The Project Gutenberg EBook of Rosmersholm, by Henrik Ibsen

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Title: Rosmersholm
       Schauspiel in vier Aufzgen

Author: Henrik Ibsen

Translator: Wilhelm Lange

Release Date: August 7, 2011 [EBook #36997]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSMERSHOLM ***




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  HENRIK IBSEN

  DRAMATISCHE WERKE

  BERSETZT
  VON
  WILHELM LANGE

  ROSMERSHOLM




  Bereits erschienen:

  Frau Inger von Oestrot.
  Hedda Gabler.
  Gespenster.


  Unter der Presse:

  Die Meerfrau.
  Die Wikinger.


  In kurzem folgen:

  Die Thronerben.
  Baumeister Solness.
  Die Wildente.
  Kaiser und Galiler.
         Etc.

In Philipp Reclams Universal-Bibliothek sind folgende Dramen von _Henrik
Ibsen_ in =Wilhelm Langes= bersetzung erschienen:

  Die Sttzen der Gesellschaft.
  Nora. (Ein Puppenheim.)
  Der Bund der Jugend.
  Ein Volksfeind.




  ROSMERSHOLM

  SCHAUSPIEL IN VIER AUFZGEN
  VON
  HENRIK IBSEN

  DEUTSCH
  VON
  WILHELM LANGE

  ENNO QUEHL, BERLIN-STEGLITZ.




Den Bhnen gegenber Manuskript.

Auffhrungs- und bersetzungsrecht vorbehalten.

Das Auffhrungsrecht ist nur durch den bersetzer, Schriftsteller
=Wilhelm Lange=, Berlin W. 30, zu erwerben.

=W. Lange.=




PERSONEN.


JOHANNES ROSMER, Besitzer von Rosmersholm, ein ehemaliger Pfarrer.

REBEKKA WEST.

REKTOR KROLL, Rosmers Schwager.

PETER MORTENSGAARD.

ULRICH BRENDEL.

FRAU HILSETH, Wirtschafterin auf Rosmersholm.

                   *       *       *       *       *

Der Schauplatz ist auf Rosmersholm, einem alten Herrensitz in der Nhe
einer kleinen Fjordstadt im westlichen Norwegen.

                   *       *       *       *       *

[Aussprache: Mortensgaard = Mortensgohr. -- Fjord = Fjohr.]




ERSTER AUFZUG.


    Das Wohnzimmer auf Rosmersholm; gross und anheimelnd; alte Mbel.
    Vorn rechts ein Kachelofen, der mit frischen Birkenzweigen und
    Feldblumen geschmckt ist. Etwas weiter zurck eine Tr. An der
    Hinterwand eine Flgeltr, die zum Vorzimmer fhrt. Links ein
    Fenster, und vor diesem ein Aufsatz mit Blumen und Pflanzen. Neben
    dem Ofen ein Tisch mit Sofa und Lehnsthlen. Rings an den Wnden
    alte und neue Portrts, die Geistliche, Offiziere und Beamte in
    Amtstracht darstellen. Das Fenster steht offen. Ebenso die Tr zum
    Vorzimmer und die Haustr. Durch diese sieht man draussen in einer
    Allee, die nach dem Hause fhrt, grosse alte Bume.

    Sommerabend. Die Sonne ist untergegangen.

    REBEKKA sitzt in einem Lehnstuhl neben dem Fenster und hkelt an
    einem grossen weissen Wollshawl, der nahezu fertig ist. Von Zeit zu
    Zeit blickt sie zwischen den Blumen hindurch sphend hinaus. Kurz
    darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.

FRAU HILSETH. Nicht wahr, Frulein, 's ist wohl das beste, ich fang so
langsam an, den Abendtisch zu decken?

REBEKKA. Ja, tun Sie das. Der Pastor mu ja bald kommen.

FRAU HILSETH. Zieht es Frulein denn nicht da am Fenster?

REBEKKA. Ja, ein wenig. Machen Sie lieber zu.

    (FRAU HILSETH geht zur Vorzimmertr und schliesst diese; dann tritt
    sie ans Fenster.)

FRAU HILSETH (will schliessen, sieht hinaus). Aber ist das nicht der
Pastor .. der da drben?

REBEKKA (lebhaft). Wo? (Steht auf.) Ja, das ist er. (Hinter der
Gardine.) Gehn Sie beiseite. Da er uns hier nicht sieht.

FRAU HILSETH (vom Fenster zurcktretend). Denken Sie, Frulein, er
schlgt wieder den Mhlweg ein!

REBEKKA. Er kam schon vorgestern ber den Mhlweg. (Blickt zwischen
Gardine und Fensterrahmen hindurch.) Nun woll'n wir aber mal sehn, ob er
auch--

FRAU HILSETH. Getraut er sich ber den Steg?

REBEKKA. Das will ich ja grade sehn. (Kurz darauf.) Nein. Er kehrt um.
Geht auch heut oben herum. (Tritt vom Fenster zurck.) Ein langer Umweg.

FRAU HILSETH. Herrgott ja. Mu ja auch dem Herrn Pastor schwer fallen,
ber den Steg zu gehn. Da, wo so was passiert ist; wo--

REBEKKA (legt ihre Hkelei zusammen). Sie hngen lang an ihren Toten
hier auf Rosmersholm.

FRAU HILSETH. Nein, Frulein, ich glaub, die Toten hngen hier lange an
Rosmersholm.

REBEKKA (sieht sie an). Die Toten?

FRAU HILSETH. Ja, 's ist beinah, als knnten sie sich von den
Zurckgebliebnen nicht so recht trennen.

REBEKKA. Warum glauben Sie das?

FRAU HILSETH. Na, denn sonst, denk ich mir, wrds hier doch dies weie
Ro nicht geben.

REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, wie verhlt sichs eigentlich mit diesem
weien Rosse?

FRAU HILSETH. h, davon woll'n wir lieber nicht reden. An so was glauben
=Sie= ja doch nicht.

REBEKKA. Glauben =Sie= denn daran?

FRAU HILSETH (tritt ans Fenster und schliesst es). Ach, ich la mich von
Frulein nicht zum Narren halten. (Blickt hinaus.) Nein -- aber ist das
nicht wieder der Pastor da auf dem Mhlweg--?

REBEKKA (sieht ebenfalls hinaus). Der Mann da? (Tritt ans Fenster.) Das
ist ja der Rektor.

FRAU HILSETH. Ja richtig, das ist der Rektor.

REBEKKA. Das ist aber merkwrdig! Denn Sie sollen sehn, er kommt zu uns.

FRAU HILSETH. Wahrhaftig, =er= geht gradaus ber den Steg. Und sie war
doch seine leibliche Schwester ... Na, Frulein, nu geh ich den
Abendtisch decken.

    (Sie geht rechts hinaus. -- REBEKKA bleibt eine Weile am Fenster
    stehn; dann grsst sie, lchelt und winkt hinaus. -- Es beginnt
    dunkel zu werden.)

REBEKKA (geht an die Tr rechts und spricht durch diese hinaus). Ach,
liebe Frau Hilseth, Sie sorgen wohl fr 'n bichen extragutes. Sie
wissen ja, was der Rektor gern it.

FRAU HILSETH (draussen). Jawoll, Frulein. Wird gemacht.

REBEKKA (ffnet die Tr zum Vorzimmer). Na, endlich mal--! Herzlich
willkommen, lieber Herr Rektor!

KROLL (im Vorzimmer, stellt den Stock fort). Danke. Ich str also nicht?

REBEKKA. =Sie?= Pfui, schmen Sie sich--!

KROLL (eintretend). Immer liebenswrdig. (Sich umsehend). Ist Rosmer
vielleicht oben auf seinem Zimmer?

REBEKKA. Nein, er macht einen kleinen Spaziergang. Er bleibt heut etwas
lnger als gewhnlich. Aber er mu jeden Augenblick kommen. (Zeigt auf
das Sofa). Bitte, nehmen Sie so lange Platz.

KROLL (legt den Hut fort). Danke bestens. (Setzt sich und sieht sich
um.) Nein, wie freundlich Sie das alte Zimmer ausgeschmckt haben.
berall Blumen, oben und unten.

REBEKKA. Rosmer hat immer gern frische lebende Blumen um sich.

KROLL. Na, Sie doch auch, scheint mir.

REBEKKA. Gewi. Sie verbreiten einen so herrlichen betubenden Duft.
Frher muten wir uns ja dies Vergngen versagen.

KROLL (nickt traurig). Die arme Beate konnte den Duft nicht vertragen.

REBEKKA. Und die Farben auch nicht. Sie wurde ganz wirr im Kopfe
davon--

KROLL. Ich erinnre mich. (In leichterm Ton.) Na, wie gehts denn hier
drauen?

REBEKKA. Nun, hier geht alles seinen ruhigen gleichmigen Gang. Ein Tag
wie der andre ... Und bei Ihnen? Ihre Frau?

KROLL. Ach, liebes Frulein West, reden wir nicht von mir und den
meinen. In einer Familie gibts immer etwas, das nicht klappt. Namentlich
in solchen Zeiten wie diesen.

REBEKKA (nach kurzem Schweigen setzt sich neben das Sofa in einen
Lehnstuhl). Warum haben Sie uns whrend der ganzen Schulferien nicht ein
einziges mal besucht?

KROLL. h, man kann den Leuten doch nicht immer das Haus einrennen--

REBEKKA. Wenn Sie wten, wie wir Sie vermit haben--

KROLL. -- und dann war ich ja auch verreist--

REBEKKA. Ja, vierzehn Tage. Sie hielten ja wohl Volksversammlungen ab?

KROLL (nickt). Und was sagen Sie dazu? Htten Sie das gedacht, da ich
auf meine alten Tage noch politischer Agitator werden knnte? Was?

REBEKKA (lchelnd). Ein wenig, Herr Rektor, haben Sie immer agitiert.

KROLL. Nu ja; so zu meinem Privatvergngen. Aber nun wirds ernst,
verlassen Sie sich drauf ... Lesen Sie bisweilen diese radikalen
Bltter?

REBEKKA. Ja, Herr Rektor, ich will nicht leugnen, daߠ--

KROLL. Liebes Frulein West, dagegen ist nichts einzuwenden. So weit Sie
persnlich in Frage kommen.

REBEKKA. Das scheint mir auch. Ich mu doch wissen, was in der Welt
vorgeht. Mich auf dem Laufenden halten--

KROLL. Na, jedenfalls kann ich von Ihnen, einer Dame, nicht verlangen,
da Sie entschieden Partei ergreifen in dem Brgerkampf --
Brger=krieg=, mcht ich fast sagen--, der hier unter uns tobt ... Sie
haben also gelesen, wie diese Herrn vom Volke sich erlaubt haben, mich
zu behandeln? Was fr infamer Beschimpfungen sie sich gegen mich
erdreistet haben?

REBEKKA. Jawohl. Aber mir scheint, Sie haben auch sehr krftig um sich
gebissen.

KROLL. Das hab ich. Das Zeugnis darf ich mir geben. Denn nun hab ich
Blut geleckt. Und sie sollens zu fhlen kriegen, da ich nicht der Mann
bin, der gutwillig den Buckel hinhlt ... (Bricht ab.) Aber nein, --
lassen wir diesen Gegenstand heut abend ... 's ist zu traurig und
aufregend.

REBEKKA. Sie haben recht, lieber Rektor; reden wir nicht mehr davon.

KROLL. Sagen Sie mir lieber, wies Ihnen eigentlich geht hier auf
Rosmersholm, jetzt, wo Sie allein sind? Nachdem unsre arme Beate--?

REBEKKA. Danke; mir gehts hier ganz gut. Freilich, eine groe Leere hat
sie ja in mancher Beziehung zurckgelassen. Und Trauer und Sehnsucht
natrlich auch. Aber sonst--

KROLL. Gedenken Sie hier zu bleiben? Ich meine, fr immer.

REBEKKA. Ach, lieber Rektor, darber hab ich wirklich noch gar nicht
nachgedacht. Ich hab mich so sehr an Rosmersholm gewhnt, da es mir
beinah ist, als gehrt ich ebenfalls hierher.

KROLL. Aber selbstverstndlich gehren =Sie= ebenfalls hierher.

REBEKKA. Und solang Herr Rosmer findet, da ich ihm irgendwie ntzlich
und angenehm sein knne, -- ja, so lange bleib ich wahrscheinlich hier.

KROLL (sieht sie bewegt an). Wissen Sie auch, da etwas groes darin
liegt, wenn eine Frau so ihre ganze Jugend dahingehn lt, um sich fr
andre aufzuopfern?

REBEKKA. Ach, wofr htt ich denn sonst hier leben sollen?

KROLL. Erst diese unermdliche Hingebung fr Ihren gelhmten
unleidlichen Pflegevater--

REBEKKA. Glauben Sie ja nicht, Doktor West sei da oben in der Finnmark
so unleidlich gewesen. Es waren diese schrecklichen Seereisen, die ihn
knickten. Aber als wir spter hierher zogen, -- ja, da kamen freilich
ein paar schwere Jahre, eh er ausgelitten hatte.

KROLL. Die Jahre, die dann folgten -- waren die nicht noch schwerer fr
Sie?

REBEKKA. Aber wie knnen Sie nur so reden! Ich, die Beate so innig
zugetan war--! Und sie, die rmste, die so sehr der Pflege und Schonung
bedurfte.

KROLL. Haben Sie Dank, da Sie ihrer mit solcher Nachsicht gedenken.

REBEKKA (etwas nher rckend). Lieber Rektor, Sie sagen das so schn und
herzlich, da ich berzeugt bin, Sie hegen keinerlei Verstimmung gegen
mich.

KROLL. Verstimmung? Was meinen Sie damit?

REBEKKA. Nun, es war doch ganz natrlich, wenn es Sie etwas peinlich
berhrte, mich, die Fremde, hier auf Rosmersholm schalten und walten zu
sehn.

KROLL. Aber wie in aller Welt--!

REBEKKA. Also Sie hegen keine solche Empfindung gegen mich. (Reicht ihm
die Hand.) Dank, lieber Rektor! Haben Sie herzlichen Dank!

KROLL. Aber wie in aller Welt sind Sie nur auf einen solchen Gedanken
gekommen?

REBEKKA. Da Sie so selten zu uns kamen, begann ich etwas ngstlich zu
werden.

KROLL. Da sind Sie aber wirklich ganz gehrig auf dem Holzweg gewesen,
Frulein West. Und zudem, -- in der Sache selbst hat sich hier ja gar
nichts gendert! Sie, -- Sie allein, -- leiteten den ganzen Haushalt ja
schon in den letzten unglcklichen Lebensjahren der armen Beate.

REBEKKA. Nun, es war wohl mehr eine Art Regentschaft im Namen der
Hausfrau.

KROLL. Wie dem auch sei--. Wissen Sie was, Frulein West, -- ich fr
meine Person wrde wirklich nichts dagegen haben, wenn Sie--. Aber 's
ist wohl nicht erlaubt, so was zu sagen.

REBEKKA. Was denn?

KROLL. Wenn es sich so fgte, da .. da Sie den leeren Platz einnehmen
wrden--

REBEKKA. Herr Rektor, ich habe den Platz, den ich mir wnsche.

KROLL. Was die Arbeit angeht, allerdings; aber nicht in Bezug auf--

REBEKKA (ihn ernst unterbrechend). Schmen Sie sich, Herr Rektor. Wie
knnen Sie ber so etwas scherzen?

KROLL. Ach ja, unser guter Johannes ist vermutlich der Ansicht, vom
Ehestande hab er schon mehr als genug zu kosten bekommen. Aber
trotzdem--

REBEKKA. Wissen Sie was, -- ich knnte fast ber Sie lachen.

KROLL. Aber trotzdem--. Sagen Sie mal, Frulein West--. Wenns
gestattet ist, danach zu fragen--. Wie alt sind Sie eigentlich?

REBEKKA. Zu meiner Schande muss ich Ihnen gestehn, Herr Rektor, ich hab
schon volle neunundzwanzig hinter mir. Ich geh nun ins dreiigste.

KROLL. Sehr schn. Und Rosmer, -- wie alt ist er? Warten Sie mal. Er ist
fnf Jahr jnger als ich. Na, ist also gut und gern dreiundvierzig. Mir
scheint, 's wrde ausgezeichnet passen.

REBEKKA (aufstehend). Jawohl, jawohl. Ganz ausgezeichnet ... Trinken Sie
Tee mit uns heut abend?

KROLL. Danke sehr, gewi. Heut abend gedenk ich hier zu bleiben. Ich hab
etwas zu besprechen mit unserm guten Freunde. -- Und brigens, Frulein
West, -- damit Sie sich nicht wieder nrrische Gedanken in den Kopf
setzen: in Zukunft komm ich wieder recht oft zu euch heraus, -- so wie
in frhern Tagen.

REBEKKA. Ach ja; bitte, tun Sie das. (Schttelt ihm die Hnde). Dank,
besten Dank! Im Grunde sind Sie doch ein ganz lieber netter Mensch.

KROLL (brummt). So, wirklich? Bei mir zu Hause hat das noch niemand
behauptet.

    (ROSMER kommt durch die Tr rechts.)

REBEKKA. Herr Rosmer, -- sehn Sie, wer da ist!

ROSMER. Frau Hilseth sagte mirs schon.

    (KROLL ist aufgestanden.)

ROSMER (mild und gedmpft, drckt ihm die Hnde). Herzlich willkommen in
meinem Hause, lieber Kroll! (Legt ihm die Hnde auf die Schultern und
blickt ihm in die Augen.) Du lieber alter Freund! Ich wut es ja, frher
oder spter mt es zwischen uns wieder werden wie in alten Zeiten.

KROLL. Aber mein bester Johannes, hast du auch in der verrckten
Einbildung gelebt, es wre was im Wege!

REBEKKA (zu ROSMER). Ja, denken Sie, -- es war nur Einbildung. Ist das
nicht schn?

ROSMER. War es das wirklich, Kroll? Aber warum zogst du dich denn
vollstndig von uns zurck?

KROLL (ernst und gedmpft). Weil ich hier nicht umhergehn wollte wie
eine leibhaftige Erinnrung an deine Unglcksjahre, -- und an sie, die --
im Mhlbach endete.

ROSMER. Das war sehr schn von dir gemeint. Du bist ja immer so
rcksichtsvoll. Aber es war ganz unntig, deshalb fortzubleiben. --
Komm, Lieber; setzen wir uns aufs Sofa. (Sie setzen sich.) Nein, sei
versichert, der Gedanke an Beate hat gar nichts peinliches fr mich. Wir
sprechen tglich von ihr. Es ist uns, als gehrte sie noch zum Hause.

KROLL. Wirklich?

REBEKKA (die Lampe anzndend). Ja, so ist es, Herr Rektor.

ROSMER. Das ist ja so natrlich. Wir hatten sie beide von Herzen lieb.
Und Rebek -- Frulein West und ich, wir haben beide das Bewutsein, da
wir fr die arme Kranke alles getan, was in unsrer Macht stand. Wir
haben uns nichts vorzuwerfen ... An Beate zu denken, hat deshalb nun
gleichsam etwas mildbesnftigendes fr mich.

KROLL. Ihr lieben prchtigen Menschen! Von jetzt an komm ich tglich zu
euch heraus.

REBEKKA (sich in einen Lehnstuhl setzend). Na, wir wollen mal sehn, ob
Sie Wort halten.

ROSMER (etwas zgernd). Du, Kroll, -- ich gbe viel darum, wre unser
Verkehr niemals unterbrochen worden. So lange wir uns kennen, -- von
meiner ersten Studentenzeit an bist du immer mein natrlicher Berater
gewesen.

KROLL. Ach ja; und darauf bin ich auerordentlich stolz. Hast du jetzt
vielleicht etwas besondres--?

ROSMER. Da ist mancherlei, worber ich gern frei und offen mit dir
sprechen mchte.

REBEKKA. Ja, nicht wahr, Herr Rosmer? Ich denke mir, das mt Ihnen eine
Erleichterung sein -- so zwischen alten Freunden--

KROLL. O, glaube mir, ich hab dir noch weit mehr mitzuteilen. Du weit
ja, ich bin jetzt aktiver Politiker geworden.

ROSMER. Ja ich wei. Wie ging das eigentlich zu?

KROLL. Du, ich mute. Mute wirklich, so unangenehm es mir auch war. Es
geht unmglich mehr an, noch lnger als bloer Zuschauer mig am Markte
zu stehn. Jetzt, wo die Radikalen bedauerlicherweise die Macht in die
Hnde bekommen haben, -- jetzt ist es hohe Zeit--. Darum hab ich denn
auch unsern kleinen Freundeskreis in der Stadt veranlat, sich fester
zusammenzuschlieen. Ich sage dir, es ist hohe Zeit!

REBEKKA (mit einem leichten Lcheln). Ist es nun eigentlich nicht schon
etwas spt?

KROLL. Unzweifelhaft wrs besser gewesen, wir htten den Strom schon
frher aufgehalten. Aber wer konnte voraussehn, was kommen wrde? Ich
jedenfalls nicht. (Steht auf und geht mit grossen Schritten im Zimmer
umher.) Aber nun sind mir die Augen aufgegangen. Denn der Geist der
Emprung hat sich sogar schon in die Schule hineingeschlichen.

ROSMER. In die Schule? Doch nicht in deine Schule?

KROLL. Jawohl, in meine Schule. In meine eigne Schule. Wie findest du
das! Ich bin dahinter gekommen, da die Knaben der obersten Klasse, --
d.h. ein Teil davon, -- schon vor lnger als einem halben Jahr einen
geheimen Verein gebildet und auf Mortensgaards Zeitung abonniert haben!

REBEKKA. Ah, auf den Leuchtturm.

KROLL. Nicht wahr, eine gesunde geistige Nahrung fr zuknftige Beamte?
Aber das traurigste an der Sache ist, da grade alle begabten Schler
sich zusammengerottet und dies Komplott gegen mich geschmiedet haben.
Nur die Faulpelze und Dummkpfe haben sich fern gehalten.

REBEKKA. Geht Ihnen denn die Sache sehr nahe, Herr Rektor?

KROLL. Na ob! Mich so in meiner Berufsttigkeit gehemmt und bekmpft zu
sehn! (Leiser.) Und doch mcht ich fast sagen: die Schlerverschwrung
knnte noch hingehn. Aber nun kommt das allerschlimmste. (Sieht sich
um.) Da horcht doch niemand an den Tren?

REBEKKA. Ach nein, niemand.

KROLL. Nun, so wit denn, die Zwietracht und Emprung sind sogar in mein
eignes Haus eingedrungen. In mein eignes ruhiges Heim. Haben den Frieden
meines Familienlebens zerstrt.

ROSMER (aufstehend). Was sagst du! In deinem eignen Hause--?

REBEKKA (sich dem Rektor nhernd). Aber, lieber Rektor, was ist denn
geschehn?

KROLL. Knnen Sie sich das vorstellen, da meine eignen Kinder--! Kurz
und gut -- Lorenz ist der Rdelsfhrer des Schlerkomplotts. Und Hilda
hat eine rote Mappe gestickt, um darin den Leuchtturm aufzubewahren.

ROSMER. Das htt ich mir nie trumen lassen, -- da bei dir, -- in
deinem Hause--

KROLL. Ja, wer knnte sich auch so was je trumen lassen! In meinem
Hause, wo immer Zucht und Ordnung geherrscht, -- wo bisher nur ein
einziger eintrchtiger Wille regiert hat--

REBEKKA. Was sagt Ihre Gattin zu alledem?

KROLL. Ja, sehn Sie, das ist nun das unglaublichste von allem. Sie, die
ihr ganzes Leben lang -- im grossen wie im kleinen -- meine Meinungen
geteilt und all meine Anschauungen gebilligt hat, -- sie ist tatschlich
geneigt, sich in manchen Punkten auf die Seite der Kinder zu stellen!
Und dabei mit sie =mir= die Schuld bei wegen des Geschehnen. Sie
behauptet, ich tyrannisiere die Jugend. Als ob es nicht unbedingt
notwendig wre, sie--. Na, so also herrscht Unfrieden in meiner
Familie. Aber natrlich sprech ich so wenig wie mglich davon. Sowas
vertuscht man am besten. (Geht im Zimmer hin und her.) Ach ja; jaja. (Er
stellt sich mit den Hnden auf dem Rcken ans Fenster und sieht hinaus.)

REBEKKA (hat sich ROSMER genhert und sagt leise und schnell, ohne vom
Rektor bemerkt zu werden). Tus!

ROSMER (ebenso). Heut abend nicht.

REBEKKA (wie vorhin). Ja grade! (Tritt an den Tisch und macht sich mit
der Lampe zu schaffen.)

KROLL (kommt nach vorn). Ja, mein lieber Rosmer, nun weit du also, wie
der Zeitgeist seine Schatten auf mein Familienleben und meine
Berufsttigkeit geworfen hat. Und diesen verderblichen, alles
niederreienden und auflsenden Zeitgeist sollt ich nicht bekmpfen mit
all den Waffen, deren ich habhaft werden kann! Ja, mein Lieber, ich werd
ihn bekmpfen, verla dich drauf. In Wort und Schrift.

