Project Gutenberg's Im Sattel durch Zentralasien, by Erich von Salzmann

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Title: Im Sattel durch Zentralasien
       6000 Kilometer in 176 Tagen

Author: Erich von Salzmann

Release Date: January 23, 2014 [EBook #44737]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IM SATTEL DURCH ZENTRALASIEN ***




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[Illustration: Der Verfasser und sein Begleiter vor dem Aufbruch]




                       IM SATTEL DURCH ZENTRALASIEN

                       6000 KILOMETER IN 176 TAGEN

                                   VON

                            ERICH VON SALZMANN

         LEUTNANT IM NEUMRKISCHEN FELD-ARTILLERIE-REGIMENT No. 54

           MIT VIELEN BILDERN, MEIST NACH ORIGINALAUFNAHMEN DES
           VERFASSERS, EINER BERSICHTSKARTE UND 8 KARTENSKIZZEN


                            11.-13. TAUSEND

                              BERLIN 1912
                        GLOBUS VERLAG G.M.B.H.




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                            MEINEN ELTERN
                              ZUGEEIGNET




Inhaltsverzeichnis


                                                                Seite

  Vorwort                                                         VII

  Kap.    I.  Nach der Mongolei und durch Schansi                   1

  Kap.   II.  Vorbereitungen zum grossen Ritt nach dem Westen      49

  Kap.  III.  ber Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu     81

  Kap.   IV.  In der Provinz Schensi                              119

  Kap.    V.  Kansus Steppen                                      143

  Kap.   VI.  Durch die Wste Gobi zum Thien Schan                185

  Kap.  VII.  Chinesisch-Turkestan                                201

  Kap. VIII.  Von Kaschgar ber den Alai nach Russisch-Turkestan  279

  Kap.   IX.  Zur Heimat zurck                                   305




VORWORT


Hiermit bergebe ich mein kleines Buch der ffentlichkeit. Es soll kein
Forschungswerk sein, sondern nur das erzhlen, was ich im fernen Osten
und auf dem Wege ins Innere Asiens gesehen und erlebt habe. Es soll
weitere Aufklrung darber bringen, was Mann und Pferd in 176 tgigem
Ritt ber eine Strecke von annhernd 6000 Kilometern durch Wsten und
Schneeberge, in Hitze und Klte und nur mit den denkbar einfachsten
Hilfsmitteln ausgestattet, zu leisten vermgen, und es soll im
besonderen auch fr den mongolischen Pony, meinen treuen Begleiter, eine
Lanze brechen.

_Berlin_, im November 1903.

                                                    $ERICH VON SALZMANN$




ZUM 1. KAPITEL

[Illustration: Routenkarte zum Distanzritt nach der Mongolei und durch
Schansi]




I. KAPITEL.

Nach der Mongolei und durch Schansi.


[Illustration: Erich von Salzmann]

Von jeher bin ich ein groer Freund des Reit- und Rennsportes gewesen.
Whrend des nicht sehr ereignisreichen Garnisonlebens in Peking und
Tientsin hatte ich Gelegenheit, mich viel mit dem chinesischen
Pferdematerial zu beschftigen. So lag der Gedanke nahe, zum Abschlu
meiner Dienstzeit in China meinen bis dahin im Dienst unternommenen
Rekognoszierungsritten einmal eine etwas grere Ausdehnung zu geben und
auf dem Landwege nach Hause zurckzukehren.

Im stillen hatte ich mich lngst darauf vorbereitet; zunchst durch
planmige Erlernung der chinesischen Sprache. Sodann erbat ich mir
einen 45 tgigen Urlaub zu einem Proberitt ins Innere, der sich
vorlufig nur auf die Mongolei und die Provinz Schansi beschrnken
sollte. Da ich bei dieser Gelegenheit wichtige Erfahrungen fr die
spter auszufhrende groe Reise Tientsin-Andischan sammelte und auch
sonst interessante Punkte berhrte, so habe ich es fr zweckmig
gehalten, im ersten Kapitel die Schilderung dieses Rittes
vorauszuschicken. Der photographische Apparat wurde auf diesem Ritt
nicht mitgenommen, einer meiner Freunde hatte jedoch die Gte, mir fr
dieses Kapitel seine Aufnahmen zur Verfgung zu stellen. Mit Bezug auf
das Pferdematerial, das mir bei diesem, wie bei dem spteren groen Ritt
zur Verfgung stand, verweise ich den Leser auf das zweite Kapitel, in
dem ich das zusammengestellt habe, was mir ber den chinesischen Pony
und den Rennsport in China bekannt geworden ist.

Der Abmarsch von Tientsin war auf den 25. September 1902 festgesetzt.
Zuvor mute ich mir noch einen Pa vom Taotai besorgen; es war
anzunehmen, da dieser gengen wrde, denn Tschili wie Schansi, mein
Reiseziel, waren vllig ruhig. Mit mir ging nur mein getreuer Mafu, ein
schon lngere Zeit in meinen Diensten stehender Chinese aus besserer
Familie. Als ich ihn fragte, ob er denn mit wolle, und ihm zugleich
sagte, wohin ich ungefhr zu gehen gedchte, machte er zuerst ein recht
zweifelhaftes Gesicht. Mitreiten wollte er schon gerne, nur wte er
nicht, ob es seine Eltern erlauben wrden, auerdem schien ihm eine
Partie in den Wu tai schan nicht recht geheuer, denn dort sollte es
furchtbar kalt sein, und Klte schtzt der Chinese absolut nicht. Die
Eltern hatten schlielich nichts gegen seine Abreise, nur die Taitai,
seine Frau, behauptete mit einem Male, whrend seiner Abwesenheit nicht
mit dem blichen Monatsgelde auskommen zu knnen. Ich legte aber einige
Dollars zu, und als er dann noch die fr ihn bestimmten
Ausrstungsstcke europischer Arbeit besichtigt hatte, war alles gut
und er selbst Feuer und Flamme fr die Partie; im brigen bin ich
berzeugt, da er weder seine Eltern noch seine bessere Hlfte gefragt
hat, sondern nur etwas mehr Geld herauszuschinden hoffte. So ist nun
einmal der Chinese, wo er einen Profit machen kann, und sei es der
allerkleinste, da ist ihm kein Mittel zu schlecht.

brigens ist es auerordentlich wichtig, einen Diener mit zu haben, dem
man vertrauen kann, denn keine Gelegenheit ist gnstiger zum Ausbeuten
eines Europers, als wenn dieser eine Reise ins Innere unternimmt. Ich
glaube beinahe, da jeder Chinese, mit dem man unterwegs verhandeln mu,
eine Art moralischer Verpflichtung fhlt, den fremden Teufel nach
Mglichkeit zu plndern. Mein Mafu, der sich auch bisher stets
ordentlich aufgefhrt hatte, hat sich auf dieser Reise aufs glnzendste
bewhrt. Ohne ihn htte ich rettungslos das dreifache Geld ausgegeben,
und jeder Mensch, mit dem ich spter ber den Geldpunkt sprach, war
erstaunt ber meine Angaben, denn ich bin nie in meinem Leben billiger
gereist als im Innern Chinas, natrlich abgesehen von den Ausgaben fr
die Ausrstung. Diese waren fr mich auch nicht besonders hoch, da ich
fast alle die fr den Feldgebrauch bestimmten Stcke benutzen konnte und
als Reittiere bezw. als Packtier die in meinem Besitz befindlichen
Rennponies mitnahm.

Einen fertigen Reiseplan mit genauer Route stellte ich nicht auf, da ich
eben dorthin gehen wollte, wohin es mir gerade pate und mich in keiner
Weise irgendwie zu binden beabsichtigte. Viele meiner Kameraden
schttelten den Kopf ber mich. So ganz allein, nur mit einem Chinesen,
also ohne allen Komfort, im Lande herumzuziehen, das schien ihnen doch
nicht geheuer. Aber gerade das reizte mich, und jetzt, wo ich die lange,
anstrengende Tour hinter mir habe, bereue ich auch nicht im
entferntesten, sie unternommen zu haben.

[Illustration: Mein Bursche und mein Boy]

Am 23. war alles fertig, viel war eben auch nicht zu besorgen, der Pa
war eingetroffen, meine Redakteurstelle an unserm Tientsiner
Wochenblatt, die ich in Vertretung bernommen hatte, wieder vom
eigentlichen Inhaber besetzt und mit allen guten Freunden Abschied
gefeiert, teilweise sogar recht intensiv. Aber ich hatte ja 45 Tage vor
mir, um jeglichen Alkohol loszuwerden; denn auer einem ganz kleinen
Flschchen Kognak fr einen mglichen Krankheitsfall wurde nichts
mitgenommen. brigens htte ich auch keinen Platz gehabt, um etwa eine
grere Anzahl Flaschen unterzubringen, denn mein schon auf ein Minimum
beschrnktes Gepck war eine ziemlich schwere Last fr das Tragetier.
Meine drei Ponies waren wochenlang vorher getrabt worden, so da sie
ganz gut im Training waren. Ich hatte sie vom deutschen Schmied sehr
sorgfltig beschlagen lassen, leider machte ich damit schlechte
Erfahrungen, da der chinesische Beschlag, zu dem ich naturgem greifen
mute, ein ganz anderer ist. Ich habe durch den Wechsel des Beschlages
viel rger infolge Lahmen der Tiere gehabt, doch davon spter.

Meine Ausrstung bestand in feldgrauem Anzug, lederbesetzter Reithose,
englischen Gamaschen, schweren, ngelbeschlagenen Schnrstiefeln und
grauem Filzhut, am Leibe trug ich mein Zei'sches Fernglas. Mein Mafu
war ebenso ausgerstet, nur hatte er eine kleine Mtze auf dem Kopfe, da
der chinesische Schdel gegen die Sonne weniger empfindlich ist als ein
europischer; am Leib trug er eine Feldflasche, die mit Tee gefllt
wurde. Die beiden Reittiere hatten englische Offizierssttel, jedes zwei
wie Woylachs zusammengelegte Schlafdecken unter dem Sattel; am letzteren
kleine Vorderpacktaschen. Mein Pony trug ferner Sbel und Mauserpistole
am Sattel, ebendort der Mafu zwei Hinterpacktaschen und Mantelsack. Das
Packtier war mit einem vorschriftsmigen Armeesattel ausgerstet, der
sich als ganz vorzglich zum Packen geeignet erwies. Der Sattel selbst
hatte vorn Packtaschen und hinten einen Mantelsack, quer ber den Sattel
ganz schmal und lang zusammengelegt eine Kamelhaardecke sowie eine
seidene Decke, beide in eine wasserdichte Zeltbahn eingeschlagen, ber
diese, zu beiden Seiten des Sattels hngend, groe, ganz einfache
schweinslederne Packtaschen. Oben darauf lag der Schlafsack, darin die
Kartentasche mit Inhalt an Karten- und Schreibmaterial und ein
Kochgeschirr, das ich brigens nie benutzt habe. ber das ganze ging ein
Obergurt und ringsherum eine Art Umlaufriemen. Der Sattel hatte ein
Vorderzeug, wie es die Maultiere im Gebirge tragen, nmlich einen
einfachen breiten Riemen ohne Verbindung nach den Gurten, auerdem nach
hinten einen Schwanzriemen. Diese Art zu packen, die ich erst nach
mehrfachen Versuchen herausbekam, erwies sich als auerordentlich
praktisch. Mir ist das Gepck von diesem Zeitpunkt ab niemals mehr
gerutscht, trotzdem ich sehr viel getrabt habe und mir zweimal das
Packtier entlaufen ist, und zwar in schrfster Gangart.

Als Zaum nahm ich die vorschriftsmige Halfter mit Unterlegtrense, an
der Halfter den Anbinderiemen, der jedoch nicht zusammengerollt wurde,
sondern einmal um den Hals des Tieres geschlungen und nach einem
einfachen Knoten mit seinem Ende in die Schnalle des andern Endes
eingeschnallt wurde. Diese Art, die brigens die gesamte englische
Kavallerie hat, ist sehr viel praktischer als die augenblicklich
vorschriftsmige deutsche. Denn erstens ist sie weniger zeitraubend
beim An- und Abbinden des Tieres und dann vermeidet man auch das
Herumrutschen des aufgerollten Halfterriemens unter die Kehle des
Tieres, wie man es bei uns im Manver nach einiger Zeit stets beobachten
kann.

Da es immerhin doch ganz interessant ist, zu wissen, was man so fr 45
Tage auerhalb jeglichen europischen Kulturbereiches braucht, will ich
in aller Krze einmal den Inhalt meiner Packtaschen aufzhlen. Wie
gesagt, mute ich mein Gepck auf den kleinsten Umfang beschrnken, und
trotzdem mit allen Zufllen einer solchen Reise rechnen, bei der es,
wenn etwas passiert, einfach heit: "Hilf dir selbst." Von vornherein
lie ich daher jegliches Getrnk fort, ich habe es brigens auch nie
entbehrt, sondern mich beim chinesischen Nationalgetrnk, dem Tee,
uerst wohlgefhlt. Ebenso lie ich alles Rauchmaterial zu Hause; ich
bin sowieso kein passionierter Raucher und habe sogar die mir beim
Abschied in Peking geschenkte gute Zigarre wieder mit zurckgebracht,
d. h. ich habe es einfach vergessen, sie zu rauchen. In den
verschiedensten Packtaschen verteilt war ungefhr folgendes: Ein
Reserverock, lederne Weste, eine Pelzlitewka, drei wollene Hemden, drei
wollene Unterhosen, vier Paar wollene Strmpfe, sechzehn Taschentcher,
vier seidene Hemden, vier Handtcher, wollenes Halstuch, Morgenschuhe,
gesamtes Waschzeug mit Gummiwaschbecken, Silberwage, Kompa, Ebesteck,
Lichter, Streichhlzer, Putzzeug fr Waffen, Putzzeug fr Ponies,
Medikamente fr alle mglichen Krankheiten, Staubbrille, Nhzeug, Seife
zum Waschen von Wsche, einige Bcher, ein Pack Zeitungen, silberner
Becher, deutsche und chinesische Visitenkarten, Patronen, Schreibzeug,
einige wenige Konserven fr Notflle. Mein Freund Dr. B. hatte mir zu
den Medikamenten eine kleine Gebrauchsanweisung zusammengestellt, Gott
sei Dank habe ich am eigenen Leibe niemals davon irgend welchen Gebrauch
machen mssen.

Nun kommt noch zuletzt der nervus rerum, das Geld. Besonders in betreff
Unterbringung ist das hier in China das unangenehmste; denn abseits der
groen Straen nimmt der Chinese kein Papiergeld, geschweige denn den
gemnzten Dollar, nur das ungemnzte Silber und das durchlochte
Kupfergeld gilt. Um von letzterem gengend Vorrat mitzunehmen, mte man
mehrere Wagenladungen voll machen, man ist daher auf Silber in Schuhen
-- so genannt, weil die Stcke in eine einem Schuh hnliche Form
gegossen sind -- angewiesen. Ich hatte im ganzen fr 400 Dollar Silber
mit. Ein Dollar ist ebenso gro wie unser deutsches Fnfmarkstck, man
kann sich also einen Begriff davon machen, ein wie hohes Gewicht man da
mitschleppt. Die Deutsche Ostasiatische Bank hatte mir alles in kleinen
Stcken, jedes annhernd zu zwei Taels -- ungefhr sechs Mark --
eingewechselt und immer drei bis vier solcher Stcke in ein mit dem
betreffenden Gewicht bezeichnetes Pckchen zusammengewickelt. Das erwies
sich als sehr praktisch, denn erstens lie sich das Silber leichter
verpacken, da ich es auf alle Packtaschen verteilen mute, um die drei
Pferde gleichmig zu belasten und auch bei einem eventuellen Diebstahl
nicht gleich alles auf einmal einzuben, zweitens war das Wechseln in
Kupfergeld erleichtert, da grosse Stcke in kleinen Ortschaften im
Gebirge wohl kaum gewechselt werden konnten. Mir ist es, allerdings nur
ein einziges Mal, passiert, da sogar mein kleinstes Silberstck im
Gewicht von 1 Tael nicht gewechselt werden konnte, weil einfach im
ganzen Dorf nicht soviel Kupfergeld vorhanden war. Ich geriet dadurch in
eine recht unangenehme Verlegenheit.

Hinzufgen will ich noch, da der Tael nicht die Bezeichnung einer
Mnze, sondern die Bezeichnung eines bestimmten Gewichtes ist, letzteres
differiert aber auch in den verschiedenen Provinzen, worauf man mich
bereits in Tientsin auf der Bank aufmerksam machte. Ebenso schwankt die
Zahl der Cash, die man auf einen Tael erhlt, in den verschiedenen
Gegenden recht erheblich, z. B. hat Tientsin recht schlechtes kleines
Geld, und man erhlt ungefhr den dreifachen Betrag wie in Taiyuanfu.
Peking hat wieder sehr groe Kupfermnzen, und man bekommt natrlich
dementsprechend weniger. Gerade ber diese Geldverhltnisse sind die
wenigsten hier zu Lande reisenden Europer orientiert, und haben sie
unehrliche Dienerschaft, was man unter zehn Fllen neunmal annehmen
kann, so werden sie berall entsprechend bestohlen.

Am 24. September erledigte ich meine dienstlichen Abmeldungen, erhielt
noch manchen freundlichen Wunsch mit auf den Weg und manchen guten Rat.
Im brigen fand ich spter alles anders, als es mir geschildert worden
war, denn seit den Zeiten der Okkupation und seitdem der Soldat nicht
mehr unumschrnkt im Lande herrscht, hat sich vieles gendert, und
gerade in Ortschaften, die frher ihrer liebenswrdigen Einwohner wegen
bekannt waren, wurde ich am schlechtesten behandelt. Am 24. nachmittags
hatte ich noch gerade Gelegenheit, die erste Schnitzeljagd unseres
hiesigen Reitervereins -- von mir selbst als Piqueur-Offizier
ausgesucht -- mitzureiten. Vor der Jagd hatte ich das Pech, mich mit
meinem sonst so friedfertigen Peter zu veruneinigen, was ihn veranlate,
mich in hohem Bogen herunterzusetzen, wobei mein Kopf in etwas unsanfte
Berhrung mit Mutter Erde kam. Infolgedessen habe ich unterwegs recht
viel an Kopfschmerzen gelitten.

[Illustration: PEKING

Blick von Hatamen nach Norden, links das Gesandtschafts-Glacis]

Am 25. morgens nahm ich von meinen Batteriekameraden Abschied, dann
gings per Ricksha zur Bahn, wo meine drei Ponies bereits fertig
verladen im Waggon standen. Bei schnstem Wetter dampfte ich vergngt
gen Peking, wo mich der liebenswrdige L., unser Batteriekamerad und
Fhrer des Feldartilleriedetachements Peking, von der Bahn abholte. Es
war alles aufs schnste vorbereitet, ich brauchte mich um gar nichts zu
kmmern und mute nur sehen, bald wieder loszukommen, denn der gute L.
wollte mich gleich fr mehrere Tage festnageln, whrend es mich
begreiflicherweise hinauszog.

[Illustration: Deutscher Soldatenfriedhof in Peking]

Gelegenheit fand ich noch, die fortschreitenden Arbeiten am
Ketteler-Denkmal zu sehen. Der groe Ehrenbogen ist im Stil der blichen
chinesischen Ehrenbogen, er wird eine Inschrift mit Bezug auf die
ruchlose Mordtat in deutscher, lateinischer und chinesischer Inschrift
tragen. Das ganze Steinmaterial des Bogens wird an Ort und Stelle
bearbeitet, und zwar werden geradezu enorme Blcke zum Bau verwendet.
Ich sah an einem solchen Riesenblock ber 150 Ponies ziehen, und
trotzdem kamen sie nur unter alleruerster Kraftanstrengung von der
Stelle. Die fr den Bogen bestimmten Fundamente sind auerordentlich
solide; sie sind wie fr die Ewigkeit gemauert, mchten sie den Bogen
auch eine Ewigkeit tragen, den Chinesen zur Warnung, nicht wiederum
einen derartigen Vlkerrechtsbruch zu begehen. Interessant ist es, zu
beobachten, mit wie lcherlich einfachen Mitteln die Chinesen arbeiten.
Zu dem Gerst z. B., an dem die mchtigen Blcke gehoben werden, und
zwar unter sehr sinnreicher Ausnutzung der Hebelkraft, sind lediglich
etwa 10 cm im Durchmesser messende Bambusstangen zusammengebunden.

Merkwrdig ist, wie wenig bekannt die Tatsache der Ermordung des
deutschen Gesandten im Volke ist, die meisten wissen berhaupt gar
nicht, was der Grund zur Errichtung des Bogens ist; wie der Chinese
bekanntlich sehr geschickt im Verdrehen der Wahrheit ist, so hat er es
auch hier bewiesen. Mein Mafu z. B. behauptete, da die Deutschen dem
hingerichteten Mrder zu Ehren diesen Bogen errichteten. Wen damals En
Hai ermordet hatte, von den nheren Umstnden der Mordtat, sowie den
daraus entstehenden Wirren hatte er keine Ahnung, trotzdem er whrend
der ganzen Zeit in Tientsin die Unruhen miterlebt hatte. Auch das
Gesandtschaftsviertel selbst hatte seit den wenigen Wochen meiner
Abwesenheit von der Hauptstadt schon wieder sein Bild verndert. berall
wurde eifrigst gebaut, und wenn man, wie ich, noch vor zwei Jahren den
wsten Schutt- und Trmmerhaufen gesehen hatte, so mute man wirklich
staunen, was in der Zwischenzeit fr ein schmuckes internationales
Stdtchen entstanden war. Im Kasino der Gesandtschaftswache erlebte ich
als Gast L.'s einen sehr hbschen Abend, um dann zum letzten Male auf
sechs Wochen recht gut in einem Bett zu schlafen, denn von jetzt an
sollte der harte chinesische Kang, das gemauerte Ruhelager, meine
Bettstatt sein.

[Illustration: Offizier-Kasino in Peking]

Bei herrlichstem Sonnenschein ritt ich am 26. in Begleitung von
drei Kameraden, mit Mafu und Packtier hinter uns, aus dem
Gesandtschaftsviertel. Mir war so wohl zu Mute, wie selten, ich
hatte ein ordentliches Glcksgefhl im Herzen, einmal die
kleinen Sorgen des tglichen Lebens gnzlich hinter mir lassen
zu knnen und vollkommen frei und unabhngig in Gottes schne
Natur hinausreiten zu drfen.

Im Schritt und Trabe ging es durch die mir noch aus der
Okkupationszeit so wohlbekannten Straen nach dem Nordtor, doch
schon innerhalb der Mauer kam die erste Havarie, der Packsattel
rutschte, wir packten schnell um, dann gings weiter. Am Tor
verabschiedeten sich meine Begleiter, mir nach Jgerart "Hals-
und Beinbruch" wnschend. Mit mir zugleich passierte ein groes
Leichenbegngnis mit der blichen, Menschen- und Pferdeohren
beleidigenden Musik das von Juan-schi-kai'schen Truppen bewachte
Tor. Ich nahm den Leichenzug als gutes Omen, notabene htte ich
wahrscheinlich alles als gutes Vorzeichen genommen, da ich
durchaus nicht die Absicht hatte, mir meine gute Laune durch
irgend etwas stren zu lassen. Weiter gings im flotten Trabe
quer ber den groen Exerzierplatz am gelben Tempel vorbei, um
die groe, nach der Mongolei fhrende Karawanenstrae zu
gewinnen. Doch gabs bald wieder Stopp; die groen Packtaschen
rutschten, nochmals wurde umgepackt, um nach einem weiteren
Kilometer wieder zu scheitern. Es ist nicht so einfach, ein
Packtier, das Trab gehen soll, sachgem zu packen! Als wir uns
so in der brennenden Sonne abmhten, erbarmte sich unser ein
zufllig vorbeireitender Chinese. Obwohl ich natrlich seinen
weisen Worten nicht traute, machte ich es doch nach seinen
Angaben; es ist die vorher beschriebene Art, und siehe da, er
hatte recht, denn nicht ein einziges Mal mehr ist mein Gepck
gerutscht. Die Hauptsache liegt in dem genauen Abbalanzieren der
beiden groen Packtaschen. Spter wute ich schon ganz genau
auswendig, was in die linke und was in die rechte hineingehrte,
kleinere Unstimmigkeiten im Gleichgewicht wurden dann durch das
Kupfergeld, die Cash, ausgeglichen.

Gegen 1 Uhr war ich in Scha-ho, wo ich Mittagsrast machen wollte. Das
Gasthaus war gut und sauber, die Chinesen darin allerdings hchst
unverschmt; sie sind durch den hier verhltnismig starken
Fremdenverkehr, der nach der groen Mauer und den Ming-Grbern geht,
verwhnt. Die Pferde wurden gefttert, das Packtier war schon hier
infolge der ungewohnten Last recht mde.

Nach zweistndiger Rast gings weiter auf Nankau zu, und zwar auf dem
direkten Wege, Champing-chou rechts liegen lassend. Es herrscht
lebhafter Verkehr auf dem teilweise recht schlechten steinigen Wege.
Kamel-, Maultier- und Eselkarawanen mit Kohle, Hanf und andern
Landeserzeugnissen kommen und gehen, einige Gebirgs-Snften, von
Maultieren getragen, je eins vorn und hinten, begegnen uns, ebenso
vereinzelte chinesische Kavalleristen. Allmhlich macht sich unsere
Marschordnung von selbst, vorn reitet der Mafu, am langen Riemen das
Handtier fhrend, so da dieses nicht neben ihm, sondern hinter ihm
geht. Ich reite hinter dem Packtier, um auf dieses zu achten, und es
eventuell zu treiben, wenn es faul wird. Durch die Schmalheit der Wege
und den starken Verkehr wird man ganz von selbst zu dieser Reihenfolge
gezwungen. An sich ist der Weg hier in der Ebene enorm breit, aber er
zerfllt gewissermaen in lauter einzelne Fuwege, whrend das
dazwischenliegende Gelnde sehr steinig oder sehr ausgefahren ist. Die
chinesische Bevlkerung war berall bei der Ernte, sie kmmerte sich
eigentlich gar nicht um uns, ist auch an den Anblick des Europers zu
sehr gewhnt.

Gegen 6,30 abends, es wurde schon dunkel, kamen wir glcklich in Nankau,
unserm heutigen Reiseziel, an und ritten in das chinesische Gasthaus,
das sich stolz Nankau-Hotel nennt. Den Wirt kenne ich schon seit Jahr
und Tag als einen rechten Halsabschneider, daher war ich vorsichtig
genug, jeden Preis vorher auszumachen und meinen Mafu nach auerhalb zum
Einkauf des Pferdefutters zu schicken. Die ganze Nacht hindurch hrte
man die Klingeln und Glocken der kommenden und gehenden Karawanen. Bei
mir versuchte eine Katze mehrfach durchs Papierfenster einzubrechen,
wahrscheinlich, um das auf dem Tisch liegende Huhn zu stehlen. Da ich
jedoch mit harten Gegenstnden warf, zog sie es vor, sich zu verziehen.
Nachdem ich so eigentlich recht wenig zum Schlafen gekommen war, kroch
ich ziemlich frh am 27. September aus meinem Schlafsack. Letzterer, von
Jacob aus Dinslaken, jetzt in Kln, hat sich nebenbei ganz vorzglich
bewhrt.

Zuerst sah ich nach meinen Ponies. Der eine, eigentlich meine Hoffnung
fr zuknftige Rennen, stand bedenklich im "Rhrt euch", ihm taten die
Hufe sehr weh, er schien auch schlecht geschlafen zu haben, denn er lie
recht mimutig den Kopf hngen. Schnetz, das ist nmlich sein Name, wer
htte das gedacht, da du mich so bald treulos im Stich lassen wrdest!
Ich lie ihn mir im Trabe vorfhren, wobei sich denn auch ergab, da er
recht klamm ging. Bis hierher hatte er das Gepck getragen. Das wurde
nun dem andern Fuchs, mit Namen Dr. H., aufgepackt; er schtzte das zwar
zuerst absolut nicht und benahm sich frech und gemein, aber es half ihm
nichts, mit 1 Zentnern Gewicht auf dem Buckel springt man nicht
lange herum, und bald war er ganz vernnftig und hat sich in der Folge
als am besten zum Gepcktier geeignet erwiesen und mir vorzgliche
Dienste geleistet.

Nach dem blichen Theater mit dem Wirt ging's um 7,30 ab in die Berge.
Wir muten den ersten Teil des Nankau-Passes fhren, da er sehr steinig
ist. Von vorn kam ein recht kalter Wind, ein kleiner Vorgeschmack fr
spter. Dauernd passierten wir Karawanen mit Erzeugnissen des Landes.
Einige Mongolen in ihren Schafpelzen sahen uns recht verwundert nach,
sonst kmmerte sich wie gestern kein Mensch um uns. Manche Strecke des
Passes kann man ganz bequem traben. Gegen 11 Uhr passierten wir die
Mauer bei Pataling und waren gegen 11,45 in Shatau. Der kalte Wind hatte
aufgehrt, und die Sonne brannte unbarmherzig auf die steinige Ebene. Es
herrschte ein recht lebhafter Verkehr, hauptschlich waren es
Eselreiter. Hierzulande kann man per Esel noch billiger reisen; in der
Unterhaltung mit einigen dieser Leute erfuhr ich, da sie auf 50 Li = 25
km nur fnf Cent, also zehn Pfennig bezahlen. Auch einige recht
verdchtig aussehende Individuen, mit uralten Pistolen bewaffnet, kamen
an uns vorbei. Mir fiel auf, da sie mich so sehr vertraulich
angrinsten, etwa wie ein Strolch, der ein schlechtes Gewissen hat, den
Gendarm begrt, und richtig sollten wir am nchsten Tage wieder von der
Gesellschaft zu hren bekommen. Da wir meistenteils gefhrt hatten,
waren die Tiere noch ganz frisch, ich beschlo also, nicht Mittagsrast
zu machen und gleich bis Hweilei zu marschieren. Doch rentiert sich das
nicht bei Ponies, z. B. beobachtete ich berall, da alle Reisenden, sei
es per Snfte, Karren oder Pferd, sie mochten es auch noch so eilig
haben, stets Mittagsrast machten. Die Leute haben hier die
jahrhundertelange Erfahrung fr sich, und man soll es ruhig genau so
machen, wie der Chinese, dann fhrt man sicher am besten.

Gegen 3 Uhr nachmittags kam ich in Hweilei an; rechts lag das
Kiming-Gebirge, in der Sonnenglut rtlich glnzend. Hweilei selbst mit
seinem auf hoher Kuppe liegenden Tempel und seinen hohen Stadtmauern
macht einen hbschen Eindruck. Fr uns Deutsche hat es eigentlich eine
recht traurige Erinnerung, denn hier verstarb an Kohlenoxydvergiftung
der Oberst Graf York. Das Gasthaus lag am andern Ende der Stadt,
auerhalb der Mauern. Der chinesische Geschftsfhrer war sichtlich ber
unser Kommen erfreut, versprach der Europer doch sicher eine lohnende
Ausbeute. Ich wollte mir angebotenes, sehr schnes Obst kaufen und dabei
mit gemnztem Gelde, das in dieser Gegend noch genommen wird, bezahlen.
Der Chinese nahm anscheinend an, da ich nur gemnztes Geld htte, und
wollte mich in der unverschmtesten Weise beim Wechseln bers Ohr hauen,
d. h. ich htte fr einen Tael nur 60 Cent Kupfermnzen bekommen. Ich
griff sofort zu meiner Geldwage und den Taels und wollte gerade
wechseln, als Gott sei Dank mein Mafu dazu kam und sofort sah, da die
Chinesen mich aufs schndlichste betrogen. Ich hatte keine bung im
Umgehen mit der chinesischen Geldwage, und die Chinesen hatten dies,
ohne nur eine Miene zu verziehen, sofort benutzt. Seitdem habe ich
meinem Mafu die Bezahlung der Rechnungen und die endlose Feilscherei mit
den Kaufleuten stets ganz selbstndig berlassen und bin dabei sehr gut
gefahren.

Mein Fuchs Schnetz war recht lahm; ich zog einen chinesischen Schmied
hinzu, der gab den Rat, die Beine mit chinesischem Schnaps einzureiben;
nolens volens tat ich das denn auch und hatte wenigstens momentan damit
Erfolg.

Heute gab's zum ersten Male chinesisch zu essen, es schmeckte ganz gut;
spter habe ich mich sogar vollkommen daran gewhnt und manche Gerichte
wohlschmeckend gefunden, nur der ewige Hammel war recht strend, ich
konnte schlielich Hammelfleisch kaum noch hinunterbringen.

Am Abend hatte ich noch eine spaige Begegnung. Ein Mann aus Fan-shan-pu
stellte sich ein, um mich zu begren; wir waren voriges Jahr auf einer
kleinen Expedition einen Tag dort gewesen, der Mann hatte mich im
Vorbeireiten wiedererkannt und kam nun, mir seinen Besuch zu machen.
Wenn man bedenkt, da es uns im Anfang auerordentlich schwerfiel, einen
Chinesen vom andern zu unterscheiden, und man doch annehmen kann, da es
den Chinesen umgekehrt mit uns genau ebenso geht, so ist es doch alles
mgliche, da dieser Mann sich noch unser erinnerte. Anderseits ist es
freilich auch nicht ausgeschlossen, da er einfach log und sich nur mit
der europischen Bekanntschaft dicktun wollte. Letzteres nahm ich denn
auch an und hielt ihn mir drei Schritt vom Leibe, er wollte nmlich
recht vertraulich werden.

Die Nacht schlief ich recht gut auf dem Kang. Zwei Decken, recht schmal
und ganz glatt zusammengelegt, unter dem Schlafsack, eine Decke darber,
das gibt ein ganz schnes Bett; der zusammengelegte Rock dient als
Kissen, und als es klter wurde, legte ich die Pelzlitewka auf die Fe;
so habe ich stets vorzglich geschlafen. Man mu nur die Decken recht
glatt legen, denn jede, auch noch so kleine Falte wirkt strend. Das
Lager ist zwar recht hart, aber jeden Tag Stroh als Unterlage zu kaufen,
wrde auf die Dauer zu teuer werden, und dann glaube ich, da man sich
in dieser Beziehung schnell gewhnt. Ich habe in der Garnison fast nie
so gut geschlafen wie whrend meiner Reise auf den steinernen Kangs.

28. September 1902. Wir kamen heute ziemlich spt weg. Das Satteln und
Packen dauert doch immerhin drei Viertelstunden; ich helfe dabei stets
mit. Gerade als wir abmarschieren wollten, kamen acht chinesische
Kavalleristen in den Hof. Ich dachte schon, da sie mich begleiten
sollten, wie es den Reisenden hier meistenteils zu gehen pflegt. Sie
nahmen aber gar keine Notiz von mir und lieen mich ungestrt abziehen.
Der chinesische Mandarin stellt die Begleitung nicht etwa, um fr den
Reisenden zu sorgen, sondern aus Angst, da dem Reisenden etwas zustoen
knnte, weil es ihm dann an den Kragen geht. Ist der Reisende ber sein
Machtbereich hinaus, so kann ihm umgehend der Kopf abgeschnitten werden,
das schert ihn absolut gar nicht. Auf der groen Karawanenstrae sind
berall Kavallerieposten aufgestellt, meist gegen 15 Mann stark; sie
versehen den Patrouillendienst auf dem Wege und haben sonst gar nichts
zu tun, als in den Kneipen herumzuliegen. Natrlich beranstrengen sie
weder sich selbst, noch ihre Pferde im Dienst; zu ihrer Ehre mu ich
sagen, da sowohl Pferd wie Mann in guter Verfassung waren und da sie
sich mir gegenber stets anstndig und nicht aufdringlich benommen
haben. Allerdings haben sie ja in den vergangenen Jahren gemerkt, da
der deutsche Soldat nicht mit sich spaen lt. Im allgemeinen fiel mir
auf, da die Pferde smtlich nicht in Kondition waren, sie hatten alle
mchtige Heubuche oder hier vielmehr Strohbuche, denn Heu bekommen die
Ponies nicht zu fressen. Die vom Wirt prsentierte Rechnung war nicht
hoch, die lebhafte Ermahnung meines Mafu schien genutzt zu haben.

In flottem Tempo ging's nun auf teils recht guten, teils auch steinigen
Wegen nach Nordwesten zu, ber Fang-chan, Tu-mupu nach Tj-tse. Dort
machte ich in einem groen sauberen Gasthof Mittagsrast. Auch hier lag
wieder Kavallerie; ich lie mich in eine Unterhaltung mit den Leuten
ein; hauptschlich interessierte sie meine am Sattel hngende
Mauserpistole; es wollte ihnen absolut nicht in den Kopf, da zehn
Patronen auf einmal geladen werden knnen. Einige der Leute waren vor
zwei Jahren beim berfall von Tu-mu-pau durch Reiter unter Oberleutnant
Kirsten und Hauptmann von Sandrart beteiligt gewesen, sie hatten einen
heillosen Respekt vor den Deutschen und betonten hauptschlich, da sie
so schnelle Soldaten noch nie gesehen htten. Unsere Reiter haben
damals, von Norden kommend, die chinesische Kavallerie unter Major Wang
berrascht und ihr einen gehrigen Denkzettel gegeben. Nach Angabe der
Chinesen haben sie damals elf Mann verloren.

Beim Weiterritt trafen wir einen Lama -- Priester --, der sich mit
meinem Mafu in eine Unterhaltung einlie. Er klagte ihm sein Leid, da
man ihm gestern abend sein ganzes Bargeld abgenommen htte; nach seiner
Beschreibung waren es die drei blen Individuen gewesen, die wir gestern
hinter Shatau getroffen hatten. Da der Lama sonst einen guten Eindruck
machte, half ich ihm mit einigem Kupfergelde aus. Er war sehr dankbar
dafr; spt am Abend langte er in unserm Quartier an und half sofort
meinem Mafu zum Dank beim Reinigen des Sattelzeuges und beim
Pferdepflegen. Dankbarkeit findet man sonst in China recht selten. Bis
Liang-kia-tschwang hatten wir recht guten Lehmweg, von da ab war wieder
alles steinig. Alle kleinen Stdtchen, die wir passierten, sind ringsum
befestigt, trotzdem ist hier alles im Zerfall; spter in Schansi ist mir
dies nicht im selben Mae aufgefallen.

Bei Tung-pa-li traf ich die erste chinesische Infanterie, sie begleitete
irgend ein hohes Tier nach Peking. Das Gelnde rechts und links des
Weges ist berall angebaut mit Mais, Reis, Hirse, Kauleang; auch hier
waren die Leute berall bei der Ernte. In den Stdtchen und Drfern
schwangen sie die ausgedroschene Hirse noch einmal aus. Sie werfen dabei
einfach die Krner mittels einer breiten Schaufel in die Luft, der Wind
entfhrt die staubigen Bestandteile, whrend die Krner zur Erde fallen.
Weniger angenehm ist dies fr den Reisenden, denn die feinen
Staubpartikelchen bleiben lange in der Luft und sind nicht nur strend,
sondern direkt gefhrlich fr die Augen.

Gegend Abend kam Kiming in Sicht mit recht gut erhaltenen krenelierten
Mauern. Am Sdrand lag ein nicht sehr verlockend aussehendes Gasthaus,
vor dessen Tr der Geschftsfhrer stand und uns winkte, hereinzukommen.
Stolz zogen wir vorber, nicht ahnend, da es das einzige Gasthaus im
ganzen Orte war. Die Sdmauer hatte kein Tor; wir ritten bis zum Westtor
und durch dieses in die Stadt und quer durch diese hindurch bis zum
Osttor, ohne ein Gasthaus zu finden. Also zum Osttor wieder hinaus und
durch die Sdmauer auf dem soeben gekommenen Wege in das Gasthaus. Dort
empfing uns natrlich der Geschftsfhrer hohnlchelnd; er hatte ganz
genau gewut, da wir ihm nicht entgehen konnten. Mein Mafu behauptete,
wir htten uns nur schnell noch die Stadt ansehen wollen; so hatte er
wenigstens "das Gesicht gewahrt", was beim Chinesen stets die Hauptsache
ist.

Es war die hchste Zeit gewesen, da wir in das Gasthaus kamen und dort
die beiden besten Zimmer mit Beschlag belegten, denn kurz nach uns kam
ein hoher Mandarin von Kalgan herunter mit einem unglaublich groen
Tro. Er mute mit den weniger guten Stuben vorlieb nehmen, denn ich
ging natrlich nicht mehr aus den meinigen heraus, obwohl mir der Wirt
sofort klar zu machen versuchte, da ich in den schlechteren wre. Jetzt
hohnlachten wir ber ihn, der natrlich dem hohen Beamten gegenber in
Verlegenheit war, da er es nicht einmal fertig brachte, da der ganz
allein ohne Dienerschaft reisende fremde Teufel sofort die guten Zimmer
rumte.

Genau wie bei uns zu Hause steigt in den Augen des Wirts die Vornehmheit
der Reisenden mit der Anzahl der mitgebrachten Diener und Gepckstcke.
Da ich nicht gerade fr einen hohen Herrn gehalten wurde, ist bei nur
einem Diener und einem Packpferde wohl klar. Die erste Frage war
eigentlich seitens der Wirte stets: "Kommen deine Wagen nicht bald
nach?" Denn da ein Europer so ganz ohne Komfort reist, knnen sich die
Leute berhaupt nicht vorstellen, er mu dann eben ein ganz armer Mann
sein und wird dementsprechend ber die Achsel angesehen. Ohne da ich es
ahnte, hat mein Mafu, den es jedenfalls wurmte, da man mich nicht
gengend honorierte, mehrfach erzhlt, die Wagen kmen am nchsten Tage
nach; mir selbst hat er das allerdings erst in den letzten Tagen meiner
Reise eingestanden. Der ankommende vornehme Chinese kmmert sich um
seine Tiere auch nicht eine Sekunde, er setzt sich sofort auf den Kang,
steckt umgehend seine Tabakspfeife an und trinkt Tee, den er brigens,
ebenso wie die Kanne dazu, selbst mitbringt. Allerdings mu man
bedenken, da er meist mit gemietetem Material reist und daher auch
wenig Interesse am Wohlergehen seiner Pferde hat.

Das Essen war wieder ganz leidlich, es gab eine Art deutsches Beefsteak
und Kartoffeln. Im Gasthaus lagen fnf chinesische Kavalleristen, die
alle mit Schimmeln beritten waren. Mir war gleich zuerst ein schnes,
krftiges Tier aufgefallen, das sich so recht fr meine Zwecke geeignet
htte. Ich orientierte meinen Mafu, lie ihn die Kavallerie erst zu
einem Schlckchen einladen und ihnen dann auf den Zahn fhlen, wie es
mit einem eventuellen Pferdehandel stnde. Die Chinesen, die meinen
lahmen Fuchs gesehen hatten, merkten gleich, wie der Hase lief, denn
gerade fr ein gutes Geschft hat der Chinese eine lcherlich feine
Nase. Verkaufen wollten sie sofort, aber die Preise waren gar nicht zu
bezahlen, unter 100 Taels war berhaupt kein Tier zu haben. Gott sei
Dank war mir bekannt, da Yuan-shi-kai die gesamte Kavallerie der
Provinz auf dunkelfarbigen Pferden beritten machen will und da
allmhlich die Schimmel, die augenblicklich brigens bei weitem in der
Mehrzahl sind, ausscheiden sollen. Als daher mein Mafu mit dem
glcklichen Besitzer des von mir in Aussicht genommenen Ponies ankam,
schlug ich ihm einen Tausch mit meinem Fuchs vor. Ich erzhlte ihm, wie
unglaublich schnell das Tier wre, da seine Lahmheit in sptestens drei
bis vier Tagen vorbei sein wrde etc. etc.; er war auch gar nicht
abgeneigt, zu tauschen und forderte nur einen sehr hohen Preis als
Zuschlag. Ich stellte diesen Zuschlagspreis meinerseits auf fnf Taels
fest und Lie mich durch nichts davon abbringen, auerdem erklrte ich
ihm, da ich bermorgen in Kalgan sicher fr sehr viel billigeres Geld
ein Tier bekommen wrde; notabene glaubte ich es in meinem Innern selbst
nicht. Auf diese Weise kamen wir nicht zum Abschlu, und ich begab mich
zur Ruhe, ohne mich durch das ununterbrochene Geklingel der
vorbeiziehenden Karawanentiere stren zu lassen. -- Am 29. September,
als ich frh aus meinem Zimmer trat, stand auch schon mein Kavallerist
mit seinem gesattelten Schimmel vor der Tr, die anderen waren bereits
weggeritten. Wieder fing die Handelei an, und schlielich einigten wir
uns auf sieben Taels. Jeder war zufrieden, und vergngt zog der Chinese
mit meinem "Schnetz" ab. Er hatte seinen Fuchs, ich ein gesundes Tier,
auch habe ich den Tausch nie zu bereuen gehabt, denn der Schimmel,
nebenbei ein sehr gutmtiges Pferd, hat bis zuletzt gut durchgehalten.
Merkwrdigerweise hatte er von vornherein nicht die Abneigung gegen den
Europer, die man eigentlich beim mongolischen Pony fast stets zuerst
findet; nur beim Festgurten wurde er ungemtlich und bi dann, so z. B.
mich in Kalgan, recht unangenehm.

Unser Weg fhrte uns heute am Hun-Ho entlang auf meist hchst miserablen
Wegen; auch heute wieder begegnete uns Karawane auf Karawane,
abwechselnd mit Pony-, Schweine- und Schafherden; man kann auf diesem
Wege sehen, einen wie enormen Bedarf die Ebene verschlingt. Auch einige
Srge, von je zwei Maultieren getragen, begegneten uns; ich hielt sie
fr solchen Leuten gehrig, die fern von der Heimat gestorben waren und
nun als Leiche zurckgebracht wurden, um in heimatlicher Erde zur
letzten Ruhe bestattet zu werden. Mein Mafu aber behauptete, da viele
Kaufleute auf diese Weise Kostbarkeiten transportieren, um den Rubern,
die recht zahlreich hier ihr Wesen treiben sollen, leichter zu entgehen.
Allerdings erinnere ich mich aus der ersten Zeit unseres Aufenthaltes in
China, da die schlauen Chinesen lange Zeit hindurch einen schwunghaften
Gewehrhandel in Srgen nach dem Innern zu betrieben, bis die deutsche
Dschunkenverwaltung eines Tages eine ganz groe Dschunke, die gerade auf
dem Wege nach Pautingfu mit ihrer kostbaren Last segelte, mit Beschlag
belegte und so diesem Gewehrhandel ein Ende machte. Jedenfalls sieht
man, da, wenn der Chinese einen Profit machen kann, ihm jedes Mittel
recht ist.

Mitten im Pa -- dem sogenannten Kimingpa -- hinter Tsing-lung-kau
ereilte mich das Schicksal, indem nmlich die Nhte an einem der beiden
Verbindungsriemen der groen Packtaschen rissen. Da sa ich nun mitten
in der de und wute mir zuerst tatschlich keinen Rat; doch da fiel mir
ein, da bei meinem Nhzeug eine groe Stopfnadel war und ich eine Rolle
Bindfaden mit hatte. Also wurde abgepackt, ich setzte mich auf einen
Felsblock und fing vergngt an zu nhen. Ich bin zwar nicht gelernter
Sattler, aber es ging ganz gut, bis mir die Nadel abbrach, als ich
gerade halb fertig war. Nun war wieder guter Rat teuer; da kam ein
vertrauenswrdig aussehender Eselsreiter des Weges, den ich durch Geld
und gute Worte bestach, ins nchste Dorf zu reiten, dort den Schuster --
Pisiang -- beritten zu machen und eiligst hierher zu schicken. Viel
Vertrauen hatte ich zwar nicht zu der Sache, aber es glckte doch; denn
nach zwanzig Minuten ungefhr kam auf einem Grauchen der Schuster
angetrabt und flickte meine Packtaschen geschickt und schnell zusammen,
so da ich nach im ganzen einer Stunde Zeitverlust meinen Weg fortsetzen
konnte. Die Pause hatte ich benutzt, um meinem neuen Schimmel das Gepck
aufzupacken; er machte mir heute einen recht schlappen Eindruck, im
Gegensatz zu gestern; ich vermute, da sein frherer Besitzer, in
Voraussicht des Verkaufs, die Futterkosten gespart und ihm nicht zu
fressen gegeben hatte.

In Hsiau-schui-pu machte ich Mittagsrast; mein Schimmel strzte sich
frmlich auf das Futter, was meine oben geuerte Vermutung zu
besttigen schien. Kavalleristen, die ich hier traf, wuten bereits von
dem Pferdehandel, lobten mein Pferd und machten sich ber ihren mit dem
lahmen Pony hereingefallenen Kameraden lustig.

Bei glhender Schwle marschierte ich weiter, und nachdem ich den
letzten Bergrcken passiert hatte, konnte man in der Ebene nach Norden
zum Staubsturm sehen, whrend es in den Bergen westlich regnete. Die
Wege sind sehr schlecht, hauptschlich strt der dicke Staub in den
Hohlwegen. Am Wege selbst sind Bettler mit allen mglichen Gebrechen,
von denen sicher das meiste reiner Schwindel ist; einzelne hausen in
tief in die Lehmwnde eingegrabenen Hhlen und fhren ein
bejammernswertes Dasein; spter in Schansi traf ich solche Hhlen noch
viel hufiger. Auch diese Ebene ist reich angebaut, berall sieht man,
wie unter Aufbietung einer unendlichen Arbeitskraft die Felder bewssert
werden. Ich habe die Kulis, die mittels eines einfachen Schpfapparates
Wasser aus dem Brunnen in die Rinnen schpfen, stets bewundert. So etwas
kann eben nur ein Chinese auf die Dauer, ein Mensch, der Nerven gar
nicht kennt. Er arbeitet mit einem ganz lcherlichen Fleie an der
Bestellung des Ackers; dabei sind die Mittel, die er anwendet -- z. B.
die Pflge -- nach unsern Begriffen vorsintflutliche. In den
Gemsefeldern wrde man stets vergeblich auch nach dem kleinsten Unkraut
suchen; alle Straen sind stets von Leuten mit Krbchen und Hacke
belebt, die jeden Dnger sofort aufsammeln, um ihn fr ihr Feld zu
verwerten. Anderseits ist die Fruchtbarkeit des Bodens eine derartige,
da bei dem unendlichen Flei in der Bestellung und der vortrefflichen
Dngung eine gute Ernte stets gesichert erscheint, wenn nicht die Regen
gnzlich ausbleiben. Es wirkt geradezu berraschend, wenn man z. B.
gerade vor Hsuen Hwa mitten aus der eintnigen grauen Ebene ein
sattgrnes Kohlfeld auftauchen sieht; ohne die stete Bewsserung wre
dies natrlich auch unmglich.

Links des Weges vor Hsuen Hwa lagen einige Soldatenlager, von Bumen
umgeben; man sah Infanterie exerzieren und hrte Signale blasen. Dicht
vor der Stadt am Wege mahnten zwei Kpfe in den blichen Holzkfigen an
chinesische kurze Justiz. Die Stadt mit ihren hohen Mauern blieb rechts
liegen. Ich entdeckte an einer Umzunung mit groen Buchstaben
angeschrieben: German Hotel. Natrlich waren diese Worte das einzige,
was "deutsch" an dem Gasthaus war, denn sonst war es gleich jeder andern
chinesischen Kneipe, nur da die Leute auch die kleinste, sonst dem
ankommenden Reisenden erwiesene bliche Hflichkeit, wie Heranbringen
von warmem Waschwasser und heiem Wasser fr Tee, auer acht lieen.
Dafr versicherte der Wirt aber, da alle durchkommenden Europer bei
ihm logierten. Das Essen war auch erbrmlich, dafr forderte er die
doppelten sonst blichen Preise.

30. September 1902. Morgens erwachte ich mit recht unangenehmen Kopf-
und Magenschmerzen. Wahrscheinlich hatte ich mir an dem Chinesenfra,
der mir sowieso nicht schmeckte, den Magen verdorben. Nachdem ich mich
mit dem Wirt in Betreff seiner Forderungen geeinigt hatte, marschierten
wir ziemlich pnktlich 7 Uhr ab, zuerst durch die Vorstadt Hsuen
Hwa, dann entlang der Westfront auf Kalgan zu. Die Gegend, die hgelig
ist, wurde immer mehr und mehr steppenhnlich. Sie wirkte in ihrer de
direkt auf die Nerven, und da ich sowieso Kopfschmerzen hatte, befand
ich mich bald in einer wenig erfreulichen Stimmung. Dazu wollte der neue
Schimmel durchaus in jedes der wenigen am Wege liegenden Gehfte hinein.
Er schien die Gegend ganz genau zu kennen und mute wohl mit seinem
Vorbesitzer schon fter hier gewesen sein. Die Gehfte selbst sind
rmlich, die Wege tief ausgefahren. Einmal lag links des Weges eine
Mission; man sah eine groe Kirche fast vollendet, rings um diese die
klglichsten chinesischen Lehmhtten. Die Missionare tten in diesem
Punkte meiner Meinung nach besser, erst einmal den Bewohnern steinerne
Huser zu erbauen, ehe sie eine derartig prunkende Kirche in solche
Einde setzen.

Es war auch heute glhend hei und die Ponies recht mde. Allmhlich
nherten sich die Bergketten, die uns bis jetzt in ziemlicher Entfernung
rechts und links begleitet hatten; am Horizonte schienen sie
zusammenzuflieen, und auf der Kette links konnte man die groe Mauer
und ihre Warttrme ganz gut erkennen. Allmhlich wurde, wie eine Oase in
grnen Bumen gelegen, ein grerer Ort sichtbar. Gott sei Dank, es war
Kalgan oder richtiger Tschang-kia-kan, denn Kalgan nennt es nur der
Europer. Der Verkehr auf der Strae wurde immer lebhafter, gegen 1 Uhr
waren wir an der Vorstadt angelangt und passierten bald die mchtige,
mit Steinlwen und Gedchtnistafeln gezierte Brcke ber den fast
wasserleeren Hun-Ho; sein Wasser ist abgeleitet und zur Bewsserung der
Felder und Grten in hchst geschickter Weise ausgenutzt.

Ich wute, da in Kalgan eine Art deutsches Hotel existierte und fragte
daher sofort danach. Es dauerte eine Zeit lang, bis endlich ein Chimbo
-- Polizist -- der nach Shanghaier Art uniformiert war, die Fhrung nach
dem ihm bekannten Hause bernahm. Wir passierten die stark belebte
Hauptstrae und ich entdeckte mit einem Male links ein Holzschild mit
der Aufschrift "Schmelzers Hotel" und einer nach einer Nebenstrae
weisenden Hand. Unser fhrender Chimbo steuerte auch schon, einige nicht
schnell genug Platz machende Chinesen rcksichtslos prgelnd, in die
bezeichnete Nebenstrae, und nach einiger Zeit standen wir vor einem
Torbogen, der oben die angenehm berhrende Inschrift "Deutsches Hotel"
trug. Der Fhrer wurde belohnt und entlassen, wir ritten in den
viereckigen, von sauberen chinesischen Husern umgebenen Hof, um sofort
von einigen klffenden deutschen Hhnerhunden begrt zu werden. An den
ersten Hof reihte sich ein zweiter, an dem der Stall lag. Wir packten
und sattelten ab, brachten die Tiere unter, man wies mir ein tadellos
eingerichtetes Zimmer mit europischem Bette an, kurzum, es war mir
alles so unerwartet, da ich wirklich starr war. Es wre sogar ideal zu
nennen gewesen, wenn nicht im Hintergrunde eine Preisliste mit geradezu
horrenden Preisen gewinkt htte. Ich wurde in nicht ganz 24 Stunden,
ohne besondere Sprnge zu machen, 30 Dollar (ungefhr 60 Mark) los, was
ich fr etwas viel halte, trotzdem man selbstredend die Schwierigkeiten
der Einrichtung eines solchen Etablissements auch in Rcksicht ziehen
mu. Der deutsche Besitzer war brigens nicht anwesend, das Geschft
fhrte ein frherer Tientsiner Boy, der Pidgin-Englisch sprach und sonst
ein ganz freundlicher Mensch war.

Ich bekam schnell ein Tiffin serviert und versuchte dann, meine
abscheulichen Kopfschmerzen im europischen Bette zu vergessen, was mir
leider nicht gelang. Daher stand ich wieder auf und entdeckte hinten in
einem weiten Hofe mit anschlieenden Stllen einen chinesischen alten
Pferdehndler, der bereits mit meinem Mafu Freundschaft geschlossen
hatte. Letzterer hatte dem hchst gerissenen Kunden von meinen Erfolgen
im Sattel auf der Rennbahn erzhlt, so da mich der Chinese wie einen
alten Bekannten begrte. Ich hatte nun Gelegenheit, seine Griffins --
siehe Kap. II -- zu bewundern. Nach seinen Erzhlungen schien er den
Haupthandel in Rennponies, fr die Kalgan eine Art Zentralverkaufsstelle
bildet, in Hnden zu haben. Er kannte nicht nur alle greren Rennleute
in Shanghai und Tientsin, sondern war auch genau ber die Leistungen
einzelner an den dortigen Pltzen berhmten Ponies orientiert, so z. B.
ber den von mir im vergangenen Frhjahr mehrfach zum Siege gesteuerten
"Totila". Als ich ihm dann erzhlte, da ich der Reiter von Totila
gewesen wre, war er ganz Feuer und Flamme und zog mir sofort seine
besten Ponies zur Begutachtung aus dem Stalle, Tiere, die er mir vorher
gar nicht gezeigt hatte; ich mu allerdings gestehen, da ich soviel
gutes Material auf einem Platze zu gleicher Zeit noch nicht zusammen
gesehen hatte. Die Preise schwankten zwischen 60 und 500 Taels; letztere
Summe forderte er fr einen bildschnen Schimmel mit schwarzen pfeln,
der in der Tat die Points eines Flachrenntieres in der Vollendung
aufwies. Ob er den Preis dafr erzielen wird, ist eine andere Sache;
denn im allgemeinen mu er als bertrieben hoch bezeichnet werden. Diese
zum Verkauf stehenden Ponies waren brigens alle in regelrechter Pflege
und wurden sogar, wie ich beobachtete, mit Kardtsche und Striegel, die
der Chinese sonst nicht kennt, geputzt. Die Tiere sahen auch smtlich
gut aus. Wenn man aber nicht gerade fr diesen Sport sehr viel Geld
brig hat, soll man lieber die Finger davon lassen; denn wie jeder
Rennsport, ist auch der Ponyrennsport nicht gerade eine gewinnbringende
Beschftigung. Schlgt z. B. der fr 500 Taels gekaufte Pony nicht ein,
so kann man ihn beruhigt fr 50 bis 60 Taels veruern; denn mehr gibt
dann kein Mensch dafr.

Am Abend gegen 7 bekam ich mein Diner und zwar in der in den
ostasiatischen Hotels blichen englischen Form ganz gut angerichtet, ich
konnte ihm aber leider keine groe Ehre antun, da mir jeder Appetit
fehlte. Mein neuer chinesischer Pferdefreund hatte sich auch
eingefunden, so da sich die Unterhaltung nur um Ponies etc. drehte;
gefhrt wurde sie in einem merkwrdigen Kauderwelsch von Englisch und
Chinesisch, und wenn es manchmal durchaus nicht gehen wollte, mute der
Pidgin-Englisch sprechende chinesische Manager, der brigens zu gleicher
Zeit Koch und Boy war, aushelfen. Gegen acht kam ein Bote vom Prfekten,
um sich nach meinen ferneren Absichten zu erkundigen. Er forderte sich
zugleich meinen Pa, der, vom Taotai von Tientsin ausgestellt, ihm nicht
zu gengen schien; er htte gern einen solchen vom Wei-wu-pu in Peking
gesehen, den ich leider nicht hatte. Der Bote, brigens selbst mit Knopf
und Pfauenfeder, also im Mandarinenanzug, brachte mir, als Zeichen der
Hflichkeit, eine Visitenkarte des Prfekten, die ich mit der meinigen,
der chinesischen natrlich, erwiderte. Zugleich gab ich ihm Aufschlu
ber meine weiteren Reiseplne, und zwar der Wahrheit gem. Nach
einiger Zeit kam er noch einmal, um mir Kavalleriebegleitung anzubieten,
die ich jedoch dankend ablehnte, es hat sich auch am nchsten Tage kein
Kavallerist blicken lassen. Ich versuchte es dann noch mit einem
krftigen Punsch als Schlafmittel und zog mich bald zurck, um, Dank
letzterem, ganz vorzglich zu schlafen.

[Illustration: Meine chinesische Visitenkarte]

1. Oktober 1902. Den Vormittag benutzte ich, um mir Kalgan selbst etwas
nher anzusehen. Kalgan, eine verhltnismig groe Stadt, deren
Einwohnerzahl sich wie die aller bedeutenderen chinesischen Stdte
auerordentlich schwer schtzen lt, ist die Zentrale fr Pelzhandel
und fr Pelztransithandel nach Ruland. In seinem uern weicht der Ort
wohl kaum irgendwie von dem Aussehen anderer chinesischer Stdte ab. Wie
alles in China konservativ streng durchgefhrt ist, so auch der Baustil.
Und she man nicht hier in den Straen die vielen in Felle gekleideten
Mongolen, so knnte man sich ebenso gut im Sden Chilis oder Schansis zu
befinden glauben. Kalgan hat eine innere, von hohen Mauern umgebene
Stadt, und um diese herum eine uere Stadt. Man mu nun nicht glauben,
da der Haupthandel und Verkehr sich im Stadtinnern abspielt; hier ist
es gerade die uere, und zwar hauptschlich die sdliche und westliche
Vorstadt, in der die Hauptverkehrsstraen mit ihrem hchst lebhaften
Treiben liegen. Mir kam es vor, als ob im Innern des Mauervierecks der
wohlhabende Patrizier se; hier herrschte Ruhe und man sah nur groe,
schne, ganz massiv aufgefhrte Bauten. In dem Teil, wo der Deutsche
Schmelzer sich Grund und Boden erworben und seine Hotelbauten aufgefhrt
hat, wird in einigen Jahren die Bahn Peking-Kalgan ihren wohl auch nur
vorlufigen Endpunkt finden, denn wenn sie erst einmal gebaut sein wird,
wird es auch nicht mehr allzulange dauern, bis ihre Fortsetzung durch
die Wste Gobi Anschlu an die transsibirische Bahn findet.

Ich ging vom Hotel, das an der Westfront liegt, durch die
Hauptverkehrsstrae an der Sdfront. Hier herrschte ein sehr
interessantes Treiben. Auf offenem, tagaus, tagein fortbestehendem
Markte, der sich auf beiden Seiten der Fahrstrae hinzieht, wurden alle
mglichen und unmglichen Dinge feilgeboten. Da sah man Felle aller Art,
Gemse, Obst, Fleisch, alte Kleider, ebensolche neue und hauptschlich
Schundwaren europischen Ursprungs jeder erdenklichen Gattung. Letztere
scheinen einen ganz erheblichen Absatz zu finden, ich sah meist solche
deutscher Fertigung, aber auch sehr viele amerikanische, weniger
englische. Hauptschlich waren Garne, Nhnadeln, bedruckte Kattune,
Bnder vertreten, dann kleinere Blechwaren etc., auch Lffel, Lampen und
anderes mehr. Dazwischen arbeiteten auf offener Strae Beschlag- und
Kesselschmiede, Handwerker jeder Art, Garkchen verbreiteten ihre
angenehmen Gerche, die mich nicht mehr strten; man gewhnt sich eben
an alles hier in China.

Pltzlich kam noch mehr Leben in das allgemeine Treiben. Der Prfekt
selbst kam im Karren angefahren, mit einem groen Haufen von Beamten und
Dienern zu Pferd und zu Fu um ihn herum. Vor der Gruppe einige
schreiende und die Menge mit Hieben traktierende Polizisten. Alles
flchtete schleunigst; chinesische Brtchen und pfel kollerten im
Staube, Gassenjungen stahlen sie eilends, die Verwirrung benutzend --
kurzum, es war fr mich ein recht spaiger Anblick. Neben der Karre ritt
mein Beamter von gestern abend, der den Prfekten sofort auf mich
aufmerksam machte. Ich bekam nur einen etwas erstaunten Seitenblick,
dann war der ganze, sich schnell vorwrts bewegende Zug schon vorber,
und das Leben auf der Strae hatte sein altes Bild wiedergewonnen; nur
der schimpfende Obstverkufer erinnerte noch daran, da irgend etwas
Besonderes vorgefallen war.

Ich ging weiter, vorbei am schnen, halb europisch erbauten
Yamen -- einer Mission --, nach Norden durch ein an mittelalterliche
deutsche Bauten erinnerndes doppeltes Tor in die innere Stadt. Hier
interessierte mich besonders ein hochgelegener Tempel, von dessen oberer
Plattform aus man einen herrlichen Rundblick ber die ganze Ebene und
die zu Fen liegende Stadt hat. Der schmierige, uns ffnende Priester
bekam sein Trinkgeld, mit dem er nicht zufrieden zu sein schien; es war
nur Kupfergeld. Vom Europer erwartet er Silber, denn hier gilt eben
jeder Europer von vornherein als reicher Mann. Es war recht hei
geworden, so da ich an den Rckweg dachte. Vorbei am offiziellen,
brigens total verkommenen Yamen, kam ich durch ein anderes hohes Tor,
in dem die Wahrzeichen chinesischer Justiz, die Verbrecherkpfe in
Kstchen, diesmal gleich fnf an der Zahl und ganz frisch abgeschlagen,
hingen. Eine ganze andere Anzahl solcher Ksten barg nur noch die Schuhe
der hingerichteten Verbrecher, die Kpfe sind wohl begraben worden oder
haben vielleicht einen sonstigen Liebhaber gefunden. Chinesische Schdel
sind sehr gesucht und verhltnismig schwer zu haben. Noch einmal
passierte ich einen kurzen Teil der Hauptstrae; mir fiel dabei auf, da
trotz der glhenden Hitze die Mongolen, kenntlich an der
Gesichtsbildung, smtlich in enge Pelze, richtiger wohl Felle, gehllt
waren. Sie machten meist einen beraus stumpfen, schmierigen Eindruck.
Im Hotel erwartete mich bereits das fertige Frhstck und zum Dessert
die schon erwhnte Rechnung. Man wundert sich nicht mehr so leicht in
China ber irgend etwas ungewohntes Neues, ber diese Rechnung aber war
ich denn doch etwas sehr erstaunt. Doch was halfs; im europischen
Gasthause wird nicht gehandelt. Ich berappte, lie satteln und packen
und zog ab gen Sden nach der groen Strae auf Tatung-fu zu.

Zuerst gings durch Vorstdte, dann entlang einer Hgelkette, an der
Drfer lagen. Dem Reisenden fllt hier recht unangenehm auf, da die
Chinesen einfach den Weg als Leitung ihrer Bewsserung benutzen. Das mag
ja fr den Bauern sehr praktisch sein, fr den Reisenden ist es alles
andere als angenehm. Weiter fiel mir auf, da in dieser Gegend auch die
Mnner silbernen Schmuck trugen, meist brigens nur in einem Armbande
bestehend. Auch hier war alles bei der Ernte, so da man nicht in
Verlegenheit kam, wenn man bei einer der vielfachen Wegkreuzungen nach
der Route fragte. Nur einmal wurde ich, scheinbar absichtlich, falsch
gewiesen; die Leute schienen das als einen recht guten Witz zu
betrachten, denn nachdem ich die angegebene Richtung eingeschlagen
hatte, wollten sie sich vor Lachen ausschtten. Ich hatte gleich die
richtige Ahnung, da ich falsch ritt und machte sofort kehrt, worauf
alles mit echt chinesischer Feigheit so schnell wie mglich ausri, ohne
da ich auch nur ein Wort gesagt hatte.

Gegen 5 Uhr kam ich nach Tapingtschwang, dem in Aussicht genommenen
Nachtquartier. Ob es das richtige auf meiner Karte angegebene war, lie
sich nicht feststellen, da derselbe Name hier in der Gegend sehr hufig
ist. Das Hauptgasthaus war stark berfllt, so da ich in ein anderes,
weniger volles einzog. Wie man mir spter erzhlte, erfreute es sich
keines besonders guten Rufes in der Gegend, doch war mir das
gleichgltig, denn ich hatte wenigstens ein Zimmer fr mich und meinen
Mafu allein. Spt abends kam noch eine chinesische Partei an und htte
gern in meinem Zimmer mit genchtigt, ich winkte aber ab, so da sie
wieder abzogen. Zu essen bekam man nichts, so da ich zum ersten Male zu
den wenigen mitgenommenen Konserven griff. Die ganze Nacht war
Katzenmusik und Hundegebell, dazu fehlte alles Papier an den Fenstern,
und als ich gegen Morgen gerade anfing einzuschlafen, wurden meine
Ponies, die den neuen Schimmel nicht leiden konnten, lebendig und fingen
an, sich unter frchterlichem Gequietsche zu keilen und zu beien, so
da ich heraus mute, um sie auseinander zu binden. Natrlich hatte
gerade der beste Pony, Dr. H., einige gottlob nur leichte Hautwunden bei
dem Gefecht davongetragen. Es war jedenfalls eine recht geruhsame Nacht.

2. Oktober. Nachdem ich mich mit dem Wirt auseinandergesetzt hatte,
marschierten wir gegen 7 Uhr ab. Zuerst ging es durch hgeliges
Gelnde mit reicher Bebauung und vielen Ansiedelungen. Nach und nach
vereinigten sich alle Wege in einer von den blichen baumlosen, steil
ansteigenden Bergen eingefaten Schlucht, in der der Tai-schui, ein
rasch flieender Gebirgsbach, hinstrmt, den man unzhlige Mal
durchschreitet und der sich oft in mehrere Arme teilt. Viele
Maultierkarawanen gingen mit Waren beladen nach dem Innern; man sah
keine Kamele mehr. Uns entgegen kamen Maultiere mit Kohlen, sie trugen
rechts und links am Packsattel je ein groes Stck. An den steilen
Wnden waren kleine Tempel wie Schwalbennester angeklebt, nur noch
vereinzelt tauchten Drfer auf, die Bebauung nahm mehr und mehr ab. Vor
Taipingtschwang machten wir in einem Gasthause Mittagsrast, dann gings
weiter, und bei dem Orte selbst hatten wir die Pahhe erreicht. Der Weg
senkte sich schnell und wir gelangten in ein breites, reich angebautes
Tal. Die Wege sind nun im L bis zehn Meter tief eingeschnitten, die
Rnder haben oft verdchtige Neigungen.

Vor Hwai-an kam uns ein Mann entgegen, angeblich aus Yang-liu-tsing. Er
hatte an der rechten Hand und am Arm schrecklich eiternde Wunden und bat
mich in herzzerreienden Worten um Hilfe. Wir waren bald an der ganz
nett gelegenen Stadt und kamen in einem Gasthause leidlich unter. Der
kranke Chinese qulte mich solange, bis ich ihm mit meinen
Desinfektionsmitteln seine Wunden auswusch und verband. Um uns herum
hatte sich bald eine grere Volksmenge versammelt, die jede Handhabung
mit hohem Interesse verfolgte. In der Stadt hatte sich bald das Gercht
von der Ankunft eines europischen Arztes verbreitet, und noch spt am
Abend, als ich schon meine mden Glieder auf dem harten Kang
ausgestreckt hatte, wurde ich herausgeklopft, um einer Frau beizustehen,
die einer schweren Entbindung entgegensah. Leider war ich aber am Ende
meiner Kenntnisse angelangt und mute dankend ablehnen.

Die Nacht war recht kalt, so da ich mehrfach aufwachte. Der nchste Tag
fhrte uns zuerst auf recht guten Wegen bis Lin-tsui-tun. Von da ab bis
zu dem auf den Karten vermerkten Passe, der sich wenig als solcher
markiert, war es recht steinig. Die Hohlwege wurden immer schrfer
eingeschnitten. Dicht vor der Wasserscheide liegt ein hchst
romantisches Dorf Dju-hsia-rr, hinter der Wasserscheide ein weiterer
Flecken Tsirrling, in dem wir Mittagsrast machten. Wiederum ging es
durch tiefe Lehmschluchten, deren Rnder in Abstzen bebaut waren, es
gab sogar einige Baumschulen. Aus den Schluchten heraus bekam man
zuweilen Einblick in eine sich weithin erstreckende Ebene, in der man
den Yang-ho flieen und die Stadt Tientschnn liegen sah.

Gegen 4 Uhr erreichten wir den Ort, der sich durch nichts von andern,
ebenso groen Stdten unterscheidet. Der Wirt im Gasthause war hchst
frech; zuerst wollte er uns in ein kleines Zimmer zusammen mit allem
mglichen Gesindel stecken, ich wurde ihm recht deutlich und nahm mir
einfach ein besseres Zimmer. Wiederum griff ich meine Konserven an; die
mit Recht so beliebte Erbswurst schmeckte vorzglich und dementsprechend
schlief ich auch endlich einmal gut ein. Gegen Morgen wachte ich infolge
der Klte auf. Die Rechnung war recht milde, wofr dem sonst
unliebenswrdigen Wirt, den ich um 7 Uhr von seinem Kang holen mute,
viel verziehen wurde. Heute, am 4. Oktober, ging es weiter durch ein
mehrfach von kleinen Bchen durchschnittenes Gelnde; rechts fliet der
Yang-ho, der wenig Wasser hat, noch weiter zur Rechten sieht man auf den
hohen Bergen die groe Mauer entlang laufen. Die Leute bauen hier
Kartoffeln, ab und zu sieht man auch Birkenkulturen.

Gegen 11 Uhr waren wir in Yangkau, in dessen Gasthusern man nur
unter den denkbarsten Schwierigkeiten Tee bekommen konnte. Mein Essen
beschrnkte sich auf einige gekochte Eier; nicht einmal Frchte waren
aufzutreiben. In der Stadt war eine groe Begrbnisfeier mit obligater
Musik, Klagegeschrei und Verbrennung von Papiergegenstnden. Unser Wirt
empfahl uns Wangkwantun als Nachtquartier, wohin wir denn auch
aufbrachen. In der Stadt ist nur noch die knappe Hlfte mit Husern
bebaut. Die alten Ehrenbogen, der Yamen, der Mittelbau, alles verfllt.
In letzterem hngen die blichen Ksten fr Verbrecherkpfe;
augenblicklich scheint gute Zeit hier zu sein, denn man sieht keine
Kpfe, sondern nur die zum Andenken an abziehende Mandarinen
aufbewahrten Schuhe. Weiter nach Sden begegneten wir unserer
Begrbnisgesellschaft, die in ihrer lustigen Stimmung einen merkwrdigen
Eindruck machte.

Die Landschaft wurde mehr und mehr herbstlich. Die Leute waren bei der
Kartoffelernte, jedoch schien diese schon fast zu Ende zu sein. berall
sah man zufriedene und ruhige Gesichter. In den meisten Drfern spielte
sogar eine Theatertruppe; die Leute mssen eine gute Ernte gehabt haben.

Gegen fnf Uhr kamen wir in Wangkwantun an, in dessen recht ansehnlichem
Gasthaus Mann und Pferd gute Unterkunft fanden. Wir versuchten unsere
Kochkunst und bekamen nach ziemlicher Anstrengung ein deutsches
Beefsteak und Bratkartoffeln recht gut fertig. Bei bedecktem Himmel
gings am 5. Oktober durch sandige Schluchten und weiches Gelnde weiter.
Gegen Mittag fing es an zu regnen; da jedoch die Nester, die wir
passierten, zu trostlos aussahen, marschierte ich, trotzdem der Regen
allmhlich in einen regelrechten Landregen berging, weiter, und als die
hohen Mauern von Tatung-fu in Sicht kamen, war ich trotz des
Regenmantels vollkommen durchgeweicht.

Tatung-fu liegt tief im Tale, man steigt von einer Hgelreihe herunter.
Die etwa einen halben Kilometer breite Ebene vor Tatung-fu wird vom
Y-ho durchflossen, zur Zeit war die Ebene ein groer See. Zuerst kommt
man durch eine Art gemauerter Vorstadt, in der auch groe Gasthuser
liegen, die smtlich berfllt waren. Das Tor, durch das wir in die
eigentliche Stadt einritten, zeigt mchtige, an unsere mittelalterlichen
Stdtebefestigungen erinnernde Bauformen. Nirgends war ein Quartier zu
bekommen; augenscheinlich wollte man den fremden Teufel nicht aufnehmen.
Schlielich fand ich in einer auerhalb der Mauer gelegenen kleinen
Herberge ein schlechtes Zimmer, ich war aber trotzdem froh, da die sehr
mden Pferde endlich unter Dach und Fach kamen.

Um meine recht durchweichten Sachen in Ordnung zu bringen, machte ich am
6. Oktober einen Ruhetag, der Mann und Pferd auch sehr not tat. Den
Nachmittag benutzte ich, um die Stadt etwas anzusehen. Es war das
gewhnliche Bild, alles Zerfall und Schmutz; die Straen laufen berall
rechtwinklig zu einander. Im Sdwesten ist ein groer Tempelkomplex, und
nur in der Hauptstrae fllt eine sehr schne Mauer auf, die in blauen,
braunen und gelben Porzellanziegeln kmpfende Drachen darstellt. Das
Volk benahm sich im allgemeinen anstndig gegen mich. Aus den
gegenseitigen Zurufen zu schlieen, hielt man mich fr einen Amerikaner,
wohl infolge des Hutes, der dem der amerikanischen Truppen sehr hnlich
sieht.

Am nchsten Morgen hatten wir dichten Nebel und verfehlten zuerst
mehrfach den Hauptweg, bis wir schlielich an den chinesischen groen
Meilensteinen erkannten, da wir auf der rechten Strae waren; so gings
weiter bis Hweijnn, wo wir vom groen Wege nach Sdosten auf Ying
tschau zu abbogen. Gegen Abend versuchte ich in verschiedenen Drfern
Quartier zu erhalten; es war nicht mglich, die Leute weigerten sich
berall, uns aufzunehmen. Jeder wies uns nach dem nchsten Dorf, bis mir
dies schlielich zu bunt wurde und ich mit der Mauserpistole in der Hand
einen Mann aufgriff und mit dem strengen Befehl festhielt, uns zu einem
Gasthause zu bringen. In Anbetracht der drohenden Waffe versprach er
denn auch, sofort sein mglichstes zu tun. Es ging noch ein Dorf weiter.
Ich sah schon von weitem das Gasthaustor offen; die Leute wollten es
gerade schlieen und ich ritt schnell im Galopp hinein, um mich nicht
wieder hinausweisen zu lassen. Der Gasthausbesitzer fing sofort mit
unserm Fhrer einen groen Zank an; fr kein Geld war etwas zu bekommen,
weder Pferdefutter, noch irgend etwas fr uns zu essen, nicht einmal
Geld zu wechseln war mglich. Da es schon dunkelte, beschloss ich
trotzdem zu bleiben und schickte meinen Mafu mit Pa und Visitenkarte
zum Ortsvorsteher, um dessen Untersttzung zu erbitten. Natrlich lie
sich dieser verleugnen, und als ich selbst hinging, war er verduftet.
Der Besitzer des Gasthofes fand sich allmhlich in die Situation und
wurde schlielich ganz freundlich. Wir schliefen alle in einem groen
Zimmer mit der Familie zusammen, die von den ltesten bis zu den
jngsten Mitgliedern einen unglaublich schlechten Tabak rauchte. Die
armen Pferde bekamen nur Stroh zu fressen. Gegen 6 Uhr marschierten wir
am 8. Oktober ab; der Wirt bekam die Cash, die wir in unserem Gepck
auftreiben konnten. Vor der Tr hatte sich eine groe Volksmenge
angesammelt, die uns laut hhnte; da sie nicht Platz machen wollten, zog
ich die Mauserpistole heraus, worauf alles mit lcherlicher
Schnelligkeit verschwand.

Wir marschierten weiter durch Wiesengelnde nach dem 20 Kilometer
entfernten Yingtschau. Die Drfer sind auch hier alle gleich; jedes hat
einen zweistckigen Tempel und eine Art Ringwall, in den sich die
Bewohner in unruhigen Zeiten zurckzuziehen pflegen. Alle Leute, klein
und gro, rauchen die Pfeife mit langem Rohr und kleinem Kopf. Wir
passierten den vom Regen stark angeschwollenen San-Kan Ho und wurden bis
an die Knie na.

Schon von weitem fllt die hohe Pagode von Yingtschau auf. Im Gasthause
waren die Leute sehr freundlich, wenn auch entsetzlich neugierig. Die
Pferde bekamen Futter und wir Essen; ich flickte zur allgemeinen Freude
meine zerrissenen Reithosen. Mein Mafu wurde zu seiner groen Genugtuung
vielfach, infolge seines Anzuges, fr einen Europer gehalten. Gegen
Mittag ritten wir nach Sdwesten durch Wiesengelnde weiter und
erreichten gegen Abend den Mantau Schan. Unser heutiges Ziel
Hsiautschikau liegt ganz versteckt in einer Talschlucht und ist in
seiner Art mit einer dreifachen Mauer stark befestigt. Wir kamen ganz
gut unter, hatten jedoch den ganzen Abend eine Menge neugieriger Leute
im Zimmer, whrend drauen auf der Strae eine grere Ansammlung
fortwhrend laut nach dem Europer rief, bis mein Mafu hinausging und
sie beschimpfte, worauf sie abzogen. Am Abend wimmelte dann mein Mafu
mit lcherlicher Geschicklichkeit alle die hinaus, die noch mit uns auf
demselben Kang schlafen wollten, so da wir schlielich allein waren.
Die ganze Nacht ber tobte ein starker Sturm.

Zum Abmarsch am 9. Oktober war wiederum die ganze Stadt versammelt, die
Leute benahmen sich aber anstndig. Es ging weiter in die Berge hinein.
Gleich am Nordtor muten wir absitzen und fhren, da der Weg gnzlich
aufhrte. Gott sei Dank trafen wir einige Maultiertreiber, die uns
zurechtwiesen, wir waren gerade auf einen falschen Weg am Eingange der
Schlucht geraten. Die Strae fhrte zuerst in dem in der Talsohle
flieenden Bach entlang; der Eingang der Schlucht wird durch Warttrme
gesichert. Man konnte von hier aus sehen, wie gut die kleine Festung den
Taldurchgang sperrt. Der Weg ist auch fernerhin sehr steinig, es
herrschte so gut wie gar kein Verkehr; rechts und links sind fast
senkrecht aufsteigende, gnzlich vegetationslose Wnde. Nach ungefhr
einer Stunde Marsch gelangten wir zu einer kleinen Ansiedlung, hinter
der sich das Tal teilte. Wir marschierten links ab, jetzt am Hang der
steilen Talwnde entlang auf einem ganz schmalen Maultierpfade. Mehrfach
muten wir das Packpferd abpacken, da wir sonst Gefahr liefen, da das
Tier abstrzte. Einmal trafen wir einen Mnch aus Wutaischan, an den
mein Mafu sofort die neugierige Frage richtete, ob es dort sehr kalt
sei. Zu seiner Beruhigung meinte der Mnch, es sei dort auch nicht
anders als hier. Weiterhin trafen wir einige Maultiertreiber, die uns
wie bermenschliche Wesen anstaunten; sie hatten noch nie einen Europer
gesehen. Der letzte Aufstieg war ganz besonders steil, und als wir um
11 Uhr die Pahhe erreicht und einen Einblick in das jenseitige Tal
hatten, war ich sehr froh.

Der Abstieg auf der Sdseite war leichter, da es auf lehmigen Wnden
hinabging, und nach einer Stunde waren wir im Tal und einen letzten
einsamen Kegel umgehend, an einem Gehft vorbei, im Dorf Paimatschwang.
Die Leute waren auch hier wieder frech und zudringlich, es war keine
Unterkunft zu erlangen, bis sich schlielich ein alter Mann unserer
erbarmte und uns natrlich zu dem Gehft fhrte, das wir gerade passiert
hatten, so da wir den letzten Teil des Weges umsonst gemacht hatten. Es
gab kein Pferdefutter, die Tiere bekamen noch nicht reife, als Hcksel
geschnittene Gerste. Hier wohnt ein hbscher Menschenschlag, der
auffallend groe dunkle Augen und dunkle Haare hat und gegenber den
Chinesen der Ebene sehr viel krftiger aussieht. Beim Weitermarsch ging
es in der Talsohle entlang, zusammen mit freundlichen Maultiertreibern,
die uns fhrten, dann weiter ber die sdlichen Berge. Um 3 Uhr
passierten wir noch eine Pahhe und gewannen den Einblick in das
wirklich imponierende etwa 1500 m hohe Wutai-Gebirge. Ein eisiger Wind
pfiff uns entgegen, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, und vor
uns lag noch ein endloser Abstieg auf Serpentinen. Ich wollte eigentlich
nach Schachoa, an der groen Strae nach Pautingfu, und bekam es
allmhlich mit der Angst zu tun, als immer noch kein Haus in Sicht kam.
Gegen 4 Uhr passierten wir rechts einen Tempel, der genau wie ein
Schweizerhuschen aussah, eine halbe Stunde spter fanden wir endlich im
Tale eine Ansiedlung mit einem Gasthause, Cho-cho. Es war zwar alles
etwas teuer, und auerdem war das Unterhandeln mit Schwierigkeiten
verknpft, da die Leute dieser abgelegenen Gebirgsgegend einen ganz
merkwrdigen Dialekt sprechen; ich war aber froh, da ich untergekommen
war und bezahlte daher gern etwas mehr. Am Abend nahm ich zum Entsetzen
der versammelten Dorfjugend ein Bad in dem eiskalten, an dem Gasthaus
vorberflieenden Bach.

Der 10. Oktober brachte uns morgens nach dem ungefhr 15 Kilometer
entfernten Schachoa. Wir marschierten zwischen senkrechten, bis 150
Meter hohen Lehmwnden, in denen groe Hhlen sind, die von den Bauern
als Scheunen, zum Teil auch als Wohnungen benutzt werden. Das Wu
tai-Gebirge war heute ganz in Wolken. Gegen 9 Uhr waren wir in
Schachoa, das inmitten von Bumen hbsch gelegen ist. In einem der
groen Gasthuser bekamen wir alles, was wir haben wollten, und Sattler
wie Schneider wurden in Nahrung gesetzt. Entsetzlich war die Neugierde
der Menschen; sie bohrten sich mit nassen Fingern stets kleine Lcher in
die Papierfenster, bis ich, rcksichtslos das Fenster durchstoend,
einen mit dem Stock mitten auf die Nase traf. Daraufhin erfolgte
allgemeiner Rckzug auf zwanzig Schritte. Meine Ponies waren recht
pflastermde, aber da uns gerade ein von Wu tai kommender Lama erzhlte,
da in einer Entfernung von ungefhr 20 Kilometer eine gute Herberge
lge, beschlo ich trotzdem, weiter zu marschieren. Die ganze Stadt
begleitete uns bis hinaus. Im schnsten Sonnenschein ging es durch die
vielleicht sieben Kilometer breite, leicht gewellte Ebene, aus der dann
das Gebirge schroff und ganz pltzlich aufsteigt. Alle Steine, die die
Leute von den Feldern aufsammeln, werden auf die Wege geworfen, so da
sich diese in einem fr die Pferdebeine wenig angenehmen Zustande
befinden.

Ich konnte mich hier mit den Leuten berhaupt nicht verstndigen, meinem
Mafu gelang es auch nur mit groen Schwierigkeiten; er mute alles erst
ein- bis zweimal wiederholen. Ein lustiger Chinese, der scheinbar einen
zu viel getrunken hatte, bot uns Schnaps an. Es scheint hier jeder sein
Schnpschen tglich zu nehmen, wenigstens versicherte es der Chinese.
Wir trafen merkwrdig viele Leute mit weien Trauerabzeichen; die
Cholera soll hier im Volke ziemlich gehaust haben.

Gegen 4 Uhr waren wir in Tung-hsi-nien, einem einzelnen Gehft, das
einen recht verlodderten Eindruck machte. Neben dem Gehft liegt ein
schner Besitz eines reichen Chinesen. Wir sollten im Kulischlafzimmer
unterkommen, ich nahm aber lieber in der Kartoffelkammer Platz; jedoch
auch hier erwischte mich das Ungeziefer. In der Gegend wird ein ganz
leidlicher Hafer gebaut; das ganze Pltzchen ist wirklich idyllisch in
dieser Felswste gelegen.

Am nchsten Morgen, den 11. Oktober, gings ohne Frhstck weiter. Im
Steingerll liegen zuweilen kleine Felder, die unter unendlicher Mhe
dem felsigen Boden abgerungen sein mssen; rings herum haben sie hohe
Steinwlle. Zu beiden Seiten des Tales steigen fast senkrechte Wnde
Hunderte von Metern empor, im Grunde fliet ein Bach, den wir oft
kreuzten. Ganz vereinzelt tauchten von weitem drftig bewaldete Kuppen
auf. Der Himmel bezog sich mehr und mehr, und da es anfing leicht zu
regnen, zog ich es um 10 Uhr vor, in der hbsch gelegenen Herberge
von Sze-ping einzukehren. Wir hatten gerade den zehn Kilometer langen,
hohen, beschwerlichen Pa vor uns. Bis auf unreif geschnittenen,
unausgedroschenen Hafer gab es fr die Pferde nichts zu fressen. Nach
langem Parlamentieren bekam ich fr uns etwas Mehl und sieben Eier, so
da der Mafu wenigstens Brot backen konnte. Den Pferden gab ich als
Zusatz noch gestampfte Kartoffeln, die sie zwar nicht gern fraen, aber
schlielich doch nahmen. Der Erfolg war denn auch, da sie am Abend
unglaublich dicke Buche hatten.

Es regnete den ganzen Tag weiter, und dem Regen hatte ich es wohl zu
verdanken, da ich nicht weiter belstigt wurde. Das Dorf hatte sowieso
nicht viele Einwohner, und diese muten mich schlielich alle gesehen
haben. Am Abend kam der Wirt und machte mich darauf aufmerksam, da die
Sze-pinger recht gerne stehlen und schon einmal in demselben Zimmer
einen Reisenden, jedenfalls wohl keinen Europer, ausgeplndert htten.
Ich sagte ihm, er mchte den lieben Mitbewohnern mitteilen, da ich
sofort schieen wrde, sowie einer es wage, nachts durch Tr oder
Fenster hereinzuklettern. Natrlich legte ich vorsichtshalber meine
Mauserpistole neben mein Lager, hatte aber nicht ntig, irgendwie davon
Gebrauch zu machen.

Am nchsten Morgen hatte der Regen aufgehrt, mir fiel jedoch auf, da
die gesamte Maultiertreibergesellschaft, die, Stangenholz nach der Ebene
bringend, mit uns in derselben Herberge bernachtet hatten, wohl die
Packsttel aufgelegt, hatten, jedoch die Lasten noch im Hause unter Dach
und Fach stehen lieen und gar keine Anstalt machten, aufzubrechen,
obwohl sie sonst um diese Zeit lngst unterwegs zu sein pflegten. Auf
mein Befragen zeigten sie nordwrts auf den Himmel. Der Mafu erklrte
mir bald, da sie aus Furcht vor dem im Pa zu erwartenden Nebel nicht
abzogen. Ich riskierte es, zu marschieren und geriet natrlich gerade
mitten im Pa in den Nebel. Gott sei Dank ohne den Weg zu verfehlen. Wir
muten die Pferde fhren, zumal die Strae sehr schlecht und kaum zu
erkennen war, da der gestrige Regen alle Spuren fortgewischt hatte. Bei
dem oftmaligen Kreuzen des heute ziemlich viel Wasser fhrenden Baches
wurde man unten herum bald ganz na, da die Steine, auf denen man sonst
bergeht, unter Wasser waren. Die Berge sind nicht mehr so schroff, und
man sieht fter bewaldete Kuppen; an einigen Hngen war merkwrdig hoch
hinauf Hafer angebaut, der jetzt noch nicht reif war. Nach zwei Stunden
begann der Aufstieg zum Pa, nach einer ferneren Stunde kam es aus
Norden wie eine dicke weie Wand, und binnen fnf Minuten waren wir im
undurchdringlichsten Nebel; wir konnten nicht mehr fnf Schritte weit
sehen. Ich ging, die beiden Reittiere fhrend, voran, immer dicht vor
mich hin auf den Weg sehend. Ein paar Mal waren wir doch von den sich
von fnf zu fnf Metern folgenden Serpentinen abgekommen, fanden uns
aber immer wieder zurecht; ein Absturz wre wenig angenehm gewesen.
Allmhlich lste sich der Nebel in Regen auf, und als wir noch hher
kamen, wurde Hagel und Schnee daraus. Gegen 11 Uhr hatten wir die
Pahhe erreicht. Wir merkten es schon vorher, denn der Wind sprang nach
Sden um, also muten wir oben sein. Es herrschte eisige Klte, aber von
Zeit zu Zeit hatten wir kurze Durchblicke.

