The Project Gutenberg EBook of Arme Leute, by Fjodor M. Dostojewski

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Title: Arme Leute

Author: Fjodor M. Dostojewski

Release Date: February 20, 2011 [EBook #35339]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Der auf der Titelseite und in der Vorbemerkung erwhnte zweite Text,
    Der Doppelgnger, ist in diesem e-book nicht enthalten.

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  F.M. Dostojewski: Smtliche Werke

  Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski,
  herausgegeben von Moeller van den Bruck


  Zweite Abteilung: Vierzehnter Band




  F.M. Dostojewski

  Arme Leute
  Der Doppelgnger

  Zwei Romane


  R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1920




  _Sechstes bis zehntes Tausend_

  bertragen von _E.K. Rahsin_

  Copyright 1920 by R. Piper & Co., G.m.b.H.,
  Verlag in Mnchen




Vorbemerkung


Der Band bringt die ersten Dichtungen Dostojewskis: den Briefroman der
Armen Leute und die Petersburger Geschichte, wie Dostojewski sie
ausdrcklich nannte, vom Doppelgnger. Die eine ist in der Reihenfolge
der Werke Dostojewskis mit dem Jahre 1845, die andere mit dem Jahre 1846
verbunden.

Die Armen Leute waren zu ihrer Zeit ein Ereignis: sie wirkten, trotz
Gogol, der vorhergegangen war, wie der Einbruch einer neuen
Literaturrichtung, der naturalistischen, die auf die romantische folgte,
und lenkten mit einem Male die Aufmerksamkeit von ganz Jung-Ruland auf
den neuen Dichter. Heute lesen wir das Werk nicht wegen seines
zeitlichen und literarischen Wertes, den wir in seiner Tragweite kaum
noch verstehen, sondern um des Ewigen und Lyrisch-Mchtigen willen, von
dem es in seiner rhrenden Frische und scheuen Menschlichkeit voll ist.

Der Doppelgnger, mit den dunklen, unheimlichen und unberechenbaren
Mchten, die wie ein nchtiges Schattenspiel in dem Dichter lebten,
kndete den spteren Dostojewski an: nicht Dostojewski den Idylliker,
der nur selten mehr durchbrechen sollte, sondern Dostojewski den
Fatalisten und Tragiker. Schon in den Armen Leuten war die ungemeine
Psychologie in der Menschenschilderung aufgefallen, aber es war eine
Psychologie der Nhe und Innigkeit gewesen. Jetzt, in dem
Doppelgnger, wurde eine Psychologie des Abgrundes und der
Erschtterung daraus, und man ahnte bereits, da sie zu einer ganzen
Weltanschauung und russischen Menschenanschauung auswachsen konnte. --
Das Doppelgngerproblem selbst lag in der Zeit. Poe hatte ihm im William
Wilson den romantischen Helden gegeben, E.Th.A. Hoffmann in den
Elixieren des Teufels aus ihm eine romantische Aventre gezogen.
Dostojewski dagegen -- und eben dies kennzeichnete ihn so -- brachte
dasselbe Problem mit der irren Phantastik zusammen, die das Wirkliche,
das Graue, der Alltag besitzen kann, und lie es in Wahngebilden aus dem
kranken Hirn eines Menschen steigen, der uerlich zunchst nicht anders
ist wie Tausende um ihn.

M. v. d. B.




Arme Leute


Nein, ich danke fr diese Mrchendichter! Anstatt etwas Ntzliches,
Angenehmes, Erquickendes zu schreiben, kratzen sie da die kleinsten
Kleinigkeiten aus der Erde hervor und schnffeln berall herum!... Ich
wrde Ihnen einfach verbieten, zu schreiben! Zum Beispiel, was soll das:
man liest ... unwillkrlich denkt man doch nach, -- aber ... aber ... es
kommen einem nur alle mglichen Ungereimtheiten in den Kopf. Nein,
wirklich, ich wrde ihnen verbieten, zu schreiben, ganz einfach und
unter allen Umstnden: schlankweg verbieten!

Frst W.F. Odojewskij.

                   *       *       *       *       *

8. April.

Meine unschtzbare Warwara Alexejewna!

Gestern war ich glcklich, ber alle Maen glcklich, wie man
glcklicher gar nicht sein kann! So haben Sie Eigensinnige doch
wenigstens einmal im Leben auf mich gehrt! Als ich am Abend, so gegen
acht Uhr, erwachte (Sie wissen doch, meine Liebe, da ich mich nach dem
Dienst ein bis zwei Stndchen etwas auszustrecken liebe), da holte ich
mir meine Kerze -- und wie ich nun gerade mein Papier zurechtgelegt habe
und nur noch meine Feder spitze, schaue ich pltzlich ganz unversehens
auf -- da: wirklich, mein Herz begann zu hpfen! So haben Sie doch
erraten, was ich wollte! Ein Eckchen des Vorhanges an Ihrem Fenster war
zurckgeschlagen und an einem Blumentopf mit Balsaminen angesteckt,
genau so, wie ich es Ihnen damals anzudeuten versuchte. Dabei schien es
mir noch, da auch Ihr liebes Gesichtchen am Fenster flchtig
auftauchte, da auch Sie aus Ihrem Zimmerchen nach mir ausschauten, da
Sie gleichfalls an mich dachten! Und wie es mich verdro, mein Tubchen,
da ich Ihr liebes, reizendes Gesichtchen nicht deutlich sehen konnte!
Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo auch wir mit klaren Augen sahen,
mein Kind. Das Alter ist keine Freude, meine Liebe. Auch jetzt ist es
wieder so, als flimmerte mir alles vor den Augen. Arbeitet man abends
noch ein bichen, schreibt man noch etwas, so sind die Augen am nchsten
Morgen gleich rot und trnen so, da man sich vor fremden Leuten fast
schmen mu. Aber doch sah ich im Geiste gleich Ihr Lcheln, mein Kind,
Ihr gutes, freundliches Lcheln, und in meinem Herzen hatte ich ganz
dieselbe Empfindung, wie damals, als ich Sie einmal kte, Warinka --
erinnern Sie sich noch, Engelchen? Wissen Sie, mein Tubchen, es schien
mir sogar, als ob Sie mir mit dem Finger drohten. War es so, Sie Unart?
Das mssen Sie mir unbedingt ausfhrlich erzhlen, wenn Sie mir wieder
einmal schreiben.

Nun, wie finden Sie denn unseren Einfall, ich meine, das mit Ihrem
Fenstervorhang, Warinka? Gar zu nett, nicht wahr? Sitze ich an der
Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder stehe ich auf -- immer wei
ich dann, da auch Sie dort an mich denken, sich meiner erinnern, und
auch selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie den Vorhang herab, so
heit das: Gute Nacht, Makar Alexejewitsch, es ist Zeit, schlafen zu
gehen! Heben Sie ihn wieder auf, so heit das: Guten Morgen, Makar
Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen, und wie steht es mit Ihrer
Gesundheit, Makar Alexejewitsch? Ich selbst bin, Gott sei Dank, gesund
und wohlgemut!

Sehen Sie nun, mein Seelchen, wie fein das ersonnen ist. So sind gar
keine Briefe ntig! Schlau, nicht wahr? Und diese kniffliche Erfindung
stammt von mir! Nun was -- bin ich nicht erfinderisch, Warwara
Alexejewna?

Ich mu Ihnen doch noch berichten, mein Kind, da ich diese Nacht recht
gut geschlafen habe, eigentlich gegen alle Erwartung gut, womit ich denn
auch sehr zufrieden bin; zumal man in einer neuen Wohnung, schon aus
Ungewohntheit, sonst niemals gut zu schlafen pflegt; es ist eben doch
immer nicht alles so, wie es sein mu. Als ich heute aufstand, war es
mir ganz wie -- wie -- nun, wie so einem lichten Falken ums Herz -- froh
und sorgenfrei! Was ist das doch heute fr ein schner Morgen, mein
Kind! Unser Fenster wurde aufgemacht: die Sonne scheint herein, die
Vgel zwitschern, die Luft ist erfllt von Frhlingsdften und die ganze
Natur lebt auf, -- nun, und auch alles andere war genau so, wie es sich
gehrt, genau wie es sein mu, wenn es Frhling wird. Ich versank sogar
ein Weilchen in Trumerei und dabei dachte ich nur an Sie, Warinka. Ich
verglich Sie in Gedanken mit einem Himmelsvgelchen, das so recht zur
Freude der Menschen und zur Verschnerung der Natur erschaffen ist.
Dabei dachte ich auch, da wir, Warinka, wir Menschen, die wir in Sorgen
und Aengsten leben, die kleinen Himmelsvglein um ihr sorgenloses und
unschuldiges Glck beneiden knnten, -- nun und Aehnliches mehr, alles
von der Art, dachte ich. Das heit, ich machte nur so entfernte
Vergleiche ... Ich habe da ein Bchelchen, Warinka, in dem ist von
solchen Dingen die Rede, und alles ist ganz ausfhrlich beschrieben. Ich
schreibe das deshalb, weil ich nur sagen will, da es doch sonst immer
verschiedene Auffassungen gibt, nicht wahr, meine Liebe? Jetzt aber ist
es Frhling, und da kommen einem gleich so angenehme Gedanken, so
geistreiche und erfinderische obendrein, und sogar zrtliche Trumereien
kommen einem. Die ganze Welt erscheint einem in rosigem Licht. Deshalb
habe ich auch dies alles geschrieben. Uebrigens habe ich es meist dem
Bchelchen entnommen. Dort uert der Verfasser ganz denselben Wunsch,
nur in Versen:

    Ein Vogel, ein Raubvogel mchte ich sein!

Und so weiter. Dort kommen auch noch verschiedene andere Gedanken vor,
aber -- nun, Gott mit Ihnen! Doch sagen Sie, wohin gingen Sie denn heute
morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht zum Dienst
aufgemacht, da gingen Sie bereits frhlich ber den Hof, hatten schon
wie ein Frhlingsvglein Ihr Zimmerchen verlassen. Und wie mein Herz
sich freute, als ich Sie sah! Ach, Warinka, Warinka! Grmen Sie sich
doch nicht! Mit Trnen hilft man keinem Kummer, glauben Sie mir, ich
wei es, wei es aus eigener Erfahrung. Jetzt leben Sie doch so ruhig
und sorgenlos, und auch mit Ihrer Gesundheit geht es besser. -- Nun, was
macht Ihre Fedora? Ach, was ist das fr ein guter Mensch! Sie mssen mir
alles ganz genau beschreiben, Warinka, wie Sie mit ihr leben und ob Sie
auch mit allem zufrieden sind? Fedora ist mitunter etwas brummig, aber
Sie mssen das nicht weiter beachten, Warinka. Gott mit ihr! Sie ist
doch eine gute Seele.

Ich habe Ihnen schon frher von unserer Theresa geschrieben -- sie ist
gleichfalls eine gute und treue Person. Was hab' ich mir doch um unsere
Briefe fr Sorgen gemacht! Wie sollte man sie befrdern? Da kam uns denn
zu unserem Glck diese Theresa, kam wie von Gott gesandt. Sie ist eine
gute, bescheidene, stille Person. Aber unsere Wirtin ist wahrhaft
erbarmungslos, so versteht sie es, sie auszunutzen. Die Arme wird mit
Arbeit ganz berhuft.

Doch in was fr eine Wildnis bin ich hier geraten, Warwara Alexejewna!
Das ist mir mal eine Wohnung, das mu ich sagen! Frher lebte ich doch
in einer solchen Einsamkeit, Sie wissen ja: friedlich, still, wenn
einmal eine Fliege flog, hrte man es. Hier aber -- Lrm, Geschrei,
Gezeter! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier eigentlich
alles ist. Denken Sie sich ungefhr einen langen Korridor, einen ganz
dunklen und unsauberen. Rechts ist die Brandmauer, ohne Fenster, ohne
Tren; links aber ist Tr an Tr, ganz wie in einem Hotel, so eine lange
Reihe Tren. Und hinter jeder Tr ist nur ein Zimmer, Nummer
Soundsoviel, und in jeder dieser Nummern wohnen zwei bis drei zusammen,
je nachdem, und die zahlen gemeinsam die Miete. Ordnung drfen Sie nicht
verlangen -- das ist hier wie in der Arche Noah! Doch sind es, glaube
ich, trotzdem gute Menschen, alle sind sie so gebildet, sogar gelehrt.
Unter anderen wohnt hier ein Beamter -- ein sehr belesener Mann: er
spricht von Homer, und noch von verschiedenen anderen Schriftstellern,
von allem spricht er, -- ein kluger Mensch! Dann wohnen hier noch zwei
ehemalige Offiziere, die immer nur Karten spielen. Dann ein Seemann, der
englische Stunden gibt. -- Warten Sie mal, ich werde Sie einmal zum
Lachen bringen, mein Kind: ich werde in meinem nchsten Brief alle die
Leute satirisch beschreiben, das heit, wie sie hier hausen, und zwar
ganz ausfhrlich!

Unsere Wirtin ist ein sehr kleines und unsauberes altes Weib, geht den
ganzen Tag in Pantoffeln und in einem Schlafrock umher und schimpft
ununterbrochen die Theresa. Ich wohne in der Kche, oder richtiger
gesagt -- Sie mssen sich das so denken: hier neben der Kche ist noch
ein Zimmer (unsere Kche ist, mu ich Ihnen sagen, rein und hell und
sehr anstndig), ein ganz kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes
Winkelchen eigentlich nur ... oder noch richtiger wird es so sein: die
Kche ist gro und hat drei Fenster, und bei mir ist nun parallel der
Querwand eine Scheidewand angebracht, so da es sozusagen noch ein
Zimmerchen gibt, eine Nummer ber den Etat, wie man sagt. Alles ist
gerumig und bequem, und sogar ein Fenster habe ich und berhaupt alles,
-- mit einem Wort nochmals, es ist alles gut und bequem. Das ist also
mein Winkelchen. Aber nun mssen Sie nicht etwa denken, Kind, da irgend
etwas dabei sei und ich einen Hintergedanken habe: weil das immerhin nur
eine Kche ist! Das heit, genau genommen lebe ich ja in demselben Raum,
nur hinter einer Scheidewand, aber das hat nichts zu sagen! Ich lebe
hier ganz heimlich und muschenstill, ganz bescheiden und ruhig. Habe
hier mein Bett aufgestellt, einen Tisch, eine Kommode, zwei Sthle,
jawohl, genau ein Paar, und habe das Heiligenbild aufgehngt. Es gibt
gewi bessere Wohnungen, sogar viel bessere, aber die Hauptsache ist
doch die Bequemlichkeit; ich wohne ja hier nur deshalb, weil ich es so
am bequemsten habe -- Sie brauchen nicht zu denken, da ich es aus
irgendeinem anderen Grunde tue. Ihr Fensterchen liegt mir gerade
gegenber, ber den Hof, und der Hof ist auch nur so ein kleines
Hfchen, da sieht man Sie denn ganz deutlich hin und wieder im
Vorbergehen, -- das ist doch immer etwas geselliger fr mich Armen, und
auch billiger.

Bei uns hier kostet selbst das kleinste Zimmer mit der Bekstigung
zusammen fnfunddreiig Rubel monatlich. Das ist nichts fr meinen
Beutel! Mein Winkelchen aber kostet nur sieben Rubel, und fr die
Bekstigung zahle ich fnf, whrend ich frher fr alles in allem runde
dreiig Rubel zahlte, dafr aber auf vieles verzichten mute: so konnte
ich nicht immer Tee trinken, jetzt dagegen, oh, da bleibt mir noch genug
fr Tee und Zucker. Es ist, wissen Sie, doch so -- tatschlich: man
schmt sich irgendwie, wenn man keinen Tee trinken kann, Warinka. Hier
wohnen nur Leute, die ihr Auskommen haben, und da geniert man sich eben.
Und eigentlich: nur wegen der anderen trinkt man ihn, den Tee, Warinka,
nur des Ansehens wegen, weil es hier zum guten Ton gehrt. Mir wre es
ja sonst ganz gleich, ich bin nicht einer, der viel auf Gensse gibt.

Und dann, was man so noch als Taschengeld braucht -- denn irgend etwas
hat man doch immer ntig -- nun, sei es ein Paar Stiefel, ein
Kleidungsstck -- wieviel bleibt denn da brig? So geht denn mein ganzes
Gehalt auf. Ich klage ja nicht, ich bin ganz zufrieden. Fr mich gengt
es. Hat es doch schon viele Jahre gengt! Hin und wieder gibt es auch
noch Gratifikationen.

Nun, leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe da ein paar Blumen
gekauft, zwei Tpfchen, eines mit Balsaminen und eines mit Geranium --
nicht teuer. Vielleicht lieben Sie auch Reseda? Auch Reseda ist zu
haben, schreiben Sie nur. Aber alles recht ausfhrlich, ja? Uebrigens
mssen Sie da nicht irgendwie etwas argwhnen, Kind, ich meine -- was
mich betrifft, und da ich jetzt so ein Zimmer gemietet habe. Nein, nur
die Bequemlichkeit veranlate mich dazu, nur, da es in allem so bequem
war, das verleitete mich. -- Ich habe doch, das mu ich Ihnen noch
sagen, Kind, ich habe doch Geld gespart, ich habe etwas beiseite gelegt:
oh ja: ich besitze schon etwas! Achten Sie nicht darauf, da ich so
still und zaghaft bin, da es aussieht, als knne mich eine Fliege mit
den Flgeln umstoen. Nein, mein Kind, ich bin gar nicht so schwach und
habe gerade den Charakter, den ein Mensch mit ruhigem Gewissen und in
der Festigkeit, die uns unsere Anstndigkeit gibt, haben mu. Leben Sie
wohl, mein Engelchen. Da habe ich schon ganze zwei Bogen vollgeschrieben
und es ist bereits hchste Zeit zum Dienst. Ich ksse Ihre Fingerchen,
Warinka, und verbleibe

Ihr ergebenster Diener und treuester Freund

Makar Djewuschkin.

P.S. Um eines bitte ich Sie noch: antworten Sie mir recht ausfhrlich,
mein Engelchen. Ich sende Ihnen hier eine Dte Konfekt, Warinka;
verschmausen Sie es mit Behagen und machen Sie sich um Gottes willen
keine Sorgen um mich und nehmen Sie mir nur nicht irgend etwas bel. Und
nun leben Sie wohl, mein Kind.

                   *       *       *       *       *

8. April.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Wissen Sie, da man Ihnen endlich einmal die Freundschaft wird kndigen
mssen? Ich schwre Ihnen, guter Makar Alexejewitsch, es fllt mir
furchtbar schwer, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich wei doch, wieviel sie
kosten und was das fr Ihren Beutel ausmacht, zu wieviel Entbehrungen
Sie sich deshalb zwingen, wie Sie sich das Notwendigste selbst
verweigern. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, da ich nichts ntig
habe, ganz und gar nichts, da es nicht in meinen Krften steht, die
Wohltaten, mit denen Sie mich berschtten, zu erwidern. Und wozu diese
Blumen? Die Balsaminen, nun, das ginge noch an, aber wozu nun noch
Geranium? Es braucht einem nur ein unbedachtes Wort zu entschlpfen, wie
zum Beispiel meine Bemerkung ber Geranium, da mssen Sie auch schon
sofort Geranium kaufen. So etwas ist doch bestimmt teuer? Wie wundervoll
die Blten sind! So leuchtend rot, und Stern steht an Stern. Wo haben
Sie nur ein so schnes Exemplar aufgetrieben? Ich habe den Blumentopf
auf das Fensterbrett gestellt, an die sichtbarste Stelle. Auf das
Bnkchen vor dem Fenster werde ich noch andere Blumen stellen, lassen
Sie mich nur erst reich werden! Fedora kann sich nicht genug freuen --
unser Zimmer ist jetzt ein richtiges Paradies, so sauber und hell und
freundlich. Aber wozu war denn das Konfekt ntig? Uebrigens: ich erriet
es sogleich aus Ihrem Brief, da irgend etwas nicht richtig ist:
Frhling und Wohlgerche und Vogelgezwitscher -- nein, dachte ich,
sollte nicht gar noch ein Gedicht folgen? Denn wirklich, es fehlen nur
noch Verse in Ihrem Brief, Makar Alexejewitsch. Und die Gefhle sind
zrtlich und die Gedanken rosafarben -- alles, wie es sich gehrt! An
den Vorhang habe ich berhaupt nicht gedacht. Der Zipfel mu an einem
Zweige hngen geblieben sein, als ich die Blumentpfe umstellte. Da
haben Sie es!

Ach, Makar Alexejewitsch, was reden Sie da und rechnen mir Ihre
Einnahmen und Ausgaben vor, um mich zu beruhigen und glauben zu machen,
da Sie alles nur fr sich allein ausgeben! Mich knnen Sie damit doch
nicht betrgen. Ich wei doch, da Sie sich des Notwendigsten um
meinetwillen berauben. Was ist Ihnen denn eingefallen, da Sie sich ein
solches Zimmer gemietet haben, sagen Sie doch, bitte! Man beunruhigt Sie
doch, man belstigt Sie dort, das Zimmer wird gewi eng und unbequem und
ungemtlich sein. Sie lieben Stille und Einsamkeit, hier aber -- was
wird denn das fr ein Leben sein? Und bei Ihrem Gehalt knnten Sie doch
viel besser wohnen. Fedora sagt, da Sie frher unvergleichlich besser
gelebt htten als jetzt. Haben Sie wirklich Ihr ganzes Leben so
verbracht, immer einsam, immer mit Entbehrungen, ohne Freude, ohne ein
gutes, liebes Wort zu hren, immer in einem bei fremden Menschen
gemieteten Winkel? Ach Sie, mein guter Freund, wie Sie mir leid tun! So
schonen Sie doch wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie
erwhnen, da Ihre Augen angegriffen seien, -- so schreiben Sie doch
nicht bei Kerzenlicht! Was und wozu schreiben Sie denn noch? Ihr
Diensteifer wird Ihren Vorgesetzten doch wohl ohnehin schon bekannt
sein.

Ich bitte Sie nochmals instndig, verschwenden Sie nicht soviel Geld fr
mich. Ich wei, da Sie mich lieben, aber Sie sind doch selbst nicht
reich ... Heute war ich ebenso froh, wie Sie, als ich erwachte. Es war
mir so leicht zumut. Fedora war schon lange an der Arbeit und hatte auch
mir Arbeit verschafft. Darber freute ich mich sehr. Ich ging nur noch
aus, um Seide zu kaufen, und dann setzte ich mich gleichfalls an die
Arbeit. Und den ganzen Morgen und Vormittag war ich so heiter! Jetzt
aber -- wieder trbe Gedanken, alles so traurig, das Herz tut mir weh.

Mein Gott, was wird aus mir werden, was wird mein Schicksal sein! Das
Schwerste ist, da man so nichts, nichts davon wei, was einem
bevorsteht, da man so gar keine Zukunft hat, und da man nicht einmal
erraten kann, was aus einem werden wird. Und zurckzuschauen, davor
graut mir einfach! Dort liegt soviel Leid und Qual, da das Herz mir
schon bei der bloen Erinnerung brechen will. Mein Leben lang werde ich
unter Trnen die Menschen anklagen, die mich zugrunde gerichtet haben.
Diese schrecklichen Menschen!

Es dunkelt schon. Es ist Zeit, da ich mich wieder an die Arbeit mache.
Ich wrde Ihnen gern noch vieles schreiben, doch diesmal geht es nicht:
die Arbeit mu zu einem bestimmten Tage fertig werden. Da mu ich mich
beeilen. Briefe zu erhalten ist natrlich immer angenehm: es ist dann
doch nicht so langweilig. Aber weshalb kommen Sie nicht selbst zu uns?
Wirklich, warum nicht, Makar Alexejewitsch? Wir wohnen ja jetzt so nahe,
und soviel freie Zeit werden Sie doch wohl haben. Also bitte, besuchen
Sie uns! Ich sah heute Ihre Theresa. Sie sieht ganz krank aus. Sie hat
mir so leid getan, da ich ihr zwanzig Kopeken gab.

Ja, fast htte ich es vergessen: schreiben Sie mir unbedingt alles
mglichst ausfhrlichst -- wie Sie leben, was um Sie herum vorgeht --
alles! -- Was es fr Leute sind, die dort wohnen, und ob Sie auch in
Frieden mit ihnen auskommen? Ich mchte das alles sehr gern wissen. Also
vergessen Sie es nicht, schreiben Sie es unbedingt! Heute werde ich
unabsichtlich ganz gewi keinen Zipfel des Vorhanges anstecken. Gehen
Sie frher schlafen. Gestern sah ich noch um Mitternacht Licht bei
Ihnen. Und nun leben Sie wohl. Heute ist wieder alles da: Trauer und
Trbsal und Langeweile! Es ist nun einmal so ein Tag! Leben Sie wohl.

Ihre

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

8. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ja, mein Kind, ja, meine Liebe, es mu wohl wieder einmal so ein Tag
sein, wie er einem vom Schicksal fter beschieden ist! Da haben Sie sich
nun ber mich Alten lustig gemacht, Warwara Alexejewna! Uebrigens bin
ich selbst daran schuld, ich ganz allein! Wer hie mich auch, in meinem
Alter, mit meinem sprlichen Haarrest auf dem Schdel, auf Abenteuer
ausgehen ... Und noch eins mu ich sagen, mein Kind: der Mensch ist
bisweilen doch sonderbar, sehr sonderbar. Oh du lieber Gott! auf was er
mitunter nicht zu sprechen kommt! Was aber folgt daraus, was kommt dabei
schlielich heraus? Ja, folgen tut daraus nichts, aber heraus kommt
dabei ein solcher Unsinn, da Gott uns behte und bewahre! Ich, mein
Kind, ich rgere mich ja nicht, aber es ist mir sehr unangenehm, jetzt
daran zurckzudenken, was ich Ihnen da alles so glcklich und dumm
geschrieben habe. Und auch zum Dienst ging ich heute so stolz und
stutzerhaft: es war solch ein Leuchten in meinem Herzen, war so wie ein
Feiertag in der Seele, und doch ganz ohne allen Grund, -- so frohgemut
war ich! Mit frmlicher Schaffensgier machte ich mich an die Arbeit, an
die Papiere -- und was wurde schlielich daraus? Als ich mich dann
umsah, war wieder alles so wie frher -- grau und nchtern. Ueberall
dieselben Tintenflecke, wie immer dieselben Tische und Papiere, und auch
ich ganz derselbe: wie ich war, genau so bin ich auch geblieben, -- was
war da fr ein Grund vorhanden, den Pegasus zu reiten? Und woher war
denn alles gekommen? Daher, da die Sonne einmal durch die Wolken
geschaut und der Himmel sich heller gefrbt hatte. Nur deshalb -- dies
alles? Und was knnen das fr Frhlingsdfte sein, wenn man auf einen
Hof hinaussieht, auf dem aller Unrat der Welt zu finden ist! Da mu ich
mir also nur so aus Albernheit alles eingebildet haben. Aber es kommt
doch bisweilen vor, da ein Mensch sich in seinen eigenen Gefhlen
verwirrt und in die Weite schweift und Unsinn redet. Das kommt von
nichts anderem, als von alberner Hitzigkeit, in der das Herz eine Rolle
spielt. Nach Hause kam ich nicht mehr wie andere Menschen, sondern
schleppte mich heim: der Kopf schmerzte. Das kommt dann schon so: eins
zum anderen. Ich mu wohl meinen Rcken erkltet haben. Ich hatte mich,
recht wie ein alter Esel, ber den Frhling gefreut und war im leichten
Mantel ausgegangen. Auch das noch! In meinen Gefhlen aber haben Sie
sich getuscht, meine Liebe! Sie haben meine Aeuerungen in einem ganz
anderen Sinn aufgefat. Nur um vterliche Zuneigung handelt es sich,
Warinka, denn ich nehme bei Ihnen, in Ihrer bitteren Verwaistheit, die
Stelle Ihres Vaters ein, das sage ich aus reiner Seele und aus reinem
Herzen. Wie es auch sei: ich bin doch immerhin Ihr Verwandter, wenn auch
nur ein ganz entfernter Verwandter, vielleicht wie das Sprichwort sagt:
das siebente Wasser in der Suppe, aber immerhin: Ihr Verwandter bleibe
ich dennoch, und jetzt bin ich sogar Ihr bester Verwandter und einziger
Beschtzer. Denn dort, wo es am nchsten lag, da Sie Schutz und
Beistand suchten, dort fanden Sie nur Verrat und Schmach. Was aber die
Gedichte betrifft, so mu ich Ihnen sagen, mein Kind, da es sich fr
mich nicht schickt, mich auf meine alten Tage noch im Dichten zu ben.
Gedichte sind Unsinn! Heute werden in den Schulen die Kinder geprgelt,
wenn sie dichten ... da sehen Sie, was Dichten ist, meine Liebe.

Was schreiben Sie mir da, Warwara Alexejewna, von Bequemlichkeit, Ruhe
und was nicht noch alles? Mein Kind, ich bin nicht anspruchsvoll, ich
habe niemals besser gelebt, als jetzt: weshalb sollte ich jetzt anfangen
zu mkeln? Ich habe zu essen, habe Kleider und Schuh -- was will man
mehr? Nicht uns steht es zu, Gott wei was fr Sprnge zu machen! -- bin
nicht von vornehmer Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und bezog mit
seiner ganzen Familie ein geringeres Gehalt, als ich. Ich bin nicht
verwhnt. Uebrigens, wenn man ganz aufrichtig die Wahrheit sagen soll,
so war ja wirklich in meiner frheren Wohnung alles unvergleichlich
besser. Man war freier, unabhngiger, gewi, mein Kind. Natrlich ist
auch meine jetzige Wohnung gut, ja sie hat in gewisser Hinsicht sogar
ihre Vorzge: es ist hier lustiger, wenn Sie wollen, es gibt mehr
Abwechslung und Zerstreuung. Dagegen will ich nichts sagen, aber es tut
mir doch leid um die alte. So sind wir nun einmal, wir alten Leute, das
heit, wenn wir Menschen schon anfangen, lter zu werden. Die alten
Sachen, an die wir uns gewhnt haben, sind uns schlielich wie verwandt.
Die Wohnung war, wissen Sie, ganz klein und gemtlich. Ich hatte ein
Zimmerchen fr mich. Die Wnde waren ... ach nun, was soll man da reden!
-- Die Wnde waren wie alle Wnde sind, nicht um die Wnde handelt es
sich, aber die Erinnerungen an all das Frhere, die machen mich etwas
wehmtig ... Sonderbar -- sie bedrcken, aber dennoch ist es, als wren
sie angenehm, als dchte man selbst doch gern an all das Alte zurck.
Sogar das Unangenehme, worber ich mich bisweilen gergert habe, sogar
das erscheint jetzt in der Erinnerung wie von allem Schlechten gesubert
und ich sehe es im Geiste nur noch als etwas Trautes, Gutes. Wir lebten
ganz still und friedlich, Warinka, ich und meine Wirtin, die selige
Alte. Ja, auch an die Gute denke ich jetzt mit traurigen Gefhlen
zurck. Sie war eine brave Frau und nahm nicht viel fr das Zimmerchen.
Sie strickte immer aus alten Zeugstcken, die sie in schmale Bnder
zerschnitt, mit ellenlangen Stricknadeln Bettdecken, damit allein
beschftigte sie sich. Das Licht benutzten wir gemeinschaftlich, deshalb
arbeiteten wir abends an demselben Tisch. Ein Enkelkindchen lebte bei
ihr, Mascha, ich erinnere mich ihrer noch, wie sie ganz klein war --
jetzt wird sie dreizehn sein, schon ein groes Mdchen. Und so unartig
war sie, so ausgelassen, immer brachte sie uns zum Lachen. So lebten wir
denn zu dreien, saen an langen Winterabenden am runden Tisch, tranken
unseren Tee, und dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Die Alte
begann oft Mrchen zu erzhlen, damit Mascha sich nicht langweile oder
auch, damit sie nicht unartig sei. Und was das fr Mrchen waren! Da
konnte nicht nur ein Kind, nein, auch ein erwachsener, vernnftiger
Mensch konnte da zuhren. Und wie! Ich selbst habe oft, wenn ich mein
Pfeifchen angeraucht hatte, aufgehorcht, habe mit Spannung zugehrt und
die ganze Arbeit darber vergessen. Das Kindchen aber, unser Wildfang,
wurde ganz nachdenklich, sttzte das rosige Bckchen in die Hand,
ffnete seinen kleinen Kindermund und horchte mit groen Augen; und wenn
es ein Mrchen zum Frchten war, dann schmiegte es sich immer nher,
immer angstvoller an die Alte an. Uns aber war es eine Lust, das
Kindchen zu betrachten. Und so sa man oft und bemerkte gar nicht, wie
die Zeit verging, und verga ganz, da drauen der Schneesturm
wtete.--

Ja, das war ein gutes Leben, Warinka, und so haben wir fast ganze
zwanzig Jahre gemeinsam verlebt. -- Doch wovon rede ich da wieder! Ihnen
werden solche Geschichten vielleicht gar nicht gefallen und mir sind
diese Erinnerungen auch nicht so leicht, -- namentlich jetzt in der
Dmmerung. Theresa klappert dort mit dem Geschirr -- ich habe
Kopfschmerzen, auch mein Rcken schmerzt ein wenig, und die Gedanken
sind alle so seltsam, als schmerzten sie gleichfalls: ich bin heute
traurig gestimmt, Warinka!

Was schreiben Sie da von besuchen, meine Gute? Wie soll ich denn zu
Ihnen kommen? Mein Tubchen, was werden die Leute dazu sagen? Da mte
ich doch ber den Hof gehen, das wrde man bemerken und dann fragen, --
da gbe es denn ein Gerede und daraus entstnden Klatschgeschichten und
man wrde die Sache anders deuten. Nein, mein Engelchen, es ist schon
besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse sehe; das wird
vernnftiger sein und fr uns beide unschdlicher. Seien Sie mir nicht
bse, mein Kind, weil ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe.
Beim Durchlesen sehe ich jetzt, da alles ganz zusammenhanglos ist. Ich
bin ein alter ungelehrter Mensch, Warinka; in der Jugend habe ich nichts
zu Ende gelernt, jetzt aber wrde nichts mehr in den Kopf gehen, wenn
man von neuem mit dem Lernen anfangen wollte. Ich mu schon gestehen,
mein Kind, ich bin kein Meister der Feder und wei, auch ohne fremde
Hinweise und spttische Bemerkungen, da ich, wenn ich einmal etwas
Spaigeres schreiben will, nur Unsinn zusammenschwatze. -- Ich sah Sie
heute am Fenster, ich sah, wie Sie den Vorhang herablieen. Leben Sie
wohl, Gott schtze Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna.

Ihr Freund, der ganz uneigenntzig Ihr Freund sein will,

Makar Djewuschkin.

P.S. Ich werde, meine Liebe, ber niemanden mehr Satiren schreiben. Ich
bin zu alt geworden, Kind, um migerweise noch Scherze zu machen. Man
wrde dann auch ber mich lachen, denn es ist schon so, wie unser
Sprichwort sagt: Wer einem anderen eine Grube grbt, der -- fllt selbst
hinein.

                   *       *       *       *       *

9. April.

Makar Alexejewitsch!

Schmen Sie sich denn nicht, mein Freund und Wohltter, sich so etwas in
den Kopf zu setzen! Haben Sie sich denn wirklich beleidigt gefhlt? Ach,
ich bin oft so unvorsichtig in meinen Aeuerungen, aber diesmal htte
ich doch nicht gedacht, da Sie meinen harmlos scherzhaften Ton fr
Spott halten knnten. Seien Sie berzeugt, da ich es niemals wagen
werde, ber Ihre Jahre oder Ihren Charakter zu scherzen. Ich habe es nur
-- wie soll ich sagen--: aus Leichtsinn geschrieben, aus
Gedankenlosigkeit, oder vielleicht auch nur deshalb, weil es gerade
furchtbar langweilig war ... was aber tut man mitunter nicht alles aus
Langeweile? Auerdem glaubte ich, da Sie sich selbst in Ihrem Brief ein
wenig lustig htten machen wollen. Nun macht es mich sehr traurig, da
Sie unzufrieden mit mir sind. Nein, mein treuer Freund und Beschtzer,
Sie tuschen sich, wenn Sie mich der Gefhllosigkeit und Undankbarkeit
verdchtigen. In meinem Herzen wei ich alles, was Sie fr mich taten,
als sie mich gegen den Ha und die Verfolgungen schndlicher Menschen
verteidigten, nach seinem wahren Wert zu schtzen. Ewig werde ich fr
Sie beten, und wenn mein Gebet bis hin zu Gott dringt und er mich
erhrt, dann werden Sie glcklich sein.

Ich fhle mich heute ganz krank. Schttelfrost und Fieber wechseln
ununterbrochen. Fedora beunruhigt sich sehr. Es ist brigens ganz
grundlos, was Sie da schreiben -- und weswegen Sie sich frchten, uns zu
besuchen. Was geht das die Leute an? Sie sind mit uns bekannt und damit
Basta!

Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch. Zu schreiben wei ich nichts mehr,
und ich kann auch nicht: fhle mich wirklich ganz krank. Ich bitte Sie
nochmals, mir nicht zu zrnen und von meiner steten Verehrung und
Anhnglichkeit berzeugt zu sein, womit ich die Ehre habe zu verbleiben

Ihre dankbare und ergebene

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

12. April.

Sehr geehrte Warwara Alexejewna!

Ach, mein Liebes, was ist das nun wieder mit Ihnen! Jedesmal erschrecken
Sie mich! Ich schreibe Ihnen in jedem Brief, da Sie sich schonen
sollen, sich warm ankleiden, nicht bei schlechtem Wetter ausgehen, da
Sie in allem vorsichtig sein sollen, -- Sie aber, mein Engelchen, hren
gar nicht darauf, was ich sage! Ach, mein Tubchen, Sie sind doch
wirklich noch ganz wie ein kleines Kindchen! Sie sind so zart, wie so
ein Strohhlmchen, das wei ich doch. Es braucht nur ein Windchen zu
wehen und gleich sind Sie krank. Deshalb mssen Sie sich auch in acht
nehmen, mssen Sie selbst darauf bedacht sein, sich nicht der Gefahr
auszusetzen und Ihren Freunden nicht Kummer, Sorge und Trbsal zu
bereiten.

Sie uerten im vorletzten Brief den Wunsch, mein Kind, ber meine
Lebensweise und alles, was mich umgibt und angeht, Genaueres zu
erfahren. Gern will ich Ihren Wunsch erfllen. Ich beginne also --
beginne mit dem Anfang, mein Kind, dann ist gleich mehr Ordnung in der
Sache.

Also erstens: die Treppen in unserem Hause sind ziemlich mittelmig;
die Paradetreppe ist noch ganz gut, sogar sehr gut, wenn Sie wollen:
rein, hell, breit, alles Gueisen und wie Mahagoni poliertes
Holzgelnder. Dafr ist aber die Hintertreppe so, da ich lieber gar
nicht von ihr reden will: feucht, schmutzig, mit zerbrochenen Stufen,
und die Wnde sind so fettig, da die Hand kleben bleibt, wenn man sich
an sie sttzen will. Auf jedem Treppenabsatz stehen Kisten, alte Sthle
und Schrnke, alles schief und wackelig, Lappen sind zum Trocknen
aufgehngt, die Fensterscheiben eingeschlagen; Waschkbel stehen da mit
allem mglichen Schmutz, mit Unrat und Kehricht, mit Eierschalen und
Tischresten; der Geruch ist schlecht ... mit einem Wort, es ist nicht
schn.

Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen schon beschrieben; sie ist -- dagegen
lt sich nichts sagen -- wirklich bequem, das ist wahr, aber es ist
auch in ihnen eine etwas dumpfe Luft, das heit, ich will nicht geradezu
sagen, da es in den Zimmern schlecht riecht, aber so -- es ist nur ein
etwas fauliger Geruch, wenn man sich so ausdrcken darf, in den Zimmern,
irgend so ein slich scharfer Modergeruch, oder so ungefhr. Der erste
Eindruck ist zum mindesten nicht vorteilhaft, doch das hat nichts zu
sagen, man braucht nur ein paar Minuten bei uns zu sein, so vergeht das,
und man merkt nicht einmal, wie es vergeht, denn man fngt selbst an, so
zu riechen, die Kleider und die Hnde und alles riecht bald ebenso, --
nun, und da gewhnt man sich eben daran. Aber alle Zeisige krepieren bei
uns. Der Seemann hat schon den fnften gekauft, aber sie knnen nun
einmal nicht leben in unserer Luft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere
Kche ist gro, gerumig und hell. Morgens ist es allerdings etwas
dunstig in ihr, wenn man Fisch oder Fleisch brt und es riecht dann nach
Rauch und Fett, da immer etwas bergegossen wird, und auch der Fuboden
ist morgens meist na, aber abends ist man dafr wie im Paradies. In der
Kche hngt bei uns gewhnlich Wsche zum Trocknen auf Schnren, und da
mein Zimmer nicht weit ist, das heit, fast unmittelbar an die Kche
stt, so strt mich dieser Wschegeruch zuweilen ein wenig. Aber das
hat nichts zu sagen: hat man hier erst etwas lnger gelebt, wird man
sich auch daran gewhnen.

Vom frhesten Morgen an, Warinka, beginnt bei uns das Leben, da steht
man auf, geht, lrmt, poltert, -- dann stehen nmlich _alle_ auf, die
einen, um in den Dienst zu gehen oder sonst wohin, manche nur so aus
eigenem Antriebe: und dann beginnt das Teetrinken. Die Ssamoware gehren
fast alle der Wirtin, es sind ihrer aber nur wenige, deshalb mu ein
jeder aufpassen, wann die Reihe an ihn kommt; wer aus der Reihe fllt
und mit seinem Teeknnchen frher geht, als er darf, dem wird sogleich,
und zwar tchtig, der Kopf zurecht gerckt. Das geschah mit mir auch
einmal, gleich am ersten Tage ... doch was soll man davon reden! Bei der
Gelegenheit wurde ich dann auch mit allen bekannt. Nher bekannt wurde
ich zunchst mit dem Seemann. Der ist so ein Offenherziger, hat mir
alles gleich erzhlt: von seinem Vater und seiner Mutter, von der
Schwester, die an einen Assessor in Tula verheiratet ist und von
Kronstadt, wo er lngere Zeit gelebt hat. Er versprach mir auch seinen
Beistand, wenn ich seiner bedrfen sollte, und lud mich gleich zu sich
zum Abendtee ein. Ich suchte ihn dann auch auf -- er war in demselben
Zimmer, in dem man bei uns gewhnlich Karten spielt. Dort wurde ich mit
Tee bewirtet und dann verlangte man von mir, da ich an ihrem
Hazardspiel teilnehmen sollte. Wollten sie sich nun ber mich lustig
machen oder was sonst, das wei ich nicht, jedenfalls spielten sie
selbst die ganze Nacht, auch als ich eintrat, spielten sie. Ueberall
Kreide, Karten, und ein Rauch war im Zimmer, da es einen frmlich in
die Augen bi. Nun, spielen wollte ich natrlich nicht, und da sagten
sie mir, ich sei wohl ein Philosoph. Darauf beachtete mich weiter
niemand und man sprach auch die ganze Zeit kein Wort mehr mit mir. Doch
darber war ich, wenn ich aufrichtig sein soll, nur sehr froh. Jetzt
gehe ich nicht mehr zu ihnen: bei denen ist nichts als Hazard, der reine
Hazard! Aber bei dem Beamten, der nebenbei so etwas wie ein Literat ist,
kommt man abends gleichfalls zusammen. Und bei dem geht es anders her,
dort ist alles bescheiden, harmlos und anstndig, -- ein behaglich
tchtiges Leben.

Nun, Warinka, will ich Ihnen noch beilufig anvertrauen, da unsere
Wirtin eine sehr schlechte Person ist, eine richtige Hexe. Sie haben
doch Theresa gesehen, -- also sagen Sie selbst: was ist denn an ihr noch
dran? Mager ist sie wie eine Schwindschtige, wie ein gerupftes
Hhnchen. Und dabei hlt die Wirtin nur zwei Dienstboten: diese Theresa
und den Faldoni. Ich wei nicht, wie er eigentlich heit, vielleicht hat
er auch noch einen anderen Namen, jedenfalls kommt er, wenn man ihn so
ruft, und deshalb rufen ihn denn alle so. Er ist rothaarig, irgendein
Finne, ein schielender Grobian mit einer aufgestlpten Nase: auf die
Theresa schimpft er ununterbrochen, und viel fehlt nicht, so wrde er
sie einfach prgeln. Ueberhaupt mu ich sagen, da das Leben hier nicht
ganz so ist, da man es gerade gut nennen knnte ... Da sich zum
Beispiel abends alle zu gleicher Zeit hinlegen und einschlafen -- das
kommt hier berhaupt nicht vor. Ewig wird irgendwo noch gesessen und
gespielt, manchmal wird aber sogar so etwas getrieben, da man sich
schmt, es auch nur anzudeuten. Jetzt habe ich mich schon eingelebt und
an vieles gewhnt, aber ich wundere mich doch, wie sogar verheiratete
Leute in einem solchen Sodom leben knnen. Da ist eine ganze arme
Familie, die hier in einem Zimmer wohnt, aber nicht in einer Reihe mit
den anderen Nummern, sondern auf der anderen Seite in einem Eckzimmer,
also etwas weiter ab. Stille Leutchen! Niemand hrt von ihnen was. Und
sie leben alle in dem einen Zimmerchen, in dem sie nur eine kleine
Scheidewand haben. Er soll ein stellenloser Beamter sein -- vor etwa
sieben Jahren aus dem Dienst entlassen, man wei nicht, weshalb. Sein
Familienname ist Gorschkoff. Er ist ein kleines, graues Mnnchen, geht
in alten, abgetragenen Kleidern, da es ordentlich weh tut, ihn
anzusehen -- viel schlechter als ich! So ein armseliges, krnkliches
Kerlchen -- ich begegne ihm bisweilen auf dem Korridor. Die Kniee
zittern ihm immer, auch die Hnde zittern und der Kopf zittert, von
einer Krankheit vielleicht, oder Gott mag wissen, wovon. Schchtern ist
er, alle frchtet er, geht jedem scheu aus dem Wege und drckt sich ganz
still und leise lngs der Wand an den Menschen vorber. Auch ich bin ja
mitunter etwas schchtern, aber mit dem ist das gar kein Vergleich!
Seine Familie besteht aus seiner Frau und drei Kindern. Der lteste
Knabe ist ganz nach dem Vater geraten, auch so ein krnkliches Kerlchen.
Seine Frau mu einmal gut ausgesehen haben, das sieht man jetzt noch ...
sie geht aber in so alten, armseligen Kleidern -- oh, so alten!! Wie ich
hrte, schulden sie der Wirtin bereits die Miete; wenigstens behandelt
sie sie nicht gar zu freundlich. Auch hrte ich, da Gorschkoff selbst
irgendwelche Unannehmlichkeiten gehabt haben soll, weshalb er
verabschiedet worden sei, -- war es nun ein Proze oder etwas anderes,
vielleicht eine Anklage, oder ist eine Untersuchung eingeleitet worden,
das wei ich Ihnen nicht zu sagen. Arm sind sie, furchtbar arm, Gott im
Himmel! Immer ist es still in ihrem Zimmer, so still, als wohnte dort
keine Seele. Nicht einmal die Kinder hrt man. Und da sie mal unartig
wren oder ein Spielchen spielten -- das kommt gar nicht vor, und ein
schlimmeres Zeichen gibt es nicht. Einmal kam ich abends an ihrer Tr
vorber -- es war gerade ganz ungewhnlich still bei uns -- da hrte ich
ganz leises Schluchzen, dann ein Flstern, dann wieder Schluchzen, ganz
als weine dort jemand, aber so still, so hoffnungslos verzweifelt, so
traurig, da es mir das Herz zerreien wollte -- und dann wurde ich die
halbe Nacht die Gedanken an diese armen Menschen nicht los, so da ich
lange nicht einschlafen konnte.

Nun leben Sie wohl, Warinka, mein Freundchen! Da habe ich Ihnen jetzt
alles beschrieben, so, wie ich es verstand. Heute habe ich den ganzen
Tag nur an Sie gedacht. Mein Herz hat sich um Sie ganz mde gegrmt.
Denn sehen Sie, mein Seelchen, ich wei doch, da Sie kein warmes
Mntelchen haben. Und ich kenne doch dieses Petersburger
Frhlingswetter, diese Frhjahrswinde und den Regen, der dazwischen noch
Schnee bringt, -- das ist doch der Tod, Warinka! Da gibt es doch solche
Wetterumschlge, da Gott uns behte und bewahre! Nehmen Sie mir,
Herzchen, mein Geschreibsel nicht bel; ich habe keinen Stil, Warinka,
ganz und gar keinen Stil. Wenn ich doch nur irgendeinen htte! Ich
schreibe, was mir gerade einfllt, damit Sie eine kleine Zerstreuung
haben, also nur so, um Sie etwas zu erheitern. Ja, wenn ich was gelernt
htte, dann wre es etwas anderes; aber so -- was habe ich denn gelernt?
Meine Erziehung hat wenig gekostet!

Ihr ewiger und treuer Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

25. April.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Heute bin ich meiner Kusine Ssascha begegnet! Entsetzlich! Auch sie wird
zugrunde gehen, die Aermste! Auch habe ich zufllig auf Umwegen
erfahren, da Anna Fedorowna sich berall nach mir erkundigt und
natrlich alles ausforschen will. Sie wird wohl niemals aufhren, mich
zu verfolgen. Sie soll gesagt haben, da sie mir alles _verzeihen_
wolle! Sie wolle alles Vorgefallene vergessen und werde mich unbedingt
besuchen. Von Ihnen hat sie gesagt, Sie seien gar nicht mein Verwandter,
nur sie selbst sei meine nchste und einzige Verwandte, und Sie htten
kein Recht, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen. Es sei eine
Schande fr mich und ich msse mich schmen, mich von Ihnen ernhren zu
lassen und auf Ihre Kosten zu leben ... Sie sagt, ich htte das
Gnadenbrot, das sie uns gegeben, vergessen -- htte vergessen, da sie
meine Mutter und mich vor dem Hungertode bewahrt, da sie uns ernhrt
und gepflegt und fast zweieinhalb Jahre lang nur Unkosten durch uns
gehabt, und da sie uns auerdem eine alte Schuld geschenkt habe. Nicht
einmal Mama will sie in ihrem Grabe in Ruhe lassen! Wenn meine Mutter
wte, was sie mir angetan haben! Gott sieht es!...

Anna Fedorowna hat auch noch gesagt, da ich nur aus Dummheit nicht
verstanden habe, mein Glck festzuhalten, da sie selbst mir das Glck
zugefhrt und sonst an nichts schuld sei, ich aber htte es nur nicht
verstanden -- oder vielleicht auch nicht gewollt -- fr meine Ehre
einzutreten. Aber wessen Schuld war es denn, groer Gott! Sie sagt, Herr
Bkoff sei durchaus im Recht, man knne doch wirklich nicht eine jede
heiraten, die .... doch wozu das alles schreiben!

Es ist zu grausam, solche Unwahrheiten hren zu mssen, Makar
Alexejewitsch!

Ich wei nicht, was es heute mit mir ist. Ich zittere, ich weine, ich
schluchze. An diesem Brief schreibe ich schon seit zwei Stunden. Und ich
war schon in dem Glauben, sie werde doch wenigstens ihre Schuld
eingesehen haben, das Unrecht, das sie mir zugefgt hat, -- und da redet
sie so!

Bitte, regen Sie sich meinetwegen nicht auf, mein Freund, um Gottes
willen nicht, mein einziger guter Freund! Fedora bertreibt ja doch
immer: ich bin gar nicht krank. Ich habe mich nur gestern auf dem
Wolkoff-Friedhof ein wenig erkltet, als ich die Seelenmesse fr mein
totes Mtterchen hrte. Warum kamen Sie nicht mit mir? -- ich hatte Sie
doch so darum gebeten. Ach, meine arme, arme Mutter, wenn du aus dem
Grabe stiegest, wenn du wtest, wenn du wtest, was sie mit mir getan
haben!...

W. D.

                   *       *       *       *       *

20. Mai.

Mein Tubchen Warinka!

Ich sende Ihnen ein paar Weintrauben, mein Herzchen, die sind gut fr
Genesende, sagt man, und auch der Arzt hat sie empfohlen, gegen den
Durst, -- also dann essen Sie mal die Trubchen, Warinka, wenn Sie
durstig sind. Sie wollten auch gern ein Rosenstckchen besitzen, Kind,
da schicke ich Ihnen denn jetzt welche. Haben Sie aber auch Appetit,
Herzchen? -- Das ist doch die Hauptsache. Gott sei Dank, da nun alles
vorber und berstanden ist, und da auch unser Unglck bald ein Ende
nehmen wird. Danken wir dafr dem Schpfer! Was aber nun die Bcher
betrifft, so kann ich vorlufig nirgendwo welche auftreiben. Es soll
hier jemand ein sehr gutes Buch haben, hrte ich, eines, das in sehr
hohem Stil geschrieben sei; man sagt, es sei wirklich ein gutes Buch,
ich habe es selbst nicht gelesen, aber es wird hier sehr gelobt. Ich
habe gebeten, man mge es mir geben, und man wollte es mir auch
verschaffen. Nur -- werden Sie es wirklich lesen? Sie sind ja so
whlerisch in solchen Sachen, da es schwer hlt, fr Ihren Geschmack
gerade das Richtige zu finden, ich kenne Sie doch, mein Tubchen, ich
wei schon, wie Sie sind! Sie wollen wohl nur Poesie haben, die von
Liebe und Sehnsucht handelt, -- deshalb werde ich Ihnen auch Gedichte
verschaffen, alles, alles, was Sie nur haben wollen. Hier gibt es ein
ganzes Heft mit abgeschriebenen Gedichten.