ROSMER. Und hast du Hoffnung, auf diese Weise etwas zu erreichen?

KROLL. Jedenfalls will ich meiner staatsbrgerlichen Dienstpflicht
gengen. Und ich meine, es ist jedes patriotisch gesinnten und um die
gute Sache besorgten Mannes Pflicht und Schuldigkeit, dasselbe zu tun.
Siehst du, -- das ist der Hauptgrund, weshalb ich heut abend zu dir
gekommen bin.

ROSMER. Aber lieber Kroll, was meinst du--? Was soll ich--?

KROLL. Du sollst deinen alten Freunden zu Hlfe kommen. Tun, was wir
tun. Mit Hand anlegen, wo und wie du kannst.

REBEKKA. Aber Herr Rektor, Sie kennen doch Herrn Rosmers Abneigung gegen
all diese Dinge.

KROLL. Diese Abneigung mu er jetzt zu berwinden suchen ... Du hltst
nicht Schritt mit dem politischen Leben, Rosmer. Da sitzest du hier
einsam und mauerst dich ein mit deinen historischen Sammlungen. Du
lieber Gott, -- alle Achtung vor Stammbumen und was da drum und dran
hngt. Aber zu solchen Beschftigungen -- dazu ist die Zeit leider nicht
angetan. Du machst dir keine Vorstellung davon, welche Zustnde im Lande
herrschen. Alle Begriffe stehn gewissermaen auf dem Kopfe. 'S wird eine
Riesenarbeit werden, all die Irrlehren wieder auszurotten.

ROSMER. Das glaub ich auch. Aber zu solcher Arbeit bin ich nicht
geschaffen.

REBEKKA. Und dann glaub ich auch, Herr Rosmer sieht auf die Dinge im
Leben jetzt mit offnern Augen als frher.

KROLL (stutzt). Mit offnern Augen--?

REBEKKA. Ja; oder freiern. Weniger befangen.

KROLL. Was bedeutet das? Rosmer, -- du kannst doch unmglich so schwach
sein, dich durch eine solche Zuflligkeit wie diesen augenblicklichen
Sieg der Massenhuptlinge betren zu lassen?

ROSMER. Lieber Kroll, du weit doch, wie wenig ich von Politik verstehe.
Aber das find ich allerdings, da das Volk seit einigen Jahren in seinem
Denken mehr Selbstndigkeit zeigt.

KROLL. Aha!... Und das betrachtest du so ohne weiters als einen Gewinn!
Im brigen, lieber Freund, irrst du dich ganz gewaltig. Erkundige dich
nur, was fr Ansichten unter den Radikalen hier auf dem Lande und in der
Stadt Kurs haben. 'S ist weiter nichts als die Weisheit, die der
Leuchtturm verkndet.

REBEKKA. Ja, Mortensgaard hat ber viele hier in der Gegend eine groe
Macht.

KROLL. Ja, denke dir! Ein Mann mit einer so schmutzigen Vergangenheit.
Ein wegen Unsittlichkeit fortgejagter Schulmeister--! Ein solcher
Mensch spielt sich als Volksfhrer auf! Und es geht! Geht wirklich!
Jetzt will er, hr ich, sein Blatt erweitern. Aus sichrer Quelle wei
ich, da er einen tchtigen Hlfsredakteur sucht.

REBEKKA. Es wundert mich, da Sie und Ihre Freunde ihm nichts
entgegenstellen.

KROLL. Grade das soll nun geschehen. Heut haben wir das Kreisblatt
gekauft. Die Geldfrage bot keine Schwierigkeiten. Aber -- (Wendet sich
zu ROSMER.) Ja, nun komm ich zu meinem eigentlichen Gegenstande. Die
Leitung, -- die journalistische Leitung -- siehst du, damit haperts. Sag
mal, Rosmer, -- solltest du dich der guten Sache wegen nicht veranlat
fhlen, die Leitung zu bernehmen?

ROSMER (fast erschreckt). Ich!

REBEKKA. Aber wie knnen Sie das nur fr mglich halten?

KROLL. Da du vor Volksversammlungen zurckschreckst und dich dem
Konfekt, das einem =dort= an den Kopf fliegt, nicht aussetzen willst,
find ich sehr begreiflich. Aber der weniger exponierte Posten eines
Redakteurs, oder vielmehr--

ROSMER. Nein nein, lieber Freund, mit einer solchen Bitte mut du mir
nicht kommen.

KROLL. Ich selbst wrde mich mit besonderm Vergngen auch in =diesem=
Fache versuchen. Aber 's wre mir gar nicht mglich, all die Arbeit zu
bewltigen. Ich bin nun schon mit einer solchen Unmasse von Geschften
belastet--. Du dagegen, der keine amtliche Brde mehr zu tragen hat--.
Natrlich werden wir andern dich nach besten Krften untersttzen.

ROSMER. Ich kann nicht, Kroll. Ich tauge nicht dazu.

KROLL. Taugst nicht dazu? Dasselbe sagtest du, als dein Vater dir deine
Pfarrei verschaffte--

ROSMER. Und ich hatte recht. Deshalb entsagt ich meinem Berufe.

KROLL. O, werde nur ebenso tchtig als Redakteur, wie dus als
Geistlicher warst, dann sind wir vollkommen zufrieden.

ROSMER. Lieber Kroll, -- ein fr allemal, -- ich tus nicht.

KROLL. Nun, dann wirst du uns doch wenigstens deinen Namen borgen?

ROSMER. Meinen Namen?

KROLL. Ja; denn schon der Name Johannes Rosmer wird fr das Blatt ein
groer Gewinn sein. Wir andern gelten ja fr ausgeprgte Parteimnner.
Ich selbst soll sogar, hr ich, als ein ganz arger Fanatiker verschrien
sein. Deshalb knnen wir nicht darauf rechnen, dem Blatt unter eignem
Namen bei den verfhrten Massen mit Nachdruck Eingang zu verschaffen. Du
dagegen, -- du hast dich dem Kampf immer fern gehalten. Deine milde
lautere Denkungsart, -- deine vornehme Gesinnung, -- deine unantastbare
Ehrenhaftigkeit -- jedermann hier in der Gegend kennt und schtzt sie.
Und dann der Respekt, die Hochachtung, womit deine frhere priesterliche
Stellung dich noch umgibt. Endlich aber, Rosmer, die Ehrwrdigkeit
deines Familiennamens!

ROSMER. Ach was Familienname--

KROLL (zeigt auf die Portrts). Lauter Rosmers von Rosmersholm, --
Priester und Soldaten! Hochgestellte Wrdentrger. Alle ohne Ausnahme
korrekte Ehrenmnner, -- ein Geschlecht, das nun schon durch mehrere
Jahrhunderte als das erste hier im Kreise seinen Sitz hat. (Legt ihm die
Hand auf die Schulter.) Rosmer, -- dir selbst und den Traditionen deines
Hauses bist dus schuldig, dich uns anzuschlieen, um all das zu
verteidigen, was in unsern Kreisen bisher als heilig galt. (Wendet sich
um.) Ja, was sagen =Sie= dazu, Frulein West?

REBEKKA (mit leichtem stillem Lachen). Lieber Herr Rektor, -- mir kommt
dies alles so unsagbar lcherlich vor--

KROLL. Was sagen Sie! Lcherlich!

REBEKKA. Ja lcherlich. Denn nun will ich Ihnen offen heraus sagen--

ROSMER (schnell). Nein nein, -- lassen Sie! Nicht jetzt!

KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller
Welt--? (Bricht ab.) Hm!

FRAU HILSETH (kommt durch die Tr rechts.) Da ist ein Mann im
Kchenflur. Er sagt, er msse den Herrn Pastor sprechen.

ROSMER (erleichtert). Ah so. Lassen Sie ihn eintreten.

FRAU HILSETH. Hier in dies Zimmer?

ROSMER. Ja gewi.

FRAU HILSETH. Aber so sieht er doch nicht aus, da man ihn ins Zimmer
lassen knnte.

REBEKKA. Wie sieht er denn aus, Frau Hilseth?

FRAU HILSETH. Na, mit dem Aussehn, Frulein, damit ists nicht weit her.

ROSMER. Sagt er nicht, wie er heit?

FRAU HILSETH. Ja, ich glaub, er sagt, er heie Hekmann -- oder so
hnlich.

ROSMER. Ich kenne niemand, der so heit.

FRAU HILSETH. Und dann sagte er, er heie auch Ullerich.

ROSMER (stutzt). Vielleicht -- Ulrich Hetmann?

FRAU HILSETH. Ja ja, Hetmann sagt er.

KROLL. Den Namen hab ich schon mal gehrt--

REBEKKA. Das war ja der Name, unter dem jener seltsame Mann schrieb,
der--

ROSMER (zu KROLL). Es war Ulrich Brendels Schriftstellername.

KROLL. Des verkommenen Ulrich Brendel. Ganz recht.

REBEKKA. Er lebt also noch.

ROSMER. Ich glaubte, er befnde sich bei einer reisenden
Theatergesellschaft.

KROLL. Das letzte, was ich von ihm hrte, war, er se im Arbeitshause.

ROSMER. Lassen Sie ihn herein, Frau Hilseth.

FRAU HILSETH. Na ja. (Sie geht.)

KROLL. Willst du diesen Menschen wirklich in deinem Zimmer dulden?

ROSMER. Aber du weit doch, einst war er mein Lehrer.

KROLL. Jawohl, ich wei, da er dir den Kopf mit revolutionren Ideen
vollpfropfte, bis dein Vater ihn mit der Reitpeitsche zum Tor hinaus
jagte.

ROSMER (etwas bitter). Mein Vater war auch zu Hause Major.

KROLL. Mein lieber Rosmer, dafr solltest du ihm noch in seinem Grabe
dankbar sein... Aha!

    (FRAU HILSETH ffnet ULRICH BRENDEL die Tr rechts, geht wieder und
    schliesst hinter ihm. Er ist ein stattlicher Mann mit grauem Haar
    und Bart; etwas abgemagert, aber leicht und ungezwungen in seinen
    Bewegungen. Im brigen gekleidet wie ein gewhnlicher Landstreicher.
    Fadenscheiniger Rock; schlechtes Schuhwerk; von einem Hemd ist
    nichts zu sehen. An den Hnden alte schwarze Handschuh; unter dem
    Arm hat er einen zusammengeklappten schmutzigen weichen Filzhut und
    in der Hand einen Spazierstock.)

BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hlt ihm
die Hand hin). Guten Abend, Johannes!

KROLL. Entschuldigen Sie--

BRENDEL. Hattest du das erwartet, mich noch mal wiederzusehn? Und noch
unter diesem verhaten Dache?

KROLL. Entschuldigen Sie--. (Zeigt.) Dort--

BRENDEL (wendet sich um). Ah, richtig. Da ist er ja. Johannes, -- mein
Junge, -- du, den ich am meisten geliebt habe--!

ROSMER (reicht ihm die Hand). Mein alter Lehrer.

BRENDEL. Trotz gewisser Erinnrungen wollt ich Rosmersholm nicht
passieren, ohne eine flchtige Visite abzustatten.

ROSMER. Hier sind Sie jetzt herzlich willkommen. Das knnen Sie mir
glauben.

BRENDEL. Ah, diese verlockende Dame--? (Verbeugt sich.) Natrlich die
Frau Pastorin.

ROSMER. Frulein West.

BRENDEL. Vermutlich eine nahe Verwandte. Und jener Unbekannte--? Ein
Amtsbruder, wie ich seh.

ROSMER. Rektor Kroll.

BRENDEL. Kroll? Kroll? Warte mal. Haben Sie in Ihren jungen Tagen nicht
Philologie studiert?

KROLL. Selbstverstndlich.

BRENDEL. Aber, corpo di bacco, dann hab ich dich ja gekannt!

KROLL. Entschuldigen Sie--

BRENDEL. Warst du nicht--

KROLL. Entschuldigen Sie--

BRENDEL. -- einer von jenen Tugendhusaren, die mich aus dem
Debattierverein ausschlossen?

KROLL. Kann schon sein. Aber ich protestiere gegen jede nhere
Bekanntschaft.

BRENDEL. Nu nu! As you like it, Mister Kroll. Kann mir hchst
gleichgltig sein, Ulrich Brendel bleibt doch, was er ist.

REBEKKA. Sie wollen wohl nach der Stadt, Herr Brendel?

BRENDEL. Die Frau Pastorin habens getroffen. Von Zeit zu Zeit bin ich
gentigt, in dem Kampf ums Dasein eine Schlacht zu schlagen. Ich tus
nicht gern; aber -- enfin -- die unerbittliche Notwendigkeit--

ROSMER. Aber lieber Herr Brendel, Sie werden mir doch gestatten, Sie mit
irgend etwas zu untersttzen? Auf die ein oder andre Weise--

BRENDEL. Ha, ein solcher Vorschlag! Du knntest das Band beflecken, das
uns vereint? Niemals, Johannes, -- niemals!

ROSMER. Aber was gedenken Sie in der Stadt anzufangen? Glauben Sie mir,
so leicht werden Sie da Ihr Fortkommen nicht finden--

BRENDEL. Das berla mir, mein Junge. Die Wrfel sind gefallen. So wie
ich hier vor dir steh, befind ich mich auf einer groen Reise. Weit
grer als all meine frhern Streifzge zusammen. (Zu KROLL.) Darf ich
den Herrn Professor etwas fragen, -- d.h. entre nous? Gibt es nmlich
in Ihrer wohllblichen Stadt ein leidlich anstndiges, reputierliches
und gerumiges Versammlungslokal?

KROLL. Das gerumigste ist der Saal des Arbeitervereins.

BRENDEL. Haben der Herr Doktor irgend welchen qualifizierten Einflu in
diesem ohne Zweifel sehr ntzlichen Verein?

KROLL. Ich hab gar nichts damit zu tun.

REBEKKA (zu BRENDEL). Sie mssen sich an Peter Mortensgaard wenden.

BRENDEL. Pardon, Madame, -- was ist das fr ein Idiot?

ROSMER. Warum halten Sie ihn fr einen Idioten?

BRENDEL. Hr ichs dem Namen nicht sofort an, da er einem Plebejer
gehrt?

KROLL. Die Antwort htt ich nicht erwartet.

BRENDEL. Aber ich will mir Zwang antun. Bleibt mir keine andre Wahl.
Wenn man, -- wie ich, -- an einem Wendepunkt seines Lebens steht--.
Abgemacht. Ich setze mich mit dem Individuum in Verbindung, -- knpfe
direkte Unterhandlungen an--

ROSMER. Stehn Sie in der Tat ernstlich an einem Wendepunkt?

BRENDEL. Wei denn mein braver Johannes nicht, da, wo Ulrich Brendel
steht, er dort immer ernstlich steht?... Ja, mein Junge, nun will ich
mir einen neuen Menschen anziehn. Die bescheidne Zurckhaltung aufgeben,
die ich bisher beobachtet habe.

ROSMER. Wie denn--?

BRENDEL. Mit tatkrftiger Hand will ich ins Leben eingreifen.
Hervortreten. Auftreten. Wir leben in der sturmbewegten Zeit der
Sonnenwende ... Nun will ich mein Scherflein auf dem Altar der Befreiung
niederlegen.

KROLL. Auch =Sie= wollen--?

BRENDEL (zu allen). Besitzt das anwesende Publikum eine etwas genauere
Kenntnis meiner Flugschriften?

KROLL. Ich nicht, offen gestanden--

REBEKKA. Ich hab verschiednes gelesen. Mein Pflegevater besa sie.

BRENDEL. Schne Hausfrau, -- da haben Sie Ihre Zeit vergeudet. Denn 's
ist lauter Plunder.

REBEKKA. So?

BRENDEL. Was Sie gelesen haben, alles. Meine wirklich bedeutenden Werke
kennt weder Mann noch Weib. Niemand -- auer mir.

REBEKKA. Wie geht das zu?

BRENDEL. Weil sie nicht geschrieben sind.

ROSMER. Aber lieber Herr Brendel--

BRENDEL. Du weit, mein wackrer Johannes, ich bin ein Stck Sybarit.
Feinschmecker. Wars all mein Lebtag. Ich lieb es, einsam zu genieen.
Denn dann genie ich doppelt. Zehnfach. Siehst du, -- wenn goldne Trume
sich auf mich herabsenkten, -- mich umfingen, -- wenn mein Hirn neue
schwindelerregende weltumspannende Gedanken gebar, -- und diese mich mit
krftigen Schwingen umrauschten, -- dann formt ich sie zu Gedichten,
Bildern, Visionen. Verstehst du, so in groen Umrissen.

ROSMER. Ja, ja.

BRENDEL. O, du, wie hab ich Zeit meines Lebens genossen und geschwelgt!
Die geheimnisvolle Glckseligkeit der Ausgestaltung, -- wie gesagt, in
groen Umrissen, -- Beifall, Dank, Ruhm, Lorbeerkrnze, -- alles hab ich
mit vollen freudezitternden Hnden einkassiert. Mich an meinen geheimen
Visionen mit einer Wonne gesttigt, -- o, so berauschend groߠ--!

KROLL. Hm--

ROSMER. Aber niemals etwas niedergeschrieben?

BRENDEL. Kein Wort. Dies platte Schreiberhandwerk hat mir immer einen
herzhaften Widerwillen verursacht. Und warum sollt ich auch meine eignen
Ideale profanieren, wenn ich sie allein und in ihrer ganzen Reinheit
genieen konnte? Aber nun sollen sie geopfert werden. Wahrhaftig, -- mir
ist dabei zu Mut wie einer Mutter, die ihre jungen Tchter den
Ehemnnern in die Arme legt. Aber trotzdem, -- ich opfre sie, -- opfre
sie auf dem Altar der Befreiung. Eine Reihe sorgfltig ausgearbeiteter
Vortrge -- rings im ganzen Lande--!

REBEKKA (lebhaft). Das ist edel von Ihnen, Herr Brendel! Sie geben das
teuerste, was Sie besitzen.

ROSMER. Und das einzige.

REBEKKA (sieht ROSMER vielsagend an). Wie viele gibt es wohl, die das
tun? Die den Mut dazu haben?

ROSMER (erwidert den Blick). Wer wei?

BRENDEL. Die Versammlung ist ergriffen. Das erquickt mir das Herz und
sthlt den Willen. Und nun ans Werk ... Aber noch eins. (Zum Rektor.)
Herr Przeptor, knnen Sie mir sagen, gibts in der Stadt einen
Migkeitsverein? Einen Totalmigkeitsverein? Selbstverstndlich gibt
es dort einen.

KROLL. Zu dienen. Ich selbst bin Vorsitzender.

BRENDEL. Hab ichs Ihnen nicht angesehn! Na, da ists nicht unmglich, da
ich Sie aufsuche und auf acht Tage Mitglied werde.

KROLL. Entschuldigen Sie -- auf Wochen nehmen wir keine Mitglieder an.

BRENDEL. A la bonne heure, Herr Pdagoge. Solchen Vereinen ist Ulrich
Brendel noch nie nachgelaufen. (Wendet sich an ROSMER.) Aber ich darf
meinen Aufenthalt in diesem an Erinnrungen so reichen Hause nicht weiter
verlngern. Ich mu zur Stadt und mir ein passendes Logis suchen. Es
gibt dort hoffentlich ein anstndiges Hotel.

REBEKKA. Wollen Sie nicht etwas warmes genieen, eh Sie gehn?

BRENDEL. Welcher Art, meine Gndige?

REBEKKA. Eine Tasse Tee oder--

BRENDEL. Des Hauses freigebigen Schaffnerin meinen Dank. Aber auf die
private Gastfreundschaft leg ich nicht gern Beschlag. (Grsst mit der
Hand.) Leben Sie wohl, meine Herrschaften! (Geht nach der Tr, wendet
sich aber wieder um.) Ah, richtig--. Johannes, -- Pastor Rosmer, --
willst du, -- um langjhriger Freundschaft willen, -- deinem ehmaligen
Lehrer einen Dienst erweisen?

ROSMER. Gewi, sehr gern.

BRENDEL. Gut. So leih mir -- auf ein oder zwei Tage -- ein geplttetes
Oberhemd.

ROSMER. Weiter nichts!

BRENDEL. Denn siehst du, diesmal reis ich zu Fu. Mein Koffer wird mir
nachgeschickt.

ROSMER. Gut gut. Aber brauchen Sie sonst nichts?

BRENDEL. Ja, weit du, -- vielleicht kannst du einen gebrauchten ltern
Sommerberzieher entbehren?

ROSMER. Gewi kann ich das.

BRENDEL. Und da zu dem berzieher 'n paar anstndige Stiefel gehren--

ROSMER. Auch dazu wird Rat. Sobald wir Ihre Adresse wissen, schicken wir
Ihnen die Sachen.

BRENDEL. Unter keinen Umstnden. Meinethalb keine besondre Mhe! Ich
nehme die Bagatellen gleich mit.

ROSMER. Gut gut. So kommen Sie mit mir hinauf.

REBEKKA. Lassen Sie mich gehn. Frau Hilseth und ich wollen das schon
besorgen.

BRENDEL. Niemals gestatt ich, da diese distinguierte Dame--!

REBEKKA. Ach was! Kommen Sie nur, Herr Brendel.

    (Sie geht rechts hinaus.)

ROSMER (hlt ihn zurck). Sagen Sie mal, kann ich sonst nichts fr Sie
tun?

BRENDEL. Ich wei wahrhaftig nicht was. Donnerwetter -- ja da fllts mir
ein--! Johannes, -- hast du zufllig acht Kronen in der Tasche?

ROSMER. Wollen mal sehn. (ffnet das Portemonnaie.) Hier sind zwei
Zehnkronenscheine.

BRENDEL. Ja ja, das macht nichts. Ich nehm sie. Kriege sie in der Stadt
schon gewechselt. Vorlufig meinen Dank. Vergi nicht, es waren zwei
Zehner, die du mir geliehen hast. Gute Nacht, mein einziger lieber
Junge! Gute Nacht, hochedler Herr!

    (Er geht nach rechts, wo ROSMER Abschied von ihm nimmt und die Tr
    hinter ihm schliesst.)

KROLL. Barmherziger Gott, -- das also war jener Ulrich Brendel, von dem
einst die Leute glaubten, er wrde noch mal ein groer Mann!

ROSMER (ruhig). Jedenfalls hat er den Mut gehabt, das Leben nach seinem
eignen Sinn zu leben. Mir scheint, das ist nicht wenig.

KROLL. Was! Solch ein Leben wie dieses! Ich glaube fast, er wre fhig,
dir noch mal den Kopf zu verdrehen.

ROSMER. Ach nein. Jetzt bin ich in jeder Beziehung mit mir im reinen.

KROLL. Gott geb es, lieber Rosmer. Denn du bist so auerordentlich
empfnglich fr fremde Eindrcke.

ROSMER. Setzen wir uns. Ich hab mit dir zu reden.

KROLL. Ja, setzen wir uns. (Sie setzen sich aufs Sofa.)

ROSMER (nach kurzem Schweigen). Findest du nicht, da wir hier ein
angenehmes behagliches Leben fhren?

KROLL. Ja, hier ist es jetzt angenehm und behaglich -- und friedlich.
Du, Rosmer, hast dir eine Huslichkeit geschaffen. Und ich hab die meine
verloren.

ROSMER. Wie kannst du nur so reden, lieber Kroll? Die Wunde wird schon
wieder heilen.

KROLL. Nie. Niemals. Der Stachel bleibt. Wie es war, kann es nie wieder
werden.

ROSMER. Hr mich an, Kroll. Durch viele, viele Jahre haben wir beiden
uns nahe gestanden. Hltst du es fr denkbar, da unsre Freundschaft mal
Schiffbruch leiden knnte?

KROLL. Auf der ganzen Gotteswelt wt ich nichts, was uns entfremden
knnte. Wie kommst du darauf?

ROSMER. Weil du auf die bereinstimmung in Meinungen und Ansichten ein
so entscheidendes Gewicht legst.

KROLL. Nun ja. Aber wir beiden sind ja so ungefhr einig. Jedenfalls in
den groen Haupt- und Kernfragen.

ROSMER (leise). Nein. Jetzt nicht mehr.

KROLL (will aufspringen). Was heit das!

ROSMER (hlt ihn zurck). Nein, bleib ruhig sitzen. Ich bitte dich,
Kroll.

KROLL. Was bedeutet das? Ich versteh dich nicht. Sprich deutlich!

ROSMER. Ein neuer Sommer hat mein Geistesleben befruchtet. Ich sehe
wieder mit den Augen der Jugend. Und darum steh ich jetzt dort--

KROLL. Wo, -- wo stehst du?

ROSMER. Dort, wo deine Kinder stehn.

KROLL. Du? Du! Das ist ja unmglich! Wo behauptest du zu stehn?

ROSMER. Auf derselben Seite, wo Lorenz und Hilda stehn.

KROLL (lsst den Kopf sinken). Abtrnnig. Johannes Rosmer abtrnnig.

ROSMER. Ich wre so froh, so von Herzen glcklich gewesen ber das, was
du meine Abtrnnigkeit nennst. Aber ich litt furchtbar darunter. Denn
ich wute, es wrde dir bittres Leid verursachen.

