Project Gutenberg's Pfarre und Schule. Dritter Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Pfarre und Schule. Dritter Band.
       Eine Dorfgeschichte.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: July 29, 2014 [EBook #46442]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Pfarre und Schule.

  Eine Dorfgeschichte
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Dritter Band.

  Leipzig,
  Georg Wigand's Verlag.
  1849.




Inhalt des dritten Bandes.


                Erstes Kapitel.              Seite
  Die Treibjagd                                  1

                Zweites Kapitel.
  Der Oberpostdirector                          32

                Drittes Kapitel.
  Fritz Holkes Flucht                           51

                Viertes Kapitel.
  Pastor und Schulmeister                       59

                Fnftes Kapitel.
  Die Zeichnenstunde                            80

                Sechstes Kapitel.
  Der heilige Abend                             91

                Siebentes Kapitel.
  Sylvesternacht                               114

                Achtes Kapitel.
  Pollers Rache                                139

                Neuntes Kapitel.
  Der Brandstifter                             158

                Zehntes Kapitel.
  Der Letzte der Strohwische                   180

                Elftes Kapitel.
  Des alten Schulmeisters Lohn                 205

                Zwlftes Kapitel.
  Schlu                                       223




Erstes Kapitel.

Die Treibjagd.


Eben hatte der alte Holke angefangen, zu einem neuen Treiben ablaufen zu
lassen; die Herrschaften standen in kleinen Gruppen, etwas abgesondert
von den brigen Schtzen und Treibern, zusammen, und die Bauern und
Jger, Verwalter, Controleure etc. etc., die den groen Pulk der mit
Gewehren Versehenen bildeten, muten von Anfang an wieder den weiten
Bogen um den ganz abzujagenden Plan umlaufen.

Da brigens wohl der grte Theil der Leser, mglicher Weise nicht eine
einzige der Leserinnen, einen richtigen Begriff von einem Treiben und
besonders von einem sogenannten Kesseltreiben (ja nicht zu verwechseln
mit Schsseltreiben, das Frhstck oder Nachtessen) hat, so wre es
vielleicht gut, wenn ich, zu besserem Verstndni des Ganzen, eine kurze
Beschreibung hier vorangehen liee.

Die Treibjagd wird im Sptherbst und Winter, und zwar zu einer Zeit
veranstaltet, wo der Hase nicht mehr hlt -- das heit, vor dem nahenden
Jger ber Schuweite aufgeht, und man deshalb nun das ganze Revier
abtreiben, oder mit anderen Worten: das Wild darin den Jgern zutreiben
mu. Die gewhnlichen Anlegetreiben sind die einfachsten; die Jger
werden dabei auf zwei Seiten gewhnlich _vorgelegt_, und die Treiber
kommen nun in einer Linie von der Grenze des beabsichtigten Treibens
langsam auf diese zu. Die nachher zwischen Treibern und Schtzen
aufgehenden Hasen laufen meistens, durch den Lrm der ersteren
erschreckt, auf die letzteren zu, und fallen hier den ruhig in Anschlag
Liegenden zur ziemlich sicheren Beute.

Interessanter sind dagegen die sogenannten Kesseltreiben, wo gewisse
Felder, die man mit seinen Leuten gerade umzingeln zu knnen glaubt,
von diesen vollkommen eingekesselt werden. Dies Einkesseln geschieht
folgendergestalt: Der Jger oder Jagdliebhaber lt von irgend einem
Punkte an der Grenze des beabsichtigten Treibens _abgehn_. Er schickt
erst zwei Mnner rechts und links aus, die mit den Grenzen genau bekannt
sein und auch wissen mssen, welche Richtung sie zu nehmen haben, um auf
den ihnen angegebenen Punkt wieder zusammen zu kommen, und dadurch den
Ring den ihnen nachfolgenden Jgern zu schlieen.

War das ein Schtze, so kommt nach diesem in etwa siebzig bis achtzig
Schritt Entfernung, je nachdem man viel oder wenig Leute hat, ein
Treiber, dann wieder in eben der Entfernung ein Schtze, und so fort.
Diese folgen genau in derselben Bahn, wie die ersten, und beschreiben
also einen ziemlich bedeutenden Bogen, dem ihnen gerade gegenber
liegenden Theile zu. Treffen die beiden Ersten, die zu gleicher Zeit
links und rechts abgingen, zusammen, so wird ein Zeichen gegeben, der
Kessel ist geschlossen, und Alles rckt nun so rasch als mglich
nach dem Mittelpunkte zu, um die aufgehenden Hasen vorerst dorthin zu
treiben, und zugleich gegenseitig so nahe zusammen zu kommen, da
kein Hase durchgehen kann, ohne wenigstens einem Schtzen in richtige
Schunhe zu kommen. Hat man das erreicht, so rckt der Kessel etwas
langsamer weiter vor, und Jeder schiet, was ihm am nchsten kommt, nur
nicht nach anderen Schtzen zu, damit kein Unglck geschieht. Ist
man endlich ziemlich zusammengekommen, so deutet ein anderes Zeichen,
gewhnlich mit dem Horn, an, da nicht mehr in's Treiben, sondern nur
auf die Hasen, die schon durch die Schtzen gegangen sind und jetzt dem
freien Felde entgegen laufen, geschossen werden darf.

Es war an diesem Tage das sechste Treiben und die Leute natrlich etwas
ermdet; so sehr sich die Schtzen daher auch sonst im Anfang, und
besonders bei recht kaltem Wetter, herandrngen, die Ersten beim
Ablaufen zu sein, so sehr hielten sie sich jetzt zurck, und Einer
drckte sich hier, ein Anderer da, hundert oder zweihundert Schritte vom
Ablaufplatze entfernt, an Rain oder Wegweiser an, um nicht gleich wieder
mit unter den Ersten fortgeschickt zu werden und dann auch den weitesten
Bogen beschreiben zu mssen.

Der alte Holke hatte alle Hnde voll zu thun und war noch dazu in der
belsten Laune von der Welt, er fluchte und wetterte die Treiber an, da
ihm Keiner auf zehn Schritte zu nahe kommen mochte, und sah aus, als ob
er den ersten Besten mit Haut und Haare htte verschlingen knnen.

_Treiber da!_ Donnerwetter, hrt und seht Ihr nicht, Ihr verdammtes,
faules, hundsfttisches Lumpenpack, Ihr -- _mt_ Ihr's denn immer so
machen wie andere Leute -- halt da, zur Schock-Schwerenoth, jetzt laufen
wieder viere auf einmal -- da Euch ein Gewitter verschlage. -- Hier
ein Schtze -- ach-- (und mit ganz verndertem Ton aber nur mhsam
unterdrckten Aerger, wandte er sich rasch an einen der Officiere, der
sich eben bei einem anderen eine Cigarre anzndete) drfte ich Sie wohl
bitten, Herr Lieutnant -- wenn's gefllig wre.

Ach bitte, Holke, lassen Sie mich noch einen Augenblick warten, ich bin
beinah immer der Erste gewesen -- es war ihm nmlich nicht eingefallen
-- ich mchte auch gern nachher hier unten herein abgehn.

Zu Befehl -- da Dich ein heiliges Donnerwetter in den Erdboden
'neindrcken mge, Du verdammter, milchbrtiger -- nsiger Hallunke
Du, murmelte er dabei hinter her, und wandte sich an einen der
Nebenstehenden:

Wenn's gefllig wre, Herr Baron.

Ja wohl, Holke, ja wohl -- ach, der Rittmeister ist noch nicht da --
ach, lieber Holke, wir mchten gern zusammen gehn -- lassen Sie mich
noch ein paar Minuten hin.

Zu Befehl, Herr Baron -- er bi die Pfeifenspitze, die er im Munde
hielt, kurz und klein, und frug noch, mit einem wachsenden, aber auch
immer verhaltenen Grimm vier oder fnf andere, bis er endlich einen
Gutwilligen fand, der mit einem:

Herr Gott, ich mu auch immer der Erste sein, der Aufforderung Folge
leistete.

S'ist ein Glck, da die Jagd nun bald ganz beim Teufel ist, brummte
der Alte endlich halblaut vor sich hin und schnitt sich dabei den oberen
Theil des zerkauten Horns an der Pfeife ab -- mit _solchen_ Schtzen,
und nachher auch noch keine Hasen, nu da kann Einer Freude erleben --
wenn er eben Geduld hat und nicht vorher zu Grunde geht -- Jetzt
seh Einer, was der Mensch fr ein Loch macht -- geht, als ob er alle
Augenblicke einschlafen wollte, und bleibt dann auch noch alle hundert
Schritte stehen und -- ei so schlag doch ein Himmelsackerment in das
Kesseltreiben. _Zu_rcken da hinten -- zum Donnerwetter _zu_rcken!

Das Zeichen war gegeben, und von allen Seiten drckten Schtzen und
Treiber, wie sich das auch gehrte, herein, wie aber hier und da ein
Hase aufging, und seine Richtung nach einer oder der anderen Fronte
nahm, blieben die immer stehen, um Lampen nicht irre zu machen, und hier
und da drckte sich auch wohl noch ein Schtze, ganz gegen Jgersitte
und sehr zum Aerger seiner Nachbarn, auf die Erde nieder, und glaubte
dadurch Hasemann jedenfalls zu bethren, bedachte aber nicht, da
seine beiden nchsten Treiber in der Zeit die Arme ruhig hin und her
schlenkerten, und alle seine Bemhungen dadurch vollstndig annullirten.

Dabei wurde noch schmhlich geschossen, berall gingen die Hasen durch,
und hier und da, wo irgend ein armer Lampe mit zerschossenem Hinter-
oder wthend schlenkernden Vorderlauf seinen Qulern zu entkommen
suchte, brachen berall aus heimlichen Verstecken und Hinterhalte
Gesindel, das in den Drfern herumlungerte, ja selbst Bauern vor, und
suchten die kranken Geschpfe selbst hinter der Fronte und vor den
Hunden wegzustehlen.

Holke war auer sich.

Ei Du blutiger Herrgott! schrie er und schleuderte dabei die grne,
mit weiem Pelz geftterte Mtze auf den Sturzacker nieder, als wenn sie
dort fr ewige Zeiten liegen bleiben sollte, jetzt wird's erst hbsch
hier drauen. Erst dmmeln sie Einem in dem Treiben herum, machen die
Hasen rebellisch und jagen hinaus, was nicht ganz niet- und nagelfest
liegt und sich auf den Kopf treten lt und nachher mausen sie auch noch
am hellen lichten Tag die paar angekrepelten Kreaturen -- und da darf
man nicht hineinschieen in die _Hunde_ -- Gott verdamm mich, Hektor,
nimm's nicht bel, da ich das Gesindel Hunde genannt habe -- die
_Aas_jger die!

Das Treiben war beendet, hier und da knallte noch, meist ohne Erfolg,
ein Schu hinter einem bis dahin liegen gebliebenen und nun pltzlich
und unerwartet herausprellenden Hasen her, die paar Geschossenen --
funfzehn Stck im Ganzen, wurden an den nchsten Weg gelegt, wo sie der
nachfahrende Wagen leicht abholen konnte, und der Ruf:

Letztes Treiben, letztes Treiben, Schtzen vor! ging von Mund zu Mund.

Das war nun ein Treiben, in dem wir voriges Jahr neun und sechszig
schossen, und heuer funfzehn, sagte Holke, als sein Sohn die Erlegten
eben gezhlt und in sein Taschenbuch eingetragen hatte, und dabei soll
man noch einen grnen Rock auf dem Leibe tragen. -- Und kein Huhn --
nicht ein einziges -- und was waren fr schne Hhner drinne! Die Kerle
schieen aber wie die Schulbuben, immer eine halbe Meile zu kurz -- und
wie haben Sie mir die Hasen zerlstert -- hol sie der Teufel!

Jetzt kummt das Schkorditzer Treiben? frug ein Bauer, der mit einer
alten langen einlufigen Entenflinte auf dem Rcken, die Hnde in der
Tasche, und das eine Bein rechts, das andere links hinauswerfend, als ob
er hinter dem Pfluge her die Erde von den Stiefeln schlenkern wolle, auf
den Jger zukam.

Ja, sagte dieser mrrisch, die antiwaidmnnische Gestalt mit finsteren
Blicken musternd -- 's wird das groe nicht drin sitzen.

Ne, lachte der Bauer und zog das Maul von einem Ohr bis zum andern,
da es ordentlich aussah, als ob sich die beiden Mundwinkel die Flinte
hinten auf dem Rcken betrachten wollten -- ne -- sehre nich -- die
Schkorditzer sin Luderkerle, die han's faustdicke hinger den Uahren.
Vurgestern han se ooch schunst getriaben.

Die Skorditzer? frug der Jger, erstaunt stehen bleibend, hier auf
den Feldern?

Ne, hinger dem Dorfe driben, uff dem Polswitzer Revier! meinte der
Bauer.

So? -- recht schn das, und was haben die Herrn geschossen?

Nu 's mchtige niche, sagte der Bauer und die Mundwinkel gingen wieder
hinter -- zwee Hasen un en Schneider un ene zahme Gans, der so en
Racker von en Karnickel zwischen de Beene durch wulle -- der Schmidt
uffem Dorfe hat se geschossen -- das Karnickel hot er aber gefhlt.

Na, gebe nur Gott, da sich die Hlfte von jeder Gemeinde erst einmal
todtgeschossen hat, seufzte der Jger seinen frommen Wunsch, nachher
werden sie die Jagd ja wohl satt bekommen.

Vater, unterbrach da Fritz, zum alten Jger tretend, das Gesprch,
komm einmal her!

Nun was giebts wieder -- sind die Hasen fort?

Ja -- alle, hr einmal, und er ergriff ihn am Arm und zog ihn ein
Stck bei Seite -- Dahlens Karl sagte mir eben, da in Skorditz die
Bauern schon alle mit Flinten, Flegeln, Sensen und Mistgabeln
bereit stehen, und so wie wir auf die Skorditzer Fluren kommen, soll
Generalmarsch geblasen werden.

Unsinn! brummte der Alte -- die Jagd ist noch nicht frei, und wenn
sie in Frankfurt zehnmal dem Bauer das auch noch in den Hals geschoben
haben; wer sich auf dem Felde von den Canaillen mit einer Flinte blicken
lt, dem wird sie weggenommen, und er kann nachher auch noch Strafe
obendrein zahlen.

Aber wenn sie nun Alle miteinander kommen, Vater, man darf ja doch
nicht zwischen sie hinein schieen. Es wre vielleicht besser, wir
riefen die Treiber zurck, und zeigten die Sache lieber erst an.
Der Herr von Gaulitz ist zwar schon auf's Gut hinein gegangen, der
Rittmeister wird das aber auch abmachen knnen, und dann haben _wir_
keine Verantwortung.

Ah was! rief der Alte, da die Lumpe nachher prahlen und sagen,
>hoho, wir brauchen uns nur hier im Dorfe aufzustellen, dann wissen sie
schon, was die Glocke geschlagen hat<, nein, das geht nicht -- lassen
wir's dem Einen zu, dann knnen wir schon morgen lieber ganz zu
Hause bleiben, oder drfen uns wenigstens nur auf den gottsleeren
Rittergutsfeldern herumtreiben, denn das machen sie augenblicklich in
Horneck und all' den brigen Nestern ebenfalls nach. -- Na, was
steht Ihr da, und habt Maulaffen feil, he? fuhr er ein paar lange
Treiberjungen an, die neugierig und mit ziemlich albernen Gesichtern den
rgerlichen Worten des Frsters lauschten -- macht, da Ihr fort kommt,
oder _ich_ will Euch Beine machen.

Wenn Du nur einmal mit dem Rittmeister sprchst, meinte der Sohn nach
kurzer Pause -- vielleicht will der selbst nicht, daߠ--

La mich zufrieden, erwiederte ihm mrrisch der Alte -- wir stehen
jetzt schon mit der Nase vor'm Skorditzer Revier, ich werde doch
wahrhaftig nicht noch umlenken sollen? Lauf Du nur gleich mit Peter
rechts ab, Du kennst ja die Grenze, und die Saatspitze, die nach dem
Birnbaum hinunter geht, lt Du liegen, da sitzt doch nichts darauf, und
sie bringt uns sonst das Treiben nur in Unordnung.

Herr Frster -- Herr Frster! kam in dem Augenblick ein Treiber
angekeucht--

Nun, was giebt's -- was ist?

Sie sollen emal glaich zun gndigen Hrrn Rittmeester kummen, sagte
der Mann, en paar Schkorditzer Bauern sprechen mit emm.

Na, da haben wir die Geschichte, sagte Fritz.

Die wollen wir heim schicken, knurrte der Alte, die kommen mir g'rade
recht.

Er schritt rasch auf die Gruppe zu, um die sich schon die meisten
Schtzen gesammelt hatten, und das Gesprch, das im Anfang ziemlich
ruhiger Natur gewesen, artete bald in eine etwas hitzigere Unterredung,
ja endlich in frmlichen Zank aus. Das Endresultat blieb denn auch
natrlich, da die beiden Bauern, die von ihrer Gemeinde abgeschickt
waren, den Jgern zu sagen, da sie auf ihren Feldern nicht schieen
drften, keine Vernunft annehmen, von publicirten oder nicht publicirten
Gesetzen nicht das mindeste Wort hren, und selber keinen Vorschlgen
Raum geben wollten, sondern immer nur erklrten, sie mchten weiter
Nichts wissen, als _das_: ob die Herren auf _ihren_ Feldern zu schieen
beabsichtigten oder nicht. Als die nach einem kurzen Wortwechsel
endlich bejaht worden, zeigten sie sich soweit zufrieden, da sie die
Unterhaltung augenblicklich abbrachen, und nun querfeldein, direct auf
ihr Dorf wieder zusteuerten.

Ablaufen! rief der Rittmeister von Gaulitz dem Jger zu--

Fritz -- Peter -- geht ab! sagte dieser. Du, Wendler -- geh Du einmal
links herum -- Du kennst ja auch die Grenze -- Du brauchst auch nicht
bis dicht an's Dorf zu gehen -- wo der Fuhrweg herberluft, schneidest
Du ab!

Die Schtzen folgten diesen, und etwa zwlf von ihnen hatten auf jeder
Seite das Skorditzer Revier betreten, als pltzlich im Dorfe drinn die
Allarmhrner tnten, und eine groe schauerliche Trommel ihre dumpfen
Wirbel hren lie.

Bei Gott, die machen Ernst, sagte der Herr Baron, der gerade ebenfalls
ablaufen wollte, zum Lieutnant von Ebersfeld, und blieb stehen -- das
wollen wir hier lieber erst abwarten, man kann sich doch nicht mit der
Canaille herumprgeln.

Auf Ehre, nein, meinte Herr von Ebersfeld und strich sich den
Schnurrbart -- das ist doch impertinentes Volk!

Bauer bleibt Bauer! versicherte der Baron.

Nun, darin haben Sie recht! rief der Jger, ganz den sonstigen Respect
vergessend, und im ingrimmigsten Zorn dazwischen hinein, und der Bauer
ist ein niedertrchtig, halsstrrisches, harthirniges Lumpenpack,
mit dem man in grter Leichtigkeit die Wnde einrennen, aber kein
vernnftiges Wort reden kann. Ueberzeuge einmal Einer so einen Bauer,
da er in irgend etwas unrecht gehabt oder habe -- da mcht' ich dabei
sein. Doch die kriegen auch noch ihren Lohn, und dann -- dann mcht' ich
auch dabei sein -- straf mich Gott!

Das Treiben war durch das Lrmblasen im Dorfe in's Stocken gerathen; die
Schtzen, die noch nicht abgelaufen waren, wollten nicht weiter vor, und
die im Feld drauen blieben ebenfalls stehen, aus dem Dorfe aber kam
ein bunter Schwarm von Bauern und Tagelhnern mit allem mglichen sonst
friedlichen, jetzt aber zu grausen Waffen erhobenen Handwerkszeug quer
ber die Felder, gerade nach rechts und links in zwei ziemlich gleiche
Haufen auszweigend, auf die vorgerckten Colonnen der Schtzen zu.
Auch von diesen zogen sich einige auf den Jgertrupp, wo sie sich
wahrscheinlich gesicherter fhlten, zurck, die meisten aber behaupteten
ihre Pltze, und erwarteten ruhig das Kommen der Herren der Fluren.

Die Ansprache lautete kurz und bndig, =short and sweet= wie der
Englnder sagt:

_Wullt_ er machen, da er vun die fremmen Flder kummt, Ihr
Himmelsackerloter? schrie der Fhrer der einen Schaar, und legte den
fragenden Accent wunderbarer Weise mit besonderem und pathetischen
Nachdruck auf die erste Sylbe _Wullt_.

Auf den Feldern hier hat der Oberpostdirector von Gaulitz die Jagd
gepachtet, erwiederte hier aber Fritz, ohne die drohende Stellung der
Gegner zu erwiedern, und mit der Flinte auf dem Rcken, noch ist das
Gesetz, das jedem verstattet auf eigenem Grund und Boden zu jagen, nicht
heraus, und bis dahin, wenigstens bis zu Ablauf der Jagdzeit, hat der
Herr Oberpostdirector sein Recht mit gutem Gelde bezahlt.

Papperlapp, Mosje, fiel ihm aber hier der Sprecher der Schaar, und
zwar ein alter Bekannter von uns, Krautsch aus Skorditz, in die Rede --
Ihar macht jetzt da Ihar mit Eiren olen Schiepriegeln heeme kommt,
oder mer schlagen se Eich im de Keppe, da die Schlesser drinn herim
flegen. Das hier sin unse Flder, un wr da druffen en Hasen schiet,
den sperren mer in, un bringen en in de Residenz als en Wilddieb --
verstanden?

Ich habe Euch gesagt, was Ihr zu wissen braucht, entgegnete ihm Fritz,
ohne von dem frechen Burschen weitere Notiz zu nehmen, entschlossen,
mit Euch hab' ich berdie Nichts zu schaffen, denn Ihr seid gerade
Einer von denen, die Jagd auf fremder Leute Eigenthum am strksten
treiben, zu gleicher Zeit am unverdrossensten dagegen schrein, und dann
nicht einmal einen Fu breit Land im Vermgen haben, um ein Schwein
darauf zu halten. Treiber vorwrts -- wenn die Herren im Kessel bleiben
wollen, drfen sie sich auch nicht nachher beklagen, wenn sie vielleicht
ein paar Schrote in die Beine kriegen -- vorwrts, Treiber!

Die Treiber gingen schon, die hatten, wie sie recht gut wuten, ohne
Flinten Nichts zu frchten, die Schtzen aber glaubten es, allem
Anschein nach, ihrer eigenen Haut schuldig zu sein, sich in die
Streitigkeiten zwischen Oberpostdirector und Bauern nicht zu mischen,
und blieben entweder stehn, oder hingen auch ihre Flinten, mit
niedergelassenen Hhnen ber die Schultern und schritten langsam und
pfeifend, als ob sie diese retrograde Bewegung nicht etwa der Drohungen
der Bauern wegen, sondern einzig und allein aus freiem Antrieb machten,
langsam zurck und der Stelle zu, wo der Rittmeister von Gaulitz noch
immer, des Resultats harrend, stand.

Fritz that sein mglichstes, um das Treiben in Ordnung zu halten, er bat
und schimpfte und suchte die Schtzen fr jetzt nur wenigstens auf ihrem
Stand zu behaupten, damit er sich erst einmal beim Rittmeister eine
Ordre holen knne, dem frmlichen _Angriff_ dann auch wieder mit Gewalt
zu begegnen, aber umsonst.

Ich werde mich hier doch nicht prgeln sollen lautete die stete und
fast allgemeine Antwort und die Schtzen hatten sich damit, besonders
ihrer eignen Meinung nach, vollkommen gerechtfertigt. Die Bauern sahen
aber auch ihrerseits bald, wie sie mehr und mehr Terrain gewannen, und
schpften, je feiger sich die Gegenpartei bewies, desto mehr Muth aus
dem beraus gnstigen Erfolg ihres Auftretens.

Siaht' ersch, se han kain gut Gewissen -- se kneifen aus! riefen sie
sich Einer dem Andern ermuthigend zu, und es dauerte nicht lange so
kamen sie im vollen Laufe heran, schnitten einen Theil der frher
Ausgeschickten ab, und erklrten hier nun unverschmt genug der
ihnen, wenn auch nicht an Zahl, doch an Waffen weit berlegenen
Jagdgesellschaft, die jetzt schon wieder grtentheils auf Hornecks
Felder zurckgekehrt war, augenblicks sich heeme zu schren und es
sich nicht etwa einfallen zu lassen, je im Leben wieder auf Skorditzer
Fluren zu kommen, wenn sie nicht das Blaue vom Himmel 'runger beshn
wullten.

Der Rittmeister suchte den Leuten den jetzt noch existirenden
Rechtsstand vernnftig auseinander zu setzen, ja aber Du lieber Gott --
ein Bauer und Vernunft annehmen, wie Holke verchtlich meinte --
das blieb fruchtlos. Die Burschen behaupteten, es wre gar kein Recht
weiter, als da sie in Frankfurt ausgemacht htten, von jetzt an
knne jeder auf seinen Feldern jagen, und wie sie frher nicht auf der
Herrschaft Fluren mit der Flinte gedurft, so solle die Herrschaft auch,
in Wechselwirkung, nicht auf ihre mit der Flinte kommen drfen. Das war
einfach genug, und wenn die eenlitzigen Hrren, die da noch hingen
'rumstiefelten nicht bald machten, da sie fortkmen, so sollten sie
einmal sehn, was die Skorditzer Flegel fr hartes Holz htten.

Der Rittmeister schien jetzt brigens -- so sehr er sich bis dahin auch
selbst gehtet hatte auf das, als feindlich bezeichnete Revier hinber
zu treten -- selber etwas wrmeres Blut zu bekommen. Der hartnckige und
von gar keinen Grnden, sondern nur von der rohen Gewalt untersttzte
Widerstand, erweckte den alten soldatischen Geist in ihm und das:

Meine Herrn, wollen Sie geflligst abgehn -- Holke lassen Sie doch
ablaufen, zeigte, wie _er_ wenigstens gesonnen sei, es einmal auf rohe
Gewalt auch ankommen zu lassen.

Aber die Leute, die aus dem Dorf da noch alle herber kommen, sind
ja mitten im Treiben d'rin-- demonstrirte ein etwas ngstlich
umschauender Aktuar aus der Residenz.

Wenn sie im Treiben _bleiben_ wollen, sagte der Rittmeister
achselzuckend, so knnen wir's ihnen nicht verwehren -- es ist
Geschmackssache und ihre eigene Schuld, da ihnen vielleicht die Beine
vollgeschossen werden.

Die Bauern, die hier auf einmal hrten, da die Jagd doch, trotz ihres
Ausrckens beginnen solle, und wirklich lief auch Fritz schon wieder zum
zweiten Mal mit seinen Treibern ab, rotteten sich dicht auf einen
Haufen zusammen und Krautsch und Mllers Friede, die beiden vorragenden
Charaktere der Gruppe, die sich _gegen_ das Jagen auf fremdem Gebiet
aussprachen, reizten zum vollen Aufruhr an.

Htten die Schtzen Alle so gedacht wie der Rittmeister von Gaulitz und
der alte Holke, es wre vielleicht hier schon zu einer recht bsen
Scene gekommen, so aber war die Mehrzahl doch gegen einen wirklichen
Zusammensto, bei dem sie keine Ehre, sondern hchstens nur Beulen
erndten konnten. Die Meisten erklrten dem Rittmeister, sie wrden das
Treiben, unter solchen Umstnden, nicht mitmachen, und dieser sah sich
endlich genthigt, die Jagd fr heute aufzuheben, erklrte brigens,
da er sich an das Ministerium wenden werde, um diese Sache und ihre
Anstifter genau untersuchen und bestrafen zu lassen. Er wnsche, wie
er versicherte, kein Blutvergieen, aber so viel sei doch bestimmt, da
dieser Zustand nicht lnger fortdauern knne, ohne ernste Folgen nach
sich zu ziehn.

Die rohe Schaar hhnte, pfiff und lachte; unter ihrem Spott und Jauchzen
verlie die Jagdgesellschaft die Skorditzer Grenze und schritt, denn der
Abend war ebenfalls nicht mehr fern, Horneck oder doch wenigstens dem
oberen Theil der Felder zu, um dort die Strae zu erreichen und auf ihr
bequemeren Weg zu haben.

Die Bauern blieben noch lange zurck und fingen endlich, da viele von
ihnen Flinten mitgebracht hatten, gerade selber ein wenig an zu treiben,
als oben aus dem jetzt schon fast nicht mehr sichtbaren Schtzentrupp,
ein Schu fiel. Ein Hase, der sich irgendwo in ein kleines, schmales
Rapsstck, dicht hinter einem Feldstein, hineingedrckt gehabt, war
durch einen, ihm doch etwas zu nahe gekommenen Jger aufgescheucht, und
dieser dadurch so berrascht worden, da er nur schnell die Flinte noch
von der Schulter reien konnte, aufzog und hinter dem nicht schlecht
Haken werfenden Lampe herhielt.

Beim Schu knickte das arme Thier zusammen, floh aber dann wieder rasch,
mit zerschossenem rechten Hinterlauf gerade auf den noch ziemlich dicht
stehenden Knul der Skorditzer Bauern zu.

Fritz lste rasch seinen Hund und dieser wrde den Angeflickten auch
bald genug eingeholt haben, wre er nicht durch das wilde Brllen der
Treiber und Schtzen hab Acht, hab Acht! gleich im Anfang irre gemacht
worden. -- Wie er den Hasen endlich sah, hatte der schon einen tchtigen
Vorsprung gewonnen und es lie sich kaum anders erwarten, als da er
ehe ihn der Hund fassen konnte, die Bauern erreicht haben mte. Fritz
suchte den Hektor abzupfeifen, die Entfernung war aber schon zu gro,
und der sonst ungemein folgsame Hund hrte nicht im Geringsten auf das
so wohlbekannte Zeichen.

Mehr aus Besorgni um diesen als um den Hasen, den er den Bauern gern
gelassen htte, knpfte jetzt Fritz rasch seine Leine vom Ring der
Jagdtasche los, und folgte so schnell er konnte dem Hund; die brigen
Jger gingen aber indessen ruhig ihren Schritt weiter, nur ein
paar blieben stehn, um zu sehn, ob Hektor den Hasen, dem einige der
Bauerburschen schon den Weg abzuschneiden suchten, wirklich bringen
werde oder nicht, und wandten sich dann auch, als sich die Sache in die
Lnge zu ziehn schien, ab von dem so oft gesehenen Schauspiel.

Fritz war der Einzige, der von der ganzen Jagdgesellschaft mit seinem
Hund zwischen den Skorditzer Bauern zurckblieb.

Hektor hatte sich indessen durch all das Schreien und Rennen der
Skorditzer, unter denen es sogar der Schulze des Dorfe fr passend
gehalten, als Hasendieb aufzutreten, keineswegs abschrecken lassen und
ruhig und unverdrossen den armen flchtigen Lampe im Auge behalten, der
seiner Seits durch Hakenschlagen den Dauerlauf in die Lnge zu ziehn
und seinen, ihm an Krften so weit berlegnen Feind zu ermden suchte.
Hektor war jedoch nicht der Hund, sich durch einen Hasen ein x fr ein
u machen zu lassen, er pate mit unverwstlicher Geduld auf, in welcher
Richtung Lampe die Absicht hatte auszustreichen, lie sich nie durch
eine pltzlich fingirte Richtung beirren, rannte nicht toll und blind
in's Zeug hinein, sondern hielt lieber seine Distance, wo ihm die Beute
doch ber kurz oder lang werden mute, und berzeugte bald den
armen gehetzten Hasen, da er in seinem ganzen Leben noch nie einen
schlimmeren Feind hinter sich gehabt, und auch wohl nie einen anderen
wieder hinter sich haben werde. Seine Laufbahn war beendet, und an einem
schmalen Streifen hochgeackerten Sturzlandes, den er mit dem kranken
Lauf nicht so schnell berspringen konnte, fate ihn Hektor, endete mit
_einem_ Bi seine Leiden, und hob ihn dann, mit dem Schwanze freundlich
dazu wedelnd, stolz aus, seinem Herrn das so mhsam errungene Stck zu
berbringen.

Hektor sollte sich aber in seinen, doch wahrlich nur gerechten
Erwartungen, getuscht sehn -- die Bauernschaar, die durch den Anblick
des angeschossenen Lampe zu voller Erwartung auch auf den Braten selber
gebracht und dadurch erst recht hitzig geworden war, hatte den Hund
jetzt umzingelt und warf sie von allen Seiten auf den berrascht und
erstaunt stehen bleibenden.

So unerwartet Hektor aber auch ein solcher Angriff, der ihm in seiner
ganzen Praxis noch gar nicht vorgekommen war, sein mochte, dachte er
doch gar nicht daran, seine Beute auch nur einen Augenblick aufzugeben
und als Einer der Bauerburschen endlich, seiner Meinung nach so
glcklich war, den Hasen an einem Lauf zu erwischen und ihn nun den
Hund aus den Fngen reien wollte, lie dieser, der wohl fhlen mochte,
da er dem vollen Gewicht des Angreifers nicht ganz gewachsen sei,
pltzlich los, fuhr dem erschreckt Aufschreienden mit krftigem Bi in
die Wade, griff dann den Hasen wieder auf und wollte seinen Weg ruhig
fortsetzen.

Wie aber einem alten Sprichwort nach, viele Hunde des Hasen Tod sind,
so waren hier viele Bauern des Hasen, nicht gerade Retter, aber doch
Rcher an seinem Sieger.

Luderkriate, willst de baien? schrie ein vierschrtiger Knecht
und schlug nach dem armen Thiere mit einer Mistgabel und zwar so gut
gemeint, da, htte er ihn so getroffen, wie seine Absicht gewesen,
Hektor wohl sein ganzes briges Leben hindurch kreuzlahm geblieben wre.

Lat den Hund gehn, schrie da der herbeieilende junge Jger und ri
in allem Eifer und in Besorgni um seinen armen Hektor, die Doppelflinte
von der Schulter, lat den Hund gehen, sag' ich -- verdammte Canaillen
Ihr.

Hoho, ist das Fritzchen auch wieder hier? rief Mllers Friede, durch
die Stimme erst auf den Herbeieilenden aufmerksam gemacht -- jetzt
haben _wir_ einmal die Karten in Hnden, und wollen sehn, ob wir nicht
Trumpf spielen knnen. Luderkrte! schrie er dann, und trat dabei das
arme Thier, das sich jetzt, da sein Herr in der Nhe war, jedes weiteren
Selbstschutzes enthoben glaubte, dermaen in die Rippen, da es laut
aufheulend gegen die Beine ein paar anderer Bauerburschen auflog und
wie todt und nach Luft schnappend, den Hasen aber jetzt natrlich
loslassend, auf dem Platze liegen blieb -- warte Beest -- willst Du
_beien_.

Schuft! schrie Fritz und sprang in wilder Wuth auf den Buben zu, der
seinen treuen Hund auf so niedertrchtige Weise mihandelte, und den er,
ehe es die Umstehenden verhindern konnten, mit krftigem gutgemeinten
Faustschlag in's Gesicht traf.

Hollo Ferschterchen! riefen aber Krautsch und Andere dazwischen
springend, hier wird nischt gereecht -- Euer Handwerk is Uech gelegt,
un jetzt braucht er nich mehr dumm zu thun. -- Uff uns Bauern sidd er
lange genug herim getrappelt, jetzt wullen mer emol e Wailchen oben uf
sitzen.

Hund verdammter! brllte aber jetzt auch Mllers Friede, der von
dem Schlag betubt zurcktaumelte, und sein rechtes Auge im Nu fast
aufschwellen fhlte -- er hat mich geschlagen.

Ei Du Wetterkriate! schrie Krautsch und wollte auf den Jger
zuspringen, dieser aber trat rasch einen Schritt zurck, wo er rings
um sich her einen kleinen Raum frei hatte, und rief, die Flinte im
Anschlag, die Schaar mit finsterem drohenden Blicke berfliegend:

Wer mich anrhrt, ist ein Kind des Todes -- zurck da -- oder beim
ewigen Gott, ich mache eine Leiche aus ihm.

Ah, Papperlapapp, lachte Krautsch, 's wird nich gleich so gefhrlich
sin -- hr mit 'er Muschkete, Mosjechen, Ihr sidd hier uf fremmen Grund
un Boden, un hat mer meine ooch weggenommen -- Wurscht wieder Wurscht.

Es hatte sich indessen um den Jger, den in seiner drohenden Stellung
doch keiner, selbst Krautsch nicht, anzugreifen wagte, ein Kreis von
Bauern gebildet, als Mllers Friede, durch den erhalten Schlag, wie
durch den Schmerz seines Auges zur wildesten Wuth angestachelt, ausrief:

_Der_ Hund darf nicht gesund wieder fort, so lange ich noch ein Glied
am Leibe rhren kann, aber erst wollen wir ihn einmal nackt durch
Skorditz jagen, wie sie's dem Jger in Hohenbuchen auch gemacht haben --
nehmt ihm das Schieeisen ab und reit ihm die grnen Fetzen vom Leibe
und nachher soll er Spieruthen laufen!

Zurck da! schrie Fritz, die Hand am Drcker, obgleich aber jetzt von
allen Seiten die jungen krftigen Bursche, die auch selbst nicht recht
glaubten, da er wirklich schieen wrde, zusprangen, konnte er es nicht
ber's Herz bringen, abzudrcken -- es war ein Menschenleben, das auf
dem Spiele stand, und hier wehrte er sich vielleicht seiner eignen Haut
auch noch so. Die Flinte also hoch haltend, um sie den Hnden der
danach Greifenden zu entziehen, schlug er mit der Rechten so tchtig
und kunstgerecht um sich her, da er fr wenige Momente die Andrngenden
krftig im Schach hielt und mit nur einiger Hlfe von Auen den Leuten
wohl zu schaffen genug gemacht htte; so aber konnte er gegen die
Uebermacht doch nicht lange ankmpfen. Von hinten fielen sie ihm in die
Arme, entrissen ihm das Gewehr, faten ihm die Ellbogen, und hielten ihn
so, da er sich nicht regen und rhren konnte.

Nun 'runter mit den Kleidern! schrie Mllers Friede, der in dem
letzten Kampfe noch einen Schlag bekommen hatte, vor Wuth schumend --
runter damit und dann die Canaille durch's Dorf gejagt.

Runger mit den Lumpen! rief die rohe Schaar jubelnd, in den
niedertrchtigen Vorschlag eingehend, und da das Ausziehn der Kleider
mit zu viel Umstnden verknpft gewesen wre, trennte ein Schnitt mit
einem Genickfnger die grne Piquesche ber den Rcken herunter in zwei
Hlften und von allen Seiten niedergezerrt, hing ihm das Kleidungsstck
augenblicklich in Fetzen vom Leibe herunter.

Lat mich gehn! rief da Fritz, der den Wthenden doch jetzt am Ende
die Ausfhrung ihrer schndlichen Drohung zutrauen mochte, lat mich
gehn, oder beim -- ewigen -- Gott!

Hoho Birschchen, lachte Krautsch, der ihm hinten die Ellenbogen mit
Riesenkrften zusammenhielt -- nur nich so schtrampeln, das hilft doch
niche -- nur hibsch dusemang -- so -- nu halt emal de Beene.

