Project Gutenberg's Verfall und Triumph, Erster Teil, by Johannes R. Becher

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Title: Verfall und Triumph, Erster Teil
       Gedichte

Author: Johannes R. Becher

Release Date: September 15, 2011 [EBook #37435]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ERSTER TEIL ***




Produced by Jens Sadowski





Johannes R. Becher

Verfall und Triumph



Erster Teil

Gedichte





Berlin

Hyperionverlag

1914





Gedruckt bei
Poeschel & Trepte in Leipzig.
Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin
Fnfundzwanzig Exemplare wurden auf
Old Stratford abgezogen und in
der Presse numeriert




Verfall und Triumph wurde in der Zeit
vom Dezember 1912 bis zum November 1913
geschrieben. Verfall und Triumph ist
Frau _Emmy Hennings_ zugeeignet.





Inhaltsverzeichnis


Eingang

Verfall
Der Freund
Mystisches Dasein
Gesang vor Morgen
Herbstgesnge I--V
Baudelaire
Verfall
Caf I--III
Die Armen
Der Fetzen I--VII
Der Idiot
Geburt
Deutschland
Rckzug
Ahnung
Beengung

De Profundis
Pan des Aufruhrs I--III
Familie
De Profundis I--XIX
Krankenhaus I--III
Totenmesse I--V
Kleist

Die Stadt der Qual
Erscheinen des Engels I--II
Abend
Gesang zur Nacht
Die Stadt der Qual I--III
Bordell I--III
Begrbnis
Stunde des Todes
Der Mrder

Der irdische und der himmlische Gesang
Berlin
Mensch im Abend
Rimbaud
Der irdische und der himmlische Gesang
Die Huren
Der Wald
Aufbruch
Die Mutter
Die Nchte
Das Dreigestirn

Triumph
Entrckung
Trauer
Elegie
Fest
Frhlingsgesnge I--V
Kino I--III
Hymne an die ewige Geliebte
Die groe Stunde I--VIII
Die Geiler
Drei geistliche Lieder
Ruhe
Der Tod
Triumph

Ausgang





Eingang


Der dstere Dichter im gewohnten Straenkleide
Stelzt durch den heiligen Tag, den Sonne gro entzndet.
Die blonde Muse trippelt zwitschernd ihm zur Seite.
Geschwellt vom milden Hauch der guten Frhjahrswinde
Gibt Stadt mit Menschheit sich anheim der lauen Welle.
Die vielen Pltze wirbeln um als Karusselle.
Doch des Gestirnes Scheibe ruet. Finsternis
Bestrzt die Erde, dunkler Regenwolken Wald,
Erfllt mit Ungeziefer, Schlangen Sprung und Bi
Und brchigem Labyrinthe, graus und kalt.
Verachtungsvollst er im verlassenen Caf kauert,
Voll Ha und Ekel er auf brave Brger lauert,
Von Speise, Rauch und Gift sich fhlend angewidert,
Mit Hnde khnem Griff er ein Gehirn zergliedert.
Ward Findling ich gesugt an kranker Mutter Brust?
Es rtteln Fieber mich. Mich zerren Trume wilde.
Verdammung schwieret bs aus Nchte greller Lust
Und ausgehhlt von Fulnis schwankt der Jungfrau Bilde.
Hah! Wenn ich denke meiner reinen Kindheit Raub,
Entschleudr ich, ein Athlet, der Lieder Eisenblle,
Die platzen Bomben, doch verbreiten weitum Helle.
Der Dmon hhnet. Ja, Verzweiflung schlug mich taub . . .
Das Messer in der Tasche und zum Schu bereit
Den Browning strolcht er auf dem nchtigen Boulevard.
Die schmale Dame blinzt und lchelt lstern-breit.
Er wartet wohlversteckt vor einer kleinen Bar.
Er balgt sich ffentlich mit seiner tckischen Katze.
Die Tiere sich zerfleischen, springen hoch, sich pressen.
Die Zhne fetzen blutig aus zerstampften Fressen.
Ihn narrt Vergangenheit mit Schuld und schiefer Fratze,
Die Zukunft tastet nach ihm, irrer Geist und trb.
Den spitzen Schdel rennt er in die Mauer.
Es ziehen Trume auf voll Qual und blutiger Schauer.
Um seine schlanken Hften zuckt der Geiel Hieb.
Demtig er und knieend flehet Gott um Gnade.
Er haust asketisch in des Sarges dumpfer Lade.
Die Hlle brauset wirr, die Himmel sich empren.
In finsterer Gasse frierend seine Hure schleicht.
Die sanfte Schwester ihm die laue Suppe reicht.
Luft stiebet pfeifend aus zerfressener Atemrhre.
Wenn ich die Finger krampfend in die Decke kralle,
Verwnschend meiner Freunde Glck und holde Stunde,
War anders je mein Los, als da ich einsam wallte,
Vernichtung sinnend, klgelnd aus, wie ich verwunde,
Wie ich gewaltig schreck die gnzlich Unbedachten,
Umstricke tdlich sie mit schmhlichstem Verdachte,
In selige Rusche menge unerhrtes Gift . . .
O Rache! Rache, die zurck den Rcher trifft! -- --
Jetzt, da der Flsse Lauf vor Winters Bollwerk stockt,
Er steigt getrost zu ewiger Grfte engem Porte.
Der Blitz sprht seine Schrift. Im Donner drhnt sein Wort.
Ein schwarzer Engel auf dem Stein als Denkmal hockt.




Verfall





Der Freund


Er streichet wieder durch die blauen Nchte leis,
Verstret mich mit langem Flsterwort.
Er ist bestndig auf der Weltenreise.
Er fhrt mit heller Lfte Wolken fort.

Er sa in Trmmertempeln pltzlich ungeheuer,
Wo rote Dsterlampen schwelten ganz allein,
Und Rillensulen sich aufbumten, Feuer
Verbreitend, leuchtend ungemein.

Bald hockte er in spitzer Felsen Hhle,
Von schrger Sonne gnzlich ausgebrannt,
Die Kinderhnde um die Hlse jammernder Kamele.
Brennender Dorn in Sturm und Wstensand.

Bis gelben Strom er ward hinabgetrieben,
Der fiel ins Meer der vielen Inseln licht.
Von bsen Wintern unberhrt geblieben,
Er wandte sein unwirkliches Gesicht.

Aufschlug ein Wald mit rauhen Bltterzungen
Und grne Wiese hob sich halb und sang wie Flte s,
Von groer Liebe Himmel blau durchdrungen,
Der niederfuhr und Goldposaunen blies.

Auf einem Esel grau durchritt er weite Stdte,
Wo schlanke Palmen bauten wieder Tempel khl.
Die Frauen rauschten. Er ward aller Nacht und Bette,
Dann Sonnenglanz und buntes Marktgewhl.

Nun treibt er wieder mit Gesang und weien Schafen
Durch wirre de, Fels und dsterer Trauer Hain --
(. . . Du mgest einmal bei mir schlafen!
Das enge Bett wr nicht zu klein . . .)

Du bist es, den ich nchtlich oft auf Bnken
In Parkanlagen oder unten tief am Flusse finde,
Du armer Bettler, den ich denke,
Wenn ich den aufgegangenen Schuh mir binde.

Ein wenig gleichst du der Geliebten auch.
Bist Duft von ihr und Hauch von ihrem Hauch.




Mystisches Dasein


Ich bin nur da, um selig dir zu weinen
Und da vielleicht mir dieses noch gelinge,
Auf da ich makellos vor dir erscheine
Und nichts mich in Verwirrung bringe,
Nicht jenes strahlende Gespann,
Das brllend sauset ber Kluft und Bogen --
Da ich von dir nur angezogen
Mich ganz in dich verlieren kann.




Gesang vor Morgen


Da kotzt auf Dcher Mondes schiefer Mund
Gallgrnen Schleim. Noch Autobusse zgern.
Die Strae heult, ein aufgeteilter Hund,
Dadurch wir waten dnn mit Aktenschmkern.

In hohen Lften Kohlenhaufen glosen.
Der Wolken graue Rcke weisen Schlitze.
Geschwollene Scham quillt auf ein Himmel rosen,
In dessen Fleisch wohl krumme Messer blitzen.

Die Mrder unter dsterem Baldachin
An Galgen baumeln, schlagend oft zusammen.
Auf Pltze klatschen Kbel Blutes hin.
Der Huser Hften peitschen Scharlachflammen.

Die Huren sammeln sich vor blinder Kneipe,
Wie Vogelscheuchen flatternd auf dem Felde,
Die klappern in der Morgenwinde Klte. --
Wir werden uns an fernem Ort entleiben.




Herbst-Gesnge




I


Laubkronen schon beginnen zu entschweben,
Wei berfallen uns die Dmmerungen.
Von Fulnis ist des Himmels Schwamm durchdrungen.
Wie Schnecken wir an schleimigen Straen kleben.

Wo bliebst du Held in goldener Strahlen Panzer?
Du schlafest, Gott, im Haar der Sterne Streifen.
Von Dunkelheiten sind wir rings umschanzet.
Geduckt. Vergangenheiten nach uns schleifen.

Der uns in Krankheit warf und Zuchthauszwang,
Der niederstie den Stock, da klaffend sprang
Der Halle Boden, und den Kopf uns schor --

Gealtert frh und vorzeitig bekmmert,
Von Lampennacht und eklem Tag verschlimmert,
Uns Kauernde saugt tief ein finsteres Tor.



II


Verknderinnen groer Himmelsfreude
Schwebt durch die Nacht, die schlimm Verwesung wrzt,
Um mich, des Herbstes dumpfen Fall und Beute,
Der unheilvoll den weien Tag mir krzt.

Schminkt Wangen bunt mit eueren Schattenhnden,
Die ihr wie Brunnen euch jetzt hher dreht!
Durchbohret mich erschauernd, tiefer . . . wendet
Nochmals das Antlitz her, bis bang verweht

Musik, die aufquoll von Hotelterrassen,
Um die ich schleiche, matt und ausgeraubt.
_Vor Jener Nahn ich mu euch schnell verlassen._

Fahret empor im Winde rund als Staub,
Hinsthnend unter Rdern, die euch fassen,
Als Donner kalt, der kracht die Pltze taub.



III


Ich Made in dem flimmernden Totenkleide,
Das mit viel gelben Lichtern niederhngt.
Die Kohlenstadt, verschmiert von Winters Kreide
Begrbt der Sturm, der Meer und Himmel mengt.

Nun eingesperrt im ewigen Geklfte,
In eisiger Hlle Nimmerwiederkehr . . .
Doch steigen wir auf zur Nacht als Nebellfte
Und ziehen berm weien Flusse her.

Wir trumen Sommer nach, und was gewesen
Erscheint uns warm, von besserem Stern erhellt.
Uns reiben wund der fliegenden Wlder Besen.

Uns kratzet auf das bse Stoppelfeld.
Uns tten bald der goldenen Strahlen Ste.
Bei blauen Ksten sinken wir, zerschellt.



IV


Ein matter Mond wie dumpfes Gong ertnt.
Nicht reise du in Armut mehr und Krperflle!
Aufblitze du, o silberne Kanle,
Und schwebe Bett, aus dem du springst und sthnst!

Von Stadt und Landschaft knieend vorgelassen --:
Durchjage mich, vernichte mich, o Strahl!
Im Caf scheppern die entleerten Tassen,
Ein Zug fllt steil wo in ein dunkles Tal.

Um einen Tag bog ich, der voller Feuer stand,
Der fachte an der vorgegangenen Tage Reihe.
Ein Wurm ich mich durch brennende Gegend wand.

_Wann rauschet ber meines Kerkers Dickicht Blue,_
_Wann liege ich am Meer im Sonnenbrand_
_Und schweife aus durch Wind und Schaum ins Freie?_



V


Ich bin nur Frage und Verkommenheit,
Fetzen im Wind, der um Balkone fhrt.
Ich bin der Einspruch im entbrannten Streit,
Gewicht, das eueren Hhenflug beschwert.

Wie plump, hinfllig, kalt und widerlich!
O da du Vieh dich tief im Stall verkrchest!
Da dich, der scheu um windige Ecken schlich
Des Nachts --: ein Strolch, ein Strolch bald niedersteche!

Verwickele dich ins Dunkele! Pack dich ein!
An Nasenhaaren baumelt grner Stein.
In deinen Augen Schimmelmond gerann.

Dein Kopf ist Schorf. Verfrorene Ohren sind
Papierene Schirme, dick verklebt mit Grind.
Aus stinkichtem Maule wchst dir brauner Zahn.




Baudelaire


Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Gro Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Bruder, den ich aufgelst umarm.
Atem feucht, den ich erschauernd spr.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.

Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.
Schlgt ein giftiger Dunst aus nassem Wald.
Nebelhauche blanke Fenster trben.
Mauern sprengen Fulnis, Brand und Frost.
Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.

Such ich dich im Wirrwarr der Gebsche.
Ruf ich dich an Sees verwachsenem Ufer.
Kauerst du im Abendhorizonte,
Der sich frbt mit deiner Gruel Blut.
Such ich dich im Wirrwarr der Gebsche.

Atem feucht, den ich erschauernd spr.
Bruder, den ich aufgelst umarm.
Gro Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Atem feucht, den ich erschauernd spr.

Fressen Schatten gier an meinen Schultern.
Saugt aus meinen Adern Natternbrut.
Balanziere ich durch klitschige Gassen.
Himmel drut als Eises starrer Klotz.
Fressen Schatten gier an meinen Schultern.

Und mein Weib stelzt in der nchtigen Runde,
Wst verschminkt in Bogenlampe Glanz.
Ein Klavier bespeit mich mit Geklimper.
Rausch mich trostlos Traurigen verschwemmt.
Und mein Weib stelzt in der nchtigen Runde.

Bruder, den ich aufgelst umarm.
Gro Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Atem feucht, den ich erschauernd spr.
Bruder, den ich aufgelst umarm.

Hoch der Grube schwankt der Sterne Lster.
Unsere Lippen leiern schauernd das Gebet.
In Gefngniszellen toben wir zerprallend.
In den Krankenhusern humpeln wir zerstckt.
Hoch der Grube schwankt der Sterne Lster.

Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende,
Hinfllig, in Azur ragende Gerippe.
Da der Blitz des Zorns uns bald entznde,
_Da wir Leuchten seien letzter Nacht!_
Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende.

Gro Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Atem feucht, den ich erschauernd spr.
Bruder, den ich aufgelst umarm.
Gro Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.




Verfall


Unsere Leiber zerfallen,
Graben uns singend ein:
Berauschte Abende wir,
Nachtsturm- und meerverscharrt.
Heies Blut vertrocknet,
Eitergeschwr verrinnt.
Mund, Ohr, Auge verhllet
Schlaf, Traum, Erde, der Wind.

Gelblich trger Wrmer
Enggewundener Gang.
Pochen rollender Strme.
Wimpern, blutrot lang.
. . . _Bin ich zerbrckelnde Mauer,_
_Sule am Wegrand, die schweigt?_
_Oder Baum der Trauer,_
_ber den Abgrund geneigt?_ . . .
Ser Geruch der Verwesung,
Raum, Haus, Haupt erfllend.
Blumen, flatternde Grser.
Vgel, Lieder, quillend.

_Ja --: verfaulter Stamm_ . . .
Schimmel. Gechz. Gesthn.
Unter wimmelnder Himmel Flucht
Furchtbarer Laut ertnt:
Pauke. Tubegedrhn.
Donner. Wildflammiges Licht.
Zymbel. Schlagender Ton.
Trommelgeschrill. Das zerbricht. --

Der ich mich dir, weite Welt,
Hingab, leicht vertrauend,
Sieh, der arme Leib verfllt,
Doch mein Geist die Heimat schaut.
Nacht, dein Schlummer trstet mich,
Mund ruht tief und Arm.
Heller Tag, du lsest mich
Auf in Unruh ganz und Harm.

Da ich keinen Ausweg finde,
Ach, so weh zerteilt!
Blende bald, bald blind und Binde.
Da kein Ku mich heilt!
Da ich keinen Ausweg finde,
Trag wohl ich nur Schuld:
Wildstrom, Blut und Feuerwind,
Schande, Ungeduld.

Tag, du herbe Bitternis!
Nacht, gib Traum und Rat!
Kot, Verzerrung, Schnitt und Ri --
Khle Lagerstatt . . .
Alles mu noch ferne sein,
Fern, o fern von mir --
Blh empor im Sternenschein,
Heimat, ber mir!

Einmal werde ich am Wege stehn,
Versonnen, im Anschaun einer groen Stadt.
Umronnen von goldener Winde Wehn.
Licht fllt durch der Wolken Flucht matt.
Verzckte Gestalten, in Wei gehllt . . .
Meine Hnde rhren
An Himmel, die von Gold erfllt,
Sich ffnen gleich Wundertren.

Wiesen, Wlder ziehen herauf.
Gewsser sich wlzen. Brcken.
Gewlbe. Endloser Strme Lauf.
Grauer Gebirge Rcken.
Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.
Drachen, Erde speiend.
Aufgerissener Rachen, die Sonne brllt.
Emprung. Lachen. Geschrei.

Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.
Knuel. Gemetzel weit . . .
. . . _Wann erscheinest du, ewiger Tag?_
Oder hat es noch Zeit?
Wann ertnest du, schallendes Horn,
Schrei du der Meerflut schwer?
Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn
Rufend die Schlfer her? . . .




Caf




I


Die runden Tische drehen gut im Takt.
Es kollern Flten wimmernd im Gerlle.
Ein Bogenlicht in wirren Strahlen zackt.
Wir schmoren ausgezehrt in lauter Hlle.

Was sind wir, da in jenem gleichen Grau
Die Schleierdame in uns Reize weckt?
Ach, krochen wir aus hohler Gassen Bau
In dies Gewlb, das jeden Schmerz aufdeckt?

Ach, drften wir gesunden so in Schnelle,
Uns atmen frei durch diesen trben Dunst!
Die vielen ernsten Kellner eilen schnelle.
Ein finsteres Vieh, die fette Pauke, grunzt.

O, werden wir aus unserem Rausch erwachen,
Khl Morgens einmal Nchternheit erleben?
Wir schreien eingepfercht in Qual nach Rache.
Es wr uns klug, nach einem Amt zu streben.

Da uns die Zukunft anders offenbare!
Da ackere um uns toller Leiden Pflug!
Da wir das Trstliche dereinst erfahren!
Da freudig schreiten wir gewaltigen Zugs!

Es rasseln Geigen, Geigen tdlich-schrill.
Die Lrmtrompeten heulen elend-heiser.
_Wir schweben durch verworrene Nchte still_
_Mit Augenaufschlag und als Wunderpreiser._

Da du entnimmst uns in die groe Stunde,
Ein gtiger Geist, und schlrfst uns als Oblate.
Da wir zergehen s in deinem Munde . . .
Da schlngeln sich durchs Blut der Gifte Pfade,

Da auch Gestalten wandeln scheinumrandet
Und Tote sind in weien Linnen da.
Wir aber, rings von Tnen Schlamms umbrandet,
_Zersetzen_ uns, uns manchmal trunken-nah.



II


So harren wir in allen Nchten spt,
_Da unser Herz was Seltsames erfahre._
Da nur kein fremder Hauch, kein Licht uns rhre,
Sonst sind zerfallen wir und ausgeweht.

Wo haben euch die Stunden hingenommen
Dich blonden Nachbarn, dich, du mageres Kind?
Dich Weibierschale, Tasse und Absinth?
Zu welchen Meeren seid ihr hingeschwommen?

Ists klar bei euch? Ists Frhling oder kalt?
Und steigen auf verkohlter Wlder Pfhle?
Ja, wenn wir uns aus diesen Hallen stehlen,
Wir treten wieder mde den Asphalt.

Jetzt aber sollen uns die Wnde fressen.
Wir sind gelangweilt. Mssen heftig ghnen.
Wir krachen unter den sehr krftigen Zhnen
Von Ungeheuern und die Hnde pressend

Wir flehen wtend, flehen brnstig bang,
_Auf da ein Unerhrtes uns errette!_
Ob es erwchst aus einem warmen Bette,
Ob es ersteht beim Todesrchelklang

Der in der weiten Dmmerung erwachten,
Bald schlferig abwrts schwankenden Kapelle?
Es blitzt ein ewiger Tag in blutiger Helle. --
_Wir wollen frder hassen und verachten._



III


Wir finden uns gengstet im Gewahrsam
Von tausend Menschen, die sich kreisend ranken.
Wir neigen uns demtig, leben sparsam
Und treten rckwrts vor geschlossener Schranke.

Oft bricht gehssig wohl aus unserer Rede
Ein Wort und manchmal wird ein Fluch geschleudert.
Nun knieen wir, zur holden Magd zu beten,
Derweil die Bande toller Lste meutert.

Wer fhrte uns aus diesen Engbezirken,
Wer hbe auf der Fenster helle Pracht?
_Wir wollen tiefer in uns Ekel wrgen,_
_Verzweifelt angehren stumpfer Nacht._

_Sie wird erblassen._ In den schwarzen Haaren
Wird sich ein Silberfaden glnzend zeigen
Und Strahlen werden sich rings um uns scharen,
Bejubelt von dem Ablauf winziger Geigen.

O Dirigent, fach an das hllische Feuer,
Treib auf die Spitze dieser Tne Schwall!
_Erpeitsche uns das letzte Abenteuer!_
Durchjage uns mit Blitz und Wasserfall!

