The Project Gutenberg EBook of Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken, by 
Sigmund Freud

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Title: Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken
       ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden
       und der Neurotiker III

Author: Sigmund Freud

Release Date: August 14, 2011 [EBook #37070]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT ***




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  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift fr Anwendung der
    Psychoanalyse auf die GeisteswissenschaftenII (1913). S.1-21.

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
    Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert.
  ]




ber einige bereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
Neurotiker.

Von SIGM. FREUD.

III.

Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken.




1.


Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der
Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, da
sie dem Leser von beiden zu wenig bieten mssen. Sie beschrnken sich
darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne
Vorschlge, die er bei seiner Arbeit in Erwgung ziehen soll. Dieser
Mangel wird sich aufs uerste fhlbar machen in einem Aufsatz, welcher
das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln will(1).

  (1) Die geforderte Zusammendrngung des Stoffes bringt auch den
  Verzicht auf eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle
  stehe der Hinweis auf die bekannten Werke von Herbert _Spencer_, J.G.
  _Frazer_, A. _Lang_, E.B. _Tylor_ und W. _Wundt_, aus denen alle
  Behauptungen ber Animismus und Magie entnommen sind. Die
  Selbstndigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm
  getroffenen Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben.

Animismus im engeren Sinne heit die Lehre von den Seelenvorstellungen,
im weiteren die von geistigen Wesen berhaupt. Man unterscheidet noch
Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden
Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name
Animismus, frher fr ein bestimmtes philosophisches System verwendet,
scheint seine gegenwrtige Bedeutung durch E.B. _Tylor_ erhalten zu
haben(2).

  (2) E.B. _Tylor_, Primitive Culture. I.Bd., p.425, 4.Aufl., 1903.
  -- W. _Wundt_, Mythus und Religion, II.Bd., p.173, 1906.

Was zur Aufstellung dieser Namen Anla gegeben hat, ist die Einsicht in
die hchst merkwrdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten
primitiven Vlker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden.
Diese bevlkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen
wohlwollend oder belgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und
Dmonen die Verursachung der Naturvorgnge zu und halten nicht nur die
Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten Dinge der Welt fr durch
sie belebt. Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stck dieser
primitiven Naturphilosophie erscheint uns weit weniger auffllig, weil
wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, whrend wir doch
die Existenz der Geister sehr eingeschrnkt haben und die Naturvorgnge
heute durch die Annahme unpersnlicher physikalischer Krfte erklren.
Die Primitiven glauben nmlich an eine hnliche Beseelung auch der
menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen,
welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern
knnen; diese Seelen sind die Trger der geistigen Ttigkeiten und bis
zu einem gewissen Grad von den Leibern unabhngig. Ursprnglich wurden
die Seelen als sehr hnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe
einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu
einem hohen Grad von Vergeistigung abgestreift(3).

  (3) _Wundt_, l.c., IV.Kapitel Die Seelenvorstellungen.

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, da diese
Seelenvorstellungen der ursprngliche Kern des animistischen Systems
sind, da die Geister nur selbstndig gewordenen Seelen entsprechen, und
da auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den
Menschenseelen gebildet wurden.

Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentmlich dualistischen
Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht?
Man meint, durch die Beobachtung der Phnomene des Schlafes (mit dem
Traum) und des ihm so hnlichen Todes, und durch die Bemhung, sich
diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zustnde zu erklren. Vor allem
mte das Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden
sein. Fr den Primitiven wre die Fortdauer des Lebens -- die
Unsterblichkeit -- das Selbstverstndliche. Die Vorstellung des Todes
ist etwas spt und nur zgernd Rezipiertes, sie ist ja auch fr uns noch
inhaltsleer und unvollziehbar. ber den Anteil, den andere Beobachtungen
und Erfahrungen an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt
haben mgen, ber Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u.dgl., haben
sehr lebhafte, zu keinem Abschlu gelangte Diskussionen
stattgefunden(4).

  (4) Vgl. auer bei _Wundt_ und H. _Spencer_ die orientierenden Artikel
  der Encyclopedia Britannica 1911 (Animism, Mythology usw.).

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phnomene mit der
Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte
der Auenwelt bertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus
natrlich und weiter nicht rtselhaft beurteilt. _Wundt_ uert
angesichts der Tatsache, da sich die nmlichen animistischen
Vorstellungen bei den verschiedensten Vlkern und zu allen Zeiten
bereinstimmend gezeigt haben, dieselben seien das notwendige
psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewutseins und der
primitive Animismus drfe als der geistige Ausdruck des _menschlichen
Naturzustandes_ gelten, insoweit dieser berhaupt fr unsere Beobachtung
erreichbar ist(5). Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat
bereits _Hume_ in seiner Natural History of Religion gegeben, indem er
schrieb: There is an universal tendency among mankind to conceive all
beings like themselves and to transfer to every object those qualities
with which they are familiarly acquainted and of which they are
intimately conscious(6).

  (5) l.c., p.154.

  (6) Bei _Tylor_, Primitive Culture, I.Bd., p.477.

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklrung eines
einzelnen Phnomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen
einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die Menschheit
hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei
groe Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die
animistische (mythologische), die religise und die wissenschaftliche.
Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die
folgerichtigste und erschpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos
erklrt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine
psychologische Theorie. Es geht ber unsere Absicht hinaus zu zeigen,
wie viel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder
entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage
unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.

Es greift auf jene Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurck, wenn
gesagt wird, da der Animismus selbst noch keine Religion ist, aber die
Vorbedingungen enthlt, auf denen sich spter die Religionen aufbauen.
Es ist auch augenfllig, da der Mythus auf animistischen
Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und
Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungeklrt.




2.


Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. -- Man
darf nicht annehmen, da die Menschen sich aus reiner spekulativer
Wibegierde zur Schpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben.
Das praktische Bedrfnis, sich der Welt zu bemchtigen, mu seinen
Anteil an dieser Bemhung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu
erfahren, da mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand
geht, eine Anweisung, wie man verfahren msse, um der Menschen, Tiere
und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung,
welche unter dem Namen _Zauberei_ und _Magie_ bekannt ist, will S.
_Reinach_(7) die Strategie des Animismus heien; ich wrde es vorziehen,
sie mit _Hubert_ und _Mau_ der Technik zu vergleichen(8).

  (7) Cultes, Mythes et Religions, T.II, Introduction, p.XV, 1909.

  (8) Anne sociologique, VII.Bd., 1904.

Kann man Zauberei und Magie begrifflich voneinander trennen? Es ist
mglich, wenn man sich mit einiger Eigenmchtigkeit ber die
Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zauberei
im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man sie
behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man
sie beschwichtigt, vershnt, sich geneigt macht, sie einschchtert,
ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben
Mittel, die man fr lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist
aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie
bedient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen
Methodik. Wir werden leicht erraten, da die Magie das ursprnglichere
und bedeutsamere Stck der animistischen Technik ist, denn unter den
Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch
magische(9), und die Magie findet ihre Anwendung auch in Fllen, wo die
Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgefhrt worden ist.

  (9) Wenn man einen Geist durch Lrm und Geschrei verscheucht, so ist
  dies eine rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man
  sich seines Namens bemchtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht.

Die Magie mu den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Naturvorgnge
dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und
Gefahren schtzen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu schdigen.
Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht --
oder vielmehr das Prinzip der Magie -- ist so augenfllig, da es von
allen Autoren erkannt werden mute. Man kann es am knappsten, wenn man
von dem beigefgten Werturteil absieht, mit den Worten E.B. _Tylors_
ausdrcken: mistaking an ideal connexion for a real one. An zwei
Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter erlutern.

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden,
besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Material zu
machen. Auf die hnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man kann auch
irgendein Objekt zu seinem Bild ernennen. Was man dann diesem Ebenbild
antut, das stt auch dem gehaten Urbild zu, an welcher Krperstelle
man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das letztere. Man kann
dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst privater Feindseligkeit
auch in den der Frmmigkeit stellen und so Gttern gegen bse Dmonen zu
Hilfe kommen. Ich zitiere nach _Frazer_(10): Jede Nacht, wenn der
Sonnengott Ra (im alten gypten) zu seinem Heim im glhenden Westen
herabstieg, hatte er einen bitteren Kampf gegen eine Schar von Dmonen
zu bestehen, die ihn unter der Fhrung des Erzfeindes Apepi berfielen.
Er kmpfte mit ihnen die ganze Nacht und hufig waren die Mchte der
Finsternis stark genug, noch des Tages dunkle Wolken an den blauen
Himmel zu senden, die seine Kraft schwchten und sein Licht abhielten.
Um dem Gotte beizustehen, wurde in seinem Tempel zu Theben tglich
folgende Zeremonie aufgefhrt: Es wurde aus Wachs ein Bild seines
Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines scheulichen Krokodils oder
einer langgeringelten Schlange und der Name des Dmons mit grner Tinte
darauf geschrieben. In ein Papyrusgehuse gehllt, auf dem eine hnliche
Zeichnung angebracht war, wurde dann diese Figur mit schwarzem Haar
umwickelt, vom Priester angespuckt, mit einem Steinmesser bearbeitet und
auf den Boden geworfen. Dann trat er mit seinem linken Fu auf sie und
endlich verbrannte er sie in einem von gewissen Pflanzen genhrten
Feuer. Nachdem Apepi in solcher Weise beseitigt worden war, geschah mit
allen Dmonen seines Gefolges das nmliche. Dieser Gottesdienst, bei dem
gewisse Reden hergesagt werden muten, wurde nicht nur morgens, mittags
und abends wiederholt, sondern auch jederzeit dazwischen, wenn ein Sturm
wtete, wenn ein heftiger Regengu niederging oder schwarze Wolken die
Sonnenscheibe am Himmel verdeckten. Die bsen Feinde versprten die
Zchtigung, die ihren Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst
erlitten htten; sie flohen und der Sonnengott triumphierte von
neuem.(11)

  (10) The magic art. II, p.67.

  (11) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu
  machen, entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden
  Kunst, sondern sollte der von der hebrischen Religion verpnten Magie
  ein Werkzeug entziehen. _Frazer_, l.c., p.87, Note.

Aus der unbersehbaren Flle hnlich begrndeter magischer Handlungen
will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven Vlkern
jederzeit eine groe Rolle gespielt haben und zum Teil im Mythus und
Kultus hherer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, nmlich die
Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen
auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn
erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man
regnen spielen wollte. Die japanischen Ainos z.B. machen Regen in der
Weise, da ein Teil von ihnen Wasser aus groen Sieben ausgiet, whrend
ein anderer eine groe Schssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob
sie ein Schiff wre, und sie so um Dorf und Grten herumzieht. Die
Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische Weise,
indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehres
zeigte. So pflegen -- ein Beispiel anstatt unendlich vieler -- in
manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblte Bauer und
Buerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel,
das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen(12). Dagegen
frchtete man von verpnten inzestusen Geschlechtsbeziehungen, da sie
Miwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen wrden(13).

  (12) The magic art. II, p.98.

  (13) Davon ein Nachklang im Knig Oedipus des Sophokles.