KROLL. Rosmer, -- Rosmer! Das verwind ich niemals. (Sieht ihn traurig
an.) O, da auch du mitwirken, mit Hand anlegen kannst bei dem Werke der
Zerstrung und Vernichtung in diesem unglcklichen Lande!

ROSMER. Es ist das Werk der Befreiung, an dem ich mitwirken will.

KROLL. Ach ja, ich wei. So nennen es die Verfhrer und die Verfhrten.
Aber glaubst du denn, von dem Geiste, der jetzt unser ganzes soziales
Leben vergiftet, sei irgend welche Befreiung zu erwarten?

ROSMER. Ich schliee mich weder dem jetzt herrschenden Zeitgeist, noch
einer der streitenden Parteien an. Ich will versuchen, von allen Seiten
Menschen zu sammeln. Soviel wie mglich; und sie so fest vereinen, als
ich vermag. Ich will leben und all meine Lebenskrfte dem einen Zwecke
weihen, eine wahre Demokratie hier im Lande zu schaffen.

KROLL. Du bist also der Ansicht, wir htten noch nicht Demokratie genug!
Ich fr meine Person finde vielmehr, wir alle miteinander sind auf dem
besten Wege in den Schmutz zu geraten, worin sonst nur der Pbel sich
wohl fhlt.

ROSMER. Eben deshalb kmpf ich fr die wahre Aufgabe der Demokratie.

KROLL. Und diese Aufgabe wre?

ROSMER. Alle Menschen hier im Lande zu Adelsmenschen zu machen.

KROLL. Alle--!

ROSMER. Jedenfalls so viele wie mglich.

KROLL. Durch welche Mittel?

ROSMER. Dadurch, da die Geister befreit und die Triebe der Menschen
gelutert werden.

KROLL. Rosmer, du bist ein Trumer. Willst =du= die Geister befreien?
Willst =du= die menschlichen Triebe lutern?

ROSMER. Nein, mein Lieber, -- ich will nur versuchen, die Menschen
aufzurtteln. Handeln, ihre Aufgabe erfllen, -- das mssen sie selber.

KROLL. Und du glaubst, das knnten sie?

ROSMER. Ja.

KROLL. Also durch eigne Kraft?

ROSMER. Ja, nur durch eigne Kraft. Eine andre gibt es nicht.

KROLL (steht auf). Ist das die Sprache eines Priesters!

ROSMER. Ich bin nicht mehr Geistlicher.

KROLL. Ja, aber -- der Glaube deiner Kindheit--?

ROSMER. Den hab ich nicht mehr.

KROLL. Hast du nicht mehr--!

ROSMER (steht auf). Den hab ich aufgegeben. Kroll, ich =mute= ihn
aufgeben.

KROLL (erschttert, beherrscht sich aber). Ja so. -- Ja ja ja. Das eine
ist die notwendige Folge des andern. -- War das vielleicht der Grund,
da du den Kirchendienst verlieest?

ROSMER. Ja. Als ich mir ber mich selbst klar geworden, -- als ich die
volle Gewiheit erlangt hatte, da es keine blo vorbergehende
Anfechtung war, sondern etwas, wovon ich mich niemals mehr befreien
konnte noch wollte, -- da ging ich.

KROLL. So lange also hat es in dir gegrt. Und wir, -- deine Freunde
erfuhren nichts davon. Rosmer, Rosmer, -- wie konntest du uns diese
traurige Wahrheit verheimlichen!

ROSMER. Weil es, meiner Ansicht nach, eine Sache war, die nur mich
selbst anging. Auch wollt ich dir und den andern Freunden keinen
unntigen Schmerz bereiten. Ich glaubte, ich knnte mein altes Leben
hier weiter leben: still, heiter und glcklich. Ich wollte studieren und
lesen, mich in all die Werke vertiefen, die mir bisher versiegelte
Bcher gewesen. Wollte mich mit meinem ganzen Wesen hineinversenken in
die groe Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir offenbart worden.

KROLL. Abtrnnig. Jedes Wort bezeugt es. Aber warum trotzdem dies
Bekenntnis deines heimlichen Abfalls? Und warum grade jetzt?

ROSMER. Du selber, Kroll, hast mich dazu gezwungen.

KROLL. Ich? Ich htte dich dazu gezwungen--!

ROSMER. Als ich von deinem heftigen Auftreten in den Versammlungen
hrte, -- als ich von all den lieblosen Reden erfuhr, die du dort
hieltest, -- von all deinen hageschwollnen Ausfllen gegen alle, die
auf der andern Seite stehn, -- von deinem hhnischen Verdammungsurteil
ber die Gegner--. O, Kroll, da du, du so werden konntest! Da war mir
meine Pflicht unabweisbar vorgeschrieben. Die Menschen werden schlecht
in diesem Kampfe. Fried und Freud und Vershnung mssen wieder in die
Gemter einkehren. Darum tret ich jetzt hervor und bekenne offen, wer
und was ich bin. Und dann will auch ich meine Krfte erproben. Knntest
du, Kroll -- deinerseits -- dich uns nicht anschlieen?

KROLL. Nie und nimmer paktiere ich mit den zerstrenden Mchten unsrer
Gesellschaft.

ROSMER. So la uns wenigstens mit ritterlichen Waffen kmpfen, -- wenn
denn unbedingt gekmpft werden mu.

KROLL. Wer in den entscheidenden Lebensfragen nicht mit mir ist, den
kenn ich nicht. Dem schuld ich keine Rcksicht.

ROSMER. Gilt das auch mir?

KROLL. Du selber, Rosmer, hast mit mir gebrochen.

ROSMER. Bedeutet denn dies einen Bruch!

KROLL. Du fragst noch! Es ist ein Bruch mit allen, die dir bisher nahe
standen. Jetzt mut du die Folgen tragen.

    (REBEKKA kommt durch die Tr rechts, die sie weit ffnet.)

REBEKKA. So; nun ist er unterwegs zu seinem groen Opferfest. Und jetzt
knnen wir zu Tisch gehn. Haben Sie die Gte, Herr Rektor.

KROLL (nimmt seinen Hut). Gute Nacht, Frulein West. Hier hab ich nichts
mehr zu suchen.

REBEKKA (gespannt). Was bedeutet das? (Schliesst die Tr und kommt
nher.) Haben Sie gesprochen--?

ROSMER. Nun wei er es.

KROLL. Wir lassen dich nicht aus den Fingern, Rosmer. Wir werden dich
=zwingen=, zu uns zurckzukehren.

ROSMER. Ich kehre nie zurck.

KROLL. Das wollen wir sehn. Du gehrst nicht zu denen, die es ertragen,
einsam fr sich zu stehen.

ROSMER. So ganz vereinsamt bin ich nicht ... Wir sind unser zwei, um die
Einsamkeit zu ertragen.

KROLL. Ah--! (Ein Verdacht zuckt in ihm auf.) Auch das! Beatens
Worte--!

ROSMER. Beatens Worte--?

KROLL (weist den Gedanken ab). Nein, nein, -- das war gemein--.
Verzeihe.

ROSMER. Was?... Was denn?

KROLL. Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir. Leb wohl! (Er geht nach der
Vorzimmertr.)

ROSMER (folgt ihm). Kroll! So drfen wir nicht auseinandergehn. Morgen
komm ich zu dir.

KROLL (im Vorzimmer, wendet sich um). In =mein= Haus setzest du keinen
Fu mehr!

    (Er nimmt seinen Stock und geht.)

    (ROSMER bleibt eine Weile in der offnen Tr stehen; dann schliesst
    er sie und tritt an den Tisch.)

ROSMER. Das hat nichts zu bedeuten, Rebekka. Wir werden es schon
aushalten. Wir beiden treuen Freunde. Du und ich.

REBEKKA. Was meint er mit dem Pfui? Kannst du dir das vorstellen?

ROSMER. Meine Liebe, darum zerbrich dir den Kopf nicht. Er glaubte ja
selbst nicht daran. Aber morgen geh ich zu ihm. Gute Nacht!

REBEKKA. Auch heute gehst du schon so frh auf dein Zimmer? Nach einem
solchen Vorfall?

ROSMER. Heut wie alle Tage. Mir ist so leicht zu Mut, nun es vorber
ist. Du siehst ja, -- ich bin ganz ruhig, liebe Rebekka. Nimm es
ebenfalls mit Ruhe hin. Gute Nacht!

REBEKKA. Gute Nacht, lieber Freund! Und schlaf wohl.

    (ROSMER geht durch die Vorzimmertr hinaus; dann hrt man ihn eine
    Treppe hinaufgehen.)

    (REBEKKA geht nach dem Ofen und zieht an einem neben diesem
    befindlichen Klingelzug. Kurz darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.)

REBEKKA. Sie knnen wieder abdecken, Frau Hilseth. Der Pastor will
nichts mehr genieen, -- und der Rektor ist nach Haus gegangen.

FRAU HILSETH. Der Rektor ist fortgegangen! Was ist ihm denn ber die
Leber gelaufen?

REBEKKA (nimmt ihre Hkelei). Er prophezeite, ein schweres Gewitter wr
im Anzug--

FRAU HILSETH. Das ist aber seltsam. Heut abend ist ja am ganzen Himmel
auch nicht 'n Flckchen von einer Wolke zu sehn.

REBEKKA. Wenn er nur nicht dem weien Rosse begegnet. Denn ich frchte,
nchstens bekommen wir hier was zu hren von einem solchen Spuk.

FRAU HILSETH. Gott verzeih Ihn'n die Snde, Frulein! Fhren Sie doch
nicht solch gottlose Reden.

REBEKKA. Nu nu nu--

FRAU HILSETH (leiser). Glaubt Frulein wirklich, nchstens msse einer
von hier fort?

REBEKKA. Bewahre, das glaub ich nicht. Aber, Frau Hilseth, auf dieser
Welt gibt es so viele Arten von weien Rossen ... Na, gute Nacht. Nun
geh ich auf mein Zimmer.

FRAU HILSETH. Gute Nacht, Frulein.

    (REBEKKA geht mit ihrer Hkelei rechts hinaus.)

FRAU HILSETH (schraubt die Lampe herab, schttelt den Kopf und murmelt
vor sich hin): Jesses, -- Jesses. Dies Frulein West. Was die doch
manchesmal fr Reden fhren kann!




ZWEITER AUFZUG.


    ROSMERS Arbeitszimmer. Links die Eingangstr. Im Hintergrunde die
    zum Schlafzimmer fhrende Tr, deren Portieren zurckgezogen sind.
    Rechts ein Fenster, und vor diesem der mit Bchern und Papieren
    bedeckte Schreibtisch. An den Wnden Bcherregale und -Schrnke.
    Bescheidne Mbel. Links ein altfrnkisches Kanapee und vor diesem
    ein Tisch.

    ROSMER sitzt im Hausrock auf einem Stuhl mit hoher Lehne am
    Schreibtisch. Er schneidet eine Broschre auf und blttert darin;
    hin und wieder liest er ein wenig. -- Es klopft an die Tr links.

ROSMER (ohne sich umzukehren). Nur herein.

REBEKKA (im Morgenkleide hereinkommend). Guten Morgen.

ROSMER (schlgt in der Broschre nach). Guten Morgen, meine Liebe.
Wnschest du was?

REBEKKA. Ich wollte mich nur erkundigen, ob du gut geschlafen hast.

ROSMER. O, ich habe so schn und ruhig geschlafen. Ohne zu trumen...
(Wendet sich). Und du?

REBEKKA. Ja, danke. So gegen Morgen--

ROSMER. Ich wei nicht, wies kommt, aber seit langer Zeit ist mir nicht
so leicht ums Herz gewesen wie jetzt. Ach, es ist wirklich gut, da ich
mich endlich ausgesprochen habe.

REBEKKA. Ja, Rosmer, du httest nicht so lange schweigen sollen.

ROSMER. Ich begreife selbst nicht, da ich so feige sein konnte.

REBEKKA. Nun, Feigheit wars eigentlich nicht--

ROSMER. O doch, doch, liebe Rebekka. Wenn ich der Sache auf den Grund
seh, =etwas= Feigheit war doch mit im Spiel.

REBEKKA. Um so mehr Mut gehrte dazu, den Knoten zu zerhauen. (Setzt
sich zu ihm auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.) Aber nun mu ich
dir von etwas erzhlen, das ich getan habe, -- und das du mir nicht bel
nehmen mut.

ROSMER. belnehmen? Liebste, wie kannst du glauben--?

REBEKKA. Ja; denn vielleicht wars etwas eigenmchtig von mir gehandelt;
aber--

ROSMER. Na, so la hren.

REBEKKA. Gestern abend, als dieser Ulrich Brendel fortging, -- da gab
ich ihm ein paar Zeilen an Mortensgaard mit.

ROSMER (etwas bedenklich). Aber, liebe Rebekka--. Nun, was hast du denn
geschrieben?

REBEKKA. Ich hab ihm geschrieben, er wrde dir einen groen Dienst
erweisen, wenn er sich des unglcklichen Menschen ein wenig annehmen und
ihm nach besten Krften forthelfen wollte.

ROSMER. Liebe Rebekka, das httest du nicht tun sollen. Brendel hast du
dadurch nur geschadet. Und Mortensgaard gehrt zu denen, die ich mir am
liebsten vom Leibe halten mchte. Du weit ja, was ich mal mit ihm
gehabt habe.

REBEKKA. Aber bist du denn nicht der Ansicht, es wre vielleicht ganz
gut, wenn du jetzt wieder in bessre Beziehungen zu ihm kmst?

ROSMER. Ich? Zu Mortensgaard? Aber warum denn?

REBEKKA. Nun, so recht sicher kannst du dich jetzt doch nicht mehr
fhlen, -- nachdem du mit deinen Freunden gebrochen hast.

ROSMER (sieht sie an und schttelt den Kopf). Hast du wirklich glauben
knnen, Kroll oder einer der andern wrde es versuchen, sich zu
rchen--? Sie wren fhig, mich--?

REBEKKA. In der ersten Hitze, lieber Johannes--. Das kann man nie mit
Bestimmtheit wissen. Mir scheint, -- nach der Art, wie der Rektor es
aufnahm--

ROSMER. Du solltest ihn doch besser kennen. Kroll ist ein Ehrenmann
durch und durch. Heut nachmittag geh ich nach der Stadt und rede mit
ihm. Ich will mit allen reden. O, du sollst sehn, wie leicht es geht--

    (FRAU HILSETH erscheint in der Tr links.)

REBEKKA (steht auf). Was gibts, Frau Hilseth?

FRAU HILSETH. Rektor Kroll ist unten im Vorzimmer.

ROSMER (schnell aufstehend). Kroll!

REBEKKA. Der Rektor! Ists mglich--!

FRAU HILSETH. Er fragt, ob er raufkommen und den Herrn Pastor sprechen
knnte.

ROSMER (zu REBEKKA). Was sagt ich!... Natrlich kann er das. (Geht zur
Tr und ruft die Treppe hinunter.) Komm doch herauf, lieber Freund! Bist
herzlich willkommen!

    (ROSMER steht in der Tr und hlt sie offen. -- FRAU HILSETH geht.
    -- REBEKKA zieht die Portieren vor der Tr zum Schlafzimmer zu. Dann
    ordnet sie dies und jenes.)

    (KROLL tritt mit dem Hute in der Hand ins Zimmer.)

ROSMER (leise, bewegt). Ich wute ja, es war nicht das letzte mal--

KROLL. Heut seh ich die Dinge in einem ganz andern Licht als gestern.

ROSMER. Ja nicht wahr, Kroll? In einem ganz andern Lichte! Jetzt,
nachdem du darber nachgedacht hast--

KROLL. Du miverstehst mich vollstndig. (Legt den Hut auf den Tisch
neben dem Kanapee.) Es liegt mir daran, unter vier Augen mit dir zu
sprechen.

ROSMER. Warum soll denn Frulein West nicht--?

REBEKKA. Nein nein, Herr Rosmer. Ich geh.

KROLL (sieht sie von oben bis unten an). Und dann mu ich das Frulein
um Entschuldigung bitten, da ich so frh am Tage komme. Da ich sie
berrasche, eh sie Zeit gefunden--

REBEKKA (stutzt). Wieso? Finden Sie es unpassend, da ich zu Hause ein
Hauskleid trage?

KROLL. Gott bewahre! Ich wei ja berhaupt nicht, was jetzt auf
Rosmersholm Sitte ist.

ROSMER. Aber Kroll, -- du bist ja heut rein wie verwandelt!

REBEKKA. Empfehle mich, Herr Rektor!

    (Sie geht links hinaus.)

KROLL. Du erlaubst wohl -- (Er setzt sich aufs Kanapee).

ROSMER. Ja, lieber Kroll, setzen wir uns gemtlich und reden mit
einander. (Er setzt sich KROLL gegenber auf einen Stuhl.)

KROLL. Ich hab seit gestern abend kein Auge zugetan. Die ganze Nacht hab
ich gegrbelt und gegrbelt.

ROSMER. Und was sagst du heute?

KROLL. 'S wird 'ne lange Geschichte. La mich mit einer Art Einleitung
anfangen. Ich kann dir von Ulrich Brendel was neues erzhlen.

ROSMER. War er bei dir?

KROLL. Nein. Er setzte sich in einer ordinren Kneipe fest. Natrlich in
der ordinrsten Gesellschaft. Trank und traktierte, so lang er noch 'n
Heller in der Tasche hatte. Dann schimpft er die ganze Bande Pbel und
Pack, -- brigens mit Recht, -- worauf sie ihn durchprgelten und in die
Gosse warfen.

ROSMER. Er ist also doch unverbesserlich.

KROLL. Auch hatte er den berzieher zum Pfandleiher gebracht. Aber der
soll fr ihn eingelst sein. Rate mal, von wem?

ROSMER. Von dir vielleicht.

KROLL. Nein. Von diesem nobeln Herrn Mortensgaard.

ROSMER. Ah so.

KROLL. Wie ich hrte, galt Herrn Brendels erster Besuch dem Idioten und
Plebejer.

ROSMER. Der hat ihm also gentzt--

KROLL. Allerdings. (Lehnt sich ber den Tisch, um sich ROSMER zu
nhern.) Aber nun kommen wir zu einer Sache, von der ich unsrer alten --
unsrer ehmaligen Freundschaft wegen verpflichtet bin dich in Kenntnis zu
setzen.

ROSMER. Lieber Kroll, was kann das sein?

KROLL. Nichts mehr und nichts weniger, als da hier im Hause hinter
deinem Rcken irgend ein Spiel getrieben wird.

ROSMER. Wie kannst du so etwas glauben!... Ist es Reb -- Frulein West,
auf die du anspielst?

KROLL. Allerdings. brigens hab ich fr =ihre= Handlungsweise volles
Verstndnis. Sie ist ja schon so lange gewohnt, hier zu herrschen--!
Aber trotzdem--

ROSMER. Lieber Kroll, du irrst dich ganz und gar. Sie und ich -- wir
haben gar keine Geheimnisse vor einander.

KROLL. Hat sie dir auch gebeichtet, da sie mit dem Redakteur des
Leuchtturms in Briefwechsel getreten ist?

ROSMER. Ah, du spielst auf die paar Zeilen an, die sie Ulrich Brendel
mitgab?

KROLL. Du bist also dahinter gekommen. Und billigst du es, da sie sich
in Verbindung setzt mit diesem Skandaljournalisten, der mich als
Schulmann und Politiker Woche fr Woche an den Pranger zu stellen sucht?

ROSMER. Lieber Kroll, was diesen Punkt betrifft, so hat sie sicherlich
nicht einmal daran gedacht. Und brigens hat sie selbstverstndlich die
Freiheit zu tun und zu lassen, was ihr beliebt, -- grade wie ich.

KROLL. So! Ach ja, das gehrt wohl auch zu der neuen Richtung, die du
eingeschlagen hast. Und wo du stehst, da steht Frulein West vermutlich
ebenfalls?

ROSMER. Das tut sie. Wir beiden haben uns als treue Kameraden unsern Weg
gebahnt.

KROLL (sieht ihn an und schttelt langsam den Kopf). O, du blinder Tor!

ROSMER. Ich blind? Warum sagst du das?

KROLL. Weil ich das schlimmste nicht zu denken wage -- nicht denken
=will=. Nein, nein; la mich zu Ende reden ... Rosmer, du legst ja
wirklich Wert auf meine Freundschaft? Und auf meine Achtung ebenfalls?
Nicht wahr?

ROSMER. Diese Frage brauch ich wohl kaum zu beantworten.

KROLL. Nun, da sind aber noch andre Fragen, -- und die verlangen eine
Antwort -- eine vollstndige Erklrung deinerseits ... Bist du damit
einverstanden, da ich eine Art Verhr mit dir anstelle?

ROSMER. Verhr?

KROLL. Ja; da ich dich ber gewisse Dinge befrage, an die erinnert zu
werden dich vielleicht peinlich berhrt. Siehst du, -- die Sache mit
deinem Abfall, -- na, mit deiner Befreiung, wie du dich ausdrckst --
die hngt mit so vielen andern Dingen zusammen, und darber mut du mir
in deinem eignen Interesse Auskunft geben.

ROSMER. Lieber Kroll, frage, was du willst. Ich habe nichts zu
verheimlichen.

KROLL. Schn. So sage mir denn, -- was war nach deiner Ansicht der
eigentliche tiefste Grund, weshalb Beate ihrem Leben ein Ende machte?

ROSMER. Kannst du darber noch im Zweifel sein? Oder, richtiger
ausgedrckt: kann man nach den Grnden forschen, die ein unglckliches
krankes unzurechnungsfhiges Geschpf bei seinen Handlungen leiten?

KROLL. Bist du berzeugt, da Beate vollstndig unzurechnungsfhig war?
Jedenfalls waren die rzte der Ansicht, das wre wohl kaum bewiesen.

ROSMER. Htten die rzte sie =einmal= so gesehn, wie ich sie bei Tag und
bei Nacht unzhligemal gesehn, sie htten nicht gezweifelt.

KROLL. Damals zweifelt ich auch nicht.

ROSMER. Ach nein, Zweifel waren leider nicht mehr mglich. Ich habe dir
ja von ihrer wilden zgellosen Leidenschaftlichkeit erzhlt, -- von der
sie verlangte, da ich sie erwiderte. O, welches Grauen flte sie mir
dadurch ein! Und dann die grundlosen Selbstanklagen, mit denen sie sich
in den letzten Jahren folterte!

KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, da sie ihr ganzes Leben lang ohne
Kinder bleiben wrde.

ROSMER. Ja, berlege dir also selbst--! Eine solch jagende grauenvolle
Seelenqual wegen etwas ganz unverschuldeten--! Und sie wre
zurechnungsfhig gewesen!

KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bcher im Hause hattest,
die vom Zweck der Ehe handelten -- nach der fortgeschrittnen Auffassung
unsrer Zeit selbstverstndlich.

ROSMER. Ich erinnre mich, da Frulein West mir ein solches Werk
geliehen hatte. Denn wie du weit, erbte sie des Doktors Bchersammlung.
Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, da wir so unvorsichtig
waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch
und heilig versichern, wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen
gestrten Gehirnnerven, die ihr Gemt verdsterten.

KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nmlich, da die arme
gequlte berspannte Beate ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du
glcklich -- und frei -- und nach deinem Belieben leben knntest.

ROSMER (ist halb vom Stuhl aufgefahren). Was meinst du damit?

KROLL. Hr mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In
ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und
Verzweiflung zu klagen.

ROSMER. Wegen derselben Sache?

KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wrst im Begriff
abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben deiner Vter brechen.

ROSMER (eifrig). Was du da sagst, Kroll, ist unmglich! Ganz und gar
unmglich! In diesem Punkte mut du dich irren.

KROLL. Warum?

ROSMER. Weil ich bei Beatens Lebzeiten noch selbst mit mir und meinen
Zweifeln kmpfte. Und diesen Kampf hab ich in vollster Einsamkeit und
Verschwiegenheit durchgekmpft. Ich glaube, nicht einmal Rebekka--

KROLL. Rebekka?

ROSMER. Nun ja, -- Frulein West. Ich nenne sie kurzweg Rebekka.

KROLL. Das hab ich bemerkt.

ROSMER. Deshalb ist es mir absolut unbegreiflich, wie Beate auf diesen
Gedanken kommen konnte. Und warum sprach sie nicht selbst mit mir
darber? Und das hat sie nie getan. Niemals, mit keiner Silbe.

KROLL. Die rmste, -- sie bat und flehte, ich mchte mit dir reden.

ROSMER. Und warum hast du das nicht getan?

KROLL. Konnt ich damals einen Augenblick zweifeln, da ihre Sinne
verwirrt waren? Eine solche Anklage gegen einen Mann wie du!... Und dann
kam sie zum zweitenmal -- etwa vier Wochen spter. Da war sie
anscheinend ruhiger. Aber beim Fortgehn sagte sie: Nun knnen sie auf
Rosmersholm bald das weie Ro erwarten.

ROSMER. Ja ja. Das weie Ro, -- davon sprach sie so oft.

