The Project Gutenberg EBook of Mein erster Ausflug, by 
Ferdinand Maximilian von sterreich

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Title: Mein erster Ausflug
       Wanderungen in Griechenland

Author: Ferdinand Maximilian von sterreich

Release Date: November 21, 2014 [EBook #47412]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Mein erster Ausflug.


  Alle Rechte vorbehalten.

  _Die Verlagshandlung._


  [Illustration]

  =Verlag von Duncker & Humblot in Leipzig.=




  Mein erster Ausflug.

  Wanderungen in Griechenland
  von
  Maximilian =I.=
  Ferdinand Maximilian
  Erzherzog von Oesterreich.

  Mit einem Portrait des Verfassers in Stahlstich,
  nach einem Miniatur-Gemlde von _Raab_.

  Leipzig,
  _Duncker & Humblot_.
  1868.




Inhalt.


                                                 Seite

  Vorwort                                        =VII=

  Triest                                             1

  Der erste Tag auf griechischer Erde               10

  Eine Landreise durch Griechenland                 23

  Athen                                             77

  Ein Besuch in der Moschee von Smyrna             147

  Ein Besuch auf dem Sklavenmarkte von Smyrna      159

  Der Bazar von Smyrna                             164

  Ein trkisches Bad                               173

  Ein Morgen beim Pascha von Smyrna                181

  Ein Ausflug nach Burnab                         205

  Beim Anblick von Corfu                           216

  Zwei Tage in den Bocche di Cattaro               221

  Ragusa                                           234

  Der vierte October auf offener See               251




Die gegenwrtigen Bltter, welche eigentlich den Reigen der unter dem Titel
Aus meinem Leben verffentlichten Reisetagebcher des verewigten Kaisers
Maximilian htten erffnen sollen, erscheinen durch eine eigene Verkettung
der Umstnde an deren Schlu und unter einem selbststndigen Titel. Jene
jngst publicirten Bnde nehmlich waren bereits frher als Manuscript
gedruckt und nur dem kaiserlich sterreichischen Hofe, speciell den dem
Erzherzog Ferdinand Maximilian Nahestehenden zum Geschenk gemacht worden.
Das vorliegende Tagebuch ber des Erzherzog-Kaisers erste Reise nach
Griechenland (der Prinz zhlte damals 18 Jahre) war ursprnglich von dem
hohen Autor in seiner Bescheidenheit selbst nicht fr bedeutend genug
erachtet worden, um dessen Verffentlichung wnschenswerth erscheinen zu
lassen. Jetzt indessen, nach dem Scheiden des Kaisers Maximilian, glaubten
wir den zahlreichen Verehrern seines Charakters, wie seiner Muse,
keine freundlichere Gabe bieten zu knnen, als die Bltter seines
Erstlingswerkes, die den fr alles Gute und Schne warm erglhenden
kaiserlichen Jngling trefflich kennzeichnen.

Die Reise nach Griechenland fllt noch in die Studienzeit des jungen
Prinzen; es war ein Ferien-Ausflug, der ihm, wie seinem jngern Bruder,
dem Erzherzog Carl Ludwig, vom Kaiser wie den kaiserlichen Eltern gestattet
worden war. Die Reisegesellschaft bestand aus dem _Erzherzog Max_, dem
_Erzherzog Carl_, dem _Frsten Jablonowsky_ (seitdem in der Blthe seiner
Jahre gestorben), dem _Grafen Coudenhove_ (jetzigem Obersten in der Armee),
dem _Baron Koller_, dem _Archivarius Kaltenbeck_ (als Herausgeber gelehrter
Schriften bekannt -- seitdem gleichfalls verstorben), dem _Professor
Geiger_ (einem talentvollen und hochgeachteten Maler) und dem _Doctor
Fritsch_ (kaiserlichem Leibarzte, und von Seiner Majestt dem Kaiser Franz
Joseph, seinen Brdern beigegeben). Den Dampfer Vulcan, der die Prinzen
befrderte, befehligte der jetzige Vice-Admiral und Commandant der Marine,
damaliger Capitain _Julius Vissiak_, whrend sich =Dr.= _Ilek_, jetzt
Marine-Stabsarzt und der unglcklichen Kaiserin Charlotte bis zu Ihrem
Abschiede von Miramar rztlicher Rathgeber, als Schiffsmedicus auf der
Corvette befand. Die Reise sollte keinem wissenschaftlichen Zwecke dienen;
sie war im eigentlichen Sinne eine Lustreise. Erzherzog Max sowohl wie sein
eben erst in das Jnglingsalter eintretender Bruder gehrten damals noch
nicht dem Dienste an. Der Erstere trat bald darauf in die Marine ein,
und mute whrend der italienischen Reise (im Jahr 1851) schon seine
Schiffswacht halten. -- Es existirt in Miramar ein hbsches Bild von
Professor Geiger, welches die Vorstellung beim Pascha von Smyrna*)
darstellt, und auf dem die beiden Erzherzoge in weier Uniform erscheinen.