Hlfe! schrie der Jger, der in wthender Kraftanstrengung sich
vergebens den Hnden seiner Henker zu entziehen suchte -- _Hlfe_ --
Hlfe -- Hlfe!

Das rohe hhnische Lachen der Schaar war die einzige Antwort, die er
erhielt, die ganze Schtzengesellschaft, die ihn unverantwortlicher
Weise den Hnden dieser Brut berlassen, war lngst hinter den hher
liegenden Feldern verschwunden -- sein Vater mute bei dem Hasenwagen
bleiben und keine Rettung schien fr ihn aus der Gewalt dieser
entmenschten Bauern.

Nackigd mu er dorch's Dorf! schrie Mllers Friede und ri mit einem
Ruck seiner starken Faust die Halsbinde entzwei und das Hemd hinten von
einander -- nachens kann er springen.

Fritz erwiederte kein Wort, aber mit einem pltzlichen Sto gelang es
ihm, seinen rechten Arm frei zu bekommen, und ehe die Nchststehenden
diesen erfassen konnten, fuhr er in die rechte Tasche seiner weiten
hellfarbenen Beinkleider, aus denen er mit glcklichem Griff den dort
bewahrten Genickfnger ri, die Scheide flog im Herausziehen ab, und
Krautsch, der ihn jetzt an der Gurgel gefat hielt, mit scharfem
Strich das Messer durch's Gesicht ziehend, da dieser laut aufschreiend
zurcktaumelte, schwang er es hoch und brachte dadurch seine Henker zu
einem pltzlichen fast unwillkrlichen Rcksprung.

Mit raschem kundigen Blick berflog aber jetzt der, zur Verzweiflung
getriebenen Jger das Terrain; gerade dort an der lichtesten Stelle
stand ein kleiner Junge, der die ihm selbst genommene Flinte halten
mute; auf den flog er, ehe nur Einer sein Vorhaben ahnen oder gar
verhindern konnte, zu, ri, indem er ihn zu Boden schlug, das Gewehr an
sich und wandte sich zur Flucht.

Halt ihn! schrie da Mllers Friede und warf sich ihm mit heiserem,
wthenden Zornesruf entgegen -- und noch ein Moment und er hatte ihn
ergriffen -- dann aber--

Ein Schu schmetterte mitten in die entsetzt zurckfahrende Schaar
hinein.

Ich bin getroffen! schrie da Mller -- lief mit ausgestreckten Armen
wohl fnf Schritte hinter dem jetzt in flchtigen Stzen entspringenden
Jger her und strzte dann -- eine Leiche -- auf das Gesicht nieder.

Fat ihn -- haltet ihn! rief Krautsch, dem durch den Schnitt ber's
Gesicht das Blut in die Augen gelaufen war, da er diese nicht einmal
ffnen konnte.

Aber keiner regte sich von der Stelle -- der Tod war zu pltzlich und
entsetzlich zwischen sie getreten, als da sie in diesem Augenblicke
Lust zu weiterer Gewaltthat gehabt, oder auch nur an Verfolgung gedacht
htten.

Fritz entsprang dem Walde zu, um dort den Feinden, falls sie ihm
nachsetzen sollten, am leichtesten zu entgehn, da er aber keinen
derselben hinter sich sah, nderte er seine Richtung und floh jetzt, so
rasch er konnte, dem unteren Theile von Horneck, in dem das Rittergut
lag, zu.




Zweites Kapitel.

Der Oberpostdirector.


Der Herr Oberpostdirector sind eben von der Jagd zurckgekommen, aber
sogleich zu sprechen -- wenn der Herr Doctor sich nur einen Augenblick
gedulden, und hier geflligst eintreten wollten, sagte der alte Poller,
und ffnete mit einem knechtischen unterthnigsten Diener die Thr des
nchsten Zimmers.

Gut -- schn, sagte Wahlert zerstreut, nahm den Hut ab, und betrat das
Gemach, wo er, als er Niemanden darin erblickte, rasch und ungeduldig
hin und wieder schritt -- manchmal am Fenster stehen blieb, in den Hof
hinabsah, wieder umkehrte, und seine Wanderung von Neuem begann.

Endlich ging die aus dem Nebenzimmer hereinfhrende Thr auf, und der
Herr von Gaulitz betrat mit hflicher, mild freundlicher Verbeugung das
Zimmer. Doctor Wahlert erwiederte kalt und frmlich den Gru.

Ah, Herr Doctor Wahlert, sagte, als ob er einen lieben, lange
nicht gesehenen Freund ganz pltzlich wieder erkannt htte, der
Oberpostdirector -- ei, das freut mich ja doch ganz ungemein, da
Sie mir die Ehre geben. Es waren allerdings ganz eigenthmliche
Verhltnisse, unter denen wir uns das letzte Mal sahen, aber die Zeit
-- die Umstnde -- Sie werden -- Sie haben gewi -- Sie tragen mir gewi
keinen Groll deshalb nach, nicht wahr, mein guter Herr Doctor --
ganz eigenthmliche Verhltnisse. -- Was -- wenn ich fragen darf, --
verschafft mir denn jetzt eigentlich das so ganz unerwartete Vergngen?
-- aber bitte, wollen Sie sich denn nicht setzen?

Wunderbarer Weise fhren mich eben so eigenthmliche Verhltnisse,
_auch_ durch die _Zeit_ geboten, zu Ihnen her, erwiederte ihm, die
Einladung zum Sitzen mit leiser Handbewegung ablehnend, Wahlert. Herr
Oberpostdirector, ich komme nicht fr mich, sondern fr ein anderes
unglckseliges Geschpf, das _Sie_ elend gemacht haben, hierher,
Gerechtigkeit zu verlangen -- Gerechtigkeit zu _fordern_, und wenn ich
sie nicht erlangen kann, sie im schlimmsten Fall zu -- _erzwingen_. Es
ist besser, da wir uns ohne weiteres auf den Standpunkt stellen, auf
dem wir zusammen stehen mssen, wir ersparen dabei eine Menge Umstnde,
die uns im anderen Falle nur die kostbare Zeit rauben wrden.

Sie sind ungemein aufrichtig und ungenirt, lchelte der Herr von
Gaulitz in ser Verlegenheit den jungen Mann an -- spannen aber doch,
wie ich wirklich gestehen mu, und trotz Ihrer lobenswerthen Eile,
um zur Sache zu kommen, meine Neugierde in peinlichster Weise auf die
Folter. _Drfte_ ich Sie wohl ersuchen, mir zu sagen, was dieser langen,
schnen Rede kurzer Sinn eigentlich ist, und ob Sie auch in der That
den Oberpostdirector von Gaulitz gesucht haben, um an ihn all' diese
wunderbaren, und durch ein so treffliches Vorwort eingeleiteten
Anforderungen zu stellen?

Herr Oberpostdirector, sagte Wahlert, der sarkastischen Klte wiederum
ernste Ruhe entgegenstellend, die Sache geht Sie tiefer an, als
Sie vermuthen, und ich erbitte fr wenige Minuten mir Ihre volle
Aufmerksamkeit.

Aber bitte, wollen Sie sich denn nicht setzen?

Wahlert lie sich, ohne etwas darauf zu erwiedern, dem Oberpostdirector
dicht gegenber auf einem Stuhle nieder, und sagte mit leiser,
absichtlich halb unterdrckter Stimme:

Kennen Sie _Marie Meier_?

Der Oberpostdirector entfrbte sich leicht, sammelte sich aber bald
wieder, sah eine kurze Zeit, wie ber etwas nachdenkend vor sich nieder,
und antwortete dann:

Hm, hm -- ich dchte -- ich dchte, eine Marie Meier wre einmal vor
einiger Zeit Wirthschafterin bei mir gewesen -- ich kann mich aber doch
nicht mehr so recht darauf besinnen.

Herr Oberpostdirector, sagte Wahlert aufstehend, ich kenne Ihr ganzes
Verbrechen, Verstellung -- Leugnen, helfen Ihnen nichts mehr -- Marie
hat mir Alles gestanden, und Sie wissen, was Ihnen bevorsteht, wenn ich
diese Thatsachen der Oeffentlichkeit bergebe.

Mein Herr-- sagte von Gaulitz, der noch immer hoffte, durch eine
kecke Stirn dem jungen unerschrockenen Mann zu imponiren -- Sie
vergessen, mit wem Sie reden -- ich bin ein Mann, dessen frommer Wandel
der Welt bekannt ist, und den ehrenschnderische Gerchte nicht im
Stande sind, weder vor den Augen des Publicums, noch vor Gericht zu
verdchtigen. Ich ersuche Sie in meinen eigenen vier Pfhlen um die
Achtung, die ich in meiner Stellung erwarten und beanspruchen kann.

So zwingen Sie mich denn, erwiederte mit finsterem Blick und Ton
Wahlert, zu einem Schritt, den ich _Ihret_wegen gern vermieden htte.
-- Herr Oberpostdirector, ich kenne Ihren ganzen Charakter -- mein Vater
ist, wie Sie wissen, Generalsuperintendent, und Ihnen, wenn auch nicht
be_freundet_, doch bekannt -- durch ihn erfuhr ich diese sogenannte
_Frmmigkeit_, mit der Sie vor den Augen der Welt den Ruf eines
gottesfrchtigen _ehrlichen_ Mannes zu behaupten wuten.

_Herr Doctor Wahlert_! rief von Gaulitz, seinen aufsteigenden Zorn
kaum unterdrckend.

Hierdurch aufmerksam gemacht, fuhr aber Wahlert, den aufwallenden
Grimm des Mannes gar nicht beachtend, fort, und den Interessen des
Volkes meine Zeit widmend, nahm ich mir die Mhe, mich nher nach
_Ihnen_ zu erkundigen -- meine Menschenkenntni wollte ich mit dem
Resultat bereichern, ob ein Mann von Ihrer Bildung, in Ihrer Stellung
und von -- Ihren Zgen -- denn ich gebe etwas auf Physiognomie --
wirklich so fromm und gottesfrchtig sein, und doch stets mit leeren
Bibelsprchen um sich her werfen, und seine Briefe und Gesprche damit
wrzen knnte. Ich fand da ich mich _nicht_ geirrt.

Diese Unverschmtheit ist so originell, sagte endlich der
Oberpostdirector mit einem erzwungenen Lachen da sie wirklich
interessant wird -- fahren Sie fort, und er bi seine Lippen fest
zusammen, verschrnkte die Arme, und stand, die Augen mit einem recht
boshaft tckischen Ausdruck auf das offene Angesicht des ihm gegenber
Stehenden geheftet, still und schweigend dem weiteren Verlauf der Rede
lauschend, da.

Das ist meine eigene individuelle Meinung, fuhr Wahlert fort, und
die braucht Sie wenig zu kmmern; andere Thaten aber ruhen im Mund Ihrer
Untergebenen, und nur an einem unerschrockenen Auftreten hat es bis
jetzt gefehlt, ihnen Worte zu geben. -- Die Snde, die Sie an Marien
begangen, brauche ich Ihnen nicht zu wiederholen -- sie allein wre
hinreichend, tausendfltigen Fluch auf ihr schuldbeladenes Haupt herab
zu rufen -- andere Verbrechen sind es aber noch, deren Sie bezchtigt
werden, und soll mir Gott in meiner letzten Stunde beistehen, wie ich
auftreten will gegen Sie, fgen Sie sich nicht dem, was ich jetzt von
Ihnen fordere.

Was wissen Sie von mir, Herr?

Gut denn, wenn Sie es nicht anders wollen, sagte Wahlert, mit dsterer
Entschlossenheit im Blick, so hren Sie, und urtheilen Sie dann
selber, ob ich im Stande wre, Ihnen gefhrlich zu werden. -- Auf dem
Verbrechen, das Sie an Marien begangen, steht _Eisen_strafe, da Sie
Ihnen freundlich gesinnte Dirnen an Ihre Untergebenen verheirathet, und
diese dann ungerechter Weise bevorzugend, in hhere Stellen einrcken
lieen, wie vor gar nicht langer Zeit auf solche Art einen Postillon,
der schurkisch genug war, sich Ihrem Willen zu fgen, in eine
Secretariatsstelle, glaub' ich -- das sind Nebensachen. Das vornehme
>Gesindel< in den Stdten liebt dergleichen Unterhaltungen, und
lohnt stets auf anderer Leute Kosten; aber ich wei auch, da Sie des
Ehebruchs, selbst in neuster Zeit berfhrt sind, und kann Ihnen die
-- _falschen Zeugen_ vor Gericht bringen, die Sie gegen Ihr armes Weib
gedungen. Jetzt also, Herr Oberpostdirector, frage ich Sie zum letzten
Mal, wollen Sie es, mir gegenber, zum Aeuersten kommen lassen; wollen
Sie _Alles_ leugnen, und dann versuchen, wie weit ich die Sache treibe?

Der Oberpostdirector schwieg, und schaute, an den Ngeln der linken Hand
kauend, stier vor sich nieder.

Gut -- es steht in Ihrer Gewalt! sagte Wahlert pltzlich nach einer
langen Pause, in der er auf eine Antwort gewartet zu haben schien --
thun Sie, was Sie fr sich selber als das Beste halten -- aber bedenken
Sie auch, da wir nicht mehr das alte System haben, unter dem die
>Groen des Reichs< wie fast unverletzliche Personen standen, und Einer
durch den Anderen beschtzt wurden -- _Gerechtigkeit_ herrscht jetzt
im Lande, Herr Oberpostdirector, _und denken_ #Sie# _sich Ihr
frchterliches Loos, wenn_ #Ihnen Gerechtigkeit# _wrde_.

Sie hufen Beleidigungen auf Beleidigungen, sagte Herr von Gaulitz
mit leiser, heiserer Stimme, verlie seinen Platz am Tisch, und ging mit
raschen Schritten im Zimmer auf und ab--

Und Ihre Antwort? frug Wahlert ernst.

Der Gutsherr, dessen Gesicht eine Leichenfarbe angenommen hatte, blieb
pltzlich stehen, sah den jungen Mann mit einem Blick des tiefsten,
bittersten Hasses an, den dieser jedoch mit einem trotzigen Lcheln
erwiederte, und sagte schnell:

Sie knnen mir Nichts beweisen, Herr, nicht das Mindeste -- alle Ihre
Beschuldigungen sind falsch -- falsch, wie die Hlle, in der sie gebraut
wurden. -- Wagen Sie es, mit solchen Klagen gegen den Oberpostdirector
von Gaulitz vor Gericht zu treten -- wagen Sie es, aber >der Herr wird
seine Feinde vernichten, und die in den Staub werfen, so wider Ihn die
Waffen ergreifen -- das Licht des Gottlosen wird verlschen, und der
Funke seines Feuers wird nicht leuchten.<

Herr Oberpostdirector, erwiederte ihm leise der junge Mann, ich
knnte Sie vielleicht selbst mit Bibelversen schlagen, lge mir daran,
einen Wortstreit mit Ihnen zu haben. >Ein falscher Zeuge bleibt nicht
ungestraft, und wer Lgen frech redet, wird nicht entrinnen< -- was
sagen Sie z.B. zu der Stelle. -- Doch genug der Worte -- Thaten will
ich jetzt, und die _letzte_ Frage mchte ich hiermit an Sie richten --
wollen Sie sich meiner Forderung fgen?

Was wollen Sie von mir! sagte der Oberpostdirector, die Ngel seiner
linken Hand noch immer mit den Zhnen beschneidend, whrend er sich
halb von dem jungen Manne abwandte, als ob er den Blick desselben nicht
ertragen knnte -- was ist es -- was fordern Sie?

Nichts fr mich, entgegnete ihm Wahlert ruhig, nur die Unterschrift
dieser Zeilen.

Der Oberpostdirector nahm sie schweigend aus seiner Hand, und berflog
sie rasch mit dem Blick--

Sind Sie wahnsinnig? frug er da rasch und pltzlich -- halten Sie
mich fr einen Crsus?

Ich _wei_, da der Herr Oberpostdirector gute Geschfte mit Geld auf
Zinsen zu leihen nicht verschmht, und arme Teufel, die von ihm ein
Capital geborgt, pltzlich sehr geschickt und zur rechten Zeit um
ein halbes oder ganzes Procent zu erhhen wei -- natrlich nur der
>schlechten Zeiten< wegen, aber stets unter Androhung der Aufkndigung
des Capitals. Was sind dreihundert Thaler jhrlich fr ein armes
Mdchen, deren Lebensglck auf das Schndlichste, Nichtswrdigste
zerstrt und vernichtet wurde, und die dieser Summe nur eigentlich zu
Nichts weiter bedarf, als -- um nicht auch noch _betteln_ zu gehn.

Es thut mir leid, da sich Marie Meier in so traurigen Umstnden
befindet, versicherte der Oberpostdirector -- und ich will gern Alles
thun, was--

Wollen Sie dieses Papier unterschreiben? frug ihn Wahlert eintnig.

Was in meinen Krften steht, will ich thun, sagte von Gaulitz -- aber
das -- das ist zu viel.

Zu viel fr ein Menschenleben, lachte der Doctor im zornigen Unmuth
-- es wre wahrlich eine Verlockung, sich dem _Teufel_ zu verschreiben,
wenn man nur vermuthen mte, da _solche_ Menschen einst in den Himmel
kmen. Doch genug der Worte, ich habe Sie nicht aufgesucht, um mit Ihnen
zu feilschen und zu handeln und um Procente zu streiten. Meine Frage
gilt einfach dem _Mann_, dem ich als Mann gegenber stehe, und die
Alternative ist die, da ich mich von hier aus auf ein Pferd werfe und
morgen frh schon in der Residenz die Klage gegen den Oberpostdirector
von Gaulitz beim Criminalgericht eingebe, und da _ich_ die _Zeugen_
stelle, darauf knnen Sie sich verlassen. Einfach also Ihre Antwort --
hier ist das Papier -- dort steht Feder und Dinte -- wollen Sie, oder
nicht?

Mit der Pistole auf der Brust -- sagte verlegen der Gutsherr.

Bitte um Verzeihung, Herr von Gaulitz, erwiederte mit besonderem
Nachdruck der junge Mann ich bin unbewaffnet -- die Pistole wre nur
-- Ihr Gewissen, die Ihnen hoffentlich geladen und gespannt bis zu Ihrer
letzten Todesstunde vor den Schlfen stehen soll. -- Ich bitte um Ihre
Entscheidung.

Dreihundert Thaler jhrlich?--

Bis zu ihrem Tod -- in dem Fall aber hundert Thaler an ihren Vater.

Der Oberpostdirector ging mit verschrnkten Armen wohl fnf Minuten lang
rasch und schweigend im Zimmer auf und ab; Wahlert lehnte an der Ecke
eines Spieltisches und sprach kein Wort, strte sein Nachdenken durch
keinen Laut, durch keine Bewegung, nur sein Auge haftete mit seiner
Adlerschrfe auf ihm, und folgte ihm, wohin er sich wandte, und es
schien fast, als ob der Gutsherr das wisse, und der Blick gerade es sei,
der ihn so unruhig herber und hinber jage, denn nicht ein einziges Mal
schlug er das Auge zu dem so unwillkommenen Besuch empor. Endlich, doch
wohl einsehend, da ihm hier wirklich nur die Wahl zwischen ffentlicher
Schmach und einem, wenn auch bedeutenden Geldopfer liege, schien sein
Entschlu gefat. Er trat an den Tisch auf dem, neben dem Dintenfa das
Dokument lag, ergriff die Feder -- und noch zgerte seine Hand.

Wahlert schaute mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ihn hinber
-- pltzlich zuckte ein triumphirendes Lcheln ber seine Zge -- das
Kritzeln der hastig gefhrten Feder kndete ihm seinen Sieg. Im nchsten
Augenblick reichte ihm der Oberpostdirector das Blatt hinber -- er warf
einen Blick darauf, verbeugte sich, faltete es zusammen, schob es
in seine Brusttasche und ffnete eben die Thr, das Zimmer wieder zu
verlassen, als drauen eine wildverstrte, blutbedeckte, von Lumpen
umhangene Gestalt mit der aufgezogenen Jagdflinte in der Hand in die
Thre sprang, und eine heisere Stimme in kaum hrbaren Lauten frug--

Wo ist der Herr?

Heiliger Gott! rief Wahlert und trat, entsetzt ber den schaurigen
Anblick, auf den Vorsaal hinaus, der Oberpostdirector aber, durch den
Ausruf aufmerksam gemacht, folgte ihm rasch, sah zuerst die Gestalt, die
er wahrscheinlich nicht einmal gleich erkennen mochte, erstaunt an und
rief dann, mehr berrascht als bestrzt:--

Fritz Holke -- was machst Du in _dem_ Aufzug hier? -- Mensch wie siehst
Du aus?

Retten -- Schtzen Sie mich! war aber Alles, was der arme Teufel vor
Erschpfung und Angst und Aufregung ber die Lippen bringen konnte --
ich habe -- ich habe einen Menschen -- erschossen -- den Mllerburschen
aus -- aus der Rauschenmhle -- sie werden -- sie werden gleich hier
sein -- groer allmchtiger Gott, ich bin ein _Mrder_!

Wahlert war an die Seite und etwas zurckgetreten, und ein schweigender
aber wachsamer Zeuge der folgenden Scene.

Ein Mrder? rief der Gutsherr jetzt wirklich bestrzt, und blickte
die Leidensgestalt, in deren Antlitz jeder Zug die Wahrheit der Worte
besttigte, forschend an, Mensch, Du siehst frchterlich aus!

Fritz erzhlte jetzt mit flchtigen Worten, und so gedrngt als mglich,
den ganzen Vorfall, wie er von den Bauern mishandelt, mit was er bedroht
worden, und endlich nur in letzter Verzweiflung, seiner selbst fast
unbewut, nach der Waffe gegriffen und die Mndung dem vorspringenden
Feind drohend vorgehalten habe -- dann war der Schu gefallen -- der
Mann -- als er sich nach ihm umschaute, gestrzt, und weiter wute er
selber Nichts mehr, weder von sich selbst noch von der ihn umgebenden
Welt -- Flucht war sein einziger Gedanke gewesen, Flucht, vor dem
Erschlagenen fast mehr als den verfolgenden Menschen, und er, der
Gutsherr, der ihm selber befohlen habe, streng gegen alle Wildfrevler
zu verfahren, sei der Mann, der ihn schtzen werde, schtzen _msse_ vor
der Rache der Bauern.

Nun _das_ htte mir noch gefehlt! rief jetzt der Herr von Gaulitz,
der in dem Interesse, das er an der athemlosen Erzhlung seines
Jgerburschen nahm, die Anwesenheit des dritten Mannes ganz vergessen
zu haben schien. -- _Ich_ soll mich in deine Streitigkeiten mit dem
Bauergesindel mischen, und wohl gar noch einen Mrder und Todtschlger
in meinem Hause beherbergen, da sie mir nachher das Dach ber dem Kopf
anstecken? -- nein wahrhaftig nicht -- wer hie Dich gleich abdrcken,
der, der Blut vergiet, des Blut soll wieder vergossen werden, steht in
der heiligen Schrift -- >wo Jemand an seinem Nchsten frevelt und ihn
mit List erwrget, so sollst Du denselben vor meinen Altar nehmen, da
man ihn tdte< und >Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fu um
Fu, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule!<

Herr des Himmels sthnte da Fritz in Todesangst, -- _Sie_ sagen das,
_Sie_, der Sie mir hier an dieser Stelle, wo wir jetzt bei einander
stehn, zuriefen -- >Schiee die Wildfrevler nieder -- und auf _meine_
Verantwortung?< An mich gehalten hab' ich und Alles ertragen, um nicht
ein Mrder zu werden, die Feindschaft aller Bauern dabei durch den Eifer
auf mich gelenkt, den ich in Ihrem Dienst bewiesen, und jetzt -- jetzt,
wo ich in Selbstvertheidigung vielleicht mein Leben, oder was noch mehr
ist, meine Ehre retten mute -- jetzt, wo ich den rgsten Wilddieb, der
je auf Hornecker Revier mit der Flinte herumgezogen, _auf_ Hornecker
Revier, niedergeschossen habe, jetzt bin ich ein ruchloser Mrder und
soll allein, elend in die Welt hinausgestoen werden. Gut, ich will
gehen, den Bauern will ich entgegengehn und sagen hier -- hier Ihr
Schurken -- hier nehmt Rache an dem vergossenen Blut -- Auge um Auge,
Zahn um Zahn -- aber _mein_ Blut kommt ber den Gutsherrn drinn und Gott
mge ihm einst in seiner letzten Stunde--

Poller -- Poller! rief der Oberpostdirector, in voller Aufregung
zu der schmalen steilen Treppe gehend, die in die Bedientenstube
hinunterfhrte -- Poller!

Zu Befehl Euer Gnaden! antwortete die bereite Stimme des Dieners, der
unten an der Treppe gehorcht, sich aber wohl gehtet hatte, seinen Kopf
oben blicken zu lassen.

Ruf mir den Christoph und Dietrich -- schnell -- sie sollen mir den
Burschen da aus dem Hause prgeln.

_Prgeln_! rief der arme mishandelte und in den Staub getretene
Jgerbursche, und wie unwillkrlich fuhr er mit der gewohnten Waffe
empor.

Der Oberpostdirector wandte sich in diesem Augenblick nach ihm um, sah
die drohende Bewegung des so schon zur Verzweiflung getriebenen Jgers,
der mit flatternden Haaren und blutbedecktem Antlitz, wie ein zum
Sprung bereiter Panther vor ihm stand, und trat, mit einem nur halblaut
ausgestoenen Schrei einen Schritt zurck. Dicht hinter ihm aber waren
die Stiegen, er verfehlte die oberste Stufe, glitt aus, griff nach
dem Gelnder -- der schwere Krper gewann aber das Uebergewicht und
polternd, und Hlfe rufend, strzte er die wohl zwanzig Fu tiefe, sehr
steile Treppe, mit dem Kopf voran, unaufhaltsam hinunter.

Gebe Gott, da er den Hals gebrochen hat! sagte Wahlert ruhig, whrend
Fritz in stummem Entsetzen zur Treppe sprang, um nach zu sehn, ob sich
der Gutsherr wirklich Schaden gethan. Wahlert aber ergriff seinen Arm,
zog ihn mit sich nach der Thr und sagte hier rasch und leise:

Jetzt fort mit Ihnen -- berlassen sie den Cadaver seinem Schicksal --
ob er todt oder lebendig ist, braucht uns wenig zu kmmern -- es wre
ein Gottesgericht gewesen -- aber auch zu milde, denn wenn es berhaupt
Gerechtigkeit in der Welt giebt, hatte ich immer noch gehofft _den_
Schurken einmal hngen zu sehn. Fr Sie ist aber kein Bleibens mehr im
Ort -- auch drben bei Ihrem Vater knnen Sie sich nicht aufhalten, Sie
wrden jedenfalls, dem souverainen Volk jetzt gegenber, eingezogen --
vielleicht gestraft, und doch sagt mir Ihr ganzes Aeuere, da Sie recht
gehandelt.

Aber wo soll ich hin? rief Fritz verstrt und unschlssig -- in
diesem Aufzug--

Dazu kann Rath werden erwiederte Wahlert -- hier -- und er zog
seinen Burnus aus, hing ihn dem Jgerburschen ber und drckte ihm dann
den eignen Hut in die Stirn. -- So, hier drinn steht eine Flasche mit
Wasser, da -- nehmen Sie die Taschentuch, so -- ber dem Auge ist noch
etwas -- oh das ist eine Wunde, nun die wird schon heilen; ziehen Sie
den Hut ein wenig in's Gesicht und gehn Sie jetzt geraden Wegs nach
Bachstetten hinber zum Schullehrer -- halt -- der ist heute Abend hier
in Horneck -- desto besser -- so kann er Sie selbst mitnehmen -- jetzt
nur fort. Oben wo der Graben in den Wald luft, in welchem ich damals
von gewissen Leuten verfolgt, heraus und nach der Pfarre zu kroch,
treffen wir uns -- fort -- die Leute kommen mit dem Gestrzten herauf.

Aber meine Flinte?--

Nehme ich unterdessen und werde dafr sorgen, da sie wieder in Ihre
Hnde kommt.

Und mein Vater?

Soll durch mich erfahren, da Sie in Sicherheit sind.--

Und--

Und _wer_? -- Fritz antwortete nicht -- Fort denn, sagte Wahlert,
Sie haben keine Secunde mehr zu verlieren!

Er zog den Jger mit sich aus der Thr, die er hinter sich wieder
schlo, brachte ihn vor das Gut hinaus und sah dort noch eine Weile
hinter ihm drein, als er nach flchtigem aber herzlichen Dank in der
mehr und mehr einbrechenden Dmmerung auf schmalen dunkeln, ihm aber
wohlbekannten Gartenpfaden durch das Dorf hinauf und wahrscheinlich
direkt der ihm von Wahlert bezeichneten Stelle zufloh, wo er spter
einen sicheren Versteck sollte angewiesen bekommen.




Drittes Kapitel.

Fritz Holke's Flucht.


Die Aufregung, die durch den Tod Mller Friedens in all' die umliegenden
Ortschaften kam, war entsetzlich. -- Das Gercht ging, der Horneck'sche
Jger habe den Mann blos deshalb erschossen, weil er einen kranken Hasen
htte fangen wollen. Krautsch, der den Schnitt durch's Gesicht davon
getragen, that ebenfalls sein Mglichstes, die Wuth gegen den ihm
ohnedies verhaten Jger noch zu schren und zu erhhen, und die
Gerichte, von allen Seiten bestrmt, muten wohl auf den flchtigen,
seit jenem Abend aber verschwundenen Mrder fahnden, wollten sie nicht
besorgliche Auftritte heraufbeschwren, die doch am Ende die Ruhe der
hochweisen Polizei vielleicht gestrt htten.

Und der Postdirector von Gaulitz?

Der lag drei Tage besinnungslos auf seinem Bett -- und phantasierte,
als er endlich wieder zu sich kam, von entsetzlichen Sachen, die den
Umstehenden das Haar zu Berge strubten. Die Frau von Gaulitz lie
auch endlich gar Niemanden weiter in's Krankenzimmer, als den Arzt, dem
berhaupt gleich ein kleines Gemach im Gute eingerumt worden war,
damit er, wenn sein Aufenthalt nicht ganz unumgnglich nothwendig in
der Residenz war, hier bleiben und schlafen konnte, denn das Leben des
Postdirectors schwebte lange in hchster Gefahr.

Im Anfang hie es dabei sogar, der Jgerbursche, dessen drohende Stimme
Poller unten in seiner Stube gehrt haben wollte, htte den alten Mann,
der dem Mrder seinen Schutz verweigert, die Treppe hinabgeschleudert,
Wahlert trat dagegen aber augenblicklich und auf das nachdrcklichste
als Zeuge auf, und sagte aus, wie er dabei gestanden habe, als der
Postdirector, die Stufe verfehlend, hinabgestrzt sei, ohne da ihm
der Jger auch nur auf sechs Schritte zu nahe gekommen wre. Das
rechtfertigte diesen allerdings von der Anklage, half aber dem
Postdirector nur wenig, der sich auch noch, wie eine sptere, allerdings
zu spte Untersuchung, darthat, die Hften ausgerenkt und zwei Rippen
gebrochen hatte.

Der Jger war indessen glcklich in seinen Versteck entkommen, durfte
aber gar nicht daran denken, selbst in spterer Zeit nach Horneck
zurckzukehren, und mute sich nun einen Ort in der weiten Welt suchen,
wo er sich einen Heerd, eine neue Heimath grnden knne. Ohne Abschied
von Lieschen zu nehmen, war er aber, selbst an dem Abende nicht, von
Horneck geschieden; trotz der Gefahr, in der er sich befand, schlich
er von hier zur Schulwohnung hinber, das bekannte Zeichen rief sein
darber zum Tod erschrockenes Mdchen, der das entsetzliche Gercht
schon zu Ohren gekommen, vor die Thr hinaus, und dort gelobten sich
die beiden armen Kinder noch einmal -- unter dem freien hellbestirnten
Himmelszelt, ewige Liebe und Treue, wie das Schicksal auch ihre
Bahnen werfen, ihr Leben gestalten mge. Fritz war dabei schon fest
entschlossen, was seinen knftigen Plan betraf -- er wollte nach
Amerika, dort sich mit Flei und Sparsamkeit so viel verdienen, um eine
kleine Farm kaufen zu knnen, und dann sein Lieschen, sein liebes gutes
Lieschen, nachholen. Dazu schttelte aber diese gar traurig den Kopf,
den armen Vater hier in all seinem Elend, in seiner Krankheit allein
zurck lassen -- nein, das ging unmglich an. -- Aber der Vater bekam
bald Zulage -- eine Untersttzung vom Ministerium -- und der Pastor
hatte ihm ja ebenfalls Hlfe zugesagt -- Das waren Alles _fremde_
Menschen, wie das arme Mdchen mit recht traurigem Ausdruck in den Zgen
sagte, die _versprachen_ Alle, aber sie hielten Nichts, und dann blieb
der arme Vater doch nur immer wieder allein und ganz allein auf sie
angewiesen, und htte sie den Greis in dem Zustande verlassen knnen,
Fritz selbst wrde ihr das, bei kaltem Blute und ruhiger Ueberlegung,
nicht zugemuthet, ja wenn sie selbst wollte, es nicht gestattet haben.

Dagegen half keine Einsprache -- Fritz nahm Abschied von ihr, mit
dem ausdrcklichen Versprechen jedoch ehe er das Vaterland verlie,
jedenfalls noch einmal zu ihr zu kommen, um den gemeinschaftlichen
knftigen Lebensplan zu bereden, und als Lieschen weinend am Gartenzaune
stand und mit ngstlichen Blicken, mit fieberhaft schlagenden Pulsen den
mehr und mehr in der Ferne verhallenden Schritten des Geliebten horchte,
eilte dieser, so schnell ihn seine Fe trugen, dem ihm von Wahlert
bezeichneten, wohlbekannten Versteck zu, und blieb dort, bis ihn Abends
spt der Bachstettener Schullehrer -- der Wahlert zu Liebe noch an dem
nmlichen Abende in sein Dorf zurckkehrte -- abholte und mit sich zu
Hause nahm.

Mehrere Tage vergingen so, und trotz des gegen Fritz Holke,
Jgerburschen aus Horneck erlassenen Steckbriefs, war keine Spur des
total von der Erde Verschwundenen aufgefunden worden. Fritz Holke war
aber nicht der Einzige, dessen Aufenthalt ganz urpltzlich nicht mehr
ermittelt werden konnte, auch Marie Meier und der alte Musikant hatten
-- Niemand wute wohin, in derselben Nacht das Dorf verlassen und
Wahlert bot vergebens Alles auf, um die Spuren der Entflohenen zu
finden. Selbst der Wirth, bei dem sie gewohnt, schien gar Nichts von
ihrer Abreise vorher erfahren zu haben, denn nicht eine mal die paar
Thaler Miethzins hatte der alte Mann bezahlt und der Hausbesitzer,
ein reicher Bauer aus Horneck, der zwei kleine Huser einmal um eine
Schuldforderung angenommen, fluchte und wetterte ber das Gesindel,
bis ihm Wahlert den rckstndigen Zins in die Hand drckte und den
Zrnenden dadurch zum Schweigen brachte.

Was konnte er jetzt thun, um die Unglcklichen wieder aufzufinden? --
Er schrieb augenblicklich in die Residenz, sandte Boten auf alle
umliegenden Drfer aus und versprach Gensdarmen und Forstlufern
ansehnliche Summen, wenn sie ihm Kunde von dem alten Musikanten
brchten, oder gar seinen Aufenthalt anzugeben wten, doch Alles ohne
Erfolg.

So sicher sich jene Beiden aber auch ihr Versteck gewhlt hatten, so
viel unsicherer wurde mit jedem Tage des armen Jgerburschen kaltes
Dachstbchen, in dem er jetzt, bei pltzlich eintretendem Frost,
besonders in der ersten Nacht fast erfroren wre. Dort konnte er nicht
lnger bleiben, als ihn aber der gutmthige Kraft die nchste Nacht
herunter in seine eigene Kammer nahm, war es die Magd gewahr geworden,
und auf rasche Entfernung, sollte nicht die Entdeckung die belsten
Folgen nach sich ziehen, mute so schnell als mglich gedacht werden.

Fritz verlie am nchsten Abend bei Dunkelwerden Bachstetten und floh
-- natrlich augenblicklich nach Horneck in die Schule, wo ihn der jetzt
davon in Kenntni gesetzte Hennig zwei Tage, mit grter Gefahr fr sich
selbst, zu verbergen wute. Indessen hatten sie aber auch nun den Plan
entworfen, den sie knftig verfolgen wollten, Lieschen ward sogar mit
in den Kriegsrath gezogen und der Beschlu gefat, da Fritz jetzt ohne
Weiteres voraus nach Amerika berfahren und dort das Land einige Monate
durchziehen solle. Zum Frhjahr, wo er schon einen Platz zur Ansiedlung
ausgewhlt haben konnte, kam Wahlert mit seiner jungen Frau nach.

Und Lieschen? -- Ach dem armen Kinde standen die groen hellen Thrnen
in den Augen, da es nicht mit ziehen konnte in das freie herrliche
Land, wo es keine Noth mehr gab und -- keine Nahrungssorgen, wo der
Arbeitsame und Ehrliche sein Brod fand, und nicht wie hier in Kummer und
Elend verderben mute. Aber -- es ging nicht -- Vater und Geschwister
durfte, konnte sie hier nicht allein zurcklassen und wehmthig nickte
sie nur mit dem Kpfchen, als ihr Fritz versicherte, wie er bald, recht
bald so viel verdient haben werde, um sie und die Ihrigen zu ernhren
und sie dann alle mit einander nachholen zu knnen.

Noch in derselben Nacht verlie er, von Wahlert hinlnglich mit Geld
untersttzt, und mit ein paar Briefen nach Havre versehen, Horneck,
setzte nach der Rauschenmhle ber, nahm dort von seinem Vater, den
er auch in spterer Zeit noch in Amerika zu sehen hoffte, herzlichen
traurigen Abschied, und wanderte dann getrosten Muthes nach der
Residenz. Wahlerts Rathe nach sollte er hier Post nach Coblenz nehmen
-- auf der Post frug ihn kein Mensch nach einem Pa, und von dort aus
erreichte er schnell die franzsische Grenze und Havre de Grace.

Lieschen schwebte indessen in Todesangst -- jedes fremde Gesicht, das
ihr begegnete, schien zu sagen: sie haben Deinen Fritz erwischt und
er wird jetzt in Ketten wieder zurck transportirt. -- Keine derartige
Kunde wurde ihr aber, im Gegentheil mute sie jetzt, da der Steckbrief
nicht erledigt wurde, der Entflohene also auch nicht eingefangen sein
konnte -- hoffen, da er glcklich entkommen sei -- dennoch war ihr
die Ungewiheit, ach, so peinlich, und die Tage schlichen ihr lang und
traurig dahin.




Viertes Kapitel.

Pastor und Schulmeister.


Der neunte December brach trbe und dster an; im Nordwesten hatten sich
dunkle, drohende Wolkenmassen gebildet, und mit der Tagesdmmerung sah
es fast so aus, als ob an diesem Tage der erste Schnee fallen msse.
Auch waren schon mehrere Zge wilder Gnse schnatternd und schwirrend
dicht ber Horneck weg, vom Norden herunter kommend, dem wrmeren Sden
zugestrichen -- ein ziemlich sicheres Zeichen des nahenden Winters -- um
neun Uhr aber, der Stunde der Wetterscheide, drehte sich der Wind mehr
nach Sden herum, und ein kalter, dnner Regen, der im Anfang wie
Staub auf den Kleidern lag, um spter desto sicherer einzudringen, fiel
geruschlos auf die feuchte lehmige Erde nieder.