KROLL. Und als ich ihr diese trben Gedanken auszureden suchte, gab sie
nur zur Antwort: Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun mu Johannes
sich bald mit Rebekka verheiraten.

ROSMER (fast sprachlos). Was sagst du da--! Ich mich verheiraten
mit--!

KROLL. Es war an einem Donnerstag nachmittag ... Samstag abend strzte
sie sich vom Steg hinab in den Mhlbach.

ROSMER. Und du hast uns nicht einmal gewarnt--!

KROLL. Du weit selber, wie oft sie sagte, nun msse sie gewi bald
sterben.

ROSMER. Das wei ich. Aber trotzdem--; es war deine =Pflicht=, uns zu
warnen.

KROLL. Ich hatt auch die Absicht. Aber da wars schon zu spt.

ROSMER, Aber warum hast du denn nicht spter--? Warum hast du mir dies
alles verschwiegen?

KROLL. Was htt es gentzt, dich noch mehr aufzuregen und zu peinigen?
Ich hielt ja das alles fr lauter leere wilde Wahnvorstellungen ... Bis
gestern abend.

ROSMER. Also jetzt nicht mehr?

KROLL. Sah Beate nicht mit vollkommen klaren Augen, als sie sagte, du
wrdest dem Glauben deiner Vter untreu werden?

ROSMER (starrt vor sich hin). Ja, das versteh ich nicht. Das ist mir das
unbegreiflichste, was ich mir denken kann.

KROLL. Unbegreiflich oder nicht, -- so verhlt es sich nun einmal. Und
jetzt frag ich dich, Rosmer, -- wie viel Wahrheit liegt in ihrer zweiten
Anklage? In der letzten, mein ich.

ROSMER. Anklage? War denn =das= eine Anklage?

KROLL. Du hast vielleicht nicht auf den =Wortlaut= geachtet. Sie wolle
fortgehn, sagte sie--. Warum? Nun?

ROSMER. Damit ich Rebekka heiraten knnte--

KROLL. Ganz so lauteten ihre Worte nicht. Beate drckte sich anders aus.
Sie sagte: Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun =mu= Johannes sich
=bald= mit Rebekka verheiraten.

ROSMER (sieht ihn eine Weile an; dann erhebt er sich). Jetzt versteh ich
dich, Kroll.

KROLL. Nun .. und--?... Was antwortest du?

ROSMER (noch immer ruhig und mit Selbstbeherrschung). Auf etwas so
unerhrtes--! Die einzig richtige Antwort wre, dir die Tr zu weisen.

KROLL (steht auf). Sehr wohl.

ROSMER (stellt sich vor ihn hin). Nun hre. Seit lnger als einem Jahr,
-- seit dem Tage, da Beate uns verlie, -- haben Rebekka West und ich
immer hier =allein= auf Rosmersholm gelebt. All diese Zeit hast du
Beatens Anklage gegen uns gekannt. Aber niemals hab ich auch nur einen
Augenblick bemerkt, da du an unserm Zusammenleben Ansto genommen
httest.

KROLL. Bis gestern abend wut ich nicht, da es ein Abtrnniger und eine
-- Freigewordne waren, die dies Zusammenleben fhrten.

ROSMER. Ah--! Du glaubst also nicht, da auch Abtrnnige und
Freigewordne das Reinheitsgefhl haben knnen? Du glaubst nicht, da sie
das Sittlichkeitsbedrfnis als einen Naturdrang in sich tragen knnen!

KROLL. Auf jene Art Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im kirchlichen
Glauben hat, leg ich keinen groen Wert.

ROSMER. Und dies lt du auch von Rebekka und mir gelten? Von dem
Verhltnis zwischen mir und Rebekka--?

KROLL. Zu Euern Gunsten kann ich von der Meinung nicht abgehn, da es
wohl keinen unergrndlichen Abgrund gibt zwischen dem freien Gedanken
und -- hm.

ROSMER. Und was--?

KROLL. -- und der freien Liebe, -- wenn dus denn unbedingt hren willst.

ROSMER (leise). Und das schmst du dich nicht mir zu sagen! Du, der mich
seit meiner frhsten Jugend kennt!

KROLL. Eben darum. Ich wei, wie leicht du dich von den Menschen, mit
denen du verkehrst, beeinflussen lt. Und diese deine Rebekka--. Na,
dies Frulein West, -- die kennen wir ja eigentlich gar nicht nher.
Kurz und gut, Rosmer, -- ich gebe dich noch nicht auf. Und du selbst, --
suche dich bei Zeiten zu retten.

ROSMER. Mich zu retten? Inwiefern--?

    (FRAU HILSETH blickt durch die Tr links herein.)

ROSMER. Was wollen Sie?

FRAU HILSETH. Ich sollte Frulein bitten runter zu kommen.

ROSMER. Das Frulein ist nicht hier.

FRAU HILSETH. So? (Sieht sich um.) Das ist doch merkwrdig. (Sie geht.)

ROSMER. Du sagtest--?

KROLL. Hre. Was hier heimlich vor sich gegangen ist, als Beate noch
lebte, -- und was hier jetzt noch vor sich geht, -- das will ich nicht
nher untersuchen. Du warst ja tief unglcklich in deiner Ehe. Und das
mu dir gewissermaen zur Entschuldigung dienen.

ROSMER. O, wie wenig kennst du mich doch im Grunde--!

KROLL. Unterbrich mich nicht. Ich wollte sagen: soll nun mal dies
Zusammenleben mit Frulein West fortgesetzt werden, so ist es unbedingt
notwendig, da du diesen Umfall, -- diesen traurigen Abfall, -- wozu sie
dich verfhrt hat, vertuschest. La mich reden! La mich reden! Ich
sage: gehts gar nicht anders, so denk und meine und glaub in Gottes
Namen alles was du willst -- und inbezug auf alle Dinge unter der Sonne.
Aber behalt deine Meinungen hbsch fr dich. 'S ist ja doch eine rein
persnliche Sache. Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, so etwas ins
ganze Land hinauszurufen.

ROSMER. Fr mich liegt =die= Notwendigkeit vor, da ich aus einer
falschen und zweideutigen Stellung herauskomme.

KROLL. Aber du hast Pflichten gegen die Traditionen deines Geschlechts,
Rosmer! Das bedenke wohl! Seit unvordenklichen Zeiten war Rosmersholm
eine Pflegesttte der Zucht und Ordnung, -- der respektvollen Achtung
vor allem, was die besten unsres Volkes anerkannt und hoch gehalten
haben. Von Rosmersholm hat die ganze Gegend ihren Stempel empfangen.
Eine unheilvolle, nie wieder gut zu machende Verwirrung entsteht, wird
es ruchbar: du selber httest mit dem gebrochen, was ich den Rosmerschen
Familiengedanken nennen mchte!

ROSMER. Lieber Kroll, -- so kann =ich= die Sache nicht ansehn. Ich halt
es fr meine unabweisbare Pflicht, hier, wo durch all die langen langen
Zeiten vom Geschlecht der Rosmer Finsternis und Unterdrckung
ausgegangen sind, ein wenig Licht und Freude zu verbreiten.

KROLL (sieht ihn streng an). Jawohl, das wre eine wrdige Tat fr den
Mann, mit dem das Geschlecht ausstirbt. Du, das la bleiben. Das ist
keine angemessne Arbeit fr dich. Du bist dazu geschaffen, als stiller
Forscher zu leben.

ROSMER. Mag sein. Aber ich will nun einmal teilnehmen am Kampf des
Lebens.

KROLL. Am Kampf des Lebens--! Weit du, was fr ein Kampf das fr dich
wird? Ein Kampf auf Leben und Tod mit all deinen Freunden.

ROSMER (ruhig). Sie werden doch nicht =alle= so fanatisch sein wie du.

KROLL. Du bist eine treuherzige Seele, Rosmer. Und unerfahren wie ein
Kind. Du ahnst nicht, welch bermchtiger Sturm ber dich hereinbrechen
wird.

    (FRAU HILSETH lugt durch die Tr links.)

FRAU HILSETH. Frulein lt fragen--

ROSMER. Was gibts?

FRAU HILSETH. Da ist jemand unten, der den Herrn Pastor gern auf 'n
Augenblick sprechen mchte.

ROSMER. Ists vielleicht der Mann, der gestern abend hier war?

FRAU HILSETH. Nein, 's ist der Mortensgaard.

ROSMER. Mortensgaard!

KROLL. Aha! So weit sind wir also! So weit schon!

ROSMER. Was will er von mir? Warum lieen Sie ihn nicht wieder gehn?

FRAU HILSETH. Frulein sagt, ich sollte fragen, ob er rauf kommen drfe.

ROSMER. Sagen Sie, ich htte Besuch--

KROLL (zu FRAU HILSETH). Lassen Sie ihn nur herein.

    (FRAU HILSETH geht.)

KROLL (nimmt seinen Hut). Ich rume das Feld -- das heit vorlufig. Die
Hauptschlacht mu noch geschlagen werden.

ROSMER. So wahr ich lebe, Kroll, -- ich habe mit Mortensgaard nichts zu
schaffen.

KROLL. Ich glaub dir nicht mehr. In keiner Beziehung. Was es auch sein
mag -- von nun an glaub ich dir nichts mehr. Jetzt gilts: Krieg bis aufs
Messer. Wir wollen doch mal sehn, ob wir dich nicht unschdlich machen
knnen.

ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!

KROLL. Ich? Und das sagt so einer wie du! Denk an Beate!

ROSMER. Kommst du mir wieder damit!

KROLL. Nein. Das Geheimnis des Mhlbachs zu erforschen ist Sache deines
Gewissens, -- wenn du etwas derartiges noch hast.

    (PETER MORTENSGAARD kommt ruhig und leise durch die Tr links. Er
    ist ein kleiner schmchtiger Mann mit dnnem rtlichem Haar und
    Bart.)

KROLL (mit einem hasserfllten Blick). Aha, der Leuchtturm also--.
Auf Rosmersholm angezndet. (Knpft seinen Rock zu.) Ja, da kann ich ja
nicht mehr im Zweifel sein, welchen Kurs ich zu steuern habe.

MORTENSGAARD (sanft). Der Leuchtturm bleibt immer angezndet, um dem
Herrn Rektor heimzuleuchten.

KROLL. Ja, Ihren guten Willen haben Sie schon lange bewiesen. Allerdings
gibts ein Gebot, das vorschreibt, wir sollen nicht falsches Zeugnis
geben wider unsern Nchsten--

MORTENSGAARD. In den zehn Geboten braucht mich der Herr Rektor nicht zu
unterrichten.

KROLL. Auch nicht im sechsten?

ROSMER. Kroll--!

MORTENSGAARD. Tritt =die= Notwendigkeit ein, so ist doch wohl der Herr
Pastor die kompetente Behrde.

KROLL (mit unterdrcktem Hohn). Der Pastor? Ja, in =diesem= Kapitel ist
Pastor Rosmer in erster Linie kompetent -- gar keine Frage ... Wnsche
segensreiche Verhandlung, meine Herren!

    (Er geht und schlgt die Tr hinter sich ins Schloss.)

ROSMER (hlt den Blick noch eine Weile auf die geschlossne Tr gerichtet
und sagt fr sich). Wohlan, -- wenns denn gar nicht anders geht. (Wendet
sich.) Wollen Sie mir geflligst sagen, Herr Mortensgaard, was Sie zu
mir fhrt?

MORTENSGAARD. Eigentlich galt mein Besuch Frulein West. Ich wollte mich
fr den freundlichen Brief bedanken, den ich gestern von ihr erhielt.

ROSMER. Ich wei, sie hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sie gesprochen?

MORTENSGAARD. Ja, einen Augenblick. (Mit schwachem Lcheln.) Wie ich
hre, haben sich die Ansichten hier auf Rosmersholm in einigen Punkten
gendert.

ROSMER. Meine Ansichten haben sich in =vielen= Punkten gendert. Ich
kann wohl sagen -- in allem.

MORTENSGAARD. So sagte das Frulein. Und deshalb meinte sie, ich sollte
hinaufgehn und mit dem Herrn Pastor mich ein wenig darber unterhalten.

ROSMER. Worber, Herr Mortensgaard?

MORTENSGAARD. Darf ich im Leuchtturm erzhlen, da Sie jetzt andre
Gesinnungen hegen, -- und sich der freisinnigen und fortschrittlichen
Sache angeschlossen haben?

ROSMER. Gewi drfen Sie das. Ich bitte sogar darum.

MORTENSGAARD. Dann wirds morgen frh drin stehn. Das ist eine groe
wichtige Neuigkeit, da Pastor Rosmer auf Rosmersholm glaubt, er knne
fr die Sache des Lichts auch in =diesem= Sinne eintreten.

ROSMER. Ich versteh Sie nicht ganz.

MORTENSGAARD. Ich meine: unsre Partei erhlt eine starke moralische
Sttze, so oft wir einen ernsten christlich gesinnten Anhnger gewinnen.

ROSMER (etwas verwundert). Sie wissen also nicht--? Hat Ihnen Frulein
West =das= nicht gesagt?

MORTENSGAARD. Was, Herr Pastor? Das Frulein hatte groe Eile. Sie
sagte, ich mchte hinaufgehn und das brige von Ihnen selbst hren.

ROSMER. Nun, so wissen Sie denn, da ich mich vollstndig frei gemacht
habe. Nach allen Seiten. Zu den Lehrstzen der Kirche hab ich gar kein
Verhltnis mehr. Diese Dinge gehn mich in Zukunft absolut nichts mehr
an.

MORTENSGAARD (sieht ihn verblfft an). Nein, -- wenn der Mond
herabgefallen wre, ich knnte nicht verblffter--! Der Herr Pastor
sagt sich los--!

ROSMER. Ja, ich steh nun, wo sie selbst seit langer Zeit stehn. Diese
Nachricht kann also der Leuchtturm morgen verbreiten.

MORTENSGAARD. Diese ebenfalls? Nein, lieber Herr Pastor--.
Entschuldigen Sie, -- aber diesen Teil der Sache wollen wir doch lieber
nicht berhren.

ROSMER. Diesen Teil .. nicht berhren?

MORTENSGAARD. Vorlufig noch nicht, mein ich.

ROSMER. Aber ich begreife nicht--

MORTENSGAARD. Ja, sehn Sie, Herr Pastor--. Vermutlich sind Sie mit den
Verhltnissen nicht so vertraut wie ich. Aber wenn Sie nun also zur
freisinnigen Richtung bergegangen sind, -- und wenn Sie -- wie Frulein
West sagte, -- an der Bewegung teilnehmen wollen, -- so tun Sie das doch
gewi mit dem Wunsche, der Richtung und der Bewegung so viel wie mglich
zu ntzen.

ROSMER. Gewi, das wnsch ich durchaus.

MORTENSGAARD. Schn. Aber nun sag ich Ihnen nur dies eine: treten Sie
frei und offen mit dieser Mitteilung ber Ihren Abfall von der Kirche
hervor, so binden Sie sich sofort selbst die Hnde.

ROSMER. Glauben Sie?

MORTENSGAARD. Ja, Sie knnen berzeugt sein, viel richten Sie dann hier
in der Gegend nicht aus. Und zudem, -- Freidenker haben wir schon genug
auf Lager, Herr Pastor. Ich mchte sagen, -- wir haben schon viel zu
viel von dieser Art Zeitgenossen. Was die Partei braucht, das ist das
christliche Element, -- etwas, wovor alle Respekt haben mssen. Daran
aber mangelt es uns ganz empfindlich. Darum ist es das ratsamste, Sie
behalten sorgfltig alles fr sich, was die ffentlichkeit nichts
angeht... Das ist meine Ansicht von der Sache.

ROSMER. Ah so. Wenn ich also offen meinen Abfall bekenne, so wagen Sies
nicht, sich mit mir einzulassen?

MORTENSGAARD (schttelt den Kopf). Ich tt es sehr ungern, Herr Pastor.
In der letzten Zeit hab ichs mir zum Grundsatz gemacht, nie eine Sache
oder Person zu untersttzen, die den christlichen Dingen zu Leibe will.

ROSMER. Sind Sie denn selbst in der letzten Zeit zur Kirche
zurckgekehrt?

MORTENSGAARD. Das ist eine Sache fr sich.

ROSMER. Aha, so also verhlt es sich. Jetzt versteh ich Sie.

MORTENSGAARD. Herr Pastor, -- Sie drfen nicht vergessen, da ich -- vor
allem ich, -- keine freie Hand habe.

ROSMER. Was bindet Sie denn?

MORTENSGAARD. Mich bindet der Umstand, da ich ein Gebrandmarkter bin.

ROSMER. Ah, -- ja so.

MORTENSGAARD. Ein Gebrandmarkter, Herr Pastor. Sie namentlich drfen das
nicht vergessen. Denn Sie vor allem waren es, der mir das Brandmal
aufdrckte.

ROSMER. Htt ich damals gestanden, wo ich nun steh, ich htt Ihr
Vergehen mit behutsamern Hnden angefat.

MORTENSGAARD. Das glaub ich auch. Aber nun ist es zu spt. Sie haben
mich ein fr allemal gebrandmarkt. Gebrandmarkt fr mein ganzes Leben.
Nun, es ist Ihnen wohl nicht ganz klar, was so etwas zu bedeuten hat.
Aber, Herr Pastor, vielleicht bekommen Sie diesen stechenden Schmerz nun
selber zu fhlen.

ROSMER. Ich!

MORTENSGAARD. Ja. Denn Sie werden doch nicht glauben, da Rektor Kroll
und sein Anhang fr ein Verbrechen wie das Ihrige Verzeihung kennen? Und
das Kreisblatt soll, wie es heit, nun sehr blutig werden. 'S kann
leicht kommen, da auch Sie ein Gebrandmarkter werden.

ROSMER. Ich fhle mich, was das Persnliche betrifft, vollstndig
unverwundbar, Herr Mortensgaard. Mein Lebenswandel bietet keine
Angriffspunkte.

MORTENSGAARD (mit ruhigem Lcheln). Das ist ein groes Wort, Herr
Pastor.

ROSMER. Mag sein; aber ich habe das Recht, es auszusprechen.

MORTENSGAARD. Auch wenn Sie Ihren Lebenswandel so grndlich prfen, wie
Sie einst den meinen prften?

ROSMER. Sie sagen das in einem so eigentmlichen Ton. Worauf spielen Sie
an? Auf etwas bestimmtes?

MORTENSGAARD. Ja, auf =eine= bestimmte Sache. Nur auf eine einzige. Aber
die drfte schlimm genug werden, wenn boshafte Gegner Kenntnis davon
erhalten.

ROSMER. Wollen Sie die Gte haben, mir zu sagen, was es ist?

MORTENSGAARD. Knnen der Herr Pastor es nicht selbst erraten?

ROSMER. Nein; durchaus nicht. Ganz und garnicht.

MORTENSGAARD. Ja ja; dann mu ich wohl mit der Sprache heraus ... In
meinem Besitz befindet sich ein seltsamer Brief, der hier auf
Rosmersholm geschrieben ist.

ROSMER. Frulein Wests Brief, meinen Sie? Ist der so seltsam?

MORTENSGAARD. Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber hier vom Hofe hab
ich mal einen andern Brief erhalten.

ROSMER. Ebenfalls von Frulein West?

MORTENSGAARD. Nein, Herr Pastor.

ROSMER. Nun, von wem denn? Von wem?

MORTENSGAARD. Von Ihrer seligen Gattin.

ROSMER. Von meiner Frau! =Sie= haben von meiner Frau einen Brief
erhalten!

MORTENSGAARD. Jawohl.

ROSMER. Wann?

MORTENSGAARD. Es war in der letzten Lebenszeit Ihrer seligen Gattin. Es
mag jetzt etwa anderthalb Jahr her sein. Eben diesen Brief nenn ich
seltsam.

ROSMER. Sie wissen doch, da meine Frau zu der Zeit geisteskrank war.

MORTENSGAARD. Ich wei, da viele das glaubten. Aber ich meine, dem
Briefe konnte man so etwas nicht anmerken. Wenn ich den Brief seltsam
nenne, so mein ich etwas andres damit.

ROSMER. ber was in aller Welt hat meine arme Frau Ihnen nur schreiben
knnen?

MORTENSGAARD. Ich hab den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefhr damit,
da sie in groer Furcht und Angst lebe. Denn hier in der Gegend gebe es
so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen wren nur
darauf bedacht, Ihnen rger und Schaden zu bereiten.

ROSMER. Mir?

MORTENSGAARD. Ja, so behauptet sie. Und dann kommt das seltsamste. Soll
ich es sagen, Herr Pastor?

ROSMER. Ja, gewi! Alles. Ohne jeden Rckhalt.

MORTENSGAARD. Ihre selige Gattin bittet und beschwrt mich, gromtig zu
sein. Sie wisse, sagt sie, da es der Herr Pastor gewesen, der meine
Absetzung durchgesetzt habe. Und dann bittet sie flehentlich, ich mchte
mich nicht rchen.

ROSMER. Wie dachte sie es sich denn, da Sie sich rchen knnten?

MORTENSGAARD. In dem Briefe heit es: wenn mir Gerchte ber ein
sndiges Treiben auf Rosmersholm zu Ohren kommen sollten, so mchte ich
alledem nicht trauen; denn blo schlechte Menschen sprengten solche
Gerchte aus, um Sie unglcklich zu machen.

ROSMER. Steht das in dem Briefe!

MORTENSGAARD. Der Herr Pastor knnen ihn gelegentlich selbst lesen.

ROSMER. Aber ich begreife nicht--! Und auf =was= liefen, -- nach ihrer
Einbildung, -- die bsen Gerchte hinaus?

MORTENSGAARD. Zunchst darauf, da der Herr Pastor von dem Glauben
seiner Kindheit abgefallen sei. Das leugnete Ihre selige Gattin =damals=
auf das bestimmteste. Und dann -- hm--

ROSMER. Dann?

MORTENSGAARD. Ja dann schreibt sie, -- in etwas konfuser Weise, -- von
einem sndhaften Verhltnis auf Rosmersholm wisse sie nichts. Ihr sei
niemals unrecht geschehen. Wenn derartige Gerchte umliefen, so bitte
sie mich dringend, im Leuchtturm keine Notiz davon zu nehmen.

ROSMER. Wird kein Name genannt?

MORTENSGAARD. Nein.

ROSMER. Wer brachte Ihnen den Brief?

MORTENSGAARD. Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu verraten. Er
wurde mir eines Abends in der Dmmrung gebracht.

ROSMER. Htten Sie sich sofort erkundigt, wrden Sie erfahren haben, da
meine arme unglckliche Frau nicht ganz zurechnungsfhig war.

MORTENSGAARD. Ich erkundigte mich, Herr Pastor. Aber ich mu bekennen,
einen =solchen= Eindruck erhielt ich nicht.

ROSMER. Nicht?... Aber warum klren Sie mich denn eigentlich jetzt ber
diesen alten konfusen Brief auf?

MORTENSGAARD. Um Ihnen den Rat zu geben, sehr vorsichtig zu sein, Herr
Pastor.

ROSMER. In meinem Lebenswandel, meinen Sie?

MORTENSGAARD. Ja. Sie mssen bedenken, von jetzt an sind Sie verdchtig.

ROSMER. Ich verdchtig! Sie halten also daran fest, ich htte etwas zu
verheimlichen?

MORTENSGAARD. Ich wte nicht, warum ein freisinniger Mann sich scheuen
sollte, sein Leben so vollstndig wie mglich auszuleben. Aber, wie
gesagt, sei'n Sie von jetzt an vorsichtig. Sollte mal ber den Herrn
Pastor etwas unter die Leute kommen, das gegen die herrschenden
Vorurteile verstiee, so knnen Sie berzeugt sein, die ganze freie
Geistesrichtung wrde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie
wohl, Herr Pastor.

ROSMER. Leben Sie wohl.

MORTENSGAARD. Und nun begeb ich mich direkt in die Druckerei und bringe
die groe Neuigkeit in den Leuchtturm.

ROSMER. Bringen Sie alles hinein.

MORTENSGAARD. Ich bringe alles das hinein, was das liebe Publikum zu
wissen braucht.

    (Er grsst und geht. ROSMER bleibt in der Tr stehen, whrend er die
    Treppe hinunter geht. Man hrt, wie, die Haustr geschlossen wird.)

ROSMER (in der Tr, ruft gedmpft). Rebekka! Re--. Hm. (Laut.) Frau
Hilseth, -- ist Frulein West nicht unten?

FRAU HILSETH (antwortet unten im Vorzimmer). Nein, Herr Pastor, hier ist
sie nicht.

    (Im Hintergrunde werden die Portieren beiseite geschoben. REBEKKA
    wird in der Trffnung sichtbar.)

REBEKKA. Rosmer!

ROSMER (wendet sich). Was! Du warst in meinem Schlafzimmer! Liebste, was
hast du da gemacht?

REBEKKA (geht zu ihm). Ich habe gehorcht.

ROSMER. Aber, Rebekka, wie konntest du das!

REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das ber mein
Hauskleid--

ROSMER. Ah, du warst auch darin, als Kroll--?

REBEKKA. Ja. Ich wollte wissen, was er im Schilde fhrte.

ROSMER. Ich htt es dir erzhlt.

