Project Gutenberg's Aphorismen zur Lebensweisheit., by Arthur Schopenhauer

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Title: Aphorismen zur Lebensweisheit

Author: Arthur Schopenhauer

Release Date: November 20, 2014 [EBook #47406]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK APHORISMEN ZUR LEBENSWEISHEIT***




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  Schopenhauer

  Aphorismen zur
  Lebensweisheit

  1913

  Ernst Ohle in Dsseldorf

  Druck
  der Spamerschen
  Buchdruckerei in Leipzig




  Inhalt

  Einleitung
  Kapitel I. Grundeinteilung.
  Kapitel II. Von dem, was einer ist.
  Kapitel III. Von dem, was einer hat.
  Kapitel IV. Von dem, was einer vorstellt.
  Kapitel V. Parnesen und Maximen.
    A. Allgemeine.
    B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend.
    C. Unser Verhalten gegen andere betreffend.
    D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend.
  Kapitel VI. Vom Unterschiede der Lebensalter.




    _Le bonheur n'est pas chose aise: il est trs difficile de le
    trouver en nous, et impossible de le trouver ailleurs._

    _*Chamfort.*_




Einleitung.


Ich nehme den Begriff der Lebensweisheit hier gnzlich im immanenten
Sinne, nmlich in dem der Kunst, das Leben mglichst angenehm und
glcklich durchzufhren, die Anleitung zu welcher auch Eudmonologie
genannt werden knnte: sie wre demnach die Anweisung zu einem
glcklichen Dasein. Dieses nun wieder liee sich allenfalls definieren
als ein solches, welches, rein objektiv betrachtet, oder vielmehr (da
es hier auf ein subjektives Urteil ankommt) bei kalter und reiflicher
berlegung, dem Nichtsein entschieden vorzuziehn wre. Aus diesem
Begriffe desselben folgt, da wir daran hingen, seiner selbst wegen,
nicht aber blo aus Furcht vor dem Tode; und hieraus wieder, da wir
es von endloser Dauer sehn mchten. Ob nun das menschliche Leben dem
Begriff eines solchen Daseins entspreche, oder auch nur entsprechen
knne, ist eine Frage, welche bekanntlich meine Philosophie verneint;
whrend die Eudmonologie die Bejahung derselben voraussetzt. Diese
nmlich beruht eben auf dem angeborenen Irrtum, dessen Rge das 49.
Kapitel im 2. Bande meines Hauptwerks erffnet. Um eine solche dennoch
ausarbeiten zu knnen, habe ich daher gnzlich abgehn mssen von dem
hheren, metaphysisch-ethischen Standpunkte, zu welchem meine
eigentliche Philosophie hinleitet. Folglich beruht die ganze hier zu
gebende Auseinandersetzung gewissermaen auf einer Akkommodation,
sofern sie nmlich auf dem gewhnlichen, empirischen Standpunkte
bleibt und dessen Irrtum festhlt. Demnach kann auch ihr Wert nur ein
bedingter sein, da selbst das Wort Eudmonologie nur ein Euphemismus
ist. -- Ferner macht auch dieselbe keinen Anspruch auf Vollstndigkeit;
teils weil das Thema unerschpflich ist; teils weil ich sonst das von
andern bereits Gesagte htte wiederholen mssen.

Als in hnlicher Absicht, wie gegenwrtige Aphorismen, abgefat, ist
mir nur das sehr lesenswerte Buch des *Cardanus* _de utilitate ex
adversis capienda_ erinnerlich, durch welches man also das hier
Gegebene vervollstndigen kann. Zwar hat auch *Aristoteles* dem 5.
Kapitel des 1. Buches seiner Rhetorik eine kurze Eudmonologie
eingeflochten: sie ist jedoch sehr nchtern ausgefallen. Benutzt habe
ich diese Vorgnger nicht; da Kompiliren nicht meine Sache ist; und um
so weniger, als durch dasselbe die Einheit der Ansicht verloren geht,
welche die Seele der Werke dieser Art ist. -- Im allgemeinen haben
freilich die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren,
d. h. die unermeliche Majoritt aller Zeiten, haben immer dasselbe,
nmlich das Gegenteil getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.
Darum sagt *Voltaire*: _nous laisserons ce monde-ci aussi sot et aussi
mchant que nous l'avons trouv en y arrivant_.




Kapitel I.

Grundeinteilung.


Aristoteles hat (_Eth. Nicom. I, 8_) die Gter des menschlichen Lebens
in drei Klassen geteilt, -- die ueren, die der Seele und die des
Leibes. Hievon nun nichts als die Dreizahl beibehaltend, sage ich, da
was den Unterschied im Lose der Sterblichen begrndet sich auf drei
Grundbestimmungen zurckfhren lt. Sie sind:

1. Was einer *ist*: also die Persnlichkeit, im weitesten Sinne.
Sonach ist hierunter Gesundheit, Kraft, Schnheit, Temperament,
moralischer Charakter, Intelligenz und Ausbildung derselben begriffen.

2. Was einer *hat*: also Eigentum und Besitz in jeglichem Sinne.

3. Was einer *vorstellt*: unter diesem Ausdruck wird bekanntlich
verstanden, was er in der Vorstellung anderer ist, also eigentlich,
wie er von ihnen *vorgestellt wird*. Es besteht demnach in ihrer
Meinung von ihm, und zerfllt in Ehre, Rang und Ruhm.

Die unter der ersten Rubrik zu betrachtenden Unterschiede sind solche,
welche die Natur selbst zwischen Menschen gesetzt hat; woraus sich
schon abnehmen lt, da der Einflu derselben auf ihr Glck, oder
Unglck, viel wesentlicher und durchgreifender sein werde, als was die
blo aus menschlichen Bestimmungen hervorgehenden, unter den zwei
folgenden Rubriken angegebenen Verschiedenheiten herbeifhren. *Zu den
echten persnlichen Vorzgen*, dem groen Geiste oder groen Herzen,
verhalten sich alle Vorzge des Ranges, der Geburt, selbst der
kniglichen, des Reichtums u. dgl. wie die Theater-Knige zu den
wirklichen. Schon *Metrodorus*, der erste Schler Epikurs, hat ein
Kapitel berschrieben: =peri tou meizona einai tn par' hmas aitian
pros eudaimonian ts ek tn pragmatn=. (_Majorem esse causam ad
felicitatem eam, quae est ex nobis, e, quae ex rebus oritur._ -- Vgl.
_Clemens Alex. Strom. II, 21, p. 362_ der Wrzburger Ausgabe der _opp.
polem._) Und allerdings ist fr das Wohlsein des Menschen, ja, fr die
ganze Weise seines Daseins, die Hauptsache offenbar das, was in ihm
selbst besteht oder vergeht. Hier nmlich liegt unmittelbar sein
inneres Behagen oder Unbehagen, als welches zunchst das Resultat
seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; whrend alles auerhalb
Gelegene doch nur mittelbar darauf Einflu hat. Daher affiziren
dieselben uern Vorgnge oder Verhltnisse jeden ganz anders, und bei
gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer andern Welt. Denn nur mit
seinen eigenen Vorstellungen, Gefhlen und Willensbewegungen hat er es
unmittelbar zu tun: die Auendinge haben nur, sofern sie diese
veranlassen, Einflu auf ihn. Die Welt, in der jeder lebt, hngt
zunchst ab von seiner Auffassung derselben, richtet sich daher nach
der Verschiedenheit der Kpfe: dieser gem wird sie arm, schal und
flach, oder reich, interessant und bedeutungsvoll ausfallen. Whrend
z. B. mancher den andern beneidet um die interessanten Begebenheiten,
die ihm in seinem Leben aufgestoen sind, sollte er ihn vielmehr um
die Auffassungsgabe beneiden, welche jenen Begebenheiten die
Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschreibung haben: denn
dieselbe Begebenheit, welche in einem geistreichen Kopfe sich so
interessant darstellt, wrde, von einem flachen Alltagskopf aufgefat,
auch nur eine schale Szene aus der Alltagswelt sein. Im hchsten Grade
zeigt sich dies bei manchen Gedichten Goethes und Byrons, denen
offenbar reale Vorgnge zum Grunde liegen: ein trichter Leser ist
imstande, dabei den Dichter um die allerliebste Begebenheit zu
beneiden, statt um die mchtige Phantasie, welche aus einem ziemlich
alltglichen Vorfall etwas so Groes und Schnes zu machen fhig war.
Desgleichen sieht der Melancholikus eine Trauerspielszene, wo der
Sanguinikus nur einen interessanten Konflikt und der Phlegmatikus
etwas Unbedeutendes vor sich hat. Dies alles beruht darauf, da jede
Wirklichkeit, d. h. jede erfllte Gegenwart, aus zwei Hlften besteht,
dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in so notwendiger und enger
Verbindung wie Oxygen und Hydrogen im Wasser. Bei vllig gleicher
objektiver Hlfte, aber verschiedener subjektiver, ist daher, so gut
wie im umgekehrten Fall, die gegenwrtige Wirklichkeit eine ganz
andere: die schnste und beste objektive Hlfte bei stumpfer,
schlechter subjektiver, gibt doch nur eine schlechte Wirklichkeit und
Gegenwart; gleich einer schnen Gegend in schlechtem Wetter, oder im
Reflex einer schlechten _Camera obscura_. Oder planer zu reden: Jeder
steckt in seinem Bewutsein wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar
nur in demselben: daher ist ihm von auen nicht sehr zu helfen. Auf
der Bhne spielt einer den Frsten, ein anderer den Rat, ein Dritter
den Diener oder den Soldaten, oder den General usf. Aber diese
Unterschiede sind blo im uern vorhanden, im Innern, als Kern einer
solchen Erscheinung, steckt bei allen dasselbe: ein armer Komdiant,
mit seiner Plage und Not. Im Leben ist es auch so. Die Unterschiede
des Ranges und Reichtums geben jedem seine Rolle zu spielen; aber
keineswegs entspricht dieser eine innere Verschiedenheit des Glcks
und Behagens, sondern auch hier steckt in jedem derselbe arme Tropf,
mit seiner Not und Plage, die wohl dem Stoffe nach bei jedem eine
andere ist, aber der Form, d. h. dem eigentlichen Wesen nach, so
ziemlich bei allen dieselbe; wenn auch mit Unterschieden des Grades,
die sich aber keineswegs nach Stand und Reichtum, d. h. nach der Rolle
richten. Weil nmlich alles, was fr den Menschen da ist und vorgeht,
unmittelbar immer nur in seinem *Bewutsein* da ist und fr dieses
vorgeht; so ist offenbar die Beschaffenheit des Bewutseins selbst
zunchst das Wesentliche, und auf dieselbe kommt, in den meisten
Fllen, mehr an, als auf die Gestalten, die darin sich darstellen.
Alle Pracht und Gensse, abgespiegelt im dumpfen Bewutsein eines
Tropfs, sind sehr arm gegen das Bewutsein des *Cervantes*, als er in
einem unbequemen Gefngnisse den Don Quijote schrieb. -- Die objektive
Hlfte der Gegenwart und Wirklichkeit steht in der Hand des Schicksals
und ist demnach vernderlich: die subjektive sind wir selbst; daher
sie im wesentlichen unvernderlich ist. Demgem trgt das Leben jedes
Menschen, trotz aller Abwechselung von auen, durchgngig denselben
Charakter und ist einer Reihe Variationen auf *ein* Thema zu
vergleichen. Aus seiner Individualitt kann keiner heraus. Und wie das
Tier unter allen Verhltnissen, in die man es setzt, auf den engen
Kreis beschrnkt bleibt, den die Natur seinem Wesen unwiderruflich
gezogen hat, weshalb z. B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes Tier zu
beglcken, eben wegen jener Grenzen seines Wesens und Bewutseins,
stets innerhalb enger Schranken sich halten mssen; -- so ist es auch
mit dem Menschen: durch seine Individualitt ist das Ma seines
mglichen Glckes zum voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken
seiner Geisteskrfte seine Fhigkeit fr erhhten Genu ein fr
allemal festgestellt. Sind sie eng, so werden alle Bemhungen von
auen, alles, was Menschen, alles, was das Glck fr ihn tut, nicht
vermgen, ihn ber das Ma des gewhnlichen, halb tierischen
Menschenglcks und Behagens hinaus zu fhren: auf Sinnengenu,
trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und
vulgren Zeitvertreib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag
im ganzen, zur Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, wenn gleich
etwas. Denn die hchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten
Gensse sind die geistigen; wie sehr auch wir, in der Jugend, uns
darber tuschen mgen; diese aber hngen hauptschlich von der
geistigen Kraft ab. -- Hieraus also ist klar, wie sehr unser Glck
abhngt von dem, was wir *sind*, von unserer Individualitt; whrend
man meistens nur unser Schicksal, nur das, was wir *haben*, oder was
wir *vorstellen*, in Anschlag bringt. Das Schicksal aber kann sich
bessern: zudem wird man, bei innerm Reichtum, von ihm nicht viel
verlangen: hingegen ein Tropf bleibt ein Tropf, ein stumpfer Klotz ein
stumpfer Klotz, bis an sein Ende, und wre er im Paradiese und von
Huris umgeben. Deshalb sagt Goethe:

    Volk und Knecht und berwinder,
    Sie gestehn, zu jeder Zeit,
    Hchstes Glck der Erdenkinder
    Sei nur die Persnlichkeit.

    *W.O. Divan.*

Da fr unser Glck und unsern Genu das Subjektive ungleich
wesentlicher als das Objektive sei, besttigt sich in allem: von dem
an, da Hunger der beste Koch ist und der Greis die Gttin des
Jnglings gleichgltig ansieht, bis hinauf zum Leben des Genies und
des Heiligen. Besonders berwiegt die Gesundheit alle uern Gter so
sehr, da wahrlich ein gesunder Bettler glcklicher ist als ein
kranker Knig. Ein aus vollkommener Gesundheit und glcklicher
Organisation hervorgehendes, ruhiges und heiteres Temperament, ein
klarer, lebhafter, eindringender und richtig fassender Verstand, ein
gemigter, sanfter Wille und demnach ein gutes Gewissen, dies sind
Vorzge, die kein Rang oder Reichtum ersetzen kann. Denn was einer fr
sich selbst ist, was ihn in die Einsamkeit begleitet und was keiner
ihm geben oder nehmen kann, ist offenbar fr ihn wesentlicher als
alles, was er besitzen, oder auch, was er in den Augen anderer sein
mag. Ein geistreicher Mensch hat, in gnzlicher Einsamkeit, an seinen
eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, whrend
von einem Stumpfen die fortwhrende Abwechselung von Gesellschaften,
Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde Langeweile
nicht abzuwehren vermag. Ein guter, gemigter, sanfter Charakter kann
unter drftigen Umstnden zufrieden sein; whrend ein begehrlicher,
neidischer oder bser es bei allem Reichtum nicht ist. Nun aber gar
dem, welcher bestndig den Genu einer auerordentlichen, geistig
eminenten Individualitt hat, sind die meisten der allgemein
angestrebten Gensse ganz berflssig, ja, nur strend und lstig.
Daher sagt Horaz von sich:

    _Gemmas, marmor, ebur, Thyrrhena sigilla, tabellas,
    Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas,
    Sunt qui non habeant, est qui non curat habere;_

und Sokrates sagte, beim Anblick zum Verkauf ausgelegter Luxusartikel:
Wie vieles gibt es doch, was ich nicht ntig habe. Fr unser
Lebensglck ist demnach das, was wir *sind*, die Persnlichkeit,
durchaus das Erste und Wesentlichste; -- schon weil sie bestndig und
unter allen Umstnden wirksam ist: zudem aber ist sie nicht, wie die
Gter der zwei andern Rubriken, dem Schicksal unterworfen, und kann
uns nicht entrissen werden. Ihr Wert kann insofern ein absoluter
heien, im Gegensatz des blo relativen der beiden andern. Hieraus nun
folgt, da dem Menschen von auen viel weniger beizukommen ist, als
man wohl meint. Blo die allgewaltige Zeit bt auch hier ihr Recht:
ihr unterliegen allmhlich die krperlichen und geistigen Vorzge: der
moralische Charakter allein bleibt auch ihr unzugnglich. In dieser
Hinsicht htten denn freilich die Gter der zwei letztern Rubriken,
als welche die Zeit unmittelbar nicht raubt, vor denen der ersten
einen Vorzug. Einen zweiten knnte man darin finden, da sie, als im
Objektiven gelegen, ihrer Natur nach, erreichbar sind und jedem
wenigstens die Mglichkeit vorliegt, in ihren Besitz zu gelangen;
whrend hingegen das Subjektive gar nicht in unsere Macht gegeben ist,
sondern _jure divino_ eingetreten, fr das ganze Leben unvernderlich
feststeht; so da hier unerbittlich der Ausspruch gilt:

    Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
    Die Sonne stand zum Grue der Planeten,
    Bist alsobald und fort und fort gediehen
    Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
    So mut du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
    So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
    Und keine Zeit und keine Macht zerstckelt
    Geprgte Form, die lebend sich entwickelt.

    *Goethe.*

Das Einzige, was in dieser Hinsicht in unserer Macht steht, ist, da
wir die gegebene Persnlichkeit zum mglichsten Vorteile benutzen,
demnach nur die ihr entsprechenden Bestrebungen verfolgen und uns um
die Art von Ausbildung bemhen, die ihr gerade angemessen ist, jede
andere aber meiden, folglich den Stand, die Beschftigung, die
Lebensweise whlen, welche zu ihr passen.

Ein herkulischer, mit ungewhnlicher Muskelkraft begabter Mensch, der
durch uere Verhltnisse gentigt ist, einer sitzenden Beschftigung,
einer kleinlichen, peinlichen Handarbeit obzuliegen, oder auch Studien
und Kopfarbeiten zu treiben, die ganz anderartige, bei ihm
zurckstehende Krfte erfordern, folglich gerade die bei ihm
ausgezeichneten Krfte unbenutzt zu lassen, der wird sich zeitlebens
unglcklich fhlen; noch mehr aber der, bei dem die intellektuellen
Krfte sehr berwiegend sind, und der sie unentwickelt und ungenutzt
lassen mu, um ein gemeines Geschft zu treiben, das ihrer nicht
bedarf, oder gar krperliche Arbeit, zu der seine Kraft nicht recht
ausreicht. Jedoch ist hier, zumal in der Jugend, die Klippe der
Prsumtion zu vermeiden, da man sich nicht ein berma von Krften
zuschreibe, welches man nicht hat.

Aus dem entschiedenen bergewicht unsrer ersten Rubrik ber die beiden
andern geht aber auch hervor, da es weiser ist, auf Erhaltung seiner
Gesundheit und auf Ausbildung seiner Fhigkeiten, als auf Erwerbung
von Reichtum hinzuarbeiten; was jedoch nicht dahin mideutet werden
darf, da man den Erwerb des Ntigen und Angemessenen vernachlssigen
sollte. Aber eigentlicher Reichtum, d. h. groer berflu, vermag
wenig zu unserm Glck; daher viele Reiche sich unglcklich fhlen,
weil sie ohne eigentliche Geistesbildung, ohne Kenntnisse und deshalb
ohne irgend ein objektives Interesse, welches sie zu geistiger
Beschftigung befhigen knnte, sind. Denn was der Reichtum ber die
Befriedigung der wirklichen und natrlichen Bedrfnisse hinaus noch
leisten kann, ist von geringem Einflu auf unser eigentliches
Wohlbehagen: vielmehr wird dieses gestrt durch die vielen und
unvermeidlichen Sorgen, welche die Erhaltung eines groen Besitzes
herbeifhrt. Dennoch sind die Menschen aber tausend Mal mehr bemht,
sich Reichtum, als Geistesbildung zu erwerben; whrend doch ganz
gewi, was man *ist*, viel mehr zu unserm Glcke beitrgt, als was man
*hat*. Gar manchen daher sehn wir, in rastloser Geschftigkeit, emsig
wie die Ameise, vom Morgen bis zum Abend bemht, den schon vorhandenen
Reichtum zu vermehren. ber den engen Gesichtskreis des Bereichs der
Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: sein Geist ist leer, daher fr
alles andere unempfnglich. Die hchsten Gensse, die geistigen, sind
ihm unzugnglich: durch die flchtigen, sinnlichen, wenig Zeit, aber
viel Geld kostenden, die er zwischendurch sich erlaubt, sucht er
vergeblich jene anderen zu ersetzen. Am Ende seines Lebens hat er
dann, als Resultat desselben, wenn das Glck gut war, wirklich einen
recht groen Haufen Geld vor sich, welchen noch zu vermehren, oder
aber durchzubringen, er jetzt seinen Erben berlt. Ein solcher,
wiewohl mit gar ernsthafter und wichtiger Miene durchgefhrter
Lebenslauf ist daher ebenso tricht, wie mancher andere, der geradezu
die Schellenkappe zum Symbol hatte.

Also was einer *an sich selber hat*, ist zu seinem Lebensglcke das
Wesentlichste. Blo weil dieses, in der Regel, so gar wenig ist,
fhlen die meisten von denen, welche ber den Kampf mit der Not hinaus
sind, sich im Grunde ebenso unglcklich, wie die, welche sich noch
darin herumschlagen. Die Leere ihres Innern, das Fade ihres
Bewutseins, die Armut ihres Geistes treibt sie zur Gesellschaft, die
nun aber aus eben solchen besteht; weil _similis simili gaudet_. Da
wird dann gemeinschaftlich Jagd gemacht auf Kurzweil und Unterhaltung,
die sie zunchst in sinnlichen Genssen, in Vergngungen jeder Art und
endlich in Ausschweifungen suchen. Die Quelle der heillosen
Verschwendung, mittelst welcher so mancher, reich ins Leben tretende
Familiensohn, sein groes Erbteil, oft in unglaublich kurzer Zeit,
durchbringt, ist wirklich keine andere, als nur die Langeweile, welche
aus der eben geschilderten Armut und Leere des Geistes entspringt. So
ein Jngling war uerlich reich, aber innerlich arm in die Welt
geschickt und strebte nun vergeblich, durch den uern Reichtum den
innern zu ersetzen, indem er alles *von auen* empfangen wollte, --
den Greisen analog, welche sich durch die Ausdnstung junger Mdchen
zu strken suchen. Dadurch fhrte denn am Ende die innere Armut auch
noch die uere herbei.

Die Wichtigkeit der beiden andern Rubriken der Gter des menschlichen
Lebens brauche ich nicht hervorzuheben. Denn der Wert des Besitzes ist
heutzutage so allgemein anerkannt, da er keiner Empfehlung bedarf.
Sogar hat die dritte Rubrik, gegen die zweite, eine sehr therische
Beschaffenheit; da sie blo in der Meinung anderer besteht. Jedoch
nach Ehre, d. h. gutem Namen, hat jeder zu streben, nach Rang schon
nur die, welche dem Staate dienen, und nach Ruhm gar nur uerst
wenige. Indessen wird die Ehre als ein unschtzbares Gut angesehen,
und der Ruhm als das Kstlichste, was der Mensch erlangen kann, das
goldene Vlies der Auserwhlten: hingegen den Rang werden nur Toren dem
Besitze vorziehen. Die zweite und dritte Rubrik stehn brigens in
sogenannter Wechselwirkung; sofern das _habes, habeberis_ des
Petronius seine Richtigkeit hat, und, umgekehrt, die gnstige Meinung
anderer, in allen ihren Formen, oft zum Besitze verhilft.




Kapitel II.

Von dem, was einer ist.


Da dieses zu seinem Glcke viel mehr beitrgt, als was er *hat*, oder
was er *vorstellt*, haben wir bereits im allgemeinen erkannt. Immer
kommt es darauf an, was einer sei und demnach an sich selber habe:
denn seine Individualitt begleitet ihn stets und berall, und von ihr
ist alles tingirt, was er erlebt. In allem und bei allem geniet er
zunchst nur sich selbst: Dies gilt schon von den physischen; wie viel
mehr von den geistigen Genssen. Daher ist das englische _to enjoy
one's self_ ein sehr treffender Ausdruck, mit welchem man z. B. sagt
_he enjoys himself at Paris_, also nicht er geniet Paris, sondern
er geniet *sich* in Paris. -- Ist nun aber die Individualitt von
schlechter Beschaffenheit, so sind alle Gensse wie kstliche Weine in
einem mit Galle tingirten Munde. Demnach kommt, im Guten wie im
Schlimmen, schwere Unglcksflle beiseite gesetzt, weniger darauf an,
was einem im Leben begegnet und widerfhrt, als darauf, wie er es
empfindet, also auf die Art und den Grad seiner Empfnglichkeit in
jeder Hinsicht. Was einer in sich ist und an sich selber hat, kurz die
Persnlichkeit und deren Wert, ist das alleinige Unmittelbare zu
seinem Glck und Wohlsein. Alles andere ist mittelbar; daher auch
dessen Wirkung vereitelt werden kann, aber die der Persnlichkeit nie.
Darum eben ist der auf persnliche Vorzge gerichtete Neid der
unvershnlichste, wie er auch der am sorgfltigsten verhehlte ist.
Ferner ist allein die Beschaffenheit des Bewutseins das Bleibende und
Beharrende, und die Individualitt wirkt fortdauernd, anhaltend, mehr
oder minder in jedem Augenblick: alles andere hingegen wirkt immer nur
zu Zeiten, gelegentlich, vorbergehend, und ist zudem auch noch selbst
dem Wechsel und Wandel unterworfen: daher sagt Aristoteles: =h gar
physis bebaia, ou ta chrmata= (_nam natura perennis est, non opes_).
_Eth. Eud. VII, 2._ Hierauf beruht es, da wir ein ganz und gar von
auen auf uns gekommenes Unglck mit mehr Fassung ertragen, als ein
selbstverschuldetes: denn das Schicksal kann sich ndern; aber die
eigene Beschaffenheit nimmer. Demnach also sind die subjektiven Gter,
wie ein edler Charakter, ein fhiger Kopf, ein glckliches
Temperament, ein heiterer Sinn und ein wohlbeschaffener, vllig
gesunder Leib, also berhaupt _mens sana in corpore sano_ (_Juvenal.
Sat. X, 356_), zu unserm Glcke die ersten und wichtigsten; weshalb
wir auf die Befrderung und Erhaltung derselben viel mehr bedacht sein
sollten, als auf den Besitz uerer Gter und uerer Ehre.

Was nun aber, von jenen allen, uns am unmittelbarsten beglckt, ist die
Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich
augenblicklich selbst. Wer eben frhlich ist, hat allemal Ursach, es zu
sein: nmlich eben diese, da er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese
Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; whrend sie selbst
durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei jung, schn, reich und geehrt;
so frgt sich, wenn man sein Glck beurteilen will, ob er dabei heiter
sei: ist er hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung oder alt,
gerade oder bucklig, arm oder reich sei; er ist glcklich. In frher
Jugend machte ich einmal ein altes Buch auf, und da stand: wer viel
lacht, ist glcklich, und wer viel weint, ist unglcklich, -- eine sehr
einfltige Bemerkung, die ich aber, wegen ihrer einfachen Wahrheit doch
nicht habe vergessen knnen, so sehr sie auch der Superlativ eines
_truism's_ ist. Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wann immer
sie sich einstellt, Tr und Tor ffnen: denn sie kommt nie zur unrechten
Zeit; statt da wir oft Bedenken tragen, ihr Eingang zu gestatten, indem
wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinsicht Ursach
haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir frchten, in unsern
ernsthaften berlegungen und wichtigen Sorgen dadurch gestrt zu werden:
allein, was wir durch diese bessern, ist sehr ungewi; hingegen ist
Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die bare Mnze
des Glckes und nicht, wie alles andere, blo der Bankzettel; weil nur
sie unmittelbar in der Gegenwart beglckt; weshalb sie das hchste Gut
ist fr Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer unteilbaren Gegenwart
zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach sollten wir die Erwerbung
und Befrderung dieses Gutes jedem anderen Trachten vorsetzen. Nun ist
gewi, da zur Heiterkeit nichts weniger beitrgt als Reichtum, und
nichts mehr als Gesundheit: in den niedrigen, arbeitenden, zumal das
Land bestellenden Klassen sind die heiteren und zufriedenen Gesichter;
in den reichen und vornehmen die verdrielichen zu Hause. Folglich
sollten wir vor allem bestrebt sein, uns den hohen Grad vollkommener
Gesundheit zu erhalten, als dessen Blte die Heiterkeit sich einstellt.
Die Mittel hiezu sind bekanntlich Vermeidung aller Exzesse und
Ausschweifungen, aller heftigen oder unangenehmen Gemtsbewegungen,
auch aller zu groen oder zu anhaltenden Geistesanstrengung, tglich
wenigstens zwei Stunden rascher Bewegung in freier Luft, viel kaltes
Baden und hnliche ditetische Maregeln. Ohne tgliche gehrige
Bewegung kann man nicht gesund bleiben; alle Lebensprozesse erfordern,
um gehrig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie
vorgehen, als des Ganzen. Daher sagt Aristoteles mit Recht: =ho bios
en t kinsei esti=. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein
Wesen in ihr. Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhrliche,
rasche Bewegung: das Herz, in seiner komplizierten doppelten Systole
und Diastole, schlgt heftig und unermdlich; mit 28 seiner Schlge
hat es die gesamte Blutmasse durch den ganzen groen und kleinen
Kreislauf hindurch getrieben; die Lunge pumpt ohne Unterla wie eine
Dampfmaschine; die Gedrme winden sich stets im _motus peristalticus_;
alle Drsen saugen und sezernieren bestndig, selbst das Gehirn hat
eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug. Wenn
nun hiebei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzhliger
Menschen der Fall ist, die uere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so
entsteht ein schreiendes und verderbliches Miverhltnis zwischen der
uern Ruhe und dem innern Tumult. Denn sogar will die bestndige innere
Bewegung durch die uere etwas untersttzt sein: jenes Miverhltnis
aber wird dem analog, wenn, infolge irgend eines Affekts, es in unserm
Innern kocht, wir aber nach auen nichts davon sehen lassen drfen.
Sogar die Bume bedrfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch den Wind.
Dabei gilt eine Regel, die sich am krzesten lateinisch ausdrcken lt:
_omnis motus, quo celerior, eo magis motus_. -- Wie sehr unser Glck von
der Heiterkeit der Stimmung und diese vom Gesundheitszustande abhngt,
lehrt die Vergleichung des Eindrucks, den die nmlichen uern
Verhltnisse, oder Vorflle, am gesunden und rstigen Tage auf uns
machen, mit dem, welchen sie hervorbringen, wann Krnklichkeit uns
verdrielich und ngstlich gestimmt hat. Nicht was die Dinge objektiv
und wirklich sind, sondern was sie fr uns, in unsrer Auffassung sind,
macht uns glcklich oder unglcklich: Dies eben besagt Epiktets
=tarassei tous anthrpous ou ta pragmata, alla ta peri tn pragmatn
dogmata= (_commovent homines non res, sed de rebus opiniones_).
berhaupt aber beruhen 9/10 unseres Glckes allein auf der Gesundheit.
Mit ihr wird alles eine Quelle des Genusses: hingegen ist ohne sie kein
ueres Gut, welcher Art es auch sei, geniebar, und selbst die brigen
subjektiven Gter, die Eigenschaften des Geistes, Gemtes, Temperaments,
werden durch Krnklichkeit herabgestimmt und sehr verkmmert. Demnach
geschieht es nicht ohne Grund, da man vor allen Dingen sich gegenseitig
nach dem Gesundheitszustande befragt und einander sich wohlzubefinden
wnscht: denn wirklich ist dieses bei weitem die Hauptsache zum
menschlichen Glck. Hieraus aber folgt, da die grte aller Torheiten
ist, seine Gesundheit aufzuopfern, fr was es auch sei, fr Erwerb, fr
Befrderung, fr Gelehrsamkeit, fr Ruhm, geschweige fr Wollust und
flchtige Gensse: vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.

So viel nun aber auch zu der, fr unser Glck so wesentlichen
Heiterkeit die Gesundheit beitrgt, so hngt jene doch nicht von
dieser allein ab: denn auch bei vollkommener Gesundheit kann ein
melancholisches Temperament und eine vorherrschend trbe Stimmung
bestehn. Der letzte Grund davon liegt ohne Zweifel in der
ursprnglichen und daher unabnderlichen Beschaffenheit des
Organismus, und zwar zumeist in dem mehr oder minder normalen
Verhltnis der Sensibilitt zur Irritabilitt und Reproduktionskraft.
Abnormes bergewicht der Sensibilitt wird Ungleichheit der Stimmung,
periodische bermige Heiterkeit und vorwaltende Melancholie
herbeifhren. Weil nun auch das Genie durch ein berma der
Nervenkraft, also der Sensibilitt, bedingt ist, so hat Aristoteles
ganz richtig bemerkt, da alle ausgezeichnete und berlegene Menschen
melancholisch seien: =pantes hosoi perittoi gegonasin andres,  kata
philosophian,  politikn,  poisin  technas, phainontai
melancholikoi ontes= (_Probl. 30, 1_). Ohne Zweifel ist dieses die
Stelle, welche Cicero im Auge hatte bei seinem oft angefhrten
Bericht: _Aristoteles ait, omnes ingeniosos melancholicos esse_
(_Tusc. I, 33_). Die hier in Betrachtung genommene, angeborene, groe
Verschiedenheit der Grundstimmung berhaupt aber hat *Shakespeare*
sehr artig geschildert:

    _Nature has fram'd strange fellows in her time:
    Some that will evermore peep through their eyes,
    And laugh, like parrots, at a bag-piper;
    And others of such vinegar aspect,
    That they'll not show their teeth in way of smile,
    Though Nestor swear the jest be laughable[A]._

    _Merch. of Ven. Sc. I._

  [A] Die Natur hat in ihren Tagen seltsame Kuze hervorgebracht,
  einige, die stets aus ihren uglein vergngt hervorgucken, und, wie
  Papageien ber einen Dudelsackspieler lachen, und andere von so
  sauertpfischem Ansehn, da sie ihre Zhne nicht durch ein Lcheln
  blo legen, wenn auch Nestor selbst schwre, der Spa sei lachenswert.

Eben dieser Unterschied ist es, den *Plato* durch die Ausdrcke
=dyskolos= und =eukolos= bezeichnet. Derselbe lt sich zurckfhren
auf die bei verschiedenen Menschen sehr verschiedene Empfnglichkeit
fr angenehme und unangenehme Eindrcke, infolge welcher der eine noch
lacht bei dem, was den andern fast zur Verzweiflung bringt: und zwar
pflegt die Empfnglichkeit fr angenehme Eindrcke desto schwcher zu
sein, je strker die fr unangenehme ist, und umgekehrt. Nach gleicher
Mglichkeit des glcklichen und des unglcklichen Ausgangs einer
Angelegenheit wird der =dyskolos= beim unglcklichen sich rgern oder
grmen, beim glcklichen aber sich nicht freuen; der =eukolos=
hingegen wird ber den unglcklichen sich nicht rgern, noch grmen,
aber ber den glcklichen sich freuen. Wenn dem =dyskolos= von zehn
Vorhaben neun gelingen, so freut er sich nicht ber diese, sondern
rgert sich ber das eine milungene: der =eukolos= wei, im
umgekehrten Fall, sich doch mit dem einen gelungenen zu trsten und
aufzuheitern. -- Wie nun aber nicht leicht ein bel ohne alle
Kompensation ist; so ergibt sich auch hier, da die =dyskoloi=, also
die finstern und ngstlichen Charaktere, im ganzen, zwar mehr
imaginre, dafr aber weniger reale Unflle und Leiden zu berstehn
haben werden als die heitern und sorglosen: denn wer alles schwarz
sieht, stets das Schlimmste befrchtet und demnach seine Vorkehrungen
trifft, wird sich nicht so oft verrechnet haben, als wer stets den
Dingen die heitere Farbe und Aussicht leiht. -- Wann jedoch eine
krankhafte Affektion des Nervensystems oder der Verdauungswerkzeuge,
der angeborenen =dyskolia= in die Hnde arbeitet; dann kann diese den
hohen Grad erreichen, wo dauerndes Mibehagen Lebensberdru erzeugt
und demnach Hang zum Selbstmord entsteht. Diesen vermgen alsdann
selbst die geringsten Unannehmlichkeiten zu veranlassen; ja, bei den
hchsten Graden des bels bedarf es derselben nicht einmal; sondern
blo infolge des anhaltenden Mibehagens wird der Selbstmord
beschlossen und alsdann mit so khler berlegung und fester
Entschlossenheit ausgefhrt, da der meistens schon unter Aufsicht
gestellte Kranke, stets darauf gerichtet, den ersten unbewachten
Augenblick benutzt, um, ohne Zaudern, Kampf und Zurckbeben, jenes ihm
jetzt natrliche und willkommene Erleichterungsmittel zu ergreifen.
Ausfhrliche Beschreibungen dieses Zustandes gibt _Esquirol, des
maladies mentales_. Allerdings aber kann, nach Umstnden, auch der
gesundeste und vielleicht selbst der heiterste Mensch sich zum
Selbstmord entschlieen, wenn nmlich die Gre der Leiden, oder des
unausweichbar herannahenden Unglcks, die Schrecken des Todes
berwltigt. Der Unterschied liegt allein in der verschiedenen Gre
des dazu erforderlichen Anlasses, als welche mit der =dyskolia= in
umgekehrtem Verhltnis steht. Je grer diese ist, desto geringer kann
jener sein, ja am Ende auf Null herabsinken: je grer hingegen die
=eukolia= und die sie untersttzende Gesundheit, desto mehr mu im
Anla liegen. Danach gibt es unzhlige Abstufungen der Flle, zwischen
den beiden Extremen des Selbstmordes, nmlich dem des rein aus
krankhafter Steigerung der angebornen =dyskolia= entspringenden, und
dem des Gesunden und Heiteren, ganz aus objektiven Grnden.

Der Gesundheit zum Teil verwandt ist die Schnheit. Wenngleich dieser
subjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unserm Glcke
beitrgt, sondern blo mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; so
ist er doch von groer Wichtigkeit, auch im Manne. Schnheit ist ein
offener Empfehlungsbrief, der die Herzen zum voraus fr uns gewinnt:
daher gilt besonders von ihr der Homerische Vers:

    =Outoi apoblt' esti then erikydea dra,
    Hossa ken autoi dsi, hekn d' ouk an tis heloito.=

Der allgemeinste berblick zeigt uns, als die beiden Feinde des
menschlichen Glckes, den Schmerz und die Langeweile. Dazu noch lt
sich bemerken, da, in dem Mae, als es uns glckt, von einem
derselben uns zu entfernen, wir dem andern uns nhern, und umgekehrt;
so da unser Leben wirklich eine strkere oder schwchere Oszillation
zwischen ihnen darstellt. Dies entspringt daraus, da beide in einem
doppelten Antagonismus zu einander stehn, einem uern oder
objektiven, und einem innern oder subjektiven. uerlich nmlich
gebiert Not und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und
berflu die Langeweile. Demgem sehen wir die niedere Volksklasse in
einem bestndigen Kampf gegen die Not, also den Schmerz; die reiche
und vornehme Welt hingegen in einem anhaltenden oft wirklich
verzweifelten Kampf gegen die Langeweile. Der innere oder subjektive
Antagonismus derselben aber beruht darauf, da, im einzelnen Menschen,
die Empfnglichkeit fr das eine in entgegengesetztem Verhltnis zu
der fr das andere steht, indem sie durch das Ma seiner Geisteskrfte
bestimmt wird. Nmlich Stumpfheit des Geistes ist durchgngig im
Verein mit Stumpfheit der Empfindung und Mangel an Reizbarkeit, welche
Beschaffenheit fr Schmerzen und Betrbnisse jeder Art und Gre
weniger empfnglich macht: aus eben dieser Geistesstumpfheit aber geht
andrerseits jene, auf zahllosen Gesichtern ausgeprgte, wie auch durch
die bestndig rege Aufmerksamkeit auf alle, selbst die kleinsten
Vorgnge in der Auenwelt sich verratende *innere Leerheit* hervor,
welche die wahre Quelle der Langeweile ist und stets nach uerer
Anregung lechzt, um Geist und Gemt durch irgend etwas in Bewegung zu
bringen. In der Wahl desselben ist sie daher nicht ekel; wie dies die
Erbrmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen man Menschen
greifen sieht, imgleichen die Art ihrer Geselligkeit und Konversation,
nicht weniger die vielen Trsteher und Fenstergucker. Hauptschlich
aus dieser inneren Leerheit entspringt die Sucht nach Gesellschaft,
Zerstreuung, Vergngen und Luxus jeder Art, welche viele zur
Verschwendung und dann zum Elende fhrt. Vor diesem Elende bewahrt
nichts so sicher, als der *innere* Reichtum, der Reichtum des Geistes:
denn dieser lt, je mehr er sich der Eminenz nhert, der Langenweile
immer weniger Raum. Die unerschpfliche Regsamkeit der Gedanken aber,
ihr an den mannigfaltigen Erscheinungen der Innen- und Auenwelt sich
stets erneuerndes Spiel, die Kraft und der Trieb zu immer andern
Kombinationen derselben, setzen den eminenten Kopf, die Augenblicke
der Abspannung abgerechnet, ganz auer den Bereich der Langenweile.
Andrerseits nun aber hat die gesteigerte Intelligenz eine erhhte
Sensibilitt zur unmittelbaren Bedingung, und grere Heftigkeit des
Willens, also der Leidenschaftlichkeit, zur Wurzel: aus ihrem Verein
mit diesen erwchst nun eine viel grere Strke aller Affekte und
eine gesteigerte Empfindlichkeit gegen die geistigen und selbst gegen
krperliche Schmerzen, sogar grere Ungeduld bei allen Hindernissen
oder auch nur Strungen; welches alles zu erhhen die aus der Strke
der Phantasie entspringende Lebhaftigkeit smtlicher Vorstellungen,
also auch der widerwrtigen, mchtig beitrgt. Das Gesagte gilt nun
verhltnismig von allen den Zwischenstufen, welche den weiten Raum
vom stumpfesten Dummkopf bis zum grten Genie ausfllen. Demzufolge
steht jeder, wie objektiv, so auch subjektiv, der einen Quelle der
Leiden des menschlichen Lebens um so nher, als er von der andern
entfernter ist. Dem entsprechend wird sein natrlicher Hang ihn
anleiten, in dieser Hinsicht das Objektive dem Subjektiven mglichst
anzupassen, also gegen *die* Quelle der Leiden, fr welche er die
grere Empfnglichkeit hat, die grere Vorkehr zu treffen. Der
geistreiche Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit,
Ungehudeltsein, Ruhe und Mue streben, folglich ein stilles,
bescheidenes, aber mglichst unangefochtenes Leben suchen und
demgem, nach einiger Bekanntschaft mit den sogenannten Menschen, die
Zurckgezogenheit und, bei groem Geiste, sogar die Einsamkeit whlen.
Denn je mehr einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von
auen und desto weniger knnen auch die brigen ihm sein. Darum fhrt
die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. Ja, wenn die Qualitt der
Gesellschaft sich durch die Quantitt ersetzen liee; da wre es der
Mhe wert, sogar in der groen Welt zu leben: aber leider geben
hundert Narren, auf einem Haufen, noch keinen gescheuten Mann. -- Der
vom andern Extrem wird, sobald die Not ihn zu Atem kommen lt,
Kurzweil und Gesellschaft, um jeden Preis suchen und mit allem leicht
vorlieb nehmen, nichts so sehr fliehend wie sich selbst. Denn in der
Einsamkeit, als wo jeder auf sich selbst zurckgewiesen ist, da zeigt
sich, was er *an sich selber* hat: da seufzt der Tropf im Purpur unter
der unabwlzbaren Last seiner armseligen Individualitt; whrend der
Hochbegabte die deste Umgebung mit seinen Gedanken bevlkert und
belebt. Daher ist sehr wahr, was *Seneka* sagt: _omnes stultitia
laborat fastidio sui_ (_ep. 9_); wie auch Jesus Sirachs Ausspruch:
des Narren Leben ist rger denn der Tod. Demgem wird man, im
ganzen, finden, da jeder in dem Mae gesellig ist, wie er geistig arm
und berhaupt gemein ist. Denn man hat in der Welt nicht viel mehr,
als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit. Die geselligsten
aller Menschen sollen die Neger sein, wie sie eben auch intellektuell
entschieden zurckstehn: nach Berichten aus Nord-Amerika, in
Franzsischen Zeitungen (_le Commerce, Octbr. 19, 1837_), sperren die
Schwarzen, Freie und Sklaven durcheinander, in groer Anzahl, sich in
den engsten Raum zusammen, weil sie ihr schwarzes Stumpfnasengesicht
nicht oft genug wiederholt erblicken knnen.

Dem entsprechend, da das Gehirn als der Parasit oder Pensionr des
ganzen Organismus auftritt, ist die errungene *freie Mue* eines
jeden, indem sie ihm den freien Genu seines Bewutseins und seiner
Individualitt gibt, die Frucht und der Ertrag seines gesamten
Daseins, welches im brigen nur Mhe und Arbeit ist. Was nun aber
wirft die freie Mue der meisten Menschen ab? Langeweile, und
Dumpfheit, so oft nicht sinnliche Gensse oder Albernheiten da sind,
sie auszufllen. Wie vllig wertlos sie ist, zeigt die Art, wie sie
solche zubringen: sie ist eben das _ozio lungo d'uomini ignoranti_ des
Ariosto. Die gewhnlichen Leute sind blo darauf bedacht, die Zeit
*zuzubringen*; wer irgend ein Talent hat, -- sie *zu benutzen*. -- Da
die beschrnkten Kpfe der Langeweile so sehr ausgesetzt sind, kommt
daher, da ihr Intellekt durchaus nichts weiter, als das *Medium der
Motive* fr ihren Willen ist. Sind nun vor der Hand keine Motive
aufzufassen da; so ruht der Wille und feiert der Intellekt; dieser,
weil er so wenig wie jener auf eigene Hand in Ttigkeit gert: das
Resultat ist schreckliche Stagnation aller Krfte im ganzen Menschen,
-- Langeweile. Dieser zu begegnen, schiebt man nun dem Willen kleine,
blo einstweilige und beliebig angenommene Motive vor, ihn zu erregen
und dadurch auch den Intellekt, der sie aufzufassen hat, in Ttigkeit
zu versetzen: diese verhalten sich demnach zu den wirklichen und
natrlichen Motiven wie Papiergeld zu Silber; da ihre Geltung eine
willkrlich angenommene ist. Solche Motive nun sind die *Spiele*, mit
Karten usw., welche zu besagtem Zweck erfunden worden sind. Fehlt es
daran, so hilft der beschrnkte Mensch sich durch Klappern oder
Trommeln, mit allem, was er in die Hand kriegt. Auch die Zigarre ist
ihm ein willkommenes Surrogat der Gedanken. -- Daher also ist, in
allen Lndern, die Hauptbeschftigung aller Gesellschaft das
Kartenspiel geworden: es ist der Mastab des Wertes derselben und der
deklarierte Bankrott an allen Gedanken. Weil sie nmlich keine
Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen
einander Gulden abzunehmen. O, klgliches Geschlecht! Und indessen
auch hier nicht ungerecht zu sein, will ich den Gedanken nicht
unterdrcken, da man zur Entschuldigung des Kartenspiels allenfalls
anfhren knnte, es sei eine Vorbung zum Welt- und Geschftsleben,
sofern man dadurch lernt, die vom Zufall unabnderlich gegebenen
Umstnde (Karten) klug zu benutzen, um daraus was immer angeht zu
machen, zu welchem Zwecke man sich denn auch gewhnt, Contenance zu
halten, indem man zum schlechten Spiel eine heitere Miene aufsetzt.
Aber eben deshalb hat andererseits das Kartenspiel einen
demoralisierenden Einflu. Der Geist des Spiels nmlich ist, da man
auf alle Weise, durch jeden Streich und jeden Schlich, dem andern das
Seinige abgewinne. Aber die Gewohnheit, im Spiel so zu verfahren,
wurzelt ein, greift ber in das praktische Leben, und man kommt
allmlig dahin, in den Angelegenheiten des Mein und Dein es ebenso zu
machen und jeden Vorteil, den man eben in der Hand hlt, fr erlaubt
zu halten, sobald man nur es gesetzlich darf. Belege hiezu gibt ja das
brgerliche Leben tglich. -- Weil also, wie gesagt, die *freie Mue*
die Blte, oder vielmehr die Frucht des Daseins eines jeden ist, indem
nur sie ihn in den Besitz seines eigenen Selbst einsetzt, so sind die
glcklich zu preisen, welche dann auch etwas Rechtes an sich selber
erhalten; whrend den Allermeisten die freie Mue nichts abwirft, als
einen Kerl, mit dem nichts anzufangen ist, der sich schrecklich
langweilt, sich selber zur Last. Demnach freuen wir uns, ihr lieben
Brder, da wir nicht sind der Magd Kinder, sondern der Freien. (Gal.
4, 31.)

Ferner, wie das Land am glcklichsten ist, welches weniger oder keiner
Einfuhr bedarf; so auch der Mensch, der an seinem innern Reichtum
genug hat und zu seiner Unterhaltung wenig oder nichts von auen ntig
hat; da dergleichen Zufuhr viel kostet, abhngig macht, Gefahr bringt,
Verdru verursacht und am Ende doch nur ein schlechter Ersatz ist fr
die Erzeugnisse des eigenen Bodens. Denn von andern, von auen
berhaupt, darf man in keiner Hinsicht viel erwarten. Was einer dem
andern sein kann, hat seine sehr engen Grenzen: am Ende bleibt doch
jeder allein, und da kommt es darauf an, *wer* jetzt allein sei. Auch
hier gilt demnach was Goethe (Dicht. u. Wahrh. Bd. 3, S. 474) im
allgemeinen ausgesprochen hat, da, in allen Dingen, jeder zuletzt auf
sich selbst zurckgewiesen wird, oder, wie *Oliver Goldsmith* sagt:

    _Still to ourselves in ev'ry place consign'd,
    Our own felicity we make or find._

    (_The Traveller v. 431 sq._)

Das Beste und Meiste mu daher jeder sich selber sein und leisten. Je
mehr nun dieses ist, und je mehr demzufolge er die Quellen seiner
Gensse in sich selbst findet, desto glcklicher wird er sein. Mit
grtem Rechte also sagt Aristoteles: =h eudaimonia tn autarkn
esti= (_Eth. Eud. VII, 2_), zu deutsch: das Glck gehrt denen, die
sich selber gengen. Denn alle uern Quellen des Glckes und Genusses
sind, ihrer Natur nach, hchst unsicher, milich, vergnglich und dem
Zufall unterworfen, drften daher, selbst unter den gnstigsten
Umstnden, leicht stocken; ja, dieses ist unvermeidlich, sofern sie
doch nicht stets zur Hand sein knnen. Im Alter nun gar versiegen sie
fast alle notwendig: denn da verlt uns Liebe, Scherz, Reiselust,
Pferdelust und Tauglichkeit fr die Gesellschaft: sogar die Freunde
und Verwandten entfhrt uns der Tod. Da kommt es denn, mehr als je,
darauf an, was einer an sich selber habe. Denn dieses wird am lngsten
Stich halten. Aber auch in jedem Alter ist und bleibt es die echte und
allein ausdauernde Quelle des Glcks. Ist doch in der Welt berall
nicht viel zu holen: Not und Schmerz erfllen sie, und auf die, welche
diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. Zudem
hat in der Regel die Schlechtigkeit die Herrschaft darin und die
Torheit das groe Wort. Das Schicksal ist grausam und die Menschen
sind erbrmlich. In einer so beschaffenen Welt gleicht der, welcher
viel an sich selber hat, der hellen, warmen lustigen Weihnachtsstube,
mitten im Schnee und Eise der Dezembernacht. Demnach ist eine
vorzgliche, eine reiche Individualitt und besonders sehr viel Geist
zu haben ohne Zweifel das glcklichste Los auf Erden; so verschieden
es etwan auch von dem glnzendesten ausgefallen sein mag. Daher war es
ein weiser Ausspruch der erst 19jhrigen Knigin Christine von
Schweden, ber den ihr noch blo durch *einen* Aufsatz und aus
mndlichen Berichten bekannt gewordenen Kartesius, welcher damals seit
20 Jahren in der tiefsten Einsamkeit, in Holland, lebte: _Mr.
Descartes est le plus heureux de tous les hommes, et sa condition me
semble digne d'envie._ (_Vie de Descartes par Baillet, Liv. VII, ch.
10._) Nur mssen, wie es eben auch der Fall des Kartesius war, die
ueren Umstnde es so weit begnstigen, da man auch sich selbst
besitzen und seiner froh werden knne; weshalb schon Koheleth (7, 12)
sagt: Weisheit ist gut mit einem Erbgut, und hilft, da einer sich
der Sonne freuen kann. Wem nun, durch Gunst der Natur und des
Schicksals, dieses Los beschieden ist, der wird mit ngstlicher
Sorgfalt darber wachen, da die innere Quelle seines Glckes ihm
zugnglich bleibe; wozu Unabhngigkeit und Mue die Bedingungen sind.
Diese wird er daher gern durch Migkeit und Sparsamkeit erkaufen; um
so mehr, als er nicht, gleich den andern, auf die uern Quellen der
Gensse verwiesen ist. Darum wird die Aussicht auf mter, Geld, Gunst
und Beifall der Welt, ihn nicht verleiten, sich selber aufzugeben, um
den niedrigen Absichten oder dem schlechten Geschmacke der Menschen
sich zu fgen. Vorkommenden Falls wird er es machen wie *Horaz* in der
Epistel an den Mcenas (_Lib. I, ep. 7_). Es ist eine groe Torheit,
um *nach auen* zu gewinnen, *nach innen* zu verlieren, d. h. fr
Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Mue und
Unabhngigkeit ganz oder groenteils hinzugeben. Dies hat aber
*Goethe* getan. Mich hat mein Genius mit Entschiedenheit nach der
andern Seite gezogen.

Die hier errterte Wahrheit, da die Hauptquelle des menschlichen
Glckes im eigenen Innern entspringt, findet ihre Besttigung auch an
der sehr richtigen Bemerkung des *Aristoteles*, in der Nikomachischen
Ethik (_I, 7; et VII, 13, 14_), da jeglicher Genu irgendeine
Aktivitt, also die Anwendung irgendeiner Kraft voraussetzt und ohne
solche nicht bestehn kann. Diese Aristotelische Lehre, da das Glck
eines Menschen in der ungehinderten Ausbung seiner hervorstechenden
Fhigkeit bestehe, gibt auch Stobos wieder in seiner Darstellung der
peripatetischen Ethik (_Ecl. eth. II, c. 7, p. 268-278_), z. B.
=energeian einai tn eudaimonian kat' aretn, en praxesi progoumenais
kat' euchn= (_felicitatem esse functionem secundum virtutem, per
actiones successus compotes_); auch mit der Erklrung, da =aret=
jede Virtuositt sei. Nun ist die ursprngliche Bestimmung der Krfte,
mit welchen die Natur den Menschen ausgerstet hat, der Kampf gegen
die Not, die ihn von allen Seiten bedrngt. Wenn aber dieser Kampf
einmal rastet, da werden ihm die unbeschftigten Krfte zur Last: er
mu daher jetzt mit ihnen *spielen*, d. h. sie zwecklos gebrauchen:
denn sonst fllt er der anderen Quelle des menschlichen Leidens, der
Langeweile, sogleich anheim. Von dieser sind daher vor allem die
Groen und Reichen gemartert, und hat von ihrem Elend schon Lukretius
eine Schilderung gegeben, deren Treffendes zu erkennen man noch heute,
in jeder groen Stadt, tglich Gelegenheit findet:

    _Exit saepe foras magnis ex aedibus ille,
    Esse domi quem pertaesum est, subitoque reventat;
    Quippe foris nihilo melius qui sentiat esse.
    Currit, agens mannos, ad villam praecipitanter,
    Auxilium tectis quasi ferre ardentibus instans:
    Oscitat extemplo, tetigit quum limina villae;
    Aut abit in somnum gravis, atque oblivia quaerit;
    Aut etiam properans urbem petit, atque revisit._

    _III, 1073._

Bei diesen Herren mu in der Jugend die Muskelkraft und die
Zeugungskraft herhalten. Aber spterhin bleiben nur die Geisteskrfte:
fehlt es dann an diesen, oder an ihrer Ausbildung und dem
angesammelten Stoffe zu ihrer Ttigkeit, so ist der Jammer gro. Weil
nun der *Wille* die einzige unerschpfliche Kraft ist; so wird er
jetzt angereizt durch Erregung der Leidenschaften, z. B. durch hohe
Hasardspiele, dieses wahrhaft degradierende Laster. -- berhaupt aber
wird jedes unbeschftigte Individuum, je nach der Art der in ihm
vorwaltenden Krfte, sich ein Spiel zu ihrer Beschftigung whlen:
etwan Kegel oder Schach; Jagd oder Malerei; Wettrennen oder Musik;
Kartenspiel oder Poesie; Heraldik oder Philosophie, usw. Wir knnen
sogar die Sache methodisch untersuchen, indem wir auf die Wurzel aller
menschlichen Kraftuerungen zurckgehen, also auf die *drei
physiologischen Grundkrfte*, welche wir demnach hier in ihrem
zwecklosen Spiele zu betrachten haben, in welchem sie als die Quellen
dreier Arten mglicher Gensse auftreten, aus denen jeder Mensch, je
nachdem die eine oder die andere jener Krfte in ihm vorwaltet, die
ihm angemessenen erwhlen wird. Also zuerst, die Gensse der
*Reproduktionskraft*: sie bestehn im Essen, Trinken, Verdauen, Ruhen
und Schlafen. Diese werden daher sogar ganzen Vlkern als ihre
Nationalvergngungen von den andern nachgerhmt. Zweitens die Gensse
der *Irritabilitt*: sie bestehen im Wandern, Springen, Ringen,
Tanzen, Fechten, Reiten und athletischen Spielen jeder Art, wie auch
in der Jagd und sogar in Kampf und Krieg. Drittens, die Gensse der
*Sensibilitt*: sie bestehen im Beschauen, Denken, Empfinden, Dichten,
Bilden, Musiziren, Lernen, Lesen, Meditieren, Erfinden, Philosophiren
usw. -- ber den Wert, den Grad, die Dauer jeder dieser Arten der
Gensse lassen sich mancherlei Betrachtungen anstellen, die dem Leser
selbst berlassen bleiben. Jedem aber wird dabei einleuchten, da
unser allemal durch den Gebrauch der eigenen Krfte bedingter Genu
und mithin unser in dessen hufiger Wiederkehr bestehendes Glck, um
so grer sein wird, je edlerer Art die ihn bedingende Kraft ist. Den
Vorrang, welchen in dieser Hinsicht die Sensibilitt, deren
entschiedenes berwiegen das Auszeichnende des Menschen vor den
brigen Tiergeschlechtern ist, vor den beiden andern physiologischen
Grundkrften hat, als welche in gleichem und sogar in hherem Grade
den Tieren einwohnen, wird ebenfalls niemand ableugnen. Der
Sensibilitt gehren unsere Erkenntniskrfte an: daher befhigt das
berwiegen derselben zu den im *Erkennen* bestehenden, also den
sogenannten *geistigen* Genssen, und zwar zu um so greren, je
entschiedener jenes berwiegen ist[B]. Dem normalen, gewhnlichen
Menschen kann eine Sache allein dadurch lebhafte Teilnahme abgewinnen,
da sie seinen *Willen* anregt, also ein persnliches Interesse fr
ihn hat. Nun ist aber jede anhaltende Erregung des *Willens*
wenigstens gemischter Art, also mit Schmerz verknpft. Ein
absichtliches Erregungsmittel desselben und zwar mittels so kleiner
Interessen, da sie nur momentane und leichte, nicht bleibende und
ernstliche Schmerzen verursachen knnen, sonach als ein bloes Kitzeln
des Willens zu betrachten sind, ist das Kartenspiel, diese
durchgngige Beschftigung der guten Gesellschaft, aller Orten[C].
-- Der Mensch von berwiegenden Geisteskrften hingegen ist der
lebhaftesten Teilnahme auf dem Wege bloer *Erkenntnis*, ohne alle
Einmischung des *Willens*, fhig, ja bedrftig. Diese Teilnahme aber
versetzt ihn alsdann in eine Region, welcher der Schmerz wesentlich
fremd ist, gleichsam in die Atmosphre der leicht lebenden Gtter,
=thean rheia zontn=. Whrend demnach das Leben der brigen in
Dumpfheit dahingeht, indem ihr Dichten und Trachten gnzlich auf die
kleinlichen Interessen der persnlichen Wohlfahrt und dadurch auf
Miseren aller Art gerichtet ist, weshalb unertrgliche Langeweile sie
befllt, sobald die Beschftigung mit jenen Zwecken stockt und sie auf
sich selbst zurckgewiesen werden, indem nur das wilde Feuer der
Leidenschaft einige Bewegung in die stockende Masse zu bringen vermag;
so hat dagegen der mit berwiegenden Geisteskrften ausgestattete
Mensch ein gedankenreiches, durchweg belebtes und bedeutsames Dasein:
wrdige und interessante Gegenstnde beschftigen ihn, sobald er sich
ihnen berlassen darf und in sich selbst trgt er eine Quelle der
edelsten Gensse. Anregung von auen geben ihm die Werke der Natur und
der Anblick des menschlichen Treibens, sodann die so verschiedenartigen
Leistungen der Hochbegabten aller Zeiten und Lnder, als welche
eigentlich nur ihm ganz geniebar, weil nur ihm ganz verstndlich und
fhlbar sind. Fr ihn demnach haben jene wirklich gelebt, an ihn haben
sie sich eigentlich gewendet; whrend die brigen nur als zufllige
Zuhrer eines und das andere halb auffassen. Freilich aber hat er
durch dieses alles ein Bedrfnis mehr als die andern, das Bedrfnis zu
lernen, zu sehen, zu studiren, zu meditiren, zu ben, folglich auch
das Bedrfnis freier Mue: aber eben weil, wie *Voltaire* richtig
bemerkt, _il n'est de vrais plaisirs qu'avec de vrais besoins_, so ist
dies Bedrfnis die Bedingung dazu, da ihm Gensse offen stehn, welche
den andern versagt bleiben, als welchen Natur- und Kunstschnheiten
und Geisteswerke jeder Art, selbst wenn sie solche um sich anhufen,
im Grunde doch nur das sind, was Hetren einem Greise. Ein so
bevorzugter Mensch fhrt infolge davon neben seinem persnlichen Leben
noch ein zweites, nmlich ein intellektuelles, welches ihm allmlig
zum eigentlichen Zweck wird, zu welchem er jenes erstere nur noch als
Mittel ansieht: whrend den brigen dieses schale, leere und betrbte
Dasein selbst als Zweck gelten mu. Jenes intellektuelle Leben wird
daher ihn vorzugsweise beschftigen und es erhlt, durch den
fortwhrenden Zuwachs an Einsicht und Erkenntnis, einen Zusammenhang,
eine bestndige Steigerung, eine sich mehr und mehr abrundende
Ganzheit und Vollendung, wie ein werdendes Kunstwerk; wogegen das blo
praktische, blo auf persnliche Wohlfahrt gerichtete, blo eines
Zuwachses in der Lnge, nicht in der Tiefe fhige Leben der andern
traurig absticht, dennoch ihnen, wie gesagt, als Selbstzweck gelten
mu; whrend es jenem bloes Mittel ist.