Selbst den Enten schien es in dem, unten gleich am Pfarrhgel liegenden
Teich zu na geworden zu sein, und sie watschelten schnatternd in ihrem
schwerflligen Marsch -- eine hinter der anderen genaue Linie haltend
-- unter die Pflaumenbume, wo sie erst eine ganze Weile die Kpfe
schttelten, als ob sie selbst nicht wten, was sie ber den
diejhrigen Herbst denken sollten, dann sich die Flgel und das
bewegliche Schwnzchen putzten, und zuletzt ganz ehrbar und bedchtig
still saen, die Kpfe hinten in den Nacken drckten, und mit halb
geschlossenen Augen trumend nach den grauen unbehaglichen Wolken in die
Hhe schauten.

Der Gnsejunge stand dabei unten am Teich, und wusch sich die
bloen Fe in der kalten, schmutzigen Flut, und ein kleines dralles
Bauermdchen im bloen Kopf, das ein Gef in der Hand trug, und von
seiner Mutter wahrscheinlich in den nchsten Kaufmannsladen geschickt
war, um Essig, oder sonst eine Flssigkeit zu holen, schien Gefallen an
dem Fubad zu finden. Sie trat dicht zu dem gleichgltig nach ihr sich
umschauenden Jungen heran, tauchte erst ganz sorgfltig die eine Spitze
des sauber geschmierten Schuhes in das Wasser, und freute sich, wie
die Fluth in trben Perlen auf dem schwarzen Fett hngen blieb -- dabei
wurde sie aber immer kecker und kecker, nahm jetzt den anderen Fu,
und dann diesen wieder, bis sie es endlich einmal versah, und sehr zum
Ergtzen des schadenfrohen Gnsejungen zu tief trat, so da das Wasser
ihr den Strumpf netzte und in den Schuh lief. Ei, wie rasch hob sie da
das kleine Bein, und rannte, dann und wann einmal stehen bleibend und
den nassen Strumpf betrachtend, spornstreichs den schmuzigen Fahrweg
entlang in die schmale Gasse, die zum Kaufmann fhrte.

Hier und da schaute ein mimuthiges Gesicht aus den Fenstern der
benachbarten Bauernhuser heraus, und der Knecht, der sonst immer
pfeifend neben seinem Geschirr herging, zog heute verdrossen und dicht
in seinen alten grauen Regenmantel gewickelt, hinter dem Mistwagen her,
whrend selbst die Pferde, dann und wann die Ohren schttelnd, und
nicht rechts noch links schauend, wie verdrielich in den Deichselketten
hingen, da der schwergeladene Wagen nicht zu rasch den Abhang hier
hinunter rolle, und ihnen etwa in die Hacken kme.

Aus den Scheunen tnte das monotone Dreschen herber, immer trber und
trber umzog sich der Himmel, und die ganze Natur sah aus, wie der Bauer
in seinem Regenmantel.

Es war wieder an einem Sonnabend, und Hennig, froh endlich einmal der
dunstigen Schulatmosphre enthoben zu sein, ging in die Pfarre hinber,
wo er den Kindern Musik, und Sophien -- o wie er sich die ganze lange
Woche hindurch auf die _eine_ selige Stunde freute -- Zeichenstunde gab.
Am letzten Sonnabend war ihm auch diese Freude, wenigstens zum groen
Theil verbittert worden, denn der Fremde, Doctor Wahlert, der in der
Pfarre wohnte, ging die ganze Stunde nicht aus dem Zimmer, und es kam
ihm da gerade so vor, als sei ihm der Tag -- der einzige Erholungstag
der ganzen Woche, auf solche Art ganz schndlich und heimtckisch
gestohlen worden. Heute konnte ihm das nicht widerfahren -- Wahlert
war gestern Abend erst fortgeritten, und kam keinesfalls vor der
Zeichenstunde zurck, und Hennig hatte die Zeit kaum erwarten knnen,
so da er eine volle halbe Stunde -- sehr zum Entsetzen der jungen
Pastors, die gar noch nicht an's Clavier dachten, hinber in die Pfarre
ging.

Dort war aber erst gestern Abend der frhere Diaconus Brauer, jetzt
Pastor zu Kloneck, eingetroffen, um mehreres mit seinem Collegen, dem
Pastor Scheidler zu bereden, und es schien fast, als ob ihm auch
heute die liebste Stunde geraubt werden sollte; als Vorbedeutung wurde
wenigstens -- und wie lachten die junge Pastors -- die Clavierstunde
ausgesetzt. Als sich jedoch Hennig, um die Unterredung nicht zu stren,
wieder entfernen wollte, bat ihn Pastor Scheidler, zu bleiben, da sie
Manches mit einander zu besprechen htten.

Manches zu besprechen? Lieber Gott, dachte Hennig -- die alte
Geschichte; wenn sich ein Pastor dazu herablt, mit dem Schulmeister
etwas zu besprechen, so bedeutet das gewhnlich weiter gar nichts, als
er will ihm wieder einmal den Text lesen -- und das nennt er nachher
_besprechen_. Hennig hatte sich auch nicht geirrt, die Kinder waren
noch nicht einmal hinaus, als Pastor Scheidler, der Hennig gewinkt
hatte, einen Stuhl zu nehmen, anfing, ein paar Mal im Zimmer auf und ab
zu gehen -- ein sicheres Zeichen, da irgend ein Sturm im Anzug sei --
dann nach einigen Hm's und mehrmaligem Ruspern zum Tisch trat, und ein
Zeitungsblatt -- die Probenummer eines neu zu erscheinenden Blattes,
die Leuchte in die Hand nahm.

Hennig lchelte, denn er wute jetzt Wort fr Wort, was kommen wrde,
wunderte sich aber doch darber, den Pastor einer solchen Sache wegen so
ernst zu finden.

Lieber Hennig, nahm Pastor Scheidler nach einigem Zgern und einem,
scharf auf den Lehrer gerichteten Blick, das Wort -- Sind Sie wirklich
der Redacteur dieses Blattes, das vom ersten Januar 1849 an regelmig
erscheinen, und die hier vorn angegebene Tendenz verfolgen soll?

Allerdings, Herr Pastor, erwiederte ihm Hennig, und mit Gott hoff'
ich, zum Nutzen und zur Aufklrung der Menschen recht viel Gutes damit
zu wirken.

Ich dchte, Sie htten sich immer beklagt, da Ihnen so wenig Zeit zu
Ihren Studien bliebe? frug mit etwas bitterem Ton der Geistliche --
hiernach scheint es doch fast, als ob Sie weit mehr Zeit htten,
als ein Lehrer, der eine schon bergesetzliche Zahl von Kindern zu
unterrichten hat, haben sollte.

Lieber Herr Pastor, antwortete ihm Hennig mit wehmthigem Lcheln --
das Gesetz verstattet aber auch in seiner grenzenlosen Milde dem Lehrer
neun bis zehn volle Stunden Schlaf und Ruhe, und von denen, die
doch mein Eigenthum sind, benutze ich drei an jedem Abend zu solchen
Arbeiten, die meinem Geist eine angemessene Beschftigung gewhren,
meinen Gefhlen und Gesinnungen entsprechen, und mir zu gleicher Zeit
eine, ich kann wohl sagen _nthige_ Untersttzung geben sollen, ohne die
ich am Ende nicht einmal auskommen knnte.

Nicht auskommen knnte, lieber Hennig? frug der Diaconus erstaunt;
wenn ich nicht irre, haben Sie fast den doppelten Gehalt jetzt, den Sie
damals, als ich in Horneck noch Diaconus war, hatten? -- davon sollten
Sie doch leben knnen.

Ja, -- wenn ich den armen alten Kleinholz dabei _verhungern_ lassen
will, sagte Hennig ruhig.

_Verhungern_? rief aber jetzt Pastor Scheidler auffahrend -- Herr
Hennig, in _meinem_ Dorfe ist noch nie ein Mensch _verhungert_ -- am
wenigsten der Schullehrer, und es klingt -- Sie nehmen mir das nicht
bel, wenn ich aufrichtig zu Ihnen spreche -- fast ein wenig -- wie soll
ich denn gleich sagen -- ein wenig -- anmaend von Ihnen, zu thun, als
ob _Sie_ allein der Erhalter des alten Kleinholz wren. Bekommt er nicht
etwa regelmig seinen Gehalt als emeritirter Lehrer? -- Wir mssen
_Alle_ sehen, da wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen,
es thut aber auch ein _Jeder_, was in seinen Krften steht, mein guter
Hennig, ein _Jeder_.

Herr Pastor, erwiederte Hennig ruhig -- drfte ich Sie wohl fragen,
wie viel Ihr jhrliches Einkommen betrgt? -- bitte, beantworten Sie mir
das.

Das ist eine sehr merkwrdige und hier gar nicht her gehrende Frage,
sagte Pastor Scheidler, durch den Absprung aber doch etwas auer Fassung
gebracht.

Pastor Brauer schttelte mit dem Kopfe, erwiederte aber gar nichts.

Sie knnten mir aber doch, wenn ich Sie darum bitte, die Frage
beantworten, beharrte Hennig.

Es kommt ja hier gar nicht auf hohen oder geringen Gehalt an, lieber
Hennig, eilte hier der frhere Diaconus dem bedrngten Collegen zu
Hlfe -- lassen wir das -- die neue Blatt war es ja wohl, weshalb Herr
Pastor Scheidler mit Ihnen zu sprechen wnschte.

Bitte, lassen Sie mich, Herr Pastor, sagte ruhig der Lehrer -- es ist
besser, wir machen erst die eine Frage ab, sie hilft mir zugleich zur
Erledigung der zweiten -- Sie, Herr Pastor Scheidler, haben circa zwlf
bis vierzehnhundert Thaler Gehalt, und sagen dabei, wir mssen _Alle_
sehen, da wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen -- und der
alte Kleinholz -- groer allmchtiger Gott, mit _funfzig_ Thalern,
die _Sie_, Herr Pastor, alle vierzehn Tage beziehen, soll der arme
unglckselige Greis _das ganze Jahr_ mit seinen sieben Kindern
auskommen. Ist das _mglich_.

Sie vergessen, da ich selbst um Zulage fr ihn eingekommen bin,
entgegnete ihm, die indirecte Anklage parirend, der Pastor -- ich habe
meinen ganzen Einflu angewandt, es durchzusetzen. (Er hatte eine ganz
gewhnliche Eingabe gemacht, da er nur kurz vorher ein dringendes Gesuch
an das Ministerium, einem Neffen zu Liebe gestellt, und doch nicht
gleich zweimal hinter einander mit dringenden Bitten kommen wollte.)

Gebe Gott, da jenes Gesuch erfolgreich sei, sagte Hennig seufzend --
sonst kommt es zu spt.

Ist Kleinholz so krank? frug Brauer besorgt -- ich will doch nachher
einmal hinber gehen.

Sie werden ihm viele Freude damit machen, sagte Hennig -- er spricht
viel und gern von Ihnen -- Sie waren sonst immer so freundlich gegen
ihn.

Also nur um ihr Einkommen zu vergrern, haben Sie die Redaction
dieses Blattes bernommen? frug, auf den ersten Punkt jetzt wieder
zurckkommend, der Pastor Scheidler -- ist dem so?

Nein, erwiederte ihm Hennig kopfschttelnd, dem ist nicht so, Herr
Pastor -- nicht allein des _Geldes_ wegen, wenn auch, Gott sei es
geklagt, ein armer Dorfschulmeister der Letzte sein sollte, der von Geld
verchtlich sprche -- bin ich dazu gekommen, mir die Zeit am Schlaf
abzusparen, und als Schriftsteller mit meinen geringen Krften in die
Welt zu treten -- das Bedrfni war es, ber das, was mir so hei und
heilig am Herzen lag, ber die Schulreform, ber das Verhltni der
Schullehrer zu einander, ber das, was den Kindern ntzt oder schadet,
und in dieser verschiedenen Wirkung Einflu auf ihr ganzes knftiges
Leben ausbt, mich einmal so recht tchtig und grndlich aussprechen zu
knnen. Die schsische Schulzeitung verfolgt denselben Zweck, ist aber
in unserem Lndchen viel zu wenig gelesen, und mein kleines Blatt dringt
da vielleicht als helle, trostbringende Leuchte in manches arme dstere
Lehrerherz, und ruft es mit auf zum heiligen Kampf fr Wahrheit, Licht
und -- Gerechtigkeit. Selbst die gutgesinnten Geistlichen werden uns
darin nicht entgegen sein, denn ihnen ist sicherlich mehr daran gelegen,
gute, freudig wirkende und eifrige Schullehrer zur Seite zu haben, die
mit ihnen Hand in Hand an dem schnen Werke der Volkserziehung arbeiten,
als Menschen zu _beaufsichtigen_, denen man nur _mittelbar_ das
Stundenhalten anvertraute, die aber, wie das Gesetz angenommen zu haben
scheint, fortwhrend unter strenger Controle gehalten sein wollen, um
nur nicht lssig und faul in ihrem _Dienst_ zu werden.

Dann rechnen Sie _mich_ also nicht mit zu den gutgesinnten
Geistlichen, sagte Herr Pastor Scheidler, und zog die Brauen, den
Lehrer scharf dabei ansehend, hoch herauf.

Herr Pastor! rief dieser--

Nein, nein, nein, nein, Herr Hennig, nein und nochmals nein, sagte der
geistliche Herr, sich mehr und mehr ereifernd, ich mu Ihnen, da wir
endlich einmal auf das Kapitel gekommen sind, auch meine Meinung, wie
sich das gehrt, frisch und frei heraussagen. Im Anfang, und im Beginn
der politischen Bewegung -- oder nennen wir es lieber mit dem
richtigen Namen -- des _Aufruhrs_ in Deutschland, mochte ich diesem
Emancipationsstreben nicht so schroff entgegentreten, die Gemther waren
berdie aufgeregt, und ich hielt es nicht fr gut, solche Stimmung noch
mehr zu reizen, jetzt aber hat das _Whlen_, denn das allein ist
der richtige Ausdruck dafr, lange genug gewhrt, und ich bin nicht
gesonnen, es lnger selbst unter meinen Augen zu dulden!

Herr Pastor? sagte Hennig erstaunt.

Nein, nicht zu _dulden_, Herr! fuhr aber der Geistliche, der jetzt das
lang gesuchte Bett fr die Stromflut seines Zornes gefunden -- eifrig
fort -- Was mssen die anderen Geistlichen, was mssen meine Collegen
denken, wenn hier, ich mchte sagen, in meinem eigenen Hause, die Waffen
geschmiedet wrden, mit denen man sie -- und warum denn berhaupt auch
nur _sie_, nein auch mich selbst, eben so gut mich selbst -- fortwhrend
angreift und bekmpft. Ich sage Ihnen noch einmal, Herr Hennig --
treiben Sie mich nicht zum Aeuersten -- ich kann Ihnen allerdings,
unseren jetzigen liebenswrdigen Gesetzen nach -- die Herausgabe eines
_solchen_ Blattes nicht officiell _verbieten_ -- und werde das auch
nicht -- geben Sie es aber _doch_ heraus, achten Sie das, was ich
darber denke, so gering, und wollen Sie der _ganzen_ Geistlichkeit, und
also auch _mir_ feindlich gegenberstehen, so messen Sie sich auch die
Folgen bei, die das fr Sie haben wrde. _Noch sind_ wir die Herren
-- _noch_ gelten unsere Berichte, und die Schlufolge knnen Sie sich
selber daraus ziehen. ---- Ich hoffe aber, fuhr er nach ziemlich
langer Pause, in der keiner der brigen Mnner ein Wort erwiederte,
etwas ruhiger fort -- da Sie ber das oben Gesagte -- ber Ihre
Stellung, etwas nachdenken werden. Ich will Ihnen wohl, Hennig, ich
dchte sogar, ich htte Ihnen das schon mehr als einmal bewiesen. Hab'
ich Sie z.B. je in der Schule belstigt, ist die nicht allein Ihrem
Wirken und Fleie berlassen? -- Was Anderen geschieht, geht _Sie_
aber Nichts an, um das mgen sich auch Andere kmmern. Und das alte
Verhltni ndern? -- Lieber Hennig, glauben Sie nur, ich habe darin
mehrfache Erfahrung, und sehe vielleicht weiter in die Weltgeschichte
hinein, als Sie glauben mchten -- die Umsturzpartei _htte_ das
vielleicht gekonnt, sie hatte wenigstens das Heft in Hnden; jetzt aber
ist es zu spt -- mit dem Bade schtteten sie das Kind heraus, die
ganze Welt traten sie auf den Fu, und wollten sich dann nicht einmal
entschuldigen; nun -- stehen _wir_ aber wieder fester, als wir, mcht'
ich fast sagen, vorher gestanden haben. Also berlegen Sie sich das,
lieber Hennig -- denken Sie an das Gleichni mit der Mauer -- ein Kopf
ist viel welcher als eine Mauer, und ein vernnftiger Mann darf nichts
_Unmgliches_ versuchen wollen.

Er nickte dem Schullehrer freundlich zu, und verlie das Zimmer --
als ihm Hennig wie trumend nachschaute, bemerkte er erst, da Sophie
Scheidler indessen ebenfalls eingetreten war; sie stand am Fenster, und
ihr Blick, der mit stiller Theilnahme auf ihm, dem armen Schullehrer
haftete, begegnete dem seinen, senkte sich aber dann auch schnell -- er
glaubte scheu -- zu Boden nieder.

Hennig sttzte den Kopf in die Hand, und sah lange still und sinnend vor
sich nieder.

Hennig sagte da Pastor Brauer und ergriff des Freundes Hand -- Sie
wissen, da ich in frherer Zeit in gar manchen Sachen Ihre Meinung
getheilt habe.

In _frherer_ Zeit? frug Hennig erstaunt und blickte zu dem Manne auf
-- haben _Sie_ sich da verndert, oder ich mich, da das nicht mehr der
Fall sein sollte?

Wir sind noch hoffentlich Beide die Alten geblieben lchelte da
Brauer, aber die -- _Zeiten_ haben sich gendert -- in der Welt selber
ist vieles Anders -- manches schlechter geworden, als es frher war,
und dem Menschen ward deshalb der berlegene Geist gegeben, da er
nicht schroff und blind seine einmal begonnene Bahn fortgehe, sondern
berlege, prfe, forsche, und dann erst wie er es am Besten erfunden,
_handele_, Sie wissen ich bin der Lehreremancipation nicht entgegen
gewesen.

Und sind es auch hoffentlich _noch_ nicht rief Hennig in erschrecktem,
fast bittenden Ton -- es wre hart gerade jetzt im schwersten Kampf
einen solchen Freund zu verlieren.

Ich bin es _noch_ nicht besttigte Pastor Brauer, aber doch auch
nicht in so ausgedehntem Maae, wie Sie vielleicht zu vermuthen
scheinen. Der Lehrer mu in seinem Einkommen, in allem, was seine
pecuniren Verhltnisse betrifft, unbedingt besser gestellt und ferner
befreit werden von den lstigen Kster- und Glcknerdiensten, deren
Ertrag er dann auch nicht, wenn ihm sein Gehalt erst vom Staat
ausgezahlt wird, zu vermissen braucht -- was aber die _Inspection_ des
Geistlichen betrifft, lieber Hennig, da wei ich doch nicht, ob es nicht
-- in den meisten Fllen natrlich nur, denn eine Ausnahme davon sind
Sie zum Beispiel -- nicht doch besser wre, wenn es--

Eben beim Alten bliebe-- ergnzte Hennig monoton, und schaute voll
und klar zu dem Geistlichen auf.

Nun Gott ja, wenn Sie's so,-- sagte etwas verlegen lchelnd, Brauer,
whrend er mit dem Frhstcksmesser spielte, und auf dem Teller einzelne
kleine Brodkrummen zu zerschneiden suchte, wenn auch das Wort, >beim
Alten lassen< im letzten Jahre etwas verpnt geworden ist. -- Ich will
brigens gar nicht, da es ganz beim Alten gelassen werden soll, der
Herr Pastor Scheidler hat Ihnen frher schon selber einen trefflichen
Vorschlag, grndliche Reform betreffend gemacht, und wenn Sie in einem
Schulvorstand zur Majoritt die Lehrer haben, dann, lieber Hennig, bin
ich doch fest berzeugt, da Sie sich nicht darber beklagen drfen und
thten Sie es doch, wren Sie ungerecht.

Uebrigens wird Ihnen nicht unbekannt sein fuhr Pastor Brauer, als
Hennig kein Wort darauf erwiederte, nach einem kurzen Stillschweigen
fort, da sich mehrere Lehrerconferenzen schon ebenfalls in diesem
Sinne ausgesprochen haben -- Sie wissen ja sogar was die Hornecker
darber gesagt; die Lehrer selber sehen ein, da sie _wohlgesinntere_
Inspectoren kaum mehr unter ihren Collegen, als unter den Geistlichen zu
hoffen haben. Die Schulmnner sind nicht selten -- ich spreche hier von
den alten starren Fachleuten -- anmaend und pedantisch, und wrde
Ihnen das, lieber Hennig, nicht weit peinlicher sein von Jemandem
beaufsichtigt, berwacht zu werden, der mit Ihnen auf einer Stufe steht,
der aus demselben Stand ist wie Sie selbst, und nur durch die Wahl
einer, vielleicht sehr geringen Majoritt zu ihrem Vorgesetzten gemacht
wurde? -- Der Geistliche kann auch am krftigsten dahin wirken, bei
seiner Gemeinde die Theilnahme fr die Schule zu wecken und zu erhhen.
Wo sich der Geistliche die Liebe und Achtung seiner Kirchkinder erworben
hat, gilt auch sein Wort viel, und leicht wird er dann dem Lehrer in
die Hand arbeiten, den Lehrer schtzen und sttzen knnen gegen
Unannehmlichkeiten und Aerger, und ihm ein treuer Freund und Hter
werden.

Ein _Hter_ -- das war das richtige Wort sagte Hennig rasch, aber mit
einem recht wehmthigen Ausdruck in den Zgen -- >auch Du mein Sohn
Brutus< -- sehen Sie _Herr Pastor_, das thut mir recht in der Seele
weh, da wir Beiden wenigstens nicht mehr so freudig Hand in Hand gehen
knnen wie bisher. Die Zeiten haben sich nicht gendert -- die _Zeiten_
ndern sich nie -- die Menschen nur sind es, die Menschen und ihre
Ansichten, und es ist traurig, da die stets durch ihre Verhltnisse
bestimmt werden. Wre das freilich nicht, so wrden wir vollkommen sein.
So wird, zum Beispiel die Religion noch gelehrt und gepredigt, wie sie
vor sechs Monaten gelehrt und gepredigt wurde, der _Pastor_ scheint
sich aber in das gefgt zu haben, was den _Diaconus_ als unertrglich
drckte. Doch ich will hier nicht den alten Kampf gegen geistliche --
nicht geistige Inspection beginnen, mein Ziel hab ich mir gesteckt, und
dem streb' ich mit frohem Muthe entgegen. -- Sagen Sie mir lieber, was
Ihnen Herr Pastor Scheidler noch aufgetragen hat -- ich bin bereit, es
zu hren.

Aufgetragen? frug Pastor Brauer leicht errthend, aufgetragen in der
That Nichts, aber auch ich wollte Ihnen als alter Freund rathen, die
Zeitung, wenigstens nicht in dem Sinne, wie es die Probenummer kndet
erscheinen zu lassen. -- Sie machen sich viele Feinde und richten
_dadurch_ wahrlich Nichts, weder fr sich noch ihre Standesgenossen aus.
Lassen Sie Geistliche und Lehrer vereint an die Reform der Schule gehn,
dann werden Sie den wachsenden Baum schne und herrliche Frchte tragen
sehn, wollen Sie aber unbedingten Kampf, dann, guter Hennig, zerstren
Sie gerade das, was Sie zu wecken wnschen.

Pastor Brauer stand auf und schien im Begriff das Zimmer zu verlassen,
Hennig aber ergriff seine Hand und sagte herzlich, aber dennoch mit
einem leisen Vorwurf im Ton:

Es gab eine Zeit, wo wir Beide Hand in Hand einem schnen Ziele
entgegen strebten, wo wir als Freunde handelten, als Freunde dachten,
und Gott wolle verhten, da _die_ Zeit, die schne Zeit vorber sei.
Hier aber handelt es sich um das Hchste was der Mensch in seinem Innern
erkennen sollte -- um seine Ueberzeugung -- hier handelt es sich um das,
wonach ich mit allen meinen schwachen Krften getrachtet und gestrebt
-- hier handelt es sich allein noch darum, den Sieg gewinnen oder
verzweifelnd _jede_ Hoffnung aufgeben zu mssen -- von einem Rcktritt
kann da keine Rede sein. Ich sehe in der Selbststndigkeit des Lehrers
die einzige Mglichkeit einer freien Entwickelung des Volks und in
dieser wieder nur die Aussicht auf eine mgliche Selbststndigkeit
desselben -- _sollten geknechtete Menschen im Stande sein Freie
heranzubilden_? Und ist der Lehrer etwa _nicht_ geknechtet, liegt nicht
jetzt sein freier Wille in der Hand des Geistlichen und duldet er nicht
die schmhlichste Knechtschaft durch die Nahrungssorgen, die seinen
Geist niederbeugen mssen? Nein, wohl wei ich, da sich viele
Lehrerconferenzen _gegen_ die Trennung der Kirche von der Schule
ausgesprochen haben, die armen verblendeten Menschen wissen aber nicht,
da sie sich den Stahl in das eigene Fleisch rennen -- sie begreifen
nicht, wie alle die Uebelstnde, die sie jetzt aus einer Ueberwachung
der Schulen durch Schullehrer selber entstehn zu sehn glauben, durch das
Aufhren des Pastorzwanges auch in sich selbst zusammenstrzen mten.
Das aber spricht ebenfalls nur wieder mehr fr mich, und ein Schritt
weiter zurck, kndet uns auch hier die Ursache. Wie werden die
Seminaristen schon, die doch einst Lehrer werden sollen, behandelt --
wie erbrmlich ist meistens die Kost, mit der sie auf den autokratischen
Willen des >Hausmanns< angewiesen sind -- wie gedrckt ihre Behandlung
-- _das Alles_ mu anders werden, der Lehrerposten mu ein _Ehren_posten
werden im Staat, und _da_ er das werde, dahin geht mein Streben.
Ueberzeugen Sie mich, da ich den falschen Weg gehe und ich will
umkehren, das, was Sie bis jetzt gesagt, berzeugt mich _nicht_.

Aber der Herr Pastor Scheidler.

Meint es sonst gut mit mir, und wird mir da, wo er einsehn mu, ich
handele aus Ueberzeugung, nicht feindlich entgegentreten. Uebrigens
habe ich Nichts zu scheuen, und die heimlichen Conduitenlisten -- das
Vehmgericht des Schulvorstandes -- werden hoffentlich auch bald ihr Ende
erreichen.

Ich sehe, wir berzeugen einander doch nicht, sagte Brauer lchelnd --
Sie sind einmal unverbesserlich -- doch, Sie haben wohl auch gar hier
Stunde zu geben, da will ich nicht stren.

Es hat erst eben zehn Uhr geschlagen, sagte Sophie, die bis dahin,
dem Gesprch still aber aufmerksam lauschend, an ihrem Nhtisch gesessen
hatte.

Kann ich den alten Kleinholz jetzt sehn? frug Pastor Brauer den
Schulmeister.

Er wird sich herzlich freuen -- erwiederte dieser -- wir haben ihn
heute, wo die Schulstube doch nicht gebraucht wird, herunter in diese
geschafft, damit oben nur einmal gelftet werden kann. Er ist brigens
um vieles besser, und ich denke, wir werden ihn wohl durchbringen.

Pastor Brauer nahm seinen Hut, verbeugte sich gegen Frulein Scheidler,
nickte Hennig freundlich zu und verlie das Zimmer.--




Fnftes Kapitel.

Die Zeichnenstunde.


Als Pastor Brauer die Thr hinter sich zugezogen hatte, rumte das
Mdchen die noch vom Frhstck dastehenden Teller und Glser hinaus, und
Sophie trug das Papier und die Zeichnenapparate herbei, um die Stunde zu
beginnen.

Hennigs Wangen glhten von der gehabten Unterredung in fieberhafter
Aufregung und seine Augen leuchteten von einem ganz ungewhnlichen
Feuer. Er sprach aber kein Wort, und bereitete sich ruhig vor, die
gewhnlichen Stunden auf gewhnliche Art zu beginnen. Nur im Herzen
war's ihm leicht und hell geworden -- das klare Bewutsein, der feste
Wille, sein schnes Ziel im Auge, sich durch kein Hinderni, keine
Drohung abschrecken zu lassen, verlieh seinem ganzen Wesen eine grere
Elasticitt, eine edlere Festigkeit, als er sie noch je in sich gefhlt
und empfunden.

Sophie legte die Vorzeichnung vor sich hin, spitzte die Kreide, schob
sich Gummi und Wischer zurecht und schaute erst, wie zerstreut, ein paar
Secunden vor sich nieder. Hennig sah von der Seite zu ihr auf -- der
ganze schne Traum seines Lebens flog in lieblichen lockenden Bildern
zauberschnell an seiner Seele vorber und wie von Seraphsklngen
durchschauert, hrte er den sen zitternden Laut, der in heiligen,
ahnungbelebten Accorden durch seine Seele schwoll.

Herr Hennig! sagte da die leise Stimme der Jungfrau, und Hennig fuhr,
wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zusammen. Selbst Sophien
entging, obgleich sie, whrend sie sprach, die Augen auf das Papier
geheftet gehalten, dieser schnelle Schreck nicht, und sie blickte
erstaunt den Lehrer an. Hennig sammelte sich aber rasch wieder.

Frulein Scheidler--

Ist Ihnen nicht wohl? frug Sophie, der die pltzliche Blsse des
jungen Mannes auffiel -- Sie sehen so bleich aus.

Nein -- ich danke tausendmal -- es ist wahrlich Nichts -- nur die
Aufregung vorher, vielleicht -- ich war in der Vertheidigung meiner
Lieblingsidee warm geworden, ich fhle mich jetzt schon wieder ruhiger.

Herr Hennig, wiederholte da, die Blicke aufs Neue gesenkt, Sophie --
sein Sie mir nicht bse, wenn ich vielleicht eine kindische Frage an
Sie thue.

Mein Frulein.--

Nun gut -- sehn Sie -- Sie -- Sie meinen es mit der Schule und Ihrem
Stande gewi recht gut, und -- sollte ich so recht frei vom Herzen weg
reden -- und wre ich nicht gerade eines Pastors Tochter, ich glaube,
ich knnte Ihnen vollkommen beistimmen, aber weshalb opponiren Sie
gerade dem Vater immer so? Ich wei, Sie haben ihn gern, oft schon, wenn
Sie beide zusammen ber das leidige Kapitel stritten, habe ich Thrnen
in Ihren Augen gesehn, und sie nahmen nie ein herzlicheres >Gute Nacht<
von ihm -- als wenn Sie einander recht die Meinung gesagt. Mein Vater
wird aber alt und ein wenig krittlich, und da mssen Sie schon etwas
nachsehn -- berhaupt -- und nicht wahr, Herr Hennig, _mir_ werden Sie
ber die Frage nicht so bse, wie dem Pastor Brauer--

Frulein Scheidler--

Also will ich's wagen -- ist es denn gar so etwas Erschreckliches, und
Sophie lchelte dem armen Hennig recht freundlich bittend dabei von der
Seite an -- wenn der Geistliche, von dem man doch vernnftiger Weise
erwarten mu, da er ein _guter_ Mensch sei, die Oberaufsicht ber die
Schule fhre? -- und wr es denn gar nicht mglich, da Sie -- nur ein
ganz klein wenig von Ihren Ansichten -- abweichen -- wenigstens die
hliche Zeitung aufgeben knnten, ber die sich der Vater, wie ich
Ihnen im Vertrauen gestehen will, gestern Abend wirklich recht gergert
hat. Ich kann Sie wahrhaftig versichern, da es fr Sie besonders recht
gut sein wird, wenn Sie sich den Vater zum Freund behalten, er hat
wirklich -- aber das nur unter uns, denn ich soll eigentlich kein Wort
davon sagen -- die besten Absichten mit Ihnen. -- Es steht Ihnen eine
ganz gute Stelle von zweihundert und zwanzig Thalern bevor -- nur ein
klein wenig nachgeben mssen Sie. Es ist ja doch nur um Ihrer selbst
willen, fuhr das holde Kind, als Hennig Nichts darauf erwiederte,
sondern nur still und wehmthig _vor_ sich niedersah, fort -- es ist
wahrlich zu Ihrem knftigen Glcke, wenn es so bleibt, und wir haben Sie
Alle so gern, und mchten Ihnen gern wohl.

Auch Sie, Frulein Scheidler? sagte Hennig leise und ohne die Augen
vom Boden zu heben, aber mit einem so eigenthmlichen Ausdruck im Ton,
da Sophie im Anfang nicht gleich recht wute, ob diese Frage auf ihre
letzte Aeuerung sich bezog, oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein
sollte.

Auch ich, erwiederte sie deshalb nach kurzer Pause, leicht errthend
-- warum ich weniger?

Und zu meinem knftigen Glcke, sagen Sie, wre es? frug Hennig, jetzt
voll und fest zu ihr aufschauend, und den zum Theil verlegenen Ausdruck
im Antlitz des Mdchens bemerkend, fort -- mein Glck soll damit
gesichert sein, wenn ich, abhngig wie bisher, kaum so gestellt, um
allein in der Welt dastehn und leben zu knnen -- viel weniger denn
daran denken zu drfen, auch an _meinen_ Heerd ein trautes Weib einst
heimzufhren, wenn ich nicht des alten Kleinholz schaudererregendes Bild
Tag und Nacht vor Augen haben will -- mein Glck soll gesichert sein,
wenn ich willig das neue, um wenige Pfunde leichtere Joch auf den Nacken
nehme und dafr Alles -- Alles -- doch nein, brach er pltzlich ab,
Sie knnen nicht wissen, nicht ahnen, wie es in einem solchen vater-,
mutter- und freundelosem Herzen aussieht -- wie sich dessen ganzes
Streben dann, einmal erwrmt, auch nur auf einen Brennpunkt seiner Seele
hindrngt und dem Ziel mit allen -- allen -- mit den letzten Krften
entgegenwirkt. _Darin_ getuscht, und es mte rettungslos untergehn,
denn fr ein zweites blieb ihm kein Blutstropfen, nicht die Kraft einer
einzigen Sehne mehr.

Aber ich verstehe Sie nicht, sagte Sophie, von den dunklen Worten, sie
wute selbst nicht warum, bengstigt.

Halten Sie es nicht fr mglich, Frulein Scheidler, sagte da Hennig,
durch Zeit und Aufregung, ja selbst durch des Mdchens wunderbar
befangenes, sich aber doch so freundlich zu ihm neigendes Wesen,
unwiderstehlich zum letzten entscheidenden Schritt -- entscheidend, denn
er sollte den Urtheilsspruch ber sein ganzes knftiges Leben sprechen
-- hingezogen, halten Sie es nicht fr mglich, da ein armer, bis
jetzt schon durch seine Verhltnisse unterdrckter Schullehrer auch
in seinem Inneren sich ein hheres -- das hchste Ziel gesteckt
haben knnte? Wrden Sie dem armen Mann da zrnen, wenn er Stolz und
Selbstgefhl genug in sich trge, sich selbst des Hchsten fr werth zu
halten?

Ich verstehe Sie wahrlich nicht, flsterte Sophie, aber eine
unbestimmte Ahnung drang mit schmerzlicher Wehmuth an ihr Herz und gab
der Lippe kaum Raum, die wenigen Worte zu flstern.

Ich habe neulich, sagte da Hennig pltzlich, den Kopf dabei in die
Hand sttzend und stier vor sich nieder auf den Tisch schauend -- ein
kleines Mrchen gelesen -- darf ich es Ihnen erzhlen?

Ja, flsterte Sophie -- aber -- aber unsere Zeichnen-- Stirn und
Wangen glhten ihr, whrend Hennigs Gesicht von Todtenblsse berzogen
war. Dieser begann -- die letzten Worte berhrend -- mit ruhiger
Stimme:

Weit entfernt von hier, in einem schnen herrlichen Lande, wo der ewig
blaue Himmel reizende palmbeschattete Thler berspannt, da wohnte ein
fleiiges, arbeitsames, aber sonst unterdrcktes und geknechtetes Volk.
Ein ungeheurer mchtiger Riese hauste auf dem Gebirgsrcken, durch
dessen Schluchten der einzige Weg in das freie niedere Land fhrte,
und brandschatzte die Bewohner des Thales und duldete nicht, da sie
gediehen und glcklich wurden. Selbst der Knig war nicht im Stande, das
zu hindern, wenn er es auch gewollt, und sein Volk schmerzte ihn --
er schmte sich aber auch seines Volkes, da kein einziger Held genug
darunter sei, den Kampf wenigstens mit dem Ungeheuer zu wagen, und das
Land -- die kommenden Generationen -- von dieser Geiel zu befrein.

_Der_ Knig, Frulein Scheidler, fuhr Hennig mit etwas leiserer,
bewegterer Stimme fort -- hatte ein einziges holdes Tchterlein, und
hoch erhaben stand sie ber den armen niedergedrckten Unterthanen des
Reichs -- Einer aber von denen, Einer, dem hatte es lange am Herzen
genagt, da sich ein ganzes Volk von einem einzigen solchen Wesen -- und
wenn es selbst ein Riese gewesen wre -- sollte knechten lassen, und er
grtete oft sein Schwert um und ging aus, den Kampf zu wagen -- immer
aber fehlte ihm das Hchste dazu, um glcklichen Erfolg und Sieg sich
zu versprechen. -- Nicht der Muth etwa -- er war voll hohen Muthes und
kannte keine Furcht -- nicht die Ausdauer -- sein in der Schule des
Leidens und Entsagens gesthltes Herz verlie ihn nicht in Sturm und
Noth -- aber noch fehlte ihm die Begeisterung -- die Begeisterung fr
das Herrlichste, die uns auch noch im Tode einen Sieg erblicken lt.

Da sah er des Knigs Tchterlein -- es war nur _ein_ Blick in das treue
seelenvolle Auge, aber er zndete wie ein Strahl aus himmlischen Hhen.
Und _sie_ des Knigs Kind? Schreckte ihn nicht der Glanz und Schimmer,
der ihren Thron umgab, und durfte er, aus niederem Stamme geboren, es
wagen, die Augen zu ihr zu erheben? -- Und weshalb nicht? -- was adelte
in alten Zeiten den khnen Mann, als eben die khne Mannes_that_? -- was
schnallte dem armen Knappen den goldnen Sporn an die Ferse, und hing
das Wappenschild an seinen Arm, als der Muth -- der treue unerschtterte
Muth in Kampf und Gefahr? -- Mit Gott -- war sein Wahlspruch -- mit Gott
dem Feinde die frei Stirn geboten -- mit Gott den ungleichen Kampf gegen
Uebermacht und Gewalt begonnen, und blht Dir dann der Sieg Du armer
treuer Knappe -- prangt dann in Deinem Haar der lohnende Lorbeerkranz
und legt sich um Deine Brust die Ehrenkette, dann -- dann -- ach wer
darf es dem armen Manne verdenken, da er, berauscht von solchem Traum,
keine Mglichkeit des Milingens dachte.