Auch gewisse negative Vorschriften -- magische Vorsichten also -- sind
dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines
Dayakdorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so drfen die
Zurckgebliebenen unterdes weder l noch Wasser mit ihren Hnden
berhren; sonst wrden die Jger weiche Finger bekommen und die Beute
aus ihren Hnden schlpfen lassen(14). Oder, wenn ein Gilyakjger im
Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten,
Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald
knnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so
da der Jger den Weg nach Hause nicht findet(15).

  (14) The magic art. I, p.120.

  (15) l.c., p.122.

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer
Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als
selbstverstndlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verstndnis
dieser Eigentmlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten.

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das
Wirksame betrachtet wird. Es ist die _hnlichkeit_ zwischen der
vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. _Frazer_ nennt darum
diese Art der Magie _imitative_ oder _homopathische_. Wenn ich will,
da es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regnen aussieht
oder an Regnen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwicklung
wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittgnge zu einem
Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen
anflehen. Endlich wird man auch diese religise Technik aufgeben und
dafr versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosphre Regen
erzeugt werden kann.

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das Prinzip der
hnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafr ein anderes, welches sich aus
den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird.

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen Verfahrens
bedienen. Man bemchtigt sich seiner Haare, Ngel, Abfallstoffe oder
selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen Dingen etwas
Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als htte man sich der Person
selbst bemchtigt, und was man den von der Person herrhrenden Dingen
angetan hat, mu ihr selbst widerfahren. Zu den wesentlichen
Bestandteilen einer Persnlichkeit gehrt nach der Anschauung der
Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer Person oder eines
Geistes wei, hat man eine gewisse Macht ber den Trger des Namens
erworben. Daher die merkwrdigen Vorsichten und Beschrnkungen im
Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz ber das Tabu gestreift worden
sind(16). Die hnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt
durch _Zusammengehrigkeit_.

  (16) Imago, I, p.317 undff.

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung in
hnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt
des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften
an, welche dieser Person angehrt haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten
und Beschrnkungen der Dit unter besonderen Umstnden. Eine Frau wird
in der Graviditt vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genieen,
weil deren unerwnschte Eigenschaften, z.B. die Feigheit, so auf das
von ihr genhrte Kind bergehen knnten. Es macht fr die magische
Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits
aufgehobener ist, oder wenn er berhaupt nur in einmaliger,
bedeutungsvoller Berhrung bestand. So ist z.B. der Glaube an ein
magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe
verknpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unverndert durch
Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens
bemchtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgfltig
an einem khlen Ort verwahren, um so die Entzndung der Wunde
niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so
wird er gewi in nchster Nhe eines Feuers aufgehngt werden, damit die
Wunde nur ja recht entzndet werde und brenne. _Plinius_ rt in seiner
Nat. Hist.XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu haben,
solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat;
der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. _Francis Bacon_
erwhnt in seiner Natural History den allgemein giltigen Glauben, da
das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde
selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept
handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, das
Instrument von da an sorgfltig rein halten, damit die Wunde nicht in
Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtet eine lokale
englische Wochenschrift, stie sich eine Frau namens Matilda Henry in
Norwich zufllig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde
untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hie sie
ihre Tochter den Nagel gut einlen, in der Erwartung, da ihr dann
nichts geschehen knne. Sie selbst starb einige Tage spter an
Wundstarrkrampf(17), infolge dieser verschobenen Antisepsis.

  (17) _Frazer_, The magic art. I, p.201-203.

Die Beispiele der letzteren Gruppe erlutern, was _Frazer_ als
_kontagise_ Magie von der _imitativen_ sondert. Was in ihnen als
wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die hnlichkeit, sondern der
Zusammenhang im Raum, die _Kontiguitt_, wenigstens die vorgestellte
Kontiguitt, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber hnlichkeit
und Kontiguitt die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorgnge
sind, stellt sich als Erklrung fr all die Tollheit der
magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation
heraus. Man sieht, wie zutreffend sich _Tylors_ oben zitierte
Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal connexion
for a real one, oder wie es fast gleichlautend _Frazer_ ausgedrckt hat:
men mistook the order of their ideas for the order of nature, and hence
imagined that the control which they have, or seem to have, over their
thoughts, permitted them to exercise a corresponding control over
things.(18)

  (18) The magic art. I, p.420ff.

Es wird dann zunchst befremdend wirken, da diese einleuchtende
Erklrung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen
werden konnte(19). Bei nherer berlegung mu man aber dem Einwand Recht
geben, da die Assoziationstheorie der Magie blo die Wege aufklrt,
welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, nmlich
nicht das Miverstndnis, welches sie psychologische Gesetze an die
Stelle natrlicher setzen heit. Es bedarf hier offenbar eines
dynamischen Moments, aber whrend die Suche nach einem solchen die
Kritiker der _Frazer_schen Lehre in die Irre fhrt, wird es leicht, eine
befriedigende Aufklrung der Magie zu geben, wenn man nur die
Assoziationstheorie derselben weiterfhren und vertiefen will.

  (19) Vgl. den Artikel _Magic_ (N.W.T.) in der 11.Auflage der
  Encyclopedia Britannica.

Betrachten wir zunchst den einfacheren und bedeutsameren Fall der
imitativen Magie. Nach _Frazer_ kann diese allein gebt werden, whrend
die kontagise Magie in der Regel die imitative voraussetzt(20). Die
Motive, welche zur Ausbung der Magie drngen, sind leicht zu erkennen,
es sind die Wnsche des Menschen. Wir brauchen nun blo anzunehmen, da
der primitive Mensch ein groartiges Zutrauen zur Macht seiner Wnsche
hat. Im Grund mu all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur
darum geschehen, weil er es will. So ist anfnglich blo sein Wunsch das
Betonte.

  (20) l.c., p.54.

