. Einmal in der
Woche war Albrecht, war an seiner Statt Klaus Heinrich fr jedermann zu
sprechen. Ob der Bittsteller von Rang war oder nicht, seine
Angelegenheit Tragweite besa oder in einer persnlichen Sorge und
Beschwerde bestand -- eine Anmeldung bei Herrn von Bhl oder nur beim
diensttuenden Adjutanten gengte, und dem Manne ward Gelegenheit, seine
Sache an hchster Stelle vorzubringen. Eine schne, menschenfreundliche
Einrichtung! Denn so brauchte der Bittsteller nicht den Weg des
schriftlichen Gesuches zu beschreiten, in der traurigen Voraussicht, da
sein Schriftsatz auf immer in den Kanzleien verschwinden werde, sondern
hatte die glckliche Gewhr, da sein Anliegen ganz unmittelbar zur
hchsten Stelle gelange. Eingerumt mute werden, da die hchste Stelle
-- Klaus Heinrich zu dieser Zeit -- natrlich nicht in der Lage war, den
Fall zu bersehen, ihn ernstlich zu prfen und eine Entscheidung darber
zu treffen, sondern da er die Sache dennoch an die Kanzleien weitergab,
woselbst sie verschwand. Allein der Nutzen war gleichwohl gro, wenn
auch nicht in dem Sinne groer Zweckdienlichkeit. Der Brger, der
Bittsteller kam bei Herrn von Bhl mit der Bitte ein, empfangen zu
werden, und ein Tag, eine Stunde wurde ihm bestimmt. Er sah sie in
freudiger Beklommenheit herannahen, er arbeitete im Geist an den Stzen,
in welchen er seine Angelegenheit vortragen wrde, er lie seinen
Leibrock, seinen Seidenhut bgeln, legte ein gutes Hemd zurecht und
bereitete sich auf alle Weise. Aber schon diese festlichen Vorkehrungen
waren geeignet, die Gedanken des Mannes von dem erstrebten, derb
sachlichen Vorteil abzulenken und ihm den Empfang selbst als den
eigentlichen Gegenstand seiner angeregten Erwartung erscheinen zu
lassen. Die Stunde kam, und der Brger nahm, was er niemals tat, eine
Droschke, um seine blanken Stiefel nicht zu verunreinigen. Er fuhr
zwischen den Lwen des Albrechtstores hindurch, und die Wache sowohl wie
der groe Trsteher gaben ihm freien Durchgang. Er stieg aus im
Schlohof am Sulenumgang vor dem verwitterten Portal und ward von einem
Lakaien in braunem Frack und sandfarbenen Gamaschen sogleich zur Linken
in ein Vorzimmer zu ebener Erde eingelassen, in dessen einem Winkel sich
ein Gestell mit Standarten befand, und wo eine Anzahl anderer
Supplikanten kaum flsternd und in andchtig gespanntem Zustande ihres
Empfanges harrten. Der Adjutant, die Liste der Gemeldeten in der Hand,
ging ab und zu und nahm denjenigen, der zunchst an der Reihe war,
beiseite, um ihm mit gedmpfter Stimme Verhaltungsmaregeln zu erteilen.
Aber im Nebenzimmer, Freiaudienz-Zimmer genannt, stand Klaus Heinrich
im Waffenrock mit silbernem Kragen und mehreren Sternen an einem runden
Tischchen mit drei goldenen Beinen und empfing. Major von Platow
unterrichtete ihn oberflchlich ber die Person der einzelnen
Bittsteller, bat den Mann herein und kehrte in den Pausen zurck, um den
Prinzen kurz auf den Nchstfolgenden vorzubereiten. Und der Brger trat
ein; das Blut im Kopfe und ein wenig schwitzend stand er vor Klaus
Heinrich. Man hatte ihm eingeschrft, da er sich Seiner Kniglichen
Hoheit nicht allzusehr nhern, sondern in einiger Entfernung
stehenbleiben, da er nicht sprechen solle, bevor er gefragt sei, und
auch dann nicht alles auf einmal herausschwatzen, sondern karg
antworten, um dem Prinzen Stoff zu Fragen brigzulassen; da er sich
schlielich rckwrts und ohne dem Prinzen seine Kehrseite zuzuwenden,
entfernen mge. Und darauf, nicht gegen diese Vorschriften zu verstoen,
sondern an seinem Teil dazu beizutragen, da das Gesprch einen schnen,
glatten und harmonischen Verlauf nhme, nur hierauf war alles Trachten
des Brgers gerichtet. Klaus Heinrich befragte ihn, wie er die
Veteranen, die Schtzen, die Turner, die Landleute und die Abgebrannten
zu befragen gewhnt war, lchelnd, die linke Hand weit hinten in die
Hfte gestemmt; und unwillkrlich lchelte auch der Brger -- wobei ihm
auf irgendeine Weise zumute war, als erhbe er sich mit diesem Lcheln
ber alles, was ihn sonst befangen hielt. Dieser gemeine Mann, dessen
Sinn sonst am Boden haftete, der auer dem handgreiflich Ntzlichen
nichts, wohl nicht einmal die alltgliche Hflichkeit in Bedacht nahm
und auch hierher um einer Sache willen gekommen war -- er erfuhr in
seiner Seele, da es etwas Hheres gbe als seine Sache und die Sache
berhaupt, und erhoben, gereinigt, mit blindem Blick und noch immer das
Lcheln auf seinem gerteten Antlitz, ging er von dannen.

So erteilte Klaus Heinrich Freiaudienzen, und so bte er seinen hohen
Beruf. Er lebte auf Eremitage in seiner kleinen Flucht von
Empirestuben, die so streng und drftig, mit khlem Verzicht auf Behagen
und Traulichkeit eingerichtet waren. Verblichene Seide bespannte dort
oberhalb der weien Tfelung die Wnde, an den schmucklosen Decken
hingen Kristallkronen, geradlinige Sofas, ohne Tische zumeist, und
dnnbeinige Etageren mit Sulenstutzuhren standen an den Wnden,
Stuhlpaare, wei lackiert, mit ovalen Rckenlehnen und dnnen
Seidenbezgen flankierten die wei lackierten Flgeltren, und in den
Winkeln standen wei lackierte Gueridons, die vasenhnliche Armleuchter
trugen. So sah es aus bei Klaus Heinrich, und er war einverstanden mit
dieser Umgebung.

Er lebte innerlich still, ohne Begeisterung oder Glaubenseifer in
ffentlichen Streitfragen. Er erffnete als Vertreter seines Bruders den
Landtag, nahm aber keinen Anteil an den Vorgngen dortselbst und vermied
jedes Ja und Nein im Zwiespalt der Parteien -- unentschieden und ohne
berzeugungswrme wie einer, dessen Angelegenheit hher ist als alles
Parteiwesen. Jeder sah ein, da seine Stellung ihm Zurckhaltung
auferlegte, aber viele empfanden, da der Mangel an Teilnahme auf eine
befremdende und lhmende Weise in seinem Wesen ausgeprgt sei. Viele,
die mit ihm in Berhrung kamen, bezeichneten ihn denn auch als kalt;
und wenn Doktor berbein diese Klte mit lauten Redensarten leugnete,
so war zu bezweifeln, ob der einseitige und ungemtliche Mann befhigt
war, in dieser Frage ein Urteil zu fllen. Natrlich kam es vor, da
Klaus Heinrichs Blick sich mit solchen kreuzte, die ihn berhaupt nicht
anerkannten, frechen, hhnischen, gehssig erstaunten Blicken, die seine
ganze Leistung und Anstrengung verachteten und nicht kannten. Aber auch
bei gutwilligen, fromm gearteten Leuten, die sein Leben zu achten und zu
ehren sich bereit zeigten, bemerkte er zuweilen nach kurzer Zeit eine
gewisse Erschpftheit, ja Gereiztheit, wie als ob sie im Luftkreis
seines Wesens nicht lange zu atmen vermchten; und das betrbte Klaus
Heinrich, ohne da er es abzustellen gewut htte.

Er hatte gar nichts zu tun im tglichen Leben; ob ihm ein Gru gelang,
ein gndiges Wort, eine gewinnende und doch wrdevolle Handbewegung, war
wichtig und entscheidend. Einst kehrte er in Mtze und Mantel von einem
Spazierritt zurck, ritt langsam auf seinem braunen Pferde Florian durch
die Birkenallee, die am Rande unbebauten Gelndes entlang auf Park und
Schlo Eremitage zufhrte, und vor ihm her ging ein schbig
gekleideter junger Mensch mit einer Pudelmtze und einem lcherlichen
Schopf im Nacken, zu kurzen rmeln und Hosen und auerordentlich groen
Fen, die er einwrts setzte. Es mochte ein Realschler oder
dergleichen sein, denn er trug ein Reibrett unter dem Arm, worauf mit
Stiften eine groe Zeichnung, ein ausgerechnetes Liniengewirr in roter
und schwarzer Tinte, eine Projektion oder hnliches, befestigt war.
Klaus Heinrich hielt lange sein Pferd hinter dem jungen Menschen und
betrachtete die rot und schwarze Projektion auf dem Reibrett. --
Zuweilen dachte er, da es gut sein msse, einen ordentlichen Nachnamen
zu haben, Doktor Fischer zu heien und einem ernsten Beruf nachzugehen.

Er reprsentierte bei den Hoffestlichkeiten, dem groen und kleinen
Ball, dem Diner, den Konzerten und der groen Cour. Er ging auch mit
seinen rotkpfigen Vettern, den Herren des Gefolges, im Herbst auf die
Hofjagden, der Sitte wegen, und obwohl sein linker Arm ihm das Schieen
beschwerlich machte. Oft sah man ihn abends im Hoftheater, in seiner rot
ausgeschlagenen Proszeniumsloge zwischen den beiden weiblichen
Skulpturen mit den gekreuzten Hnden und den leeren, strengen
Gesichtern. Denn das Theater unterhielt ihn, er liebte es, den
Schauspielern zuzusehen, zu beobachten, wie sie sich gaben, auf- und
abtraten, ihre Rolle durchfhrten. Meistens fand er sie schlecht, unzart
in ihren Mitteln zu gefallen und ungebt in der feineren Vortuschung
des Natrlichen und Kunstlosen. brigens war er geneigt, den niederen
und volkstmlichen Gegenden der Szene vor den hohen und feierlichen den
Vorzug zu geben. In der Residenz wirkte am Singspieltheater eine
Soubrette namens Mizzi Meyer, die in den Zeitungen und im Munde des
Publikums nicht anders als unsere Meyer hie, und zwar auf Grund ihrer
schrankenlosen Beliebtheit bei gro und klein. Sie war nicht schn, kaum
hbsch, sie sang mit kreischender Stimme, und streng genommen, waren ihr
keine besonderen Gaben zuzusprechen. Dennoch brauchte sie nur die Bhne
zu betreten, um Strme der Zustimmung, des Beifalls, der Aufmunterung zu
entfesseln. Denn diese blonde und gedrungene Person mit ihren blauen
Augen, ihren breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen, ihrer
gesunden, lustigen oder auch gern ein wenig rhrseligen Art war Fleisch
vom Fleische des Volkes und Blut von dem seinen. Solange sie,
geschmckt, geschminkt und von allen Seiten beleuchtet, der Menge
gegenber auf den Brettern stand, war sie in der Tat die Verklrung
des Volkes selbst -- ja, das Volk beklatschte sich selber, indem es
sie beklatschte, und darin ganz allein beruhte Mizzi Meyers Macht
ber die Gemter. -- Klaus Heinrich besuchte gern mit Herrn von
Braunbart-Schellendorf das Singspieltheater, wenn Mizzi Meyer sang,
und beteiligte sich lebhaft am Beifall.

Eines Tages hatte er eine Begegnung, die ihm einerseits zu denken gab,
anderseits ihn auch wieder enttuschte. Es war die mit Herrn Martini,
Axel Martini, demselben, der die beiden von Sachverstndigen viel
gerhmten Poesiebcher Evo! und Das heilige Leben verfat hatte.
Das Zusammentreffen kam auf folgende Weise zustande.

In der Residenz lebte ein begterter alter Herr, Oberregierungsrat
seinem Titel nach, der, seit er sich aus dem Staatsdienst in den
Ruhestand zurckgezogen, sein Leben der Frderung der schnen Knste,
insbesondere der Dichtkunst, gewidmet hatte. Er war der Begrnder jener
Einrichtung, die man unter dem Namen des Maikampfes kannte -- eines
alljhrlich zur Lenzzeit sich wiederholenden poetischen Turniers, zu dem
der Oberregierungsrat durch Rundschreiben und Anschlge die Dichter und
Dichterinnen des Vaterlandes ermutigte. Preise waren ausgesetzt fr das
zrtlichste Liebeslied, das innigste religise Gedicht, den feurigsten
patriotischen Sang, fr die trefflichsten lyrischen Leistungen zum
Preise der Musik, des Waldes, des Frhlings, der Lebenslust -- und diese
Preise bestanden auer Geldgewinnen in sinnigen und wertvollen Andenken
wie goldenen Federn, goldenen Busennadeln in Leier- und Blumenform und
dergleichen mehr. Auch die Stadtobrigkeit der Residenz hatte einen Preis
gestiftet, und der Groherzog spendete einen silbernen Pokal als
Belohnung fr das unbedingt vorzglichste unter allen eingesandten
Gedichten. Der Schpfer des Maikampfes selbst, der die erste Sichtung
des stets gewaltigen Stoffes besorgte, nahm im Bunde mit zwei
Universittsprofessoren und den Feuilletonredakteuren des Eilboten und
der Volkszeitung das Amt des Preisrichters wahr. Die gekrnten und die
lobend erwhnten Beitrge wurden regelmig als Jahrbuch auf Kosten des
Oberregierungsrates gedruckt und herausgegeben.

Dieses Jahr nun hatte sich Axel Martini am Maikampf beteiligt und war
als Sieger daraus hervorgegangen. Das Gedicht, das er vorgelegt hatte,
ein begeistertes Loblied auf die Lebenslust oder vielmehr ein beraus
strmischer Ausbruch der Lebenslust selbst, ein hinreiender Hymnus auf
des Lebens Schnheit und Furchtbarkeit, war im Stile seiner beiden
Bcher gehalten und hatte Zwietracht ins Richterkollegium getragen. Der
Oberregierungsrat selbst und der Professor fr Philologie hatten es mit
einer anerkennenden Erwhnung abspeisen wollen; denn sie fanden es
malos im Ausdruck, roh in seiner Leidenschaft und stellenweise
unumwunden anstig. Aber der Professor fr Literaturgeschichte zusammen
mit den Redakteuren hatten sie berstimmt, nicht nur in Hinsicht darauf,
da Martinis Beitrag das beste Gedicht an die Lebenslust darstelle,
sondern auch bezglich seines unbedingten Vorranges, und schlielich
hatten sich auch die beiden Gegner dem Eindruck dieses schumenden und
betubenden Wortsturzes nicht entziehen knnen.

Axel Martini hatte also dreihundert Mark, eine goldene Busennadel in
Leierform und obendrein den silbernen Pokal des Groherzogs erhalten,
und sein Gedicht war im Jahrbuch an erster Stelle mit einer
zeichnerischen Umrahmung von der Knstlerhand des Professors von
Lindemann abgedruckt worden. Es kam aber hinzu, da der Sitte gem der
Sieger (oder die Siegerin) im Maikampf vom Groherzog in Audienz
empfangen wurde; und da Albrecht gerade unplich war, so fiel auch
dieser Empfang seinem Bruder zu.

Klaus Heinrich frchtete sich ein wenig vor Herrn Martini.--

Gott, Doktor berbein, sagte er bei einer kurzen Begegnung mit seinem
Lehrer, was soll ich mit ihm anfangen? Er ist gewi ein wilder,
unverschmter Mensch.

Aber Doktor berbein antwortete: I bewahre, Klaus Heinrich, keine
Besorgnis! Er ist ein ganz artiges Mnnchen. Ich kenne ihn, ich
hospitiere ein bichen in seinen Kreisen. Sie werden ausgezeichnet mit
ihm fertig werden.

So empfing denn Klaus Heinrich den Dichter der Lebenslust, empfing ihn
auf Eremitage, um der Sache einen mglichst privaten Charakter zu
geben. Im gelben Zimmer, sagte er, lieber Braunbart. Das ist in
solchen Fllen das prsentabelste. Es standen drei schne Sthle in
diesem Zimmer, die wohl das einzig Wertvolle unter dem Mobiliar des
Schlchens waren, schwere Empirefauteuils in Mahagoni, mit
schneckenfrmig aufgerollten Armlehnen und gelben Tuchbezgen, auf
welche blaugrne Leiern gestickt waren. Klaus Heinrich stellte sich
nicht zur Audienz auf bei dieser Gelegenheit, sondern wartete, in
einiger Unruhe, nebenan, bis Axel Martini seinerseits sieben oder acht
Minuten lang im gelben Zimmer gewartet hatte. Dann trat er lebhaft, fast
eilig ein und schritt auf den Dichter zu, der sich tief verbeugte.

Es macht mir groes Vergngen, Sie kennenzulernen, sagte er, lieber
Herr ... Herr Doktor, nicht wahr?

Nein, Knigliche Hoheit, erwiderte Axel Martini mit asthmatischer
Stimme, nicht Doktor. Ich bin unbetitelt.

Oh, Verzeihung ... ich nahm an ... Setzen wir uns, lieber Herr Martini.
Ich bin, wie gesagt, sehr erfreut, Sie zu Ihrem groen Erfolge
beglckwnschen zu knnen...

Herrn Martinis Mundwinkel machten eine zuckende Bewegung nach unten. Er
lie sich an dem unbedeckten Tische, um dessen Platte eine Goldleiste
lief, auf dem Rande eines der Mahagoniarmsthle nieder und kreuzte seine
Fe, die in zersprungenen Lackstiefeln steckten. Er war im Frack und
trug gelbliche Glachandschuhe. Sein Halskragen war an den Ecken
schadhaft. Er hatte ein wenig glotzende Augen, magere Wangen und einen
dunkelblonden Schnurrbart, der gestutzt war wie eine Hecke. Sein
Haupthaar war an den Schlfen schon stark ergraut, obgleich er dem
Jahrbuch des Maikampfes zufolge nicht mehr als dreiig Jahre zhlte, und
unterhalb der Augen glomm ihm eine Rte, die nicht auf Wohlsein deutete.
Er antwortete auf Klaus Heinrichs Glckwunsch: Knigliche Hoheit sind
sehr gtig. Es war ja kein schwerer Sieg. Es war vielleicht nicht
taktvoll von mir, mich an dieser Konkurrenz zu beteiligen.

Das verstand Klaus Heinrich nicht; aber er sagte: Ich habe Ihr Gedicht
wiederholt mit groem Genu gelesen. Es scheint mir beraus gelungen,
sowohl was das Versma als auch was die Reime betrifft. Und dann bringt
es die Lebenslust vorzglich zum Ausdruck.

Herr Martini verbeugte sich im Sitzen.

Ihre Fertigkeit, fuhr Klaus Heinrich fort, mu Ihnen groes Vergngen
gewhren -- die schnste Erholung ... Welches ist Ihr Beruf, Herr
Martini?

Herr Martini deutete an, da er nicht verstehe, beschrieb gleichsam mit
dem Oberkrper ein Fragezeichen.

Ich meine, Ihr Hauptberuf. Sind Sie im Staatsdienst?

Nein, Knigliche Hoheit. Ich habe keinen Beruf. Ich beschftige mich
mit Poesie, ausschlielich...

Gar keinen ... Oh, ich verstehe. Eine so ungewhnliche Begabung ist es
wert, da man ihr alle Krfte widmet.

Das wei ich nicht. Ich mu gestehen, da ich gar nicht die Wahl hatte.
Ich habe mich von jeher zu jeder anderen menschlichen Ttigkeit
vollkommen unfhig gefhlt. Mir scheint, da diese zweifellose und
unbedingte Unfhigkeit zu allem anderen der einzige Beweis und Prfstein
des Berufes zur Poesie ist, ja, da man in der Poesie eigentlich keinen
Beruf, sondern eben nur den Ausdruck und die Zuflucht dieser Unfhigkeit
zu sehen hat.

Herr Martini hatte die Eigentmlichkeit, beim Sprechen Trnen in die
Augen zu bekommen, hnlich wie ein Mensch, der aus der Klte in ein
warmes Zimmer tritt und sich nun schmelzen und hinstrmen lt.

Das ist eine eigenartige Auffassung, sagte Klaus Heinrich.

Doch nicht, Knigliche Hoheit. Ich bitte um Verzeihung. Nein, gar nicht
eigenartig. Diese Auffassung ist vielfach akzeptiert. Ich sage nichts
Neues.

Und seit wann leben Sie ausschlielich der Poesie, Herr Martini? Sie
haben vorher studiert?

Nicht regelrecht, Knigliche Hoheit. Nein, die Unfhigkeit, der ich
vorhin erwhnte, begann bei mir sehr frh sich zu zeigen. Ich wurde mit
der Schule nicht fertig. Ich verlie sie, ohne es bis zur Abgangsprfung
gebracht zu haben. Ich ging auf die Universitt mit dem Versprechen, die
Prfung nachtrglich abzulegen, aber es wurde dann nichts daraus. Und
als mein erster Gedichtband sehr bemerkt worden war, da schickte es sich
auch schlielich nicht mehr, wenn ich so sagen darf.

Nein, nein ... Aber waren Ihre Eltern denn einverstanden mit Ihrer
Laufbahn?

O nein, Knigliche Hoheit! Ich darf zur Ehre meiner Eltern versichern,
da sie durchaus nicht einverstanden damit waren. Ich bin aus guter
Familie; mein Vater war Oberstaatsanwalt. Er billigte natrlich meine
Laufbahn so wenig, da er mir bis zu seinem Tode jede Untersttzung
verweigerte. Ich lebte zerfallen mit ihm, obgleich ich ihn seiner
Strenge wegen auerordentlich hoch achtete.

Oh, Sie haben es also schwer gehabt, Herr Martini, haben sich
durchschlagen mssen. Ich kann es mir denken, da Sie sich den Wind um
die Nase haben wehen lassen!

Nicht so, Knigliche Hoheit! Nein, das wre schlimm gewesen, ich htte
es nicht ertragen. Meine Gesundheit ist zart -- ich darf nicht sagen
'leider', denn ich bin berzeugt, da mein Talent mit meiner
Krperschwche unzertrennlich zusammenhngt. Hunger und rauhe Winde
htte weder mein Krper noch mein Talent berstanden und haben sie auch
nicht zu berstehen gehabt. Meine Mutter war schwach genug, mich hinter
dem Rcken meines Vaters mit den Mitteln zum Leben zu versehen,
bescheidenen, aber hinlnglichen Mitteln. Ihr danke ich es, da sich
mein Talent unter leidlich milden Bedingungen entwickeln konnte.

Der Erfolg hat gezeigt, lieber Herr Martini, da es die richtigen
Bedingungen waren ... Obgleich es ja schwer ist, zu sagen, welches wohl
die eigentlich guten Bedingungen sind. Lassen Sie mich annehmen, Ihre
Frau Mutter htte sich ebenso streng verhalten wie Ihr Vater, und Sie
wren allein auf der Welt gewesen und ganz auf sich selbst gestellt und
vllig auf Ihre Fhigkeiten angewiesen ... Meinen Sie nicht, da Ihnen
das gewissermaen von Nutzen gewesen wre? Da Sie Einblicke htten tun
knnen, um diesen Ausdruck zu whlen, die Ihnen nun entgangen sind?

Ach, Knigliche Hoheit, meinesgleichen tut Einblicke genug, auch ohne
wirklich dem Hunger ausgesetzt zu sein; und die Auffassung ist ziemlich
allgemein akzeptiert, da es nicht sowohl der wirkliche Hunger als
vielmehr der Hunger nach dem Wirklichen ist ... he, he ... was das
Talent bentigt.

Herr Martini hatte ein wenig lachen mssen ber sein Wortspiel. Er
fhrte nun rasch die eine gelblich bekleidete Hand vor seinen Mund mit
dem heckenartigen Schnurrbart und verbesserte sein Lachen, stellte es
gleichsam richtig durch ein Hsteln. Klaus Heinrich sah ihm in
freundlicher Erwartung zu.

Wenn Knigliche Hoheit mir erlauben wollen ... Es ist eine
weitverbreitete Anschauung, da die Entbehrung der Wirklichkeit fr
meinesgleichen der Nhrboden alles Talentes, die Quelle aller
Begeisterung, ja recht eigentlich unser einflsternder Genius ist. Der
Lebensgenu ist uns verwehrt, streng verwehrt, wir machen uns kein Hehl
daraus -- und zwar ist dabei unter Lebensgenu nicht nur das Glck,
sondern auch die Sorge, auch die Leidenschaft, kurz jede ernsthaftere
Verbindung mit dem Leben zu verstehen. Die Darstellung des Lebens nimmt
durchaus alle Krfte in Anspruch, zumal wenn diese Krfte nicht eben
berreichlich bemessen sind -- und Herr Martini hstelte, wobei seine
Schultern mehrmals nach vorn zusammengezogen wurden. Die Entsagung,
fgte er hinzu, ist unser Pakt mit der Muse, auf ihr beruht unsere
Kraft, unsere Wrde, und das Leben ist unser verbotener Garten, unsere
groe Versuchung, der wir zuweilen, aber niemals zu unserem Heil,
unterliegen.

Wieder hatten sich beim flieenden Sprechen Herrn Martinis Augen mit
Trnen gefllt. Er suchte sie durch ein Blinzeln zu vertreiben.

Jeder von uns, sagte er noch, kennt solche Verirrungen und
Entgleisungen, solche begehrlichen Ausflge in die Festsle des Lebens.
Aber wir kehren gedemtigt und belkeit im Herzen von dort in unsere
Abgeschlossenheit zurck.

Herr Martini schwieg. Es geschah ihm, da sein Blick, unter
emporgezogenen Brauen, vorbergehend starr wurde, einen Atemzug lang
sich im Leeren verlor, wobei sein Mund einen suerlichen Ausdruck annahm
und seine Wangen, ber denen die ungesunde Rte glomm, noch magerer
schienen als sonst. Das war nur eine Sekunde; dann wechselte er die
Haltung und machte seine Augen wieder frei.

Aber Ihr Gedicht, sagte Klaus Heinrich, nicht ohne Dringlichkeit. Ihr
Preisgedicht an die Lebenslust, Herr Martini!... Ich bin Ihnen
aufrichtig verbunden fr Ihre Ausfhrungen. Wollen Sie mir aber sagen
... Ihr Gedicht -- ich habe es aufmerksam gelesen. Es handelt einerseits
von Elend und Schrecknissen, von des Lebens Bosheit und Grausamkeit,
wenn ich mich recht erinnere, und andererseits von dem Vergngen am Wein
und an schnen Frauen, nicht wahr...

Herr Martini lchelte; hierauf rieb er sich mit Daumen und Mittelfinger
die Mundwinkel, um das Lcheln zu vertreiben.

Das alles, sagte Klaus Heinrich, ist in der Ichform abgefat, in der
ersten Person, nicht wahr? Und doch beruht es nicht auf eigenen
Einblicken? Sie haben nichts davon wirklich erlebt?

Sehr wenig, Knigliche Hoheit. Lediglich ganz kleine Andeutungen davon.
Nein, die Sache ist umgekehrt die, da, wenn ich der Mann wre, das
alles zu erleben, ich nicht nur nicht solche Gedichte schreiben, sondern
auch meine jetzige Existenz von Grund aus verachten wrde. Ich habe
einen Freund, sein Name ist Weber; ein begterter junger Mann, der lebt,
der sein Leben geniet. Sein Lieblingsvergngen besteht darin, in seinem
Automobil mit toller Geschwindigkeit ber Land zu sausen und dabei von
Straen und ckern Bauerndirnen aufzulesen, mit denen er unterwegs --
aber das gehrt nicht hierher. Kurz, dieser junge Mann lacht, wenn er
mich nur von weitem sieht, so komisch findet er mich und meine
Ttigkeit. Was aber mich betrifft, so begreife ich seine Heiterkeit
vollkommen und beneide ihn. Ich darf sagen, da ich ihn auch ein wenig
verachte, aber doch nicht so aufrichtig, als ich ihn beneide und
bewundere...

Sie bewundern ihn?

Jawohl, Knigliche Hoheit. Ich kann unmglich umhin, das zu tun. Er
gibt aus, er verschwendet, er lt bestndig in der unbekmmertsten und
hochherzigsten Weise draufgehen -- whrend es mein Teil ist, zu sparen,
ngstlich und geizig zusammenzuhalten, und zwar aus hygienischen
Grnden. Denn die Hygiene ist es ja, was mir und meinesgleichen in
erster Linie not tut -- sie ist unsere ganze Moral. Aber nichts ist
unhygienischer, als das Leben...

Sie werden also den Pokal des Groherzogs wohl niemals leeren, Herr
Martini?

Wein daraus trinken? Nein, Knigliche Hoheit. Obgleich es eine schne
Geste sein mte. Aber ich trinke keinen Wein. Auch gehe ich um zehn Uhr
zu Bette und lebe in jeder Weise vorsichtig. Sonst htte ich niemals den
Pokal gewonnen.

Es mu wohl so sein, Herr Martini. Man macht sich aus der Ferne wohl
unrichtige Vorstellungen von dem Leben eines Dichters.

Begreiflicherweise, Knigliche Hoheit. Aber es ist im ganzen kein sehr
herrliches Leben, wie ich versichern kann, besonders da wir ja nicht zu
jeder Stunde Dichter sind. Damit von Zeit zu Zeit so ein Gedicht
zustande komme -- wer glaubt wohl, wieviel Faulenzerei und Langeweile
und grmlicher Miggang dazu ntig ist. Eine Postkarte an den
Zigarrenlieferanten ist oft die Leistung eines Tages. Man schlft viel,
man lungert mit dumpfem Kopfe umher. Ja, es ist nicht selten ein
Hundeleben...

Jemand pochte ganz leise von auen an die wei lackierte Tr. Es war
Neumanns Zeichen, da es hohe Zeit fr Klaus Heinrich sei, sich
umkleiden und frisch instand setzen zu lassen. Denn es war Cerclekonzert
heut abend im Alten Schlo.

Klaus Heinrich stand auf. Ich habe mich verplaudert, sagte er; denn
das war die Wendung, deren er sich in solchen Augenblicken bediente. Und
dann verabschiedete er Herrn Martini, wnschte ihm guten Erfolg in
seiner poetischen Laufbahn und begleitete den ehrerbietigen Rckzug des
Dichters mit Lcheln und jener ein wenig theatralischen, gndig
grenden Handbewegung von oben nach unten, die nicht immer gleichmig
schn gelang, aber in der er es zu hoher Vollendung gebracht hatte.

Dies war des Prinzen Unterredung mit Axel Martini, dem Verfasser von
Evo! und Das heilige Leben. Sie machte ihm Gedanken, hrte bei
ihrem Abschlu nicht auf, ihn zu beschftigen. Noch whrend er sich von
Neumann den Scheitel erneuern und den blinkenden Galarock mit den
Sternen anlegen lie, noch whrend des Cerclekonzertes bei Hofe, ja
mehrere Tage noch nachher dachte er darber nach und suchte des Dichters
uerungen mit den brigen Erfahrungen in Zusammenhang zu bringen, die
das Leben ihm gewhrt hatte.

Dieser Herr Martini, der, whrend ihm die ungesunde Rte ber den
Wangenhhlen glomm, bestndig rief: Wie ist das Leben so stark und
schn!, jedoch um zehn Uhr vorsichtig zu Bette ging, sich aus
hygienischen Grnden, wie er sagte, dem Leben verschlo und jede
ernsthafte Verbindung mit demselben mied -- dieser Dichter mit seinem
schadhaften Kragen, seinen trnenden Augen und seinem Neid auf den
jungen Weber, der mit Bauernmdchen ber Land sauste: er weckte geteilte
Empfindungen, es war schwer, eine feste Meinung ber ihn zu gewinnen.
Klaus Heinrich gab dem Ausdruck, als er seiner Schwester von der
Begegnung erzhlte, indem er sagte: Er hat es nicht bequem und nicht
leicht, das sieht man wohl, und das mu ja gewi fr ihn einnehmen. Aber
ich wei doch nicht, ob ich mich freuen kann, ihn kennengelernt zu
haben, denn er hat etwas Abschreckendes, Ditlinde, ja, er ist bei alldem
entschieden ein bichen widerlich.




Imma


Frulein von Isenschnibbe war gut unterrichtet gewesen. Noch an dem
Abend des Tages, an welchem sie der Frstin zu Ried die groe Neuigkeit
berbracht hatte, verffentlichte der Eilbote die Kunde von Samuel
Spoelmanns, des weltberhmten Spoelmann, bevorstehender Ankunft, und
anderthalb Wochen spter, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des
Jahres, in welchem Groherzog Albrecht sein zweiunddreiigstes, Prinz
Klaus Heinrich sein sechsundzwanzigstes Lebensjahr angetreten hatte) --
kaum also, da die ffentliche Neugier Zeit gehabt, einen rechten
Hhepunkt zu erreichen -- vollzog sich diese Ankunft, ward schlichte
Wirklichkeit an einem herbstlich bedeckten, ganz unscheinbaren
Wochentage, der sich gleichwohl der Zukunft als ein unendlich
denkwrdiges Datum erweisen sollte.

Die Spoelmanns trafen mit Extrazug ein -- darauf beschrnkte sich
vorderhand die Herrlichkeit ihres Auftretens; denn da die
Frstenzimmer des Hotels Quellenhof durchaus nicht von blendender
Pracht waren, wute jedermann. Miges Publikum, berwacht von einem
kleinen Gendarmerieaufgebot, hatte sich hinter der Perronsperre
eingefunden; Vertreter der Presse waren zugegen. Aber wer
Auerordentliches gewrtigt hatte, wurde enttuscht. Spoelmann wre fast
gar nicht erkannt worden, so wenig berwltigend war er. Lngere Zeit
hielt man seinen Leibarzt fr ihn, Doktor Watercloose -- so, sagte man,
hie er--, einen langen Amerikaner, welcher, den Hut im Nacken, seinen
Mund zwischen dem weien geschorenen Backenbart bestndig mild lchelnd
in die Breite zog und die Augen dabei schlo. Erst im letzten Augenblick
ward bekannt, da vielmehr der Kleine, Rasierte im mifarbenen Paletot
-- der, welcher im Gegenteil den Hut tief in die Stirn gedrckt trug,
der eigentliche Spoelmann sei, und die Zuschauer waren einig darin, da
ihm nichts anzumerken sei. Fabelhafte Dinge waren ber ihn im Umlauf
gewesen. Durch irgendeinen Spavogel war das Gercht verbreitet und auch
gewissermaen geglaubt worden, Spoelmann habe lauter goldene
Vorderzhne, und in jeden dieser goldenen Vorderzhne sei in der Mitte
ein Brillant eingelassen. Aber obgleich die Wahrheit oder Unwahrheit
dieser Behauptung nicht gleich zu prfen war -- denn Spoelmann lie
seine Zhne nicht sehen, er lachte nicht, sondern schien vielmehr
rgerlich und durch seine Krankheit gereizt--, so glaubte angesichts
seiner Person sogleich kein Mensch mehr daran. Was aber Mi Spoelmann,
seine Tochter, betraf, so hatte sie den Kragen ihrer Pelzjacke, in deren
Taschen sie ihre Hnde verbarg, hoch emporgeschlagen, so da berhaupt
fast nichts von ihr zu sehen war als ein paar unverhltnismig groer
braunschwarzer Augen, die ber die Menschenansammlung hin eine ernste,
flieende, aber nicht allgemeinverstndliche Sprache fhrten. An ihrer
Seite befand sich die Persnlichkeit, die man als ihre Gesellschaftsdame,
die Grfin Lwenjoul erkannte, eine Frau von fnfunddreiig
Jahren, schlicht gekleidet und beide Spoelmanns an Krperlnge
berragend, die ihren kleinen Kopf mit dem sprlichen glatten
Scheitel nachdenklich schief trug und mit einer gewissen starren
Sanftmut vor sich hinblickte. Das meiste Aufsehen erregte ohne Frage ein
schottischer Schferhund, der von einem Diener mit stillem
Sklavengesicht an der Leine gefhrt wurde -- ein ungewhnlich schnes,
aber, wie es schien, entsetzlich aufgeregtes Tier, das bebend und
tnzelnd die Bahnhofshalle mit seinem exaltierten Gebell erfllte.

Man sagte, da ein paar Spoelmannsche Dienstboten mnnlichen und
weiblichen Geschlechts schon einige Stunden frher im Quellenhof
eingetroffen seien. Jedenfalls blieb es dem Diener mit dem Hunde allein
berlassen, das Gepck zu besorgen; und whrend er es besorgte, fuhr
seine Herrschaft in zwei gemeinen Droschken -- Herr Spoelmann mit Doktor
Watercloose, Mi Spoelmann mit ihrer Grfin -- zum Quellengarten hinaus.
Dort stiegen sie ab, und dort fhrten sie anderthalb Monate lang ein
Leben, das mit geringeren Mitteln als den ihren zu bestreiten gewesen
wre.

Sie hatten Glck, das Wetter war gut, es war ein blauer Herbst, eine
lange Reihe von sonnigen Tagen zog sich von dem Oktober in den November,
und Mi Spoelmann ritt tglich -- das war der einzige Luxus, den sie
trieb -- mit ihrer Ehrendame spazieren, auf Pferden brigens, die sie im
Tattersall wochenweise gemietet hatten. Herr Spoelmann ritt nicht,
obgleich der Eilbote mit deutlichem Hinblick auf ihn eine Notiz seines
medizinischen Mitarbeiters verffentlichte, wonach das Reiten bei
Steinleiden infolge der Erschtterung lindernd wirke und den Abgang der
Steine befrdere. Aber durch das Hotelpersonal wurde bekannt, da der
berhmte Mann in seinen vier Wnden ein knstliches Reiten betrieb mit
Hilfe einer Maschine, eines feststehenden Velozipeds, dessen Sattel
durch das Treten der Pedale in schtternde Bewegung versetzt wurde.

Mit Eifer trank er das Heilwasser, die Ditlindenquelle, auf die er groe
Stcke zu halten schien. In aller Frhe erschien er tglich im
Fllhause, begleitet von seiner Tochter, die brigens ganz gesund war
und nur zur Gesellschaft mittrank, und bewegte sich dann in seinem
mifarbenen Paletot und den Hut in der Stirn durch den Kurgarten und die
Wandelhalle, indem er das Wasser aus dem blulichen Glasbecher durch
eine glserne Rhre zu sich nahm -- aus der Ferne beobachtet von den
beiden amerikanischen Zeitungskorrespondenten, die gehalten waren, ihren
Blttern tglich tausend Worte ber Spoelmanns Ferienaufenthalt zu
telegraphieren und also danach trachten muten, Stoff zu gewinnen.

Sonst sah man ihn wenig. Sein Leiden -- Nierenkoliken, wie man sagte,
hchst schmerzhafte Anflle -- schien ihn oft an das Zimmer, wenn nicht
ans Bett zu fesseln, und whrend Mi Spoelmann mit der Grfin Lwenjoul
zwei- oder dreimal im Hoftheater erschien (wobei sie ein schwarzes
Sammetkleid und um die kindlichen Schultern ein indisches Seidentuch von
wundervollem Goldgelb trug, auch mit ihrem perlblassen Gesichtchen und
ihren groen, schwarzen und flieend redenden Augen sehr fesselnd
wirkte), wurde ihr Vater niemals bei ihr in der Loge gesehen. Er
unternahm zwar in ihrer Begleitung ein paar Streifzge durch die
Residenz, um kleine Einkufe zu machen, die Stadt in Augenschein zu
nehmen und einige innere Sehenswrdigkeiten zu besuchen; er spazierte
auch wohl mit ihr durch den Stadtgarten und besichtigte dort zweimal
Schlo Delphinenort -- das zweitemal allein, wobei er in seinem
Interesse so weit ging, mit einem gewhnlichen gelben Meterstabe, den er
aus seinem mifarbenen Paletot hervorzog, Messungen an den Wnden
vorzunehmen ... Aber nicht einmal im Speisesaal des Quellenhofes wurde
man seines Anblickes teilhaftig; denn entweder, weil er auf schmale,
fast fleischlose Kost gesetzt war oder aus anderen Grnden, speiste er
mit den Seinen ausschlielich in seinen Zimmern, und die Neugier des
Publikums erhielt im ganzen recht wenig Nahrung.

So kam es, da Spoelmanns Ankunft dem Quellengarten vorderhand nicht in
dem Mae zum Nutzen gereichte, wie Frulein von Isenschnibbe und mit ihr
viele Leute erwartet hatten. Der Flaschenversand nahm zu, das war
festzustellen; er stieg sehr rasch fast um die Hlfte seiner bisherigen
Ziffer und hielt sich dauernd auf dieser Hhe. Aber der Fremdenzuzug
steigerte sich nicht wesentlich; die Gste, die eintrafen, um sich an
dem Anblick dieser ungeheuerlichen Existenz zu weiden, reisten bald
befriedigt oder enttuscht wieder ab, und zudem waren es groenteils
nicht die besten Elemente, die von seiner Gegenwart angelockt wurden.
Sonderbare Kpfe tauchten in den Straen auf, unfrisierte und wildugige
Kpfe -- Erfinder, Plnemacher, verbohrte Menschheitsbeglcker, die
Spoelmann fr ihre fixen Ideen zu gewinnen hofften. Aber der Milliardr
verhielt sich durchaus ablehnend gegen diese Leute, ja, einen von ihnen,
der sich im Stadtgarten an ihn machen wollte, schrie er, kirschbraun vor
Jhzorn, dermaen an, da der Wirrkopf sich eilig trollte, und mehrfach
wurde versichert, da die Flut von Bettelbriefen, die tglich fr ihn
einstrmte -- Briefe die oft mit Marken beklebt waren, wie die Beamten
des groherzoglichen Postbureaus sie niemals zu Gesichte bekommen--,
geradeswegs in einen Papierkorb von seltenem Umfang geleitet werde.

Spoelmann schien sich alle geschftlichen Mitteilungen verbeten zu
haben, schien entschlossen, seine Ferien grndlich zu genieen und
whrend dieser Europareise ausschlielich seiner Gesundheit -- oder
Krankheit -- zu leben. Der Eilbote, dessen Zutrger sich beeilt
hatten, mit den amerikanischen Berufsgenossen Freundschaft zu schlieen,
wute zu erzhlen, da ein zuverlssiger Mann, ein _chief manager_, wie
es hie, Herrn Spoelmann drben vertrat. Er erzhlte ferner, da seine
Jacht, ein prunkvoll eingerichtetes Schiff, den gewaltigen Mann in
Venedig erwarte, und da er sich nach beendeter Trinkkur zunchst mit
den Seinen nach Sden zu wenden beabsichtige. Er erzhlte auch -- und
kam damit einem drngenden ffentlichen Bedrfnis nach -- von der
abenteuerlichen Entstehung des Spoelmannschen Besitzstandes, von dem
Urbeginn im Lande Victoria, wohin sein Vater von irgendeinem deutschen
Kontorsessel aus gekommen war, ganz jung und arm und ausgestattet allein
mit einer Picke, einer Schaufel und einem zinnernen Heller. Dort hatte
er anfnglich als Gehilfe eines Goldgrbers gearbeitet, als Tagelhner,
im Schweie seines Angesichts. Und dann war das Glck gekommen. Einem
Manne, einem kleinen Grubenbesitzer, war es so schlecht gegangen, da er
nicht einmal mehr seine Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen
hatte kaufen knnen, und in der grten Not hatte er seine Grube
veruern mssen. Spoelmann der ltere hatte sie gekauft, hatte sein
Alles auf eine Karte gesetzt und fr sein ganzes Erspartes, bestehend
aus fnf Pfund Sterling, dies Stckchen Alluvialfeld, Paradiesfeld
genannt, nicht grer als vierzig Quadratfu, kuflich erworben. Und
tags darauf hatte er anderthalb Handbreit unter der Oberflche einen
Klumpen Feingold, den zehntgrten der Welt, den Paradise Nugget von
neunhundertachtzig Unzen und fnftausend Pfund wert, zutage
gefrdert...

Das war, erzhlte der Eilbote, der Anfang gewesen. Mit dem Erls
seines Fundes war Spoelmanns Vater nach Sdamerika bergesiedelt, ins
Land Bolivia, und als Goldwscher, Amalgam-Mhlenbesitzer und
Bergwerksunternehmer hatte er fortgefahren, das gelbe Metall ohne Umwege
den Flssen, dem Scho des Gesteins zu entreien. Damals und dort hatte
Spoelmann der ltere sich vermhlt -- und der Eilbote lie eine
Bemerkung darber einflieen, da er es trotzigerweise und ohne
Rcksicht auf dortzuland herrschende Vorurteile getan habe. So aber
hatte er sein Kapital verdoppelt und auf unerhrte Art hatte er mit
seinem Pfunde zu wuchern verstanden. Er war gen Norden gewandert nach
Philadelphia im Staate Pennsylvanien. Das war in den fnfziger Jahren
gewesen, der Zeit lebhaften Aufschwungs im Eisenbahnbau, und Spoelmann
hatte seine Geschfte mit einer Anlage in Aktien der Baltimore- und
Ohiobahn begonnen. Er hatte ferner im Westen des Staates ein
Kokskohlenlager bewirtschaftet, dessen Ertrge bedeutend gewesen waren.
Aber dann hatte er zu jener Gruppe gottbegnadeter junger Leute gehrt,
welche fr einige tausend Pfund die berhmte Blockheadfarm erwarben --
jenes Landgtchen, das mit seiner Steinlquelle binnen kurzem das
Hundert- und aber Hundertfache seines Kaufpreises wert war ... Dies
Unternehmen hatte Spoelmann den lteren reich gemacht, aber er hatte
sich keineswegs zur Ruhe begeben, sondern unablssig die Kunst gebt,
mit Geld mehr Geld und endlich berschwenglich viel Geld
hervorzubringen. Er hatte Stahlwerke geschaffen, hatte Gesellschaften
gebildet, die im grten Mastabe die Umwandlung des Eisens in Stahl,
den Bau von Eisenbahnbrcken betrieben. Er hatte die Mehrzahl der Aktien
von vier oder fnf groen Eisenbahnkompanien an sich gebracht und war in
vorgerckten Jahren Prsident, Vizeprsident, Bevollmchtigter oder
Direktor dieser Gesellschaften gewesen. Bei der Begrndung des
Stahltrusts, so erzhlte der Eilbote, war er dieser Vereinigung
beigetreten, mit einem Aktienbesitz, die ihm allein schon eine jhrliche
Einnahme von zwlf Millionen Dollar gewhrleistete. Aber ebenso war er
Hauptaktionr und Aufsichtsrat des Petroleumzusammenschlusses gewesen,
hatte gleichzeitig kraft seines Anteilbesitzes ber drei oder vier der
anderen Treuhandgesellschaften Vorherrschaft gebt. Und bei seinem Tode
hatte sein Vermgen, berechnet im Mnzfu hierzulande, eine runde
Milliarde betragen.

Samuel, sein einziger Sohn, erzeugt in jener zeitig geschlossenen und
auf irgendeine Weise vorurteilswidrigen Ehe, war sein einziger Erbe
gewesen -- und der Eilbote, feinsinnig wie er war, schaltete eine
Betrachtung darber ein, wie doch etwas Wehmtiges in der Vorstellung
liege, da jemand so ohne eigenes Zutun und gleichsam ohne Verschulden
sich durch Geburt in einer solchen Lebenslage finde. Samuel hatte den
Palast in der Fnften Avenue von Neuyork, die Schlsser auf dem Lande
und alle Aktien, Treuhandscheine und Gewinnanteile seines Vaters geerbt;
er erbte auch die abenteuerliche Vereinzelung des Lebens, zu der jener
emporgestiegen war, seinen Weltruhm und den Ha der benachteiligten
Menge gegen die aufgehufte Macht des Geldes -- all den Ha, zu dessen
Besnftigung er jhrlich die gewaltigen Schenkungen an Kollegien,
Konservatorien, Bibliotheken, Wohlttigkeitsanstalten und jene
Universitt verteilte, die sein Vater gegrndet hatte und die seinen
Namen fhrte.

Samuel Spoelmann trug ohne Verschulden den Ha der Benachteiligten, der
Eilbote versicherte es. Er war frh in die Geschfte eingefhrt
worden, hatte schon whrend der letzten Lebensjahre seines Vaters allein
die schwindelerregende Besitzmasse des Hauses verwaltet. Aber es war
allgemein bekannt, da sein Herz niemals so recht und ganz bei den
Transaktionen gewesen war. Seine eigentliche Neigung hatte
sonderbarerweise vielmehr von jeher der Musik, und zwar der Orgelmusik,
gehrt -- und diese Mitteilung des Eilboten war nachzuprfen, denn in
der Tat hielt sich Mister Spoelmann auch im Quellenhof ein kleines
Pfeifenspiel, dessen Blge er von einem Hausknecht des Hotels bedienen
lie, und jeden Tag konnte man ihn vom Kurgarten aus darauf musizieren
hren.

Aus Liebe und ganz ohne geschftliche Rcksichten, erzhlte der
Eilbote, hatte er sich vermhlt -- mit einem armen und schnen
Mdchen, halb deutsch, halb angelschsisch ihrer Abkunft nach. Sie war
gestorben; aber sie hatte ihm eine Tochter zurckgelassen, dies
merkwrdige Blutgemisch von einem Mdchen, das wir nun ebenfalls in
unseren Mauern zu Gast hatten und das zur Zeit neunzehn Jahre alt war.
Sie hie Imma -- ein kerndeutscher Name, wie der Eilbote hinzufgte,
nichts weiter als eine ltere Form von Emma; und leicht war denn auch
zu bemerken, da, wenn auch englische Brocken mit unterliefen, die
tgliche Umgangssprache im Hause Spoelmann das Deutsche geblieben war.
Wie innig brigens Vater und Tochter einander zu lieben schienen! Jeden
Morgen, wenn man sich rechtzeitig in den Quellengarten begab, konnte man
beobachten, wie Frulein Spoelmann, die ein wenig spter als ihr Vater
im Fllhause einzutreffen pflegte, seinen Kopf zwischen beide Hnde nahm
und, whrend er sie zrtlich auf den Rcken klopfte, ihn zum Morgengru
auf Mund und Wangen kte. Dann gingen sie Arm in Arm durch die
Wandelhalle und sogen an ihren Glasrhren...

So plauderte das wohlunterrichtete Blatt und nhrte die ffentliche
Neugier. Es berichtete auch genau ber die Besuche, die Mi Imma mit
ihrer Gesellschafterin liebenswrdigerweise mehreren stdtischen
Wohlttigkeitsanstalten abstattete. Gestern hatten sie die Volkskche
eingehend besichtigt. Sie hatte heute einen aufmerksamen Rundgang durch
das Greisinnenhospital zum Heiligen Geist gemacht. Und nebenbei hatte
sie zweimal dem zahlentheoretischen Kollegium des Geheimrats Klinghammer
in der Universitt beigewohnt -- hatte als Student unter Studenten auf
der Holzbank gesessen und mit ihrem Fllfederhalter eifrig
nachgeschrieben, denn bekanntlich war sie ein gelehrtes Mdchen und
oblag dem Studium der Algebra. Ja, das war fesselnd zu lesen und ergab
reichen Gesprchsstoff. Wer aber ganz ohne Zutun des Eilboten von sich
reden machte, das war erstens der Hund, jener edle, schwarzweie
Colliehund, den Spoelmanns mitgebracht hatten, und zweitens auf andere
Art die Gesellschaftsdame, Grfin Lwenjoul.

Den Hund angehend, der Perceval hie (was englisch auszusprechen war)
und meistens Percy gerufen wurde, so war dieses Tier von einer
Erregbarkeit, einer Leidenschaft des Wesens, die jeder Beschreibung
spottete. Innerhalb des Hotels gab er keinen Grund zu Klagen, sondern
lag in vornehmen Posen auf einem kleinen Teppich vor den Spoelmannschen
Gemchern. Aber bei jedem Ausgang unterlag er Anfllen von
Kopflosigkeit, die allgemeines Aufsehen und Befremden, ja, mehr als
einmal wirkliche Verkehrsstrungen hervorriefen. In weitem Abstande
gefolgt von einem Schwarm einheimischer Hunde, gemeiner Kter, die,
durch sein Benehmen in Aufruhr versetzt, mit schimpfendem Geklff hinter
ihm drein preschten und um die er sich brigens nicht im geringsten
kmmerte, flog er, die Nase mit Schaum bespritzt und mit wild klagendem
Gebell durch die Straen, fhrte wtende Kreiseltnze vor den Tramwagen
auf, brachte Droschkenpferde zu Fall und strzte zweimal den Kuchenstand
der Witwe Klaaen am Rathaus mit solcher Heftigkeit ber den Haufen, da
das se Gebck ber den halben Marktplatz rollte. Da aber bei solchen
Unglcksfllen Herr Spoelmann oder seine Tochter sofort mit mehr als
angemessenen Entschdigungen einsprangen, da sich auch zeigte, da
Percevals Zustnde im Grunde ungefhrlicher Natur waren, da er nichts
weniger als bissig und rauflustig, sondern im Gegenteil unnahbar und
eben nur auer sich war, so wandte sich ihm rasch die Neigung der
Bevlkerung zu, und namentlich den Kindern waren seine Ausgnge eine
Quelle des Vergngens.

Die Grfin Lwenjoul ihrerseits gab auf stillere, aber nicht weniger
sonderbare Weise Anla zum Gerede. Anfnglich, als ihre Person und
Stellung in der Stadt noch unbekannt war, hatte sie sich das Gehnsel
der Gassenjugend zugezogen, indem sie, allein gehend, mit sanfter und
tiefsinniger Miene zu sich selber gesprochen und diese Selbstgesprche
mit lebhaftem und brigens durchaus anmutigem und elegantem
Gebrdenspiel begleitet hatte. Aber den Kindern, die ihr nachgerufen und
sie am Kleide gezupft hatten, war sie mit solcher Milde und Gte
begegnet, hatte so liebreich und wrdevoll zu ihnen gesprochen, da die
Verfolger beschmt und verwirrt von ihr abgelassen hatten; und spter,
als man sie kannte, verhinderte der Respekt vor ihrem Verhltnis zu den
berhmten Gsten, da man sie belstigte. Unter der Hand jedoch waren
unverstndliche Anekdoten ber sie im Umlauf. Ein Mann erzhlte, die
Grfin habe ihm ein Goldstck eingehndigt mit dem Auftrage, eine
bestimmte alte Frau, die ihr irgendwelche unziemliche Antrge gemacht
haben sollte, zu ohrfeigen. Der Mann hatte das Goldstck eingesteckt,
ohne sich indessen seines Auftrages zu entledigen. Ferner wurde fr wahr
berichtet, da die Lwenjoul den Posten vor der Kaserne der
Leibfsiliere angeredet und zu ihm gesagt habe, er msse die Frau des
Feldwebels von der und der Kompanie ihrer sittlichen Verfehlungen halber
sogleich verhaften. Auch habe sie dem Obersten dieses Regiments einen
Brief geschrieben, des Inhalts, da innerhalb der Kaserne allerlei
geheimnisvolle und unaussprechliche Greuel im Schwange seien. Gott
wute, was fr eine Bewandtnis es damit hatte. Manche leiteten
unmittelbar daraus ab, da es der Grfin im Kopfe fehle. Jedenfalls
hatte man keine Zeit, der Sache auf den Grund zu kommen, denn
unversehens waren sechs Wochen dahin, und Samuel N. Spoelmann, der
Milliardr, reiste ab.

Er reiste ab, nachdem er sich von dem Professor von Lindemann hatte
malen lassen, das teuere Bildnis jedoch dem Besitzer des Hotels
Quellenhof zum Andenken geschenkt hatte, reiste ab mit seiner Tochter,
der Lwenjoul und Doktor Watercloose, mit Perceval, dem Stubenveloziped
und seiner Dienerschaft, reiste mit Sonderzug gen Sden, um an der
Riviera, wohin ihm die beiden Neuyorker Zeitungsmnner vorausgeeilt
waren, den Winter zu verbringen und dann ber den Ozean heimzukehren.
Alles war zu Ende. Der Eilbote rief Herrn Spoelmann ein aufrichtiges
Lebewohl nach und gab dem Wunsche Ausdruck, da die Kur ihm wohl
anschlagen mge. Damit schien dieser merkwrdige Zwischenfall
beschlossen und abgetan. Der Tag forderte sein Recht. Man begann Herrn
Spoelmann zu vergessen.

Der Winter verging. Es war der Winter, in welchem die Frstin zu
Ried-Hohenried, Groherzogliche Hoheit, mit einem Tchterchen niederkam.
Auch der Frhling ging ins Land, und Seine Knigliche Hoheit Groherzog
Albrecht begab sich gewohntermaen nach Hollerbrunn. Da aber tauchte im
Publikum und in der Presse ein Gercht auf, das von ruhig denkenden
Leuten anfangs mit Achselzucken aufgenommen wurde, das aber Gestalt
annahm, sich festsetzte, sich in ganz bestimmte Einzelangaben kleidete
und endlich als wirkliche und kernhafte Nachricht zur Herrschaft ber
das tgliche Gesprch gelangte.

Was ging vor? -- Ein groherzogliches Schlo sollte verkauft werden. --
Das war Unsinn. Welches Schlo? -- Delphinenort. Schlo Delphinenort im
nrdlichen Stadtgarten. -- Das war Narrengeschwtz. Verkauft? An wen? --
An Spoelmann. -- Lcherlich. Was sollte er damit anfangen? -- Es
wiederherstellen und bewohnen. -- Sehr einfach. Aber vielleicht hatte
unser Landtag ein wenig in solche Angelegenheit dreinzureden. -- Den
Landtag kmmerte das gar nicht. Hatte etwa der Staat eine
Unterhaltungspflicht an Schlo Delphinenort? Dann htte es hoffentlich
besser ausgesehen um das schne Ding. Und also hatte der Landtag =nicht=
dreinzureden. -- Die Verhandlungen waren wohl allgemein weit
vorgeschritten? -- Allerdings. Denn sie waren abgeschlossen. -- Ei, und
so war man denn natrlich wohl gar in der Lage, den genauen Kaufpreis zu
nennen? -- Aufzuwarten. Der Kaufpreis betrug zwei Millionen auf Heller
und Pfennig. -- Unmglich! Ein Kronbesitz! -- Kronbesitz hin und her.
Handelte es sich um die Grimmburg? Ums Alte Schlo? Es handelte sich um
ein Lustschlo, ein ewig unbentztes, aus Geldmangel rettungslos
verkommendes Lustschlo. -- Und Spoelmann beabsichtigte also, jedes Jahr
wiederzukommen und einige Wochen in Delphinenort zu wohnen? -- Nein.
Denn er beabsichtigte vielmehr, ganz und gar zu uns berzusiedeln. Er
war Amerikas mde, wollte Amerika den Rcken kehren, und sein erster
Aufenthalt bei uns war nichts als eine Auskundschaftung gewesen. Er war
krank, er wollte sich von den Geschften zurckziehen. Er war in seinem
Herzen immer ein Deutscher geblieben. Der Vater war ausgewandert, und
der Sohn wollte heimkehren. Er wollte an der gemessenen Lebensfhrung,
den geistigen Darbietungen unserer Hauptstadt teilnehmen und in
unmittelbarer Nhe der Ditlindenquelle den Rest seiner Tage verbringen!