Wenn das ein Gleichni sein soll, das den Kampf der Schule mit der
Kirche darstellt, sagte Sophie, der das Herz in seinem wilden Pochen
vor Angst und Unruhe die Brust zu sprengen drohte, und die in all
ihrer Noth gar nicht wute, wie sie die nur zu wohl verstandene Meinung
abwenden -- eine weitere Erklrung wenigstens verzgern solle -- mit
erzwungenem Lcheln, so ist das wahrlich nicht schmeichelhaft fr
meinen Vater -- der wre ja denn auch wohl mit unter dem >Riesen<, dem
>Ungeheuer< verstanden -- aber Sie -- Sie haben das wohl nicht so bs
gemeint.

Sophie, sagte da Hennig, nicht mehr im Stande, seiner gewaltigen
Bewegung Meister zu bleiben -- Sophie, flsterte er, mit kaum hrbarer
Stimme und ergriff die zitternde Hand der Jungfrau, die ihm nicht
entzogen wurde -- _bleibt_ dem Armen die Begeisterung? -- lacht ihm
in jenes kniglichen Kindes Augen der herrliche Lohn fr Tapferkeit und
Muth, und darf er hoffen, wenn er, nicht mehr als unterdrckter Bewohner
des Thals, nein als freier, selbststndiger -- als _befreiter_ Mann
sein Knie vor _der_ Jungfrau beugt -- wird ihm der Lorbeer- und der
Myrtenkranz?

Sophie entzog ihm ihre Hand -- barg einen Augenblick ihr Antlitz darin
und sagte dann, vom Tische aufstehend, mit leiser, aber fester Stimme:

Ich wrde unrecht handeln, wollte ich mich stellen, als verstnde ich
den Sinn Ihrer Rede nicht, lieber Hennig, und ich kann wohl sagen, da
mich ihr Inhalt tief ergriffen hat -- ich hatte keine Ahnung von solchen
Gefhlen -- konnte sie nicht haben -- und es bleibt mir nur _eine_
Erwiederung. -- Wenn nun -- wenn nun der khne Kmpfer auf des Knigs
Schlo kme -- und fnde -- und fnde, da indessen ein Fremder -- ein
Gast ihres Vaters -- die Liebe -- die Hand des Mdchens erhalten?

Hennig erhob sich still von seinem Platze -- er schaute lange und fest
auf die Jungfrau, die mit gesenkten Blicken vor ihm stand, hinber, dann
ergriff er langsam ihre Hand -- zog sie an seine Lippen -- drckte einen
leisen, leisen Ku darauf -- und verlie das Zimmer.




Sechstes Kapitel.

Der heilige Abend.


Hui, wie der eisige Nord ber die dstere eherne Erde pfiff und brauste;
wie er die Grser und Blthen knickte, die der milde Herbst noch
geschont und gehegt, wie er die letzten gelben Bltter von den Bumen
ri, und sie im tollen Spiel ber die Haide trieb, und die sprden
staubigen Schneeflocken dann in dnnen durchsichtigen Nebelschleiern an
Hngen und Halden vorberjagte. Hui, wie das tobte und sauste, und die
alte knarrende Wetterfahne auf dem grauen Hornecker Kirchthurm fast zur
Verzweiflung brachte, hui, wie das durch die Bergschluchten strich, und
die Bche und Quellen fate, und in sthlerne Banden schlug.

_Winter_; die Oefen glhten, und dicht verschlossene Thren hielten den
kalten, unwillkommenen Gast vor der Schwelle drauen -- _Winter_ -- in
Mntel und Pelze gehllt, schritt der Wanderer die den hartgefrorenen
Pfade entlang -- _Winter_ -- die dnnen Lumpen fest um sich hergezogen,
lag der Arme frstelnd und zusammengekrmmt auf seinem harten, kalten
Lager, und trumte von geheizten Stuben und warmen Kleidern -- trumte
-- bis ihn der Frost wieder weckte, und zu neuem qualvollen Dasein in
Leben und Bewutsein rief.

Der Winter war in aller Kraft und Strke, und zwar ganz auf einmal und
urpltzlich hereingebrochen; und nicht etwa wie ein silberhaariger Greis
kam er, mit dem entlaubten Stab in der Hand, und dem gelben Eichenkranz
im Haar -- sondern toll, wild, wie ein roher, wster Kriegsgesell, der
mit Morgenstern und starrer Pickelhaube, in die friedliche Wohnung der
Menschen einbricht, und was er nicht plndern kann, zerstrt und in
Stcke schlgt, -- nicht deckte Felder, Wald und Dorf die stille,
reinliche, warme Schneedecke, unter der die Saaten friedlich schlummern,
und des kommenden Frhjahrs harren, die dem Wald jene groartige stille
Ruhe verleiht, und den Drfern ein so sauberes, ja selbst hbsches
Aussehen giebt; wo die weichflockigen Massen die Fenster von auen halb
umschlieen, da der Wind die Ritzen nicht findet, durch die er
sonst muthwillig in die Stube dringt -- wo die festen Decken auf
den Strohdchern liegen, und in Massen, oft wie drapirt davon
herunterhngen, und hohe schloenweie Haufen, welche die vor den Thren
gekehrte Bahn umdmmen -- wo die rothbackigen Kinder auf kleinen
schmalen Schlitten mit ngstlich frhlichen Gesichtern den steilen
Kirchberg herunter schieen, und mit Freuden zehn und zwanzigmal
wieder bergan keuchen, um nur wieder mit Blitzesschnelle auf's Neue
niederfahren zu knnen -- wo die Hecken und Obstbume darein schauen,
als ob sie, in schtzende wollene Decken gehllt, mit ruhigem Vertrauen
jetzt einer etwa schrfer hereinbrechenden Klte entgegensehen wrden.

Nein, starr und eisern brach er an; die tiefen Wagengleise der Strae
bannte er in ihre Form, die Sturzcker blieben unerbittlich hart und
schroff -- dem grnen Raps auf den Feldern drauen, wo der Hase Nachts
sein Mahl hielt, und das Rebhuhn Schutz gegen den schneidenden Nord
fand, brach er das Herz, da er gelb und abgestorben dahin welkte -- den
Pflug, den noch der nachlssige Knecht im Acker gelassen, hielt er mit
unerschtterlicher Gewalt und felsenfest an seine Stelle gebannt -- die
Grser starben, die Bche standen, und knarrende, chzende Wagen fhrten
in geschftiger Eile die so nthige Feuerung aus dem starr und trbselig
dem gestrengen Winter in's Antlitz schauenden Wald herein.

Es war Weihnachten -- und dieser auf der Pfarre als Sonntag ein
dreifacher Feiertag -- Sophie, des Pastors Tchterlein wurde heute, am
24. December, zum dritten und letzten Male von der Kanzel herunter,
der freundlich zusammenflsternden Gemeinde als ehrsame Braut des
Franz Hermann Wahlert, =Dr. phil.= und Sohn Sr. etc. etc. des Herrn
Generalsuperintendenten Wahlert etc. etc. -- verkndet, und das holde
Kind selber sa, tief das Kpfchen gesenkt, da Niemand das rosig
bergossene, frommen Dank athmende Angesicht mit neugierigen Blicken
entweihen und zu noch hherer Rthe treiben knne, auf ihrem stillen
versteckten Pltzchen, schrg der Kanzel gegenber.

An dem Tag ging es hoch her in der Pfarre, und Pastor Scheidler
hatte, um das schne Fest so recht mit allem Pomp zu feiern, auch den
Schullehrer und das Gemeindeoberhaupt dazu einladen wollen. Sophie bat
aber so lange, an _dem_ Tag _gar_ keine Gste sehen und ihn ganz allein
und still in der Familie verbringen zu drfen, bis der Pastor endlich
nachgab, und nur kopfschttelnd meinte, das sei wieder einmal eine
der wunderlichen Launen seines lieben Tchterleins, der sich Vater und
Mutter, sie mchten nun wollen oder nicht, fgen mten. Es geschah aber
doch so, und nur das lie sich der Pastor nicht nehmen, da den beiden
Schulmeistern, jedem eine Flasche Wein und eine _tchtige_ Portion
Kuchen hinbergesandt wrde, und Sophie mute das selber besorgen.

Der Tag verflo so in der Pfarre in stiller huslicher Glckseligkeit,
und der Plan fr den Tag war folgendermaen bestimmt. Nach der Predigt
wollte der Pastor bei den Seinen bleiben, die Betstunde konnte
der Schulmeister heute in der Kirche halten, Abends aber, vor der
Bescheerung, und mit hereingebrochener Dunkelheit, wenn die Lichter
angezndet standen, und die Herzen der Kinder in ngstlicher freudiger
Ungeduld an zu pochen und zu schlagen fingen, dann legte Pastor
Scheidler am Altar drben seines ltesten Tchterleins Hand in die des
Mannes, der ihr fr ihr ganzes knftiges Leben Schutz und Hort sein
sollte, und zum Christbaum hinber fhrte der glckliche Brutigam die
erwhlte liebe, traute _Gattin_.

So glcklich und froh es aber in der Pfarre aussah, so trbe und traurig
stand es in der Schule drben, Kleinholz war heute einmal recht schwach
und elend geworden, klagte fortwhrend ber Klte, trotzdem da sie ihn
unten in der Schulstube neben dem derb geheizten Ofen sein Bett gemacht,
und wollte Luft -- Luft -- Luft haben. Das aber war nicht gut mglich,
denn htten sie Fenster oder Thren geffnet, so wre der kaum erwrmte
Raum augenblicklich wieder durchkltet worden, und jener eigenthmliche
feine, durchdringende Dunst, der niedrigen, feuchtgelegenen Schulstuben
stets eigen ist, legte sich dem armen Kranken nur immer drckender
auf die Brust, und verstattete ihm nicht einmal ordentlich und frei
aufathmen zu knnen.

Lieschen wich nicht von seinem Bett, und reichte ihm mit treuer Sorgfalt
und wirklich ngstlicher Genauigkeit die verordnete, und von Hennig
selbst gestern aus der Residenz besorgte Medicin. Dabei mute sie in
demselben Raum und an der anderen Seite des Ofens die Kinder reinigen
und anziehen, in der Rhre das sprliche Mahl kochen, und das Geschirr
am Morgen, wozu ihr bis jetzt noch keine Zeit geworden war, aufwaschen.
Dennoch war dem armen Kinde das Herz dabei froh und leicht -- heute
Morgen am Geburtstage des Herrn, hatte sie Nachricht -- die erste
Nachricht von dem Geliebten erhalten, um den sie sich die ganze Zeit
abgesorgt und geqult -- heute kam der Freudenbote, der ihr einen Brief,
eine ausfhrliche und genaue Beschreibung seiner Flucht brachte. Und
selbst auf dem Schiff, das ihn hinber in das Land der Freiheit fhren
sollte, war er geschrieben, schon in der See drauen erst vollendet und
zugesiegelt worden, und der Lootse (Lieschen wute freilich nicht,
_was_ das fr ein Mann war, und was er bedeute, hatte ihn aber doch
dafr von ganzer Seele lieb) nahm ihn mit zurck an's Land, wo er
versprochen, ihn richtig zu besorgen. Und wie mute der sein Wort
gehalten haben -- aus einem ganz fremden Land her, wo sie eine andere,
fremde Sprache redeten, wo die See bis dicht an die Stadt kam, wie
ihr Fritz schrieb, und die Leute ganz anders gekleidet gingen, und gar
wunderlich ausshen, kam der Brief, und brachte ihr Trost und Frieden
fr das arme so bervolle Herz. Und was versprach er nicht alles fr
die Zukunft, wie wollte Fritz in Amerika arbeiten und fleiig sein, und
viel, viel Geld verdienen, bis er so viel habe, da er sich ankaufen,
und die Lieben dann alle, alle hinberholen knne -- und wie herrlich
wollten sie dann in Frieden und Seligkeit zusammen leben, und Leid und
Freud' so gern, o so unendlich gern gemeinschaftlich ertragen.

Lieschen las den Brief wohl fnf sechsmal durch, und trug ihn dann auch
noch in der Tasche herum, da sie dann und wann darnach fhlen, und sich
immer berzeugen knne, es sei wirklich wahr, ihr Fritz habe ihr den
Brief geschickt, und er segle jetzt, frei und glcklich, jeder Gefahr
entronnen -- nur dem bsen Wasser nicht, an das sie manchmal mit Angst
und Grausen dachte -- dem schnen, herrlichen Amerika -- jetzt dem
gelobten Lande ihres Sehnens, ihrer Trume, entgegen.

Die Kirche war aus, und Hennig kam zum Mittagsessen in die Schule. Er
hatte heute, als am heiligen Abend, oben in der Schenke, wo sie ein
fettes Schwein geschlachtet, einen Braten bestellt, und ein so leckeres
Mahl hatte die Tafel der armen Leute lange nicht geziert -- ei, wie die
Kinder mit der braunen Kruste schon vorher, ehe sie zufahren
durften, liebugelten, und wie Karl, der dritte, ein siebenjhriger
blondhaariger, aber etwas bleich aussehender Bursche zweimal in dem
jeden Tag gehaltenen Tischgebet so stecken blieb, da ihn der Vater, vom
Bett aus, mit schwacher, aber unwilliger Stimme untersttzen mute.

Schweinebraten -- Du lieber Gott -- wann war auf Schulmeister
Kleinholzes Tisch Schweinebraten zum letzten Mal gewesen -- und zwei
Flaschen Wein -- nein, da hrte alles auf. -- Eine Flasche wurde
brigens gleich in den verschlossenen Eckschrank gelegt, denn so hatte
es Hennig angeordnet -- und aus der anderen schenkte er jetzt in die
wenigen Glser, und als die nicht ausreichten, in Tassenschlchen, das
hellblinkende flssige Gold ein.

Und Sie selbst wollen nicht mittrinken? frug Lieschen erstaunt und
bittend -- o guter Herr Hennig, das drfen Sie uns nicht zu leide
thun.

Hennig hatte Kopfschmerzen -- der Wein bekam ihm berhaupt nicht, und
heute, wo er am Nachmittag noch obendrein Betstunde zu halten hatte,
wollte er es jedenfalls unterlassen -- vielleicht morgen. Weiteres
Zureden half nichts, und das Mahl -- und wie fettig sahen die Kinder
danach aus -- ging still und ruhig vorber.

Die Betstunde war gehalten -- die rothglhende Sonne, die den ganzen
Tag hell, aber nicht erwrmend geschienen, sank hinter die dunkelgrnen
Fichtenwnde, und der Abend brach mehr und mehr herein.

Weihnachten dmmerte, o Du lieber, lieber heiliger Abend Du, mit Deinen
frohen Kindergesichtern, und den eifrig sorgenden und emsig geschftigen
Eltern, mit den flammenden Kerzen, und dem grnen zackigen Baum, mit den
goldfunkelnden Aepfeln und Nssen, dem kstlichen Zuckerwerk, und
all' Deiner darunter ausgebreiteten Herrlichkeit. -- Mit Deinem
geheimnivollen verschwiegenen Zauber, mit dem Du der Kinder Herzen in
heiliger Scheu und Ehrfurcht erfllst. -- Und jetzt -- jetzt -- endlich
tnt das, o wie lang, wie hei ersehnte Klingeln -- die Thr wird
aufgerissen -- der Glanz der Lichter blendet die erst so ungeduldige,
und jetzt doch so scheu und schchtern zgernde Schaar der Kleinen.
Endlich aber ist die erste Ueberraschung besiegt -- berwunden -- das
Jngste wird auf dem Arm seinem Pltzchen mit dem kleinen winzigen Baum
fr sich allein, entgegengetragen, und ihm nach drngen, dadurch Muth
gewinnend, die lteren Knaben und Mdchen, und jetzt--

O Leser, wie unglcklich mtest Du sein, wenn Du nicht, auch ohne
das Heraufbeschwren des theuren Bildes, die Lust und Wonne selbst
empfndest, an der Eltern Hand zu Deinem Christbaum gefhrt zu sein
-- _hast_ Du das aber -- glhte Dir nun einmal der helle funkelnde
Kerzenglanz in's Thrnen gefllte Auge, dann giebt es keine Macht auf
dieser Erde -- den Wahnsinn vielleicht ausgenommen -- die Dir so lange
Du lebst und athmest, die Erinnerung -- die selige Erinnerung an jene
Zeit, rauben knnte. Ja, je rger Noth und Sorge auf Dich einstrmt,
je weiter Du von Deinen Lieben entfernt, in fremden Lndern einsam,
freundlos irrst, mit desto lebendigeren, desto glhenderen Farben tritt
das Andenken an jene selige glckliche Zeit in den trben Rahmen Deiner
Gegenwart, und nur dann zerflieen die Gebilde in ihr des trauriges
Nichts, wenn Du sehnend, verlangend die Arme ausstreckst, sie zu
erreichen.

Weihnachten brach an, Pastors Kinder saen, in die Hinterstube gebannt,
ungeduldig um den runden Tisch und versuchten mit allerlei altem, aus
Ecken und Winkeln vorgekramten Spielwerk die schleppende Zeit zu krzen
-- doch vergebens. Immer und immer wieder sprang eins oder das andere
auf und strmte der Thre zu, dort das Auge an das Schlsselloch zu
pressen, und zu sehn, ob denn die Mutter nun endlich mit dem lngst
erwarteten Rufe kme.

In der Kirche stand indessen der Altar festlich geschmckt und
erleuchtet und trotzdem, da auch bei ihnen daheim die Kinder alle
warten und ausdauern muten, sa fast die ganze Gemeinde im Gotteshaus
versammelt -- Pastors Sophiechen war aber auch mit ihrer Engels Gte und
Sanftmuth der Liebling des ganzen Dorfes und deren Ehrentag htten sie
um's Leben nicht versumen drfen.

Oben auf der Orgel befand sich die ltere Schuljugend, der Theil
der ersten Classe, den der Lehrer zu den geistlichen Liedern tchtig
eingebt, da er die vor und nach der Predigt gesungenen Lieder, wie die
manchmal abirrenden Gemeindemitglieder ordentlich in Takt halten knne,
und der Schulmeister selbst sa vor seiner Orgel, und schaute in einen,
ber den Tasten gewhnlich schrg angebrachten kleinen Spiegel nach dem
von hellem Lichterglanz umflossenen Altar hinber, vor dem, den Rcken
dem hoch ber ihn hinragenden Krucifix zugekehrt, der Pastor stand und
dem jungen Brautpaar mit von eigener Rhrung oft unterbrochener Stimme,
gar nicht wie er es sonst gewohnt war, in schwlstigen Phrasen und
Redensarten, sondern schlicht und einfach vom Herzen weg, und deshalb
auch wieder mit solch unwiderstehlicher Gewalt zum Herzen sprechend die
Trauungsrede hielt.

Sophie deckte ihre Augen mit dem Tuch und konnte der Thrnen nicht
wehren, und selbst Wahlert -- der sonst ber den christlichen Cultus
seine ganz besonderen Ansichten mit sich herum trug -- stand gerhrt
und schmte sich fast ber die unmnnliche Thrne, die ihm, er mochte an
sich halten so viel er konnte, die Wimpern fllen _wollte_.

Nicht weit von dem Paar, aber mehr zur Seite, und von ein paar hlzernen
Pfeilern vollkommen gedeckt, lehnte, in ein weites dunkles Tuch
geschlagen, eine schlanke, weibliche Gestalt, und lauschte mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten des Predigers. Ihr Antlitz lie
sich aber nicht erkennen, die schwarze Nebelkappe, die sie trug, deckte
die Zge, htte sie den Kopf auch nicht so tief gesenkt und vom Lichte
abgewendet, vollkommen.

Die Rede war beendet, die gewhnliche Trauungsformel wurde gesprochen,
und das Ja der beiden jungen Eheleute, so leise und schchtern es
Sophie mit ngstlich pochendem Herzen aussprechen mochte, klang klar und
deutlich, whrend die Versammlung in Todtenstille selbst nicht zu athmen
wagte, bis in die entferntesten Theile des gewlbten Raumes. Die Frau
hinter dem Pfeiler zuckte zusammen und sttzte die Schultern fest und
sicher gegen das breite Holz, kaum aber waren die Worte gesprochen,
als oben auf der Orgel der Schulmeister Hennig mit den klangvoll
schwellenden Tnen das einfache herrliche Lied, in das die Gemeinde
jauchzend mit einfiel, anstimmte:

  Nun danket alle Gott,
  Mit Herzen, Mund und Hnden,
  Der groe Dinge thut
  An uns und allen Enden.

Das junge Ehepaar verlie mit dem Vater die Kirche, ihnen folgte, noch
immer singend, die Gemeinde, und von der Orgel herab tnte in immer
weicheren schmelzenderen Accorden, bis er endlich in leisen, leisen
Klngen verschwamm, der Schluchor:

  Lob dem dreiein'gen Gott,
  Der ewig ewig war
  Und ist und bleiben wird,
  Lob jetzt und immerdar.

Die Kirche war aus -- die feierliche Handlung beendet; die Knaben
strmten hastigen Laufs vom Chor herunter der Heimath zu, wo die
Bescheerung -- die, sie mochte nun so drftig ausfallen, wie sie wollte,
doch immer eine Bescheerung blieb -- ihrer harrte.

Auch die fremde Frau verlie, und zwar die Nhe der Uebrigen, so viel
das gehn wollte, vermeidend, rasch die Kirche -- langsam bewegte sich
die Menschenmenge hinaus, und hinter ihr drein -- aber eine lange lange
Zeit nachdem Alles wieder an seinem gehrigen Platz gestellt, und die
Lichter ausgelscht worden -- kam der Schulmeister und schlo die Thre
zu.

Was hatte der Mann so lange in der kalten dunklen Kirche allein
gethan?--

Er schritt jetzt -- und selbst jetzt noch zgernd -- der Schule zu,
wo er den Kindern eine kleine Freude aus der Stadt mitgebracht, und
Lieschen aufgetragen hatte, die Sachen indessen zu ordnen. Lieschen war
aber ebenfalls in der Kirche gewesen und die Kinderschaar deshalb eben
erst durch sie in Vaters dunkles Kmmerchen eingesperrt worden, damit
ihnen indessen der heilige Christ doch das Wenige ungestrt bescheeren
knne.

Der alte Vater Kleinholz mute gerade ein Wenig eingeschlafen sein, und
Lieschen, die ihn nicht wecken mochte, rckte so geruschlos als mglich
den Tisch zurecht, breitete ein schneeiges Tuch darauf und legte
die Handschuh, die warmen Mtzen und Filzschuh wie einige andere
Kleinigkeiten zurecht, die anzuschaffen der gute Hennig sich das Geld
hatte mhsam am Munde absparen mssen, und selbst da wre es noch nicht
gegangen, htte er nicht fr sich einem warmen Rock, so nothwendig er
ihn auch sonst sicherlich brauchte, entsagt. Sollten aber die Kinder des
alten Schullehrers, die einzigen vielleicht im ganzen Dorfe sein,
die Nichts bekamen und dann traurig aus und betrbt nach den
hellerleuchteten Fenstern der Uebrigen hinberschauen muten? Nein --
nicht, so lange es in _seinen_ Krften stand, das zu ndern.

Aber wo blieb er nur? -- Die Kirche war schon so lange aus und Alles
dunkel darin -- Lieschen trat vor die Thr, ah -- jetzt hrte sie
das Zuschlagen der schweren Thre, das Umdrehen der Schlssel -- die
langsamen Schritte des Kommenden. Sie senkte das Kpfchen, und seufzte,
whrend sie mit gefalteten Hnden in das Zimmer zurckging.

O wie mag ihm nur jetzt -- in diesem Augenblick zu Muthe sein -- wir
wollen die Lichter anstecken -- das wird ihn etwas aufheitern.

Die Thre ffnete sich und Hennig trat herein -- er sah todtenbleich
aus, und trotz der scharfen Klte drauen standen ihm die groen
schweren Schweitropfen auf der Stirn.

Herr Du mein Gott und Vater, rief Lieschen erschreckt ber des Mannes
Anblick -- wie sehn Sie aus? Sie sind krank, Herr Hennig.

Nein, liebes Kind sagte ruhig der Schulmeister -- nur etwas
angegriffen fhl ich mich, vielleicht vom Schreiben gestern Abend --
ich bin noch spt aufgeblieben. -- Wollen wir nicht den Baum zurecht
putzen?

Lieschen ging auf ihn zu, ergriff mit ihren beiden Hnden seine Rechte,
und schaute ihm recht fromm und treuherzig in die trben glanzlosen
Augen. Hennig begegnete mit ihm selbst unerklrlicher Ruhe dem Blick,
da flsterte endlich das gute Kind, dem die Wehmuth das Herz zu brechen
drohte, und whrend ihr die hellen Thrnen ber die Wangen rollten:

Sie armer -- armer Herr Hennig!

Hennig blickte berrascht zu ihr nieder -- er rang nach Fassung -- nur
jetzt -- nur jetzt nicht schwach -- aber es war nicht mglich -- die
menschliche Natur lie sich bndigen, nicht ertdten, der lang, o so
entsetzlich lang enthaltene Schmerz lie sich, also geweckt, nicht mehr
zurckhalten; mit riesiger Kraft brach er sich in's Freie hinaus die
Bahn, und der Lehrer war nur im Stande sich rasch abzuwenden und das
Zimmer zu verlassen.

O wie lang, wie entsetzlich lang muten heute die armen, armen Kleinen
oben in dem kalten dunkeln Dachkmmerchen sitzen und friern und warten
-- aber keins murrte -- Du lieber Gott, es galt ja eine Bescheerung fr
sie -- eine Bescheerung, wo sie wuten, da ihr armer Vater selbst
am Nothwendigsten Mangel litt, und doch, doch sollten sie bescheert
bekommen -- htten sie da etwa auch noch ungeduldig das gute brave
Lieschen, und den lieben Herrn Hennig rgern und krnken sollen? Keine
Klage lieen sie hren, nur dicht zusammengekauert saen sie in dem
Winkelchen, an dem der Schornstein vorbeifhrte, und dessen Wand
wenigstens nicht so eisig kalt war, als die brigen. Und dort erzhlten
sie sich leise flsternd, was sie sich alles wnschten, auf was sie
hofften -- dort malten sie sich aus, wie schn, o wie herrlich schn
das sein wrde, wenn jetzt auf einmal Lieschen von der Treppe aus rief:
Kommt Kinder, kommt herunter in die warme Stube -- und sie dann jubelnd
dem Rufe Folge leisteten, jauchzend vor all den schnen Sachen, die
ihnen Herrn Hennigs Gte bescheert, standen, und nachher -- o Jemine,
Jemine, jedes ein Stckchen kalten Schweinebraten zu seinen Kartoffeln,
denn das hatte ihnen Lieschen schon hoch und theuer versprochen, da sie
das bekommen sollten. -- Ach wenn es doch alle Tage Weihnachten wre.

Freilich dauerte es, ehe Lieschen wirklich kam, noch eine recht, recht
lange Zeit, aber endlich kam sie _doch_, und ein glcklicheres kleines
Vlkchen, und ein sich reicher dnkendes, als des armen Schulmeisters
Kinder an dem Abende waren, gab es wohl im ganzen weiten Lande nicht
mehr. Auch Hennig, der zu dem etwas verzgerten Anznden wieder
hereinkam, suchte sich, so viel das nur mglicher Weise gehen wollte,
in den Spielen der Kinder zu zerstreuen, und der alte Kleinholz lag
indessen in seinem Bette in der Ecke, weinte fast ununterbrochen,
drckte Hennig wohl zwanzig Mal dankend die Hand, und versicherte eben
so oft -- er sei in seinem Leben nicht so glcklich gewesen, als heute,
da er sich schon wochenlang im Gedanken an diesen Abend, wo _er_ den
Kindern doch gar Nichts bieten konnte, abgehrmt habe.

So stillfrhlich die Kinder aber auch in der Schule waren, und mit so
genugsamer dankbarer Freude sie die wenigen ihnen bescheerten Gaben
empfingen, so toll lrmend, so laut und jubelnd ging's heute in der
Pfarre her, wohin der Herr Generalsuperintendent, den ein Unwohlsein
an sein Lager fesselte, da er nicht selbst bei seines Sohnes Ehrentag
gegenwrtig sein konnte -- eine Masse Spielzeug und Bilderbcher fr die
Kinder geschickt hatte. Auch Wahlert lie viel aus der Residenz kommen,
und Pastor Scheidler wute mit den Sachen, die er selbst angeschafft,
wirklich gar nicht mehr wohin mit allen Geschenken.

Die Thren waren, als Wahlert sein etwas bleiches, aber geliebtes,
holdes Frauchen aus der Kirche in die Pfarre geleitete, festlich mit
Buchsbaum und anderen Immergrnkrnzen behangen, und der innere Raum
selbst sah wie ein Garten aus, in so herrlicher Farbenpracht glhten
hier Camelien, Hyacinthen und Tulpen, die es dem Grtner nicht
wenig Mhe gekostet hatte, in der Klte unbeschdigt nach Horneck
herauszuschaffen.

Und was fr andere prachtvolle Geschenke gab es noch da, Schmuck und
Seidenkleider, Tcher, Shawls, Handschuhe u.s.w.; und der Baum, es war
fast, als ob ein Conditor aus reiner Verzweiflung seinen ganzen Laden
darber ausgeschttet habe, und Alles nun, zwischen den grnen, mit
unzhligen weien Wachslichtern besteckten Zweigen von blitzendem Zucker
und Golde flimmere und funkle.

Und wie lrmten und jubelten die Kinder, und was fr einen Spektakel
hatten sie schon oben in der besonders fr sie geheizten Stube gemacht,
als Vater und Schwester so lange, so entsetzlich lange in der Kirche
blieben, und sie doch unter jeder Bedingung gleich, und das zwar den
Augenblick bescheert haben wollten. Endlich, endlich -- schnell machen,
Sophie -- schnell machen, oder wir kommen herunter! riefen sie durch
die immer und immer wieder, trotz aller Ermahnungen und Verbote,
geffnete Thr, als sie hrten, wie unten die Hausthre ging und die so
hei ersehnten Eltern hereintraten.

Jetzt war das Harren und all die Ungeduld vergessen, sie schwammen in
einem wahren Freudenmeer, und der prachtvolle Baum -- die vielen, vielen
herrlichen nie geahnten, nie getrumten Sachen, schienen ihnen eher
einem Feentraum, einem Mrchen der Tausend und einen Nacht, als der
Wirklichkeit anzugehren.

Elf Uhr mochte es etwa sein -- Lichterglanz und Jubel, Glserklirren und
Tellergeklapper, Lachen und Singen tnte immer aus den hellerleuchteten,
durchwrmten Rumen heraus -- und drauen?

Hinter der Pfarre lag der, im Sommer viel von den Hausbewohnern
benutzte, jetzt aber natrlich vernachlssigte und einsame Obstgarten.
Aus Nordwesten strich der Wind haarscharf ber die kahlen Hnge herber
und schttelte die trockenen laubleeren Zweige. Die Nacht war dunkel
wie das Grab, denn leichte Dunstwolken fingen selbst an, die Sterne zu
umhllen, und kein Lichtstrahl fiel in den dsteren Raum, als der, der
aus den dicht verhangenen Fenstern, besonders an einer Stelle, wo sich
die Gardinen inwendig ein wenig zur Seite geschoben hatten, kam.

Da schritt ein Mann langsam und mit verschrnkten Armen durch die kleine
offenstehende Pforte, und blieb endlich wenige Schritte entfernt vor
dem hellerleuchteten Eckfenster stehen. Drinnen bewegten sich einzelne
Schatten an der Gardine vorber und er forschte mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit nach den so rasch auftauchenden aber auch eben so rasch
wieder verschwindenden Umrissen. Ein paar Mal war es, als ob er sich zu
der Stelle niederbeugen wolle, wo der zurckgebogene Vorhang einen Blick
in das Innere verstattet htte, eben so oft trat er aber auch wieder,
ohne es auszufhren, davon zurck, und wandte sich endlich, wie von
einem pltzlichen Entschlu dazu bestimmt, um den Ort zu verlassen. Noch
einmal, an einem hohen Apfelbaume, blieb er stehen, hob wie segnend die
Hand gegen das hellerleuchtete Gebude empor und flsterte leise:

Sei glcklich, Sophie, sei glcklich!

Ein heiseres, halb unterdrcktes Lachen, dicht an seiner Seite, klang
wie eine Unheil verkndende Antwort auf den Segensspruch -- er fuhr
erschreckt zusammen und schaute sich rasch nach der Stelle um, von
der es hertnte. Unter dem Apfelbaume und dicht an den knorrigen Stamm
desselben geschmiegt, lehnte eine dunkle, festeingehllte Frauengestalt,
und die jetzt hier und da wieder hervortretenden Sterne lieen ihn ein
bleiches, geisterhaftes Angesicht erkennen.

Hahaha -- lachte die Gestalt -- glcklich? -- wenn zwei Wesen, wie
wir sind, drauen in Frost und Eis mit halberstarrten Gliedern vor den
Fenstern stehen und Blut weinen mchten, heies, quellendes Herzblut? --
Wahnsinn -- aber wir Beide -- wir passen recht gut zu einander.

Wir Beide? sagte Hennig erstaunt -- wer bist denn Du?

Eine Braut, die bald Hochzeit machen wird, lachte die Gestalt wieder,
und war im nchsten Augenblicke im Schatten der dahinter befindlichen
Hecken verschwunden. Hennig fhlte, wie ihn ein eisiger Schauer
durchrieselte, es war fast, als ob er mit einem Wesen gesprochen habe,
das dieser Welt gar nicht mehr angehre. -- Die spte Stunde dazu, die
scharfe Klte, in der sich doch wahrlich nicht leicht eine Frau, und
noch dazu hier auf dem vom Nordwest bestrichenen Hgel aufhielt. Er
schttelte schweigend mit dem Kopfe, warf noch einen scheuen Blick der
Richtung zu, in welcher die Gestalt verschwunden war, einen anderen
dorthin, wo in diesem Augenblicke all sein irdisches Glck in
jubelnden Toasten, frhlich zusammenklingenden Glsern und Glck und
Segenswnschen zu Grabe getragen wurde, und schritt dann rasch der
eigenen -- o wie traurigen, freudlosen Heimath wieder zu.




Siebentes Kapitel.

Die Sylvesternacht.


Das kleine Dorf Bachstetten lag in einer zwar armen, unfruchtbaren, aber
wirklich pittoresken und wild romantischen Gegend. Der Winter war
mit seiner rauhen Hand ber den zarten Schmuck der Wiesen und Haiden
gefahren, und hatte erbarmungslos abgestreift, was er an weichem
saftigen Grn gefunden. Nur die dunkelgrnen Kieferstreifen hatten
dem tollen Gesellen Trotz geboten, und wie zum gegenseitigen Schutz,
schaarten sie sich an den Abhngen einzelner Hgel in dichten
festgeschlossenen Gruppen zusammen, und reichten sich treu und
brderlich die stachelbewehrten Arme.

Graue Haideflchen deckten die niederen Hgel und wellenfrmigen
Thler, und nur hier und da hob sich pltzlich und schroff ein steiler,
hochaufragender, moosbewachsener Fels empor, und stand, wie ein
starrer, drohender Riese, aufgerichtet zwischen dem anderen regellos
umhergestreuten Gestein, das zu seinen Fen lag. Schneeweie
Birkenstmme stachen dabei gar eigenthmlich und in dunkler Nacht
oft unheimlich gegen den dsteren Hintergrund des dunkelgefrorenen
Haidekrautes ab, und hier und da gaben einzeln stehende, noch mit
hellgelbem Laub bedeckte junge Eichen und weit hinausscheinende
rothe Weidenkuppen dem ganzen wilden Landschaftsbild einen gar
eigenthmlichen, wunderbaren Farbenschmelz, der durch zahlreiche,
hoch aufgeschichtete Torfpyramiden, die auf dem gelben Rasen zerstreut
standen, eher erhht als gestrt wurde. Hier und da blitzten kleine
trbe Lachen aus dem monotonen Grau der Haide hervor, und weiter oben,
am Rand einer Schwarzholzspitze, deren Marken sich weit aus in das
Thal hineindehnten, lag das kleine Dorf Bachstetten, mit den neuen
ziegelrothen Dchern -- denn die alten strohgedeckten Gebude waren vor
einigen Jahren fast smmtlich ein Raub der Flammen geworden -- fast in
die Schatten des, sich darum hindrngenden Nadelholzes hineingeschmiegt.

Das Dorf selbst war aber so arm und drftig, wie die de unfruchtbare
Gegend und Lage es nur machen konnte, und auer einigen wohlhabenden
Bauern, die auch den grten Theil der besseren Felder inne hatten,
lebten nur Husler, Holzschnitzer und Strohflechter darin, die auf gar
sprliche Weise durch harte und unausgesetzte Arbeit das karge Leben
fristeten. In den letzten Jahren hatten es dabei einige der Bewohner
mglich gemacht, Haus, Heerd und Feld zu verkaufen, und nach Amerika
auszuwandern, und daher kam es, da einzelne Wohnungen leer und halb
verfallen da standen, und -- wenn sich wirklich Abmiether dazu fanden,
um einen Spottpreis weggegeben wurden.

In ein solches Haus, dessen moosiges Strohdach dicht und schwer auf
den niederen Lehmwnden lag, und das noch dazu vom Dorf fast getrennt,
wenigstens durch ein kleines Kieferdickicht davon abgeschnitten,
versteckt im dichten Nadelholzwalde stand, mag mir der Leser, um ein
paar alte Bekannte dort aufzusuchen, auf wenige Minuten folgen.

Das einzige bewohnbare Zimmer im ganzen Haus befand sich unten zu ebener
Erde, und die Dielen bildete der nackte hartgestampfte Boden; auf
dem war aber, um die Klte auszuhalten, die von dort herauf sonst
emporschlagen mute, eine dichte Lage von dickem Laub und Fichtennadeln
gebreitet worden, und von den Bumen abgezogenes Moos hielt die
Fensterritzen und Thrspalten verstopft. Es stand brigens ein Ofen im
Zimmer, und ein ziemlicher Haufen trockenes Reisig, das neben diesem
aufgeschichtet lag, wie die, wenigstens nicht unangenehme Temperatur des
Zimmers verrieth, da die Bewohner der Htte, so arm sie auch sonst wohl
sein mochten, doch noch keinen Mangel an Feuerung litten.

In der einen Ecke stand ein Bettgestell, und auf diesem lag ein
Strohsack, ein mit Moos geflltes Kopfkissen und eine wollene Decke
-- und auf dem Bett, -- wenn ein solches Lager auch wirklich ein Bett
genannt werden konnte -- sa, die Hnde auf der Decke gefaltet, und in
stillem wehmthigen Schweigen nach dem, im gegenberliegenden Winkel,
auf einer Schtte Stroh kauernden Vater hinberschauend, Marie, des
alten Musikanten krankes Kind, und legte sich, als der alte Mann gar
keine Notiz von ihr nahm, und ebenfalls mit seinen eigenen trben
Gedanken beschftigt schien, seufzend wieder auf das harte Kissen
zurck.