Fr das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen
befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfhig ist, haben wir an
anderer Stelle die Annahme vertreten, da es seine Wnsche zunchst
wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende
Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane
herstellen lt(21). Fr den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein
anderer Weg. An seinem Wunsch hngt ein motorischer Impuls, der Wille,
und dieser -- der spter im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz
der Erde verndern wird -- wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung
darzustellen, so da man sie gleichsam durch motorische Halluzination
erleben kann. Eine solche _Darstellung_ des befriedigten Wunsches ist
dem _Spiele_ der Kinder vllig vergleichbar, welches bei diesen die rein
sensorische Technik der Befriedigung ablst. Wenn Spiel und imitative
Darstellung dem Kinde und dem Primitiven gengen, so ist dies nicht ein
Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge
Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verstndliche Folge
der berwiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abhngigen Willens
und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der
psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren
Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an
diesen Mitteln erst wird ihm die berschtzung seiner psychischen Akte
evident. Nun hat es den Anschein, als wre es nichts anderes als die
magische Handlung, die kraft ihrer hnlichkeit mit dem Gewnschten
dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens gibt
es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu erweisen,
wohl aber auf spteren, wenn alle solche Prozeduren noch gepflegt
werden, aber das psychische Phnomen des Zweifels als Ausdruck einer
Verdrngungsneigung bereits mglich ist. Dann werden die Menschen
zugeben, da die Beschwrungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht
der Glaube an sie dabei ist, und da auch die Zauberkraft des Gebets
versagt, wenn keine Frmmigkeit dahinter wirkt(22).

  (21) Formulierungen ber die zwei Prinzipien des psychischen
  Geschehens. Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, III.Bd., 1912, p.2.

  (22) Der Knig in _Hamlet_ (III, 4.): My words fly up, my thoughts
  remain below; Words without thoughts never to heaven go.

Die Mglichkeit einer auf der Kontiguittsassoziation beruhenden
kontagisen Magie wird uns dann zeigen, da sich die psychische
Wertschtzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte,
die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt
eine allgemeine berschtzung der seelischen Vorgnge, d.h. eine
Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die
Beziehung von Realitt und Denken als solche berschtzung des letzteren
erscheinen mu. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurck; was
mit den letzteren vorgenommen wird, mu sich auch an den ersteren
ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen,
werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine
Entfernungen kennt, das rumlich Entlegenste wie das zeitlich
Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewutseinsakt zusammenbringt,
wird auch die magische Welt sich telepathisch ber die rumliche Distanz
hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang wie gegenwrtigen behandeln.
Das Spiegelbild der Innenwelt mu im animistischen Zeitalter jenes
andere Weltbild, das wir zu erkennen glauben, unsichtbar machen.

Heben wir brigens hervor, da die beiden Prinzipien der Assoziation --
hnlichkeit und Kontiguitt -- in der hheren Einheit der _Berhrung_
zusammentreffen. Kontiguittsassoziation ist Berhrung im direkten,
hnlichkeitsassoziation solche im bertragenen Sinne. Eine von uns noch
nicht erfate Identitt im psychischen Vorgang wird wohl durch den
Gebrauch des nmlichen Wortes fr beide Arten der Verknpfung verbrgt.
Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berhrung, der sich bei der Analyse
des Tabu herausstellte(23).

  (23) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe, Imago, I.

Zusammenfassend knnen wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie,
die Technik der animistischen Denkweise regiert, ist das der Allmacht
der Gedanken.




3.


Die Bezeichnung Allmacht der Gedanken habe ich von einem
hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen,
dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung
mglich geworden ist, auch seine Tchtigkeit und Verstndigkeit zu
erweisen(24). Er hatte sich dieses Wort geprgt zur Begrndung aller
jener sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit
seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine
Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen
htte; erkundigte er sich pltzlich nach dem Befinden eines lange
vermiten Bekannten, so mute er hren, da dieser eben gestorben sei,
so da er glauben konnte, er habe sich ihm telepathisch bemerkbar
gemacht; stie er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst
gemeinte Verwnschung aus, so durfte er erwarten, da dieser bald darauf
starb und ihn mit der Verantwortlichkeit fr sein Ableben belastete. Von
den meisten dieser Flle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst
mitteilen, wie der tuschende Anschein entstanden war, und was er selbst
an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen aberglubischen
Erwartungen zu bestrken(25). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise,
meist gegen ihre bessere Einsicht, aberglubisch.

  (24) Bemerkungen ber einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. f.
  psychoanalyt. u. psychopath. Forschungen, I.Bd., 1909.

  (25) Es scheint, da wir den Charakter des Unheimlichen solchen
  Eindrcken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die
  animistische Denkweise berhaupt besttigen wollen, whrend wir uns
  bereits im Urteil von ihr abgewendet haben.