Verblffung, Getmmel und endlose Disputationen. Aber die ffentliche
Meinung ging, mit Ausnahme der Stimmen einiger weniger Griesgrame, nach
kurzem Schwanken in Begeisterung fr den Verkaufsplan auf, und sicher
htte ohne diese allgemeine Zustimmung die Sache berhaupt gar weit
nicht gedeihen knnen. Hausminister von Knobelsdorff war es gewesen, der
eine erste behutsame Verlautbarung des Spoelmannschen Angebots in die
Tagespresse gespielt hatte. Er hatte abgewartet, hatte den Volkswillen
sich entscheiden lassen. Und nach der ersten Verwirrung hatten starke
Grnde in Flle sich eingefunden, die fr das Projekt sprachen. Die
Geschftswelt brach in Beifall aus bei dem Gedanken, den gewaltigen
Abnehmer dauernd am Platze zu sehen. Die Schngeister zeigten sich
entzckt in der Aussicht, da Schlo Delphinenort wiederhergestellt und
erhalten -- da dieses edle Bauwerk so unvorhergesehener-, ja
abenteuerlicherweise wieder zu Ehren und Jugend gelangen sollte. Aber
die staatswirtschaftlich Denkenden fhrten Ziffern ins Feld, die, wie im
Lande die Dinge lagen, tiefe Erschtterung hervorrufen muten. Wenn
Samuel N. Spoelmann sich bei uns niederlie, so wurde er Steuersubjekt,
so war er gehalten, bei uns sein Einkommen zu versteuern. Vielleicht
fand man es der Mhe wert, sich die Bedeutung dieser Tatsache ein wenig
klarzumachen? Es wrde Herrn Spoelmann berlassen bleiben, sich
einzuschtzen; aber nach allem, was man =wute= -- mit annhernder
Genauigkeit wute--, wrde dieser Einwohner eine Steuerquelle von zwei
Millionen und einer halben alljhrlich darstellen, wobei allein die
Staatssteuern und noch nicht einmal die Gemeindesteuern in Rechnung
gezogen waren. Kam das in Betracht fr uns oder nicht? Und zwar richtete
man diese Frage ganz unmittelbar an den Herrn Finanzminister Doktor
Krippenreuther. Wenn dieser Beamte nicht alles tat, um die Einwilligung
der hchsten Person zu dem Verkaufe zu erlangen, so handelte er
pflichtvergessen. Denn es war ein Gebot der Vaterlandsliebe, auf
Spoelmanns Anerbieten einzugehen, damit er sich so recht nach Gefallen
bei uns einrichten konnte, und alle Bedenken erschienen nichtig
gegenber diesem ernsten Gebot.

So hatte Exzellenz von Knobelsdorff beim Groherzog Vortrag gehabt. Er
hatte seinem Herrn ber die ffentliche Stimmung berichtet; hatte
hinzugefgt, da zwei Millionen ein Preis seien, der den sachlichen Wert
des Schlosses in seinem jetzigen Zustand betrchtlich bertreffe; hatte
angemerkt, da diese Einkunft fr die Hof-Finanzdirektion eine wahre
Labsal bedeuten wrde; und hatte schlielich etwas von der
Zentralheizung fr das Alte Schlo einflieen lassen, die, wenn der
Verkauf zustande kme, nicht lnger ein Ding der Unmglichkeit sein
werde. Kurz, der unbefangene alte Herr hatte seinen ganzen Einflu fr
den Verkauf eingesetzt und dem Groherzog nahegelegt, die Sache vor
einen Familienrat zu bringen. Albrecht hatte leicht mit der Unterlippe
an der oberen gesogen und den Familienrat einberufen. Derselbe war im
Rittersaal zusammengetreten, und es hatte Tee und Biskuits dazu gegeben.
Nur zwei weibliche Mitglieder, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde,
waren gegen den Verkauf gewesen, und zwar aus Grnden der Wrde. Man
wird dich miverstehen, Albrecht! hatte Ditlinde gesagt. Man wird es
dir als Mangel an Hoheitsbewutsein auslegen, und das ist nicht richtig,
denn du hast im Gegenteil zuviel davon, du bist so stolz, Albrecht, da
dir alles ganz einerlei ist. Aber ich sage nein. Ich wnsche nicht, da
in einem von deinen Schlssern ein Vogel Roch wohnt, das ist nicht
schicklich, und es gengt ja, da er einen Leibarzt hat und die
Frstenzimmer vom Quellenhof in Anspruch nahm. Der Eilbote sagt immer,
da er ein Steuersubjekt ist, aber in meinen Augen ist er ganz einfach
ein Subjekt und weiter nichts. Welcher Ansicht bist du, Klaus Heinrich?
-- Aber Klaus Heinrich stimmte fr den Verkauf. Erstens erhalte Albrecht
die Zentralheizung, und dann sei Spoelmann nicht irgendeiner, er sei
nicht Seifensieder Unschlitt, er sei ein Sonderfall, und es sei keine
Schande, ihm Delphinenort zu berlassen. Schlielich hatte Albrecht mit
niedergeschlagenen Augen erklrt, der ganze Familienrat sei im Grunde
Affentheater. Das Volk habe lngst entschieden, seine Minister drngen
auf den Verkauf, und es bleibe ihm gar nichts anderes brig, als wieder
einmal auf den Bahnhof zu gehen und zu winken.

Der Familienrat hatte im Frhling getagt. Von nun an hatten die
Verkaufsverhandlungen, die zwischen Spoelmann einerseits und dem
Oberhofmarschall Herrn von Bhl zu Bhl andererseits gefhrt wurden,
raschen Fortgang genommen, und der Sommer war noch nicht weit
vorgeschritten, als Schlo Delphinenort mit Park und Nebengebuden Herrn
Spoelmanns rechtmiges Eigentum war.

Da begann ein Gewimmel und eine Geschftigkeit um das Schlo und in
seinem Innern, da tglich viele Leute in den nrdlichen Teil des
Stadtgartens gelockt wurden. Delphinenort ward ausgebessert, ward
innerlich umgebaut zu einem Teil, und zwar mit auerordentlichem
Aufgebot an Arbeitskrften. Denn schnell, schnell mute es gehen, das
war Spoelmanns Wille, und kaum fnf Monate hatte er Frist gegeben, bis
da alles zu seinem Einzug bereit sein mute. So wuchs mit Windeseile
ein Holzgerst mit Treppen und Plattformen um das schadhafte
Prachtgebude empor, auslndische Arbeiter bevlkerten es von oben bis
unten, und ein Architekt kam mit Vollmachten ber den Ozean herbei, um
die Oberleitung des Ganzen zu bernehmen. Aber der Aufgabe grter Teil
fiel doch unserem Handwerksfleie zu, und die Steinmetzen und
Dachdecker, die Schreiner, Vergolder, Tapezierer, Glaser, Parkettleger
der Residenz, die Gartenknstler und Werkmeister fr Heizungsanlagen und
Beleuchtungswesen hatten harte, ergiebige Arbeit diesen Sommer und
Herbst. Wenn Seine Knigliche Hoheit Klaus Heinrich auf Eremitage die
Fenster geffnet hielt, so drang der Schall des Treibens dort drben bis
in seine Empirestuben, und mehrmals lie er sich, vom Publikum
ehrerbietig begrt, in seiner Chaise an Schlo Delphinenort
vorberfahren, um sich von den Fortschritten des Erneuerungswerkes zu
berzeugen. Das Grtnerhuschen ward aufgefrischt, die Stlle und
Remisen, die den Spoelmannschen Wagen- und Automobilpark aufnehmen
sollten, wurden erweitert; und was wurde im Oktober nicht alles
ausgeladen an Mbeln und Teppichen, an Kisten und Kasten mit Stoffen und
Hausrat vor Schlo Delphinenort, whrend sich unter den Umstehenden die
Kunde verbreitete, da dort drinnen kundige Hnde geschftig seien,
Spoelmanns ber das Weltmeer dahergesandte Orgel mit elektrischem
Triebwerk aufzurichten. Spannung herrschte, ob wohl der Parkgrund, der
zum Schlosse gehrte und so prchtig gesubert und hergerichtet wurde,
gegen den Stadtgarten durch Mauer oder Zaun werde abgeschlossen werden.
Aber nichts dergleichen geschah. Der Besitz sollte zugnglich bleiben,
die Bewegungsfreiheit der Hauptstdter im Grnen nicht eingeschrnkt
werden -- so wollte es Spoelmann. Bis dicht an das Schlo, bis an die
beschnittenen Hecken, die das groe viereckige Wasserbassin einsumten,
sollten die sonntglichen Spaziergnger Zutritt haben -- und das
verfehlte nicht, den besten Eindruck in der Bevlkerung zu machen, ja,
der Eilbote verffentlichte einen besonderen Artikel darber, worin er
Herrn Spoelmann fr seine freisinnige Manahme pries.

Und siehe da: als wieder die Bltter fielen, genau ein Jahr nach seiner
ersten Ankunft, traf Samuel N. Spoelmann zum zweitenmal auf unserem
Bahnhof ein. Diesmal war die Beteiligung des Publikums an dem Ereignis
weit grer als voriges Jahr, und es ist verbrgt, da, als Herr
Spoelmann in dem bekannten mifarbenen Paletot und den Hut in der Stirn
seinen Salonwagen verlie, lebhafte Hochrufe aus der Menge der Zuschauer
erschollen -- Kundgebungen, ber die Herr Spoelmann sich brigens eher
zu rgern schien, und fr die statt seiner Doktor Watercloose dankte,
indem er seinen Mund mild lchelnd in die Breite zog und die Augen
schlo. Auch als Mi Spoelmann ausstieg, wurde ein Hoch ausgebracht, und
ein paar Spavgel riefen sogar hurra, als Percy, der Colliehund,
bebend, tnzelnd und vollstndig auer sich auf dem Bahnsteig erschien.
Auer dem Arzt und der Grfin Lwenjoul befanden sich zwei noch
unbekannte Personen in der Begleitung der Herrschaften, zwei rasierte
und entschlossen blickende Herren in auffallend weiten Paletots. Es
waren Herrn Spoelmanns Sekretre, die Herren Phlebs und Slippers, wie
der Eilbote in seinem Bericht bemerkte.

Damals war Delphinenort noch bei weitem nicht fertig, und Spoelmanns
bezogen zunchst das erste Stockwerk des Residenz-Hotels, woselbst ein
groer, bauchiger und stolzer Mann in Schwarz, der Spoelmannsche
Haushofmeister oder _butler_, der vor ihnen eingetroffen war, fr sie
Quartier gemacht und eigenhndig das Stubenveloziped aufgestellt hatte.
Tglich, whrend Mi Imma mit ihrer Grfin und Percy spazierenritt oder
Wohlttigkeitsanstalten besichtigte, weilte Herr Spoelmann in seinem
Hause, um die Arbeiten zu berwachen und Anordnungen zu treffen; und als
das Jahr sich zu Ende neigte, ganz kurz nachdem der erste Schnee
gefallen war, da wurde es Wahrheit, da zogen Spoelmanns in Schlo
Delphinenort ein. Zwei Automobile (man hatte sie krzlich anlangen sehen
-- herrliche Fahrzeuge, von Riesenkrften mit zart metallischem Rauschen
dahingetrieben) trugen die sechs Personen -- denn in dem zweiten saen
die Herren Phlebs und Slippers--, gelenkt von in Leder gekleideten
Chauffeuren, neben denen mit verschrnkten Armen Bediente in
schneeweien Pelzmnteln saen, in wenigen Minuten vom Residenz-Hotel
durch den Stadtgarten, und als die Wagen die stattliche Kastanienallee
durchflogen, die in die Auffahrt mndete, da hingen an den hohen
Lampentrgern, welche an allen vier Ecken des groen Brunnenbassins
aufgerichtet waren, die Knaben des Volks und schwenkten schreiend ihre
Mtzen...

So wurden Samuel N. Spoelmann und die Seinen bei uns ansssig, und seine
Gegenwart wurde zu einer lieben Gewohnheit. Man sah und kannte seine
weigoldenen Bedienten in der Stadt, wie man die braungoldenen
groherzoglichen Lakaien sah und kannte; der in bordeauxroten Plsch
gekleidete Neger, der als Trhter vor dem Portal von Delphinenort Wache
hielt, war bald eine volkstmliche Gestalt; und wenn man am Schlosse
vorberspazierte und das gedmpfte Brausen von Herrn Spoelmanns
Orgelspiel aus dem Innern hervordrang, so hob man den Finger und sagte:
Horch, er spielt. Er hat also wohl keine Koliken im Augenblick.
Tglich sah man Mi Imma an der Seite der Grfin Lwenjoul, gefolgt von
einem Reitknecht und umlrmt von dem rasenden Percy, spazierenreiten
oder ein prchtiges _Four-in-hand_-Gespann eigenhndig durch den
Stadtgarten lenken -- wobei der Bediente, der auf dem Rcksitz des
leichten Wagens sa, sich von Zeit zu Zeit erhob, aus einem
Lederfutteral eine lange silberne Trompete zog und mit hellem Schall das
Nahen des Gefhrtes verkndete; und wenn man frh aufstand, konnte man
jeden Morgen Vater und Tochter in einem dunkelrot lackierten Coup oder
bei schnem Wetter zu Fue sich durch den Parkgrund von Schlo
Eremitage zum Quellengarten begeben sehen, um den Brunnen zu trinken.
Was Imma betraf, so nahm sie, wie erwhnt, ihre Besichtigungen der
stdtischen Wohlttigkeitsanstalten wieder auf, schien aber darber ihre
Wissenschaft nicht zu vernachlssigen, denn seit dem Beginne des
Studienhalbjahres besuchte sie regelmig die Vorlesungen des Geheimrats
Klinghammer in der Universitt -- sa tglich in einem schwarzen Kleid
mit weiem Umlegekragen und Manschetten unter den jungen Leuten im
Hrsaal und fhrte mit hochaufgesetztem und eingedrcktem Zeigefinger --
dies war ihre Schreibart -- die Fllfeder ber die Seiten ihres
Kollegheftes. Spoelmanns lebten zurckgezogen, sie pflogen keinen
Verkehr in der Stadt, was ja sowohl in Herrn Spoelmanns Krankheit als
auch in seiner gesellschaftlichen Einsamkeit seine Erklrung fand.
Welcher Gesellschaftsgruppe htte er sich anschlieen sollen? Niemand
mutete ihm zu, etwa mit Seifensieder Unschlitt oder Bankdirektor
Wolfsmilch auf vertrauten Fu zu treten. Wohl aber nherte man sich ihm
bald mit Ansprchen an seine Mildttigkeit und wurde nicht abgewiesen.
Denn Herr Spoelmann, der, wie man wute, vor seiner Abreise von Amerika
der Behrde fr den ffentlichen Unterricht in den Vereinigten Staaten
eine gewaltige Summe Dollars berwiesen, auch die bindende Versicherung
abgegeben hatte, seine jhrlichen Zuwendungen an die Spoelmann-Universitt
und die brigen Bildungsinstitute keineswegs einzustellen
-- er zeichnete bald nach seinem Einzuge in Delphinenort
zehntausend Mark zugunsten des Dorotheen-Kinderhospitals, fr das gerade
gesammelt wurde: eine Handlungsweise, deren Hochherzigkeit der Eilbote
und die brige Presse in warmen Worten zu wrdigen wute. Ja, obwohl
Spoelmanns gesellschaftlich abgeschlossen lebten, so eignete ihrem
Dasein bei uns doch von der ersten Stunde an eine gewisse
ffentlichkeit, und mindestens im rtlichen Teil der Tagesbltter wurde
ihr Wandel mit nicht geringerer Aufmerksamkeit verfolgt als der der
Mitglieder des groherzoglichen Hauses. Das Publikum wurde unterrichtet
davon, wenn Mi Imma mit der Grfin und den Herren Phlebs und Slippers
eine Partie Tennis im Park von Delphinenort gespielt hatte, es war auf
dem laufenden darber, wann sie das Hoftheater besucht hatte, wann auch
ihr Vater dabeigewesen war, um anderthalb Aufzge einer Oper anzuhren;
und wenn Herr Spoelmann der Neugier auswich, wenn er whrend der
Theaterpause niemals seine Loge verlie und sich fast niemals zu Fu in
den Straen blicken lie, so war er doch offenbar nicht ohne Sinn fr
die darstellerischen Verpflichtungen, die ein auerordentliches Dasein
auferlegt, und gab der Schaulust das ihre. Bekanntlich war der Park von
Delphinenort nicht gegen den Stadtgarten abgeteilt. Keine Mauer
trennte das Schlo von der Welt. Von der Rckseite zumal konnte man ber
die Rasenflchen bis dicht an den Fu der breiten gedeckten Terrasse
vordringen, die dort errichtet war, und war man keck, so konnte man
durch die groe Glastr geradeswegs in den hohen, weigoldenen
Gartensalon blicken, woselbst Herr Spoelmann mit den Seinen um fnf Uhr
den Tee nahm. Ja, als die schne Jahreszeit eintrat, da wurde die
Teestunde drauen auf der Terrasse abgehalten, und wie auf einer Bhne
saen Herr und Frulein Spoelmann, die Lwenjoul und Doktor Watercloose
in neuartig geformten Korbsthlen und tranken ffentlich Tee. Denn am
Sonntag wenigstens fehlte es niemals an Publikum, das aus einiger
ehrerbietiger Entfernung das Schauspiel geno. Man zeigte einander den
groen silbernen Teekessel, der, was man noch niemals gesehen,
elektrisch geheizt wurde, und die wundersamen Livreen der beiden
Bedienten, die die Tassen und Konfitren darreichten: weie,
hochgeschlossene und goldbetrete Frcke, die an den Kragen, den rmeln,
den Sumen mit Schwan besetzt waren. Man horchte auf das
englisch-deutsche Gesprch und verfolgte mit offenen Mndern jede
Bewegung der merkwrdigen Familie dort oben. Dann ging man hinber vors
Hauptportal, um dem bordeauxroten Plschmohren ein paar Scherze im
Volksdialekt zuzurufen, die jener mit weiem Grinsen beantwortete...

Klaus Heinrich sah Imma Spoelmann zum erstenmal an einem heiteren
Wintertage mittags um zwlf. Damit ist nicht gesagt, da er sie nicht
vorher schon manches Mal im Theater, auf der Strae, im Stadtpark
=erblickt= htte. Aber das ist etwas anderes. Er sah sie zum erstenmal
um diese Mittagsstunde, und zwar unter lebhaften Umstnden.

Er hatte bis halb zwlf Uhr im Alten Schlosse Freiaudienzen erteilt
und war nach ihrer Beendigung nicht sofort nach Schlo Eremitage
zurckgekehrt, sondern hatte seinem Kutscher Befehl gesandt, mit dem
Coup in einem der Hfe zu warten, indes er mit den diensttuenden
Offizieren des Leibgrenadierregiments auf der Hauptwache eine Zigarette
rauchen wollte. Da er die Uniform dieses Regiments trug, dem auch sein
persnlicher Adjutant angehrte, so gab er sich Mhe, den Schein einer
gewissen Kameradschaft mit den Offizieren zu wahren, speiste zuweilen in
ihrem Kasino und leistete ihnen von Zeit zu Zeit eine halbe Stunde auf
der Hauptwache Gesellschaft, obgleich er dunkel vermutete, da er eher
strend wirke, indem er die Herren davon abhielt, Karten zu spielen und
unanstndige Geschichten zu erzhlen. Er stand also, den gewlbten
Silberstern des Groen Ordens vom Grimmburger Greifen auf dem
Waffenrock, die linke Hand weit hinten in die Hfte gestemmt, mit Herrn
von Braunbart-Schellendorf, der den Besuch rechtzeitig angekndigt
hatte, in der Offizierswachtstube, die zu ebener Erde des Schlosses,
ganz nahe beim Albrechtstor gelegen war -- unterhielt ein nichtssagendes
Gesprch mit zwei oder drei der Herren in der Mitte des Dienstraumes,
whrend eine weitere Gruppe von Offizieren an dem tiefgelegenen Fenster
plauderte. Weil drauen so warm die Sonne schien, hatte man das Fenster
geffnet, und von der Kaserne her nherte sich die Albrechtsstrae
herauf zu Musik und Paukenschlag der Marschschritt der aufziehenden
Ablsung. Es schlug zwlf von der Hofkirche. Man hrte drauen den
Unteroffizier mit heiserer Stimme sein Angetreten! in die
Mannschaftsstube rufen, hrte das Getrappel der zu ihren Gewehren
eilenden Grenadiere. Publikum versammelte sich auf dem Platze. Der
Leutnant, der das Kommando zu fhren hatte, grtete hurtig den Sbel um,
schlug vor Klaus Heinrich die Abstze zusammen und ging hinaus. Da
pltzlich rief Leutnant von Sturmhahn, der aus dem Fenster geblickt
hatte, mit jener ein wenig falschen Unmittelbarkeit, die zum Ton
zwischen Klaus Heinrich und den Offizieren gehrte: Teufel auch, wollen
Knigliche Hoheit was Feines sehen? Da kommt die Spoelmann vorbei, mit
ihrer Algebra unterm Arm... Klaus Heinrich trat an das Fenster. Mi
Imma kam zu Fu und allein von rechts auf dem Brgersteig daher. Beide
Hnde in ihrem groen, mappenartigen Muff, dessen lang hinabhngende
Decke mit Schwnzchen besetzt war, hielt sie mit einem Unterarm ihr
Kollegienheft an sich gedrckt. Sie trug eine lange Jacke aus glnzendem
Schwarzfuchspelz und eine Mtze aus dem gleichen Rauchwerk auf ihrem
dunklen, fremdartigen Kpfchen. Sie kam von Delphinenort offenbar und
sputete sich, die Universitt zu erreichen. Sie gelangte vor die
Hauptwache in dem Augenblick, als die Ablsungsmannschaft gegenber der
Wachtmannschaft, die in zwei Gliedern und Gewehr bei Fu die Hhe des
Brgersteiges besetzt hielt, im Rinnstein aufmarschierte. Sie mute
unbedingt umkehren, das Musikkorps und die Zuschauermenge umgehen, ja,
wenn sie den offenen Platz mit seiner Trambahn vermeiden wollte, auf dem
ringsherum fhrenden Fusteig einen ziemlich weiten Bogen beschreiben
oder das Ende der militrischen Verrichtung erwarten. Sie machte zu
keinem von beidem Miene. Sie schickte sich an, auf dem Brgersteige vorm
Schlo zwischen den Gliedern hindurchzugehen. Der Unteroffizier mit der
heiseren Stimme sprang vor. Kein Durchgang! schrie er und hielt den
Kolben seines Gewehrs vor sich hin. Kein Durchgang! Umkehren!
Abwarten! Da aber wurde Mi Spoelmann zornig. Was fllt Ihnen ein!
rief sie. Ich habe Eile!! Aber diese Worte besagten wenig im Vergleich
mit dem Nachdruck aufrichtigster, leidenschaftlichster,
unwiderstehlichster Entrstung, mit dem sie hervorgestoen wurden. Wie
klein und seltsam sie war! Die blonden Soldaten, unter denen sie stand,
berragten sie wohl um doppelte Haupteslnge. Ihr Gesichtchen war bleich
wie Wachs in dieser Minute, ihre schwarzen Brauen bildeten ber der
Nasenwurzel eine schwere und ausdrucksvolle Zornesfalte, die Lcher
ihres unbestimmt gebildeten Nschens waren kreisrund geffnet, und ihre
Augen, tiefschwarz vor Erregung und bergro, fhrten eine dermaen
eindringliche, hinreiend flieende Sprache, da keine Einrede mglich
schien. Was fllt Ihnen ein! rief sie. Ich habe Eile!! Und dabei
schob sie mit der Linken den Kolben mitsamt dem verdutzten Unteroffizier
beiseite und ging mitten zwischen den Gliedern hindurch -- ging
geradeaus ihres Weges, bog linker Hand in die Universittsstrae und
entschwand den Blicken.

Verdammt! rief Leutnant von Sturmhahn. Da sind wir schn angekommen!
Die Offiziere am Fenster lachten. Auch drauen unter den Zuschauern
herrschte viel Heiterkeit, die brigens unbedingt beifllig klang. Klaus
Heinrich stimmte in die allgemeine Frhlichkeit ein. Die Ablsung
vollzog sich unter Kommandos und abgerissenen Marschklngen. Klaus
Heinrich kehrte nach Eremitage zurck.

Er frhstckte ganz allein, unternahm nachmittags einen Spazierritt auf
seinem Pferde Florian und verbrachte den Abend in groem Kreise beim
Finanzminister Doktor Krippenreuther. Mehreren Personen erzhlte er mit
heiter bewegter Stimme den Auftritt vor der Schlowache, und sie zeigten
sich hingerissen von seiner Erzhlung, obgleich die Geschichte sofort
die Runde gemacht hatte und allgemein bekannt war. Am nchsten Tage
mute er verreisen, da sein Bruder ihn mit der Vertretung bei der Feier
zur Einweihung der neuen Stadthalle in der Nachbarstadt beauftragt
hatte. Aus irgendwelchen Grnden fuhr er ungern, verlie er nur mit
Widerstreben die Residenz. Ihm schien es so, als ob er eine wichtige,
freudige, auch wohl beunruhigende Angelegenheit zurckliee, die
eigentlich aufs dringlichste seine Anwesenheit erforderte. Dennoch war
sein hoher Beruf wohl das Wichtigere. Aber whrend er fest und glnzend
gekleidet auf seinem Ehrenstuhl in der Stadthalle sa und der
Brgermeister die Festrede hielt, war Klaus Heinrich nicht
ausschlielich darauf bedacht, wie er sich den Blicken der Menge
darstelle, sondern vielmehr in seinem Innern mit jener neuen und
dringlichen Angelegenheit beschftigt. Vorbergehend dachte er auch an
eine Person, deren flchtige Bekanntschaft er vor langen Jahren einmal
gemacht, an Frulein Unschlitt, die Tochter des Seifensieders -- eine
Erinnerung, die in gewissem Zusammenhang mit der dringlichen
Angelegenheit stand.

Imma Spoelmann schob zornig den heiseren Unteroffizier beiseite -- ging
ganz allein, ihre Algebra unterm Arm, durch die Gasse der groen,
blonden Grenadiere. Wie perlbla ihr Gesichtchen war gegen das schwarze
Haar unter der Pelzmtze, und wie ihre Augen redeten! Niemand glich ihr.
Ihr Vater war krank vor Reichtum und hatte einfach ein Schlo aus dem
Kronbesitz erworben. Wie war das noch, was der Eilbote ber seinen
unverschuldeten Weltruhm und die abenteuerliche Vereinzelung seines
Lebens gesagt hatte? Er trage den Ha der benachteiligten Menge -- so
hnlich hatte der Artikel sich ausgedrckt. brigens waren ihre
Nasenlcher kreisrund gewesen vor Entrstung. Niemand glich ihr, niemand
weit und breit. Sie war ein Sonderfall. Und wie, wenn sie damals auf dem
Brgerball gewesen wre? So htte er eine Gefhrtin gehabt, htte sich
nicht verirrt, und der Abend htte nicht in Schimpf und Schande geendet.
Herunter, herunter, herunter mit ihm! O pfui! La das noch einmal
sehen, wie sie so schwarzbleich und fremdartig durch die Gasse der
blonden Soldaten ging.

Diese Gedanken waren es, die Klaus Heinrich whrend der nchsten Tage
bei sich bewegte -- nur diese drei, vier Vorstellungen. Und eigentlich
war es zum Erstaunen, wie reichlich er damit auskam, ohne nach anderen
zu verlangen. Aber alles in allem erschien es ihm mehr als
wnschenswert, da er sehr bald und womglich noch heute das perlblasse
Gesichtchen wiedershe.

Abends fuhr er ins Hoftheater, wo man die Oper Zauberflte spielte.
Und als er von seiner Loge aus Frulein Spoelmann neben der Grfin
Lwenjoul vorn auf der ersten Galerie gewahrte, erschrak er bis zum
Grund seines Herzens. Whrend des Spiels konnte er sie aus dem Dunkel
durch sein Glas betrachten, da das Licht von der Bhne auf sie fiel. Sie
lie ihr Kpfchen in der schmalen, ungeschmckten Hand ruhen, indem sie
unbekmmert den bloen Arm auf die Sammetbrstung sttzte, und sah nicht
mehr entrstet aus. Sie trug ein Kleid aus seegrner glnzender Seide
mit lichtem berwurf, in den farbige Blumenstrue gestickt waren, und
um Hals und Brust eine lange Kette aus lauter blitzenden Diamanten.
Eigentlich war sie nicht so klein, wie es scheinen mochte, fand Klaus
Heinrich, als sie am Aktschlu aufstand. Nein, es lag an dem kindlichen
Geprge des Kpfchens und der Schmalheit ihrer brunlichen Schultern,
da sie so wie ein kleines Mdchen erschien. Ihre Arme waren
wohlausgebildet, und man konnte sehen, da sie Sport trieb und Pferde
zgelte. Aber vom Handgelenk wurde auch der Arm wie der eines Kindes.

Als die Dialogstelle gesprochen wurde: Er ist ein Prinz. Er ist mehr
als das, sprte Klaus Heinrich den Wunsch, mit Doktor berbein zu
plaudern. Doktor berbein sprach zufllig am nchsten Tage auf
Eremitage vor: in schwarzem Gehrock mit weier Krawatte, wie immer,
wenn er Klaus Heinrich besuchte. Klaus Heinrich fragte ihn, ob er die
Geschichte von der Hauptwache schon gehrt habe? Ja, antwortete Doktor
berbein, die habe er mehrfach gehrt. Aber wenn Klaus Heinrich sie ihm
noch einmal erzhlen wolle ... Nein, wenn Sie sie kennen, sagte Klaus
Heinrich enttuscht. Dann kam Doktor berbein auf etwas vllig anderes.
Er fing an von Opernglsern zu sprechen und betonte, da das Opernglas
doch eine ausgezeichnete Erfindung sei. Es bringe nahe, was leider fern
sei, nicht wahr? es schlage Brcken zu angenehmen Zielen. Was Klaus
Heinrich meine? Klaus Heinrich war geneigt, dem halb und halb
zuzustimmen. Und er solle ja gestern abend, wie man erzhle, recht
ausgiebig von dieser schnen Erfindung Gebrauch gemacht haben, sagte der
Doktor. Das konnte Klaus Heinrich nicht verstehen. Da sagte Doktor
berbein: Nein, hren Sie mal, Klaus Heinrich, so geht das nicht. Sie
werden angestarrt, und die kleine Imma wird angestarrt, das gengt. Wenn
nun aber Sie auch noch die kleine Imma anstarren, so ist das zuviel. Das
mssen Sie doch einsehen?

Ach, Doktor berbein, ich habe nicht daran gedacht.

Sie pflegen aber doch sonst an so was zu denken.

Mir ist seit einigen Tagen so neuartig zumute, sagte Klaus Heinrich.

Doktor berbein lehnte sich zurck, ergriff seinen roten Bart in der
Nhe der Gurgel und nickte langsam mit Kopf und Oberkrper.

So? Ist Ihnen? fragte er. Und fuhr dann fort zu nicken.

Klaus Heinrich sagte: Sie glauben nicht, wie ungern ich neulich zur
Einweihung der Stadthalle gefahren bin. Und morgen mu ich die
Rekrutenvereidigung bei den Leibgrenadieren vornehmen. Und dann kommt
das Hausordens-Kapitel. Das ist mir sehr zuwider. Ich habe gar keine
Lust zu reprsentieren. Ich habe gar keine Lust zu meinem sogenannten
hohen Beruf.

Das hre ich ungern! sagte Doktor berbein scharf.

Ja, ich konnte mir denken, da Sie bse werden wrden, Doktor berbein.
Sie nennen es gewi eine Schlamperei. Und dann werden Sie gewi von
'Schicksal und Strammheit' reden, wie ich Sie kenne. Aber gestern in der
Oper habe ich bei einer bestimmten Stelle an Sie gedacht und mich
gefragt, ob Sie eigentlich so ganz recht htten in manchen Punkten...

Hren Sie, Klaus Heinrich, wenn ich mich nicht irre, so habe ich Euere
Knigliche Hoheit schon einmal sozusagen bei den Ohren wieder zu sich
selber gebracht...

Das war etwas anderes, Doktor berbein. Ach wenn Sie doch einshen, da
das etwas ganz und gar anderes war! Das war im 'Brgergarten', aber der
liegt so weit zurck, und ich habe keinerlei Verlangen danach. Denn sie
ist ja selbst ... Sehen Sie, Sie haben mir frher manchmal erklrt, was
Sie unter 'Hoheit' verstnden, und da sie rhrend sei, und da man sich
ihr mit zarter Teilnahme zu nahen habe, wie Sie sich ausdrckten. Finden
Sie denn nicht, da die, von der wir reden, da sie rhrend ist und da
man teil an ihr nehmen mu?

Vielleicht, sagte Doktor berbein. Vielleicht.

Sie sagten oft, da man die Sonderflle nicht wegleugnen drfe, das sei
eine Schlamperei und eine liederliche Gemtlichkeit. Finden Sie denn
nicht, da sie auch ein Sonderfall ist, die, von der wir reden?

Doktor berbein schwieg.

Und nun sollte ich wohl gar, sagte er pltzlich mit schallender
Stimme, wenn es mglich wre, dazu helfen, da aus zwei Sonderfllen so
etwas wie ein Allerweltsfall werde?

Hierauf ging er. Er sagte, da er zu seiner Arbeit zurckkehren msse,
wobei er das Wort Arbeit scharf betonte, und bat, sich zurckziehen zu
drfen. Er verabschiedete sich seltsam zeremonis und unvterlich.

Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwlf Tage nicht. Er lud ihn
einmal zum Frhstck ein, aber Doktor berbein lie um gndigste
Entschuldigung bitten, seine Arbeit nhme ihn augenblicklich gar zu sehr
in Anspruch. Schlielich kam er von selbst. Er war aufgerumt und sah
brigens grner aus als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und
kam dann auf Spoelmanns zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich
bei der Gurgel ergriff. Alles was recht sei, sagte er, aber es sei ganz
auffallend viel Sympathie fr Samuel Spoelmann vorhanden, man spre es
berall in der Stadt, wie er beliebt sei. Erstens natrlich als
Steuersubjekt, aber auch sonst. Man habe einfach Sinn fr ihn, in allen
Schichten, fr sein Orgelspiel und seinen mifarbenen Paletot und seine
Nierenkoliken. Jeder Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht
so unzugnglich und verdrielich wre, wrde man es ihm schon zu fhlen
geben. Die Zehntausend-Mark-Spende fr das Dorotheen-Spital habe
natrlich den besten Eindruck gemacht. Sein Freund Sammet habe ihm,
berbein, erzhlt, da mit Hilfe dieser Schenkung umfassende
Verbesserungen im Spital vorgenommen seien. Und brigens, was ihm da
einfalle! Die kleine Imma wolle ja morgen vormittag die Verbesserungen
in Augenschein nehmen, habe Sammet erzhlt. Sie habe einen von ihren
Schwanverbrmten geschickt und angefragt, ob sie morgen willkommen sei.
Eigentlich gehe sie ja das Kinderelend den Teufel etwas an, meinte
berbein, aber sie wolle vielleicht was lernen. Morgen vormittag um elf,
wenn ihn sein Gedchtnis nicht tusche. Dann sprach er von etwas
anderem. Beim Weggehen sagte er noch: Der Groherzog sollte sich mal
ein bichen um das Dorotheen-Spital kmmern, Klaus Heinrich, man
erwartet das. Eine segensreiche Anstalt. Kurzum, jemand mte vorfahren.
Und das hohe Interesse bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen ... Und damit
Gott befohlen.

Aber er kehrte noch einmal zurck, und in seinem grnlichen Gesicht war,
unterhalb der Augen, eine Rte entstanden, die sich vllig
unwahrscheinlich darin ausnahm. Sollte ich, sagte er laut, Sie jemals
wieder mit einem Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so
lasse ich Sie sitzen. Dann kniff er die Lippen zusammen und ging
schnell hinaus.

Am nchsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schlo
Eremitage kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem
Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen
Vorstadtstraen zwischen rmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem
schlichten weien Hause, ber dessen Eingang in breiten schwarzen
Lettern Dorotheen-Kinderspital zu lesen war. Sein Besuch war gemeldet.
Der Chefarzt der Anstalt, im Frack und angetan mit dem Albrechtskreuz
dritter Klasse, erwartete ihn mit zwei jngeren rzten und dem Korps der
Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein Begleiter trugen Helm
und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: Ich erneuere zum zweitenmal eine
alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als ich zur
Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind
Sie ja ein Freund meines Lehrers berbein. Ich freue mich sehr.

Doktor Sammet, in ttiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwrts
geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am
Oberkrper. Er stellte dem Prinzen die beiden jngeren rzte und die
Schwester-Oberin vor und sagte dann: Ich mu Euerer Kniglichen Hoheit
anzeigen, da der gndige Besuch Euerer Kniglichen Hoheit mit einem
anderen Besuch zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Frulein Spoelmann. Ihr
Vater hat unsere Anstalt in so groartiger Weise gefrdert ... Wir
konnten die Vereinbarung nicht wohl noch rckgngig machen. Die
Schwester-Oberin wird das Frulein fhren.

Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis. Er
tat hierauf eine uerung ber die Tracht der Diakonissinnen, die er
kleidsam nannte, und erklrte dann, da er begierig sei, einen Einblick
in die segensreiche Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin
blieb mit drei Schwestern in der Vorhalle zurck.

Alle Wnde im Haus waren wei getncht, waren waschbar. Ja. Die Krne
der Wasserleitungen waren sehr gro; man bewegte sie mit dem Ellenbogen,
aus Reinlichkeitsrcksichten. Und Splstrahlapparate waren angebracht,
fr die Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der leer war bis
auf ein paar Betten auer Dienst und die Fahrrder der rzte. Im
Ordinationszimmer, nebenan, war auer dem Schreibtisch und dem Gestell
mit den weien Mnteln der rzte noch eine Art Wickeltisch mit
Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nhrmitteln und
eine muldenfrmige Kinderwage zu sehen. Klaus Heinrich verweilte bei den
Nhrmitteln, lie sich die Zusammensetzung der Prparate erklren.
Doktor Sammet dachte bei sich, da, wenn man den Rundgang mit dieser
Grndlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit verlorengehen
werde.

Pltzlich gab es Gerusch auf der Strae. Ein Automobil fuhr tutend an
und bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hrte es deutlich im
Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus
Heinrich kmmerte sich nicht sehr um diese Vorgnge. Er betrachtete eine
Bchse mit Milchzucker, die brigens nicht viel Merkwrdiges bot.
Scheinbar kommt Besuch, sagte er. Oh, richtig, Sie sagten ja, da
welcher kommen werde. Gehen wir weiter?

Man begab sich in die Kche, die Milchkche, den groen, mit Kacheln
ausgelegten Raum fr Milchmischung, den Aufbewahrungsort fr Vollmilch,
Schleime und Buttermilch. Die tglichen Quanten standen auf reinlichen
weien Tischen in kleinen Flaschen beisammen. Es herrschte ein suerlich
fader Geruch.

Klaus Heinrich wandte auch diesem Raum seine volle Aufmerksamkeit zu. Er
ging so weit, von der Buttermilch zu kosten und fand sie vorzglich. Wie
mten nicht die Kinder gedeihen, betonte er, bei einer solchen
Buttermilch. Whrend dieser Musterung ffnete sich die Tr, und Mi
Spoelmann kam zwischen der Schwester-Oberin und der Grfin Lwenjoul
herein, gefolgt von den drei Diakonissinnen.

Heute bestanden Jacke, Mtze und Muff, die sie trug, aus dem
herrlichsten Zobel, und der Muff hing an einer goldenen, mit farbigen
Edelsteinen besetzten Kette. brigens zeigte ihr schwarzes Haar die
Neigung, ihr in glatten Strhnen in die Stirn zu fallen. Sie berflog
den Raum mit einem groen Blick, ihre Augen waren wirklich ganz
ungebhrlich gro im Verhltnis zu ihrem Gesichtchen; sie beherrschten
es wie bei einem Ktzchen -- nur da sie schwarz waren wie Glanzkohle
und diese flieende Sprache fhrten ... Die Grfin Lwenjoul, ein
Federhtchen auf ihrem kleinen Kopf und brigens schlicht, knapp und
nicht ohne Vornehmheit gekleidet wie immer, lchelte abwesend.

Die Milchkche, sagte die Schwester-Oberin, hier wird die Milch
gekocht fr die Kinder.

Etwas hnliches lie sich vermuten, entgegnete Frulein Spoelmann. Sie
sagte es uerst rasch und obenhin, ohne englischen Einschlag brigens,
mit vorgeschobenen Lippen und einem kleinen, hochmtigen Hin- und
Herwenden des Kpfchens. Ihre Stimme war doppelt; sie bestand aus einer
tiefen und einer hohen, mit einem Bruch in der Mitte.

Die Schwester-Oberin war ganz betreten. Ja, sagte sie, man sieht es
gleich. Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht
zu bemerken.

Die Sachlage war nicht einfach. Doktor Sammet suchte in Klaus Heinrichs
Miene nach Befehlen; allein da Klaus Heinrich wohl gewohnt war,
innerhalb feststehender Formen Dienst zu tun, nicht aber, neuartige und
verwirrte Umstnde zu ordnen, so entstand eine Ratlosigkeit. Herr von
Braunbart war im Begriffe, vermittelnd einzutreten, und Frulein
Spoelmann, auf der anderen Seite, schickte sich an, die Milchkche
wieder zu verlassen, als der Prinz mit der Rechten eine kleine
verbindende Bewegung zwischen sich und dem jungen Mdchen vollfhrte.
Dies war das Zeichen fr Doktor Sammet, auf Imma Spoelmann zuzutreten.

Doktor Sammet. Ja. Er bitte um die Ehre, das gndige Frulein Seiner
Kniglichen Hoheit vorstellen zu drfen ... Frulein Spoelmann,
Knigliche Hoheit, Mister Spoelmanns Tochter, dem das Spital so viel
verdankt.

Mit geschlossenen Abstzen reichte Klaus Heinrich ihr die Hand im weien
Militrhandschuh, und indem sie ihr schmales, mit braunem Rehleder
bekleidetes Hndchen hineinlegte, gab sie der Bewegung des Hndedrucks
eine wagerechte Richtung, machte ein englisches _shake-hands_ daraus,
wobei sie gleichzeitig mit sprder Pagenanmut etwas wie einen Hofknicks
andeutete, ohne ihre groen Augensterne von Klaus Heinrichs Gesicht zu
wenden. Er sagte etwas sehr Gutes, nmlich: Sie machen also auch dem
Spital einen Besuch, gndiges Frulein?

Und rasch wie vorhin, mit vorgeschobenen Lippen und dem kleinen
hochmtigen Hin und Her des Kopfes, antwortete sie mit ihrer gebrochenen
Stimme: Man kann nicht leugnen, da manches fr diese Annahme spricht.

Unwillkrlich hob Herr von Braunbart abwehrend die Hand. Doktor Sammet
blickte still auf seine Uhrkette nieder, und einem der jungen rzte
entschlpfte ein kurzer Laut durch die Nase, der nicht am Platze war.
Man sah jetzt in Klaus Heinrichs Gesicht die kleine schmerzliche
Verzerrung. Er sagte: Natrlich ... so werde ich also die Anstalt
zusammen mit dem gndigen Frulein besichtigen knnen ... Herr Hauptmann
von Braunbart, mein Adjutant, fgte er rasch hinzu, da er seine
Bemerkung gleich der letzten wrdig fand. Sie sagte dagegen: Frau
Grfin Lwenjoul.

Die Grfin verbeugte sich vornehm -- mit einem rtselhaften Lcheln
brigens, einem Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes
hatte. Als sie sich aber wieder aufrichtete und ihren so wunderlich
entwichenen Blick zu Klaus Heinrich zurckkehren lie, der in gefater
und militrisch gesammelter Haltung vor ihr stand, da verschwand das
Lcheln von ihrem Gesicht, ein Ausdruck von Ernchterung und Gram
ergriff von ihren Zgen Besitz, und in derselben Sekunde war es, als ob
in ihren ein wenig verschwollenen grauen Augen etwas wie Ha gegen Klaus
Heinrich aufzuckte ... Das war nur eine flchtige Erscheinung. Klaus
Heinrich fand nicht Zeit, darauf achtzuhaben, und verga es alsbald. Die
beiden jungen rzte gelangten zur Vorstellung vor Imma Spoelmann. Und
dann stimmte Klaus Heinrich dafr, da man den Rundgang wieder aufnhme.

Es ging die Treppe hinauf, ins erste Stockwerk. Klaus Heinrich und Imma
Spoelmann vorauf, geleitet von Doktor Sammet, dann die Grfin Lwenjoul
mit Herrn von Braunbart und endlich die jungen rzte. Hier waren die
greren Kinder -- ja; im Alter bis zu vierzehn Jahren. Ein Vorraum mit
Wscheschrnken trennte die Sle fr Mdchen und Knaben. In weien
Gitterbettchen, mit einem Namensschild zu Hupten und einem Klapprahmen
am Fuende, der Tabellen mit Fieber- und Gewichtskurven zeigte, gewartet
von Schwestern in weien Hauben, umgeben von Ordnung und Reinlichkeit,
lagen die kranken Kinder, und Husten erfllte den Raum, whrend Klaus
Heinrich und Imma Spoelmann zwischen den Reihen dahinschritten.

Er hielt sich aus Hflichkeit zu ihrer Linken und lchelte, wie er es
tat, wenn er durch Ausstellungen gefhrt wurde, die Fronten von
Veteranen, Turnern und Ehrenkompanien musterte. Aber immer, wenn er den
Kopf nach rechts wandte, gewahrte er, da Imma Spoelmann ihn betrachtete
-- begegnete er ihrem groen schwarzen Blick, der prfend, mit glnzend
ernster Frage auf ihn gerichtet war. Das war so seltsam, da Klaus
Heinrich nie etwas Seltsameres erlebt zu haben glaubte als ihre Art, so
ohne Rcksicht auf ihn und alle, ganz unverhohlen und frei, ganz
unbesorgt, ob jemand acht darauf habe, mit ihren groen Augen ihn zu
betrachten. Wenn Doktor Sammet an einem Bettchen verweilte, um den Fall
zu erklren, wie bei dem kleinen Mdchen, dessen gebrochenes, wei
verpacktes Bein ganz senkrecht emporgebunden war, so hrte Frulein
Spoelmann ihm aufmerksam zu, man sah es wohl; aber whrend sie lauschte,
blickte sie nicht auf den Redenden, sondern ihre Augen gingen zwischen
Klaus Heinrich und dem Kinde, das schmal und still, mit auf der Brust
gekreuzten Hnden aus seiner Rckenlage zu ihnen emporblickte --
zwischen dem Prinzen und diesem kleinen Leidensfall, der ihnen gemeinsam
erklrt wurde, hin und her, als beaufsichtige sie Klaus Heinrichs
Teilnahme oder als suche sie die Wirkung von Doktor Sammets Worten in
seiner Miene zu lesen -- man wute nicht recht, warum es geschah. Ja,
namentlich war es so bei dem Knaben mit dem Schu durch den Arm und bei
dem, der aus dem Wasser gezogen worden: zwei traurigen Fllen, wie
Doktor Sammet bemerkte. Eine Verbandschere, Schwester, sagte er und
zeigte ihnen die Doppelwunde am Oberarm des Knaben, den Eintritt und
Austritt einer Revolverkugel. Die Wunde, sagte Doktor Sammet gedmpft
zu seinen Gsten, indem er dem Bettchen den Rcken zuwandte, die Wunde
hat ihm sein eigener Vater beigebracht, ja. Es ist gut abgelaufen bei
diesem einen. Der Mann hat seine Frau und drei seiner Kinder und sich
selbst mit einem Revolver erschossen. Er hat fehlgeschossen bei diesem
Knaben... Klaus Heinrich sah auf die Doppelwunde. Warum tat das der
Mann? fragte er scheu, und Doktor Sammet antwortete: In der
Verzweiflung, Knigliche Hoheit; es war Schande und Not, was ihn dazu
veranlate. Ja. Er sagte nichts weiter; nur dies Allgemeinste -- ebenso
wie bei dem Kleinen, der aus dem Wasser gezogen war, einem zehnjhrigen
Knaben. Er schnauft, sagte Doktor Sammet. Er hat noch Wasser in
seiner Lunge. Man hat ihn heute frh aus dem Flu gefischt -- ja.
brigens ist es wenig wahrscheinlich, da er so recht eigentlich in das
Wasser =gefallen= ist. Mehrere Anzeichen sprechen dagegen. Er war von
Hause entflohen. Ja. Er schwieg. Und wieder fand Klaus Heinrich, da
Frulein Spoelmann ihn anblickte, gro, schwarz und glnzend ernst --
mit ihrem Blick, der den seinen suchte, ihn dringlich aufzufordern
schien, gemeinsam mit ihr die traurigen Flle zu durchdenken, Doktor
Sammets Andeutungen im Geist zu vervollstndigen, bis zu den
schrecklichen Wahrheiten vorzudringen, die durch diese zwei kranken
Kinderkrper zusammengefat und dargestellt wurden ... Ein kleines
Mdchen weinte bitterlich, als der dampfende und zischende
Inhalierapparat zusammen mit einem Pappdeckel voll bunter Bilder an ihr
Bettchen gestellt wurde. Frulein Spoelmann beugte sich zu der Kleinen
nieder. Es tut nicht weh, sagte sie und ahmte die Kindersprache nach,
kein bichen. Du mut nicht weinen. Und als sie sich wieder
aufrichtete, fgte sie rasch hinzu und rmpfte die Lippen: Es steht zu
vermuten, da sie nicht sowohl ber den Apparat als ber die Bilder
weint. Alle lachten. Der eine der jungen Assistenten hob den Pappdeckel
empor und lachte noch lauter, als er die Bilder betrachtete. Man ging
hinber ins Laboratorium. Klaus Heinrich dachte im Gehen darber nach,
wie seltsam Frulein Spoelmann spottete. Es steht zu vermuten, hatte
sie gesagt, und nicht sowohl. Es war gewesen, als ob sie sich nicht
nur ber die Bilder, sondern auch ber die ausgesuchten und scharfen
Redensarten lustig machte, die sie mit rascher Gewandtheit benutzte. Und
das war wohl der unumschrnkteste Spott, der sich denken lieߠ...

Das Laboratorium war der grte Raum des Hauses. Glser, Retorten,
Trichter und Chemikalien standen auf den Borden, und es standen
Prparate in Spiritus darauf, die Doktor Sammet seinen Gsten in ruhigen
und festen Worten erklrte. Ein Kind war auf unerklrliche Weise
erstickt: Hier war sein Kehlkopf, mit pilzartigen Wucherungen statt der
Stimmbnder. Ja. Dies hier im Glase war eine krankhaft erweiterte
Kinderniere; und dies waren entartete Knochen. Klaus Heinrich und
Frulein Spoelmann sahen alles an, sie blickten zusammen in die Glser,
die Doktor Sammet gegen das Fenster hielt, und ihre Augen waren
andchtig, whrend um ihre Mnder derselbe kleine Zug von Widerstand
lag. Sie blickten auch nacheinander in das Mikroskop, betrachteten, mit
einem Auge ber die Linse gebeugt, eine bse Ausscheidung, eine blau
gefrbte, auf ein Glasplttchen gestrichene Materie, die neben den
groen Flecken ganz kleine Punkte zeigte: das waren Bazillen. Klaus
Heinrich wollte Frulein Spoelmann zuerst an das Mikroskop treten
lassen, aber sie wehrte ab, indem sie die Brauen emporzog und einen Mund
machte, als wollte sie mit bertriebener Betonung Oh, unter keiner
Bedingung! sagen. Da nahm er denn den Vortritt, denn er fand, da es
wirklich einerlei sei, wer zuerst etwas so Ernstes und Furchtbares wie
Bazillen in Augenschein nahm. Und hierauf wurden sie hinaufgefhrt, in
den zweiten Stock, zu den Suglingen.

Sie lachten beide ber das vielstimmige Geschrei, das ihnen schon auf
der Treppe entgegenscholl. Und dann gingen sie mit ihrem Gefolge im Saal
zwischen den Bettchen dahin, beugten sich nebeneinander ber die
kahlkpfigen Geschpfe, die mit geballten Fustchen schliefen oder aus
allen Krften schreiend ihre nackten Gaumen zeigten -- hielten sich die
Ohren zu und lachten aufs neue. In einer Art Ofen, darin eine
gleichmige Wrme erzeugt wurde, lag eine Frhgeburt. Und Doktor Sammet
zeigte den hohen Gsten ein grausig leichenhaftes Armenkind mit
hlichen groen Hnden, diesem Abzeichen einer niederen und harten
Geburt ... Er nahm ein schreiendes Kind aus dem Bettchen, und es
verstummte sofort. Sachkundig sttzte er den haltlosen Kopf in seine
hohle Hand und wies das rote, blinzelnde, mit kurzen Bewegungen sich
dehnende Wesen den beiden vor -- Klaus Heinrich und Imma Spoelmann, die
nebeneinander standen und auf den Sugling niederblickten. Klaus
Heinrich sah mit geschlossenen Abstzen zu, wie Doktor Sammet das Kind
in das Bettchen zurcklegte; und als er sich wandte, traf er auf Imma
Spoelmanns glnzend forschende Augen, wie er es erwartet hatte.

Zuletzt traten sie an eines der drei Fenster des Saales und blickten
hinaus ber die rmliche Vorstadtgegend, hinunter auf die Strae, wo,
umlagert von Kindern, der braune Hofwagen und Immas prachtvolles,
dunkelrot lackiertes Automobil hintereinander hielten. Der Spoelmannsche
Chauffeur, unfrmig in seinem Zottenpelz, sa tief zurckgelehnt, eine
Hand am Steuer des gewaltigen Fahrzeugs, und sah zu, wie sein Kamerad,
der weie Bediente, dort vorn am Coup ein Geplauder mit Klaus Heinrichs
Kutscher in Gang zu halten suchte.

Die Nachbarn, sagte Doktor Sammet, der mit einer Hand die weie
Tllgardine zurckhielt, sind zugleich die Eltern unserer Pfleglinge.
Sonnabends spt ziehen die betrunkenen Vter johlend vorber. Ja.

Sie standen und lauschten; aber Doktor Sammet sagte nichts mehr von den
Vtern, und so brachen sie auf, denn nun hatten sie alles gesehen.

Der Zug, Klaus Heinrich und Imma voran, bewegte sich die Treppen
hinunter, und in der Vorhalle war auch das Schwesternkorps wieder
versammelt. Es wurde Abschied genommen, mit Absatzklappen und Honneurs,
mit Verbeugungen und Knicksen. Klaus Heinrich, in frmlicher Haltung vor
Doktor Sammet, der ihm mit seitwrts geneigtem Kopfe und die Hand an der
Uhrkette zuhrte, uerte sich in einer feststehenden Redewendung hchst
beifllig ber das Gesehene, whrend er fhlte, da Imma Spoelmann ihre
groen Augen dabei auf ihm ruhen lie. Er geleitete mit Herrn von
Braunbart die Damen zum Automobil, als die Verabschiedung von den rzten
und den Schwestern beendet war. Whrend sie, zwischen Kindern und
Frauen, die Kinder auf den Armen hielten, das Trottoir berschritten,
und noch an dem breiten Trittbrett des Automobils unterhielten sich
Klaus Heinrich und Frulein Spoelmann wie folgt.

Es war mir eine groe Freude, mit dem gndigen Frulein
zusammenzutreffen, sagte er.

Sie antwortete hierauf nichts, sondern schob nur die Lippen vor, indem
sie ein wenig den Kopf hin und her wandte.

Es war eine fesselnde Besichtigung, sagte er wieder. Man tat allerlei
Einblicke.

Sie sah ihn an, gro und schwarz. Dann sagte sie rasch und obenhin, mit
ihrer gebrochenen Stimme: O ja, bis zu einem gewissen Grade...

Er verfiel auf die Frage: Ich hoffe, es gefllt Ihnen auf Schlo
Delphinenort, gndiges Frulein? Worauf sie mit vorgeschobenen Lippen
erwiderte: Oh, warum nicht. Es ist ja eine ganz schickliche
Unterkunft...

Gefllt es Ihnen besser dort als in Neuyork? fragte er. Und sie
antwortete: Ebensogut. Es ist ziemlich gleich. Es ist ziemlich berall
dasselbe.

Das war alles. Klaus Heinrich und, einen Schritt hinter ihm, Herr von
Braunbart standen, die Hand am Helm, als der Chauffeur ankurbelte und
das Automobil sich unter Erschtterungen in Bewegung setzte.

Es versteht sich, da diese Begegnung nicht lange eine innere
Angelegenheit des Dorotheen-Spitales blieb, vielmehr noch am selben Tage
in aller Munde war. Der Eilbote verffentlichte unter zart poetischer
berschrift eine ausfhrliche Schilderung des Zusammentreffens, die,
ohne in den Einzelheiten streng den Tatsachen zu entsprechen, die
Gemter doch mchtig gefangennahm, ja Kundgebungen einer so lebhaften
Wibegierde des Publikums hervorrief, da das wachsame Blatt sich
veranlat sah, auf weitere Annherungen zwischen den Husern Grimmburg
und Spoelmann fortan ein Auge zu haben. Es war nicht viel, was es melden
konnte. Es vermerkte ein paarmal, da Seine Knigliche Hoheit Prinz
Klaus Heinrich, nach Schlu der Hoftheatervorstellung den Wandelgang der
ersten Galerie durchschreitend, einen Augenblick vor der Spoelmannschen
Loge haltgemacht habe, um die Damen zu begren. Und in seinem Bericht
ber den kostmierten Wohlttigkeitsbasar, der Mitte Januar im groen
Rathaussaale stattfand -- einer eleganten Veranstaltung, an der sich auf
instndige Einladung durch das Komitee Mi Spoelmann als Verkuferin
beteiligte--, nahm keinen geringen Raum die Beschreibung jener Szene
ein, wie Prinz Klaus Heinrich bei dem Rundgang des Hofes vor der Bude
angehalten habe, in der Frulein Spoelmann schaltete, wie er einen
Gegenstand, eine Vase, ein Kunstglas (denn Frulein Spoelmann verkaufte
Porzellan und Kunstglser) von ihr erworben und sich wohl acht oder zehn
Minuten lang plaudernd vor dem Verkaufsstande verweilt habe. Von dem
Inhalt des Gesprches verlautbarte nichts. Dennoch war es durchaus nicht
ohne Ergebnis verlaufen.

Der Hof (mit Ausnahme Albrechts) war gegen Mittag im Rathaussaale
erschienen. Als Klaus Heinrich, das erstandene Kunstglas in Seidenpapier
auf den Knien, in seinem Coup nach Eremitage zurckkehrte, hatte er
sich in Delphinenort angesagt, hatte er die Absicht kundgetan, sich das
Schlo in seinem neuen Zustande einmal anzusehen und bei dieser
Gelegenheit Herrn Spoelmanns Sammlung von Kunstglsern in Augenschein zu
nehmen. Denn unter Mi Spoelmanns Waren hatten sich drei oder vier alte
Glser befunden, die ihr Vater selbst aus seiner Kollektion fr den
Basar gestiftet hatte, und eines davon hatte Klaus Heinrich gekauft.