REBEKKA. Du httest mir wohl kaum alles erzhlt. Und gewi nicht mit
seinen eignen Worten.

ROSMER. Hast du denn alles gehrt?

REBEKKA. Das meiste, denk ich. Als Mortensgaard kam, mut ich einen
Augenblick hinunter.

ROSMER. Und dann gingst du wieder hinauf--

REBEKKA. Nimm mirs nicht bel, lieber Freund.

ROSMER. Tu alles, was du fr recht und richtig hltst! Du hast ja deine
volle Freiheit ... Aber was sagst du dazu, Rebekka--? O, mir ist, als
htt ich deiner noch niemals so sehr bedurft wie jetzt!

REBEKKA. Wir waren ja beide darauf vorbereitet, da es doch einmal kommen
mte.

ROSMER. Nein nein, -- hierauf nicht!

REBEKKA. Hierauf nicht?

ROSMER. Wohl hatt ich mir zuweilen gedacht, unser schnes reines
Freundschaftsverhltnis knnte frher oder spter verdchtigt oder
beschmutzt werden. Nicht von Kroll. Von ihm htt ich mir so etwas
niemals denken knnen. Aber von all den vielen mit den rohen Sinnen und
den unedlen Augen. Ach ja, du, -- ich hatte guten Grund dazu, wenn ich
so eiferschtig einen Schleier ber unsern Bund breitete. Es war ein
gefhrliches Geheimnis.

REBEKKA. Ach, warum sich darum kmmern, was all die andern sagen oder
denken! Wir wissens ja doch, da wir frei von Schuld sind.

ROSMER. Ich? Frei von Schuld? Ja, das glaubt ich allerdings -- bis
heute. Aber jetzt, -- jetzt, Rebekka--

REBEKKA. Was ist denn jetzt?

ROSMER. Wie soll ich mir Beatens schreckliche Anklage erklren?

REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht
mehr an Beaten! Endlich war es dir so schn geglckt, von ihr, der Toten
loszukommen--

ROSMER. Seit ich dies erfahren habe, ist mirs, als stnde sie wieder in
unheimlicher Leibhaftigkeit vor mir.

REBEKKA. Ach nein, Rosmer, -- nein, nein! Sprich nicht so!

ROSMER. Doch, doch!... Diesem Geheimnis mssen wir auf den Grund zu
kommen suchen. Wie kann sie sich nur in diesen unheilvollen Irrtum
verstrickt haben?

REBEKKA. Du beginnst doch wohl nicht selbst daran zu zweifeln, da sie
fast wahnsinnig war?

ROSMER. Ach ja, Rebekka, -- das ists grade, wovon ich nicht mehr so ganz
fest berzeugt sein kann. Und zudem, wre sie das auch gewesen--

REBEKKA. Wre sie das auch gewesen--! Ja, was dann?

ROSMER. Ich meine, -- wo sollen wir den entscheidenden Grund dafr
suchen, da ihre krankhafte Gemtsstimmung in Wahnsinn berging?

REBEKKA. Aber wozu denn ber so unlsbaren Rtseln brten!

ROSMER. Ich kann nicht anders, Rebekka. Ich kann diese nagenden Zweifel
nicht von mir abschtteln, so gern ich auch mchte.

REBEKKA. Aber das kann ja gefhrlich werden -- dies ewige Herumkreisen
um diesen einen unglckseligen Gegenstand.

ROSMER (geht unruhig und gedankenvoll umher). Auf die ein oder andre
Weise mu ich mich verraten haben. Sie mu es gemerkt haben, wie
glcklich ich mich zu fhlen anfing seit dem Augenblick, da =du= zu uns
ins Haus kamst.

REBEKKA. Ja aber, Bester, selbst wenn das wirklich der Fall wre--!

ROSMER. Denn siehst du, -- es ist ihr nicht entgangen, da wir dieselben
Bcher lasen. Da wir einander suchten und zusammen sprachen von all den
neuen Dingen. Aber ich begreif es nicht! Denn um sie zu schonen, war ich
so vorsichtig. Wenn ich zurckdenke, kommt es mir vor, als htt ich es
mir zur Lebensaufgabe gemacht, sie von all dem, was uns interessierte,
fern zu halten. Oder tat ich das nicht, Rebekka?

REBEKKA. Ja ja, gewi tatest du das.

ROSMER. Und du auch. Und dennoch--! O, der Gedanke daran ist
schrecklich! Sie ist also hier umhergegangen, -- mit ihrem Herzen voll
krankhafter Liebe, -- schweigend, immer schweigend, -- hat uns
beobachtet, bewacht, -- auf alles geachtet, und -- und alles mideutet!

REBEKKA (ringt die Hnde). O, wr ich doch niemals nach Rosmersholm
gekommen!

ROSMER. Ach, wenn ich das alles bedenke, was sie stumm gelitten hat! All
das hliche, was ihr krankes Hirn aufbaute und mit uns in Verbindung
brachte!... Hat sie niemals mit dir ber etwas gesprochen, das dich auf
eine Art Spur htte bringen knnen?

REBEKKA (wie aufgejagt). Mit mir! Glaubst du, dann wr ich auch nur noch
einen Tag hier geblieben?

ROSMER. Nein nein, das versteht sich!... O, welchen Kampf mu sie
gekmpft haben! Und sie kmpfte allein, Rebekka ... Verzweifelt und ganz
allein ... Und dann zum Schlu dieser erschtternde -- anklagende Sieg
-- im Mhlbach. (Er wirft sich auf den Stuhl am Schreibtisch, sttzt die
Ellbogen auf den Tisch und bedeckt das Gesicht mit den Hnden.)

REBEKKA (nhert sich ihm behutsam von hinten). Nun hre, Rosmer. Wenn es
in deiner Macht stnde, Beate zurckzurufen -- zu dir -- nach
Rosmersholm, -- wrdest du es dann tun?

ROSMER. Ach, was wei ich, was ich tun oder nicht tun wrde! Ich habe
keine Gedanken fr etwas andres als dies eine, -- das unwiderruflich
ist.

REBEKKA. Du solltest nun wieder anfangen zu leben. Ja du hattest schon
angefangen. Du hattest dich vollstndig frei gemacht -- nach allen
Seiten. Dir war so froh und so leicht zu Mut--

ROSMER. Ach ja, du, -- so froh und so leicht ... Und da kommt dieser
zermalmende Schlag.

REBEKKA (hinter ihm, mit den Armen auf der Stuhllehne). Wie schn war
es, wenn wir abends in der Dmmrung unten im Zimmer saen. Und dann
gemeinschaftlich die neuen Lebensplne zurechtlegten. Du wolltest in das
lebendige Leben eingreifen, -- in das lebendige Leben des Tages, -- wie
du sagtest. Wie ein befreiender Gast wolltest du von Haus zu Haus
wandern. Den Geist und den Willen der Menschen fr dich gewinnen.
Adelsmenschen schaffen rings um dich her, -- in weitern, immer weitern
Kreisen. Adelsmenschen.

ROSMER. Frohe Adelsmenschen.

REBEKKA. Ja -- frohe.

ROSMER. Denn die Freude ist es, die die Geister adelt, Rebekka.

REBEKKA. Meinst du -- der Schmerz nicht auch? Der groe Schmerz?

ROSMER. Ja, -- wenn man durch den Schmerz hindurch kommen kann. Darber
hinweg.

REBEKKA. Und =das= mut du.

ROSMER (schttelt traurig den Kopf). Ich werde niemals ganz darber
hinweg kommen. Immer wird ein Zweifel zurckbleiben. Eine Frage. Niemals
werd ich wieder in dem schwelgen knnen, was das Leben so wunderbar
schn macht.

REBEKKA (ber der Stuhllehne, leiser). Und was ist das?

ROSMER (blickt zu ihr auf). Die stille frohe Schuldlosigkeit.

REBEKKA (weicht einen Schritt zurck). Ja. Die Schuldlosigkeit.

    (Kurze Pause.)

ROSMER (mit dem Ellbogen auf dem Tische, sttzt den Kopf in die Hand und
blickt vor sich hin). Und dann, wie sie zu kombinieren verstand. Wie
systematisch sie es zusammenfgte ... Erst beginnt sie Zweifel zu hegen
an meiner Rechtglubigkeit--. Wie sie zu der Zeit =dar=auf verfallen
konnte! Aber sie verfiel darauf. Und dann wuchs es zur Gewiheit. Und
dann, -- ja dann war es ihr ja so leicht, all das andre fr mglich zu
halten. (Richtet sich im Stuhl auf und fhrt sich mit den Hnden durch
das Haar.) O, all diese wilden Phantasien! Niemals werd ich mich von
ihnen befreien. Das fhl ich lebhaft. Das wei ich. Jeden Augenblick
werden sie auf mich einstrmen und mich an die =Tote= erinnern.

REBEKKA. Wie das weie Ro auf Rosmersholm.

ROSMER. In derselben Weise. In der Finsternis dahinsausend. In
nchtlicher Stille.

REBEKKA. Und wegen dieses unseligen Hirngespinstes willst du das
lebendige Leben, das du schon erfat hattest, wieder fahren lassen?

ROSMER. Du hast recht, es ist hart. Hart, Rebekka. Aber es steht nicht
in meiner Macht zu whlen. Wie knnt ich wohl jemals hierber hinweg
kommen!

REBEKKA (hinter dem Stuhl). Dadurch, da du dir neue Verhltnisse
schaffst.

ROSMER (stutzt, blickt auf). Neue Verhltnisse!

REBEKKA. Ja, neue Beziehungen zur Welt da drauen. Leben, schaffen,
handeln. Nicht hier sitzen und grbeln und brten ber unlsbaren
Rtseln.

ROSMER (steht auf). Neue Verhltnisse? (Er geht durch das Zimmer, bleibt
an der Tr stehn und kommt dann zurck.) Da geht mir ein Gedanke durch
den Kopf. Ist dir, Rebekka, dieser Gedanke nicht auch schon gekommen?

REBEKKA (atmet schwer). La mich -- wissen -- was es ist.

ROSMER. Wie, glaubst du, wird nach diesem Tage sich =unser= Verhltnis
gestalten?

REBEKKA. Ich denke, unsre Freundschaft hlt es schon aus -- was auch
kommen mag.

ROSMER. So meint ichs nun grade nicht. Aber das, was uns zuerst zusammen
fhrte, -- und was uns einander so innig vereint, -- unser
gemeinschaftlicher Glaube an eine reine Kameradschaft zwischen Mann und
Weib--

REBEKKA. Ja ja -- nun?

ROSMER. Ich meine, ein solches Verhltnis, -- wie das unsre also, --
eignet sich das nicht vorzugsweise zu einer stillen friedlich-glcklichen
Lebensfhrung--?

REBEKKA. Und dann!

ROSMER. Aber nun ffnet sich mir ein Leben voll Kampf und Unruh und
starker Gemtsbewegungen. Denn ich will mich ausleben, Rebekka! Ich
lasse mich nicht von unheimlichen Mglichkeiten zu Boden schlagen. Ich
lasse mir meinen Lebensweg nicht vorschreiben, weder von Lebenden, noch
von -- sonst jemand.

REBEKKA. Nein nein, -- tu das nicht! Sei ganz und gar ein freier Mann,
Rosmer.

ROSMER. Aber weit du nun, woran ich denke?.. Weit dus nicht? Siehst du
nicht, wie ich am besten all diese nagenden Erinnrungen, -- diese ganze
unglckliche Vergangenheit abschttle?

REBEKKA. Nun!

ROSMER. Dadurch, da ich ihr eine neue, eine lebendige Wirklichkeit
entgegen stelle.

REBEKKA (sucht nach der Stuhllehne). Eine lebendige--? Was meinst du
=da=mit?

ROSMER (nher). Rebekka, -- wenn ich dich nun fragte, -- willst du meine
zweite Frau werden?

REBEKKA (einen Augenblick sprachlos, schreit voll Freude auf). Deine
Frau--! Deine--! Ich!

ROSMER. Gut. Versuchen wir es. Wir beide wollen eins sein. Der Platz der
Toten darf nicht lnger leer bleiben.

REBEKKA. Ich -- an Beatens Stelle--!

ROSMER. Dann verschwindet sie aus meinem Leben. Vollstndig. Fr alle
Ewigkeit.

REBEKKA (leise und bebend). Glaubst du das, Rosmer?

ROSMER. Es mu sein! Es mu! Ich kann und will nicht durchs Leben gehn
mit einer Leiche auf dem Rcken. Hilf mir sie abwerfen, Rebekka. Und
dann la uns alle Erinnrungen ersticken in Freiheit, in Freude, in
Liebe. Du sollst das einzige Weib sein, das je mein war.

REBEKKA (sich beherrschend). Sprich mir nicht wieder davon. Deine Frau
werd ich niemals.

ROSMER. Was! Niemals! Aber glaubst du denn, du wrdest mich nie lieben
knnen? Ist nicht schon in unsrer Freundschaft ein Funken von Liebe!

REBEKKA (hlt sich wie erschreckt die Ohren zu). Rede nicht so, Rosmer!
Sprich solche Worte nicht aus!

ROSMER (fasst sie am Arm). Ja ja, -- es gibt noch eine Mglichkeit fr
uns. O, ich sehs dir an, du fhlst dasselbe! Nicht wahr, Rebekka?

REBEKKA (wieder fest und gefasst). Nun hre. Das sag ich dir, --
bestehst du hierauf, so reis ich ab.

ROSMER. Abreisen! Du! Das kannst du nicht. Das ist unmglich.

REBEKKA. Da ich deine Frau werde, ist noch unmglicher. Das kann ich
nie und nimmer.

ROSMER (sieht sie stutzend an). Du sagst, du =kannst= es nicht. Und das
sagst du so seltsam. Warum kannst dus denn nicht?

REBEKKA (ergreift seine beiden Hnde). Teuerster Freund, -- um deinet-
und meinetwillen, -- frage nicht, warum. (Lsst ihn los). Frage nicht,
Rosmer. (Sie geht nach der Tr links).

ROSMER. Von heut an hab ich keine andre Frage als diese eine: -- warum?

REBEKKA (wendet sich um und sieht ihn an). Dann ist alles aus.

ROSMER. Zwischen dir und mir?

REBEKKA. Ja.

ROSMER. Dahin kommt es nie zwischen uns beiden. Und nie gehst du von
Rosmersholm fort.

REBEKKA (mit der Hand auf der Trklinke). Nein, das werd ich wohl nie.
Aber fragst du mich noch einmal, -- dann ist es trotzdem aus.

ROSMER. Trotzdem aus? Warum denn--?

REBEKKA. Ja. Denn dann geh ich den Weg, den Beate ging. Nun weit dus,
Rosmer.

ROSMER. Rebekka--!

REBEKKA (in der Tr, nickt langsam). Nun weit dus. (Sie geht.)

ROSMER (starrt verblfft und wie in Gedanken verloren nach der
geschlossnen Tr und spricht vor sich hin): Was -- ist -- das?




DRITTER AUFZUG.


    Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Das Fenster und die Tr zum
    Vorzimmer stehen offen. Draussen scheint die Vormittagssonne.

    REBEKKA, wie im ersten Akt gekleidet, steht am Fenster und besprengt
    und ordnet die Blumen. Ihre Hkelei liegt auf dem Lehnstuhl. -- FRAU
    HILSETH geht mit dem Flederwisch in der Hand umher und stubt die
    Mbel ab.

REBEKKA (nach kurzem Schweigen). 'S ist merkwrdig, da der Herr Pastor
heut so lange oben bleibt.

FRAU HILSETH. O, das tut er doch fter. Aber nu kommt er gewi bald
runter.

REBEKKA. Haben Sie ihn gesehn?

FRAU HILSETH. Nur ganz flchtig. Als ich mit den Kaffee rauf kam, ging
er ins Schlafzimmer und zog sich an.

REBEKKA. Ich frage, weil er gestern nicht ganz wohl war.

FRAU HILSETH. Ja, das konnte man ihm ansehn. Auch tt es mich garnicht
wundern, wenn er was mit seinen Schwager gehabt htte.

REBEKKA. Was knnte das wohl sein?

FRAU HILSETH. Kann ich nicht wissen. Vielleicht ist es dieser
Mortensgaard, der die beiden aneinander gehetzt hat.

REBEKKA. Das ist wohl mglich ... Kennen Sie diesen Peter Mortensgaard?

FRAU HILSETH. Ih bewahre. Wie kann Frulein sowas glauben? So einer wie
der!

REBEKKA. Meinen Sie, weil er diese schreckliche Zeitung herausgibt?

FRAU HILSETH. Na, das ists ja nicht allein ... Hat Frulein nicht mal
davon gehrt, da er 'n Kind hat mit 'ner verheirateten Frau, der ihr
Mann davongelaufen war?

REBEKKA. Ich hab davon gehrt. Aber das war wohl lange, eh ich hierher
kam.

FRAU HILSETH. Gott ja, er war dazumal noch ganz jung. Und sie htt auch
verstndiger sein mssen als er. Heiraten wollt er sie ja auch. Aber
dazu kriegt er keine Erlaubnis nicht. Na, und dann hat er schwer dafr
ben mssen ... Aber spter, o, da ist der Mortensgaard wieder obenauf
gekommen! 'S gibt so manche, die =den= Mann aufsuchen.

REBEKKA. Die kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn sie Rat
und Hlfe brauchen.

FRAU HILSETH. O, 's drfte wohl noch andre als blo kleine Leute geben,
die--

REBEKKA (blickt verstohlen nach ihr hin). So?

FRAU HILSETH (am Sofa, stubt und fegt eifrig). Es drften wohl solche
Leute sein, Frulein, von denen mans am wenigsten gedacht htte.

REBEKKA (mit den Blumen beschftigt). Nun, das stellen Sie sich doch
blo so vor, Frau Hilseth. Denn bestimmt wissen knnen Sie sowas doch
nicht.

FRAU HILSETH. So, Frulein meint, ich knnts nicht wissen? Na, ob ichs
wissen kann! Nmlich, -- wenns denn absolut heraus mu, -- ich bin
selber mal mit 'm Brief bei Mortensgaard gewesen.

REBEKKA (wendet sich). Nein, -- wirklich!

FRAU HILSETH. Ja ja, das bin ich. Und dieser Brief -- wissen Sie, wo der
geschrieben war? Auf Rosmersholm!

REBEKKA. Ist das wahr, Frau Hilseth?

FRAU HILSETH. Ganz gewi, Frulein. Und auf feines Papier war er
geschrieben. Und hinten drauf war feiner roter Siegellack.

REBEKKA. Und =Ihnen= ward er anvertraut, um ihn zu besorgen? Ja, liebe
Frau Hilseth, dann ist es ja nicht schwer zu erraten, von wem er war.

FRAU HILSETH. Na?

REBEKKA. Natrlich wars ein Brief, den die arme Frau Rosmer in ihrem
krankhaften Zustande--

FRAU HILSETH. =Das= behauptet Frulein, nicht ich.

REBEKKA. Aber was stand denn in dem Briefe? Nu ja, 's ist wahr, -- das
knnen Sie ja nicht wissen.

FRAU HILSETH. Hm, 's knnte schon sein, da ichs nu doch wissen tte.

REBEKKA. Sagte sie Ihnen denn, was sie geschrieben hatte?

FRAU HILSETH. Nein, das grad nicht. Aber als er, der Mortensgaard, ihn
gelesen hatte, da fing er an mich kreuz und quer auszufragen, so da
ichs schon erraten konnte, was drin stand.

REBEKKA. Und was, glauben Sie, stand darin? Ach, liebe gute Frau
Hilseth, erzhlen Sie mir das doch?

FRAU HILSETH. Nein nein, Frulein. Nicht um alles in der Welt.

REBEKKA. O, mir knnen Sies schon sagen. Wir beiden sind doch so gute
Freunde.

FRAU HILSETH. Gott bewahre mich, Frulein, Ihnen =davon= was zu
erzhlen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen, als da es was
abscheuliches war, was sie der armen kranken Frau in den Kopf gesetzt
hatten.

REBEKKA. Und wer hatte ihr das in den Kopf gesetzt?

FRAU HILSETH. Schlechte Menschen, Frulein West. Schlechte Menschen.

REBEKKA. Schlechte--?

FRAU HILSETH. Ja, ich sags nochmal. Wirklich schlechte Menschen mssens
gewesen sein.

REBEKKA. Und wer, meinen Sie, konnte das gewesen sein.

FRAU HILSETH. O, ich wei schon, was ich wei. Aber Gott behte meine
Zunge ... In der Stadt, da gibts 'ne gewisse feine Dame, die -- hm!

REBEKKA. Ich sehs Ihnen an, Sie meinen Frau Kroll.

FRAU HILSETH. Ja die, das ist eine! Gegen mir war sie immer hochnsig.
Und auf Ihnen hat sie auch nie 'n gutes Auge gehabt.

REBEKKA. Glauben Sie, da Frau Rosmer bei vollem Verstande war, als sie
den Brief an Mortensgaard schrieb?

FRAU HILSETH. Na, mit den Verstand, Frulein, damit ists mannigmal 'ne
wunderliche Sache. Ganz von Sinnen, glaub ich, war sie nicht.

REBEKKA. Aber sie schien doch ganz verstrt, als sie erfuhr, sie knnte
keine Kinder bekommen. Da kam der Wahnsinn zum Ausbruch.

FRAU HILSETH. Ja, das war 'n schrecklicher Schlag fr die arme Frau.

REBEKKA (nimmt ihre Hkelei und setzt sich auf den Stuhl am Fenster).
brigens, glauben Sie nicht auch, Frau Hilseth, es war im Grunde gut fr
den Herrn Pastor?

FRAU HILSETH. Was denn, Frulein?

REBEKKA. Da keine Kinder da waren. Nicht wahr?

FRAU HILSETH. Hm, ich wei nicht recht, was ich dazu sagen soll.

REBEKKA. Sie knnen mir glauben, es war das beste fr ihn. Pastor Rosmer
ist nicht der Mann dazu, Kindergeschrei anzuhren.

FRAU HILSETH. Auf Rosmersholm, Frulein, schreien die kleinen Kinder
nicht.

REBEKKA (sieht sie an). Schreien nicht?

FRAU HILSETH. Nein. Hier auf diesem Hof haben die kleinen Kinder seit
Menschengedenken niemals geschrien.

REBEKKA. Das ist doch merkwrdig.

FRAU HILSETH. Ja, ist das nicht merkwrdig? Aber 's liegt in der
Familie. Und dann ist da noch was merkwrdiges. Wenn sie grsser werden,
lachen sie niemals. Lachen nie, solange sie leben.

REBEKKA. Das wre doch hchst seltsam--

FRAU HILSETH. Hat Frulein den Herrn Pastor auch nur 'n einzigsmal
lachen hren oder sehen?

REBEKKA. Ja, -- wenn ich darber nachdenke, glaub ich fast, Sie haben
recht. Aber mir scheint, hier in der Gegend lachen die Menschen
berhaupt nicht viel.

FRAU HILSETH. Das tun Sie auch nicht. Auf Rosmersholm, sagen die Leute,
fings an. Und dann hat sich auch dies, denk ich mir, immer weiter
verbreitet, wie so 'ne Art Ansteckung.

REBEKKA. Frau Hilseth, Sie sind eine kluge Frau.

FRAU HILSETH. Ach, Frulein mu sich nicht ber mir lustig machen--.
(Lauscht.) St, st, -- da kommt der Herr Pastor runter. Den Flederwisch
mag er hier drin nicht sehn.

    (Sie geht durch die Tr rechts hinaus.)

    (ROSMER kommt mit Hut und Stock in der Hand aus dem Vorzimmer.)

ROSMER. Guten Morgen, Rebekka.

REBEKKA. Guten Morgen, Lieber. (Kurze Pause; sie hkelt.) Willst du
ausgehn?

ROSMER. Ja.

REBEKKA. Das Wetter ist ja so schn.

ROSMER. Heute morgen bist du nicht zu mir herauf gekommen.

REBEKKA. Nein, -- ich bin nicht gekommen. Heute nicht.

ROSMER. Willst du von jetzt an berhaupt nicht mehr kommen?

REBEKKA. O, das wei ich noch nicht.

ROSMER. Ist etwas fr mich angekommen?

REBEKKA. Das Kreisblatt.

ROSMER. Das Kreisblatt--!

REBEKKA. Da liegts auf dem Tische.

ROSMER (legt Hut und Stock fort). Steht etwas drin--?

REBEKKA. Ja.

ROSMER. Und du schickst es mir nicht hinauf--

REBEKKA. Du bekommst es noch frh genug zu lesen.

ROSMER. Ah so. (Nimmt das Blatt und liest, am Tische stehend). -- Was!
-- -- knnen nicht genug vor charakterlosen berlufern warnen--.
(Sieht sie an). Rebekka, sie nennen mich einen berlufer.

REBEKKA. Es ist kein Name genannt.