O drhne, drhne Donner! Zacke Schwert!
Vernichte Jubel Ohr und fetze Mund!
Und, sind wir nicht der sprden Klarheit wert,
Barmherziger Gott, o richte uns zugrund! --

Schon flutet wieder nieder die Emprung.
Wir fuchteln nur mit Armen zuckend-wirr.
Wir schlingen trber lchelnd die Verschwrung,
Da wirbeln alle Glser mit Geklirr.




Die Armen


Im Wintersturm die gelben Bogenlampen klappernd schwanken.
Ein falber Schein der Pltze heulende Rotunde fllt.
Die Droschkengule kreiseln enger. Autobusse ankern.
Geschleudert durch vereiste den saust des Mondes Schild.

Aus Domes feuchtem Kerker dringen furchtbare Chorle.
Hell rascheln Klingeln durch der Priester monotonen Sang.
Da Kerzen flackern in dem muffigen Hauch aus Grberkehlen
Und zndeln hoch den Schimmelwnden, lngs der Sulen Gang.

Die Blinde chzet leis, ein Klumpen, in der Ecke knieend,
Die durchs Gebi verrckend-grn die schmale Zunge bleckt.
Ein Veteranenkrppel mit des Armes welkem Gliede
Die Krcke schrg auf Christi drres Holzkreuz weisend streckt.

In dsterer Gegend wallen schimmernd blasse Berfrauen,
Den gelben Engeln hnlich, die vom Strahlenaltar blicken
Mit ausgebrochenen Augen in ein kaltes Dmmergrauen,
Nur manchmal lchelnd mit den dnnen Palmenstengeln nicken,

Wenn hoch die bleiche Hostie in der gldenen Monstranz
Wie Sonne in der Frhe ber Berge zymbelnd steiget,
Wobei die holde Gottesmagd, verklrt im Lilienkranz
Erlauchter Mutterschmerzen gndig durch die Niederung uget . . .

Jetzt lallen wir mit trockenen Lippen unser Nachtgebet,
Dann flchten eilends wir zurck in finstere Asyle.
Da heute uns kein guter Mensch ins Haus zu Gaste ldt,
So schlingen hstelnd wir als Fra der weien Nebel Khle

Und jenen heienden Hauch, bei dem der arge Frost gefriert,
Und brechen wir mit knchernen Fingern krampfend drre ste,
Man lt vielleicht uns, rudigen Hunden, Kchenreste.
Dem gtigen Geist, der also uns erhlt, viel Dank gebhrt.

Im Zwischendecke schlafend mit den Koffern, um die Kisten
Sie schlingen ihre schwarzen Arme, ausgezehrt und schwach.
In schbiger Klause sie wie grauer Vgel Schwrme nisten.
Es schleudern erste Fhne taumelnd-irre sie vom Dach.

Der Arzt tut bitter, der mit dicker Lauge tzt und Spritze.
Habt ihr genhret euch die kalten Wochen durch mit Lauch?
Habt ihr gesplt den Darm, durchschwemmt den Bauch mit Brei und Grtze?
In wunde Lungen eingesaugt der Salze Hauch?

Die Tische wackeln, stehen schief, zerhacket von Geznke,
Da Vter kollern um die Strze schwangerer Mtter her.
O ahntet ihr der Reichen Spiel und Traum und heitere Schwnke,
Die Tnze hinterm Vorhang, leicht beschwingt und schwer!

Christus, du Siechen-Hort, du unser Freund, wardst zum Verrter,
Ein Mrder schleichend durch die trbe Gasse, schmal und streng.
Durch unsere schlimmen Nchte heult dein himmlischer Trompeter,
Der Engel schwarz mit Feuersturz aus wolkichtem Gedrng.

Christus! . . . Und waren wir doch Huren, Kranke und Verbrecher
Voll glubigen Vertrauens innig-schchtern dir Genahte?
_Du aber btest nur Gewalt als Block und Henker-Rcher,_
Uns nicht besnftigend mit Balsamgu und Trostes Gnade.

Christus! Wie hofften wir, da herrlich du uns einst erschienest!
Christus! Wie wnschten wir, da du ein Bruder mit uns weintest!
Christus! Wie flehten wir, da du dem zornigen Gott uns eintest!
Christus! Wie zittern wir, da herrlich du dereinst erscheinest!

Die Ungerechten sollten blutend in die Flsse taumeln.
Die Lauen wrden sich verrchelnd auf den Pltzen strecken.
Die Brgermdchen mten zwar an ihren Zpfen baumeln
Und die Beamten-Schnauzen wrdest du in Jauche stecken.

Wir kmen dir entgegen laut mit Jubelschwall und Fahne,
Wir fhrten Reisemden dich in unsere Gemcher,
Dann trtest du verklrt-entzckt auf luftige Altane,
Da tief im Straenschacht die Vlker in die Kniee brechen . . .

Was rufen wir verzweifelt dich, der tut sich niemals kund,
Der bleibt, ein kalt Geripp, versargt in Erde nasser Hlle?
Kein reiner Ku blht hoch aus unserer Fieber faulem Schlund,
Wild wchst nur Angstgeschrei und Marter pfauchendes Gebrlle.

Um Allerseelen aber wandern wir in langen Zgen
Zum Friedhof, schlagend uns durch Park und Hain in sptes Grn.
Der Herbste dnne Winde tief die Wipfelbume biegen,
Bald jagen wir auf Karussellen froh am Feste hin.

_Brecht ein in unsere Krper wie in dornichtes Gestrppe,_
_An unserer Hften Knochen stot euch nssend-wund!_
Da blinkeln Eiterknoten, Narbenschorf auf Stirn und Lippe,
Und Seuchen wlzen trg sich, Schlangenbrut, auf finsterem Grund.

Im hellen Laden schne Ringe und Demanten schillern.
Die vielen Singevgel in den weiten Grten trillern.
Wir schleppen uns zum letztenmal, veraltert und gebckt
Durch diese Pracht. Ein billiger Blumenstrau, zerzaust -- zerpflckt.

Im Hause mssen wir bei Gases schlechtem Schein verwelken.
Das frische Wasser kann uns nicht den harten Tod ersparen.
Da ziehen vor als dichte Schleier wir die Strhnenhaare
Und sausen nieder unterm Krachen der Gehirn-Geblke.

Wir jauchzen gell. Beginnt! Wacht auf uns zu empfangen!
Wir wollen tchtig helfen euch den eisernen Kessel schren.
Wir wollen Gott, der Krfte Dieb, mit glhenden Fesselzangen
In unseren Kerker im Triumph zu heier Folter fhren.

Hier mte er die tausend Qualenstunden dreifach ben
Und leiden in das Dunkel eisiger Spalten eingepret.
Ihn berwuchere heftig Ausschlag, raffe nieder Pest!
Der Brnde Strahlenflle spitz ins weiche Fleisch ihm schieen!

Wir wollen ihn erniedrigen, zu Unseresgleichen reien,
Da ihn Gemeinheit zauberisch locke, tckisch ihn bestrick!
Wir wollen ihn mit unseren gekotzten Brocken speisen
Und trnken ihn mit eklem Splicht. Auf sein Stiergenick

Die Fe drhnend setzen, bis ein fetter Wurm er sich
Am Boden krmmt. Die Engel in den Hhen schauerig jammern.
Wir whlen hoch uns. Bohren durch uns. Aus den kaltem Kammern
Marschieren wir mit Paukenknall in jher Sonne Stich,

Befreit von Gottes Druck in therflssigen Gewndern
(Da Dfte-Meere unsere Dulder-Krper lind umstreichen,
Wo, schne Brute, harren unser neue Himmelreiche)
Zu fernen Horizonten, die sich rosig-flammend rndern.




Der Fetzen


   _Wir weinen uns durch Haft und thersaal_
   _Einander zu . . ._



I


Auftritt Sngerin im ganz verschlissenen Kleide,
Wangen grabgehhlt, der Haare Stroh gescheitelt.
Tnzelnd schwebend ber rosenem Schwall von Rauch.
Heimatlieder zirpend. Ventilator faucht.

Vorgebeugt. Jetzt rckwrts strzend zum Klavier.
Strahlenden Blicks, als ob sie Himmel offen sh.
Heulend auf, als ob sie Todes Schatten rhr . . .
Blonder Engel, schenkst dich aus im Cabaret! . . .

Gift und Ksse haben jauchzend dich zerstckt!
Schreite wie ein Pilger hinter dir gebckt,
Reih mich ein demtig in die Brderschar,
Die um dich einst, tollverzckt, entglommen war.

Deine Vogelaugen krnzet Lilaflor.
Ach, wir fallen nieder unter jedem Tor,
Auf den nassen Bnken. Steil wchst goldenes Licht.
Fliederschleier wallen um dein Schmerzgesicht.

In den groen Kirchen sind wir gern zuhaus.
Selig uns durchstrmet flammender Orgel Braus.
Blasse Jungfrau, hast du die Verkommenen lieb?
berstreich mit Salbe kranken Leibes Sieb! . . .

Fremde Stadt mit der Palste gradem Bau!
Krmme mich zerpeitscht von spitzen Regen grau.
Da vielleicht ich Nh und Linderung fhl,
Eilt ich spt ans Ufer dsteren Flusses khl.

Von Pistolen, unter Messern hingestreckt
Springende Wunden deiner Hnde Schale deckt,
Schleppe mich, auf dich gesttzt, in dein Gemach,
Wo ich etwas noch, verblutend, bleibe wach . . .

Krankenhaus und Haft und Hungers Pein,
Kavaliere, Schlgerei, gebrochener Wein . . .
Flattere ngstlich durch die Nchte, schbiger Fetzen,
Den der Winterstrme klffende Meute hetzet.

Der Kasernen Mauern wanke alt entlang!
Kauere Bettelweib in Wirtschaft schmalem Gang!
Wrg aus trockener Kehle dein A la Villette!
Dreh dich schlaflos in Hotels verdrecktem Bette!

Schluchz bei sanften Schwestern, wchsernes Mdchenkind!
Spucke Lungenblut! Langer Eiter rinn!
Lse die Verbnde fiebernd! Mach dich frei!
Bum empor dich! Rei dich los mit brennendem Schrei! . . .



II


Deines Atems heller Wind
Schwellet Segel leicht
Und enthllet
Goldene Abendlnder ber Wolken wei.

ber Glutgebirgen
Blutet Sonne schwer,
Zu den himmlischen Bezirken
Wogt entrcktes Meer.

Was mag noch gelingen?
Man wird nichts mehr tun.
Khle Lfte, Tote bringen
Heiligen Schlaf. Komm, lat uns ruhn!

Hirt mit Flte. Sanftes Tier.
Zerrissener Ufer bunter Klang.
Eng umschlungen sinken wir:
Seliger, ser Untergang.



III


Nun, da lngstens hrten auf zu rollen
Wilder Stdte Donner von den Hngebrcken,
Schrille Laute, die vom Platz erschollen
Ruhen starr in trnenden Mondes Blicken:

Treiben wir dahin, wo die Bltter fielen,
Die ein weier Sturm des Tags herabgejagt,
Die Allee entlang im laubichten Gewhle,
Das jetzt eines Turmes silbernes Horn durchragt.

Und wir schlafen ein im groen Bette,
Das, ein Schiff, uns von der Erde trgt.
Unserer heien Ksse dichte Kette
Sich, als Traum s, ber Mde legt.

Lasset uns auch beten fr die Armen,
Die wir sahn an windiger Ecke stehn,
Lasset uns auch wnschen Frierenden Tcher warme,
Linderung der Mtter Wehn!

Wir jetzt liegen wie in Zuchthaushallen,
Nackte Ber auf verfaultem Stroh.
Drauen heulend schwarze Regen fallen
Unter Blitze zackichtem Geloh.

Die erfllen mit verworrener Helle
Unser niedriges Gemach.
Zge flattern durch mit Hundgebelle,
Pferdewiehern und mit Schssekrach . . .

O, so fasse meine zitternden Hnde,
Da ich in emprte Grnde strze nicht!
Da in weie Wlder wandeln schon sich kalkige Wnde,
Heiliger Morgen frischet dunsenes Gesicht.

Fette Kruter aus dem Boden sprieen.
Werden wir mit Sommer schn beschenkt?
Die Gebirge schaukeln hinter Wiesen,
Ein Gewitter grau am Himmel hngt . . .



IV


Klagende du aus chzender Bume Zweigen,
Die bald leuchtend fallende Nacht begrbt,
Bald entrckt in jenen flimmernden Reigen,
Der um Mondes silbernes Denkmal schwebt:

Noch tnt Stimme dein aus knieenden Wldern.
Lege um die Brust ein wollenes Tuch!
Ruf im Schlafe an die toten Eltern!
Ls dich auf im herbstlichen Geruch!

Tauch in ligen Strom hinein!
La dich tragen von den heien Winden!
Steige auf im Abendschein,
Da du hin in Wolken schwindest!

Winke vom brennenden Turme den heulenden Vlkern zu!
Drhne wild als Paukenschlag im glhenden Orchester!
Strahle khn in unerhrtem Clou!
_Schlinge, schlinge deine Arme fester!!_



V


Du bists, Quartier mit den verhngten Fenstern
Und bunten Mdchen ber nassem Strich!
In allen, die vorberschlenkern
Und denen an den Ecken seh ich dich.

Es ist nicht schn zu hungern
Und zu spazieren durch die Stadt,
Um frh in einem Beisel sich zu treffen,
Sich essen an den Brocken aus den verdreckten Tpfen satt.

Wie arm wir sind! Wir zucken beim Berhren.
Ganz aufgeschwollen bist du und dein Leib ist wund.
Nur manchmal wir wie einstmals uns verfhren,
Ich liebe deinen groen Mund!

So alle Tage wir verschlafen.
Du hast noch eine Stunde Zeit --
Wir liegen berstend in den Betten
Und lesen Kriminalromane.



VI


Komm ins warme Haus!
Nein, du willst mich nicht.
Du bleibst lieber draus.
Blauen Schneees Licht

Flimmert, blondes Haar
Glnzt so eisig na,
Antlitz wunderbar
Zerret Lieb und Ha.

Schlottern meine Kniee,
Denn ich wart auf dich.
Wilden Tag ich fliehe,
Der sich stellt vor mich.

Einmal in der Nacht
Wirds schon wieder klopfen:
Weinend Regentropfen
Bist du aufgewacht.

Ach, ich wieder fhl
Dich an meiner Seite.
Auf der Strahlen Brcke stiegst
Du herab in schwarzem Kleid.



VII


Wir aus des Stalles Stank und Feuchtigkeit
Dein ekles Vieh,
Herrgott,
Du trnke uns noch einmal vor Morgen!
Aus roten quadratischen Gebuden
Wir wittern Abflu unseres Bluts.
Doch,
Auf dem wir heute noch flacken, Stroh,
Rauschet wie Korn und duftet wie Heu und ist Sommer.
Herrgott, unser Gebrll tst Gebet.
Unsere stachlichten Zungen, Herrgott, belecken dich,
Deines Fues und Gewandes Marmor.
Trnke uns!
Ach, und
_Streu etwas Frhsonne in unser letztes Geschwank!_




Der Idiot


Er schwirrte durch der groen Stdte Flucht. Das traf ihn schwer.
Auf hohlen Pltzen tosten Glitzer-Feste.
Staubwirbel bliesen ihn durch grner Abendhimmel flaches Meer.
Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Palste.

Und seine Strae warf sich steil empor und schraubte
Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand,
Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte,
Spie Feuer, ri rckwrts sie, da sthnend sie sich niederwand.

Er schlug, die Augen grn, Schaum dick ums Maul
Auf heies Pflaster. Sule ward sein Schrei.
Ganz leise sang ein Droschkengaul
Und weie Schleier wehten dicht vorbei.

Es strzten Trme gro und Mauern drob zusammen.
Auf allen Dchern tosten Flammen laut.
Die Dome knieten nieder. Berge schwammen
Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis berbaut.

Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.
Es gellte. Mvenschwrme schreckten auf.
Bltenwlder wei begruben ihn.




Geburt


Die Alte streckt sich wei mit prallem Bauch.
Sie hat Katarrh. Sie hngt voll Blut und Rotz.
Im kleinen Raum der eiserne Ofen raucht.
Ihr kleiner Kopf von gelben Haaren strotzt.

Mit glnzenden Augen sie zum Kreuze glotzt,
Das in die bittere Umwelt goldig taucht,
Und whrend rings die khle Dmmerung haucht
Hat sie den Klumpen brllend ausgekotzt.




Deutschland


Ein Gymnasialdirektor stelzt im Grunewalde.
Ein Weib spaziert im Dunkel, grnlich und zernagt.
Ein kleiner Frst kommt an, ganz Wichs und Bgelfalte.
Der Reichstag ward zum fnften Male heut vertagt.
Es steigen weie Straen, jubelnd im Geglnze
Erwachten Frhjahrs. Finster streift Napoleons
Schatten. Starr im Schein der fahlen Flammenkrnze
Bewachen Batterien einen Hgelthron.

   Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen,
   Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen,
   Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum.
   Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.

Ein Kritiker hat einen Dichter totgeschwiegen.
Kleists Dmon hhnisch aus verworrenem Schilfrohr grinst.
In wsten Knueln kotzend die Betrunkenen liegen,
Derweil ein grner Mond in schwarze Lachen blinzt.
Auf vollem Platze sich die dumpfen Trommeln rhren.
Es ziehen bunte Haufen johlend zur Bastille.
Die Priester hetzen auf die Schar zu blutigen Schwren.
Die weie Dame reicht mit spitzen Fingern Pillen.

   Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen,
   Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen,
   Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum.
   Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.

Mit Richard Wagner heult ein arges Pack besessen.
Die plumpen Autobusse zeigen wenig Eile.
Die Schildwache entschlft. Das Volk hat nichts zu fressen.
Ein blonder Staatsminister starb an Langerweile.
Die Fahne aber flattert stolz der Republik.
Paris beschliet der heiligen Stdte ewigen Bund.
Ihr fabelhafter Ruhm erschallt von Mund zu Mund.
Paris springt auf, ein Tier, erttend mit dem Blick.

   Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen,
   Nicht nach den Schnheiten Frankreichs zu brennen,
   Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum.
   Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.




Rckzug


Was soll dies unter klatschendem Regen Tnen,
Der ich voll Trauer bin und klage um Verlust?
Was soll der halbverfallenen Gebude Sthnen
Bei rasselnder Strme Sgen und Gehust?

Ich will mich mit dem Alltag jetzt vershnen,
Wild schuften in der Berge glhendem Bruch,
Gern unter Hmmerdonner und der Karren Drhnen
Gedrckter Untertan sein harten Fluchs.

Dmonen sich im Traume um mich scharen,
Zerwirkt bin ich vom Sturm und aufgebraucht,
Doch werd ich manchmal mit den Zgen fahren,

Die gegen Abend gehn, bei steilem Rauch
Mit hohem Pfiff nach schnen Lndern wimmern,
Wo ber menschlichem Gestrpp noch Sterne flimmern.




Ahnung


      Franz Jung gewidmet

Triumph wird ber uns schreiten.
Es soll Triumph ber uns leuchten.
Triumph ber uns.

Aufbruch ruft.
Wir aber werden am Boden liegen, schlafend,
Berauscht, kotzend oder greinend.
An uns vorberrauschen, ber uns rauschen wird
Tag und Getmmel.
Wenn des Ewigen Hand die goldenen Vorhnge lst . . .
Trompeten stoen,
Pauken donnern.
Wir mssen Schlfer sein.

Triumph wird ber uns schreiten,
Es soll Triumph ber uns leuchten.
Triumph ber uns.




Beengung


Die Welt wird zu enge. Die Stdte langweilig.
So schmal alle Lnder. Die Meere zu klein.
Die Krper, in giftigen Ruschen entheiligt,
Sie welken und strzen zu Schutthaufen ein.

Da ahnen wir Himmel wohl gischtenden Blutes.
Ekstasen trommeln wach Hlle und Grab.
Wir sthnen verkommend in kalkfeuchter Bude,
Da uns der Zusammenbruch rette und lab!

Was sollen wir noch? Die Welt wird zu enge.
Der Polizei gelingen unglaubliche Fnge
Und humpeln verzweifelt wir ber den Strich:
Die Mdchen ausgepret, fade und trocken.
In Cafs und Cinmas Spiebrger hocken
Und Goethe glnzt, aufrecht und widerlich.

Verflucht sei der Straen einfrmige Strenge,
Die strecken sich grinsend in endlose Lnge.
Oh, da doch ein Brand unsere Haupte bewlb!
Es rascheln gewitternd Horizonte fahlgelb.

Da auf der Galeere wir duldsam bald schwitzten,
Da wlzten wir uns auf der Ruderer Bank!
So aber wir faulen an hohen Pultsitzen
Und brckeln zu Mehlstaub in Wartslen bang.

Wir horchen auf wilder Trompetdonner Ste
Und wnschten herbei einen groen Weltkrieg.
In unseren Ohren der Waffen Lrm tset,
Kanonen und Strme in buntem Gewieg.

Erreget Skandale! Die Welt wird zu enge.
Es johlt vor Palsten die rmliche Menge.
Es trmmern die Tore. Es klirren die Fenster.
Die Mauern, sie wanken, die schssedurchsiebten.
Vergessen wir unsere schmerzlich Geliebten!
Wir bleiben am besten zurck als Gespenster.

Wie funkelt das Dunkel! Der Abend voll Gruel.
Die Wagen und Nachtmenschen waten in Schmutz.
Kinder, aber Kinder in flammender Blue
Flehen zur ewigen Mutter um Schutz.

Nicht ehren wir Gott mehr. Er hat uns geraubt
Die Krfte. Verwarf uns zu Fetzen und Scherben.
Er hat uns mit Wolken des Zornes belaubt.
Erpresser mit Krankenhaus, Hunger und Sterben.