  [B] Die Natur steigert sich fortwhrend, zunchst vom mechanischen und
  chemischen Wirken des unorganischen Reiches zum vegetabilischen und
  seinem dumpfen Selbstgenu, von da zum Tierreich, mit welchem die
  Intelligenz und das Bewutsein anbricht und nun von schwachen Anfngen
  stufenweise immer hher steigt und endlich durch den letzten und
  grten Schritt bis zum *Menschen* sich erhebt, in dessen Intellekt
  also die Natur den Gipfelpunkt und das Ziel ihrer Produktionen
  erreicht, also das Vollendetste und Schwierigste liefert, was sie
  hervorzubringen vermag. Selbst innerhalb der menschlichen Spezies aber
  stellt der Intellekt noch viele und merkliche Abstufungen dar und
  gelangt hchst selten zur obersten, der eigentlich hohen Intelligenz.
  Diese nun also ist im engeren und strengeren Sinne das schwierigste
  und hchste Produkt der Natur, mithin das Seltenste und Wertvollste,
  was die Welt aufzuweisen hat. In einer solchen Intelligenz tritt das
  klarste Bewutsein ein und stellt demgem die Welt sich deutlicher
  und vollstndiger als irgendwo dar. Der damit Ausgestattete besitzt
  demnach das Edelste und Kstlichste auf Erden und hat dementsprechend
  eine Quelle von Genssen, gegen welche alle brigen gering sind; so
  da er von auen nichts weiter bedarf, als nur die Mue, sich dieses
  Besitzes ungestrt zu erfreuen und seinen Diamanten auszuschleifen.
  Denn alle anderen, also nicht intellektuellen Gensse sind niedrigerer
  Art: sie laufen smtlich auf Willensbewegungen hinaus, also auf
  Wnschen, Hoffen, Frchten und Erreichen, gleichviel auf was es
  gerichtet sei, wobei es nie ohne Schmerzen abgehen kann, und zudem mit
  dem Erreichen, in der Regel, mehr oder weniger Enttuschung eintritt,
  statt da bei den intellektuellen Genssen die Wahrheit immer klarer
  wird. Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, sondern alles ist
  Erkenntnis. Alle intellektuellen Gensse sind nun aber jedem nur
  vermittels und also nach Magabe seiner eigenen Intelligenz
  zugnglich: denn _tout l'esprit, qui est au monde, est inutile  celui
  qui n'en a point_. Ein wirklicher, jenen Vorzug begleitender Nachteil
  aber ist, da, in der ganzen Natur, mit dem Grad der Intelligenz die
  Fhigkeit zum Schmerze sich steigert, also ebenfalls erst hier ihre
  hchste Stufe erreicht.

  [C] Die *Vulgaritt* besteht im Grunde darin, da im Bewutsein das
  Wollen das Erkennen gnzlich berwiegt, womit es den Grad erreicht,
  da durchaus nur zum Dienste des Willens das Erkennen eintritt,
  folglich wo dieser Dienst es nicht heischt, also eben keine Motive,
  weder groe noch kleine, vorliegen, das Erkennen ganz zessiert,
  folglich vllige Gedankenleere eintritt. Nun ist aber erkenntnisloses
  Wollen das Gemeinste, was es gibt: jeder Klotz Holz hat es und zeigt
  es wenigstens, wenn er fllt. Daher macht jener Zustand die Vulgaritt
  aus. In demselben bleiben blo die Sinneswerkzeuge und die geringe,
  zur Apprehension ihrer Data erforderte Verstandesttigkeit aktiv,
  infolge wovon der vulgre Mensch allen Eindrcken bestndig offen
  steht, also alles, was um ihn herum vorgeht, augenblicklich wahrnimmt,
  so da der leiseste Ton und jeder, auch noch so geringfgige Umstand
  seine Aufmerksamkeit sogleich erregt, eben wie bei den Tieren. Dieser
  ganze Zustand wird in seinem Gesicht und ganzen ueren sichtbar, --
  woraus dann das vulgre Ansehen hervorgeht, dessen Eindruck um so
  widerlicher ist, wann, wie meistens, der hier das Bewutsein allein
  erfllende Wille ein niedriger, egoistischer und berhaupt schlechter
  ist.

Unser praktisches, reales Leben nmlich ist, wenn nicht die
Leidenschaften es bewegen, langweilig und fade; wenn sie aber es
bewegen, wird es bald schmerzlich: darum sind die allein beglckt,
denen irgendein berschu des Intellekts ber das zum Dienst ihres
Willens erforderte Ma zuteil geworden. Denn damit fhren sie, neben
ihrem wirklichen, noch ein intellektuelles Leben, welches sie
fortwhrend auf eine *schmerzlose* Weise und doch lebhaft beschftigt
und unterhlt. Bloe Mue, d. h. durch den Dienst des Willens
*unbeschftigter* Intellekt, reicht dazu nicht aus; sondern ein
wirklicher berschu der *Kraft* ist erfordert: denn nur dieser
befhigt zu einer dem Willen nicht dienenden, rein geistigen
Beschftigung: hingegen _otium sine litteris mors est et hominis vivi
sepultura_ (_Sen. ep. 82_). Je nachdem nun aber dieser berschu klein
oder gro ist, gibt es unzhlige Abstufungen jenes, neben dem realen
zu fhrenden intellektuellen Lebens, vom bloen Insekten-, Vgel-,
Mineralien-, Mnzensammeln und Beschreiben bis zu den hchsten
Leistungen der Poesie und Philosophie. Ein solches intellektuelles
Leben schtzt aber nicht nur gegen die Langeweile, sondern auch gegen
die verderblichen Folgen derselben. Es wird nmlich zur Schutzwehr
gegen schlechte Gesellschaft und gegen die vielen Gefahren,
Unglcksflle, Verluste und Verschwendungen, in die man gert, wenn
man sein Glck ganz in der realen Welt sucht. So hat z. B. mir meine
Philosophie nie etwas eingebracht; aber sie hat mir sehr viel erspart.

Der normale Mensch hingegen ist, hinsichtlich des Genusses seines
Lebens, auf Dinge *auer ihm* gewiesen, auf den Besitz, den Rang, auf
Weib und Kinder, Freunde, Gesellschaft usw., auf diese sttzt sich
sein Lebensglck: darum fllt es dahin, wenn er sie verliert oder er
sich in ihnen getuscht sah. Dies Verhltnis auszudrcken, knnen wir
sagen, da sein Schwerpunkt *auer ihm* fllt. Eben deshalb hat er
auch stets wechselnde Wnsche und Grillen: er wird, wenn seine Mittel
es erlauben, bald Landhuser, bald Pferde kaufen, bald Feste geben,
bald Reisen machen, berhaupt aber groen Luxus treiben, weil er eben
in Dingen aller Art ein Genge *von auen* sucht; wie der Entkrftete
aus Consomm's und Apothekerdrogen die Gesundheit und Strke zu
erlangen hofft, deren wahre Quelle die eigene Lebenskraft ist. Stellen
wir nun, um nicht gleich zum anderen Extrem berzugehn, neben ihn
einen Mann von nicht gerade eminenten, aber doch das gewhnliche
knappe Ma berschreitenden Geisteskrften, so sehn wir diesen etwa
irgendeine schne Kunst als Dilettant ben, oder aber eine
Realwissenschaft, wie Botanik, Mineralogie, Physik, Astronomie,
Geschichte u. dgl. betreiben und alsbald einen groen Teil seines
Genusses darin finden, sich daran erholend, wenn jene ueren Quellen
stocken oder ihn nicht mehr befriedigen. Wir knnen insofern sagen,
da sein Schwerpunkt schon zum Teil *in ihn selbst* fllt. Weil jedoch
bloer Dilettantismus in der Kunst noch sehr weit von der
hervorbringenden Fhigkeit liegt, und weil bloe Realwissenschaften
bei den Verhltnissen der Erscheinungen zueinander stehn bleiben, so
kann der ganze Mensch nicht darin aufgehen, sein ganzes Wesen kann
nicht bis auf den Grund von ihnen erfllt werden und daher sein Dasein
sich nicht mit ihnen so verweben, da er am brigen alles Interesse
verlre. Dies nun bleibt der hchsten geistigen Eminenz allein
vorbehalten, die man mit dem Namen des Genies zu bezeichnen pflegt:
denn nur sie nimmt das Dasein und Wesen der Dinge im ganzen und
absolut zu ihrem Thema, wonach sie dann ihr tiefe Auffassung
desselben, gem ihrer individuellen Richtung, durch Kunst, Poesie
oder Philosophie auszusprechen streben wird. Daher ist allein einem
Menschen dieser Art die ungestrte Beschftigung mit sich, mit seinen
Gedanken und Werken dringendes Bedrfnis, Einsamkeit willkommen, freie
Mue das hchste Gut, alles brige entbehrlich, ja, wenn vorhanden,
oft nur zur Last. Nur von einem solchen Menschen knnen wir demnach
sagen, da sein Schwerpunkt *ganz in ihn* fllt. Hieraus wird sogar
erklrlich, da die hchst seltenen Leute dieser Art, selbst beim
besten Charakter, doch nicht jene innige und grenzenlose Teilnahme an
Freunden, Familie und Gemeinwesen zeigen, deren manche der anderen
fhig sind: denn sie knnen sich zuletzt ber alles trsten; wenn sie
nur sich selbst haben. Sonach liegt in ihnen ein isolirendes Element
mehr, welches um so wirksamer ist, als die anderen ihnen eigentlich
nie vollkommen gengen, weshalb sie in ihnen nicht ganz und gar
ihresgleichen sehen knnen, ja, da das Heterogene in allem und jedem
ihnen stets fhlbar wird, allmhlich sich gewhnen, unter den Menschen
als verschiedenartige Wesen umherzugehen und, in ihren Gedanken ber
dieselben, sich der dritten nicht der ersten Person Pluralis zu
bedienen. --

Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint nun der, welchen die Natur in
intellektueller Hinsicht sehr reich ausgestattet hat, als der
Glcklichste; so gewi das Subjektive uns nher liegt als das
Objektive, dessen Wirkung, welcher Art sie auch sei, immer erst durch
jenes vermittelt, also nur sekundr ist. Dies bezeugt auch der schne
Vers:

    =Ploutos ho ts psychs ploutos monos estin alths,
    T' alla d' echei atn pleiona tn kteann.=

    _Lucian in Anthol. I, 67._

Ein solcher innerlich Reicher bedarf von auen nichts weiter als eines
negativen Geschenks, nmlich freier Mue, um seine geistigen
Fhigkeiten ausbilden und entwickeln und seinen innern Reichtum
genieen zu knnen, also eigentlich nur der Erlaubnis, sein ganzes
Leben hindurch, jeden Tag und jede Stunde, ganz er selbst sein zu
drfen. Wenn einer bestimmt ist, die Spur seines Geistes dem ganzen
Menschengeschlechte aufzudrcken, so gibt es fr ihn nur ein Glck
oder Unglck, nmlich seine Anlagen vollkommen ausbilden und seine
Werke vollenden zu knnen, -- oder aber hieran verhindert zu sein.
Alles andere ist fr ihn geringfgig. Demgem sehen wir die groen
Geister aller Zeiten auf freie Mue den allerhchsten Wert legen. Denn
die freie Mue eines jeden ist so viel wert, wie er selbst wert ist.
=Dokei de h eudaimonia en t schol einai= (_videtur beatitudo in
otio esse sita_) sagt *Aristoteles* (_Eth. Nic. X, 7_), und Diogenes
Laertius (_II, 5, 31_) berichtet, da =Skrats epnei scholn, hs
kalliston ktmatn= (_Socrates otium ut possessionum omnium
pulcherrimam laudabat_). Dem entspricht auch, da Aristoteles (_Eth.
Nic. X, 7, 8, 9_) das philosophische Leben fr das glcklichste
erklrt. Sogar gehrt hierher, was er in der Politik (_IV, 11_) sagt:
=ton eudaimona bion einai ton kat' aretn anempodiston=, welches,
grndlich bersetzt, besagt: seine Trefflichkeit, welcher Art sie
auch sei, ungehindert ben zu knnen, ist das eigentliche Glck, und
also zusammentrifft mit *Goethes* Ausspruch im Wilhelm Meister: wer
mit einem Talent, zu einem Talent geboren ist, findet in demselben
sein schnstes Dasein. -- Nun aber ist freie Mue zu besitzen nicht
nur dem gewhnlichen Schicksal, sondern auch der gewhnlichen Natur
des Menschen fremd; denn seine natrliche Bestimmung ist, da er seine
Zeit mit Herbeischaffung des zu seiner und seiner Familie Existenz
Notwendigen zubringe. Er ist ein Sohn der Not, nicht eine freie
Intelligenz. Dementsprechend wird freie Mue dem gewhnlichen Menschen
bald zur Last, ja endlich zur Qual, wenn er sie nicht, mittels
allerlei erknstelter und fingirter Zwecke, durch Spiel, Zeitvertreib
und Steckenpferde jeder Gestalt auszufllen vermag: auch bringt sie
ihm aus dem selben Grunde Gefahr, da es mit Recht heit _difficilis in
otio quies_. Andrerseits jedoch ist ein ber das normale Ma weit
hinausgehender Intellekt ebenfalls abnorm, also unnatrlich. Ist er
dennoch einmal vorhanden, so bedarf es, fr das Glck des damit
Begabten, eben jener den andern bald lstigen, bald verderblichen
freien Mue; da er ohne diese ein Pegasus im Joche, mithin unglcklich
sein wird. Treffen nun aber beide Unnatrlichkeiten, die uere und
die innere, zusammen, so ist es ein groer Glcksfall: denn jetzt wird
der so Begnstigte ein Leben hherer Art fhren, nmlich das eines
Eximirten von den beiden entgegengesetzten Quellen des menschlichen
Leidens, der Not und der Langenweile, oder dem sorglichen Treiben fr
die Existenz und der Unfhigkeit, die Mue (d. i. die freie Existenz
selbst) zu ertragen, welchen beiden beln der Mensch sonst nur dadurch
entgeht, da sie selbst sich wechselseitig neutralisiren und aufheben.

Gegen dieses alles jedoch kommt andererseits in Betracht, da die
groen Geistesgaben infolge der berwiegenden Nerventtigkeit eine
beraus gesteigerte Empfindlichkeit fr den Schmerz, in jeglicher
Gestalt, herbeifhren, da ferner das sie bedingende leidenschaftliche
Temperament und zugleich die von ihnen unzertrennliche grere
Lebhaftigkeit und Vollkommenheit aller Vorstellungen eine ungleich
grere Heftigkeit der durch diese erregten Affekte herbeifhrt,
whrend es doch berhaupt mehr peinliche als angenehme Affekte gibt;
endlich auch, da die groen Geistesgaben ihren Besitzer den brigen
Menschen und ihrem Treiben entfremden, da, je mehr er an sich selber
hat, desto weniger er an ihnen finden kann. Hundert Dinge, an welchen
sie groes Genge haben, sind ihm schal und ungeniebar, wodurch denn
das berall sich geltend machende Gesetz der Kompensation vielleicht
auch hier in Kraft bleibt; ist doch sogar oft genug, und nicht ohne
Schein, behauptet worden, der geistig beschrnkteste Mensch sei im
Grunde der glcklichste, wenn gleich keiner ihn um dieses Glck
beneiden mag. In der definitiven Entscheidung der Sache will ich
umsoweniger dem Leser vorgreifen, als selbst *Sophokles* hierber zwei
einander diametral entgegengesetzte Aussprche getan hat:

    =Poll to phronein eudaimonias prton hyparchei.=
    (_Sapere longe prima felicitatis pars est._)

    _Antig. 1328._

und wieder:

    =En t phronein gar mden hdistos bios.=
    (_Nihil cogitantium jucundissima vita est._)

    _Ajax. 550._

Eben so uneinig miteinander sind die Philosophen des A. T.

    Des Narren Leben ist rger denn der Tod!
    (=tou gar mrou hyper thanatou z ponra.=)

    Jes. Sir. 22, 12.

und

    Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grmens.
    (=ho prostitheis gnsin, prosthsei algma.=)

    Kohel. 1, 18.

Inzwischen will ich hier doch nicht unerwhnt lassen, da der Mensch,
welcher, infolge des streng und knapp normalen Maes seiner
intellektuellen Krfte, *keine geistige Bedrfnisse hat*, es
eigentlich ist, den ein der deutschen Sprache ausschlielich eigener,
vom Studentenleben ausgegangener, nachmals aber in einem hheren,
wiewohl dem ursprnglichen, durch den Gegensatz zum Musensohne, immer
noch analogen Sinne gebrauchter Ausdruck als den *Philister*
bezeichnet. Dieser nmlich ist und bleibt der =amousos anr=. Nun
wrde ich zwar, von einem hheren Standpunkt aus, die Definition der
Philister so aussprechen, da sie Leute wren, die immerfort auf das
ernstlichste beschftigt sind mit einer Realitt, die keine ist.
Allein eine solche schon transzendentale Definition wrde dem
populren Standpunkt, auf welchen ich mich in dieser Abhandlung
gestellt habe, nicht angemessen, daher auch vielleicht nicht durchaus
jedem Leser falich sein. Jene erstere hingegen lt leichter eine
spezielle Erluterung zu und bezeichnet hinreichend das Wesentliche
der Sache, die Wurzel aller der Eigenschaften, die den *Philister*
charakterisieren. Er ist demnach *ein Mensch ohne geistige
Bedrfnisse*. Hieraus nun folgt gar mancherlei: erstlich, *in Hinsicht
auf ihn selbst*, da er ohne geistige *Gensse* bleibt; nach dem schon
erwhnten Grundsatz: _il n'est de vrais plaisirs qu'avec de vrais
besoins_. Kein Drang nach Erkenntnis und Einsicht, um ihrer selbst
willen, belebt sein Dasein, auch keiner nach eigentlich sthetischen
Genssen, als welcher dem ersteren durchaus verwandt ist. Was dennoch
von Genssen solcher Art etwa Mode oder Autoritt ihm aufdringt, wird
er als eine Art Zwangsarbeit mglichst kurz abtun. Wirkliche Gensse
fr ihn sind allein die sinnlichen: durch diese hlt er sich schadlos.
Demnach sind Austern und Champagner der Hhepunkt seines Daseins, und
sich alles, was zum leiblichen Wohlsein beitrgt, zu verschaffen, ist
der Zweck seines Lebens. Glcklich genug, wenn dieser ihm viel zu
schaffen macht! Denn, sind jene Gter ihm schon zum voraus oktroyirt,
so fllt er unausbleiblich der Langenweile anheim, gegen welche dann
alles Ersinnliche versucht wird: Ball, Theater, Gesellschaft,
Kartenspiel, Hasardspiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reisen usw. Und
doch reicht dies alles gegen die Langeweile nicht aus, wo Mangel an
geistigen Bedrfnissen die geistigen Gensse unmglich macht. Daher
auch ist dem Philister ein dumpfer, trockener Ernst, der sich dem
tierischen nhert, eigen und charakteristisch. Nichts freut ihn,
nichts erregt ihn, nichts gewinnt ihm Anteil ab. Denn die sinnlichen
Gensse sind bald erschpft; die Gesellschaft, aus eben solchen
Philistern bestehend, wird bald langweilig, das Kartenspiel zuletzt
ermdend. Allenfalls bleiben ihm noch die Gensse der Eitelkeit, nach
seiner Weise, welche denn darin bestehen, da er an Reichtum oder
Rang, oder Einflu und Macht andere bertrifft, von welchen er dann
deshalb geehrt wird; oder aber auch darin, da er wenigstens mit
solchen, die in dergleichen eminiren, Umgang hat und so sich im Reflex
ihres Glanzes sonnt (_a snob_). -- Aus der aufgestellten
Grundeigenschaft des Philisters folgt *zweitens, in Hinsicht auf
andere*, da, da er keine geistige sondern nur physische Bedrfnisse
hat, er den suchen wird, der diese, nicht den, der jene zu befriedigen
imstande ist. Am allerwenigsten wird daher unter den Anforderungen,
die er an andere macht, die irgend berwiegender geistiger Fhigkeiten
sein: vielmehr werden diese, wenn sie ihm aufstoen, seinen
Widerwillen, ja, seinen Ha erregen; weil er dabei nur ein lstiges
Gefhl von Inferioritt und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid
versprt, den er aufs sorgfltigste versteckt, indem er ihn sogar sich
selber zu verhehlen sucht, wodurch aber gerade solcher bisweilen bis
zu einem stillen Ingrimm anwchst. Nimmermehr demnach wird es ihm
einfallen, nach dergleichen Eigenschaften seine Wertschtzung oder
Hochachtung abzumessen; sondern diese wird ausschlielich dem Range
und Reichtum, der Macht und dem Einflu vorbehalten bleiben, als
welche in seinen Augen die allein wahren Vorzge sind, in denen zu
exzelliren auch sein Wunsch wre. -- Alles dieses aber folgt daraus,
da er ein Mensch *ohne geistige Bedrfnisse* ist. Das groe Leiden
aller Philister ist, da *Idealitten* ihnen keine Unterhaltung
gewhren, sondern sie, um der Langenweile zu entgehen, stets der
*Realitten* bedrfen. Diese nmlich sind teils bald erschpft, wo
sie, statt zu unterhalten, ermden; teils fhren sie Unheil jeder Art
herbei; whrend hingegen die Idealitten unerschpflich und an sich
unschuldig und unschdlich sind.

Ich habe in dieser ganzen Betrachtung der persnlichen Eigenschaften,
welche zu unserem Glcke beitragen, nchst den physischen,
hauptschlich die intellektuellen bercksichtigt. Auf welche Weise nun
aber auch die moralische Trefflichkeit unmittelbar beglckt, habe ich
frher in meiner Preisschrift ber das Fundament der Moral  22, S.
275 (2. Aufl. 272) dargelegt, wohin ich also von hier verweise.




Kapitel III.

Von dem, was einer hat.


Richtig und schn hat der groe Glckseligkeitslehrer *Epikuros* die
menschlichen Bedrfnisse in drei Klassen geteilt. Erstlich die
natrlichen und die notwendigen: es sind die, welche, wenn nicht
befriedigt, Schmerz verursachen. Folglich gehrt hierher nur
_victus et amictus_. Sie sind leicht zu befriedigen. Zweitens, die
natrlichen jedoch nicht notwendigen: es ist das Bedrfnis der
Geschlechtsbefriedigung; wiewohl Epikur dies im Berichte des Laertius
nicht ausspricht; (wie ich denn berhaupt seine Lehre hier etwas
zurechtgeschoben und ausgefeilt wiedergebe). Dieses Bedrfnis zu
befriedigen hlt schon schwerer. Drittens, die weder natrlichen noch
notwendigen: es sind die des Luxus, der ppigkeit, des Prunkes und
Glanzes: sie sind endlos und ihre Befriedigung ist sehr schwer. (Siehe
_Diog. Laert. L. X, c. 27,  149_, auch _ 127. -- Cic. de fin. I, 13._)

Die Grenze unserer vernnftigen Wnsche hinsichtlich des Besitzes zu
bestimmen ist schwierig, wo nicht unmglich. Denn die Zufriedenheit
eines jeden, in dieser Hinsicht, beruht nicht auf einer absoluten
sondern auf einer blo relativen Gre, nmlich auf dem Verhltnis
zwischen seinen Ansprchen und seinem Besitz: daher dieser letztere,
fr sich allein betrachtet, so bedeutungsleer ist wie der Zhler eines
Bruchs ohne den Nenner. Die Gter, auf welche Anspruch zu machen einem
Menschen nie in den Sinn gekommen ist, entbehrt er durchaus nicht
sondern ist, auch ohne sie, vllig zufrieden; whrend ein anderer, der
hundertmal mehr besitzt als er, sich unglcklich fhlt, weil ihm eins
abgeht, darauf er Anspruch macht. Jeder hat, auch in dieser Hinsicht,
einen eigenen Horizont des fr ihn mglicherweise Erreichbaren: so
weit wie dieser gehn seine Ansprche. Wann irgend ein innerhalb
desselben gelegenes Objekt sich ihm so darstellt, da er auf dessen
Erreichung vertrauen kann, fhlt er sich glcklich; hingegen
unglcklich, wann eintretende Schwierigkeiten ihm die Aussicht darauf
benehmen. Das auerhalb dieses Gesichtskreises Liegende wirkt gar
nicht auf ihn. Daher beunruhigen den Armen die groen Besitztmer der
Reichen nicht, und trstet andrerseits den Reichen, bei verfehlten
Absichten, das viele nicht, was er schon besitzt. (Der Reichtum
gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird
man. -- Dasselbe gilt vom Ruhm.) -- Da nach verlorenem Reichtum oder
Wohlstande, sobald der erste Schmerz berstanden ist, unsre habituelle
Stimmung nicht sehr verschieden von der frheren ausfllt, kommt
daher, da, nachdem das Schicksal den Faktor unsres Besitzes
verkleinert hat, wir selbst nun den Faktor unsrer Ansprche gleich
sehr vermindern. Diese Operation aber ist das eigentlich Schmerzhafte,
bei einem Unglcksfall: nachdem sie vollzogen ist, wird der Schmerz
immer weniger, zuletzt gar nicht mehr gefhlt: die Wunde vernarbt.
Umgekehrt wird, bei einem Glcksfall, der Kompressor unsrer Ansprche
hinaufgeschoben, und sie dehnen sich aus: hierin liegt die Freude.
Aber auch sie dauert nicht lnger, als bis diese Operation gnzlich
vollzogen ist: wir gewhnen uns an das erweiterte Ma der Ansprche
und werden gegen den demselben entsprechenden Besitz gleichgltig.
Dies sagt schon die homerische Stelle, _Od. XVIII, 130-137_, welche
schliet:

    =Toios gar noos estin epichthonin anthrpn,
    Hoion eph' hmar agei patr andrn te then te.=

Die Quelle unserer Unzufriedenheit liegt in unsern stets erneuerten
Versuchen, den Faktor der Ansprche in die Hhe zu schieben, bei der
Unbeweglichkeit des andern Faktors, die es verhindert. --

Unter einem so bedrftigen und aus Bedrfnissen bestehendem
Geschlecht, wie das menschliche, ist es nicht zu verwundern, da
*Reichtum* mehr und aufrichtiger als alles andere geachtet, ja verehrt
wird, und selbst die Macht nur als Mittel zum Reichtum; wie auch
nicht, da zum Zwecke des Erwerbs alles andere beiseite geschoben oder
ber den Haufen geworfen wird, z. B. die Philosophie von den
Philosophieprofessoren. -- Da die Wnsche der Menschen hauptschlich
auf Geld gerichtet sind und sie dieses ber alles lieben, wird ihnen
oft zum Vorwurf gemacht. Jedoch ist es natrlich, wohl gar
unvermeidlich, das zu lieben, was als ein unermdlicher Proteus jeden
Augenblick bereit ist, sich in den jedesmaligen Gegenstand unsrer so
wandelbaren Wnsche und mannigfaltigen Bedrfnisse zu verwandeln.
Jedes andere Gut nmlich kann nur *einem* Wunsch, *einem* Bedrfnis
gengen: Speisen sind blo gut fr den Hungrigen, Wein fr den
Gesunden, Arznei fr den Kranken, ein Pelz fr den Winter, Weiber fr
die Jugend usw. Sie sind folglich alle nur =agatha pros ti=, d. h. nur
relativ gut. Geld allein ist das absolut Gute: weil es nicht blo
*einem* Bedrfnis _in concreto_ begegnet sondern *dem* Bedrfnis
berhaupt, _in abstracto_. --

*Vorhandenes Vermgen* soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen
die vielen mglichen bel und Unflle, nicht als eine Erlaubnis oder
gar Verpflichtung, die Plaisirs der Welt heranzuschaffen. -- Leute,
die von Hause aus kein Vermgen haben, aber endlich in die Lage
kommen, durch ihre Talente, welcher Art sie auch seien, viel zu
verdienen, geraten fast immer in die Einbildung, ihr Talent sei das
bleibende Kapital und der Gewinn dadurch die Zinsen. Demgem legen
sie dann nicht das Erworbene teilweise zurck, um so ein bleibendes
Kapital zusammenzubringen, sondern geben aus in dem Mae, wie sie
verdienen. Danach aber werden sie meistens in Armut geraten, weil ihr
Erwerb stockt oder aufhrt, nachdem entweder das Talent selbst
erschpft ist, indem es vergnglicher Art war wie z. B. das zu fast
allen schnen Knsten, oder auch, weil es nur unter besonderen
Umstnden und Konjunkturen geltend zu machen war, welche aufgehrt
haben. Handwerker mgen immerhin es auf die besagte Weise halten, weil
die Fhigkeiten zu ihren Leistungen nicht leicht verloren gehn, auch
durch die Krfte der Gesellen ersetzt werden und weil ihre Fabrikate
Gegenstnde des Bedrfnisses sind, also alle Zeit Abgang finden,
weshalb denn auch das Sprichwort ein Handwerk hat einen goldenen
Boden richtig ist. Aber nicht so steht es um die Knstler und
_virtuosi_ jeder Art. Eben deshalb werden diese teuer bezahlt. Daher
aber soll, was sie erwerben, ihr Kapital werden; whrend sie
vermessener Weise es fr bloe Zinsen halten und dadurch ihrem
Verderben entgegengehn. -- Leute hingegen, welche ererbtes Vermgen
besitzen, wissen wenigstens sogleich ganz richtig, was das Kapital und
was die Zinsen sind. Die meisten werden daher jenes sicher zu stellen
suchen, keinesfalls es angreifen, ja womglich wenigstens ein Achtel
der Zinsen zurcklegen, knftigen Stockungen zu begegnen. Sie bleiben
daher meistens im Wohlstande. -- Auf Kaufleute ist diese ganze
Bemerkung nicht anwendbar: denn ihnen ist das Geld selbst Mittel zum
ferneren Erwerb, gleichsam Handwerksgert; daher sie, auch wenn es
ganz von ihnen selbst erworben ist, es sich durch Benutzung zu
erhalten und zu vermehren suchen. Demgem ist in keinem Stande der
Reichtum so eigentlich zu Hause wie in diesem.

berhaupt aber wird man, in der Regel, finden, da diejenigen, welche
schon mit der eigentlichen Not und dem Mangel handgemein gewesen sind,
diese ungleich weniger frchten und daher zur Verschwendung geneigter
sind als die, welche solche nur von Hrensagen kennen. Zu den ersteren
gehren alle, die durch Glcksflle irgend einer Art oder durch
besondere Talente, gleichviel welcher Gattung, ziemlich schnell aus
der Armut in den Wohlstand gelangt sind: die andern hingegen sind die,
welche im Wohlstande geboren und geblieben sind. Diese sind
durchgngig mehr auf die Zukunft bedacht und daher konomischer als
jene. Man knnte daraus schlieen, da die Not nicht eine so schlimme
Sache wre, wie sie, von weitem gesehn, scheint. Doch mchte der wahre
Grund vielmehr dieser sein, da dem, der in angestammtem Reichtume
geboren ist, dieser als etwas Unentbehrliches erscheint, als das
Element des einzig mglichen Lebens, so gut wie die Luft; daher er ihn
bewacht wie sein Leben, folglich meistens ordnungsliebend, vorsichtig
und sparsam ist. Dem in angestammter Armut Geborenen hingegen
erscheint diese als der natrliche Zustand; der ihm danach irgendwie
zugefallene Reichtum aber als etwas berflssiges, blo tauglich zum
Genieen und Verprassen; indem man, wann er wieder fort ist, sich so
gut wie vorher ohne ihn behilft und noch eine Sorge los ist. Da geht
es denn wie Shakespeare sagt:

    _The adage must be verified,
    That beggars mounted run their horse to death._

    (Das Sprichwort mu bewhrt werden, da der zu Pferde gesetzte
    Bettler sein Tier zu Tode jagt.)

    _Henry VI. P. 3. A. 1._

Dazu kommt denn freilich noch, da solche Leute ein festes und
bergroes Zutrauen teils zum Schicksal, teils zu den eigenen Mitteln,
die ihnen schon aus Not und Armut herausgeholfen haben, nicht sowohl
im Kopf als im Herzen tragen und daher die Untiefen derselben nicht,
wie es wohl den reich Geborenen begegnet, fr bodenlos halten, sondern
denken, da man, auf den Boden stoend, wieder in die Hhe gehoben
wird. -- Aus dieser menschlichen Eigentmlichkeit ist es auch zu
erklren, da Frauen, welche arme Mdchen waren, sehr oft
anspruchsvoller und verschwenderischer sind als die, welche eine
reiche Aussteuer zubrachten, indem meistenteils die reichen Mdchen
nicht blo Vermgen mitbringen, sondern auch mehr Eifer, ja angeerbten
Trieb zur Erhaltung desselben, als arme. Wer inzwischen das Gegenteil
behaupten will, findet eine Autoritt fr sich am Ariosto in dessen
erster Satire; hingegen stimmt Dr. Johnson meiner Meinung bei: _A
woman of fortune being used to the handling of money, spends it
judiciously: but a woman who gets the command of money for the first
time upon her marriage, has such a gust in spending it, that she
throws it away with great profusion._ (S. _Boswell, Life of Johnson,
ann. 1776, aetat. 67._) Jedenfalls aber mchte ich dem, der ein armes
Mdchen heiratet, raten, sie nicht das Kapital sondern eine bloe
Rente erben zu lassen, besonders aber dafr zu sorgen, da das
Vermgen der Kinder nicht in ihre Hnde gert.

Ich glaube keineswegs etwas meiner Feder Unwrdiges zu tun, indem ich
hier die Sorge fr Erhaltung des erworbenen und des ererbten Vermgens
anempfehle. Denn von Hause aus so viel zu besitzen, da man, wre es
auch nur fr seine Person und ohne Familie, in wahrer Unabhngigkeit
d. h. ohne zu arbeiten, bequem leben kann, ist ein unschtzbarer
Vorzug: denn es ist die Exemtion und die Immunitt von der dem
menschlichen Leben anhngenden Bedrftigkeit und Plage, also die
Emanzipation vom allgemeinen Frohndienst, diesem naturgemen Lose des
Erdensohns. Nur unter dieser Begnstigung des Schicksals ist man als
ein wahrer Freier geboren: denn nur so ist man eigentlich _sui juris_,
Herr seiner Zeit und seiner Krfte, und darf jeden Morgen sagen: Der
Tag ist mein. Auch ist ebendeshalb zwischen dem, der tausend, und
dem, der hunderttausend Taler Renten hat, der Unterschied unendlich
kleiner als zwischen ersterem und dem, der nichts hat. Seinen hchsten
Wert aber erlangt das angeborene Vermgen, wenn es dem zugefallen ist,
der, mit geistigen Krften hherer Art ausgestattet, Bestrebungen
verfolgt, die sich mit dem Erwerbe nicht wohl vertragen: denn alsdann
ist er vom Schicksal doppelt dotirt und kann jetzt seinem Genius
leben: der Menschheit aber wird er seine Schuld dadurch hundertfach
abtragen, da er leistet was kein anderer konnte und etwas
hervorbringt, das ihrer Gesamtheit zugute kommt, wohl auch gar ihr zur
Ehre gereicht. Ein anderer nun wieder wird in so bevorzugter Lage sich
durch philantropische Bestrebungen um die Menschheit verdient machen.
Wer hingegen nichts von dem allen, auch nur einigermaen, oder
versuchsweise, leistet, ja, nicht einmal durch grndliche Erlernung
irgendeiner Wissenschaft sich wenigstens die Mglichkeit erffnet,
dieselbe zu frdern, -- ein solcher ist, bei angeerbtem Vermgen, ein
bloer Tagedieb und verchtlich. Auch wird er nicht glcklich sein:
denn die Exemtion von der Not liefert ihn dem anderen Pol des
menschlichen Elends, der Langenweile, in die Hnde, die ihn so
martert, da er viel glcklicher wre, wenn die Not ihm Beschftigung
gegeben htte. Eben diese Langeweile aber wird ihn leicht zu
Extravaganzen verleiten, welche ihn um jenen Vorzug bringen, dessen er
nicht wrdig war. Wirklich befinden Unzhlige sich blo deshalb in
Mangel, weil, als sie Geld hatten, sie es ausgaben, um nur sich
augenblickliche Linderung der sie drckenden Langenweile zu
verschaffen.

Ganz anders nun aber verhlt es sich, wenn der Zweck ist, es im
Staatsdienste hoch zu bringen, wo demnach Gunst, Freunde, Verbindungen
erworben werden mssen, um durch sie, von Stufe zu Stufe, Befrderung,
vielleicht gar bis zu den hchsten Posten, zu erlangen: hier nmlich
ist es im Grunde wohl besser, ohne alles Vermgen in die Welt gestoen
zu sein. Besonders wird es dem, welcher nicht adelig, hingegen mit
einigem Talent ausgestattet ist, zum wahren Vorteil und zur Empfehlung
gereichen, wenn er ein ganz armer Teufel ist. Denn was jeder, schon in
der bloen Unterhaltung, wie viel mehr im Dienste, am meisten sucht
und liebt, ist die Inferioritt des anderen. Nun aber ist allein ein
armer Teufel von seiner gnzlichen, tiefen, entschiedenen und
allseitigen Inferioritt und seiner vlligen Unbedeutsamkeit und
Wertlosigkeit in dem Grade berzeugt und durchdrungen, wie es hier
erfordert wird. Nur er demnach verbeugt sich oft und anhaltend genug,
und nur seine Bcklinge erreichen volle 90: nur er lt alles ber
sich ergehn und lchelt dazu; nur er erkennt die gnzliche
Wertlosigkeit der Verdienste; nur er preist ffentlich, mit lauter
Stimme, oder auch in groem Druck, die literarischen Stmpereien der
ber ihn Gestellten, oder sonst Einflureichen, als Meisterwerke; nur
er versteht zu betteln: folglich kann nur er, bei Zeiten, also in der
Jugend, sogar ein Epopte jener verborgenen Wahrheit werden, die Goethe
uns enthllt hat in den Worten:

    ber's Niedertrchtige
    Niemand sich beklage:
    Denn es ist das Mchtige,
    Was man dir auch sage.

    *W.O. Divan.*

Hingegen der, welcher von Hause aus zu leben hat, wird sich meistens
ungebrdig stellen: er ist gewohnt _tte leve_ zu gehn, hat alle jene
Knste nicht gelernt, trotzt dazu vielleicht noch auf etwanige
Talente, deren Unzulnglichkeit vielmehr, dem _mdiocre et rampant_
gegenber, er begreifen sollte; er ist am Ende wohl gar imstande, die
Inferioritt der ber ihn Gestellten zu merken; und wenn es nun
vollends zu den Indignitten kommt, da wird er sttisch oder
kopfscheu. Damit poussirt man sich nicht in der Welt: vielmehr kann es
mit ihm zuletzt dahin kommen, da er mit dem frechen Voltaire sagt:
_nous n'avons que deux jours  vivre: ce n'est pas la peine de les
passer  ramper sous des coquins mprisables_: -- leider ist,
beilufig gesagt, dieses _coquin mprisable_ ein Prdikat, zu dem es
in der Welt verteufelt viele Subjekte gibt. Man sieht also, da das
Juvenalische

    _Haud facile emergunt, quorum virtutibus obstat
    Res angusta domi,_

mehr von der Laufbahn der Virtuositten als von der der Weltleute
gltig ist.

Zu dem, *was einer hat*, habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet; da
er von diesen vielmehr gehabt wird. Eher lieen sich Freunde dazu
zhlen: doch mu auch hier der Besitzende im gleichen Mae der Besitz
des andern sein.




Kapitel IV.

Von dem, was einer vorstellt.


Dieses, also unser Dasein in der Meinung anderer, wird, infolge einer
besonderen Schwche unserer Natur, durchgngig viel zu hoch
angeschlagen; obgleich schon die leichteste Besinnung lehren knnte,
da es, an sich selbst, fr unser Glck, unwesentlich ist. Es ist
demnach kaum erklrlich, wie sehr jeder Mensch sich innerlich freut,
so oft er Zeichen der gnstigen Meinung anderer merkt und seiner
Eitelkeit irgendwie geschmeichelt wird. So unausbleiblich wie die
Katze spinnt, wenn man sie streichelt, malt se Wonne sich auf das
Gesicht des Menschen, den man lobt und zwar in dem Felde seiner
Prtension, sei das Lob auch handgreiflich lgenhaft. Oft trsten ihn
ber reales Unglck oder ber die Kargheit, mit der fr ihn die
beiden, bis hieher abgehandelten Hauptquellen unseres Glckes flieen,
die Zeichen des fremden Beifalls: und, umgekehrt, ist es zum
Erstaunen, wie sehr jede Verletzung seines Ehrgeizes, in irgend einem
Sinne, Grad oder Verhltnis, jede Geringschtzung, Zurcksetzung,
Nichtachtung ihn unfehlbar krnkt und oft tief schmerzt. Sofern auf
dieser Eigenschaft das Gefhl der Ehre beruht, mag sie fr das
Wohlverhalten vieler, als Surrogat ihrer Moralitt, von ersprielichen
Folgen sein; aber auf das eigene *Glck* des Menschen, zunchst auf
die diesem so wesentliche Gemtsruhe und Unabhngigkeit, wirkt sie
mehr strend und nachteilig als frderlich ein. Daher ist es, von
unserm Gesichtspunkt aus, ratsam, ihr Schranken zu setzen und, mittels
gehriger berlegung und richtiger Abschtzung des Wertes der Gter,
jene groe Empfindlichkeit gegen die fremde Meinung mglichst zu
migen, sowohl da, wo ihr geschmeichelt wird, als da, wo ihr wehe
geschieht: denn beides hngt am selben Faden. Auerdem bleibt man der
Sklave fremder Meinung und fremden Bednkens:

    _Sic leve, sic parvum est, animum quod laudis avarum
    Subruit ac reficit._

Demnach wird eine richtige Abschtzung des Wertes dessen, was man in
und *fr sich selbst* ist, gegen das, was man blo in den Augen
*anderer* ist, zu unserm Glcke viel beitragen. Zum ersteren gehrt
die ganze Ausfllung der Zeit unsers eigenen Daseins, der innere
Gehalt desselben, mithin alle die Gter, welche unter den Titeln was
einer ist und was einer hat von uns in Betrachtung genommen worden
sind. Denn der Ort, in welchem alles dieses seine Wirkungssphre hat,
ist das eigene Bewutsein. Hingegen ist der Ort dessen, was wir fr
*andere* sind, das fremde Bewutsein: es ist die Vorstellung, unter
welcher wir darin erscheinen, nebst den Begriffen, die auf diese
angewandt werden[D]. Dies nun ist etwas, das unmittelbar gar nicht fr
uns vorhanden ist, sondern blo mittelbar, nmlich sofern das Betragen
der andern gegen uns dadurch bestimmt wird. Und auch dieses selbst
kommt eigentlich nur in Betracht, sofern es Einflu hat auf irgend
etwas, wodurch das, was wir *in und fr uns selbst* sind, modifizirt
werden kann. Auerdem ist ja, was in einem fremden Bewutsein vorgeht,
als solches, fr uns gleichgltig, und auch wir werden allmhlig
gleichgltig dagegen werden, wenn wir von der Oberflchlichkeit und
Futilitt der Gedanken, von der Beschrnktheit der Begriffe, von der
Kleinlichkeit der Gesinnung, von der Verkehrtheit der Meinungen und
von der Anzahl der Irrtmer in den allermeisten Kpfen eine
hinlngliche Kenntnis erlangen, und dazu aus eigener Erfahrung lernen,
mit welcher Geringschtzung gelegentlich von jedem geredet wird,
sobald man ihn nicht zu frchten hat oder glaubt, es komme ihm nicht
zu Ohren; insbesondere aber nachdem wir einmal angehrt haben, wie vom
grten Manne ein halbes Dutzend Schafskpfe mit Wegwerfung spricht.
Wir werden dann einsehen, da, wer auf die Meinung der Menschen einen
groen Wert legt, ihnen zu viel Ehre erzeigt.

  [D] Die hchsten Stnde, in ihrem Glanz, in ihrer Pracht und Prunk und
  Herrlichkeit und Reprsentation jeder Art knnen sagen: unser Glck
  liegt ganz auerhalb unserer selbst: sein Ort sind die Kpfe anderer.

Jedenfalls ist der auf eine kmmerliche Ressource hingewiesen, der
sein Glck nicht in den beiden, bereits abgehandelten Klassen von
Gtern findet, sondern es in dieser dritten suchen mu, also nicht in
dem, was er wirklich, sondern in dem, was er in der fremden
Vorstellung ist. Denn berhaupt ist die Basis unseres Wesens und
folglich auch unseres Glcks unsere animalische Natur. Daher ist, fr
unsere Wohlfahrt, Gesundheit das wesentlichste, nchst dieser aber die
Mittel zu unserer Erhaltung, also ein sorgenfreies Auskommen. Ehre,
Glanz, Rang, Ruhm, so viel Wert auch mancher darauf legen mag, knnen
mit jenen wesentlichen Gtern nicht kompetiren, noch sie ersetzen:
vielmehr wrden sie, erforderlichen Falle, unbedenklich fr jene
hingegeben werden. Dieserwegen wird es zu unserm Glcke beitragen,
wenn wir beizeiten die simple Einsicht erlangen, da jeder zunchst
und wirklich in seiner eigenen Haut lebt, nicht aber in der Meinung
anderer, und da demnach unser realer und persnlicher Zustand, wie er
durch Gesundheit, Temperament, Fhigkeiten, Einkommen, Weib, Kind,
Freunde, Wohnort usw. bestimmt wird, fr unser Glck hundertmal
wichtiger ist, als was es andern beliebt aus uns zu machen. Der
entgegengesetzte Wahn macht unglcklich. Wird mit Emphase ausgerufen
ber's Leben geht noch die Ehre, so besagt dies eigentlich: Dasein
und Wohlsein sind nichts; sondern was die andern von uns denken, das
ist die Sache. Allenfalls kann der Ausspruch als eine Hyperbel
gelten, der die prosaische Wahrheit zum Grunde liegt, da zu unserm
Fortkommen und Bestehn unter Menschen die Ehre, d. h. die Meinung
derselben von uns, oft unumgnglich ntig ist; worauf ich weiterhin
zurckkommen werde. Wenn man hingegen sieht, wie fast alles, wonach
Menschen, ihr Leben lang, mit rastloser Anstrengung und unter tausend
Gefahren und Mhseligkeiten, unermdlich streben, zum letzten Zweck,
hat, sich dadurch in der Meinung anderer zu erhhen, indem nmlich
nicht nur mter, Titel und Orden, sondern auch Reichtum, und selbst
Wissenschaft[E] und Kunst, im Grunde und hauptschlich deshalb
angestrebt werden, und der grere Respekt anderer das letzte Ziel
ist, darauf man hinarbeitet; so beweist dies leider nur die Gre der
menschlichen Torheit. Viel zu viel Wert auf die Meinung anderer zu
legen, ist ein allgemein herrschender Irrwahn: mag er nun in unserer
Natur selbst wurzeln, oder in Folge der Gesellschaft und Zivilisation
entstanden sein; jedenfalls bt er auf unser gesamtes Tun und Lassen
einen ganz bermigen und unserem Glcke feindlichen Einflu aus, den
wir verfolgen knnen, von da an, wo er sich in der ngstlichen und
sklavischen Rcksicht auf das _qu'en dira-t-on_ zeigt, bis dahin, wo
er den Dolch des Virginius in das Herz seiner Tochter stt, oder den
Menschen verleitet, fr den Nachruhm, Ruhe, Reichtum und Gesundheit,
ja, das Leben zu opfern. Dieser Wahn bietet allerdings dem, der die
Menschen zu beherrschen oder sonst zu lenken hat, eine bequeme
Handhabe dar; weshalb in jeder Art von Menschendressierungskunst die
Weisung, das Ehrgefhl rege zu erhalten und zu schrfen, eine
Hauptstelle einnimmt: aber in Hinsicht auf das eigene Glck des
Menschen, welches hier unsere Absicht ist, verhlt die Sache sich ganz
anders, und ist vielmehr davon abzumahnen, da man nicht zu viel Wert
auf die Meinung anderer lege. Wenn es, wie die tgliche Erfahrung
lehrt, dennoch geschieht, wenn die meisten Menschen gerade auf die
Meinung anderer von ihnen den hchsten Wert legen und es ihnen darum
mehr zu tun ist als um das, was, weil es in *ihrem eigenen Bewutsein*
vorgeht, unmittelbar fr sie vorhanden ist; wenn demnach, mittels
Umkehrung der natrlichen Ordnung, ihnen jenes der reale, dieses der
blo ideale Teil ihres Daseins zu sein scheint, wenn sie also das
Abgeleitete und Sekundre zur Hauptsache machen und ihnen mehr das
Bild ihres Wesens im Kopfe anderer, als dieses Wesen selbst am Herzen
liegt; so ist diese unmittelbare Wertschtzung dessen, was fr uns
unmittelbar gar nicht vorhanden ist, diejenige Torheit, welche man
*Eitelkeit*, _vanitas_, genannt hat, um dadurch das Leere und
Gehaltlose dieses Strebens zu bezeichnen. Auch ist aus dem Obigen
leicht einzusehn, da sie zum Vergessen des Zwecks ber die Mittel
gehrt, so gut wie der Geiz.

  [E] _Scire tuum nihil est, nisi te scire hoc sciat alter._

In der Tat berschreitet der Wert, den wir auf die Meinung anderer
legen, und unsere bestndige Sorge in betreff derselben, in der Regel,
fast jede vernnftige Bezweckung, so da sie als eine Art allgemein
verbreiteter oder vielmehr angeborener Manie angesehn werden kann. Bei
allem, was wir tun und lassen, wird, fast vor allem andern, die fremde
Meinung bercksichtigt, und aus der Sorge um sie werden wir, bei
genauer Untersuchung, fast die Hlfte aller Bekmmernisse und ngste,
die wir jemals empfunden haben, hervorgegangen sehn. Denn sie liegt
allem unserm, so oft gekrnkten, weil so krankhaft empfindlichen,
Selbstgefhl, allen unsern Eitelkeiten und Prtensionen, wie auch
unserm Prunken und Grotun, zum Grunde. Ohne diese Sorge und Sucht
wrde der Luxus kaum ein Zehntel dessen sein, was er ist. Aller und
jeder Stolz, _point d'honneur_ und _puntiglio_, so verschiedener
Gattung und Sphre er auch sein kann, beruht auf ihr -- und welche
Opfer heischt sie da nicht oft! Sie zeigt sich schon im Kinde, sodann
in jedem Lebensalter, jedoch am strksten im spten; weil dann, beim
Versiegen der Fhigkeit zu sinnlichen Genssen, Eitelkeit und Hochmut
nur noch mit dem Geize die Herrschaft zu teilen haben. Am deutlichsten
lt sie sich an den Franzosen beobachten, als bei welchen sie ganz
endemisch ist und sich oft in der abgeschmacktesten Ehrsucht,
lcherlichsten National-Eitelkeit und unverschmtesten Prahlerei Luft
macht; wodurch dann ihr Streben sich selbst vereitelt, indem es sie
zum Spotte der andern Nationen gemacht hat und die _grande nation_ ein
Neckname geworden ist. Um nun aber die in Rede stehende Verkehrtheit
der berschwnglichen Sorge um die Meinung anderer noch speziell zu
erlutern, mag hier ein, durch den Lichteffekt des Zusammentreffens
der Umstnde mit dem angemessenen Charakter, in seltenem Grade
begnstigtes, recht superlatives Beispiel jener in der Menschennatur
wurzelnden Torheit Platz finden, da an demselben die Strke dieser
hchst wunderlichen Triebfeder sich ganz ermessen lt. Es ist
folgende, den _Times_ vom 31. Mrz 1846 entnommene Stelle aus dem
ausfhrlichen Bericht von der soeben vollzogenen Hinrichtung des
*Thomas Wix*, eines Handwerksgesellen, der aus Rache seinen Meister
ermordet hatte: An dem zur Hinrichtung festgesetzten Morgen fand sich
der hochwrdige Gefngniskaplan zeitig bei ihm ein. Allein *Wix*,
obwohl sich ruhig betragend, zeigte keinen Anteil an seinen
Ermahnungen: vielmehr war das einzige, was ihm am Herzen lag, da es
ihm gelingen mchte, vor den Zuschauern seines schmachvollen Endes,
sich mit recht groer Bravour zu benehmen. -- -- -- Dies ist ihm denn
auch gelungen. Auf dem Hofraum, den er zu dem, hart am Gefngnis
errichteten Galgenschaffot zu durchschreiten hatte, sagte er: >Wohlan
denn, wie Doktor Dodd gesagt hat, bald werde ich das groe Geheimnis
wissen!< Er ging, obwohl mit gebundenen Armen, die Leiter zum Schaffot
ohne die geringste Beihilfe hinauf: daselbst angelangt machte er gegen
die Zuschauer, rechts und links, Verbeugungen, welche denn auch mit
dem donnernden Beifallsruf der versammelten Menge beantwortet und
belohnt wurden, usw. -- Dies ist ein Prachtexemplar der Ehrsucht, den
Tod, in schrecklichster Gestalt, nebst der Ewigkeit dahinter, vor
Augen, keine andere Sorge zu haben, als die um den Eindruck auf den
zusammengelaufenen Haufen der Gaffer und die Meinung, welche man in
deren Kpfen zurcklassen wird! -- Und doch war eben so der im selben
Jahr in Frankreich, wegen versuchten Knigsmordes, hingerichtete
*Lecomte*, bei seinem Proze, hauptschlich darber verdrielich, da
er nicht in anstndiger Kleidung vor der Pairskammer erscheinen
konnte, und selbst bei seiner Hinrichtung war es ihm ein Hauptverdru,
da man ihm nicht erlaubt hatte, sich vorher zu rasiren. Da es auch
ehemals nicht anders gewesen, ersehen wir aus dem, was *Mateo Aleman*,
in der, seinem berhmten Romane, Guzman de Alfarache, vorgesetzten
Einleitung (_declaracion_) anfhrt, da nmlich viele betrte
Verbrecher die letzten Stunden, welche sie ausschlielich ihrem
Seelenheile widmen sollten, diesem entziehn, um eine kleine Predigt,
die sie auf der Galgenleiter halten wollen, auszuarbeiten und zu
memoriren. -- An solchen Zgen jedoch knnen wir selbst uns spiegeln:
denn kolossale Flle geben berall die deutlichste Erluterung. Unser
aller Sorgen, Kmmern, Wurmen, rgern, ngstigen, Anstrengen usw.
betrifft, in vielleicht den meisten Fllen, eigentlich die fremde
Meinung und ist eben so absurd, wie das jener armen Snder. Nicht
weniger entspringt unser Neid und Ha grtenteils aus besagter
Wurzel.

Offenbar nun knnte zu unserem Glcke, als welches allergrtenteils
auf Gemtsruhe und Zufriedenheit beruht, kaum irgend etwas so viel
beitragen, als die Einschrnkung und Herabstimmung dieser Triebfeder
auf ihr vernnftig zu rechtfertigendes Ma, welches vielleicht ein
fnfzigstel des gegenwrtigen sein wird, also das Herausziehn dieses
immerfort peinigenden Stachels aus unserm Fleisch. Dies ist jedoch
sehr schwer: denn wir haben es mit einer natrlichen und angeborenen
Verkehrtheit zu tun. _Etiam sapientibus cupido gloriae novissima
exuitur_ sagt Tacitus (_hist. VI, 6_). Um jene allgemeine Torheit los
zu werden, wre das alleinige Mittel, sie deutlich als eine solche zu
erkennen und zu diesem Zwecke sich klar zu machen, wie ganz falsch,
verkehrt, irrig und absurd die meisten Meinungen in den Kpfen der
Menschen zu sein pflegen, daher sie, an sich selbst, keiner Beachtung
wert sind; sodann, wie wenig realen Einflu auf uns die Meinung
anderer, in den meisten Dingen und Fllen, haben kann; ferner, wie
ungnstig berhaupt sie meistenteils ist, so da fast jeder sich krank
rgern wrde, wenn er vernhme, was alles von ihm gesagt und in
welchem Tone von ihm geredet wird; endlich, da sogar die Ehre selbst
doch eigentlich nur von mittelbarem und nicht von unmittelbarem Werte
ist u. dgl. m. Wenn eine solche Bekehrung von der allgemeinen Torheit
uns gelnge; so wrde die Folge ein unglaublich groer Zuwachs an
Gemtsruhe und Heiterkeit und ebenfalls ein festeres und sichereres
Auftreten, ein durchweg unbefangeneres und natrlicheres Betragen
sein. Der so beraus wohlttige Einflu, den eine zurckgezogene
Lebensweise auf unsere Gemtsruhe hat, beruht grtenteils darauf, da
eine solche uns dem fortwhrenden Leben vor den Augen anderer,
folglich der steten Bercksichtigung ihrer etwanigen Meinung entzieht
und dadurch uns uns selber zurckgibt. Imgleichen wrden wir sehr
vielem realen Unglck entgehn, in welches nur jenes rein ideale
Streben, richtiger jene heillose Torheit, uns zieht, wrden auch viel
mehr Sorgfalt fr solide Gter brig behalten und dann auch diese
ungestrter genieen. Aber, wie gesagt, =chalepa ta kala=.

Die hier geschilderte Torheit unsrer Natur treibt hauptschlich drei
Sprlinge: Ehrgeiz, Eitelkeit und Stolz. Zwischen diesen zwei
letzteren beruht der Unterschied darauf, da der *Stolz* die bereits
feststehende berzeugung vom eigenen berwiegenden Werte, in
irgendeiner Hinsicht, ist; *Eitelkeit* hingegen der Wunsch, in andern
eine solche berzeugung zu erwecken, meistens begleitet von der
stillen Hoffnung, sie, in Folge davon, auch selbst zu der seinigen
machen zu knnen. Demnach ist Stolz die von *innen* ausgehende,
folglich direkte Hochschtzung seiner selbst; hingegen Eitelkeit das
Streben, solche von *auen* her, also indirekt zu erlangen.
Dementsprechend macht die Eitelkeit gesprchig, der Stolz schweigsam.
Aber der Eitle sollte wissen, da die hohe Meinung anderer, nach der
er trachtet, sehr viel leichter und sicherer durch anhaltendes
Schweigen zu erlangen ist, als durch Sprechen, auch wenn einer die
schnsten Dinge zu sagen htte. -- Stolz ist nicht wer will, sondern
hchstens kann wer will Stolz affektiren, wird aber aus dieser, wie
aus jeder angenommenen Rolle bald herausfallen. Denn nur die feste,
innere, unerschtterliche berzeugung von berwiegenden Vorzgen und
besonderem Werte macht wirklich stolz. Diese berzeugung mag nun irrig
sein, oder auch auf blo uerlichen und konventionellen Vorzgen
beruhen, -- das schadet dem Stolze nicht, wenn sie nur wirklich und
ernstlich vorhanden ist. Weil also der Stolz seine Wurzel in der
*berzeugung* hat, steht er, wie alle Erkenntnis, nicht in unserer
*Willkr*. Sein schlimmster Feind, ich meine sein grtes Hindernis,
ist die Eitelkeit, als welche um den Beifall anderer buhlt, um die
eigene hohe Meinung von sich erst darauf zu grnden, in welcher
bereits ganz fest zu sein die Voraussetzung des Stolzes ist.

So sehr nun auch durchgngig der Stolz getadelt und verschrien wird;
so vermute ich doch, da dies hauptschlich von solchen ausgegangen
ist, die nichts haben, darauf sie stolz sein knnten. Der
Unverschmtheit und Dummdreistigkeit der meisten Menschen gegenber,
tut jeder, der irgend welche Vorzge hat, ganz wohl, sie selbst im
Auge zu behalten, um nicht sie gnzlich in Vergessenheit geraten zu
lassen: denn wer, solche gutmtig ignorirend, mit jenen sich gerirt,
als wre er ganz ihresgleichen, den werden sie treuherzig sofort dafr
halten. Am meisten aber mchte ich solches denen anempfehlen, deren
Vorzge von der hchsten Art, d. h. reale, und also rein persnliche
sind, da diese nicht, wie Orden und Titel, jeden Augenblick durch
sinnliche Einwirkung in Erinnerung gebracht werden: denn sonst werden
sie oft genug das _sus Minervam_ exemplifizirt sehn. Scherze mit dem
Sklaven; bald wird er dir den Hintern zeigen -- ist ein
vortreffliches arabisches Sprichwort, und das Horazische _sume
superbiam, quaesitam meritis_ ist nicht zu verwerfen. Wohl aber ist
die Tugend der Bescheidenheit eine erkleckliche Erfindung fr die
Lumpe; da ihr gem jeder von sich zu reden hat, als wre auch er ein
solcher, welches herrlich nivellirt, indem es dann so herauskommt, als
gbe es berhaupt nichts als Lumpe.

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn
er verrt in dem damit Behafteten den Mangel an *individuellen*
Eigenschaften, auf die er stolz sein knnte, indem er sonst nicht zu
dem greifen wrde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer
bedeutende persnliche Vorzge besitzt, wird vielmehr die Fehler
seiner eigenen Nation, da er sie bestndig vor Augen hat, am
deutlichsten erkennen. Aber jeder erbrmliche Tropf, der nichts in der
Welt hat, darauf er stolz sein knnte, ergreift das letzte Mittel, auf
die Nation, der er gerade angehrt, stolz zu sein: hieran erholt er
sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die
ihr eigen sind, =pyx kai lax= zu verteidigen. Daher wird man z. B.
unter fnfzig Englndern kaum mehr als einen finden, welcher mit
einstimmt, wenn man von der stupiden und degradirenden Bigotterie
seiner Nation mit gebhrender Verachtung spricht: der eine aber pflegt
ein Mann von Kopf zu sein. -- Die Deutschen sind frei von
Nationalstolz und legen hierdurch einen Beweis der ihnen nachgerhmten
Ehrlichkeit ab; vom Gegenteil aber die unter ihnen, welche einen
solchen vorgeben und lcherlicher Weise affektiren; wie dies zumeist
die deutschen Brder und Demokraten tun, die dem Volke schmeicheln,
um es zu verfhren. Es heit zwar, die Deutschen htten das Pulver
erfunden: ich kann jedoch dieser Meinung nicht beitreten. Und
Lichtenberg frgt: warum gibt sich nicht leicht jemand, der es nicht
ist, fr einen Deutschen aus, sondern gemeiniglich, wenn er sich fr
etwas ausgeben will, fr einen Franzosen oder Englnder? brigens
berwiegt die Individualitt bei weitem die Nationalitt, und in einem
gegebenen Menschen verdient jene tausendmal mehr Bercksichtigung als
diese. Dem Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel
Gutes ehrlicherweise nachzurhmen sein. Vielmehr erscheint nur die
menschliche Beschrnktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem
Lande in einer andern Form und diese nennt man den Nationalcharakter.
Von *einem* derselben degoutirt loben wir den andern, bis es uns mit
ihm eben so ergangen ist. -- Jede Nation spottet ber die andere, und
alle haben recht.

Der Gegenstand dieses Kapitels, also was wir in der Welt *vorstellen*,
d. h. in den Augen anderer sind, lt sich nun, wie schon oben
bemerkt, einteilen in *Ehre*, *Rang* und *Ruhm*.