ROSMER. Das bleibt sich gleich. (Liest weiter). -- heimliche Verrter
an der guten Sache--. -- Judasnaturen, die frech ihren Abfall
bekennen, sobald sie den geeigneten und -- profitabelsten Zeitpunkt
gekommen glauben. Rcksichtsloses Attentat auf den Namen berhmter
Ahnen--. -- in der Erwartung, da die augenblicklichen Machthaber
eine angemessne Belohnung nicht vorenthalten werden. (Legt die Zeitung
auf den Tisch). Und das schreiben sie von mir. Sie, die mich schon so
lange und so genau kennen. Dinge, an die sie selbst nicht glauben.
Dinge, von denen sie wissen, da nicht ein einziges Wort daran wahr ist
... und doch schreiben sie es.

REBEKKA. Es steht noch mehr darin.

ROSMER (nimmt die Zeitung wieder auf). -- die einzige Entschuldigung
ist das schwache, wenig gebte Denkvermgen--. -- verderblicher
Einflu, der sich vielleicht noch auf andre Gebiete erstreckt; vor der
Hand wollen wir den Herrn =des=halb ffentlich weder =be=klagen noch
=an=klagen--. (Sieht sie an). Was ist das?

REBEKKA. Das gilt mir, wie du siehst.

ROSMER (legt die Zeitung fort). Rebekka, -- so handeln nur unehrenhafte
Mnner.

REBEKKA. Ja, ich finde, sie sind Mortensgaard noch ber.

ROSMER (geht auf und ab). Hier =mu= etwas geschehen. Alles was gut ist
in den Menschen, wird erstickt, wenn dies so weitergeht. Aber das soll
es nicht. O, wie froh, -- wie glcklich wrd ich mich fhlen, knnt ich
in diesen Abgrund von Finsternis und Hlichkeit ein wenig Licht
bringen.

REBEKKA (steht auf). Ja, nicht wahr, Rosmer? Das wre fr dich eine
groe herrliche Aufgabe.

ROSMER. Bedenke nur, knnt ich sie zur Selbsterkenntnis aufrtteln. Sie
zur Reue und Scham ber sich selbst bringen. Sie bewegen, Rebekka, sich
einander in Vertrglichkeit und Liebe zu nhern.

REBEKKA. Ja, setz all deine Kraft hierfr ein, und du sollst sehen, du
gewinnst.

ROSMER. Mir scheint, es mu glcken. O, welche Freude es dann sein wrde
zu leben! Kein gehssiger Streit mehr. Nur noch Wettstreit. Alle Augen
auf das eine Ziel gerichtet. Alle Triebe, alle Sinne vorwrts strebend,
-- empor, -- jeder auf seinem eignen naturnotwendigen Wege. Das Glck
aller, -- geschaffen durch alle. (Sieht zufllig durchs Fenster ins
Freie, fhrt zusammen und sagt traurig.) Ach! Nicht durch mich.

REBEKKA. Nicht--? Nicht durch dich?

ROSMER. Und auch nicht =fr= mich.

REBEKKA. O, Rosmer, la solche Zweifel nicht in dir aufkommen!

ROSMER. Glck, -- liebe Rebekka, -- Glck, das ist vor allen Dingen das
stille frohe sichre Bewutsein der Schuldlosigkeit.

REBEKKA (sieht vor sich hin). Ja, das mit der Schuld--.

ROSMER. O, darber kannst =du= kaum urteilen. Aber ich--

REBEKKA. Du am allerwenigsten!

ROSMER (zeigt zum Fenster hinaus). Der Mhlbach!

REBEKKA. O, Rosmer--!

FRAU HILSETH (blickt durch die Tr rechts herein). Frulein!

REBEKKA. Spter, spter. Jetzt nicht.

FRAU HILSETH. Nur auf ein Wort, Frulein.

    (REBEKKA geht nach der Tr. FRAU HILSETH teilt ihr etwas mit. Sie
    sprechen einen Augenblick flsternd zusammen. FRAU HILSETH nickt und
    geht.)

ROSMER (unruhig). Wars etwas fr mich?

REBEKKA. Nein, nur husliche Dinge ... Nun solltest du etwas in die
frische Luft gehen, lieber Rosmer. Einen recht weiten Spaziergang
machen.

ROSMER (nimmt den Hut). Ja, komm. Dann gehn wir zusammen.

REBEKKA. Nein, Lieber, jetzt kann ich nicht. Du mut allein gehn. Aber
schttle nun all diese schweren Gedanken von dir ab. Versprich mir das.

ROSMER. Ich frchte, die kann ich niemals abschtteln.

REBEKKA. O, aber da etwas so grundloses dich mit solcher Macht erfassen
kann--!

ROSMER. Leider, -- so grundlos ist es nicht. Die ganze Nacht hab ich
drber nachgegrbelt. Beate hat vielleicht doch richtig gesehn.

REBEKKA. Worin, meinst du?

ROSMER. Richtig gesehn, als sie glaubte, ich liebte dich, Rebekka.

REBEKKA. Darin richtig gesehn!

ROSMER (legt den Hut auf den Tisch). Mir geht unaufhrlich die Frage im
Kopf herum, ob wir beiden uns nicht whrend der ganzen Zeit selber
getuscht haben, als wir unser Verhltnis Freundschaft nannten.

REBEKKA. Meinst du vielleicht, es konnte ebensogut ein--

ROSMER. -- Liebesverhltnis genannt werden. Ja, Rebekka, das mein ich.
Schon zu Beatens Lebzeiten warst du es, der ich all meine Gedanken gab.
Du allein warst es, nach der mich verlangte. Bei dir nur empfand ich
diese ruhige frohe wunschlose Glckseligkeit. Wenn wirs richtig
bedenken, Rebekka: unser Zusammenleben begann wie eine se heimliche
Kinderverliebtheit. Ohne Verlangen und ohne Trumerei. Sage mir:
empfandest du es auch in solcher Weise?

REBEKKA (kmpft mit sich). O, -- ich wei nicht, was ich dir antworten
soll.

ROSMER. Und dies innre Leben ineinander und fr einander hielten wir fr
Freundschaft. Nein, Rebekka, -- unser Verhltnis war eine geistige Ehe
-- vielleicht gleich von den ersten Tagen an. Darum hab ich mich mit
einer Schuld belastet. Ich hatte kein Recht dazu, -- durfte nicht,
Beatens wegen.

REBEKKA. Du durftest nicht glcklich sein? Glaubst du das, Rosmer?

ROSMER. Sie betrachtete unser Verhltnis mit den Augen =ihrer= Liebe.
Beurteilte es nach =ihrer= Art zu lieben. Natrlich. Beate konnte nicht
anders urteilen.

REBEKKA. Aber wie kannst du =dich= anklagen wegen Beatens Irrtum!

ROSMER. Weil sie mich, -- in =ihrer= Weise, -- liebte, ging sie in den
Mhlbach. =Die= Tatsache, Rebekka, steht fest. Darber komm ich niemals
hinweg.

REBEKKA. Ach, denk doch an weiter nichts als an die groe schne
Aufgabe, fr die du dein Leben eingesetzt hast!

ROSMER (schttelt den Kopf). Die kann wohl nie durchgefhrt werden.
Nicht von mir. Jetzt nicht mehr, nachdem ich dies erfahren habe.

REBEKKA. Warum nicht von dir?

ROSMER. Weil man niemals eine Sache zum Siege fhren kann, die ihren
Ursprung in einem Verbrechen hat.

REBEKKA (leidenschaftlich). O, diese Zweifel, diese Skrupel, diese Angst
-- das sind angeborne Familienfehler! Nach dem Gerede der Leute kehren
hier die Toten zurck als jagende weie Rosse. Ich glaube, dies ist
etwas hnliches.

ROSMER. Mag sein. Aber was ntzt mir das, wenn ich nun einmal nicht
darber hinwegkommen kann? Und glaube mir, Rebekka: es ist so, wie ich
sage. Die Sache, die zum bleibenden Sieg gefhrt werden soll, -- die mu
von einem frohen schuldlosen Manne getragen werden.

REBEKKA. Ist denn =dir=, Rosmer, die Freude ganz und gar unentbehrlich?

ROSMER. Die Freude? Ja, -- das ist sie.

REBEKKA. Dir, der niemals lachen kann?

ROSMER. Trotzdem. Glaube mir, ich hab viel Talent zur Frhlichkeit.

REBEKKA. Jetzt geh, lieber Freund. Weit, -- ganz weit. Hrst du?...
Sieh, hier ist dein Hut. Und hier hast du den Stock.

ROSMER (nimmt Hut und Stock). Danke. Und du gehst nicht mit?

REBEKKA. Nein nein, jetzt ich kann nicht.

ROSMER. Ja, ja. Nun, du weit, du bist trotzdem bei mir.

    (Er geht durch das Vorzimmer hinaus. Kurz darauf lugt REBEKKA hinter
    der offnen Tr her hinaus. Dann geht sie nach der Tr rechts.)

REBEKKA (ffnet und sagt halblaut). So, Frau Hilseth. Nun knnen Sie ihn
hereinlassen.

    (Sie geht nach dem Fenster. Kurz darauf kommt KROLL von rechts. Er
    grsst stumm und gemessen und behlt den Hut in der Hand.)

KROLL. Er ist also ausgegangen?

REBEKKA. Ja.

KROLL. Pflegt er weit zu gehn?

REBEKKA. O ja. Aber heut ist er so unberechenbar. Wenn Sie ihn also
nicht treffen wollen--

KROLL. Nein nein. Ich wnsche nur Sie zu sprechen. Und zwar ganz allein.

REBEKKA. Dann ists am besten, wir nutzen die Zeit aus. Nehmen Sie Platz,
Herr Rektor.

    (Sie setzt sich auf den Lehnstuhl am Fenster. KROLL setzt sich auf
    einen Stuhl neben ihr.)

KROLL. Frulein West, -- Sie knnen sich wohl kaum eine Vorstellung
davon machen, wie tief es mich schmerzt, dieses -- diese Vernderung,
die mit Johannes Rosmer vor sich gegangen ist.

REBEKKA. Wir waren darauf vorbereitet, da es Ihnen sehr zu Herzen gehn
wrde -- das heit im Anfang.

KROLL. Nur im Anfang?

REBEKKA. Rosmer hegte die sichre Hoffnung, frher oder spter wrden Sie
auf seine Seite treten.

KROLL. Ich!

REBEKKA. Sie und all seine andern Freunde.

KROLL. Ja, da sehn Sies! So schwach ist sein Verstand in allem, was die
Menschen und das praktische Leben betrifft.

REBEKKA. brigens, -- wenns ihm nun einmal ein Bedrfnis ist, sich nach
jeder Richtung hin frei zu machen--

KROLL. Ja aber, sehn Sie, -- grade das glaub ich nicht.

REBEKKA. Was glauben Sie denn?

KROLL. Ich glaube: hinter alledem stecken =Sie=.

REBEKKA. Das haben Sie von Ihrer Frau, Herr Rektor.

KROLL. Das ist gleichgltig, woher ichs habe. Aber so viel steht fest:
wenn ich mir alles berlege und mir Ihr ganzes Verhalten zu erklren
suche seit dem Augenblick, da Sie nach Rosmersholm kamen, dann erwacht
in mir ein starker Verdacht, -- ein auerordentlich starker Verdacht.

REBEKKA (sieht ihn an). Ich glaube mich zu erinnern, lieber Rektor, es
gab eine Zeit, da hegten Sie ein auerordentlich starkes =Vertrauen= zu
mir. Ein =warmes= Vertrauen, htt ich bald gesagt.

KROLL (gedmpft). Wen vermochten Sie nicht zu behexen, -- wenn Sies
drauf anlegten?

REBEKKA. Legt ichs denn darauf an, Sie--!

KROLL. Jawohl, das taten Sie. Jetzt bin ich nicht mehr so'n Narr, mir
einzubilden, es sei irgend ein Gefhl mit im Spiel gewesen. Sie wollten
sich einfach hier auf Rosmersholm Eingang verschaffen. Sich hier
festsetzen. Und dabei sollt ich Ihnen behlflich sein. Nun seh ichs.

REBEKKA. Sie haben also vollstndig vergessen, da es Beate war, die
mich bat und anflehte, hierher zu kommen.

KROLL. Ja, als Sie die ebenfalls behext hatten. Oder kann man das
Gefhl, das Beate fr Sie empfand, vielleicht Freundschaft nennen? Es
schlug um in Vergtterung, -- in Anbetung. Es artete aus in, -- wie soll
ichs nennen? -- in eine Art verzweifelter Verliebtheit. Ja, das ist das
richtige Wort.

REBEKKA. Sie wollen sich gtigst erinnern, in welchem Zustand sich Ihre
Schwester befand. Was mich betrifft, so glaub ich nicht, da man mich
der berspanntheit beschuldigen kann.

KROLL. Nein wahrhaftig nicht. Aber desto gefhrlicher werden Sie denen,
die Sie in Ihre Gewalt haben wollen. Es fllt Ihnen so leicht, mit
berlegung und voller richtiger Berechnung zu handeln, -- eben weil Ihr
Herz kalt ist.

REBEKKA. Kalt? Wissen Sie das bestimmt?

KROLL. Jetzt wei ichs ganz bestimmt. Sonst htten Sie hier nicht
jahrelang Ihr Ziel mit so unerschtterlicher Sicherheit verfolgen
knnen. Ja ja, -- Sie haben erreicht, was Sie erreichen wollten. Nicht
blo ihn, -- alles hier haben Sie in Ihre Gewalt bekommen. Aber um dies
alles durchzusetzen, sind Sie nicht davor zurckgeschreckt, ihn
unglcklich zu machen.

REBEKKA. Das ist nicht wahr! Nicht ich, Sie selbst haben ihn unglcklich
gemacht.

KROLL. Ich!

REBEKKA. Ja Sie! -- indem Sie ihm den Wahn in den Kopf setzten, er wre
schuld an Beatens schrecklichem Ende.

KROLL. Ah, es hat ihn also doch gepackt?

REBEKKA. Das knnen Sie sich doch denken. Ein so weiches Gemt--

KROLL. Ich glaubte, ein sogenannter Freigewordner wr ber all solche
Skrupel erhaben ... So also stehts mit uns! Ach ja, -- offen gesagt: das
hab ich erwartet. Der Nachkomme jener Mnner, die von den Wnden dort
auf uns herabschauen, -- es gelingt ihm nicht, sich von all dem
loszureien, was von Geschlecht zu Geschlecht sich auf ihn vererbt hat.

REBEKKA (sieht gedankenvoll vor sich hin). Ja, Johannes Rosmer ist mit
sehr starken Wurzeln an sein Geschlecht gebunden. Das ist wahr.

KROLL. Und darauf htten Sie Rcksicht nehmen mssen, wenn Sie ein Herz
fr ihn gehabt htten. Aber derartige Rcksichten konnten Sie nicht gut
nehmen. Ihre Voraussetzungen sind von den seinen ja so himmelweit
verschieden.

REBEKKA. Welche Voraussetzungen meinen Sie?

KROLL. Ich meine die Voraussetzungen, Frulein West, die sich auf die
Familie, -- die Geburt beziehen.

REBEKKA. Ah so. Ja, das ist wahr, -- ich bin von sehr geringer Herkunft.
Aber trotzdem--

KROLL. Ich spreche nicht von Stand und Stellung. Ich denke an die
sittlichen Voraussetzungen.

REBEKKA. Sittlichen Voraussetzungen--? In welcher Beziehung?

KROLL. Inbezug auf Ihre Geburt.

REBEKKA. Was sagen Sie!

KROLL. Ich sag es ja nur, weil das Ihr ganzes Verhalten erklrt.

REBEKKA. Ich versteh Sie nicht. Ich verlange eine klare offne Erklrung!

KROLL. Ich glaubte wirklich nicht, da Sie noch eine Erklrung
brauchten. Sonst wrs doch seltsam, da Sie sich von Doktor West
adoptieren lieen--

REBEKKA (steht auf). Ah so! Jetzt versteh ich.

KROLL. -- da Sie seinen Namen annahmen. Ihre Mutter hie Gamwik.

REBEKKA (geht im Zimmer umher). Mein Vater hie Gamwik, Herr Rektor.

KROLL. Der Beruf Ihrer Mutter brachte sie naturgem mit dem Kreisarzt
in bestndige Verbindung.

REBEKKA. Da haben Sie recht.

KROLL. Und da nimmt er Sie zu sich, -- gleich nach dem Tode Ihrer
Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen,
da er Ihnen nicht einen einzigen Schilling hinterlassen wird. Sie
bekamen ja auch blo einen Kasten voll Bcher. Und doch halten Sie bei
ihm aus. Haben Geduld mit ihm. Pflegen ihn bis an sein Ende.

REBEKKA (am Tische, sieht ihn hhnisch an). Und da ich dies alles tat,
-- das erklren Sie sich daraus, da an meiner Geburt etwas unsittliches
haftet, -- etwas verbrecherisches!

KROLL. Was Sie fr ihn taten, fhr ich auf einen unbewuten kindlichen
Instinkt zurck. brigens wurde Ihr ganzes Verhalten durch Ihre Herkunft
bestimmt.

REBEKKA (heftig). Aber da ist nicht ein wahres Wort an dem, was Sie da
sagen! Und das kann ich beweisen! Denn Doktor West war noch garnicht in
der Finnmark, als ich geboren wurde.

KROLL. Bitt um Entschuldigung, -- Frulein. Er kam in dem Jahr vorher.
Das hab ich festgestellt.

REBEKKA. Und ich sag Ihnen: Sie irren! Irren vollstndig!

KROLL. Sie sagten gestern, Sie wren neunundzwanzig. Gingen ins
dreiigste.

REBEKKA. So? Sagt ich das?

KROLL. Allerdings. Und danach kann ich berechnen, daߠ--

REBEKKA. Halt! Ihre Berechnungen ntzen Ihnen nichts. Denn ich kanns
Ihnen ja gleich sagen: Ich bin ein Jahr lter als ich mich ausgebe.

KROLL (lchelt unglubig). Wirklich? Das ist was neues. Wie kommt das?

REBEKKA. Als ich fnfundzwanzig erreicht hatte, schien es mir, --
unverheiratet wie ich war, -- ich wrde zu alt. Und so begann ich ein
Jahr abzulgen.

KROLL. Sie? Eine Freigewordne? =Sie= hegen noch Vorurteile inbezug auf
das heiratsfhige Alter?

REBEKKA. Ja, 's war grtzdumm, -- und obendrein lcherlich. Aber dies
und jenes, von dem man sich nicht losmachen kann, bleibt immer an einem
haften. Wir sind nun mal so.

KROLL. Mag sein. Aber die Berechnung kann dennoch stimmen. Denn Doktor
West war ein Jahr vor seiner Anstellung zu einem flchtigen Besuch da
oben in der Finnmark.

REBEKKA (leidenschaftlich). Das ist nicht wahr!

KROLL. Das ist nicht wahr?

REBEKKA. Nein. Denn davon hat mir meine Mutter nie etwas erzhlt.

KROLL. Wirklich nicht?

REBEKKA. Nein, nie. Und Doktor West auch nicht. Nie eine Silbe!

KROLL. Knnte das nicht geschehn sein, weil sie beide Grund hatten ein
Jahr zu berspringen? Grad so wie =Sie= eins bersprungen haben. Das ist
vielleicht ein Familienzug.

REBEKKA (geht umher, presst und ringt die Hnde). Das ist unmglich. Das
wollen Sie mir nur einreden. Das kann nicht wahr sein! Nie und nimmer!
In alle Ewigkeit nicht--!

KROLL (steht auf). Aber mein liebes Frulein, -- warum in Himmels Namen
nehmen Sies in der Weise? Sie erschrecken mich frmlich! Was soll ich da
glauben und denken--!

REBEKKA. Nichts. Sie sollen weder was glauben noch denken.

KROLL. Dann mssen Sie mir aber wirklich erklren, warum Sie diese
Sache, -- diese Mglichkeit sich so zu Herzen nehmen.

REBEKKA (fasst sich). Das ist doch ganz natrlich, Herr Rektor. Ich habe
nicht Lust, hier als ein uneheliches Kind zu gelten.

KROLL. Ah so. Ja ja, beruhigen wir uns, -- vorlufig, -- bei dieser
Erklrung. Aber dann haben Sie sich ja also auch in diesem Punkte noch
ein gewisses -- Vorurteil bewahrt.

REBEKKA. Das scheint so.

KROLL. Na, ich denke, dieselbe Bewandtnis hat es wohl auch mit dem
meisten von dem, was Sie Ihre Befreiung nennen. Sie haben sich einen
ganzen Haufen neuer Gedanken und Meinungen angelesen. Sie wissen
einigermaen Bescheid ber die Forschungen auf verschiednen Gebieten, --
Forschungen, die manches von dem, was bisher bei uns als unumstlich
und unangreifbar galt, umzustoen scheinen. Aber dies alles, Frulein
West, ist bei Ihnen nur bloes Wissen geblieben. Tote Kenntnisse. Es ist
Ihnen nicht in Fleisch und Blut bergegangen.

REBEKKA (nachdenklich). Mglich, da Sie recht haben.

KROLL. Ja, prfen Sie sich nur selbst, dann werden Sie sehn! Und wenn es
so mit Ihnen steht, kann man sich leicht vorstellen, wie es mit Johannes
Rosmer bestellt ist. Es ist ja helle blanke Verrcktheit, -- es heit
schnurstracks ins Verderben rennen, wenn er offen hervortreten und sich
als Abtrnnigen bekennen will! Bedenken Sie, -- er mit diesem scheuen
Gemt! Stellen Sie sich =ihn= vor als verstoen, -- verfolgt von dem
Kreise, dem er bisher angehrt hat. Rcksichtslosen Angriffen ausgesetzt
von den besten unsrer Gesellschaft. Nie und nimmer ist er der Mann, dem
die Stirn zu bieten.

REBEKKA. All dem =mu= er die Stirn bieten! Jetzt ist es fr ihn zu
spt, sich zurckzuziehen.

KROLL. Zu spt? Durchaus nicht. In keiner Beziehung. Was geschehn ist,
kann totgeschwiegen, -- oder doch jedenfalls als eine blo
vorbergehende wenn auch beklagenswerte Verirrung erklrt werden. Aber
-- =eine= Verhaltungsmaregel ist freilich unumgnglich notwendig.

REBEKKA. Und die wre?

KROLL. Frulein West, Sie mssen ihn veranlassen, das Verhltnis zu
legalisieren.

REBEKKA. Das Verhltnis, in dem er zu mir steht?

KROLL. Ja, Sie mssen sehn, da Sie ihn dazu bewegen.

REBEKKA. Sie knnen sich also gar nicht von der Ansicht frei machen,
unser Verhltnis bedrfe der -- Legalisierung, wie Sies nennen?

KROLL. Auf die Sache selbst will ich nicht nher eingehn. Allerdings
aber glaub ich beobachtet zu haben, da man =dort= am leichtesten mit
allen sogenannten Vorurteilen bricht, wo es sich handelt um -- hm.

REBEKKA. Um das Verhltnis zwischen Mann und Weib, meinen Sie?

KROLL. Ja, -- offen gestanden, -- das glaub ich.

REBEKKA (geht durch das Zimmer und blickt zum Fenster hinaus). Rektor
Kroll, beinah htt ich gesagt, -- mchten Sie nur recht haben.

KROLL. Was meinen Sie damit? Sie sagen das in einem so seltsamen Ton.

REBEKKA. Ach was! Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen ... Ah, --
da kommt er.

KROLL. Schon! Dann geh ich.

REBEKKA (auf ihn zugehend). Nein, bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas
erfahren.

KROLL. Jetzt nicht. Ich ertrag es nicht, ihn jetzt zu sehn.

REBEKKA. Bleiben Sie! Ich bitte darum. Bitte Sie dringend. Sonst werden
Sie es spter bereuen. Es ist das letzte Mal, da ich Sie um etwas
bitte.

KROLL (sieht sie verwundert an und legt den Hut fort). Nun gut, Frulein
West. Es mag sein.

    (Eine Weile ist es still. Dann kommt ROSMER aus dem Vorzimmer.)

ROSMER (erblickt den Rektor, bleibt in der Tr stehen). Was! -- =du=
hier!

REBEKKA. Am liebsten wr er dir nicht begegnet, Rosmer.

KROLL (unwillkrlich). Dir!

REBEKKA. Ja, Herr Rektor. Rosmer und ich -- wir duzen uns. Unser
Verhltnis hat das so mit sich gebracht.

KROLL. Wars =das=, was ich erfahren sollte?

REBEKKA. Das und -- noch etwas.

ROSMER (kommt nher). Was ist der Zweck des heutigen Besuches?

KROLL. Ich wollte noch einmal versuchen, dich aufzuhalten und
zurckzugewinnen.

ROSMER (zeigt auf die Zeitung). Nach dem, was =dort= steht?

KROLL. Ich habs nicht geschrieben.

ROSMER. Hast du Schritte getan, es zu verhindern?

KROLL. Das wr ein unverantwortlicher Verrat gewesen an der Sache, der
ich diene. Auch stand es nicht in meiner Macht.

REBEKKA (reisst die Zeitung in Stcke, ballt diese zusammen und wirft
sie hinter den Ofen). So. Nun ists aus den Augen. Und entfern es auch
aus deinen Gedanken. Denn etwas der Art, Rosmer, kommt nicht wieder.