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der
Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven
Denkweise sind hier dem Bewutsein am nchsten. Wir mssen uns aber
davor hten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu
erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das nmliche bei den
anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realitt des
Erlebens, sondern die des Denkens fr die Symptombildung magebend. Die
Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an
anderer Stelle ausgedrckt habe, nur die neurotische Whrung gilt,
d.h. nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen
wirksam, dessen bereinstimmung mit der ueren Realitt aber
nebenschlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfllen und fixiert
durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so
zugetragen haben, allerdings in letzter Auflsung auf wirkliche
Ereignisse zurckgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das
Schuldbewutsein der Neurotiker wrde man ebenso schlecht verstehen,
wenn man es als unberechtigt abweisen, wie wenn man es auf reale
Missetaten zurckfhren wollte. Ein Zwangsneurotiker kann von einem
Schuldbewutsein gedrckt sein, das einem Massenmrder wohl anstnde; er
wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als der rcksichtsvollste und
skrupulseste Genosse benehmen und seit seiner Kindheit so benommen
haben. Doch ist sein Schuldgefhl begrndet; es fut auf den intensiven
und hufigen Todeswnschen, die sich in ihm unbewut gegen seine
Mitmenschen regen. Es ist begrndet, insoferne unbewute Gedanken und
nicht absichtliche Taten in Betracht kommen. So erweist sich die
Allmacht der Gedanken, die berschtzung der seelischen Vorgnge gegen
die Realitt, als unbeschrnkt wirksam im Affektleben des Neurotikers
und in allen von diesem ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber der
psychoanalytischen Behandlung, welche das bei ihm Unbewute bewut
macht, so wird er nicht glauben knnen, da Gedanken frei sind, und wird
sich jedesmal frchten, bse Wnsche zu uern, als ob sie infolge
dieser uerung in Erfllung gehen mten. Durch dieses Verhalten wie
durch seinen im Leben bettigten Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe
er dem Wilden steht, der durch seine bloen Gedanken die Auenwelt zu
verndern meint.

Die primren Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus
magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur
Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu
beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte,
zeigte es sich, da diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das
Todesproblem steht nach _Schopenhauer_ am Eingang jeder Philosophie; wir
haben gehrt, da auch die Bildung der Seelenvorstellungen und des
Dmonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck
zurckgefhrt wird, den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten
Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip der hnlichkeit, respektive
des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter
den Bedingungen der Neurose gewhnlich durch die Verschiebung auf
irgendein Kleinstes, eine an sich hchst geringfgige Aktion
entstellt(26). Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr
Gegenstck in den Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte
der Zwangshandlungen kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt,
wie sie, vom Sexuellen mglichst weit entfernt, als Zauber gegen bse
Wnsche beginnen, um als Ersatz fr verbotenes sexuelles Tun, das sie
mglichst getreu nachahmen, zu enden.

  (26) Ein weiteres Motiv fr diese Verschiebung auf eine kleinste
  Aktion wird sich aus den nachstehenden Errterungen ergeben.

                   *       *       *       *       *

Wenn wir die vorhin erwhnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen
Weltanschauungen annehmen, in welcher die _animistische_ Phase von der
_religisen_, diese von der _wissenschaftlichen_ abgelst wird, wird es
uns nicht schwer, die Schicksale der Allmacht der Gedanken durch diese
Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich
selbst die Allmacht zu; im religisen hat er sie den Gttern abgetreten,
aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behlt sich vor, die
Gtter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wnschen zu lenken.
In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr fr die
Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich
resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen.
Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den
Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stck des primitiven
Allmachtglaubens weiter.

                   *       *       *       *       *

Bei der Rckverfolgung der Entwicklung libidinser Strebungen im
Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten
Anfngen der Kindheit, hat sich zunchst eine wichtige Unterscheidung
ergeben, die in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905
niedergelegt ist. Die uerungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an
zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein ueres Objekt.
Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualitt arbeiten jede fr sich auf
Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen Krper. Dies Stadium
heit das des _Autoerotismus_, es wird von dem der _Objektwahl_
abgelst.

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmig, ja als unabweisbar
gezeigt, zwischen diese beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder,
wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu
zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der
Forschung immer mehr aufdrngt, haben die vorher vereinzelten
Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein
Objekt gefunden; dies Objekt ist aber kein ueres, dem Individuum
fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit
Rcksicht auf spter zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses
Zustandes heien wir das neue Stadium das des _Narzimus_. Die Person
verhlt sich so, als wre sie in sich selbst verliebt, die Ichtriebe und
die libidinsen Wnsche sind fr unsere Analyse noch nicht voneinander
zu sondern.

Wenngleich uns eine gengend scharfe Charakteristik dieses narzitischen
Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer
Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht
mglich ist, so ahnen wir doch bereits, da die narzitische
Organisation nie mehr vllig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in
gewissem Mae narzitisch, auch nachdem er uere Objekte fr seine
Libido gefunden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind
gleichsam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und knnen
wieder in dieselbe zurckgezogen werden. Die psychologisch so
merkwrdigen Zustnde von Verliebtheit, die Normalvorbilder der
Psychosen, entsprechen dem hchsten Stande dieser Emanationen im
Vergleich zum Niveau der Ichliebe.

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschtzung der
psychischen Aktionen -- die wir von unserem Standpunkt aus eine
berschtzung heien -- bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung
zum Narzimus zu bringen und sie als wesentliches Teilstck desselben
aufzufassen. Wir wrden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in
hohem Mae sexualisiert, daher rhrt der Glaube an die Allmacht der
Gedanken, die unerschtterliche Zuversicht auf die Mglichkeit der
Weltbeherrschung und die Unzugnglichkeit gegen die leicht zu machenden
Erfahrungen, welche den Menschen ber seine wirkliche Stellung in der
Welt belehren knnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein
betrchtliches Stck dieser primitiven Einstellung konstitutionell
verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen eingetretene
Sexualverdrngung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorgnge
herbeigefhrt. Die psychischen Folgen mssen in beiden Fllen dieselben
sein, bei ursprnglicher, wie bei regressiv erzielter libidinser
berbesetzung des Denkens: intellektueller Narzimus, Allmacht der
Gedanken(27).

  (27) It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort
  of Solipsism or Berkleianism (as Professor _Sully_ terms it as he
  finds it in the Child) operates in the savage to make him refuse to
  recognise death as a fact. -- _Marett_, Pre-animistic religion,
  Folklore, XI.Bd., 1900, p.178.