Der *Rang*, so wichtig er in den Augen des groen Haufens und der
Philister, und so gro sein Nutzen im Getriebe der Staatsmaschine sein
mag, lt sich, fr unsern Zweck, mit wenigen Worten abfertigen. Es
ist ein konventioneller, d. h. eigentlich ein simulirter Wert: seine
Wirkung ist eine simulirte Hochachtung, und das ganze eine Komdie fr
den groen Haufen. -- Orden sind Wechselbriefe, gezogen auf die
ffentliche Meinung: ihr Wert beruht auf dem Kredit des Ausstellers.
Inzwischen sind sie, auch ganz abgesehn von dem vielen Gelde, welches
sie, als Substitut pekunirer Belohnungen, dem Staat ersparen, eine
ganz zweckmige Einrichtung; vorausgesetzt, da ihre Verteilung mit
Einsicht und Gerechtigkeit geschehe. Der groe Haufe nmlich hat Augen
und Ohren, aber nicht viel mehr, zumal blutwenig Urteilskraft und
selbst wenig Gedchtnis. Manche Verdienste liegen ganz auerhalb der
Sphre seines Verstndnisses, andere versteht und bejubelt er, bei
ihrem Eintritt, hat sie aber nachher bald vergessen. Da finde ich es
ganz passend, durch Kreuz oder Stern, der Menge jederzeit und berall
zuzurufen: der Mann ist nicht euresgleichen: er hat Verdienste!
Durch ungerechte, oder urteilslose, oder bermige Verteilung
verlieren aber die Orden diesen Wert, daher ein Frst mit ihrer
Erteilung so vorsichtig sein sollte, wie ein Kaufmann mit dem
Unterschreiben der Wechsel. Die Inschrift _pour le mrite_ auf einem
Kreuze ist ein Pleonasmus: jeder Orden sollte _pour le mrite_ sein,
-- _a va sans dire_. --

Viel schwerer und weitlufiger, als die des Ranges, ist die Errterung
der *Ehre*. Zuvrderst htten wir sie zu definiren. Wenn ich nun in
dieser Absicht etwan sagte: die Ehre ist das uere Gewissen, und das
Gewissen die innere Ehre; -- so knnte dies vielleicht manchem
gefallen; wrde jedoch mehr eine glnzende, als eine deutliche und
grndliche Erklrung sein. Daher sage ich: die Ehre ist, objektiv, die
Meinung anderer von unserm Wert, und subjektiv, unsere Furcht vor
dieser Meinung. In letzterer Eigenschaft hat sie oft eine sehr
heilsame, wenn auch keineswegs rein moralische Wirkung, -- im Mann von
Ehre.

Die Wurzel und der Ursprung des jedem, nicht ganz verdorbenen Menschen
einwohnenden Gefhls fr Ehre und Schande, wie auch des hohen Wertes,
welcher ersterer zuerkannt wird, liegt in Folgendem. Der Mensch fr
sich allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson: nur in
der Gemeinschaft mit den andern ist und vermag er viel. Dieses
Verhltnisses wird er inne, sobald sein Bewutsein sich irgend zu
entwickeln anfngt, und alsbald entsteht in ihm das Bestreben, fr ein
taugliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu gelten, also fr
eines, das fhig ist, _pro parte virili_ mitzuwirken, und dadurch
berechtigt, der Vorteile der menschlichen Gemeinschaft teilhaft zu
werden. Ein solches nun ist er dadurch, da er, erstlich, das leistet,
was man von jedem berall, und sodann das, was man von ihm in der
besonderen Stelle, die er eingenommen hat, fordert und erwartet. Eben
so bald aber erkennt er, da es hierbei nicht darauf ankommt, da er
es in seiner eigenen, sondern da er es in der Meinung der anderen
sei. Hieraus entspringt demnach sein eifriges Streben nach der
gnstigen *Meinung* anderer und der hohe Wert, den er auf diese legt:
beides zeigt sich mit der Ursprnglichkeit eines angeborenen Gefhls,
welches man Ehrgefhl und, nach Umstnden, Gefhl der Scham
(_verecundia_) nennt. Dieses ist es, was seine Wangen rtet, sobald er
glaubt, pltzlich in der Meinung anderer verlieren zu mssen, selbst
wo er sich unschuldig wei; sogar da, wo der sich aufdeckende Mangel
eine nur relative, nmlich willkrlich bernommene Verpflichtung
betrifft: und andrerseits strkt nichts seinen Lebensmut mehr, als die
erlangte, oder erneuerte Gewiheit von der gnstigen Meinung anderer;
weil sie ihm den Schutz und die Hilfe der vereinten Krfte aller
verspricht, welche eine unendlich grere Wehrmauer gegen die bel des
Lebens sind, als seine eigenen.

Aus den verschiedenen Beziehungen, in denen der Mensch zu andern
stehen kann und in Hinsicht auf welche sie Zutrauen zu ihm, also eine
gewisse gute Meinung von ihm, zu hegen haben, entstehen mehrere *Arten
der Ehre*. Diese Beziehungen sind hauptschlich das Mein und Dein,
sodann die Leistungen der Anheischigen, endlich das Sexualverhltnis:
ihnen entsprechen die brgerliche Ehre, die Amtsehre und die
Sexualehre, jede von welchen noch wieder Unterarten hat.

Die weiteste Sphre hat die *brgerliche Ehre*: sie besteht in der
Voraussetzung, da wir die Rechte eines jeden unbedingt achten und
daher uns nie ungerechter, oder gesetzlich unerlaubter Mittel zu
unserm Vorteile bedienen werden. Sie ist die Bedingung zur Teilnahme
an allem friedlichen Verkehr. Sie geht verloren durch eine einzige
offenbar und stark dawider laufende Handlung, folglich auch durch jede
Kriminalstrafe; wiewohl nur unter Voraussetzung der Gerechtigkeit
derselben. Immer aber beruht die Ehre, in ihrem letzten Grunde, auf
der berzeugung von der Unvernderlichkeit des moralischen Charakters,
vermge welcher eine einzige schlechte Handlung die gleiche moralische
Beschaffenheit aller folgenden, sobald hnliche Umstnde eintreten
werden, verbrgt: dies bezeugt auch der englische Ausdruck _character_
fr Ruf, Reputation, Ehre. Deshalb eben ist die verlorene Ehre nicht
wieder herzustellen; es sei denn, da der Verlust auf Tuschung, wie
Verlumdung, oder falschem Schein, beruht htte. Demgem gibt es
Gesetze gegen Verlumdung, Pasquille, auch Injurien; denn die Injurie,
das bloe Schimpfen, ist eine summarische Verlumdung, ohne Angabe der
Grnde: dies liee sich Griechisch gut ausdrcken: =esti h loidoria
diabol syntomos=, -- welches jedoch nirgends vorkommt. Freilich legt
der, welcher schimpft, dadurch an den Tag, da er nichts Wirkliches
und Wahres gegen den andern vorzubringen hat; da er sonst dieses als
die Prmissen geben und die Konklusion getrost den Hrern berlassen
wrde; statt dessen er die Konklusion gibt und die Prmissen schuldig
bleibt: allein er verlt sich auf die Prsumtion, da dies nur
beliebter Krze halber geschehe. -- Die brgerliche Ehre hat zwar
ihren Namen vom Brgerstande; allein ihre Geltung erstreckt sich ber
alle Stnde, ohne Unterschied, sogar die allerhchsten nicht
ausgenommen: kein Mensch kann ihrer entraten und ist es mit ihr eine
ganz ernsthafte Sache, die jeder sich hten soll leicht zu nehmen. Wer
Treu und Glauben bricht, hat Treu und Glauben verloren, auf immer, was
er auch tun und wer er auch sein mag; die bittern Frchte, welche
dieser Verlust mit sich bringt, werden nicht ausbleiben.

Die *Ehre* hat, in gewissem Sinne, einen *negativen* Charakter,
nmlich im Gegensatz des Ruhmes, der einen *positiven* Charakter hat.
Denn die Ehre ist nicht die Meinung von besonderen, diesem Subjekt
allein zukommenden Eigenschaften, sondern nur von den, der Regel nach,
vorauszusetzenden, als welche auch ihm nicht abgehen sollen. Sie
besagt daher nur, da dies Subjekt keine Ausnahme mache; whrend der
Ruhm besagt, da er eine mache. Ruhm mu daher erst erworben werden:
die Ehre hingegen braucht blo nicht verloren zu gehn. Dem
entsprechend ist Ermangelung des Ruhmes Obskuritt, ein Negatives;
Ermangelung der Ehre ist Schande, ein Positives. -- Diese Negativitt
darf aber nicht mit Passivitt verwechselt werden: vielmehr hat die
Ehre einen ganz aktiven Charakter. Sie geht nmlich allein von dem
*Subjekt* derselben aus, beruht auf *seinem* Tun und Lassen, nicht aber
auf dem, was andere tun und was ihm widerfhrt: sie ist also =tn eph'
hmin=. Dies ist, wie wir bald sehn werden, ein Unterscheidungsmerkmal
der wahren Ehre von der ritterlichen, oder Afterehre. Blo durch
Verlumdung ist ein Angriff von auen auf die Ehre mglich: das
einzige Gegenmittel ist Widerlegung derselben, mit ihr angemessener
ffentlichkeit und Entlarvung des Verlumders.

Die Achtung vor dem Alter scheint darauf zu beruhen, da die Ehre
junger Leute zwar als Voraussetzung angenommen, aber noch nicht
erprobt ist, daher eigentlich auf Kredit besteht. Bei den lteren aber
hat es sich im Laufe des Lebens ausweisen mssen, ob sie, durch ihren
Wandel, ihre Ehre behaupten konnten. Denn weder die Jahre an sich, als
welche auch Tiere, und einige in viel hherer Zahl, erreichen, noch
auch die Erfahrung, als bloe, nhere Kenntnis vom Laufe der Welt,
sind hinreichender Grund fr die Achtung der Jngeren gegen die
lteren, welche doch berall gefordert wird: die bloe Schwche des
hheren Alters wrde mehr auf Schonung als auf Achtung Anspruch geben.
Merkwrdig aber ist es, da dem Menschen ein gewisser Respekt vor
weien Haaren angeboren und daher wirklich instinktiv ist. Runzeln,
ein ungleich sichereres Kennzeichen des Alters, erregen diesen Respekt
keineswegs: nie wird von ehrwrdigen Runzeln, aber stets vom
ehrwrdigen weien Haare geredet.

Der Wert der Ehre ist nur ein mittelbarer. Denn, wie bereits am
Eingang dieses Kapitels auseinander gesetzt ist, die Meinung anderer
von uns kann nur insofern Wert fr uns haben, als sie ihr Handeln
gegen uns bestimmt, oder gelegentlich bestimmen kann. Dies ist jedoch
der Fall, so lange wir mit oder unter Menschen leben. Denn, da wir, im
zivilisirten Zustande, Sicherheit und Besitz nur der Gesellschaft
verdanken, auch der anderen, bei allen Unternehmungen, bedrfen und
sie Zutrauen zu uns haben mssen, um sich mit uns einzulassen; so ist
ihre Meinung von uns von hohem, wiewohl immer nur mittelbarem Werte
fr uns; einen unmittelbaren kann ich ihr nicht zuerkennen. In
bereinstimmung hiemit sagt auch *Cicero*: _de bona autem fama
Chrysippus quidem et Diogenes, detracta utilitate, ne digitum quidem,
ejus causa, porrigendum esse dicebant. Quibus ego vehementer
assentior._ (_fin. III, 17._) Imgleichen gibt eine weitlufige
Auseinandersetzung dieser Wahrheit *Helvetius*, in seinem
Meisterwerke, _de l'esprit_ (_Disc. III, ch. 13_), deren Resultat ist:
_nous n'aimons pas l'estime pour l'estime, mais uniquement pour les
avantages qu'elle procure_. Da nun das Mittel nicht mehr wert sein
kann als der Zweck; so ist der Paradespruch die Ehre geht ber das
Leben, wie gesagt, eine Hyperbel.

Soviel von der brgerlichen Ehre. Die *Amtsehre* ist die allgemeine
Meinung anderer, da ein Mann, der ein Amt versieht, alle dazu
erforderlichen Eigenschaften wirklich habe und auch in allen Fllen
seine amtlichen Obliegenheiten pnktlich erflle. Je wichtiger und
grer der Wirkungskreis eines Mannes im Staate ist, also je hher und
einflureicher der Posten, auf dem er steht, desto grer mu die
Meinung von den intellektuellen Fhigkeiten und moralischen
Eigenschaften sein, die ihn dazu tauglich machen: mithin hat er einen
um so hhern Grad von Ehre, deren Ausdruck seine Titel, Orden usw.
sind, wie auch das sich unterordnende Betragen anderer gegen ihn. Nach
dem selben Mastabe bestimmt nun durchgngig der Stand den besonderen
Grad der Ehre, wiewohl dieser modifizirt wird durch die Fhigkeit der
Menge ber die Wichtigkeit des Standes zu urteilen. Immer aber erkennt
man dem, der besondere Obliegenheiten hat und erfllt, mehr Ehre zu,
als dem gemeinen Brger, dessen Ehre hauptschlich auf negativen
Eigenschaften beruht.

Die Amtsehre erfordert ferner, da wer ein Amt versieht, das Amt
selbst, seiner Kollegen und Nachfolger wegen, im Respekt erhalte, eben
durch jene pnktliche Erfllung seiner Pflichten und auch dadurch, da
er Angriffe auf das Amt selbst und auf sich, soferne er es versieht,
d. h. uerungen, da er das Amt nicht pnktlich versehe, oder da das
Amt selbst nicht zum allgemeinen Besten gereiche, nicht ungeahndet
lasse, sondern durch die gesetzliche Strafe beweise, da jene Angriffe
ungerecht waren.

Unterordnungen der Amtsehre sind die des Staatsdieners, des Arztes,
des Advokaten, jedes ffentlichen Lehrers, ja jedes Graduirten, kurz
eines jeden, der durch ffentliche Erklrung fr eine gewisse Leistung
geistiger Art qualifizirt erklrt worden ist und sich eben deshalb
selbst dazu anheischig gemacht hat; also mit einem Wort die Ehre aller
ffentlich Anheischigen als solcher. Daher gehrt auch hieher die
wahre *Soldatenehre*: sie besteht darin, da wer sich zur Verteidigung
des gemeinsamen Vaterlandes anheischig gemacht hat, die dazu ntigen
Eigenschaften, also vor allem Mut, Tapferkeit und Kraft wirklich
besitze und ernstlich bereit sei, sein Vaterland bis in den Tod zu
verteidigen und berhaupt die Fahne, zu der er einmal geschworen, um
nichts auf der Welt zu verlassen. -- Ich habe hier die *Amtsehre* in
einem weiteren Sinne genommen, als gewhnlich, wo sie den dem Amt
selbst gebhrenden Respekt der Brger bedeutet.

Die *Sexualehre* scheint mir einer nheren Betrachtung und
Zurckfhrung ihrer Grundstze auf die Wurzel derselben zu bedrfen,
welche zugleich besttigen wird, da alle Ehre zuletzt auf
Ntzlichkeitsrcksichten beruht. Die Sexualehre zerfllt, ihrer Natur
nach, in Weiber- und Mnnerehre, und ist von beiden Seiten ein
wohlverstandener _esprit de corps_. Die erstere ist bei weitem die
wichtigste von beiden: weil im weiblichen Leben das Sexualverhltnis
die Hauptsache ist. -- Die *weibliche Ehre* also ist die allgemeine
Meinung von einem Mdchen, da sie sich gar keinem Manne, und von
einer Frau, da sie sich nur dem ihr angetrauten hingegeben habe. Die
Wichtigkeit dieser Meinung beruht auf Folgendem. Das weibliche
Geschlecht verlangt und erwartet vom mnnlichen alles, nmlich alles,
was es wnscht und braucht: das mnnliche verlangt vom weiblichen
zunchst und unmittelbar nur eines. Daher mute die Einrichtung
getroffen werden, da das mnnliche Geschlecht vom weiblichen jenes
eine nur erlangen kann gegen bernahme der Sorge fr alles und zudem
fr die aus der Verbindung entspringenden Kinder: auf dieser
Einrichtung beruht die Wohlfahrt des ganzen weiblichen Geschlechts. Um
sie durchzusetzen, mu notwendig das weibliche Geschlecht
zusammenhalten und _esprit de corps_ beweisen. Dann aber steht es als
ein Ganzes und in geschlossener Reihe dem gesamten mnnlichen
Geschlechte, welches durch das bergewicht seiner Krper- und
Geisteskrfte von Natur im Besitz aller irdischen Gter ist, als dem
gemeinschaftlichen Feinde gegenber, der besiegt und erobert werden
mu, um, mittelst seines Besitzes, in den Besitz der irdischen Gter
zu gelangen. Zu diesem Ende nun ist die Ehrenmaxime des ganzen
weiblichen Geschlechts, da dem mnnlichen jeder uneheliche Beischlaf
durchaus versagt bleibe; damit jeder einzelne zur Ehe, als welche eine
Art von Kapitulation ist, gezwungen und dadurch das ganze weibliche
Geschlecht versorgt werde. Dieser Zweck kann aber nur vermittelst
strenger Beobachtung der obigen Maxime vollkommen erreicht werden:
daher wacht das ganze weibliche Geschlecht, mit wahrem _esprit de
corps_, ber die Aufrechterhaltung derselben unter allen seinen
Mitgliedern. Demgem wird jedes Mdchen, welches durch unehelichen
Beischlaf einen Verrat gegen das ganze weibliche Geschlecht begangen
hat, weil dessen Wohlfahrt durch das Allgemeinwerden dieser
Handlungsweise untergraben werden wrde, von demselben ausgestoen und
mit Schande belegt: es hat seine Ehre verloren. Kein Weib darf mehr
mit ihm umgehen: es wird, gleich einer Verpesteten, gemieden. Das
gleiche Schicksal trifft die Ehebrecherin; weil diese dem Manne die
von ihm eingegangene Kapitulation nicht gehalten hat, durch solches
Beispiel aber die Mnner vom Eingehen derselben abgeschreckt werden;
whrend auf ihr das Heil des ganzen weiblichen Geschlechts beruht.
Aber noch berdies verliert die Ehebrecherin, wegen der groben
Wortbrchigkeit und des Betruges in ihrer Tat, mit der Sexualehre
zugleich die brgerliche. Daher sagt man wohl, mit einem
entschuldigenden Ausdruck, ein gefallenes Mdchen, aber nicht eine
gefallene Frau, und der Verfhrer kann jene, durch die Ehe, wieder
ehrlich machen; nicht so der Ehebrecher diese, nachdem sie geschieden
worden. -- Wenn man nun, infolge dieser klaren Einsicht, einen zwar
heilsamen, ja notwendigen, aber wohlberechneten und auf Interesse
gesttzten _esprit de corps_ als die Grundlage des Prinzips der
weiblichen Ehre erkennt; so wird man dieser zwar die grte
Wichtigkeit fr das weibliche Dasein und daher einen groen relativen,
jedoch keinen absoluten, ber das Leben und seine Zwecke
hinausliegenden und demnach mit diesem selbst zu erkaufenden Wert
beilegen knnen. Demnach nun wird man den berspannten, zu tragischen
Farcen ausartenden Taten der Lukretia und des Virginius keinen Beifall
schenken knnen. Daher eben hat der Schlu der Emilia Galotti etwas so
Emprendes, da man das Schauspielhaus in vlliger Verstimmung
verlt. Hingegen kann man nicht umhin, der Sexualehre zum Trotz, mit
dem Klrchen des Egmont zu sympathisiren. Jenes auf die Spitze Treiben
des weiblichen Ehrenprinzips gehrt, wie so manches, zum Vergessen des
Zwecks ber die Mittel: denn die Sexualehre wird, durch solche
berspannung, ein absoluter Wert angedichtet; whrend sie, noch mehr
als alle andere Ehre, einen blo relativen hat; ja, man mchte sagen,
einen blo konventionellen, wenn man aus dem _Thomasius de
concubinatu_ ersieht, wie in fast allen Lndern und Zeiten, bis zur
Lutherischen Reformation, das Konkubinat ein gesetzlich erlaubtes und
anerkanntes Verhltnis gewesen ist, bei welchem die Konkubine ehrlich
blieb; der Mylitta zu Babylon (Herodot I, 199) usw. gar nicht zu
gedenken. Auch gibt es allerdings brgerliche Verhltnisse, welche die
uere Form der Ehe unmglich machen, besonders in katholischen
Lndern, wo keine Scheidung stattfindet; berall aber fr regierende
Herren, als welche, meiner Meinung nach, viel moralischer handeln,
wenn sie eine Mtresse halten, als wenn sie eine morganatische Ehe
eingehen, deren Deszendenz, beim etwanigen Aussterben der legitimen,
einst Ansprche erheben knnte; weshalb, sei es auch noch so entfernt,
durch solche Ehe die Mglichkeit eines Brgerkrieges herbeigefhrt
wird. berdies ist eine solche morganatische, d. h. eigentlich allen
uern Verhltnissen zum Trotz geschlossene Ehe, im letzten Grunde,
eine den Weibern und den Pfaffen gemachte Konzession, zweien Klassen,
denen man etwas einzurumen sich mglichst hten sollte. Ferner ist zu
erwgen, da jeder im Lande das Weib seiner Wahl ehelichen kann, bis
auf einen, dem dieses natrliche Recht benommen ist: dieser arme Mann
ist der Frst. Seine Hand gehrt dem Lande und wird nach der
Staatsraison, d. h. dem Wohl des Landes gem, vergeben. Nun aber ist
er doch ein Mensch und will auch einmal dem Hange seines Herzens
folgen. Daher ist es so ungerecht und undankbar, wie es
spiebrgerlich ist, dem Frsten das Halten einer Mtresse verwehren,
oder vorwerfen zu wollen; versteht sich, so lange ihr kein Einflu auf
die Regierung gestattet wird. Auch ihrerseits ist eine solche
Mtresse, hinsichtlich der Sexualehre, gewissermaen eine
Ausnahmsperson, eine Eximirte von der allgemeinen Regel: denn sie hat
sich blo einem Manne ergeben, der sie und den sie lieben, aber
nimmermehr heiraten konnte. -- berhaupt aber zeugen von dem nicht
rein natrlichen Ursprunge des weiblichen Ehrenprinzips die vielen
blutigen Opfer, welche demselben gebracht werden, -- im Kindermorde
und Selbstmorde der Mtter. Allerdings begeht ein Mdchen, die sich
ungesetzlich preisgibt, dadurch einen Treuebruch gegen ihr ganzes
Geschlecht: jedoch ist diese Treue nur stillschweigend angenommen und
nicht beschworen. Und da, im gewhnlichen Fall, ihr eigener Vorteil am
unmittelbarsten darunter leidet, so ist ihre Torheit dabei unendlich
grer als ihre Schlechtigkeit.

Die Geschlechtsehre der Mnner wird durch die der Weiber
hervorgerufen, als der entgegengesetzte _esprit de corps_, welcher
verlangt, da jeder, der die dem Gegenpart so sehr gnstige
Kapitulation, die Ehe, eingegangen ist, jetzt darber wache, da sie
ihm gehalten werde; damit nicht selbst dieses Paktum, durch das
Einreien einer laxen Observanz desselben, seine Festigkeit verliere
und die Mnner, indem sie alles hingeben, nicht einmal des einen
versichert seien, was sie dafr erhandeln, des Alleinbesitzes des
Weibes. Demgem fordert die Ehre des Mannes, da er den Ehebruch
seiner Frau ahnde und, wenigstens durch Trennung von ihr, strafe.
Duldet er ihn wissentlich, so wird er von der Mnnergemeinschaft mit
Schande belegt: jedoch ist diese lange nicht so durchgreifend, wie die
durch den Verlust der Geschlechtsehre das Weib treffende, vielmehr nur
eine _levioris notae macula_; weil beim Manne die Geschlechtsbeziehung
eine untergeordnete ist, indem er in noch vielen anderen und
wichtigeren steht. Die zwei groen dramatischen Dichter der neueren
Zeit haben, jeder zweimal, diese Mnnerehre zu ihrem Thema genommen:
Shakespeare, im Othello und im Wintermrchen, und Calderon, in _el
medico de su honra_ (der Arzt seiner Ehre) und _a secreto agravio
secreta venganza_ (fr geheime Schmach geheime Rache). brigens
fordert diese Ehre nur die Bestrafung des Weibes, nicht die ihres
Buhlen; welche blo ein _opus supererogationis_ ist: hiedurch besttigt
sich der angegebene Ursprung derselben aus dem _esprit de corps_ der
Mnner. --

Die Ehre, wie ich sie bis hieher, in ihren Gattungen und Grundstzen,
betrachtet habe, findet sich bei allen Vlkern und zu allen Zeiten als
allgemein geltend; wenn gleich der Weiberehre sich einige lokale und
temporre Modifikationen ihre Grundstze nachweisen lassen. Hingegen
gibt es noch eine, von jener allgemein und berall gltigen gnzlich
verschiedene Gattung der Ehre, von welcher weder Griechen noch Rmer
einen Begriff hatten, so wenig wie Chinesen, Hindu und Mohammedaner,
bis auf den heutigen Tag, irgend etwas von ihr wissen. Denn sie ist
erst im Mittelalter entstanden und blo im christlichen Europa
einheimisch geworden, ja, selbst hier nur unter einer uerst kleinen
Fraktion der Bevlkerung, nmlich unter den hheren Stnden der
Gesellschaft und was ihnen nacheifert. Es ist die *ritterliche Ehre*,
oder das _point d'honneur_. Da ihre Grundstze von denen der bis
hieher errterten Ehre gnzlich verschieden, sogar diesen zum Teil
entgegengesetzt sind, indem jene erstere den *Ehrenmann*, diese
hingegen den *Mann von Ehre* macht; so will ich ihre Prinzipien hier
besonders ausstellen, als einen Kodex, oder Spiegel der ritterlichen
Ehre.

1. Die Ehre besteht *nicht* in der Meinung anderer von unserm Wert,
sondern ganz allein in den *uerungen* einer solchen Meinung;
gleichviel ob die geuerte Meinung wirklich vorhanden sei oder nicht;
geschweige, ob sie Grund habe. Demnach mgen andere, in Folge unsers
Lebenswandels, eine noch so schlechte Meinung von uns hegen, uns noch
so sehr verachten; solange nur keiner sich untersteht, solches laut zu
uern, schadet es der Ehre durchaus nicht. Umgekehrt aber, wenn wir
auch durch unsere Eigenschaften und Handlungen alle andern zwingen,
uns sehr hoch zu achten (denn das hngt nicht von ihrer Willkr ab);
so darf dennoch nur irgend einer, -- und wre es der Schlechteste und
Dmmste --, seine Geringschtzung ber uns aussprechen, und alsbald
ist unsere Ehre verletzt, ja, sie ist auf immer verloren; wenn sie
nicht wieder hergestellt wird. -- Ein berflssiger Beleg dazu, da es
keineswegs auf die *Meinung* anderer, sondern allein auf die
*uerung* einer solchen ankomme, ist der, da Verunglimpfungen
*zurckgenommen*, ntigenfalls abgebeten werden knnen, wodurch es
dann ist, als wren sie nie geschehn: ob dabei die Meinung, aus der
sie entsprungen, sich ebenfalls gendert habe und weshalb dies
geschehn sein sollte, tut nichts zur Sache: nur die uerung wird
annullirt, und dann ist alles gut. Hier ist es demnach nicht darauf
abgesehn, Respekt zu verdienen, sondern ihn zu ertrotzen.

2. Die Ehre eines Mannes beruht nicht auf dem, was er *tut*, sondern
auf dem, was er *leidet*, was ihm widerfhrt. Wenn, nach den
Grundstzen der zuerst errterten, allgemein geltenden Ehre, diese
allein abhngt von dem, was *er selbst* sagt oder tut; so hngt
hingegen die ritterliche Ehre ab von dem, was irgend ein anderer sagt
oder tut. Sie liegt sonach in der Hand, ja, hngt an der Zungenspitze
eines jeden, und kann, wenn dieser zugreift, jeden Augenblick auf
immer verloren gehn, falls nicht der Betroffene, durch einen bald zu
erwhnenden Herstellungsproze, sie wieder an sich reit, welches
jedoch nur mit Gefahr seines Lebens, seiner Gesundheit, seiner
Freiheit, seines Eigentums und seiner Gemtsruhe geschehn kann. Diesem
zufolge mag das Tun und Lassen eines Mannes das rechtschaffenste und
edelste, sein Gemt das reinste und sein Kopf der eminenteste sein; so
kann dennoch seine Ehre jeden Augenblick verloren gehn, sobald es
nmlich irgend einem, -- der nur noch nicht diese Ehrengesetze
verletzt hat, brigens aber der nichtswrdigste Lump, das stupideste
Vieh, ein Tagedieb, Spieler, Schuldenmacher, kurz, ein Mensch, der
nicht wert ist, da jener ihn ansieht, sein kann, -- beliebt, ihn zu
*schimpfen*. Sogar wird es meistenteils gerade ein Subjekt solcher Art
sein, dem dies beliebt; weil eben, wie *Seneka* richtig bemerkt, _ut
quisque contemtissimus et ludibrio est, ita solutissimae linguae est_
(_de constantia, 11_): auch wird ein solcher gerade gegen einen, wie
der zuerst Geschilderte, am leichtesten aufgereizt werden; weil die
Gegenstze sich hassen und weil der Anblick berwiegender Vorzge die
stille Wut der Nichtswrdigkeit zu erzeugen pflegt; daher eben Goethe
sagt:

    Was klagst du ber Feinde?
    Sollten solche je werden Freunde,
    Denen das Wesen, wie du bist,
    Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?

    *W.O. Divan.*

Man sieht, wie sehr viel gerade die Leute der zuletzt geschilderten
Art dem Ehrenprinzip zu danken haben; da es sie mit denen nivellirt,
welche ihnen sonst in jeder Beziehung unerreichbar wren. -- Hat nun
ein solcher geschimpft, d. h. dem andern eine schlechte Eigenschaft
zugesprochen; so gilt dies, vor der Hand, als ein objektiv wahres und
gegrndetes Urteil, ein rechtskrftiges Dekret, ja, es bleibt fr alle
Zukunft wahr und gltig, wenn es nicht alsbald mit Blut ausgelscht
wird: d. h. der Geschimpfte bleibt (in den Augen aller Leute von
Ehre) das, was der Schimpfer (und wre dieser der letzte aller
Erdenshne) ihn genannt hat: denn er hat es (dies ist der _terminus
technicus_) auf sich sitzen lassen. Demgem werden die Leute von
Ehre ihn jetzt durchaus verachten, ihn wie einen Verpesteten fliehen,
z. B. sich laut und ffentlich weigern, in eine Gesellschaft zu gehn,
wo er Zutritt hat usw. -- Den Ursprung dieser weisen Grundansicht
glaube ich mit Sicherheit darauf zurckfhren zu knnen, da (nach C.
G. von Wchters Beitrge zur deutschen Geschichte, besonders des
deutschen Strafrechts 1845) im Mittelalter, bis ins 15. Jahrhundert,
bei Kriminalprozessen nicht der Anklger die Schuld, sondern der
Angeklagte seine Unschuld zu beweisen hatte. Dies konnte geschehen
durch einen Reinigungseid, zu welchem er jedoch noch der Eideshelfer
(_consacramentales_) bedurfte, welche beschworen, sie seien berzeugt,
da er keines Meineides fhig sei. Hatte er diese nicht, oder lie der
Anklger sie nicht gelten; so trat Gottesurteil ein, und dieses
bestand gewhnlich im Zweikampf. Denn der Angeklagte war jetzt ein
Bescholtener und hatte sich zu reinigen. Wir sehn hier den Ursprung
des Begriffs des Bescholtenseins und des ganzen Hergangs der Dinge,
wie er noch heute unter den Leuten von Ehre stattfindet, nur mit
Weglassung des Eides. Eben hier ergibt sich auch die Erklrung der
obligaten, hohen Indignation, mit welcher Leute von Ehre den Vorwurf
der Lge empfangen und blutige Rache dafr fordern, welches, bei der
Alltglichkeit der Lgen, sehr seltsam erscheint, aber besonders in
England zum tiefwurzelnden Aberglauben erwachsen ist. (Wirklich mte
jeder, der den Vorwurf der Lge mit dem Tode zu strafen droht, in
seinem Leben nicht gelogen haben.) Nmlich in jenen Kriminalprozessen
des Mittelalters war die krzere Form, da der Angeklagte dem Anklger
erwiderte: das lgst du; worauf dann sofort auf Gottesurteil erkannt
wurde: daher also schreibt es sich, da, nach dem ritterlichen
Ehrenkodex, auf den Vorwurf der Lge sogleich die Appellation an die
Waffen erfolgen mu. -- So viel, was das Schimpfen betrifft. Nun aber
gibt es sogar noch etwas rgeres als Schimpfen, etwas so
Erschreckliches, da ich wegen dessen bloer Erwhnung in diesem Kodex
der ritterlichen Ehre, die Leute von Ehre um Verzeihung zu bitten
habe, da ich wei, da beim bloen Gedanken daran ihnen die Haut
schaudert und ihr Haar sich emporstrubt, indem es das _summum malum_,
der bel grtes auf der Welt, und rger als Tod und Verdammnis ist.
Es kann nmlich, _horribile dictu_, einer dem andern einen Klaps oder
Schlag versetzen. Dies ist eine entsetzliche Begebenheit und fhrt
einen so kompleten Ehrentod herbei, da, wenn alle andern Verletzungen
der Ehre schon durch Blutlassen zu heilen sind, diese zu ihrer
grndlichen Heilung einen kompleten Totschlag erfordert.

3. Die Ehre hat mit dem, was der Mensch an und fr sich sein mag, oder
mit der Frage, ob seine moralische Beschaffenheit sich jemals ndern
knne, und allen solchen Schulfuchsereien, ganz und gar nichts zu tun;
sondern wann sie verletzt, oder vor der Hand verloren ist, kann sie,
wenn man nur schleunig dazutut, recht bald und vollkommen wieder
hergestellt werden, durch ein einziges Universalmittel, das Duell. Ist
jedoch der Verletzer nicht aus den Stnden, die sich zum Kodex der
ritterlichen Ehre bekennen, oder hat derselbe diesem schon ein Mal
zuwider gehandelt; so kann man, zumal wenn die Ehrenverletzung eine
ttliche, aber auch, wenn sie eine blo wrtliche gewesen sein sollte,
eine sichere Operation vornehmen, indem man, wenn man bewaffnet ist,
ihn auf der Stelle, allenfalls auch noch eine Stunde nachher,
niedersticht, wodurch dann die Ehre wieder heil ist. Auerdem aber,
oder wenn man, aus Besorgnis vor daraus entstehenden Unannehmlichkeiten,
diesen Schritt vermeiden mchte, oder wenn man blo ungewi ist, ob
der Beleidiger sich den Gesetzen der ritterlichen Ehre unterwerfe,
oder nicht, hat man ein Palliativmittel, an der Avantage. Diese
besteht darin, da, wenn er grob gewesen ist, man noch merklich grber
sei: geht dies mit Schimpfen nicht mehr an, so schlgt man drein, und
zwar ist auch hier ein Klimax der Ehrenrettung: Ohrfeigen werden durch
Stockschlge kurirt, diese durch Hetzpeitschenhiebe: selbst gegen
letztere wird von einigen das Anspucken als probat empfohlen. Nur wenn
man mit diesen Mitteln nicht mehr zur Zeit kommt, mu durchaus zu
blutigen Operationen geschritten werden. Diese Palliativmethode hat
ihren Grund eigentlich in der folgenden Maxime.

4. Wie Geschimpftwerden eine Schande, so ist Schimpfen eine Ehre. Z.
B. auf der Seite meines Gegners sei Wahrheit, Recht und Vernunft; ich
aber schimpfe; so mssen diese alle einpacken, und Recht und Ehre ist
auf meiner Seite: er hingegen hat vorlufig seine Ehre verloren, --
bis er sie herstellt, nicht etwan durch Recht und Vernunft, sondern
durch Schieen und Stechen. Demnach ist die Grobheit eine Eigenschaft,
welche, im Punkte der Ehre, jede andere ersetzt oder berwiegt: der
Grbste hat allemal Recht: _quid multa?_ Welche Dummheit,
Ungezogenheit, Schlechtigkeit einer auch begangen haben mag; -- durch
eine Grobheit wird sie als solche ausgelscht und sofort legitimiert.
Zeigt etwan in einer Diskussion, oder sonst im Gesprch ein anderer
richtigere Sachkenntnis, strengere Wahrheitsliebe, gesnderes Urteil,
mehr Verstand als wir, oder berhaupt, lt er geistige Vorzge
blicken, die uns in Schatten stellen; so knnen wir alle dergleichen
berlegenheiten und unsere eigene durch sie aufgedeckte Drftigkeit
sogleich aufheben und nun umgekehrt selbst berlegen sein, indem wir
beleidigend und grob werden. Denn eine Grobheit besiegt jedes Argument
und eklipzirt allen Geist: wenn daher nicht etwan der Gegner sich
darauf einlt und sie mit einer greren erwidert, wodurch wir in den
edlen Wettkampf der Avantage geraten; so bleiben wir Sieger und die
Ehre ist auf unserer Seite: Wahrheit, Kenntnis, Verstand, Geist, Witz
mssen einpacken und sind aus dem Felde geschlagen von der gttlichen
Grobheit. Daher werden Leute von Ehre, sobald jemand eine Meinung
uert, die von der ihrigen abweicht, oder auch nur mehr Verstand
zeigt, als sie ins Feld stellen knnen, sogleich Miene machen, jenes
Kampfro zu besteigen; und wenn etwan, in einer Kontroverse, es ihnen
an einem Gegenargument fehlt, so suchen sie nach einer Grobheit, als
welche ja denselben Dienst leistet und leichter zu finden ist: darauf
gehn sie siegreich von dannen. Man sieht schon hier, wie sehr mit
Recht dem Ehrenprinzip die Veredelung des Tones in der Gesellschaft
nachgerhmt wird. -- Diese Maxime beruht nun wieder auf der folgenden,
welche die eigentliche Grundmaxime und die Seele des ganzen Kodex ist.

5. Der oberste Richterstuhl des Rechts, an den man, in allen
Differenzen, von jedem andern, soweit es die Ehre betrifft, appelliren
kann, ist der der physischen Gewalt, d. h. der Tierheit. Denn jede
Grobheit ist eigentlich eine Appellation an die Tierheit, indem sie
den Kampf der geistigen Krfte, oder des moralischen Rechts, fr
inkompetent erklrt und an deren Stelle den Kampf der physischen
Krfte setzt, welcher bei der Spezies Mensch, die von *Franklin* ein
_toolmaking animal_ (Werkzeuge verfertigendes Tier) definirt wird, mit
den ihr demnach eigentmlichen Waffen, im Duell, vollzogen wird und
eine unwiderrufliche Entscheidung herbeifhrt. -- Diese Grundmaxime
wird bekanntlich, mit einem Worte, durch den Ausdruck *Faustrecht*,
welcher dem Ausdruck *Aberwitz* analog und daher, wie dieser, ironisch
ist, bezeichnet: demnach sollte, ihm gem, die ritterliche Ehre die
Faust-Ehre heien. --

6. Hatten wir, weiter oben, die brgerliche Ehre sehr skrupuls
gefunden im Punkte des Mein und Dein, der eingegangenen
Verpflichtungen und des gegebenen Wortes; so zeigt hingegen der hier
in Betrachtung genommene Kodex darin die nobelste Liberalitt. Nmlich
nur *ein* Wort darf nicht gebrochen werden, das Ehrenwort, d. h. das
Wort, bei dem man gesagt hat auf Ehre! -- woraus die Prsumtion
entsteht, da jedes andere Wort gebrochen werden darf. Sogar bei dem
Bruch dieses Ehrenworts lt sich zur Not die Ehre noch retten, durch
das Universalmittel, das Duell, hier mit denjenigen, welche behaupten,
wir htten das Ehrenwort gegeben. -- Ferner: nur *eine* Schuld gibt es,
die unbedingt bezahlt werden mu, -- die Spielschuld, welche auch
demgem den Namen Ehrenschuld fhrt. Um alle brigen Schulden mag
man Juden und Christen prellen: das schadet der ritterlichen Ehre
durchaus nicht. --

Da nun dieser seltsame, barbarische und lcherliche Kodex der Ehre
nicht aus dem Wesen der menschlichen Natur, oder einer gesunden
Ansicht menschlicher Verhltnisse hervorgegangen sei, erkennt der
Unbefangene auf den ersten Blick. Zudem aber wird es durch den uerst
beschrnkten Bereich seiner Geltung besttigt: dieser nmlich ist
ausschlielich Europa und zwar nur seit dem Mittelalter, und auch hier
nur beim Adel, Militr und was diesen nacheifert. Denn weder Griechen,
noch Rmer, noch die hochgebildeten asiatischen Vlker, alter und
neuer Zeit, wissen irgend etwas von dieser Ehre und ihren Grundstzen.
Sie alle kennen keine andere Ehre, als die zuerst analysirte. Bei
ihnen allen gilt demnach der Mann fr das, wofr sein Tun und Lassen
ihn kund gibt, nicht aber fr das, was irgend einer losen Zunge
beliebt von ihm zu sagen. Bei ihnen allen kann, was einer sagt oder
tut, wohl seine *eigene* Ehre vernichten, aber nie die eines andern.
Ein Schlag ist bei ihnen allen eben nur ein Schlag, wie jedes Pferd
und jeder Esel ihn gefhrlicher versetzen kann: er wird, nach
Umstnden, zum Zorne reizen, auch wohl auf der Stelle gercht werden:
aber mit der Ehre hat er nichts zu tun, und keineswegs wird Buch
gehalten ber Schlge und Schimpfwrter, nebst der dafr gewordenen
oder aber einzufordern versumten Satisfaktion. An Tapferkeit und
Lebensverachtung stehn sie den Vlkern des christlichen Europas nicht
nach. Griechen und Rmer waren doch wohl ganze Helden: aber sie wuten
nichts vom _point d'honneur_. Der Zweikampf war bei ihnen nicht Sache
der Edeln im Volke, sondern feiler Gladiatoren, preisgegebener Sklaven
und verurteilter Verbrecher, welche, mit wilden Tieren abwechselnd,
auf einander gehetzt wurden, zur Belustigung des Volks. Bei Einfhrung
des Christentums wurden die Gladiatorenspiele aufgehoben: an ihre
Stelle aber ist, in der christlichen Zeit, unter Vermittelung des
Gottesurteils, das Duell getreten. Waren jene ein grausames Opfer, der
allgemeinen Schaulust gebracht; so ist dieses ein grausames Opfer, dem
allgemeinen Vorurteil gebracht; aber nicht wie jenes, von Verbrechern,
Sklaven und Gefangenen, sondern von Freien und Edeln.

Da den Alten jenes Vorurteil vllig fremd war, bezeugen eine Menge
uns aufbehaltener Zge. Als z. B. ein Teutonischer Huptling den
*Marius* zum Zweikampf herausgefordert hatte, lie dieser Held ihm
antworten: wenn er seines Lebens berdrssig wre, mge er sich
aufhngen, bot ihm jedoch einen ausgedienten Gladiator an, mit dem er
sich herumschlagen knne (_Freinsh. suppl. in Liv. lib. LXVIII, c.
12_). Im Plutarch (_Them. 11_) lesen wir, da der Flottenbefehlshaber
Eurybiades, mit dem Themistokles streitend, den Stock aufgehoben habe,
ihn zu schlagen; jedoch nicht, da dieser darauf den Degen gezogen,
vielmehr, da er gesagt habe: =pataxon men oun, akouson de=: schlage
mich, aber hre mich. Mit welchem Unwillen mu doch der Leser von
Ehre hiebei die Nachricht vermissen, da das Atheniensische
Offizierkorps sofort erklrt habe, unter so einem Themistokles nicht
ferner dienen zu wollen! -- Ganz richtig sagt demnach ein neuerer
franzsischer Schriftsteller: _si quelqu'un s'avisait de dire que
Dmosthne fut un homme d'honneur, on sourirait de piti; -- -- --
Cicron n'tait pas un homme d'honneur non plus._ (_Soires
littraires, par C. Durand. Rouen 1828. Vol. 2. p. 300._) Ferner zeigt
die Stelle im Plato (_de leg. IX_, die letzten 6 Seiten, imgleichen
_XI p. 131 Bip._) ber die =aikia=, d. h. Mihandlungen, zur Genge,
da die Alten von der Ansicht des ritterlichen Ehrenpunktes bei
solchen Sachen keine Ahnung hatten. *Sokrates* ist, in Folge seiner
hufigen Disputationen, oft ttlich mihandelt worden, welches er
gelassen ertrug: als er einst einen Futritt erhielt, nahm er es
geduldig hin und sagte dem, der sich hierber wunderte: wrde ich
denn, wenn mich ein Esel gestoen htte, ihn verklagen? -- (_Diog.
Laert. II, 21._) Als, ein ander Mal, jemand zu ihm sagte: schimpft
und schmht dich denn jener nicht? war seine Antwort: nein: denn was
er sagt pate nicht auf mich (_ibid. 36._) -- Stobos (_Florileg.,
ed. Gaisford, Vol. I, p. 327-330_) hat eine lange Stelle des
*Musonius* uns aufbewahrt, daraus zu ersehen, wie die Alten die
Injurien betrachteten: sie kannten keine andere Genugtuung, als die
gerichtliche; und weise Mnner verschmhten auch diese. Da die Alten
fr eine erhaltene Ohrfeige keine andere Genugtuung kannten, als eine
gerichtliche, ist deutlich zu ersehn aus Plato's Gorgias (S. _86
Bip._); woselbst auch (S. 133) die Meinung des Sokrates darber steht.
Dasselbe erhellt auch aus dem Berichte des Gillius (_XX, 1_) von einem
gewissen Lucius Veratius, welcher den Mutwillen bte, den ihm auf der
Strae begegnenden rmischen Brgern, ohne Anla, eine Ohrfeige zu
versetzen, in welcher Absicht er, um allen Weitluftigkeiten darber
vorzubeugen, sich von einem Sklaven mit einem Beutel Kupfermnze
begleiten lie, der den also berraschten sogleich das gesetzmige
Schmerzensgeld von 25 A auszahlte. *Krates*, der berhmte Zyniker,
hatte vom Musiker Nikodromos eine so starke Ohrfeige erhalten, da ihm
das Gesicht angeschwollen und blutrnstig geworden war: darauf
befestigte er an seiner Stirn ein Brettchen, mit der Inschrift
=Nikodromos epoiei= (_Nicodromus fecit_), wodurch groe Schande auf
den Fltenspieler fiel, der gegen einen Mann, den ganz Athen wie einen
Hausgott verehrte (_Apul. Flor. p. 126 bip._), eine solche Brutalitt
ausgebt hatte. (_Diog. Laert. VI, 89._) -- Vom *Diogenes* aus Sinope
haben wir darber, da die betrunkenen Shne der Athener ihn geprgelt
hatten, einen Brief an den Melesippus, dem er bedeutet, das habe
nichts auf sich. (_Nota Casaub. ad Diog. Laert. VI, 33._) -- Seneka
hat, im Buche _de constantia sapientis_, vom _C. 10_ an bis zum Ende,
die Beleidigung, _contumelia_, ausfhrlich in Betracht genommen, um
darzulegen, da der Weise sie nicht beachtet. Kapitel 14 sagt er: _at
sapiens colaphis percussus, quid faciet? quod Cato, cum illi os
percussum esset: non excanduit, non vindicavit injuriam: nec remisit
quidem, sed factam negavit._ Ja, ruft ihr, das waren Weise! --
Ihr aber seid Narren? Einverstanden. --

Wir sehn also, da den Alten das ganze ritterliche Ehrenprinzip
unbekannt war, weil sie eben in allen Stcken der unbefangenen,
natrlichen Ansicht der Dinge getreu blieben und daher solche sinistre
und heillose Fratzen sich nicht einreden lieen. Deshalb konnten sie
auch einen Schlag ins Gesicht fr nichts anderes halten, als was er
ist, eine kleine physische Beeintrchtigung; whrend er den Neuern
eine Katastrophe und ein Thema zu Trauerspielen geworden ist, z. B. im
Eid des Corneille, auch in einem neueren deutschen brgerlichen
Trauerspiele, welches die Macht der Verhltnisse heit, aber die
Macht des Vorurteils heien sollte: wenn aber gar ein Mal in der
Pariser Nationalversammlung eine Ohrfeige fllt, so hallt ganz Europa
davon wieder. Den Leuten von Ehre nun aber, welche durch obige
klassische Erinnerungen und angefhrte Beispiele aus dem Altertume
verstimmt sein mssen, empfehle ich, als Gegengift, in *Diderots*
Meisterwerke, _Jaques le fataliste_, die Geschichte des Herrn
*Desglands* zu lesen, als ein auserlesenes Musterstck moderner
ritterlicher Ehrenhaftigkeit, daran sie sich letzen und erbauen mgen.

Aus dem Angefhrten erhellt zur Genge, da das ritterliche
Ehrenprinzip keineswegs ein ursprngliches, in der menschlichen Natur
selbst gegrndetes sein kann. Es ist also ein knstliches, und sein
Ursprung ist nicht schwer zu finden. Es ist offenbar ein Kind jener
Zeit, wo die Fuste gebter waren als die Kpfe, und die Pfaffen die
Vernunft in Ketten hielten, also des belobten Mittelalters und seines
Rittertums. Damals nmlich lie man fr sich den lieben Gott nicht nur
sorgen, sondern auch urteilen. Demnach wurden schwierige Rechtsflle
durch Ordalien oder Gottesurteile entschieden; diese nun bestanden,
mit wenigen Ausnahmen, in Zweikmpfen, keineswegs blo unter Rittern,
sondern auch unter Brgern; -- wie dies ein artiges Beispiel in
Shakespeares Heinrich VI. (T. 2, A. 2, Sz. 3) bezeugt. Auch konnte von
jedem richterlichen Urteilsspruch immer noch an den Zweikampf, als die
hhere Instanz, nmlich das Urteil Gottes, appellirt werden. Dadurch
war nun eigentlich die physische Kraft und Gewandtheit, also die
tierische Natur, statt der Vernunft, auf den Richterstuhl gesetzt, und
ber Recht oder Unrecht entschied nicht was einer getan hatte, sondern
was ihm widerfuhr, -- ganz nach dem noch heute geltenden ritterlichen
Ehrenprinzip. Wer an diesem Ursprunge des Duellwesens noch zweifelt,
lese das vortreffliche Buch von _J. G. Mellingen, the history of
duelling_, 1849. Ja, noch heutzutage findet man unter den, dem
ritterlichen Ehrenprinzip nachlebenden Leuten, welche bekanntlich
nicht gerade die unterrichtetesten und nachdenkendesten zu sein
pflegen, einige, die den Erfolg des Duells wirklich fr eine gttliche
Entscheidung des ihm zum Grunde liegenden Streites halten; gewi nach
einer traditionell fortgeerbten Meinung.

Abgesehn von diesem Ursprunge des ritterlichen Ehrenprinzips, ist
seine Tendenz zunchst diese, da man, durch Androhung physischer
Gewalt, die uerlichen Bezeugungen derjenigen Achtung erzwingen will,
welche wirklich zu erwerben man entweder fr zu beschwerlich, oder fr
berflssig hlt. Dies ist ungefhr so, wie wenn jemand, die Kugel des
Thermometers mit der Hand erwrmend, am Steigen des Quecksilbers
dartun wollte, da sein Zimmer wohlgeheizt sei. Nher betrachtet ist
der Kern der Sache dieser: wie die brgerliche Ehre, als welche den
friedlichen Verkehr mit andern im Auge hat, in der Meinung dieser von
uns besteht, da wir vollkommenes *Zutrauen* verdienen, weil wir die
Rechte eines jeden unbedingt achten; so besteht die ritterliche Ehre
in der Meinung von uns, da wir *zu frchten* seien, weil wir unsere
eigenen Rechte unbedingt zu verteidigen gesonnen sind. Der Grundsatz,
da es wesentlicher sei, gefrchtet zu werden, als Zutrauen zu
genieen, wrde auch, weil auf die Gerechtigkeit der Menschen wenig zu
bauen ist, so gar falsch nicht sein, wenn wir im Naturzustande lebten,
wo jeder sich selbst zu schtzen und seine Rechte unmittelbar zu
verteidigen hat. Aber im Stande der Zivilisation, wo der Staat den
Schutz unserer Person und unseres Eigentums bernommen hat, findet er
keine Anwendung mehr, und steht da, wie die Burgen und Warten aus den
Zeiten des Faustrechts, unntz und verlassen, zwischen wohlbebauten
Feldern und belebten Landstraen, oder gar Eisenbahnen. Demgem hat
denn auch die ihn festhaltende ritterliche Ehre sich auf solche
Beeintrchtigungen der Person geworfen, welche der Staat nur leicht,
oder, nach dem Prinzip _de minimis lex non curat_, gar nicht bestraft,
indem es unbedeutende Krnkungen und zum Teil bloe Neckereien sind.
Sie aber hat in Hinsicht auf diese sich hinaufgeschroben zu einer der
Natur, der Beschaffenheit und dem Lose des Menschen gnzlich
unangemessenen berschtzung des Wertes der eigenen Person, als
welchen sie bis zu einer Art von Heiligkeit steigert und demnach die
Strafe des Staates fr kleine Krnkungen derselben durchaus
unzulnglich findet, solche daher selbst zu strafen bernimmt und zwar
stets am Leibe und Leben des Beleidigers. Offenbar liegt hier der
unmigste Hochmut und die emprendeste Hoffahrt zugrunde, welche,
ganz vergessend, was der Mensch eigentlich ist, eine unbedingte
Unverletzlichkeit, wie auch Tadellosigkeit, fr ihn in Anspruch
nehmen. Allein jeder, der diese mit Gewalt durchzusetzen gesonnen ist
und dem zufolge die Maxime proklamirt: wer mich schimpft, oder gar
mir einen Schlag gibt, soll des Todes sein, -- verdient eigentlich
schon darum aus dem Lande verwiesen zu werden[F]. Da wird denn, zur
Beschnigung jenes vermessenen bermutes, allerhand vorgegeben. Von
zwei unerschrockenen Leuten, heit es, gebe keiner je nach, daher es
vom leisesten Ansto zu Schimpfreden, dann zu Prgeln und endlich zum
Totschlag kommen wrde; demnach sei es besser, anstandshalber die
Mittelstufen zu berspringen und gleich an die Waffen zu gehn. Das
speziellere Verfahren hierbei hat man dann in ein steifes,
pedantisches System, mit Gesetzen und Regeln, gebracht, welches die
ernsthafteste Posse von der Welt ist und als ein wahrer Ehrentempel
der Narrheit dasteht. Nun aber ist der Grundsatz selbst falsch: bei
Sachen von geringer Wichtigkeit (die von groer bleiben stets den
Gerichten anheimgestellt) gibt von zwei unerschrockenen Leuten
allerdings einer nach, nmlich der Klgste, und bloe Meinungen lt
man auf sich beruhen. Den Beweis hievon liefert das Volk, oder
vielmehr alle die zahlreichen Stnde, welche sich nicht zum
ritterlichen Ehrenprinzip bekennen, bei denen daher die Streitigkeiten
ihren natrlichen Verlauf haben: unter diesen Stnden ist der
Totschlag hundertmal seltener, als bei der vielleicht nur 1/1000 der
Gesamtheit betragenden Fraktion, welche jenem Prinzipe huldigt; und
selbst eine Prgelei ist eine Seltenheit. -- Sodann aber wird
behauptet, der gute Ton und die feine Sitte der Gesellschaft htten
zum letzten Grundpfeiler jenes Ehrenprinzip, mit seinen Duellen, als
welche die Wehrmauer gegen die Ausbrche der Rohheit und Ungezogenheit
wren. Allein in Athen, Korinth und Rom war ganz gewi gute und zwar
sehr gute Gesellschaft, auch feine Sitte und guter Ton anzutreffen;
ohne da jener Popanz der ritterlichen Ehre dahinter gesteckt htte.
Freilich aber fhrten daselbst auch nicht, wie bei uns, die Weiber den
Vorsitz in der Gesellschaft, welches, wie es zunchst der Unterhaltung
einen frivolen und lppischen Charakter erteilt und jedes gehaltvolle
Gesprch verbannt, gewi auch sehr dazu beitrgt, da in unsrer guten
Gesellschaft der persnliche Mut den Rang vor jeder andern Eigenschaft
behauptet; whrend er doch eigentlich eine sehr untergeordnete, eine
bloe Unteroffizierstugend ist, ja, eine, in welcher sogar Tiere uns
bertreffen, weshalb man z. B. sagt: mutig wie ein Lwe. Sogar aber
ist, im Gegenteil obiger Behauptung, das ritterliche Ehrenprinzip oft
das sichere Asylum, wie im groen der Unredlichkeit und
Schlechtigkeit, so im kleinen der Ungezogenheit, Rcksichtslosigkeit
und Flegelei, indem eine Menge sehr lstiger Unarten stillschweigend
geduldet werden, weil eben keiner Lust hat, an die Rge derselben den
Hals zu setzen. -- Dem allen entsprechend sehn wir das Duell im
hchsten Flor und mit blutdrstigem Ernst betrieben, gerade bei der
Nation, welche in politischen und finanziellen Angelegenheiten Mangel
an wahrer Ehrenhaftigkeit bewiesen hat: wie es damit bei ihr im
Privatverkehr stehe, kann man bei denen erfragen, die Erfahrung darin
haben. Was aber gar ihre Urbanitt und gesellschaftliche Bildung
betrifft, so ist sie als negatives Muster lngst berhmt.

  [F] Die ritterliche Ehre ist ein Kind des Hochmuts und der Narrheit.
  (Die ihr entgegengesetzte Wahrheit spricht am schrfsten _el principe
  constante_ aus in den Worten: _esa es la herencia de Adan_.) Sehr
  auffallend ist es, da dieser Superlativ alles Hochmuts sich allein
  und ausschlielich unter den Genossen derjenigen Religion findet,
  welche ihren Anhngern die uerste Demut zur Pflicht macht; da weder
  frhere Zeiten noch andere Weltteile jenes Prinzip der ritterlichen
  Ehre kennen. Dennoch darf man dasselbe nicht der Religion zuschreiben,
  vielmehr dem Feudalwesen, bei welchem jeder Edele sich als einen
  kleinen Souvern, der keinen menschlichen Richter ber sich erkannte,
  ansah und sich daher eine vllige Unverletzlichkeit und Heiligkeit der
  Person beilegen lernte, daher ihm jedes Attentat gegen dieselbe, oder
  jeder Schlag und jedes Schimpfwort, ein todeswrdiges Verbrechen
  schien. Demgem waren das Ehrenprinzip und die Duelle ursprnglich
  nur Sache des Adels und infolge davon in spteren Zeiten der
  Offiziere, denen sich nachher hin und wieder, wiewohl nie durchgngig,
  die andern hheren Stnde anschlossen, um nicht weniger zu gelten.
  Wenn auch die Duelle aus den Ordalien hervorgegangen sind; so sind
  diese doch nicht der Grund, sondern die Folge und Anwendung des
  Ehrenprinzips: wer keinen menschlichen Richter erkennt, appellirt an
  den gttlichen. Die Ordalien selbst aber sind nicht dem Christentum
  eigen, sondern finden sich auch im Hinduismus sehr stark, zwar
  meistens in lterer Zeit, doch Spuren davon auch noch jetzt.--

Alle jene Vorgaben halten also nicht Stich. Mit mehr Recht kann urgirt
werden, da, wie schon ein angeknurrter Hund wieder knurrt, ein
geschmeichelter wieder schmeichelt, es auch in der Natur des Menschen
liege, jede feindliche Begegnung feindlich zu erwidern und durch Zeichen
der Geringschtzung oder des Hasses erbittert und gereizt zu werden;
daher schon Cicero sagt: _habet quendam aculeum contumelia, quem pati
prudentes ac viri boni difficillime possunt_; wie denn auch nirgends auf
der Welt (einige fromme Sekten beiseite gesetzt) Schimpfreden oder gar
Schlge gelassen hingenommen werden. Jedoch leitet die Natur keinenfalls
zu etwas Weiterem, als zu einer der Sache angemessenen Vergeltung, nicht
aber dazu, den Vorwurf der Lge, der Dummheit oder der Feigheit, mit dem
Tode zu bestrafen, und der altdeutsche Grundsatz auf eine Maulschelle
gehrt ein Dolch ist ein emprender ritterlicher Aberglaube. Jedenfalls
ist die Erwiderung oder Vergeltung von Beleidigungen Sache des Zorns,
aber keineswegs der Ehre und Pflicht, wozu das ritterliche Ehrenprinzip
sie stempelt. Vielmehr ist ganz gewi, da jeder Vorwurf nur in dem
Mae, als er trifft, verletzen kann; welches auch daran ersichtlich ist,
da die leiseste Andeutung, welche trifft, viel tiefer verwundet, als
die schwerste Anschuldigung, die gar keinen Grund hat. Wer daher
wirklich sich bewut ist, einen Vorwurf nicht zu verdienen, darf und
wird ihn getrost verachten. Dagegen aber fordert das Ehrenprinzip von
ihm, da er eine Empfindlichkeit zeige, die er gar nicht hat, und
Beleidigungen, die ihn nicht verletzen, blutig rche. Der aber mu
selbst eine schwache Meinung von seinem eigenen Werte haben, der sich
beeilt, jeder denselben anfechtenden uerung den Daumen aufs Auge zu
drcken, damit sie nicht laut werde. Demzufolge wird, bei Injurien,
wahre Selbstschtzung wirkliche Gleichgltigkeit verleihen, und wo dies,
aus Mangel derselben, nicht der Fall ist, werden Klugheit und Bildung
anleiten, den Schein davon zu retten und den Zorn zu verbergen. Wenn man
demnach nur erst den Aberglauben des ritterlichen Ehrenprinzips los
wre, so da niemand mehr vermeinen drfte, durch Schimpfen irgend etwas
der Ehre eines andern nehmen oder der seinigen wiedergeben zu knnen,
auch nicht mehr jedes Unrecht, jede Roheit oder Grobheit sogleich
legitimirt werden knnte durch die Bereitwilligkeit Satisfaktion zu
geben, d. h. sich dafr zu schlagen; so wrde bald die Einsicht
allgemein werden, da, wenn es an's Schmhen und Schimpfen geht, der in
diesem Kampfe Besiegte der Sieger ist, und da, wie *Vincenzo Monti*
sagt, die Injurien es machen wie die Kirchenprozessionen, welche stets
dahin zurckkehren, von wo sie ausgegangen sind. Ferner wrde es alsdann
nicht mehr, wie jetzt, hinreichend sein, da einer eine Grobheit zu
Markte brchte, um Recht zu behalten; mithin wrden alsdann Einsicht und
Verstand ganz anders zu Worte kommen als jetzt, wo sie immer erst zu
bercksichtigen haben, ob sie nicht irgendwie den Meinungen der
Beschrnktheit und Dummheit, als welche schon ihr bloes Auftreten
alarmirt und erbittert hat, Ansto geben und dadurch herbeifhren
knnen, da das Haupt, in welchem sie wohnen, gegen den flachen Schdel,
in welchem jene hausen, aufs Wrfelspiel gesetzt werden msse. Sonach
wrde alsdann in der Gesellschaft die geistige berlegenheit das ihr
gebhrende Primat erlangen, welches jetzt, wenn auch verdeckt, die
physische berlegenheit und die Husarenkourage hat, und infolge hievon
wrden die vorzglichsten Menschen doch schon einen Grund weniger haben,
als jetzt, sich von der Gesellschaft zurckzuziehn. Eine Vernderung
dieser Art wrde demnach den *wahren* guten Ton herbeifhren und der
wirklich guten Gesellschaft den Weg bahnen, in der Form, wie sie, ohne
Zweifel, in Athen, Korinth und Rom bestanden hat. Wer von dieser eine
Probe zu sehn wnscht, dem empfehle ich das Gastmahl des Xenophon zu
lesen.