Ich machte kurze Rast und nahm mein karges Frhstck, aus einigen harten
Eiern und pfeln bestehend, zu mir, dann gings an den Abstieg. Gegen 12
Uhr verzog sich der Nebel, und nach ganz kurzer Zeit schien die schnste
Sonne. Vor uns lag das Wu tai schan-Tal. Von weitem sah man rote
Tempelmauern und zwischen hohen Bumen gelegene weie Pagoden;
nherkommend unterschieden wir viele auf Hgeln verstreute
Tempelgruppen, die sich um einen Kessel, in dem die Stadt liegt,
gruppierten. Auf einem vorspringenden Rcken lag eine lange Gruppe von
Gebuden mit gelben und blauen Porzellandchern und goldenen Knufen, es
war die Wohnung des Ta-lamas. An den Berghngen lagen unzhlige groe
und kleine flaschenfrmige Pagoden; es waren die Grber der hier
verstorbenen Mnche oder Pilger. berall und berall entdeckten wir
weitere Tempelgruppen, und schlielich sahen wir, da alle das Tal
umgebenden Hhen von Tempeln gekrnt waren, was ein ganz reizendes Bild
bot.

Ein freundlicher Chinese fhrte uns zu dem Gasthaus, in dem die Leute
sehr entgegenkommend waren; auch hier hielt man mich fr einen
Amerikaner. Wir bekamen alles, was wir wnschten; ein Schuster flickte
meine infolge des vielen Watens durch die Bche in Brche gehenden
Stiefel. Nach dem Essen ging ich in die Stadt. ber den das Tal
durchstrmenden Bach geht eine breite Brcke, links liegt ein ummauerter
Hain mit Lamagrbern, weiterhin die Stlle der Priester, jedoch ohne
Tiere. Es folgen rechts wiederum Tempel, die Anlage ist unregelmig;
wahrscheinlich ist sie zu verschiedenen Zeiten entstanden. Die Wohnungen
der Priester sind hchst schmutzig und verkommen, auch sieht man sehr
viele Kranke, besonders scheint eine Augenkrankheit verbreitet zu sein.
Smtliche Straen sind mit Steinen gepflastert. Ich trat in einen der
Tempelhfe, um mir die Anlage anzusehen. An sich ist sie regelmig, die
Tempel im Innern wundervoll reich ausgestattet, auf der letzten Terrasse
liegt ein ber und ber vergoldetes Tempelchen, ganz aus Metall erbaut.
Ein uralter Priester ffnete es und zeigte uns stolz, wie tadellos
sauber es berall darin war. Vor dem Tempelchen steht eine ganz
vergoldete Pagode aus bereinander stehenden Kegeln. Ich hatte kein Geld
bei mir, es wurde auch kein Trinkgeld gefordert, aber als ich nichts
gab, laut hinter mir hergeschimpft. Es regnete wieder sehr viel. Am
Abend nach der Rckkehr besuchten mich viele der Priester, bestndig
Gebete murmelnd und den in den Hnden befindlichen Rosenkranz drehend.

Wutaischan ist einer der Hauptwallfahrtsorte der Mongolen; es wird zu
jeder Jahreszeit von diesen besucht. Sie beklagen sich meist sehr
darber, da sie von den Chinesen, deren Land sie zu passieren gezwungen
sind, rcksichtslos ausgebeutet werden. Natrlich mssen sie in allen
Herbergen Pferdefutter und womglich noch frs Trnken zahlen, was
drauen in ihrer freien Steppe nichts kostet. Viele alte Leute nehmen
ihre letzten Krfte zusammen, um noch nach Wutaischan zu wandern, hier
zu sterben und dann in der geheiligten Erde begraben zu werden. Andere
vermachen ihr ganzes Vermgen den Tempeln, um dort leben zu knnen und
so nach dem Tode einen hheren Grad von Glckseligkeit zu erlangen.

Am 13. Oktober morgens regnete es zur Abwechslung wieder einmal. Ich
schickte meinen Mafu mit Visitenkarte und Pa zur Polizei, um bei dem
Ta-lama einen Besuch machen zu knnen, mute mich jedoch gedulden, da es
den ganzen Vormittag regnete und schneite und auerdem der
Polizeiprfekt ein Langschlfer zu sein schien, der mich ziemlich lange
auf seine Karte warten lie. Gegen drei Uhr nachmittags hrte es auf zu
schneien; der Schnee war jedoch liegen geblieben und die Berge ringsum
ganz wei. Die Wolken fingen an zu treiben, und bisweilen hatte man
schon Durchblicke. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der vorher
erwhnten, hochgelegenen Haupttempelgruppe, an deren Eingang ich gleich
von einer ganzen Schar Lamas in Empfang genommen wurde. Bereitwilligst
wurde mir alles geffnet und gezeigt. Um alle Tempel herum standen
Schiefertafeln mit dankender Erwhnung von Geld spendenden Glubigen,
meistens von Mongolen. Auch hier ist das Tempelinnere auerordentlich
prunkvoll, und man sieht wundervolle alte Bronzen und Cloisonnes. Die
Priesterwohnungen sind teils recht ppig, teils gleichen sie geradezu
Schweinestllen.

Schlielich wurde ich noch vom Ta-lama in seiner recht schnen Wohnung
empfangen, jedoch Seine Herrlichkeit schien schlechter Laune zu sein,
denn trotz meiner vorherigen Anmeldung durch Karte wurde mir nicht
einmal Tee angeboten. Der Ta-lama war ein fetter kleiner Mann, in einem
dick wattierten, gelben, gesteppten Anzug. Ich beschrnkte meine
Aufwartung auf nur wenige Minuten und ging dann weiter durch endlose,
unendlich schmutzige Gnge, an denen die Lamas in jedem Alter wohnen.
Auch Tempelschler sah ich, die alle, im Gegensatz zu den Priestern, ein
frisches und gesundes Aussehen hatten. In einer ziemlich hoch gelegenen
Bergspalte wurde mir noch das nie schmelzende Eis gezeigt, das Wunder
bewirken und jede Krankheit heilen soll.

Am 14. Oktober morgens hatten wir eine ganz infame Klte, die Berge
ringsum waren mit Schnee bedeckt und unten alles fest gefroren. Ich
bezahlte meine recht hohe Rechnung und marschierte durch die Stadt ab.
Auch weiterhin liegen an den Hngen berall Tempel und Grabsteinpagoden.
Der Anstieg zum Tse-ko-ling-Pa ist sehr steil, und da das Packtier
infolge des Glatteises mehrfach versagte, wurde ein mehrmaliger Halt
notwendig. Bald waren wir im Schnee und erreichten gegen 11 Uhr die
Pahhe, auf der eine hohe Pagode erbaut ist. Auch der Abstieg war sehr
steil, und recht allmhlich erreichten wir ein steiniges Flutal, in
dessen Grunde ein infolge des Regens ziemlich wasserreicher Bach flo.
Wir passierten wenige kleine Drfer. Bewunderungswrdig ist es, mit
welcher Geduld jedes Fleckchen Erde bis hoch hinauf ausgenutzt ist. Die
Felsen traten immer nher zusammen und der Weg wurde immer schlechter.
Schlielich marschierten wir eigentlich ununterbrochen im Bache. Bei
einer besonders schlechten Passage sprang mir mein Pony aufs rechte Bein
und trat mir den Absatz herunter. Ich mute ihn abschneiden, was fr das
Fortkommen recht strend war. Die Sonne war hinter den hohen Bergen
lngst verschwunden und vergoldete nur noch die schneebedeckten hohen
Kuppen, und noch immer war das ersehnte Yie-tou nicht in Sicht. Wir
marschierten so schnell wir konnten, ohne Rcksicht auf Bach und Steine,
so da wir bald bis ber die Knie durchnt waren; bald trat die
Dmmerung ein, und der Vollmond leuchtete uns auf unserm ferneren Wege.
Endlich gegen 6 Uhr waren wir an einer Talverbreiterung angelangt und
hatten vor uns Yie-tou, das im Mondschein ein entzckendes Bild bot. Die
ganze Nacht ber war ein ewiges Kommen und Gehen von Maultieren und
Eseltreibern mit ihren schellenbehangenen Schutzbefohlenen.

Am 15. Oktober gings weiter nach Nankau, das das breite Quertal
abschliet. Ich mute dorthin, um meine Stiefel reparieren zu lassen,
und, o Schreck, wir konstatierten bei dieser Gelegenheit, da wir uns
stark vermarschiert hatten und statt am Westrande am Nordrande des Wu
tai schan, stlich von Taitschau, angelangt waren. Wir waren also hinter
Wutaischan ber den falschen Pa gegangen. Zu ndern war das natrlich
nicht mehr, ich konnte nur feststellen, da die Karte wieder einmal
falsch gezeichnet war.

Am 16. Oktober marschierten wir auf dem alten Wege nach Yie-tou zurck
und bogen von dort in ein anderes Quertal ab. Wir passierten einen Pa,
dessen letzter Anstieg sehr steil mit Felssteinen gepflastert ist; die
Krnung des Passes ist ein Tempel, durch den man mitten hindurchreitet.
Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Ein Pony verlor sein Eisen, so
da wir ihn nur noch fhren konnten, da er stark lahmte. Wieder zogen
wir von Dorf zu Dorf, ohne ein Gasthaus finden zu knnen; endlich kamen
wir gegen Abend in Jin-tsia-pu, einem kleinen Neste, bei einem alten
Mann unter. Die Leute sind hier ganz unglaublich neugierig; trotz
mehrfachen Hinausbringens der ganzen Gesellschaft war binnen krzester
Zeit das ganze Zimmer wieder voll. Es schleicht sich immer einer nach
dem andern herein und baut sich auf, um mich mit mglichstem Stumpfsinn
anzustarren; jede Bewegung wird beobachtet und bekrittelt und alles
befhlt. Vorgestern sollen brigens drei deutsche Offiziere auf dem Wegs
nach Wutaischan hier durchgekommen sein. Am 17., als ich mich gerade
erheben wollte, fand ich schon wieder den ganzen Hof voller Neugieriger.
In Ermanglung von etwas anderm go ich mit meinem Waschwasser um mich,
was unbedingt zur Abkhlung der Neugierigen beitrug, denn wenigstens fr
die Zeit des Anziehens hatte ich die Gesellschaft in respektvoller
Entfernung. Nachher gab es ein groes Theater, als der Gasthausbesitzer
kein Silber wechseln wollte; er spekulierte jedenfalls auf das gezeigte
Zweitaelstck. Als ich dieses jedoch ruhig einsteckte und Miene machte,
ohne Bezahlung abzuziehen, war sofort kleines Geld da.

Nach Passieren weiterer drei Drfer fanden wir endlich einen Schmied,
der den lahmen Pony, der bisher stets deutsche Eisen getragen hatte, nun
auf chinesische Art beschlug. Nach chinesischer Sitte schlug er ihm vorn
die Zehe ab, auerdem schien er ihn vernagelt zu haben, denn das Tier
ging schlielich noch lahmer als es schon vorher gewesen war. Der alte
Meister beschlug es nun noch einmal selbst und behauptete, die Lahmheit
wrde sich nach kurzer Zeit verlieren. Er behielt Recht, denn nach
weiteren drei Kilometern war tatschlich die Lahmheit weg.

Nach 2 stndigem Marsch ber mehrere Gebirgsketten kamen wir in
Wutai Hsien an, das einen merkwrdig sauberen Eindruck machte. Hier
wollte uns wieder mal kein Gasthaus aufnehmen, bis schlielich ein Mann
uns half, der die vor zwei Tagen hier weilenden deutschen Offiziere
gesehen hatte und dem Gastwirt versicherte, da die Deutschen anstndige
Menschen wren. Am Abend wrdigte mich ein Pekinger Kaufmann der Ehre,
mich anpumpen zu wollen, jedoch mit krassem Mierfolg.

Am 18. Oktober ging es weiter durch fruchtbare Tler ber mehrere Psse
nach Tung-ye-tschnn. Wir kreuzten den ungefhr hundert Meter breiten,
ganz flachen Hu-to-ho, der zur Bewsserung in unzhlige kleine Rinnen
abgeleitet wird. Es ging noch ber einen letzten Pa, und die ersten
Karren zeigten uns an, da die Ebene vor uns lag. Die Tragetiere mit
ihren buntbeputzten Trensen und Halftern verschwanden, ebenso die
Steinhuser, und bald hatten wir den Anblick der blichen schmierigen
Nester mit ihren Lehmbuden. Auch hier war berall die Menge sehr
neugierig und nur durch energisches Gieen mit Wasser vom Leibe zu
halten. In den Feldern standen merkwrdig viele Peifangs (Grabsteine);
sie haben alle dieselbe Form: ein hohes Rechteck mit am Kopf
gegeneinander gewandten Drachen mit offenen Rachen. Ich scho auf 110
Schritte einen groen Bussard. Gegen 5 Uhr waren wir in Tinghsiang, wo
die auf der Karte verzeichnete christliche Mission nicht vorhanden ist.

Am nchsten Morgen hatten wir beim Aufstehen ganz dicken Nebel, aber
trotzdem marschierte ich gegen 8 Uhr ab, die Richtung nach dem Kompa
nehmend. Wir sahen in den Feldern sehr viele Wildgnse, an die man im
Nebel auf ganz kurze Distanz herankam, wobei ich einmal eine scho.
Gegen 11 Uhr verschwand der Nebel, und wir stellten fest, da wir auf
dem richtigen Wege waren. Bald lag Hsintschau vor uns. Wir muten durch
die ganze Stadt hindurch, in deren Hauptstrae eine ganze Menge
Verbrecher im Holzkragen, mit Halsring und mit vier Meter langer,
schwerer, eiserner Kette auffiel. Es war Markttag und die Straen sehr
belebt; das Volk nahm jedoch kaum Notiz von mir, und nur einige
Straenjungen liefen hinter uns her. Ich ritt zur Mission, in der ich
jedoch nur einen chinesischen Pater antraf. Nach zweistndiger Ruhepause
gings auf dem breiten, sehr zerfahrenen Hauptwege nach Taiyuanfu weiter.
Wir blieben in Ma Hweitschnn ber Nacht, dessen Gasthuser mit einer
Schwadron belegt waren, die auf die Ankunft der Frau des Hsintschauer
Taotais wartete, um sie in Empfang zu nehmen und weiter nach Hsintschau
zu eskortieren. Die hohe Dame hatte einen Ausflug nach Taiyuanfu
gemacht; am Abend brachte ein reitender Bote jedoch die Nachricht, da
in Taiyuanfu schwerer Regen gefallen sei und die Taitai nicht komme.

Mein Pony war leider wieder sehr lahm und am nchsten Morgen, dem 20.
Oktober, immer noch nicht besser, so da ich ihm die Eisen abnehmen
lie, was wenigstens momentan Besserung schaffte. Die Leute im Gasthaus
hatten mir versichert, da der Weg sandig wre, natrlich fiel ich
herein, denn nach kurzer Zeit wurde er ganz steinig und schlielich
gings ber Felsboden. Gegen Mittag passierten wir die Taitai des
Mandarins in Begleitung einiger weniger Soldaten; sie mute nun ohne
ihre Ehreneskorte in Hsintschau einziehen. Wir muten den ganzen Weg die
recht mden Ponies fhren und noch mehrfach Pausen einlegen, da mein
"Franz" ber und ber schwitzte. Allmhlich gings wieder in tief
eingeschnittene Lehmschluchten; das Gelnde wurde sonst flacher, die
Berge traten mehr und mehr zurck. Am Abend kamen wir in Hwangtuschei
ganz gut unter.

[Illustration: Gedenkstein der 1900 ermordeten Missionare]

Am 21. Oktober ging es ganz frh weiter. "Franz" war etwas besser, er
lahmte zwar noch, aber nicht mehr so schlimm wie gestern. Die Strae
wurde immer ausgefahrener, der Verkehr strker, man merkte, da man sich
der Hauptstadt nherte. Dorf reihte sich in kurzen Zwischenrumen an
Dorf, sehr viele Wohnungen waren direkt in die hohen Lehmwnde
hineingebaut. Viele dieser sogenannten Wohnungen waren infolge des
schweren Regens eingestrzt, andere verlassen, man sah recht viel Elend
und viele Bettler an der Strae. Gegen drei Uhr nachmittags kam eine
hohe Pagode und bald darauf die Stadtmauer von Taiyuanfu in Sicht. Man
hrte den langen Pfiff einer Dampfpfeife, die die Leute zur Arbeit rief,
es mute also eine Fabrik hier sein. Wir ritten in die Stadt; gleich am
Tore fragte uns ein Polizist in bescheidener Weise nach Namen und
Nation. Die Einwohner schienen hier an die Fremden gewhnt zu sein, denn
sie kmmerten sich eigentlich gar nicht um uns. In der Stadt war
verhltnismig wenig Leben, jedoch scheint starke Garnison darin zu
liegen, und ganz wie bei uns in Deutschland hrte man die Hornisten
Signale ben. Mitten in der Stadt am Futai-Yamen kamen wir an einer
steinernen Erinnerungstafel vorbei, auf der 26 Namen von den im Jahre
1900 hingemordeten Missionaren verzeichnet sind. Die Stadt ist durch
eine hohe Mauer mit Toren in eine nrdliche und eine sdliche Hlfte
geschieden. Wir kamen am mittleren Tor in einer groen Herberge unter
und hatten bald alles, was wir brauchten. Nebenan war der Yamen, und
sobald ein Mandarin kam oder ging, wurden am Tore drei Kanonenschlge
gelst. Da das Geschiee den ganzen Nachmittag ging, mssen hier wohl
sehr viele Mandarinen sein.

[Illustration: Taiyuanfu. -- Beim Barbier]

Den 22. Oktober benutzte ich, um Stiefel und Kleider flicken zu lassen;
dann sah ich mir zu Fu die Stadt an und entdeckte sogar einen
Uhrmacher, der meine zerbrochene Uhr reparieren wollte; als Lohn sollte
ich ihm eins meiner Reittiere borgen, er wollte damit einen Ausflug in
die Berge machen, eine Idee, die mir weniger zusagte. Nachmittags lie
ich mich zur chinesischen Post fhren, wo mir ein gut Englisch
sprechender Chinese meinen Einschreibebrief nach Deutschland abnahm.
Dann gings weiter zu einer Mission, in der ich jedoch keinen Europer
fand. Ein kleiner Junge fhrte mich weiter; unterwegs traf ich eine
Europerin, der ich mich in der Annahme vorstellte, eine Missionarin vor
mir zu haben. Sie fhrte mich in einen schnen groen Yamen, in dessen
einem, europisch eingerichteten Raum mich eine Englnderin sehr
liebenswrdig bewillkommnete und mich zu einer Tasse Tee einlud. Ich
glaubte immer noch, bei Missionaren zu sein; bald kamen einige Herren
dazu, darunter ein Deutsch sprechender Schwede, ein Herr Niestrm, und
es stellte sich heraus, da ich bei den Professoren der hiesigen
chinesischen Universitt war, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte.
Ich wurde festgehalten und mute versprechen, umzuquartieren.
Infolgedessen ritt ich zurck, packte meine Sachen in eine Karre und
fuhr wieder zum Yamen der Europer, wo man mir zwei sehr hbsche Zimmer
anwies, in dessen einem sogar ein Bett stand, mir ein lang entbehrter
Anblick. Ich glaube, da ich dieses nur der auerordentlichen
Liebenswrdigkeit eines der Herren verdankte. Spter wurde ich
herumgefhrt und es wurden mir die Empfangs- und Schulrume gezeigt. Das
europische Essen tat meinem etwas strapazierten Magen sehr wohl.

[Illustration: Tempel in Taiyanfu zum Gedchtnis der 1900 ermordeten
Missionare erbaut an der Stelle, wo sie hingerichtet wurden.]

[Illustration: Herr und Frau Duncan und Herr Swallow von der
Schansi-Universitt in Taiyuanfu.]

Am 23. Oktober ritten wir gemeinsam aus, um uns die Stadt anzusehen. In
der Hauptstrae marschierte viel Militr; es war heute die Feier des
Herbstanfanges. Um 11 Uhr begann die groe Prozession. Zuerst kam viel
Infanterie mit noch mehr Fahnen; die Offiziere waren sauber und gut
angezogen, rauchten jedoch im Glied Zigaretten; dann kam die rot
bekleidete Leibwache des Taotai sogar mit Musik, allerdings bler Sorte.
Es folgten sehr viele Mandarinen, von denen ich bis gegen sechzig
zhlte. In offenen Snften wurden eigentmliche Rstungen getragen,
wieder kamen viele Fahnen, Ehrenschirme, Gongschlger, Trompetenblser
usw. Wir ritten weiter; ich entdeckte in der Stadt einen groen Bazar
mit europischem Kleinkram, meist "made in Germany". Nach dem Frhstck
ritten wir nach den Militrlagern im Sdwesten der Stadt, wo die
Soldaten selbst neue Kasernements bauen. Hier benimmt sich alles
auffallend anstndig gegen den Europer; jeder einzelne Soldat erweist
ihm den Gru. Sie haben keine europischen Instrukteure, jedoch einen
Chinesen, der frher in Wutshang von den Deutschen gedrillt ist. Wir
ritten noch zu zwei hohen Pagoden, mit schner Aussicht, dann zurck zum
Neubau der Universitt, zum Rathaus der Kaiserin-Witwe und zur
niedergebrannten alten Mission; dann verweilten wir kurze Zeit bei
amerikanischen Missionaren und schlielich hatte ich den ungewohnten
Anblick, chinesische Studenten Fuball spielen zu sehen.

Interessant war mir am Abend, mit Herrn Duncan ber unsere Unternehmung
gegen die Schansi-Psse zu sprechen. Er zollte der deutschen
Unternehmung auf die Psse und der Erstrmung derselben hohes Lob. Die
Chinesen hatten diese Psse fr absolut uneinnehmbar gehalten und sind
daher, nachdem man sie praktisch vom Gegenteil berzeugt hat, jetzt in
Schansi viel willfhriger. Er meinte, falls diese Psse nicht genommen
worden wren, wrde in Schansi jetzt nichts fr die Fremden getan
werden, sondern im Gegenteil, man wrde ihnen die Aufnahme gnzlich
verweigern.

Die liebenswrdige Frau Duncan packte mir am 24. frh noch Gott wei was
ein, dann ritt ich ab in Begleitung von zwei der jngeren Herren der
Universitt. Die Drfer am groen Wege waren alle ganz leer, die
Einwohner waren fast smtlich an der Cholera gestorben oder vor ihr
geflohen. Der Verkehr war ziemlich lebhaft, und man sah hauptschlich
die von zwei Maultieren getragenen Gebirgs-Snften. Am Abend waren wir
in Schetienyi; unterwegs hatte mein lahmer Pony wieder ein Eisen
verloren und war noch lahmer als vorher. Im Orte fand sich ein Schmied,
der behauptete, Roarzt zu sein und ganz besondere Eisen machen zu
knnen. Ich traute dem Frieden zwar nicht, lie ihn aber doch machen; er
wollte die Eisen am nchsten Morgen bringen und dem lahmen Pony
aufschlagen. Am 25. Oktober morgens kam denn richtig der Schmied und
schlug Franz die neuen Eisen auf, mit denen er allerdings viel besser
laufen konnte als bisher. Ich mu zugeben, da der Mann in seiner Art
ganz geschickt verfuhr; im brigen war es der erste chinesische Schmied,
der die Tiere nicht nach Schema F behandelte. Leider brach unterwegs ein
Eisen entzwei, so da ich am Abend ganz genau so dasa wie am Tage
vorher. Es geht hier durch hohe Lberge; Mittagsrast machten wir in
Tai-ngan-yi, wo gerade sehr lebhafter Gemsemarkt war. Es kmmerte sich
kein Mensch um uns in den Straen, so da das Durchkommen sehr
erschwert wurde. Abends gelangten wir noch bis Cho-mnn, dicht vor
Schauyang.

Die Gasthuser waren noch nicht sehr voll, fllten sich aber im Laufe
des Abends derartig, da mehrfach nach Unterkunft suchende Leute ins
Zimmer guckten; zuletzt war alles dicht besetzt. Ein Blick in die Kche
belehrte mich, da Fritz -- mein Mafu -- zwei Etagen hoch von
neugierigen Menschen belagert war. Maultiere fraen bei meinen Ponies
aus den Krippen mit; den Treibern gefiel jedenfalls mein gutes Futter
recht gut. Ich mute mir das erst sehr energisch verbitten.

Man konnte hier so recht das Leben und Treiben der groen Verkehrsstrae
beobachten, da im Laufe des Abends mehrere Reisende von Rang eintrafen.
Zuerst kamen einige Bediente, die vorausgeritten waren; sie besahen die
Zimmer, whlten eins aus, lieen die Lcher in den Fenstern frisch
verkleben und den Kang heizen. Spter kamen dann die Karren und Snften
unter entsetzlichem Geschrei und Peitschengeknalle der Treiber in den
Hof gefahren und machten vor den betreffenden Zimmern Kehrt; es wurden
Bcke unter die Deichseln geschoben und die Zugtiere aus dem Geschirr
herausgenommen, letzteres verblieb an den Wagen. Den Tieren wurden die
wie eine Mettwurst aussehenden Unterkumte abgenommen, sie wlzten sich
dann im grten Schmutz. Ob dies ein Vorbeugungsmittel gegen Erkltung
ist oder eine Art Massage, ist mir nicht recht klar geworden; jedenfalls
lie sich bei dieser Gelegenheit feststellen, da eigentlich alle stark
durchgezogen waren, und zwar so, da handgroe Stcke Fleisch zu sehen
waren. Die Tiere wurden dann mit geschnittenem Stroh und Kleie
abgefuttert, und zwar werden sie zu diesem Zweck nicht angebunden. Am
Abend fangen sie dann an herumzuwandern und stren natrlich ber Nacht
mit europischen Nerven begabte Reisende im Schlaf. Unterdessen erhebt
die Herrschaft ein frchterliches Geschrei nach dem Schanguida, dem
Geschftsfhrer des Gasthauses. Bald schreit einer hier, bald schreit
einer dort, der arme Kerl luft den ganzen Abend herum, sei es mit
heiem Wasser fr den Tee, sei es, um die elenden Oellampen anzustecken,
oder um Oel auf die Lampen zu gieen, oder um Essen zu kochen. Manchmal
wandert der Schmied herum, sich mit seinen eigentmlich klingenden Tnen
anmeldend. Verkufer von Obst und Backwerk rufen ihre mehr oder weniger
wohlschmeckenden Sachen aus. Um 9 Uhr schlielich tritt meist Ruhe ein.
Alles futtert; die Treiber schnarchen auf dem allgemeinen Kang, man hrt
nur noch das Geklingel der Maultierglocken, oder ab und zu beien sich
zwei fremden Parteien angehrende Tiere um das Futter, bis um 2 Uhr
nachts der Krach von neuem losgeht, wenn die ersten wieder
weitermarschieren.

Am 26. Oktober passierten wir Schauyang, wo ich das Unglckstier Franz
wieder einmal beschlagen lassen mute. Schauyang ist eine Stadt mit
Kavallerie-Garnison; hinter der Stadt fing der steinige Weg von neuem
an. Ich schlo mit dem Polizeioffizier des Bezirkes Freundschaft, indem
ich nmlich einen Pony, der ihm weggelaufen war, wieder einfing. Er
wollte mir sofort Kavalleristen zur Begleitung mitgeben, was ich jedoch
dankend ablehnte. Im Gesprch erzhlte er mir, da am Abend vorher ein
Leopard mehrere Schafe aus einer Herde gerissen hatte. Ich nahm mir vor,
morgen frh zu sehen, ob ihm vielleicht beizukommen sei; leider hatte
ich zu wenig Zeit, um mehrere Tage fr die Jagd auf das scheue Tier zu
verwenden. Die Wege wurden immer schlechter, der Verkehr immer strker,
und da ich wegen Unterkunft Sorge bekam, schickte ich den Mafu so
schnell wie mglich voraus, um ein Zimmer fr uns zu besorgen. Ich hatte
recht, denn wir erhielten gerade noch im letzten Gasthaus ein kleines
Zimmerchen. Noch am Abend versuchte ich, im Ort Leute zu finden, die
mich auf den Leoparden bringen sollten; aber, wie stets, konnte keiner
Auskunft geben. Am 27. Oktober morgens, schon ganz frh, setzte ich mich
mit dem Hirten der Herde, die der Leopard angegriffen hatte, in
Verbindung, jedoch auch dieser hatte keine Ahnung ber den Verbleib des
Tieres, so da ich lieber weitermarschierte, da die Zeit drngte.

[Illustration: Kukwan an der grossen Mauer]

Es ging kurze Zeit im Flubett des Tau-ho entlang und dann rechts in die
Berge, und zwar ber einen Pa, dessen letzter Aufstieg ganz mit groen
Granitquadern belegt ist. Gegen Mittag passierten wir Pingtingtschau,
eine ziemlich groe, sehr schmutzige Stadt mit auffallend vielen alten
Ehrenbogen. Die nchsten beiden Tage, den 28. und 29. Oktober, gings
weiter auf der Hauptstrae durch gebirgige Gegend. Die ganze Bevlkerung
lebt hier nur vom Verkehr, der allerdings sehr rege ist. Wir kamen durch
Kukwan an der groen Mauer. Sie ist hier sehr gut erhalten, hat ein
doppeltes Tor und auf den Bergen auerdem noch vereinzelte Warttrme. Am
30. Oktober traten wir aus dem Gebirge heraus in die Ebene. In den
Drfern sieht man noch franzsische Ortsbezeichnungen, die aus der
Okkupationszeit herstammen. Wir setzten in einer groen Fhre ber den
San-kan-ho, der von unzhligen Wildgnsen belebt ist; abends gelangten
wir bis Tschntingfu, einer groen Stadt mit hbschen Tempeln und
mehreren Pagoden. Mein Mafu war abends groes Titou, d. h. Rasieren und
Zopfflechten, machen gegangen, was ungefhr 2 Stunden dauerte, so
da ich es schon mit der Angst bekam, er wre eingesteckt worden. Am 31.
Oktober frh beim Abmarsch go mir ein altes Weib schmutziges Wasser vor
die Fe, was mein Mafu als ein sehr schlechtes Omen bezeichnete.

Die Chinesen hatten heute Allerseelentag, berall sah man sie auerhalb
die Grber und Grabsteine in Ordnung bringen und Papierdarstellungen an
den Grbern verbrennen. Die Gegend hat vollkommen unsern
Heide-Charakter. Der Verkehr war gering, da die neue Eisenbahn doch viel
weggenommen hat; jeder des Weges Kommende fhlte sich bemigt, mich zu
fragen, warum ich nicht die Eisenbahn benutzte, und begriff es nicht,
wie man zu seinem Vergngen im Lande spazieren reiten knne. Am Abend
sahen wir in Hsinlo eine groe Prozession nach dem Tempel gehen, die fr
Abgeschiedene und Kranke beten wollte. Alle Teilnehmer trugen
Papierlaternen, auerdem begleitete eine entsetzliche Musik den langen
Zug, fernerhin sah man Gtzenbilder und Baldachine. Ab und zu wurden
Papierdarstellungen von Geldstcken verbrannt.

Am 1. November ging es durch ebenso langweilige, de Gegend; wir trafen
viel Kavalleristen-Patrouillen, sie hielten gerade eine groe Razzia auf
Ruber ab. Auch in dieser Gegend sah man berall noch an Husern die
Spuren der franzsischen Einquartierungen. Abends gelangten wir bis
Wangtu, und da wir uns mehrfach verritten hatten, trafen wir erst bei
Dunkelheit ein; die Pferde waren ganz besonders mde, alle Gasthuser
waren voll von hier gerade zusammengezogener Kavallerie, und kein Stall
mehr frei. Unter dem blichen Gelchter muten wir mehrfach abziehen.
Endlich lie mir ein mitleidiger Offizier ein kleines Zimmerchen von
Kavalleristen rumen und in seinen Stllen Platz fr meine Pferde
machen. Den ganzen Abend hrte man Signale und Getrommel auf den
Straen; von halbe Stunde zu halbe Stunde ritten Nachtpatrouillen ab.
Die Soldaten waren etwas neugierig, aber berall freundlich, einige
halfen mir sofort, whrend sonst der Chinese immer herumsteht, alles
sehen, aber nie helfen will. Derselbe Offizier, der uns Platz gemacht
hatte, besorgte uns aufs liebenswrdigste auch Futter; spter in der
Unterhaltung erzhlte er, da er bei Tientsin einen schweren Schu durch
das Bein bekommen htte. Mehrfach in der Nacht kam ein revidierender
Offizier, um, mit der Peitsche in der Hand, nachzusehen, ob die
Patrouillenreiter rechtzeitig sattelten. Die hier zusammengezogene
Kavallerie hat vor einigen Tagen ganz in der Nhe ein Gefecht mit
Rubern gehabt und dabei mehrere Leute und Pferde verloren. Ihre Ponies
sahen gut aus, waren aber meinem Geschmack nach alle etwas sehr
dickgefttert, jedoch war kaum ein einziger gedrckter darunter.

Am 2. November, einem Sonntage, gelangten wir endlich nach Pautingfu,
das im Innern gerade auf Befehl Yuan-schi-kais nach europischem Muster
gepflastert wurde. Man sah auffallend viel Soldaten auf den Straen. Wie
stets in groen Stdten, waren alle Gasthuser voll besetzt, und erst
nach langem, langem Suchen gelang es uns, unterzukommen. Die Stlle
waren natrlich wieder miserabel, auerdem wollte der Geschftsfhrer
mich gleich gehrig bers Ohr hauen und mit meinem Mafu paktieren;
letzterer war anstndig genug, sofort abzuwinken. Abends hatte ich
Besuch von einem Englisch sprechenden Chinesen, der sich mir als
Besitzer des Gasthauses vorstellte. Wie sich nachher herausstellte, war
es ein Schwindler, der durch anscheinende Bekanntschaft mit dem
reisenden Europer irgendwo anders Kapital herausschlagen wollte.
Pautingfu macht, wie ich am nchsten Tage feststellte, immer noch
denselben sauberen Eindruck, wie zu Zeiten der Okkupation; man sieht,
da die Chinesen auch darin etwas gelernt haben. Ein neuer kaiserlicher
Palast ist im Bau und sieht seiner baldigen Vollendung entgegen. Wer
wei, ob nicht die Kaiserin-Witwe eines Tages ihren gesamten Hofstaat
aus Peking hierher verlegen wird.

Nachdem ich schon um 3 Uhr morgens durch Signale geweckt worden war,
marschierten wir am 4. November durchs Osttor weiter. Gleich vor der
Stadt lagen viele Soldatenlager; der Vizeknig Yuan-schi-kai hat hier 4
Schwadronen Kavallerie, 5 Batterien und 20 Kompagnien, jede zu 500 Mann,
vereinigt; eine Batterie exerzierte am Geschtz, auf dem groen
Exerzierplatz bte die Infanterie. Hornisten bliesen ihre meist
deutschen Signale, kurzum, es war ein Bild, genau wie bei uns in einer
greren Garnison. In der Mitte des groen Exerzierplatzes ist ein
Podium fr den besichtigenden General errichtet. Die Kompagnien waren
gerade mit dem Dienst fertig und rckten nach den Quartieren. Vier
Trommler und vier Hornisten bliesen zum Marschieren; der Tritt ist sehr
langsam, im brigen haben sie sonst vollkommen deutsches Reglement. Die
Griffe, die ich sah, wurden recht gut ausgefhrt. Mir fielen Leute mit
roten rmeln auf; hiermit bezeichnet man Deserteure, also Leute im
zweiten Grade des Soldatenstandes. Ich fragte einen der Offiziere, der
sich mir als Major Wang vorstellte, ob ich sein Revier ansehen knne;
dieses wurde gern erlaubt, und ich trat in eines der mit Wall und Graben
versehenen Soldatenlager ein. In demselben lagen 504 Mann, Offiziere
wohnten mit im Lager. Die Unterbringung war in einfachen, tadellos
sauberen Lehmhusern. Der Major fhrte mich selbst herum, und ich war
berrascht, welchen guten Eindruck die Leute machten; hier wurde das
Soldatenspielen unbedingt mit Ernst betrieben. Die Leute waren alle mit
Gewehr Modell 88 ausgerstet. Im brigen waren Montierungskammern,
Unterrichtstube fr Kapitulantenunterricht, Kche, Esaal, Krankenstube,
alles vorhanden. Nachdem mir noch Tee gereicht worden war, marschierte
ich weiter und verritt mich in der Ebene mehrfach. Die Leute wiesen mich
hier scheinbar absichtlich falsch. Abends gelangten wir nach Hsian
tschnn.

Am 5. November gings weiter auf Pa-tschau zu. Ich schickte meinen Mafu
voraus und ritt selbst mit Franz und dem Schimmel als Packtier
hinterher. Als ich antreiben wollte, ri mir der Strick und der Schimmel
lief weg. Nach langer Hetze bekam ich ihn glcklich wieder, aber nun
streikte die Bestie und war weder durch Hiebe noch durch gutes Zureden
vorwrts zu bekommen; ich mute sie ganz langsam zu Fu vorwrts zerren
und gelangte erst abends 9 Uhr nach Pa-tschau, wo mich mein Mafu voller
Angst erwartete. Er hatte versucht, mit der Mauserpistole zu schieen,
um mich ber die zu nehmende Richtung zu orientieren, hatte jedoch nicht
mit ihr umzugehen verstanden. Am 7. November traf ich, ber
Wang-cing-to-tschnn und Schiku-hotu reitend, in Tientsin ein und war
doch recht froh, da ich wieder zu Hause war, denn der gute Franz war
infolge des mangelhaften Beschlages so gut wie fertig. Die beiden
anderen Tiere hatten die schwere Tour sehr gut bestanden und waren ganz
frisch.




Zu Kapitel II.

[Illustration: Routenkarte zum Distanzritt Tientsin - Peking]




II. KAPITEL.

Vorbereitungen zum groen Ritt nach dem Westen.


Am 5. Dezember 1902 erhielt ich die Nachricht, da meine Ablsung aus
Ostasien dicht bevorstnde, und damit nahm mein lange gehegter Wunsch,
einen Distanzritt in grerem Mastabe auszufhren, bestimmtere Formen
an. Mir stand von Tientsin aus das gesamte Innere Asiens zur Wahl, und
ich entschied mich bald dafr, quer durch Zentralasien zu reiten, also
zu versuchen, auf bisher von Europern wenig betretenen Wegen den
Anschlu an die transkaspische Bahn im russischen Turkestan zu
erreichen.

Sofort vertiefte ich mich in das geringe vorhandene Kartenmaterial, das
sich auf die groen Atlanten von Andree und Debes beschrnkte; anderes
war nicht aufzutreiben, und selbst Sven Hedins Werk, welches mir
Aufschlu ber Land und Leute geben sollte, war in keinem der
Bcherlden zu haben. Schlielich erhielt ich es durch die
Liebenswrdigkeit meines Pekinger Kameraden Leonhardi. Man wute zwar,
da einmal ein Professor Futterer dort gereist sei, ebenso, da der
Russe Przewalski Zentralasien mehrfach durchquert hatte, ihre Werke
waren aber leider nirgends zu haben, und im allgemeinen herrschte
berall, wo ich anklopfte, ein merkwrdiger Mangel an Orientierung, ich
mchte fast sagen Unkenntnis ber das von mir in Aussicht genommene
Gebiet. Die meisten wandten sich kopfschttelnd und lachend von mir ab
und hielten das ganze Unternehmen, wie man so sagt, fr eine Kateridee.
Einer meiner guten Freunde, den wir Leutnants stets "Onkel" nannten,
d. h. nur eine beschrnkte Anzahl durfte sich dieses erlauben,
behauptete, er htte mich im Traum bereits bei Tung-fu-hsiang mit einem
eisernen Ring um den Hals am Marterpfahl schmachten sehen und, was fr
ihn das Schlimmste war, es gab dort nicht einmal einen Whisky-Soda; das
hielt ihn aber nachher, als meine Expedition zur Wirklichkeit wurde,
nicht ab, mir als Andenken eine sehr wertvolle Beigabe zur Ausrstung,
in Gestalt einer guten Taschenuhr, zu schenken. Nur zwei waren gleich
Feuer und Flamme fr die Sache und bedauerten, nicht selbst mitkommen zu
knnen; den einen hielten allzu dringende Geschfte und seine pltzliche
Versetzung nach Han-kau ab, das war mein guter Freund Otto Schweigardt,
Manager der Ostasiatischen Handelsgesellschaft; den andern, meinen
besten Freund, den ich im fernen Osten gefunden habe, Oberleutnant Graf
v. Freyen-Seyboltstorff, lie der knigliche Dienst nicht fort; beide
haben mir, wo sie nur konnten, bis zum letzten Augenblick mit Rat und
Tat zur Seite gestanden und haben keinen Moment an dem Gelingen der
Expedition gezweifelt. Sie waren auch die ersten, von denen ich, in der
Heimat angelangt, einen telegraphischen und brieflichen Willkommensgru
vorfand.

[Illustration: "Auf Nepomuk"]

Ich hatte mir meine beabsichtigte Reiseroute in groen Zgen ungefhr
wie folgt festgelegt: Tientsin, Taiyuanfu, Lan tschau, Kan tschau,
Ansifan, Hami, Karaschar, Aksu, Kaschgar und ber den Terek-Pa nach dem
Endpunkt der Eisenbahn, der in den Atlanten noch in Khokand angegeben
war, whrend er der Wirklichkeit entsprechend in Andischan lag.

Am 11. Dezember machte ich meinen militrischen Vorgesetzten, ohne deren
Einwilligung es selbstredend nicht ging, Meldung ber mein Vorhaben.
Hierzu begab ich mich zum ersten Generalstabsoffizier der Brigade,
Major v. Falkenhayn, der selbst in frheren Jahren grere Reisen in
Ostchina gemacht hatte und der sofort das weitgehendste Interesse fr
meine Plne kundgab. Whrend wir noch an der Hand der Karte berieten,
kam unser Kommandeur, Generalmajor v. Rohrscheidt, dazu, und so war fr
mich die Gelegenheit gnstig, auch diesem Vorgesetzten sofort von meinen
Plnen Mitteilung zu machen. Ich stie bei beiden nicht auf die kurze
Abweisung, die ich befrchtet hatte. Sowohl der General, wie auch der
Generalstabsoffizier erklrten mir, da sie das Vertrauen zu mir htten,
einen solchen im groen Mastab angelegten Distanzritt glcklich
durchfhren zu knnen, was mir eine groe Genugtuung war, und ich
erhielt Befehl, in nchster Zeit mit durchgearbeiteten Vorschlgen
wiederzukommen. Denselben Abend benutzte ich, mich genauer ber den zu
nehmenden Weg zu orientieren, und schon am nchsten Tage konnte ich den
beiden Vorgesetzten mit einem neuen Plan unter die Augen treten. Ich
hatte die Liste der Hauptortsnamen und der Distanzen festgestellt, hatte
an der Hand meiner auf dem letzten Ritt gesammelten Erfahrungen eine
Tagesleistung von etwa 40 Kilometer angenommen und wollte, diesen
Durchschnitt einhaltend, in 118 Tagen Khokand erreichen, um von dort
mittels Eisenbahn die Heimat in ferneren drei Wochen zu gewinnen. Ich
ahnte damals noch nicht, wie wenig es mir mglich werden wrde, den
angegebenen Zeitraum inne zu halten, denn unerwartete Hindernisse
verschiedenster Art machten mir spter einen Strich durch die Rechnung.
Der General erklrte sich schlielich mit meinen Vorschlgen
einverstanden und versprach, fr mich bei Sr. Majestt in befrwortender
Weise einen dreimonatlichen Urlaub telegraphisch erbitten zu wollen, was
fr mich zuzglich der mir zustehenden Reisezeit von 45 Tagen gengt
htte.

Ehe die Genehmigung Sr. Majestt des Kaisers eingetroffen war, konnte
ich selbstredend an die Beschaffung der notwendigen Ausrstung nicht
denken, und da die Rckantwort unter zwei Wochen nicht zu erwarten war,
benutzte ich die Zwischenzeit zu mehreren Ritten, die teils dem eigenen
Training dienen, teils das mir gerade zur Verfgung stehende Pferde- und
Ponymaterial auf seine Leistungsfhigkeit ausproben sollten.

Mein erster Ritt fhrte mich zusammen mit einem Kameraden, der eine
dienstliche Patrouille ber Wancingto-tschnn -- Yungtsing Hsien -- Kuan
Hsien auszufhren hatte, in drei Tagen nach Peking. Von Peking aus legte
ich an einem Tage die ganze Strecke von 130 Kilometer allein zurck. Ich
benutzte hierzu Peter, einen australischen braunen Wallach, der mein
Eigentum war; er hatte zwar whrend des dreitgigen Rittes nach Peking
in den offenen chinesischen Stllen sehr gefroren und nebenbei noch das
ungewohnte Futter schlecht angenommen; war aber sonst in ganz leidlicher
Kondition und sollte am ersten Renntage des "Winter-Sport-Vereins" Ende
Dezember herausgebracht werden. Ich will gleich hinzufgen, da es mir
auch gelang, noch kurz vor meinem Weggange ein Rennen mit ihm zu
gewinnen.

Um 8 Uhr 50 Minuten vormittags ritt ich vom Gesandtschaftsgebude in
Peking bei Schneetreiben und starkem Winde aus Ostsdost fort, passierte
um 9 Uhr 10 Minuten das sdliche Osttor der Chinesenstadt und ritt nun,
mich nur nach dem Kompa orientierend, nach Sdosten auf Ho hsi wu zu.
Ein Zurechtfinden im Trabe mittels Kompa ist nicht ganz einfach, daher
bin ich auch mehrfach von der Strae oder dem, was man hier darunter
versteht, abgeirrt. Eine eigentliche Strae gibt es nicht, dafr, wie
berall in der Provinz, eine grere Anzahl Wege, die sich mehr oder
minder alle gleich sehen. Gegen 12 Uhr kam die Sonne hervor, und von da
ab war ein Zurechtfinden sehr viel leichter. Um 1 Uhr erreichte ich
Ho hsi wu, wo ich trnkte. Bis dorthin hatte ich abwechselnd getrabt und
galoppiert, zweimal je eine Viertelstunde im Laufschritt gefhrt. Das
Pferd war noch nicht mde, so da ich im Tempo zulegte. Um 3 Uhr 35
Minuten war ich in Yangtsun, abwechselnd Trab und Galopp reitend. Leider
lie ich mich hier durch die Liebenswrdigkeit der Kameraden verfhren,
im Kasino einen khlen Trunk zu nehmen, wodurch ich 30 Minuten verlor.
Nachdem ich das Pferd getrnkt hatte, ritt ich von Yangtsun um 4 Uhr 5
Minuten ab. So lange es hell war, galoppierte ich; das Pferd war nicht
auffallend mde, nur zuerst etwas steif. Um 4 Uhr war es dunkel, der
Mond schien nicht, und daher kam nun der unangenehmste Teil der Reise.
Ich trabte und verritt mich leider mehrfach in den winkeligen Drfern am
Pei-ho. Um 6 Uhr 5 Minuten war ich in Tientsin und passierte die Pagode
am Palast des Vizeknigs. Um 7 Uhr 2 Minuten traf ich bei der Wache am
Artillerielager ein. Das Pferd war nicht mde und hatte kein nasses
Haar. Nachdem es abgewartet war, fra es gut und legte sich um 11
Uhr hin. Am nchsten Morgen war es frisch und auf allen vier Beinen in
Ordnung. Die Entfernung betrgt 130 Kilometer, ich hatte den Kilometer
in 4,07 Minuten zurckgelegt.

Schon am 14. Dezember fhrte mich zum zweiten Male mein Weg nach Peking.
Dieses Mal zusammen mit meinem Freunde, Graf Seyboltstorff von der
berittenen Infanterie, und zwar auf zwei Ponies aus meinem Stall. Der
eine war ein kleiner Schimmel, Conte mit Namen, der andere ein
Dunkel-Fuchs-Wallach, Dr. H., der bereits als vorzglicher Springer
bekannt war und mir manchen schnen Ehrenpreis in Hindernisrennen
eingebracht hatte.

Wir starteten am 14. Dezember 8 Uhr 25 Minuten vormittags von Tientsin
am Palaste des Vizeknigs Yuan-shi-kai in der Chinesenstadt und ritten
auf dem Hauptwege nach Yangtsun, dem linken Pei-ho-Ufer folgend. Die
Ponton-Brcke im Orte Yangtsun passierten wir um 10 Uhr 18 Minuten
vormittags, saen dort ab, und fhrten 10 Minuten im Laufschritt, dann
trabten wir weiter bis Ho hsi wu, unserm frheren Etappenort, woselbst
wir um 12 Uhr 23 Minuten mittags anlangten. Den Ponies merkte man die 60
Kilometer noch gar nicht an, sie waren vllig frisch und kaum etwas warm
geworden. Durch Ho hsi wu fhrten wir im Schritt und Laufschritt und
gaben den Tieren dann etwas zu saufen, sie waren wenig durstig. Von Ho
hsi wu ab ging es im schlanken Trabe weiter, einmal hatte ich hierbei
das Pech, an einem glitschigen Hange mit dem Pferde hinzufallen; das
Tier entlief mir, wir hatten es jedoch bald wieder. Nach einer Stunde
fiel der Schimmel Conte ganz pltzlich und eigentlich unerwartet ab und
konnte das Tempo mit Dr. H. nicht mehr halten. Wir ritten langsamer,
aber da der Schimmel sich nicht erholte, trabte ich allein weiter.
Einige Male kurze Galopps einlegend, erreichte ich um 3 Uhr 20 Minuten
nachmittags die Brcke bei Hsin Ho. Ich sa ab und trnkte; Dr. H. nahm
einen Vierteleimer Wasser. Dann fhrte ich 10 Minuten im Laufschritt,
sa auf und trabte weiter, wiederum mehrfach galoppierend, wozu sich der
Pony stets von selbst anbot. Als die Sonne im Untergehen war, verritt
ich mich auf den schwierig zu findenden Wegen wiederholt. Letztere
wurden, je nher ich an Peking herankam, infolge des Schneefalls der
vergangenen Nacht immer schlechter, teilweise war sogar Glatteis. Um 5
Uhr 13 Minuten nachmittags war ich am Osttor der Chinesenstadt und fand
dasselbe bereits geschlossen (wird um 5 Uhr geschlossen). Nach lngerem
Unterhandeln mit den Torwchtern, wodurch ich 35 Minuten verlor und
meine Geduld auf eine etwas harte Probe gestellt wurde, wurde das
Doppeltor geffnet, und ich ritt auf dem noch ganz frisch gehenden
Fuchspony durch die mir wohlbekannten Straen zum Hatamen, das ich um 6
Uhr erreichte und ebenso wie die Barrieren der vorbeigehenden Eisenbahn
geschlossen vorfand. Hier ging das Unterhandeln schneller, nach acht
Minuten konnte ich das geffnete Tor mit seinen lebensgefhrlichen
Lchern im Torwege im Galopp passieren und war um 6 Uhr 10 Minuten am
Offiziers-Kasino der Gesandtschafts-Schutzwache. Der Pony war in
berraschend guter Kondition, was Oberleutnant Leonhardi auf meine Bitte
hin feststellte. Beim Abwarten benutzte der etwas kitzliche Dr. H. die
Gelegenheit, um aus dem Stall fortzulaufen und drauen vergngt
herumzuspringen. Er fra dann mit auffallend gutem Appetit und legte
sich bald hin.

[Illustration: "Dr. H." 10j. mongolischer Fuchs-Wallach, Sieger vieler
Hindernisrennen]

Am 15. Dezember frh ergab sich bei der Besichtigung des Tieres, da ihm
die gestrige Tour berhaupt nicht anzusehen war, im ganzen zeigte er
dieselbe famose Munterkeit wie stets zu Hause. -- Graf Seyboltstorff
hatte sich unterdessen in der Dunkelheit verritten; der Pony war ganz
abgefallen, und er kam erst am nchsten Tage gerade noch richtig vor
Abfahrt des Zuges nach Tientsin in Peking an.

Fr beide Ponies ist die Leistung eine recht gute zu nennen. Dr. H. war
in besserer Kondition als Conte, ferner mu man bei ersterem in Betracht
ziehen, da er vor erst fnf Wochen von der langen Tour durch Schansi
zurckgekehrt war; jedenfalls bin ich, der ich das Tier seit Jahr und
Tag ganz genau kenne, der festen berzeugung, da er mit einem
entsprechenden Training fr derartige Ritte seinen eigenen Rekord um
mindestens noch eine Stunde wird drcken knnen. Der spter im Monat
Februar des Jahres 1903 tatschlich ausgefhrte Distanzritt mit
internationaler Konkurrenz brachte denn auch das Ergebnis, da die
Gesamtstrecke von etwa 130 Kilometer von dem Sieger in 7 Stunden und 33
Minuten zurckgelegt wurde; leider war es mir nicht mehr mglich, an
dieser hochinteressanten und ein so glnzendes Licht auf die
Leistungsfhigkeit der mongolischen Ponies werfenden Konkurrenz
teilzunehmen. Eine vergleichende Tabelle der von mir am 2. und 14.
Dezember ausgefhrten Ritte, einmal zu Pferde, einmal zu Pony, ergibt
folgendes. In Betracht bleibt zu ziehen, da derselbe Weg -- Brcke am
Yuan-shi-kai Palast-Osttor der Chinesenstadt -- mit dem Pferde von
Peking nach Tientsin, mit dem Pony von Tientsin nach Peking zurckgelegt
wurde und da der Ritt mit dem Pony in der ausgesprochenen Absicht
ausgefhrt wurde, die Leistungsfhigkeit der Ponies auf diese Distanz
festzustellen.

Distanz 130 Kilometer:

                                           Pferd             Pony
  Pekingtor bis Ho shi wu            4 Stunden 20 Min. 4 Stunden 50 Min.
  Ho hsi wu bis Yangtsun (Brcke)    2    "     5  "   2    "     5  "
  Yangtsun (Brcke) bis Tientsin
  (Brcke)                           2    "    30  "   1    "    53  "
  Ho shi wu bis Tientsin             4    "    35  "   3    "    58  "
  Ganze Strecke                      8    "    55  "   8    "    48  "

Nun einiges ber die Ponies, die wohl jedem, der lngere Zeit in China
geweilt hat, sehr ans Herz gewachsen sind.

Es gehrt zu den typischen Erscheinungen eines jeden neu aus Europa
Ankommenden, da er zuerst, ungewohnt des Anblicks des hier allgemein
als Fortbewegungsmittel dienenden Ponys, ber diesen lchelt. Ist man
erst lngere Zeit im Lande, so lernt man den Pony immer mehr schtzen,
und fr uns Soldaten ist die nhere Kenntnis des Ponys insofern noch von
ganz besonderer Wichtigkeit, als unser hiesiger prdestinierter Gegner,
der Chinese, seine gesamte Kavallerie und Artillerie mit Ponies beritten
gemacht bezw. bespannt hat. Auch wir werden infolge der gemachten
Erfahrungen vielleicht im nchsten Kriege nicht mehr auf das teure und
nach der langen Seereise mehr der minder erholungsbedrftige Pferde-
und Maultiermaterial Amerikas und Australiens zurckgreifen, sondern das
landesbliche Tier, den mongolischen Pony und das Maultier benutzen. Da
man brigens mit diesem Punkte schon lange rechnet, beweist die
Bespannung smtlicher Fahrzeuge in Kiautschou und die Bildung berittener
Kompanien in der Besatzungsbrigade der Provinz Chili. An der Hand der
Erfahrungen im Herbst 1900 halte ich es fr erwiesen, da im Ernstfalle
die Beschaffung gengender Massen von Tieren keine Schwierigkeiten
bieten wrde. Dem Chinesen mangelt bekanntlich jedes nationale
Empfinden, und gegen klingende Mnze wrden chinesische Unternehmer, mit
denen man ja schon im Frieden akkordieren knnte, jede gewnschte Menge
von Ponies und Maultieren zur Stelle schaffen. Ich mchte hier noch
erwhnen, da ich den mongolischen Pony auch zum Export nach unsern
afrikanischen Kolonien fr sehr geeignet halte, und eine recht
interessante Frage wre es, ob nicht der nach Afrika, gleichviel Ost
oder West, importierte chinesische Pony dem berhmten Kap-Pony durchaus
gleichwertig zur Seite gestellt werden konnte und einschlielich aller
berfahrtskosten doch noch billiger zu stehen kme als letzterer.

[Illustration: "Teja" 8j. schwarzer mongolischer Pony-Wallach]

Hierbei will ich gleich einem weitverbreiteten Irrtum entgegentreten.
Man hrt stets einen Unterschied zwischen mongolischen und chinesischen
Ponies machen, indem das schlechtere Material als chinesischen Ursprungs
d. h. in den Ebenen diesseits des Gebirges geboren, bezeichnet wird.
Dies ist insofern unrichtig, als in der groen Ebene, welche durch
Gebirge und chinesische Mauer von der Mongolei getrennt ist, sehr wenig
Pferdezucht getrieben wird. Der Pony, wie wir ihn hier sehen, kommt mit
sehr vereinzelten Ausnahmen aus der Mongolei. Diese ist in Anbetracht
ihrer ungeheuren steppenartigen Ebenen ganz vorzglich zur Pferdezucht
geeignet und mu infolge ihrer heien Sommer und kalten Winter ein sehr
hartes, widerstandsfhiges Material hervorbringen. Die Ponies leben dort
in groen Herden, die manchmal nach Tausenden zhlen; ihre Besitzer
sind Mongolen, besonders die Frsten jener Stmme. Sie haben unendlich
groe Ponyherden, die ihr Vermgen und ihren Reichtum darstellen. Dieser
Herden gibt es naturgem sehr viele, und auch nur einen ungefhren
Anhalt durch Zahlen zu geben, wre schon deshalb unmglich, weil sie
sich unter der Obhut ihrer Hirten meist auf der Wanderschaft von einem
Weideplatz zum andern befinden.

Im Winter beziehen die reicheren Besitzer meist ein stndiges
Winterquartier; ein solches kennen zu lernen hatte ich spter in
Turkestan bei Karaschar Gelegenheit. Der betreffende Prinz hat sich dort
einen groen Yamen vollkommen im chinesischen Stil erbaut, in dem er den
Winter ber lebt; im Frhjahr zieht er dann mit seinen Herden nach den
groen Weidepltzen und wohnt, genau wie seine Untertanen, in einer
Filzjurte, dem runden mongolischen Zelt, das ich spter in den
Schneebergen zwischen Chinesisch- und Russisch-Turkestan bei den
Kirgisen kennen und schtzen lernte.

Auch die groen Weidegebiete sind natrlich nicht nach Belieben
benutzbar, sondern sie haben ihre Grenzen, die durch alte berlieferung
und Gewohnheit geheiligt sind. Die Fortpflanzung der Tiere geschieht
durch Zuchtwahl; natrlich sieht der Mongole schon dem ganz jungen Tiere
an, ob einmal etwas aus ihm werden wird oder nicht. Hengste mit
schlechten Linien werden jung gelegt und gehen dann an die Hndler,
Stuten werden fast nie verkauft und noch weniger zum Reiten benutzt, sie
sind nur zu Zuchtzwecken da. Sowohl der Mongole wie auch der Chinese
finden es unbegreiflich, wie man eine Stute reiten kann, und als ich auf
meinem langen Ritt eine solche australischen Ursprungs mitbenutzte, die
als Pferd oftmals bewundert wurde, kam jedesmal, beim Entdecken des
Geschlechts des Tieres, die erstaunte Frage: "Du reitest eine Stute?"
Immer im Ton mit dem Beigeschmack, "nein, so eine Tierqulerei!"

Der Pony erscheint auf den Weiden unserm Auge natrlich lange nicht so
schn, wie er sich spter im Besitz des Europers nach intensiver
Stallpflege und einem sachgemen Training darstellt. Da drauen hat er
Schweif- und Mhnenhaare bis auf die Erde reichend. Auch die sonstige
Behaarung ist stark und sehr dicht, er braucht sie gegen die Winterklte
und die alles durchdringenden Staubstrme. Der Kopf ist meist unschn,
und im Vergleich zu dem sonstigen Krper erscheint er zu gro und
hlich geformt. Dagegen hat der Pony ein groes lebhaftes Auge, das
manchmal etwas bse aussieht. Auch der Hals ist sehr stark, und die
Ganaschen zeigen schon in Freiheit, da dort spter einmal von
Durcharbeiten, wie man es mit unseren Pferden macht, keine Rede sein
wird. Mit andern Worten, der Pony erlangt unter dem Reiter selten
dieselbe Wendigkeit, die ein gut durchgerittenes Pferd besitzen mu; er
trgt den Kopf hoch, der Hals ist ziemlich lang und zeigt oft viel
Aufsatz. Merkwrdig stark ist meist der Kamm. Die Schulterlinie ist fast
stets schrg und lang, und dementsprechend besitzt der Pony meist ein
schnes freies Gangwerk und bringt die Vorderbeine beim Galoppieren
gestreckt heraus. Der Rcken ist kurz und krftig und eignet sich zum
Tragen auch schwerer Lasten; ich habe gefunden, da den Packponies stets
Lasten aufgepackt werden, wie sie ein Pferd nicht schwerer fortbringen
knnte. Ebenso kann der Durchschnitts-Pony auch schwerere Reiter sehr
gut und ohne besondere Schwierigkeiten tragen. Hauptschlich schn und
krftig sind Kruppe und Hinterhand, und hier wieder besonders die
Sprung-Gelenke. Wer in Tientsin und Peking die schweren und langen
Jagden in dem sich so wundervoll zum Jagdreiten eignenden Gelnde mit
geritten hat, wei, was die Ponies springen knnen, und noch jetzt
erinnere ich mich mit Freuden des Tages, als ich zusammen mit Leutnant
Brandt von der Jger-Eskadron infolge einer Wette zum Staunen aller
Zuschauer mit der grten Leichtigkeit ber fr die Australier gebauten,
ganz anstndigen Hindernisse unseres Tientsiner Rennplatzes wegging.

[Illustration: "Flieger", 9j. brauner mongolischer Pony-Wallach]

Langgefesselte Tiere findet man verhltnismig selten, dagegen sind
Bockhufe ziemlich hufig, wahrscheinlich stammen solche Tiere aus
besonders steinigen oder felsigen Gegenden, in denen sie viel auf harten
Steinen klettern mssen. Diese Ponies eignen sich naturgem weniger fr
den Gebrauch in der Ebene, da auch ihre Aktion nicht so schn ist. Mein
guter Schorsch, der bis Kaschgar treu ausgehalten hat, besa solche
Hufe. Der Schmied der Schwadron, bei der sein Vorbesitzer stand, hatte
im Laufe der Zeit durch sehr geschickten Beschlag diesen Fehler fast
gnzlich verschwinden lassen. Auf meinem Ritt hatte ich mit den
chinesischen Schmieden dann immer zu kmpfen, da sie stets zu viel an
der Zehe wegschneiden und so allmhlich die steilen Hufe, die sie sehr
lieben, erzielen. Im allgemeinen hat der mongolische Pony einen kleinen,
hbschen und sehr harten Huf; ich habe gefunden, da sich unser Beschlag
nicht fr diese Hufe eignet und bin mit meinen Tieren reumtig zu dem
brigens auch viel billigeren chinesischen Schmied zurckgekehrt. Spter
im Innern gab ich fr Beschlag, rundum eines Tieres, ungefhr 40 Pfennig
unseres Geldes.

Die Gre des Ponies differiert zwischen 12 hands und 14 hands -- hands
(4 Zoll) und inches (1 Zoll) sind englische Mae, nach denen stets der
Verkauf an Europer stattfindet, z. B. bedeuten 13 hands 1 inch 53 Zoll
4 Fu 5 Zoll deutsch. -- Die Ausnahme besttigt die Regel und man findet
selbstredend zuweilen sehr kleine und, allerdings seltener, grere
Ponies als die angegebenen Mae. Sehr groe finden Abnehmer in den
Mandarinen, die fr einen solchen Pony, der womglich bis auf die Erde
reichenden Schweif und Mhne hat und Pagnger (Tsouma) ist, recht
annehmbare Preise zahlen. Wir Europer nehmen solche sehr groen Ponies
weniger gern, da wir aus Erfahrung wissen, da sie nicht so
leistungsfhig sind, wie ein Pony mittlerer Gre, und ferner erhlt ein
solcher bei Rennen nach der Gewichtskala ein derartig hohes Gewicht
aufgepackt, da seine Chancen damit erledigt wren.

An Farben findet man das denkbar Mgliche bei den Ponies. Auer den bei
uns bekannten Farben, wie man sie gewhnlich bei Pferden antrifft, sieht
man Tigerschimmel mit schwarzen Flecken, und gelb und braun geschippte,
"spotted" -- wie der Englnder sagt -- sind hufig; auch gelblich-weie
findet man sehr oft. Schecken und Schimmel gibt es in Mengen, Rappen
verhltnismig selten; diese sind darum sehr geschtzt und hher im
Preise. Wie gesagt, kann ein Liebhaber bunter Tiere beim mongolischen
Pony voll auf seine Rechnung kommen. Der Charakter der Ponies ist im
allgemeinen ein guter zu nennen, wenn man sich auch nie so recht auf
einen Pony verlassen kann. Mir ist es z. B. bei sonst ganz ruhigen
Tieren fters in der Box oder im Stande passiert, da sie ohne jede
Veranlassung nach mir keilten.

Die Abnehmer der Mongolen-Ponies sind die chinesischen Hndler und die
Kavallerie, letztere wird es wohl in Zukunft noch mehr ohne
Zwischenhndler werden, nachdem Yuan-schi-kai, Vizeknig von Chili, den
Anfang damit gemacht hat, seine Kavallerie auf Dienstpferden beritten zu
machen und mit dem alten Prinzip zu brechen, da der Kavallerist sein
Pferd selbst mitbringt. Da letzterer natrlich nur sein Pferd schonte
und dickmstete, ist klar. Nach europischem Vorbilde stellt
Yuan-schi-kai Schimmel nicht mehr in die Truppe ein, so da diese Farbe
spter wohl sehr billig werden wird.

Natrlich kaufen auch nur die Kavallerie-Truppenteile direkt vom
Mongolen, die mit letzteren infolge ihrer Standorte zusammenkommen
knnen. Eine Remontierung der Truppe in den von der Mongolei oder den
Pferdezucht treibenden Teilen des Reiches entfernten Provinzen findet
nicht etwa so wie bei uns statt, sondern das Zwischengeschft liegt in
den Hnden chinesischer Hndler. Fast zu jeder Jahreszeit kann man
Herden von Ponies aus der Mongolei durch den Nankau-Pa heruntertreiben
sehen. Sie gehen nach Peking, Tientsin, oder auch weiter nach Schantung,
Honan, Schansi usw. Die Hndler kaufen meist eine ganze Herde, wobei sie
nicht mehr als 10 Taels (30 Mark) fr den Kopf geben; wenn sie einzelne
Tiere herauskaufen wollten, mten sie unverhltnismig viel mehr
bezahlen. Die Mehrzahl der Tiere ist meist ganz roh und geht an die
Karrentreiber fr hchstens 15 Taels weg, ihnen blht kein schnes Los,
denn harte Arbeit wartet ihrer.

Besser hat es die Auslese einer solchen Herde, die von Mandarinen oder
Europern gekauft wird; die erste Frage eines Chinesen beim Pferdehandel
lautet: "Pagnger oder nicht?" Ist letzteres der Fall, so ist der Pony
schon erheblich billiger, zumal die meisten Mandarinen ein Pferd,
welches keinen Pa geht, berhaupt nicht kaufen. Die Mongolen wissen das
natrlich ganz genau und bringen den Tieren frhzeitig das Pagehen bei,
indem sie ihnen beim Reiten ein Vorder- und Hinterbein (gleichseitig)
zusammenfesseln. Bei diesen Pagngern fllt der Wurf im Trabe
vollkommen fort, und je schneller solche Tiere traben, um so hher sind
sie im Preise. Ich habe spterhin Patraber gesehen, bei denen ein
Mittelgalopp gehendes Pferd sicher Not gehabt htte, mitzukommen. Wenn
ein solches Tier dann noch die vorher erwhnten Eigenschaften betreffs
Gre, Farbe usw. hat, so zahlt der reiche Mandarin sicher bis 1000
Taels, um mit seinem "tsouma" auch auf den Pekinger Straen Aufsehen zu
erregen. Diese Tiere haben Galoppieren meist ganz verlernt. Spricht man
z. B. mit einem Mandarin ber schnelle Ponies und er proponiert
vielleicht ein Wettrennen, so meint er selbstredend ein Trabrennen und
keins in unserm Sinne.

[Illustration: Blick von der groen Tribne auf den Platz vor derselben]

Nun noch einiges vom Rennpony; ich meine denjenigen Pony in europischen
Hnden, der zu Rennzwecken, wie in Europa ein Rennpferd, ausgenutzt
wird. Die Tauglichkeit zum Rennpony trgt jeder einzelne in sich, er mu
nur gengend schnell sein. Eine eigentliche Zucht solcher Tiere gibt es
nicht oder vielmehr noch nicht; denn wer wei, ob nicht einmal ein
schlauer Mongole dahinter kommt, da der und der Hengst in seiner Herde
besonders schnelle Kinder zeugt, und da er diesen dann als Vaterpferd
bevorzugt, womit dann bald eine freie Zuchtwahl beendigt wre und der
Anfang einer richtigen Zucht nach bestimmten Prinzipien gemacht wrde.
So weit ist es noch nicht und wird es wohl vor der Hand auch noch nicht
kommen. Ich kenne viele Ponies, denen ein anderer Ruf geblht hat, bevor
sie sich auf der Rennbahn einen berhmten Namen machten. Ich erinnere
nur an den jedem Shanghaier wohlbekannten "Charger", der bekanntlich
direkt aus der Karre herausgekauft wurde. Aber sogar "Lippspringe alias
Rotation", deutsche Siegerin im Distanzritt Berlin -- Wien, soll ja
seinerzeit einmal in einer Karre gegangen sein. In jedem Jahre zweimal,
und zwar in den Monaten Januar, Februar und auch noch Mrz, dann im
Juli, August und Anfang September, kommen die neuen Ponies, die
sogenannten "Griffins", in die Rennponies haltenden Stlle.

Ich will an diesem Fleck speziell von den Tientsiner Stllen sprechen,
deren Gepflogenheiten ich Gelegenheit hatte nher kennen zu lernen. Die
Tiere werden auf die verschiedenartigste Weise gekauft. Jeder
Stallbesitzer macht es natrlich anders. Die wenigsten gehen selbst in
die Mongolei oder auch nur bis Kalgan, der Sammelstelle fr Ponies und
dem Sitze vieler Hndler, hinauf, um selbst zu kaufen; die Reise ist zu
beschwerlich. Fr den Herrn geht der erste Mafu des Stalles und kauft,
oder der betreffende Besitzer hat eine Abmachung mit einem der vielen
Hndler, der ihm die Ponies dann als erstem anbietet und vorstellt.
Einige kaufen auch eine ganze Herde und heben dann das brauchbare aus
den 35 - 40 Kpfen einer solchen aus, manchmal bleibt gar nichts
ordentliches brig, nachdem schon das von vornherein ausgeschiedene
Material fr ein Spottgeld weggegangen ist.

Einige wenige Ponies haben schon in der Mongolei wegen ihrer
Schnelligkeit einen bedeutenden Ruf. Dieser dringt dann stets bis
Tientsin, wahrscheinlich nur durch geschickte Mache der interessierten
Besitzer. Natrlich ist letzterer immer irgend ein mongolischer Prinz
oder sowas, das macht sich besser. Erzhlt man einem der Sportsmen
vielleicht bei der Morgenarbeit von diesem Tier, so wei er natrlich
schon lngst ganz genau Bescheid, wei auch, da der und der
Shanghaier Sportsman schon so und soviel geboten hat -- natrlich bietet
ein Shanghaier stets mehr als ein Tientsiner --, das ist
selbstverstndlich, denn die Shanghaier Races sind grer, also mssen
die Tiere auch teurer bezahlt sein. Hinter dem Rcken handeln dann die
Mafus schon lngst um das Tier, und sie verstehen es fast immer
meisterhaft, ihrem Herrn die Vorzge des betreffenden Tieres ins hellste
Licht zu stellen, so da der betreffende Besitzer eine anstndige Summe
anlegt. Wieviel davon der Mafu einsteckt, bleibt natrlich
Geschftsgeheimnis. Kommt das Tier nachher zum ersten Mal auf die
Rennbahn und soll mal auf der letzten Viertelmeile (400 Meter) zeigen,
was es kann, so staunt natrlich alles, whrend man spter in den
wirklichen Rennen sehr oft gar nichts mehr von ihm hrt. Es war wieder
einmal eine der vielen Enttuschungen, die dem Rennmanne hier genau so
wie in Europa blhen.

Solche Tiere kommen beim Ankauf bis 500 Taels, was man wohl als
Hchstpreis bezeichnen kann. Man hrt manchmal von sehr viel teureren
Tieren, aber das ist dann meist nur Reklame, und in Wirklichkeit,
besonders wenn der Verkufer Bargeld sieht, ist das Tier bald sehr viel
billiger. Das Gros der Ponies, "Griffins", und Griffin ist jeder auch
noch so alte Pony, der noch in keinem ffentlichen Rennen auf einem der
Pltze des Peking-, Tongschan- und Tientsin-Race-Clubs gelaufen
ist -- unsere deutschen Rennen und die Rennen des Winter-Sport-Vereins
rechnen nicht mit --, wird in Tientsin selbst an Ort und Stelle vom
Hndler gekauft. Diese Tiere sind meist nicht unter sieben Jahren; man
hat durch die Erfahrung herausgefunden, da der Pony die hchste
Leistungsfhigkeit zwischen acht und zehn Jahren erreicht. Es spricht
sich naturgem schnell herum, der und der Hndler -- die Namen sind
bekannt -- hat "Griffins" angebracht; jeder einzelne kann dann nach
Geschmack kaufen. Gott sei Dank sind die Geschmcker auch hier
verschieden, und jeder, der kaufen will und das Geld dazu brig hat,
kann voll auf seine Kosten kommen.

[Illustration:

             1         2     3   4           5      6
                   Unsere Renngesellschaft am Stall

1 Herr Sommer, Sieger im groen Distanzritt Tientsin -- Peking, 130 km in
7 Stunden 33 Min. 2 Herr Stang 3 Herr Felix Boos 4 Mr. Andersen
5 Leutnant v. Salzmann 6 Herr Otto Schweigardt]

Die Ponies kosten dann je nach Gre und Points zwischen 60 und 150
Taels; man schtzt hierbei ein Durchschnittsma von 13,1 hands (dreizehn
h. 1 inches) am meisten; fr einen kleineren Pony ist es schwer, einen
Reiter zu finden, der das betreffende Gewicht reiten kann, und grere
Ponies bekommen zu viel aufgepackt. Hinsichtlich Points sieht man genau
auf dieselben Eigenschaften wie in Europa beim Vollblut, und da die
Tiere fast ausschlielich in Flachrennen gehen sollen, so ist eine
lange, schrge Schulter, in Verbindung mit einem nicht zu kurzen Rcken,
besonders erwnscht. Trotz noch so schner Points kauft man aber stets
die Katze im Sack, denn selbst der gewiegteste Kenner kann nicht im
entferntesten ahnen, ob einmal aus dem Tier etwas wird, oder ob er sich
nicht seines Temperaments halber oder aus sonstigen Grnden als absolut
ungeeignet zu Rennzwecken erweist. Jeder Anhalt infolge Abstammung fehlt
eben.

Die meisten der aus der Mongolei kommenden Tiere weisen einen Brand auf
einem der Hinterschenkel, der Schulter oder seltener am Halse auf. Diese
Brnde sind entweder chinesische Charaktere, wie

[Illustration]

oder Phantasiezeichen, wie

[Illustration]

Ob dieses eine Art Gesttsbrand ist oder nur ein Hndlerbrand, habe ich
nie so recht feststellen knnen. Eines wei ich jedoch bestimmt, da
viele Hndler ihre Tiere brennen aus dem einfachen Grunde, um ihr
Eigentumsrecht an diesen Tieren ad oculos zu demonstrieren. Ich habe
dies bei Kalgan beobachtet, und ich denke, da, wenn Zchter ihre Tiere
brennen, sie es nur aus dem oben angefhrten Grunde tun. Wenn unter
Rennleuten zuweilen Tiere mit bestimmten Brnden vorgezogen werden, so
halte ich dies insofern fr einen Zufall, als dem Betreffenden
einigemale hintereinander Tiere mit demselben Brande in die Hnde
geraten sind.

Die neuen Ponies kommen nun in die Stlle, wo sie der Obhut der Mafus,
chinesischen Pferdeknechte, anvertraut werden. Meist haben sie im Anfang
eine starke Antipathie gegen den Europer, die sich beim Nhern des
letzteren in Schnauben, ngstlichkeit, oft aber auch in Schlagen mit den
Vorderbeinen und Annehmen mit dem Gebi uert, whrend sie gegen ihre
Landsleute friedlich gesonnen sind. Die im Sommer kommenden Ponies
werden sofort frisiert, d. h. man fesselt sie, bremst sie, wenn sie sehr
ungeberdig sind, und dann werden sie mittels Klippschere geschoren. Die
schne Mhne wird gekrzt, und gleichzeitig beschneidet der Schmied die
Hufe und bringt sie in Ordnung. Die im Anfang des Jahres kommenden Tiere
werden meist nicht sofort geschoren, da es ihnen in der Klte wohl
schlecht bekommen wrde.

Die Stallpflege ist sonst im allgemeinen genau dieselbe wie in Europa in
einem Rennstall. Jeder Junge bekommt ein Tier zur Pflege zugeteilt, der
erste Mafu verteilt das Futter und berwacht das Futterschtten. Da
diese ersten Mafus meist jahrelange Erfahrungen hinter sich haben,
wissen sie genau, wie sie die "Griffins" am besten an das ihnen noch
ungewohnte Krnerfutter gewhnen, denn vorher haben die Tiere ja nur das
Gras der Weiden bekommen. Selbstredend hat auch beim Futtern jeder Stall
seine eigenen Grundstze. Der eine gibt mehr Kauliang (Heu), der andere
fttert mehr Gerste oder schwarze Bohnen, oder gibt mehr oder weniger
Hcksel. Jeder hat natrlich von seinem Standpunkt aus recht und hlt
seine Methode fr die einzig richtige. Nur darin sind fast alle einig,
da sie Hafer erst einige Wochen vor den Rennen futtern, da man die
Erfahrung gemacht hat, da Hafer die Ponies sehr ungezogen und bockig
macht.

[Illustration: "Vitiges", 6j. mongolischer Schimmel-Wallach auf dem Wege
zum Start]

Die Tiere werden viel gefhrt, wozu bei den meisten Stllen eine runde
Strohbahn vorhanden ist. Bald fngt dann die erste Trabarbeit an, denn
diese ist das hauptschlichste Mittel, das Tier in der Muskulatur und im
Atem zu frdern. Hierbei reiten die sogenannten Trainiermafus die Ponies
auf dem Rennplatze; der betreffende Besitzer trinkt unterdessen seinen
Kaffee auf der Tribne und beobachtet durch das Glas seine Lieblinge.
Ich habe stets gefunden, da diese Mafus fast durchweg, wie man so sagt,
"eine eiserne Klaue" haben; ich persnlich habe auch viel in der
Trabarbeit geritten und bei manchem Pony Gelegenheit gehabt, zu
beobachten, wie er in der Hand des Mafus von Woche zu Woche
unempfindlicher im Maul wurde. Bei manchem geht das dann so weit, da er
sofort in voller Fahrt losgeht, sowie man ihm auf der Bahn nur die Nase
herumgedreht hat. Solche Tiere sind ihrer Heftigkeit wegen sehr schwer
zu behandeln; man arbeitet sie am besten drauen im Gelnde ein und
bringt sie nur zur Galopparbeit oder zu einem Trial auf die Bahn, denn
sonst kann man spter beim Aufsitzen und beim Start Szenen erleben,
gegen die ein schwieriger Start von Zweijhrigen in Deutschland eine
Kinderei ist.

Ist der Pony nun kurze Zeit in Arbeit, so berhrt man ihn einmal auf
seine Leistungsfhigkeit und Galoppaktion. Vorausschicken mu ich, da
der Tientsiner Flachrenn-Kurs genau 2000 Meter lang ist, da er ferner
mittels Stangen in Viertelmeilen (also 400 zu 400 Meter) eingeteilt ist,
und da es daher von der schnen groen Tribne aus mglich ist, die
Zeit, die das Tier zum Durchmessen der verschiedenen Viertelmeilen
braucht, mittels der Sekundenuhr, der Stopwatch, genau festzustellen.
Das gesamte fernere Training geht an der Hand der Uhr. Die
festgestellten Rekorde, die ich hier gleich auffhren will, sind jedem
bekannt und bieten daher einen durchaus genauen Anhalt fr die
Leistungsfhigkeit des Tieres.

_Festgestellte Rekorde:_

   Distanz           Besitzer      Pony   Farbe    Hhe      Jahr Zeit
                                                       Gewicht    Min. Sek.
   1/2 Meile (800 m) H. Detring  Sendgraf schw.    13,1 11,1 H.99   58-1/4
   3/4   "   (1200") "     "     Set      schw.    13,3 11,7 F.99 1,29-4/5
  1400 Meter (1400") "  Andrew   Advance  Grau-    13,1 11,8 F.99 1,48-3/5
                                          schimmel
    1  Meile (1600") "  Detring  Set      schw.    13,3 11,7 F.99 2,05-1/5
  1-1/4  "   (2000") "  J.M.D.   Stray    Grau-    13,2 11,4 F.97 2,37
                                 Shot     schimmel
  1-1/2  "   (2400") "Dr. Frazer Neophyte Schimmel 13,2 11,0 F.90 3,14
  1-3/4  "   (2800") "  Munthe   Palo     dun.     13,1 11,1 F.97 3,47
                                 Alto
  2      "   (3200") "  Brenan   Orion    braun    13,1 11,1 H.92 4,26

  Die Hhe sind englische hands und inches. 1 hand = 4 Zoll,
  1 inch = 1 Zoll deutsch.

  Das Gewicht sind englische stones und pounds. 1 stone = 14 Pfund.
  10 englische Pfunde = 9 deutsche Pfund.

  H = Herbst, F = Frhjahr.

  Die Zeit sind Minuten, Sekunden und Bruchteile der Sekunde.

Zeigt das Tier nun eine gute Aktion und eine annehmbare Zeit auf der
last quarter, der letzten Viertelmeile, ich will mal sagen 28 bis
29 Sekunden, manchmal sogar darunter, so ist es dasjenige, was man
verlangen kann. Wenn der Pony diese Zeit nicht geht, oder mangelhafte
Aktion zeigt, so wandert er meist an den Hndler, vielleicht mit einem
kleinen Verlust zurck; dieser schickt ihn dann in die Mongolei, von wo
er vielleicht nach Jahren wieder einmal "wie neu" zurckkommt, um dann
mehr Gnade vor den Augen eines Besitzers zu finden; vielen blht aber
auch das wenig beneidenswerte Los des Karrentieres.

So geht das Training weiter, sehr viel Trab, verhltnismig wenig
Galopparbeit; zu letzterer setzt sich meist der Herr -- es gibt nur
Herrenreiten in China --, der das Tier spter im Rennen steuern soll,
selbst darauf. Die Ponies, die meist zu zweien oder dreien
herumgeschickt werden, mssen stets auf der Geraden in der letzten
Viertelmeile vollkommen ausgeritten werden, auch wenn sie hoffnungslos
geschlagen, ganz hinten liegen. Man sagt, da ein Pony sich sofort
merkt, wo er angehalten wird, und spter dort streikt, also zum
"Stinker" wird. Die Ponies entwickeln sich mehr und mehr in der
Muskulatur, man massiert sie abends viel und gibt ihnen allmhlich
Hafer, sie sehen prachtvoll aus, und so mancher nimmt die Figur eines
Vollblters, allerdings en miniature, an. Fr den Sportsman ist es eine
reine Freude, zu sehen, was aus den Tieren bei sachgemer Arbeit werden
kann. Nun naht allmhlich der Nennungsschlu; der Besitzer mu sich
schon klar darber sein, und hat dies auch in Trials ausprobiert, fr
welche der verschiedenen Distanzen sich seine Tiere eignen, um nicht
einen Flitzer in ein langes Rennen zu stellen und einen ausgesprochenen
Steher in ein kurzes. Der Nennungsschlu ist vier Wochen vor dem ersten
Renntage, Nachnennungen gibt es nicht; zugleich findet die Messung der
Ponies durch einen der Stewards statt.

[Illustration: "Totila", nach gewonnenem Derby auf dem Wege zur Wage,
von Herrn Felix Boos gefhrt (Frhjahr 1902)]

Die Rennen finden an drei meist aufeinander folgenden Tagen statt, denen
sich dann oft noch ein vierter Tag, ein sogenannter "off day"
anschliet, an dem alles geschlagene Material um von den hauptschlich
gewinnenden Stllen ausgesetzte Preise konkurriert. Die Regel des
Tientsin Race Club schlieen sich im allgemeinen den sogenannten
Newmarket rules an, im besonderen in solchen Fllen, wo die Bestimmungen
des Tientsin Race Club nicht ausreichen. Die Gewichte sind zehn stones
fr zwlf hands, fr jeden Zoll mehr drei Pfund, fr den letzten Zoll zu
14,3 hands (59 Zoll) gibt's fnf Pfund. Grere Ponies drfen nicht
laufen. Die Propositionen der einzelnen Rennen sind an der Hand von
jahrzehntelangen Erfahrungen zusammengestellt und bieten nach
Mglichkeit jedem einzelnen Pony eine Gewinnchance. Smtliche Sieger
konkurrieren am dritten Renntage zusammen in den Champion stakes, einem
Rennen ber 2000 Meter.

[Illustration:

                      1      2
                  Richter-Huschen

1 General Soucillon, Commandeur de la brigade d'occupation franaise 2
General de Wogack (Ruland), Verteidiger Tientsins 1900]

Das Training geht indessen weiter; man wei schon naturgem von
gewissen Ponies, da sie auerordentlich gute Zeiten gezeigt haben.
Einige halten ihre Ponies dunkel oder geben sich wenigstens Mhe, es zu
tun, sie halten ihre Trials in der Dmmerstunde ab, und man erzhlt
sich, da ein bereifriger sogar bei Nacht seine Trials abmachte und, um
das Passieren der Viertelmeilen-Pfhle zu markieren, an jedem der
letzten einen Chinesen mit einer Laterne aufgestellt hatte, die beim
Passieren des Points heruntergenommen wurde, um so den Anhalt fr den
die Sekundenuhr Haltenden zu geben. Sonst steht am letzten
Viertelmeilenpfosten stets ein Chinese mit einer roten Flagge, die er
herunter nimmt, wenn ein Pony im Canter passiert.

Eng verbunden mit dem Rennen sind groe Lotterien. Zu diesem Zwecke liegen
in den Clubs und ffentlichen Lokalen numerierte Listen der einzelnen
Rennen mit verschiedenen Preisen der Lose aus; jede Nummer, hinter die man
seinen Namen setzt, ist gleichsam ein Los. In gewhnlichen Rennen kostet
eine Zeichnung zwei oder drei Dollar, in der Champion-Lotterie 10 Dollar.
Leider sind auch hier sehr viel mehr Nieten als Gewinne. Kurze Zeit vor
den Rennen werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen, entsprechend den
Rennen der drei Tage, die Lotterien ffentlich im Tientsin-Klub gezogen,
zu welcher Haupt- und Staatsaktion sich alles, "was so ein bichen was
ist", zusammenfindet, um zu gewinnen, zu verlieren oder um auch nur aus
der Hhe der Angebote der Stall-Besitzer fr die zur Versteigerung
gestellten Gewinnlose zu ersehen, ob der Besitzer seinem Pony etwas
zutraut oder nicht. Soviel Ponies in einem Rennen genannt sind, so viel
Gewinnlose werden gezogen; diese werden hinterher versteigert. Der
Ersteigerer mu die Summe, die er geboten, einmal an den Glcklichen
zahlen, der das Los gezogen hat, und einmal der Rennkasse zuweisen. Er
wird damit Besitzer des Loses. Besonders in der Champion-Lotterie versucht
natrlich jeder Stall-Besitzer sich das auf seinen Stall gefallene Los zu
ersteigern. Dabei kommen fast immer ganz anstndige Summen in Umsatz. So
war z. B. im Frhjahr 1902 4153 Dollar der Inhalt der Champion-Lotterie.
Nach einem Abzug fr die Rennkasse bekam 75% von dieser Summe der Besitzer
des Loses, das die Nummer des gewinnenden Ponys zeigte, 25% gab es ebenso
fr den zweiten. Ich hatte mit einem andern Herrn zusammen den zweiten
Pony, den ich notabene selbst ritt.

[Illustration: "Totila", 7j. -- Frhjahr 1902 -- Sieger im Northern Cup
Tientsin Derby, 2. Champion stakes]

Nun kommen die Renntage selbst, ein wahres Volksfest fr die
Bevlkerung; alle Lden schlieen, jedes Geschft, und sei es auch noch
so dringend, wird aufgeschoben, die Rennen entschuldigen alles. Der
schne Rennplatz, dessen Tribne und Richterhuschen wiederhergestellt
sind, nachdem sie von den Boxern 1900 gnzlich heruntergebrannt waren,
prangt im Fahnenschmuck. Paddocks, Stlle und Toto usw. sind noch
provisorisch, werden aber jetzt wohl, wo ich dieses schreibe, auch schon
massiv hergestellt sein, denn die Mittel fr die neuen Bauten waren
schon seinerzeit sichergestellt. Der deutsche Klub hat sein eigenes
Erfrischungszelt drauen, in dem auch er noch eine Privatlotterie fr
die Championstakes aufgelegt hat. Alles wandert zu Ro, Rad, Wagen oder
zu Fu, die Damen natrlich in groer Toilette, zum Rennplatz, deutsche,
franzsische oder englische Militrmusik lt ihre frhlichen Weisen
ertnen, kurzum, es ist genau so wie bei uns zu Hause, nur vielleicht
mit dem Unterschiede, da sich alles gegenseitig kennt.