Er sah sich wieder in dem Halbkreis von Menschen, die ihnen zusahen --
allein vor Imma Spoelmann und getrennt von ihr durch den Budentisch mit
seinen Kelchen, Karaffen, seinen weien und farbigen Porzellangruppen.
Er sah sie in dem roten Phantasiegewande, das, aus einem Stck
gearbeitet, ihre wohlausgebildete und dennoch kindliche Gestalt
umschlo, indem es ihre brunlichen Schultern und ihre Arme freilie,
die rund und fest waren und dennoch vor dem Handgelenk wie die eines
Kindes wurden. Er sah den goldenen Schmuck, halb Kranz und halb Diadem,
in der Schwrze ihres aufgelsten Haares, das eine Neigung zeigte, ihr
in glatten Strhnen in die Stirn zu fallen, ihre bergroen und
schwarzen, glnzend fragenden Augen in dem perlblassen Gesichtchen,
ihren vollen und weichen Mund, den sie mit verwhnter Geringschtzung
vorschob, wenn sie sprach -- und um sie herum in dem groen, gewlbten
Raum war Tannengeruch und wirrer Lrm, Musik, Gongschlge, Gelchter und
Marktschreierei gewesen.

Er hatte das Kunstglas, den alten, edlen Kelch mit seinem Schmuck von
silbernem Blattwerk bewundert, den sie ihm zum Kaufe angeboten, und sie
hatte gesagt, da er aus ihres Vaters Sammlung stamme. -- So herrliche
Dinge besitze also ihr Vater eine ganze Menge? -- Allerdings. Und
glaublicherweise seien es nicht eben die besten Nummern, die ihr Vater
fr den Basar gestiftet habe. Sie stehe nicht an, zu erklren, da er
viel schnere Glser habe. -- Die wnschte Klaus Heinrich wohl sehen zu
drfen! -- Nun, das wrde sich gelegentlich ja unschwer ermglichen
lassen, hatte Frulein Spoelmann mit ihrer gebrochenen Stimme
geantwortet, indem sie die Lippen vorgeschoben und ihr Kpfchen ein
wenig hin und her gewandt hatte. Ihr Vater, hatte sie gemeint, werde
durchaus nicht dawider seien, die Frchte seines Sammelfleies wieder
einmal einem verstndnisvollen Beschauer vorzufhren. Um die Teestunde
seien Spoelmanns immer zu Hause.

Sie hatte die Sache sehr brgerlich genommen, hatte aus der Ansage eine
Einladung gemacht und im leichtesten Tone gesprochen. Schlielich, auf
Klaus Heinrichs Frage, welchen Tag man in Aussicht nehmen solle, hatte
sie geantwortet: Welchen Sie wollen, Prinz. Wir werden uns jederzeit
unsglich glcklich schtzen...

Unsglich glcklich schtzen -- so sprach sie, so scharfzngig und
spttisch bertrieben, da es fast weh tat und man nur mhsam gute Miene
machte. Wie sie die arme Schwester-Oberin verwirrt und verletzt hatte,
neulich im Spital! Aber bei alledem war etwas Kindliches in ihrer
Sprechweise, ja, gewisse Laute kamen heraus, wie Kinder sie bilden --
nicht nur das eine Mal, als sie das kleine Mdchen ber den Dampfapparat
getrstet hatte. Und so groe Augen hatte sie gemacht, als von den
Vtern die Rede gewesen und den traurigen Fllen...

Am nchsten Tage nahm Klaus Heinrich seinen Tee auf Schlo Delphinenort
-- am nchstfolgenden, den Tag darauf. Gelegentlich, hatte Imma
Spoelmann gesagt, mge er kommen. Aber der nchstfolgende Tag war ihm
gelegen, und da ihm die Sache dringlich schien, so fand er es nicht
angebracht, sie auf die lange Bank zu schieben.

Gegen fnf Uhr -- es war schon dunkel -- trug ihn sein Coup ber die
aufgeweichten Fahrwege des Stadtgartens, der kahl und menschenleer lag
-- schon war es Spoelmannscher Besitz, wo er rollte--, Bogenlampen
erhellten den Park, das groe, viereckige Brunnenbassin schimmerte trb
zwischen den Bumen, dahinter erhob sich das weiliche Schlo mit dem
Sulenaufbau seines Portals, seiner gerumigen Doppelrampe, die,
zwischen seinen Flgeln eingelagert, in flachem Aufstieg zur Beletage
emporfhrte, seinen hohen, in kleine Scheiben geteilten Fenstern, seinen
rmischen Bsten in den Nischen -- und als Klaus Heinrich durch die
Auffahrtsallee von mchtigen Kastanien fuhr, da sah er zu Fen der
Rampe den bordeauxroten Plschmohren stehen und mit aufgesttztem Stabe
Ausschau halten...

Klaus Heinrich beschritt eine steinerne, hell erleuchtete und lind
durchwrmte Halle mit goldig schimmerndem Mosaikfuboden und weien
Gtterbildern in der Runde, schritt geradeaus, der marmornen,
breitgelndrigen und mit rotem Teppich belegten Freitreppe zu, auf
welcher, mit zurckgezogenen Schultern und hngenden Armen, bauchig und
stolz, im Schmuck seines rasierten Doppelkinns, der Spoelmannsche
Haushofmeister herniederstieg, um den Gast zu empfangen. Er geleitete
ihn in den oberen, mit Bilderteppichen umkleideten und mit einem
Marmorkamin geschmckten Vorsaal, wo ein paar weigoldene und
schwanverbrmte Bediente des Prinzen Mtze und Mantel in Empfang nahmen,
whrend der Haushofmeister in eigener Person seiner Herrschaft Meldung
zu machen ging ... Zwischen dem Dienerpaar hindurch, das einen Teppich
beiseiteraffte, schritt Klaus Heinrich zwei oder drei Stufen hinab.

Pflanzengeruch umfing ihn, und er hrte das sanfte Pltschern fallenden
Wassers; in dem Augenblick aber, da hinter ihm der Teppich sich schlo,
brach ein Gebell aus, so jh und toll, da Klaus Heinrich, einen
Augenblick halb betubt, zu Fen der Stufen haltmachte. Perceval, der
Colliehund, hatte sich ihm entgegengeworfen, und nichts glich seiner
malosen Raserei. Er geiferte, er litt, er wute nicht, wie sich
gebrden vor wtender Zerrissenheit seines Innern, er wand sich,
peitschte mit dem Schweif seine Flanken, stemmte die Vorderfe gegen
den Boden und schwang sich in blinder Leidenschaft um sich selber, indem
er in Lrm und Tobsucht vergehen zu wollen schien. Eine Stimme -- es war
nicht Immas Stimme -- rief ihn zurck, und Klaus Heinrich sah sich in
einem Wintergarten, einem von schlanken marmornen Sulen gesttzten
glsernen Gewlbe, dessen Boden mit groen, quadratischen, spiegelnden
Marmorfliesen belegt war. Palmen aller Art erfllten es, deren Schfte
und Fcher sich manchmal bis dicht unter die glserne Decke erhoben. Ein
beetartiges Blumenparterre, bestehend aus zahllosen, gleich den Steinen
eines Mosaiks aneinandergesetzten Blumentpfen, breitete sich im starken
Mondlicht der Bogenlampen aus und erfllte die Luft mit Wohlgeruch. Aus
einem schngemeielten Brunnen rieselten silberne Quellen in ein
marmornes Becken, und Enten von seltsam knstlich gefiederter Art
schwammen auf der durchleuchteten Wasserflche. Ein steinerner
Wandelgang mit Pfeilern und Nischen nahm den Hintergrund ein. Es war die
Grfin Lwenjoul, die dem Eintretenden entgegenkam und sich lchelnd
verneigte.

Knigliche Hoheit wollen verzeihen, sagte sie. Unser Percy ist so
heftig. Und dann ist er jetzt so wenig an Besuch gewhnt. Aber er tut
niemandem Bses. Darf ich Knigliche Hoheit bitten ... Frulein
Spoelmann wird sogleich zurckkehren. Sie war eben noch hier. Sie wurde
abgerufen. Ihr Vater schickte nach ihr. Mister Spoelmann wird
hocherfreut sein...

Damit fhrte sie Klaus Heinrich zu einer Anordnung von Korbsthlen, die,
mit gestickten Leinwandkissen ausgestattet, vor einer Palmengruppe
standen. Sie sprach lebhaft und krftigen Tons, den kleinen Kopf mit dem
sprlichen aschblonden Scheitel zur Seite geneigt und lchelnd ihre
weien Zhne zeigend. Ihre Gestalt war entschieden vornehm in dem eng
anschlieenden braunen Kleid, das sie trug, und wie sie mit munterem
Hndereiben Klaus Heinrich zu den Sthlen geleitete, hatte sie die
frischen und eleganten Bewegungen der Offiziersfrau. Nur in ihren Augen,
deren Lider sie blinzelnd zusammenzog, war etwas wie Tcke und
Mitrauen, etwas Unverstndliches. Sie nahmen Platz, einander gegenber
an dem runden Gartentischchen, auf dem ein paar Bcher lagen. Perceval,
erschpft von dem Anfall, den er erlitten, nahm auf dem schmalen,
blafarbigen und perlmutterartig schimmernden Teppich, darauf die Mbel
standen, eine schneckenfrmige Ruhestellung ein. Sein schwarzseidiges
Fell war wei an Pfoten, Brust und Schnauze. Er hatte eine weie
Halskrause, goldene Augen und einen Scheitel den ganzen Rcken entlang.
Klaus Heinrich begann ein Gesprch um des Gesprches willen, eine
frmliche Unterhaltung mit Scheingegenstand, wie er es nicht anders
kannte.

Ich wnschte wohl, Grfin, da ich nicht gar zu ungelegen kme. Ich bin
glcklich, mich wenigstens nicht als ganz unberechtigter Eindringling zu
fhlen. Ich wei nicht, ob Frulein Spoelmann Ihnen erzhlt hat ... Sie
hatte die Gte, mich zu einem Besuch zu ermutigen. Es handelte sich um
die schnen Glser, die Herr Spoelmann so freigebig war, fr den
gestrigen Basar zu stiften. Frulein Spoelmann meinte, da ihr Vater
nichts dagegen haben werde, mir seine Sammlung einmal zu zeigen. Da bin
ich nun...

Die Grfin lie es dahingestellt, ob Imma ihr von der Verabredung
erzhlt habe. Sie sagte: Dies ist die Teestunde des Hauses, Knigliche
Hoheit. Wie knnten Knigliche Hoheit ungelegen kommen? Selbst wenn, was
ich nicht hoffen will, Mister Spoelmann durch sein Befinden verhindert
wre, zu erscheinen...

Oh, er ist leidend? Eigentlich wnschte Klaus Heinrich ein wenig, da
Herr Spoelmann verhindert sein mge. Er sah der Bekanntschaft mit
unbestimmter Besorgnis entgegen.

Er war heute leidend, Knigliche Hoheit. Er hatte leider Fieber,
Schttelfrost und sogar eine kleine Ohnmachtsanwandlung. Vormittags war
Doktor Watercloose lange bei ihm. Er hat eine Morphiumeinspritzung
vorgenommen. Es handelt sich darum, ob nicht doch einmal eine Operation
ntig werden wird.

Das tut mir leid, sagte Klaus Heinrich aufrichtig. Eine Operation.
Das ist schrecklich. Und hierauf antwortete die Grfin mit abirrenden
Augen: O ja. Aber es gibt Schrecklicheres im Leben -- viele Dinge, die
viel schrecklicher sind als dies.

Zweifellos, sagte Klaus Heinrich. Ich glaube es wohl. Er fhlte
seine Einbildungskraft auf allgemeine und ungewisse Art angeregt durch
die Andeutung der Grfin.

Sie sah ihn an, mit seitwrts geneigtem Kopfe, und ein Ausdruck von
Geringschtzung war in ihrem Gesicht. Dann entwichen ihre ein wenig
verschwollenen grauen Augen zur Seite, man wute nicht, wohin, mit jenem
geheimnisvollen Lcheln, das Klaus Heinrich schon kannte, und das etwas
seltsam Lockendes hatte.

Er empfand die Notwendigkeit, das Gesprch wieder aufzunehmen.

Leben Sie schon lange im Hause Spoelmann, Grfin? fragte er.

Ziemlich lange, antwortete sie, und man sah ihr an, da sie zu rechnen
versuchte. Ziemlich. Ich habe so vieles durchlebt, so viele Erfahrungen
gemacht, da ich es auf den Tag genau natrlich nicht sagen kann. Aber
kurz nach der Wohltat war es -- bald nachdem mir die Wohltat zuteil
geworden.

Die Wohltat? fragte Klaus Heinrich.

Allerdings, sagte sie mit Bestimmtheit und sogar ein wenig gereizt.
Denn die Wohltat geschah ja an mir, als es der Erfahrungen zu viele
geworden waren und der Bogen htte springen mssen, um mich dieses
Vergleiches zu bedienen. Sie sind so jung, fuhr sie fort, indem sie
nachlssigerweise verga, ihn mit seinem Titel anzureden, so unwissend
in betreff des Elends und der Verworfenheit der Welt, da Sie sich
keinen Begriff davon machen knnen, was ich habe erdulden mssen. In
Amerika hatte ich einen Proze, zu dem viele Generale erscheinen muten.
Dinge kamen an den Tag, denen mein Humor nicht gewachsen war. Smtliche
Kasernen habe ich putzen mssen, ohne da es mir gelungen wre, alle
liederlichen Weiber hinauszubefrdern. Sie versteckten sich in den
Schrnken, einige auch unter der Diele, und so kommt es, da sie
fortfahren, mich nachts ber Gebhr zu martern. Ich wrde mich ungesumt
auf meine Schlsser in Burgund zurckziehen, wenn es nicht von oben
hineinregnete. Das wuten Spoelmanns, und darum war es so sehr
entgegenkommend von ihnen, mich vorlufig bei sich aufzunehmen, wobei es
meine einzige Aufgabe ist, die vollkommen unwissende Imma vor der Welt
zu warnen. Nur leidet selbstverstndlich meine Gesundheit darunter, da
die Weiber sich nachts auf meine Brust setzen und mich zwingen, ihren
unanstndigen Fratzen zuzusehen. Und dies ist der Grund, weshalb ich
bitte, mich einfach Frau Meier zu nennen, sagte sie flsternd, indem
sie sich vorbeugte und mit ihrer Hand Klaus Heinrichs Arm berhrte. Die
Wnde haben Ohren, und es ist unbedingt erforderlich, da ich mein
notgedrungen angenommenes Inkognito wahre, um mich vor den
Nachstellungen der lasterhaften Geschpfe zu schtzen. Nicht wahr, Sie
gehen auf meine Bitte ein? Nehmen Sie es doch als Scherz ... als eine
Spielerei, die niemandem weh tut ... Warum nicht...

Sie verstummte.

Klaus Heinrich sa aufrecht und ohne irgendwelche Lssigkeit auf seinem
Korbstuhl ihr gegenber und sah sie an. Er hatte, bevor er seine
geradlinigen Stuben verlie, unter Beihilfe seines Kammerdieners Neumann
mit all der Sorgfalt Toilette gemacht, die sein den Blicken ausgesetztes
Dasein erheischte. Sein Scheitel lief, ber dem linken Auge ansetzend,
schrg ber den Kopf hin genau durch den Wirbel, so da dort oben weder
Strhne noch Hrchen sich erheben konnten, und rechts war sein Haar in
einem festen Hgel aus der Stirn zurckgebrstet. In seinem
Interimsuniformrock, dessen hoher Kragen und fester Sitz eine
beherrschte Haltung begnstigte, sa er, den silbern geflochtenen
Achselschmuck eines Majors auf seinen schmalen Schultern, leicht
angelehnt, doch ohne sich bequeme Abspannung zu erlauben, geordnet,
gesammelt, den einen Fu ein wenig vor dem anderen, und bedeckte seine
linke Hand auf dem Sbelgriff mit der rechten. Sein junges Gesicht war
ein wenig mde von der Unsachlichkeit, der Einsamkeit, Strenge und
Schwierigkeit seines Lebens; allein mit einem freundlichen, klaren und
unbedingt gefaten Ausdruck blickte er in das der Grfin.

Sie verstummte. Ernchterung und Gram ergriffen von ihren Zgen Besitz,
und whrend es war, als ob in ihren bernchtigen grauen Augen etwas wie
Ha gegen Klaus Heinrich aufzuckte, verfrbte sie sich auf eine ganz
besondere und selten beobachtete Weise, indem nmlich die eine Hlfte
ihres Gesichtes rot, die andere bla wurde. Mit gesenkten Lidern
antwortete sie: Ich bin seit drei Jahren im Hause Spoelmann, Knigliche
Hoheit.

Perceval schnellte empor. In einem tnzelnden, federnden, wedelnden
Trabe begab er sich seiner Herrin entgegen -- denn Imma Spoelmann war
eingetreten--, richtete sich wrdevoll auf und setzte ihr grend die
Vorderpfoten auf die Brust. Sein Rachen war weit geffnet, und zwischen
seinen prachtvollen weien Zhnen hing blutrot die Zunge hervor. Er
glich einem Wappentier, wie er so aufrecht vor ihr stand.

Sie war wunderbar gekleidet: in ein Hausgewand aus ziegelfarbener
Rohseide und mit offen herniederhngenden rmeln, dessen ganzes
Bruststck aus einer schweren Goldstickerei bestand. An einer
Perlenkette lag ein groer, eifrmiger Edelstein auf ihrem bloen Halse,
dessen Haut die Farbe angerauchten Meerschaums hatte. Ihr blauschwarzes,
seitwrts gescheiteltes und schlicht geknotetes Haar zeigte eine
Neigung, ihr in glatten Strhnen in Stirn und Schlfen zu fallen.
Whrend sie Percevals Greisenkopf mit ihren beiden schmucklosen schmalen
und schnen Kinderhnden umfat hielt, sagte sie in sein Gesicht hinein:
So ... so ... guten Tag, mein Freund. Welch ein Wiedersehen. Wir waren
von Sehnsucht erfllt, wir beiden, wir haben die Qualen der Trennung
ausgekostet. Guten Tag. Du magst nun immerhin dein Lager wieder
aufsuchen. Und indem sie seine Fe von der Goldstickerei auf ihrer
Brust lste und zur Seite trat, machte sie, da er sich auf seine vier
Beine niederlie.

O Prinz, sagte sie. Willkommen in Delphinenort. Sie verabscheuen den
Wortbruch, wie ich sehe. Ich setze mich zu Ihnen. Wir werden
benachrichtigt, wenn wir Tee trinken knnen ... Es ist zweifellos gegen
alle Vorschrift, da ich habe warten lassen. Aber mein Vater schickte
nach mir -- und dann hatten Sie ja Unterhaltung solange... Ihre
glnzenden Augen gingen ein wenig zweifelnd zwischen Klaus Heinrich und
der Grfin hin und her.

Doch, sagte er, die hatte ich. Und dann stellte er eine Frage nach
Mister Spoelmanns Befinden, die leidlich zufriedenstellend beantwortet
wurde. Herr Spoelmann werde beim Tee das Vergngen haben, Klaus
Heinrichs Bekanntschaft zu machen, er lasse sich entschuldigen bis dahin
... Was das fr ein hbsches Paar Pferde sei, das Klaus Heinrich vor
seinem Coup habe? Und nun sprachen sie von ihren Pferden, von Klaus
Heinrichs gutmtigem Braunen Florian aus dem Hollerbrunner Hofgestt,
von Frulein Spoelmanns arabischer Milchschimmelstute namens Fatme, die
Herr Spoelmann von einem Frsten aus dem Morgenlande zum Geschenk
erhalten hatte, von ihren geschwinden ungarischen Fchsen, die sie als
_Four-in-hand_-Gespann benutzte ... Kennen Sie die Umgegend? fragte
Klaus Heinrich. Waren Sie beim Hofjger? Im Fasaneriegarten? Es gibt
hbsche Ausflge. Nein, Frulein Spoelmann war hervorragend ungeschickt
im Auffinden von neuen Wegen, und die Grfin -- nun, sie war ihrer
ganzen Natur nach nicht unternehmungslustig. So ritten sie immer
dieselben Wege im Stadtgarten. Das sei vielleicht langweilig, aber
Frulein Spoelmann sei im ganzen nicht mit Abwechslung und Abenteuern
verwhnt. Da sagte er denn, da sie einmal zusammen reiten mten, bei
schnem Wetter, zum Hofjger oder nach Schlo Fasanerie, worauf sie mit
vorgeschobenen Lippen antwortete, da man dergleichen ja immerhin in
vorlufige Aussicht nehmen knne. Dann kam der Haushofmeister und
meldete ernst, da der Teetisch bereit sei.

Sie gingen durch die Teppichhalle mit dem Marmorkamin, gefhrt von dem
pomphaft schreitenden Butler, begleitet von dem tnzelnden Percy,
gefolgt von der Grfin Lwenjoul.

Hat die Grfin vorhin ein bichen geschwatzt? fragte Imma im Gehen,
ohne ihre Stimme sonderlich in acht zu nehmen.

Klaus Heinrich erschrak und blickte zu Boden. Aber sie kann uns ja
hren! sagte er leise.

Nein, sie hrt uns nicht, antwortete Imma. Ich verstehe mich auf ihr
Gesicht. Wenn sie den Kopf so schrg hlt und mit den Augen blinzelt, so
ist sie abwesend und tief in ihren Gedanken. Sie hat wohl ein bichen
geschwatzt vorhin?

Vorbergehend, sagte Klaus Heinrich. Ich hatte den Eindruck, da die
Frau Grfin sich zeitweise gehen lie.

Es ist ihr viel Schlimmes widerfahren. Und Imma sah ihn an, so gro
und dunkel forschend, wie sie es im Dorotheen-Spital auf Schritt und
Tritt getan hatte. Ich erzhle es ein andermal. Es ist eine
Geschichte.

Ja, sagte er. Ein andermal. Das nchste Mal. Vielleicht unterwegs.

Unterwegs?

Ja, unterwegs zum Hofjger oder zur Fasanerie.

Oh, ich verga Ihre Gewissenhaftigkeit, Prinz, was Verabredungen
betrifft. Gut, also unterwegs. Hier geht es hinunter.

Sie befanden sich an der Rckseite des Schlosses. Von einer mit groen
Gemlden behangenen Galerie, die sie durchquerten, leiteten
teppichbelegte Stufen in den weigoldenen Gartensalon hinab, hinter
dessen hoher Glastr die Terrasse lag. Alles, der groe Kristallster,
der von der Mitte der hohen, wei verschnrkelten Decke herabhing; die
ebenmig aufgestellten Armsthle mit goldenen Rahmen und
Wirkbildbezgen; die schwer herabfallenden, weiseidenen Vorhnge; die
feierliche Stutzuhr und die Vasen und goldenen Leuchter auf der
weimarmornen Kaminplatte vor dem hohen Wandspiegel; die mchtigen
lwenfigen, vergoldeten Kandelaber, die zu beiden Seiten der
Eingangsstufen emporragten: alles erinnerte Klaus Heinrich an das Alte
Schlo, an die Reprsentationsrume, in denen er von Kind auf Dienst zu
tun gewohnt war -- nur da die Kerzen hier Scheinkerzen waren, mit
goldig strahlenden Glhlampen an Stelle des Dochtes, und da alles neu
war und glnzend instand bei Spoelmanns auf Schlo Delphinenort. Ein
schwanverbrmter Bedienter legte in einem Winkel des Zimmers die letzte
Hand an den Teetisch; Klaus Heinrich betrachtete den elektrisch
geheizten Kessel, von dem er im Eilboten gelesen hatte.

Hat man Herrn Spoelmann benachrichtigt? fragte die Tochter des Hauses
... Der Butler verneigte sich. Dann soll nichts uns hindern, sagte sie
in ihrer raschen und spttisch redegewandten Art, unsere Pltze
einzunehmen und ohne ihn zu beginnen. Kommen Sie, Grfin! Ich wrde
Ihnen empfehlen, Prinz, sich Ihrer Waffen zu entledigen, falls nicht
Grnde, die sich meiner Einsicht entziehen, dagegen sprechen...

Danke, sagte Klaus Heinrich. Nein, es spricht gar nichts dagegen.
Und es schmerzte ihn, da er zu ungebten Geistes war, um eine behendere
Antwort zu finden.

Der Bediente nahm seinen Sbel in Empfang und trug ihn durch die Galerie
davon. Sie saen am Teetisch nieder, unter Beistand des Butlers, der die
Lehnen der Sthle hielt, die Sthle unter sie schob. Dann zog er sich
auf die Hhe der Stufen zurck, wo er in schmuckhafter Weise
stehenblieb.

Sie mssen wissen, Prinz, sagte Frulein Spoelmann, die das Wasser
aufgo, da mein Vater keinen Tee trinkt, den ich nicht selbst bereitet
habe. Er mitraut jedem Tee, der fertig in Tassen herumgereicht wird.
Das ist bei uns verpnt. Sie mssen sich dem anbequemen.

Oh, es ist schner so, sagte Klaus Heinrich, viel behaglicher und
ungezwungener so am Familientisch... Er brach ab und bedachte, warum
bei diesen Worten ein gehssiger Seitenblick aus den Augen der Grfin
Lwenjoul ihn getroffen hatte. Und Ihr Studium, fragte er, gndiges
Frulein? Darf ich mich erkundigen? Mathematik, wie ich wei. Es strengt
Sie nicht an? Ist es nicht furchtbar hart fr den Kopf?

Gar nicht, sagte sie. Ich wei nichts Hbscheres. Man spielt in den
Lften, sozusagen, oder schon auerhalb der Luft, in staubfreier Gegend
jedenfalls. Man hat es so khl wie in den Adirondacks...

Wie wo?

Den Adirondacks. Das ist Geographie, mein Prinz. Ein Bergwald drben
mit hbschen Seen. Wir haben ein Landhaus dort, fr den Mai. Im Sommer
waren wir immer am Meer.

Auf jeden Fall, sagte er, kann ich fr Ihren Eifer in den Studien
Zeugnis ablegen. Sie lassen sich nicht gern hindern, pnktlich in die
Vorlesung zu kommen. Ich habe noch nie gefragt, ob Sie eigentlich
neulich zur Zeit gekommen sind.

Neulich?

Ja, vor einigen Wochen. Nach dem Hindernis an der Hauptwache.

Groer Gott, Prinz, nun fangen auch Sie davon an. Diese Geschichte
scheint im Palast wie in der Htte verbreitet zu sein. Htte ich gewut,
welch Aufhebens man davon machen wrde, so wre ich lieber dreimal um
den Schloplatz gegangen. Sogar in der Zeitung hat es gestanden, wie man
mir sagt. Und nun hlt natrlich die ganze Stadt mich fr einen Teufel
an Wildheit und Jhzorn. Aber ich bin das friedfertigste Geschpf von
der Welt und lasse mich nur nicht gern kommandieren. Bin ich ein Teufel,
Grfin? Ich verlange bndige Antwort.

Nein, Sie sind gut, sagte die Grfin Lwenjoul.

Nun -- gut, das ist wiederum zuviel gesagt, das geht zu weit nach der
anderen Seite, Grfin...

Nein, sagte Klaus Heinrich, nein, nicht zu weit. Ich glaube der
Grfin ganz fest...

Viel Ehre. Wie ist die Kunde von dem Abenteuer denn eigentlich zu Eurer
Hoheit gedrungen? Durch die Zeitung?

Ich war Augenzeuge, sagte Klaus Heinrich.

Augenzeuge?

Ja, gndiges Frulein. Ich stand zufllig am Fenster der
Offizierswachtstube und habe alles von Anfang bis zu Ende mit
angesehen.

Frulein Spoelmann errtete. Es war kein Zweifel, da die perlblasse
Haut ihres fremdartigen Gesichtchens sich dunkler frbte.

Nun, Prinz, ich nehme an, sagte sie, da Sie im Augenblick nichts
Besseres zu tun hatten.

Besseres? rief er. Aber es war ja so schn zu sehen! Ich gebe Ihnen
mein Wort, gndiges Frulein, da ich nie in meinem Leben...

Perceval, der mit anmutig gekreuzten Vorderpfoten neben Frulein
Spoelmann lag, erhob das Haupt mit angespannt gesammelter Miene und
schlug mit dem Schweif den Teppich. Im selben Augenblick setzte der
Butler sich in Bewegung. Er lief, so schnell die Schwere seines Leibes
es gestattete, die Stufen hinab zu der hohen Seitentr, die sich dem
Teetisch gegenber befand, und raffte heftig die weiseidene Portiere,
indem er sein Doppelkinn mit machtvollem Ausdruck in die Lfte erhob.
Samuel Spoelmann, der Milliardr, trat ein.

Er war zierlich gebaut und von eigenartiger Physiognomie. Aus seinem
glattrasierten Gesicht mit den hitzigen Wangen sprang die Nase
ungewhnlich wagerecht hervor, und darber lagen nahe beieinander seine
kleinen Rundaugen, die von metallisch unbestimmtem Blauschwarz waren,
wie bei kleinen Kindern und Tieren, und zerstreut und rgerlich
blickten. Der obere Teil seines Schdels war kahl, aber am Hinterkopf
und an den Schlfen besa Herr Spoelmann reichliches graues Haar, das
auf eine bei uns nicht bliche Art gehalten war. Er trug es weder kurz
noch lang, sondern hochaufliegend, voll, nur im Nacken abgeschnitten und
um die Ohren rasiert. Sein Mund war klein und fein geschnitten.
Gekleidet in einen schwarzen Schorock mit samtener Weste, auf der eine
lange, dnne, altmodische Uhrkette lag, und weiche Lederschuhe an seinen
kurzen Fchen, nherte er sich mit mimutigem und beschftigtem
Gesichtsausdruck rasch dem Teetisch; aber seine Miene erhellte sich, sie
gewann Weichheit und Freude, sobald er seiner Tochter ansichtig wurde.
Imma war ihm entgegengegangen.

Guten Tag, verehrungswrdiges Vterchen, sagte sie; und ihre
brunlichen Kinderarme, von denen die offenen ziegelfarbenen rmel
niederhingen, um seinen Nacken schlingend, kte sie ihn auf die Glatze,
die er ihr darbot, indem er den Kopf neigte.

Dir drfte nicht unbekannt sein, fuhr sie fort, da Prinz Klaus
Heinrich heute mit uns den Tee nimmt?

Nein, freut mich, freut mich, sagte Herr Spoelmann gleichsam eilig und
mit knarrender Stimme. Bitte, sich nicht stren zu lassen! sagte er
ebenso. Und indem er mit dem Prinzen, der in geschlossener Haltung am
Tische stand, einen Hndedruck tauschte (Herrn Spoelmanns Hand war mager
und von der ungestrkten weien Manschette halb bedeckt), nickte er
mehrmals irgendwohin nach der Seite. Dies war seine Art, Klaus Heinrich
zu begren. Er war fremd, krank und ein Sonderling an Reichtum. Er war
entschuldigt und alles Weiteren entbunden -- Klaus Heinrich sah es ein
und bemhte sich redlich, seine innere Verstrung zu berwinden.
...Sind ja zu Hause hier, gewissermaen, sagte Herr Spoelmann noch,
indem er die Anrede verschluckte, und vorbergehend erschien ein
boshafter Ausdruck um seine rasierten Lippen. Dann veranlate er durch
sein Beispiel alle, sich wieder zu setzen. Es war der Stuhl zwischen
Imma und Klaus Heinrich, der Grfin und der Verandatr gegenber, den
der Butler unter ihn schob.

Da Herr Spoelmann keine Miene machte, sein Sumen zu entschuldigen,
sagte Klaus Heinrich: Ich hre mit Bedauern, da Sie heute zu leiden
hatten, Herr Spoelmann. Ich hoffe, es geht Ihnen besser?

Danke, besser, aber nicht gut, antwortete Herr Spoelmann knarrend.
Wieviel Lffel hast du genommen? fragte er seine Tochter. Er meinte
damit, wieviel Tee sie in die Kanne geschttet habe.

Vier, sagte sie. Fr jeden einen. Niemand soll sagen, da ich mein
greises Vterchen dem Mangel aussetze.

Ach was, antwortete Herr Spoelmann. Ich bin nicht greis. Man sollte
dir die Zunge stutzen. Und er nahm aus einer silbernen Bchse eine Art
Zwieback, die eigens fr ihn da zu sein schien, zerbrach das Gebck und
tauchte es rgerlich in den goldfarbenen Tee, den er wie seine Tochter
ohne Sahne und Zucker trank.

Klaus Heinrich begann von neuem: Ich sehe mit groer Spannung der
Besichtigung Ihrer Sammlung entgegen, Herr Spoelmann.

Richtig, antwortete Herr Spoelmann. Wollen meine Glser ansehen. Sind
Liebhaber? Vielleicht auch Sammler?

Nein, sagte Klaus Heinrich, zum Sammeln bin ich bei aller Vorliebe
noch nicht gekommen.

Keine Zeit? fragte Herr Spoelmann ... Ist der Offiziersdienst so
zeitraubend?

Klaus Heinrich antwortete: Ich tue nicht mehr Dienst, Herr Spoelmann.
Ich bin _ la suite_ meines Regiments gestellt. Ich trage die Uniform,
das ist alles.

Ach so, zum Schein, sagte Herr Spoelmann knarrend. Was tun denn den
ganzen Tag?

Klaus Heinrich hatte aufgehrt, Tee zu trinken, hatte alles von sich
geschoben bei diesem Gesprch, das seine ganze Aufmerksamkeit
erforderte. Aufrecht sa er da und verantwortete sich, whrend er
fhlte, da Imma Spoelmanns Blick gro, schwarz und forschend auf ihm
ruhte.

Ich habe Pflichten bei Hofe, bei den Festen und Zeremonien. Ich habe
auch auf militrischem Gebiet zu reprsentieren, bei Rekrutenvereidigungen
und Fahnenweihen. Dann mu ich Empfnge abhalten, in Vertretung
meines Bruders, des Groherzogs. Und dann gibt es kleine
dienstliche Reisen, in die Ortschaften des Landes, zu Enthllungen und
Einweihungen und anderen ffentlichen Feierlichkeiten.

Ach so, sagte Herr Spoelmann. Zeremonien, Feierlichkeiten. So fr die
Gaffer. Na, dafr fehlt mir jedes Verstndnis. Ich sage Ihnen _once for
all_, da ich nichts halte von Ihrem Beruf. _That's my standpoint,
sir._

Ich verstehe vollkommen, sagte Klaus Heinrich. Er hielt sich aufrecht
in seinem Majorsrock und lchelte schmerzlich.

Nun, es will ja wohl auch das gebt sein, fuhr Herr Spoelmann ein
wenig sanfter fort, gebt und gelernt, wie es scheint. Ich fr meine
Person werde meiner Lebtage nicht aufhren, mich zu rgern, wenn ich das
Wundertier abgeben muߠ...

Ich will hoffen, sagte Klaus Heinrich, da unsere Bevlkerung es
nicht an Rcksicht fehlen lt...

Danke, es geht, antwortete Herr Spoelmann. Die Leute sind wenigstens
gutmtig hier; es steht ihnen nicht gerade die Mordlust in den Augen
geschrieben, wenn sie glotzen.

berhaupt wrde ich mich freuen, zu hren, Herr Spoelmann -- und Klaus
Heinrich fhlte sich besser, seit das Gesprch sich gewandt hatte und
das Fragen an ihm war--, da es Ihnen trotz den ungewohnten
Verhltnissen dauernd bei uns gefllt.

Danke, sagte Herr Spoelmann, ich bin _at ease_. Und das Wasser ist ja
nun mal das einzige, das mir ein bichen hilft.

Es ist Ihnen nicht schwer geworden, Amerika zu verlassen?

Ein Blick streifte Klaus Heinrich, ein rascher und mitrauischer Blick
von unten, den Klaus Heinrich nicht zu deuten wute.

Nein, sagte Herr Spoelmann, scharf und knarrend. Das war alles, was er
auf die Frage antwortete, ob ihm der Abschied von Amerika nicht schwer
geworden sei.

Eine Pause trat ein. Die Grfin Lwenjoul hielt ihren kleinen,
glattgescheitelten Kopf zur Seite geneigt und lchelte abwesend und
madonnenhaft. Frulein Spoelmann betrachtete Klaus Heinrich unverwandt
aus groen, schwarzglnzenden Augen, als prfe sie die Wirkung, die
ihres Vaters wunderliche Schroffheit auf den Gast hervorbringe -- ja,
Klaus Heinrich hatte den Eindruck, da sie mit Ruhe und Verstndnis
seines Aufbruchs und Abschiedes auf Nimmerwiederkehren gewrtig sei. Er
begegnete ihrem Blick und blieb. Herr Spoelmann seinerseits zog eine
goldene Dose hervor und entnahm ihr eine breite Zigarette, die, nachdem
er sie angezndet, einen kstlichen Duft verbreitete.

Mgen rauchen? fragte er dann ... Und da Klaus Heinrich fand, da es
nicht mehr darauf ankomme, so bediente auch er sich, nach Herrn
Spoelmann, aus der dargebotenen Dose.

Es war dann, bevor man zur Besichtigung der Glser schritt, noch von
verschiedenen Gegenstnden die Rede -- hauptschlich zwischen Klaus
Heinrich und Frulein Spoelmann, denn die Grfin war mit ihren Gedanken
nicht gegenwrtig, und Herr Spoelmann warf nur dann und wann ein
knarrendes Wort dazwischen--: vom hiesigen Hoftheater, von dem groen
Schiff, auf welchem Spoelmanns die Reise nach Europa zurckgelegt. Nein,
nicht ihre Jacht hatten sie dazu benutzt. Die hatte hauptschlich dazu
gedient, Herrn Spoelmann bei Sommershitze, wenn Imma und die Grfin in
Newport waren und ihn die Geschfte an die Stadt fesselten, am Abend
aufs Meer hinauszufahren, woselbst er auf Deck die Nchte verbracht
hatte. Jetzt lag sie wieder in Venedig. Aber ber den Ozean hatte ein
Riesendampfer sie gebracht, ein schwimmendes Hotel mit Konzertslen und
Sportpltzen. Fnf Stockwerke, sagte Frulein Spoelmann, habe er gehabt.
Von unten an gerechnet? fragte Klaus Heinrich. Und sie antwortete
unverzglich: Allerdings. Von oben hatte er sechs. Er lie sich
verwirren, verstand gar nichts mehr und merkte lange nicht, da er
verspottet wurde. Dann suchte er, sich zu erklren, seine einfltige
Frage zu rechtfertigen, darzutun, da er gemeint habe, ob sie alles
mitrechne, auch die Rume unter Wasser, sozusagen die Kellerrume --
kurz, zu beweisen, da es ihm keineswegs an Scharfsinn fehle, und
stimmte schlielich in die Heiterkeit ein, die das Ergebnis dieses
Unternehmens war. Was das Hofschauspiel betraf, so fand Frulein
Spoelmann, indem sie die Lippen rmpfte und ihr Kpfchen hin und her
wandte, da der Vertreterin des naiven Faches eine Kur in Marienbad,
verbunden mit einem Kursus im Tanz- und Anstandsunterricht, nicht warm
genug empfohlen werden knne, whrend dem Heldendarsteller zu bedeuten
sei, da man sich eines Organes von dem Wohllaut des seinen selbst im
Privatleben nur mit uerster Zurckhaltung bedienen sollte ...
unbeschadet ihrer, des Fruleins Spoelmann hoher Achtung vor dem in Rede
stehenden Kunstinstitut.

Klaus Heinrich lachte und staunte, ein kleines Weh im Herzen, ber so
viel Behendigkeit. Wie gut sie sprach, wie scharf und blinkend sie die
Worte fgte! Man plauderte auch von Stcken, von Opern und Schauspielen,
die diesen Winter in Szene gegangen, und Imma Spoelmann widersprach dem
Urteil Klaus Heinrichs, widersprach ihm auf jeden Fall, gerade als
schiene es ihr schimpflich, nicht zu widersprechen, setzte ihn matt im
Handumdrehen mit der lustigen bermacht ihrer Zunge, und ihre groen
schwarzen Augen in dem perlblassen Gesichtchen schimmerten vor Freude am
guten Wort, whrend Herr Spoelmann, schrg zurckgelehnt, die breite
Zigarette zwischen den rasierten Lippen und blinzelnd vor ihrem Rauch,
seine Tochter mit zrtlichem Wohlgefallen betrachtete.

Mehr als einmal empfand Klaus Heinrich in seinem Gesicht die kleine
schmerzliche Verzerrung, die er damals in dem der guten Schwester-Oberin
gesehen, und dennoch glaubte er deutlich zu erkennen, da es nicht Imma
Spoelmanns Meinung war, zu verletzen, da sie den andern nicht als
gedemtigt betrachtete, wenn er ihr nicht Widerpart zu halten vermochte,
da sie vielmehr seine armen Antworten gelten lie, als sei sie der
Ansicht, da er die Wehr des Witzes nicht ntig habe -- nur sie. Aber
wie das und warum? Er mute an berbein denken bei manchen von ihren
Scharfzngigkeiten, an den wortgewandt rodomontierenden Doktor berbein,
der ein Malheur von Geburt war und unter Bedingungen aufgewachsen, die
er die guten nannte. Eine elende Jugend, Einsamkeit und
Ausgeschlossenheit vom Glcke, von der Bummelei des Glcks, man setzte
kein Fett an dabei, man kannte kein Behagen und sah sich scharf und klar
auf seine Fhigkeiten angewiesen, was sicher ein Vorteil vor denen war,
die es nicht ntig hatten. Aber Imma Spoelmann sa weich in ihrem
rotgoldenen Kleide am Tische im Saal, in lssiger Haltung, mit launisch
verwhnten Mienen, sa in ppiger Sicherheit, whrend ihre Rede scharf
ging wie dort, wo es gilt, wo Helligkeit, Hrte und wachsamer Witz zum
Leben geboten sind. Warum doch? Klaus Heinrich bemhte sich innig, das
zu ergrnden, whrend man ber Ozeandampfer und Theaterstcke sprach.
Aufrecht, in unbedingt beherrschter Haltung und ohne sich bequeme
Abspannung zu erlauben, sa er am Tisch, indem er seine linke Hand
verbarg, und manchmal traf ihn ein schief gehssiger Blick aus den Augen
der Grfin Lwenjoul.

Ein Diener erschien und berreichte Herrn Spoelmann auf silberner Platte
ein Telegramm. Herr Spoelmann ri es rgerlich auf, durchlas es
blinzelnd, den Rest einer Zigarette im Mundwinkel, und warf es auf die
Platte zurck mit der kurzen Anordnung: Mister Phlebs. Hierauf zndete
er sich verdrielich eine neue Zigarette an. Frulein Spoelmann sagte:
Das ist, trotz gemessener rztlicher Vorschrift, die fnfte Zigarette,
die du heute nachmittag rauchst. Ich verhehle dir nicht, da die
zgellose Leidenschaft, mit der du dich dem Laster berlt, deinen
grauen Haaren nicht wohlansteht.

Man sah, da Herr Spoelmann zu lachen versuchte, und dann sah man, da
es ihm nicht gelang, da er den starken und scharfen Klang der Worte
nicht ertrug und das Blut ihm zu Kopfe fuhr.

Schweig! knarrte er bitterbse. Du denkst immer, da im Scherze alles
zu sagen erlaubt ist. Aber ich verbitte mir deine Keckheiten, du
Schwtzerin!

Klaus Heinrich blickte erschttert auf Imma, die gro und erschreckt in
ihres Vaters jhzorniges Antlitz sah und dann traurig das dunkle
Kpfchen senkte. Gewi, sie hatte sich ergtzt an den dster groen und
fremden Worten, die sie spttisch handhabte, hatte Heiterkeit zu erregen
erwartet und war nun zufllig so bel angelaufen. Vterchen, aber
kleines Vterchen! sagte sie bittend und ging hin, Herrn Spoelmann die
hitzige Wange zu streicheln. Ach was, murrte er noch, du bist auch
nicht grer. Aber dann lie er sich schmeicheln, bot ihr die Glatze
zum Kusse dar und gab sich zufrieden. Klaus Heinrich erinnerte an die
Glser, als der Friede hergestellt war, und so verlie man den Teetisch
und begab sich hinber in den anstoenden Sammlungssaal, mit Ausnahme
der Grfin Lwenjoul, die sich mit tiefer Verbeugung zurckzog. Herr
Spoelmann lie nebenan die elektrischen Kerzen der Lster erglhen.

Schne Schrnke im Geschmacke des ganzen Schlosses, bauchig und mit
gewlbten Glastren, umstanden abwechselnd mit seidenen Prunksthlen das
ganze Gemach, und sie enthielten Herrn Spoelmanns Kunstglsersammlung.
Ja, das war offenbar die lckenloseste Sammlung beider Welten, und das
Glas, das Klaus Heinrich erworben, war freilich nur ein bescheidenes
Beispielchen daraus. Sie begann in einem Winkel des Saales mit den
frhesten Luxuserzeugnissen des Gewerbezweiges, mit heidnisch bemalten
Funden aus den Kulturen der Urzeit, setzte sich fort ber die
Kunstprodukte des Morgen- und Abendlandes und aller Zeitabschnitte, wies
umkrnzte, verschnrkelte und reichgestaltete Vasen und Kelche aus den
Blsereien Venedigs und kostbare Stcke aus bhmischen Htten auf,
deutsche Humpen, bilderreiche Zunft- und Kurfrstenglser, untermischt
mit fratzenhaften Tiergestaltungen und Scherzgebilden, groe
Kristallpokale, die an das Glck von Edenhall im Liede erinnerten, und
in deren Schliffen das Licht sich prunkend brach, Rubinglser, die
glhten gleich dem Heiligen Gral, und edelste Beispiele endlich fr den
neuesten Aufschwung der Kunst, berzarte Glasblten auf unendlich
gebrechlichen Stielen und Zierglser im modischen Formengeschmack, die
mittels des Dampfes verflchtigter Edelmetalle mit schillerndem
Farbenschmelz berzogen waren. Zu dritt und gefolgt von Perceval, der
ebenfalls zuschaute, ging man langsam auf Teppichen um den Saal, und
Herr Spoelmann erklrte mit knarrender Stimme die Herkunft einzelner
Stcke, indem er sie mit seiner mageren, von der ungestrkten Manschette
halbbedeckten Hand behutsam von den Sammetborden nahm und gegen das
Glhlicht hielt.

Klaus Heinrich hatte bung im Besichtigen, in Erkundigungen und hchst
anerkennenden uerungen, und darum war er imstande, zu gleicher Zeit
ber Imma Spoelmanns Redeweise nachzudenken, ihre seltsame Redeweise,
die ihn schmerzlich beschftigte. Was sie nicht alles sagte mit ihren
vorgeschobenen Lippen! Was fr Worte sie leichthin im Munde fhrte!
Leidenschaft, Laster, wie kam sie dazu, sie zu beherrschen und sich
ihrer so keck zu bedienen? Hatte die Grfin Lwenjoul, die auf verwirrte
Art ebenfalls von solchen Dingen redete und offenbar schreckliche
Einblicke getan hatte, sie nicht als vollkommen unwissend bezeichnet?
Das war zweifellos zutreffend, denn war sie nicht ein Sonderfall von
Geburt wie er, aufgewachsen in Reinheit und Feinheit, ausgeschlossen von
dem Treiben der Leute und unteilhaft der wilden Dinge, die im wirklichen
Leben jenen dster groen Wrtern entsprachen? Aber der Wrter hatte sie
sich bemchtigt und fhrte sie in geschliffener Rede daher, indem sie
sich darber lustig machte. Ja, so war es: dies scharfe und se
Geschpf in seinem rotgoldenen Kleide, es lebte in Redensarten, es
kannte vom Leben nicht mehr als die Worte, es spielte mit den ernstesten
und furchtbarsten wie mit bunten Steinen und begriff nicht, wenn es
rgernis damit erregte! -- Klaus Heinrichs Herz war voller Mitgefhl,
whrend er dies bedachte.

Es war fast sieben Uhr, als er bat, nach seinem Wagen zu schicken --
etwas beunruhigt ber sein langes Verweilen in Hinsicht auf den Hof und
das Publikum. Sein Aufbruch rief einen neuen furchtbaren Anfall
Percevals, des Colliehundes, hervor. Jede Vernderung oder Unterbrechung
eines Zustandes schien das edle Tier um sein seelisches Gleichgewicht zu
bringen. Bebend, mit rasendem Gebell und jeder Beschwichtigung
unzugnglich, strmte er durch die Gemcher, die Vorhalle und die Treppe
auf und nieder, so da die Abschiedsworte im Lrm erstarben. Der Butler
erwies dem Prinzen die Honneurs bis hinunter in den Flur mit den
Gtterbildern. Herr Spoelmann begleitete ihn keineswegs. Frulein
Spoelmann machte den Satz verstndlich: Ich halte mich versichert, da
der Aufenthalt im Schoe unserer Familie Sie mit Entzcken erfllt hat,
Prinz. Und es war ungewi, ob ihr Spott der Redensart im Schoe
unserer Familie oder der Sache selber galt. Jedenfalls wute Klaus
Heinrich ihr fast nichts zu erwidern. In einen Winkel seines Coups
gelehnt, ein wenig wund und zerschlagen, aber auch erfrischt von der
ungewohnten Behandlung, die ihm widerfahren, fuhr er heim, durch den
dunklen Stadtgarten nach Eremitage, kehrte zurck in seine enthaltsamen
Empirestuben, woselbst er mit den Herren von Schulenburg-Tressen und
Braunbart-Schellendorf zu Abend speiste. Am folgenden Tage las er den
Vermerk des Eilboten. Er lautete einfach dahin, da gestern Seine
Knigliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich auf Schlo Delphinenort den Tee
genommen und die berhmte Kunstglsersammlung des Herrn Spoelmann in
Augenschein genommen habe.

Und Klaus Heinrich fuhr fort, sein unsachliches Leben zu fhren und
seinen hohen Beruf zu ben. Er sprach seine gndigen Worte, vollfhrte
seine Handbewegungen, reprsentierte bei Hofe und auf dem Ballfest beim
Konseilprsidenten, erteilte Freiaudienzen, frhstckte in der
Offiziersspeiseanstalt der Leibgrenadiere, zeigte sich im Hoftheater und
schenkte dieser und jener Ortschaft des Landes seine festliche
Anwesenheit. Lchelnd und mit geschlossenen Abstzen waltete er der Form
und tat in unbedingt gefater Haltung seine schwierige Pflicht, obwohl
er zu dieser Zeit ber so manches nachzudenken hatte, ber den hitzigen
Herrn Spoelmann, die verwirrte Grfin Lwenjoul, den tollen Percy und
namentlich auch ber Imma, die Tochter des Hauses. Manche Frage, die
sein erster Besuch in Delphinenort ihm aufgegeben, war er jetzt noch
nicht zu beantworten in der Lage, sondern erhielt die Lsung erst im
weiteren Laufe des Verkehrs mit dem Hause Spoelmann, den er unter
angespannter und schlielich fieberhafter Teilnahme der ffentlichkeit
aufrechterhielt, und der seine nchste Fortsetzung damit fand, da der
Prinz eines Tages in aller Morgenfrhe zum Erstaunen der Herrschaft, der
Dienerschaft und seiner selbst, ja, gewissermaen willenlos und wie vom
Schicksal ergriffen, allein und zu Pferd auf Delphinenort erschien, um
das Frulein, das er obendrein in seinen mathematischen Studien strte,
zu einem Spazierritt abzuholen.

Die Macht des Winters war frh gebrochen in diesem auf immer
denkwrdigen Jahr. Nachdem der Januar mild vergangen, setzte schon Mitte
Februar mit Vogelsang, Sonnengold und sen Lften ein Vorfrhling ein,
und als Klaus Heinrich am Morgen des ersten von diesen hoffnungsvollen
Tagen auf Schlo Eremitage in seinem alten und gerumigen Mahagonibett
erwachte, von dessen einem Pfosten die kugelfrmige Bekrnung
abgebrochen und verlorengegangen war, fhlte er sich wie von starker
Hand berhrt und unwiderstehlich zu frischen Taten aufgefordert.

Er zog die Klingel nach Neumann (denn es gab nur Klingelzge auf
Eremitage) und erteilte Weisung, da binnen einer Stunde Florian
gesattelt sein mge. Ob auch fr den Lakaien ein Pferd bereitgemacht
werden solle? Nein, nicht ntig; Klaus Heinrich erklrte, allein reiten
zu wollen. Dann gab er sich zur morgendlichen Herstellung in Neumanns
gewissenhafte Hnde, frhstckte drunten im Gartenzimmer mit Ungeduld
und stieg am Fue der kleinen Terrasse zu Pferde. Die gespornten
Reitstiefel in den Steigbgeln, in der braun behandschuhten Rechten die
gelbledernen Zgel und die Linke unter dem offenen Mantel in die Hfte
gestemmt, ritt er im Schritt durch den zarten Morgen, indem er ber sich
im noch nackten Gezweig die Vgel suchte, deren Zwitschern er hrte. Er
ritt durch den ffentlichen Teil seines Parks, durch den Stadtgarten und
den Grund von Delphinenort. Halb zehn Uhr kam er an. Die berraschung
war gro.

Am Hauptportal bergab er Florian einem englischen Stallknecht. Der
Butler, der in Hausstandsgeschften quer durch die Halle mit dem
Mosaikfuboden kam, stand still und entgeistert, als er Klaus Heinrich
gewahrte. Auf die Frage, die der Prinz mit heller und gleichsam
bermtiger Stimme nach den Damen tat, antwortete er berhaupt nicht,
sondern wandte sich ratlos der Marmortreppe zu, blickte stumm von Klaus
Heinrich hinauf zu ihrer Hhe; denn dort stand Herr Spoelmann.

Wie es schien, so hatte er krzlich sein Frhstck beendet und befand
sich in behaglicher Laune. Er hielt die Hnde in die Hosentaschen
versenkt, wobei er den Hausflaus, den er trug, von der Sammetweste
zurckraffte, und der bluliche Rauch der Zigarette zwischen seinen
Lippen machte ihn blinzeln. Na, junger Prinz? sagte er und schaute
hinunter...

Klaus Heinrich eilte salutierend auf dem roten Lufer die Stufen hinan.
Ihm war, als ob nur durch Schnelligkeit und sozusagen im Sturm das
Ungeheuerliche der Lage zu bewltigen sei.

Sie werden erstaunt sein, Herr Spoelmann, sagte er -- zu dieser
Stunde... Er war auer Atem und erschrak sehr darber: so wenig war er
dieses Zustandes gewohnt.

Herr Spoelmann antwortete ihm durch Miene und Schultergebrde, da er
sich zu fassen wisse, immerhin aber auf eine Erklrung begierig sei.

Es handelt sich um eine Verabredung... sagte Klaus Heinrich. Er stand
zwei Stufen unter dem Milliardr und sprach zu ihm hinauf. Eine
Verabredung zum Spazierritt zwischen Frulein Imma und mir ... Ich habe
versprochen, den Damen die Fasanerie oder den Hofjger zu zeigen ...
Frulein Imma kennt fast nichts von der Umgegend, wie sie mir gesagt
hat. Am ersten schnen Tage war vereinbart ... Nun ist es so schn heute
... Es ist natrlich Ihre Zustimmung erforderlich...

Herr Spoelmann hob die Schultern und machte einen Mund dazu, als wollte
er sagen: Zustimmung -- wieso?

Meine Tochter ist erwachsen, sagte er. Ich pflege ihr nicht
dreinzureden. Reitet sie, so reitet sie. Aber ich glaube, sie hat keine
Zeit. Mssen sich selbst erkundigen. Da drinnen sitzt sie. Und Herr
Spoelmann wies, indem er beiseitetrat, mit dem Kinn nach der Teppichtr,
durch die Klaus Heinrich schon einmal geschritten war.

Danke! sagte Klaus Heinrich. Ja, dann gehe ich selbst. Und er
erstieg vollends die Treppe, schlug mit entschlossener Bewegung den
gewirkten Vorhang auseinander und stieg die Stufen hinab in den
durchsonnten, von Pflanzenduft erfllten Wintergarten.

Vor dem rieselnden Brunnen und dem Wasserbecken mit den knstlich
gefiederten Enten sa Imma Spoelmann, indem sie dem Eintretenden fast
vllig den Rcken zuwandte, ber ein Tischchen gebeugt. Ihr Haar war
aufgelst. Blauschwarz und glnzend flo es zu beiden Seiten von ihrem
Scheitel hinab, verhllte ihren Oberkrper und lie nichts erkennen, als
einen Schatten von dem stumpfen und kindlichen Viertelsprofil ihres
Gesichtchens, das bleich wie Elfenbein gegen die Finsternis des Haares
erschien. So eingehllt gab sie sich ihren Studien hin, bearbeitete die
Aufzeichnungen eines neben ihr liegenden Kollegheftes, indem sie die
Lippen auf den schmalen Rcken ihrer Linken gesenkt hielt und mit
durchgedrcktem Zeigefinger den Fllfederhalter fhrte.

Auch die Grfin war anwesend, ebenfalls mit Schreiben beschftigt. Sie
sa in einiger Entfernung unter der Palmengruppe, wo Klaus Heinrich
zuerst mit ihr geplaudert, und schrieb aufrecht, mit zur Seite geneigtem
Kopfe, auf Briefbogen, von denen ein Huflein, dicht bekritzelt, neben
ihr lag. Das Klirren von Klaus Heinrichs Sporen lie sie aufsehen. Sie
blickte ihn zwei Sekunden lang, den langen, spindelfrmigen Federhalter
in der Hand, mit gekniffenen Augen an; dann erhob sie sich zur
Verbeugung. Imma, sagte sie. Seine Knigliche Hoheit Prinz Klaus
Heinrich ist da.

Frulein Spoelmann wandte sich rasch auf ihrem Korbsessel, schttelte
ihr Haar zurck und sah den Eindringling mit groen, erschrockenen Augen
an, ohne zu sprechen, bis Klaus Heinrich mit militrischem Gru den
Damen einen guten Morgen geboten hatte. Dann sagte sie mit ihrer
gebrochenen Stimme: Auch Ihnen guten Morgen, Prinz. Sie kommen aber zu
spt zum ersten Frhstck. Wir sind lngst fertig.

Klaus Heinrich lachte.

Nun, es ist gut, sagte er, da beide Teile gefrhstckt haben. Denn
so knnen wir ja ungesumt reiten.

Reiten?

Ja, unserer Verabredung gem.

Unserer Verabredung?

Nein, Sie drfen das nicht vergessen haben! sagte er bittend. Habe
ich nicht versprochen, Ihnen die Umgegend zu zeigen? Wollten wir nicht
zusammen reiten bei schnem Wetter? Nun, der Tag ist herrlich. Sehen Sie
hinaus...

Der Tag ist nicht bel, sagte sie, aber Sie finde ich strmisch,
Prinz. Ich kann mich erinnern, da etwas von Reiten in Aussicht genommen
wurde -- aber doch nicht in so nahe? Wie wre es denn wenigstens mit
einer kleinen Benachrichtigung, einer Anfrage gewesen, wenn Euere Hoheit
das Wort genehmigen? Sie werden mir einrumen, da ich so nicht wohl in
die Umgegend reiten kann.

Und sie stand auf, um ihr Morgenkleid zu zeigen, das aus einem
taillenlosen Flu von schillernder Seide und einem offenen grnsamtenen
Jckchen bestand.

Nein, sagte er, leider, das knnen Sie leider nicht. Aber ich warte
hier, whrend die Damen sich umkleiden. Es ist ja frh...