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein
Zeugnis fr deren Narzimus erblicken drfen, so knnen wir den Versuch
wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den
Stadien der libidinsen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu
ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische
Phase dem Narzimus, die religise Phase jener Stufe der Objektfindung,
welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die
wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstck in jenem Reifezustand
des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und unter
Anpassung an die Realitt sein Objekt in der Auenwelt sucht(28).

  (28) Es soll hier nur angedeutet werden, da der ursprngliche
  Narzimus des Kindes magebend fr die Auffassung seiner
  Charakterentwicklung ist und die Annahme eines primitiven
  Minderwertigkeitsgefhles bei demselben ausschliet.

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die Allmacht der
Gedanken erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein
kommt es noch vor, da ein von Wnschen verzehrter Mensch etwas der
Befriedigung hnliches macht, und da dieses Spielen -- dank der
knstlerischen Illusion -- Affektwirkungen hervorruft, als wre es etwas
Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht den
Knstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht
bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewi nicht als
l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprnglich im Dienste von
Tendenzen, die heute zum groen Teile erloschen sind. Unter diesen
lassen sich mancherlei magische Absichten vermuten(29).

  (29) S. _Reinach_, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes et
  Religions, I.Bd., p.125 bis 136. -- _Reinach_ meint, die primitiven
  Knstler, welche uns die eingeritzten oder aufgemalten Tierbilder in
  den Hhlen Frankreichs hinterlassen haben, wollten nicht Gefallen
  erregen, sondern beschwren. Er erklrt es so, da sich diese
  Zeichnungen an den dunkelsten und unzugnglichsten Stellen der Hhlen
  befinden, und da die Darstellungen der gefrchteten Raubtiere unter
  ihnen fehlen. Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de la
  magie du pinceau ou du ciseau d'un grand artiste et, en gnral, de la
  magie de l'art. Entendu au sens propre, qui est celui d'une contrainte
  mystique exerce par la volont de l'homme sur d'autres volonts ou
  sur les choses, cette expression n'est plus admissible; mais nous
  avons vu qu'elle tait autrefois rigoureusement vraie, du moins dans
  l'opinion des artistes (p.136).




4.


Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus,
war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu
ihrer Begrndung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen
hat, da man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen mu, um
sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen
natrlich und selbstgewi; er wute, wie die Dinge der Welt sind,
nmlich so wie der Mensch sich selbst versprte. Wir sind also
vorbereitet darauf, zu finden, da der primitive Mensch
Strukturverhltnisse seiner eigenen Psyche in die Auenwelt
verlegte(30), und drfen anderseits den Versuch machen, was der
Animismus von der Natur der Dinge lehrt, in die menschliche Seele
zurckzuversetzen.

  (30) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte.

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und
unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des
Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen
mssen, whrend auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen
werden knnen. Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprnglicher
und lter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet.
Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von
R.R. _Marett_ zusammen, welche ein _pranimistisches_ Stadium dem
Animismus vorhergehen lt, dessen Charakter am besten durch den Namen
_Animatismus_ (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es
ist wenig mehr aus der Erfahrung ber den Pranimismus zu sagen, da man
noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen
entbehrte(31).

  (31) R.R. _Marett_, Pre-animistic religion, Folklore, XI.Bd., Nr.2,
  London 1900. -- Vgl. _Wundt_, Mythus und Religion, II.Bd., p.171
  undff.

Whrend die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbehlt, hat der
Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit
den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den
Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die
Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er behlt ja
die magische Technik bei.

Die Geister und Dmonen sind, wie an anderer Stelle angedeutet
wurde(32), nichts als die Projektionen seiner Gefhlsregungen(33); er
macht seine Affektbesetzungen zu Personen, bevlkert mit ihnen die Welt,
und findet nun seine inneren seelischen Vorgnge auer seiner wieder,
ganz hnlich wie der geistreiche Paranoiker _Schreber_, der die
Bindungen und Lsungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm
kombinierten Gottesstrahlen gespiegelt fand(34).

  (32) Imago, I.Bd., Tabu, p.324.

  (33) Wir nehmen an, da in diesem frhen narzitischen Stadium
  Besetzungen aus libidinser und anderen Erregungsquellen vielleicht
  noch ununterscheidbar miteinander vereinigt sind.

  (34) _Schreber_, Denkwrdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. --
  _Freud_, Psychoanalytische Bemerkungen ber einen autobiographisch
  beschriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch.,
  III.Bd., 1911.

Wir wollen hier wie bei einem frheren Anlasse(35) dem Problem
ausweichen, woher die Neigung berhaupt rhrt, seelische Vorgnge nach
auen zu projizieren. Der einen Annahme drfen wir uns aber getrauen,
da diese Neigung dort eine Verstrkung erfhrt, wo die Projektion den
Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher
Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht
strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind, dann knnen
sie offenbar nicht alle allmchtig werden. Der Krankheitsproze der
Paranoia bedient sich tatschlich des Mechanismus der Projektion, um
solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist der
vorbildliche Fall eines solchen Konfliktes der zwischen den beiden
Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung,
den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern
Angehrigen eingehend zergliedert haben(36). Ein solcher Fall wird uns
besonders geeignet scheinen, die Schpfung von Projektionsgebilden zu
motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren
zusammen, welche die bsen Geister fr die erstgeborenen unter den
Geistern erklren und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem
Eindruck des Todes auf die berlebenden ableiten. Wir machen nur den
einen Unterschied, da wir nicht das intellektuelle Problem
voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur
Erforschung treibende Kraft in den Gefhlskonflikt verlegen, in welchen
diese Situation den berlebenden strzt.

  (35) Vgl. die letztzitierte Abhandlung ber _Schreber_, p.59.

  (36) Abhandlung ber das Tabu, Imago, I.Bd., p.322 undff.