KROLL. Ach ja, brchten Sie =das= fertig--

REBEKKA. Komm, Lieber, setzen wir uns. Alle drei. Dann will ich alles
sagen.

ROSMER (setzt sich unwillkrlich). Rebekka, was ist mit dir vorgegangen!
Diese unheimliche Ruhe--. Was bedeutet das?

REBEKKA. Diese Ruhe bedeutet, da ich einen Entschlu gefat habe.
(Setzt sich.) Nehmen Sie ebenfalls Platz, Herr Rektor.

    (KROLL setzt sich auf das Sofa.)

ROSMER. Einen Entschlu, sagst du! Welchen Entschlu?

REBEKKA. Ich will dir wiedergeben, was du brauchst, um das Leben zu
ertragen. Du sollst deine frohe Schuldlosigkeit zurckerhalten, lieber
Freund.

ROSMER. Aber was hat dies zu bedeuten!

REBEKKA. Ich will nur erzhlen. Weiter ist nichts ntig.

ROSMER. Nun!

REBEKKA. Als ich, -- mit Doktor West, -- aus der Finnmark hierher kam,
da wars mir, als htt eine neue groe weite Welt sich mir aufgetan. Der
Doktor hatte mich mancherlei gelehrt. All das Verschiedenartige, was ich
damals vom Leben und den menschlichen Dingen wute. (Mit sich kmpfend
und kaum hrbar.) Und da--

KROLL. Und da?

ROSMER. Aber Rebekka, -- das wei ich ja doch.

REBEKKA (nimmt sich zusammen). Ja ja, -- darin hast du eigentlich recht.
Du weit =genug= davon.

KROLL (sieht sie fest an). Vielleicht geh ich lieber.

REBEKKA. Nein, Sie sollen bleiben, lieber Rektor. (Zu ROSMER.) Ja,
siehst du, das also war es: ich wollte Anteil haben an der neuen Zeit,
die anbrach. Anteil haben an all den neuen Gedanken... Rektor Kroll
erzhlte mir eines Tages, Ulrich Brendel htte eine groe Macht ber
dich gehabt, als du noch ein Knabe warst. Mir schien, es msse doch
mglich sein, diese Macht an mich zu bringen.

ROSMER. Du kamst mit einer geheimen Absicht hierher--!

REBEKKA. Gemeinsam mit dir wollt ich vorwrts, der Freiheit entgegen
gehn. Immer weiter, immer weiter bis an die Grnze.... Aber zwischen dir
und der vollen Unabhngigkeit erhob sich ja diese finstere
unbersteigliche Mauer.

ROSMER. Welche Mauer meinst du?

REBEKKA. Ich meine, Rosmer: nur im hellen frischen Sonnenschein konntest
du die Freiheit erlangen, und da sah ich dich kranken und hinsiechen in
der Finsternis einer solchen Ehe.

ROSMER. Bis zu dem heutigen Tage hast du in =der= Weise ber meine Ehe
noch nie mit mir gesprochen.

REBEKKA. Nein; ich wagt es nicht; ich htte dich erschreckt.

KROLL (winkt ROSMER). Hrst du!

REBEKKA (fhrt fort). Aber ich sah bald deutlich, wo dir Rettung werden
konnte. Die einzige Rettung. Und da handelte ich.

ROSMER. Du hast gehandelt? In welcher Weise?

KROLL. Wollen Sie damit sagen, Sie--!

REBEKKA. Ja, Rosmer--. (Steht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr
Rektor. Aber nun mu es an den Tag... Du warst es nicht, Rosmer. Du bist
ohne Schuld. Ich war es, die Beate lockte--, die schlielich Beate auf
diese Irrwege lockte--

ROSMER (springt auf). Rebekka!

KROLL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte!

REBEKKA. Auf die Wege, -- die zum Mhlbach fhrten. Nun wit Ihrs, alle
beide.

ROSMER (wie betubt). Aber ich begreife nicht--. Was sagt sie? Ich
begreife kein Wort--!

KROLL. Ach ja, Rosmer. Ich fang an zu begreifen.

ROSMER. Aber was hast du denn getan! Was hast du ihr nur sagen knnen?
Es lag ja nichts vor. Garnichts!

REBEKKA. Sie erfuhr, da du dich von all den alten Vorurteilen zu
befreien suchtest.

ROSMER. Aber das war ja damals noch nicht der Fall.

REBEKKA. Ich wute, da es bald geschehen wrde.

KROLL (nickt ROSMER zu). Aha!

ROSMER. Und dann? Was weiter? Ich will jetzt alles wissen.

REBEKKA. Einige Zeit darauf -- da bat ich sie, mich abreisen zu lassen.

ROSMER. Warum wolltest du denn damals reisen?

REBEKKA. Ich wollte nicht reisen. Ich wollte bleiben, wo ich war. Aber
ich sagt ihr, es wre fr uns alle das beste ... wenn ich bei Zeiten
fortkme. Ich gab ihr zu verstehn, wenn ich noch lnger bliebe, -- so
knnte -- knnte sich -- etwas schlimmes ereignen.

ROSMER. Das also hast du gesagt und getan.

REBEKKA. Ja, Rosmer.

ROSMER. Und das nanntest du handeln.

REBEKKA (mit gebrochener Stimme). Ich nannt es so, ja.

ROSMER (nach kurzem Schweigen). Hast du nun alles bekannt, Rebekka?

REBEKKA. Ja.

KROLL. Nicht alles.

REBEKKA (sieht ihn erschreckt an). Was sollt ich denn sonst noch haben?

KROLL. Gaben Sie schlielich Beate nicht zu verstehn, es wre notwendig,
-- nicht blo das beste, -- sondern notwendig, aus Rcksicht auf Sie und
Rosmer, da Sie anderswohin reisten, -- und zwar so schnell wie mglich?
-- Nun?

REBEKKA (leise und undeutlich). Vielleicht hab ich etwas hnliches
gesagt.

ROSMER (sinkt in den Lehnstuhl am Fenster). Und an dieses Lug- und
Truggewebe hat sie geglaubt, die unglckliche Kranke! Hartnckig und
fest geglaubt! Unerschtterlich! (Sieht REBEKKA an.) Und niemals wendete
sie sich an mich. Niemals auch nur mit einem Worte! O Rebekka, -- ich
sehs dir an, -- du hast ihr davon abgeraten!

REBEKKA. Sie hatte sichs ja in den Kopf gesetzt, sie habe -- als
kinderlose Frau, -- nicht das Recht, hier zu sein. Und so bildete sie
sich ein, ihre Pflicht gegen dich gebiete ihr, Platz zu machen.

ROSMER. Und du, -- du tatest nichts, ihr diese Wahnvorstellung zu
nehmen?

REBEKKA. Nein.

KROLL. Vielleicht bestrkten Sie sie noch darin? Antworten Sie!
Bestrkten Sie sie noch?

REBEKKA. Ich glaube, sie verstand mich ohnehin.

ROSMER. Ja ja, -- und vor deinem Willen beugte sie sich in allem. Und da
machte sie Platz. (Springt auf.) Wie konntest, -- wie konntest du dies
entsetzliche Spiel unternehmen!

REBEKKA. Ich glaubte, Rosmer, hier gelte es, zwischen deinem und ihrem
Leben zu whlen.

KROLL (streng und nachdrcklich). Sie hatten kein Recht, eine solche
Wahl zu treffen.

REBEKKA (heftig). Aber glauben Sie denn, ich htte mit kalter
berechnender berlegung gehandelt! Denken Sie, ich wre damals dieselbe
gewesen wie jetzt, wo ichs Ihnen erzhle?... Und dann wohnen auch, glaub
ich, im Menschen zwei Arten von Willen! Ich wollte Beate fort haben. Auf
die ein oder andre Weise. Aber niemals glaubt ich, da es dahin kommen
wrde. Bei jedem Schritt, den ich versuchte, den ich vorwrts wagte, war
mirs, als schrie etwas in mir: Nicht weiter! Keinen Schritt weiter!...
Und doch =konnt= ich nicht stehn bleiben. Ich =mute= mich noch ein ganz
klein wenig weiter wagen. Nur einen einzigen Schritt. Und dann noch
einen -- immer noch einen ... Und dann kam es ... In der Weise geschehn
solche Dinge.

    (Kurzes Schweigen.)

ROSMER (zu Rebekka). Und was wird jetzt aus dir? Nach diesem Gestndnis?

REBEKKA. Aus mir mag werden was will. Darauf kommt wenig an.

KROLL. Nicht =ein= Wort der Reue! Vielleicht fhlen Sie gar keine?

REBEKKA (kalt abweisend). Entschuldigen Sie, Herr Rektor, -- das ist
eine Sache, die andre nichts angeht. Das mach ich schon mit mir selbst
ab.

KROLL (zu ROSMER). Und mit diesem Weibe lebst du zusammen unter einem
Dache! In vertraulicher Gemeinschaft! (Blickt umher auf die Portrts.)
O, -- wenn diese da jetzt auf uns herabsehn knnten!

ROSMER. Gehst du nach der Stadt?

KROLL (nimmt seinen Hut). Ja. Je eher je lieber.

ROSMER (nimmt ebenfalls seinen Hut). Ich geh mit.

KROLL. Du gehst mit! Ach ja, das wut ich, da wir dich noch nicht ganz
verloren hatten.

ROSMER. So komm, Kroll! Komm!

    (Sie gehn beide durch das Vorzimmer hinaus, ohne Rebekka anzusehn.
    -- Kurz darauf tritt sie vorsichtig ans Fenster und blickt zwischen
    den Blumen hindurch hinaus.)

REBEKKA (spricht halblaut mit sich selbst). Auch heute nicht ber den
Steg. Geht oben herum. Kommt niemals ber den Mhlbach. Niemals. (Geht
vom Fenster weg.) Ja, ja! Wohlan!

    (Sie geht und zieht am Klingelzug. -- Kurz darauf kommt FRAU HILSETH
    von rechts).

FRAU HILSETH. Was wnschen Sie, Frulein?

REBEKKA. Frau Hilseth, sei'n Sie so freundlich und lassen meinen
Reisekoffer vom Boden herunterholen.

FRAU HILSETH. Den Reisekoffer!

REBEKKA. Ja; wissen Sie, den braunen mit Seehundsfell berzognen.

FRAU HILSETH. Jawoll. Aber mein Gott, -- will Frulein denn verreisen?

REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, -- ich verreise.

FRAU HILSETH. Und schon so bald!

REBEKKA. Sobald ich gepackt habe.

FRAU HILSETH. Hat man je sowas gehrt! Aber Frulein kommt doch bald
wieder?

REBEKKA. Ich komme nie wieder.

FRAU HILSETH. Nie! Aber Herr du mein Gott, was soll denn auf Rosmersholm
werden, wenn Frulein West nicht mehr da ist! Der arme Pastor hatte es
nu so schn und angenehm.

REBEKKA. Ja, aber, Frau Hilseth, heut hab ich Angst bekommen.

FRAU HILSETH. Angst! Jesses, -- vor was denn?

REBEKKA. Ja, mir ist, als htt ich ganz flchtig das weie Ro gesehn.

FRAU HILSETH. Das weie Ro! Mitten am hellichten Tage!

REBEKKA. O, die sind frh und spt auf den Beinen, -- die weien Rosse
von Rosmersholm. (Schlgt einen andern Ton an.) Nun, -- also den
Reisekoffer, Frau Hilseth.

FRAU HILSETH. Jawoll. Den Reisekoffer.

    (Sie gehn beide rechts hinaus.)




VIERTER AUFZUG.


    Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Es ist spt am Abend. Die mit einem
    Schirm versehene Lampe steht angezndet auf dem Tische.

    REBEKKA steht am Tische und packt verschiedene kleine Gegenstnde in
    eine Reisetasche. Ihr Mantel und ihr Hut sowie der gehkelte
    Wollshawl hngen ber der Sofalehne. -- FRAU HILSETH kommt von
    rechts.

FRAU HILSETH (spricht gedmpft und scheint zurckhaltend). Ja, Frulein,
nu sind also die Sachen alle 'rausgetragen. Sie stehn im Kchengang.

REBEKKA. Gut. Und dem Kutscher haben Sie doch Bescheid gesagt?

FRAU HILSETH. Jawoll. Er fragt, wann er mit den Wagen hier sein soll.

REBEKKA. Ich denke, so gegen elf. Der Dampfer geht um Mitternacht ab.

FRAU HILSETH (etwas zgernd). Aber der Herr Pastor? Wenn der nu bis
dahin noch nicht zurck ist?

REBEKKA. Dann reis ich trotzdem. Sollt ich ihn nicht mehr sehn, knnen
Sie ihm sagen, ich wrd ihm schreiben. Einen langen Brief. Sagen Sie
das.

FRAU HILSETH. Ja, das ist nu alles gut und schn -- das mit dem
Schreiben. Aber, armes Frulein, -- meine Meinung ist nun die, Sie
sollten versuchen noch mal mit ihm zu reden.

REBEKKA. Vielleicht. Oder vielleicht doch lieber nicht.

FRAU HILSETH. Nein, -- da ich sowas erleben mu, -- das htt ich mein
Lebtag nicht gedacht!

REBEKKA. Was hatten Sie sich denn gedacht, Frau Hilseth?

FRAU HILSETH. Na, ich hatte mir Pastor Rosmer doch 'n bichen reeller
vorgestellt.

REBEKKA. Reeller?

FRAU HILSETH. Ja ja, reeller; jawoll!

REBEKKA. Aber liebe Frau Hilseth, was meinen Sie damit?

FRAU HILSETH. Ich, Frulein, meine, was recht und billig ist. Auf =die=
Art und Weise mut er sich nicht los und ledig machen; auf die nicht.

REBEKKA (sieht sie an). Nun hren Sie mal, Frau Hilseth. Sagen Sie mir
offen und ehrlich, -- warum, meinen Sie, reis ich weg?

FRAU HILSETH. Herrgott, Frulein, das ist ja doch wohl 'n Mssen! Ach
ja, ja, ja! Aber meine Meinung ist nun die, schn ist das nicht vom
Herrn Pastor. Der Mortensgaard, na der war ja entschuldigt. Nmlich sie
hatte ja noch ihren Mann am Leben. Also =die= beiden, die konnten sich
nicht heiraten, so gern sie auch mochten. Aber der Herr Pastor, sehn
Sie, der -- hm!

REBEKKA (mit schwachem Lcheln). Htten Sie sich von Pastor Rosmer und
mir sowas denken knnen?

FRAU HILSETH. Mein Lebtag nicht. Ja, ich meine, -- bis heute nicht.

REBEKKA. Also von heut an--?

FRAU HILSETH. Na, -- nach all den Schlechtigkeiten, die, wie die Leute
sagen, vom Herrn Pastor in die Zeitungen stehn sollen--

REBEKKA. Aha!

FRAU HILSETH. Denn meine Meinung ist nun die: dem Mann, der zu dem
Mortensgaard seine Reljohn bertreten kann, dem ist wei Gott alles
zuzutrauen.

REBEKKA. Ach ja, das mag schon sein. Aber ich? Was sagen Sie von mir?

FRAU HILSETH. Du lieber Gott, Frulein, -- was wr denn gegen Ihnen gro
zu sagen! Fr 'ne Alleinstehende, denk ich mir, ists nicht so leicht,
Stand zu halten... Wir sind ja doch alle Menschen, Frulein West, --
alle mit 'nander.

REBEKKA. Sehr wahr, Frau Hilseth. Wir sind alle miteinander Menschen. --
Wonach horchen Sie?

FRAU HILSETH (leise). O Jesses, -- ich glaub, da kommt er grad!

REBEKKA (fhrt zusammen). Also doch--! (Bestimmt.) Nun ja. Es sei.

    (ROSMER kommt aus dem Vorzimmer.)

ROSMER (erblickt das Reisezeug, wendet sich an REBEKKA und fragt). Was
hat das zu bedeuten?

REBEKKA. Ich reise.

ROSMER. Auf der Stelle?

REBEKKA. Ja. (Zu FRAU HILSETH.) Also elf Uhr.

FRAU HILSETH. Jawoll, Frulein; jawoll. (Sie geht rechts hinaus.)

ROSMER (nach kurzem Schweigen). Wo reisest du hin, Rebekka?

REBEKKA. Nach dem Norden, mit dem Dampfer.

ROSMER. Nach dem Norden? Was willst du dort?

REBEKKA. Von da bin ich ja hergekommen.

ROSMER. Aber jetzt hast du da nichts mehr zu schaffen.

REBEKKA. Hier unten auch nicht.

ROSMER Was gedenkst du denn anzufangen?

REBEKKA. Das wei ich noch nicht. Ich will nur sehen, der Sache ein Ende
zu machen.

ROSMER. Ein Ende zu machen?

REBEKKA. Rosmersholm hat mich gebrochen.

ROSMER (wird aufmerksam). Das behauptest du?

REBEKKA. Geknickt und gebrochen ... Als ich hierher kam, hatt ich einen
so frischen und mutigen Willen. Jetzt hab ich mich unter ein fremdes
Gesetz gebeugt ... Von nun an, das fhl ich, hab ich zu nichts, zu gar
nichts mehr Mut.

ROSMER. Warum denn nicht? Und was ist das fr ein Gesetz, unter das
du--?

REBEKKA. Rosmer, davon wollen wir heut lieber nicht sprechen ... Wie
steht es jetzt mit dir und dem Rektor?

ROSMER. Wir haben Frieden geschlossen.

REBEKKA. Ah so. Damit also hat die Sache geendet.

ROSMER. Er lie all unsre alten Freunde zu sich kommen. Sie haben mich
berzeugt, da ich fr eine solche Mission, -- die Geister der Menschen
zu adeln, -- ganz und gar nicht geschaffen bin ... Und brigens,
Rebekka, ist das auch an und fr sich etwas so Hoffnungloses ... Ich
befasse mich nicht damit.

REBEKKA. Ja ja, -- das wird wohl das beste sein.

ROSMER. Das sagst du jetzt! Ist das =jetzt= deine Ansicht?

REBEKKA. Ja, zu dieser Ansicht bin ich gekommen. In den letzten paar
Tagen.

ROSMER. Rebekka, du lgst!

REBEKKA. Ich lge--!

ROSMER. Ja, du lgst. Du hast nie an mich geglaubt. Niemals hast du
geglaubt, ich sei der Mann, diese Sache siegreich durchzukmpfen.

REBEKKA. Ich glaubte, wir beide zusammen wrden sie zum Siege fhren.

ROSMER. Das ist nicht wahr. Du glaubtest selber etwas groes im Leben
vollbringen zu knnen. Und mich glaubtest du als Werkzeug fr deine
Absichten, deine Zwecke gebrauchen zu knnen. Dazu war ich geeignet.
=Das= hast du geglaubt!

REBEKKA. Nun hr mich an, Rosmer.

ROSMER (setzt sich traurig aufs Sofa). Ach la mich! Jetzt seh ich der
ganzen Sache auf den Grund. Ich war wie ein Handschuh in deinen Hnden.

REBEKKA. Rosmer, hr mich an. Sprechen wir uns hierber aus. Es ist das
letzte Mal. (Sie setzt sich auf einen Stuhl neben dem Sofa.) Ich hatte
die Absicht, dir ber all das zu schreiben, -- nach meiner Rckkehr in
die Finnmark. Aber es ist wohl das beste, ich sag es dir jetzt gleich.

ROSMER. Hast du mir noch ein Gestndnis zu machen?

REBEKKA. Ja, das grte!

ROSMER. Das grte?

REBEKKA. Das, was du nie geahnt hast. Was allem andern Licht und
Schatten gibt.

ROSMER (schttelt den Kopf). Ich versteh dich gar nicht.

REBEKKA. Es ist wahr, ich hab einmal meine Netze ausgeworfen, um hier
auf Rosmersholm Einla zu erhalten. Denn ich glaubte, hier wrd ich wohl
mein Glck machen. Du begreifst -- auf die ein oder andre Weise.

ROSMER. Und was du erreichen wolltest, hast du erreicht.

REBEKKA. Ich glaube, damals htt ich alles erreicht. Denn da hatt ich
noch meinen ungebndigten freigebornen Willen. Rcksichten kannt ich
nicht. Menschliche Verhltnisse schreckten mich nicht... Aber dann
begann das, was meinen Willen gebrochen und mich Zeit meines Lebens so
jmmerlich feig gemacht hat.

ROSMER. Was begann? Rede so, da ich dich verstehn kann.

REBEKKA. Da kam es ber mich -- dies wilde unbezwingliche Verlangen--!
O Rosmer--!

ROSMER. Verlangen? Du hattest--! Wonach?

REBEKKA. Nach dir.

ROSMER (will aufspringen). Was sagst du!

REBEKKA (hlt ihn zurck). Bleib sitzen, Liebster. Hr weiter.

ROSMER. Und du willst behaupten -- du httest mich geliebt -- in der
Weise!

REBEKKA. Damals glaubt ich, es mte Liebe genannt werden. Und ich hielt
es auch fr Liebe. Aber es war keine. Es war so, wie ich sagte. Ein
wildes unbezwingliches Verlangen.

ROSMER (mit Mhe). Rebekka, -- bist du es selbst, -- bist du es wirklich
selbst, von der du dies alles erzhlst!

REBEKKA. Ja, was meinst du denn, Rosmer!

ROSMER. Also darum, -- von dieser Leidenschaft gestachelt, -- hast du
=gehandelt=, wie dus nennst.

REBEKKA. Es kam ber mich wie ein Sturm am Meere. Wie einer jener
Orkane, wie wir sie zur Winterzeit da oben im Norden haben. Er packt
einen, -- und reit einen mit fort, -- so weit er will. An Widerstand
kein Gedanke.

ROSMER. Und dieser Sturm fegte die unglckliche Beate hinab in den
Mhlbach.

REBEKKA. Ja, denn zu der Zeit wars zwischen Beate und mir ein Kampf auf
Leben und Tod, -- wie wenn auf einem Wrack zwei Schiffbrchige
miteinander ringen.

ROSMER. Und du warst ja die strkste auf Rosmersholm. Strker als Beate
und ich zusammen.

REBEKKA. Dich kannt ich gengend, um zu wissen: kein Weg fhrte zu dir,
solange du unfrei warst in deinen Verhltnissen -- und in deinem Denken.

ROSMER. Aber ich begreife dich nicht, Rebekka. Du, -- du selbst, -- dein
ganzes Verhalten -- alles ist mir ein unlsbares Rtsel. Jetzt bin ich
ja frei, -- in meinem Denken und in meinen Verhltnissen. Du stehst nun
nah an dem Ziel, das du dir von Anfang an gesetzt hattest. Und
dennoch--!

REBEKKA. Nie war ich dem Ziel ferner als jetzt.

ROSMER. -- und dennoch, sag ich, -- als ich dich gestern fragte, -- dich
bat: werde mein Weib, -- da schriest du wie erschreckt auf: mein Weib
knntest du niemals werden!

REBEKKA. Rosmer, da schrie ich in Verzweiflung auf.

ROSMER. Warum?

REBEKKA. Weil Rosmersholm mich gelhmt hat. Meinem kraftvollen Willen
sind hier die Schwungfedern beschnitten. Und gebrochen! Fr mich ist die
Zeit dahin, wo ich den Mut hatte, alles, alles zu wagen. Rosmer, ich
habe die Kraft zum Handeln verloren.

ROSMER. Sage mir, wie das gekommen ist.

REBEKKA. Durch mein Zusammenleben mit dir.

ROSMER. Aber wie? Wie denn?

REBEKKA. Als ich hier allein mit dir war, -- und als du wieder du selbst
geworden--

ROSMER. Ja, ja?

REBEKKA. -- denn niemals warst du ganz du selbst, solange Beate lebte--

ROSMER. Leider, darin hast du recht.

REBEKKA. Aber als ich dann hier zusammen mit dir lebte, -- in der
Stille, -- in der Einsamkeit, -- als du mir rckhaltlos all deine
Gedanken gabst, -- jede Stimmung, so zart und so fein wie du selbst sie
empfandest -- da vollzog sich die groe Wandlung. Du begreifst: ganz
allmhlich. Fast unmerklich, -- aber zuletzt mit =so= berwltigender
Macht--! Bis auf den innersten Grund meiner Seele.

ROSMER. O, Rebekka, was ist das!

REBEKKA. All das andre, -- jenes hliche sinnenberauschende Verlangen,
das entrckte mir so weit, so weit! All diese emprten Mchte beruhigten
sich, wurden friedlich und stumm. Eine Gemtsruhe kam ber mich, -- eine
Stille, wie bei uns da oben auf einem Vogelberg unter der
Mitternachtssonne.

ROSMER. Sage mir noch mehr. Alles, was du zu sagen hast.

REBEKKA. Es ist nicht viel mehr, Lieber. Nur dies eine noch, da dann
die Liebe kam. Jene groe entsagende Liebe, die sich mit dem
Zusammenleben begngt; derart, wie es zwischen uns beiden war.

ROSMER. O, htt ich von alldem nur die leiseste Ahnung gehabt!