Ausnehmend frh. Aber zweitens ging ich eben ein wenig meiner harmlosen
Beschftigung nach, wie Sie sahen. Ich habe um elf Uhr Kolleg.

Nein, rief er, heute drfen Sie keine Algebra treiben, Frulein Imma,
oder im luftleeren Raume spielen, wie Sie es nennen! Sehen Sie doch die
Sonne!... Darf ich...? Und er trat zum Tischchen und nahm das
Kollegheft zur Hand.

Was er sah, war sinnverwirrend. In einer krausen, kindlich dick
aufgetragenen Schrift, die Imma Spoelmanns besondere Federhaltung
erkennen lie, bedeckte ein phantastischer Hokuspokus, ein Hexensabbat
verschrnkter Runen die Seiten. Griechische Schriftzeichen waren mit
lateinischen und mit Ziffern in verschiedener Hhe verkoppelt, mit
Kreuzen und Strichen durchsetzt, ober- und unterhalb wagrechter Linien
bruchartig aufgereiht, durch andere Linien zeltartig berdacht, durch
Doppelstrichelchen gleichgewertet, durch runde Klammern zu groen
Formelmassen vereinigt. Einzelne Buchstaben, wie Schildwachen
vorgeschoben, waren rechts oberhalb der umklammerten Gruppen ausgesetzt.
Kabbalistische Male, vollstndig unverstndlich dem Laiensinn, umfaten
mit ihren Armen Buchstaben und Zahlen, whrend Zahlenbrche ihnen
voranstanden und Zahlen und Buchstaben ihnen zu Hupten und Fen
schwebten. Sonderbare Silben, Abkrzungen geheimnisvoller Worte, waren
berall eingestreut, und zwischen den nekromantischen Kolonnen standen
geschriebene Stze und Bemerkungen in tglicher Sprache, deren Sinn
gleichwohl so hoch ber allen menschlichen Dingen war, da man sie lesen
konnte, ohne mehr davon zu verstehen als von einem Zaubergemurmel.

Klaus Heinrich sah auf zu der kleinen Gestalt, die in schillerndem
Kleide, behangen von den schwarzen Gardinen ihres Haares, neben ihm
stand und in deren fremdartigem Kpfchen dies alles Sinn und hohes,
spielendes Leben hatte. Er sagte: Und ber diesen gottlosen Knsten
wollen Sie den schnen Vormittag versumen?

Sie blickte ihn eine Weile befremdet, mit groen, redenden Augen an.
Dann erwiderte sie mit vorgeschobenen Lippen: Es scheint, da Euere
Hoheit sich schadlos halten will fr den Mangel an Verstndnis, der hier
neulich in Hinsicht auf Ihren eigenen Beruf zum Ausdruck kam.

Nein, sagte er, nein, nicht so! Ich gebe Ihnen mein Wort, da ich
Ihrem Studium die hchste Ehrfurcht entgegenbringe. Es ngstigt mich,
das gebe ich zu, ich habe niemals etwas davon begriffen. Und auch das
gebe ich zu, da ich es heute ein wenig verabscheue, weil es uns soll
hindern drfen, zu reiten...

Oh, ich bin es nicht allein, die Sie aus ihrer Ttigkeit reien, Prinz!
Da ist drittens die Grfin. Sie schrieb. Sie zeichnet ihre
Lebenserinnerungen auf, nicht fr die Welt, aber fr den engeren
Gebrauch, und ich will mich verbrgen, da ein Werk daraus wird, woraus
sowohl Sie, Prinz, wie ich, viel Neues werden lernen knnen.

Ich bin dessen ganz sicher. Aber ebenso sicher bin ich, da die Frau
Grfin nicht fhig ist, Ihnen, Frulein Imma, eine Bitte abzuschlagen.

Und mein Vater? Wir sind beim vierten Bedenken. Sie kennen den
Tigersinn meines Vaters. Wird er seine Einwilligung geben?

Er hat sie gegeben. 'Reitet sie, so reitet sie', das sind seine
Worte...

Sie haben sich seiner im voraus versichert? Nun fange ich an, Ihre
Umsicht zu bewundern, Prinz. Sie sind wie ein Feldherr vorgegangen,
obgleich Sie nicht wirklich Soldat sind, sondern nur zum Schein, wie Sie
uns neulich erzhlten. Aber es ist noch ein fnfter Gegenstand da, und
der ist ausschlaggebend. Es wird regnen.

Nein, das ist hinfllig, was Sie da sagen. Der Himmel strahlt...

Es wird regnen. Die Luft ist viel zu weich. Ich habe es festgestellt,
als wir vorm Frhstck im Quellengarten waren. Kommen Sie zum Barometer,
wenn Sie mir nicht glauben. In der Halle hngt es...

Wirklich traten sie hinaus in die Teppichhalle, wo neben dem Marmorkamin
ein groes Wetterglas hing. Auch die Grfin schlo sich an. Klaus
Heinrich sagte: Es ist gestiegen.

Euere Hoheit belieben sich zu irren, antwortete Frulein Spoelmann.
Die Parallaxe tuscht Sie.

Das verstehe ich nicht.

Die Parallaxe fhrt Sie irre.

Ich wei nicht, was das ist, Frulein Imma. Es ist wie mit den
Adirondacks. Ich habe nicht viel gelernt, das hngt mit meiner Art von
Dasein zusammen. Sie mssen Nachsicht haben.

Oh, ich bitte um gndigste Entschuldigung. Ich htte mich erinnern
mssen, da man volkstmlich mit Euerer Hoheit zu reden hat. Sie stehen
schief vor dem Zeiger, darum scheint er Ihnen gestiegen. Wenn Sie sich
entschlieen wrden, genau davor zu treten, so wrden Sie sehen, da der
schwarze keineswegs ber den goldenen hinausgegangen, sondern sogar ein
bichen zurckgewichen ist...

Ich glaube wahrhaftig, Sie haben recht, sagte Klaus Heinrich betrbt.
Und also ist der Luftdruck doch hher, als ich dachte!

Er ist niedriger, als Sie dachten.

Wenn das Quecksilber gefallen ist?

Das Quecksilber fllt bei niedrigem Druck und nicht bei hohem,
Knigliche Hoheit.

Nun verstehe ich gar nichts mehr.

Ich glaube, Prinz, Sie bertreiben Ihre Unwissenheit in scherzhafter
Weise, um die Grenzen derselben zu verwischen. Aber da der Luftdruck so
hoch ist, da das Quecksilber fllt, was freilich auf eine schwere
Verirrung der Natur deutet, so wollen wir denn reiten, Grfin -- was
meinen Sie? Ich will es nicht verantworten, den Prinzen wieder
heimzuschicken, da er einmal gekommen ist. Er mge sich da drinnen
gedulden, bis wir fertig sind...

Als Imma Spoelmann und die Grfin in den Wintergarten zurckkehrten,
waren sie zum Reiten gekleidet, Imma in ein geschlossenes schwarzes
Wollkleid mit Brusttaschen und einem Dreispitz aus schwarzem Filz dazu,
die Grfin in schwarzes Tuch mit einem gestrkten Herren-Vorhemd und
hohem Hut. Sie gingen miteinander die Treppe hinunter, durch die
Mosaikhalle, und traten ins Freie hinaus, wo zwischen dem Sulenportal
und dem groen Bassin zwei Stallknechte mit den Pferden warteten. Sie
saen aber noch nicht im Sattel, als mit einem hohen und jaulenden
Geheul, das der Ausdruck seiner uersten Leidenschaft war, Perceval,
der Colliehund, geifernd und an wtender Schnellkraft einer Windsbraut
gleich, aus dem Schlosse brauste und um die Pferde, die unruhig die
Kpfe warfen, einen tobenden Drehtanz zu vollfhren begann.

Da haben wir's, sagte Imma im Lrm und klopfte der scheuenden Fatme
den Hals. Es war ihm nicht zu verheimlichen. Im letzten Augenblick hat
er alles entdeckt. Nun kommt er mit, und zwar nicht ohne Aufhebens von
der Sache zu machen. Stehen wir ab von unserem Beginnen, Prinz?

Aber obgleich Klaus Heinrich verstand, da man ebensogut den Bedienten
mit einer silbernen Drommete sich htte knnen voranreiten lassen, damit
er durch sein Getn die Teilnahme der ffentlichkeit an diesem Ausritt
erzwinge, so sagte er doch trotzig und froh, da Perceval nur mitkommen
mge; er gehre dazu und msse auch seinerseits die Umgegend
kennenlernen.

Wohin nun also? fragte Imma, als es im Schritt durch die breite
Kastanienzufahrt ging. Sie ritt zwischen Klaus Heinrich und der Grfin.
Perceval lrmte voran.

Der englische Reitknecht, mit Rosettenhut und gelben Stulpen, folgte in
gemessener Entfernung.

Der Hofjger ist hbsch, antwortete Klaus Heinrich, aber zur
Fasanerie ist es ein bichen weiter, und wir haben ja Zeit bis zum
Frhstck. Ich wrde den Damen das Schlo gern zeigen. Ich habe da als
Knabe drei Jahre verlebt. Es war ein Konvikt, wissen Sie, mit Lehrern
und Mitschlern. Ich habe dort meinen Freund berbein kennengelernt,
Doktor berbein, meinen liebsten Lehrer.

Sie haben einen Freund? fragte Frulein Spoelmann gewissermaen
erstaunt und sah ihn an. Von dem mssen Sie mir einmal erzhlen, fgte
sie hinzu. Und auf Schlo Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann
mssen wir es sehen, denn das ist offenbar auch Ihre berzeugung. Trab!
sagte sie, da man in einen erdigen Reitweg eingelenkt war. Da liegt
Ihre Einsiedelei, mein Prinz ... Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in
hinlnglichen Mengen vorhanden ... Ich denke, wir lassen den
Quellengarten hbsch seitwrts liegen, wenn es sich machen lt.

Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verlieen sie die Parkgegend und
trabten querfeldein, um die Landstrae zu gewinnen, die in
nordwestlicher Richtung zu dem gesetzten Ziele fhrte. Im Stadtgarten
waren sie von einigen Spaziergngern begrt und bestaunt worden, wofr
Klaus Heinrich, die Hand am Mtzenschirme, Imma Spoelmann mit
ernsthaften und ein wenig befangenen Neigungen ihres schwarzbleichen
Kpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun waren sie im Freien und
brauchten keiner Begegnungen mehr gewrtig zu sein. Auf der Chaussee zog
dann und wann ein buerliches Fuhrwerk dahin, oder ein Radfahrer
arbeitete sich gebckt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der
Strae im Wiesengelnde, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval
tnzelte rckwrts vor den Pferden her, bestndig in Unrast und
fiebriger Erwartung, bestndig in drehender, trippelnder, wedelnder
Bewegung -- sein Atem flog, seine Zunge hing lang aus dem geifernden
Rachen, und manchmal lste die unvernnftige Qual seiner Nerven sich in
kurzen, seufzerartigen Schreien. Spter toste er im Weiten, verfolgte
mit aufgerichteten Ohren in hohen und kurzen Sprngen irgendein
Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd einem flchtigen Hasen
nach, whrend sein ausgelassenes Gebell unter dem offenen Himmel
verhallte.

Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher Nhe
sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulsen Hals trug
Fatme hoffrtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden Augen;
sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen wallenden
Silberschweif. Wei wie der Mondstrahl, war sie wei gesattelt und
gegrtet und mit weiem Leder gezumt. Florian, ein etwas schlfriger
Brauner mit kurzem Rcken, gestutzter Mhne und gelben Fesselbinden,
erschien hausbacken wie ein Esel neben der vornehmen Fremden, obgleich
er sorgfltig gehalten war. Die Grfin Lwenjoul ritt eine groe Falbe
namens Isabeau. Sie sa vortrefflich zu Pferde, untersttzt von ihrer
hohen und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt
sie zur Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen.
Klaus Heinrich richtete hinter Frulein Spoelmanns Rcken das Wort an
sie, indem er sich im Sattel rckwrts bog; aber sie antwortete nicht,
fuhr vielmehr fort, mit halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften
Ausdruck kurz vor sich hinzublicken, und Imma sagte: Lassen wir die
Grfin, Prinz, sie ist zerstreut.

Ich will nicht hoffen, sagte er, da die Frau Grfin sich uns
widerwillig angeschlossen hat. Und er war aufrichtig bestrzt, als Imma
Spoelmann gelassen antwortete: Die Wahrheit zu sagen, das knnte sein.

Ihrer Aufzeichnungen wegen? fragte er.

Ach, die Aufzeichnungen. Die sind so dringlich nicht und mehr ein
Zeitvertreib -- obgleich ich mir unterderhand manches Lehrreiche davon
verspreche. Aber ich will Ihnen nicht verschweigen, Prinz, da die
Grfin nicht sonderlich gut auf Sie zu sprechen ist. Sie hat sich mir
gegenber in diesem Sinne geuert. Sie seien hart und streng, sagte
sie, und htten erkltend auf sie gewirkt.

Klaus Heinrich war errtet.

Ich wei wohl, sagte er leise, indem er auf seine Zgel niederblickte,
da ich nicht erwrmend wirke, Frulein Imma, oder doch hchstens von
weitem ... Auch das hngt mit meiner Art von Dasein zusammen, wie ich
sagte. Aber ich bin mir nicht bewut, gegen die Grfin hart und streng
gewesen zu sein.

Nicht mit Worten wahrscheinlich, erwiderte sie. Aber Sie haben ihr
nicht erlaubt, sich ein bichen gehen zu lassen, haben ihr nicht die
Wohltat gegnnt, ein wenig zu schwatzen, -- darum ist sie Ihnen gram--,
und ich wei auch wohl, wie Sie das gemacht haben, wie Sie es der Armen
schwer gemacht und sie erkltet haben -- sehr wohl, wiederholte sie und
wandte sich ab.

Klaus Heinrich schwieg. Er hielt seine linke Hand in die Hfte gestemmt,
und seine Augen waren mde.

Sie wissen es? sagte er dann. Und also wirke ich wohl auch auf Sie
erkltend, Frulein Imma?

Ich ermahne Sie, antwortete sie, ohne sich zu besinnen, mit ihrer
gebrochenen Stimme und wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Kpfchen hin
und her, die Wirkung, die Sie auf mich ausben, auf keine Weise zu
berschtzen, Prinz. Und pltzlich lie sie Fatme zum Galopp ansetzen
und flog in solcher Geschwindigkeit ber das Blachfeld dahin und der
dunklen Masse des fernen Kiefernwaldes entgegen, da weder die Grfin
noch Klaus Heinrich sich bei ihr zu halten vermochten. Erst am Rande des
Gehlzes, durch welches auch die Landstrae lief, machte sie halt und
wandte ihr Tier, um den Nachsetzenden mit spttischer Miene
entgegenzusehen.

Grfin Lwenjoul auf der groen Isabeau war die erste, die sich zu der
Flchtigen fand. Dann kam Florian, schnaubend und tief verdutzt ber die
ungewohnte Zumutung. Man lachte und atmete rasch, whrend man in den
hallenden Wald hineinritt. Die Grfin war wach geworden und plauderte
lebhaft, mit frischen, vornehmen Bewegungen und ihre weien Zhne
zeigend. Scherzend redete sie auf Perceval hinab, dessen Inneres durch
den Gewaltritt aufs neue zerrissen war und der sich wtend vor den
Pferden zwischen den Stmmen drehte.

Knigliche Hoheit, sagte sie, sollten ihn springen sehen ...
voltigieren ... Er nimmt Grben und Bche von sechs Meter Breite, und
zwar mit einer Schnheit und Leichtigkeit, da es entzckend ist. Aber
nur eigenwillig, wohlgemerkt, aus freien Stcken, denn eher, glaube ich,
liee er sich totschlagen, als da er sich irgendwelcher Dressur
unterzge und befohlene Kunststcke ausfhrte. Er hat, mchte ich sagen,
die Dressur und Zucht in sich selbst, von Geburt, und wenn er ungebrdig
ist, so ist er doch niemals roh. Das ist ein Freiherr, ein Edelmann,
wohlgeboren und vom strengsten Charakter. Oh, er ist stolz, er scheint
wohl toll, aber er wei sich zu beherrschen. Niemand hat ihn im Schmerze
je schreien hren, sei es bei Verletzungen oder bei Zchtigungen. Auch
nimmt er nur Nahrung, wenn er Hunger hat, und verschmht im anderen
Falle die leckersten Bissen. Morgens erhlt er Rahm ... man mu ihn
nhren. Er verzehrt sich von innen, er ist mager unter seinem seidenen
Fell, da man alle Rippen fhlt, und man mu leider gewrtigen, da er
nicht alt werden, sondern frhzeitig der Schwindsucht zum Opfer fallen
wird ... Das Gesindel verfolgt ihn, es drngt sich an ihn und hat es auf
ihn abgesehen auf allen Gassen; aber wild und ohne sich gemein zu
machen, entspringt er, und nur wenn man zu Feindseligkeiten bergeht, so
teilt er mit seinen prchtigen Zhnen Bisse aus, an die der Pbel sich
erinnern mag. Soviel Ritterlichkeit im Bunde mit soviel Reinheit ist
liebenswert.

Imma stimmte dem zu mit Worten, die das Wirklichste und zweifellos
Ernsteste waren, was Klaus Heinrich bisher aus ihrem Munde vernommen.

Ja, sagte sie, Percy, du bist mein guter Freund, ich werde immer zu
dir halten. Jemand, ein Kundiger, hat ihn fr geisteskrank erklrt, das
komme bei edlen Hunden nicht selten vor, und hat uns geraten, ihn tten
zu lassen, weil er unmglich sei und uns jeden Tag zur Verzweiflung
bringen werde. Aber ich lasse mir meinen Percy nicht nehmen. Er ist
unmglich, ja, und manches Mal schwer zu ertragen; aber bei alledem ist
er rhrend und brav und hat meine volle Zuneigung.

Hierauf sprach auch die Grfin noch dies und das ber des Collies Natur,
aber es wurde bald wirr und sonderbar, was sie sagte, ging in ein
Selbstgesprch mit lebhaftem und elegantem Gestenspiel ber; und nachdem
sie zuletzt einen gekniffenen Blick zu Klaus Heinrich hinbergesandt,
verfiel sie aufs neue in Abwesenheit.

Klaus Heinrich fhlte sich froh und getrstet, sei es durch den scharfen
Ritt -- bei dem er sich brigens weidlich hatte zusammennehmen mssen,
da er zwar gut und ansprechend zu Pferde sa, aber eigentlich, schon
seiner linken Hand wegen, kein sehr sicherer Reiter war--, sei es aus
anderem Grunde. Als sie das Nadelgehlz verlassen hatten und auf der
stillen Landstrae zwischen Wiesen und gefurchten ckern hin und dann
und wann an einem Bauerngehft, einer lndlichen Wirtschaft vorber, im
Schritt der nchsten Waldung entgegenritten, fragte er gedmpft: Wollen
Sie nicht Ihr Versprechen einlsen und mir von der Grfin erzhlen,
Frulein Imma? Wie ist sie Ihre Gesellschaftsdame geworden?

Sie ist meine Freundin, antwortete sie, und in gewisser Weise auch
meine Lehrerin, obgleich sie erst zu uns kam, als ich schon erwachsen
war. Das war vor drei Jahren, in Neuyork, und die Grfin war damals in
schrecklicher Lebenslage. Sie war am Verhungern, sagte Imma Spoelmann,
und indem sie es sagte, richtete sie ihre groen, schwarzen Augen mit
einem forschenden und entsetzten Ausdruck auf Klaus Heinrich.

Wirklich am Verhungern? fragte er und erwiderte ihren Blick ...
Bitte, erzhlen Sie weiter!

Ja, das sagte ich auch, damals, als sie zu uns kam, und obgleich ich
natrlich wohl sah, da ihr Verstand nicht in Ordnung war, so machte sie
doch so groen Eindruck auf mich, da ich meinen Vater veranlate, sie
mir zur Gesellschaft zu geben.

Wie kam sie nach Amerika? -- Ist sie Grfin von Geburt? fragte Klaus
Heinrich.

Nicht Grfin, aber von Adel und in guten und sanften Verhltnissen
aufgewachsen, behtet und geschtzt vor allen Winden, wie sie mir
erzhlte, schon weil sie von Kind auf innerlich zart und verletzlich und
schonungsbedrftig gewesen sei. Aber dann ging sie ihre Ehe ein mit dem
Grafen Lwenjoul, Offizier, Reiterhauptmann -- und das war ein etwas
eigenartiger Aristokrat, ihren Erzhlungen nach -- nicht ganz
mustergltig, um mich gelinde auszudrcken.

Wie mag er gewesen sein... fragte Klaus Heinrich.

Ja, Prinz, genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Sie mssen in Erwgung
ziehen, da die Grfin eine etwas dunkle Art zu erzhlen hat. Aber ihren
Andeutungen nach zu urteilen, mu er ein so wilder und schamloser Mensch
gewesen sein, wie man es sich nur schwerlich vorzustellen vermag, so ein
Wstling, wissen Sie...

Ja, ich wei߫, sagte Klaus Heinrich; was man einen Bruder Liederlich
nennt, einen lockeren Zeisig oder Lebemann, von dieser Art.

Gut, sagen wir Lebemann -- aber in der ausschweifendsten und
grenzenlosesten Bedeutung, denn nach den Andeutungen der Grfin zu
schlieen, gibt es berhaupt keine Grenzen in dieser Richtung...

Nein, den Eindruck habe ich auch, sagte Klaus Heinrich. Ich habe
mehrere Leute dieses Schlages gekannt -- verfluchte Kerle, wie man wohl
sagt. Von einem ist mir zu Ohren gekommen, da er in seinem Automobil,
und zwar in voller Fahrt, Liebesverhltnisse anzuknpfen pflegt.

Haben Sie das von Ihrem Freunde berbein?

Nein, von anderer Seite. berbein wrde es nicht fr passend halten,
mich solche Einblicke tun zu lassen.

Dann mu er ein unntzer Freund sein, Prinz.

Wenn ich Ihnen mehr von ihm erzhle, Frulein Imma, so werden Sie ihn
schtzen lernen. Aber bitte, fahren Sie fort!

Nun, ich wei nicht, ob Lwenjoul es machte wie Ihr Lebemann.
Jedenfalls trieb er es arg...

Ich kann mir denken, da er spielte und trank.

Allerdings, das ist anzunehmen. Und auerdem knpfte er natrlich auch
Liebesverhltnisse an, wie Sie sagen, betrog die Grfin mit lasterhaften
Weibern, von denen es berall sehr viele gibt -- anfangs hinter ihrem
Rcken und dann nicht einmal mehr hinter ihrem Rcken, sondern frech und
offen und ohne Mitleid mit ihrem Kummer.

Sagen Sie mir aber: warum war sie die Ehe mit ihm eingegangen?

Das hatte sie gegen den Willen ihrer Eltern getan, weil sie verliebt in
ihn war, wie sie mir sagte. Denn erstens war er ein schner Mann, als
sie ihn kennenlernte -- spter verkam er auch uerlich. Aber zweitens
ging ihm der Ruf eines Lebemannes voraus, und das mu, ihren uerungen
nach, eine gewisse, unwiderstehliche Anziehung auf sie ausgebt haben,
denn obgleich sie so behtet und geschtzt gewesen war, ist sie in dem
Entschlusse, das Leben mit ihm zu teilen, nicht zu erschttern gewesen.
Wenn man darber nachdenkt, so kann man es verstehen.

Ja, sagte er, ich kann es verstehen. Sie wollte gleichsam stbern,
wollte alles kennenlernen. Und da wehte ihr nun tchtig der Wind um die
Nase.

So kann man sagen. Wiewohl der Ausdruck mir etwas zu lustig scheint fr
das, was sie kennenlernte. Ihr Mann mihandelte sie.

Wollen Sie sagen, da er sie schlug?

Ja, er mihandelte sie krperlich. Aber nun kommt etwas, Prinz, wovon
auch Sie noch nicht gehrt haben werden. Sie hat mir zu verstehen
gegeben, da er sie nicht nur im Zorn mihandelte, nicht nur in Wut und
Streit, sondern auch ohne solche Veranlassung, lediglich zu seinem
Vergngen, das heit dergestalt, da die Mihandlungen abscheulichen
Liebkosungen gleichkamen.

Klaus Heinrich schwieg. Sie waren beide sehr ernst. Endlich fragte er:
Hatte die Grfin Kinder?

Ja, zwei. Sie starben ganz frh, beide in den ersten Wochen, und das
ist wohl das Schwerste gewesen, was die Grfin erlebte. Ihren
Andeutungen zufolge ist es nmlich die Schuld der lasterhaften Weiber
gewesen, mit denen ihr Mann sie betrog, da die Kinder gleich wieder
sterben muten.

Sie schwiegen wieder, mit grbelnden Augen.

Nebenbei, fuhr Imma Spoelmann fort, vergeudete er im Spiel und mit
den Weibern ihre Mitgift, die ansehnlich gewesen war, und nach dem Tode
ihrer Eltern auch ihr ganzes Erbe. Verwandte von ihr halfen ihm noch
einmal aus, als er nahe daran war, seiner Schulden wegen den Dienst
quittieren zu mssen. Aber dann kam eine Geschichte, etwas ganz
Ausschreitendes und Anstiges, worein er verwickelt war und was ihn
vollends aus dem Sattel hob.

Was mag das gewesen sein? fragte Klaus Heinrich.

Ich kann es Ihnen nicht mit Bestimmtheit sagen, Prinz. Aber nach allem,
was die Grfin darber verlauten lt, war es ein rgernis der uersten
Art -- wir kamen ja schon berein, da es berhaupt keine Grenzen gibt
in dieser Richtung.

Und da ging er nach Amerika?

Erraten, Prinz. Ich kann nicht umhin, Ihren Scharfsinn zu bewundern.

Ach, Frulein Imma, erzhlen Sie weiter! Ich habe nie so etwas gehrt
wie die Geschichte der Grfin...

Das hatte ich auch nicht; und darum knnen Sie sich denken, welchen
Eindruck sie auf mich machte, als sie zu uns kam. Graf Lwenjoul also,
dem die Polizei auf den Fersen war, ward flchtig nach Amerika, unter
Hinterlassung bedeutender Schulden natrlich. Und die Grfin begleitete
ihn.

Sie ging mit ihm? Warum?

Weil sie ihm immer noch anhing, trotz allem -- sie tut es heute
noch--, und weil sie auf alle Flle an seinem Leben teilhaben wollte.
Er aber nahm sie wohl mit, weil er eher auf Untersttzung von seiten
ihrer Verwandten zu rechnen hatte, solange sie bei ihm war. Die
Verwandten schickten ihnen denn auch einmal noch eine Summe Geldes ber
den Ozean, aber dann nie mehr -- sie zogen endgltig die Hand von ihnen;
und als Graf Lwenjoul sah, da seine Frau ihm nichts mehr ntze war, da
verlie er sie dennoch -- lie sie vollstndig allein im Elend zurck
und machte sich fort.

Ich wute es, sagte Klaus Heinrich, ich habe es mir gedacht. So geht
es zu. Imma Spoelmann aber fuhr fort: Da sa sie denn nun, von allen
Mitteln entblt und ohne Hilfe, und da sie nicht gelernt hatte, sich
ihren Unterhalt zu verdienen, so war sie ohne Erbarmen der Not und dem
Hunger berantwortet. Nun soll aber das Leben dort drben noch um vieles
hrter und schnder sein als hier bei Ihnen, und andererseits ist in
Betracht zu ziehen, wie zart und verletzlich sie immer gewesen und wie
schonungslos ihr viele Jahre hindurch mitgespielt worden war. Kurzum,
sie war den Eindrcken, die sie fortwhrend vom Leben empfing, in keiner
Weise gewachsen. Und da geschah die Wohltat an ihr.

Ja! Welche Wohltat? Sie hat auch zu mir davon gesprochen. Was war es
mit der Wohltat, Frulein Imma?

Die Wohltat bestand darin, da sich ihr Geist verwirrte, da im
uersten Jammer etwas in ihr bersprang -- diesen Ausdruck hat sie mir
gegenber verwendet--, da sie sich nicht mehr mit klarem und
nchternem Verstande aufrecht zu halten und dem Leben Widerpart zu
leisten brauchte, sondern sozusagen die Erlaubnis erhielt, sich gehen zu
lassen, sich einige Abspannung zu gnnen und ein bichen zu schwatzen.
Mit einem Worte, die Wohltat war, da sie wunderlich wurde.

Ich hatte allerdings den Eindruck, sagte Klaus Heinrich, da die Frau
Grfin sich gehen lie, als sie schwatzte.

So verhlt es sich, Prinz. Sie wei es ganz gut, wenn sie schwatzt, und
lchelt wohl zwischendurch oder lt einflieen, da sie ja niemandem
weh damit tue. Die Wunderlichkeit ist eine wohltuende Verwirrung, deren
sie gewissermaen Herr ist, und die sie sich erlaubt. Es ist, wenn Sie
wollen, ein Mangel an...

An Haltung, sagte Klaus Heinrich und blickte auf seine Zgel nieder.

Gut, an Haltung, wiederholte sie und sah ihn an. Es scheint, da
besagter Mangel nicht Ihre Billigung findet, Prinz.

Ich bin allerdings der Meinung, antwortete er leise, da es nicht
erlaubt ist, sich gehen zu lassen und es sich bequem zu machen, sondern
da es unter allen Umstnden geboten ist, Haltung zu wahren.

Euere Hoheit, erwiderte sie, bekunden eine lbliche Sittenstrenge.
Damit schob sie die Lippen vor, und indem sie ihr schwarzbleiches
Kpfchen im Dreispitz hin und her wandte, fgte sie mit ihrer
gebrochenen Stimme hinzu: Jetzt werde ich Euerer Hoheit etwas sagen,
und ich bitte, es wohl zu beachten. Wenn Euere Erhabenheit nicht
gesonnen sind, ein wenig Mitleid und Nachsicht und Milde zu ben, so
werde ich mich des Vergngens Ihrer erlauchten Gesellschaft ein fr
allemal entschlagen mssen.

Er senkte den Kopf, und sie ritten eine Weile schweigend.

Wollen Sie nicht weiter erzhlen, wie die Grfin zu Ihnen kam? fragte
er endlich.

Nein, das will ich nicht, sagte sie und blickte geradeaus. Aber da er
so herzlich bat, beendete sie ihre Erzhlung und sagte: Nun, das war
einfach genug. Die Grfin kam und meldete sich in der Fnften Avenue, da
sie gehrt hatte, da man eine deutsche Gesellschaftsdame fr mich
suchte. Und obgleich sich noch fnfzig andere Damen meldeten, so fiel
doch meine Wahl -- denn ich hatte zu whlen -- sofort auf sie, so sehr
war ich nach unserer ersten Unterredung fr sie eingenommen. Sie war
wunderlich, das sah ich wohl; aber sie war es lediglich aus berguter
Kenntnis des Elends und der Schlechtigkeit, das ging aus jedem ihrer
Worte hervor, und was mich betrifft, so war ich von jeher ein wenig
allein und abgesondert gewesen und vollstndig ununterrichtet geblieben,
wenn ich von meinen Universittsstudien absehe...

Nicht wahr, Sie waren von jeher ein wenig allein und abgesondert?
wiederholte Klaus Heinrich, und Freude klang aus seiner Stimme.

So sagte ich. Es war ein einigermaen langweiliges und einfltiges
Leben, das ich fhrte und eigentlich noch fhre, denn es hat sich ja
nicht vieles gendert und ist im ganzen berall dasselbe. Es gab
Gesellschaften mit Kunststernen und Blle, und manchmal ging es sehr
rasch im geschlossenen Automobil zum Opernhaus, woselbst ich in einer
der kleinen flachen Logen ber dem Parterre sa, um so recht in ganzer
Figur gesehen werden zu knnen, _for show_, wie man drben sagt. Das
brachte meine Stellung so mit sich.

_For show?_

Ja, _for show_, das ist die Verpflichtung, sich zur Schau zu stellen,
keine Mauern gegen die Leute zu ziehen, sondern sie in die Grten und
ber den Rasen und auf die Terrasse sehen zu lassen, wo man sitzt und
Tee trinkt. Meinem Vater, Mister Spoelmann, war es im hchsten Grade
zuwider. Aber unsere Stellung brachte es mit sich.

Und wie lebten Sie sonst, Frulein Imma?

Nun, im Frhjahr ging man in die Adirondacks auf das Schlo und im
Sommer auf das Schlo in Newport an der See. Es fanden natrlich
Gartenpartien und Blumenkorsos und Tennisturniere statt, und man ritt
spazieren und fuhr _Four in hand_ oder im Automobil, und die Leute
blieben stehen und gafften, weil man Samuel Spoelmanns Tochter war. Und
manche schimpften auch hinter mir drein.

Sie schimpften?!

Ja, sie hatten wohl ihre Beweggrnde dazu. Jedenfalls war es ein etwas
vorgeschobenes und der Errterung ausgesetztes Dasein, das wir fhrten.

Und zwischendurch, sagte er, spielten Sie in den Lften, nicht wahr,
oder schon auerhalb der Luft, in staubfreier Gegend...

So tat ich. Euere Hoheit erfreuen sich eines beraus offenen Kopfes.
Aber nach alldem knnen Sie sich nun denken, wie auerordentlich
willkommen mir die Grfin war, als sie sich in der Fnften Avenue
vorstellte. Sie uerte sich nicht eben sehr deutlich, sondern vielmehr
auf geheimnisvolle Weise, und die Grenze, wo sie zu schwatzen beginnt,
ist nicht immer ganz klar ersichtlich. Aber das scheint mir eben recht
und lehrreich, denn es gibt eine gute Vorstellung von der
Grenzenlosigkeit des Elends und der Schlechtigkeit in der Welt. Nicht
wahr, Sie beneiden mich um die Grfin?

Nun, beneiden ... Sie scheinen anzunehmen, Frulein Imma, da ich
niemals irgendeinen Einblick getan habe.

Haben Sie Einblicke getan?

Vielleicht doch den einen oder den andern. Zum Beispiel sind mir von
unseren Lakaien Dinge zu Ohren gekommen, von denen Sie sich schwerlich
etwas trumen lassen.

Sind die Lakaien so schlimm?

Schlimm? Nichtswrdig sind sie, das ist das Wort fr sie. Erstens
treiben sie Durchstecherei und schleichendes Wesen und lassen sich von
den Lieferanten bezahlen...

Nun, Prinz, das ist vergleichsweise harmlos.

Ja, ja, mit den Einblicken der Grfin kann es sich wohl nicht
messen...

Sie fielen in Trab, verlieen beim Wegweiser die gemchlich steigende
und fallende Landstrae, die sie zwischen Nadelwldern hin verfolgt
hatten, und lenkten in den sandigen, ein wenig hohlen und auf seinen
erhhten Rndern von Brombeerstruchern eingefaten Richtweg ein, der in
das buschige Wiesengelnde von Schlo Fasanerie mndete. Klaus Heinrich
war zu Hause in diesem Gebiet; er streckte den Arm darber hin, den
rechten, um seinen Begleiterinnen alles zu zeigen, obgleich nicht viel
Sehenswrdiges vorhanden war. Dort lag das Schlo, verschlossen und
stumm, mit seinem Schindeldach und seinen Blitzableitern am Rande des
Waldes. Dort abseits war das Fasanengehege, nach welchem das Ganze
seinen Namen hatte, und hier Staventers Wirtsgarten, wo er zuweilen mit
Raoul berbein gesessen hatte. ber den feuchten Wiesen schien mild die
Vorfrhlingssonne und tauchte die fernen umgrenzenden Wlder in zarten
Schmelz.

Sie hielten nebeneinander auf ihren Tieren vorm Wirtsgarten, und Imma
Spoelmann prfte das Schlo mit den Augen, dies nchterne Landhaus, das
Schlo Fasanerie benannt war.

Von sinnverwirrendem Prunk, sagte sie mit germpften Lippen, scheint
Ihre Jugend nicht umgeben gewesen zu sein.

Nein, lachte er, an dem Schlo ist nichts zu sehen. Innen ist es wie
auen. Kein Vergleich mit Delphinenort, selbst bevor Sie es
wiederherstellten...

Nun wollen wir einkehren, sagte sie. Nicht wahr, Grfin, auf einem
Ausflug mu man einkehren. Abgesessen, Prinz! Ich habe Durst und will
sehen, was Ihr Staventer zu trinken hat.

Da stand Herr Staventer, in grner Latzschrze und die Hosen in
Schmierstiefeln, verbeugte sich, indem er sein gesticktes Kppchen mit
beiden Hnden an die Brust drckte, und lachte vor Bewegung, so da man
sein vollstndig nacktes Zahnfleisch sah.

Knigliche Hoheit! sagte er, Glck in der Stimme, tun Knigliche
Hoheit mir auch einmal wieder die Ehre an? Und das gndige Frulein!
setzte er mit andchtiger Stimme hinzu; denn er kannte Samuel Spoelmanns
Tochter sehr wohl und hatte so eifrig wie einer im Groherzogtum die
Zeitungsnotizen gelesen, die Prinz Klaus Heinrichs und Immas Namen
zusammen nannten. Er war der Grfin beim Absteigen behilflich, da Klaus
Heinrich, zuerst aus dem Sattel, sich dem Frulein widmete, und rief
nach einem Knecht, der zusammen mit dem Spoelmannschen Livrierten die
Pferde besorgte. Aber hierauf hielt Klaus Heinrich Begrung und
Empfang, wie er es gewohnt war. In geschlossener Haltung richtete er
einige formelhafte Fragen an den dienernden Herrn Staventer, erkundigte
sich auf gewinnende Art nach seiner Gesundheit, nach dem Stande seiner
Geschfte und nahm die Antworten mit dem lebhaften Kopfnicken scheinbar
sachlicher Beteiligung entgegen. Imma Spoelmann, ihre Reitgerte mit
beiden Hnden hin und her biegend, sah diesem kunstreichen und kalten
Auftritt mit ernsten und glnzend forschenden Augen zu. Ich erlaube
mir, in Erinnerung zu bringen, da ich Durst leide, sagte sie endlich
scharf und verstimmt, und so trat man denn in den Garten und
beratschlagte, ob man das Wirtszimmer aufsuchen msse. Es sei noch zu
feucht unter den Bumen, meinte Klaus Heinrich; aber Imma bestand
darauf, im Freien zu sitzen, und whlte selber einen der schmalen und
langen Trinktische mit Bnken zu beiden Seiten, den Herr Staventer mit
einem weien Tuche zu decken sich beeilte.

Limonade! sagte er. Das ist das Beste fr den Durst und reine Ware!
Kein Gesudel, Knigliche Hoheit und Sie, meine Damen, sondern gezuckerte
Natursfte und das Bekmmlichste von allem!

Man mute den Glaskugelpfropfen durch den Flaschenhals stoen; und
whrend die hohen Gste das Getrnk kosteten, verweilte Herr Staventer
sich noch ein wenig am Tische, um ihnen mit Plaudern aufzuwarten. Er war
lngst Witwer, und seine drei Kinder, die ehemals hier unter den
Blttern das Lied vom gemeinsamen Menschentum gesungen und sich dabei
mit den Fingern geschneuzt hatten, waren nun ebenfalls auer Hause, der
Sohn als Soldat in der Stadt und von den Tchtern die eine verheiratet
mit einem benachbarten konomen, die andere als Magd in stdtischem
Hause, weil es sie zum Hheren gezogen hatte. So schaltete Herr
Staventer allein in dieser Abgeschiedenheit, und zwar in dreifacher
Eigenschaft, als Pchter der Schlowirtschaft, Kastellan und
Fasanenmeister, zufrieden mit seinem Lose. Bald, wenn die Witterung sich
ferner so anlie, kam wieder die Zeit der Radfahrer und Spaziergnger,
die Sonntags den Garten fllten. Dann blhte das Geschft. Und ob die
hohen Herrschaften denn nicht vielleicht die Fasanerie in Augenschein
nehmen wollten?

Ja, das wollten sie, spter, und so zog Herr Staventer sich vorlufig
mit Anstand zurck, nachdem er eine Schale mit Milch fr Perceval neben
den Tisch gestellt.

Der Collie war unterwegs in sumpfiges Wasser geraten und sah aus wie der
Teufel. Seine Beine waren dnn vor Nsse -- und die weien Teile seines
zerzausten Felles beschmutzt. Sein geifernd geffnetes Maul, mit dem er
die Erde nach Feldmusen durchwhlt, war geschwrzt bis in den Schlund,
und schwarzrot, an der Spitze sich dreieckig verbreiternd, hing seine
triefende Greifenzunge daraus hervor. Hastig erquickte er sich aus der
Schale und lie sich hierauf mit flackernd arbeitenden Flanken neben
seiner Herrin zu Boden fallen, flach auf die Seite, den Kopf mit
ruhelechzendem Ausdruck zurckgeworfen.

Klaus Heinrich nannte es unverantwortbar, da Imma hier nach dem Ritt so
ohne Umhllung sich der trgerischen Frhlingsluft preisgbe. Nehmen
Sie meinen Mantel! sagte er. Bei Gott, ich brauche ihn nicht. Mir ist
warm, und mein Rock ist ber der Brust wattiert! Sie wollte nichts
wissen von seinem Vorschlag; aber da er fortfuhr, sie instndig zu
bitten, so willigte sie ein und lie sich seinen grauen Militrmantel
mit den Schulterabzeichen eines Majors um die Schultern legen. So
eingehllt sttzte sie ihr schwarzbleiches, mit dem Dreispitz bedecktes
Kpfchen in die hohle Hand und sah ihm zu, wie er den Arm nach dem
Schlosse ausstreckte und von dem Leben erzhlte, das er hier einst
gefhrt.

Dort zu ebener Erde, wo man die hohen Fenster sah, war das Speisezimmer
gewesen, dort der Schulsaal und dort oben Klaus Heinrichs Zimmer mit dem
Gipstorso auf dem Kachelofen. Und er berichtete von Professor Krtchen
und seinem taktvollen Meldesystem beim Unterricht, von der Hauptmnnin
Amelung, den adeligen Fasanen, die alles fr Schweinerei erklrt
hatten, und namentlich von Raoul berbein, seinem Freunde, auf welchen
zurckzukommen Imma Spoelmann ihn mehrmals ermunterte.

Er sprach von des Doktors dunkler Herkunft und von der Abfindungssumme;
von dem Kinde im Moor oder Sumpf und der Rettungsmedaille; von berbeins
tapferer und ehrgeiziger Laufbahn, zurckgelegt unter jenen harten und
streng auf die Leistung weisenden Bedingungen, die er die guten zu
nennen pflegte, und von seinem Bndnis mit Doktor Sammet, den Imma
kannte. Er schilderte sein wenig einnehmendes ueres und begrndete mit
frohen Worten die Neigung, die ihn dennoch von Anbeginn zu diesem Lehrer
gezogen, indem er sein Verhalten gegen ihn, Klaus Heinrich, beschrieb --
diese vterliche und herzlich schwadronierende Kameradschaftlichkeit,
die sich von dem Gehaben aller brigen Leute so strikt unterschieden
hatte--, lie auch, so gut es ihm gelingen wollte, dies und das von
berbeins Lebensaspekten einflieen und gab schlielich seinem Kummer
darber Ausdruck, da der Doktor bei seinen Mitbrgern sich keiner
wahren Beliebtheit zu erfreuen scheine.

Das glaube ich, sagte Imma.

Er war erstaunt und fragte, warum sie es glaube.

Weil ich gewi bin, antwortete sie und wandte ihr Kpfchen hin und
her, da dieser berbein mit all seinen aufgerumten Redereien ein
unseliger Mensch ist. Er steht wohl da und prahlt; aber er hat gar
keinen Rckhalt, Prinz, und darum wird er ein schlechtes Ende nehmen.

Klaus Heinrich blieb eine Weile bestrzt und nachdenklich ber diese
Worte. Dann wandte er sich der Grfin zu, die lchelnd aus einer
Abwesenheit zu sich kam, und sagte ihr eine Artigkeit ber ihre
Reitkunst, wofr sie mit frischen und ritterlichen Worten dankte. Er
uerte, man merke wohl, da sie beizeiten auf einem Pferdercken zu
sitzen gelernt habe, und sie besttigte, da allerdings die Stunden in
der Reitbahn einen wesentlichen Bestandteil ihrer Erziehung ausgemacht
htten. Sie sprach klar und munter; aber allmhlich, fast unmerklich,
schweifte sie vom gangbaren Wege ab, erzhlte etwas Sonderbares von
khnen Ritten, die sie als Leutnant im letzten Feldzuge ausgefhrt, und
kam vllig unvermutet auf die unbeschreiblich liederliche Frau eines
Feldwebels bei den Leibgrenadieren zu sprechen, die diese Nacht in ihrem
Zimmer gewesen, ihr in der erbarmungslosesten Weise die Brust zerkratzt
und Reden dazu gefhrt habe, welche wiederzugeben sie ablehnen msse.
Klaus Heinrich fragte leise, ob denn nicht Tr und Fenster verschlossen
gewesen wren. Allerdings, aber die Scheibe ist ja da! antwortete sie
hastig. Und da sie bei dieser Entgegnung auf der einen Seite ihres
Gesichtes bla, auf der anderen rot wurde, so willigte er nickend und
mit sanften Worten darein. Ja, indem er die Augen niederschlug, bot er
ihr an, sie einstweilen ein wenig Frau Meier zu nennen, ein Vorschlag,
den sie mit Eifer und Eile annahm, nicht ohne ein vertrauliches Lcheln
brigens, einen Seitenblick ins Ungewisse, der etwas seltsam Lockendes
hatte. Sie brachen auf zur Besichtigung der Fasanerie, nachdem Klaus
Heinrich seinen Mantel zurckerhalten; und als sie den Garten verlieen,
sagte Imma Spoelmann: So war es recht, Prinz. Sie machen Fortschritte.
Ein Lob, das ihm die Wangen frbte, ja, ihm ohne Vergleich mehr Freude
bereitete als der schnste Zeitungsbericht ber die erhebende Wirkung
seiner festlichen Person, den Geheimrat Schustermann ihm htte vorlegen
knnen.

Herr Staventer geleitete seine Gste in das von Palisaden umfriedigte
Gehege, wo in Wiese und Busch die sechs oder sieben Fasanenfamilien ein
versorgtes und brgerliches Leben fhrten, und sie sahen dem Benehmen
der bunten, rotugigen und steifgeschwnzten Vgel zu, besichtigten das
Bruthuschen und wohnten einer Ftterung bei, die Herr Staventer am Fu
einer schnen, einzeln stehenden Fichte zu ihrem Vergngen vornahm,
worauf Klaus Heinrich ihm seine vollste Anerkennung des Gesehenen zum
Ausdruck brachte. Imma Spoelmann betrachtete ihn mit groen und dunkel
forschenden Augen bei Erledigung dieser Frmlichkeit. Dann stieg man
vorm Wirtsgarten zu Pferde und trat, whrend Perceval sich vor den
Pferden mit rasendem Geheul um sich selber schwang, den Heimweg an.

Auf diesem Heimwege aber sollte Klaus Heinrich gesprchsweise noch einen
nicht unbedeutsamen Fingerzeig ber Imma Spoelmanns Natur und Charakter
erhalten, eine mittelbare Erluterung gewisser Seiten ihrer
Persnlichkeit, die ihm Stoff zu anhaltendem Nachdenken gab.

Bald nmlich, nachdem man den brombeerbewachsenen Hohlweg verlassen
hatte und wieder auf der sanft gewellten Landstrae dahinritt, kam Klaus
Heinrich auf einen Punkt zurck, der bei seinem ersten Besuch auf
Delphinenort in der Unterhaltung am Teetisch seltsam kurz berhrt
worden war und nicht aufgehrt hatte, ihn unbestimmt zu beunruhigen.

Lassen Sie mich brigens, sagte er, eine Frage tun, Frulein Imma.
Sie brauchen sie nicht zu beantworten, wenn es Ihnen nicht gefllig
ist.

Wir werden sehen, antwortete sie.

Vor vier Wochen, fing er an, als ich zum erstenmal das Vergngen
hatte, mit Herrn Spoelmann, Ihrem Vater, zu plaudern, richtete ich eine
Frage an ihn, die er so kurz und abbrechend beantwortete, da ich
frchten mu, einen Migriff oder falschen Schritt damit getan zu
haben.

Was fragten Sie?

Ich fragte, ob es ihm nicht schwer geworden sei, Amerika zu verlassen.

Ja, sehen Sie, Prinz, das war nun wieder so recht eine Frage, die Ihnen
hnlich sieht, eine ausgemachte Prinzenfrage. Wren Sie auf dem Gebiete
der Denklehre ein wenig beschlagener, so htten Sie sich wohl
stillschweigend mit dem Vernunftbeschlu begngt, da, wenn mein Vater
Amerika nicht leicht und gern verlassen htte, er es schlechterdings
berhaupt nicht verlassen htte.

Das mag wahr sein, Frulein Imma, verzeihen Sie, ich denke nicht sehr
genau. Aber wenn ich mit meiner Frage mich keines andern Fehltritts als
nur eines Denkfehlers schuldig gemacht habe, so will ich wahrhaftig
zufrieden sein. Knnen Sie mich soweit beruhigen?

Nun denn, Prinz, nein, nicht einmal soweit, sagte sie und sah ihn
pltzlich mit ihren groen, schwarzglnzenden Augen an.

Sehen Sie? Sehen Sie? Aber was fr eine Bewandtnis hat es damit,
Frulein Imma? Lassen Sie mich nun wissen, was hier zu wissen ist. Sie
sind es unserer Freundschaft schuldig!

Sind wir Freunde?

Ich dachte, sagte er bittend...

Nun, nun, Geduld! Ich wute es nicht. Ich lasse mich gern belehren. Um
aber auf meinen Vater zurckzukommen, so hat er sich in der Tat ber
Ihre Frage gergert -- er rgert sich leicht und hatte Gelegenheit, sich
ungewhnliche bung in dieser Gemtsbewegung zu erwerben. Die Sache ist
die, da die ffentliche Stimmung und Meinung uns nicht sonderlich
gnstig war in Amerika. Umtriebe sind da im Gange ... ich bemerke, da
ich ber die Einzelheiten nicht unterrichtet bin, aber eine eifrige
politische Ttigkeit findet statt zu dem Zwecke, die groe Menge, wissen
Sie, die vielen Leute, die es nicht getroffen hat, gegen uns
aufzuwiegeln, und daraus sind gesetzliche Anbindungen und bestndige
Widerwrtigkeiten entstanden, die meinem Vater das Leben dort drben
verleidet haben. Sie wissen wohl, Prinz, da nicht er es war, der unsere
Lage geschaffen hat, sondern mein garstiger Grovater mit seinem
Paradise-Nugget und seiner Blockhead-Farm. Mein Vater kann gar nichts
dafr, er hat sein Schicksal geerbt und hat nicht leicht daran getragen,
denn er ist eher scheu und zart von Natur und htte am liebsten immer
nur Orgel gespielt und Glser gesammelt, ja, ich glaube, da der Ha, in
dem wir schlielich infolge der Umtriebe lebten, so da zuweilen das
Volk hinter mir drein schimpfte, wenn ich im Automobil vorberfuhr --
da der Ha ihm ganz eigentlich seine Nierensteine eingebracht hat, das
ist sehr mglich.

Ich bin Ihrem Herrn Vater von Herzen zugetan, sagte Klaus Heinrich mit
Nachdruck.

Das mchte ich mir ausgebeten haben, Prinz, im Falle, da wir Freunde
sein wollen. Aber dann kam noch ein anderes hinzu, das alles verschrfte
und unsere Stellung dort drben ein wenig schwierig machte, und das hing
mit unserer Abstammung zusammen.

Mit Ihrer Abstammung?

Ja, Prinz, wir sind keine adeligen Fasanen, wir stammen leider weder
von Washington noch von den ersten Einwanderern ab...

Nein, denn Sie sind ja Deutsche.

O ja, aber da ist trotzdem nicht alles in Ordnung. Haben Sie doch die
Herablassung, mich einmal genau zu betrachten. Finden Sie es etwa
ehrenhaft, so blauschwarzes, strhniges Haar zu haben, das immer fllt,
wohin es nicht soll?

Gott wei, da Sie wunderschnes Haar haben, Frulein Imma! sagte
Klaus Heinrich. Auch ist mir wohlbekannt, da Sie zum Teile sdlicher
Abstammung sind, denn Ihr Herr Grovater hat sich ja in Bolivia vermhlt
oder in dieser Gegend, wie ich gelesen habe.

Das tat er. Aber hier liegt der Haken, Prinz. Ich bin eine Quinterone.

Was sind Sie?

Eine Quinterone.

Das gehrt zu den Adirondacks und der Parallaxe, Frulein Imma. Ich
wei nicht, was es ist. Ich sagte Ihnen ja schon, da ich nicht viel
gelernt habe.

Nun, das war so. Mein Grovater, unbedenklich wie er in allen Stcken
war, heiratete dort unten eine Dame mit indianischem Blut.

Mit indianischem?

Jawohl. Besagte Dame nmlich stammte im dritten Gliede von Indianern
ab, sie war die Tochter eines Weien und einer Halbindianerin und also
Terzerone, wie man es nennt -- oh, sie soll erstaunlich schn gewesen
sein!--, und sie wurde meine Gromutter. Die Enkel solcher Gromtter
aber werden Quinteronen genannt. So liegen die Dinge.

Ja, das ist merkwrdig. Aber sagten Sie nicht, da es auf das Verhalten
der Leute Ihnen gegenber von Einflu gewesen sei?

Ach, Prinz, Sie wissen gar nichts. Sie mssen aber wissen, da
indianisches Blut dort drben einen schweren Makel bedeutet -- einen
solchen Makel, da Freundschaften und Liebesbndnisse mit Schimpf und
Schande auseinandergehen, wenn eine derartige Abstammung des einen
Teiles ans Licht der Sonnen kommt. Nun steht es ja so arg nicht mit uns,
denn bei Quarteronen -- in Gottes Namen, da ist der Schade nicht mehr so
gro, und ein Quinterone gehrt im ganzen schon fast zu den Makellosen.
Aber mit uns, die wir so sehr dem Gerede ausgesetzt waren, war es
natrlich etwas anderes, und mehrmals, wenn hinter mir drein geschimpft
wurde, habe ich zu hren bekommen, da ich eine Farbige sei. Kurz, es
blieb eine Beeintrchtigung, eine Erschwerung, und sonderte uns selbst
von den wenigen ab, die sich brigens ungefhr in der gleichen
Lebenslage befanden -- blieb immer etwas, was zu verstecken oder zu
vertreten war. Mein Grovater hatte es vertreten, er war der Mann dazu
und hatte gewut, was er tat; auch war er ja reinen Bluts, und nur seine
schne Frau trug den Makel. Aber mein Vater war ihr Sohn, und rgerlich
und leicht gereizt, wie er ist, hat er es von Jugend auf nur schwer
ertragen, bestaunt und gehat und verachtet zu gleicher Zeit zu sein,
halb Weltwunder und halb infam, wie er zu sagen pflegte, und hatte
Amerika in jeder Beziehung satt. Das ist die Geschichte, Prinz, sagte
Imma Spoelmann, und nun wissen Sie es, warum mein Vater sich rgerte
ber Ihre scharfsinnige Frage.

Klaus Heinrich sagte ihr Dank fr die Aufklrung, ja, noch vor dem
Portal von Delphinenort, als er sich -- es war Lunchzeit geworden--,
die Hand an der Mtze, von den Damen verabschiedete, wiederholte er
seinen Dank fr das, was sie ihm gesagt, und ritt dann schrittweise
heim, um ber die Ergebnisse des Vormittags nachzudenken.

Imma Spoelmann sa weich in ihrem rotgoldenen Kleide am Tische im Saal,
in lssiger Haltung, mit launisch verwhnten Mienen, sa in ppiger
Sicherheit, whrend ihre Rede scharf ging wie dort, wo es gilt, wo
Helligkeit, Hrte und wachsamer Witz zum Leben geboten sind. Warum doch?
Klaus Heinrich begriff es nun, und Tag fr Tag war er beschftigt, es
besser in seinem Herzen zu begreifen. Bestaunt, gehat und verachtet zu
gleicher Zeit, halb Weltwunder und halb infam, so hatte sie gelebt, und
das hatte die Dornen in ihre Rede gebracht, jene Schrfe und spttische
Helligkeit, die Abwehr war, wenn sie Angriff schien, und die eine
schmerzliche Verzerrung auf den Gesichtern derer hervorrief, welche die
Wehr des Witzes nicht ntig gehabt hatten. Sie hatte ihn zu Mitleid und
Milde angehalten gegenber der armen Grfin, wenn sie sich gehen lie;
aber ihr selbst tat Mitleid und Milderung not, weil sie einsam war und
es schwer hatte -- gleich ihm. Eine Erinnerung beschftigte ihn zu
gleicher Zeit mit diesen Erwgungen, eine alte, peinvolle Erinnerung,
die den Bfettraum des Brgergartens zum Schauplatz hatte und mit
einem Bowlendeckel endigte ... Kleine Schwester! sagte er bei sich
selbst, indem er sich hastig ab davon wandte. Kleine Schwester! --
Hauptschlich aber sann er darauf, wie das Zusammensein mit Imma
Spoelmann in krzester Frist zu erneuern sei.

Das geschah bald und wiederholt unter verschiedenen Umstnden. Der
Februar ging zu Ende, es kamen der ahnungsvolle Mrz, der
wetterwendische April, der zrtliche Mai. Und all diese Zeit verkehrte
Klaus Heinrich auf Schlo Delphinenort, wohl wchentlich einmal,
vormittags oder nachmittags, und eigentlich bestndig in dem
unverantwortlichen Zustande, in welchem er an jenem Februarmorgen bei
Spoelmanns erschienen war, willenlos sozusagen und wie vom Schicksal
ergriffen. Die benachbarte Lage der Schlsser begnstigte den Verkehr,
die kurze Parkstrecke von Eremitage nach Delphinenort war zu Pferd
oder mit dem Dogcart ohne bedeutendes Aufsehen zurckzulegen; und wenn
bei vorschreitender Jahreszeit infolge grerer Belebtheit der Umgebung
es schwerer und schwerer wurde, ohne Aufmerken des Publikums miteinander
spazierenzureiten, so ist des Prinzen innere Verfassung whrend dieses
Zeitabschnittes als eine vollkommene Gleichgltigkeit und blinde
Rcksichtslosigkeit in bezug auf die Welt, auf Hof, Stadt und Land zu
denken. Die Teilnahme der ffentlichkeit begann erst spter in seinem
Sinnen und Trachten eine -- dann freilich wichtige und beglckende Rolle
zu spielen.