Ich lebe sehr gut. Sie mssen sich ber mich beruhigen, Kind. Was Ihnen
die Fedora wieder erzhlt hat, ist alles gar nicht wahr, sie soll nicht
immer lgen, sagen Sie ihr das. Ja, sagen Sie es ihr wirklich, der
Klatschbase!... Ich habe meinen neuen Uniformrock gar nicht verkauft,
ist mir nicht eingefallen! Und weshalb sollte ich ihn verkaufen, sagen
Sie doch selbst? Ich habe noch vor kurzem gehrt, wie man davon sprach,
da man mir eine Gratifikation von vierzig Rubeln zusprechen werde,
weshalb sollte ich da verkaufen? Nein, Kind, Sie sollen sich wirklich
nicht beunruhigen. Sie ist argwhnisch, die Fedora, und mitrauisch, das
ist gar nicht gut von ihr. Warten Sie nur, auch wir werden noch mal gut
leben, mein Tubchen! Nur mssen Sie erst gesund werden, mein Engelchen,
das mssen Sie um Christi willen: das ist doch mein grter Kummer,
damit betrben Sie mich Alten doch am meisten. Wer hat Ihnen gesagt, da
ich abgemagert sei? Das ist auch eine Verleumdung! Ich bin ganz gesund
und munter und habe sogar so zugenommen, da ich mich schon selbst zu
schmen anfange. Bin satt und zufrieden und mir fehlt nichts, -- wenn
nur Sie wieder gesund wren! Nun, und jetzt leben Sie wohl, mein
Engelchen; ich ksse alle Ihre Fingerchen und verbleibe

Ihr ewig treuer, unwandelbarer Freund

Makar Djewuschkin.

P.S. Ach, Herzchen, was haben Sie da nur wieder geschrieben! Da Sie
sich doch immer etwas ins Kpfchen setzen mssen! Wie soll ich denn so
oft zu Ihnen kommen, Kind -- das frage ich Sie, -- wie? Etwa im Schutze
der nchtlichen Dunkelheit? Aber wo die Nchte hernehmen, jetzt gibt es
ja gar keine, in dieser Jahreszeit. Ich habe Sie aber auch so,
Engelchen, whrend Ihrer Krankheit fast gar nicht verlassen, als Sie
bewutlos im Fieber lagen. Doch eigentlich wei ich es selbst nicht
mehr, wie ich meine Zeit einteilte und mit allem doch noch fertig wurde.
Aber dann stellte ich meine Besuche ein, denn die Leute wurden neugierig
und begannen zu fragen. Und es sind ohnehin schon Klatschgeschichten
entstanden. Ich verlasse mich aber ganz auf Theresa, sie ist zum Glck
nicht schwatzhaft. Aber immerhin mssen Sie es sich doch selbst sagen,
Kind, wie wird denn das sein, wenn alle ber uns schwatzen? Was werden
sie denn von uns denken und was sagen? Deshalb beien Sie mal die
Zhnchen zusammen, Herzchen, und warten Sie, bis Sie ganz gesund
geworden sind: dann werden wir uns schon irgendwo auerhalb des Hauses
treffen knnen.

                   *       *       *       *       *

1. Juni.

Bester Makar Alexejewitsch!

Ich mchte Ihnen so gern etwas zu Liebe tun, um Ihnen meinen Dank fr
Ihre Mhen und die Opfer, die Sie mir gebracht, zu bezeigen, darum habe
ich mich entschlossen, aus meiner Kommode mein altes Heft
hervorzusuchen, das ich Ihnen hiermit zusende. Ich begann diese
Aufzeichnungen noch in der glcklichen Zeit meines Lebens. Sie haben
mich so oft mit Anteil nach meinem frheren Leben gefragt und mich
gebeten, Ihnen von meiner Mutter, von Pokrowskij, von meinem Aufenthalt
bei Anna Fedorowna und schlielich von meinen letzten Erlebnissen zu
erzhlen, und Sie uerten so lebhaft den Wunsch, dieses Heft einmal zu
lesen, in dem ich -- Gott wei wozu -- einiges aus meinem Leben erzhlt
habe, da ich glaube, Ihnen mit der Zusendung dieses Heftes eine Freude
zu bereiten. Mich aber hat es traurig gemacht, als ich es jetzt
durchlas. Es scheint mir, da ich seit dem Augenblick, in dem ich die
letzte Zeile dieser Aufzeichnungen schrieb, noch einmal so alt geworden
bin, als ich war, zweimal so alt! Ich habe das Ganze zu verschiedenen
Zeiten niedergeschrieben. Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Ich habe
jetzt oft schreckliche Langeweile und nachts qult mich meine
Schlaflosigkeit. Ein hchst langweiliges Genesen!

W. D.

I.

Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit
war die glcklichste Zeit meines Lebens. Ich verbrachte sie nicht hier,
sondern fern in der Provinz, auf dem Lande. Mein Vater war der Verwalter
eines groen Gutes, das dem Frsten P. gehrte. Und dort lebten wir --
still, einsam und glcklich ... Ich war ein richtiger Wildfang: oft tat
ich den ganzen Tag nichts anderes, als in Feld und Wald umherzustreifen,
berall wo ich nur wollte, denn niemand kmmerte sich um mich. Mein
Vater war immer beschftigt und meine Mutter hatte in der Wirtschaft zu
tun. Ich wurde nicht unterrichtet -- und darber war ich sehr froh. So
lief ich schon frhmorgens zum groen Teich oder in den Wald, oder auf
die Wiese zu den Schnittern -- je nachdem--: was machte es mir aus, da
die Sonne brannte, da ich selbst nicht mehr wute, wo ich war und wie
ich mich zurechtfinden sollte, da das Gestrpp mich kratzte und mein
Kleid zerri: zu Hause wrde man schelten, aber was ging das mich an!

Und ich glaube, ich wre ewig so glcklich geblieben, wenn wir auch das
ganze Leben dort auf dem Lande verbracht htten. Doch leider mute ich
schon als Kind von diesem freien Landleben Abschied nehmen und mich von
all den trauten Stellen trennen. Ich war erst zwlf Jahre alt, als wir
nach Petersburg bersiedelten. Ach, wie traurig war unser Aufbruch! Wie
weinte ich, als ich alles, was ich so lieb hatte, verlassen mute! Ich
wei noch, wie krampfhaft ich meinen Vater umarmte und ihn unter Trnen
bat, er mge doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Gute bleiben, und
wie mein Vater bse wurde und wie meine Mutter auch weinte. Sie sagte,
es sei notwendig, es seien geschftliche Angelegenheiten, die es
verlangten. Der alte Frst P. war nmlich gestorben und seine Erben
hatten meinen Vater entlassen. So fuhren wir nach Petersburg, wo einige
Privatleute lebten, denen mein Vater Geld geliehen hatte -- und da
wollte er denn persnlich seine Geldangelegenheiten regeln. Das erfuhr
ich alles von meiner Mutter. Hier mieteten wir auf der Petersburger
Seite(1) eine Wohnung, in der wir dann bis zum Tode des Vaters blieben.

  (1) Ein Stadtteil von Petersburg. E.K.R.

Wie schwer es mir war, mich an das neue Leben zu gewhnen! Wir kamen im
Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verlieen, war es ein sonnig
heller, klarer, warmer Tag. Auf den Feldern wurden die letzten Arbeiten
beendet. Auf den Tennen lag schon das Getreide in hohen Haufen, um die
ganze Scharen lebhaft zwitschernder Vgel flatterten. Alles war so hell
und frhlich!

Hier aber, als wir in der Stadt anlangten, war statt dessen nichts als
Regen, Herbstklte, Unwetter, Schmutz, und viele fremde Menschen, die
alle unfreundlich, unzufrieden und bse aussahen! Wir richteten uns ein,
so gut es eben ging. Wieviel Schererei das gab, bis man den Haushalt
endlich eingerichtet hatte! Mein Vater war fast den ganzen Tag nicht zu
Hause und meine Mutter war immer beschftigt, -- mich verga man ganz.
Es war ein trauriges Aufstehen am nchsten Morgen -- nach der ersten
Nacht in der neuen Wohnung. Vor unseren Fenstern war ein gelber Zaun.
Auf der Strae sah man nichts als Schmutz! Nur wenige Menschen gingen
vorber, und alle waren so vermummt in Kleider und Tcher, und alle
schienen sie zu frieren.

Bei uns zu Hause herrschten ganze Tage lang nur Kummer und entsetzliche
Langeweile. Verwandte oder nahe Bekannte hatten wir hier nicht. Mit Anna
Fedorowna hatte sich der Vater entzweit. (Er schuldete ihr etwas.) Es
kamen aber ziemlich oft Leute zu uns, die mit dem Vater Geschftliches
zu besprechen hatten. Gewhnlich wurde dann gestritten, gelrmt und
geschrien. Und wenn sie wieder fortgegangen waren, war Papa immer so
unzufrieden und bse. Stundenlang ging er dann im Zimmer auf und ab, mit
gerunzelter Stirn, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Mama wagte dann
nichts zu sagen und schwieg. Und ich zog mich mit einem Buch still in
einen Winkel zurck und wagte mich nicht zu rhren.

Im dritten Monat nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine
Pension gegeben. War das eine traurige Zeit, anfangs, unter den vielen
fremden Menschen! Alles war so trocken, so kurz angebunden, so
unfreundlich und so gar nicht anziehend: die Lehrerinnen schalten und
die Mdchen spotteten, und ich war so verschchtert -- wie ein Wildling
kam ich mir vor. Diese pedantische Strenge! Alles mute pnktlich zur
bestimmten Stunde geschehen. Die Mahlzeiten an der gemeinsamen Tafel,
die langweiligen Lehrer -- das machte mich anfangs haltlos! Ich konnte
dort nicht einmal schlafen. So manche lange, langweilige, kalte Nacht
habe ich bis zum Morgen geweint. Abends, wenn die anderen alle ihre
Lektionen lernten oder wiederholten, sa ich ber meinem Buch oder dem
Vokabelheft und wagte nicht, mich zu rhren, doch mit meinen Gedanken
war ich wieder zu Hause, dachte an den Vater und die Mutter und an meine
alte gute Kinderfrau und an deren Mrchen ... ach, was fr ein Heimweh
mich da erfate! Jedes kleinsten Gegenstandes im Hause erinnert man
sich, und selbst an den noch denkt man mit einem so eigentmlichen,
wehmtigen Vergngen. Und so denkt man und denkt man denn, -- wie gut,
wie schn es doch jetzt zu Hause wre! Da wrde ich in unserem kleinen
Ezimmer am Tisch sitzen, auf dem der Ssamowar summt, und mit am Tisch
sen die Eltern: wie warm wre es, wie traut, wie behaglich. Wie wrde
ich, denkt man, jetzt Mtterchen umarmen, fest, ganz fest, o, so mit
aller Inbrunst umarmen! -- Und so denkt man weiter, bis man vor Heimweh
leise zu weinen anfngt, und immer wieder die Trnen schluckt -- die
Vokabeln aber gehen einem nicht in den Kopf. Wieder kann man die Aufgabe
fr den nchsten Tag nicht: die ganze Nacht sieht man nichts anderes im
Traum, als den Lehrer, die Madame und die Mitschlerinnen; die ganze
Nacht trumt man, da man die Aufgaben lerne, am nchsten Tage aber wei
man natrlich nichts. Da mu man wieder im Winkel knien und erhlt nur
eine Speise. Ich war so unlustig, so wortkarg. Die Mdchen lachten ber
mich, neckten mich und lenkten meine Aufmerksamkeit ab, wenn ich die
Aufgabe hersagte, oder sie kniffen mich, wenn wir in langer Reihe
paarweis zu Tisch gingen, oder sie beklagten sich bei der Lehrerin ber
mich. Doch welche Seligkeit, wenn dann am Sonnabendabend meine alte gute
Wrterin kam, um mich abzuholen! Wie ich sie umarmte -- ich wute mich
kaum zu lassen vor Freude -- mein gutes Altchen! Und dann kleidete sie
mich an, immer hbsch warm, wie sie sagte, wenn sie mir die Tcher um
den Kopf band. Unterwegs aber konnte sie mir nie schnell genug folgen
und ich -- konnte doch nicht so langsam gehen wie sie! Und die ganze
Zeit erzhlte ich und schwatzte ich ohne Unterla. Ganz ausgelassen vor
Freude, lief ich ins Haus und warf mich den Eltern um den Hals, als
htten wir uns seit neun Jahren nicht gesehen. Und dann begann das
Erzhlen und Fragen, und ich lachte und lief umher und feierte mit allem
und allem Wiedersehen. Papa begann alsbald ernstere Gesprche: ber die
Lehrer, ber Mathematik, ber die franzsische Sprache und die Grammatik
von L'Homond, -- und alle waren wir so guter Dinge und zufrieden und
gesprchig. Auch jetzt noch ist mir die bloe Erinnerung an jene Stunden
ein Vergngen.

Ich gab mir die grte Mhe, gut zu lernen, um meinen Vater damit zu
erfreuen. Ich sah doch, da er das Letzte fr mich ausgab, whrend ihm
selbst die Sorgen ber den Kopf wuchsen. Mit jedem Tage wurde er
finsterer, unzufriedener, jhzorniger; sein Charakter vernderte sich
sehr zu seinem Nachteil. Nichts gelang ihm, alles schlug fehl und die
Schulden wuchsen ins Ungeheuerliche.

Die Mutter frchtete sich, zu weinen oder auch nur ein Wort der Klage zu
sagen, da der Vater sich dann nur noch mehr rgerte. Sie wurde krnklich
und schwchlich und ein bser Husten stellte sich ein. Kam ich aus der
Pension, so sah ich nur traurige Gesichter: die Mutter wischte sich
heimlich die Trnen aus den Augen und der Vater rgerte sich. Und dann
kamen wieder Vorwrfe und Klagen: er erlebe an mir keine Freude, ich
brchte ihm auch keinen Trost, und doch gebe er fr mich das Letzte hin,
ich aber verstnde noch immer nicht, Franzsisch zu sprechen. Mit einem
Wort, ich war an allem schuld; alles Unglck, alle Mierfolge, alles
hatten wir zu verantworten, ich und die arme Mama. Wie war es aber nur
mglich, die arme Mama noch mehr zu qulen! Wenn man sie ansah, konnte
einem das Herz brechen! Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen
tief in den Hhlen -- wie eine Schwindschtige sah sie aus.

Die grten Vorwrfe wurden mir gemacht. Gewhnlich begann es mit
irgendeiner kleinen Nebenschlichkeit und dann kam oft Gott wei was
alles zur Sprache, -- oft begriff ich nicht einmal, wovon Papa sprach.
Was er da nicht alles vorbrachte!... Zuerst die franzsische Sprache,
da ich ein groer Dummkopf und unsere Pensionsvorsteherin eine
fahrlssige, dumme Person sei, sie sorge nicht im geringsten fr unsere
sittliche Entwickelung; dann -- da er noch immer keine Anstellung
finden knne und da die Grammatik von L'Homond nichts tauge, die von
Sapolskij sei bedeutend besser; da man fr mich viel Geld verschwendet
habe, ohne Sinn und Nutzen, da ich ein gefhlloses, hartherziges
Mdchen sei, -- kurz, ich Arme, die ich mir die grte Mhe gab,
franzsische Vokabeln und Gesprche auswendig zu lernen, war an allem
schuld und mute alle Vorwrfe hinnehmen. Aber er tat es ja nicht etwa
deshalb, weil er uns nicht liebte: im Gegenteil, er liebte uns ber alle
Maen! Es war nun einmal sein Charakter...

Oder nein: es waren die Sorgen, die Enttuschungen und Mierfolge, die
seinen ursprnglich guten Charakter so verndert hatten: er wurde
mitrauisch, war oft ganz verbittert und der Verzweiflung nahe, begann
seine Gesundheit zu vernachlssigen, erkltete sich und -- starb dann
auch nach kurzem Krankenlager, so pltzlich, so unerwartet, da wir es
noch tagelang nicht fassen konnten! Wir waren wie betubt von diesem
Schlage. Mama war wie erstarrt, ich frchtete anfnglich fr ihren
Verstand. Kaum aber war er gestorben, da kamen schon die Glubiger in
Scharen zu uns. Alles, was wir hatten, gaben wir ihnen hin. Unser
Huschen auf der Petersburger Seite, das Papa ein halbes Jahr nach
unserer Ankunft in Petersburg gekauft hatte, mute gleichfalls verkauft
werden. Ich wei nicht, wie es mit dem Uebrigen wurde, wir blieben
jedenfalls ohne Obdach, ohne Geld, schutzlos, mittellos ... Mama war
krank -- es war ein schleichendes Fieber, das nicht weichen wollte --
verdienen konnten wir nichts, so waren wir dem Verderben preisgegeben.
Ich war erst vierzehn Jahre alt.

Da besuchte uns zum erstenmal Anna Fedorowna. Sie gibt sich immer fr
eine Gutsbesitzerin aus und versichert, sie sei mit uns nahe verwandt.
Mama aber sagte, sie sei allerdings verwandt mit uns, nur sei diese
Verwandtschaft eine sehr weitlufige. Als Papa noch lebte, war sie nie
zu uns gekommen. Sie erschien mit Trnen in den Augen und beteuerte, da
sie an unserem Unglck groen Anteil nehme. Sie bemitleidete uns
lebhaft, uerte sich dann aber dahin, da Papa an unserem ganzen
Migeschick schuld sei: er habe gar zu hoch hinaus gewollt und gar zu
sehr auf seine eigene Kraft gebaut. Ferner uerte sie als einzige
Verwandte den Wunsch, uns nher zu treten, und machte den Vorschlag,
Gewesenes zu vergessen. Als Mama darauf erwiderte, da sie nie
irgendwelchen Groll gegen sie gehegt habe, weinte sie sogar vor lauter
Rhrung, fhrte Mama in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse fr
den toten Liebling, wie sie den Entschlafenen pltzlich nannte. Darauf
vershnte sie sich in aller Feierlichkeit mit Mama.

Dann, nach langen Vorreden und Randbemerkungen und nachdem sie uns in
grellen Farben unsere ganze hoffnungslose Lage klargemacht, von unserer
Mittel-, Schutz- und Hilflosigkeit gesprochen hatte, forderte sie uns
auf, ihr Obdach mit ihr zu teilen, wie sie sich ausdrckte. Mama dankte
fr ihre Freundlichkeit, konnte sich aber lange nicht entschlieen, der
Aufforderung Folge zu leisten, doch da uns nichts anderes brig blieb,
so sah sie sich zu guter Letzt gezwungen, Anna Fedorowna mitzuteilen,
da sie ihr Anerbieten dankbar annehmen wolle.

Wie deutlich erinnere ich mich noch jenes Morgens, an dem wir von der
Petersburger Seite nach dem anderen Stadtteil, dem Wassilij Ostroff,
bersiedelten! Es war ein klarer, trockener, kalter Herbstmorgen. Mama
weinte. Und ich war so traurig: es war mir, als schnre mir eine
unerklrliche Angst die Brust zusammen ... Es war eine schwere Zeit...

                   *       *       *       *       *

                   *       *       *       *       *

II.

Anfangs, so lange wir uns noch nicht eingelebt hatten, empfanden wir
beide, Mama und ich, eine gewisse Bangigkeit in der Wohnung Anna
Fedorownas, wie man sie zu empfinden pflegt, wenn einem etwas nicht ganz
geheuer erscheint. Anna Fedorowna lebte in ihrem eigenen Hause an der
Sechsten Linie(2). Im ganzen Hause waren nur fnf bewohnbare Zimmer. In
dreien von ihnen wohnte Anna Fedorowna mit meiner Kusine Ssascha, die
als armes Waisenkind von ihr angenommen war und erzogen wurde. Im
vierten Zimmer wohnten wir, und im letzten Zimmer, das neben dem
unsrigen lag, wohnte ein armer Student, Pokrowskij, der einzige Mieter
im Hause.

  (2) Die Hauptstraen auf Wassilij-Ostroff werden Linien genannt.
  E.K.R.

Anna Fedorowna lebte sehr gut, viel besser, als man es fr mglich
gehalten htte, doch ihre Geldquelle war ebenso rtselhaft wie ihre
Beschftigung. Und dabei hatte sie immer irgend etwas zu tun und lief
besorgt umher, und jeden Tag fuhr und ging sie mehrmals aus. Doch wohin
sie ging, mit was sie sich drauen beschftigte und was sie zu tun
hatte, das vermochte ich nicht zu erraten. Sie war mit sehr vielen und
sehr verschiedenen Leuten bekannt. Ewig kamen welche zu ihr gefahren und
immer in Geschften und nur auf ein paar Minuten. Mama fhrte mich
jedesmal in unser Zimmer, sobald es klingelte. Darber rgerte sich Anna
Fedorowna sehr und machte meiner Mutter bestndig den Vorwurf, da wir
gar zu stolz seien: sie wollte ja nichts sagen, wenn wir irgendeinen
Grund, wenn wir wirklich Ursache htten, stolz zu sein, aber so!... und
stundenlang fuhr sie dann in diesem Tone fort. Damals begriff ich diese
Vorwrfe nicht, und ebenso habe ich erst jetzt erfahren, oder richtiger,
erraten, weshalb Mama sich anfangs nicht entschlieen konnte, Anna
Fedorownas Gastfreundschaft anzunehmen.

Sie ist ein schlechter Mensch, diese Anna Fedorowna. Ewig qulte sie
uns. Aber eins ist mir auch jetzt noch ein Rtsel: wozu lud sie uns
berhaupt zu sich ein? Anfangs war sie noch ganz freundlich zu uns, dann
aber kam bald ihr wahrer Charakter zum Vorschein, als sie sah, da wir
vollstndig hilflos und nur auf ihre Gnade angewiesen waren. Spter
wurde sie zu mir wieder freundlicher, vielleicht zu freundlich: sie
sagte mir dann sogar plumpe Schmeicheleien, doch vorher hatte ich
ebensoviel auszustehen wie Mama. Ewig machte sie uns Vorwrfe und sprach
zu uns von nichts anderem, als von den Wohltaten, die sie uns erwies.
Und allen fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen Verwandten vor,
als mittellose, schutzlose Witwe und Waise, die sie nur aus Mitleid und
christlicher Nchstenliebe bei sich aufgenommen habe und nun ernhre.
Bei Tisch verfolgte sie jeden Bissen, den wir zu nehmen wagten, mit den
Augen, wenn wir aber nichts aen, oder gar zu wenig, so war ihr das auch
wieder nicht recht: dann hie es, ihr Essen sei uns wohl nicht gut
genug, wir mkelten, sie gebe eben, was sie habe und begnge sich selbst
damit -- vielleicht knnten wir uns selbst etwas Besseres leisten, das
knne sie ja nicht wissen, usw., usw. Ueber Papa mute sie jeden
Augenblick etwas Schlechtes sagen, anders ging es nicht. Sie behauptete,
er habe immer nobler sein wollen, als alle anderen, und das habe man nun
davon: Frau und Tochter knnten nun zusehen, wo sie blieben, und wenn
sich nicht unter ihren Verwandten eine christlich liebevolle Seele --
das war sie selbst -- gefunden htte, so htten wir gar noch auf der
Strae Hungers sterben knnen. Und was sie da nicht noch alles
vorbrachte! Es war nicht einmal so bitter, wie es widerlich war, sie
anzuhren.

Mama weinte jeden Augenblick. Ihr Gesundheitszustand verschlimmerte sich
mit jedem Tage, sie welkte sichtbar hin, doch trotzdem arbeiteten wir
vom Morgen bis zum Abend. Wir nhten auf Bestellung, was Anna Fedorowna
sehr mifiel. Sie sagte, ihr Haus sei kein Putzgeschft. Wir aber muten
uns doch Kleider anfertigen und muten doch etwas verdienen, um auf alle
Flle wenigstens etwas eigenes Geld zu haben. Und so arbeiteten und
sparten wir denn immer in der Hoffnung, uns bald irgendwo ein Zimmerchen
mieten zu knnen. Doch die anstrengende Arbeit verschlimmerte den
Zustand der Mutter sehr: mit jedem Tage wurde sie schwcher. Die
Krankheit untergrub ihr Leben und brachte sie unaufhaltsam dem Grabe
nher. Ich sah es, ich fhlte es und konnte doch nicht helfen!

Die Tage vergingen und jeder neue Tag glich dem vorhergegangenen. Wir
lebten still fr uns, als wren wir gar nicht in der Stadt. Anna
Fedorowna beruhigte sich mit der Zeit -- beruhigte sich, je mehr sie
ihre unbegrenzte Uebermacht einsah und nichts mehr fr sie zu frchten
brauchte. Uebrigens hatten wir ihr noch nie in irgend etwas
widersprochen. Unser Zimmer war von den drei anderen, die sie bewohnte,
durch einen Korridor getrennt, und neben unserem lag nur noch das Zimmer
Pokrowskijs, wie ich schon erwhnte. Er unterrichtete Ssascha, lehrte
sie Franzsisch und Deutsch, Geschichte und Geographie -- d.h. alle
Wissenschaften, wie Anna Fedorowna zu sagen pflegte, und dafr brauchte
er fr Kost und Logis nichts zu zahlen.

Ssascha war ein sehr begabtes Mdchen, doch entsetzlich unartig und
lebhaft. Sie war damals erst dreizehn Jahre alt. Schlielich sagte Anna
Fedorowna zu Mama, da es vielleicht ganz gut wre, wenn ich mit ihr
zusammen lernen wrde, da ich ja in der Pension den Kursus sowieso nicht
beendet hatte. Mama war natrlich sehr froh ber diesen Vorschlag, und
so wurden wir beide gemeinsam ein ganzes Jahr von Pokrowskij
unterrichtet.

Pokrowskij war ein armer, sehr armer Mensch. Seine Gesundheit erlaubte
es ihm nicht, regelmig die Universitt zu besuchen, und so war er
eigentlich gar kein richtiger Student, wie er aus Gewohnheit noch
genannt wurde. Er lebte so still und ruhig in seinem Zimmer, da wir im
Nebenzimmer nichts von ihm hrten. Er sah auch recht eigentmlich aus,
bewegte und verbeugte sich so linkisch und sprach so seltsam, da ich
ihn anfangs nicht einmal ansehen konnte, ohne ber ihn lachen zu mssen.
Ssascha machte immer ihre unartigen Streiche, und das besonders whrend
des Unterrichts. Er aber war zum Ueberflu auch noch heftig, rgerte
sich bestndig, jede Kleinigkeit brachte ihn aus der Haut: er schalt
uns, schrie uns an, und sehr oft stand er wtend auf und ging fort, noch
bevor die Stunde zu Ende war, und schlo sich wieder in seinem Zimmer
ein. Dort aber, in seinem Zimmer, sa er tagelang ber den Bchern. Er
hatte viele Bcher, und alles so schne, seltene Exemplare. Er gab noch
an ein paar anderen Stellen Stunden und erhielt dafr Geld, doch kaum
hatte er welches erhalten, so ging er sogleich hin und kaufte sich
wieder Bcher.

Mit der Zeit lernte ich ihn nher kennen. Er war der beste und
ehrenwerteste Mensch, der beste von allen, die mir bis dahin im Leben
begegnet waren. Mama achtete ihn ebenfalls sehr. Und dann wurde er auch
mein treuer Freund und stand mir am nchsten von allen, -- natrlich
nach Mama.

In der ersten Zeit beteiligte ich mich -- obwohl ich doch schon ein
groes Mdchen war -- an allen Streichen, die Ssascha gegen ihn
ausheckte, und bisweilen berlegten wir stundenlang, wie wir ihn wieder
necken und seine Geduld auf eine Probe stellen knnten. Es war furchtbar
spaig, wenn er sich rgerte -- und wir wollten unser Vergngen haben.
(Noch jetzt schme ich mich, wenn ich daran zurckdenke.) Einmal hatten
wir ihn so gereizt, da ihm Trnen in die Augen traten, und da hrte ich
deutlich, wie er zwischen den Zhnen halblaut hervorstie: Nichts
grausamer als Kinder! Das verwirrte mich: zum erstenmal regte sich in
mir so etwas wie Scham und Reue und Mitleid. Ich errtete bis ber die
Ohren und bat ihn fast unter Trnen, sich zu beruhigen und sich durch
unsere dummen Streiche nicht krnken zu lassen, doch er klappte das Buch
zu und ging in sein Zimmer, ohne den Unterricht fortzusetzen.

Den ganzen Tag qulte mich die Reue. Der Gedanke, da wir Kinder ihn
durch unsere boshaften Dummheiten bis zu Trnen gergert hatten, war mir
unertrglich. So hatten wir es nur auf seine Trnen abgesehen! So
verlangte es uns, uns an seiner sicher krankhaften Gereiztheit auch noch
zu weiden! So war es uns nun also doch gelungen, ihn um den Rest von
Geduld zu bringen! So hatten wir ihn, diesen unglcklichen, armen
Menschen, gezwungen, unter seinem grausamen Los noch mehr zu leiden!

Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen -- wie mich die Reue qulte!
Man sagt, Reue erleichtere das Herz. Im Gegenteil! Ich wei nicht, wie
es kam, da sich in meinen Kummer auch Ehrgeiz mischte. Ich wollte
nicht, da er mich fr ein Kind halte. Ich war damals bereits fnfzehn
Jahre alt.

Von diesem Tage an lebte ich bestndig in Plnen, wie ich Pokrowskij
veranlassen knnte, seine Meinung ber mich zu ndern. Doch an der
Ausfhrung dieser meiner tausend Plne hinderte mich meine
Schchternheit: ich konnte mich zu nichts entschlieen, und so blieb es
denn bei den Plnen und Trumereien (und was man nicht alles so
zusammentrumt, mein Gott!). Nur beteiligte ich mich hinfort nicht mehr
an Ssaschas unartigen Spen, und auch sie wurde langsam artiger. Das
hatte zur Folge, da er sich nicht mehr ber uns rgerte. Doch das war
zu wenig fr meinen Ehrgeiz.

Nun einige Worte ber den seltsamsten und bemitleidenswertesten
Menschen, den ich jemals im Leben kennen gelernt habe. Ich will es
deshalb an dieser Stelle tun, weil ich mich mit ihm, den ich bis dahin
so gut wie gar nicht beachtet hatte, von jenem Tage an aufs lebhafteste
in meinen Gedanken zu beschftigen begann.

Von Zeit zu Zeit erschien bei uns im Hause ein schlecht und unsauber
gekleideter, kleiner, grauer Mann, der in seinen Bewegungen unsagbar
plump und linkisch war und berhaupt sehr eigentmlich aussah. Auf den
ersten Blick konnte man glauben, da er sich gewissermaen seiner selbst
schme, da er fr seine Existenz selbst um Entschuldigung bte.
Wenigstens duckte er sich immer irgendwie, oder er versuchte wenigstens
immer irgendwie sich zu drcken, sich gleichsam in nichts zu verwandeln,
und diese ngstlichen, verschmten, unsicheren Bewegungen und Gebrden
erweckten in jedem den Verdacht, da er nicht ganz bei vollem Verstande
sei. Wenn er zu uns kam, blieb er gewhnlich im Flur hinter der Glastr
stehen und wagte nicht, einzutreten. Ging zufllig jemand von uns -- ich
oder Ssascha -- oder jemand von den Dienstboten, die ihm freundlicher
gesinnt waren -- durch den Korridor und erblickte man ihn dort hinter
der Tr, so begann er zu winken und mit Gesten zu sich zu rufen und
verschiedene Zeichen zu machen: nickte man ihm dann zu -- damit erteilte
man ihm die Erlaubnis, und gab ihm zu verstehen, da keine fremden Leute
im Hause waren -- oder rief man ihn, dann erst wagte er endlich, leise
die Tr zu ffnen und lchelnd einzutreten, worauf er sich froh die
Hnde rieb und sogleich auf den Zehenspitzen zum Zimmer Pokrowskijs
schlich. Dieser Alte war sein Vater.

Spter erfuhr ich die Lebensgeschichte dieses Armen. Er war einmal
irgendwo Beamter gewesen, hatte aus Mangel an Fhigkeiten eine ganz
untergeordnete Stellung bekleidet. Als seine erste Frau (die Mutter des
Studenten Pokrowskij) gestorben war, hatte er zum zweitenmal geheiratet,
und zwar eine halbe Buerin. Von dem Augenblick an war im Hause kein
Friede mehr gewesen: die zweite Frau hatte das erste Wort gefhrt und
war mit jedem womglich handgemein geworden. Ihr Stiefsohn -- der
Student Pokrowskij, damals noch ein etwa zehnjhriger Knabe -- hatte
unter ihrem Ha viel zu leiden gehabt, doch zum Glck war es anders
gekommen. Der Gutsbesitzer Bkoff, der den Vater, den Beamten
Pokrowskij, frher gekannt und ihm einmal so etwas wie eine Wohltat
erwiesen hatte, nahm sich des Jungen an und steckte ihn in irgendeine
Schule. Er interessierte sich fr den Knaben nur aus dem Grunde, weil er
seine verstorbene Mutter gekannt hatte, als diese noch als Mdchen von
Anna Fedorowna Wohltaten erfahren und von ihr an den Beamten
Pokrowskij verheiratet worden war. Damals hatte Herr Bkoff, als guter
Bekannter und Freund Anna Fedorownas, der Braut aus Gromut eine Mitgift
von fnftausend Rubeln gegeben. Wo aber dieses Geld geblieben war -- ist
unbekannt. So erzhlte es mir Anna Fedorowna. Der Student Pokrowskij
selbst sprach nie von seinen Familienverhltnissen und liebte es nicht,
wenn man ihn nach seinen Eltern fragte. Man sagt, seine Mutter sei sehr
schn gewesen, deshalb wundert es mich, da sie so unvorteilhaft und
noch dazu einen so unansehnlichen Menschen geheiratet hat. -- Sie ist
schon frh gestorben, etwa im vierten Jahre nach der Heirat.

Von der Schule kam der junge Pokrowskij auf ein Gymnasium und von dort
auf die Universitt. Herr Bkoff, der sehr oft nach Petersburg zu kommen
pflegte, lie ihn auch dort nicht im Stich und untersttzte ihn. Leider
konnte Pokrowskij wegen seiner angegriffenen Gesundheit sein Studium
nicht fortsetzen, und da machte ihn Herr Bkoff mit Anna Fedorowna
bekannt, stellte ihn ihr persnlich vor, und so zog denn Pokrowskij zu
ihr, um fr Kost und Logis Ssascha in allen Wissenschaften zu
unterrichten.

Der alte Pokrowskij ergab sich aber aus Kummer ber die rohe Behandlung,
die ihm seine zweite Frau zuteil werden lie, dem schlimmsten aller
Laster: er begann zu trinken und war fast nie ganz nchtern. Seine Frau
prgelte ihn, lie ihn in der Kche schlafen und brachte es mit der Zeit
so weit, da er sich alles widerspruchslos gefallen lie und sich auch
an die Schlge gewhnte. Er war noch gar nicht so alt, aber infolge
seiner schlechten Lebensweise war er, wie ich bereits erwhnte,
tatschlich nicht mehr ganz bei vollem Verstande.

Der einzige Rest edlerer Gefhle war in diesem Menschen seine
grenzenlose Liebe zu seinem Sohne. Man sagte mir, der junge Pokrowskij
sei seiner Mutter so hnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen. War es
dann vielleicht die Erinnerung an die erste, gute Frau, die im Herzen
dieses heruntergekommenen Alten eine so grenzenlose Liebe zu seinem
Sohne erweckt hatte? Der Alte sprach berhaupt von nichts anderem, als
von diesem Sohn. In jeder Woche besuchte er ihn zweimal. Oefter zu
kommen, wagte er nicht, denn der Sohn selbst konnte diese vterlichen
Besuche nicht ausstehen. Diese Nichtachtung des Vaters war gewi sein
grter Fehler. Uebrigens konnte der Alte mitunter auch mehr als
unertrglich sein. Erstens war er furchtbar neugierig, zweitens strte
er den Sohn durch seine migen Gesprche und nichtigen, sinnlosen
Fragen beim Arbeiten, und drittens erschien er nicht immer ganz
nchtern. Der Sohn gewhnte dem Alten mit der Zeit seine schlechten
Angewohnheiten, seine Neugier und seine Schwatzhaftigkeit ab, und zu
guter Letzt gehorchte ihm der Vater wie einem Gott und wagte ohne seine
Erlaubnis nicht einmal mehr, den Mund aufzutun.

Der arme Alte konnte sich ber seinen Petinka(3) -- so nannte er den
Sohn -- nicht genug wundern und freuen. Wenn er zu ihm kam, sah er immer
bedrckt, besorgt, sogar ngstlich aus -- wahrscheinlich deshalb, weil
er noch nicht wute, wie der Sohn ihn empfangen werde. Gewhnlich konnte
er sich lange nicht entschlieen, einzutreten, und wenn er mich dann
erblickte, winkte er mich schnell zu sich heran, um mich oft eine ganze
halbe Stunde lang auszufragen, wie es dem Petinka gehe, was er mache, ob
er gesund sei und in welcher Stimmung, und ob er sich nicht mit etwas
Wichtigem beschftige. Vielleicht schreibe er? oder studiere wieder ein
philosophisches Werk? Und wenn ich ihn dann gengend beruhigt und
ermutigt hatte, entschlo er sich endlich, ganz, ganz leise und
vorsichtig die Tr zu ffnen und den Kopf ins Zimmer zu stecken: sah er,
da der Sohn nicht bse war, da er ihm vielleicht sogar zum Gru
zunickte, dann trat er ganz behutsam ein, nahm den Mantel und den Hut ab
-- letzterer war ewig verbeult und durchlchert, wenn nicht gar mit
abgerissener Krempe -- und hngte beides an einen Haken. Alles tat er so
vorsichtig und lautlos wie nur mglich. Dann setzte er sich vorsichtig
auf einen Stuhl und verwandte keinen Blick mehr von seinem Sohn,
verfolgte jede seiner Bewegungen, jeden Blick, um nur ja die Stimmung
seines Petinka zu erraten. Sah er, da der Sohn verstimmt und schlechter
Laune war, so erhob er sich sogleich wieder von seinem Platz und sagte,
da er eben nur so, Petinka, nur auf ein Weilchen zu ihm gekommen sei.
Ich bin, sieh mal, ja, ich bin weit gegangen, kam zufllig hier
vorber, und da trat ich eben auf ein Weilchen ein, um mich etwas
auszuruhen. Jetzt will ich wieder gehen. Und dann nahm er still und
ergeben seinen alten dnnen Mantel und den alten, abgetragenen Hut,
klinkte vorsichtig wieder die Tr auf und ging -- indem er sich noch zu
einem Lcheln zwang, um das aufwallende Leid im Herzen zu unterdrcken
und den Sohn nichts merken zu lassen.

  (3) Diminutiv von Pjotr. E.K.R.

Doch wenn der Sohn ihn freundlich empfing, dann wute er sich vor Freude
kaum zu lassen. Sein Gesicht, seine Bewegungen, seine Hnde -- alles
sprach dann von seinem Glck. Und wenn der Sohn mit ihm gar zu sprechen
begann, erhob sich der Alte stets ein wenig vom Stuhle, antwortete leise
und gleichsam untertnig, fast sogar ehrfrchtig, und immer bestrebt,
sich der gewhltesten Ausdrcke zu bedienen, die in diesem Fall
natrlich nur komisch wirkten. Hinzu kam, da er entschieden nicht zu
sprechen verstand: nach jeden paar Worten verwickelte er sich im Satz,
wurde verlegen, wute nicht, wo er die Hnde, wo er sich selbst lassen
sollte -- und nachher flsterte er dann noch mehrmals die Antwort vor
sich hin, wie um das Gesagte zu verbessern. War es ihm aber gelungen,
gut zu antworten, so war er ganz stolz, zog die Weste glatt, rckte an
der Krawatte, zupfte den Rock an den Aufschlgen, und seine Miene nahm
sogar den Ausdruck eines gewissen Selbstbewutseins an. Bisweilen aber
fhlte er sich dermaen ermutigt, da er geradezu khn wurde: er stand
vom Stuhl auf, ging zum Bcherregal, nahm irgendein Buch und begann zu
lesen, gleichviel was fr ein Buch es war. Und alles das tat er mit
einer Miene, die grte Gleichmut und Kaltbltigkeit vortuschen sollte,
als habe er von jeher das Recht, mit den Bchern des Sohnes nach
Belieben umzugehen, und als sei ihm dessen Freundlichkeit nichts
Ungewohntes. Einmal aber sah ich zufllig, wie der Alte erschrak, als
der Sohn ihn bat, die Bcher nicht anzurhren: er verlor vollstndig den
Kopf, beeilte sich, sein Vergehen wieder gut zu machen, wollte das Buch
zwischen die anderen wieder hineinzwngen, verdrehte es aber, schob es
mit dem Kopf nach unten hinein, zog es dann schnell wieder hervor,
drehte es um und dann nochmals um und schob es von neuem falsch hinein,
diesmal mit dem Rcken voran und dem Schnitt nach auen, lchelte dabei
hilflos, wurde rot und wute entschieden nicht, wie er sein Verbrechen
shnen sollte.

Nach und nach gelang es dem Sohn, den Vater durch Vorhaltungen und gutes
Zureden von seinen schlechten Gewohnheiten abzubringen, und wenn der
Alte etwa dreimal nach der Reihe nchtern erschienen war, gab er ihm das
nchste Mal fnfundzwanzig oder fnfzig Kopeken, oder noch mehr.
Bisweilen kaufte er ihm Stiefel, oder eine Weste, oder eine Krawatte,
und wenn der Alte dann in seinem neuen Kleidungsstck erschien, war er
stolz wie ein Hahn. Mitunter kam er auch zu uns und brachte Ssascha und
mir Pfefferkuchen oder Aepfel und sprach dann natrlich nur von seinem
Petinka. Er bat uns, whrend des Unterrichts aufmerksam und fleiig zu
sein, und unserem Lehrer zu gehorchen, denn Petinka sei ein guter Sohn,
sei der beste Sohn, den es berhaupt geben knnte, und obendrein, ein
so gelehrter Sohn. Wenn er das sagte, zwinkerte er uns ganz komisch mit
dem linken Auge zu, und sah uns so wichtig und bedeutsam an, da wir uns
gewhnlich nicht bezwingen konnten und herzlich ber ihn lachten. Mama
hatte den Alten sehr gern. Anna Fedorowna wurde von ihm gehat, obschon
er vor ihr niedriger als Gras und stiller als Wasser war.

Bald hrte ich auf, mich an dem Unterricht zu beteiligen. Pokrowskij
hielt mich nach wie vor nur fr ein Kind, fr ein unartiges kleines
Mdchen, wie Ssascha. Das krnkte mich sehr, denn ich hatte mich doch
nach Krften bemht, mein frheres Benehmen wieder gut zu machen. Aber
vergeblich: ich wurde berhaupt nicht beachtet. Das reizte und krnkte
mich noch mehr. Ich sprach ja fast gar nicht mit ihm, auer whrend des
Unterrichts, -- ich konnte einfach nicht sprechen. Ich wurde rot und
nachher weinte ich irgendwo in einem Winkel -- vor Aerger ber mich
selbst.

Ich wei nicht, zu was das noch gefhrt haben wrde, wenn uns nicht ein
Zufall einander nher gebracht htte. Das geschah folgendermaen:

Eines Abends, als Mama bei Anna Fedorowna sa, schlich ich mich heimlich
in Pokrowskijs Zimmer. Ich wute, da er nicht zu Hause war, doch vermag
ich wirklich nicht zu sagen, wie ich auf diesen Gedanken kam, in das
Zimmer eines fremden Menschen zu gehen. Ich tat es zum erstenmal,
obschon wir ber ein Jahr Tr an Tr gewohnt hatten. Mein Herz klopfte
so stark, als wollte es zerspringen. Ich sah mich mit einer
eigentmlichen Neugier im Zimmer um: es war ganz einfach, sogar rmlich
eingerichtet, von Ordnung war nicht viel zu sehen. Auf dem Tisch und auf
den Sthlen lagen Papiere, beschriebene Bltter. Ueberall nichts als
Bcher und Papiere! Ein seltsamer Gedanke berkam mich pltzlich: es
schien mir, da meine Freundschaft, selbst meine Liebe wenig fr ihn
bedeuten knnten. Er war so gelehrt und ich so dumm, ich wute nichts,
las nichts, besa kein einziges Buch ... Mit einem gewissen Neid blickte
ich nach den langen Bcherregalen, die fast zu brechen drohten unter der
schweren Last. Aerger erfate mich, und Groll und Sehnsucht und Wut! --
Ich wollte gleichfalls Bcher lesen, seine Bcher, und alle ausnahmslos,
und das so schnell als mglich! Ich wei nicht, vielleicht dachte ich,
da ich, wenn ich alles wte, was er wute, eher seine Freundschaft
erwerben knnte, als so, da ich nichts wute. Ich ging entschlossen zum
ersten Bcherregal und nahm, ohne zu zgern, ohne auch nur nachzudenken,
den ersten besten Band heraus -- zufllig ein ganz altes, bestaubtes
Buch -- und brachte es, zitternd vor Aufregung und Angst, in unser
Zimmer, um es in der Nacht, wenn Mama schlief, beim Schein des
Nachtlmpchens zu lesen.

Wie gro aber war mein Verdru, als ich, in unserem Zimmer glcklich
angelangt, das geraubte Buch aufschlug und sah, da es ein uraltes,
vergilbtes und von Wrmern halb zerfressenes lateinisches Werk war. Ich
besann mich nicht lange und kehrte schnell in sein Zimmer zurck. Doch
gerade wie ich im Begriff war, das Buch wieder auf seinen alten Platz
zurckzulegen, hrte ich pltzlich die Glastr zum Korridor ffnen und
schlieen und dann Schritte: jemand kam! Ich wollte mich beeilen, doch
das abscheuliche Buch war so eng in der Reihe eingepret gewesen, da
die anderen Bcher, als ich dieses herausgenommen, unter dem
verringerten Druck sogleich wieder dicker geworden waren, weshalb der
frhere Schicksalsgenosse nicht mehr hineinpate. Mir fehlte die Kraft,
um das Buch hineinzuzwngen. Die Schritte kamen nher: ich stie mit
aller Kraft die Bcher zur Seite, und -- der verrostete Nagel, der das
eine Ende des Bcherregals hielt und wohl nur auf diesen Augenblick
gewartet hatte, um zu brechen, -- brach. Das Brett strzte krachend mit
dem einen Ende zu Boden und die Bcher fielen mit Gerusch herab. Da
ging die Tr auf und Pokrowskij trat ins Zimmer.

Ich mu vorausschicken, da er es nicht ausstehen konnte, wenn jemand in
seinem Zimmer sich zu tun machte. Wehe dem, der gar seine Bcher
anzurhren wagte! Wie gro war daher mein Entsetzen, als alle die groen
und kleinen Bcher, die dicken und dnnen, eingebundenen und
uneingebundenen herabstrzten, bereinander kollerten und unter dem
Tisch und unter Sthlen und an der Wand in einem ganzen Haufen lagen.
Ich wollte fortlaufen, doch dazu war es zu spt. Jetzt ist es aus,
dachte ich, fr immer aus! Ich bin verloren! Ich bin unartig, wie eine
Zehnjhrige, wie ein kleines dummes Mdchen! Ich bin kindisch und
albern!

Pokrowskij rgerte sich entsetzlich.

Das fehlte gerade noch! rief er zornig. Schmen Sie sich denn nicht!
Werden Sie denn niemals Vernunft annehmen und die Kindertollheiten
lassen? Und er machte sich daran, die Bcher aufzuheben.

Ich bckte mich gleichfalls, um ihm zu helfen, doch er verbot es mir
barsch:

Nicht ntig, nicht ntig, lassen Sie das jetzt! Sie tten besser, sich
nicht da einzufinden, wohin man Sie nicht gerufen!

Meine stille Hilfsbereitschaft, die vielleicht mein Schuldbewutsein
verriet, mochten ihn etwas besnftigen, wenigstens fuhr er in milderem,
ermahnendem Tone fort, so wie er noch vor kurzer Zeit als Lehrer zu mir
gesprochen:

Wann werden Sie endlich Ihre Unbesonnenheiten aufgeben, wann endlich
etwas vernnftiger werden? So sehen Sie sich doch selbst an, Sie sind
doch kein Kind, kein kleines Mdchen mehr, -- Sie sind doch schon
fnfzehn Jahre alt!

Und da -- wahrscheinlich um sich zu berzeugen, ob ich auch wirklich
nicht mehr ein kleines Mdchen sei -- sah er mich an und pltzlich
errtete er bis ber die Ohren. Ich begriff nicht, weshalb er errtete:
ich stand vor ihm und sah ihn mit groen Augen verwundert an. Er wute
nicht, was tun, trat verlegen ein paar Schritte auf mich zu, geriet in
noch grere Verwirrung, murmelte irgend etwas, als wolle er sich
entschuldigen -- vielleicht deswegen, weil er es erst jetzt bemerkt
hatte, da ich schon ein so groes Mdchen sei! Endlich begriff ich. Ich
wei nicht, was dann in mir vorging: ich sah gleichfalls verwirrt zu
Boden, errtete noch mehr als Pokrowskij, bedeckte das Gesicht mit den
Hnden und lief aus dem Zimmer.

Ich wute nicht, was ich mit mir anfangen, wo ich mich vor Scham
verstecken sollte. Schon das allein, da er mich in seinem Zimmer
vorgefunden hatte! Ganze drei Tage konnte ich ihn nicht ansehen. Ich
errtete bis zu Trnen. Die schrecklichsten und lcherlichsten Gedanken
jagten mir durch den Kopf. Einer der verrcktesten war wohl der, da ich
zu ihm gehen, ihm alles erklren, alles gestehen und offen alles
erzhlen wollte, um ihm dann zu versichern, da ich nicht wie ein dummes
Mdchen gehandelt habe, sondern in guter Absicht. Ich hatte mich sogar
schon fest dazu entschlossen, doch zum Glck sank mein Mut und ich wagte
es nicht, meinen Vorsatz auszufhren. Ich kann mir denken, was ich damit
angestiftet htte! Wirklich, ich schme mich auch jetzt noch, berhaupt
nur daran zu denken.

Einige Tage darauf erkrankte Mama -- ganz pltzlich und sogar sehr
gefhrlich. In der dritten Nacht stieg das Fieber und sie phantasierte
heftig. Ich hatte schon eine Nacht nicht geschlafen und sa wieder an
ihrem Bett, gab ihr zu trinken und zu bestimmten Stunden die vom Doktor
verschriebene Arznei. In der folgenden Nacht versagte meine
Widerstandskraft, ich war vollstndig erschpft. Von Zeit zu Zeit fielen
mir die Augen zu, ich sah grne Punkte tanzen, im Kopf drehte sich alles
und jeden Augenblick wollte mich die Bewutlosigkeit berwltigen, doch
dann weckte mich wieder ein leises Sthnen der Kranken: ich fuhr auf und
erwachte fr einen Augenblick, um von neuem, bermannt von der
Mattigkeit, einzuschlummern. Ich qulte mich. Ich kann mich des Traumes,
den ich damals hatte, nicht mehr genau entsinnen, es war aber irgendein
schrecklicher Spuk, der mich whrend meines Kampfes gegen die mich immer
wieder berwltigende Mdigkeit mit wirren Traumbildern ngstigte.
Entsetzt wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel, das Nachtlicht im
Erlschen: bald schlug die Flamme flackernd auf und heller Lichtschein
erfllte das Zimmer, bald zuckte nur ein kleines blaues Flmmchen und an
den Wnden zitterten Schatten, um fr Augenblicke fast vollstndiger
Dunkelheit zu weichen. Ich begann mich zu frchten, ein seltsames
Entsetzen erfate mich: meine Empfindungen und meine Phantasie standen
noch unter dem Eindruck des grauenvollen Traumes und die Angst schnrte
mir das Herz zusammen ... Ich sprang taumelnd vom Stuhl und schrie leise
auf, unter dem qulenden Druck des unbestimmten Angstgefhls. In
demselben Augenblick ging die Tr auf und Pokrowskij trat zu uns ins
Zimmer.

Ich wei nur noch, da ich in seinen Armen aus der Bewutlosigkeit
erwachte. Behutsam setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir zu trinken
und fragte mich besorgt irgend etwas, das ich nicht verstand. Ich
erinnere mich nicht, was ich ihm antwortete.

Sie sind krank, Sie sind selbst sehr krank, sagte er, indem er meine
Hand erfate. Sie fiebern, Sie setzen Ihre eigene Gesundheit aufs
Spiel, wenn Sie sich so wenig schonen. Beruhigen Sie sich, legen Sie
sich hin, schlafen Sie. Ich werde Sie in zwei Stunden wecken, beruhigen
Sie sich nur ... Legen Sie sich hin, schlafen Sie ganz ruhig! redete er
mir zu, ohne mich ein Wort des Widerspruchs sagen zu lassen. Die
Erschpfung hatte meine letzten Krfte besiegt. Die Augen fielen mir vor
Schwche zu. Ich legte mich hin, um, wie ich mir fest vornahm, nur eine
halbe Stunde zu schlafen, schlief aber bis zum Morgen: Pokrowskij weckte
mich auf, als es Zeit war, Mama die Arznei einzugeben.