  *) S. 181.

Die Leidenschaft des Prinzen Max fr die See und die Tropen tritt in den
nachfolgenden Blttern schon bedeutend in den Vordergrund -- sie hat ihn
nie verlassen. Die Cajte war sein liebster Aufenthaltsort; er hat sich
in Miramar aus seinem eigensten Gemach fast eine _Cajte_ geschaffen;
die Wogen des Meeres, die an das Schlo anschlagen, vervollstndigten die
Tuschung. Es ist ein groes viereckiges Zimmer, wohl kaum mehr als 9 Fu
hoch, und eines der anmuthigsten und interessantesten Gemcher im
Schlosse. Auer dem leeren Fleckchen auf dem Schreibtische, dessen der
Erzherzog-Kaiser nicht entbehren konnte, war kaum ein freies Pltzchen zu
finden. Er war, wie dies schon aus dem nachfolgenden Tagebuche hervorgeht,
ein leidenschaftlicher Sammler: die Symbole und Producte aller Lnder und
Meere fllten Tische, Schrnke und Gestelle in diesem Gemache. Indessen
fehlten demselben auch die behaglichsten Mbel nicht. Nach Tische pflegte
der Erzherzog hier mit den Herren seiner Umgebung eine Cigarre zu rauchen,
whrend seine hohe Gemahlin, nur durch wenige Zimmer getrennt, in dem
Kreise Ihrer Damen weilte; oft ging er ab und zu, um die hohe Frau durch
heiteres und kurzweiliges Gesprch zu erfreuen.

Es mge uns gestattet sein, hier einige wenige biographische Skizzen ber
den verewigten hohen Verfasser zu geben: Ferdinand Maximilian wurde am 6.
Juli 1832 geboren; er hat somit, da er am 19. Juni 1867 schied, sein 35stes
Lebensjahr nicht vollendet. Er ward von seiner Familie mit dem zweiten
Namen genannt, den er auch als Kaiser von Mexico ausschlielich fhrte.
Er war ein so schwaches und wenig hbsches Kind, so unbeweglich und
theilnahmlos, da nur das Auge der Mutter in seinem lebhaften Blicke das
Erwachen des Geistes wahrnahm. Zwei Zge aus seiner frhesten Kindheit
seien hier mitgetheilt, obgleich diese Zeilen nur die uersten Umrisse
seines Erdenlebens geben sollen: Als Max eben sprechen gelernt hatte,
zeigte man den erzherzoglichen Kindern einen der Zwerge, die ihre
Kindergestalt beibehalten haben, in deren Gesicht sich aber das vorgerckte
Alter ausspricht. Der kleine, etwa zweijhrige Knabe lief zu seiner Aja
in das andere Zimmer und sagte: Drauen ist ein altes Kind! Das war der
erste Geistesblitz. Sein Herz sprach auf eine noch schnere Weise. Zu der
Zeit, als die jungen Erzherzoge unter mnnliche Aufsicht gestellt werden
sollten, war das Herz des kleinen Max von Schmerz erfllt, sich von
Frulein v.Sturmfeder, der erzherzoglichen Kinder Aja, trennen zu sollen.
Frulein v.Sturmfeder liebte den zwei Jahre lteren, viel hbscheren und
aufgeweckteren Bruder Franz viel mehr, als den mageren, blassen, stillen
Knaben. Als sie nun gehen wollte, strzte sich Max ihr um den Hals, und
weinend rief er aus: Ich liebe Dich so -- so sehr -- wie Du den Franzi
liebst.

Der Erzherzog wuchs heran; er gewann sich durch sein frisches, warmes
Wesen, durch seinen lebendigen, empfnglichen Geist die Liebe und Achtung
aller Derer, die mit ihm und neben ihm lebten. Es war eine durchaus gerade,
wahre Natur. Er wollte nie mehr sein, als er war; weniger Frst als Mensch,
hielt er doch sehr viel von seiner hohen Stellung, erkannte aber die
Pflichten an, die sie ihm brachte. Zahlreiche Stellen aus seinen Schriften
beweisen dies. Mnner, die ihm nahegestanden, wissen nicht genug
seine Leutseligkeit, seinen hohen Sinn zu rhmen. Aber auch ber seine
Festigkeit, seine Kenntnisse und die Umsicht, mit der er sich den ihm
zugetheilten Aufgaben unterzog, herrscht nur eine Stimme.