Er hatte nach dem ersten Ritt sich nicht von den Damen verabschiedet,
ohne einen neuen Ausflug ins Auge zu fassen, wogegen Imma Spoelmann,
indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Kpfchen hin und her gewandt,
nichts Ernstliches einzuwenden gehabt hatte. So kehrte er wieder, und
man ritt zum Hofjger, einer am nrdlichen Rande des Stadtgartens
gelegenen Waldwirtschaft, kehrte er abermals wieder, und man ritt zu
einem dritten Ausflugsziel, das ebenfalls ohne Berhrung der Stadt zu
erreichen war. Dann, als der Frhling die Residenzler ins Freie lockte
und die Wirtsgarten sich fllten, bevorzugte man einen abgelegenen und
eigenartigen Weg, der eigentlich kein Weg, sondern ein Damm oder
Wiesenrand mit blumiger Bschung war, der zur Seite eines geschwind
strmenden Wasserarmes sich langhin in nrdlicher Richtung erstreckte.
Man gelangte am ungestrtesten dahin, indem man die Rckseite des Parkes
von Schlo Eremitage entlang und ber die Fluaue am Rande des
nrdlichen Stadtgartens bis zur Hhe des Hofjgers ritt, dann aber
nicht -- bei der Schleuse -- auf der hlzernen Brcke den Fluarm
berschritt, sondern diesseits seinem Laufe folgte. Rechts blieb das
Gehft der Wirtschaft zurck, und Mittelholz zog sich hin, soweit sie
kamen. Links dehnten sich Wiesen aus, die wei und bunt waren von
Schierling und Pustblumen, von Butter- und Glockenblumen, Klee,
Margueriten und auch Vergimeinnicht; der Kirchturm eines Dorfes ragte
zwischen ckern hervor, und fern lief die Landstrae mit ihrem Verkehr,
vor dem sie in Sicherheit waren. Spter aber traten auch linker Hand
Weiden und Haselnustauden der Bschung nahe, die Aussicht verhindernd,
und nun ritten sie, vollends geschtzt und abgeschieden, zu zweien
meistens und gefolgt von der Grfin, weil der Weg schmal war, ritten
plaudernd und schweigend, whrend Perceval mit angezogenen Vorderbeinen
hin und her ber das Wasser setzte oder drunten ein Bad nahm und mit
hastigem Schlappen seinen Durst stillte. Sie kehrten auf demselben Wege
zurck, auf dem sie gekommen.

Wenn aber vermge des niedrigen Luftdrucks das Quecksilber fiel, wenn es
folglich regnete und Klaus Heinrich dennoch ein Wiedersehen mit Imma
Spoelmann fr notwendig erachtete, so stellte er sich auf seinem Dogcart
um die Teestunde in Delphinenort ein, und man blieb im Schlosse. Nur
zwei- oder dreimal erschien auch Herr Spoelmann am Teetisch. Sein Leiden
nahm zu in dieser Zeit, und manchen Tag war er gentigt, mit warmen
Breiumschlgen im Bette zu liegen. Kam er, so sagte er: Na, junger
Prinz, tauchte mit seiner mageren, von der weichen Manschette halb
bedeckten Hand einen Krankenzwieback in seinen Tee, warf hier und da ein
knarrendes Wort in die Unterhaltung ein und bot schlielich dem Gast
seine goldene Zigarettendose dar, worauf er mit Doktor Watercloose, der
stumm und lchelnd am Tische gesessen hatte, den Gartensaal wieder
verlie. brigens geschah es auch bei sonnigem Wetter, da man es
vorzog, sich auf den Park zu beschrnken und auf dem wohlgeebneten und
von einem Netz durchquerten Platze unterhalb der Terrasse sich mit dem
Ballspiel zu unterhalten. Ja, einmal wurde sogar eine rasche Fahrt in
einem der Spoelmannschen Automobile weit ber Schlo Fasanerie hinaus
unternommen.

Eines Tages fragte Klaus Heinrich: Ist es wahr, Frulein Imma, was ich
gelesen habe, da Ihr Herr Vater tglich so entsetzlich viele Briefe und
Bittgesuche bekommt?

Da erzhlte sie ihm von den Kollekten und Subskriptionslisten, die ohne
Unterla in Delphinenort einliefen und auch nach Mglichkeit
Bercksichtigung fnden, von den Sten von Bettelschreiben aus Europa
und Amerika, die mit jeder Post eingeliefert, durch die Herren Phlebs
und Slippers gesichtet und Herrn Spoelmann in einer Auswahl vorgelegt
wrden. Zuweilen, sagte sie, mache sie sich das Vergngen, die Ste
durchzusehen und die Adressen zu lesen, denn diese seien nicht selten
phantastischer Art. Die bedrftigen oder spekulativen Absender nmlich
suchten einander schon auf den Umschlgen in Kurialien und Wohldienerei
zu berbieten, und alle erdenklichen Titulaturen und Rangesbezeichnungen
seien in seltsamen Mischungen auf den Briefen zu finden. Ein Bittsteller
aber habe krzlich jeden Wettbewerb geschlagen, indem er seinem
Schreiben die Aufschrift gegeben habe: Seiner Kniglichen Hoheit Herrn
Samuel Spoelmann. brigens habe er nicht mehr erhalten als die
anderen...

Ein andermal kam er mit gesenkter Stimme auf die Eulenkammer im Alten
Schlosse zu sprechen und vertraute ihr an, da neuerdings wieder Lrm
darin beobachtet worden sei, was auf entscheidende Ereignisse in seiner,
Klaus Heinrichs, Familie deute. Da lachte Imma Spoelmann und klrte ihn
wissenschaftlich auf, indem sie mit vorgeschobenen Lippen ihr Kpfchen
hin und her wandte, wie sie ihn ber die Geheimnisse des Barometers
aufgeklrt hatte. Das sei Unsinn, sagte sie, und es mge sich etwa so
verhalten, da ein Teil der Polterkammer ellipsoidenartig geformt sei,
und eine zweite Ellipsoidenflche von hnlicher Krmmung und mit einer
Lrmquelle im Brennpunkt sich irgendwo drauen befnde, woher es dann
komme, da innerhalb des Spukzimmers Rumoren hrbar sei, das in der
nchsten Umgebung nicht vernommen werden knne. Klaus Heinrich war
ziemlich niedergeschlagen ber diese Auslegung und wollte von dem
allgemeinen Glauben an den Zusammenhang zwischen dem Gepolter und den
Schicksalen seines Hauses nur ungern lassen.

So unterhielten sie sich, und auch die Grfin nahm teil, auf verstndige
und auch auf verwirrte Art, da Klaus Heinrich sich redlich Mhe gab, sie
nicht durch sein Wesen zu ernchtern und zu erklten, sondern sie Frau
Meier nannte, sobald sie dessen zu ihrer Sicherheit vor den
Nachstellungen der lasterhaften Weiber zu bedrfen glaubte. Er erzhlte
den Damen von seinem unsachlichen Leben, von den schnen Trinksitzungen
der Korpsbrder, den militrischen Liebesmhlern und seiner
Bildungsreise, von seinen Angehrigen, seiner ehemals so herrlichen
Mutter, die er dann und wann in Segenhaus besuchte, wo sie traurigen
Hof hielt, von Albrecht und Ditlinde; Imma Spoelmann erwiderte mit
einigen Nachtrgen ber ihre prachtvolle und sonderbare Jugend, und die
Grfin lie manchmal ein dunkles Wort ber die Schrecken und Geheimnisse
des Lebens einflieen, worauf die beiden mit ernsten, ja andchtigen
Mienen horchten.

Eine Art Spiel trieben sie gern: es war das Erraten von Daseinsformen,
das ungefhre Einschtzen der Menschen, die sie etwa sahen, in die
Abteilungen der brgerlichen Welt, soweit ihre Wissenschaft reichte --
eine fremde und begierige Beobachtung der Passanten aus der Entfernung,
vom Pferde herab oder von der Spoelmannschen Terrasse. Was fr junge
Leute mochten wohl diese sein? Was mochten sie treiben? Wohin gehren?
Es waren wohl keine Handelsschler, sondern vielleicht der Technik
Beflossene oder angehende Forstmnner, gewissen Merkmalen nach, auch
wohl von der landwirtschaftlichen Hochschule, ein wenig rauhe, aber
tchtige Burschen jedenfalls, die ihren redlichen Weg schon machen
wrden. Aber die Kleine, Unordentliche, die hier vorberschlenderte, war
wohl so etwas wie eine Fabrikarbeiterin oder Nhmamsell. Solche Mdchen
pflegten einen Liebhaber aus hnlicher Sphre zu haben, der sie Sonntags
in einen Kaffeegarten fhrte. Und sie teilten einander mit, was sie
sonst etwa noch von den Leuten wuten, sprachen mit Anerkennung davon
und fhlten sich mehr als durch Laufen und Ballschlagen erwrmt durch
diesen Zeitvertreib.

Was die rasche Automobilfahrt betraf, so erklrte Imma Spoelmann im
Laufe derselben, da sie Klaus Heinrich eigentlich nur dazu eingeladen
habe, um ihm den Chauffeur zu zeigen, der sie fuhr, einen jungen, in
braunes Leder gehllten Amerikaner, von dem sie behauptete, da er dem
Prinzen hnlich she. Klaus Heinrich versetzte lachend, da die
Rckansicht des Fahrers ihn nicht befhige, hierber zu urteilen, und
forderte die Grfin auf, ihre Stimme abzugeben. Diese, nachdem sie die
hnlichkeit eine Zeitlang mit hfischer Entrstung geleugnet, lie sich,
von Imma gedrngt, schlielich mit einem gekniffenen Seitenblick auf
Klaus Heinrich herbei, sie zu bejahen. Dann erzhlte Frulein Spoelmann,
der ernste, nchterne und geschickte junge Mann sei ursprnglich im
persnlichen Dienste ihres Vaters gestanden, den er tglich von der
Fnften Avenue zum Broadway und andere Wege gefahren habe. Herr
Spoelmann aber habe auf auerordentliche Fahrgeschwindigkeit, die fast
der eines Eilzuges gleichgekommen sei, gehalten, und der ungeheuren
Anspannung, die solcherweise bei dem Getmmel von Neuyork von dem
Wagenlenker gefordert worden, sei dieser auf die Dauer nicht gewachsen
gewesen. Zwar habe sich niemals ein Unfall ereignet; der junge Mann habe
durchgehalten und mit gewaltiger Aufmerksamkeit seine todesgefhrliche
Pflicht getan. Endlich aber sei es wiederholt geschehen, da man ihn am
Ziele der Fahrt ohnmchtig vom Sitz habe heben mssen, und da habe es
sich gezeigt, in welcher bermigen Anstrengung er tglich gelebt habe.
Um ihn nicht entlassen zu mssen, habe Herr Spoelmann ihn zum
Leibchauffeur seiner Tochter ernannt, welchen leichteren Dienst er auch
an dem neuen Aufenthaltsort zu versehen fortfahre. Die hnlichkeit
zwischen Klaus Heinrich und ihm habe Imma festgestellt, als sie den
Prinzen zum ersten Male gesehen. Es sei natrlich keine hnlichkeit der
Zge, wohl aber eine solche des Ausdrucks. Die Grfin habe sie zugegeben
... Klaus Heinrich sagte, da er durchaus nichts gegen die hnlichkeit
einzuwenden habe, da der heldenmtige junge Mann seine volle Sympathie
besitze. Sie sprachen dann noch mehreres von dem schweren und
angespannten Dasein eines Chauffeurs, ohne da die Grfin Lwenjoul sich
weiter an diesem Gesprche beteiligte. Sie schwatzte nicht auf dieser
Fahrt, sondern sagte spter mit frischen Bewegungen einige richtige und
klare Dinge.

brigens schien Herrn Spoelmanns Schnelligkeitsbedrfnis in gewissem
Grade auf seine Tochter bergegangen zu sein, denn jenen ausgelassenen
Galopp des ersten gemeinsamen Ausflugs wiederholte sie bei jeder neuen
Gelegenheit; und da Klaus Heinrich, durch ihren Spott erhitzt, dem
verstrten und von Mibilligung erfllten Florian das uerste zumutete,
um nicht zurckzubleiben, so erhielten diese Gewaltritte jedesmal einen
kampfartigen Charakter, wurden zu Wettrennen, die Imma Spoelmann stets
auf unvermutete und launenhafte Weise vom Zaune brach. Mehrere dieser
Kmpfe entspannen sich an jener einsamen, am Wasser hinlaufenden
Wiesenbschung, und einer besonders war langwierig und erbittert. Er
schlo sich an ein kurzes Gesprch ber Klaus Heinrichs Popularitt, das
von Imma Spoelmann ebenso unvermittelt erffnet wie abgebrochen wurde.
Sie fragte pltzlich: Habe ich recht gehrt, Prinz, da Sie so ungemein
beliebt sind bei der Bevlkerung? Da alle Herzen Ihnen zuschlagen?

Er antwortete: Man sagt so. Irgendwelche Eigenschaften, die keine
Vorzge zu sein brauchen, mgen der Grund sein. brigens wei ich
durchaus nicht, ob ich es glauben oder mich gar darber freuen soll. Ich
zweifle, ob es fr mich sprche. Mein Bruder, der Groherzog, meint
geradezu, die Popularitt sei eine Schweinerei.

Ja, der Groherzog mu ein stolzer Mann sein; ich achte ihn sehr. Da
stehen Sie dann im Dunst, und alles liebt Sie ... _go on!_ rief sie
pltzlich, ein scharfer Schlag mit der weiledernen Gerte traf Fatme,
die aufzuckte, und die Jagd begann.

Sie dauerte lange. Noch nie hatten sie den Wasserlauf so weithin
verfolgt. Links hatte sich lngst die Aussicht geschlossen. Erdklumpen
und Grasbschel stoben unter den Hufen auf. Die Grfin war bald
zurckgeblieben. Als sie endlich die Pferde zgelten, zitterte Florian,
der sein Letztes getan hatte, und sie selbst waren bleich und atmeten
schwer. Der Rckweg verlief schweigsam.--

Am Nachmittag vor seinem diesjhrigen Geburtstag sah Klaus Heinrich
Raoul berbein bei sich auf Eremitage. Der Doktor kam, um seine
Gratulation darzubringen, da er morgen durch Arbeit verhindert sein
wrde. Sie gingen auf den Kieswegen im rckwrtigen Teil des Parkes
umher, der Oberlehrer in Gehrock und weier Binde, Klaus Heinrich in
seiner Litewka. Das Gras stand reif zur Mahd unter der schrgen
Nachmittagssonne, die Linden blhten. In einem Winkel, dicht an der
Hecke, die den Grund von unschnen Vorstadtwiesen trennte, war ein
kleiner, morscher Borkentempel gelegen.

Klaus Heinrich sprach von seinem Verkehr auf Delphinenort, da dieser
Gegenstand ihm am nchsten lag; er erzhlte anschaulich davon, ohne dem
Doktor tatschliche Neuigkeiten mitteilen zu knnen, denn dieser zeigte
sich auf dem laufenden. Woher er das sei? -- Oh, aus verschiedenen
Quellen. berbein habe nichts vor anderen voraus. -- Und also kmmere
man sich in der Residenz um diese Dinge? -- Nein, behte, Klaus
Heinrich, niemand denkt daran. Weder an die Ritte, noch an die
Teevisiten, noch an die Automobilfahrt. Dergleichen vermag natrlich
keine Zunge in Bewegung zu setzen. -- Aber wir sind so vorsichtig! --
=Wir= ist prchtig, Klaus Heinrich, und das mit der Vorsicht auch. --
brigens lt Exzellenz von Knobelsdorff sich genau ber Ihre Taten
Bericht erstatten. -- Knobelsdorff? -- Knobelsdorff? Klaus Heinrich
schwieg. -- Und wie stellt sich Baron Knobelsdorff zu den Berichten?
fragte er dann. Nun, der alte Herr habe ja noch nicht Veranlassung
genommen, in die Entwicklung der Dinge einzugreifen. -- Aber die
ffentlichkeit? Die Leute? -- Ja, die Leute hielten natrlich den Atem
an. -- Und Sie, Sie selbst, lieber Doktor berbein?! -- Ich warte auf
den Bowlendeckel, erwiderte der Doktor.

Nein! rief Klaus Heinrich mit freudiger Stimme. Nein, es wird nichts
aus dem Bowlendeckel, Doktor berbein, denn ich bin glcklich,
glcklich, was da auch kommen mge -- verstehen Sie das? Sie haben mich
gelehrt, da das Glck nicht meine Sache sei, und haben mich bei den
Ohren wieder zu mir selbst gebracht, als ich es dennoch damit versuchte,
und ich war Ihnen unaussprechlich dankbar dafr, denn es war
schrecklich, schrecklich, und ich vergesse es nicht. Aber dies hier ist
kein Ausflug in den Tanzsaal des Brgergartens, wovon man gedemtigt und
belkeit im Herzen zurckkehrt, es ist keine Verirrung und Entgleisung
und Erniedrigung. Sehen Sie denn nicht, da die, von der wir reden, da
sie weder in den Brgergarten gehrt, noch zu den adeligen Fasanen, noch
irgendwohin sonst in der Welt als zu mir -- da sie eine Prinzessin ist,
Doktor berbein, und meinesgleichen, und da also von Bowlendeckeln gar
nicht die Rede sein kann? Sie haben mich gelehrt, da es liederlich sei,
zu behaupten, da wir alle nur Menschen seien, und innerlich
hoffnungslos fr mich, so zu tun, als ob es so sei, und ein verbotenes
Glck, das mit Schande enden msse. Aber dies hier ist nicht das
liederliche und verbotene Glck. Es ist zum ersten Male das erlaubte und
innerlich hoffnungsvolle und glckselige Glck, Doktor berbein, dem ich
mich guten Muts berlassen darf, was da auch kommen mag...

Adieu, Prinz Klaus Heinrich, sagte Doktor berbein, ohne brigens
schon aufzubrechen. Vielmehr fuhr er fort, die Hnde auf dem Rcken und
den roten Bart auf die Brust gesenkt, an Klaus Heinrichs linker Seite
dahinzuwandeln.

Nein, sagte Klaus Heinrich. Nein, nicht adieu, Doktor berbein -- das
ist es ja eben! Ich will Ihr Freund bleiben, der Sie es immer so schwer
gehabt haben und so stolz auf Schicksal und Strammheit halten und mich
ebenfalls stolz machten dadurch, da Sie mich als Kameraden behandelten.
Ich will nun, wo ich das Glck gefunden habe, nicht bequemeren Sinnes
werden, sondern Ihnen treu bleiben und mir und meinem hohen Beruf...

Wird nicht gegeben, sagte Doktor berbein auf lateinisch und
schttelte seinen hlichen Kopf mit den abstehenden, spitz zulaufenden
Ohren.

Doch, Doktor berbein, ich bin nun ganz sicher, da es das gibt, beides
zusammen. Und Sie, Sie sollten nicht so kaltsinnig und abweisend neben
mir hergehen, wo ich so glcklich bin und obendrein der Vorabend meines
Geburtstags ist. Sagen Sie mir ... Sie haben so viele Einblicke getan
und sich in jeder Weise den Wind um die Nase wehen lassen -- aber haben
Sie denn niemals Erfahrungen gemacht in dieser Richtung ... Sie wissen
schon ... Sind Sie gar niemals ergriffen worden, wie ich es nun bin?

Hm, sagte Doktor berbein und kniff die Lippen zusammen, da sein
roter Bart sich hob und Muskelballen sich an seinen Wangen bildeten.
Das knnte wohl dennoch so unterderhand sich einmal ereignet haben.

Sehen Sie? Sehen Sie? Und nun erzhlen Sie mir's, Doktor berbein!
Heute mssen Sie mir's erzhlen!

Und da es eine ernste und still besonnte, auch vom Dufte der
Lindenblten erfllte Stunde war, so gab Raoul berbein Auskunft ber
einen Zwischenfall seiner Laufbahn, dessen er in frheren Berichten
niemals erwhnt hatte, und der gleichwohl vielleicht von entscheidender
Bedeutung fr sein Leben gewesen war. Er hatte sich abgespielt zu jener
frhen Zeit, als berbein die kleinen Strolche unterrichtet und nebenbei
fr sich selbst gearbeitet, sich den Leibgurt enger gezogen und fetten
Brgerkindern Privatstunden erteilt hatte, um sich Bcher kaufen zu
knnen. Immer die Hnde auf dem Rcken und den Bart auf der Brust,
erzhlte der Doktor in kurz angebundenem und scharfem Tone davon, indem
er zwischen den einzelnen Stzen fest die Lippen zusammenprete.

Damals hatte das Schicksal ihn unaussprechlich fest mit einem Weibe
verbunden, einer schnen, weien Frau, welche die Gattin eines
edelsinnigen und achtenswerten Mannes und Mutter dreier Kinder war. Er
war als Przeptor der Kinder in das Haus gekommen, war aber spter
hufiger Tischgast und Hausfreund geworden, und auch mit dem Manne hatte
er herzliche Empfindungen getauscht. Das zwischen dem jungen Lehrer und
der weien Frau war lange unbewut und lnger noch stumm und unterhalb
aller Worte geblieben; aber es war im Schweigen erstarkt und bermchtig
geworden, und in einer Abendstunde, als der Gatte sich in Geschften
verweilt hatte, einer heien, sen, gefhrlichen Stunde, da war es in
Flammen ausgebrochen und htte sie fast betubt. So hatte denn nun ihr
Verlangen geschrien nach dem Glck, dem gewaltigen Glck ihrer
Vereinigung; allein hie und da, bemerkte Doktor berbein, kamen in der
Welt anstndige Handlungen vor. Sie waren sich zu schade gewesen, sagte
er, um den gemeinen und lcherlichen Weg des Betruges einzuschlagen; und
vor den arglosen Gatten hinzutreten, wie man wohl sagt, und sein Leben
zu zerstren, indem sie mit dem Rechte der Leidenschaft die Freiheit von
ihm forderten, war gleichfalls nicht ganz nach ihrem Geschmack gewesen.
Kurz, um der Kinder, um des guten und edlen Mannes willen, den sie
hochschtzten, hatten sie Verzicht geleistet und einander entsagt. Ja,
dergleichen kam vor, aber es war natrlich erforderlich, ein bichen die
Zhne zusammenzubeien. berbein kam noch immer zuweilen in das Haus der
weien Frau. Er speiste dort zu Abend, wenn seine Zeit es erlaubte,
spielte eine Partie Kasino mit den Freunden, kte der Hausfrau die Hand
und sagte gute Nacht!... Aber nachdem er dies erzhlt hatte, sagte er
das letzte, sagte es noch krzer und schrfer als das vorige, whrend
sich noch fter die Muskelballen an seinen Mundwinkeln bildeten. Damals
nmlich, als er und die weie Frau Verzicht geleistet hatten, damals
hatte berbein dem Glcke, der Bummelei des Glcks, wie er es seitdem
nannte, endgltig und auf immer Valet gesagt. Da er die weie Frau nicht
gewinnen konnte oder wollte, hatte er sich zugeschworen, ihr Ehre zu
machen und dem, was ihn mit ihr verband, indem er es weit brachte und
sich gro machte auf dem Felde der Arbeit -- hatte sein Leben auf die
Leistung gestellt, auf sie allein, und war geworden, wie er war. -- Das
war das Geheimnis, war wenigstens ein Beitrag zur Lsung des Rtsels von
berbeins Ungemtlichkeit, berheblichkeit und Streberei. Klaus Heinrich
sah mit Bangen, wie auerordentlich grn sein Gesicht war, als er sich
mit tiefer Verbeugung verabschiedete und dabei sagte: Gren Sie die
kleine Imma, Klaus Heinrich!

Am nchsten Morgen nahm der Prinz im Gelben Zimmer die Glckwnsche
des Schlopersonals und spter diejenigen der Herren von
Braunbart-Schellendorf und von Schulenburg-Tressen entgegen. Im Laufe
des Vormittags fuhren die Mitglieder des groherzoglichen Hauses zur
Gratulation auf Eremitage vor, und um ein Uhr begab sich Klaus
Heinrich in seiner Chaise zum Familienfrhstck bei dem Frsten und der
Frstin zu Ried-Hohenried, unterwegs vom Publikum ungewhnlich beifllig
begrt. Die Grimmburger waren vollzhlig versammelt in dem zierlichen
Palais an der Albrechtsstrae. Auch der Groherzog kam im Gehrock,
grte alle mit dem schmalen Haupt, indem er mit der Unterlippe leicht
an der oberen sog, und trank Milch mit Mineralwasser vermischt zu den
Speisen. Fast unmittelbar nach beendetem Frhstck zog er sich zurck.
Prinz Lambert war ohne seine Gemahlin erschienen. Der alte Ballettfreund
war gefrbt, ausgehhlt, schlottricht und besa eine Grabesstimme. Er
wurde von den Verwandten bis zu einem gewissen Grade bersehen.

Unter Tafel drehte sich das Gesprch eine Weile um hfische
Angelegenheiten, dann um das Gedeihen der kleinen Prinzessin Philippine
und spter fast ausschlielich um die grogewerblichen Unternehmungen
des Frsten Philipp. Der zarte kleine Herr erzhlte von seinen
Brauereien, Fabriken und Mhlen und namentlich von seinen
Torfstechereien, er schilderte Verbesserungen in den Betrieben, sprach
in Ziffern von Anlagen und Ertrgnissen, und seine Wangen rteten sich,
whrend die Verwandten seiner Frau ihm mit neugierigen, wohlwollenden
oder spttischen Mienen lauschten.

Als in dem groen Blumensalon der Kaffee genommen wurde, trat die
Frstin mit ihrem vergoldeten Tchen an ihren Bruder heran und sagte:
Du hast uns aber vernachlssigt in letzter Zeit, Klaus Heinrich.

Ditlindens herzfrmiges Gesicht mit den Grimmburger Wangenknochen war
nicht ganz so durchsichtig mehr, es hatte ein wenig mehr Farbe gewonnen
seit der Geburt ihres Tchterchens, und ihr Haupt schien weniger schwer
an der Last ihrer aschblonden Flechten zu tragen.

Habe ich euch vernachlssigt? fragte er. Ja, verzeih, Ditlinde, es
mag wohl sein. Aber ich war so sehr in Anspruch genommen, und dann wute
ich ja, da auch du es bist, denn nun hast du ja nicht mehr nur deine
Blumen zu warten.

Ja, die Blumen sind aus der Herrschaft verdrngt, sie machen mir nicht
viele Gedanken mehr. Es ist nun ein schneres Leben und Blhen, das mir
zu schaffen macht, und ich glaube, ich habe so rote Backen davon
bekommen wie mein guter Philipp von seinem Torf (von dem er whrend des
ganzen Frhstcks gesprochen hat, was ich nicht loben will, aber es ist
seine Leidenschaft). Und da ich so wohlbeschftigt und ausgefllt war,
so bin ich dir auch nicht gram gewesen, da du dich nicht sehen lieest
und deine eigenen Wege gingst, wenn sie mir auch ein bichen
verwunderlich waren...

Kennst du denn meine Wege, Ditlind?

Ja, leider nicht von dir. Aber Jettchen Isenschnibbe hat mich auf dem
laufenden gehalten -- du weit, sie ist stets unterrichtet--, und
anfangs war ich heftig erschrocken, das leugne ich nicht. Aber
schlielich wohnen sie ja auf 'Delphinenort', und er hat einen Leibarzt,
und Philipp meint auch, in ihrer Art seien sie ebenbrtig. Ich glaube,
ich habe mich frher absprechend ber sie geuert, Klaus Heinrich, habe
etwas von 'Vogel Roch' gesagt, wenn ich mich recht erinnere, und einen
Scherz mit dem Worte 'Steuersubjekt' gemacht. Aber wenn du die Leute
deiner Freundschaft wert achtest, so habe ich mich eben geirrt und nehme
diese uerungen natrlich zurck und will versuchen, fortan anders ber
sie zu denken, das verspreche ich dir ... Du hast immer gern gestbert,
fuhr sie fort, als er ihr lchelnd die Hand gekt hatte, und ich mute
mit, und mein Kleid (weit du noch? das rotsamtne), das hatte die Kosten
zu tragen. Nun stberst du allein, und Gott gebe, da du nichts
Hliches dabei erfhrst, Klaus Heinrich.

Ach, Ditlind, ich glaube eigentlich, da es immer schn ist, was man
erfhrt, ob gut, ob schlimm, aber es ist gut, was ich erfahre...

Um halb fnf Uhr verlie der Prinz aufs neue Schlo Eremitage, und
zwar auf seinem Dogcart, den er selbst kutschierte, Rcken an Rcken mit
einem Lakaien. Es war warm, und Klaus Heinrich trug weie Beinkleider
zum zweireihigen berrock. Nach beiden Seiten grend, fuhr er abermals
zur Stadt, genauer zum Alten Schlo, lie aber das Albrechtstor liegen
und nahm seine Einfahrt in den Komplex durch einen Nebentorweg, legte
zwei Hfe zurck und hielt in demjenigen mit dem Rosenstock.

Alles war still und steinern hier; die Treppentrme mit ihren schrgen
Fenstern, schmiedeeisernen Balustraden und schnen Skulpturen ragten in
den Ecken empor, und in Licht und Schatten stand das verschiedenartige
Bauwerk umher, teils grau und verwittert, teils neueren Ansehens, mit
Giebeln und kastenartigen Ausladungen, mit offenen Loggien, Einblicken
durch weite Bogenfenster in gewlbte Hallen und gedrungenen
Sulengngen. In der Mitte aber, in seinem umgitterten Beet, stand der
Rosenstock und blhte, so sehr hatte das Jahr ihn begnstigt.

Klaus Heinrich gab die Zgel dem Diener, ging hin und betrachtete die
dunkelroten Rosen. Sie waren auerordentlich schn -- voll und
sammethnlich, edel gebildet und wahre Kunstwerke der Natur. Mehrere
waren schon ganz erschlossen.

Bitte, rufen Sie Hesekiel, sagte Klaus Heinrich zu einem
schnurrbrtigen Trhter, der, die Hand am Dreispitz, herangetreten war.

Hesekiel kam, der Hter des Rosenstocks. Es war ein Greis von siebzig
Jahren, in einer Grtnerschrze, mit Triefaugen und gebeugtem Rcken.

Haben Sie eine Schere bei sich, Hesekiel? fragte Klaus Heinrich laut.
Ich mchte eine Rose haben. Und Hesekiel zog eine Gartenschere aus der
beutelartigen Tasche seiner Schrze.

Die hier, sagte Klaus Heinrich, das ist die schnste. Und mit
zitternden Hnden durchschnitt der Alte den dornigen Stengel.

Ich will sie besprengen, Knigliche Hoheit, sagte er und begab sich
mit schlrfenden Schritten in einen Winkel des Hofes zum Wasserhahn.
Schimmernde Tropfen hafteten, als er zurckkehrte, auf den Blttern der
Rose wie auf dem Gefieder von Wasservgeln.

Danke, Hesekiel, sagte Klaus Heinrich und nahm die Rose. Immer bei
Krften? Hier! Und er gab dem Greise ein Geldstck und bestieg den
Dogcart, fuhr, die Rose neben sich auf dem Sitz, ber die Hfe und
kehrte nach der Meinung aller, die ihn sahen, vom Alten Schlo, wo er
wahrscheinlich eine Unterredung mit dem Groherzog gehabt hatte, nach
Eremitage zurck.

Er fuhr aber von dort durch den Stadtgarten nach Delphinenort. Der
Himmel hatte sich verdunkelt, groe Tropfen fielen schon auf die Bltter
nieder, und in der Ferne donnerte es.

Die Damen saen beim Tee, als Klaus Heinrich, von dem bauchigen Butler
gefhrt, in der Galerie erschien und die Stufen zum Gartensalon
hinabschritt. Herr Spoelmann war, wie gewhnlich in letzter Zeit, nicht
anwesend. Er lag mit Breiumschlgen. Perceval, der in schneckenfrmiger
Pose neben Immas Stuhle lag, schlug mehrmals grend mit dem Schweif auf
den Teppich. Die Vergoldung der Mbel war stumpf, denn hinter der
Glastr lag der Park im Wetterschatten.

Klaus Heinrich tauschte einen Hndedruck mit der Tochter des Hauses und
kte der Grfin die Hand, indem er sie gleichzeitig sanft aus der
hfischen Verbeugung emporhob, in die sie ihrer Gewohnheit nach
versunken war. Da ist es nun Sommer, sagte er zu Imma Spoelmann und
bot ihr die Rose. Er hatte ihr noch niemals Blumen gebracht.

Welche Ritterlichkeit! sagte sie. Danke, Prinz! Und sie ist schn!
fuhr sie in aufrichtiger Bewunderung fort (whrend sie sonst nie etwas
lobte) und umfing das herrliche Blumenhaupt, dessen traurige Bltter an
den Rndern kstlich gerollt waren, mit ihren schmalen und schmucklosen
Hnden. Gibt es so schne Rosen hier? Woher haben Sie sie? Und sie
neigte durstig ihr schwarzbleiches Kpfchen darber.

Ihre Augen waren voller Schrecken, als sie es wieder hob.--

Sie duftet nicht! sagte sie, und ein Ausdruck von Ekel erschien um
ihren Mund. Warten Sie ... Doch, sie riecht nach Moder! sagte sie.
Was bringen Sie mir, Prinz? Und ihre bergroen schwarzen Augen in dem
perlblassen Gesichtchen schienen vor fragendem Entsetzen zu glhen.

Ja, sagte er, verzeihen Sie, das ist unsere Art von Rosen. Sie ist
von dem Stock in einem der Hfe des Alten Schlosses. Haben Sie niemals
davon gehrt? Es hat seine Bewandtnis damit. Das Volk sagt, da sie
eines Tages aufs lieblichste zu duften beginnen werden.

Sie schien ihm nicht zuzuhren. Es ist, als htte sie keine Seele,
sagte sie und betrachtete die Rose. Aber sie ist vollkommen schn, das
mu man ihr lassen ... Nun, das ist ein fragwrdiges Naturspiel, Prinz.
Aber haben Sie jedenfalls Dank fr Ihre Aufmerksamkeit. Und wenn sie aus
dem Schlo Ihrer Vter stammt, so mu man ihr Reverenz erweisen.

Sie stellte die Rose in ein Wasserglas neben ihr Gedeck. Ein
Schwanverbrmter brachte dem Prinzen Tasse und Teller. Und sie
plauderten beim Tee ber den verwunschenen Rosenstock und dann ber
gewohnte Gegenstnde, ber das Hoftheater, ber ihre Pferde, ber
allerlei nichtige Streitfragen, in welchen Imma Spoelmann ihm
widersprach, geschliffene Redensarten in Anfhrungsstrichen daherfhrte,
indem sie sich ber sie lustig machte, ihn mattsetzte in erlesener
Schriftrede, die sie mit ihrer gebrochenen Stimme hervorsprudelte,
whrend sie launisch ihr Kpfchen dabei drehte. Spter wurde ein
gewichtiger, in weies Papier verpackter Ballen gebracht, eine Sendung
des Buchbinders fr Frulein Spoelmann, enthaltend eine Anzahl von
Werken, die sie in schne und dauerhafte Gewnder hatte kleiden lassen.
Sie ffnete das Paket, und alle drei sahen nach, ob der Handwerker gute
Arbeit getan habe.

Es waren fast lauter gelehrte Bcher, entweder solche, die inwendig so
zauberhaft aussahen wie Imma Spoelmanns Kollegheft, oder solche, die
sich mit wissenschaftlicher Seelenkunde, scharfsinnigen Zergliederungen
der inneren Vorgnge befaten; und sie waren aufs kostbarste
ausgestattet, mit Pergament und gepretem Leder, mit Golddruck,
ausgesuchten Papieren und seidenen Bandzeichen. Imma Spoelmann zeigte
sich leidlich zufrieden mit der Lieferung, aber Klaus Heinrich, der
niemals so reiche Bnde gesehen hatte, war des Lobes voll.

Nun werden sie also aufgestellt? fragte er ... Zu den anderen oben?
Sie haben wohl viele Bcher? Und sind alle so schn wie diese? Lassen
Sie mich zusehen, wie Sie sie einreihen! Ich kann nicht fahren, das
Wetter steht immer noch da und droht meinen weien Hosen. Ich wei
berhaupt nicht, wie Sie wohnen auf Delphinenort, ich war nie in Ihrem
Studio. Wollen Sie mir Ihre Bcher zeigen?

Das hngt von der Grfin ab, sagte sie und war damit beschftigt, die
neuen Bnde aufeinanderzustapeln. Grfin, der Prinz wnscht meine
Bcher zu sehen. Darf ich Sie bitten, sich hierzu zu uern?

Grfin Lwenjoul sa in Abwesenheit. Den kleinen Kopf zur Schulter
geneigt, betrachtete sie Klaus Heinrich mit einem scharf gekniffenen, ja
boshaften Blick und lie dann ihre Augen zu Imma Spoelmann
hinbergleiten, whrend ihre Miene sich vernderte und ein weicher,
mitleidiger und besorgter Ausdruck davon Besitz ergriff. Lchelnd kam
sie zu sich und nestelte eine kleine Uhr aus ihrem braunen,
enganschlieenden Kleide hervor.

Um sieben Uhr, sagte sie frisch, erwartet Mister Spoelmann Sie, Imma,
damit Sie ihm vorlesen. Sie haben eine halbe Stunde, um den Wunsch
Seiner Kniglichen Hoheit zu erfllen.

Nun, so kommen Sie, Prinz, und besichtigen Sie mein Studio! sagte
Imma. Auch mgen Sie sich immerhin an der berfhrung der Bcher
beteiligen, sofern Ihre Hoheit es zult. Ich nehme die Hlfte...

Aber Klaus Heinrich nahm alle Bcher. Er umfate sie mit beiden Armen,
obgleich der linke ihm wenig ntze war, und der Stapel reichte ihm ber
das Kinn. So, rckwrts gebeugt und behutsam, um nichts zu verlieren,
folgte er der fhrenden Imma hinber in den nach der Auffahrtsallee
gelegenen Flgel, in dessen Hauptgescho die Wohnungen Frulein
Spoelmanns und der Grfin Lwenjoul lagen.

In dem groen und wohnlichen Zimmer, das sie durch eine schwere Tr
betraten, lie er seine Last auf die sechseckige Platte eines
Ebenholztisches nieder, der vor einem massigen, mit golddurchwirktem
Stoff berkleideten Sofa stand. Imma Spoelmanns Studio war nicht in dem
geschichtlichen Stile des Schlosses, sondern in neuerem Geschmack und
brigens ohne alle Zierlichkeit, vielmehr mit grozgigem, herrenhaftem
und zweckmigem Luxus hergerichtet. Mit edlem Holze getfelt bis hoch
hinauf und geschmckt mit alten Tonwaren, die rings unter der Decke auf
den Gesimsen schimmerten, war es ausgestattet mit morgenlndischen
Teppichen, einem Kamin mit schwarzmarmornem Mantel, auf dessen Platte
schngeformte Vasen und eine goldene Stutzuhr standen, breiten,
bordierten Sammetsthlen und Vorhngen aus dem gewirkten Stoff des
Sofabezuges. Der gerumige Schreibtisch stand vor dem Bogenfenster,
welches die Aussicht auf das groe Brunnenbassin vorm Schlosse bot. Eine
Wand war mit Bchern bedeckt, aber die Hauptbibliothek befand sich in
dem anstoenden, kleineren und ebenfalls mit Teppichen belegten Raum, in
den eine offene Schiebetr Einblick gewhrte, und dessen Wnde durchaus
und bis zur Decke hinauf mit Bcherborden umstellt waren.

Nun, Prinz, dies ist meine Eremitage, sagte Imma Spoelmann. Sie
gefllt Ihnen, wie ich hoffe?

Doch, sie ist herrlich, sagte er. brigens sah er sich gar nicht um,
sondern blickte unverwandt auf sie, die bei dem sechseckigen Tisch an
dem Seitenpolster des Sofas lehnte. Sie trug eines ihrer schnen
Hauskleider, ein sommerliches heute, aus einem bltenweien, gefalteten
Stoff, mit offenen rmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust. Die
Haut ihrer Arme und ihres Halses erschien brunlich wie angerauchter
Meerschaum gegen die Weie des Kleides, ihre bergroen und glnzend
ernsten Augen in dem seltsamen Kindergesichtchen redeten eine flieende
und unaufhaltsame Sprache, und eine glatte Strhne ihres blauschwarzen
Haares fiel seitwrts in ihre Stirn. Sie hatte Klaus Heinrichs Rose in
der Hand.

Doch, sie ist herrlich, sagte er, der vor ihr stand, und wute nicht,
was er meinte. Seine blauen Augen, von den volkstmlichen Wangenknochen
bedrngt, waren trb wie von Schmerz. Sie haben so viele Bcher, fgte
er hinzu, wie meine Schwester Ditlinde Blumen hat.

Hat die Frstin so viele Blumen?

Ja, aber neuerdings sind sie ihr weniger wert.

Nun wollen wir einrumen, sagte sie und griff nach den Bchern.

Nein, warten Sie, sagte er mit schwerer Brust. Ich habe Ihnen so viel
zu sagen, und unsere Zeit ist so kurz. Sie mssen wissen, da heute mein
Geburtstag ist -- darum kam ich und brachte Ihnen die Rose.

Oh, sagte sie, das ist bemerkenswert! Es ist Ihr Geburtstag heute?
Nun, ich bin sicher, da Sie alle Glckwnsche mit dem Ihnen eigenen
Anstand entgegengenommen haben. Nehmen Sie auch den meinen! Es war
hbsch, da Sie mir heute die Rose brachten, obgleich sie ihr
Bedenkliches hat... Und sie versuchte noch einmal mit furchtsamem
Ausdruck den Moderduft. Wie alt werden Sie heute, Prinz?

Siebenundzwanzig, antwortete er. Vor siebenundzwanzig Jahren wurde
ich auf der Grimmburg geboren. Ich habe es immer recht streng und einsam
seitdem gehabt.

Sie schwieg. Und pltzlich sah er, wie ihr Blick, unter leicht
verfinsterten Brauen, an seiner Seite suchte -- ja, obwohl er, seiner
bung nach, ein wenig schrg vor ihr stand und ihr die rechte Schulter
zuwandte, konnte er nicht verhindern, da ihre Augen sich mit stillem
Forschen auf seinen linken Arm, auf die Hand hefteten, die er weit
rckwrts in die Hfte gestemmt hatte.

Haben Sie das da seit Ihrer Geburt? fragte sie leise.

Er erbleichte. Aber mit einem Laut, der wie ein Laut der Erlsung klang,
sank er vor ihr nieder, indem er die seltsame Gestalt mit beiden Armen
umschlang. Da lag er in seinen weien Hosen und seinem blau und roten
Rock mit den Majorsraupen auf den schmalen Schultern.

Kleine Schwester..., sagte er. Kleine Schwester...

Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen: Haltung, Prinz. Ich bin der
Meinung, da es nicht erlaubt ist, sich gehen zu lassen, sondern da man
unter allen Umstnden Haltung bewahren mu.

Aber hingegeben und mit blinden Augen, das Gesicht zu ihr emporgewandt,
sagte er nichts als: Imma ... kleine Imma...

Da nahm sie seine Hand, die linke, verkmmerte, das Gebrechen, die
Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend auf mit Kunst und
Wachsinn zu verbergen gewhnt war -- nahm sie und kte sie.




Die Erfllung


Ernste Gerchte liefen ber den Gesundheitszustand des Finanzministers
Doktor Krippenreuther im Lande um. Man sprach von nervser Zerrttung,
von einem fortschreitenden Magenbel, auf welches in der Tat die
schlaffen und gelben Gesichtszge Herrn Krippenreuthers zu schlieen
berechtigten ... Was ist Gre! Der Tagelhner, der fahrende Strolch
beneideten diesen gequlten Wrdentrger nicht um seinen Titel, seine
Gnadenketten, seinen Rang bei Hofe, sein hervorragendes Amt, zu dem er
zhe emporgestrebt war, um sich darin aufzureiben. Sein Rcktritt war
wiederholt als unmittelbar bevorstehend gemeldet worden -- einzig und
allein dem Widerwillen des Groherzogs gegen neue Gesichter sowie der
Erwgung, da ein Personalwechsel zur Zeit nichts bessern knne, sei es,
sagte man, zuzuschreiben, da dieser Rcktritt noch nicht zur Tatsache
geworden war. Doktor Krippenreuther hatte seinen Sommerurlaub in einem
Hhenkurort verbracht; aber falls er dort oben einige Erholung gefunden,
so wurden nach seiner Heimkehr die gesammelten Krfte rasch wieder
verzehrt, denn gleich zu Beginn der parlamentarischen Jahreszeit gab es
Zwietracht zwischen dem Minister und der Budgetkommission -- schwere
Mihelligkeiten, die gewi nicht in einem Mangel an Geschmeidigkeit
seinerseits, sondern in den Verhltnissen, der heillosen Sachlage
begrndet waren.

Mitte September erffnete AlbrechtII. unter den hergebrachten
Gebruchen im Alten Schlosse den Landtag. Eine Anrufung Gottes durch den
Hofprediger D. Wislizenus in der Schlokirche war der Zeremonie
voraufgegangen; dann begab sich der Groherzog, begleitet von dem
Prinzen Klaus Heinrich, in feierlichem Zuge zum Thronsaal, woselbst die
Mitglieder der beiden Kammern, die Minister, die Hofchargen und viele
andere Herren in Uniform und Brgerkleid die frstlichen Brder mit
einem dreifachen Hoch begrten, aufgefordert dazu durch den Prsidenten
der Ersten Kammer, einen Grafen Prenzlau.

Albrecht hatte dringend gewnscht, seine Rolle bei der frmlichen
Handlung an seinen Bruder abzutreten, und nur auf instndige
Gegenvorstellungen des Herrn von Knobelsdorff schritt er im Zuge hinter
den als Pagen verkleideten Kadetten her. Er schmte sich seiner
verschnrten Husarenjacke, seiner prallen Hosen und dieses ganzen
Hokuspokus in dem Grade, da rger und Verlegenheit ihm unzweideutig vom
Gesichte zu lesen waren. Seine Schulterbltter waren nervs verzogen,
als er die Stufen zum Thron emporstieg. Dann stand er vor dem
Theaterstuhl unter dem schadhaften Baldachin und sog an der Oberlippe.
Auf dem weien Stehkragen, der weit aus dem silbernen Husarenkragen
hervorragte, ruhte sein schmaler, spitzbrtiger, unmilitrischer Kopf,
und seine blauen, einsam blickenden Augen sahen niemanden. Das Klirren
der Sporen des Flgeladjutanten, der ihm die Handschrift der Thronrede
berreichte, klang durch den Saal, in welchem sich Stille verbreitet
hatte. Und leise, ein wenig lispelnd und mehrmals von pltzlicher
Heiserkeit unterbrochen, verlas der Groherzog, was man ihm aufgesetzt
hatte.

Es war das schonungsvollste Schriftstck, das je zu Gehr gekommen, und
setzte jeder niederschlagenden Tatsache uerer Natur einen dem Volke
innewohnenden sittlichen Vorzug entgegen. Es fing damit an, die im Lande
vorhandene Tchtigkeit zu preisen, und rumte dann ein, da gleichwohl
nicht auf allen Gebieten des Erwerbslebens ein eigentlicher Aufschwung
zu verzeichnen sei, so da die Einnahmequellen nicht durchweg die
wnschenswerte Ergiebigkeit aufwiesen. Es vermerkte mit Genugtuung, wie
der Sinn fr das Gemeinwohl und wirtschaftlicher Opfermut sich mehr und
mehr in der Bevlkerung ausbreiteten, und erklrte dann ohne
Schnfrberei, da trotz beraus begrenswerter Erhhung der
Steuereingnge infolge Zuzugs steuerkrftiger Fremder -- womit Herr
Spoelmann gemeint war -- an eine Herabsetzung der Ansprche an den eben
gewrdigten Opfermut nicht wohl habe gedacht werden knnen. Selbst
ohnedies, hie es weiter, htten sich im Etatsentwurf nicht alle
finanzpolitischen Ziele erreichen lassen, und wenn es zunchst noch
nicht gelungen sei, die Schuldentilgung auf das angestrebte Ma zu
bringen, so sehe die Regierung doch in der Fortsetzung einer mavollen
Anlehenspolitik den besten Ausweg aus den rechnerischen Verwicklungen.
Auf jeden Fall fhle sie sich -- die Regierung -- in aller Ungunst der
Verhltnisse von dem Vertrauen des Volkes getragen, jenem Glauben an die
Zukunft, der ein so schnes Erbteil unseres Stammes sei ... Und so bald
als tunlich verlie die Thronrede das miliche Gebiet des
Geldwirtschaftlichen, um sich minder heiklen Gegenstnden, dem Kirchen-,
Schul- und Rechtswesen zuzuwenden. Staatsminister von Knobelsdorff
erklrte im Namen des Monarchen den Landtag fr erffnet. Und die
Hochrufe, die Albrecht begleiteten, als er den Saal verlie, hatten
einen trotzig verzweifelten Nachdruck.

Da die Witterung noch sommerlich war, kehrte er sofort nach Hollerbrunn
zurck, von wo er notgedrungen zur Stadt gekommen war. Er hatte das
seine getan, und was brigblieb, war Sache Herrn Krippenreuthers und des
Landtags. Es kam, wie gesagt, sogleich zu Streitigkeiten, und zwar wegen
mehrerer Punkte auf einmal: der Vermgenssteuer, der Fleischsteuer und
des Beamtengehaltstarifs.

Da nmlich die Volksvertretung fr nichts in der Welt zur Bewilligung
neuer Steuern zu bewegen gewesen wre, so war Doktor Krippenreuthers
grbelnder Geist darauf verfallen, die bisher gebruchlich gewesenen
Extrasteuern in eine Vermgenssteuer umzuwandeln, die, den Steuerfu auf
dreizehneinhalb vom Hundert angesetzt, einen Mehrertrag von rund einer
Million ergeben wrde. Wie bitter notwendig, ja, wie unzulnglich ein
solcher Mehrertrag war, erhellte denn auch aus dem Hauptvoranschlag fr
das neue Etatsjahr, welcher, der bernahme neuer Lasten auf die
Staatskasse ungeachtet, mit einem Fehlbetrag abschlo, der das Herz
jedes wirtschaftlich Einsichtigen mute erbeben machen. Da aber klar
war, da fast allein die Stdte durch die Vermgenssteuer wrden
belastet werden, so kehrte sich gegen den Steuerfu von dreizehneinhalb
die volle Entrstung der stdtischen Vertreter, und zum mindesten
forderten sie als Entgelt die Abschaffung der Fleischsteuer, die sie
volksfeindlich und vorsintflutlich nannten. Hinzu kam, da die
Kommission mit Unnachgiebigkeit auf der lngst versprochenen und immer
hinausgeschobenen Aufbesserung der Beamtenbesoldung bestand -- wobei
nicht zu leugnen war, da die Gehlter der Verwaltungsbeamten,
Geistlichen und Lehrer des Groherzogtums in der Tat zum Erbarmen
aufforderten. Allein Dr. Krippenreuther konnte nicht Gold machen -- ich
habe nicht Gold machen gelernt, sagte er wrtlich--, und so wenig er
sich in der Lage sah, auf die Fleischsteuer zu verzichten, so wenig
wute er Rat gegen den Notstand der Beamten. Ihm blieb nichts brig, als
auf seine dreizehneinhalb vom Hundert zu trotzen, obwohl er am besten
wute, da man durch ihre Bewilligung nicht wesentlich wrde gefrdert
sein. Denn die Lage war ernst, und schwermtige Geister gaben ihr
trbere Bezeichnungen.

ber die Ernteergebnisse der letzten Jahre enthielt die Zeitschrift des
Groherzoglichen Statistischen Bureaus erschreckende Angaben. Die
Landwirtschaft hatte eine Reihe von Mijahren zu verzeichnen.
Wetterunbilden, Hagel, Drre und bermiger Regen hatten die Bauern
getroffen; ein auerordentlich schneearmer und kalter Winter hatte die
Saaten erfrieren gemacht; und die Krittler behaupteten, wenn auch
ziemlich unbewiesenerweise, da die Fllungen bereits das Klima
beeintrchtigt htten. Jedenfalls war laut zahlenmiger Nachweisung der
Gesamtertrag an Krnern im beunruhigendsten Grade zurckgegangen. Die
Beschaffenheit des Strohs, das brigens in ungengenden Mengen vorhanden
war, lie der amtlichen Redewendung nach zu wnschen brig; die Ziffern
der Kartoffelernte standen weit hinter dem Durchschnittsertrag von
Jahrzehnten zurck, zu schweigen davon, da nicht weniger als zehn vom
Hundert dieser Frchte erkrankt waren; den knstlichen Futterbau
angehend, so zhlten die letzten beiden Jahre, sowohl in bezug auf die
Menge als auch auf die Beschaffenheit des Ertrages an Klee und Luzerne,
zu den ungnstigsten der ganzen Erhebungsperiode, und weder mit der
Ernte an Winterraps noch mit derjenigen an Heu und Grummet stand es
besser. Der Niedergang der landwirtschaftlichen Verhltnisse fand
krassen Ausdruck in der Zunahme der Zwangsveruerungen, deren Ziffer in
diesem Berichtsjahr entsetzlich emporschnellte. Aber der Miwuchs zog
Steuerausflle nach sich, die, wenn sie anderswo schmerzlich empfunden
worden wren, bei uns verhngnisvoll wirken muten.

Die Forsten? Es war nichts daraus erwirtschaftet worden. Ein Unheil kam
zum andern; Schdlinge, Nonnen hatten die Wlder mehrmals heimgesucht --
und daran, da durch die berhauungen der Wald berhaupt in seinem
Kapitalwerte erschttert war, braucht nicht erinnert zu werden.

Die Silberbergwerke? Sie waren lange ertrgnislos gewesen. Zerstrende
Naturmchte hatten den Betrieb unterbrochen, und da die
Wiederherstellung groe Kosten verursacht haben wrde, auch die
Ergebnisse niemals so recht den Aufwendungen hatten entsprechen wollen,
so hatte man sich gentigt gesehen, die vorlufige Auflassung der Werke
zu verfgen, obgleich dadurch viele Arbeiter brotlos gemacht und ganze
Gegenden geschdigt wurden.

Genug! Wie es in dieser Zeit der Prfung um die ordentlichen Einnahmen
des Staates stand, ist hiermit gekennzeichnet. Die schleichende Krise,
das von einem Wirtschaftsjahr in das andere geschleppte Defizit war
durch Notstand, durch die Feindseligkeit der Elemente und Steuerausfall
brennend, war schreiend geworden, und bei der ratlosen Umschau nach
Heilmitteln -- nach Linderungsmitteln offenbarte sich dem bldesten
Blick der ganze Jammer unserer Finanzgebarung. An die Bewilligung neuer
Abgaben war nicht einmal zu denken. Steueruntchtig von Natur, war das
Land in diesem Augenblick erschpft, seine Steuerkraft erlahmt, und die
Krittler behaupteten, da auf dem Lande der Anblick unterernhrter
Gestalten immer hufiger werde, woran erstens die emprenden
Verzehrungssteuern und zweitens die unmittelbaren Steuerlasten die
Schuld trgen, welche bekanntlich den Viehbesitzer zwngen, alle
Vollmilch zu Gelde zu machen. Was aber jenes andere, minder sittliche,
doch verlockend bequeme Hilfsmittel gegen Geldmangel betrifft, welches
die Finanzwissenschaft kennt, nmlich die Anleihe, so war die Stunde
gekommen, wo eine mibruchliche und leichtfertige Ausnutzung dieses
Mittels sich bitter zu rchen begann.

Nachdem man die Schuldentilgung eine Weile auf ungeschickte und
verlustbringende Weise betrieben, hatte man sie unter AlbrechtII. so
gut wie ganz unterlassen, hatte die klaffenden Lcher im Etat mit neuen
Anleihen und Schatzscheinen notdrftig gestopft und sah sich erbleichend
einer schwebenden und kurzfristigen fundierten Schuld gegenber, deren
Hhe zur Kopfzahl der Einwohnerschaft in skandalsem Verhltnis stand.
Doktor Krippenreuther war nicht vor den Praktiken zurckgeschreckt, die
in solchem Falle dem Staat zu Gebote stehen. Er hatte sich hoher
Kapitalverbindlichkeiten entschlagen, hatte zur Zwangskonversion
gegriffen und, nicht ohne gleichzeitige Herabsetzung des Zinsfues,
kurzfristige Schulden ber die Kpfe der Glubiger hinweg in ewige
Rentenschulden umgewandelt. Aber die Renten wollten gezahlt sein, und
whrend diese Zahlungsverpflichtungen unsere Volkswirtschaft
unertrglich belasteten, wurde durch den Tiefstand des Kurses bei jeder
neuen Ausgabe von Schuldverschreibungen der Kapitalerls fr die
Staatskasse geringer. Mehr noch: die wirtschaftliche Krise im
Groherzogtum bewirkte, da die auswrtigen Glubiger ihre Forderungen
hastig zu veruern suchten, was wiederum Kurssturz und verstrkten
Geldabflu zur Folge hatte, und Bankbrche in der Geschftswelt waren an
der Tagesordnung.

Mit einem Worte: unser Kredit war erschttert, unsere Papiere standen
tief unter dem Nennwerte, und wenn der Landtag eine neue Anleihe
vielleicht auch lieber als neue Steuern bewilligt htte, so waren die
Bedingungen, die dem Lande auferlegt worden wren, doch solcher Art, da
die Begebung schwierig, wenn nicht unmglich erschien. Denn zu allem
Unglck kam dies, da man gerade damals unter dem Druck jener
allgemeinen wirtschaftlichen Mistimmung, jener Geldteuerung stand, die
noch in jedermanns Erinnerung ist.

Was tun, um festen Boden zu gewinnen? Wohin sich wenden, um den
Geldhunger zu stillen, der uns verzehrte? Die Veruerung der zur Zeit
ertrgnislosen Silberbergwerke und die Verwendung des Erlses zur
Tilgung hochverzinslicher Schulden war lngst erwogen worden. Jedoch
durch den Verkauf, der, wie die Dinge lagen, notwendig ungnstig
ausfallen mute, wre nicht nur das in den Werken angelegte Kapital fast
ganz verlorengegangen, sondern der Staat htte sich auch der Gewinne
begeben, die dennoch vielleicht ber kurz oder lang einmal daraus wrden
zu erlangen sein -- und schlielich war nicht von heute auf morgen ein
Kufer zu finden. Einen Augenblick -- es war ein Augenblick seelischer
Hinflligkeit -- kam selbst der Verkauf von Staatsforsten in Betracht.
Aber hier darf gesagt werden, da immerhin genug gesunder Sinn im Lande
vorhanden war, um zu verhindern, da unsere Wlder der Privatindustrie
berantwortet wrden.

Um nichts zu verschweigen: noch andere Verkaufsgerchte kamen auf,
Gerchte, die darauf schlieen lieen, da die Verlegenheit nicht vor
Sttten haltmachte, welche das ehrerbietige Volk sich gern als allen
Unbilden der Zeit entrckt gedacht htte. Der Eilbote, nicht gewohnt,
seinem Zartgefhl eine Information zu opfern, brachte zuerst die
Nachricht, da zwei im offenen Lande gelegene Schlsser des Groherzogs,
Zeitvertreib und Favorita, dem Verkauf unterstellt seien. In
Erwgung, da beide Besitztmer fr Wohnzwecke der allerhchsten Familie
nicht mehr in Betracht kmen und jhrlich steigende Zuschsse
erforderten, habe die Verwaltung der Kronfideikommigter die
zustndigen Stellen angewiesen, die Veruerung in die Wege zu leiten.
Was bedeutete das? Offenbar stand es anders damit als mit dem Verkauf
von Delphinenort, der die Folge eines ganz auerordentlichen und
beraus gnstigen Angebots und auerdem eine Handlung der Staatsklugheit
gewesen war. Leute, die abgehrtet genug waren, um Dinge namhaft zu
machen, vor deren Nennung ein feineres Empfinden zurckbebt, sprachen es
aus, da die Hoffinanzdirektion von unruhig gewordenen Glubigern
rcksichtslos bedrngt werde und, wenn sie solche Verkufe empfehle,
einem unerbittlichen Zwang unterliege.