Als ich mich am nchsten Tage nach einer kurzen Erholung wieder zur
Nachtwache anschickte, entschlossen, diesmal nicht wieder einzuschlafen,
wurde etwa gegen elf Uhr an unsere Tr geklopft: ich ffnete -- es war
Pokrowskij.

Es wird Sie langweilen, denke ich, so allein zu sitzen, sagte er,
hier, nehmen Sie dieses Buch, es wird Sie immerhin etwas zerstreuen.

Ich nahm das Buch -- ich habe vergessen, was fr eines es war--, doch
obschon ich die ganze Nacht nicht schlief, sah ich kaum einmal hinein.
Es war eine eigentmliche innere Aufregung, die mir keine Ruhe lie: ich
konnte nicht schlafen, ich konnte nicht einmal lngere Zeit ruhig im
Lehnstuhl sitzen, -- mehrmals stand ich auf, um eine Weile im Zimmer
umherzugehen. Eine gewisse innere Zufriedenheit durchstrmte mein ganzes
Wesen. Ich war so froh ber die Aufmerksamkeit Pokrowskijs. Ich war
stolz auf seine Sorge, auf seine Bemhungen um mich. Die ganze Nacht
dachte ich nur daran und trumte mit offenen Augen. Er kam nicht wieder
und ich wute, da er in dieser Nacht nicht wieder kommen wrde, aber
ich malte mir dafr die nchste Begegnung aus.

Am folgenden Abend, als die anderen alle schon zu Bett gegangen waren,
ffnete Pokrowskij seine Tr und begann mit mir eine Unterhaltung, indem
er auf der Schwelle seines Zimmers stehen blieb. Ich entsinne mich
keines Wortes mehr von dem, was wir damals sprachen; ich wei nur noch,
da ich schchtern und verwirrt war, weshalb ich mich entsetzlich ber
mich rgerte, und da ich mit Ungeduld das Ende der Unterhaltung
erwartete, obschon ich mit allen Fibern an ihr hing und den ganzen Tag
an nichts anderes gedacht und mir sogar schon Fragen und Antworten
zurecht gelegt hatte...

Mit diesem Gesprch begann unsere Freundschaft. Whrend der ganzen Dauer
von Mamas Krankheit verbrachten wir jeden Abend einige Stunden zusammen.
Allmhlich berwand ich meine Schchternheit, wenn ich auch nach jedem
Gesprch immer noch Ursache hatte, ber mich selbst ungehalten zu sein.
Uebrigens erfllte es mich mit geheimer Freude und stolzer Genugtuung,
als ich sah, da er um meinetwillen seine unausstehlichen Bcher verga.
Einmal kamen wir zufllig darauf zu sprechen, wie sie damals vom
Bcherbrett gefallen waren -- natrlich im Scherz. Es war ein seltsamer
Augenblick: ich glaube, ich war _gar_ zu aufrichtig und naiv. Eine
seltsame Begeisterung ri mich mit sich fort und ich gestand ihm alles
... gestand ihm, da ich lernen wollte, um etwas zu wissen, wie es mich
gergert, da man mich fr ein kleines Mdchen gehalten ... Wie gesagt,
ich befand mich in einer sehr sonderbaren Stimmung: mein Herz war weich
und in meinen Augen standen Trnen, -- ich verheimlichte ihm nichts, ich
sagte ihm alles, alles, erzhlte ihm von meiner Freundschaft zu ihm, von
meinem Wunsch, ihn zu lieben, seinem Herzen nahe zu sein, ihn zu
trsten, zu beruhigen...

Er sah mich eigentmlich an, er schien verwirrt und erstaunt zugleich zu
sein und sagte kein Wort. Das tat mir pltzlich sehr weh und machte mich
traurig. Ich glaubte, er verstehe mich nicht und mache sich in Gedanken
vielleicht sogar ber mich lustig. Und pltzlich brach ich in Trnen aus
und weinte wie ein Kind: es war mir unmglich, mich zu beherrschen, wie
ein Krampf hatte es mich erfat. Er ergriff meine Hnde, kte sie,
drckte sie an die Brust, redete mir zu, trstete mich. Es mute ihm
sehr nahe gegangen sein, denn er war tief gerhrt. Ich erinnere mich
nicht mehr, was er zu mir sprach, ich weinte und lachte und errtete und
weinte wieder vor lauter Seligkeit, und konnte selbst kein Wort
hervorbringen. Dennoch entging mir nicht, da in Pokrowskij eine gewisse
Verwirrung und Gezwungenheit zurckblieb. Offenbar konnte er sich ber
meinen Gefhlsausbruch, ber eine so pltzliche, glhende Freundschaft
nicht genug wundern. Vielleicht war zu Anfang nur sein Interesse
geweckt, doch spterhin verlor sich seine Zurckhaltung und er erwiderte
meine Anhnglichkeit, meine freundlichen Worte, meine Aufmerksamkeit mit
ebenso aufrichtigen, ehrlichen Gefhlen, wie ich sie ihm
entgegenbrachte, und war so aufmerksam und freundlich zu mir, wie ein
aufrichtiger Freund, wie mein leiblicher Bruder. In meinem Herzen war es
so warm, so gut ... Ich verheimlichte nichts und verstellte mich nicht:
was ich fhlte, das sah er, und mit jedem Tage trat er mir nher, wurde
seine Freundschaft zu mir grer.

Wirklich, ich vermag es nicht zu sagen, wovon wir in jenen qualvollen
und doch sen Stunden unseres nchtlichen Beisammenseins beim
zitternden Licht des Lmpchens vor dem Heiligenbilde und fast dicht am
Bett meiner armen, kranken Mutter sprachen ... Wir sprachen von allem,
was uns einfiel, wovon das Herz voll war -- und wir waren fast glcklich
... Ach, es war eine traurige und doch frohe Zeit, beides zugleich. Auch
jetzt noch bin ich traurig und froh, wenn ich an sie zurckdenke.
Erinnerungen sind immer qulend, gleichviel ob es traurige oder frohe
sind. Wenigstens ist es bei mir so -- freilich liegt in dieser Qual
zugleich auch eine gewisse Se. Aber wenn es einem schwer wird ums Herz
und weh, und wenn man sich qult und traurig ist, dann sind Erinnerungen
erfrischend und belebend wie nach einem heien Tage khler Tau, der am
feuchten Abend die arme, in der Sonnenglut des Tages welk gewordene
Blume erfrischt und wieder belebt.

Mama war bereits auf dem Wege der Besserung -- trotzdem fuhr ich fort,
die Nchte an ihrem Bett zu verbringen. Pokrowskij gab mir Bcher:
anfangs las ich sie nur, um nicht einzuschlafen, dann aufmerksamer und
zuletzt mit wahrer Gier. Es war mir, als tte sich eine ganze Welt
neuer, mir bis dahin unbekannter, ungeahnter Dinge auf. Neue Gedanken,
neue Eindrcke strmten in Ueberflle auf mich ein. Und je mehr
Aufregung, je mehr Arbeit und Kampf mich die Aufnahme dieser neuen
Eindrcke kostete, um so lieber waren sie mir, um so freudvoller
erschtterten sie meine ganze Seele. Mit einem Schlage, ganz pltzlich
drngten sie sich in mein Herz und lieen es keine Ruhe mehr finden. Es
war ein eigentmliches Chaos, das mein ganzes Wesen aufzuregen begann.
Nur konnte mich diese geistige Vergewaltigung doch nicht vernichten. Ich
war gar zu verschwrmt und trumerisch, und das rettete mich.

Als meine Mutter die Krankheit glcklich berstanden hatte, hrten
unsere abendlichen Zusammenknfte und langen Gesprche auf. Nur hin und
wieder fanden wir Gelegenheit, ein paar bedeutungslose, ganz
gleichgltige Worte mit einander zu wechseln, doch trstete ich mich
damit, da ich jedem nichtssagenden Wort eine besondere Bedeutung
verlieh und ihm einen geheimen Sinn unterschob. Mein Leben war voll
Inhalt, ich war glcklich, war still und ruhig glcklich. Und so
vergingen mehrere Wochen...

Da trat einmal, wie zufllig, der alte Pokrowskij zu uns ins Zimmer. Er
schwatzte wieder alles mgliche, war bei auffallend guter Laune,
scherzte und war sogar witzig, so in seiner Art witzig, -- bis er
endlich mit der groen Neuigkeit, die zugleich die Lsung des Rtsels
seiner guten Laune war, herauskam, und uns mitteilte, da genau eine
Woche spter Petinkas Geburtstag sei und da er an jenem Tage unbedingt
zu seinem Sohne kommen werde. Er wolle dann die neue Weste anlegen, und
seine Frau, sagte er, habe versprochen, ihm neue Stiefel zu kaufen.
Kurz, der Alte war mehr als glcklich und schwatzte unermdlich.

Sein Geburtstag also! Dieser Geburtstag lie mir Tag und Nacht keine
Ruhe. Ich beschlo sogleich, ihm zum Beweis meiner Freundschaft
unbedingt etwas zu schenken. Aber was? Endlich kam mir ein guter
Gedanke: ich wollte ihm Bcher schenken. Ich wute, da er gern die
neueste Gesamtausgabe der Werke Puschkins besessen htte und so beschlo
ich, ihm dieselbe zu kaufen. Ich besa an eigenem Gelde etwa dreiig
Rubel, die ich mir mit Handarbeiten verdient hatte. Dieses Geld war
eigentlich fr ein neues Kleid bestimmt, das ich mir anschaffen sollte.
Doch ich schickte sogleich unsere Kchenmagd, die alte Matrjona, zum
nchsten Buchhndler, um sich zu erkundigen, wieviel die neueste Ausgabe
der Werke Puschkins koste. O, das Unglck! Der Preis aller elf Bnde
war, wenn man sie in gebundenen Exemplaren wollte, etwa sechzig Rubel.
Woher das Geld nehmen? Ich sann und grbelte und wute nicht, was tun.
Mama um Geld bitten, das wollte ich nicht. Sie wrde es mir natrlich
sofort gegeben haben, doch dann htten alle erfahren, da wir ihm ein
Geschenk machten. Und auerdem wre es dann kein Geschenk mehr gewesen,
sondern gewissermaen eine Entschdigung fr seine Mhe, die er das
ganze Jahr mit mir gehabt. Ich aber wollte ihm die Bcher ganz allein,
ganz heimlich schenken. Fr die Mhe aber, die er beim Unterricht mit
mir gehabt, wollte ich ihm ewig zu Dank verpflichtet sein, ohne ein
anderes Entgelt dafr, als meine Freundschaft. Endlich verfiel ich auf
einen Ausweg.

Ich wute, da man bei den Antiquaren im Gostinnyj Dworr(4) die neuesten
Bcher fr den halben Preis erstehen konnte, wenn man nur zu handeln
verstand. Oft waren es nur wenig mitgenommene, oft sogar fast ganz neue
Bcher. Dabei blieb es: ich nahm mir vor, bei nchster Gelegenheit nach
dem Gostinnyj Dworr zu gehen. Diese Gelegenheit fand sich schon am
folgenden Tage: Mama hatte irgend etwas ntig, das aus einer Handlung
besorgt werden sollte, und Anna Fedorowna gleichfalls, doch Mama fhlte
sich nicht ganz wohl und Anna Fedorowna hatte zum Glck gerade keine
Lust zum Ausgehen. So kam es, da ich mit Matrjona alles besorgen mute.

  (4) Grte Kaufhalle in Petersburg. E.K.R.

Ich fand sehr bald die betreffende Ausgabe, und zwar in einem hbschen
und gut erhaltenen Einbande. Ich fragte nach dem Preise. Zuerst
verlangte der Mann mehr, als die Ausgabe in der Buchhandlung kostete,
doch nach und nach brachte ich ihn so weit -- was brigens gar nicht so
leicht war -- da er, nachdem ich mehrmals fortgegangen und so getan
hatte, als wolle ich mich an einen anderen wenden, nach und nach vom
Preise ablie und seine Forderung schlielich auf fnfunddreiig Rubel
festsetzte. Welch ein Vergngen es mir war, zu handeln! Die arme
Matrjona konnte gar nicht begreifen, was in mich gefahren war und wozu
in aller Welt ich soviel Bcher kaufen wollte. Doch wer beschreibt
schlielich meinen Aerger: ich besa im ganzen nur meine dreiig Rubel,
und der Kaufmann wollte mir die Bcher unter keinen Umstnden billiger
abtreten. Ich bat aber und flehte und beredete ihn so lange, bis er sich
zu guter Letzt doch erweichen lie: er lie noch etwas ab, aber nur
zweieinhalb Rubel, mehr, sagte er, knne er bei allen Heiligen nicht
ablassen, und er schwor und beteuerte immer wieder, da er es nur fr
mich tue, weil ich ein so nettes Frulein sei, und da er einem anderen
Kufer nie und nimmer so viel abgelassen htte. Zweieinhalb Rubel
fehlten mir! Ich war nahe daran, vor Verdru in Trnen auszubrechen.
Doch da rettete mich etwas ganz Unvorhergesehenes.

Nicht weit von mir erblickte ich pltzlich den alten Pokrowskij, der an
einem der anderen Bchertische stand. Vier oder fnf der Antiquare
umringten ihn und schienen ihn durch ihre lebhaften Anpreisungen bereits
ganz eingeschchtert zu haben. Ein jeder bot ihm einige seiner Bcher
an, die verschiedensten, die man sich nur denken kann: mein Gott, was er
nicht alles kaufen wollte! Der arme Alte war ganz hilf- und ratlos und
wute nicht, fr welches der vielen Bcher, die ihm von allen Seiten
empfohlen wurden, er sich nun eigentlich entscheiden sollte. Ich trat
auf ihn zu und fragte, was er denn hier suche. Der Alte war sehr froh
ber mein Erscheinen; er liebte mich sehr, vielleicht gar nicht so viel
weniger als seinen Petinka.

Ja, eben, sehen Sie, ich kaufe da eben Bchelchen, Warwara Alexejewna,
antwortete er, fr Petinka kaufe ich ein paar Bchelchen. Sein
Geburtstag ist bald und er liebt doch am meisten Bcher, und da kaufe
ich sie denn eben fr ihn...

Der Alte drckte sich immer sehr sonderbar aus, diesmal aber war er noch
dazu vllig verwirrt. Was er auch kaufen wollte, immer kostete es ber
einen Rubel, zwei oder gar drei Rubel. An die groen Bnde wagte er sich
schon gar nicht heran, blickte nur so von der Seite mit verlangendem
Lcheln nach ihnen hin, bltterte etwas in ihnen -- ganz zaghaft und
ehrfurchtsvoll langsam -- besah wohl auch das eine oder andere Buch von
allen Seiten, drehte es in der Hand und stellte es wieder an seinen
Platz zurck.

Nein, nein, das ist zu teuer, sagte er dann halblaut, aber von hier
vielleicht etwas... Und er begann, unter den dnnen Broschren und
Heftchen, unter Liederbchern und alten Kalendern zu suchen: die waren
natrlich billig.

Aber weshalb wollen Sie denn so etwas kaufen, fragte ich ihn, diese
Heftchen sind doch nichts wert!

Ach nein, versetzte er, nein, sehen Sie nur, was fr hbsche
Bchelchen hier unter diesen sind, sehen Sie, wie hbsch! -- Die
letzten Worte sprach er so wehmtig und gleichsam zgernd in stockendem
Tone, da ich schon befrchtete, er werde sogleich zu weinen anfangen --
vor lauter Kummer darber, da die hbschen Bcher so teuer waren -- und
da sogleich ein Trnlein ber seine bleiche Wange an der roten Nase
vorberrollen werde.

Ich fragte ihn schnell, wieviel Geld er habe.

Da, hier, -- damit zog der Arme sein ganzes Vermgen hervor, das in
ein schmutziges Stckchen Zeitungspapier eingewickelt war -- hier,
sehen Sie, ein halbes Rubelchen, ein Zwanzigkopekenstck, hier Kupfer,
auch so zwanzig Kopeken...

Ich zog ihn sogleich zu meinem Antiquar.

Hier, sehen Sie, sind ganze elf Bnde, die alle zusammen zweiunddreiig
Rubel und fnfzig Kopeken kosten. Ich habe dreiig, legen Sie jetzt
zweieinhalb hinzu und wir kaufen alle diese elf Bcher und schenken sie
ihm gemeinsam!

Der Alte verlor fast den Kopf vor Freude, schttelte mit zitternden
Hnden all sein Geld aus der Tasche, worauf ihm dann der Antiquar unsere
ganze neuerstandene Bibliothek auflud. Mein Alterchen steckte die Bcher
in alle Taschen, belud mit dem Rest Arme und Hnde, und trug sie dann
alle zu sich nach Haus, nachdem er mir sein Wort gegeben, da er sie am
nchsten Tage ganz heimlich zu uns bringen werde.

Richtig, am nchsten Tage kam er zu dem Sohn, sa wie gewhnlich ein
Stndchen bei ihm, kam dann zu uns und setzte sich mit einer unsagbar
komischen und geheimnisvollen Miene zu mir. Lchelnd und die Hnde
reibend, stolz im Bewutsein, da er ein Geheimnis besa, teilte er mir
heimlich mit, da er die Bcher alle ganz unbemerkt zu uns gebracht und
in der Kche versteckt habe, woselbst sie unter Matrjonas Schutz bis zum
Geburtstage unbemerkt verbleiben konnten.

Dann kam das Gesprch natrlich auf das bevorstehende groe Fest. Der
Alte begann sehr weitschweifig darber zu reden, wie die Ueberreichung
des Geschenkes vor sich gehen sollte, und je mehr er sich in dieses
Thema vertiefte, je mehr und je unklarer er darber sprach, um so
deutlicher merkte ich, da er etwas auf dem Herzen hatte, was er nicht
sagen wollte oder nicht zu sagen verstand, vielleicht aber auch nicht
recht zu sagen wagte. Ich schwieg und wartete. Seine geheime Freude und
seine groteske Vergngtheit, die sich anfangs in seinen Gebrden, in
seinem ganzen Mienenspiel, in seinem Schmunzeln und einem gewissen
Zwinkern mit dem linken Auge verraten hatten, waren allmhlich
verschwunden. Er war sichtlich von innerer Unruhe geplagt und schaute
immer bekmmerter drein. Endlich hielt er es nicht lnger aus und begann
zaghaft:

Hren Sie, wie wre es, sehen Sie mal, Warwara Alexejewna ... wissen
Sie was, Warwara Alexejewna?... Der Alte war ganz konfus. Ja, sehen
Sie: wenn nun jetzt sein Geburtstag kommt, dann nehmen Sie zehn Bcher
und schenken ihm diese selbst, das heit also von sich aus, von Ihrer
Seite sozusagen ... ich aber werde dann den letzten Band nehmen und ihn
ganz allein von mir aus berreichen, also sozusagen ausdrcklich von
meiner Seite. Sehen Sie, dann haben Sie etwas zu schenken, und auch ich
habe etwas zu schenken, wir werden dann eben sozusagen beide etwas zu
schenken haben...

Hier geriet der Alte ins Stocken und wute nicht, wie er fortfahren
sollte. Ich sah von meiner Arbeit auf: er sa ganz still und erwartete
schchtern, was ich wohl dazu sagen werde.

Aber weshalb wollen Sie denn nicht gemeinsam mit mir schenken, Sachar
Petrowitsch? fragte ich.

Ja so, Warwara Alexejewna, das ist schon so, wie gesagt ... -- ich
meine ja nur eben sozusagen...

Kurz, der Alte verstand sich nicht auszudrcken, blieb wieder stecken
und kam nicht weiter.

Sehen Sie, hub er dann nach kurzem Schweigen von neuem an, ich habe
nmlich, mssen Sie wissen, den Fehler, da ich mitunter nicht ganz so
bin, wie man sein mu ... das heit, ich will Ihnen gestehen, Warwara
Alexejewna, da ich eigentlich immer dumme Streiche mache ... das ist
nun schon einmal so mit mir ... und ist gewi sehr schlecht von mir ...
Das kommt, sehen Sie, ganz verschiedentlich ... es ist drauen mitunter
so eine Klte, auch gibt es da Unannehmlichkeiten, oder man ist eben
einmal wehmtig gestimmt, oder es geschieht sonst irgend etwas nicht
Gutes, und da halte ich es denn mitunter nicht aus und schlage eben ber
die Schnur und trinke ein berflssiges Glschen. Dem Petruscha aber ist
das sehr unangenehm. Denn er, sehen Sie, er rgert sich darber und
schilt mich und erklrt mir, was Moral ist. Also deshalb, sehen Sie,
wrde ich ihm jetzt gern mit meinem Geschenk beweisen, da ich anfange,
mich gut aufzufhren, seine Lehren zu beherzigen und berhaupt mich zu
bessern. Da ich also, mit anderen Worten, gespart habe, um das Buch zu
kaufen, lange gespart, denn ich habe doch selbst gar kein Geld, sehen
Sie, es sei denn, da Petinka mir hin und wieder welches gibt. Das wei
er. Also wird er dann sehen, wozu ich sein Geld benutzt habe: da ich
alles nur fr ihn tue.

Er tat mir so leid, der Alte! Ich dachte nicht lange nach. Der Alte sah
mich in erwartungsvoller Unruhe an.

Hren Sie, Sachar Petrowitsch, sagte ich, schenken Sie sie ihm alle.

Wie alle? Alle Bnde?

Nun ja, alle Bnde.

Und das von mir, von meiner Seite?

Ja, von Ihrer Seite.

Ganz allein von mir? Das heit, in meinem Namen?

Nun ja doch, versteht sich, in Ihrem Namen.

Ich glaube, da ich mich deutlich genug ausdrckte, doch es dauerte eine
Zeitlang, bis der Alte mich begriff.

Na ja, sagte er schlielich nachdenklich, ja! -- das wrde sehr gut
sein, wirklich sehr gut, aber wie bleibt es dann mit Ihnen, Warwara
Alexejewna?

Ich werde dann einfach nichts schenken.

Wie! rief der Alte fast erschrocken, Sie werden Petinka nichts
schenken? Sie wollen ihm kein Geschenk machen?

Ich bin berzeugt, da der Alte in diesem Augenblick im Begriff war, das
Angebot zurckzuweisen, nur damit auch ich seinem Sohne etwas schenken
knne. Er war doch ein herzensguter Mensch, dieser Alte!

Ich versicherte ihm zugleich, da ich ja sehr gern schenken wrde, nur
wolle ich ihm die Freude nicht schmlern.

Und wenn Ihr Sohn mit dem Geschenk zufrieden sein wird, fuhr ich fort,
und Sie sich freuen werden, dann werde auch ich mich freuen.

Damit gelang es mir, den Alten zu beruhigen. Er blieb noch ganze zwei
Stunden bei uns, vermochte aber in dieser Zeit keine Minute lang ruhig
zu sitzen: er erhob sich, ging umher, sprach lauter als je, tollte mit
Ssascha umher, kte heimlich meine Hand, und schnitt Gesichter hinter
Anna Fedorownas Stuhl, bis diese ihn endlich nach Hause schickte. Kurz,
der Alte war rein aus Rand und Band vor lauter Freude, wie er es bis
dahin vielleicht in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war.

Am Morgen des feierlichen Tages erschien er pnktlich um elf Uhr, gleich
von der Frhmesse aus, erschien in anstndigem, ausgebessertem Rock und
tatschlich in neuen Stiefeln und mit neuer Weste. In jeder Hand trug er
ein Bndel Bcher -- Matrjona hatte ihm dazu zwei Servietten geliehen.
Wir saen gerade alle bei Anna Fedorowna und tranken Kaffee (es war ein
Sonntag). Der Alte begann, glaube ich, damit, da Puschkin ein sehr
guter Dichter gewesen sei; davon ging er, brigens nicht ohne gewisse
Unsicherheit und Verlegenheit und mehr als einmal stockend, aber doch
ziemlich pltzlich, auf ein anderes Thema ber, nmlich darauf, da man
sich gut auffhren msse: wenn der Mensch das nicht tue, so sei das ein
Zeichen, da er dumme Streiche mache. Schlechte Neigungen htten eben
von jeher den Menschen herabgezogen und verdorben. Ja, er zhlte sogar
mehrere abschreckende Beispiele von Unenthaltsamkeit auf, und schlo
damit, da er selbst sich seit einiger Zeit vollkommen gebessert habe
und sich jetzt musterhaft auffhre. Er habe auch frher schon die
Richtigkeit der Lehren seines Sohnes erkannt und sie schon lange
innerlich beherzigt, jetzt aber habe er begonnen, sich auch in der Tat
aller schlechten Dinge zu enthalten und so zu leben, wie er es seiner
Erkenntnis gem fr richtig halte. Zum Beweis aber schenke er hiermit
die Bcher, fr die er sich im Laufe einer langen Zeit das ntige Geld
zusammengespart habe.

Ich hatte Mhe, mir die Trnen und das Lachen zu verbeien, whrend der
arme Alte redete. So hatte er es doch verstanden, zu lgen, sobald es
ntig war!

Die Bcher wurden sogleich feierlich in Pokrowskijs Zimmer gebracht und
auf dem Bcherbrett aufgestellt. Pokrowskij selbst hatte natrlich
sofort die Wahrheit erraten.

Der Alte wurde aufgefordert, zum Mittagessen zu bleiben. Wir waren an
diesem Tage alle recht lustig. Nach dem Essen spielten wir ein
Pfnderspiel und dann Karten. Ssascha tollte und war so ausgelassen wie
nur je, und ich stand ihr in nichts nach. Pokrowskij war sehr aufmerksam
gegen mich und suchte immer nach einer Gelegenheit, mich unter vier
Augen zu sprechen, doch lie ich mich nicht einfangen. Das war der
schnste Tag in diesen vier Jahren meines Lebens!

Jetzt, von ihm ab, kommen nur noch traurige, schwere Erinnerungen, jetzt
beginnt die Geschichte meiner dunklen Tage. Wohl deshalb will es mir
scheinen, als ob meine Feder langsamer schreibe, als beginne sie, mde
zu werden und als wolle es nicht gut weiter gehen mit dem Erzhlen.
Deshalb habe ich wohl auch so ausfhrlich und mit so viel Liebe alle
Einzelheiten meiner Erlebnisse in jenen glcklichen Tagen meines Lebens
beschrieben. Sie waren ja so kurz, diese Tage. So bald wurden sie von
Kummer, von schwerem Kummer verdrngt, und nur Gott allein mag wissen,
wann der einmal ein Ende nehmen wird.

Mein Unglck begann mit der Krankheit und dem Tode Pokrowskijs.

Es waren etwa zwei Monate seit seinem Geburtstage vergangen, als er
erkrankte. In diesen zwei Monaten hatte er sich unermdlich um eine
Anstellung, die ihm eine Existenzmglichkeit gewhrt htte, bemht, denn
bis dahin hatte er ja noch nichts. Wie alle Schwindschtigen, gab auch
er die Hoffnung, noch lange zu leben, bis zum letzten Augenblick nicht
auf. Einmal sollte er irgendwo als Lehrer angestellt werden, doch hatte
er einen unberwindlichen Widerwillen gegen diesen Beruf. In den
Staatsdienst zu treten, verbot ihm seine angegriffene Gesundheit.
Auerdem htte er dort lange auf das erste etatsmige Gehalt warten
mssen. Kurz, Pokrowskij sah berall nichts als Mierfolge. Das war
natrlich von schlechtem Einflu auf ihn. Er rieb sich auf. Er opferte
seine Gesundheit. Freilich beachtete er es nicht. Der Herbst kam. Jeden
Tag ging er in seinem leichten Mantel aus, um wieder irgendwo um eine
Anstellung zu bitten, -- was ihm dabei eine Qual war. Und so kam er dann
immer mde, hungrig, vom Regen durchnt und mit nassen Fen nach Haus,
bis er endlich so weit war, da er sich zu Bett legen mute -- um nicht
wieder aufzustehen ... Er starb im Sptherbst, Ende Oktober.

Ich pflegte ihn. Whrend der ganzen Dauer seiner Krankheit verlie ich
nur selten sein Zimmer. Oft schlief ich ganze Nchte nicht. Meist lag er
bewutlos im Fieber und phantasierte; dann sprach er Gott wei wovon,
zuweilen auch von der Anstellung, die er in Aussicht hatte, von seinen
Bchern, von mir, vom Vater ... und da erst hrte ich vieles von seinen
Verhltnissen, was ich noch gar nicht gewut und nicht einmal geahnt
hatte.

In der ersten Zeit seiner Krankheit und meiner Pflege sahen mich alle im
Hause etwas sonderbar an, und Anna Fedorowna schttelte den Kopf. Doch
ich blickte allen offen in die Augen, und da hrte man denn auf, meine
Teilnahme fr den Kranken zu verurteilen -- wenigstens Mama tat es nicht
mehr.

Hin und wieder erkannte mich Pokrowskij, doch geschah das
verhltnismig selten. Er war fast die ganze Zeit nicht bei Besinnung.
Bisweilen sprach er lange, lange, oft ganze Nchte lang in unklaren,
dunklen Worten zu irgend jemand, und seine heisere Stimme klang in dem
engen Zimmer so dumpf wie in einem Sarge. Dann frchtete ich mich.
Namentlich in der letzten Nacht war er wie rasend: er litt entsetzlich
und qulte sich, und sein Sthnen zerri mir das Herz. Alle im Hause
waren erschttert. Anna Fedorowna betete die ganze Zeit, Gott mge ihn
schneller erlsen. Der Arzt wurde gerufen. Er sagte, da der Kranke wohl
nur noch bis zum nchsten Morgen leben werde.

Der alte Pokrowskij verbrachte die ganze Nacht im Korridor, dicht an der
Tr zum Zimmer seines Sohnes: dort hatte man ihm ein Lager zurecht
gemacht, irgendeine Matte als Unterlage auf den Fuboden gelegt. Jeden
Augenblick kam er ins Zimmer, -- es war schrecklich, ihn anzusehen. Der
Schmerz hatte ihn so gebrochen, da er fast vollkommen teilnahmslos,
ganz gefhllos und gedankenlos erschien. Sein Kopf zitterte. Sein ganzer
Krper zitterte und sein Mund flsterte mechanisch irgend etwas vor sich
hin. Es schien mir, da er vor Schmerz den Verstand verlieren werde.

Vor Tagesanbruch sank der Alte auf seiner Matte im Korridor endlich in
Schlaf. Gegen acht Uhr begann der Sohn zu sterben. Ich weckte den Vater.
Pokrowskij war bei vollem Bewutsein und nahm von uns allen Abschied.
Seltsam! Ich konnte nicht weinen, aber ich glaubte es krperlich zu
fhlen, wie mein Herz in Stcke zerri.

Doch das Qualvollste waren fr mich seine letzten Augenblicke. Er bat
lange, lange um irgend etwas, doch konnte ich seine Worte nicht mehr
verstehen, da seine Zunge bereits steif war. Mein Herz krampfte sich
zusammen. Eine ganze Stunde war er unruhig, und immer wieder bat er um
irgend etwas, bemhte er sich, mit seiner bereits steif gewordenen Hand
ein Zeichen zu machen, um dann wieder mit trauriger, dumpf-heiserer
Stimme um etwas zu bitten -- doch die Worte waren nur zusammenhanglose
Laute, und wieder konnte ich nichts verstehen. Ich fhrte alle einzeln
an sein Bett, reichte ihm zu trinken, er aber schttelte immer nur
langsam den Kopf und sah mich so traurig an. Endlich erriet ich, was er
wollte: er bat, den Fenstervorhang aufzuziehen und die Lden zu ffnen.
Er wollte wohl noch einmal den Tag sehen, das Gotteslicht, die Sonne.

Ich zog den Vorhang fort und stie die Lden auf, doch der anbrechende
Tag war trbe und traurig, wie das erlschende arme Leben des
Sterbenden. Von der Sonne war nichts zu sehen. Wolken verhllten den
Himmel mit einer dicken Nebelschicht, so regnerisch, dster und
schwermtig war es. Ein feiner Regen schlug leise an die Fensterscheiben
und rann in klaren, kalten Wasserstreifen an ihnen herab. Es war trb
und dunkel. Das bleiche Tageslicht drang nur sprlich ins Zimmer, wo es
das zitternde Licht des Lmpchens vor dem Heiligenbilde kaum merklich
verdrngte. Der Sterbende sah mich traurig, so traurig an und bewegte
dann leise, wie zu einem mden Schtteln, den Kopf. Nach einer Minute
starb er.

Fr die Beerdigung sorgte Anna Fedorowna. Es wurde ein ganz, ganz
einfacher Sarg gekauft und ein Lastwagen gemietet. Zur Deckung der
Unkosten aber wurden alle Bcher und Sachen des Verstorbenen von Anna
Fedorowna beschlagnahmt. Der Alte wollte ihr die Hinterlassenschaft
seines Sohnes nicht abtreten, stritt mit ihr, lrmte, nahm ihr die
Bcher fort, stopfte sie in alle Taschen, in den Hut, wo immer er sie
nur unterbringen konnte, schleppte sie drei Tage mit sich herum und
trennte sich auch dann nicht von ihnen, als wir zur Kirche gehen muten.
Alle diese Tage war er ganz wie ein Geistesgestrter. Mit einer
seltsamen Geschftigkeit machte er sich ewig etwas am Sarge zu schaffen:
bald zupfte er ein wenig die grnen Bltter zurecht, bald zndete er die
Kerzen an, um sie wieder auszulschen und dann wieder anzuznden. Man
sah es, da seine Gedanken nicht lnger als einen Augenblick bei etwas
Bestimmtem verweilen konnten.

Der Totenmesse in der Kirche wohnten weder Mama noch Anna Fedorowna bei.
Mama war krank, Anna Fedorowna aber, die sich bereits angekleidet hatte,
geriet wieder mit dem alten Pokrowskij in Streit, rgerte sich und blieb
zu Haus. So waren nur ich und der Alte in der Kirche. Whrend des
Gottesdienstes ergriff mich pltzlich eine unsagbare Angst -- wie eine
dunkle Ahnung dessen, was mir bevorstand. Ich konnte mich kaum auf den
Fen halten.

Endlich wurde der Sarg geschlossen, auf den Lastwagen gehoben und
fortgefhrt. Ich begleitete ihn nur bis zum Ende der Strae. Dann fuhr
der Fuhrmann im Trab weiter. Der Alte lief hinter ihm her und weinte
laut, und sein Weinen zitterte und brach oft ab, da das Laufen ihn
erschtterte. Der Arme verlor seinen Hut, blieb aber nicht stehen, um
ihn aufzuheben, sondern lief weiter. Sein Kopf wurde na vom Regen. Ein
scharfer, kalter Wind erhob sich und schnitt ins Gesicht. Doch der Alte
schien nichts davon zu spren und lief weinend weiter, bald an der
einen, bald an der anderen Seite des Wagens. Die langen Sche seines
fadenscheinigen alten Ueberrocks flatterten wie Flgel im Winde. Aus
allen Taschen sahen Bcher hervor und im Arm trug er irgendein groes
schweres Buch, das er krampfhaft umklammerte und an die Brust drckte.
Die Vorbergehenden nahmen die Mtzen ab und bekreuzten sich. Einige
blieben stehen und schauten verwundert dem armen Alten nach. Alle
Augenblicke fiel ihm aus einer Tasche ein Buch in den Straenschmutz.
Dann rief man ihn an, hielt ihn zurck und machte ihn auf seinen Verlust
aufmerksam. Und er hob das Buch auf und lief wieder weiter, dem Sarge
nach. Kurz vor der Straenecke schlo sich ihm eine alte Bettlerin an
und folgte gleichfalls dem Sarge. Endlich bog der Wagen um die
Straenecke und verschwand.

Ich ging nach Hause. Zitternd vor Weh warf ich mich meiner Mutter an die
Brust. Ich umschlang sie fest mit meinen Armen und kte sie und
pltzlich brach ich in Trnen aus. Und ich schmiegte mich angstvoll an
die einzige, die mir als mein letzter Freund noch geblieben war, als
htte ich sie fr immer festhalten wollen, damit der Tod mir nicht auch
sie noch entreie...

Doch der Tod schwebte damals schon ber meiner armen Mutter...

                   *       *       *       *       *

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11. Juni.

Wie dankbar bin ich Ihnen, Makar Alexejewitsch, fr den gestrigen
Spaziergang nach den Inseln! Wie schn es dort war, wie wundervoll grn,
und die Luft wie kstlich! -- Ich hatte so lange keinen Rasen und keine
Bume gesehen, -- als ich krank war, dachte ich doch, da ich sterben
msse, da ich bestimmt sterben werde -- nun knnen Sie sich denken, was
ich gestern fhlen mute, und was empfinden!

Seien Sie mir nicht bse, da ich so traurig war. Ich fhlte mich sehr
wohl und leicht, aber gerade in meinen besten Stunden werde ich aus
irgendeinem Grunde traurig; so geht es mir immer. Und da ich weinte,
das hatte auch nichts auf sich, ich wei selbst nicht, weshalb ich immer
weinen mu. Ich bin, das fhle ich, krankhaft berreizt, alle Eindrcke,
die ich empfange, sind krankhaft -- krankhaft heftig. Der wolkenlose
blasse Himmel, der Sonnenuntergang, die Abendstille -- alles das -- ich
wei wirklich nicht, -- ich war gestern jedenfalls in der Stimmung, alle
Eindrcke schwer und qualvoll zu nehmen, so da das Herz bald bervoll
war und die Seele nach Trnen verlangte. Doch wozu schreibe ich Ihnen
das alles? Das Herz wird sich nur so schwer ber alles dies klar, um wie
viel schwerer ist es da noch, alles wiederzugeben! Aber vielleicht
verstehen Sie mich doch.

Leid und Freude! Wie gut Sie doch sind, Makar Alexejewitsch! Gestern
blickten Sie mir so in die Augen, als wollten Sie in ihnen lesen, was
ich empfand, und Sie waren glcklich ber meine Freude. War es ein
Strauch, eine Allee oder ein Wasserstreifen -- immer standen Sie da vor
mir und fhlten sich ganz stolz und schauten mir immer wieder in die
Augen, als wre alles, was Sie mir da zeigten, Ihr Eigentum gewesen. Das
beweist, da Sie ein gutes Herz haben, Makar Alexejewitsch. Deshalb
liebe ich Sie ja auch.

Nun leben Sie wohl. Ich bin heute wieder krank: gestern bekam ich nasse
Fe und habe mich infolgedessen erkltet. Fedora ist noch nicht ganz
gesund -- ich wei nicht, was ihr fehlt. So sind wir jetzt beide krank.
Vergessen Sie mich nicht, kommen Sie fter zu uns.

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

12. Juni.

Mein Tubchen Warwara Alexejewna!

Ich dachte, mein Kind, Sie wrden mir den gestrigen Ausflug in lauter
Gedichten beschreiben, und da erhalte ich nun von Ihnen so ein einziges
kleines Blttchen! Doch will ich damit nicht tadeln, da Sie mir nur
wenig geschrieben haben: dafr haben Sie alles ungewhnlich gut und
schn beschrieben. Die Natur, die verschiedenen Landschaftsstimmungen,
was Sie selber empfanden -- das haben Sie mit einem Worte kurz, aber
ganz wunderbar geschildert. Ich habe dagegen ganz und gar kein Talent,
irgend etwas zu beschreiben: wenn ich auch zehn Seiten vollkritzele, es
kommt dabei doch nichts heraus und nichts ist wirklich beschrieben. Das
wei ich selbst nur zu genau.

Sie schreiben mir, meine Liebe, da ich ein guter Mensch sei,
sanftmtig, voll Wohlwollen fr alle, unfhig, dem Nchsten etwas Bses
zuzufgen, und da ich die Gte des himmlischen Schpfers, wie sie in
der Natur zum Ausdruck kommt, wohl verstehe, und Sie beehren mich noch
mit verschiedenen anderen Lobsprchen. -- Das ist gewi alles wahr, mein
Kind, nichts als die reine Wahrheit, denn ich bin wirklich so, wie Sie
sagen, ich wei das selbst: und es freut einen auch, wenn man von
anderen so etwas geschrieben sieht, wie das, was Sie mir da geschrieben
haben: es wird einem unwillkrlich froh und leicht zumut -- aber
schlielich kommen einem doch wieder allerlei schwere Gedanken. Nun
hren Sie mich mal an, mein Kind, ich will Ihnen jetzt mal etwas
erzhlen.

Ich beginne damit, da ich auf die Zeit zurckgreife, als ich erst
siebzehn Lenze zhlte und in den Staatsdienst trat: nun werden es bald
runde dreiig Jahre sein, da ich als Beamter ttig bin! Ich habe in der
Zeit, was soll ich sagen, genug Uniformrcke abgetragen, bin darber
Mann geworden, auch vernnftiger und klger, habe Menschen gesehen und
kennen gelernt, habe auch gelebt, ja, warum nicht -- ich kann schon
sagen, da ich gelebt habe--, und einmal wollte man mich sogar zur
Auszeichnung vorschlagen: man wollte mir nmlich fr meine Dienste ein
Kreuz verleihen. Sie werden mir das letztere vielleicht nicht glauben,
aber es war wirklich so, ich lge Ihnen nichts vor. Nun, was kam dabei
heraus, mein Kind? Ja, sehen Sie, es finden sich immer und berall
schlechte Menschen. Aber wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, meine
Liebe: ich bin zwar ein ungebildeter Mensch, meinetwegen sogar ein
dummer Mensch, aber das Herz, das in mir schlgt, ist genau so, wie das
Herz anderer Menschen. Also wissen Sie, Warinka, was ein bser Mensch
mir antat? Man schmt sich ordentlich, es zu sagen. Sie fragen, warum er
es tat? Einfach darum, weil ich so ein Stiller bin, weil ich bescheiden
bin, weil ich ein guter Kerl bin. Ich war ihnen nicht nach ihrem
Geschmack, und so wurde denn alles mir, und immer mir, in die Schuhe
geschoben. Anfangs hie es, wenn jemand etwas schlecht gemacht hatte:

Eh, Sie da, Makar Alexejewitsch, dies und das! -- Daraus wurde mit der
Zeit:

Ach, natrlich Makar Alexejewitsch, wer denn sonst!

Jetzt aber heit es ganz einfach:

Na, selbstverstndlich doch Makar Alexejewitsch, was fragen Sie noch!

Sehen Sie, Kind, so kam die ganze Geschichte. An allem war Makar
Alexejewitsch schuld. Sie verstanden weiter nichts, als Makar
Alexejewitsch sozusagen zum Schlagwort im ganzen Departement zu machen.
Und noch nicht genug damit, da sie in dieser Weise aus mir ein
geflgeltes Wort, fast sogar einen geflgelten Tadel, wenn nicht gar ein
Schmhwort machten -- nein, sie hatten auch noch an meinen Stiefeln,
meinem Rock, meinen Haaren und Ohren, kurz, an allem, was an mir war,
etwas auszusetzen: alles war ihnen nicht recht, alles mute anders
gemacht werden! Und das wiederholt sich nun schon seit undenklichen
Zeiten jeden Tag! Ich habe mich daran gewhnt, weil ich mich an alles
gewhne, weil ich ein stiller Mensch bin, weil ich ein kleiner Mensch
bin. Aber, fragt man sich schlielich, womit habe ich denn das alles
verdient? Wem habe ich je etwas Schlechtes getan? Habe ich etwa jemandem
den Rang abgelaufen? Oder jemanden bei den Vorgesetzten angeschwrzt, um
dafr belohnt zu werden? Oder habe ich sonst eine Kabale gegen jemanden
angestiftet? Sie wrden sndigen, Kind, wenn Sie so etwas auch nur
denken wollten! Bin ich denn einer, der so etwas berhaupt fertig
brchte? So betrachten Sie mich doch nur genauer, meine Liebe, und dann
sagen Sie selbst, ob ich auch nur die Fhigkeit zu Intrigen und zum
Strebertum habe? Also wofr treffen mich dann diese Heimsuchungen? Doch
vergib, Herr! Sie, Warinka, halten mich fr einen ehrenwerten Menschen,
Sie aber sind auch unvergleichlich besser, als alle die anderen, jawohl
Warinka!

Was ist die grte brgerliche Tugend? Ueber diese Frage uerte sich
noch vor ein paar Tagen Jewstafij Iwanowitsch in einem Privatgesprch.
Er sagte: Die grte brgerliche Tugend sei -- Geld zu schaffen. Er
sagte es natrlich im Scherz (ich wei, da er es nur im Scherz sagte),
was aber in dem Worte fr eine Moral lag (die er eigentlich im Sinne
hatte), das war, da man mit seiner Person niemandem zur Last fallen
solle. Ich aber falle niemandem zur Last! Ich habe mein eigenes Stck
Brot. Es ist ja wohl nur ein einfaches Stck Brot, mitunter sogar altes,
trockenes Brot, aber _ich_ habe es doch, es ist _mein_ Brot, durch
_meine_ Arbeit rechtlich und redlich erworben!

Nun ja, was ist da zu machen! Ich wei es ja selbst, da ich nichts
sonderlich Groes vollbringe, wenn ich in meinem Bureau sitze und
Schriftstcke abschreibe. Trotzdem bin ich stolz darauf: ich arbeite
doch, leiste doch etwas, tue es durch meiner Hnde Arbeit. Nun, und was
ist denn dabei, da ich nur abschreibe? Ist denn das etwa eine Snde?
Na ja, doch eben immer nur ein Schreiber! -- Aber was ist denn dabei
Unehrenhaftes? Meine Handschrift ist so eingeschrieben, so leserlich,
jeder Buchstabe wie gestochen, da es eine Freude ist, so einen ganzen
Bogen zu sehen, und -- Se. Exzellenz sind zufrieden mit mir. Ich mu die
wichtigsten Papiere fr Se. Exzellenz abschreiben. Ja, aber ich habe
keinen Stil! Das wei ich selbst, da ich ihn nicht habe, den
verwnschten Stil! Mir fehlen die Redewendungen! Ich wei es, und
deshalb habe ich es auch im Dienst zu nichts gebracht ... Auch an Sie,
mein Kind, schreibe ich jetzt, wie es gerade so kommt, ohne alle Kunst
und Feinheit, wie es mir aus dem Herzen in den Sinn strmt ... Das wei
ich selbst ganz genau: aber schlielich: wenn alle nur Selbstverfates
schreiben wollten, wer wrde dann -- abschreiben?

Das ist die Frage. Sehen Sie, und nun, bitte, beantworten Sie sie mir,
meine Liebe.

So sehe ich denn jetzt selbst ein, da man mich braucht, da ich
notwendig, da ich unentbehrlich bin, und da kein Grund vorliegt, sich
durch miges Geschwtz irre machen zu lassen. Nun schn, meinetwegen
bin ich eine Ratte, wenn sie glauben, eine Aehnlichkeit mit ihr
herausfinden zu knnen. Aber diese Ratte ist ntzlich, ohne diese Ratte
kme man nicht aus, diese Ratte ist sogar ein Faktor, mit dem man
rechnet, und dieser Ratte wird man bald sogar eine Gratifikation
zusprechen, -- da sehen Sie, was das fr eine Ratte ist!

Doch jetzt habe ich genug davon geredet. Ich wollte ja eigentlich gar
nicht davon sprechen, aber nun -- es kam mal so zur Sprache, und da
hat's mich denn hingerissen. Es ist doch immer ganz gut, von Zeit zu
Zeit sich selbst etwas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Leben Sie wohl, mein Tubchen, meine gute kleine Trsterin! Ich werde
schon kommen, gewi werde ich kommen und Sie besuchen, mein Sternchen,
um zu sehen, wie es Ihnen geht und was Sie machen. Grmen Sie sich bis
dahin nicht gar zu sehr. Ich werde Ihnen ein Buch mitbringen. Also leben
Sie wohl bis dahin, Warinka.

Wnsche Ihnen von Herzen alles Gute!

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

20. Juni.

Sehr geehrter Makar Alexejewitsch!

Schreibe Ihnen in aller Eile, denn ich habe sehr wenig Zeit, -- mu eine
Arbeit zu einem bestimmten Termin beenden.

Hren Sie, um was es sich handelt: es bietet sich ein guter
Gelegenheitskauf. Fedora sagt, ein Bekannter von ihr habe einen fast
neuen Uniformrock, sowie Beinkleider, Weste und Mtze zu verkaufen, und
alles, wie sie sagt, sehr billig. Wenn Sie sich das nun kaufen wollten!
Sie haben doch jetzt Geld und sind nicht mehr in Verlegenheit, -- Sie
sagten mir ja selbst, da Sie Geld haben. Also seien Sie vernnftig und
schaffen Sie sich die Sachen an. Sie haben sie doch so ntig. Sehen Sie
sich doch nur selbst an, in was fr alten Kleidern Sie umhergehen. Eine
wahre Schande! Alles ist geflickt. Und neue Kleider haben Sie nicht, das
wei ich, obschon Sie versichern, Sie htten sie. Gott wei, was Sie mit
Ihrem neuen Anzug angefangen haben. So hren Sie doch diesmal auf mich
und kaufen Sie die Kleider, bitte, tun Sie's! Tun Sie es fr mich, wenn
Sie mich lieb haben!

Sie haben mir Wsche geschenkt. Hren Sie, Makar Alexejewitsch, das geht
wirklich nicht so weiter! Sie richten sich zugrunde, denn das ist doch
kein Spa, was Sie schon fr mich ausgegeben haben, -- entsetzlich,
wieviel Geld! Wie Sie verschwenden knnen! Ich habe ja nichts ntig, das
war ja alles ganz, ganz berflssig! Ich wei, glauben Sie mir, ich
wei, da Sie mich lieben, deshalb ist es ganz berflssig von Ihnen,
mich noch durch Geschenke immer wieder dieser Liebe vergewissern zu
wollen. Wenn Sie wten, wie schwer es mir fllt, sie anzunehmen! Ich
wei doch, was sie Sie kosten. Deshalb ein fr allemal: Lassen Sie es
gut sein, schicken Sie mir nichts mehr! Hren Sie? Ich bitte Sie, ich
flehe Sie an!

Sie bitten mich, Ihnen die Fortsetzung meiner Aufzeichnungen zuzusenden,
Sie wollen, da ich sie beende. Gott, ich wei selbst nicht, wie ich das
fertig gebracht habe, soviel zu schreiben, wie dort geschrieben ist!
Nein, ich habe nicht die Kraft, jetzt von meiner Vergangenheit zu
sprechen. Ich will an sie nicht einmal zurckdenken. Ich frchte mich
vor diesen Erinnerungen. Und gar von meiner armen Mutter zu sprechen,
deren einziges Kind nach ihrem Tode diesen Ungeheuern preisgegeben war:
das wre mir ganz unmglich! Mein Herz blutet, wenn meine Gedanken auch
nur von ferne diese Erinnerungen streifen. Die Wunden sind noch zu
frisch! Ich habe noch keine Ruhe, um zu denken, habe mich selbst noch
lange nicht beruhigen knnen, obschon bereits ein ganzes Jahr vergangen
ist. Doch Sie wissen das ja alles!

Ich habe Ihnen auch Anna Fedorownas jetzige Ansichten mitgeteilt. Sie
wirft mir Undankbarkeit vor und leugnet es, mit Herrn Bkoff im
Einverstndnis gewesen zu sein! Sie fordert mich auf, zu ihr
zurckzukehren. Sie sagt, ich lebe von Almosen und sei auf einen
schlechten Weg geraten. Wenn ich zu ihr zurckkehren wrde, so wolle sie
es bernehmen, die ganze Geschichte mit Herrn Bkoff beizulegen und ihn
zu veranlassen, seine Schuld mir gegenber wieder gutzumachen. Sie hat
sogar gesagt, da Herr Bkoff mir eine Aussteuer geben wolle. Gott mit
ihnen! Ich habe es auch hier gut, unter Ihrem Schutz und bei meiner
guten Fedora, die mich mit ihrer Anhnglichkeit an meine alte selige
Kinderfrau erinnert. Sie aber sind zwar nur ein entfernter Verwandter
von mir, trotzdem beschtzen Sie mich und treten mit Ihrem Namen und Ruf
fr mich ein. Ich kenne jene anderen nicht, ich werde sie vergessen! --
wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt,
das sei alles nur Klatsch und sie wrden mich zu guter Letzt doch in
Ruhe lassen. Gott gebe es!

W. D.

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21. Juni.

Mein Tubchen, mein Liebling!

Ich will Ihnen schreiben, wei aber nicht -- womit beginnen?

Ist das nicht sonderbar, wie wir beide jetzt hier so miteinander leben!
Ich sage das nur deshalb, mssen Sie wissen, weil ich meine Tage noch
nie so froh verbracht habe. Ganz als htte mich Gott der Herr mit einem
Huschen und einer Familie gesegnet! Mein Kindchen sind Sie, mein
kleines reizendes!