Die letzte Verteidigung des ritterlichen Kodex wird aber, ohne
Zweifel, lauten: Ei, da knnte ja, Gott sei bei uns! wohl gar einer
dem andern einen Schlag versetzen! -- worauf ich kurz erwidern
knnte, da dies bei den 999/1000 der Gesellschaft, die jenen Kodex
nicht anerkennen, oft genug der Fall gewesen, ohne da je einer daran
gestorben sei, whrend bei den Anhngern desselben, in der Regel,
jeder Schlag ein ttlicher wird. Aber ich will nher darauf eingehen.
Ich habe mich oft genug bemht, fr die unter einem Teil der
menschlichen Gesellschaft so fest stehende berzeugung von der
Entsetzlichkeit eines Schlages, entweder in der tierischen, oder in
der vernnftigen Natur des Menschen, irgend einen haltbaren oder
wenigstens plausibeln, nur nicht in bloen Redensarten bestehenden,
sondern auf deutliche Begriffe zurckfhrbaren Grund zu finden, jedoch
vergeblich. Ein Schlag ist und bleibt ein kleines physisches bel,
welches jeder Mensch dem andern verursachen kann, dadurch aber weiter
nichts beweist, als da er strker oder gewandter sei, oder da der
andere nicht auf seiner Hut gewesen. Weiter ergibt die Analyse nichts.
Sodann sehe ich denselben Ritter, welchem ein Schlag von Menschenhand
der bel grtes dnkt, einen zehnmal strkern Schlag von seinem
Pferde erhalten und, mit verbissenem Schmerz davonhinkend, versichern,
es habe nichts zu bedeuten. Da habe ich gedacht, es lge an der
Menschenhand. Allein ich sehe unseren Ritter von dieser Degenstiche
und Sbelhiebe im Kampfe erhalten und versichern, es sei Kleinigkeit,
nicht der Rede wert. Sodann vernehme ich, da selbst Schlge mit der
flachen Klinge bei weitem nicht so schlimm seien wie die mit dem
Stocke, daher, vor nicht langer Zeit, die Kadetten wohl jenen, aber
nicht diesen ausgesetzt waren: und nun gar der Ritterschlag, mit der
Klinge, ist die grte Ehre. Da bin ich denn mit meinen
psychologischen und moralischen Grnden zu Ende, und mir bleibt nichts
brig, als die Sache fr einen alten, festgewurzelten Aberglauben zu
halten, fr ein Beispiel mehr, zu so vielen, was alles man den
Menschen einreden kann. Dies besttigt auch die bekannte Tatsache, da
in China Schlge mit dem Bambusrohr eine sehr hufige brgerliche
Bestrafung, selbst fr Beamte aller Klassen sind; indem sie uns zeigt,
da die Menschennatur, und selbst die hoch zivilisirte, dort nicht
dasselbe aussagt[G]. Sogar aber lehrt ein unbefangener Blick auf die
Natur des Menschen, da diesem das Prgeln so natrlich ist, wie den
reienden Tieren das Beien und dem Hornvieh das Stoen: er ist eben
ein prgelndes Tier. Daher auch werden wir emprt, wenn wir, in
seltenen Fllen, vernehmen, da ein Mensch den andern gebissen habe;
hingegen ist, da er Schlge gebe und empfange, ein so natrliches,
wie leicht eintretendes Ereignis. Da hhere Bildung sich auch diesem,
durch gegenseitige Selbstbeherrschung, gern entzieht, ist leicht
erklrlich. Aber einer Nation, oder auch nur einer Klasse,
aufzubinden, ein gegebener Schlag sei ein entsetzliches Unglck,
welches Mord und Totschlag zur Folge haben msse, ist eine
Grausamkeit. Es gibt der wahren bel zu viele auf der Welt, als da
man sich erlauben drfte, sie durch imaginre, welche die wahren
herbeiziehn, zu vermehren: das tut aber jener dumme und boshafte
Aberglaube. Ich mu daher sogar mibilligen, da Regierungen und
gesetzgebende Krper demselben dadurch Vorschub leisten, da sie mit
Eifer auf Abstellung aller Prgelstrafen, beim Zivil und Militr,
dringen. Sie glauben dabei im Interesse der Humanitt zu handeln;
whrend gerade das Gegenteil der Fall ist, indem sie dadurch an der
Befestigung jenes widernatrlichen und heillosen Wahnes, dem schon so
viele Opfer gefallen sind, arbeiten. Bei allen Vergehungen, mit
Ausnahme der schwersten, sind Prgel die dem Menschen zuerst
einfallende, daher die natrliche Bestrafung: wer fr Grnde nicht
empfnglich war, wird es fr Prgel sein: und da der, welcher am
Eigentum, weil er keines hat, nicht gestraft werden kann, und den man
an der Freiheit, weil man seiner Dienste bedarf, nicht ohne eigenen
Nachteil strafen kann, durch mige Prgel gestraft werde, ist so
billig wie natrlich. Auch werden gar keine Grnde dagegen
aufgebracht, sondern bloe Redensarten von der Wrde des Menschen,
die sich nicht auf deutliche Begriffe, sondern eben nur wieder auf
obigen verderblichen Aberglauben sttzen. Da dieser der Sache zum
Grunde liege, hat eine fast lcherliche Besttigung daran, da noch
vor kurzem, in manchen Lndern beim Militr die Prgelstrafe durch die
Lattenstrafe ersetzt worden war, welche doch, ganz und gar wie jene,
die Verursachung eines krperlichen Schmerzes ist, nun aber nicht
ehrenrhrig und entwrdigend sein soll.

  [G] _Vingt ou trente coups de canne sur le derrire, c'est, pour ainsi
  dire, le pain quotidien des Chinois. C'est une correction paternelle
  du mandarin, laquelle n'a rien d'infamant, et qu'ils reoivent avec
  action de grces. -- Lettres difiantes et curieuses, dition de 1819.
  Vol. 11, p. 454._

Durch dergleichen Befrderung des besagten Aberglaubens arbeitet man
aber dem ritterlichen Ehrenprinzip und damit dem Duell in die Hnde,
whrend man dieses andrerseits durch Gesetze abzustellen bemht ist,
oder doch es zu sein vorgibt[H]. Infolge davon treibt denn jenes
Fragment des Faustrechts, aus den Zeiten des rohesten Mittelalters bis
in das 19. Jahrhundert herabgeweht, sich in diesem, zum ffentlichen
Skandal, noch immer herum: es ist nachgerade an der Zeit, da es mit
Schimpf und Schande herausgeworfen werde. Ist es doch heutzutage nicht
einmal erlaubt, Hunde oder Hhne methodisch aufeinander zu hetzen
(wenigstens werden in England dergleichen Hetzen gestraft); aber
Menschen werden, wider Willen, zum ttlichen Kampf aufeinander
gehetzt, durch den lcherlichen Aberglauben des absurden Prinzips der
ritterlichen Ehre und durch dessen bornirte Vertreter und Verwalter,
welche ihnen die Verpflichtung auflegen, wegen irgend einer Lumperei
wie Gladiatoren mit einander zu kmpfen. Unseren deutschen Puristen
schlage ich daher, fr das Wort Duell, welches wahrscheinlich nicht
vom lateinischen _duellum_, sondern vom spanischen _duelo_, Leid,
Klage, Beschwerde, herkommt, -- die Benennung Ritterhetze vor. Die
Pedanterei, mit der die Narrheit getrieben wird, gibt allerdings Stoff
zum Lachen. Indessen ist es emprend, da jenes Prinzip und sein
absurder Kodex einen Staat im Staate begrndet, welcher, kein anderes
als das Faustrecht anerkennend, die ihm unterworfenen Stnde dadurch
tyrannisirt, da er ein heiliges Vehmgericht offen hlt, vor welches
jeder jeden, mittelst sehr leicht herbeizufhrender Anlsse als
Schergen, laden kann, um ein Gericht auf Tod und Leben ber ihn und
sich ergehn zu lassen. Natrlich wird nun dies der Schlupfwinkel, von
welchem aus jeder Verworfenste, wenn er nur jenen Stnden angehrt,
den Edelsten und Besten, der ihm als solcher notwendig verhat sein
mu, bedrohen, ja, aus der Welt schaffen kann. Nachdem heutzutage
Justiz und Polizei es so ziemlich dahin gebracht haben, da nicht mehr
auf der Landstrae jeder Schurke uns zurufen kann die Brse oder das
Leben, sollte endlich auch die gesunde Vernunft es dahin bringen, da
nicht mehr, mitten im friedlichen Verkehr, jeder Schurke uns zurufen
knne die Ehre oder das Leben. Und die Beklemmung sollte den hhern
Stnden von der Brust genommen werden, welche daraus entsteht, da
jeder, jeden Augenblick, mit Leib und Leben verantwortlich werden kann
fr die Roheit, Grobheit, Dummheit oder Bosheit irgend eines andern,
dem es gefllt, solche gegen ihn auszulassen. Da, wenn zwei junge,
unerfahrne Hitzkpfe mit Worten aneinander geraten, sie dies mit ihrem
Blut, ihrer Gesundheit oder ihrem Leben ben sollen, ist
himmelschreiend, ist schndlich. Wie arg die Tyrannei jenes Staates im
Staate und wie gro die Macht jenes Aberglaubens sei, lt sich daran
ermessen, da schon fter Leute, denen die Wiederherstellung ihrer
verwundeten ritterlichen Ehre, wegen zu hohen oder zu niedrigen
Standes, oder sonst unangemessener Beschaffenheit des Beleidigers
unmglich war, aus Verzweiflung darber sich selbst das Leben genommen
und so ein tragikomisches Ende gefunden haben. -- Da das Falsche und
Absurde sich am Ende meistens dadurch entschleiert, da es, auf seinem
Gipfel, den Widerspruch als seine Blte hervortreibt; so tritt dieser
zuletzt auch hier in Form der schreiendesten Antinomie hervor: nmlich
dem Offizier ist das Duell verboten: aber er wird durch Absetzung
gestraft, wenn er es, vorkommenden Falls, unterlt.

  [H] Der eigentliche Grund, aus welchem die Regierungen scheinbar sich
  beeifern, das Duell zu unterdrcken und, whrend dies offenbar, zumal
  auf Universitten, sehr leicht wre, sich stellen, als wolle es ihnen
  nur nicht gelingen, scheint mir folgender: Der Staat ist nicht
  imstande die Dienste seiner Offiziere und Zivilbeamten mit Geld zum
  vollen zu bezahlen; daher lt er die andere Hlfte ihres Lohnes in
  der Ehre bestehn, welche reprsentirt wird durch Titel, Uniformen und
  Orden. Um nun diese ideale Vergtung ihrer Dienste im hohen Kurse zu
  erhalten, mu das Ehrgefhl auf alle Weise genhrt, geschrft,
  allenfalls etwas berspannt werden: da aber zu diesem Zweck die
  brgerliche Ehre nicht ausreicht, schon weil man sie mit jedem teilt:
  so wird die ritterliche Ehre zu Hilfe genommen und besagterweise
  aufrecht erhalten. In England, als wo Militr- und Zivilbesoldungen
  sehr viel hher stehn, als auf dem Kontinent, ist die besagte Aushilfe
  nicht ntig: daher eben ist daselbst, zumal in diesen letzten zwanzig
  Jahren, das Duell fast ganz ausgerottet, kommt jetzt hchst selten
  vor, und wird dann als eine Narrheit verlacht; gewi hat die groe
  _Anti-duelling-society_, welche eine Menge Lords, Admirle und
  Generle zu ihren Mitgliedern zhlt, hiezu viel beigetragen, und der
  Moloch mu sich ohne seine Opfer behelfen.

Ich will aber, da ich einmal dabei bin, in der Parrhesia noch weiter
gehn. Beim Lichte und ohne Vorurteil betrachtet, beruht blo darauf,
da, wie gesagt, jener Staat im Staate kein anderes Recht, als das des
Strkeren, also das Faustrecht, anerkennt und dieses, zum Gottesurteil
erhoben, seinem Kodex zum Grunde gelegt hat, der so wichtig gemachte
und so hoch genommene Unterschied, ob man seinen Feind im offenen, mit
gleichen Waffen gefhrten Kampf, oder aus dem Hinterhalt erlegt habe.
Denn durch ersteres hat man doch weiter nichts bewiesen, als da man
der Strkere oder der Geschicktere sei. Die Rechtfertigung, die man im
Bestehen des offenen Kampfes sucht, setzt also voraus, da das Recht
*des Strkeren* wirklich ein *Recht* sei. In Wahrheit aber gibt der
Umstand, da der andere sich schlecht zu wehren versteht, mir zwar die
Mglichkeit, jedoch keineswegs das Recht, ihn umzubringen; sondern
dieses letztere, also meine *moralische* Rechtfertigung kann allein
auf den *Motiven*, die ich, ihm das Leben zu nehmen, habe, beruhen.
Nehmen wir nun an, diese wren wirklich vorhanden oder zureichend; so
ist durchaus kein Grund da, es jetzt noch *davon* abhngig zu machen,
ob er, oder ich, besser schieen oder fechten knne, sondern dann ist
es gleichviel, auf welche Art ich ihm das Leben nehme, ob von hinten
oder von vorne. Denn moralisch hat das Recht des Strkeren nicht mehr
Gewicht, als das Recht des Klgeren, welches beim hinterlistigen Morde
angewandt wird: hier wiegt also dem Faustrecht das Kopfrecht gleich;
wozu noch bemerkt sei, da auch beim Duell das eine wie das andere
geltend gemacht wird, indem schon jede Finte, beim Fechten, Hinterlist
ist. Halte ich mich moralisch gerechtfertigt, einem das Leben zu
nehmen; so ist es Dummheit, es jetzt noch erst darauf ankommen zu
lassen, ob er etwan besser schieen und fechten knne als ich; in
welchem Fall er dann, umgekehrt, mir, den er schon beeintrchtigt hat,
noch obendrein das Leben nehmen soll. Da Beleidigungen nicht durch
das Duell, sondern durch Meuchelmord zu rchen seien, ist *Rousseaus*
Ansicht, die er behutsam andeutet, in der so geheimnisvoll gehaltenen
21. Anmerkung zum 4. Buche des *Emile* (S. 173, _Bip._). Dabei aber
ist er so stark im ritterlichen Aberglauben befangen, da er schon den
erlittenen Vorwurf der Lge als eine Berechtigung zum Meuchelmorde
ansieht; whrend er doch wissen mute, da jeder Mensch diesen Vorwurf
unzhlige Male verdient hat, ja, er selbst im hchsten Grade. Das
Vorurteil aber, welches die Berechtigung, den Beleidiger zu tten,
durch den offenen Kampf, mit gleichen Waffen, bedingt sein lt, hlt
offenbar das Faustrecht fr ein wirkliches Recht und den Zweikampf fr
ein Gottesurteil. Der Italiner hingegen, welcher, von Zorn entbrannt,
seinen Beleidiger, wo er ihn findet, ohne weiteres mit dem Messer
anfllt, handelt wenigstens konsequent und naturgem: er ist klger,
aber nicht schlechter, als der Duellant. Wollte man sagen, da ich,
bei der Ttung meines Feindes im Zweikampf, dadurch gerechtfertigt
sei, da er eben sich bemhte, mich zu tten, so steht dem entgegen,
da ich, durch die Herausforderung, ihn in den Fall der Notwehr
versetzt habe. Dieses sich absichtlich gegenseitig in den Fall der
Notwehr versetzen, heit im Grunde nur, einen plausibeln Vorwand fr
den Mord suchen. Eher liee sich die Rechtfertigung durch den
Grundsatz _volenti non fit injuria_ hren; sofern man durch
gegenseitige bereinkunft sein Leben auf dieses Spiel gesetzt hat:
aber dem steht entgegen, da es mit dem _volenti_ nicht seine
Richtigkeit hat; indem die Tyrannei des ritterlichen Ehrenprinzips und
seines absurden Kodex der Scherge ist, welcher beide, oder wenigstens
einen der beiden Kmpen vor dieses blutige Vehmgericht geschleppt hat.

Ich bin ber die ritterliche Ehre weitlufig gewesen, aber in guter
Absicht und weil gegen die moralischen und intellektuellen Ungeheuer
auf dieser Welt der alleinige Herkules die Philosophie ist. Zwei Dinge
sind es hauptschlich, welche den gesellschaftlichen Zustand der neuen
Zeit von dem des Altertums, zum Nachteil des ersteren unterscheiden,
indem sie demselben einen ernsten, finsteren, sinistern Anstrich
gegeben haben, von welchem frei das Altertum heiter und unbefangen,
wie der Morgen des Lebens, dasteht. Sie sind: das ritterliche
Ehrenprinzip und die venerische Krankheit, -- _par nobile fratrum_!
Sie zusammen haben =neikos kai philia= des Lebens vergiftet. Die
venerische Krankheit nmlich erstreckt ihren Einflu viel weiter, als
es auf den ersten Blick scheinen mchte, indem derselbe keineswegs ein
blo physischer, sondern auch ein moralischer ist. Seitdem Amors
Kcher auch vergiftete Pfeile fhrt, ist in das Verhltnis der
Geschlechter zueinander ein fremdartiges, feindseliges, ja teuflisches
Element gekommen, infolge wovon ein finsteres und furchtsames
Mitrauen es durchzieht, und der unmittelbare Einflu einer solchen
nderung in der Grundfeste aller menschlichen Gemeinschaft erstreckt
sich, mehr oder weniger, auch auf die brigen geselligen Verhltnisse;
welches auseinanderzusetzen mich hier zu weit abfhren wrde. --
Analog, wiewohl ganz anderartig, ist der Einflu des ritterlichen
Ehrenprinzips, dieser ernsthaften Posse, welche den Alten fremd war,
hingegen die moderne Gesellschaft steif, ernst und ngstlich macht,
schon weil jede flchtige uerung skrutinirt und ruminirt wird. Aber
mehr als dies! Jenes Prinzip ist ein allgemeiner Minotaur, dem nicht,
wie dem antiken, von einem, sondern von jedem Lande in Europa
alljhrlich eine Anzahl Shne edler Huser zum Tribut gebracht werden
mu. Daher ist es an der Zeit, da diesem Popanz einmal khn zu Leibe
gegangen werde, wie hier geschehn. Mchten doch beide Monstra der
neueren Zeit im 19. Jahrhundert ihr Ende finden! Wir wollen die
Hoffnung nicht aufgeben, da es mit dem ersteren den rzten, mittelst
der Prophylaktika, endlich doch noch gelingen werde. Den *Popanz* aber
abzutun ist Sache des Philosophen, mittelst Berichtigung der Begriffe,
da es den Regierungen, mittelst Handhabung der Gesetze, bisher nicht
hat gelingen wollen, zudem auch nur auf dem ersteren Wege das bel an
der Wurzel angegriffen wird. Sollte es inzwischen den Regierungen mit
der Abstellung des Duellwesens wirklich ernst sein und der geringe
Erfolg ihres Bestrebens wirklich nur an ihrem Unvermgen liegen, so
will ich ihnen ein Gesetz vorschlagen, fr dessen Erfolg ich einstehe,
und zwar ohne blutige Operationen, ohne Schafott oder Galgen oder
lebenswierige Einsperrungen zu Hilfe zu nehmen. Vielmehr ist es ein
kleines, ganz leichtes homopathisches Mittelchen: wer einen andern
herausfordert oder sich stellt, erhlt, _ la Chinoise_, am hellen
Tage, vor der Hauptwache, 12 Stockschlge vom Korporal, die
Kartelltrger und Sekundanten jeder 6. Wegen der etwanigen Folgen
wirklich vollzogener Duelle bliebe das gewhnliche kriminelle
Verfahren. Vielleicht wrde ein ritterlich Gesinnter mir einwenden,
da nach Vollstreckung solcher Strafe mancher Mann von Ehre imstande
sein knnte, sich totzuschieen; worauf ich antworte: es ist besser,
da so ein Narr sich selber totschiet, als andere. -- Im Grunde aber
wei ich sehr wohl, da es den Regierungen mit der Abstellung der
Duelle nicht ernst ist. Die Gehalte der Zivilbeamten, noch viel mehr
aber die der Offiziere, stehen (von den hchsten Stellen abgesehn)
weit unter dem Wert ihrer Leistungen. Zur andern Hlfte werden sie
daher mit der Ehre bezahlt. Diese wird zunchst durch Titel und Orden
vertreten, im weiteren Sinne durch die Standesehre berhaupt. Fr
diese Standesehre nun ist das Duell ein brauchbares Handpferd; daher
es auch schon auf den Universitten seine Vorschule hat. Die Opfer
desselben bezahlen demnach mit ihrem Blut das Defizit der Gehalte. --

Der Vollstndigkeit wegen sei hier noch die *Nationalehre* erwhnt.
Sie ist die Ehre eines ganzen Volkes als Teiles der Vlkergemeinschaft.
Da es in dieser kein anderes Forum gibt, als das der Gewalt, und
demnach jedes Mitglied derselben seine Rechte selbst zu schtzen hat;
so besteht die Ehre einer Nation nicht allein in der erworbenen
Meinung, da ihr zu trauen sei (Kredit), sondern auch in der, da sie
zu frchten sei: daher darf sie Eingriffe in ihre Rechte niemals
ungeahndet lassen. Sie vereinigt also den Ehrenpunkt der brgerlichen
mit dem der ritterlichen Ehre. --

Zu dem, was einer *vorstellt*, d. h. in den Augen der Welt ist, war
oben, in letzter Stelle, der *Ruhm* gezhlt worden: diesen htten wir
also noch zu betrachten. -- Ruhm und Ehre sind Zwillingsgeschwister;
jedoch so, wie die Dioskuren, von denen Pollux unsterblich und Kastor
sterblich war: der Ruhm ist der unsterbliche Bruder der sterblichen
Ehre. Freilich ist dies nur vom Ruhme hchster Gattung, dem
eigentlichen und echten Ruhme, zu verstehen: denn es gibt allerdings
auch mancherlei ephemeren Ruhm. -- Die Ehre, nun ferner, betrifft blo
solche Eigenschaften, welchen von jedem, der in denselben
Verhltnissen steht, gefordert werden; der Ruhm blo solche, die man
von niemandem fordern darf; die Ehre solche, die jeder sich ffentlich
beilegen darf; der Ruhm solche, die keiner sich selber beilegen darf.
Whrend unsere Ehre so weit reicht, wie die Kunde von uns; so eilt,
umgekehrt, der Ruhm der Kunde von uns voran und bringt diese so weit
er selbst gelangt. Auf Ehre hat jeder Anspruch; auf Ruhm nur die
Ausnahmen: denn nur durch auerordentliche Leistungen wird Ruhm
erlangt. Diese nun wieder sind entweder *Taten* oder *Werke*; wonach
zum Ruhme zwei Wege offen stehn. Zum Wege der *Taten* befhigt
vorzglich das groe Herz; zu dem der *Werke* der groe Kopf. Jeder
der beiden Wege hat seine eigenen Vorteile und Nachteile. Der
Hauptunterschied ist, da die Taten vorbergehn, die Werke bleiben.
Die edelste Tat hat doch nur einen zeitweiligen Einflu; das geniale
Werk hingegen lebt und wirkt, wohlttig und erhebend, durch alle
Zeiten. Von den Taten bleibt nur das Andenken, welches immer
schwcher, entstellter und gleichgltiger wird, allmhlich sogar
erlschen mu, wenn nicht die Geschichte es aufnimmt und es nun im
petrifizirtem Zustande der Nachwelt berliefert. Die Werke hingegen
sind selbst unsterblich und knnen, zumal die schriftlichen, alle
Zeiten durchleben. Von Alexander dem Groen lebt Name und Gedchtnis:
aber Plato und Aristoteles, Homer und Horaz sind noch selbst da, leben
und wirken unmittelbar. Die Veden, mit ihren Upanischaden, sind da:
aber von allen den Taten, die zu ihrer Zeit geschehen, ist gar keine
Kunde auf uns gekommen[I]. -- Ein anderer Nachteil der Taten ist ihre
Abhngigkeit von der Gelegenheit, als welche erst die Mglichkeit dazu
geben mu; woran sich knpft, da ihr Ruhm sich nicht allein nach
ihrem innern Werte richtet, sondern auch nach den Umstnden, welche
ihnen Wichtigkeit und Glanz erteilen. Zudem ist er, wenn, wie im
Kriege, die Taten rein persnliche sind, von der Aussage weniger
Augenzeugen abhngig: diese sind nicht immer vorhanden und dann nicht
immer gerecht und unbefangen. Dagegen aber haben die Taten den
Vorteil, da sie, als etwas Praktisches, im Bereich der allgemeinen
menschlichen Urteilsfhigkeit liegen; daher ihnen, wenn dieser nur die
Data richtig berliefert sind, sofort Gerechtigkeit widerfhrt; es sei
denn, da ihre Motive erst spter richtig erkannt oder gerecht
abgeschtzt werden: denn zum Verstndnis einer jeden Handlung gehrt
Kenntnis des Motivs derselben. Umgekehrt steht es mit den Werken: ihre
Entstehung hngt nicht von der Gelegenheit, sondern allein von ihrem
Urheber ab, und was sie an und fr sich sind, bleiben sie, so lange
sie bleiben. Bei ihnen liegt dagegen die Schwierigkeit im Urteil, und
sie ist um so grer, in je hherer Gattung sie sind: oft fehlt es an
kompetenten, oft an unbefangenen und redlichen Richtern. Dagegen nun
wieder wird ihr Ruhm nicht von *einer* Instanz entschieden; sondern es
findet Appellation statt. Denn whrend, wie gesagt, von den Taten blo
das Andenken auf die Nachwelt kommt und zwar so, wie die Mitwelt es
berliefert; so kommen hingegen die Werke selbst dahin, und zwar, etwa
fehlende Bruchstcke abgerechnet, so, wie sie sind: hier gibt es also
keine Entstellung der Data, und auch der etwan nachteilige Einflu der
Umgebung, bei ihrem Ursprunge, fllt spter weg. Vielmehr bringt oft
erst die Zeit, nach und nach, die wenigen wirklich kompetenten Richter
heran, welche, schon selbst Ausnahmen, ber noch grere Ausnahmen zu
Gerichte sitzen: sie geben sukzessiv ihre gewichtigen Stimmen ab, und
so steht, bisweilen freilich erst nach Jahrhunderten, ein vollkommen
gerechtes Urteil da, welches keine Folgezeit mehr umstt. So sicher,
ja, unausbleiblich ist der Ruhm der Werke. Hingegen da ihr Urheber
ihn erlebe, hngt von ueren Umstnden und dem Zufall ab: es ist um
so seltener, je hherer und schwierigerer Gattung sie waren. Diesem
gem sagt Seneka (_ep. 79._) unvergleichlich schn, da dem
Verdienste sein Ruhm so unfehlbar folge, wie dem Krper sein Schatten,
nur aber freilich, eben wie auch dieser, bisweilen vor, bisweilen
hinter ihm herschreite, und fgt, nachdem er dies erlutert hat,
hinzu: _etiamsi omnibus tecum viventibus *silentium livor indixerit*,
venient qui sine offensa, sine gratia judicent_; woraus wir nebenbei
ersehen, da die Kunst des Unterdrckens der Verdienste durch
hmisches Schweigen und Ignoriren, um, zu Gunsten des Schlechten, das
Gute dem Publiko zu verbergen, schon bei den Lumpen des Seneka'schen
Zeitalters blich war, so gut wie bei denen des unsrigen, und da
jenen, wie diesen, *der Neid die Lippen zudrckte*. -- In der Regel
wird sogar der Ruhm, je lnger er zu dauern hat, desto spter
eintreten; wie ja alles Vorzgliche langsam heranreift. Der Ruhm,
welcher zum Nachruhm werden will, gleicht einer Eiche, die aus ihrem
Samen sehr langsam emporwchst; der leichte, ephemere Ruhm den
einjhrigen, schnellwachsenden Pflanzen, und der falsche Ruhm gar dem
schnell hervorschieenden Unkraute, das schleunigst ausgerottet wird.
Dieser Hergang beruht eigentlich darauf, da, je mehr einer der
Nachwelt, d. i. eigentlich der Menschheit berhaupt und im Ganzen,
angehrt, desto fremder er seinem Zeitalter ist; weil, was er
hervorbringt, nicht diesem speziell gewidmet ist, also nicht demselben
als solchem, sondern nur sofern es ein Teil der Menschheit ist,
angehrt und daher auch nicht mit dessen Lokalfarbe tingirt ist:
infolge hievon aber kann es leicht kommen, da dasselbe ihn fremd an
sich vorbergehn lt. Es schtzt vielmehr die, welche den
Angelegenheiten seines kurzen Tages, oder der Laune des Augenblicks
dienen und daher ganz *ihm* angehren, mit ihm leben und mit ihm
sterben. Demgem lehren Kunst- und Literaturgeschichte durchgngig,
da die hchsten Leistungen des menschlichen Geistes in der Regel mit
Ungunst aufgenommen worden und darin so lange geblieben sind, bis
Geister hherer Art herankamen, die von ihnen angesprochen wurden und
sie zu dem Ansehn brachten, in welchem sie nachher, durch die so
erlangte Autoritt, sich erhalten haben. Dies alles nun aber beruht,
im letzten Grunde, darauf, da jeder eigentlich nur das ihm Homogene
verstehn und schtzen kann. Nun aber ist dem Platten das Platte, dem
Gemeinen das Gemeine, dem Unklaren das Verworrene, dem Hirnlosen das
Unsinnige homogen, und am allerbesten gefallen jedem seine eigenen
Werke, als welche ihm durchaus homogen sind. Daher sang schon der alte
fabelhafte Epicharmos:

    =Thaumaston ouden esti, me tauth' hout legein,
    Kai handanein autoisin autous, kai dokein
    Kals pephykenai: kai gar ho kyn kyni
    Kalliston eimen phainetai, kai bous bo,
    Onos de on kalliston, hys de hy.=

welches ich, damit es keinem verloren gehe, verdeutschen will:

    Kein Wunder ist es, da ich red' in meinem Sinn,
    Und jene, selbst sich selbst gefallend, stehn im Wahn,
    Sie wren lobenswert: so scheint dem Hund der Hund
    Das schnste Wesen, so dem Ochsen auch der Ochs,
    Dem Esel auch der Esel, und dem Schwein das Schwein.

  [I] Demnach ist es ein schlechtes Kompliment, wenn man, wie heutzutage
  Mode ist, Werke dadurch zu ehren vermeint, da man sie Taten titulirt.
  Denn Werke sind wesentlich hherer Art. Eine Tat ist immer nur eine
  Handlung auf Motiv, mithin ein einzelnes, vorbergehendes, und ist ein
  dem allgemeinen und ursprnglichen Element der Welt, dem Willen,
  angehriges. Ein groes oder schnes Werk hingegen ist ein bleibendes,
  weil von allgemeiner Bedeutung, und ist der Intelligenz entsprossen,
  der schuldlosen, reinen, dieser Willenswelt wie ein Duft
  entsteigenden.

  Ein Vorteil des Ruhmes der Taten ist, da er in der Regel sogleich
  eintritt mit einer starken Explosion, oft so stark, da sie in ganz
  Europa gehrt wird; whrend der Ruhm der Werke langsam und allmhlich
  eintritt, erst leise, dann immer lauter, und oft erst nach hundert
  Jahren seine ganze Strke erreicht: dann aber bleibt er, weil die
  Werke bleiben, bisweilen Jahrtausende hindurch. Jener andere hingegen
  wird, nachdem die erste Explosion vorber ist, allmhlich schwcher,
  wenigeren bekannt und immer wenigeren, bis er zuletzt nur noch in der
  Historie ein gespensterhaftes Dasein fhrt.

Wie selbst der krftigste Arm, wenn er einen leichten Krper
fortschleudert, ihm doch keine Bewegung erteilen kann, mit der er weit
flge und heftig trfe, sondern derselbe schon in der Nhe matt
niederfllt, weil es ihm an eigenem materiellen Gehalte gefehlt hat,
die fremde Kraft aufzunehmen, -- ebenso ergeht es schnen und groen
Gedanken, ja den Meisterwerken des Genies, wenn, sie aufzunehmen,
keine andere, als kleine, schwache oder schiefe Kpfe da sind. Dies zu
bejammern haben die Stimmen der Weisen aller Zeiten sich zum Chorus
vereint. Z. B. Jesus Sirach sagt, wer mit einem Narren redet, der
redet mit einem Schlafenden. Wenn es aus ist, so spricht er: was
ist's? -- Und Hamlet: _a knavish speech sleeps in a fool's ear_ (eine
schalkhafte Rede schlft im Ohr eines Narren). Und Goethe:

    Das glcklichste Wort es wird verhhnt,
    Wenn der Hrer ein Schiefohr ist.

und wieder:

    Du wirkest nicht, alles bleibt so stumpf,
    Sei guter Dinge!
    Der Stein im Sumpf
    Macht keine Ringe.

Und Lichtenberg: wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoen und es
klingt hohl; ist denn das allemal im Buche? -- und wieder: Solche
Werke sind Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, kann kein Apostel
heraussehn. Ja, Vater Gellert's gar schne und rhrende Klage darber
verdient wohl einmal wieder in Erinnerung gebracht zu werden:

    Da oft die allerbesten Gaben
    Die wenigsten Bewundrer haben,
    Und da der grte Teil der Welt
    Das Schlechte fr das Gute hlt;
    Dies bel sieht man alle Tage.
    Jedoch, wie wehrt man dieser Pest?
    Ich zweifle, da sich diese Plage
    Aus unsrer Welt verdrngen lt.
    Ein einzig Mittel ist auf Erden,
    Allein es ist unendlich schwer:
    Die Narren mssen weise werden;
    Und seht! sie werdens nimmermehr.
    Nie kennen sie den Wert der Dinge.
    Ihr Auge schliet, nicht ihr Verstand:
    Sie loben ewig das Geringe,
    Weil sie das Gute nie gekannt.

Zu dieser intellektuellen Unfhigkeit der Menschen, infolge welcher
das Vortreffliche, wie Goethe sagt, noch seltener erkannt und
geschtzt, als gefunden wird, gesellt sich nun, hier wie berall, auch
noch die moralische Schlechtigkeit derselben, und zwar als Neid
auftretend. Durch den Ruhm nmlich, den einer erwirbt, wird abermals
einer mehr ber alle seiner Art erhoben: diese werden also um ebenso
viel herabgesetzt, so da jedes ausgezeichnete Verdienst seinen Ruhm
auf Kosten derer erlangt, die keines haben.


    Wenn wir andern Ehre geben,
    Mssen wir uns selbst entadeln.

    *Goethe. W.O. Divan.*

Hieraus erklrt es sich, in da, welcher Gattung auch immer das
Vortreffliche auftreten mag, sogleich die gesamte, so zahlreiche
Mittelmigkeit verbndet und verschworen ist, es nicht gelten zu
lassen, ja, wo mglich, es zu ersticken. Ihre heimliche Parole ist: _
bas le mrite_. Aber sogar auch die, welche selbst Verdienste besitzen
und bereits den Ruhm desselben erlangt haben, werden nicht gern das
Auftreten eines neuen Ruhmes sehn, durch dessen Glanz der des ihrigen
um so viel weniger leuchtet. Daher sagt selbst Goethe:

    Htt' ich gezaudert zu werden,
    Bis man mir's Leben gegnnt,
    Ich wre noch nicht auf Erden,
    Wie ihr begreifen knnt,
    Wenn ihr seht, wie sie sich geberden,
    Die, um etwas zu scheinen,
    Mich gerne mchten verneinen.

Whrend also die *Ehre*, in der Regel, gerechte Richter findet und
kein Neid sie anficht, ja sogar sie jedem zum voraus, auf Kredit,
verliehen wird, mu der *Ruhm*, dem Neid zum Trotz, erkmpft werden,
und den Lorbeer teilt ein Tribunal entschieden ungnstiger Richter
aus. Denn die Ehre knnen und wollen wir mit jedem teilen: der Ruhm
wird geschmlert oder erschwert, durch jeden, der ihn erlangt. -- Nun
ferner steht die Schwierigkeit der Erlangung des Ruhmes durch Werke im
umgekehrten Verhltnis der Menschenzahl, die das Publikum solcher
Werke ausmacht; aus leicht abzusehenden Grnden. Daher ist sie viel
grer bei Werken, welche Belehrung, als bei solchen, welche
Unterhaltung verheien. Am grten ist sie bei philosophischen Werken;
weil die Belehrung, welche diese versprechen, einerseits ungewi, und
andrerseits ohne materiellen Nutzen ist; wonach denn solche zunchst
vor einem Publiko auftreten, das aus lauter Mitbewerbern besteht. --
Aus den dargelegten Schwierigkeiten, die der Erlangung des Ruhmes
entgegenstehn, erhellt, da, wenn die, welche ruhmwrdige Werke
vollenden, es nicht aus Liebe zu diesen selbst und eigener Freude
daran tten, sondern der Aufmunterung durch den Ruhm bedrften, die
Menschheit wenige, oder keine, unsterbliche Werke erhalten haben
wrde. Ja, sogar mu, wer das Gute und Rechte hervorbringen und das
Schlechte vermeiden soll, dem Urteile der Menge und ihrer Wortfhrer
Trotz bieten, mithin sie verachten. Hierauf beruht die Richtigkeit der
Bemerkung, die besonders *Osorius* (_de gloria_) hervorhebt, da der
Ruhm vor denen flieht, die ihn suchen, und denen folgt, die ihn
vernachlssigen: denn jene bequemen sich dem Geschmacke ihrer
Zeitgenossen an, diese trotzen ihm.

So schwer es demnach ist, den Ruhm zu erlangen, so leicht ist es, ihn
zu behalten. Auch hierin steht er im Gegensatz mit der Ehre. Diese
wird jedem, sogar auf Kredit, verliehen: er hat sie nur zu bewahren.
Hier aber liegt die Aufgabe: denn durch eine einzige, nichtswrdige
Handlung geht sie unwiederbringlich verloren. Der Ruhm hingegen kann
eigentlich nie verloren gehn: denn die Tat, oder das Werk, durch die
er erlangt worden, stehen fr immer fest, und der Ruhm derselben
bleibt ihrem Urheber, auch wenn er keinen neuen hinzufgt. Wenn jedoch
der Ruhm wirklich verklingt, wenn er berlebt wird; so war er unecht,
d. h. unverdient, durch augenblickliche berschtzung entstanden, wo
nicht gar so ein Ruhm wie Hegel ihn hatte und Lichtenberg ihn
beschreibt, ausposaunt von einer freundschaftlichen Kandidatenjunta
und vom Echo leerer Kpfe widergehallt; -- -- aber die Nachwelt, wie
wird sie lcheln, wann sie dereinst an die bunten Wrtergehuse, die
schnen Nester ausgeflogener Mode und die Wohnungen weggestorbener
Verabredungen anklopfen und alles, alles leer finden wird, auch nicht
den kleinsten Gedanken, der mit Zuversicht sagen knnte: *herein*! --

Der Ruhm beruht eigentlich auf dem, was einer im Vergleich mit den
brigen ist. Demnach ist er wesentlich ein Relatives, kann daher auch
nur relativen Wert haben. Er fiele ganz weg, wenn die brigen wrden
was der Gerhmte ist. Absoluten Wert kann nur das haben, was ihn unter
allen Umstnden behlt, also hier, was einer unmittelbar und fr sich
selbst ist: folglich mu hierin der Wert und das Glck des groen
Herzens und des groen Kopfes liegen. Also nicht der Ruhm, sondern
das, wodurch man ihn verdient, ist das Wertvolle. Denn es ist
gleichsam die Substanz und der Ruhm nur das Akzidenz der Sache: ja
dieser wirkt auf den Gerhmten hauptschlich als ein uerliches
Symptom, durch welches er die Besttigung seiner eigenen hohen Meinung
von sich selbst erhlt; demnach man sagen knnte, da, wie das Licht
gar nicht sichtbar ist, wenn es nicht von einem Krper zurckgeworfen
wird; ebenso jede Trefflichkeit erst durch den Ruhm ihrer selbst recht
gewi wird. Allein er ist nicht einmal ein untrgliches Symptom; da es
auch Ruhm ohne Verdienst und Verdienst ohne Ruhm gibt; weshalb ein
Ausdruck Lessings so artig herauskommt: einige Leute sind berhmt,
und andere verdienen es zu sein. Auch wre es eine elende Existenz,
deren Wert oder Unwert darauf beruhte, wie sie in den Augen anderer
erschiene: eine solche aber wre das Leben des Helden und des Genies,
wenn dessen Wert im Ruhme, d. h. im Beifall anderer, bestnde.
Vielmehr lebt und existiert ja jegliches Wesen seiner selbst wegen,
daher auch zunchst in sich und fr sich. -- Was einer ist, in welcher
Art und Weise es auch sei, das ist er zuvrderst und hauptschlich fr
sich selbst: und wenn es hier nicht viel wert ist, so ist es berhaupt
nicht viel. Hingegen ist das Abbild seines Wesens in den Kpfen
anderer ein Sekundres, Abgeleitetes und dem Zufall Unterworfenes,
welches nur sehr mittelbar sich auf das erstere zurckbezieht. Zudem
sind die Kpfe der Menge ein zu elender Schauplatz, als da auf ihm
das wahre Glck seinen Ort haben knnte. Vielmehr ist daselbst nur ein
chimrisches Glck zu finden. Welche gemischte Gesellschaft trifft
doch in jenem Tempel des allgemeinen Ruhms zusammen! Feldherren,
Minister, Quacksalber, Gaukler, Tnzer, Snger, Millionre und Juden:
ja die Vorzge aller dieser werden dort viel aufrichtiger geschtzt,
finden viel mehr _estime sentie_, als die geistigen, zumal der hohen
Art, die ja bei der groen Mehrzahl nur eine _estime sur parole_
erlangen. In eudmonologischer Hinsicht ist also der Ruhm nichts
weiter, als der seltenste und kstlichste Bissen fr unsern Stolz und
unsere Eitelkeit. Diese aber sind in den meisten Menschen, obwohl sie
es verbergen, bermig vorhanden, vielleicht sogar am strkesten in
denen, die irgendwie geeignet sind, sich Ruhm zu erwerben und daher
meistens das unsichere Bewutsein ihres berwiegenden Wertes lange in
sich herumtragen mssen, ehe die Gelegenheit kommt, solchen zu
erproben und dann die Anerkennung desselben zu erfahren: bis dahin war
ihnen zu Mute, als erlitten sie ein heimliches Unrecht[J]. berhaupt
aber ist ja, wie am Anfange dieses Kapitels errtert worden, der Wert,
den der Mensch auf die Meinung anderer von ihm legt, ganz
unverhltnismig und unvernnftig; so da *Hobbes* die Sache zwar
sehr stark, aber vielleicht doch richtig ausgedrckt hat in den
Worten: _omnis animi voluptas, omnisque alacritas in eo sita est, quod
quis habeat quibuscum conferens se, possit magnifice sentire de se
ipso_ (_de cive. I, 5_). Hieraus ist der hohe Wert erklrlich, den man
allgemein auf den Ruhm legt, und die Opfer, welche man bringt, in der
bloen Hoffnung, ihn dereinst zu erlangen:

    _Fame is the spur, that the clear spirit doth raise
    (That last infirmity of noble minds)
    To scorn delights and live laborious days._

wie auch:

                            _how hard it is to climb
    The hights where Fame's proud temple shines afar._

  [J] Da unser grtes Vergngen darin besteht, *bewundert* zu werden,
  die Bewunderer aber, selbst wo alle Ursache wre, sich ungern dazu
  herbeilassen; so ist er der Glcklichste Der, welcher, gleichviel wie,
  es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundern. Nur mssen
  die andern ihn nicht irre machen.

Hieraus endlich erklrt es sich auch, da die eitelste aller Nationen
bestndig _la gloire_ im Munde fhrt und solche unbedenklich als die
Haupttriebfeder zu groen Taten und groen Werken ansieht. -- Allein,
da unstreitig der Ruhm nur das Sekundre ist, das bloe Echo, Abbild,
Schatten, Symptom des Verdienstes, und da jedenfalls das Bewunderte
mehr Wert haben mu als die Bewunderung, so kann das eigentlich
Beglckende nicht im Ruhme liegen, sondern in dem, wodurch man ihn
erlangt, also im Verdienste selbst, oder, genauer zu reden, in der
Gesinnung und den Fhigkeiten, aus denen es hervorging, es mag nun
moralischer oder intellektueller Art sein. Denn das Beste, was jeder
ist, mu er notwendig fr sich selbst sein: was davon in den Kpfen
anderer sich abspiegelt und er in ihrer Meinung gilt, ist Nebensache
und kann nur von untergeordnetem Interesse fr ihn sein. Wer demnach
nur den Ruhm *verdient*, auch ohne ihn zu erhalten, besitzt bei weitem
die Hauptsache, und was er entbehrt, ist etwas, darber er sich mit
derselben trsten kann. Denn nicht da einer von der urteilslosen, so
oft betrten Menge fr einen groen Mann gehalten werde, sondern da
er es sei, macht ihn beneidenswert; auch nicht, da die Nachwelt von
ihm erfahre, sondern da in ihm sich Gedanken erzeugen, welche
verdienen, Jahrhunderte hindurch aufbewahrt und nachgedacht zu werden,
ist ein hohes Glck. Zudem kann dieses ihm nicht entrissen werden: es
ist =tn eph' hmin=, jenes andere =tn ouk eph' hmin=. Wre hingegen
die Bewunderung selbst die Hauptsache; so wre das Bewunderte ihrer
nicht wert. Dies ist wirklich der Fall beim falschen, d. i.
unverdienten Ruhm. An diesem mu sein Besitzer zehren, ohne das, wovon
derselbe das Symptom, der bloe Abglanz, sein soll, wirklich zu haben.
Aber sogar dieser Ruhm selbst mu ihm oft verleidet werden, wann
bisweilen, trotz aller, aus der Eigenliebe entspringenden
Selbsttuschung, ihm auf der Hhe, fr die er nicht geeignet ist, doch
schwindelt, oder ihm zu Mute wird, als wre er ein kupferner Dukaten;
wo dann die Angst vor Enthllung und verdienter Demtigung ihn
ergreift, zumal wann er auf den Stirnen der Weiseren schon das Urteil
der Nachwelt liest. Er gleicht sonach dem Besitzer durch ein falsches
Testament. -- Den echtesten Ruhm, den Nachruhm, vernimmt sein
Gegenstand ja nie, und doch schtzt man ihn glcklich. Also bestand
sein Glck in den groen Eigenschaften selbst, die ihm den Ruhm
erwarben, und darin, da er Gelegenheit fand, sie zu entwickeln, also
da ihm vergnnt wurde, zu handeln, wie es ihm angemessen war, oder zu
treiben, was er mit Lust und Liebe trieb: denn nur die aus dieser
entsprungenen Werke erlangen Nachruhm. Sein Glck bestand also in
seinem groen Herzen, oder auch im Reichtum eines Geistes, dessen
Abdruck, in seinen Werken, die Bewunderung kommender Jahrhunderte
erhlt; es bestand in den Gedanken selbst, welchen nachzudenken, die
Beschftigung und der Genu der edelsten Geister einer unabsehbaren
Zukunft ward. Der Wert des Nachruhms liegt also im Verdienen
desselben, und dieses ist sein eigener Lohn. Ob nun die Werke, welche
ihn erwarben, unterweilen auch den Ruhm der Zeitgenossen hatten, hing
von zuflligen Umstnden ab und war nicht von groer Bedeutung. Denn
da die Menschen in der Regel ohne eigenes Urteil sind und zumal hohe
und schwierige Leistungen abzuschtzen durchaus keine Fhigkeit haben;
so folgen sie hier stets fremder Autoritt, und der Ruhm, in hoher
Gattung, beruht bei 99 unter 100 Rhmern, blo auf Treu und Glauben.
Daher kann auch der vielstimmigste Beifall der Zeitgenossen fr
denkende Kpfe nur wenig Wert haben, indem sie in ihm stets nur das
Echo weniger Stimmen hren, die zudem selbst nur sind, wie der Tag sie
gebracht hat. Wrde wohl ein Virtuose sich geschmeichelt fhlen durch
das laute Beifallsklatschen seines Publikums, wenn ihm bekannt wre,
da es, bis auf einen oder zwei, aus lauter vllig Tauben bestnde,
die, um einander gegenseitig ihr Gebrechen zu verbergen, eifrig
klatschen, sobald sie die Hnde jenes Einen in Bewegung shen? Und nun
gar, wenn die Kenntnis hinzukme, da jene Vorklatscher sich oft
bestechen lieen, um dem elendesten Geiger den lautesten Applaus zu
verschaffen! -- Hieraus ist erklrlich, warum der Ruhm der
Zeitgenossen so selten die Metamorphose in Nachruhm erlebt; weshalb
*d'Alembert*, in seiner beraus schnen Beschreibung des Tempels des
literarischen Ruhmes, sagt: das Innere des Tempels ist von lauter
Toten bewohnt, die whrend ihres Lebens nicht darin waren, und von
einigen Lebenden, welche fast alle, wann sie sterben, hinausgeworfen
werden. Und beilufig sei es hier bemerkt, da einem bei Lebzeiten
ein Monument setzen die Erklrung ablegen heit, da hinsichtlich
seiner der Nachwelt nicht zu trauen sei. -- Wenn dennoch einer den
Ruhm, welcher zum Nachruhm werden soll, erlebt, so wird es selten
frher als im Alter geschehn: allenfalls gibt es bei Knstlern und
Dichtern Ausnahmen von dieser Regel, am wenigsten bei Philosophen.
Eine Besttigung derselben geben die Bildnisse der durch ihre Werke
berhmten Mnner, da dieselben meistens erst nach dem Eintritt ihrer
Zelebritt angefertigt wurden: in der Regel sind sie alt und grau
dargestellt, namentlich die Philosophen. Inzwischen steht,
eudmonologisch genommen, die Sache ganz recht. Ruhm und Jugend auf
einmal ist zu viel fr einen Sterblichen. Unser Leben ist so arm, da
seine Gter haushlterischer verteilt werden mssen. Die Jugend hat
vollauf genug an ihrem eigenen Reichtum und kann sich daran gengen
lassen. Aber im Alter, wann alle Gensse und Freuden, wie die Bume im
Winter, abgestorben sind, dann schlgt am gelegensten der Baum des
Ruhmes aus, als ein chtes Wintergrn: auch kann man ihn den
Winterbirnen vergleichen, die im Sommer wachsen, aber im Winter
genossen werden. Im Alter gibt es keinen schnern Trost, als da man
die ganze Kraft seiner Jugend *Werken* einverleibt hat, die nicht
*mit* altern.

Wollen wir jetzt noch etwas nher die Wege betrachten, auf welchen
man, in den Wissenschaften, als dem uns zunchst liegenden, Ruhm
erlangt; so lt sich hier folgende Regel aufstellen. Die durch
solchen Ruhm bezeichnete intellektuelle berlegenheit wird allemal an
den Tag gelegt durch eine neue Kombination irgendwelcher Data. Diese
nun knnen sehr verschiedener Art sein; jedoch wird der durch ihre
Kombination zu erlangende Ruhm um so grer und ausgebreiteter sein,
je mehr sie selbst allgemein bekannt und jedem zugnglich sind.
Bestehn z. B. die Data in einigen Zahlen oder Kurven, oder auch in
irgend einer speziellen physikalischen, zoologischen, botanischen oder
anatomischen Tatsache, oder auch in einigen verdorbenen Stellen alter
Autoren, oder in halbverlschten Inschriften, oder in solchen, deren
Alphabet uns fehlt, oder in dunkeln Punkten der Geschichte; so wird
der durch die richtige Kombination derselben zu erlangende Ruhm sich
nicht viel weiter erstrecken, als die Kenntnis der Data selbst, also
auf eine kleine Anzahl meistens zurckgezogen lebender und auf den
Ruhm in ihrem Fache neidischer Leute. -- Sind hingegen die Data
solche, welche das ganze Menschengeschlecht kennt, sind es z. B.
wesentliche, allen gemeinsame Eigenschaften des menschlichen
Verstandes, oder Gemtes, oder Naturkrfte, deren ganze Wirkungsart
wir bestndig vor Augen haben, oder der allbekannte Lauf der Natur
berhaupt; so wird der Ruhm, durch eine neue, wichtige und evidente
Kombination Licht ber sie verbreitet zu haben, sich mit der Zeit fast
ber die ganze zivilisirte Welt erstrecken. Denn, sind die Data jedem
zugnglich, so wird ihre Kombination es meistens auch sein. -- Dennoch
wird hiebei der Ruhm allemal nur der berwundenen Schwierigkeit
entsprechen. Denn, je allbekannter die Data sind, desto schwerer ist
es, sie auf eine neue und doch richtige Weise zu kombiniren; da schon
eine beraus groe Anzahl von Kpfen sich an ihnen versucht und die
unmglichen Kombinationen derselben erschpft hat. Hingegen werden
Data, welche, dem groen Publiko unzugnglich, nur auf mhsamen und
schwierigen Wegen erreichbar sind, fast immer noch neue Kombinationen
zulassen: wenn man daher an solche nur mit geradem Verstande und
gesunder Urteilskraft, also einer migen geistigen berlegenheit,
kommt; so ist es leicht mglich, da man eine neue und richtige
Kombination derselben zu machen das Glck habe. Allein der hiedurch
erworbene Ruhm wird ungefhr dieselben Grenzen haben, wie die Kenntnis
der Data. Denn zwar erfordert die Lsung von Problemen solcher Art
groes Studium und Arbeit, schon um nur die Kenntnis der Data zu
erlangen; whrend in jener andern Art, in welcher eben der grte und
ausgebreiteteste Ruhm zu erwerben ist, die Data unentgeltlich gegeben
sind: allein in dem Mae, wie diese letztere Art weniger Arbeit
erfordert, gehrt mehr Talent ja Genie dazu, und mit diesen hlt,
hinsichtlich des Wertes und der Wertschtzung, keine Arbeit oder
Studium den Vergleich aus.

Hieraus nun ergibt sich, da die, welche einen tchtigen Verstand und
ein richtiges Urteil in sich spren, ohne jedoch die hchsten
Geistesgaben sich zuzutrauen, viel Studium und ermdende Arbeit nicht
scheuen drfen, um mittelst dieser sich aus dem groen Haufen der
Menschen, welchen die allbekannten Data vorliegen, herauszuarbeiten
und zu den entlegeneren Orten zu gelangen, welche nur dem gelehrten
Fleie zugnglich sind. Denn hier, wo die Zahl der Mitbewerber
unendlich verringert ist, wird auch der nur einigermaen berlegene
Kopf bald zu einer neuen und richtigen Kombination der Data
Gelegenheit finden: sogar wird das Verdienst seiner Entdeckung sich
mit auf die Schwierigkeit, zu den Datis zu gelangen, sttzen. Aber der
also erworbene Applaus seiner Wissensgenossen, als welche die
alleinigen Kenner in diesem Fache sind, wird von der groen Menge der
Menschen nur von Weitem vernommen werden. -- Will man nun den hier
angedeuteten Weg bis zum Extrem verfolgen; so lt sich der Punkt
nachweisen, wo die Data, wegen der groen Schwierigkeit ihrer
Erlangung, fr sich allein und ohne da eine Kombination derselben
erfordert wre, den Ruhm zu begrnden hinreichen. Dies leisten Reisen
in sehr entlegene und wenig besuchte Lnder: man wird berhmt durch
das, was man gesehen, nicht durch das, was man gedacht hat. Dieser Weg
hat auch noch einen groen Vorteil darin, da es viel leichter ist,
was man gesehn, als was man gedacht hat, andern mitzuteilen und es mit
dem Verstndnis sich ebenso verhlt: demgem wird man fr das Erstere
auch viel mehr Leser finden als fr das andere. Denn, wie schon Asmus
sagt:

    Wenn jemand eine Reise tut,
    So kann er was erzhlen.

Diesem allen entspricht es aber auch, da, bei der persnlichen
Bekanntschaft berhmter Leute dieser Art einem oft die Horazische
Bemerkung einfllt:

    _Coelum, non animum, mutant, qui trans mare currunt._

    (_Epist. I, 11, v. 27._)

Was aber nun andrerseits den mit hohen Fhigkeiten ausgestatteten Kopf
betrifft, als welcher allein sich an die Lsung der groen, das
Allgemeine und Ganze betreffenden und daher schwierigsten Probleme
wagen darf; so wird dieser zwar wohl daran tun, seinen Horizont
mglichst auszudehnen, jedoch immer gleichmig, nach allen Seiten,
und ohne je sich zu weit in irgend eine der besonderen und nur Wenigen
bekannten Regionen zu verlieren, d. h. ohne auf die Spezialitten
irgend einer einzelnen Wissenschaft weit einzugehen, geschweige sich
mit den Mikrologien zu befassen. Denn er hat nicht ntig, sich an die
schwer zugnglichen Gegenstnde zu machen, um dem Gedrnge der
Mitbewerber zu entgehn; sondern eben das allen Vorliegende wird ihm
Stoff zu neuen, wichtigen und wahren Kombinationen geben. Dem nun aber
gem wird sein Verdienst von allen denen geschtzt werden knnen,
welchen die Data bekannt sind, also von einem groen Teile des
menschlichen Geschlechts. Hierauf grndet sich der mchtige
Unterschied zwischen dem Ruhm, den Dichter und Philosophen erlangen,
und dem, welcher Physikern, Chemikern, Anatomen, Mineralogen,
Zoologen, Philologen, Historikern usw. erreichbar ist.




Kapitel V.

Parnesen und Maximen.


Weniger noch, als irgendwo, bezwecke ich hier Vollstndigkeit; da ich
sonst die vielen, von Denkern aller Zeiten aufgestellten, zum Teil
vortrefflichen Lebensregeln zu wiederholen haben wrde, vom Theognis
und Pseudo-Salomo an, bis auf den Rochefoucauld herab; wobei ich dann
auch viele, schon breit getretene Gemeinpltze nicht wrde vermeiden
knnen. Mit der Vollstndigkeit fllt aber auch die systematische
Anordnung grtenteils weg. ber beide trste man sich damit, da sie,
in Dingen dieser Art, fast unausbleiblich die Langeweile in ihrem
Gefolge haben. Ich habe blo gegeben, was mir eben eingefallen ist,
der Mitteilung wert schien und, so viel mir erinnerlich, noch nicht,
wenigstens nicht ganz und eben so, gesagt worden ist, also eben nur
eine Nachlese zu dem auf diesem unabsehbaren Felde bereits von andern
Geleisteten.

Um jedoch in die groe Mannigfaltigkeit der hierher gehrigen
Ansichten und Ratschlge einige Ordnung zu bringen, will ich sie
einteilen in allgemeine, in solche, welche unser Verhalten gegen uns
selbst, dann gegen andere, und endlich gegen den Weltlauf und das
Schicksal betreffen.


A. Allgemeine.

1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit sehe ich einen Satz an,
den *Aristoteles* beilufig ausgesprochen hat, in der Nikomachischen
Ethik (_VII, 12_): =ho phronimos to alypon dikei, ou to hdy= (_quod
dolore vacat, non quod suave est, persequitur vir prudens_). Besser
noch deutsch liee sich dieser Satz etwan so wiedergeben: Nicht dem
Vergngen, der Schmerzlosigkeit geht der Vernnftige nach; oder: Der
Vernnftige geht auf Schmerzlosigkeit, nicht auf Genu aus. Die
Wahrheit desselben beruht darauf, da aller Genu und alles Glck
negativer, hingegen der Schmerz positiver Natur ist. Die Ausfhrung
und Begrndung dieses letzteren Satzes findet man in meinem Hauptwerke
Bd. I,  58. Doch will ich denselben hier noch an einer tglich zu
beobachtenden Tatsache erlutern. Wenn der ganze Leib gesund und heil
ist, bis auf irgend eine kleine wunde, oder sonst schmerzende Stelle;
so tritt jene Gesundheit des Ganzen weiter nicht ins Bewutsein,
sondern die Aufmerksamkeit ist bestndig auf den Schmerz der
verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der gesamten
Lebensempfindung ist aufgehoben. -- Ebenso, wenn alle unsere
Angelegenheiten nach unserem Sinne gehen, bis auf *eine*, die unserer
Absicht zuwider luft, so kommt diese, auch wenn sie von geringer
Bedeutung ist, uns immer wieder in den Kopf: wir denken hufig an sie
und wenig an alle jene andern wichtigeren Dinge, die nach unserem
Sinne gehn. -- In beiden Fllen nun ist das Beeintrchtigte der Wille,
einmal, wie er sich im Organismus, das andere, wie er sich im Streben
des Menschen objektivirt, und in beiden sehen wir, da seine
Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt
empfunden wird, sondern hchstens auf dem Wege der Reflexion ins
Bewutsein kommt. Hingegen ist seine Hemmung das Positive und daher
sich selbst Ankndigende. Jeder Genu besteht blo in der Aufhebung
dieser Hemmung, in der Befreiung davon, ist mithin von kurzer Dauer.

Hierauf nun also beruht die oben belobte Aristotelische Regel, welche
uns anweist, unser Augenmerk nicht auf die Gensse und Annehmlichkeiten
des Lebens zu richten, sondern darauf, da wir den zahllosen beln
desselben, so weit es mglich ist, entgehn. Wre dieser Weg nicht der
richtige: so mte auch *Voltaires* Ausspruch, _le bonheur n'est qu'un
rve, et la douleur est relle_, so falsch sein, wie er in der Tat
wahr ist. Demnach soll auch der, welcher das Resultat seines Lebens,
in eudmonologischer Rcksicht, ziehn will, die Rechnung nicht nach
den Freuden, die er genossen, sondern nach den beln, denen er
entgangen ist, aufstellen. Ja, die Eudmonologie hat mit der Belehrung
anzuheben, da ihr Name selbst ein Euphemismus ist und da unter
glcklich leben nur zu verstehn ist weniger unglcklich, also
ertrglich leben. Allerdings ist das Leben nicht eigentlich da, um
genossen, sondern um berstanden, abgetan zu werden; dies bezeichnen
auch manche Ausdrcke, wie _degere vitam, vita defungi_, das
Italienische _si scampa cos_, das Deutsche man mu suchen
durchzukommen, er wird schon durch die Welt kommen, u. dgl. m. Ja,
es ist ein Trost im Alter, da man die Arbeit des Lebens hinter sich
hat. Demnach nun hat das glcklichste Los der, welcher sein Leben ohne
bergroe Schmerzen, sowohl geistige, als krperliche, hinbringt;
nicht aber der, dem die lebhaftesten Freuden oder die grten Gensse
zuteil geworden. Wer nach diesen letzteren das Glck eines
Lebenslaufes bemessen will, hat einen falschen Mastab ergriffen. Denn
die Gensse sind und bleiben negativ: da sie beglcken, ist ein Wahn,
den der Neid, zu seiner eigenen Strafe, hegt. Die Schmerzen hingegen
werden positiv empfunden: daher ist ihre Abwesenheit der Mastab des
Lebensglckes. Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die
Abwesenheit der Langenweile; so ist das irdische Glck im Wesentlichen
erreicht: denn das brige ist Chimre. Hieraus nun folgt, da man nie
Gensse durch Schmerzen, ja, auch nur durch die Gefahr derselben,
erkaufen soll; weil man sonst ein Negatives und daher Chimrisches mit
einem Positiven und Realen bezahlt. Hingegen bleibt man im Gewinn,
wenn man Gensse opfert, um Schmerzen zu entgehn. In beiden Fllen ist
es gleichgltig, ob die Schmerzen den Genssen nachfolgen, oder
vorhergehn. Es ist wirklich die grte Verkehrtheit, diesen Schauplatz
des Jammers in einen Lustort verwandeln zu wollen und, statt der
mglichsten Schmerzlosigkeit, Gensse und Freuden sich zum Ziele zu
stecken, wie doch so viele tun. Viel weniger irrt, wer, mit zu
finsterem Blicke, diese Welt als eine Art Hlle ansieht und demnach
nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu
verschaffen. Der Tor luft den Genssen des Lebens nach und sieht sich
betrogen: der Weise vermeidet die bel. Sollte ihm jedoch auch dieses
miglcken; so ist es dann die Schuld des Geschicks, nicht die seiner
Torheit. So weit es ihm aber glckt, ist er nicht betrogen: denn die
bel, denen er aus dem Wege ging, sind hchst real. Selbst wenn er
etwan ihnen zu weit aus dem Wege gegangen sein sollte und Gensse
unntigerweise geopfert htte; so ist eigentlich doch nichts verloren:
denn alle Gensse sind chimrisch, und ber die Versumnis derselben
zu trauern wre kleinlich, ja lcherlich.