Wohin war es gekommen? In welche Hnde wrden die Schlsser gelangen?
Gerade die Bestgesinnten, die so fragten, waren geneigt, eine weitere
Nachricht, die von berklugen Alleswissern ausgesprengt wurde, als
trstlich zu empfinden und zu glauben: Da nmlich abermals niemand
anders als Samuel Spoelmann der Kufer sei -- eine vllig grundlose und
aus der Luft entstandene Meldung, die aber erkennen lt, welche Rolle
in der Vorstellungswelt des Volkes der einsame und leidende kleine Mann
spielte, der sich in seiner Mitte frstlich niedergelassen hatte.

Dort hauste er, mit seinem Leibarzt, seiner elektrisch betriebenen Orgel
und seiner Glsersammlung, hinter den Sulen, den Bogenfenstern und
gemetzten Laubgewinden des Lustschlosses, das sein Wink aus dem Verfalle
hatte erstehen lassen. Man sah ihn fast nie; er lag mit Breiumschlgen.
Aber man sah seine Tochter, dies fremdartige, mit launischem Mienenspiel
auf kniglicher Hhe lebende Wesen, das eine Grfin zur Gesellschaft
hatte, der Algebra oblag und frei und zornig mitten durch die
Wachtmannschaft gegangen war -- man sah sie, und an ihrer Seite sah man
zuweilen den Prinzen Klaus Heinrich.

Es war eine von Raoul berbeins starken Redensarten gewesen, als er
erklrt hatte, da das Publikum bei diesem Anblick den Atem anhalte;
aber in der Sache hatte er recht, und man kann sagen, da niemals die
Bevlkerung unserer Residenz -- und zwar in ihrer ganzen Zusammensetzung
-- einen gesellschaftlichen oder ffentlichen Vorgang mit so
leidenschaftlichem, so alles andere hintansetzendem Eifer verfolgt
hatte, wie Klaus Heinrichs Verkehr auf Delphinenort. Der Prinz selbst
handelte bis zu einem gewissen Punkte -- nmlich bis zu einer gewissen
Unterredung mit Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Knobelsdorff --
blind, ohne Rcksicht auf die Mitwelt und inneren Trieben gehorchend;
aber sein Lehrer konnte ihn mit Fug ob der Meinung, als knnten seine
Schritte der Welt verborgen bleiben, in seiner vterlichen Art
verspotten, denn sei es nun, da die beiderseitige Dienerschaft nicht
reinen Mund hielt oder da unmittelbare Beobachtungen von seiten des
Publikums vorlagen, jedenfalls war Klaus Heinrich niemals mit Frulein
Spoelmann zusammengetroffen, niemals seit jener ersten Begegnung im
Dorotheen-Spital, ohne da es bemerkt und besprochen worden wre.
Bemerkt? Nein, erspht, erugt und gierig aufgegriffen! Besprochen?
Vielmehr mit Sturzbchen von Gerede berschttet! Dieser Verkehr bildete
den Gesprchsgegenstand der Hofgesellschaft, der Salons, der Wohn- und
Schlafzimmer, der Barbierstuben, Wirtshuser, Handwerksttten und
Gesindekammern, der Droschkenkutscher an den Haltestellen und der Mgde
unter den Haustoren, er beschftigte gleichermaen die mnnlichen und
weiblichen Kpfe, wenn auch natrlich mit den Abweichungen, die in der
unterschiedlichen Betrachtungsweise der Geschlechter begrndet liegen,
die unerhrt einmtige Teilnahme daran wirkte ausgleichend,
zusammenfassend, sie berbrckte die gesellschaftlichen Klfte, und es
konnte geschehen, da der Trambahnschaffner sich auf der Plattform an
den feingekleideten Fahrgast mit der Frage wandte, ob er schon wisse,
da gestern nachmittag der Prinz wieder eine Stunde auf Delphinenort
gewesen sei.

Aber das sowohl an und fr sich Bemerkenswerte wie auch fr die Zukunft
Entscheidende bei alldem war, da man keinen Augenblick den Eindruck
gewann, als lge ein rgernis in der Luft und als handle es sich bei all
der Zungenbewegung um die gemeine Lust an anstigen Vorgngen in hohen
Sphren -- sondern da vom ersten Anbeginn, bevor noch irgendein
Hintergedanke aufzukommen Zeit gehabt hatte, die tausendstimmige
Errterung bei aller Erregtheit durchaus im Sinne der Billigung und des
Einverstndnisses gefhrt wurde, ja, da der Prinz, wenn er frher
darauf verfallen wre, sich nach der ffentlichen Meinung umzutun,
sogleich die glckliche Gewiheit von der unbedingten Volkstmlichkeit
seines Handelns erhalten htte. Als er nmlich, seinem Lehrer gegenber,
Frulein Spoelmann eine Prinzessin genannt hatte, da hatte er, wie es
ihm brigens wohl anstand, genau im Geiste des Volkes gesprochen --
jenes Volkes, das berall das Ungemeine und Traumhafte mit dichterischem
Sinn zu erfassen wei. Ja, fr das Volk war das schwarzbleiche, kostbare
und eigentmlich liebliche Wesen von schillernder Blutzusammensetzung,
das von den Gegenflern zu uns gekommen war, um sein vereinzeltes und
beispielloses Leben bei uns zu fhren -- fr das Volk war es ein
Frsten- oder Feenkind aus Fabelland, eine Prinzessin in des Wortes
sonderbarster Bedeutung. Aber alles, sowohl ihr eigenes Gehaben als auch
das Verhalten der Welt zu ihr, trug dazu bei, sie auch im gewohnten
Sinne des Wortes als Prinzessin erscheinen zu lassen. Wohnte sie nicht
mit ihrer grflichen Ehrendame in einem Schlo, wie es sich gehrte?
Fuhr sie nicht in ihrem prachtvollen Kraftwagen oder mit ihrem
Viergespann an den mildttigen Anstalten, dem Blinden-, dem Waisen-, dem
Diakonissenhause, der Volkskche und der Milchkche vor, um sie zu
allgemeiner Erhebung und eigener Belehrung zu besichtigen, vllig nach
frstlicher Art? Hatte sie nicht sowohl fr die berschwemmten wie fr
die Abgebrannten aus ihrer Privatschatulle, wie der Eilbote sich
bezeichnend ausdrckte, Untersttzungssummen gespendet, die genau denen
des Groherzogs gleichkamen (sie nicht bertrafen, was allgemein
beifllig vermerkt wurde)? Berichteten nicht fast jeden Tag die Journale
gleich unter den Hofnachrichten ber Herrn Spoelmanns wechselnden
Gesundheitszustand -- ob die Koliken ihn ans Bett fesselten oder ob er
den morgendlichen Besuch des Quellengartens wieder aufgenommen habe?
Gehrten die weien Livreen seiner Bedienten nicht zum hauptstdtischen
Straenbilde wie die braunen der groherzoglichen Lakaien? Lieen nicht
die Fremden mit ihren Handbchern sich nach Delphinenort hinausfahren,
um sich in den Anblick der Spoelmannschen Residenz zu versenken --
manche, bevor sie das Alte Schlo gesehen? Waren nicht beide Schlsser,
das Alte und Delphinenort, nahezu gleichermaen Hochsitze und
Mittelpunkte der Stadt? In welche Gesellschaft gehrte das aller
Gemeinschaft und Gleichartigkeit entrckte Menschenkind, das als Samuel
Spoelmanns Tochter geboren war? Wem sollte es sich anschlieen, mit wem
Verkehr pflegen? Nichts war weniger befremdend, nichts einleuchtender
und natrlicher, als Klaus Heinrich an ihrer Seite zu sehen. Und auch
alle diejenigen, die des Anblicks nicht wirklich teilhaft geworden
waren, genossen ihn im Geiste und vertieften sich darein: die schlanke,
festlich vertraute Gestalt des Prinzen neben der Tochter und Erbin des
ungeheuerlichen kleinen Fremden, der krank und rgerlich an einem
Vermgen trug, welches sich ungefhr doppelt so hoch belief wie unsere
smtlichen Staatsschulden!

Da geschah es, da eine Erinnerung, eine wunderliche Wortfgung vom
ffentlichen Bewutsein Besitz ergriff ... niemand kann sagen, wer
zuerst darauf hinwies, darauf zurckwies -- das steht nicht fest.
Vielleicht war es eine Frau, vielleicht ein Kind mit glubigen Augen,
dem man es irgendwann zum Einschlafen erzhlt -- Gott wei es. Aber eine
gespenstische Gestalt belebte sich in der Einbildungskraft des Volkes:
der Schatten eines alten Zigeunerweibes, das, grauzottig und krumm, die
Augen nach innen gekehrt, seinen Stock durch den Sand fhrte und dessen
Gemurmel aufgezeichnet und von Geschlecht zu Geschlecht berliefert
worden war ... Das grte Glck? Durch einen Frsten mit einer Hand
sollte es dem Lande zuteil werden. Mehr werde er, hie es, mit seiner
einen dem Lande geben, als andere mit zweien nicht vermchten ... Mit
einer? Aber war alles ganz in Ordnung an Klaus Heinrichs schlanker
Festgestalt? War nicht, wenn man sich besann, eine Schwche, ein Fehler
an seiner Person, wovon man, wenn man ihn grte, abzusehen gewhnt war,
aus Scheu zum ersten und zweitens, weil er es einem mit liebenswerter
Kunst erleichterte, davon abzusehen? Man sah ihn im Wagen, wie er ber
dem Sbelgriff den linken Unterarm mit dem rechten bedeckte. Man sah ihn
unter einem Baldachin, auf einer mit Fahnentchern behangenen Tribne
sich darstellen, ein wenig nach links gewandt, die Linke auf eine
gewisse Art in die Hfte gesttzt. Sein linker Arm war zu kurz, die Hand
verkmmert, man wute es und kannte sogar verschiedene Erklrungen fr
die Entstehung dieses Gebrechens, ohne da Ehrfurcht und Abstand doch
erlaubt htten, es klar zu sehen oder es auch nur eigentlich zuzugeben.
Aber nun sah man es. Niemals wird festgestellt werden knnen, wer zuerst
flsternd daran erinnerte und es mit der Prophezeiung in Verbindung
brachte -- ein Kind, eine Magd oder ein Greis an der Schwelle des
Jenseits. Aber was feststeht, ist, da es im Volke geschah, da das Volk
gewisse Gedanken und Hoffnungen -- nicht zuletzt seine Auffassung der
Person Frulein Spoelmanns -- den gebildeten Stnden bis hinauf zu den
ausschlaggebenden Stellen erst aufdrngte und von unten her gewaltig
eingab: da der unbefangene, von Vorurteilen nicht gehemmte Glaube des
Volkes allem Spteren die breite und feste Grundlage bot. Mit einer
Hand? fragte es, und Das grte Glck? Es sah Klaus Heinrich im
Geiste neben Imma Spoelmann die Linke in die Hfte sttzen, und, noch
unfhig, zu Ende zu denken, was es dachte, erbebte es bei seinem halben
Gedanken.

Damals schwebte alles in der Luft, und niemand dachte etwas zu Ende --
und auch nicht die nchstbeteiligten und handelnden Personen, denn
zwischen Klaus Heinrich und Imma Spoelmann lagen die Dinge ja sonderbar,
und ihr Sinnen konnte -- auch seines -- vorderhand auf kein
handgreifliches Ziel gerichtet sein. In der Tat hatte jener wortkarge
Vorgang am Nachmittag von des Prinzen Geburtstag (als Frulein Spoelmann
ihm ihre Bcher gezeigt hatte) an ihren Beziehungen sehr wenig, ja gar
nichts gendert, und wenn auch Klaus Heinrich damals in jenem wallenden
und hitzig entzckten Zustand, der jungen Leuten bei solchen
Gelegenheiten eigen ist, nach Eremitage zurckgekehrt war, wohl gar in
der Meinung befangen, da etwas Entscheidendes sich ereignet habe, so
wurde er doch bald belehrt, da sein Werben um das, was er als sein
Glck erkannt hatte, nun erst eigentlich begann. Dieses Werben aber
konnte, wie gesagt, noch gar keinem sachlichen Enderfolg, einem
brgerlichen Versprechen oder hnlichem gelten -- das lag zunchst
auerhalb des Bereiches des Denkbaren, und berdies lebte man, um
dergleichen ins Auge zu fassen, in allzu groer Abgeschiedenheit von der
praktischen Welt. Ja, worum Klaus Heinrich fortan mit Blick und Worten
bat, war nicht sowohl, da Frulein Spoelmann die Empfindungen, die er
ihr entgegenbrachte, erwidern -- sondern da sie sich berhaupt
entschlieen mge, an die Wirklichkeit und Lebendigkeit dieser
Empfindungen zu glauben. Denn das tat sie nicht.

Er lie zwei Wochen verstreichen, ehe er wieder auf Delphinenort
vorsprach, und lebte whrend dieser Zeit in seinem Innern von dem, was
geschehen. Es schien ihm nicht eilig, dieses Geschehnis durch Neues
veralten zu machen, und auerdem nahmen ihn in diesen Tagen mehrere
Reprsentationspflichten in Anspruch, unter anderen das Festschieen des
Zimmerstutzen-Schtzenverbandes, dessen erklrter Schirmherr er war, und
an dessen Stiftungsfest er sich alljhrlich beteiligte, indem er, in
grner Tracht, als lebe und webe er im Schtzenwesen, von den
Vereinsmitgliedern mit begeistertem Schtzengru empfangen, an den
Schiestnden vorfuhr und mit den verklrten Herren des Vorstandes, ganz
gegen Appetit, einen Imbi einnahm, um endlich in anmutig kundiger
Haltung mehrere Schsse in der Richtung verschiedener Scheiben
abzugeben. Als er sich hierauf -- es war Mitte Juni -- wieder um die
Teestunde bei Spoelmanns einstellte, verhielt Imma sich uerst
spttisch, und ihre Ausdrucksweise war ungewhnlich schriftmig und
redensartlich. Auch Herr Spoelmann war jenes Mal zugegen, und obgleich
seine Anwesenheit das von Klaus Heinrich ersehnte Alleinsein mit der
Tochter des Hauses hintanhielt, so half sie dem Prinzen doch auf
unerwartete Weise ber den Kummer, der Immas Schrfe ihm machte, hinweg;
denn Samuel Spoelmann war gtig, fast weich gegen ihn.

Man nahm den Tee auf der Terrasse, in neuartig geformten Korbsthlen
sitzend, zart angeweht von den Dften des Blumengartens. Der Schloherr
lag unter einer grnseidenen, mit Papageien durchwebten und mit Pelz
geftterten Decke ausgestreckt am Tische auf einem mit seidenen Kissen
ausgestatteten Ruhebett aus Rohrgeflecht. Er war auer Bett, um die
linde Luft zu genieen, aber seine Wangen waren heute nicht hitzig,
sondern gelblichbleich und seine uglein getrbt; sein Kinn war spitz,
seine gerade hervorspringende Nase erschien lnger als sonst, und seine
Stimmung nicht von der gewohnten rgerlichkeit, sondern eher wehmtig,
was nicht als gutes Zeichen genommen werden konnte. Zu seinen Hupten
sa lang und milde lchelnd Doktor Watercloose.

Na, junger Prinz... sagte Herr Spoelmann mde, und auf die Frage nach
seinem Befinden antwortete er nur mit einem schwachen Knarren. Imma, in
schillerndem Hauskleide mit hoher Taille und grnsamtenem Jckchen, go
Wasser aus dem elektrisch geheizten Kessel in die Kanne. Sie
beglckwnschte den Prinzen mit vorgeschobenen Lippen zu seinem
persnlichen Erfolge auf der Schtzenwiese. Sie habe, sagte sie und
wandte ihr Kpfchen hin und her, aus der Tagespresse mit tiefer
Genugtuung Kenntnis davon genommen und die Schilderung seines
Auftretens als Schtze auch der Grfin vorgelesen. Diese sa gerade
aufgerichtet in ihrem engen braunen Kleid am Tische und handhabte ihr
Lffelchen mit vornehmen Bewegungen, ohne sich irgendwie gehen zu
lassen. Der heute sprach, war Herr Spoelmann. Er tat es, wie gesagt, auf
eine sanfte, ja wehmtige Weise, die das Ergebnis seiner Schmerzen war.

Er erzhlte einen Vorfall, ein Erlebnis, das um Jahre zurcklag, mit dem
er aber offenbar nicht fertig wurde, und das ihn in Tagen schlechter
Gesundheit immer aufs neue schmerzlich beschftigte -- erzhlte die
kurze und einfache Geschichte zweimal hintereinander und krnkte sich
beim zweiten Male noch bitterer als beim ersten. Damals hatte er eine
seiner Stiftungen machen wollen -- keine vom ersten Range, aber doch
eine stattliche--, hatte einer groen menschenfreundlichen Anstalt der
Vereinigten Staaten handschriftlich zu wissen gegeben, da er ihr zur
Frderung ihrer guten Bestrebungen eine Million in Eisenbahnpapieren
zuzuwenden wnsche, in sicheren Papieren der Sdpacifischen
Eisenbahngesellschaft, sagte Herr Spoelmann und schlug sich in die
flache Hand, um die Papiere anschaulich zu machen. Was aber hatte die
menschenfreundliche Anstalt getan? Sie hatte die Schenkung
ausgeschlagen, sie zurckgewiesen, die Annahme verweigert -- und zwar
mit dem ausdrcklichen Hinzufgen, da sie es vorziehe, auf eine
Untersttzung mit fragwrdig und gewaltttig erworbenem Gut Verzicht zu
leisten. Das hatte sie getan. Herrn Spoelmanns Lippen zitterten, als er
es erzhlte, sowohl das erste wie das zweite Mal, und voller Verlangen
nach Trost und Mibilligung sah er sich mit seinen kleinen, nahe
beisammenliegenden, metallischen Rundaugen am Teetisch um.

Das war nicht menschenfreundlich von der menschenfreundlichen Anstalt,
sagte Klaus Heinrich. Nein, das war es nicht. Und sein Kopfschtteln
war so entschieden, sein Unwille und sein Mitgefhl so deutlich, da
Herr Spoelmann sich ein wenig erheiterte und erklrte, heute sei es
hbsch drauen, und die Blumen drunten dufteten gut. Ja, er nahm alsbald
Gelegenheit, sich dem jungen Gast erkenntlich zu zeigen und ihm sein
Wohlwollen auf die ausdrucksvollste Art zu bekunden. Klaus Heinrich
nmlich hatte sich bei dem warmen Wetter, das diesen Sommer mit jh
abkhlenden Gewittern und Hagelschlgen wechselte, eine Erkltung
zugezogen, sein Hals war geschwollen, er sprte Stechen beim Schlucken,
und da sein hoher Beruf und eine gewisse Zrtlichkeit in der berwachung
seiner zur Darstellung bestimmten Person ihn notwendig ein wenig
weichlich gemacht hatten, so konnte er nicht umhin, davon zu sprechen
und sich ber seine Halsschmerzen zu beklagen. Dann mssen Sie feuchte
Umschlge machen, sagte Herr Spoelmann. Haben Sie Guttaperchapapier?
Aber Klaus Heinrich hatte keines. Da warf Herr Spoelmann die
Papageiendecke von sich, stand auf und ging ins Innere des Schlosses. Er
antwortete auf keine Frage, lie sich nicht aufhalten und ging. Man
fragte einander in seiner Abwesenheit, was er im Sinn haben knne, und
Doktor Watercloose, wohl in der Befrchtung, da ein Schmerzensanfall
seinen Patienten vertrieben habe, folgte ihm auf dem Fue. Aber als Herr
Spoelmann zurckkehrte, hatte er in der Hand ein Stck Guttaperchapapier,
an dessen Vorhandensein von frherher in irgendeiner Schublade
er sich erinnert hatte, ein schon etwas brchiges Stck, das
er dem Prinzen einhndigte, indem er ihn ausfhrlich darber belehrte,
wie er es zu verwenden habe, um Nutzen daraus zu ziehen. Klaus Heinrich
dankte ihm freudig, und Herr Spoelmann streckte sich befriedigt wieder
aus. Er blieb diesmal da, und als der Tee getrunken war, veranlate er
sogar einen gemeinsamen Rundgang um den Park, wobei die Anordnung die
war, da Herr Spoelmann in seinen weichen Schuhen zwischen Imma und
Klaus Heinrich wandelte, whrend die Grfin Lwenjoul mit Doktor
Watercloose in einigem Abstande folgten. Als der Prinz fr heute
Abschied nahm, sagte Imma Spoelmann noch etwas scharf Gesetztes ber
seinen Hals und die feuchten Umschlge, beschwor ihn mit verstecktem
Spotte, sich zu pflegen und seine geheiligte Person doch ja in sorgsame
Acht zu nehmen. Aber obgleich Klaus Heinrich ihr nichts Angemessenes zu
erwidern wute -- was sie brigens ja nicht erwartete und verlangte--,
so bestieg er doch ziemlich frohgemut seinen Dogcart; denn das Stckchen
brchiger Guttapercha in der rckwrtigen Tasche seines Uniformrockes
erschien ihm, ohne da er sich klare Rechenschaft ber diese Auffassung
ablegte, als ein Unterpfand glcklicher Zukunft.

Mochte dem nun aber wie immer sein, so blieb es dabei, da sein Kampf
erst eigentlich begann. Es war der Kampf um Imma Spoelmanns Glauben, der
Kampf darum, da sie ihm in dem Grade vertrauen mge, um des
Entschlusses fhig zu sein, sich aus der frostigen und reinen Sphre,
darin sie zu spielen gewohnt war, aus dem Reiche der Algebra und der
Sprachverspottung mit ihm hinabzuwagen in die fremde Zone, jene wrmere,
dunstigere und fruchtbarere, welche er ihr zeigte. Denn ihre Scheu vor
diesem Entschlusse war gewaltig gro.

Das nchste Mal war er allein mit ihr oder so gut wie allein, das heit
zu dritt mit der Grfin Lwenjoul. Es war ein khler, bedeckter Morgen
nach einer nchtlichen Wetterkrise. Sie ritten die Wiesenbschung
entlang, Klaus Heinrich in langen Stiefeln, die Krcke der Reitpeitsche
zwischen die Knpfe seines grauen Mantels gehngt. Die Schleuse droben
bei der hlzernen Brcke war geschlossen, das Bett des Wasserarmes lag
leer und steinig. Perceval, dessen erste Lrmwut gestillt war, setzte
federnd darber hin und her oder trabte, nach Hundeart schief laufend,
den Pferden voran. Die Grfin, auf Isabeau, hielt lchelnd ihren kleinen
Kopf zur Seite geneigt. Klaus Heinrich sagte: Ich denke Tag und Nacht
an etwas, was wohl ein Traum gewesen sein mu. Ich liege nachts und hre
Florian drben im Stalle schnauben, so still ist es. Dann denke ich
bestimmt, da es kein Traum war. Aber wenn ich Sie sehe wie heute und
neulich am Teetisch, dann kann ich es doch unmglich fr etwas Besseres
halten.

Sie antwortete: Das bedarf der Erluterung, hoher Prinz.

Haben Sie mir vor neunzehn Tagen Ihre Bcher gezeigt, Frulein Imma --
oder nicht?

Vor neunzehn Tagen? Da mu ich rechnen. Nein, lassen Sie sehen, es sind
achtzehn Tage und ein halber, wenn mich nicht alles tuscht...

Sie haben mir also Ihre Bcher gezeigt?

Das trifft unbedingt zu, Prinz. Und ich wiege mich in der Hoffnung, da
sie Ihnen gefallen haben.

Ach, Imma, Sie mssen nicht so sprechen, nicht jetzt und nicht zu mir!
Mir ist so ernst ums Herz, und ich habe Ihnen noch so vieles zu sagen,
wozu ich vor neunzehn Tagen nicht gekommen bin, als Sie mir Ihre Bcher
zeigten ... Ihre vielen Bcher. Ich mchte da anknpfen, wo wir damals
aufgehrt haben und das Dazwischenliegende vergessen sein lassen...

Um Gottes willen, Prinz, lassen Sie lieber das andere vergessen sein!
Worauf kommen Sie zurck?! Woran erinnern Sie sich und mich?! Ich
dchte, Sie htten Grund, ber diese Dinge das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Sich in dem Grade gehen zu lassen! In dem Grade die Haltung
zu verlieren!...

Wenn Sie wten, Imma, wie unaussprechlich wohl es mir tat, die Haltung
zu verlieren!

Ich bedanke mich! Das ist beleidigend, wissen Sie das? Ich bestehe
darauf, da Sie auch mir gegenber die Haltung wahren, die Sie der
ganzen Welt gegenber an den Tag legen. Ich bin nicht dazu da, da Sie
sich bei mir von Ihrem prinzlichen Dasein erholen.

Was fr ein Miverstndnis, Imma! Aber ich wei wohl, da Sie mich mit
Absicht miverstehen und nur im Scherz, und das zeigt mir, da Sie mir
nicht glauben und nicht ernst nehmen, was ich sage...

Nein, Prinz, das ist in der Tat zuviel verlangt! Haben Sie mir nicht
von Ihrem Leben erzhlt? Sie sind zum Schein zur Schule gegangen, Sie
sind zum Schein auf der Universitt gewesen, Sie haben zum Schein als
Soldat gedient und tragen noch immer zum Scheine die Uniform; Sie
erteilen zum Schein Audienzen und spielen zum Schein den Schtzen, und
der Himmel wei, was noch alles; Sie sind zum Schein auf die Welt
gekommen, und nun soll ich Ihnen pltzlich glauben, da es Ihnen mit
irgend etwas ernst ist?

Whrend sie dies sagte, traten ihm Trnen in die Augen; so sehr taten
ihm ihre Worte weh. Er antwortete leise: Sie haben recht, Imma, es ist
viel Unwahrheit in meinem Leben. Aber ich habe es ja nicht gemacht oder
gewhlt, mssen Sie bedenken, sondern habe meine Pflicht getan, wie sie
mir streng und genau zur Erbauung der Leute vorgeschrieben war. Und
nicht genug, da es schwer war und voller Verbote und Entbehrungen, so
soll es sich nun auch rchen, dadurch, da Sie mir nicht glauben.

Sie sind stolz, sagte sie, auf Ihren Beruf und Ihr Leben, Prinz, ich
wei das wohl, und ich kann nicht einmal wnschen, da Sie sich selber
die Treue brechen.

Oh, rief er aus, lassen Sie das meine Sorge sein, das mit der Treue
zu mir, und machen Sie sich keineswegs Gedanken darber! Ich habe
Erfahrungen, ich bin mir untreu gewesen und habe das Verbot zu umgehen
gesucht, und es hat mit Schande geendet. Aber seit ich Sie kenne, wei
ich, wei ich zum erstenmal, da ich zum erstenmal ohne Reue und Schaden
daran, was man meinen hohen Beruf nennt, mich gehen lassen darf wie
irgendeiner, obwohl Doktor berbein sagt, und sogar auf lateinisch, da
das nicht gegeben werde...

Sehen Sie wohl, was Ihr Freund da gesagt hat!

Haben Sie ihn nicht selbst einen unseligen Menschen genannt, der ein
schlechtes Ende nehmen werde? Er ist ein edler Charakter, ich schtze
ihn hoch und verdanke ihm viele Aufklrungen ber mich und die Dinge.
Aber in letzter Zeit habe ich oftmals ber ihn nachgedacht, und als Sie
damals so ber ihn geurteilt hatten, da habe ich mich mehrere Stunden
lang mit Ihrem Urteil beschftigt und mute Ihnen recht geben. Denn ich
will Ihnen sagen, Imma, welche Bewandtnis es mit Doktor berbein hat. Er
lebt in Feindschaft mit dem Glcke -- das ist es.

Das dnkt mich eine anstndige Feindschaft, sagte Imma Spoelmann.

Anstndig, antwortete er, aber unselig, wie Sie selber gesagt haben,
und obendrein sndhaft -- denn es ist Snde gegen etwas, was herrlicher
ist als seine strenge Anstndigkeit, das wei ich nun, und zu dieser
Snde hat er auch mich erziehen wollen, in aller Vterlichkeit. Aber nun
bin ich seiner Erziehung entwachsen, in diesem Punkte bin ich es. Ich
bin nun selbstndig und wei es besser, und wenn ich berbein auch nicht
berzeugt habe -- Sie werde ich berzeugen, Imma, sei es heut oder
spter...

Ja, Prinz, das mu ich gestehen! Sie wissen zu berzeugen, Ihr Eifer
reit unwiderstehlich mit sich fort! Neunzehn Tage, sagten Sie nicht so?
Ich halte achtzehn und einen halben fr richtig, aber das luft auf
dasselbe hinaus. In dieser Zeit haben Sie einmal geruht, auf
Delphinenort zu erscheinen ... vor vier Tagen...

Er sah ihr erschrocken ins Gesicht.

Aber, Imma, Sie mssen Geduld mit mir haben und etwas Nachsicht ...
Bedenken Sie doch, ich bin noch ungelenk ... es ist fremder Boden! Ich
wei nicht, wie es kam ... Ich glaube, ich wollte uns Zeit lassen. Und
dann traten verschiedene Anforderungen an mich heran...

Natrlich, Sie muten zum Schein nach der Scheibe schieen, ich habe es
gelesen. Wie gewhnlich hatten Sie einen bedeutenden Erfolg zu
verzeichnen. Sie standen da kostmiert und lieen sich von einer ganzen
Wiese voll Menschen lieben...

Halt, Imma, o bitte, keinen Galopp!... Es ist unmglich, ein Wort zu
sprechen ... Lieben, sagen Sie. Aber was ist das fr eine Liebe? Eine
Wiesenliebe, eine ungefhre, oberflchliche Liebe, eine Liebe von
weitem, die nichts bedeutet -- eine Liebe in Gala und ganz ohne
Vertraulichkeit! Nein, Sie brauchen durchaus nicht bse zu sein, da ich
sie mir gefallen lasse, denn nicht ich habe gut davon, sondern einzig
die Leute, die erhoben werden dadurch, und das ist ihr Verlangen. Aber
ich habe auch mein Verlangen, Imma, und Sie sind es, an die ich mich
damit wende...

Womit kann ich Ihnen dienen, Prinz?

Ach, Sie wissen es wohl! Es ist Vertrauen, Imma -- knnten Sie nicht
ein wenig Vertrauen zu mir haben?

Sie sah ihn an, und so dunkel eindringlich wie jetzt hatten ihre
bergroen Augen noch niemals geforscht. Aber wie instndig auch die
stumme Bitte war, mit der er an ihr hing, so wandte sie sich doch ab und
sagte mit verschlossener Miene: Nein, Prinz Klaus Heinrich, das kann
ich nicht.

Er stie einen Laut des Kummers aus, und seine Stimme zitterte, als er
fragte: Und warum knnen Sie nicht?

Sie antwortete: Weil Sie mich daran hindern.

Aber wie hindere ich Sie? Bitte, sagen Sie mir's!

Und immer mit verschlossenem Ausdruck, die Augen auf ihren weien Zgel
gesenkt und leicht geschaukelt vom Schritt ihres Pferdes, erwiderte sie:
Durch alles, durch Ihr Verhalten, durch Ihre Art und Weise, durch Ihre
ganze erlauchte Persnlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme
Grfin gehindert haben, sich gehen zu lassen, und sie gezwungen haben,
klar und nchtern zu sein, obgleich ihr doch ausdrcklich auf Grund
ihrer bermigen Erfahrungen die Wohltat der Verwirrung und
Wunderlichkeit gewhrt worden ist -- und da ich Ihnen gesagt habe, ich
wte sehr wohl, wie Sie es angefangen htten, sie zu ernchtern? Ja,
ich wei es wohl, denn auch mich hindern Sie, mich gehen zu lassen, auch
mich ernchtern Sie, immerwhrend, durch alles, durch Ihre Worte, durch
Ihren Blick, durch Ihre Art zu sitzen und zu stehen, und es ist ganz
unmglich, Vertrauen zu Ihnen zu haben. Ich habe Gelegenheit gehabt, Sie
im Verkehr mit anderen Leuten zu beobachten, aber ob es nun Doktor
Sammet im Dorotheen-Hospital oder Herr Staventer im Fasaneriegarten
war, es war immer dasselbe, und immer habe ich Klte und Angst dabei
empfunden. Sie halten sich aufrecht und stellen Fragen, aber nicht aus
Teilnahme, es ist Ihnen nicht um den Inhalt der Frage zu tun, nein, um
gar nichts ist es Ihnen zu tun, und nichts liegt Ihnen am Herzen. Ich
habe es oft gesehen -- Sie sprechen, Sie uern eine Meinung, aber Sie
knnten ganz ebensogut eine andere uern, denn in Wirklichkeit haben
Sie keine Meinung und keinen Glauben, und auf nichts kommt es Ihnen an
als auf Ihre Prinzenhaltung. Sie sagen zuweilen, Ihr Beruf sei nicht
leicht, aber da Sie mich herausgefordert haben, so will ich Ihnen
bemerken, da er Ihnen leichter fallen wrde, wenn Sie eine Meinung und
einen Glauben htten, Prinz -- das ist meine Meinung und mein Glaube.
Wie knnte man Vertrauen zu Ihnen haben. Nein, es ist nicht Vertrauen,
was Sie einflen, sondern Klte und Befangenheit, und wenn ich mir auch
Mhe gbe, Ihnen nherzukommen, so wrde mich diese Art von Befangenheit
und Unbeholfenheit daran hindern -- jetzt habe ich geantwortet.

Er hatte ihr mit schmerzlicher Spannung zugehrt, hatte mehrmals in ihr
bleiches Gesichtchen geblickt, whrend sie sprach, und dann wieder, wie
sie die Augen auf den Zgel gesenkt.

Haben Sie Dank, Imma, antwortete er nun, da Sie so ernst gesprochen
haben -- denn Sie wissen wohl, da Sie nicht immer so tun, sondern
meistens nur spottweise reden und auf Ihre Art die Dinge so wenig ernst
nehmen, wie ich auf die meine.

Wie soll man anders, als spttisch, zu Ihnen reden, Prinz!

Und zuweilen sind Sie sogar hart und grausam, wie zum Beispiel gegen
die Schwester-Oberin im Dorotheen-Spital, die Sie so sehr in Verwirrung
setzten.

Oh, ich wei wohl, da ich ebenfalls meine Fehler habe und jemanden
ntig htte, der mir hlfe, sie abzulegen.

Der will ich sein, Imma, wir wollen einander helfen...

Ich glaube nicht, da wir einander helfen knnen, Prinz.

Doch, wir knnen es. Haben Sie nicht eben schon ernst und ganz ohne
Spott geredet? Was aber mich betrifft, so haben Sie ja schon nicht mehr
recht, wenn Sie sagen, da es mir um gar nichts zu tun sei und nichts
mir am Herzen liege; denn um Sie, Imma, um Sie ist es mir zu tun, Sie
liegen mir am Herzen, und da es mir so unaussprechlich ernst mit der
Sache ist, so kann es nicht fehlen, da ich endlich Ihr Vertrauen
gewinne. Wten Sie, wie gerne ich das gehrt habe, was Sie von
Mhegeben und Nherkommen sagten! Ja, geben Sie sich ein wenig Mhe und
lassen Sie sich niemals mehr von jener Art von Unbeholfenheit, oder was
es ist, verwirren, die Sie mir gegenber so leicht empfinden! Ach, ich
wei ja, wei es so schrecklich gut, wie sehr ich schuld daran bin! Aber
lachen Sie mich aus und sich selbst, wenn ich Ihnen ein solches Gefhl
erwecke und halten Sie zu mir! Wollen Sie mir versprechen, da Sie sich
ein wenig Mhe geben werden?

Aber Imma Spoelmann versprach nichts, sondern bestand nun endlich auf
ihrem Galopp, und noch manche Unterredung blieb ohne Ergebnis wie diese.

Zuweilen, wenn Klaus Heinrich auf Delphinenort den Tee genommen hatte,
erging man sich im Park, der Prinz, Frulein Spoelmann, die Grfin und
Perceval. Der edle Collie hielt sich mit gesammelter Miene an Immas
Seite und Grfin Lwenjoul zwei oder drei Schritte hinter den jungen
Herrschaften. Denn bald, nachdem man die Promenade angetreten, hatte sie
sich einen Augenblick verweilt, um mit gekrmmten und gespreizten
Fingern an einem Strauche zu nesteln, und den Abstand, welcher sich
dadurch hergestellt, hatte sie nicht ganz wieder ausgeglichen. So gingen
Klaus Heinrich und Imma vor ihr her und unterhandelten; war aber eine
gewisse Runde zurckgelegt, so machten sie kehrt, so da sie nun also
die Grfin zwei oder drei Schritte vor sich hatten, und dann
untersttzte Klaus Heinrich wohl seine rednerischen Bemhungen, indem er
behutsam und ohne hinzublicken Imma Spoelmanns schmale, schmucklose Hand
von ihrer Seite nahm und sie mit seinen beiden umfing, auch mit der
linken, an die er nicht dachte und die keine Hemmung mehr war wie beim
Reprsentieren -- whrend er eindringlich fragte, ob sie sich Mhe gbe
und Fortschritte gemacht habe im Vertrauen zu ihm. Nur ungern hrte er
etwa, da sie studiert, der Algebra obgelegen und in den khlen Gegenden
gespielt habe seit dem letzten Zusammensein, und bat sie herzlich, jetzt
ihre Bcher beiseitezulassen, welche sie nur zerstreuen und der Sache
abwendig machen knnten, der jetzt alle ihre Gedankenkrfte gewidmet
sein mten. Er sprach auch von sich, von jener Ernchterung und
Befangenheit, die sein Wesen ihrer Aussage nach einflte, suchte sie zu
erklren und so zu entkrften. Er sprach von dem kalten, strengen und
armen Dasein, das er bis dahin gefhrt, schilderte ihr, wie alle stets
dagewesen seien, um eben dazusein und zu schauen, indes es sein hoher
Beruf gewesen, sich zu zeigen und geschaut zu werden, was das weitaus
Schwerere war, und mhte sich ab, sie recht erkennen zu lassen, da eine
Heilung von dem, wodurch er die arme Grfin am Schwatzen gehindert habe
und sie selbst zu seinem Kummer befremde -- da seine Heilung allein
durch sie, nur eben einzig durch sie zu bewirken und gnzlich in ihre
Hand gegeben sei. Sie sah ihn an, ihre bergroen Augen schimmerten in
dunklem Forschen, und man sah wohl, da sie kmpfte, auch sie. Aber dann
schttelte sie den Kopf oder beendete das Gesprch, indem sie mit
vorgeschobenen Lippen eine Redensart anfhrte, ber die sie sich lustig
machte, unfhig, das Ja, um das er flehte, diese unbestimmte und, wie
die Dinge lagen, eigentlich zu nichts verpflichtende Hingabe ber sich
zu gewinnen.

Sie hinderte ihn nicht, einmal oder zweimal in der Woche zu kommen,
hinderte ihn nicht, zu sprechen, ihr mit Bitten und Beteuerungen
anzuliegen und dann und wann ihre Hand zwischen den seinen zu halten.
Allein sie duldete nur, sie blieb unbewegt, ihre Entschlieungsangst,
diese Scheu, ihr khles und spttisches Reich zu verlassen und sich zu
ihm zu bekennen, schien unberwindlich, und es fehlte nicht, da sie
erschpft und verzagt in die Worte ausbrach: Ach, Prinz, wir htten
einander niemals kennenlernen sollen -- das wre das beste gewesen! Dann
wrden Sie nach wie vor geruhig Ihrem hohen Berufe nachgehen, und auch
ich htte meinen Frieden, und keines qulte den andern! Es kostete
Mhe, sie zum Widerruf zu bestimmen, ihr das Zugestndnis abzugewinnen,
da sie es nicht unbedingt bedauere, seine Bekanntschaft gemacht zu
haben. Aber auf diese Weise verging die Zeit. Der Sommer neigte sich,
frhe Nachtfrste lsten die Bltter noch grn von den Bumen, Fatmes,
Florians und Isabeaus Hufe raschelten im roten und goldenen Laub, wenn
man spazierenritt, der Herbst kam mit Nebeln und herben Dften -- und
niemand htte ein Ende, eine irgend entscheidende Wendung der seltsam
schwebenden Sache abzusehen vermocht.

Das Verdienst, die Dinge auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, den
Geschehnissen die Richtung zu einem glckseligen Ausgang gegeben zu
haben, wird immer dem hochgestellten Manne zugesprochen werden mssen,
der bis dahin eine gewisse Zurckhaltung beobachtet hatte, im richtigen
Augenblick aber mit behutsam fester Hand in die Ereignisse eingriff. Es
war Exzellenz von Knobelsdorff, Minister des Innern, des ueren und des
Groherzoglichen Hauses.

Oberlehrer Doktor berbein hatte recht gehabt mit seiner Behauptung, da
der Konseilprsident sich ber Klaus Heinrichs persnliche und
leidenschaftliche Schritte Bericht erstatten lasse. Mehr noch: der alte
Herr, wohl bedient durch intelligente und sprgewandte Unterbeamte,
befand sich genau auf dem laufenden ber die ffentliche Meinung, ber
die Rolle, die Samuel Spoelmann und seine Tochter in der
Einbildungskraft des Volkes spielten, den kniglichen Rang, den sie in
seiner Vorstellung einnahmen, ber die gewaltige und aberglubige
Spannung, mit der die Bevlkerung den Verkehr zwischen den Schlssern
Eremitage und Delphinenort verfolgte, ber die Volkstmlichkeit
dieses Verkehrs, mit einem Wort, wie sie fr jeden, der sehen wollte,
nicht nur in der Residenz, sondern im ganzen Lande in Gerede und
Gerchten zutage trat. Ein bezeichnender Zwischenfall gengte, um Herrn
von Knobelsdorff seiner Sache sicher zu machen.

Anfang Oktober nmlich -- der Landtag war seit vierzehn Tagen erffnet,
und die Mihelligkeiten mit der Budgetkommission waren in vollem Gange
-- erkrankte Imma Spoelmann, und zwar, wie es anfangs hie, sehr schwer.
Es stellte sich heraus, da das unvorsichtige Frulein -- Gott wute, in
welcher Laune oder Stimmung -- auf einem Spazierritt, den sie mit ihrer
Ehrendame unternommen, auf ihrer weien Fatme gegen den heftigen
Nordostwind, der ging, einen Dauergalopp von beinahe einer halben Stunde
ertrotzt und eine Lungenerweiterung heimgebracht hatte, an der sie
schier zu ersticken drohte. Die Nachricht war nach wenigen Stunden in
Umlauf. Es hie, das junge Mdchen schwebe in Lebensgefahr, was, wie
sich zum Glcke bald erwies, eine malose bertreibung war. Allein wenn
einem Mitgliede des Hauses Grimmburg, wenn dem Groherzog selbst ein
ernster Unfall zugestoen wre, so htte die Bestrzung, das allgemeine
Mitgefhl nicht grer sein knnen. Man sprach von nichts anderem. In
den geringeren Stadtgegenden, zum Beispiel in der Nhe des
Dorotheen-Kinderspitals, standen gegen Abend die Frauen vor ihren
Haustren, preten die flachen Hnde gegen den Busen und keuchten, um
einander deutlich zu machen, wie es sei, wenn einem der Atem fehle. Die
Abendbltter brachten ber den Zustand Frulein Spoelmanns eingehende
und medizinisch sachkundige Mitteilungen, die von Hand zu Hand gereicht,
an den Familien- und Stammtischen verlesen, auf den Trambahnwagen
errtert wurden. Man hatte den Berichterstatter des Eilboten per
Droschke nach Delphinenort jagen sehen, woselbst er in der Vorhalle
mit dem Mosaikfuboden von dem Spoelmannschen Butler abgefertigt worden
war und englisch mit ihm gesprochen hatte, obgleich es ihm nicht leicht
wurde. brigens war der Presse der Vorwurf nicht zu ersparen, da sie
die Sache aufbauschte und unntige Besorgnisse unterhielt. Es konnte
schlechterdings von keiner ernsten Gefahr die Rede sein. Sechs Tage
Bettruhe unter der Pflege des Spoelmannschen Leibarztes gengten, um die
Geferweiterung zu beheben und des Fruleins Lunge vollstndig
wiederherzustellen. Aber diese sechs Tage gengten auch, um die
Bedeutung, welche die Spoelmanns und insonderheit Frulein Immas Person
in unserer ffentlichkeit gewonnen hatten, klar zutage treten zu lassen.
Allmorgendlich fanden sich die Abgesandten der Journale, Beauftragte der
allgemeinen Wibegier, in der Mosaikhalle von Delphinenort zusammen,
um den knappen Tagesbericht des Butlers entgegenzunehmen, den sie dann
in jener breiten Verarbeitung, welche das Publikum verlangte, in ihren
Blttern anrichteten. Man las von duftenden Gren und Genesungswnschen,
die in Delphinenort eingetroffen seien, bersandt von
verschiedenen wohlttigen Anstalten, die Imma Spoelmann besucht und
mit reichen Stiftungen untersttzt hatte (und Witzbolde merkten an, da
eigentlich die groherzogliche Steuerbehrde Gelegenheit htte nehmen
mssen, auf hnliche Art ihre Huldigung darzubringen). Man las auch --
und lie die Zeitung sinken, um einander anzublicken -- von einer
prachtvollen Blumenspende, die Prinz Klaus Heinrich nebst seiner Karte
habe bermitteln lassen -- (whrend die Wahrheit war, da der Prinz
nicht einmal, sondern tglich, solange Frulein Spoelmann das Bett
htete, Blumen nach Delphinenort sandte, was aber, um allzu groe
Erschtterungen zu vermeiden, von den Wissenden verschwiegen wurde). Man
las ferner, da die allbeliebte junge Patientin zum ersten Male das Bett
verlassen habe, und endlich wurde gemeldet, da ihre erste Ausfahrt
unmittelbar bevorstehe. Diese Ausfahrt jedoch, die acht Tage nach des
Fruleins Erkrankung an einem sonnigen Herbstvormittag stattfand, sollte
zu einer Gefhlsuerung von seiten der Bevlkerung Veranlassung geben,
die von Leuten mit strengem Selbstbewutsein sogar als zu weitgehend
bezeichnet wurde. Um das riesige, olivenfarben lackierte und mit
ziegelroten Lederpolstern ausgestattete Spoelmannsche Automobil nmlich,
das, mit einem jungen Chauffeur von angelschsischem Gesichtsschnitt und
blasser, gesammelter Miene auf dem Bock, vor dem Hauptportal von
Delphinenort wartete, hatte sich eine grere Menschenansammlung
gebildet, und als Frulein Spoelmann mit der Grfin Lwenjoul und
gefolgt von einem deckentragenden Lakaien ins Freie trat, brachen
tatschlich, mit Mtzenschwenken und Tcherwehen, Hochrufe aus, die sich
wiederholten und andauerten, bis das Kraftfahrzeug sich unter dem Tosen
der Hupe den Weg durch das Gedrnge gebahnt und die Manifestanten im
Benzinbrodem zurckgelassen hatte. Zuzugeben ist, da die Gruppe der
Schreier aus jenen nicht sehr wrdigen Elementen bestand, die sich bei
solchen Gelegenheiten zusammenzufinden pflegen: aus halbwchsigen
Burschen, einigen Frauen mit Marktkrben, ein paar Schulkindern,
Gaffern, Tagedieben und Beschftigungslosen verschiedener Art. Aber was
ist das Volk und wie mu es sich zusammensetzen, um magebend zu sein?
Ferner ist eine Behauptung nicht ganz mit Stillschweigen zu bergehen,
die spter von hhnischen Charakteren verbreitet wurde und wonach unter
der Volksmenge um das Automobil ein im Solde des Herrn von Knobelsdorff
stehender Agent, Mitglied der geheimen Polizei, sich befunden htte, der
die Hochrufe angestimmt und mit Flei unterhalten habe. Man kann das
dahinstellen und den Verkleinerern bedeutender Vorgnge ihre Genugtuung
gnnen. Geringsten Falles, das heit, wenn die Angabe jener Leute
zutraf, hatte es sich um die mechanische Auslsung von Empfindungen
gehandelt, die eben lebendig vorhanden sein muten, um ausgelst werden
zu knnen. Jedenfalls verfehlte dieser Auftritt, der natrlich in der
Tagespresse ausfhrlich geschildert wurde, auf niemanden seine Wirkung,
und fr Personen mit einigem Scharfblick fr den Zusammenhang der Dinge
unterlag es keinem Zweifel, da eine weitere Nachricht, die wenige Tage
darauf die Gemter beschftigte, zu all diesen Erscheinungen und
Anzeigen in tiefer Beziehung stehen msse.

Die Meldung lautete dahin, da Seine Knigliche Hoheit Prinz Klaus
Heinrich Seine Exzellenz den Herrn Staatsminister von Knobelsdorff auf
Schlo Eremitage in einer Audienz empfangen habe, die ohne
Unterbrechung von drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends gedauert
habe. Geschlagene vier Stunden lang! Um was hatte es sich gehandelt? Um
den nchsten Hofball doch nicht? Nun, es war unter anderem auch von dem
Hofball die Rede gewesen.

Herr von Knobelsdorff hatte seine Bitte um eine vertrauliche Unterredung
dem Prinzen gelegentlich der Hofjagd vorgetragen, die am zehnten Oktober
bei Schlo Jgerpreis in den westlichen Waldungen abgehalten worden
und an welcher Klaus Heinrich, gleich seinen rotkpfigen Vettern, in
grner Uniform, Kerbhut und Stulpenstiefeln, behngt mit Feldstecher,
Hirschfnger, Jagdmesser, Patronengrtel und Pistolentasche, sich
beteiligt hatte. Herr von Braunbart-Schellendorf war zu Rate gezogen und
die Besprechung auf die dritte Nachmittagsstunde des zwlften
Oktobertages angesetzt worden. brigens hatte Klaus Heinrich sich
erboten, seinerseits den alten Herrn in dessen Amtswohnung aufzusuchen,
aber Herr von Knobelsdorff hatte es vorgezogen, nach Eremitage zu
kommen, und kam pnktlich, empfangen mit all der Verbindlichkeit und
Wrme, die Klaus Heinrich gegenber dem betagten Ratgeber seines Vaters
und Bruders durch die Form als geboten erachtete. Jener nchterne kleine
Salon, in welchem die drei schnen Empirefauteuils in Mahagoni mit der
blulichen Lyrastickerei auf gelbem Grunde standen, war der Schauplatz
der Unterhaltung.

Wiewohl den Siebzig nicht mehr fern, war Exzellenz von Knobelsdorff
rstig in krperlichem wie in geistigem Betracht. Sein Gehrock zeigte
nicht eine Greisenfalte, sondern umspannte prall und bestens ausgefllt
den gedrungenen und freundlich gepolsterten Krper eines Mannes von
glcklicher Gemtsart. Sein voll erhaltenes, in der Mitte
glattgescheiteltes Haupthaar war von reinem Wei wie der gestutzte
Schnurrbart, sein Kinn durch einen Einschnitt, der als Grbchen gelten
konnte, sympathisch gespalten. Die fcherfrmig angeordneten Fltchen an
seinen ueren Augenwinkeln trieben ihr Spiel wie vorzeiten; ja, sie
hatten mit den Jahren noch kleine Abzweigungen und Nebenlinien erhalten,
so, da dies vielfache und rege Runzelwerk seinen blauen Augen den
bestndigen Ausdruck launiger Verschlagenheit verlieh. -- Klaus Heinrich
war Herrn von Knobelsdorff zugetan, ohne da ein nheres Verhltnis
zwischen ihnen bestanden htte. Der Staatsminister hatte zwar des
Prinzen Lebensgang berwacht und geleitet, hatte anfnglich den Schulrat
Drge zu seinem ersten Lehrer bestimmt, dann das Fasanenkonvikt fr ihn
ins Leben gerufen, ihn spter mit Doktor berbein auf die Universitt
geschickt, auch seinen scheinbaren militrischen Dienst geregelt und ihm
sogar Schlo Eremitage zur Wohnung bestimmt -- aber alles nur
unmittelbar und bei seltener persnlicher Berhrung; ja, wenn Herr von
Knobelsdorff in jenen Erziehungsjahren mit Klaus Heinrich
zusammengetroffen war, so hatte er sich wohl gar nach des Prinzen
Entschlieungen und Zukunftsplnen untertnigst erkundigt, als wte er
nichts davon, und vielleicht war es gerade diese von beiden Seiten
standhaft aufrechterhaltene Fiktion, die den Verkehr durchaus in den
Schranken des Frmlichen gehalten hatte.

Herr von Knobelsdorff, der in bequemer und dennoch ehrerbietiger Haltung
die Fhrung des Gesprchs bernommen hatte, whrend Klaus Heinrich die
Absichten dieses Besuches zu erraten suchte, plauderte zunchst von der
vorgestrigen Hofjagd, tat einen behaglichen Rckblick auf die Strecke
und erwhnte dann von ungefhr seines vortrefflichen Kollegen von den
Finanzen, Dr. Krippenreuthers, der ebenfalls an dem Jagen teilgenommen
und dessen schlechtes Aussehen er beklagte. Herr Krippenreuther habe bei
Jgerpreis wahrhaftig nichts als Fehlschsse getan. Ja, Sorgen machen
die Hand nicht sicher, bemerkte Herr von Knobelsdorff und legte so dem
Prinzen das Stichwort zu einer knappen Kennzeichnung dieser Sorgen in
den Mund. Er sprach von dem nicht unerheblichen Fehlbetrag des
Hauptvoranschlages, von des Ministers Mihelligkeiten mit der
Budgetkommission, der neuen Vermgenssteuer, dem Steuerfu von
dreizehneinhalb und dem wtenden Widerstande der stdtischen Vertreter,
von der vorsintflutlichen Fleischsteuer und dem Hungerschrei der
Beamten; und Klaus Heinrich, anfnglich befremdet von soviel
Sachlichkeit, hrte ihm mit ernstem und eifrigem Kopfnicken zu.

Die beiden Herren, der alte und der junge, saen nebeneinander auf einer
schmchtigen und ein wenig harten Sofabank mit gelbem Tuchbezug und
kranzfrmigen Messingbeschlgen, die, hinter dem Rundtisch, der schmalen
Glastr gegenberstand, die auf die Terrasse fhrte und hinter welcher
der halbentbltterte Park mit dem Ententeich im Herbstnebel verschwamm.
Der niedrige, schlichtweie Kachelofen, in dem ein Feuer knisterte,
verbreitete in dem streng und karg mblierten Zimmer eine linde Wrme,
und Klaus Heinrich, nicht vllig imstande, den politischen Ausfhrungen
zu folgen, doch stolz und glcklich, von dem erfahrenen Wrdentrger so
ernst unterhalten zu werden, fhlte sich mehr und mehr von einer
dankbaren, vertrauensvollen Stimmung umfangen. Herr von Knobelsdorff
sprach angenehm ber die unangenehmsten Dinge, seine Stimme war
wohltuend, das Gefge seiner Rede gewandt und einschmeichelnd -- und
pltzlich ward Klaus Heinrich gewahr, da er das wirtschaftliche Gebiet
verlassen hatte und von den Sorgen Doktor Krippenreuthers auf sein
eigenes, Klaus Heinrichs, Befinden bergegangen war. Tuschte sich Herr
von Knobelsdorff? Seine Augen fingen an, ihn zuweilen im Stiche zu
lassen. Aber ihm wollte scheinen, als sei auch das Aussehen Seiner
Kniglichen Hoheit schon besser, schon frischer, schon heiterer gewesen.
Eine Mdigkeit, ein Zug von Kummer sei unverkennbar ... Herr von
Knobelsdorff frchte zudringlich zu erscheinen; aber er msse hoffen,
da diesen Anzeichen keine ernstliche Beschwerde des Krpers oder
Gemtes zugrunde liege?

Klaus Heinrich schaute in den Nebel hinaus. Noch war sein Blick
verschlossen; aber obgleich er in unnachlssig gesammelter und
gegenwrtiger Haltung wie immer, die Fe gekreuzt, die rechte Hand ber
der linken, den Oberkrper Herrn von Knobelsdorff zugewandt auf dem
harten Sofa sa, so spannte seine innere Haltung sich doch ab in dieser
Stunde, und ermattet wie er war von seinen seltsam zarten und
ergebnislosen Kmpfen, fehlte nicht viel, da seine Augen sich mit
Trnen gefllt htten. Er war so sehr allein und unberaten. Doktor
berbein hielt sich neuerdings fern von Eremitage ... Klaus Heinrich
sagte noch: Ach, Exzellenz, das wrde zu weit fhren.

Aber Herr von Knobelsdorff antwortete: Zu weit? Nein, frchten
Knigliche Hoheit nicht allzu ausfhrlich sein zu mssen. Ich bekenne,
da ich ber Euerer Kniglichen Hoheit Erlebnisse unterrichteter bin,
als ich mir eben den Anschein gab. Knigliche Hoheit werden mir,
abgesehen von jenen Feinheiten und Einzelheiten, die das Gercht nicht
aufzunehmen vermag, kaum etwas Neues mitzuteilen haben. Aber wenn es
Euerer Kniglichen Hoheit wohltun knnte, einem alten Diener, der Sie
auf seinen Armen getragen, Ihr Herz auszuschtten ... vielleicht, da
ich nicht ganz und gar unfhig wre, Euerer Kniglichen Hoheit mit Rat
und Tat zur Seite zu stehen.

Da geschah's, da alles in Klaus Heinrichs Brust sich lste und sich als
Bekenntnis gewaltig ergo, da er Herrn von Knobelsdorff das Ganze
erzhlte. Er erzhlte, wie man erzhlt, wenn das Herz einem voll ist und
alles auf einmal sich ber die Lippen drngt: nicht gerade sehr
planmig, nicht sehr der Reihe nach und bei Unwesentlichkeiten ber
Gebhr verweilend, aber hchst eindringlich und mit jener
Krperlichkeit, die das Erzeugnis leidenschaftlicher Anschauung ist. Er
fing in der Mitte an, sprang unversehens zum Anfang, hastete dem Ende zu
(das nicht vorhanden war), berstrzte sich und rannte sich mehr als
einmal verzweifelt fest. Aber Herrn von Knobelsdorffs Vorkenntnisse
erleichterten ihm die bersicht, sie setzten ihn instand, durch
frderliche Zwischenfragen das Schifflein wieder flottzumachen -- und
endlich lag das Bild von Klaus Heinrichs Erlebnissen mit allen seinen
Personen und Vorgngen, mit den Gestalten Samuel Spoelmanns, der
verwirrten Grfin Lwenjoul, ja selbst des edlen Collies Perceval und
namentlich derjenigen Imma Spoelmanns in all ihrer Schwierigkeit,
vollendet und lckenlos zur Beratung vor. Sogar des Stckes
Guttaperchapapier war ausfhrlich Erwhnung getan, denn Herr von
Knobelsdorff schien Gewicht darauf zu legen, und nichts war ausgelassen
zwischen jenem so eindrucksvollen Auftritt bei der Ablsung der
Schlowache und den letzten innigen und qulenden Kmpfen zu Pferd und
zu Fu. Klaus Heinrich war stark erhitzt, als er fertig war, und seine
stahlblauen, von den volkstmlichen Wangenknochen bedrngten Augen
standen in Trnen. Er hatte die Sofabank verlassen, wodurch er Herrn von
Knobelsdorff gezwungen hatte, sich ebenfalls zu erheben, und wollte der
Wrme wegen durchaus die Glastr zu der kleinen Veranda ffnen, was aber
Herr von Knobelsdorff mit dem Hinweis auf die groe Erkltungsgefahr
verhinderte. Er richtete die untertnigste Bitte an den Prinzen, sich
wieder zu setzen, da Seine Knigliche Hoheit sich der Notwendigkeit
einer ruhigen Errterung der Sachlage nicht verschlieen knne. Und
beide lieen sich wieder auf das wenig schwellende Polster nieder.