Vater, sagte da, nach einer langen, langen Pause die Tochter, und man
konnte ihr anhren, wie schwer ihr das Reden wurde -- Vater -- mir wird
recht sonderbar zu Muth -- ich fhle mich recht unwohl.

Mchte auch wissen, wie's anders kommen knnte, brummte der Alte, die
Nchte drauen in Klte und Nebel im Walde 'rum zu rennen, und in _dem_
Aufzug -- wie willst Du nun singen, wenn wir morgen frh nach Delzig
hinber kommen -- heiser wirst Du sein, da Du keinen Ton aus der Kehle
bringst, und wer hat's nachher wieder auszubaden? -- Der Alte.

Vater, bat das arme Mdchen.

Ah was, knurrte der Alte, was zu toll ist, ist zu toll; erstlich la
ich alter Esel mich betlpeln, Hals ber Kopf, und heimlich, wie ein
Dieb mit der Mamsell da von Horneck wegzuziehn, wo wir unser gutes
Auskommen hatten, und wo Du in der Pfarre so schnes Geld verdientest --
nicht einmal die Miethe hab' ich mir Zeit genommen zu bezahlen, und
was wird unsere freundliche Wirthin, die so schon immer voller Gift und
Galle stak, von uns denken -- und jetzt liegen wir nun hier, Gott wei,
wie lange, auf der Brenhaut, und haben das Wenige, was Du Dir gespart,
denn auch glcklich wieder aufgezehrt. Da _Du_ Dich aber, wo wir jetzt
wieder hinausziehen _mssen_, schonen solltest, Gott bewahre -- den
ganzen heiligen Abend rennt die Madam in der Klte umher, kommt Nachts
um zwei Uhr erst wieder halb erfroren zu Hause -- fllt nachher um, da
ihr Vater einen Todesschreck davon hat, liegt Stunden lang ohnmchtig,
und wundert sich dann auch noch, da ihr die ganze Woche unwohl und
schlecht zu Muthe ist -- _die_ Natur wollt' ich sehn, die das anders
aushielte und noch dazu bei _der_ Nahrung.

Ich glaube es wird kalt hier sagte auf all diese Vorwrfe mit leiser
Stimme das arme Kind -- mich friert.

Na ich liege da auch in keinem Schwitzbad meinte der Alte brummend,
stand aber doch langsam auf, und sah nach dem Ofen -- ein Glck, da
uns der Staat die Feuerung liefert lachte er dabei still vor sich hin,
whrend er die Kohlen zusammenschrte, die Asche bei Seite schob, und
ein paar groe Stcken Holz auf die wieder erwachende Flamme legte
-- das Holz haben ist hier ziemlich bequem im Wald, denn hier in die
Spitze, wo berdie kein Wild mehr steht, kommt der _alte_ Horneckschen
Frster wohl gar nicht mehr hinein -- und der _junge_? ja, Du lieber
Gott, wo steckt der--

  Es hatte ein Knabe wohl einen Strau
  Den kmpft' er mit seinem Gegner aus.
  Am andren Morgen, o groe Noth
  Wie war die Haide so blutig roth. --

Hol's der Henker, brach er pltzlich ab, und sah sich wie scheu im
Zimmer um die Lieder wollen gar nicht mehr aus der Kehle, und es ist
mir manchmal, wenn ich anfangen will zu singen als ob--

Er schwieg, schttelte sich, als wenn er vor etwas zusammenschaudere,
klappte die Ofenthre zu, und ging brummend wieder zu seinem Platz
zurck.

Als ob? Vater? sagte Marie leise.--

Ih la den Unsinn lautete die mrrische Antwort, 's ist mir heut'
Abend so unheimlich genug zu Muthe -- das ist ein schner Sylvester
heute -- hui, wenn das im neuen Jahr so fortgeht, knnen wir uns
gratuliren. Und die Klte dabei, das friert Stein und Bein drauen,
als ob's den Erdboden bis in den Mittelpunkt hinein zu Eis verwandeln
wollte. Da der Teufel ein solches Leben holte -- Lieder wollen mir auch
gar nicht mehr einfallen. Sonst, wenn ich recht rgerlich und wild war,
sang ich, und machte meinem Grimm dadurch Luft -- jetzt geht auch das
nicht mehr, und ich mu Alles in mich hineinschlucken.

Wie stehts mit dem Gelde, Vater?

Wenn ich morgen nicht drben in Horneck spielen kann, mssen wir
Tannenzapfen kauen -- sonst gut-- brummte der Alte und suchte sich
in eine Art wilden Humors hinein zu bringen. Ei zum Donnerwetter, was
hilft mir das Grillenfangen -- wir wollen lustig sein, heut' Abend,
kreuzfidel -- die Flasche hier ist noch halb voll Korn, da knnen wir
uns einen delikaten Punsch davon brauen -- nur heisses Wasser dazu und
-- ja so, weiter haben wir Nichts -- doch was thuts. So -- nun koche und
nachher wollen wir weiter mit einander sprechen.

Er war dabei aufgestanden, hatte einen, ber seinen Lager hngenden
Blechbecher ergriffen, aus dem angebrochenen Krug mit Wasser gefllt und
auf den Ofen gesetzt, dann nahm er die Geige von der Wand, setzte sich
auf den Stuhl, der vor dem Bett seiner Tochter stand, und fing an zu
stimmen.

Strt es Dich? sagte er, als er bald darauf einhielt, und sich nach
ihr umschaute -- oder willst Du schlafen?

Es lag eine Art zrtlicher Besorgni in dem Ton, mit dem der alte rauhe
Mann die Worte sprach, und so ungewohnt kamen sie dem armen Mdchen,
da sie sich, wie sie nur den Klang derselben vernahm, auf eigene Art
erregt, gerhrt fhlte. -- Die Thrnen -- ein bei ihr gewi seltener
Fall, strzten ihr mit Blitzesschnelle in die Augen und sie konnte nur
leise und lchelnd mit dem Kopfe schtteln.

Na, dann kann's losgehn meinte der Vater, prludirte, auf dem jetzt
gestimmten Instrumente, einige kurze melodische Stze und lachte dann --
was Lustiges wollen die Bauern haben, immer 'was Lustiges -- wie's
auch bei uns im Herzen aussieht, das ist ihnen einerlei -- nur _'was
Lustiges_ -- ei zum Henker, da habt's denn.

Und rasch in muntere Weise eingehend, spielte er erst einen Vers aus
der Melodie und fiel dann mit seiner, durch die Klte allerdings etwas
belegten, aber immer noch klangvollen Stimme ein:

  Als ich noch, ein kleiner Knabe,
  An dem Hals der Mutter hing,
  Noch in toller Kindes-Weise
  Schmetterling und Kfer fing;

  Kurz als ich, ein wilder Bube,
  Mich noch gerne tragen lie,
  Fragten oft die hbschen Mdchen
  Wie der kleine Knabe hie.

  Und es kte dann gar zrtlich
  Wohl so mancher Rosenmund
  Mir das kleine rothe Mulchen
  Mit den Purpurlippen wund.

  Aus der allerfrhsten Jugend
  Mich das immer noch verdriet,
  Da -- wenn man so klein und niedlich --
  Auch so schrecklich dumm man ist.

  Damals schrie ich Mord und Zeter
  Wenn mich Jemand kssen wollt,
  Wenn Korallenlippen boten
  Mir der Minne sen Sold.

  Mit den Fen trat ich schreiend
  Nach der schnen Mdchen Schaar
  Und zum Kssen ich allein nur
  Durch Bonbons zu bringen war.

  Ach wie dumm ich da gewesen
  Mir wohl Keiner glauben mag.
  Und es reuet mich wahrhaftig,
  Denk' ich dran, noch diesen Tag.

  Kmen jetzt doch nur die Mdchen
  Bten mir nur einen Ku,
  Ach ich wollt von ihren Lippen
  Saugen sen Ueberflu;

  Doch jetzt bin ich gro geworden,
  Steige alt genug umher
  Und die Mdchen -- gehn vorber,
  Aber Keine kt mich mehr.

Er setzte die Violine auf seine Knie, und pfiff eine Weile in tiefen
Gedanken die Melodie fort.

Marie lag wohl eine halbe Stunde lang schweigend auf ihrem Lager --
das Wasser war unter der Zeit hei geworden -- der Musikant brummte
wenigstens sehr beifllig darber, als er endlich aufstand und nachsah,
und er nahm jetzt die Kornflasche aus der Ecke, in der er sein Lager
hatte, go eine hinlngliche -- aber nicht zu groe Quantitt -- hinzu,
rhrte die Mischung eine Weile mit einem abgebrochnen Reisig um, lie
sie noch ein Weilchen stehn, und hob sie dann sorgfltig, mit seinem
dazu aufgenommenen Rockzipfel vom Ofen herunter auf den Tisch.

Ein blecherner, dortliegender Lffel diente ihm dazu, das Getrnk zu
kosten, ohne sich an dem heien Blech die Lippen zu verbrennen, und sein
wohlzufriedenes--

Hol mich der Teufel, das schmeckt gut war von einem vergngten
Seitenblick auf die Tochter begleitet. Hier, Marie, fuhr er dann
nach einer Weile, in der er einen Theil des Tranks in ein verwaistes
Oberschlchen geschttet und eine kurze Zeit geblasen hatte fort -- da,
koste einmal, das wird Dir auch gut thun, das wrmt durch und durch, und
innerliche Wrme ist viel mehr werth, wie uerliche.

Die Tochter nahm das Schlchen, trank einen Schluck, nickte ihm lchelnd
zu und fiel dann wieder auf ihr Kissen zurck.

Du bist ja heute recht freundlich sagte der alte Mann, und blieb
zgernd bei dem Bette stehn, -- hast Du noch Schmerzen.

Nicht viel mehr, Vater -- _jetzt_ gar keine mehr, lautete die leise
Antwort es wird schon besser -- schon ganz gut wieder werden.

Ich begreif es nicht, da Du Dich an _den_ Kerl hngen konntest
brummte der Musikant endlich -- da _der_ Dich sitzen liee, war doch
-- auch ohne all das andere -- an den zehn Fingern abzulesen. Er, der
Sohn eines Generalsuperintendenten -- nimm nur einmal den Titel an --
und Du eine gewhnliche Wirthschafterin -- Unsinn so was ist noch gar
nicht dagewesen und fllt auch nicht vor. Die grte Dummheit aber
ist's, da Du Dich jetzt noch darber sorgst und qulst. _Du_ bist
doch, wei es Gott, sonst gescheut genug, um auch _das_ vorhergesehn zu
haben.

Vater bat das Mdchen.

Ach was, es ist wahr -- wenn Du funfzehn, sechszehn Jahr gewesen wrst,
da glaubt man vielleicht solchen Firlefanz. Du aber mit ein und zwanzig
-- es ist lcherlich.

Lcherlich? rief die Tochter und richtete sich, von der Erregung des
Augenblicks hingerissen und mit durch mehr als Fiebergluth gertheten
Wangen hoch auf im Bett -- lcherlich? Hast Du je gehrt, _was_ er
und _wie_ er zum Volk gesprochen? Hast Du gehrt, wie er fr die
Proletarier, fr die arme unterdrckte Classe mit Wort und Schrift
gekmpft, und selbst Kerker und Lebensgefahr nicht scheute, sein
schnes herrliches Ziel zu verfolgen? -- Wenn Du je seine Reden an das
versammelte, in athemlosem Schweigen lauschende Volk gehrt, wenn Du
je mit uns Allen hingerissen gewesen wrst von den mchtig ergreifenden
Worten, dem feurigen in wilder Begeisterung auflodernden Feuer des
Redners -- dann Vater, dann httest Du, wie ich, geglaubt, da die
Schwre, die mir der nmliche Mund in heiliger Stunde flsterte, auch
wahr und heilig wren, wie die That, die sie sonst zu edlem Handeln
entflammte. Dann Vater httest Du Dich auch, wie ich, dem sen Traum
hingegeben, das Wesen allein in der weiten groen Welt zu sein, da
_diesen_ Mann, zu dem Tausende und Tausende mit Bewunderung aufschauten,
fesseln knnte. O der Gedanke war so schn -- so lieb -- ich war so --
so stolz darin geworden ---- Vater -- Du wolltest mir ja immer einmal
erzhlen, brach sie pltzlich ab, wie Du eigentlich Deine frhere, so
glckliche Laufbahn in der Stadt verlassen, und dazu gekommen wrst
-- Dir auf den Drfern Dein Brod durch Musiciren zu _erarbeiten_ --
jedesmal aber, wenn ich davon angefangen habe, schwiegst Du still, oder
sangst wunderliche tolle Lieder und lieest mich nicht mehr zu Worte
kommen. Soll ich es heute vielleicht erfahren? ---- wer wei was morgen
die Zeit bringt -- ich frchte mich fast vor dem neuen Jahr, und doch
freu' ich mich darauf.

Hm sagte der alte Musikant, und legte die Violine still neben sich
nieder -- Ihr Frauen bleibt Euch doch Alle gleich -- Deine Mutter war
eben so -- wo Ihr einmal etwas heraus zu bekommen habt, gebt Ihr nicht
Ruh noch Rast, und haltet keinen Frieden. Ich wei aber eigentlich gar
nicht, weshalb ich Dir _die_ Geschichte nicht htte erzhlen wollen --
sie ist einfach und unbedeutend genug -- nur das Ende war hlich --
oder ist vielmehr _noch_ hlich.

Und der Anfang?

Nun Du weit doch, da ich Musikdirector in G. -- war, und mein gutes
Auskommen hatte -- vor zwlf oder dreizehn Jahren aber, wo die Leute
verrckt wurden und fr lauter alt Klassisches schwrmten und Alles
was recht deutsch d.h. verstndlich war, mit Nasenrmpfen und ber die
Achsel ansahen, da kam ich zuerst in Miskredit. Ich hatte alle Achtung
vor den todten Meistern und schwrmte besonders fr Weber und Mozart,
wenn aber etwas Neues, Gutes kam, wollte ich's auch haben, und wollte
ihm Achtung verschaffen, und da trat ich zuerst in's Fettnpfchen mitten
hinein. Die >groe Welt< wurde wie gesagt aesthetisch -- wollte nichts
wie Gluck und Sebastian Bach hren -- ich opponirte, ein anderer
trat gegen mich auf, Cabalen wurden geschmiedet und ich -- erlag. Sie
schickten mich fort -- Du warst damals bei Deiner Tante in Wien und
erfuhrst nichts von der ganzen Geschichte, die Alte starb aber --
hinterlie ihr ganzes Vermgen einer frommen Stiftung -- ihrem im
Elend sitzenden Bruder nicht einen rothen Pfennig, und _der_ wurde
_Musikant_.

Etwas bin ich wohl auch mit schuld an meiner Lage nahm der alte Mann
endlich, nachdem er den Refrain eines kleinen lustigen Liedes halblaut
vor sich hingepfiffen, den Faden seiner Erzhlung wieder auf -- aus
Mismuth und Aerger, eines protegirten Holzkopfs wegen, der nur an den
rechten Stellen zu katzenbuckeln wute, mein Brod verloren zu haben --
ergab ich mich in etwas dem Trunk -- Deine Mutter bat mich genug, es
nicht zu thun -- aber der Wahnsinn hatte sich mir nun einmal in's Hirn
gesetzt -- das verdammte Saufen blieb nicht mehr Leidenschaft, es wurde
zur Krankheit, und ich selber -- was ich jetzt bin -- Brrrrr -- es ekelt
mich manchmal, wenn ich mich selber anfassen soll.

Aber wo starb die Mutter? frag mit leiser Stimme Marie.

Du kamst damals aus glcklichen Verhltnissen, aus Reichthum und
Ueberflu heraus, in unser Elend, sagte der Vater, ohne auf die an ihn
gerichtete Frage zu antworten -- es sah hbsch bei uns aus -- wie? --
Du warst aber ein braves Mdchen, und suchtest und fandest gleich eine
Stelle, wo Du arbeiten, und Deinen Vater untersttzen konntest. Ja
-- wer einmal Nichts haben _soll_, dem fllt auch die Butter vom Brod
herunter -- das ist ein altes Sprichwort, und so wurde es auch bei uns.
Na, ich denke, _Du_ hast's ebenfalls erfahren -- aber doch wohl
noch nicht so arg, wie Deine Mutter -- die hat traurige Zeiten mit
durchgemacht.

Und wo starb sie? sagte noch einmal das Mdchen.

Gottes Zorn trieb mich damals unter das Lumpenpack, mit dem ich zwei
volle Jahre herumzog -- der Trunk hatte mich zum Thier erniedrigt, und
ich -- war ein recht schlechter Mensch geworden. -- Ich wei -- es gab
einmal eine Zeit, wo ich -- aber Pest und Donner, ich bin ja heut' Abend
frmlich wie ein altes Waschweib, und winsele und lamentire, da es
einen Stein erbarmen mchte. -- Ei zum Henker, wollen einmal wieder
trinken -- da vergehen die Grillen, und die Welt bekommt eine ganz
andere Farbe. Das verwnschte Bachstetten hab' ich berdie auf dem
Strich, und ich wei bei Gott nicht, _was_ mich wieder hierher gefhrt
hat, manchmal ist's aber ordentlich, als ob Einen etwas ganz anderes
triebe, als der freie Wille, und als ob es eine Art Verhngni -- ah,
meinetwegen -- 's mag kommen -- ich bin fertig.

Vater, sagte die Tochter pltzlich, und berhrte seinen Arm -- die
Lampe will ausgehen!

Die Lampe? brummte dieser, der den Kopf auf die Brust gesenkt, in eine
Art dumpfes Brten gefallen war -- Unsinn, die brennt hell genug.

Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen, unheimlichen Raum -- drauen
schttelte der Wind die entlaubten Birken, die vor dem Fenster standen,
und warf nach einer Weile den Hut in die Stube, den der Alte in die
letzte, nicht mit Bretern vernagelte, aber jetzt auch zerbrochene
Glasscheibe gesteckt hatte. Meier stand auf, drckte den Hut wieder auf
seinen alten Platz, denn der scharfe Luftzug, der durch die Oeffnung
hereinpfiff, drohte das Licht zu verlschen, legte dann einen Stein
hinein, und setzte sich wieder auf die Bettkante nieder.

Vater -- mir ist recht wunderlich zu Muthe, sagte da pltzlich das
Mdchen, und versuchte, sich auf ihrem Lager emporzurichten -- ich
wollte -- ich wollte, _er_ wre hier.

Er? -- wer? knurrte der Alte -- nenn' mir noch einmal den Kerl, und
sieh dann, was ich thue -- hol' ihn der Bse mit seinen Redensarten und
Versprechungen -- htte er _eine_ gehalten, so lgen wir jetzt nicht
hier und bliesen Trbsal.

Htt' er nur damals -- meinen Brief -- gelesen-- flsterte das
Mdchen in abgebrochenen Stzen, und eine eigenthmliche Unruhe wurde
in ihrem ganzen Wesen bemerkbar -- ihr Vater achtete nicht darauf, er
vertiefte sich mehr und mehr in seinen Gedanken, und horchte nur
einmal aufmerksam lauschend auf, als die Thurmuhr drauen langsam und
schwerfllig drei Viertel schlug.

Wie viel Uhr ist das, Vater?

Drei Viertel auf zwlf -- 's wird gleich Mitternacht sein, und dann
-- springen wir in's neue Jahr hinein. Beim Himmel, beinahe so ein
Sylvester wie vor drei Jahren -- und gerade die Stelle wieder -- ich mu
mir nur noch ein Glas Grog machen -- das hilft.

Vater! sagte da das Mdchen mit kaum hrbarer Stimme -- nimm doch --
nimm doch den Hut -- den Hut wieder aus dem Fenster heraus -- es wird --
es wird so hei -- so schwl hier.

Der alte Mann sprang wie von einer Kugel getroffen in die Hhe, sah
erst seine Tochter ein paar Secunden mit stieren, fast aus ihren Hhlen
drngenden Augen an, sprang dann nach der Lampe, griff diese auf, und
hielt sie hoch ber seinem Kopf gegen der Tochter Lager, da der helle
Schein des flammenden Dochtes auf die bleichen, geisterhaften Zge des
armen Kindes fiel.

Marie -- Mdchen -- Kind! schrie er dabei mit zitternder, von
Todesangst fast erstickter Stimme -- was ist Dir -- wie siehst Du aus?
-- groer -- groer allmchtiger Gott -- und an der nmlichen Stelle, wo
vor drei Jahren Deine Mutter starb--

Marie raffte sich gewaltsam zusammen.

Was -- hier? -- hier war es? lispelte sie, und die groen glanzlosen
Augen hafteten in einem unbeschreiblichen Gemisch von Schreck und Freude
auf dem bleich und bebend vor ihr stehenden Vater -- hier in dem Haus?
-- in der Sylvesternacht?

Der Alte nickte schweigend mit dem Kopf.

Wie ist Dir denn jetzt eigentlich, Marie? sagte er endlich etwas
ruhiger -- Du hast mir einmal einen Schreck eingejagt -- es ist wohl
gar nicht so schlimm.

In demselben Zimmer, Vater?

Der alte Musikant nickte noch einmal, und sah sich, fast wie scheu, in
dem den Raume um -- auf demselben Gestell, auf dem _Du_ jetzt liegst,
flsterte er mit kaum hrbarer Stimme.

Die Kranke sank wieder in ihre frhere Lage zurck, ein schwaches
Lcheln stahl sich um ihre bleichen Lippen, und mit gefalteten Hnden
murmelte sie einige, dem Vater unverstndliche Worte. Endlich streckte
sie ihre linke Hand gegen ihn aus, und sagte:

Vater -- wolltest Du mir wohl eine Bitte erfllen -- eine Bitte, mit
der Du mir eine recht groe Liebe erzeigen knntest?

Der alte Mann war indessen aufgestanden, und mit raschen Schritten im
Zimmer hin und hergegangen; augenscheinlich arbeitete er daran, die
weiche Stimmung, in der er sich befand, nieder zu kmpfen -- er pfiff
bald, bald summte er kurze, abgebrochene Stze komischer Lieder vor sich
hin. Bei der Bitte der Tochter wandte er sich rasch nach dieser um --
sich pltzlich aber besinnend stampfte er mit dem Fu, murmelte einen
halb abgebrochenen Fluch in den Bart, und sagte:

Ah was -- la die Possen -- wir wollen lieber schlafen gehn. Er schien
die frhere, augenblickliche Rhrung vollkommen abgeschttelt, und sein
rauhes unwirrsches Wesen wieder angenommen zu haben. Der Zustand der
Tochter war ihm nmlich zu schnell und berraschend gekommen, und
hatte dadurch all' die frheren, schon einmal an diesem Ort durchlebten
Schreckbilder heraufbeschworen -- sollte er das aber jetzt dem Kinde
merken lassen? -- Gott bewahre -- -- wenn aber nun doch? -- Er heftete
den scheuen ungewissen Blick fest und forschend auf das Antlitz der
Kranken -- und wie mit einer eiskalten Hand griff's ihm an's innerste
Herz. -- In _den_ Zgen stand der Tod -- und dem hatte er schon zu oft
in das grauenvolle Antlitz geschaut, um sich darin noch irren zu knnen
-- mit schneller, beruhigender Stimme setzte er hinzu -- was ist es
denn, Marie, kann ich es Dir bringen?

Nur noch ein Lied -- sing mir -- sing mir heute Abend -- dann wollen
wir uns schlafen legen -- morgen werd' ich schon wieder besser sein --
willst Du, Vater?

Was fr ein Lied, Marie?

Mein Lieblingslied -- die Ballade von -- von der todten Sngerin.

Es ist gar so ernst, sagte der alte Mann, und kmpfte, jetzt die
Blicke nicht mehr von dem immer blsser und leichenhnlicher werdenden
Angesicht der Tochter wendend, gewaltsam gegen den unbezwingbar in ihm
aufsteigenden Schmerz an--

Die Ballade, Vater!

Der Vater griff nach der Violine, die Tochter winkte aber bittend mit
der Hand--

Nicht das Instrument, flsterte sie -- die scharfen Tne thun mir weh
-- nur Deine Stimme, Vater -- und -- und Deine Hand dazu -- das ist ja
Alles, was -- mir noch -- geblieben.

Es ist so ein langweiliges Lied, warf der Vater noch einmal ein, und
suchte nur Zeit zu gewinnen, seine Thrnen niederzuwrgen -- wie ist
Dir denn, Marie?

Gut -- gut, Vater -- aber die Ballade!

Hm -- ahem, rusperte sich der Alte -- setzte ein paar Mal an, und
mute immer wieder aufhren -- ahem

Die Kranke lie seine Hand nicht mehr los, lag aber still und geduldig
des Anfangs harrend. Endlich hatte sich der arme alte Mann so weit
gesammelt, da er wenigstens seine Stimme gewinnen konnte, und mit
leisen, klangvollen, aber doch vor niedergehaltenem Schmerz zitternden
Tnen sang er:

  Es steht am Meeresstrande
  Eine stille bleiche Maid,
  Barfu im kalten Sande
  Mit flatternd dnnem Kleid.

  Und auf die schaumzersprhten
  Und krausen Wogen aus
  Streut sie zerpflckte Blthen
  Aus einem frischen Strau.--

Mit solchem Ausdruck hatte der Mann noch nie gesungen! Die hellen
Thrnen rollten ihm ber die faltigen hageren Wangen hinunter, als er
Vers nach Vers beendete, und dem ngstlichen Blick nur immer mehr Grund
zu wirklich ernster Besorgni wurde. So wie er aber aufhren wollte, bat
ihn ein leiser Druck der Hand fortzufahren, und er konnte _der_ Bitte
nicht widerstehen.

Zum drittletzten Vers war er so gekommen

  Das -- das war seine Stimme!
  Hier ist -- hier kommt die Braut!

Da schlug es drauen auf dem Thurm in langsam gemessenen Schlgen zwlf,
und Marie zuckte, wie von Todesschauern ergriffen, zusammen.

Mein Kind -- mein Kind! sagte der Greis, und wollte sich ber sie
hinberbeugen.

Den Schlu, Vater -- den Schlu, flsterte die kaum noch hrbare
Stimme -- o den Schlu!

  Am stillen den Strande,
  Vom Fluthenstrom umzischt.

sang der alte Mann, aber er war nicht mehr im Stande, den Tnen Worte
zu geben -- die Laute blieben ihm in der Kehle stecken -- er machte ein-
oder zweimal den Versuch, doch umsonst -- es ging nicht, und whrend
seine Thrnen immer unaufhaltsamer quollen, pfiff er mit zitternden
Lippen den Schlu der Ballade.

Mit dem letzten Ton drhnte auch der letzte Schlag der schlfrigen
Thurmuhr aus--

Mutter! lispelte das Mdchen, und der Greis sprang mit einem lauten
Aufschrei von seinem Sitz empor--

_Marie!_ rief er, und strich ihr mit vor Angst fieberhaft fliegenden
Hnden die kalte, feuchte Stirn -- Marie--

Umsonst, alter kinderloser Mann -- Deine Marie hrt Dich nicht mehr
---- sie ist zur Mutter gegangen.

Laut schluchzend sank er neben dem Bett auf die Knie nieder, und barg
sein Gesicht an dem kalten, harten Lager und sthnte:

War mir's doch den ganzen langen Tag, als ob eine Leiche im Zimmer
lge.




Achtes Kapitel.

Pollers Rache.


Unten im herrschaftlichen Hofe ging es recht still und geruschlos her
-- der Oberpostdirector lag noch immer an den Folgen des Sturzes schwer
darnieder, und wenn auch das eigentliche Wundfieber wohl berstanden
war, so mute sein Geist doch noch in furchtbarer Aufregung sein,
denn er sprach viel und oft recht bse Sachen im Traum, und warf sich
gewhnlich so lange auf seinem Lager herum, bis ihn der Schmerz seiner
kranken Glieder wieder aufweckte.

Der alte Poller war dabei gewhnlich der Einzige, den er um sich
duldete; seine Frau -- sie mochte bitten oder weinen wie sie wollte --
durfte nur sehr selten in's Zimmer, und dann auch nur wenige Minuten
bleiben; der junge Poller ging ab und zu, und besorgte besonders alle
die nthigen Wege, sah nach dem Feuer u.s.w. Unten vor den Fenstern
war dabei Stroh gelegt, damit das Rasseln der Wagen und das Klappern der
Hufe auf dem Pflaster den Leidenden nicht stren solle, und die Knechte
und Mgde hatten strengen Befehl, vor den Fenstern des Krankenzimmers
besonders nicht zu lachen. Der Oberpostdirector konnte eher alles Andere
hren, nur kein Lachen.

Heute schien er brigens wieder einmal seinen ganz besonders bsen Tag
gehabt zu haben, der junge Poller mute springen und rennen und wurde
fast ununterbrochen geschimpft und gescholten und wenn er sich ja einmal
zum Ausruhn in einen Winkel drckte, trieb ihn sein Vater immer zuerst
selbst wieder heraus. Der kleine giftige Bursche knirschte vor Zorn
und Unmuth, entgegnete aber, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit,
kein einziges Wort des Widerspruchs und ertrug Alles -- wenigstens
schweigend.

Die Abenddmmerung rckte so langsam heran; immer die schlimmste Zeit
mit dem Kranken, der dann stets eine Art Fieberanfall bekam, und oft
bis Mitternacht die Aufmerksamkeit seiner Wrter im vollsten Grade
in Anspruch nahm. Der junge Poller hatte dabei lange eine Gelegenheit
gesucht, einmal auf eine kurze Zeit sich zu entfernen, gerade jetzt war
aber nicht ein einziger Weg fr ihn zu gehn, und er mute bis lange
nach sechs Uhr, und also schon in vllige Nacht hinein, fortwhrend
Handreichungen am Bette thun, und aus der Kche herauf und
hinunterspringen.

Endlich sollte der Verband an der einen Quetschwunde, die den Kranken
heftig zu schmerzen begann, erneuert werden, die Traubenpommade war aber
nirgends zu finden -- der junge Poller kroch unter allen Sthlen und
Schrnken herum, drehte das oberst zu unterst, und machte, jedoch immer
ohne Erfolg, einen solchen Lrm, da ihm sein Vater endlich rgerlich
zuflsterte, mit dem verdammten Spektakel einzuhalten und rasch nach der
Apotheke hinauf zu laufen, um andere zu holen. Karl Poller lie sich das
nicht zweimal sagen, griff nach seiner Mtze und sprang davon.

Aber zum Dunnerwatter, wua stckst de denn? redete ihn da, als er
einen schon frher mit Krautsch besprochenen Sammelplatz erreichte,
dieser wrdige Mann in der belsten Laune von der Welt an -- ich stiehe
und stiehe hiar un han mer die Hnge und Fie beinah derfruren; un keen
Mensche kimmt niche -- wua bist de denn su lange gebliaben -- he?

Das wei der Henker, stimmte Poller selbst mit ein, heute war
kein Loskommen; als ob die beiden alten Schufte -- mein Vater und der
Oberpostdirector, ordentlich gemerkt htten, da ich irgend 'was im
Schilde fhre.

Oho -- jo niche, sagte Krautsch erschreckt.

Hab' keine Angst, lachte der junge Verbrecher, die glauben sich
sicher genug bewahrt; ich soll jetzt Traubenpommade in der Apotheke
holen.

Un nu mut de in die Apothek ruff? frug Krautsch bestrzt -- das
giaht ja gar niche -- mer missen uns doch--

Ich werde nicht so dumm sein, lachte Poller -- ich hab' ja die
Traubenpommade, ein ganz frisches Stck von heute Morgen -- selbst erst
in die Tasche gesteckt, um nur eine Ausrede zu kriegen und wegzukommen
-- die bring ich dem Alten jetzt wieder -- der wei viel, ob das neue
oder alte ist.

Krautsch lachte heimlich vor sich hin.

Un dann kennen mer jetzt die Sache en bischen beriaden?

Nun das versteht sich, lautete die Antwort, aber etwas rasch, denn
_zu_ lange darf ich doch nicht wegbleiben.

Nu, wollen mer's denn noch hinte Obend machen? flsterte der Bauer --
ich bin g'rade uffen Zeug.

Ich denke, erwiederte ihm Poller eben so leise -- im Schlo drin
scheint auch Alles gnstig, der Alte hat auch einmal wieder seinen bsen
Abend, und da darf keiner weiter in die Zimmer kommen, wie wir Beide,
mein Alter und ich -- ich glaube, heute Abend gehts -- aber welche
Zeit?

Nu vor neine niche! meinte Krautsch.

Nein -- aber auch nicht spter, denn wenn das Thor erst einmal zu ist,
kann der Teufel sein Spiel haben und uns in die Falle drin halten -- ich
dchte, so gegen neun.

Hm -- guat -- da han ich ooch nischt derwidder -- un da machen mer's
so, wie mer's beschprochen han?

Nun versteht sich, das Zeichen fr mich ist der erste Feuerlrm --
milingt es und wird _kein_ Lrm, nun so unterbleibt fr heute die
ganze Geschichte, denn wenn das Thor drauen geschlossen ist, mag ich's,
obgleich ich selbst den Schlssel dazu habe, nicht riskiren -- es hlt
zu lange auf.

Un mer treffen uns an der Blutbuche.

Nun das versteht sich, das ist ja Alles schon besprochen, brummte
der junge Bursche; wo aber denkst Du am sichersten anzukommen, am
Obertenne?

Do brnnt ja de ganze Beschring wek, sagte Krautsch erschreckt --
wenn das urdentlich Feier fngt, nachens haben se Zeit mit Leschen --
ne ich dachte an's Ungertenne -- do thuts nich so viele, un Spektakel
geihts doch gening.

Mir wre die Obertenne lieber, sagte Poller -- da der bse Feind dem
alten Schuft nur noch immer rger in seine lahmen Gliedmaen hineinfahre
-- dem gedenk' ich die Schlge, und wenn wir bis zum jngsten Tag neben
einander ausharrten -- im Obertenne kannst Du auch besser ankommen, wie
im Untertenne, und bist nachher gleich an der Gartenmauer, an der
Du Dich bis zum Thor und zwischen den Reisigbndeln durch leicht
hinschleichen kannst.

Hm -- nu mer wullen shn -- irgendwu wrd' ich schonst ankommen,
un nachens mach ich mich sachte rar. -- Aber Du -- wie wrsch denn
eegentlich, wenn ich erscht geschwinde in's herrschaftliche Gebude kme
-- kinnten mer denn da nich verleicht noch een oder das--

Unsinn-- sagte Poller -- na mach Du solche Geschichten, da sie Dich
beim Kragen kriegen und beistecken -- weit Du wohl, da heute Morgen
der Befehl eingegangen ist, Dich aufzufangen und an das Gericht hinein
zu liefern?

Jemine! rief der Bauer erschreckt -- un von _wgen_?

Poller nickte nur einfach mit dem Kopfe.

Lge der alte Baron jetzt nicht krumm, so htten sie Dich am Ende schon
abgefat, sagte er, so aber hat er die Geschichte, glaub' ich, noch
gar nicht gelesen, morgen km' es aber doch jedenfalls vor. Also bist
Du gescheidt, so hltst Du Dich so viel wie mglich auer Rufs Nhe
von Allen, die Dich kennen knnten, ich glaube, Du kannst dadurch nur
profitiren.

Nu ja -- 's kennte meglich sin, meinte Krautsch, -- also denn
bleibts derbei -- um dreiviertel uf neine -- Und ohne weiter Gru
oder Abschiedsworte an den Verbndeten zu richten, glitt er aus seinem
Versteck vor, sprang ber die dicht daran stoende niedere Gartenmauer,
und war im nchsten Augenblicke in der dahinter lagernden Dunkelheit
verschwunden.

Poller kehrte so schnell er konnte, um jetzt wo mglich jeden Zank und
dadurch entstehende Unruhe zu vermeiden, nach Hause zurck, und suchte
nur -- was brigens gar nicht so schwer war -- den Vater an das Bett des
launenhaften Kranken zu fesseln. Der Oberpostdirector schien aber auch
wirklich heute einmal einen seiner allerbsesten Abende zu haben -- er
hatte nicht Ruhe noch Rast -- wollte bald auf dieser, bald auf jener
Seite untersttzt werden, warf sich -- trotz aller Vorstellungen des
hinzukommenden Arztes -- fortwhrend herum und zankte und schimpfte
seine Umgebung -- den Doctor keineswegs ausgenommen -- auf das
Unbarmherzigste. -- Ja, er wollte endlich, was ihm aber dieser auf das
Strengste verbot, unter jeder Bedingung von seinem Lager aufstehn, und
schrie nun, als ihn der alte Poller gewaltsam zurckhielt -- so laut um
Hlfe, da das Gesinde des ganzen Hauses zusammenkam, und schon glaubte,
es wre irgend etwas Entsetzliches geschehn.

Der Arzt sandte die Leute aber wieder zurck, und versicherte sie, sie
brauchten um ihren Herrn sich nicht zu sorgen; es sei nur ein etwas
strkerer Fieberanfall als gewhnlich. Er verordnete dann einige
beruhigende Mittel, trug dem alten Poller noch verschiedenes auf und
kehrte, da er dort noch einige Kranke besuchen mute, mit dem schon
wartenden Wagen in die Residenz zurck.

Dem jungen Poller schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust -- der
Augenblick der Entscheidung rckte immer nher und sein Vater sa wie
Blei -- wenn er _den_ nicht zur rechten Zeit aus dem Zimmer -- denn hier
in der Krankenstube selber lag das Geld -- entfernen konnte, war die
ganze Sache, die ganze Gefahr, der sich Krautsch aussetzte, umsonst
gewesen -- Krautsch? ei beim Teufel, der kmmerte ihn wenig -- aber er
selber -- wer wei denn, ob sich so gnstige Gelegenheit ihm wieder bot
-- seine ganze Hoffnung ruhte jetzt noch allein auf dem Feuerlrm.

Der Kranke war, nach dem heftigen Toben, in eine Art Erschlaffung und
Abspannung gefallen, die sich bald in einen Halbschlaf verwandelte. --
Der alte Poller sa in der Ecke, im groen Sorgenstuhl des Herrn und
fing, ebenfalls zum Tod erschpft, gerade ein wenig an einzunicken --
die Schlssel zum Schrank lagen dicht neben dem Bette des Gutsherrn, und
das einzige Gefhrliche bei der Sache schienen dem jungen Bsewicht ein
paar geladene Pistolen, die stets und zwar so niedrig ber dem Bett
und zu Kpfen des Herrn hingen, da er sie jeden Augenblick mit
ausgestrekter Hand erreichen konnte.

Entfernen durfte er die Waffen nicht -- der Director selbst, oder
sein Vater wenigstens, htten das augenblicklich bemerkt und natrlich
Verdacht geschpft -- wie aber wenn es ihm gelang die Zndhtchen
herunter zu bringen? -- Der Versuch mute jedenfalls gewagt werden,
denn Karl Poller hatte allen Respekt vor Schiegewehren, und der
Oberpostdirector scho ziemlich gut. Beim gewhnlichen Stande des Bettes
wr' ihm jedoch ein solches Vorhaben ganz unmglich gewesen, denn sobald
das Bett dicht an die Wand gerckt stand, wrde er natrlich nur darber
hin an die Waffen gekonnt haben, jetzt aber und bei dem Leiden des
Kranken, der fortwhrend Schmerz empfand und anders gelegt sein wollte,
war es nthig geworden das Bett etwas, wenn auch nur wenig, von der Wand
abzurcken, damit Jemand dahinter treten und von dort aus heben konnte.