Bald nach der Rckkehr aus Griechenland trat Ferdinand Maximilian in
die Marine ein. Er gehrte ihr an, bis er sein Schlo Miramar auf immer
verlassen sollte und seine Wirksamkeit als Obercommandant derselben hat den
Grund zu dem ruhmreichen Siege von Lissa gelegt. -- Zu Ende eines Manvers,
welches die Flotte vor Seiner Majestt dem Kaiser Franz Joseph ausfhrte,
ernannte ihn sein erhabener Bruder zum General-Gouverneur der Lombardei
und Venetien. -- In diese Zeit (1856) fllt seine Verlobung mit der von ihm
innig verehrten Prinzessin Charlotte von Belgien. Im Jahre 1857 siedelte
er mit seiner jungen Frau nach Mailand ber, wo sie im rosengeschmckten
Garten von Monza ein glckseliges Leben fhrten. Welterschtternde
Ereignisse riefen ihn nach zwei Jahren von diesem Posten ab. Was er
gelitten in dieser Zeit, geht aus einem Ausspruch hervor, den er gethan.
Er hatte in seiner Bibliothek eine Tafel aufgestellt mit der Inschrift:
=Memento Verona!= Er sagte: Dieses =Memento= lese ich, wenn ich mich
trbe gestimmt fhle; denn unglcklicher, als ich damals war, kann ich
nicht werden!

Was spter geschehen ist, gehrt der Geschichte an. Unsglich mag er,
ferne von Allen, die ihm theuer waren, gelitten haben. Seine Gemahlin,
die heldenmthige Gefhrtin seiner erschtternden Leiden whrend der Zeit
seiner Regierung, whnte er gestorben. Man darf hoffen, da sein Geist in
der Todesstunde von einer Art Verzckung gehoben war; denn als man ihm die
Augen verbinden wollte, sagte er: Nein, nein, dann knnte ich meine Mutter
nicht mehr sehen. -- Die Augen gen Himmel gerichtet, erwartete er den
tdtlichen Schu.

Auf ihn lassen sich treffend seine eigenen Worte anwenden:

  Er war, um zu sein;
  Er starb, um zu leben!




Triest.


  _Triest_ den 2. September 1850.