Herr von Knobelsdorff berlegte eine Weile, und sein Gesicht war so
ernst, wie es mit seinem gespaltenen Kinn und seinen spielenden
Augenfltchen nur immer zu sein vermochte. Sein Schweigen brechend,
dankte er zunchst dem Prinzen bewegten Herzens fr die hohe Ehre, die
er ihm durch sein Vertrauen erwiesen habe. Und unmittelbar im Anschlu
hieran war es, da Herr von Knobelsdorff, unter Betonung jedes einzelnen
Wortes, die Erklrung abgab: Welche Stellungnahme der Prinz nun auch
immer in dieser Angelegenheit von ihm, dem Herrn von Knobelsdorff,
gewrtigt habe, so sei er, Herr von Knobelsdorff, jedenfalls nicht der
Mann, den Wnschen und Hoffnungen des Prinzen entgegen zu sein, vielmehr
durchaus gemeint, Seiner Kniglichen Hoheit die Wege zu dem ersehnten
Ziel nach besten Krften zu ebnen.

Langes Stillschweigen. Klaus Heinrich blickte Herrn von Knobelsdorff
entgeistert in die Augen mit den strahlenartig angeordneten Fltchen. Er
hatte also Wnsche und Hoffnungen? Es gab also ein Ziel? Er wute nicht,
was er hrte. Er sagte: Exzellenz sind so freundlich...

Da fgte Herr von Knobelsdorff seiner groen Erklrung etwas von einer
Bedingung hinzu und sagte: Unter einer Bedingung freilich nur drfe er,
als erster Beamter des Staats, seinen bescheidenen Einflu im Sinne
Seiner Kniglichen Hoheit geltend machen...

Unter einer Bedingung?

Unter der Bedingung, da Euere Knigliche Hoheit nicht in eigenntziger
und unbedeutender Weise nur auf Ihr eigenes Glck Bedacht nehmen,
sondern, wie Ihr hoher Beruf es von Ihnen fordert, Ihr persnliches
Schicksal aus dem Gesichtspunkt des groen Ganzen betrachten.

Klaus Heinrich schwieg, und seine Augen waren schwer von Nachdenken.

Genehmigen Knigliche Hoheit, fuhr Herr von Knobelsdorff nach einer
Pause fort, da wir diese delikate und noch ganz unbersehbare
Angelegenheit auf eine Weile verlassen und uns allgemeineren
Gegenstnden zuwenden! Dies ist eine Stunde des Vertrauens und der
gegenseitigen Verstndigung ... ich bitte ehrerbietigst, sie nutzen zu
drfen. Knigliche Hoheit sind durch Ihre erhabene Bestimmung dem rauhen
Getriebe der Wirklichkeit entrckt, durch schne Vorkehrungen davon
geschieden. Ich werde nicht vergessen, da dieses Getriebe nicht -- oder
doch nur mittelbar -- Euerer Kniglichen Hoheit Sache ist. Dennoch
scheint mir der Augenblick gekommen, Euerer Kniglichen Hoheit
wenigstens ein gewisses Gebiet dieser rauhen Welt, ganz um seiner selbst
willen, zu unmittelbarer Anschauung und Einsicht nahezubringen. Ich
bitte im voraus um gndigste Verzeihung, wenn ich Euere Knigliche
Hoheit durch meine Informationen innerlich hart berhren sollte...

Bitte, sprechen Sie, Exzellenz! sagte Klaus Heinrich nicht ohne
Bestrzung. Unwillkrlich setzte er sich zurecht, wie man sich im Stuhle
des Zahnarztes zurechtsetzt und seine Natur gegen einen schmerzhaften
Eingriff sammelt...

Ungeteilte Aufmerksamkeit ist erforderlich, sagte Herr von
Knobelsdorff beinahe streng. Und nun erfolgte, anknpfend an die
Mihelligkeiten mit der Budgetkommission, jener Vortrag, jene klare,
grndliche und ungeschminkte, mit Ziffern und eingeschobenen
Erluterungen der Grundverhltnisse und Fachausdrcke wohlausgestattete
Belehrung und Unterrichtsstunde ber die wirtschaftliche Lage des
Landes, des Staates, die dem Prinzen unser ganzes Leidwesen in
unerbittlicher Deutlichkeit vor Augen rckte. Selbstverstndlich waren
diese Dinge ihm nicht vollkommen neu und fremd; vielmehr hatten sie ihm
ja, seitdem er reprsentierte, als Anla und Stoff zu jenen frmlichen
Fragen gedient, die er an Brgermeister, Ackerbrger, hohe Beamte zu
richten pflegte und worauf er Antworten entgegennahm, die um ihrer
selbst und nicht um der Dinge willen gegeben wurden, auch wohl von dem
Lcheln begleitet waren, das er von klein auf kannte und welches Du
Reiner, Du Feiner! besagte. Aber noch nie war all das in dieser
massigen und nackten Sachlichkeit auf ihn eingedrungen, um in vollem
Ernst seine Denkkraft in Anspruch zu nehmen. Herr von Knobelsdorff
begngte sich keineswegs mit Klaus Heinrichs gewohntem, eifrig
ermunterndem Nicken; er nahm es genau, er berhrte den jungen Mann, er
lie sich ganze Erluterungen wiederholen, er hielt ihn unnachsichtig im
Banne des Gegenstndlichen, und es war wie ein Zeigefinger, der, faltig
von trockener Haut, an dem einzelnen Punkte haftete und nicht eher von
der Stelle rckte, als bis man den Ausweis wirklichen Verstndnisses
erbracht hatte.

Herr von Knobelsdorff begann bei den Grundlagen und sprach von dem Lande
und seinen wenig entwickelten Verhltnissen in bezug auf Handel und
Industrie, von dem Volk, Klaus Heinrichs Volk, diesem sinnigen und
biederen, gesunden und rckstndigen Menschenschlage. Er sprach von den
mangelhaften Staatseinnahmen, den schlecht rentierenden Eisenbahnen, den
unzulnglichen Kohlenlagern. Er kam auf die Forst-, Jagd- und
Triftverwaltung, er sprach vom Walde, von den berfllungen, der
bermigen Streuentnahme, den Krppelbestnden, der gesunkenen
Forstrente. Dann ging er des nheren auf unsere Geldwirtschaft ein,
errterte die natrliche Steueruntchtigkeit des Volkes, kennzeichnete
die verwahrloste Finanzgebarung frherer Perioden. Und hierauf rckte
die Ziffer der Staatsschulden an, die zu wiederholen Herr von
Knobelsdorff den Prinzen mehrmals ntigte. Es waren sechshundert
Millionen. Der Unterricht erstreckte sich weiter auf das
Obligationenwesen, auf Zins- und Rckzahlungsbedingungen, er kehrte zu
Doktor Krippenreuthers gegenwrtiger Bedrngnis zurck und schilderte
die schwere Ungunst des Augenblicks. An der Hand der Zeitschrift des
Statistischen Bureaus, die er pltzlich aus der Tasche zog, machte Herr
von Knobelsdorff seinen Schler mit den Ernteergebnissen der letzten
Jahre bekannt, zhlte die Unbilden auf, die den Miwuchs gezeitigt
hatten, bezeichnete die Steuerausflle, die er mit sich brachte, und
erwhnte sogar der unterernhrten Gestalten auf dem Lande. Dann ging er
zur Lage des Geldmarktes im groen ber, verbreitete sich ber die
Geldteuerung, die allgemeine wirtschaftliche Verstimmung. Und Klaus
Heinrich erfuhr von dem Tiefstand des Kurses, der Unruhe der Glubiger,
dem Geldabflu, den Bankbrchen; er sah unsern Kredit erschttert,
unsere Papiere entwertet und begriff vollkommen, da die Begebung einer
neuen Anleihe beinahe unmglich war.

Die Dmmerung fiel ein, es war weit ber fnf Uhr, als Herr von
Knobelsdorff seinen volkswirtschaftlichen Vortrag endigte. Um diese Zeit
pflegte Klaus Heinrich seinen Tee zu nehmen, aber er dachte nur ganz
vorbergehend daran, und von auen wagte niemand eine Unterredung zu
stren, deren Wichtigkeit sich in ihrer Zeitdauer zu erkennen gab. Klaus
Heinrich lauschte, lauschte. Er wute noch kaum, wie sehr erschttert er
war. Aber wie unterfing man sich eigentlich, ihm all das zu sagen? Nicht
ein einziges Mal hatte man ihn Knigliche Hoheit genannt whrend
dieses Unterrichts, hatte ihm gewissermaen Gewalt angetan und seine
Reinheit und Feinheit grblich verletzt. Und doch war es gut, es
erwrmte innerlich, das alles zu hren und sich um der Sache willen
darein vertiefen zu mssen ... Er verga, Licht machen zu lassen, so
sehr war seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.

Diese Umstnde, schlo Herr von Knobelsdorff, waren es etwa, die ich
im Sinne hatte, als ich Euere Knigliche Hoheit aufforderte, Ihr
persnliches Wnschen und Trachten stets im Lichte des Allgemeinen zu
sehen. Knigliche Hoheit werden aus dieser Stunde und dem Inhalt, den
ich ihr geben durfte, Nutzen ziehen, ich zweifle nicht daran. Und in
dieser Zuversicht lassen Knigliche Hoheit mich wieder auf Ihre engeren
Angelegenheiten zurckkommen.

Herr von Knobelsdorff wartete, bis Klaus Heinrich mit der Hand ein
Zeichen seiner Zustimmung gegeben hatte, und fuhr dann fort: Wenn
dieser Sache irgendwelche Zukunft beschieden sein soll, so ist es
erforderlich, da sie sich nun zu einer neuen Entwicklungsstufe erhebt.
Sie stagniert, sie steht formlos und aussichtslos wie der Nebel drauen.
Das ist unleidlich. Man mu ihr Gestalt geben, mu sie verdichten, mu
sie auch fr die Augen der Welt bestimmter umreien...

Ganz so! Ganz so! Ihr Gestalt geben ... sie verdichten ... Das ist es!
Das ist unbedingt notwendig! besttigte Klaus Heinrich auer sich,
wobei er neuerdings das Sofa verlie und im Zimmer hin und her zu gehen
begann: Aber wie? Sagen Exzellenz mir um Gottes willen, wie!

Der nchste uere Fortschritt, sagte Herr von Knobelsdorff und blieb
sitzen -- so ungewhnlich war die Stunde--, mu dieser sein, da man
die Spoelmanns bei Hofe sieht.

Klaus Heinrich blieb stehen.

Nie, sagte er, niemals, wie ich Herrn Spoelmann kenne, wird er zu
bewegen sein, zu Hofe zu gehen!

Was nicht ausschliet, antwortete Herr von Knobelsdorff, da sein
Frulein Tochter uns dieses Vergngen machen wird. Wir sind nicht
allzuweit mehr vom Hofball entfernt -- in Ihrer Hand liegt es,
Knigliche Hoheit, Frulein Spoelmann zur Teilnahme daran zu bestimmen.
Ihre Gesellschaftsdame ist Grfin ... sie soll nicht ohne Eigenheiten
sein, aber sie ist Grfin, und das erleichtert die Sache. Wenn ich
Euerer Kniglichen Hoheit versichere, da der Hof es nicht an
Entgegenkommen fehlen lassen wird, so spreche ich im Einverstndnis mit
dem Herrn Oberzeremonienmeister von Bhl zu Bhl...

Und nun behandelte das Gesprch noch drei Viertelstunden lang
Placementfragen und die zeremoniellen Bedingungen, unter denen die
Einfhrung, die Vorstellung, wrde zu vollziehen sein. Unerllich blieb
die Kartenabgabe bei der Oberhofmeisterin der Prinzessin Katharina,
einer verwitweten Grfin Trmmerhauff, die bei den Festlichkeiten im
Alten Schlosse der Damenwelt vorstand. Was aber den Akt der Vorstellung
selbst betraf, so hatte Herr von Knobelsdorff Zugestndnisse zu erwirken
verstanden, die einen geflissentlichen, ja herausfordernden Charakter
trugen. Es gab keinen amerikanischen Geschftstrger am Orte -- kein
Grund dafr, erklrte Herr von Knobelsdorff, die Damen durch den
erstbesten Kammerherrn prsentieren zu lassen: nein, der
Oberzeremonienmeister selbst bitte um die Ehre, sie dem Groherzog
vorstellen zu drfen. Wann? An welchem Punkte der vorgeschriebenen
Reihenfolge? Nun, zweifellos, ungewhnliche Umstnde erforderten ein
briges. Zuerst also, an erster Stelle, =vor= allen Neueingeladenen der
verschiedenen Hofrangklassen -- Klaus Heinrich mge das Frulein dieser
auerordentlichen Maregel versichern. Es werde Gerede geben, Aufsehen
bei Hofe und in der Stadt. Aber gleichviel und um so besser. Aufsehen
war keineswegs unerwnscht, Aufsehen war ntzlich, war notwendig...

Herr von Knobelsdorff ging. Es war so dunkel geworden, als er sich
verabschiedete, da man einander kaum noch sah. Klaus Heinrich, der
dessen erst jetzt gewahr wurde, entschuldigte sich in einiger
Verwirrung, aber Herr von Knobelsdorff erklrte es fr ganz
unwesentlich, in welcher Beleuchtung eine solche Unterredung stattfinde.
Er nahm Klaus Heinrichs Hand, die dieser ihm bot, und umfate sie mit
seinen beiden. Nie, sagte er warm -- und dies waren seine letzten
Worte, bevor er sich zurckzog--, nie war das Glck eines Frsten von
dem seines Landes unzertrennlicher. Bei allem, was Euere Knigliche
Hoheit erwgen und tun, wollen Sie sich gegenwrtig halten, da Euerer
Kniglichen Hoheit Glck durch Schicksalsfgung zur Bedingung der
ffentlichen Wohlfahrt geworden ist, da aber auch Euere Knigliche
Hoheit Ihrerseits in der Wohlfahrt des Landes die unerlliche Bedingung
und Rechtfertigung Ihres Glcks zu erkennen haben.

Heftig bewegt und noch auerstande, die Gedanken zu ordnen, die ihn
tausendfltig bestrmten, blieb Klaus Heinrich in seinen enthaltsamen
Empirestuben zurck.

Er verbrachte eine unruhvolle Nacht und machte am nchsten Vormittag
trotz unsichtigen und schleimigen Wetters einen einsamen, ausgedehnten
Spazierritt. Herr von Knobelsdorff hatte klar und reichlich geredet,
hatte Tatsachen gegeben und entgegengenommen; aber zur Verschmelzung,
Gestaltung und inneren Verarbeitung dieses vielfachen Rohstoffes hatte
er nur kurze, spruchartige Anleitungen gegeben, und es war schwere
Gedankenarbeit, die Klaus Heinrich zu leisten hatte, whrend er
nchtlicherweile wach lag und spter, als er auf Florian spazierenritt.

Nach Eremitage zurckgekehrt, tat er etwas Merkwrdiges. Er schrieb
mit Bleistift auf ein Blttchen Papier eine Order, eine gewisse
Bestellung, und schickte den Kammerlakaien Neumann damit zur Stadt, zur
Akademischen Buchhandlung in der Universittsstrae. Was Neumann, schwer
schleppend, zurckbrachte, war ein Ballen Bcher, die Klaus Heinrich in
seinem Arbeitszimmer ausbreiten lie, und mit deren Lektre er sofort
begann.

Es waren Werke von nchternem und schulbuchmigem Aussehen, mit
Glanzpapierbacken, unschn geschmckten Lederrcken und rauhem Papier,
auf welchem der Inhalt peinlich nach Abschnitten, Hauptabteilungen,
Unterabteilungen und Paragraphen angeordnet war. Ihre Titel waren nicht
heiter. Es waren Lehr- und Handbcher der Finanzwissenschaft, Ab- und
Grundrisse der Staatswirtschaft, systematische Darstellungen der
politischen konomie. Und mit diesen Schriften schlo der Prinz sich in
seinem Kabinett ein und gab Weisung, da er auf keinen Fall gestrt zu
werden wnsche.

Der Herbst war wsserig, und Klaus Heinrich fhlte sich wenig versucht,
die Eremitage zu verlassen. Am Sonnabend fuhr er ins Alte Schlo, um
Freiaudienzen zu gewhren; sonst war er diese Woche lang Herr seiner
Zeit, und er wute Gebrauch davon zu machen. Angetan mit seiner Litewka,
sa er in der Wrme des niedrigen Kachelofens an seinem kleinen,
altmodischen und wenig benutzten Sekretr und las, die Schlfen in den
Hnden, in seinen Finanzbchern. Er las von den Staatsausgaben, und
worin sie nur immer bestanden, von den Einnahmen, und woher sie
glcklichenfalls flossen; er durchpflgte das ganze Steuerwesen in allen
seinen Kapiteln; er vergrub sich in die Lehre vom Finanzplan und Budget,
von der Bilanz, dem berschu und namentlich dem Defizit, er verweilte
am lngsten und grndlichsten bei der Staatsschuld und ihren Arten, bei
der Anleihe, dem Verhltnis von Zins und Kapital und der Tilgung -- und
zuweilen erhob er den Kopf vom Buche und trumte lchelnd von dem, was
er gelesen, als sei es die bunteste Poesie.

brigens fand er, da es nicht schwer war, das alles zu begreifen, wenn
man es darauf anlegte. Nein, diese ganze ernste Wirklichkeit, an der er
nun teilnahm, dies simple und plumpe Interessengefge, dies Lehrgebude
platt folgerichtiger Bedrfnisse und Notwendigkeiten, das zahllose
gewhnlich geborene junge Leute in ihre lebenslustigen Kpfe zu nehmen
hatten, um ihre Examina darber abzulegen -- es war bei weitem so schwer
nicht beherrschbar, wie er in seiner Hhe geglaubt hatte.
Reprsentieren, fand er, war schwerer. Und viel, viel heikler und
schwieriger waren seine Kmpfe mit Imma Spoelmann, zu Pferd und zu Fu.
Doch machte es ihn warm und froh, sein Studium, und er fhlte, da er
rote Backen bekam vor Eifer wie sein Schwager zu Ried-Hohenried von
seinem Torf.

Nachdem er so den Tatsachen, die er von Herrn von Knobelsdorff
empfangen, eine allgemeine und akademische Grundlage gegeben und auch
sonst im Knpfen von inneren Beziehungen und im Abwgen von
Mglichkeiten eine bedeutende Gedankenarbeit verrichtet hatte, stellte
er sich wieder um die Teestunde auf Delphinenort ein. Die Glhbirnen
der lwenfigen Schaftkandelaber und der groen Kristallster brannten
im Gartensalon. Die Damen waren allein.

Nach den ersten Fragen und Antworten ber Herrn Spoelmanns Befinden und
Immas berstandene Unplichkeit -- Klaus Heinrich machte ihr lebhafte
Vorwrfe ber ihr seltsames Ungestm, worauf sie mit vorgeschobenen
Lippen erwiderte, da sie, soviel ihr bekannt, ihr eigener Herr sei und
mit ihrer Gesundheit nach Belieben schalten knne -- kam das Gesprch
auf den Herbst, auf die nasse Witterung, die das Reiten verbiete, auf
die vorgerckte Jahreszeit, den nahen Winter, und Klaus Heinrich
erwhnte von ungefhr des Hofballes, wobei es ihm einfiel, zu fragen, ob
denn die Damen -- wenn leider Herr Spoelmann schon durch seinen
Gesundheitszustand verhindert sein wrde -- nicht Lust htten, sich
diesmal daran zu beteiligen. Als aber Imma erwiderte: Nein, wirklich,
die Absicht einer Krnkung liege ihr fern, aber dazu habe sie
schlechterdings nicht die geringste Lust, drang er nicht in sie, sondern
stellte die Frage vorlufig gelassen zurck.

Was er getrieben habe die letzten Tage? -- Oh, er sei beschftigt
gewesen, er knne sagen, da es Arbeit die Hlle und Flle gegeben habe.
-- Arbeit? Ohne Zweifel meine er die Hofjagd bei Jgerpreis. -- Nun,
die Hofjagd ... Nein, er sei wirklichen Studien nachgegangen, die er
brigens keineswegs schon abgeschlossen habe; vielmehr stecke er noch
tief in der betreffenden Materie ... Und Klaus Heinrich begann von
seinen unschnen Bchern, seinen finanzwissenschaftlichen Einsichten zu
erzhlen, und mit solcher Freude und Hochachtung sprach er von dieser
Disziplin, da Imma Spoelmann ihn mit groen Augen betrachtete. Als sie
ihn aber -- was auf fast schchterne Weise geschah -- ber den Anla und
Beweggrund zu seiner Beschftigung befragte, antwortete er, da es
lebendige, nur allzu brennende Tagesfragen seien, die ihn darauf
hingeleitet htten: Verhltnisse und Umstnde, die sich leider fr ein
heiteres Teegesprch recht wenig eigneten. Diese Redewendung krnkte
Imma Spoelmann ganz offenkundig. Auf welche Beobachtungen -- fragte sie
scharf und wandte ihr Kpfchen hin und her -- sich eigentlich seine
berzeugung grnde, da sie ausschlielich oder auch nur vorzugsweise
heiteren Gesprchen zugnglich sei? Und sie befahl ihm mehr, als sie
bat, sich geflligst ber die brennenden Tagesfragen zu uern.

Da zeigte Klaus Heinrich, was er bei Herrn von Knobelsdorff gelernt
hatte, und sprach ber das Land und die Lage. Er wute Bescheid in jedem
Punkte, worauf der faltige Zeigefinger geruht hatte, er sprach von den
natrlichen und den verschuldeten, den allgemeinen und den engeren, den
hingeschleppten und den verschrfend hinzugetretenen belstnden, er
betonte namentlich die Ziffer der Staatsschulden und den Druck, den sie
auf unsre Volkswirtschaft ausbten -- es waren sechshundert
Millionen--, und er verga nicht einmal der unterernhrten Gestalten
auf dem Lande.

Er sprach nicht zusammenhngend; Imma Spoelmann unterbrach ihn mit
Fragen und half ihm mit Fragen vorwrts, sie nahm es genau und lie sich
erlutern, was sie nicht gleich verstand. In ihrem offenrmeligen
Hauskleid aus ziegelfarbener Rohseide mit breiter Bruststickerei, eine
altspanische Ehrenkette um den kindlichen Hals, sa sie, ber den
Teetisch gebckt, der von Kristall und Silber und kstlichem Porzellane
schimmerte, einen Ellenbogen aufgesttzt, das Kinn in die schmucklose
und zartgliedrige Hand vergraben, und lauschte mit ganzer Seele, indes
ihre Augen, so bergro, so dunkel glnzend, in seiner Miene forschten.
Aber whrend er sprach, von Imma mit Mund und Augen befragt, sich mhte,
sich ereiferte und sich ganz seinem Gegenstand hingab, fhlte Grfin
Lwenjoul sich nicht lnger zu nchterner Klarheit angehalten durch
seine Gegenwart, sondern lie sich gehen und erlaubte sich die Wohltat
des Irreschwatzens. An allem Elend, erklrte sie mit vornehmen
Bewegungen und seltsam gekniffenem Blicke, auch an der Miernte, der
Schuldenlast und der Geldteuerung, seien die schamlosen Weiber schuld,
von welchen es berall wimmele, und die leider auch den Weg durch den
Fuboden zu finden wten, wie denn vergangene Nacht die Frau eines
Feldwebels aus der Leibfsilierkaserne ihr die Brust zerkratzt und sie
mit abscheulichen Gebrden gemartert habe. Hierauf erwhnte sie ihre
Schlsser in Burgund, in die es von oben hineinregnete, und ging so
weit, zu erzhlen, da sie einen Feldzug gegen die Trken als Leutnant
mitgemacht habe, wobei sie die einzige gewesen sei, die nicht den Kopf
verloren habe. Imma Spoelmann und Klaus Heinrich gaben hie und da ein
gutes Wort, versprachen gern, sie vorderhand Frau Meier zu nennen und
lieen sich brigens von ihren Zwischenreden nicht stren.

Sie hatten beide heie Gesichter, als Klaus Heinrich alles gesagt hatte,
was er wute -- ja, auch auf dem Imma Spoelmanns, sonst von der Blsse
der Perlen, war ein Hauch von Rte zu bemerken. Sie schwiegen dann, und
auch die Grfin verstummte, den kleinen Kopf auf die Schulter geneigt,
gekniffenen Blickes ins Leere ugend. Klaus Heinrich spielte auf dem
blitzend weien und scharf gefalteten Tischtuch mit dem Stengel einer
Orchidee, die in einem Spitzglschen neben seinem Gedeck gestanden
hatte; aber sobald er den Kopf erhob, begegnete er Imma Spoelmanns
Augen, die bergro, flammend und unverwandt, ber den Tisch hinweg eine
dunkelflieende Sprache fhrten.

Es war hbsch heute, sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme, als er
fr diesmal Abschied nahm -- und er fhlte, wie ihre schmale,
zartknochige Hand die seine mit krftigem Druck umspannte. Wenn Euere
Hoheit wieder einmal unser unwrdiges Haus beehren, sollten Sie mir das
eine oder andere von den guten Bchern bringen, die Sie sich angeschafft
haben. -- Sie konnte es nicht ganz lassen, zu spotten, aber sie bat ihn
um seine Finanzbcher, und er brachte sie ihr.

Er brachte ihr zwei davon, die er fr die lehrreichsten und
bersichtlichsten hielt, brachte sie einige Tage spter in seinem Coup
durch den feuchten Stadtgarten, und sie wute ihm Dank dafr. Sobald sie
den Tee genommen, zogen sie sich in einen Winkel des Salons zurck,
woselbst sie, whrend die Grfin in Abwesenheit am Teetisch verharrte,
in thronartigen Armsthlen an einem vergoldeten Tischchen sitzend, ber
das erste Blatt eines Lehrbuches namens Finanzwissenschaft gebeugt,
ihr gemeinsames Studium begannen. Selbst die Vorworte zur ersten und zur
sechsten Auflage lasen sie mit, abwechselnd mit leiser Stimme jeder
einen Satz; denn Imma Spoelmann hielt dafr, da man methodisch zu Werke
gehen und mit dem Anfang beginnen msse.

Klaus Heinrich, wohlvorbereitet wie er war, machte den Fhrer durch die
Paragraphen, und niemand htte behender und hellsinniger zu folgen
vermocht als Imma.

Es ist leicht! sagte sie und sah lachend aus. Mich nimmt wunder, da
es im Grunde so einfach ist. Algebra ist viel schwerer, Prinz...

Aber da sie die Sache so grndlich betrieben, kamen sie demnach nicht
weit in einer Nachmittagsstunde und machten ein Zeichen ins Buch, wo sie
das nchste Mal fortfahren wrden.

Das geschah; und fortan waren des Prinzen Besuche auf Delphinenort von
dem sachlichsten Inhalt erfllt. Immer, wenn Herr Spoelmann nicht am
Teetisch erschienen war oder, sobald er seinen Krankenzwieback
eingetaucht, sich mit Doktor Watercloose zurckgezogen hatte, richteten
Imma und Klaus Heinrich sich mit ihren Bchern an dem goldenen Tischchen
ein, um sich, Kopf an Kopf, in die Geldwirtschaftskunde zu vertiefen.
Aber im Vorwrtsschreiten verglichen sie die abgezogene Lehre mit der
Wirklichkeit, wandten, was sie lasen, auf die Verhltnisse des Landes
an, wie Klaus Heinrich sie dargelegt hatte, und studierten mit Nutzen,
obgleich es nicht selten geschah, da ihr Forschen von Betrachtungen
persnlicher Art unterbrochen wurde.

Dann kann also die Emission, sagte Imma, auf direktem oder indirektem
Wege erfolgen -- ja, das leuchtet ein. Entweder der Staat wendet sich
geradeswegs an die Kapitalisten und erffnet die Subskription ... Ihre
Hand ist doppelt so breit wie meine, sagte sie -- sehen Sie, Prinz!
Und nun schauten sie lchelnd und glcklich betroffen von dem einfachen
Anblick ihre Hnde an, seine rechte und ihre linke, die nebeneinander
auf der goldenen Tischplatte lagen. Oder, fuhr Imma fort, die Anleihe
wird durch Negotiation begeben, und es ist irgendein groes Bankhaus
oder Konsortium von solchen, an das der Staat seine Schuldscheine...
Warten Sie! sagte er leise. Warten Sie, Imma, und beantworten Sie mir
eine Frage! Lassen Sie auch die Hauptsache nicht auer acht? Geben Sie
sich auch Mhe, und machen Sie Fortschritte? Wie ist es mit der
Ernchterung und Befangenheit, liebe kleine Imma? Haben Sie nun ein
bichen Vertrauen zu mir? Seine Lippen fragten es nahe ihrem Haar, dem
ein kostbarer Duft entstrmte, und sie hielt ihr schwarzbleiches
Kindergesichtchen still dabei ber das Buch gebeugt, wenn sie auch seine
Frage nicht unumwunden beantwortete. Aber mu es ein Bankhaus oder
Konsortium sein? berlegte sie. Es steht nichts davon da, aber mir
scheint, da es das praktischen Falles nicht notwendig zu sein
braucht...

Sie sprach ernsthaft und ohne Anfhrungszeichen in dieser Zeit, denn
auch sie hatte ja, fr ihr Teil, die Gedankenarbeit zu bewltigen,
welche Klaus Heinrich nach der Unterredung mit Herrn von Knobelsdorff
verrichtet hatte. Und als er einige Wochen spter auf seine Frage
zurckkam, ob sie nicht Lust habe, den Hofball zu besuchen, und ihr die
zeremoniellen Bedingungen mitteilte, die fr diesen Fall bewilligt
waren, da geschah es, da sie ihm antwortete, ja, sie habe Lust und
wolle morgen mit der Grfin Lwenjoul bei der verwitweten Grfin
Trmmerhauff vorfahren, um ihre Karten abzugeben.

Dieses Jahr fand der Hofball frher statt als sonst: schon Ende November
-- eine Manahme, die, wie man hrte, auf Wnsche innerhalb des
Groherzoglichen Hauses zurckzufhren war. Herr von Bhl zu Bhl
beklagte bitter diese berstrzung, welche ihn und seine Unterbeamten
zwnge, die Vorbereitungen zu der wichtigsten hfischen Festlichkeit
ber das Knie zu brechen, namentlich die Ausbesserungen, deren die
Festrume des Alten Schlosses so dringend bedrftig waren. Aber der
Wunsch des betreffenden Mitgliedes der Allerhchsten Familie hatte die
Untersttzung des Herrn von Knobelsdorff gehabt, und der Hofmarschall
mute sich fgen. So aber kam es, da die Gemter kaum Zeit hatten, sich
auf das, was eigentlich an dem Abend Ereignis war, und wogegen der
ungewhnliche Zeitpunkt gleich nichts erschien, gengend vorzubereiten:
ja, als der Eilbote die Kunde von der Kartenabgabe und Einladung in
fetten Lettern verbreitete -- nicht ohne in etwas kleinerem Druck, doch
in warmen Worten seinem Vergngen darber Ausdruck zu geben und
Spoelmanns Tochter bei Hofe willkommen zu heien--, da stand der
bedeutende Abend schon vor der Tr, und ehe die Zungen sich recht in
Bewegung gesetzt, war alles vollendete Wirklichkeit.

Nie hatte mehr Neid auf den fnfhundert begnadeten Personen geruht,
deren Namen auf der Hofball-Liste standen, nie hatte der Brger am
Morgen mit greren Augen den Bericht des Eilboten verschlungen, diese
glitzernden Spalten, die alljhrlich von einem durch den Trunk
entarteten Adeligen abgefat wurden und so ppig zu lesen waren, da man
glaubte, Einblick in das Feenreich zu tun, whrend in Wahrheit das
Ballfest im Alten Schlo ohne berschwang und selbst nchtern verlief.
Aber der Bericht reichte nur bis zum Souper, mit Einschlu der
franzsischen Speisenfolge, und alles, was spter kam, sowie berhaupt
alle Zartheiten und Unwgbarkeiten des groen Vorgangs blieben notwendig
mndlicher berlieferung vorbehalten.

Die Damen hatten sich, in einem kolossalen olivenfarbenen Automobil vor
dem Albrechtstor anbremsend, ziemlich pnktlich im Alten Schlo
eingefunden, wenn auch so pnktlich nicht, da Herr von Bhl zu Bhl
nicht Zeit gehabt htte, sich zu ngstigen. Von siebeneinviertel Uhr an
war er, in groer Uniform, mit Orden bedeckt bis zum Unterleib, mit
spiegelndem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, in der
Mitte des mit Rstungen umstellten Rittersaales, woselbst sich das
Groherzogliche Haus und der groe Dienst versammelten, von einem Fu
auf den andern getreten und hatte mehrmals einen Kammerjunker in den
Ballsaal hinbergesandt, um zu erfahren, ob Frulein Spoelmann noch
nicht erschienen sei. Er erwog unerhrte Mglichkeiten. Wenn diese
Knigin von Saba zu spt kam -- und was konnte man nicht von ihr
gewrtigen, die mitten durch die Wachtmannschaft geschritten war!--, so
mute sich der Eintritt des groherzoglichen Korteges verzgern, so
mute der Hof auf sie warten, denn sie sollte ja nun einmal unbedingt
zuerst vorgestellt werden, und es war ein Ding der Unmglichkeit, da
sie nach dem Groherzog im Ballsaale eintraf ... Aber gottlob! eine
knappe Minute vor siebeneinhalb Uhr war sie mit ihrer Grfin gekommen
(und die Bewegung war gro gewesen, als die empfangenden Kammerherren
sie zunchst den Diplomaten und also vor dem Adel, den Palastdamen, den
Ministern, den Generalen, den Kammerprsidenten und aller Welt in die
Hofgesellschaft eingereiht hatten) -- Flgeladjutant von Platow hatte
den Groherzog aus seinen Zimmern geholt, im Rittersaal hatte Albrecht,
als Husar gekleidet, mit niedergeschlagenen Augen die Mitglieder seines
Hauses begrt, hatte seiner Tante Katharina den Arm geboten, und dann,
nachdem Herr von Bhl in der geffneten Flgeltr dreimal seinen Stab
gegen das Parkett gestoen, hatte sich der Einzug des Hofes in den
Ballsaal vollzogen.

Augenzeugen versicherten spter, da die allgemeine Unaufmerksamkeit
whrend des Rundgangs der hchsten Herrschaften die Grenze des
Anstigen erreicht habe. Wohin Albrecht mit seiner wrdevoll
schreitenden Tante gerade gekommen war, da war ohne die rechte Sammlung
ein hastiges Neigen und Wogen entstanden, aber sonst waren alle
Gesichter nur einem Punkte des Saales zugewandt, alle Augen mit
brennender Neugier auf eben diesen Punkt gerichtet gewesen ... Die dort
stand, hatte Feinde im Saal gehabt, zumindest unter den Frauen, den
weiblichen Trmmerhauffs, Prenzlaus, Wehrzahns und Platows, die hier
ihre Fcher regten, und scharfe und kalte Damenblicke hatten sie
gemustert. Aber war nun ihre Stellung schon zu befestigt, als da die
Kritik sich hervorgewagt htte, oder hatte ihre Persnlichkeit an und
fr sich den heimlichen Widerstand berwunden -- nur eine Stimme hatte
geherrscht, und es war die gewesen, da Imma Spoelmann schn sei wie
Bergknigs Tchterlein. Die Residenz wute am nchsten Morgen ihre
Toilette auswendig, der Schreiber im Ministerium, der Dienstmann an der
Straenecke. Es war ein Gewand aus blagrnem Chinakrepp gewesen, mit
silberner Stickerei und einem Bruststck aus alter Silberspitze von
Fabelwert. Ein krnleinartiger Kopfschmuck aus Diamanten hatte farbig in
ihrem blauschwarzen Haar gefunkelt, das eine Neigung zeigte, ihr in
glatten Strhnen in die Stirn zu fallen, und eine lang herabhngende
Kette aus demselben Edelgestein war doppelt und dreifach um ihren
brunlichen Hals geschlungen gewesen. Klein und kindlich, doch von einer
wundersam ernsten und klugen Kindlichkeit der Erscheinung, mit ihrem
bleichen Gesichtchen und ihren bergroen und seltsam eindringlich
redenden Augen, so hatte sie an ihrem Ehrenplatz zur Seite der Grfin
Lwenjoul gestanden, die braun wie immer, doch diesmal in Atlas,
gekleidet gewesen war. Mit einer gewissen sprden Pagenanmut hatte sie,
als das Kortege zu ihr gelangt war, die hfische Verbeugung angedeutet,
ohne sie auszufhren; aber als Prinz Klaus Heinrich, das zitronengelbe
Band und die flache Kette des Hausordens zur Bestndigkeit ber dem
Waffenrock, den Silberstern vom Grimmburger Greifen auf der Brust und
jene blutleere Cousine am Arme fhrend, die nichts als j zu sagen
vermochte, gleich hinter dem Groherzoge an ihr vorbergeschritten war,
da hatte sie mit geschlossenen Lippen gelchelt und hatte ihm zugenickt
wie ein Kamerad -- wobei es denn doch wie ein Zucken durch die
Versammlung gegangen war...

Dann, nach der Begrung der Diplomaten durch die hchsten Herrschaften,
hatten die Vorstellungen begonnen -- begonnen mit Imma Spoelmann,
obgleich sich unter den neueingeladenen Damen zwei Komtessen Hundskeel
und ein Freifrulein von Schulenburg-Tressen befunden hatten.
Schwnzelnd und mit falschen Zhnen lchelnd hatte Herr von Bhl
Spoelmanns Tochter seinem Herrn prsentiert. Und indem er mit der
kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an der oberen gesogen, hatte
Albrecht auf ihre sprde Pagenverneigung niedergeblickt, aus der sie
sich erhoben hatte, um aus redenden Augen den leidenden Husarenobersten
in seinem stillen Hochmut mit dunklem Forschen zu betrachten. Der
Groherzog hatte mehrere Fragen an sie gerichtet, whrend er es sonst
ohne Ausnahme bei einer bewenden lie, hatte sich nach ihres Vaters
Befinden, nach der Wirkung der Ditlindenquelle erkundigt, und wie es ihr
selbst auf die Dauer bei uns gefalle, worauf sie mit vorgeschobenen
Lippen und das schwarzbleiche Kpfchen hin und her wendend mit ihrer
gebrochenen Stimme geantwortet hatte. Hierauf, nach einer Pause, welche
vielleicht eine Pause des inneren Kampfes gewesen, hatte Albrecht ihr
sein Vergngen zum Ausdruck gebracht, sie bei Hofe zu sehen; und dann
hatte auch Grfin Lwenjoul, mit einem seitwrts entgleitenden Blick,
ihre Kniebeugung vollfhren drfen.

Dieser Auftritt, Imma Spoelmann vor Albrecht, blieb lange der
Lieblingsgegenstand des Gesprchs, und obgleich er ohne Sonderlichkeiten
verlaufen war, wie er verlaufen mute, so sollen sein Reiz und seine
Bedeutung nicht geschmlert werden. Der Hhepunkt des Abends war er
nicht. Das war in den Augen vieler die _Quadrille d'honneur_, fr manche
auch das Souper -- in Wirklichkeit aber ein geheimes Zwiegesprch
zwischen den beiden Hauptpersonen des Stckes, ein kurzer, unbelauschter
Wortwechsel, dessen Inhalt und sachlichen Enderfolg die ffentlichkeit
freilich nur zu ahnen vermochte -- der Abschlu gewisser zarter Kmpfe
zu Pferd und zu Fuߠ...

Die Ehrenquadrille angehend, so gab es am nchsten Tage Personen, die
behaupteten, Frulein Spoelmann habe sie mitgetanzt, und zwar an der
Seite des Prinzen Klaus Heinrich. Nur der erste Teil dieser Aussage traf
zu. Das Frulein hatte an dem feierlichen Reigen teilgenommen, aber
gefhrt vom englischen Geschftstrger und dem Prinzen Klaus Heinrich
gegenber. Immerhin war das stark, und noch strker war, da die
Mehrzahl der Festgste es nicht einmal als unerhrt, sondern im
Gegenteil beinahe als selbstverstndlich empfunden hatte. Ja, Imma
Spoelmanns Stellung war befestigt, die volkstmliche Auffassung ihrer
Person -- das Volk erfuhr es am nchsten Tage -- war herrschend gewesen
im Hofballsaal, und brigens hatte Herr von Knobelsdorff Sorge getragen,
da diese Auffassung mit aller Augenflligkeit, die er fr wnschenswert
hielt, zum Ausdruck gelangte. Nicht mit Rcksicht und nicht mit
Auszeichnung, nein, zeremonis war Imma Spoelmann behandelt worden, und
das mit planmiger, absichtsvoller Betonung. Die beiden diensttuenden
Zeremonienmeister, Kmmerer ihrem Range nach, hatten ihr mit Auswahl die
Tnzer zugefhrt, und wenn sie ihren Platz, dicht neben dem flachen, rot
ausgeschlagenen Podium, wo die Groherzogliche Familie auf Damastsesseln
sa, mit einem Kavalier verlassen hatte, um zu tanzen, so war die
Balleitung geschftig gewesen, wie dies beim Tanz der Prinzessinnen
geschah, ihr freien Raum unter dem mittleren Lster zu schaffen und sie
vor jedem Zusammensto zu behten -- was brigens leichte Arbeit gewesen
war, denn ohnedies hatte sich, wenn sie tanzte, ein schtzender Kreis
von Neugier um sie geschlossen.

Man berichtete, da, als Prinz Klaus Heinrich Frulein Spoelmann zum
erstenmal aufgefordert habe, ein heftiges Ausatmen, ein frmliches
Zischen der Erregung im Saale hrbar gewesen sei, und da die
Vortnzer zu tun gehabt htten, den Ball in Gang zu erhalten und zu
verhindern, da alles in gieriger Schaulust die Tanzenden umstehe.
Namentlich die Damen hatten das einsame Paar mit einem exaltierten
Entzcken begleitet, das, wenn Imma Spoelmanns Stellung nur ein wenig
schwcher gewesen wre, unzweifelhaft die Formen der Wut und der Bosheit
gezeigt haben wrde. Aber zu sehr hatte jeder einzelne der fnfhundert
Festgste unter dem Druck und Einflu des ffentlichen Empfindens, jener
gewaltigen Eingebung von unten her, gestanden, um dies Schauspiel anders
als mit des Volkes Augen betrachten zu knnen. Der Prinz schien nicht in
dem Sinne beraten gewesen zu sein, sich Zwang anzutun. Sein Name, und
zwar einfach in der Abkrzung K. H., hatte zweimal, fr zwei groe
Tnze, auf Mi Spoelmanns Karte gestanden, und auerdem hatte er noch
mehrfach bei ihr hospitiert. Dort hatten sie getanzt, Klaus Heinrich und
Spoelmanns Tochter. Ihr brunlicher Arm hatte auf dem Ordensband aus
zitronenfarbener Seide geruht, das ber seine Schulter lief, und sein
rechter Arm hatte ihre leichte und seltsam kindliche Gestalt umschlungen
gehalten, whrend er den linken nach seiner Gewohnheit beim Tanz in die
Hfte gesttzt und nur mit einer Hand seine Dame gefhrt hatte. Mit
einer Hand...

So war die Stunde des Soupers gekommen, und ein weiterer Artikel der
zeremoniellen Bedingungen, die Herr von Knobelsdorff fr Imma Spoelmanns
Hofballbesuch erwirkt hatte, war erschtternd in Kraft getreten. Es war
der gewesen, welcher die Sitzordnung bei Tische zum Gegenstand hatte.
Whrend nmlich die groe Menge der Festgste in der Bildergalerie und
im Saal der zwlf Monate an langen Tafeln speiste, war fr die
Groherzogliche Familie, die Diplomaten und die obersten Hofchargen im
Silbersaal gedeckt. Feierlich geordnet, wie beim Eintritt in den
Ballsaal, begaben sich Albrecht und die Seinen punkt elf Uhr dorthin.
Und an den Kammerlakaien vorber, welche die Tren besetzt hielten und
Unbefugten den Zugang wehrten, war am Arme des englischen
Geschftstrgers Imma Spoelmann in den Silbersaal eingezogen, um an der
groherzoglichen Tafel teilzunehmen.

Das war ungeheuerlich gewesen -- und zugleich, nach allem
Voraufgegangenen, von so zwingender Folgerichtigkeit, da jederlei
Verwunderung oder gar Auflehnung des gesunden Sinnes entbehrt haben
wrde. Heute hatte es einfach gegolten, groen Anzeichen und
Erscheinungen innerlich gewachsen zu sein ... Aber nach aufgehobener
Tafel, als der Groherzog sich zurckgezogen und Prinzessin Griseldis
mit einem Kammerherrn den Kotillon erffnet hatte, war die Erwartung
dennoch aufs neue ins Fieberhafte gestiegen, denn die allgemeine Frage
war gewesen, ob man dem Prinzen erlaubt habe, der Spoelmann ein
Struchen zu bringen. Seine Instruktion war offenbar die gewesen, ihr
nicht gerade das erste zu bringen. Er hatte zunchst seiner Tante
Katharina und einer rothaarigen Cousine je eines berreicht; aber dann
war er mit einem Fliederstruchen aus der Hofgrtnerei vor Imma
Spoelmann hingetreten. Im Begriffe, das schne Gebinde an ihr Nschen zu
fhren, hatte sie aus unbekannten Grnden mit ngstlicher Miene
gezgert, und erst, nachdem er sie durch ein lchelndes Kopfnicken dazu
ermutigt, hatte sie sich entschlossen, den Duft zu versuchen. Dann
hatten sie, ruhig sprechend, ziemlich lange miteinander getanzt.

Jedoch whrend dieses Tanzes war es gewesen, da jener unbelauschte
Wortwechsel, jene Unterredung mit greifbar brgerlichem Inhalt und
sachlichem Enderfolg zwischen ihnen stattgefunden hatte ... hier ist
sie.

Sind Sie diesmal zufrieden mit den Blumen, Imma, die ich Ihnen bringe?

Doch, Prinz, Ihr Flieder ist schn und duftet ordnungsgem. Er gefllt
mir sehr.

Wirklich, Imma? Aber der arme Rosenstock unten im Hof tut mir leid,
weil seine Rosen Ihnen mifallen mit ihrem Moderduft.

Ich will nicht sagen, da sie mir mifallen, Prinz.

Aber sie ernchtern und erklten Sie wohl?

Ja, das vielleicht.

Habe ich Ihnen aber von dem Glauben der Leute erzhlt, da der
Rosenstock einmal erlst werden soll, nmlich an einem Tage der
allgemeinen Beglckung, und Rosen hervorbringen soll, die zu ihrer
groen Schnheit auch noch mit lieblich natrlichem Duft begabt sein
werden?

Ja, Prinz, das mu man abwarten.

Nein, Imma, man mu helfen und handeln! Sich entschlieen mu man und
allem Zweifelmut absagen, kleine Imma! Sagen Sie mir ... sagen Sie mir
heute: Haben Sie nun Vertrauen zu mir?

Doch, Prinz, in letzter Zeit habe ich Vertrauen zu Ihnen gefat.

Sehen Sie!... Gott sei gelobt!... Sagte ich nicht, da es mir
schlielich gelingen msse?... Und so glauben Sie denn nun, da es mir
ernst ist, wirklicher, ernsthafter Ernst um Sie und um uns?

Ja, Prinz, in letzter Zeit glaube ich, da ich es glauben kann.

Endlich, endlich, unschlssige kleine Imma!... Ach, ich danke Ihnen aus
Herzensgrund!... Aber dann haben Sie also Mut und wollen sich zu mir
bekennen vor aller Welt, da Sie doch zu mir gehren?

Bekennen Sie sich, Knigliche Hoheit, zu mir, wenn's gefllig ist.

Das will ich, Imma, laut und fest. Aber nur unter einer Bedingung darf
ich es, nmlich, da wir nicht in eigenntziger und unbedeutender Weise
nur auf unser eigenes Glck Bedacht nehmen, sondern alles aus dem
Gesichtspunkt des Groen, Ganzen betrachten. Denn die ffentliche
Wohlfahrt, sehen Sie, und unser Glck, die bedingen sich gegenseitig.

Wohlgesprochen, Prinz. Denn ohne unsere Studien ber die ffentliche
Wohlfahrt wrde ich mich schwerlich zum Vertrauen zu Ihnen entschlossen
haben.

Und ohne Sie, Imma, die Sie mir das Herz so warm gemacht, wrde ich
schwerlich auf so wirkliche Studien verfallen sein.

Also wollen wir denn sehen, was wir ausrichten, jeder an seinem Platze,
Prinz. Sie bei den Ihren und ich -- bei meinem Vater.

Kleine Schwester, hatte er mit ruhiger Miene gesagt und sie im Tanze
ein wenig fester an sich gezogen. Kleine Braut...

Und das war in der Tat ein Sonderfall von Verlobungsgesprch gewesen.

Freilich war hiermit nicht alles, ja wenig geschehen, und rckblickend
mu man sich sagen, da, in dem Gesamtaspekt der Verhltnisse nur einen
Faktor weg oder anders gedacht, das Ganze damals noch immer Gefahr lief,
in nichts zu zerfallen. Welch Glck, da an der Spitze der Geschfte ein
Mann sich befand, welcher der Zeit fest und unerschrocken, ja selbst
nicht ohne Schalkhaftigkeit ins Auge blickte und eine Sache nicht einzig
deshalb fr unmglich erachtete, weil sie sich bis dahin noch niemals
ereignet hatte!

Jener Vortrag, den ungefhr acht Tage nach dem denkwrdigen Hofball
Exzellenz von Knobelsdorff seinem Herrn, dem Groherzog AlbrechtII. im
Alten Schlosse hielt, gehrt der Zeitgeschichte an. Tags zuvor hatte der
Konseilprsident einer Sitzung des Staatsministeriums vorgesessen, ber
welche der Eilbote so viel zu melden in die Lage gesetzt worden war,
da Finanzfragen und innere Angelegenheiten der Groherzoglichen Familie
zur Beratung gestanden htten, sowie ferner, da -- und dies fgte das
Blatt in gesperrten Lettern hinzu -- eine vollkommene Einhelligkeit der
Meinungen unter den Ministern erzielt worden sei. So aber befand sich
Herr von Knobelsdorff bei jener Audienz seinem jungen Monarchen
gegenber in starker Stellung; denn er hatte nicht nur die wimmelnde
Masse des Volkes, sondern auch die einmtige Willensuerung der
Staatsregierung im Rcken.

Die Unterredung in Albrechts zugigem Arbeitszimmer nahm fast nicht
weniger Zeit in Anspruch, als diejenige in dem kleinen gelben Salon von
Schlo Eremitage. Es mute sogar eine Pause eintreten, whrend welcher
dem Groherzog eine Limonade und Herrn von Knobelsdorff ein Glas
Portwein nebst Biskuits gereicht wurde. Allein die lange Dauer des
Vortrags war lediglich der Groartigkeit des durchzusprechenden Stoffes,
nicht etwa dem Widerstande des Monarchen zuzuschreiben; denn Albrecht
leistete keinen. In seinem geschlossenen Gehrock, die mageren,
empfindlichen Hnde im Schoe gekreuzt, das stolze und feine Haupt mit
dem Spitzbart und den schmalen Schlfen erhoben und die Lider gesenkt,
sog er leicht mit der kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen und
begleitete Herrn von Knobelsdorffs Ausfhrungen von Zeit zu Zeit mit
einer gemessenen Kopfneigung, die zugleich Zustimmung und Ablehnung
ausdrckte, eine unbeteiligt sachliche Zustimmung unter dem stillen und
kalten Vorbehalt seiner durch nichts erreichbaren persnlichen Wrde.

Herr von Knobelsdorff begab sich unverzglich in die Mitte der Dinge und
sprach von dem Verkehr des Prinzen Klaus Heinrich auf Schlo
Delphinenort. Albrecht wute davon. Selbst in seine Einsamkeit war ein
gedmpfter Widerhall der Ereignisse gedrungen, welche die Stadt und das
Land in Atem hielten; auch kannte er seinen Bruder Klaus Heinrich, der
gestbert und mit den Lakaien geplaudert hatte, der, als er sich am
groen Spieltisch die Stirn gestoen, geweint hatte aus Mitleid mit
seiner Stirn -- und im wesentlichen bedurfte er keiner Belehrung.
Lispelnd und mit einem flchtigen Errten gab er das Herrn von
Knobelsdorff zu verstehen und fgte hinzu, da jener bisher nicht
hindernd eingegriffen, sondern ihm die Tochter des Milliardrs sogar
zugefhrt habe, so schliee er, da Herr von Knobelsdorff die
Unternehmungen des Prinzen begnstige, ohne da er, der Groherzog,
brigens abshe, wohin das alles fhren solle. Die Regierung, antwortete
Herr von Knobelsdorff, wrde sich in einen schdlichen und entfremdenden
Gegensatz zum Willen des Volkes setzen, wenn sie die Absichten des
Prinzen durchkreuzte. So verfolgt mein Bruder bestimmte Absichten?
Lange, versetzte Herr von Knobelsdorff, handelte er planlos und
lediglich seinem Herzen zuliebe; aber seitdem er sich mit dem Volke auf
dem Boden des Wirklichen gefunden, haben seine Wnsche praktische
Gestalt gewonnen. Und das alles will also sagen, da das Publikum die
Schritte des Prinzen billigt? -- Da es sie akklamiert, Knigliche
Hoheit, da es die innigsten Hoffnungen darauf setzt!

Und nun entrollte Herr von Knobelsdorff noch einmal das dunkle Bild von
der Lage des Landes, von der Not, von der groen, groen Verlegenheit.
Wo war Abhilfe und Heilung? Dort war sie, einzig dort, im Stadtpark, in
dem zweiten Zentrum der Residenz, an dem Wohnsitz des krnkelnden
Geldfrsten, unseres Gastes und Einwohners, dessen Person das Volk mit
seinen Trumen umspann, und fr den es ein kleines sein wrde, allen
unseren Mihelligkeiten ein Ende zu bereiten. Wenn er zu bestimmen war,
sich unserer Staatswirtschaft anzunehmen, so war ihre Gesundung
gesichert. Wrde er zu bestimmen sein? Aber das Schicksal hatte eine
Gefhlsbegegnung zwischen der einzigen Tochter des Gewaltigen und dem
Prinzen Klaus Heinrich herbeigefhrt! Und dieser weisen und gtigen
Fgung sollte man trotzen? Starrer und abgelebter Herkmmlichkeiten
wegen sollte man eine Verbindung hintanhalten, die fr Land und Volk so
ungemessenen Segen in sich schlo? Denn da sie das tue, war freilich
vorauszusetzen, und darauf beruhte ihre Rechtfertigung und hohe
Gltigkeit. War aber diese Bedingung erfllt, fand Samuel Spoelmann
sich, um es geradeheraus zu sagen, zur Finanzierung des Staates bereit,
so war die Verbindung -- da denn das Wort nun gefallen war -- nicht nur
statthaft, sie war notwendig, sie war die Rettung, das Wohl des Staates
verlangte sie, und weit ber die Landesgrenzen hinaus, berall dort, wo
ein Interesse an der Wiederherstellung unserer Finanzen, an der
Vermeidung einer wirtschaftlichen Panik vorhanden war, wurde sie vom
Himmel erfleht.

An dieser Stelle tat der Groherzog eine Zwischenfrage, leise, ohne
aufzublicken, und mit spttischem Lcheln.

Und die Thronfolge? fragte er.

Das Gesetz, erwiderte Herr von Knobelsdorff unerschtterlich, legt es
in Euerer Kniglichen Hoheit Hand, das dynastische Bedenken zu
beseitigen. Standeserhhung und selbst Ebenbrtigkeit zu verleihen
gehrt auch bei uns zu den Prrogativen des Landesherrn -- und wann wre
je in der Geschichte ein tieferer Anla zur Bettigung dieser Vorrechte
gegeben gewesen? Diese Verbindung trgt ihre Echtheit in sich, sie ist
von langer Hand her im Gemte des Volkes vorbereitet, und ihre
vollkommene staats- und frstenrechtliche Anerkennung wrde dem Volke
nicht mehr als eine uere Besttigung seines innersten Empfindens
bedeuten.

So kam Herr von Knobelsdorff auf Imma Spoelmanns Popularitt zu
sprechen, auf die vielsagende Kundgebung gelegentlich ihrer Genesung von
leichter Unplichkeit, auf den ebenbrtigen Rang, den dies
auerordentliche Wesen in der Phantasie des Volkes einnhme -- und seine
Augenfltchen spielten, als er Albrecht an die alte Wahrsagung
erinnerte, die im Volke lebte, von dem Prinzen sprach, der mit einer
Hand dem Lande mehr geben sollte, als andere mit zweien je vermocht
htten, und beredsam darlegte, wie die Verbindung zwischen Klaus
Heinrich und Spoelmanns Tochter dem Volke als vorgesehene Erfllung des
Orakels und somit als gottgewollt und rechtmig erscheine.

Herr von Knobelsdorff sagte noch viel Kluges, Freies und Gutes. Er
erwhnte der vierfachen Blutzusammensetzung Imma Spoelmanns -- denn
auer dem deutschen, portugiesischen und englischen fliee ja, wie man
vernhme, auch ein wenig von dem uradligen Blut der Indianer in ihren
Adern -- und betonte, da er sich von der belebenden Wirkung, welche die
Mischung der Rassen bei alten Geschlechtern hervorzubringen vermge, fr
die Dynastie das Beste verspreche. Aber seine bedeutendsten Augenblicke
hatte der unbefangene alte Herr, als von den ungeheuren und segensvollen
Vernderungen die Rede war, die in den wirtschaftlichen Verhltnissen
des Hofes selbst, unseres verschuldeten und bedrngten Hofes, durch die
khne Heirat des Thronfolgers wrden hervorgebracht werden. Denn hier
war es, wo Albrecht am hochmtigsten an der Oberlippe sog. Der Geldwert
sank, die Ausgaben stiegen, sie taten es nach einem wirtschaftlichen
Gesetz, das fr die Etats der Hofverwaltungen sowohl wie fr jeden
Privathaushalt seine Gltigkeit hatte, und eine Vermehrung der Einnahmen
war unmglich. Aber es ging nicht an, da das Vermgen des Landesherrn
hinter dem mancher Untertanen zurckstand; es war im monarchistischen
Sinne unleidlich, da Seifensieder Unschlitts Wohnhaus schon lngst eine
Zentralheizung hatte, das Alte Schlo aber noch immer nicht. Abhilfe war
ntig, in mehr als einem Fall, und wohl dem Frstenhause, dem sich eine
so groartige Abhilfe bot wie diese! Man beobachtete in unseren Zeiten,
da alle Schamhaftigkeit von ehedem aus der Behandlung hfischer
Geldangelegenheiten entschwand. Jene Selbstentuerung, mit welcher
frstliche Familien vormals die schwersten Opfer gebracht hatten, um die
ffentlichkeit vor ernchternden Einblicken in ihre Vermgensverhltnisse
zu bewahren, ward nicht mehr angetroffen, und Prozesse,
Entmndigungen, fragwrdige Veruerungen waren an der Tagesordnung.
Aber war dieser kleinlichen und brgerlichen Art von Anpassung
nicht das Bndnis mit dem souvernen Reichtum vorzuziehen --
eine Verbindung, welche die Hoheit auf immer hoch ber alle
wirtschaftlichen Quisquilien erheben und sie in den Stand setzen wrde,
sich dem Volke mit allen jenen ueren Zeichen sichtbar zu machen, nach
denen es verlangte?