Der alte Poller schlief wirklich, oder lag doch wenigstens mit
geschlossenen Augen so fest und bequem an das Kissen angelehnt,
da nicht zu frchten war, er wrde durch das eigene schwerfllige
Einnicken, wie das manchmal geschieht, pltzlich wieder aufwachen. Der
Oberpostdirector athmete ebenfalls laut, und hielt noch dazu das Gesicht
der Stube zu, also von der Wand abgekehrt. Karl schlich auf den Zehen
zum Kopfende des Bettes, wo eine Menge Medicinflaschen standen, und
blieb hier eine Weile stehn. Die Uhr im Zimmer schlug in dem Augenblick
halb, und er wollte erst abwarten ob der laute Schlag nicht etwa die
Schlfer stre -- nein -- sie vernderten ihre Lage nicht und der junge
Bursche stand im nchsten Moment, geruschlos zwischen der Wand und dem
Bette hingleitend, vor den Pistolen. Mit diesen wute er brigens gut
genug umzugehn, da er das Schiezeug seines Herrn stets rein und im
Stande zu halten hatte -- rasch und geschickt entfernte er deshalb auch
die gefhrlichen Kupferhtchen und nahm sie, damit selbst ihr Fall kein
Gerusch verursache, bis er die Waffen wieder an ihrem Ort gehangen, in
den Mund.

So schnell er konnte, verlie er dann den fr ihn so gefhrlichen Platz
und gleich darauf auch das Gemach, denn wenn der Feuerlrm, was
jetzt jeden Augenblick geschehen konnte, entstand, durfte er nicht im
Krankenzimmer sein, weil sonst natrlich niemand anders als gerade
er auch fortgeschickt wre, zu sehn was es gbe. Mute also nun sein
Alter gehn, wie er bei sich und in leisem Brten erwog, so kam er rasch
zurck -- mit dem Kranken wurde er bald fertig, wo das Geld lag wute
er genau, und ehe man an seine Verfolgung denken konnte, war er in der
dunklen Nacht drauen entkommen. _Seine_ Vorbereitungen fr das Weitere
hatte er ebenfalls alle auf das Beste getroffen und harrte jetzt drauen
im dunklen Gang mit fieberhaft klopfenden Herzen und immer wachsender
Ungeduld auf das Zeichen -- auf den Lrmen von den Scheunen her.

Als er die Thr hinter sich zuzog, fuhr sein Vater im Stuhl auf, rieb
sich die Augen und schaute verwundert umher; es war etwas kalt im Zimmer
geworden -- es frstelte ihn und er stand auf und ging, die Hnde rasch
aber geruschlos zusammenreibend, zum Ofen, um dort nach zu legen und
die Lampe, die ebenfalls dster brannte, etwas hher zu schrauben.

Der Oberpostdirector schlief noch immer, oder ffnete doch wenigstens
die Augen nicht -- die Uhr hob aus, um neun zu schlagen!

Der alte Poller drckte die Kohlenschaufel langsam und vorsichtig, um
kein Gerusch zu machen, unter die Braunkohlen, und wollte sie eben
wieder gefllt herausheben, als er innehielt, und aufmerksam nach dem
Hof hinberschaute. -- Ein dumpfes unbestimmtes Gerusch drang von
dort zu ihm herber und es war ihm beinahe, als ob er den Ruf Feuer
verstanden htte. Er lie die Schaufel in den Kohlen stecken, richtete
sich empor, und schlich auf den Zehen zum Fenster zurck. -- Der Lrm
drauen wurde immer lauter -- auf dem Hof unten liefen die Leute hin
und wieder und es mute jedenfalls irgend etwas ganz auergewhnliches
vorgefallen sein.

Das Fenster durfte er nicht ffnen, denn der Kranke war besonders gegen
kalte Luft empfindlich, er wollte also eben leise zur Thre zurck, um
seinen Sohn zu rufen, da der einmal nachsehn knne, was vorgefallen
wre, als er jetzt ganz deutlich und bestimmt den Ruf von unten her
ertnen hrte.--

Feuer! -- haben sie ihn?

Was ist? -- was giebts? sagte der Oberpostdirector, und drehte den
Kopf nach dem Fenster zu -- was ist das fr ein Lrmen, Poller?

Ich wei wirklich nicht, Herr Oberpostdirector, erwiederte der alte
Mann etwas ngstlich, denn er frchtete nicht mit Unrecht nach solcher
Nachricht die zu groe Aufregung des Kranken, und hoffte dabei noch
immer, da die Sache vielleicht gar nicht so schlimm sei, und bald
wieder beseitigt werden knne. Ich wei wirklich nicht -- irgend ein
Betrunkener, wahrscheinlich -- eine Schlgerei oder etwas derartiges --
ich will doch gleich einmal nachsehn lassen.

Er ging rasch nach der Thr, ffnete diese und rief hinaus:

Karl -- Karl! -- Wo der Schlingel nun wieder steckt -- Karl -- Karl!

Das ist ein nichtsntziger Bube! sthnte der Kranke -- und ich habe
mich jetzt genug mit ihm gergert -- er soll mir morgen am Tag aus dem
Hause -- wo bleibt der verdammte Schuft -- kommt er?

Nein, Euer Gnaden, sagte der Alte, der eine kleine Weile auf den
dunklen Gang hinausgehorcht hatte -- ich hre noch Nichts -- Karl --
Karl! -- Christoph -- Hans!

Es hrte ihn Niemand; der gerufene Karl kauerte allerdings kaum zwanzig
Schritte von ihm entfernt, hinter der dunklen Treppe, die in das obere
Stock hinauffhrte, wartete aber nur darauf, da sein Vater das Zimmer
verlassen sollte, und dachte gar nicht daran, dem Ruf Folge zu leisten.

Das wei der liebe Gott, das ganze Haus mu auf den Beinen sein, es
ist, als ob es ausgestorben wre, brummte Poller vor sich hin, als er
die Thre wieder schlo.

Feuer? fragte der Gutsherr pltzlich, und suchte sich, erschreckt, und
seine Leiden vergessend, aufzurichten, fiel aber gleich wieder mit einem
leisen Schmerzgesthn auf sein Lager zurck -- Feuer? wiederholte
er nach kleiner Pause -- mir war es, als ob ich drauen >Feuer< rufen
hrte -- Poller!

Euer Gnaden--

Lauf einmal rasch hinaus, und bring mir -- Jesus, wie das wieder sticht
-- und bring mir Nachricht, was es giebt -- ob -- ob Feuer ist, und --
und wo es brennt -- aber schnell -- schnell!

Und ich soll Euer Gnaden so lange hier allein lassen? frug der alte
Diener.

Der Lrmen drauen wurde immer lauter, das Hin- und Herlaufen der
Menschen immer rger.

Mach rasch -- mach rasch! rief ungeduldig werdend der Gutsherr, soll
ich denn Alles hundert Mal sagen, und mir um jeder Kleinigkeit willen
die Galle an den Hals rgern -- fort mit Dir.

Der alte Poller schttelte mit dem Kopf, wute aber auch nur zu gut, da
hier weiteres Einreden gar Nichts ntzen wrde, sondern griff nur nach
seiner Pelzmtze, die neben der Thr auf dem Stuhl lag, und verlie das
Zimmer.

Kaum konnte er Zeit genug gehabt haben, das Hausthor zu erreichen, und
eben waren erst seine Schritte im Gang verhallt, als sich die Thr des
Zimmers wieder ffnete, und Karl Poller schnell aber geruschlos herein
glitt.

Nun? frug der Gutsherr, der die Augen wieder geschlossen, -- was
ist's, Poller -- Feuer?

Karl antwortete nicht, sondern schob rasch den Riegel vor, und trat zum
Tisch, von dem er die Schlssel aufgriff. Beim Klappern derselben sah
der Kranke pltzlich auf -- sein Blick begegnete dem des Diebes, und der
Instinct fast sagte ihm, was das unstte, wilde Auge, das scheue Wesen
des Burschen, und seine Unruhe bedeuteten.

Was willst Du mit den Schlsseln, Schurke! schrie er, und versuchte,
aber vergebens, sich auf seinen Ellbogen empor zu richten -- la die
Schlssel liegen, sag' ich -- Canaille!--

Brauche sie jetzt einen Augenblick selber, lachte aber der junge
Bsewicht mit einer Art triumphirender Bosheit, will mir nur einen
kleinen Vorschu erbitten, um die Auswanderung eines sehr guten Freundes
-- wie Herr Doctor Strohwisch immer sagte, damit bestreiten zu knnen --
blo ein paar hundert Thaler.

Schuft Du -- diebische Bestie -- willst Du die Schlssel hinlegen!
schrie jetzt der Oberpostdirector, heiser vor Wuth, und griff nach
seinen Pistolen an der Wand -- willst Du, Canaille?

Bitte, geniren Sie sich nicht, grinste der Dieb -- bedienen Sie
sich geflligst, -- und mit rascher, gewandter Hand ffnete er
blitzesschnell den Schrank, und griff rasch nach dem Geldsack, der
hinten, an dem ihm wohlbekannten Platz in der Ecke stand.

Ruber! rief erschreckt der Kranke -- spannte den Hahn des Pistols,
zielte, und drckte auf seinen Bedienten ab. Der Hahn schlug aber
machtlos nieder, -- die Kraft fehlte, die allein den Schu htte
entznden knnen. Poller lachte nur; der Herr von Gaulitz hatte schon
die andere Waffe erfat, spannte den Hahn, und drckte fast in demselben
Moment auch diese ab -- Teufel -- knirschte er aber, als auch diese
versagte, und in machtloser Wuth schleuderte er das untreue Rohr nach
dem Verbrecher -- es fiel machtlos vor ihm nieder.

Hlfe! tnte da die gellende Stimme des Verzweifelten, der sich
in machtloser Wuth, und trotz des rasenden Schmerzes, mhte sich
emporzurichten -- Hlfe -- Hlfe -- Hlfe! umsonst, er brach halb
ohnmchtig auf seinem Lager zusammen, und der Dieb sprang eben aus der
einen Thr, die nach dem Thor zufhrte, hinaus, als der alte Poller
wieder zurckkam, seines Herrn Hlferuf (der aber von dem brigen
Gesinde, wenn es wirklich in der Nhe gewesen, doch nicht beachtet
wre, da der Kranke schon einen groen Theil des Abends so geschrien)
vernommen, und nun zu seinem nicht geringen Entsetzen die Thr von innen
verriegelt fand. Vergebens pochte und schlug er daran, sie wurde nicht
geffnet, dann lief er zurck, um durch die andere, durch die sein Sohn
eben das Zimmer verlassen, zu seinem Herrn zu kommen, doch auch hier
hatte der schlaue Ruber den Schlssel umgedreht und mitgenommen,
und ehe sich der alte ngstliche Mann entschlieen konnte, frmlich
einzubrechen, ja ehe es ihm nur mit seinen schwachen Krften, allein und
von allen verlassen, wirklich gelang, und er nun im Stande war, von
dem, seiner Sinne kaum mchtigen Kranken die frchterliche Wahrheit zu
erfahren, hatte der Dieb schon einen solchen Vorsprung gewonnen, um bei
Nacht, selbst in ruhiger Zeit jeder Verfolgung spotten zu knnen. Jetzt
aber, in diesem Lrm und Aufruhr, und in der Verwirrung, die auf dem
ganzen Gute herrschte, wre eine solche nur um so erfolgloser gewesen.

Allerdings sandte der Alte gleich Leute nach allen Richtungen, um
wenigstens seine Schuldigkeit gethan zu haben, lie auch den Jger
hinberschicken, und diesen gleich auf's Schlo bescheiden, der Bote
aber brachte nach etwa einer halben Stunde die Nachricht, der alte
Holke sei mit einem Zeichenschlger im Walde drauen, und werde auch
vor tiefer Nacht nicht wieder zu Hause kommen, und die Verfolger kehrten
ebenfalls unverrichteter Sache wieder. Was berhaupt noch geschehen
konnte, mute jedenfalls am nchsten Morgen geschehen.




Neuntes Kapitel.

Der Brandstifter.


Indessen mssen wir aber doch wohl einmal wieder zu dem Genossen des
Diebes zurckkehren, der den kaum minder gefhrlichen Auftrag des
Brandstiftens auszufhren hatte, und zu diesem Zweck auch schon um acht
Uhr, im Wagenschuppen ber dem noch eine Partie Reisigbndel lagen,
sein Versteck gewhlt hatte. Hier nun htte er seine Absicht mit grter
Leichtigkeit und fast ohne Gefahr ausfhren knnen, hier war aber das
Hinderni, da der Wagenschuppen eigentlich mit keinem greren
Gebude in Verbindung, ferner doch wieder zu sehr in der Nhe der
herrschaftlichen Wohnung, und berhaupt so stand, um schwerlich
groe Besorgni zu erregen, wenn er wirklich brennen sollte. Auf die
Verwirrung im Gut war aber groentheils sein Plan gebaut, und gelang es
ihm nicht, die hervorzubringen, so war Poller vielleicht nicht einmal
im Stande, das Geld zu bekommen, und die ganze Mhe und Angst umsonst
gewesen.

Es blieb keine andere Wahl, als die etwas gefhrliche Expedition
gegen die Scheunen zu unternehmen, und so wie sich der Hof ein wenig
beruhigte, d.h. so wie die Knechte ihre Pferde, die Mgde ihre Khe
besorgt, und sonst ihre ganze Tagesarbeit beendet hatten, und nun in
die Gesindestube gingen, die ersteren, um sich faul auf die Bnke
auszustrecken, die letzteren noch bis um zehn Uhr fr die Herrschaft
zu spinnen, da schlich er langsam und vorsichtig aus seinem Versteck
heraus, drckte sich, immer dabei im dunkeln Schatten der Mauern
bleibend, ber den Hof hinber und an den Stllen vorber, und erreichte
eben das Obertenne, als er Schritte dicht hinter sich hrte. Es blieb
ihm weiter Nichts brig, als sich rasch hinter ein paar Schiebkarren zu
werfen, die umgekehrt neben der Dngergrube standen, und dort zu warten,
bis sich die unwillkommenen Strer entfernt htten.

Es war der Verwalter mit dem Brenner, die neben einander auf dem
schmalen, zwischen den Schweinestllen und der Dngergrube liegenden
steinernen Damm hingingen, und der letztere sagte, gerade als sie bei
Krautsch vorbergingen, zum Verwalter:

Sie knnen sich darauf verlassen, ich habe Jemand dort drben an der
Mauer hin und hierher zu schleichen sehen; es war jedenfalls ein Mann,
der es um jeden Preis zu vermeiden schien, von Jemand gesehen zu werden.
Jeder Andere, der ruhig seinen Weg hier hinter zu ging, wre mir ja
sicherlich gar nicht aufgefallen.

Ja, aber was soll denn Einer hier hinten zu suchen haben? sagte der
Verwalter, und blieb vielleicht zehn Schritte von Krautsch stehn -- Die
Scheunen sind verschlossen -- Schweine kann er nicht stehlen, denn er
bringt sie unbemerkt gar nicht aus dem Hof, und Getreide? da mte er
erst durch die Stlle zu den Thren, und das wre doch sehr viel gewagt.
Uebrigens sah ich auch Niemand, wir sind jetzt fast durch den ganzen Hof
gegangen, und hier kann sich doch wahrhaftig Keiner gro verstecken --
er mte denn unter dem Schiebkarren dort liegen.

Krautsches Herz schlug ihm wie ein Hammerwerk in der Brust -- wurde er
hier versteckt gefunden, so war er jedenfalls verloren, denn dann kam
auch mehr zur Sprache, als gerade der jetzige Verdacht. Und noch dazu
das verdammte Feuerzeug, das er bei sich trug, htte das nicht auf das
vollstndigste gegen ihn ausgesagt? -- Er fuhr schnell mit der Hand in
die Tasche, griff den verrtherischen Brennstoff auf und wollte sich
hinunter auf den Dnger fallen lassen, als der Brenner zum Verwalter
sagte:

Wenn wir nun einmal in den Stllen nachshen? -- hier drauen wird er
sich schon nicht verhalten -- ist er irgendwo hier, so kann er kaum bis
in den Pferdestall gekommen sein.

Krautsch athmete wieder hoch auf -- gingen sie in den Pferdestall,
so konnte er sich zu einem sicheren Ort zurckziehn, und bessere Zeit
abwarten -- im schlimmsten Fall wenigstens entkommen. -- Gott sei
Dank, murmelte er leise -- sie gingen wirklich auf die Stallthre zu --
traten hinein -- jetzt war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren -- er
richtete sich auf, um, so schnell er konnte, den Wagenschuppen wieder
zu erreichen, knirrschte aber auch gleich darauf einen wilden Fluch
zwischen den zusammengebissenen Zhnen, als er in demselben Moment,
gerade von daher, wohin er wollte, Schritte und Stimmen hrte. Er
hielt sich schon fr entdeckt, und machte sich nur bereit, die erste
Ueberraschung der Kommenden zu benutzen, neben ihnen hin Bahn, und
dadurch Vorsprung zu gewinnen, und wenigstens seine eigene Person in
Sicherheit zu bringen, da stie er auf den schmalen Damm und, hinter
einen kleinen Vorbau der niederen Stlle tretend, an eine nur angelehnte
Thr -- der Koben war jedenfalls leer, und ohne sich auch nur einen
Moment zu besinnen, ja nicht einmal der Gefahr gedenkend, der er
ausgesetzt wre, wenn Jemand zuflliger Weise von auen den Riegel
vorschob, schlpfte er hinein, und zog die Klappe hinter sich zu.

Gleich darauf kamen der Verwalter und Brenner wieder aus den
Pferdestllen zurck, gingen einzeln rings um den Hof herum, sprachen
einige Minuten mit den letzten, deren Stimmen Krautsch gehrt, und
gingen dann wieder nach vorn; es war jetzt ebenfalls fr sie Essenszeit
und ihr Suchen doch erfolglos geblieben.

Krautsch getraute sich noch eine lange Zeit danach nicht aus seinem, so
glcklich gefundenen Schlupfwinkel heraus, die Zeit verrann aber auch
mehr und mehr, auf der Gutsglocke hatte es schon lange ein Viertel
geschlagen, und ein Entschlu mute endlich gefat werden. Vorsichtig
recognoscirte er jedoch erst, ob die Luft rein sei, ehe er seinen
duftenden Bau verlie. -- Es war kein Mensch mehr zu hren noch zu sehen
-- der Hof lag in Todtenstille, nur dann und wann scholl das dumpfe
Brllen einer Kuh, das Blken eines Kalbes, oder das Scharren und
Schlagen eines noch unruhigen Pferdes durch die schweigsame Nacht. Auch
der Himmel schien dem Vorhaben gnstig, der Wind fing an ziemlich scharf
zu wehen und es wurde recht bitter kalt, Krautsch war wenigstens, trotz
seiner sehr warmen Kleidung, halb erstarrt, und konnte seine Finger kaum
regen.

Schon deshalb durfte er aber auch keine Zeit verlieren -- rasch trat
er also aus dem Koben heraus, sprang auf den hart gefrorenen Dnger
hinunter, auf dem er unbemerkter nach den Scheunen hingelangen konnte,
und erreichte bald eine gnstige Stelle, an der er hoffen durfte, sein
bbisches Vorhaben rasch und unentdeckt ausfhren zu knnen.

Es war die der Ort, an dem die Dngergrube gerade da in eine ziemlich
scharfe Spitze auslief, wo das Ober- und Untertenne durch ein niederes
kleines Haus, in denen Strohschneidemaschinen etc. standen, getrennt
wurde; dort lagen gerade heute Abend etwa ein Dutzend Schtten Stroh,
welche die Knechte liegen gelassen hatten, um erst zum Abendbrod zu
gehen und nachher die Schlssel zu der Kammer gleich mitzubringen. An
diese drckte er sich hinan, sah sich vorher noch einmal schchtern
um -- es war kein Mensch zu sehen -- entzndete rasch einige
Schwefelhlzer, und an diesen ein kleines Packet, das er aus
Schwefelfaden, Schwamm, und anderen leicht brennbaren Sachen
zusammengewickelt bei sich trug, und schob diese _mit_ seinem Feuerzeug,
damit man selbst im ungnstigsten Falle, da er doch noch erwischt
wrde, keine Beweise des Brandstiftens bei ihm finde -- in eins der
Lcher hinein, die unten in den Scheunen stets angebracht sind, damit
das innen aufbewahrte Getreide auch hinlnglich Luft habe, und nicht
modere und verderbe.

Das Knistern und Knattern drinn verrieth ihm bald, da sein Verbrechen
gelungen sei -- er stopfte also schnell etwas leichtes Stroh von auen
hinein, da man die Gluth vom Hof her nicht so leicht erkennen und zu
schnell dagegen einschreiten knne, und sprang dann ohne einen weiteren
Augenblick zu verlieren, in die Grube zurck, jetzt das Uebrige dem
Geschick berlassend, und nur einzig und allein darauf bedacht, seine
Flucht glcklich zu bewerkstelligen.

Unbemerkt hatte er auch schon, wie er meinte, das Ende des
hinteren Hofes und die Stelle erreicht, wo neben dem Herrenhaus die
Gesindestuben, die Verwalterei, Brennerei und noch einige andere Gebude
lagen, und eben wollte er ber den freien Platz hinlaufen, um das
noch offene Thor zu gewinnen, als pltzlich, aus der dunklen Thr der
Brennerei eine ziemlich breite krftige Gestalt, ohne ein Wort zu sagen,
vorsprang, und ihm den Weg abschnitt. Krautsch stutzte einen Moment,
und war noch ungewi, ob er suchen sollte vorbei zu kommen und einen
mglichen Angriff zurck zu schlagen? -- Wie aber, wenn sich die beiden
Fuste da in seine Kleider hingen, oder ihn umklammerten, und trotz
alles Widerstandes doch festhielten? Die Gedanken zuckten ihm mit
Blitzesschnelle durch den Kopf, und fast unwillkhrlich wandte er sich
zu gleicher Zeit wieder seitwrts ab, seinem frheren Versteck, dem
Holzschuppen zu. Kaum aber sah jener zu so ungelegener Zeit erstandene
Verfolger, da der, auf den er bis dahin nur den dunklen Verdacht bser
Absichten gehabt, zu entfliehen suchte, als er den auch vllig besttigt
fand und nun laut nach Hlfe rief, um den Flchtigen einzufangen.

Krautsch war's, als er den lauten Ruf hinter sich hrte, und nun ganz
genau wute, was ihm, wenn er eingefangen wrde, bevorstand, gerade so
zu Muthe, als ob ihm Jemand ganz pltzlich und unerwartet einen Kbel
eiskaltes Wasser ber den Leib gegossen htte; er floh nun in raschen
Stzen der Stelle zu, wo die Pflge und Eggen theils aufgeschichtet,
theils in Reih und Glied umgedreht und geordnet standen, und hoffte,
wenn er ber die wegsetze, seinen Verfolger entweder abzuhalten, oder
doch zwischen dem Ackergerth zum Fall zu bringen. Dieser aber -- der
Brenner, der, wie wir schon frher gesehn, zuerst dem Verwalter
seinen Verdacht mitgetheilt, und dann aufgepat hatte, ob er den
Eingeschlichenen vielleicht doch noch ertappen knne -- war zu genau
mit dem Terrain bekannt, um in eine solche Falle gleich zu gehen. -- Er
wute recht gut noch, nach welcher Richtung hin der Unbekannte einzig
und allein nur fliehen knne; er brauchte deshalb also gar Nichts weiter
zu thun, als ihm den Weg nur so lange abzuschneiden, bis er Hlfe bekam,
und nachher durfte Jener gar nicht mehr hoffen zu entkommen.

Aus der Gesindestube traten in diesem Augenblicke schon einige, durch
den lauten Ruf herausgelockte Knechte, die Krautsch kaum sah, als er
die Richtung einschlug, als ob er gerade wieder nach den hinteren Tennen
zurckflchten wolle, dann aber pltzlich rechts ab einen Haken schlug,
und dadurch den Brenner irre zu leiten suchte. Der aber war nicht so
leicht anzufhren, denn er wute gut genug, es knne dem so heimlich
eingeschlichenen Gesellen nur daran gelegen sein, wieder aus dem Thor zu
entkommen, und _den_ Ausweg hielt er deshalb fest und unerschtterlich
besetzt.

Feuer! tnte da pltzlich der Schreckensruf aus dem hinteren Theile
des Hofes vor -- Feuer -- Feuer in den Scheunen Feuer!--

Das Wort flog von Mund zu Mund und Alles wandte sich, den bisher
Verfolgten ganz vergessend, nach der Gegend zu, von wo aus der Ruf
herber drang. Krautsch wute aber, da jetzt fr ihn, und zwar
vielleicht nur auf Momente, die Zeit gekommen sei, der immer
gefhrlicher werdenden Lage zu entgehen, rasch also seinen Entschlu
fassend, sprang er ber die ihm nchsten Pflge, gerade auf das Thor
zustrebend hin, stie den einen Knecht, der sich hier aufgestellt,
mit verzweifelter Kraftanstrengung zur Seite, und hatte fast schon die
Stelle erreicht, wo ihm selbst der etwas plumpere, aber auch strkere
Brenner nicht mehr htte erreichen knnen, als dieser sich von
seinem ersten Schrecken erholte, schnell zufahrend den gerade an ihm
Vorbeisetzenden erwischte, und mit dem lauten Ausrufe:

Haltet ihn -- haltet den _Mordbrenner_! festhielt.

Mordbrenner! das Wort zndete -- haltet den Mordbrenner! schrie
Alles, und selbst das Feuer war in dem Augenblicke, ber dem einen
Gefhle der Rache vergessen; so schwach aber auch Krautsch sonst wohl im
Arme des sehnigen Brenners gewesen wre, eine so rasende Kraft gab ihm
in diesem Augenblicke die Verzweiflung und Todesgefahr. -- Er packte den
Brenner mit wthender Gewalt und beiden Fusten an der Kehle, prete ihm
diese so ein, da der Mann seine Arme wohl auf einen Moment nachlassen
_mute_, schleuderte ihn dann rasch von sich ab, traf den nchsten auf
ihn einspringenden Knecht so richtig mitten in's Gesicht, da er ihn wie
einen Ochsen zu Boden fllte, stie den alten Thorwrter, der ihn in den
Weg rennen wollte, bei Seite und verschwand im nchsten Augenblicke aus
der schmalen Pforte hinaus in die dunkle Nacht.

Das war der nichtsnutzige Mensch, der Krautsch, rief der alte
Thorwart, als er sich vom Boden wieder aufraffte -- na wahre Dich, mein
Bursche, das gedenk' ich Dir auch noch.

Krautsch? sagte da der Brenner, der in diesem Augenblicke ebenfalls
herbeisprang -- ei, da die mordbrennerische Bestie der bse Feind hole
-- mich hat sie bald erwrgt.

Einzelne der nachgesprungenen Knechte kehrten, die Verfolgung in solcher
Dunkelheit gar bald als unntz aufgebend, schon wieder zurck, whrend
die meisten in dessen dem Orte zugesprungen waren, von dem der Feuerlrm
hertnte.

In diesem Augenblicke kam, in seinen Mantel gehllt, und unter diesem
etwas im Arme tragend, der junge Poller aus dem herrschaftlichen Hause
und ging rasch am Thorwrter vorbei.

Nun, wohin jetzt noch? frug dieser.

Apotheke, lautete die bndige Antwort, und der Gefragte verlie den
Hof und verschwand nach derselben Richtung hin in der dunklen Nacht
drauen, die der flchtige Krautsch vor wenigen Minuten eingeschlagen
hatte.

       *       *       *       *       *

Nicht Alle hatten jedoch des Brandstifters Verfolgung so leicht
aufgegeben, als die bald zurckkehrenden Dienstleute; einer der
Brennerknechte, ein flchtiger, gewandter Bursche, der gleich im
Anfange seinem Herrn zu Hlfe gesprungen und nur wenige Secunden zu spt
gekommen war, lie sich selbst durch die Dunkelheit nicht abschrecken,
und blieb dem Flchtigen so dicht er konnte, ohne jedoch auch nur ein
Wort zu sagen, oder einen einzigen Schrei auszustoen, auf den Hacken,
ja folgt ihm, er mochte nun links oder rechts, durch Garten oder Hofraum
abspringen, manchmal unter dunklen Hecken hinlaufen, manchmal freie
Graspltze berfliegen, still und unverdrossen wie sein Schatten.

Krautsch, der im Anfang schon geglaubt hatte, allen Feinden glcklich
entgangen zu sein, blieb einen Augenblick stehen, um auszuruhen und
zurckzuhorchen, als er dicht hinter sich die rasch nahenden Schritte
hrte. Im Nu nahm er die Flucht wieder auf, dem stillen Verfolger aber
entging er nicht; so oft er auch -- jetzt in immer wachsender Angst
-- einen Vorsprung zu gewinnen glaubte, so hielt jener mit ihm stets
gleiche Entfernung, ja es kam ihm sogar so vor, als ob er ihm bei
ebenem, geraden Wege gar nher und nher rcke. Er verlie deshalb die
Richtung, die ihm dem verabredeten Rendezvous entgegenfhrte, sprang
ber eine niedere Mauer, floh durch einen Obstgarten und erreichte
einen schmalen Streifen Feld, der zwischen dem Dorfe und einer dort
errichteten Windmhle lag -- der Brennknecht that dasselbe -- er
wechselte in das Dorf zurck -- sein Verfolger ebenfalls, und Krautsch
fing schon an, in aberglubischer Furcht den unerbittlichen Verfolger
fr irgend ein berirdisches Wesen zu halten, das ihm in der Art sein
ganzes Leben lang auf den Fersen bleiben, und rastlos von Ort zu Ort
weiter jagen solle und werde. Er fhlte endlich, wie ihn, durch Angst
und Anstrengung erschpft, die Krfte verlieen und da er, wenn er
nicht auf eine List sinne, und sein Feind wirklich ein Mensch von
Fleisch und Blut sei, rettungslos in dessen Hnde fallen msse. Durch
fteres Abdrehen war es ihm jetzt wenigstens fr einen Moment gelungen,
dem Verfolger aus den Augen zu kommen, wenn er auch auf dem gefrorenen
Grunde die Schritte noch deutlich genug hren konnte, zu gleicher Zeit
sah er, wie hier und da aus dem Dorfe Einzelne dem Hofe zuliefen, da die
Nachricht, es sei Feuer im Gute unten, sich mit Blitzesschnelle im Dorfe
verbreitet hatte. Das letzte Mittel also wagend, sprang er, gerade als
ein junger Bursche den Weg vor ihm hinabgelaufen war, rasch ber die
Hecke, die ihn von der breiten Strae jetzt trennte, kroch hier einige
Schritte rechts ab hinter einige Haufen Steine, und blieb hier mit
klopfendem Herzen, aber regungslos liegen.

Kaum zehn Secunden spter folgte ihm mit gewandtem Satz und noch
immer unermdeten Gliedern der Brennknecht, blieb an der Hecke einen
Augenblick stehen und schlug sich dann, den eben vorbeigelaufenen
Bauerburschen, da er Niemand weiter sah, fr den Verfolgten haltend,
links ab, diesem nach. Allerdings entdeckte er seinen Irrthum sehr
bald, Krautsch hatte aber auch die wenigen ihm vergnnten Minuten so
vortrefflich benutzt, da er seinen Feind jedenfalls von der Fhrte
brachte. Dieser suchte wohl eine Viertelstunde mit unermdlichem Eifer
zwischen den benachbarten Hecken und Grben herum, doch vergebens, der
Brandstifter blieb verschwunden und der Brennknecht kehrte erschpft,
trotz der bitteren Klte durch und durch in Schwei gebadet, nach dem
Gute zurck, wo man inde des Feuers ziemlich Herr geworden zu sein
schien.

Sobald sich Krautsch, wenigstens von dieser Seite aus, sicher wute --
und eine wahre Felsenlast war ihm dadurch vom Herzen genommen -- schlug
er wieder die frher beabsichtigte Richtung, dem Orte zu, ein, wo er
seinen Verbndeten treffen sollte. Durch diese hartnckige Verfolgung
war er aber entsetzlich aufgehalten worden, und wenn er sich jetzt auch
mit allen Krften abmhte, recht rasch vorwrts zu kommen, fhlte er
sich doch so erschpft und abgemattet, da er die Glieder kaum regen und
die Beine heben konnte. Nichtsdestoweniger zgerte er keinen Augenblick
mehr, das Versumte nachzuholen, und wunderte sich nur fortwhrend,
die Lohe noch nicht aus den Scheunen herausschlagen zu sehen, da er den
Feuerlrm unten doch mit eigenen Ohren vernommen.

Endlich erreichte er das Holz und, hier mit Weg und Steg genau bekannt,
auch den schmalen Fupfad, der ihn gerade bis dicht zur verabredeten
Stelle fhren mute. -- Er blieb ein paar Mal stehen, hielt sich, um nur
nicht umzusinken vor Mattigkeit an die nchsten Bume an und sah jetzt
die kleine, etwa hundert Schritt im Durchschnitt haltende Waldwiese, in
der, gleich am Rande, die Blutbuche stand, und wo ihn Poller, falls er
eher eintreffen sollte als er, erwarten sollte.

       *       *       *       *       *

An dem nmlichen Abende war der alte Holke, wie man ja auch dem Boten in
der Frsterwohnung gesagt, mit einem von seinen Zeichenschlgern in den
Wald gegangen, um einem Wilddiebe, dessen Schlichen er erst in letzter
Zeit auf die Spur gekommen, nachzuspren. Der mute aber wohl von irgend
einem guten Freunde Nachricht erhalten haben, oder es war ihm die Nacht
zu kalt und dunkel gewesen, kurz, trotz der sehr bestimmten Anzeige, da
er jedenfalls in der und der Zeit an einer gewissen Stelle im Walde zu
finden sein wrde, lie er sich gar nicht sehen, und Holke kehrte eben
ziemlich mimuthig und durchfroren mit seinem Begleiter nach Horneck
zurck, als sie pltzlich Beide gar nicht weit entfernt und zweimal
hintereinander einen Pfiff -- jedenfalls als Signal, hrten.

Die beiden Mnner standen wie in den Boden gewurzelt und lauschten mit
der gespanntesten Aufmerksamkeit dem bedeutungsvollen Ton. -- Einige
Secunden Ruhe und der Pfiff wurde wiederholt.

Das ist er ganz bestimmt, flsterte Holke und fate des Holzschlgers
Arm -- ruhig jetzt, Schmidt -- ich will den Schuft abwarten, vielleicht
geht er in die Falle. Er antwortete vorsichtig und horchte dann wieder
mit angehaltenem Athem.

Noch einmal tnte das Zeichen und dann kamen ziemlich schwere Schritte
langsam und, allem Anschein nach, jedes Gerusch vermeidend, nher.

Jetzt aufgepat, zischte der Jger, nahm die Flinte in die linke Hand,
um sie im schlimmsten Falle bereit zu haben, und machte sich mit dem
Holzschlger zum Ansprung fertig.

       *       *       *       *       *

Krautsch blieb, als er den helleren Fleck der Wiese zu seiner Linken sah
und an dem Fupfad genau die Blutbuche erkannte, einen Augenblick stehen
-- es war ihm, als ob er Schritte im Laube hre. Das mute jedenfalls
sein Verbndeter sein, denn der konnte, nach all dem Aufenthalt, den
er selbst gehabt, den Platz schon recht gut vor einer Viertelstunde
erreicht haben; es fing ihn aber jetzt, durch das langsamere Gehen und
nach der frheren Erhitzung, doch an zu frieren, und er gab deshalb
rasch, immer aber noch vorsichtig im dunklen Schatten der Bume
bleibend, das verabredete Zeichen. -- Er pfiff zweimal leise und wartete
dann auf Antwort.

Alles todtenstill. -- Poller mute wahrhaftig doch schon da sein. Er
wiederholte den Pfiff und diesmal etwas lauter, und gar nicht weit wurde
er, jedoch nicht dicht neben der Buche, sondern wohl zwanzig Schritte
davon entfernt, beantwortet. Krautsch ging rasch auf die Richtung zu,
pfiff, um sich als den Rechten zu legitimiren, noch einmal und
sagte dann, als er den Platz glaubte erreicht zu haben, mit leiser,
vorsichtiger Stimme:

_Poller_ -- Poller -- bist De do?

Ja, lautete nach einigem Zgern die eben so leise Antwort -- wer
ist's?

Krautsch -- hast De's?

Ja -- komm!

Herr Je, lachte der Bauer mit unterdrcktem Jauchzen, nu aber
dusemang nach Amerika, und er trat mit den Worten auf den kleinen
dunklen Busch zu, strzte aber auch in demselben Moment mit dem
Schreckensrufe alle guten Geister! auf die Knie nieder, denn zwei
wilde Gestalten fuhren mit Blitzesschnelle auf ihn zu, faten ihn und
warfen den berwundenen zu Boden nieder.

Schuft! rief zu gleicher Zeit der alte Holke -- der Eine von diesen
Beiden -- und knpfte dabei seine Hundeleine von der Jagdtasche los, den
Ertappten, im Falle es nthig sein sollte, damit zu binden -- was
hast Du wieder hier im Schilde gefhrt, Du Lump Du, willst Du
gleich gestehen, oder Dich soll ein Himmelsackerment in den Erdboden
hineinschlagen!

Krautsch, der im ersten Schreck wirklich geglaubt hatte, sein frherer
unheimlicher Verfolger sei unbemerkt sogar bis hierher gekommen und
halte ihn nun in den Klauen, fhlte, wie ihm das Herzblut sogar in den
Adern stockte, und glaubte sich rettungslos verloren. Als er aber
gleich darauf Stimme und Angesicht des alten Jgers erkannte, der ihn
wahrscheinlich Wilddiebstahls wegen in Verdacht hatte, und nun, da er ja
doch keine Flinte bei sich fhre, leicht zu befriedigen sein wrde, auch
von dem Brande im Schlosse noch gar nichts wissen konnte, kehrte ihm der
Muth etwas wieder.

Er protestirte vor allen Dingen gegen eine solche Behandlung, frug,
weshalb er ruberischer Weise im Walde angefallen wrde, und verlangte
freigelassen zu werden, da er nicht gewilddiebt, ja nicht einmal ein
Gewehr bei sich habe. Der alte Holke hatte aber zu viel Ursache, diesen
Burschen zu hassen, um nicht hier, wo wirklich Grund zum Verdacht
vorlag, die Gelegenheit zu benutzen, seine Rache an ihm in etwas
zu khlen. Ueberdies waren die Worte, die er beim ersten Begegnen
gesprochen, jedenfalls bedeutungsvoll. -- Weshalb erwartete er, hier
drauen mitten im Wald und zu so spter Stunde Einen der beiden Poller
hier zu finden -- und jetzt nach Amerika? -- das verlangte eine nhere
Erklrung, Krautsch blieb aber hartnckig dabei, er wisse von Nichts --
er habe keinen Menschen hier treffen wollen, sondern nur seinen Heimweg
verfehlt; von Amerika etwas gesagt zu haben, knne er sich nicht
erinnern und verlange allen Ernstes freigelassen zu werden.

Das Leugnen machte ihn natrlich noch verdchtiger, und Holke wollte
eben daran gehen, ihm die Hnde zu binden, als Krautsch noch einmal
Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen suchte -- matt und erschpft aber,
wie er war, konnte er gegen die beiden Mnner, und der eine von diesen
war ein junger rstiger Holzschlger mit wahrhaft riesigen Fusten,
nichts ausrichten -- er wurde bermannt, gebunden und jetzt
aufgefordert, sich ruhig in sein Schicksal zu ergeben, und dem Jger mit
in das Gut hinein zu folgen.