Die Nerven gepeitschet! Die Welt wird zu enge.
Lat schlagen uns durchs Gestrpp und Gedrngel!
Es wackeln Soldaten mit schiefen Hten.
Die Welt wird zu enge. Wir zittern und frieren
In Domen und modrigen Schauerrevieren . . .
Und poltern und wrgen und drohen und wten . . .




De Profundis





Pan des Aufruhrs




I


Inmitten der Getmmel, knochig und robust,
Steh ich, befeuernd den Tumult mit Schrei.
Es schneiden Messer durch die steile Brust,
Den Acker, hackend Fleisch zu Mampf und Brei.

Ich euerer Lnder preisgekrnter Akrobat!
Mit Muskeln straff, drauf spitze Schwerter tanzen.
Aus Winkeln aufgeschrien zu groer Tat,
Aus Kneipen und Bordellen, Gruel und Wanzen.

Als unterm Tor ich einst mein erstes Mdchen kte,
Die Arme heftig um die eckigen Hften schlang,
Wie saftige Frucht zerpressend runde Brste . . .
O erster Rausch, der Geist und Blut beschwang!

Durch fernste Trume irrend, brauner Weiber Sche,
Die sich gebrdeten, Verrckte toll,
Bis da ich niedersank, entblet,
Ermattet schwer, da Tag und Stadt verscholl . . .

Hah! Rasselnd atmen schon die Lungen
Der Sonne, die zerreiet euch zu Fetzen.
Die Himmel brechen, pltzlich aufgesprungen,
Auf euch herein mit Wassersturz und Schloenkltzen.

Ihr Hurenvlker, Metzen, aller Lnder Schlampen!
Die euch zermalmt, steinerne Flut, sie naht.
Es schaukeln dsterer jener Monde Lampen.
Ihr kochet aus in heiem Wrgebad.

Verrecket! Aus Gestank und dumpfem Bette
Zerrt schon der Sturm euch, schmeit euch in die Helle,
Wo ihr erstarret. Rettet
Euch auf die Speicher, flchtet in die Keller!

Auch dort, auch dort fat es euch an und schleppet
Euch an den Ort, wo spritzen Krperstmpfe.
Verlaustes Pack! Verhuret und verneppet,
Bis tief ins Blut verdorben, in den Smpfen

Der Unzucht fett wie Krten aufgequollen
Mit triefenden Augen, Mulern voll Gequak!
Es fat euch an! Mit einem wundervollen
Bravourschwung schleudernd in den kalten Tag!

Hah! Schon erblindet! Aus den schwarzen Lchern
Quillt gelber Schleim . . . Gewhrt uns doch den Sto! . . .
Ihr zappelt, hnget Lumpen von den Dchern,
Ihr treibet, Klumpen Haut, in Flssen gro. --

Zerstampfet ist des Reiches fade Herrlichkeit.
Wir Bren heben unsere blanken Eisentatzen.
An unseren Zhnen kleben Haar und Drme. Speit
Aus den Fra! Fast unsere Buche platzen.



II


Ich wecke dich, verdrngte Kraft! O Anarchie!
Die Schienen steigen, Harfen, aufgerissen.
Die Lnder berschwemmet weit der Smpfe Vieh,
Versoffene Himmel auf die Erde pissen.

Verdammet ewig! Kraftlos, ausgegoren . . .
Hah! Ihr verrchelnd in verstopften Rinnen,
Versauten Kbeln. Gitterspitzen bohren
Euch durch die Schdel. Spinnen

Ihr, die ihr tastend steile Schchte ziehet
Und mischet euch in Strze, die sich trben.
Die Augen Glas und malos vorgetrieben,
Verbrannt ihr ber Dcher gen den Himmel fliehet.

Verdammet ewig! Schwerterblitze schwingen,
Es brechet auf ausstzige Kastenbrust.
Da schreien Trommeln, alle Trme klingen.
Hah! Ungestrt in nie ertrumter Lust!

Verdammet ewig! Ordnet euch zum Zug!
Schon wallen Fahnen. Schwarze Chore klopfen.
Ihr ausgehhlt von spitzer Hagel Tropfen,
Hinwegrasiert von steilgestellter Winde Flug . . .

Verdammet ewig! Eng das Himmelreich,
Nieder die Tore, wo ihr tretet ein,
Der Weg verschottert . . . regenaufgeweicht.
Hah! Vorwrts marsch in euer Qualdasein!

Hah! Zgert nicht! Verfault in grnen Ecken.
Da einer wahrte noch die Kerze gelb.
Wo Arme steif an Schimmelleichen stecken,
Wie Kreuze . . . Heiliges Nachtgewlb,

Das nicht mehr Mond durchfurchet, nicht die Schar
Der Feuersterne mehr, da es zu spt
Geworden. Netzehaar,
Das, finsterer Wald, traurig herniederweht.



III


Stellet wie Schirme Hnde vor euere Lichter,
Da nicht der Sturm sie verlsche, der aufsprang zur Nacht!
Schlieet die Reihen! Scharet euch dichter!
Da wir werden, Brder, heil an den Morgen gebracht!

Brcken bumet euch! . . . Teiche voll stinkender Fische
Rasend sich drehen, eitriger Wolken Scke,
Schalen auf grner Wlder wehenden Tischen.
Vulkane schwlend vergrabene Himmel belecken.

In die Arme euch fallet . . . Ein Irrer, wo glotzet
An einsamer Strae, der bs prophezeit:
Fra und Trank, ihr Ruber und Mrder, auskotzet!
Euer Morgen, der schne, ist weit, ist weit . . .

Auf den Hgel euch schwinget, ob ihr ersphet
Der Sonne Ball. Landschaft, die schwebt.
Nicht die Mauer der Nebel zerfallet. Die blulichten Seeen
Erwachen. Voll Glanz ein Gebirg sich erhebt . . .

Erstarrend am Wege ihr, schlaget die Mntel um!
Hllet euch ein, erwartend, was nie erscheinet!
Beweget nur Arme, die Hnde, die Beine stumm!
Uhren nie schlagend, Schlagwerk, das weinet.

Vergesset den Takt nicht! Rennet nicht, jaget nicht durch!
Lauschet! . . . Ists nichts?! . . . Kommt da nicht wer gegangen?! -- --
Die Augen hinflieen, schallender Winde Gefurch.
Bume hoch greifen, knackender ste Zangen.

Einmal noch singet! . . . Auf eueren Kpfen
Hocken der Wetter Buche. Ach, ihr so malos gewachsen.
Oder treiben jene so tief?! . . . Einst dreckige Tpfe
Ihr, trauriger Tollheiten jetzt brennende Achsen.

War es nicht Rausch, nicht Wahn? Wie ward es erfunden?
Einer trumte. Der schrie es herum.
Rausch und Wahn . . . Einst mit Grten umwunden
Die Stirnen, jetzt den, verwelket und plump . . .

Keiner schrickt auf mehr. Nirgends ertnet mehr Klage.
Waldung mit Krper sich mischet, Haare mit Meer und Grn,
Aber im Finstern pfeifend ein Knochenturm raget,
Trotzend den Vlkern der Strme und Hagel khn . . .




Familie


Sie sitzen warm am Tische. In der Fiebel
Die Kinder blttern. Rings behaglich-stumm.
Es trgt die Mutter auf den Suppenkbel.
Der Vater bringt jetzt eine Henne um.

Die Uhr, sie hinkt mit furchtbarem Gedrhn
Durch Tag und Nacht. Da rauscht ein Sturm vorbei.
Der Unterricht beginnt um viertel zwei.
Ein Telegramm verheit den Sonntag schn.




De Profundis




I


Es rauschen die Flammen. Ich leide. Ich leide.
Das schuf der Sehnsucht gefhrlicher Drang.
Einst liebten wir hei uns und innig beide,
Doch unser Leben im Blut, im Blut versank.

O ihr Engel Gottes mit den blassen Hnden
ber den Sterbenden schwebend in den leuchtenden Hhen!
Wer kann das Unabwendbare wenden?
Wer macht das Geschehene ungeschehn?!

Vielleicht ist's nicht viel. Nur matt und gewhnlich.
Hchst albern, nur von Zeit zu Zeit
Ein Aufbrllen wie ein Tier. Ganz unvershnlich.
Ein schwirrender Tumult trunkenster Zerrissenheit.



II


O alle die Nchte, o alle die Nchte,
Die ich durchirrte und die ich durchsuchte und die ich durchlitt:
Waren unendliche brausende Schchte,
In die ich, sausender Ball, mit Sturmgewalt
Dem sicheren Halt
Einer allmchtigen Hand entglitt.

Nun winzele ich furchtbar durch die windige Nacht,
In der der sndige Geist der groen Toten haust.
Ich bin ein Hund verlaust,
Ausstzig und voll ekler Niedertracht.



III


Singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr groen, ihr rauschenden Stdte.
Trgt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht!
Zerrttet wie ihr, rttelnd an rasselnder Kette.
Glnzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!

Schwer schallt aus ewig drhnendem Dunkel euerer ziehenden Kolonnen und Scharen
Marschtritt, gedmpfter Waffen- und Trommelklang.
Feuerschein. Rasende Automobile an schimmernden Palsten vorfahren.
Auf glnzenden Treppen der Damen und Kavaliere flimmernder Gang.

Liebende. Einsam und weinend am dsteren Gestade
Schmutzigen Stroms, der trg durch die Vorstadt hinzieht.
Hret die alte, die ewige Bitte um die lichte, die himmlische Gnade
Verhallen im Strudel der Wasser als Schlummer- und Todeslied!

Rote Laternen blinken und winken aus finsteren Gassen.
Schwarze Schatten gebckt hinschleichen, die Bses tun.
Fabriken, Lagerrume, Baracken, die d, die verlassen
Im falben Scheine des Mondes gleich groen schlafenden Heerlagern ruhn.

Aus verfeuchteten Kellern gebrender Weiber schallende Schreie.
Schwarzer Zug. Geheul. Begrbnis. Glockenton.
Horchet begeistert, wie sich erleuchteten Saals eine neue
Meinung durchsetzt in strmischer Diskussion!

Volk. Fahnen. Ernst. Eiserne Fuste.
Ruig. Ruhig. Mann, Weib und Kind.
Geruch der Fulnis steigt auf aus den blutverschweiten
Hemden, doch die, wie ich glaube, _einst leuchtend gleich purpurenen Rosen sind!_ --

Blhen dann wieder des Sonntags die himmlischen Feste,
Flattern Bnder weit, wehen Wimpel bunt ber dem lndlichen Grn.
Man tanzt. Ist frhlich. Unterhlt sich so am besten.
Hoch am blauen Himmel wieder die weien Wolken ziehn.

Aber schon brausen und sausen ber Brcken und Viadukte
Die Zge. Durchs Abendgold
Heimfhrend die Frhlichen, die Vergngten.
Dumpf der Zug in der dmonischen Bahnhofshalle einrollt.

Niederstrmt die Masse. Die Ketten
Klirren. Der irdische Dmon Hlle und Feuer schrt . . .
Und doch --: singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr groen, ihr rauschenden Stdte!
Von euch verdorben. In euch verirrt. Von euch verfhrt.
Doch sterbend vom Schein himmlischen Lichtes berhrt . . .

Denn pltzlich schrillen empor Sturmglocken und Pfeifen.
Ekstatisch schwillt ein unendlicher Brand.
Wasser strzen. Rote Flammenfangarme in die schwarze Nacht hineingreifen.
Millionen versinken. Tief glht das Land . . .

Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr groen, ihr rauschenden Stdte,
Trgt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht.
Zerrttet wie ihr, rttelnd an rasselnder Kette.
Glnzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!



IV


Da ich berwand
Im steten Aufwrtssteigen selig mich mhend
Glhende Gipfel: sei mir gegrt
Ebene, weites blhendes Land!

Du Sinn der Erde! Wie oft hat mich dein Blhen
Aufgeweckt und der herbe Duft deiner Saaten.
Wie oft hat mir der Geruch deiner Fluren verliehen
Hoffnung und Mut zu neuen Taten.

Ach, deiner verschwenderischen Fruchtbarkeit
Goldener Segen
War oft als stille Hoffnung ber meinem tiefen Leid,
Als ein heller Himmelstrost ber meiner argen Schmach gelegen.

O, und wie liebte ich deiner Wlder Brausen,
Das Sausen des Sturms ber die Heide.
Das Rauschen deiner groen Strme.
O Wandermusik! Welch frhlich Geleite!

Ihr fliehenden, ziehenden Wolken hoch dort oben!
Ihr purpurglhenden in dunkel wehenden, bewegten Lften!
Ihr Feuerwolken, Feuerrosen! Glut ber meinem Menschenhaupt!
O Frhling du! Himmlischer Heros du! Verschwender du in Blut und Dften!
Ich nenn mich deinen besten Held. Ich habe dir geglaubt . . .

Sieh, alle Menschenherrlichkeiten und Verworfenheiten,
Wenn auch seltsamst verworren noch, trag ich in meinem irdischen Menschenblut.
Aus tiefstem Niederfall hast du erbarmend dich mich jh erhoben.
Dereinst, das wei ich, herrsch ich kniglich. Du gabst mir Kraft dazu und Mut.

Goldene Schtze sind in mir enthalten.
Einst werde ich die Arme ausbreiten,
Einst werde ich Schwingen entfalten
Zum Flug in die sternenen Unendlichkeiten.

So trume ich oft, und mein himmlisches Schweben
Geht verzckt von hinnen zu silbernen Wolken hin.
Die groen Stdte im Abendrot heben
Ihre blinkenden Zinnen. Brcken, Wlder, Strme vorberfliehn.
So wird alles Traurige, dein irdisches Leben,
O Mensch einst unter dir vorberziehn

berwunden, klein und doch so bedeutend
Und das alles in einem groen kosmischen Zusammenhang
Und du wirst kaum mehr unterscheiden
Knnen, wo ist von diesem Ding das Ende und wo von jenem der Anfang . . .
Du wirst staunen nur. ber alles dich tief verwundern.
Jahrhunderte brechen auf.
Deine blaue Glocke, Himmel, wird herrlich luten.
Deiner Engel Posaunen schmettern den Triumphgesang.



V


Ich komme spt nachts noch betrunken ins Bierlokal:
Ganz am Ende der Stadt gelegen. Verrufen. Wild
Lrmt man der versunkenen Nacht nach. Dem Sonntag entgegen. Im Saal
Das Gedrhn und Getn der erhitzten Stimmen zunimmt und furchtbar anschwillt.

Vier Weiber. Sehr schmutzig. Verschwitzt. Fett. Hchst gemein.
Musizierend. Klavier. Zwei Geigen. Die lteste schmetternd mit tropfendem Mund singt.
Man suft. Fllt sich den ausgetrockneten Schlund mit Schnaps, mit Branntwein. Rlpst. Stopft sich hinein,
Whrend drauen vielleicht die schne Welt schon im erwachenden Morgen aufklingt.

Ich sitz in der Mitte. Umbrandet. Da entlockt zrtlich der verwirrte Tumult
Dem mden Gehirn phantasievoll ein rhrend Bild.
Das tilgt, o Mensch, das berdeckt einst reichlich all deine Schuld.
Du kniest hin wie ein Kind. Du neigst deine Stirn. Du rger wirst weich und mild.

Dort oben, o sieh: sie spielen auf jenem Podium --
O, wer dies nur einmal sah, es sicherlich nie mehr vergit! --
Die Engel, die Engel, die lichten, blondgelockt, die weien. Ringsum, ringsum
Die muffige Luft vom goldenen Klingen ihrer heiligen Gesnge duftend angefllt ist!

Was soll mir da der helle Tag noch? Oh, so sagt mir. Ich lausche ja hier einem Lied,
So himmlisch entrckt. Dem kommt so leicht nicht mehr eins meiner Erde gleich.
Kein Rauschen der Strme. Kein Klang der Glocken. Kein Lerchenschlag . . . Mein Gemt
Erblickt ein unnennbar ses Himmelreich.



VI


Wir wandern heimwrts durch die eisige Nacht
Wir Saufkumpane. Unser Schritt hallt schwer.
Versprengte wir wie nach verlorener Schlacht.
Gaslicht schwimmt gelb im weien Flockenmeer.

Wir Schar. Zerschlagen und zermalmt.
Gehirn zersetzt schon Wahn. Wir haben
Zum Letzten wohl geludert. Pest und Qualm
Und Dirnenpack und Luis und Straengraben.

Unmerklich rinnt auch diese Nacht zum Tag.
So schwarz in Grau. Von unerhrter Qual
Brecht ihr empor: rote Glorie und Glockenschlag.
Verstrte, Tote wir im Morgenstrahl . . .



VII


Rasche Jugend, du sinkst und fllst,
Rasche Jugend verblhend!
Die du all Licht, o all Licht enthltst,
Stark und ber die Maen so khn.

Und wenn du jetzt auch scheiden mut,
-- du harrst ja schon im weien Kleid
Des Todes wehen Abschieds --
Oh, wer hat so wie ich gewut
Um allen Schmerz, von deiner Freude
Und blutiger Nacht und dumpfem Tag!
Wer bot so frei die offene Brust
Den Strmen wilden Lebens dar,
So fromm und ohne Klage?

Wer hat so wie ich getan
Alles, was du nur wolltest?
Wer stieg so khn die steile Bahn!
Oh, nun leuchte du mir stolz voran
So glhend, warm umgoldet
Und wie in diesem letzten Strahl
Die sinkende Abendsonne!
O deiner Kmpfe tiefster Sinn!
Jetzt wei ich erst, da ich gesegnet bin
Und da ich segnen kann.

Und wenn du jetzt auch scheiden mut,
-- du harrst ja schon im weien Kleid
Des Todes wehen Abschieds --
Leb wohl, dein seliges Licht vereint
Uns doch fr alle, alle Zeit.
Rei mich empor zur Ewigkeit,
O strmisches Brausen deines trunkenen Liedes!

Rasche Jugend, du sinkst und fllst,
Rasche Jugend verblhend!
Die du all Licht, o all Licht enthltst,
Stark und ber die Maen so khn.



VIII


Ich, der Gottes Angesicht
Nacht fr Nacht geschaut:
Ich dnke mir ein festlich grelles Flackerlicht
Dem abendlichen Tage anvertraut.
Ich bin ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.

Es rauschen Bume schwer im Wind,
Mein Wald, du wirst entlaubt.
Wir die aus dunkler Erde sind,
Wir neigen schwer das Haupt.
Wir sind ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.

Wo lacht dem Leid der heilige Stern?
Erwachst du groe Gte?
Ich hab dich liebe Welt so gern,
Ich hab dich lieben Herrn so gern,
Dich Jesu, Schmerzensblte.
Auch du ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.

Und hab ich alles recht bedacht,
Den Schmerz und auch die Freude,
Den hellen Tag, die dunkle Nacht
Und Lust und Liebe, beide --
Ich bin ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.



IX


Die trunkenen Nchte! Die trunkenen Nchte! --
Oh, meine Jugend du, blutende du! Empor, empor und
Aufstehn, o auferstehn!
Die schlaffen Muskeln wieder strecken!
Die matten Flgel wieder spreiten!
Die mden Schwingen wieder entfalten
Der Sonne zu!
O wieder
Morgenrte-Umarmungen!

Ja empor und aufstehn! Wenn es nicht anders geht,
Dich aufreien, dein wimmerndes Herz ausreien,
Dich aufreien aus Traumdmmerungen, Abendruhen
Mit der kalten hhnischen Gelassenheit und Grausamkeit der
Starken ber die Vergewaltigten.

Dann
Mit gebreiteten Armen springen ins Morgenrot,
Fliegen im Strahl der Sonne ber die groen Stdte hin,
ber namenlose Finsternisse hin,
Donnergrnde, brausende Geheimnisse hin,
Hher empor
ber alle Not, alle Armut, alle Schmerzen hin,
Hher, hher empor
Dem Aufgang zu!

Ja empor und auferstehn! Empor aus
Qualmigen Verbrecherhhlen, empor aus fettigen Dirnenspelunken
Mit dem roten gedmpften Ampellicht, mit dem geputzten Schielen
Weihaariger Kupplerinnen, all der plumpen buerischen,
Jmmerlichen Koketterie der Fleischschau.
Empor aus Spielhllen, dem stieren Blick, dem Mnzengeklirr,
Empor aus Zuhlterkneipen, Stllen voll Absinthgerchen,
Schmierigen Aborten, Samengestank und Eitergetrufel,
Dem Geklimper all der Tamburins, Klaviers und Musikautomaten.
Empor aus Freudenhusern, den Kneiplokalen der Homosexuellen,
Empor aus Asylen, Krankenhusern, Zuchthusern.
Empor aus Irrenanstalten, Pestbaracken, all den Gehegen
Tobender Alkoholiker,
chzender Tuberkulser,
Demaskierter Syphilitiker . . .

O du mein Schrei auch Schrei der Zeit!
Steht auf! Steht auf!
Schlagt nieder!
Stot zu!
Brecht auf!



X


Die Wnsche, die ich Tags gedacht,
Sehnschte, die ich Tags nicht stillen konnte,
Werden die ngste meiner Nacht.
Ich rings in Feuern steh,
In der Geliebten meine Mutter seh,
Meinen Vater wie einen Fra der Hunde.

Aus den Wnden trete ich,
Geschndet am Geschlecht,
Der weie Leib
Beglht und fein gehftet,
So ganz und echt:
Ich Weib.