Vormittags sind drei Rennen, dann gibt es Lunch oder vielmehr Tiffin im
groen Saale der Haupttribne, wonach die Rennen ihren weiteren Verlauf
nehmen. Man mu sich zu dem Tiffin, an dem alles, was sich zur guten
Gesellschaft rechnet, teilnimmt, vorher ein Billet kaufen. Das Saal-Innere
bietet ein hbsches buntes Bild. An langen Tafeln mit numerierten Pltzen
sowie auch an einzelnen kleinen Tischen sitzen die Damen in luftigen
Toiletten, die Herren in hellen Sportanzgen, und dazwischen die Offiziere
in Uniformen aller Lnder. Dem nicht entsprechend ist gewhnlich das
Tiffin; man bekommt so gut wie nichts, wenn man nicht seinen eigenen Boy
zur Bedienung mitbringt, und mu zufrieden sein, wenn man eine kalte
Schssel erreicht. An ein Aufstehen ist nicht zu denken, wenn man nicht
einen Sturm der Entrstung hervorrufen will, da alles sich gegenseitig
fast auf dem Scho sitzt, und um zu seinem Platz zu gelangen, mu man eine
halsbrechende Kletterpartie unternehmen. Aber trotzdem herrscht
angeregteste, heitere Stimmung, der selbst kein Eintrag geschieht, wenn
inzwischen sich ein recht unangenehmer Staubsturm entwickelt. Ein Teil der
Rennstall-Besitzer schlgt in reservierten Boxes der Stlle selbst Buffets
auf, wozu kalte Kche und Getrnke mitgebracht werden.

Die Preise der Rennen bestehen meist in Geldpreisen, zuweilen in
Ehrenpreisen, die jedoch stets an den Besitzer des siegenden Tieres
gehen.

[Illustration: Publikum auf dem Rennplatze an einem Renntage]

An den kleineren Renntagen im Winter gab es regelmig ein sogenanntes
"Ladies Nomination-Rennen". In diesem ritt man fr eine vorher
angegebene Dame der Gesellschaft, der von dem siegenden Reiter der Preis
als Geschenk berreicht wurde. Ich hatte im Winter 1901/02 zweimal das
Glck, auf diese Weise Damen einen silbernen Ehrenpreis zu Fen legen
zu knnen. -- An diesen Renntagen wurden auch einige scherzhafte Rennen
eingeschoben. So z. B. ein Hrdenrennen, bei dem man zum Schlu durch
einen Schirm von Seidenpapier springen mute, was nicht so einfach ist;
ferner gab es sogenannte "leading races", in welchen man ein zweites
Tier an der Hand mitnehmen mute. Zuweilen fhrten auch die Kosaken ihre
hbschen Reiterspiele auf. Auf dem Platze fehlen natrlich die
Buchmacher nicht. Nach Schlu der Rennen sucht jeder so schnell als
mglich nach Haus zu kommen -- tout comme chez nous --, und den Abend und
die ganze Nacht herrscht im Astor House (dem vornehmsten Hotel
Tientsins) und den Klubs reges Leben; das gewonnene Geld mu eben
untergebracht werden.

[Illustration: "Jakob", brauner australischer Wallach

Frhjahr 1902 -- den Tientsin Race Club Cup im Canter gewinnend]

Ich hatte das Glck, im Frhjahrsmeeting 1902 mehrere Rennen mit Totila
zu gewinnen, und war damit bis zu diesem Zeitpunkte der einzige deutsche
Offizier, dem es seit unserer Ankunft in China geglckt ist, ein Rennen
in den offiziellen Tientsiner Meetings zu gewinnen. Als Favorit ging ich
mit Totila in das Hauptrennen, die Champion stakes, wurde aber leider
von einem Pony, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, auf den zweiten
Platz verwiesen. Fr mich werden diese Ponyrennen stets eine der
schnsten Erinnerungen in China sein. Wir deutschen Herrenreiter gingen
zuerst mit einem etwas berlegenen Lcheln an die Rennen auf dem
mongolischen Pony heran und sahen uns bei unserm ersten Auftreten fast
stets auf die letzten Pltze verwiesen. Das Lcheln verschwand bald. Wir
sahen ein, da nicht zu scherzen war, da diese Konkurrenzen zur
peinlichsten Vorbereitung und zum schrfsten Kampf herausforderten und
da der gesamte, so auerordentlich intensive Training auf der in
Jahrzehnten gemachten Erfahrung beruhte. Wir muten vollkommen neu
lernen, denn auch das Reiten des Tieres, und hier wieder besonders das
Finishreiten, ist ein ganz anderes als beim Pferde. Das Reiten strengt
auf dem Pony sehr viel mehr an, als auf dem groen Pferde, und es gehrt
dazu fr den eigenen Krper ein ebenso scharfes Training wie fr den
Pony. Ich habe die letzten sechs Wochen vor dem Rennen berhaupt keinen
Alkohol zu mir genommen, brigens mich nebenbei niemals wohler gefhlt
als in dieser Zeit. Sehr vieles Zufugehen brachte den Lungen die
gengende Arbeit. Mein Gewicht brauchte ich nicht herunterzubringen,
denn ich war sowieso schon zu leicht und mute dies meist durch Gewichte
oder schweren Sattel ausgleichen. Mein Lehrmeister in allen das
Pony-Training angehenden Sachen war Herr Felix Boos, dem ich nicht genug
dankbar sein kann, denn ohne seine tglichen Ermahnungen und Ratschlge
htte ich niemals die oben erwhnten schnen Erfolge errungen. Schwer
genug ist es Herrn Boos, glaube ich, manchmal gefallen, denn ich war
nicht gerade der folgsamste Schler, sondern hatte meist meine eigenen
Ansichten, die ja nicht immer die richtigsten waren, was ich aber erst
hinterher einsah. Wie manches Mal wollte ich den Pony nicht mehr
besteigen, wenn mich unser bester chinesischer Reiter im Stall "Li-san"
wieder einmal mit dem schlechteren Pony in der Arbeit im Finish um einen
Kopf schlug, und ich hab's schlielich doch gelernt. Aber auch hier gilt
das Sprichwort: "Aller Anfang ist schwer."

[Illustration: "Nickel", 13j. mongolischer Pony-Wallach, Sieger vieler
Rennen]

Neben dem von Englndern gegrndeten und von der gesamten
Fremden-Kolonie unterhaltenen Verein, dem "Tientsin Race Club", gab es
noch einen "Deutschen Reiter-Verein", der jhrlich an zwei oder drei
Tagen Rennen abhielt, in denen es sich zum Teil um Rennen fr groe
Pferde, zum Teil um Hindernisrennen fr Ponies handelte. Also
Hoppegarten und Karlshorst im Kleinen. Der Rennplatz des "Deutschen
Reiter-Vereins" war nur ein provisorischer und lag innerhalb des von den
deutschen Truppen besetzten Gelndes. Diese Renntage trugen mehr einen
intimen Charakter, da die hauptschlichsten Konkurrenten aus deutschen
Offizierstllen kamen und nur vereinzelt fremde Uniformen oder der Dre
auftauchte. Es wurde hier lediglich um Ehrenpreise geritten, die
Lotterien und der Totalisator fielen fort. Auch hier hatte ich das
Glck, viele Erfolge zu haben. Besonders mein australischer Wallach
"Jakob" wird noch in aller Erinnerung sein, der unter andern
"Signorita", bis zu diesem Zeitpunkt Tientsins bestes Pferd, spielend
schlug, ebenso der Fuchspony "Dr. H.", ferner "Flieger", "Nickel",
"Teja" und andere mehr. Der gute Schimmelwallach Nickel (13 Jahre) hatte
mir schon in Peking im ersten Jahre manch schnen Ehrenpreis
eingebracht. Jetzt habe ich eine ganze Anzahl solcher Preise in Silber,
Bronze und Cloisonn zusammen, schne und liebe Andenken an den
Rennsport in China von 1900 bis 1902.

       *       *       *       *       *

Unter Hangen und Bangen verstrichen die Tage nach dem letzten Pekinger
Ritt. Ich beantragte bei der Gesandtschaft einen Pa vom Wei-wu-pu --
dem Auswrtigen Amte Chinas --, aber noch ging eine Woche der
Ungewiheit hin. Endlich am 24. Dezember traf ich zufllig auf der
Victoria Road, der Hauptverkehrsstrae, Herrn Major v. Falkenhayn, der
mir im Vorbeireiten zurief: "Soeben ist Telegramm aus Berlin gekommen,
Ihr Urlaub nach Zentralasien ist genehmigt." Das war fr mich das
schnste Weihnachtsgeschenk. Niemand war glcklicher als ich, da ich nun
alle Schwierigkeiten berwunden glaubte. Ich bestellte sofort den Pa
zur Reise durch Ruland im deutschen Konsulat, sah mich nach geeigneten
Tieren fr mich um und dachte an meine Ausrstung. Doch noch manches
unerwartete Hindernis stellte sich mir entgegen, ehe ich Tientsin
endgltig verlie.

Am 27. Dezember wurde ich wieder einmal zur Brigade gerufen und erhielt
die Mitteilung, da mir der General infolge der politischen Lage in den
Westprovinzen des Reiches nicht gestatten knne, meinen Urlaub
anzutreten. Mein Gesuch um den chinesischen Reisepa war auf der
Gesandtschaft eingelaufen und auch an das chinesische Auswrtige Amt
weitergegeben worden. Inzwischen waren vom englischen Generalkonsul aus
Hankau telegraphische Nachrichten eingetroffen, da die Provinzen Kansu
und Schensi sich im Aufstande befnden, und zwar infolge erneuter
Umtriebe des Generals Tung-fu-hsiang und des Prinzen Tuan, sowie da die
dortigen Missionare ihre Frauen zurckgezogen htten und selbst bereit
seien, jeden Moment die Flucht zur Kste anzutreten. Auf diese Nachricht
hin schrieb der stellvertretende Gesandte, Legationsrat v. d. Goltz, an
das Brigade-Kommando, wie er es unter solchen Umstnden nicht fr
erwnscht halten knne, da ein Offizier durch jene Provinzen ritte, und
da ich entweder einen andern Reiseweg whlen oder warten msse, bis
beruhigendere Nachrichten vorlgen. Das war ein recht harter Strich
durch die Rechnung, aber ich gab die Hoffnung trotzdem nicht auf, da
sich solche Alarmnachrichten meistenteils hinterher als weit bertrieben
oder sogar als ganz falsch erwiesen hatten.

Wir hatten an diesem Tage den ersten Renntag des "Winter-Sport-Vereins",
und es sollte mir zum letzten Male auf chinesischem Boden gelingen, eins
meiner Tiere zum Siege zu steuern. "Peter" kanterte in einem 1200 Meter
Flachrennen einfach dem ganzen Felde weg und gewann leicht wie er
wollte. "Dr. H." wurde einmal dritter hinter einem totes Rennen
laufenden Ponypaar und einmal zweiter. Das war wenigstens noch ein
hbscher Abschlu, der meine etwas gesunkene Laune wieder hob.

In den nchsten Tagen machte ich mich daran, eine neue Reiseroute mit
der sibirischen Eisenbahn zu studieren, aber ich hatte Glck, denn schon
die Zeitungen brachten Dementis der Alarmnachrichten, und am 29.
Dezember erhielt ich Nachricht, da ein neues Schreiben seitens der
Gesandtschaft eingelaufen sei, welches alle frheren Angaben als
erfunden bezeichnete, da die Provinzen Schensi und Kansu ruhig seien
und da somit meinem beabsichtigten Ritte nichts mehr im Wege stnde.
Auf Befragen blieb ich selbstredend bei meinen frheren Absichten
bestehen und hatte nur noch die endgltige Genehmigung des Generals
abzuwarten. Diese traf am 30. Dezember ein, und zugleich wurde mir mein
chinesischer Reisepa ausgehndigt. Ich stie einen Seufzer der
Erleichterung aus, als ich diesen endlich in Hnden hatte, denn nun
konnte ich wirklich fort. Es war aber auch hchste Zeit, denn ich hatte
noch keinen Pony und mute auch noch meine gesamte Ausrstung
zusammenstellen. Letztere war fast dieselbe wie im Herbst zum Ritt
durch Schansi, nur einiges kam hinzu, wobei ich als wesentlichstes den
Karabiner, photographischen Apparat und mehr Pelzsachen anfhren
will[1]. Dank der Liebenswrdigkeit und dem Entgegenkommen der Kameraden
war ich bald im Besitz guter, erprobter Tiere, von denen sich spter
besonders der von Leutnant Brandt erstandene und nach ihm "Schorsch"
getaufte Pony, der gute Dicke, besonders bewhren sollte. Es war ein
Dunkelfuchs, 8 Jahr alt und 13 hands (52 Zoll) gro; als zweiten Pony
nahm ich einen 13jhrigen, 13,1 hands (53 Zoll) groen Dunkelbraunen,
namens "Nepomuk" mit. Dieser war als Beier und Schlger bekannt, hatte
aber vier tadellose Beine und galt als sehr ausdauernd. "Schorsch" war
ein gutes Gebrauchstier, sehr gutmtig, nicht schnell, hat mir aber von
meinen drei Tieren, zu welchen eine edle 8jhrige dunkelbraune
australische Stute "Witwe Bolte" gehrte, die bei weitem besten Dienste
geleistet.

[1] Die Gesamtausrstung siehe S. 78.

[Illustration: Englischer Krankenwagen (Djanjibhoy) von den Offizieren
als Krmperwagen benutzt]

Der Pa vom Konsulat traf ein, ebenso erhielt ich durch die liebenswrdige
Vermittlung unseres Konsuls ein offenes Empfehlungsschreiben des
russischen Konsuls fr die russischen Behrden, und einen geschlossenen
Brief an das Generalkonsulat zu Kaschgar, die erste russische Behrde, die
ich auf meinem langen Wege antreffen wrde.

Die wenigen mir noch fehlenden Ausrstungsstcke waren bald besorgt, und
das Abschiedfeiern, ohne das es hier in Ost-Asien einmal nicht geht,
fing an, um bis zum 4. Januar 1903, dem Tage meines Abrittes, zu dauern.

Das offizielle groe Abschiedsessen fr alle Anfang Januar nach der
Heimat Zurckkehrenden war schon am 23. Dezember gewesen. Eine um so
grere Freude bereitete es mir, als zehn meiner Freunde am 1. Januar
mir noch ein besonderes Abschiedsdiner gaben. Am 2. Januar meldete ich
mich dienstlich berall ab und erhielt von meinen Vorgesetzten manches
liebenswrdige Wort mit auf die Reise.

Am 3. Januar wurde alles probeweise fertig gepackt und mit Hilfe unseres
Batteriesattlers noch manches gendert.

Am Abend war ich nochmals ins allgemeine Kasino eingeladen;
Oberstleutnant von Kronhelm hielt eine mir zu Herzen gehende Rede, und
ich merkte erst jetzt, wie schwer mir der Abschied von so vielen
liebegewordenen Freunden und Kameraden fiel, mit denen ich hier Jahre
lang zusammen gelebt und gewirkt hatte. Bis zum frhen Morgen saen wir
zusammen, Parademarsch auf Sthlen und der bliche Abschiedsschnaps im
Korridor machten den Abschlu der unvergelichen Feier. Es war hchste
Zeit, denn Frau Sonne frbte den Horizont schon leicht purpurn, und ich
mute mich ans Satteln der Pferde machen, da um Punkt 9 Uhr abmarschiert
werden sollte. Mir kam es so vor, als ob ich statt drei Tiere deren
sechs mitnahm; aber es war der letzte Tropfen Alkohol bis zum Kaspischen
Meere gewesen.


Verzeichnis der auf dem Ritt durch Zentral-Asien mitgefhrten Pferde und
Ausrstungsstcke.

  Witwe Bolte, australische Stute, 8jhrig, dunkelbraun.

  Schorsch, chines. Pony, 8 Jahr, Dunkelfuchs, 13 Hands.

  Nepomuk, chines. Pony, 12 Jahr, dunkelbraun, 13,1 Hands.

  2 Offizierbocksttel mit kleinen Vorderpacktaschen.

  1 Armeesattel mit Packtaschen, Vorder- und Hinterzeug.

  1 englischer Sattel.

  3 Halfter mit Trensen und Anbinderiemen; Reserveriemen.

  6 groe Woilachs.

  1 Paar Hinterpacktaschen.

  1 Paar groe schweinslederne Packtaschen.

  1 Mantelfutteral aus Leder.

  1 Kamelhaardecke,

  1 halbseidene Decke.

  1 Pferdedecke.

  2 Filzunterlegedecken.

  1 Schlafsack.

  1 Katzenfelldecke mit Tuch gefttert.

  1 Obergurt.

  1 langer lederner Fhrriemen.

  1 wasserdichte Lagerdecke.

  1 schwerer (englischer Winterkhaki) Rock mit Biberkragen und Pelzfutter.

  1 graue Rockbluse.

  2 graue Reithosen mit Lederbesatz.

  1 Schafspelz.

  1 Paar Pelzhandschuhe.

  1 Lederjacke.

  2 blaue Sweater.

  4 wollene Hemden.

  1 seidenes Hemd.

  3 wollene Unterhosen.

  2 Paar hohe Kniestrmpfe.

  4 Paar wollene Strmpfe.

  1 Dutzend Taschentcher.

  4 seidene Halstcher.

  1 Paar Pulswrmer.

  2 groe, 6 kleine Handtcher.

  2 Pelzmtzen.

  1 Kopfkissen.

  1 Regenmantel.

  1 Baschlik.

  Waschzeug, Rasierzeug, Nhzeug, Verbandzeug, Bindfaden, Sattlernadeln.

  1 Paar hohe Filzstiefel.

  1 Paar schwere Schnrstiefel.

  1 Paar englische Gamaschen.

  1 silberne Uhr mit Kette.

  1 Nickeluhr.

  1 Brustbeutel mit 4 Zwanzigmarkstcken.

  1 Kodak mit 16 Dtzd. Films in lederner Tasche.

  1 Thermometer in Lederfutteral.

  1 Feldflasche mit Becher und Riemen.

  1 Zei-Fernglas mit Futteral.

  1 Patronengrtel fr 8 Rahmen Karab. 8 mm und 2 Rahmen Mauserpistole.

  1 langes Jagdmesser in Lederscheide mit Gehenk zum Anbringen am Sattel.

  2 Taschenmesser (Nicker).

  1 Kompa.

  1 chinesische (groe) Visitenkartentasche.

  Deutsche und chinesische Visitenkarten.

  4 Kneifer.

  2 Staubbrillen.

  1 Handspiegel.

  1 Laterne mit Lichtern und Streichhlzern.

  1 Paar Hausschuhe.

  1 Geldwage.

  1 Ebesteck im Beutel.

  1 Aluminiumbecher.

  1 Koppel als Leibgurt.

  1 Paar Hosentrger.

  1 Gummiwaschbecken.

  Schreibpapier.

  Tintenfa, Tinte.

  Federhalter, Bleistifte, Buntstifte, Zirkel, Siegellack,
    Krokiertasche mit Block, Federn, Notizbuch, Glyzerin.

  2 Bnde Sven Hedin "Durch Asiens Wsten".

  Mllendorfs Chinesische Grammatik.

  Feller: Deutsch-Englisch, Franzsisch-Chinesisches Wrterbuch.

  Karten aus dem groen Debesschen Atlas.

  Eine Banknotentasche, enthaltend: Chinesischen Reisepa, Reisepa
    vom Deutschen Konsulat in Tientsin, visiert vom russischen Konsul,
    Reisepa von der Besatzungsbrigade, Reisepa vom russischen Konsulat
    Tientsin, Soldbuch, einen Kreditbrief ber 850 Rubel auf die Banque
    Russo-Chinoise in Kaschgar.

  1 Mauserkarabiner, neuestes Militrmodell, als Jagdkarabiner
    umgendert, mit 120 Patronen.

  1 Mauserpistole im Holzfutteral mit 160 Patronen.

  Gewehr-Putzzeug.

  Konserven fr 20-30 Tage.

  372 Taels Silber (etwa 1000 Mark). Alles in Silberschuhen der
    verschiedensten Gren. (Siehe Kap. I.)




Zum III. Kapitel.

[Illustration: ber Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu

32 Marschtage - 1280 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 40,0
Kilometer]




III. KAPITEL.

ber Taiyuanfu zur alten Kaiserstadt Hsi Ngan Fu.


4. Januar. Allmhlich sammelte sich in meiner Wohnung eine Menge guter
Freunde und Kameraden, die mir noch zum Abritt das Geleit geben wollten.
Pnktlich war alles fertig, der unvermeidliche chinesische Photograph
nahm einige Bilder auf, und in Begleitung von zehn Freunden gings ab
nach dem Westtor der Chinesenstadt. Dort bekam ich noch drei Hurras auf
den Weg, dann zog ich mit dem Grafen Seyboltstorff, der mich zwei Tage
weiter begleitete, ab, dem weiten Ziele am andern Ende Chinas zu.

[Illustration: Mit dem Wachtmeister der Batterie ber den am ersten Tage
zu nehmenden Weg beratschlagend]

Wir ritten heute nur eine mige Strecke, da die Tiere zu wenig
einmarschiert sind, im brigen gingen diese recht gut. In Yangliu-tsing,
dem alten Boxernest, kamen wir leidlich unter. Am Abend hatte uns der
Wirt, da es empfindlich kalt war, eines von den mit glhenden Holzkohlen
gefllten Kohlenbecken ins Zimmer gestellt. In der Nacht wachte ich mit
entsetzlichem Herzklopfen auf und sah, wie Graf Seyboltstorff, der sich
vom Kang erhoben hatte, mehrfach hinfiel, erst jetzt wurde mir klar, in
welch schwerer Lebensgefahr wir beide geschwebt hatten, wir wren um ein
Haar an den Kohlenoxydgasen erstickt. Gott sei Dank war ich noch
rechtzeitig erwacht, um die Tren aufzumachen und so nicht von
demselben Schicksal ereilt zu werden, wie einst der unglckliche Graf
York. Den ganzen nchsten Tag litten wir noch unter den entsetzlichsten
Kopfschmerzen.

[Illustration: Die Witwe Bolte, gepackt]

Nepomuk erwies sich als ein ganz gefhrlicher Beier; gleich beim
Satteln morgens ri er einem unglcklichen Chinesen ein groes Stck
Fleisch aus dem Arm heraus; die Stute bewhrte sich sehr gut. Wir waren
gegen 8 Uhr abmarschiert, und schon nach einer Stunde befanden wir uns
in einem starken Staubsturm aus Norden. Da der Sturm immer strker
wurde, versuchten wir in einem der am Wege liegenden Drfer
unterzukommen und fanden schlielich fr Mann und Pferd in dem
Nebengebude eines Dorftempels Unterkunft. Die Leute waren sehr
freundlich und brachten alles, was wir wnschten. Wir delektierten uns
an einer von einem Kameraden von den Pionieren geschenkten sehr schnen
Wurst. Das Unwetter wurde gegen Abend ganz toll, so da wir schlielich
im Sand halb erstickten. Trotzdem schliefen wir ganz gut und sogar ohne
Ungeziefer.

Am 6. Januar morgens, bei herrlichstem Wetter und 16 Grad Klte, ging es
weiter. Ich sagte dem Grafen Lebewohl; der Abschied von meinem besten
Freunde fiel mir recht schwer, aber wir hofften auf ein vergngtes
Wiedersehen in Deutschland. Whrend er nach Tientsin zurckritt,
marschierte ich nach Sdwesten weiter. Mein dicker Schorsch hatte ber
Nacht einen schweren Hieb rechts hinten gegen das Schienbein bekommen
und lahmte leider; trotzdem trabte ich weiter, immer nach dem Ta-dau
(groer Weg) fragend, jedesmal ein verstndnisvolles "ang-ang" (ja, ja)
zur Antwort erhaltend; also das Geschft mute richtig sein.

Da ich mich aber auf dem groen Wege nach Pautingfu und nicht nach
Ho-kien-fu, wo ich eigentlich hin wollte, befand, ahnte ich in meiner
Unschuld nicht. Bei Wegteilungen drngte ich stets nach Sdwesten, wurde
aber immer wieder mit einer lcherlichen Beharrlichkeit auf den alten
Weg zurckgewiesen. Schlielich waren wir vor einer Stadt, die sich auf
Befragen zu meinem nicht geringen rger als Wnn An herausstellte. Da
mir, als altem erfahrenen "Chinakenner", so etwas zustoen mute, war
eigentlich ein Skandal. Nachdem ich meinen rger an dem armen Mafu, der
gar nichts dafr konnte, gengend ausgelassen hatte, ging die Reise
weiter, nunmehr auf Jnn kiu zu.

[Illustration: Leutnant v. Salzmann, Oberleutnant Graf Seyboltsstorff]

Kurz hinter Wnn An kam mir ein Mandarinkarren entgegen, und aus
demselben sprangen zwei recht gut angezogene junge Chinesen, die mich
mit deutschen Worten freundlichst begrten. Ich bekannte sofort, da,
ich Deutscher sei, zumal ich in meiner Nordpolfahrerausrstung immerhin
fr alles andere gehalten werden konnte, als fr einen Offizier. Die
Freude war gro, ich mute umdrehen, um der sehr liebenswrdigen
Einladung in das Haus des einen nach Wnn An Folge zu leisten. Noch
niemals bin ich von gnzlich unbekannten Chinesen mit einer derartigen
Herzlichkeit aufgenommen und weiterhin behandelt worden. Man sieht also,
da der Umweg noch zu einem guten Ende fhrte.

Mein Mafu grinste, wahrscheinlich schadenfroh, ich wei es aber nicht
genau, da er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit grinste.
Jedenfalls glaubte er, infolge meiner so pltzlich umgeschlagenen Laune,
nun auch seinerseits etwas dazu beitragen zu mssen, indem er das
Pferdeputzen am andern Morgen durch einen verlngerten Schlaf ersetzte.
Die beiden jungen Chinesen hatten in Peking Deutsch gelernt; natrlich
muten sie sich in mein unvermeidliches Fremdenbuch eintragen, was denn
auch in deutscher Schrift, mit einem Riesenklecks als Beigabe, erfolgte.
Ich wurde nun erst ordentlich abgefttert, was mir sehr wohl tat; dann
mute ich die ganze Stadt unter ihrer Leitung besichtigen und wurde noch
einigen Verwandten und Bekannten, alles sehr gut gestellte Kaufleute,
vorgefhrt. Den Abend verbrachte ich so in ganz angenehmer Gesellschaft;
natrlich mute ich alle Schreibstudien usw. ansehen und kann nur meine
Hochachtung vor dem Flei der erst sechzehnjhrigen Menschen ausdrcken.

[Illustration: Abmarsch von Tientsin]

Am nchsten Morgen, den 7. Januar, nahm ich Abschied. Mein Mafu verga
noch den Zei, wahrscheinlich in seinem Trennungsschmerz; Gott sei Dank
wurde er mir im Galopp nachgebracht, es wre doch ein sehr harter
Verlust gewesen. In den nchsten Tagen marschierte ich nun ber Jnn
kiu, S-ning, Anping nach Tschnn ting fu. Ich nahm immer noch nicht
mehr als 30 Kilometer tglich, da die Tiere infolge des ungewohnten
harten Nachtlagers recht mde waren, auch war der gute dicke Pony, wie
schon erwhnt, von der Witwe rechts hinten lahm geschlagen, so da er
uns etwas aufhielt. Viel zu erzhlen ist aus den kleinen Lchern
eigentlich nicht. Die Menschen waren berall dort, wo fremde Garnison
gelegen hatte, und das war fast bei allen der Fall, geradezu ekelhaft
zudringlich, wie es mir niemals frher in gleichem Mae begegnet ist.
Sehr gut zog sich der Mandarin von Anping aus einer Affre; er schickte
mir, als ich kaum zehn Minuten im Orte war, ein ganz vorzgliches Diner,
das ich dankend annahm. Der Mafu erwies sich nicht gerade als eine
Perle besonderen Ranges. Pferdeputzen vermied er mglichst, nebenbei war
es ihm ganz gleichgltig, ob die Pferde getrnkt waren oder nicht, so
da man ihm dauernd auf die Finger sehen mute. Auerdem sprach er ein
Chinesisch, das mir reichlich unverstndlich war, Kalganer Platt. Er war
nicht nur schmierig, sondern auch feige; jeden Abend kam er untersuchen,
ob ich auch die Mauserpistole unter das Kopfkissen gelegt habe.

[Illustration: Abmarsch von Tientsin]

Am 8. und 9. Januar hatten wir Staubsturm, am 10. Januar fanden wir in
Wu-die ein miserables Unterkommen. Das Volk ist hier ganz besonders
frech; berall hrte man das Yang-quetze (fremder Teufel), und mehrfach
wurde mit Steinen nach mir geworfen, bis ich mir einen der
Hauptbeltter herausgriff und ihn etwas unsanfte Bekanntschaft mit
meiner Reitpeitsche machen lie. Auerdem schickte ich zum Yamen und
lie dem Mandarin sagen, da, falls ich nicht sofort Ruhe bekme, ich
mich direkt bei dem Vizeknig in Tientsin beschweren wrde; das half,
denn ich bekam einige Infanteristen als Posten und hatte von nun an
Ruhe. Am 11. Januar kamen wir in Tschnn ting fu an und in demselben
Gasthaus, wie im Oktober, unter. Ich wurde auch sofort wiedererkannt und
freundlich bewillkommnet. Am Abend traf noch ein sehr hoher Mandarin,
der nach Hsi Ngan Fu zog, mit unendlichem Tro ein. Die Diener spielten
sich als Hauptstdter ganz besonders wichtig auf.

Am nchsten Morgen stellte sich Kavalleriebegleitung ein, die mir der
Yamen gegen meinen Willen geschickt hatte. Die Leute benahmen sich sehr
anstndig und halfen mir, wo sie nur konnten. Ich kann auch den
Kavalleristen, die ich fernerhin zur Begleitung bekam, nur dasselbe
Zeugnis ausstellen; nie hat mich einer angebettelt, im Gegenteil, sie
verweigerten sogar die Annahme von Essen oder Futter fr ihre Pferde und
waren stets ngstlich besorgt, da ich ihnen auf die zur Rckkehr als
Ausweis mitgegebene Visitenkarte etwas Anerkennendes schrieb.

[Illustration: Mafu Tsai Ming Y auf "Schorsch"]

Wir berschritten den Hu to Ho auf einer neu erbauten Brcke, die im
vergangenen Herbst noch nicht vorhanden war, dann ging es wieder durch
die entsetzlich staubigen Hohlwege auf Huolu zu. Unterwegs gab es
mehrfach Aufenthalt durch entgegenkommende Wagen. Die Kavalleristen
zwangen die Fhrer jedesmal, die Karren bis an die nchste
Ausweichestelle zurckzustoen. Schon der steile Pa von Huolu fiel der
Witwe sehr schwer, sie stolperte mehrfach und sah recht mde aus. In
Huolu lie ich abfttern und wurde in dem Gasthause von Leuten, die mir
alles mgliche aufhalsen wollten, umlagert; natrlich ohne Erfolg. Ich
kaufte nur einige Portionen vorzgliches geruchertes Fleisch fr die
nchsten Tage. Es war hier ein sehr gutes Gasthaus, dessen erster
Bedienter mir seine Verachtung, wegen meines gnzlichen Versagens als
melkende Kuh, durch vlliges "Schneiden" ausdrckte. Da wir einen sehr
schwierigen Aufstieg zum beabsichtigten Nachtquartier hatten und doch
auf den felsigen Wegen nicht reiten konnten, verteilte ich das Gepck
auf alle drei Tiere, und trotzdem wurde ihnen der Marsch recht schwer.
Ich bekam vier Kavalleristen zur Begleitung mit; wir begegneten
unterwegs einer Eselkarawane nach der andern, meist Kohlen zu Tal
bringend. Vereinzelt trafen wir Gebirgs-Snften.

[Illustration: Kavallerist in Chili]

Am Abend mietete ich noch fr 200 Cash einen Esel zum Gepcktragen nach
Tsing-hsing. Beim Abmarsch am 13. Januar frh war der Mann mit dem Esel
natrlich nicht da; die Frau hatte sich geweigert, dem fremden Teufel
den Esel zu borgen, also wurde das Gepck wieder auf die Stute gepackt,
und in Begleitung eines Kavalleristen -- die drei andern hatten sich
verkrmelt -- ging es weiter. Die Psse waren ein Herauffallen und
Herunterfallen fr die des Kletterns ber die Felsblcke gnzlich
ungewohnten Pferde, hauptschlich die Stute und der dicke Pony brachten
sich beinahe um. Es hatte sich noch ein Reisebegleiter eingefunden, der
schon gestern da war und in demselben Gasthause bernachtet hatte; es
schien so eine Art Yamenbeamter aus Tschnn ting fu zu sein, der mir zur
Aufsicht mitgegeben war; im brigen sorgte er ganz gut fr uns und
zeigte uns den Weg. In Tsing-hsing erschien ein neuer, whrend der alte
Beamte die bliche Bescheinigung ber anstndiges Benehmen seinerseits
verlangte und auch erhielt.

Der Weg hatte sich mehr und mehr belebt; groe Maultier- und
Eselkarawanen kamen uns entgegen, meist mit Kohlen beladen. Jedes
einzelne Tier dieser Karawanen kannte seinen Weg ganz genau, denn selten
sah man die Fhrer einmal eingreifen; nur von hinten hrte man ihr
"Hoho, tata", oder "wowo"; jeder dieser Laute hat seine besondere
Bedeutung, die die Tiere ganz genau kennen. Wenn eines mal nicht
gehorchte, bekam es einige, kaum zu wiederholende Schimpfworte zu hren,
seltener eins mit der Peitsche bergehauen; dann ging es sofort wieder
ordentlich auf seinem Fleck. Fast alle hatten Maulkrbe um, damit sie
unterwegs nicht stehen blieben, fraen und dadurch die Marschordnung
strten. An bestimmten Stellen des Weges werden Misthaufen angelegt, an
denen die Tiere Halt machen, um sich zu erleichtern. Das ist tatschlich
kein Mrchen, denn ich habe oft Gelegenheit gehabt, es zu beobachten.
Dnger ist hier recht teuer, und es darf nichts verloren gehen; auerdem
sah man berall kleine Jungen, die Mist aufsammelten. Beladen waren die
Tiere mit zwei kreuzweise ber den Sattel gelegten Scken, oder mit zwei
rechts und links am Packsattel befestigten Krben.

In Tsing-hsing lie ich mir vom Yamenbeamten ein Maultier zum
Gepckschleppen besorgen. Der Weitermarsch war uerst anstrengend, und
als wir am Abend in Ho-tau-yen, einem kleinen Gebirgsnest, anlangten,
waren die Tiere derartig mde, da sie sich sofort hinlegten und zuerst
nicht fressen wollten. Nach dem blichen Zank mit dem Wirt, der anfangs
Silber nicht wechseln wollte und mich dann beim Wechseln zu betrgen
versuchte, ging es am 14. Januar bei eisigem Winde weiter; Soldaten,
Yamenbeamter, alles zog weiter mit. Die Kavalleristen wechselten
mehrfach. Mir kamen die Wege sehr viel schlechter vor als im vergangenen
Herbst; es mochte daran liegen, da ich das letzte Mal mit in
Gebirgstouren eingebten Pferden marschierte. Der Verkehr war wie
gestern; wir begegneten einem durch einen Infanteristen eskortierten
Dieb, der auf dem Yamen Bambus-tschau-tschau[2] bekommen hatte. Er wurde
von zwei Kulis in einem an einer Stange hngenden Korbe getragen und
sthnte ganz jmmerlich. Das Tragetier wurde einmal gewechselt, was sehr
schnell ging. Meine kleine Karawane war jetzt schon ganz gut
eingespielt: vorn marschierte ein Kuli mit dem Packpferde, alles andere
lief lose hinterher ohne Fhrer, immer ein Tier hinter dem andern; jedes
suchte sich so selbst seinen Weg zwischen den Felsblcken. Hinten ging
der Mafu, dann kam ich, zuletzt der Kavallerist.

[2] Bambus-tschau-tschau nennt der Europer in China die auf dem Yamen
verabreichte Prgelstrafe mit dem Bambusstock.

Ich blieb die Nacht in Hsilau-tou, und zwar in derselben Herberge, die
ich im Herbst inne hatte; in der Nacht stand ich einmal auf, da die
Pferde sehr unruhig waren, und fate einen Chinesen beim Futterstehlen
ab. Ich denke, er wird es ein zweites Mal nicht wieder tun. Merkwrdig
war es, da die meisten Leute meine groe Stute zuerst fr ein Maultier
hielten; allmhlich erst kamen sie dahinter, da es ein Pferd war.

Am 15. Januar ging es weiter nach Pingting tschau. Einmal hatten wir
links eine Tempelanlage, von einem bewaldeten Berge berragt; der
Anblick bildete eine sehr angenehme Abwechslung in dem ewigen den Grau
in Grau. Allmhlich trat Staubsturm ein.

Merkwrdig ist hier der auergewhnliche Unterschied von Ort zu Ort in
Maen, Gewichten und Preisen; man wei daher beim Einkauf auch nie,
woran man eigentlich ist. In Pingting tschau schickte der kommandierende
Offizier zu mir und lie fragen, ob ich die Stute nicht verkaufen
wollte. Ich forderte 500 Taels, was ihm etwas teuer zu sein schien; denn
er lie dann nichts mehr von sich hren.

[Illustration: Meine beiden Ponies]

Abends waren wir in Ching Ching, wo die Leute im Orte eine Art Ring
geschlossen zu haben schienen, denn die Preise waren wirklich geradezu
unverschmt. Mir hatten sie meinen Kang berheizt, so da ich infolge
der Hitze sehr schlecht schlief und mich auch obendrein noch erkltete.
Auch am 16. Januar hielt der Staubsturm noch an. Wir gingen fast
den ganzen Weg zu Fu, halb im Laufschritt, um uns einigermaen
warm zu halten; so kamen wir ziemlich schnell vorwrts. Hinter
Tu-hsi-ling ging es ber einen hohen Pa, und mit einem Schlage waren
wir aus den Felsbergen heraus und mitten im Lss mit seinen scharf
eingeschnittenen, tiefen Schluchten, in die der Wind nicht mehr
hineinkommen konnte.

Wir landeten heute in Schau yang, in dem ich zum ersten Male die
unangenehme Entdeckung machte, da mein groes Pferd leicht am Widerrist
gedrckt war. Abends lie der Yamen noch anfragen, warum ich nicht dort
Logis genommen htte. Jetzt war es zu spt dazu, etwas frher wre ich
ganz gern hingegangen. Bei der Stute hatte sich ein Schwein einlogiert,
was das Pferd sehr aufregte, das Tier war aber nicht wegzubringen. Der
17. Januar brachte uns am Morgen 15 Grad Klte; die armen Pferde in
ihren offenen Stllen froren sehr und waren beim Abmarsch ganz steif. Es
ging weiter durch Lschluchten auf staubigen, wenig belebten Wegen; nur
ab und zu kam uns ein Karren oder ein einzelner Reisender entgegen.
Jeder fhrt seine Hausfahne, ein dreieckiges, berandetes und mit seinem
Namen bezeichnetes Stck Zeug, mit sich, je nach Geldlage in reicher
oder einfacherer Ausfhrung; bei den Reitern, die es hinten am Gepck
herausstecken haben, sieht das ganz spaig aus.

[Illustration: Taiyuanfu. Mauer am Futai Yamen]

Nach einer recht schlecht verbrachten Nacht, mir mute irgend etwas im
Magen gelegen haben, ging es weiter. Zweimal wurde ich in kleinen
Ortschaften angehalten und nach meinem Pa gefragt; schlielich
gelangten wir ganz in die Ebene, und gegen vier Uhr nachmittags ritten
wir in das ersehnte Taiyuanfu ein und wurden von dem liebenswrdigen
Direktor der Schansi-Universitt und seiner ebenso liebenswrdigen
Gemahlin willkommen geheien und aufgenommen. Es war alles da, was der
Mensch zu seiner Bequemlichkeit gebrauchte, und bei der Herzlichkeit,
mit der es gegeben wurde, fhlte man sich gleich wie zu Hause. Wie ich
schon im ersten Kapitel berichtet habe, hatte ich die gastfreien Leute
auf meinem letzten Ritt im Herbst 1902 kennen gelernt. Zuerst unterzog
ich meinen ueren Menschen einer grndlichen, ebenso notwendigen wie
angenehmen Reinigung; dann schwelgte der innere Mensch in den Genssen
der hervorragend geleiteten Kche. Die Stadt sah noch genau so aus wie
im Herbst.

Ich war dieses Mal auch in mehreren Kuriosittenlden und kann nur jedem
Sammler zuraten, einen Ausflug nach Taiyuanfu zu machen; denn
hauptschlich in Jett, Bronze und Porzellan findet er hier eine Auswahl
zu billigen Preisen, wie wir sie nur seiner Zeit im letzten Drittel des
Jahres 1900 in Peking erlebt haben. Das waren damals noch schne Zeiten
fr den Sammler, als man, ahnungslos vom wirklichen Wert, die vom klugen
Chinesen sorgfltig zusammengestohlenen Schelchen billig kaufte. Aber
auch fr den Briefmarkenfreund hat die chinesische Regierung liebevoll
gesorgt. Da besteht ein nett eingerichtetes Postamt, auf dem man sein
smtliches Geschreibsel zu billigem Preise an einen vorzglich Englisch
sprechenden Chinesen zur Befrderung los werden kann. Sonst ist hier
wenig Interessantes; da die Tempel zusammenfallen, die Lwen oder Hunde
vor denselben schon halb in die Erde versunken sind, ist ja eigentlich
selbstverstndlich in China. Erwhnenswert ist hchstens eine
Waffenfabrik, die nach Kruppschen Modellen schlechte Gewehre und Kanonen
fertigt. Ich mchte nicht unter der Bedienung desjenigen Geschtzes
stehen, das zum ersten Male scharf feuert; ich halte fr sicher, da
infolge der glnzenden Wirkung auf die eigene Bedienung der Rest der
Batterie auf ein weiteres Schieen verzichten wird, doch: ut desint
vires tamen est laudanda voluntas.

[Illustration: Taiyuanfu. Drachenmauer aus Porzellan im Chang Chuang
Miau (Groer Stadttempel)]

Die Universitt, in der ich so freundlich aufgenommen wurde, blht und
gedeiht; sie zhlt jetzt schon 200 Studierende, gegen 45 im Oktober
vorigen Jahres. Sie erfreut sich der Gunst des Gouverneurs, was viel,
wenn nicht alles fr eine derartige Anstalt bedeutet. Bemerken mu ich
dabei, da man den schlechten Sekt, den er zu seinen sonst opulenten
Diners gibt, auch hier im Innern nicht schtzt; die Kopfschmerzen sollen
von denen, die man von der gleichen Marke in Deutschland bekommt, nicht
zu unterscheiden sein. Die Studenten machen in Jura, Chemie, Sprachen,
Ingenieurwesen usw. ihre Studien, nebenbei treiben sie auch Sport; ich
sah Fuball, Tennis usw. spielen. Die Hrsle sind mit den modernsten
Erzeugnissen ausgestattet, man sieht da unter anderm ein Lesezimmer mit
einer sehr reichhaltigen Zeitungsauslage, ein chemisches Kabinett, ein
naturwissenschaftliches und anderes mehr. Vorlufig sind die Studenten
noch in einem gemieten Yamen, mit brigens sehr schnen Rumen,
untergebracht. Die Neubauten auf eigenem Grund und Boden sind schon im
Gange und ihre Fertigstellung steht noch im Laufe dieses Jahres zu
erwarten. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten, so sagt man auch
hier; denn, nachdem der Gouverneur Chau-fu in Tsing-tau die Schulen
besichtigt und Prmien ausgeteilt hat, konnte der hiesige Gouverneur
dies natrlich auch nicht unterlassen, sehr zum Leidwesen der Studenten.
Selbstredend sind auch chinesische, fremder Sprachen mchtige
Hilfslehrer vorhanden. Einer derselben beteiligte sich am Fuballspiel,
ohne seinen kostbaren Pelz auszuziehen; natrlich trat er sich bald auf
seinen langen Frack und fiel zum allgemeinen Gaudium lang hin; tout
comme chez nous.

Von Tung-fu-hsiang und Tuan waren wiederum erneute Gerchte, die sich
mehr und mehr verdichteten, hierher gelangt; erster wirbt im weiten
Umkreise um seinen jetzigen Standort Heichengtse in Kansu Rekruten. Er
kauft Getreide und Tiere im Lande auf, und da es dabei mehrfach zu
Ttlichkeiten zwischen seinen Parteigngern und der Bevlkerung gekommen
ist, zog ich vor, ihm nach Sden zu auszuweichen und hierbei die
Gelegenheit zu benutzen, mir Hsi Ngan Fu, die alte berhmte Kaiserstadt,
anzusehen. Meine Pferde hatten sich in zwei Ruhetagen sichtlich erholt
und waren frisch und munter.

Am 21. Januar frh nahm ich Abschied von der gastfreien Universitt, um
mich meinem neuen Reiseziele Hsi Ngan Fu zuzuwenden. Ich beabsichtigte,
die Stadt in 18 Tagen zu erreichen. Drei Herren der Universitt
begleiteten mich zu Pferde noch bis zum Tor hinaus. Auerhalb desselben
fand gerade eine Parade der gesamten Garnison statt. Diese sahen wir uns
schnell noch an, dann verabschiedete ich mich auch von meinen Begleitern
und zog auf den knietiefen staubigen Wegen weiter. Auch mir wre ein
Regen nicht unangenehm gewesen, das Land hatte denselben dringend
notwendig. Der Staub berzieht bald alles grau in grau, man kann sich
durch nichts vor ihm schtzen. Die Snftentrger der Kaiserin-Witwe, die
hier vor einem Jahre entlang gezogen ist, sind nicht zu beneiden
gewesen, wenn man bedenkt, da jedem Versagenden ohne weiteres der Kopf
heruntergeschlagen wird.

[Illustration: Infanterie im Marsch. Taiyuanfu]

Beim Geldwechseln wurden mir eine Menge zu kleiner Cash in den
Cashrollen gegeben; ich hatte es zuerst nicht gemerkt, erst spter fiel
es mir unangenehm auf, da kein Mensch das zu kleine Geld nehmen wollte.
Das ganze Land ist hier von Kanlen durchzogen, die quadratisch angelegt
sind; augenblicklich sind die meisten derselben vllig versandet, ebenso
wie die hier berall vorhandenen Schleusen gnzlich vernachlssigt sind;
wie es zur Zeit der Frhjahrsbestellung aussehen mag, wei ich nicht,
wahrscheinlich auch nicht anders. Die Kanle werden vom Fnn-Ho
gespeist, in dessen Tale wir jetzt entlang marschierten. Der Verkehr war
nicht sehr stark, aus dem Sden kommende Karren zogen nach Kalgan mit
Tabak, Fett in Behltern, die wie unsere groen Petroleumbehlter
aussehen, auerdem noch Salz. Aus Norden wird Seife in groen Stcken
gebracht; die Chinesen nennen es Seife, in Wirklichkeit ist es ein
schwammartiger, weicher Stein, der in Formen gepret ist mit der
Firmenmarke darauf.

In den Gasthusern und auf den Straen war das ausschlieliche Interesse
der Leute auf mein groes Pferd gerichtet, wo ich mich nur sehen lie
mit meiner Witwe Bolte, brllte alles gleich: "meio jiba" (der Schwanz
fehlt). Das gute Tier hatte nmlich eine kupierte Rbe, war also nach
chinesischem Schnheitsbegriff vollkommen entstellt. Ach, wenn die gute
Witwe einen langen Fasanenschweif gehabt htte, dann htte ich mich
nicht tglich ber die entsetzliche Freude der Chinesen ber das
"schwanzlose" Tier zu rgern brauchen. Das ist eben Geschmacksache, wir
Europer lieben nun einmal kurze Schwnze beim Pferd, und deswegen
gleich zu behaupten, das Tier htte gar keinen Schwanz, war eigentlich
unverschmt.

[Illustration: Chinesische Gebirgsartillerie in Taiyuanfu]

Meine tgliche Speisekarte war meist hchst einfach. Leider bin ich
selbst kein groer Koch, und mein Mafu Tsai war auch alles andere eher,
als ein Kochknstler. Heute z. B. war hier wieder einmal kein Fleisch
aufzutreiben; es gab Hsiau-mi (Grtze) mit Zucker, dann fnf Eier,
Brtchen und Tee; zum Nachtisch gabs gefrorene Kakis, die bekannten
gelben Frchte. Mit meiner braven Sttze kmpfte ich einen tglichen
Kampf um das allmorgendliche Pferdeputzen. Er meinte, es wre nicht
notwendig, ich meinte das Gegenteil, leider sah ich es schon kommen, da
ich bei der bekannten Dickfelligkeit des Chinesen in solchen Sachen doch
noch unterliegen wrde. Wahrhaft glnzend dagegen war sein Appetit zu
nennen, um den ich ihn beneidete; seine allmorgendliche Rechnung fr
Essen betrug immer die Hlfte mehr als die meinige, obwohl er mich nicht
beschwindelte.

Die nchsten Tage brachten keine Abwechslung; am 23. Januar morgens
entlie ich meine beiden Kavalleristen aus Taiyuanfu. Sie waren sehr
besorgt, da ich ihnen auch etwas Gutes auf die als Ausweis mitgegebene
chinesische Visitenkarte schrieb. Da sie sich in jeder Beziehung als
ntzlich und hlfreich erwiesen hatten, tat ich es auch gern. Der Druck
der Stute war wieder derartig angelaufen, da ich es vorzog, mir vom
Yamen eine Karre geben zu lassen. Da smtliches Gepck, auch die
Packtaschen der Pferde, auf die Karre gepackt wurden, ging die Reise
jetzt sehr viel schneller vorwrts. Ich hatte auch wieder die alte Regel
eingefhrt, da der Mafu zum Quartiermachen vorausgeschickt wurde;
abends fand ich dann einen geheizten Kang vor, das Pferdefutter war
eingekauft, und er hatte sich bereits erkundigt, was es zu essen gab.

[Illustration: Chinesischer Ehrenbogen in Schansi Ping yang schng]

Man sah schon viele gnzlich zerstrte Drfer; denn der letzte Aufstand
der mohammedanischen Chinesen hat seine Schrecknisse bis hierher
getragen. Auch am 24. Januar gab es keine Abwechslung, hchstens wurde
der Weg noch staubiger. Die in den Feldern verteilten Grabdenkmler
wurden ansehnlicher, teilweise waren es wunderhbsche Ehrenbogen. Die
Grber selbst sind meist von den alten Bumen umstanden. Einmal
begegneten wir einem Trupp Infanterie, der einen guten militrischen
Eindruck machte, weniger gut sah die Bagage aus, auf der sich eine Menge
faules Volk herumsielte. In Li-hsing-hsien, wo ich bernachtete,
schickte mir der Yamen eine Wache ber Nacht. Es geht hier wieder in die
Berge.

Am 25. Januar fing es kurz nach dem Abmarsch an zu schneien. Man
begreift es kaum, wie die Maultiere die schweren, mit Waren beladenen
Karren die steilen Bschungen herauf bekommen. Allmhlich frbte sich
alles wei; Pa folgte auf Pa, und man konnte hier beurteilen, welche
Schwierigkeiten eine Expedition nach Hsi Ngan Fu im Frhjahr 1901 gehabt
htte. Alle paar hundert Schritte bieten sich Stellungen, die schon an
sich natrliche Festungen sind und von geringen Krften gegen eine Armee
verteidigt werden knnten. Nebenbei htte die Verpflegung grerer
Truppenmengen in diesem Landstrich die grten Schwierigkeiten gemacht,
und diejenigen, welche glaubten, da nach Erstrmung der sogenannten
Schansi-Psse der Weg nach Hsi Ngan Fu frei lag, waren meiner Meinung
nach stark im Irrtum. Die Schwierigkeiten htten hinter Taiyuanfu erst
recht begonnen. Das Schneetreiben wurde immer strker, und als wir gegen
4 Uhr den letzten Pa hinter uns hatten, schickte ich den Mafu voraus.
In den Hohlwegen blieb der Karren im hohen Schnee mehrfach stecken, die
Dunkelheit brach herein, und die Tiere waren so mde, da sie kaum noch
vorwrts kommen konnten. Ich war daher sehr froh, als wir gegen 6 Uhr in
Cho Hso Hsien anlangten, wo alles schon vorbereitet war. Die Gegend hier
soll sehr unsicher sein; Ruberbanden trieben gerade zu jetziger Zeit
ihr Unwesen und plnderten die Reisenden aus. Mir gab der Yamen daher
zwei mit langen Spieen bewaffnete Infanteristen und fnf Kavalleristen
mit. Wir hatten am 26. Januar kaum die Stadt verlassen, als uns laut
schreiend ein Mann nachgelaufen kam, der behauptete, vom Yamen zu sein
und in der unverschmtesten Weise Geld forderte. Ich verlangte den
Ausweis von ihm, natrlich hatte er nichts, womit er sich ausweisen
konnte, und mute schlielich unter dem Gelchter meiner Begleiter und
ohne Geld wieder abziehen.

Es schneite heute noch dichter als gestern, dabei hatten wir schrfsten
Nordwind. Rechts war wieder der Fnn-Ho, der hier schon bedeutend
breiter ist. Einmal lag in einem der schmalen Hohlwege ein krepierendes
Maultier; die Karrenfhrer fuhren ihm rcksichtslos ber die Beine, mich
dauerte das arme Tier, und ich gab ihm den Gnadenschu. Die Chinesen
lachten natrlich und begriffen meine Handlungsweise nicht.

In Hung-tung-hsien, wo wir abends ankamen, war das Volk unhflich und
frech, so da ich erst recht deutlich werden mute. Die Leute drngten
sich an mich heran und befhlten meine Sachen; das dauerte so lange, bis
ich einem ordentlich ber die Finger hieb, dann lieen sie mich in Ruhe.
Der Mandarin ist ein Tientsiner, von mir nahm er gar keine Notiz. Wir
standen dicht vor dem chinesischen Neujahr und die Kaufleute wollten
schon nichts mehr verkaufen. Wie sollte das erst bermorgen am
Neujahrstage werden!

Die Nacht zum 27. Januar kam mir recht kalt vor. Trotz der miserablen
Wege hatten wir doch tglich meist zwischen 50 und 60 Kilometer gemacht.
Da der Mafu auf dem Karren fuhr, wenn ich ihn nicht vorausschickte,
konnten zwei von meinen Tieren immer gefhrt werden, daher waren ihnen
die anstrengenden Tage sehr gut bekommen, sie sahen frisch aus und waren
munter. Der Weg war auch fernerhin scheulich, teilweise berschwemmt
und mit einer dnnen Eisdecke bedeckt, durch welche die Tiere
durchbrachen und sich die Fesseln verletzten.

Meinem Mafu hatte man die europischen Handschuhe gestohlen; da der
Chinese Handschuhe nicht kennt, mute er von jetzt ab zur Strafe seiner
Eitelkeit an den Fingern frieren; er hatte sich nmlich einen Rock mit
kurzen Aermeln nach europischer Sitte machen lassen. Ausserdem gaben
ihm die Handschuhe stets ein hheres Ansehen vor seinen Landsleuten; er
legte sie fast nie ab. Ich bekam auf dem ferneren Wege Zank mit meinem
Fuhrknecht, der seine eigenen Wege fahren wollte; ich zwang ihn, auf
der Hauptstrae zu bleiben. Natrlich gerieten wir in einen scheulichen
Sumpf; man mu eben die Chinesen machen lassen, was sie wollen. Ich
beobachtete auch hier wieder, da die meisten Leute quer ber die Felder
fuhren, der eigentliche Weg wurde fast nie benutzt.

[Illustration: Neujahrs-Glckszettel an allen Husern zu Neujahr]

berall bereitete man sich auf Neujahr vor; die Bcker backten Brot in
Buddha- und Pagodenform, die Fenster wurden berall neu geklebt und
fromme Sprche auf rotem Papier an alle Pfosten, Ecksteine und Tren
angemacht. Das Volk, besonders die Jugend, hielt Umzug mit Musik,
teilweise in Verkleidungen, und berall wurden Bller und Flintenschsse
gelst zur Vertreibung der bsen Geister.

Meine beiden Ponies waren am Abend weggelaufen; das Einfangen dauerte
eine gute Stunde; hinterher gab es eine gehrige Tracht Prgel. Am 28.
Januar morgens hatten wir wieder einmal 20 Grad Klte, mit aufgehender
Sonne aber wurde es ganz angenehm. Die Gasthuser waren teilweise schon
geschlossen. In einem Hohlwege blieben wir stecken; die zur
Fahrtrichtung schrge Rampe war so glatt, da der Karren bei jedem
Versuch, an einem andern, ihm entgegenkommenden, vorbeizufahren, gegen
diesen rutschte; es half nichts, wir muten den Abhang abgraben. Auch
das Reiten war infolge der schlpfrigen Wege sehr unangenehm. Vor mir
reiste ein Japaner, von dem mir in allen Drfern erzhlt wurde, da er
eine sehr groe Exzellenz sei. Spter in Hsi Ngan Fu stellte er sich als
ein ganz kleiner Hlfslehrer an der dort neu zu errichtenden Hochschule
heraus. Jedenfalls hatte er es gut verstanden, sein Licht nicht unter
den Scheffel zu stellen. Wahrscheinlich befand er sich im Besitz einer
sehr zahlreichen Bagage, was ihn in den Augen der Chinesen sofort zu
einem groen Mann stempelte; denn auch hier gilt das Sprichwort: Kleider
machen Leute.

Unser Karrenfhrer fuhr heute wie wild, so da wir schon gegen 5 Uhr in
Chu ma tscheng anlangten. Er wollte noch am Abend bei seiner Familie
zurck sein. Wir muten erst die ganze Stadt absuchen, ehe wir ein
annehmbares Zimmer fanden; um 7 Uhr hatten die armen Pferde noch immer
kein Futter. Die Chinesen rhren eben zu Neujahr keinen Finger fr einen
Fremden. berall haben sie kleine Altre aufgebaut, vor denen sie ihren
Kotau machen und beten. Der Mandarin des Ortes, der jedenfalls dachte,
da fr mich nichts zu bekommen wre, schickte mir eine groe Portion
Hammelfleisch, die ich dankend annahm. Die ganze Nacht ber ging das
Geknatter des Feuerwerks zur Neujahrsfeier; ich kam kaum zum Schlafen.
Morgens hatten wir 22 Grad Klte; ich hatte vergessen, ber Nacht meine
Tinte einzupacken, die natrlich ausgefroren war, ebenso war mein
Schwamm gleich einem Stein. Alles war heute geschlossen, man konnte
nichts zum Frhstck bekommen, erst am Mittag wurde auf Klopfen hin
geffnet; die Chinesen waren heute faul und mde, da sie die ganze Nacht
nicht geschlafen hatten; der Fuhrmann schlief auch unterwegs mehrfach
ein, was sich jedesmal dadurch bemerkbar machte, da die Karre stehen
blieb.

Um vier Uhr nachmittags waren wir in Wnn Hsi Hsien, dessen Yamenbeamter
seit drei Tagen aus Tientsin hier angelangt war. Liebenswrdigerweise
schickte er mir Holz, Kohlen, Licht und ein sehr gutes Essen. Am Abend
war wieder dasselbe Geknalle und Feuerwerk wie gestern. Reisende oder
sonstige Karren kamen nicht an. Ich hatte mir ein Kohlenbecken zum
Heizen ins Zimmer stellen lassen, bekam aber, als ich mich hinlegte,
infolge der sich entwickelnden Kohlenoxydgase solches Herzklopfen, da
ich es wieder hinaustun mute. In der Stadt wurden am 30. Januar morgens
wenigstens Fleisch und die weichen, weien, runden Brtchen verkauft,
sonst blieb auch heute alles noch geschlossen, und nur ab und zu sah man
eine halb geffnete Tr. Wir hatten morgens bei ungefhr 10 Grad Klte
wundervolle klare Luft, so da man im Osten die schwach bewaldeten Berge
und dahinter die hohen schneebedeckten Bergkuppen sehr gut erkennen
konnte; bald jedoch verschwanden sie wieder im Dunst. Die Leute bewegten
sich in Feiertagskleidern auf der Strae, berall wurde ffentlich
Karten gespielt, die Tai-tais (Frauen) hielten groen Klatsch ab. Der
Tag blieb auch weiterhin schn. Im Gasthause, in dem wir Mittagsrast
machten, mute ich unsern Karrenfhrer anborgen, da kein Mensch Silber
wechseln konnte. Uns angeschlossen hatte sich ein Mann, der Steuern nach
Pu tschau fu brachte. Meinem Mafu hatte er gesagt, die Gegend wre sehr
unsicher und ich mchte doch mein groes Gewehr, das ich verpackt hatte,
herausnehmen, damit die Leute es shen. Ich glaube, er war sehr froh,
seiner eigenen Sicherheit halber mit uns reisen zu knnen. ber Mittag
tauten die Wege auf und befanden sich schlielich in einem ganz
unbeschreiblichen Zustande. Gegen 4 Uhr langten wir in Pe-chau-hsien an,
wo sich alsbald ein Yamenbeamter einstellte, der mir irgend etwas
begreiflich machen wollte, was ich nicht verstand, da er Sdchinesisch
sprach. Schlielich kam mein Mafu dazu, und nachdem sich dieser mit dem
Beamten verstndlich gemacht hatte, verwandelte sich die Angelegenheit
in ein Diner.

[Illustration: bergang ber den Hoang Ho]

Der Karrenfhrer behauptete, zu wenig Geld bekommen zu haben, wurde
frech und warf mir das Geld vor die Fe. Ich belehrte ihn handgreiflich
darber, da mit Europern nicht zu spaen sei, er war schlielich ganz
kleinlaut geworden und mit dem Gelde zufrieden.

In der Stadt fielen mir an manchen Husern Glckszettel auf blauem
Papier auf, sie sind an solchen Husern angebracht, die Trauer haben.

Es wurde heute ziemlich spt, ehe wir eine geeignete Unterkunft fanden.
Wir hatten ungefhr 70 Kilometer zurckgelegt. Meine Stube war ohne
Tr; ich konstruierte einen Vorhang aus Decken; es gab nichts zu essen,
und durch das beschdigte Dach schien zuerst der Mond herein, spter
schneite es, so da ich eine recht ungemtliche Nacht hatte. Dabei fate
ich wieder einmal den Karrenfhrer beim Futterstehlen ab, d. h. nicht
ihn selbst, sondern seine beiden Maultiere, die meinen Vorrat auffraen,
whrend er vergngt zusah; die Tiere waren so gierig, da ich von dem
Gerusch aufwachte.

[Illustration: Hoang Ho-Fhre]

Gegen Mittag des 1. Februar kamen wir in Pu tschau fu an. Mir war schon
mehrfach in den letzten Tagen aufgefallen, mit welcher Bereitwilligkeit
mein Mafu stets nach dem Yamen wanderte und da er jedesmal mit einem
Diner zurckkam; ich schpfte Verdacht, da er in meinem Namen darum
gebettelt habe, daher wies ich von jetzt ab die Diners zurck, sehr zum
Leidwesen meines Mafu. Die Tiere waren heute wieder einmal von dem
gestrigen schweren Marsch sehr mde. Der Druck des Nepomuk war sehr viel
schlimmer geworden, der dicke Pony hatte eine Hornspalte bekommen, die
ihn jedoch nicht weiter strte. Am 2. Februar morgens gings weiter durch
glatte Ebene, die reich angebaut war. Die Bauern waren hier berall bei
der Feldarbeit, die Neujahrsfeier schien auf dem Lande beendigt zu sein.

Wir kamen heute an den Hoang Ho; die letzten zehn Kilometer vor dem
Flue ging es durch die Auslufer des Fnn tiau schan, der dann steil zu
dem Hoang Ho abfllt. An der Fhre angelangt, muten wir ziemlich lange
warten, ehe die Fhrleute sich entschlossen, an die Arbeit zu gehen. Sie
treidelten dann die Fhre ungefhr 100 Meter stromauf und legten ein
Laufbrett hinauf. Pferde und Maultiere muten die fnf Meter bis zum
Boot durchs Wasser gehen und dann ber den ziemlich hohen Bord weg
hineinspringen. Jedesmal gab es ein Theater, bis man glcklich eines der
Tiere drinnen hatte, da die meisten natrlich nicht springen wollten.
Trotzdem die Sache ziemlich lebensgefhrlich aussah, kam nichts vor;
schlielich waren zwei Karren, elf Tiere und gegen 60 Menschen im Boot;
mit viel Geschrei wurde abgestoen und die Fhre in dem reienden,
eistreibenden Strom mittels zweier mchtiger, von je fnf Mann
gehandhabter Ruder ans andere Ufer gebracht. Der Strom ist hier gegen
220 Meter breit, man hat einen schnen Blick auf die jenseitigen Berge
und auf Tung kwan, welches mit seinen mchtigen alten Festungsmauern das
gegenberliegende Tal sperrt. Das rechte Ufer ist ziemlich flach, und
schlielich muten zwei bis zum Grtel nackte Menschen in das eiskalte
Wasser hinaus, um das Boot am Ufer entlang zu einer besseren
Anlagestelle zu ziehen; auch dies geschah wieder unter entsetzlichem
Geschrei. Das ganze bersetzen hatte wohl eine Stunde gedauert. Man
balancierte dann auf dem hochkant gelegten Ruder ans Land, da sie
natrlich die Laufstege am anderen Ufer vergessen hatten. Die Pferde
muten wieder ins Wasser springen, wobei einige ausrissen. Es gab beim
Ausladen hchst spaige Szenen, zumal sich beim Berichtigen des
Fhrgeldes einige Leute drcken wollten. Ich selbst brauchte auf meinen
Pa hin nichts zu bezahlen, gab den Leuten aber ein anstndiges
Trinkgeld.

[Illustration: Spieler auf ffentlicher Strae zu Neujahr]

In Tung kwan, wo wir Mittagsrast machten, schickte der Yamen, der von
meiner Anwesenheit jedenfalls gehrt hatte, unaufgefordert ein Diner;
also schien mein Mafu auch frher nicht darum gebettelt zu haben. Auf
der Strae herrschte berall noch Festtrubel. Beim Verlassen der Stadt
hatte ich den fr China ziemlich berraschenden Anblick einer Rauferei,
zu der Hasardspiel die Ursache gewesen war. Wir sind brigens in die
Provinz Schensi eingetreten; berall wird viel Reis gebaut.

Fr einen Jger wre hier eine schne Ausflugsgelegenheit, besonders
Federwild ist recht zahlreich; ich sah zum Beispiel heute Wildgnse,
rostbraune groe Enten in Menge, Bussarde, Falken, wilde Tauben,
Elstern, ganz schwarze Krhen, solche mit weiem Halsring, Mandelkrhen,
Dohlen, Strche, Fischreiher, Spechte, Paradiesvgel und eine Menge
kleine Vgel; dann noch einen groen rtlichen Vogel, der aufgebumt war
und, als ich ihm mit der Mauserpistole eins aufbrennen wollte, mit
mitnendem Geschrei langsam abstrich, ich kenne seinen Namen nicht.
Alle diese Tiere, deren Mannigfaltigkeit der Arten ich tatschlich nicht
bertreibe, sind lcherlich vertraut; es scheint sie auer mir hier kein
Mensch mit dem Schieprgel zu ngstigen. In den Bergen haust der Wolf
und der Leopard, ob in ebensolchen Mengen, habe ich nicht feststellen
knnen; mir haben es nur die Leute erzhlt, ich hoffe es im Interesse
derselben nicht. Da ich mir meine wenigen Patronen fr spter sparen
wollte, unternahm ich noch nichts; Hasen sah ich berhaupt noch nicht,
bei Tung kwan einmal einen Fuchs. Bei Pu tschau fu fand ich Trappen oder
Bastarde, die hier vorkommen sollen.

[Illustration: Mittagessen in Tung kwan]

Am 2. Februar abends in Chuarry miau angekommen, besah ich mir am
nchsten Morgen einen schnen alten Stadttempel, in dem als besondere
Sehenswrdigkeit eine ungefhr acht Meter lange, aus einem Stck
geschnittene Schwarzsteintafel mit Fu und Kopf gezeigt wird; leider ist
sie durch scheulich hliche daran geklebte Zettel vollkommen
entstellt. Sie erzhlt von den Heldentaten des Kaisers Kien-lung. Beim
Weitermarsch freute ich mich auf der Strae ber die Menge von hbsch
angeputzten, auf Eseln reitenden Frauen, bis ich erfuhr, da es nicht
Tai-tais, sondern von Kunstreisen ber Neujahr zurckkehrende Damen der
Halbwelt seien. Mittagsrast machten wir in einem kleinen Nest, in dessen
Tempel oder vielmehr davor viele Hunderte von Menschen, besonders
Weiber, um ein gesegnetes neues Jahr beteten; es war das reine
Volksfest. Spter, auf dem Rckwege, konnte man manchmal bis vier
Menschen auf einem Ochsen oder Maultier reiten sehen.

[Illustration: Eine hbsche Chinesin]

Wir trafen auf dem weiteren Wege einen Reiter auf einem bildhbschen
Schimmel; der Chinese hatte sofort erkannt, da mir das Tier gefiel, und
bot es mir fr 150 Taels zum Kaufe an. Er behauptete, sein Pferd sei das
schnellste in der ganzen Gegend; ich meinte dagegen, meine groe Stute
sei schneller, er wollte sofort um 50 Taels wetten. Ich berlegte schon,
ob ich nicht auf die Wette eingehen sollte, als mein Mafu hinter mir
sagte: "Herr, la dir erst das Geld vorzeigen." Natrlich hatte der Kerl
keinen Pfennig, machte dumme Ausreden und drckte sich baldigst.

Die Felder wurden in dieser Gegend schon grn, und wir hatten eine
angenehme, warme Frhlingsluft. Nachmittags waren wir in Chua Dscho, wo
das Unterkommen wieder einmal sehr viel Schwierigkeiten machte. Als wir
schlielich unter Dach und Fach waren, fragte der Yamen an, ob wir nicht
dort wohnen wollten. Nun war es natrlich zu spt, dafr schickte er
Essen und Beleuchtung. Am 4. Februar legten wir annhernd 50 Kilometer
zurck.

Am folgenden Tage dachte ich eigentlich direkt nach Hsi Ngan Fu zu
marschieren, aber gewhnlich kommt es anders, als man denkt, wie es ja
meistenteils im Leben zu sein pflegt, besonders in demjenigen des
Soldaten. Ich hatte meinen Mafu nach Ling tun vorausgeschickt, um das
Karrenwechseln, was ich dort beabsichtigte, zu beschleunigen. Bei
bedecktem Himmel und 2 Grad Klte zog ich morgens los. Ein alter Mann,
den ich nach dem Wege fragte, lie sich mit mir in eine Unterhaltung
ein, und als ich ihm erzhlte, ich ritte nach Hsi Ngan Fu, riet er mir,
unbedingt vorher Ling tun mit seinen heien Quellen anzusehen. Ich
folgte seinem Rat und bereue es keineswegs. Wir ritten links ab vom Wege
auf die sdlich gelegene Gebirgskette zu, deren Abhnge stellenweise
noch mit Schnee bedeckt sind. Zuerst ging es durch hgeliges Gelnde mit
ausgedehnten Obstpflanzungen, dann durch ein Vorplateau mit Ackeranbau,
hbsch unterbrochen durch Busch- und Baumparzellen, die die Grber
umgeben. Die cker waren schon leicht grn, bei einem bichen Phantasie
konnte man sich in eine Art englischen Park versetzt glauben. Gegen 10
Uhr ritten wir in die Stadt Ling tun Hsien ein, die in ihrem ueren
sich durch nichts von anderen chinesischen Stdten unterscheidet. Die
uns Deutschen so lieben, charakteristischen Baustile bei alten Husern
in den verschiedenen Provinzen unserer schnen Heimat fehlen hier
gnzlich.

[Illustration: Familie, vom Neujahrsgebet zurckkehrend]

Ich schickte meinen Mafu mit Pa und Visitenkarte zum Yamen, um das Bad
benutzen zu drfen. Sofort wurde mir ein uerst hflicher Beamter
mitgesandt, der uns durch die Stadt fhrte. Ungefhr einen halben
Kilometer auerhalb der Stadtmauer, gerade am Fue der Berge, gelangten
wir an einen groen Gebudekomplex mit teilweise roten Mauern, also
kaiserliches Eigentum. Wir ritten durchs Tor in einen Yamen, wo ich
einem andern ebenso hflichen Beamten anvertraut wurde, der meinen Mafu
nach den Stllen wies und meine fernere Fhrung bernahm. Durch zwei
weitere Hfe gelangte ich zu einer geschlossenen Halle mit vier kleinen
Nebenrumen. Man bot mir sofort Tee und einen der Nebenrume zur Wohnung
an, was ich dankend annahm. Auf meine Bitte, mir nun die Anlage ansehen
zu drfen, wurde sofort alles zur Besichtigung geffnet. In den an dem
ersten Hof gelegenen Rumen befindet sich ein mchtiges Bassin mit einer
Quelle, die einen circa 25 cm starken, ziemlich starken Strahl sprudelt.
Dieser Baderaum ist fr die mittleren Klassen der Bevlkerung mnnlichen
Geschlechts vorbehalten. In Adamskostmen planschen sie riesig vergngt
in dem heien Wasser herum und spritzen und ducken sich unter, genau so,
wie wir es als Jungen in der Schwimmanstalt getrieben haben. Durch mich
und meinen Photographenapparat lieen sie sich nicht im mindesten
stren. Auerdem sind an diesem Hof Kchen- und Dienerschaftsrume. Der
zweite Hof mit seinen Rumlichkeiten ist fr die "oberen Zehntausend"
bestimmt. Drei Nebenrume der oben erwhnten Halle sind zu Wohnzwecken
hergerichtet und dementsprechend ausgestattet, den Kang ersetzt eine
hlzerne Pritsche. Der vierte Raum ist Baderaum; eine circa 20 cm starke
Quelle strmt in ein 1 m langes und 2 m breites Bassin aus Stein, zu
dem eine breite steinerne Treppe herabfhrt.

An den zweiten Hof schliet sich ein weiterer offener Raum, in dem
wieder eine Quelle in ein in chinesischem Stil unregelmig geformtes
groes Bassin fliet. Daran nach Sden folgt ein hoher berwlbter Raum,
der wiederum ein Bassin mit Quelle umschliet; letzteres ist acht mal
zehn Meter gro. ber der Wlbung ist ein Tempel, an dessen uerer
Seite, der Quelle zugekehrt, Unmengen von Dankgebeten Geheilter, auf
rote Seide oder Papier geschrieben, angebracht sind. Auerdem befinden
sich in dem ganzen Komplex noch mehrere Quellen; sie sind alle
gleichmig warm, ich ma sie auf 42 Grad Celsius; das Wasser ist ganz
leicht schwefelhaltig, sonst kristallklar. Es badet sich sehr angenehm
darin. Nach Osten zu schliet sich ein Gebudekomplex an, der besonders
fr Angehrige des kaiserlichen Hauses vorbehalten ist, er wurde mir
bereitwilligst geffnet. Es ist ein reizendes Durcheinander von
pittoresken Pavillons auf kleinen Inseln, von Felsaufbauten, Tempelchen
und Baderumlichkeiten. Das flieende Wasser ist in Teiche geleitet, die
natrlich nicht gefroren sind und in denen Scharen von Goldfischen
munter spielen. An einem besonderen Hof befinden sich die fr die
Allerhchsten Herrschaften bestimmten Wohnrume, denen sich noch solche
fr die Leibwache anschlieen. Die Einrichtung smtlicher Rume ist
einfach, aber in recht guter Ordnung gehalten und -- recht sauber. Da
ich durch meinen Besuch beim Yamen offizielle Persnlichkeit war, wurde
ich auch weiterhin dementsprechend behandelt; wo ich hinging, hatte ich
stets mehrere, meiner Wnsche wartende Leute hinter mir. Vergessen habe
ich noch zu erwhnen, da sich nach Westen zu ein Bade-Yamen fr die
holde Weiblichkeit anschliet; der Kuli badet auerhalb im abflieenden
Wasser, sein Bad beschrnkt sich meist auf ein Abwischen des Gesichts
und auf ein Fubad. Der Gebrauch des Bades ist berall frei, abgesehen
natrlich von dem hier in China fast noch mehr als in Europa blichen
Trinkgeld. Nachdem ich meine Sachen untergebracht hatte, strzte ich
mich sofort in die heien Fluten, dankbar dem Geschick, das mich hierher
fhrte, und ich mu sagen, da ich mich nicht erinnern kann, jemals so
angenehm gebadet zu haben wie hier im Innern Chinas.

Unterdessen war bereits in meinem Wohnraum das vom Yamen gesandte
unvermeidliche Diner aufgebaut, das brigens ganz vorzglich war. Als
Nachmittagsspaziergang wanderte ich, mit photographischem Apparat und
Zei bewaffnet, zum Lau-mutjin-miau, dem auf einem die Stadt
berhhenden Berggipfel gelegenen hbschen Tempel. Meine Hoffnung auf
einen Sonnenstrahl erfllte sich leider nicht, so da mir dadurch die
berhmte Fernsicht von des Tempels Terrasse aus entging und auch mein
Apparat keine Arbeit bekam. Fr uns Europer ist nur eins an der ganzen
Anlage zu bedauern, nmlich, da sie nicht nahe der Kste liegt und
damit fr uns die Heilkraft der Quellen nicht ausgenutzt werden kann.
Der Chinese benutzt die Bder sehr eifrig; zu Ro, zu Fu und zu Karren
sah ich von allen Seiten Leute heranstrmen; dementsprechend ist denn
auch der Trubel vor der Anlage, wo sich natrlich eine Unmenge
fliegender Hndler niedergelassen hat und ihre mehr oder minder
duftenden Waren ausbietet. Wer den zweiten Hof unbefugt betritt, wird
von einem sonst sehr freundlichen alten, weibrtigen Diener mittels
drei Meter langem Bambus sofort wieder hinausbefrdert. Diese
Beschftigung, nebenbei seine einzige, scheint ihm einen Riesenspa zu
machen, denn ich sah ihn den ganzen Tag auf der Lauer sitzen.

Bei herrlichstem Wetter marschierten wir am 6. Februar gegen sieben Uhr
morgens ab; das Thermometer zeigte plus vier Grad, und man fhlte sich
in der wrmenden Sonne sehr wohl. Der Weg ist auch ferner schlecht,
recht steinig und ausgefahren. Wir berschritten auf einer 300 m langen
Steinbogenbrcke den Ba-ho. Der bergang war sehr schlpfrig, so da die
Tiere fortwhrend am Hinfallen waren; ich lie sie an den Kpfen fhren.
Leute dazu bekam man berall, da an beiden Enden der Brcke sich
Verkufer niedergelassen hatten, die den sowieso schmalen Durchgang noch
mehr erschwerten. Das Flutal ist hier mehrere Kilometer breit, und in
ihm tummeln sich unendliche Scharen von Wildgnsen, Strchen und groen,
wohlschmeckenden, rostbraunen Enten. Letztere waren schon paarweise
zusammen, eigentlich recht frh. Ich scho einmal, natrlich vorbei, da
es fr eine Mauserpistole doch etwas zu weit war. Einmal kamen wir an
einem Rasthaus des Kaisers vorbei, das er auf seinem Rckzug nach Peking
eine Nacht bewohnt hat; es war noch leidlich in Stand gehalten.
Eigentlich ist es durch das Wohnen des Kaisers darin geheiligt und darf
von keinem gewhnlichen Sterblichen mehr benutzt werden. Ganz genau
scheint man es jedoch hiermit nicht zu nehmen.

Durch einen Hohlweg gelangten wir steil aufsteigend zu einem etwa 50
Meter sich ber die Talsohle erhebenden Plateau, und vor uns lag auf
etwa 5 Kilometer Hsi Ngan Fu. Der bis jetzt stinkend faule Karrenfhrer
schien durch den so lange ersehnten Anblick ermutigt zu sein, denn mit
einem Male fuhr er im schlanken Trabe los. Vorbei an einigen
Soldatenlagern, gelangten wir zur Ling tuner Vorstadt. Unterwegs hatte
ich schon viele Leute nach dem bekannten alten Christenstein gefragt,
der hier stehen mu, es konnte mir aber keiner Auskunft geben. Spter
erst stellte sich heraus, da der Stein auf der Westfront liegt. Am
Haupttore angelangt, hielt uns die Wache auf, fragte uns nach Namen,
Nation, woher und wohin, dann ging es durch das mchtige dreiteilige Tor
auf der mit breiten Steinquadern gepflasterten, ostwestlich laufenden
Hauptstrae in die Stadt. Die Wache hatte uns einen Beamten als Fhrer
mitgegeben. Auch hier findet wieder scharfe Scheidung zwischen Chinesen
und Mandschu statt, letztere nehmen das nordstliche Viertel ein. Da
diese Scheidung eine tatschliche ist, sah man gleich an den
unverkrppelten Fen der Frauen auf der Mandschu-Stadtseite. So
gelangten wir bis zur Mitte der Stadt, ber die ein vierteiliger Bogen
erbaut ist. Wir bogen links ab in die Chinesenstadt, in ein Gewirr von
Gchen mit unendlich lebhaftem Treiben. Hsi Ngan Fu macht hier
unbedingt den Eindruck der Grostadt; weniger grostdtisch kamen mir
die Herbergen vor, vor denen wir bald hielten. Trotzdem sie meist den
stolzen Namen Ta-kuan-dienn fhrten, also groe Beamtenherberge, waren
es doch meist nur schmutzige, dumpfe Lcher mit ganz unglaublichen
Stllen. Die besten Zimmer waren stets von reisenden Mandarinen besetzt.
Weiter vorbei am Futai-Yamen, wo Tausende sich um kleine Verkaufsstnde
herumdrngten, um bunten Neujahrs-Krimskrams zu kaufen, vorbei an der
vizekniglichen Wache, die sich in ihrer hochroten, bestickten Uniform
sehr hbsch ausnahm und laut unverschmte Bemerkungen ber mich machte,
kamen wir schlielich zur Westfront und fanden endlich nach langem
Suchen eine einigermaen annehmbare Unterkunft fr Mann und Pferd in
einer kleinen Herberge. Mein Fhrer meinte zwar, sie sei keineswegs
standesgem, das strte mich jedoch weniger. Ich lie zuerst die
Wohnung etwas subern, die Fenster neu kleben, lie dann die Pferde
fttern und mir selbst einen Happen besorgen.

Ein Mann, der gerade nicht den besten Eindruck machte, drngte sich an
mich heran, er hatte gehrt, da ich nach Kaschgar ging und wollte mich
durchaus dorthin begleiten. Ich nahm ihn als Fhrer zu Dr. Smith, an den
mich eine Empfehlung aus Taiyuanfu wies. Den Mafu schickte ich mit Pa
und Visitenkarte zum Yamen, um mich anzumelden. Durch unendlich viele
Straen mit einem bunten Getriebe, wie ich es kaum jemals in Peking
gesehen habe -- es wurden meist Laternen in den unmglichsten Formen,
wie Drachen, Vgel, Fische, zu dem in fnf Tagen stattfindenden
Laternenfest verkauft --, gelangten wir zum Yamen des Dr. Smith, der
hier ein sehr gutgehendes Hospital aufgemacht hat. Natrlich war er
gerade gestern abgereist; also weiter zum Missionar Shorrock, der in der
stlichen Vorstadt wohnte, gerade dort, wo wir hereingekommen waren. Ich
wurde von dem Missionar und seiner Frau, die beide chinesische Kleidung
trugen, auf das liebenswrdigste empfangen. Natrlich sollte ich das
Neueste erzhlen, wute aber weniger als die Leute selbst; dagegen hrte
ich von unserm Freunde Tung-fu-hsiang, da er sich zur Verteidigung und
nicht zum Angriff rstete und zusammen mit Prinz Tuan sich in
Heichengtse fest verschanzt habe. Missionar Shorrock versprach mir fr
morgen einen Fhrer durch die Stadt. Ich selbst mute gleich zurck, da
mit Eintritt der Dunkelheit die Stadttore geschlossen werden und man
ohne Gnade ausgesperrt wird. Bemerken mu ich hierzu, da der Missionar
in der Vorstadt wohnte, whrend ich selbst innerhalb der Stadt
untergekommen war.

[Illustration: Missionar Shorrock, Hsi Ngan Fu]

In der Stadt wurde berall getrommelt und Gongs zur Neujahrsfeier
geschlagen. Der Mafu hatte meine Briefe nach der Kste auf dem Yamen
abgegeben; mir selbst schickte der Yamen wiederum ein Diner. Neben
meiner Stube hatte im nchsten Zimmer eine Hndin Junge, die die ganze
Nacht quarrten; erst opferte ich mein Fleisch, um sie zu beruhigen, das
half nichts; daraufhin stand ich wieder auf und befrderte sie hinaus
ins Freie. Die Mutter hatte sie bald wieder zurckgeschleppt, und sie
quarrten noch mehr, woraufhin ich mich in mein Schicksal ergab.

Am 7. Februar morgens holte mich einer der chinesischen Hilfslehrer aus
der Mission zum Fhren durch die Stadt ab. Ich fand in ihm einen
freundlichen, des Ortes bis ins kleinste kundigen Mann und erhielt auch
die Aufschlsse ber die Stadt, die ich haben wollte. Die Stadt ist
eingeteilt in fnfzehn Bezirke, hat 40 Li Mauerumfang und gegen 300 000
Einwohner, jedoch sind die Angaben darber sehr schwankend, wie stets
bei chinesischen Stdten; 20 000 davon sind Mohammedaner, 20 000 sind
Mandschu, der Rest Chinesen. Die Stadt hat sowohl in der Politik wie im
Handel stets eine bedeutende Rolle gespielt, im Handel weniger selbst
produzierend, wie als Zentralsammelstelle und Durchgangspunkt fr Waren.
Ihre Grndung reicht bis in unbekannte Zeiten zurck, sicher steht fest,
da die erste Han-Dynastie von 202 vor Christo bis 24 nach Christo
regiert hat und Schangan, das war der damalige Name, den man brigens
heutzutage auch noch recht hufig hrt, besonders als Hauptstadt vorzog.
Neben Schangan bestanden damals noch andere Hauptstdte. Spter
residierte hier die Sui-Dynastie von 589 bis 613 und die Tang-Dynastie
von 618 bis 906. Unter letzterer erreichte die Stadt ihre hchste Blte.
Wir finden unter ihr die Einfhrung des Christentums, ber dessen
Verbreitung ein im Jahre 781 errichteter, beim Ausheben eines Grabes
1625 zufllig wieder aufgefundener Stein Kunde gibt. Er berichtet ber
"die berhmte Religion von Tatsin".

Als Missionen wirken hier: die englische Baptist-Mission, die
schwedische Alliance-Mission und rmisch-katholische Missionen. Die
Ttigkeit der Missionen liegt mehr auerhalb der Stadt, auf dem Lande;
soweit ich die Sache beurteilen konnte, schien mir die protestantische
Mission keinen groen Erfolg zu haben, whrend die katholischen
Missionen schon seit Generationen arbeiten und sehr fest fundiert sind.

Die zu oder von der Stadt fhrenden Hauptstraen sind: von Peking,
Honan, Lantschau Fu, Sze-tschuan, Hankau; auf diesen Straen werden
besonders ausgefhrt: Felle, Tabak, Schuhwerk, Opium, Tee, Papier, Obst
und auch sehr viel medizinische Sachen, die aus dem Westen kommen; als
Einfuhrartikel sah ich meistenteils nur europischen Schund.

Whrend des mohammedanischen Aufstandes von 1871 bis 1875 durch welchen
alle Drfer auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern verwstet
wurden -- man sieht sie noch jetzt berall in Trmmern liegen --, waren
alle Landleute in die Stadt geflchtet. Man hielt die mohammedanischen
Einwohner in der Stadt als Geiseln fest, gab ihnen Essen und Soldaten
als Wache, drohte jedoch den auerhalb der Stadt die undenkbarsten
Scheulichkeiten verbenden mohammedanischen Horden, sofort alle
Glaubensgenossen in der Stadt hinzurichten, falls auch nur versucht
werden sollte, die Stadt zu strmen. Wer chinesische Verhltnisse kennt,
wei ganz genau, da die Chinesen sofort ihre Drohung erfllt htten,
und dadurch entging die Stadt der Belagerung und Erstrmung. In dem
Unterdrckungsfeldzug kaiserlicher Truppen hat sich der General
Tung-fu-hsiang infolge seines rcksichtslosen Vorgehens gegen die
Mohammedaner einen Namen gemacht. Er ist auch hier noch von den
kaiserlichen Truppen lcherlich gefrchtet, und man hofft, da, im Falle
eines angriffsweisen Vorgehens des jetzt aufrhrerischen Generals, die
Mohammedaner gegen ihren alten Unterdrcker aufstehen werden; denn auf
die kaiserlichen Truppen ist doch wenig Verla. Der Gouverneur von
Pingliang Fu und der kaiserliche General in Kuyuen sollen bereits Waffen
unter die Mohammedaner verteilt haben, nachdem die eigenen Truppen zum
Teil zu dem besseren Sold zahlenden Tung-fu-hsiang desertiert sind. In
ganz Hsi Ngan Fu sind nur 16 000 Soldaten und 16 schwere Kanonen und gar
keine Feldartillerie. Als vor ungefhr einem halben Monat die Gerchte
auftauchten, da Tung-fu-hsiang binnen kurzem angreifen wrde, und sich
bereits eine Panik der Bevlkerung bemchtigte, wurden zur Ermutigung
des Volkes tglich von den Wllen Salven geschossen und den ganzen Tag
exerziert, was denn auch seine Wirkung zur Beruhigung der Bevlkerung
nicht verfehlt hat. Die Missionare haben durch Spione, die sie im
feindlichen Lager unterhalten, sicher festgestellt, da Tung-fu-hsiang
augenblicklich 20-30 000 Gewehre besitzt und ber 200, teils moderne
Kanonen verfgt. Goo-ta-jen, der oberste Beamte fr auswrtige
Angelegenheiten in Hsi Ngan Fu, erklrte mir auf meine Frage, woher denn
Tung-fu-hsiang das Geld zur Unterhaltung seiner Truppen und zum Einkauf
von Waffen habe, da er im Jahre 1900, als er noch der mchtige Freund
der Kaiserin-Witwe war, bei der Plnderung von Tientsin ber eine
Million Taels bar geraubt und die Arsenale geleert habe. Nebenbei ist
bekannt, da Tung-fu-hsiang sein smtliches, nicht unbetrchtliches
Vermgen, bestehend aus Grundstcken und Kapitalanlage, in Pfandhusern
flssig gemacht hat. Welche Stellung der kaiserliche General in Kuyuen
ihm gegenber einnimmt, zeigt folgendes: Der General hatte aus Peking
Befehl, ihn zu fangen; er hatte nichts Eiligeres zu tun, als
Tung-fu-hsiang um eine Unterredung unter freiem Himmel zu bitten und ihm
das Schreiben aus Peking zu zeigen. Sowohl der General wie der erste
Beamte in Pingliang Fu hngen das Mntelchen nach dem Wind, sie knnen
es mit beiden Seiten nicht verderben; denn wenn Tung-fu-hsiang eines
Tages marschiert und die beiden fngt, schlgt er ihnen unbedingt den
Kopf herunter. Im brigen baut er Befestigungen um Heichengtse und kauft
alles Getreide im Lande auf, so da die Preise trotz der voraussichtlich
guten Ernte um 70 bis 80 % gestiegen sind.

[Illustration: Goo-ta-jen, Mandarin in Hsi Ngan Fu]

Hsi Ngan Fu besitzt Telegraphen nach Hankau und Tientsin. Die groe
Linie nach Westen hat Telegraphenanschlu nach Kuyuen.

[Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler]

Wir wanderten zuerst zu dem vorerwhnten Nestorianischen Gedenkstein,
der ungefhr 1 Kilometer vor dem westlichen Vorstadttore steht. Ich
hatte mir diesen weltbekannten Zeugen der Einfhrung des Christentums in
China in bezug auf seine Aufbewahrung ungefhr so vorgestellt, wie man
bei uns zu Hause mit derartigen ehrwrdigen, hochinteressanten Zeugen
einer vergangenen Zeit verfahren wrde, und fand ihn mit noch einigen
andern Grabsteinen abseits der Strae inmitten des Schutt- und
Trmmerhaufens eines alten taoistischen Tempels. Da man von dieser Sorte
tglich eine grere Menge und stets im gleichen Zustande sehen kann,
wrde man beim Vorbeireiten nie auf den Gedanken kommen, da hier der
Gedenkstein steht, ber den Bcher geschrieben und Vorlesungen auf
Universitten gehalten worden sind. Ohne meinen Fhrer htte ich ihn
wahrscheinlich auch nie gefunden. Bezeichnend fr die Interesselosigkeit
chinesischer Behrden ist es, da z. B. Goo-ta-jen, der Vorstand des
Yamens fr die auswrtigen Angelegenheiten Hsi Ngan Fus, auch nicht die
entfernteste Ahnung von der Existenz des Steines hatte, obwohl er sonst
in seiner Art ein hochgebildeter Chinese ist. Spter erzhlte mir
Missionar Shorrock, da auf Reklamationen katholischer Missionare hin in
Peking 1000 Taels fr eine wrdige Aufstellung des Steines und ein
Schutzdach gegen Regen und Wind bewilligt worden sind. Doch bis Peking
ist es weit. Man baute einfach aus schlechten Ziegeln im Hchstwerte von
25 Taels ein Huschen darber, das jetzt schon lange wieder verfallen
ist. Der Rest des Geldes blieb wahrscheinlich auf dem langen Wege von
Peking nach Hsi Ngan Fu in den verschiedensten Taschen hngen. Ich finde
diesen Vorgang bezeichnend.

[Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler]

Der Stein selbst ist in Form und Ausstattung wie die noch jetzt blichen
chinesischen Grabsteine. Die beiden Figuren am oberen Ende, anscheinend
Drachendarstellungen, umschlieen ein christliches Kreuz. Die Inschrift
ist in chinesischen Schriftzeichen, jedoch sind stellenweise Stze in
syrischer Schrift eingefgt, besonders auf den schmalen Seiten des
Steins. Wir sahen uns die Reste des uralten Tempels an und wanderten
dann zurck, vorbei am Exerzierplatz, wo kompanieweise, wahrscheinlich
zur Ermutigung der Soldaten und des Volkes, Salven mit Platzpatronen
geschossen wurden, oder wie man das zur Zeit der Vorderlader bei uns
bezeichnet haben mag, denn solche fhrt die hiesige Infanterie. Auerdem
wurde mit einer Unmenge Fahnen gearbeitet, aber nicht etwa
Winkerflaggen. Die meisten Kompanien, es war hier eine ganze Anzahl
ttig, gaben ihre Salven ab, als ich mitten vor der Front war. Ob sie
mich erschrecken wollten oder ob es eine Ehrung sein sollte, konnte ich
nicht feststellen; ich knipste sie dafr mit dem Kodak. Offiziere waren
nirgends dabei; wahrscheinlich war es noch zu frh, oder der heute
wehende kalte Wind hielt sie ab.

Unser Weg fhrte uns unterdessen weiter zum Arsenal in die Sdwestecke
der Stadt. Dabei ging es eine Zeitlang an der Stadtmauer entlang, und
ich hatte Gelegenheit, zu sehen, da auch Hsi Ngan Fu einst eine nicht
unbedeutende Kanalisation gehabt hat, die jetzt im Verfall ist. Das
Arsenal bot absolut keinerlei Sehenswertes; warum es eigentlich Arsenal
heit, wei ich nicht, denn es hat nichts von denjenigen Sachen in
seinen recht sprlichen Rumen, die man sonst darin vermuten wrde. Der
Vorstand im Mandarinenrange entschuldigte sich ununterbrochen bei mir,
da gar nichts Interessantes zu sehen wre; ich konnte ihm eigentlich
nur beistimmen. Auer einigen Schraubstcken und einigen nicht im
Betrieb befindlichen, gnzlich verkommenen amerikanischen Maschinen fr
Waffenreparatur konnte ich nichts entdecken. berall klebten
Neujahrszettel an den Maschinen; Neujahr entschuldigte jetzt ihren
Nichtbetrieb. In der brigen Zeit wartet man wahrscheinlich sehnschtig
auf Neujahr und betreibt sie ebenso wenig. Das Hauptgebude ist im
europischen Stil solide erbaut. Der Vorstand erzhlte, da schon lange
Maschinen erwartet wrden, aber der Weg ber die Berge sei so furchtbar
schwierig; warum man sie nicht auf dem Wasserwege schickt, leuchtete mir
nicht ein. Am Ende knnten sie dann womglich ankommen, und das wre
doch recht unangenehm, da ist es so schon besser. Nachdem ich meine
hchste Bewunderung ber den hervorragenden Zustand des Arsenals
ausgedrckt und mein Fhrer erklrt hatte, da ich als deutscher
Artillerieoffizier das gewi ganz genau beurteilen knne, wobei ich mir
kaum das Lachen verbeien konnte, empfahlen wir uns, ohne dem schlechten
Tee und dem noch schlechteren Zuckerwerk des Vorstandes entgehen zu
knnen; das ist eben beim Chinesen unvermeidlich.

[Illustration: Theater in Hsi Ngan Fu. Schauspieler.]

Unser weiter Weg fhrte uns zu den schwedischen Missionaren, obwohl ich
im allgemeinen solche Besuche nicht schtze, da ich mir immer etwas
aufdringlich vorkomme. Jedoch mein Fhrer lie nicht locker, ich mute
heran, ob ich wollte oder nicht, und richtig hat mir diese
Missionarsgruppe von der Swedish Alliance Mission gar nicht gefallen.
Gleich beim Eintritt hatte ich genug: ein kleiner Hof, Schmutz,
Unordnung und eine Menge kleiner Kinder. Ich wurde hereingentigt, die
Tische waren ohne Decken, die schleunigst erst aufgedeckt wurden; in der
einen Sofaecke schlief ein Sugling, in der anderen ein Kter.
Allmhlich versammelten sich zwei Herren und drei Damen, natrlich alle
in chinesischer Kleidung, und nachdem ich kurzen Bescheid ber woher und
wohin gegeben und eine Tasse Kaffee dankend angenommen hatte, drckte
ich mich schleunigst, um eine Erfahrung reicher und das besttigt
findend, was schon andere, z. B. Sven Hedin, vor mir gesehen haben.

Wir gingen dann zum kaiserlichen Palast; eigentlich sollten Kaiserin und
Kaiserin-Mutter im Fu-tai-Yamen, als dem grten und gerumigsten Yamen
der Stadt, wohnen. Der Fu-tai hatte alles zur Aufnahme hergerichtet,
aber der Kaiserin-Witwe war die Lage nicht zur Verteidigung geeignet
genug; sie zog den spter vom Hofe bewohnten Yamen vor, der schon viele,
viele Jahre leer stand und von dem man im Volksmunde sagte, es spuke
darin. Das scheint die Kaiserin jedoch nicht zurckgehalten zu haben,
und wie man jetzt sieht, hat ihr der Spuk auch nichts angehabt. Der
Yamen liegt in dem Teil der Stadt, in dem vorherrschend Mohammedaner
wohnen, also im nordwestlichen Viertel; er besteht ebenso aus mehreren
hintereinander liegenden Hfen mit Gebuden dazwischen, wie jeder andere
chinesische Yamen auch. Man sieht ihm an, da es noch nicht sehr lange
her ist, da er gerumt wurde, denn alle Malereien usw. sind noch wie
neu; anderseits sah ich mehrfach in den Rumen oder auerhalb
Renovierungsarbeiten vollziehen. Schwarzseher schlssen daraus auf einen
baldigen neuen Aufstand und eine abermalige Verlegung des Hofes nach Hsi
Ngan Fu. Der Kenner wei, da vom Kaiser auch nur kurze Zeit bewohnt
gewesene Rume dadurch geheiligt sind und gleichsam als Tempel auf
Staatskosten in Ordnung gehalten werden. Haarscharf nimmt man es hiermit
jedoch nicht, denn ich sah auf dem Herwege mehrfach kaiserliche
Rasthuser bewohnt und Hund und Schwein vergngt in den Hfen
herumlaufen, in denen der Sohn des Himmels ber die Wandelbarkeit des
Schicksals, also ber seine liebe Mutter nachgedacht hatte.

Der kaiserliche Yamen liegt nicht etwa auf freiem Platze, sondern ist
von Gebuden dicht umgeben. Man sieht zuerst einen langen offenen Hof
mit Sperrbumen umgeben; im Hofe zwei Steinlwen, die "Wchter", vor
einem Tor, das geschlossen ist. Ich ging durch eine Seitentr auf der
stlichen Seite hinein; mein Fhrer zeigte oder bergab einem Beamten
Herrn Shorrocks und meine chinesische Visitenkarte mit der Bitte, uns
den Palast ansehen zu drfen. Die englischen Missionare scheinen sich
hier eines guten Rufes zu erfreuen, denn sofort wurde alles geffnet.
Wir traten ein und schritten durch ein weiteres dreiteiliges Tor in
einen zweiten Hof, der an beiden Seiten Dienerschaftsgebude hat. Ein
ferneres Tor in der natrlich roten Mauer brachte uns in einen dritten
Hof, der, zuerst schmal, nach ungefhr 30 Metern rechtwinklig nach
beiden Seiten ausspringt, und vor uns lag der erste Thronsaal, einfach
ausgestattet im Innern, mit einem ganz einfachen, hlzernen, breiten,
vergoldeten Sessel und einem Wandschirm dahinter, der sehr schne
eingelegte Arbeiten zeigte. Auerdem waren in diesem Raume viele mit
Drachenstickereien berdeckte Sthle und einige Spiegel. Rechts und
links, in je zwei kleineren, aber auch hchst einfach eingerichteten
Nebenrumen konnte man einige sehr schne Porzellanvasen auf Tischchen
sehen. Die Wnde zierten von der Kaiserin-Mutter selbst auf Seide
gemalte riesige Schriftzeichen. Die brigen Kuriositten scheint man
nach Peking mitgenommen zu haben, denn in fast allen Zimmern konnte man
die einstigen Behlter aufgeschichtet stehen sehen.

[Illustration: Partie aus dem Kaiserpalast Hsi Ngan Fu]

Die Dimensionen der Rume und der Hfe sind nicht entfernt so kolossal
wie in Peking, aber wenn mir auch dort die Grenverhltnisse imponiert
hatten, so gefiel mir dieser Palast doch besser, er ist, ich mchte
sagen, gemtlicher und zeigt nicht solche "kalte Pracht" wie jener in
Peking. Doch weiter: Hinter dem ersten Thronsaal liegt ein weiterer Hof
und ein zweiter, hnlich ausgestatteter Thronsaal, fr Empfnge der
Kaiserin-Witwe bestimmt, mit kleinem Thron und in heller Farbe
gehaltenen, mit Seide ausgeschlagenen Nebenrumen, in dessen einem zur
Linken das kaiserliche Bett steht. Ein einfaches, nicht sehr langes,
drei viertel Meter hohes Holzbett mit in Holz geschnitztem Himmel
darber, im Bett selbst nicht etwa eine Springfedermatratze, sondern
eine wattierte dicke Decke als Unterlage. Auch hier einige Wandbehnge,
Vgel im Baum darstellend, unter Glas, einige blue and white-Vasen, eine
herrliche groe Sang de boeuf und einige Kuriositten, Schrnke mit
Intarsienarbeit, das ist alles. Hinter dem Schlafzimmer befindet sich
ein dunkler, leerer Raum, der als Badezimmer gedient hat.

An den zweiten Thronsaal nach Osten schliet sich ein weiterer Hof an,
in den man, durch das Seitengebude gehend, gelangt. Hier ist ein
Felsengarten, am sdlichen Ende ein langes Gebude, das kaiserliche
Privatrume enthlt. An dieses Gebude, wiederum nach Sden,
entsprechend dem dritten Hauptsaal, reiht sich ein Gebude an, das fr
die Kaiserin-Witwe bestimmt ist. Die Rume sind steif und einfach
ausgestattet, einige Sthle, Hocker, Spiegel, Tischchen, auf diesen
meist groe Uhren oder Vasen, auf dem Boden der bliche groe
Drachenteppich, weiter enthalten sie nichts. In den Nebenrumen ist auch
die Ausstattung nichts als Schund. Nach Osten folgt noch ein zu
Wohnzwecken bestimmtes kaiserliches Privatgebude, vor ihm liegt ein
hbscher, groer Felsengarten mit Wasserbassin, hoher knstlicher
Terrasse mit schner Aussicht und einem Gartenhuschen. Man hrt den
Straenlrm bis hierher schallen, und oft wird der Kaiser wohl hier
gesessen und den ihm bis dahin unbekannten uerungen des Volkslebens
gelauscht haben.

[Illustration: Kaiserpalast Hsi Ngan Fu. Zweiter Thronsaal]

Auf dem Rckweg begegnete mir Goo-ta-jen, der mir sofort sehr freundlich
die Hand gab. Er war mit groem Gefolge hier; wahrscheinlich trieb ihn
nur die Neugierde her, den Fremdling zu sehen. Wir gingen nun ber den
mchtigen freien Platz, wo vor tausend Jahren und mehr stets der
Kaiserpalast gestanden hat und der jetzt nicht mehr bebaut werden darf,
nach dem mitten in der Stadt liegenden Hospital von Dr. Smith. Das
Hospital ist ein groer, schner Yamen, dessen Zwischenrume nicht, wie
sonst, schmutzige Hfe, sondern hbsche Grten zieren. Das Hospital geht
augenblicklich ein, da Dr. Smith Familienverhltnisse halber nach
England verreist ist. Ich frhstckte mit Missionar Shorrock, der mich
hier erwartete, im Yamen, dann erhielt ich den Besuch Goo-ta-jens, der
unter den blichen Frmlichkeiten von 2 bis 6 Uhr abends dauerte. Ich
erkltete mich hierbei schauderhaft und hatte nebenbei das Gefhl, von
dem Missionar als willkommenes Mittel betrachtet zu werden, um mit einem
hohen, einflureichen Mandarin recht eingehend Rcksprache zu nehmen.
Auch den Abend verbrachte ich bei Missionar Shorrock. Den ganzen
nchsten Morgen, am 8. Februar, wurde ich wiederum durch den Besuch
Goo-ta-jens festgehalten, so da ich zu meinem groen rger
vierundzwanzig Stunden verlor. Da ich auerdem der Andacht in der
Mission beiwohnen mute, bte ich noch weitere mir wertvolle 1
Stunden ein.

[Illustration: Hsi Ngan Fu Goot-ta-jen]

Schlielich empfahl ich mich und ritt zu meinem Gasthaus zurck, wo mein
Mafu bereits in grter Angst auf meine Rckkehr wartete. Er hatte
Auftrag erhalten, den gedrckten Pony womglich zu verkaufen und sich
nach einer billigen Karre zur Gepckbefrderung nach Lantschau Fu
umzusehen. Fr den Pony, der Schlger und Beier und nebenbei auch
ziemlich bejahrt war, waren ihm nicht mehr als 10 Taels geboten worden,
was mir zu wenig war. Praktisch, wie der Chinese zu sein pflegt, hatte
sich der Mafu, der Karre wegen, an den Yamen Goo-ta-jens gewandt, und
letzterem mu ich unbedingt gefallen haben, denn er stellte mir eine
seiner eigenen Karren bis Lantschau Fu zur Verfgung, was ich nach
chinesischer Sitte nicht zurckweisen konnte. Auerdem hatte Goo-ta-jen
anfragen lassen, ob ich nicht mein groes Pferd verkaufen wollte. Der
Mafu hatte es in seinem Leichtsinn gleich hingebracht und dort gelassen,
worber ich weniger erfreut war; nebenbei war er auf der Strae
hingefallen und hatte sich das Knie verletzt, so da er nicht reiten
konnte und entsetzlich wehleidig tat. Ich glaube, das Fahren auf der
Karre, wobei er tagsber so schn schlafen konnte, hatte ihm gefallen.
Gott sei Dank hatte ich noch einen Begleiter vom Yamen mit, den ich
sofort mit einem englischen Brief zu Goo-ta-jen mit der Bitte sandte,
mir entweder 500 Taels oder das Pferd zurckzuschicken. Die 500 Taels
kamen nicht, dafr aber das Pferd.

Am nchsten Morgen wartete ich von 7 bis 8 Uhr auf den mir von
Goo-ta-jen versprochenen, ganz besonders guten Karren, der natrlich
nicht ankam; schlielich machte ich mich selbst auf den Weg zum Yamen,
traf aber auf der Hauptstrae einen mir bekannten Beamten, der
behauptete, der Karren kme sofort. Wir gingen zum Gasthause zurck,
und ich erhielt den Pa fr den Wagen mit der Anweisung, den Fhrer
ordentlich zu verhauen, wenn er sich widerspenstig zeigen sollte.
Unterdessen wurde es 9 Uhr, und statt der Karre erschien Goo-ta-jen auf
der Bildflche. Er kam sicherlich nur aus Neugierde, lie sich meine
Waffen zeigen und stellte sich, als ob er von dem gestrigen Pferdehandel
nichts mehr wte. Unterdessen kam der Karren, der erbrmlich aussah und
noch miserabler bespannt war. Goo-ta-jen hatte natrlich keine Ahnung,
da es sein Karren sei, und mute erst darber belehrt werden. Dann war
es ihm sichtlich unangenehm, da er mir vorgelogen hatte, er htte Karren
und Tier aus seinem eigenen Stall selbst ausgesucht. In Wirklichkeit
hatten seine Leute fr ganz billiges Geld irgendeinen gerade zufllig
nach Lantschau Fu fahrenden Karrenfhrer halb gepret. Ich dachte, einem
geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul, und lie aufladen.

Wir marschierten durch das Westtor ab. Die Witwe, die ich heute ritt,
hatte seit gut drei Wochen keinen Reiter mehr gehabt und ging daher sehr
unruhig. Goo-ta-jen bat mich, das Tier doch einmal vorzutraben, aber die
Stute galoppierte ununterbrochen und war nicht zum Trabe zu bringen. Die
Chinesen lachten und hatten sicher ein Gefhl der Genugtuung, nicht auf
das fremde Pferd hineingefallen zu sein. Ich rgerte mich grndlich,
wahrte aber nach chinesischer Sitte das Gesicht und lachte mit. Am Tore
verabschiedete ich mich und erhielt von Goo-ta-jen nochmals den Rat, den
die Karre treibenden Chinesen ordentlich zu prgeln, da er sonst nichts
tte. Ich sagte ihm, da ich, auer in Notwehr, niemals einen Menschen
schlge, wodurch sich Goo-ta-jen gar nicht rhren lie, sondern nunmehr
meinem Mafu denselben Rat erteilte.




[Illustration: In der Provinz Schensi

16 Marschtage = 692 Kilometer. Tgliche Durchschnittsleistung 43,25
Kilometer.]




IV. KAPITEL.

In der Provinz Schensi.


Am nchsten Morgen erwachte ich in Hsienanyi mit greulichen
Kopfschmerzen infolge des die ganze Nacht rauchenden Kangs. Die alte
Druckstelle der Witwe war wieder derartig dick angelaufen, da sie nicht
mehr geritten werden konnte. Das glcklichste wre doch gewesen, wenn
sie mir der Mandarin abgekauft htte, dann wren beide Teile befriedigt
gewesen; denn der Chinese htte sich niemals daraufgesetzt, sondern nur
vor seinen Freunden mit dem teuren europischen Pferde renommiert, und
die gute Witwe htte sicher in dem chinesischen Stall ein beschauliches
Leben gefhrt.

Es ging heute weiter auf einem recht langweiligen Wege; berall sah man
noch vom Dunganenaufstande her zerstrte Drfer. Rechts am Horizont
wurden Hgelreihen sichtbar. Mittagsrast hielten wir in
Yang-kia-tschwang, und abends waren wir in Fung Hsia. Es war zuletzt
recht langsam gegangen. Die beiden speziell von Goo-ta-jen ausgesuchten
Maultiere erwiesen sich als ein paar uralte, faule, mde Tiere, der
Karren fiel halb auseinander, dagegen zeigte sich der mir so warm
empfohlene Fhrer als ein netter, anstndiger Mensch; wenigstens ein
Trost. Als wir abends in dem Gasthaus ankamen, fielen die Tiere in der
Schere vor Mdigkeit um, sie fraen beide berhaupt nichts. Mein Mafu
brachte mir zum Nachtisch eine ganze Menge wundervoller Feigen, meine
Vorliebe fr diese Frucht kennend. In dieser Gegend gab es sonst nur
noch die gelben Kakis. Er hatte die Feigen unserm Fuhrmann gestohlen,
der damit in Lantschau Fu ein Privatgeschft machen wollte. Ich erfuhr
erst, woher sie waren, als ich sie lngst gegessen hatte.

[Illustration: Meine Karawane. Nepomuk eingespannt]

Bei mir fing jetzt die Erkltung an herauszukommen, ich hatte etwas
Fieber und fhlte mich recht unwohl. Die Nacht schlief ich kaum. Das
Zimmer war mitten in den Lehm hineingebaut, wie hier allgemein blich;
es war aber gerumig und sehr sauber. Es ging weiter durch langweiliges
Gelnde, das nur zuweilen durch sehr tief eingeschnittene L-Schluchten
unterbrochen wurde. berall war terrassenfrmiger Anbau, ich zhlte
einmal bis 28 Terrassen bereinander. Auf jeder derselben liegen die
Hhlen-Wohnungen immer eine neben der anderen. In Yung-dju-hsien machten
wir Mittagsrast, und bald versammelte sich eine groe Volksmenge um
mich. Die Mistsammler benutzten die Gelegenheit, um hinter uns den
Misthaufen des Gasthauses zu stehlen, was zu einer rechthandgreiflichen
Auseinandersetzung mit dem Wirte fhrte. Da die beiden Maultiere des
Karrens trotz der leichten Last am Umfallen waren, spannte ich meinen
Nepomuk noch dazu in die Karre. Ein Freund des Karrenfhrers hatte die
Geschirre geliehen; Nepomuk ging so, als ob er nie etwas anderes getan
htte, sicher war er frher schon einmal eingespannt gewesen.

Auch auf dem weiteren Wege waren die Drfer stets in den Lehm
hineingebaut. Abends kamen wir nach Tai ye. Mir war sehr elend zumute,
nur fehlte merkwrdigerweise der Appetit nicht. ber Nacht tat mir ein
Prienitz-Umschlag sehr gute Dienste, und am 12. Februar morgens fhlte
ich mich erheblich besser. Je hher wir kamen, um so klter wurde es.
Whrend um Hsi Ngan Fu herum eine milde, angenehme Temperatur geherrscht
hatte, in der kalte Tage sehr selten waren, fiel hier das Thermometer
morgens wieder auf minus 12 Grad, und wir hatten dazu einen unangenehmen
Nordwest. Die Chinesen schlugen die ganze Nacht ber Gongs und Trommeln
zur Neujahrsfeier und brannten Feuerwerk ab, so da ich wiederum kaum
zum Schlafen kam.

[Illustration: Teil der groen Mauer bei Fing-tschall]

Nepomuk eingespannt, ging es ber zwei hohe Psse nach Kingtschau, wo
ein Nebenzweig der groen Mauer ber die Berge geht, und von dort
marschierten wir zum Kin Ho hinab und in seinem Tale aufwrts, entlang
dem Sdhange der Berge. Das Tal ist zwei bis drei Kilometer breit und
berall mit groen Obstpflanzungen bestanden. Ganz besonders werden
Birnen und Aprikosen angebaut, die im getrockneten Zustande ausgefhrt
werden. Die an den Talhngen im Lehm eingebauten Wohnungen liegen zum
Teil in Etagen bereinander. Ich kann mir das nur so erklren, da zur
Hochwasserzeit das Wasser sehr hoch steigt, die Leute daher mglichst
hoch wohnen wollen. Eine andere Erklrung bietet der Holzmangel der
Gegend, so da dadurch die Einwohner gezwungen werden, sich in dem sehr
haltbaren Lehm Wohnungen zu graben. Manche der vorspringenden Bergnasen
waren wie durchsiebt von menschlichen Wohnungen, und zwar meist ganz
unregelmig durcheinander. In den Sandsteinfelsen sah man zuweilen
runde Strudel oder Windlcher. Die Bevlkerung treibt etwas
Rindviehzucht; jedoch war Milch im Verkauf nicht zu haben.

[Illustration: Wohnungen im L bei Kingtschau]

Nach 55 Kilometern Marsch langten wir in Tschangwu Hsien, einer ziemlich
groen Stadt, an; trotzdem war Fleisch nicht zu kaufen. Die Straen und
alle Lden waren mit Laternen erleuchtet, Gruppen von Menschen in allen
mglichen Verkleidungen zogen unter endlosem Getrommel herum, genau so,
wie bei uns zur Fastnacht. Ich mischte mich in meinem Schafspelz unter
die Menge; die Leute erkannten mich zwar, kmmerten sich aber weiter gar
nicht um mich. Meine Pferde waren heute recht mde, ebenso ging es auch
mir; ich schlief die Nacht trotz des Lrms ganz vorzglich und wachte
am 13. Februar morgens frisch und gesund auf, meine schwere Erkltung
war vollkommen berwunden. Es ging weiter durch eine ganz glatte, kaum
von einigen Hgeln unterbrochene Ebene. In einem Orte war Theater, zu
dem hauptschlich geschmckte Weiber, auf Karren, auf Eseln reitend, von
allen Himmelsrichtungen zusammenstrmten; sie trugen hier einen
Kopfputz, der wie eine Ulanen-Tschapka aussah, nur ist der Deckel nicht
quadratisch, sondern lnglich. Es war entsetzlich staubig, was sich
besonders unangenehm fhlbar machte, als wir am Abend nach Kingtschau,
im Tale des Kin Ho, durch unendlich lange, in den L tief
eingeschnittene Hohlwege hinabstiegen.

[Illustration: Meine Karawane im Kin Ho-Tal]

Kingtschau ist eine groe Stadt. Auch hier war wieder alles illuminiert,
teilweise sogar die Einwohner, die dem auf allen Straen feilgebotenen,
bis zum Kochen heien Schnaps tchtig zugesprochen hatten. Aber nirgends
sah man einen Krakeeler, alles ging friedlich vor sich wie stets beim
Chinesen. Die Stadt ist an einem Berge gelegen, und am Abend machte sich
das Lichtmeer der Illumination am Berge herauf und herunter
wunderhbsch. Smtliche Preise, sowohl was Essen als was Pferdefutter
anbetrifft, gingen, entgegen den Angaben der Missionare, stets herunter.
In dieser Gegend waren sie einfach lcherlich niedrig. ber Nacht waren
wieder einmal die Karrenmaultiere ber mein Futter geraten, und da der
Mafu auf kein Rufen hrte, mute ich selbst hinaus und die Tiere
wegjagen. Nebenbei verschlief der Mafu am 14. Februar morgens die Zeit,
meine Stiefel waren nicht geschmiert, ich hatte wieder Kopfschmerzen,
kurzum, die lieblichste Laune war fertig.

Es ging weiter im Kin Ho-Tale aufwrts; die Gegend war wenig wechselnd,
auf der Strae herrschte lebhafter Karrenverkehr; meist waren es solche,
die in viereckige Blcke zusammengeprete Tabakpacken von Lantschau Fu
nach der Kste bringen. Mittagsrast machten wir in Wangtu, wo ich alte
Bekannte traf, die ich seiner Zeit in Tschntingfu kennen gelernt hatte;
es waren Kaufleute aus Urumtschi, die von Peking kamen und nach ihrer
Heimat zurckgingen. Sie boten mir gleich an, mich ihnen anzuschlieen,
aber sie marschierten mir zu langsam. Von Vorteil fr mich wren
allerdings ihre mongolischen Sprachkenntnisse gewesen; einer unter ihnen
sprach auch Trkisch und ein anderer radebrechte Russisch. Wir waren
heute schon frh im Quartier in Peitseyu, ich setzte daher zum Schmerze
meines Mafu groes Sattelreinigen an. Der Karrenfhrer wollte mich
anborgen, ich verstand aber mit einem Male kein chinesisch mehr und wies
ihn an den Mafu, dem es ebenso zu gehen schien wie mir. In dieser Gegend
begann auch schon die Frhjahrsbestellung, man merkte es an den
berschwemmten Wegen; das Wasser trat von den schlecht gehaltenen
Bewsserungsgrben der Felder aus.

Im Orte war abends unter groem Zulauf ein Schattenbildtheater auf einer
einfachen, erhhten Bhne; hinter einem weien Gazerahmen lie ein
alter, ganz heiserer Schauspieler die sehr gut gemalten bunten Figuren
ihre Mtzchen machen. Jungen waren unter die Bhne gekrochen und kniffen
den alten Kerl in die Beine, was natrlich, als der alte Mann es
schlielich merkte, sehr komisch wirkte. Die Figuren auf der Bhne
rauchten und aen, was sich sehr spaig machte.

Am 15. Februar morgens hatte ich wieder Kopfschmerzen, und die Nacht
ber hatte ich sehr schlecht geschlafen. Ich schrieb dies dem mit
Pferdemist geheizten Kang zu; in den Zimmern war ein durchdringender,
scharfer Geruch, der auch, wenn man die Feuerung hinaustragen lie,
blieb und europischen Nasen wenig zusagte. Unser Weg war heute von zwei
Reihen hoher, dicht beieinander stehender Bume eingefat. Um 1 Uhr
mittags waren wir in Pingliang Fu. Vor der Stadt stand auf einem
einsamen Hgel eine Art Kastell mit Tempel und hoher Pagode darin; das
Kastell beherrscht die Stadt und den Anmarschweg von Lantschau Fu.

Da ich mich nunmehr dem Hauptquartier Tung-fu-hsiangs bis auf wenige
Mrsche genhert hatte, war es fr mich von ganz besonderem Interesse,
etwas Neues ber ihn zu erfahren. Ich begab mich daher sofort zu dem
hier anwesenden Missionar, einem Herrn Johnson; in der Stadt, die ich
auf dem Wege zur Mission passierte, bekam ich von Tung-fu-hsiangs
Schwarzrcken nichts zu sehen; dagegen hatte ich Gelegenheit, einer
Pferdeoperation auf offener Strae beizuwohnen. Der Missionar wohnte
auerhalb des Tores, ich innerhalb desselben, so da ich nicht bei ihm
bleiben konnte, da nach Toresschlu gegen 6 Uhr nicht mehr geffnet wird
und ich anderseits den Mafu mit Geld und Waffen nicht allein lassen
wollte. Jedenfalls fand ich hier genau das, was ich mir dachte, nmlich
eine chinesische Stadt genau wie alle andern, mit dem lebhaften Kommen
und Gehen, wie es stets auf der groen Verkehrsstrae zu sein pflegt,
und keinen Menschen, der sich auch nur eine Minute fr Tung-fu-hsiang
interessiert htte. Man sagte mir, alle Gerchte ber ihn und seine
Truppenteile seien weit bertrieben; er sitze ruhig in Heichengtse, drei
Tagemrsche nrdlich von dieser Stadt, verschanzt, und tue keinem
Menschen etwas zuleide. Im Gegenteil, er solle in letzter Zeit die
Absicht geuert haben, sich noch weiter nach dem Innern zurckziehen zu
wollen, da er sich hier immer noch den Grenzen der Zivilisation zu nahe
fhle. Er habe nur 13 schwache Kompanien (eine chinesische Kompanie hat
504 Mann), im ganzen 5000 Mann, dazu alte Kanonen und gengend Reit- und
Bespannungsmaterial. Ferner habe er sehr viel Proviant aufgekauft; da in
den letzten Jahren gute Ernten gewesen seien, habe dieses nicht weiter
auf die Preise gedrckt, wie ich selbst feststellen konnte. Man war in
den hiesigen Kreisen fest berzeugt, da er nichts unternehmen wrde;
der Missionar lie gerade jetzt seine Frau aus Hsi Ngan Fu
hierherkommen, was doch sicher als ein Zeichen des Friedens anzusehen
war. Missionare sind stets gut orientiert und unterhalten nebenbei
Spione bei Tung-fu-hsiang.

[Illustration: Pingliang Fu]

Am 16. Februar morgens gab ich einige Briefe und Karten an den Missionar
Johnson mit der Bitte um Weiterbefrderung ab. Die Missionare schicken
ungefhr alle vierzehn Tage einen verllichen Mann, der bis zur
nchsten Station reitet, von wo aus die Briefe dann auf ebendieselbe
Weise nach Hankau weiterbefrdert werden. Kurz bevor ich wegging, lie
sich der Mandarin noch einmal angelegentlichst nach meinen ferneren
Absichten erkundigen und anfragen, ob ich etwa den Wunsch htte, zu
Tung-fu-hsiang zu gehen. Ich sagte ja, um zu sehen, was die Leute wohl
tun wrden. Der Bote ging zurck, bat mich jedoch, bevor ich
abmarschierte, den Bescheid seines Herrn abzuwarten. Bald kam er wieder
in Begleitung von 16 Kavalleristen und 20 Infanteristen; zugleich sagte
er mir im Auftrage seines Herrn, da diese Leute dazu bestimmt wren,
mich von meinem Vorhaben ntigenfalls abzubringen, woraufhin ich ihm
erwiderte, da ich sofort das Feuer erffnen wrde, sobald auch nur
einer es wage, mich zurckzuhalten. Der Mandarin hatte jedenfalls sehr
viel mehr Angst um seinen Posten und seine reichen Einnahmen, falls mir
etwas zustoen sollte, als um meine eigene Person, die ihm gnzlich
gleichgltig war. Ich vertrug mich spter sehr gut mit den Soldaten,
scho ihnen etwas mit meiner Mauserpistole vor und bin berzeugt, da
auch nicht einer im entferntesten gewagt htte, mich zurckzuhalten,
falls ich doch Tung-fu-hsiang aufgesucht htte. Die Mauserpistole, die
immer scho und gar nicht geladen zu werden brauchte, flte ihnen einen
Heidenrespekt ein. Da nur zehn Patronen darin seien, erzhlte ich
ihnen natrlich nicht, nebenbei hatte ich vorsichtshalber auf nur 20
Schritt Entfernung geschossen, so da die sechs abgegebenen Schsse alle
dicht beieinander saen. Meine Begleitung verkrmelte sich nach und nach
bis auf zwei Kavalleristen und einen Begleiter vom Yamen.

[Illustration: Pferdeoperation in Pingliang Fu]

Bei bezogenem Himmel ging es talaufwrts, mehrfach den gefrorenen Flu
kreuzend, was sehr unangenehm war, da die Tiere einbrachen und sich die
Fesseln durchschnitten. Das Tal war mit mannshohem Gestrpp bewachsen
und hatte viel Steingerll. Wir sahen zum ersten Male die schnen
Knigsfasanen, die bekanntlich hier heimisch sind. Ich hatte das Glck,
einen mit der Kugel zu schieen, was eine sehr willkommene Abwechslung
in unsern etwas einfrmigen Kchenzettel brachte. Nach 70 Li machten wir
Rast. Der Karrentreiber veruneinigte sich mit seinem Stangenmaultier,
was eine recht unerquickliche Szene gab, da er es rcksichtslos
mihandelte, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil das
unglckliche Tier nicht fressen wollte. brigens trat heute doch eine
merkbare Preissteigerung in allem ein. Weiterhin verengerte sich das Tal
fortwhrend, und es kamen sehr hbsche Felspartien zu beiden Seiten vor.

[Illustration: Bergtempel in Kansu]

Ich war gerade dabei, eine solche mit meinem Kodak aufzunehmen, als mich
in voller Fahrt ein groer schwarzer Hund anfiel, der anscheinend toll
war. Die Lage war kritisch, denn ich mute meinen Apparat retten, den
ich auf keinen Fall geopfert htte. Der Kter sprang mich an und
schnappte ber meine linke Hand hinweg nach meinem Rock; ich fiel auf
die steinerne Brstung des Weges, den Apparat in der rechten Hand
hochhaltend. In demselben Moment stach einer der mich neugierig
umgebenden Soldaten nach dem Vieh, worauf es das Weite suchte. Die ganze
Episode spielte sich in vielleicht zwei Sekunden ab. Die Chinesen
beglckwnschten mich, da mich der Hund nicht gebissen hatte; ich htte
ihm gern hinterher noch eins aufgebrannt, aber er war lngst
verschwunden.

[Illustration: Flubergang vor Huacing, halb vereist]

Der Weg wurde fr die Tiere immer anstrengender, die Karren blieben bei
den bergngen alle Augenblicke stecken, wobei dann die Fhrer
gegenseitig mit Vorspann aushalfen. Gegen 5 Uhr berschritten wir einen
hohen, sehr beschwerlichen Pa und hatten dann im Tale Huacing eine
Sperrfestung vor uns. Hier scheiden sich die Wege nach Lantschan Fu und
Kuyuen. Der Karrenfhrer wollte die Stadt links umgehen, um gleich den
Lantschau Fuer Weg zu gewinnen. Er war erst nach recht energischem
Zureden meinerseits zu bewegen, in die Stadt zu fahren; natrlich hatte
er nur Angst, da ich zu Tung-fu-hsiang gehen wrde, und wollte
mglichst schon heute in einem Orte auf dem Lantschau Fuer Wege
bernachten. Der Yamen erkundigte sich sofort nach meinen ferneren
Absichten, und zwar lie mich der junge Beamte nicht zufrieden, sondern
wollte immer mehr wissen, so da ich schlielich die Geduld verlor,
berhaupt keine Antwort mehr gab und fr fernere Soldatenbegleitung
dankte.

Ich nahm am Abend mit einem alten Lama, der gerade von Tung-fu-hsiang
herzukommen behauptete, Rcksprache. Wir gingen durch die Stadt
spazieren, wobei er mir die Parteignger des Rebellen-Generals zeigte.
Sie tragen stets ganz schwarze Kleidung, im brigen handelte es sich
hier nur um solche, die Getreide oder Pferde ankaufen wollten;
eigentliche Soldaten Tung-fu-hsiangs habe ich kaum zu Gesicht bekommen.
Ich fragte den alten, freundlichen Mann, ob es fr mich irgendwie
lebensgefhrlich sei, nach Heichengtse zu gehen. Er meinte, da
keinerlei Gefahr damit verbunden wre, riet mir aber insofern ab, als
dort nichts, rein gar nichts von Interesse zu sehen sei. Man wrde mich
ruhig in die Befestigungen, die genau so ausshen wie alle anderen,
hineinlassen, und mir nichts tun; auf keinen Fall aber wrde ich den
alten Tung-fu-hsiang zu sehen bekommen. Er halte sich streng
abgeschlossen, und selbst von seinen eigenen Leuten htten ihn die
allerwenigsten jemals erblickt. Auf diese Nachrichten hin stand ich von
meiner ursprnglichen Absicht, nach Heichengtse zu gehen, ab und nahm
damit meinem Mafu und meinem Karrentreiber einen schweren Stein vom
Herzen. Ich glaube, sie fhlten ihren Kopf in der letzten Zeit nicht
mehr sicher auf den Schultern, und meinem Mafu war der sonst sogar recht
betrchtliche Appetit vergangen.

[Illustration: Am Rasthaus im Liu pan schan]

Die Nacht war wieder einmal sehr kalt, die armen Pferde hrte ich neben
meiner Stube fortwhrend hin- und hertreten, die Klte lie sie nicht
schlafen. Ich wollte ihnen noch eine Decke berlegen und warf beim
Aufstehen meine silberne Zigarettentasche, die ich als Behlter fr
Kompa und Kneifer benutzte, herunter. Der Kneifer blieb ganz, der
Kompa zerbrach leider, ein recht herber Verlust. Beim Abreiten meldeten
sich noch zwei Infanteristen; wir marschierten zuerst bis an den
Hauptpa im Liu pan schan, zu dem es sehr steil bergauf ging, so da die
armen Zugtiere schwer zu ziehen hatten; ohne Nepomuk htten die beiden
Muli allein die gar nicht so groe Last wohl nicht heraufgebracht. Wie
gefhllos die Chinesen den Tieren gegenber sind, konnte man heute
wieder beobachten, denn gerade an der schwierigsten Stelle setzten sich
die Infanteristen, der Treiber und der Mafu in die Karre, aus der ich
sie sofort wieder herausbesorgte. Auf halber Hhe liegt ein hbsches
Rasthaus mit Tempel, der, wie alle solche hier, Lauyemiau heit. Da er
eine kleine Soldatenbesatzung hat, ist seinem Namen hinten noch ein Ping
angehngt (Ping heit nmlich Soldat). Der Wirt hatte drei hbsche
Tchter, die schleunigst photographiert wurden, sie waren ausnahmsweise
ganz vernnftig dabei. Ich benutzte bei den Serpentinen immer die
Richtwege, um auf Fasanen zu pirschen, sah auch mehrfach welche, kam
jedoch nicht zum Schu. Die Soldaten nahmen recht eifrig an der Jagd
teil. Nach Aussage der Leute sind Wildschwein, Wolf und Leopard hier gar
nicht so selten, leider verbot mir meine kurz bemessene Reisezeit,
grere Jagdausflge zu machen. Den Pa krnt wie gewhnlich ein Tempel.
Beim Abstieg hatten wir eine riesenhafte Windhose vor uns, die von den
Wolken trichterfrmig erwidert wurde. Im Tale liegt Lung-hsi-hsien mit
befestigtem Bergfort auf der Ostfront vorgelagert. Die Pferde bekamen
hier zum ersten Male wieder Hafer, den sie sehr gern nahmen.

Meinem Karrenfhrer war nun das Geld endgltig ausgegangen, er klagte
mir sein Leid, und es stellte sich heraus, da er von der anfangs
vereinbarten Summe von 19 Taels nur 15 erhalten hatte, den Rest hatten
die Leute Goo-ta-jens eingesteckt, und ich staunte nur, da er berhaupt
noch so viel erhalten hatte. Von dem empfangenen Gelde hatte er noch die
Hlfte an die Taitai abzugeben. Wenn seine Tiere besser gewesen wren,
htte ich ihn nach Kaschgar engagiert, da er durchaus mit mir gehen
wollte; die Maultiere waren aber zu alt, die Karre zu schwer, auerdem
wute kein Mensch zu sagen, wie fernerhin die Wege eigentlich seien und
ob berhaupt Karren so weit fahren knnten. Nun borgte er den
Geschftsfhrer des Gasthauses an. Das soll allgemein so Sitte sein bei
den Karrenfhrern, die durch dieses Verfahren niemals auf einen grnen
Zweig kommen, da sie stets in irgendeinem Gasthause hngen. brigens
hatte ich meinen Fhrer in falschem Verdacht mit dem Feigensack gehabt,
er hatte die Frchte nur als Geschenk fr Freunde mitgenommen und
verteilte sie nun, wie ich mehrmals sehen konnte.

Mittags verlangte ich Schweinefleisch, worauf alles lachte und mich
abwies. Ich ahnte nicht den Grund; erst spter fiel mir ein, da hier
meist schon Mohammedaner wohnen. Am Nachmittag trafen wir beim
Weitermarsch eine ganze Kamelkarawane, mit Hirschgeweihen beladen. Sie
kamen aus Si-ning-fu, das Hirschhorn geht zur Kste und wird zu
Arzneizwecken verwandt. Am Abend in Tschnning pu sollte ich eine Frau
rztlich behandeln, die den Anzeichen nach an Herzkrmpfen litt. Ich
verordnete kalte Abreibungen morgens und abends und beim Eintritt der
Krmpfe kalte Umschlge; jedenfalls war ich sicher, damit keinen Schaden
anzurichten, denn ehe der Chinese zum kalten Wasser greift, geht die
Welt unter.

[Illustration: Einziehende Kavallerie]

Am 18. Februar morgens ging es durch die Ebene weiter. In Tsching Hsing
tschau, wo wir rasteten, hatte sich eine entsetzlich neugierige Menge um
mich gesammelt, die sich weder durch Wassergu, noch durch sonstige
Schreckmittel abhalten lie, bis laute Signale einrckende Kavallerie
meldeten, die einen malerischen Anblick gewhrte. Vier Trompeter
bildeten Spalier und bliesen Fanfaren, voraus ritten drei Falkentrger,
dann kamen die Fahnen und schlielich die Mannschaften in bunten, meist
roten Uniformen. Ich photographierte die Gesellschaft, wobei sie mich
rcksichtslos anritten. Unterdessen hatte sich Staubsturm erhoben, der
beim Weitermarsch recht unangenehm war. Wir kletterten ber drei Psse
mit beraus starken Steigungen, so da die entgegenkommenden Tabakkarren
aus Lantschau Fu sich gegenseitig Vorspann bis zu 16 Tieren gaben, um
die einzelnen Wagen die Berge herauf zubringen. Die Luft war derart mit
Staub erfllt, da wir bei Biegungen oder an den Hunderte von Metern
hohen, steilen Abfllen die vorn gehenden Tiere am Kopf fhren muten,
da man den Weg gar nicht mehr sehen konnte und ich frchtete, bei der
gelnderlosen Strae abzustrzen. Entgegenkommende Karawanen meldeten
sich stets durch Glockenklang ihrer Tiere an. Um sie an den
Ausweichestellen festzuhalten, damit wir glatt vorwrts kommen konnten,
hatte ich die mich begleitenden Soldaten vorausgeschickt; es klappte
auch ganz gut. Gegen Abend legte sich der Staubsturm, der diesmal nur
vier bis fnf Stunden gedauert hatte.

Als wir noch etwa zwei Kilometer vor unserm beabsichtigten Nachtquartier
waren -- ich ritt hinten --, rief der Karrenfhrer pltzlich: Sa lauye,
Lhang! (Wlfe.) Rechts am Abhnge einer Lehmschlucht, auf etwa 600
Meter, trottete langsam ein groes graues Tier; ich hielt es fr einen
Hund, lie aber doch meinen Zei auspacken, um einmal hinzusehen.
Unterdessen traten aus der Schlucht drei und dann noch ein ebensolches
Tier heraus. Jetzt sah ich, da es unzweifelhaft Wlfe waren. Sofort
lie ich mir Karabiner und Patronengrtel geben und trabte querfeldein
auf eine andere Lehmschlucht zu, um mich durch diese heranzupirschen.
Der gute Dicke machte seine Sache sehr gut. Als ich absa und mich nher
schlich, ging er sehr vernnftig im Schritt zurck. Das Rudel, das sich
zusammengeschlossen hatte, sicherte nach mir hin, hielt nicht mehr und
zog von dannen. Es waren mindestens noch 300 Meter, und diese Entfernung
war mir zum Schieen zu weit, auerdem verschwanden sie zu schnell.

Abends in Gau-dia-pu kamen wir gerade zum Schweineschlachten zurecht.
Zuerst bekam ich die Nieren gebraten, und dann lie ich mir ein recht
schnes Kotelett herausschneiden, das der Mafu leider gnzlich verdarb.
Die Leute knnen nur auf eine einzige Art kochen, und ob das Schwein,
Hammel oder sonst Beliebiges ist, bleibt ihnen vollkommen gleich; es
wird nach Schema F hergerichtet. Bei gnzlicher Windstille und leichtem
Schneefall ging es am 19. Februar weiter, am Tsauli Ho in Windungen an
den Bergwnden entlang. Der Schnee blieb liegen, und die Wolken hingen
tief in die Tler. In einem Dorfe gab es prachtvolles Schweinefett, von
dem ich gleich eine ganze Bchse kaufte. Dies erwies sich schon am
selben Abend als sehr angenehm, denn in unserm Nachtquartier Tsai dia
tse war die Unterkunft schlecht, alles sehr teuer, und man bekam nichts
zu essen. Zweimal ber Nacht erhielt ich Besuch von groen Ktern, die
sich durch die Tr zwngten und mir mein Stiefelfett stahlen. Als ich
morgens nach der Dose suchte, fand ich noch einen Hund, dieselbe
ausleckend; ich wollte sie ihm wegnehmen, woraufhin er mich in meine
Ledergamasche bi; ein Schu machte bald darauf seinem Leben ein Ende.

Wir hatten in den letzten Tagen recht erhebliche Mrsche gemacht, ich
ritt abwechselnd die Stute und den dicken Pony, und beide befanden sich
ausgezeichnet. Das Tier, welches nicht geritten wurde, ging hinten an
der Karre angebunden oder wurde von einem der begleitenden Kavalleristen
an der Hand gefhrt. Am wohlsten von allen dreien fhlte sich
jedenfalls Nepomuk, der als Zugtier in der Karre ganz in seinem Element
war und alle beln Gewohnheiten der Maultiere angenommen hatte.

Am 20. Februar brachen wir bei 14 Grad Klte auf und marschierten, um
abzukrzen, nicht ber die Berge, sondern in einem Flubett entlang. Ich
wre gerne abgesessen und htte etwas gefhrt, um mich zu erwrmen; das
war aber nicht mglich, da wir fast ununterbrochen durch Wasser ritten.
Es war der Chu-ning-ho. Kaum waren wir aus den Flutale heraus, so
befanden wir uns wieder im dicksten Staube, der die Tiere
auerordentlich ermdet; trotzdem wollte der Karrenfhrer morgen siebzig
Kilometer marschieren, um in drei Tagen in Lantschau Fu zu sein. Wer
natrlich am 21. Februar morgens nicht aufstand -- es waren hier 15 Grad
Klte --, waren meine beiden Genossen. Um 6 Uhr mute ich sie vom Kang
herunterbesorgen; zu ihrem Glck hatten sie wenigstens die Pferde
rechtzeitig gefttert.

Bei unangenehmem Sdost, der sich allmhlich zum Staubsturm steigerte,
ging es weiter. Es gab einige nicht unerhebliche Steigungen zu nehmen;
ich benutzte immer die Richtwege und verritt mich einmal so, da ich
froh war, nach einer Stunde meinen Karren wieder zu haben. Die Tiere
waren bei der Ankunft in Nanting Hsien sehr mde, besonders die groe
Stute, die heute gefhrt wurde, hatte sich schon den ganzen letzten Teil
zerren lassen. Fr die Menschen gab es endlich einmal etwas Ordentliches
zu essen, nachdem wir die letzten zwei Tage nur von Reis und Brot gelebt
hatten. Der Staub ist hier besonders fein und dringt durch alles
hindurch; ich befrchtete das Verderben meiner photographischen
Aufnahmen, wegen der stets verstaubten Linse des Apparates. In der Ebene
mute der Staubsturm noch toller gewesen sein, denn die uns
entgegenkommenden Leute waren vor Schmutz berhaupt nicht zu erkennen.
Die Stute bekam hier zum ersten Male chinesischen Beschlag; sie hatte so
schne, gesunde Hufe, da auch ein chinesischer Schmied kaum etwas daran
verderben konnte. Als Bezahlung bekam er die alten deutschen Eisen, die
seine hchste Bewunderung erregten; er machte dabei immer noch ein sehr
gutes Geschft, wenn man die hiesigen Schundeisen bedenkt.

Am 22. Februar waren wir wieder in Lbergen mit ihrem terrassenfrmigen
Anbau. Das Gebirge hie Ta-lang-tsue-schan, der groe Wolfsrachenberg,
auf deren Spitzen mehrfach kleine Kastelle lagen. Die Leute leben hier
nur von der bekannten Wassersuppe mit Nudeln, dem Mien-tang; dazu
Graubrot und kleine runde Brtchen, sehr selten gibt es Reis; Fleisch
ist ein fast unbekannter Luxusartikel. ber Nacht zum 23. Februar hatte
ich wieder einmal Hundebesuch, dem ich mittels eines schweren Knppels
ein pltzliches Ende machte. Der Staub lag heute in den Hohlwegen bis
ein viertel Meter tief, ber Mittag wurde es angennehm warm, plus 27
Grad, ein Temperaturunterschied von 40 Grad in 24 Stunden. -- Wir
durchschritten Tsing-hsui-dschiau, eine einstmalige Stadt, von der nur
noch der mittlere Ehrenbogen und die Stadtmauern stehen. Die Chinesen im
Vorort, bei denen wir Birnen kauften, behaupteten, es wolle sie keiner
mehr aufbauen, da es drinnen spuke. Nebenbei zeigten sie mir das groe
Loch in der Stadtmauer, wo seinerzeit die Mohammedaner Bresche gesprengt
hatten.

[Illustration: Befestigtes Dorf in Kansu]

Auf der Strae wurden sehr wohlschmeckende Reiskuchen, mit Pflaumen
darin, und Honig-Aufgu ausgeboten; fr uns waren sie einfach eine
Delikatesse. Ich beobachtete hierbei die Reinigungsmethode der Teller.
Der Verkufer leckte sie zuerst nach Rckgabe hchst eigenmulig rein,
denn entnahm er einem Behlter einen breiten Pinsel und strich mit einer
unbestimmbaren Flssigkeit ber den Teller; abgetrocknet wurde er dann
am hinteren Teil der Hose. Sehr ermutigend sah das zwar nicht aus, hielt
mich aber nicht ab, doch zu essen; man gewhnt sich eben an vieles, und
Hunger tut weh.

Die Gegend hier hat gemischte Bevlkerung, Chinesen und Mohammedaner,
manchmal sogar innerhalb der Drfer selbst, die Weiber der letzteren gehen
verschleiert, sonst habe ich keinen Unterschied herausgefunden. Auf den
Bergen lag auch heute wieder ein zerstrtes Dorf neben dem andern. Was
hier an Wohlstand durch den Aufstand vernichtet worden ist, lt sich
kaum beurteilen. brigens mu auch der gesamte Verkehr vor den Kmpfen
grer gewesen sein, denn viele der groen Absteigehfe -- sofort an der
Anlage erkennbar -- sind nicht wieder aufgebaut worden. Nach der
Mittagsrast berschritten wir den Hsiau-sche-ho und folgten seinem
rechten Ufer; es wurde immer wrmer und wir hatten gegen drei Uhr 30
Grad Celsius. Mir war schon beim Reiten mein Pelzrock zu warm geworden,
und als ich beim Anpirschen wilder Enten wie ein Radfahrer schwitzte,
zog ich den Rock aus und trennte kurz entschlossen den ganzen Pelz
heraus zur unendlichen Freude meiner beiden Chinesen und des brigen
Publikums. Auf dem rechten, zehn Meter hohen, steil zum ungefhr einen
Kilometer breiten Flubette abfallenden Ufer liegt ein Dorf neben dem
andern. Die meisten haben ein Kastell; ob dieses fr Soldatenbesatzung
bestimmt ist oder nur als Zufluchtsort bei berfllen fr die Einwohner
dienen soll, konnte ich nicht erfahren, jedenfalls waren recht viele
vorhanden, ein Zeichen, wie unsicher hier die Gegend noch immer sein
mu. Die Leute rekeln sich faul in der Sonne; berall sieht man sie vor
ihren Husern kauern und nichts anderes tun, als sich gegenseitig die
Luse absuchen, Karten und ein Brettspiel mit Steinen wie unser
Damespiel spielend, schlafend oder spinnend. Hierbei haben sie in einer
Hand ein birnenfrmiges Krbchen, in dem die Baumwolle sich befindet,
unten ziehen sie den Faden heraus, der um ein Stckchen Holz gewickelt
wird, das einen Meter tiefer hngt; dieses Stck drehen sie durch
Anstoen mit den Fen. Meist sieht man alte Menschen mnnlichen
Geschlechts bei dieser ntzlichen Ttigkeit. Wo der Flu nicht alles mit
Kieselsteinen versandet hat, wird etwas Ackerbau betrieben, dessen
Bewsserung durch die von den Bergen herabkommenden, geschickt
aufgefangenen Schneewsser bewirkt wird. Die Leitungen hierzu gehen ber
die Hohlwege in Holzrinnen, die fast alle undicht sind. Marschiert man
daher nicht im Staube, so watet man im knietiefen Schlamm.

Gegen vier Uhr abends, nachdem ich mich mehrmals, jedoch vergeblich, an
die sehr schnen Enten herangemacht hatte, verengerte sich das Tal,
rechts und links traten felsige steile Berge heran, ber die nur
Maultierpfade fhrten. Wir marschierten im Flubette entlang, den Flu
auf den Kilometer gegen vierzigmal kreuzend. Er hatte infolge der
Schneeschmelze viel ganz trbes Wasser, was bis ber die Achsen der
Karre ging. Mein Pony, der von dem langen Marsche sehr mde war,
stolperte im Flusse mehrfach ber die darin liegenden groen Steine, die
er nicht sehen konnte; mitten in den gelben Fluten war das kein sehr
angenehmes Gefhl.

Gegen 5 Uhr erreichten wir Hsiau-Suitse, und richtig war alles in
dem Neste besetzt, es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn etwas
aberglubisch ist am Ende jeder, und ich hatte heute Morgen meine
Salzbchse umgeworfen. Der chinesische General von Lantschau Fu befand
sich auf dem Wege nach Hsi Ngan Fu, wohin er versetzt war. Gerade heute
war er abmarschiert, und sein Riesentro hielt jedes Zimmer und jeden
Stall besetzt. Mit Not und Mhe und viel Geschimpfe auf den gnzlich
ratlosen Mafu, der sich von den Kavalleristen verhhnen lie, bekam ich
ein Zimmer, an dem Fensterrahmen und Tr fehlten, dann eine Krippe fr
die Pferde und zu geradezu horrenden Preisen etwas Stroh, den Hafer
brachte ich selber mit. Das Fenster wurde mit der "wasserdichten"
Lagerdecke verhngt, bei welcher Gelegenheit ich die Lcher in derselben
zu meinem Kummer zhlen konnte; sie hatte sich auf dem Packsattel
durchgescheuert. Schlielich erkmpfte ich mir auch noch ein Stck Herd
zum Kochen; diesen in seiner vollen Ausdehnung hatte ein unverschmter
Koch irgend eines ganz geringen Herrn aus der Begleitung des Generals
besetzt. Da gutes Zureden nicht wirkte, zeigte ich ihm meine Hand mit
einer nicht mizuverstehenden Geberde; das Mittel half vorzglich. Er
wollte mir nun sogar Essen schenken, aber stolz wie ein Spanier wrgte
ich, ihm dankend, meinen Reis hinunter. Fr den Chinesen war es nur
Formsache, "Wahren des Gesichts", er htte sich wahrscheinlich sehr
gewundert, wenn ich etwas genommen htte.

[Illustration: Im Gebirge vor Lantschau]

Neben uns in einem hnlichen Zimmer wohnten zwei Yamenbeamte, die soeben
aus Tsin-tsiang kamen. Mein Mafu kam angsterfllt an, dort gebe es
nichts zu essen und alles wre malos teuer. Ich ging hinber und
stellte fest, da die beiden bel aussehenden Brder ungefhr den Weg
gekommen waren, den wir nehmen wollten, setzte aber meinem Mafu, um ihn
zu beruhigen, an der Hand der Karte auseinander, da wir eine ganz
andere Strae marschieren wrden, als diese beiden; denn wenn es nichts
zu essen gibt, macht er nicht mehr mit, und ich glaube, da er schon auf
dem besten Wege war, nach Tientsin zurckzukehren. Der Mafu und der
Karrentreiber waren am nchsten Morgen ordentlich durchgefroren und
klagten ber alle mglichen Schmerzen, weil sie eine Nacht einmal nicht
auf ihrem glhenden Kang geschlafen hatten, sondern mit einem
ungeheizten Zimmer ohne Tr und Fenster hatten vorlieb nehmen mssen.
Ich ahnte schon, was folgen wrde, und richtig pumpte mich der
Karrenfhrer schon wieder an. Die Gesamtsumme des geborgten Geldes hatte
jetzt gerade die Hhe seines Trinkgeldes erreicht, so da von nun an der
Geldladen geschlossen wurde.

[Illustration: Tor von Lantschau]

Im Weitermarsch durch felsige Berge bekamen wir auf eine kurze Strecke
den Hoang Ho in Sicht, den ich mir hier eigentlich mchtiger vorgestellt
hatte. Dann ging es wieder durch Lehmberge und zuletzt in sehr steilem
Abstieg zur Ebene hinunter. Auf zehn Kilometer hatten wir Lantschau Fu
vor uns; man merkte bereits die Annherung an die groe Stadt; ber ihr
lag eine Dunstwolke, lebhafterer Verkehr herrschte auf der Strae, und
auch die unendlich ausgedehnten Grberfelder kndigten sie an. Es ging
den letzten Teil durch groe Tabakfelder; vorbei an einigen
Soldatenlagern und hohen roten Tempelmauern gelangten wir zum Osttor,
das wie alle anderen Tore von weithin sichtbaren Trmen gekrnt ist. Vor
der Stadt kam uns im Galopp ein laut heulender Diener nachgeritten und
fragte, ob wir nicht etwa den Mantelsack seines Herrn gesehen htten,
der ihm gestohlen worden war, whrend er in einer Kneipe sa. Er ritt
weiter, jeden Menschen am Wege fragend. Die Sachen waren natrlich
lngst verschwunden und der Kuli wird zur Strafe fr seine Unachtsamkeit
wohl ordentlich Prgel gesehen haben. Am Tore stellte die Wache die
blichen Fragen an mich, noch hinzufgend, ob ich dienstlich hier wre.
Zum hchsten Erstaunen der Leute erwiderte ich, da ich zu meinem
Vergngen reise. Ich wute damals noch nicht, da jeder, der im Besitze,
eines Passes vom Auswrtigen Amt ist, sich auf Dienstreisen befindet.

Das Unterkommen war leidlich. Ich lie sofort alle Sachen auspacken, die
Decken wurden gesonnt, Wsche zum Waschen gegeben, ein Schuster
reparierte meine Schnrstiefel, ein Friseur schnitt mir mit meiner
kleinen Nagelschere die Haare kurz. Er wollte mir durchaus nach
chinesischer Sitte den Kopf halb rasieren, ich streikte jedoch
energisch, und er machte seine Sache recht gut, wenn auch etwas langsam.
Ich hatte mich auf den Hof in die pralle Sonne gesetzt; das Thermometer
zeigte plus 31 Grad, und um uns herum hatten sich eine Menge Zuschauer
gesammelt. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn es
dauerte zwei Stunden, bis er fertig wurde. Dann rasierte er mich noch
einschlielich Schnurrbart. Gott sei Dank, da meine gute Mutter mich
nicht so sehen konnte.

[Illustration: Lantschau am Hoang Ho. Ausgefahrene Schiffsbrcke im
Eise.]

Whrend der Mafu zum Yamen wanderte, um die blichen Frmlichkeiten zu
erledigen, ging ich mit einem kleinen Jungen als Fhrer zur Mission und
traf dort drei Englisch sprechende Missionare und zwei Frauen. Ich lie
mich anmelden, wurde aufgefordert, nher zu treten und bekam Kaffee und
Kuchen, die mir sehr wohl taten. Nebenbei gab es nichts von Interesse zu
hren, eher umgekehrt; sie suchten aus mir herauszuholen, was es Neues
in der Welt gab; der hier ansssige deutsche Missionar Blsner nebst
Frau war leider gerade jetzt nach Si-ning-fu verreist. Ich wurde fr den
nchsten Tag zum Lunch eingeladen und verabschiedete mich dann bald. Das
Leben hier drauen macht zweifellos stumpfsinnig, htte ich nicht
fortwhrend neue Gedanken fr das Gesprch hervorgesucht, so htten wir
alle schweigend dagesessen; Mnner und Frauen waren in chinesischer
Kleidung. Als einzige Neuigkeit erzhlten sie, da in Lantschau Fu seit
krzester Zeit ein russischer Laden in der Hauptverkehrsstrae
aufgemacht worden sei, in welchem Russen, die fertig Chinesisch
sprchen, jedoch ihre russische Kleidung weitertrgen, verkauften. Die
Missionare vermuteten Regierungsgeld hinter der Sache und den Beginn
eines Attentates auf diese Provinz. Merkwrdig ist die Sache allerdings.
Der lteste der Missionare, zugleich Superintendent fr Kansu, befragte
mich, ob ich auch eine Bibel mit htte, was ich leider verneinen mute;
daraufhin mute ich gleich mitgehen, um wenigstens hier fleiig in Herrn
Blsners Bibel zu lesen. -- In dem Gasthaus hatte der Mafu unterdessen
aufgerumt, und zwar zum ersten Male unaufgefordert. Auerdem konnte er
mir auch noch eine andere Delikatesse fr morgen ankndigen, nmlich
frische Kuhmilch.

[Illustration: Lantschau am Hoang Ho und der Tempelberg gegenber]

Am 25. Februar morgens, als ich gerade aus dem Schlafsack gekrochen war,
erschien bei meinem Wirt die Steuerkommission, um die Steuern zu
erheben. Auch hier sind diese Leute gar nicht gern gesehen, da die
Steuern recht hoch sind. Eine an allen Ecken angeschlagene Proklamation
des Vizeknigs mahnt zur ordnungsgemen Zahlung. Ich gab dem Mafu meine
Auftrge und wanderte dann zur Mission, wo ich Mr. Kenneth beim
Unterricht einiger Chinesen fand. Wie anderswo sucht man auch in China
zuerst Arme und Elende zu bekehren. Ich hrte zu, verstand jedoch wenig,
habe auch wahrscheinlich nur gestrt, da bei Anwesenheit des Europers
die Aufmerksamkeit fehlte. Nach dem Kaffee begab ich mich mit einem der
jngeren Missionare zur Nordfront, an der der Hoang Ho entlang fliet.
Eine Pontonbrcke verbindet sonst die beiden Ufer; da jedoch das Eis
gerade im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, war sie aus- und am
Sdufer aufgefahren. Es war sehr zweifelhaft, ob ich morgen noch
hinberkommen wrde, was dann womglich einen Aufenthalt von mehreren
Tagen bedeutet htte, da die Chinesen nicht wagen, ber den
eistreibenden Strom mittels der Fhre hinberzusetzen. Am jenseitigen
Ufer liegt, auf vielen Terrassen verteilt, eine malerische Tempelgruppe,
Pai-ta-schan. Fr mich zum Trost zog gerade von drben ber das Eis eine
aus Tibet kommende Ponyherde; die Tiere waren krftig und in guter
Kondition, trotz des 3 monatlichen Marsches. Die Treiber waren
schmierig, in Felle gewickelt und grundhlich. Wir gingen die Nordfront
entlang; den Weg besserten Soldaten aus; sie machten Witze ber uns und
wollten sich krank lachen. Dann kamen wir zu einer Wasserpumpe mit
Dampfbetrieb, die einst ein fremdenfreundlicher Vizeknig hatte kommen
lassen, um den Yamen mit Wasser zu versorgen; Gebude und Maschinen
stehen noch, daneben aber hat man das alte ursprngliche chinesische
Wasserschpfrad angebracht. Man sieht, der jetzige Vizeknig Song, ein
Mandschu, schtzt europische Sachen nicht; das uert sich sogar auch
hier; jetzt standen brigens beide Werke des Eises halber still. Wir
wanderten weiter durch das Wassertor in die stliche Vorstadt und auf
einer von verschttetem und gefrorenem Wasser glatten Passage zum
Pferdemarkt, wo kein einziges Pferd war; der Markt beginnt brigens
schon um 6 Uhr morgens; weiter zum vizekniglichen Yamen in der Mitte
der Stadt, der nichts Besonderes bietet, und dann zu einer
Tabakmanufaktur. In der ersten, an der wir klopften, wollte man uns
nichts zeigen; in der zweiten war man freundlicher. Auf den Dchern
sortierten Weiber die Bltter, von denen es zweierlei Sorten, grne und
braune, gibt. Der grne Tabak ist besser, folglich frbt man den braunen
mit einer hier gewonnenen Pflanzenfarbe grn. Die Bltter werden erst
getrocknet, dann ausgeschwungen, zerkleinert und kommen schlielich in
eine Presse, wo sie zu einem ungefhr einen Kubikmeter enthaltenden
Block zusammengedrckt werden. Von diesen Blcken wird dann der Tabak
mittels eines Hobels, der genau so aussieht wie unser Tischlerhobel,
abgehobelt und in kleinere Pakete gepret; diese wiederum werden in
Papier eingeschlagen, um entweder nach Schang-hai ausgefhrt oder in der
Stadt verkauft zu werden. In den unteren Rumen standen die Hobel,
deren Bedienung sich auf kleinen fen Opium zum eigenen Gebrauch
auskochte. Entsprechend ihrer Ttigkeit sahen die Leute ganz grn aus,
so da man sie auf der Strae sofort herauskannte. Hier liegen viele
solcher Fabriken. Ich photographierte die Anlage und empfahl mich.

[Illustration: Besitzer einer Tabakmanufaktur in Lantschau auf dem Dache
seines Hauses, rechts tabaksortierende Frau]

[Illustration: Frauen sortieren Tabakbltter auf dem Dache der Fabrik in
Lantschau Fu]

[Illustration: In der Tabakfabrik in Lantschau Tabakpresse]

Wir kamen allmhlich wieder zum Mittelpunkt der Stadt, wo in einem
offenen Laden Missionare der China-Inland-Mission predigten, was
brigens vom alten Vizeknig nicht sehr gebilligt wird. Man erzhlt sich
hier, da Song, Tuan, Tung-fu-hsiang und Yung-lu in Verbindung sind und
ein neues Knigreich grnden wollen. Dieses wrde aus Kansu, Schensi,
Tsin-tsiang, Sze-tschuan bestehen und Tuan zum Knig whlen, der in Hsi
Ngan Fu, als seiner Hauptstadt, residieren wrde. Ich halte dies fr
unmgliche Trume der sehr ngstlichen Missionare. Im brigen ist jetzt,
wo ich dies niederschreibe, der alte Yung-lu schon lngst im Grabe und
damit die mchtigste Persnlichkeit aus dem Quartett geschieden. Ich sah
noch ein Arsenal, in das mir nicht erlaubt wurde, einzutreten, ferner
eine Universitt im Bau, in der es uns ebenso ging, und die russischen
Lden in der Hauptstrae. Die Verkufer waren Sarten aus Turkestan,
wahrscheinlich Untergebene irgend eines chinesischen Grohndlers, die
seine Waren aus Kaschgar hierher gebracht hatten. Von den ngstlichen
Missionaren waren sie schon fr Russen gehalten worden. Zugeben mu ich
allerdings, da ihre Waren meist russischen Ursprungs waren. Lantschau
Fu soll gegen 250 000 Einwohner haben, doch auch hier ist die Zahl nur
schtzungsweise festzustellen.




[Illustration: Kansus Steppen. Lantschau bis Ansifan (Ngan Hsi Tschau).

28 Marschtage, 3 Ruhetage. Durchschnittsleistung 43,5 km.]




V. KAPITEL.

Kansus Steppen.


Ich ging am 26. Februar morgens ganz frh schon zum Hoang Ho und stellte
mit groer Freude fest, da das Eis noch stand. Die neue Karre war
unterdessen, leidlich bespannt, eingetroffen, der Treiber war ein
uralter Mann mit einer Riesenbrille, durch die er nichts sah. Ich
beobachtete nmlich mehrfach, da er sie abnahm, wenn er etwas genauer
sehen wollte, aber die Brille gibt ein gelehrtes Aussehen. Nach blichem
Zank mit dem Wirt wegen des Bezahlens fuhren wir zuerst zur Mission. Wir
kauften unterwegs noch Fleisch und Frchte fr die nchsten Tage ein. An
der Mission erhielt ich ein Briefpaket fr den Missionar in Liang tschau
fu, das ich versprochen hatte, mitzunehmen, ferner eine Bchse mit gutem
Tee, der hier schon recht teuer ist, sowie einen Kuchen europischer
Herkunft geschenkt, alles sehr willkommene Beigaben. Der alte Mister
Hunter, der mir die Sachen bergab, gefiel mir sehr, er ist ein
einfacher Mann, der in seinem selbstgewhlten Berufe aufgeht und sich
nicht um Politik kmmert, er hat brigens seinerzeit Sven Hedin bei
seiner Durchreise begrt. Wir ritten weiter zum Nordtor, an dem ich
heute ungefhr zum zwanzigsten Male nach woher und wohin, Stand und
Visitenkarte gefragt wurde: "Ob ich nicht Missionar wre?" "Nein." "Dann
also Kaufmann?" "Auch das nicht." Da ich Offizier sei, begriffen sie
nicht; ein solcher mu mit groem Tro reisen, sonst kann es kein
richtiger sein. Da sind wir Chinesen doch ganz andere Menschen, dachte
sicherlich der weibrtige Torwchter, milde und berlegend lchelnd.

Wir kamen glcklich ber den gefrorenen Hoang Ho. Ganz dicht oberhalb
war schon eine breite Rinne eisfrei; hier konnte es auch nur noch Tage
dauern, bis der Flu offen war. Von der anderen Seite, am Fue des von
vielen Tempelchen gekrnten Pei-ta-schan macht sich Lantschau Fu sehr
hbsch. Man sieht hier erst, wie gro es mit allen seinen Vorstdten
eigentlich ist. Sdwestlich, auf einem Berge, einen halben Kilometer vor
der Stadt, liegen vier mchtige quadratische Wachttrme, auf dem
nchsten Berge die stark befestigte Mandschustadt; die Trme haben
wahrscheinlich einst mandschurische Banner-Truppen beherbergt, die
Chinesenstadt beobachtend. Lantschau Fu mit seinen vorgeschobenen
Befestigungen sperrt das Hoang Ho-Tal vollkommen nach Westen zu ab. Wir
durchschritten ein Tor, bei dem die Felsberge dicht an den Strom
herantreten, dann erweitert sich das Tal, in dem Tabak- und
Obstplantagen liegen, die mittels Schpfrder vom Hoang Ho aus bewssert
werden. Weiterhin geht es rechts ab in felsige Berge mit rtlicher
Grundfarbe, die teils ganz merkwrdige Formationen zeigen. Kegelfrmige
Kuppen fallen in einem Teil ihres Abhanges ringsum senkrecht ab, so da
sie unersteigbar sind; mehrfach liegen Befestigungen lngs des Weges. Am
Abend kamen wir nach Y-dia-wan in dem der "Dau"[3] Erbsen, mit denen
man hier die Pferde fttert, ber 3 Taels kostet, ein geradezu
unverschmter Preis. Der Himmel sah den ganzen Tag nach Schneefall aus,
das Wetter hielt sich aber noch. Der Mafu verlor zum ungefhr zehnten
Male den Anbindestrick fr den dicken Pony. Ich drohte ihm an, von jetzt
ab das Geld dafr von seinem Lohn abzuziehen.

[3] Dau = Raumma (sehr wechselnd).

In der ganzen hiesigen Gegend bis Ping fan war seit vollen zwei Jahren
kein Tropfen Regen gefallen, dementsprechend die enormen Preise, da
alles angefahren werden mute. Es waren viele Leute gestorben, viele
ausgewandert, mit einem Worte, es herrschte Hungersnot; doch davon
hatten die Missionare in Lantschau Fu keine Ahnung. Man sah viele Felder
brach liegen: was ich zuerst von weitem fr Schnee hielt, entpuppte sich
als Salpeter, auch wird in hiesiger Gegend Salz gewonnen. Selbst in den
tief eingeschnittenen Schluchten war kein Wasser mehr vorhanden, das
wenige ganz bittere verweigerten sogar die Pferde. Unser Koch- und
Trinkwasser wurde meilenweit vom Hoang Ho hergetragen; ich mute fr die
Kanne Teewasser 30 Cash zahlen. Mein Mafu benutzte die Gelegenheit, um
das Waschen gnzlich ausfallen zu lassen. Das Land blieb auch weiterhin
bergig; man sah zuweilen Ziegen- und Schafherden; letztere sind
Fettschwanzschafe, ganz wei bis auf wenige schwarze Flecken. Die Ziegen
findet man in allen Farbenschattierungen. Der Boden zeigte groe Sprnge
vor Trockenheit; Staub lag auf den Wegen mehr als fuhoch, man konnte
sich gar nicht davor schtzen. Der Verkehr war gering, nur wenige
Reisende, ab und zu ein Karren mit Getreide, das war alles.

Zuweilen lag auf einem der Gipfel ein einzelnes Gehft, wie eine Burg;
es sind Mohammedaner, die sich da oben so absondern. In einem Nest,
durch das wir kamen, wurde immer noch Neujahr gefeiert, beinahe so, wie
bei uns zu Fastnacht. Da tanzten vier als Nachen kostmierte Leute eine
Quadrille, einer mit einem Mond als Maske dirigierte mit einem Stock, je
zwei Violinspieler und Trompetenblser, Pauken, Becken und Trommeln
bildeten die Musik. Der Tanz war hchst grazis und dabei doch
hochkomisch. Auf einer andern Stelle tanzten zwei als Mdchen
verkleidete, mit einem als "alten Mann" kostmierten eine sehr niedliche
Pantomime und man sah noch viele andere hbsche Gruppen. Durch mich
lieen sie sich gar nicht stren, nur meine Pferde wollten nicht vorbei;
schlielich bildete die ganze Gesellschaft einen langen Zug, zog in den
Ort und machte bei jedem Kaufmann solange Katzenmusik, bis dieser eine
Flssigkeit, welche der Chinese Wein nennt, herausrckte.

Abends in Tschun-tschnn-pu kamen wir in einem sauberen, hbschen
Gasthof sehr gut unter. Gegen 7 Uhr war auch hier zur Neujahrsfeier
groe Illumination; ich ahnte hinten in meinem Zimmer gar nichts davon,
bis mich der Mafu herausrief. Der Anblick war wirklich wunderhbsch,
alle Straen waren beleuchtet, vor jedem Hause hingen in vier Felder
geteilte lange Laternen, und zwar ber die Straen hinweg von Haus zu
Haus, bei den Wohlhabenderen aus weier, bemalter Seide, bei rmeren aus
bunt bemaltem Papier. Die Tempel waren mit offen brennenden, Kreise,
Zickzacklinien und chinesische Schriftzeichen darstellenden Lmpchen
erleuchtet, ebenso der Mittelbau der Stadt, die hohen Stadttore und der
daran stoende Teil der Mauer. Kein Haus hatte sich ausgeschlossen. Ich
habe selten eine so vollkommene Beleuchtung gesehen. Ich wanderte in
Hausschuhen und Lederjacke durch die Straen; es berhrte sehr angenehm,
da man keine betrunkenen oder skandalmachenden Menschen unter der auf-
und abwogenden Menge sah; jeder war vergngt und lustig, ohne Radau zu
machen. Die Kinder waren meist in Begleitung der Eltern oder vielmehr
der Vter, die sie an der Hand fhrten. berall wurde mir hflich Platz
gemacht, und als ich einer mit Musik herumziehenden maskierten
Gesellschaft aus freien Stcken einige Cash als Trinkgeld opferte, war
allgemeiner Jubel. Man sieht hier so recht, was fr ein friedfertiger
und harmloser Mensch der Chinese ist, wenn er nicht aufgestachelt und
verhetzt wird. Spt am Abend war noch groes Feuerwerk, in dem die
Chinesen ja bekanntlich Meister sind.

Entlang dem Ping fan Ho ging es am nchsten Tage weiter; es ist staubig
und die Gegend ziemlich flach. In der Ferne sah man hohe, schneebedeckte
Berge erscheinen, es werden wohl die Berge zwischen Ping fan und Liang
tschau fu gewesen sein. Beim Abreiten rissen die Stute und der Dicke
aus; ich lie nmlich in der letzten Zeit immer diejenigen beiden
Pferde, die nicht geritten wurden, lose nebenher laufen, was sie bis
dahin auch ganz gut getan hatten. Der Mafu konnte seines verletzten
Knies halber immer noch nicht reiten oder gab es wohl nur vor, da es ihm
bequemer war, auf der Karre zu fahren. Wir hatten die Pferde bald
wieder, waren jedoch kaum 8 Kilometer von dem Ort entfernt, als sie in
voller Karriere in den Ort, der ihnen unbedingt sehr gut gefallen haben
mute, zurckliefen. Ich ritt eiligst hinterher und fand sie, nachdem
ich ungefhr eine Stunde gesucht hatte, wieder, aber der Dicke wollte
nicht mit. Da Umsatteln mit den drei Tieren an der Hand nicht mglich
war und die Chinesen nicht helfen wollten, setzte ich mich kurz
entschlossen auf den blanken Pony und ritt in schlankem Galopp zurck.
Halbwegs zur Karre traf ich den Mafu, der nun den ungesattelten Pony
weiter reiten mute, was ihm sehr wenig Spa machte. Unterdessen hatte
sich Staubsturm aufgemacht, so da wir vllig unkenntlich um 4 Uhr in
Ping fan, einem kleinen Ackerbrgerstdtchen, anlangten. Die Leute
hatten gehrt, da ich einen Pony verkaufen wollte; sie kamen in mein
Gasthaus und boten mir fr Nepomuk 10 Taels, was mir zu wenig war. Der
Mandarin schickte mir Essen, auerdem gab es wieder einmal Milch, die
allerdings stark verdnnt war. Ich kaufte dann noch fr die nchsten
Tage, da es im Gebirge voraussichtlich nichts gab, Hafer ein.

Am 1. Mrz morgens mute ich erst den Karren, mit dessen Inhaber ich
akkordiert hatte, durch Leute vom Yamen holen lassen; schlielich
stellte sich ein offener, mit zwei wie Mastschweine fetten Ponies
bespannter Karren ein. Sie sthnten schon beim Anziehen, bewhrten sich
aber schlielich ganz gut. Um 9 Uhr kamen wir glcklich weg und
marschierten dem Ping fan Ho entlang. Auffallend waren hier die unzhlig
vielen Wildtauben. In Wu-tschang-yi machten wir kurze Rast; in unserer
Herberge waren zwei entsetzlich schmutzige, wandernde Lamas, die aus
Lhassa kamen. Sie hatten zwei von den entzckenden "Peking-Hndchen" mit
sich, die sie an mich verkaufen wollten; ich htte sie auch ganz gern
genommen, konnte mich aber jetzt mit solchen verwhnten Tierchen nicht
einlassen. Weiterhin nahm die Gegend einen steppenartigen Charakter an.
Unten am Flusse waren sehr viele Fasanen, von denen ich einmal einen
scho. Auf den Berghngen weideten starke Schaf-, Ziegen-, Rindvieh- und
Pferdeherden, meist alles durcheinander gemischt. Gegen 5 Uhr
nachmittags fingen die groen Steppenmuse an zu pfeifen; ich wute
zuerst gar nicht, was das eigentlich war und dachte, die Laute kmen von
irgend einer Vogelart, bis ich die Tiere laufen sah. Auch hier lagen
alle Drfer in Trmmern, in denen nur die Hirten hausten; man sah kaum
noch einen Acker, alles wurde allmhlich wieder zur Weide. Der
Sonnenuntergang war wunderschn, die mit Schnee bedeckten Berge im
Westen waren ganz purpurn, dann lila, bis sie schlielich in der
Dunkelheit verschwanden. Von fern hrte man die tiefen Tne der
Kamelglocken und das Klingeln der Pferdeglocken, was einen feierlichen
Eindruck machte. Man merkte, da man in ein ganz anderes Land gekommen
war, "die Steppe".

[Illustration: Am Dorftheater]

Gegen Abend, es war schon vollkommen dunkel, waren wir in Za koyi. Wir
suchten in allen Husern und fanden kein Unterkommen, berall waren
Mongolen mit ihren Pferden und Karren. Am kommenden Tage sollte hier
Theater und groer Pferdemarkt sein; auerdem besorgten sie ihre
Frhlingseinkufe hier; ich war also gerade zur rechten Zeit gekommen.
Schlielich rumte mir ein liebenswrdiger Schanguida sein eigenes
Zimmer ein, so da ich wenigstens ein Unterkommen hatte; es stie an den
groen allgemeinen Raum. Ich verhing gleich die Tr mit einem Woylach,
denn auf dem allgemeinen Kang lagen mindestens fnfzehn Opium rauchende
Kaufleute, und ich habe den slichen Geruch der Opiumpfeife nie
vertragen knnen. In einer anderen Ecke des Hofes waren die Mongolen um
ein groes offenes Feuer, mit brodelnden Kesseln darber, versammelt.
Ich wurde wie ein Wundertier angestaunt; jedoch sind auch die Mongolen
freundliche Menschen. Ich bekam einen Pferdestall, etwas Stroh, Tee und
zwei alte Brtchen, mehr war nicht aufzutreiben, nicht einmal ein Licht
gab es. Trotz Gestank und ewigem Radau schlief ich recht gut und wurde
morgens nach meiner Toilette durch die liebenswrdige Gabe einer Flasche
guter Milch vom Oberlama der Mongolen berrascht. Da ich seit 24
Stunden nichts Ordentliches bekommen hatte, kann man sich denken, wie
mir die Milch schmeckte.

[Illustration: Am Dorftheater]

Wir marschierten weiter, und zwar an einem Teil der groen Mauer
entlang, die sich im Grunde des Flusses dahinzieht. Sie ist hier aus
Lehm, 3 Meter hoch, nicht sehr breit und gnzlich im Zerfall; groe
Stcke fehlen gnzlich, die Wachttrme sind alle eingefallen; man
erkennt noch von Kilometer zu Kilometer die alten befestigten
Soldatenlager. Die Chinesen sagen, die Mohammedaner htten die Mauer
zerstrt, letztere behaupten das Gegenteil. Ich persnlich glaube, da
keiner von beiden der Tter ist, sondern da der Zahn der Zeit auch hier
seine Macht gezeigt hat. Der Flu bildet jetzt die Scheidegrenze;
drben, also nrdlich, wohnen die Mohammedaner. Za koyi war vor dem
groen Aufstand mohammedanisch, jetzt ist es ganz chinesisch. Die
Mohammedaner sind damals hinausgeworfen worden, wie mir die Chinesen
schadenfroh erzhlten. Merkwrdig ist es eigentlich, da zwischen
Mohammedanern und Konfuzianern sich derartig scharfe Unterschiede
herausgebildet haben; im Aussehen sind sie berhaupt nicht
auseinanderzuhalten.

Heute strmte alles zum Theater, meist reitend, und in was fr einem
Tempo! Hier konnte man allerdings Patraber sehen, bei denen ein
galoppierendes Pferd, um mitzukommen, schon guten Mittelgalopp laufen
mte. Die meisten Pferde waren sehr hbsch aufgeputzt, mit Schleifen in
Mhne und Schweif, mit Silberbeschlag am Sattel und am Zaumzeug, bei
manchen waren die Schweife in einen dicken Zopf geflochten, die Mhne in
viele kleine Zpfe. Die Weiber der Mongolen, wie die Mnner reitend,
tragen das Haar gescheitelt, in der Mitte und zu beiden Seiten in viele
kleine Zpfchen geflochten und in diese auf beiden Seiten einen 15
Zentimeter breiten, bis zu den Fen reichenden Behang mit verschiedenen
Querverbindungen eingeflochten. Letzterer ist teils mit kleinen
Muscheln, teils mit Messingzieraten, selbst mit Korallen und Silber
reich bestickt. Wie die Mnner tragen sie Mtzen aus Fuchspelz, hinten
mit zwei langen, fliegenden Bndern, auerdem hohe, lederne Stiefel; das
Ganze sieht sehr hbsch aus, nur sind sie zu schmutzig. Sie hatten gar
keine Scheu vor mir, nur das Photographieren litten sie nicht, whrend
sich die Mnner dazu drngten.

[Illustration: Gefhrliche Passage im Wu schy ling schan]

Ich sah unterwegs Pferde einbrechen. Erst wurden sie gefesselt, nachdem
sie aus der Herde eingefangen waren; dann wurde ihnen die Trense
aufgelegt; man hielt ihnen dazu das Gebi so lange vor die Lippen, bis
sie danach bissen, dann hatten sie die Trense sicher im Maul. Nun kam
ein Junge darauf, der wie eine Klette festhing; zwei Leute fhrten das
Pferd und longierten es an einem langen Strick, bis es mde war, dann
ritt es der Junge ohne Longe weiter. Die meisten Pferde benahmen sich
hierbei sehr vernnftig.

Wir hatten scharfen Nordwest, so da man trotz 25 Grad Wrme in der
Sonne fror. Mittagsrast machten wir in Tsing-hsiang-pu, wo es wieder
prachtvolle Milch gab, dann muten wir ber den Flu, was bei jedem der
verschiedenen Arme desselben einen Auftritt mit dem Pony gab, welcher in
der Karre als Ttenpferd zog. Ich ritt schlielich immer vorn weg, der
Fhrer den Pony im Geschirr hinter mir her, whrend der Mafu auf der
Karre die Peitsche handhabte. Der Weg ging dann, den Flu verlassend, in
die Berge. Das Tal sperrt auf jeder Fluseite eine Befestigung; die
nrdliche ist mit achtzig Soldaten besetzt. Auch die groe Mauer kreuzt
den Flu und geht ebenso wie der Weg in die Berge. Schon als wir noch im
Tal waren, kam von Nordwesten ein weier, dichter Nebelschleier ber die
hohen Bergspitzen, und im Begriff, den steilen Paweg zu ersteigen, war
der Staubsturm da, einer von denen, die den Sand schon in der Luft
mitbringen und nicht erst aufwirbeln. Die Sonne verschwand bald und
wurde nur zeitweilig wie ein roter, glanzloser Ball sichtbar. brigens
ist die hiesige Gegend wegen ihrer auffallenden Temperaturschwankungen
und Staubstrme berchtigt. Das Thermometer fiel sofort bis 0C und
hielt sich darauf. Mir war hchst unbehaglich zu Mute, die Milch war zu
kalt gewesen und wirkte reiend. Weder fr die Fasanen noch fr
Steinhhner hatte ich Augen, dafr aber scheuliche Bauchschmerzen.
Gegen 3 Uhr waren wir oben; ein Tempel krnte auch hier den Pa.
Leute kamen uns mit einem mchtigen toten Wolfe entgegen, der in der
letzten Nacht im Dorfe jenseits des Passes erschlagen worden war.

[Illustration: Gefhrliche Passage im Wu schy ling schan]

Bergab ging es nun schneller, aber wir hatten den Wind gerade von vorn.
Die Bche waren alle aus den Ufern getreten und ganz gefroren; sie sahen
aus wie Gletscher und waren beim berschreiten recht unangenehm. Am
Abend langten wir in dem von hohen Bergen eingefaten Lung-go-pu an.
Nrdlich liegt der Ho-di-wan-schan, sdlich der Scha-tsui-tai-schan, der
Pa, den wir hinter uns hatten, heit der Wu schy ling. Die steilen
Abhnge zeigten rtliche Farbe, vereinzelt sah man kleine Waldparzellen.
Der Lung-go-pu-ho, der in das Liang-tschau-sui fliet, war offen und
hatte ziemlich viel Wasser; unterwegs trieb er viele Mhlen. Das
Unterkommen machte wiederum groe Schwierigkeiten, da alle Gasthuser
besetzt waren; schlielich muten wir smtlich mit einem kleinen Zimmer
vorlieb nehmen. Der Wirt hatte einen europischen Nachttischleuchter,
den er auch gleich herbeibrachte; wie mag dieser nur hierher gekommen
sein! Nachdem ich einen Riesentopf voll Reis gegessen hatte, wurde mir
abends wohler, so da ich noch die grte Lust hatte, auf Wolfsjagd zu
gehen, jedoch war kein Chinese zu bewegen, sogar fr Geld, als Fhrer
mitzukommen.

Der Wind hatte am Morgen des 3. Mrz aufgehrt, der Himmel war noch halb
bedeckt und es herrschte eine Klte von minus 9 Grad. Es ging im Tal
weiter abwrts, und da der Flu unterhalb noch teilweise gefroren war,
mute man beim berschreiten sehr vorsichtig sein, um nicht in eines der
Lcher zu fallen. Dort, wo die kleinen Nebenflsse mndeten, war der
bergang ber das Eis sehr schwierig. Ich sah einen Maultierkarren dabei
ins Rutschen kommen und gleich fnfzig Schritte abwrts sausen; wir
kamen berall glatt hinber. Die Mauer begleitete uns rechts ber die
Berge. Mitten am Wege steht ein kolossaler Felsblock, auf den die
meisten Vorbergehenden mit Steinen anschlagen, so da der Stein ber
und ber von den kleinen Anschlagstellen wei ist, es soll gegen
Krankheit helfen. Der Stein weist auch mehrfach alte, fast verlschte
Inschriften auf. Gegen Mittag wandte sich das Tal nach Norden zu und man
hatte einen Einblick in die unermeliche Ebene; das Tal wird von einer
Sperrfestung, Gulang Hsien, abgeschlossen, bis wohin unsere Karre
verpflichtet war.