Als Krautsch nun sah, da er weder mit Leugnen, noch mit Widerstand
etwas ausrichten knne, und der Jger wirklich im Begriff sei, seine
Drohung wahr zu machen, da verlie ihn endlich der starre, freche Muth,
welcher bis jetzt alle seine Handlungen und sein ganzes Wesen bezeichnet
hatte, er sank in die Knie nieder und bat den Herrn Frster um Gottes
und des Heilands Willen, ihn nur heute Abend nicht mit aufs Schlo zu
nehmen, sondern heim zu seinen Kindern, zu seiner Frau gehn zu lassen --
sie wren krank zu Hause -- eines liege im Sterben -- ach nur dies eine
und einzige Mal Gnade, und er wolle nie in seinem ganzen Leben wieder
eine Flinte anrhren, oder ein bses Wort gegen einen Jger sagen.

Alles vergebens, hier bei _den_ Mnnern hatte er kein Erbarmen zu
hoffen, und Bitten wie Thrnen, denn der rohe Geselle heulte endlich in
wilder Angst und Verzweiflung, blieben gleich erfolglos. Htte er nichts
verbrochen, so brauche er sich auch nicht zu scheuen, die halbe Stunde
Wegs mitzugehn, und _htte_ er etwas verbt, denn die Flinte knnte er
immer irgendwo versteckt haben, ei dann mge er sich jetzt auch auf die
Folgen gefat machen, denn heraus bekmen sie's, es mge gewesen sein,
was es wolle.

Krautsch, der hier auf fr ihn so unselige Weise dem Jger, seinem
Todtfeind, in die Hnde gefallen war, mute den beiden Mnnern nach dem
Gute hinunter folgen, und der Verbrecher wute was ihn erwarte, wenn ihm
Gerechtigkeit wrde.




Zehntes Kapitel.

Der Letzte der Strohwische.


Ich habe brigens einen unserer alten Bekannten fast zu lange unbeachtet
gelassen, und es wird Zeit, da ich ihn dem Leser noch einmal vorfhre.
Allerdings trgt Feodor Strohwisch dabei selbst groentheils die
Schuld, denn als all' die Bewohner der Residenz mit ihren langweiligen
Kaffeeklatschen und Theevisiten vor den rauhen Nordstrmen zurck in
die wrmeren Mauern der Stdte gezogen waren, blieb Feodor -- wie ein
flgellahmer Kranich am fernen Gestade -- einsam in Horneck zurck
und bffelte, wie er es selbst poetisch nannte, an einem Bande
humoristischer Gedichte, die er bei seiner Rckkehr nach der Stadt
unterzubringen dachte. So wenig er aber auch im Sommer gearbeitet, so
fleiig schien er jetzt zu sein, wo ihn auch die holden Tne von oben
nicht mehr strten (denn Anna Schtte war schon wieder der Schrecken
aller der Bewohner der Residenz geworden, die einmal gehofft hatten,
einen Nachmittag ungestrt allein sein zu knnen) und das kalte Wetter
ihn berdies in sein Zimmer bannte. Die poetischen Funken flossen ihm
ordentlich elektrisch aus der Feder, und seine Gedichte muten in der
That humoristisch sein, wenn sein eigenes Urtheil nmlich auch nur im
mindesten dabei angeschlagen werden konnte.

Feodor Strohwisch hatte nmlich die Eigenheit, sich jedesmal, wenn
er einen Vers gemacht, denselben fnf oder sechs Mal hinter einander
vorzulesen, und hatte darber mehrere Male so gelacht, da die
Wirthsleute erschrocken in das Zimmer gestrzt waren, um zu sehen, ob
ihrem Miethsmann vielleicht gar ein Unglck zugestoen sei.

An diesem nmlichen Tage nun beendete Feodor wirklich das zu einem
vollstndigen Bande nthige Gedicht, schrieb es sauber ab, legte es
in seine Mappe und that, mit dem darber auf's Aeuerste erstaunten
Puppenkopf im Arme, drei von donnernden Hurrah's begleitete
Freudensprnge. An dem nmlichen Abende lud er den Apotheker, den
Schulmeister -- der sich jedoch entschuldigte -- den Gemeindevorstand
und ein paar der reichsten Bauern in die Schenke ein -- nicht etwa, um
dort mit prosaischen Victualien ihre Magen zu berladen, nein, um
ihnen bei einem Glas Bier -- das sich die Bauern nicht nehmen lieen,
abwechselnd fr ihn zu bezahlen, was er aber in seiner Zerstreuung gar
nicht bemerkte -- seine unsterblichen Gedichte vorzulesen und sie theils
zu strmischem Beifall hinzureien, theils ihre Lachmuskeln (ich glaube,
dieselben Muskeln benutzt die wirthschaftlich waltende Natur auch zum
Ghnen) bis zum Zerspringen anzustrengen.

Die kleine Gruppe, zu der sich noch ein paar zufllig dort
durchpassirende Grnberger Weinreisende gesellt hatten, sa oben im
grnen Zimmer bei einer ziemlich unbestimmten Anzahl von Krgeln
Bier um einen groen runden Tisch herum, und Strohwisch, vor dem ein
ganzer Haufen Papiere lag, fhrte das Prsidium mit Autoritt.

Meine Herren! rief er nach einer kleinen Pause, in der er ebenfalls
einen Toast in Versen auf den Nhrstand ausgebracht -- meine Herren
-- aber nur nicht zu sehr dem Ernst sich hingegeben, nur die Humoristik
nicht aus den Augen gelassen -- es giebt im Menschenleben Augenblicke,
wo man dem Schicksal nher ist als sonst, und eine Frage frei hat an die
Gtter -- sie antworten Einem aber nicht -- hahahahahaha.

Der Schneider lchelte ebenfalls etwas dnn, die anderen saen aber
ziemlich verlegen um den Tisch her, lchelten nur, und htten vielleicht
sonst was darum gegeben, zu wissen, um was es sich hier eigentlich
handele, bis endlich der Gemeindevorstand, der sich nun endlich doch
berzeugt hatte, da das jedenfalls ein Witz gewesen sein mute, ganz
urpltzlich, und zwar mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt, laut
herausplatzte.

Einige famose Gedichte habe ich hier, meine Herren, sagte Strohwisch
jetzt, der den allgemeinen Tumult benutzt hatte, seines Nachbars Bier
auszutrinken, worber nachher ebenfalls wieder gelacht wurde -- meine
Herren -- ich bitte Sie um Gotteswillen, keinen solchen Spektakel zu
machen -- bedenken Sie -- meine Herren -- da wir mit solchen Ausbrchen
jugendlicher Begeisterung Tageslicht verbrennen. -- Also Sie erlauben
mir vielleicht, meine Herren, da ich Ihnen einen kurzen Bischofsextract
aus diesem >Wust der Wste<, aus diesem Chaos literarischen Geistes
herauswste -- hier ist ein famoses, epigrammatisch gehaltenes
Sinngedicht, was ein _sehr_ guter Freund von mir einmal in einer
heiteren Stunde gemacht hat -- hren Sie mir aufmerksam zu. -- Diese
einzelnen kleinen Sachen sind brigens, wie ich Ihnen hier vorher
bemerken mchte, ebenfalls so -- so unbedeutend sie Ihnen auch auf den
ersten Anblick scheinen mgen -- von einem sehr berhmten Componisten,
Herrn Schultze, in Musik gesetzt, ich -- nein ich habe es wohl nicht bei
mir -- das schadet Nichts, ich werde Ihnen nachher einmal die Melodie
nur ganz kurz vorsingen. Also -- mein Freund schreibt:[1]

  [1]: Die nachfolgenden Verse habe ich der interessanten Sammlung
  humoristische Mondlichter von Theodor Drobisch entnommen.

  Der Gutsherr starb und der Amtmann
  Schrieb in das Dorf: Legt Trauer an!
  Da schrie der ganze Bauernchor:
  Hurra! jetzt kommen wir in Flor!

Hahahaha.

Die Umsitzenden stimmten in das Gelchter ein und Feodor wandte sich
erluternd an sie.

Ich mu nmlich, meine Herren, hier mit Ihrer Erlaubni eine kurze
Bemerkung einflechten -- diese Gedichte sind, wohlverstanden, alle unter
dem belebenden Einflu der frischen herrlichen Landluft, der freien
Berge niedergeschrieben -- mein Freund hlt sich den Sommer hindurch
gewhnlich auf dem Lande auf -- hahaha -- also weiter:

  Brennt doch die Gaslaternen an,
  Rief hchst ergrimmt ein Bettelmann,
  Da man -- zum Betteln sehen kann!

Hahahahaha -- lachte der dankbare Chor.

  Weil Siegellack so sprde ist,
  So nimmt man jetzt Oblaten
  Zu Liebesbriefen, da sie gleich:
  _Du bist geleimt_! verrathen.

  Wr Michels Kopf so spitz,
  Wie seiner Mutter Zunge,
  Dann wre er frwahr
  Ein grundgescheiter Junge.

  Wie kommt's, da Veit so trocken ist,
  Dies knnt Ihr nicht errathen?
  Er brauchte nicht, so wie wir Beid',
  Zu schwimmen und zu waten.

  Wie? Clara, diesen kargen Fant
  Zum Mann? -- Mein Herz ist ganz beklommen;
  Sie wollt' lngst einen Knicker haben
  Und -- hat ihn endlich doch bekommen.

Die Meisten lachten ber die Verse, der Schuster aber, der wenig Sinn
fr Poesie hatte, sagte:

Ei, so lat das langweilige Gereime endlich einmal sein -- Donnerwetter
-- erzhlt uns ein paar von Eueren komischen Geschichten -- die sind
viel mehr werth.--

Schuster, Schuster, warnte ihn Feodor -- gefhrlich ist's den Leu zu
wecken, gar grimmig ist des Tigers Zahn, doch ach, das schrecklichste
der Schrecken, das ist ein Schuster in seinem Wahn.

Hahahahaha-- lachten die Uebrigen, Feodor aber seinen Sieg mit
raschem Feldherrnblick berschauend und verfolgend, fuhr fort:

  Die Schuster sollte Gott Merkur
  Mit Ehr und Ruhm bedecken,
  Weil es ihr Handwerk mit sich bringt,
  Den _Absatz_ zu bezwecken.

Strohwisch feierte einen glnzenden Triumph, der Schuster war, unter
einem wahren Sturm von Applaus, vollstndig vernichtet, und mute,
wollte er nicht ganz zu Grunde gehn, selbst mitlachen.

Aber nu auch 'was erzhlen, sagte er endlich, als ob damit sein
frherer Angriff vollkommen geshnt sein mte, keene Versche mehr.

Ja, was erzhlen, was erzhlen! riefen die Umsitzenden, und Einer des
Gemeindevorstandes setzte hinzu:

Was von's Deater, das kennt' er so schiane.

Ja, was von's Deater, was von's Deater, stimmte der Chor ein.

Hm, hm, rusperte sich Feodor, und klappte vor allen Dingen einmal
den Deckel seines leeren Kruges, wie ganz in Gedanken, an das Glas an --
seine Zuhrer aufmerksam zu machen, da es am Besten mangele. Der Wink
blieb dann auch nicht unbeachtet -- Einer der Bauern winkte mit einem
-- holla Annegrethe -- das flinke Schenkmdchen herbei und sagte dann,
ber die Anderen hinberrufend und auf Strohwisch zeigend:

Geiht den Minschen do emol  Glas Bier uf meene Kreide --
verschtanden?

Das Mdchen nickte lchelnd mit dem Kopfe und fhrte den Befehl rasch
aus, Feodor aber, das eben erhaltene Glas erst einmal wohlgefllig gegen
das Licht hebend, that einen langen, krftigen Zug, wischte sich den
Mund, worber die ihm aufmerksam zuschauenden Bauern ebenfalls wieder
lachten, und begann:

Ihr wit, da ich frher sehr befreundet mit dem berhmten Devrient
war (allerdings htte sich wohl Keiner der Anwesenden darber knnen
eidlich vernehmen lassen, um aber die erwarteten Anekdoten nicht
aufzuhalten, nickten die Meisten schweigend mit dem Kopfe, als ob das
eine allbekannte, sich von selbst verstehende Sache sei) -- also, fuhr
Feodor fort -- Devrient war ein verfluchter Kerl, Champagner immer die
Hlle und Flle -- und auch immer Geld dazu, zu was Anderem aber gar
Nichts -- nicht die Probe -- die Ellbogen sahen ihm manchmal zum
Fenster heraus, aber den letzten Thaler wandte er an chten Sillery oder
Burgunder.

Sellerie? frugen die Zuhrer erstaunt.

Sillery, berichtigte Feodor -- der Name eines famosen Champagners --
htten wir ein Glas davon -- also, wo war ich stehen geblieben -- ja. --
Ich und Devrient saen also auch einmal Abends in der Kneipe zusammen,
denn er konnte gar nicht ohne mich sein, und sagte immer, es fehle ihm
sogar etwas, wenn er Morgens aufwache und mich nicht da sehe -- und
Devrient, der das eine Bein unter dem Tische vorstreckt und den Fu
in die Hhe hebt, zeigt mir das hchst zweideutige Oberleder und die
abgelaufenen Sohlen und versichert mich im Vertrauen, kein Schuster
wolle ihm mehr auf Credit arbeiten, und er werde, wenn ihn nicht ein
glcklicher Einfall oder ein >Pump< zu ein paar neuen Stiefeln verhelfe,
nchstens barfu gehen mssen. Geld hatt' ich nie -- von einem
>Pump< konnte also bei mir auch gar nicht die Rede sein -- aber einen
>glcklichen Einfall< -- das schlug in mein Fach -- dafr war ich
humoristischer Schriftsteller, einen Augenblick sa ich nur, sttzte den
Kopf auf den Tisch und dachte nach -- dann streckte ich auf einmal die
Hand gegen ihn aus und rief: Topp! Er sah mich ganz erstaunt an, und
wute gar nicht, was es zu bedeuten habe -- ich ri ihn aber bald aus
seinen Zweifeln. -- >Devrient,< sagt ich -- >Du sollst ein paar Stiefeln
haben -- straf mich Dieser und Jener -- Du sollst sie haben!< >aber
wie?< >gleichviel, Du kriegst sie< rief ich, nahm ihn unter den Arm
fhrte ihn auf die Strae und theilte ihm hier mit wenigen Worten meinen
Plan mit -- er war entzckt davon -- >Strohwisch!< rief er, >das werd
ich Dir nie vergessen, das ist famos und wird ein capitaler Spa.<

Aber wie war's denn? frug der Schuster neugierig, zu erfahren, wie es
die beiden liederlichen Stricke, wie er sie nannte, gemacht htten, um
einen seiner armen Collegen hinters Licht zu fhren.

Werdet's gleich erfahren, fuhr der Humoristiker fort -- Devrient
beendete nmlich an demselben Tage sein Gastspiel in Wien, und verlie
die Stadt am nchsten Morgen -- darauf war mein Plan gebaut. Abends spt
schickte er zu einem der berhmtesten Schuhmacher der Residenz und lt
diesen auffordern, mit einigen paar Stiefeln zu ihm zu kommen -- der
Meister erscheint augenblicklich und bringt einen Gesellen und sechs
paar prachtvolle Stiefeln mit. Devrient lacht das Herz im Leibe, er
lt sich aber Nichts merken und probirt die Stiefeln an. Ein Paar pat
vorzglich -- nur der linke drckt etwas auf dem Ballen -- liee sich
das wohl ndern? -- Oh versteht sich -- nichts leichter als das -- nur
die Nacht auf den Leisten stehn -- gut -- der Preis? -- doch gleichviel,
wir werden schon einig darber werden. Der Meister ist entzckt -- lt
den einen Stiefel da und rennt spornstreichs zu Hause, den anderen auf
den Leisten zu schlagen. Was thut Devrient indessen, -- der schickt nach
einem anderen Stiefelleur und--

Ah-- schrie der Schuster und zeigte lachend mit dem Finger auf den
verblfft ihn ansehenden Strohwisch -- das ist eine alte Geschichte,
die stand vor drei Jahren im Pirna'schen Kalender -- die hab' ich selber
zu Hause.

Im Pirna'schen Kalender? frug Strohwisch entrstet.

Ja ja ja, lachte der Schuster -- beim Monat Mrz, aber der
Schauspieler hie nich Defrieng und es war auch gar kein Schauspieler,
sondern ein Snger.

Dieser verwnschte Redacteur des Pirna'schen Kalenders, sagte
Strohwisch, und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch -- man sollte
doch wahrhaftig seinem besten Freund -- seinem eigenen Bruder bald nicht
mehr trauen.

Aber was ist denn? frugen ihn die Weinreisenden und brigen Gste
erstaunt -- was war denn?

Bin ich vor ein paar Jahren in Pirna, erzhlte Strohwisch, und seine
Stirn hatte so viele Falten, wie der Rock einer Altenburger Buerin
-- und komm da mit diesem Redacteur, dem Herausgeber des Kalenders,
zusammen. Wir sind auch Abends heiter mit einander, und plaudern und
erzhlen Geschichten, und ich gutmthiger Thor erzhle dem Menschen auch
die Anekdote von meinem Freunde Devrient, und jetzt setzt sie mir der
schndliche Kerl in seinen Kalender -- nein das ist niedertrchtig.

Das Glas war wieder leer geworden und um den niederklappenden Deckel zu
beschwichtigen, beschwor Einer vom Gemeindevorstand ein neies Deppchen
herauf.

Nun, erzhlen Sie doch die Geschichte aus! rief da Einer, der den
Pirna'schen Kalender noch nicht gelesen hatte.

Ah was, sagte aber Strohwisch rgerlich -- wenn einem der Stoff so
frmlich weg_gestohlen_ wird.

Nu, denn was anderes, ermunterte ihn einer der Grnberger -- irgend
etwas anderes, Herr Doctor, Sie stecken ja voll davon.

Nun, meinetwegen, trstete sich Strohwisch, und sprach dem
neugekommenen Biere, um vieles getrstet, wieder zu -- also hier
kommts.

Sie haben doch von dem berhmten Schauspieler Rott gehrt -- es ist das
einer meiner intimsten Bekannten und ich bin viele frhliche Abende mit
ihm zusammen gewesen. Rott trank so gern Malvoisier -- doch das gehrt
nicht hierher -- also Rott gastirte einmal in Wien, wo ich damals
Dramaturg am Burgtheater war, und hatte sich zu seiner Haupt- und
Glanzrolle ein Ritterschauspiel, >die blutige Rache< hie es, ausersehn,
in dem er besonders auf eine Scene und einen Kraftmonolog seine ganze
Hoffnung baute. Es war dies die folgende:

Er, als Heldenvater, hatte eine Tochter, die mit dem Sohn seines
rgsten Todtfeindes einen Herzensbund geschlossen. Dieser entfhrt die
Jungfrau bei Nacht und Nebel durch einen unterirdischen Gang. Kaum sind
sie aber hindurch, so kommt er, der Ritter, wthend und auer sich in
das Gewlbe gestrzt, und trifft hier einen seiner Pagen, der ihm in
Angst entgegenruft:

>Sie flohen durch den unterird'schen Gang.<

Der Schuster, dem das ungemein komisch vorkommen mochte, lachte laut auf
-- Strohwisch sah ihn von der Seite und zwar durch das Glas, das er eben
zum Munde fhrte, an, und fuhr fort:

Ihnen nach! donnert da mit seiner Riesenstimme der Ritter.

Sie haben Pferde, Herr! flehte der Knappe.

Was, Pferde! ruft aber jener -- wenn sie nicht Flgel haben--

  Die sie empor zu Duft und Wolken tragen,
  So findet sie dies wackre Schwert -- und dann,
  Ha Dagobert, dann wehe Dir -- die Schrecken
  Der ganzen Hlle, die ein finstrer Geist
  In mondenlangem Wahnsinn nicht im Stande,
  Nicht fhig wre, nur zu berdenken,
  Die will ich Dir in furchtbar grimmer Lust
  So Schlag auf Schlag auf Deine Seele hufen,
  Da dieser Qualen Last -- u.s.w.

So etwa lautete der Monolog und hier concentrirte sich der Glanzpunkt
des ganzen Stckes, denn diese Kraftrede mute von fabelhafter
Wirkung sein. In der Probe wurde deshalb auch besonderer Flei auf die
Einstudirung der so bedeutenden Scene verwandt. Nur _eine_ Schwierigkeit
fand man in der Rolle des Pagen oder Dieners, den ein blutjunger, und
durch das viele auf ihn Einreden eher noch verdutzter gemachter Anfnger
gab. Er zeigte sich wenigstens die ersten Male sehr ngstlich, und
konnte nur durch ziemlich fleiiges Einben dahin gebracht werden, seine
paar Worte: >sie flohen durch den unterird'schen Gang;< und >sie haben
Pferde, Herr!< richtig zu sagen. Rott war denn auch unermdlich, die
Rede wieder und immer wieder zu probiren, und besonders konnte er die
Stelle: >sie haben Pferde, Herr< -- Was Pferde, ha -- wenn sie nicht
Flgel haben -- u.s.w. -- nicht oft genug wiederholen -- endlich ging
es.

Der Abend kam -- das Stck hatte sich bis zu dieser Scene
vortrefflich gespielt -- die Decoration des unterirdischen Gewlbes war
ausgezeichnet, der Monolog, oder vielmehr der >furchtbare Ausbruch
des grimmen ritterlichen Gemthes<, mute jetzt dem Ganzen die Krone
aufsetzen, und der Burggraf strzte mit blitzendem Schwert, whrend den
oberen Galerien vor Angst und peinlicher Erwartung der Athem verging,
auf die Scene. Er war _ganz_ sicher, denn im Zwischenakt hatte er mit
dem Pagen _die_ Scene _noch_ einmal durchprobirt. Also der Graf strzte
mit gezcktem Schwert auf die Bhne:

  Hab ich dich endlich -- beim allmchtgen Gott,
  _Hier_ sollst Du Rede stehn -- ergieb Dich, Schuft
  Ha -- was ist das? -- darf ich den Augen trauen.
  Allein Du, Page, hier?

  (Page in Todesangst):

                        O hoher Herr --
  Sie flohen durch den unterird'schen Gang!

Der Schuster strte hier das Drama ein wenig, denn er hatte
wahrscheinlich geglaubt, dies sei die Pointe des Stcks und fing wieder
unmenschlich an zu lachen, so da die Uebrigen endlich mit einstimmten.

Ja aber, wenn Sie auch stets, und gerade an der wichtigsten Stelle
unterbrechen, sagte Strohwisch pikirt, und trank sein Bier auf einen
Zug aus -- wie kann ich denn da erzhlen.

Der Schuaster, lacht schtte, sagte der eine Bauer und stie den also
Erwhnten mit den Kncheln in die Rippen -- bist doch ruhig -- 's kummt
ja erscht noch.

Ja, nun haben Sie mich ganz herausgebracht, nahm Strohwisch die
Erzhlung wieder auf -- also der Ritter strzt herein--

  Ha -- was ist das, darf ich den Augen trauen.
  Allein Du, Page, hier?

  (Page in Todesangst):

                        O hoher Herr!
  Sie flohen durch den unterirdschen Gang.

  _Graf:_

        Fort, ihnen nach.--

  (Page todtenbleich und an allen Gliedern zitternd):

                            Sie haben -- F -- Flgel, Herr!

Der Burggraf stand entsetzt -- das Furchtbare war geschehn, und seine
Rede ihm an der Wurzel abgeschnitten -- Sie haben _Flgel_, Herr.

>Dann hol' sie der Teufel!< schrie da der Graf in resignirender Wuth,
stie sein Schwert klirrend in die Scheide zurck, und verlie unter dem
donnernden Bravoruf des Publicums die Bhne.

Die Zuhrer saen alle still und schweigend da -- keiner sprach ein Wort
-- selbst der Schuhmacher wagte nicht zu lachen -- fand auch gegenwrtig
keinen Grund -- nur der eine Gemeindevorstand frug nach einer ziemlich
langen feierlichen Pause:

Un wie wurd's denn nu nachens -- kriggt er se?

Die Zuhrer schienen sich besonders dafr zu interessiren. Strohwisch
aber hob sein Tpfchen an die Lippen, that einen langen, langen Zug
und trommelte dann, als er endlich gezwungen war, abzusetzen, einen
zweihndigen Generalmarsch auf der Tischplatte. Weitere Fragen von
Seiten der Gesellschaft sollten da ziemlich pltzlich durch einen Lrm
von auen abgeschnitten werden. Die Thr wurde aufgerissen und einer
von den Knechten des benachbarten Bauergutes steckte den Kopf herein und
schrie:

'S brnnt im Gute drungen!

Rasch schlug die Thre wieder zu und die Gste fuhren Alle erschreckt
von ihren Sitzen auf. Nur Strohwisch und die beiden Weinreisenden
blieben sitzen und meinten, es wrde nicht so bedeutend sein. Da nicht
Sturm gelutet wurde, schien die Sache auch nicht so gefhrlich, der
Gemeindevorstand mute sich aber doch an Ort und Stelle berzeugen, ihm
folgten die meisten der Anwesenden, und das Kleeblatt war auf einige
Zeit fast im alleinigen Besitz der Schenke -- die Wirthin hinter dem
Ofen und ein alter Bauer, der an einem Tischchen in der Ecke sitzen
geblieben war, natrlich nicht mitgerechnet.

Strohwisch, der sich Trost in einem frischen Tpfchen holte, recitirte:

  Der Feuerlrm so in der Nacht
  Hat doch was zu bedeuten,
  Denn er versammelt tausende
  Von -- _aufgeweckten_ Leuten -- hahahaha.

Nu hiaren Se, Herr Strohwisch, sagte da der alte Bauer -- iber so'n
Feier is nu gerade nich zu lachen -- das missen Se nich duhn.

Hahaha, lachte nichts destoweniger der Humorist, das Feuer ist ein
mir verwandter Geist, alter Freund, das sprudelt Feuerfunken, und ich
sprudle Geistesfunken, und so fhle ich denn fast fr jede auflodernde
Gluth, die ich sehe, eine gewisse Art verwandtschaftlichen Interesses --
verstanden?

Der alte Mann schttelte sehr bedenklich mit dem Kopf, und trank sein
Bier, und Strohwisch ging mit seinen beiden neugewonnenen Bewunderern
einmal vor die Schenke hinaus, um zu sehn, ob sie vielleicht von hier
aus das Feuer erkennen knnten. Das war aber indessen schon wieder durch
das rasche Hinzustrmen helfender Menschen unterdrckt und gelscht
worden, und als nach und nach die Leute von dem Brande zurckkehrten,
fllte sich auch die Schenke mehr als vorher wieder, und die eben
stattgefundene Brandstiftung, die hier nach all den Umstnden
jedenfalls vorlag, bildete natrlich die einzige Unterhaltung, so da es
Strohwisch, trotz unermdlichen und zahlreichen Versuchen, nicht mglich
fand, die Aufmerksamkeit der Versammelten wieder wie in einen Brennpunkt
auf sich zu lenken. Er probirte Anekdoten -- Witze -- Verse -- es blieb
Alles gleich fruchtlos -- die Mnner nahmen fast gar keine Notiz
von ihm, und selbst die Weinreisenden, der intelligentere Theil des
Publicums, fingen an, die eingehenden Berichte interessanter zu finden,
als seinen Humor.

Das war unertrglich -- Strohwisch, im Begriff Horneck zu verlassen,
denn der nchste Morgen war dazu bestimmt, ihn wieder der Residenz
zuzufhren, sollte also unbewundert, unbeklatscht scheiden? -- Nein,
das ging nicht -- das unselige Feuer drohte ihm allerdings die Palme des
Abends streitig zu machen, noch aber gab er den Kampf gegen das Geschick
nicht auf, noch gab es _ein_ Mittel, den Feind mit seinen eigenen Waffen
anzugreifen, zu besiegen.

Meine Herren! rief er, und trat auf einen Stuhl, meine Herren! --
der Lrm blieb noch immer ziemlich arg, nur die Gesichter der Meisten
wandten sich ihm zu, und der alte Bauer, der vorher des Stdters
gotteslsterliche Reden, wie er sie nannte, mit angehrt, erzhlte den
ihm nchst Stehenden unter vielem und bedenklichem Kopfschtteln,
was der Fremde gesagt, und wie er ber das Feuer im Dorfe gelacht
und gespottet habe. Der affectirte Stdter war im Ort berhaupt nicht
beliebt, besonders hatten ihn die Bauerburschen auf dem Korn, weil
er mit seinen faden und nicht selten zweideutigen Schmeicheleien
ihre Mdchen verfolgte und rgerte, und Strohwisch wrde kaum mit so
zuversichtlich lchelndem Angesicht auf dem Stuhl oben stehen geblieben
sein, htte er die keineswegs freundlichen Worte ber sich hren knnen,
die hier in der einen Ecke entstanden, und sich rasch von Mund zu Munde
weiter pflanzten.

Meine Herren! rief der zhe Humorist noch einmal und mit immer
gellenderer Stimme -- bitte, vergessen Sie Ihre Reden nicht -- aber ich
mchte nur ein paar -- nur ganz wenige Worte an Sie richten -- Hm -- Was
sind Sie so auer sich ber ein Feuer? -- Was liegt in einem Feuer so
Entsetzliches? -- Es zerstrt -- es vernichtet? -- ja, ich gebe es zu --
aber auch Zerstrung und Vernichtung ist manchmal gut, wo es gilt, das
Bse von der Erde auszurotten, die Uebel mit der Wurzel zu vertilgen.

Nua? mer sllen uns doch de Haiser nich ibern Kopp anstcken lassen?
sagte hier Einer -- dort ein Anderer -- na, was schwtzt denn der do --
der rdt den Brandschtiftern ooch wol noch das Wort?

Meine Herren! rief aber Feodor, zu dem keins der drohend gemurmelten
Worte drang, meine Herren -- wo es gilt der Freiheit eine hehre Bahn
zu brechen, da lassen Sie uns selbst Feuer und Brand nicht scheuen,
aber Sie werden verstehen, welches Feuer, welchen Brand ich meine -- die
Fackel des Geistes mu mit krftiger Faust in die Gebude der Tyrannei
geschleudert werden, da die Flamme lodernd und leuchtend zum Himmel
emporglhe.

_Was_ seggt der da? riefen die Bauern verwundert unter einander, und
glaubten ihren Ohren nicht trauen zu drfen -- in die Gebaide sullen
mer Fackeln wrfen, un de Flammen sullen in de Hehe giahn? ei, den Krl,
den sull ja en Dunnerwtter in den Erdboden verschlahn; schmeit'en doch
'naus!

Meine Herren! rief aber in diesem Augenblick Feodor Strohwisch mit
noch erhhter Stimme, und suchte dabei in aller Hast wieder nach den
ewig versteckten, den unentgehbaren Gedichten -- die Auenwelt war fr
ihn todt, er jauchzte nur in triumphirendem Selbstgefhl, da er endlich
wieder das Wort erhalten, die Aufmerksamkeit der Schaar gefesselt hatte,
und seines Sieges gewi, ffnete er das glcklich gefundene Papier, das
er beim Schein der dicht hinter ihm herunterhngenden Lampe recht gut
lesen konnte. Erlauben Sie mir, Ihnen ein ganz kurzes wunderhbsches
Gedicht vorzulesen, das auf unseren jetzigen Zustand vollkommen pat,
und dessen Sinn Sie gewi billigen werden -- ein sehr guter Freund von
mir hat es verfat -- bitte, hren Sie.

Die Bauern standen ganz ruhig -- sie glaubten immer den Burschen mit
den langen Uahren un den Borschten, wie er im Dorfe hie, nicht recht
verstanden zu haben, denn da Einer hier mitten zwischen ihnen Brand und
Feueranlegen predigen solle, ging ihnen doch fast ber die Begriffe. --
Sie wollten also noch einmal hren, was er eigentlich beabsichtige,
und _wenn das wirklich war_ -- ei dann sollte ja dem verdammten
Federfuchser der Deibel das Licht halten.

Meine Herren! -- begann zum zehnten Mal mit einigem Ruspern der
Humorist -- er hielt in der linken Hand das Papier, zog den Kopf
stolz zurck, streckte die rechte Hand gerade von sich, und sagte mit
erhobener lebhafter Stimme--

  So werft der Freiheit Feuerbrand
  In alter Herrschaft morsche Sttzen,
  Und kehrt den wsten, faulen Tand
  Zu Haufen -- Rcke, Hosen, Mtzen--

  In Pech und Schwefel sterbe hin,
  Was hier den freien Geist gehemmet,
  In wilder Gluth soll untergehn,
  Was uns den freien Will'n umdmmet.

  Hoch lodre zu dem Himmelsdom
  Die Flamme auf in lichter Lohe,
  Und von Kopenhagen bis nach Rom
  Verbreit' die Nachricht sich -- die frohe--

  In Brand und Flammengluth gestrzt,
  Und unter Trmmern--

Schmeit den Kerl doch 'naus! unterbrach da pltzlich eine gellende
Stimme den Vortrag -- 'naus mit em -- 'naus! tnte es aus allen Ecken
heraus, und Strohwisch sah rasch auf, wem dieser drohende Ruf eigentlich
gelte.

Naus mit dem Brandstifter! schrien in diesem Augenblick auch die ihm
nher Stehenden, und griffen ihn an Arm und Rock an--

Hallo da, Leute -- was ist das? sagte der Humorist, mehr erstaunt als
erschreckt, denn er begriff noch immer nicht, was die Menge von _ihm_
wolle, von ihm wollen _knne_.

Naus mit 'em Hallunken -- 'naus mit dem borschthrigen Dintenkleckser!

Aber Leute, seid Ihr denn des Teufels? rief der _sehr_ gute Freund
des Dichters, und suchte sich den handgreiflichen Erklrungen der ihm
Nchsten zu entziehen -- ich werde doch wahrhaftig--

Schlaht en hinger's Gehr! schrie aus der Ecke einer vor, der sich
noch die grte Mhe gab, zu dem Ziel seines Zornes hin zu gelangen --
haut en de Dohle 'nin.

Strohwisch war von dem Stuhl getreten, und hatte seinen Hut, den er
Anstands halber whrend er das Gedicht vorlas in der Hand gehalten,
aufgesetzt -- kaum hrte er den letzten Rath aber, so griff er rasch
darnach, ihn wieder herab zu reien -- doch zu spt -- ein krftiger,
vortrefflich gezielter Schlag trieb ihm die Dohle, wie sie in Horneck
sagten, bis tief ber Ohren und Augen, und jetzt in Stockfinsterni von
allen Seiten gestoen und geschlagen, nicht einmal mehr im Stande sich
mndlich zu vertheidigen, denn der Hut benahm ihm fast den Athem, wurde
diese Parodie auf Oeffentlichkeit und Mndlichkeit im summarischen
Gerichtsverfahren, mit abgetretenen Sporen und zerrissenem Rock zur Thr
hinausgeknufft und geprgelt, und dort, als ob solch ein erbrmliches
Menschenkind aus der Stadt gar keines weiteren Nachsehens werth sei,
seinem Schicksal berlassen.

Was aus ihm geworden, hat man in Horneck nie erfahren -- am nchsten
Morgen war er spurlos verschwunden.




Elftes Kapitel.

Des alten Schulmeisters Lohn.


Papa Kleinholz hatte sich in der letzten Zeit recht gut erholt, die
reine kalte Luft war ihm vortrefflich bekommen; er befand sich schon
wieder wohl genug, stundenlang das Bett zu verlassen, in der Stube herum
zu gehn, und dann und wann auch einen kurzen Spatziergang drauen im
Freien zu machen; aber die Schwche, die von der Krankheit zurckblieb,
wollte ihn nicht verlassen, und nur auf Lieschens Arm gesttzt wurde es
ihm mglich, irgend wie aufrecht zu stehn.

Und wre das anders mglich gewesen? -- lie es sich denken, da bei
solcher Nahrung, wie sie der alte Schullehrer mit den Seinen theilte,
der Krper eines schon ohnedie alterschwachen Greises gekrftigt werden
konnte? -- Wre es mglich gewesen, da diese dnnen wssrigen Gemse,
mit dem sprlichen Fleisch dann und wann die Woche, ersetzen sollten,
was ihm Krankheit genommen, und woran so lange, lange Jahre hindurch
Sorge und Noth gezehrt und genagt? Krftige Fleischbrhen, Rindfleisch,
gute in Fett geschmorte Gemse und solche Sachen sollte der
Reconvalescent bekommen -- das hatte der Arzt, als er zum letzten Mal
in der Schule war, gesagt, und dem alten Kleinholz war, als er die Dinge
alle nennen hrte, das Wasser im Munde zusammengelaufen -- aber wovon
jetzt solche Luxusartikel, solche Delicatessen anschaffen? -- Du lieber
Gott, sie konnten von den paar Thalern, die sie erhielten, und da so
viele Medicin gebraucht wurde, nicht einmal das Alles bezahlen, was sie
nothwendig brauchten, wovon sie leben und existiren muten, und gar
noch solche extravagante Ausgaben -- nein, das ging nicht an. Dem Doctor
konnte man aber doch die Verhltnisse nicht so g'rad heraussagen, wie
sie waren -- Lieschen schmte sich wenigstens der Gemeinde wegen,
dem fremden Arzt zu gestehn: wir sind nicht im Stande etwas mehr
anzuschaffen, als was wir eben brauchen, um dem Verhungern zu entgehn.
-- Acht Menschen wollen essen, und diese acht Menschen sollten das
von 50 Thalern das ganze Jahr -- wren sie das im Stande? -- Nein --
Schulmeisters Kinder drfen aber den weisen Generalartikeln nach
nicht betteln gehn -- stehlen wollen sie nicht -- was bleibt ihnen da
brig?--

Hennig that allerdings was in seinen Krften stand, und mehr, als
Tausende an seiner Stelle gethan htten, er betrachtete seine Kasse
als die des alten Lehrers, und a was er a, darbte wenn er darbte. Das
konnte aber doch auch nicht auf die Lnge der Zeit dauern, denn Hennig
sollte nicht blos, wie der alte emeritirte Lehrer, vegetiren, er sollte
auch lernen, um wieder lehren zu knnen -- er mute lesen und studieren
-- um das aber zu thun, htte er einen Platz dazu und Geld zu Bchern
haben mssen, und blieben die Verhltnisse so wie sie jetzt waren,
so sah er keine Aussicht, wie ihm das je ermglicht werden knne. Die
Hoffnung lebt aber und stirbt mit uns -- Papa Kleinholz hatte sein
Bittgesuch um Zulage durch den Herrn Pastor und mit dessen Bevorwortung
eingereicht, und das mute in diesen Tagen wieder zurckkommen, nachher
liee sich, wenn von dieser Seite Hlfe wurde, schon eher ein Abkommen
treffen. Da ein Gesuch, auf solche Art an das Ministerium gebracht,
abschlglich beschieden werden knnte, durfte man nicht gut erwarten,
daran dachte Vater Kleinholz auch wirklich nicht einmal, denn er war so
fest berzeugt, und wute so genau, er _msse_ eine Zulage und noch dazu
eine ziemlich bedeutende Zulage haben, wenn er nicht effectiv und im
wahren Sinne des Worts verhungern sollte, da er auch nicht glauben
konnte, die Regierung, die ja doch von allen Seiten so gerhmt ward,
wrde es dahin kommen lassen. Einem so rhrenden Bericht, wie ihn
sicherlich der Herr Pastor Scheidler eingereicht, htte selbst
das frhere Ministerium, das sich sonst nicht gerade gern auf
Schulmeisterzulagen einlie, beistimmen mssen, wie viel mehr also
solche Mnner, die, aus der Wahl des Volkes hervorgegangen, auch fr das
Volk jetzt wirkten, und bis dahin noch immer gewirkt hatten, wenn sie
irgend konnten, und es fr nothwendig hielten -- und war es hier etwa
_nicht_ nothwendig?