Ich hebe meine furchtbar spitzen Hnde, im innern Mark
Lngst leer und schlimm vergiftet,
Will um meine Sehnsucht zu bertren
Allen, o allen gehren,
Geb mich jedem Bettler hin,
Nur kummervoll besorgt, da ich Gefallen fnde,
Und khn,
Da ich sie alle niederkrallen knnte.

Schon hre ich die Dmmerung fallen.
Klnge wiegen mich in die Welt.
O Tag!
Jetzt bin ich allen Trumen fremd . . .

Sei gtig! Dein Toben
Will sich erlsen.
Was du gewesen
Im trumenden Bsen
Befreit sich nach oben.




XI


Wie mag noch lieben, wer dich klar gesehn?
Was kann vor deinem Bild bestehn?
Was hat noch Anmut, was noch Sinn,
Du gute Himmelsknigin!

Oh, all das Gute,
Das du mir getan,
Wo fa ich es an?

Du trugst auf deinen wunden Lenden
Mich, der dich bittend traf.
Du sprengeltest mit Zitterhnden
Weichen Traum durch meinen Schlaf.

Oh, all das Gute,
Das du mir getan,
Wo fa ich es an?

Oh, all das Gute,
Das du mir getan,
Ich verblute,
Ich sterbe dran.



XII


Oh, einmal dich umarmen
Noch, an dir niedersinken!
Einmal noch das warme
Gold des Abends trinken!

Wieviel haben wir geweint
Um uns! Nun soll das Schwerste erst kommen . . .
Wirst du mir einst entfhrt,
Mu ich wohl sterbend hinfallen.



XIII


Gottes gute Sonne ist erloschen
Und die bse Nacht drckt schwer.
Meines Blutes Verlangen
Wei von keinem Frieden mehr.

In der Ferne ruht ein Glhen
ber dem entschlafenen Land.
_Was mich bitter traf, wird blhen_
_Einst._ Darum lchle ich so unverwandt.

Darum hat ein groes Hoffen
Meinem Herzen sich auf ewig eingeprgt.
Alles Irdische, das mich so schwer betroffen,
Ist von jenem Schmerz, der einst das Wunder wirkt.

Es entgleitet meinen mden Armen
Jetzt der Leib, den nicht mehr Wrme hlt.
Sieh, mein Tod ist ein entzckt ekstatisch und erbarmend
Niedersinken, wie die Abendsonne niederfllt.

bertu du heimatliches Leuchten
Der Natur mit mild vershnendem Glanz
Alle Qualen meines Herzens,
Da, gleich sprhenden Sternenreigen,
Himmlische Wonnen mich umfahen, blhend ganz.



XIV


Aufgepeitscht, von roten Flammenschlnden
Irr umtobt, glh ich in nchtiger Haft.
Weh zerfetzt, selig verblutend
Schau ich stier in ein entzcktes Land.

Brausend kreisen unermeliche Strme Blutes,
Unerschpfliche Kelche spenden dunklen Wein,
Da wir ganz trunken und sinnlos werden,
Da unser Leib im wirbelnden Strudel der Lust verbraust.
Mond und Sterne, der leuchtende Glanz im nchtlichen Blau,
Erster Lichtschimmer vom kommenden Tag,
Zerstieben in Purpurglut.
Aber hoch, hoch ber allem, ber allem noch Begreifbaren
Der Welt, in letzter, hchster, traurigster Nachteinsamkeit
Spannt sich, spannt sich ein Scho, spreizt sich zur Gruft,
Flammend enthllen sich tiefste, nie erschaute Rten,
Scharlachen aufgetan, nie geahnt,
Deren brennende Reize kein irdisches Aug erfat . . .



XV


Wir ringen. Wir ringen.
Doch wir wissen, wir werden die dunklen Gewalten
Einst noch bezwingen
Und unsere Kmpfe werden uns nicht dumpf behalten,
Sie werden nur unsere Krfte entfalten
Und uns beschwingen
Und uns den Triumph bringen.

Durch alle Erdenkmpfe werden wir zuletzt
Das Herz unberhrt
Doch noch heimwrtstragen
Und durch alles, was uns jetzt
Noch mit Schmerz verfhrt
Und zu Boden drckt.
Wenn auch jetzt noch dmonisch die Flammen ber uns zusammenschlagen
Und unsere Augen rot das Leid benetzt,
Einst werden wir sagen:
Es ist uns schn geglckt.

O da ein jeder auf seine herrliche Jugendzeit
Stolz sei und sich derer freut!
Wo wir den Wert der Dinge erforschen,
Das Alte vergessen,
Das Neue ermessen,
Fanatisch den alten hergebrachten Rechten
Entgegenwirken und aus den morschen,
Zerfallenen Reichen neue Reiche aufrichten
Und die Grenzen der neuen mit Ekstase verfechten.

Was wir dabei entheiligen,
Was zerstrerische Glut zerreit,
Wird sich einst wunderbar an jedem Aufstieg beteiligen,
So da sich am Ende doch alles als gut erweist.
So lat uns glhen
Und ernst bestehen nach heiem Bemhen!



XVI


Du enteilst mir, schwere Nacht.
Schon bist halb du, heller Tag erwacht.
Kalt sinkt Stern um Stern.
Glocken luten fern.
Goldenes Feuer! Blauer Morgenschein!
Herz! Bald sollst du geborgen sein! . . .



XVII


Trink! Es ist ja nur Wein! Trink ihn zur Neige.
Mehr als Wein: es ist mein einsamstes Leid
Nicht in mir, nicht in dir zur Erlsung
Meiner irdischen Qualen gelangt.
Trink! Es ist ja nur Wein, trink ihn, mein Leben!
Trink ihn, Geliebte, es ist ja nur Wein!
Doch tiefer denn alles. In ihm funkelt die Sonne,
Spiegel der Sterne, des Monds, Abglanz des Alls,
Traumschein des Ewigen, Lippen Gottes . . .
Trink, es ist ja nur Wein, oh, wr es mein Blut,
Wre es mein Herz, o wren es jubelnde Strme!
Schlsse den Mund auf ewig ein einziger Ku,
Der von den blhenden Lippen Gottes kme! --

Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen!
Schattenumrissen droht der glhende Schlund,
Letzten Verhngnisses voll, im Antlitz des Todes.
Nur im Bann des strahlenden Leibes,
Nur in der Kraft des Sehnsuchtgedankens
Kehrt das Heimweh ber die Sttte der Erde
Zu den Gefilden der Heimat, selig und klar . . .

Sieh: eine Seele verblutet, eine Seele entfacht
Blutige Leuchten in den Strmen der Nacht!
Gellende Jubel, so schreien gengstigt die Glocken,
Wo nur Verderben die menschliche Hoffnung birgt.

Heilige Himmelfahrt du! Im Brausen des Feuers
Tiefste Ergriffenheit und wie ein Segen von Gott
Kindliche Trauer im flackernden Taumel des Herzens.
Heilige Himmelfahrt du, die Toten erwachen,
Ihre Macht, die lebendiger ist als menschlichen Sinnen
Je nur verstndlich. Die gnadlos walten!
Heilige Himmelfahrt du! Einer der Reinsten, die je
Auf dem Wege zu Gott die Hnde erhoben:
Sende die Engel des Friedens gtig herab,
Da die Marter der Zeit und unsere Leiden
Golden verklrt an deinem Herzen entruhn!
Sieh, wie diese glhenden Flammenschwerter
Schlgt unsere Inbrunst zu dir, Gott,
Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen!
Sende die Engel des Friedens gtig herab! --
Wenn unser Leib zu Asche -- sende die Engel herab!
Vater! Sende die Engel herab!



XVIII


Hoch, bekrnzt von aller Traurigkeiten
Goldenem Schein umsternt, weit ber diesem Erdenland,
Sah ich, wie ein armer Leib in allen Herrlichkeiten
Gottes jubeltnend aufschlug und erstand.



XIX


Ich bin ein Namenrufer ber weites Land,
Selbst namenlos, und Namenlose sind es,
Die ich rufe. Im warmen Hauch des goldenen Morgenwindes
Schmerzlich Erweckte aus uralt schattigem Bezirk zu neuem Leben.
Um ihre grabzerfetzten Lippen ein gelindes,
Letztes, doch starres Lcheln der Verwesung,
Manche in der Anmut eines holden Kindes,
Trumerisch, im Frieden endlicher Genesung,
Manche in den dunklen Trauertrachten
Verstorbenster Ahnen, manche in den funkelndsten Schauerprachten
Stolzester verdorbenster Frauen. ber marmorglnzende
Fluren hin, in samtenen
Prunkgemchern oder in der blassen Helligkeit
Der Abendlichter. Immer ists, als
Hrte ich Orgeln brausen,
Groe dumpfe Orgeln irgendwo,
So im Aufgang von den Himmelshhen,
So im dunklen Wehn
Des Abendwindes.
Oder hellen Silberklang geschwungener Gefe
Oder lallendes Hintrumen junger sterbender Seelen,
Weinen oder die Andacht blasser Frauen,
Zwischen offenen gespreizten Schen
Wunden und entzckte Dolche, funkelnden
Berckenden Schimmer heiliger Gerte,
Kinderstimmen tnend durch die seltsam hohen
Feierlichen spitzgewlbten Hallen.
Alles Ferne, Trbe, Grausam-Schne irgendwo . . .

Was ich litt,
Blinkt auf darin in tausend Narben
Und sthnt nach Reinigung.
Und was ich lebte, um was ich stritt,
Durchspringt in tausend Farben
Grell kreischend den Weltenraum, Vereinigung
Im Hchsten heischend und Entfaltung,
Gigantische Krfte zur Vollendung dauernder Gebrden
In mystischer Verzcktheit und Gestaltung. --

O Friedenssttten siegverklrte!
Nach irdischer Not und Tod und schwerem Krieg!
O ihr Begehrten!
Ihr Vielgeliebten!
Ihr von leuchtenden Sonnenstrmen
Und ewigen Sternglorien Beglckten!
Euch, euch gr ich, euch ihr weiten Lnder,
Reiche der Seligen ihr, ewiger Trume bleiche Heimatsttten
Und der Schwermut mde schweigende Gewsser,
Wenn der silberne Mond zuhchst zur Neige kommt.
Euch, euch gr ich, euch ihr weiten Lnder,
Euch noch ungesehene, euch nur geahnte, euch
Einst herrlich leuchtende Gestade
Im Morgenlicht!

Euch, euch gre ich
In strmischer Nacht von hohem Wanderschiffe, dessen
Mrber Kiel zersplittert, dessen
Stolze Masten jhlings berstend bersinken, dessen
Rumpf mit dumpfer Donnerstimme in ewige Vergessenheit zerkracht.
Durch Tod und durch Gewittersturm
Ist mein hohes Heimwehlied der einzige Gesang der Nacht.

O blutiger Aufruhr! Flammenste!
O ihr meines irdischen verbrauchten Leibs
Zerschellende Mchte! O Stimme Gottes,
Die durchs Dunkel dringt,
Die Firmamente leuchten macht,
Die Sterne aus bewhrten Bahnen reit,
Mit einem Hauch Frhlinge aus Trmmern weckt,
Grber sprengt,
Tote Herzen wieder schlagen macht.
O Stimme Gottes, die die Brust beengt
Uns Menschen, da der Rasende den Leib sich aufreit
Und zerfleischt, den Krper peitscht, sich bis aufs Blut
Zerbeit und steinigt.
Entstellt, zermartert und gepeinigt
Zum Tod sich hinschleppt, bis auf Flgeln der Ohnmacht er entschwebt,
Bis ganz das Tnen deiner reinen Stimme ihn durchdringt,
Bis ganz das stille Leuchten deiner Harmonie ihn s durchdringt,
Bis ganz dein milder Glanz ihn sanft umhllt
Und den Erlsten
Blaue Nchte und die Sterne trsten.

Du Freudensturm des Lichts! Du Wort, du Tat!
Du Sonnengold und Traum der Nacht! Du Tag der Erde!
Du Wonne! Jubelglanz! Du All, du Nichts, versteinende Gebrde!
Du Sammelruf! Bezirk des ewigen Heils! Umworbene Stadt!
Engel der Morgenrte du und heier Kampf! Gefhrte
Und Hilfe der Schlacht! Zrtlich Leuchten, Siegesklang und Harmonie,
Du goldener Schnitt, du Schwerkraft, Mittelpunkt
Und Sinn der Welt! Ausatmen und Ertrinken!
Natur!
Du Frucht im Scho, du Nein und Amen,
Du Ewig-Wacher, Nie-Vergessender, du Hei-Ertrumter!
Du grausam Unbarmherziger, du, du -- nein Nie-Beirrter!
Sieh unsere Hnde hlt ein Fluch gebunden,
Doch unsere Kmpfe fhren deinen Namen.
O Volk Verlaufener! O Volk Verirrter!
O Volk Geschndeter! Zu Wut und Ha Emporgeschumter!
O Volk Gechteter! O Volk Verblendeter! Mit Wunden
Gleich Frhlingssaaten berstrmt. Blutberstrmt . . .

Du Unbeirrter!
O segne mich, den Trunkenen, Begeisterten, von dir zu dir Entflammten,
Dein Kind, dir Held zugleich und Priester, o Meister! Der
Seine tiefsten Trume nicht erfllte noch gestaltete, der nie zur hellen Tat entbrannte, der sie nun unberhrt
An dein Herz wieder niederlegt, o Meister und Verwalter. Woher
Sie erdwrts niederstiegen und entstammten . . .
Ich, auch einer der Versunkenen, Verfhrten und Verdammten.
O da deine reine Gnade unverhllt und licht
Sich mir zuneige und erwge, doch da dein Gericht
Mein Leid unwgbar und ganz unvergleichbar finde . . .
(Ach Worten gliche keins. Und Worte wren Winde und Snde fr dies!) . . .
Bis deine unnennbare Gte den so weh Entflammten
Aus grauen Mitternchten
Im drhnenden Aufstrom sprhender Gewitternchte
Zu blhenden Lichtwelten schn entfhrt. --

Da ich aus allen meinen glhendsten Ekstasen,
Die mich hinschleudern und zerknirschen, drosseln,
Mich kalt umpacken, den Nacken brechen,
Gleich wirbelnden, aufpeitschenden Orkanen, die blhende Gelnde mit einem Hauch verwehn,
Da ich aus allen Orgien, die meine kranken, getuschten Sinne feiern,
Und stolzen, ungebrdigen Gewalttaten,
Entblenden Ruschen und allen Trunkenheiten,
Willkren, rohen Anmaungen,
Aufrhrerischem Trotz und Mord,
Aus allem Whlen, Sehnen, Branden, Ringen,
Aus allen Strzen in Abgrnde und Zusammenbrchen,
Aus allen Anfechtungen und Verzweiflungen,
Aus allen ngsten, Lastern und Versuchungen
Und allen Verirrungen und Halluzinationen
Und allen Peinigungen des herrischen Geschlechts, das
Alles berwchst und sich ins Unermessene erdehnt:

Da ich mich einst aufhebe,
Den Staub abschttle, der an zerschrundenen Flgeln haftet,
Traurige Augen ffnend und das Herz erschlieend,
Da ich mich einst aufhebe,
Schwingen spanne,
In jenes Land hinfindend,
Mit einem letzten Anflug glubigen Muts und frommer Kraft:

Wo du in Reinheit der azurenen Hhe,
Im schimmernden Chaos, wo goldene Sonnen schwanken,
Und alle Gestirne tnende Lichtreigen inbrnstig um deine Majestten ranken,
Wo jauchzende Chore ihn umgeben und reiner Himmelswonnen brausende Melodien,
Wo harte Engel ihn umschweben mit Blitzen und sausendem Speergewimmel, die ihn
Zu Bronnen des Lebens schn geleiten, zum Herzen Gottes, die der Einsamkeit
Gewandung von ihm abtun,
Seiner schmerzhaften Erdenzeiten
Verhrmte Schatten.
O gleiende zitternde Lichtblitze, ewige Gnadenwonnen!
O du inmitten kreisender Sonnen strmische Erhhung:
Bis die Adern von tanzendem Blut und die Brste von schimmernden Gluten geschwellt,
Und die Augen von himmlischen Feuern entbrannt und erhellt:
Sein Geist als Geist Gottes durchstrmt die brechende Welt. --

O Herrlicher du, senke der Flammen schlagende Fahnen auf uns mit glhendem Bewenden!
Du Ewiger, lenke den Marsch der Verdammten gndig aus finsteren Bahnen zu blhenden Enden!
Du Ewiger, sprenge die irdischen Bande! Mache uns frei!
O Herrlicher du, erflle die Lnder mit groem Triumphgeschrei!

Kr uns zu Helden, gekrnt mit leidlosem Kranz!
Da ber unsere schmerzentstellten Stirnen hinstrme der Glanz
Endloser Gte unendlicher Macht!
Schimmernder Frieden du! Segen du unserer Nacht!

Da wir an deinem Herzen ausruhn!
Da unseren Schmerzen sich Himmel auftun!




Krankenhaus




I


Gott brauset mchtig in den Werken,
Die rings umwandeln sich, vergehend und geschehend.
Im donnernden Flug der weien Wolkensrge,
In Wetterzorn und klirrendem Getrn.

Da wir des Abends wurden eingeliefert,
An hoher Decke klebte Perlenlicht.
Wir wollen uns behalten, nie verlassen,
Uns wenden zu das schreckliche Gesicht.

Es steigen khl zu uns herein
Wlder, Wiesen und der Berge Flor,
Auch die Stadt will gegenwrtig sein
Mit Brutpltzen und der Menschen Chor.

Die sich zwngten durch die Gitterstangen,
Streuend Trume durchs Gezell --:
Klagemeer und Schrei hat sie empfangen,
Flackern bser Augen, fieberhell . . .

Ja, Bitternis ward in die Brunnen eingelassen.
Nicht herzet Goldluft mehr uns innig-lieb.
Gott, den wir in uns faulen lassen,
Verfrbt die Strme unseres Blutes trb.

Mit Mondes Sichel, jh gekrmmt,
Pflgt auf er den verpnten Leib.
Wir haben Gott in Jammer eingenommen,
Berauschet uns an seinem giftigen Leib.

Gott schreit in uns nach blauer Heimat Frieden.
Gott grbt empor sich in Erschtterungssten.
Der Schlafe Ruh sei ihm wie uns beschieden!
Da wir in ihm, da er in uns sich lse!



II


Erwachend aus dem Taumel der Narkosen
Wir fanden uns zerrissen und geschnrt.
Die Mauern stieben auf wie Bltter lose,
Doch lindert Spritze Schnitte und Geschwr.

Wir blicken traurig auf den runden Hof,
Wo kreisen mummelnd blaue Kittelrupfen.
Wir schlagen jauchzend Purzelbume oft.
Die Wrter uns mit eisernen Pinseln tupfen.

O flgen immer wir durchs Luftgeglnze,
Wo Strahlentrme aus den Wolken blitzen!
O segelten wir mit den ewigen Lenzen!
Ein Heiland war bereit, uns zu beschtzen! . . .

So sind wir jung durch jede Nacht gewallt,
Das Dunkel aber fra sich in die Hirne.
Es schuppet sich das fleckige Antlitz alt.
Empor wir schwanken zwischen den Gestirnen.

Oft, wenn wir drehn uns nach den Brdern hin,
Dnkt endlos uns gestreckt der Betten Reihe.
Im Flammenhorizont der Priester kniet,
Der Sonne bricht als Todesarzeneie.

In Wartezimmern hocken wir gebckt.
In Magenhhlen rinselt Eiter frisch.
Im Mutterleibe wird ein Mensch zerstckt.
Wir liegen lang auf weiem Marmortisch.

_Wir weinen uns durch Haft und thersaal_
_Einander zu_, erlebend se Nhe,
Wenn man uns reicht das letzte Abendmahl,
Uns salbet ein mit les weichem Schnee.



III


Der Marter Gott hat liebend uns umarmet,
Als Sehnsucht Not uns in die Fieber warf.
Auf Dchergletscher wandelten wir Arme,
Gepeitschet von den freien Winden scharf.

Erhebet euch, ihr teuflischen Matratzen!
Euch Siechetcher Hauch der Himmel schwelle!
Der heie Kopf wie eine Bombe platze!
Der Leiber Grab bestrz der Hitze Welle!

Wir Elenden zergehn, in Krmpfen weinend,
Gestubet aus. Uns packen an Visionen.
Das heilige Tier im Dmmertraum erscheinet.
Wir schlrfen ein karbolische Ozone.

Nicht Frieden mehr die dstere Stirn umheitert.
Es raschelt schnell der Schlfer Atemtakt.
Wir Wachenden noch Bittgebete leiern.
Wir kuschen uns in grauer Kissen Sack.

O Qualen letzte Schlacht im Lazarette,
Trostloser rot umzirkter Hllenstadt!
Mit argem Fleische fahren fort die Betten.
Schon brennen Kerzen in den Gngen matt.

Ihr Mdchen mit den weien Spitzenhauben!
Du Arzt im Mantel, der wie Frhjahr weht!
Wir liegen in Verbnden na umlaubet.
Ein Licht betruft khl unserer Wunden Beet.

Tag! Endetest mit Tobsucht und Gebrlle
Uns Irrer aus den Dauerbdern bang!
O Trauer deck uns zu mit Trnenhlle,
Aus der Station mit Schwesternachtgesang!

Im Garten aber hinter schwarzem Gitter
Der Engel steht bei alten Bumen schwank.
Er schttelt sein Gefieder voll Geflitter.
Ein Stern zersprht in seines Haars Gerank.