Gegen 11 Uhr vormittags langten wir dort an. Ich sandte meinen Mafu mit
Visitenkarte und Pa zum Yamen, wo man ihn ungefhr zwei Stunden warten
lie und mit dem Bescheide zurckschickte, der Yamen gbe heute keine
Karren. Ich versuchte nun selbst eine solche zu mieten, fand aber nur
Ochsenkarren. Daher schickte ich den Mafu nochmals zum Yamen, um unter
Hinweis auf den Pa und unter der Erklrung, da ich keinen Karren
bekommen knnte, ihn zu bitten, mir beim Mieten eines solchen behilflich
zu sein. Man lie den Mafu wiederum 1 Stunden warten, dann kam er in
Begleitung eines Schreibers zurck, der nicht gerade sehr hflich war
und mir erklrte, der Yamen gbe keine Karren, sein Herr wnschte jedoch
meine Photographie zu haben. Ich wies das Ansuchen und den Mann zurck,
der mich vollkommen als seinesgleichen behandelte, obwohl er meinen Pa
gesehen hatte. Ich sandte den Mafu nun zum dritten Male zum Yamen und
lie ihn um die Visitenkarte des Beamten ersuchen; man hatte mir
dieselbe nicht mitgesandt. Die Leute in der Stadt hatten mittlerweile
gehrt, da die hohe Obrigkeit mich schlecht behandelte, und jetzt
weigerten sich selbst die Ochsenkarrenfhrer, zu fahren. Ich verfgte
mich nun selbst zum Yamen, meinen Mafu mit meiner Visitenkarte
vorausschickend, um mich anzumelden. Da es mir zu lange dauerte, bis er
zurckkam -- der Mafu hatte augenscheinlich Angst vor dem chinesischen
Beamten --, ging ich selbst hinein, wo ich eine Gerichtssitzung vorfand.
Die Diener wollten mich sofort hinausweisen; da ich durchaus nicht
beabsichtigte, die Gerichtssitzung zu stren, ging ich in einen
Nebenraum rechter Hand. Dort schrien mich sofort Schreiber und Bediente
auf die unverschmteste Weise an. Nachdem ich mir dieses sehr energisch
verbeten hatte, legte ich noch einmal meinen Wunsch klar; man antwortete
mir, ich solle warten, bis der Beamte mich empfangen wrde. Da dies
wahrscheinlich mehrere Tage gedauert htte, antwortete ich, da ich
nicht eher den Yamen verlassen wrde, als bis man mir das Mieten einer
Karre ermglicht htte. Nun merkten die Leute, da ich Ernst machte und
gaben mir daraufhin zwei Diener mit, die den ersten des Weges kommenden,
Dnger fahrenden, mit einem elenden Pony bespannten Karren zwangen, in
den Hof meines Absteigequartiers mitzukommen. Der Fhrer spannte dort
sofort aus und war nur durch doppelte landesbliche Bezahlung im voraus
zu bewegen, zu fahren. Um berhaupt vorwrts zu kommen, war ich
gezwungen, spter Nepomuk in die Karre einzuspannen. Da mir das Benehmen
des Beamten doch zu unverschmt erschienen war, sandte ich ber dieses
Erlebnis einen Bericht an die kaiserliche deutsche Gesandtschaft nach
Peking; auerdem schrieb ich es meinem Freunde Goo-ta-jen nach Hsi Ngan
Fu. Ich glaube, da besonders der letzte Brief seine Wirkung nicht
verfehlt haben wird, da Goo-ta-jen mir sehr wohlgesinnt war und genug
Einflu hat, um die schlechte Behandlung eines mit Regierungspa
reisenden fremden Offiziers zu shnen. Ich war schlielich so in Wut
gebracht, da ich am liebsten einen verhauen htte. Die Chinesen
amsierten sich ber meinen rger ungemein.

Es war natrlich sehr spt geworden, bis wir unser beabsichtigtes
Nachtquartier Schan-ta-tschwang erreichten; denn in dem ungastlichen Gu
lang Hsien wollte ich keinesfalls bleiben. Wieder einmal gab es nichts
zu essen, und auch am 4. Mrz morgens muten wir hungrig abziehen, da
ich sehr frh aufbrach, um zeitig nach Liang tschau fu zu kommen. Der
Weg war mehr als schlecht, die Felder lagen brach und die Drfer waren
zerstrt. Unterwegs trafen wir den Liang tschau fuer Taotai, der mit
groem Gefolge nach Lantschau Fu reiste, um dem Vizeknig dort seine
Aufwartung zu machen. In Liang tschau fu angekommen, versuchten wir
erst, im Innern Unterkunft zu finden; wir fanden jedoch kein groes
Gasthaus, muten umkehren und kamen dann auerhalb, dicht am Osttor,
das Sven Hedin in seinem Werk abgezeichnet hat, ganz gut unter. Ich nahm
die bliche groe Reinigung mit mir vor und ging dann zur Mission, um
mein Paket und die Briefe abzugeben. Ich wurde dort auf das
Liebenswrdigste empfangen und blieb ungefhr eine Stunde. Liang tschau
fu ist recht gro und hat ganz chinesische Bevlkerung, ohne
Mohammedaner; Mongolen sieht man hier nicht. Die Mandschustadt liegt
2 Kilometer auerhalb, abgesondert fr sich; dort fhren die
Mandschus ihr faules Dasein, nichtstuend und noch vom Staate
untersttzt. Ich packte am Abend mein gesamtes Zeug um und hielt
Generalrevue ber die Vorrte ab, um die fr die Wstenreise ntigen
Einkufe zu machen. Mein Mafu mute dann Kochtpfe, Lichte, Reis, Mehl,
Zucker, Salz, Brot etc. etc. besorgen. Der Betrieb in den Straen war
sehr lebhaft.

Ich erkundigte mich ber die Mission, oder vielmehr es kamen Chinesen zu
mir, die sich bei mir ber die Mission unterrichten wollten. Sie
erzhlten mir, da die protestantischen Missionare so gut wie gar keinen
Erfolg haben, whrend die katholischen, die auerhalb wohnen, eine feste
Stellung besitzen und zu ihrer Gemeinde Chinesen gehren, die schon in
der fnften Generation sich zum christlichen Glauben bekennen. Die
Missionare verschiedener Bekenntnisse verkehren gar nicht untereinander,
und die Chinesen fragten mich nun: "Sage einmal, wer hat von den beiden
recht? Der katholische Missionar sagt: dasjenige, was der
protestantische Missionar predigt, sei falsch, und der protestantische
in der Stadt behauptet wieder das Gegenteil." Ich mute ihnen die
Antwort darauf schuldig bleiben. Am 5. Mrz, 8 Uhr, war ich zum
Frhstck in der Mission eingeladen und mute der Andacht der Missionare
und schlielich noch der Andacht mit drei Chinesen beiwohnen, die
bestimmt sind, dereinst Christen zu werden. Es waren Bediente aus der
Mission, die wahrscheinlich, sobald sie diese verlassen, gar nicht daran
denken, Christen zu werden oder zu bleiben, sondern jetzt nur heucheln.
Die Andacht wurde im englischen Stil abgehalten und reihum ein Kapitel
aus der Bibel gelesen. Da jeder sich natrlich seinen Absatz
vorbereitend ansah, um nachher beim Vorlesen keine Fehler zu machen,
fehlte die Andacht vollkommen. Darauf hielt einer der Missionare eine
kurze Predigt ber das Gelesene, und der Schlu war ein von einem der
Chinesen gesprochenes endloses Gebet, bei dem man knien mute. Die
Mission besitzt hier einen schnen Yamen mit reichlich gengendem Raum,
darunter zwei Betsle und Wohnrume. Die Rume sind einfach und
geschmackvoll eingerichtet, nur die Christen fehlen.

Ich hatte meinen Mafu wieder einmal ausgeschickt, um Nepomuk, dessen
Widerristdruck aufgegangen war, zu verkaufen. Er fand einen Chinesen,
mit dem ich nach einiger Zeit fr zwlf Taels handelseinig wurde. Jetzt
sollte also der gute Nepomuk nach Hsi Ngan Fu zurckwandern; seinen
neuen Besitzer bi er als erste Begrung gleich in den Arm. Spter
brachte mir der Mafu anstatt der zwlf Taels Verkaufsgeld fr den Pony
nur zwei Taels in bar und fr zehn Taels Arzneien; er behauptete, da
der Kufer kein Geld htte. Ich wollte ihm sofort auf die Bude rcken,
mittlerweile war aber das Tor geschlossen worden und der Kerl natrlich
lngst entwischt; alles Schimpfen half nichts; der Mafu begriff mich
brigens nicht und behauptete, wir wrden spter 60 bis 80 pCt. an den
Latwergen verdienen. Da mein Mafu immer noch nicht reiten konnte oder
wollte, schaffte ich vorlufig keinen neuen Pony an und sparte dadurch
eine Menge Futterkosten.

[Illustration: Nepomuk in Liang tschau]

Abends besuchten mich Chinesen, die auch nach Tsin-Tsiang reisten; sie
kamen aus Hunan bzw. Hupeh und gingen nach Maralbaschi, welches ich
spter auch zu berhren gedachte. Mein Mafu war mit der neuen
Reisegesellschaft sofort sehr einverstanden, whrend ich vermutete, da
die Chinesen sich meiner nur als Beschtzer in den unsicheren Gegenden
versichern wollten. Der Yamen hier ri sich die Beine fr mich aus. Der
Mandarin war von meinem Vorfall in Gu lang Hsien unterrichtet worden,
hatte denselben sehr bedauert und war nun doppelt entgegenkommend und
liebenswrdig gegen mich. Schlielich kaufte ich noch einen Sack
Kartoffeln und ein groes Stck Butter mongolischen Ursprungs, das mir
in einem Kuhmagen angebracht wurde.

Alles ging am 6. Mrz morgens ausnahmsweise glatt von statten. Der
Karren war zur Zeit da, der Geschftsfhrer war mit seinem Gelde
zufrieden und ich hatte sehr gut geschlafen. Wir zogen erst mit einem
Gefolge von ungefhr zehn Yamenmenschen, nach chinesischer Sitte immer
einer hinter dem andern reitend, ich in der Mitte, was sich sehr
prunkend ausnahm, durch die ganze Stadt. Als wir zum Westtor kamen,
hatten sich aber alle, bis auf einen einzigen, verkrmelt; es fand sich
schlielich noch ein berittener Beamter ein, der mich sofort nach meinem
alten Rennfreunde, Felix Boos, fragte. Er hatte ihn vor Jahren in dieser
Gegend begleitet. Zuerst ging es durch unendliche Grberfelder, jedes
Grab ein kleiner Steinhgel, dann durch die langweilige, ber und ber
mit Steinen bedeckte Ebene, bei weitem der schlechteste und fr Mann und
Pferd ermdendste Teil der ganzen bisherigen Reise. Man kam nur sehr
langsam vorwrts, und meinen armen Tieren taten die Beine sehr weh, was
sich in Se-sche-li-pu whrend der Mittagsrast dadurch uerte, da sie
beim Fttern fortwhrend hin- und hertraten. Abends in Fung lo pu trafen
auch unsere neuen Freunde von gestern Abend ein, fr die der Mafu schon
ein Zimmer reserviert hatte. Er hatte ein auffallendes Interesse an
diesen Leuten.

Weiter am 7. Mrz durch de, steinige Gegend; links lagen hohe Berge;
wir muten schon nach 15 Kilometern rasten, da es auf dem ganzen
ferneren Weg kein Gasthaus gab; der Ort hie Baba. Es war trotz der 30
Grad Celsius in der Sonne kalt und man fror. Die Berge sdlich
verschwanden allmhlich in einer dicken schwarzen Wolkenwand. Auch die
Sonne verschwand, nur nrdlich war noch ganz klarer blauer Himmel.
Allmhlich wurden rechts und vor uns Hgelreihen sichtbar; wir
marschierten wieder im Steppengelnde mit dicken Grasbscheln. Der Weg
war immer noch schlecht, auf der Karre schlief alles, alle paar Minuten
mute ich die Gesellschaft anrufen, sonst wren wir berhaupt nicht mehr
von der Stelle gekommen. Die einzeln liegenden Hfe waren auch hier
festungsartiger als frher, mit an den Ecken vorspringenden Trmchen und
einem getrennt liegenden, mehrstckigen, hohen, zur Verteidigung
bestimmten Wartturm.

Gegen 4 Uhr langten wir in Yung chang Hsien an. Gleich hinter den
Toren rief mir ein Mann ein paarmal "Yang quetze!" (fremder Teufel)
nach. Ich stieg ab, ging hin und verwies es ihm, woraufhin er mich mit
der Faust vor die Brust schlug. Leider war er an den Falschen gekommen,
denn ich boxte ihm sofort einige Abfuhren ins Gesicht, so da er unter
dem Gelchter der sich allmhlich versammelnden Leute blutend abzog und
den Mund hielt; wer den Schaden hat, braucht fr den Spott nicht zu
sorgen. Wir kamen in einem Gasthaus unter, in dem fr irgend ein
erwartetes hohes Tier mehrere Zimmer tadellos hergerichtet waren. Der
Mandarin des Ortes schickte sofort Lichte und Tee, und versprach auch
Essen zu schicken, leider kam nichts. Man hatte zuerst angenommen, die
erwartete Exzellenz wre angekommen, was aber nicht der Fall war, auch
der Tee und die Lichte waren fr die hohe Persnlichkeit bestimmt
gewesen, ebenso die schne Einrichtung der Zimmer. Als die Yamenleute
nun merkten, da nicht der Mandarin, sondern ein Europer gekommen wre,
schnitten sie mich gnzlich. Ich sandte den Mafu zum Yamen mit der
Aufforderung, den Mann, der mich beschimpft htte, zu bestrafen, im
gegenteiligen Falle wrde ich den Vorfall sofort nach Peking melden. Wie
ich spter hrte, hat der Bambus an demselben Abend noch ntzliche
Arbeit getan.

Bei sturmartigem Nordost ging es am 8. Mrz weiter. Der Himmel sah nach
Schnee aus. Um 9 Uhr fing es an zu schneien, erst wenig, dann schrfer,
der Wind nahm zu, kam aber, Gott sei Dank, von rckwrts; es war
schlielich ein richtiger Schneesturm. Wie der uns begleitende Mann vom
Yamen den Weg in der Steppe fand, ist mir unklar. Gegen 2 Uhr wurde der
Wind schwcher, der Schnee blieb liegen, denn es schneite erheblich
strker. Gegen 3 Uhr waren wir am Ziel, und es war gnzliche Windstille
eingetreten.

Im Schneesturm zogen groe Mengen von Wildgnsen sdwestwrts. Im
Liang-Tale pirschte ich mich vergeblich an Enten heran, des
Schneetreibens wegen war mir der Schu zu unsicher. Es soll hier schon
viele Antilopen geben, aber trotzdem ich den Leuten fr die Fhrung ein
ganz ansehnliches Trinkgeld bot, wollte mich keiner begleiten; der
Chinese ist eben gnzlich ohne Passion fr die Jagd. Unterwegs sahen wir
zweimal Fchse. In unserm Gasthause trafen wir anscheinend wohlhabende
Kaufleute aus Hami; zuerst taten sie sehr vornehm und zurckhaltend,
aber sowie mein Thermometer drauen hing, war alle Vornehmheit wie
weggeblasen, und die chinesische Neugierde berwog alle
Selbstbeherrschung. Am 9. Mrz war herrlicher, klarer Himmel und drauen
eine groe Schneeflche, aus welcher nur die Spitzen der hohen
Steppengrasbschel vorguckten. Die andern Fuhrleute wollten nicht
fahren, nur der meinige kannte mich schon so weit, da er meinem Befehl,
abzurcken, nicht zu widersprechen wagte. Es ist mir stets geglckt,
meine Chinesen schnell an unbedingten Gehorsam zu gewhnen. Hatte mein
Mafu einmal einen Befehl von mir erhalten, so wute er schon, dann gab
es keine andere Mglichkeit, als zu gehorchen. Der Schnee lag ungefhr
dreiviertel Meter hoch und ging bis an die Achsen. Zuerst streikten die
Tiere; manchmal blieben wir auch stecken, oder eines der Rder fiel in
ein tiefes Loch, aber es ging doch. Der Weg war natrlich nicht zu
erkennen, man fuhr eben einfach den hohen, weithin sichtbaren
Meilensteinen entlang. Ich fror schauderhaft an den Fen und kroch auf
die Karre, um mich in den Decken etwas zu erwrmen.

Der Dicke benutzte die Gelegenheit, um sich gesattelt, samt
Mauserpistole, im hohen Schnee zu wlzen. Wir waren gerade damit
beschftigt, den Pony mglichst eindringlich auszuschimpfen, was ihn
nebenbei gar nicht rhrte, denn er trottete abseits und wlzte sich auf
der andern Seite, wo das Jagdmesser hing, als der Karrenfhrer in aller
Gemtsruhe sagte: "Lauye, chuang yang!" (Herr, Antilopen). "Wo?" Ich war
wie elektrisiert, sah aber in der angegebenen Richtung zuerst nichts.
Diese Kerle haben eben Falkenaugen. Ich lie den Zei auspacken und
entdeckte nun vielleicht 3000 Meter entfernt sechs Antilopen, gegen
welche ich sofort losziehen wollte, aber der Karrenfhrer meinte, vor
uns wren noch sehr viel mehr, also Ruhe und weiter. Unterdessen wurden
Karabiner und Munition ausgepackt, und bald wurden links von uns wieder
sechs Antilopen sichtbar. Ich ging nun los, mich wie ein Indianer in dem
offenen, sehr wenig Deckung bietenden Gelnde heranpirschend. Die Sonne
war schon hoch und ich schwitzte wie ein Reserveoffizier bei der
Sommerbung; meine hohen Filzstiefel waren mit Schnee gefllt und ebenso
die rmel, infolge des Herunterrutschens ber die Abhnge, die ich
einfach sitzend auf meinen lederbesetzten Reithosen nahm. Wir muten
schon dicht heran sein, als links von uns ein Rudel, das wir nicht
bemerkt hatten, in voller Flucht abging, leider mit der Wirkung, da das
unsrige auch absprang; ich zhlte 22 Stck. Als sie auf fnfhundert
Meter in einem dichten Haufen standen, hielt ich einmal hin; es war aber
zwecklos, denn ich fehlte natrlich. Nun ging es wieder zur Karre, wobei
ich zu meinem Schaden die Beobachtung machte, da das Gelnde doch nicht
so offen war, wie es von weitem aussah. Eine nordsdlich laufende
Schlucht folgte der andern, alles schneeverweht. Ich war ziemlich
erschpft, sah aber meinen Mafu schon von weitem, aufgeregt winkend, auf
der Karre stehen. Auf der andern Wegseite, vielleicht 1500 Meter
entfernt, stand nmlich ein Rudel von mindestens 100 Kpfen. Ich
kostmierte mich schnell leichter, indem ich den Rock abwarf, bestieg
einen Pony und lie mich erst einmal von einem der Soldaten bis an die
groe, hier meist in Trmmern liegende Mauer fhren. Dort legte sich der
Pony mit mir in ein tiefes Schneeloch, was mir einige blaue Flecke
eintrug und dem Karabiner nicht sehr dienlich war. Auch hier war das
Heranpirschen uerst schwierig, da das ganze Rudel auf freiem Felde
stand und alle Deckung bietenden Grben in diesem Tale nordsdlich zu
verlaufen schienen, so da man sehr schwer herankommen konnte. Ich
arbeitete mich vorwrts, solange es ging, dann schtzte ich die
Entfernung ber freies Feld immer noch auf 600 Schritt. Mir war der
Schu zu schwer, auerdem hatten die Antilopen mich auch schon erugt
und flchteten, lange, schwarze Streifen im Schnee zurcklassend. Es sah
aus, als ob eine Schwadron ber das Feld gezogen wre, so viele waren
es.

Ich ging zum Pony zurck und dann zur Karre, wo der alte chinesische
Fhrer meinte, zu Pferde oder zu Fu wrde ich nie eine Antilope zu
Schu bekommen. So gehe es allen, die es auf diese Weise versuchten. Die
Mongolen fhren in einem kleinen Ochsenwagen heran und schssen dann aus
der Karre, aber so lange der hohe Schnee lge, kme man berhaupt nicht
heran. Warum, leuchtete mir zwar nicht ein, wahrscheinlich nur, weil bei
Schneewetter bekanntlich kein Chinese ohne Not die Nase zur Tr
hinaussteckt.

[Illustration: Einmarsch in ein Dorf in Kansu]

Wir fuhren weiter und kauften in einem elenden Nest einige Eier zum
Frhstck. Es gab hier nicht einmal Wasser zum Tee, dieses mute erst
von weither geholt werden; jetzt schmolzen sie den Schnee zu Wasser und
kochten damit. Je weiter nordwestlich wir kamen, desto geringer wurde
der Schnee. ber Mittag hatten sich die Berge mit einem dichten weien
Wolkenschleier auf halber Hhe bedeckt, was hchst merkwrdig aussah.
Als wir gegen drei Uhr das Gebirge vor Dsia kau yi durchschritten, waren
die Berge rechts und links fast schneefrei, whrend die schneebedeckten
Spitzen hinter uns blieben. Gegen vier Uhr waren wir im Dorfe. Mein
Gewehrputzen lockte eine groe Volksmenge zusammen; ich machte dabei die
unangenehme Entdeckung, da das Gewehrl ausgelaufen war, Schweinefett
mute aushelfen. Meine Reisebegleitung aus Liang tschau fu hatte heute
einen groen Zank im Hause, in dessen Verlauf man eine Mustersammlung
chinesischer Schimpfworte zu hren bekam. Ich dachte: Pack schlgt sich,
Pack vertrgt sich; morgen werden sie wohl alle wieder gut Freund sein.
Vielleicht kam die schlechte Laune daher, da das Antilopenfleisch, auf
das man sich schon gespitzt hatte, ausgefallen war. Mir ging es ebenso,
ich htte auch anstatt des ewigen Reis ganz gern einmal Antilopenfilet
gegessen, doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Ich ging mit einem Soldaten am 10. Mrz frh weg, um auf Antilopen zu
pirschen, sah jedoch nichts, bis der Wagen uns einholte. Dieser fuhr
heute so schnell, da ich mich lieber anschlo, denn was die Augen des
Soldaten entdeckten, das sahen mein Mafu und der Karrenfhrer schon
lange. Leider zeigte sich nichts. Hier war der Schnee schon ganz
verschwunden, die Schneewasser kamen in kleinen Bchen von den Bergen;
an jeder der schmalen, tief eingeschnittenen Rinnen gab es einen Kampf
mit dem Dicken, der stets Versuche machte, zu streiken. Wir kamen in
eine Gegend, wo Reis angebaut wurde und die Bauern gerade dabei waren,
ihre Felder zu berschwemmen. Da sie dabei den Weg mitbewssern,
scheint ihnen ganz gleichgltig zu sein.

Heute war ein ereignisreicher Tag. Wir waren nach der Mittagspause in
einem breiten steinigen Tale nach Nordwesten weitergeritten, stets
Schneewasser fhrende Rinnen kreuzend. Links von uns sah ich pltzlich
bei einer groen Schafherde ein Gewhl von Krpern, welches ich anfangs
fr eine groe Hundeschlacht hielt. Erst beim Nherkommen entdeckten
wir, da fnf Hunde sich mit elf groen Wlfen um ein Schaf bissen,
scheinbar zum Nachteil der in der Minderheit befindlichen Hunde. Und das
am hellichten Tage, eigentlich direkt an der Landstrae. Die drei
Schafhirten hatten vorsichtshalber die Herde zwischen sich und die Wlfe
gebracht. Ich zog sofort meinen schweren Rock aus und machte den
Karabiner fertig. Die Wlfe waren durch das Halten der Karre stutzig
geworden und trabten im Rudel ab, das Schaf war tot, die Kter bellten
hinterher. Mir war die Entfernung schon zu weit zum Schu; ich lie
daher schleunigst die Stute satteln und galoppierte in Rennpace los. Die
Witwe ging prachtvoll und nahm die vielen kleinen Grben und
Feldereingrenzungen, als ob es ein richtiges Hindernisrennen wre. In
weniger als einer halben Minute hatte ich die Wlfe in Sicht, sie
drehten sich von Zeit zu Zeit um, um zu sehen, was da so schnell
angesaust kam. Ich konnte das Pferd, das sehr passioniert ging, mit der
dnnen Trense nicht so schnell bremsen und war pltzlich mitten zwischen
den erstaunt stehenbleibenden Wlfen. Wenn ich es nicht selbst erlebt
htte, wrde ich es nicht glauben. Die Witwe stand, spreizte alle Viere
von sich und schnob die ebenso erschrockenen Tiere an. Ich war wie der
Wind herunter, und im nchsten Augenblick wlzte sich, nicht zehn
Schritt entfernt, ein Wolf mit Blattschu am Boden; die andern teilten
sich in zwei Parteien und galoppierten ab. Ich sa auf, hatte sie nach
tausend Meter wieder eingeholt und scho einen waidwund. Er lag und ich
wollte ihm nun den Fang geben. Die Witwe hatte es vorgezogen, mit meinem
groen Jagdmesser am Sattel wegzulaufen; ich hatte also nur einen kurzen
Nicker bei mir, und jedesmal, wenn ich die wtend um sich schlagende
Bestie abfangen wollte, schnappte sie derartig nach mir, da ich es
lieber unterlie. Einen festen Bi ber den rechten rmel und ber die
rechte Hand hatte ich aber doch weg. Ich ging nun zurck und sah bald,
in vollster Fahrt durchgehend, meinen Mafu am Horizont erscheinen. Er
konnte die gute Australierin, die in der letzten Zeit nichts getan
hatte, nicht halten; ein so edles Pferd ist doch ein anderes Tier als
ein Pony. Schlielich geriet er in meiner Nhe in ein tiefes Reisfeld
und konnte das Pferd stoppen. Ich ritt nochmals zum ersten geschossenen
Wolf und sagte herbeieilenden Hirten, ihn nach der groen Strae zur
Karre, die man am Horizont herankommen sah, zu bringen. Den zweiten Wolf
fand ich nicht wieder, er mute sich in eine der unzhligen tiefen
Wasserrinnen verkrochen haben.

Ich ging nun, schrg abschneidend, auf Schan tan Hsien zu nach der
groen Strae oder nach dem, was man hier groe Strae nennt, und
wartete auf die Karre, die bald heranrollte. Von Westen her kam
Staubsturm auf, die Sonne verschwand und es wurde bitter kalt. Schon von
weitem rief mir der Fhrer zu: "Lauye, dein Rock ist weg!" und richtig
hatte die Gesellschaft meinen schnen schweren Winterrock verloren, der
meinen Fllfederhalter, Bleistifte, mein Notizbuch mit einer Unmasse
wichtiger Notizen, kleiner Karte, Grundri- und Ansichtszeichnungen,
Visitenkarten, Patronen, Taschenbuch usw. enthielt. Ich sandte sofort
alle zur Verfgung stehenden Leute zurck. Sie hatten entsetzliche
Angst, da sie annahmen, ich wrde sie nun totschieen, und machten,
einschlielich der beiden Kavalleristen, unter Beteuerung ihrer
Unschuld, fortwhrend Kotau. Dann galoppierte ich selbst bis zu dem
Dorfe zurck, wo wir gefuttert hatten, unterwegs jeden Karren, jeden
Menschen anhaltend und ausfragend; nichts war wiederzufinden. Leute
erzhlten mir, da ein des Weges kommender Reiter den Rock aufgenommen
htte und eiligst nach Sden, auf die Berge zu abbiegend, fortgaloppiert
wre. Meine beiden Kavalleristen schickte ich nach Dsia kau yi zurck,
um dort zu suchen; natrlich sind sie nie hingeritten.

Als ich, zurckkommend, kurz vor der Karre anlangte, brach die arme
Stute unter mir zusammen mit allen Zeichen einer schweren Kolik; das war
ausgerechnet das, was mir noch fehlte. Der Tag verdiente einen roten
Strich im Kalender. Ich sa sofort ab, brachte das Pferd noch glcklich
bis zur Karre und tat dann alles, was irgend mglich war; das arme Tier
warf sich mit solcher Gewalt, da es gar nicht zu hindern war; ich
setzte nicht mehr viel Hoffnung auf sein Wiederaufkommen. Nach und nach
stellten sich, bis auf den Karrenfhrer, alle wieder, ohne den Rock, ein
und taten derartig dumm und ngstlich vor dem sich vor Schmerzen
krmmenden Tiere, da ich vollends die Laune verlor. Um 3 Uhr setzte
sich der trbselige Zug in Bewegung. Erst beim Abmarsch bemerkte ich,
da die Chinesen die allgemeine Aufregung benutzt hatten, um den Wolf,
der neben der Karre gelegen hatte, auch zu stehlen. Trotz meiner recht
traurigen Stimmung mute ich doch ber die freche Gesellschaft lachen.
So gings weiter, voran die Karre, dann ich, das Pferd fhrend, und
dahinter der Mafu mit einer langen Peitsche, um das Werfen zu
verhindern. So gelangten wir allmhlich um 6 Uhr, gegen den Staubsturm
ankmpfend, nach Schan tan Hsien. Als wir eintrafen, hatten sich die
Schmerzanflle gemindert, das Tier erleichterte sich und ich schpfte
wieder Hoffnung. Schlielich fra es etwas und nahm Wasser; ab und zu
kam noch ein Anfall, dann legte es sich um 8 Uhr hin und war, soweit
ich die Lage beurteilen konnte, gerettet. Mir war es schon lieber,
meinen Rock und die brigen Sachen zu verlieren, als die gute Witwe
Bolte, die mir doch sehr ans Herz gewachsen war. Ich sa traurig neben
dem Tier in der steinernen Krippe, fror dabei scheulich und hatte
Hunger. Den Mafu hatte ich, um nichts unversucht zu lassen, nach dem
Yamen geschickt, um Untersttzung zu erbitten. Der Mandarin schickte
sofort seine 30 Kavalleristen aus und versprach, alles zu tun, leider
gnzlich ohne Erfolg, woran ich nie gezweifelt hatte. Um neun Uhr kam
der Mandarin selbst angeritten; ich mute auch noch den Liebenswrdigen
spielen, opferte eine Schachtel Schokolade, die ganz verschwand und
hrte dazu -- recht widerwillig -- die guten Ratschlge des brigens
sehr freundlichen Chinesen an, der mich trsten wollte. Spter stellte
sich auch noch der gnzlich verngstigte Karrenfhrer ein; natrlich
ohne den Rock. Er machte einen Kotau nach dem andern unter entsetzlichem
Geheul, da er annahm, da es jetzt Prgel setzen wrde. Schlielich
brachte er mir als Ersatz seinen alten Lausepelz angeschleppt, den ich
dankend ablehnte. Um 10 Uhr nahm der Beamte Abschied, mit der recht
deutlichen Anspielung, da ihm eine Taschenuhr als Geschenk nicht
unangenehm sein wrde; ich versprach ihm meine zweite, kurz vorher
zerbrochene Nickeluhr, falls ich meine Sachen wiedererhielte.

Der Stute ging es am 11. Mrz morgens gut, sie hatte sich wieder ganz
erholt, war aber natrlich sehr abgefallen. Ich schrieb im Laufe des
Vormittags Briefe an die Missionare im Lantschau Fu, Hsi Ngan Fu und
Liang tschau fu, um sie von dem Verluste des Rockes in Kenntnis zu
setzen, da ich es nicht fr ausgeschlossen hielt, da er an einem dieser
Pltze zum Verkauf angeboten werden wrde. Um 12 Uhr kam die mit nur
einem Pony bespannte Karre; das andere Pferd sollte an einem Hause am
Wege stehen, was mir merkwrdig vorkam. Der Mandarin erschien auch
wieder, natrlich nur wegen der Uhr; da aber der Rock nicht wieder
eingetroffen war, gab es auch keine Uhr. Mitten auf der Strae im Ort
lie uns der Karrenfhrer stehen und war sofort in der Menge
verschwunden; der Mandarin drckte sich hinten weg, da er voraussah, da
es nur Zank geben wrde. Ich lie den Mafu sich einige Zeit mit der
Gesellschaft herumzanken, dann griff ich ein, stellte fest, wo das Pferd
sein sollte, und holte es aus dem Misthofe, in dem es stand, heraus. Es
ging nur auf drei Beinen, aber das gengt ja beim chinesischen Pony. Ich
lie anspannen, immer noch ohne Karrenfhrer. Die Menge um mich herum
lachte mich aus, da sie jedenfalls erwartete, mich bald hilflos dastehen
zu sehen. Ich aber fragte gar nicht mehr viel, sondern fuhr einfach mit
dem Mafu los und hatte sofort die Lacher auf meiner Seite. Der neue
Fhrer kam nun schleunigst zum Vorschein. Er hatte, wie mir der Mafu
hinterher erzhlte, erst um die Hhe des Trinkgeldes mit den Yamenleuten
gehandelt, nicht ahnend, da ich fr die unverschmte Gesellschaft nicht
einen Cash gebe, was ich ihm jetzt mit dem Bemerken erffnete, da er
auerdem; falls er etwa jetzt noch fortzulaufen beabsichtigte,
frchterliche Prgel bekommen wrde. Mein Mafu gab ihm die Erluterungen
dazu; diese mssen sehr berzeugend gewirkt haben, denn er fuhr
spterhin sehr gut.

[Illustration: Witwe Bolte nach schwerer Kolik in Schan tan Hsien]

Zur Strafe warf ich smtliche Yamenleute, die es sich auf der Karre
bequem gemacht hatten, aus dieser hinaus und lie sie laufen, was ihnen
sehr peinlich war. Vorbei an dem auf hohem Berg liegenden Tempel
Fa-ta-tse, durch ein gut angebautes Tal gelangten wir nach
Dung-lo-hsien. Der dortige Beamte lie mir gleich sagen, er knne keinen
Karrenfhrer schicken, denn derselbe wrde sicher Karre und Tier
unterwegs verkaufen und ausrcken. Angenehme Zustnde!

Am 12. Mrz kam der Mafu schon um 4 Uhr morgens, um mich zu wecken. Ich
trumte gerade von dem schnen Diner, das ich nicht bekommen hatte, und
kroch aus meinem Schlafsack, um drauen einen schauderhaften kalten
Ostwind, der durch Mark und Bein pfiff, vorzufinden, aber sonst keinen
Menschen. Alles schlief noch; auer dem meinigen war kein Pferd
gefttert. Der Karrenfhrer hatte das ganze vorausbezahlte Geld fr die
Fahrt, einschlielich Futtergeld fr die Tiere, in Opium angelegt und
lag nun irgendwo im Dusel. Die Yamenleute hatten das ganz genau gewut,
sie rauchten aber smtlich auch Opium und hatten daher ein Auge
zugedrckt. Hier huldigte berhaupt alles, einschlielich der Weiber,
diesem schrecklichen, nervenzerrttenden Laster. Die Leute rannten nun
die Strae herauf und herunter, laut den Namen des Treibers schreiend,
um die Kneipe ausfindig zu machen, in der er seinen Rausch ausschlief.
Nichts meldete sich; ich lie den Pferden daher etwas Stroh geben und
dann anspannen.

[Illustration: Meine Pferde in Schan tan Hsien, rechts der Bruder des
Mandarins von Schan tan Hsien]

Ein Soldat, der Mitleid mit mir hatte -- ich fror nmlich stark --,
brachte mir Tee und einige der kleinen, in Blattumhllungen befindlichen
Pakete Reis mit Pflaumen darin; sie schmeckten mir heute besonders gut.

Unterdessen war aus einer andern Opiumhhle ein Yamenmann herausgeholt
worden, der aussah wie ein Strolch von der Landstrae, ungewaschen --
hier waschen sich von zehn Leuten berhaupt hchstens zwei --, zerlumpt,
noch halb im Dusel. So zogen wir denn mit dem Kerl um 5 Uhr im
Schritt los, denn zum Trab waren die Tiere nicht zu bewegen. Unterwegs
fanden wir eine neue Futterschwinge, die ich annektierte. Einmal ging
der Karrentreiber nach einer der kleinen, am Wege befindlichen elenden
Lehmhtten, in denen Tee ausgeschenkt wird. Zu meinem Leidwesen tun dies
alle Treiber, nur machte dieser den Unterschied, da er einfach nicht
wiederkam. Ich ritt nach einiger Zeit zurck und fand ihn sanft ruhend
auf dem Kang. Ich weckte ihn ebenso unsanft mit einem Gu kalten Wassers
auf; dann ging es im Trabe der Karre nach, die mittlerweile wohl vier
Kilometer weiter war. Der Kerl hatte eine so heillose Angst vor mir, da
er wie besessen lief und schweiberstrmt die Karre erreichte.

[Illustration: Chinesische Kavallerie-Eskorte vom Leichenzuge
Djau-ta-jens]

Die Gegend war de und sandig, der Wind sprang um 8 Uhr nach Westen um,
und bald hatten wir den schnsten Staubsturm, den strksten von allen
solchen bisher, ausgenommen den am 5. Januar. Auf der Strae kamen uns
im rasendsten Tempo Yamenreiter entgegen. Sie gehrten zu dem Leichenzug
Djau-ta-jens, des ehemaligen Futais von Tsin-tsian, der vor einem Jahre
gestorben war und jetzt als Leiche mit groem Gefolge nach Peking
zurckgebracht wurde. Die ersten waren die Quartiermacher, denn der
mitgefhrte Tro ging wohl in die Hunderte.

Die Gegend nahm immer mehr einen wstenhnlichen Charakter an. Sanddnen
wechselten mit steinigen, weiten Flchen ab. Ich mute die Staubbrille
und den Kopfschutz herauskramen, um mich wenigstens einigermaen gegen
den alles durchdringenden Staub zu schtzen. Man sah die hohen Sanddnen
ordentlich wandern, derartig wird der Sand weitergeweht.

Der groartige Leichenzug nahte. Ganz bunte Kavallerie eskortierte ihn;
voran ritten einige Mandarinen in Staatsgewndern, dann folgte,
befestigt an einer langen Stange mit ausgeschnitzten, bunt gemalten,
erhobenen Drachenkpfen an den Enden, der Sarg, von vielleicht dreiig
Trgern an schweren hlzernen Querstangen getragen. Auf dem Deckel sa
in einem kleinen Kfig der bliche, ganz weie Hahn, dann kam in Karren,
deren ich 58 zhlte, das Gefolge, darunter eine Menge Weiber, deren
Gefhrte wie kleine Huser mit Tren und Fenstern versehen sind. Alle
beguckten natrlich sehr neugierig den fremden Teufel, von dem
allerdings in der Vermummung nicht viel zu sehen war, und lachten, wie
immer, wenn der Chinese nicht wei, was er sagen soll.

Der Staubsturm wurde unterdessen immer toller, die Pferde fingen an zu
streiken und wollten sich mit der Kruppe gegen den Wind stellen. In
einem Bachbett mit schmaler Ein- und Ausfahrt und steilen Ufern sa ein
Karren fest, wir muten unsere Tiere als Vorspann geben, sonst htten
wir nicht weitergekonnt, da die Ausfahrt gesperrt war. Endlich tauchten
Bume auf, es war rr-sche-li-pu, das als Schutz gegen den Staub und zur
Befestigung des wandernden Sandes rings von Bumen umgeben ist. Wir
futterten schnell auf der Strae ab, dann ging es weiter durch sumpfiges
Gelnde mit vielen offenen, moorigen Lchern.

[Illustration: Missionar Weiys in Kan tschau fu]

Gegen 3 Uhr kam Kan tschau fu in Sicht; der Sturm lie nach. Wir fuhren
durch ein Tor in ein weites Grberfeld mit einem sogleich in die Augen
fallenden Grabhgel in der typischen Sargform, von ganz kolossalen
Dimensionen. Die Vorstadt durchreisend, gelangten wir durch das Sdtor
in die eigentliche Stadt, die viele kleine sumpfige Pltze hat. Leute
ber 60 Jahre gibt es hier nicht, das Klima ist zu ungesund. Alle Mauern
strzen bald wieder ein und man sieht sofort an den greren
Tempelbauten, da der Untergrund schlecht sein mu, denn die Gebude
haben kaum einen ordentlichen rechten Winkel aufzuweisen. Vorbei an der
halb europisch, halb chinesisch gebauten Kirche der katholischen
Mission, gelangten wir endlich in ein schnes, groes Gasthaus. Die
groe Suberung vollzog sich vor einer durch alle verfgbaren ffnungen
guckenden Zuschauermenge. Dann ging der Mafu zum Yamen, ich zur Mission.
Sie hat schon seit 20 Jahren eine Kirche am Ort, die aber auch infolge
des sumpfigen Untergrundes Abweichungen zeigt, sonst ist sie wie eine
katholische Kapelle in Deutschland gehalten. Die Mission unterhlt noch
eine Schule, ein Waisenhaus und betreibt in geringem Umfange Gartenbau
und Landwirtschaft. In Pater L. Weiys, einem liebenswrdigen Hollnder,
fand ich einen Deutsch sprechenden, sehr natrlichen Menschen, der mir
gut gefiel. Er war allein hier; sein Kamerad, Pater Kissels, war vor
einem halben Jahr an Wassersucht gestorben, als ein Opfer des hiesigen
Klimas, nachdem er, Kissels, ber 20 Jahre auf seinem Posten gewesen
war. Der jetzige Missionar war zufrieden mit seinem Beruf und seinen
Erfolgen; man sah es ihm auch sofort an. Er hat gegen 600 Christen unter
sich, die Gemeinde in Su tschau fu eingeschlossen. Auch hier scheint mir
die katholische Mission mit viel mehr Erfolg zu arbeiten als die
protestantische. Ich bekam selbstgekelterten, sehr guten Wein
vorgesetzt. Die Katholiken sind vernnftigerweise nicht derartig strenge
Abstinenzler wie die englischen Missionare, die ich bis jetzt gesehen
habe. Der Wein schmeckte mir sehr gut, ungefhr wie leichter spanischer
Wein; ebensogut war das mir angebotene Abendbrot, das natrlich, der
Fastenzeit entsprechend, keine Fleischgerichte enthielt. Drauen in der
Kapelle hrte man die Christen ihre Abendgebete laut absingen, und ich
fhlte mich eigentlich hier mehr zu Hause als bei den Englndern,
trotzdem ich Protestant bin und im allgemeinen die Englnder sehr gern
habe.

[Illustration: Alter Tempel in Kan tschau fu, aus der mongolischen
Dynastie stammend]

Gegen 8 Uhr suchte ich mein hartes Lager auf und schlief wie ein
Toter, wahrscheinlich infolge des ungewohnten Weingenusses. Der 13.
Mrz war ein Ruhetag; der Schneider kam, um mir einen chinesischen Rock
fr den gestohlenen anzufertigen. Die Sachen wurden gesonnt und der
Lebensmittelvorrat fr die nchsten Tage ergnzt. Um 12 Uhr ging ich
wieder zur Mission, wo ich vom Pater Weiys ein fr hiesige Verhltnisse
gutes Essen vorgesetzt bekam. Dann ritten wir auf seinen Ponies zu einem
alten Tempel, der noch aus der Zeit der mongolischen Herrscherdynastie
stammt und in dem besonders ein mchtiger schlafender Buddha in recht
unverhltnismiger Darstellung auffllt. Am Ende des Tempels befindet
sich eine der hohen, flaschenfrmigen Pagoden. Von dort ging es zum
Garten der Mission, drei Li sdwestlich der Stadt. In diesem wird
hauptschlich Obst- und Weinbau betrieben; ferner liegt in ihm das
provisorische Grab des hier verstorbenen Paters Kissels.

[Illustration: Katholische Mission in Kan tschau fu]

Der Pater Weiys erklrte mir, da er Gemeindeglieder habe, die bereits
in der fnften Generation christlich wren. Seine Stellung zu dem
Mandarin ist eine recht gute, aber durchaus unabhngige. Er befat sich
weniger mit der Belehrung der Heiden, als mit der Seelsorge in der
bereits vorhandenen christlichen Gemeinde. Im brigen klagte er sehr
ber das Opiumrauchen und besonders ber das Opiumessen der Weiber. Der
Hauptgrund fr letzteres sei darin zu suchen, da sie zu frh heiraten
und ihre Mnner vor der Hochzeit nicht kennen lernen. Die Folge sei dann
oft eine herbe Enttuschung, welche die junge Frau zum Selbstmord
treibe. Dann werde der Missionar zu Hilfe gerufen, und unter den wenigen
rztlichen Instrumenten in den Missionen knne man stets eine Magenpumpe
fr den vorgenannten Zweck finden. Er erzhlte noch auerdem, er habe
sehr damit zu kmpfen, da z. B. neu bekehrte Eheleute Kinder htten,
die infolge der leidigen Unsitte des frhen Verlobens schon an Heiden
vergeben seien, was natrlich zu groen Unzutrglichkeiten fhre. Ich
empfahl mich bei dem liebenswrdigen Missionar, nicht ohne noch einen
besseren Jahrgang des selbstgekelterten Weines gekostet zu haben.

[Illustration: Grab des Pater Kissels im Garten der Mission zu Kan
tschau fu]

Auf dem Rckwege zu meinem Gasthause sah ich vor demselben eine groe
Menschenmenge auf der Strae; ich ging hin und fand die ffentliche
Leichenschau eines Ermordeten. Die Leiche, mit einem Stich unterhalb des
Herzens, lag gnzlich nackt auf einem Brett mitten auf der Strae. Auf
einer Seite war ein Mattenverschlag, in dem Yamenbeamte, scharlachrot
kostmiert, ein Protokoll aufnahmen, whrend ein anderer Beamter an der
Leiche herumma und den im Verschlag befindlichen Kollegen Angaben
zurief, die diese in das Protokoll notierten. Rings umher sowie auf
allen Dchern war eine neugierige Menge versammelt, die nur mit Not von
den Yamendienern zurckgehalten werden konnte. Zehn Schritte davon, in
einem nach vorn zu offenen Hause, lrmte eine vergngte, trinkende
Hochzeitsgesellschaft. Man kann sich wohl kaum schrfere Gegenstze
denken.

Der Schneider kam am 14. Mrz etwas zu spt; trotzdem ist es eigentlich
zu verwundern, da er so schnell gearbeitet hatte. Der Rock war
natrlich um die Brust, um den Hals und in den rmeln etwas eng, da wir
Europer doch anders gebaut sind als der Durchschnitts-Chinese. Die
rmellose berziehweste, Kandjrr, sa dagegen recht gut. Der Preis fr
den Stoff betrug 2500 Cash, der Arbeitslohn 500 Cash, alles in allem
ungefhr 7,20 Mark, also wirklich recht wenig.

[Illustration: Verbrecher in Kan tschau fu]

Es schneite ziemlich stark, und der Geschftsfhrer wollte mich
berreden, noch zu bleiben. Ich konnte es aber nicht, da jeder Tag fr
mich von Wert war. Um dem bervorteilen seitens der Leute, bei denen ich
Lebensmittel usw. kaufte, zu entgehen, hatte ich dem Geschftsfhrer
eine bestimmte Summe in Silber eingehndigt; davon bezahlte er jeden,
der eine Forderung an mich hatte. Ich vermied dadurch den ewigen Zank
wegen guten und schlechten Geldes, kam sicher billiger weg und der
Geschftsfhrer machte zugleich sein Geschft, da er natrlich jedem
Hndler Prozente abzog. Er mu sich dabei ganz gut gestanden haben, denn
er war zufrieden und beklagte sich nicht, wie alle andern
seinesgleichen, ber zu geringe Bezahlung. Auch die Yamenleute benahmen
sich anstndig. Drauen, mitten auf der Strae, stand immer noch der
Sarg mit dem Ermordeten.

Es ging durch Heide, die vielfach moorig und von vielen kleinen
Wasseradern durchzogen war, in denen sich eine unendliche Menge von
Wasser- und Sumpfvgeln tummelte. Nach Durchschneiden einiger ganz
wstenartiger Striche kamen wir am Abend nach Scha Ho, wo wir gute
Unterkunft fanden. Eine alte Frau mute die Fehler, die der Schneider in
Kan tschau gemacht hatte, verbessern, da mich der Rock doch etwas
drckte. Auch am 15. Mrz durchzogen wir eine wstenhnliche Gegend. Die
Dnen laufen von Nordost nach Sdwest, westliche Winde schienen
vorzuherrschen, da die Abhnge nach dieser Himmelsrichtung flach,
diejenigen nach Osten zu steil und sehr schwer passierbar sind. Die
Karre mit den zwei Meter hohen Rdern kam nur in mehreren Abstzen
hinauf; die Tiere keuchten schwer und sanken tief im Sande ein. Um
11 Uhr erreichten wir Fu-ji-ting, bis wohin meine Karre gemietet
war. Im ganzen Ort lie sich kein neues Gefhrt auftreiben, aber der
Beamte war so liebenswrdig, mir seine eigene, nur mit einem Pony
bespannte Karre zu geben, so da ich wenigstens fortkommen konnte. Die
Gegend blieb weiterhin wechselnd; wstenartige Strecken folgten
unmittelbar auf fleiig bewirtschaftete Lndereien, jedoch war der
angebaute Strich stets nur sehr schmal und ging mit den Flulufen.
berall sah man Hecken und Wlle, die dem Versanden wehren sollten.

[Illustration: Karre bei Su tschau]

Wir befanden uns gegen 3 Uhr in einer weiten Sandflche, als links in
den Dnen Antilopen auftauchten. Ich lie die Stute satteln, mit der
Absicht, mich in vollster Fahrt zu nhern und so vielleicht eine
derselben zu Schu zu bekommen. Es klappte ganz gut; ich kam an die
ruhig stehenbleibenden Antilopen bis 150 Meter heran, als ich kurz vor
mir einen breiten Graben sah. Getreu meinem alten Prinzip, lieber das
Genick gebrochen, als gekniffen, ging ich, was ich konnte, gegen
und -- lag prompt drinnen, oder vielmehr samt Pferd drben im hohen,
weichen Sande. Die Mauserpistole fiel in einen Grasbschel, sonst war
nichts passiert. Ich sa wieder auf und ritt hinter den abspringenden
Antilopen her, jedoch war ihr Vorsprung zu gro; ich kam nochmals bis
etwa 150 Meter heran, dann versagte die Stute. Ich sa daher ab und
fhrte sie zurck, als links vor mir drei Wlfe auftauchten. Mein Tier
war zu mde und die Entfernung fr die Mauserpistole zu weit, daher lie
ich heute Isegrim laufen, was er sehr langsam, oft stehenbleibend, denn
auch tat. Der Wildreichtum in dieser Gegend ist einfach verblffend.
Besonders sind Wasser- und Sumpfvgel in groen Massen vorhanden; unter
diesen schwarze Strche, weie Reiher, unsere Wildenten, groe,
rostbraune Enten, Krickenten, Gnse und viele kleine Wat- und
Schwimmvgel. Die Chinesen schieen die Tiere nicht; sie sind daher ganz
vertraut, und besonders die groen Enten kann man hufig in den kleinen
Grben unmittelbar am Wege finden.

Unser Ziel, Gau tai Hsien, war noch 20 Li entfernt. Der Abend war
herrlich, kein Lftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die
Bauern pflgten noch berall auf den Feldern, vom Flu her tnte der
Schrei des Storches und der Gnse, ab und zu hrte man die Weihe, die
ungestrt, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten.
Allmhlich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krhen zogen ostwrts.
Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren
erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also
konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen
den Husern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche
Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht gengt, es ist die
Torwache. Einige vorsichtige Geschftsfhrer von Gasthfen waren nicht
zu bewegen, das groe Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer
so spt am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich
fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte
zum Yamen und erhielt das Versprechen, da die Karre pnktlich
erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man
das mde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan strte ein
chinesischer Snger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch
dieser bekam die Sache satt. Drei Bller kndeten, da das
Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei
noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man trumte vom schnen
Vaterlande im fernen Westen.

Natrlich kam am 16. Mrz morgens keine Karre. Zweimal mute ich zum
Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir
in Scheziang yi, wo der Fhrer in seinem Vaterhause durchaus alles
mgliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, da er sich zu drcken
beabsichtigte und lie ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand
deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die
Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehrige Vater und
versicherte berlegen, da, wenn sein Sohn versprochen habe,
wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein wrde. Leider war ich,
trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer
natrlich nicht wiederkam, war der Schelm, so da ich, zu meinem
Verdru, in dem Loche bernachten mute. Den Abend ging ich dafr auf
Entenjagd und scho eine, die aber so tranig war, da man sie nicht
essen konnte.

Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Klte
in die Wste ab. Wir sahen links in den Dnen mehrfach Antilopen und ich
ritt nher heran, um mich zu berzeugen, wie viele es wren. Beim
Absteigen blieb ich mit dem linken Fu im Bgel hngen und mein guter
Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich
fhlte noch Hufschlge am linken Schienbein, am rechten Spann, am
rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich
kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand
knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenfhrer, der
ihn aufhalten wollte, berrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht,
wobei mein Fu aus dem Bgel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand,
der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmtze hatten die
Hufschlge gemildert, so da ich mit einigen Hautabschrfungen und
leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwrdigerweise stellten sich auch
gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock
gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit
Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen
400 Meter. Die Bewutlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben.
Der Pony und die Chinesen hatten einen viel greren Schreck bekommen,
als ich selbst. Sie erzhlten mir hinterher, da sie mich anfangs fr
tot gehalten htten und waren sehr um mich besorgt, was mich
einigermaen rhrte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid.

Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran,
sie sprangen aber zu frh ab, so da ich nicht zum Schu kam. Nach
weiteren fnf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam
kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher
Hhe waren, dann scho ich auf die nchste, vielleicht 130 Schritt
entfernte, ein vorzgliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete
und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner
Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit
meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und
flchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald
die Fhrte und stand zu meinem nicht geringen rger wiederum vor einem
Mierfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit
diesem Schu unmglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es
fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute
Nase nicht ersetzen.

Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von
Salzsmpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der groen Strae. Das
ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthusern und wenigen Handwerkern,
die vom Durchgangsverkehr leben. Da der Europer als willkommenes
Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmglichen
Preisen an, so da ich schlielich gar nichts kaufte, sondern Konserven
kochte. Doch bekam mir das europische Essen nicht gut, da ich am 18.
Mrz, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte.
Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefhr eine halbe Stunde
aufgehalten hatte, kamen wir glcklich durch die Wste gegen Mittag nach
Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in
unserm Dorfe vollkommen ausgeplndert worden war und mit einem
anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb ber das Schienbein
erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die bel
aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch
weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein
Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir
einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schlielich durch
alles durch und wechselte merkwrdig oft zwischen West und Nord, so da
man fortwhrend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen
wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich
beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit
Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, da man
auffallend weit sehen konnte. Dabei rckten die entferntesten
Gegenstnde ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel,
das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nhe.

Gegen 7 Uhr hatten wir die Wste hinter uns, wir kamen wieder in
steppenartiges Gelnde, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war
froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der
wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrhrte, denn auch
meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak
whrend der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern a nur Reis. Ich
war so erschpft, da ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich
glaube, man htte das ganze Zimmer ausrumen knnen, ohne da ich es
gemerkt htte. Am nchsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die
nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit
"Tajen" an, so da ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen
bei Dzia y kwan durchkommen helfen, indem ich sie fr meine Leute
ausgab. Ich erklrte ihnen, da ich, als Europer, mich niemals darauf
einlassen wrde, die chinesischen Behrden zu betrgen, worauf sie
betrbt wieder abzogen. Die chinesische Regierung lt nmlich
Mohammedaner ohne Pa nicht die groe Mauer berschreiten, da sie ein
recht unruhiges Element der Bevlkerung darstellen und berall Unruhen
stiften.

[Illustration: Hndler mit Jettwaren]

Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien,
fhlte ich mich, trotz der 14 Grad Klte, recht wohl. Wir hatten nur
kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des
Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit
des Mohammedaneraufstandes gnzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt
sieht man viele Trmmer; im brigen sieht es genau wie die anderen
Stdte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten
Gasthause, da es aber keins gab, lie ich, zum Schmerz meiner
Begleitung, wieder umdrehen und auerhalb derselben einkehren.
Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits frher
getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich
gewartet hatte. Die Gegend galt fr unsicher und die Karrenfhrer
wollten tatschlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch fr
ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwrdig war
es, da viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre
htte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin
besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su
tschau fu Eisenbahn bekme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich
unbekannt; ich vertrstete ihn also auf das nchste Jahr, alsdann wrde
er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine
Vlkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig
dabei. Im brigen wird der Europer hier als hherstehendes Wesen
betrachtet. Mir fiel entgegen frheren Berichten auf, da sie ihre
Sachen von vornherein als schlecht und alle europischen Waren als gut
bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte
denn auch fr recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten.

Am nchsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war
der Einfachheit halber weggelaufen, so da einer der Yamenleute fahren
mute. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien
ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in
unverschmter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu
lassen. Mir machte der zwanzigjhrige Mensch Spa, selten habe ich so
viel Gutmtigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange,
bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nchsten Bude
in Nschereien anlegte, um dann, vergngt singend und mit den
Straenjungen Unfug treibend, die Strae entlang zu schlendern. Wir
packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den
Karrenfhrer alle seine Geschfte erledigen zu lassen, und kamen dann
glcklich durch das Nordtor und, durch die nrdliche Vorstadt nach
Westen abbiegend, in eine von vielen Fluarmen durchzogene, ganz glatte,
mit Steingerll bedeckte Ebene.

Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein
mchtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem
Hunde wtend angeklfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen
gesucht. Ich ritt heran, sa ab, kniete hin und scho ihn in aller
Gemtsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht
daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht
glauben wrde, wenn ich sie nicht selbst erlebt htte. Leider war er im
Fell nicht sehr gut, so da ich ihn den mich begleitenden Soldaten
berlie.

Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem
endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu
einschlfernd, so da mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und
ich deshalb lieber zu Fu wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen
und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um
7 Uhr kamen mchtige Mauern auf einer Anhhe vor uns in Sicht, es
war Dzia y kwan an der groen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen
China nach Westen. Gegen 10 Uhr berschritten wir einige Fluarme, dann
ging es die Anhhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der
das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten
wir am 21. Mrz bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm
ankndenden Schwle weiter.

[Illustration: Reisender Sarg (nach der Heimat), Kansu]

Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen uerst stark
befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, da man
gegen etwaigen berfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen
versehen ist. Die groe Mauer, die wir hier berschritten, ist nur ein
elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg
fhrte durch eine ebensolche Steinwste wie gestern, nur da die Gegend
heute etwas hgelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen
heranzukommen, aber das Gelnde war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu
eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase
in der Wste, von kaum fnf Menschen bewohnt. Auer altem Brot und
frischem Wasser gab es auch nichts zu beien und zu brechen. Am 22. Mrz
hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch
Steppen, zuweilen an einzelnen zerstrten Husern, den berbleibseln
frherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelnde wurde steiniger, die
Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswnden.
Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an.
Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und
fand in ihrer Krippe eine groe Ziege, die die Stute auerdem noch mit
den Hrnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war.

Der Wind sprang in der Nacht zum 23. Mrz nach Norden um, und der
Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wste, die wir heute bis Y
Mnn Hsien zurcklegen muten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir
einen zugefrorenen Flu, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der
Mitte, vor uns. Die Karren muten weit ausbiegen, um einen bergang zu
finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In smtlichen Gasthusern
innerhalb der Stadt war kein Pltzchen frei; wir kamen auerhalb unter.
Die Tren fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren.
Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, fr mich das
Zeichen, da ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwrdig
ist es doch, da hier im Innern der Europer mehr erreicht, als der
Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im
Osten reisender Sarg mit dem in einem Kfig befindlichen weien Hahn
darauf.

Man erzhlte mir, es herrsche hier fnf Monate lang tglich derselbe
Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen
Stllen sehr; man mute ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen
geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte.
Bei noch strkerem Staubsturm warteten wir am 24. Mrz bis Mittag; es
war nicht mglich, die Nase nur aus der Tr hinauszustecken. Gegen
Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz
auseinander; wir saen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu
Leibschmerzen und kam alle fnf Minuten, um mir sein Leid zu klagen,
verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt
dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen
nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung ftterte
mich hier mit den schnsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war,
wenn man die mehr als drftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder
Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der
Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefhrlich sind diese Rume
allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stck Mbel sich darin
befindet und man berall nur die kahlen Lehmwnde sieht. Um 2 Uhr kam
die Nachricht, es knne kein Karrenfhrer aufgetrieben werden. Wie
blich, war der Karrenfhrer weggelaufen, weil es ihm nicht pate, zu
fahren. Vor dem nchsten Tage war also nichts zu machen.

Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in
sdlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen
Sprung von 13 Stck nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die
Tiere lieen mich hchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne
Mtze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelnde
durchziehenden Rinnen vorwrts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich
fortwhrend im Kreise. Schlielich scho ich auf 400 Meter und zerscho
einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf
drei Lufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit
Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglck.

Beim Rckwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends
der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschftigte mich am Abend
damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen
Freude deutsche Freibungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern
meinen allabendlichen Gewehr bungen mit Kopf schtteln zugesehen. Am
25. Mrz um 8 Uhr langten glcklich die beiden Karren an, so da wir
endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich
aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war
unverndert, teils steinige, weite Flchen, teils Steppe. Der Schnee
blendete derartig, da wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen
muten. Der Mafu klagte noch immer ber Leibschmerzen, wollte nichts
essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen
hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung
ist nicht die Rede.

Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich groen Ort, namens San-tan-gu,
an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens.
Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein groer Pferdetransport
aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne
Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig
schn; alle hatten Ramsnasen, es war das berhmte turkestanische Pferd.
Die Leute aus Turfan erzhlten, da sie 27 Tage geritten wren, danach
brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es
heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder
gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner
chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier
ausgerckt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier,
die andern gingen zu Fu, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich
sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und fr zwei aen. Es
ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bchen,
die augenblicklich ziemlich viel Wasser fhrten. Mehrfach waren lange
Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war
angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schnen Bumen an einer
Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung.

Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenfhrer per Esel ein,
und zwar mit einem solchen Lrm, da ich davon erwachte. Kaum war Ruhe
eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne
Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und lie ihn sein
Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches
Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand
Kameraden und war ruhig. Dafr machte sich Staubsturm auf, und bald war
man in Sandwolken eingehllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im
Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und
Staubsturm, fest ein.

[Illustration: Ngan Hsi Tschau -- Packtiere fr den Wstenritt]

Wir passierten am 27. Mrz Po lung Hsia, und waren am Abend in
Hsiau-wang-pu, wo nur ein groer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich
mit vielen Chinesen teilen mute. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit
zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war sdlich das Nan
Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, da es sich bis nach
Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das
Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des
Nan Schan angesprochen werden knnen. Um frhzeitig in Ngan Hsi Tschau
zu sein, wurde am 28. Mrz schon um 5 Uhr abmarschiert; wie gestern,
ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als
wir in die Stadt kamen, sah man, da sdlich eine zweite, jetzt gnzlich
verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu
ungesund, daher haben sich die Bewohner nrdlich neu angebaut. Der
Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, da er an
einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren
Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen
chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal
keine Karre bekommen, Kamele waren berhaupt nicht zu haben, und die
Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, da ich
nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wste zu kreuzen. Ich
mute mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine
Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des
Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug
ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemhen.

[Illustration: Ngan Hsi Tschau]

Am Morgen des 29. Mrz zog ich mit einem Begleiter zum Sdtor hinaus auf
die Antilopenjagd. Vorher gab es noch einen kleinen Auftritt. Ich hatte
meine smtlichen Decken im Freien aufgehngt, um sie zu sonnen, als ein
Quartier machender Mafu hereingeritten kam und sie einfach in den
Schmutz ri. Ich versetzte ihm sofort eine Zchtigung und zwang ihn,
alle Decken wieder fein suberlich zu reinigen und aufzuhngen. Das
umstehende Volk nahm gegen mich Partei, und nur dem gerade zur Jagd
umgehngten Karabiner hatte ich es zu verdanken, da es nicht einen
greren Skandal gab. -- Wir zogen zum Sdtor hinaus, nach Sden zu,
sahen aber lange nichts, bis wir hinter einer Sandhgelreihe ein Rudel
von elf Antilopen aufstberten, welche sofort absprangen. Nun ging es
wieder wie gewhnlich; ich kroch stundenlang hinter den einen halben
Meter hohen Sanddnen herum, ohne nher als 400 Meter an die Tiere
herankommen zu knnen. Einmal scho ich unterwegs mit dem Erfolg, da
der ganze Sprung wieder flchtig wurde und verschwand. Erst nach einer
Weile hatte ich sie mit dem Zei wiedergefunden, doch sehr weit
entfernt. Es bot sich aber eine ausgezeichnete Gelegenheit zum
Anpirschen durch ein ausgetrockenetes Bachbett, in dem ich in gebckter
Haltung, ber Schlamm, Gestrpp und gefallene Bume, manchmal auf allen
Vieren kriechend, schnell vorwrts kam. Von Zeit zu Zeit vergewisserte
ich mich, ob sie noch da wren; sie zogen ganz langsam, ruhig send,
weiter. Nach ungefhr drei Viertelstunden war ich heran; die Tiere
hatten mich nicht bemerkt. Vorher hatte ich schon Zei, Pelzmtze und
Patronengrtel meinem Begleiter abgegeben. Nun schob ich mich sachte an
der steilen Bschung in die Hhe, aber schon hatte mich der Leitbock
erblickt. Die Tiere schlossen zusammen und ugten nach mir hin; ich war
wieder untergetaucht. Dann von neuem hinbersehend, nahm ich mir das
nchste Tier aufs Ziel und scho. Es lag im Feuer, und als ich hinkam,
-- die Entfernung betrug 148 Schritt -- waren auer ihm noch zwei zur
Strecke die ersten beiden hatten Blattschu, das dritte Halsschu; ich
nickte es ab, der Rest war flchtig, alle drei waren Bcke. Natrlich
war groe Freude ber den schon so lange ersehnten Erfolg. In der Nhe
weidete eine Kamelherde, deren Hirten jedoch um kein Geld zu bewegen
waren, ihre Herde zu verlassen und die Jagdbeute in die Stadt zu
bringen. Mein Begleiter lief daher nach Ngan Hsi Tschau zurck, um eine
Karre zu holen, nachdem der Versuch, die gekoppelten Tiere am Karabiner
zu tragen, wegen ihrer Schwere miglckt war. Nach zwei Stunden langem
Warten erschien am Horizont ein Ochsenkarren, auf dem wir die drei Tiere
glcklich heimtransportierten. Auf dem Rckwege sahen wir noch zweimal
Fchse und Antilopen. In der Stadt war helle Aufregung, als wir mit den
drei Antilopen ankamen, eine reine Vlkerwanderung flutete nach meinem
Gasthause, und jeder wollte das Gewehr nher besichtigen, mit dem ich
den glcklichen Schu getan hatte. Ich machte Strecke, photographierte
meinen Begleiter mit den Tieren und schenkte ihm eine Antilope, eine
schickte ich dem Yamen und eine behielt ich selbst nebst allen drei
Gehrnen. Wir waren nun wenigstens fr die nchsten Tage mit Fleisch
versorgt. Abends gab es Antilopen-Gulasch, von der wieder ganz
vershnten chinesischen Freundschaft sehr gut zubereitet.

[Illustration: Eine hbsche Chinesin]

Irgend ein Mandarin war mit groem Gefolge aus Hami eingetroffen,
darunter zwei hbsche, junge Frauen; sie wohnten neben mir und benutzten
jede Spalte und Ritze, mich zu beobachten. Ganz besonderen Spa schienen
ihnen meine eingehenden Waschungen zu machen; der Chinese kennt so
etwas nicht. Sie kamen aus dem Kichern und dem "Nican, nican!" (sieh
nur, sieh nur) nicht heraus. Abends schickte mir der Yamen Nachricht,
da er noch keinen Karren htte auftreiben knnen und Kamele bis Hami
unter 15 Taels pro Stck nicht zu haben wren. Das war mir zu teuer,
besonders wenn man bedenkt, da ein gut bespannter Karren fr dieselbe
Strecke nur 18 Taels kostet. Dies war der Dank fr die geschenkte
Antilope! Es blieb mir also nichts weiter brig, als am nchsten Tage
wieder die Antilopen zu ngstigen. Beim Schlafengehen bemerkte ich, da
mein groer Pelz fehlte, der drauen gesonnt worden war und den mein
Mafu vergessen hatte, hereinzubringen. Alles wurde sofort alarmiert; ich
drohte bereits mit Abzgen vom Gehalt und Prgel vom Yamen, als er sich
endlich in einem der Karren des Herrn aus Hami wiederfand. Einer der
fremden Mafus hatte ihn bereits als willkommenes Beutestck annektiert.

[Illustration: Ngan Hsi Tschau -- Antilopenstrecke]

ber Nacht setzte aus Osten ein kolossaler Staubsturm ein, der strkste,
den wir bisher gehabt hatten. Ganze Wolken von Sand, mit Streu und
kleinen Steinen gemischt, flogen mir ins Gesicht, so da ich davon
erwachte. An eine Weiterreise war, auch wenn die Karre pnktlich
gekommen wre, gar nicht zu denken. Die Chinesen rhrten sich nicht aus
ihren Zimmern und hockten berall auf den Kangs, frierend und faulenzend
oder rauchend. Einige von ihnen vertrieben sich die Zeit mit
Kartenspielen, was ich zu ihrem groen Vergngen als recht schlechte
Unterhaltung brandmarkte. Auerdem sprachen sie den ganzen Tag von
nichts anderm als von Weibern und von den Freuden, die ihrer in Hami
warteten, was ich zu ihrer noch greren Belustigung als vllig
verwerflich bezeichnete. Meine schne Nachbarschaft rauchte Opium, eines
der Weiber stillte dabei einen Sugling, und das alles bei offener Tr.
Wir kochten uns Antilopenfleisch, dessen wundervolle Bouillon der Mafu
den Schweinen geben wollte, die Chinesen mgen sie nicht; er begriff gar
nicht, da ich mir eine groe Schssel davon zurckstellen lie und mir
auch die Gehrne zurckbehielt. Mehr als einmal bat mich einer der
Chinesen um ein Gehrn mit der Bemerkung, da es ja fr mich wertlos
sei. Der zu berschreitende Su lei ho war durch den Sturm angestaut und
weit aus den Ufern getreten, so da Mongolen, die ihn am Abend mit ihren
Kamelen berschreiten wollten, zurckkehren muten. Am nchsten Tage
hielt der Staubsturm, wenn auch nicht mehr ganz so stark, doch noch an,
es war aber noch mehr Staub in der Luft, so da man nicht quer ber den
Hof sehen konnte. Der Karren kam selbstverstndlich wieder nicht; dafr
war niemand ausgefahren und das Gasthaus bis auf den letzten Platz
gefllt. Zum Entsetzen des Mafu beschlo ich, selbst zum Yamen zu gehen;
er wute schon, da ich mit dem Yamengesindel kurzen Proze zu machen
pflegte, und frchtete, da seine eigene Schwche der Gesellschaft
gegenber herauskommen wrde. Im Yamen angekommen, griff ich mir sofort
den Unverschmtesten im Dienerschaftszimmer heraus und sagte ihm, da
ich ihn nicht eher loslassen wrde, als bis er mir die Karre gezeigt
htte, die ich bekommen sollte. Er wollte anfangs nicht hren; als ich
ihn aber, ohne ein Wort zu sagen, ruhig festhielt, wurde er doch
gefgig, und richtig bekam ich in einem ziemlich entfernten Gehft die
fr mich bestimmte Karre zu sehen, vorlufig noch ohne Rder; letztere
sollten beim Stellmacher und noch in Arbeit sein; also weiter, dorthin.
Die Rder waren seit vierzehn Tagen fertig, nur hatte kein Mensch danach
gefragt oder sie abgeholt. Ich lie sofort die Rder zur Karre bringen
und diese zusammensetzen, dann wurde der Yamenmann entlassen; er war
sehr hflich geworden, nachdem ich ihm mit der Peitsche gedroht hatte,
falls er mich nicht mit "Lauye" (Herr) anrede, was er vorher nicht fr
ntig gehalten habe.

[Illustration: Karrenreparatur in der Wste Gobi]

Nun hatte ich zwar meine Karre, an Ausrcken war aber nicht zu denken.
Gegen 1 Uhr versuchte ich einmal mit der Bchse zum Sdtor
hinauszugehen, mute indessen bald wieder umkehren, da man nicht zehn
Schritt weit sehen konnte und es ganz aussichtslos war, an Antilopen
heranzukommen.




[Illustration: Durch die Wste Gobi zum Thien Schan

11 Marschtage = 525 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 47,7
Kilometer]




VI. KAPITEL.

Durch die Wste Gobi zum Thien Schan.


Der 1. April brachte uns endlich bei ganz bedecktem Himmel und warmer
feuchter Luft abwechselnd Regen und Schnee; der Staubsturm hatte sich
gelegt. Wir packten auf und marschierten um 6 Uhr ab, als gerade die
Kavallerie, dreiig Kpfe stark, einrckte. Angesichts des drohenden
Regens hatten sie es vorgezogen, am Tore kehrt zu machen und sich das
Exerzieren zu schenken. Wir ritten zum Nordtore hinaus auf die als
breiter dunkler Streifen am Horizont sichtbare Wste zu. Mit uns
zugleich kamen eine Menge Ochsenwagen, die hier die Fhre ber den Su
lei ho ersetzen. An diesem angelangt, fanden wir einen breiten,
reienden Strom, der weit aus den Ufern getreten war. Diesseits stand
eine Menge Chinesen teils mit, teils ohne Karren, jenseits eine Anzahl
Mongolen auf Kamelen beritten, beide Teile wartend, wer es zuerst wagen
wrde, den Strom zu kreuzen. Die Chinesen machten sich dabei laut ber
die Mongolen lustig, da sie nicht ins Wasser wollten, whrend diese
sich schweigend verhielten.

Als ich eintraf, bot ich einem Kuhwagenfhrer die hohe Summe von 5 Cash,
wenn er fahren wollte, aber erst, als ich mein Gebot auf 8 Cash
steigerte, entschlo sich einer, fr diese Riesensumme sein Leben zu
riskieren; unter einem wahren Indianergeheul der versammelten Menge fuhr
der Karren durch. Der Ochse mute seinen Kopf zwar sehr hoch halten,
aber es gelang. Das Wasser ging an der tiefsten Stelle ber den
niedrigen Wagen hinweg; ich schtzte es auf 1,10 Meter. Mit demselben
Geschrei fuhren wir nun hinein, ich selbst auf der Karre, die Pferde
hinten angebunden. Einen Augenblick drohte der Strom die vorderen Pferde
wegzureien, aber wir schlugen, was wir konnten, mit den Peitschen
darauf los und kamen noch gerade an der uersten Kante der Einfahrt zur
Furt heraus. Weiter unterhalb war das Ufer hoch und sehr steil, so da
wir dort in eine recht unangenehme Lage geraten wren. Der Karrenfhrer
benutzte den Erfolg, um eine halbstndige Pause einzulegen und den
Vorfall erst einmal grndlich zu errtern. Unterdessen ritten die
Mongolen ins Wasser hinein. In der Mitte des Flusses stoppten die
Kamele, und es schien, als ob sie nicht mehr weiter knnten, daraufhin
allgemeines Freudengeheul der Chinesen. Aber sie kamen doch durch, was
mich sehr freute.

[Illustration: Weg durch die Wste (Wagenspuren)]

Nun ging es hinein in die Wste. Kein Baum, kein Strauch, kein Vogel,
nichts als weite, steinige Flche, dazu Regen und kalter Wind aus
Nordwesten, es war wirklich zu traurig. Der Weg kommt dem Reisenden
endlos vor, er bietet zu wenig Abwechslung; nur von Zeit zu Zeit mahnt
ein Kamel- oder Pferdegerippe, da der Pfad nicht ganz gefahrlos ist.
Als wir noch 35 Li von unserm beabsichtigten Rastorte entfernt waren,
wurde die Gegend hgelig und vereinzelte Steppengrasbschel und
Wstenpflanzen tauchten auf. Ich trabte voraus, da zu viele Menschen
demselben Ziel zustrebten und ich mir eine Stube sichern wollte. Infolge
des dreitgigen Sandsturmes in Ngan Hsi Tschau hatte sich eine ziemliche
Menge wandernden Volkes angesammelt, die alle dem ersehnten Turkestan
zueilten. Die meisten waren kleine Handwerker, die im fremden Lande ihr
Glck versuchen wollten, das ihnen wahrscheinlich in der Heimat nicht
geblht hatte. Ich fand denn auch in der einzigen vorhandenen Herberge
alles gepfropft voll, mir wurde aber doch nach Rcksprache mit dem
Geschftsfhrer ein Zimmer eingerumt.

[Illustration: Rast in der Wste Gobi]

Am 2. April ging es weiter bei kaltem Nordwest ber steinige Hgel. Die
Gegend bietet gar keine Abwechslung. Abends lagerten wir an einer
Wasserstelle, um die herum einst einige Gebude gestanden haben, die
jetzt vollkommen in Trmmern liegen. Das Wasser war bitter und wurde
auch von den Pferden nur ungern genommen. ber Nacht war es hundekalt.
Halb bedeckter Himmel und stetig zunehmender eisiger Nordwest-Wind
kennzeichneten den 3. April. Die armen Pferde kamen mit der schweren
Karre kaum gegen den Wind an. Ich ritt immer mglichst dicht dahinter,
um mich etwas zu schtzen, war aber bald so durchgefroren, da ich es
vorzog, zu Fu zu gehen, und zwar so schnell, da ich ber eine Stunde
frher als die Karre in Ta tschuan eintraf. Mir fiel es auf, da die
Rder der Karren hier fast alle ohne Radreifen sind; da sie bei den
steinigen Wegen berhaupt noch zusammenhalten, ist mir unbegreiflich.
Abends fate ich wieder meinen Karrenfhrer beim Futterstehlen ab; dafr
konnte ich ihm hinterher eines seiner Pferde kurieren, das leichte Kolik
hatte. Gegen neun Uhr legte sich der Wind, es wurde ganz still, aber
sehr kalt; das Thermometer zeigte minus 12 Grad Celsius. Wir hatten am
nchsten Tage wundervolles Wetter mit schwachem Nordwest. Gleich hinter
dem Dorf standen zwei Antilopen, denen ich im Jagdeifer so weit folgte,
da ich den Karren erst um 11 Uhr wieder einholte. Gegen Mittag kamen
wir nach Malan Dschinzo, einem aus zwei Gasthusern bestehenden Ort an
einer leicht salzhaltigen kleinen Quelle. Die Freundschaft war
beleidigt, weil ich immer vorauseilte und mir die besten Zimmer
aussuchte, auerdem ihnen durch meinen Mafu hatte sagen lassen, da ich
ein Zusammenwohnen in einem Zimmer nicht schtzte. Nachmittags ging ich
wieder auf Antilopenjagd, bekam auch drei ganz entfernt zu sehen und
versuchte zwei Stunden lang, jedoch ohne Erfolg, an sie heranzukommen.
An die paar Huser des Nestes stt eine kleine, zerfallene, mit einigen
Soldaten besetzte Befestigung, die dem Ruberunwesen steuern soll. Das
Dorf besitzt zwar eine groe Rinderherde, aber keine einzige
milchgebende Kuh.

[Illustration: Ansiedlung Chin Chin-Hsia]

Nach 45 Kilometer Marsch durch hgelige, teils steppenartige, teils
gnzlich wste Gegend gelangten wir am 5. April nach Chin Chin-Hsia,
einer kleinen Ansiedlung innerhalb hoher Felsberge, die eine Quelle mit
wirklich gutem Wasser aufweist. Die Kuppen rings um sind mit kleinen
Steinpyramiden gekrnt, die nur zur Verschnerung der Gegend dienen
sollen. berall lag hier noch Schnee. Wir passierten heute die Grenze
zwischen Kansu und Tsin Tsiang, die durch einige behauene Steine
bezeichnet ist, auerdem durch ein kleines, mitten in der Wste
stehendes Tempelchen, an dem die Karrenfhrer ihren Kotau machten und
dabei zwei in der Erde stehende Pfhle mit Achsenschmiere bestrichen, um
gute Fahrt bittend. Die Pfhle sahen aus, wie mit dem dnnen Ende in der
Erde steckende Keulen, denn oben waren sie von der vielen daran
haftenden Schmiere ganz dick. Die Nacht schlief ich endlich einmal
wieder recht gut unter Dach und Fach.

[Illustration: Tempel und Opferstcke in der Wste Gobi]

Beim Abmarsch am 6. April gab es eine recht unerquickliche Szene. Ich
hatte meine Rechnung so bezahlt, wie es vom Geschftsfhrer verlangt
wurde. Es war nicht zu teuer fr diese, so viele Tagereisen von jeder
Zivilisation entfernte Gegend. Meine Reisebegleiter nun hatten gar
nichts gekauft, nicht einmal Brennholz, welches sie unterwegs in Gestalt
von Dornenstruchern und Kamelmist, mit dem man hier heizt, gesammelt
hatten. Dabei war von ihnen die Kche benutzt worden und sie hatten auch
einen Raum fr sich allein beansprucht. Jeder reisende Kuli gibt fr die
Unterkunft mindestens 20 Cash und schlft dafr auf dem allgemeinen
Kang. Die fnf Kpfe starke Gesellschaft aber gab dem alten freundlichen
Chinesen nur 27 Cash im ganzen, also viel zu wenig. Darauf wollte der
alte Mann sie nicht fortlassen und wandte sich an mich mit der Bitte,
ihm doch zu seinem Gelde zu verhelfen, wofr er seinem Herrn einstehen
msse. Ich gab ihm vollstndig Recht, wollte mich aber nicht
einmischen, da die Sache mich schlielich nichts anging. Ich lie daher
fr meinen Karren das Tor ffnen und ritt weiter. Kaum waren wir gegen
300 Meter weg, als wir hinter uns lautes Geschrei hrten. Die
Gesellschaft hatte die Durchfahrt erzwungen und verhieb nun noch
obendrein zu vieren den einzelnen alten Mann. Das ging mir denn doch zu
sehr gegen mein Gerechtigkeitsgefhl. Ich kehrte um, ri den einen
zurck, die andern aber entwichen schleunigst, als sie mir ansahen, da
ich Ernst machte. Ich rief ihnen zu: "Wer den alten Mann noch einmal
anfat, den schlage ich nieder." Die vier Feiglinge wagten auch nicht zu
mucksen, sie hatten den armen alten Kerl blutig geschlagen und ihm der
Zopf halb ausgerissen. Ich spuckte vor der Gesellschaft aus und sagte
ihnen, da ich ihre Handlungsweise fr grundgemein hielte, im brigen
wrde ich dem alten Mann sein Geld geben. Im Hintergrunde widersprach
einer der Gesellschaft und schimpfte; ich sprang auf ihn zu und hielt
ihm die Faust unter die Nase, worauf er schleunigst hinter seine Karre
floh. Dann nahm ich den Alten mit und brachte ihn in sein Haus. Er war
ganz glcklich, machte fortwhrend Kotau und wollte das Geld durchaus
nicht nehmen. So sind die Chinesen, einer wie der andere.

[Illustration: Quelle und Tempel Chin Chin-Hsia in der Wste Gobi vor
Hami]

Nach fnf Kilometern hatten wir einen in die Felsen gebauten, kleinen,
hbsch gelegenen Tempel vor uns. Alles stieg die Stufen hinauf. Das
Innere war ganz mit Weihgeschenken behngt, rot- und gelbseidenen
Fahnen, die mit Schriftzeichen bemalt waren. ber dem Altar hing die
ewige Lampe. Ein alter Priester schlug eine schn klingende Glocke an,
jeder machte einzeln seinen Kotau, dann schttelte er einen Wrfelbecher
mit Wrfeln in Steinchenform vor dem Kotaumachenden aus und sagte ihm
die Anzahl der gewrfelten Augen, es ist seine Glckszahl. Ein anderer
Priester verlas aus einem dicken alten Buche die auf diese Zahl sich
beziehende Deutung. Das Innere des Tempels machte ohne Frage einen
feierlichen Eindruck. Von seiner kleinen Terrasse, auf der in Gestellen
Fahnen, die blichen Waffen, ferner Pauken und Sttel stehen, hat man
auf das Felsenmeer ringsum eine schne Aussicht. Alle Abhnge sind mit
kleinen, bis einen Meter hohen Steinpyramiden bedeckt, die von den nach
dem Tempel Wallfahrenden errichtet werden, es sind viele, viele
Tausende.

[Illustration: Chin Chin-Hsia-Tempel in der Wste Gobi vor Hami]

Gleich hinter dem Tempel hatten wir einen sehr blen Abstieg, dann
kreuzten zwei Antilopen den Weg, hinter denen ich mich sofort hermachte.
Ich berschritt, immer auf den handbreiten Wechseln der Antilopen
entlang laufend, drei Bergketten, ohne zum Schu kommen zu knnen;
einmal hatte ich sie auf ungefhr hundert Schritte vor mir, war aber so
auer Atem von dem Klettern ber die Felsblcke und von dem Rutschen
ber die Schneeflchen, da ich nicht schieen konnte. Nach ungefhr
einer Stunde gab ich die unntze Jagd auf, denn ich sah mit dem Glase
die Tiere schon Kilometer weit abspringen, auerdem wurde ich fr den
Rckweg besorgt, denn in diesem Felsenmeer verluft man sich sehr
leicht. Ich nahm Marschrichtung nach Westen mittels Kompa, wobei ich
die groe Strae unbedingt kreuzen mute. Nach einer Stunde strammen
Marsches sah ich mit dem Zei die Telegraphenstangen vor mir und hatte
bald die richtige Route erreicht. Leute, die gerade des Weges kamen,
sagten mir, die Karre warte weit hinten auf mich. Ich setzte mich in die
Sonne auf den Sand und malte zur bung chinesische Schriftzeichen. Gegen
10 Uhr kam die Karre; der Mafu hatte mich schon verloren geglaubt und
war in Todesangst.

Wir hatten mittlerweile bei unbedecktem Himmel Sandsturm aus Nordwesten
bekommen, so da der Weitermarsch mehr als ungemtlich, wurde. Ich
trabte voraus und machte in Ta tschuan tse Quartier, das heit, wir
muten mit einer Stallecke vorlieb nehmen, etwas anderes war nicht zu
haben, da aus Hami kommende Reisende alles besetzt hatten. Die
chinesische Freundschaft oder jetzt vielmehr Feindschaft hatte mehr
Glck. Ein Zimmer wurde gerade frei, als sie kamen, auf das sie sofort
Beschlag legten. Ihr Karrenfhrer, der heute morgen fr mich Partei
genommen hatte, frchtete sich vor ihnen und kam mit seinen Tieren zu
mir; er fhlte sich unter meinen Fittichen sicherer. brigens hatten
auch alle anderen Chinesen nach der Affre beim Abmarsch mir ihre
Zustimmung fr mein Eingreifen mit erhobenem rechten Daumen
ausgesprochen. Alles Gerechtigkeitsgefhl ist also bei ihnen nicht
erloschen. Der Abend war ruhig und nicht sehr kalt. Hier war wieder eine
Quelle mit sehr schnem Wasser, so da wir unsere Wasserscke und
ausgehhlten Krbisse neu fllen konnten.

Durch die steinige Wste ging es am 7. April weiter nach Ku schui; das
Gelnde war leicht wellenfrmig. Wir hatten denselben Wind wie gestern,
aber es war nicht so kalt dabei. Das Thermometer zeigte um 6 Uhr morgens
plus 5 Grad. Es ist spaig zu beobachten, wie es die Karrenfhrer
verstehen, sich stets irgend einen der mit uns denselben Weg ziehenden
Kulis zur Hilfe heranzuziehen. Der Herr Karrenfhrer sitzt bequem auf
der Karre, die Sttze mu die Pferde antreiben, mu im Gasthaus kochen,
Pferde trnken usw. Dafr darf der helfende Chinese sein geringes Gepck
auf die Karre legen. Das Wasser war heute ungeniebar, wir muten erst
ein tiefes Loch graben, um berhaupt welches zu bekommen. Zum Kochen
nahmen wir das von uns mitgefhrte Wasser und marschierten abends gleich
weiter, weil der nchste Wasserplatz ber 70 Kilometer entfernt lag. Ich
litt wieder an Verdauungsstrungen, wahrscheinlich weil ich gestern, als
ich sehr durstig war, unabgekochtes kaltes Wasser getrunken hatte. Im
allgemeinen pflegte ich nach chinesischer Sitte stets heies Wasser zu
trinken; die eine Ausnahme hatte gleich ble Folgen. Unsere
Reisegefhrten wollten eigentlich auch ber Nacht marschieren, zankten
sich jedoch im letzten Moment mit ihrem Karrenfhrer. Dieser bat mich,
zu vermitteln, ich htete mich jedoch, mich noch einmal mit diesen
Leuten einzulassen.

[Illustration: Aufbruch aus dem Biwak (Gobi)]

Wir hatten die Nacht zum 8. April hindurch einen recht schweren Marsch
in tiefem Sande. Ich war froh, als wir um Mittag am nchsten Tage Punkt
12 Uhr die lange Strecke hinter uns hatten und in Yen tun gutes
Unterkommen fanden. Die Oase besitzt vier oder fnf Gasthuser, die
natrlich die einzigen vorhandenen Gebude sind, auer einem Tempel, in
dem die wandernden Bettler unterkommen. Ich hatte auf dem Marsche wieder
einmal Gelegenheit, zu sehen, was fr zhe Menschen diese schlecht
genhrten, eigentlich nur von Grtze lebenden Chinesen sind. Mit unserer
Karre liefen drei nach Hami wandernde Handwerksburschen die ganze
Strecke mit, dazu noch in ihrer unpraktischen Kleidung, ohne hinterher
etwa besondere Mattigkeit zu zeigen, trotzdem auf dem Marsch keine
Ruhepause gemacht worden war. Whrend das Thermometer in der Nacht unter
dem Gefrierpunkt gewesen war, zeigte es um 3 Uhr nachmittags plus 42
Grad. Im Laufe des Tages trafen dann gruppenweise, je nachdem sie
abmarschiert waren, alle Mitreisenden hier ein. Viele derselben kannten
mich jetzt schon und begrten mich stets freundlich.

Gegen Abend bemerkte ich drauen vor dem Tor einen Auflauf. Eine mit uns
die gleiche Strecke reisende Familie, ein Mann, zwei Frauen und vier
kleine Kinder, denen ich neulich schon einmal Geld geschenkt hatte,
waren inzwischen vllig mittellos geworden und wurden jetzt vom
Geschftsfhrer gezwungen, einen ihrer drei Esel zu verkaufen. Dies war
fr die Leute ein harter Schlag, denn die Frauen konnten mit ihren
verkrppelten Fen nicht laufen und den dritten Esel gebrauchten sie
zum Transport ihrer kleinen Kinder, die in zwei Kisten, an jeder Seite
des Sattels eine, untergebracht waren. Ich kaufte sofort den Esel fr
denselben Preis zurck und stellte ihn den berglcklichen Leuten wieder
zu. Ein anderer Mitleidiger schenkte ihnen noch 1000 Cash, so da sie
nun wohl bis Hami, ihrem Bestimmungsort, gelangen konnten. Der Mann war
ganz betubt von dem pltzlichen unerwarteten Glck. Mir taten die armen
kleinen Kinderchen besonders leid und ich schickte ihnen noch Essen, da
sie den ganzen Tag nichts bekommen hatten; auerdem berlie ich ihnen
einen Sack Wasser.