Das Verkennen dieser Wahrheit, durch den Optimismus begnstigt, ist
die Quelle vielen Unglcks. Whrend wir nmlich von Leiden frei sind,
spiegeln unruhige Wnsche uns die Chimren eines Glckes vor, das gar
nicht existirt, und verleiten uns sie zu verfolgen: dadurch bringen
wir den Schmerz, der unleugbar real ist, auf uns herab. Dann jammern
wir ber den verlorenen schmerzlosen Zustand, der, wie ein
verscherztes Paradies, hinter uns liegt, und wnschen vergeblich, das
Geschehene ungeschehen machen zu knnen. So scheint es, als ob ein
bser Dmon uns aus dem schmerzlosen Zustande, der das hchste
wirkliche Glck ist, stets herauslockte, durch die Gaukelbilder der
Wnsche. -- Unbesehens glaubt der Jngling, die Welt sei da, um
genossen zu werden, sie sei der Wohnsitz eines positiven Glckes,
welches nur die verfehlen, denen es an Geschick gebricht, sich seiner
zu bemeistern. Hierin bestrken ihn Romane und Gedichte, wie auch die
Gleinerei, welche die Welt, durchgngig und berall, mit dem uern
Scheine treibt und auf die ich bald zurckkommen werde. Von nun an ist
sein Leben eine, mit mehr oder weniger berlegung angestellte Jagd
nach dem positiven Glck, welches, als solches, aus positiven Genssen
bestehn soll. Die Gefahren, denen man sich dabei aussetzt, mssen in
die Schanze geschlagen werden. Da fhrt denn diese Jagd nach einem
Wilde, welches gar nicht existiert, in der Regel, zu sehr realem,
positivem Unglck. Dies stellt sich ein als Schmerz, Leiden,
Krankheit, Verlust, Sorge, Armut, Schande und tausend Nte. Die
Enttuschung kommt zu spt. -- Ist hingegen, durch Befolgung der hier
in Betracht genommenen Regel, der Plan des Lebens auf Vermeidung der
Leiden, also auf Entfernung des Mangels, der Krankheit und jeder Not,
gerichtet; so ist das Ziel ein reales: da lt sich etwas ausrichten,
und um so mehr, je weniger dieser Plan gestrt wird durch das Streben
nach der Chimre des positiven Glcks. Hiezu stimmt auch, was
*Goethe*, in den Wahlverwandtschaften, den fr das Glck der andern
stets ttigen *Mittler* sagen lt: Wer ein bel los sein will, der
wei immer was er will: wer was besseres will, als er hat, der ist
ganz staarblind. Und dieses erinnert an den schnen franzsischen
Ausspruch: _le mieux est l'ennemi du bien_. Ja, hieraus ist sogar der
Grundgedanke des Zynismus abzuleiten, wie ich ihn dargelegt habe, in
meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 16. Denn, was bewog die Zyniker zur
Verwerfung aller Gensse, wenn es nicht eben der Gedanke an die mit
ihnen, nher oder ferner, verknpften Schmerzen war, welchen aus dem
Wege zu gehn ihnen viel wichtiger schien, als die Erlangung jener. Sie
waren tief ergriffen von der Erkenntnis der Negativitt des Genusses
und der Positivitt des Schmerzes; daher sie, konsequent, alles taten
fr die Vermeidung der bel, hierzu aber die vllige und absichtliche
Verwerfung der Gensse ntig erachteten; weil sie in diesen nur
Fallstricke sahen, die uns dem Schmerze berliefern.

In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich alle: d. h.
wir treten in die Welt, voll Ansprche auf Glck und Genu, und hegen
die trichte Hoffnung, solche durchzusetzen. In der Regel jedoch kommt
bald das Schicksal, packt uns unsanft an und belehrt uns, da nichts
*unser* ist, sondern alles *sein*, indem es ein unbestrittenes Recht
hat, nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb und auf Weib und
Kind, sondern sogar auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja, auf die Nase
mitten im Gesicht. Jedenfalls aber kommt, nach einiger Zeit die
Erfahrung und bringt die Einsicht, da Glck und Genu eine Fata
Morgana sind, welche, nur aus der Ferne sichtbar, verschwindet, wenn
man herangekommen ist; da hingegen Leiden und Schmerz Realitt haben,
sich selbst unmittelbar vertreten und keiner Illusion noch Erwartung
bedrfen. Fruchtet nun die Lehre; so hren wir auf, nach Glck und
Genu zu jagen, und sind vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz und
Leiden mglichst den Zugang zu versperren. Wir erkennen alsdann, da
das Beste, was die Welt zu bieten hat, eine schmerzlose, ruhige,
ertrgliche Existenz ist, und beschrnken unsere Ansprche auf diese,
um sie desto sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht sehr unglcklich
zu werden, ist das sicherste Mittel, da man nicht verlange, sehr
glcklich zu sein. Dies hatte auch Goethes Jugendfreund *Merck*
erkannt, da er schrieb: die garstige Prtension an Glckseligkeit,
und zwar an das Ma, das wir uns trumen, verdirbt alles auf dieser
Welt. Wer sich davon losmachen kann und nichts begehrt, als was er vor
sich hat, kann sich durchschlagen (Briefe an und von Merck, S. 100).
Demnach ist es geraten, seine Ansprche auf Genu, Besitz, Rang, Ehre
usw. auf ein ganz Miges herabzusetzen; weil gerade das Streben und
Ringen nach Glck, Glanz und Genu es ist, was die groen
Unglcksflle herbeizieht. Aber schon darum ist jenes weise und
ratsam, weil sehr unglcklich zu sein gar leicht ist; sehr glcklich
hingegen nicht etwan schwer, sondern ganz unmglich. Mit groem Rechte
also singt der Dichter der Lebensweisheit:

    _Auream quisquis mediocritatem
    Diligit, tutus caret obsoleti
    Sordibus tecti, caret invidenda
            Sobrius aula._

    _Saevius ventis agitatur ingens
    Pinus: et scelsae graviore casu
    Decidunt turres: feriuntque summos
            Fulgura montes._

Wer aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich aufgenommen hat
und daher wei, da unser ganzes Dasein etwas ist, das besser nicht
wre und welches zu verneinen und abzuweisen die grte Weisheit ist,
der wird auch von keinem Dinge oder Zustand groe Erwartungen hegen,
nach nichts auf der Welt mit Leidenschaft streben, noch groe Klagen
erheben ber sein Verfehlen irgend einer Sache; sondern er wird von
Platos =oute ti tn anthrpinn axion megals spouds= (_rep. X,
604_) durchdrungen sein, sowie auch hievon:

    Ist einer Welt Besitz fr dich zerronnen,
      Sei nicht in Leid darber, es ist nichts;
    Und hast du einer Welt Besitz genommen,
      Sei nicht erfreut darber, es ist nichts.
    Vorber gehn die Schmerzen und die Wonnen,
      Geh' an der Welt vorber, es ist nichts.

    *Anwari Soheili.*

    (Siehe das Motto zu Sadis Gulistan, bers. von Graf.)

Was jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten besonders
erschwert, ist die schon oben erwhnte Gleinerei der Welt, welche man
daher der Jugend frh aufdecken sollte. Die allermeisten
Herrlichkeiten sind bloer Schein, wie die Theaterdekoration, und das
Wesen der Sache fehlt. Z. B. bewimpelte und bekrnzte Schiffe,
Kanonenschsse, Illumination, Pauken und Trompeten, Jauchzen und
Schreien usw., dies alles ist das Aushngeschild, die Andeutung, die
Hieroglyphe der *Freude*: aber die Freude ist daselbst meistens nicht
zu finden: sie allein hat beim Feste abgesagt. Wo sie sich wirklich
einfindet, da kommt sie, in der Regel, ungeladen und ungemeldet, von
selbst und _sans faon_, ja, still herangeschlichen, oft bei den
unbedeutendesten, futilsten Anlssen, unter den alltglichsten
Umstnden, ja, bei nichts weniger als glnzenden oder ruhmvollen
Gelegenheiten: sie ist, wie das Gold in Australien, hierhin und
dorthin gestreuet, nach der Laune des Zufalls, ohne alle Regel und
Gesetz, meist nur in ganz kleinen Krnchen, hchst selten in groen
Massen. Bei allen jenen oben erwhnten Dingen hingegen ist auch der
Zweck blo, andere glauben zu machen, hier wre die Freude eingekehrt:
dieser Schein, im Kopfe anderer, ist die Absicht. Nicht anders als mit
der Freude verhlt es sich mit der Trauer. Wie schwermtig kommt jener
lange und langsame Leichenzug daher! der Reihe der Kutschen ist kein
Ende. Aber seht nur hinein: sie sind alle leer, und der Verblichene
wird eigentlich blo von smtlichen Kutschern der ganzen Stadt zu
Grabe geleitet. Sprechendes Bild der Freundschaft und Hochachtung
dieser Welt! Dies also ist die Falschheit, Hohlheit und Gleinerei des
menschlichen Treibens. -- Ein anderes Beispiel wieder geben viele
geladene Gste in Feierkleidern, unter festlichem Empfange; sie sind
das Aushngeschild der edelen, erhhten Geselligkeit: aber statt ihrer
ist in der Regel nur Zwang, Pein und Langeweile gekommen: denn schon
wo viel Gste sind, ist viel Pack, -- und htten sie auch smtlich
Sterne auf der Brust. Die wirklich gute Gesellschaft nmlich ist,
berall und notwendig, sehr klein. berhaupt aber tragen glnzende,
rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen
Miton im Innern; schon weil sie dem Elend und der Drftigkeit unsers
Daseins laut widersprechen, und der Kontrast erhht die Wahrheit.
Jedoch von auen gesehn wirkt jenes alles: und das war der Zweck. Ganz
allerliebst sagt daher *Chamfort*: _la socit, les cercles, les
salons, ce qu'on appelle le monde, est une pice misrable, un mauvais
opra, sans intrt, qui se soutient un peu par les machines, les
costumes, et les dcorations_. -- Desgleichen sind nun auch Akademien
und philosophische Katheder das Aushngeschild, der uere Schein der
*Weisheit*: aber auch sie hat meistens abgesagt und ist ganz wo anders
zu finden. -- Glockengebimmel, Priesterkostme, fromme Gebrden und
fratzenhaftes Tun ist das Aushngeschild, der falsche Schein der
Andacht, usw. -- So ist denn fast alles in der Welt hohle Nsse zu
nennen: der Kern ist an sich selten, und noch seltener steckt er in
der Schale. Er ist ganz wo anders zu suchen und wird meistens nur
zufllig gefunden.

2. Wenn man den Zustand eines Menschen, seiner Glcklichkeit nach,
abschtzen will, soll man nicht fragen nach dem, was ihn vergngt,
sondern nach dem, was ihn betrbt: denn, je geringfgiger dieses, an
sich selbst genommen, ist, desto glcklicher ist der Mensch; weil ein
Zustand des Wohlbefindens dazu gehrt, um gegen Kleinigkeiten
empfindlich zu sein: im Unglck spren wir sie gar nicht.

3. Man hte sich, das Glck seines Lebens mittelst vieler
Erfordernisse zu demselben, auf ein *breites Fundament* zu bauen: denn
auf einem solchen stehend strzt es am leichtesten ein, weil es viel
mehr Unfllen Gelegenheit darbietet und diese nicht ausbleiben. Das
Gebude unsers Glckes verhlt sich also, in dieser Hinsicht,
umgekehrt wie alle anderen, als welche auf breitem Fundament am
festesten stehn. Seine Ansprche, im Verhltni zu seinen Mitteln
jeder Art, mglichst niedrig zu stellen, ist demnach der sicherste Weg
groem Unglck zu entgehn.

berhaupt ist es eine der grten und hufigsten Torheiten, da man
*weitluftige Anstalten* zum Leben macht, in welcher Art auch immer
das geschehe. Bei solchen nmlich ist zuvrderst auf ein ganzes und
volles Menschenleben gerechnet; welches jedoch sehr Wenige erreichen.
Sodann fllt es, selbst wenn sie so lange leben, doch fr die
gemachten Plne zu kurz aus; da deren Ausfhrung immer sehr viel mehr
Zeit erfordert, als angenommen war: ferner sind solche, wie alle
menschlichen Dinge, dem Milingen, den Hindernissen so vielfach
ausgesetzt, da sie sehr selten zum Ziele gebracht werden. Endlich,
wenn zuletzt auch alles erreicht wird, so waren die Umwandlungen,
welche die Zeit an *uns selbst* hervorbringt, auer Acht und Rechnung
gelassen; also nicht bedacht worden, da weder zum Leisten noch zum
Genieen unsere Fhigkeiten das ganze Leben hindurch vorhalten. Daher
kommt es, da wir oft auf Dinge hinarbeiten, welche, wenn endlich
erlangt, uns nicht mehr angemessen sind; wie auch, da wir mit den
Vorarbeiten zu einem Werke die Jahre hinbringen, welche derweilen
unvermerkt uns die Krfte zur Ausfhrung desselben rauben. So
geschieht es denn oft, da der mit so langer Mhe und vieler Gefahr
erworbene Reichtum uns nicht mehr geniebar ist und wir fr andere
gearbeitet haben; oder auch, da wir den durch vieljhriges Treiben
und Trachten endlich erreichten Posten auszufllen nicht mehr im
Stande sind: die Dinge sind zu spt fr uns gekommen. Oder auch
umgekehrt, wir kommen zu spt mit den Dingen; da nmlich, wo es sich
um Leistungen, oder Produktionen handelt: der Geschmack der Zeit hat
sich gendert; ein neues Geschlecht ist herangewachsen, welches an den
Sachen keinen Anteil nimmt; andere sind, auf krzeren Wegen, uns
zuvorgekommen usw. Alles unter dieser Nummer Angefhrte hat Horaz im
Sinne, wenn er sagt:

        _quid aeternis minorem
    Consiliis animum fatigas?_

Der Anla zu diesem hufigen Migriff ist die unvermeidliche optische
Tuschung des geistigen Auges, vermge welcher das Leben, vom Eingange
aus gesehn, endlos, aber wenn man vom Ende der Bahn zurckblickt, sehr
kurz erscheint. Freilich hat sie ihr Gutes: denn ohne sie kme
schwerlich etwas Groes zustande.

berhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wanderer, vor welchem,
indem er vorwrts schreitet, die Gegenstnde andere Gestalten annehmen,
als die sie von ferne zeigten, und sich gleichsam verwandeln, indem er
sich nhert. Besonders geht es mit unseren Wnschen so. Oft finden wir
etwas ganz anderes, ja, Besseres, als wir suchten; oft auch das Gesuchte
selbst auf einem ganz anderen Wege, als den wir zuerst vergeblich danach
eingeschlagen hatten. Zumal wird uns oft da, wo wir Genu, Glck, Freude
suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, -- ein bleibendes,
wahrhaftes Gut, statt eines vergnglichen und scheinbaren. Dies ist auch
der Gedanke, welcher im Wilhelm Meister als Grundba durchgeht, indem
dieser ein intellektueller Roman und eben dadurch hherer Art ist, als
alle brigen, sogar die von Walter Scott, als welche smtlich nur
ethisch sind, d. h. die menschliche Natur blo von der Willens-Seite
auffassen. Ebenfalls in der Zauberflte, dieser grotesken, aber
bedeutsamen und vieldeutigen Hieroglyphe, ist jener selbe Grundgedanke,
in groen und groben Zgen, wie die der Theaterdekorationen sind,
symbolisirt; sogar wrde er es vollkommen sein, wenn, am Schlusse, der
Tamino, vom Wunsche, die Tamina zu besitzen, zurckgebracht, statt
ihrer, allein die Weihe im Tempel der Weisheit verlangte und erhielte;
hingegen seinem notwendigen Gegensatze, dem Papageno, richtig seine
Papagena wrde. -- Vorzgliche und edle Menschen werden jener Erziehung
des Schicksals bald inne und fgen sich bildsam und dankbar in dieselbe:
sie sehn ein, da in der Welt wohl Belehrung, aber nicht Glck zu finden
sei, werden es sonach gewohnt und zufrieden, Hoffnungen gegen Einsichten
zu vertauschen, und sagen endlich mit Petrarka:

    _Altro diletto, che 'mparar, non provo._

Es kann damit sogar dahin kommen, da sie ihren Wnschen und
Bestrebungen gewissermaen nur noch zum Schein und tndelnd nachgehn,
eigentlich aber und im Ernst ihres Innern, blo Belehrung erwarten;
welches ihnen alsdann einen beschaulichen, genialen, erhabenen
Anstrich gibt. -- Man kann in diesem Sinne auch sagen, es gehe uns wie
den Alchemisten, welche, indem sie nur Gold suchten, Schiepulver,
Porzellan, Arzeneien, ja Naturgesetze entdeckten.


B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend.

4. Wie der Arbeiter, welcher ein Gebude auffhren hilft, den Plan des
ganzen entweder nicht kennt, oder doch nicht immer gegenwrtig hat; so
verhlt der Mensch, indem er die einzelnen Tage und Stunden seines
Lebens abspinnt, sich zum Ganzen seines Lebenslaufes und des
Charakters desselben. Je wrdiger, bedeutender, planvoller und
individueller dieser ist; desto mehr ist es ntig und wohlttig, da
der verkleinerte Grundri desselben, der Plan, ihm bisweilen vor die
Augen komme. Freilich gehrt auch dazu, da er einen kleinen Anfang in
dem =gnthi sauton= gemacht habe, also wisse, was er eigentlich,
hauptschlich und vor allem andern will, was also fr sein Glck das
Wesentlichste ist, sodann was die zweite und dritte Stelle nach diesem
einnimmt; wie auch, da er erkenne, welches, im ganzen, sein Beruf,
seine Rolle und sein Verhltnis zur Welt sei. Ist nun dieses
bedeutender und grandioser Art; so wird der Anblick des Planes seines
Lebens, im verjngten Mastabe, ihn, mehr als irgend etwas, strken,
aufrichten, erheben, zur Ttigkeit ermuntern und von Abwegen
zurckhalten.

Wie der Wanderer erst, wenn er auf einer Hhe angekommen ist, den
zurckgelegten Weg, mit allen seinen Wendungen und Krmmungen, im
Zusammenhange berblickt und erkennt; so erkennen wir erst am Ende
einer Periode unsers Lebens, oder gar des ganzen, den wahren
Zusammenhang unserer Taten, Leistungen und Werke, die genaue
Konsequenz und Verkettung, ja, auch den Wert derselben. Denn, solange
wir darin begriffen sind, handeln wir nur immer nach den feststehenden
Eigenschaften unsers Charakters, unter dem Einflu der Motive, und
nach dem Mae unserer Fhigkeiten, also durchweg mit Notwendigkeit,
indem wir in jedem Augenblicke blo tun, was uns jetzt eben das Rechte
und Angemessene dnkt. Erst der Erfolg zeigt, was dabei
herausgekommen, und der Rckblick auf den ganzen Zusammenhang das Wie
und Wodurch. Daher eben auch sind wir, whrend wir die grten Taten
vollbringen, oder unsterbliche Werke schaffen, uns derselben nicht als
solcher bewut, sondern blo als des unsern gegenwrtigen Zwecken
Angemessenen, unsern dermaligen Absichten Entsprechenden, also jetzt
gerade Rechten: aber erst aus dem Ganzen in seinem Zusammenhang
leuchtet nachher unser Charakter und unsere Fhigkeiten hervor: und im
einzelnen sehn wir dann, wie wir, als wre es durch Inspiration
geschehn, den einzig richtigen Weg, unter tausend Abwegen,
eingeschlagen haben, -- von unserm Genius geleitet. Dies alles gilt
vom Theoretischen wie vom Praktischen, und im umgekehrten Sinne vom
Schlechten und Verfehlten.

5. Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem richtigen
Verhltnis, in welchem wir unsere Aufmerksamkeit teils der Gegenwart,
teils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere
verderbe. Viele leben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; --
andere zu sehr in der Zukunft: die ngstlichen und Besorglichen.
Selten wird einer genau das rechte Ma halten. Die, welche, mittelst
Streben und Hoffen, nur in der Zukunft leben, immer vorwrts sehn und
mit Ungeduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererst
das wahre Glck bringen sollen, inzwischen aber die Gegenwart
unbeachtet und ungenossen vorbeiziehn lassen, sind, trotz ihren
altklugen Mienen, jenen Eseln in Italien zu vergleichen, deren Schritt
dadurch beschleunigt wird, da an einem, ihrem Kopf angehefteten Stock
ein Bndel Heu hngt, welches sie daher stets dicht vor sich sehen und
zu erreichen hoffen. Denn sie betrgen sich selbst um ihr ganzes
Dasein, indem sie stets nur _ad interim_ leben, -- bis sie tot sind.
-- Statt also mit den Plnen und Sorgen fr die Zukunft ausschlielich
und immerdar beschftigt zu sein, oder aber uns der Sehnsucht nach der
Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, da die Gegenwart
allein real und allein gewi ist; hingegen die Zukunft fast immer
anders ausfllt, als wir sie denken; ja, auch die Vergangenheit anders
war; und zwar so, da es mit beiden, im ganzen, weniger auf sich hat,
als es uns scheint. Denn die Ferne, welche dem Auge die Gegenstnde
verkleinert, vergrert sie dem Gedanken. Die Gegenwart allein ist
wahr und wirklich: sie ist die real erfllte Zeit, und ausschlielich
in ihr liegt unser Dasein. Daher sollten wir sie stets einer heitern
Aufnahme wrdigen, folglich jede ertrgliche und von unmittelbaren
Widerwrtigkeiten oder Schmerzen freie Stunde mit Bewutsein als
solche genieen, d. h. sie nicht trben durch verdrieliche Gesichter
ber verfehlte Hoffnungen in der Vergangenheit, oder Besorgnisse fr
die Zukunft. Denn es ist durchaus tricht, eine gute gegenwrtige
Stunde von sich zu stoen oder sie sich mutwillig zu verderben, aus
Verdru ber das Vergangene, oder Besorgnis wegen des Kommenden. Der
Sorge, ja, selbst der Reue sei ihre bestimmte Zeit gewidmet: danach
aber soll man ber das Geschehene denken:

    =Alla ta men protetychthai easomen achnymenoi per,
    Thymon eni stthessi philon damasantes anank=,

und ber das Knftige:

    =toi tauta then en gounasi keitai=,

hingegen ber die Gegenwart: _singulas dies singulas vitas puta_
(_Sen._) und diese allein reale Zeit sich so angenehm wie mglich
machen.

Uns zu beunruhigen sind blo solche knftige bel berechtigt, welche
gewi sind und deren Eintrittszeit ebenfalls gewi ist. Dies werden
aber sehr wenige sein: denn die bel sind entweder blo mglich,
allenfalls wahrscheinlich; oder sie sind zwar gewi; allein ihre
Eintrittszeit ist vllig ungewi. Lt man nun auf die beiden Arten
sich ein, so hat man keinen ruhigen Augenblick mehr. Um also nicht der
Ruhe unsers Lebens durch ungewisse oder unbestimmte bel verlustig zu
werden, mssen wir uns gewhnen, jene anzusehn, als kmen sie nie;
diese, als kmen sie gewi nicht sobald.

Je mehr nun aber einem die Furcht Ruhe lt, desto mehr beunruhigen
ihn die Wnsche, die Begierden und Ansprche. *Goethes* so beliebtes
Lied, ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt, besagt eigentlich,
da erst nachdem der Mensch aus allen mglichen Ansprchen
herausgetrieben und auf das nackte, kahle Dasein zurckgewiesen ist,
er derjenigen Geistesruhe teilhaft wird, welche die Grundlage des
menschlichen Glckes ausmacht, indem sie ntig ist, um die Gegenwart
und somit das ganze Leben geniebar zu finden. Zu eben diesem Zwecke
sollten wir stets eingedenk sein, da der heutige Tag nur einmal kommt
und nimmer wieder. Aber wir whnen, er komme morgen wieder: morgen ist
jedoch ein anderer Tag, der auch nur einmal kommt. Wir aber vergessen,
da jeder Tag ein integrirender und daher unersetzlicher Teil des
Lebens ist, und betrachten ihn vielmehr als unter demselben so
enthalten, wie die Individuen unter dem Gemeinbegriff. -- Ebenfalls
wrden wir die Gegenwart besser wrdigen und genieen, wenn wir, in
guten und gesunden Tagen, uns stets bewut wren, wie, in Krankheiten
oder Betrbnissen, die Erinnerung uns jede schmerz- und
entbehrungslose Stunde als unendlich beneidenswert, als ein verlorenes
Paradies, als einen verkannten Freund vorhlt. Aber wir verleben unsre
schnen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wann die schlimmen kommen,
wnschen wir jene zurck. Tausend heitere, angenehme Stunden lassen
wir, mit verdrielichem Gesicht, ungenossen an uns vorberziehn, um
nachher, zur trben Zeit, mit vergeblicher Sehnsucht ihnen
nachzuseufzen. Statt dessen sollten wir jede ertrgliche Gegenwart,
auch die alltgliche, welche wir jetzt so gleichgltig vorberziehn
lassen, und wohl gar noch ungeduldig nachschieben, -- in Ehren halten,
stets eingedenk, da sie eben jetzt hinberwallt in jene Apotheose der
Vergangenheit, woselbst sie fortan, vom Lichte der Unvergnglichkeit
umstrahlt, vom Gedchtnisse aufbewahrt wird, um, wann dieses einst,
besonders zur schlimmen Stunde, den Vorhang lftet, als ein Gegenstand
unsrer innigen Sehnsucht sich darzustellen.

6. *Alle Beschrnkung beglckt.* Je enger unser Gesichts-, Wirkungs-
und Berhrungskreis, desto glcklicher sind wir: je weiter, desto
fter fhlen wir uns geqult, oder gengstigt. Denn mit ihm vermehren
und vergrern sich die Sorgen, Wnsche und Schrecknisse. Darum sind
sogar Blinde nicht so unglcklich, wie es uns _a priori_ scheinen mu;
dies bezeugt die sanfte, fast heitere Ruhe in ihren Gesichtszgen.
Auch beruht es zum Teil auf dieser Regel, da die zweite Hlfte des
Lebens trauriger ausfllt als die erste. Denn im Laufe des Lebens wird
der Horizont unserer Zwecke und Beziehungen immer weiter. In der
Kindheit ist er auf die nchste Umgebung und die engsten Verhltnisse
beschrnkt; im Jnglingsalter reicht er schon bedeutend weiter; im
Mannesalter umfat er unsern ganzen Lebenslauf, ja, erstreckt sich oft
auf die entferntesten Verhltnisse, auf Staaten und Vlker; im
Greisenalter umfat er die Nachkommen. -- Jede Beschrnkung hingegen,
sogar die geistige, ist unserm Glcke frderlich. Denn je weniger
Erregung des Willens, desto weniger Leiden: und wir wissen, da das
Leiden das Positive, das Glck blo negativ ist. Beschrnktheit des
Wirkungskreises benimmt dem Willen die ueren Veranlassungen zur
Erregung; Beschrnktheit des Geistes die innern. Nur hat letztere den
Nachteil, da sie der Langenweile die Tr ffnet, welche mittelbar die
Quelle unzhliger Leiden wird, indem man, um nur sie zu bannen, nach
allem greift, also Zerstreuung, Gesellschaft, Luxus, Spiel, Trunk usw.
versucht, welche jedoch Schaden, Ruin und Unglck jeder Art
herbeiziehen. _Difficilis in otio quies._ Wie sehr hingegen die
*uere* Beschrnkung dem menschlichen Glcke, so weit es gehen kann,
frderlich, ja, notwendig sei, ist daran ersichtlich, da die einzige
Dichtungsart, welche glckliche Menschen zu schildern unternimmt, das
Idyll, sie stets und wesentlich in hchst beschrnkter Lage und
Umgebung darstellt. Das Gefhl der Sache liegt auch unserem
Wohlgefallen an den sogenannten Genre-Bildern zum Grunde. -- Demgem
wird die mglichste *Einfachheit* unserer Verhltnisse und sogar die
*Einfrmigkeit* der Lebensweise, so lange sie nicht Langeweile
erzeugt, beglcken; weil sie das Leben selbst, folglich auch die ihm
wesentliche Last, am wenigsten spren lt: es fliet dahin, wie ein
Bach, ohne Wellen und Strudel.

7. In Hinsicht auf unser Wohl und Wehe kommt es in letzter Instanz
darauf an, womit das Bewutsein erfllt und beschftigt sei. Hier wird
nun im ganzen jede rein intellektuelle Beschftigung dem ihrer fhigen
Geiste viel mehr leisten als das wirkliche Leben mit seinem
bestndigen Wechsel des Gelingens und Milingens, nebst seinen
Erschtterungen und Plagen. Nur sind dazu freilich schon berwiegende
geistige Anlagen erfordert. Sodann ist hiebei zu bemerken, da, wie
das nach auen ttige Leben uns von den Studien zerstreut und ablenkt,
auch dem Geiste die dazu erforderliche Ruhe und Sammlung benimmt;
ebenso andrerseits die anhaltende Geistesbeschftigung zum Treiben und
Tummeln des wirklichen Lebens, mehr oder weniger, untchtig macht:
daher ist es ratsam, dieselbe auf eine Weile ganz einzustellen, wann
Umstnde eintreten, die irgendwie eine energische praktische Ttigkeit
erfordern.

8. Um mit vollkommener *Besonnenheit* zu leben und aus der eigenen
Erfahrung alle Belehrung, die sie enthlt, herauszuziehn, ist
erfordert, da man oft zurckdenke und was man erlebt, getan, erfahren
und dabei empfunden hat, rekapitulire, auch sein ehemaliges Urteil mit
seinem gegenwrtigen, seinen Vorsatz und Streben mit dem Erfolg und
der Befriedigung durch denselben vergleiche. Dies ist die Repetition
des Privatissimums, welches jedem die Erfahrung lie. Auch lt die
eigene Erfahrung sich ansehn als der Text; Nachdenken und Kenntnisse
als der Kommentar dazu. Viel Nachdenken und Kenntnisse, bei wenig
Erfahrung, gleicht den Ausgaben, deren Seiten zwei Zeilen Text und
vierzig Zeilen Kommentar darbieten. Viel Erfahrung, bei wenig
Nachdenken und geringen Kenntnissen, gleicht den bipontinischen
Ausgaben, ohne Noten, welche Vieles unverstanden lassen.

Auf die hier gegebene Anempfehlung zielt auch die Regel des
Pythagoras, da man abends, vor dem Einschlafen, durchmustern solle,
was man den Tag ber getan hat. Wer im Getmmel der Geschfte oder
Vergngungen dahinlebt, ohne je seine Vergangenheit zu ruminiren,
vielmehr nur immerfort sein Leben abhaspelt, dem geht die klare
Besonnenheit verloren: sein Gemt wird ein Chaos, und eine gewisse
Verworrenheit kommt in seine Gedanken, von welcher alsbald das
Abrupte, Fragmentarische, gleichsam Kleingehackte seiner Konversation
zeugt. Dies ist um so mehr der Fall, je grer die uere Unruhe, die
Menge der Eindrcke, und je geringer die innere Ttigkeit seines
Geistes ist.

Hieher gehrt die Bemerkung, da, nach lngerer Zeit und nachdem die
Verhltnisse und Umgebungen, welche auf uns einwirkten,
vorbergegangen sind, wir nicht vermgen, unsere damals durch sie
erregte Stimmung und Empfindung uns zurckzurufen und zu erneuern:
wohl aber knnen wir unserer eigenen, damals von ihnen hervorgerufenen
*uerungen* uns erinnern. Diese nun sind das Resultat, der Ausdruck
und der Mastab jener. Daher sollte das Gedchtnis, oder das Papier,
dergleichen, aus denkwrdigen Zeitpunkten, sorgfltig aufbewahren.
Hiezu sind Tagebcher sehr ntzlich.

9. Sich selber gengen, sich selber alles in allem sein, und sagen
knnen _omnia mea mecum porto_, ist gewi fr unser Glck die
frderlichste Eigenschaft: daher der Ausspruch des *Aristoteles* =h
eudaimonia tn autarkn esti= (_felicitas sibi sufficientium est. Eth.
Eud. 7, 2_) nicht zu oft wiederholt werden kann. (Auch ist es im
wesentlichen derselbe Gedanke, den, in einer beraus artigen Wendung,
die Sentenz Chamforts ausdrckt, welche ich dieser Abhandlung als
Motto vorgesetzt habe.) Denn teils darf man, mit einiger Sicherheit,
auf niemand zhlen, als auf sich selbst, und teils sind die
Beschwerden und Nachteile, die Gefahr und der Verdru, welche die
Gesellschaft mit sich fhrt, unzhlig und unausweichbar.

Kein verkehrterer Weg zum Glck, als das Leben in der groen Welt, in
Saus und Braus (_high life_): denn es bezweckt, unser elendes Dasein
in eine Sukzession von Freude, Genu, Vergngen zu verwandeln, wobei
die Enttuschung nicht ausbleiben kann; so wenig, wie bei der
obligaten Begleitung dazu, dem gegenseitigen einander Belgen[K].

  [K] Wie unser Leib in die Gewnder, so ist unser Geist in Lgen
  verhllt. Unser Reden, Tun, unser ganzes Wesen ist lgenhaft: und erst
  durch diese Hlle hindurch kann man bisweilen unsere wahre Gesinnung
  erraten, wie durch die Gewnder hindurch die Gestalt des Leibes.

Zunchst erfordert jede Gesellschaft notwendig eine gegenseitige
Akkommodation und Temperatur: daher wird sie, je grer, desto fader.
Ganz *er selbst sein* darf jeder nur so lange er allein ist: wer also
nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn
nur wann man allein ist, ist man frei. Zwang ist der unzertrennliche
Gefhrte jeder Gesellschaft, und jede fordert Opfer, die um so
schwerer fallen, je bedeutender die eigene Individualitt ist.
Demgem wird jeder in genauer Proportion zum Werte seines eigenen
Selbst die Einsamkeit fliehen, ertragen oder lieben. Denn in ihr fhlt
der Jmmerliche seine ganze Jmmerlichkeit, der groe Geist seine
ganze Gre, kurz, jeder sich als was er ist. Ferner, je hher einer
auf der Rangliste der Natur steht, desto einsamer steht er, und zwar
wesentlich und unvermeidlich. Dann aber ist es eine Wohltat fr ihn,
wenn die physische Einsamkeit der geistigen entspricht: widrigenfalls
dringt die hufige Umgebung heterogener Wesen strend, ja, feindlich
auf ihn ein, raubt ihm sein Selbst und hat nichts als Ersatz dafr zu
geben. Sodann, whrend die Natur zwischen Menschen die weiteste
Verschiedenheit, im Moralischen und Intellektuellen, gesetzt hat,
stellt die Gesellschaft, diese fr nichts achtend, sie alle gleich,
oder vielmehr sie setzt an ihre Stelle die knstlichen Unterschiede
und Stufen des Standes und Ranges, welche der Rangliste der Natur sehr
oft diametral entgegen laufen. Bei dieser Anordnung stehen sich die,
welche die Natur niedrig gestellt hat, sehr gut; die wenigen aber,
welche sie hoch stellte, kommen dabei zu kurz; daher diese sich der
Gesellschaft zu entziehn pflegen und in jeder, sobald sie zahlreich
ist, das Gemeine vorherrscht. Was den groen Geistern die Gesellschaft
verleidet, ist die Gleichheit der Rechte, folglich der Ansprche, bei
der Ungleichheit der Fhigkeiten, folglich der (gesellschaftlichen)
Leistungen, der andern. Die sogenannte gute Soziett lt Vorzge
aller Art gelten, nur nicht die geistigen, diese sind sogar
Kontrebande. Sie verpflichtet uns, gegen jede Torheit, Narrheit,
Verkehrtheit, Stumpfheit, grenzenlose Geduld zu beweisen; persnliche
Vorzge hingegen sollen sich Verzeihung erbetteln oder sich verbergen;
denn die geistige berlegenheit verletzt durch ihre bloe Existenz,
ohne alles Zutun des Willens. Demnach hat die Gesellschaft, welche man
die gute nennt, nicht nur den Nachteil, da sie uns Menschen
darbietet, die wir nicht loben und lieben knnen, sondern sie lt
auch nicht zu, da wir selbst seien, wie es unsrer Natur angemessen
ist; vielmehr ntigt sie uns, des Einklanges mit den anderen wegen,
einzuschrumpfen, oder gar uns selbst zu verunstalten. Geistreiche
Reden oder Einflle gehren nur vor geistreiche Gesellschaft: in der
gewhnlichen sind sie geradezu verhat; denn um in dieser zu gefallen,
ist durchaus notwendig, da man platt und bornirt sei. In solcher
Gesellschaft mssen wir daher, mit schwerer Selbstverleugnung,
dreiviertel unserer selbst aufgeben, um uns den andern zu
verhnlichen. Dafr haben wir dann freilich die andern: aber je mehr
eigenen Wert einer hat, desto mehr wird er finden, da hier der Gewinn
den Verlust nicht deckt und das Geschft zu seinem Nachteil
ausschlgt; weil die Leute, in der Regel, insolvent sind, d. h. in
ihrem Umgang nichts haben, das fr die Langweiligkeit, die Beschwerden
und Unannehmlichkeiten desselben und fr die Selbstverleugnung, die er
auflegt, schadlos hielte: demnach ist die allermeiste Gesellschaft so
beschaffen, da, wer sie gegen die Einsamkeit vertauscht, einen guten
Handel macht. Dazu kommt noch, da die Gesellschaft, um die echte, d.
i. die geistige berlegenheit, welche sie nicht vertrgt und die auch
schwer zu finden ist, zu ersetzen, eine falsche, konventionelle, auf
willkrlichen Satzungen beruhende und traditionell unter den hheren
Stnden sich fortpflanzende, auch, wie die Parole, vernderliche
berlegenheit beliebig angenommen hat: diese ist, was der gute Ton,
_bon ton_, _fashionableness_ genannt wird. Wann sie jedoch einmal mit
der echten in Kollision gert, zeigt sich ihre Schwche. -- Zudem,
_quand le bon ton arrive, le bons sens se retire_.

berhaupt aber kann jeder *im vollkommensten Einklange* nur mit sich
selbst stehn; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten:
denn die Unterschiede der Individualitt und Stimmung fhren allemal
eine, wenn auch geringe, Dissonanz herbei. Daher ist der wahre, tiefe
Friede des Herzens und die vollkommene Gemtsruhe, dieses, nchst der
Gesundheit hchste irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden
und als dauernde Stimmung nur in der tiefsten Zurckgezogenheit. Ist
dann das eigene Selbst gro und reich; so geniet man den
glcklichsten Zustand, der auf dieser armen Erde gefunden werden mag.
Ja, es sei heraus gesagt: so eng auch Freundschaft, Liebe und Ehe
Menschen verbinden; *ganz ehrlich* meint jeder es am Ende doch nur mit
sich selbst und hchstens noch mit seinem Kinde. -- Je weniger einer,
infolge objektiver oder subjektiver Bedingungen, ntig hat, mit den
Menschen in Berhrung zu kommen, desto besser ist er daran. Die
Einsamkeit und de lt alle ihre bel auf einmal, wenn auch nicht
empfinden, doch bersehn: hingegen die Gesellschaft ist *insidis*:
sie verbirgt hinter dem Scheine der Kurzweil, der Mitteilung, des
geselligen Genusses usf. groe, oft unheilbare bel. Ein Hauptstudium
der Jugend sollte sein, *die Einsamkeit ertragen zu lernen*; weil sie
eine Quelle des Glckes, der Gemtsruhe ist. -- Aus diesem allen nun
folgt, da der am besten daran ist, der nur auf sich selbst gerechnet
hat und sich selber alles in allem sein kann; sogar sagt Cicero: _Nemo
potest non beatissimus esse, qui est totus aptus ex sese, quique in se
uno ponit omnia._ (_Paradox. II._) Zudem, je mehr einer an sich selber
hat, desto weniger knnen andere ihm sein. Ein gewisses Gefhl von
Allgenugsamkeit ist es, welches die Leute von innerm Wert und Reichtum
abhlt, der Gemeinschaft mit andern die bedeutenden Opfer, welche sie
verlangt, zu bringen, geschweige dieselbe, mit merklicher
Selbstverleugnung, zu suchen. Das Gegenteil hievon macht die
gewhnlichen Leute so gesellig und akkommodant: es wird ihnen nmlich
leichter, andere zu ertragen, als sich selbst. Noch kommt hinzu, da,
was wirklichen Wert hat in der Welt, nicht geachtet wird, und, was
geachtet wird, keinen Wert hat. Hievon ist die Zurckgezogenheit jedes
Wrdigen und Ausgezeichneten der Beweis und die Folge. Diesem allen
nach wird es in dem, der etwas Rechtes an sich selber hat, echte
Lebensweisheit sein, wenn er, erforderlichen Falls seine Bedrfnisse
einschrnkt, um nur seine Freiheit zu wahren oder zu erweitern, und
demnach mit seiner Person, da sie unvermeidliche Verhltnisse zur
Menschenwelt hat, so kurz wie mglich sich abfindet.

Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht, ist ihre Unfhigkeit,
die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen. Innere Leere
und berdru sind es, von denen sie sowohl in die Gesellschaft, wie in
die Fremde und auf Reisen getrieben werden. Ihrem Geiste mangelt es an
Federkraft, sich eigene Bewegung zu erteilen: daher suchen sie
Erhhung derselben durch Wein und werden viele auf diesem Wege zu
Trunkenbolden. Eben daher bedrfen sie der steten Erregung von auen
und zwar der strkesten, d. i. der durch Wesen ihresgleichen. Ohne
diese sinkt ihr Geist, unter seiner eigenen Schwere, zusammen und
verfllt in eine drckende Lethargie[L]. Imgleichen liee sich sagen,
da jeder von ihnen nur ein kleiner Bruch der Idee der Menschheit sei,
daher er vieler Ergnzung durch andere bedarf, damit einigermaen ein
volles menschliches Bewutsein herauskomme: hingegen wer ein ganzer
Mensch ist, ein Mensch *par excellence*, der stellt eine Einheit und
keinen Bruch dar, hat daher an sich selbst genug. Man kann, in diesem
Sinne, die gewhnliche Gesellschaft jener russischen Hornmusik
vergleichen, bei der jedes Horn nur einen Ton hat und blo durch das
pnktliche Zusammentreffen aller eine Musik herauskommt. Denn monoton,
wie ein solches eintniges Horn, ist der Sinn und Geist der
allermeisten Menschen: sehn doch viele von ihnen schon aus, als htten
sie immerfort nur einen und denselben Gedanken, unfhig irgend einen
andern zu denken. Hieraus also erklrt sich nicht nur, warum sie so
langweilig, sondern auch warum sie so gesellig sind und am liebsten
herdenweise einhergehn: _the gregariousness of mankind_. Die Monotonie
seines eigenen Wesens ist es, die jedem von ihnen unertrglich wird:
-- _omnis stultitia laborat fastidio sui_: -- nur zusammen und durch
die Vereinigung sind sie irgend etwas; -- wie jene Hornblser. Dagegen
ist der geistvolle Mensch einem Virtuosen zu vergleichen, der sein
Konzert *allein* ausfhrt; oder auch dem Klavier. Wie nmlich dieses,
fr sich allein, ein kleines Orchester, so ist er eine kleine Welt,
und was jene alle erst durch das Zusammenwirken sind, stellt er dar in
der Einheit Eines Bewutseins. Wie das Klavier, ist er kein Teil der
Symphonie, sondern fr das Solo und die Einheit geeignet: soll er mit
ihnen zusammenwirken; so kann er es nur sein als Prinzipalstimme mit
Begleitung, wie das Klavier; oder zum Tonangeben, bei Vokalmusik, wie
das Klavier. -- Wer inzwischen Gesellschaft liebt, kann sich aus
diesem Gleichnis die Regel abstrahiren, da was den Personen seines
Umgangs an Qualitt abgeht, durch die Quantitt einigermaen ersetzt
werden mu. An einem einzigen geistvollen Menschen kann er Umgang
genug haben: ist aber nichts als die gewhnliche Sorte zu finden, so
ist es gut, von dieser recht viele zu haben, damit durch die
Mannigfaltigkeit und das Zusammenwirken etwas herauskomme, -- nach
Analogie der besagten Hornmusik: -- und der Himmel schenke ihm dazu
Geduld.

  [L] Bekanntlich werden bel dadurch erleichtert, da man sie
  gemeinschaftlich ertrgt: zu diesen scheinen die Leute die Langeweile
  zu zhlen; daher sie sich zusammensetzen, um sich gemeinschaftlich zu
  langweilen. Wie die Liebe zum Leben im Grunde nur Furcht vor dem Tode
  ist, so ist auch der *Geselligkeitstrieb* der Menschen im Grunde kein
  direkter, beruht nmlich nicht auf Liebe zur Gesellschaft, sondern auf
  Furcht vor der *Einsamkeit*, indem es nicht sowohl die holdselige
  Gegenwart der andern ist, die gesucht, als vielmehr die de und
  Beklommenheit des Alleinseins, nebst der Monotonie des eigenen
  Bewutseins, die geflohen wird; welcher zu entgehn man daher auch mit
  schlechter Gesellschaft vorlieb nimmt, imgleichen das Lstige und den
  Zwang, den eine jede notwendig mit sich bringt, sich gefallen lt. --
  Hat hingegen der Widerwille gegen dieses alles gesiegt und ist,
  infolge davon, die Gewohnheit der Einsamkeit und die Abhrtung gegen
  ihren unmittelbaren Eindruck eingetreten, so da sie die oben
  bezeichneten Wirkungen nicht mehr hervorbringt; dann kann man mit
  grter Behaglichkeit immerfort allein sein, ohne sich nach
  Gesellschaft zu sehnen; eben weil das Bedrfnis derselben kein
  direktes ist und man andrerseits sich jetzt an die wohlttigen
  Eigenschaften der Einsamkeit gewhnt hat.

Jener innern Leere aber und Drftigkeit der Menschen ist auch dieses
zuzuschreiben, da, wenn einmal, irgendeinen edelen, idealen Zweck
beabsichtigend, Menschen besserer Art zu einem Verein zusammentreten,
alsdann der Ausgang fast immer dieser ist, da aus jenem _plebs_ der
Menschheit, welcher, in zahlloser Menge, wie Ungeziefer, berall alles
erfllt und bedeckt, und stets bereit ist, jedes, ohne Unterschied, zu
ergreifen, um damit seiner Langenweile, wie unter anderen Umstnden
seinem Mangel, zu Hilfe zu kommen, -- auch dort einige sich
einschleichen, oder eindrngen und dann bald entweder die ganze Sache
zerstren, oder sie so verndern, da sie ziemlich das Gegenteil der
ersten Absicht wird.

brigens kann man die Geselligkeit auch betrachten als ein geistiges
Erwrmen der Menschen an einander, gleich jenem krperlichen, welches
sie, bei groer Klte, durch Zusammendrngen hervorbringen. Allein wer
selbst viel geistige Wrme hat, bedarf solcher Gruppirung nicht. Eine
in diesem Sinne von mir erdachte Fabel wird man im 2. Bande dieses
Werkes finden, im letzten Kapitel. Diesem allen zufolge steht die
Geselligkeit eines jeden ungefhr im umgekehrten Verhltnisse seines
intellektuellen Wertes; und er ist sehr ungesellig sagt beinahe
schon er ist ein Mann von groen Eigenschaften.

Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewhrt nmlich die
Einsamkeit einen zwiefachen Vorteil: erstlich den, mit sich selber zu
sein, und zweitens den, nicht mit andern zu sein. Diesen letzteren
wird man hoch anschlagen, wenn man bedenkt, wie viel Zwang, Beschwerde
und selbst Gefahr jeder Umgang mit sich bringt. _Tout notre mal vient
de ne pouvoir tre seul_, sagt *Labruyre*. *Geselligkeit* gehrt zu
den gefhrlichen, ja, verderblichen Neigungen, da sie uns in Kontakt
bringt mit Wesen, deren groe Mehrzahl moralisch schlecht und
intellektuell stumpf oder verkehrt ist. Der Ungesellige ist einer, der
ihrer nicht bedarf. An sich selber so viel zu haben, da man der
Gesellschaft nicht bedarf, ist schon deshalb ein groes Glck, weil
fast alle unsere Leiden aus der Gesellschaft entspringen, und die
Geistesruhe, welche, nchst der Gesundheit, das wesentlichste Element
unseres Glckes ausmacht, durch jede Gesellschaft gefhrdet wird und
daher ohne ein bedeutendes Ma von Einsamkeit nicht bestehen kann. Um
des Glckes der Geistesruhe teilhaft zu werden, entsagen die Kyniker
jedem Besitz: wer in gleicher Absicht der Gesellschaft entsagt, hat
das weiseste Mittel erwhlt. Denn so treffend, wie schn, ist was
*Bernardin de St. Pierre* sagt: _la dite des alimens nous rend la
sant du corps, et celle des hommes la tranquillit de l'me_. Sonach
hat, wer sich zeitig mit der Einsamkeit befreundet, ja, sie lieb
gewinnt, eine Goldmine erworben. Aber keineswegs vermag dies jeder.
Denn, wie ursprnglich die Not, so treibt, nach Beseitigung dieser,
die Langeweile die Menschen zusammen. Ohne beide bliebe wohl jeder
allein; schon weil nur in der Einsamkeit die Umgebung der
ausschlielichen Wichtigkeit, ja, Einzigkeit entspricht, die jeder in
seinen eigenen Augen hat, und welche vom Weltgedrnge zu nichts
verkleinert wird; als wo sie, bei jedem Schritt, ein schmerzliches
_dmenti_ erhlt. In diesem Sinne ist die Einsamkeit sogar der
natrliche Zustand eines jeden: sie setzt ihn wieder ein, als ersten
Adam, in das ursprngliche, seiner Natur angemessene Glck.

Aber hatte doch auch Adam weder Vater, noch Mutter! Daher wieder ist,
in einem andern Sinne, die Einsamkeit dem Menschen nicht natrlich;
sofern nmlich er, bei seinem Eintritt in die Welt, sich nicht allein,
sondern zwischen Eltern und Geschwistern, also in Gemeinschaft,
gefunden hat. Demzufolge kann die Liebe zur Einsamkeit nicht als
ursprnglicher Hang dasein, sondern erst infolge der Erfahrung und des
Nachdenkens entstehn; und dies wird statthaben, nach Magabe der
Entwickelung eigener geistiger Kraft, zugleich aber auch mit der
Zunahme der Lebensjahre; wonach denn, im ganzen genommen, der
Geselligkeitstrieb eines jeden im umgekehrten Verhltnisse seines
Alters stehn wird. Das kleine Kind erhebt ein Angst- und
Jammergeschrei, sobald es nur einige Minuten allein gelassen wird. Dem
Knaben ist das Alleinsein eine groe Pnitenz. Jnglinge gesellen sich
leicht zueinander: nur die edleren und hochgesinnten unter ihnen
suchen schon bisweilen die Einsamkeit: jedoch einen ganzen Tag allein
zuzubringen wird ihnen noch schwer. Dem Manne hingegen ist dies
leicht: er kann schon viel allein sein, und desto mehr, je lter er
wird. Der Greis, welcher aus verschwundenen Generationen allein brig
geblieben und dazu den Lebensgenssen teils entwachsen, teils
abgestorben ist, findet an der Einsamkeit sein eigentliches Element.
Immer aber wird hiebei, in den einzelnen, die Zunahme der Neigung zur
Absonderung und Einsamkeit nach Magabe ihres intellektuellen Wertes
erfolgen. Denn dieselbe ist, wie gesagt, keine rein natrliche, direkt
durch die Bedrfnisse hervorgerufene, vielmehr blo eine Wirkung
gemachter Erfahrung und der Reflexion ber solche, namentlich der
erlangten Einsicht in die moralisch und intellektuell elende
Beschaffenheit der allermeisten Menschen, bei welcher das schlimmste
ist, da, im Individuo, die moralischen und die intellektuellen
Unvollkommenheiten desselben konspiriren und sich gegenseitig in die
Hnde arbeiten, woraus dann allerlei hchst widerwrtige Phnomene
hervorgehn, welche den Umgang der meisten Menschen ungeniebar, ja,
unertrglich machen. So kommt es denn, da, obwohl in dieser Welt gar
vieles recht schlecht ist, doch das Schlechteste darin die
Gesellschaft bleibt; so da selbst *Voltaire*, der gesellige Franzose,
hat sagen mssen: _la terre est couverte de gens qui ne mritent pas
qu'on leur parle_. Den selben Grund gibt auch der die Einsamkeit so
stark und beharrlich liebende, sanftmtige *Petrarka* fr diese
Neigung an:

    _Cercato ho sempre solitaria vita
      (Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi),
    *Per fuggir quest' ingegni storti e loschi*,
      Che la strada del ciel' hanno smarita._

In gleichem Sinne fhrt er die Sache aus, in seinem schnen Buche _de
vita solitaria_, welches *Zimmermanns* Vorbild zu seinem berhmten
Werke ber die Einsamkeit gewesen zu sein scheint. Eben diesen blo
sekundren und mittelbaren Ursprung der Ungeselligkeit drckt, in
seiner sarkastischen Weise, *Chamfort* aus, wenn er sagt: _on dit
quelquefois d'un homme qui vit seul, il n'aime pas la socit. C'est
souvent comme si on disait d'un homme, qu'il n'aime pas la promenade,
sous le prtexte qu'il ne se promne pas volontiers le soir dans la
fort de Bondy[M]._ Aber auch der sanfte und christliche Angelus
Silesius sagt, in seiner Weise und mythischen Sprache, ganz das Selbe:

    Herodes ist ein Feind; der Joseph der Verstand,
    Dem macht Gott die Gefahr im Traum (im Geist) bekannt.
    Die Welt ist Bethlehem, gypten *Einsamkeit*:
    Fleuch, meine Seele! Fleuch, sonst stirbest du vor Leid.

  [M] Im selben Sinne sagt *Sadi*, im Gulistan (S. die bers. v. Graf
  _p. 65_): Seit dieser Zeit haben wir von der Gesellschaft Abschied
  genommen und uns den Weg der Absonderung vorgenommen: denn die
  *Sicherheit ist in der Einsamkeit*.

In gleichem Sinne lt sich Jordanus Brunus vernehmen: _tanti uomini,
che in terra hanno voluto gustare vita celeste, dissero con una voce:
ecce elongavi fugiens, et mansi in solitudine_. In gleichem Sinne
berichtet *Sadi*, der Perser, im Gulistan, von sich selbst: meiner
Freunde in Damaskus berdrssig zog ich mich in die Wste bei
Jerusalem zurck, die Gesellschaft der Tiere aufzusuchen. Kurz, in
gleichem Sinne haben alle geredet, die Prometheus aus besserem Thone
geformt hatte. Welchen Genu kann ihnen der Umgang mit Wesen gewhren,
zu denen sie nur vermittelst des Niedrigsten und Unedelsten in ihrer
eigenen Natur, nmlich des Alltglichen, Trivialen und Gemeinen darin,
irgend Beziehungen haben, die eine Gemeinschaft begrnden, und denen,
weil sie nicht zu ihrem Niveau sich erheben knnen, nichts brig
bleibt, als sie zu dem ihrigen herabzuziehn, was demnach ihr Trachten
wird? Sonach ist es ein aristokratisches Gefhl, welches den Hang zur
Absonderung und Einsamkeit nhrt. Alle Lumpe sind gesellig, zum
Erbarmen: da hingegen ein Mensch edlerer Art sei, zeigt sich zunchst
daran, da er kein Wohlgefallen an den brigen hat, sondern mehr und
mehr die Einsamkeit ihrer Gesellschaft vorzieht und dann allmlig, mit
den Jahren, zu der Einsicht gelangt, da es, seltene Ausnahmen
abgerechnet, in der Welt nur die Wahl gibt zwischen Einsamkeit und
Gemeinheit. Sogar auch dieses, so hart es klingt, hat selbst Angelus
Silesius, seiner christlichen Milde und Liebe ungeachtet, nicht
ungesagt lassen knnen:

    Die Einsamkeit ist not: doch sei nur nicht gemein:
    So kannst du berall in einer Wste sein.

Was nun aber gar die groen Geister betrifft, so ist es wohl natrlich,
da diese eigentlichen Erzieher des ganzen Menschengeschlechtes zu
hufiger Gemeinschaft mit den brigen so wenig Neigung fhlen, als den
Pdagogen anwandelt, sich in das Spiel der ihn umlrmenden Kinderherde
zu mischen. Denn sie, die auf die Welt gekommen sind, um sie auf dem
Meer ihrer Irrtmer der Wahrheit zuzulenken und aus dem finstern Abgrund
ihrer Roheit und Gemeinheit nach oben, dem Lichte zu, der Bildung und
Veredlung entgegen zu ziehn, -- sie mssen zwar unter ihnen leben, ohne
jedoch eigentlich zu ihnen zu gehren, fhlen sich daher, von Jugend
auf, als merklich von den andern verschiedene Wesen, kommen aber erst
allmlig, mit den Jahren, zur deutlichen Erkenntnis der Sache, wonach
sie dann Sorge tragen, da zu ihrer geistigen Entfernung von den andern
auch die physische komme, und keiner ihnen nahe rcken darf, er sei denn
schon selbst ein mehr oder weniger Eximirter von der allgemeinen
Gemeinheit.

Aus diesem allen ergibt sich also, da die Liebe zur Einsamkeit nicht
direkt und als ursprnglicher Trieb auftritt, sondern sich indirekt,
vorzglich bei edleren Geistern und erst nach und nach entwickelt,
nicht ohne berwindung des natrlichen Geselligkeitstriebes, ja, unter
gelegentlicher Opposition mephistophelischer Einflsterung:

    Hr' auf, mit deinem Gram zu spielen,
    Der, wie ein Geier, dir am Leben frit:
    Die schlechteste Gesellschaft lt dich fhlen,
    Da du ein Mensch mit Menschen bist.

Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister: sie werden solche
bisweilen beseufzen; aber stets sie als das kleinere von zwei beln
erwhlen. Mit zunehmendem Alter wird jedoch das _sapere aude_ in
diesem Stcke immer leichter und natrlicher, und in den sechziger
Jahren ist der Trieb zur Einsamkeit ein wirklich naturgemer, ja
instinktartiger. Denn jetzt vereinigt sich alles, ihn zu befrdern.
Der strkste Zug zur Geselligkeit, Weiberliebe und Geschlechtstrieb,
wirkt nicht mehr; ja, die Geschlechtslosigkeit des Alters legt den
Grund zu einer gewissen Selbstgenugsamkeit, die allmhlich den
Geselligkeitstrieb berhaupt absorbirt. Von tausend Tuschungen und
Torheiten ist man zurckgekommen; das aktive Leben ist meistens
abgetan, man hat nichts mehr zu erwarten, hat keine Plne und
Absichten mehr; die Generation, der man eigentlich angehrt, lebt
nicht mehr; von einem fremden Geschlecht umgeben, steht man schon
objektiv und wesentlich allein. Dabei hat der Flug der Zeit sich
beschleunigt, und geistig mchte man sie noch benutzen. Denn, wenn nur
der Kopf seine Kraft behalten hat; so machen jetzt die vielen
erlangten Kenntnisse und Erfahrungen, die allmlig vollendete
Durcharbeitung aller Gedanken und die groe bungsfertigkeit aller
Krfte das Studium jeder Art interessanter und leichter als jemals.
Man sieht klar in tausend Dingen, die frher noch wie im Nebel lagen:
man gelangt zu Resultaten und fhlt seine ganze berlegenheit. Infolge
langer Erfahrung hat man aufgehrt, von den Menschen viel zu erwarten;
da sie, im ganzen genommen, nicht zu den Leuten gehren, welche bei
nherer Bekanntschaft gewinnen: vielmehr wei man, da, von seltenen
Glcksfllen abgesehn, man nichts antreffen wird, als sehr defekte
Exemplare der menschlichen Natur, welche es besser ist, unberhrt zu
lassen. Man ist daher den gewhnlichen Tuschungen nicht mehr
ausgesetzt, merkt jedem bald an, was er ist, und wird selten den
Wunsch fhlen, nhere Verbindung mit ihm einzugehn. Endlich ist auch,
zumal wenn man an der Einsamkeit eine Jugendfreundin erkennt, die
Gewohnheit der Isolation und des Umgangs mit sich selbst hinzugekommen
und zur zweiten Natur geworden. Demnach ist jetzt die Liebe zur
Einsamkeit, welche frher dem Geselligkeitstriebe erst abgerungen
werden mute, eine ganz natrliche und einfache: man ist in der
Einsamkeit, wie der Fisch im Wasser. Daher fhlt jede vorzgliche,
folglich den brigen unhnliche, mithin allein stehende Individualitt
sich, durch diese ihr wesentliche Isolation, zwar in der Jugend
gedrckt, aber im Alter erleichtert.

Denn freilich wird dieses wirklichen Vorzuges des Alters jeder immer
nur nach Magabe seiner intellektuellen Krfte teilhaft, also der
eminente Kopf vor allen; jedoch in geringerem Grade wohl jeder. Nur
hchst drftige und gemeine Naturen werden im Alter noch so gesellig
sein wie ehedem: sie sind der Gesellschaft, zu der sie nicht mehr
passen, beschwerlich, und bringen es hchstens dahin, tolerirt zu
werden; whrend sie ehemals gesucht wurden.

An dem dargelegten, entgegengesetzten Verhltnisse zwischen der Zahl
unsrer Lebensjahre und dem Grade unsrer Geselligkeit lt sich auch
noch eine teleologische Seite herausfinden. Je jnger der Mensch ist,
desto mehr hat er noch, in jeder Beziehung, zu lernen: nun hat ihn die
Natur auf den wechselseitigen Unterricht verwiesen, welchen jeder im
Umgange mit seinesgleichen empfngt und in Hinsicht auf welchen die
menschliche Gesellschaft eine groe Bell-Lancastersche Erziehungsanstalt
genannt werden kann; da Bcher und Schulen knstliche, weil vom Plane
der Natur abliegende Anstalten sind. Sehr zweckmig also besucht er
die natrliche Unterrichtsanstalt desto fleiiger, je jnger er ist.

_Nihil est ab omni parte beatum_ sagt Horaz, und Kein Lotus ohne
Stengel lautet ein indisches Sprichwort: so hat denn auch die
Einsamkeit, neben so vielen Vorteilen, ihre kleinen Nachteile und
Beschwerden, die jedoch, im Vergleich mit denen der Gesellschaft,
gering sind; daher wer etwas Rechtes an sich selber hat, es immer
leichter finden wird, ohne die Menschen auszukommen, als mit ihnen. --
Unter jenen Nachteilen ist brigens einer, der nicht so leicht, wie
die brigen, zum Bewutsein gebracht wird, nmlich dieser: wie durch
anhaltend fortgesetztes Zuhausebleiben unser Leib so empfindlich gegen
uere Einflsse wird, da jedes khle Lftchen ihn krankhaft
affizirt; so wird, durch anhaltende Zurckgezogenheit und Einsamkeit,
unser Gemt so empfindlich, da wir durch die unbedeutendesten
Vorflle, Worte, wohl gar durch bloe Mienen, uns beunruhigt, oder
gekrnkt, oder verletzt fhlen; whrend der, welcher stets im Getmmel
bleibt, dergleichen gar nicht beachtet.