Die erste theoretische Leistung des Menschen -- die Schpfung der
Geister -- wrde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten
sittlichen Beschrnkungen, denen er sich unterwirft, die
Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts fr die
Gleichzeitigkeit der Entstehung prjudizieren. Wenn es wirklich die
Situation des berlebenden gegen den Toten war, die den primitiven
Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn ntigte, einen Teil seiner
Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stck der freien Willkr
seines Handelns zu opfern, so wren diese Kulturschpfungen eine erste
Anerkennung der ~Anank~, die sich dem menschlichen Narzimus
widersetzt. Der Primitive wrde sich vor der bermacht des Todes beugen
mit derselben Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint.

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben,
knnen wir fragen, welches wesentliche Stck unserer psychologischen
Struktur in der Projektionsschpfung der Seelen und Geister seine
Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, da
die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der spteren
vllig immateriellen Seele absteht, doch das Wesen derselben teilt, also
Person oder Ding als eine Zweiheit auffat, auf deren beide Bestandteile
die bekannten Eigenschaften und Vernderungen des Ganzen verteilt sind.
Diese ursprngliche Dualitt -- nach einem Ausdruck von H. _Spencer_(37)
-- ist bereits identisch mit jenem Dualismus, der sich in der uns
gelufigen Trennung von Geist und Krper kundgibt, und dessen
unzerstrbare sprachliche uerungen wir z.B. in der Beschreibung des
Ohnmchtigen oder Rasenden: _er sei nicht bei sich_, erkennen(38).

  (37) Im I.Band der Prinzipien der Soziologie.

  (38) H. _Spencer_, l.c., p.179.

Was wir so, ganz hnlich wie der Primitive, in die uere Realitt
projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines
Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewutsein gegeben,
_prsent_ ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe
_latent_ ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koxistenz von
Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz
_unbewuter_ Seelenvorgnge neben den _bewuten_(39). Man knnte sagen,
der Geist einer Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter
Analyse auf deren Fhigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie
der Wahrnehmung entzogen sind.

  (39) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in
  Psycho-Analysis aus den Proceedings of the Society for Psychical
  Research, PartLXVI, vol.XXVI, London 1912.

Man wird nun freilich weder von der primitiven, noch von der heutigen
Vorstellung der Seele erwarten drfen, da ihre Abgrenzung vom anderen
Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen
der bewuten und der unbewuten Seelenttigkeit zieht. Die animistische
Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre
Flchtigkeit und Beweglichkeit, ihre Fhigkeit, den Krper zu verlassen,
dauernd oder vorbergehend von einem anderen Leib Besitz zu nehmen, dies
sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewutseins erinnern.
Aber die Art, wie sie sich hinter der persnlichen Erscheinung verborgen
hlt, mahnt an das Unbewute; die Unvernderlichkeit und
Unzerstrbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewuten, sondern
den unbewuten Vorgngen zu, und diese betrachten wir auch als die
eigentlichen Trger der seelischen Ttigkeit.

                   *       *       *       *       *

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste
vollstndige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen
Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die
Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des
Systems immer von neuem vorfhren. Wir trumen in der Nacht und haben
es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine
Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhangslos erscheinen, er kann aber
auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrcke eines Erlebnisses nachahmen,
eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stck seines Inhaltes
auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter
gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, da nicht
irgendwo eine Absurditt, ein Ri im Gefge zum Vorschein kme. Wenn wir
den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, da diese inkonstante
und ungleichmige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas fr das
Verstndnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am Traum
sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenhngend und
geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns
am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken
ist aufgegeben worden und kann dann entweder berhaupt verloren bleiben
oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast
regelmig hat, auer der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung
derselben stattgefunden, die von der frheren Anordnung mehr oder
weniger unabhngig ist. Wir sagen abschlieend, das, was durch die
Traumarbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine
neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte _sekundre Bearbeitung_,
deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende
Zusammenhangslosigkeit und Unverstndlichkeit zugunsten eines neuen
Sinnes zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundre Bearbeitung
erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken.

Die sekundre Bearbeitung des Produktes der Traumarbeit ist ein
vortreffliches Beispiel fr das Wesen und die Ansprche eines Systems.
Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung,
Zusammenhang und Verstndlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung
oder des Denkens, dessen sie sich bemchtigt, und scheut sich nicht
einen unrichtigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer
Umstnde den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche
Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem
Zwangsdenken und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der
Paranoia) ist die Systembildung das Sinnflligste, sie beherrscht das
Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von
Neuropsychosen nicht bersehen werden. In allen Fllen knnen wir dann
nachweisen, da eine _Umordnung_ des psychischen Materials zu einem
neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, wenn
sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. Es
wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, da jedes der
Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken lt, eine
Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems -- also eventuell eine
wahnhafte -- und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich
wirksame, reale, anerkennen mssen.

Zur Erluterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung ber das
Tabu erwhnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die schnsten
bereinstimmungen mit dem Tabu der Maori zeigen(40). Die Neurose dieser
Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des
unbewuten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische
Phobie gilt aber der Erwhnung des Todes berhaupt, wobei ihr Mann
vllig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewuter Sorge wird.
Eines Tages hrt sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf
gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen
gebracht werden. Von einer eigentmlichen Unruhe getrieben, macht sie
sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer
Rckkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er msse diese
Messer fr alle Zeiten aus dem Wege rumen, denn sie habe entdeckt, da
neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von Srgen,
Trauerwaren u.dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in
eine unlsbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist
nun die systematische Motivierung des Verbots. Wir drfen sicher sein,
da die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot
der Rasiermesser nach Hause gebracht htte. Denn es htte dazu
hingereicht, da sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen,
einer Person in Trauerkleidung oder einer Trgerin eines Leichenkranzes
begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die
Beute in jedem Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen
wollte oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, da sie fr
andere Flle die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hie es
eben, es sei ein besserer Tag gewesen. Die wirkliche Ursache des
Verbots der Rasiermesser war natrlich, wie wir mit Leichtigkeit
erraten, ihr Struben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, der Mann
knne sich mit dem geschrften Rasiermesser den Hals abschneiden.