Was reden Sie da von den vier Hemdchen, die ich Ihnen geschickt habe!
Sie hatten sie doch ntig -- Fedora sagte es mir. Und mich, liebes Kind,
mich macht es doch glcklich, fr Sie sorgen zu knnen: das ist nun
einmal mein grtes Vergngen -- also lassen Sie mich nur gewhren,
Kind, und widersprechen Sie mir nicht! Noch niemals habe ich so etwas
erlebt, Herzchen. Jetzt lebe ich doch ein ganz anderes Leben. Erstens
gewissermaen zu zweien, wenn man so sagen darf, denn Sie leben doch
jetzt in meiner nchsten Nhe, was mir ein groer Trost und eine groe
Freude ist. Und zweitens hat mich heute mein Zimmernachbar, Ratasjeff
-- jener Beamte, wissen Sie, bei dem literarische Abende stattfinden--,
also der hat mich heute zum Tee eingeladen. Heute findet bei ihm nmlich
wieder so eine Versammlung statt: es soll etwas Literarisches vorgelesen
werden. Da sehen Sie, wie wir jetzt leben, Kindchen -- was?!

Nun, leben Sie wohl. Ich habe das alles ja nur so geschrieben, ohne
besonderen Zweck, nur um Sie von meinem Wohlbefinden zu unterrichten.
Sie haben mir durch Theresa sagen lassen, da Sie farbige Nhseide zur
Stickerei bentigen: ich werde sie kaufen, Kindchen, ich werde sie Ihnen
besorgen, gleich morgen werde ich sie Ihnen besorgen. Ich wei auch
schon, wo ich sie am besten kaufen kann. Inzwischen verbleibe ich

Ihr aufrichtiger Freund

Makar Djewuschkin.

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22. Juni.

Liebe Warwara Alexejewna!

Ich will Ihnen nur mitteilen, meine Gute, da bei uns im Hause etwas
sehr Trauriges geschehen ist, etwas, das jedes Menschen Mitleid erwecken
mu. Heute um fnf Uhr morgens starb Gorschkoffs kleiner Sohn. Ich wei
nicht recht, woran, -- an den Masern oder, Gott wei, vielleicht war es
auch Scharlach. Da besuchte ich sie denn heute, diese Gorschkoffs. Ach,
Liebe, was das fr eine Armut bei ihnen ist! Und was fr eine Unordnung!
Aber das ist ja schlielich kein Wunder: die ganze Familie lebt doch nur
in diesem einen Zimmer, das sie nur anstandshalber durch einen
Bettschirm so ein wenig abgeteilt haben.

Jetzt steht bei ihnen schon der kleine Sarg, -- ein ganz einfacher,
billiger, aber er sieht doch ganz nett aus, sie haben ihn gleich fertig
gekauft. Der Knabe war neun Jahre alt und soll, wie man hrt, zu schnen
Hoffnungen berechtigt haben. Es tut weh, weh vor Mitleid, sie anzusehen,
Warinka. Die Mutter weint nicht, aber sie ist so traurig, die Arme. Es
ist fr sie ja vielleicht eine Erleichterung, da ihnen ein Kindchen
abgenommen ist: es bleiben ihnen noch zwei, die sie zu ernhren haben:
ein Brustkind und ein kleines Tchterchen so von etwa sechs Jahren, viel
lter kann das zarte Ding noch nicht sein.

Wie mu einem doch zumute sein, wenn man sieht, wie ein Kindchen leidet,
und noch dazu das eigene, leibliche Kindchen, und man hat nichts, womit
man ihm helfen knnte! Der Vater sitzt dort in einem alten, schmutzigen
und fadenscheinigen Rock auf einem halb zerbrochenen Stuhl. Die Trnen
laufen ihm ber die Wangen, aber vielleicht gar nicht vor Leid, sondern
nur so, aus Gewohnheit -- die Augen trnen eben. Er ist so ein
Sonderling! Immer wird er rot, wenn man mit ihm spricht, und niemals
wei er, was er antworten soll. Das kleine Mdchen stand dort an den
Sarg gelehnt, stand ganz still und ernst und ganz nachdenklich. Ich
liebe es nicht, Warinka, wenn ein Kindchen nachdenklich ist: es
beunruhigt einen. Eine Puppe aus alten Zeugstcken lag auf dem Fuboden,
-- sie spielte aber nicht mit ihr. Das Fingerchen im Mund: so stand sie,
-- stand und rhrte sich nicht. Die Wirtin gab ihr ein Bonbonchen: sie
nahm es, a es aber nicht. Traurig das alles -- nicht wahr, Warinka?

Ihr

Makar Djewuschkin.

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25. Juni.

Bester Makar Alexejewitsch!

Ich sende Ihnen Ihr Buch zurck. Das ist ja ein ganz elendes Ding! --
man kann es berhaupt nicht in die Hand nehmen. Wo haben Sie denn diese
Kostbarkeit aufgetrieben? Scherz beiseite -- gefallen Ihnen denn
wirklich solche Bcher, Makar Alexejewitsch? Sie versprachen mir doch
vor ein paar Tagen, mir etwas zum Lesen zu verschaffen. Ich kann ja auch
mit Ihnen teilen, wenn Sie wollen. Doch jetzt Schlu und auf
Wiedersehen! Ich habe wirklich keine Zeit, weiter zu schreiben.

W. D.

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26. Juni.

Liebe Warinka!

Die Sache ist nmlich die, Kind, da ich das Bchlein selbst gar nicht
gelesen habe. Es ist wahr, ich las ein wenig, sah, da es irgendein
Unsinn war, nur so zum Lachen geschrieben, und um die Leute zu
unterhalten. Da dachte ich, nun, dann wird es was Lustiges sein und
vielleicht auch Warinka gefallen. Und so nahm ich es und schickte es
Ihnen.

Aber nun hat mir Ratasjeff versprochen, mir etwas wirklich
Literarisches zum Lesen zu verschaffen. Da werden Sie also wieder gute
Bcher erhalten, mein Kind. Ratasjeff -- der versteht sich darauf! Er
schreibt doch selbst, und wie er schreibt! Gewandt schreibt er, und
einen Stil hat er, ich sage Ihnen: einfach groartig! In jedem Wort ist
ein Etwas -- sogar im allergewhnlichsten, alltglichsten Wort, in jedem
einfachen Satz, in der Art, wie ich zum Beispiel manchmal Faldoni oder
Theresa etwas sage, -- selbst da versteht er noch, sich stilvoll
auszudrcken. Ich wohne jetzt seinen literarischen Abenden regelmig
bei. Wir rauchen Tabak und er liest uns vor, liest bis fnf Stunden in
einem durch, wir aber hren zu, die ganze Zeit. Das sind nun einfach
Perlen, nicht Literatur! Einfach Blumen, duftende Blumen -- auf jeder
Seite so viel Blumen, da man einen Strau draus winden kann! Und im
Umgang ist er so freundlich, so liebenswrdig. Was bin ich im Vergleich
mit ihm, nun was? -- Nichts! Er ist ein angesehener Mann, ein Mann von
Ruf -- was aber bin ich? -- Nichts! So gut wie nichts, bin neben ihm
berhaupt nichts! Er aber beehrt auch mich mit seinem Wohlwollen. Ich
habe fr ihn mal das eine oder andere abgeschrieben. Nur denken Sie
deshalb nicht, Warinka, da das irgend etwas auf sich habe, ich meine,
da er mir deshalb wohlgesinnt sei, weil ich fr ihn abschreibe! Hren
Sie nicht auf solche Klatschgeschichten, Kind, glauben Sie ihnen nicht,
beachten Sie sie gar nicht weiter! Nein, ich tue es ganz aus freien
Stcken, um ihm damit etwas Angenehmes zu erweisen. Und da er mir sein
Wohlwollen schenkt, das tut er auch nur aus freien Stcken, tut's, um
mir eine Freude zu bereiten. Ich bin gar nicht so dumm, um das nicht zu
verstehen: man mu nur wissen, welch ein Zartgefhl sich dahinter birgt.
Er ist ein guter, ein sehr guter Mensch und auerdem ein ganz
unvergleichlicher Schriftsteller.

Es ist eine schne Sache um die Literatur, Warinka, eine sehr schne,
das habe ich vorgestern bei ihnen erfahren. Und zugleich eine tiefe
Sache! Sie strkt und festigt und belehrt die Menschen -- und noch
verschiedenes andere tut sie, was alles in ihrem Buch aufgezeichnet
steht. Es ist wirklich gut geschrieben! Die Literatur -- das ist ein
Bild, das heit in gewissem Sinne, versteht sich; ein Bild und ein
Spiegel; ein Spiegel der Leidenschaften und aller inneren Dinge; sie ist
Belehrung und Erbauung zugleich, ist Kritik und ein groes menschliches
Dokument. Das habe ich mir alles von ihnen sagen lassen und aus ihren
Reden gemerkt. Ich will aufrichtig gestehen, mein Liebling, wenn man so
unter ihnen sitzt und zuhrt -- und man raucht dabei sein Pfeifchen,
ganz wie sie -- und wenn sie dann anfangen, sich gegenseitig zu messen
und ber die verschiedensten Dinge zu disputieren, da mu ich denn
einfach wie im Kartenspiel sagen: -- ich passe. Denn wenn die erst mal
loslegen, Kind, dann bleibt unsereinem nichts anderes brig, dann mssen
wir beide passen, Warinka. Ich sitze dann wie ein alter Erzschafskopf
und schme mich vor mir selber. Und wenn man sich auch den ganzen Abend
die grte Mhe gibt, irgendwo ein halbes Wrtchen in das allgemeine
Gesprch mit einzuflechten, so ist man doch nicht einmal dazu fhig. Man
kann und kann dieses halbe Wrtchen nicht finden! Man verfllt aber auch
auf rein gar nichts -- man mag's anstellen wie man will! Das ist wie
verhext, Warinka, und man tut sich schlielich selber leid, da man so
ist, wie man nun einmal ist, und da man das Sprichwort auf sich
anwenden kann: dumm geboren und im Leben nichts dazugelernt.

Was tue ich denn jetzt in meiner freien Zeit? -- Schlafe, schlafe wie
ein alter Esel. An Stelle dieses unntzen Schlafens aber knnte man sich
doch auch mit etwas Angenehmem oder Ntzlichem beschftigen, so zum
Beispiel sich hinsetzen und dies und jenes schreiben, so ganz frei von
sich aus, -- was? Sich selbst zu Nutz und Frommen und anderen zum
Vergngen. Und hren Sie nur, Kind, wieviel sie fr ihre Sachen
bekommen, Gott verzeihe ihnen! Da zum Beispiel gleich dieser Ratasjeff,
was der Mann einnimmt! Was ist es fr ihn, einen Bogen vollzuschreiben?
An manchen Tagen hat er sogar ganze fnf geschrieben, und dabei erhlt
er, wie er sagt, volle dreihundert Rubel fr jeden Bogen! Da hat er
irgend so eine kleine Geschichte oder Humoreske, oder auch nur irgendein
Anekdotchen oder sonst etwas fr die Leute -- fnfhundert, gib oder gib
nicht, aber darunter kriegst du es fr keinen Preis. Hng dich auf, wenn
du willst. Willst du nicht -- nun gut, dann gibt ein anderer tausend!
Was sagen Sie dazu, Warwara Alexejewna?

Aber was, das ist noch gar nichts! Da hat er zum Beispiel ein Heftchen
Gedichte, alles solche kleinen Dingerchen -- paar Zeilen nur, ganz kurz,
-- siebentausend, Kind, siebentausend will er dafr haben, denken Sie
sich! Das ist doch ein Vermgen, gro wie ein ganzes Besitztum, das sind
ja die Prozente eines Hauses von fnf Stockwerken! Fnftausend, sagt er,
biete man ihm: er geht aber darauf nicht ein. Ich habe ihm zugeredet und
vernnftig auf ihn eingesprochen, -- nehmen Sie doch, Bester, die
fnftausend, nehmen Sie sie nur, und dann knnen Sie ihnen ja den Rcken
kehren und ausspeien, wenn Sie wollen, denn fnftausend -- das ist doch
Geld! Aber nein, er sagt, sie werden auch sieben geben, die Schufte.
Solch ein Schlaukopf ist er, wirklich!

Ich werde Ihnen, mein Kind, da nun einmal davon die Rede ist, eine
Stelle aus den Italienischen Leidenschaften abschreiben. So heit
nmlich eines seiner Werke. Nun lesen Sie, Warinka, und dann urteilen
Sie selbst:

--...Wladimir fuhr zusammen: die Leidenschaften brausten wild in ihm
auf und sein Blut geriet in Wallung...

Grfin, rief er, Grfin! Wissen Sie, wie schrecklich diese
Leidenschaft, wie grenzenlos dieser Wahnsinn ist? Nein, meine Sinne
tuschen mich nicht! Ich liebe, ich liebe mit aller Begeisterung, liebe
rasend, wahnsinnig! Das ganze Blut deines Mannes wrde nicht ausreichen,
die wallende Leidenschaft meiner Seele zu ersticken! Diese kleinen
Hindernisse sind unfhig, das allesvernichtende, hllische Feuer, das in
meiner erschpften Brust loht, in seinem Flammenstrom aufzuhalten. O
Sinaida, Sinaida!...

Wladimir! ... flsterte die Grfin fassungslos und schmiegte ihr Haupt
an seine Schulter.

Sinaida! rief Ssmelskij berauscht.

Seiner Brust entrang sich ein Seufzer. Auf dem Altar der Liebe schlug
die Lohe hellflammend auf und umfing mit ihrer Glut die Seelen der
Liebenden.

Wladimir! flsterte die Grfin trunken. Ihr Busen wogte, ihre Wangen
rteten sich, ihre Augen glhten...

Der neue, schreckliche Bund ward geschlossen!

                   *       *       *       *       *

Nach einer halben Stunde trat der alte Graf in das Boudoir seiner Frau.

Wie wre es, mein Herzchen, soll man nicht fr unseren teuren Gast den
Samowar aufstellen lassen? fragte er, seiner Frau die Wange
ttschelnd.--

Nun sehen Sie, Kind, wie finden Sie das? Es ist ja wahr, -- es ist ein
wenig frei, das lt sich nicht leugnen, aber dafr doch schwungvoll und
gut geschrieben. Was gut ist, ist gut! Aber nein, ich mu Ihnen doch
noch ein Stckchen aus der Novelle Jermak und Suleika abschreiben.

Stellen Sie sich vor, Kind, da der Kosak Jermak, der tollkhne Eroberer
Sibiriens, in Suleika, die Tochter des sibirischen Herrschers Kutschum,
die er gefangen genommen, verliebt ist. Die Sache spielt also gerade in
der Zeit, da Iwan der Schreckliche herrschte -- wie Sie sehen. Hier
schreibe ich Ihnen nun ein Gesprch zwischen Jermak und Suleika ab:

--Du liebst mich, Suleika? O, wiederhole, wiederhole es!...

Ich liebe dich, Jermak! flsterte Suleika.

Himmel und Erde, habt Dank! Ich bin glcklich! Ihr habt mir alles
gegeben, alles, wonach mein wilder Geist seit meinen Jnglingsjahren
strebte! Also hierher hast du mich gefhrt, mein Leitstern, ber den
steinernen Grtel des Ural! Der ganzen Welt werde ich meine Suleika
zeigen, und die Menschen, diese wilden Ungeheuer, werden es nicht wagen,
mich zu beschuldigen! O, wenn sie doch diese geheimen Leiden ihrer
zrtlichen Seele verstnden, wenn sie, wie ich, in einer Trne meiner
Suleika eine ganze Welt von Poesie zu erblicken wten! O, la mich mit
Kssen diese Trne trinken, diesen himmlischen Tautropfen ... du
himmlisches Wesen!

Jermak, sagte Suleika, die Welt ist bse, die Menschen sind
ungerecht! Sie werden uns verfolgen und verurteilen, mein Liebster! Was
soll das arme Mdchen, das auf den heimatlichen Schneefeldern Sibiriens
in der Jurte des Vaters aufgewachsen ist, dort in eurer kalten, eisigen,
seelenlosen, eigenntzigen Welt anfangen? Die Menschen werden mich nicht
verstehen, mein Geliebter, mein Ersehnter!

Dann sollen sie Kosakensbel kennen lernen! rief Jermak, wild die
Augen rollend.--

Und nun, Warinka, denken Sie sich diesen Jermak, wie er erfhrt, da
seine Suleika ermordet ist. Der verblendete Greis Kutschum hat sich im
Schutz der nchtlichen Dunkelheit whrend der Abwesenheit Jermaks in
dessen Zelt geschlichen und seine Tochter Suleika ermordet, um sich an
Jermak, der ihn um Zepter und Krone gebracht hat, zu rchen.

Welch eine Lust, die Klinge zu schleifen! rief Jermak in wilder
Rachgier, und er wetzte den Stahl am Schamanenstein. Ich mu Blut
sehen, Blut! Rchen, rchen, rchen mu ich sie!!!

Aber nach alledem kann Jermak seine Suleika doch nicht berleben, er
wirft sich in den Irtysch und ertrinkt, und damit ist dann alles zu
Ende.

Jetzt noch ein kleiner Auszug, eine Probe: es ist humoristisch, was nun
kommt, und nur so zum Lachen geschrieben:

--Kennen Sie denn nicht Iwan Prokofjewitsch Sheltopus? Na, das ist
doch derselbe, der den Prokofij Iwanowitsch ins Bein gebissen hat! Iwan
Prokofjewitsch ist ein schroffer Charakter, dafr aber ein selten
tugendhafter Mensch. Prokofij Iwanowitsch dagegen liebt auerordentlich
Rettich mit Honig. Als er aber noch mit Pelageja Antonowna bekannt war
... Sie kennen doch Pelageja Antonowna? Na, das ist doch dieselbe, die
ihren Rock immer mit dem Futter nach auen anzieht, um das Oberzeug zu
schonen.--

Ist das nicht Humor, Warinka, einfach Humor! Wir wlzten uns vor Lachen,
als er uns dies vorlas. Solch ein Mensch, wahrhaftig, Gott verzeihe ihm!
Uebrigens, Kind, ist das zwar recht originell und komisch, aber im
Grunde doch ganz unschuldig, ganz ohne die geringste Freidenkerei und
ohne alle liberalen Verirrungen. Ich mu Ihnen auch noch sagen, da
Ratasjeff vortreffliche Umgangsformen besitzt, und vielleicht liegt
hier mit ein Grund, warum er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist,
und mehr als das, was die anderen sind.

Aber wie wr's -- in der Tat, es kommt einem mitunter der Gedanke in den
Kopf -- wie wr's, wenn auch ich einmal etwas schriebe: was wrde dann
wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, da
pltzlich mir nichts dir nichts ein Buch in der Welt erschiene und auf
dem Deckel stnde: _Gedichte von Makar Djewuschkin._ Was?! Ja, was
wrden Sie dann wohl sagen, mein Engelchen? Wie wrde Ihnen das
vorkommen, was wrden Sie dabei denken? Von mir aus kann ich Ihnen
freilich sagen, mein Kind, da ich mich, sobald mein Buch erschienen
wre, entschieden nicht mehr auf dem Newskij zu zeigen wagte. Wie wre
denn das, wenn ein jeder sagen knnte: Sieh, dort geht der Dichter
Djewuschkin! und ich selbst dieser Djewuschkin wre!?

Was wrde ich dann zum Beispiel blo mit meinen Stiefeln machen? Die
sind ja doch bei mir, nebenbei bemerkt, Kind, fast immer geflickt, und
auch die Sohlen sind, wenn man die Wahrheit sagen soll, oft recht weit
vom wnschenswerten Zustande entfernt. Nun, wie wre denn das, wenn alle
wten, da der Schriftsteller Djewuschkin geflickte Stiefel hat! Wenn
das nun gar irgendeine Komtesse oder Duchesse erfhre, was wrde sie
dazu sagen, mein Seelchen? Selbst wrde sie es ja vielleicht nicht
bemerken, denn Komtessen und Duchessen beschftigen sich nicht mit
Stiefeln, und nun gar mit Beamtenstiefeln (aber schlielich bleiben ja
Stiefel immer Stiefel), -- nur wrde man ihr alles erzhlen, meine
eigenen Freunde wrden es womglich tun! Ratasjeff zum Beispiel wre
der erste, der es fertig brchte! Er ist oft bei der Grfin B., besucht
sie, wie er sagt, sogar ohne besondere Einladung, wann es ihm gerade
pat. Eine gute Seele, sagt er, soll sie sein, so eine literarisch
gebildete Dame. Ja, dieser Ratasjeff ist ein Schlaukopf!

Doch brigens -- genug davon! Ich schreibe das ja alles nur so, mein
Engelchen, um Sie zu zerstreuen, also nur zum Scherz. Leben Sie wohl,
mein Tubchen. Viel habe ich Ihnen hier zusammengeschrieben, aber das
eigentlich nur deshalb, weil ich heute ganz besonders froh gestimmt bin.
Wir speisten nmlich heute alle bei Ratasjeff, und da (es sind ja doch
Schlingel, mein Kind!) holten sie schlielich solch einen besonderen
Likr hervor ... na -- was soll man Ihnen noch viel davon schreiben! Nur
sehen Sie zu, da Sie jetzt nicht gleich etwas Schlechtes von mir
denken, Warinka. Es war nicht so schlimm! Bchelchen werde ich Ihnen
schicken. Hier geht ein Roman von Paul de Kock von Hand zu Hand, nur
werden Sie diesen Paul de Kock nicht in die Fingerchen bekommen, mein
Kind ... Nein, nein, Gott behte! Solch ein Paul de Kock ist nichts fr
Sie, Warinka. Man sagt von ihm, da er bei allen anstndigen
Petersburger Kritikern ehrliche Entrstung hervorgerufen habe.

Ich sende Ihnen noch ein Pfndchen Konfekt -- habe es speziell fr Sie
gekauft. Und hren Sie, mein Herzchen, bei jedem Konfektchen denken Sie
an mich. Nur drfen Sie die Bonbons nicht gleich zerbeien! Lutschen Sie
sie nur so, sonst knnten Ihnen noch die Zhnchen nachher wehtun. Aber
vielleicht lieben Sie auch Schokolade? Dann schreiben Sie nur!

Nun, leben Sie wohl, leben Sie wohl. Christus sei mit Ihnen, mein
Tubchen. Ich aber verbleibe nach wie vor

Ihr treuester Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

27. Juni.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Fedora sagt, sie kenne Leute, die mir in meiner Lage herzlich gern
helfen und, wenn ich nur wolle, eine sehr gute Stelle als Gouvernante in
einem Hause verschaffen wrden. Was meinen Sie, mein Freund, soll ich
darauf eingehen? Ich wrde Ihnen dann nicht mehr zur Last fallen -- und
die Stelle scheint gut zu sein. Aber anderseits -- der Gedanke ist doch
etwas bengstigend, in einem fremden Hause dienen zu mssen. Es soll
eine Gutsbesitzersfamilie sein. Da werden sie ber mich Erkundigungen
einziehen, werden mich ausfragen, was soll ich ihnen dann sagen? Und
berdies bin ich so menschenscheu und liebe die Einsamkeit. Am liebsten
lebe ich dort, wo ich mich einmal eingelebt habe. Es ist nun einmal
gemtlicher und trauter in dem Winkel, an den man sich schon gewhnt
hat, -- und wenn man vielleicht auch in Sorgen dort lebt, es ist dennoch
besser. Auerdem mte ich da noch reisen, und Gott wei, was sie alles
von mir verlangen werden: vielleicht lassen sie mich einfach die Kinder
warten! Und was mgen das fr Leute sein, wenn sie jetzt binnen zwei
Jahren schon zum dritten Male die Gouvernante wechseln? Raten Sie mir,
Makar Alexejewitsch, um Gottes willen, soll ich darauf eingehen oder
soll ich nicht?

Weshalb kommen Sie jetzt gar nicht mehr zu uns? Sie zeigen sich so
selten! Auer Sonntags in der Kirche sehen wir uns ja fast berhaupt
nicht mehr. Wie menschenscheu Sie doch sind! Sie sind ganz wie ich! Aber
wir sind ja auch so gut wie verwandt. Oder lieben Sie mich nicht mehr,
Makar Alexejewitsch? Ich bin, wenn ich mich allein wei, oft sehr
traurig. Zuweilen, namentlich in der Dmmerung, sitzt man ganz
mutterseelenallein: Fedora ist fortgegangen, um irgend etwas zu
besorgen, und da sitzt man denn und denkt und denkt -- man erinnert sich
an alles was einst gewesen ist, an Frohes und Trauriges, alles zieht wie
ein Nebel an einem vorber. Bekannte Gesichter tauchen wieder vor meinen
Augen auf (ich glaube sie fast schon im Wachen zu sehen, wie man sonst
nur im Traum etwas sieht), -- doch am hufigsten sehe ich Mama ... Und
was fr Trume ich habe! Ich fhle es, da meine Gesundheit untergraben
ist. Ich bin so schwach. Als ich heute morgen aufstand, wurde mir bel,
und zum Ueberflu habe ich auch noch diesen schlimmen Husten! Ich fhle,
ich wei, da ich bald sterben werde. Wer wird mich wohl beerdigen? Wer
wird wohl meinem Sarge folgen? Wer wird um mich trauern?... Und da mte
ich vielleicht an einem fremden Ort, in einem fremden Hause, bei fremden
Menschen sterben!... Mein Gott, wie traurig ist es, zu leben, Makar
Alexejewitsch!

Lieber Freund, warum schicken Sie mir immer Konfekt? Ich begreife
wirklich nicht, woher Sie soviel Geld nehmen. Ach, mein guter Freund,
sparen Sie doch das Geld, um Gottes willen, sparen Sie es! Fedora hat
einen Kufer gefunden fr den Teppich, den ich genht habe. Man will fr
ihn fnfzehn Rubel geben. Das wre sehr gut bezahlt: ich dachte, man
wrde weniger geben. Fedora wird drei Rubel bekommen, und fr mich werde
ich einen Stoff zu einem einfachen Kleide kaufen, irgendeinen billigeren
und wrmeren Kleiderstoff. Fr Sie aber werde ich eine Weste machen, ein
schne Weste: ich werde guten Stoff dazu aussuchen und sie selbst nhen.

Fedora hat mir ein Buch verschafft -- Bjelkins Erzhlungen--, das ich
Ihnen hiermit zusende, damit auch Sie es lesen. Nur, bitte, schonen Sie
es und behalten Sie es nicht zu lange: es gehrt nicht mir. Es ist ein
Werk von Puschkin. Vor zwei Jahren las ich es mit Mama -- da hat es denn
in mir traurige Erinnerungen wachgerufen, als ich es jetzt zum zweiten
Male las. Sollten Sie irgendein Buch haben, so schicken Sie es mir, --
aber nur in dem Fall, wenn Sie es nicht von Ratasjeff erhalten haben.
Er wird gewi eines seiner eigenen Werke geben, wenn berhaupt schon
etwas von ihm gedruckt sein sollte. Wie knnen Ihnen nur seine Romane
gefallen, Makar Alexejewitsch? Solche Dummheiten!...

Nun, leben Sie wohl! Wie viel ich diesmal geschwtzt habe! Wenn ich mich
bedrckt fhle, dann bin ich immer froh, sprechen zu knnen. Das ist die
beste Arznei: ich fhle mich sogleich erleichtert, namentlich wenn ich
alles sagen kann, was ich auf dem Herzen habe.

Leben Sie wohl, leben Sie wohl, mein Freund!

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

28. Juni.

Warwara Alexejewna, meine Liebe!

Nun ist's genug mit dem Grmen! Schmen Sie sich denn nicht? So machen
Sie doch ein Ende, mein Kind! Wie knnen Sie sich nur mit solchen
Gedanken abgeben? Sie sind ja gar nicht mehr krank, Herzchen, ganz und
gar nicht! Sie blhen einfach, wirklich, glauben Sie mir: nur ein wenig
bleich sind Sie noch, aber trotzdem blhen Sie. Und was sind denn das
fr Trume und Gespenster, die Sie da sehen! Pfui, schmen Sie sich,
mein Liebling, lassen Sie es sein, wie es ist! Kmmern Sie sich nicht
weiter um diese dummen Trume -- so etwas schttelt man ab. Ganz
einfach! Wie kommt es denn, da ich gut schlafe? Warum fehlt mir denn
nichts? Sehen Sie mich einmal an, mein Kind. Lebe froh und zufrieden,
schlafe ruhig, bin gesund -- mit einem Wort, ein Teufelskerl: und man
hat seine wahre Freude daran, es zu sein! Also hren Sie auf, mein
Seelchen, schmen Sie sich und bessern Sie sich. Ich kenne doch Ihr
Kpfchen, Kind: kaum hat es etwas gefunden, da fngt es gleich wieder an
mit dem Grbeln und Grmen, und Sie machen sich von neuem allerlei
Gedanken. Schon allein mir zuliebe sollten Sie doch wirklich einmal
damit aufhren, Warinka!

Bei fremden Menschen dienen? -- Niemals! Nein und nein und nochmals
nein! Was ist Ihnen eingefallen, da Sie berhaupt auf solche Gedanken
kommen? Und noch dazu wegreisen! Nein, Kind da kennen Sie mich schlecht:
das lasse ich nie und nimmermehr zu, einen solchen Plan bekmpfe ich mit
allen Krften. Und wenn ich auch meinen letzten alten Rock vom Leibe
verkaufen -- wenn mir nur noch das Hemd bleiben wrde, aber Not leiden,
das sollen und werden Sie bei uns niemals. Nein, Warinka, nein, ich
kenne Sie ja! Das sind Torheiten, nichts als Torheiten! Was aber wahr
ist, das ist: da an allem Fedora ganz allein die Schuld trgt -- nur
sie, dies dumme Frauenzimmer, hat Ihnen diese Gedanken in den Kopf
gesetzt. Sie aber, Kind, mssen gar nicht darauf hren, was sie sagt.
Sie wissen wahrscheinlich noch nicht alles, mein Seelchen?... Wissen
nicht, da sie eine dumme, schwatzhafte, unzurechnungsfhige Person ist,
die auch ihrem verstorbenen Mann schon das Leben weidlich sauer gemacht
hat. Ueberlegen Sie sich: hat sie Sie nicht gergert, irgendwie
gekrnkt?

Nein, nein, mein Kind, aus all dem, was Sie da schrieben, wird nichts!
Und was sollte denn aus mir werden, wo bliebe ich dann? Nein, Warinka,
mein Herzchen, das mssen Sie sich aus dem Kpfchen schlagen. Was fehlt
Ihnen denn bei uns? Wir knnen uns nicht genug ber Sie freuen und auch
Sie haben uns gern, also bleiben Sie und leben Sie hier friedlich
weiter. Nhen Sie oder lesen Sie, oder nhen Sie auch nicht -- ganz wie
Sie wollen, nur bleiben Sie bei uns! Denn sonst, sagen Sie doch selbst:
wie wrde das denn aussehen? Ich werde Ihnen Bcher verschaffen -- und
dann knnen wir ja auch wieder einmal einen Spaziergang unternehmen. Nur
mssen Sie, mein Kind, mit diesen Gedanken jetzt wirklich ein Ende
machen und vernnftig werden und sich nicht grundlos um alles
Alltgliche sorgen und grmen! Ich werde zu Ihnen kommen, und zwar sehr
bald, inzwischen aber nehmen Sie es als mein gerades und offenes
Bekenntnis: das war nicht schn von Ihnen, Herzchen, gar nicht schn!

Ich bin natrlich kein gelehrter Mensch und ich wei es selbst, da ich
nichts gelernt habe, da ich kaum unterrichtet worden bin, aber darum
handelt es sich jetzt nicht und das war es auch nicht, was ich sagen
wollte -- doch fr den Ratasjeff stehe ich ein, da machen Sie, was Sie
wollen! Er ist mein Freund, deshalb mu ich ihn verteidigen. Er schreibt
gut, schreibt sehr, sehr und nochmals sehr gut. Ich kann Ihnen unter
keinen Umstnden beistimmen. Er schreibt farbenreich und gewhlt, es
sind auch Gedanken darin, kurz, es ist sehr schn! Sie haben es
vielleicht ohne Anteil gelesen, Warinka, vielleicht waren Sie gerade
nicht bei Laune, als Sie lasen, vielleicht hatten Sie sich gerade ber
Fedora wegen irgend etwas gergert, oder es ist vielleicht sonst
irgendwie ein Unglckstag fr Sie gewesen.

Nein, Sie mssen das einmal mit Gefhl lesen und aufmerksam, wenn Sie
froh und zufrieden und bei guter Laune sind, zum Beispiel wenn Sie
gerade ein Konfektchen im Munde haben -- dann lesen Sie es noch einmal.
Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), da es nicht noch
bessere Schriftsteller gibt, als Ratasjeff, ganz gewi, es gibt
bessere, aber deshalb braucht doch Ratasjeff noch lange nicht schlecht
zu sein: sie sind eben alle gut; er schreibt gut und die anderen
schreiben meinetwegen auch gut. Auerdem schreibt er, vergessen wir das
nicht, nur fr sich -- tut es, sagen wir, blo so in seinen Muestunden
-- und das merkt man ihm dann an, da er es tut, und zwar zu seinem
Vorteil!

Nun leben Sie wohl, mein Kind, schreiben werde ich heute nicht mehr: ich
habe da noch etwas abzuschreiben und mu mich beeilen. Also sehen Sie
zu, mein Liebling, mein Herzchen, da Sie sich beruhigen. Mge Gott der
Herr Sie behten, ich aber bin und bleibe

Ihr treuer Freund

Makar Djewuschkin.

P.S. Danke fr das Buch, meine Gute, also lesen wir Puschkin. Heute
aber komme ich gegen Abend ganz bestimmt zu Ihnen.

                   *       *       *       *       *

Mein teurer Makar Alexejewitsch!

Nein, mein Freund, nein, es geht nicht, da ich noch lnger hier lebe.
Ich habe nachgedacht und eingesehen, da es sehr falsch von mir ist,
eine so vorteilhafte Stelle von der Hand zu weisen. Dort werde ich mir
doch wenigstens mein sicheres Stck Brot verdienen. Ich werde mir Mhe
geben, ich werde versuchen, mir die Neigung der fremden Menschen zu
erwerben, und, wenn es ntig sein sollte, auch meinen Charakter zu
ndern. Es ist natrlich schwer und bitter, bei fremden Menschen zu
leben, sich ihnen in allem anzupassen, sich selbst zu verleugnen und von
ihnen abhngig zu sein, aber Gott wird mir sicher helfen. Man kann doch
nicht sein Leben lang menschenfern bleiben! Und ich habe ja auch frher
schon Aehnliches erlebt. Zum Beispiel als ich noch in der Pension war.
Den ganzen Sonntag spielte ich und sprang munter wie ein echter Wildfang
umher, und wenn Mama bisweilen auch schalt -- was tat das, ich war doch
froh, und im Herzen war es so hell und warm. Kam aber dann der Abend, da
fhlte ich mich wieder ber alle Maen unglcklich: um neun Uhr hie es
-- nach der Pension zurckkehren! Dort war alles fremd, kalt, streng,
die Lehrerinnen waren Montags immer so mrrisch, und ich fhlte mich so
bedrckt, so elend, da die Trnen sich nicht mehr zurckdrngen lieen.
Da schlich ich denn leise in einen Winkel und weinte vor lauter
Einsamkeit und Verlassenheit. Natrlich hie es dann, ich sei faul und
wolle nicht lernen. Und doch war das gar nicht der Grund, weshalb ich
weinte.

Dann aber -- womit endete es? Ich gewhnte mich schlielich an alles,
und als ich die Pension verlassen mute, weinte ich gar beim Abschied
von den Freundinnen.

Nein, es ist nicht gut, da ich Ihnen und Fedora hier zur Last bin. Der
Gedanke ist mir eine Qual. Ich sage Ihnen alles ganz offen, weil ich
gewohnt bin, Ihnen nichts zu verhehlen. Sehe ich denn nicht, wie Fedora
jeden Morgen schon in aller Frhe aufsteht und sich ans Waschen macht,
und dann bis in die spte Nacht hinein arbeitet? -- Alte Knochen aber
bedrfen der Ruhe. Und sehe ich denn nicht, wie Sie alles fr mich
opfern, wie Sie sich selbst das Notwendigste versagen, um Ihr ganzes
Geld nur fr mich auszugeben? Ich wei doch, da das ber Ihre
Verhltnisse geht, mein Freund. Sie schreiben mir, da Sie eher das
Letzte verkaufen wrden, als da Sie mich Not leiden lieen. Ich glaube
es Ihnen, mein Freund, ich wei, da Sie ein gutes Herz haben, -- doch
das sagen Sie jetzt nur so. Jetzt haben Sie zufllig berflssiges Geld,
haben ganz unerwartet eine Gratifikation erhalten. Aber dann? Sie wissen
doch -- ich bin immer krank. Ich kann nicht so arbeiten, wie Sie,
obschon ich froh wre, wenn ich's knnte, und berdies habe ich auch
nicht immer Arbeit. Was soll ich tun? Mich grmen und qulen, indem ich
Sie und Fedora fr mich sorgen lasse und selbst mig zusehen mu? Wie
knnte ich Ihnen jemals auch nur das Geringste entgelten, wie Ihnen auch
nur im geringsten ntzlich sein? Inwiefern bin ich Ihnen denn so
unentbehrlich, mein Freund? Was habe ich Ihnen Gutes getan? Ich bin
Ihnen nur von ganzem Herzen zugetan, ich liebe Sie aufrichtig und von
ganzem Herzen, doch das ist auch alles, was ich tun kann. So ist es nun
einmal mein bitteres Geschick! Zu lieben verstehe ich -- aber Gutes tun,
Ihre Wohltaten durch meine Taten erwidern, das kann ich nicht. Also
halten Sie mich nicht mehr zurck, berlegen Sie sich meinen Plan
nochmals grndlich und sagen Sie mir dann Ihre aufrichtige Meinung.

In Erwartung derselben verbleibe ich

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

1. Juli.

Unsinn, Warinka, das ist ja alles nichts als Unsinn, reiner Unsinn!
Wollte man Sie so sich selbst berlassen, was wrden Sie sich da nicht
alles ins Kpfchen setzen! Bald bilden Sie sich dieses ein, bald jenes!
Ich sehe doch, da das nichts als Unsinn ist. Was fehlt Ihnen denn bei
uns, so sagen Sie doch blo? Wir lieben Sie und Sie lieben uns, wir sind
alle zufrieden und glcklich, -- was will man denn noch mehr? Was aber
wollen Sie wohl unter fremden Menschen anfangen? Sie wissen noch nicht,
was das heit: fremde Menschen!... Nein, da mssen Sie mich fragen, denn
ich -- ich kenne den fremden Menschen und kann Ihnen sagen, wie er ist.
Ich kenne ihn, Kind, kenne ihn nur zu gut. Ich habe sein Brot gegessen.
Bs ist er, Warinka, sehr bse, so bse, da das kleine Herz, das man
hat, nicht mehr standhalten kann, so versteht er es, einen mit Vorwrfen
und Zurechtweisungen und unzufriedenen Blicken zu martern. -- Bei uns
haben Sie es wenigstens warm und gut, wie in einem Nestchen haben Sie
sich hier eingelebt. Wie knnen Sie uns nun mit einem Male so etwas
antun wollen? Was werde ich denn ohne Sie anfangen? Sie sollten mir
nicht unentbehrlich sein? Nicht ntzlich? Wieso denn nicht ntzlich?
Nein, Kind, denken Sie mal selbst etwas nach und dann urteilen Sie,
inwiefern Sie mir nicht ntzlich sein sollten! Sie sind mir sehr, sogar
sehr ntzlich, Warinka. Sie haben, wissen Sie, solch einen wohltuenden
Einflu auf mich ... Da denke ich jetzt zum Beispiel an Sie und bin ohne
weiteres froh gestimmt ... Ich schreibe Ihnen hin und wieder einen
Brief, in dem ich alle meine Gefhle ausdrcke, und erhalte darauf eine
ausfhrliche Antwort von Ihnen. Kleiderchen und ein Htchen habe ich fr
Sie gekauft, manchmal haben Sie auch einen kleinen Auftrag fr mich, na,
und dann besorge ich Ihnen eben das Ntige ... Nein, wie sollten Sie
denn nicht ntzlich sein? Und was soll ich wohl ohne Sie anfangen in
meinen Jahren, wozu wrde ich allein denn noch taugen? Sie haben
vielleicht noch nicht darber nachgedacht, Warinka, aber denken Sie mal
wirklich darber nach und fragen Sie sich, zu was ich denn noch taugen
knnte ohne Sie. Ich habe mich an Sie gewhnt, Warinka. Und was kme
denn dabei heraus, was wre das Ende vom Liede? -- Ich wrde in die Newa
gehen und damit wre die Geschichte erledigt. Nein, wirklich, Warinka,
was bliebe mir denn ohne Sie noch zu tun brig?!

Ach, Herzchen, Warinka! Da sieht man's, Sie wollen wohl, da mich ein
Lastwagen nach dem Wolkoff-Friedhof fhrt, da irgendeine alte
Herumtreiberin meinem Sarge folgt und da man mich dort in der Gruft mit
Erde zuschttet und dann fortgeht und mich allein zurcklt. Das ist
sndhaft von Ihnen, sndhaft, mein Kind! Wirklich sndhaft, bei Gott,
sndhaft!

Ich sende Ihnen Ihr Bchelchen zurck, meine kleine Freundin, und wenn
Sie, Warinka, meine Meinung ber dasselbe wissen wollen, so kann ich
Ihnen nur sagen, da ich mein Lebtag noch kein einziges so gutes Buch zu
lesen bekommen habe. Ich frage mich jetzt selbst, mein Kind, wie ich
denn bisher so habe leben knnen, ein wahrer Tlpel, Gott verzeihe mir!
Was habe ich denn getan, mein Leben lang? Aus welchem Walde komme ich
eigentlich? Ich wei ja doch nichts, mein Kind, rein gar nichts! Ich
gestehe es Ihnen ganz offen, Warinka: ich bin kein gelehrter Mensch. Ich
habe bisher nur wenig gelesen, sehr wenig, fast nichts. Das Bild des
Menschen -- ein sehr kluges Buch, das habe ich gelesen, dann noch ein
anderes: Vom Knaben, der mit Glckchen verschiedene Stcke spielt, und
dann Die Kraniche des Ibykus. Das ist alles, weiter habe ich nichts
gelesen. Jetzt aber habe ich hier, in Ihrem Bchlein, den
Stationsaufseher gelesen, und da kann ich Ihnen nur sagen, mein Kind,
es kommt doch vor, da man so lebt und nicht wei, da da neben einem
ein Buch liegt, in dem ein ganzes Leben dargestellt ist, wie an den
Fingern hergezhlt, und noch mancherlei, worauf man frher selbst gar
nicht verfallen ist. Das findet man nun hier, wenn man solch ein
Bchlein zu lesen anfngt, und da fllt einem denn nach und nach vieles
ein, und allmhlich begreift man so manches und wird sich ber die Dinge
klar. Und dann, sehen Sie, warum ich Ihr Bchlein noch lieb gewonnen
habe: manches Werk, was fr eines es auch immer sein mag, das liest man
und liest -- aber lies meinetwegen, bis dein Schdel platzt, blo das
Verstehen, daran fehlt's leider! Es ist eben so vertrackt geschrieben
und mit soviel Klugheit, da man es nicht recht begreifen kann. Ich zum
Beispiel, -- ich bin dumm, ich bin von Natur stumpf, bin schon so
geboren, also kann ich auch keine allzu hohen Werke lesen. Dies aber --
ja dies liest man und es ist einem fast, als htte man es selber
geschrieben, ganz als stamme es aus dem eigenen Herzen ... Ja, und so
mag es auch sein: das Herz, das ist einfach festgenommen und vor allen
Menschen umgekehrt, das Inwendige nach auen, und dann ausfhrlich
beschrieben -- sehen Sie, so ist es! Und dabei ist es doch so einfach,
mein Gott! Ja was! Ich knnte das ja gleichfalls schreiben, wirklich,
warum denn nicht? Fhle ich doch ganz dasselbe und genau so, wie es in
diesem Bchelchen steht! Habe ich mich doch auch mitunter in ganz
derselben Lage befunden, wie beispielsweise dieser Ssamsson Wyrin,
dieser Arme! Und wie viele solcher Ssamsson Wyrins gibt es nicht unter
uns, ganz genau so arme, herzensgute Menschen! Und wie richtig alles
beschrieben ist! Mir kamen fast die Trnen, mein Kind, whrend ich das
las: wie er sich bis zur Bewutlosigkeit betrank, als das Unglck ihn
heimgesucht hatte, und wie er dann den ganzen Tag unter seinem
Schafspelz schlief und das Leid mit einem Pnschchen vertreiben wollte
und doch herzbrechend weinen mute, wobei er sich mit dem schmierigen
Pelzaufschlag die Trnen von den Wangen wischte, wenn er an sein
verirrtes Lmmlein dachte, an sein liebes Tchterchen Dunjscha!

Nein, das ist naturgetreu! Lesen Sie es mal, dann werden Sie sehen: das
ist so wahr wie das Leben selbst. Das lebt! Ich habe es selbst erfahren,
-- das lebt alles, lebt berall rings um mich herum! Da finden wir
gleich die Theresa -- wozu so weit suchen! -- da ist auch unser armer
Beamter, -- denn der ist doch vielleicht ganz genau so ein Ssamsson
Wyrin, nur da er einen anderen Namen hat und eben zufllig Gorschkoff
heit. Das ist etwas, was ein jeder von uns erleben kann, ich ebenso gut
wie Sie, mein Kind. Und selbst der Graf, der am Newskij oder am Newakai
wohnt, selbst der kann dasselbe erleben, nur da er sich uerlich
anders verhalten wird -- denn dort bei ihm ist nun einmal uerlich
alles anders, aber auch ihm kann es ebenso gut widerfahren, wie mir.

Da sehen Sie, mein Kind, was das heit, Leben. Sie aber wollen noch
wegreisen und uns im Stich lassen! Sie wissen ja gar nicht, was Sie mir
damit antun wrden, Warinka! Sie wrden doch nur sich und mich damit
zugrunde richten. Ach, mein Sternchen, so treiben Sie doch um Gottes
willen diese wilden Gedanken aus Ihrem Kpfchen und ngstigen Sie mich
nicht unntz! Und wie berhaupt -- sagen Sie doch selbst, Sie mein
kleines, schwaches Vgelchen, das noch nicht einmal flgge geworden
ist--: wie knnten Sie sich denn selbst ernhren, sich vor dem
Verderben bewahren und gegen jeden ersten besten Bsewicht verteidigen!
Nein, lassen Sie es jetzt gut und genug sein, Warinka, und bessern Sie
sich! Hren Sie nicht auf die dummen Ratschlge der anderen und lesen
Sie Ihr Bchlein noch einmal durch: das wird Ihnen Nutzen bringen.

Ich habe auch mit Ratasjeff ber den Stationsaufseher gesprochen. Der
sagte, das sei alles altes Zeug und jetzt erschienen nur Bcher mit
Bildern und solche mit Beschreibungen -- oder was er da sagte, ich habe
es nicht ganz begriffen, wie er es eigentlich meinte. Er schlo aber
doch damit, da Puschkin gut sei und da er das heilige Ruland besungen
habe, und noch verschiedenes andere sagte er mir ber ihn. Ja, es ist
gut, Warinka, sehr gut: lesen Sie es noch einmal aufmerksam, folgen Sie
meinem Rat und machen Sie mich alten Knaben durch Ihren Gehorsam
glcklich. Gott der Herr wird Sie dafr belohnen, meine Gute, wird Sie
bestimmt belohnen!

Ihr treuer Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Fedora hat mir heute die fnfzehn Rubel fr den Teppich gebracht. Wie
froh sie war, die Arme, als ich ihr drei Rubel gab! Ich schreibe Ihnen
in grter Eile. Ich habe soeben die Weste fr Sie zugeschnitten, -- der
Stoff ist entzckend -- gelb, mit Blmchen.

Ich sende Ihnen ein Buch: es sind darin verschiedene Geschichten, von
denen ich einige schon gelesen habe. Lesen Sie unbedingt die mit dem
Titel Der Mantel.(5)

  (5) Eine der Meistererzhlungen Gogols. E.K.R.

Sie reden mir zu, mit Ihnen ins Theater zu gehen. Wird es aber nicht zu
teuer sein? Vielleicht auf die Galerie, das ginge noch. Ich bin schon
lange nicht mehr im Theater gewesen, wann zuletzt? Ich frchte immer nur
eines: wird uns der Spa nicht zu viel kosten? Fedora schttelt den Kopf
und meint, da Sie anfangen, ber Ihre Verhltnisse zu leben. Das sehe
auch ich ein. Wieviel haben Sie nicht allein schon fr mich ausgegeben!
Nehmen Sie sich in acht, mein Freund, da es kein Unglck gibt. Fedora
hat mir da etwas gesagt: da Sie, wenn ich nicht irre, mit Ihrer Wirtin
in Streit geraten seien, weil Sie irgend etwas nicht bezahlt htten. Ich
sorge mich sehr um Sie.

Nun, leben Sie wohl. Ich habe eine kleine Arbeit: ich garniere nmlich
meinen Hut mit Band.

P.S. Wissen Sie, wenn wir ins Theater gehen, werde ich meinen neuen Hut
aufsetzen und die schwarze Mantille umnehmen. Werde ich Ihnen so
gefallen?

                   *       *       *       *       *

7. Juli.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich komme wieder auf unser gestriges Gesprch zurck. -- Ja, mein Kind,
auch wir haben seinerzeit dumme Streiche gemacht! So hatte ich mich
einstmals wirklich und wahrhaftig in eine Schauspielerin verliebt,
sterblich verliebt, jawohl! Und das wre noch nichts gewesen, das
Wunderliche aber war dabei, da ich sie im Leben berhaupt nicht gesehen
und auch im Theater nur ein einziges Mal gewesen war -- dennoch
verliebte ich mich in sie.

Damals wohnten wir, fnf junge, bermtige Leute, alle Wand an Wand und
Tr an Tr. Ich geriet in ihren Kreis, geriet ganz von selbst hinein,
obschon ich mich zunchst zurckhaltend zu ihnen gestellt hatte. Dann
aber, verstehen Sie, um ihnen nicht nachzustehen, ging ich auf alles
ein. Und was sie mir nicht von dieser Schauspielerin erzhlten! Jeden
Abend, so oft Theater gespielt wurde, schob die ganze Kumpanei -- fr
Notwendiges hatten sie nie einen Heller -- schob die ganze Kumpanei ins
Theater auf die Galerie und klatschte und klatschte und rief immer nur
diese eine Schauspielerin hervor -- einfach wie die Besessenen
gebrdeten sie sich! Und dann lieen sie einen natrlich nicht
einschlafen: die ganze Nacht wurde nur von ihr gesprochen, ein jeder
nannte sie seine Glascha(6), alle waren sie in sie verliebt, alle hatten
sie nur den einen Kanarienvogel im Herzen: Sie! Da regten sie denn
schlielich auch mich auf. Ich war ja damals noch ganz jung!

  (6) Abkrzung von Glafira. E.K.R.

Ich wei selbst nicht mehr, wie es kam, da ich mit ihnen im Theater
sa, oben auf der Galerie. Sehen konnte ich nur ein Eckchen vom Vorhang,
dafr aber hrte ich alles. Sie hatte solch ein hbsches Stimmchen --
hell, s, wie eine Nachtigall. Wir klatschten uns die Hnde rot und
blau, schrien, schrien -- mit einem Wort, man htte uns beinahe am
Kragen genommen, ja, einer wurde wirklich hinausgefhrt.

Ich kam nach Hause, -- wie im Nebel ging ich! In der Tasche hatte ich
nur noch einen Rubel, bis zum Ersten aber waren es noch gute zehn Tage.
Ja, und was glauben Sie, Kind? Am nchsten Tage, auf dem Wege zum
Dienst, trat ich in einen Parfmerieladen ein und kaufte fr mein ganzes
Kapital Parfm und wohlriechende Seifen -- ich vermag selbst nicht mehr
zu sagen, wozu ich dies alles damals kaufte. Und dann speiste ich nicht
einmal zu Mittag, sondern ging vor ihren Fenstern auf und ab. Sie wohnte
am Newskij, im vierten Stock. Ich kam nach Haus, sa ein Weilchen,
erholte mich, und dann ging ich wieder auf den Newskij, um ihr von neuem
Fensterpromenaden zu machen.

So trieb ich's anderthalb Monate; jeden Augenblick nahm ich Droschken,
immer Lichatschi(7), und fuhr hin und her vor ihren Fenstern: kurz, ich
brachte all mein Geld durch, geriet obendrein in Schulden, bis ich dann
schlielich und von selbst aufhrte, sie zu lieben, und das Ganze mir
langweilig wurde.

  (7) (sprich: Lichatschi) die beste und teuerste Art Droschken in den
  greren Stdten. E.K.R.

Da sehen Sie, was eine Schauspielerin aus einem ordentlichen Menschen zu
machen imstande ist! Doch ich war damals wirklich noch jung, Warinka,
noch ganz, ganz jung!...

M. D.

                   *       *       *       *       *

8. Juli.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ihr Bchlein, das ich am 6. dieses Monats erhalten habe, beeile ich
mich, Ihnen zurckzusenden. Gleichzeitig will ich versuchen, mich mit
Ihnen in diesem Briefe zu verstndigen. Es ist nicht gut, mein Kind,
wirklich nicht gut, da Sie mich in solch eine Zwangslage gebracht
haben.