Er flieget auf zu Mondes grner Klippe,
Die bald das Meer des Morgens bergraut.
Es fhrt sein Schwert uns zwischendurch die Rippen.
Wir sterben, rufend seinen Namen laut.




Toten-Messe


      Dem Gedchtnis der Fanny Fu



I


Die schwarze Flur, sie gleicht des Meeres Flche,
Wo rote Flecken irren tief am Grund.
Es brechen durch Korallen grne Bche.

Wo Zge rollen schwimmen Lichter bunt
Und braune Wlder in den Lften bangen,
Die wlzen Schatten ber Aug und Mund . . .

Und warest du nicht schon von mir gegangen,
Da wlbte sich ein ungewisser Mond?
Und habest jenen Fremden nicht empfangen

Und habest nie zur Nacht mit ihm gewohnt?
Und jenes Leib im Traum voraus genossen,
Der dich mit Lilienkssen s belohnt?

Schau ich bin arm und oftmals ausgegossen
In viele Npfe, ein Gef bald leer.
Auch jener Rest ist nun zerflossen.

Es fllet nichts die hohen Krge mehr.



II


Bald sprenget Tag die grauen Lden auf,
Der mich umbraust mit Lrm und Stimmen Schall,
Die Strae blitzet und der Schienen Lauf.

_Ich bin Triumphzug, blhend aus Verfall._
Du Bitternis zerrinnst in diesen Stunden,
Da Huser wanken bei der Pauken Schwall.

Schon tropfet Purpur aus des Himmels Wunde.
Das ward mir lngst zu frhlicher Gewhr:
Gefesselt wohl, doch so dem Blut verbunden.

Es jaget Morgen mildere Lfte her,
Ein Bad auf heiteren Mittag mir bereitend,
Da purzelt Clown und knallet Schiegewehr

Und ich spaziere friedlich, neugekleidet,
Auch tnt ein Horn, wo man die Fahne hit,
Auf dem Kamel ein roter Affe reitet.

Doch jenen Tag, fast wunschlos, ihn vergit
Nicht weicher Schlaf, der weien Dmmer lischet.
Ich darf wohl sagen, da getrstet ist,

Wer sich mit solcher Dunkelheit vermischet.



III


Es schwingen Sternenvlker ihre Arme,
Die Hacken, wirbelnd an den Sonnemond
Und Lavastrom sich wlzet, der mit warmem

Strahl bohret durch papierenen Horizont
Und schartige Flut die blonden Felder mhet,
Der flammenden Straenbume starre Front . . .

Du wieder leuchtend in den Abend sphest,
Du ber allen Rumen weit und gro,
Ersehnter Hauch, der letzte Segel blhet.

Du bist das Lcheln spitz wie Schwerter Sto
Und, Sonnenlanzen, wehen deine Haare.
Du brichst als Sturm in finsteren Stdten los.

Ein Vogelheer, das sich zusammenscharet
Und kommet pltzlich berm Berg in Sicht,
Ein Wolkenschiff, das durch die Lfte fahret . . .

Dich berglnzet grn Laternenlicht,
Dich berstimmen Ruf und Orgelpfeifen . . .
Doch wei ich, da du schlafest nicht.

Du steigst empor in langen Achterschleifen,
Du tropfest nieder als der Kerzen Flaum,
Du flieest hin am Weg als heller Streifen,

Dich hngend an der schnen Kleider Saum . . .
Palast mit Tanzmusik in Wstenei --
Und stellst dich ein in bser Fratzen Traum.

Wir fahren auf, ganz Schwei, mit Schlafgeschrei.



IV


Die Katzen schreien aus der Hfe Fluchten,
Na unterm Tore glotzt des Heiligen Bild.
Wir atmen hei nach ewiger Liebe Frucht . . .

Du nahest wieder als die Mutter mild,
Mit Hngebrust und gelbem Suppennapf.
Gekreisch der ausgedrrten Kehlen quillt.

Die Windeln steigen aus dem Wasserschaff.
Du legst den Bruder noch im Bett zurecht. --
Nun bist du Mensch, das Puppe herzt im Schlaf.

Zum Ausgehn ist das Wetter dir zu schlecht,
Auch hast du frei heut, brauchst nicht aufzutreten.
Bs irrt ein Glanz durch schwarzen Baums Geflecht.

Es schwirren Pfeile wild verzweigter Reden
Und einer nimmt dich, kaum mehr auszudenken,
So fern schon: Trnengsse der Erflehten . . .

Wir aber schliefen oft auf diesen Bnken.



V


Nun niemand mehr in dem Bezirke hungert,
Der, seidener Teppich, zwischen Monden hngt
Und niemand hutlos an den Ecken lungert

Und keiner bs sich in die Zge mengt --
Da flchtet Priester mit der Klingel leis,
Die Dome blhen, Jahre arg beengt,

Und schlagen auf die Dcheraugen wei,
Die Glocken drhnend, bunte Blasen, schweben
Und singen im Verein des Hchsten Preis,

Derweil die Flsse Silberarme heben
Und wirre Landschaft jubelt und zerrinnt,
Doch wir, erwacht von seligen Ruschen, beben

Und bleiben Tastende, verwahrlost, blind
Und suchen dich, die gleichet ewigem Wald,
Da wechseln Hhlen feucht mit Hhen lind.

Wir finden uns heraus als Wanderer alt.




Kleist


Schakale winseln Dcher in den den.
Der Abend dnn in aschene Nacht zerrinnselt.
Aus blindem Hafen die Sirene fltet.
Leuchtfeuer matt wie grne Sterne blinzeln.

Er stehet auf und schlgt den Mantel um,
Der sich im finsteren Regen klatschend ballet.
Durch liges Tor er schiebt den Buckel krumm,
Die Fingerngel er im Sturm verkrallet.

Um seine Paukenfe wirbeln Lehme.
Petroleum schillernd um das Haupt ihm spritzet,
Aus dem, scharlachenes Rund, das Auge blitzet.

Verdstert von der Schattenhuser Fehme . . .
Es platschen Gule durch des Mondes Pftze . . .
Er auf dem Bock der Kohlenfuhre sitzet.




Die Stadt der Qual





Erscheinen des Engels


      Dem Doktor Otto Gro gewidmet



I


Schon frbet Nacht uns. -- Sieh, als heiliger Wrger
Stolziert er durch die Nacht mit Wohlbehagen.
Er spucket Kugelkpfe, rote Brger
Und Gule strzt er, sanfte Trambahn-Wagen.

Er schmettert seine rauschenden Fanfaren,
Er rufet Pest und Fieber, die Dmonen.
Er zerret Weiber in den Flu an Strickehaaren.
Er balancieret auf bedenklichen Balkonen.

Sein Mantel hnget Haut herab in Fetzen.
Die dunkle Luft ist irgendwie erschttert.
Schon dnne Nonnen durch die Straen hetzen.

Im Arsenal die Bogenlampe zittert.
Das Flammenschwert er schwinget, sich ergtzend.
Es drhnet Orgel weit das himmlische Gewitter.



II


Nun ruhend ber, ach, gefallenen Sulen,
Zerborstenen Theatern und Konzerten . . .
Er fget Glieder an zerbrochene Leiber
Und streicht mit Erde Wunden aus.

Wo Dunst aufbricht verwelkter Seuchen
Und Flsse splen endlos blaue Leichen . . .
Und jammernd kindlich ber offenen Grbern
Und stet Seufzer hell durch Bltterru.

Sich streckend, da dies Leid er fasse,
Bis jene Ewigkeit ins Aug ihm wchst.




Abend


Verschttet unterm Strahle des Planeten
Lag ich, war Ort, Vergangenheit und manch Gesicht,
Ich sthnte in der Klage des Propheten,
War Hundelaut und Stimme im Gericht.

Der Tag vergehet wieder und schon ankert
Im Hohen fern des weien Mondes Boot,
Bald sich ein Schein um meine Stirne ranket
Und groer Zukunft Ruhm mich hei umdroht.

Ich hab genug dich harte Zeit erlitten,
Da ich Empfngnis war, feig und befleckt,
Wir ber Land auf hellen Schienen glitten.
Wir Ziele euch. Wie Scheiben aufgesteckt.

Da nun aus schwacher Brust, durchwhlt von Toben,
Schon warmer Hauch in khles Dmmer schied,
So will ich gern den mchtigen Herren loben,
Der mit der Sonne rot im Westen zieht.

Er treibet heim das blutgeschwollene Tier,
Das schlang die Stdte ber Tag und fra
Sich satt an Hirnen und mit bser Gier
Ri es den Boden auf, bis Bschelgras,

Bis Wiesen flammten, spitz die Wlder schrieen,
Die Dcher barsten und der Flsse Schaum
Aufkochte, an vertrumter Hgel Kniee
Hinquoll, die konnten atmen kaum.

Nun kriecht es zwinkernd und voll wahrer Reue,
Nicht murrend in der grauen Berge Stall.
Schon glnzet auf der Stern in heiliger Blue
Als jenes Stabes Spitze und der Wall

Von Wolken, jenes Kleides Falten,
Er schimmert und zerflieet, wird verweht.
Noch zuckt ein Streif aus rauher Tre Spalte.
Es grollet dumpf er, der auf Wache steht.




Gesang zur Nacht


Auf hellen Wagenstraen Pderasten stelzen.
Verblate Mdchen streifen an mit buntem Kleid.
Der Lichtreklame Teufel farbenes Feuer speit.
Ein trber Kehrichtstrom im breiten Mond sich wlzet.

Verzweifelt werden wir noch diesen Leib umfassen,
Darein Laternen kollern wie in finstere Kluft.
Mit knchernen Hnden wollen wir ein Weib zerfasern,
Derweil das kichernd unseren schwarzen Bart zerzupft.

Es mssen Messer schreiend aus den Taschen springen!
Zerstochene und Sufer poltern im Lokal!
Bordelle sollen bluten und Klaviere klingen!
Exzesse rasen furchtbar bei der Reichstagswahl!

Vom roten Forum aber tackt ein Trauermarsch.
Ein Knig wird in die Familiengruft getragen.
Ein feiner Graf besieht sich einen vollen Arsch.
Es liegen Puppenjungen rund bei Lustgelagen.

Ein kleines Leben ducht jetzt bleichem Fant beschissen
Und mcht den neuen Browning an die Schlfe setzen.
Sich Meuchelmrder schminken. Diebe Feilen wetzen.
Zuhlter strolchen auf dem Boulevard jagdbeflissen.

Mit Schlafes giftigem Straue in der narbigen Hand
Des Todes Engel hocket bei des Marktes Halle.
Wir Armen werden mde am verlassenen Strand
Vor Morgens blauem Meere auf die Knie fallen.




Die Stadt der Qual




I


Stadt du der Qual: -- in Hllenschlunde eingeschlossen
Von eherner Gebirge Ring und Festungswalle . . .
Dein Dulder-Krper blht, rinnenden Lichts begossen,
Azurene Meere sprengen deiner Grfte Halle!

Stadt der Qual: -- die Toten atmen in den Gngen,
Ein Marsch beginnt mit Trommelkrach und buntem Spiel.
An schmalen Schultern lehnen Hyazinthenstengel.
Aus silbernen Kesseln wirbeln Dfte Weihrauch schwl.

Stadt du der Qual: -- erbaut an des Verfalles Ende
Raget dein Dom, die drre Knospe des Jahrhunderts.
Wir mit den Tchern schwenkend uns zum Morgen wenden.
Wir gehn, verfaulte Wracks, in Abends Schatten unter. --

Sie speiet aus ihr schwarzes Blut und im Geschirre
Der hageren Flsse brllet auf sie wie ein Stier.
Die Sonnenheilige durch Dcherwildnis irret
Und hauchet aus in Todes rosigem Geschwr.

Sie winket mit den Trmen nach der goldenen Schwester,
Die sterbend trufelt l auf ihre eisernen Locken.
Ein zorniger Sturm beruft das himmlische Orchester,
Das sthnet auf mit Flammenschrei und Donners Glocken.

Ein Kind zuckt knallend hin, das spielet Ball im Hofe.
Des Dmmers Schwall wrgt keuchend Giebel und Balkone.
Es prasseln Scheiter aus der Stube kleinem Ofen.
Der nackte Knig wandelt mit der Dornenkrone.

Es prallen Salven ihm vom Marktplatz gell entgegen.
Kasernen, die in Reihenmassen aufgebrochen,
Sie berkreuzen ihn mit wirren Sbelschlgen.
Geschtze heiser von dem Stachelhgel pochen.

Es flammen weit im Rund der Rume Baldachine.
Man hetzet Minen auf die Blden, die wie Hasen
Aufflchten, strzend in die dampfenden Latrinen,
In Grubenteich, wo trge Schlangenkrten grasen.

Die Schimmelwnde der Gefngnisse zerbrckeln.
Als Seliger Brcke glnzt der Purpurwunde Streifen.
Wie Fackeln starren hoch der Lanzen rostige Ngel.
Zertrmmerte Gerste schleiert Winters Reife.

Der Knig ward als Fra den Hunden vorgeworfen,
Die kotzten ihn verreckend an den Ecken wieder.
Des Knigs welker Leib stinkt wie von Pest verdorben,
Doch gelber Strahlen Bndel sprht sein Haargefieder.

Der Knig ist versoffen in der Huren Gosse.
Der Knig schwemmet langsam durch die Kotkanle.
Sein Bauch erdrhnt im Tunnel. In der Hnde Flossen
Hlt er das Schilfrohr-Zepter, ewiger Nacht vermhlet.

Der Knig sickerte in gieriger Poren Schchte,
Die stoen dumpfen Dunst, der Marterngste Schwei.
Der Mond blitzt krumm. Ihn schwingt als Beil der Schlchter,
Ein Engel schwarz in blendender Orifeuer Kreis.

Die weien Betten schweben durch der Zimmer Decken
Und gondeln, Schiffe, durch die Lfte mit Gebraus.
Zementene Uferdmme Wogenstrom belecket
Und Straen steigen finster in die Welt hinaus.

Wie Ziegen meckernd hopsern schief die Invaliden.
Die braunen Kuttenmnche schwirren mit Geflster,
Es wallen aus den Toren Fahnenzge dster.
Es stehen Sieche auf. Es kommen Jungfraun nieder.

Die Nonnen winzelnd an den Kreuzaltren bangen
Mit Lila-Augen brennend unter Spitzenhauben.
Kalk spritzet ber die verrannzten Butterwangen.
Wild scheuchen Fledermuse auf, die Schar belaubend.

Der se Wein, der in der Priester Kelche quoll,
Zerschli die Magendrme ruckweis an den Hften.
Geheul Vergifteter an Wasserbrunnen scholl.
Signale trillern auf. Ein Brand ward angestiftet.

Sprungknstler hpfen ber Dach der Irren Horten.
Mit Peitschen produzieren sich die Flagellanten.
Es zngeln grne Gase pfauchend aus Aborten.
Es platzen rauschend vor den Husern die Hydranten.

Da reiet auf des Wolkenschlammes zhes Siegel.
Es fahren Schwne auf dem Seee ruhig-glatt.
Hoch wlbet sich der zarten Blue flacher Spiegel,
Der Armen Klagetne klopfen traurig-matt.

. . . Ich bin die Stadt der Qual . . . Die Schmerzen anderer Stdte
Sind in den Zellen meines Kerkers eingezogen.
In meinem tiefsten Bau ringt alles Leid verkettet.
Aus meinen Kuppeln widerstrahlt der Gnade Bogen.

Ich bin die Stadt der Qual . . . Die irdische Kreatur
Zerstubt in mir, wie Fliegenschwarm in Schwefel.
Ich bin zerfetzet ganz von der Verdammung Schwur.
Ohnmachten mich in kurzer Lieder Trume schlfern.

Ich bin die Stadt der Qual . . . Fluch klebt an meiner Stirne,
_Doch werd ich einst auf Flammenteller hochgereichet_
_Zu Gottes Speise_ . . . der gefallenem Gestirne
Mit Lilienhand die Furche aus dem Antlitz streichet.



II


Weh euch! Weh euch! Die ihr den Knig ausgespeiet,
Besudelt mit der Finger Dreck den Hermelin.
Er tummelt sich im trben Teich mit Wimmelschleien
Und Molchenbrut in fleckigen Schwerterschilfen dnn.

Weh euch! Denn er erwacht mit silberner Zymbel Schellen
Und schroffem Blitz, der eueren morschen Fels zerhaut,
Er wird sich nackt im Traum vor euere Weiber stellen,
Ein Adler, rasselnd mit den ehernen Flgeln laut.

Weh euch! So tragt wie Ber euer Haupt gesenkt
Und schleicht die Mauern lang, die wie ein Alb euch drcken,
Der Rosenkrnze Stricke um das Handgelenk,
Erfrorener Sterne Haufen in den Augenlcken.

. . . Da Bettelweiber auf der Kirchen Stufen hocken
Und ums Portal, das klafft, sich kreischend raufen.
Ein hrener Sack hngt das Gestirn in Wolkenflocken,
Durch die der Abendengel dstere Schatten laufen.

Laternen schlingen gierig auf der Nebel Grunde,
Aus denen fahler Pferde Vier, sich bumend, steigen.
Raketen sprhen aus der Reiter heulendem Munde.
Verbrannte Bltter sich die Horizonte neigen.

. . . Wir warten, whrend rings die Autobusse sausen,
Geduldig. Hupen bohren durch uns scharlach-schrill.
Wo sich die Wunden kratzen, sich die Armen lausen
Und Buden jammern unter herbstlichem Geknll.

Kommt eine schwarze Fahne nicht herabgewehet?
Bedecket uns mit schleimiger Blsse finsterem Grind?
Nah hinter uns der Morde bse Schatten stehen.
Wer bricht ins Knie? Ein heier Blutquell rinnt.

O Regen! Deiner grnen Wassermassen Strze
Verwaschen Haus und Wald. Es brckelt mein Gesicht.
. . . Und stampfen platschend durch der Straen gelbe Pftzen.
Uns schtzt kein sicherer Unterstand. Uns hellt kein Licht . . .

O Regen! Frbest Wnde aschenfahl uns: Tinte
Und grauer Trauer Schleier ber uns gezogen,
Bewegt leicht von unerforschter Pohle Winde.
Ein blonder Star hat uns zu irrer Fahrt bewogen . . .

O Regen! Leise schluchzend schied der Tag verweinet,
Da webet bleiche Laken dichtes Schneegefll.
In Kneipenlchern dumpf der Hunde Vlker greinen,
Und Clowne kreiseln winzelnd um ein Zirkuszelt.

Die Vorstellungen werden jhlings abgebrochen.
Der Primadonnen Phantasiekostme -- Feuer!
Wirr krmmen sich der Rennmotore Eisenknochen.
Tragflchen reien mittendurch und Hhensteuer.

Wo sind wir hin auf brchiger Gassen Pfad gelanget?
Und der es ruft, versinkt wie Stein in grhlendem Sumpf.
Auf den Ackerfeldern wachsen Lanzenstangen,
Durchschossene Tornister und Gamaschenstrumpf. --

Wir sind die Untergnge vor ersehntem Ziele.
Wir sind die Trauernden beim Tangorausch der Zeit.
Wir sind die Fallenden in der Erfllung Streit.
Wir sind die Untersten im knulichten Gewhle.

Wir brannten kreischend ab mit Sardes Knigsfeste.
Wir lieen murrend uns ins Land gypten schleppen.
Wir litten den Erstickungstod im Burgenneste
Und waren Flucht Napoleons aus Rulands Steppe.

Wir schlangen innig-hei den Todesblock der Guillotine
Und taten gerne mit bei Metzel und Gegruel.
Wir whlen uns durch Fleisches Gnge als Trichine.
Wir offenbaren uns am Kopf als Eiterbeule . . .

. . . Schon wirbeln Fackeln durch die kubischen Rume leer.
Aus rissigen Spalten prasseln flammende Geschwader.
Mit weiem Krach zerbirst der Finsternisse Krater.
Aus ruigen Stollen stt ein roter Hllenspeer.

In andern Welten wird die Erde fortgeboren,
Geschleudert durch vergilbten ther, glhender Samen.
Sie spiegelt sich entflchtend in der Meere Rahmen
Und in der blendenden Gletscher Ebene, kahlgeschoren.

Es plaudern Strme ber dem entrckten Werk
Mit nackten Einsamkeiten, die sich zitternd scharen.
Aus blauen Schalen trufeln flimmernd Sonnenhaare,
Die ballen drehend sich zu goldenem Klumpenberg.

Da jeder Name sank, in Dunkelheit vergessen,
Da jeder Schall erstarb, in Dunkelheit getauchet.
Ihr mgt der Dunkelheiten Reiche kaum ermessen,
Die blhen, Moore, endlos sich mit schwangerem Bauche.

Die Dunkelheiten haben unseren Sinn verstret.
Die Dunkelheiten halten Weg und Platz verborgen.
Die Dunkelheiten haben Raum und Ort verzehret.
Die Dunkelheiten rckten donnernd vor den Morgen.

Wir werden eingelullet sein . . . In nassen Grbern
Der Nchte wie in Bettlersrge eingezwngt.
In Marmorplatten sich die blasse Wlbung fngt.
Des Winds Hynen schnuppernd durch die Grfte stbern.



III


Es klingeln alle Trme. Lautlos auf Kanlen,
Schwarzsilbergrndig der Palste Reih durchschneidend,
Erdolchen Gondeln sich. Aus branddurchrasten Slen
Sich Lichtteppiche grell wie Treppen aufwrtsbreiten.