[Illustration: Rasthaus in der Wste Gobi]

Tschanglu sui war das Ziel des 9. April. Die Wste war nicht mehr ganz
vegetationslos, an einzelnen Stellen traten Grser auf, und einmal kam
sumpfiges Wasser zutage, um welches herum einige Bume wuchsen, die
ersten, die ich seit vielen Tagen wieder zu Gesicht bekam. Ich ging die
ganze lange Strecke zu Fu, es wurde allmhlich drckend schwl; da ich
Gamaschen, Pelzmtze und Pelzweste trug, so war ich beim Eintreffen in
Tschanglu sui einem Hitzschlag nahe. Auf der Strae hatte sich eine
grere, Hasard spielende Gesellschaft niedergelassen; es ging um
geringe Betrge. Um fnf Uhr nachmittags spielten sie immer noch; die
Kpfe waren rot und die Summen waren recht bedeutend gestiegen. Es lag
viel Silber auf dem als Unterlage benutzten Tuch. Im Norden wurden die
hohen, meist mit Schnee bedeckten Auslufer des Thien Schan sichtbar.
Um 5 Uhr setzte aus Nordwesten Staubsturm ein, nachdem den ganzen Tag
ein heier Ostwind geweht hatte; noch um 8 Uhr abends zhlte ich 22
Grad.

Am nchsten Morgen hatte der Staubsturm abgenommen, und da wir den Wind
im Rcken hatten, lie ich aufpacken und abmarschieren. Die Gegend war
Steppe, von Zeit zu Zeit sah man sumpfige Stellen, auch vereinzelte
Bume. Viele Pony- und Kamelherden grasten unter Aufsicht berittener
Hirten, welche Luntenflinten, mit dem gabelfrmigen Auflegegestell am
Gewehr, auf dem Rcken trugen. Es waren malerische Gestalten. Der Sturm
lie mehr und mehr nach und es wurde wieder drckend schwl, fr die
Leute, die, in ihre Schafpelze gehllt, von Ngan Hsi Tschau abmarschiert
waren, nicht angenehm. Hinter uns fiel ein Karren in ein Sumpfloch. Die
Mulis konnten weder vor- noch rckwrts und htten leicht ertrinken
knnen. Ich lie halten, um zu helfen, half auch selbst mit; denn ich
mochte den Su tschau fu'er Kaufmann, der, wie ich schon fter
Gelegenheit gehabt hatte zu beobachten, rhrend fr seine Tiere sorgte,
nicht sitzen lassen. Der Erfolg war, da die Tiere zwar herauskamen, ich
selbst aber von oben bis unten mit gelbem Lehm beschmiert war.

Dicht vor unserm heutigen Ziele, Chonnega, sah man das erste bestellte
Feld. Wir kamen in der, eigentlich als Soldatenlager erbauten, aber
nicht mit Soldaten besetzten, Herberge sehr gut unter. Die Anlage ist
praktisch und, da sie neu ist, auch tadellos sauber, im Viereck erbaut
mit zwei Stllen in je zwei Ecken. Ich hatte zum ersten Male seit Ngan
Hsi Tschau einen Raum, den man als Zimmer bezeichnen konnte, und den
Luxus eines Tisches und einiger Sthle, sogar frische Semmeln gab es am
Abend. Durch das offene Fenster beobachtete ich, wie der Mafu den dicken
Pony, meinen besonderen Liebling, schlug, weil er sich den zhen gelben
Lehm nicht von den Beinen waschen lassen wollte. Da ich in diesem Punkte
sehr kitzlich bin, gab es eine recht scharfe Auseinandersetzung und ich
htte ihn beinahe schon heute entlassen; bald sollte er ohnehin den
Rckweg antreten.

Es war eigentlich meine Absicht, um 2 Uhr nachts schon abzumarschieren;
ich war jedoch der einzige, der wach wurde. Der Karrenfhrer lag im
Opiumdusel und mein Mafu war berhaupt nicht zu finden; ich mute
warten, und wir konnten erst um 5 Uhr aufbrechen. Am Wege tauchten
Drfer auf. Der typische Kuppelbau der Tempel und die Grber, die nicht,
wie im eigentlichen China, runde Hgel sind, sondern, wie bei uns, eine
lngliche Form haben, lieen erkennen, da wir bei Trken angelangt
waren. Die Chinesen nennen diese Leute Schantus; es sind wohl
Dschaggatai-Trken. Sie haben auffallend viel Bartwuchs im Gesicht und
ziehen sich sehr bunt an; charakteristisch sind ihre Lederstiefel mit
weicher Sohle ohne Absatz. Mit diesem Stiefel fahren sie dann in einen
Pantoffel mit Absatz, den sie, sobald sie die Zimmer betreten, einfach
ausziehen. In der Gesichtsbildung fllt sofort die starke Nase auf.

In der Nhe von Hami wurde der Verkehr strker. Gegen 11 Uhr waren
wir an der Stadt, durch die hindurch wir zur Beamtenherberge ritten, wo
kein Unterkommen zu finden war. Von da aus ging es zur nrdlichen
Vorstadt, in der wir ganz gut unterkamen; doch gab es gleich Skandal,
denn die Menge benahm sich unverschmt und zudringlich. Als einige der
Leute "Fremder Teufel!" riefen, griff ich mir einen von den Schreiern
heraus. Schlielich nahmen aber die brigen Leute fr mich Partei und
beschimpften den Betreffenden auch noch, so da ich ihn laufen lie.

Man erzhlte mir, da noch ein Europer augenblicklich in Hami sei.
Nachdem ich gegessen hatte und die Pferde besorgt waren, schickte ich
den Mafu zum Yamen; ich selbst lie mich zu dem Gasthaus fhren, wo der
Europer wohnen sollte. Man war sich ber Nationalitt und Beruf nicht
einig; die einen behaupteten, es sei ein Russe, andere sagten, es sei
ein Deutscher; jedenfalls sei er sehr grob. Ich wanderte durch die
Stadt, eigentlich mu man hier schon Basar sagen, zum Gasthaus des
Fremden, den ich gerade mit Waschen seiner Pferde beschftigt fand; sie
hatten, ebenso wie die meinigen, Luse, und da auf die chinesische
Bedienung kein Verla ist, machte er es ebenso wie ich und wusch sie
selbst. Ich redete ihn an: "Sprechen Sie deutsch?" "Jawohl", sagte er,
worauf ich erwiderte: "Ich bin ein Deutscher, und freue mich, einen
Landsmann zu treffen." Er teilte mir mit, da er Bode heie und
Kapitnleutnant auer Dienst sei, worauf ich mich ihm als deutscher
Offizier vorstellte. Nun waren wir gleich im richtigen Fahrwasser, und
als Kameraden fhlten wir uns wie alte Bekannte. Ich fand in
Kapitnleutnant Bode einen weit gereisten Mann, der viel von der Welt
gesehen hatte und sehr Interessantes zu erzhlen wute. Er reiste, wie
ich, ohne greren Komfort und wechselte seine Begleitung und
Dienerschaft von Ort zu Ort. Der hiesige Yamen hatte ihm zuerst jegliche
Untersttzung verweigert. Daraufhin hatte er nicht lange gefackelt,
sondern sofort mittels des ausnahmsweise funktionierenden Telegraphen
die russischen Behrden in Urumtschi um Untersttzung gebeten. Die
Russen hatten diese Gelegenheit benutzt, um ebenfalls telegraphisch
irgendwelche hohen Chinesen zu drcken, und der hiesige Yamenbeamte
schien eine scharfe Zurechtweisung erhalten zu haben; jedenfalls war er
zahm geworden wie ein Lamm, was auch mir zugute kam. Man ersieht
hieraus, wie weit der russische Einflu reicht, bis zur uersten
Ostgrenze von Turkestan. Bode war ein unabhngiger, sehr energischer
Mann, der zu seinem Vergngen reiste. Er beabsichtigte, ungefhr bis Hsi
Ngan Fu den von mir genommenen Weg zu verfolgen und von dort aus spter
nach Sden zu gehen. Ich sa bis spt abends bei ihm, trank aber leider
zu viel von seinem vorzglichen, an der Quelle gekauften Ceylon-Kaffee,
der mir solches Herzklopfen verursachte, da ich mich spter lange
schlaflos herumwlzte. Meiner braven Sttze, dem Mafu, redete ich zu,
mit Kapitnleutnant Bode wieder zurckzuwandern; auf diese Weise wurde
ich ihn besser los, als wenn ich ihn spter hinaussetzte, was doch bald
htte geschehen mssen, weil er von Tag zu Tag mehr verbummelte und ich
fr das Geld, das ich ihm gab, drei Leute bekommen konnte.

Frh morgens am 12. April, einem Sonntage, kam der Mann an, dem ich in
der Wste seinen Esel zurckgekauft hatte; er brachte mir ein schnes,
groes Stck Hammelfleisch zum Dank. Ich habe mich ber dieses Zeichen
der Dankbarkeit ganz besonders gefreut, kam es doch von einem Chinesen,
bei dem diese Eigenschaft sehr selten ist, und von einem ganz armen
Mann. Ich ritt dann mit der Stute zu Kapitnleutnant Bode, um ihn zu
einem gemeinsamen Besuche beim hier residierenden Schantu-Sultan
abzuholen. Der Yamen des Sultans lag in der westlichen Vorstadt, die nur
von Mohammedanern bewohnt ist. Da ich mich vorher hatte anmelden lassen,
erwartete man mich bereits. Die Mitteltren wurden mir zu Ehren
geffnet, und ich trat in einen langen, von Gebudereihen flankierten
Hof. Am Kopfende befand sich ein hheres Gebude. Der Prinz kam selbst
heraus und bewillkommnete mich aufs liebenswrdigste. Wir traten in eine
schne Halle, deren Einrichtung ganz im chinesischen Stil gehalten war;
man sah gemalte Schriftzeichen auf Rollen an den Wnden, geschnitzte
Gitterfenster, sehr schne seidene Teppiche aus Chotan, Rotlacksachen,
Jettgegenstnde und gute Porzellane. Wir bekamen Tee, Biskuits und
kleine Konfitren russischen Ursprungs vorgesetzt.

Ich fand in dem Sultan einen Mann mittleren Alters von sehr angenehmem
Wesen, der bei weitem besser orientiert war, als der vornehme
Durchschnitts-Chinese es zu sein pflegt. Ich unterhielt mich mit ihm
Chinesisch, whrend Bode Trkisch mit ihm sprach; der Sultan beherrschte
beide Sprachen. Wir blieben wohl anderthalb Stunden; er erkundigte sich
nach woher und wohin und nach europischen Verhltnissen, besonders
interessierten ihn die mehr oder minder freundschaftlichen Beziehungen
der Vlker zueinander, und hierbei namentlich die englisch-russische
Frage in bezug auf die Aufteilung Mittel-Asiens. Natrlich wollte er
gern wissen, welche der beiden Mchte spter einmal sein Herr sein
wrde; denn da dieses eintreten msse, hielt auch er nur noch fr eine
Frage der Zeit. Nach meiner Ansicht wird es wohl der Russe sein. Mein
Freund Boos war vor fnf Jahren auch bei ihm gewesen. Er zeigte uns sein
Geschenk, ein Gewehr Modell 88, das gut im Stande war. Leider konnte ich
mich mit solchen Geschenken nicht beliebt machen, da ich derartige
Sachen nicht mit mir fhrte. Wir empfahlen uns dann, und der Sultan
begleitete uns noch hinaus, um die beiden groen, fremden Pferde zu
besichtigen. Kapitnleutnant Bode ritt einen sehr schnen arabischen
braunen Hengst, den er selbst bei Mekka gekauft hatte. Ich ritt meine
australische Stute. Natrlich zog der Sultan den Hengst vor, da dieser
einen sehr schnen, langen Fasanenschweif hatte; meine arme Witwe fand
infolge ihres kurzen Schwanzes nirgends Gnade vor den Augen der
Besichtigenden.

[Illustration: Kapitnleutnant Bode mit seinem arabischen Hengst "Lotto"
in Hami]

Ich hatte den Eindruck, da sich dieser halb selbstndige Frst mehr zu
Stambul gehrig fhlt, als zu China; er erkennt aber den Kaiser von
China als sein Oberhaupt an und wird par ordre de mufti, jedenfalls wohl
nicht freiwillig, Ende dieses Jahres nach Peking reisen, um den Kaiser
oder vielmehr die Kaiserin-Witwe mittels Kotau zu Neujahr seiner
Ergebenheit zu versichern und den Tribut, bestehend in Geld, Teppichen
und Ponies, sowie in Jett-, Silber- und Goldsachen abzuliefern. Wir
ritten zurck. Ich fand in meinem Gasthause ein Diner vom Yamen vor;
bald kam auch der Beamte selbst, der hier schon nach trkischer Sitte
Amban heit, um mir seinen Besuch zu machen. Kaum war er hinaus, als der
Taotai auch noch in Begleitung eines kleinen Shnchens erschien, der
mich eine ganze Schachtel Schokolade kostete. Beide Mandarinen waren
uerst liebenswrdig, nahmen mir aber mit ihrem Geschwtz eine Menge
Zeit weg.

Ich rechnete dann mit dem zurckgehenden Mafu ab; er bekam ber 40
Taels, was ein ordentliches Loch in meinen Beutel machte; aber besser,
heute die Summe, als spter in Kaschgar annhernd die doppelte und noch
einen Pony zum Zurckreiten, was ich mit ihm verabredet hatte. Ich
packte dann alles auf, schickte den Mafu zum Yamen, der Packtiere
halber, und engagierte mir einen mit mir von Ngan Hsi Tschau gekommenen
weiter nach Westen wandernden Mann als Sttze. Er sah zwar ziemlich
schmierig aus, machte aber einen ehrlichen Eindruck; er ging spter mit
mir bis Kaschgar und hat sich stets als guter, ordentlicher Diener
erwiesen, der am liebsten mit mir nach Deutschland gekommen wre. Den
Abend verbrachte ich sehr angenehm bei Kapitnleutnant Bode; er hatte
auer seinem arabischen Hengst Lotte noch vier andere Pferde, die teils
aus Karaschar stammten, teils Kalmckentiere waren. Ich half ihm mit
einigen Kleinigkeiten aus, die er mit ebensolchen erwiderte, auerdem
gab er mir eine schwarze Liste smtlicher Mandarinen auf dem ferneren
Wege bis Kaschgar mit, so da ich schon jetzt in der angenehmen Lage
war, ber jeden derselben orientiert zu sein.

Am 13. April morgens, kurz bevor ich abmarschieren wollte, kam vom
Sultan als Geschenk ein Hammel, ein Sack Erbsen, ein Sack Reis, Heu,
Stroh und Feuerholz. Zurckschicken konnte ich die Sachen nicht, also
gab ich sie fr meine Rechnung in Zahlung und tauschte den Hammel gegen
Pferdefutter ein. brigens ist ein Hammel hier nicht mehr als vier Mark
wert. Kapitnleutnant Bode kam noch, um mir Lebewohl zu sagen. Er stand
neben meinem Pferde, als ein etwa zehnjhriger Junge versuchte, ihm
einen Beutel mit Goldstcken aus der Tasche zu ziehen. Bode ertappte ihn
dabei und strafte ihn grndlich. Das Volk verhielt sich ganz
teilnahmslos dabei. Ich zog weiter nach Westen durch die
Mohammedanerstadt mit ihrer groen schnen Moschee und ihren
charakteristischen Begrbnispltzen, hinaus in die Steppe, die hier
jedoch nicht so trostlos de ist wie nach Sden zu, da sie von ziemlich
vielen kleinen Wasseradern durchschnitten wird. Nach Norden zu bildet
der Thien Schan mit seinen schneebedeckten Gipfeln einen wirkungsvollen
Abschlu.




Zu Kapitel VII.

[Illustration: Chinesisch-Turkestan

26 Marschtage, 4 Ruhetage = 1215 km -- Durchschnittsmarschleistung
46,4 km]

[Illustration: Chinesisch-Turkestan

23 Marschtage, 6 Ruhetage = 952 km -- Durchschnittsmarschleistung
41,3 km]




VII. KAPITEL.

Chinesisch-Turkestan.


Abends waren wir in Tru foa, wo wir sehr gut unterkamen. Meine neue
Sttze war willig und schnell.

In glhender Hitze zogen wir am 14. April durch Steppe und Wste; wir
hatten ber Mittag in der Sonne plus 45 Grad, und ich war froh, als ich
die ersten Obstbume, die teilweise schon Blten angesetzt hatten, bei
unserm heutigen Ziel, San foa, erblickte. Am nchsten Morgen hatten wir
nur plus 1 Grad, es wurde aber bald wieder drckend hei. Wir hatten
wieder nur einen kleinen Marsch nach San to lin, wo wir auch gutes
Unterkommen fanden. Hier in Turkestan sind von 30 zu 30 Kilometer
offizielle, von der Regierung erbaute Rasthuser, die, soviel ich
gesehen habe, stets gut instand gehalten sind. Kurz nach der Ankunft
bemerkte ich, da mein Thermometer fehlte. Der Ortsvorsteher stellte
sofort einen Reiter, der nach dem letzten Quartier zurckritt, um dort
danach zu suchen. Am Nachmittag wusch ich, zum Gaudium der Bevlkerung,
besonders der Weiber, zuerst meine Stute, dann meine Wsche im Dorfbach.

[Illustration: Mein Diener Djang tsche Tschang]

Wir nherten uns nun allmhlich dem Thien Schan, der felsig und kahl
ist, genau wie alle anderen Gebirge im Osten Chinas. Merkwrdig war der
stete Wechsel der Temperatur whrend des Marsches. Kurz hintereinander
ging es durch heie und dann wieder ganz kalte Luftschichten. Das
Gelnde war heute ziemlich quellenreich, doch gehen die kleinen Bche
meist nicht sehr weit, sondern versiegen im Sande. Wir waren oft
gezwungen, erhebliche Umwege zu machen, um nicht in dem durchweichten
Boden stecken zu bleiben. Einmal saen wir doch fest und muten alles
abladen, um die Karre mit vereinten Krften wieder herauszuziehen. Gegen
3 Uhr erreichten wir Lo tung, das einen Kavallerieposten von 30 Mann in
einem Lager hat. Die Kavalleristen sind fast alle verheiratet. Der Ort
hat eine schne groe Quelle und eine ganze Menge Bume. Mein, neuer
Diener, mit Namen Djang tsche Tschang, bewhrte sich durchaus; er war
fleiig und aufmerksam, ob auch ehrlich, das konnte natrlich erst die
Zeit lehren. Ich merkte jetzt erst, was fr ein unglaublich fauler
Mistfink mein alter Mafu gewesen war und rgerte mich, da ich den
Menschen fr mein teures Geld so weit mitgeschleppt hatte.

[Illustration: Lo tung]

Es ging heute durch Auslufer des Thien Schan bergauf und bergab.
berall war steinbeste Wste. An einer Stelle war der Telegraph
zerrissen und Kavalleristen flickten ihn; das mag etwas schnes geworden
sein! Mitten in der Wste stand ein Gasthof und ein Pferdestall, an dem
die Yamenreiter ihre Pferde wechselten. Natrlich war alles teuer und
schlecht, wir aen das letzte Stck Fleisch aus Hami, von nun ab muten
wir uns wieder auf Reis beschrnken. Gegen Abend setzte Staubsturm ein,
der die ganze Nacht ber wehte und durch die das Fenster darstellende
ffnung in der Wand ganze Staubwolken hineinwarf. Wir ritten weiter
durch steile Felsberge. Unser beabsichtigtes Quartier, das wir gegen
Mittag erreichten, war derartig berfllt, da ich beschlo, den Marsch
noch fortzusetzen, nachdem ich eines der eingespannten Tiere im
kaiserlichen Ponystall hatte umtauschen lassen. Man brachte uns ein noch
ganz rohes Tier, das erst gefesselt werden mute; die Chinesen lieen
den sehr unruhigen Pony so lange mit der Fessel ziehen, bis er beinahe
zusammenbrach, erst dann machten sie die Fessel ab; das Tier hatte sich
die Lehre gemerkt und ging nun sehr gut. Wir passierten noch einige
Kilometer Felsberge und gelangten dann in eine schrge Ebene, in der uns
der Sturm wieder voll fate. In den Bergen war es dafr drckend schwl
gewesen. Gegen Abend langten wir in Kosch an, wo wir die Nacht blieben.
Am 19. April herrschte noch immer eisiger Sturm, trotzdem das
Thermometer gar nicht tief stand; man wurde beinahe vom Pferde
herabgeweht. Zuerst ging es 20 Kilometer durch mit vereinzelten
Tamarisken, bestandene Ebene; an einem kleinen, hbsch gelegenen Orte
wechselten wir die Pferde, dann fing wieder der steinige Weg an; es war
vollkommen so, als ob man ber Schotter auf einer neuen Chaussee
marschiert und fr die armen Pferde sehr anstrengend. Der Wind lie
nicht nach und benahm einem vollkommen den Atem.

[Illustration: Kleines Felsennest hinter Kosch (Turkestan)]

[Illustration: Rasthaus in der Wste]

Gegen drei Uhr nachmittags langten wir in einem einzelnen kleinen Hof,
mitten in den Felsbergen, an. Hier wohnte der Beamte, der die
kaiserliche Post besorgt und die posttragenden Reiter kontrolliert. Er
ist ein Hunanese, und wie alle Leute aus dieser Provinz, auerordentlich
freundlich. Da den Pferden die Beine sehr wehtaten, beschlo ich, zu
bleiben und wurde von dem Beamten sofort liebenswrdig aufgenommen.
Natrlich mute ich mit der ganzen Gesellschaft in einem Raume wohnen;
von sieben Menschen rauchten sechs Opium, und obgleich ich trotz
Staubsturm die Tre nicht zumachen lie, war es vor Gestank kaum
auszuhalten. Die Nacht fror es wiederum stark; der arme Dicke war am
Morgen ganz steif gefroren, wollte durchaus nichts fressen und lie
bedenklich den Kopf hngen. Da kein Stroh zu haben war, muten die Tiere
auf den nackten Steinen stehen. Heute ging es durch ganz kahle Berge und
dann in einen weiten Kessel, der von hohen Felsbergen eingefat war. Am
jenseitigen Ausgang lag unser heutiges Reiseziel, Tu Dundse, ein Hof, in
dem die Pferdestation sich befindet. Wir wurden auch hier von dem
betreffenden Beamten freundlich aufgenommen, die Tiere bekamen schnes
Heu und einen guten Stall, legten sich bald hin und fhlten sich sehr
wohl. Es blieb den ganzen Tag ber kalt und windig. Der Beamte klagte
mir sein Leid, es sei fast das ganze Jahr ber nicht anders. Nachmittags
ging ich noch einmal auf Antilopenjagd, sah auch einmal einen Sprung von
vieren, die aber schon auf 2000 Meter absprangen und bald in den hohen
Felsen verschwanden. Ich kroch noch stundenlang umher, entdeckte aber
nichts mehr.

In jedem dieser Hfe, in denen die Pferde gewechselt werden, befindet
sich stets noch ein Mann, der die Telegraphenlinien in Ordnung halten
_soll_! Wie alle in Turkestan befindlichen Chinesen, rauchen sie Opium.
Ich habe keinen angetroffen, der es nicht tat. Mein Men bestand hier
morgens, mittags und abends aus Reis, etwas anderes war nicht
aufzutreiben.

[Illustration: Rasthaus in der Wste zwischen Hami und Turfan]

Bei groer Klte und Staubsturm brachen wir am 21. April frh auf.
Zuerst ging es drei Stunden lang durch hohe Berge, dann in die Ebene, wo
uns der aus Norden kommende Sturm erst recht fate. Es war einer der
schlimmsten, die ich erlebt habe. Man kam nur noch mit Not vorwrts. Um
3 Uhr hatten wir 70 Kilometer hinter uns und langten an einem einsam in
der Wste liegenden Gehft an, in dem die Pferde gewechselt werden
sollten. Das Haus sah zu elend aus, und da ein grerer Ort nur noch 20
Kilometer entfernt sein sollte, lie ich weiter marschieren. Um 6 Uhr
trafen wir in Tschy-go-tai ein, hatten mithin eine Tagesleistung von 90
Kilometern hinter uns, ohne da die Pferde auffallende Mdigkeit
zeigten. Der Ort hatte ein stark befestigtes Soldatenlager, das wie eine
Zitadelle die Gegend beherrschte. Das Lager war mit 30 Kavalleristen
besetzt. Nachdem ich die letzten vier Tage nur von Reis gelebt hatte,
waren Eier und Hammelfleisch, die es hier fr teures Geld gab,
willkommene Beigaben des Kchenzettels.

[Illustration: Heiligengrab vor Pitschan]

ber Nacht legte sich endlich der Sturm. Am 22. April morgens hatte ich
wieder einmal groen Zank, da mir nur ein Pferd zur Karre gestellt
wurde. Es geht hier durch Wste, in der vereinzelt an Quellen kleine
Oasen liegen. Um Mittag, als wir endlich bebaute Gegend erreichten,
zeigte das Thermometer plus 49 Grad. Die Zugpferde hatten bereits
mehrfach versagt, man sah es allen Tieren an, da sie einem Hitzschlag
nahe waren. Es war merkwrdig, wie belebend auf Mann und Pferd der
Anblick der grnen Felder und Bume, zwischen denen wir nun
durchmarschierten, wirkte. Gegen drei Uhr langten wir in Pitschan, einem
groen Orte mit gemischter Bevlkerung, an. Die Chinesen wohnen in einem
befestigten Mauerviereck, auerhalb desselben die Mohammedaner. Ich
setzte groes Reinemachen an; die Pferde wurden smtlich gewaschen, die
Sachen geklopft und gesonnt und der Beschlag dort, wo es ntig war, von
einem geschickten Schmied fr billiges Geld erneuert. In der Gegend, in
die wir jetzt kamen, gilt anderes Geld; auf den Tael gehen nur noch 400
Kupfer-Cash, so da letzterer fast annhernd unserm Pfennig entspricht.
Besonderen Spa machte meinem neuen Chinesen am Abend das Brsten meiner
Katzenfelldecke, weil sie elektrische Funken abgab; er begriff gar
nicht, was das wre, und hielt es wahrscheinlich fr irgendwelche
Hexerei. Genau wie in der Trkei ruft hier abends der Muezzin sein
Gebet, allerdings nicht vom hohen Minaret, sondern vom Dach seines
Hauses.

Ich hatte den Abmarsch am 22. April, der Hitze wegen, morgens um 5 Uhr
befohlen, aber wie stets, waren die Chinesen nicht pnktlich und wir
kamen erst um 6 Uhr fort. Zuerst ging es durch das breite, im hchsten
Anbau befindliche Pitschan-Tal; berall fhrten die kleinen, geschickt
geleiteten Kanle das Wasser in die Felder. Die Aprikosen blhten
bereits und unterbrachen mit ihren roten Blten sehr angenehm das satte
Grn der Pappeln, Weiden und Tamarisken. Als wir das Tal durchkreuzt
hatten und wieder in der Ebene waren, hrte mit einem Schlage jede
Vegetation auf und wir befanden uns wieder in der sdlich von hohen,
kahlen Bergen begrenzten Wste. Nur ab und zu traf man in tief
eingeschnittenen Tlern kleine Oasen. Gegen Mittag wurde es wieder
glhend hei, plus 49 Grad. Die armen Pferde kamen kaum noch vorwrts,
und ich war froh, als wir von weitem das mit grnem Bltterschmuck
umgebene Liang mutjin endlich vor uns sahen. In den Herbergen war alles
besetzt; daher forderte ich unter Vorzeigung meines Passes bei dem
Verwalter der kaiserlichen Pferdewechselstelle Quartier. Er hatte nur
ein schlechtes Zimmer zur Verfgung, weshalb er mich gern abgewiesen
htte, ich hrte jedoch nicht auf ihn und blieb, sonst htte ich
biwakieren mssen. Nachmittags sa ich drauen und schrieb, was eine
wahre Vlkerwanderung von Schantus und Chinesen durcheinander
veranlate. Jeder von ihnen hatte eine Frage zu stellen und schlielich
malte ich zur allgemeinen Freude jedem seinen Namen mit deutschen
Lettern in die Hand.

Der Kavallerist, der uns seit Tschy-go-tai begleitete, war ein ganz
durchtriebener Geselle. Wenn wir nicht mehr weit vor dem Quartier waren,
trabte er voraus, und wenn wir ankamen, trat er uns schon als Gentleman
in Zivil entgegen, d. h. er hatte die Zeichen seiner Uniform abgelegt,
irgendeinen Jungen zum Pferdeabwarten engagiert, und tat, als ob er mich
nie gesehen htte. Zu seinem Kummer rief ich ihn heute heran, um ihm
einen Auftrag zu geben. Er wollte zuerst nicht kommen, bis ich sehr
deutlich wurde. Die Menge lachte ihn natrlich aus.

Der Abend war drckend schwl, wie ein Gewitterabend zu Hause.
Staubsturm und wieder einmal der bliche Zank wegen der Pferde leiteten
den 24. April ein. Trotz meines Passes vom Auswrtigen Amt, des
Begleitschreibens vom Yamen Hami, des mitgegebenen Beamten und des
Kavalleristen, tat der Verwalter der Pferdewechselstelle so, als ob ich
ihn berhaupt nichts anginge. In meinem Begleitschreiben vom Yamen Hami
stand, da mir die Pferdewechselstelle stets einen mit drei Tieren
bespannten Karren zu stellen htte. Ich hatte diese um vier Uhr morgens
beordert, jedoch erst um 6 Uhr erschienen zwei elende Kracken mit der
Karre. Mein Beamter war natrlich im Opiumdusel und zu schlapp, um
irgend etwas zu sagen; kurzum, ich mute selbst wieder eingreifen. Erst
zankte ich mich eine Weile mit den sehr wenig Chinesisch verstehenden
Schantus herum, die ihrerseits wieder mit meinem Yamenbeamten
Hflichkeiten austauschten. Sie warfen ihm vor: "Du verstehst ja unsere
Sprache nicht", woraufhin er erwiderte: "So eine Frechheit. Ihr versteht
meine Sprache nicht", was die ganze berhebung des Chinesen
kennzeichnet. Schlielich liefen die Schantus weg, weil sie Angst vor
Prgel hatten; der Verwalter aber lie sich immer noch nicht sehen. Ich
schickte in das Haus, er mchte herauskommen; er kam nicht. Das war mir
nun doch zu viel, ich ging hinein und hielt ihm meinen Pa unter die
Nase mit dem Bemerken, da, wenn nicht binnen fnf Minuten 3 Ponies und
Leute zur Stelle wren, ich dafr sorgen wrde, da er seinen Posten
verliere. Das half endlich, sofort war alles da und wir kamen glcklich
fort.

Es ging durch meist unbebautes Gelnde und schlielich einen in tief
eingeschnittener Schlucht flieenden Bach entlang. Der Staubsturm wurde
immer schlimmer, dicke Wolken des hier rtlichen Staubes wirbelten durch
die Luft und erschwerten das Atmen und das Sehen. Auch in
Tschnn-tschin-kau, wo wir gegen 1 Uhr ankamen, mute ich wieder auf der
Pferdewechselstelle Unterkunft suchen. Der Verwalter tat hchst
grospurig; doch achtete ich nicht darauf und berhrte gnzlich seine
unverschmte Anrede: "Niti mingtse!" (Dein Name)! Als ihm dann einer von
den Leuten erzhlte, da ich Offizier sei, war er pltzlich wie
ausgewechselt, lud mich zum Essen ein und war sehr freundlich. Er war
schon 60 Jahre alt und hatte eine hbsche junge Frau, die blo nach mir
guckte und vor Neugierde beinahe verging, bis ich ihr schlielich meine
europischen Sachen zeigte.

Der Dicke wollte nicht fressen, lie den Kopf hngen und schien
Leibschmerzen zu haben; wahrscheinlich hatte er zu kalt gesoffen. Der
Staubsturm lie auch am 25. April nicht nach, im Gegenteil, er nahm zu,
er kam aber jetzt aus Osten, also von hinten, so da man es nicht so
schlimm empfand. Durch steinige Ebene, bedeckt von unzhligen kleinen
Erdhgeln, die wie Brunnen aussahen, zogen wir weiter. Ich konnte mir
zuerst ihre Bedeutung gar nicht erklren, bis ich herausfand, da die
ganze Wste ber und ber von nord-sdlich gehenden unterirdischen
Wasserleitungen durchzogen ist. Die Erdhgel sind durch Herausschaffen
der Erde aus den unterirdischen Kanlen entstanden. Sie haben oben
ffnungen, um in die meterhohen Kanle hineinzusteigen. Letztere bringen
das von den nrdlichen Bergen herunterkommende Wasser zu den
menschlichen Ansiedelungen. ber der Erde geleitet, wrde es wohl bald
im Sande versiegen. Mehrfach an verfallenden unbewohnten Gehften vorbei
erreichten wir gegen Mittag endlich Turfan. Schon von weitem sah man
einen hohen Turm bei einem mohammedanischen Grabmal. Es ging durch
Vorstdte mit landwirtschaftlichen Betrieben und den blichen kleinen
Bewsserungsgrben, die zum Leidwesen der Reisenden oft mit ihren hohen
Ufern die Strae kreuzen, so da der Wagen festsitzt. Die eigentliche
Stadt ist mit Wall, Graben und Tortrmen im chinesischen Stil versehen.
Wir kamen am Yamen vorbei und zu einem Gasthaus, welches mir nicht
gefiel; also weiter. Noch zwei andere Herbergen sagten mir ebensowenig
zu. Der Hamier Yamenbeamte, dem es zu lange dauerte, wurde unverschmt,
so da er nur mit knapper Not der Strafe entging. Schlielich langten
wir wieder beim Yamen an. Ich benutzte die Gelegenheit und gab Pa und
Visitenkarte ab, um mich anzumelden. Ein chinesischer Junge bernahm nun
die Fhrung und brachte uns nach einem in der Vorstadt, nicht weit vom
Tore, gelegenen Schantu-Gasthaus, das gleich einen sehr guten Eindruck
machte. Es war tadellos sauber, hatte ein festes Sonnendach ber dem
ganzen Hof und einen guten Stall. Ich war froh, endlich untergekommen zu
sein und lie sofort auspacken. Der Hamier Yamenbeamte bekam kein
Trinkgeld und wurde entlassen.

Ich machte Toilette und lie mir von einem Schantufriseur die Haare
schneiden, wofr er 120 Cash, also ungefhr 30 Pfennig forderte; er
bekam natrlich nur ein Viertel davon und zog schimpfend ab. Bald darauf
kamen Leute vom Yamen Turfan und brachten mir als Geschenk ihres Herrn
Pferdefutter und Essen, was ich sehr zuvorkommend fand. Um 5 Uhr ging
ich hin, lie mich anmelden und wurde von Wnn ta lauye empfangen. Ich
fand einen vornehmen, liebenswrdigen Hunanesen, der sehr leidend war.
Nach den blichen Fragen nach woher und wohin, Alter, Eltern usw. lie
ich als Dank mein Geschenk, eine Halfter mit Trense, berreichen. Ich
ahnte nicht, da der alte Herr nicht mehr reitet, sonst htte ich ihm
etwas anderes geschenkt. Beim Abschied lie er mir zu Ehren die
Haupttore ffnen und begleitete mich noch hinaus. Wahrscheinlich war er
sehr erstaunt, da ich ohne jeglichen Dienertro, also ganz entgegen
chinesischer Sitte, angekommen war; er fragte mich sofort, wo denn meine
Leute und Pferde seien.

Der Staubsturm wurde immer bler; namentlich litten die armen Pferde
darunter. Mein guter Dicker wollte noch immer nichts fressen und war
ganz schwach. Ich hatte fortwhrend eine Unzahl Jungen um mich, die sich
aber viel anstndiger benahmen als die chinesischen Rangen gleichen
Alters. In dem Gasthaus kaufte ich von einer Trkin zwei der hier
blichen Mtzen, von denen ich eine zum allgemeinen Jubel aufsetzte.
Abends sandte mir der Yamen einen Hammel, eine Ente, ein Huhn, Reis und
Brennholz als Geschenk.

Die Trkinnen hier sind hbsch und sehr viel freier als die Chinesinnen,
man sieht sie berall unverschleiert auf der Strae. ber dem offenen
oder in zwei bis drei Zpfe geflochtenen Haar tragen sie als
Kopfbedeckung rote, grne oder blaue Velvetmtzen, als Anzug ganz bunte
Kleider mit weiten Hosen und ber alles ein bis an die Knie gehendes
Oberkleid. Die Kleider bestehen meistenteils aus Kattun in den
schreiendsten Farben; hier mte fr unmodern gewordene
Farbenzusammenstellungen ein gutes Absatzfeld sein. Als Schuhwerk tragen
sie entweder hohe, weiche Kniestiefel mit Pariser Hacken oder
Pantoffeln; viele gehen auch barfu. Silberne Ohr- und Fingerringe in
chinesischem Geschmack dienen als Schmuck. Die Mnner tragen einen
langen, vorn offenen, gesteppten Rock und ein ber die Hosen gehendes
Hemd, bunte Kappe, bunten Grtel und hohe rindslederne Stiefel.

[Illustration: Wen Li Schan, Mandarin in Turfan]

Am nchsten Morgen kam mit groem Pomp Wnn la lauye, um mir seinen
Gegenbesuch zu machen. Der alte Herr, dem das Gehen und besonders das
Treppensteigen schwer fllt, war wieder sehr liebenswrdig. Natrlich
interessierte er sich ganz auerordentlich fr meine europischen
Sachen. Leider verstand ich ihn sehr schlecht, da er Sdchinesisch
spricht und nebenbei auch noch stottert. Er sa wohl ber eine Stunde
bei mir und fuhr dann ab, nicht ohne sich erkundigt zu haben, ob ich
alles Notwendige bekommen htte und ob ich nicht irgendeinen Wunsch
htte. ber Mittag schickte er mir wieder ein Diner, das mir sehr gut
schmeckte. Nachmittags wanderte ich durch die Stadt, die auch in ihrem
mohammedanischen Teil einen vollkommen chinesischen Eindruck macht, wenn
nicht die anders gearteten Kostme und die brtigen Mnner wren.
brigens trgt man hier schon sehr viel den Turban. Im Innern zeigen die
Huser, die von auen wie chinesische Bauten aussehen, orientalischen
Charakter, gewlbte Decken mit viereckigem Loch als Rauchfang, kein
Fenster, oder nur ein ganz kleines vergittertes, Teppiche am Fuboden,
die Feuerstelle mit dem Fuboden in gleicher Hhe und vor dem Feuer eine
viereckige Vertiefung, von der aus geheizt wird und in welcher Kohlen
und Holz aufbewahrt werden.

[Illustration: Waschende Trkin]

Als ich zurckkam, fand ich den Turfaner Yamenbeamten im Streit mit
einem alten Schantu. Dieser hatte das Pferdefutter fr mich zu liefern
und behauptete, 40 Cash zu wenig erhalten zu haben. Der Mann vom Yamen
wollte mich veranlassen, zu seinem Herrn zu gehen, um den Streit zu
schlichten, in der Annahme, da ich fr ihn Partei nehmen wrde. Mir
fiel es aber gar nicht ein, mich in den Zank der Gesellschaft zu
mischen. In diesem Augenblick kam ein junger Schantu dazu und sagte mir:
"Der vom Yamen hat gestern drei Viertel deines Essens fr einen Tael
verkauft und das Brennholz gestohlen." Mir war sofort klar, da er die
Wahrheit sprach; ich drohte dem Beamten, wenn er nicht binnen krzester
Zeit die Sachen zur Stelle schaffe, wrde ich zum Yamen gehen, wo sein
Herr dann entscheiden solle, wer die Prgel zu bekommen habe. Das Holz
kam umgehend zum Vorschein, das Essen war in einer halben Stunde da. Die
Schantus waren nun doppelt liebenswrdig gegen mich, weil sie gesehen
hatten, da ich unparteiisch Recht sprach. Die Frau des
Geschftsfhrers brachte mir europischen Zucker, also einen groen
Luxusartikel, der Alte brachte mir Tee und der Junge bettelte so lange,
bis ich ihm versprach, ihn fr freie Station und 2 Taels in bar, also
herzlich wenig, mit nach Kaschgar zu nehmen. Auch mein Chinese Djang
tsche Tschang, der eigentlich nach Urumtschi (Chung Miautse) zu seiner
Mutter wollte, entschlo sich, mich nach Kaschgar zu begleiten. Da er
recht abgerissen aussah, schenkte ich ihm, praktisch damit sein
Trinkgeld verbindend, fr die letzten zwlf Tage 1 Tael und gab ihm 2
Taels Zuschu, damit er sich anstndig anziehen knne. Jetzt konnte ich
mich doch mit meinen beiden Genossen als richtiger Lauye sehen lassen,
denn ohne mindestens zwei Diener gilt hier in China ein Mensch gar
nichts. Der Schantu hie Emin, war gegen 18 Jahre alt, anscheinend aus
besserer Familie und machte einen offenen Eindruck. Mein Chinese redete
zwar etwas viel, war aber ehrlich; dafr konnte ich schon manche
schlechte Eigenschaft mit in den Kauf nehmen.

[Illustration: Geschftsfhrer und seine Frau

Trken aus Turfan in meinem Gasthaus]

Dem armen Pony ging es dauernd schlechter, er hatte ausgesprochenen
Verschlag, die Beine waren dick angelaufen, die Augen trieften und er
hatte starke Kreuzschmerzen, dabei war er ganz stumpfsinnig und wollte
nichts fressen. Fr mich war das ein harter Schlag, da der gute Dicke,
der mich so treu bis hierher geschleppt hatte, nun mit einem Male
versagte, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen.

Ganz spt kam noch ein Brief vom Yamen, in dem ich fr den 27. April zu
einem kleinen Frhstck eingeladen wurde. Am nchsten Morgen spazierte
ich also dorthin, nicht ahnend, da man mir zu Ehren ein greres Essen
angeordnet hatte. Zuerst mute ich warten, da der Mandarin sich noch
nicht erhoben hatte. Unter blichem Trommelwirbel stand er endlich auf.
Nach einer weiteren Stunde des Wartens trommelte es zum zweiten Male,
ein Zeichen, da der Mandarin bereit sei, seine Gste zu empfangen. Ich
kam als erster an. Allmhlich stellte sich eine ganze Anzahl von
Chinesen aus der Haute vole Turfans ein. Wir bekamen zuerst Sigkeiten
und Mandelmilch, dann rauchte alles. Hierauf schlug die Trommel zum
dritten Male und der erste Diener meldete, da angerichtet sei. brigens
war die sehr zahlreiche Dienerschaft nicht nur sehr gut angezogen,
sondern auch vorzglich geschult. Wir wurden zum Ezimmer geleitet, wo
uns ein Diner allerersten Ranges vorgesetzt wurde. Peinlich war mir, da
ich in meinem nichts weniger als salonfhigen Reisekostm erschienen
war, aber das lie sich nun nicht mehr ndern und hinderte mich auch
nicht, es mir recht gut schmecken zu lassen. Whrend des Essens erschien
meine Sttze in seinem neuen Anzug und meldete, da es dem Pony immer
noch nicht besser gehe; zugleich fragte er an, ob wir nicht lieber erst
morgen aufbrechen wollten, da es ohnedies sehr hei sei; das Thermometer
zeigte 37 Grad. Ich bestellte den Karren auf abends, um die Nacht
durchzumarschieren. Mein Chinese beging nun einen groben faux pas, indem
er es sich in dem Ezimmer in einem der Lehnsthle bequem machte. Da er
auch noch Lust zeigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, schickte
ich ihn sofort mit einem Auftrag nach Hause. Um 12 Uhr empfahl ich mich,
nochmals fr die vielen mir erwiesenen Aufmerksamkeiten dankend. Der
Boden brannte mir unter den Fen, des kranken Ponys halber. Zu Hause
fand ich das arme Tier vllig teilnahmslos vor und berlegte schon, ob
ich es nicht lieber erschieen sollte, denn verkauft htte ich es in
diesem Zustande keinesfalls. Aber man klammert sich ja auch bei kranken
Tieren stets, wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an die Hoffnung auf
Besserung. Der Pony, der mich persnlich ganz genau kannte, nahm von mir
etwas altes Brot und dann geschnittenes Stroh mit Kleie gemischt an,
legte sich aber nicht hin, da er anscheinend Angst vor dem Aufstehen
hatte.

Nachmittags ging ich zum Telegraphenamt, um nach Deutschland zu melden,
da ich noch am Leben sei; da ich den chinesischen Ausdruck fr
Telegraph nicht wute, irrte ich erst eine Zeitlang umher, ohne ihn zu
finden. Schlielich malte ich in einem Laden einem intelligenten
Kaufmann denselben auf, er verstand auch sofort, wohin ich wollte, und
bald waren wir an Ort und Stelle. Hier gab es nun einen ergtzlichen
Auftritt. Zuerst war der Draht bei Karaschar gerissen; einem on dit
zufolge soll er immer gerissen sein. Dann verstand kein Mensch
europische Schrift, und ich selbst beherrsche nicht soviel chinesische
Schriftzeichen, um ein Telegramm aufsetzen zu knnen. Schlielich
bequemte sich einer der Beamten doch dazu, notdrftig Englisch zu
knnen. Nach Deutschland zu telegraphieren, war unmglich; ich schrieb
daher ein Telegramm nach Kaschgar an das russische General-Konsulat auf,
in dem ich bat, das Telegramm an meinen Vater nach Deutschland weiter zu
geben. Selbstverstndlich bezahlte ich dafr, obwohl es sehr zweifelhaft
war, ob es berhaupt abgehen, und ebenso ungewi, ob es unverstmmelt in
Kaschgar ankommen wrde. Wie ich dann spter in Kaschgar erfuhr, ist das
Telegramm dort unverstmmelt angekommen und in der liebenswrdigsten
Weise vom russischen General-Konsul Exzellenz Petrofsky nach der Heimat
weitergegeben worden. Die Kosten waren nicht hoch, das ziemlich lange
Telegramm kostete nur 1,89 Taels.

Zu Hause packte ich dann, lohnte meinen groen Stab von wirklich netten
hilfsbereiten Jungen ab und bedachte auch die schne Frau des
Geschftsfhrers, die mir den Zucker geschenkt hatte, mit 200 Cash
Trinkgeld.

[Illustration: Derwisch in Tocktsun]

Mein Diener wanderte zum Yamen, um nochmals meinen Dank zu bestellen und
zu melden, da ich abmarschiere. Der Mandarin erwiderte dies sofort
durch seinen Abgesandten mit der Visitenkarte des Beamten und dem
Wunsche einer glcklichen Reise. Nach und nach trafen dann noch ein
Begleiter vom Yamen, zwei Kavalleristen, sowie mit einem alten
Schantumann vier Karrenponies, dieses Mal auffallend gute, ein. Der arme
Dicke wurde hinten angebunden und unter allgemeinem Wunsche der Schantus
fr glckliche Reise ritt ich in die dunkle Nacht ab.

Vorbei an der Turfaner Neustadt, wo die Chinesen wohnen, ging es auf
hchst beln, in der Nacht doppelt unangenehmen Wegen nach Westen. Wir
konnten die Pferde, wenigstens solange es durch angebaute Gegend ging,
nicht fhren, da uns die Hunde von allen Seiten wie toll anfielen. Bald
wurde es empfindlich kalt, nach der hohen Tageshitze doppelt unangenehm.
Mir schien, als habe ich noch nie eine so lange Nacht erlebt; ich fror
wie ein Schneider und war froh, als wir morgens gegen 8 Uhr die ersten
Huser von Tocktsun erblickten. Merkwrdig gut bekam dem Dicken der
lange Marsch; er entwickelte morgens einen gewaltigen Appetit und legte
sich nach dem Fressen hin, um famos zu schlafen. Ich war ganz glcklich
darber, da das Tier durchgekommen war. Diese Ponies sind ein ganz
merkwrdig zher Schlag Tiere, ich glaube, ein Pferd wre sicher dabei
eingegangen.

Tocktsun ist ein Stdtchen mit gemischter Bevlkerung, es hat eine
Kavallerie-Garnison von 80 Mann. Emin hatte schon heute Heimweh und
wollte wieder zurck. Natrlich dachte ich nicht daran, ihn wegzulassen,
ohne da er das Geld, das ich ihm dummerweise als Vorschu bezahlt
hatte, wieder herausgab. Als ich ihm drohte, ihn sofort zum Yamen zu
schicken, heulte er mir etwas lngeres vor, doch lie ich mich dadurch
gar nicht rhren, sondern entschied, da er weiter mitgehen msse. Die
Chinesen meinten, er sei eben noch ein Kind, dabei war der Bengel 18
Jahre alt und einen vollen Kopf grer als ich.

Bei empfindlicher Klte ritten wir am 29. April morgens 4 Uhr ab, zuerst
durch steinige Ebene bis an einen Gebirgszug, der den Weg kreuzt. Ich
trabte mit meinem Yamenbegleiter und den Kavalleristen voraus. Wir
passierten am Anfang der Berge eine der einsamen Poststationen, dann
waren wir zwischen fast senkrechten, sehr hohen Felswnden. Der Boden
der Schlucht war uerst steinig, auerdem ging es die ersten 15
Kilometer dauernd in einem Bachbett entlang. Die Berge sind gnzlich
vegetationslos, die nrdlichen Wnde an flacheren Stellen teilweise mit
bergewehtem Wstensande bedeckt. Einmal sahen wir eine vereinzelte
Wildente. Wir marschierten unaufhrlich, die Schlucht nahm kein Ende.
Die Sonne brannte glhend hei herunter, das Thermometer zeigte plus 49
Grad; nirgends fand man ein bichen Schatten. Die Pferde lieen
bedenklich die Kpfe hngen und der arme Dicke mute schon getrieben
werden. Zuweilen trafen wir grere Eselherden, die als Lasttiere fr
Waren benutzt werden. Der Esel kostet hier nur einen Tael, sehr gute bis
3 Taels. Merkwrdig ist, da groe Herden von ungefhr 100 Stck nur von
einem einzigen Manne geleitet werden. Ich sah in den Eselkarawanen nur
Hengste. Einmal passierten wir eine Karre ohne Bespannung, die Tiere
hatten versagt und der Fhrer war mit smtlichen Tieren vorausgeritten,
um sie zu trnken. Gegen ein Uhr erreichten wir die ersehnte Trnke. Aus
einer hundert und mehr Meter hohen Felswand kam an einer pors
aussehenden Stelle klares Quellwasser heraus. Es war nicht viel, aber
trotzdem lagerten an dieser Stelle Hunderte von Eseln, viele Karren und
eine Menge Reisende auf Pferden; es war ein hbsches buntes Bild. Was
jedoch noch angenehmer in unsern Ohren klang, war, da unser heutiges
Ziel, die Poststation Orwulac, nicht mehr fern sein sollte. Um 1 Uhr
waren wir zur Stelle. An einer Erweiterung der Schlucht lag eine
Husergruppe, bestehend aus dem Posthause und dem Gung Kwan, dem
Rasthause fr mit Regierungspa versehene Reisende. Man findet diese
Einrichtung in den meisten greren Stdten, auf den Zwischenstationen
seltener, und eigentlich braucht man hier nichts zu bezahlen. Diesen
Gung Kwan hatte der kommandierende Offizier aus Karaschar mit seiner
Sippschaft ganz mit Beschlag belegt. Ich zog trotzdem mit meinen Tieren
in den noch leeren Stall, aus dem mich seine Herrlichkeit sofort wieder
herausbefrdern wollte. Da er nicht sehr hflich war, wurde ich grob;
seine Leute sprangen ein und belehrten mich, da ich einen Ta-jen
(Exzellenz) vor mir htte. Hierauf erklrte ich, das treffe sich
ausgezeichnet, denn auch ich sei ein deutscher Ta-jen; im brigen wrde
jeder, der meine Pferde auch nur anfasse, sofort von mir hchst
persnlich Hiebe besehen; natrlich wagte keiner mehr, etwas zu sagen.
Spter zog ich selbst um, weil ich einen noch besseren Stall fand; fr
die Menschen aber war durchaus kein Unterkommen zu finden. Inzwischen
verging Stunde auf Stunde und die Karre kam nicht. Meine armen Tiere
waren ganz verhungert; sowie sich nur ein Mensch sehen lie, wieherte
die Stute, in der Hoffnung, er bringe Fressen. Ich legte mich hin und
schlief mit dem Sattel als Kopfkissen bald ein. Endlich um 9 Uhr langte
die Karre an; die Tiere hatten unterwegs in der Hitze versagt. Nun
bekamen die Pferde Futter und auch wir etwas zu essen. brigens war der
alte Schantu, den mir der Yamen Turfan mitgegeben hatte, rhrend gut zu
mir. Er suchte mich immer zu trsten, teilte redlich sein bichen Stroh
und sein Brot mit mir und trieb von irgendwo noch Tee und heies Wasser
auf. Der alte Mann verdient wirklich einen Ehrenplatz in meinem
Reiseberichte, denn auch weiterhin sorgte er stets fr mich, ehe er
irgendwie an sich selbst dachte.

Der Verkehr war hier sehr stark, es war gerade Reisezeit. Die ganze
Nacht ber hrte das Kommen und Gehen von Menschen, Karren usw. nicht
auf. Mehrfach wurde mir zu meinem nicht geringen rger von Unterkunft
Suchenden ins Gesicht geleuchtet, obwohl meine kmmerliche Schlafstelle
in der Stallecke keineswegs mit einem Zimmer in der ersten Etage des
Berliner Zentralhotels zu vergleichen war. Natrlich konnte sich
jedesmal der Betreffende von dem Anblick des schlafenden fremden Teufels
nicht trennen, dazu kam noch das Geschrei der unzhligen Esel, es war
eine recht herzerquickende Nacht!

Auch am 30. April ritt ich voraus. Es ging noch ein Stck in der
Schlucht weiter, die einmal durch einen enormen Felssturz ein ganzes
Stck lang verschttet war. Man sieht noch die Spuren des alten Weges;
der neue windet sich jetzt zwischen den abgestrzten Blcken hindurch.
Das Tal erweitert sich, und nach 40 Kilometer Marsch hatten wir die
Ebene vor uns, in der man in der Ferne wiederum hohe Berge sah.
Auffallend viele Tierkadaver lagen am Wege, ein Zeichen, wie schwer es
die armen Tiere hier in dem tiefen, steinigen Sande haben. Es war wieder
glhend hei, plus 50 Grad C; um ein Uhr waren wir in Kmmisch, einem
kleinen Dorf mit ganz gemischter Bevlkerung, wo Schantus, Dunganen und
Bekenner der konfuzianischen Lehre bunt durcheinander wohnen. Ich
fragte, ob hier Mischheiraten vorkmen, was mit Entrstung von allen
Seiten zurckgewiesen wurde. Kaum zwei Wochen weiter, konnte ich mich
wiederholt von dem Gegenteil berzeugen, alles heiratete lustig
durcheinander. Mein Schantudiener wollte nicht mehr mit dem Chinesen in
einem Zimmer schlafen, natrlich nur, um mir Schwierigkeiten zu machen.
Letzterer erwies sich als ein sehr brauchbarer Diener, whrend der
andere ein buerischer und noch dazu ganz kindischer Mensch war. Die
Chinesen haben hier an einem Bergabhang eine schne groe Quelle, die in
ein Becken fliet; letzteres ist vollkommen verschlammt und morastig,
und das berflieende Wasser ist infolgedessen gar nicht mehr geniebar.
Trotzdem denkt kein Mensch daran, das ganz flache Becken einmal zu
reinigen.

[Illustration: Poststation im Gebirge vor Kmmisch]

1. Mai. Unsere heutige Tagesleistung betrug 70 Kilometer. Wir
marschierten wieder ganz frh ab; ich ritt voraus, um auf Antilopen zu
pirschen, sah jedoch nur einmal solche ganz in der Ferne. Bald befanden
wir uns in den Bergen, die aber nicht so hoch und steil waren wie die
letzten. Nach 45 Kilometer Marsch erreichten wir Kara Kysyl, das die
Chinesen Lu-fu-gu nennen; auf den Karten ist ein Flecken gezeichnet, in
Wirklichkeit ist es nur ein groes Gehft in einer Talerweiterung. Das
Gasthaus war gestopft voll, ich zhlte allein ber 100 Ponies, ohne die
Maultiere und Esel. Der Geschftsfhrer des Gasthauses wollte mit meinem
Karren einige Kisten nach Karaschar mitsenden, was ich jedoch
untersagte, da ich kein Mietskutscher sei. Am Nachmittag schlief ich
etwas Vorrat, da wir die Nacht durch marschieren wollten. Dann ging es
weiter in die nur schwach vom zunehmenden Monde erleuchtete Nacht. Der
Weg war gut und im schlanken Trab kamen wir schnell vorwrts. Um 11,45
Uhr hatten wir bereits 45 Kilometer hinter uns und waren an einer
Poststation, in der noch Licht brannte. Nach lngerem Klopfen wurde uns
geffnet und wir bekamen von dem natrlich eifrig Opium rauchenden
Beamten sehr guten Tee vorgesetzt. In keiner der vielen Poststationen,
die ich passierte, habe ich einen Beamten getroffen, der nicht rauchte.
Der Weg blieb auch weiterhin gut und hell genug, obwohl der Mond
verschwand. Einmal sahen wir in der Dunkelheit einen Fuchs, dessen
Krper phosphoreszierte, so da wir zuerst glaubten, es sei ein Licht.

[Illustration: In der Herberge Kara Kysyl]

Um 4 Uhr morgens waren wir in Usch Dalla und kamen leidlich gut
unter. Mein Pferd war trotz der gewaltigen Anstrengung nicht sehr mde;
wir hatten innerhalb der letzten 24 Stunden 270 Li, etwa 135 km,
zurckgelegt. Vier Stunden spter traf die Karre ein; meine Leute hatten
mehrfach Antilopen gesehen, die uns in der Dunkelheit entgangen waren.
Unangenehm bemerkbar machten sich jetzt schon die vielen Fliegen,
besonders die Stute war sehr empfindlich dagegen und schttelte den
ganzen Weg ber den Kopf; brigens ging sie jetzt ganz vorzglich und
von dem alten Widerristdruck war gar nichts mehr zu merken; auch der
gute Dicke befand sich wohler, so da ich daran denken konnte, ihn in
einigen Tagen wieder zu reiten.

[Illustration: Kara Kysyl

Pferdefttern mittels eines zwischen zwei Karren gebundenen Sackes]

Am nchsten Morgen merkte man den Tieren doch etwas den langen Marsch
an. Emin stand wieder einmal nicht auf und machte damit sein Ma voll.
Ich rgerte mich dabei noch weniger ber ihn, als ber mich selbst, da
ich mich so hatte ber die Ohren barbieren lassen. Schon morgens war es
drckend schwl. Es ging durch Steppe, die viele sumpfige Stellen
aufwies und teilweise mit Bumen bestanden ist. Ich war recht froh, als
wir um 12 Uhr in Tsching sui choa anlangten, einem Nest mit schlechtem
Gasthause. Emin bekmmerte sich, wie blich, um nichts und da er
auerdem, anstatt mein Essen zu besorgen, ausging, ri mein Geduldsfaden
und er ward entlassen. Zur Strafe nahm ich ihm die fr mein Geld
gekauften Decken weg und gab sie meinem chinesischen Diener. Merkwrdig
war nun zu beobachten, wie sich sofort zwei Lager bildeten, die den
Vorgang besprachen. Die einen meinten, ich tte ganz recht, da der
Bengel faul und schmutzig wre, die andern erklrten, es sei unrecht, so
ein Kind hier hilflos auszusetzen. Ein alter Kavallerist bat mich, Emin
wenigstens noch bis Karaschar mitzunehmen, aber als ich ihm vorschlug,
sein Pferd zu diesem Zweck herzugeben, zog er doch lachend ab. Im Laufe
des Abends erschien Emin noch ein paar Mal, um ein Trinkgeld zu
erbetteln, jedoch ohne Erfolg.

[Illustration: Rasthaus in der Steppe vor Karaschar]

Die Stute hatte leider hinten rechts eine angelaufene Sehnenscheide;
wahrscheinlich infolge von beranstrengung. Durch sumpfige Gegend, in
der wir auffallend viel graue, unsern Ringelnattern gleichende Schlangen
sahen, von denen die Chinesen behaupten, sie seien sehr giftig, zogen
wir weiter. Die Bauern hatten hier zur berschwemmung ihrer wenigen
Felder wieder einmal die Wege als Wasserleitung benutzt, so da man
gezwungen war, stets abseits im Sumpfe zu reiten. Infolgedessen verloren
meine Tiere mehrere Eisen. Die Gegend hatte auffallend viel Wasserwild.

Mehrfach kamen wir an Filzjurten der Mongolen vorbei. Hier residieren
zwei Frsten, denen auch die groen, hier weidenden Pferdeherden
gehren. Diese Gegend stellt hauptschlich den Pferdebedarf bis Schansi,
von dort ab findet man den nordmongolischen Pony wieder hufiger
vertreten. Der hiesige Pony hat mehr Exterieur als der nordmongolische;
er erinnert in seinem ganzen Bau mehr an unser Pferd, zeigt also ein
edleres Geprge als unser alter Freund aus dem Norden. Er hat einen
feineren Kopf und lngeren Hals, Schopf, Mhne und Schweif sind sehr
stark; letzterer reicht bis auf die Erde, und gelegentlich findet man
auch ebenso lange Mhnen. Die Farben sind genau so bunt, wie die der
nordmongolischen Ponies. Die Tiere werden im allgemeinen gut gehalten,
verhltnismig selten findet man gedrckte oder lahme; der Preis ist
erheblich niedriger als im Osten. Ein leidlich guter Pony mittlerer
Klasse kostet zwischen 18 und 25 Taels, aber auch fr 10 bis 15 Taels
kann man schon einen ganz annehmbaren bekommen.

Das sogenannte Ili-ma also im Kreise Ili gezogene Pferd, das sich nur
durch besondere Gre auszeichnet, gefiel mir weniger, da die beim Pony
nun einmal vorhandenen hlichen Points infolge der Gre beim Pferde
mehr hervortreten. Besonders der unverhltnismig groe Kopf fllt auf.
Maultiere kommen hier weniger vor.

Gegen Mittag nherten wir uns Karaschar; das eigentlich mitten im Sumpfe
liegt. Meine beiden Begleiter baten mich, doch das groe Pferd zu
reiten, was ich ihnen zu Gefallen denn auch tat; natrlich machte es bei
der Bevlkerung sehr viel Eindruck. Die Stadt an sich ist nicht gro und
war fast vollkommen verlassen. Ganze Huserreihen standen leer; das
infolge des sumpfigen Untergrundes herrschende Fieber hatte die Leute
vertrieben. Wir ritten zuerst in die sdliche und dann in die westliche
Vorstadt, in denen sich das Hauptleben abspielt. Alle Gasthuser waren
berfllt oder die Leute wollten mich nicht aufnehmen, und dazu
herrschte eine schreckliche Hitze; doch ich hatte in China schon Geduld
gelernt und suchte ruhig weiter. Sowie man nmlich heftig wird oder zu
schimpfen anfngt, ist es vorbei und man bekommt berhaupt kein
Quartier. Schlielich hatten wir alle vorhandenen Herbergen abgeklappert
und kamen zum Ausgangspunkt zurck. Dort war in einem groen Gasthofe
gerade ein Zimmer frei geworden, das ich sofort mit Beschlag belegte.
Zwei chinesische Lauyes mit ihrem gesamten Gesinde hatten alles brige
besetzt; der eine kam von Urumtschi (Chung Miauts) der andere aus Aksu.
Mein Diener mute sofort ausgehen und sich noch einige Sachen kaufen, um
im Yamen anstndig auftreten zu knnen. Ich besorgte unterdessen, von
etwa hundert Zuschauern umgeben, in Hemdsrmeln die Pferde. Der Lauye
aus Aksu kam, um mich zu besuchen, und konnte sich nicht genug wundern,
da ich diese Arbeit selbst verrichtete, obwohl ich doch auch ein Lauye
sei. Er begriff nicht, da es mir viel wichtiger war, meine Tiere nicht
unversorgt zu lassen, als was die Leute ber mich dchten. Bald erschien
einer vom Yamen und brachte Mais und Stroh als Pferdefutter. Gegen 4 Uhr
kam auch Dschang zurck; es hatte zwar etwas lange gedauert, aber er war
wirklich, nach chinesischen Dienerbegriffen, tadellos angezogen, was
mich 3 Taels kostete. Er wanderte gleich zum Yamen, um meinen Besuch
dort anzumelden. Ich a einen Bissen Brot und einige Eier, sattelte
dann, zog mich um und ritt auf dem groen Pferde, mit meinem Turfaner
Begleiter als Vorreiter und dem guten Dicken blank hinterher, zum Yamen.
Die Wirkung war die gewnschte, bei meiner Ankunft wurde ich mit drei
Bllerschssen empfangen und die groe Mitteltr wurde geffnet. Mein
Diener war besser angezogen, als die ganze Yamengesellschaft, was ich
mit Genugtuung feststellte. Ich tauschte mit dem Mandarin die blichen
Redensarten aus und zog mich dann zurck, erhielt wieder meine drei
Bllerschsse und ritt auf meiner Stute stolz an der gesamten
aufmarschierten Yamengesellschaft vorbei, whrend die Stute einen groen
Kter, der sie hinten in die Beine bi, ebenso wie die Bller mit
Verachtung strafte.

[Illustration: Mandarin in Karaschar]

Im Gasthaus machte ich dem Mandarin aus Aksu meinen Gegenbesuch. Er
schien ein Lebemann zu sein, denn das einzige, was ihn interessierte und
wonach er sich sofort sehr eingehend erkundigte, waren die Verhltnisse
der Demimonde in Europa. Whrend wir uns unterhielten, kam der
Ortsmandarin, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Die Sache verlief wie
blich; ich zeigte ihm meine Waffen, das Fernglas, den photographischen
Apparat und die Landkarte, was denn auch meist gengt. Er lud mich fr
morgen frh zum Essen ein, was ich dankend annahm. Abends engagierte ich
dann noch einen zweiten Chinesen, einen gewesenen Kavalleristen, als
Diener fr 4 Taels monatlich. Nach dem Abendessen besuchte mich wieder
der Mandarin aus Aksu. Am 5. Mai frh bekam ich ein schnes heies Bad,
whrend ich sonst immer mit einem kalten Bade vorlieb nehmen mute. Der
Yamen hatte mir Leute geschickt fr sogenannte kleine Arbeit; ich
verteilte diese und ritt um 7 Uhr mit Vor- und Nachreiter und mit
einem Begleiter vom Yamen zu dem Mandarin zum Frhstck. Der Empfang war
wie gestern, dann gab es ein verhltnismig kurzes Essen, zu dem auer
mir noch sechs Personen geladen waren. Der Mandarin mute sich in mein
Fremdenbuch eintragen, ich photographierte ihn und ging dann zurck in
die Stadt, in der ich einige Besorgungen erledigte. Mir fiel hierbei ein
alter Mann auf, den ich nach seinem Alter fragte. Er war 98 Jahre alt,
hatte noch alle Zhne im Munde und ging aufrecht und stolz wie ein
Dreiigjhriger.

[Illustration: Karaschar -- Mongole]

Die Leute hier waren alle sehr freundlich. Ich hrte mehrmals die
Bemerkung fallen: "Dieser Europer ist sehr friedfertig"; mir schien das
ein schlechtes Licht auf meine Vorgnger zu werfen. ber Mittag schickte
der Yamen einen Diener. Ich mute meinem neuen Diener seine smtlichen
Sachen aus dem Leihhause auslsen; das war wieder ein schner Reinfall
fr mich! Im ganzen kostete mich der Scherz 3 Taels; von jetzt ab mute
er aber seine Sachen in meinem Zimmer deponieren, sonst wre er wohl
bald mit samt den Sachen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Karaschar
hat ganz gemischte Bevlkerung. In der Umgegend leben sehr viele
Mongolen, die von den Chinesen "Dase" genannt werden; ob dies ein
Spottname ist, konnte ich nicht feststellen, jedenfalls werden die
Mongolen nicht nur von den Chinesen und Trken grndlich ausgebeutet,
sondern auch berall verhhnt. Die Stadt liegt am Chai du gol, dessen
schmutziges, ganz trbes Wasser die Tiere merkwrdig gern saufen. Das
Brunnenwasser ist berall schlecht. Die groe Stute hatte ein stark
entzndetes Auge und auch die Sehnenscheidenentzndung hatte sich noch
nicht gebessert, so da ich noch einen Ruhetag zugab, der auch dem
Dicken, der sich sonst gut auffhrte, sehr zu gute kam.

[Illustration: Mandarin mit Familie]

Fr den folgenden Tag mietete ich mir Ponies zur Antilopenjagd, und
beschlo, einem der Mongolenfrsten einen Besuch zu machen. Wir ritten
mit meinem Turfaner Yamenbegleiter und zwei Kavalleristen am 6. Mai ganz
frh los, ich auf einem ganz netten Pagnger-Schimmel, in nrdlicher
Richtung hinaus in die Steppe. Nach 20 Kilometer hatten wir die ersten
mongolischen Jurten vor uns, deren groe, schne Hunde uns sofort wtend
anfielen. Die Hunde wurden festgehalten und wir fanden bei den Mongolen
freundlichste Aufnahme. Ihre Jurten sind rund und mit Filzdecken belegt,
die Tr ist ungefhr einen Meter hoch und drei Viertelmeter breit. Von
dem etwa drei Fu hohen, gitterfrmigen Rand laufen aufwrts zu einem
Reifen von ungefhr einem Meter Durchmesser Stbe zusammen, die das Dach
bilden. Die ffnung hat einen Windschutz; in der Mitte des Zeltes steht
auf einem Dreifu ein groer Kessel; das Feuer wird mit Kamelmist
genhrt. An den Wnden hngen die Gebrauchsgegenstnde, und unten sind
die Filzdecken und die Pelze wie eine Bank zusammengelegt. Gegenber der
Tr sieht man einen Altar mit Ruchergefen, auf dem kleine
Metallbecken stehen; in diesen befindet sich Fett. Ich bekam sofort
Milch vorgesetzt, ferner Milchtee und in kleinen Holzgefen Mehl in Tee
aufgeweicht. Ein Kavallerist diente als Dolmetscher. Als wir abritten,
muten wiederum alle Hunde festgehalten werden; sie sind dunkelfarbig,
so gro wie unsere Schferhunde und gehen rcksichtslos auf jeden
Fremden los.

[Illustration: Straenbild aus Karaschar]

Mitten im hohen Grase fanden wir weiter nrdlich ein menschliches
Skelett, von der merkwrdigen Bestattungsart der Mongolen herrhrend.
Diese berlassen ihre Toten einfach den wilden Tieren in der Steppe
Einmal sahen wir flchtige Antilopen, sonst bemerkten wir nur groe
Herden von Ziegen, Schafen, Pferden, Rindvieh und Kamelen. berall sah
man die runden Jurten noch gerade ber das hohe Gras hinwegragen.

Nach weiteren 25 Kilometern kamen wir an ein Dorf, an dessen Eingang ein
gefallenes Maultier von Hunden herumgezerrt wurde. Das Dorf beherbergt
einige Kaufleute, Schantus und Chinesen, die die Mongolen ordentlich
bers Ohr hauen.

Wir wandten uns nach Westen und waren nach etwa vier Kilometern am
Lauwang-fu, dem Yamen des mongolischen Frsten, der sich jedoch nicht zu
Hause befand, sondern mit seinen smtlichen Leuten und Herden nrdlich
in den Bergen frisches Weideland bezogen hatte. Wahrscheinlich bewohnt
er auch dort nur eine Jurte. Der im chinesischen Stil gro angelegte
Yamen war unglaublich verwahrlost; berall nisteten Scharen von Tauben,
nicht eine einzige Wand stand gerade, fast alle waren eingefallen oder
im Einfallen begriffen. Die Rume waren meist leer, nur einige
Prunkgemcher waren eingerichtet; es standen aber Karren, Geschirre usw.
darin. Einige Mongolen als Wache hatten in einem der Hfe ihre Jurten
aufgeschlagen. Wir bekamen wieder Milch und Tee vorgesetzt. In einem neu
erbauten Tempel schien sich eine Art Druckerei zu befinden, wenigstens
sah ich eine Unmenge von Holzclichs, mit denen die bekannten
Tempelfahnenbilder hergestellt werden. Auf dem Rckweg veranstaltete
einer der Kavalleristen ein Privatwettrennen mit einem Kamelreiter; das
Kamel erwies sich als schneller.

[Illustration: Karaschar -- Schuster]

Wir futterten im Dorf ab, und ich ging dann voraus, um noch auf
Antilopen zu pirschen. Da sich die Sonne inzwischen hinter Wolken
verkrochen hatte und ich ohne Kompa war, machte es mir groe Mhe, die
Richtung zu halten. Ich erinnerte mich, beim Herausreiten an einem Hgel
vorbeigekommen zu sein, auf dem drei Bume standen. Diesen Hgel fand
ich mit dem Zei wieder und steuerte darauf los. Spter traf ich noch
einen mongolischen Hirten, der mich zurechtwies. Da keiner die Sprache
des andern verstand, war die Unterhaltung ziemlich spaig. Ich sagte:
"Karaschar", woraufhin er einen groen Sprung vorwrts machte und dann
zischend eine Linie auf der Erde zog. Ich mute also ein Wasser
berschreiten. Groe Freude seitens des Mongolen, als ich begriffen
hatte. Mehrfach fielen mich noch die groen Hunde an; ich mute jedesmal
mit schufertigem Karabiner warten, bis sie abgerufen wurden, denn nur
ber ihre Leiche htte der Weg weitergefhrt, und unntig wollte ich
den Mongolen ihre treuen Wchter nicht wegschieen.

Ich passierte den Bach und hatte bald einen befahrenen Weg vor mir, der
nach Sden fhrte. Es regnete leise. Endlich war ich bei unsern ersten
Mongolen, die mich sehr freundlich bewillkommneten. Alles suchte mich
schon; der Schantu war bereits vorausgeritten, um die Kavallerie in
Karaschar zum Suchen zu requirieren. Allmhlich stellten sich die beiden
Kavalleristen ein und wir ritten heimwrts; es war die hchste Zeit, da
meine Pferde vor Mdigkeit zusammenzubrechen drohten. Gegen neun Uhr
kamen wir ins Gasthaus, wo auch schon ber mein langes Ausbleiben groe
Aufregung herrschte. Der Mandarin hatte bereits die ganze Schwadron
alarmiert, und diese war gerade aufgebrochen, um nach mir zu fahnden,
als die Nachricht von meiner Rckkunft eintraf.

[Illustration: Trken in Kurla]

Bei glhender Hitze marschierten wir am 7. Mai frh ab. Mittels Fhre
ging es ber den Chai du gol und dann in die Steppe, an deren Anfang
gerade ein Mongolendorf lag. Die Stute lief weg und mitten in eine groe
weidende Pferdeherde hinein. Die Mutterstuten schlossen sich sofort zum
Kreise zusammen und nahmen die Fllen in die Mitte. Der Leithengst griff
die Stute an und bi ihr einen groen Fetzen Fleisch in der Sattellage
heraus. Gegen Mittag wurde die Hitze immer schlimmer, wir hatten um ein
Uhr 55 Grad Celsius. Um 3 Uhr lste sich die Schwle und es trat
Staubsturm ein. Am Nachmittag gelangten wir in Felsberge und
marschierten dem Kurla-gol entlang, der hier als reiender Gebirgsstrom
das Gebirge durchbricht. Wir machten bei einem Kaufmann, der unterwegs
sein Zelt aufgeschlagen hatte, kurze Rast und bekamen Milch, Tee und
Brot.

Um 6 Uhr abends gelangten wir nach einem Marsch von 70 Kilometer nach
Kurla, wo wir ganz gut unterkamen. Der Bek des Ortes schickte mir
Pferdefutter. In meinem Gasthaus hatten sich zwei Damen der Demimonde
etabliert. Ich ahnte zuerst gar nicht, wen ich vor mir hatte, und sagte
zu einem neben mir stehenden Chinesen: "Was habt ihr hier fr hbsche
Frauen," woraufhin er nur kurz antwortete: "Einen Tael". Da wute ich
genug. Den ganzen Abend ber hrte ich ihren Gesang zur Mandoline. Sie
schienen gar nicht abgeneigt, mit mir Freundschaft zu schlieen, aber
sowie ich nur hinsah, hatte ich sofort eine ganze Herde von Neugierigen
um mich herum.

Die Pferde waren am 8. Mai morgens von dem gestrigen Marsch in der Hitze
und ber die felsigen Wege derartig ermdet, da ich beschlo, erst am
Abend aufzubrechen, um so mehr, da wir einen Marsch von 90 Kilometer vor
uns hatten. Es war schon um vier Uhr morgens so schwl, da man nicht
mehr schlafen konnte. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Besuch von den
beiden Mdchen, die vor Neugierde fast umkamen, meine europischen
Sachen zu sehen. Heute war hier Basartag; ich mischte mich mitten in die
Volksmenge auf den Straen. Was war das fr ein buntes Treiben! Dazu die
farbigen Kostme beider Geschlechter, es gab wirklich ein hbsches Bild.
Wie bei uns auf den Jahrmrkten schreit alles durcheinander, seine Waren
anpreisend. Man sieht sehr viel Bettler, die, meist zu dreien, singend
um eine Gabe betteln. Sie begleiten ihren Gesang mit der Gitarre und
einer Klapper; diese besteht aus einem Stock mit einem groen Ring, an
dem mehrere kleine Ringe hngen. Hauptschlich werden Ewaren, Kattune,
Obst, Fleisch, Mtzen, Stiefel und Sigkeiten feilgeboten. Mitten durch
die Stadt fliet der Chro-ma-gol, in dem die gesamte Stadtjugend badet.
Der Flu hat ganz klares, durchsichtiges Wasser, das sehr kalt ist.

Ich besuchte eine Kwantse, d. h. ein Restaurant, in dem zwei
Gitarrespieler und ein Tamburinschlger Musik machten. Drei hbsche,
junge Schantumdchen forderten mich gleich auf, Platz zu nehmen. Es gab
Frchte wie getrocknete Weinbeeren, Lotoskerne, Mandeln, dann Tee und
Reiswein, der dem Mohammedaner anscheinend nicht als Wein gilt. Eines
der Mdchen fhrte zur Musik einen aus einzelnen Pas bestehenden
grazisen Tanz auf, der jedesmal in einer Pose wie beim Bauchtanz, mit
der Front nach irgendeinem der Anwesenden, endigte. Ich kam zuerst an
die Reihe; man rief mir von allen Seiten zu: "C lai, c lai" (steh auf,
steh auf), was ich denn auch tat. Einer nach dem andern kam nun daran
und erhob sich mit einer Verbeugung gegen das Mdchen. Ich gab fr die
Musik und fr die Tnzerinnen Geld und kehrte dann in meinen Gasthof
zurck. Bald darauf erschien ein Chinese bei mir und forderte mich auf,
in sein Zimmer zu kommen, er habe dort etwas fr mich. Richtig war es
die hbsche Tnzerin, die sie herbeigebracht hatten, in der Hoffnung,
sich einen Kupplerlohn zu verdienen. Ich lie mich jedoch nicht
erbitten; das Mdchen fhlte sich verschmht und weinte, aber ich konnte
ihr nicht helfen.

[Illustration: Melkende Frau]

Um 6 Uhr, das Thermometer zeigte immer noch plus 31 Grad, marschierten
wir ab. Zuerst durch Kurla mit allen seinen hbschen kleinen Grten,
dann an den Bergen entlang. Nach 40 Li machten wir kurze Rast in einem
einzelnen Gasthause; nach 110 Li ebenso in einem Posthause, in dem eine
einzelne Schantufrau waltete; sie kochte uns Tee und Eier. Ich war
todmde und schlief auf dem Lager der Frau eine halbe Stunde vorzglich.
Gegen 8 Uhr morgens -- es war schon wieder drckend schwl und die Tiere
infolgedessen sehr mde -- langten wir endlich in Tschot Wu an. Wir
hatten einen Marsch von 90 Kilometer hinter uns. Der uns begleitende
Mann vom Yamen war ein Schantu, der jedoch, als bei einer chinesischen
Behrde Angestellter, vollkommen als Chinese angezogen war. Er hatte das
Gesicht ganz und den Kopf halb rasiert und trug nach chinesischer Sitte
einen Zopf, so da ich den Unterschied tatschlich nicht bemerkt haben
wrde, wenn mein Diener mich nicht darauf aufmerksam gemacht htte.

Gegen Mitternacht vom 9. zum 10. Mai brachen wir bei Vollmond wieder
auf. Wenn die Saaten bei den Drfern hoch sind, soll es hier massenhaft
Wildschweine geben, jetzt waren leider keine da; sonst durchquerten wir
nur reichlich mit Bumen bestandene Steppe. Um 9 Uhr erreichten wir
Hsia-jen-kou, wo wir gut unterkamen und ich die Pferde baden lie. Der
eine der mich begleitenden Kavalleristen bot mir fortwhrend seinen
hbschen Schimmel zum Kauf an, doch sollte ich 35 Taels geben, was mir
zu viel war. Um 7 Uhr abends ritten wir weiter, durch angebaute Gegend.
In einem der Drfer hing ein menschlicher Kopf am Wege; meine Leute
hielten sich lange darber auf; man ist es hier weniger gewhnt, die
Kpfe so schnell fallen zu sehen, wie im Osten. Fr die Gasthuser war
jetzt schlechte Zeit, da die Reisenden alle im Freien schliefen und die
Pferde einfach grasen lieen. Fast alle Huser haben in dieser Gegend an
der Auenfront Kangs; wenn es noch heier wird, schlft alles drauen.
Am 11. Mai, bald nach Sonnenaufgang, waren war in Yang Hsa. Smtliche
Gasthuser hatte der aus Kaschgar kommende Taotai belegt; dabei wute
kein Mensch, ob er selbst berhaupt kommen wrde. Ich mute mich mit
einer ziemlich beln Bude begngen; dafr erschien bald der
Ortsvorsteher, ein Trke, um sich bei mir zu entschuldigen, da kein
besseres Quartier vorhanden sei; brachte auch gleich Mais, Stroh, Heu
und Eier als Geschenk mit, was ich sehr anerkannte.

[Illustration: Kavallerist in Bugur, dessen Pony ich spter kaufte]

Eine groe Unannehmlichkeit, unter der ich hier litt, waren die Luse,
von denen ich mich nie ganz freizuhalten vermochte. Trotzdem ich Tag fr
Tag badete und so sauber wie nur irgend mglich war, verging kaum ein
Tag, wo ich nicht eines dieser widerlichen Tiere fing. So lange ich im
eigentlichen China war, geschah dies nicht, was eigentlich fr die so
oft angezweifelte Reinlichkeit der Chinesen spricht.

Den ganzen Nachmittag kamen Leute, die mich um meinen rztlichen Rat
baten. Die meisten litten an einer Augenentzndung, die sich besonders
in eiternden Trnendrsen uerte. Die ersten, die ankamen, wusch ich
mit einer ganz leichten Sublimatlsung sauber aus. Kaum hatten die Leute
nur die Sublimat-Pastillen gesehen, als jeder etwas von der wertvollen
Medizin haben wollte. Natrlich mu der Europer Sachen haben, die gegen
jeden Schaden helfen. Dieses blinde Vertrauen zu einem Europer, wie zu
einem hherstehenden Wesen, das in jedem Falle helfen kann, obwohl ich
persnlich mehr als tausend Mal erklrt habe, da ich nicht Arzt sei,
ist einfach lcherlich. Ich konnte nur peinliches Reinhalten und Khlen
mit kaltem Wasser empfehlen, da ich selbst nichts an Arzneien hatte,
ein Rat, der ungefhrlich war und vielleicht auch half.

Gegen 8 Uhr abends marschierten wir weiter. Die Strae war mit hohen
Bumen dicht eingefat, man ritt wie in einer Laube. Um 4 Uhr morgens
waren wir in Bugur, in dessen Gasthaus meine Stube wiederum von Kranken,
besonders von Weibern, gestrmt wurde. Mein Kavallerist lag mir dauernd
mit seinem Pony in den Ohren, bis ich schlielich das hbsche Tier fr
22 Taels kaufte. Es erwies sich als etwas stolprig und scheute vor jeder
Kleinigkeit, war also wohl ein Blender.

[Illustration: Bugur]

13. Mai. Ich ritt, wie stets, voraus und war schon gegen 2 Uhr am Ziel
in Arbatai, wo ich bald mit dem Sattel unterm Kopf fest schlief. Man
lernt das sehr schnell: Tag fr Tag schlief ich die Hlfte meiner
Ruhezeit, nmlich bis die Karre kam, auf den harten Steinen ohne jede
Bequemlichkeit und gewhnte mich vollkommen daran. Der folgende Tag war
wohl der bisher schwlste, und es war unmglich, den Tag ber zu
schlafen. Als wir um 5 Uhr nachmittags abmarschierten, brach denn auch
der Staubsturm los, legte sich aber gegen 9 Uhr wieder. Um 1 Uhr hatten
wir nach sehr scharfem Ritt die 70 Kilometer bis Tocken hinter uns und
kamen gut unter. Ich schlief trotz unzhliger Moskitos bald ein, um am
14. Mai frh, am ganzen Leibe zerstochen, von ihrem abscheulichen Surren
geweckt zu werden. Es war gerade hell geworden und die Karre kam an. Die
Abkhlung nach dem Staubsturm war ganz besonders angenehm, trotz der 18
Grad fror ich beinahe und zog mir meinen dicken Sweater an. Dann nahm
ich ein Bad im Fluwasser, was mir aber nicht bekam, denn mein ganzer
Krper zeigte bald kleine Blschen, die auf das unangenehmste juckten.
Es war der allen Tropenreisenden bekannte Ausschlag, "roter Hund"
genannt, der mir noch mehrere Tage zu schaffen machte. Ich dachte jetzt
nur noch daran, so schnell als mglich aus dieser Moskitohlle
fortzukommen. Denn trotzdem ich den ganzen Tag ber ein qualmendes
Strohfeuer im Zimmer unterhielt, so da mir die Augen trnten, waren die
Moskitos nicht zu verscheuchen.

Gegen Mittag fing es leicht an zu regnen, und als wir um 4 Uhr
nachmittags abritten, hatte ein richtiger Landregen eingesetzt. Der
Kavallerist und der Yamenbegleiter wren nur zu gern dageblieben, denn
der Chinese hat den Regen wie die Pest, aber ich lie mich auf nichts
ein. Bald waren wir wie die Katzen na, was mir sehr angenehm vorkam.
Den Weg schnitten von Norden kommende, teils flache, teils bis einen
Meter tiefe, schnell flieende Wsser von dunkelroter Farbe. Einmal
trafen wir unterwegs zwei etwa 14jhrige hbsche junge Schantumdchen,
die gerade von einem im schrfsten Trab reitenden Manne eingeholt und
angehalten wurden. Auf unsere Frage, um was es sich denn da handle, kam
als Antwort: "die Liebe"; also zwei Durchgngerinnen.

Es hatte gerade aufgehrt zu regnen, als wir um 8 Uhr abends an den
inmitten von Grten gelegenen Vorstdten von Kutscha anlangten. Noch
eine ganze Zeit lang ritten wir durch Vorstdte, ehe wir den Basar
erreichten, in dem noch lebhaftes Treiben herrschte. berall sah man die
Leute auf den mit Filzteppichen bedeckten Kangs vor den Husern sitzen,
allenthalben hrte man zur Gitarre singen; die Verkufer schrien ihre
Ewaren aus, Kinder spielten auf den Straen, und man hatte das Gefhl,
bei einem friedlichen, glcklichen Volk zu sein. Die Weiber gehen hier
alle ganz wei gekleidet. Durch die Mitte der Stadt fliet ein Bach,
dessen Brckenbelag abgenommen war, wahrscheinlich aus Furcht vor dem
infolge des starken Regenfalles zu erwartenden Hochwasser. Guter Rat war
teuer; der Kavallerist benutzte die Gelegenheit, um im Dunkel zu
verschwinden, wofr ich ihm morgen beim Yamen zu verklagen beschlo.
Endlich wies uns ein des Weges kommender Karrenfhrer nach einer einen
halben Kilometer oberhalb liegenden Furt, die wir glcklich in der
Dunkelheit passierten. Dann ging es durch eine Menge dunkler Gchen und
endlich hielten wir am Ziel, dem Hause des Aksakals, der hier die
russischen Interessen vertritt. Ich hatte den alten Mann in Bugur
getroffen und er hatte mich gebeten, in seinem Hause in Kutscha Wohnung
zu nehmen, was ich gern annahm. Die Leute im Hause waren bereits durch
einen vorausgesandten Brief ber mein Kommen unterrichtet. Man nahm mich
sehr freundlich auf und gab mir ein hbsches Zimmer, Tee, Brot und
Sigkeiten. Der Stall war allerdings weniger gut. Infolge meines
Ausschlages konnte ich leider nicht schlafen und wlzte mich bis zum
Morgengrauen ruhelos auf den Filzteppichen herum.

Die Karre kam am 15. Mai erst gegen 7 Uhr morgens an; die Tiere waren in
dem teils knietiefen Schlamm nur langsam vorwrts gekommen. Fr den
Vormittag setzte ich groes Reinemachen an, dann wanderte Dschang zum
Yamen, um mich anzumelden. Er erschien wieder in Gala, und beguckte sich
fortwhrend im Spiegel. Kleider machen Leute, man ahnt gar nicht, was
bei anstndiger Behandlung, gutem Essen und guter Kleidung alles aus
einem schmutzigen, verlausten Kuli werden kann. Gegen 11 Uhr ritt ich
dann selbst mit Vorreiter und einem berittenen Schantu als Fhrer durch
die stark belebten Straen zum Yamen. Man lie mich erst warten, die
Bllerschsse und das ffnen des Haupttores fielen weg. Dagegen war eine
ganze Unzahl von Dienern, darunter mehrere mit Mandarinenknopf,
aufmarschiert. Zum ersten Male sah ich hier auch Schantus mit dem
Abzeichen der chinesischen Mandarinen, es sind solche, die eine Art
Dolmetscherposten am Yamen innehaben und bei den Gerichtsverhandlungen
gegen Schantus den Beamten untersttzen. Bald kam auch der Mandarin,
wieder ein Hunanese. Er ist lange in Peking gewesen und spricht ein sehr
schnes Hochchinesisch, so da wir uns die kurze Zeit unseres
Zusammenseins sehr gut unterhielten.

[Illustration: Mein Diener Djo Kutscha -- Leute sehen durch meinen Zei]

In Kutscha waren gerade zwei japanische Offiziere anwesend, ber deren
Mission und Absichten man sich im Yamen nicht ganz klar war. Man bat
mich um Auskunft, die ich natrlich nicht geben konnte. Sie gaben vor,
hier den Buddhismus studieren zu wollen und gruben augenblicklich in
einem Dorfe sdlich Kutscha alte Grabdenkmler aus. Man schien sie nicht
fr voll zu rechnen, aber der Mandarin war seiner Sache nicht ganz
sicher und fragte sehr vorsichtig. Beim Abschied begleitete er mich
nach chinesischer Sitte bis zu dem geffneten Haupttor; natrlich wurde
das groe Pferd gebhrend angestaunt.

Im Quartier war inzwischen schon das bliche Deputat des Yamen,
bestehend aus Pferdefutter, einem Hammel und zwei Hhnern angekommen.
Ich lie meinen Dank sagen und schickte dann zum hier residierenden
Schantufrsten, um anzufragen, wann ihm mein Besuch angenehm sei. Er bat
mich, morgen zu kommen, da er heute, am Basartage, sehr beschftigt sei.
Ich a zu Mittag und empfing mehrere angesehene Schantus, die mir ihren
Besuch machen wollten. Unter andern kam auch der erwachsene Sohn des
Besitzers meiner hbschen Wohnung, der ber den fremden Eindringling
sehr erstaunt war, denn man hatte ihn von meinem Kommen nicht in
Kenntnis gesetzt.