  (40) Imago, Bd.I, p.221.

In ganz hnlicher Weise vervollstndigt und detailliert sich eine
Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal
gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewuten Wunsches oder der
Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewuten
Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist,
drngt diesem einmal erffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu
und bringt sich in zweckmiger Neuordnung im Rahmen der Gehstrung
unter. Es wre also ein vergebliches, eigentlich ein trichtes Beginnen,
wenn man das symptomatische Gefge und die Einzelheiten, z.B. einer
Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle
Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar.
Schrfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die
rgsten Inkonsequenzen und Willkrlichkeiten der Symptombildung
aufdecken. Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie
entnehmen ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der
Gehhemmung nichts zu tun haben mssen, und darum fallen auch die
Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Personen so
mannigfaltig und so widersprechend aus.

                   *       *       *       *       *

Suchen wir nun den Rckweg zu dem uns beschftigenden System des
Animismus, so schlieen wir aus unseren Einsichten ber andere
psychologische Systeme, da die Motivierung einer einzelnen Sitte oder
Vorschrift durch den Aberglauben auch bei den Primitiven nicht die
einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der
Verpflichtung nicht berhebt, nach den versteckten Motiven derselben zu
suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht
anders mglich, als da jede Vorschrift und jede Ttigkeit eine
systematische Begrndung erhalte, welche wir heute eine aberglubische
heien. Aberglaube ist wie Angst, wie Traum, wie Dmon, eine der
psychologischen Vorlufigkeiten, die vor der psychoanalytischen
Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie
Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, da dem Seelenleben
und der Kulturhhe der Wilden ein Stck verdienter Wrdigung bisher
vorenthalten wurde.

Betrachtet man die Triebverdrngung als ein Ma des erreichten
Kulturniveaus, so mu man zugestehen, da auch unter dem animistischen
System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit
Unrecht ihrer aberglubischen Motivierung wegen geringe schtzt. Wenn
wir hren, da Krieger eines wilden Volksstammes sich die grte
Keuschheit und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den
Kriegspfad begeben(41), so wird uns die Erklrung nahegelegt, da sie
ihren Unrat beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person
nicht bemchtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und fr ihre
Enthaltsamkeit sollen wir analoge aberglubische Motivierungen vermuten.
Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichtes bestehen, und
wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, da der wilde
Krieger sich solche Beschrnkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er
im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und
feindseliger Regungen im vollen Ausmae zu gestatten. Dasselbe gilt fr
die zahlreichen Flle von sexueller Beschrnkung, solange man mit
schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten beschftigt ist(42). Mag sich
die Begrndung dieser Verbote immerhin auf einen magischen Zusammenhang
berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf
Triebbefriedigung grere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar,
und die hygienische Wurzel des Verbots ist neben der magischen
Rationalisierung derselben nicht zu vernachlssigen. Wenn die Mnner
eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum
Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre
Frauen unterdes im Hause zahlreichen drckenden Beschrnkungen
unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende,
sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben
wird. Doch gehrt wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, da jenes in die
Ferne wirkende Moment kein anderes als das Heimwrtsdenken, die
Sehnsucht der Abwesenden, ist, und da hinter diesen Einkleidungen die
gute psychologische Einsicht steckt, die Mnner werden ihr Bestes nur
dann tun, wenn sie ber den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen
vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische
Motivierung ausgesprochen, da die eheliche Untreue der Frau die
Bemhungen des in verantwortlicher Ttigkeit abwesenden Mannes zum
Scheitern bringt.

  (41) _Frazer_, Taboo and the perils of the soul, p.158.

  (42) _Frazer_, l.c., p.200.

Die unzhligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden whrend
ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die aberglubische Scheu
vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale
Begrndung. Aber es wre unrecht die Mglichkeit zu bersehen, da diese
Blutscheu hier auch sthetischen und hygienischen Absichten dient, die
sich in allen Fllen mit magischen Motivierungen drapieren mten.

Wir tuschen uns wohl nicht darber, da wir uns durch solche
Erklrungsversuche dem Vorwurf aussetzen, da wir den heutigen Wilden
eine Feinheit der seelischen Ttigkeiten zumuten, die weit ber die
Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es knnte uns mit der
Psychologie dieser Vlker, die auf der animistischen Stufe stehen
geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes,
das wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und
Feinfhligkeit wir darum so sehr unterschtzt haben.

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklrten Tabuvorschriften
gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufklrung
zult. Bei vielen wilden Vlkern ist es unter verschiedenen
Verhltnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im
Hause zu halten(43). _Frazer_ zitiert einen deutschen Aberglauben, da
man ein Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen drfe.
Gott und die Engel knnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu
nicht die Ahnung gewisser Symptomhandlungen erkennen, zu denen die
scharfe Waffe durch unbewute bse Regungen gebraucht werden knnte?

  (43) _Frazer_, l.c., p.237.





  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  haben mgen, die ber Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u.dgl., haben
  haben mgen, ber Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u.dgl., haben

  avons vu qu'elle tait autrefois rigouresement vraie, du moins dans
  avons vu qu'elle tait autrefois rigoureusement vraie, du moins dans

  ]






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Gedanken, by Sigmund Freud

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
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particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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