Da wiegen Strme sich, im Meer zur Ruh gelegt,
Und schreiten Regen, Trster ber trockener Flur.
Des Mondes Sichel blitzet gro im Nachtgeheg
Und ein Komet schleppt zischend seine Feuerschnur.

Melodisch atmen Bume, Teiche und Gestrucher
In Parkanlagen. Manchmal seufzet eine Bank.
Das Tulpenbeet entbrennt, ein weitverzweigter Leuchter
Und goldene Strme poltern in der Klfte Schrank. --

O Schlaf! Durchwalle zymbelnd unsere Gemcher
Und wen du antriffst schmerzzerrckt, den lulle ein!
Umzirke ihn! Traum, la ihn weinend schwcher!
Gestrengen Engel rhr zu Wehmut auf dies Leiblichsein!

O Stadt der Qual! Zu Marter Zwang erkoren!
Da wanken wir an Humpelkrcken, welk-zerbrochen.
Wir haben Halt und Spur im Labyrinth verloren.
In Einsamkeit vereist, zerbarsten unsere Knochen.

Zertrmmert seufzt des Kirchendomes Pyramide.
Der Himmel greint, verschlissen-grau, ein Aufwaschtuch.
Auf offene Grber truft der Schneee bleicher Flieder.
Verweilet nicht im Zug betubenden Geruchs!

Steigt weiter, wo euch nicht zerwirkte Gassen hindern,
Wo dichter lwald rauschend sich herniederneigt!
In warmer Bucht die Schwanenschiffe berwintern,
Bis einst ein Frhjahr guten Wind und Sonne zeugt.

. . . Es zuckte manchen diese Hoffnung um die Lippen
Und hatten sterbend wohl dies Wort geformet, da
Wie Sulen gold aufleuchteten der Tode Klippen
Und Marmorprunk . . . Da aus der flammenden Steppen Gras

Nahte im Schwarm von Vgeln geisterhaft der Hauch.
Von Paradiesen, ob von Hllen er Bescheid uns brchte,
Wir wutens nicht. Vertrauten glubig nur, da auch,
Wenns schlimm wr, wir uns wehrten nicht, nur dulden mchten.

Und wurden eingesargt in zorniger Mchte Kampf.
Der Rache Gott war furchtbar vor uns hingetreten.
Mit gelber Flsse Schwert. Mit Augen, Feuerdampf.
Mit Schultern bergebreit, von Brand und Blitz umwehten.

Die Brcken krachten, vor ihm auf die Kniee fallend.
Die Huser sich wie Hnde ineinanderschoben.
Die Eisenbahnen grhlend durch die Straen wallten,
Die haben Schlangen zngelnd sich emporgehoben

Und sausten Geieln durch die Lfte mit Gesirre
Und krmmten pfeifend sich wie Hydren in der Faust
Des Ewigen. Wie Riesenbienen Pltze schwirrten.
Es schnellten Geysirstrudel aus der Klfte Bau.

So da wir dumpf verwandt uns fhlten blutiger Gosse.
Ach Brder ihr, im Morgen Kreide und kaput!
Ihr Schwestern hingeklatscht, mit breitem Mund verschlossen,
Grau bertncht von Puders Moderstaub und Schutt.

Verget die Krper, quer zerhackt und aufgetrennt!
Zerfetzte Drme, die wie Bndel Wrmer schleifen.
Der Leichen violetten Dunst! Das Instrument!
Der Watten Flockenbausch! Der Klebepflaster Streifen!

Sie heulen schallend, grindig-blind ans Licht geworfen.
Es grinsen Totgeburten. Wst stinkt Fleisch an Fleisch.
Die se Milch gerinnt in Mtter Brust verdorben
Und Lungen brckeln unter ratterndem Gerusch.

Wir aber hren schon zerstampfte Lnder schreiten
Und Tiere kreischen aus der Meere schwarzem Sumpf.
Die Sonne lst sich donnernd in Azurgebreiten
Und viele blonde Engel kichern im Triumph.

Wir sind zerfasert mrber Seele und verhuret,
Voll Flecken und zerschlissen wehet unser Kleid.
Auf unser Antlitz tzen Laster krumme Spuren
Und Narben zucken im geschwollenen Schoe weit.

In den versunkenen Gewlben klappern wir Gerippe
Und winden uns und flattern auf im herrlichen Zug.
Verschnrte Huteklumpen wir aus Srgen kippen.
Schon heilige Jungfraun geuen l in ihren Krug.

So haben wir den Schmerz zu unserer Braut erwhlet.
Das Muskelfleisch aufscheuern die Gewnder hren.
_Der Schmerz ist heilig._ Er wird Tat und Werk gebren.
Verhaltene Krfte znden. Uns dem Tod vermhlen.

Der Schmerz wird das Gehirn in harte Folter spannen,
Da kalte Feuer sprhend diesen Raum entfachen.
Der Schmerz wird unsere armen Stunden streng bewachen
Und rinnen tnend-silbern aus den Opferkannen.

Der Schmerz wird Ewigkeit bestrmen und ergrnden
Und Babel selig preisen und den Himmel spalten,
Da unsere Augen wohl in groe Sterne mnden,
Da unser armer Leib nicht spt zur Nacht erkalte . . .




Bordell




I


Wenn wir uns verlassen fhlen ganz und fremd
In den Automaten und bei Anverwandten,
Mssen wir berauscht, in argen Frack geklemmt,
Zylinderschiffe an den kleinen Huren stranden.

An den kleinen Huren in der niederen Halle matt,
Schlfrig hingesetzt auf jeden Stuhl ein Blatt,
Und wir folgen ihnen in die oberen Rume.
Abendrot dnkt uns der kurzen Rcke Sume.

Nein, wir legen nicht die nchtige Maske ab.
Treppen steigen wir hernieder, mies und schlapp.
Eine neue Nacht umstreicht uns mit Getn.
Hoch in Lften regt sich Heimat, klar und schn.



II


Meiner Jugend Nchte sind in euch verbrandet.
Hingegeben ward ich langer Messer Stahl.
Euerer trben Augen Lid fleht rotumrandet,
Euer Antlitz wild zerpflgt und aschenfahl.

Eine schleichet immer um, ein bses Tier,
Stampfend auf und grinsend, wrgend Fluch um Fluch.
Zwischen umgeworfenen Sthlen tanzen wir.
Lysoform ist da, und immer sauberes Tuch.

Leicht gedmpft erklingen unten Geigen.
Drehen nicht die Wnde mit im trunkenen Reigen.
Da -- ein starres Auge schreckhaft uns zerreit.
Mond hngt schief, in hohem Meere grn vereist.



III


Jetzt zu groer Stadt seid furchtbar ihr vereint,
Die erhebt ihr Marterangesicht versteint.
Kreuz und quer zerhackt von schlimmer Krankheit Bi,
Schrg zerfetzt von wster Morde blutigem Ri.

Gott wird betteln demtig um euere Gnade,
Doch ihr bleibet unerbittlich, grausam-stumm,
Lset auf euch nicht in heier Trnen Bade,
Wendet euch nicht Lcheln schner Engel um.

Herrisch steiget auf ihr, grauer Sulen Quader,
Bohrt euch, starre Dolche, in des Ewigen Brust,
Da zerplatzet seines Herzens blaue Ader.
Niederklatschet steil ein Purpur-Regengu.




Begrbnis


Den Bleichgesichtern schlagen Fackeln Narben.
Die Trommel in die weite Runde bellt.
Ein Zuckerhut der Pyramide Zelt . . .
Fern nur geahnte Ufer hellen Lampenfarben.

Ein Fremder bricht sich schreiend das Genick.
Schief neigen schon der Segel weie Bogen.
Ein seltener Hauch kommt bers Land gezogen . . .
Wir aber harren auf den Pltzen dsteren Geschicks!

Landschaften in den hheren Lften wandeln
Und Sterne baumeln zwischendurch an Fden.
Die Toten glotzen aus den Fensterlden.
Glutwogen bersplen Heimatstrande.

Da hebt sich auf des Niles Silberband
Und bumt sich, fette Schlange, bs empor.
Kamele bluten um der Brunnen Rand.
Bei der Oase brllt ein Lwenchor.

Die Mumien rtteln sich aus den Verbnden,
Sie tasten sich hinaus zum Labyrinth
Und graben Namen mit den Griffelhnden
In Wstensand, der hei vom Himmel rinnt.




Stunde des Todes


Stunde des Todes, da Tag sich sein Kleid
Borgte von Abends entlfteter Weite.
Stunde des Todes im Rosengeschmeide
Und mit Krnzen zur Heimkehr bereit.

Stunde des Todes. Mit Liebe Gewalt
berflsterst du uns, den bittern
Kelch fllend mit Honig. Die Beine zittern.
Ach, wir sind ja so gar nicht alt!

Stunde des Todes. In schweflichtem Schein
Brennender Stdte entmndend nach oben.
Schweben, sorgfltigst aufgehoben,
Wie Juwele aus finsterem Schrein.

Stunde des Todes. Die Bataillone
Himmlischer Geister harren in Front.
Graue Gesichter golden versonnt,
Aber die Helmspitzen sprhen im Monde

Und die Panzer, Krasse und Fahnen.
Und die Armen stehn jubelnd im Tor,
Strecken Lilienhnde vor,
Tiere mit Augen, die Frieden ahnen.

Stunde des Todes. Da geifert und keucht
Schleimiger Schlund, nach Atem schnappend.
Kinnbacken schauernd vor Klte klappern.
Wlzen sich Klumpen in Betten feucht

Und mit Lften Weihrauch vermengt
Und mit der Priester schalen Gebeten
Muffige Stuben Schatten betreten
Und die Fenster dster verhngt --

Stunde des Todes. Da hundsfttisch lacht
Der Laster Grimasse, am Bettende hockend.
Nebel, Zge, Glocken
Schleppen sich durch die verweste Nacht.




Der Mrder


Noch schreit ich durch die Stube grimmig-bang.
Jetzt wasch ich mich im neuen Wasserkrug.
Wie sie die Augen innig um mich schlang
Und schumte stier, als ich sie niederschlug!

Fahr Weibsbild hin und hur in Hlle Grab,
Mich la, ein Vieh, in muffigem Stall verenden!
Wohl mcht ich, da ein langer Rausch mich lab,
Doch kann ich nicht die Schritte abwrts wenden.

Sie tanzte kurzen Rocks in heller Runde
Und Scheine Bluts benagten oft ihr Haar.
Ja, ihr Gesang in dieser nchtigen Stunde
Erschien mir immer fremd und wunderbar.

Und fhrte ich sie Sonntags aus am Arm,
Wir eilten parkwrts mit der Straenbahn.
Ich steuerte behutsam durch den Schwarm
Der Ausflgler zum Gartenrestaurant.

Im Dunkel flammt ein schnes Feuerwerk.
Im Saal versammelt man sich froh zum Tanz.
Ach, und zuhaus erwuchs ein Blumenberg,
Postkarten flochten einen farbigen Kranz.

Schon enget mich die feuchte Gitterzelle.
Was denk ich an das Hosentrgerseil?
Ich trete eisiger Frhe auf die Schwelle.
Der Block ist nicht zu frchten, nicht das Beil!

Ein Priester spricht im Winde leis die Messe
Und fleht, da mir der Herr zur Seite bleib.
Ein schwarzes Tuch. Breit grinst der Toten Fresse
Und bietet sich voll Schwung der magere Leib.




Der irdische und der himmlische Gesang


         _Als aber das Zeichen des Kreuzes in den Wolken_
         _erschien, umgeben von Engeln, die einen himmlischen_
         _Pan anstimmten, fanden die Kmpfenden_
         _wieder neuen Mut._




Berlin


Der Sden wird verbluten in der Sonne Stunden.
Der Taten Gott erzrnt aus Lavagrften schlug.
Es kreiset um das Land der Berge Flammenrunde.
Da brachen auf wir schwarz, ein dnner Totenzug.

Der Sden ist bestimmt zu ewiger Trauer Schlafe.
Wir haben unserer Trume Barken ausgebrannt.
Wir winken mit den Fackeln nach dem stillen Hafen,
Die streichet aus der Finsternisse Mutterhand.

Des Sdens Atem klebt an unseren krummen Rcken
Mit Winden lau und dumpfer Glocken Grabgedrhn.
Betrbet euch! Des Abends rote Nebelmcken
Bestrmen euch mit Sang. Lat uns vorbergehn!

Maultiere brechen hart von schartigem Messergrate.
Lawinen bertnchen uns mit Liebe weiem Fcher.
Wildbche berblitzen hoch der Brcken Drahte.
Geysire platzen aus der brchigen Felsen Kcher.

Wir sanken morgens in der Spalten grne Kammern.
Wir tauchten mittags ein in Gletschermhle Becken.
Es sauste nieder des Erdrutsches Keulenhammer.
Des Winters Sturm ri uns aus wohligem Verstecke.

In Hhlenlchern warteten die zarten Wunder.
Mit Gerten schlugen wir uns Labung aus dem Stein.
Wir strzten ab mit nasser Bschel Fleckenschrunde.
Wir starben in den Kelchen der Enziane klein.

Wir tauten auf beim Hirtengru und dem Geblke
Der Herden. Aus der Blumen Grunde warmem Lauch
Sog uns zu Funkengrten schrger Purpurkegel.
Es trug uns Raub der neuen Heimat Wirbelhauch.

Aus Dcherfirnen strahlt der Meere Glanzgebreite,
Urwlder sind in Schlot und Balken hochgewachsen.
Der Rauche ruiger Hain beschattet die Gemuer.
Der Krater Trichter schrumpften, schiefe Aschenzacken.

Der Wiesen Fluren tanzen um als Wimmelpltze.
In langer Straen Schluchten weinen Abendrten.
Ein Quellenstrudelschwarm zum Himmel hetzet
Bei Kellertunnel-Not und Krach der Speicherbden . . .

Berlin! Du weier Grostadt Spinnenungeheuer!
Orchester der onen! Feld der eisernen Schlacht!
Dein schillernder Schlangenleib ward rasselnd aufgescheuert,
Von der Geschwre Schutt und Moder berdacht!

Berlin! Du bumst empor dich mit der Kuppeln Faust,
Um die der Wetter Schwrme schmutzige Klumpen ballen!
Europas mattes Herze truft in deinen Krallen!
Berlin! In dessen Brust die Brut der Fieber haust!

Berlin! Wie Donner rattert furchtbar dein Gerchel!
Die heie Luft sich auf die schlaffen Lungen drckt.
D er Menschen Schlamm umwoget deine wurmichten Knchel.
Mit blauer Narben Kranze ist dein Haupt geschmckt!

Wir wohnen mit dem Monde in verlassener Klause,
Der wandelt nieder auf der Firste schmalem Joche.
Der Tage graue Gischt zu sternernen Ksten brauset.
Auf Winkeltreppe ward ein Mdchen wst zerstochen.

Wir lungern um die Staatsgebude voll Geprnge.
Wir halten Bomben fr der Wagen Fahrt bereit.
Die blonde Muse lngs sich dem Kanale schlngelt,
Quecksilberlicht aus Lden lila sie beschneit.

Auf Pflaster Nebeldmpfe feuchte Wickel pressen.
Auf trgem Damme erste Stadtbahnzge schnaufen.
Die alten Huren mit den ausgefranzten Fressen,
Sie schleichen in den bleichen Morgen, den zerrauften . . .

O Stadt der Schmerzen in Verzweiflung dsterer Zeit!
Wann grnen auf die toten Bume mit Geklinge?
Wann steigt ihr Hgel an in weier Schleier Kleid?
Eisflchen, wann entfaltet ihr der Silber Schwinge?

Auf prasselnder Scheiter Haufen brennet der Prophet.
Der Kirchen Trme ragen hager auf wie Galgen.
Die Haare Flachs. Sein Leib auf Messingfen steht,
Im Ofen hei wie glhender Erzkolo zerwalket.

Und seine Stimme schwillt wie Wasserrauschen gro,
Da lschet aus des Brandes Qual auf heiliges Zeichen.
Ein fahles Schiff, das lset sich vom Ufer los,
Sich das Gerste hebt und in die Nacht entweichet. --

Einst kommen wird der Tag! . . . Es rufet ihn der Dichter,
Da er aus Ursprungs Schchten schneller her euch reise!
Des Feuers Geist ward der Geschlechter Totenrichter.
Es zerren ihn herauf der Bettler Orgeln heiser.

Einst kommen wird der Tag! . . . Die himmlischen Legionen,
Sie wimmeln aus der Wolken Hitze mit Geschmetter.
Es schlagen zu mit Knall der Huser Srgebretter.
Zerschmeien euch. Es hallelujen Explosionen.

Einst kommen wird der Tag! . . . Da mit des Zorns Geschrei
Der Gott wie einst emprt die milbige Kruste sprenget.
Im Scherbenhorizonte treibt ein fetter Hai,
Dem blutiger Leichen Fra aus zackichtem Maule hnget.




Mensch im Abend


      Fr Josef Amberger

Er treibet durch die Straen voller Ruh,
Indes des Himmels Grnde Purpurrte frbet,
Die Arme weit, die weien Augen zu.
Da flacher Bluen Strahl ihn nicht verderbet

Und nicht zerreit mehr, ihn erhabenen Sinn. --
Wo wirst du landen, Streuner, diese Nacht?
An welche Ufer schlgst du mde hin?
Verweinet und zerstret? Ob du lachst?

Ob du vielleicht dich in den schwarzen Trumen
So tief eingrbst, da dich nicht Schrei aufschreckt?
Ruhend, da Laub fllt von den Bumen,
Auf weichem Boden gut, sanft zugedeckt?

Ob du vom Hgel aus, der Nacht entrcket,
Ins Land ausschaust, das heller Zukunft brennt?
Ob du verweilest schwer, wo Ausschlag drcket
Man in die Hand sich, Strom im Dunklen flennt?

Da Dottermond durch flatterndes Gerippe
Verbrannter Wolkenstdte rennet,
Teilst du verzweifelt ste und Gestrppe
Und flehest, da dich Jener Stimme nenne?

. . . Schon hebet sich mein Blick, an Lampenmonden
Entlang sich findend. Stdteplatz schon brauset.
Ich schlage wieder diesen Weg ein, den gewohnten,
Doch mild, und Sterne nicht zerkrampfend in der Faust.

Ein wenig aus dem Bleietag mich aufzuschwingen
Kam ich und da zu dir empor ich eile,
Geneigte Trsterin, mit heller Flten Singen
Den Bann entzaubernd die Gebresten heilend.

Vor meinen Augen flimmern Leuchtemcken,
Erst Punkte schwarz, die tanzen Surrerunden.
Die Schatten schlagen schwarze Tcherbrcken.
Es steigen Leitern, glsern mondumwunden.




Rimbaud


Aus ligem Hafen schwenken jetzt die Schiffe.
Im Straenschachte ein Betrunkener schlappt.
Im Schein des vollen Monds, des blankgeschliffenen,
Er strolcht durch seine groe Stadt verkappt.

Der Engel htet Kranke. In den Stieren
Entschleudert er gewaltigen Aufruhrsang.
Die Berge schauernd graus in Nchten frieren,
Doch Wiesen psaltern lieblich bunt am Hang.

Es werden Arm und Beine amputiert.
Im dunklen Bauch des Krebses Blte schwiert.
Da wehet Lenzluft milde durch Spitler.
Er hocket stumm im Flackerschein der Mhler.

Ein finsteres Los ist allen uns gefallen.
Nichts ward uns ganz und ungetrbt zuteil.
Auf Dchergletschern wir verzweifelt wallen.
Du zerre uns empor am Fhrerseil!




Der irdische und der himmlische Gesang




Die Lebenden


Wie ffnet schauerig sich der Hlle Pforte!
Jh aufgerissen starrt der Erde Scholle.
Geheul von einem Hund schwirrt in der Luft.
Es schtteln schwarze Engel ihr Gefieder,
Und durch die Nacht zuckt flammend Gottes Sto.



Eine Hure


Die Stiege, die ich nchtlich schwank, knarrt dster.
Wir krmmen uns im Schwei der Kavaliere.
Der Sonne Tag blitzt falb, voll Blut und Gruel.
Wer mag an einer rauhen Brust leis wimmern?
Ein Kleines rutscht in den Abort. Es platscht.



Ein Mrder


Die Strae, die ich finster schreit, glotzt feindlich.
Bin ich der Feind? Das Dunkel schwillt zum Loch.
Die schlanke Brcke soll mich heute bergen.
Mein Kopf zerplatzt, der Klumpen Haut und Blut.
Die Straenbahn strzt die Allee herab.



Chor der schwarzen Engel


Wir kauern an den Tren grau-versteckt.
Des Haares Strhne baumelt schwank als Strick.
Jetzt klatscht aus unseren Mnteln Wassersturz.
Wir schlagen auf die groen Nebelflgel.
Wir rinseln durch die Finsternis als Brand.



Der Dichter


Es jagt mich durch der Straen Schchte hin.
Ich hoffe Wunder, doch Verderbnis lauert.
Wenn ein Klavier mich aus dem Wege schlgt . . .
Ich kenne sie an ihrem Trippelschritt
Und Hngetasche, schiefem Federhut.



Chor der blonden Engel


Wir tragen unsere Haare glatt gekmmt,
Wir mssen auf gespannten Seilen tanzen.
Vom Platze wirbelt Militrmusik.
Der Fledermuse-Schwestern falbe Wangen,
Wir wollen sie mit weichen Hnden streichen.



Eine Hure


Nur manchmal darf man sich im Schlafe strecken
So lang und md, da alle Glieder singen.
Und manchmal kann man in den schnen Abend stelzen
Allein und in dem hohen Dome knieen
Und fallen s zurck in einen Park.