Nachmittags wanderte ich mit einem Chinesisch sprechenden Schantu und
meinen beiden Chinesen in die Stadt, um den Basar zu besichtigen. Das
war ein buntes Treiben; jede Gilde hat ihr besonderes Viertel, da waren
solche, die Kattune und andere leichte Stoffe, smtlich europischer
Herkunft, feilhielten, dann Schuster, Lederhndler, Schmiede, ferner
Mtzenhndler mit reizenden Mustern, meist Taschkenter Herkunft, und
Schneider; vielfach sah man hier schon Nhmaschinen russischen
Ursprungs. Salz wurde in groen grauen Stcken, ungereinigt,
feilgehalten. Dazu erfllten allerlei Ewaren mit ihrem Fettgeruch die
Luft. Hier hielt einer mit lebhaften Geberden einen Vortrag ber
Konstantinopel an der Hand eines Planes. berall trieben sich unzhlige
Bettler herum. Auch das weibliche Geschlecht war reichlich vertreten,
teils verschleiert, teils unverschleiert, die letzteren in der Mehrzahl.
Auch solche, die sich in Samt und Seide kleiden und einen frechen Blick
haben, waren da. Alle Weiber trugen groe, weie Nackenschleier und
viele an der Mtze hbsche Silberverzierungen. In Betslen hielten
Derwische vor einer zahlreichen Menge mnnlichen Geschlechts Vortrge.
Auch eines der mit Hirschgeweihen, Widderkpfen und unzhligen Fhnchen
geschmckten heiligen Grber sahen wir uns an. Dann wurde eingekauft;
natrlich hatte jeder einen Wunsch. Dschang wollte neue Schuhe haben,
Dscho, mein anderer Diener, einen langen Rock und eine berziehweste,
und ich mute natrlich das Geld dazu hergeben, da die Gesellschaft
keinen Pfennig besa. Wir konnten uns mit dem Schneider nicht einigen,
da er infolge meiner Gegenwart unverschmte Preise machte. Weiter
wandernd, kreuzten wir den gelbe Fluten sdwrts wlzenden Bach auf
einer Brcke, die nur aus den zum Tragen des Belags bestimmten Balken
bestand, die obendrein nicht einmal vierkantig waren. Unter Lachen und
Jauchzen balancierte alles die 30 Meter lange Strecke hinber und
herber. Drben schkerten drei Arm in Arm wandernde Kavalleristen mit
hbschen Schantumdchen tout comme chez nous. Wir statteten dann noch
einer Kwantse einen Besuch ab, in der drei Musikanten mit ihren
melancholischen Weisen die Schmausenden unterhielten. Dann ging es
zurck nach meinem Hause, da sich der Amban um 5 Uhr zum Besuche
angemeldet hatte und ich diesen nicht verfehlen wollte. Unterwegs sahen
wir noch ein Bad, das recht sauber gehalten war und in dem man von einem
Mdchen bedient wurde.

Pnktlich um 5 Uhr, wie ich auf eine Anfrage seinerseits gebeten hatte,
erschien mit groem Gefolge der Mandarin. Das bliche Programm wurde
abgewickelt; er schwindelte mir leider noch zum Schlu eine meiner
eigenen Photographien ab. Abends a ich bei einem vornehmen Dunganen,
der mich eingeladen hatte; ich machte dabei noch die Bekanntschaft des
chinesischen Vorstehers des Telegraphenamtes. Derselbe, ein geborener
Tientsiner, war fnf Jahre lang in Amerika gewesen und sprach gelufig
Englisch, ohne irgendeinen Anklang an das sogenannte Pidgin-Englisch. Er
klagte mir sein Leid ber diese weltentlegene Gegend, natrlich aber
hatte er nicht Geld genug, um in die Heimat zurckkehren zu knnen.

Am 16. Mai ritt ich um 8 Uhr frh zum Yamen des Schantufrsten, bei dem
ich mich zum Besuch angemeldet hatte. Ich wurde sehr liebenswrdig
empfangen und hatte Gelegenheit, in den verschiedenen Rumen besonders
die schnen Teppiche und die alten Waffen des Frsten zu bewundern. Der
Frst war schon zweimal in Peking gewesen und erkundigte sich lebhaft
nach dem Aussehen Pekings und den infolge der Unruhen im Jahre 1900
hervorgerufenen Vernderungen. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte
er immer wieder nach dem Jahre der Verbannung des kaiserlichen Hofes aus
Peking. Er trgt den dunkelroten Rangknopf der kaiserlichen Prinzen und
machte in Auftreten und Aussehen einen durchaus vornehmen und dabei
gewinnenden Eindruck. Er ist unverheiratet, so da diese Linie der alten
Nachkommen der frheren Herrscher einmal aussterben wird, was den
Chinesen wohl nicht unangenehm sein wird.

Von dort aus ritten wir zur Ordu, d. h. zur alten Burg. Diese besteht
nur noch aus einigen Lehmkegeln, die frher vorspringende Punkte in
einem langen Befestigungswalle, der die gesamte Oase umgab, gewesen
sind. Die Zwischenteile sind vollkommen verschwunden. Von der Hhe aus
hat man eine herrliche Fernsicht auf das sich wie ein groer Garten
ausbreitende Kutscha und Umgebung. Die Einwohner Kutschas sind nicht mit
Unrecht stolz auf die Menge ihrer Grten und betonen dies bei jeder
Gelegenheit. Dann ritt ich weiter zu dem Hause, in dem die beiden
Japaner wohnen sollten, traf sie aber leider nicht an; sie wurden erst
abends zurckerwartet. Daher hinterlie ich einen Zettel, da ich die
Absicht gehabt htte, ihnen meinen Besuch zu machen und mich sehr
freuen wrde, sie noch vor meiner baldigen Abreise zu sehen.

[Illustration: Masar kutscha -- Wildschaf-Schdel]

Nicht weit entfernt von dem Hause liegt das grte Heiligengrab von
Kutscha, ein uraltes Heiligtum. Durch eine von hohen alten Pappeln
beschattete Tr und durch einen Hof gelangte man zum Eingang, an dem
einige alte Mohammedaner auf den Knien lagen und Gebete murmelten. Wir
hatten einen zweiten Hof vor uns, an den sich Betsle anschlossen, dann
ging es durch eine an beiden Seiten mit Tughs, Stcken mit bunten Lappen
und den zu Haufen geschichteten Kpfen des Argali (Wildschaf) verzierten
Tr zum Grabe selbst. Dieses liegt in einem einfachen, mit breiter
vorspringender Galerie und Gitterfenstern versehenen Hause, das auch
wieder mit Tughs und Argalikpfen geschmckt ist; ringsum stehen alte
Bume. Die Dunganen und Schantus zogen sich vor dem Eintreten ihre
berziehpantoffeln aus und verrichteten kniend ein kurzes Gebet. Drauen
im Hofe war eine Schule fr Knaben und Mdchen, bunt durcheinander, die
laut und mit einer beneidenswerten Ausdauer ihre Lektionen hunderte von
Malen wiederholten. Die Schule war nur augenblicklich im Freien, sonst
befindet sie sich in einem anschlieenden Hofe mit vielen kleinen
Rumen, in denen mehrere alte, graubrtige Mollahs jngeren Priestern
aus dem Koran vortrugen.

Nachmittags benutzte ich eines der Badehuser. Das sehr heie Bad tat
mir uerst wohl und trug merkwrdig zur Beruhigung meiner durch den
"roten Hund" und die damit verbundene anhaltende Schlaflosigkeit
erregten Nerven bei. Der Ausschlag hatte meinen ganzen Krper ergriffen,
und zwar sehr viel schlimmer, als es den meisten Leuten auf der
Seefahrt infolge des Salzwassers ergeht. Nebenbei bemerkt, habe ich bei
der langen berfahrt nach China berhaupt nicht daran gelitten. Abends
bekam ich wieder Besuch von dem Telegraphenbeamten, dagegen erschienen
die beiden Japaner nicht. Mit der Karre gab es wieder die blichen
Schwierigkeiten; ich befahl schlielich kategorisch: "Morgen kommt sie!"
und das wirkte. Der hiesige Yamen weigerte sich zum ersten Male, meine
Briefe zu befrdern. Ich lie dem Mandarin sofort zurcksagen, da ich
seinem Vorgesetzten, dem Taotai in Aksu, davon Mitteilung machen wrde,
woraufhin sofort zwei Kavalleristen kamen, die er persnlich zur
Befrderung meiner Briefe beordert hatte.

Bei bedecktem Himmel herrschte am 16. Mai eine ganz angenehme
Temperatur. Ich fhlte mich auch bedeutend wohler, da infolge fehlender
Sonne die Augenschmerzen, die mich in letzter Zeit etwas geplagt hatten,
nachlieen und ich auch endlich einmal gut geschlafen hatte. Im Laufe
des Vormittags besuchte ich einen reichen Kaufmann aus Tientsin, der
schon 16 Jahre hier ist und ganz gute Geschfte macht. Er freute sich
ganz auerordentlich ber meinen Besuch und schenkte mir sofort eine
Sonnenbrille und einen hbschen Fcher. Am Nachmittag kam endlich die
Karre. Ich erledigte meine Verpflichtungen gegenber dem mit komischer
Hartnckigkeit aufmarschierten und nicht von der Stelle weichenden
Dienstpersonal, das sich pltzlich verzehnfacht hatte und am Hause
Spalier bildete; jedoch belohnte ich nur nach Verdienst. Ein Dungane,
der sich besonders um mich bemht hatte, erhielt einen vollen Tael, die
andern nur 50 Cash pro Kopf. Man sah recht lange Gesichter.

Um 6 Uhr nachmittags marschierten wir ab; zuerst durch die Stadt, dann
durch die Grten der Vorstadt und schlielich hinaus in die Wste, die
in wilde, zerrissene Lehmberge bergeht. Die Berge zeigen merkwrdige
Schichtformen und sind alle in einem Winkel von ungefhr 15 Grad nach
Westen zu geneigt. Mehrfach fand ich Quellen, die sich in salzhaltige
Lagunen ergossen und bald versiegten. Ich ritt wieder mit meinen
Begleitern voraus. Wir passierten einmal eine Telegraphenstation, wo der
Posthalter uns liebenswrdig mit Tee und Brot bewirtete.

Es mochte wohl gegen 2 Uhr nachts sein, als wir hinter uns -- wir waren
gerade mitten in den Bergen -- mehrere Schsse fallen hrten. Ich
befrchtete einen berfall auf meine Karre und ritt so schnell wie
mglich zurck. Richtig trafen wir die Karre haltend, whrend sich meine
beiden Leute und der Fhrer seitwrts in die Berge in Deckung begeben
hatten. Sie behaupteten, es wre auf sie geschossen worden,
augenscheinlich von Rubern. Ich ritt, mit dem Karabiner bewaffnet, die
ganze Umgegend, soweit es mglich war, ab, fand aber nichts. Dann
schickte ich den einen Kavalleristen zur Telegraphenstation zurck, um
dort von dem Vorfall Meldung zu machen, da die betreffenden Schtzen
auf ihrem Weiterwege dort jedenfalls durchkommen muten. Spter hrten
wir noch einmal ganz von weitem schieen. Der Kavallerist behauptete am
nchsten Morgen, er habe sich mit Rubern herumgeschlagen; ich glaube,
da er sich nur selbst Mut geschossen hatte, im brigen war ihm nichts
zugestoen.

In einem kleinen Gasthause rasteten wir eine Stunde, dann zogen wir
weiter in die Steppe und um 8 Uhr morgens waren wir nach 90 Kilometer
Marsch in Chrotsy, wo wir gute Unterkunft fanden. Natrlich hatten meine
Chinesen nichts Eiligeres zu tun, als sofort den ganzen Ort von der
Schieerei in Kenntnis zu setzen und vor jedem einzelnen mit dem
Abenteuer zu prahlen. Die Gebrdensprache, die ich von weitem
beobachtete, wirkte hchst komisch. Nun kamen die Chinesen zu mir, um
mich auszufragen. Ich lie sie zuerst einmal meine Nationalitt erraten;
sie waren lange im Zweifel, bis schlielich einer meinte, ich knne nur
ein Deutscher sein, denn die andern seien zu faul, ihre Sprache zu
lernen. Das Kompliment ging mir glatt herunter und ich bekannte Farbe.
Ein Offizier war auch in dem Dorfe und besuchte mich sofort, um sich
ber die Ruber zu erkundigen. Mit seinem Mute schien es nicht weit her
zu sein, denn, wie ich spter hrte, hatte er den Abmarsch sofort um
zwei volle Tage verschoben und seine gesamte Begleitung zum Erkunden
vorausgeschickt. Ich freundete mich unterdessen mit seinem netten
kleinen Sohne an, als mit einem Male der weniger nette Vater erschien
und das Shnchen aus meiner Stube heraushieb, leider merkte ich die
Absicht zu spt, sonst htte ich mir diese Exekution in meinem Zimmer
auf das energischste verbeten.

Wir marschierten wieder die Nacht hindurch und waren am 19. Mai morgens
um 8 Uhr in Bait scheng am gleichnamigen Flusse, der jetzt wenig Wasser
fhrte. Bei starkem Regen, der hier allerdings nur alle paar Jahre
einmal eintritt, soll er regelmig die smtlichen, niedrig gelegenen
Huserreihen wegschwemmen, was die Leute jedoch nicht hindert, sie immer
wieder aufzubauen. Die Stadt ist schmutzig und eng ineinander gebaut.
Ich kam im besten Gasthause unter, in dem drei andere Zimmer von Damen
der Halbwelt besetzt waren. Ein Kaufmann aus Andischan brachte mir als
Geschenk 50 Eier, Salz und Radieschen, der Yamen sandte sofort
Pferdefutter und Leute, kurzum, ich wurde auch hier ebenso gut und
liebenswrdig aufgenommen, wie stets in Turkestan. Ich lie mich beim
Yamen anmelden und sagen, da ich ungefhr um 4 Uhr meinen Besuch machen
wolle. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mich endlich einmal etwas
auszuschlafen. Auf dem Yamen fand ich einen ganz jungen, sehr angenehmen
Beamten, der mir meinen Besuch bald erwiderte und sich natrlich in das
unvermeidliche Fremdenbuch eintragen mute. Zu meinem Schmerz entdeckte
ich, da die Chinesen meinen einzigen Thermometer zerbrochen, auerdem
zwei gute deutsche Riemen verloren und dann noch ohne meine Erlaubnis
mit meinem Gelde eingekauft hatten. Sofort wurde wieder die alte strenge
Wirtschaft eingefhrt und kein Cash herausgerckt. Da mich trotzdem der
zuletzt engagierte Chinese Dscho hinten und vorn betrog, war mir lngst
klar, nur konnte ich es ihm nicht beweisen, da ich nicht jedem Verkufer
nachlaufen konnte, um ihn auszufragen, nebenbei wird sich wohl Dscho mit
den Verkufern den Profit geteilt haben. Er mu es aber ziemlich schlau
angefangen haben, da ich die landesblichen Preise ganz genau kannte.
Bai tscheng hat auch einen Schantu-Prinzen, von denen es hierzulande
eine ganze Anzahl gibt.

[Illustration: Er will nicht -- Bai tscheng]

Lcherlich ist es, was fr gute Geschfte die Halbweltdamen hier machen.
Ich beobachtete, da das Zimmer der einen, eines allerdings sehr
hbschen Mdchens, den ganzen Nachmittag von Chinesen besetzt war; man
hrte ohne Unterla das Geklimper der Gitarre, und jeder lie einen
Obolus da, wofr er nur eine Tasse Tee bekam und allenfalls eine Pfeife
rauchen durfte. Am Abend war das Mdchen dann auerhalb vergeben.
Besonders die hbscheste von den dreien war frmlich mit Goldschmuck
behngt. Was das Mdchen an Ohrringen, Fingerringen, einem mit Gold und
Steinen besetzten Grtel an sich trug, mute mindestens einen Wert von
1000 Mark darstellen. brigens sind diese Mdchen smtlich Trkinnen;
eine Chinesin wrde dies Gewerbe niemals so ffentlich betreiben,
whrend bei den Trkinnen kein Mensch Ansto daran nimmt.

Am 20. Mai war wieder einmal ein derartiger Staubsturm, da ich
beschlo, erst am Abend weiter zu marschieren. Ich ging ber Mittag in
die Stadt und kaufte als Andenken einige silberne Fingerringe und einen
kupfernen, auen verzinnten Wasserkrug, auf den ich mir auf der einen
Seite in chinesischen, auf der andern in trkischen Lettern den Namen
der Stadt einritzen lie. Dann machte ich dem Kaufmann aus Andischan
meinen Gegenbesuch. Er verhandelt Stoffe russischen Ursprungs gegen
Felle, die dann nach Ruland gehen; es wird hier wenig mit barem Geld
gearbeitet. Trotzdem der Staubsturm nicht nachgelassen hatte,
marschierte ich um 4 Uhr ab. Unterwegs trafen wir den von der Jagd
zurckkommenden Schantuprinzen, vor dem alle des Weges Kommenden oder
vielmehr Reitenden, denn zu Fu geht hier kein Mensch, schleunigst den
Sattel rumten und ihre Verbeugung machten. Nach dem Thien Schan zu sah
man berall die Feuer der Hirten lodern; im brigen waren wir hier in
der Steppe, die zu dieser Zeit sehr gute Weide hatte. Unser Ziel hie
Chonesse.

[Illustration: Hbsche Turkestanerin in Bai tscheng]

Wir kreuzten, nachdem wir am 21. gegen drei Uhr aufgebrochen waren,
einen reienden, etwa einen Meter tiefen Flu in einer Furt, durch
welche die Sutschis, d. h. Wassermnner, vorausgingen, um den Weg zu
zeigen. Weiterhin ging es in Lehmberge mit den merkwrdigsten Formen.
Nach ungefhr 30 Kilometer Marsch hatten wir eine um eine kleine Quelle
herum entstandene Ansiedlung vor uns. Die Quelle entspringt unterhalb
einer weit vorspringenden Bergnase, ist mittels eines ausgehhlten
Stammes in ein Becken geleitet und hat herrliches ses Wasser, was in
dieser Gegend immerhin eine Seltenheit ist. Ringsherum ist sonst
vollkommene Wste. Manche Berghnge sehen infolge der Salzablagerungen
ganz wei aus. Frher hat dicht bei der Quelle ein groes Rasthaus der
Frsten von Kaschgar gestanden; seit der chinesischen Eroberung
zerfllt der Yamen und man sieht jetzt nur noch die Grundmauern.

Zwanzig Kilometer von hier, in den rtlich erscheinenden Bergen,
befindet sich ein groes Kupferbergwerk, in dem gegen 1000 Menschen
arbeiten sollen. Dieses Bergwerk deckt den Hauptbedarf an Kupfer im
ganzen westlichen Turkestan bis zum Pamir. Tag und Nacht, zu jeder
Stunde sind nach der oben erwhnten Quelle Eselkarawanen unterwegs, um
in Fssern das Wasser nach dem Bergwerk zu schleppen; das dortige ist
schlecht, und da der Bedarf naturgem sehr gro ist, sind Hunderte von
Eseln mit dieser Arbeit beschftigt. Das Gasthaus ist, wie alle in
Turkestan, gro angelegt und sauber gehalten, wie man im eigentlichen
China kaum ein gleiches findet, darin haben die Chinesen fr die
Reisenden glnzend gesorgt. Auch in diesem einzeln gelegenen Gasthaus
befand sich wieder ein Frauenzimmer, welches auf die Gunst der Reisenden
spekulierte. Bei mir fand sie keinen Anklang.

Am 22. Mai hatten wir einen langen beschwerlichen Marsch durch Wste und
durch ebensolche Lehmberge wie gestern, in denen mehrfach salzige
Quellen entspringen. Unter der drckenden Hitze hatten die armen Tiere
schwer zu leiden. Von meinen Begleitern waren sowohl der vom Yamen als
auch einer der Kavalleristen erbrmlich schlecht beritten, ich ritt
daher stets mit dem zweiten Kavalleristen voraus, und zwar heute den
guten Dicken, der vorzglich ging. Das Tier war wirklich eine wahre
Perle, das geborene Distanzpferd, das sich durch nichts aus seiner Ruhe
bringen lt. Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 70 Kilometer hinter uns
und Hala jrgun erreicht, das schon in der Aksu-Ebene liegt. ber Nacht
sprang der Wind nach Norden um und brachte etwas Khlung; ich
marschierte daher am 23. Mai schon morgens weiter; zuerst nach Sametei,
wo mittags gefuttert und gerastet wurde. Man sieht hier in der Gegend
auffallend viele Leute mit Kropf, Boghra, wie sie sagen; fast mchte ich
behaupten, da von 40 Jahren aufwrts jeder einen Kropf hat. Die Leute
fhren diese entsetzliche Krankheit, die sie aber weiter gar nicht
strt, auf die sumpfige und bittere Beschaffenheit des Wassers zurck.
Das Land war schon wieder teilweise angebaut, zwischendurch kamen aber
gelegentlich noch ganz wste Striche. Die kleinen Bche, die nordsdlich
gehen, fhrten jetzt alle Wasser, das meist dunkelbraun gefrbt war.

Den Abend benutzten wir zum Weitermarsch nach Aksu. Im Norden stand eine
schwarze, regendrohende Wand, in der es unablssig blitzte. Wir kamen
aber trocken morgens um 2 Uhr mit mden Pferden vor Aksu an,
durchritten weit ausgedehnte Vorstdte und hielten schlielich am
verschlossenen Stadttore, das ausnahmsweise schnell geffnet wurde.
Durch leere Straen, angeklfft von ganzen Herden von Ktern, vorbei am
Tamtam schlagenden Nachtwchter, ging es zur groen Kwann-dienn, fr
die "Schweinestall" noch eine sehr milde Bezeichnung ist. Dazu war bis
auf ein Zimmer alles besetzt. Ich befahl, weiter zu reisen. Wir lieen
uns die inneren Abschlugatter der einzelnen Stadtteile ffnen und
versuchten es bei andern Gasthfen mit noch weniger Erfolg; sie waren
noch schmieriger als der erste und bertrafen in dieser Beziehung alles,
was ich bis jetzt gesehen hatte. Schlielich kehrten wir doch in den
ersten Gasthof zurck, der immerhin noch der beste war. Ich lie das
einzige freie Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes ausmisten, brachte die
Pferde unter und schlief wie blich auf den Steinen, bis die Karre kam.

[Illustration: Aksu -- Siesta]

Als ich mir Geld geben lie, fiel es mir auf, da die Cashrollen gegen
gestern recht mager geworden waren. Ich fate zuerst Dschang, der
natrlich vorgab, von nichts zu wissen, aber an dessen Benehmen ich
sofort merkte, da nicht alles in Ordnung war. Echt chinesisch schob er
alles auf seinen Kameraden, wollte jedoch den Verlust von 100 Cash, den
ich angab, aus seinem eigenen Gelde ersetzen, woraus ich schlo, da das
Gestohlene mindestens dreimal soviel betrug. Ich hatte bald Gelegenheit,
mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu berzeugen. Als Dscho, den
ich ausgeschickt hatte, zurckkam, stellte ich sofort Haussuchung an; in
seinen Decken, in seinen Kleidern, berall kamen gestohlene Cashrollen
zum Vorschein. Er war aber derartig im Vorschu bei mir, da ich ihn, um
nicht noch mehr Geld zu verlieren, weiter mitnehmen mute. Dann fehlten
meine Photographien. Ich setzte sofort Himmel und Erde in Bewegung; der
Yamen hatte bereits Reiter gestellt, die nach dem letzten Quartier
zurckreiten sollten, um nachzufragen, als sie sich doch noch fanden und
der ganze Lrm umsonst gewesen war.

[Illustration: Blick aus Aksu]

Der Yamen schickte, wie blich, alles zum Leben Notwendige. Ich wollte
mich bald dort melden und befahl meinen Leuten, sich zu beeilen. Aber
wenn ein Chinese Toilette macht, so dauert das meist lnger als bei
einer unserer verwhntesten Damen in Deutschland. Erst gingen sie essen,
denn ohne etwas im Magen ist der Chinese unbrauchbar, dann muten sie
Schuhe kaufen, dann lieen sie sich den Kopf rasieren und den Zopf neu
machen, kurzum, es dauerte volle vier Stunden, bis sie glcklich bereit
dastanden, um zum Yamen zu wandern. Ich engagierte in der Zwischenzeit
auf Empfehlung des Aksakals hin, den Sven Hedin in seinem Buche im Bilde
verewigt hat, noch einen Schantu, der sich mir anbot, so da mein
Hofstaat nun auf drei Diener angewachsen war. Ich nahm den Mann nur, da
er neben seiner Muttersprache, dem Trkischen, auch noch Chinesisch
vollkommen beherrschte und mir so weiterhin von Nutzen sein konnte. Wir
ritten nun zuerst zum Taotai, einem jovialen alten Herrn mit rotem
Rangknopf. Er war sehr liebenswrdig; mir fiel auf, da er merkwrdig
familir mit seinen Untergebenen umging. Zum Besuche war, wahrscheinlich
als Dolmetscher, der Beamte der hiesigen Telegraphenstation geholt
worden. Auer "how do you do" konnte er aber nichts, so da wir uns bald
wieder chinesisch unterhielten. Der alte Herr begleitete uns zum
Abschied aus dem Hause hinaus.

Wir ritten weiter zum Amban, wo ich einen groen Volkshaufen in
ungeheurer Aufregung vorfand. Im Hofe bildete bis zum Haupttor
Infanterie Spalier, die mit ihrer altertmlichen Bewaffnung einen hchst
spaigen Eindruck machte. Als ich durchritt und mit meiner etwas hohen
Stimme mehrfach "Platz!" rief, wurde ich von allen Seiten verspottet und
nachgeahmt. Ich erfuhr nun endlich auch, was eigentlich vorging. Ein
Mann sollte hingerichtet werden, und das Volk war darber vor Erregung
wie toll. Ich lie mich beim Amban anmelden und wurde sofort gebeten,
nherzutreten. Er ist ein geborener Ningpoer; ich verabschiedete mich
bald wieder, da auch der alte Herr von der Hinrichtung ganz hingenommen
schien und mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Beim
Herausreiten aus dem Yamen benahmen sich die Soldaten frech gegen mich,
so da ich zurckritt und mir den ersten Bedienten des Beamten kommen
lie, der sofort mit Knppeln energisch fr mich Platz schaffen lie.

[Illustration: Ich wollte den Scharfrichter photographieren, wobei er
den Kopf des Verbrechers fallen lie]

Kaum hatte ich den Yamen verlassen, so fuhr eine Karre in den Hof. Der
Deliquent, ein Chinese, erschien und wurde unter dem Geheul der Menge
von vier bis fnf Yamenleuten auf die Karre geladen. Die beiden
Trompeter bliesen Fanfaren, und der Zug mit der Infanterie an der Spitze
ging los. Es folgte die Karre mit dem Deliquenten, dann kam der
Kommandeur des hiesigen Infanterie-Bataillons im scharlachroten Mantel
mit einigen andern Offizieren und Mafus dahinter. Der Marsch ging nach
dem ganz nahen Westtor. Die Menge tobte und brllte ohne Unterla:
"Scha! scha!" (tte ihn! tte ihn!) Ich ritt ganz hinten und konnte von
der Stute aus alles bersehen. Als der Wagen am Tor war, konnte die
Menge es nicht mehr erwarten, alles griff zu und im Laufschritt wurde
die Karre vorwrts gestoen. Am Richtplatz wurde der Deliquent
heruntergerissen, in die Knie gedrckt, und schon rollte der Kopf im
Sande unter allgemeinem "Ah" der Menge. Einer der mich umstehenden
Chinesen meinte zu mir: "Das ist doch noch schner, als das Theater."
Die Trompeter bliesen nach der Exekution langgezogene Fanfaren, es klang
beinahe wie zum Halali. Die Menge drngte sich um den Krper, der Kopf
wurde sofort weggetragen, wobei sich die damit beauftragten Soldaten den
Scherz machten, ihn so am Zopf zu schlenkern, da alle Umstehenden mit
Blut bespritzt wurden, dann kam der Kopf in das bliche Kstchen, um an
seinem Heimatsorte zur Warnung aufgehngt zu werden.

[Illustration: Scharfrichter, Schwert in der rechten Hand]

Ich hatte unterdessen den Gegenbesuch des Taotais verfehlt, den ich
unterwegs in seiner Karre, von meinem Hause zurckkehrend, traf. Bald
darauf kam auch der Amban zum Besuch. Abends machte mir Dscho, der sich
in seiner Dummheit noch immer nicht ber das gestohlene Geld beruhigen
konnte, eine Szene, erklrte, da er nach Karaschar zurck wolle, und
forderte im unverschmtesten Tone Geld. Ich setzte ihn etwas unsanft
hinaus, nahm ihm seine Sachen weg, damit er nicht fortlaufen konnte und
erklrte ihm, da wir unsere Angelegenheiten morgen auf dem Yamen vor
dem Amban ordnen wrden. Ich war recht mde, da man mich den ganzen Tag
belagert hatte, und schlief wie ein Toter. Frhmorgens am 25. Mai kam
Dschang, um fr seinen Kameraden zu bitten, der natrlich Angst vor den
Prgeln hatte, die ihm bei der Klarheit des Falles mit Sicherheit auf
dem Yamenhofe bevorstanden. Meine drei Pferde waren so sauber wie noch
nie, das Essen ganz besonders gut hergerichtet. Dscho hatte sich die
uerste Mhe gegeben, obwohl er auch sonst nicht faul war. Vorlufig
lie ich ihn noch etwas zappeln, was ihm nur dienlich sein konnte.

Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg nach dem alten Aksu, das ungefhr
50 Kilometer nrdlich gelegen ist. Wir durchritten die umwallte Stadt
und die nrdliche Vorstadt, in der der Hauptverkehr und Handel sich
abspielt, dann ging es entlang dem Aksu darga, dessen Tal reich angebaut
ist. Die Talwnde steigen in senkrechten, hohen Lehmmauern zu einer
staubigen, lehmigen Ebene auf, durch die eine Zeit lang der Weg fhrt.
Man kann sich kaum einen greren Gegensatz denken, als dieses reich
angebaute Tal und die de Ebene. Der Boden im Tale ist hier sehr
wertvoll, die Begrbnissttten liegen daher alle oben im schlechten
Boden. Wir ritten eine ganze Zeit lang zwischen Kirchhfen mit ihren
kleinen Kuppelbauten und ihren unzhligen wrfelfrmigen Grbern, genau
wie man sie in Konstantinopel sieht. Unten im Tale wird ein sehr guter
Reis angebaut, die berschwemmten Felder lieen dies schon von weither
erkennen. Beim Eintritt in die Stadt fiel sofort an hoher Stange im
Kfig der Kopf des gestern Hingerichteten auf, zu dem noch immer viele
Neugierige strmten. Wir ritten durch viele, lange, wundervoll khle
Bazarstraen, die so gut oben eingedeckt sind, da es fast dunkel darin
ist, zum Yamen des Wangtsy[4] Hadyr. Er war nicht zu Hause, sondern
erwartete uns in seinem Garten auerhalb der Stadt. Trotzdem mich einer
der Beamten vom chinesischen Yamen schon vorher angemeldet hatte, kam in
voller Fahrt ein Diener angeritten, um uns zu fhren.

[4] Wangtsy = Prinz

Am Garten, der noch im Entstehen begriffen ist, erwartete mich auerhalb
der Prinz, ein Mann im besten Alter mit Schnurrbart und rasiertem Kinn,
in der Kleidung eines vornehmen Chinesen. Er knnte jederzeit fr einen
Chinesen besseren Standes gelten. Ich wurde zu einem nach allen Seiten
offenen Pavillon gefhrt, dessen Fuboden mit Teppichen belegt war. Wir
setzten uns auf Feldsthle, und es wurde Tee und russisches Zuckerwerk
gereicht. Die Unterhaltung drehte sich um die blichen Fragen. Das
Pltzchen ist hier sehr angenehm, auf zwei Seiten rieselt ein Khlung
spendender Bach; fnf Musikanten fhrten Musik auf einer derselben sang
dazu. Ich bekam dann noch Schlagsahne, eine Art Kalbfrikassee und Rhrei
mit Frchten darin vorgesetzt. Man brachte zuerst den Teller mit dem
Fleisch, auf dem ein kleiner hlzerner Lffel lag. Da man mir keine
Estbchen gab, fing ich an, mit dem Lffel zu essen, nicht ahnend, da
ich damit einen groben faux pas beging, denn es war der Vorlegelffel.
Nach dem Essen fragte man mich, ob ich nicht noch den Aksakal besuchen
wollte, der sehr weit entfernt wohnte, offenbar ein Wink mit dem
Zaunpfahl, mich zu empfehlen, dem ich schleunigst Folge leistete.
Natrlich wurde beim Abschied die nach chinesischen Begriffen
schwanzlose Stute gebhrend bewundert, nicht ohne den blichen
erstaunten Seitenblick, da ich eine Stute reite.

[Illustration: Trkischer Prinz in Aksu -- Hadyr]

Wir ritten nun zum Aksakal, der nicht zu Hause war; dann versuchte ich
im Bazar mehrfach, kupferne Krge zu erstehen; es war aber infolge
unverschmter Forderung nicht mglich. Weiter fhrte mich ein gewandter
Chinese nach dem Serail der Chotaner Teppichhndler. Hier bekam ich sehr
schne, mit der Hand geknpfte Kamelhaarteppiche zu sehen. Wir
handelten lange; der Verkufer, ein junger Mann aus Chotan, war
eigensinnig und wollte mit dem Preise von 10 Taels das Stck nicht
heruntergehen, obwohl ich ganz genau wute, da er zu hoch war.
Schlielich kam der lteste des Serails herzu. Mein Chinese und der Alte
steckten sich gegenseitig die rechte Hand in den langen weiten rmel, um
nun mit einem sehr geschickten, gegenseitigen Fingerspiel den Preis zu
bestimmen. Sie einigten sich auf 15 Taels fr zwei Stck. Der Alte
erklrte dem Jungen, der noch immer nicht einwilligte, da er noch ein
Kind sei, im brigen wurde er gar nicht weiter gefragt und der Kauf war
abgeschlossen. Bei einem andern Verkufer in demselben Hofe kaufte ich
zu demselben Preise noch zwei andere sehr hbsche Teppiche, dann ritten
wir zurck. Der vermittelnde Chinese erhielt einen Tael Trinkgeld. Ich
wollte eigentlich die ganze Gesellschaft mit einem Stck Silber
auszahlen, jedoch belehrte mich mein Fhrer, da dies eine Torheit wre,
da der chinesische Bankier auf je ein Zehntaelstck Silber, das man bei
ihm wechselt, ungefhr 1/3 Tael in Kupfermnzen zugibt. Ich lie daher
erst bei dem Bankier die Gesamtsumme in Kupfer wechseln und bezahlte die
Teppichhndler in Kupfer. Auf diese Weise sparte ich ungefhr einen
Tael.

Spter kaufte ich noch kleine Jetsachen sowie chinesische Schuhe und
Strmpfe, da ich es in meinen schweren Schnrstiefeln mit den wollenen
Strmpfen nicht mehr aushalten konnte. Doch bewhrten sich die Strmpfe
nicht, denn da sie aus Leinen sind, sind sie noch weniger durchlssig
als wollene. Der Scharfrichter, den ich photographiert hatte, stellte
sich ein und qulte mich um sein Bild. Natrlich konnte ich es ihm nicht
geben, da mir alles zum Entwickeln der Films fehlte, was die Leute
niemals begreifen konnten. Sie dachten immer, wenn man sie
photographierte, mten sie auch immer gleich ihr Bild zu sehen
bekommen. Es hatte sich herumgesprochen, da ich Teppiche gekauft hatte,
und nun wurde ich den ganzen Tag ber von Leuten bestrmt, die mir den
verschiedenartigsten Schund aufhngen wollten. Der europische
Geldbeutel gilt eben als unergrndlich. Mein neuer Diener Nasr bat um
ein Darlehn von 2 Taels, da er seine Sachen im Pfandhause habe;
anscheinend bei diesen Leuten ein chronischer Zustand. Ich gab sie ihm
infolge schlechter Erfahrungen ungern, lie mich aber schlielich
erweichen, da er nichts Ordentliches zum Anziehen hatte. Nach und nach
brachte er mir einen Teil des Geldes zurck, den er sich wahrscheinlich
von seiner Freundschaft zusammengeborgt hatte.

Um fnf Uhr nachmittags marschierten wir ab. Wir waren noch nicht zehn
Li weit, als ein abscheulicher Staubsturm losbrach. In dem sandigen Tale
des Aksu darga reitend, kreuzten wir zwei oder drei Arme desselben, die
ungefhr einen Meter tief, und, da man nicht die Hand vor Augen sehen
konnte, recht unangenehm zu durchschreiten waren. Schlielich gelangten
wir an den Hauptarm, dessen gelbe, reiende, sich sdwrts wlzende Flut
mittels Fhre berschritten wird. Die Fhre lag am rechten Ufer etwa 10
Meter von diesem entfernt. Man ritt durch das Wasser heran und
balanzierte vom Pferd aus hinein; die Tiere muten dann ber den einen
Meter hohen Bord hineinspringen. Ich sah die meinigen schon mit
gebrochenen Knochen bei dem lebensgefhrlichen Manver. Aber es ging
besser als man dachte; die Stute und der Schimmel sprangen glatt hinein,
nur der Dicke streikte, und wenn der einmal nicht will, ist nichts mit
ihm anzufangen. Ich lie nun aus einigen Bohlen eine Art Laufsteg ins
Wasser bauen, redete meinem guten Dicken gut zu, und siehe da, er
kletterte gutwillig hinein. Als wir glcklich alle darin waren,
erklrten die Fhrleute, wir mten noch einige Stunden warten, bis der
Sturm sich gelegt htte. Natrlich allgemeine Entrstung. Auf meine
Frage, warum sie uns das nicht gleich gesagt htten, erwiderten sie, wir
htten sie ja gar nicht gefragt, sondern wren gleich in die Fhre
gestiegen. Ich lie mir das nicht gefallen und befahl, loszufahren, aber
ich htte es mir sparen knnen. Sechzehn Mann arbeiteten mit dem dazu
gehrigen Geschrei, ohne das Boot weiter als bis in die Mitte des gar
nicht sehr breiten Flusses bringen zu knnen. Der gewaltige Sturm
drckte derartig gegen, da wir nicht vorwrts kamen, dabei trieb uns
die sehr starke Strmung fortwhrend fluabwrts. Schlielich saen wir
auf einer Sandbank fest. Nach vieler Mhe kamen wir wieder los und
landeten zuletzt an demselben Ufer an einer Fluwindung, ungefhr zwei
Kilometer vom Ausgangspunkt. Der Sturm nahm eher zu als ab. Ich lie
daher ausladen und beschlo, zurckzureiten.

Zuerst ging es zur Karre, um meine Leute zu benachrichtigen, dann
fhrten uns die Kavalleristen zu einem nicht sehr weit entfernten Dorf,
bei dessen Ortsvorsteher wir uns einquartierten und recht gut
unterkamen. Die Pferde hatten einen sehr guten Stall, und ich bekam
etwas zu essen. Das beste Zimmer war von einem Opium rauchenden
Mandarinen, dem es ebenso wie uns gegangen war, besetzt. Ich sollte die
eine Hlfte bekommen, verzichtete aber lieber, da der Opiumgeruch der
einzige Geruch ist, an den ich mich in China nicht gewhnt habe. Ich
nahm mit einem kleinen, aber sauberen Raume vorlieb. Unser Nachtquartier
hie Tschochtan.

ber Nacht legte sich der Sturm. Am 27. Mai morgens hatten wir an der
Fhre wieder dasselbe Theater wie gestern. Der Dicke streikte heute
gnzlich, und ich war schon drauf und dran, mich auszuziehen und ins
Wasser zu steigen, als mir zum Glck noch ein alter Trick einfiel, mit
dem wir unsere Pferde in die Eisenbahn besorgen, nmlich, sie einfach
mittels hinten angespannten Obergurts hineinzuziehen. Ich lie einen
Strick hinten anlegen und an beiden Seiten Leute ziehen, worauf mein
Dicker ganz willig hineinspazierte. Die berfahrt an das andere, einen
Meter hohe Ufer mit steiler Bschung ging glatt von statten; die Pferde
sprangen direkt ans Land, und wir trabten bald lustig auf Humpasch zu.
Der Weg verschlechterte sich zusehends; da es im Gebirge stark geregnet
hatte, standen lange Strecken ganz unter Wasser. Viele der kleinen
Brcken waren weggerissen, so da wir uns oft gezwungen sahen, groe
Umwege durch das seichte Wasser zu machen. Einmal fingen wir einen fast
meterlangen Fisch, der im seichten Wasser nicht vorwrts konnte. Er
bildete eine sehr angenehme Abwechslung der Speisenkarte. Um 2 Uhr waren
wir in Ajikur, wo wir gut unterkamen. Bald nach uns langte eine Karre
mit einer Halbweltdame an, die mir sofort in die Stube lief. Inzwischen
entwischte ihr der bereits bezahlte Karrenfhrer, und es gab drauen
eine Szene, bei der man eine Sammlung der gemeinsten Schimpfworte zu
hren bekam. Merkwrdig und recht bezeichnend fr die nicht allzu hohe
Sittlichkeit des Volkes ist es, da die verheirateten Frauen mit dieser
Sorte Weiber wie mit ihresgleichen verkehren. Den ganzen Abend spielten
sie drauen auf dem Kang Karten, was schlielich auch mit einem Streit
endigte.

[Illustration: Trkin aus Chotan]

Vom Amban in Aksu hatte der mich begleitende Yamenbeamte ein
Begleitschreiben mitbekommen, wonach die Ortsvorsteher uns Pferdefutter,
welches sich die Reisenden im allgemeinen mitzubringen pflegen, zu
liefern hatten. Der hiesige Ortsvorsteher verstand sich jedoch erst
dazu, nachdem die Kavalleristen eine lngere Auseinandersetzung mit ihm
gehabt hatten. Ich persnlich habe brigens niemals daran gedacht, etwas
zu fordern: lieferten die Leute etwas, so nahm ich es dankbar an und
vergalt es mit einem Geldgeschenk, gaben sie nichts, so mute ich eben
kaufen, was ich gebrauchte. Da es am 28. Mai wieder sehr hei war,
beschlo ich, ber Nacht zu marschieren und rastete noch bis zum
Nachmittag. Gegen 4 Uhr ritten wir ab. Im nchsten Dorfe entstand ein
Streit zwischen einem meiner Kavalleristen, meinem Yamenbeamten und dem
Ortsltesten. Da ich die Trkisch sprechenden Leute nicht verstand, lie
sich nicht feststellen, um was es sich handelte, doch konnte ich den
Verdacht nicht unterdrcken, da die Gesellschaft hinter meinem Rcken
meinen Namen zu Erpressungen benutzte. Es ging weiterhin durch
knietiefen Sand, einen im Bau befindlichen Kanal entlang, der das
berflssige Wasser des Aksu darga ableiten soll, um einerseits neue
Strecken urbar zu machen und andrerseits berschwemmungen vorzubeugen.
Am Ende war ein Riesenbiwak von ungefhr 3000 Arbeitern, berall lohten
die Feuer, anstatt des Pferdegewiehers hrte man den klangvollen Schrei
des Esels. Die Arbeiter waren beim Kochen des Abendessens, es herrschte
ein lebhaftes Treiben im Lager. Von weitem konnte man sich einbilden, an
ein deutsches Manver-Biwak heranzureiten.

Gegen 1 Uhr nachts kamen wir nach einer einsamen Posthalterei; die
Pferde waren sehr mde und infolge des knietiefen Sandes warm geworden.
Bis der Wagen kam, warteten wir, dann marschierten wir noch bis zur
nchsten Posthalterei an einer salzhaltigen Quelle. Man sagte uns, es
gbe bis Kaschgar kein gutes Wasser mehr. In der Tat schmeckte das
Wasser schauderhaft bitter, und selbst die Pferde wollten es nicht
saufen. Der Ort hie Tschyrchuduch. Das Frauenzimmer von gestern fuhr
mit ihrer Karre bestndig hinter der meinigen her. Sie hatte natrlich
gehofft, an mir einen guten Fang zu tun, und mag recht enttuscht
gewesen sein, denn ich lie einfach das Haupttor sperren, so da sie
drauen bleiben mute. ber Nacht kam Staubsturm aus Nordwesten auf; es
war morgens so ungemtlich, da ich bis 2 Uhr nachmittags wartete, zu
welcher Zeit sich der Staubsturm etwas gelegt hatte. Auch als wir
abmarschierten, war es noch immer drckend schwl. Der Weg fhrte wie
gestern durch Wste mit vereinzelten Kamischbscheln. Gegen 4 Uhr kam es
aus Osten bei kaltem Winde wie eine schwarze Wand angesaust, es war ein
neuer Staubsturm, der bedeutend strker war als der erste; er brachte
Abkhlung, und da er von hinten kam, wirkte er nicht unangenehm.

Der Umbasch in Tschylangtai, wo wir ber Nacht bleiben wollten, lie mir
sagen, da ich mich zu ihm bemhen solle, um ihm meinen Pa zu zeigen.
Dies war insofern eine Unverschmtheit, als ihm der Beamte vom Yamen Aksu
bereits das Begleitschreiben seines Herrn vorgezeigt hatte. Ich lie ihm
zurcksagen, er mge zu mir kommen. Da er nicht erschien, schickte ich
Nasr hin, worauf er sofort kam und alles Vorhergegangene bestritt.
Wahrscheinlich hatten sich die Kavalleristen mit dem in Wirklichkeit ganz
gutwilligen Alten einen Witz erlaubt, weil er auf ihre Anzapfungen,
betreffend Pferdefutter usw., nicht eingegangen war. Am 30. Mai
marschierten wir frh ab; es ging durch Wste, die allmhlich in Steppe
mit Baumwuchs berging. Am Rande der Wste steht ein altes verlassenes
Soldatenlager aus den Zeiten der Frsten von Kaschgar. Wir rasteten und
futterten in einem kleinen Nest mit einer salzigen Quelle und marschierten
um 5 Uhr abends weiter nach Scheitai, d. h. elfter Meilenstein. Es ging im
mahlenden Sande meist durch dichten, Schatten spendenden Wald, abwechselnd
mit drei bis vier Meter hohen, auf kleinen Erdhgeln stehenden
Kamischstruchern. Ich kann mir die Entstehung der Erdhgel nur so
erklren, da Jahrhunderte lang die Verwitterungsprodukte desselben
Strauches diesen Hgel gebildet haben, auf dem dann der Strauch
fortwuchert. Eine kurze Zeit lang hatten wir sdlich den jetzt kaum Wasser
fhrenden Kaschga darga in Sicht. Im Norden traten die Sanddnen der Wste
hervor. Der Weg ging teilweise auf einem recht gut erhaltenen Knppeldamm
mit vielen Wasserdurchlssen, die sich auch alle in gutem Zustande
befanden. Abends kamen wir nach Scheitai, wo ich aus den besten Zimmern
des Gasthofs erst einige Landstreicher herausbesorgen mute, um
Unterkommen zu finden.

Leider gab es ber Nacht eine groe Pferdeschlacht. Ich hatte am Abend
allein neun Hengste im Hofe gezhlt, von denen, nach der blen Sitte der
Karrenfhrer, ber Nacht keiner angebunden war. Ich wachte von dem
Geschrei der Hengste auf, nachdem ich schon am Abend vorher hatte Ruhe
stiften mssen, da die Hengste natrlich alle zu meiner Stute, der
einzigen im Hofe, gelaufen kamen. Mein Schimmel, der sich mit der Stute
sehr angefreundet hatte, geberdete sich wie toll und hatte Streit mit
allen Hengsten. Ich stand auf und fand die ganze Gesellschaft bei meinen
Pferden; der Schimmel war los und blutete bereits mehrfach. Auch die
Stute war hinten rechts verletzt. Nun lief mir doch die Galle ber, ich
trieb mit der Peitsche alle Karrentreiber heraus und lie die Hengste
anbinden.

Auch heute, 31. Mai, ging es durch Wald, der aber teilweise abgestorben
ist; wahrscheinlich hat ihm der vordringende Sand die Lebensbedingungen
genommen. Weiterhin sahen wir wieder viel Kamisch. Wir waren schnell
geritten und ich kam mit meinen Leuten schon gegen 12 Uhr in
Scheitai an. Die Karre folgte erst um 4 Uhr.

Der Ortsvorsteher besuchte mich und erzhlte, da es hier sehr viele
Wildschweine gbe. Ich bat sofort um Pferde, die mir auf das
liebenswrdigste zugesagt wurden. Man brachte mir einen Hengst, der
bereits rechts am Bauche schwere Narben aufwies, die ihm ein verwundeter
Keiler bei der Jagd auf Schweine beigebracht hatte. Als das Pferd in den
Hof gebracht wurde, bemerkte ich, da die Chinesen grinsten, und auf
meine Frage, was sie zu lachen htten, meinten sie: "Herr, das Pferd ist
din bu lausche" (ein gemeiner Verbrecher). Mir machte das nichts, ich
sa ruhig auf und ritt mit meinem Diener und noch zwei andern Schantus
nach Osten, auf dem Wege, auf dem wir hergekommen waren, acht Kilometer
durch angebautes Land zurck. Unterwegs erzhlten die Leute viel von
ihren Schweinsjagden; sie hassen das Tier, welches sie als Mohammedaner
nicht einmal essen, wie die Pest, weil es ihre Saaten zerwhlt, und sie
jagen es, wann und wo sie nur knnen. Zu dieser Jagd ziehen sie bis zu
20 Reiter stark aus, von denen nur einer eine alte primitive Bchse hat;
die andern haben Lanzen oder auch nur Stangen. In langer Linie reiten
sie durch das Unterholz, und kommt dann ein Schwein auf, so geht es in
Pace hinterher, bis das Schwein gestellt wird. Dann erhlt es den Schu,
der fast nie fehlgehen soll. Wir machten es hnlich, verteilten uns auf
eine Linie und ritten durch sehr dichtes Unterholz, das mit frisch
gerodetem Land und Saaten abwechselte. berall sah man die Fhrten des
Wildschweines, es mute hier Hunderte von Schwarzkitteln geben. Im Trabe
ging es ber viele Grben und Dmme und durch ein Stck Sumpf. Mein Pony
ging sehr gut und benahm sich vorlufig ganz anstndig. Nasr hatte den
linken Flgel und rief pltzlich: "Herr, Herr, ein sehr groes!" und
schon kam es wie eine Maschine durchs Unterholz. Ich sah nur einen
Moment die weien Gewehre des Keilers blitzen, kam aber nicht zum Schu,
und nun ging die Jagd los, eine Parforcejagd, wie sie in Deutschland
nicht schner sein kann. Die Ponies gingen totsicher und beinahe in
Rennpace durch das Dickicht, da es eine reine Freude war. Ich bemerkte
nun, warum die Chinesen mich vor dem Tiere gewarnt hatten, denn mein
Brauner kannte das Geschft ganz genau und pullte wie besessen. Ich
glaube, da die Mohammedaner gehofft hatten, mich beim ersten Graben im
Schmutz liegen zu sehen; den Gefallen tat ich ihnen aber nun nicht. Ich
nahm die Zgel in die eine Hand und hielt mit der anderen das Gewehr
hoch. So ging die Jagd mehrere Kilometer weit, immer das durch das
Gebsch brechende Wild vor uns. Mit einem Male hrte ich nichts mehr von
dem Schwein; wir waren an einen Sumpf, die Pferde sanken tief ein. Wir
muten leider umkehren, da die Sonne schon bedenklich tief stand und wir
einen weiten Rckweg hatten.

Auf dem Hauptwege angelangt, proponierte einer der Schantus noch ein
Wettrennen; ich glaube, sie wollten mich auf meine Sattelfestigkeit hin
prfen. Natrlich war ich gleich dazu bereit und bestimmte, um einer
unntzen Hetzerei vorzubeugen, als Ziel ein Haus am Wege, wohin ich
meinen Diener als Richter vorausschickte. Ich hatte richtig gerechnet,
die Schantus strmten vom Platz weg, was die Tiere laufen konnten,
whrend ich, nachdem ich mein Gewehr an Nasr abgegeben hatte, mit beiden
Hnden meinen alten Puller hinten halten konnte. Kurz vor dem Ziel fing
ich an zu reiten und schlug die andern um eine gute Lnge, was sie
natrlich nicht erwartet hatten; sie waren etwas verblfft, und ich
konnte ihnen nun meinerseits sagen: "Seht ihr, so reiten die Europer."
Die Leute haben mir sonst gefallen, sie gehen in einer Pace und mit
einer Ruhe durchs Dickicht und ber schwere Hindernisse, die ganz
vortrefflich ist. Dabei haben sie wirkliche Jagdpassion und einen
scharfen Blick, um welch letzteren ich sie besonders beneide. Man merkte
ihnen brigens die Dankbarkeit fr gute Behandlung an. Dieser Herr
schlug die Leute nicht, ritt wie sie selber und hatte auch noch fr ihre
Angelegenheiten Interesse; das war noch nicht dagewesen, denn der
chinesische Herr verkehrt nur per Peitsche mit den Schantus.

[Illustration: Bettler in Uchur Masar]

Am 1. Juni morgens marschierten wir nur 25 Kilometer, weil in der Gegend
viele Schweine sein sollen. Aus der Ebene, die sehr sumpfig wird und
mehrfach Seen-Bildung aufweist, erheben sich ganz unvermittelt
Felsgruppen zu ziemlich betrchtlicher Hhe. Ich pirschte die ganze
Gegend ab, ohne auch nur eine Fhrte eines Wildschweines zu sehen; es
wurde drckend schwl, und die Luft war wie in einem Treibhause. Auf
einem der Felsen, unmittelbar am Dorfe, liegt ein Heiligengrab, Uchur
Masar, das dem Dorfe den Namen gegeben hat. Der hier ruhende Heilige ist
vor ungefhr 200 Jahren begraben worden. Ich kletterte auf einem fr
Nichtschwindlige berechneten Pfade hinauf und geno von oben eine
herrliche Fernsicht.

Unten im Dorfe erzhlten die Leute, da vor ein paar Tagen ein Tiger
hier gewesen sei und einige Pferde und Rinder zerrissen habe. Leider
mute ich mich von der Unmglichkeit einer Jagdexpedition zur Zeit
berzeugen. Abgesehen davon, da mich kein Mensch begleiten wollte und
ohne Fhrung an den Tiger gar nicht heranzukommen gewesen wre, bietet
die Jagd selbst auch noch sehr groe Schwierigkeiten. Das Schilf ist
drei Meter hoch und der Untergrund fast durchweg Wasser, so da die
Treiber nicht durchkommen knnen. Die Leute behaupteten, der Tiger se
auf dem andern Ende des Sees im Sumpf; Entenjger htten ihn gestern
Abend vom See aus brllen hren. Im brigen wird der Tiger hier
eigentlich nur im Winter geschossen, da dann seine Decke sehr viel
schner und die Jagd weniger schwierig ist. Man brennt das trockene
Schilf herunter und treibt ihn so auf den Fleck, wo man ihn haben will,
was er sich ruhig gefallen lassen soll, und schlielich schiet ihn der
beste Schtze des Dorfes mit der nie fehlenden Kugel oder vielmehr der
Ladung aus Bleistcken aus der primitiven Luntenflinte. Die Decke bringt
im Bazar ungefhr 60 Taels, jeder Knochen und jedes Stckchen Fleisch
wird verwertet, da es die Apotheken fr Medizin sehr hoch bezahlen. So
zahlen sie z. B. fr einen Rhrknochen drei Taels.

[Illustration: Uchur Masar

Das Heiligengrab ist auf der Spitze des Felskegels]

Am Nachmittag wanderte ich, um die Pferde zu baden, zum See und
entdeckte hierbei in einem Abflukanal drei Einbume, jeder vielleicht 4
Meter lang, ausgehhlt und ohne Kiel, Bug usw. Die Leute bewegen das
Boot sehr geschickt mit einem einfachen, ganz kurzen Handruder. Ich
unternahm sofort eine Gondelpartie und stieg mitten im See zu einem
herrlichen Bade in das nur ganz schwach salzhaltige Wasser. Der See soll
sehr fischreich sein. Das Heraus- und Hereinbalanzieren beim Einbaum war
ein ziemlich gefhrliches Unternehmen, da der Kahn jedesmal zu kentern
drohte. Als wir landeten, planschten die Pferde vergngt im Wasser
herum; der Dicke hatte sich losgerissen und es schien ihm ganz besonders
gut im Wasser zu gefallen, denn er wollte gar nicht mehr herauskommen.

Gegen Abend aufbrechend, passierten wir auf einem Bergabhang hohe Ruinen
von Gebuden, teils Ziegel-, teils Lehmmauern. Die Chinesen
behaupteten, es seien zerfallene Tempel, die Schantus sagen, es sei eine
alte, verlassene Stadt. Es mochte gegen 2 Uhr nachts sein, als wir kurz
vor uns im hohen Schilfe das Brllen eines Panthers hrten. Die Pferde
standen an alle Gliedern zitternd und waren nicht mehr einen Schritt
vorwrts zu bringen. Meine Kavalleristen wollten sofort kehrt machen,
und erst als sie sahen, da ich mir den Karabiner geben lie, um dem
Panther zu Leibe zu gehen, faten sie wieder Mut. Leider war auch hier
wieder ein Eindringen in den Sumpf so gut wie unmglich, und fernerhin
hrten wir nichts mehr von dem Panther. Die Pferde beruhigten sich und
wir marschierten weiter auf Maralbaschi zu. Frh gegen 3 Uhr waren wir
im Ort.

Beim Auspacken der Karre vermite ich meine Antilopenkpfe, die stets in
einem Sack hinten an der Karre gehangen hatten. Zu meinem nicht geringen
rger waren sie gestohlen. Wahrscheinlich hatte sie bei den
Nachtmrschen einer hinten abgeschnitten; natrlich wollte keiner von
der Gesellschaft etwas wissen.

Der Yamen schickte mir sofort als Geschenk 50 Eier, Hhner und
Pferdefutter. Ich traf es gut, denn der Amban hatte gerade heute sein
Amt angetreten und sein Vorgnger soll ein fremdenfeindlicher,
unhflicher Mensch gewesen sein. Ich schlief erst aus, dann lie ich mir
die Haare schneiden und mich rasieren, was ein Schantu recht gut
besorgte. Ich gab ihm nach unserm Gelde 80 Pfennig, was im Vergleich zu
den hiesigen Lebensbedingungen sehr viel mehr bedeutet. Dennoch war der
Kerl nicht zufrieden und verlie den Hof erst, als ich ihm vorschlug,
mit mir zum Yamen zu kommen. Dort htte man ihm sofort zwei Drittel des
Geldes, als zu viel, wieder abgenommen, so wenigstens versicherten mir
die anderen Schantus. Am Nachmittag erhielt ich vom Aksakal und einem
reichen indischen Kaufmann Besuch. Um 5 Uhr ritt ich selbst zum Yamen
und revanchierte mich dabei mit Geschenken in Gestalt einer Handlaterne
mit europischen Lichten und einer Flasche Glycerin, die ich noch brig
hatte. Ich sollte eines der Kinder, das Zahnweh hatte, kurieren, was ich
natrlich nicht konnte. Der Bengel hatte zur Feier des Tages zu viel
Zuckerzeug gegessen, das von den Kaufleuten des Ortes neben tausend
anderen Sachen zum Amtsantritt des Vaters geschenkt worden war. Der
Yamenhof, alle Eingnge, Sulen usw. waren mit roten Tchern drapiert,
die nur notdrftig die Schden der zerfallenden Lehmgebude verdeckten.

Am Abend gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen: Suppe, ein
richtiger, guter, in Butter gebratener Fisch, gebratenes Huhn und als
Nachtisch frische Maulbeeren. Am Abend kam wieder der indische Kaufmann,
um mich zu besuchen. Er stammt, wie viele seiner Landsleute in der
Gegend, aus Lahore, reist jedes Jahr einmal nach seiner Heimat und macht
im brigen hier recht gute Geschfte. Seine Handelsartikel sind:
gemusterte und gestreifte Seide, Kaliko in den verschiedensten Farben,
Porzellan, Zuckerzeug und auf Verlangen jedenfalls alles, was die Kufer
bezahlen knnen. Nebenbei verleiht er gegen hohe Zinsen auch Geld. Er
behauptete, da seine Waren alle aus Indien stammten, whrend ich mich
nach eingepreten oder auch aufgemalten Firmen berzeugte, da sie ohne
Ausnahme russischen Ursprungs waren. Die Leute waren hier sehr hflich;
wenn ich auf der Strae ging oder den Gasthof verlie, standen sie
berall aus ihrer gewhnlichen Hockstellung auf und machten Platz. Der
Ort ist nicht sehr gro; an die umwallte Stadt, in der die Chinesen
wohnen und in der der Yamen liegt, schliet sich nach Osten zu eine
lange Bazarstrae mit vielen Lden an. Ich sah auerdem zwei Moscheen
und ein Heiligengrab.

[Illustration: Chinesinnen mit unverkrppelten Fen]

Den ganzen Abend wartete ich auf den mir angekndigten Gegenbesuch des
Ambans, der mir erst sehr spt sagen lie, er kme am nchsten Morgen.
Bei meinem abendlichen Rundgang fand ich meine Stute und den Schimmel so
kurz angebunden, da sie sich nicht legen konnten. Der zur
Beaufsichtigung der Pferde engagierte Schantu behauptete, da der eine
der Kavalleristen sie kurz angebunden htte, weil sie sein Pferd
geschlagen htten. Ich befrderte den Opium rauchenden Krieger recht
unsanft vom Kang in den Stall, wo er eigenhndig meine Pferde wieder
lang binden mute. Wegen einiger fehlender Eisen war es unmglich, wie
ich es eigentlich wollte, am nchsten Tage weiter zu reiten; ich
beschlo also, Masar Alldi zu besichtigen, ein Heiligengrab, das sehr
hbsch auf einem einzelnen Felskegel in der Ebene gelegen sein sollte
und einen der Hauptausflugsorte bildet. Um meine Tiere zu schonen,
mietete ich mir im Orte drei andere Pferde. Wir wollten gerade abreiten,
als einer vom Yamen kam und den Besuch des Ambans anmeldete. Ich sa
wieder ab und lie die Pferde wegfhren, um ihn zu empfangen. Der groe
Eintrittsraum der mir zur Verfgung stehenden Zimmer war mit meinen
schnen, neulich gekauften Teppichen ausgestattet und machte sich sehr
hbsch. Wir warteten und warteten, der Amban kam nicht. Die Sonne stieg
immer hher, und es wurde drckend hei; endlich, um neun Uhr, nach
zweistndigem Warten, erschien der alte Herr und hielt mich noch eine
halbe Stunde auf, so da es nunmehr eine Tierqulerei gewesen wre, noch
zu reiten. Daher gab ich den Ritt auf und besuchte statt dessen den
Aksakal und den indischen Kaufmann, die mir beide nach Landessitte
Zuckerzeug vorsetzten. Dem Schmied, der mittags noch nicht angefangen
hatte, die Eisen zu machen, hetzte ich den Umpasch (trkischer
Ortsvorsteher) auf den Hals. Die Karre mit meinen Sachen sollte auf dem
groen Weg nach Kaschgar gehen, whrend ich selbst ber Terem, Lailik
und Ordan Padscha sdlich der groen Heerstrae zu reiten beabsichtigte.
Da wir zu Pferde ohne jegliches Gepck schneller vorwrts kommen
konnten, war anzunehmen, da wir ungefhr zu derselben Zeit wie die
Karre in Kaschgar eintreffen wrden. Die fr heute schon bezahlten
Pferde bestellte ich fr morgen zur Jagd. Der Schmied erschien noch ganz
spt abends, weil es aber schon zu dunkel war, verschob ich das
Beschlagen auf morgen und gab ihm, da ich nicht selbst anwesend sein
konnte, meine Wnsche ganz genau an. Um 4 Uhr morgens ritten wir,
fnf Mann hoch, zur Schweinejagd. Ich hatte eine falbe Stute, die vier
anderen hatten Hengste, so da das Gegrunze und Gequietsche kein Ende
nahm. Es fllt anfangs auf, da in hiesiger Gegend nur Hengste geritten
werden und man gar keine Wallache findet. Dies hat aber seinen Grund
darin, da der Wallach die Stute gegen den angreifenden Wolf oder Tiger
auf der Weide nicht schtzt. Greift ein Raubtier die Herde an, so
schlieen sich smtliche Stuten zum Kreise zusammen und nehmen die
Fllen in die Mitte, wobei sie den Kopf nach innen haben, die Hengste
bleiben drauen und sollen den Tiger oder Wolf rcksichtslos mit Gebi
und Hufen angreifen. Meine Begleiter waren Nasr, der Umpasch und zwei
vom Yamen, alle gut beritten. Es ging in der blichen tollen Fahrt zur
Stadt hinaus in westlicher Richtung, allmhlich etwas nach Sden
wendend, zuerst durch bebautes Land, dann durch heideartige, schwach mit
Tamarisken bestandene Steppe.

Bei einem einzelnen Gehft machten wir Halt und saen ab. Es gehrt
einem wohlhabenden Schantu, Namens Togda Mehrab, eine Art
Vertrauensperson des Yamens. Ich lernte in ihm einen Mann kennen, wie
man ihn wohl selten findet. Der alte ehrwrdige Vater, der ber 100
Jahre alt ist und auf fnf Generationen herabblickt, wie seine ganze
Familie waren alle gleichmig angenehm. Der Greis hat das Glck, nicht
einen einzigen ungeratenen Nachkommen zu besitzen. Ich wurde mit einer
Herzlichkeit aufgenommen, wie ein alter, lang erwarteter Freund, und
bekam sofort Tee, Milch und gersteten Fisch vorgesetzt. Der Hof zeigte
bald ein Bild, wie bei uns im Herbst ein Gutshof im schnen Schlesien:
vor Versammlung zur Jagd. Die Frau des Hauses, das Muster einer guten
Hausfrau, sorgte fr alle, dabei hatte sie noch ein freundliches Wort
fr jeden und neckte sich mit allen herum. Wir ritten nun zur Jagd,
unter Fhrung des mit einer uralten Luntenbchse und Gabel versehenen
Togda Mehrab. Jeder bekam noch zum Abschied von der Hausfrau oder ihrer
hbschen Enkelin einen Strau Rosen geschenkt. Sdwrts ging es im Pulk
galoppierend durch die nicht sehr dicht mit Tamarisken bestandene Heide,
weiter durch mehrere, hoch aufspritzende Bche, bis wir an dem mit ganz
dichtem hohen Schilf bewachsenen Sumpfgrtel ankamen. Togda Mehrab nahm
nun die Tete, und einer hinter dem andern, ich als zweiter, ritten wir
im Schritt hinein in den Sumpf. Wir waren meist bis an den Bauch der
Pferde im Wasser und kamen nur verhltnismig langsam vorwrts, da das
sehr dicht stehende Schilf natrlich ein schnelles Vorwrtskommen
hinderte. Unzhlige Schweinsfhrten durchkreuzten das Schilf, ab und zu
kam die Fhrte eines Hirschrudels, und Togda Mehrab zeigte mir die
Fhrte eines starken Zehners, den er ganz genau kannte. Im Sumpf erheben
sich von Zeit zu Zeit kleine sandige Kuppen, hnlich wie die Kanzeln,
die man bei uns zum Schieen hat; hier waren sie selbstredend
natrliche. An einer dieser Kuppen saen wir ab, koppelten den Pferden
die Vorderbeine und machten es uns bequem, whrend Togda Mehrab auf
Kundschaft auszog. Bald kam er zurckgelaufen und meldete zwei Schweine,
ein groes und ein kleines. Ich zog seine hohen Stiefel an, und vorwrts
ging es zu Fu durch den Sumpf bis zu einer groen, im Frhjahr
heruntergebrannten Strecke, auf der jetzt junges grnes Schilf wucherte.
Wir setzten uns an einer vorspringenden Ecke auf Anstand an und
warteten. Bald kamen sie, ich sah aber nur ihre hellbraunen Rckenlinien
ber den Schilfspitzen und zgerte deshalb zu schieen. Die Schweine
sten die jungen Schilfspitzen im Vorbeitrotten ab und nherten sich
bedenklich der gegenberliegenden Schilfwand. Togda Mehrab sagte leise:
"Schie, Herr, sie laufen sonst fort." Ich scho auf das Schwein,
welches ich am besten sah, konnte aber nicht unterscheiden, ob es das
groe oder das kleine war; es lag im Feuer, der Schu sa Hochblatt. Der
groe mchtige Keiler trollte ab; ich hatte leider die kleine geringe
Sau geschossen. Togda Mehrab ging wieder auf Kundschaft aus, kam aber
bald zurck mit der Meldung, die Schweine htten sich verzogen. Er
brachte mir als Geschenk einen Schweinsschdel mit, den er irgendwo
vergraben haben mute. Wir saen auf und zogen immer tiefer in den Sumpf
hinein. Einige Male kamen wir an offene Stellen, wo die Pferde mehrere
Meter weit schwimmen muten, so da ich bis an die Schultern na wurde;
mich mit der einen Hand an der Mhne festhaltend und mit der andern das
Gewehr hochhaltend, ging es aber doch ganz gut. Schlielich langten wir
an einer in Krmmungen durch den Sumpf laufenden Sandhgelkette an.
Togda Mehrab kannte jede kleine Bucht, wute von jedem der hier
horstenden groen Bussarde, wie viel Junge er hatte, ich htte mich in
diesem Labyrinth nicht mehr zurechtgefunden. Wir galoppierten weiter;
die Junisonne trocknete uns bald gnzlich. Wir sahen noch mehrfach
Schweine, aber vom Pferd aus ist stets schwer schieen. Einmal saen wir
noch ab, ich hatte Glck und scho einen groben Keiler, der im Sumpf
ruhig auf vielleicht 15 Schritt stand. Dann ritten wir allmhlich
heimwrts. Ich war um eine interessante Jagderfahrung reicher und hatte
zugleich auch gelernt, da Smpfe, so unzugnglich sie aussehen mgen,
fr den Gebten doch passierbar sind. Zu bewundern waren auch hier
wieder die Ponies, die mit einer Ruhe und Sicherheit berall hingingen,
die geradezu groartig war.

[Illustration: Nasr Togda Mehrab Meine Jagdgenossen in Maralbaschi]

Beim Hause angelangt, wurde uns ein kstliches Mahl vorgesetzt. Die Frau
hatte mir zu Ehren einen jungen Hammel geschlachtet und gekocht; Brhe
und Fleisch waren delikat; ich lernte hier zum ersten Male besonders den
Fettschwanz schtzen. Dann nahmen wir Abschied von dem gastfreien Hause.
Ich schenkte dem Besitzer mein Jagdmesser mit ledernem Gehnge,
woraufhin er mir sein turkestanisches Messer mit Ledergehnge zur
Erinnerung gab. In Begleitung des Hausherrn ritten wir zurck; im
schlanken Trabe ging es durch die Stadt, auf deren Straen heute am
Bazartage ein lebhaftes Treiben herrschte. Im Gasthause wurde zuerst die
Jagdgesellschaft photographiert, dann der Beschlag besichtigt, der ganz
gut ausgefallen war. Dschang klagte ber furchtbare Kopfschmerzen. Wie
sich spter herausstellte, hatte er unsere Abwesenheit benutzt, um mit
einem "Freunde" ein "Glschen Wein", also nach unsern Begriffen gemeinen
Fusel, zu trinken, und dann wunderte er sich noch ber den Katzenjammer
und die Strafpredigt, die er von mir bekam. Togda Mehrab besuchte mich
noch in dem Gasthause und erhielt von mir eins der von allen Chinesen
und Trken vielbegehrten Frottierhandtcher fr seine Hausfrau. Ich habe
allmhlich, bis auf zwei ganz groe, meine smtlichen Frottierhandtcher
verschenkt.

Das Gepck wurde verteilt, die leider wieder recht umfangreiche
Trinkgelderfrage erledigt und die Karre mit dem Gepck entlassen. Bald
darauf ritten wir, fnf Mann und sieben Pferde stark, ab. Meine beiden
Pferde wurden an der Hand gefhrt, eins trug die Hinterpacktaschen, das
andere die mit den notwendigsten Ausrstungsstcken gepackte chinesische
Satteltasche aus Aksu. Es ging heute nur 60 Li weit, die mir aber in
Anbetracht der sich allmhlich einstellenden Mdigkeit endlos vorkamen.
Beim Abritt begleitete uns Togda Mehrab noch fnf Kilometer und empfahl
sich dann, wobei er mich sehr bat, doch ja zurckzukehren und dann in
seinem Hause und nicht im Gasthause zu wohnen; doch mchte ich erst im
Winter kommen, da die Jagd auf Tiger sonst zu schwierig sei und deren
Fell auch whrend der heien Jahreszeit lange nicht so schn sei wie in
der kalten.

Wir berschritten unendlich viele Brcken, lieen einen nicht
unbetrchtlichen See links liegen und befanden uns meist auf sandigen
Wegen im lichten Walde. Um elf Uhr abends waren wir in Chamal, wo uns
der Umpasch, ein Bruder Togda Mehrabs und diesem sprechend hnlich, sehr
gut und ebenso freundlich aufnahm. Ich schlief vor allen Dingen
ordentlich aus, und zwar in dem Bette der Dame des Hauses, was ich zwar
erst nicht annehmen wollte, aber nicht abschlagen konnte. Nach dem
letzten anstrengenden Tage bedurfte ich allerdings dringend der Ruhe.
Auch die hiesige Gegend war ein einziger, fruchtbarer, groer Garten, in
dem alle Arten Obst, Mais usw. angebaut wurden. Es herrschte ein
berflu an Holz, den ich der Tientsiner Gegend wnschte. Jedermann
wute mit der Bchse umzugehen, wie ein alter gelernter Jger; jeder war
ein guter Schtze, hatte Jagdpassion und Jagdverstndnis.

Nachmittags ging ich wieder, dieses Mal zu Fu, mit Togda Mehrabs Bruder
auf Schweinsjagd, kam jedoch nicht zum Schu. Um 5 Uhr marschierten
wir weiter, kreuzten den Yarkand darya und waren um 9 Uhr in Achsach
Maral, wo wir beim Umpasch unterkamen. Leider plagte mich ber Nacht
Ungeziefer, so da ich nicht schlafen konnte. Morgens ging ich mit einem
Mann des Dorfes auf Antilopenjagd. Die Gegend ist hier sandiger, und
Antilopen kommen viel vor. Wir hatten Glck und kamen, auf dem Bauche
zwischen den Sanddnen entlang kriechend, an einen Sprung auf vielleicht
30 Schritt heran, ohne da die Tiere uns bemerkt htten. Ich scho den
Leitbock weg; er lag im Feuer. Die Tiere waren so bestrzt, da sie alle
durcheinander liefen und nicht wuten, woher und wohin. Die zweite Kugel
brachte einem geringeren Bock einen schweren Halsschu bei; er lief noch
50 Schritte und brach dann zusammen, ich gab ihm den Fang. Wir pirschten
weiter, und nochmals hatte ich das Glck, an einen Sprung heranzukommen
und auf ungefhr 110 Schritte ein Tier umzulegen.

Die Hitze war inzwischen unertrglich geworden, so da wir zum Dorf
zurckgingen und die Jagdbeute hereinholen lieen.

Nachmittags ritten wir weiter durch das mit Bschen und Baumgruppen
bestandene Weideland. Einmal sahen wir einen Hirsch, der jedoch schon
flchtig wurde, als wir auf ungefhr 400 Meter heran waren; es war ein
guter Zehner, den die Leute aus dem Dorfe ganz genau kannten. Gegen
Abend wurde es empfindlich kalt; wir marschierten auf einem Damm, links
lag ein flacher See. Um 10 Uhr waren wir in Ala Argi, wo wir wiederum
beim Umpasch gut unterkamen. Wenn man in dieser Gegend nicht von den
Leuten aufgenommen wird, mu man biwakieren, denn Gasthuser gibt es
hier nicht. Ich hatte indessen, wie stets in Turkestan, ein
Begleitschreiben vom Yamen mit, welches die Ortsvorsteher anwies, mir
jede gewnschte Untersttzung zuteil werden zu lassen. Frh morgens am
7. Juni brachen wir nach Meinet auf. Der Weg fhrte teils durch
vollkommenen Urwald, teils durch Ackerland, welches stets gegen das hier
sehr zahlreiche Wild stark eingezunt ist. Auf einer berschwemmten
Strecke ungefhr 5 Kilometer lang muten wir durch knietiefen, zhen
Schlamm, so da Mann und Pferd hinterher im wahrsten Sinne des Wortes
wie aus dem Morast gezogen aussahen. Auch hier bemerkte ich sehr
zahlreiche Fhrten von Schweinen, zuweilen auch solche vom Hirsch, Wolf
und Fuchs. Der noch in Maralbaschi gar nicht seltene Tiger kommt hier
nicht mehr vor. Der Damm war sehr schlecht gehalten, die Brcken
smtlich eingefallen. Vereinzelt traf man an gerodeten Strecken kleine
Ansiedlungen, meist nur aus einem alten Lehmhaus bestehend.

[Illustration: Trkinnen]

Gegen 3 Uhr waren wir in Meinet, einem aus verstreut liegenden Gehften
bestehenden Dorf. Die armen Pferde waren infolge des Marsches durch den
Sumpf und infolge des Staubes sehr mde. Die meinigen waren besser in
Training, man merkte es ihnen nicht so sehr an, whrend die vom Yamen
ganz abgefallen waren und gar nicht fressen wollten. Wir kamen auch
hier wieder beim Umpasch unter. Mein Wirt war mehrfacher Grovater, und
im Hause waren elf kleine Kinder, die abwechselnd ununterbrochen
schrien. Sonst waren die Leute die Hflichkeit selbst und ich wurde in
jeder Beziehung als groer Herr behandelt, was teilweise gar nicht
bequem war. Wenn ich z. B. nur die Nase zur Tr hinaussteckte, um nach
meinen Ponies zu sehen, stand sofort alles ehrerbietig auf. Im brigen
zeigte sich hier wieder, da die Neugierde eine weibliche Eigenschaft
ist. So hatte eines der jungen Weiber durch eine Trritze beobachtet,
wie ich in einem Holzbottich badete; nun amsierte sich alles groartig
darber, und das Gekicher wollte kein Ende nehmen.

Auch in dieser Gegend fand ich nur Hengste; brigens sind dieselben
gegen den Menschen durchweg gutartig, nur untereinander fangen sie
sofort Streit an. Vor dem Hause liegt ein flacher See, der in manchen
Jahren ganz austrocknen soll. Da er andererseits zuweilen sehr viel
hher stehen mu, konnte man an den verschiedenen alten Uferlinien
erkennen.

Wir machten frh nur eine deutsche Meile nach Awott, wo die Pferde
gewechselt und gefttert werden sollten, um fr den Marsch durch die 55
Kilometer lange Wste nach Mogal frisch zu sein. Die Pferde standen im
Garten unter dichten Aprikosenbumen, wo es angenehm khl war, whrend
man es im Freien vor Hitze nicht aushalten konnte. Mein Kchenzettel
wurde hier recht einseitig, meist bestand er nur aus Hirse und Eiern.
Gott sei Dank hatte ich einen kleinen Sack mit Reis und einige,
allerdings schon sehr trocken gewordene Brtchen mit. Die Leute waren
wieder lcherlich freundlich. Der alte Umpasch, ein Mekkapilger mit dem
grnen Turban, kam alle fnf Minuten, um nachzusehen, ob auch alles
ntige da sei. Der mchtig groe Raum, der wohl 12:12 Meter ma und in
der Decke ein Luft- und Lichtloch von einem Quadratmeter hatte, war
schn khl. In ihm hielt sich die ganze Familie mit Knechten und Mgden
auf, es war eine Art Diele, wie man sie bei uns in Westfalen findet. Man
sah hier schon die hbschen, ziselierten Wasser- und Teekrge aus
Chotan; der brige Hausrat war denkbar einfach. Einige Filzteppiche,
Kopfpolster in Rollenform, einige wenige irdene Tpfe und Teller, die
Metallspiegel und llampen, alles war noch ganz so, wie zu Zeiten
Christi Geburt. Die Leute essen hier verhltnismig viel Fleisch, sind
dafr aber auch viel muskulser als die Chinesen. Opiumraucher habe ich,
auer einigen Damen der Halbwelt, unter den Schantus noch nicht gesehen;
jedoch soll es eine ganze Menge geben, die diesem Laster huldigen. Dafr
hat jeder seinen kleinen, ausgehlten Flaschenkrbis mit Tabak im Grtel
hngen, aus dem er ab und zu eine Prise kaut. Ich versuchte das
dunkelgrne Zeug; es ist beiend scharf; da es auf die allgemeine
Gesundheit des Krpers denselben schwer schdigenden Einflu hat wie das
Opium, glaube ich nicht. Die kleinen Flaschenkrbisse sind auen meist
hbsch geschnitzt, teilweise mit Silberbeschlag versehen.

[Illustration: Bek von Terem]

Um 5 Uhr ritten wir ab. Den nahenden Staubsturm sah man schon an der
Frbung der Horizontes. Der Himmel war ganz grau geworden und die Sonne
nur noch eine glanzlose Scheibe. Es ging durch ein kleines Stck
bebautes Land, das bald in Wste mit abgestorbenem Walde berging.
Leichte Sanddnen, vielleicht drei Meter hoch, nordsdlich laufend,
kreuzten den Weg. Trotzdem sie nur klein waren, machten sie den Pferden
viel Beschwerde. Ich konnte mir recht gut vorstellen, wie es Sven Hedin
im Tschong Kum, dem groen Sande in der Taklamakan, die wir dicht vor
uns haben, ergangen ist. An tiefer gelegenen Stellen stehen vereinzelt
grne Bume. Um 6 Uhr ging der Sturm los, es wurde stockfinster. Wie
unser, vom letzten Ort mitgenommener Fhrer den Weg fand, der sich im
Sande ohnehin kaum abzeichnete, ist mir noch heute unklar; diese Leute
mssen eine Art Instinkt haben. Im rcksichtslosen Inspektortrabe ging
es vorwrts, dicht aufgeschlossen; hinten galoppierte alles, um nur
mitzukommen. Nach 1 Stunden war der Sturm vorber, und nach einer
weiteren Stunde schrfsten Trabes hatten wir die Wste hinter uns und
waren im steppenartigen, mit Gebschgruppen besetzten Lande. Ab und zu
kam noch eine hohe Sanddne, die wir umgingen, und um 11 Uhr waren wir
am Hause des Dorfltesten von Mogal, wo Mann und Pferd bald gut
untergebracht waren und wir bei einer Tasse Tee unsern recht
betrchtlichen Durst lschen konnten.

Als ich frh um 9 Uhr aus meinem Zimmer trat, fand ich drauen eine
groe Menge versammelt. Mogal hatte seit vollen zwei Jahren seinen
Anteil an Wasser aus dem Kaschgar darya nicht erhalten. Jedes dieser
Drfer hat nmlich fr eine bestimmte Zeitdauer im Jahre, fr Mogal sind
es 20 Tage, das Recht, seinen Bedarf an Wasser aus dem Flusse zu decken.
Da es hier nie regnet, so ist den Leuten einfach die Lebensader
unterbunden, wenn das Wasser aus dem Flusse fehlt. Nun klagten sie mir
ihr Leid, der Umpasch von Terem, dem sie unterstellt sind, enthalte
ihnen ihren Anteil an Wasser vor, und baten mich, dem Taotai in Kaschgar
den Sachverhalt mitzuteilen. Sie selbst hatten natrlich zu dem hohen
Herrn nicht vordringen knnen, es kostete zu viel Geld. Es sah
allerdings hier bse aus: alles war verdorrt und versengt, und die
meisten Felder waren unbestellt. Ich versprach, bei Gelegenheit dem
Taotai zu erzhlen, was ich gesehen htte, bemerkte aber im brigen, da
ich als Auslnder keinerlei Einflu auf die ganze Angelegenheit habe.

[Illustration: Ordan Padscha -- Alter Molla]

Wir ritten dann weiter nach Terem. Als wir gegen zehn Kilometer entfernt
waren, bemerkte ich, da mein Taschenmesser, ein Nicker, fehlte. Mir
fiel ein, da ich einen Mann aus meinem Zimmer hatte kommen sehen, der
schnell etwas in seinem langen Rock versteckte. Ich hatte mir sein
Aussehen gemerkt und schickte nun schleunigst zurck, um nachsuchen zu
lassen. Nach drei Stunden war das Messer richtig wieder da, es hatte
sich tatschlich bei dem betreffenden Manne gefunden. Wir ritten durch
die den, vertrockneten Felder weiter; alle die kleinen Wasseradern
waren ausgetrocknet. Ich hatte erwartet, als wir auf Teremer Gelnde
kamen, alles in Fruchtbarkeit strotzen zu sehen, aber im Gegenteil, es
war alles ebenso verdorrt wie in Mogal. Der alte weibrtige Umpasch der
mich sehr freundlich aufnahm, schien wirklich keine Schuld zu haben,
denn seine Felder sahen genau so schlecht aus wie die brigen auch. Ich
bekam in einem wunderschnen khlen Zimmer gleich "Asch" (in Hammelfett
gekochten Reis und Hammelfleisch) sowie russisches Zuckerzeug
vorgesetzt. Auch die Pferde wurden gut untergebracht und versorgt.

[Illustration: Kaschgar -- Strohverkufer]

Unter groer Eskorte brachen wir am Abend auf. Der Umpasch stellte mir
eines seiner eigenen Pferde zur Verfgung, er wollte spter selbst
nachkommen. Unsere Karawane war schlielich elf Pferde stark. Durch
Steppe und Wste reitend kamen wir um zwei Uhr in einem schon auf
Kaschgarer Gebiet liegenden Dorfe unter. Gegen Abend kam der alte
Umpasch an; wir wechselten wieder die Pferde und ritten um acht Uhr nach
dem berhmten Masar Ordan Padscha, dem vielbesuchtesten Heiligengrab
Turkestans. Bald umgab uns vllige Wste. Links lag einmal ein Masar.
Auch passierten wir mehrmals einzelne Stationen, die alle mit ihrer
Kochgelegenheit auf Pilgerkarawanen berechnet sind. Nach zwlf
Kilometern waren wir in hohen Sanddnen, in denen die glhende Hitze
noch schwerer zu ertragen war; die armen Pferde litten sehr. In der
Tiefe waren zuweilen harte, lehmige Stellen, auf denen man besser
vorwrts kam. Nachdem wir ungefhr acht Kilometer durch die Sanddnen
geritten waren, sahen wir von der Hhe aus vereinzelte Bume und eine
Husergruppe. Diese liegen um zwei salzige Quellen; Jakub Bek hat sie
seinerzeit in Holz gefat und ein Haus darber erbaut. Hier liegen
mehrere kleinere Heiligengrber. Bald darauf erreichten wir Ordan
Padscha selbst. Dieses ist eine an einer Quelle entstandene Ansiedlung
aus mehreren Husern, die entweder den Mollas zur Wohnung dienen oder
fr die Unterkunft von Pilgern berechnet sind. Um letztere mit Essen zu
versorgen, hat man in einem Hause fnf groe Tpfe eingemauert, die ich
mir nach Sven Hedins Beschreibung eigentlich anders und groartiger
vorgestellt hatte. Die sogenannten Tpfe sind flache kupferne Kessel;
ein ganz groer, ein mittlerer, der zerbrochen war, und kleinere, die
zur Zeit benutzt wurden. Der oberste Molla setzte uns in seinem Hause
Tee vor. Mir fiel hier wieder die merkwrdige Art, die Pferde zu
behandeln, auf. Die Tiere wurden trotz der glhenden Hitze mit dem Kopf
hoch gebunden und erhielten kein Wasser. Allerdings mag letzteres seinen
Grund darin gehabt haben, da das gesamte Wasser salzhaltig ist.

[Illustration: Quelle in der Wste in Ordan Padscha]

[Illustration: Betende Trken am Masar Ordan Padscha]

Allmhlich versammelten sich viele Mollas, die mich mit ihrem
scheinheiligen, leidensvollen Wesen anwiderten und meiner Meinung nach
das Trinkgeld mglichst hoch zu schrauben suchten. In der glhenden
Hitze wanderten wir durch tiefe Sandberge nach dem 1 Kilometer
entfernten Masar. Wir passierten einen im Bau befindlichen Betsaal,
ferner eine Quelle, die durch das Vorrcken des Sandes mitsamt den drei
sie umgebenden Bumen wohl bald verschwinden wird. Dann waren wir an dem
Masar, die Stiefel voller Sand und einem Sonnenstich nahe. Den Masar
hatte ich mir viel groartiger vorgestellt; er besteht aus Bndeln von
Stangen mit Fhnchen. Jeder der Pilger bringt eine solche Stange mit, so
da das Ganze im Laufe der Jahrhunderte schon eine ansehnliche Strke
erreicht hat. Einige Versuche, die umliegenden Sanddnen zu befestigen,
scheinen keinen rechten Erfolg gehabt zu haben. Die Mollas und meine
Begleiter sprachen ein lautes Gebet. Ich schenkte fr den Masar einen
Wildschafschdel und gab dem Molla einen halben Tael Trinkgeld, nachdem
ich durch einen der Diener daran erinnert worden war. Der Dank wurde mir
durch ein fr mich gesprochenes Gebet abgestattet. Auch hier fiel mir
das salbungsvolle Getue der Leute auf; mehr gefiel mir ein gewandter
Trke, der uns eine Kanne mit Tee in die hohen Sanddnen nachgebracht
hatte. Meine smtlichen Begleiter gaben hohe Trinkgelder; der Molla
hatte beide hohlen Hnde zusammengehuft voller Silbermnzen. Fr jede
einzelne Gabe wurde mit einem gemeinsamen Gebet quittiert.
Zurckgekehrt gab es im Hause des Molla Reis und Hammelfleisch.
Maulbeeren und Ziegenmilch wollten sich in meinem Magen nicht recht
vertragen; ich drngte daher zum Aufbruch, besichtigte noch eine von
Jakub Bek gefate Quelle, dann fhrte ein langer heier Rckweg, in dem
uns noch ein Staubsturm fate, nach unserem Quartier zurck.

[Illustration: Ordan Padscha]

Dort schlief ich ein Stndchen und ritt dann 8 Uhr abends weiter nach
Chan Arik, wo wir frh morgens am 11. Juni anlangten und die Pferde
wechselten. Die neuen Pferde waren smtlich Hengste, die sich sehr
bockig benahmen. Gleich, beim Aufsitzen rumten mein Diener und ein Mann
vom Yamen unfreiwillig den Sattel; beiden Hengsten rutschte der Sattel
hinten unter den Bauch, sie gingen nur noch auf den Hinterbeinen
spazieren und bissen sich herum, bis alles Sattelzeug zerrissen war. Die
Leute hatten nebenbei noch eine lcherliche Angst vor den Tieren, so da
der Aufbruch eine volle Stunde verzgert wurde. Dann ging es weiter die
groe Landstrae nach Kaschgar-Neustadt entlang. Unterwegs machten wir
in einer Maulbeerallee kurze Rast und pflckten uns zum Frhstck die
frischen Frchte von den Bumen, was die Landessitte erlaubt, whrend
das Besteigen der Bume verboten ist. Dann ging es in die Neustadt
hinein. In einem elenden Gasthause fand ich meine Karre vor; Dschang
hatte zwar alles von Maralbaschi hierher gebracht und war sehr stolz auf
diese Leistung, behauptete aber, in Kaschgar-Altstadt, wo ich eigentlich
unterkommen wollte, kein besseres Gasthaus finden zu knnen. Da ich
meine smtlichen Angelegenheiten in der Altstadt zu erledigen hatte und
auch alle hier ansssigen Europer dort wohnten, beschlo ich, dorthin
berzusiedeln und sandte meinen trkischen Diener und einen vom Yamen
voraus, mit dem Befehl, sich beim Taotai-Yamen zu melden und um
Untersttzung beim Aussuchen eines geeigneten Quartiers zu bitten.