So fragte Herr von Knobelsdorff, und er selbst beantwortete seine Frage
mit unumwundener Bejahung. Kurz, so weise und unwiderstehlich war seine
Rede, da er das Alte Schlo nicht verlie, ohne stolz gelispelte
Genehmigungen und Ermchtigungen mit fortzunehmen, die weit genug
reichten, um, wenn Frulein Spoelmann nur irgend das ihre getan hatte,
Abschlsse sondergleichen zu gewhrleisten.

Und so gingen denn nun die Dinge ihren denkwrdigen Gang bis zum seligen
Ende. Noch vor Ende Dezember nannte man die Namen derjenigen Personen,
die =gesehen= (nicht etwa nur davon erzhlen gehrt) hatten, wie eines
schneedunklen Vormittags um elf Uhr Oberhofmarschall von Bhl zu Bhl im
Pelz, einen Zylinder auf seinem braunen Toupet und den goldenen Zwicker
auf der Nase, vor Delphinenort aus einem Hofwagen gestiegen und
schwnzelnd im Innern des Schlosses verschwunden sei. Anfang Januar
gingen in der Stadt Individuen umher, die an Eides Statt versicherten,
da jener Herr, welcher, wiederum zu einer Vormittagsstunde und
gleichfalls in Pelz und Zylinder, an dem grinsenden Plschmohren vorbei
das Portal von Delphinenort verlassen und sich mit fiebrigen Augen in
eine bereitstehende Droschke geworfen habe, unzweifelhaft unser
Finanzminister Doktor Krippenreuther gewesen sei. Und zu gleicher Zeit
tauchten in dem halbamtlichen Eilboten erste und vorbereitende
Vermerke von Gerchten auf, welche eine bevorstehende Verlobung im
Groherzoglichen Hause zum Inhalt hatten -- tastende Verlautbarungen,
die, in behutsamer Steigerung deutlicher und deutlicher werdend, endlich
die beiden Namen Klaus Heinrichs und Imma Spoelmanns in klarem Druck
beieinander zeigten ... Das war keine neue Zusammenstellung mehr, aber
sie schwarz auf wei zu sehen, wirkte dennoch wie starker Wein.

uerst fesselnd war es brigens, zu beobachten, wie bei den
publizistischen Errterungen, die sich hierauf entspannen, unsere
aufgeklrte und freigeistig gesinnte Presse sich zu der volkstmlichen
Seite der Sache, nmlich zu der Prophezeiung stellte, die denn doch in
zu hohem Grade politische Bedeutung gewonnen hatte, als da nicht
Bildung und Intelligenz gentigt gewesen wren, sich damit
auseinanderzusetzen. Weissagerei, Chiromantie und dergleichen
Hexenwesen, erklrte der Eilbote, seien, soweit das Schicksal des
einzelnen in Frage komme, schlechterdings in das dunkle Gebiet des
Aberglaubens zu verweisen, sie gehrten dem grauen Mittelalter an, und
nicht genug zu belcheln seien die wahnbefangenen Personen, die, was
freilich in den Stdten wohl nicht mehr geschhe, sich von geriebenen
Beutelschneidern die Groschen aus der Tasche ziehen lieen, um aus der
Hand, den Karten oder dem Kaffeesatz sich ihre geringfgige Zukunft
deuten, sich gesundbeten, homopathisch kurieren oder ihr krankes Vieh
von eingefahrenen Dmonen befreien zu lassen -- wie als ob nicht bereits
der Apostel gefragt habe: Kmmert sich denn Gott auch um die Ochsen?
Allein ins Groe gerechnet und entscheidende Wendungen im Schicksal
ganzer Vlker oder Dynastien in Rede gestellt, so laufe einem geschulten
und wissenschaftlichen Denken die Vorstellung nicht unbedingt zuwider,
da, da die Zeit nur eine Illusion und in Wahrheit betrachtet alles
Geschehen in Ewigkeit feststehend sei, solche im Schoe der Zukunft
ruhenden Umwlzungen den Menschengeist im voraus erschttern und ihm
gesichtweise sich offenbaren knnten. Und des zum Beweise
verffentlichte das eifrige Blatt ein umfangreiches, von einem unserer
Hochschulprofessoren gtigst zur Verfgung gestelltes Elaborat, das eine
bersicht aller der Flle der Menschheitsgeschichte bot, in welchen
Orakel und Horoskop, Somnambulismus, Hellseherei, Wahrtraum,
Schlafwachen, zweites Gesicht und Inspiration eine Rolle gespielt hatten
-- ein beraus dankenswertes Memorandum, das seine Wirkung in gebildeten
Kreisen nicht verfehlte.

Man marschierte geschlossen und in tiefem Einverstndnis, Presse,
Regierung, Hof und Publikum, und sicher htte der Eilbote seine Zunge
gehtet, wenn damals seine philosophischen Dienstleistungen noch
verfrht und politisch gefhrlich -- wenn, mit einem Wort, die
Verhandlungen auf Delphinenort nicht bereits weit in gnstiger
Richtung vorgeschritten gewesen wren. Heute wei man ziemlich genau,
wie diese Verhandlungen sich abwickelten und einen wie schwierigen, ja
peinlichen Stand unsere Sachwalter dabei hatten: der sowohl, dem als
Vertrauensperson des Hofes die zarte Mission zugefallen war, des Prinzen
Klaus Heinrichs Werbung vorzubereiten, wie auch der oberste Betreuer
unseres Finanzwesens, der es sich trotz seiner schwer erschtterten
Gesundheit nicht nehmen lie, in eigener Person die Sache des Landes bei
Samuel Spoelmann zu fhren. Dabei ist erstens Herrn Spoelmanns
rgerliche und reizbare Gemtsart in Rechnung zu ziehen, zweitens aber
zu bedenken, da ja dem ungeheueren kleinen Manne an einem in unserem
Sinne glcklichen Abschlu des Handels bei weitem so viel nicht gelegen
war wie uns. Abgesehen von Herrn Spoelmanns Liebe zu seiner Tochter, die
ihm ihr Herz geffnet und ihm ihr schnes Verlangen kundgegeben hatte,
sich liebend ntzlich zu machen, hatten unsere Mandatare nicht =einen=
Trumpf gegen ihn auszuspielen, und es war schlechterdings nicht an dem,
da Doktor Krippenreuther seine Wnsche als Bedingungen an das htte
knpfen knnen, was Herr von Bhl etwa zu bieten hatte. Von dem Prinzen
Klaus Heinrich sprach Herr Spoelmann bestndig mit der Bezeichnung der
junge Mensch und bekundete ber die Aussicht, seine Tochter einer
Kniglichen Hoheit zur Frau geben zu sollen, so wenig Ergtzen, da
Doktor Krippenreuther sowohl wie Herr von Bhl mehr als einmal in
tdliche Verlegenheit gerieten. Wenn er irgend etwas gelernt, eine
ordentliche Beschftigung htte! knarrte er verdrielich. Aber ein
junger Mensch, der nichts versteht, als sich hochleben zu lassen...
Wirklich erbost zeigte er sich, als zum ersten Male ein Wort von
morganatischer Vermhlung fiel. Seine Tochter, erklrte er _once for
all_, sei kein Kebsweib und nicht fr die linke Seite. Heirate man sie,
so heirate man sie ... Aber die Interessen der Dynastie und des Landes
trafen in diesem Punkte ja vllig mit den seinen zusammen; die Erzielung
erbfolgeberechtigter Nachkommenschaft war eine Notwendigkeit, und Herr
von Bhl war mit all den Vollmachten ausgestattet, die Herr von
Knobelsdorff vom Groherzog zu erwirken verstanden hatte. Was aber die
Mission Doktor Krippenreuthers betraf, so war es gewi nicht die
Beredsamkeit ihres Trgers, welche sie glcken lie, sondern einzig
Herrn Spoelmanns Vaterzrtlichkeit -- die Willfhrigkeit eines
leidenden, berdrssigen und von seinem Wundertierdasein lngst paradox
gestimmten Vaters gegen seine einzige Tochter und Erbin, die sich
schlielich die Staatspapiere, in welchen sie ihr Vermgen anzulegen
wnschte, selbst aussuchen mochte.

Und so kamen denn jene Pakten zustande, die vorderhand in tiefe
Verschwiegenheit gehllt blieben und nur schrittweise, erst durch die
Ereignisse selbst, ans Sonnenlicht traten, die aber hier in ruhigen
Worten zusammengestellt werden mgen.

Die Verlobung Klaus Heinrichs mit Imma Spoelmann ward gebilligt und
anerkannt von Samuel Spoelmann, vom Hause Grimmburg. Zugleich mit der
Verffentlichung des Verlbnisses im Staatsanzeiger wrde die Erhebung
der Braut zur Grfin verkndet werden -- unter einem Phantasienamen von
romanhaftem Adelsklang, hnlich dem, welchen Klaus Heinrich auf seiner
Studienreise in den schnen Lndern des Sdens gefhrt hatte; und am
Tage ihrer Hochzeit war die Gemahlin des Prinzen-Thronfolgers mit der
Wrde einer Frstin zu bekleiden. Die beiden Standeserhhungen waren
frei von Stempelsteuer, die viertausendachthundert Mark betragen haben
wrde, zu vollziehen. Nur vorlufig und zur Gewhnung der Welt sollte
die Ehe zur Linken geschlossen werden; denn an dem Tage, an welchem sich
zeigen wrde, da sie mit Nachkommenschaft gesegnet sein sollte, wrde
AlbrechtII., mit Rcksicht auf die unvergleichlichen Umstnde, die
morganatische Gemahlin seines Bruders fr ebenbrtig erklren und ihr
den Rang einer Prinzessin des Groherzoglichen Hauses mit dem Titel
Knigliche Hoheit verleihen. Das neue Mitglied des Herrscherhauses wrde
auf jede Apanage verzichten. Was das hfische Zeremoniale betraf, so war
zum Feste der linkshndigen Vermhlung nur eine Sprechcour, zur Feier
der Ebenbrtigkeitserklrung jedoch jene hchste und vollkommenste
Huldigungsform, die Defiliercour, vorgesehen. Samuel Spoelmann aber, von
seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von dreihundertundfnfzig
Millionen Mark -- und zwar unter Bedingungen so vterlicher
Art, da dieses Darlehn fast alle Merkmale einer Schenkung
trug.

Es war Groherzog Albrecht, der den Prinzen-Thronfolger von diesen
Abschlssen in Kenntnis setzte. Wieder stand Klaus Heinrich in dem
groen, zugigen Arbeitszimmer unter dem zersprungenen Deckengemlde vor
seinem Bruder, wie einst, als Albrecht ihm die Reprsentationspflichten
bertragen hatte, und nahm in dienstlich geschlossener Haltung die
groen Mitteilungen entgegen. Er hatte den Waffenrock eines Majors der
Gardefsiliere angelegt zu dieser Audienz, whrend der Groherzog zu
seinem schwarzen berrock neuerdings Pulswrmer trug, die seine Tante
Katharina ihm in dunkelroter Wolle gefertigt hatte, gegen den Zug durch
die hohen Fenster des Alten Schlosses. Als Albrecht geendigt hatte, trat
Klaus Heinrich einen Schritt seitwrts, um aufs neue salutierend die
Abstze zusammenzuziehen, und sagte: Ich bitte dich, lieber Albrecht,
dir herzlichen und untertnigen Dank zu Fen legen zu drfen, in meinem
Namen und im Namen des ganzen Landes. Denn letzten Endes bist du es ja,
der all diesen Segen ermglicht, und die verdoppelte Liebe des Volkes
wird dir fr deine hochherzigen Entschlieungen lohnen.

Er drckte die magere und empfindliche Hand seines Bruders, die dieser
dicht an der Brust und ohne auch nur den Unterarm vom Krper zu lsen,
ihm darreichte. Der Groherzog hatte seine kurze, gerundete Unterlippe
emporgeschoben, und seine Lider waren gesenkt. Er antwortete leise und
lispelnd: Ich neige um so weniger dazu, mir ber die Liebe des Volkes
Illusionen zu machen, als ich, wie du weit, dieser fraglosen Liebe
schmerzlos entraten kann. Dabei fllt die Frage kaum ins Gewicht, als ob
ich sie auch nur verdiene. Ich gehe zur Abfahrtsstunde auf den Bahnhof,
um zu winken -- das ist weniger verdienstvoll als albern, aber es ist
nun einmal mein Amt. Dein Fall ist freilich ein anderer. Du bist ein
Sonntagskind. Alles fgt sich dir wohl ... Ich wnsche dir Glck, sagte
er, indem er die Lider von seinen einsam blickenden blauen Augen hob.
Und in diesem Augenblick sah man, da er Klaus Heinrich liebte. Ich
wnsche dir Glck, Klaus Heinrich -- aber nicht allzuviel, und da du
nicht allzu wohlig in der Liebe des Volkes ruhen mgest. brigens sagte
ich schon, da alles sich dir zum besten fgt. Das Mdchen deiner Wahl
ist recht fremdartig, recht wenig hausbacken, recht unvolkstmlich zu
guter Letzt. Sie hat viererlei Blut ... ich habe mir sagen lassen, da
sogar indianisches Blut in ihren Adern fliet. Das ist vielleicht gut.
Mit einer solchen Gefhrtin lufst du vielleicht weniger Gefahr,
bequemen Sinnes zu werden.

Weder das Glck, sagte Klaus Heinrich, noch die Liebe des Volkes wird
je bewirken knnen, da ich aufhre, dein Bruder zu sein.

Er ging, ihm stand noch ein schweres Stndlein bevor, ein Gesprch mit
Herrn Spoelmann unter vier Augen, seine persnliche Werbung um Immas
Hand. Da mute er schlucken, was die Unterhndler geschluckt hatten,
denn Samuel Spoelmann zeigte auch nicht die geringste Freude und sagte
ihm knarrend viele erfrischende Wahrheiten. Aber dann war auch das
bestanden, und der Morgen kam, da die Verlobung im Staatsanzeiger
prangte. Da lste die lange Spannung sich in unendlichen Jubel; da
winkten gesetzte Mnner einander mit den Schnupftchern zu und tauschten
Umarmungen auf offenem Markt; da flogen an den Flaggenstangen die
Fahnentcher empor.

Aber am nmlichen Tag traf auf Schlo Eremitage die Botschaft ein, da
Raoul berbein sich entleibt habe.

Das war eine nichtswrdige, ja lppische Geschichte, die wiederzugeben
nicht lohnen wrde, wenn nicht ihr Ende so grlich gewesen wre.

Die Schuldfrage scheide hier aus. An des Doktors Grabe bildeten sich
zwei Parteien. Erschttert durch seine Verzweiflungstat, behaupteten die
einen, man habe ihn in den Tod getrieben; die andern erklrten
achselzuckend, da sein Benehmen unmglich und hirnverbrannt, seine
Maregelung durchaus geboten gewesen sei. Das stehe dahin. Auf jeden
Fall rechtfertigte eigentlich nichts einen tragischen Ausgang; ja, es
war fr einen Mann von den Gaben Raoul berbeins eine vollkommen
unwrdige Gelegenheit, zugrunde zu gehen ... Es folgt die Geschichte.

Zu Ostern vorigen Jahres war der Ordinarius der zweitobersten Klasse
unseres humanistischen Gymnasiums, ein herzkranker Mann, auf Grund
seines krperlichen Leidens zeitlich quiesziert worden, und trotz Doktor
berbeins verhltnismiger Jugend, einzig in Ansehung seines
beruflichen Eifers und seiner unleugbar bemerkenswerten Erfolge im
mittleren Klassendienst, hatte man ihm das vorerst erledigte Ordinariat
bertragen. Ein guter Griff, wie sich gezeigt hatte; denn nie waren die
Leistungen der Klasse ihren diesjhrigen gleichgekommen. Der beurlaubte
Professor, brigens ein beliebter Kollege, war, wohl infolge seines
Leidens, das wiederum mit einer an sich sympathischen, in ihrem berma
aber bedenklichen Neigung, nmlich derjenigen zum Biere, zusammenhing,
ein zwar launenhafter, aber auch fahrlssiger und mattsinniger Herr
gewesen, der fnf hatte gerade sein lassen und alljhrlich ein recht
mangelhaft vorbereitetes Schlermaterial in die Selekta befrdert hatte.
Ein neuer Geist war mit dem stellvertretenden Ordinarius in die Klasse
eingezogen -- und niemanden hatte das wundergenommen. Man kannte seinen
unheimlichen Berufseifer, seine einseitige und friedlose Strebsamkeit;
man sah voraus, da er diese Gelegenheit, sich hervorzutun, nicht
ungentzt lassen wrde, an die er ohne Zweifel ehrschtige Hoffnungen
knpfte. Sowohl mit dem Faulenzen also, wie mit der Langeweile hatte es
in der Unterprima ein jhes Ende genommen. Doktor berbeins Ansprche
waren hochgespannt, seine Kunst, auch die Widerwilligsten dafr zu
begeistern, war unwiderstehlich gewesen. Die jungen Leute beteten ihn
an. Seine berlegene, vterliche und herzlich bramarbasierende Art hielt
sie in Atem, rttelte sie auf, machte es ihnen zur Ehrensache, diesem
Lehrer durch dick und dnn zu folgen. Er fesselte sie an seine Person,
indem er sonntgliche Ausflge mit ihnen unternahm, bei denen sie Tabak
rauchen durften, whrend er ihre Einbildungskraft durch burschenhaft
aufgerumte Rodomontaden ber die Gre und Strenge des offenen Lebens
bezauberte. Und am Montag fanden sie sich mit dem umgetriebenen
Kameraden von gestern zu froher und leidenschaftlicher Arbeit wieder
zusammen.

Drei Viertel des Schuljahres waren so verwichen, da war, vor
Weihnachten, die Ankndigung ergangen, da der beurlaubte Professor,
recht leidlich genesen, nach den Freiwochen seine Ttigkeit wieder
aufnehmen, sein Amt als Ordinarius der Unterprima wieder antreten werde.
Und nun hatte es sich gezeigt, wie es um Doktor berbein stand und was
es mit seiner grnen Gesichtsfarbe, seinem aufgerumten und berlegenen
Wesen eigentlich auf sich hatte. Er hatte sich aufgelehnt, war
vorstellig geworden, hatte lauten und in der Form nicht unanfechtbaren
Einspruch dagegen erhoben, da ihm, der in drei Vierteljahren mit der
Klasse verwachsen war, der Arbeit und Erholung mit ihr geteilt und sie
fast bis zum Ziele gefhrt hatte, nun fr das letzte Quartal das
Ordinariat entzogen und dem Beamten, der drei Viertel des Jahres im
Ruhestande verbracht, wieder zuerteilt werden sollte. Das war
verstndlich, begreiflich, war menschlich nachfhlbar. Ohne Zweifel
hatte er gehofft, dem Direktor, der das Ordinariat der Selekta
innehatte, eine Musterklasse zuzufhren, deren Fortgeschrittenheit und
vorzgliche Ausbildung seine Fhigkeit in helles Licht setzen, seine
Laufbahn beschleunigen wrde, und die Vorstellung mute ihn schmerzen,
einen anderen die Frchte seiner Hingebung ernten zu sehen. Aber wenn
sein Unmut entschuldbar gewesen wre, so war seine Tollheit es nicht:
und leider verhielt es sich wirklich so und nicht anders, da er, als
der Direktor seinen Vorstellungen taub blieb, unbedingt toll wurde. Er
verlor den Kopf, er verlor alles Gleichgewicht, er setzte Himmel und
Hlle in Bewegung, damit dieser Bummler, dieses Bierherz, dieser
lieblose Schuster, wie er ohne Rcksicht den beurlaubten Professor
bezeichnete, ihm nicht seine Klasse wegnhme, und als er, worber der
Einsame sich nicht htte wundern drfen, im Lehrerkollegium keine
Untersttzung gefunden hatte, da hatte der unselige Mann sich so weit
vergessen, da er zum Aufwiegler der ihm anvertrauten Schler geworden
war. Wen sie haben wollten als Klassenlehrer fr das letzte Quartal,
hatte er sie vom Katheder herunter gefragt -- ihn oder jenen? Und
fanatisiert von seiner bebenden Erregung, hatten sie geschrien, sie
wollten ihn. Dann sollten sie geflligst selbst ihre Sache in die Hand
nehmen, Farbe bekennen und geschlossen vorgehen, hatte er gesagt -- und
Gott wute, was er sich in seiner berreiztheit eigentlich dabei gedacht
hatte. Aber als nach den Ferien der zurckgekehrte Ordinarius das
Klassenzimmer betreten hatte, da hatten sie ihm Doktor berbeins Namen
entgegengebrllt, minutenlang -- und der Skandal war dagewesen.

Er wurde nicht unntig aufgebauscht. Die Revoltanten blieben fast
straflos, da Doktor berbein bei der sofort eingeleiteten Untersuchung
selbst seine Ansprache zu Protokoll gegeben hatte. Aber auch was ihn
selbst, den Doktor, betraf, so schien die Behrde durchaus geneigt, ein
Auge zuzudrcken. Sein Eifer, seine Fhigkeiten waren geschtzt, gewisse
gelehrte Arbeiten, die er von sich gegeben, Frchte seines nchtlichen
Fleies, hatten seinen Namen bekannt gemacht, man hielt auf ihn an
hheren Stellen -- an Stellen, wohlgemerkt, mit denen er persnlich
nicht in Berhrung kam und die er also nicht durch sein vterliches
Wesen hatte erbittern knnen--, auch seine Eigenschaft als Erzieher des
Prinzen Klaus Heinrich fiel ins Gewicht, und kurz, er wurde keineswegs,
wie man wohl htte erwarten knnen, einfach entlassen. Der
groherzogliche Oberschulrat, vor den die Sache gekommen war, erteilte
ihm eine ernste Rge, und Doktor berbein, der gleich nach dem
skandalsen Vorfall seine Lehrttigkeit eingestellt hatte, wurde
vorlufig im Ruhestande belassen. Aber Leute, die es wissen konnten,
versicherten spter, da nichts als des Oberlehrers Versetzung an ein
anderes Gymnasium vorgesehen gewesen sei, da man hheren Ortes nichts
Besseres gewnscht habe, als Gras ber die Sache wachsen zu lassen, und
da man dem Doktor tatschlich eine bedeutende Zukunft offengehalten
habe. Alles htte gut werden knnen.

Aber wenn die Behrde sich milde zeigte, so war es die Kollegenschaft,
die desto feindlicher gegen Doktor berbein Stellung nahm. Der
Lehrerverein bildete unverzglich ein Ehrengericht, bestimmt, seinem
beliebten Mitgliede, dem von den Schlern abgelehnten Ordinarius mit dem
Bierherzen, Genugtuung zu verschaffen. Das Erkenntnis, das dem
zurckgezogen in seinem mblierten Zimmer lebenden berbein schriftlich
zugestellt wurde, lautete demgem. Indem er, lautete es, sich gestrubt
habe, dem Kollegen, den er vertreten, das Ordinariat der Unterprima
wieder einzurumen, indem er ferner gegen denselben gewhlt und am Ende
sogar die Schler zur Unbotmigkeit gegen ihn aufgereizt habe, habe
sich berbein einer in dem Mae unkollegialen Handlungsweise schuldig
gemacht, da dieselbe nicht nur im intern beruflichen, sondern auch im
allgemein brgerlichen Sinne als unehrenhaft bezeichnet werden msse. So
der Spruch. Die erwartete Folge war, da Doktor berbein, der freilich
dem Lehrerverein stets nur dem Namen nach angehrt hatte, seinen
Austritt aus dieser Krperschaft erklrte -- und damit htte es, wie
mancher dachte, wohl sein Bewenden haben knnen.

Aber sei es, da der abgesonderte Mann nicht Kenntnis von dem Wohlwollen
hatte, das man hheren Ortes bei alldem fr ihn hegte; da er seine Lage
fr aussichtsloser hielt, als sie war; da er die Unttigkeit nicht
ertrug, den vorzeitigen Verlust seiner geliebten Klasse nicht verwand;
da die Redensart von der Unehrenhaftigkeit ihm das Blut vergiftet
hatte, oder da sein Gemt den Erschtterungen dieser Zeit berhaupt
nicht gewachsen gewesen war: fnf Wochen nach Neujahr fanden seine
Wirtsleute ihn auf dem drftigen Teppich seines Zimmers, nicht grner
als sonst, aber eine Kugel im Herzen.

So endete Raoul berbein; hierber strauchelte er; dies war der Anla
seines Unterganges. Da hatte man es! Das war das Wort, das alle
Errterungen seines klglichen Zusammenbruches beherrschte. Der
friedlose und ungemtliche Mann, der niemals am Stammtisch ein Mensch
unter Menschen gewesen war, der hochmtig alle Vertraulichkeit
verschmht, sein Leben kalt und ausschlielich auf die Leistung gestellt
und gewhnt hatte, da er darum alle Welt vterlich behandeln drfe --
da lag er denn nun; das erstbeste Ungemach, die erste Miwende auf dem
Felde der Leistung hatte ihn elend zu Falle gebracht. Wenige bedauerten,
niemand beweinte ihn in der Brgerschaft -- einen einzigen ausgenommen,
den Chefarzt des Dorotheen-Spitals, berbeins geistesverwandten Freund
-- und vielleicht eine weie Frau, mit der er zuweilen Kasino gespielt
hatte. Klaus Heinrich aber bewahrte seinem unglcklichen Lehrer immer
ein ehrendes, ja inniges Andenken.




Der Rosenstock


Und Spoelmann finanzierte den Staat. Der Vorgang war gro und klar in
seinen Grundzgen; ein Kind htte verstehen knnen -- und tatschlich
erklrten ihn glckstrahlende Vter ihren Kindern, whrend sie sie auf
den Knien schaukelten.

Samuel Spoelmann winkte, die Herren Phlebs und Slippers gerieten in
Bewegung, und seine gewaltigen Weisungen zuckten unter den Wogen des
Ozeans hin zum Festland der westlichen Hemisphre. Er zog ein Drittel
seines Anteils aus dem Zuckertrust, ein Viertel aus dem Petroleumtrust,
die Hlfte aus dem Stahltrust zurck; er lie sich das flssig gemachte
Kapital bei mehreren hiesigen Banken anweisen; und auf einen einzigen
Schlag nahm er Herrn Krippenreuther fr dreihundertundfnfzig Millionen
neuer dreieinhalbprozentiger Staatsobligationen zu _pari_ ab. Das tat
Spoelmann.

Wer den Einflu des Gemtszustandes auf die Organe des Menschen erfahren
hat, wird glauben, da Doktor Krippenreuther aufblhte und binnen kurzem
nicht wiederzuerkennen war. Er trug sich aufrecht und frei, sein Gang
ward schwebend, die gelbe Farbe verschwand aus seinem Antlitz, es ward
wei und rot, seine Augen blitzten, und so vllig kam in wenigen Monaten
sein Magen zu Krften, da der Minister, wie man von ihm befreundeter
Seite vernahm, sich ungestraft dem Genusse von Blaukraut und Gurkensalat
berlassen durfte. Das war eine erfreuliche, doch rein persnliche Folge
von Spoelmanns Eingreifen in unser Finanzwesen, die leicht ins Gewicht
fiel, im Vergleich mit den Wirkungen, die dieses Eingreifen auf unser
Staats- und Wirtschaftsleben ausbte.

Ein Teil der Anleihe wurde der Tilgungskasse zugefhrt, und qulende
Staatsschulden wurden eingelst. Aber es htte dessen kaum bedurft, um
uns nach allen Seiten Luft und Kredit zu verschaffen; denn nicht so bald
war es, bei aller Verschwiegenheit, mit welcher die Angelegenheit
amtlich behandelt wurde, bekannt geworden, da Samuel Spoelmann den
Tatsachen, wenn auch nicht dem Namen nach Staatsbankier geworden sei,
als ber uns die Himmel sich erhellten und all unsere Not sich in Lust
und Wonne verwandelte. Es hatte ein Ende mit den Angstverkufen von
Schuldforderungen, der landesbliche Zinsfu sank, unsere
Verschreibungen waren als Anlagepapiere freudig begehrt, und von heute
auf morgen schnellte der Kurs unserer hochverzinslichen Anleihen aus
kummervollem Stande weit ber _pari_ empor. Der Druck, der
jahrzehntelange Alp, war von unserer Volkswirtschaft genommen, mit
geschwellter Brust sprach Doktor Krippenreuther im Landtag zugunsten
durchgreifender Steuererleichterung -- einstimmig ward sie beschlossen,
und unter dem Jubel aller sozial Empfindenden fuhr endlich die
vorsintflutliche Fleischsteuer zu Grabe. Eine bedeutende Aufbesserung
der Beamtenbesoldungen, der Gehlter fr Lehrer, Geistliche und alle
Funktionre in den Staatsbetrieben ward schlanker Hand bewilligt. Es
fehlte nicht lnger an Mitteln, die wstliegenden Silberbergwerke wieder
in Betrieb zu setzen, vielhundert Arbeiter kamen zu Brot, und unverhofft
stie man auf ertragreiche Schichten. Geld, Geld war vorhanden, die
wirtschaftliche Sittlichkeit hob sich, man holzte auf, man lie dem Wald
seinen Streudnger, die Viehbesitzer brauchten nicht mehr all ihre
Vollmilch zu verkaufen, sie tranken sie selber, und vergebens htten die
Krittler hinfort auf dem Lande nach unterernhrten Gestalten gesucht.
Das Volk zeigte sich dankbar gegen sein Herrscherhaus, das so
ungemessenen Segen ber Land und Leute gebracht. Es kostete Herrn von
Knobelsdorff nicht viele Worte, um das Parlament zu einer Erhhung der
Krondotation zu bewegen. Jene Verfgung, welche die Schlsser
Zeitvertreib und Favorita dem Verkauf unterstellte, ward
zurckgezogen. Geschickte Werkmeister zogen ins Alte Schlo, um es von
oben bis unten mit Dampfdruckheizung zu versehen. Unsere Geschftstrger
bei Spoelmann, die Herren von Bhl und Doktor Krippenreuther, erhielten
das Grokreuz des Albrechtsordens in Brillanten, dem Finanzminister ward
auerdem der persnliche Adel zuteil, und Herr von Knobelsdorff wurde
mit einem lebensgroen Bildnis des hohen Brautpaares erfreut --
ausgefhrt von der greisen Knstlerhand des Professors von Lindemann und
in kostbarem Rahmen.

ber die Mitgift, die Imma Spoelmann von ihrem Vater empfangen sollte,
erging sich nach der Verlobung das Volk in Phantastereien. Man befand
sich im Taumel, man war von einer tollen Sucht besessen, mit wahrhaft
astronomischen Ziffern um sich zu werfen. Aber die Mitgift berstieg
nicht ein irdisches, wenn auch recht erfreuliches Ma. Sie betrug
hundert Millionen.

Bewahre! sagte Ditlinde zu Ried-Hohenried, als sie zuerst davon
vernahm. Und mein guter Philipp mit seinem Torf... hnlich dachte
wohl mancher; aber den nervsen Zorn, der sich in schlichten Herzen
gegen so ungeheuerliche Verhltnisse regen mochte, beruhigte Spoelmanns
Tochter, indem sie wohlzutun und mitzuteilen nicht verga, sondern
gleich am Tage des ffentlichen Verlbnisses eine Stiftung von
fnfhunderttausend Mark errichtete, deren Ertrgnisse jedes Jahr in die
vier Landeskommissarbezirke zu mildttigen und gemeinntzigen Zwecken
verteilt werden sollten...

In einem der olivenfarbenen Spoelmannschen Automobile mit den
ziegelroten Ledersitzen fuhren Klaus Heinrich und Imma und machten
Visiten bei den Mitgliedern des Hauses Grimmburg. Ein junger Chauffeur
lenkte das prachtvolle Fahrzeug -- derselbe, der nach Immas Aussage
einige hnlichkeit mit Klaus Heinrich haben sollte, aber seine
Anspannung war gering auf diesen Fahrten, denn es war geradezu
notwendig, die Riesenkrfte des Wagens soweit wie nur mglich zu fesseln
und langsames Zeitma zu halten -- so sehr war er allerwege von
Huldigungen umdrngt. Ja, da die weiteren Urheber unseres Glcks, da
Groherzog Albrecht und Samuel Spoelmann, ein jeder nach seiner Art,
sich vor dem Volke verbargen, so hufte es all seine Liebe und
Dankbarkeit auf die Hupter des hohen Brautpaares; hinter den
geschliffenen Fensterscheiben des Kraftwagens flogen die Mtzen der
Buben empor, der Jubel von Mnnern und Frauen drang hell und grlend
herein, und Klaus Heinrich, die Hand am Helmschirm, sagte vermahnend:
Du mut ebenfalls gren, Imma, nach deiner Seite, sonst halten sie
dich fr kalt. Denn ungeduldig wie er war, nannte er sie du seit jenem
Gesprch auf dem Hofball, obgleich sie es ihm, noch ungewohnt der
wrmeren Sphren, erschrocken verwies -- und wie leicht ging ihm das
Wrtchen vom Munde, das sonst immer falsch und unmglich gewesen war!

Sie fuhren zur Prinzessin Katharina und wurden mit Wrde empfangen.
Weiland Groherzog Johann Albrecht, ihr Bruder, sagte die Tante zu ihrem
Neffen, wrde es nicht erlaubt haben. Aber die Zeiten schritten ja fort,
und sie bitte Gott, da seine Verlobte sich eingewhnen mge bei Hofe.
Sie fuhren zur Frstin zu Ried-Hohenried, und hier war es Liebe, was sie
empfing. Ditlindens Grimmburger Stolz fand Beruhigung in der Sicherheit,
da Leviathans Tochter wohl Prinzessin des Groherzoglichen Hauses und
Knigliche Hoheit, doch niemals Groherzogliche Prinzessin werden knne
wie sie; im brigen war sie entzckt darber, da Klaus Heinrich sich
etwas so Holdes und Kostbares erstbert hatte, wute auch bestens, als
Gattin Philipps mit seinem Torf, die Vorzge dieser Heirat zu wrdigen
und bot ihrer Schwgerin von Herzen Freundschaft und Schwesterschaft.
Sie fuhren auch an der Villa des Prinzen Lambert vor, und whrend die
Grfin-Braut sich mhte, eine Plauderei mit der zierlichen, aber sehr
ungebildeten Freifrau von Rohrdorf in Gang zu halten, beglckwnschte
der alte Schrzenjger seinen Neffen mit Grabesstimme zu der
vorurteilsfreien Wahl, die er getroffen, und da er so keck dem Hof und
der Hoheit ein Schnippchen geschlagen. Ich schlage der Hoheit kein
Schnippchen, Onkel; auch habe ich nicht in unbedeutender Weise nur auf
mein eigenes Glck Bedacht genommen, sondern alles aus dem Gesichtspunkt
des Groen, Ganzen betrachtet -- sagte Klaus Heinrich recht
unverbindlich, und dann brachen sie auf und fuhren hinaus nach Schlo
Segenhaus, wo Dorothea, die arme Groherzogin-Mutter, traurigen Hof
hielt. Die weinte, als sie die junge Braut auf die Stirn kte, und
wute selbst nicht, worber.

Indessen sa Samuel Spoelmann auf Delphinenort, umgeben von Plnen und
Mbelentwrfen und seidenen Tapetenmustern und Zeichnungen zu goldenem
Speisegert. Er kam nicht zum Orgelspiel und verga seine Nierensteine
und bekam fast rote Backen vor lauter Geschftigkeit; denn wenn er auch
noch so geringe Stcke auf den jungen Menschen hielt und keine
Hoffnung aufkommen lie, da man ihn jemals bei Hofe zu sehen bekomme,
so sollte doch sein Tchterchen Hochzeit machen, und die wollte er
einrichten, wie seine Verhltnisse es erlaubten. Die Plne betrafen das
neue Schlo Eremitage, denn Klaus Heinrichs Junggesellensitz sollte
dem Erdboden gleichgemacht werden und ein neues Schlo an seiner Stelle
erstehen, gerumig und hell, ausgestattet nach Klaus Heinrichs Wunsch,
in einer gemischten Stilart aus Empire und Neuzeit, aus khler Strenge
und wohnlichem Behagen. Herr Spoelmann erschien eines Morgens, nachdem
er im Quellengarten das Wasser genommen, persnlich in seinem
mifarbenen Paletot auf Eremitage, um festzustellen, ob etwa dies oder
jenes Mbelstck fr die Einrichtung des neuen Schlosses verwendbar sei.
Lassen Sie sehen, junger Prinz, was Sie haben! sagte er knarrend, und
Klaus Heinrich zeigte ihm alles in seinen enthaltsamen Stuben, die
mageren Sofas, die steifbeinigen Tische, die wei lackierten Gueridons
in den Ecken. Das ist Klapperwerk, sagte Herr Spoelmann abschtzig,
und nichts damit anzufangen. Einzig drei Armsthle in dem kleinen
gelben Salon, aus schwerem Mahagoni, mit schneckenfrmig aufgerollten
Armlehnen und die gelben Bezge mit blulichen Lyren bestickt, fanden
Gnade vor seinen Augen. Die knnen wir in ein Vorzimmer stellen, sagte
er, und Klaus Heinrich legte Wert darauf, da von Grimmburger Seite drei
Armsthle wrden zur Einrichtung beigesteuert werden; denn natrlich
wre es ihm ein wenig peinlich gewesen, wenn Herr Spoelmann fr alles
und jedes htte aufkommen mssen.

Aber auch der verwilderte Park und der Blumengarten von Eremitage
sollten ausgelichtet und neu bestellt werden, und namentlich was den
Blumengarten betraf, so war ihm eine besondere Zierde zugedacht, die
Klaus Heinrich von seinem Bruder, dem Groherzog, als Hochzeitsgeschenk
erbeten hatte. In das groe Mittelbeet nmlich, vor der Auffahrt, sollte
der Rosenstock aus dem Alten Schlosse verpflanzt werden, und dort, nicht
mehr von modrigen Mauern umgeben, sondern in Luft und Sonne und dem
fettesten Mergel, der beizubringen war, sollte er zusehen, was fr Rosen
er fortan trieb -- und den Volksmund Lgen strafen, wenn er verstockt
und dnkelhaft genug dazu war.

Und als Mrz und April vergangen waren, da kam der Mai und mit ihm das
hohe Fest von Klaus Heinrichs und Immas Ehebund. Glorreich und lieblich,
mit vergoldeten Wlkchen im reinen Azur, kam der Tag herauf, und
Choralmusik vom Turme des Rathauses begrte sein Erwachen. Mit allen
Zgen, zu Fu und zu Wagen strmte das Landvolk herein, dieser blonde
und gedrungene, gesunde und rckstndige Schlag mit blauen, grbelnden
Augen und breiten, ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen, mit der
schmucken Landestracht angetan, die Mnner in roten Jacken und
Stulpenstiefeln und schwarzen, breitkrempigen Samthten, die Frauen in
buntgestickten Miedern und dicken, fufreien Rcken und der schwarzen
Riesenschleife als Kopfputz -- und drngten sich mit der stdtischen
Bevlkerung in der Straenzeile zwischen dem Quellengarten und dem Alten
Schlo, die mit Girlanden und bekrnzten Tribnen und wei bemalten
Holzobelisken voll Pflanzenschmuck in eine Einzugsstrae verwandelt
worden war. Von frh an wurden die Banner der gewerblichen Verbnde, der
Schtzengilden und Sportvereine durch die Straen getragen. Die
Feuerwehr, in blitzenden Helmen, war auf den Beinen. Man sah die
Chargierten der Studentenkorps in aller Pracht und mit ihren Fahnen in
offenen Landauern umherfahren. Man sah Gruppen von weien
Ehrenjungfrauen, die Rosenstbe in den Hnden hielten. Die Bureaus und
Werksttten feierten. Die Schulen waren geschlossen. In den Kirchen ward
Festgottesdienst gehalten. Und die Morgenausgaben des Eilboten sowohl
wie des Staatsanzeigers enthielten nebst innigen Leitartikeln die
Verkndigung einer umfassenden Amnestie, laut welcher vielen zu
Freiheitsstrafen verdammten Personen durch vollstndigen oder teilweisen
Straferla vom Groherzog Gnade erwiesen wurde. Sogar der Mrder
Gudehus, der zum Tode und dann zu lebenslnglicher Zwangsarbeit
verurteilt worden war, wurde auf Wohlverhalten aus dem Zuchthaus
beurlaubt. Aber er mute alsbald wieder in Sicherheit gebracht werden.

Um zwei Uhr war Festessen der Brgerschaft im Saale des Museums, mit
Tafelmusik und Huldigungstelegrammen. Aber vorm Tor war
Volksbelustigung, mit Schmalzgebackenem und Sultansbrot, mit Festmarkt,
Glckshasen und Vogelschieen, Sacklauf und Preisklettern nach
Sirupsemmeln fr die mnnliche Jugend. Aber dann kam die Stunde, da Imma
Spoelmann von Delphinenort zum Alten Schlosse fuhr. Sie tat es in
feierlichem Zuge.

Die Fahnen flatterten im Frhlingswind, die armdicken Girlanden rankten
sich, mit roten Rosen durchflochten, von einem Holzobelisken zum andern,
schwarz staute sich auf den Tribnen, den Dchern, den Brgersteigen die
Menge, und zwischen dem Spalier von Schutzleuten und Feuerwehr, von
Gilden, Vereinen, Studenten und Schulkindern kam langsam auf der mit
Sand bestreuten Feststrae, umbrandet von Jubel, der Brautzug daher.
Zwei Spitzenreiter mit Tressenhten und Fangschnren kamen zuerst,
gefhrt von einem schnauzbrtigen Stallmeister im Dreispitz. Eine
vierspnnige Kutsche dann, worin der groherzogliche Kommissr, Beamter
des Hausministeriums und zur Einholung abgeordnet, mit einem Kammerherrn
zur Begleitung lehnte. Ein zweiter Vierspnner hierauf, worin man die
Grfin Lwenjoul gewahrte, die scheel und schief auf die beiden
Ehrendamen blickte, mit denen sie fuhr, und denen sie wohl in sittlicher
Hinsicht mitraute. Zehn Postillone zu Pferde demnchst, in gelben Hosen
und blauen Frcken, die bliesen: Wir winden dir den Jungfernkranz.
Zwlf weie Jungfrauen sodann, die kleine Rosen und stchen vom
Lebensbaum auf die Strae streuten. Und endlich, gefolgt von fnfzig
gewaltig berittenen Handwerksmeistern, der sechsfach bespannte, sehr
durchsichtige Brautwagen. Stolz streckte hoch droben auf dem mit weiem
Sammet behangenen Bock der rotgesichtige Kutscher im Tressenhut seine
Gamaschenbeine, die langen Zgel mit ebenfalls ausgestreckten Armen
haltend; Stalldiener in Stulpen fhrten die Schimmelpaare am Zaum, und
zwei Lakaien in groem Staat standen der klirrenden Karosse hintenauf,
in deren unzugnglichen Mienen niemand gelesen htte, da Durchstecherei
und schleichendes Wesen ihrem Alltag nicht fremd waren. Doch hinter Glas
und vergoldetem Rahmen sa Imma Spoelmann in Schleier und Kranz, eine
alte Palastdame als Ehrendienst an der Seite. Wie Schnee in der Sonne
schimmerte ihr Kleid aus geflammtem Seidengewebe, und auf dem Schoe
hielt sie den weien Strau, den Prinz Klaus Heinrich ihr eine Stunde
frher gesandt. Ihr fremdes Kindergesichtchen war bleich wie die Perlen
des Meeres, und unter dem Schleier hervor fiel eine glatte Strhne
blauschwarzen Haares in ihre Stirn, whrend ihre Augen, so kohlschwarz
und bergro, ber das wimmelnde Volk hin eine flieende Sprache
fhrten. Jedoch was tobte, geiferte, lrmte zur Seite des
Kutschenschlages? Es war Perceval, der Colliehund -- so auer sich, wie
man ihn noch niemals gesehen! Der Trubel, die Fahrt erregten ihn ber
das Ma, beraubten ihn aller Besonnenheit, zerrissen sein Inneres ganz
und bis zum Vergehen. Er raste, er tanzte, er litt, er schwang sich
blind wtend herum im Rausch seiner Nerven -- und beiderseits auf den
Tribnen, der Strae, den Dchern berstieg der Jubel sich selbst, als
das Volk ihn erkannte.

So zog Imma Spoelmann ins Alte Schlo, und das Summen und Drhnen der
Glocken vermischte sich mit den Hochrufen des Volks und mit Percevals
tollem Gebell. ber den Albrechtsplatz ging es im Schritt und durch das
Albrechtstor; im Schlohof schwenkte das berittene Korps der Innungen ab
und nahm Paradeaufstellung, und im Sulenumgang, vor dem verwitterten
Portal, empfing Groherzog Albrecht, als Husarenoberst, mit seinem
Bruder und den brigen Prinzen die Braut, bot ihr den Arm und fhrte sie
die grausteinerne Treppe hinauf in die Reprsentationsrume, an deren
Tren Galawachen standen und in denen die Hofstaaten versammelt waren.
Die Prinzessinnen des Hauses weilten im Rittersaal, und dort war es, wo
Herr von Knobelsdorff, im Kreise der Groherzoglichen Familie, die
standesamtliche Eheschlieung vollzog. Nie, hrte man spter, htten
seine Augenfltchen lebhafter gespielt, als whrend er Klaus Heinrich
und Imma Spoelmann von Staats wegen zusammentat. Doch dies geschehen,
gab AlbrechtII. den Befehl zum Beginn der kirchlichen Feier.

Herr von Bhl zu Bhl hatte das seine getan, um einen eindrucksvollen
Zug zusammenzustellen -- den Brautzug, in welchem man sich ber die
Treppe Heinrichs des ppigen durch einen gedeckten Gang in die Hofkirche
begab. Gebckt nachgerade von der Last der Jahre, aber in braunem Toupet
und jugendlich schwnzelnd, schritt er, mit Orden bedeckt bis zu den
Lenden und seinen hohen Stab vor sich hinsetzend, den Kammerherren
voran, die, den Federhut unterm Arm und den Schlssel an der hinteren
Taillennaht, in seidenen Strmpfen daherzogen. Es nahte das junge Paar:
in weiem Schimmer die fremdartige Braut und in Leibgrenadieruniform,
das zitronenfarbene Band schrg ber Brust und Rcken, Klaus Heinrich,
der Thronfolger. Vier Frulein aus dem Landadel trugen mit verdutzten
Mienen Imma Spoelmanns Schleppe, begleitet von der Grfin Lwenjoul, die
mitrauisch seitwrts ugte; und die Herren von Schulenburg-Tressen und
von Braunbart-Schellendorf schritten hinter dem Brutigam.
Oberhofjgermeister von Stieglitz und die hinkende Schauspielexzellenz
traten hierauf dem jungen Monarchen voran, der still an der Oberlippe
sog, seine Tante Katharina zur Seite und gefolgt vom Hausminister von
Knobelsdorff, von den Adjutanten, dem frstlichen Paare zu
Ried-Hohenried und den brigen Mitgliedern des Hauses. Zum Schlu kamen
wieder Kmmerer.

In der Hofkirche, die mit Pflanzen und Draperien ausgestattet war,
hatten die geladenen Gste den Zug erwartet. Es waren Diplomaten mit
ihren Damen, Hof- und Landadel, das Offizierkorps der Residenz, die
Minister, unter denen man die leuchtende Miene des Herrn von
Krippenreuther gewahrte, die Ritter des Groen Ordens vom Grimmburger
Greifen, die Prsidenten des Landtags, allerlei Wrdentrger. Und da das
Oberhofmarschallamt Einladungen in alle Gesellschaftsklassen hatte
ergehen lassen, so fllten auch Handeltreibende, Landleute und schlichte
Handwerker erhobenen Herzens das Gesthl. Aber vorn am Altar nahmen im
Halbkreise auf rotsamtenen Armsthlen die Anverwandten des Brutigams
Platz. Zart und rein schwebte der Gesang des Domchors unter den
Wlbungen, und dann sang zum Brausen der Orgel die ganze Gemeinde ein
Loblied. Als es verhallte, blieb einzig die wohllautende Stimme des
Oberkirchenratsprsidenten D. Wislizenus zurck, der im Silberhaar und
den gewlbten Stern auf dem seidigen Talar, vor dem hohen Paare stand
und kunstreich predigte. Motivisch arbeitete er und sozusagen auf
musikalische Art. Und das Thema, das er handhabte, war der Psalterklang,
der da lautet: =Er wird leben, und man wird ihm vom Golde aus Reich
Arabien geben.= -- Da war kein Auge, das trocken blieb.

Dann vollzog D. Wislizenus die Trauung, und in dem Augenblick, da das
Brautpaar die Ringe wechselte, erschallten Trompetenfanfaren, und
dreimal zwlf Schsse begannen ber Stadt und Land hinzurollen,
abgefeuert von militrischer Seite auf dem Wall der Zitadelle. Gleich
darauf kanonierte auch die Feuerwehr mit den stdtischen
Salutgeschtzen; aber lange Pausen entstanden zwischen einzelnen
Detonationen, was der Bevlkerung unerschpflichen Stoff zum Gelchter
gab.

Als der Segen gesprochen war, ordnete sich aufs neue der Zug, um
zurckzukehren in den Rittersaal, wo Haus Grimmburg die Neuvermhlten
beglckwnschte. Aber dann war die Sprechcour, und Arm in Arm gingen
Klaus Heinrich und Imma Spoelmann durch die Schnen Zimmer, wo die
Hofstaaten sich aufgestellt hatten, und richteten Ansprachen an Herren
und Damen, lchelnd ber einen Abstand von blankem Parkett hinweg, und
Imma wandte mit vorgeschobenen Lippen ihr Kpfchen hin und her, whrend
sie jemanden ansprach, der in Verbeugung ausbog und mavolle Antwort
gab. Nach beendeter Cour war Zeremonientafel im Marmorsaal und
Marschalltafel in dem der zwlf Monate, und es gab vom Teuersten, aus
Rcksicht auf die Gewohnheiten von Klaus Heinrichs Gemahlin. Auch
Perceval, nun wieder bei Sinnen, war beim Festmahl zugegen und erhielt
Braten. Nach dem Souper jedoch bereiteten die Studenten und das Volk dem
jungen Paare eine Huldigung mit Stndchen und Fackelzug auf dem
Albrechtsplatz. Flackerndes Licht und ungeheuerer Lrm herrschten da
drauen.

Lakaien zogen den Vorhang von einem der Fenster im Silbersaal, sie
ffneten weit die fast bis zum Boden reichenden Flgel, und Klaus
Heinrich und Imma traten an das offene Fenster, wie sie waren, denn
drauen war eine laue Frhlingsnacht. Neben ihnen, in edler Haltung und
mit bedeutender Miene, sa Perceval, der Colliehund, und blickte
hinunter wie sie.

Smtliche Musikkorps der Residenz spielten auf dem illuminierten Platze,
der vollgepfercht war von Menschen, und die aufwrtsgekehrten Gesichter
des Volkes waren dunkelrot qualmig beglht von den Fackeln der
Studenten, die am Schlosse vorberzogen. Jubel brach aus, als die
Neuvermhlten am Fenster erschienen. Sie grten und dankten. Und dann
blieben sie noch eine Weile dort stehen, schauend zugleich und sich
darstellend. Das Volk sah aber von unten, wie sie im Gesprche die
Lippen bewegten. Sie sprachen: Horch, Imma, wie dankbar sie sind, weil
wir ihrer Not und Bedrngnis nicht vergessen haben. So viele Menschen!
Da stehen sie und rufen herauf. Viele davon sind sicher Kujone und
fhren einander auf den Leim und bedrfen dringlich der Erhebung ber
den Wochentag und seine Sachlichkeit. Aber wenn man dabei sich ihrer Not
und Bedrngnis nicht fremd zeigt, so sind sie sehr dankbar.

Aber wir sind so dumm und allein, Prinz, auf der Menschheit Hhen, wie
Doktor berbein immer gesagt haben soll, und wissen gar nichts vom
Leben!

Gar nichts, kleine Imma? Aber was ist es denn, was dir endlich
Vertrauen zu mir gemacht und mich zu so wirklichen Studien ber die
ffentliche Wohlfahrt gefhrt hat? Wei der gar nichts vom Leben, der
von der Liebe wei? Das soll fortan unsre Sache sein: beides, Hoheit und
Liebe -- ein strenges Glck.




               Dieses Werk ist eine Verffentlichung der
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                      G.      m.      b.      H.
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                        Alte Jakobstrae 156/157

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                              Berlin SW 61




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  fideikomissarisch -- gebunden. Vorteilhafte Veruerungen sind
  fideikommissarisch -- gebunden. Vorteilhafte Veruerungen sind

  Auftrage zu ersuchen ..
  Auftrage zu ersuchen ...

  Hemmungsbildungen, ja.
  Hemmungsbildungen, ja.

  beiden auszielen ... amniotische Fden, wie wir sie nennen, ja. Diese
  beiden ausziehen ... amniotische Fden, wie wir sie nennen, ja. Diese

  genannt, ungewhnlich reich an Lithiumsalzen, hatte man er krzlich,
  genannt, ungewhnlich reich an Lithiumsalzen, hatte man erst krzlich,

  unter der Regierung Johann AlbrechtsIII., erschlrft. Und da es an einem
  unter der Regierung Johann AlbrechtsIII., erschrft. Und da es an einem

  Schdel mit schmalen Schlfen und lngliches kluges Gesicht. Sehr
  Schdel mit schmalen Schlfen und ein lngliches kluges Gesicht. Sehr

  Diadem in der Nacht ihre Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
  Diadem in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche

  Schwierigkeit und Strenge des Lebens, da ihm vorgeschrieben war; er war
  Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm vorgeschrieben war; er war

  Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakeien bezahle. Aber
  Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien bezahle. Aber

  Sie man erst die Terppe hinauf und dann immer nach links und dann wieder
  Sie man erst die Treppe hinauf und dann immer nach links und dann wieder

  Dagobert .. Klaus Heinrich stand einzeln und allein unter den Fnfen.
  Dagobert ... Klaus Heinrich stand einzeln und allein unter den Fnfen.

  die mit Doktor berbein, dem Hilfslehrer, Raoul berbein war kein
  die mit Doktor berbein, dem Hilfslehrer. Raoul berbein war kein

  .. Er ist mehr als das' -- das ist nachgerade khner, es ist schner,
  ... Er ist mehr als das' -- das ist nachgerade khner, es ist schner,

  unterrichten Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja instndigen Wunsch,
  unterrichten. Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja instndigen Wunsch,

  Was tun Sie .., indes die Tanzgesellschaft, sich im Halbkreise an den
  Was tun Sie ..., indes die Tanzgesellschaft, sich im Halbkreise an den

  danach dem Prinzen Klaus Heinrich voraus, der, in seinen Mantel zwischen
  danach dem Prinzen Klaus Heinrich voraus, der, in seinem Mantel zwischen

  Lichte widergaben. Dann wieder lie sie alle Spiegel aus ihren Zimmern
  Lichte wiedergaben. Dann wieder lie sie alle Spiegel aus ihren Zimmern

  immer im Sden, solange Papa noch lebte. Du mut Sehnsucht haben.
  immer im Sden, solange Papa noch lebte. Du mut Sehnsucht haben.

  rtlichkeit Wenn er da ist, werden sie ber jeden Schritt
  rtlichkeit. Wenn er da ist, werden sie ber jeden Schritt

  bis es kaum noch zu sagen war. So ist es vor sich gegangen.
  bis es kaum noch zu sagen war. So ist es vor sich gegangen.

  trug. Der Schreibsekretr, ein altes Mbelstck aus Polisanderholz mit
  trug. Der Schreibsekretr, ein altes Mbelstck aus Palisanderholz mit

  Grnen. Das Publikum hinter der Absperrung rief dreimal hoch Die
  Grnen. Das Publikum hinter der Absperrung rief dreimal hoch. Die

  anderthalb Wochen spter, zu Anfang Oktober (war der Oktober des
  anderthalb Wochen spter, zu Anfang Oktober (es war der Oktober des

  Jahres, in welchem Groherzog Albrecht sein zweiunddreiigjhriges, Prinz
  Jahres, in welchem Groherzog Albrecht sein zweiunddreiigstes, Prinz

  nicht einmal mehr seine Tomaten und sein trockenes Bot zum Mittagessen
  nicht einmal mehr seine Tomaten und sein trockenes Brot zum Mittagessen

  konnten die Vereinbarung nicht wohl noch rckgngig machen Die
  konnten die Vereinbarung nicht wohl noch rckgngig machen. Die

  Die Schwester-Oberin war ganz betreten. Ja, sagte sie, man sieht es
  Die Schwester-Oberin war ganz betreten. Ja, sagte sie, man sieht es

  gleich Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht
  gleich. Und eine kleine, schmerzliche Verzerrung war in ihrem Gesicht

  Danke, sagte Herr Spoelmann, ich bin _at ease_. Und das Wasser ist ja
  Danke, sagte Herr Spoelmann, ich bin _at ease_. Und das Wasser ist ja

  Ansicht da er die Wehr des Witzes nicht ntig habe -- nur sie. Aber
  Ansicht, da er die Wehr des Witzes nicht ntig habe -- nur sie. Aber

  sie hatte die zierlichen Beine der arabischen Typs und einen wallenden
  sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen wallenden

  Doch, sie ist herrlich, sagte er. brigens sah er sich gar nicht um,
  Doch, sie ist herrlich, sagte er. brigens sah er sich gar nicht um,

  Stoff, mit offen rmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust. Die
  Stoff, mit offenen rmeln und einer gelben Stickerei auf der Brust. Die

  meherer Punkte auf einmal: der Vermgenssteuer, der Fleischsteuer und
  mehrerer Punkte auf einmal: der Vermgenssteuer, der Fleischsteuer und

  Nachricht, die von berklugen Alleswissern ausgespengt wurde, als
  Nachricht, die von berklugen Alleswissern ausgesprengt wurde, als

  Sinne des Wortes als Prinzessin erscheinen zu lassen Wohnte sie nicht
  Sinne des Wortes als Prinzessin erscheinen zu lassen. Wohnte sie nicht

  ganze erlauchte Persnlichkeit Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme
  ganze erlauchte Persnlichkeit. Wissen Sie wohl noch, wie Sie die arme

  ihm bekennen, schien unberwindlich, und es fehlte nicht, da sie
  ihm zu bekennen, schien unberwindlich, und es fehlte nicht, da sie

  gnnen Geringsten Falles, das heit, wenn die Angabe jener Leute
  gnnen. Geringsten Falles, das heit, wenn die Angabe jener Leute

  Wunsch des betreffenden Mitgliedes der Allerhchsten Familie hattte die
  Wunsch des betreffenden Mitgliedes der Allerhchsten Familie hatte die

  ungemessenen Segen in sich schlo? Denn das sie das tue, war freilich
  ungemessenen Segen in sich schlo? Denn da sie das tue, war freilich

  Loblied Als es verhallte, blieb einzig die wohllautende Stimme des
  Loblied. Als es verhallte, blieb einzig die wohllautende Stimme des

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Knigliche Hoheit, by Thomas Mann

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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     Chief Executive and Director
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