Wer nun aber, zumal in jngern Jahren, so oft ihn auch schon gerechtes
Mifallen an den Menschen in die Einsamkeit zurckgescheucht hat, doch
die de derselben, auf die Lnge, zu ertragen nicht vermag, dem rate
ich, da er sich gewhne, einen Teil seiner Einsamkeit in die
Gesellschaft mitzunehmen, also da er lerne, auch in der Gesellschaft,
in gewissem Grade, allein zu sein, demnach, was er denkt, nicht sofort
den andern mitzuteilen, und andrerseits mit dem, was sie sagen, es
nicht genau zu nehmen, vielmehr, moralisch wie intellektuell, nicht
viel davon zu erwarten und daher, hinsichtlich ihrer Meinungen,
diejenige Gleichgltigkeit in sich zu befestigen, die das sicherste
Mittel ist, um stets eine lobenswerte Toleranz zu ben. Er wird
alsdann, obwohl mitten unter ihnen, doch nicht so ganz in ihrer
Gesellschaft sein, sondern hinsichtlich ihrer sich mehr rein objektiv
verhalten: Dies wird ihn vor zu genauer Berhrung mit der
Gesellschaft, und dadurch vor jeder Besudelung, oder gar Verletzung,
schtzen. Sogar eine lesenswerte dramatische Schilderung dieser
restringirten, oder verschanzten Geselligkeit besitzen wir am
Lustspiel _el Caf o sea la comedia nueva_ von *Moratin*, und zwar
im Charakter des D. Pedro daselbst, zumal in der zweiten und dritten
Szene des ersten Akts. In diesem Sinne kann man auch die Gesellschaft
einem Feuer vergleichen, an welchem der Kluge sich in gehriger
Entfernung wrmt, nicht aber hineingreift, wie der Tor, der dann,
nachdem er sich verbrannt hat, in die Klte der Einsamkeit flieht und
jammert, da das Feuer brennt.

10. *Neid* ist dem Menschen natrlich: dennoch ist er ein Laster und
Unglck zugleich[N]. Wir sollen daher ihn als den Feind unsers Glckes
betrachten und als einen bsen Dmon zu ersticken suchen. Hiezu leitet
uns *Seneka* an, mit den schnen Worten: _nostra nos sine comparatione
delectent: nunquam erit felix quem torquebit felicior_ (_de ira III,
30_), und wiederum: _quum adspexeris quot te antecedant, cogita quot
sequantur_ (_ep. 15_): also wir sollen fter die betrachten, welche
schlimmer daran sind, als wir, denn die, welche besser daran zu sein
scheinen. Sogar wird, bei eingetretenen, wirklichen beln, uns den
wirksamsten, wiewohl aus derselben Quelle mit dem Neide flieenden
Trost die Betrachtung grerer Leiden, als die unsrigen sind,
gewhren, und nchstdem der Umgang mit solchen, die mit uns im selben
Falle sich befinden, mit den _sociis malorum_.

  [N] Der *Neid* der Menschen zeigt an, wie unglcklich sie sich fhlen;
  ihre bestndige *Aufmerksamkeit* auf fremdes Tun und Lassen, wie sehr
  sie sich langweilen.

Soviel von der aktiven Seite des Neides. Von der passiven ist zu
erwgen, da kein Ha so unvershnlich ist, wie der Neid; daher wir
nicht unablssig und eifrig bemht sein sollten, ihn zu erregen;
vielmehr besser tten, diesen Genu, wie manchen andern, der
gefhrlichen Folgen wegen, uns zu versagen. -- Es gibt *drei
Aristokratien*: 1. die der Geburt und des Ranges, 2. die
Geldaristokratie, 3. die geistige Aristokratie. Letztere ist
eigentlich die vornehmste, wird auch dafr anerkannt, wenn man ihr nur
Zeit lt: hat doch schon Friedrich der Groe gesagt: _les mes
privilgies rangent  l'gal des souverains_, und zwar zu seinem
Hofmarschall, der Ansto daran nahm, da, whrend Minister und
Generle an der Marschallstafel aen, Voltaire an einer Tafel Platz
nehmen sollte, an welcher blo regierende Herren und ihre Prinzen
saen. -- Jede dieser Aristokratien ist umgeben von einem Heer ihrer
Neider, welche gegen jeden ihrer Angehrigen heimlich erbittert und,
wenn sie ihn nicht zu frchten haben, bemht sind, ihm auf
mannigfaltige Weise zu verstehn zu geben, du bist nichts mehr, als
wir! Aber gerade diese Bemhungen verraten ihre berzeugung vom
Gegenteil. Das vom Beneideten dagegen anzuwendende Verfahren besteht
im Fernhalten aller dieser Schar Angehrigen und im mglichsten
Vermeiden jeder Berhrung mit ihnen, so da sie durch eine weite Kluft
abgetrennt bleiben; wo aber dies nicht angeht, im hchst gelassenen
Ertragen ihrer Bemhungen, deren Quelle sie ja neutralisirt: -- auch
sehn wir dasselbe durchgngig angewandt. Hingegen werden die der einen
Aristokratie Angehrigen sich mit denen einer der beiden andern
meistens gut und ohne Neid vertragen; weil jeder seinen Vorzug gegen
den der andern in die Wage legt.

11. Man berlege ein Vorhaben reiflich und wiederholt, ehe man
dasselbe ins Werk setzt, und selbst nachdem man alles auf das
grndlichste durchdacht hat, rume man noch der Unzulnglichkeit aller
menschlichen Erkenntnis etwas ein, infolge welcher es immer noch
Umstnde geben kann, die zu erforschen oder vorherzusehn unmglich
ist, und welche die ganze Berechnung unrichtig machen knnten. Dieses
Bedenken wird stets ein Gewicht auf die negative Schale legen und uns
anraten, in wichtigen Dingen, ohne Not, nichts zu rhren: _quieta non
movere_. Ist man aber einmal zum Entschlu gekommen und hat Hand ans
Werk gelegt, so da jetzt alles seinen Verlauf zu nehmen hat und nur
noch der Ausgang abzuwarten steht; dann ngstige man sich nicht durch
stets erneuerte berlegung des bereits Vollzogenen und durch
wiederholtes Bedenken der mglichen Gefahr; vielmehr entschlage man
der Sache sich jetzt gnzlich, halte das ganze Gedankenfach derselben
verschlossen, sich mit der berzeugung beruhigend, da man alles zu
seiner Zeit reiflich erwogen habe. Diesen Rat erteilt auch das
italinische Sprichwort _legala bene, e poi lascia la andare_, welches
Goethe bersetzt du, sattle gut und reite getrost; -- wie denn,
beilufig gesagt, ein groer Teil seiner unter der Rubrik
Sprichwrtlich gegebenen Gnomen bersetzte italinische Sprichwrter
sind. -- Kommt dennoch ein schlimmer Ausgang; so ist es, weil alle
menschlichen Angelegenheiten dem Zufall und dem Irrtum unterliegen.
Da *Sokrates*, der Weiseste der Menschen, um nur in seinen eigenen,
persnlichen Angelegenheiten das Richtige zu treffen, oder wenigstens
Fehltritte zu vermeiden, eines warnenden *Dmonions* bedurfte,
beweist, da hiezu kein menschlicher Verstand ausreicht. Daher ist
jener, angeblich von einem Papste herrhrende Ausspruch, da von jedem
Unglck, das uns trifft, wir selbst, wenigstens in irgend etwas, die
Schuld tragen, nicht unbedingt und in allen Fllen wahr: wiewohl bei
weitem in den meisten. Sogar scheint das Gefhl hievon viel Anteil
daran zu haben, da die Leute ihr Unglck mglichst zu verbergen
suchen und, so weit es gelingen will, eine zufriedene Miene aufsetzen.
Sie besorgen, da man von Leiden auf die Schuld schlieen werde.

12. Bei einem unglcklichen Ereignis, welches bereits eingetreten,
also nicht mehr zu ndern ist, soll man sich nicht einmal den
Gedanken, da dem anders sein knnte, noch weniger den, wodurch es
htte abgewendet werden knnen, erlauben: denn gerade er steigert den
Schmerz ins Unertrgliche; so da man damit zum =heautontimroumenos=
wird. Vielmehr mache man es wie der Knig David, der, so lange sein
Sohn krank daniederlag, den Jehova unablssig mit Bitten und Flehen
bestrmte; als er aber gestorben war, ein Schnippchen schlug und nicht
weiter daran dachte. Wer aber dazu nicht leichtsinnig genug ist,
flchte sich auf den fatalistischen Standpunkt, indem er sich die
groe Wahrheit verdeutlicht, da alles, was geschieht, notwendig
eintritt, also unabwendbar ist.

Bei allem dem ist diese Regel einseitig. Sie taugt zwar zu unserer
unmittelbaren Erleichterung und Beruhigung bei Unglcksfllen: allein
wenn an diesen, wie doch meistens, unsere eigene Nachlssigkeit oder
Verwegenheit, wenigstens zum Teil, schuld ist; so ist die wiederholte,
schmerzliche berlegung, wie dem htte vorgebeugt werden knnen, zu
unserer Witzigung und Besserung, also fr die Zukunft, eine heilsame
Selbstzchtigung. Und gar offenbar begangene Fehler sollen wir nicht,
wie wir doch pflegen, vor uns selber zu entschuldigen, oder zu
beschnigen, oder zu verkleinern suchen, sondern sie uns eingestehn
und in ihrer ganzen Gre deutlich uns vor Augen bringen, um den
Vorsatz, sie knftig zu vermeiden, fest fassen zu knnen. Freilich hat
man sich dabei den groen Schmerz der Unzufriedenheit mit sich selbst
anzutun: aber =ho m dareis anthrpos ou paideuetai=.

13. In allem, was unser Wohl und Wehe betrifft, sollen wir die
*Phantasie im Zgel halten*: also zuvrderst keine Luftschlsser
bauen; weil diese zu kostspielig sind, indem wir, gleich darauf, sie,
unter Seufzern, wieder einzureien haben. Aber noch mehr sollen wir
uns hten, durch das Ausmalen blo mglicher Unglcksflle unser Herz
zu ngstigen. Wenn nmlich diese ganz aus der Luft gegriffen, oder
doch sehr weit hergeholt wren; so wrden wir, beim Erwachen aus einem
solchen Traume, gleich wissen, da alles nur Gaukelei gewesen, daher
uns der bessern Wirklichkeit um so mehr freuen und allenfalls eine
Warnung gegen ganz entfernte, wiewohl mgliche Unglcksflle daraus
entnehmen. Allein mit dergleichen spielt unsere Phantasie nicht
leicht: ganz migerweise baut sie hchstens heitere Luftschlsser.
Der Stoff zu ihren finstern Trumen sind Unglcksflle, die uns, wenn
auch aus der Ferne, doch einigermaen wirklich bedrohen: diese
vergrert sie, bringt ihre Mglichkeit viel nher, als sie in
Wahrheit ist, und malt sie auf das Frchterlichste aus. Einen solchen
Traum knnen wir, beim Erwachen, nicht sogleich abschtteln, wie den
heitern: denn diesen widerlegt alsbald die Wirklichkeit und lt
hchstens eine schwache Hoffnung im Schoe der Mglichkeit brig. Aber
haben wir uns den schwarzen Phantasien (_blue devils_) berlassen; so
haben sie uns Bilder nahe gebracht, die nicht so leicht wieder
weichen: denn die Mglichkeit der Sache, im allgemeinen, steht fest,
und den Mastab des Grades derselben vermgen wir nicht jederzeit
anzulegen: sie wird nun leicht zur Wahrscheinlichkeit, und wir haben
uns der Angst in die Hnde geliefert. Daher also sollen wir die Dinge,
welche unser Wohl und Wehe betreffen, blo mit dem Auge der Vernunft
und der Urteilskraft betrachten, folglich trockener und kalter
berlegung, mit bloen Begriffen und _in abstracto_ operiren. Die
Phantasie soll dabei aus dem Spiele bleiben: denn urteilen kann sie
nicht; sondern bringt bloe Bilder vor die Augen, welche das Gemt
unntzer und oft sehr peinlicher Weise bewegen. Am strengsten sollte
diese Regel abends beobachtet werden. Denn wie die Dunkelheit uns
furchtsam macht und uns berall Schreckensgestalten erblicken lt, so
wirkt, ihr analog, die Undeutlichkeit der Gedanken; weil jede
Ungewiheit Unsicherheit gebiert: deshalb nehmen des Abends, wann die
Abspannung Verstand und Urteilskraft mit einer subjektiven Dunkelheit
berzogen hat, der Intellekt mde und =thoryboumenos= ist und den
Dingen nicht auf den Grund zu kommen vermag, die Gegenstnde unserer
Meditation, wenn sie unsere persnlichen Verhltnisse betreffen,
leicht ein gefhrliches Ansehn an und werden zu Schreckbildern. Am
meisten ist dies der Fall nachts, im Bette, als wo der Geist vllig
abgespannt und daher die Urteilskraft ihrem Geschfte gar nicht mehr
gewachsen, die Phantasie aber noch rege ist. Da gibt die Nacht allem
und jedem ihren schwarzen Anstrich. Daher sind unsere Gedanken vor dem
Einschlafen, oder gar beim nchtlichen Erwachen, meistens fast ebenso
arge Verzerrungen und Verkehrungen der Dinge, wie die Trume es sind,
und dazu, wenn sie persnliche Angelegenheiten betreffen, gewhnlich
pechschwarz, ja, entsetzlich. Am Morgen sind dann alle solche
Schreckbilder, so gut wie die Trume, verschwunden: dies bedeutet das
spanische Sprichwort: _noche tinta, blanco el dia_ (die Nacht ist
gefrbt, wei ist der Tag). Aber auch schon abends, sobald das Licht
brennt, sieht der Verstand, wie das Auge, nicht so klar, wie bei Tage:
daher diese Zeit nicht zur Meditation ernster, zumal unangenehmer
Angelegenheiten geeignet ist. Hiezu ist der Morgen die rechte Zeit;
wie er es denn berhaupt zu allen Leistungen, ohne Ausnahme, sowohl
den geistigen wie den krperlichen, ist. Denn der Morgen ist die
Jugend des Tages: alles ist heiter, frisch und leicht: wir fhlen uns
krftig und haben alle unsere Fhigkeiten zu vlliger Disposition. Man
soll ihn nicht durch sptes Aufstehn verkrzen, noch auch an unwrdige
Beschftigungen oder Gesprche verschwenden, sondern ihn als die
Quintessenz des Lebens betrachten und gewissermaen heilig halten.
Hingegen ist der Abend das Alter des Tages: wir sind abends matt,
geschwtzig und leichtsinnig. -- Jeder *Tag ist ein kleines Leben*, --
jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen
eine kleine Jugend, und jedes zu Bette gehn und Einschlafen ein
kleiner Tod.

berhaupt aber hat Gesundheitszustand, Schlaf, Nahrung, Temperatur,
Wetter, Umgebung und noch viel anderes uerliches auf unsere
Stimmung, und diese auf unsere Gedanken, einen mchtigen Einflu.
Daher ist, wie unsere Ansicht einer Angelegenheit, so auch unsere
Fhigkeit zu einer Leistung so sehr der Zeit und selbst dem Orte
unterworfen. Darum also

    Nehmt die gute Stimmung wahr,
    Denn sie kommt so selten.

    G.

Nicht etwa blo objektive Konzeptionen und Originalgedanken mu man
abwarten, ob und wann es ihnen zu kommen beliebt; sondern selbst die
grndliche berlegung einer persnlichen Angelegenheit gelingt nicht
immer zu der Zeit, die man zum voraus fr sie bestimmt und wann man
sich dazu zurechtgesetzt hat; sondern auch sie whlt sich ihre Zeit
selbst; wo alsdann der ihr angemessene Gedankengang unaufgefordert
rege wird und wir mit vollem Anteil ihn verfolgen.

Zur anempfohlenen Zgelung der Phantasie gehrt auch noch, da wir ihr
nicht gestatten, ehemals erlittenes Unrecht, Schaden, Verlust,
Beleidigungen, Zurcksetzungen, Krnkungen u. dgl. uns wieder zu
vergegenwrtigen und auszumalen; weil wir dadurch den lngst
schlummernden Unwillen, Zorn und alle gehssigen Leidenschaften wieder
aufregen, wodurch unser Gemt verunreinigt wird. Denn, nach einem
schnen, vom Neuplatoniker Proklos beigebrachten Gleichnis, ist, wie
in jeder Stadt, neben den Edelen und Ausgezeichneten, auch der Pbel
jeder Art (=ochlos=) wohnt, so in jedem, auch dem edelsten und
erhabensten Menschen das ganz Niedrige und Gemeine der menschlichen,
ja tierischen Natur, der Anlage nach, vorhanden. Dieser Pbel darf
nicht zum Tumult aufgeregt werden, noch darf er aus den Fenstern
schauen; da er sich hlich ausnimmt: die bezeichneten Phantasiestcke
sind aber die Demagogen desselben. Hieher gehrt auch, da die
kleinste Widerwrtigkeit, sei sie von Menschen oder Dingen
ausgegangen, durch fortgesetztes Brten darber und Ausmalen mit
grellen Farben und nach vergrertem Mastabe, zu einem Ungeheuer
anschwellen kann, darber man auer sich gert. Alles Unangenehme soll
man vielmehr hchst prosaisch und nchtern auffassen, damit man es
mglichst leicht nehmen knne.

Wie kleine Gegenstnde, dem Auge nahe gehalten, unser Gesichtsfeld
beschrnkend, die Welt verdecken, -- so werden oft die Menschen und
Dinge unserer *nchsten Umgebung*, so hchst unbedeutend und
gleichgltig sie auch seien, unsere Aufmerksamkeit und Gedanken ber
die Gebhr beschftigen, dazu noch auf unerfreuliche Weise, und werden
wichtige Gedanken und Angelegenheiten verdrngen. Dem soll man
entgegenarbeiten.

14. Beim Anblick dessen, was wir nicht besitzen, steigt gar leicht in
uns der Gedanke auf: wie, wenn das mein wre? und er macht uns die
Entbehrung fhlbar. Statt dessen sollten wir fter fragen: wie, wenn
das *nicht* mein wre?, ich meine, wir sollten das, was wir besitzen,
bisweilen so anzusehn uns bemhen, wie es uns vorschweben wrde,
nachdem wir es verloren htten; und zwar jedes, was es auch sei:
Eigentum, Gesundheit, Freunde, Geliebte, Weib, Kind, Pferd und Hund:
denn meistens belehrt erst der Verlust uns ber den Wert der Dinge.
Hingegen infolge der anempfohlenen Betrachtungsweise derselben wird
erstlich ihr Besitz uns unmittelbar mehr, als zuvor, beglcken, und
zweitens werden wir auf alle Weise dem Verlust vorbeugen, also das
Eigentum nicht in Gefahr bringen, die Freunde nicht erzrnen, die
Treue des Weibes nicht der Versuchung aussetzen, die Gesundheit der
Kinder bewachen usw. -- Oft suchen wir das Trbe der Gegenwart
aufzuhellen durch Spekulation auf gnstige Mglichkeiten und ersinnen
vielerlei chimrische Hoffnungen, von denen jede mit einer
Enttuschung schwanger ist, die nicht ausbleibt, wann jene an der
harten Wirklichkeit zerschellt. Besser wre es, die vielen schlimmen
Mglichkeiten zum Gegenstand unserer Spekulation zu machen, als
welches teils Vorkehrungen zu ihrer Abwehr, teils angenehme
berraschungen, wenn sie sich nicht verwirklichen, veranlassen wrde.
Sind wir doch, nach etwas ausgestandener Angst, stets merklich heiter.
Ja, es ist sogar gut, groe Unglcksflle, die uns mglicherweise
treffen knnten, uns bisweilen zu vergegenwrtigen; um nmlich die uns
nachher wirklich treffenden viel kleineren leichter zu ertragen, indem
wir dann durch den Rckblick auf jene groen, nicht eingetroffenen,
uns trsten. ber diese Regel ist jedoch die ihr vorhergegangene nicht
zu vernachlssigen.

15. Weil die uns betreffenden Angelegenheiten und Begebenheiten ganz
vereinzelt, ohne Ordnung und ohne Beziehung auf einander, im grellsten
Kontrast und ohne irgend etwas Gemeinsames, als eben da sie unsere
Angelegenheiten sind, auftreten und durcheinanderlaufen; so mu unser
Denken und Sorgen um sie ebenso abrupt sein, damit es ihnen
entspreche. -- Sonach mssen wir, wenn wir eines vornehmen, von allem
andern abstrahiren und uns der Sache entschlagen, um jedes zu seiner
Zeit zu besorgen, zu genieen, zu erdulden, ganz unbekmmert um das
brige: wir mssen also gleichsam Schiebfcher unserer Gedanken haben,
von denen wir eines ffnen, derweilen alle andern geschlossen bleiben.
Dadurch erlangen wir, da nicht eine schwer lastende Sorge jeden
kleinen Genu der Gegenwart verkmmere und uns alle Ruhe raube; da
nicht eine berlegung die andere verdrnge; da nicht die Sorge fr
eine wichtige Angelegenheit die Vernachlssigung vieler geringen
herbeifhre usw. Zumal aber soll, wer hoher und edeler Betrachtungen
fhig ist, seinen Geist durch persnliche Angelegenheiten und niedrige
Sorgen nie so ganz einnehmen und erfllen lassen, da sie jenen den
Zugang versperren: denn das wre recht eigentlich _propter vitam
vivendi perdere causas_. -- Freilich ist zu dieser Lenkung und
Ablenkung unsrer selbst, wie zu so viel anderm, Selbstzwang erfordert:
zu diesem aber sollte uns die berlegung strken, da jeder Mensch gar
vielen und groen Zwang von auen zu erdulden hat, ohne welchen es in
keinem Leben abgeht; da jedoch ein kleiner, an der rechten Stelle
angebrachter Selbstzwang nachmals vielem Zwange von auen vorbeugt;
wie ein kleiner Abschnitt des Kreises zunchst dem Centro einem oft
hundertmal grern an der Peripherie entspricht. Durch nichts entziehn
wir uns so sehr dem Zwange von auen, wie durch Selbstzwang: das
besagt Senekas Ausspruch: _si tibi vis omnia subjicere, te subjice
rationi_ (_ep. 37_). Auch haben wir den Selbstzwang noch immer in der
Gewalt, und knnen, im uersten Fall, oder wo er unsere
empfindlichste Stelle trifft, etwas nachlassen; hingegen der Zwang von
auen ist ohne Rcksicht, ohne Schonung und unbarmherzig. Daher ist es
weise, diesem durch jenen zuvorzukommen.

16. Unseren Wnschen ein Ziel stecken, unsere Begierden im Zaume
halten, unsern Zorn bndigen, stets eingedenk, da dem einzelnen nur
ein unendlich kleiner Teil alles Wnschenswerten erreichbar ist,
hingegen viele bel jeden treffen mssen, also, mit einem Worte
=apechein kai anechein=, _abstinere et sustinere_, -- ist eine Regel,
ohne deren Beobachtung weder Reichtum noch Macht verhindern knnen,
da wir uns armselig fhlen. Dahin zielt Horaz:

    _Inter cuncta leges, et percontabere doctos
    Qua ratione queas traducere leniter aevum;
    Ne te semper inops agitet vexetque cupido,
    Ne pavor, et rerum mediocriter utilium spes._

17. =Ho bios en t kinsei esti= (_vita motu constat_) sagt
Aristoteles, mit offenbarem Recht: und wie demnach unser physisches
Leben nur in und durch eine unaufhrliche Bewegung besteht; so
verlangt auch unser inneres, geistiges Leben fortwhrend
Beschftigung, Beschftigung mit irgend etwas, durch Tun oder Denken;
einen Beweis hievon gibt schon das Trommeln mit den Hnden oder irgend
einem Gert, zu welchem unbeschftigte und gedankenlose Menschen
sogleich greifen. Unser Dasein nmlich ist ein wesentlich rastloses:
daher wird die gnzliche Unttigkeit uns bald unertrglich, indem sie
die entsetzlichste Langeweile herbeifhrt. Diesen Trieb nun soll man
regeln, um ihn methodisch und dadurch besser zu befriedigen. Daher
also ist Ttigkeit, etwas treiben, womglich etwas machen, wenigstens
aber etwas lernen, -- zum Glck des Menschen unerllich: seine Krfte
verlangen nach ihrem Gebrauch, und er mchte den Erfolg desselben
irgendwie wahrnehmen. Die grte Befriedigung jedoch, in dieser
Hinsicht, gewhrt es, etwas zu *machen*, zu verfertigen, sei es ein
Korb, sei es ein Buch; aber da man ein Werk unter seinen Hnden
tglich wachsen und endlich seine Vollendung erreichen sehe, beglckt
unmittelbar. Dies leistet ein Kunstwerk, eine Schrift, ja selbst eine
bloe Handarbeit; freilich, je edlerer Art das Werk, desto hher der
Genu. Am glcklichsten sind, in diesem Betracht, die Hochbegabten,
welche sich der Fhigkeit zur Hervorbringung bedeutsamer, groer und
zusammenhngender Werke bewut sind. Denn dadurch verbreitet ein
Interesse hherer Art sich ber ihr ganzes Dasein und erteilt ihm eine
Wrze, welche dem der brigen abgeht, welches demnach, mit jenem
verglichen, gar schal ist. Fr sie nmlich hat das Leben und die Welt,
neben dem allen gemeinsamen, materiellen, noch ein zweites und
hheres, ein formelles Interesse, indem es den Stoff zu ihren Werken
enthlt, mit dessen Einsammlung sie, ihr Leben hindurch, emsig
beschftigt sind, sobald nur die persnliche Not sie irgends atmen
lt. Auch ist ihr Intellekt gewissermaen ein doppelter: teils einer
fr die gewhnlichen Beziehungen (Angelegenheiten des Willens), gleich
dem aller andern: teils einer fr die rein objektive Auffassung der
Dinge. So leben sie zwiefach, sind Zuschauer und Schauspieler
zugleich, whrend die brigen letzteres allein sind. -- Inzwischen
treibe jeder etwas, nach Magabe seiner Fhigkeiten. Denn wie
nachteilig der Mangel an planmiger Ttigkeit, an irgend einer
Arbeit, auf uns wirke, merkt man auf langen Vergngungsreisen, als wo
man, dann und wann, sich recht unglcklich fhlt; weil man, ohne
eigentliche Beschftigung, gleichsam aus seinem natrlichen Elemente
gerissen ist. Sich zu mhen und mit dem Widerstande zu kmpfen ist dem
Menschen Bedrfnis, wie dem Maulwurf das Graben. Der Stillstand, den
die Allgenugsamkeit eines bleibenden Genusses herbeifhrte, wre ihm
unertrglich. Hindernisse berwinden ist der Vollgenu seines Daseins;
sie mgen materieller Art sein, wie beim Handeln und Treiben, oder
geistiger Art, wie beim Lernen und Forschen: der Kampf mit ihnen und
der Sieg beglckt. Fehlt ihm die Gelegenheit dazu, so macht er sie
sich, wie er kann: je nachdem seine Individualitt es mit sich bringt,
wird er jagen, oder Bilboquet spielen, oder, vom unbewuten Zuge
seiner Natur geleitet, Hndel suchen, oder Intriguen anspinnen, oder
sich auf Betrgereien und allerlei Schlechtigkeiten einlassen, um nur
dem ihm unertrglichen Zustande der Ruhe ein Ende zu machen.
_Difficilis in otio quies._

18. Zum Leitstern seiner Bestrebungen soll man nicht *Bilder der
Phantasie* nehmen, sondern deutlich gedachte *Begriffe*. Meistens aber
geschieht das Umgekehrte. Man wird nmlich, bei genauerer
Untersuchung, finden, da, was bei unsern Entschlieungen, in letzter
Instanz, den Ausschlag gibt, meistens nicht die Begriffe und Urteile
sind, sondern ein Phantasiebild, welches die eine der Alternativen
reprsentirt und vertritt. Ich wei nicht mehr, in welchem Romane von
Voltaire, oder Diderot, dem Helden, als er ein Jngling und Herkules
am Scheidewege war, die Tugend sich stets darstellte in Gestalt seines
alten Hofmeisters, in der Linken die Tabaksdose, in der Rechten eine
Priese haltend und so moralisirend; das Laster hingegen in Gestalt der
Kammerjungfer seiner Mutter. -- Besonders in der Jugend fixirt sich
das Ziel unsers Glckes in Gestalt einiger Bilder, die uns vorschweben
und oft das halbe, ja das ganze Leben hindurch verharren. Sie sind
eigentlich neckende Gespenster: denn, haben wir sie erreicht, so
zerrinnen sie in nichts, indem wir die Erfahrung machen, da sie gar
nichts von dem, was sie verhieen, leisten. Dieser Art sind einzelne
Szenen des huslichen, brgerlichen, gesellschaftlichen, lndlichen
Lebens, Bilder der Wohnung, Umgebung, der Ehrenzeichen,
Respektsbezeugungen usw. usw. _chaque fou a sa marotte_ auch das Bild
der Geliebten gehrt oft dahin. Da es uns so ergehe ist wohl
natrlich: denn das Anschauliche wirkt, weil es das Unmittelbare ist,
auch unmittelbarer auf unsern Willen, als der Begriff, der abstrakte
Gedanke, der blo das Allgemeine gibt, ohne das Einzelne, welches doch
gerade die Realitt enthlt: er kann daher nur mittelbar auf unsern
Willen wirken. Und doch ist es nur der Begriff, der Wort hlt: daher
ist es Bildung, nur ihm zu trauen. Freilich wird er wohl mitunter der
Erluterung und Paraphrase durch einige Bilder bedrfen: nur _cum
grano salis_.

19. Die vorhergegangene Regel lt sich der allgemeineren subsumiren,
da man berall Herr werden soll ber den Eindruck des Gegenwrtigen
und Anschaulichen berhaupt. Dieser ist gegen das blo Gedachte und
Gewute unverhltnismig stark, nicht vermge seiner Materie und
Gehalt, die oft sehr gering sind; sondern vermge seiner Form, der
Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit, als welche auf das Gemt
eindringt und dessen Ruhe strt, oder seine Vorstze erschttert. Denn
das Vorhandene, das Anschauliche, wirkt, als leicht bersehbar, stets
mit seiner ganzen Gewalt auf einmal: hingegen Gedanken und Grnde
verlangen Zeit und Ruhe, um stckweise durchdacht zu werden, daher man
sie nicht jeden Augenblick ganz gegenwrtig haben kann. Demzufolge
reizt das Angenehme, welchem wir, infolge der berlegung, entsagt
haben, uns doch bei seinem Anblick: ebenso krnkt uns ein Urteil,
dessen gnzliche Inkompetenz wir kennen; erzrnt uns eine Beleidigung,
deren Verchtlichkeit wir einsehen; ebenso werden zehn Grnde gegen
das Vorhandensein einer Gefahr berwogen vom falschen Schein ihrer
wirklichen Gegenwart usw. In allen diesen macht sich die ursprngliche
Unvernnftigkeit unsers Wesens geltend. Auch werden einem derartigen
Eindruck die Weiber oft erliegen, und wenige Mnner haben ein solches
bergewicht der Vernunft, da sie von dessen Wirkungen nicht zu leiden
htten. Wo wir nun denselben nicht ganz berwltigen knnen, mittelst
bloer Gedanken, da ist das Beste, einen Eindruck durch den
entgegengesetzten zu neutralisiren, z. B. den Eindruck einer
Beleidigung durch Aufsuchen derer, die uns hochschtzen; den Eindruck
einer drohenden Gefahr durch wirkliches Betrachten des ihr
Entgegenwirkenden. Konnte doch jener Italiner, von dem Leibnitz (in
den _nouveaux essais, Liv. I, c. 2,  11_) erzhlt, sogar den
Schmerzen der Folter dadurch widerstehn, da er, whrend derselben,
wie er sich vorgesetzt, das Bild des Galgens, an welchen sein
Gestndnis ihn gebracht haben wrde, nicht einen Augenblick aus der
Phantasie entweichen lie; weshalb er von Zeit zu Zeit _io ti vedo_
rief; welche Worte er spter dahin erklrt hat. -- Eben aus dem hier
betrachteten Grunde ist es ein schweres Ding, wenn alle, die uns
umgeben, anderer Meinung sind als wir, und danach sich benehmen,
selbst wenn wir von ihrem Irrtum berzeugt sind, nicht durch sie
wankend gemacht zu werden. Einem flchtigen, verfolgten, ernstlich
_incognito_ reisenden Knige mu das unter vier Augen beobachtete
Unterwrfigkeitszeremoniell seines vertrauten Begleiters eine fast
notwendige Herzensstrkung sein, damit er nicht am Ende sich selbst
bezweifle.

20. Nachdem ich schon im zweiten Kapitel den hohen Wert der
*Gesundheit*, als welche fr unser Glck das erste und wichtigste ist,
hervorgehoben habe, will ich hier ein paar ganz allgemeiner
Verhaltungsregeln zu ihrer Befestigung und Bewahrung angeben.

Man hrte sich dadurch ab, da man dem Krper, sowohl im ganzen wie in
jedem Teile, so lange man gesund ist, recht viel Anstrengung und
Beschwerde auflege und sich gewhne, widrigen Einflssen jeder Art zu
widerstehn. Sobald hingegen ein krankhafter Zustand, sei es des
Ganzen, oder eines Teiles, sich kundgibt, ist sogleich das
entgegengesetzte Verfahren zu ergreifen und der kranke Leib, oder Teil
desselben, auf alle Weise zu schonen und zu pflegen: denn das Leidende
und Geschwchte ist keiner Abhrtung fhig.

Der Muskel wird durch starken Gebrauch gestrkt; der Nerv hingegen
dadurch geschwcht. Also be man seine Muskeln durch jede angemessene
Anstrengung, hte hingegen die Nerven vor jeder; also die Augen vor zu
hellem, besonders reflektirtem Lichte, vor jeder Anstrengung in der
Dmmerung, wie auch vor anhaltendem Betrachten zu kleiner Gegenstnde;
ebenso die Ohren vor zu starkem Gerusch; vorzglich aber das Gehirn
vor gezwungener, zu anhaltender oder unzeitiger Anstrengung: demnach
lasse man es ruhen whrend der Verdauung; weil dann eben dieselbe
Lebenskraft, welche im Gehirn Gedanken bildet, im Magen und den
Eingeweiden angestrengt arbeitet, Chymus und Chylus zu bereiten;
ebenfalls whrend, oder auch nach, bedeutender Muskelanstrengung. Denn
es verhlt sich mit den motorischen wie mit den sensibeln Nerven, und
wie der Schmerz, den wir in verletzten Gliedern empfinden, seinen
wahren Sitz im Gehirn hat; so sind es auch eigentlich nicht die Beine
und Arme, welche gehn und arbeiten; sondern das Gehirn, nmlich der
Teil desselben, welcher, mittelst des verlngerten und des
Rckenmarks, die Nerven jener Glieder erregt und dadurch diese in
Bewegung setzt. Demgem hat auch die Ermdung, welche wir in den
Beinen oder Armen fhlen, ihren wahren Sitz im Gehirn; weshalb eben
blo die Muskeln ermden, deren Bewegung willkrlich ist, d. h. vom
Gehirn ausgeht, hingegen nicht die ohne Willkr arbeitenden, wie das
Herz. Offenbar also wird das Gehirn beeintrchtigt, wenn man ihm
starke Muskelttigkeit und geistige Anspannung zugleich, oder auch nur
dicht hinter einander abzwingt. Hiemit streitet es nicht, da man im
Anfang eines Spaziergangs, oder berhaupt auf kurzen Gngen, oft
erhhte Geistesttigkeit sprt: denn da ist noch kein Ermden besagter
Gehirnteile eingetreten, und andrerseits befrdert eine solche leichte
Muskelttigkeit und die durch sie vermehrte Respiration das Aufsteigen
des arteriellen, nunmehr auch besser oxydirten Blutes zum Gehirn. --
Besonders aber gebe man dem Gehirn das zu seiner Refektion ntige,
volle Ma des Schlafes; denn der Schlaf ist fr den ganzen Menschen,
was das Aufziehn fr die Uhr. (Vergl. Welt als Wille und Vorstellung
II, 217. -- 3. Aufl. II, 240.) Dieses Ma wird um so grer sein, je
entwickelter und ttiger das Gehirn ist; es jedoch zu berschreiten
wre bloer Zeitverlust, weil dann der Schlaf an Intension verliert,
was er an Extension gewinnt. (Vergl. Welt als Wille und Vorstellung
II, 247. -- 3. Aufl. II, 275.)[O] berhaupt begreife man wohl, da
unser Denken nichts anderes ist als die organische Funktion des
Gehirns, und sonach jeder andern organischen Ttigkeit, in Hinsicht
auf Anstrengung und Ruhe, sich analog verhlt. Wie bermige
Anstrengung die Augen verdirbt, ebenso das Gehirn. Mit Recht ist
gesagt worden: das Gehirn denkt, wie der Magen verdaut. Der Wahn von
einer immateriellen, einfachen, wesentlich und immer denkenden,
folglich unermdlichen Seele, die da im Gehirn blo logirte, und
nichts auf der Welt bedrfte, hat gewi manchen zu unsinnigem
Verfahren und Abstumpfung seiner Geisteskrfte verleitet; wie denn z.
B. Friedrich der Groe einmal versucht hat, sich das Schlafen ganz
abzugewhnen. Die Philosophieprofessoren wrden wohl tun, einen
solchen, sogar praktisch verderblichen Wahn nicht durch ihre
katechismusgerechtseinwollende Rocken-Philosophie zu befrdern. -- Man
soll sich gewhnen, seine Geisteskrfte durchaus als physiologische
Funktionen zu betrachten, um danach sie zu behandeln, zu schonen,
anzustrengen usw., und zu bedenken, da jedes krperliche Leiden,
Beschwerde, Unordnung, in welchem Teil es auch sei, den Geist
affizirt. Am besten befhigt hiezu *Cabanis*, _des Rapports du
physique et du moral de l'homme_.

  [O] Der Schlaf ist ein Stck *Tod*, welches wir _anticipando_ borgen
  und dafr das durch einen Tag erschpfte Leben wieder erhalten und
  erneuern. _Le sommeil est un emprunt fait  la mort._ Der Schlaf borgt
  vom Tode zur Aufrechthaltung des Lebens. Oder: er ist der
  *einstweilige Zins* des Todes, welcher selbst die Kapitalabzahlung
  ist. Diese wird um so spter eingefordert, je reichlichere Zinsen und
  je regelmiger sie gezahlt werden.

Die Vernachlssigung des hier gegebenen Rats ist die Ursache, aus
welcher manche groe Geister, wie auch groe Gelehrte, im Alter
schwachsinnig, kindisch und selbst wahnsinnig geworden sind. Da z. B.
die gefeierten englischen Dichter dieses Jahrhunderts, wie *Walter
Scott*, *Wordsworth*, *Southey* u. a. m. im Alter, ja schon in den
sechziger Jahren geistig stumpf und unfhig geworden, ja, zur
Imbezillitt herabgesunken sind, ist ohne Zweifel daraus zu erklren,
da sie smtlich, vom hohen Honorar verlockt, die Schriftstellerei als
Gewerbe getrieben, also des Geldes wegen geschrieben haben. Dies
verfhrt zu widernatrlicher Anstrengung, und wer seinen Pegasus ins
Joch spannt und seine Muse mit der Peitsche antreibt, wird es auf
analoge Weise ben, wie der, welcher der Venus Zwangsdienste
geleistet hat. Ich argwhne, da auch *Kant*, in seinen spten Jahren,
nachdem er endlich berhmt geworden war, sich berarbeitet und dadurch
die zweite Kindheit seiner vier letzten Jahre veranlat hat. --

Jeder Monat des Jahres hat einen eigentmlichen und unmittelbaren, d.
h. vom Wetter unabhngigen Einflu auf unsere Gesundheit, unsere
krperlichen Zustnde berhaupt, ja, auch auf die geistigen.


C. Unser Verhalten gegen andere betreffend.

21. Um durch die Welt zu kommen, ist es zweckmig, einen groen
Vorrat von *Vorsicht* und *Nachsicht* mitzunehmen: durch erstere wird
man vor Schaden und Verlust, durch letztere vor Streit und Hndel
geschtzt.

Wer unter Menschen zu leben hat, darf keine Individualitt, sofern sie
doch einmal von der Natur gesetzt und gegeben ist, unbedingt
verwerfen; auch nicht die schlechteste, erbrmlichste oder
lcherlichste. Er hat sie vielmehr zu nehmen als ein Unabnderliches,
welches, in Folge eines ewigen und metaphysischen Prinzips, so sein
mu, wie es ist, und in den argen Fllen soll er denken: es mu auch
solche Kuze geben. Hlt er es anders; so tut er Unrecht und fordert
den andern heraus zum Kriege auf Tod und Leben. Denn seine eigentliche
Individualitt, d. h. seinen moralischen Charakter, seine
Erkenntniskrfte, sein Temperament, seine Physiognomie usw. kann
keiner ndern. Verdammen wir nun sein Wesen ganz und gar; so bleibt
ihm nichts brig, als in uns einen Todfeind zu bekmpfen: denn wir
wollen ihm das Recht zu existiren nur unter der Bedingung zugestehn,
da er ein anderer werde, als er unabnderlich ist. Darum also mssen
wir, um unter Menschen leben zu knnen, jeden, mit seiner gegebenen
Individualitt, wie immer sie auch ausgefallen sein mag, bestehn und
gelten lassen, und drfen blo darauf bedacht sein, sie so, wie ihre
Art und Beschaffenheit es zult, zu benutzen; aber weder auf ihre
nderung hoffen, noch sie, so wie sie ist, schlechthin verdammen[P].
Dies ist der wahre Sinn des Spruches: leben und leben lassen. Die
Aufgabe ist indessen nicht so leicht, wie sie gerecht ist, und
glcklich ist zu schtzen, wer gar manche Individualitten auf immer
meiden darf. -- Inzwischen be man, um Menschen ertragen zu lernen,
seine Geduld an leblosen Gegenstnden, welche, vermge mechanischer
oder sonst physischer Notwendigkeit, unserm Tun sich hartnckig
widersetzen; wozu tglich Gelegenheit ist. Die dadurch erlangte Geduld
lernt man nachher auf Menschen bertragen, indem man sich gewhnt zu
denken, da auch sie, wo immer sie uns hinderlich sind, dies vermge
einer ebenso strengen, aus ihrer Natur hervorgehenden Notwendigkeit
sein mssen wie die, mit welcher die leblosen Dinge wirken; daher es
ebenso tricht ist, ber ihr Tun sich zu entrsten, wie ber einen
Stein, der uns in den Weg rollt.

  [P] Bei manchem ist am klgsten zu denken: ndern werde ich ihn
  nicht; also will ich ihn benutzen.

22. Es ist zum Erstaunen, wie leicht und schnell Homogeneitt oder
Heterogeneitt des Geistes und Gemts zwischen Menschen sich im
Gesprche kund gibt: an jeder Kleinigkeit wird sie fhlbar. Betreffe
das Gesprch auch die fremdartigsten, gleichgltigsten Dinge; so wird,
zwischen wesentlich heterogenen, fast jeder Satz des einen dem andern
mehr oder minder mifallen, mancher gar ihm rgerlich sein. Homogene
hingegen fhlen sogleich und in allem eine gewisse bereinstimmung,
die, bei groer Homogeneitt, bald zur vollkommenen Harmonie, ja, zum
Unisono zusammenfliet. Hieraus erklrt sich zuvrderst, warum die
ganz Gewhnlichen so gesellig sind und berall so leicht recht gute
Gesellschaft finden, -- so rechte, liebe, wackere Leute. Bei den
Ungewhnlichen fllt es umgekehrt aus, und desto mehr, je
ausgezeichneter sie sind; so da sie, in ihrer Abgesondertheit, zu
Zeiten, sich ordentlich freuen knnen, in einem andern nur irgend eine
ihnen selbst homogene Fiber herausgefunden zu haben, und wre sie noch
so klein! Denn jeder kann dem andern nur so viel sein, wie dieser ihm
ist. Die eigentlichen groen Geister horsten, wie die Adler in der
Hhe, allein. -- Zweitens aber wird hieraus verstndlich, wie die
Gleichgesinnten sich so schnell zusammenfinden, gleich als ob sie
magnetisch zu einander gezogen wrden: -- verwandte Seelen gren sich
von ferne. Am hufigsten freilich wird man dies an niedrig Gesinnten
oder schlecht Begabten zu beobachten Gelegenheit haben; aber nur weil
diese legionenweise existiren, die besseren und vorzglichen Naturen
hingegen die seltenen sind und heien. Demnach nun werden z. B. in
einer groen, auf praktische Zwecke gerichteten Gemeinschaft zwei
rechte Schurken sich so schnell erkennen, als trgen sie ein
Feldzeichen, und werden alsbald zusammentreten, um Mibrauch oder
Verrat zu schmieden. Desgleichen, wenn man sich, _per impossibile_,
eine groe Gesellschaft von lauter sehr verstndigen und geistreichen
Leuten denkt, bis auf zwei Dummkpfe, die auch dabei wren; so werden
diese sich sympathetisch zu einander gezogen fhlen und bald wird
jeder von beiden sich in seinem Herzen freuen, doch wenigstens einen
vernnftigen Mann angetroffen zu haben. Wirklich merkwrdig ist es,
Zeuge davon zu sein, wie zwei, besonders von den moralisch und
intellektuell Zurckstehenden, beim ersten Anblick einander erkennen,
sich eifrig einander zu nhern streben, freundlich und freudig sich
begrend, einander entgegeneilen, als wren sie alte Bekannte; -- so
auffallend ist es, da man versucht wird, der Buddhaistischen
Metempsychosenlehre gem, anzunehmen, sie wren schon in einem
frheren Leben befreundet gewesen.

Was jedoch, selbst bei vieler bereinstimmung, Menschen
auseinanderhlt, auch wohl vorbergehende Disharmonie zwischen ihnen
erzeugt, ist die Verschiedenheit der gegenwrtigen Stimmung, als
welche fast immer fr jeden eine andere ist, nach Magabe seiner
gegenwrtigen Lage, Beschftigung, Umgebung, krperlichen Zustandes,
augenblicklichen Gedankenganges usw. Daraus entstehn zwischen den
harmonirendsten Persnlichkeiten Dissonanzen. Die zur Aufhebung dieser
Strung erforderliche Korrektion stets vornehmen und eine
gleichschwebende Temperatur einfhren zu knnen, wre eine Leistung
der hchsten Bildung. Wie viel die Gleichheit der Stimmung fr die
gesellige Gemeinschaft leiste, lt sich daran ermessen, da sogar
eine zahlreiche Gesellschaft zu lebhafter gegenseitiger Mitteilung und
aufrichtiger Teilnahme, unter allgemeinem Behagen, erregt wird, sobald
irgend etwas Objektives, sei es eine Gefahr oder eine Hoffnung oder
eine Nachricht oder ein seltener Anblick, ein Schauspiel, eine Musik
oder was sonst, auf alle zugleich und gleichartig einwirkt. Denn
dergleichen, indem es alle Privatinteressen berwltigt, erzeugt
universelle Einheit der Stimmung. In Ermangelung einer solchen
objektiven Einwirkung wird in der Regel eine subjektive ergriffen, und
sind demnach die Flaschen das gewhnliche Mittel, eine gemeinschaftliche
Stimmung in die Gesellschaft zu bringen. Sogar Tee und Kaffee dienen
dieser Absicht.

Eben aber aus jener Disharmonie, welche die Verschiedenheit der
momentanen Stimmung so leicht in alle Gemeinschaft bringt, ist es zum
Teil erklrlich, da in der von dieser und allen hnlichen, strenden,
wenn auch vorbergehenden, Einflssen befreiten Erinnerung sich jeder
idealisirt, ja, bisweilen fast verklrt darstellt. Die Erinnerung
wirkt, wie das Sammlungsglas in der Kamera obskura: sie zieht alles
zusammen und bringt dadurch ein viel schneres Bild hervor als sein
Original ist. Den Vorteil, so gesehn zu werden, erlangen wir zum Teil
schon durch jede Abwesenheit. Denn obgleich die idealisirende
Erinnerung, bis zur Vollendung ihres Werkes, geraumer Zeit bedarf: so
wird der Anfang desselben doch sogleich gemacht. Dieserwegen ist es
sogar klug, sich seinen Bekannten und guten Freunden nur nach
bedeutenden Zwischenrumen zu zeigen; indem man alsdann beim
Wiedersehen merken wird, da die Erinnerung schon bei der Arbeit
gewesen ist.

23. Keiner kann *ber sich* sehen. Hiemit will ich sagen: jeder sieht
am andern so viel, als er selbst auch ist: denn er kann ihn nur nach
Magabe seiner eigenen Intelligenz fassen und verstehn. Ist nun diese
von der niedrigsten Art; so werden alle Geistesgaben, auch die
grten, ihre Wirkung auf ihn verfehlen und er an dem Besitzer
derselben nichts wahrnehmen, als blo das Niedrigste in dessen
Individualitt, also nur dessen smtliche Schwchen, Temperaments- und
Charakterfehler. Daraus wird er fr ihn zusammengesetzt sein. Die
hheren geistigen Fhigkeiten desselben sind fr ihn so wenig
vorhanden, wie die Farbe fr den Blinden. Denn alle Geister sind dem
unsichtbar, der keinen hat: und jede Wertschtzung ist ein Produkt aus
dem Werte des Geschtzten mit der Erkenntnissphre des Schtzers.
Hieraus folgt, da man sich mit jedem, mit dem man spricht, nivellirt,
indem alles, was man vor ihm voraus haben kann, verschwindet und sogar
die dazu erforderte Selbstverleugnung vllig unerkannt bleibt. Erwgt
man nun, wie durchaus niedrig gesinnt und niedrig begabt, also wie
durchaus *gemein* die meisten Menschen sind; so wird man einsehn, da
es nicht mglich ist, mit ihnen zu reden, ohne, auf solche Zeit, (nach
Analogie der elektrischen Verteilung) selbst *gemein* zu werden, und
dann wird man den eigentlichen Sinn und das Treffende des Ausdrucks
sich gemein machen grndlich verstehn, jedoch auch gern jede
Gesellschaft meiden, mit welcher man nur mittelst der _partie
honteuse_ seiner Natur kommuniziren kann. Auch wird man einsehn, da,
Dummkpfen und Narren gegenber, es nur *einen* Weg gibt, seinen
Verstand an den Tag zu legen, und der ist, da man mit ihnen nicht
redet. Aber freilich wird alsdann in der Gesellschaft manchem
bisweilen zu Mute sein wie einem Tnzer, der auf einen Ball gekommen
wre, wo er lauter Lahme antrfe: mit wem soll er tanzen?

24. *Der* Mensch gewinnt meine Hochachtung, als ein unter hundert
Auserlesener, welcher, wann er auf irgend etwas zu warten hat, also
unbeschftigt dasitzt, nicht sofort mit dem, was ihm gerade in die
Hnde kommt, etwan seinem Stock, oder Messer und Gabel, oder was
sonst, taktmig hmmert oder klappert. Wahrscheinlich denkt er an
etwas. Vielen Leuten hingegen sieht man an, da bei ihnen das Sehn die
Stelle des Denkens ganz eingenommen hat: sie suchen sich durch
Klappern ihrer Existenz bewut zu werden; wenn nmlich kein Cigarro
bei der Hand ist, der eben diesem Zwecke dient. Aus demselben Grunde
sind sie auch bestndig ganz Auge und Ohr fr alles, was um sie
vorgeht.

25. *Rochefoucauld* hat treffend bemerkt, da es schwer ist, jemanden
zugleich hoch zu verehren und sehr zu lieben. Demnach htten wir die
Wahl, ob wir uns um die Liebe oder um die Verehrung der Menschen
bewerben wollen. Ihre Liebe ist stets eigenntzig, wenn auch auf
hchst verschiedene Weise. Zudem ist das, wodurch man sie erwirbt,
nicht immer geeignet, uns darauf stolz zu machen. Hauptschlich wird
einer in dem Mae beliebt sein, als er seine Ansprche an Geist und
Herz der andern niedrig stellt, und zwar im Ernst und ohne
Verstellung, auch nicht blo aus derjenigen Nachsicht, die in der
Verachtung wurzelt. Ruft man sich nun hiebei den sehr wahren Ausspruch
des *Helvetius* zurck: _le degr d'esprit ncessaire pour nous
plaire, est une mesure assez exacte du degr d'esprit que nous avons_;
-- so folgt aus diesen Prmissen die Konklusion. -- Hingegen mit der
Verehrung der Menschen steht es umgekehrt: sie wird ihnen nur wider
ihren Willen abgezwungen, auch, ebendeshalb, meistens verhehlt. Daher
gibt sie uns, im Innern, eine viel grere Befriedigung: sie hngt mit
unserm Werte zusammen; welches von der Liebe der Menschen nicht
unmittelbar gilt: denn diese ist subjektiv, die Verehrung objektiv.
Ntzlich ist uns die Liebe freilich mehr.

26. Die meisten Menschen sind so subjektiv, da im Grunde nichts
Interesse fr sie hat, als ganz allein sie selbst. Daher kommt es, da
sie bei allem, was gesagt wird, sogleich an sich denken und jede
zufllige, noch so entfernte Beziehung auf irgend etwas ihnen
Persnliches ihre ganze Aufmerksamkeit an sich reit und in Besitz
nimmt; so da sie fr den objektiven Gegenstand der Rede keine
Fassungskraft brig behalten; wie auch, da keine Grnde etwas bei
ihnen gelten, sobald ihr Interesse oder ihre Eitelkeit denselben
entgegensteht. Daher sind sie so leicht zerstreut, so leicht verletzt,
beleidigt oder gekrnkt, da man, von was es auch sei, objektiv mit
ihnen redend, nicht genug sich in acht nehmen kann vor irgend welchen
mglichen, vielleicht nachteiligen Beziehungen des Gesagten zu dem
werten und zarten Selbst, das man da vor sich hat: denn ganz allein an
diesem ist ihnen gelegen, sonst an nichts, und whrend sie fr das
Wahre und Treffende, oder Schne, Feine, Witzige der fremden Rede ohne
Sinn und Gefhl sind, haben sie die zarteste Empfindlichkeit gegen
jedes, was auch nur auf die entfernteste oder indirekteste Weise ihre
kleinliche Eitelkeit verletzen oder irgendwie nachteilig auf ihr
hchst pretioses Selbst reflektiren knnte; so da sie in ihrer
Verletzbarkeit den kleinen Hunden gleichen, denen man, ohne sich
dessen zu versehen, so leicht auf die Pfote tritt und nun das Gequieke
anzuhren hat; oder auch einem mit Wunden und Beulen bedeckten Kranken
verglichen werden knnen, bei dem man auf das Behutsamste jede
mgliche Berhrung zu vermeiden hat. Bei manchen geht nun aber die
Sache so weit, da sie Geist und Verstand, im Gesprch mit ihnen an
den Tag gelegt, oder doch nicht genugsam versteckt, geradezu als eine
Beleidigung empfinden, wenngleich sie solche vor der Hand noch
verhehlen; wonach dann aber nachher der Unerfahrene vergeblich darber
nachsinnt und grbelt, wodurch in aller Welt er sich ihren Groll und
Ha zugezogen haben knne. -- Ebenso leicht sind sie aber auch
geschmeichelt und gewonnen. Daher ist ihr Urteil meistens bestochen
und blo ein Ausspruch zu Gunsten ihrer Partei oder Klasse; nicht aber
ein objektives und gerechtes. Dies alles beruht darauf, da in ihnen
der Wille bei Weitem die Erkenntnis berwiegt und ihr geringer
Intellekt ganz im Dienste des Willens steht, von welchem er auch nicht
auf einen Augenblick sich losmachen kann.

Einen groartigen Beweis von der erbrmlichen Subjektivitt der
Menschen, infolge welcher sie alles auf sich beziehn und von jedem
Gedanken sogleich in gerader Linie auf sich zurckgehn, liefert die
*Astrologie*, welche den Gang der groen Weltkrper auf das armselige
Ich bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit
den irdischen Hndeln und Lumpereien. Dies aber ist zu allen und schon
in den ltesten Zeiten geschehen. (S. z. B. _Stob. Eclog. L. I, c. 22,
9, pag. 478._)

27. Bei jeder Verkehrtheit, die im Publiko, oder in der Gesellschaft,
gesagt, oder in der Literatur geschrieben und wohl aufgenommen,
wenigstens nicht widerlegt wird, soll man nicht verzweifeln und
meinen, da es nun dabei sein Bewenden haben werde; sondern wissen und
sich getrsten, da die Sache hinterher und allmlig ruminirt,
beleuchtet, bedacht, erwogen, besprochen und meistens zuletzt richtig
beurteilt wird; so da, nach einer, der Schwierigkeit derselben
angemessenen Frist, endlich fast alle begreifen, was der klare Kopf
sogleich sah. Unterdessen freilich mu man sich gedulden. Denn ein
Mann von richtiger Einsicht unter den Betrten gleicht dem, dessen Uhr
richtig geht in einer Stadt, deren Turmuhren alle falsch gestellt
sind. Er allein wei die wahre Zeit: aber was hilft es ihm? alle Welt
richtet sich nach den falsch zeigenden Stadtuhren; sogar auch die,
welche wissen, da seine Uhr allein die wahre Zeit angibt.

28. Die Menschen gleichen darin den Kindern, da sie unartig werden,
wenn man sie verzieht; daher man gegen keinen zu nachgiebig und
liebreich sein darf. Wie man in der Regel keinen Freund dadurch
verlieren wird, da man ihm ein Darlehn abschlgt, aber sehr leicht
dadurch, da man es ihm gibt; ebenso, nicht leicht einen durch stolzes
und etwas vernachlssigendes Betragen; aber oft infolge zu vieler
Freundlichkeit und Zuvorkommens, als welche ihn arrogant und
unertrglich machen, wodurch der Bruch herbeigefhrt wird. Besonders
aber den Gedanken, da man ihrer bentigt sei, knnen die Menschen
schlechterdings nicht vertragen; bermut und Anmaung sind sein
unzertrennliches Gefolge. Bei einigen entsteht er, in gewissem Grade,
schon dadurch, da man sich mit ihnen abgibt, etwan oft, oder auf eine
vertrauliche Weise mit ihnen spricht: alsbald werden sie meinen, man
msse sich von ihnen auch etwas gefallen lassen, und werden versuchen,
die Schranken der Hflichkeit zu erweitern. Daher taugen so wenige zum
irgend vertrauteren Umgang, und soll man sich besonders hten, sich
nicht mit niedrigen Naturen gemein zu machen. Fat nun aber gar einer
den Gedanken, er sei mir viel ntiger als ich ihm; da ist es ihm
sogleich, als htte ich ihm etwas gestohlen: er wird suchen, sich zu
rchen und es wiederzuerlangen. *berlegenheit* im Umgang erwchst
allein daraus, da man der andern in keiner Art und Weise bedarf, und
dies sehn lt. Dieserwegen ist es ratsam, jedem, es sei Mann oder
Weib, von Zeit zu Zeit fhlbar zu machen, da man seiner sehr wohl
entraten knne: das befestigt die Freundschaft; ja, bei den meisten
Leuten kann es nicht schaden, wenn man ein Gran Geringschtzung gegen
sie, dann und wann, mit einflieen lt: sie legen desto mehr Wert auf
unsere Freundschaft: _chi non istima vien stimato_ (wer nicht achtet
wird geachtet) sagt ein feines italienisches Sprichwort. Ist aber
einer uns wirklich sehr viel wert; so mssen wir dies vor ihm
verhehlen, als wre es ein Verbrechen. Das ist nun eben nicht
erfreulich; dafr aber wahr. Kaum da Hunde die groe Freundlichkeit
vertragen, geschweige Menschen.

29. Da Leute edlerer Art und hherer Begabung so oft, zumal in der
Jugend, auffallenden Mangel an Menschenkenntnis und Weltklugheit
verraten, daher leicht betrogen oder sonst irre gefhrt werden,
whrend die niedrigen Naturen sich viel schneller und besser in die
Welt zu finden wissen, liegt daran, da man, beim Mangel der
Erfahrung, _a priori_ zu urteilen hat, und da berhaupt keine
Erfahrung es dem _a priori_ gleichtut. Dies _a priori_ nmlich gibt
denen vom gewhnlichen Schlage das eigene Selbst an die Hand, den
Edelen und Vorzglichen aber nicht: denn eben als solche sind sie von
den andern weit verschieden. Indem sie daher deren Denken und Tun nach
dem ihrigen berechnen, trifft die Rechnung nicht zu.

Wenn nun aber auch ein Solcher _a posteriori_, also aus fremder
Belehrung und eigener Erfahrung, endlich gelernt hat, was von den
Menschen, im Ganzen genommen, zu erwarten steht, da nmlich etwa 5/6
derselben, in moralischer oder intellektueller Hinsicht, so beschaffen
sind, da, wer nicht durch die Umstnde in Verbindung mit ihnen
gesetzt ist, besser tut, sie vorweg zu meiden und, soweit es angeht,
auer allem Kontakt mit ihnen zu bleiben; -- so wird er dennoch von
ihrer Kleinlichkeit und Erbrmlichkeit kaum jemals einen
*ausreichenden* Begriff erlangen, sondern immerfort, so lange er lebt,
denselben noch zu erweitern und zu vervollstndigen haben, unterdessen
aber sich gar oft zu seinem Schaden verrechnen. Und dann wieder,
nachdem er die erhaltene Belehrung wirklich beherzigt hat, wird es ihm
dennoch zu Zeiten begegnen, da er, in eine Gesellschaft ihm noch
unbekannter Menschen geratend, sich zu wundern hat, wie sie doch
smtlich, ihren Reden und Mienen nach, ganz vernnftig, redlich,
aufrichtig, ehrenfest und tugendsam, dabei auch wohl noch gescheut und
geistreich erscheinen. Dies sollte ihn jedoch nicht irren: denn es
kommt blo daher, da die Natur es nicht macht wie die schlechten
Poeten, welche, wann sie Schurken oder Narren darstellen, so plump und
absichtsvoll dabei zu Werke gehn, da man gleichsam hinter jeder
solcher Person den Dichter stehn sieht, der ihre Gesinnung und Rede
fortwhrend desavouirt und mit warnender Stimme ruft: dies ist ein
Schurke, dies ist ein Narr; gebt nichts auf das, was er sagt. Die
Natur hingegen macht es wie Shakespeare und Goethe, in deren Werken
jede Person, und wre sie der Teufel selbst, whrend sie dasteht und
redet, Recht behlt; weil sie so objektiv aufgefat ist, da wir in
ihr Interesse gezogen und zur Teilnahme an ihr gezwungen werden: denn
sie ist, eben wie die Werke der Natur, aus einem innern Prinzip
entwickelt, vermge dessen ihr Sagen und Tun als natrlich, mithin als
notwendig auftritt. -- Also, wer erwartet, da in der Welt die Teufel
mit Hrnern und die Narren mit Schellen einhergehn, wird stets ihre
Beute oder ihr Spiel sein. Hiezu kommt aber noch, da im Umgange die
Leute es machen, wie der Mond und die Bucklichten, nmlich stets nur
eine Seite zeigen, und sogar jeder ein angeborenes Talent hat, auf
mimischem Wege seine Physiognomie zu einer Maske umzuarbeiten, welche
genau darstellt, was er eigentlich sein *sollte*, und die, weil sie
ausschlielich auf seine Individualitt berechnet ist, ihm so genau
anliegt und anpat, da die Wirkung beraus tuschend ausfllt. Er
legt sie an, so oft es darauf ankommt, sich einzuschmeicheln. Man soll
auf dieselbe so viel geben, als wre sie aus Wachstuch, eingedenk des
vortrefflichen italinischen Sprichworts: _non  s tristo cane, che
non meni la coda_ (so bse ist kein Hund, da er nicht mit dem
Schwanze wedelte).