Ein Mrder


Da sie vielleicht ein holdes Lcheln zeigt!
Noch Tage Aufschub und noch manche Nacht
Und spitz am Ufer blinkt ein kleines Licht.
Ein schnes Schiff mit vollem Dampfe fhrt.
Triumphgeschmetter kreischet die Fabrik.



Der Dichter


Ich pralle feuerig wider Gott und Welt.
Ich spei Vernichtung, Ha, Verrat und Gift.
In meinen Muskeln strmt Emprungskraft.
Ein Akrobat ich mich im Zirkus schwinge,
Ich spiel mit Kugeln, schleudere Messer weit.



Die Toten


In unseren Grften zieht es eisig-streng.
In unseren Srgen schwiert ein kleines Loch.
Jetzt hat ein toter Wurm den Ritz verstopft.
Grn schillern Gase, steigen Dmpfe matt.
Mit zackichter Fresse wandeln wir Gespenster.




Die Huren


An langer Mauer stehn die Huren, angereiht wie Perlen.
In Wolken duckt des Mondes grne Katze sturzbereit.
Der Sturm der Herbste wird die seidenen Spitzenrcke schwellen,
Die werden leuchten auf wie Tulpen rot in nchtiger Zeit.

Die Alten recken sphend ihrer welken Hlse Stiele
Und zngeln, Flmmchen trbe, dnn empor am Kirchenhaus.
Die Jungen stelzen ppig im Bazargewhle
Und suchen Herrn mit Stcken gold und neuem Ulsterflaus.

Sie schweben Statuen auf morscher Brcken Nebelpfade,
Von kleinem Kreuz beschirmet, in des hlzernen Heiligen Hut.
Sie streichen aus der Kammern Hhlengruft im Regenbade,
Das platzet zischend, Bombenknall, in die verstrte Brut.

Sie leuchten wieder, Lmpchen von der niederen Huser Klippen
Und duften slich nach Parfms und dem Odor der Seuche.
Auf ihren samtenen Mtzen weie Reiherfedern wippen
Und schlummern sanft auf Polsterkissen runder Fuhrmannsbuche.

Sie stehen vor Gericht als Mordes einzige Eideszeugen.
Sie sind des Uhrenraubs verdchtigt oft und angeklagt.
Des Strizzis sicheren Aufenthalt beharrlichst sie verleugnen.
Grauhaariger Onkel sie des Tags mit wsten Lstchen plagt.

Ein Dirigent hat heller Geigen Stimmen angefacht.
Sie ghnen in Cafs und torkeln in den Bars besoffen.
Sie knieen berrascht vor der Monstranze Pracht.
In braunen Wirtschaftsgrten lungern sie, zerrauft und offen.

Sie prangen bunt in Reicher Galerieen, konterfeit.
In blauen Hfen zucken chzend sie bei Kmpfen wild.
Die Harfenfrauen zittern in verworrener Dunkelheit.
Papierlampione pendeln ber groer Nummern Schild.

Auf Karrenwagen rollen sie bewacht ins Hospital.
Sie richten auf sich, schlagen Lrm und trmmern ein die Scheiben
Und brechen aus und dringen kreischend in den Sitzungssaal . . .
In euere schmutzigen Winkel euch die Bajonette treiben!

Mit eueren Locken blond seid ihr die Musen blder Dichter!
Myrthenbekrnzet schwebet ihr aus schwlender Feuer Pfuhl.
Es wehen durch der Dmmer Fall die narbigen Gesichter.
_Ihr seid gestellt einst, Schwerterwchter, um der Gnade Stuhl . . .!_

Sie schlendern langsam und gebckt in lauer Jahre Zug,
_Bis frher Frhling einst Gewand und Fleisch zerschleiet._
Sie strecken ihre fahlen Arme aus zu letztem Flug.
Sie schmcken sich in ihren Stuben kalt zur weiten Reise.

. . . O warme Nacht, du breitest milde Sterne und Gefieder
Um uns und schaukelst Walzer heimnisvoll an unseren Gang.
Oft ists, als stckelten uns ruckweis ab der Krper Glieder
Und finden pltzlich uns gealtert in den Spiegeln bang . . .

Die habend heut beim Kriegerfeste schnes Geld geerbet,
Sie kleben an den Tischchen frohvergngt der Automaten.
Das Holzklavier laut rasselnd sie zum Schiebertanze werbet.
In Ecken und bei Weibier sitzen steif die Akrobaten.

Zerkratzet sind die ksenen Wangen und der Leib voll Flecken.
Ein Ankerwappen blht, im Oberarm blau ttowiert.
An den gespreizten Fingern gelbe Kettenringe stecken.
Ein Nadelri an dem verschminkten Rosenmunde schwiert.

Sie treten auf als Tnzerinnen und als Wunderdamen.
Sie kreiseln singend auf den Pferdchen zahm der Karuselle.
Sie steigen flchtig durch Hotels, oft ndernd ihre Namen.
Verschlupfen pltzlich ber Winter in Provinzbordellen.

Sie promenieren in den Lften auf gespannten Seilen.
Sie zirpen Heimwehlieder traurig-matt im Cabaret.
Sie sammeln Kupfermnzen, Waisenmdchen, an den Sulen.
Sie lsen schluchzend sich bei Grammophonkonzert mit Tee.

. . . Sind wir gewandelt unsere schlimmen Stunden grimmigheiser!
Es ist, als sei ein Brief von fern gekommen, der uns ruft.
Laternen strmen ber, unserer Wege schale Weiser.
Verlassen wollen wir Quartier dich, feuchter Trnen Gruft! . . .

Sie packen fiebernd ein, sie stapeln hoch der Wsche Krbe.
Vergilbte Vorhnge bedecken Wirtinnen verweint.
Sie reien hoch sich, schlingend um der schwarzen Mntel Schrpe.
Sie sammeln sich wie drre Rabenschar in finsterm Hain.

Sie stampfen auf und schwenken drhnend ihre Hngetaschen
Und flstern, wie ein Hauch im Wald, sich zu des Kriegs Parole
_Und ordnen sich zum Vorwrtsmarsch, die himmlischen Apachen,_
Mit der Kapellen Chor, die blst des Schlummers Barkarole.

. . . Wir kommen mit der schwefelnden Sonne Glanzesflor bekleidet,
Wir tauchen Wildnis auf vor euch und jagender Schrecken Heer.
Wo ist der starke Mann und wo das Meer bereitet
Fr uns, die Wasserbrunnen aus den zerstrzten Schchten her?

Ihr Mtter! Mtter! Wahret euere Shne in den Husern!
Wir spritzen Gift, in sptem Abende erweckte Nattern.
Ihr Mtter hret: -- unsere armen Pppchen quietschen leise.
Wir fegen wie die Fhne durch die Straen mit Geratter.

Wacht auf! Wacht auf! Wir schnellten blitzend aus der Grber Schluchten.
Wacht auf! Wir ticken an die stummen Fenster, die zerspringen!
Wacht auf! Euch schmettern nieder die Posaunen der Verfluchten.
Wacht auf! Wir flammen hageschrt und spucken Galle bitter!

Wir werden sein verruchter Jugendliebe grause Rcher.
Auf fetter Brger Buckel flitzen unsere Peitschengrtel.
Wir jauchzen, Bller krachend, auf in hllischem Gelchter.
Der Erde Festen wanken. Himmel brechen ein erschttert.

Empfanget uns: die wir aus eisigen Srgen aufgefahren,
Die wir auf schattenen Koturnen herrlich sternwrts schwanken.
Die kranken Schwestern tragen wir verzckt auf Strucherbahren.
In unseren gebleichten Haaren spielen Strahlenranken.

_Die Huren werden grinsend euere Einsamkeit belauern._
_Die Huren werden euch in bser Trume Schlaf erwrgen._
_Die Huren werden um die Kindheit furchtbar opfernd trauern._
_Die Huren werden euerer Stdte glsernen Bau zerwirken! . . ._

-- -- -- Sie ziehen heulend auf, Gewitter in den Hhen finster.
Der Horizonte Augenlid erffnet sich, entzndet.
Sie schreiten aus im Morgenrot, scharlachene Gespenster,
Mit silbernen Schwanenflgeln, die klirrend tnen in den Winden.




Der Wald


Ich bin der Wald voll Dunkelheit und Nsse.
Ich bin der Wald, den du sollst nicht besuchen,
Der Kerker, daraus braust die wilde Messe,
Mit der ich Gott, das Scheusal alt, verfluche.

Ich bin der Wald, der muffige Kasten gro.
Zieht ein in mich mit Schmerzgeschrei, Verlorene!
Ich bette euere Schdel weich in faules Moos,
Versinkt in mir, in Schlamm und Teich, Verlorene!

Ich bin der Wald, wie Sarg schwarz rings umhangen,
Mit Bltterbumen lang und komisch ausgerenkt.
In meiner Finsternis war Gott zugrund gegangen . . .
Ich nasser Docht, der niemals Feuer fngt.

Horcht, wie es aus schimmlichten Smpfen raunt
Und trommelt grinsend mit der Scherben Klapper!
Versteckt in jauchichtem Moore frech posaunt
Ein Kfer flach mit Gabelhorn auf schwarzer Kappe.

Nehmt euch in Acht vor mir, heimtckisch-kalt!
Der Boden brchig ffnet sich, es spinnt
Euch ein mein Astwerk dicht, es knallt
Gewitter auf in berstendem Labyrinth.

Doch du bist Ebene . . . Voll Sang, mit flatternder Mhne,
Von sanftem Luftzug glatt zurckgekmmt.
Gekniet vor mich, von stechender Hagel Trnen
Aus globiger Wolken Schaff grau berschwemmt.

Ich bin der Wald, der einmal lchelt nur,
Wenn du ihn fern mit warmem Wind bestreichst.
Weicher umschlinget drren Hals die Schnur.
Bses Getier sich in die Hhlen schleicht.

Die Toten singen, Vgel aufgewacht,
Von farbenen Strahlen blendend illuminiert.
Heulender Hund, verreckt die bse Nacht.
Duftender Saft aus Wundenlchern schwiert.

Du bist die Ebene . . . Hoch schwanket die Zitrone
Verfallenden Mondes ber deinem Scheitel grad.
Du schlferst ein mich Strolch mit schwerem Mohne,
Du, die im Traum ihm, blonder Engel, nahst.

Ich bin der Wald . . . Goldbche mir entsprungen,
Sie rascheln durch Schlinggrser mit Geflster.
Wie Schlangen sanft mit langen Nadelzungen.
Es raset ber mir der Sterne Lster.

Ich bin der Wald . . . Aufprasseln euere Lnder
In meines letzten Brandes blutigem Hllenschein.
Es knicken um der eisigen Berge Bnder,
Gell springt der Meere flssiges Gestein.

Ich bin der Wald, der fhrt durch abendliche Welt, gelst
Vom Grund, verbreitend euch betubenden Geruch,
Bis meine Flamme grell den Horizont durchstt,
Der lscht, der deckt mich zu mit rosenem Tuch.

Es ward der Blumen Wiese Gewlbe meines Grabes.
Aus meiner Trmmer Hallen sprieen empor der bunten Strue viel.
Da jene Ebene sank zu mir hinab,
Wie klingen wir schn, harmonisch Orgelspiel.

Ich bin der Wald . . . Ich dringe leis durch euere Schlafe,
Da Lsterung und Raub und Mord ward abgebt,
Ich nicht Verhngnis mehr und schneidende Strafe.
Mein Dunkel euere brennenden Augen schliet.




Aufbruch


Schon rsten Wanderaffen sich und Bambusstangen
Die stellen sie als Zeichen vor den groen Zug,
Zerzausen meckernd mit der Hnde Pranken
Gevgel wei, gehascht aus bitterem Flug,

Und Weite schwillt, das lngst verreckte Tier,
Zerfault, mit aufgetriebenem Schimmelbauch.
In nassen Waldverstecken lauern wir.
Rollt bald ein Kugelmond herauf? -- Der giftige Hauch

Von grnen Winden an die Bume rhrt,
Die klappern mit den hageren Fingersten.
. . . Bist du der Strom, der ber Berge fhrt? . . .

Nahst du, nahst du, du groer Kfigkasten,
Du Sarg mit Segelwolke, rotgeschrt
Und hllest, Nacht du, trauernde Phantasten?!




Die Mutter


Hohe heilige Blue,
Schrei aus Verwesung, Grab und Nacht.
Darf ich mich wieder freuen?
Ich bin dir dargebracht.

Deine rauhen Hnde falten
Sich, mir spendend Segen.
Deine entzndeten Augen walten,
Wie flackernde Lmpchen auf schwarzem Grubenwege.

Deine zerklfteten Wangen schlagen
Leichte an. Es heult ein Hund.
Ich schreite entgegen glcklicheren Tagen.
Sterne wirbeln rings im Bund.

Ich mich wild empre,
Zornig reit es mich dahin.
Erhre
Mich! Ich stammle auf den Knien.

Wie lang ich noch verweile?
Trenn auf des Leibes Naht!
Mich raffen hin Verzweiflungs giftige Pfeile.
Du aber strzest mich in Trnengu und Bad.

O Reinigung du, o Bad!
Abkehr irdischen Staubs!
Deiner Haare goldenes Laub
Belebt den Tod, verklrt die schlimme Tat.




Die Nchte


O schleichet durch die Nchte! Sie erlaben.
Da werden Tag und Schmerz und Wunsch heraufgesplt.
Wir Blinden balde Seheaugen haben,
Uns fen hei mildere Witterung khlt.

Hast du gesehen jenen Mensch, der fiel?
Er schnappte feixend in die Welt hinaus.
Schon blauet Nacht. Nun ist er Drang wie Ziel,
Der Stern im Baum, der fernsten Lnder Braus.

Er tnet ausgeshnt mit allen Stcken
Und aufgelst in den Zusammenhang.
Wir Lahmen tuen ab die Holperkrcken
Und schreiten aus in fabelhaftem Gang.

Wir Arme fllen uns. Die Trauer tanzet
Und alles jauchzet, vllig eingewohnt.
Wir schpfen aus der dunklen Troge Kranze
Ewigen Trank, den gelben Wonnemond.

Es dehnet Wald schon weit sich. Helle Wiesen
Von dicken Mooren berflieen.
Es berstet kreischend irdisches Gewand.
Es greifen aus die Berge, gute Riesen.
Die Meere nagen an der Himmel Rand.




Das Dreigestirn


Wenn wir im Dunkel schlagen uns zum Flusse,
Der Hagel Schauer bers Haupt uns brechen:
Erwhlte Fhrer ihr der irdischen Fahrt,
Als Flammen Trme in der Wetter Schwall!

Da Leuchten in der Wolken Hhle kriechen,
Gerste zucken nieder im Verfall.
Wir rufen euch, wir dnne Schar der Siechen,
Die heulet mit der Donner gellem Hall.

Wie Balsamschalen, die einst Engel streuten,
Schafft Ruhe ihr dem aufgereizten Land,
Da wild die Pferde vor den Droschken scheuen,
Und euer Denkmal loht als Feuers Brand.

Rimbaud, Kleist und Baudelaire --
(. . . um deren Haupt des Ruhmes Binde weht . . .)
Euch grt der Dichter, der zerrauft und leer,
Ein Bettler orgelnd auf dem Platze steht,

Verwahrlost und vertrottelt zu der Helle,
Dem Lichte zu wie ein Insekte irrt,
Bis sich sein Lumpenflaus entzndet, grelle
Er Bundesstern in euerem Bilde schwirrt.




Triumph


         _Und da er auf dem Wege war, und nahe bei_
         _Damaskus kam, umleuchtete ihn pltzlich ein_
         _Licht vom Himmel . . ._




Entrckung


Mond in rosa Wolken steht,
Die verwittern schnell, verdunkeln.
Gletscher fern herberweht.
Fenster und Laternen funkeln.

Heller Grten Walzer nahen.
Nimm mich hin, du schner Traum!
Menschen, Tiere, Huser klagen.
Tief im Flu vergeht ein Baum.

Ach, ich mchte weiter schicken
Krper dich von irdischem Ort!
Berge, Stdte, Landschaft, Brcken
Stehn schon auf und wirbeln fort . . .

Waldung schwanket. In den Haaren
Whlet kncherne Hand.
Es kommen an die heiligen Scharen.
Es drhnet mein Gewand.

Ich ward wie Meer, doch ohne Sturm,
Und Ebene ausgestreckt,
Aus meinem Munde wchst ein Turm,
Wald und Gebirg sich reckt.

Wie herrlich hin ich aufgegangen!
In meinen Augen schlft der Mond.
In meinem Blut schon Sterne fangen
Zu kreisen an mit leisem Ton.




Trauer


Des Nachts mu ich zerpeitscht durch helle Gassen springen,
Des Tags soll ich vor euch von Auferstehung singen,
Den wunden Krper in die rauhe Kleidung zwingen.
Ich mchte schlafend tief in Schmerzen weiterschwingen.
Des Nachts mu ich zerpeitscht durch helle Gassen springen.

Ich fhl mich einem roten Weibe ganz verbunden.
Was wirft mich Einsamen in giftig-bittere Stunden?
Da schweife ich ein Hund im Mond durch helle Runden.
Ach, ihre groe Schnheit habe ich erfunden.
Ich fhl mich einem roten Weibe ganz verbunden.

Sie wird in einer groen fremden Stadt wohl weilen.
Sie mu ihr Bett mit dicken Kavalieren teilen.
Soll ich mich zu ihr flchten, heftig zu ihr eilen?
Sie kann allein mich trsten, sie versteht zu heilen.
Sie wird in einer groen fremden Stadt wohl weilen.

Ich will dich Liebste nicht in anderen genieen.
Du sollst vergttert sein von mir und hoch gepriesen.
Ich will demtig-fromm im ewigen Meer zerflieen.
Kalt ists, als ob schon Winters spitze Strme bliesen.
Ich will dich Liebste nicht in anderen genieen.

Oft, wenn ich irre schchtern tastend schwanken Weg,
Lufst du nicht rufend ber nassen Fahrdamm schrg?
Ein jher Lichtsturz meinen besten Traum zerschlgt.
Die wilde Nacht um mich die scharfen Krallen legt.
Oft wenn ich irre schchtern tastend schwanken Weg.

Kehrst du mir nie zurck von deinen fernen Fahrten?
Des Winters stampfe ich durch manchen den Garten.
Darf ich vielleicht dich mit den Blumen bald erwarten?
O Erde, Blten, Winter decket den Genarrten!
Du kehrst mir nie zurck von deinen fernen Fahrten.




Elegie


Goldener Mond an weien Wolkenfasern,
Der du Welt zu hellen Klagen stimmst!
Tiere schreien auf aus ihren Schlafen.
Zug in anderes Dasein schwimmt.

Mu ich wieder denken jener
Auf den Bnken oder unterm Tor --
Weih ich Ihnen diese nchtige Trne,
Treten sie auf Strahlenbrcken vor.

Ach, durch euch schon lngst hindurchgegangen
Stadt, Gebirg und Wald!
Nehme jetzt im khlen Flusse
Letzten Aufenthalt.

Knnt ich jene fernen Hgel fassen,
Wenn Nacht drosselt Zwinkerlampen aus,
Mich zu jener Insel glnzend schweben lassen,
Wo du bist zu Haus!




Fest


Die Damen blhen, reiche Blumenstrue.
Es weben Dfte ber Laubgelnden.
Die Straen wandern Bume. Stdtehuser
Vergehen bla. Theaterpltze blenden.

Wir schwinden, Melodie, in deinen Flgeln,
Ihr Schlager einst aus Kneipen und Kaschemmen,
Doch unbedingter jetzt! Zu weien Hgeln,
Ein Strom vertraut uns, blde Tiere, schwemmet.

In schnen Gegenden bald aufgegangen,
Wir in den Wldern, wir am Flusse stehn,
Abwaschend unsere geschminkten Wangen:
Als Engel gro wir durch die Rume gehn.

Wir sind die Heiligen, die euch beglcken,
Mit unserem Atem lschend Brnde leis.
Nach den Gestrauchelten wir gern uns bcken,
Wir bringen heim den irrgewordenen Greis.

O blicket auf! Wir fliegen ber dem Geschwrle
Der irdischen Mdchen, die zum Schluchzen schn,
Wo brllet laut der Biergesang der Kerle,
Die gierig schwrmen wie der Lenze Fhn.




Frhlingsgesnge




I


Wir wallen, von Trompetenbraus umbrandet,
Und unter Strahlen, die sich kreuzen schrg.
Wir treiben los vom Fels, auf dem gestrandet,
Wir nicht mehr hofften, da ein Sturm fortfegt

Uns Wracks. In goldenen thers Glast gewandet
Uns Adler ffnen den verworrenen Weg.
Verhllet noch von Dunst der Ufer Lande.
Wir schwanken auf der Wogen jhem Steg.

Nochmals Musik in unerhrtem Schwalle!
Die Arme strecket aus, begrend alle
Auftauchend aus Verschttung neue Sttte!

Noch klirren unter furchtbarem Krawalle
Gewaltiger Kriege langer Donner Ketten.
Doch Himmel, Himmel sinken, die uns retten.



II


Wir sind zermalmt fr euerer Freuden Welt.
Ja, unter Lobgesngen in der groen Stunde
Wchst hoch zu Gott empor in ewigem Bunde
Die Menschheit. Unserer Schmerzen Leib zerfllt.

Wir sind zermalmt fr euerer Freuden Welt.
Wenn Donner drhnend in die Runde kracht,
-- Kanonenfutter wir in letzter Schlacht --
Da unser Sturm an Salven breit zerschellt.