Erlauben Sie, mein Kind: jedem Menschen ist sein Stand von dem Hchsten
zugeteilt. Dem einen ist es bestimmt, Generalsepauletten zu tragen, dem
anderen, als Schreiber sein Leben zuzubringen -- jenem, zu befehlen,
diesem, widerspruchslos und in Furcht zu gehorchen. Das ist nun einmal
so, ist genau nach den menschlichen Fhigkeiten so eingerichtet: der
eine hat die Fhigkeit zu diesem, der andere zu jenem, die Fhigkeiten
selbst aber, die stammen von Gott.

Ich bin schon an die dreiig Jahre im Dienst. Ich erflle meine Pflicht
mit Peinlichkeit, pflege stets nchtern zu sein, und habe mir noch nie
etwas zuschulden kommen lassen. Als Brger und Mensch halte ich mich
nach eigener Erkenntnis fr einen Mann, der sowohl seine Fehler, wie
auch seine Tugenden besitzt. Die Vorgesetzten achten mich und selbst
Seine Exzellenz sind mit mir zufrieden -- wenn sie mir bisher auch noch
keinen Beweis ihrer Zufriedenheit gegeben haben, so wei ich doch auch
so, da sie mit mir zufrieden sind. Meine Handschrift ist gefllig,
nicht allzu gro, aber auch nicht allzu klein, lt sich am besten mit
Kursivschrift bezeichnen, jedenfalls aber befriedigt sie! Bei uns kann
allerhchstens Iwan Prokofjewitsch so gut schreiben wie ich, das heit,
auch der nur annhernd so gut. Mein Haar ist im Dienst allgemach grau
geworden. Eine groe Snde wte ich nicht begangen zu haben. Natrlich,
wer sndigt denn nicht im kleinen? Ein jeder sndigt, und sogar Sie
sndigen, mein Kind! Doch ein groes Vergehen oder auch nur eine bewute
Unbotmigkeit habe ich nicht auf dem Gewissen -- etwa da ich die
ffentliche Ruhe gestrt htte oder so etwas -- nein, so etwas habe ich
mir nicht vorzuwerfen, nie hat man mich bei so etwas betroffen. Sogar
ein Kreuzchen habe ich erhalten -- doch was soll man davon reden! Das
mten Sie ja alles wissen, und auch er htte es wissen mssen, denn
wenn er sich schon einmal an das Beschreiben machte, dann htte er sich
eben vorher nach allem erkundigen sollen! Nein, das htte ich nicht von
Ihnen erwartet, mein Kind! Nein, gerade von Ihnen nicht, Warinka!(8)

  (8) Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzhlung Der Mantel, die
  Warwara Alexejewna ihm gesandt und auf die sie ihn noch ausdrcklich
  aufmerksam gemacht hatte. Der Held der Erzhlung -- gleichfalls ein
  kleiner Beamter -- gleicht Makar Alexejewitsch so auffallend, da
  dieser glaubt, Gogol habe ihn, Makar Alexejewitsch, geschildert und
  damit blogestellt. -- Fedor Fedorowitsch ist der Name eines der
  Vorgesetzten jenes kleinen Helden der Erzhlung. E.K.R.

Wie! So kann man denn nicht mehr ruhig in seinem Winkelchen leben --
gleichviel wie und wo es auch sein mge -- ganz still fr sich, ohne ein
Wsserchen zu trben, ohne jemanden anzurhren, gottesfrchtig und
zurckgezogen, damit auch die anderen einen nicht anrhren, ihre Nasen
nicht in deine Htte stecken und alles durchschnffeln: wie sieht es
denn bei dir aus, hast du zum Beispiel auch eine gute Weste, hast du
auch alles Ntige an Leibwsche, hast du auch Stiefel und wie sind sie
besohlt, was it du, was trinkst du, was schreibst du ab? Was ist denn
dabei, mein Kind, da ich, wo das Pflaster schlecht ist, mitunter auf
den Fuspitzen gehe, um die Stiefel zu schonen? Warum mu man gleich von
einem anderen geschwtzig schreiben, da er mitunter in Geldverlegenheit
sei und dann keinen Tee trinke? Ganz als ob alle Menschen unbedingt Tee
trinken mten! Sehe ich denn einem jeden in den Mund, um nachzusehen,
was fr ein Stck der Betreffende gerade kaut? Wen habe ich denn schon
so beleidigt? Nein, mein Kind, weshalb andere beleidigen, die einem
nichts Bses getan haben?

Nun, und da haben Sie jetzt ein Beispiel, Warwara Alexejewna, da sehen
Sie, was das heit: dienen, dienen, gewissenhaft und mit Eifer seine
Pflicht erfllen -- ja, und sogar die Vorgesetzten achten dich (was man
da auch immer reden wird, aber sie achten dich doch), -- und da setzt
sich nun pltzlich jemand dicht vor deine Nase hin und macht sich ohne
alle Veranlassung mir nichts dir nichts daran, eine Schmhschrift ber
dich zu verfassen, ein Pasquill, so eines, wie es dort in dem Buche
steht!

Es ist ja wahr, hat man sich einmal etwas Neues angeschafft, so freut
man sich darber, schlft womglich vor lauter Freude nicht, wie sonst:
hat man zum Beispiel neue Stiefel -- mit welch einer Wonne zieht man sie
an. Das ist wahr, das habe auch ich schon empfunden, denn es ist
angenehm, seinen Fu in einem feinen Stiefel zu sehen: es ist ganz
richtig beschrieben! Aber trotzdem wundert es mich aufrichtig, da Fedor
Fedorowitsch das Buch so hat durchgehen lassen und nicht fr sich selbst
eingetreten ist.

Freilich, er ist noch ein junger Vorgesetzter und schreit manchmal ganz
gern seine Untergebenen an. Aber weshalb soll er denn das nicht drfen?
Warum soll er ihnen nicht die Leviten lesen, da man mit unsereinem
anders doch nicht auskommt? Nun ja, sagen wir, er tut es nur um des
Tones willen, -- nun, aber auch das ist ntig. Man mu die Zgel stramm
halten, mu Strenge zeigen, denn sonst -- unter uns gesagt, Warinka --
ohne Strenge, ohne Zwang tut unsereiner nichts, ein jeder will doch nur
seine Stelle haben, um sagen zu knnen: Ich diene dort und dort, doch
um die Arbeit sucht sich ein jeder, so gut es eben geht, herumzudrcken.
Da es aber verschiedene Rnge gibt und jeder Rang den verdienten Rffel
in einer seiner Hhe entsprechend abgestuften Tonart verlangt, so ergibt
das naturgem verschiedene Tonarten, wenn der Vorgesetzte mal alle
durchnimmt, -- das liegt nun schon in der Ordnung der Dinge! Darauf ruht
doch die Welt, mein Kind, da immer einer den anderen beherrscht und im
Zaum hlt, -- ohne diese Vorsichtsmaregel knnte ja die Welt gar nicht
bestehen, wo bliebe denn sonst die Ordnung? Nein, ich wundere mich
wirklich, wie Fedor Fedorowitsch eine solche Beleidigung unbeachtet hat
durchlassen knnen!

Und wozu so etwas schreiben? Zu was ist das ntig? Wird denn jemand von
den Lesern auch nur einen Mantel dafr kaufen? Oder ein neues Paar
Stiefel? -- Nein, Warinka, der Leser liest es und verlangt noch
obendrein eine Fortsetzung!

Man versteckt sich ja schon sowieso, versteckt sich und verkriecht sich,
man frchtet sich, auch nur seine Nase zu zeigen, weil man davor
zittert, bespttelt zu werden, weil man wei, da alles, was es in der
Welt gibt, zu einem Pasquill verarbeitet wird. Jetzt, siehst du, zieht
dein ganzes brgerliches wie husliches Leben durch die Literatur, alles
ist gedruckt, gelesen, belacht, verspottet! Man kann sich ja nicht
einmal mehr auf der Strae zeigen! Hier ist doch nun alles so genau
beschrieben, da man allein schon am Gange erkannt werden mu! Wenn er
sich doch wenigstens zum Schlu gendert und, sagen wir, irgend etwas
wieder gemildert htte, wenn er zum Beispiel nach jener Stelle, an der
man seinem Helden die Papierschnitzel auf den Kopf streut, gesagt htte,
da er bei alledem ein tugendhafter und ehrenhafter Brger gewesen und
eine solche Behandlung von seinen Kollegen nicht verdient htte, da er
den Vorgesetzten gehorchte und gewissenhaft seine Pflicht erfllt (hier
htte er dann noch ein Beispielchen hineinflechten knnen), da er
niemandem Bses gewnscht, da er an Gott geglaubt und, als er gestorben
(wenn er ihn nun einmal unbedingt sterben lassen wollte), von allen
beweint worden sei.

Am besten aber wre es gewesen, wenn er ihn, den Armen, gar nicht htte
sterben lassen, sondern wenn er es so gemacht htte, da sein Mantel
wieder aufgefunden worden wre, und da Fedor Fedorowitsch -- nein, was
sage ich! -- da jener hohe Vorgesetzte Nheres ber seine Tugenden
erfahren und ihn in seine Kanzlei aufgenommen, ihn auf einen hheren
Posten gestellt und ihm noch eine gute Zulage zu seiner bisherigen
gegeben htte, so da es dann, sehen Sie, so herausgekommen wre, da
das Bse bestraft wird und die Tugend triumphiert -- die anderen
Kanzleibeamten dagegen, seine Kollegen, htten dann alle das Nachsehen
gehabt!

Ja, ich zum Beispiel htte es so gemacht: denn so wie er es geschrieben
hat -- was ist denn dabei Besonderes, was ist dabei Schnes? Das ist ja
doch einfach nur irgend so ein Beispiel aus dem alltglichen niedrigen
Leben! Und wie haben _Sie_ sich nur entschlieen knnen, mir ein solches
Buch zu senden, meine Gute? Das ist doch ein bswilliges, ein
vorstzlich Schaden bringendes Buch, Warinka. Das ist doch einfach nicht
wahrheitsgetreu, denn es ist doch ganz ausgeschlossen, da es einen
solchen Beamten irgendwo geben knnte! Nein, ich werde mich beklagen,
Warinka, werde mich ganz einfach und ausdrcklich beklagen!

Ihr gehorsamster Diener

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

27. Juli.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ihre Briefe und die letzten Ereignisse haben mich recht erschreckt, und
zwar um so mehr, als ich mir anfangs nichts zu erklren wute -- bis
Fedora mir dann alles erzhlte. Aber weshalb muten Sie denn gleich so
verzweifeln und in einen solchen Abgrund strzen, Makar Alexejewitsch?
Ihre Erklrungen haben mich durchaus nicht befriedigt. Sehen Sie jetzt,
da ich recht hatte, als ich darauf bestand, jene vorteilhafte Stelle
anzunehmen? Ueberdies ngstigt mich mein letztes Abenteuer sehr.

Sie sagen, Ihre Liebe zu mir habe Sie veranlat, mir manches zu
verheimlichen. Ich habe es ja schon damals gewut, wie sehr ich Ihnen zu
Dank verpflichtet war, als Sie mir noch versicherten, da Sie fr mich
nur Ihr erspartes Geld ausgben, welches Sie, wie Sie sagten, auf der
Kasse liegen htten. Jetzt aber, nachdem ich erfahren habe, da Sie
berhaupt kein erspartes Geld besitzen, da Sie, als Sie zufllig von
meiner traurigen Lage erfuhren, nur aus Mitleid beschlossen, Ihr Gehalt,
das Sie sich noch dazu vorauszahlen lieen, fr mich auszugeben, und da
Sie whrend meiner Krankheit sogar Ihre Kleider verkauft haben -- jetzt
sehe ich mich in eine so qualvolle Lage versetzt, da ich gar nicht
wei, wie ich alles das auffassen und was ich berhaupt denken soll!

Ach, Makar Alexejewitsch! Sie htten es bei der notwendigsten Hilfe, die
Sie mir aus Mitleid und verwandtschaftlicher Liebe leisteten, bewenden
lassen und nicht unausgesetzt soviel Geld fr ganz Unntiges
verschwenden sollen! Sie haben mich hintergangen, Makar Alexejewitsch,
Sie haben mein Vertrauen mibraucht, und jetzt, wo ich hren mu, da
Sie Ihr letztes Geld fr meine Kleider, fr Konfekt, Ausflge,
Theaterbesuch und Bcher hingegeben haben -- jetzt bezahle ich das teuer
mit Selbstvorwrfen und der bitteren Reue ob meines unverzeihlichen
Leichtsinns, denn ich habe doch alles von Ihnen angenommen, ohne nach
Ihrem Auskommen zu fragen. Auf diese Weise verwandelt sich jetzt alles,
womit Sie mir einst Freude machen wollten, in eine drckende Last, und
alles Gute wird in der Erinnerung von Bedauern verdrngt.

Es ist mir in der letzten Zeit natrlich nicht entgangen, da Sie
bedrckt waren, aber obschon ich selbst ahnungsvoll irgendein Unheil
erwartete, konnte ich doch das, was jetzt geschehen ist, einfach nicht
fassen. Wie! So haben Sie schon in einem solchen Mae den Mut verlieren
knnen, Makar Alexejewitsch! Was werden jetzt diejenigen, die Sie
kennen, von Ihnen sagen? Sie, den ich wie alle anderen wegen Ihrer
Herzensgte, Anspruchslosigkeit und Anstndigkeit geachtet habe, Sie
haben sich pltzlich einem so widerlichen Laster ergeben knnen, dem Sie
doch, soviel mir scheint, frher noch nie gefrnt haben.

Ich wei nicht mehr, was mit mir geschah, als Fedora mir erzhlte, da
man Sie in berauschtem Zustande auf der Strae gefunden und die Polizei
Sie nach Haus geschafft habe! Ich erstarrte, -- obschon ich mich auf
etwas Auergewhnliches gefat gemacht hatte, da Sie ja doch schon seit
ganzen vier Tagen verschwunden waren. Haben Sie denn nicht daran
gedacht, Makar Alexejewitsch, was Ihre Vorgesetzten dazu sagen werden,
wenn sie die wirkliche Ursache Ihres Ausbleibens vernehmen? Sie sagen,
da alle ber Sie lachen und von unseren Beziehungen erfahren haben, und
da Ihre Nachbarn in ihren Spottreden auch meiner Erwhnung tun.
Beachten Sie das nicht, Makar Alexejewitsch und beruhigen Sie sich um
Gottes willen!

Ferner beunruhigt mich auch noch Ihre Geschichte mit jenen Offizieren,
-- ich habe nichts Genaueres erfahren knnen, nur so ein Gercht.
Erklren Sie mir, bitte, was fr eine Bewandtnis es damit hat.

Sie schreiben, da Sie sich gefrchtet, mir die Wahrheit mitzuteilen,
weil Sie dann vielleicht meine Freundschaft verloren haben wrden, da
Sie whrend meiner Krankheit in der Verzweiflung nur deshalb alles
verkauft htten, um die Kosten bestreiten und somit verhindern zu
knnen, da man mich ins Hospital brachte, da Sie soviel Schulden
gemacht, wie es Ihnen gerade noch mglich war, und Ihre Wirtin Ihnen
jetzt tglich unangenehme Szenen bereite, -- aber indem Sie mir alles
dies verheimlichten, whlten Sie das Schlechtere. Jetzt habe ich ja doch
alles erfahren! Sie wollten mir die Erkenntnis ersparen, da ich die
Ursache Ihrer unglcklichen Lage war, haben mir aber nun durch Ihre
Auffhrung doppelten Kummer bereitet. Alles das hat mich fast gebrochen,
Makar Alexejewitsch. Ach, mein Freund! Unglck ist eine ansteckende
Krankheit. Arme und Unglckliche mten sich fernhalten voneinander, um
sich gegenseitig nicht noch mehr ins Elend zu bringen. Ich habe Ihnen
solches Unglck gebracht, wie Sie es frher in Ihrem bescheidenen
stillen Leben gewi noch nie erfahren haben. Das qult mich entsetzlich
und nimmt mir jede Kraft.

Schreiben Sie mir jetzt alles aufrichtig, was dort mit Ihnen geschehen
ist und wie Sie sich so weit haben vergessen knnen. Beruhigen Sie mich,
wenn es Ihnen mglich ist. Ich sage das nicht aus Egoismus, sondern nur
aus Freundschaft und Liebe zu Ihnen, die nichts aus meinem Herzen tilgen
knnte.

Leben Sie wohl. Ich erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. Sie haben
schlecht von mir gedacht, Makar Alexejewitsch.

Ihre Sie von Herzen liebende

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

28. Juli.

Meine unschtzbare Warwara Alexejewna!

Ja: jetzt, wo alles schon vorber und berstanden ist und alles
allmhlich wieder ins alte Geleise kommt, kann ich ja zu Ihnen ganz
aufrichtig sein, mein Kind. Also: es beunruhigt Sie, was man von mir
denken und was man von mir sagen wird. Darauf beeile ich mich, Ihnen
mitzuteilen, da mein Ansehen im Amte mir hher steht, als alles andere.
Und da kann ich Ihnen denn, nachdem ich Ihnen von diesen meinen
Unglcksfllen und Migeschicken berichtet habe, nunmehr mitteilen, da
von meinen Vorgesetzten noch niemand etwas erfahren hat, so da sie mich
alle nach wie vor achten werden. Nur eines frchte ich: nmlich
Klatschgeschichten. Hier zu Haus schrie die Wirtin, aber nachdem ich ihr
jetzt mittels Ihrer zehn Rubel einen Teil meiner Schuld bezahlt habe,
brummt sie nur noch. Und was die anderen betrifft, so ist es nicht so
schlimm: man mu sie nur nicht um Geld bitten, dann sind sie ganz gut.
Zum Schlu aber dieser meiner Erklrungen sage ich Ihnen noch, mein
Kind, da Ihre Achtung mir ber alles geht, ber alles und jedes in der
Welt, und damit, da ich diese nicht eingebt habe, trste ich mich nun
in der Zeit meiner Bedrngnis. Gott sei Dank, da der erste Schlag und
die ersten Unannehmlichkeiten vorber sind, und da Sie es so milde
auffassen, da Sie mich deshalb nicht fr einen treulosen Freund und
selbstschtigen Menschen halten, weil ich Sie hier bei uns zurckhielt
und Sie betrog, Sie liebte und doch nicht die Kraft hatte, mich von
Ihnen zu trennen, mein Engel. Ich habe mich mit Eifer von neuem an meine
Arbeit gemacht und bin bemht, durch treue Pflichterfllung im Dienst
mein Vergehen wieder gut zu machen. Jewstafij Iwanowitsch sagte kein
Wort, als ich gestern an ihm vorberging.

Ich will Ihnen auch nicht verheimlichen, mein Kind, da meine Schulden
und der schlechte Zustand meiner Kleidung schwer auf mir lasten, aber
darauf kommt es ja wieder gar nicht an, und ich bitte Sie nur instndig,
sich wegen dieser Nebensachen keine Sorgen zu machen. Sie senden mir
noch ein halbes Rubelchen. Warinka, dieses halbe Rubelchen hat mir mein
Herz durchbohrt. Also so steht es jetzt, so hat sich das Blatt gewandt!
Nicht ich, der alte Dummkopf, helfe Ihnen, mein Engelchen, sondern Sie,
mein armes Waisenkindchen, helfen noch mir! Das war sehr gut von Fedora,
da sie Geld verschafft hat. Ich habe vorlufig gar keine Aussichten,
irgendwo welches auftreiben zu knnen, mein Kind, doch sobald sich
irgendeine Aussicht auf eine Mglichkeit einstellen sollte, werde ich
Ihnen darber ausfhrlich nheres schreiben. Nur der Klatsch, der
Klatsch beunruhigt mich!

Leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich ksse Ihr Hndchen und bitte Sie
flehentlich, nur ja wieder gesund zu werden. Ich schreibe deshalb so
kurz, weil ich zum Dienst eilen mu, denn durch Eifer und Flei will ich
alle meine Versumnisse nachholen und so mein Gewissen langsam
beruhigen. Die ausfhrlichere Wiedergabe meiner Erlebnisse sowie jener
Geschichte mit den Offizieren verschiebe ich auf den Abend. Dann habe
ich mehr Zeit.

Ihr Sie hoch verehrender und herzlich liebender

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

28. Juli.

Warinka, mein Liebes!

Ach, Warinka, Warinka! Jetzt ist aber die Schuld auf Ihrer Seite und
wird auf Ihrem Gewissen lasten bleiben. Mit Ihrem Brief hatten Sie mich
um den Rest von Ueberlegungskraft gebracht, den ich noch besa, und mich
ganz und gar vor den Kopf gestoen: erst jetzt, nachdem ich in Mue
nachgedacht und mir bis ins innerste Herz hineingeblickt habe, sehe ich
und wei ich wieder, da ich doch im Recht war, vollkommen im Recht. Ich
rede jetzt nicht von meinen drei wsten Tagen (lassen wir das gut sein,
Kind, reden wir nicht mehr davon!), sondern sage nur immer wieder, da
ich Sie liebe und da es keineswegs unvernnftig von mir war, Sie zu
lieben, nein, durchaus nicht unvernnftig! Sie, mein Kind, wissen ja
doch noch nichts: aber wenn Sie wten, wie das alles kam, warum ich Sie
lieben mu, so wrden Sie ganz anders reden. Sie sagen ja dies alles nur
so, und ich bin berzeugt, da Sie in Ihrem Herzen ganz anders denken.

Mein Kind, ich wei es ja selbst nicht mehr ganz genau, was ich mit
jenen Offizieren eigentlich hatte. Ich mu Ihnen nmlich gestehen, mein
Engelchen, da ich mich bis dahin in der schrecklichsten Lage befand.
Stellen Sie sich vor, mein Kind, da ich mich schon einen ganzen Monat
sozusagen nur noch an einem Fdchen hielt. Meine Bedrngnis war so gro,
da ich gar nicht mehr wute, wo ich mich lassen sollte. Vor Ihnen
versteckte ich mich, und hier zu Haus versteckte ich mich gleichfalls,
aber meine Wirtin schrie trotzdem allen Menschen die Ohren voll. Ich
htte mir nicht viel daraus gemacht, ich htte sie ja schreien lassen,
die schndliche Person, so viel sie wollte, aber erstens war es doch
eine Schande, und zweitens kam hinzu, da sie Gott wei woher von
unserer Freundschaft erfahren hatte, und da schrie sie denn im ganzen
Hause solche Sachen ber uns aus, da mir Hren und Sehen verging und
ich mir die Ohren zuhielt. Die anderen aber hielten sich ihre Ohren
nicht zu, sondern rissen sie ganz im Gegenteil sperrangelweit auf. Auch
jetzt noch wei ich nicht, mein Kind, wo ich mich vor ihnen verbergen
soll...

Und nun, sehen Sie mein Engelchen, diesem Ansturm von Unglck in allen
seinen Arten war ich eben nicht gewachsen. Und da hrte ich nun
pltzlich von Fedora, da ein Nichtswrdiger zu Ihnen gekommen sei und
Sie mit unverschmten Antrgen beleidigt habe. Da er Sie tief und
grausam beleidigt haben mute, das konnte ich schon nach mir selbst
beurteilen, mein Kind, denn auch ich fhlte mich dadurch tief beleidigt.
Ja -- und da, mein Engelchen, da verlor ich eben den Verstand, verlor
den Kopf und verlor mich selbst vollstndig dazu. Ich lief in einer
solchen Wut fort, Warinka, wie ich sie mein Lebtag noch nicht empfunden.
Ich wollte sogleich zu ihm, zu diesem Verfhrer, dem nichts mehr heilig
war! Doch ich wei selbst nicht, was ich wollte. Ich wollte jedenfalls,
mein Engelchen, da man Sie nicht beleidigte! Nun, traurig war es! Regen
und Schmutz drauen und Weh und Kummer im Herzen!... Ich gedachte schon
zurckzukehren ... Aber da kam das Verhngnis, mein Kind. Ich begegnete
dem Jemelj, dem Jemeljan Iljitsch, -- er ist ein Beamter, d.h. er war
Beamter, jetzt aber ist er es nicht mehr, denn er wurde aus irgendeinem
Grunde davongejagt. -- Ich wei eigentlich nicht, womit er sich jetzt
beschftigt -- irgendwie wird er sich wohl schon durchzuschlagen wissen
und so gingen wir denn beide. Gingen. -- Und dann, -- ja, was soll man
da reden, Warinka, es ist fr Sie doch keine Freude, von den Verirrungen
und Prfungen Ihres Freundes zu lesen -- und den Bericht von all dem
Unglck mit anzuhren, das er gehabt hat. Am dritten Tage, gegen Abend
-- der Jemelj, Gott verzeih ihm, hatte mich aufgehetzt -- ging ich
schlielich hin zu dem Leutnant. Seine Adresse hatte ich von unserem
Hausknecht erfahren. Ich hatte ja doch -- da nun einmal die Rede davon
ist -- schon lange diesen jungen Helden ins Auge gefat, hatte ihn schon
lange beobachtet, als er noch in unserem Hause wohnte. Jetzt sehe ich ja
ein, da ich mich nicht richtig benommen habe, denn ich war nicht in
einem klaren Zustande, als ich mich bei ihm melden lie, Warinka. Und
dann mein Kind, ja dann, offengestanden, davon wei ich nichts mehr, was
dann noch geschah. Ich erinnere mich nur noch, da sehr viele Offiziere
bei ihm waren, oder vielleicht auch, Gott wei es, sahen meine Augen
alles doppelt. Auch wei ich nicht mehr, was ich dort eigentlich tat,
ich wei nur, da ich viel sprach, und zwar in ehrlicher Entrstung. Nun
und da wurde ich denn schlielich hinausbefrdert und die Treppe
hinabgeworfen, d.h. nicht gerade, da sie mich wortwrtlich
hinabgeworfen htten, aber immerhin: ich wurde hinausbefrdert. Wie ich
wieder nach Hause kam, das wissen Sie ja schon. Nun und das ist alles,
Warinka. Ich habe mir natrlich viel vergeben und meine Ehre hat
darunter gelitten, aber von dem ganzen wei ja doch niemand, von fremden
Menschen niemand, auer Ihnen kein Mensch, nun und das ist doch ebenso
gut, als wre berhaupt nichts gewesen. Ja, vielleicht ist es auch
wirklich so, Warinka, was meinen Sie? Was ich nmlich ganz genau wei,
das ist, da im vorigen Jahr Akssentij Ossipowitsch sich bei uns ganz
ebenso an Pjotr Petrowitsch vergriff, aber er tat es nicht ffentlich,
tat es unter vier Augen. Er lie ihn in die Wachtstube bitten, ich aber
sah alles zufllig mit an: dort nun verfuhr er dann mit ihm, wie er es
fr richtig befand, jedoch unter voller Wahrung von Ehre und Haltung:
denn wie gesagt, es sah niemand etwas davon -- auer mir. Ich aber --
nun, ich bin doch nichts, d.h. ich will damit nur sagen, da ich nichts
davon habe verlauten lassen, es ist also ganz so, als htte auch ich
nichts gewut. Nun und nachher haben Pjotr Petrowitsch und Akssentij
Ossipowitsch immer so zueinander gestanden, als wre nie etwas zwischen
ihnen vorgefallen. Pjotr Petrowitsch ist, wissen Sie, solch ein
Ehrgeiziger, daher hat er denn auch niemand etwas gesagt, und jetzt
gren sie sich, als ob nichts vorgefallen wre, und reichen sich sogar
die Hand.

Ich widerspreche ja nicht, Warinka, ich wage ja gar nicht, Ihnen zu
widersprechen, ich sehe es selbst ein, da ich tief gesunken bin und ich
habe sogar, was am schrecklichsten ist, an Selbstachtung viel, ach, sehr
viel verloren. Doch das wird mir wahrscheinlich schon von Geburt an so
bestimmt gewesen sein: das war eben mein Schicksal, -- dem Schicksal
aber entgeht man nicht, wie Sie wissen.

So, das wre jetzt die ausfhrliche Erzhlung alles dessen, was mich in
meiner Not und meinem Elend noch heimgesucht hat, Warinka. Wie Sie
sehen, ist es von der Art, da es besser wre, gar nicht daran zu
denken. Ich bin krank, mein Kind, und da sind mir alle bessern Gefhle
abhanden gekommen. Ich schliee, indem ich Sie, verehrte Warwara
Alexejewna, meiner Anhnglichkeit, Liebe und Hochachtung versichere, und
verbleibe

Ihr ergebenster Diener

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

29. Juni.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ich habe Ihre beiden Briefe gelesen und die Hnde zusammengeschlagen!
Mein Gott, mein Gott! Hren Sie, mein Freund, entweder verheimlichen Sie
mir etwas oder Sie haben mir berhaupt nur einen Teil Ihrer
Unannehmlichkeiten geschrieben, oder ... wirklich, Makar Alexejewitsch,
aus Ihren Briefen lese ich noch immer eine gewisse Verstrtheit heraus
... Kommen Sie heute zu mir, um Gottes willen kommen Sie! Und hren Sie:
kommen Sie einfach zum Mittagessen zu uns. Ich wei nicht, wie Sie dort
leben und wie Sie jetzt mit Ihrer Wirtin stehen. Sie schreiben davon
nichts, und zwar scheinbar absichtlich, als wollten Sie wieder etwas
verschweigen.

Also auf Wiedersehen, mein Freund, kommen Sie unbedingt heute zu uns.
Ueberhaupt wre es besser, wenn Sie immer bei uns essen wrden. Fedora
kocht sehr gut. Leben Sie wohl.

Ihre

Warwara Dobrosseloff.

                   *       *       *       *       *

1. August.

Warwara Alexejewna, meine Liebe!

Sie freuen sich, mein Kind, da Gott der Herr Ihnen jetzt Gelegenheit
gegeben hat, Gutes mit Gutem zu vergelten und mir Ihre Dankbarkeit zu
beweisen. Ich glaube daran, Warinka, und glaube an die Engelsgte Ihres
Herzchens, und will Ihnen keinen Vorwurf machen, nur mssen auch Sie mir
nicht wie damals vorwerfen, da ich auf meine alten Tage ein
Verschwender geworden sei. Nun, ich habe eben mal gesndigt, was ist da
zu machen! -- wenn Sie durchaus wollen, da es eine Snde sei. Nur sehen
Sie, Warinka, gerade von Ihnen das zu hren, das tut weh!

Aber seien Sie mir deshalb nicht bse, da ich Ihnen das sage. In meinem
Herzen ist alles krank, mein Kind. Arme sind eigensinnig: -- das ist von
der Natur selbst so eingerichtet. Ich habe es auch frher schon
beobachtet und selbst gefhlt. Der arme Mensch ist empfindlich: Gottes
Welt sieht er anders an, auf jeden Vorbergehenden sieht er mitrauisch
von der Seite, und schaut sich berall argwhnisch und verwirrt um, und
horcht auf jedes Wort -- ob da nicht etwa von ihm gesprochen wird? Ob
man sich nicht gerade zuflstert, wie unansehnlich und abgerissen er
ausschaue? Ob man sich nicht frage, was er gerade in diesem Augenblick
wohl empfinde? Vielleicht auch, wie er denn eigentlich von dieser, und
wie er wohl von jener Seite sich ausnehme? Das wei doch ein jeder,
Warinka, da ein armer Mensch schlechter als ein alter Lappen ist und
keinerlei Achtung von anderen Menschen verlangen kann, was man da auch
immer schreiben mag! Denn was diese Buchmenschen da schreiben: es bleibt
am armen Menschen doch alles so, wie es war. Und weshalb bleibt es so,
wie es war? Nun, weil bei einem armen Menschen alles sozusagen mit der
linken Seite nach auen sein mu, er darf da nichts tiefinnerlich
Verborgenes besitzen, keinen Ehrgeiz beispielsweise oder sonst sowas,
das duldet man einfach nicht. Noch neulich sagte mir der Jemelj, da
man einmal irgendwo eine Kollekte fr ihn gemacht habe, und da er dabei
fr jeden Heller gewissermaen einer Besichtigung unterzogen worden sei.
Die Menschen waren der Meinung, da sie ihm ihre Almosen nicht umsonst
geben mten -- oh nein: sie zahlten dafr, da man ihnen einen armen
Menschen zeigte. Heutzutage, Kind, werden auch die Wohltaten ganz
eigenartig erwiesen ... vielleicht auch, da sie immer so erwiesen
worden sind, wer kann das wissen! Entweder verstehen es die Leute nicht
oder sie sind schon gar zu groe Meister darin -- eins von beiden.

Sie haben das vielleicht noch nicht gewut? Dann merken Sie es sich!
Glauben Sie mir, Warinka, wenn ich auch ber manches nicht mitreden kann
-- hierber wei ich besser Bescheid, als so mancher andere! Woher aber
wei ein armer Mensch alles dies? Und warum denkt er berhaupt so etwas?
Ja, woher wei er es? -- Nun, eben so -- aus Erfahrung! Ebensogut wie er
wei, da dort der feine Herr, der neben ihm geht und sogleich in ein
Restaurant treten wird, bei sich selbst denkt: Was wird wohl dieser
arme Beamte da heute zu Mittag speisen? Ich werde mir jedenfalls _saut
aux papillotes_ bestellen, er aber wird vielleicht einen Brei ohne
Butter essen! -- Aber was geht es denn ihn an, da ich Brei ohne Butter
essen werde? Ja, es gibt nun einmal solche Menschen, Warinka, es gibt
wirklich solche Menschen, die nur an so etwas denken. Und die gehen dann
noch umher, diese nichtsnutzigen Pasquillanten, und schnffeln berall
und sehen nach, ob einer mit dem ganzen Fu auftritt, oder nur mit der
Fuspitze, und notieren es sich noch, da der und der Beamte in dem und
dem Ressort Stiefel trgt, aus denen die nackten Zehen hervorgucken, da
die Aermel seiner Uniform an den Ellenbogen durchgescheuert sind und
Lcher aufweisen -- und das beschreiben sie dann alles ganz genau, und
obendrein wird's gedruckt ... Was geht das dich an, da meine Ellenbogen
zerrissen sind? Ja, wenn Sie mir das grobe Wort verzeihen, Warinka, so
sage ich Ihnen, da ein armer Mensch in dieser Beziehung ganz dieselbe
Scham empfindet, wie Sie beispielsweise Ihre Mdchenscham empfinden. Sie
werden sich doch auch nicht vor allen Leuten -- verzeihen Sie mir das
grobe Beispiel -- auskleiden. Nun, und sehen Sie, genau so ungern sieht
es der arme Mensch, da man in seine Hundehtte hineinblickt, etwa um zu
sehen, wie denn da seine Familienverhltnisse sind. Was lag aber fr ein
Grund vor, mich, Warinka, zusammen mit meinen Feinden, die es auf die
Ehre und den guten Ruf eines ehrlichen Menschen abgesehen haben, so zu
beleidigen?

Nun, und heute sa ich in meinem Bureau ganz muschenstill und geduckt,
und kam mir selbst wie ein gerupfter Sperling vor, so da ich vor Scham
fast vergehen wollte. Ich schmte mich, Warinka! Man verliert ja
unwillkrlich den Mut, wenn man wei, da durch das durchgescheuerte
Aermelzeug die Ellenbogen schimmern und die Knpfe nur noch an einem
Fdchen baumeln. Und bei mir war doch alles wie behext, alles
buchstblich wie behext, und in der grten Verwahrlosung! Da verliert
man denn ganz unwillkrlich seinen Mut. Ja, wie auch nicht! Selbst
Stepan Karlowitsch sagte, als er heute ber Dienstliches mit mir zu
sprechen begann: er sprach nmlich und sprach, und dann pltzlich
entfuhr es ihm ganz unversehens: Ach ja, Makar Alexejewitsch! sprach
aber das andere nicht aus, nicht das, was er dachte, nur erriet ich es
durch alle seine Gedanken hindurch und errtete so, da sogar meine
Glatze rot wurde. Es hat ja im Grunde nichts zu bedeuten, aber es ist
doch immer irgendwie beunruhigend und bringt einen auf ganz schwermtige
Gedanken. Sollten Sie vielleicht schon etwas erfahren haben? Gott
behte, wenn Sie nun doch etwas erfahren haben sollten! Ja, wirklich,
aufrichtig gesagt, ich habe einen gewissen Menschen stark im Verdacht.
Diesen Rubern macht es doch nichts aus! Die verraten einen ohne
weiteres! Sie sind fhig, dein ganzes Privatleben fr nichts und wieder
nichts zu verkaufen! Denen ist gar nichts mehr heilig!

Ich wei jetzt, wessen Streich das ist: Ratasjeff hat's getan! Er mu
mit jemandem aus unserem Ressort bekannt sein, und da hat er dem
Betreffenden so gesprchsweise etwas gesagt, vielleicht auch noch seine
Erzhlung ganz besonders ausgeschmckt. Oder er hat's vielleicht in
seinem Bureau erzhlt, und von dort ist es dann hinausgetragen worden
und auch zu uns gekommen. Bei uns zu Hause sind alle ganz genau
unterrichtet: sie weisen gar mit dem Finger nach Ihrem Fenster. Ich wei
schon, da sie's tun. Und als ich gestern zum Mittagessen zu Ihnen ging,
steckten sie aus allen Fenstern die Kpfe hinaus, und die Wirtin sagte,
da habe nun der Teufel mit einem Sugling einen Bund geschlossen, und
dann drckte sie sich auerdem noch unanstndig ber Sie aus.

Aber alles dies ist noch nichts gegen die schndliche Absicht
Ratasjeffs, uns beide in seine Schriften hineinzubringen und uns in
einer pikanten Satire zu schildern. Das hat er selbst gesagt, und mir
deuteten es einige gute Freunde im Bureau an. Ich kann jetzt an nichts
mehr denken, mein Kind, und wei nicht einmal, wozu ich mich
entschlieen mu. Ja, -- soll man da noch lnger seine Snde in Abrede
stellen, wir haben doch wohl beide Gott den Herrn erzrnt, mein
Engelchen!

Sie wollten mir, mein Kind, ein Buch schicken, damit ich mich nicht
langweile. Lassen Sie es gut sein, Liebling, was mach ich damit! Und was
ist denn solch ein Buch? Das ist doch alles nichts Wirkliches! Und auch
Satiren und Romane sind Unsinn, nur so um des Unsinns willen
geschrieben, nur so, damit mige Leute etwas zu lesen haben. Glauben
Sie mir, mein Kind, was ich Ihnen sage, glauben Sie meiner langjhrigen
Erfahrung. Und wenn sie Ihnen da von Shakespeare anfangen -- in der
Literatur, siehst du, gibt es einen Shakespeare! -- so ist ja doch auch
ihr ganzer Shakespeare Unsinn, nichts als barer Unsinn, und nichts
weiter als ein Spott- und Schmhgeschreibe und nur zu solchem Zweck von
diesem Pasquillanten verfat!

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

2. August.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ich bitte Sie, beunruhigen Sie sich jetzt nicht mehr! Gott wird uns
schon helfen und alles wird wieder gut werden. Fedora hat fr sich und
mich eine Menge Arbeit verschafft und wir haben uns sehr vergngt
sogleich daran gemacht. Vielleicht werden wir dadurch alles wieder
gutmachen knnen. Fedora sagte mir, sie glaube, da Anna Fedorowna ber
alle meine Unannehmlichkeiten in der letzten Zeit genau unterrichtet
sei, doch mir ist jetzt alles gleichgltig. Ich bin heute ganz besonders
froh gestimmt.

Sie wollen Geld borgen -- Gott bewahre Sie davor! Damit wrden Sie sich
noch mehr Unglck auf den Hals laden, denn Sie mssen es zurckzahlen,
und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben Sie jetzt lieber
noch etwas sparsamer, kommen Sie fter zu uns und achten Sie nicht
darauf, was Ihre Wirtin da schreit. Was aber Ihre brigen Feinde und
alle Ihnen mignstig Gesinnten betrifft, so bin ich berzeugt, da Sie
sich mit ganz grundlosen Befrchtungen qulen, Makar Alexejewitsch!

Sie knnten auch etwas mehr auf Ihren Stil achten, ich habe Ihnen schon
das vorige Mal gesagt, da Sie sehr unausgeglichen schreiben. Nun, also
leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Ich erwarte Sie unter allen
Umstnden.

Ihre

W. D.

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3. August.

Mein Engelchen Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Seelchen, da ich jetzt doch
wieder eine kleine Aussicht habe und damit auch wieder Hoffnung. Aber
zunchst erlauben Sie mir eines, mein Kind: Sie schreiben, ich solle
keine Anleihe machen? Mein Tubchen, es geht nicht ohne sie. Mir geht es
schon schlecht, aber wie wird das erst mit Ihnen sein, es kann Ihnen
doch pltzlich etwas zustoen! Sie sind doch solch ein schwchliches
Dingelchen. Also sehen Sie, deshalb sage ich denn auch, da man sich
unbedingt Geld verschaffen mu. Und nun hren Sie weiter.

Also zunchst mu ich vorausschicken, da ich im Bureau neben Jemeljan
Iwanowitsch sitze. Das ist nicht jener Jemeljan, von dem ich Ihnen schon
erzhlt habe. Er ist vielmehr, ganz wie ich, ein Staatsschreiber. Wir
beide sind so ziemlich die Aeltesten im ganzen Departement, die
Alteingesessenen, wie man uns zu nennen pflegt. Er ist ein guter Mensch,
ein uneigenntziger Mensch, aber nicht gerade sehr gesprchig, wissen
Sie, und eigentlich sieht er immer wie so ein richtiger Brummbr aus.
Dafr arbeitet er gut, hat eine sogenannte englische Handschrift, und
wenn man die Wahrheit sagen soll, schreibt er nicht schlechter als ich.
Er ist dabei ein wirklich ehrenwerter Mensch! Sehr intim sind wir beide
nie gewesen, nur so auf Guten Tag! und Leben Sie wohl! haben wir
gestanden, doch, was mitunter vorkam, wenn ich sein Federmesser ntig
hatte, nun, dann sagte ich eben: Bitte, Jemeljan Iwanowitsch, Ihr
Messerchen, auf einen Augenblick! Also eine richtige Unterhaltung gab's
zwischen uns nicht, aber es wurde doch das gesprochen, was man sich so
gelegentlich zu sagen hat, wenn man nebeneinander sitzt. Nun aber, sehen
Sie, da sagte dieser Mensch heute ganz pltzlich zu mir: Makar
Alexejewitsch, warum sind Sie denn jetzt so nachdenklich?

Ich sah, der Mensch meinte es gut mit mir -- und da vertraute ich mich
ihm denn an. So und so, sagte ich, Jemeljan Iwanowitsch, d.h. alles
erzhlte ich ihm nicht -- und natrlich, Gott behte, werde ich das auch
nie tun, denn dazu fehlt mir der Mut, Warinka, aber so dies und jenes
habe ich ihm doch anvertraut, mit anderen Worten: ich gestand ihm, da
ich etwas in Geldverlegenheit sei, nun, und so weiter.

Aber Sie knnten doch, Vterchen, sagte darauf Jemeljan Iwanowitsch,
knnten sich doch von jemandem Geld leihen, sagen wir zum Beispiel von
Pjotr Petrowitsch, der leiht auf Prozente. Ich habe auch von ihm
geliehen. Und er nimmt nicht einmal gar so hohe Prozente, wirklich,
nicht gar so hohe.

Nun, Warinka, mein Herz schlug gleich ganz anders vor lauter Freude --
es hpfte nur so! Ich dachte und dachte hin und her und setzte mein
Vertrauen auf Gott, der, was kann man wissen, dem Pjotr Petrowitsch
vielleicht doch eingibt, da er mir Geld leiht. Und ich begann schon,
alles auszurechnen: wie ich dann meine Wirtin bezahlen und Ihnen helfen
und auch mir selbst ein einigermaen menschliches Aussehen verleihen
wrde -- denn so ist es doch eine wahre Schande, man schmt sich
ordentlich, auf seinem Platz zu sitzen, ganz abgesehen davon, da die
Jungen ewig ber einen lachen -- nun, Gott verzeih' ihnen! Aber auch
Seine Exzellenz gehen mitunter an unserem Tisch vorber: nun, sagen wir,
wenn sie einmal -- wovor Gott uns behte und bewahre! -- wenn sie einmal
im Vorbergehen einen Blick auf mich zu werfen geruhten und bemerken
sollten, da ich, sagen wir, ungehrig gekleidet bin! Bei Seiner
Exzellenz aber sind Sauberkeit und Ordnung die Hauptsache. Sie wrden ja
wahrscheinlich nichts sagen, aber ich, Warinka, ich wrde auf der Stelle
sterben vor Scham, -- sehen Sie, so wrde es sein. Daher nahm ich denn
all meinen Mut zusammen, verbarg meine Scheu so gut es ging, und begab
mich zu Pjotr Petrowitsch, einerseits voll Hoffnung und andererseits
weder tot noch lebendig vor Erwartung -- beides zugleich.

Nun, was soll ich Ihnen denn sagen, Warinka, es endete mit -- nichts. Er
war da sehr beschftigt und sprach gerade mit Fedossei Iwanowitsch. Ich
trat von der Seite an ihn heran und zupfte ihn ein wenig am Aermel:
bedeutete ihm, da ich mit ihm sprechen wolle, mit Pjotr Petrowitsch. Er
sah sich nach mir um -- und da begann ich denn und sagte ungefhr: So
und so, Pjotr Petrowitsch, wenn mglich, sagen wir etwa dreiig Rubel
usw. -- Er schien mich zuerst nicht ganz zu verstehen, als ich ihm aber
dann nochmals alles erklrt hatte, da begann er zu lachen, sagte aber
nichts und schwieg wieder. Ich begann von neuem, er aber fragte
pltzlich: Haben Sie ein Pfand? -- selbst jedoch vertiefte er sich
wieder ganz in seine Papiere und schrieb weiter, ohne sich nach mir
umzusehen. Das machte mich ein wenig befangen.

Nein, sagte ich, ein Pfand habe ich nicht, Pjotr Petrowitsch -- und
ich erklrte ihm: So und so, ich werde Ihnen das Geld zurckzahlen,
sobald ich meine Monatsgage erhalte, werde es unbedingt tun, werde es
fr meine erste Pflicht erachten. In diesem Augenblick rief ihn jemand
und er ging fort, ich blieb aber und erwartete ihn. Er kam denn auch
bald wieder zurck, setzte sich, spitzte seine Feder -- mich aber
bemerkte er gleichsam berhaupt nicht. Ich kam jedoch wieder darauf zu
sprechen, also so und so, Pjotr Petrowitsch, ginge es denn nicht doch
irgendwie?

Er schwieg und schien mich wieder gar nicht zu hren, ich aber stand,
stand. -- Nun, dachte ich, ich will es doch noch einmal, zum letztenmal,
versuchen, und zupfte ihn wieder ein wenig am Aermel. Er sagte aber
keinen Ton, Warinka, entfernte nur ein Hrchen von seiner Federspitze
und schrieb weiter. Da ging ich denn.

Sehen Sie, mein Kind, es sind das ja vielleicht sehr ehrenwerte
Menschen, nur stolz sind sie, sehr stolz, -- nichts fr unsereinen! Wo
reichen wir an diese hinan, Warinka! Deshalb, damit Sie es wissen, habe
ich Ihnen auch alles das geschrieben.

Jemeljan Iwanowitsch begann gleichfalls zu lachen und schttelte den
Kopf, aber er machte mir doch wieder Hoffnung, der Gute. Jemeljan
Iwanowitsch ist wirklich ein edler Mensch. Er versprach mir, mich einem
gewissen Mann zu empfehlen, und dieser Mann, Warinka, der auf der
Wiborger Seite(9) wohnt, leiht gleichfalls Geld auf Prozente. Jemeljan
Iwanowitsch sagt, der werde zweifellos geben, dieser ganz bestimmt. Ich
werde morgen, mein Engelchen, gleich morgen werde ich zu ihm gehen. Was
meinen Sie dazu? Es geht doch nicht ohne Geld! Meine Wirtin droht schon,
mich hinauszujagen, und will mir nichts mehr zu essen geben. Und meine
Stiefel sind schrecklich schlecht, mein Kind, und Knpfe fehlen mir
berall, und was mir nicht sonst noch alles fehlt! Wenn nun einer der
Vorgesetzten eine Bemerkung darber macht? Es ist ein Unglck, Warinka,
wirklich ein Unglck!

Makar Djewuschkin.

  (9) Ein Stadtteil von St. Petersburg. E.K.R.

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4. August.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Um Gottes willen, Makar Alexejewitsch, verschaffen Sie so bald als
mglich Geld! Ich wrde Sie unter den jetzigen Umstnden natrlich fr
keinen Preis um Hilfe bitten, aber wenn Sie wten, in welcher Lage ich
mich befinde! Ich kann nicht mehr in dieser Wohnung bleiben, ich mu
fort! Ich habe die schrecklichsten Unannehmlichkeiten gehabt, Sie knnen
es sich nicht vorstellen, wie aufgeregt und verzweifelt ich bin!

Stellen Sie sich vor, mein Freund: heute morgen erscheint bei uns
pltzlich ein fremder Herr, ein schon bejahrter Mann, nahezu ein Greis,
mit Orden auf der Brust. Ich wunderte mich und begriff nicht, was er von
uns wollte. Fedora war gerade ausgegangen, um noch etwas zu kaufen. Er
begann mich auszufragen: wie ich lebe, womit ich mich beschftige, und
darauf erklrte er mir -- ohne meine Antwort abzuwarten, -- er sei der
Onkel jenes Offiziers und habe sich ber das flegelhafte Betragen seines
Neffen sehr gergert: er sei sehr aufgebracht darber, da jener mich in
einen schlechten Ruf gebracht habe -- sein Neffe sei ein leichtsinniger
Bengel, der zu nichts tauge, er aber fhle sich als Onkel verpflichtet,
die Schuld seines Neffen zu shnen und mich unter seinen Schutz zu
nehmen. Ferner riet er mir noch, nicht auf die jungen Leute zu hren, er
dagegen habe wie ein Vater Mitleid mit mir, empfinde berhaupt
vterliche Liebe fr mich und sei bereit, mir in jeder Beziehung zu
helfen.

Ich errtete, wute aber noch immer nicht, was ich denken sollte,
weshalb ich ihm natrlich auch nicht dankte. Er nahm meine Hand und
hielt sie fest, obschon ich sie ihm zu entziehen suchte, ttschelte
meine Wange, sagte mir, ich sei gar zu reizend, und ganz besonders
gefalle es ihm, da ich in den Wangen Grbchen habe. -- Gott wei, was
er da noch sprach! -- und zu guter Letzt wollte er mich auch noch
kssen: er sei ja schon ein Greis, wie er sagte. Er war so ekelhaft! --
Da trat Fedora ins Zimmer. Er wurde ein wenig verlegen und begann wieder
damit, da er mich wegen meiner Bescheidenheit und Wohlerzogenheit
beraus achte: er wrde es sehr gern sehen, da ich meine Scheu vor ihm
verlre. Dann rief er Fedora beiseite und wollte ihr unter einem
seltsamen Vorwand Geld in die Hand drcken. Doch Fedora nahm es
natrlich nicht an. Da brach er denn endlich auf, wiederholte nochmals
alle seine Beteuerungen, versprach, mich nchstens wieder zu besuchen
und mir dann Ohrringe mitzubringen (ich glaube, er war zum Schlu selbst
etwas verlegen). Er riet mir auerdem, in eine andere Wohnung
berzusiedeln, und empfahl mir sogar eine, die sehr schn sei und mich
nichts kosten wrde. Er sagte, da er mich namentlich deshalb sehr
liebgewonnen habe, weil ich ein ehrenwertes und vernnftiges Mdchen
sei. Darauf riet er mir nochmals, mich vor der verderbten Jugend in acht
zu nehmen, und zum Schlu erklrte er, da er mit Anna Fedorowna bekannt
sei und sie ihn beauftragt habe, mir zu sagen, da sie mich besuchen
werde. Da begriff ich denn alles! Ich wei nicht mehr, was mit mir
geschah -- ich habe das zum erstenmal gefhlt und mich zum erstenmal in
einer solchen Lage befunden: ich war auer mir! Ich beschmte ihn
tchtig -- und Fedora stand mir bei und jagte ihn frmlich aus dem
Zimmer. Das ist natrlich Anna Fedorownas Machwerk -- woher htte er
sonst etwas von uns erfahren knnen?

Ich aber wende mich an Sie, Makar Alexejewitsch, und flehe Sie an, mir
beizustehen. Helfen Sie mir, um Gottes willen, lassen Sie mich jetzt
nicht im Stich! Bitte, bitte, verschaffen Sie uns Geld, wenn auch nur
ein wenig, wir haben nichts, womit wir die Kosten eines Umzuges
bestreiten knnten, hierbleiben aber knnen wir unter keinen Umstnden,
das ist ganz ausgeschlossen. Auch Fedora ist der Meinung. Wir brauchen
wenigstens fnfundzwanzig Rubel. Ich werde Ihnen dieses Geld
zurckgeben, ich werde es mir schon verdienen! Fedora wird mir in den
nchsten Tagen noch Arbeit verschaffen, lassen Sie sich daher nicht
durch hohe Prozente abschrecken, sehen Sie nicht darauf, gehen Sie auf
jede Bedingung ein! Ich werde Ihnen alles zurckzahlen, nur verlassen
Sie mich jetzt nicht, um Gottes willen! Es kostet mich viel, Ihnen unter
den jetzigen Umstnden mit einer solchen Bitte zu kommen, aber Sie sind
doch meine einzige Sttze, meine einzige Hoffnung!

Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch, denken Sie an mich, und Gott gebe
Ihnen Erfolg!

W. D.

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4. August.

Mein Tubchen Warwara Alexejewna!

Sehen Sie, gerade alle diese unerwarteten Schlge sind es, die mich
erschttern! Gerade diese schrecklichen Heimsuchungen schlagen mich zu
Boden! Dieses Lumpenpack von faden Schmarotzern und nichtswrdigen
Greisen will nicht nur Sie, mein Engelchen, auf das Krankenlager
bringen, durch alle die Aufregungen, die sie Ihnen bereiten, sondern
auch mir wollen sie, diese Schurken, den Garaus machen. Und das werden
sie, ich schwre es, das werden sie! Ich wre doch jetzt eher zu sterben
bereit, als Ihnen nicht zu helfen! Und wenn ich Ihnen nicht helfen
knnte, so wre das mein Tod, Warinka, wirklich mein Tod. Helfe ich
Ihnen aber, so fliegen Sie mir schlielich wie ein Vglein fort, und
dann werden Sie von diesen Nachteulen, diesen Raubvgeln, die Sie jetzt
aus dem Nestchen locken wollen, einfach umgebracht. Das jedoch ist es,
was mich am meisten qult, mein Kind. Aber auch Ihnen, Warinka, trage
ich eines nach: warum mssen Sie denn gleich so grausam sein? Wie knnen
Sie nur! Sie werden geqult, Sie werden beleidigt, Sie, mein Vgelchen,
mein kleines, armes Herzchen, haben nur zu leiden, und da -- da machen
Sie sich noch deshalb Sorgen, da Sie mich beunruhigen mssen, und
versprechen, das Geld zurckzuzahlen, und es zu erarbeiten: das aber
heit doch in Wirklichkeit, da Sie sich bei Ihrer schwachen Gesundheit
zuschanden arbeiten wollen, um fr mich zum richtigen Termin das Geld zu
beschaffen! So bedenken Sie doch blo, Warinka, was Sie da sprechen!
Wozu sollen Sie denn nhen und arbeiten und Ihr armes Kpfchen mit
Sorgen qulen und Ihre Gesundheit untergraben? Ach, Warinka, Warinka!

Sehen Sie, mein Tubchen, ich tauge zu nichts, zu gar nichts, und ich
wei es selbst, da ich zu nichts tauge, aber ich werde dafr sorgen,
da ich doch noch zu etwas tauge! Ich werde alles berwinden, ich werde
mir noch Privatarbeit verschaffen, ich werde fr unsere Schriftsteller
Abschriften machen, ich werde zu ihnen gehen, werde selbst zu ihnen
gehen und mir Arbeit von ihnen ausbitten, denn sie suchen doch gute
Abschreiber, ich wei es, da sie sie suchen! Sie aber sollen sich nicht
krank arbeiten: nie und nimmer lasse ich das zu!

Ich werde, mein Engelchen, ich werde unbedingt Geld auftreiben, ich
sterbe eher, als da ich es nicht tue. Sie schreiben, mein Tubchen, ich
solle vor hohen Prozenten nicht zurckschrecken: -- das werde ich gewi
nicht, mein Kind, ich werde bestimmt nicht zurckschrecken, jetzt vor
nichts mehr! Ich werde vierzig Rubel erbitten, mein Kind. Das ist doch
nicht zu viel, Warinka, was meinen Sie? Kann man mir vierzig Rubel auf
mein Wort ohne weiteres anvertrauen? Das heit, ich will nur wissen, ob
Sie mich fr fhig halten, jemandem auf den ersten Blick hin Zutrauen
einzuflen? So nach dem Gesichtsausdruck, meine ich, und berhaupt --
kann man mich da auf den ersten Blick hin gnstig beurteilen? Denken Sie
zurck, mein Engelchen, denken Sie nach, kann ich wohl einen guten
Eindruck auf jemanden machen, der mich zum erstenmal sieht? Bin ich wohl
der Mann dazu? Was meinen Sie? Wissen Sie, man fhlt doch solch eine
Angst -- krankhaft geradezu, wirklich krankhaft!

Von den vierzig Rubeln gebe ich fnfundzwanzig Ihnen, Warinka, zwei der
Wirtin und den Rest behalte ich fr mich, fr meine Ausgaben.

Zwar sehen Sie: der Wirtin mte ich eigentlich mehr geben, sogar
unbedingt mehr, aber berlegen Sie es sich reiflich, mein Kind, rechnen
Sie mal zusammen, was ich nur frs Allernotwendigste brauche: Sie werden
einsehen, da ich ihr unter keinen Umstnden mehr geben kann -- folglich
lohnt es sich gar nicht, noch weiter darber zu reden, und man kann die
Frage einfach ausschalten. Fr fnf Rubel kaufe ich mir ein Paar
Stiefel. Ich wei wirklich nicht, ob ich morgen noch mit den alten in
den Dienst gehen kann. Eine Halsbinde wre wohl auch sehr ntig, da die
jetzige schon bald ein Jahr alt ist, doch da Sie mir aus einem alten
Schrzchen nicht nur ein Vorhemdchen, sondern auch eine Halsbinde zu
verfertigen versprachen, so will ich daran nicht weiter denken. Somit
htten wir Stiefel und Halsbinde. Jetzt noch Knpfe, mein Liebes! Sie
werden doch zugeben, Kindchen, da ich ohne Knpfe nicht auskommen kann,
von meinem Uniformrock ist aber die Hlfte der Garnitur schon
abgefallen. Ich zittere, wenn ich daran denke, da Seine Exzellenz eine
solche Nachlssigkeit bemerken und sagen knnten -- ja, was!? Das wrde
ich ja doch nicht mehr hren, denn ich wrde dort sterben, auf der
Stelle sterben, tot hinfallen, einfach vor Schande bei dem bloen
Gedanken den Geist aufgeben! Ach ja, mein Kind, das wrde ich! -- Ja,
und dann blieben mir noch nach allen Anschaffungen drei Rubel, die
blieben mir dann zum Leben und fr ein halbes Pfndchen Tabak, denn
sehen Sie, mein Engelchen, ich kann ohne Tabak nicht leben, heute aber
ist es schon der neunte Tag, da ich mein Pfeifchen nicht mehr angerhrt
habe. Ich htte ja, offen gestanden, auch so Tabak gekauft, ohne es
Ihnen vorher zu sagen, aber man schmt sich vor seinem Gewissen. Sie
dort sind unglcklich, Sie entbehren alles, ich aber sollte mir hier gar
Vergngungen leisten? Also deshalb sage ich es Ihnen, da ich mich nicht
mit Gewissensbissen zu qulen brauche. Ich gestehe Ihnen ganz offen,
Warinka, da ich mich jetzt in einer uerst verzweifelten Lage befinde,
das heit, bisher habe ich in meinem Leben noch nichts Aehnliches
durchgemacht. Die Wirtin verachtet mich: von Achtung oder Schtzung --
davon kann keine Rede sein. Ueberall Mangel, berall Schulden, im Dienst
aber, wo mich die Kollegen auch frher schon nicht auf Rosen gebettet
haben, im Dienst -- nun, schweigen wir lieber davon. Ich verberge alles,
ich suche es vor allen sorgfltig zu verbergen, und auch mich selbst
verberge ich: wenn ich in den Dienst gehe, drcke ich mich nach
Mglichkeit unbemerkt und seitlich an allen vorber. Ich habe gerade nur
noch so viel Mut, da ich Ihnen dies offen eingestehen kann...

Aber wie, wenn er nichts gibt?

Nein, es ist besser, Warinka, man denkt gar nicht daran und qult sich
nicht unntz mit solchen Vorstellungen, die einem schon im voraus jeden
Mut rauben. Ich schreibe das nur deshalb, um Sie zu warnen und davor zu
bewahren, da Sie nicht im voraus daran denken und sich mit bsen
Gedanken qulen. Tun Sie es nicht! Aber, mein Gott, was wrde aus Ihnen
werden! Freilich wrden Sie dann die Wohnung nicht wechseln, vielmehr
hier in meiner Nhe bleiben -- aber nein, ich kme dann berhaupt nicht
mehr zurck, ich wrde einfach untergehen, verschwinden, verderben!

Da habe ich Ihnen nun wieder eine lange Epistel geschrieben, und htte
mich doch statt dessen rasieren knnen, denn rasiert sieht man stets
etwas sauberer und anstndiger aus, das aber hat viel zu sagen und hilft
einem immer, wenn man etwas sucht. Nun, Gott gebe es! Ich werde beten
und dann -- mich auf den Weg machen!

M. Djewuschkin.

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5. August.

Liebster Makar Alexejewitsch!

Wenn Sie doch wenigstens nicht verzweifeln wrden! Es gibt ohnehin schon
Sorgen genug! -- Ich sende Ihnen dreiig Kopeken, mehr kann ich nicht.
Kaufen Sie sich dafr, was Sie da gerade am notwendigsten brauchen, um
sich wenigstens noch bis morgen irgendwie durchzuschlagen. Wir haben
selbst fast nichts mehr, was morgen aus uns werden wird -- ich wei es
nicht. Es ist traurig, Makar Alexejewitsch! Uebrigens sollen Sie deshalb
den Kopf nicht hngen lassen: nun, er hat Ihnen nichts gegeben, was ist
denn schlielich dabei! Fedora sagt, noch sei es nicht so schlimm, wir
knnten noch ganz gut eine Weile hierbleiben -- und selbst wenn wir in
eine andere Wohnung bergesiedelt wren, htten wir damit doch nur wenig
gewonnen, denn wer es wolle, der knne uns berall finden. Freilich ist
es deshalb noch immer nicht schn, jetzt hierzubleiben. Wenn nicht alles
so traurig wre, wrde ich Ihnen noch mancherlei schreiben.

Was Sie doch fr einen sonderbaren Charakter haben, Makar Alexejewitsch!
Sie nehmen sich alles viel zu sehr zu Herzen: deshalb werden Sie auch
immer der unglcklichste Mensch sein. Ich lese Ihre Briefe sehr
aufmerksam und sehe, da Sie sich in einem jeden dermaen um mich sorgen
und qulen, wie Sie sich um sich selbst noch nie gesorgt und geqult
haben. Man wird natrlich sagen, da Sie ein gutes Herz haben. Ich aber
sage, da Ihr Herz viel zu gut ist. Ich mchte Ihnen einen
freundschaftlichen Rat geben, Makar Alexejewitsch. Ich bin Ihnen
dankbar, sehr dankbar fr alles, was Sie fr mich getan haben, ich
empfinde es tief, glauben Sie mir. Also urteilen Sie jetzt selbst, wie
mir zumute ist, wenn ich sehen mu, da Sie nach all Ihrem Unglck und
Ihren Sorgen, deren unfreiwillige Ursache ich gewesen bin, -- da Sie
auch jetzt noch nur fr mich leben, gewissermaen sogar nur um
meinetwillen leben: meine Freuden sind Ihre Freuden, mein Leid ist Ihr
Leid, und meine Gefhle sind Ihnen wichtiger, als Ihre eigenen! Wenn man
sich aber den Kummer Fremder so zu Herzen nimmt und mit allen so viel
Mitleid empfindet, dann hat man allerdings Ursache, der unglcklichste
Mensch zu sein. Als Sie heute nach dem Dienst bei uns eintraten,
erschrak ich frmlich bei Ihrem Anblick. Sie sahen so bleich, so
abgehrmt und mitgenommen, so zerstrt und verzweifelt aus: Sie waren
kaum wiederzuerkennen, -- und das alles nur deshalb, weil Sie sich
frchteten, mir Ihren Mierfolg mitzuteilen, mich zu betrben und zu
erschrecken. Als Sie aber sahen, da ich ob dieses kleinen Unglcks zu
lachen begann, da atmeten Sie geradezu befreit auf. Makar Alexejewitsch!
So grmen Sie sich doch nicht so, verzweifeln Sie doch nicht, seien Sie
doch vernnftig! Ich bitte Sie darum, ich beschwre Sie! Sie werden
sehen, es wird alles gut werden, alles wird sich zum Besseren wenden.
Sie machen sich das Leben ganz unntigerweise schwer, indem Sie sich
ewig um andere grmen und sorgen.

Leben Sie wohl, mein Freund! Ich bitte Sie nochmals, sorgen Sie sich
nicht um mich!

W. D.

                   *       *       *       *       *

Mein Tubchen Warinka!

Nun gut, mein Engelchen, also gut! Sie sind zu der Ueberzeugung gelangt,
da es noch kein Unglck ist, da ich das Geld nicht erhalten habe. Nun
gut, ich bin also beruhigt und glcklich. Ich bin sogar froh, weil Sie
mich Alten nicht verlassen und jetzt in dieser Wohnung bleiben. Ja und
wenn man schon alles sagen soll, so mu ich gestehen, da mein Herz voll
Freude war, als ich las, wie Sie in Ihrem Briefchen so schn ber mich
schrieben und sich ber meine Gefhle so lobend uerten. Ich sage das
nicht aus Stolz, sondern weil ich sehe, da Sie mich gern haben mssen,
wenn Sie sich gerade um mein Herz so beunruhigen. Gut: doch was soll man
jetzt noch viel von meinem Herzen reden! Das Herz ist eine Sache fr
sich, -- aber Sie sagen da, Kindchen, da ich nicht kleinmtig sein
soll. Ja, mein Engelchen, Sie haben recht, da es berflssig ist, da
man ihn wirklich nicht braucht -- den Kleinmut, meine ich. Aber, bei
alledem: sagen Sie mir jetzt blo, mein Liebling, in welchen Stiefeln
ich mich morgen in den Dienst begeben soll? -- Da sehen Sie, mein Kind,
wo der Haken sitzt. Dieser Gedanke kann doch einen Menschen zugrunde
richten, kann ihn einfach vernichten. Die Hauptursache, meine Gute, ist
freilich, da ich mich nicht um meinetwillen so sorge, da ich nicht um
meinetwillen darunter leide. Mir persnlich ist das doch ganz gleich,
und mte ich auch in der grten Klte ohne Mantel und Stiefel gehen:
ich wrde schon alles aushalten, mir macht es nichts aus, ich bin doch
ein einfacher, ein geringer Mensch. Aber was werden die Leute dazu
sagen? -- was werden meine Feinde sagen, und alle diese boshaften
Zungen, wenn ich ohne Mantel komme? Man trgt ihn ja doch nur um der
Leute willen, und auch die Stiefel trgt man nur ihretwegen. Die Stiefel
sind in diesem Falle, mein Kindchen, mein Herzchen, nur zur
Aufrechterhaltung der Ehre und des guten Rufes ntig. In zerrissenen
Stiefeln aber geht die eine wie der andere verloren -- glauben Sie mir,
was ich Ihnen sage, mein Kind, verlassen Sie sich auf meine langjhrige
Erfahrung, hren Sie auf mich Alten, der die Menschen kennt, und nicht
auf irgend solche Sudler.

Aber ich habe Ihnen ja noch gar nicht ausfhrlich erzhlt, Kind, wie das
heute alles in Wirklichkeit war. Ich habe an diesem einen Morgen so viel
ausgestanden, so viele Seelenqualen durchgemacht, wie manch einer
vielleicht in einem ganzen Jahr nicht. Also nun hren Sie, wie es war:

Ich ging ganz, ganz frh von Hause fort, um ihn anzutreffen und dann
selbst noch rechtzeitig in den Dienst kommen zu knnen. Es war solch ein
Regenwetter heute, solch ein Schmutz! Nun, ich wickelte mich in meinen
Mantel, mein Herzchen, und ging und ging, und dabei dachte ich die ganze
Zeit: Lieber Gott! Vergib mir alle meine Uebertretungen deiner Gebote
und la meinen Wunsch in Erfllung gehen! Wie ich an der --schen Kirche
vorberging, bekreuzte ich mich, bereute alle meine Snden, besann mich
aber darauf, da es mir nicht zusteht, mit Gott dem Herrn so zu
unterhandeln. Da versenkte ich mich denn in meine eigenen Gedanken und
wollte nichts mehr ansehen. Und so ging ich denn, ohne auf den Weg zu
achten, immer weiter. Die Straen waren leer, und die Menschen, denen
man von Zeit zu Zeit begegnete, sahen besorgt und gehetzt aus --
freilich war das auch kein Wunder: wer wird denn um diese Zeit und bei
diesem Wetter spazieren gehen? Ein Trupp schmutziger Arbeiter kam mir
entgegen: die stieen mich roh zur Seite, die Kerle. Da berfiel mich
wieder Schchternheit, mir wurde bange, und an das Geld, um die Wahrheit
zu sagen, wollte ich berhaupt nicht mehr denken -- geht man auf gut
Glck, nun, dann eben auf gut Glck!

Gerade bei der Wosnessenskij-Brcke blieb eine meiner Stiefelsohlen
liegen, so da ich selbst nicht mehr wei, auf was ich eigentlich
weiterging. Und gerade dort kam mir unser Schreiber Jermolajeff
entgegen, stand still und folgte mir mit den Blicken, fast so, als wolle
er mich um ein Trinkgeld bitten. Ach Gott ja, Bruderherz, dachte ich,
ein Trinkgeld, was ist ein Trinkgeld!

Ich war furchtbar mde, blieb stehen, erholte mich ein bichen, und dann
schleppte ich mich wieder weiter. Jetzt sah ich absichtlich berall hin,
um irgendwo was zu entdecken, an das ich die Gedanken htte heften
knnen, so um mich etwas zu zerstreuen, mich etwas aufzumuntern, aber
ich fand nichts: kein einziger Gedanke wollte haften bleiben, und zum
Ueberflu war ich auch noch so schmutzig geworden, da ich mich vor mir
selber schmte. Endlich erblickte ich in der Ferne ein gelbes hlzernes
Haus mit einem Giebelausbau, eine Art Villa: nun, da ist es, dachte ich
gleich, so hat es mir auch Jemeljan Iwanowitsch beschrieben -- das Haus
Markoffs. (Markoff heit er nmlich, der Mann, der Geld auf Prozente
leiht.) Nun, und da gingen mir denn die Gedanken alle ganz
durcheinander: ich wute, da es Markoffs Haus war, fragte aber trotzdem
den Schutzmann im Wchterhuschen, wessen Haus denn dies dort eigentlich
sei, das heit also, wer darin wohne. Der Schutzmann aber, solch ein
Grobian, antwortete mimutig, ganz als rgere er sich ber mich, und
brummte nur so vor sich hin: jenes Haus gehre einem gewissen Markoff.
Diese Polizeibeamten sind alle so gefhllose Menschen -- doch was gehen
sie mich schlielich an? Immerhin war es ein schlechter und unangenehmer
Eindruck. Mit einem Wort: eins kam zum andern. In allem findet man
etwas, was gerade der eigenen Lage entspricht oder was man als
gewissermaen zu ihr in Beziehung stehend empfindet: das ist immer so.
-- An dem Hause ging ich dreimal vorber, aber je mehr ich ging, um so
schlimmer wurde es: nein, denke ich, er wird mir nichts geben, wird mir
bestimmt kein Geld geben, ganz gewi nicht! Ich bin doch ein fremder,
ihm vllig unbekannter Mensch, es ist eine heikle Sache, und auch mein
Aeueres ist nicht gerade einnehmend. Nun, denke ich, wie es das
Schicksal will, dann bereue ich es nachher wenigstens nicht, da ich es
berhaupt nicht versucht habe, der Versuch wird mich ja auch nicht
gleich den Kopf kosten! Und so ffnete ich denn leise das Hofpfrtchen.
Aber nun kam schon das andere Unglck: kaum war ich eingetreten, da
strzte solch ein dummer kleiner Hofhund, so ein richtiger Hackenbeier,
auf mich los und klffte und klffte, da einem die Ohren klangen. Und
sehen Sie, immer sind es gerade derartige nichtswrdige kleine
Zwischenflle, mein Kind, die einen aus dem Gleichgewicht bringen und
von neuem schchtern machen, und die ganze Entschlossenheit, zu der man
sich schon zusammengerafft hat, wieder vernichten. Ich gelangte halb tot
halb lebendig ins Haus -- dort aber stie ich gleich auf ein neues
Unglck: ich sah nicht, wohin ich trat und was im halbdunklen Flur neben
der Schwelle stand -- pltzlich stolperte ich ber irgendein hockendes
Weib, das gerade Milch aus dem Melkgef in Kannen go, und da
verschttete sie denn die ganze Milch. Das dumme Weib schrie natrlich
und keifte sogleich und zeterte: Siehst du denn nicht, wohin du rennst,
mach doch die Augen auf, was suchst du hier? und so ging es weiter ohne
Unterla. Ich schreibe Ihnen das alles, mein Kind, schreibe es nur
deshalb, weil mir in solchen Fllen regelmig etwas zustt: das mu
mir wohl vom Schicksal schon so bestimmt sein. Ewig gerate ich mit etwas
anderem, ganz Nebenschlichem zusammen und durcheinander.

Auf das Geschrei hin kam eine alte Hexe zum Vorschein, eine
Finnlnderin. Ich wandte mich sogleich an sie: ob hier Herr Markoff
wohne? Nein, sagte sie zunchst barsch, blieb dann aber stehen und
musterte mich eingehend.

Was wollen Sie denn von ihm? fragte sie.

Nun, ich erklrte ihr alles: So und so, Jemeljan Iwanowitsch... --
erzhlte auch alles brige -- kurz: ich kme in Geschften! Darauf rief
die Alte ihre Tochter herbei -- die kam: ein erwachsenes Mdchen, und
barfu.

Ruf den Vater. Er ist oben bei den Mietern. Bitte, treten Sie nher.

Ich trat ein. Das Zimmer war -- nun, wie so gewhnlich diese Zimmer
sind: an den Wnden Bilder, grtenteils Portrts von Generlen, ein
Sofa, ein runder Tisch, Reseda und Balsaminen in Blumentpfen -- ich
denke und denke: soll ich mich nicht lieber drcken, solange es noch
Zeit ist? Und bei Gott, mein Kind, ich war wirklich schon im Begriff,
fortzulaufen! Ich dachte: ich werde lieber morgen kommen, nchstens,
dann wird auch das Wetter besser sein, ich werde noch bis dahin warten!
Heute aber ist sowieso die Milch verschttet, die Generale sehen mich
alle so bse an ... Und ich wandte mich, ich gesteh's wirklich, schon
zur Tr, Warinka, da kam auch schon Er: -- so, nichts Besonderes, ein
kleines, graues Kerlchen, mit solchen, wissen Sie, etwas heimtckischen
Aeuglein, dabei in einem schmierigen Schlafrock, mit einer Schnur um den
Leib.

Er erkundigte sich, welches mein Wunsch sei und womit er mir dienen
knne, worauf ich ihm sagte: So und so, Jemeljan Iwanowitsch -- etwa
vierzig Rubel, sagte ich, die habe ich ntig--. Aber ich sprach
nicht zu Ende. An seinen Augen schon sah ich, da ich verspielt hatte.

Nein, sagte er, tut mir leid, ich habe kein Geld. Oder haben Sie ein
Pfand?

Ich begann, ihm zu erklren, da ich ein Pfand zwar nicht habe,
Jemeljan Iwanowitsch aber -- und so weiter, mit einem Wort, ich
erklrte ihm alles, was da zu erklren war. Er hrte mich ruhig an.

Ja, was, sagte er, Jemeljan Iwanowitsch kann mir nichts helfen, ich
habe kein Geld.

Nun, dachte ich, das sah ich ja schon kommen, das wute ich, das habe
ich vorausgeahnt. Wirklich, Warinka, es wre besser gewesen, die Erde
htte sich unter mir aufgetan, meine Fe wurden kalt, Frsteln lief mir
ber den Rcken. Ich sah ihn an und er sah mich an, fast als wolle er
sagen: Nun, geh mal jetzt, mein Bester, du hast hier nichts mehr zu
suchen, -- so da ich mich unter anderen Umstnden zu Tode geschmt
htte.

Wozu brauchen Sie denn das Geld? -- (das hat er mich wirklich gefragt,
mein Kind!).

Ich tat schon den Mund auf, nur um nicht so mig dazustehen, aber er
wollte mich gar nicht mehr anhren.

Nein, sagte er, ich habe kein Geld, sonst, sagte er, sonst wrde
ich mit dem grten Vergngen...

Ich machte ihm wieder und immer wieder Vorstellungen, sagte ihm, da ich
ja nicht viel brauche, da ich ihm alles wieder zurckgeben wrde, genau
zum Termin, ja sogar noch vor dem Termin, da er so hohe Prozente nehmen
knne, wie er nur wolle, und da ich ihm, noch einmal, bei Gott alles
zurckzahlen werde. Ich dachte in dem Augenblick an Sie, mein Kind, an Ihr
Unglck und an Ihre Not, und dachte auch an Ihr Fnfzigkopekenstckchen.

Nein, sagte er, wer redet hier von Prozenten, aber wenn Sie ein Pfand
htten ... Ich habe im Augenblick kein Geld, bei Gott, ich habe keines,
sonst natrlich mit dem grten Vergngen...

Ja, er schwor noch bei Gott, der Ruber!

Nun und da, meine Liebe, -- ich wei selbst nicht mehr, wie ich das Haus
verlie und wieder auf die Wosnessenskij-Brcke kam. Ich war nur
furchtbar mde, kalt war es auch und ich war ganz steifgefroren und kam
erst gegen zehn Uhr zum Dienst. Ich wollte meine Kleider etwas
abbrsten, vom Schmutz reinigen, aber der Amtsdiener sagte, das gehe
nicht an, ich wrde die Brste verderben, die Brste sei aber
Kronseigentum. Da sehen Sie nun, mein Kind, wie ich jetzt von diesen
Leuten angesehen werde: als wre ich noch nicht einmal eine alte Matte,
an der man die Fe abwischen kann. Was ist es denn, Warinka, was mich
so niederdrckt? -- Doch nicht das Geld, das ich nicht habe, sondern
alle diese Aufregungen, und da man mit Menschen in Berhrung kommt: all
dieses Geflster, dieses Lcheln, diese Scherzchen! Und Seine Exzellenz
kann sich doch auch einmal zufllig an mich wenden oder ber mein
Aeueres eine Bemerkung machen! Ach, Kind, meine goldenen Zeiten sind
jetzt vorber! Heute habe ich alle Ihre Briefchen nochmals durchgelesen,
-- traurig, Kind! Leben Sie wohl, mein Tubchen, Gott schtze Sie!

M. Djewuschkin.

P.S. Ich wollte Ihnen, Warinka, mein Unglck halb scherzhaft
beschreiben, Warinka, aber man sieht, da es mir nicht mehr gelingen
will, das Scherzen nmlich. Ich wollte Sie etwas zerstreuen. Ich werde
zu Ihnen kommen, ich werde zu Ihnen kommen.

                   *       *       *       *       *

11. August.

Warwara Alexejewna! Mein Tubchen! Verloren bin ich, beide sind wir
verloren, unrettbar verloren! Mein Ruf, meine Ehre -- alles ist
verloren! Und ich bin es, der Sie ins Verderben gebracht hat! Ich werde
geschmht, mein Kind, verachtet, verspottet, und die Wirtin beschimpft
mich schon laut und vor allen Menschen. Heute hat sie wieder geschrien,
geschrien und mich mit Vorwrfen berhuft, als wre ich ein Nichts und
ein Dreck! Und am Abend begann dann jemand von ihnen bei Ratasjeff
einen meiner Briefe an Sie laut vorzulesen: einen Brief, den ich nicht
beendet und in die Tasche gesteckt hatte, und den ich dann irgendwie aus
der Tasche verloren haben mu. Mein liebes, liebes Kind, wie haben sie
da gelacht! Wie sie uns betitelt haben und wie sie hhnten, wie sie
hhnten, die Verrter! Ich hielt es nicht aus und ging zu ihnen und
beschuldigte Ratasjeff des Treubruchs und sagte ihm, da er ein
Falscher sei! Ratasjeff aber erwiderte mir darauf, ich sei selbst ein
Falscher und beschftige mich nur mit Eroberungen. Ich htte sie alle
getuscht, sagte er, im Grunde aber sei ich ja sozusagen ein Lovelace!
Und jetzt, mein Kind, werde ich nun von allen hier nur noch Lovelace
genannt, einen anderen Namen habe ich berhaupt nicht mehr! Hren Sie,
mein Engelchen, hren Sie -- die wissen doch jetzt alles von uns, sind
von allem unterrichtet, und auch von Ihnen, meine Gute, wissen sie
alles, alles ist ihnen bekannt, alles, was Sie, mein Engelchen,
betrifft! Und auch der Faldoni ist jetzt mit ihnen im Bunde. Ich wollte
ihn heute hier in den kleinen Laden schicken, damit er mir ein Stckchen
Wurst kaufe, aber nein, er geht nicht, er habe zu tun, sagt er. -- Du
mut doch, es ist doch deine Pflicht, sage ich.

Auch was Gutes -- meine Pflicht! hhnte er, Sie zahlen doch meiner
Herrin kein Geld, folglich gibt's da nichts von Pflicht.

Das ertrug ich nicht, Kind, von diesem ungebildeten, frechen Menschen
eine solche Beleidigung, und so schalt ich ihn denn einen Dummkopf!,
er aber sagte mir darauf blo kurz: Das sagt mir nun so einer! -- Ich
dachte erst, da er betrunken sei, hielt es ihm denn auch vor: Hr
mal, sagte ich, du bist wohl betrunken? -- Er aber grobte mich an:

Haben Sie mir denn was zu trinken gegeben? Sie haben doch nicht einmal
so viel, da Sie sich selber betrinken knnten! und dann brummte er
noch: Das soll nun ein Herr sein!

Da sehen Sie jetzt, wie weit es mit uns gekommen ist, mein Kind! Man
schmt sich, zu leben, Warinka! Ganz wie ein Verrufener kommt man sich
vor, schlimmer noch als irgendein Landstreicher. Schwer ist es, Warinka!
Verloren bin ich, einfach verloren! Unrettbar verloren!

M. D.

                   *       *       *       *       *

13. August.

Lieber Makar Alexejewitsch!

Uns sucht jetzt ein Unglck nach dem anderen heim, auch ich wei nicht
mehr, was man noch tun soll! Was wird nun aus Ihnen werden, auf meine
Arbeit knnen wir uns auch nicht mehr verlassen. Ich habe mir heute mit
dem Bgeleisen die linke Hand verbrannt: ich lie es versehentlich
fallen und beschdigte und verbrannte mich, gleich beides zusammen.
Arbeiten kann ich nun nicht, und Fedora ist auch schon den dritten Tag
krank. Oh, diese Sorge und Angst!

Hier sende ich Ihnen dreiig Kopeken: das ist fast das Letzte, was wir
haben, Gott wei, wie gern ich Ihnen jetzt in Ihrer Not helfen wrde. Es
ist zum Weinen!

Leben Sie wohl, mein Freund! Sie wrden mich sehr beruhigen, wenn Sie
heute zu uns kmen.

W. D.

                   *       *       *       *       *

14. August.

Makar Alexejewitsch!

Was ist das mit Ihnen? Sie frchten wohl Gott nicht mehr? Und mich
bringen Sie um meinen Verstand. Schmen Sie sich denn nicht!? Sie
richten sich zugrunde. So denken Sie doch an Ihren Ruf! Sie sind ein
ehrlicher, ehrenwerter, strebsamer Mensch -- was werden die Menschen
sagen, wenn sie das erfahren? Und Sie selbst, Makar Alexejewitsch, Sie
werden doch vergehen vor Scham! Oder tut es Ihnen nicht mehr leid um
Ihre grauen Haare? So frchten Sie doch wenigstens Gott!

Fedora sagt, da sie Ihnen jetzt nicht mehr helfen werde, und auch ich
kann Ihnen unter diesen Umstnden kein Geld mehr schicken. Was haben Sie
aus mir gemacht, Makar Alexejewitsch! Sie denken wohl, es sei mir ganz
gleichgltig, da Sie sich so schlecht auffhren. Sie wissen noch nicht,
was ich Ihretwegen auszustehen habe! Ich kann mich gar nicht mehr auf
unserer Treppe zeigen: alle sehen mir nach, alle weisen mit dem Finger
auf mich und sagen solche Schndlichkeiten, -- ja, sie sagen geradezu,
da ich mit einem _Trunkenbold ein Verhltnis habe_. Wie glauben Sie,
da mir zumute ist, wenn ich so etwas hren mu! Und wenn man Sie nach
Hause bringt, sagt alles mit Verachtung von Ihnen: Da wird der Beamte
wieder gebracht. Ich aber -- ich schme mich zu Tode fr Sie. Ich
schwre Ihnen, da ich diese Wohnung hier verlassen werde. Und sollte
ich auch Stubenmagd oder Wscherin werden -- hier bleibe ich auf keinen
Fall!

Ich schrieb Ihnen, da ich Sie erwarte, Sie sind aber nicht gekommen.
Meine Trnen und Bitten sind Ihnen also schon gleichgltig, Makar
Alexejewitsch? Aber sagen Sie doch, wo haben Sie denn nur das Geld dazu
aufgetrieben? Um Gottes willen, nehmen Sie sich in acht! Sie werden doch
sonst verkommen, ganz sicher verkommen! Und diese Schande, diese
Schmach! Gestern hat die Wirtin Sie nicht mehr hineingelassen, da haben
Sie auf der Treppe die Nacht verbracht -- ich wei alles. Wenn Sie
wten, wie weh es mir tat, als ich das von Ihnen hren mute!

Kommen Sie zu uns, hier wird es Ihnen leichter werden: wir knnen
zusammen lesen, knnen von frheren Zeiten reden. Fedora kann uns von
ihren Erlebnissen erzhlen. Makar Alexejewitsch, tun Sie es mir nicht
an, da Sie sich zugrunde richten, Sie richten damit auch mich zugrunde,
glauben Sie es mir! Ich lebe doch nur noch fr Sie allein, nur
Ihretwegen bleibe ich hier. Und Sie sind jetzt so! Seien Sie doch ein
anstndiger Mensch, seien Sie doch charakterfest und standhaft, auch im
Unglck. Sie wissen doch: Armut ist keine Schande. Und weshalb denn
verzweifeln? Das ist doch alles nur vorbergehend. Gott wird uns schon
helfen und alles wird wieder gut werden, wenn Sie sich nur jetzt noch
etwas zusammennehmen!

Ich sende Ihnen zwanzig Kopeken, kaufen Sie sich dafr Tabak, oder was
Sie da wollen, nur geben Sie sie um Gottes willen nicht fr Schlechtes
aus. Kommen Sie zu uns, kommen Sie unbedingt zu uns! Sie werden sich
vielleicht wieder schmen, wie neulich -- aber lassen Sie das, das wre
ja blo falsche Scham. Wenn Sie nur aufrichtig bereuen wollten!
Vertrauen Sie auf Gott. Er wird alles zum besten wenden.

W. D.

                   *       *       *       *       *

19. August.

Warwara Alexejewna, mein Kindchen!

Ich schme mich, mein Sternchen, ich schme mich. Doch brigens,
Liebling, was ist denn dabei so Besonderes? Warum soll man nicht sein
Herz etwas erleichtern? Sieh: ich denke dann nicht mehr an meine
Stiefelsohlen -- eine Sohle ist doch nichts und bleibt ewig nur eine
einfache, gemeine, schmutzige Stiefelsohle. Und auch Stiefel sind
nichts! Sind doch die griechischen Weisen ohne Stiefel gegangen, wozu
also soll sich unsereiner mit einem so nichtswrdigen Gegenstande
abgeben? Warum mich deshalb gleich beleidigen und verachten? Ach, Kind,
mein Kind, da haben Sie nun etwas gefunden, das Sie mir schreiben
knnen! -- Der Fedora aber sagen Sie, da sie ein nrrisches,
unzurechnungsfhiges Weib ist, mit allerlei Schrullen im Kopf, und zum
Ueberflu auch noch dumm, unsagbar dumm! Was aber meine grauen Haare
betrifft, so tuschen Sie sich auch darin, meine Gute, denn ich bin noch
lange nicht so ein Alter, wie Sie denken.

Jemelj lt Sie gren. Sie schreiben, Sie htten sich gegrmt und
htten geweint, und ich schreibe Ihnen, da auch ich mich gegrmt habe
und weine. Zum Schlu aber wnsche ich Ihnen Gesundheit und Wohlergehen,
und was mich betrifft, so bin ich gleichfalls gesund und wohl und
verbleibe mit besten Gren, mein Engelchen, Ihr Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

21. August.

Sehr geehrtes Frulein und liebe Freundin, Warwara Alexejewna!

Ich fhle es, da ich schuldig bin, ich fhle es, da Sie mir viel zu
verzeihen haben, aber meiner Meinung nach ist damit nichts gewonnen,
Kind, da ich alles dies fhle. Ich habe das alles auch schon vor meinem
Vergehen gefhlt, bin aber dann doch gefallen, im vollen Bewutsein
meiner Schuld.

Kind, mein Kind, ich bin nicht hartherzig und bse. Um aber Ihr
Herzchen, mein Tubchen, zerfleischen zu knnen, mte man gar ein
blutdrstiger Tiger sein. Nun, ich habe ein Lmmerherz und, wie Ihnen
bekannt sein drfte, keine Veranlagung zu blutdrstiger
Raubtierwildheit. Folglich bin ich, mein Engelchen, nicht eigentlich
schuld an meinem Vergehen, ganz wie mein Herz und meine Gedanken nicht
schuldig sind. Das ist nun einmal so, und ich wei es selbst nicht, was
oder wer eigentlich die Schuld trgt. Das ist nun schon so eine dunkle
Sache mit uns, mein Kind!

Dreiig Kopeken haben Sie mir geschickt und dann noch zwanzig Kopeken:
mein Herz weinte, als ich Ihre Waisengeldchen in Hnden hielt. Sie haben
sich das Hndchen verbrannt und verletzt und bald werden Sie hungern
mssen. Trotzdem schreiben Sie, ich soll mir noch Tabak kaufen. Nun
sagen Sie selbst: was sollte ich denn tun? Einfach und ohne alle
Gewissensbisse, recht wie ein Ruber Sie armes Waisenkindchen zu
berauben anfangen?! Es sank mir eben der Mut, mein Kind, das heit,
zuerst fhlte ich nur unwillkrlich, da ich zu nichts tauge und da ich
selbst hchstens nur um ein Geringes besser sei, als meine Stiefelsohle.
Ja, ich hielt es sogar fr unanstndig, mich fr irgend etwas von
Bedeutung, und wrs etwas noch so Geringes, zu halten, sondern fing an,
in mir etwas Unwrdiges und bis zu einem gewissen Grade geradezu
Gemeines und Niederes zu sehen. Nun, und als ich so die rechte
Selbstachtung verloren hatte und mich der Verneinung der eigenen guten
Eigenschaften und der Verleugnung meiner Menschenwrde berlie, da war
denn schon so gut wie alles verloren, und er konnte kommen, der Sturz,
der unvermeidliche! Das war mir offenbar so vom Schicksal bestimmt. Ich
aber bin nicht schuld daran.

Ich ging nur hinaus, um etwas frische Luft einzuatmen. Doch da kam
gleich eins zum anderen: auch die Natur war so regnerisch, verweint und
kalt. Und dann kam mir pltzlich noch der Jemelj entgegen. Er hatte
bereits alles versetzt, Warinka, alles, was er besa, und schon seit
zwei Tagen hatte er kein Gotteskorn mehr im Munde gehabt, so da er
bereits solche Sachen versetzen wollte, die man berhaupt nicht
versetzen kann, weil doch niemand so etwas als Pfand annimmt.

Nun ja, Warinka, da gab ich ihm denn nach, und zwar mehr aus Mitleid mit
der Menschheit als aus eigenem Verlangen. So kam es zu jener Snde, mein
Kind! Wir weinten beide, Warinka! -- sprachen auch von Ihnen! Er ist ein
sehr guter, ein herzensguter Mensch, und ein sehr gefhlvoller Mensch.
Das fhlte ich alles, mein Kind, und deshalb ist es denn auch so
gekommen, eben weil ich das alles fhlte.

Ich wei, wieviel Dank, mein Tubchen, ich Ihnen schuldig bin! Als ich
Sie kennen lernte, begann ich, auch mich selbst besser kennen zu lernen
und Sie zu lieben. Bis dahin aber, mein Engelchen, war ich immer einsam
gewesen und hatte eigentlich nur so mein Leben verdmmert und gar nicht
wirklich auf der Erde gelebt, wie die anderen! Die bsen Menschen, die
da ewig sagten, da meine Erscheinung einfach ruppig sei, und sich
schmten, mit mir zu gehen, brachten mich so weit, da auch ich mich
schlielich ruppig fand und mich meiner selbst zu schmen begann. Sie
sagten, ich sei stumpfsinnig, und ich dachte auch wirklich, da ich
stumpfsinnig sei. Seitdem Sie aber in mein Leben getreten sind, haben
Sie es mir hell gemacht, so da es in meinem Herzen wie in meiner Seele
licht geworden ist. Ich lernte endlich so etwas wie Seelenfrieden kennen
und erfuhr, da ich nicht schlechter war als die anderen. Da ich dabei
bin, wie ich bin, da ich durch nichts glnze, keinen Schliff besitze,
keine Umgangsformen: das ist nun einmal so. Trotzdem bin ich immer noch
ein Mensch, ja, bin mit dem Herzen und den Gedanken ein ganzer Mensch!
Nun, und dann, als ich fhlte, da das Schicksal mich verfolgte, als
ich, durch das Schicksal erniedrigt, zulie, da ich meine Menschenwrde
selber vernichtete, als ich unter der Last meiner Anfechtungen
zusammenbrach, da habe ich eben den Mut verloren: und das war das
Unglck!

Doch da Sie jetzt alles wissen, mein Kind, bitte ich Sie unter Trnen,
mich nie mehr ber diesen Zwischenfall auszufragen oder auch nur davon
zu reden, denn mein Herz ist schon ohnehin zerrissen und das Leben wird
mir schwer und bitter.

Ich bezeuge Ihnen, mein Kind, meine Ehrerbietung und verbleibe Ihr
treuer

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

3. September.

Ich habe meinen letzten Brief nicht beendet, Makar Alexejewitsch, es
fiel mir zu schwer, zu schreiben. Bisweilen habe ich Augenblicke, wo es
mich freut, allein zu sein, allein meinem Kummer nachhngen zu knnen,
allein, ganz allein die Qual auszukosten, und solche Stimmungen
berfallen mich jetzt immer hufiger. In meinen Erinnerungen liegt etwas
mir Unerklrliches, das mich unwiderstehlich gefangen nimmt, und zwar in
einem solchen Mae, da ich oft stundenlang fr alles mich Umgebende
vollstndig unempfindlich bin und die Gegenwart, alles Gegenwrtige,
vergesse. Ja, es gibt in meinem jetzigen Leben keinen Eindruck,
gleichviel welcher Art, der mich nicht an etwas Aehnliches aus meinem
frheren Leben erinnerte, am hufigsten an meine Kindheit, meine goldene
Kindheit! Doch nach solchen Augenblicken wird mir immer unsglich schwer
zumute. Ich fhle mich ganz entkrftet, meine Schwrmerei erschpft mich
und meine Gesundheit wird sowieso schon immer schwcher.

Doch dieser frische, helle, glnzende Herbstmorgen, wie wir ihn jetzt
selten haben, hat mich heute neu belebt und mit Freude erfllt. So haben
wir schon Herbst! O, wie liebte ich den Herbst auf dem Lande! Ich war ja
damals noch ein Kind, aber doch fhlte und empfand ich schon alles in
gesteigertem Mae. Den Abend liebte ich im Herbst eigentlich mehr als
den Morgen. Ich erinnere mich noch -- nur ein paar Schritte weit von
unserem Hause, am Berge, lag der See. Dieser See -- es ist mir, als sehe
ich ihn jetzt wirklich vor mir -- so hell und rein, wie Kristall! War
der Abend ruhig, dann spiegelte sich alles im See. Kein Blatt rhrte
sich in den Bumen am Ufer, der See lag blank und regungslos wie ein
groer Spiegel. Frisch und khl! Im Grase blinkt der Tau. In einer Htte
fern am Ufer brennt schon das Herdfeuer, die Herden werden heimgetrieben
-- da schleiche ich denn heimlich aus dem Hause zum See und schaue und
schaue und vergesse ganz, da ich bin. Ein Bndel Reisig brennt bei den
Fischern dicht am Ufer und der Feuerschein fliet in einem langen
Streifen auf dem Wasserspiegel zu mir hin. Der Himmel ist blablau und
kalt und im Westen ber dem Horizont ziehen sich rote feurige Streifen,
die nach und nach bleicher werden und schlielich ganz bla vergehen.
Der Mond geht auf. Die Luft ist so klar, so regungslos still -- bald
fliegt ein Vogel auf oder rauscht das Schilf leise unter einem Windhauch
-- alles, selbst das leiseste Gerusch ist deutlich zu hren. Ueber dem
blauen Wasser erhebt sich langsam weier Nebel, so leicht und
durchsichtig. In der Ferne dunkelt es, es ist, als versinke dort alles
im Nebel, in der Nhe aber ist alles so scharf umrissen -- das Boot, das
Ufer, die Insel -- eine alte Tonne, die im Schilf vergessen ist,
schaukelt kaum-kaum merklich auf dem Wasser, ein Weidenzweig mit
vertrockneten Blttern liegt nicht weit von ihr im Schilf. Eine
versptete Mve fliegt auf, taucht ins Wasser, fliegt wieder auf und
verschwindet im Nebel, -- und ich schaute und horchte, -- wundervoll, so
wundervoll war mir zumut! Und doch war ich noch ein Kind...!

Ich liebte den Herbst, namentlich den Sptherbst, wenn das Korn schon
eingeerntet ist, die Feldarbeiten beendet sind, man des Abends in den
Htten zusammenkommt und alle sich auf den Winter vorbereiten. Dann
werden die Tage dunkler, der Himmel bewlkt sich, die Wlder werden
gelb, das Laub fllt von den Bumen und die Bume stehen kahl und
schwarz, -- namentlich abends, wenn sich noch feuchter Nebel erhebt,
dann erscheinen sie wie dunkle, unfrmige Riesen, wie schreckliche
Gespenster. Und wenn man sich auf dem Spaziergang etwas versptet und
hinter den anderen zurckbleibt -- wie eilt man ihnen dann nach, und wie
gro wird die Bangigkeit! Man zittert wie ein Espenblatt, auf einmal --
hinter jenem Baumstamm -- hat sich dort nicht etwas Schreckliches
versteckt, das gleich hervorlugen wird? Und da fhrt der Wind durch den
Wald und es braust und rauscht und dazwischen scheinen Stimmen zu heulen
und zu klagen, und Bltter fliegen durch die Luft und wirbeln im Winde,
und pltzlich zieht rauschend mit gellem Geschrei eine ganze Wolke
Zugvgel vorber. Die Angst wchst ins Riesenhafte, und da ist es -- als
hrte man jemand, eine fremde Stimme raunen: Laufe, laufe, Kind,
verspte dich nicht, hier wird alles gleich voll Grauen sein, laufe,
Kind! -- und Entsetzen erfat das Herz und man luft und luft, bis man
auer Atem zu Hause anlangt. Im Hause aber ist Leben und Frhlichkeit:
uns Kindern wird eine Arbeit gegeben, Erbsen auszuhlsen oder
Mohnkrnchen aus den Kapseln zu schtteln. Im Ofen prasselt das Feuer,
Mama beaufsichtigt lchelnd unsere frhliche Arbeit und die alte
Kinderfrau Uljana erzhlt uns schreckliche Mrchen von Zauberern und
Rubern. Und wir Kinder rcken ngstlich einander nher, aber das
Lcheln will doch nicht von den Lippen weichen. Und pltzlich ist alles
still ... Hu! da, ein Surren und Klopfen -- pocht jemand an der Tr? --
Nein, es ist nur das Spinnrad der alten Frolowna! Und wie wir lachen!
Dann aber kommt die Nacht, und man kann vor Angst nicht schlafen,
Schreckbilder und Trume verscheuchen die Mdigkeit. Und wacht man auf,
so wagt man nicht sich zu rhren und liegt zitternd bis zum Morgengrauen
unter der Decke. Wenn aber dann die Sonne in das Zimmer scheint, steht
man doch wieder frisch und munter auf und schaut neugierig durch das
Fenster: auf dem Stoppelfelde liegt silbriger Herbstreif und alle Bume
und Bsche sind bereift. Wie eine dnne Glasscheibe hat sich Eis auf dem
See gebildet, und die Vgel zwitschern lustig. Und Sonne, berall Sonne,
wie Glas bricht das dnne Eis unter den warmen Strahlen. So hell ist es,
so klar, so ... so wonnig!

Im Ofen prasselt wieder das Feuer, wir setzen uns an den Tisch, auf dem
schon der Samowar summt, und durch das Fenster sieht unser schwarzer
Hofhund Polkan und wedelt schmeichelnd mit dem Schwanz. Ein Buerlein
fhrt am Hause vorber, in den Wald, nach Holz. Alle sind so zufrieden,
so frohgemut!... In den Scheunen sind ganze Berge von Korn aufgehuft,
in der Sonne glnzt goldgelb die Strohdeckung der groen, groen
Heuschober -- es ist eine wahre Lust, das alles anzusehen! Und alle sind
ruhig, alle sind froh: alle fhlen den Segen Gottes, der ihnen in der
Ernte zuteil wurde, alle wissen, da sie im Winter nicht darben werden,
und der Bauer wei, da er seinen Kindern Brot zu geben hat und sie satt
sein werden. Deshalb hrt man abends die Lieder der Mdchen, die
frhlich ihren Reigen tanzen, deshalb sieht man sie alle am Feiertage
ihr Dankgebet im Gotteshause sprechen ... Ach wie wundervoll, wie
wundervoll war meine Kindheit!...

Da habe ich jetzt wie ein Kind geweint. Daran sind natrlich nur diese
Erinnerungen schuld. Ich habe so lebhaft, so deutlich alles vor mir
gesehen, die ganze Vergangenheit lebte auf, und die Gegenwart erscheint
mir jetzt doppelt trb und dunkel!... Wie wird das enden, was wird aus
uns werden? Wissen Sie, ich habe das seltsame Vorgefhl oder sogar die
Ueberzeugung, da ich in diesem Herbst sterben werde. Ich fhle mich
sehr, sehr krank. Ich denke oft an meinen Tod, aber eigentlich mchte
ich doch nicht so sterben -- wrde nicht in dieser Erde ruhen wollen ...
Vielleicht werde ich wieder krank, wie im Frhling, denn ich habe mich
von jener Krankheit noch nicht erholt.

Fedora ist heute fr den ganzen Tag ausgegangen und ich bin allein. Seit
einiger Zeit frchte ich mich, wenn ich allein bin: es scheint mir dann
immer, da noch jemand mit mir im Zimmer ist, da jemand zu mir spricht,
und zwar besonders dann, wenn ich aus meinen Trumereien, die mich mit
ihren Erinnerungen ganz gefangen nehmen und die Wirklichkeit vergessen
lassen, pltzlich erwache und mich umsehe. Es ist mir dann, als habe
sich etwas Unheimliches im Zimmer versteckt. Sehen Sie, deshalb habe ich
Ihnen auch einen so langen Brief geschrieben: wenn ich schreibe, vergeht
es wieder -- Leben Sie wohl. Ich schliee meinen Brief, ich habe weder
Papier noch Zeit, um weiterzuschreiben. Von dem Gelde fr meine
verkauften Kleider und den Hut habe ich nur noch einen Rubel. Sie haben
Ihrer Wirtin zwei Rubel gegeben, das ist gut: jetzt wird sie hoffentlich
eine Weile schweigen. -- Versuchen Sie doch, Ihre Kleider irgendwie ein
wenig auszubessern. Leben Sie wohl, ich bin so mde. Ich begreife nicht,
wovon ich so schwach geworden bin. Die geringste Beschftigung ermdet
mich. Wenn Fedora mir eine Arbeit verschafft -- wie soll ich dann
arbeiten? Das ist es, was mir den Mut raubt.

W. D.

                   *       *       *       *       *

5. September.

Mein Tubchen Warinka!

Heute, mein Engelchen, habe ich viele Eindrcke empfangen. Mein Kopf tat
mir den ganzen Tag ber weh. Um die Kopfschmerzen zu vertreiben, ging
ich schlielich hinaus: ich wollte lngs der Fontanka wenigstens etwas
frische Luft schpfen. Der Abend war dster und feucht. Jetzt dunkelt es
doch schon um sechs! Es regnete nicht, aber es war neblig, was noch
unangenehmer zu sein pflegt, als ein richtiger Regen. Am Himmel zogen
die Wolken in langen, breiten Streifen dahin. Viel Volk ging auf dem
Kai. Es waren lauter schreckliche Gesichter, die ich sah, Gesichter, wie
sie einen geradezu schwermtig machen knnen, betrunkene Kerle,
stumpfnsige finnlndische Weiber in Mnnerstiefeln und mit strhnigem
Haar, Handwerker und Kutscher, Herumtreiber jeden Alters, Bengel:
irgendein Schlosserlehrling in einem gestreiften Arbeitskittel, so ein
ausgemergelter, blutarmer Junge mit schwarzem, ruglnzendem Gesicht,
ein Schlo in der Hand, oder irgendein ausgedienter Soldat von
Riesengre, der Federmesserchen und billige unechte Ringe feilbietet --
das war das Publikum. Es mu wohl gerade die Stunde gewesen sein, in der
sich ein anderes dort gar nicht zeigt!