Jedenfalls soll man sich sorgfltig hten, von irgend einem Menschen
neuer Bekanntschaft eine sehr gnstige Meinung zu fassen; sonst wird
man, in den allermeisten Fllen, zu eigener Beschmung oder gar
Schaden, enttuscht werden. -- Hiebei verdient auch dies
bercksichtigt zu werden: Gerade in Kleinigkeiten, als bei welchen der
Mensch sich nicht zusammennimmt, zeigt er seinen Charakter, und da
kann man oft, an geringfgigen Handlungen, an bloen Manieren, den
grenzenlosen, nicht die mindeste Rcksicht auf andere kennenden
Egoismus bequem beobachten, der sich nachher im Groen nicht
verleugnet, wiewohl verlarvt. Und man versume solche Gelegenheit
nicht. Wenn einer in den kleinen tglichen Vorgngen und Verhltnissen
des Lebens, in den Dingen, von welchen das _de minimis lex non curat_
gilt, rcksichtslos verfhrt, blo seinen Vorteil oder seine
Bequemlichkeit, zum Nachteil anderer, sucht; wenn er sich aneignet,
was fr alle da ist usw.; da sei man berzeugt, da in seinem Herzen
keine Gerechtigkeit wohnt, sondern er auch im Groen ein Schuft sein
wird, sobald das Gesetz und die Gewalt ihm nicht die Hnde binden, und
traue ihm nicht ber die Schwelle. Ja, wer ohne Scheu die Gesetze
seines Klubs bricht, wird auch die des Staates brechen, sobald er es
ohne Gefahr kann[Q].

  [Q] Wenn in den Menschen, wie sie meistenteils sind, das Gute das
  Schlechte berwge, so wre es geratener, sich auf ihre Gerechtigkeit,
  Billigkeit, Dankbarkeit, Treue, Liebe oder Mitleid zu verlassen, als
  auf ihre Furcht: weil es aber mit ihnen umgekehrt steht, so ist das
  Umgekehrte geratener.

Hat nun einer, mit dem wir in Verbindung oder Umgang stehn, uns etwas
Unangenehmes oder rgerliches erzeigt; so haben wir uns nur zu fragen,
ob er uns so viel wert sei, da wir das Nmliche, auch noch etwas
verstrkt, uns nochmals und fter von ihm wollen gefallen lassen;
-- oder nicht. (Vergeben und Vergessen heit gemachte kostbare
Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.) Im bejahenden Fall wird nicht
viel darber zu sagen sein, weil das Reden wenig hilft: wir mssen
also die Sache, mit oder ohne Ermahnung, hingehn lassen, sollen jedoch
wissen, da wir hiedurch sie uns nochmals ausgebeten haben. Im
verneinenden Falle hingegen haben wir sogleich und auf immer mit dem
werten Freunde zu brechen, oder, wenn es ein Diener ist, ihn
abzuschaffen. Denn unausbleiblich wird er, vorkommenden Falls, ganz
dasselbe, oder das vllig Analoge, wieder tun, auch wenn er uns jetzt
das Gegenteil hoch und aufrichtig beteuert. Alles, alles kann einer
vergessen, nur nicht sich selbst, sein eigenes Wesen. Denn der
Charakter ist schlechthin inkorrigibel; weil alle Handlungen des
Menschen aus einem innern Prinzip flieen, vermge dessen er, unter
gleichen Umstnden, stets das gleiche tun mu und nicht anders kann.
Man lese meine Preisschrift ber die sogenannte Freiheit des Willens
und befreie sich vom Wahn. Daher auch ist, sich mit einem Freunde, mit
dem man gebrochen hatte, wieder auszushnen, eine Schwche, die man
abbt, wann derselbe, bei erster Gelegenheit, gerade und genau
dasselbe wieder tut, was den Bruch herbeigefhrt hatte; ja, mit noch
mehr Dreistigkeit, im stillen Bewutsein seiner Unentbehrlichkeit. Das
Gleiche gilt von abgeschafften Dienern, die man wiedernimmt.
Ebensowenig, und aus demselben Grunde, drfen wir erwarten, da einer,
unter *vernderten* Umstnden, das Gleiche, wie vorher, tun werde.
Vielmehr ndern die Menschen Gesinnung und Betragen ebenso schnell,
wie ihr Interesse sich ndert; ja, ihre Absichtlichkeit zieht ihre
Wechsel auf so kurze Sicht, da man selbst noch kurzsichtiger sein
mte, um sie nicht protestiren zu lassen.

Gesetzt demnach, wir wollten etwan wissen, wie einer, in einer Lage,
in die wir ihn zu versetzen gedenken, handeln wird; so drfen wir
hierber nicht auf seine Versprechungen und Beteuerungen bauen. Denn,
gesetzt auch, er sprche aufrichtig; so spricht er von einer Sache,
die er nicht kennt. Wir mssen also allein aus der Erwgung der
Umstnde, in die er zu treten hat, und des Konfliktes derselben mit
seinem Charakter, sein Handeln berechnen.

Um berhaupt von der wahren und sehr traurigen Beschaffenheit der
Menschen, wie sie meistens sind, das so ntige, deutliche und
grndliche Verstndnis zu erlangen, ist es beraus lehrreich, das
Treiben und Benehmen derselben in der Literatur als Kommentar ihres
Treibens und Benehmens im praktischen Leben zu gebrauchen, und _vice
versa_. Dies ist sehr dienlich, um weder an sich, noch an ihnen irre
zu werden. Dabei aber darf kein Zug von besonderer Niedertrchtigkeit
oder Dummheit, der uns im Leben oder in der Literatur aufstt, uns je
ein Stoff zum Verdru und rger, sondern blo zur Erkenntnis werden,
indem wir in ihm einen neuen Beitrag zur Charakteristik des
Menschengeschlechts sehn und demnach ihn uns merken. Alsdann werden
wir ihn ungefhr so betrachten, wie der Mineralog ein ihm
aufgestoenes, sehr charakteristisches Spezimen eines Minerals. --
Ausnahmen gibt es, ja, unbegreiflich groe, und die Unterschiede der
Individualitten sind enorm: aber, im Ganzen genommen, liegt, wie
lngst gesagt ist, die Welt im argen: die Wilden fressen einander und
die Zahmen betrgen einander, und das nennt man den Lauf der Welt. Was
sind denn die Staaten, mit aller ihrer knstlichen, nach auen und
nach innen gerichteten Maschinerie und ihren Gewaltmitteln anderes,
als Vorkehrungen, der grenzenlosen Ungerechtigkeit der Menschen
Schranken zu setzen? Sehn wir nicht, in der ganzen Geschichte, jeden
Knig, sobald er fest steht, und sein Land einiger Prosperitt
geniet, diese benutzen, um mit seinem Heer, wie mit einer
Ruberschar, ber die Nachbarstaaten herzufallen? Sind nicht fast alle
Kriege im Grunde Raubzge? Im frhen Altertum, wie auch zum Teil im
Mittelalter, wurden die Besiegten Sklaven der Sieger, d. h. im Grunde,
sie muten fr diese arbeiten: dasselbe aber mssen die, welche
Kriegskontributionen zahlen: sie geben nmlich den Ertrag frherer
Arbeit hin. _Dans toutes les guerres il ne s'agit que de voler_, sagt
Voltaire, und die Deutschen sollen es sich gesagt sein lassen.

30. Kein Charakter ist so, da er sich selbst berlassen bleiben und
sich ganz und gar gehn lassen drfte; sondern jeder bedarf der Lenkung
durch Begriffe und Maximen. Will man nun aber es hierin weit bringen,
nmlich bis zu einem nicht aus unsrer angeborenen Natur, sondern blo
aus vernnftiger berlegung hervorgegangenen, ganz eigentlich
erworbenen und knstlichen Charakter; so wird man gar bald das

    _Naturam expelles furca, tamen usque recurret_

besttigt finden. Man kann nmlich eine Regel fr das Betragen gegen
andere sehr wohl einsehn, ja, sie selbst auffinden und treffend
ausdrcken, und wird dennoch, im wirklichen Leben, gleich darauf,
gegen sie verstoen. Jedoch soll man nicht sich dadurch entmutigen
lassen und denken, es sei unmglich, im Weltleben sein Benehmen nach
abstrakten Regeln und Maximen zu leiten, und daher am besten, sich
eben nur gehn zu lassen. Sondern es ist damit, wie mit allen
theoretischen Vorschriften und Anweisungen fr das Praktische: die
Regel verstehn ist das erste, sie ausben lernen ist das zweite. Jenes
wird durch Vernunft auf einmal, dieses durch bung allmlig gewonnen.
Man zeigt dem Schler die Griffe auf dem Instrument, die Paraden und
Ste mit dem Rapier: er fehlt sogleich, trotz dem besten Vorsatze,
dagegen, und meint nun, sie in der Schnelle des Notenlesens und der
Hitze des Kampfes zu beobachten, sei schier unmglich. Dennoch lernt
er es allmlig, durch bung, unter Straucheln, Fallen und Aufstehn.
Ebenso geht es mit den Regeln der Grammatik im lateinisch Schreiben
und Sprechen. Nicht anders also wird der Tlpel zum Hofmann, der
Hitzkopf zum feinen Weltmann, der Offene verschlossen, der Edle
ironisch. Jedoch wird eine solche, durch lange Gewohnheit erlangte
Selbstdressur stets als ein von auen gekommener Zwang wirken, welchem
zu widerstreben die Natur nie ganz aufhrt und bisweilen unerwartet
ihn durchbricht. Denn alles Handeln nach abstrakten Maximen verhlt
sich zum Handeln aus ursprnglicher, angeborener Neigung, wie ein
menschliches Kunstwerk, etwan eine Uhr, wo Form und Bewegung dem ihnen
fremden Stoffe aufgezwungen sind, zum lebenden Organismus, bei welchem
Form und Stoff von einander durchdrungen und eins sind. An diesem
Verhltnis des erworbenen zum angeborenen Charakter besttigt sich
demnach ein Ausspruch des Kaisers Napoleon: _tout ce qui n'est pas
naturel est imparfait_; welcher berhaupt eine Regel ist, die von
allem und jedem, sei es physisch oder moralisch, gilt, und von der die
einzige, mir einfallende Ausnahme das, den Mineralogen bekannte,
natrliche Aventurino ist, welches dem knstlichen nicht gleichkommt.

Darum sei hier auch vor aller und jeder *Affektation* gewarnt. Sie
erweckt allemal Geringschtzung: erstlich als Betrug, der als solcher
feige ist, weil er auf Furcht beruht; zweitens als Verdammungsurteil
seiner selbst durch sich selbst, indem man scheinen will, was man
nicht ist, und was man folglich fr besser hlt, als was man ist. Das
Affektiren irgend einer Eigenschaft, das Sich-Brsten damit, ist ein
Selbstgestndnis, da man sie nicht hat. Sei es Mut oder Gelehrsamkeit
oder Geist oder Witz oder Glck bei Weibern oder Reichtum oder
vornehmer Stand, oder was sonst, womit einer gro tut; so kann man
daraus schlieen, da es ihm gerade daran in etwas gebricht: denn wer
wirklich eine Eigenschaft vollkommen besitzt, dem fllt es nicht ein,
sie herauszulegen und zu affektiren, sondern er ist darber ganz
beruhigt. Dies ist auch der Sinn des spanischen Sprichworts:
_herradura que chacolotea clavo le falta_ (dem klappernden Hufeisen
fehlt ein Nagel). Allerdings darf, wie anfangs gesagt, keiner sich
unbedingt den Zgel schieen lassen und sich ganz zeigen, wie er ist;
weil das viele Schlechte und Bestialische unserer Natur der Verhllung
bedarf: aber dies rechtfertigt blo das Negative, die Dissimulation,
nicht das Positive, die Simulation. -- Auch soll man wissen, da das
Affektiren erkannt wird, selbst ehe klar geworden, was eigentlich
einer affektirt. Und endlich hlt es auf die Lnge nicht Stich,
sondern die Maske fllt einmal ab. _Nemo potest personam diu ferre
fictam. Ficta cito in naturam suam recidunt._ (_Seneca de Clementia,
L. I, c. 1._)

31. Wie man das Gewicht seines eigenen Krpers trgt, ohne es, wie
doch das jedes fremden, den man bewegen will, zu fhlen; so bemerkt
man nicht die eigenen Fehler und Laster, sondern nur die der andern.
-- Dafr aber hat jeder am andern einen Spiegel, in welchem er seine
eigenen Laster, Fehler, Unarten und Widerlichkeiten jeder Art deutlich
erblickt. Allein meistens verhlt er sich dabei wie der Hund, welcher
gegen den Spiegel bellt, weil er nicht wei, da er sich selbst sieht,
sondern meint, es sei ein anderer Hund. Wer andre bekrittelt, arbeitet
an seiner Selbstbesserung. Also die, welche die Neigung und Gewohnheit
haben, das uerliche Benehmen, berhaupt das Tun und Lassen der
andern im Stillen, bei sich selbst, einer aufmerksamen und *scharfen
Kritik* zu unterwerfen, arbeiten dadurch an ihrer eigenen Besserung
und Vervollkommnung: denn sie werden entweder Gerechtigkeit, oder doch
Stolz und Eitelkeit genug besitzen, selbst zu vermeiden, was sie so
oft strenge tadeln. Von den Toleranten gilt das Umgekehrte: nmlich
_hanc veniam damus petimusque vicissim_. Das Evangelium moralisirt
recht schn ber den Splitter im fremden, den Balken im eigenen Auge:
aber die Natur des Auges bringt es mit sich, da es nach auen und
nicht sich selbst sieht: daher ist, zum Innewerden der eigenen Fehler,
das Bemerken und Tadeln derselben an andern ein sehr geeignetes
Mittel. Zu unserer Besserung bedrfen wir eines Spiegels.

Auch hinsichtlich auf Stil und Schreibart gilt diese Regel: wer eine
neue Narrheit in diesen bewundert, statt sie zu tadeln, wird sie
nachahmen. Daher greift in Deutschland jede so schnell um sich. Die
Deutschen sind sehr tolerant: man merkt's. _Hanc veniam damus
petimusque vicissim_ ist ihr Wahlspruch.

32. Der Mensch edlerer Art glaubt, in seiner Jugend, die wesentlichen
und entscheidenden Verhltnisse und daraus entstehenden Verbindungen
zwischen Menschen seien die *ideellen*, d. h. die auf hnlichkeit der
Gesinnung, der Denkungsart, des Geschmacks, der Geisteskrfte usw.
beruhenden: allein er wird spter inne, da es die *reellen* sind, d.
h. die, welche sich auf irgend ein materielles Interesse sttzen.
Diese liegen fast allen Verbindungen zum Grunde: sogar hat die
Mehrzahl der Menschen keinen Begriff von andern Verhltnissen.
Demzufolge wird jeder genommen nach seinem Amt, oder Geschft, oder
Nation, oder Familie, also berhaupt nach der Stellung und Rolle,
welche die Konvention ihm erteilt hat: dieser gem wird er sortirt
und fabrikmig behandelt. Hingegen was er an und fr sich, also als
Mensch, vermge seiner persnlichen Eigenschaften sei, kommt nur
beliebig und daher nur ausnahmsweise zur Sprache, und wird von jedem,
sobald es ihm bequem ist, also meistenteils, beiseite gesetzt und
ignorirt. Je mehr nun aber es mit diesem auf sich hat, desto weniger
wird ihm jene Anordnung gefallen, er also sich ihrem Bereich zu
entziehn suchen. Sie beruht jedoch darauf, da, in dieser Welt der Not
und des Bedrfnisses, die Mittel, diesen zu begegnen, berall das
Wesentliche, mithin Vorherrschende sind.

33. Wie Papiergeld statt des Silbers, so kursiren in der Welt, statt
der wahren Achtung und der wahren Freundschaft, die uerlichen
Demonstrationen und mglichst natrlich mimisirten Gebrden derselben.
Indessen lt sich andrerseits auch fragen, ob es denn Leute gebe,
welche jene wirklich verdienten. Jedenfalls gebe ich mehr auf das
Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes, als auf hundert solche
Demonstrationen und Gebrden.

Wahre, echte Freundschaft setzt eine starke, rein objektive und vllig
uninteressirte Teilnahme am Wohl und Wehe des andern voraus, und diese
wieder ein wirkliches Sich mit dem Freunde identifiziren. Dem steht
der Egoismus der menschlichen Natur so sehr entgegen, da wahre
Freundschaft zu den Dingen gehrt, von denen man, wie von den
kolossalen Seeschlangen, nicht wei, ob sie fabelhaft sind, oder
irgendwo existiren. Indessen gibt es mancherlei, in der Hauptsache
freilich auf versteckten egoistischen Motiven der mannigfaltigsten Art
beruhende Verbindungen zwischen Menschen, welche dennoch mit einem
Gran jener wahren und echten Freundschaft versetzt sind, wodurch sie
so veredelt werden, da sie, in dieser Welt der Unvollkommenheiten,
mit einigem Fug den Namen der Freundschaft fhren drfen. Sie stehn
hoch ber den alltglichen Liaisons, welche vielmehr so sind, da wir
mit den meisten unserer guten Bekannten kein Wort mehr reden wrden,
wenn wir hrten, wie sie in unsrer Abwesenheit von uns reden.

Die Echtheit eines Freundes zu erproben, hat man, nchst den Fllen,
wo man ernstlicher Hilfe und bedeutender Opfer bedarf, die beste
Gelegenheit in dem Augenblick, da man ihm ein Unglck, davon man
soeben getroffen worden, berichtet. Alsdann nmlich malt sich in
seinen Zgen entweder wahre, innige, unvermischte Betrbnis; oder aber
sie besttigen, durch ihre gefate Ruhe, oder einen flchtigen
Nebenzug, den bekannten Ausspruch des *Rochefoucauld*: _dans
l'adversit de nos meilleurs amis, nous trouvons toujours quelque
chose qui ne nous dplait pas_. Die gewhnlichen sogenannten Freunde
vermgen, bei solchen Gelegenheiten, oft kaum das Zucken zu einem
leisen, wohlgeflligen Lcheln zu unterdrcken. -- Es gibt wenig
Dinge, welche so sicher die Leute in gute Laune versetzen, wie wenn
man ihnen ein betrchtliches Unglck, davon man krzlich getroffen
worden, erzhlt, oder auch irgend eine persnliche Schwche ihnen
unverhohlen offenbart. -- Charakteristisch! --

Entfernung und lange Abwesenheit tun jeder Freundschaft Eintrag; so
ungern man es gesteht. Denn Menschen, die wir nicht sehn, wren sie
auch unsere geliebtesten Freunde, trocknen, im Laufe der Jahre,
allmhlich zu abstrakten Begriffen aus, wodurch unsere Teilnahme an
ihnen mehr und mehr eine blo vernnftige, ja traditionelle wird: die
lebhafte und tiefgefhlte bleibt denen vorbehalten, die wir vor Augen
haben, und wren es auch nur geliebte Tiere. So sinnlich ist die
menschliche Natur. Also bewhrt sich auch hier Goethes Ausspruch:

    Die Gegenwart ist eine mcht'ge Gttin.

    (Tasso, Aufzug 4, Auftr. 4.)

Die *Hausfreunde* heien meistens mit Recht so, indem sie mehr die
Freunde des Hauses, als des Herrn, also den Katzen hnlicher als den
Hunden, sind.

Die Freunde nennen sich aufrichtig; die Feinde sind es: daher man
ihren Tadel zur Selbsterkenntnis benutzen sollte, als eine bittre
Arznei. --

Freunde in der Not wren selten? -- Im Gegenteil! Kaum hat man mit
einem Freundschaft gemacht; so ist er auch schon in der Not und will
Geld geliehen haben. --

34. Was fr ein Neuling ist doch der, welcher whnt, Geist und
Verstand zu zeigen wre ein Mittel, sich in Gesellschaft beliebt zu
machen! Vielmehr erregen sie, bei der unberechenbar berwiegenden
Mehrzahl, einen Ha und Groll, der um so bitterer ist, als der ihn
Fhlende die Ursache desselben anzuklagen nicht berechtigt ist, ja,
sie vor sich selbst verhehlt. Der nhere Hergang ist dieser: merkt und
empfindet einer groe geistige berlegenheit an dem, mit welchem er
redet, so macht er, im stillen und ohne deutliches Bewutsein, den
Schlu, da in gleichem Mae der andere seine Inferioritt und
Beschrnktheit merkt und empfindet. Dieses Enthymem erregt seinen
bittersten Ha, Groll und Ingrimm. (Vergl. Welt als Wille und
Vorstell., 3. Aufl., Bd. II, 256 die angefhrten Worte des Dr.
*Johnsons* und *Mercks*, des Jugendfreundes Goethes.) Mit Recht sagt
daher *Gracian*: _para ser bien quisto, el unico medio vestirse la
piel del mas simple de los brutos_. (S. _Oraculo manual, y arte de
prudencia, 240. [Obras, Amberes 1702, P. II, p. 287.]_) Ist doch Geist
und Verstand an den Tag legen, nur eine indirekte Art, allen andern
ihre Unfhigkeit und Stumpfsinn vorzuwerfen. Zudem gert die gemeine
Natur in Aufruhr, wenn sie ihr Gegenteil ansichtig wird, und der
geheime Anstifter des Aufruhrs ist der Neid. Denn die Befriedigung
ihrer Eitelkeit ist, wie man tglich sehn kann, ein Genu, der den
Leuten ber alles geht, der jedoch allein mittelst der Vergleichung
ihrer selbst mit andern mglich ist. Auf keine Vorzge aber ist der
Mensch so stolz, wie auf die geistigen: beruht doch nur auf ihnen sein
Vorrang vor den Tieren[R]. Ihm entschiedene berlegenheit in dieser
Hinsicht vorzuhalten, und noch dazu vor Zeugen, ist daher die grte
Verwegenheit. Er fhlt sich dadurch zur Rache aufgefordert und wird
meistens Gelegenheit suchen, diese auf dem Wege der Beleidigung
auszufhren, als wodurch er vom Gebiete der Intelligenz auf das des
Willens tritt, auf welchem wir, in dieser Hinsicht, alle gleich sind.
Whrend daher in der Gesellschaft Stand und Reichtum stets auf
Hochachtung rechnen drfen, haben geistige Vorzge solche keineswegs
zu erwarten: im gnstigsten Fall werden sie ignorirt, sonst aber
angesehn als eine Art Impertinenz, oder als etwas, wozu ihr Besitzer
unerlaubter Weise gekommen ist und nun sich untersteht damit zu
stolziren; wofr ihm also irgend eine anderweitige Demtigung
angedeihen zu lassen jeder im stillen beabsichtigt und nur auf die
Gelegenheit dazu pat. Kaum wird es dem demtigsten Betragen gelingen,
Verzeihung fr geistige berlegenheit zu erbetteln. Sadi sagt im
Gulistan (S. 146 der bersetzung von Graf): Man wisse, da sich bei
dem Unverstndigen hundertmal mehr Widerwillen gegen den Verstndigen
findet, als der Verstndige Abneigung gegen den Unverstndigen
empfindet. -- Hingegen gereicht geistige *Inferioritt* zur wahren
Empfehlung. Denn was fr den Leib die Wrme, das ist fr den Geist das
wohltuende Gefhl der berlegenheit; daher jeder, so instinktmig wie
dem Ofen, oder dem Sonnenschein, sich dem Gegenstande nhert, der es
ihm verheit. Ein solcher nun ist allein der entschieden tiefer
Stehende, an Eigenschaften des Geistes, bei Mnnern, an Schnheit, bei
Weibern. Manchen Leuten gegenber freilich unverstellte Inferioritt
zu beweisen -- da gehrt etwas dazu. Dagegen sehe man, mit welcher
herzlichen Freundlichkeit ein ertrgliches Mdchen einem
grundhlichen entgegenkommt. Krperliche Vorzge kommen bei Mnnern
nicht sehr in Betracht; wiewohl man sich doch behaglicher neben einem
kleineren, als neben einem greren fhlt. Demzufolge also sind, unter
Mnnern, die dummen und unwissenden, unter Weibern die hlichen
allgemein beliebt und gesucht: sie erlangen leicht den Ruf eines
beraus guten Herzens; weil jedes fr seine Zuneigung, vor sich selbst
und vor andern, eines Vorwandes bedarf. Eben deshalb ist
Geistesberlegenheit jeder Art eine sehr isolirende Eigenschaft: sie
wird geflohen und gehat, und als Vorwand hiezu werden ihrem Besitzer
allerhand Fehler angedichtet[S]. Gerade so wirkt unter Weibern die
Schnheit: sehr schne Mdchen finden keine Freundin, ja, keine
Begleiterin. Zu Stellen als Gesellschafterinnen tun sie besser sich
gar nicht zu melden: denn schon bei ihrem Vortritt verfinstert sich
das Gesicht der gehofften neuen Gebieterin, als welche, sei es fr
sich, oder fr ihre Tchter, einer solchen Folie keineswegs bedarf. --
Hingegen verhlt es sich umgekehrt mit den Vorzgen des Ranges; weil
diese nicht, wie die persnlichen, durch den Kontrast und Abstand,
sondern, wie die Farben der Umgebung auf das Gesicht, durch den Reflex
wirken.

  [R] Den *Willen*, kann man sagen, hat der Mensch sich selbst gegeben,
  denn der *ist* er selbst; aber der *Intellekt* ist eine Ausstattung,
  die er vom Himmel erhalten hat, -- d. h. vom ewigen, geheimnisvollen
  Schicksal und dessen Notwendigkeit, deren bloes Werkzeug seine Mutter
  war.

  [S] Zum *Vorwrtskommen in der Welt* sind Freundschaften und
  Kamaraderien bei weitem das Hauptmittel. Nun aber *groe Fhigkeiten*
  machen allemal stolz und dadurch wenig geeignet, denen zu schmeicheln,
  die nur geringe haben, ja, vor denen man deshalb die groen verhehlen
  und verleugnen soll. Entgegengesetzt wirkt das Bewutsein nur geringer
  Fhigkeiten: es vertrgt sich vortrefflich mit der Demut,
  Leutseligkeit, Geflligkeit und Respekt vor dem Schlechten, verschafft
  also Freunde und Gnner.

  Das Gesagte gilt nicht blo vom Staatsdienst, sondern auch von den
  Ehrenstellen, Wrden, ja, dem Ruhm in der gelehrten Welt; so da z. B.
  in den Akademien die liebe Mediokritt stets oben auf ist, Leute von
  Verdienst spt oder nie hineinkommen, und so bei allem.

35. An unserm Zutrauen zu andern haben sehr oft Trgheit, Selbstsucht
und Eitelkeit den grten Anteil: Trgheit, wenn wir, um nicht selbst
zu untersuchen, zu wachen, zu tun, lieber einem andern trauen;
Selbstsucht, wenn das Bedrfnis von unsern Angelegenheiten zu reden
uns verleitet, ihm etwas anzuvertrauen; Eitelkeit, wenn es zu dem
gehrt, worauf wir uns etwas zu Gute tun. Nichtsdestoweniger verlangen
wir, da man unser Zutrauen ehre.

ber Mitrauen hingegen sollten wir uns nicht erzrnen: denn in
demselben liegt ein Kompliment fr die Redlichkeit, nmlich das
aufrichtige Bekenntnis ihrer groen Seltenheit, infolge welcher sie zu
den Dingen gehrt, an deren Existenz man zweifelt.

36. Von der *Hflichkeit*, dieser chinesischen Kardinaltugend, habe
ich den *einen* Grund angegeben in meiner *Ethik* S. 201 (2. Aufl.
198): der andere liegt in Folgendem. Sie ist eine stillschweigende
bereinkunft, gegenseitig die moralisch und intellektuell elende
Beschaffenheit von einander zu ignoriren und sie sich nicht
vorzurcken; -- wodurch diese, zu beiderseitigem Vorteil, etwas
weniger leicht zutage kommt.

Hflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhflichkeit Dummheit: sich
mittelst ihrer unntiger und mutwilliger Weise Feinde machen ist
Raserei, wie wenn man sein Haus in Brand steckt. Denn Hflichkeit ist,
wie die Rechenpfennige, eine offenkundig falsche Mnze: mit einer
solchen sparsam zu sein, beweist Unverstand; hingegen Freigebigkeit
mit ihr Verstand. Alle Nationen schlieen den Brief mit _votre
trs-humble serviteur, -- your most obedient servant, -- suo
devotissimo servo_: blo die Deutschen halten mit dem Diener zurck,
-- weil es ja doch nicht wahr sei --! Wer hingegen die Hflichkeit bis
zum Opfern realer Interessen treibt, gleicht dem, der echte Goldstcke
statt Rechenpfennige gbe. -- Wie das Wachs, von Natur hart und
sprde, durch ein wenig Wrme so geschmeidig wird, da es jede
beliebige Gestalt annimmt; so kann man selbst strrische und
feindselige Menschen, durch etwas Hflichkeit und Freundlichkeit,
biegsam und gefllig machen. Sonach ist die Hflichkeit dem Menschen,
was die Wrme dem Wachs.

Eine schwere Aufgabe ist freilich die Hflichkeit insofern, als sie
verlangt, da wir allen Leuten die grte Achtung bezeugen, whrend
die allermeisten keine verdienen; sodann, da wir den lebhaftesten
Anteil an ihnen simuliren, whrend wir froh sein mssen, keinen an
ihnen zu haben. -- Hflichkeit mit Stolz zu vereinigen ist ein
Meisterstck. --

Wir wrden bei Beleidigungen, als welche eigentlich immer in
uerungen der Nichtachtung bestehn, viel weniger aus der Fassung
geraten, wenn wir nicht einerseits eine ganz bertriebene Vorstellung
von unserm hohen Wert und Wrde, also einen ungemessenen Hochmut
hegten, und andrerseits uns deutlich gemacht htten, was in der Regel
jeder vom andern, in seinem Herzen, hlt und denkt. Welch ein greller
Kontrast ist doch zwischen der Empfindlichkeit der meisten Leute ber
die leiseste Andeutung eines sie treffenden Tadels und dem, was sie
hren wrden, wenn sie die Gesprche ihrer Bekannten ber sie
belauschten! -- Wir sollten vielmehr uns gegenwrtig erhalten, da die
gewhnliche Hflichkeit nur eine grinsende Maske ist: dann wrden wir
nicht Zeter schreien, wenn sie einmal sich etwas verschiebt, oder auf
einen Augenblick abgenommen wird. Wann aber gar einer geradezu grob
wird, da ist es, als htte er die Kleider abgeworfen und stnde _in
puris naturalibus_ da. Freilich nimmt er sich dann, wie die meisten
Menschen in diesem Zustande, schlecht aus.

37. Fr sein Tun und Lassen darf man keinen andern zum Muster nehmen;
weil Lage, Umstnde, Verhltnisse nie die gleichen sind, und weil die
Verschiedenheit des Charakters auch der Handlung einen verschiedenen
Anstrich gibt, daher _duo cum faciunt idem, non est idem_. Man mu,
nach reiflicher berlegung und scharfem Nachdenken, seinem eigenen
Charakter gem handeln. Also auch im *Praktischen* ist *Originalitt*
unerllich: sonst pat was man tut, nicht zu dem, was man ist.

38. Man bestreite keines Menschen Meinung; sondern bedenke, da, wenn
man alle Absurditten, die er glaubt, ihm ausreden wollte, man
Methusalems Alter erreichen knnte, ohne damit fertig zu werden.

Auch aller, selbst noch so wohlgemeinter, korrektioneller Bemerkungen
soll man, im Gesprche, sich enthalten: denn die Leute zu krnken ist
leicht, sie zu bessern schwer, wo nicht unmglich.

Wenn die Absurditten eines Gesprchs, welches wir anzuhren im Falle
sind, anfangen uns zu rgern, mssen wir uns denken, es wre eine
Komdienszene zwischen zwei Narren. _Probatum est._ -- Wer auf die
Welt gekommen ist, sie ernstlich und in den wichtigsten Dingen zu
*belehren*, der kann von Glck sagen, wenn er mit heiler Haut
davonkommt.

39. Wer da will, da sein Urteil Glauben finde, spreche es kalt und
ohne Leidenschaftlichkeit aus. Denn alle Heftigkeit entspringt aus dem
Willen: daher wird man *diesem* und nicht der Erkenntnis, die ihrer
Natur nach kalt ist, das Urteil zuschreiben. Weil nmlich das Radikale
im Menschen der Wille, die Erkenntnis aber blo sekundr und
hinzugekommen ist; so wird man eher glauben, da das Urteil aus dem
erregten Willen, als da die Erregung des Willens blo aus dem Urteil
entsprungen sei.

40. Auch beim besten Rechte dazu lasse man sich nicht zum Selbstlobe
verfhren. Denn die Eitelkeit ist eine so gewhnliche, das Verdienst
aber eine so ungewhnliche Sache, da, so oft wir, wenn auch nur
indirekt, uns selbst zu loben scheinen, jeder hundert gegen eins
wettet, da, was aus uns redet die Eitelkeit sei, der es am Verstande
gebricht, das Lcherliche der Sache einzusehn. -- Jedoch mag, bei
allem dem, Bako von Verulam nicht ganz Unrecht haben, wenn er sagt,
da das _semper aliquid haeret_, wie von der Verlumdung, so auch vom
Selbstlobe gelte, und daher dieses, in migen Dosen, empfiehlt.

41. Wenn man argwhnt, da einer lge, stelle man sich glubig: da
wird er dreist, lgt strker und ist entlarvt. Merkt man hingegen, da
eine Wahrheit, die er verhehlen mchte, ihm zum Teil entschlpft, so
stelle man sich darber unglubig, damit er, durch den Widerspruch
provozirt, die Arriergarde der ganzen Wahrheit nachrcken lasse.

42. Unsere smtlichen persnlichen Angelegenheiten haben wir als
Geheimnisse zu betrachten, und unsern guten Bekannten mssen wir, ber
das hinaus, was sie mit eigenen Augen sehn, vllig fremd bleiben. Denn
ihr Wissen um die unschuldigsten Dinge kann, durch Zeit und Umstnde,
uns Nachteil bringen. -- berhaupt ist es geratener seinen Verstand
durch das, was man verschweigt, an den Tag zu legen, als durch das,
was man sagt. Ersteres ist Sache der Klugheit, letzteres der
Eitelkeit. Die Gelegenheit zu beiden kommt gleich oft: aber wir ziehn
hufig die flchtige Befriedigung, welche das letztere gewhrt, dem
dauernden Nutzen vor, welchen das erstere bringt. Sogar die
Herzenserleichterung, einmal ein Wort mit sich selbst laut zu reden,
was lebhaften Personen wohl begegnet, sollte man sich versagen, damit
sie nicht zur Gewohnheit werde; weil dadurch der Gedanke mit dem Worte
so befreundet und verbrdert wird, da allmlig auch das Sprechen mit
andern ins laute Denken bergeht; whrend die Klugheit gebeut, da
zwischen unserm Denken und unserm Reden eine weite Kluft offen
gehalten werde.

Bisweilen meinen wir, da andere etwas uns betreffendes durchaus nicht
glauben knnen; whrend ihnen gar nicht einfllt, es zu bezweifeln:
machen wir jedoch, da ihnen dies einfllt, dann knnen sie es auch
nicht mehr glauben. Aber wir verraten uns oft blo, weil wir whnen,
es sei unmglich, da man das nicht merke; -- wie wir uns von einer
Hhe hinabstrzen, aus Schwindel, d. h. durch den Gedanken, es sei
unmglich, hier fest zu stehen, die Qual aber, hier zu stehn, sei so
gro, da es besser sei, sie abzukrzen: dieser Wahn heit Schwindel.

Andrerseits wieder soll man wissen, da die Leute, selbst die, welche
sonst keinen besondern Scharfsinn verraten, vortreffliche Algebristen
in den persnlichen Angelegenheiten anderer sind, woselbst sie,
mittelst einer einzigen gegebenen Gre, die verwickeltesten Aufgaben
lsen. Wenn man z. B. ihnen eine ehemalige Begebenheit, unter
Weglassung aller Namen und sonstiger Bezeichnung der Personen erzhlt;
so soll man sich hten, dabei ja nicht irgend einen ganz positiven und
individuellen Umstand, sei er auch noch so gering, mit einzufhren,
wie etwan einen Ort, oder Zeitpunkt, oder den Namen einer Nebenperson,
oder sonst etwas auch nur unmittelbar damit Zusammenhngendes: denn
daran haben sie sogleich eine positiv gegebene Gre, mittelst deren
ihr algebraischer Scharfsinn alles brige herausbringt. Die
Begeisterung der Neugier nmlich ist hier so gro, da, kraft
derselben, der Wille dem Intellekt die Sporen in die Seite setzt,
welcher nun dadurch bis zur Erreichung der entlegensten Resultate
getrieben wird. Denn so unempfnglich und gleichgltig die Leute gegen
*allgemeine* Wahrheiten sind, so erpicht sind sie auf individuelle.

Dem allen gem ist denn auch die Schweigsamkeit von smtlichen
Lehrern der Weltklugheit auf das dringendeste und mit den
mannigfaltigsten Argumenten anempfohlen worden; daher ich es bei dem
Gesagten bewenden lassen kann. Blo ein paar arabischer Maximen,
welche besonders eindringlich und wenig bekannt sind, will ich noch
hersetzen. Was dein Feind nicht wissen soll, das sage deinem Freunde
nicht. -- Wenn ich mein Geheimnis verschweige, ist es mein
Gefangener: lasse ich es entschlpfen, bin ich sein Gefangener. --
Am Baume des Schweigens hngt seine Frucht, der Friede.

43. Kein Geld ist vorteilhafter angewandt, als das, um welches wir uns
haben prellen lassen: denn wir haben dafr unmittelbar Klugheit
eingehandelt.

44. Man soll, wo mglich, gegen niemanden Animositt hegen, jedoch die
_procds_ eines jeden sich wohl merken und im Gedchtnis behalten, um
danach den Wert desselben, wenigstens hinsichtlich unserer,
festzustellen und demgem unser Verhalten und Betragen gegen ihn zu
regeln, -- stets berzeugt von der Unvernderlichkeit des Charakters:
einen schlechten Zug eines Menschen jemals vergessen, ist, wie wenn
man schwer erworbenes Geld wegwrfe. -- So aber schtzt man sich vor
trichter Vertraulichkeit und trichter Freundschaft. --

Weder lieben noch hassen enthlt die Hlfte aller Weltklugheit:
nichts sagen und nichts glauben die andere Hlfte. Freilich aber
wird man einer Welt, welche Regeln, wie diese und die nchstfolgenden
ntig macht, gern den Rcken kehren.

45. Zorn oder Ha in Worten oder Mienen blicken zu lassen ist unntz,
ist gefhrlich, ist unklug, ist lcherlich, ist gemein. Man darf also
Zorn oder Ha nie anders zeigen als in Taten. Letzteres wird man um so
vollkommener knnen, als man ersteres vollkommener vermieden hat. --
Die kaltbltigen Tiere allein sind die giftigen.

46. _Parler sans accent_: diese alte Regel der Weltleute bezweckt, da
man dem Verstande der andern berlasse herauszufinden, was man gesagt
hat: der ist langsam, und ehe er fertig geworden, ist man davon.
Hingegen _parler avec accent_ heit zum Gefhle reden; wo denn alles
umgekehrt ausfllt. Manchem kann man, mit hflicher Gebrde und
freundlichem Ton, sogar wirkliche Sottisen sagen, ohne unmittelbare
Gefahr.


D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend.

47. Welche Form auch das menschliche Leben annehme; es sind immer
dieselben Elemente, und daher ist es im wesentlichen berall dasselbe,
es mag in der Htte oder bei Hofe, im Kloster oder bei der Armee
gefhrt werden. Mgen seine Begebenheiten, Abenteuer, Glcks- und
Unglcksflle noch so mannigfaltig sein; so ist es doch damit wie mit
der Zuckerbckerware. Es sind viele und vielerlei gar krause und bunte
Figuren: aber alles ist aus einem Teig geknetet; und was dem einen
begegnet, ist dem, was dem andern widerfuhr, viel hnlicher, als
dieser beim Erzhlenhren denkt. Auch gleichen die Vorgnge unsers
Lebens den Bildern im Kaleidoskop, in welchem wir bei jeder Drehung
etwas anderes sehn, eigentlich aber immer das Selbe vor Augen haben.

48. Drei Weltmchte gibt es, sagt, sehr treffend, ein Alter: =synesis,
kratos, kai tych=, Klugheit, Strke und Glck. Ich glaube, da die
zuletzt genannte am meisten vermag. Denn unser Lebensweg ist dem Lauf
eines Schiffes zu vergleichen. Das Schicksal, die =tych= die _secunda
aut adversa fortuna_, spielt die Rolle des Windes, indem sie uns
schnell weit frdert oder weit zurckwirft; wogegen unser eigenes
Mhen und Treiben nur wenig vermag. Dieses nmlich spielt dabei die
Rolle der Ruder: wenn solche, durch viele Stunden langes Arbeiten, uns
eine Strecke vorwrts gebracht haben, wirft ein pltzlicher Windsto
uns ebenso weit zurck. Ist er hingegen gnstig, so frdert er uns
dermaen, da wir der Ruder nicht bedrfen. Diese Macht des Glckes
drckt unbertrefflich ein spanisches Sprichwort aus: _da ventura a tu
hijo, y echa lo en el mar_ (gib deinem Sohne Glck und wirf ihn ins
Meer).

Wohl ist der Zufall eine bse Macht, der man so wenig wie mglich
anheimstellen soll. Jedoch wer ist, unter allen Gebern, der einzige,
welcher, indem er gibt, uns zugleich aufs deutlichste zeigt, da wir
gar keine Ansprche auf seine Gaben haben, da wir solche durchaus
nicht unserer Wrdigkeit, sondern ganz allein seiner Gte und Gnade zu
danken haben, und da wir eben hieraus die freudige Hoffnung schpfen
drfen, noch ferner manche unverdiente Gabe demutsvoll zu empfangen?
-- Es ist der Zufall: er, der die knigliche Kunst versteht,
einleuchtend zu machen, da gegen seine Gunst und Gnade alles
Verdienst ohnmchtig ist und nichts gilt. --

Wenn man auf seinen Lebensweg zurcksieht, den labyrintisch irren
Lauf desselben berschaut und nun so manches verfehlte Glck, so
manches herbeigezogene Unglck sehen mu; so kann man in Vorwrfen
gegen sich selbst leicht zu weit gehn. Denn unser Lebenslauf ist
keineswegs schlechthin unser eigenes Werk; sondern das Produkt zweier
Faktoren, nmlich der Reihe der Begebenheiten und der Reihe unserer
Entschlsse, welche stets in einander greifen und sich gegenseitig
modifiziren. Hiezu kommt noch, da in beiden unser Horizont immer sehr
beschrnkt ist, indem wir unsere Entschlsse nicht schon von weitem
vorhersagen und noch weniger die Begebenheiten voraussehen knnen,
sondern von beiden uns eigentlich nur die gegenwrtigen recht bekannt
sind. Deshalb knnen wir, so lange unser Ziel noch fern liegt, nicht
einmal gerade darauf hinsteuern; sondern nur approximativ und nach
Mutmaungen unsere Richtung dahin lenken, mssen also oft lawiren.
Alles nmlich, was wir vermgen, ist, unsere Entschlsse allezeit nach
Magabe der gegenwrtigen Umstnde zu fassen, in der Hoffnung, es so
zu treffen, da es uns dem Hauptziel nher bringe. So sind denn
meistens die Begebenheiten und unsere Grundabsichten zweien, nach
verschiedenen Seiten ziehenden Krften zu vergleichen und die daraus
entstehende Diagonale ist unser Lebenslauf. -- *Terenz* hat gesagt:
_in vita est hominum quasi cum ludas tesseris: si illud, quod maxime
opus est jactu, non cadit, illud quod cecidit forte, id arte ut
corrigas_; wobei er eine Art Triktrak vor Augen gehabt haben mu.
Krzer knnen wir sagen: das Schicksal mischt die Karten und wir
spielen. Meine gegenwrtige Betrachtung auszudrcken, wre aber
folgendes Gleichnis am geeignetesten. Es ist im Leben wie im
Schachspiel: wir entwerfen einen Plan, dieser bleibt jedoch bedingt
durch das, was im Schachspiel dem Gegner, im Leben dem Schicksal, zu
tun belieben wird. Die Modifikationen, welche hierdurch unser Plan
erleidet, sind meistens so gro, da er in der Ausfhrung kaum noch an
einigen Grundzgen zu erkennen ist.

brigens gibt es in unserm Lebenslaufe noch etwas, welches ber das
alles hinausliegt. Es ist nmlich eine triviale und nur zu hufig
besttigte Wahrheit, da wir oft trichter sind als wir glauben:
hingegen ist, da wir oft weiser sind, als wir selbst vermeinen, eine
Entdeckung, welche nur die, so in dem Fall gewesen, und selbst dann
erst spt, machen. Es gibt etwas Weiseres in uns, als der Kopf ist.
Wir handeln nmlich, bei den groen Zgen, den Hauptschritten unsers
Lebenslaufes, nicht sowohl nach deutlicher Erkenntnis des Rechten, als
nach einem innern Impuls, man mchte sagen Instinkt, der aus dem
tiefsten Grunde unsers Wesens kommt, und bemkeln nachher unser Tun
nach deutlichen, aber auch drftigen, erworbenen, ja, erborgten
Begriffen, nach allgemeinen Regeln, fremdem Beispiele usw., ohne das
Eines schickt sich nicht fr alle genugsam zu erwgen; da werden wir
leicht ungerecht gegen uns selbst. Aber am Ende zeigt es sich, wer
Recht gehabt hat; und nur das glcklich erreichte Alter ist, subjektiv
und objektiv, befhigt, die Sache zu beurteilen.

Vielleicht steht jener innere Impuls unter uns unbewuter Leitung
prophetischer, beim Erwachen vergessener Trume, die eben dadurch
unserm Leben die Gleichmigkeit des Tones und die dramatische Einheit
erteilen, die das so oft schwankende und irrende, so leicht
umgestimmte Gehirnbewutsein ihm zu geben nicht vermchte, und infolge
welcher z. B. der zu groen Leistungen einer bestimmten Art Berufene
dies von Jugend auf innerlich und heimlich sprt und darauf
hinarbeitet, wie die Bienen am Bau ihres Stocks. Fr jeden aber ist es
das, was *Baltasar Gracian* _la gran sinderesis_ nennt: die
instinktive groe Obhut seiner selbst, ohne welche er zu Grunde geht.
-- Nach *abstrakten Grundstzen* handeln ist schwer und gelingt erst
nach vieler bung, und selbst da nicht jedesmal: auch sind sie oft
nicht ausreichend. Hingegen hat jeder gewisse *angeborene konkrete
Grundstze*, die ihm in Blut und Saft stecken, indem sie das Resultat
alles seines Denkens, Fhlens und Wollens sind. Er kennt sie meistens
nicht _in abstracto_, sondern wird erst beim Rckblick auf sein Leben
gewahr, da er sie stets befolgt hat und von ihnen, wie von einem
unsichtbaren Faden, ist gezogen worden. Je nachdem sie sind, werden
sie ihn zu seinem Glck oder Unglck leiten.

49. Man sollte bestndig die Wirkung der Zeit und die Wandelbarkeit
der Dinge vor Augen haben und daher bei allem, was jetzt stattfindet,
sofort das Gegenteil davon imaginiren; also im Glcke das Unglck, in
der Freundschaft die Feindschaft, im schnen Wetter das schlechte, in
der Liebe den Ha, im Zutrauen und Erffnen den Verrat und die Reue,
und so auch umgekehrt, sich lebhaft vergegenwrtigen. Dies wrde eine
bleibende Quelle wahrer Weltklugheit abgeben, indem wir stets besonnen
bleiben und nicht so leicht getuscht werden wrden. Meistens wrden
wir dadurch nur die Wirkung der Zeit antizipirt haben. -- Aber
vielleicht ist zu keiner Erkenntnis die Erfahrung so unerllich, wie
zur richtigen Schtzung des Unbestandes und Wechsels der Dinge. Weil
eben jeder Zustand, fr die Zeit seiner Dauer, notwendig und daher mit
vollstem Rechte vorhanden ist; so sieht jedes Jahr, jeder Monat, jeder
Tag aus, als ob nun endlich er Recht behalten wollte, fr alle
Ewigkeit. Aber keiner behlt es, und der Wechsel allein ist das
Bestndige. Der Kluge ist der, welchen die scheinbare Stabilitt nicht
tuscht und der noch dazu die Richtung, welche der Wechsel zunchst
nehmen wird, vorhersieht[T]. Da hingegen die Menschen den
einstweiligen Zustand der Dinge, oder die Richtung ihres Laufes, in
der Regel fr bleibend halten, kommt daher, da sie die Wirkungen vor
Augen haben, aber die Ursachen nicht verstehn, diese es jedoch sind,
welche den Keim der knftigen Vernderungen in sich tragen; whrend
die Wirkung, welche fr jene allein da ist, hievon nichts enthlt. An
diese halten sie sich und setzen voraus, da die ihnen unbekannten
Ursachen, welche solche hervorzubringen vermochten, auch imstande sein
werden, sie zu erhalten. Sie haben dabei den Vorteil, da, wenn sie
irren, es immer _unisono_ geschieht; daher denn die Kalamitt, welche
infolge davon sie trifft, stets eine allgemeine ist, whrend der
denkende Kopf, wenn er geirrt hat, noch dazu allein steht. --
Beilufig haben wir daran eine Besttigung meines Satzes, da der
Irrtum stets aus dem Schlu von der Folge auf den Grund entsteht.
Siehe Welt als W. u. V. Bd. 1, S. 90. (3. Aufl. 94.)

  [T] Der *Zufall* hat bei allen menschlichen Dingen so groen
  Spielraum, da, wenn wir einer von ferne drohenden Gefahr gleich durch
  Aufopferungen vorzubeugen suchen, diese Gefahr oft durch einen
  unvorhergesehenen Stand, den die Dinge annehmen, verschwindet, und
  jetzt nicht nur die gebrachten Opfer verloren sind, sondern die durch
  sie herbeigefhrte Vernderung nunmehr, beim vernderten Stande der
  Dinge, gerade ein Nachteil ist. Wir mssen daher in unsern
  Vorkehrungen nicht zu weit in die Zukunft greifen, sondern auch auf
  den Zufall rechnen und mancher Gefahr khn entgegensehn, hoffend, da
  sie, wie so manche schwarze Gewitterwolke, vorberzieht.

Jedoch nur theoretisch und durch Vorhersehn ihrer Wirkung soll man die
*Zeit antizipiren*, nicht praktisch, nmlich nicht so, da man ihr
vorgreife, indem man *vor* der Zeit verlangt was erst die Zeit bringen
kann. Denn wer dies tut, wird erfahren, da es keinen schlimmeren,
unnachlassendern Wucherer gibt als eben die Zeit, und da sie, wenn zu
Vorschssen gezwungen, schwerere Zinsen nimmt als irgend ein Jude. Z.
B. kann man durch ungelschten Kalk und Hitze einen Baum dermaen
treiben, da er binnen weniger Tage Bltter, Blten und Frchte
treibt, dann aber stirbt er ab. -- Will der Jngling die Zeugungskraft
des Mannes schon jetzt, wenn auch nur auf etliche Wochen, ausben und
im neunzehnten Jahre leisten was er im dreiigsten sehr wohl knnte;
so wird allenfalls die Zeit den Vorschu leisten, aber ein Teil der
Kraft seiner knftigen Jahre, ja, ein Teil seines Lebens selbst, ist
der Zins. -- Es gibt Krankheiten, von denen man gehrig und grndlich
nur dadurch genest, da man ihnen ihren natrlichen Verlauf lt, nach
welchem sie von selbst verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Verlangt man aber sogleich und jetzt, nur gerade jetzt, gesund zu
sein; so mu auch hier die Zeit Vorschu leisten: die Krankheit wird
vertrieben, aber der Zins ist Schwche und chronische bel,
zeitlebens. -- Wenn man in Zeiten des Krieges oder der Unruhen Geld
gebraucht, und zwar sogleich, gerade jetzt; so ist man gentigt,
liegende Grnde oder Staatspapiere fr 1/3 und noch weniger ihres
Wertes zu verkaufen, den man zum vollen erhalten wrde, wenn man der
Zeit ihr Recht widerfahren lassen, also einige Jahre warten wollte;
aber man zwingt sie, Vorschu zu leisten. -- Oder auch man bedarf
einer Summe zu einer weiten Reise: binnen eines oder zweier Jahre
knnte man sie von seinem Einkommen zurckgelegt haben. Aber man will
nicht warten, sie wird also geborgt oder einstweilen vom Kapital
genommen, d. h. die Zeit mu vorschieen. Da ist ihr Zins eingerissene
Unordnung in der Kasse, ein bleibendes und wachsendes Defizit, welches
man nie mehr los wird. -- Dies also ist der Wucher der Zeit: seine
Opfer werden alle, die nicht warten knnen. Den Gang der gemessen
ablaufenden Zeit beschleunigen zu wollen, ist das kostspieligste
Unternehmen. Also hte man sich, der Zeit Zinsen schuldig zu werden.

50. Ein charakteristischer und im gemeinen Leben sehr oft sich
hervortuender Unterschied zwischen den gewhnlichen und den gescheuten
Kpfen ist, da jene, bei ihrer berlegung und Schtzung mglicher
Gefahren, immer nur fragen und bercksichtigen, was derart bereits
*geschehn* sei; diese hingegen selbst berlegen, was mglicherweise
*geschehn knne*; wobei sie bedenken, da, wie ein spanisches
Sprichwort sagt, _lo que no acaece en un ao, acaece en un rato_ (was
binnen eines Jahres nicht geschieht, geschieht binnen weniger
Minuten). Der in Rede stehende Unterschied ist freilich natrlich:
denn was geschehn *kann* zu berblicken, erfordert Verstand, was
geschehn *ist*, blo Sinne.

Unsere Maxime aber sei: opfere den bsen Dmonen! D. h. man soll einen
gewissen Aufwand von Mhe, Zeit, Unbequemlichkeit, Weitluftigkeit,
Geld oder Entbehrung nicht scheuen, um der Mglichkeit eines Unglcks
die Tr zu verschlieen: und je grer dieses wre, desto kleiner,
entfernter, unwahrscheinlicher mag jene sein. Die deutlichste
Exemplifikation dieser Regel ist die Assekuranzprmie. Sie ist ein
ffentlich und von allen auf den Altar der bsen Dmonen gebrachtes
Opfer.

51. ber keinen Vorfall sollte man in groen Jubel oder groe Wehklage
ausbrechen; teils wegen der Vernderlichkeit aller Dinge, die ihn
jeden Augenblick umgestalten kann; teils wegen der Trglichkeit unsers
Urteils ber das uns Gedeihliche oder Nachteilige; infolge welcher
fast jeder einmal gewehklagt hat ber das, was nachher sich als sein
wahres Bestes auswies, oder gejubelt ber das, was die Quelle seiner
grten Leiden geworden ist. Die hier dagegen empfohlene Gesinnung hat
Shakespeare schn ausgedrckt:

    _I have felt so many quirks of joy and grief,
    That the first face of neither, on the start,
    Can woman me unto it.[U]_

    (_All's well, A. 3. sc. 2._)

  [U] So viele Anflle von Freude und Gram habe ich schon empfunden, da
  ich nie mehr vom ersten Anblicke des Anlasses zu einem von beiden
  sogleich mich weibisch hinreien lasse.

berhaupt aber zeigt der, welcher bei allen Unfllen gelassen bleibt,
da er wei, wie kolossal und tausendfltig die mglichen bel des
Lebens sind; weshalb er das jetzt eingetretene ansieht als einen sehr
kleinen Teil dessen, was kommen knnte: dies ist die stoische
Gesinnung, in Gemheit welcher man niemals _conditionis humanae
oblitus_, sondern stets eingedenk sein soll, welch ein trauriges und
jmmerliches Los das menschliche Dasein berhaupt ist, und wie
unzhlig die bel sind, denen es ausgesetzt ist. Diese Einsicht
aufzufrischen, braucht man berall nur einen Blick um sich zu werfen:
wo man auch sei, wird man es bald vor Augen haben, dieses Ringen und
Zappeln und Qulen um die elende, kahle, nichts abwerfende Existenz.
Man wird danach seine Ansprche herabstimmen, in die Unvollkommenheit
aller Dinge und Zustnde sich finden lernen und Unfllen stets
entgegensehn, um ihnen auszuweichen oder sie zu ertragen. Denn
Unflle, groe und kleine, sind das eigentliche Element unsers Lebens:
dies sollte man also stets gegenwrtig haben; darum jedoch nicht, als
ein =dyskolos=, mit *Beresford*, ber die stndlichen _miseries of
human life_ lamentiren und Gesichter schneiden, noch weniger _in
pulicis morsu Deum invocare_; sondern, als ein =eulabs=, die
Behutsamkeit im Zuvorkommen und Verhten der Unflle, sie mgen von
Menschen oder von Dingen ausgehn, so weit treiben und so sehr darin
raffiniren, da man, wie ein kluger Fuchs, jedem groen oder kleinen
Migeschick (welches meistens nur ein verkapptes Ungeschick ist)
suberlich aus dem Wege geht.

Da ein Unglcksfall uns weniger schwer zu tragen fllt, wenn wir zum
voraus ihn als mglich betrachtet und, wie man sagt, uns darauf gefat
gemacht haben, mag hauptschlich daher kommen, da, wenn wir den Fall,
ehe er eingetreten, als eine bloe Mglichkeit, mit Ruhe berdenken,
wir die Ausdehnung des Unglcks deutlich und nach allen Seiten
bersehn und so es wenigstens als ein endliches und berschaubares
erkennen; infolge wovon es, wenn es nun wirklich trifft, doch mit
nicht mehr als seiner wahren Schwere wirken kann. Haben wir hingegen
jenes nicht getan, sondern werden unvorbereitet getroffen; so kann der
erschrockene Geist im ersten Augenblick die Gre des Unglcks nicht
genau ermessen: es ist jetzt fr ihn unbersehbar, stellt sich daher
leicht als unermelich, wenigstens viel grer dar, als es wirklich
ist. Auf gleiche Art lt Dunkelheit und Ungewiheit jede Gefahr
grer erscheinen. Freilich kommt noch hinzu, da wir fr das als
mglich antizipirte Unglck zugleich auch die Trostgrnde und Abhlfen
berdacht, oder wenigstens uns an die Vorstellung desselben gewhnt
haben.

Nichts aber wird uns zum gelassenen Ertragen der uns treffenden
Unglcksflle besser befhigen, als die berzeugung von der Wahrheit,
welche ich in meiner Preisschrift ber die Freiheit des Willens aus
ihren letzten Grnden abgeleitet und festgestellt habe, nmlich, wie
es daselbst, S. 62 (2. Aufl. S. 60), heit: Alles was geschieht, vom
Grten bis zum Kleinsten, geschieht *notwendig*. Denn in das
unvermeidlich Notwendige wei der Mensch sich bald zu finden, und jene
Erkenntnis lt ihn alles, selbst das durch die fremdartigsten Zuflle
Herbeigefhrte, als eben so notwendig ansehn, wie das nach den
bekanntesten Regeln und unter vollkommener Voraussicht Erfolgende. Ich
verweise hier auf das, was ich (Welt als W. u. V. Bd. 1, S. 345 u. 46
[3. Aufl. 361]) ber die beruhigende Wirkung der Erkenntnis des
Unvermeidlichen und Notwendigen gesagt habe. Wer davon durchdrungen
ist, wird zuvrderst tun was er kann, dann aber willig leiden was er
mu.

Die kleinen Unflle, die uns stndlich vexiren, kann man betrachten
als bestimmt, uns in bung zu erhalten, damit die Kraft, die groen zu
ertragen, im Glck nicht ganz erschlaffe. Gegen die tglichen
Hudeleien, kleinlichen Reibungen im menschlichen Verkehr, unbedeutende
Anste, Ungebhrlichkeiten anderer, Klatschereien u. dgl. m. mu man
ein gehrnter Siegfried sein, d. h. sie gar nicht empfinden, weit
weniger sich zu Herzen nehmen und darber brten; sondern von dem
allen nichts an sich kommen lassen, es von sich stoen, wie Steinchen,
die im Wege liegen, und keineswegs es aufnehmen in das Innere seiner
berlegung und Rumination.

52. Was aber die Leute gemeiniglich das Schicksal nennen, sind
meistens nur ihre eigenen dummen Streiche. Man kann daher nicht
genugsam die schne Stelle im Homer (_JL. XXIII, 313 sqq._)
beherzigen, wo er die =mtis=, d. i. die kluge berlegung, empfiehlt.
Denn wenn auch die schlechtesten Streiche erst in jener Welt gebt
werden; so doch die dummen schon in dieser; -- wiewohl hin und wieder
einmal Gnade fr Recht ergehen mag.

Nicht wer grimmig, sondern wer klug dareinschaut, sieht furchtbar und
gefhrlich aus: -- so gewi des Menschen Gehirn eine furchtbarere
Waffe ist als die Klaue des Lwen. --

Der vollkommenste Weltmann wre der, welcher nie in Unschlssigkeit
stockte und nie in bereilung geriete.

53. Nchst der Klugheit aber ist Mut eine fr unser Glck sehr
wesentliche Eigenschaft. Freilich kann man weder die eine noch die
andere sich geben, sondern ererbt jene von der Mutter und diesen vom
Vater: jedoch lt sich durch Vorsatz und bung dem davon Vorhandenen
nachhelfen. Zu dieser Welt, wo die Wrfel eisern fallen, gehrt ein
eiserner Sinn, gepanzert gegen das Schicksal und gewaffnet gegen die
Menschen. Denn das ganze Leben ist ein Kampf, jeder Schritt wird uns
streitig gemacht, und Voltaire sagt mit Recht: _on ne russit dans ce
monde, qu' la pointe de l'pe, et on meurt les armes  la main._
Daher ist es eine feige Seele, die, sobald Wolken sich zusammenziehn
oder wohl gar nur am Horizont sich zeigen, zusammenschrumpft, verzagen
will und jammert. Vielmehr sei unser Wahlspruch:

    _Tu ne cede malis, sed contra audentior ito._

Solange der Ausgang einer gefhrlichen Sache nur noch zweifelhaft ist,
solange nur noch die Mglichkeit, da er ein glcklicher werde,
vorhanden ist, darf an kein Zagen gedacht werden, sondern blo an
Widerstand; wie man am Wetter nicht verzweifeln darf, solange noch ein
blauer Fleck am Himmel ist. Ja, man bringe es dahin zu sagen:

    _Si fractus illabatur orbis,
    Impavidum ferient ruinae._

Das ganze Leben selbst, geschweige seine Gter, sind noch nicht so ein
feiges Beben und Einschrumpfen des Herzens wert:

                _Quocirca vivite fortes,
    Fortiaque adversis apponite pectora rebus._

Und doch ist auch hier ein Exze mglich: denn der Mut kann in
Verwegenheit ausarten. Sogar ist ein gewisses Ma von Furchtsamkeit zu
unserm Bestande in der Welt notwendig: die Feigheit ist blo das
berschreiten desselben. Dies hat Bako von Verulam gar treffend
ausgedrckt, in seiner etymologischen Erklrung des _terror Panicus_,
welche die ltere, vom Plutarch (_de Iside et Osir. c. 14_) uns
erhaltene, weit hinter sich lt. Er leitet nmlich denselben ab vom
*Pan*, als der personifizirten Natur, und sagt: _Natura enim rerum
omnibus viventibus indidit metum, ac formidinem, vitae atque essentiae
suae conservatricem, ac mala ingruentia vitantem et depellentem.
Verumtamen eadem natura modum tenere nescia est: sed timoribus
salutaribus semper vanos et inanes admiscet; adeo ut omnia (si intus
conspici darentur) Panicis terroribus plenissima sint, praesertim
humana._ (_De sapientia veterum VI._) brigens ist das Charakteristische
des panischen Schreckens, da er seiner Grnde sich nicht deutlich
bewut ist, sondern sie mehr voraussetzt als kennt, ja zur Not
geradezu die Furcht selbst als Grund der Furcht geltend macht.