Im hellen Abende gehn bltenbla
Die Engel mit verwundenen Strahlenfchern.
Sie fhren schwarzes Volk aus dem Gela

Der Kerkerschluchten und aus Burgenlchern.
Es splittert grner Himmel dnnes Glas.
Die Ouvertre rattert jubelnd-blechern.



III


Glorie der Freude in dem harten Glanz
Des Tages. Tag, der jauchzend auferstanden!
Da unsere Stdte prasselnd niederbrannten,
Leid, unser Leid -- in Nchte Feuer schwands.

Frisch wehet Luft. Die Gegend scheint gereinigt.
Die weite Wiese sanfter Strom zerschneidet.
Wir laben unsere Krper, schlimm gepeinigt,
In mildem Bade, abendlich bereitet

Aus zarter Rte, dnnen thers Flle.
Wie lange lag mein heiliges Land doch brach! --
Ein alter Herr spaziert mit goldener Brille,

Dem tnzeln Knabenkinder kreischend nach.
Die Strae, schmal von Grn besumt und flach,
Wirft sich empor. Signale stehen stille.



IV


Der Dichter, der die reichen Brger hat,
-- o heiliger Tag! -- ward heute frh geschat.
Die Erde, Erde dreht im Sonnenglast
Und wlbt sich jauchzend hoch, ein Goldpalast.

Ein wenig seid ihr alle aufgewacht,
Seid atemlos ins helle Glck Entfhrte.
Ein wenig seid ihr alle Aufgeschrte,
Da drftige Glut ward lodernd angefacht.

Ihr solltet in den kleinen Wolken baumeln,
Als gelbe Schmetterlinge trunken taumeln!
Wir werden unsere mrben Glieder schwingen,

Die wir noch mit der Auferstehung ringen,
Da uns die Lfte tzend-scharf durchdringen.
Durch unsere Adern warme Lnder raunen.



V


Die groe Glocke in die Runde tackt.
Die Sonne hat das grobe Eis zerhackt.
Gott fllt den Raum, ein leuchtender Smaragd.
Vollbusig wackelt eine Kindermagd.

Vom Wirtschaftsgarten tutet ein Konzert.
(. . . ein runder Fltenblser alfredkerrt . . )
Der Krassier klirrt mit dem Sbelschwert.
Die Landschaft qualmt. Die Strae wird geteert.

Ein weier Strom sich durchs Geklfte zwingt.
Den Gnadenfra ein gelber Kranker schlingt.
Ein heller Stern in trbem Schwall aufblinkt.

Vorm Spiegel sich das kleine Mdchen schminkt,
Das bald vom hohen Turm aufs Pflaster springt.
Am Himmel leuchtend sich ein Engel schwingt.




Kino




I


Das Warenhaus wird gleich zusammenstrzen.
Die Lschfahrzeuge durch die Straen flitzen.
Es heult und zischt die groe Feuerspritze.
Das Warenhaus wird gleich zusammenstrzen.

Kurt schluckte einen Apfelsinenkern.
Hofdamen ihre seidenen Schleppen raffen.
Die Schwindsucht-Mutter kann es nicht mehr schaffen.
Kurt starb an jenem Apfelsinenkern.

Volksmassen trmmern ein die Kirchenfenster
Und kippen um die sanfte Straenbahn.
Um _Dagny aber heulen wir Gespenster,_
Ganz ausgefretzt von Morphium-Salvarsan.



II


Ein Polizist im Vorstadtviertel strolcht.
Schon brckelt aus der sthlerne Kassenschrank.
Das Liebespaar schlft selig auf der Bank.
Ein Offizier ward in dem Park erdolcht.

Die stolze Festung sei im Sturm genommen!
Die Hafenstadt zwing man zur bergabe!
Man trgt den Staatsminister nachts zu Grabe.
In den Kasernen brllen dumpf die Trommeln.

Mit Knall erfolgt jetzt eine Explosion.
Die Arbeiter erklren stracks den Streik.
Die Residenz ersuft in Flammen schon.
Der Kaiser heimlichst in ein Auto steigt.



III


Von Fahnen blhn die Grber berdeckt.
Zum Jahrestag macht man ein schnes Fest.
Ein groer Chor die Marseillaise blst.
Man wird frhmorgens aus dem Schlaf geweckt.

Auf weitem Platze wird ein Zug gestellt.
Die Sbel blitzen herrisch in der Runde.
Ein Priester benedeit die Freiheitsstunde.
Der Bller Schar im nahen Haine bellt.

Die Mdchen sind mit frischem Laub bekrnzt,
Sie schweben Engel weilich, zart geneigt.
Die Kathedrale in die Hhe glnzt.
Ein Adler in die reinen Lfte steigt.




Hymne an die ewige Geliebte


Als wir morgens aus Trumen auffuhren,
War das kleine Zimmer voll Hyazintenduft,
Die Mutter Gottes schwebte auf einem
Silbernen Seile
In der blauen Nacht,
Schwarzen Gewandes,
Nur die kleinen goldenen Schuhe glnzten
Und das schmale Gesicht (. . . verwesungs-grn . . .).
Christus aber brach aus der feuchten Wand
Mit grnen aufgequollenen Fen,
Sich krmmend und heulend.

Unsere Strae baut sich immer hher empor
Von den vielen Heimwegen.
Das Trottoir glnzt,
Die Pappeln rauschen,
Die Bogenlampen zerwerfen sich,
Der Spritzwagen der Straenreinigungsgesellschaft
Rattert herum, ein Mensch hngt immer
ber einer Bank.

Du stehst mir bei in meinen Zusammenbrchen,
Ich sttze dich bei deinen Ohnmachten.
Man hilft sich.
Wir haben noch zwei Mark fnfundsechzig.
(. . . Caf -- Kino -- Automat . . .)
_Wie herrlich leuchtet die Sonne in_
_Unser letztes Geschwank!! --_

Dein Gang schwebt im Gefll der frhen Winde.
An deinem Munde trink ich Leben, Tod.
Dein Leib reit Trunkenen mich zu Hlle, Grab.
Dein Lcheln, das der Greisin, das des Kindes,
Und deine Haare wie Gebsche rot
Voll Feuersbrunst. Dein Antlitz bla-zernagt.

Der Weg steigt durch die Nchte hoch und frei,
Am Ende er in Morgenrte sticht.
Er schwebet in den Lften wie ein Boot.
Die Stdte fallen um mit viel Geschrei.
Hernieder saust des eisigen Monds Gewicht.
Ein schwarzer Engel steht in Brand und loht.

Ich will dich in dem Bett, wo wir zu zweit
Erwarten Gottes Sto und berfall,
Warm decken mit des Mantels warmem Tuch.
Da deine Augen flieen, Meere weit,
Da wirbeln toll der Strze Schaum und Schwall . . .
Wir tun ergeben treu dem letzten Spruch.




Die Groe Stunde




I


Da meine Schritte deinen gleicher werden,
Da deine Male meinen Krper zieren,
Da deine Leiden heftig in mich dringen,
Da mich Verlsterung und Schande treffen,
Bis mich Triumph aus ekler Not verklrt!
Da ganz dein Aug aus ewig lichter Sphre
In meinen Blick, in meine Art verwachs!
Ich gab mich hin, ward voll in dich gelassen,
Einst aufgesprungen gro aus deinem Blut
Mir deine Worte brausen jetzt vom Munde.
In deinem Sinn erwidere ich der Welt.
Dein Wunsch dem Jnger Fgung und Gebot.



II


Du zrn mir nicht, wenn ich berauscht umarm,
Erpresse dir Tribut von Bett und Glck,
Wenn ich zurck mich aus den Tagen strz
Jh hin verzweifelt -- falb an deine Brust:
Zerhack mich Messer Strahl, durchzck mich Sto!
Da Krper chzt, ein Wrack, das Hirn zerwirkt,
Das Auge quillt, der rote Mund zerschleit . . .
Was soll ich rmster noch, wenn du mich nicht
Zum Opfer annimmst, schwach und unscheinbar?
Der nie noch Heimat fand, er schwankt im Sturm.
Er heult auf Dchern deinen Namen weit.
Dumpf wie ein Stier er brllt und bumt sich krumm.



III


Ich wart auf dich, wenn furchtbar schwirrt die Nacht.
Wo hinterm Wald der Brnste Lohe steigt.
Zu Funken stiebt den Brand dein Atemstrahl,
Da auf den Berg du schwingest dich als Stern,
Wo niederrutscht ins Tal der Wasser Fall.
Ja berall im Dunkel schwebt dein Bild,
Endlos wirkt deine Gnade, deine Gte weit,
Weit wie das Meer und wenn in Abgrund taucht
Mein Schiff und wirbelt um im Strudelschlund,
Bleibt doch in Lften hoch dein silberner Schrei,
Dein Adlerschrei, _der mich Zerschlafenen weckt,_
_Das Steuer umreit und den Bug hochschraubt._



IV


Ich fhlte mich im Traum mit dir vereint.
Wir schlossen uns zum ewigen Bruderbund,
Und schallt Trompetenschrei in grauser Nacht,
Du wirst mich kmpfend dir zur Seite finden.
_Das Kreuz mu leuchtend sich am Himmel zeigen._
_Das Kreuz soll aus den Grnden flammend steigen._
_Das Kreuz wird als Gespenst im Nebel wanken._
_Das Kreuz wird dmmern aus der Meere Glast._
Um das geheiligte Denkmal braust die Schlacht.
Du streckest vor der Arme dnnes Schild.
Die Lanzen knicken wie Schilfrohre ab.
Dein Atem fegt die Hllischen hinweg.



V


Der spte Jnger sei nicht minder treu.
Du hast dich herrlich um sein Schild geschrieben.
Im Morgen schreiten blonde Engel aus,
Die schwarzen Geister sind am Licht zerschellt.
Du streifst vorbei im weien Sonnenflu,
Du tost hinab in falbe Finsternis,
Wo Weg zerschleit, ein tckisches Gespenst.
In starrer Zeit wir lernten dir vertrauen,
Da Hoheit wich, Mord waltet und Verrat.
Geharnischt zngeln um das Haus die Flammen.
Wir tauen auf aus Ha, Verachtung. Schutt
Von unserer Stirne bricht. (. . . o Lilienkranz! . . .)



VI


Gehssig zischeln auf wir. Reich die Hand!
Wir drfen singend ber Trmmern schweben,
Da Fels ri auf uns, Ebene rieb uns wund,
Der Wald trieb ein den Stachel, Flu grub spitz.
Durch hohlen Krper drang dein weiches Licht,
Auf die versengte Erde fiel dein Ku.
Du gehst behbig still durch unsere Stadt,
Du liest den Anschlag auf der Litfasule,
Im leichten Auto kommst du angeeilt.
Schrill branden um uns Kinder Jammerschreie.
Ein Weib ersuft. Ein Arbeiter erstickt.
Es schraubt die Nacht sich hoch. Tief krmmt sich Tag.



VII


Jetzt flacken wir zerknirscht vor dir im Staub.
Die Helfer mgen uns nicht aufwrts raffen.
Schon wandeln wir geruhig durch lbergs Garten,
Da fern dein Kreuz sich wie ein Streitro bumt.
Du stiebtest Retter aus Emprungsgrften,
Du schlugst des Mantels himmelblaues Tuch
Um uns, trugst uns hinweg, die schwache Beute,
Die Brut der Kinder aus verseuchtem Nest.
Der Fels blitzt rot. Steil wchst die Mittagsstunde.
Es schwillen Rufe aus der Unterwelt.
Gesichter springen auf in Flammengarben,
Dadurch die Engel mit Posaunen steigen . . .



VIII


_So ward der Irrfahrt Ende Lob und Preis._
Das Schiff schwenkt in den Hafen, froh geschmckt.
Auf allen Pltzen flammt ein Feuerwerk.
Der Berge Riesen springen jubelnd hoch,
Die Wlder brennen und die Meere sprhen.
Da regnet nieder farbenes Gefll.
Aus finsteren Schluchten tauchen Prozessionen.
Es flattern Mntel in den Lften wei.
Gespanne sausen auf des Himmels Bogen.
(Hoch wlben Strahlen ber das Geklft.)
Du fhrst voran dem groen Hochzeitszug.
Die Erde donnert, klafft und bricht entzwei.




Die Geiler


      Karl Otten, meinem Kamerad!

Hah! Wie der Eisen Wut im Leibe haust,
Der zucket hin, der krmmt sich hoch als Brcke,
Darunter Blut in hellem Strome braust.
Ein Sturm auf spitzem Kopf sich Haare pflcket.

Sie tanzen zugewandt dem Firmament.
Sie brechen heulend in die Kniee nieder.
In ihrem Schlund, dem Krater, Lava brennt.
Wie Raben scheuchen auf die dsteren Lieder.

Aus Mund und Nase gischtet weier Schaum.
Von falber Wange Schwei und Trnen flieen.
Sie schlfern hin in ser Ohnmacht Traum.

Die Augen sie vor groer Helle schlieen.
Grulich umstarrt von Helmenblitz und Spieen,
Den Krper strecken sie am Marterbaum.




Drei geistliche Lieder




I


      Wiedergeburt

Durch finsterer Straen Gang,
Der Schlte Qualm und Gier . . .
_Wir sind ohne Belang,_
Wir angehren dir.
Du hllest die Geschwulst.
Am Ende du uns lullst
(. . . im Hemde drr und klein . . .)
In sen Schlaf-Tod ein.

Gebrochen und zerhackt,
Du zogst uns in Kontrakt,
Du herrschest bitter-streng.
Wir taumeln im Gedrng.
Du zwangst uns dich zu rufen,
Du schleudertest den Speer.
Wir strzten bei den Stufen
Des Tempels, bllich-leer.

Du streckest aus die Hnde,
Gewaltig weckst du uns.
Gelst sind die Verbnde.
Zu weien thers Dunst
Hebst du uns auf den Flgeln
Von Schwanenengeln licht.
Entrckst uns Fluren, Hgeln,
Dem irdischen Gewicht.



II


      Anfechtung und Geielung

Fahl ziehen auf die Hllen,
Gespenst und geller Schrei.
Die blechernen Tuben gellen.
Rot rauscht ein Schwarm vorbei.
Die schwarzen Engel schlagen
Aus Flgeln Schlangenbrut.
Die nackten Toten jagen
Einher mit spitzem Hut.

Legt um die eisernen Riemen!
Der Knochen Mark zerbricht.
Es streicht ein blutiger Striemen
Querber das Gesicht.
Die Haare sind zerrissen
Von Hnde Krampf und Zorn.
Gedrm quillt. Aufgeschlissen
Der Bauch von Stacheldorn.

Jetzt tupft mit eisernen Pinseln!
Schon regt sich Glauben wach.
Ja, rchelnd schwer und winselnd
Wir strzen ab vom Dach,
Wir brechen in die Gosse.
Du bist vorbeigerauscht,
Du hast dich aufgebauscht . . .
Wir sind in dir zerflossen.



III


      Tod

Verwelkt wir liegen ganz
In deiner Hut. Gefaltet
Ruhn unsere Hnde. Glanz
Auf unseren Stirnen waltet.
Hoch schwankt die dstere Lade
Voraus dem trben Blick.
Du hast bewahrt vor Schaden
Uns und vor Migeschick.

Du machtest uns zufrieden,
Du hast uns wohl bestellt,
Du hast uns nicht gemieden.
In graue Unterwelt,
Wo wir verhurt, verlaust
In Sumpfes Lchern staken,
Bist du hinabgebraust,
Als Strahl aus heiterem Tage.

Umschleicht ein bser Sinn.
Nah uns! Komm her! Nimm hin!
Es raschelt finsteres Laub.
Ein Wagen blitzt im Staub.
Winkt da nicht Ufer schon,
Ist das nicht Flu, dies Park?
_Und dies der einstige Ton,_
_Der uns vorirdisch barg?!_




Ruhe


      Fr Leonhard Frank

Wir lagen in der Wiese feuchtem Nest,
Vergraben unsere Kpfe, hart wie Stein,
Derweil die Sonne sank im khlen West
In grauer Berge langgestreckten Schrein.

Mit schnellen Vgeln Abendtne flogen.
Auf schwarzen Wegen schwankten Kinderreihn.
Durch unsere Glieder weiche Grser zogen.
In unsere Augen bogen Blumen ein.

Schon rauschte, Wassersturz, der Hunde Bellen,
Da unsere Krper sanken auf den Grund
Vergessener Meere: laues Spiel der Wellen,

Der trgen Fische angestaunter Fund.
Es raschelten wie feine Silberschellen
Korallenbume auf verborgenem Sund.




Der Tod


      Fr Annie Oppelt

Der Tod, der in dem blassen Mdchen weinet,
Der aufgerollt liegt in der Alten Haar,
Der, was er bs oft trennet, besser einet,
Der jauchzet ungestm durch manche Bar.

Der gell erschallt im Volkstumult furchtbar,
Als Feuerschrift an schwarzer Wand erscheinet,
Als Strolch mit Hund und Messer nchtlich streunet,
Da werden ihn wohl viele bleich gewahr . . .

Welch schnes Kleid hat er sich ausgesucht,
Da tat er ab den Flaus aus Kot und Schimmel!
Es bauschet sich in unerhrter Wucht

Sein Mantel, jener zarte Lilahimmel,
Der Herbstzeitlose Kelch, endlose Bucht,
Aufsaugend uns und irdisches Gewimmel.




Triumph


Wir wollen heut bei goldenen Wolken ankern,
In Traumbezirken jener Seligen Andern.
Wo Engel winkend mit den Beinchen schlnkern,
Da werden wir in milden Hfen landen.

Die Erde soll entfleuchen unseren Augen,
Die bald als Inseln wirbeln im Ozean
Beruhigter Blue. Da des thers Lauge
Zersetzte unseres Krpers eklen Tran.

Lat uns behaglich in den Lften schreiten,
Die sind verwandelt, lig und begehrlich-weich.
_Verhaten Brgern wollen wir entgegenbreiten_
_Wohl Arme und ein Antlitz, himmlisch-bleich._

Da Wunden schillern gro als Sonnenseee.
Geschwre schweben, Wolken sanfte Matten.
Ihr fhlet euch geborgen in der Nhe
Der Fcherstrahlen und von Teppichschatten.

Auswurf gesegnet sei und Schmerz gepriesen
Und jede Trennung schn und wunderbar!
Ins Heilige sei jeder Ha verwiesen!
Wir fassen uns ans Herze, innig-wahr.

Einst wankten wir durch Gassen wirre Netze,
Zerdacht die Stirnen und von Fluch bedrckt.
Tod deckte auf die Herrlichkeiten-Schtze,
Wir voll erlebend, stumm und unzerstckt.




Ausgang


Die Toten wachten auf im Karneval.
Sie renken ein die vielen Gliederknochen.
Die Erde raucht, zerklafft und aufgebrochen.
Die Toten rsten sich zum Faschingsball.
Sie hetzen durch die Strae mit Gebrll,
Sie klappern mit den Fingern, trommeln, pfeifen,
An Pflanzenfasern sie die Srge schleifen,
Die Leichenkleider bergen sie zerknllt.
Bei diesem fehlt das rechte Nasenstck,
Blut rinselt dem um die zerfranzte Fresse.
Sich brauner Lehm auf jenes Augen drckt,
Geschwre sich im Nacken schimmelig pressen.
Sie wedeln uns mit Federn durchs Gesicht,
Auf dnner Flte sie erschauernd blasen.
Sie halten auf dem Markte Hochgericht.
Wie Khe manche auf den Dchern grasen.
Sie halten Kerzen in der Hand beim Tanz,
Weihrauch in schweren Dften schwelt und zischt.
Sie setzen johlend ber Stuhl und Tisch
Und baumeln an dem hohen Lsterkranz.
Es glhn wie Eisen rot die Schdel kahl.
Sie singen laut und kotzen sich beim Mahl . . .
Die Toten ziehen um in langem Zug,
Gedmpft erschallen Flche und Gebete.
Ein Knabe schleppt sich mit dem Urnenkrug.
Schon wirbeln Trommeln laut zur Abschiedsrede.
Sie biegen vor und wallen durch das Tor.
Da stiebt herab der Schneee bleicher Schleier.
Noch einmal tnet gell der Tusch im Chor,
Da man versammelt sich zur Heimkehrfeier. --
. . . Wo seid ihr hin, ihr Toten, mit Geklinge
Und Schellenlaut und Rasseln und Gedrhn?
Flogt ihr empor auf unsichtbarer Schwinge,
Fuhret ihr nieder, hingestrzt vom Fhn?
Ihr habt vergessen uns, die traurig heulen,
Verzweifelt winseln stier aus Dunkelheit.
Steht einer nicht von euch hinter den Sulen
Und flattern dort nicht euere Mntel weit?
Wir schleichen nach euch in den stummen Jahren.
O, da die Erde jh in Flammen tauch,
Da eisiger Sturm scharf in die Runde fahre,
Ein heier Schwefelquell entsetzlich pfauch!
In dsterer Nacht wir um die Toten greinen
Und wandeln Frhjahrs auf der Grber Deck.
Ein Trauerbaum die hageren ste streckt
Zum Himmel auf. Die blassen Marmorsteine
Zersprungen, berwuchern Kraut und Moos.
Durch unseren Krper jagt ein harter Sto.
Ein bser Krampf den vollen Bauch zerhackt.
Das ragende Gerippe schwankt und zittert.
Das herrliche Gehirn wie Glas zersplittert.
_Vom hohen Turm die groe Stunde tackt._






End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Erster Teil, by 
Johannes R. Becher

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