Die Fontanka ist ein breiter und tiefer Kanal, sogar Schiffe knnen ihn
passieren. Frachtkhne lagen da, in einer solchen Menge, da man gar
nicht begriff, wie ihrer nur so viele Platz hatten -- denn die Fontanka
ist doch immerhin nur ein Kanal und kein Flu. Auf den Brcken saen
Hkerweiber mit nassen Pfefferkuchen und verfaulten Aepfeln, so
schmutzige, garstige Weiber! Es ist nichts, an der Fontanka spazieren zu
gehen! Der feuchte Granit, die hohen, dunklen Huser: unten die Fe im
Nebel, ber dem Kopf gleichfalls Nebel ... So ein trauriger, so ein
dunkler, lichtloser Abend war es heute.

Als ich in die nchste Strae, in die Gorochowaja, einbog, war es schon
ganz dunkel geworden. Man zndete gerade das Gas an. Ich war lange nicht
mehr auf der Gorochowaja gewesen -- es hatte sich nicht so gemacht. Eine
belebte, groartige Strae! Was fr Lden, was fr Schaufenster! --
alles glnzt nur so und leuchtet ... Stoffe und Seidenzeuge und Blumen
unter Glas ... und was fr Hte mit Bndern und Schleifen! Man denkt,
das sei alles nur so zur Verschnerung der Strae ausgestellt, aber
nein: es gibt doch Menschen, die diese Sachen kaufen und ihren Frauen
schenken! Ja, eine reiche Strae! Viele deutsche Bcker haben dort ihre
Lden -- das mssen auch wohlhabende Leute sein. Und wieviel Equipagen
fahren alle Augenblicke vorber -- wie das Pflaster das nur aushlt! Und
alles so feine Kutschen, die Fenster wie Spiegel, inwendig alles nur
Samt und Seide, und die Kutscher und Diener so stolz, mit Tressen und
Schnren und Degen an der Seite! Ich blickte in alle Wagen hinein und
sah dort immer Damen sitzen, alle so geputzt und groartig. Vielleicht
waren es lauter Frstinnen und Grfinnen? Es war wohl gerade die Zeit,
in der sie auf Blle fahren, zu Diners oder Soupers. Es mu doch sehr
eigen sein, eine Frstin oder berhaupt eine vornehme Dame einmal in der
Nhe zu sehen. Ja, das mu sehr schn sein. Ich habe noch niemals eine
in der Nhe gesehen: hchstens so in einer Kutsche und im Vorberfahren.
Da mute ich denn heute immer an Sie denken. -- Ach, mein Tubchen,
meine Gute! Whrend ich jetzt wieder an Sie denke, da will mir mein Herz
brechen! Warum mssen Sie denn so unglcklich sein, Warinka? Mein
Engelchen! Sind Sie denn schlechter, als jene? Sie sind gut, sind schn,
sind gebildet, weshalb ist Ihnen da ein solches Los beschieden? Warum
ist es so eingerichtet, da ein guter Mensch in Armut und Elend leben
mu, whrend einem anderen sich das Glck von selbst aufdrngt? Ich
wei, ich wei, mein Kind, es ist nicht gut, so zu denken: das ist
Freidenkerei! Aber offen und aufrichtig, wenn man so ber die
Gerechtigkeit der Dinge nachdenkt -- weshalb, ja, weshalb wird nur dem
einen Menschen schon im Mutterscho das Glck frs ganze Leben bereitet,
whrend der andere aus dem Findelhaus in die Welt Gottes hinaustritt?
Und es ist doch wirklich so, da das Glck fter einem Nrrchen
Iwanuschka zufllt.

Du Nrrchen Iwanuschka, whle nach Herzenslust in den Goldscken deiner
Vter, i, trink, freue dich! Du aber, der und der, leck dir blo die
Lippen, mehr hast du nicht verdient, da siehst du, was du fr einer
bist!

Es ist sndhaft, mein Kind, ich wei, es ist sndhaft, so zu denken,
aber wenn man nachdenkt, dann drngt sich einem nun einmal ganz
unwillkrlich die Snde in die Gedanken. Ja, dann knnten auch wir in so
einer Kutsche fahren, mein Engelchen, mein Sternchen! Hohe Generle und
Staatsbeamte wrden nach einem Blick des Wohlwollens von Ihnen haschen
-- und nicht unsereiner. Sie wrden dann nicht in einem alten
Kattunkleidchen umhergehen, sondern in Seide und mit funkelnden
Edelsteinen geschmckt. Sie wrden auch nicht so mager und krnklich
sein, wie jetzt, sondern wie ein Zuckerpppchen, frisch und rosig und
gesund aussehen. Ich aber wrde schon glcklich sein, wenn ich
wenigstens von der Strae zu Ihren hellerleuchteten Fenstern
hinaufschauen und vielleicht einmal Ihren Schatten erblicken knnte.
Allein schon der Gedanke, da Sie dort glcklich und frhlich sind, mein
Vgelchen, Sie, mein reizendes Vgelchen, wrde mich gleichfalls
frhlich und glcklich machen. Aber jetzt!... Nicht genug, da bse
Menschen Sie ins Unglck gebracht haben, nun mu auch noch ein Wstling
Sie beleidigen! Doch blo weil sein Rock elegant ist und er Sie durch
eine goldgefate Lorgnette betrachten kann, der Schamlose, blo deshalb
ist ihm alles erlaubt, blo deshalb mu man seine schamlosen Reden noch
untertnig anhren! Ist denn darin aber Gerechtigkeit? Und weshalb darf
man das? Weil Sie eine Waise sind, Warinka, weil Sie schutzlos sind,
weil Sie keinen starken Freund haben, der fr Sie eintreten und Ihnen
Schutz und Schirm gewhren knnte!

Doch was ist das fr ein Mensch, was sind das fr Menschen, denen es
nichts ausmacht, eine schutzlose Waise zu beleidigen? -- Das sind eben
nicht Menschen, das ist Gesindel, einfach Gesindel, ein irgendetwas, das
blo als Summe zhlt, als Begriff, ein trbes Etwas, das es in
Wirklichkeit und als Einzelwesen berhaupt nicht gibt -- davon bin ich
berzeugt. Sehen Sie, _das_ sind sie, diese Leute! Und meiner Ansicht
nach, meine Liebe, verdient jener Leiermann, dem ich heute auf der
Gorochowaja begegnet bin, viel eher die Achtung der Menschen, als diese.
Er schleppt sich zwar nur klglich umher und sammelt die wenigen
Kopeken, um seinen Unterhalt zu bestreiten, dafr aber ist er sein
eigener Herr und ernhrt sich selbst. Er will nicht umsonst um Almosen
bitten, er dreht zur Freude der Menschen seine Orgel, dreht und dreht
wie eine aufgezogene Maschine -- also mit anderen Worten: womit er eben
kann, damit bringt er Nutzen, auch er! Er ist arm, ist bettelarm, das
ist wahr, und er bleibt arm, dafr ist er ein ehrenwerter Armer: er ist
mde und hinfllig, und es ist kalt drauen, aber er mht sich doch, und
wenn seine Mhe auch nicht von der Art ist, wie die der anderen, er mht
sich trotzdem. Und von der Art gibt es viele ehrliche Menschen, mein
Kind, solche, die im Verhltnis zu ihrer Arbeitsleistung nur wenig
verdienen, doch dafr sich vor niemandem zu beugen brauchen, die keinen
untertnig gren mssen und niemand um Gnadenbrot bitten. Und so einer,
wie dieser Leiermann, bin auch ich, das heit, ich bin natrlich etwas
ganz anderes. Aber im bertragenen Sinne, und zwar in einem ehrenwerten
Sinne, bin ich ganz so wie er, denn auch ich leiste das, was in meinen
Krften steht. Viel ist es ja nicht, aber doch immer mehr als gar
nichts.

Ich bin nur deshalb auf diesen Leiermann zu sprechen gekommen, mein
Kind, weil ich durch die Begegnung mit ihm heute meine Armut doppelt
empfand. Ich war nmlich stehen geblieben, um dem Leiermann zuzusehen.
Es waren mir gerade so besondere Gedanken durch den Kopf gegangen -- da
blieb ich denn stehen und sah ihm zu, um mich von diesen Gedanken
abzulenken. Und so stand ich denn da, auch einige Kutscher standen da,
auch ein erwachsenes Mdchen blieb stehen, und noch ein anderes, ein
ganz kleines Mdchen, das schrecklich schmutzig war. Der Leiermann hatte
sich dort vor jemandes Fenster aufgestellt. Da bemerkte ich einen
kleinen Knaben, so von etwa zehn Jahren: es wre ein netter Junge
gewesen, wenn er nicht so krnklich, so mager und verhungert ausgesehen
htte. Er hatte nur so etwas wie ein Hemdchen an, und ein dnnes
Hschen. So stand er, barfu wie er war, und hrte mit offenem Mulchen
der Musik zu -- Kinder sind eben Kinder! -- Augenscheinlich verga er
sich ganz in kindlichem Entzcken ber die Puppen, die auf dem
Leierkasten tanzten, seine Hndchen und Fchen aber waren schon blau
vor Klte und dabei zitterte er am ganzen Krper und kaute an einem
Aermelzipfelchen, das er zwischen den Zhnen hielt -- in der anderen
Hand hatte er ein Papier. Ein Herr ging vorber und warf dem Leiermann
eine kleine Mnze zu, die gerade auf das Brett fiel, auf dem die Puppen
tanzten. Kaum hrte mein Jungchen die Mnze klappern, da fuhr er
pltzlich aus seiner Versonnenheit auf, sah sich schchtern um und
glaubte wohl, da ich das Geld geworfen habe. Und er kam zu mir
gelaufen, das ganze Kerlchen zitterte, das Stimmchen zitterte, und er
streckte mir das Papier entgegen und sagte: Bitte, Herr!

Ich nahm das Papier, entfaltete es und las -- nun, man kennt das ja
schon: Wohltter ... und so weiter, drei Kinder hungern, die Mutter
liegt im Sterben, habt Erbarmen mit uns! Wenn ich vor dem Throne Gottes
stehen werde, will ich in meiner Frbitte diejenigen nicht vergessen,
die hienieden meinen armen Kindern geholfen haben.

Was soll man da viel reden, die Sache ist doch klar und oft genug
erlebt. Was aber -- ja, was sollte ich ihm wohl geben? Nun, so gab ich
ihm denn nichts. Dabei tat er mir so leid! So ein armer kleiner Knabe,
ganz blau war er vor Klte, und so hungrig sah er aus, und er log doch
nicht, bei Gott, er log nicht! -- ich wei, wie das ist! Schlecht ist
nur, da diese Mtter ihre Kinder nicht schonen und sie halbnackt und
bei dieser Klte hinausschicken. Dessen Mutter ist vielleicht so ein
dummes Weib, das nicht wei, was zu tun seine Pflicht wre, vielleicht
kmmert sich niemand um sie und da sitzt sie denn mig zu Hause und tut
nichts! Vielleicht ist sie aber auch wirklich krank? Nun ja, immerhin
knnte sie sich dann an einen Wohlttigkeitsverein wenden, oder sich bei
der Polizei melden, wie es sich gehrt. Aber vielleicht ist sie einfach
eine Betrgerin, die ein hungriges, krankes Kind auf die Strae
hinausschickt, um die Leute zu beschwindeln, bis das Kindchen
schlielich an irgendeiner Krankheit stirbt? Und was lernt denn der
Knabe bei diesem Betteln? Sein Herz wird hart und grausam. Er geht vom
Morgen bis zum Abend umher und bettelt. Viele Menschen gehen an ihm
vorber, doch niemand hat Zeit fr ihn. Ihre Herzen sind hart, ihre
Worte grausam.

Fort! Pack dich! Straenjunge! -- das ist alles, was er an Worten zu
hren bekommt, und das Herz des Kindes krampft sich zusammen, und
vergeblich zittert der arme, verschchterte Knabe in der Klte. Seine
Hnde und Fe erstarren. Wie lange noch, und da -- er hustet ja schon
-- kriecht ihm die Krankheit wie ein schmutziger, scheulicher Wurm in
die Brust, und ehe man sich dessen versieht, beugt sich schon der Tod
ber ihn, und der Knabe liegt sterbenskrank in irgendeinem feuchten,
schmutzigen, stinkenden Winkel, ohne Pflege, ohne Hilfe -- das aber ist
dann sein ganzes Leben gewesen! Ja, so ist es oft -- ein Menschenleben!
Ach, Warinka, es ist qualvoll, ein um Christi willen zu hren und
vorbergehen zu mssen, ohne etwas geben zu knnen, und dem Hungrigen
sagen zu mssen: Gott wird dir geben.

Gewi, manch ein um Christi willen braucht einen nicht zu berhren.
(Es gibt ja doch verschiedene um Christi willen, mein Kind.) Manch
eines ist gewohnheitsmig bettlerhaft, so ein Ton, langgezogen,
eingeleiert, gleichgltig. An einem solchen Bettler ohne Gabe
vorberzugehen, ist noch nicht so schlimm, man denkt: der ist Bettler
von Beruf, der wird es verwinden, der wei schon, wie man es verwindet.
Aber manch ein um Christi willen, das von einer ungebten, gequlten,
heiseren Stimme hervorgestoen wird, das geht einem wie etwas
Unheimliches durch Mark und Bein, -- so wie heute, gerade als ich von
dem kleinen Jungen das Papier genommen hatte, da sagte einer, der dort
am Zaun stand -- er wandte sich nicht an jeden--: Ein Almosen, Herr,
um Christi willen! -- sagte es mit einer so stockenden, hohlen Stimme,
da ich unwillkrlich zusammenfuhr ... unter dem Eindruck einer
schrecklichen Empfindung. Ich gab ihm aber kein Almosen: denn ich hatte
nichts. Und dabei gibt es reiche Leute, die es nicht lieben, da die
Armen ber ihr schweres Los klagen -- sie seien ein ffentliches
Aergernis, sagen sie, sie seien lstig! nichts als lstig: -- Das
Gesthn der Hungrigen lt diese Satten wohl nicht schlafen?!

Ich will Ihnen gestehen, meine Liebe, ich habe alles dies zum Teil
deshalb zu schreiben angefangen, um mein Herz zu erleichtern, zum Teil
aber auch deshalb, und zwar zum grten Teil, um Ihnen eine Probe meines
guten Stils zu geben. Denn Sie werden es doch sicher schon bemerkt
haben, mein Kind, da mein Stil sich in letzter Zeit bedeutend gebessert
hat? Doch jetzt habe ich mich, anstatt mein Herz zu erleichtern, nur in
einen solchen Kummer hineingeredet, da ich ordentlich anfange, selbst
von Herzensgrund mit meinen Gedanken Mitgefhl zu empfinden, obschon ich
sehr wohl wei, mein Kind, da man mit diesem Mitgefhl nichts erreicht
... aber man lt sich damit wenigstens in einer gewissen Weise
Gerechtigkeit widerfahren!

Ja, in der Tat, meine Liebe, oft erniedrigt man sich selbst ganz
grundlos, hlt sich nicht einmal fr eine Kopeke wert, schtzt sich fr
weniger als ein Holzsphnchen ein. Das aber kommt, bildlich gesprochen,
vielleicht nur daher, da man selbst verschchtert und verngstigt ist,
ganz so wie jener kleine Junge, der mich heute um ein Almosen bat.

Jetzt werde ich, mein Kind, einmal bildlich zu Ihnen reden, in einem
Gleichnis, sozusagen. Also hren Sie mich an.

Es kommt vor, meine Liebe, da ich, wenn ich frh am Morgen auf dem Wege
zum Dienst bin, mich ganz vergesse beim Anblick der Stadt, wie sie da
erwacht und mhlich aufsteht, langsam zu rauchen, zu wogen, zu brodeln,
zu rasseln und zu lrmen beginnt: so da man sich vor diesem Schauspiel
schlielich ganz klein und gering vorkommt, als htte man auf seine
neugierige Nase von irgend jemand einen Nasenstber bekommen -- und da
schleppt man sich denn ganz klein und still weiter, und wagt berhaupt
nicht mehr, etwas zu denken! Aber nun betrachten Sie mal, was in diesen
schwarzen, verrucherten groen Husern vorgeht, versuchen Sie, sich das
einmal vorzustellen, und dann urteilen Sie selbst, ob es richtig war,
sich so ohne Sinn und Verstand so gering einzuschtzen und sich so
unwrdigerweise einschchtern zu lassen. -- Vergessen Sie nicht,
Warinka, da ich blo bildlich spreche, nur so im Gleichnis.

Nun, lassen Sie uns also mal nachsehen, was denn dort in diesen Husern
vorgeht.

Dort in dem muffigen Winkel eines feuchten Kellerraumes, den nur die Not
zu einer Menschenwohnung machen konnte, ist gerade irgendein Handwerker
aufgewacht. Im Schlaf hat ihm, sagen wir, die ganze Zeit ber nur von
einem Paar Stiefel getrumt, das er gestern versehentlich falsch
zugeschnitten -- ganz als msse einem Menschen gerade nur von solchen
Nichtigkeiten trumen! Nun, -- er ist ja Handwerker, ist ein Schuster:
bei ihm ist es also noch erklrlich. Er hat kleine Kinder und eine
hungrige Frau. Uebrigens, nicht Schuster allein stehen mitunter so auf,
meine Liebe. Das wre ja noch nichts und es verlohnte sich auch nicht,
sich darber zu verbreiten, doch nun sehen Sie, mein Kind, was hierbei
bemerkenswert ist. In demselben Hause, nur in einem anderen, hher
gelegenen Stockwerk, und in einem allerprunkvollsten Schlafgemach hat in
derselben Nacht einem vornehmen Herrn vielleicht von ganz denselben
Stiefeln getrumt, das heit, versteht sich, von Stiefeln etwas anderer
Art, von einer anderen Fasson, sagen wir, aber doch immerhin Stiefeln
... denn in dem Sinne meines Gleichnisses sind wir schlielich alle ein
wenig und irgendwie Schuster. Aber auch das htte wohl noch nichts auf
sich, das Schlimme jedoch ist, da es keinen Menschen neben jenem
Reichen gibt, keinen einzigen, der ihm ins Ohr flstern knnte: La das
doch, denk nicht daran, denk nicht nur an dich allein, du bist doch kein
armer Schuster, deine Kinder sind gesund, deine Frau klagt nicht ber
Hunger, so sieh dich doch um, ob du denn nicht etwas anderes, etwas
Edleres und Hheres fr deine Sorgen findest, als deine Stiefel!

Sehen Sie, das ist es, was ich Ihnen durch ein Gleichnis klar machen
wollte, Warinka. Es ist das vielleicht ein zu freier Gedanke, aber er
kommt einem mitunter, und dann drngt er sich unwillkrlich in einem
heien Wort aus dem Herzen hervor. Und deshalb sage ich denn auch, da
man sich ganz grundlos so gering eingeschtzt, da einen doch nur das
Gerusch und Gerassel erschreckt hat! Ich schliee damit, da Sie, mein
Kind, nicht denken sollen, da es eine bswillige Verdrehung sei, was
ich Ihnen hier erzhle, oder da ich Grillen fange, oder da ich es aus
einem Buch abgeschrieben habe. Nein, mein Kind, das ist es nicht,
beruhigen Sie sich: ich verstehe gar nicht, etwas zu verdrehen und
schlecht zu machen, auch Grillen fange ich nicht, und abgeschrieben habe
ich das erst recht nicht -- damit Sie's wissen!

Ich kam recht traurig gestimmt nach Haus, setzte mich an meinen Tisch,
machte mir etwas heies Wasser und schickte mich dann an, ein Glschen
Tee zu trinken. Pltzlich, was sehe ich: Gorschkoff tritt zu mir ins
Zimmer, unser armer Wohngenosse. Es war mir eigentlich schon am Morgen
aufgefallen, da er im Korridor immer an den anderen Zimmertren
vorberstrich und einmal sich scheinbar an mich wenden wollte. Nebenbei
bemerkt, mein Kind, ist seine Lage noch viel, viel schlechter, als
meine. Gar keinen Vergleich kann man machen! Er hat doch eine Frau und
Kinder zu ernhren ... so da ich, wenn ich Gorschkoff wre, -- ja, ich
wei nicht, was ich an seiner Stelle tun wrde! Also, mein Gorschkoff
kommt zu mir herein, grt -- hat wie gewhnlich ein Trnchen im
Auge--, macht so etwas wie einen Kratzfu, kann aber kein Wort
hervorbringen. Ich bot ihm einen Stuhl an, allerdings einen
zerbrochenen, denn einen anderen habe ich nicht. Ich bot ihm ferner Tee
an. Er entschuldigte sich, entschuldigte sich sehr lange, endlich nahm
er doch das Glas. Dann wollte er es unbedingt ohne Zucker trinken, er
entschuldigte sich wieder und wieder, als ich ihm versicherte, da er im
Gegenteil unbedingt Zucker dazu nehmen msse -- lange weigerte er sich
so, dankte, entschuldigte sich von neuem -- schlielich legte er das
kleinste Stckchen in sein Glas und versicherte, der Tee sei
ungewhnlich s. Ja, Warinka, da sehen Sie, wohin die Armut den
Menschen zu bringen vermag!

Nun, was gibt es Gutes, Vterchen? fragte ich ihn.

Ja, so und so, und so weiter, -- seien Sie mein Wohltter, Makar
Alexejewitsch, stehen Sie mir bei, helfen Sie einer armen Familie! Meine
Kinder und meine Frau -- wir haben nichts zu essen ... ich aber, als
Vater -- was stellen Sie sich vor, was ich dabei empfinde...

Ich wollte ihm etwas entgegnen, er aber unterbrach mich:

Ich frchte hier alle, Makar Alexejewitsch, das heit, nicht gerade,
da ich sie frchte, aber so, wissen Sie, man schmt sich, sie sind alle
so stolz und hochmtig. Ich wrde Sie, Vterchen, gewi nicht
belstigen, sagte er, ich wei, Sie haben selbst Unannehmlichkeiten
gehabt, ich wei auch, da Sie mir nicht viel geben knnen, aber
vielleicht werden Sie mir doch wenigstens etwas -- leihen? Ich wage es
nur deshalb, Sie zu bitten, weil ich Ihr gutes Herz kenne, weil ich
wei, da Sie selbst Not gelitten haben, da Sie selbst arm sind -- da
wird Ihr Herz eher mitfhlen. Und zum Schlu bat er mich noch
ausdrcklich, ihm seine Dreistigkeit und Unverschmtheit zu verzeihen.

Ich antwortete ihm, da ich ihm von Herzen gern helfen wrde, da ich
aber selbst nichts htte, oder doch so gut wie nichts.

Vterchen, Makar Alexejewitsch, sagte er, ich will Sie ja nicht um
viel bitten, -- dabei errtete er bis ber die Stirn -- aber meine
Frau ... meine Kinder hungern ... vielleicht nur zehn Kopeken, Makar
Alexejewitsch!

Was soll ich sagen, Warinka? Mein Herz blutete, als ich seine Bitte um
nur zehn Kopeken hrte. Da war ich doch noch reich im Vergleich zu
ihm! In Wirklichkeit besa ich allerdings nur zwanzig Kopeken, mit denen
ich fr die nchsten Tage rechnete, um mich noch irgendwie bis zum
Zahltage durchzuschlagen. Und so sagte ich ihm denn auch, ich knne
wirklich nicht ... und ich erklrte ihm die Sache.

Nur ... nur zehn Kopeken, Vterchen, wir hungern doch, Makar
Alexejewitsch...

Da nahm ich denn mein Geld aus dem Kstchen und gab ihm meine letzten
zwanzig Kopeken, mein Kind, -- es war immerhin ein gutes Werk. Ja, die
Armut, wer die kennt! Es kam noch zu einer kleinen Unterhaltung zwischen
uns, und da fragte ich ihn denn so bei Gelegenheit, wie er eigentlich in
solche Armut geraten und wie es komme, da er dabei doch noch in einem
Zimmer wohne, fr das er im Monat ganze fnf Silberrubel zahlen msse.

Darauf erklrte er mir denn die Sachlage. Er habe das Zimmer vor einem
halben Jahr gemietet und die Miete fr drei Monate im voraus bezahlt.
Dann aber htten sich seine Verhltnisse so verschlimmert, da er die
weitere Miete schuldig bleiben mute und auch nicht die Mittel zu einem
Umzuge hatte. Inzwischen erwartete er vergeblich das Ende seines
Rechtsstreites. Das aber ist so eine verzwickte Sache, Warinka. Er ist
nmlich, mssen Sie wissen, in einer gewissen Angelegenheit mit
angeklagt, und zwar handelt es sich da um die Schurkereien eines
gewissen Kaufmanns, der bei Lieferungen an die Krone irgendwie betrogen
hat. Der Betrug wurde aufgedeckt und der Kaufmann in Haft genommen,
worauf dieser letztere nun aber auch ihn, den Gorschkoff, in diese
Angelegenheit hineinzog. Zwar kann man den Gorschkoff nur einer gewissen
Fahrlssigkeit beschuldigen und ihm hchstens den Vorwurf machen, da er
nicht umsichtig genug gewesen sei und den Vorteil der Krone auer Acht
gelassen habe. Trotzdem zieht sich die Sache schon ein paar Jahre so
hin: es herrscht immer noch nicht volle Klarheit in der Angelegenheit,
so da auch Gorschkoff nicht freigesprochen werden kann, -- der
Ehrlosigkeit aber, die man mir vorwirft, sagt Gorschkoff, des Betruges
und der Hehlerei bin ich nicht schuldig, nicht im geringsten! Das
ndert jedoch nichts daran, da er wegen dieser Sache aus dem Dienst
entlassen worden ist, obschon man ihm, wie gesagt, ein eigentliches
Verschulden nicht hat nachweisen knnen. Auch hat er eine nicht
unbedeutende Geldsumme, die ihm gehrt, und die ihm der Kaufmann nun vor
Gericht streitig macht, noch immer nicht durch den Proze herausbekommen
knnen, was um so trauriger ist, als damit gleichzeitig, wie er sagte,
noch seine Rechtfertigung zusammenhngt.

Ich glaube ihm aufs Wort, Warinka, das Gericht aber denkt anders. Es
ist, wie gesagt, eine so verzwickte Sache, da man sie selbst in hundert
Jahren nicht entwirren knnte. Kaum hat man sie ein wenig aufgeklrt, da
bringt der Kaufmann wieder eine neue Unklarheit hinein und ndert die
Lage der Sache abermals. Ich nehme herzlichen Anteil an Gorschkoffs
Migeschick, meine Liebe, ich kann ihm alles so nachfhlen. Ein Mensch
ohne Stellung, niemand will ihn annehmen, da er nun einmal in dem Ruf
der Unzuverlssigkeit steht. Was sie erspart hatten, haben sie
aufgezehrt. Die Sache kann sich noch lange hinziehen -- sie aber mssen
doch leben. Und da kam dann noch pltzlich zu so ungelegener Zeit ein
Kindchen zur Welt -- das verursachte natrlich erst recht Ausgaben. Dann
erkrankte der Sohn -- wieder Ausgaben. Und der Sohn starb -- und das hat
neue Ausgaben verlangt. Auch die Frau ist krank und auch er leidet an
irgendeiner schleichenden Krankheit. Mit einem Wort, so ein Los ist
schwer, sehr schwer! Uebrigens, sagte er, die Sache werde sich in
einigen Tagen nun doch entscheiden, und zwar sicher gnstig fr ihn,
daran knne man jetzt nicht mehr zweifeln. Ja, er tut mir leid, sehr
leid, mein Kind! Ich habe ihn denn auch recht freundlich behandelt. Er
ist ja doch ein ganz eingeschchterter, ngstlich gewordener Mensch, er
hat Bedrfnis nach einem aufmunternden Wort, nach etwas Gte und
Wohlwollen. Da habe ich ihn denn, wie gesagt, freundlich behandelt.

Nun, leben Sie wohl, mein Kind, Christus sei mit Ihnen, bleiben Sie
gesund. Mein Tubchen Sie! Wenn ich an Sie denke, ist es mir, als lege
sich Balsam auf meine kranke Seele, und wenn ich mich auch um Sie sorge,
so sind mir doch auch diese Sorgen eine Lust.

Ihr aufrichtiger Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

9. September.

Warwara Alexejewna, Sie mein liebes Kind!

Ich schreibe Ihnen, ganz auer mir, wie ich bin. Durch diesen Vorfall
bin ich so aufgeregt, bis zur Fassungslosigkeit aufgeregt! In meinem
Kopf dreht sich noch alles im Kreise. Ich fhle es frmlich, wie sich
ringsum alles dreht. Ach, meine Gute, meine Liebe, wie soll ich Ihnen
das nun erzhlen! Das haben wir uns ja nicht mal trumen lassen! Oder
doch -- ich glaube, ich habe alles vorausgeahnt, alles vorausgeahnt!
Mein Herz hat das schon vorher gewut, hat gefhlt, wie es kam ... Und
wirklich, ich habe neulich etwas Aehnliches im Traume gesehen!

Nun hren Sie, was geschehen ist! -- Ich werde Ihnen alles erzhlen,
ohne diesmal auf den Stil Sorgfalt zu verwenden, ganz einfach, wie Gott
es mir eingibt.

Ich ging heute, wie gewhnlich, frhmorgens in den Dienst. Komme hin,
setze mich, schreibe weiter. Sie mssen nmlich wissen, mein Kind, da
ich gestern gleichfalls geschrieben habe. Nmlich gestern, da kam
Timofei Iwanowitsch zu mir und sagte: Hier ist ein wichtiges Dokument,
das schnell abgeschrieben werden mu. Also machen Sie sich sogleich
daran -- sauber und sorgfltig ... Exzellenz mssen es heute noch
unterschreiben. Ich mu vorausschicken, mein Engelchen, da ich gestern
gar nicht so war, wie man eigentlich sein mu -- will sagen, da ich
eigentlich berhaupt nichts ansehen wollte. Kummer und Gram bedrckten
mich. Im Herzen war es kalt, in der Seele dunkel. Meine Gedanken aber
waren alle bei Ihnen, mein Sternchen. Nun, und da machte ich mich denn
daran, abzuschreiben ... schrieb sauber, gewissenhaft, nur -- ich wei
wirklich nicht, wie ich Ihnen das genauer erklren soll, ob mich der
leibhaftige Gottseibeiuns selber dazu verleitete oder ob da sonst welche
geheimen Krfte mit im Spiel waren, oder ob es einfach so und nicht
anders kommen mute: -- nur lie ich beim Abschreiben eine ganze Zeile
aus! So da denn Gott wei was fr ein Sinn herauskam, wahrscheinlich
berhaupt kein Sinn. Das Papier wurde aber gestern zu spt fertig und
erst heute Seiner Exzellenz zur Unterschrift vorgelegt.

Nun und heute morgen -- ich komme wie gewhnlich hin, und nehme meinen
Platz neben Jemeljan Iwanowitsch ein. Ich mu Ihnen bemerken, meine
Liebe, da ich mich seit einiger Zeit noch viel mehr schmte und noch
mehr zu verstecken suchte, als frher. Ja, in der letzten Zeit hatte ich
berhaupt niemanden mehr anzusehen gewagt. Kaum hre ich irgendwo einen
Stuhl rcken, da bin ich schon mehr tot als lebendig. Nun, und heute war
alles ebenso: ich duckte mich und sa ganz still, wie ein Igel, so da
Jefim Akimowitsch (der spottlustigste Mensch, den es je auf Gottes
Erdboden gegeben hat) pltzlich laut zu mir sagte, so da alle es
hrten:

Na, Makar Alexejewitsch, was sitzen Sie denn da wie solch ein U--u--u?
-- und dabei schnitt er eine Grimasse, da alle, die dort ringsum saen,
sich die Seiten hielten vor Lachen, und natrlich ber mich allein
lachten, nicht ber ihn. Nun, und da ging es denn los! -- Ich klappte
meine Ohren zu und kniff auch die Augen zu und rhrte mich nicht. So tue
ich immer, wenn sie anfangen: dann lassen sie einen eher wieder in Ruhe.
Pltzlich hre ich erregte Stimmen, hastige Schritte, ein Laufen, Rufen.
Ich hre -- tuschen mich nicht meine Ohren? Man ruft mich, ruft meinen
Namen, ruft Djewuschkin! Mein Herz erzitterte, ich wei selbst nicht,
wie es kam, da mir der Schreck so in die Glieder fuhr, wie noch nie
zuvor in meinem Leben. Ich sa wie angewachsen auf meinem Stuhl, -- ich
rhrte mich nicht, ich war gleichsam gar nicht mehr ich. Aber da rief
man schon wieder, immer nher kam es, schon in nchster Nhe:
Djewuschkin! Djewuschkin! Wo ist Djewuschkin! -- Ich schlage die Augen
auf: vor mir steht Jewstafij Iwanowitsch -- und ich hre noch, wie er
sagt:

Makar Alexejewitsch, zu Seiner Exzellenz, schnell! Sie haben mit Ihrer
Abschrift ein schnes Unheil angerichtet! Das war alles, was er sagte,
aber es war auch schon genug gesagt, nicht wahr, mein Kind, es war schon
genug? Ich erstarrte, ich starb einfach, ich empfand berhaupt nichts
mehr, ich ging -- das heit, meine Fe gingen, ich selbst war weder tot
noch lebendig. Ich wurde durch ein Zimmer gefhrt, durch noch eines und
noch ein drittes -- ins Kabinett -- jedenfalls sah ich dann, da ich
dort stand. Rechenschaft darber, was ich dabei dachte, vermag ich Ihnen
nicht zu geben. Ich sah nur, dort standen Seine Exzellenz und um sie
herum alle die anderen. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine
Verbeugung gemacht: ich verga sie! Ich war ja so bestrzt, da meine
Lippen und meine Knie zitterten. Aber es war auch Grund dazu vorhanden,
mein Kind! Erstens schmte ich mich, und dann, als ich noch zufllig
nach rechts in einen Spiegel sah, htte ich wohl alle Ursache gehabt, in
die Erde zu versinken. Hinzu kam: ich hatte mich doch immer so zu
verhalten gesucht, als wre ich berhaupt nicht vorhanden, so da es
kaum anzunehmen war, da Seine Exzellenz berhaupt etwas von mir wuten.
Vielleicht hatten Exzellenz einmal flchtig gehrt, da dort im vierten
Zimmer ein Beamter Djewuschkin sitzt, aber in nhere Beziehungen waren
Exzellenz nie zu ihm getreten.

Zuerst sagten Exzellenz ganz aufgebracht:

Was haben Sie hier fr einen Unsinn geschrieben, Herr! Wo haben Sie
Ihre Augen gehabt! Ein so wichtiges Dokument, das dringend abgesandt
werden mu! Und da schreiben Sie etwas so Sinnloses zusammen! Was haben
Sie sich dabei eigentlich gedacht,-- und zugleich wandten sich seine
Exzellenz an Jewstafij Iwanowitsch. Ich hrte nur einzelne Worte wie aus
dem Jenseits: Unachtsamkeit! Nachlssigkeit!... nur Unannehmlichkeiten
zu bereiten...

Ich tat meinen Mund auf, sagte aber nichts. Ich wollte mich
entschuldigen, wollte um Verzeihung bitten, ich konnte aber nicht.
Fortlaufen -- daran war nicht zu denken, nun aber ... nun geschah
pltzlich noch etwas -- geschah so etwas, mein Kind, da ich auch jetzt
noch kaum die Feder halten kann vor Scham! -- Mein Knopf nmlich -- nun,
hol' ihn der Teufel! -- mein Knopf, der nur noch an einem Fdchen
gebaumelt hatte, fiel pltzlich ab (ich mu ihn irgendwie berhrt
haben), fiel ab, fiel klingend zu Boden und rollte, rollte -- und rollte
ausgerechnet zu den Fen Seiner Exzellenz, fiel und rollte mitten in
dieser Grabesstille, die herrschte! Das war also meine ganze
Rechtfertigung, meine ganze Entschuldigung, alles was ich Seiner
Exzellenz zu sagen hatte! Die Folgen waren auch danach! Seine Exzellenz
wurde sogleich auf mein Aussehen und meine Kleider aufmerksam. Ich
dachte daran, was ich im Spiegel erblickt hatte -- das sagt wohl alles
-- und pltzlich lief ich meinem Knopf nach und bckte mich, um den
Ausreier wieder einzufangen! Ich hatte eben ganz und gar den Verstand
verloren! Ich hockte und haschte nach dem Knopf, der aber rollte und
rollte wie ein Kreisel immer in die Runde, ich jedoch tapse umher und
kriege und kriege ihn nicht -- so da ich mich also auch noch in bezug
auf meine Gewandtheit recht auszeichnete! Da fhlte ich denn, wie mich
die letzten Krfte verlieen und alles, alles verloren war! Das ganze
Ansehen war hin, der Mensch in mir vernichtet! Obendrein begann es auch
noch in meinen beiden Ohren zu summen und dazwischen war es mir, als
hrte ich irgendwo hinter der Wand Theresa und Faldoni schimpfen, wie
ich sie immer in der Kche schimpfen hre. Endlich hatte ich den Knopf,
erhob mich, richtete mich auf -- doch anstatt nun die Dummheit
einigermaen gutzumachen und stramm zu stehen, Hnde an der Hosennaht --
statt dessen drcke ich den Knopf immer wieder an die Stelle, wo er
frher angenht war und wo jetzt nur noch ein paar Fdchen hingen, ganz
als msse das den Knopf dort ankleben, dazu aber lchelte ich noch, ja,
bei Gott, ich lchelte noch!

Exzellenz wandten sich zunchst ab, dann sahen sie mich wieder an -- ich
hrte sie nur noch zu Jewstafij Iwanowitsch sagen:

Ich bitte Sie ... sehen Sie doch, wie er aussieht!... In welchem
Zustande!... Was ist das mit ihm?

Ach, meine Liebe, was war da noch zu wollen! Hatte mich ausgezeichnet,
wie man's besser nicht machen kann! Ich hre, Jewstafij Iwanowitsch
antwortet ihm:

...nichts zuschulden kommen lassen, nichts, Exzellenz, hat sich bisher
musterhaft aufgefhrt ... gut angeschrieben ... etatsmiges Gehalt...

Nun, dann helfen Sie ihm irgendwie, sagte Seine Exzellenz, geben Sie
ihm Vorschuߠ...

Ja, leider hat er schon soviel Vorschu genommen, schon fr
soundsoviele Monate. Offenbar sind seine Verhltnisse im Augenblick
derart ... seine Auffhrung ist sonst, wie gesagt, musterhaft,
tadellos...

Ich war, mein Engelchen, ich war wie von einem hllischen Feuer umgeben,
das mich bei lebendigem Leibe versengte und verbrannte! Ich -- ich gab
einfach meinen Geist auf, ja, ich starb und war tot.

Nun, sagte pltzlich Seine Exzellenz laut, das mu also nochmals
abgeschrieben werden. Djewuschkin, kommen Sie mal her: also schreiben
Sie mir das nochmals fehlerlos ab, und Sie, meine Herren... hier
wandten sich Seine Exzellenz an die brigen und erteilten verschiedene
Auftrge, so da sie alle einer nach dem anderen fortgingen. Kaum aber
war der letzte gegangen, da zogen Exzellenz schnell die Brieftasche
hervor und entnahmen ihr einen Hundertrubelschein.--

Hier ... soviel ich kann, nehmen Sie -- lassen Sie's gut sein... und
damit drckten sie mir den Schein in die Hand.

Ich, mein Engelchen, ich zuckte zusammen, meine ganze Seele erbebte: ich
wei nicht mehr, wie mir geschah! Ich wollte seine Hand ergreifen, um
sie zu kssen, er aber errtete, mein Tubchen, und -- ich weiche hier
nicht um Haaresbreite von der Wahrheit ab, mein Kind -- und er nahm
diese meine unwrdige Hand und schttelte sie, nahm sie ganz einfach und
schttelte sie, ganz als wre das die Hand eines ihm vllig
Gleichstehenden, etwa eines ebensolchen hochgestellten Mannes, wie er
selbst einer ist.

Nun, gehen Sie, sagte er, womit ich helfen kann ... Schreiben Sie das
nochmals ab, aber machen Sie keine Fehler. Und dies hier, das kann man
zerreien...

Jetzt, mein Kind, hren Sie an, was ich beschlossen habe: Sie und Fedora
bitte ich, und wenn ich Kinder htte, wrde ich ihnen befehlen, da sie
zu Gott beten sollten, und zwar so: da sie fr den eigenen leiblichen
Vater nicht beten, fr Seine Exzellenz aber tagtglich und bis an ihr
Lebensende beten sollten! Und ich will Ihnen noch etwas sagen, und das
sage ich feierlichst -- also passen Sie auf, mein Kind: ich schwre es,
da ich -- so gro auch meine Not war und wie sehr ich auch unter
unserem Geldmangel gelitten habe, zumal, wenn ich an Ihre Not und Ihr
Ungemach dachte und desgleichen an meine Erniedrigung und Unfhigkeit --
also ungeachtet alles dessen schwre ich Ihnen, da diese hundert Rubel
mir nicht soviel wert sind, wie diese eine Tatsache, da Seine Exzellenz
selbst und leibhaftig mir, dem Trunkenbold, dem Geringsten unter den
Geringen, die Hand, diese meine unwrdige Hand zu drcken geruhten!
Damit haben sie mich mir selbst zurckgegeben. Damit haben sie meinen
Geist von den Toten auferweckt, mir das Leben fr ewig verst, und ich
bin fest berzeugt, da -- so sndig ich auch vor dem Allerhchsten sein
mag -- mein Gebet fr das Glck und Wohlergehen Seiner Exzellenz doch
bis zum Throne Gottes dringen und von ihm erhrt werden wird!--

Mein Liebes, mein Kind! Ich bin jetzt in einer Gemtserregung, wie ich
sie noch nie erlebt habe. Mein Herz klopft zum Zerspringen und ich fhle
mich so erschpft, als wre mir alle Kraft abhanden gekommen.

Ich sende Ihnen hiermit 45 Rubel. 20 Rubel gebe ich der Wirtin und den
Rest von 35 behalte ich fr mich: davon will ich mir fr 20
Kleidungsstcke anschaffen, und 15 bleiben dann zum Leben. Nur haben
mich alle diese Eindrcke heute morgen so erschttert, da ich mich ganz
schwach fhle. Ich werde mich etwas hinlegen. Ich bin jetzt brigens
ganz ruhig, vollstndig ruhig. Es ist nur noch so wie ein Druck auf dem
Herzen und irgendwo dort in der Tiefe spre ich, wie meine Seele bebt
und zittert.

Ich werde zu Ihnen kommen. Noch bin ich wie betubt von all diesen
Empfindungen ... Gott sieht alles, mein Kind, alles!

Ihr wrdiger Freund

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

10. September.

Mein bester Makar Alexejewitsch!

Ich freue mich unendlich ber Ihr Glck und wei die Hilfe Ihres
Vorgesetzten in ihrer ganzen Gte zu wrdigen. So knnen Sie jetzt
endlich aufatmen und sich von Ihren Sorgen erholen! Aber nur um eines
bitte ich Sie: geben Sie das Geld um Gottes willen nicht wieder fr
unntze Sachen aus! Leben Sie ruhig und still, leben Sie mglichst
sparsam, und bitte, fangen Sie jetzt an, jeden Tag etwas Geld beiseite
zu legen, damit Sie nicht wieder so in Not geraten! Um uns brauchen Sie
sich wirklich nicht mehr zu sorgen. Werden uns schon durchschlagen. Wozu
haben Sie uns soviel Geld geschickt, Makar Alexejewitsch? Wir brauchen
es doch gar nicht ... Wir sind zufrieden mit dem, was wir uns verdienen.
Es ist wahr, wir werden bald zum Umzuge Geld ntig haben, aber Fedora
hofft, da man ihr jetzt endlich eine alte Schuld abtragen wird. Ich
behalte also fr alle Flle zwanzig Rubel, den Rest sende ich Ihnen
zurck. Geben Sie das Geld nur nicht fr Unntiges aus, Makar
Alexejewitsch!

Leben Sie wohl! Leben Sie jetzt ganz ruhig, werden Sie gesund und
frhlich. Ich wrde Ihnen mehr schreiben, fhle mich aber schrecklich
mde. Gestern lag ich den ganzen Tag im Bett. Das ist gut, da Sie mich
besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar
Alexejewitsch. Ich erwarte Sie.

Ihre

W. D.

                   *       *       *       *       *

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich flehe Sie an, meine Liebe, verlassen Sie mich jetzt nicht, jetzt, wo
ich vollkommen glcklich und mit allem zufrieden bin! Mein Tubchen!
Hren Sie nicht auf Fedora! Ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was Sie
nur wollen. Ich werde mich gut auffhren, allein schon aus Hochachtung
fr Seine Exzellenz werde ich mich ehrenhaft und anstndig auffhren.
Wir werden einander wieder selige Briefe schreiben, werden uns
gegenseitig unsere Gedanken mitteilen, und unsere Freuden und Sorgen --
wenn es wieder einmal Sorgen geben sollte -- miteinander teilen: und so
werden wir denn wieder eintrchtig und glcklich miteinander leben. Wir
werden uns mit der Literatur beschftigen ... Mein Engelchen! In meinem
Leben hat sich doch jetzt alles zum besseren gewendet. Meine Wirtin lt
wieder mit sich reden. Theresa ist bedeutend klger geworden und sogar
Faldoni wird diensteifrig. Mit Ratasjeff habe ich mich ausgeshnt. Ich
ging in meiner Freude selbst zu ihm. Er ist wirklich ein guter Kerl,
mein Kind, und was man von ihm Schlechtes gesagt hat, beruht auf Unsinn
und Irrtum: jetzt habe ich erfahren, da alles nur eine hliche
Verleumdung gewesen ist. Er hat gar nicht daran gedacht, eine Satire auf
uns zu machen. Er hat es mir selbst gesagt. Er las mir sein neuestes
Werk vor. Und was das betrifft, da er mich damals Lovelace benannt hat:
nun -- so ist das ja gar nichts Schlechtes oder gar eine unanstndige
Bezeichnung. Er hat mir nmlich jetzt die Bedeutung erklrt. Lovelace
ist ein Fremdwort und bedeutet ungefhr ein gewandter Bursche, oder
wenn man es hbscher, sozusagen literarischer ausdrcken will: ein
schneidiger Kavalier. Sehen Sie, das bedeutet es, nicht aber irgend so
etwas -- anderes! Es war also ein ganz unschuldiger Scherz von ihm, mein
Engelchen. Ich ungebildeter Dummkopf habe es nur gleich fr eine
Beleidigung gehalten. Nun, und da habe ich mich denn auch deswegen heute
bei ihm entschuldigt...

Das Wetter ist heute so schn, Warinka. Am Morgen hatten wir zwar
leichten Frost, aber das tut nichts: dafr ist die Luft jetzt etwas
frischer. Ich ging und kaufte mir ein Paar Stiefel -- es sind wirklich
tadellos schne Stiefel, die ich gekauft habe. Dann ging ich noch etwas
auf dem Newskij spazieren. Habe dann die Zeitung gelesen. Ja, richtig!
und das Wichtigste habe ich vergessen, Ihnen zu erzhlen!

Also hren Sie jetzt, wie es war:

Heute morgen knpfte ich mit Jemeljan Iwanowitsch und mit Akssentij
Michailowitsch ein Gesprch an: wir sprachen von Seiner Exzellenz. Ja,
Warinka, Seine Exzellenz sind nicht nur gegen mich so gtig gewesen. Sie
haben schon vielen Gutes erwiesen und die Herzensgte Seiner Exzellenz
ist aller Welt bekannt. Viele, viele Menschen rhmen diese Gte und
vergieen Trnen der Dankbarkeit, wenn sie der ihnen erwiesenen Hilfe
gedenken. Exzellenz haben unter anderem eine arme Waise bei sich im
Hause erzogen, und die ist dann verheiratet worden, an einen angesehenen
Beamten, der zu den nchsten Untergebenen Seiner Exzellenz gehrt, und
Exzellenz haben ihr dann auch noch eine Aussteuer mitgegeben. Ferner
haben Exzellenz auch noch den Sohn einer armen Witwe in einer Kanzlei
untergebracht, und noch viel, viel Gutes haben Exzellenz den Menschen
erwiesen. Ich hielt es fr meine Pflicht, mein Kind, auch mein
Scherflein beizusteuern und erzhlte allen laut, was Exzellenz an mir
getan: ich erzhlte ihnen alles, ich verheimlichte nichts. Meine
Verlegenheit steckte ich dabei in die Tasche. Was Verlegenheit, was
Ansehen, wenn es sich um so etwas handelt! Ganz laut erzhlte ich es, so
da alle es hren konnten, ja, ganz laut, um die edelmtigen Taten
Seiner Exzellenz allen kundzutun! Ich sprach mit Eifer und Begeisterung
und errtete nicht: im Gegenteil, ich war stolz, da ich so etwas
erzhlen konnte. Und ich erzhlte alles (nur von Ihnen, mein Kind,
erzhlte ich zum Glck nichts, ber Sie ging ich vernnftigerweise mit
Stillschweigen hinweg), aber von meiner Wirtin und Faldoni, und von
Ratasjeff und Markoff und von meinen Stiefeln -- alles das erzhlte ich
rckhaltlos. Manche spotteten wohl ein bichen, oder eigentlich
spotteten alle -- alle lachten wenigstens! Wahrscheinlich haben sie an
meiner Erscheinung etwas Lcherliches gefunden. Vielleicht haben sie
auch nur ber meine Stiefel gelacht -- ja, ganz sicher nur ber meine
Stiefel! Aber in irgendeiner schlechten Absicht haben sie gewi nicht
gelacht, das htten sie nie und nimmer tun knnen. Es kam eben nur so,
es war ihre Jugend -- oder weil sie wohlhabende Leute sind. In einer
schlechten, einer hlichen Absicht jedenfalls -- da htten sie mich und
meine Worte bestimmt nicht verspottet. Das heit, ich meine: etwa ber
Seine Exzellenz lachen -- das htten sie unter keinen Umstnden getan.
Hab' ich nicht recht, Warinka?

Ich kann eigentlich noch immer nicht ganz zur Besinnung kommen, mein
Kind. Alle diese Geschehnisse haben mich so verwirrt! Haben Sie auch
Holz zum Heizen? Sehen Sie nur zu, da Sie sich nicht erklten, Warinka,
wie leicht ist das geschehen! Ich bete zu Gott, mein Kind, er mge Sie
behten und beschtzen. Haben Sie zum Beispiel wollene Strmpfchen oder
was da sonst von warmen Kleidungsstcken fr den Winter ntig ist? Seien
Sie nur vorsichtig, mein Tubchen. Wenn Ihnen von solchen Sachen etwas
fehlen sollte, dann krnken Sie mich Alten nicht, dann wenden Sie sich
sogleich an mich. Jetzt sind ja die schlechten Zeiten vorber und vor
uns liegt das Leben so hell und so schn!

Aber es war doch eine traurige Zeit, Warinka! Nun ja, was soll man da
noch reden, jetzt, da sie berstanden ist! Wenn erst Jahre darber
vergangen sein werden, dann werden wir auch an diese Zeit lchelnd
zurckdenken. Nicht wahr, wie wenn man heute so an seine Jugendjahre
zurckdenkt! Was man da nicht alles durchgemacht hat! Wie oft hatte man
nicht einen einzigen Kopeken in der Tasche. Kalt war man, hungrig war
man, aber dabei doch immer lustig. Morgens ging man ber den Newskij,
begegnete einem netten Gesichtchen -- und da wurde man denn fr den
ganzen Tag glcklich. Eine schne, eine wunderschne Zeit war es doch,
mein Kind! Es ist schn, in der Welt zu leben, Warinka! Namentlich in
Petersburg. Ich habe gestern mit Trnen in den Augen vor Gott dem Herrn
meine Snden bereut, damit er mir alle meine Snden, die ich in dieser
traurigen Zeit begangen habe, verzeihen mge, als da sind: Freidenkerei,
Leichtsinn und Spiel. Und Ihrer, mein Kind, habe ich in meinem Gebet mit
Rhrung gedacht. Sie allein, mein Engelchen, haben mich getrstet und
gestrkt, haben mir guten Rat erteilt und mir mit Ihrem Beistand ber
alles Schwere hinweggeholfen. Das werde ich, mein Kind, Ihnen niemals
vergessen. Ihre Briefchen habe ich heute alle einzeln abgekt, mein
Tubchen, mein Engelchen! Nun, und jetzt -- leben Sie wohl!

Ich habe gehrt, da hier in der Nhe jemand eine Uniform zu verkaufen
hat. Nun werde ich mich auch uerlich wieder etwas instand setzen.
Leben Sie wohl, mein Engelchen, leben Sie wohl, auf Wiedersehen!

Ihr Ihnen innig zugetaner

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

15. September.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Ich bin in schrecklicher Aufregung. Hren Sie, was geschehen ist. Ich
ahne etwas Verhngnisvolles. Urteilen Sie selbst, mein bester Freund:
Herr Bkoff ist in Petersburg!