Ich machte drei Stunden Rast, benutzte die Zwischenzeit, um zu essen und
mich rasieren zu lassen, und ritt gegen drei Uhr nachmittags nach
Kaschgar-Altstadt. Dort traf ich auf der Strae einen indischen Diener
in Kaki, sprach ihn englisch an und erfuhr von ihm, da er bei Colonel
Miles, den ich noch aus Tientsin her kannte, im Dienste sei. Ich trug
ihm Gre an seinen Herrn auf.

[Illustration: Kaschgar]

Ein entgegengesandter Mann vom Taotai-Yamen bernahm nun die Fhrung und
brachte uns nach einem Serail nicht weit vom russischen Generalkonsulat.
Es war nur ein ganz kleiner Raum, aber khl und schattig, und besonders
bestach mich der gute Stall. Kaum war ich im Gasthause, als auch schon
mit oben erwhnten Diener ein Brief von Colonel Miles eintraf, ich
mchte sofort kommen und bei ihm Wohnung nehmen. Ich konnte nur
antworten, da ich infolge meines wenig schnen Anzuges nicht wagen
knnte, mich augenblicklich sehen zu lassen. Der liebenswrdige
englische Offizier, der hier militrisch-politischer Agent ist, kam nun
selbst, um mich zu holen. Ich leistete seiner Aufforderung selbstredend
sehr gern Folge. Die Pferde blieben in dem Gasthause. Oberst Miles
bewohnte eine schne, groe Gebudegruppe, die sehr hoch und vollkommen
fieberfrei gelegen war. Die Gebude waren im europischen Stil,
natrlich unter Bercksichtigung des heien Klimas, erbaut worden, und
zwar fr den Vorgnger des Obersten, einen Mr. Macartney.

Ich meldete mich nun brieflich sofort bei dem russischen Generalkonsul,
Exzellenz Petrofsky, "dem Knig von Kaschgar", an, mit der Bitte, mir
eine Zeit zu bestimmen, wann ich meinen Besuch machen knne. Endlich kam
auch meine Karre an. Spaig war es, die Neugierde meines Chinesen zu
beobachten, der noch nie ein europisches Haus gesehen hatte. Ich bekam
im Garten ein sehr hbsches Zimmer angewiesen und packte meine
smtlichen Sachen aus, lohnte meine Begleiter ab und erhielt bald vom
Generalkonsul die Antwort, da ich jederzeit zwischen 10 und 12 Uhr
willkommen sei. Da es mit meiner Toilette ziemlich bel bestellt war,
half mir mein Gastfreund in der liebenswrdigsten Weise mit der seinigen
aus. Ich erhielt einen Kakianzug, einen weien Anzug und Wsche und sah
schlielich vollkommen wie ein englischer Offizier aus.

Wir saen den ganzen Abend zusammen, und ich erzhlte von meiner langen
Reise. Schlielich geleitete er mich zu seinem mitten im herrlichsten
Garten gelegenen Zelt, das er mir zum Schlafen anwies. berall durch den
Garten, der viele schattenspendende Bume hat, fliet in kleinen Rinnen
Wasser, so da es angenehm khl ist. Von seiner Terrasse ans geniet man
eine entzckende Aussicht auf die Berge. Die ganze Anlage liegt so hoch,
da Moskitos nicht mehr herkommen. Ich schlief zum erstenmal seit
langer, langer Zeit im wei bezogenen Bette und war sehr erstaunt, als
ich am nchsten Morgen um 8 Uhr von Colonel Miles geweckt wurde.

Ich benutzte den Morgen des 12. Juni, um im Gasthause meine Pferde zu
besichtigen, lie mir von einem Schneider Ma zur Wsche nehmen, meine
Uhr reparieren usw. Am 1. Februar, 10 Uhr, wanderte ich zum
russischen Generalkonsulat, wo mir gleichfalls eine ganz reizende
Aufnahme zuteil wurde. Der Generalkonsul kam mir mit einer
Liebenswrdigkeit entgegen, die ich niemals erwartet htte. Ebenso nett
und liebenswrdig war sein Sekretr, Herr Lavroff. Exzellenz Petrofsky,
dem schon Sven Hedin ein so glnzendes und wohlverdientes Denkmal in
seinem groen Werke gesetzt hat, ist hier schon seit vielen Jahren
Herrscher, denn dieses Wort pat allein auf seine Stellung. Man spricht
jetzt viel von seiner Ablsung, infolge zu hohen Alters. Ich glaube, da
Ruland, wenigstens augenblicklich noch, einen Migriff tun wrde, den
hohen Herrn hier wegzunehmen; denn von einem Abnehmen seiner Krfte habe
ich in keiner Beziehung etwas gemerkt, im Gegenteil, mir imponierte
seine Geistesfrische, die Lebhaftigkeit seiner Auffassung und sein hohes
Interesse fr alles und jedes auerordentlich. Ich konnte kaum noch
einen Wunsch oder auch nur eine Bitte uern, so war sie schon erfllt,
und ich mchte hier in diesen Zeilen noch einmal meiner groen
Dankbarkeit fr die viele, mir erwiesene Gte Ausdruck geben.

[Illustration: Im russischen General-Konsulat -- Diner fr vornehme
Trken]

Exzellenz Petrofsky bernahm sofort meine Telegramme in die Heimat,
eines an meine Eltern, mit der Mitteilung meiner Ankunft in Kaschgar und
eines an meine vorgesetzte Behrde in Berlin, auf dem russischen
Staats-Telegraphen. Kosacken ritten umgehend mit den Telegrammen nach
Guldscha -- ber 300 Kilometer --, von wo aus sie der Draht in die
Heimat befrderte. Ebenso meldete ich meine Ankunft in Kaschgar an
meinen Kommandeur in Tientsin, General-Major v. Rohrscheidt, auf dem
gerade heute ausnahmsweise funktionierenden chinesischen Telegraphen.

Im Konsulat zeugte eine reichhaltige Menagerie von der Tierliebe des
Generalkonsuls; da liefen Steinbcke, Antilopen, Hirsche, Tibetschafe
usw., frei im Garten herum; alle so zahm, wie ich sie sonst nirgends
gesehen habe. Man sieht, wie gute Behandlung auch aus den scheuesten
Tieren Freunde der Menschen zu machen vermag.

Ich ging nun zur russischen Bank, um mir auf meinen Kreditbrief Geld zu
holen. Da ich selbst nicht Russisch kann, war es mir leider nicht
mglich, mich mit den Leuten zu verstndigen; ich mute warten, bis der
augenblicklich unpliche Vorsteher der hiesigen Filiale, ein
Deutsch-Russe aus den Ostseeprovinzen, Namens Hammerbeck, wieder
hergestellt war. Am Nachmittag hatte ich das Glck, ein groes
chinesisches Diner beim Obersten Miles mitzumachen, zu dem derselbe
smtliche vornehmen, im hheren Range befindlichen Chinesen Kaschgars
und der Umgegend eingeladen hatte. Genau nach Rangordnung, von unten
anfangend, stellten sich alle mit groem Gefolge ein. Schlielich
verkndeten Bllerschsse, da der Taotai kme. Das Diner wurde im
Garten serviert und nahm den blichen Verlauf aller chinesischen Diners,
nur vielleicht mit dem Unterschiede, da sich einige der alten Herren
einen grndlichen Schwips an dem guten Champagner des Gastgebers
antranken.

[Illustration: In den Straen Kaschgars

Turkestaner, Essen auf offener Strasse feilbietend]

Am 13. Juni machte ich dem Taotai und dem Stadt-Prfekten, der noch
seinen Rausch von gestern ausschlief, meinen Besuch. Dann ging ich auf
die Bank, um nochmals zu versuchen, meinen Kreditbrief einzulsen. Ich
fand den Vorsteher in seiner Privatwohnung, die etwas sehr tief zu
liegen scheint, denn Herr Hammerbeck litt an Malaria. Die ganze
russische Kolonie schien brigens auf etwas gespanntem Fue zu leben,
wie ich hier erfuhr. Spter suchte ich Herrn Hammerbeck in seinem
Geschftszimmer auf, wo mir die unangenehme berraschung zuteil wurde,
da die russische Bank den Kreditbrief nicht auszahlen wollte, da er
berfllig war. Ich mute daher, um nicht Geld borgen zu mssen,
versuchen, meine Pferde zu verkaufen. Schon jetzt stellten sich groe
Schwierigkeiten heraus, die geforderte Anzahl Tragetiere nach dem
russischen Turkestan zu bekommen. Ich erhielt den Eindruck, da die
meisten hier durchreisenden Europer infolge zu anspruchsvollen
Auftretens Zank gehabt haben, denn sowohl bei den Russen wie bei den
Englndern wurde darber geklagt.

[Illustration: Musikanten in einem Gasthaus Kaschgars]

Am 14. Juni frh ritt ich mit Oberst Miles nach Hasrett-Afack, einem
Heiligengrabe. Der Heilige heit Bodscha Deied Tula Bek, mit dem
Beinamen "Knig der Heiligen von Kaschgar" und ist im Jahre 1693
gestorben. Die Moschee liegt in einem schnen Hain rings von
Begrbnispltzen umgeben; dicht dabei hat Jakub Bek eine Bethalle
erbaut. Sein Grab, wo er ohne Kopf liegen soll, da die eindringenden
Chinesen denselben verbrannt haben, nachdem sie die Leiche wieder
ausgegraben hatten, sieht wie die andern aus, wird aber nicht instand
gehalten, sondern verfllt vollkommen. Als wir zurckgekehrt waren,
machte mir Exzellenz Petrofsky seinen Gegenbesuch. Mir zu Ehren hatte er
den ihm von Seiner Majestt dem Deutschen Kaiser verliehenen Roten
Adlerorden angelegt. Er bot mir ber die Berge Kosakenbegleitung an und
versprach, durch den russischen Aksakal Trage-Ponies besorgen zu lassen,
ferner bat er mich, meine drei Pferde vorzustellen, die er vielleicht
kaufen wollte. Spter besuchte ich den bekannten Pater Hendricks, der in
der Eingeborenen-Stadt ein zerfallenes Haus ohne den geringsten Komfort
bewohnt. Ich bekam alten, selbst gekelterten Kaschgaer Wein vorgesetzt,
der wie Malaga schmeckte und sehr ins Blut ging. Am Abend stellte ich
auf dem russischen Generalkonsulat meine drei Tiere vor, die mir
schlielich alle zu einem annehmbaren Preise vom Generalkonsul und
seinem Sekretr abgekauft wurden. Ebenso verkaufte ich einen Sattel und
meine Mauserpistole.

[Illustration: Markt in Kaschgar]

Ich wurde vom russischen Generalkonsul auch fernerhin mit
Liebenswrdigkeit berhuft. Bei einem Besuch am 15. Juni schenkte er
mir eine ganze Reihe selbst aufgenommener, vorzglicher Photographien,
ferner wurden meine smtlichen andern Angelegenheiten auf seinen Befehl
hin beschleunigt, mein Pa visiert, der Pa fr meine Diener fertig
gestellt, die Tragetiere fr den 17. Juni bereits zum festen Preise von
55 Rubel gemietet und ebenso den Leuten, die mitgingen, Psse
ausgestellt. Ich unterhielt mich jederzeit gern mit dem allerorts
hochverehrten Generalkonsul. An der Art, wie er die gesamte Situation
beherrscht, erkennt man, da die Einverleibung Turkestans durch Ruland
wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. Mit dem hchsten Mandarin springt
der Konsul wie mit einem Untergebenen um. So beklagte ich mich bei ihm,
da der Taotai mir noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht htte, was
gegen alle Regeln der chinesischen Etikette verstoe. Sofort sandte der
Konsul einen Diener zum Yamen und lie anfragen, warum der Taotai dem
europischen Offizier noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht htte, und
da er wnsche, da der Beamte morgens um 8 Uhr bei mir antrete. Der
Taotai gehorchte umgehend, denn am 16. Juni morgens um 8 Uhr war er bei
mir.

[Illustration: Groer chinesischer Leichenzug in Kaschgar]

Nachdem der Taotai wieder verschwunden war, ging ich zum Zollamt, um
meine Sachen vorzuzeigen und dadurch einer Revision an der russischen
Grenze zu entgehen. Ich bekam von dem hiesigen Beamten einen Brief an
die Zollstation mit. Den Nachmittag benutzte ich, um alles in
gleichmige Pakete zu verpacken. Mein Diener Dschang wurde ausbezahlt
und mit 7 Taels Trinkgeld entlassen. Er schien nicht recht zufrieden zu
sein, obwohl das Trinkgeld seinen Lohn berstieg. Nebenbei hatte er es
doch noch fertig gebracht, mich in den letzten Tagen zu bestehlen.

Um 5 Uhr ging ich zum russischen Generalkonsul, um meinen
Abschiedsbesuch zu machen. Der Konsul schenkte mir zum Abschied fr die
Reise eine ganze gebratene Hammelkeule, 6 Hhner, Eier, sowie eine
Flasche guten Wodka. Spter kam er noch selbst, um mir Lebewohl zu sagen
und brachte mir als weiteres Geschenk Kaviar, Hummer und als besondere
Kuriositt einen Teller aus Salz, von dem man z. B. kaltes Fleisch ohne
es mit Salz zu bestreuen, essen kann. Am 17. Juni um 5 Uhr morgens
schickte ich die Bagage weg und wechselte mein Geld in Rubel, da von
jetzt an mit russischem Gelde gerechnet werden mu. Dann nahm ich
Abschied von dem gastfreien englischen Obersten und trat meinen Ritt in
die Berge an.

[Illustration]




[Illustration: Von Kaschgar ber den Alai nach Russisch-Turkestan

12 Marschtage = 375 Kilometer. Tgliche Durchschnittsmarschleistung
31,2 Kilometer]




VIII. KAPITEL.

Von Kaschgar ber den Alai nach Russisch-Turkestan.


Wir kreuzten die unzhligen Arme des Kaschgar darya und gelangten,
allmhlich ansteigend, in ein steiniges, breites Tal, das rechts und
links von hohen, steil aufsteigenden Felsen begrenzt wird. Um 4 Uhr
waren wir nach 35 Kilometer Marsch in Mynyoll, dessen einziges groes
Gasthaus im Dezember 1902 vom Erdbeben vollkommen vernichtet worden ist.
Die Besitzer leben nun in einer Kirgisen-Jurte im Hofe; zwei Rume fr
Gste sind notdrftig aufgebaut. Nach Norden zu hat sich in einer
Riesenfelswand ein Loch gebildet. Bei meinen Pferdebesitzern hatte ich
wieder mit der hlichen Angewohnheit zu kmpfen, da sie die
unglcklichen Tiere bis zum Abend hochgebunden stehen lassen und erst
bei Dunkelwerden fttern. Es gab hier viel Ungeziefer, das mich nicht
schlafen lie. Meine Leute litten schon hier, in einer noch
verhltnismig geringen Hhe an einer Bergkrankheit, die sich in
Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und einer merkwrdigen Schlaffheit des
ganzen Krpers uerte. Gegen 7 Uhr morgens marschierten wir ab. Das
Auflegen der Bagage ging sehr schnell, da ich alle Lasten selbst
sorgfltig gleichmig abgewogen hatte. Es ging allmhlich in einem
breiten Tale mit Bach auf der Sohle in die Hhe. Wenn die Sonne aus den
treibenden Wolken einmal herauskam, war es glhend hei, sonst
empfindlich kalt. Mehrfach trafen wir Karawanen, die die weie russische
Baumwolle, die allmhlich, aber sicher die indische verdrngt, nach
Turkestan bringen. Einmal passierten wir zwei verfallende
Soldatenlager, die wohl als Talsperren dienen sollen. Gegen 2 Uhr, es
drohte Regen, waren wir in Kandjoram, wo wir wie gewhnlich beim Umpasch
-- wir waren noch auf chinesischem Gebiet -- unterkamen. Ich erhielt die
schne, groe Hauptjurte angewiesen, die genau wie die mongolischen
gebaut war. Der glckliche Besitzer hatte zwei Frauen, die beide sehr
artig waren, wie mir mein Diener versicherte. Im brigen hatte der
Umpasch groe Schaf- und Ziegenherden und auch eine ganze Anzahl Kamele,
Pferde und Rinder, mit anderen Worten, er war ein reicher Mann. Den
ganzen Abend fhrten die jungen, noch saugenden Tiere ein
ununterbrochenes Konzert auf. Die kleinen Lmmer und Ziegen sind vor den
Zelten an einem langen Strick, der viele kleine feste Schlingen hat,
angebunden. Wenn die Herden dann heimkommen, wird erst allen
Muttertieren etwas Milch abgemolken, und alsdann wird das Kleine zur
Mutter gelassen, auf die es sich natrlich wie ein Wolf strzt. Die
Jungen und Mdchen fangen die Tiere zum Melken ein, whrend die Frauen
sie melken. Mir zu Ehren wurde eine junge Ziege geschlachtet; die
Bouillon davon war sehr gut, das Fleisch bekam ich erst am nchsten
Morgen kalt vorgesetzt; es war nicht schlecht, aber sehr ausgekocht.
Abends setzte stoweise Wirbelwind ein, der nur einige Minuten dauerte,
aber vollkommen gengte, um meine zum Lften aufgehngten Decken zu
beschmutzen. Die Nacht ber wurde es empfindlich kalt.

[Illustration: Zum Markte]

[Illustration: Kirgisen]

Am 19. Juni passierten wir, weiter reitend, ein Heiligengrab, dann ging
es steil aufwrts, manchmal durch richtige Klammen. Das Gestein ist
weich und rtlich mit vielen runden Windlchern. An einer Wand fanden
sich viele Inschriften in russischen Buchstaben; meine Trken fhlten
sich natrlich verpflichtet, auch ihre Namen dort zu verewigen. Weiter
ging es ber den im tief eingeschnittenen Tale flieenden Kysil Su, der
wenig, aber kristallklares Wasser fhrte. Der Weg ging bergauf und
bergab, manchmal traten Quellen mit stets vorzglichem Wasser zutage.
Wir trafen, wie gestern, viele Eselkarawanen mit Baumwolle fr Fergana,
ich zhlte hintereinander 200 Esel, dann hrte ich auf zu zhlen, es
waren noch viele, und zwar alles Hengste. Diese Riesenkarawanen sind nur
von ganz wenigen Leuten begleitet. Ein Esel trottet immer hinter dem
andern her; merkwrdigerweise kommen kaum Marschstrungen vor. Gegen 4
Uhr erweiterte sich das Tal, an einem Bach standen einzelne Pappeln, und
bald kamen einige Jurten in Sicht. Der Ort hie Uchsalar. Bei
freundlichen Kirgisen kamen wir, wie gestern, gut unter. Die Eseltreiber
biwakieren stets mit ihren Karawanen; sie bauen dann aus Baumwollballen
eine Art Ring, in dem es sich ganz schn wohnt. Mein Karawan-Baschi,
d. h. Fhrer, gab den Pferden einfach gar nichts zu fressen, sie bekamen
nur Gras, das sie sich selbst suchen muten, und ein Tier war daher
schon am Zusammenbrechen. Erst auf meine ernstlichen Vorstellungen hin
entschlo er sich, wenigstens etwas Mais zu kaufen.

Auch am 20. Juni ging es weiter ber Berg und Tal, vorbei an einer
ganzen Karawane von aus Mekka zurckkehrenden Pilgern, ber einen sehr
steilen Pa, den eine von Jakub Bek geschickt angelegte Talsperre krnt.
Dicht an der kleinen Festung liegen drei Heiligengrber mit den blichen
Stangen und Fhnchen. Um 1 Uhr machte ich Frhstckspause. Von Westen
her zog es schwarz herauf; die Temperatur war in den letzten Tagen schon
sehr gefallen und ich fror wie ein Schneider; bald wurde es noch klter
und fing an zu scheinen, zu hageln und zu regnen, alles durcheinander,
noch dazu aus unserer Marschrichtung her. Die Pferde wollten nicht mehr
vorwrts und drehten sich immer mit der Kruppe nach dem Winde. Ich war
vollkommen durchnt; meine "wasserdichte" Lagerdecke gewhrte gar
keinen Schutz mehr. Wir zogen weiter am Rande des Urchat darya. Der Weg
ist durch Faschinen befestigt und recht pittoresk, nur bei diesem Wetter
alles andere als angenehm. Rechts hatten wir himmelhohe Wnde, links den
reienden Strom. Manchmal ging es dicht am Wasser entlang, manchmal hoch
ber ihm.

Gegen 3 Uhr nachmittags kamen wir durchgefroren und hungrig nach Kgn,
an einer breiten Stelle des Tales. Kirgisen nahmen uns auf, und wir
konnten unsere nassen Sachen trocknen. Natrlich waren die trockenen
Untersachen im letzten Ballen, den ich aufmachte. Meine ganz anstndige
Bezahlung fr das Quartier wurde mrrisch und ohne Dank am nchsten
Morgen angenommen; jedenfalls war es zu wenig.

Bei bedecktem Himmel und schneidendem Sdwest marschierten wir am 21.
Juni weiter stromauf, den Urchat darya entlang. Schon kurz hinter den
Jurten hatte der Weg an einer hohen Felswand ein Ende; wir muten den
Flu kreuzen; sehr einladend sahen seine gelben Fluten, die reiend nach
Osten schossen, nicht aus. Ich schickte zuerst den Mann vom Taotai-Yamen
Kaschgar hinein, um nach einer Furt zu suchen. Er versuchte an
verschiedenen Stellen durchzureiten, behauptete aber schlielich, der
bergang sei unmglich. Da ich aber sah, da er nur Angst hatte, ritt
ich selbst hinein und kam auch glcklich durch, allerdings bis ber die
Knie, die ich verzweifelt hochgezogen hatte, na. Nun muten die
Bagagetiere durch. Sie gingen ganz willig, der untere Teil der Packen
war zwar durchnt, aber das lie sich nicht ndern. ber steinige
Halden am rechten Ufer marschierten wir schnell vorwrts.

Rechts lag einmal ein chinesisches Soldatenlager, es war einer der
Grenzposten. Ich wollte nicht verfehlen, noch schnell einen Blick
hineinzuwerfen; tiefer Friede herrschte darin, nichts regte sich.
Endlich, nach langem Suchen, zeigte sich ein verschlafener Kavallerist,
der nach meinen Wnschen fragte. Ich forschte nach seinem Herrn, der
aber noch schlief. Der Kavallerist, der einzige, den ich zu Gesicht
bekam, war recht feist und sah nicht aus, als ob er sich im Dienst
beranstrengte. Er wollte familir werden, woraufhin ich es vorzog, mich
zu entfernen. Das Lager war sonst hbsch und sauber angelegt und auch
gut in Ordnung gehalten.

[Illustration: Chinesische Grenze -- Thingpan, Alai-Gebirge
(Soldatenlager)]

Weiterhin kamen wir an einem einzelnen Rasthause Jakub Beks vorbei, das
langsam, aber sicher zerfllt. Der Flu teilt sich hier in viele Arme
und fllt das ganze Tal aus. Die von den verschiedenen Fluarmen
gebildeten Inseln sind mit lichtem Pappelbestand bewaldet und haben
teilweise gute Wiesen, auf denen die Kirgisen ihre Kamele und andere
Tiere weiden; auch an den Ufern stehen berall Pappeln. Unterhalb des
Rasthauses von Jakub Bek passierten wir den Flu. Ein Packpferd legte
sich ins Wasser, stand aber schnell wieder auf, so da die Sachen, die
es trug, kaum na wurden. Wir wanderten in das Tal nach Norden zu, das,
wie man gleich an den viel gerader und hher gewachsenen Bumen sehen
konnte, gegen den Wind geschtzt lag. Nach zwei Stunden Marsch, gegen
Mittag, verbreiterte sich das Tal zu einem weiten, wiesenartigen Plan,
auf dem uns der Wind wieder voll fate. Am Nordrande trafen wir ein
hbsch gelegenes Soldatenlager, umgeben von einer Menge Gebuden. Das
Lager war nicht besetzt, nur zwei Chinesen langweilten sich darin,
natrlich vom frhen Morgen bis zum spten Abend Opium rauchend. Der Ort
heit Jirn.

Wir machten eine kurze Pause in einer Kirgisenhtte, wo man uns
freundlich bewirtete. Ich hatte kein kleines Geld mehr, an wechseln war
nicht zu denken, und da ich nicht ohne Bezahlung abreiten wollte,
schenkte ich der Frau des Hauses einen Fcher von Adlerfedern aus
Kutscha, der groen Beifall fand. Im Tale sah man einige schwache
Versuche von Haferanbau. Der Hafer war jetzt, im Juni, noch ganz grn
und kaum handhoch. Bergauf, bergab reitend trafen wir wieder Karawanen
von aus Mekka zurckkehrenden Pilgern, und endlich hatten wir die hohen,
schneebedeckten Trans-Alai-Berge in Sicht. Die uns umgebenden Kuppen
waren auch schon leicht mit Schnee bedeckt. Nach kurzer Zeit muten wir
in steilem Abstieg in das Alai-Tal hinab, das hier in seinem Ostende
vielleicht 1 Kilometer breit und ganz steinig ist. Wir kreuzten das
Tal und den es durchflieenden Kysil Su, der auch sehr steinig, aber
ganz klar ist. Dann stiegen wir den jenseitigen Hang hinauf, wo bald der
chinesische Grenzpfahl in Sicht kam. Es ist ein einfacher Pfosten in
einem Steinhaufen, whrend auf russischer Seite ein senkrechter Stein
steht. Kurz hinter den Pfhlen bekommt man Einsicht in ein Quertal, und
vor uns liegt freundlich mit seinen weien Mauern die russische Grenz-
und Zollstation Irkechtam. Wir ritten hinunter und stiegen vor dem im
Grunde liegenden, zur Zollstation gehrenden Gebude ab. Oben auf der
Hhe liegt der Kosakenposten und, alles berhhend, fllt sofort ein
Reduit mit seinen Schiescharten auf.

[Illustration: Grenzfestung im Alai-Gebirge (Chinesisch)]

Ich war trotz meiner Pelzsachen total durchgefroren, und es schien mir
recht lange zu dauern, bis mein in die Station vorausgeschickter Diener
zurckkam; endlich erschien er in Begleitung eines untergeordneten
Angestellten, dem ich den Brief aus Kaschgar fr den Kommissar, ferner
meinen Pa und mein Tientsiner Begleitschreiben vom russischen Konsulat
zur Aushndigung an Herrn Jusefowitsch bergab. Er ging zurck, kam aber
bald wieder mit dem kurzen Befehl: "Alles ffnen." Da man mir in
Kaschgar versichert hatte, da dies nicht ntig sein wrde, verlangte
ich den Kommissar selbst zu sprechen. Aber als er kam, sah ich an seiner
Nase bald, was die Glocke geschlagen hatte; nebenbei roch er stark nach
Fusel. Er gab mir freundlich die Hand und versetzte in demselben
Augenblick meinem Diener, der ihn nicht verstand, eine Ohrfeige. Das war
mir zu bunt, und ich fuhr ihn grndlich an. Darauf wurde er sehr hflich
und ging zurck, kam aber bald wieder in Begleitung eines in ebenso
vorgeschrittener Stimmung befindlichen Kosakenoffiziers und eines
Zivilisten. Ich hatte mittlerweile alles ffnen lassen, und die
Angestellten des Zollamts kramten jede Kleinigkeit durch, fanden aber
tatschlich nichts zu verzollen. Der Zivilist sprach mich franzsisch
an, stellte mir den Kosakenoffizier, einen alten verwitterten Haudegen,
vor und bat mich im Namen des Herrn Jusefowitsch, doch mit in seine
Wohnung zu kommen. Ich lehnte ab, ersuchte ihn, Herrn Jusefowitsch
mitzuteilen, da ich mich sofort beim Gouverneur in Taschkent beschweren
wrde, falls er noch einmal ohne Grund meine Leute schlge, und bat
gleichzeitig um Aufklrung, warum man mein Gepck trotz des Schreibens
des Kaschgarer Zollamtes durchsuchte. Man brachte mir sofort ein Plakat
in allen Sprachen und meinte, meine Sachen htten keine Plomben; das
lie sich allerdings nicht leugnen, und da die Leute sonst wirklich
freundlich waren, ging ich mit ins Haus, wo ich natrlich auf dem Tisch
die Wodka-Flaschen vorfand. Alles Struben half nichts, ich mute daran
glauben. Ich wute ganz genau, welchen entsetzlichen Jammer ich am
nchsten Morgen haben wrde, zumal ich seit einem halben Jahre berhaupt
keinen Alkohol getrunken hatte. Aber da zuerst die Gesundheit des
Deutschen Kaisers ausgebracht wurde, mute ich austrinken. Ich erwiderte
sofort mit einem Toast auf den russischen Zaren. Die Russen hatten
zuerst meine auf den Zaren in franzsischer Sprache gesprochene Rede
nicht verstanden und machten faule Witze. Als der Zivilist ihnen dann
meine Worte bersetzte, sprangen sie bestrzt auf und brachen in ein
endloses Hurra aus. Ich bekam darauf von jedem nach russischer Sitte
einen Ku. Weiter kam die Gesundheit der Eltern, die eigene, gute Reise
usw. usw., und immer mute ausgetrunken werden. Der gute Kosakenoffizier
leerte, um seinen guten Willen zu zeigen, stets ein halbes Wasserglas,
whrend ich noch bei den kleinen Schnapsglsern zu mogeln suchte.
Schlielich bekam er das heulende Elend und prgelte sich mit dem
Zollkommissar, welche Gelegenheit ich benutzte, um zu entschlpfen und
mir den wirklich wunderbaren Sonnenuntergang anzusehen. Bald waren sie
alle auf der Suche nach mir, ich mute zurck; fr Wodka dankte ich,
bekam aber eine vorzgliche Bouillon und Hammelgehirn und ging, sobald
die beiden sich von neuem prgelten, schlafen.

[Illustration: ber den Kysil Su im Alai-Tal]

Am 22. Juni erwachte ich natrlich mit einem entsetzlichen Brummschdel.
Mein Diener hatte schon alles aufgepackt; ich bekam bei Herrn
Jusefowitsch, dem der Wodka vorzglich bekommen zu sein schien, Tee mit
Fergana-Rotwein darin vorgesetzt. Dann verabschiedete ich mich von dem
gutherzigen Menschen und ritt mit dem Zivilisten, einem Moskauer
Kaufmann, ab, am sdlichen Rande des Alai-Tales, also am Nordhange des
Trans-Alai-Gebirges entlang. Nach einer Stunde Marsch kreuzten wir das
hier schon ziemlich breite und teilweise Wiesengrund zeigende Tal und
kletterten nun in die nrdlich gelegenen, mit Schnee bedeckten Berge,
die recht steile Hnge hatten. Dazu setzte der Wind von Westen, also
gerade von vorn, ein; es war mehr als ungemtlich. Nach weiteren zwei
Stunden Marsch kamen wir an die Schneegrenze, dafr taute aber die Sonne
die obere Schneeschicht auf, so da das Reiten mehr einem Schlittern
glich. Dort, wo der Schnee nicht hoch lag, marschierte man im knietiefen
Schlamm, dort, wo er zusammengeweht war, fiel man alle Augenblicke in
ein Loch. Dabei mute man sich noch fortgesetzt vorsehen, da man nicht
in eine der durch Schmelzwasser entstandenen Bodensenkungen rutschte. Um
uns herum pfiffen die Murmeltiere; einmal sahen wir weit entfernt zwei
Tiere grasen, die wir fr Steinbcke hielten. Beim Heranpirschen stellte
sich aber mit Hilfe des Zei heraus, da es zwei entlaufene Pferde
waren, die sehr scheu waren und sofort wegliefen. Ich merkte bei dieser
Gelegenheit die Wirkung der Hhe, etwa 3600 Meter; ich bekam Herzklopfen
und Atemnot und mir zitterten die Hnde so, da ich den Karabiner kaum
halten konnte. Mein Diener und mehrere andere bekamen Nasenbluten.
Fugnger, die sich uns angeschlossen hatten, spannten aus und konnten
nicht mehr weiter.

Um 12 Uhr erreichten wir eine Pahhe, wo eine Kaufmanns-Karawane im
Schnee biwakierte. Wir nahmen dankbar eine Tasse Tee, Brot und Fleisch
an, whrend die Bagage weiter vorausmarschierte. Beim Weitermarsch
versuchte ich, auf Murmeltiere zu schieen; die drei ersten scho ich
nur krank, so da sie im Bau verschwanden, trotzdem jedesmal sehr
reichlich Schwei im Schnee war. Ich merkte dabei, wie unsicher ich
scho, wenn ich auch nur zehn Schritte gegangen war; daher scho ich die
nchsten Tiere stets direkt am Pferde stehend. Auerdem beobachtete ich,
da krank geschossene Tiere, die nicht einen Kopfschu hatten, jedes Mal
unrettbar im Bau verschwanden. Ich scho nun einige Male vorbei, denn
das Ziel ist recht klein, und man mu schnell schieen, wenn sie den
Kopf aus dem Bau herausstecken, aber ich erlegte doch schlielich drei
Tiere, die alle gut im Fell waren, sie hatten auffallend lange
Schneidezhne und gut entwickelte Grabepfoten. Die Tiere sind sehr
possierlich; weiterhin trafen wir eine solche Unzahl und sie waren so
vertraut, da sie mir leid taten und ich keine mehr scho. Das
eigentmliche Pfeifen tnte dauernd von allen Seiten.

[Illustration: Alai-Gebirge -- Rast im Schnee]

Mittlerweile hatten wir die Karawane lngst aus den Augen verloren und
eilten ihr in dem knietiefen Sumpf so schnell als mglich nach. Es war
drckend hei geworden, und ich packte nach chinesischer Sitte
schlielich alles, was ich an Pelz usw. an mir trug, bis auf die
Lederweste, auf den Sattel. Als wir den letzten Berg hinter uns hatten
und in das wellige Alai-Hochtal eintraten, war kein weies Fleckchen
mehr zu sehen, alles prangte im schnsten Grn, im Sden begrenzt durch
die weien Trans-Alai-Berge; ein herrlicher Anblick. Weniger schn war
es, da wir nichts von unserer Karawane entdecken konnten. An den
Spuren stellten wir fest, da zwischen den Pferdespuren diejenigen von
einem Esel und einem barfigen Menschen waren, also waren wir
vielleicht auf falschem Wege; es wurde 5 Uhr, die Pferde kamen vor
Mdigkeit kaum noch vorwrts. Ich ritt auf einen inmitten des Tales sich
erhebenden, einen guten berblick bietenden Felsen zu und erkletterte
die Spitze, um mit dem Zei zu erkunden, wo die Karawane steckte. Das
famose Glas zeigte mir bald drei ziemlich gleich aussehende Trupps;
einer nach Osten marschierend kam nicht in Betracht, ein zweiter nach
Westen ziehender mitten im Tale hatte, wie ich ganz deutlich sah, keine
Schimmel, also konnte es sich nur noch um den im letzten Moment
entdeckten, gerade in den nordwestlichen Bergen verschwindenden, sehr
weit entfernten handeln. Es war hchste Zeit, denn die Sonne tauchte
gerade hinter die Berge.

[Illustration: Lager im Alai -- Reisende Baumwollhndler]

Ich nahm mir als Artillerist einen genauen Marschrichtungspunkt mit
Zwischenpunkten und dann ging es los, so schnell, als die sehr mden
Tiere vorwrts konnten. Sobald wir in die noch etwa 7 Kilometer
entfernte Gegend kamen, wo ich die Karawane gesehen hatte, suchten wir
wie die Indianer eine ganze Zeit lang an feuchten Stellen nach den
Eindrcken der Hufe. Aber, o weh, es waren wieder die Eselhufe und der
barfige Menschenfu dazwischen! Doch, was war zu machen, wir wollten
doch wenigstens abends bei Menschen landen, um Feuer, Holz und
Kochgelegenheit zu haben. Ich verga zu erwhnen, da im ganzen Alai-Tal
keine Kirgisenhtten zu sehen waren; die Kirgisen kommen erst ungefhr
vierzehn Tage spter hierher. Die Pferde fhrend und scharf auf die
Spuren achtend, berschritten wir einige kleinere Psse und kamen
schlielich an einen Punkt, wo die Spuren sich teilten. Beide Spuren
zeigten Eselhufe; der barfige Mensch schien mittlerweile an den Fen
gefroren zu haben, seine Fuspuren waren nicht mehr zu entdecken. Wir
whlten die nach rechts laufende Spur und bald machte mich mein Diener
auf eine Rauchsule aufmerksam, die hinter einem Hgel hervorkam; also
endlich waren wir am Lager, und nach Passieren einer Ecke hatten wir ein
Biwak von aus Kaschgar nach Andischan ziehenden Baumwoll-Kaufleuten vor
uns; unsere Karawane war nicht dabei.

[Illustration: Lager im Alai -- Reisende Baumwollhndler]

Wir wurden freundlich willkommen geheien und suchten nun so gut wie
mglich unterzukommen. Den Pferden wurden die Vorderbeine gekoppelt,
dann wurden sie zum Grasen geschickt. Durch einen glcklichen Zufall
hatte mein Diener gerade an diesem Tage die groen Packtaschen auf sein
Pferd genommen und wir fanden darin eine Kleinigkeit zu essen, so da
wir wenigstens nicht zu hungern brauchten. Fr Geld und gute Worte
bekamen wir ferner einige uralte Brtchen, heies Wasser und einen
Jungen zum Helfen. Ich borgte mir zwei der groen flachen Baumwollballen
und schlug auf diesen mein Lager auf. Um 10 Uhr wurde gefuttert, dann
legte ich mich schlafen. Was an Sachen da war, hatte ich angezogen; zwei
Hemden, zwei Paar Strmpfe, Lederweste, Rock und Regenmantel, so da ich
ber Nacht nicht sehr fror, trotzdem es empfindlich kalt war.
Dummerweise versumte ich aber, mir den Baschlik ber den Kopf zu ziehen
und erfror mir die Backen, die Nase, Kinn und Lippen; sie brannten mir
bald wie Feuer und wurden purpurrot. Ich hatte zum Schutz gegen die
teilweise recht verdchtig aussehende Gesellschaft meinen geladenen
Karabiner im Arm; er wurde aber nicht notwendig. Von drei Uhr morgens ab
wurden die Hengste wieder lebendig und fingen an, sich mit dem blichen
Geschrei zu balgen, dazu schneite es leicht, so da an schlafen nicht
mehr zu denken war. Alles war dick bereift und das Wasser des kleinen
Bachs im Grunde vollkommen gefroren. Eigentlich ist es merkwrdig, da
ich die Klte so wenig sprte; es war aber vollkommen windstill, und bis
auf die erfrorenen Stellen im Gesicht fhlte ich mich ganz wohl. Zum
Frhstck gab es heies Wasser mit hineingebrocktem Weibrot. Den
Pferden ging es weniger gut, sie waren sehr abgefallen; das eine, ein
noch sehr junges Tier, wollte den Mais, den ich fr schweres Geld
erstanden hatte, nicht einmal fressen. Die Leute satteln berhaupt nicht
ab, einesteils der Klte wegen -- die Packsttel sind riesig gro und
gewhren etwas Schutz -- andernteils der Druckstellen wegen. Auch mein
Diener wollte um keinen Preis absatteln, wurde aber von mir dazu
gentigt.

[Illustration: Im Alai -- Reisende Hndler mit Baumwolle]

Nachdem ich die Gesellschaft photographiert hatte, zogen wir ab, und
zwar auf der zweiten gestrigen Fhrte, die bald in einen weiten
Wiesenplan fhrte. Dort trafen wir eine seit gestern Mittag lagernde
Gesellschaft, die nichts von unsern Leuten gesehen haben wollte. Sie
konnten uns auch nicht ber den ferneren Weg nach dem Talldikpa
orientieren, nur die ungefhre Richtung wuten sie anzugeben; diese
schlugen wir dann auch ein. An einem Kreuzungspunkt von mehreren Tlern
veruneinigte ich mich mit meinem Diener, der im hchsten Grade
schlechter Laune war. Als ich ihm jedoch den Vorschlag machte, ihn auf
der Stelle abzulohnen und uns zu trennen, hielt er es doch fr geraten,
mit mir weiter zu gehen und verhielt sich von da ab still. Wir nahmen
von den uns zur Verfgung stehenden Tlern den Weg zur Linken, den ich
fr den richtigen hielt; wie sich spter herausstellte, htten wir sogar
noch mehr links ausbiegen mssen. Es ging in die Berge, der Weg wurde
immer kleiner, schlielich ging er meist in einem Bach und nur zuweilen
waren noch einige Spuren am Ufer sichtbar.

Mit einem Male standen wir an der Schneegrenze vor einer unbersehbaren
Schneewand, die unten Eis zeigte, also einem Gletscher. Wir konnten
nicht weiter, und ich kam zu der berzeugung, da wir die ganze Zeit,
anderthalb Stunden lang, auf einem stark ausgetretenen Hirschwechsel
geritten waren. Von allen Seiten hhnten uns die pfeifenden Murmeltiere;
auch weie Finken, Wildtauben und Dohlen gab es in dieser betrchtlichen
Hhe von etwa 4000 m noch. Ein Entenprchen strich im Tal entlang, und
hoch oben zogen Bussarde ihre Kreise. Mit schwerem Herzen entschlo ich
mich, umzukehren und denselben Weg zurckzureiten. Es war drckend hei
geworden. Schlielich entdeckte ich mit Hilfe des Zei weit unten im
Alaitale Menschen; also dorthin, denn das unntze Herumirren fhrte zu
nichts. Als wir die Leute anhielten und ausfragten, zeigte es sich, da
sie zu denen gehrten, die wir frh morgens lagernd getroffen hatten;
sie gingen ebenso wie wir nach Andischan und hatten uns offenbar am
Morgen falsch gewiesen. Sie entschuldigten sich damit, da sie es selbst
nicht besser gewut und erst von andern Leuten Auskunft ber den
einzuschlagenden Weg erhalten htten. Wir schlossen uns ihnen an, lieen
ber Mittag die Pferde eine Stunde grasen und frhstckten sprlich
etwas uraltes Brot, an dem man sich die Zhne ausbeien konnte.

Gegen 1 Uhr gelangten wir an den Anfang eines Fahrweges mit russischen
Bezeichnungen an den Pfhlen; es war der groe Weg nach Osch ber den
Talldik, nach Sven Hedin 3537 m. Er war recht belebt, man sah Kaufleute,
ab und zu Kosaken und auch eine Menge zu Fu gehende Leute, die teils
nach Kaschgar, teils nach der andern Seite, gen Andischan wanderten. Die
Strae steigt in Serpentinen an den Talhngen hoch zur Pahhe; von der
Schneegrenze ab war sie teilweise durch groe Schneemassen gesperrt, so
da man sich selber einen Weg am jenseitigen Hange suchen mute. Das
Schmelzwasser schadet der Strae sehr, die ein hbsches Stck Arbeit
gekostet haben mu und ein Wahrzeichen des russischen Vordringens in
Zentral-Asien ist; ganze Strecken sind unterwaschen oder weggerissen.

Nach anderthalbstndigem Steigen hatten wir die Hhe des Talldik
erreicht. Hier ist eine Plattform geschaffen, in deren Mitte an einer
Stange zwei eiserne Inschrifttafeln angebracht sind. Man hat eine
herrliche Aussicht von dort oben nach beiden Seiten. Der Abstieg ist
ebenso wie der Aufstieg. Die Karawanen benutzen kaum den neuen Weg,
sondern krabbeln lieber auf den alten, schmalen Saumpfaden entlang.
brigens entdeckte ich im Schnee Rderspuren, also mu ein Wagen ber
den Pa gefahren sein, was immerhin eine Leistung ist. Je tiefer wir auf
den Serpentinen kamen, desto romantischer wurde die Umgebung. Man sah an
den Abhngen Knieholz, und auf den Uferwiesen des Baches wuchs
herrliches Gras. Die Karawanenfhrer hatten Mhe, ihre Tiere davon
abzuhalten. Zwei- oder dreimal hrten wir von Heraufmarschierenden, da
sie frh morgens meine drei Bagagetiere im Marsch gesehen htten. Unsere
beiden Pferde waren sehr mde und auch Nasr klagte ber alle mglichen
Schmerzen, die er sich wohl beim Biwak zugezogen hatte, so da ich
beschlo, bei der ersten, nicht mehr weit entfernten Kirgisen-Jurte zu
bernachten.

[Illustration: Im Alai-Gebirge vor dem Talldik]

Gegen fnf Uhr erreichten wir eine Mulde mit herrlichem Grase, auf der
gerade aus Osch kommende Kirgisen ihre Jurten aufschlugen. Sie befanden
sich zu dieser Zeit auf dem allmhlichen Vormarsch zu den schnen Weiden
des Alai. Im September wandern sie dann ebenso in Etappen nach Osch
zurck. Wir kamen schnell und gut unter. Gegen Abend gab es Asch[5],
dazu frische Yakmilch. Nasr war gnzlich unbrauchbar, er schien etwas
Fieber zu haben und glaubte sich aus diesem Grunde noch berechtigt,
unverschmt zu werden.

[5] Asch = in Hammelfett gekochter Reis.

Am 24. Juni brachen wir sehr frh auf. Das Tal erweiterte sich zu einem
weiten Wiesenplan, auf dem berall Kirgisen-Jurten standen und Yak-,
Hammel- und Ziegenherden weideten. Wir begegneten etwa 50 Kosaken, die
zur Ablsung der Kaschgarer Konsulatswache dorthin zogen. Nasrs Zustand
verschlimmerte sich heute; er verlor ganz und gar den Kopf und wollte
durchaus nach Kaschgar zurckwandern. Als ich ihm das Unsinnige dieser
Absicht vorhielt, heulte er wie ein kleines Kind, bestand auf seinem
Vorhaben und wollte nicht einmal Geld von mir nehmen. Schlielich
berredete ich ihn doch, mit nach Andischan zu gehen, da ich ihn in
diesem Zustande nicht allein zurckkehren lassen konnte. Wir passierten
zweimal Felsdurchbrche des Syr darya. Das Tal verbreiterte sich
allmhlich, der Flulauf selbst ist tief eingeschnitten.

Auf einem Wiesenplan stieen wir endlich auf unsern Karawan-Baschi mit
seinen Tieren, der ganz vergnglich bei meinem Gepck lagerte,
unschuldig wie ein Kind tat und gar nicht auf den Gedanken gekommen war,
auch nur eine Minute auf uns zu warten. Sonst war alles in schnster
Ordnung. Leider fing es an zu regnen, ich wollte aber noch nach Guldscha
weiter und lie deshalb aufpacken, obgleich mir kein Mensch angeben
konnte, wie weit es eigentlich bis dort noch war. Schlielich, als es
vom Himmel wie mit Kannen go, krochen wir doch gegen drei Uhr bei
Kirgisen unter, die behaupteten, es sei nur noch vier Kilometer bis
Guldscha. Indessen konnte es mir gleichgltig sein, denn mit meiner
Bagage hatte ich hier alles, was ich brauchte. Bei den Kirgisen kaufte
ich fr billiges Geld kleine Webereien aus Kamelwolle, die man nur
vereinzelt in den Jurten fand; sie sind stets von der Hausfrau selbst
geknpft. Leider sind von den vier von mir erstandenen Stcken nicht
zwei im Muster gleich. Den ganzen Nachmittag regnete es lustig weiter.
Nasr litt an Fieber und Durchfall; ich gab ihm Kalomel und spter
Chinin, was die erwnschte Wirkung hatte.

In einer solchen Kirgisen-Jurte ist es ganz gemtlich. Drauen grunzen
die Yaks, blken und meckern Schafe und Ziegen. Zuweilen bekommt man
einen Spritzer durch ein Loch in der Filzbekleidung, aber das in der
Mitte lodernde Feuer hlt alles warm und trocknet schnell ab. Natrlich
schlft man nachts mit der ganzen Familie in einer Jurte. Stets sind
mehrere Weiber und eine Menge Kinder mit im Zelt, was aber keinen strt;
es sind eben noch Naturmenschen.

Gegen 6 Uhr morgens marschierten wir weiter. Nach vier Kilometern hatten
wir das vermeintliche Guldscha erreicht. Es war nur ein Kosakenposten,
der in der Einmndung des Weges vom Terek davon aufgestellt und in
einigen Baracken untergebracht ist. Den ganzen Tag begegneten uns
Kirgisenfamilien, die mit ihrer ganzen Habe nach dem Alai zogen. Es war
das bunteste und farbenprchtigste Bild, das ich je gesehen habe, leider
etwas durch den ununterbrochen fallenden Regen beeintrchtigt. Den Zug
jeder Familie erffnete eine auf einem Pony reitende Frau, die ein Kamel
fhrte. So folgte eine Reiterin der anderen, jede ein Kamel an der Hand.
Schon Jungen und Mdchen von vier Jahren sind beritten; dazu kommt noch
die bunte Ausstattung. Die Reittiere der Frauen sind vollkommen in
rotes Zeug eingekleidet, ungefhr so, wie wir unsere Rennpferde
eingepackt zur Morgenarbeit schicken. Die Satteldecken sind reich
bestickt, ber diese liegen noch Teppiche. Trensen, Vorder- und
Hinterzeug haben Silberbeschlag; die Bgel sind schwer versilbert. Die
Frauen und besonders die erwachsenen Mdchen sind in vollem, hchst
buntem Staat, die Mdchen mit merkwrdigen Kappen, die mit Silber- und
Korallenketten verziert sind, welche ber das Gesicht fallen, die Frauen
in der typischen weien Haube mit zwei durch Silberbeschlag verzierten
Korallenketten, die zu beiden Seiten des Kopfes herabhngen. Die
Suglinge -- eine Frau ohne solchen sah ich kaum -- werden in einer
kleinen Wiege mit berzug vorn auf den Sattelknpfen transportiert. Die
Fllen werden an den Schweif der zugehrigen Mutter gebunden, die jungen
Kamele laufen an reich gestickten Halftern an der Seite ihrer Mtter.
Manche waren mit Hals- und Rckenschutzdecken versehen. Die Kamele
tragen den Hausrat, ber dem stets einer der von uns so sehr geschtzten
herrlichen Teppiche befestigt ist, an beiden Seiten bis zur Erde
reichend. Hinterher kommen dann, von den berittenen Mnnern und greren
Jungen getrieben, die Pferde, das Rindvieh und die Schafherden, unter
letzteren meist einige Ziegen. Die besonders schwachen Fllen, Klber
oder kleinen Hammel werden vorn ber den Sattel gelegt. Die Mnner
fhren stets einen langen Stock zum Treiben. Manche hatten an diesem
Stock eine lange Schlinge zum Einfangen der Tiere. Natrlich gehren zu
jeder Herde mehrere Hunde.

[Illustration: Kirgisen auf dem Marsch zum Alai]

So zogen sie vorbei, Karawane auf Karawane in unbersehbaren Reihen,
Tausende und aber Tausende von Haustieren nach dem Nahrung spendenden
Alai treibend. Den ganzen Tag ber ging das fort, und wenn es auch stets
dasselbe Bild blieb, so war es doch immer wieder infolge seiner
Farbenpracht interessant; Zirkus Busch knnte unbedingt eine Zugnummer
daraus machen. Leider regnete es -- wie gesagt -- wie mit Bindfden, und
der bergauf und bergab gehende, mehrfach den Syr darya auf Holzbrcken
kreuzende Weg glich einem tiefen Sumpf.

[Illustration: Kirgisen auf dem Marsch zum Alai-Hochtal]

Gegen 3 Uhr waren wir an dem Talkessel, in dessen Mitte Guldscha
liegt, angelangt. Man bemerkt hier schon die ersten Vorbereitungen zum
Telegraphenbau nach Irkechtam, auerdem sah ich Eisenbahnmaterial in
Menge anfahren. Sollte Ruland etwa seine strategischen Bahnen bis
hierher ins Gebirge verlngern wollen? Wir ritten zwischen den
einstckigen, hbsch angelegten Kasernen der Garnison durch nach dem
dicht dabei gelegenen Basar oder vielmehr nach dem Schmutzloch, das sich
Basar nennt. Nach einigem Suchen bekam ich glcklich einen dunkeln Raum
ohne Fenster, in einem Torweg gelegen. Zum Trost hielt wenigstens das
Dach dicht. Mein smtliches Gepck war vollstndig durchnt, und dabei
regnete es ununterbrochen weiter. Mein Zimmer war derartig feucht, da
die Tropfen an den Wnden herunterliefen.

Auch am 26. Juni regnete es noch; der feuchte Raum verstimmte mich
derart, da ich nichts mehr essen konnte und zur geringen Freude meiner
Leute befahl, da aufgebrochen werden sollte. Um 2 Uhr hrte es auf zu
regnen, und um Punkt 3 Uhr marschierten wir bei schnster Sonne,
allerdings im knietiefen Sumpfe, ab.

[Illustration: Kamel der Kirgisen]

Gleich hinter dem Orte ging es ber den Syr darya, der recht unangenehm
aussah. Am jenseitigen Ufer standen Reiter, die herber wollten. Ich
dachte: lassen wir die andern die Kastanien aus dem Feuer holen und
warten wir ab. Die drben dachten wahrscheinlich genau dasselbe, saen
ruhig ab und warteten auch. Schlielich strzte sich ein Kirgise mit
einem Handpferde mutig in die Fluten; er war fast drben, als er auf
eine tiefe Stelle geriet; sein Pferd schwamm, das Handpferd dagegen
machte sich los und lief weg, aber der Kirgise kam herber. Nun wuten
wir Bescheid und ritten ins Wasser, sorgfltig die schlechte Stelle
vermeidend. Nasr ging voran, wurde jedoch immer langsamer. Pltzlich
machte sein Pferd kehrt und ich sah schon ein allgemeines ple-mle mit
den Packpferden folgen; daher trieb ich meinen Schimmel mit der Peitsche
so schnell wie mglich nach vorn. Er ging auch willig, doch sa ich mit
der linken Seite bis ber die Hfte im Wasser, so mute er sich gegen
den Strom legen; aber ich kam durch. Die Bagage folgte nun schnell. Die
Partie am andern Ufer freute sich sichtlich, als ich nur mit einem
Stiefel weiter ritt, den andern mit Strumpf hatte ich zum Trocknen auf
die Bagage gebunden.

[Illustration: Landschaft bei Guldscha im Alai-Gebirge]

Es ging nun gleich auf steilen, schlpfrigen Wegen in die grnen Berge,
vorbei an einem groen Erdsturz, der vom Erdbeben Ende 1902 herrhrte.
Gegen Abend kamen wir an ein allein stehendes Huschen, anscheinend
einen Patrouillen-Unterschlupf. Ein hchst verdchtiges Individuum war
drinnen, und schlielich kam noch ein ebensolcher Kerl zum Vorschein.
Mein Diener bot, ganz gegen seine Gewohnheit, sofort an, nach Kirgisen
zu suchen; woran ich merkte, da er eine Mordsangst vor den beiden
hatte; ich lie ihn aber fortreiten, da hier doch unseres Bleibens nicht
war. Er fand auch einige gerade aus Osch gekommene Kirgisen, doch als
wir an das Lager kamen, stellte sich heraus, da wir im Freien schlafen
sollten. Ich befahl sofort: Kehrt und zurck, worauf hin allgemeiner
Protest folgte. So gingen wir in der Dunkelheit erneut auf
Kirgisensuche; denn es sollten noch mehr da sein. Schlielich trafen wir
auch noch welche; sie waren schon von weitem an den Lagerfeuern zu
erkennen. Die Frau protestierte gegen das Betreten des Zeltes, wir
kampierten daher in einem Leinenzelt, welches zum Schutz der noch nicht
verstauten Sachen aufgeschlagen war. Man gab uns zum Abendessen warme
saure Milch mit gekochtem Reis darin. Ich hatte tchtigen Hunger und
wrgte eine groe Portion herunter; dann packte ich mich nach
Mglichkeit warm ein und schlief recht gut, jedenfalls sehr viel besser,
als in der feuchten Hhle in Guldscha.

Am 27. Juni frh brachen wir nach Osch auf. Es gab einige kleine Psse
zu erklettern; nach dreistndigem Marsch hatten wir den groen Hauptweg
erreicht und zogen langsam in der glhenden Hitze auf Osch zu, wo wir
gegen vier Uhr eintrafen. Es war gerade Basartag und dementsprechend ein
unendliches Gewimmel in den Straen. Wir erhielten jedoch schnell in
einem groen, bervollen Gasthaus ein Zimmer mit Ausgang nach dem
Garten.

[Illustration: Auf dem Wege nach Osch -- Meine Bagage]

Nasr, der sich in Ruland viel sicherer fhlte, als im Lande der
Chinesen, weil er genau wute, da der Yamen mich hier nicht mehr
untersttzte, wurde immer frecher und fauler. Er kmmerte sich um nichts
mehr, kaufte sich fr mein Geld Essen, Tee, Brtchen und Frchte und
hatte die Unverschmtheit, mich zum Mitessen aufzufordern. Ich sagte
nichts, dachte mir aber mein Teil, da ich ihn mit der Ablehnung in
Andischan sicher in der Hand hatte.

Was fr Schmutzfinken die Trken sind, konnte man hier so recht sehen.
Der ganze Wasserbedarf des riesigen Gasthauses wurde aus einer durch den
Garten flieenden Wasserrinne, die nicht etwa gemauert war, gedeckt.
Diese Rinne durchflo zwei kleine Bassins, aus denen jeder sein Koch-,
Trink- usw. Wasser entnahm, ferner wurde Wsche darin gewaschen. Jeder
Neuangekommene splte sich darin die Fe ab, und drei Meter oberhalb
flo aller Unrat hinein. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie nach
dem Genu dieses Wassers krank werden! Die Nacht ber fra mich das
Ungeziefer fast vollkommen auf.

Es war frh um 6 Uhr schon glhende Hitze, als wir am 28. Juni zu unserm
letzten Marsche auf der langen Reise aufbrachen. Ich hatte eigentlich
beabsichtigt, schon um 4 Uhr abzumarschieren, meine Leute waren aber
nicht herauszubringen. Zur Strafe gab es nichts zu essen; ich selbst
begngte mich natrlich auch mit einer trockenen Semmel; mir schadet das
nichts, die Leute aber sind gar nicht zu gebrauchen, wenn sie sich nicht
den Bauch grndlich vollgeschlagen haben.

[Illustration: Auf dem Wege nach Osch -- Meine Bagage]

Der Wirt des Gasthauses hatte meinem Ponytreiber ein Tier gepfndet,
weil er seine Rechnung nicht bezahlen konnte. Dabei wute ich genau, da
der Kerl noch ein Goldstck bei sich hatte, denn ich hatte es im
vorletzten Quartier gesehen. Schlielich mute ich doch einen Rubel
herausrcken, um wenigstens das zum Weitermarsch notwendige Tier
herauszubekommen. Die Stimmung war allmhlich eine derartig gereizte
geworden, da ich alle Augenblicke einen ernsthaften Streit befrchtete;
aus diesem Grunde hngte ich mir die Mauserpistole wieder an den Sattel,
denn bei diesen verwegenen Menschen ist man seines Lebens nicht sicher.
Es war hchst komisch, den gegenseitigen stillen Kampf zu beobachten.
Nasr suchte mich auf jede Weise zu schikanieren; dabei war er doch unter
allen Umstnden der Reingefallene, denn sein Trinkgeld wurde nur immer
schmler.

Wir zogen eine lange, uerst steinige, mit Baumreihen eingefate
Landstrae entlang. Die Huser sind hier schon mit Nummern bezeichnet
und ab und zu sieht man russische Firmenschilder und Annoncen. Es war
drckend hei, und bei der entsetzlichen Mdigkeit der Tiere, die nichts
Ordentliches zu fressen bekommen hatten, wurde der Weg geradezu zur
Qual.

Im chinesischen Turkestan sind Pferde sehr viel billiger, als im
russischen Turkestan; daher pflegen die Leute, die mit Karawanen ber
das Gebirge gehen, in Ruland ihre smtlichen Tiere zu verkaufen. Da
sie in den letzten Tagen die Tiere nicht mehr ordentlich fttern, ist
bei der Herzlosigkeit der Trken gegen ihre Tiere begreiflich. Ich
glaube, da mein Karawan-Baschi die ganze Reise ber nicht drei Rubel
fr Futter ausgegeben hat. Er lie die Tiere stets nur grasen, und ich
mute hinterher das Trinkgeld an die Kirgisen bezahlen.

Auf dem weiteren Wege begegneten wir mehrfach russischen Damen in
Troikas; sie sahen sich erstaunt nach mir um. Gegen 11 Uhr, nach 22
Kilometer Marsch, rastete ich in einem Nest mit Basar, es war dringend
ntig fr die bermdeten Tiere; ich mute wieder fr mein Geld Futter
kaufen. Die Karren hierzulande sind merkwrdig: sie laufen auf zwei
Rdern mit einer Art fester, sich nach vorn verjngender Plane; bespannt
sind sie mit einem in der Schere gehenden Pony. Dieser trgt einen
Sattel, auf dem der Kutscher mit hoch angehockten Knien und auf die
Scherendeichsel gestellten Fen sitzt. Vom Karren selbst aus sah ich
nicht fahren. Die Frauen gehen smtlich verschleiert. Nach einer Stunde
Rast, whrend der ich mich an Aprikosen, pfeln sowie jungen Gurken
delektiert hatte, ging es weiter.

Wir kreuzten noch zwei Hgelreihen und nherten uns allmhlich
Andischan, das sich durch mehr und mehr vom letzten Erdbeben zerstrte
Ortschaften ankndigte. Es sah trostlos aus in diesen Drfern; die
Einwohner wohnten in Strohhtten, in Jurten, und wo sich immer nur ein
geschtztes Stckchen Erde bot. Gegen 3 Uhr hatten wir Andischan
erreicht. Einige in Trmmern liegende Villen und eine Menge
provisorischer Baracken gemahnten mich an die erste Zeit meines
Tientsiner Aufenthaltes; es sah hier ganz hnlich aus. Wie die schnste
Opernmelodie tnte mir von weitem der Pfiff und das Stampfen der
Lokomotive in das Ohr, ein sehr lange entbehrter Genuss. Kein Mensch
konnte uns Auskunft geben, wo Unterkunft zu finden sei. "Sie mssen eben
suchen", war die stereotype Antwort, "wir wohnen drauen, es ist alles
zerstrt." So zogen wir eine ungefhr 300 Meter breite, von hohen
Pappeln eingefate Strae entlang zum Basar. Auch hier riesiges Gewimmel
von kleinen Holzhuschen, Buden, aber nirgends ein freier Platz. In
Zelten war ein Lazarett aufgeschlagen. Alle Gewerbe waren hier eifrig
bei der Arbeit, einige Gasthuser waren schon wieder aufgebaut, und in
denselben, hockte auf Filzteppichen, wie berall, die rauchende
Nichtstuergesellschaft. Eine Gruppe hbscher Jdinnen, jedenfalls
bucharischer Herkunft, konnte mir in keiner der mir gelufigen Sprachen
Antwort geben. Schlielich fragte ich nach den Soldatenbaracken; man
wies uns in der Richtung nach dem Bahnhof zurck. In der Nhe des
letzteren gelangten wir auf eine Art russischen Basars, auf dem eine
Menge russischer und armenischer Kaufleute handelte, zwischen denen
viele Soldaten mit ihren weien, sehr sauberen Uniformen
herumspazierten. Ich lie in einem Teehause abpacken, um mich selbst
nach Quartier auf die Suche zu begeben, und fand bald inmitten einer
groen Menschenmenge smtliche Offiziere des hier garnisonierenden
Bataillons mit ihren Damen um einen Tisch versammelt, an dem Waren aus
einem gerade zusammengestrzten Magazin ffentlich verkauft wurden.

[Illustration: Erdbeben in Andischan]

Ich ging heran und stellte mich dem ltesten Offizier auf franzsisch
vor; er verstand mich jedoch nicht. Die neben ihm sitzende Dame aber
sprach franzsisch, und gleich darauf, als ich erklrte, da ich
deutscher Offizier sei, sagte der eine der Offiziere neben mir: "Ich
spreche deutsch." Es war der Distrikts-Chef Baron Stackelberg. Ich hatte
Glck, denn auf meine Bitte, mir zu einem Quartier behilflich zu sein,
drngte sich ein junger Mensch durch die neugierige Menge und sagte:
"Ich bin Deutscher, ich werde den Herrn fhren." Ich bedankte mich nun
bei den Offizieren und lie mich nach einem Hotel bringen. Dieses war in
Barackenstil neu aufgebaut, machte einen sauberen Eindruck und wurde von
einem Armenier gehalten. Das Zimmer kostete pro Tag einen Rubel. Ich
lie sofort meine Sachen hierher bringen, packte aus und fhlte mich
wieder als Mensch.

Mein neuer Fhrer nannte sich Modrow, war fnf Jahre russischer Soldat
gewesen und augenblicklich hier als Fleischer ttig. Er erwies sich
sofort als sehr ntzlich, nebenbei war ich mit einem Schlage von dem
ganz kleinlaut gewordenen Nasr, der mir bisher als Dolmetscher gedient
und sich fr unentbehrlich gehalten hatte, ganz unabhngig. Wir
wanderten in die Stadt, um Einkufe zu machen: Wsche, Stiefel, ein Fa
zur Verpackung meiner Sachen, Photographien zum Andenken; es gab alles,
aber natrlich zu entsprechenden Preisen. Ich sah ein Stck der Stadt,
die im groen Stil, mit breiten langen Straenlinien und sehr vielen
Grten angelegt ist. Beim Erdbeben sind nur die Kapelle und die einem
Deutschen gehrige Bierbrauerei stehen geblieben; letztere machte
natrlich jetzt glnzende Geschfte und verkaufte ein recht angenehmes
Bier, fr mich seit sechs Monaten wieder das erste. Wir aen in einer
provisorischen Kneipe gut und billig.

[Illustration: Mein Gehilfe Modrow in Andischan]

Die russische Militrverwaltung hielt alles unter schrfster Kontrolle,
und berall herrschte musterhafte Ordnung. Die reichlich vorhandenen
Polizeisoldaten mit aufgepflanztem Bajonett sahen auch nicht so aus, als
ob sie mit sich spaen lieen. Smtliche Preise, sowohl was die
Zimmermiete, als auch was den Nahrungsmittel- und Alkoholverkauf
anbetraf, standen unter Kontrolle. Viele Wirtschaften durften berhaupt
weder Bier noch Schnaps verschnken; gestohlen soll hier so gut wie gar
nicht werden, und auch unmittelbar nach der Katastrophe soll, dank dem
sofort reichlich hergesandten Militr, keinerlei Unordnung eingerissen
sein.

Ich sah noch einen hbschen, groen, ffentlichen Park, in dem abends
die Militrkapelle frei konzertierte, als Erffnungsstck die
Marseillaise spielend. In meinem Gasthause wohnte eine ganze Menge
zweifelhafter Personen weiblichen Geschlechts. Der Wirt jedoch bte
strenge Aufsicht und so lange die Lampen brannten, war keine Annherung
erlaubt. Was nachher geschah, dafr schien er sich weniger
verantwortlich zu fhlen, denn er verschwand gegen 10 Uhr.

Am 29. Juni morgens schickte ich meinen Pa zur Polizei, die dann selbst
in Gestalt eines Offiziers erschien und meine Angelegenheiten als
geordnet bezeichnete. Bis dahin hatte mir mein Wirt nicht recht ber den
Weg getraut. Zwar hatte mir der "Baron" (Stackelberg) auf offenem Markte
die Hand gegeben, auch hatte von mir in der hiesigen "Gazetta"
gestanden, aber bis die Polizei nicht ihr endgltiges Urteil abgegeben
hatte, schien ihm die Sache doch nicht geheuer. Ich veranstaltete eine
Generalrevision meiner Sachen; aus allen, nicht zum Mitnehmen bestimmten
wurde ein groes Bndel gemacht, mit dem Modrow zum ffentlichen Verkauf
auf den Basar ging. Unterdessen schrieb ich Briefe und Tagebuch, a zu
Mittag bescheiden in einem Garten und brachte dann bei der in einem
Eisenbahnwaggon untergebrachten Post meine Briefe unter. Am Nachmittag
packten wir Kisten und um 4 Uhr ging ich zum Obersten und zum
Distrikts-Chef, um meine Besuche zu machen. Ich wurde liebenswrdig
aufgenommen und meist im mangelhaften Franzsisch von den zugehrigen
Damen ber meine Reise ausgefragt.

[Illustration: Blick aus dem durch Erdbeben zerstrten
Andischan -- Baumwollspeicher Im Vordergrund "Jurte"]

Modrow benutzte den Abend, um sich einen tchtigen Rausch zu holen; noch
am 30. Juni frh war er vollkommen betrunken, auerdem hatte er sich
ein blaues, verschwollenes Auge von einer Prgelei mitgebracht. Ich
hatte am vorhergehenden Abende brigens Gelegenheit, mich von der
ziemlich laxen Moral des niedrigen Volkes zu berzeugen. Die Zustnde
grenzen in dieser Beziehung allerdings nahe an das Unmgliche.

Ein Tischler schlo meine Kisten und wir brachten sie zu einem
Speditionsgeschft zum Versenden nach Deutschland. Das Erledigen der
Formalitten dauerte dort so lange, da ich den einzigen am Tage
fahrenden Zug verpate und noch einen Tag bleiben mute. Ich benutzte
diesen, um mir die deutsche Brauerei anzusehen und wurde vom derzeitigen
Manager, einem Herrn Kilb, sofort sehr freundlich aufgenommen. Die
liebenswrdige Familie hielt mich bis zum spten Abend fest, worauf mich
der Besitzer in seinem eigenen Fuhrwerk zum Hotel zurckschickte.

Dort berreichte mir mein Diener einen Brief vom Baron Stackelberg. Nasr
hatte sich bei der Polizei ber mich beschwert und verlangte auer
seinem Lohn und den 5 Rubeln Trinkgeld noch fernere 20 Rubel. Nebenbei
wurde er unverschmt, und da sich der Gastwirt weigerte, ihn aus meinem
Vorzimmer zu entfernen, zog ich es vor, das Hotel zu rumen und nach
einem andern, von einem Deutschen gehaltenen Hotel berzusiedeln. Von
dort aus schrieb ich an Baron Stackelberg einen Brief mit der ntigen
Aufklrung ber meinen Nasr und begab mich dann zur Ruhe.

[Illustration]




IX. KAPITEL.

Zur Heimat zurck.


Ganz frh schon kam der ausnahmsweise nchterne Modrow an; ich bezahlte
im Hotel meine Rechnung und wollte gerade zur Bahn gehen, als noch Herr
Kilb ankam, um mir Lebewohl zu sagen. Dann setzte ich mich in den Zug,
der mich in nicht ganz vier Tagen nach Krasnawoldsk brachte. Ich
brauchte nur einmal umzusteigen und fand im brigen die erste Klasse,
die man hier benutzen mu, billig und gut. So bezahlte ich fr die ganze
lange Strecke in der ersten Klasse nur 31 Rubel.

Unterwegs lernte ich mehrfach sehr nette Leute kennen, die stets
hilfreich einsprangen, wenn ich darum bat; so einige italienische und
englische Kaufleute, spterhin auch ein russischer Offizier, Herr von
Bockscha-Roczewski, der mir versprach, mich im Herbst in Deutschland
aufzusuchen. Die eingeborene Bevlkerung fand ich im allgemeinen frech
und zudringlich, besonders die Sarten fielen mir unangenehm auf. Ich
hatte den Eindruck, da sie von den Russen viel zu gut behandelt werden,
whrend dasselbe Volk jenseits der chinesischen Grenze hflich und
entgegenkommend ist, weil es von seinen Unterdrckern, den Chinesen,
sehr kurz gehalten wird. So sitzt man z. B. im nicht besonders gut
eingerichteten Speisewagen mit allem mglichen schmutzigen Volke
zusammen.

Hoch bewunderungswrdig ist das, was die Russen hier in
kolonisatorischer Beziehung geleistet haben; berall entlang der durch
Steppe, Wste und zeitweise auch fruchtbare Landstriche fhrenden
Eisenbahn liegen russische Ansiedlungen, die im Aufblhen begriffen
sind. Der letzte Teil der Bahn, dicht vor Krasnawoldsk, fhrt am
Kaspischen Meere entlang; im Norden liegen hohe Felswnde, whrend im
Sden von der herrlichen blauen See her ein khler Luftzug nach der
langen, heien Reise Erfrischung bringt. Die Stadt ist am gleichnamigen
Golf hbsch angelegt. Mein neuer Freund, der Rittmeister von
Bockscha-Roczewski, brachte mich gleich zum Dampfer "Imperatrice", mit
dem wir ber den Kaspischen See gehen wollten. Whrend ein anderer
Bekannter von der Eisenbahn, ein jdischer Kaufmann aus Baku, die
Billetts und das Gepck besorgte, stellte mich Herr von Roczewski dem
Kapitn vor, mit dem wir einen Willkommenstrunk nahmen. Um 11 Uhr
ging das Schiff ab. Nachmittags setzte leichter Wellengang ein und man
sah manche recht beklommene Gesichter. Ich selbst hatte auch eine
miserable Nacht, denn mein Mitreisender wollte nicht, da das Fenster
offen bliebe, und ich, der an frische Luft gewhnt war, kam mir vor wie
im Gefngnis. Einer der russischen Offiziere uerte laut die Vermutung,
da ich ein Spion sei, man msse mir meinen Pa nachsehen; dabei hatte
ich keinen Augenblick ein Hehl daraus gemacht, da ich deutscher
Offizier sei. Die mitreisende Frau eines Generals zeigte mir, wo sie nur
immer konnte, recht auffllig ihre Verachtung, jedenfalls galt diese
wohl in der Hauptsache dem Kakianzug, nach welchem man mich meist fr
einen Englnder hielt.

[Illustration: Krasnawoldsk -- Rittmeister von Bockscha-Roczewski an
Bord der "Impratrice"]

Als ich am 6. Juli morgens aufwachte, stoppte der Dampfer gerade am Kai
von Baku; ohnedies htte der durchdringende Naphthageruch die Nhe der
Stadt schon verraten. Ich zog mich an, bezahlte und wanderte mit einem
andern Bekannten von der Eisenbahn, einem Herrn von Z., russischer
Titularrat, nach dem Hotel de l'Europe; unsere Sachen hatten wir einem
franzsisch sprechenden Kommissionr des Hotels anvertraut. Im Hotel
aen wir fr teures Geld recht gut und sahen uns dann Baku nher an. Es
bietet bis auf einige Kirchen durchaus nichts von Interesse und macht
immer noch den Eindruck einer im Entstehen begriffenen Stadt. Berhmt
ist es wegen seiner ewigen Staubstrme, von denen uns gleich eine
unangenehme Probe zuteil wurde; es wohnen daher nur Geschftsleute und
Arbeiter hier, und jeder flieht so bald er nur kann den ungemtlichen
Aufenthalt.

[Illustration: Krasnawoldsk -- Hafen]

Gegen 11 Uhr fuhren wir in einer der ebenso gut bespannten wie
gefahrenen Droschken zum Nobelschen Naphthawerk, wo wir uns die
Fabrikation oder vielmehr die Gewinnung des natrlichen Erdls bis zum
Versand erklren lieen. Eine groe Kalamitt ist hier die Wasserfrage.
Man pumpt Seewasser in die Berge, wo es gereinigt und destilliert wird
und als Leitungswasser zurckkommt. Die die Werke besitzenden
Gesellschaften bedecken mit ihren Anlagen einen unendlichen Raum. Wir
fuhren zum Hotel zurck, aen dort und befanden uns bald auf der Fahrt
nach Batum, passierten am 7. Juli frh Tiflis, von wo aus die herrliche
Fahrt durch den Kaukasus beginnt. Bewaldete Hnge, Wasserflle, Wiesen,
Tler, hohe Brcken, Ruinen, groe und kleine Ortschaften, alles zog in
buntester Abwechslung an uns vorber. Am Abend fuhren wir dicht am Meere
entlang in einer herrlichen Landschaft.

Als wir um 8 Uhr frh in Batum landeten, war uns gerade der Dampfer nach
Konstantinopel vor der Nase weggefahren. Ich belegte daher mit meinem
Bekannten zusammen auf dem nach Odessa fahrenden Dampfer "Grofrst
Konstantin" eine Kabine, um von dort aus Konstantinopel zu erreichen, da
wir in Sebastopol auch gerade um zwei Stunden den Anschlu verfehlt
htten. In der Nacht zum 8. Juli ging der Dampfer in See. Als ich an
Deck kam, hatten wir Poti bereits hinter uns und fuhren dicht an der
Kste entlang, die mit ihren Fischerdrfern, vielen bewaldeten und
Schneegipfeln im Hintergrund einen abwechslungsreichen Anblick bot. Die
Ausstattung des Schiffes war ganz leidlich; die Kabinen, ebenso wie die
Bedienung waren nicht besonders gut, auch war berall Ungeziefer.
Unangenehm ist, da die gesamte zweite und dritte Klasse sich auf dem
Promenadendeck der ersten Klasse aufhalten darf, so da man eigentlich
niemals einen freien Platz findet. Ich machte die Bekanntschaft mit
Angehrigen einer Rigaer deutschen Schule, die einen Ausflug nach dem
Kaukasus gemacht hatte. Eine besonders auffallende Figur auf dem Schiff
war ein alter Tscherkessen-Offizier, der nicht weniger als vier
Georgenkreuze, die bekanntlich nur fr persnliche Tapferkeit verliehen
werden, trug. Das Publikum war sonst recht gemischt.

[Illustration: Krasnawoldsk am Kaspisee]

Vorbei an mehreren Badeorten, an dem griechischen Kloster Neu-Athos,
erreichten wir am 9. Juli ber Noworossisk Kertsch, wo wir ausstiegen
und ein sehr schnes Bad nahmen. Am 10. Juli, bei ebenso schner Fahrt
-- es war hnlich wie am Mittellndischen Meer -- gelangten wir bis
Feodosia, einer im Aufblhen begriffenen, hbsch angelegten kleinen
Stadt. Das Meer war stets glatt, oft von Delphinen belebt. Am 11. Juli
frh waren wir in dem nach Norden zu geschtzt gelegenen Yalta, welches
infolge seines milden Klimas besonders als Zufluchtsort fr Lungenkranke
aufgesucht wird. Dann fuhren wir weiter nach Sebastopol, in dessen Hafen
bereits viele Kriegsschiffe zu den Herbstbungen versammelt waren.
Viele Leute behaupteten, sie lgen unter Dampf, um sofort nach
Konstantinopel fahren zu knnen. Vom Hafen aus kann man den
internationalen Friedhof, den Malakoff und die andern bekannten Orte
sehr gut sehen. Ich machte einen Spaziergang durch die Stadt und
besuchte die Begrbnissttte der im Krimkriege gefallenen Admirle und
Generle, ebenso das Museum, das viele Andenken an den blutigen Feldzug
birgt.

[Illustration: Krasnawoldsk am Kaspisee -- Hafen]

Unsere Weiterfahrt brachte uns ziemlich starken Seegang, so da das Deck
bald gerumt war; nur ganz wenige seefeste Leute, darunter ich, blieben
oben. Man konnte unter den Passagieren allerhand spaige Beobachtungen
machen. So lernte ich einen deutsch sprechenden Reisenden kennen, der,
nachdem er mir die Seele aus dem Leibe gefragt hatte ber meine Reisen,
meine Stellung als Offizier usw., mir schlielich seine Tochter mit 100
Mille Vermgen zur Heirat anbot und obendrein noch sehr erstaunt war,
als ich lachend abschlug. Er hatte geglaubt, ich wrde sofort zugreifen
und wollte mich gleich mitnehmen, um mich mit seiner Familie in Odessa
bekannt zu machen. Einem andern Russen, der Adelsmarschall irgendeines
kleinen Kreises bei Kiew war und vorzglich englisch sprach, schlo ich
mich an, da er auch einen Tag in Odessa zu bleiben beabsichtigte und ich
infolge meiner Unkenntnis der russischen Sprache auf die freundliche
Untersttzung meines Mitreisenden angewiesen war.

Gegen 11 Uhr vormittags, nach einer ziemlich strmischen Fahrt, kamen
wir in dem groen Hafen Odessas, in dem viele Schiffe aller Nationen
liegen, an. Wir fuhren zum Hotel Bristol, in dem man fr teures Geld gut
unterkommt. Wir hatten einige Mhe, ber die nchste Verbindung nach
Konstantinopel Auskunft zu erhalten. Endlich, nach langem Herumfragen,
erfuhren wir im Hafen, da morgen der Dampfer "Memphis" der Messagerie
Maritime gehe; das pate mir recht gut, da ich zur Erledigung der
Paformalitten doch bis morgen bleiben mute. Nebenbei wurden mir von
dem trkischen Konsulat fr das einfache Visieren des Passes 4,50 Rubel
abverlangt, was ich fr mehr als reichlich halte. Der Kommissionr des
Hotels besorgte mir schnell und gut die Pakontrolle durch die
russischen Behrden, denn ohne visierten Pa wird kein Mensch aus Odessa
heraus- und noch viel weniger in Konstantinopel hereingelassen. Dann
ging es zum Schiff, das schmierig, alt und dabei noch um 50 pCt. teurer
war als die russischen Linien. Mein Pa wurde wiederum von der
russischen Polizei visiert; im brigen war ich der einzige Passagier
whrend der ganzen, anderthalb Tage dauernden Fahrt.

Das Schiff hatte viel Mais geladen und auf Deck viele Tausende von
Hhnern in Ksten, die fr Frankreich bestimmt waren. Nach der
allgemeinen Suberung machte es auch einen besseren Eindruck als
anfangs; die Kabinen waren besser eingerichtet und gerumiger als auf
dem russischen Schiff, dagegen der Salon und das Essen weniger gut. Da
wir abends nicht in den Bosporus hineindurften und der Kapitn nicht
unntz herumliegen wollte, fuhren wir den ganzen Weg mit halber Kraft.
Frh gegen 5 Uhr am 15. Juli kam ich an Deck, um die herrliche Einfahrt,
die leider spter durch Nebel etwas beeintrchtigt wurde, zu genieen;
sie war doch das Schnste, was ich bis jetzt in meinem Leben gesehen
habe!

Um 7 Uhr waren wir am Kai. Ich vertraute mich einem Kommissionr des
Hotel Kontinental an. Zuerst muten wir zur Parevision, dann zur
Zollrevision. Ich hatte nichts Verzollbares, jedoch nahm man mir meine
smtlichen Bcher, meist franzsische und englische, weg. Einen Teil
derselben bekam ich auch spter nicht wieder. Nun ging es zum Hotel und
weiter zur deutschen Post, wo ich Briefe von meinen Eltern vorfand,
ebenso die Scheine der Pakete, deren Inhalt mich uerlich endlich in
einen anstndigen Menschen verwandeln sollte. Die Pakete selbst mute
ich bei der Steuer abholen. Ich habe wohl manches umstndliche
Bureauverfahren erlebt, aber etwas derartiges, wie auf dieser Steuer ist
mir denn doch noch nicht vorgekommen. Jeder einzige der Beamten mute
erst geschmiert werden, sonst wren wir wahrscheinlich mit den
verschiedenen Formalitten in drei Tagen noch nicht fertig gewesen.
Schlielich forderte man auf meine schon getragenen Zivilanzge Zoll und
fr die kurze Zeit des Lagerns der vier kleinen Postpakete 78 M.
Lagergeld. Ich htte natrlich beim Konsulat reklamieren knnen, das
htte aber wieder mehrere Tage Aufenthalt gegeben, auch htte ich noch
lnger in meinem etwas auffallenden Kostm in Konstantinopel umhergehen
mssen. Ich war daher tatschlich froh, da ich die Sachen berhaupt
bekam und bezahlte gutwillig ber vier Goldfchse. Mein Kommissionr
meinte dazu, ich wre noch billig weggekommen, andern wre es in dieser
Ruberhhle noch schlimmer ergangen.

Nun ging es zum Hotel zurck, wo ich mich umzog, um bei dem in
trkischen Diensten stehenden deutschen Offizier, Generalleutnant Imhoff
Pascha, General-Adjutant Seiner Majestt des Groherrn, an den mich ein
Brief meines Vaters wies, meinen Besuch zu machen. Ich wurde in der
Familie, die zwei Tchter hat, auf das liebenswrdigste aufgenommen und
fhlte mich bald ganz wie in der Heimat. Am Abend machte ich mit
Exzellenz Imhoff Pascha einen Ausflug per Boot nach Eyub, es war die
reizendste Bootfahrt, die ich je gemacht habe. Zurckgekehrt, sahen wir
im Klub dem Tennis der Damen zu, whrend ich spter den Abend bei
Imhoffs verlebte. Da ich wegen Paangelegenheiten doch noch einen Tag
zugeben mute, hatte ich am 15. Juli Zeit mir Konstantinopel mit allen
seinen Herrlichkeiten anzusehen; es ist so oft von berufeneren Federn
beschrieben worden, da ich nicht weiter darauf eingehen werde. Im
brigen hatte ich von Konstantinopel denselben Eindruck, den die meisten
andern Reisenden auch gehabt haben. Das Volk auf den Straen ist frech,
die Lden sind unerschwinglich teuer; jedoch die verschiedenen Denkmler
der alten Kultur sind hochinteressant und lohnen die Strapazen der
Besichtigung doppelt und dreifach. Am 17. Juli mittags hatte ich
Gelegenheit, den Selamlik, das bekannte Freitagsgebet des Sultans,
anzusehen. Eigentlich mu man dazu seitens der betreffenden
Gesandtschaft angemeldet werden; dazu war es zu spt, aber ich gelangte
doch noch durch die liebenswrdige Vermittlung von Imhoff Pascha auf die
fr die Fremden bestimmte Balustrade gegenber der Moschee, in der der
Sultan sein Gebet verrichtet. Ich konnte das ganze imponierende
Schauspiel mit seinem bunten orientalischen Pomp sehr gut sehen. Die
Truppen, die hierbei zum Vorschein kommen, machten einen recht guten
Eindruck, sowohl was Ausrstung als auch Disziplin anbetrifft. Bei der
Infanterie sah ich als Bewaffnung das neueste Mausergewehr. Hinterher
wurde ich Schakir Pascha vorgestellt und sah noch viele andere
europische, in trkischen Diensten befindliche Offiziere, ebenso eine
Menge hoher trkischer Wrdentrger. Nach dem Essen fuhr ich per Dampfer
nach Terapia, dem Sommerquartier der Gesandtschaft, wo ich von Baron
Wangenheim, dem stellvertretenden Botschafter, empfangen wurde. Am 18.
Juli morgens erhielt ich endlich meinen Pa von den trkischen Behrden
zurck und konnte also abfahren. Imhoff Pascha nahm mich noch im Wagen
mit zu Seki Pascha, dem Gromeister der Artillerie, welcher gewnscht
hatte, mich kennen zu lernen. Dann verabschiedete ich mich von den
Damen, bezahlte im Hotel und bahnte mir durch ungezhlte, Trinkgeld
fordernde Bedienstete den Weg zu meinem Abteil. Ich hatte Schlafwagen
genommen, fuhr glatt bis Deutschland durch und war am 21. Juli mittags
um 12 Uhr endlich in der Heimat, wo ich auf dem Anhalter Bahnhof nach
dreijhriger Abwesenheit von meinen lieben Eltern und meiner Schwester
in Empfang genommen wurde.

Wenn ich auch froh war, wieder zu Hause und bei meinen Angehrigen zu
sein, so beschlich mich doch bald ein wehmtiges Gefhl bei der
Rckerinnerung an die lange Reise, und am liebsten wre ich nach einem
oder zwei Tagen wieder umgekehrt und in die asiatische Wildnis
zurckgewandert. Aber der knigliche Dienst ruft, und ich kann nur
hoffen, da es mir in meiner ferneren Zukunft ein anderes Mal gelingen
wird, meine schon jetzt vorhandenen Zukunftstrume, die wiederum in
Asien kreuz und quer gehen, zu verwirklichen.

[Illustration]

[Illustration: Erich von Salzmann "Im Sattel durch Zentralasien."

  ASIEN

  Zur Darstellung der Reiseroute d. Verfassers.

  Geogr. Verlagshdlg. D. Reimer (E. Vohsen) Berlin
  Wilhelmstr. 29.
]




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  | Anmerkungen zur Transkription:                                     |
  |                                                                    |
  | Inkonsistente Schreibweisen des Autors, wie                        |
  |                                                                    |
  | beschlo -- beschloss                                              |
  | Billet -- Billetts                                                 |
  | Futai-Yamen -- Fu-tai-Yamen                                        |
  | Geberde -- Gebrde                                                 |
  | Han-kau -- Hankau                                                  |
  | Lotte -- Lotto (Hengst von Kapitnleutnant Bode)                   |
  | nordsdlich -- nord-sdlich                                        |
  | Speisenkarte -- Speisekarte                                        |
  | Sprung-Gelenke -- Sprunggelenke                                    |
  | Tajen -- Ta-jen                                                    |
  | Wang-cing-to-tschnn -- Wancingto-tschnn                          |
  |                                                                    |
  | wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren,   |
  | oder die richtige Schreibweise unklar ist (dies betrifft alle      |
  | chinesischen Begriffe und Ortsnamen).                              |
  |                                                                    |
  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                    |
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  | S. 12  "lebafter" in "lebhafter" gendert.                         |
  | S. 20  "Warttme" in "Warttrme" gendert.                         |
  | S. 21  "Karttsche" in "Kardtsche" gendert.                      |
  | S. 21, 22 "Pidgin-englisch" in "Pidgin-Englisch" gendert.         |
  | S. 59  "dass" in "da" gendert.                                   |
  | S. 74  "Cloisonnee" in "Cloisonn" gendert.                       |
  | S. 78  "Filzstifel" in "Filzstiefel" gendert.                     |
  | S. 81  "Ueber" in "ber" gendert.                                 |
  | S. 83  "Sadt" in "Stadt" gendert.                                 |
  | S. 88  "anlegt" in "angelegt" gendert.                            |
  | S. 95  "mohamedanischen" in "mohammedanischen" gendert.           |
  | S. 96  "Fnn-H" in "Fnn-Ho" gendert.                            |
  | S. 135 "Fluss" in "Flu" gendert.                                 |
  | S. 137 "augedehnten" in "ausgedehnten" gendert.                   |
  | S. 163 "Opiumhlle" in "Opiumhhle" gendert.                      |
  | S. 171 "Isegrimm" in "Isegrim" gendert.                           |
  | S. 186 "heinein" in "hinein" gendert.                             |
  | S. 199 "teilnahmlos" in "teilnahmslos" gendert.                   |
  | S. 207 "Pferdewecheslstelle" in "Pferdewechselstelle" gendert.    |
  | S. 215 "vorausgerittten" in "vorausgeritten" gendert.             |
  | S. 224 "Oeffnung" in "ffnung" gendert.                           |
  | S. 237 "angeneheme" in "angenehme" gendert.                       |
  | S. 242 "zu berzeugen" in "zu berzeugen" gendert.                |
  | S. 266 "mcih" in "mich" gendert.                                  |
  | S. 278 "Trinkgld" in "Trinkgeld" gendert.                         |
  | S. 278 "Einrduck" in "Eindruck" gendert.                          |
  | S. 278 "purpurrort" in "purpurrot" gendert.                       |
  | S. 300 "Plaue" in "Plane" gendert.                                |
  | S. 306 "Naphtageruch" in "Naphthageruch" gendert.                 |
  | S. 309 "beabichtigte" in "beabsichtigte" gendert.                 |
  |                                                                    |
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End of Project Gutenberg's Im Sattel durch Zentralasien, by Erich von Salzmann

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promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