Kapitel VI.

Vom Unterschiede der Lebensalter.


beraus schn hat *Voltaire* gesagt:

    _Qui n'a pas l'esprit de son ge,
    De son ge a tout le malheur._

Daher wird es angemessen sein, da wir, am Schlusse dieser
eudmonologischen Betrachtungen, einen Blick auf die Vernderungen
werfen, welche die Lebensalter an uns hervorbringen.

Unser ganzes Leben hindurch haben wir immer nur die *Gegenwart* inne,
und nie mehr. Was dieselbe unterscheidet ist blo, da wir am Anfang
eine lange Zukunft vor uns, gegen das Ende aber eine lange
Vergangenheit hinter uns sehn; sodann, da unser Temperament, wiewohl
nicht unser Charakter, einige bekannte Vernderungen durchgeht,
wodurch jedesmal eine andere Frbung der Gegenwart entsteht. --

In meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 31, S. 394 ff. (3. Aufl. 499 ff.),
habe ich auseinandergesetzt, da und warum wir in der *Kindheit* uns
viel mehr *erkennend* als *wollend* verhalten. Gerade hierauf beruht
jene Glckseligkeit des ersten Viertels unsers Lebens, infolge welcher
es nachher wie ein verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in
der Kindheit nur wenige Beziehungen und geringe Bedrfnisse, also
wenig Anregung des Willens: der grere Teil unsers Wesens geht
demnach im *Erkennen* auf. -- Der Intellekt ist, wie das Gehirn,
welches schon im 7. Jahre seine volle Gre erreicht, frh entwickelt,
wenn auch nicht reif, und sucht unaufhrlich Nahrung in einer ganzen
Welt des noch neuen Daseins, wo alles, alles mit dem Reize der Neuheit
berfirnit ist. Hieraus entspringt es, da unsre Kinderjahre eine
fortwhrende Poesie sind. Nmlich das Wesen der Poesie, wie aller
Kunst, besteht im Auffassen der platonischen Idee, d. h. des
Wesentlichen und daher der ganzen *Art* Gemeinsamen, in jedem
Einzelnen; wodurch jedes Ding als Reprsentant seiner Gattung auftritt
und *ein* Fall fr tausend gilt. Obgleich nun es scheint, da wir in
den Szenen unsrer Kinderjahre stets nur mit dem jedesmaligen
individuellen Gegenstande oder Vorgange beschftigt seien, und zwar
nur, sofern er unser momentanes Wollen interessirt; so ist dem doch im
Grunde anders. Nmlich das Leben, in seiner ganzen Bedeutsamkeit,
steht noch so neu, frisch und ohne Abstumpfung seiner Eindrcke durch
Wiederholung, vor uns, da wir, mitten unter unserm kindischen
Treiben, stets im Stillen und ohne deutliche Absicht beschftigt sind,
an den einzelnen Szenen und Vorgngen das Wesen des Lebens selbst, die
Grundtypen seiner Gestalten und Darstellungen, aufzufassen. Wir sehn,
wie Spinoza es ausdrckt, alle Dinge und Personen _sub specie
aeternitatis_. Je jnger wir sind, desto mehr vertritt jedes einzelne
seine ganze Gattung. Dies nimmt immer mehr ab, von Jahr zu Jahr: und
hierauf beruht der so groe Unterschied des Eindrucks, den die Dinge
in der Jugend und im Alter auf uns machen. Daher werden die
Erfahrungen und Bekanntschaften der Kindheit und frhen Jugend
nachmals die stehenden Typen und Rubriken aller sptern Erkenntnis und
Erfahrung, gleichsam die Kategorien derselben, denen wir alles Sptere
subsumiren, wenn auch nicht stets mit deutlichem Bewutsein. So bildet
sich demnach schon in den Kinderjahren die feste Grundlage unserer
Weltansicht, mithin auch das Flache oder Tiefe derselben: sie wird
spter ausgefhrt und vollendet; jedoch nicht im Wesentlichen
verndert. Also infolge dieser rein objektiven und dadurch poetischen
Ansicht, die dem Kindesalter wesentlich ist und davon untersttzt
wird, da der Wille noch lange nicht mit seiner vollen Energie
auftritt, verhalten wir uns, als Kinder, bei weitem mehr rein
erkennend als wollend. Daher der ernste, schauende Blick mancher
Kinder, welchen Raffael zu seinen Engeln, zumal denen der Sixtinischen
Madonna, so glcklich benutzt hat. Eben dieserhalb sind denn auch die
Kinderjahre so selig, da die Erinnerung an sie stets von Sehnsucht
begleitet ist. -- Whrend wir nun, mit solchem Ernst, dem ersten
*anschaulichen* Verstndnis der Dinge obliegen, ist andrerseits die
Erziehung bemht, uns *Begriffe* beizubringen. Allein Begriffe liefern
nicht das eigentlich Wesentliche: vielmehr liegt dieses, also der
Fonds und echte Gehalt aller unserer Erkenntnisse in der
*anschaulichen* Auffassung der Welt. Diese aber kann nur von uns
selbst gewonnen, nicht auf irgendeine Weise uns *beigebracht* werden.
Daher kommt, wie unser moralischer, so auch unser intellektueller Wert
nicht von auen in uns, sondern geht aus der Tiefe unsers eigenen
Wesens hervor, und knnen keine Pestalozzische Erziehungsknste aus
einem geborenen Tropf einen denkenden Menschen bilden: nie! er ist als
Tropf geboren und mu als Tropf sterben. -- Aus der beschriebenen,
tiefinnigen Auffassung der ersten anschaulichen Auenwelt erklrt sich
denn auch, warum die Umgebungen und Erfahrungen unserer Kindheit sich
so fest dem Gedchtnis einprgen. Wir sind nmlich ihnen ungeteilt
hingegeben gewesen, nichts hat uns dabei zerstreut, und wir haben die
Dinge, welche vor uns standen, angesehn, als wren sie die einzigen
ihrer Art, ja, berhaupt allein vorhanden. Spter nimmt uns die dann
bekannte Menge der Gegenstnde Mut und Geduld. -- Wenn man nun hier
sich zurckrufen will, was ich S. 372 ff. (3. Aufl. 423 ff.) des oben
erwhnten Bandes meines Hauptwerkes dargetan habe, da nmlich das
*objektive* Dasein aller Dinge, d. h. ihr Dasein in der bloen
*Vorstellung*, ein durchweg erfreuliches, hingegen ihr *subjektives*
Dasein, als welches im *Wollen* besteht, mit Schmerz und Trbsal stark
versetzt ist; so wird man als kurzen Ausdruck der Sache auch wohl den
Satz gelten lassen: alle Dinge sind herrlich zu *sehn*, aber
schrecklich zu *sein*. Dem Obigen nun zufolge sind, in der Kindheit,
die Dinge uns viel mehr von der Seite des *Sehns*, also der
Vorstellung, der Objektivitt, bekannt, als von der Seite des *Seins*,
welche die des Willens ist. Weil nun jene die erfreuliche Seite der
Dinge ist, die subjektive und schreckliche uns aber noch unbekannt
bleibt; so hlt der junge Intellekt alle jene Gestalten, welche
Wirklichkeit und Kunst ihm vorfhren, fr ebenso viele glckselige
Wesen: er meint, so schn sie zu sehn sind, und noch viel schner,
wren sie zu *sein*. Demnach liegt die Welt vor ihm wie ein Eden: dies
ist das Arkadien, in welchem wir alle geboren sind. Daraus entsteht
etwas spter der Durst nach dem wirklichen Leben, der Drang nach Taten
und Leiden, welcher uns ins Weltgetmmel treibt. In diesem lernen wir
dann die andere Seite der Dinge kennen, die des Seins, d. i. des
Wollens, welches bei jedem Schritte durchkreuzt wird. Dann kommt
allmlig die groe Enttuschung heran, nach deren Eintritt heit es
_l'ge des illusions est pass_: und doch geht sie noch immer weiter,
wird immer vollstndiger. Demzufolge kann man sagen, da in der
Kindheit das Leben sich uns darstellt wie eine Theaterdekoration von
weitem gesehn; im Alter, wie dieselbe in der grten Nhe.

Zum Glcke der Kindheit trgt endlich noch folgendes bei. Wie im
Anfange des Frhlings alles Laub die gleiche Farbe und fast die
gleiche Gestalt hat; so sind auch wir in frher Kindheit alle einander
hnlich, harmoniren daher vortrefflich. Aber mit der Pubertt fngt
die Divergenz an und wird, wie die Radien eines Zirkels, immer grer.

Was nun den Rest der ersten Lebenshlfte, die so viele Vorzge vor der
zweiten hat, also das jugendliche Alter, trbt, ja unglcklich macht,
ist das Jagen nach Glck, in der festen Voraussetzung, es msse im
Leben anzutreffen sein. Daraus entspringt die fortwhrend getuschte
Hoffnung, und aus dieser die Unzufriedenheit. Gaukelnde Bilder eines
getrumten, unbestimmten Glckes schweben, unter kaprizis gewhlten
Gestalten, uns vor, und wir suchen vergebens ihr Urbild. Daher sind
wir in unsern Jnglingsjahren mit unserer Lage und Umgebung, welche
sie auch sei, meistens unzufrieden; weil wir ihr zuschreiben, was der
Leerheit und Armseligkeit des menschlichen Lebens berall zukommt, und
mit der wir jetzt die erste Bekanntschaft machen, nachdem wir ganz
andere Dinge erwartet hatten. -- Man htte viel gewonnen, wenn man,
durch zeitige Belehrung, den Wahn, da in der Welt viel zu holen sei,
in den Jnglingen ausrotten knnte. Aber das Umgekehrte geschieht
dadurch, da meistens uns das Leben frher durch die Dichtung, als
durch die Wirklichkeit bekannt wird. Die von jener geschilderten
Szenen prangen im Morgenrot unserer eigenen Jugend, vor unserm Blick,
und nun peinigt uns die Sehnsucht, sie verwirklicht zu sehn, -- den
Regenbogen zu fassen. Der Jngling erwartet seinen Lebenslauf in Form
eines interessanten Romans. So entsteht die Tuschung, welche ich S.
347 (3. Aufl. 428) des schon erwhnten zweiten Bandes bereits
geschildert habe. Denn was allen jenen Bildern ihren Reiz verleiht,
ist gerade dies, da sie bloe Bilder und nicht wirklich sind, und wir
daher, bei ihrem Anschauen, uns in der Ruhe und Allgenugsamkeit des
reinen Erkennens befinden. Verwirklicht werden heit mit dem Wollen
ausgefllt werden, welches Wollen unausweichbare Schmerzen
herbeifhrt. Auch noch auf die Stelle S. 427 (3. Aufl. 488) des
erwhnten Bandes sei der teilnehmende Leser hier hingewiesen.

Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshlfte unbefriedigte
Sehnsucht nach Glck; so ist der der zweiten Besorgnis vor Unglck.
Denn mit ihr ist, mehr oder weniger deutlich, die Erkenntnis
eingetreten, da alles Glck chimrisch, hingegen das Leiden real sei.
Jetzt wird daher, wenigstens von den vernnftigeren Charakteren, mehr
bloe Schmerzlosigkeit und ein unangefochtener Zustand als Genu
angestrebt[V]. -- Wenn, in meinen Jnglingsjahren, es an meiner Tr
schellte, wurde ich vergngt, denn ich dachte, nun kme es. Aber in
sptern Jahren hatte meine Empfindung, bei demselben Anla, viel mehr
etwas dem Schrecken Verwandtes: ich dachte: da kommt's. --
Hinsichtlich der Menschenwelt gibt es, fr ausgezeichnete und begabte
Individuen, die, eben als solche, nicht so ganz eigentlich zu ihr
gehren und demnach, mehr oder weniger, je nach dem Grad ihrer
Vorzge, allein stehn, ebenfalls zwei entgegengesetzte Empfindungen:
in der Jugend hat man hufig die, von ihr *verlassen* zu sein; in
sptern Jahren hingegen die, ihr *entronnen* zu sein. Die erstere,
eine unangenehme, beruht auf Unbekanntschaft, die zweite, eine
angenehme, auf Bekanntschaft mit ihr. -- Infolge davon enthlt die
zweite Hlfte des Lebens, wie die zweite Hlfte einer musikalischen
Periode, weniger Strebsamkeit, aber mehr Beruhigung, als die erste,
welches berhaupt darauf beruht, da man in der Jugend denkt, in der
Welt sei Wunder was fr Glck und Genu anzutreffen, nur schwer dazu
zu gelangen; whrend man im Alter wei, da da nichts zu holen ist,
also, vollkommen darber beruhigt, eine ertrgliche Gegenwart geniet,
und sogar an Kleinigkeiten Freude hat. --

  [V] Im Alter versteht man besser die Unglcksflle zu verhten; in der
  Jugend, sie zu ertragen.

Was der gereifte Mann durch die Erfahrung seines Lebens erlangt hat
und wodurch er die Welt anders sieht als der Jngling und Knabe, ist
zunchst *Unbefangenheit*. Er allererst sieht die Dinge ganz einfach
und nimmt sie fr das, was sie sind; whrend dem Knaben und Jngling
ein Trugbild, zusammengesetzt aus selbstgeschaffenen Grillen,
berkommenen Vorurteilen und seltsamen Phantasien, die wahre Welt
bedeckte oder verzerrte. Denn das Erste, was die Erfahrung zu tun
vorfindet, ist uns von den Hirngespinsten und falschen Begriffen zu
befreien, welche sich in der Jugend angesetzt haben. Vor diesen das
jugendliche Alter zu bewahren, wre allerdings die beste Erziehung,
wenngleich nur eine negative; ist aber sehr schwer. Man mte, zu
diesem Zwecke, den Gesichtskreis des Kindes mglichst enge halten,
innerhalb desselben jedoch ihm lauter deutliche und richtige Begriffe
beibringen, und erst nachdem es alles darin Gelegene richtig erkannt
htte, denselben allmlig erweitern, stets dafr sorgend, da nichts
Dunkeles, auch nichts halb oder schief Verstandenes, zurck bliebe.
Infolge hievon wrden seine Begriffe von Dingen und menschlichen
Verhltnissen, immer noch beschrnkt und sehr einfach, dafr aber
deutlich und richtig sein, so da sie stets nur der Erweiterung, nicht
der Berichtigung bedrften; und so fort bis ins Jnglingsalter hinein.
Diese Methode erfordert insbesondere, da man keine Romane zu lesen
erlaube, sondern sie durch angemessene Biographien ersetze, wie z. B.
die *Franklins*, den Anton Reiser von Moritz u. dgl. --

Wann wir jung sind, vermeinen wir, da die in unserm Lebenslauf
wichtigen und folgenreichen Begebenheiten und Personen mit Pauken und
Trompeten auftreten werden: im Alter zeigt jedoch die retrospektive
Betrachtung, da sie alle ganz still durch die Hintertr, und fast
unbeachtet, hereingeschlichen sind.

Man kann ferner, in der bis hieher betrachteten Hinsicht, das Leben
mit einem gestickten Stoffe vergleichen, von welchem jeder in der
ersten Hlfte seiner Zeit, die rechte, in der zweiten aber die
Kehrseite zu sehen bekme: letztere ist nicht so schn, aber
lehrreicher; weil sie den Zusammenhang der Fden erkennen lt. --

Die geistige berlegenheit, sogar die grte, wird, in der
Konversation, ihr entschiedenes bergewicht erst nach dem vierzigsten
Jahre geltend machen. Denn die Reife der Jahre und die Frucht der
Erfahrung kann durch jene wohl vielfach bertroffen, jedoch nie
ersetzt werden: sie aber gibt auch dem gewhnlichsten Menschen ein
gewisses Gegengewicht gegen die Krfte des grten Geistes, solange
dieser jung ist. Ich meine hier blo das Persnliche, nicht die Werke.
--

Jeder irgend vorzgliche Mensch, jeder, der nur nicht zu den von der
Natur so traurig dotirten 5/6 der Menschheit gehrt, wird, nach dem
vierzigsten Jahre, von einem gewissen Anfluge von Misanthropie
schwerlich frei bleiben. Denn er hatte, wie es natrlich ist, von sich
auf andere geschlossen und ist allmlig enttuscht worden, hat
eingesehn, da sie entweder von der Seite des Kopfes oder des Herzens,
meistens sogar beider, ihm im Rckstand bleiben und nicht quitt mit
ihm werden; weshalb er sich mit ihnen einzulassen gern vermeidet; wie
denn berhaupt jeder nach Magabe seines inneren Wertes die
Einsamkeit, d. h. seine eigene Gesellschaft, lieben oder hassen wird.
Von dieser Art der Misanthropie handelt auch *Kant*, in der Krit. der
Urteilskraft, gegen das Ende der allgemeinen Anmerkung zum  29 des
ersten Teils.

An einem *jungen Menschen* ist es, in intellektueller und auch in
moralischer Hinsicht, ein schlechtes Zeichen, wenn er im Tun und
Treiben der Menschen sich recht frh *zurechtezufinden* wei, sogleich
darin zu Hause ist und, wie vorbereitet, in dasselbe eintritt: es
kndigt Gemeinheit an. Hingegen deutet, in solcher Beziehung, ein
befremdetes, stutziges, ungeschicktes und verkehrtes Benehmen auf eine
Natur edlerer Art.

Die Heiterkeit und der Lebensmut unserer Jugend beruht zum Teil
darauf, da wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehn; weil er am Fu
der andern Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel
berschritten, dann werden wir den Tod, welchen wir bis dahin nur vom
Hrensagen kannten, wirklich ansichtig, wodurch, da zu derselben Zeit
die Lebenskraft zu ebben beginnt, auch der Lebensmut sinkt; so da
jetzt ein trber Ernst den jugendlichen bermut verdrngt und auch dem
Gesichte sich aufdrckt. Solange wir jung sind, man mag uns sagen, was
man will, halten wir das Leben fr endlos und gehn danach mit der Zeit
um. Je lter wir werden, desto mehr konomisiren wir unsere Zeit. Denn
im sptern Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der
verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht gefhrter
Delinquent hat.

Vom Standpunkte der Jugend aus gesehn, ist das Leben eine unendlich
lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze
Vergangenheit; so da es anfangs sich uns darstellt wie die Dinge,
wann wir das Objektivglas des Opernguckers ans Auge legen, zuletzt
aber wie wann das Okular. Man mu alt geworden sein, also lange gelebt
haben, um zu erkennen, wie kurz das Leben ist. -- Je lter man wird,
desto kleiner erscheinen die menschlichen Dinge samt und sonders: das
Leben, welches in der Jugend als fest und stabil vor uns stand, zeigt
sich uns jetzt als die rasche Flucht ephemerer Erscheinungen: die
Nichtigkeit des Ganzen tritt hervor. -- Die Zeit selbst hat in unserer
Jugend einen viel langsameren Schritt; daher das erste Viertel unsers
Lebens nicht nur das glcklichste, sondern auch das lngste ist, so
da es viel mehr Erinnerungen zurcklt, und jeder, wenn es darauf
ankme, aus demselben mehr zu erzhlen wissen wrde, als aus zweien
der folgenden. Sogar werden, wie im Frhling des Jahres, so auch in
dem des Lebens, die Tage zuletzt von einer lstigen Lnge. Im Herbste
beider werden sie kurz, aber heiterer und bestndiger.

Warum nun aber erblickt man, im Alter, das Leben, welches man hinter
sich hat, so kurz? Weil man es fr so kurz hlt, wie die Erinnerung
desselben ist. Aus dieser nmlich ist alles Unbedeutende und viel
Unangenehmes herausgefallen, daher wenig brig geblieben. Denn, wie
unser Intellekt berhaupt sehr unvollkommen ist, so auch das
Gedchtnis: das Erlernte mu gebt, das Vergangene ruminirt werden,
wenn nicht beides allmlig in den Abgrund der Vergessenheit versinken
soll. Nun aber pflegen wir nicht das Unbedeutende, auch meistens nicht
das Unangenehme zu ruminiren; was doch ntig wre, um es im Gedchtnis
aufzubewahren. Des Unbedeutenden wird aber immer mehr: denn durch die
ftere und endlich zahllose Wiederkehr wird vielerlei, das anfangs uns
bedeutend erschien, allmlig unbedeutend; daher wir uns der frheren
Jahre besser als der spteren erinnern. Je lnger wir nun leben, desto
weniger Vorgnge scheinen uns wichtig, oder bedeutend genug, um
hinterher noch ruminirt zu werden, wodurch allein sie im Gedchtnis
sich fixiren knnten: sie werden also vergessen, sobald sie vorber
sind. So luft denn die Zeit immer spurloser ab. -- Nun ferner das
Unangenehme ruminiren wir nicht gern, am wenigsten aber dann, wenn es
unsere Eitelkeit verwundet, welches sogar meistens der Fall ist; weil
wenige Leiden uns ganz ohne unsere Schuld getroffen haben. Daher also
wird ebenfalls viel Unangenehmes vergessen. Beide Ausflle nun sind
es, die unsere Erinnerung so kurz machen, und verhltnismig immer
krzer, je lnger ihr Stoff wird. Wie die Gegenstnde auf dem Ufer,
von welchem man zu Schiffe sich entfernt, immer kleiner, unkenntlicher
und schwerer zu unterscheiden werden; so unsere vergangenen Jahre, mit
ihren Erlebnissen und ihrem Tun. Hiezu kommt, da bisweilen Erinnerung
und Phantasie uns eine lngst vergangene Szene unseres Lebens so
lebhaft vergegenwrtigen wie den gestrigen Tag; wodurch sie dann ganz
nahe an uns herantritt; dies entsteht dadurch, da es unmglich ist,
die lange zwischen jetzt und damals verstrichene Zeit uns ebenso zu
vergegenwrtigen, indem sie sich nicht so in einem Bilde berschauen
lt, und berdies auch die Vorgnge in derselben grtenteils
vergessen sind, und blo eine allgemeine Erkenntnis _in abstracto_ von
ihr briggeblieben ist, ein bloer Begriff, keine Anschauung. Daher
nun also erscheint das lngst Vergangene im einzelnen uns so nahe, als
wre es erst gestern gewesen, die dazwischen liegende Zeit aber
verschwindet, und das ganze Leben stellt sich als unbegreiflich kurz
dar. Sogar kann bisweilen im Alter die lange Vergangenheit, die wir
hinter uns haben, und damit unser eigenes Alter, im Augenblick uns
beinahe fabelhaft vorkommen; welches hauptschlich dadurch entsteht,
da wir zunchst noch immer dieselbe, stehende Gegenwart vor uns sehn.
Dergleichen innere Vorgnge beruhen aber zuletzt darauf, da nicht
unser Wesen an sich selbst, sondern nur die Erscheinung desselben in
der Zeit liegt, und da die Gegenwart der Berhrungspunkt zwischen
Objekt und Subjekt ist. -- Und warum nun wieder erblickt man in der
Jugend das Leben, welches man noch vor sich hat, so unabsehbar lang?
Weil man Platz haben mu fr die grenzenlosen Hoffnungen, mit denen
man es bevlkert, und zu deren Verwirklichung Methusalem zu jung
strbe; sodann, weil man zum Mastabe desselben die wenigen Jahre
nimmt, welche man schon hinter sich hat und deren Erinnerung stets
stoffreich, folglich lang ist, indem die Neuheit alles bedeutend
erscheinen lie, weshalb es hinterher noch ruminirt, also oft in der
Erinnerung wiederholt und dadurch ihr eingeprgt wurde.

Bisweilen glauben wir, uns nach einem fernen *Orte* zurckzusehnen,
whrend wir eigentlich uns nur nach der *Zeit* zurcksehnen, die wir
dort verlebt haben, da wir jnger und frischer waren. So tuscht uns
alsdann die Zeit unter der Maske des Raumes. Reisen wir hin, so werden
wir der Tuschung inne. --

Ein hohes Alter zu erreichen, gibt es, bei fehlerfreier Konstitution,
als _conditio sine qua non_, zwei Wege, die man am Brennen zweier
Lampen erlutern kann: die eine brennt lange, weil sie, bei wenigem
l, einen sehr dnnen Docht hat; die andere, weil sie, zu einem
starken Docht, auch viel l hat: das l ist die Lebenskraft, der Docht
der Verbrauch derselben auf jede Art und Weise.

Hinsichtlich der *Lebenskraft* sind wir, bis zum 36sten Jahre, denen
zu vergleichen, welche von ihren Zinsen leben: was heute ausgegeben
wird, ist morgen wieder da. Aber von jenem Zeitpunkt an ist unser
Analogon der Rentier, welcher anfngt, sein Kapital anzugreifen. Im
Anfang ist die Sache gar nicht merklich: der grte Teil der Ausgabe
stellt sich immer noch von selbst wieder her: ein geringes Defizit
dabei wird nicht beachtet. Dieses aber wchst allmlig, wird merklich,
seine Zunahme selbst nimmt mit jedem Tage zu: sie reit immer mehr
ein, jedes Heute ist rmer als das Gestern, ohne Hoffnung auf
Stillstand. So beschleunigt sich, wie der Fall der Krper, die Abnahme
immer mehr, -- bis zuletzt nichts mehr brig ist. Ein gar trauriger
Fall ist es, wenn beide hier Verglichene, Lebenskraft und Eigentum,
wirklich zusammen im Wegschmelzen begriffen sind: daher eben wchst
mit dem Alter die Liebe zum Besitze. -- Hingegen anfangs, bis zur
Volljhrigkeit und noch etwas darber hinaus, gleichen wir,
hinsichtlich der Lebenskraft, denen, welche von den Zinsen noch etwas
zum Kapitale legen: nicht nur das Ausgegebene stellt sich von selbst
wieder ein, sondern das Kapital wchst. Und wieder ist auch dieses
bisweilen, durch die Frsorge eines redlichen Vormundes, zugleich mit
dem Gelde der Fall. O glckliche Jugend! o trauriges Alter! --
Nichtsdestoweniger soll man die Jugendkrfte schonen. Aristoteles
bemerkt (_Polit. L. ult. c. 5_), da von den olympischen Siegern nur
zwei oder drei einmal als Knaben und dann wieder als Mnner gesiegt
htten; weil durch die frhe Anstrengung, welche die Vorbung
erfordert, die Krfte so erschpft werden, da sie nachmals, im
Mannesalter, fehlen. Wie dies von der Muskelkraft gilt, so noch mehr
von der Nervenkraft, deren uerung alle intellektuelle Leistungen
sind: daher werden die _ingenia praecocia_, die Wunderkinder, die
Frchte der Treibhauserziehung, welche als Knaben Erstaunen erregen,
nachmals sehr gewhnliche Kpfe. Sogar mag die frhe, erzwungene
Anstrengung zur Erlernung der alten Sprachen schuld haben an der
nachmaligen Lahmheit und Urteilslosigkeit so vieler gelehrter Kpfe.
--

Ich habe die Bemerkung gemacht, da der Charakter fast jedes Menschen
einem Lebensalter vorzugsweise angemessen zu sein scheint; so da er
in diesem sich vorteilhafter ausnimmt. Einige sind liebenswrdige
Jnglinge, und dann ist's vorbei; andere krftige, ttige Mnner,
denen das Alter allen Wert raubt; manche stellen sich am
vorteilhaftesten im Alter dar, als wo sie milder, weil erfahrener und
gelassener sind: dies ist oft bei Franzosen der Fall. Die Sache mu
darauf beruhen, da der Charakter selbst etwas Jugendliches,
Mnnliches oder ltliches an sich hat, womit das jedesmalige
Lebensalter bereinstimmt, oder als Korrektiv entgegenwirkt.

Wie man, auf einem Schiffe befindlich, sein Vorwrtskommen nur am
Zurckweichen und demnach Kleinerwerden der Gegenstnde auf dem Ufer
bemerkt; so wird man sein Alt- und lterwerden daran inne, da Leute
von immer hhern Jahren einem jung vorkommen.

Schon oben ist errtert worden, wie und warum alles, was man sieht,
tut und erlebt, je lter man wird, desto wenigere Spuren im Geiste
zurcklt. In diesem Sinne liee sich behaupten, da man allein in
der Jugend mit vollem Bewutsein lebte; im Alter nur noch mit halbem.
Je lter man wird, mit desto wenigerem Bewutsein lebt man: die Dinge
eilen vorber, ohne Eindruck zu machen; wie das Kunstwerk, welches man
tausendmal gesehn hat, keinen macht: man tut, was man zu tun hat, und
wei hinterher nicht, ob man es getan. Indem nun also das Leben immer
unbewuter wird, je mehr es der gnzlichen Bewutlosigkeit zueilt, so
wird eben dadurch der Lauf der Zeit auch immer schleuniger. In der
Kindheit bringt die Neuheit aller Gegenstnde und Begebenheiten
jegliches zum Bewutsein: daher ist der Tag unabsehbar lang. Dasselbe
widerfhrt uns auf Reisen, wo deshalb *ein* Monat lnger erscheint,
als vier zu Hause. Diese Neuheit der Dinge verhindert jedoch nicht,
da die, in beiden Fllen, lnger scheinende Zeit uns auch in beiden
oft wirklich lang wird, mehr als im Alter, oder mehr als zu Hause.
Allmlig aber wird, durch die lange Gewohnheit derselben
Wahrnehmungen, der Intellekt so abgeschliffen, da immer mehr alles
wirkungslos darber hingleitet; wodurch dann die Tage immer
unbedeutender und dadurch krzer werden: die Stunden des Knaben sind
lnger als die Tage des Alten. Demnach hat die Zeit unsers Lebens eine
beschleunigte Bewegung, wie die einer herabrollenden Kugel; und wie
auf einer sich drehenden Scheibe jeder Punkt um so schneller luft,
als er weiter vom Zentro abliegt; so verfliet jedem, nach Magabe
seiner Entfernung vom Lebensanfange, die Zeit schneller und immer
schneller. Man kann demzufolge annehmen, da, in der unmittelbaren
Schtzung unsers Gemtes, die Lnge eines Jahres im umgekehrten
Verhltnisse des Quotienten desselben in unser Alter steht: wenn z. B.
das Jahr 1/5 unsers Alters betrgt, erscheint es uns zehnmal so lang,
als wenn es nur 1/50 desselben ausmacht. Diese Verschiedenheit in der
Geschwindigkeit der Zeit hat auf die ganze Art unsers Daseins in jedem
Lebensalter den entschiedensten Einflu. Zunchst bewirkt sie, da das
Kindesalter, wenn auch nur etwan 15 Jahre umfassend, doch die lngste
Zeit des Lebens, und daher die reichste an Erinnerungen ist; sodann
da wir durchweg der Langenweile im umgekehrten Verhltnis unsers
Alters unterworfen sind: Kinder bedrfen stndig des Zeitvertreibs,
sei er Spiel oder Arbeit; stockt er, so ergreift sie augenblicklich
entsetzliche Langeweile. Auch Jnglinge sind ihr noch sehr unterworfen
und sehn mit Besorgnis auf unausgefllte Stunden. Im mnnlichen Alter
schwindet die Langeweile mehr und mehr: Greisen wird die Zeit stets zu
kurz und die Tage fliegen pfeilschnell vorber. Versteht sich, da ich
von Menschen, nicht von altgewordenem Vieh rede. Durch diese
Beschleunigung des Laufes der Zeit fllt also in sptern Jahren
meistens die Langeweile weg, und da andrerseits auch die
Leidenschaften, mit ihrer Qual, verstummen; so ist, wenn nur die
Gesundheit sich erhalten hat, im Ganzen genommen, die Last des Lebens
wirklich geringer als in der Jugend: daher nennt man den Zeitraum,
welcher dem Eintritt der Schwche und der Beschwerden des hhern
Alters vorhergeht, die besten Jahre. In Hinsicht auf unser
Wohlbehagen mgen sie es wirklich sein: hingegen bleibt den
Jugendjahren, als wo alles Eindruck macht und jedes lebhaft ins
Bewutsein tritt, der Vorzug, die befruchtende Zeit fr den Geist, der
bltenansetzende Frhling desselben zu sein. Tiefe Wahrheiten nmlich
lassen sich nur erschauen, nicht errechnen, d. h. ihre erste
Erkenntnis ist eine unmittelbare und wird durch den momentanen
Eindruck hervorgerufen: sie kann folglich nur eintreten, so lange
dieser stark, lebhaft und tief ist. Demnach hngt, in dieser Hinsicht,
alles von der Benutzung der Jugendjahre ab. In den spteren knnen wir
mehr auf andere, ja, auf die Welt einwirken: weil wir selbst vollendet
und abgeschlossen sind und nicht mehr dem Eindruck angehren: aber die
Welt wirkt weniger auf uns. Diese Jahre sind daher die Zeit des Tuns
und Leistens; jene aber die des ursprnglichen Auffassens und
Erkennens.

In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das Denken vor: daher
ist jene die Zeit fr Poesie; dieses mehr fr Philosophie. Auch
praktisch lt man sich in der Jugend durch das Angeschaute und dessen
Eindruck, im Alter nur durch das Denken bestimmen. Zum Teil beruht
dies darauf, da erst im Alter anschauliche Flle in hinlnglicher
Anzahl dagewesen und den Begriffen subsumirt worden sind, um diesen
volle Bedeutung, Gehalt und Kredit zu verschaffen und zugleich den
Eindruck der Anschauung, durch die Gewohnheit, zu migen. Hingegen
ist in der Jugend, besonders auf lebhafte und phantasiereiche Kpfe,
der Eindruck des Anschaulichen, mithin auch der Auenseite der Dinge,
so berwiegend, da sie die Welt ansehn als ein Bild; daher ihnen
hauptschlich angelegen ist, wie sie darauf figuriren und sich
ausnehmen, -- mehr, als wie ihnen innerlich dabei zumute sei. Dies
zeigt sich schon in der persnlichen Eitelkeit und Putzsucht der
Jnglinge.

Die grte Energie und hchste Spannung der Geisteskrfte findet, ohne
Zweifel, in der Jugend statt, sptestens bis ins 35ste Jahr: von dem
an nimmt sie, wiewohl sehr langsam, ab. Jedoch sind die spteren
Jahre, selbst das Alter, nicht ohne geistige Kompensation dafr.
Erfahrung und Gelehrsamkeit sind erst jetzt eigentlich reich geworden:
man hat Zeit und Gelegenheit gehabt, die Dinge von allen Seiten zu
betrachten und zu bedenken, hat jedes mit jedem zusammengehalten und
ihre Berhrungspunkte und Verbindungsglieder herausgefunden; wodurch
man sie allererst jetzt so recht im Zusammenhange versteht. Alles hat
sich abgeklrt. Deshalb wei man selbst das, was man schon in der
Jugend wute, jetzt viel grndlicher; da man zu jedem Begriffe viel
mehr Belege hat. Was man in der Jugend zu wissen glaubte, das wei man
im Alter wirklich, berdies wei man auch wirklich viel mehr und hat
eine nach allen Seiten durchdachte und dadurch ganz eigentlich
zusammenhngende Erkenntnis; whrend in der Jugend unser Wissen stets
lckenhaft und fragmentarisch ist. Nur *wer alt wird*, erhlt eine
vollstndige und angemessene Vorstellung vom Leben, indem er es in
seiner Ganzheit und seinem natrlichen Verlauf, besonders aber nicht
blo, wie die brigen, von der Eingangs-, sondern auch von der
Ausgangsseite bersieht, wodurch er dann besonders die Nichtigkeit
desselben vollkommen erkennt; whrend die brigen stets noch in dem
Wahne befangen sind, das Rechte werde noch erst kommen. Dagegen ist in
der Jugend mehr Konzeption; daher man alsdann aus dem Wenigen, was man
kennt, mehr zu machen imstande ist: aber im Alter ist mehr Urteil,
Penetration und Grndlichkeit. Den Stoff seiner selbsteigenen
Erkenntnisse, seiner originalen Grundansichten, also das, was ein
bevorzugter Geist der Welt zu schenken bestimmt ist, sammelt er schon
in der Jugend ein: aber seines Stoffes Meister wird er erst in spten
Jahren. Demgem wird man meistenteils finden, da die groen
Schriftsteller ihre Meisterwerke um das fnfzigste Jahr herum
geliefert haben. Dennoch bleibt die Jugend die Wurzel des Baumes der
Erkenntnis; wenngleich erst die Krone die Frchte trgt. Wie aber
jedes Zeitalter, auch das erbrmlichste, sich fr viel weiser hlt als
das ihm zunchst vorhergegangene, nebst frheren; ebenso jedes
Lebensalter des Menschen: doch irren beide sich oft. In den Jahren des
leiblichen Wachstums, wo wir auch an Geisteskrften und Erkenntnissen
tglich zunehmen, gewhnt sich das Heute mit Geringschtzung auf das
Gestern herabzusehn. Diese Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch
dann, wenn das Sinken der Geisteskrfte eingetreten ist und das Heute
vielmehr mit Verehrung auf das Gestern blicken sollte; daher wir dann
sowohl die Leistungen wie die Urteile unsrer jungen Jahre oft zu
gering anschlagen.

berhaupt ist hier zu bemerken, da, ob zwar, wie der Charakter oder
das Herz des Menschen, so auch der Intellekt, der Kopf, seinen
Grundeigenschaften nach, angeboren ist, dennoch dieser keineswegs so
unvernderlich bleibt wie jener, sondern gar manchen Umwandelungen
unterworfen ist, die sogar, im ganzen, regelmig eintreten; weil sie
teils darauf beruhen, da er eine physische Grundlage, teils darauf,
da er einen empirischen Stoff hat. So hat seine eigene Kraft ihr
allmliges Wachstum, bis zur Akme, und dann ihre allmlige Dekadenz,
bis zur Imbezillitt. Dabei nun aber ist andrerseits der Stoff, der
alle diese Krfte beschftigt und in Ttigkeit erhlt, also der Inhalt
des Denkens und Wissens, die Erfahrung, die Kenntnisse, die bung und
dadurch die Vollkommenheit der Einsicht, eine stets wachsende Gre,
bis etwan zum Eintritt entschiedener Schwche, die alles fallen lt.
Dies Bestehn des Menschen aus einem schlechthin Unvernderlichen und
einem regelmig, auf zweifache und entgegengesetzte Weise,
Vernderlichen erklrt die Verschiedenheit seiner Erscheinung und
Geltung in verschiedenen Lebensaltern.

Im weitern Sinne kann man auch sagen: die ersten vierzig Jahre unsers
Lebens liefern den Text, die folgenden dreiig den Kommentar dazu, der
uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und
allen Feinheiten desselben, erst recht verstehn lehrt.

Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen das Ende eines
Maskenballs, wenn die Larven abgenommen werden. Man sieht jetzt, wer
diejenigen, mit denen man, whrend seines Lebenslaufes in Berhrung
gekommen war, eigentlich gewesen sind. Denn die Charaktere haben sich
an den Tag gelegt, die Taten haben ihre Frchte getragen, die
Leistungen ihre gerechte Wrdigung erhalten und alle Trugbilder sind
zerfallen. Zu diesem allen nmlich war Zeit erfordert. -- Das
Seltsamste aber ist, da man sogar sich selbst, sein eigenes Ziel und
Zwecke, erst gegen das Ende des Lebens eigentlich erkennt und
versteht, zumal in seinem Verhltnis zur Welt, zu den andern. Zwar
oft, aber nicht immer, wird man dabei sich eine niedrigere Stelle
anzuweisen haben, als man frher vermeint hatte; sondern bisweilen
auch eine hhere, welches dann daher kommt, da man von der
Niedrigkeit der Welt keine ausreichende Vorstellung gehabt hatte und
demnach sein Ziel hher steckte als sie. Man erfhrt beilufig, was an
einem ist. --

Man pflegt die Jugend die glcklichste Zeit des Lebens zu nennen, und
das Alter die traurige. Das wre wahr, wenn die Leidenschaften
glcklich machten. Von diesen wird die Jugend hin- und hergerissen,
mit wenig Freude und vieler Pein. Dem khlen Alter lassen sie Ruhe,
und alsbald erhlt es einen kontemplativen Anstrich: denn die
Erkenntnis wird frei und erhlt die Oberhand. Weil nun diese, an sich
selbst, schmerzlos ist, so wird das Bewutsein, je mehr sie darin
vorherrscht, desto glcklicher. Man braucht nur zu erwgen, da aller
Genu negativer, der Schmerz positiver Natur ist, um zu begreifen, da
die Leidenschaften nicht beglcken knnen und da das Alter deshalb,
da manche Gensse ihm versagt sind, nicht zu beklagen ist. Denn jeder
Genu ist immer nur die Stillung eines Bedrfnisses: da nun mit
diesem auch jener wegfllt, ist so wenig beklagenswert, wie da einer
nach Tische nicht mehr essen kann und nach ausgeschlafener Nacht wach
bleiben mu. Viel richtiger schtzt Plato (im Eingang zur Republik)
das Greisenalter glcklich, sofern es den bis dahin uns unablssig
beunruhigenden Geschlechtstrieb endlich los ist. Sogar liee sich
behaupten, da die mannigfaltigen und endlosen Grillen, welche der
Geschlechtstrieb erzeugt, und die aus ihnen entstehenden Affekte einen
bestndigen, gelinden Wahnsinn im Menschen unterhalten, solange er
unter dem Einflu jenes Triebes oder jenes Teufels, von dem er stets
besessen ist, steht; so da er erst nach Erlschen desselben ganz
vernnftig wrde. Gewi aber ist, da, im allgemeinen und abgesehn von
allen individuellen Umstnden und Zustnden, der Jugend eine gewisse
Melancholie und Traurigkeit, dem Alter eine gewisse Heiterkeit eigen
ist: und der Grund hievon ist kein anderer, als da die Jugend noch
unter der Herrschaft, ja dem Frondienst jenes Dmons steht, der ihr
nicht leicht eine freie Stunde gnnt und zugleich der unmittelbare
oder mittelbare Urheber fast alles und jedes Unheils ist, das den
Menschen trifft oder bedroht: das Alter aber hat die Heiterkeit
dessen, der eine lange getragene Fessel los ist und sich nun frei
bewegt. -- Andrerseits jedoch liee sich sagen, da nach erloschenem
Geschlechtstrieb der eigentliche Kern des Lebens verzehrt und nur noch
die Schale desselben vorhanden sei, ja, da es einer Komdie gliche,
die von Menschen angefangen, nachher von Automaten, in deren Kleidern,
zu Ende gespielt werde.

Wie dem auch sei, die Jugend ist die Zeit der Unruhe; das Alter die
der Ruhe: schon hieraus liee sich auf ihr beiderseitiges Wohlbehagen
schlieen. Das Kind streckt seine Hnde begehrlich aus, ins Weite,
nach allem, was es da so bunt und vielgestaltet vor sich sieht: denn
es wird dadurch gereizt; weil sein Sensorium noch so frisch und jung
ist. Dasselbe tritt, mit grerer Energie, beim Jngling ein. Auch er
wird gereizt von der bunten Welt und ihren vielfltigen Gestalten:
sofort macht seine Phantasie mehr daraus, als die Welt je verleihen
kann. Daher ist er voll Begehrlichkeit und Sehnsucht ins Unbestimmte:
diese nehmen ihm die Ruhe, ohne welche kein Glck ist. Im Alter
hingegen hat sich das alles gelegt; teils weil das Blut khler und die
Reizbarkeit des Sensoriums minder geworden ist; teils weil Erfahrung
ber den Wert der Dinge und den Gehalt der Gensse aufgeklrt hat,
wodurch man die Illusionen, Chimren und Vorurteile, welche frher die
freie und reine Ansicht der Dinge verdeckten und entstellten, allmlig
losgeworden ist; so da man jetzt alles richtiger und klarer erkennt
und es nimmt fr das, was es ist, auch, mehr oder weniger, zur
Einsicht in die Nichtigkeit aller irdischen Dinge gekommen ist. Dies
eben ist es, was fast jedem Alten, selbst dem von sehr gewhnlichen
Fhigkeiten, einen gewissen Anstrich von Weisheit gibt, der ihn vor
den Jngern auszeichnet. Hauptschlich aber ist durch dies alles
Geistesruhe herbeigefhrt worden: diese aber ist ein groer
Bestandteil des Glckes, eigentlich sogar die Bedingung und das
Wesentliche desselben. Whrend demnach der Jngling meint, da wunder
was in der Welt zu holen sei, wenn er nur erfahren knnte, wo; ist der
Alte vom Kohelethischen es ist alles eitel durchdrungen und wei,
da alle Nsse hohl sind, wie sehr sie auch vergoldet sein mgen.

Erst im sptern Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das
horazische _nil admirari_, d. h. die unmittelbare, aufrichtige und
feste berzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller
Herrlichkeiten der Welt: die Chimren sind verschwunden. Er whnt
nicht mehr, da irgendwo, sei es im Palast oder der Htte, eine
besondere Glckseligkeit wohne, eine grere als im wesentlichen auch
er berall geniet, wenn er von leiblichen oder geistigen Schmerzen
eben frei ist. Das Groe und das Kleine, das Vornehme und Geringe,
nach dem Mastab der Welt, sind fr nicht mehr unterschieden. Dies
gibt dem Alten eine besondere Gemtsruhe, in welcher er lchelnd auf
die Gaukeleien der Welt herabsieht. Er ist vollkommen enttuscht und
wei, da das menschliche Leben, was man auch tun mag es
herauszuputzen und zu behngen, doch bald durch allen solchen
Jahrmarktsflitter, in seiner Drftigkeit durchscheint und, wie man es
auch frbe und schmcke, doch berall im wesentlichen dasselbe ist,
ein Dasein, dessen wahrer Wert jedesmal nur nach der Abwesenheit der
Schmerzen, nicht nach der Anwesenheit der Gensse, noch weniger des
Prunkes zu schtzen ist. (_Hor. epist. L. I, 12, v. 1-4._) Der
Grundcharakterzug des hhern Alters ist das Enttuschtsein: die
Illusionen sind verschwunden, welche bis dahin dem Leben seinen Reiz
und der Ttigkeit ihren Sporn verliehen; man hat das Nichtige und
Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und
Hoheitsscheins erkannt; man hat erfahren, da hinter den meisten
gewnschten Dingen und ersehnten Genssen gar wenig steckt, und ist so
allmlig zu der Einsicht in die groe Armut und Leere unsers ganzen
Daseins gelangt. Erst im 70. Jahre versteht man ganz den ersten Vers
des Koheleth. Dies ist es aber auch, was dem Alter einen gewissen
grmlichen Anstrich gibt. --

Gewhnlich meint man, das Los der Alten sei Krankheit und Langeweile.
Erstere ist dem Alter gar nicht wesentlich, zumal nicht, wenn dasselbe
hoch gebracht werden soll: denn _crescente vita, crescit sanitas et
morbus_. Und was die Langeweile betrifft, so habe ich oben gezeigt,
warum das Alter ihr sogar weniger, als die Jugend, ausgesetzt ist:
auch ist dieselbe durchaus keine notwendige Begleiterin der
Einsamkeit, welcher, aus leicht abzusehenden Ursachen, das Alter uns
allerdings entgegenfhrt; sondern sie ist es nur fr diejenigen,
welche keine anderen, als sinnliche und gesellschaftliche Gensse
gekannt, ihren Geist unbereichert und ihre Krfte unentwickelt
gelassen haben. Zwar nehmen, im hhern Alter, auch die Geisteskrfte
ab: aber wo viel war, wird zur Bekmpfung der Langenweile immer noch
genug brig bleiben. Sodann nimmt, wie oben gezeigt worden, durch
Erfahrung, Kenntnis, bung und Nachdenken, die richtige Einsicht immer
noch zu, das Urteil schrft sich und der Zusammenhang wird klar; man
gewinnt in allen Dingen mehr und mehr eine zusammenfassende bersicht
des Ganzen: so hat dann, durch immer neue Kombinationen der
aufgehuften Erkenntnisse und gelegentliche Bereicherung derselben,
die eigene innerste Selbstbildung in allen Stcken noch immer ihren
Fortgang, beschftigt, befriedigt und belohnt den Geist. Durch dieses
alles wird die erwhnte Abnahme in gewissem Grade kompensirt. Zudem
luft, wie gesagt, im Alter die Zeit viel schneller; was der
Langenweile entgegenwirkt. Die Abnahme der Krperkrfte schadet wenig,
wenn man ihrer nicht zum Erwerbe bedarf. Armut im Alter ist ein groes
Unglck. Ist diese gebannt und die Gesundheit geblieben; so kann das
Alter ein sehr ertrglicher Teil des Lebens sein. Bequemlichkeit und
Sicherheit sind seine Hauptbedrfnisse: daher liebt man im Alter, noch
mehr als frher, das Geld; weil es den Ersatz fr die fehlenden Krfte
gibt. Von der Venus entlassen, wird man gern eine Aufheiterung beim
Bacchus suchen. An die Stelle des Bedrfnisses zu sehn, zu reisen und
zu lernen ist das Bedrfnis zu lehren und zu sprechen getreten. Ein
Glck aber ist es, wenn dem Greise noch die Liebe zu seinem Studium,
auch zur Musik, zum Schauspiele und berhaupt eine gewisse
Empfnglichkeit fr das uere geblieben ist; wie diese allerdings bei
einigen bis ins spteste Alter fortdauert. Was einer an sich hat,
kommt ihm nie mehr zugute als im Alter. Die meisten freilich, als
welche stets stumpf waren, werden im hhern Alter mehr und mehr zu
Automaten: sie denken, sagen und tun immer dasselbe, und kein uerer
Eindruck vermag etwas daran zu ndern oder etwas Neues aus ihnen
hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu
schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf. Ein
Greisentum dieser Art ist denn freilich nur das _caput mortuum_ des
Lebens. -- Den Eintritt der zweiten Kindheit im hohen Alter scheint
die Natur durch das, in seltenen Fllen, alsdann sich einstellende
dritte Zahnen symbolisiren zu wollen.

Das Schwinden aller Krfte im zunehmenden Alter, und immer mehr und
mehr, ist allerdings sehr traurig, doch ist es notwendig, ja
wohlttig, weil sonst der Tod zu schwer werden wrde, dem es
vorarbeitet. Daher ist der grte Gewinn, den das Erreichen eines sehr
hohen Alters bringt, die Euthanasie, das beraus leichte, durch keine
Krankheit eingeleitete, von keiner Zuckung begleitete und gar nicht
gefhlte Sterben; von welchem man im zweiten Bande meines Hauptwerkes,
Kap. 41, S. 470 (3. Aufl. 534), eine Schilderung findet. --

Im Upanischad des Veda (_Vol. II, p. 53_) wird *die natrliche
Lebensdauer* auf 100 Jahre angegeben. Ich glaube, mit Recht; weil ich
bemerkt habe, da nur die, welche das 90ste Jahr berschritten haben,
der *Euthanasie* teilhaftig werden, d. h. ohne alle Krankheit, auch
ohne Apoplexie, ohne Zuckung, ohne Rcheln, ja bisweilen ohne zu
erblassen, meistens sitzend, und zwar nach dem Essen, sterben, oder
vielmehr gar nicht sterben, sondern nur zu leben aufhren. In jedem
frheren Alter stirbt man blo an Krankheiten, also vorzeitig[W]. --

  [W] [Variante:] Im A. T. wird (Psalm 90, 10) die menschliche
  Lebensdauer auf 70 und, wenn es hoch kommt, 80 Jahre gesetzt, und, was
  mehr auf sich hat, *Herodot* (_I, 32_ und _III, 22_) sagt dasselbe. Es
  ist aber doch falsch und ist blo das Resultat einer rohen und
  oberflchlichen Auffassung der tglichen Erfahrung. Denn wenn die
  natrliche Lebensdauer 70-80 Jahre wre, so mten die Leute zwischen
  70 und 80 Jahren *vor Alter* sterben. Dies aber ist gar nicht der
  Fall: sie sterben, wie die jngeren, an *Krankheiten*; die Krankheit
  aber ist wesentlich eine Abnormitt: also ist dies nicht das
  natrliche Ende. Erst zwischen 90 und 100 Jahren sterben die Menschen,
  dann aber in der Regel *vor Alter*, ohne Krankheit, ohne Todeskampf,
  ohne Rcheln, ohne Zuckung, bisweilen ohne zu erblassen, welches die
  *Euthanasie* heit. Daher hat auch hier der *Upanischad* recht,
  welcher die natrliche Lebensdauer auf 100 Jahre setzt.

Das menschliche Leben ist eigentlich weder lang noch kurz zu
nennen[X]; weil es im Grunde das Ma ist, wonach wir alle andern
Zeitlngen abschtzen. --

  [X] Denn, wenn man auch noch so lange lebt, hat man doch nie mehr
  inne, als die unteilbare Gegenwart: die Erinnerung aber verliert
  tglich mehr durch die Vergessenheit, als sie durch den Zuwachs
  gewinnt.

Der Grundunterschied zwischen Jugend und Alter bleibt immer, da jene
das Leben im Prospekt hat, dieses den Tod; da also jene eine kurze
Vergangenheit und lange Zukunft besitzt; dieses umgekehrt. Allerdings
hat man, wenn man alt ist, nur noch den Tod vor sich; aber wenn man
jung ist, hat man das Leben vor sich; und es fragt sich, welches von
beiden bedenklicher sei, und ob nicht, im ganzen genommen, das Leben
eine Sache sei, die es besser ist hinter sich, als vor sich zu haben;
sagt doch schon Koheleth (7, 2): der Tag des Todes ist besser denn
der Tag der Geburt. Ein sehr langes Leben zu begehren, ist jedenfalls
ein verwegener Wunsch. Denn _quien larga vida vive mucho mal vive_
sagt das spanische Sprichwort. --

Zwar ist nicht, wie die Astrologie es wollte, der Lebenslauf der
einzelnen in den Planeten vorgezeichnet; wohl aber der Lebenslauf des
Menschen berhaupt, sofern jedem Alter desselben ein Planet, der
Reihenfolge nach, entspricht, und sein Leben demnach sukzessive von
allen Planeten beherrscht wird. -- Im zehnten Lebensjahre regiert
*Merkur*. Wie dieser bewegt der Mensch sich schnell und leicht, im
engsten Kreise: er ist durch Kleinigkeiten umzustimmen, aber er lernt
viel und leicht, unter der Herrschaft des Gottes der Schlauheit und
Beredsamkeit. -- Mit dem zwanzigsten Jahre tritt die Herrschaft der
*Venus* ein: Liebe und Weiber haben ihn ganz im Besitze. Im
dreiigsten Lebensjahre herrscht *Mars*: der Mensch ist jetzt stark,
heftig, khn, kriegerisch und trotzig. -- Im vierzigsten regieren die
4 *Planetoiden*: sein Leben geht demnach in die Breite: er ist
_frugi_, d. h. frhnt dem Ntzlichen, kraft der *Ceres*: er hat seinen
eigenen Herd, kraft der *Vesta*: er hat gelernt, was er zu wissen
braucht, kraft der *Pallas*: und als *Juno* regiert die Herrin des
Hauses, seine Gattin[Y]. -- Im fnfzigsten Jahre aber herrscht
*Jupiter*. Schon hat der Mensch die meisten berlebt, und dem jetzigen
Geschlechte fhlt er sich berlegen. Noch im vollen Genu seiner
Kraft, ist er reich an Erfahrung und Kenntnis: er hat (nach Magabe
seiner Individualitt und Lage) Autoritt ber alle, die ihn umgeben.
Er will demnach sich nicht mehr befehlen lassen, sondern selbst
befehlen. Zum Lenker und Herrscher, in seiner Sphre ist er jetzt am
geeignetsten. So kulminirt Jupiter und mit ihm der Fnfzigjhrige. --
Dann aber folgt im sechzigsten Jahre *Saturn* und mit ihm die Schwere,
Langsamkeit und Zhigkeit des *Bleies*:

    _But old folks, many feign as they were dead;
    Unwieldy, slow, heavy and pale as lead[Z],_

    _Rom.et.Jul. A.2 sc.5._

  [Y] Die zirka 60 seitdem noch hinzu entdeckten Planetoiden sind eine
  Neuerung, von der ich nichts wissen will. Ich mache es daher mit
  ihnen, wie mit mir die Philosophieprofessoren: ich ignorire sie, weil
  sie nicht in meinen Kram passen.

  [Z]
  Viel Alte scheinen schon den Toten gleich:
  Wie Blei, schwer, zhe, ungelenk und bleich.

Zuletzt kommt *Uranus*: da geht man, wie es heit, in den Himmel. Den
*Neptun* (so hat ihn leider die Gedankenlosigkeit getauft) kann ich
hier nicht in Rechnung ziehn; weil ich ihn nicht bei seinem wahren
Namen nennen darf, der *Eros* ist. Sonst wollte ich zeigen, wie sich
an das Ende der Anfang knpft, wie nmlich der Eros mit dem Tode in
einem geheimen Zusammenhange steht, vermge dessen der Orkus oder
Amenthes der gypter (nach Plutarch _de Iside et Os. c. 29_), der
=lambann kai didous=, also nicht nur der Nehmende, sondern auch der
Gebende, und der Tod das groe _rservoir_ des Lebens ist. Daher also,
daher, aus dem Orkus, kommt alles, und dort ist schon jedes gewesen,
das jetzt Leben hat: -- wren wir nur fhig, den Taschenspielerstreich
zu begreifen, vermge dessen das geschieht; dann wre alles klar.

          Ende.




Anmerkungen zur Transkription:

Bei der Transkription erfolgte Korrekturen:

- Im Kontext "gewissermaen auf einer Akkommodation": statt
"Akkommodation" stand "Akkomodation".

- Im Kontext "pantes hosoi perittoi gegonasin andres,  kata
philosophian,  politikn,  poisin  technas, phainontai
melancholikoi ontes": statt "ontes" stand "sntes".

- Im Kontext "=Dokei de h eudaimonia en t schol einai=": statt
"schol" stand "ochol"

- Im Kontext "verbreiteter oder vielmehr angeborener Manie": statt
"Manie" stand "Mannie".

- Im Kontext "Daher wird man z. B. unter fnfzig Englndern": statt
"fnfzig" stand "funfzig".

- Im Kontext "der Mylitta zu Babylon": statt "Babylon" stand "Babylan".

- Im Kontext "Shakespeare, im Othello und im Wintermrchen": statt
"Shakespeare" stand "Shakesspeare".

- Im Kontext "welche blo ein _opus supererogationis_ ist": statt
"supererogationis" stand "supererogations".

- Im Kontext "Alle jene Vorgaben halten also nicht Stich.": statt
"Vorgaben" stand "Vorgeben".

- Im Kontext "der geringe Erfolg ihres Bestrebens": statt "ihres" stand
"ihrer".

- Im Satz "Zum Wege der *Taten* befhigt vorzglich das groe Herz; zu
dem der *Werke* der groe Kopf." wurde "Werke" in gleicher Weise
hervorgehoben wie "Taten".

- Im Kontext "sondern da er es sei, macht ihn beneidenswert": statt
"beneidenswert" stand "beneidensweit".

- Im Kontext "sind die Data jedem zugnglich, so wird ihre Kombination
es meistens auch sein": statt "meistens" stand "meistes".

- Im Kontext "1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit": aus
Grnden der Konsistenz "1)" gendert zu "1.".

- Im Kontext "wir denken hufig an sie und wenig an alle jene andern
wichtigeren Dinge, die nach unserem Sinne gehn.": statt "unserem" stand
"unseren".

- Im Kontext "da seine Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher
gar nicht direkt empfunden wird" und "im Unglck spren wir sie gar
nicht": statt "gar nicht" (wie anderswo im Buch verwendet) stand
"garnicht".

- Im Kontext "Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die Abwesenheit
der Langenweile": statt "noch" stand "nach".

- Im Kontext "Man kann in diesem Sinne auch sagen,": statt "Man" stand
"Mann".

- Im Kontext "Hat hingegen der Widerwille gegen dieses alles gesiegt":
statt "hingegen" stand "hingegegen".

- Im Kontext "Wer inzwischen Gesellschaft liebt, kann sich aus diesem
Gleichnis die Regel abstrahiren, da was den Personen seines Umgangs
an Qualitt abgeht, durch die Quantitt einigermaen ersetzt werden
mu.": zwei Kommata ergnzt, und statt "Quantitt" stand "Quantit".

- Im Kontext "Furcht vor der *Einsamkeit*": statt "Furcht" stand
"Frucht".

- Im Kontext "daher viele Reiche sich unglcklich fhlen," Semikolon
ersetzt durch Komma.

- Im Kontext "in den sechziger Jahren ist der Trieb zur Einsamkeit":
statt "sechziger" stand "sechsziger".

- Im Kontext "so da man damit zum =heautontimroumenos= wird": statt
"heautontimroumenos" stand "heautontimoroumenos".

- Im Kontext "indem er sich die groe Wahrheit verdeutlicht, da
alles, was geschieht, notwendig eintritt,": statt "da" stand "das".

- Im Kontext "in der Linken die Tabaksdose, in der Rechten eine Priese
haltend": statt "Rechten" stand "rechten".

- Im Kontext "Denn da die Menschen in der Regel ohne eigenes Urteil
sind und zumal hohe und schwierige Leistungen abzuschtzen durchaus
keine Fhigkeit haben; so folgen sie hier stets fremder Autoritt,":
statt "Autoritt" (wie anderswo im Buch verwendet) stand "Auktoritt".

- Im Kontext "eine falsche, konventionelle, auf willkrlichen
Satzungen beruhende und traditionell unter den hheren Stnden sich
fortpflanzende, auch, wie die Parole, vernderliche berlegenheit":
statt "eine" stand "ein".

- Im Kontext "Sind nicht fast alle Kriege im Grunde Raubzge?" war der
Satzanfang klein geschrieben.

- Im Kontext "fr den ganzen Menschen,": statt "ganzen" stand "ganen".

- Im Kontext "bei groer Homogeneitt": statt "Homogeneitt" stand
"Homogeniett".

- Im Kontext "in der Literatur geschrieben": statt "Literatur" stand
"Literartur".

- Im Kontext "auer allem Kontakt": statt "Kontakt" stand "Konkakt".

- Im Kontext "trocknen, im Laufe der Jahre, allmhlich zu abstrakten
Begriffen aus": statt "aus" stand "auf".

- Im Kontext "eine blo vernnftige, ja traditionelle": statt
"vernnftige" stand "vennftige".

- Im Kontext "sie wird geflohen und gehat": statt "gehat" stand
"geha".

- Im Kontext "In diesem Sinne liee sich behaupten, da man allein in
der Jugend mit vollem Bewutsein lebte": statt "Bewutsein" stand
"Bewustein".

- Im Kontext "an Geisteskrften und Erkenntnissen tglich zunehmen,":
statt "zunehmen" stand "znuehmen".

- Im Kontext "Diese Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch dann, wenn
das Sinken der Geisteskrfte eingetreten ist": statt "das" stand "des".

- Im Kontext "der Jngling meint, da wunder was in der Welt zu holen
sei": statt "da" stand "das".

- Im Kontext "Amenthes der gypter": statt "gypter" stand "gipter".

- Im Kontext "si scampa cos": statt "cos" stand "cosi".

- Im Kontext "non  s tristo cane, che non meni la coda": statt "s"
stand "si".








End of the Project Gutenberg EBook of Aphorismen zur Lebensweiheit, by
Arthur Schopenhauer

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Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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