Fedora ist ihm begegnet. Er ist in einem Wagen an ihr vorbergefahren,
hat sie erkannt, hat sogleich befohlen, anzuhalten, ist dann selbst auf
sie zugegangen und hat sie gefragt, wo ich wohne. Sie hat es natrlich
nicht gesagt. Darauf hat er lachend die Bemerkung hingeworfen -- na, er
wisse ja schon, wer bei ihr sei. (Offenbar hat ihm Anna Fedorowna alles
erzhlt.) Da ist Fedora zornig geworden und hat ihm gleich dort auf der
Strae Vorwrfe gemacht, ihm gesagt, da er ein sittenloser Mensch sei
und ganz allein die Schuld an meinem Unglck trage. Darauf hat er
erwidert, wenn man keinen Kopeken habe, msse man allerdings unglcklich
sein!

Fedora sagt, sie habe ihm darauf erklrt, da ich mich sehr wohl mit
meiner Hnde Arbeit ernhren, da ich heiraten oder schlimmstenfalls
eine Stelle htte annehmen knnen, jetzt aber sei mein Glck fr immer
vernichtet: ich sei auerdem krank und werde wohl bald sterben.

Darauf hat er erwidert, ich sei noch gar zu jung, in meinem Kopfe gre
es noch, und er hat hinzugefgt, unsere Tugenden seien wohl ein bichen
trb geworden (das sind genau seine Worte).

Wir dachten schon, Fedora und ich, da er nicht wisse, wo wir wohnen,
doch pltzlich, gestern -- kaum war ich ausgegangen, um im Gostinnyj
Dworr einige Zutaten zu kaufen -- da taucht er ganz unerwartet hier auf!
Wahrscheinlich hat er mich nicht zu Hause antreffen wollen. Zunchst hat
er Fedora lange ber unser Leben ausgefragt und alles bei uns genau
betrachtet, auch meine Handarbeit. Und dann hat er pltzlich gefragt:

Was ist denn das fr ein Beamter, der mit euch bekannt ist?

In diesem Augenblick sind Sie gerade ber den Hof gegangen und da hat
Fedora auf Sie hingewiesen: er hat lebhaft zum Fenster hinausgesehen und
dann gelacht. Auf Fedoras Bitte, fortzugehen, da ich von all dem Kummer
ohnehin schon krank sei und es mir sehr unangenehm wre, ihn hier zu
sehen, hat er nichts geantwortet und eine Weile geschwiegen: dann hat er
gesagt, da er nur so gekommen sei, er habe gerade nichts zu tun
gehabt, und schlielich hat er Fedora 25 Rubel geben wollen, die sie
natrlich nicht angenommen hat.

Was knnte das alles zu bedeuten haben? Weshalb, wozu ist er zu uns
gekommen? Ich begreife nicht, woher er alles ber uns erfahren haben
kann? Ich verliere mich in allen mglichen Mutmaungen. Fedora sagt,
Axinja, ihre Schwgerin, die bisweilen zu uns kommt, sei gut bekannt mit
der Wscherin Nastassja, ein Vetter von dieser Nastassja aber sei
Amtsdiener in dem Bureau, in dem einer der besten Freunde des Neffen von
Anna Fedorowna angestellt ist. Sollte der Klatsch nicht auf diesem
Umwege zu ihm gedrungen sein? Wir wissen selbst nicht, was wir denken
sollen. Knnte er wirklich noch einmal zu uns kommen? Der bloe Gedanke
daran entsetzt mich! Als Fedora mir gestern das alles erzhlte, erschrak
ich so, da ich fast ohnmchtig wurde -- vor Angst. Was wollen diese
Menschen von mir? Ich will nichts mehr von ihnen wissen! Was gehe ich
sie an? Ach, wenn Sie wten, in welcher Angst ich jetzt lebe: jeden
Augenblick frchte ich, Bkoff werde sogleich ins Zimmer treten. Was
wird aus mir werden! Was erwartet mich? Um Christi willen, kommen Sie
sogleich zu mir, Makar Alexejewitsch! Ich flehe Sie an, kommen Sie!

                   *       *       *       *       *

18. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Heute ist in unserem Hause etwas unendlich Trauriges, Unerklrliches und
ganz Unerwartetes geschehen. Doch ich will Ihnen alles der Reihenfolge
nach erzhlen.

Also das Erste war, da unser armer Gorschkoff freigesprochen wurde. Das
Urteil war wohl schon lange eine beschlossene Sache, aber erst fr heute
hatte man die Verkndung des Endspruches festgesetzt. Die Sache endete
fr ihn sehr gnstig. All der Dinge, deren man ihn beschuldigt hatte --
der Unachtsamkeit, Nachlssigkeit usw. -- wurde er freigesprochen. Das
Gericht stellte in vollem Umfange seine Ehre wieder her und verurteilte
den Kaufmann zur Auszahlung jener bedeutenden Geldsumme an Gorschkoff,
so da sich jetzt auch seine uere Lage mit einem Schlage gebessert
hat, da das Geld ganz sicher ist und vom Kaufmann auf gerichtlichem Wege
eingezogen werden wird. Das Wichtigste aber war natrlich, da der
Schandfleck entfernt wurde, der mit dieser Anklage auf seiner Ehre lag.
Mit einem Wort, alle seine Wnsche gingen in Erfllung.

Gegen drei Uhr kam er nach Hause. Er war kaum wiederzuerkennen. Sein
Gesicht war bleich wie Kreide. Die Lippen zitterten, und dabei lchelte
er in einem fort -- so umarmte er seine Frau und die Kinder. Wir gingen
alle, eine ganze Schar, zu ihm, um ihn zu beglckwnschen. Ich glaube,
unsere Handlungsweise rhrte ihn sehr, er dankte nach allen Seiten und
drckte einem jeden mehrmals die Hand. Ja, es schien sogar, als ob er
ordentlich gewachsen sei, wenigstens hielt er sich weit strammer, als
sonst, und auch die Augen trnten nicht mehr, sondern glnzten frmlich.
Er war so erregt, der Arme. Keine zwei Minuten hielt er es auf ein und
derselben Stelle aus: alles nahm er in die Hand, um es sogleich wieder
zurckzulegen, bald fate er die Stuhllehnen an, lchelte, dankte, dann
setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem
und sprach Gott wei was alles zusammen. Einmal sagte er: Meine Ehre,
ja, meine Ehre -- ein guter Name, der bleibt jetzt meinen Kindern...
und Sie htten hren mssen, wie er das sagte! Die Augen standen ihm
voll Trnen, und auch wir waren den Trnen nahe. Ratasjeff wollte wohl
ablenken und sagte deshalb:

I, was, Vterchen, was macht man mit der Ehre, wenn man nichts zu essen
hat! Geld, Vterchen, Geld ist die Hauptsache. Fr das Geld, ja dafr
knnen Sie Gott danken! -- und dabei klopfte er ihm auf die Schulter.

Mir schien es, als ob Gorschkoff sich dadurch irgendwie gekrnkt fhlte.
Nicht gerade, da er den Beleidigten gespielt htte, aber er sah doch
den Ratasjeff so eigentmlich an und nahm zur Antwort dessen Hand von
seiner Schulter. Frher jedenfalls wre das nicht geschehen, mein Kind.
Uebrigens sind die Charaktere verschieden. Ich zum Beispiel htte in der
Freude ganz sicher nicht gleich den Stolzen gespielt. Macht man doch,
meine Liebe, macht man doch oft genug einen ganz unntigen Bckling,
macht ihn aus keinem anderen Grunde, als einzig aus berflssiger
Weichheit oder in einer Anwandlung gar zu groer Gutherzigkeit ... Doch
handelt es sich hier nicht um mich--

Ja, sagte Gorschkoff nach einer Weile, auch das Geld ist gut. Gott
sei Dank ... Gott sei Dank...

Und dann wiederholte er noch mehrmals vor sich hin: Gott sei Dank ...
Gott sei Dank...

Seine Frau bestellte ein etwas reichlicheres und besseres Mittagessen.
Unsere Wirtin kochte es selbst. Unsere Wirtin ist nmlich im Grunde eine
gute Frau.

Bis zum Essen konnte Gorschkoff keinen Augenblick stillsitzen. Er ging
zu allen in die Zimmer, gleichviel, ob man ihn aufgefordert hatte oder
nicht. Er trat ganz einfach ein, lchelte in seiner Weise, setzte sich
auf einen Stuhl, sagte irgend etwas, oder sagte auch nichts -- und dann
ging er wieder. Bei unserem Seemann, bei dem man gerade spielte, nahm er
sogar Karten in die Hand und man lie ihn auch als vierten mitspielen.
Er spielte, spielte, brachte aber nur Verwirrung ins Spiel und warf die
Karten nach drei oder vier Runden wieder hin.

Nein, ich habe ja nur so... soll er gesagt haben, ich habe ja nur
so... und damit ist er wieder aus dem Zimmer gegangen.

Mir begegnete er im Korridor, ergriff meine beiden Hnde und sah mir
lange in die Augen, aber mit einem ganz eigentmlichen Blick. Dann
drckte er meine Hnde und ging fort, immer mit einem Lcheln auf den
Lippen, einem gleichfalls ganz eigentmlichen Lcheln, das so
unbeweglich, so bedrckend war, wie das Lcheln eines Toten. Seine Frau
weinte vor Freude. Es war bei ihnen heute wie ein rechter Feiertag. Das
Mittagessen war bald beendet. Dann, nach dem Essen, hat er pltzlich zu
seiner Frau gesagt:

Ich will mich jetzt ein wenig hinlegen, -- und damit hatte er sich
auch schon auf dem Bett ausgestreckt.

Gleich darauf rief er sein Tchterchen zu sich, legte die Hand auf das
Kinderkpfchen und streichelte es immer wieder. Dann wandte er sich von
neuem an seine Frau:

Wo ist denn Petinka? Unser Petj, fragte er, unser Petinka?...

Die Frau bekreuzte sich und sagte, da Petinka doch tot sei.

Ja, ja, ich wei, ich wei schon, Petinka ist jetzt im Himmelreich.

Die Frau merkte, da er gar nicht so wie sonst war, da die Erlebnisse
an diesem Tage ihn ganz erschttert hatten, und sagte deshalb, er solle
doch versuchen, einzuschlafen und auszuruhen.

Ja, gut ... ich werde gleich ... ich will nur ein wenig... und damit
drehte er sich auf die Seite, lag ein Weilchen, dann wandte er sich
wieder zurck und wollte wohl noch etwas sagen. Die Frau hat ihn noch
gefragt: Was ist, mein Freund? -- aber er antwortete schon nicht mehr.
Nun, er wird wohl eingeschlafen sein, sagte sie sich und ging aus dem
Zimmer, um mit der Wirtin Notwendiges zu besprechen. Nach etwa einer
Stunde kam sie zurck -- der Mann, sah sie, war noch nicht aufgewacht,
er schlief noch ganz ruhig, ohne sich zu rhren. Sie dachte: mag er nur
schlafen und setzte sich wieder an ihre Arbeit.

Sie erzhlt, da sie wohl ber eine halbe Stunde so gesessen habe, doch
knne sie nicht mehr sagen, an was sie eigentlich gedacht, obschon sie
in Nachdenken versunken gewesen sei, nur habe sie den Mann ganz
vergessen. Pltzlich aber sei sie wieder zu sich gekommen, und zwar habe
ein gewisses beunruhigendes Gefhl sie aus ihrer Traumverlorenheit
aufgeschreckt, und da sei ihr zunchst nur die Grabesstille im Zimmer
aufgefallen.

Sie blickte auf das Bett und sah, da ihr Mann immer noch so lag, wie
vor anderthalb Stunden. Da trat sie denn zu ihm und berhrte ihn -- er
aber war schon kalt: ja, er war tot, Kind, Gorschkoff war tot, war ganz
pltzlich gestorben, wie vom Blitz getroffen. Woran er aber gestorben
ist, das mag Gott wissen!

Das ist's, was mich so erschttert hat, Warinka, da ich noch immer
nicht recht zur Besinnung kommen kann. Ich kann es nicht glauben, da
ein Mensch so einfach -- stirbt! Dieser arme, unglckliche Mensch! Warum
mute er denn gerade jetzt an seinem ersten Freudentage sterben! Ja, das
Schicksal, das Schicksal! Die Frau ist ganz aufgelst in Trnen, noch
ganz verstrt von dem furchtbaren Schreck. Das kleine Mdchen aber hat
sich verschchtert in einen Winkel verkrochen. Bei ihnen ist jetzt nur
ein einziges Kommen und Gehen. Es soll noch eine rztliche Untersuchung
stattfinden ... so heit es, genau wei ich das nicht. Leid tut es mir,
ach, so leid! Es ist doch traurig, wenn man bedenkt, da man wirklich
weder Tag noch Stunde wei ... Man stirbt so einfach mir nichts dir
nichts weg und aus ist es...

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

19. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, Ihnen mitzuteilen, mein Kind, da Ratasjeff mir Arbeit
verschafft hat, Arbeit fr einen Schriftsteller. -- Heute kam einer zu
ihm und brachte so ein dickes Manuskript -- Gott sei Dank, viel Arbeit.
Nur ist es alles so unleserlich geschrieben, da ich gar nicht wei, wie
ich das entziffern soll, dabei wird die Arbeit so schnell verlangt.
Auerdem handelt es von so schweren Dingen, da man es gar nicht mal
recht verstehen kann. Ueber den Preis sind wir auch schon einig
geworden: 40 Kopeken pro Bogen. Ich schreibe Ihnen das alles nur
deshalb, meine Liebe, um Sie schneller wissen zu lassen, da ich jetzt
noch obendrein einen Nebenverdienst haben werde. Und nun leben Sie wohl,
Kind. Ich will mich gleich an die Arbeit machen.

Ihr treuer

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

23. September.

Mein teurer Freund, Makar Alexejewitsch!

Ich habe Ihnen drei Tage lang nicht geschrieben, mein Freund, und doch
war es eine Zeit groer Sorge und Aufregung fr mich.

Vor drei Tagen war Bkoff bei mir. Ich war allein, Fedora war
ausgegangen. Ich ffnete die Tr und erschrak dermaen, als ich ihn
erblickte, da ich mich nicht von der Stelle rhren konnte. Ich fhlte,
wie ich erbleichte. Er trat, wie das so seine Art ist, mit lautem Lachen
ins Zimmer, nahm ganz ungeniert einen Stuhl und setzte sich. Es dauerte
eine Weile, bis ich meine Fassung wiedergewann. Endlich setzte ich mich
wieder ans Fenster, an meine Arbeit! Er hrte brigens bald auf, zu
lachen. Augenscheinlich hat ihn mein Aussehen doch berrascht. Ich habe
ja in der letzten Zeit so abgenommen, meine Wangen und Augen sind
eingefallen, und ich war so bleich wie eine Tote ... Ja, es mu
allerdings schwer sein fr die, die mich vor einem Jahre gekannt haben,
mich jetzt wiederzusehen.

Er betrachtete mich lange und aufmerksam, endlich heiterte sich seine
Miene wieder auf. Er machte irgendeine Bemerkung -- ich wei nicht mehr,
was ich antwortete -- und lachte wieder. Eine ganze Stunde sa er so bei
mir, fragte mich nach diesem und jenem und unterhielt sich mit mir ganz
ungezwungen. Endlich, bevor er aufbrach, erfate er meine Hand und sagte
(ich schreibe es Ihnen wortwrtlich):

Warwara Alexejewna! Unter uns gesagt: Anna Fedorowna, Ihre Verwandte
und meine alte Bekannte und Freundin, ist ein hchst gemeines Weib. (Er
benannte sie auerdem noch mit einem ganz unanstndigen Wort.) Sie hat
jetzt auch Ihre Kusine vom rechten Wege abgelenkt, und auch Sie hat sie
dem Verderben zufhren wollen. Na, aber auch ich habe mich in diesem
Falle recht als Schuft gezeigt: doch schlielich, was soll man darber
viel Worte verlieren, das ist so eine alltgliche Geschichte, wie das
Leben sie eben mit sich bringt. Wieder lachte er laut. Darauf bemerkte
er, da er kein glnzender Redner sei, da er das Wichtigste, was er zu
sagen hatte, ja, was zu verschweigen ihm seine Anstndigkeit einfach
verboten htte, bereits gesagt habe, und da er daher das Uebrige in
kurzen Worten zu erklren gedenke. Und so tat er es auch: er erklrte
mir, da er um meine Hand anhalte, da er es fr seine Pflicht erachte,
mir meine Ehre wiederzugeben, da er reich sei und mich nach der
Hochzeit auf sein Gut im Steppengebiet bringen werde. Dort gedenke er
Hasen zu jagen, nach Petersburg aber wolle er nie mehr zurckkehren,
denn das Grostadtleben sei ihm widerwrtig. Auerdem habe er hier einen
Neffen, einen hoffnungslosen Taugenichts, wie er ihn nannte, und er habe
sich geschworen, diesen um die erwartete Erbschaft zu bringen.
Hauptschlich deshalb habe er sich entschlossen, zu heiraten, das heit,
er wolle rechtmige Erben hinterlassen. Darauf uerte er sich noch
ber unsere Wohnung, meinte, es wre schlielich kein Wunder, da ich
krank geworden sei, wenn ich in einer so jmmerlichen Hintertreppenstube
wohne, und prophezeite mir meinen nahen Tod, wenn ich noch lange
hierbliebe. In Petersburg seien die Wohnungen berhaupt elend, sagte er,
und dann fragte er, ob ich nicht irgendeinen Wunsch habe.

Ich war so erschreckt durch seinen Antrag, da ich pltzlich -- ich wei
selbst nicht, weshalb -- in Trnen ausbrach. Er hielt sie natrlich fr
Trnen der Dankbarkeit und sagte, er sei von jeher berzeugt gewesen,
da ich ein gutes, gefhlvolles und gebildetes Mdchen sei, doch habe er
sich nicht frher zu seinem Antrag entschlossen, als nachdem er alles
Nhere ber mich und meine Lebensfhrung erfahren. Hierauf erkundigte er
sich nach Ihnen, sagte, er wisse bereits alles, Sie seien ein
anstndiger Mensch, und er wolle nicht in Ihrer Schuld stehen -- ob
Ihnen 500 Rubel genug wren fr alles, was Sie fr mich getan haben? Als
ich ihm darauf antwortete, da Sie fr mich das getan, was man mit Geld
nicht zu bezahlen vermge, sagte er, das sei Unsinn; so etwas kme wohl
in Romanen vor, ich sei noch jung und beurteile das Leben nach Bchern:
Romane aber setzten jungen Mdchen blo verschrobene Ideen in den Kopf,
und berhaupt mchte er von Bchern ohne weiteres behaupten, da sie nur
die Sitten verdrben, weshalb er Bcher nicht leiden knne. Er riet mir,
erst sein Alter zu erreichen, dann knne ich von Menschen reden, dann
erst, sagte er, werden Sie die Menschen kennen gelernt haben.

Darauf riet er mir, ber seinen Antrag nachzudenken und mir alles
reiflich zu berlegen, denn es wre ihm sehr unangenehm, wenn ich einen
so wichtigen Schritt unberlegt tun wrde, und er fgte noch hinzu, da
Unbedachtsamkeit und strmische Entschlsse die unerfahrene Jugend stets
ins Verderben zu fhren pflegten, doch sei es sein grter Wunsch, eine
zusagende Antwort von mir zu erhalten: andernfalls werde er sich
gezwungen sehen, in Moskau eine Kaufmannstochter zu heiraten, da er, wie
gesagt, nun einmal geschworen habe, seinen nichtsnutzigen Neffen um die
Erbschaft zu bringen. Darauf erhob er sich und legte fnfhundert Rubel
auf meinen Stickrahmen, fr Naschwerk, wie er sagte, und er zwang mich
fast mit Gewalt, sie dort liegen zu lassen. Zum Schlu sagte er noch,
da ich auf dem Gute wie ein Pfannkuchen aufgehen, dick, rosig und
gesund werden wrde, ich knne dort essen, soviel ich nur wolle.
Augenblicklich habe er hier entsetzlich viel zu tun, die Geschfte
htten ihn schon den ganzen Tag in Anspruch genommen und er sei auch nur
auf kurze Zeit zu mir gekommen. Damit ging er...

Ich habe lange nachgedacht, viel hin und her gegrbelt und mich recht
geqult, mein Freund, und endlich habe ich mich entschlossen. Ja: ich
werde ihn heiraten, ich mu seinen Antrag annehmen. Wenn mich jemand von
meiner Schande erlsen, mir meine Ehre wiedergeben und mich in Zukunft
vor Armut und Entbehrungen und Unglck bewahren kann, so ist er ganz
allein derjenige, der es vermag. Was soll ich denn sonst von der Zukunft
erwarten, was noch vom Schicksal verlangen? Fedora sagt, da man sein
Glck nicht verscherzen drfe, nur fragte sie gleich darauf seufzend,
was man denn in diesem Falle Glck nennen solle. Ich jedenfalls finde
keinen anderen Ausweg fr mich, mein guter Freund. Was soll ich tun? Mit
der Arbeit habe ich ohnehin schon meine ganze Gesundheit untergraben.
Ununterbrochen arbeiten -- das kann ich nicht. Bei fremden Menschen
dienen? -- Ich kme um vor Leid, und berdies wrde ich niemanden
zufriedenstellen. Ich bin von Natur krnklich, deshalb wrde ich Fremden
immer nur zur Last fallen. Natrlich gehe ich ja auch jetzt nicht in ein
Paradies, aber was soll ich denn tun, mein Freund, was soll ich denn
tun? Was soll ich denn vorziehen?

Ich habe Sie nicht um Ihren Rat gebeten. Ich wollte ganz allein alles
berlegen. Mein Entschlu, den ich Ihnen jetzt mitgeteilt habe, steht
fest und ich werde ihn sogleich auch Bkoff mitteilen, da er schon
sowieso und mit Ungeduld meine endgltige Entscheidung erwartet. Er
sagte mir, da seine Geschfte keinen Aufschub dulden, er msse
abreisen, und wegen dieser Nichtigkeiten knne er die Abreise doch
nicht aufschieben. Nur Gott in seiner heiligen und unerforschlichen
Macht ber mein Schicksal wei, ob ich glcklich sein werde, aber mein
Entschlu ist gefat. Man sagt, Bkoff sei ein guter Mensch: er wird
mich achten, und vielleicht werde ich ihn gleichfalls achten. Was aber
sollte man wohl noch mehr von unserer Ehe erwarten?

Ich teile Ihnen alles mit, Makar Alexejewitsch, denn ich wei, da Sie
meinen ganzen Jammer verstehen werden. Versuchen Sie nicht, mich von
meinem Vorhaben abzubringen. Ihre Bemhungen wren zwecklos. Erwgen Sie
lieber in Ihrem eigenen Herzen alle Grnde, die mich zu diesem Schritt
veranlat haben. Anfangs regte es mich sehr auf, doch jetzt bin ich
ruhiger. Was mich erwartet -- ich wei es nicht. Was geschehen wird, das
wird geschehen, wie Gott es schickt!...

Bkoff ist gekommen, ich kann den Brief nicht beenden. Ich wollte Ihnen
noch vieles sagen. Bkoff ist schon hier.

                   *       *       *       *       *

23. September.

Kind, Warwara Alexejewna!

Ich beeile mich, Kind, Ihnen zu antworten. Ich, Kind, ich beeile mich,
Ihnen zu erklren, da ich -- da ich erstaunt bin. Alles das ist doch
ganz sicher irgendwie nicht so ... Gestern haben wir Gorschkoff
beerdigt. Ja, das ist so, Warinka, das ist so; Bkoff hat ehrenhaft
gehandelt; nur eines, sehen Sie, meine Liebe, Sie haben ihm also
wirklich zugesagt? Natrlich wirkt in allem Gottes Wille. Das ist so,
das mu unbedingt so sein, das heit, hier -- auch hier mu unbedingt
Gottes Wille wirken. Die Vorsehung des himmlischen Schpfers hat
natrlich, obschon uns unerforschlich, immer nur das Wohl der Menschen
im Sinn, und das Schicksal ganz ebenso, ganz ebenso wie Gott.

Fedora nimmt auch Anteil an Ihnen. Natrlich, Sie werden jetzt glcklich
sein, Kind, Sie werden in Reichtum und Ueberflu leben, mein Tubchen,
mein Sternchen, ich kann mich ja nicht sattsehen an Ihnen, mein
Engelchen, -- nur eins, sehen Sie, Warinka, wie denn das, warum so
schnell?... Ja, die Geschfte -- Herr Bkoff hat Geschfte vor ...
natrlich -- wer hat denn nicht Geschfte, auch er kann sie haben. Ich
habe ihn gesehen, als er von Ihnen fortging. Ein imponierender Mann,
sogar ein sehr imponierender Mann, das heit eine imposante Erscheinung,
eine sogar sehr imposante Erscheinung. Nur ist das alles ... nein, es
ist ja gar nicht das, um was es sich eigentlich handelt. Ich, sehen Sie,
ich bin schon jetzt gar nicht mehr ich selbst. Wie werden wir denn
knftig einander Briefe schreiben? Und ich, ja und ich -- wie bleibe ich
denn hier so allein zurck? Ich, sehen Sie, mein Engelchen, ich erwge,
wie Sie mir das da geschrieben haben, in meinem Herzen erwge ich alles,
alle diese Grnde, meine ich, und so weiter. Ich hatte schon fast den
zwanzigsten Bogen abgeschrieben, da kam dann pltzlich dieses Ereignis!
Kind, Kind, wenn Sie jetzt wegreisen wollen, so mssen Sie doch noch
verschiedene Einkufe machen, verschiedene Stiefelchen und Kleidchen,
und da, meine ich, kommt es denn sehr gelegen, da ich gerade ein gutes
Magazin kenne, an der Gorochowaja -- erinnern Sie sich noch, wie ich es
Ihnen einmal beschrieb? -- Aber nein! Was rede ich, was fllt Ihnen ein,
mein Kind, was denken Sie! Sie drfen doch nicht, es ist ganz unmglich:
Sie knnen jetzt einfach nicht so ohne weiteres fortfahren! Sie mssen
doch groe Einkufe machen, Sie mssen einen Wagen mieten. Ueberdies ist
auch das Wetter jetzt so schlecht, sehen Sie doch nur, es regnet wie aus
Eimern, unaufhrlich regnet es, und berdies ... es wird doch noch kalt
werden, mein Engelchen, Ihr Herzchen wird es kalt haben, Sie werden
erfrieren! Und Sie frchten doch jeden fremden Menschen: und nun wollen
Sie mit diesem da fortfahren! Wie soll ich denn hier so allein
zurckbleiben? Ja! Die Fedora sagt, da ein groes Glck Sie erwarte ...
aber die Fedora ist doch eine harte Person und will mir mein Letztes
nehmen. Werden Sie heute zur Abendmesse in die Kirche gehen, mein Kind?
Ich wrde dann auch hingehen, um Sie ein Weilchen zu sehen.

Es ist wahr, Kind, es ist richtig, da Sie ein gebildetes, gutes,
gefhlvolles Mdchen sind, nur wissen Sie, -- mag er doch lieber eine
Kaufmannstochter heiraten! Was meinen Sie, Kind? Mag er doch lieber eine
Kaufmannstochter heiraten! -- Ich werde zu Ihnen kommen, Warinka, sobald
es dunkelt, werde ich auf ein Stndchen hinberkommen. Jetzt wird es
doch schon frh dunkel, also dann komme ich. Ganz bestimmt auf ein
Stndchen! Jetzt erwarten Sie Bkoff, das wei ich, aber wenn er
fortgegangen ist, dann ... Also warten Sie, Kindchen, ich komme
unbedingt...

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

27. September.

Mein Freund Makar Alexejewitsch!

Herr Bkoff sagt, ich msse mindestens drei Dutzend Hemden von
hollndischer Leinewand haben. Daher mssen wir so schnell wie mglich
Weinherinnen fr zwei Dutzend suchen, denn wir haben entsetzlich wenig
Zeit. Herr Bkoff rgert sich, weil er nicht geahnt hat, wie er sagt,
da diese Lappen soviel Schererei verursachen knnen.

Unsere Hochzeit wird in fnf Tagen stattfinden, und am Tage darauf
reisen wir ab. Herr Bkoff hat Eile und sagt, fr diese Dummheiten
brauche man nicht soviel Zeit zu vergeuden. Ich bin von all den
Scherereien schon so mde, da ich mich kaum noch auf den Fen halten
kann. Es gibt noch ganze Berge Arbeit, und doch, wei Gott, wre es
besser, wenn nichts von all diesen Sachen ntig wre. Ja, und noch
etwas: wir kommen mit den Spitzen nicht aus, wir mssen noch welche
zukaufen, denn Herr Bkoff sagt, er wnsche nicht, da seine Frau wie
eine Kchenmagd gekleidet gehe, ich msse alle Gutsbesitzersfrauen in
den Schatten stellen -- das sind seine Worte.

Also bitte, lieber Makar Alexejewitsch, gehen Sie zu Madame Chiffon
(Gorochowaja, Sie wissen schon) und bitten Sie sie, uns schnell einige
Nhterinnen zu schicken, dies erstens, und zweitens, da sie sich selbst
herbemhen mge: sie soll eine Droschke nehmen. Ich bin heute krank.
Hier in unserer neuen Wohnung ist es so kalt und alles ist in
schrecklicher Unordnung. Herrn Bkoffs Tante kann kaum noch atmen vor
Altersschwche. Ich frchte, da sie vielleicht noch vor unserer Abreise
sterben knnte, doch Herr Bkoff sagt, das habe nichts auf sich, sie
wrde sich schon wieder erholen.

Im Hause bei uns steht so ziemlich alles auf dem Kopf. Da Herr Bkoff
nicht hier wohnt, laufen die Leute nach allen Seiten fort und tun, was
sie gerade wollen. Oft ist Fedora die einzige, die wir zu unserer
Bedienung haben. Herrn Bkoffs Kammerdiener, der hier nach dem Rechten
sehen soll, ist schon seit drei Tagen verschwunden. Herr Bkoff kommt
jeden Morgen angefahren und rgert sich, gestern aber hat er den
Hausknecht geprgelt, weshalb er dann mit der Polizei Unannehmlichkeiten
bekam ... Ich habe hier im Augenblick keinen Menschen, mit dem ich Ihnen
den Brief zusenden knnte. Ich schreibe Ihnen durch die Stadtpost. Ach,
natrlich, das Wichtigste htte ich fast vergessen! Sagen Sie Madame
Chiffon, da sie die Spitzen umtauschen und neue, zu dem gestern
gewhlten Muster passende, aussuchen, und da sie dann selbst zu mir
kommen soll, um mir die neue Auswahl zu zeigen. Und dann sagen Sie ihr
noch, da ich mich in bezug auf die Garnitur anders bedacht habe: sie
mu gleichfalls gestickt werden. Ja und noch etwas: Die Buchstaben in
den Taschentchern soll sie in Tamburinstickerei nhen, verstehen Sie?
-- in Tamburinstickerei und nicht blank. Also vergessen Sie es nicht:
Tamburinstickerei! So, und da htte ich doch noch etwas vergessen! Sagen
Sie ihr, um Gottes willen, da die Blttchen auf der Pelerine erhaben
ausgenht werden mssen, die Ranken in Kordonstich, oben aber, an den
Kragen mu sie dann noch eine Spitze nhen, oder eine breite Falbel.
Bitte, sagen Sie ihr das, Makar Alexejewitsch.

Ihre

W. D.

P.S. Ich schme mich so, da ich Sie wieder mit meinen Auftrgen
belstige. Vorgestern sind Sie ja schon den ganzen Nachmittag gelaufen.
Doch was soll ich tun! Bei uns im Hause gibt es berhaupt keine Ordnung
und ich selbst bin krank. Also rgern Sie sich nicht gar zu sehr ber
mich, Makar Alexejewitsch. Es ist ja solch ein Jammer! Ach, was wird das
noch werden, mein Freund, mein lieber, mein guter Makar Alexejewitsch!
Ich frchte mich, an die Zukunft auch nur zu denken. Es ist mir, als
htte ich tausend schlimme Vorahnungen und mein Kopf ist wie
eingenommen.

P.S. Um Gottes willen, mein Freund, vergessen Sie nur nichts von dem,
was Sie Madame Chiffon zu sagen haben. Ich frchte, Sie verwechseln mir
alles. Also merken Sie es sich nochmals: Tamburinstickerei und _nicht_
blank!

W. D.

                   *       *       *       *       *

27. September.

Meine liebe Warwara Alexejewna!

Ihre Auftrge habe ich alle gewissenhaft ausgefhrt. Madame Chiffon
sagte, da sie auch schon an Tamburinstickerei gedacht habe: das sei
vornehmer, sagte sie, oder was sie da sagte -- ich habe es nicht ganz
begriffen, aber es war so etwas. Ja und dann, Sie hatten dort etwas von
einer Falbel geschrieben, da sprach sie denn auch von dieser Falbel. Nur
habe ich, mein Kind, leider vergessen, was sie mir von der Falbel sagte.
Ich wei nur noch, da sie sehr viel ber diese Falbel zu sagen hatte.
Solch ein schndliches Weib! Was war es doch? Nun, sie wird es Ihnen
heute noch alles selbst sagen. Ich bin nmlich, mein Kind, ich bin
nmlich ganz wirr im Kopfe. Heute bin ich auch nicht in den Dienst
gegangen. Nur ngstigen Sie sich, meine Liebe, ganz unntigerweise. Fr
Ihre Ruhe und Zufriedenheit bin ich bereit, in alle Lden Petersburgs zu
laufen. Sie schreiben, da Sie sich frchten, in die Zukunft zu blicken,
oder an sie auch nur zu denken. Aber heute um sieben werden Sie doch
alles erfahren. Madame Chiffon wird selbst zu Ihnen kommen. -- Also
verzweifeln Sie deshalb nicht. Hoffen Sie, Kind, vielleicht wird sich
doch noch alles zum besten wenden. Nun ja, aber da ist nun wieder diese
verwnschte Falbel, die kommt mir nicht aus dem Sinn, das geht nur so --
Falbel, Falbel, Falbel!...

Ich wrde auf ein Augenblickchen zu Ihnen kommen, mein Engelchen, wrde
unbedingt auf ein Weilchen vorsprechen, ich habe mich auch schon zweimal
Ihrer Tr genhert, aber Bkoff, das heit, ich wollte sagen, Herr
Bkoff ist immer so bse, und da ist es wohl nicht gerade angebracht ...
Nicht wahr?...

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

28. September.

Mein lieber Makar Alexejewitsch!

Um Gottes willen, eilen Sie sogleich zum Juwelier! Sagen Sie ihm, da er
die Ohrgehnge mit Perlen und Smaragden nicht arbeiten soll. Herr Bkoff
sagt, die seien zu teuer, das risse ein Loch in seinen Beutel. Er rgert
sich. Er sagt, da es ihm ohnehin schon ein Heidengeld koste und da wir
ihn plndern. Und gestern sagte er, wenn er diese Ausgaben vorausgesehen
htte, wrde er sich die Sache noch sehr berlegt haben. Er sagt, da
wir sogleich nach der Trauung abreisen werden, ich solle mir also keine
Illusionen machen: es kmen weder Gste, noch werde nachher getanzt
werden, die Feste seien noch weit im Felde, ich solle mir nur nicht
einbilden, gleich tanzen zu knnen. So spricht er jetzt! Und Gott wei
doch, ob ich das alles ntig habe, oder nicht! Herr Bkoff hat doch
selbst alles bestellt. Ich wage nicht, ihm zu widersprechen: er ist so
heftig. Was wird nur aus mir werden?!

W. D.

                   *       *       *       *       *

28. September.

Mein Tubchen, meine liebe Warwara Alexejewna!

Ich, das heit der Juwelier sagt -- gut. Von mir aber wollte ich nur
sagen, da ich erkrankt bin und nicht aufstehen kann. Gerade jetzt, wo
so viel zu besorgen ist, wo Sie meiner Hilfe bedrfen, jetzt mssen die
Erkltungen kommen, ist das nicht ganz verkehrt! Auch habe ich Ihnen
noch mitzuteilen, da zur Vollendung meines Unglcks Seine Exzellenz
heute geruht haben, sehr bse zu sein: sie haben sich ber Jemeljan
Iwanowitsch gergert, haben sehr gescholten und sahen zu guter Letzt
ganz erschpft aus, so da sie mir ber alle Maen leid getan haben. Sie
sehen, ich teile Ihnen alles mit.

Ich wollte Ihnen eigentlich noch einiges schreiben, aber ich frchte,
Ihnen damit nur unntz Zeit zu rauben. Ich bin ja doch, mein Kind, ein
dummer Mensch, bin ungebildet und unwissend, schreibe, wie es gerade
kommt und was mir einfllt, so da Sie vielleicht dort irgendwie so
etwas ... ich kann ja nicht wissen was ... Ach, nun, was soll man da
reden!

Ihr

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

28. September.

Warwara Alexejewna, mein Herzchen!

Heute habe ich Fedora gesehen und gesprochen, mein Tubchen. Sie sagt,
Sie werden schon morgen getraut und bermorgen reisen Sie ab! Herr
Bkoff habe schon die Pferde bestellt.

Ueber Seine Exzellenz habe ich Ihnen bereits geschrieben, mein Kind. Ja
und dann: die Rechnungen der Madame Chiffon habe ich durchgesehen: es
stimmt alles, nur da es sehr teuer ist. Aber warum rgert sich denn
Herr Bkoff ber Sie? Nun, so seien Sie glcklich, Kind! Ich freue mich.
Ja, ich werde mich immer freuen, wenn Sie glcklich sind, Kind! Ich
wrde morgen in die Kirche kommen, Kind, aber ich kann nicht, mein Kreuz
schmerzt.

Doch wie wird es denn nun mit den Briefen -- ich komme wieder darauf
zurck--, wie werden wir uns denn jetzt schreiben, wer wird sie uns
zustellen, Kind?

Ja, was ich noch sagen wollte: Sie haben Fedora so sehr beschenkt, meine
Gute! Damit haben Sie ein gutes Werk getan, das war schn von Ihnen. Fr
jede gute Tat wird der Herr Sie segnen. Nichts bleibt unbelohnt und der
Tugend ist immer Gottes Lohn gewi.

Kind, mein Kind! Ich wrde Ihnen vieles schreiben, ich wrde Ihnen jede
Stunde, jede Minute schreiben, immer nur schreiben! Ich habe hier noch
ein Bchlein von Ihnen, Bjelkins Erzhlungen, das ist noch bei mir
geblieben. Aber wissen Sie, Kind, lassen Sie das bei mir, nehmen Sie mir
das nicht fort, schenken Sie es mir ganz, mein Tubchen! Nicht deshalb,
weil ich diese Geschichten etwa gar so gern nochmals lesen mchte. Aber
Sie wissen doch selbst, Kind, der Winter kommt, die Abende werden lang:
da wird man denn traurig -- und da ist es dann gut, wenn man etwas zum
Lesen hat. Ich, mein Kind, ich werde aus meiner Wohnung in Ihre alte
Wohnung ziehen und werde als Mieter bei Fedora leben. Von dieser
ehrenwerten alten Frau werde ich mich jetzt fr keinen Preis mehr
trennen. Zudem ist sie auch so arbeitsam. Gestern habe ich mir in Ihrer
verlassenen Wohnung alles genau angesehen. Dort ist noch Ihr kleiner
Stickrahmen mit der angefangenen Arbeit: es ist ja alles geblieben,
unangerhrt, wie es war. Ich habe auch Ihre Stickerei betrachtet. Dann
sind da noch verschiedene kleine Flickchen geblieben. Auf ein Stckchen
von einem meiner Briefe haben Sie angefangen, Garn aufzuwickeln. In
Ihrem Tischchen fand ich noch einen Bogen Postpapier, auf dem Sie
geschrieben haben: Mein lieber Makar Alexejewitsch! Ich beeile mich --
und nichts weiter. Offenbar hat Sie da jemand gleich zu Anfang
unterbrochen. In der Ecke hinter dem Schirm steht Ihr schmales Bettchen
... Mein Tubchen Sie!!!

Nun, schon gut, schon gut, leben Sie wohl. Antworten Sie mir nur um
Gottes willen etwas auf meinen Brief, und recht bald!

Makar Djewuschkin.

                   *       *       *       *       *

30. September.

Mein Freund, mein lieber Makar Alexejewitsch!

Nun ist es geschehen! Mein Los hat sich entschieden. Ich wei nicht, was
die Zukunft mir bringen wird, aber ich fge mich in den Willen des
Herrn. Morgen reisen wir.

Zum letztenmal nehme ich jetzt Abschied von Ihnen, mein einziger, mein
treuer, lieber, guter Freund! Sind Sie doch mein einziger Verwandter,
der in der Not treu zu mir gehalten hat!

Grmen Sie sich nicht um mich, leben Sie glcklich, denken Sie zuweilen
an mich und mge Gott Sie segnen. Ich werde Ihrer oft gedenken und Sie
in meinem Gebet nicht vergessen. So ist denn jetzt auch diese Zeit
vorber! Es sind wenig frohe Erinnerungen, die ich aus der Vergangenheit
ins neue Leben mitnehme, um so wertvoller und lieber wird mir daher Ihr
Andenken, um so teurer werden Sie selbst meinem Herzen sein. Sie sind
mein einziger Freund, nur Sie allein haben mich hier geliebt. Ich bin
doch nicht blind gewesen, ich habe es doch gesehen und gewut, wie Sie
mich liebten! Mein Lcheln gengte, um Sie glcklich zu machen, eine
Zeile von mir shnte Sie mit allem aus. Jetzt mssen Sie sich daran
gewhnen, ohne mich auszukommen. Wie werden Sie nur so allein hier
weiterleben? Wer wird hier bei Ihnen sein, mein guter, unschtzbarer,
einziger Freund!

Ich berlasse Ihnen das Buch, den Stickrahmen, den angefangenen Brief.
Wenn Sie diese angefangenen Zeilen sehen, so lesen Sie in Gedanken
weiter: lesen Sie in Gedanken weiter, lesen Sie alles, was Sie von mir
gern gehrt oder gelesen htten, alles, was ich Ihnen htte schreiben
knnen -- was aber wrde ich Ihnen jetzt nicht alles schreiben!
Vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka, die Sie aufrichtig und von ganzem
Herzen geliebt hat. Ihre Briefe sind alle bei Fedora in der Kommode
geblieben, in der obersten Schublade.

Sie schreiben, da Sie krank seien. Ich wrde Sie besuchen, aber Herr
Bkoff lt mich heute nicht fort. Ich werde Ihnen schreiben, mein
Freund, das verspreche ich Ihnen, aber nur Gott allein wei, was alles
geschehen kann. Deshalb lassen Sie uns jetzt fr immer Abschied
voneinander nehmen, mein Freund, mein Tubchen, wie Sie mich nennen,
mein Liebster! Auf immer!... Ach, wie ich Sie jetzt umarmen wrde, Sie!
Leben Sie wohl, mein Freund, leben Sie recht, recht, recht wohl! Seien
Sie glcklich! Bleiben Sie gesund. Nie werde ich vergessen, fr Sie zu
beten. O! wenn Sie wten, wie schwer mir zumut ist, wie qualvoll
bedrckt meine Seele ist!

Herr Bkoff ruft mich.

Ihre Sie ewig liebende

W.

P.S. Meine Seele ist so voll, so voll von Trnen ... Sie drohen, mich
zu ersticken, zu zerreien! Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Gott!
wie ist es traurig!

Vergessen Sie mich nicht, vergessen Sie nicht Ihre arme Warinka.

W.

                   *       *       *       *       *

Kind, Warinka, mein Tubchen, mein Liebling! Man bringt Sie fort, Sie
fahren. Ja, jetzt wre es doch besser, man risse mir das Herz aus der
Brust, als da man Sie so von mir fortbringt! Wie ist denn das nur
mglich! Wie knnen Sie nur? Sie weinen, und doch fahren Sie?! Da habe
ich soeben Ihren Brief erhalten, der stellenweise noch feucht ist von
Trnen. So wollen Sie im Herzen vielleicht gar nicht fortfahren?
Vielleicht will man Sie mit Gewalt fortbringen? Es tut Ihnen leid um
mich? Ja, aber -- dann lieben Sie mich doch! Wie ist denn das? Was soll
jetzt geschehen? Ihr Herzchen wird es dort nicht aushalten, es ist dort
de, hlich und kalt. Die Sehnsucht wird Ihr Herzchen krank machen, die
Trauer wird es zerreien. Sie werden dort sterben, man wird Sie dort in
die feuchte Erde betten, und es wird dort niemand sein, der Sie beweint!
Herr Bkoff wird immer Hasen jagen ... Ach, Kind, Kind, zu was haben Sie
sich da entschlossen? Wie konnten Sie denn nur so etwas tun? Was haben
Sie getan, was haben Sie getan, was haben Sie sich selbst angetan! Man
wird Sie doch dort ins Grab bringen, man wird Sie dort einfach
umbringen, mein Engelchen! Sie sind doch ein Kind, wie ein Federchen, so
zart und schwach! Und wo war ich denn eigentlich? Habe ich Dummkopf denn
hier mit offenen Augen geschlafen! Sah ich denn nicht, da ein Kindskopf
sich etwas Unmgliches vornahm, wute ich denn nicht, da dem Kinde
einfach nur das Kpfchen versagte! Da htte ich doch ganz einfach --
aber nein! Ich stehe da wie ein richtiger Tlpel, denke weder, noch sehe
ich etwas, als sei das gerade das Richtige, als ginge die ganze Sache
mich gar nichts an, und laufe sogar noch nach Falbeln!... Nein, Warinka,
ich werde aufstehen, bis morgen werde ich vielleicht schon soweit sein,
dann stehe ich einfach auf! Und dann, dann werde ich mich einfach unter
die Rder werfen. Ich lasse Sie nicht fortfahren! Ja was, was ist denn
das eigentlich, wie geht denn das zu? Mit welchem Recht geschieht das
denn alles? Ich werde mit Ihnen fahren! Ich werde Ihrem Wagen
nachlaufen, wenn Sie mich nicht in den Wagen aufnehmen, und ich werde
laufen, solange ich noch kann, bis mir der Atem ausgeht, bis ich meinen
Geist aufgebe!

Wissen Sie denn berhaupt, was dort ist, was Sie erwartet, dort, wohin
Sie fahren, Kind? Wenn Sie das noch nicht wissen, dann fragen Sie mich,
ich wei es! Dort ist nichts als die Steppe, meine Liebe, nichts als
flache, kahle, endlose Steppe: hier, wie meine Hand, so nackt! Dort
leben nur stumpfe, gefhllose Bauernweiber und rohe, betrunkene Kerle.
Jetzt ist dort auch schon das Laub von den Bumen gefallen, dort regnet
es, dort ist es kalt -- und dorthin fahren Sie!

Nun, Herr Bkoff hat eine Beschftigung: er wird da seine Hasen jagen.
Aber was werden Sie dort anfangen? Sie wollen Gutsherrin sein, mein
Kind? Aber, mein Engelchen! -- so sehen Sie sich doch nur an, sehen Sie
denn nach einer Gutsherrin aus?

Wie ist das nur alles mglich, Warinka? An wen werde ich denn jetzt noch
Briefe schreiben, Kind? Ja! so bedenken Sie und fragen Sie sich doch
blo dies eine: an wen wird er denn jetzt noch Briefe schreiben knnen?
Und wen kann ich denn jetzt noch mein Kind, mein liebes Kind nennen, wem
gebe ich diesen zrtlichen Namen, zu wem sage ich dies liebe Wort? Wo
soll ich Sie denn noch finden, mein Engelchen? Ich werde sterben,
Warinka, ich werde bestimmt sterben. Nein, solchem Unglck ist mein Herz
nicht gewachsen!

Ich habe Sie wie das Sonnenlicht geliebt, wie mein leibliches
Tchterchen liebte ich Sie, ich liebte alles an Ihnen, mein Liebling!
Nur fr Sie allein lebte ich! Ich habe ja auch gearbeitet und
geschrieben, bin spazieren gegangen und habe meine Beobachtungen in
meinen Briefen wiedergegeben, nur weil Sie, mein Kind, hier in meiner
Nhe lebten. Sie haben das vielleicht nicht gewut, aber es war wirklich
so, es war wirklich so!

Doch hren Sie, Kind, so bedenken Sie und berlegen Sie doch, mein
Tubchen, wie ist denn das nur mglich, da Sie uns verlassen? -- Nein,
meine Liebe, das geht ja nicht, geht ganz und gar nicht! Das ist vllig
ausgeschlossen! Es regnet doch, Sie aber sind so krnklich -- Sie werden
sich bestimmt erklten. Ihre Reisekutsche wird durchnt werden, ein
Wagen ist kein Haus -- sie wird bestimmt durchnt werden! Und kaum
werden Sie aus der Stadt hinausgefahren sein, da wird ein Rad brechen,
oder der ganze Wagen bricht. Hier in Petersburg werden doch die Wagen
schrecklich schlecht gebaut! Ich kenne doch alle diese Wagenbauer: denen
ist es nur um die Fasson zu tun, um irgend so ein Spielzeug
herzustellen, aber von Dauerhaftigkeit kann dabei keine Rede sein. Ich
schwre es Ihnen, glauben Sie mir, diese Wagen taugen alle nichts!

Ich werde mich, Kind, vor Herrn Bkoff auf die Knie niederwerfen und ihm
alles sagen, alles! Und auch Sie, Kind, werden ihn zu berzeugen suchen!
Sie werden ihm alles vernnftig auseinandersetzen und ihn so berzeugen!
Sagen Sie ihm einfach, da Sie hierbleiben, da Sie nicht mit ihm fahren
knnen!... Ach, warum hat er nicht in Moskau eine Kaufmannstochter
geheiratet? Htte er sich doch dort eine Kaufmannstochter ausgesucht!
Das wre fr alle besser gewesen, die wrde viel besser zu ihm passen,
ich wei schon, warum! Ich aber wrde Sie dann hier behalten. Was ist er
Ihnen denn, Kind, dieser Bkoff? Wodurch ist er Ihnen denn pltzlich so
lieb und wert geworden? Vielleicht ist er es Ihnen deshalb geworden,
weil er Ihnen Falbeln kauft und alles dieses -- deshalb etwa? Wozu sind
denn diese Falbeln? Wozu hat man die ntig? Es ist doch, Kind, nur ein
Stck Zeug, solch ein Falbel! Hier aber handelt es sich um ein
Menschenleben, Falbeln aber sind doch, mein Kind, einfach nur Lappen,
wirklich -- nichts anderes, als nichtsnutzige Lappen! Ich aber, ich kann
Ihnen doch gleichfalls solche Falbeln kaufen, ich mu nur auf mein
nchstes Gehalt warten, dann kaufe auch ich Ihnen diese Falbeln, mein
Kind, und ich wei schon, wo, ich kenne dort einen kleinen Laden, nur
mssen Sie noch etwas Geduld haben, wie gesagt, bis ich mein Gehalt
bekomme, mein Engelchen, Warinka!

Gott, Gott! So fahren Sie denn wirklich mit Herrn Bkoff fort in die
Steppe, auf immer fort! Ach, Kind!... Nein, Sie mssen mir noch
schreiben, noch ein Briefchen schreiben Sie mir ber alles, und wenn Sie
schon fort sind, dann schreiben Sie mir auch von dort einen Brief. Denn
sonst, mein Engelchen, wre dies der letzte Brief, das aber kann doch
nicht sein, da dies der letzte Brief sein soll! Denn wie, wie sollte
das, so pltzlich -- der letzte, wirklich der letzte Brief sein? Aber
nein, ich werde doch schreiben, und auch Sie mssen mir schreiben ...
Fngt doch gerade jetzt mein Stil an, besser zu werden ... Ach, Kind,
aber was heit Stil! Schreibe ich Ihnen doch jetzt so, ohne selbst zu
wissen, was ich schreibe, ich wei nichts, gar nichts wei ich und will
auch nichts durchlesen, nichts verbessern, nichts, nichts. Ich schreibe
nur, um zu schreiben, immer noch mehr zu schreiben ... Mein Tubchen,
mein Liebling, mein Kind Sie!




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  wenn ich es nur vermag?! Was wollen Sie denn noch von mir? Fedora sagt,
  wenn ich es nur vermag?! Was wollen sie denn noch von mir? Fedora sagt,

  wohl geschehen? Nun, sagen wird zum Beispiel, und nehmen wir an, da
  wohl geschehen? Nun, sagen wir zum Beispiel, und nehmen wir an, da

  Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?) da es nicht noch
  Ich will ja nicht sagen (wer hat denn das behauptet?), da es nicht noch

  (8) Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzhlung Der Mantel die
  (8) Der Vorwurf bezieht sich auf die Erzhlung Der Mantel, die

  da Sie sich noch dazu vorauszahlen lieen, fr mich auszugeben, und da
  das Sie sich noch dazu vorauszahlen lieen, fr mich auszugeben, und da

  und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist, Leben Sie jetzt lieber
  und Sie wissen doch wohl, wie schwer das ist. Leben Sie jetzt lieber

  weil sie keinen starken Freund haben, der fr Sie eintreten und Ihnen
  weil Sie keinen starken Freund haben, der fr Sie eintreten und Ihnen

  Auge--,macht so etwas wie einen Kratzfu, kann aber kein Wort
  Auge--, macht so etwas wie einen Kratzfu, kann aber kein Wort

  besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald. Makar
  besuchen wollen. Tun Sie es doch, bitte, recht bald, Makar

  setzte er sich stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem
  setzte er sich, stand jedoch gleich wieder auf, setzte sich von neuem

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Arme Leute, by Fjodor M. Dostojewski

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ARME LEUTE ***

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