Die Entscheidung blieb freilich recht lange -- recht entsetzlich lange
aus.

Wenn es ihnen der Herr Pastor nur auch recht ordentlich an's Herz
gelegt hat, seufzte Lieschen oft, nachdem der Vater selbst schon mit
seiner Riesengeduld ngstlich geworden war, und die Stunde herbeisehnte,
in der er die Heil und Segen bringende Bewilligung seiner Bitte
erfllt sehen sollte. Nach solchem Zweifel richtete sich aber der alte
Schulmeister in seinem Stuhle auf, und sagte:

La Du nur den Herrn Pastor gehn, das ist ein ganzer Mann, und wei,
was er zu thun hat -- dessen Versprechen habe ich, sein Mglichstes in
der Sache zu thun, und was der verspricht, das hlt er. Wenn sie
mich armen alten Mann, was sie aber _nicht_ thun werden, wirklich
abschlglich beschieden -- _der_ reiste selbst in die Residenz, und
ginge sogar zum Knige, ihm die Sache vorzustellen -- ich kenne doch
unsern Herrn Pastor.

Lieschen schttelte bei solchen Worten immer das Kpfchen, und schaute
nachher nur noch viel trber und trauriger aus, denn das felsenfeste
Vertrauen auf den Geistlichen konnte sie, sie mochte sich nun Mhe
geben, wie sie wollte, nimmermehr theilen.

So rckte, unter Hoffen und Harren, unter frohen Erwartungen und bangen
Zweifeln der Anfang Februar des Jahres 1849 heran, und die Lage des
alten emeritirten Lehrers wurde mit jedem Tage trauriger. Seine Schulden
in der Apotheke, denn Hennig hatte die eigene Casse schon bis auf den
letzten Pfennig erschpft -- wuchsen mit jeder Woche; seine Krfte
nahmen dabei immer mehr und mehr ab, und die dunstige ungesunde
Stubenluft -- da ihn die strenge Klte des Januar stets in das Haus und
das verschlossene Zimmer gebannt -- that wohl auch das ihrige, die zum
Aeuersten zerrttete Constitution des alten Lehrers zu untergraben.

Die Klte hatte jetzt allerdings nachgelassen, und eine weit mildere
Luft kndete, trotz der frhen Jahreszeit, den nahenden Lenz, da kam
eines Morgens Hennig mit der freudigen Botschaft zu dem alten Kleinholz
herber, der Pastor habe einen Brief vom hohen Ministerium erhalten und
werde am Nachmittag selber herberkommen.

Einen Brief vom hohen Ministerium -- Gott sei Dank, endlich, endlich
-- so hatte die Noth doch zuletzt ihr Ziel erreicht, und der alte
Schullehrer konnte, wenn auch immer noch in seinen Verhltnissen
gedrckt, wenigstens ohne Angst vor dem Verhungern der Zukunft
entgegensehn. An dem Mittag wurde -- denn fr diesen Zweck war sie so
lange aufgehoben, -- die an Weihnachten empfangene zweite Flasche Wein
angebrochen, Schulmeister Kleinholz trank ganz wider Erwarten zwei
tchtig volle Glser davon bis auf die Nagelprobe aus, und war berhaupt
heute so munter, so lebenskrftig, da dem lieben guten Lieschen die
hellen Freudenthrnen in den Augen standen, wenn sie ihren Vater nur
ansah. Nichts desto weniger konnte sie auch eine leise, unbestimmte
Angst nicht unterdrcken, wenn sie manchmal an die Folgen dachte, die
eine Tuschung -- aber das war ja doch nicht mglich, also fort mit
den Grillen und Sorgen; ihr alter guter Vater schien ordentlich wieder
frisch aufzuleben, und da sollte sie doch wahrlich die Letzte sein, die
betrbt und kleinmthig der Zukunft entgegenschaute.

Der Nachmittag kam, die Schule war aus, die Kinder eben in jugendlichem
Uebermuth den steilen Hgel hinunter gesprungen, und Lieschen hatte in
aller Eile das Zimmer so weit gelftet und aufgerumt, wie mglich, da
ihr Vater wieder herunter konnte und der Herr Pastor nicht in das enge,
unfreundliche Bodenkmmerchen hinauf zu klettern brauche.

Liebes unschuldiges Kind, das Du von klein auf gelernt hattest, zu
dem geistlichen Vorgesetzten Deines Vaters mit stummer Ehrfurcht
aufzuschauen, welche bittere Ironie sprachst Du -- unbewut -- in den
wenigen Worten damit der Herr Pastor nicht in das enge, unfreundliche
Bodenkmmerchen hinauf zu klettern braucht -- Du schmtest Dich
des Platzes, nur des Herrn Pastors wegen, und wolltest ihm gern die
Unbequemlichkeit ersparen, jenen unfreundlichen, traurigen Aufenthalt
auch nur zu betreten -- da aber Dein armer alter Vater -- der Lehrer
und Erzieher fast des ganzen Dorfes, in den vier Wnden leben --
existiren mute -- da ihm ein solcher Raum zu seiner bleibenden Wohnung
angewiesen worden, whrend der Geistliche sein behagliches gerumiges,
ja kaum halb benutztes von Reben umranktes Haus da drben stehen hatte,
das fiel Dir nicht auf, das fandest Du ganz in der Ordnung -- und
weshalb? -- Ei, das war ja der Herr _Pastor_, und Dein Vater? -- _Nur_
der _Schulmeister_ im Dorfe.

Der Herr Pastor! riefen endlich die Kinder, die schon seit peinlichen
drei Viertelstunden am Fenster auf der Lauer gestanden, um die Ankunft
des ehrwrdigen Herrn voraus zu verknden, und dem alten Kleinholz
flogen in seinem harten, mit Kissen aber sorgfltig ausgestopften
Armstuhl, die Glieder wie Espenlaub. Aus tiefgewurzeltem Respect wollte
er sich jetzt auch absolut emporrichten, um seinen gtigen Vorgesetzten
stehend zu empfangen, das gab aber Hennig unter keiner Bedingung zu.
Der alte Mann htte es brigens auch gar nicht gekonnt -- wie er nur den
Versuch machte, sank er gleich wieder kraftlos zurck, und so mute es
denn, da es der Herr Pastor auch wohl seiner Schwche zu Gute halten
wrde, unterbleiben.

Die Thr ging auf, und der Geistliche trat, von den Bewohnern der Schule
freundlich begrt, und den Gru eben so freundlich erwiedernd -- o das
war sicherlich ein gutes Zeichen -- herein. Fast unwillkhrlich machte
Kleinholz einen neuen Versuch, sich emporzurichten, Hennigs Hand lag
aber auf seiner Achsel, und Pastor Scheidler sagte gtig:

Bleiben Sie sitzen, lieber Kleinholz, bleiben Sie sitzen, was wir mit
einander abzumachen haben, knnen wir Beide sitzend abmachen, und er
lie sich dankend auf den, ihm von Lieschen schnell herbeigetragenen
Stuhl nieder, nahm aber dabei schon ein Packet oder einen groen Brief,
den er in der Brieftasche gehabt, heraus, und fuhr fort: ich will auch
gleich zur Sache kommen, und Ihnen mittheilen -- denn Herr Hennig wird
Ihnen ja wohl schon gesagt haben, da eine Antwort vom hohen Ministerium
eingetroffen ist -- was Ihnen dasselbe gndigst bewilligt hat.

Bewilligt, murmelte der alte Mann freudig und leise vor sich hin, und
faltete in Dank und Jubel die bleichen, abgezehrten Hnde vor der Brust.

Es ist freilich nicht viel, fuhr der Herr Pastor, das Papier
entfaltend fort, aber Du lieber Gott, man mu in jetziger gedrckter
Zeit selbst mit Wenigem zufrieden sein, und Besseres erwarten, wozu das
hohe Ministerium auch gegrndete Hoffnung giebt. -- Ich will Sie, lieber
Kleinholz nicht mit dem Vorlesen des ganzen langen Schreibens, das
berdie nur groentheils allgemeine Bemerkungen ber den jetzigen Stand
der Schule enthlt, ermden, sondern Ihnen nur das besonders fr Sie
Wichtigste daraus mittheilen.

Der alte Schulmeister nickte nur schweigend mit dem Kopf, und schaute,
todtenbleich im Gesicht, nach dem Munde des Geistlichen, aus dem ihm
jetzt der so lange und hei ersehnte Spruch des Heils -- nur das Fristen
seines armen, drftigen Lebens -- ertnen sollte. Auch die Blicke der
Uebrigen hingen an den Lippen des Pastors, und dieser begann, nachdem er
die Einleitung flchtig und fast unverstndlich vor sich hingemurmelt,
dem alten, athemlos lauschenden Lehrer das Rescript des hohen
Ministeriums zu erffnen. Es war auch nicht in dem alten schwlstigen
Canzleistyl abgefat, also der Inhalt klar und deutlich, aber -- leider
wenig trstlich. Das Schreiben sprach sich zuerst in kurzen Worten ber
den Uebelstand aus, der allerdings in der allzugeringen Besoldung
der Schullehrer liege, wie ber die nothwendige Abnderung desselben,
versicherte aber, in der jetzigen Krisis, wo gerade die Casse
so ungemein in Anspruch genommen wre, und Bittschreiben und
Untersttzungsgesuche von allen Seiten und allen Stnden einliefen,
bedeutende Gehaltserhhungen auf eigene Verantwortlichkeit nicht
gewhren zu knnen, ehe die Kammern darber entschieden haben wrden.
Nichts desto weniger wollten sie, da es sich hier doch nur um eine
kleine Untersttzung handle, und der Lehrer alt sei, und wohl
eine Erleichterung seiner Ausgaben verdiene, fr jetzt, und bis
das Pensionsverhltni der emeritirten Lehrer regulirt sei, eine
Gehaltszulage von _fnf_ Thalern jhrlich gewhren.

_Fnf Thaler_? unterbrach hier der alte Kleinholz, sich in Todesangst
in seinem Stuhle aufrichtend, und immer noch in dem Glauben, er habe
falsch gehrt, den Geistlichen -- _fnf_ Thaler, sagten Sie, Herr
Pastor -- nur fnf Thaler soll ich jhrlich -- das ganze Jahr hindurch,
Zulage bekommen?

Nicht fr immer, lieber Kleinholz, suchte ihn dieser zu beruhigen --
nicht fr immer, nur bis zu der Zeit, wo, wie hier in dem Schreiben
steht, die Kammern die Pensionate der Schullehrer festgestellt haben,
dann bekommen Sie jedenfalls ziemlich bedeutend mehr -- wenigstens die
volle Hlfte Ihres Gehaltes -- oder doch ziemlich so viel.

Fnf Thaler, sthnte der alte Mann, und sttzte seine Stirn auf
die fest und krampfhaft zusammengefalteten Hnde, fnf Thaler auf
dreihundert und fnf und sechzig Tage -- o Du mein gtiger Gott -- Du
mein gtiger Gott!

Herr Pastor, nahm hier Hennig, der schweigend und traurig bis jetzt
dabei gestanden hatte, das Wort -- dem Ministerium kann die Sache wohl
nicht dringend -- wohl nicht so, wie sie wirklich ist, vorgestellt sein
-- Sie erwhnten auch vorhin, da es sich einem, allem Anschein citirten
Ausdruck nach, hier nur um >eine Kleinigkeit< handeln solle. Wenn die
Worte in der Eingabe standen, so ist es kaum anders mglich, als da das
Resultat so ausfallen mute, wie es ausgefallen ist.

Mein lieber Herr Hennig, sagte Pastor Scheidler etwas pikirt -- Sie
werden mir doch hoffentlich zutrauen, da ich wei, wie eine Eingabe
an ein hohes Ministerium gemacht werden mu -- es ist nicht die erste
gewesen, sollte ich denken, und wird hoffentlich nicht die letzte
sein -- ich kann mit einem Minister nicht reden und Forderungen an
ihn stellen, wie an unseres Gleichen, das werden Sie mir hoffentlich
zugeben, denn so weit sind wir doch, Gott sei Dank, noch nicht mit der
_Emancipation_ gekommen, da der Respect _ganz_ verloren gegangen, und
die Achtung und Ehrerbietung vergessen wre, die man seinen Vorgesetzten
schuldig ist--

Drfte ich Sie ersuchen, Herr Pastor, mir jene Schrift nur auf wenige
Momente zu erlauben; ich mchte sie gern selbst einmal lesen, sagte
Hennig endlich.

Der Pastor zgerte einen Augenblick; es war fast, als ob er den Brief
nicht gern aus der Hand gbe, er konnte das Lesen desselben aber auch
nicht gut verweigern, und reichte ihn endlich dem Schulmeister, der
damit an das Fenster ging, und sich bald in dessen Inhalt vertiefte.

Fnf Thaler, wimmerte da wieder der greise Lehrer, und die hellen
Thrnen strzten dem alten Mann jetzt, in nicht mehr zu dmmender Fluth
ber die eingefallenen Wangen nieder -- und elf Thaler sind wir in der
Apotheke schuldig -- drei beim Kaufmann, und jeder Tag, den ich noch
lebe, mu das vermehren, bis -- bis mir die Leute nichts mehr borgen --
und dann mu ich armer, alter Mann, der ich sieben und vierzig Jahre
das harte Brod eines Dorfschullehrers gegessen -- mit meinen Kindern
verhungern -- o schlagt mich doch lieber todt -- schlagt mich lieber
gleich todt, da ich nur von der Erde komme, ich alter unntzer --
unglckseliger Dorfschulmeister!

Und wieder gab er sich, die Gegenwart des Geistlichen fast gar nicht
mehr beachtend, seinem ganzen, ungezgelten Schmerze hin, und weinte und
schluchzte wie ein Kind. Lieschen, die bis jetzt -- erst in gespannter
Erwartung, dann in peinlichem Schmerz an seiner Seite gestanden, und
immer noch gehofft hatte, in dem starren Angesicht des Geistlichen einen
Strahl von Hoffnung zu lesen, der die Unglcksbotschaft, die er brachte,
Lgen strafen sollte, bog sich jetzt mit liebender Sorgfalt ber den
Vater nieder, und suchte den alten verzweifelnden Mann zu trsten.

Sieh nur, Vterchen, sagte sie schmeichelnd -- fnf Thaler sind schon
eine ganz hbsche Summe, und dann gehe ich hinunter auf das Gut, und
nehme den Dienst dort an, der offen ist. Jettchen hier ist allerdings
noch klein, kann Dich aber doch auch schon pflegen, und Dir besorgen,
was Du brauchst, und Abends komm' ich ein halb Stndchen herauf, und
sehe wie Dir's geht.

Herr Pastor, sagte da Hennig pltzlich -- in der Eingabe mu
jedenfalls irgend etwas irrthmlich angegeben, oder oben miverstanden
sein. Der Minister sagt hier, da er sich mit den nothwendigen
Untersttzungen, um die er fortwhrend angegangen wrde, natrlich
grtentheils auf >Familienvter< beschrnken mte, und >Schulmeister
Kleinholz scheine keine Familie zu haben.< Seine sieben Kinder sind
entweder nicht erwhnt, oder bersehen worden; wre es da nicht besser,
Sie, Herr Pastor, setzten vielleicht ein neues Gesuch auf, und schickten
es, mit den genaueren Angaben und Einzelheiten noch einmal ein? -- Der
Fall ist dringend hier -- der alte Mann kann ja beim ewigen Gott nicht
warten, bis die Kammern ber sein Leben oder seinen Tod einen Beschlu
gefat haben -- wir leben gegenwrtig in einer zu wichtigen Zeit -- die
ruhigen Reformen des inneren Staatslebens werden das Letzte sein,
woran man denkt, da es jetzt ja noch das wichtigere Werk, eine Einigung
Deutschlands und die Vertheidigung des Vaterlandes gegen uere Feinde
gilt. Eine richtige, einfache Darstellung dieses alten emeritirten
Lehrers wird und kann nicht bei dem jetzigen liberalen Ministerium ohne
Erfolg bleiben -- sie drfen den alten Mann hier doch wahrhaftig nicht
auf dem Stroh verderben lassen. O wenn Sie nur einmal selbst mit dem
Herrn Minister sprechen knnten--

Kleinholz sah, als er den Vorschlag hrte, wie von einem neuen
Hoffnungsstrahl durchzuckt, rasch und fragend zu dem Geistlichen auf
-- sein ohnedie schon bleiches Angesicht hatte eine fahle, frmliche
Todtenfarbe angenommen, und die Augen lagen ihm tief und glanzlos in den
Hhlen. Der Pastor aber schttelte mit dem Kopf--

Das geht nicht, das geht nicht, Herr Hennig, sagte er, zweimal um
eine und dieselbe Sache petitioniren, wenn schon gleich beim ersten
Mal ein Zugestndni gemacht wurde, und noch dazu so ganz dicht
hintereinander, ist gegen allen Gebrauch, und wrde hheren Ortes sehr
miliebig bemerkt werden; und was nun gar eine persnliche Audienz
betrifft -- ei, wo denken Sie da hin? Wie drfte ich erstlich die
mir anvertraute Gemeinde so lange allein lassen? (in seinen eigenen
Angelegenheiten hatte er Horneck schon mehrere Mal, und gleich auf
einige Tage verlassen.) Und dann sind die Herren Minister auch so von
Besuchen berlaufen, da ein solcher Schritt fr den Mann, der ihn
wagte, wohl kaum eine Empfehlung sein mchte. Ueberlassen wir der Zeit
auch etwas -- das Gesetz ber den Gehalt der Schullehrer wird in den
Kammerverhandlungen, wie mir schon versichert ist, ziemlich bald, wenn
auch nicht gleich in den ersten Wochen, zur Sprache kommen, und nachher
findet sich das andere, wenn man _dann_ wieder einmal durch eine neue
Petition eine kleine Nachhlfe giebt, von selber.

Herr Pastor, murmelte Kleinholz, und streckte die zitternden Hnde
nach ihm aus -- Herr Pastor -- ich -- ich-- seine Worte wurden zu
einem dumpfen, unartikulirten Rcheln, er brachte kein verstndliches
Wort ber die Zunge, und nur die Augen sprachen, zehntausendmal
deutlicher als es Worte auch vermocht, die kalte lhmende, trostlose
Verzweiflung aus, die sich jetzt -- da alle, alle Hoffnungen mit _einem_
Schlage vernichtet worden, seiner bemchtigt hatte.

Lieber Kleinholz, sagte der Pastor, und suchte so viel Trost- und
Mutheinsprechendes in seine Worte zu legen, als ihm das mglich war,
verzagen Sie nicht -- es kann noch Alles gut gehn -- ich will mich
direct an den Vater meines Schwiegersohnes wenden -- es ist sehr leicht
mglich, da der im Stande ist, etwas Wesentliches fr Sie zu thun;
jedenfalls knnen wir von ihm genau erfahren, welche Schritte am Besten
geschehn mssen, um Ihnen sobald als mglich eine Erleichterung zu
verschaffen -- sind Sie damit einverstanden?

Kleinholz hielt den Blick noch immer still und stumm auf ihn geheftet,
und der ganze Ausdruck seiner Zge schien sich nur in dem einen
qulenden Gedanken zu concentriren -- also das sind Deine
Versprechungen, _das_ ist die Hlfe, die Du dem armen, bis dahin in
den Staub getretenen Schulmeister werden lt. Der Pastor, der den
vorwurfsvollen Blick aus Augen, die sonst nur in hchster Ehrfurcht und
Anhnglichkeit zu ihm aufgeschaut, nicht ertragen konnte, griff fast wie
unwillkhrlich in die Tasche, nahm einen Thaler heraus, legte diesen,
als er in den anderen mehr gesucht, keinen aber mehr gefunden hatte, auf
den Tisch, und verlie hastig das Zimmer.

Das erste Almosen, sthnte der alte Lehrer, und sank, sein Gesicht
mit den Hnden deckend, auf das Kissen, das seine rechte Stuhllehne
schtzte, nach vorne auf die Stirne nieder. -- Hennig faltete
erschttert die Hnde, und Lieschen bog sich weinend ber den Greis,
whrend die Kinder, der fr sie drckenden Gegenwart des Geistlichen
jetzt enthoben, laut schluchzend zu dem Vater sprangen, seine Knie
umfaten, und ihn baten, ihr guter, guter Vater zu sein, und sich nicht
zu hrmen und zu grmen -- sie wollten ausgehn und arbeiten, Gnse
hten und Obst bewachen, kurz Alles thun, was in ihren Krften stand,
ebenfalls ihr Brod zu verdienen, und nachher wrd' es schon besser --
nachher wrde es recht gut mit ihnen allen werden.

Vater Kleinholz rhrte und regte sich nicht, und der eine Arm sank ihm
ber die Stuhllehne nieder.

Lieschen -- bitte Lieschen, sagte Hennig rasch, und trat vor das
Mdchen -- holen Sie mir doch ein Glas Wasser -- mir ist -- mir ist
nicht recht wohl.

Lieschens Blicke hafteten in stierem Entsetzen an der regungslosen
Gestalt des Kranken -- die Worte, die Hennig zu ihr sprach, hrte sie
gar nicht.

Thun Sie mir die Liebe, gutes Lieschen, und holen Sie mir ein Glas
Wasser, bat Hennig dringender, ergriff ihre Hand, und suchte sie von
dem Stuhle fortzufhren.

_Vater_! flsterte aber in diesem Augenblick mit leiser kaum
hrbarer Stimme die Tochter -- Vater! -- Sie sprang, Hennigs Hand
zurckstoend, auf ihn zu, hob seinen Oberkrper empor, warf nur einen
einzigen Blick auf die blassen, geisterhaften Zge und strzte mit
lautgellendem Schmerzensruf ohnmchtig zu Boden.

Der alte Schulmeister war todt.




Zwlftes Kapitel.

Schlu.


Gebe Gott, da diese Ueberschrift eine Lge werde -- da es kein
_Schlu_ des armen gedrckten Lehrerlebens mehr sei, wie ich es hier
beschrieben, und wie es, o leider so oft, so entsetzlich oft -- in
unserem gesegneten Deutschland geschehen ist. Den Ruhm haben wir
bis jetzt fr uns beanspruchen wollen, das civilisirteste, das
intelligenteste Volk der Erde zu sein, und die Leute, die uns allein
dazu bringen knnten es zu werden -- lassen wir _verhungern_ oder ihr
Leben doch wenigstens auf so traurige, elende Art dahinschleppen, da
sie an Leib und Seele -- erst krperlich und dann geistig zu Grunde gehn
_mssen_.

_Deutschland ist krank_ und zwei Quacksalber mhen sich ab, und ereifern
sich das arme, kranke Deutschland unter dem Vorgeben, es heilen zu
wollen, in sein frhes Grab zu bringen. Sie beide kehren sich keinen
Deut um die wirkliche Gesundheit und Kraft, um die wirkliche _Genesung_
des Patienten, nur ihre eigenen selbstschtigen Zwecke haben sie
im Auge, nur ihr eigenes Interesse ist es, das sie in geschftiger
Thtigkeit an das Lager des Leidenden treibt.

Der eine dieser Aerzte will nur _Ruhe_ -- das Sthnen, der Krampf --
das wilde, unruhige Aufzucken des Kranken -- seine Fieberphantasien und
schlaflosen Nchte ngstigen ihn selbst, und lassen _ihm_ keine Ruhe,
also verschreibt er Opiate -- immer nur Opiate, und im Fall etwas
strkerer Aufregung sogar Zwangsjacke und Ketten -- nur Ruhe, lieber
Patient, nur Ruhe.--

Der andere ist ein noch ganz junger -- blutjunger Arzt -- der betrachtet
den Patienten mit einer gewissen Liebe und Zrtlichkeit -- er nennt ihn
seinen Patienten -- _sein_ Deutschland, und lchelt vergngt bei dem
Gedanken, da die der erste ernste Fall ist, der unter seine Hnde
kommt. Ei was fr prachtvolle _Experimente_ kann er jetzt an dem
Leidenden vornehmen -- wie lacht ihm das Herz nur in der Aussicht auf
all' die Amputationen und Kreuz- und Querschnitte, Sondirungen und
Beobachtungen eiternder Wunden. Je toller der Kranke dabei rast und
wthet, desto lieber ist es ihm -- er drckt sich dann nur rasch in die
sichere Ecke und schaut aufmerksam zu, um die Wirkungen zu beobachten,
die ein etwas tieferer Schnitt als gewhnlich, oder ein neues, noch
nicht erprobtes Instrument, eine selbst erfundene Medicin vielleicht,
auf ihn machen. Nur wenn ihm das Toben etwas zu arg wird, wenn der
Paroxismus steigt, und er doch vielleicht frchtet, der etwas bermig
maltraitirte Kranke mge endlich einmal den Arm nach _ihm_ ausstrecken
und ihn fassen, dann drckt er sich rasch zur Thr hinaus ber die
Grenze, und wartet drauen ruhig die Crisis ab. Er verordnet dabei
fortwhrend verzweifelte Mittel -- indianische Schwitzbder
und halsbrechende Kuren -- Medicinen, durch die er den Kranken
ununterbrochen an den Rand des Grabes bringt, und freut sich dabei wie
ein Kind darauf zu sehn, ob der Leidende das wirklich aushlt, oder --
ob er darber zu Grunde geht.

Und Deutschland? -- wird nicht eher genesen, bis es die beiden
Quacksalber, den einen wie den anderen, beim Schopf nimmt, und zu Thr
oder Fenster -- beides gleich gut -- hinausschleudert. Deutschland
leidet an keinem Uebel, das durch Opiate beschwichtigt oder durch
rasende Kuren, mit Biegen oder Brechen in einer Nacht geheilt werden
knnte -- der Sitz der Krankheit ist bei ihm im Unterleib -- das ewige
Stubenhocken -- die dunstige Luft, in der es, o so lange, lange Jahre
hinter Schlo und Riegel gehalten wurde, hat seinen ganzen Krper
geschwcht und erschlafft -- seinen Gliedern ihre volle Thtigkeit
geraubt, und nur ein ordentlicher, verstndiger Arzt, der mit Umsicht
und ernstem Eifer zu Werke geht, kann hier heilbringend sein -- und der
Arzt ist der _Lehrer der Volksschulen_ -- macht es _dem_ erst einmal
mglich, den Geist des Volkes aus seinem stumpfen Starrsinn zu wecken,
und das Volk selbst zum klaren Bewutsein seiner Lage zu bringen, und
seht dann, wie schnell es den Opiumhndler und Chirurgen mit seinen
Lanzetten, Sgen und Messern selbst zu Thren und Fenstern hinaussendet.

Der Volksschullehrer ist der Mann, von dem wir wirkliches, wahres Heil
fr unsere lieben Kranken erwarten drfen, und den Mann hegt und pflegt
nur dafr -- den Mann zieht aus dem Staub und Elend, in das er bisher
durch Verhltnisse und Geistliche hineingetreten wurde, hervor, dem
Manne lst die Hnde und fllt den Magen, da er nicht halb verhungert
mehr, und mit gebundenen Gliedern, Eure Kinder und kommenden
Geschlechter auch wirklich erziehen und zu Menschen -- und nicht blo
zu Unterthanen des Staats und der Kirche -- heranbilden kann, und seht
dann, wenn Ihr das keinen Augenblick mehr versumt, sondern frisch
und rasch dabei an's schne -- heilige Werk geht, welcher krftige,
herrliche Krper -- welche Heldengestalt das war, die unter Perrcke und
Zopf, unter dem dreieckigen Htchen und dem bestaubten Knechtsgewand,
gebckt und mit schwankenden Schritten einherging. -- Nicht genug
also, da Ihr dem fr sein ganzes Leben an den Felsen Geschmiedeten
die Fesseln lst, und zu ihm sagt, nun kmpfe, Ihr mt ihn auch erst
wieder gehen, und die erstarrten Glieder gebrauchen lehren -- bis dahin
wird ihm die Waffe nur ein machtloses Spielwerk, er selbst aber nie im
Stande sein, sie zu fhren.

Bis jetzt sind wir aber noch nicht so weit -- noch sterben die alten
emeritirten Lehrer -- die sich Menschenalter hindurch qulten und
mhten, das aufwachsende Geschlecht im Nothwendigsten zu unterrichten,
in Hunger und Kummer, und die jngeren Lehrer -- leben darin; der Mann
aber, der eigentlich der _erste_ im Staat sein sollte, ist der _letzte_.

Der alte Schulmeister Kleinholz war todt -- auf den Acker trugen sie ihn
hinber, wohin er selber so manchen zur letzten Ruhe begleitet; -- _ihn_
aber trugen Sie nicht zur _letzten_ Ruhe hinaus -- armer alter Lehrer --
es war, so alt und schwach Du geworden, Deine _erste_ Ruhe.

Der Tod des alten Lehrers ging in Horneck ziemlich spurlos vorber --
es ist ein Glck fr den alten Mann, da er gestorben ist, sagten
die Leute -- es schien sich ganz von selbst zu verstehn, da ein alter
dienstunfhiger Schulmeister doch nichts weiter mehr vom Leben, und
nicht die geringsten Ansprche auf ein ruhiges Greisenalter gehabt haben
knne.

In der Pfarre wurde indessen gepackt, und unter Jammer und Thrnen
Vorkehrung fr die Auswanderung der ltesten Tochter, der jungen Frau
Doctorin Wahlert, getroffen. Wahlert selbst war schon frher, man wute
in Horneck nicht recht wohin, vorausgereist, denn eine, von Berlin
aus gegen ihn anhngig gemachte Klage auf Hochverrath und
Majesttsbeleidigung, bei der sich das _Volk_ vollkommen ruhig verhielt,
und seine eigene Verhaftung auch eben so ruhig mit angesehen htte,
lieen ihn wnschen, die wirkliche Republik so bald als mglich zu
erreichen, um dort, mit erneuter Thtigkeit, nicht etwa die deutsche
Sache aufzugeben, sondern erst recht zu beginnen, fr Deutschlands
Wohl und Zukunft in dem Sinne zu wirken, den er fr sein Vaterland am
schnellsten zum Ziele fhrend, glaubte.

Hennig hatte trotz des Geistlichen Drohungen und Unwillen, seine
neugegrndete Zeitung nicht aufgegeben, sondern arbeitete thtig daran
fort, und es war fast, als ob der Eifer seines Strebens, wenn ihm auch
das schne Ziel _nach_ dem er strebte, entrissen worden, eher vermehrt
und genhrt, als vermindert wre. Fr die Kinder des alten Schullehrers
Kleinholz mute jetzt freilich, da ihr Ernhrer gestorben war, die
Gemeinde sorgen, und sie wurden deshalb theils bei Handwerkern, theils
auf Bauergtern, und zwar alle ziemlich gut untergebracht -- die armen
Kleinen, die noch fast keine Jugendlust gekannt, waren an Arbeit und
Entbehrung gewhnt, und fanden sich, als der erste Schmerz der Trennung
von der einstigen Heimath berstanden war, leicht in ihre neue,
jedenfalls krperlich verbesserte Lage. Nur Lieschen mochte nicht mehr
zu fremden Leuten ziehn, und folgte gern und freudig jetzt, da ihr armer
alter Vater unter der Erde ruhte, und ihrer nicht bedurfte, und sie auch
alle die Geschwister besser versorgt sah, als sie selbst htte fr sie
sorgen knnen, der Einladung, ja der Bitte Sophiens, sie ber das Meer
hinber zu begleiten. Die Vergangenheit lag wie ein dunkler Schleier
hinter ihr, und ihrer treuen hoffenden Seele zeigte die Zukunft nur
Freude, Glck und Segen.

Der alte Musikant wanderte, als er sein einziges Kind beerdigt, in die
Residenz -- Wahlert, der ihn nach der Tochter Tod gefunden, und ihm des
Oberpostdirectors Schein berliefert hatte, sorgte auch noch weiter fr
ihn, und verschaffte ihm durch einen Freund dort eine zwar beschrnkte,
aber doch sichere Stellung, in der er sein Brod und einen Wirkungskreis
fr seine Thtigkeit fand.

Was jene drei, an Rang verschiedene, an Schlechtigkeit sich
gleichstehende Subjecte, den Brandstifter Krautsch, den Oberpostdirector
von Gaulitz und den Dieb Poller betrifft, so erhielten die beiden
ersteren ihren verdienten Lohn -- Krautsch wurde des Brandstiftens
berwiesen, und in auergewhnlich schneller Gerichtspflege zu
zehnjhriger Zuchthausstrafe verurtheilt, und der Herr von Gaulitz, dem
Poller mit dem grten Theil seines Vermgens durchgegangen war, blieb
von dem Sturz gelhmt, und mute Zeitlebens an Krcken gehn. Poller
entkam, wenigstens hat man bis heute noch keine Spur von ihm gefunden,
und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es ihm gelungen, der Richtung
entgegen, in der man ihn vermuthete und verfolgte, nach Stettin zu
entkommen, von wo aus er leicht auf dnisches Gebiet bersetzen konnte.

Und erreichte Wahlert, nach was er strebte? -- Gelang es dem
Schulmeister, sein schnes Ziel zu gewinnen, und seinem Stand die
Stellung zu sichern, die ihm gebhrte? -- fand Lieschen ihren Fritz in
dem weiten Amerika, und des Pastors holdes Tchterlein das Glck, das
sie an der Seite des Geliebten erwartet? -- Lieber Leser, ich mte
prophezeihn knnen, wollte ich Dir das Alles jetzt schon verknden --
wir schreiben heute den zehnten Mrz 1849, und dieses, wie das nchste
Jahr wird Deutschlands Entwickelung bestimmen. Interessirt es Dich dann
noch, so erzhle ich Dir weiter, wie es mit unseren Freunden in der
neuen und alten Welt geworden, und Du folgst mir dann auch vielleicht
mit mehr Ruhe und Aufmerksamkeit ber das weite blaue Meer, als Du
jetzt, wo Du den Kopf daheim voll Sorg' und Arbeit hast, mir folgen
wrdest -- bis dahin also auf ein frohes, freudiges Wiedersehn.


Druck von Breitkopf und Hrtel in Leipzig.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 4:
  "" eingefgt
  (Hier ein Schtze -- ach --)

  Seite 7:
  "iu" gendert in "in"
  (da darf man nicht hineinschieen in die _Hunde_)

  Seite 11:
  "" entfernt
  (man darf ja doch nicht zwischen sie hinein schieen.)

  Seite 16:
  "" eingefgt
  (in de Residenz als en Wilddieb -- verstanden?)

  Seite 18:
  "erklrte" gendert in "erklrten"
  (und erklrten hier nun unverschmt genug)

  Seite 19:
  "" eingefgt
  (so knnen wir's ihnen nicht verwehren)

  Seite 19:
  "" entfernt
  (es ist Geschmackssache und ihre eigene Schuld)

  Seite 32:
  doppeltes "und" entfernt
  (rasch und ungeduldig hin und wieder schritt)

  Seite 35:
  "" entfernt
  (Der Oberpostdirector entfrbte sich leicht)

  Seite 41:
  "" eingefgt
  (und ich will gern Alles thun, was--)

  Seite 42:
  "nm" gendert in "um"
  (Bitte um Verzeihung, Herr von Gaulitz)

  Seite 44:
  "," eingefgt
  (forschend an, Mensch)

  Seite 47:
  "" eingefgt
  (Poller -- Poller! rief der Oberpostdirector)

  Seite 48:
  "," eingefgt
  (Wahlert aber ergriff seinen Arm, zog ihn mit sich)

  Seite 48:
  "." gendert in ":"
  (nach der Thr und sagte hier rasch und leise:)

  Seite 49:
  "," eingefgt
  (sagte Wahlert, Sie haben keine Secunde mehr zu verlieren!)

  Seite 49:
  "des" gendert in "das"
  (brachte ihn vor das Gut hinaus)

  Seite 72:
  "" eingefgt
  (Sie wissen, da ich in frherer Zeit)

  Seite 73:
  "" eingefgt
  (und thten Sie es doch, wren Sie ungerecht.)

  Seite 75:
  "Diaconns" gendert in "Diaconus"
  (was den _Diaconus_ als unertrglich drckte)

  Seite 76:
  "." gendert in ":"
  (herzlich, aber dennoch mit einem leisen Vorwurf im Ton:)

  Seite 78:
  "d e" gendert in "die"
  (sagte Sophie, die bis dahin, dem Gesprch still aber)

  Seite 81:
  "Bilderu" gendert in "Bildern"
  (flog in lieblichen lockenden Bildern zauberschnell)

  Seite 84:
  "eine" gendert in "ein"
  (oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein sollte)

  Seite 103:
  "abgegewendet" gendert in "abgewendet"
  (Kopf auch nicht so tief gesenkt und vom Lichte abgewendet)

  Seite 104:
  "" eingefgt
  (Lob jetzt und immerdar.)

  Seite 105:
  "dem" gendert in "den"
  (nach den hellerleuchteten Fenstern der Uebrigen hinberschauen)

  Seite 106:
  "," eingefgt
  (Lieschen trat vor die Thr, ah -- jetzt hrte sie)

  Seite 117:
  "beschftig" gendert in "beschftigt"
  (mit seinen eigenen trben Gedanken beschftigt schien)

  Seite 118:
  "" eingefgt
  (brummte der Alte, die Nchte drauen in Klte und Nebel)

  Seite 122:
  "" eingefgt
  (und lachte dann -- was Lustiges wollen die Bauern haben)

  Seite 133:
  "ststerte" gendert in "flsterte"
  (flsterte er mit kaum hrbarer Stimme)

  Seite 134:
  "" eingefgt
  (la die Possen -- wir wollen lieber schlafen gehn.)

  Seite 136:
  "" entfernt
  (Hier ist -- hier kommt die Braut!)

  Seite 161:
  "denn" gendert in "den"
  (so schnell er konnte, den Wagenschuppen wieder zu erreichen)

  Seite 169:
  "" entfernt
  (von dem der Feuerlrm hertnte.)

  Seite 176:
  "berwundenen" gendert in "berwundenen"
  (faten ihn und warfen den berwundenen zu Boden nieder)

  Seite 183:
  "benfalls" gendert in "ebenfalls"
  (wie ich Ihnen hier vorher bemerken mchte, ebenfalls so)

  Seite 184:
  "" eingefgt
  (Da man -- zum Betteln sehen kann!)

  Seite 185:
  "" eingefgt
  (Weil Siegellack so sprde ist)

  Seite 190:
  "" eingefgt
  (Ah-- schrie der Schuster und zeigte lachend)

  Seite 213:
  "abe" gendert in "aber"
  (aber Du lieber Gott, man mu in jetziger gedrckter Zeit)

  Seite 232:
  "," entfernt
  (an der Seite des Geliebten erwartet? -- Lieber Leser)]






End of the Project Gutenberg EBook of Pfarre und Schule. Dritter Band., by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PFARRE UND SCHULE. DRITTER BAND. ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
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