REBEKKA. Wie es ist, so ist es am besten. Gestern, -- als du mich
fragtest, ob ich dein Weib werden wollte, -- da jubelt es in mir auf--

ROSMER. Ja, nicht wahr, Rebekka! So glaubt auch ich es zu verstehn.

REBEKKA. Einen Augenblick, ja. In meiner Selbstvergessenheit. Denn es
war mein alter stolzer Wille, der nach Freiheit rang. Aber jetzt hat er
keine Schwungkraft mehr, -- keine Ausdauer.

ROSMER. Wie erklrst du dir das, was mit dir geschehen ist?

REBEKKA. Es ist die Lebensanschauung der Rosmers, -- oder doch
jedenfalls =deine= Lebensanschauung, -- die hat meinen Willen
angesteckt.

ROSMER. Angesteckt?

REBEKKA. Und krank gemacht. Unter Gesetze gebeugt, die fr mich frher
keine Geltung hatten. Rosmer, -- das Zusammenleben mit dir hat meine
Seele geadelt.

ROSMER. O, wenn ich das glauben knnte!

REBEKKA. Du kannst es getrost glauben. Die Lebensanschauung der Rosmers
adelt. Aber -- (schttelt den Kopf) -- aber, -- aber--

ROSMER. Aber? Nun?

REBEKKA. -- aber, Rosmer, sie ttet das Glck.

ROSMER. Rebekka, das behauptest du!

REBEKKA. Jedenfalls mein Glck.

ROSMER. Aber weit du das so gewi? Wenn ich dich jetzt noch einmal
fragte--? Dich flehentlich bte--?

REBEKKA. O, Liebster -- komm nie wieder darauf zurck. Es ist unmglich!
Denn du mut wissen, Rosmer, ich habe -- eine Vergangenheit!

ROSMER. Noch etwas andres als du mir erzhlt hast?

REBEKKA. Ja. Andres und mehr.

ROSMER (mit schwachem Lcheln). Du, Rebekka, ist es nicht seltsam? Denke
dir, eine Ahnung von so etwas ging mir bisweilen flchtig durch den
Sinn.

REBEKKA. Wirklich! Und dennoch--? Trotzdem--?

ROSMER. Ich hab nie daran geglaubt. Nur damit gespielt, -- verstehst du,
so in Gedanken.

REBEKKA. Wenn dus verlangst, will ich dir auch dies gleich erzhlen.

ROSMER (abwehrend). Nein nein! Nicht ein Wort will ich hren. Was es
auch sei, -- ich kann vergessen.

REBEKKA. Aber ich nicht.

ROSMER. O, Rebekka--!

REBEKKA. Ja Rosmer, -- das ist das Furchtbare an meinem Schicksal:
jetzt, wo alles Erdenglck mir mit vollen Hnden geboten wird, -- jetzt
bin ich so verwandelt, da meine eigne Vergangenheit es mir versagt.

ROSMER. Deine Vergangenheit, Rebekka, ist tot. Sie hat keine Macht mehr
ber dich, -- keine Beziehung mehr zu dir, -- so wie du =jetzt= bist.

REBEKKA. Ach, lieber Freund, das sind nur leere Worte. Und die
Schuldlosigkeit? Wo nehm ich =die= her?

ROSMER (traurig). Ja ja, -- die Schuldlosigkeit.

REBEKKA. Die Schuldlosigkeit, ja. Die gewhrt das Glck und die Freude.
Das war ja die Lehre, die du all diesen zuknftigen frhlichen
Adelsmenschen einpflanzen wolltest--

ROSMER. O, erinnre mich nicht daran. Rebekka, das war nur ein
nebelhafter Traum. Eine voreilige Idee, an die ich selbst nicht mehr
glaube .. Die Menschen, liebe Freundin, lassen sich nicht von auen her
adeln.

REBEKKA (leise). Meinst du, auch nicht durch stille Liebe?

ROSMER (gedankenvoll). Ja, das wre das Groe. Ich glaube, wohl das
Herrlichste im ganzen Leben ... Wenn es so wre. (Rckt unruhig hin und
her.) Aber wie soll ich mit dieser Frage ins reine kommen? Wie sie
lsen?

REBEKKA. Glaubst du mir nicht, Rosmer?

ROSMER. Ach Rebekka, -- wie kann ich rckhaltlos an dich glauben? An
dich, die du hier so auerordentlich viel verdeckt und verheimlicht
hast!... Und nun kommst du mit diesem Neuen. Steckt eine Absicht
dahinter, so sage frei heraus, was es ist. Wnschest du vielleicht dies
oder jenes zu erlangen? Von Herzen gern will ich alles fr dich tun, was
in meiner Macht steht.

REBEKKA (ringt die Hnde). O diese grausamen Zweifel--! Rosmer, --
Rosmer--!

ROSMER. Ja, Rebekka, ist das nicht furchtbar? Aber ich kann es nicht
ndern. Niemals wird es mir gelingen, mich von den Zweifeln zu befreien.
Niemals werd ich die volle Gewiheit haben, ob du mit ganzer reiner
Liebe mein bist.

REBEKKA. Aber ist denn nichts in deiner eignen Brust, das dir bezeugt,
welche Wandlung mit mir geschehen ist! Und da diese Wandlung durch
dich, -- nur durch dich geschehen ist!

ROSMER. Ach, Rebekka, an meine Fhigkeit, Menschen umzuwandeln, glaub
ich nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an mich selbst; in keiner
Beziehung. Ich glaube weder an dich noch an mich.

REBEKKA (sieht ihn finster an). Wie willst du da das Leben noch lnger
ertragen?

ROSMER. Ja, das wei ich nicht. Das wei ich selbst nicht. Und ich glaub
auch nicht, da ichs noch zu ertragen vermag ... Und nichts, nichts wei
ich auf der ganzen Welt, was mir das Leben lebenswert machen knnte.

REBEKKA. O, das Leben erneuert uns mit jedem Tage. La uns daran
festhalten, Rosmer ... Wir verlassen es noch frh genug.

ROSMER (springt unruhig auf). Dann gib mir meinen Glauben wieder! Den
Glauben an dich, Rebekka! Den Glauben an deine Liebe! Beweise! Beweise
will ich haben!

REBEKKA. Beweise? Wie kann ich dir Beweise geben--!

ROSMER. Du =mut=! (Geht umher.) Ich ertrage sie nicht, diese de, --
diese frchterliche Leere, -- diese, -- diese--

    (Es wird heftig an die Vorzimmertr geklopft.)

REBEKKA (fhrt vom Stuhl auf). Ha, -- hrst du!

    (Die Tr geht auf. BRENDEL kommt herein. Er hat ein Oberhemd,
    schwarzen berzieher und gute Stiefel an. Die Beinkleider stecken in
    den Stiefeln. Im brigen ist er wie das vorige Mal gekleidet. Er
    sieht verstrt aus.)

ROSMER. Ah, Sie sind es, Herr Brendel!

BRENDEL. Johannes, mein Junge, -- ich gre dich, -- leb wohl!

ROSMER. Wo wollen Sie noch so spt hin?

BRENDEL. Bergab.

ROSMER. Wie--?

BRENDEL. Jetzt geh ich heimwrts, mein geliebter Jnger. Hab Heimweh
bekommen nach dem groen Nichts.

ROSMER. Es ist Ihnen etwas widerfahren, Herr Brendel! Was ists?

BRENDEL. Ah, du hast die Verwandlung bemerkt? Na, -- wundert mich nicht.
Als ich zum letzten Mal diese Hallen betrat, -- da stand ich als reicher
Mann vor dir und klopfte mir stolz auf die Brust.

ROSMER. Wieso! Ich versteh nicht recht--

BRENDEL. Aber so wie du mich heute nacht siehst, bin ich ein entthronter
Knig, sitzend auf den Trmmern meines niedergebrannten Schlosses.

ROSMER. Wenn ich Ihnen in irgend einer Weise helfen kann--

BRENDEL. Du hast dir dein Kindergemt bewahrt, Johannes. Kannst du mir
ein Darlehn gewhren?

ROSMER. Jawohl, von Herzen gern!

BRENDEL. Kannst du ein paar Ideale entbehren?

ROSMER. Was sagen Sie?

BRENDEL. Ein paar abgelegte Ideale. Dann tust du ein gutes Werk. Denn
nun bin ich blank, mein guter Junge. Gesiebt und gebeutelt.

REBEKKA. Haben Sie Ihre Vortrge nicht gehalten?

BRENDEL. Nein, meine verlockende Dame. Denken Sie: just da ich parat
stehe mein Fllhorn auszuschtten, mach ich die schmerzhafte Entdeckung,
da ich bankrott bin.

REBEKKA. Aber all Ihre ungeschriebnen Werke?

BRENDEL. Fnfundzwanzig Jahr hab ich da gesessen wie der Geizhals auf
seiner verschlossnen Geldkiste. Und da gestern abend, -- als ich ffne
und den Schatz hervorholen will, -- ist keiner drin! Der Zahn der Zeit
hatte ihn zu Staub zernagt. Von der ganzen Herrlichkeit war nichts brig
geblieben, -- assolutamente niente.

ROSMER. Aber wissen Sie das auch ganz bestimmt?

BRENDEL. Fr Zweifel, mein Liebling, ist hier kein Raum mehr. Der
Prsident hat mich davon berzeugt.

ROSMER. Der Prsident?

BRENDEL. Na, meinetwegen -- Seine Exzellenz. Tant qu'il vous plara.

ROSMER. Aber wen meinen Sie denn?

BRENDEL. Peter Mortensgaard natrlich.

ROSMER. Was!

BRENDEL (geheimnisvoll). Pst, pst, pst! Peter Mortensgaard ist der Herr
und Huptling der Zukunft. Niemals stand ich vor eines Grern
Angesicht. Peter Mortensgaard besitzt die Gabe der Allmacht. Er kann
alles, was er will.

ROSMER. Ach glauben Sie doch das nicht.

BRENDEL. Doch, mein Junge! Denn Peter Mortensgaard will niemals mehr als
er kann. Peter Mortensgaard ist kapabel, das Leben ohne Ideale zu leben.
Und das, -- siehst du, -- =das= ist das groe Geheimnis des Handelns und
des Erfolges. Das ist auf diesem Erdball die Summe aller Weltweisheit.
Basta!

ROSMER (leise). Jetzt begreif ich, da Sie rmer von hier fortgehn als
Sie kamen.

BRENDEL. Bien! Nimm dir also ein Exempel an deinem alten Lehrer. Lsch
alles aus, was er dir einst eingeprgt hat. Baue dein Schlo nicht auf
Flugsand. Und sieh dich vor, -- und untersuche erst deine Fahrstrae, --
eh du auf dies anmutreiche Wesen baust, das dir hier das Leben verst.

REBEKKA. Meinen Sie mich?

BRENDEL. Jawohl, verlockendes Meerweib.

REBEKKA. Warum sollt auf mich nicht zu bauen sein?

BRENDEL (kommt einen Schritt nher). Mir ist die Mitteilung geworden,
da mein ehmaliger Jnger eine Lebensaufgabe zum Siege fhren will.

REBEKKA. Nun -- und?

BRENDEL. Der Sieg ist ihm sicher. Aber, -- wohlgemerkt, -- unter einer
unerllichen Bedingung.

REBEKKA. Und die wre?

BRENDEL (fasst sie zart am Handgelenk). Da die Frau, die ihn liebt,
frhlich in die Kche geht und ihren feinen rosaweien kleinen Finger
abhackt, -- =hier=, -- just hier am Mittelglied. Item, da bemeldetes
liebendes Weib -- wiederum frhlich -- sich dies so unvergleichlich
geformte linke Ohr abschneidet. (Lsst sie los und wendet sich zu
ROSMER). Leb wohl, Johannes der Siegreiche.

ROSMER. Sie wollen jetzt fort? In der finstern Nacht?

BRENDEL. Die finstre Nacht -- das ist noch mein bester Freund. Friede
sei mit euch.

    (Er geht. -- Eine Weile ist es still im Zimmer.)

REBEKKA (atmet schwer auf). Ach, wie dumpf und schwl es hier ist! (Sie
geht ans Fenster, ffnet es und bleibt dort stehen.)

ROSMER (setzt sich in den Lehnstuhl am Ofen). Es bleibt uns wohl nichts
andres brig, Rebekka. Ich sehs. Du =mut= reisen.

REBEKKA. Ja, ich habe keine andre Wahl.

ROSMER. Ntzen wir die letzten Augenblicke. Komm, setz dich hier zu mir.

REBEKKA (geht hin und setzt sich aufs Sofa). Was wnschest du von mir,
Rosmer?

ROSMER. Zunchst mcht ich dir sagen, da du um deine Zukunft nicht
besorgt zu sein brauchst.

REBEKKA (lchelt). Hm. =Meine= Zukunft.

ROSMER. Ich hab an alle Mglichkeiten gedacht. Schon lange. Was auch
kommen mag, fr dich ist gesorgt.

REBEKKA. Auch das, du guter Mann.

ROSMER. Das httest du dir doch selbst sagen knnen.

REBEKKA. Seit Jahr und Tag hab ich an so etwas nicht mehr gedacht.

ROSMER. Ja ja -- du meintest wohl, es knnte nie anders zwischen uns
werden als es war.

REBEKKA. Ja, das glaubt ich.

ROSMER. Ich auch. Aber wenn ich nun fortginge--

REBEKKA. Ach, Rosmer, -- du wirst lnger leben als ich.

ROSMER. ber dies erbrmliche Leben darf ich doch wohl selbst verfgen.

REBEKKA. Was bedeutet das! Du denkst doch nicht daran--!

ROSMER. Scheint dir das so seltsam? Nach der schmachvollen jmmerlichen
Niederlage, die ich erlitten habe! Ich, der ich meine Lebensaufgabe zum
Siege fhren wollte--. Und nun hab ich die Flucht ergriffen, -- noch
bevor die Schlacht ordentlich begonnen hatte!

REBEKKA. Rosmer, nimm den Kampf wieder auf! Versuchs nur, -- und du
sollst sehn, du siegst! Hunderte, -- Tausende von Geistern wirst du
adeln. Versuch es nur!

ROSMER. Ach, Rebekka, -- ich, der ich nicht mehr an meine eigne
Lebensaufgabe glaube.

REBEKKA. Aber deine Sache hat ja schon die Probe bestanden. =Einen=
Menschen hast du jedenfalls geadelt. Mich ... fr mein ganzes brige
Leben.

ROSMER. O -- wenn ich dir das glauben drfte!

REBEKKA (presst die Hnde zusammen). Ach, Rosmer, -- gibt es denn
nichts, -- garnichts, was dich davon berzeugen knnte?

ROSMER (fhrt wie von Angst ergriffen zusammen). Hr auf! Rebekka, rhre
nicht mehr daran! Kein Wort mehr!

REBEKKA. Ja, grade hiervon mssen wir sprechen. Weit du etwas, das den
Zweifel ersticken knnte? =Ich= wei nichts.

ROSMER. Es ist fr dich am besten so, da du nichts weit ... Am besten
so fr uns beide.

REBEKKA. Nein nein nein, -- damit geb ich mich nicht zufrieden! Weit du
etwas, das mich in deinen Augen freispricht, so fordre ich als mein
Recht, da dus nennst.

ROSMER (wie unwillkrlich, gegen seinen eignen Willen gezwungen zu
sprechen). Dann la uns sehen ... Du sagst, du httest die groe Liebe.
Durch mich sei dein ganzes Wesen geadelt. Ist das wahr? Ist deine
Rechnung richtig, Rebekka? Sollen wir die Probe auf das Exempel machen?
Ja?

REBEKKA. Ich bin bereit.

ROSMER. Jederzeit?

REBEKKA. Wann du willst. Je eher je lieber.

ROSMER. Wohlan, Rebekka, -- beweise mir, -- ob du, -- um meinetwillen,
-- noch heut abend--. (Bricht ab.) Ach nein, nein nein!

REBEKKA. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn!

ROSMER. Hast du den Mut, -- bist du bereit, -- frhlich, wie Ulrich
Brendel sagte, -- um meinetwillen, noch in dieser Nacht, -- frhlich, --
denselben Weg zu gehn, -- den Beate ging?

REBEKKA (erhebt sich langsam vom Sofa und sagt fast unhrbar).
Rosmer--!

ROSMER. Ja, Rebekka, -- das ist die Frage, die mir ewig durch den Kopf
gehn wird, -- wenn du abgereist bist. Zu jeder Stund und Minute wird sie
sich einstellen. O, mir ist, als seh ich dich leibhaftig vor mir. Du
stehst drauen auf dem Steg. Grad in der Mitte. Nun beugst du dich bers
Gelnder! Ein Schwindel packt dich, es zieht dich hinab in die
rauschende Flut! Nein. Du weichst zurck. Wagst nicht, -- was =sie=
wagte.

REBEKKA. Aber wenn ich nun doch diesen Mut htte? Und den frhlichen
Willen? Was dann?

ROSMER. Dann mt ich dir wohl glauben. Dann mt ich wohl den Glauben
an meine Lebensaufgabe wiedergewinnen. Den Glauben an meine Fhigkeit,
die Herzen der Menschen zu adeln. Den Glauben, da die Menschenherzen
adelsfhig sind.

REBEKKA (nimmt langsam ihren Schal, schlgt ihn ber den Kopf und sagt
mit Ruhe). Du sollst deinen Glauben wieder haben.

ROSMER. Rebekka, du hast den Mut und den Willen -- zu diesem Schritt?

REBEKKA. Darber magst du dir morgen ein Urteil bilden, -- oder spter,
-- wenn sie mich aufgefunden haben.

ROSMER (fasst sich an die Stirn). Ha! Welch verlockendes Grauen packt
mich--!

REBEKKA. Denn ich mchte nicht gern da unten liegen bleiben. Nicht
lnger als notwendig ist. Es mu dafr gesorgt werden, da sie mich
finden.

ROSMER (springt auf). Aber dies alles, -- das ist ja Wahnsinn! Reise, --
oder bleib! Ich will dir auch diesmal auf dein bloes Wort glauben.

REBEKKA. Redensarten, Rosmer. Du, jetzt nicht wieder Feigheit und
Flucht! Wie kannst du fortan mir je wieder auf mein bloes Wort hin
glauben?

ROSMER. Aber, Rebekka, ich will deine Niederlage nicht sehen!

REBEKKA. Es wird keine Niederlage.

ROSMER. Doch, doch! Niemals wirst dus ber dich bringen, Beatens Weg zu
gehen.

REBEKKA. Das glaubst du?

ROSMER. Niemals. Du bist nicht wie Beate. Du stehst nicht unter der
Herrschaft einer verpfuschten Lebensanschauung.

REBEKKA. Aber ich befinde mich jetzt in der Gewalt der Rosmerschen
Lebensanschauung. Was ich verbrochen, -- das mu ich shnen.

ROSMER (sieht sie fest an). Stehst du auf =dem= Standpunkt!

REBEKKA. Ja.

ROSMER (entschlossen). Nun gut. Dann, Rebekka, steh ich unter der
Herrschaft unsrer freiern Lebensanschauung. ber uns gibt es keinen
Richter. Und deshalb mssen wir uns selber richten.

REBEKKA (missdeutet seine Worte). Auch das. Auch das. Mein Fortgehen
wird das Beste in dir retten.

ROSMER. Ach, an mir ist nichts mehr zu retten.

REBEKKA. Doch. Aber ich, -- fortan wrd ich nur noch einem Meergespenst
gleichen, das das Schiff, auf dem du dahinsegeln sollst, in seinem Lauf
hemmte. Ich mu ber Bord. Oder soll ich vielleicht hier oben auf der
Welt bleiben und mein verkrppeltes Leben noch weiter hinschleppen? Ewig
brten und grbeln ber das Glck, um das meine Vergangenheit mich
betrogen hat? Ich, Rosmer, mu das Spiel aufgeben.

ROSMER. Wenn du gehst, -- dann geh ich mit--.

REBEKKA (lchelt fast unmerklich, sieht ihn an und sagt leiser): Ja,
Lieber, komm mit -- und sei Zeuge--

ROSMER. Ich geh mit dir, sag ich.

REBEKKA. Bis zum Steg, ja. Ihn zu =betreten= getraust du dich ja nicht.

ROSMER. Hast du das bemerkt?

REBEKKA (traurig und gebrochen). Ja ... Das wars, was meine Liebe
hoffnungslos machte.

ROSMER. Rebekka, -- nun leg ich meine Hand auf dein Haupt. (Tut es.) Und
traue dich mir an als mein Weib.

REBEKKA (ergreift seine beiden Hnde und neigt den Kopf an seine Brust).
Dank, Rosmer, Dank. (Lsst ihn los.) Und nun geh ich -- frhlich.

ROSMER. Mann und Weib gehen gemeinsam.

REBEKKA. Nur bis zum Steg, Rosmer.

ROSMER. Auch =auf= den Steg. So weit du gehst, -- so weit geh ich mit.
Denn jetzt getrau ich mich.

REBEKKA. Bist du berzeugt, unerschtterlich fest berzeugt, -- da
dieser Weg fr dich der beste ist?

ROSMER. Ich wei, es ist der einzige.

REBEKKA. Wenn du dich darin irrtest? Wenn es nur eine Sinnestuschung
wre? Eins von diesen weien Rossen auf Rosmersholm.

ROSMER. Mag sein. Denn diesen entgehn wir ja doch nicht, -- wir hier auf
dem Hofe.

REBEKKA. So bleib, Rosmer!

ROSMER. Der Mann mu seinem Weibe folgen, wie das Weib dem Manne.

REBEKKA. Ja, =das= sage mir erst. Folgst du mir? Oder folg ich dir?

ROSMER. Das werden wir nie ganz ergrnden.

REBEKKA. Ich mcht es doch gern wissen.

ROSMER. Wir folgen einander, Rebekka. Ich dir, und du mir.

REBEKKA. Das glaub ich fast auch.

ROSMER. Denn nun sind wir beiden =eins=.

ROSMER. Ja. Nun sind wir =eins=. Komm! Wir gehn frhlich.

    (Sie gehen Hand in Hand durch das Vorzimmer hinaus. Man sieht, dass
    sie sich nach links wenden. Die Tr bleibt hinter ihnen offen. --
    Das Zimmer bleibt eine kleine Weile leer. Dann wird die Tr rechts
    von FRAU HILSETH geffnet.)

FRAU HILSETH. Frulein, -- nu ist der Wagen--. (Sieht sich um.) Nicht
hier? Um diese Zeit zusammen aus? Na, sowas, -- da mu ich doch
sagen--! Hm! (Geht ins Vorzimmer, sieht sich um und kommt wieder
herein.) Auch nicht auf der Bank. Ach nein, nein. (Tritt ans Fenster und
blickt hinaus.) Jesus Christus! Das Weie dort--! -- Ja, wahr und
wahrhaftig, stehn beide auf dem Steg! O, die sndigen Menschen! Gott
verzeih ihnen! Schlingen die Arm um 'nander! (Schreit laut auf.) Ha! --
hinab -- alle beide! Hinab in die Flut! Hlfe! Hlfe! (Die Knie
schlottern ihr, sie hlt sich zitternd an der Stuhllehne fest und vermag
die Worte kaum hervorzubringen.) Nein. Da ist keine Rettung mglich ...
Die selige Frau hat sie geholt.

                   *       *       *       *       *

Schiemann & Co, G.M.B.H., Zittau.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  Und Rebek -- Frulein West und ich wir haben beide das Bewutsein, da
  Und Rebek -- Frulein West und ich, wir haben beide das Bewutsein, da

  KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, lieben Freunde, was in aller
  KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller

  BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKROR zu und hlt ihm
  BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hlt ihm

  =zwingen=, zu uns zurckzukehreu.
  =zwingen=, zu uns zurckzukehren.

  KROLL. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!
  ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!

  MORTENSGAARD. Darf ich im Leuchtturm erzhlen, da Sie jetzt andre
  MORTENSGAARD. Darf ich im Leuchtturm erzhlen, da Sie jetzt andre

  Geistesrichtung wrde schwer darunter su leiden haben ... Leben Sie
  Geistesrichtung wrde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie

  die groe Neuigkeit in den Leuchturm.
  die groe Neuigkeit in den Leuchtturm.

  REBEKKA. Ja, ich habs getan, Er sagte das so boshaft, -- das ber mein
  REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das ber mein

  REBEKKA (leidensehaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht
  REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht

  KROLL (steht auf). Aber mein liebes Frulein, -- warum ins Himmels Namen
  KROLL (steht auf). Aber mein liebes Frulein, -- warum in Himmels Namen

  REBEKKA. Ja, Rosmer--. (Sieht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr
  REBEKKA. Ja, Rosmer--. (Steht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr

  KROKL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte!
  KROLL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte!

  REBEKKA, Ja.
  REBEKKA. Ja.

  REBEKKA. All das andre, -- jenes hliche sinnnenberauschende Verlangen,
  REBEKKA. All das andre, -- jenes hliche sinnenberauschende Verlangen,

  ROSEMR. Wie--?
  ROSMER. Wie--?

  ROSMER. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn!
  REBEKKA. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn!

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End of the Project Gutenberg EBook of Rosmersholm, by Henrik Ibsen

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*** START: FULL LICENSE ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
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with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
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