Den schnsten Anblick von Triest geniet man unstreitig am Fue des
Obelisken von Optschina; man fhrt stundenweit durch die steinigen Wsten
des Karstes, auf dem ein schwerer Fluch zu lasten scheint; die Felsenstcke
bilden graue Gestalten und man whnt Ruinen von Husern und ganzen Drfern
zu sehen; drres Gestruch streckt die Arme aus und nirgends erfreut Leben
das menschliche Auge; das Grau des Unentschiedenen und Geheimnivollen ist
ber den Karst gebreitet, bis sich endlich nach langer Fahrt das ermdete
Auge beim Anblick des Obelisken neu belebt, der wie ein Zeichen der
Hoffnung dasteht. Man ist noch im Jammerthale, aber drben ist's herrlich,
sdlich und lebendig; man treibt mit Ungeduld den Postillon, und rasch
fliegt man die letzte kleine Anhhe bis zum Obelisk heran, und nun liegt
das Bild der Unendlichkeit zu den Fen des entzckten Reisenden, das der
Contrast mit dem todten Steinmeere zum Naturleben noch entzckender macht.
Zu den Fen des Wanderers liegt dort das Meer und wie Schwne ziehen die
schimmernden Segel durch die Fluthen, die im Halbkreise von fruchtbaren
terrassenfrmigen Ufern, mit schnen Villen best, umfat werden, und
endlich die Handelsstadt mit der Rhede wie eine Karte ausgebreitet; eine
zweite schwimmende Stadt bilden die Schiffe mit ihrem regen Leben und
Treiben. Die Aussicht von Optschina ist wohl eine der schnsten der Welt.
Eine vortreffliche Strae mit sehr geringem Fall fhrt im Zickzack den
Berg hinab. Zwischen Weingrten und Landhusern sieht man immer mit neuer
Begeisterung das schne Meer vor sich und geniet den ersten Vorgeschmack
des Sdens; man ahnt Italien. Die Stadt selbst ist neu und trgt den
Stempel einer Handelsstadt; die Gebude sind gro, massiv und reinlich,
aber ohne schne Architektur, die Straen von langweiliger Regelmigkeit,
und einander zu hnlich um interessant zu sein. Auch in geschichtlicher
Hinsicht bieten sie wenig Bemerkenswerthes. Nur in der Nhe der
hochgelegenen Domkirche findet man einige rmische und altchristliche
Alterthmer; doch sind sie ohne groe Bedeutung. Natrlich sucht jeder
Ankmmling in Triest an den Quais zu wohnen, daher auch wir das Htel
National, mit der Aussicht auf das Meer bezogen, das eins der besten
Gasthuser ist, die ich kenne. Da wir Triest schon frher besucht hatten,
brauchten wir uns mit den sogenannten kalten Merkwrdigkeiten nicht zu
plagen, und konnten das Leben der Stadt vorzugsweise ins Auge fassen, das
uns whrend eines kurzen Aufenthaltes manches Interessante bot. Nach einem
vortrefflichen Mittagsessen mit frischen Seefischen, erfuhren wir in dem
reichhaltigen chinesischen Gewlbe, da das Schiff Wellington, welches
chinesische und indianische Matrosen an Bord hat, den Hafen erst morgen
verlassen wrde, um nach London zurckzukehren; wir lieen uns daher durch
ein Boot an Bord des Wellington bringen und stiegen, nachdem wir uns so gut
als mglich mit den Matrosen in englischer Sprache verstndigt hatten, ber
eine schmale kleine Strickleiter auf das Verdeck; hier glaubten wir einen
Bestandtheil der =Vieuxlac=-Bilder auszumachen, so ganz sahen wir uns in
die chinesische Welt versetzt. Ungestalte Mnner von mittlerer Gre mit
fahler gelber Haut, starken Backenknochen, runder Nase, schiefen Augen und
einem mehrere Fu langen schwarzen Zopf, der von der Mitte des sonst kahl
geschorenen Kopfes herab hing, umgaben uns. Ihre Kleidung bestand aus einem
sackhnlichen Spencer und weiten Hosen von demselben farblosen Stoffe;
einige trugen parasolartige Htchen aus Rohr; Nacken und Fe waren
unbedeckt; dies die Matrosen des Schiffes. Sie sahen plump aber gutmthig
aus; das Gesicht wre schlaff und dumm gewesen, wenn nicht kluge, dunkle
Augen daraus hervorgeblitzt htten. Die Leute waren freundlich, fast
schelmisch und nicht im mindesten verlegen. In einiger Entfernung,
abgesondert und scheuer standen magere schmchtige Mnnchen mit dunkler,
hlig glnzender Gesichtsfarbe und edleren Zgen, aus denen aber Mitrauen
sprach, schwarzem Haar und funkelnden Augen; bis auf die turbanartige
Kopfbedeckung waren sie wie die Chinesen gekleidet. Ihr Ausdruck war
schwrmerisch dster, ihre Art zurckhaltend und ernst; es war die
indianische Bemannung, die durch drei bis vier Europer vervollstndigt
wurde, unter denen sich der englische Kapitn befand, dessen Grobheit und
Unverbindlichkeit einen eigenen Gegensatz zu der freundlichen Aufnahme der
Chinesen bildete. Anfangs schien er uns gar nicht bemerken zu wollen; erst
spter brummte er auf unsere Anrede eine Erwiederung. Wir bestiegen die
interessantesten Theile des Schiffes und konnten die Chinesen und Indianer
in den verschiedensten Lagen sehen. Einige saen mit untergeschlagenen
Beinen, Andere lagen der Lnge nach ausgestreckt, noch Andere waren wie
ein unfrmlicher Knuel um das Kchenfeuer zusammengekauert und entzndeten
ihre kurzen Pfeifen an der Gluth. Man mu anerkennen, wie naturgetreu die
Chinesen zeichnen, denn jede Stellung, jeder Zug war uns schon von den
Tapeten her bekannt, die europische Boudoirs zieren; manchmal glaubten wir
die trgen Pagoden mit ihrem taktmig wackelnden Kopfe, oder die fahlen
Speckmnnchen mit verrenkten Gliedern und langem, majesttischen Zopfe zu
sehen; auf diesen, in Europa verpnten Appendix halten die Verehrer des
Confuzius besonders viel; er ist so lang, da sie ihn whrend der Arbeit um
Hals und Krper schlingen. Das Alter dieser Leute scheint zwischen Dreiig
und Vierzig gewesen zu sein, die Muskulatur war bei allen gleich stark
plump und zum Rundlichen neigend. Einer unter ihnen, der sich besonders
liebenswrdig zeigte, und uns immerwhrend gutmthig und verschmitzt
anlchelte, sprach gebrochen englisch. Wir fragten ihn, ob er nichts von
seinen Landesprodukten zu verkaufen habe, worauf er einen Pack kleiner
Stbchen brachte, die, wie er mit Geberden zu verstehen gab, beim Gebete
angezndet werden. Als wir es zu Hause versuchten, brannten die schmalen
Stbchen wirklich eine geraume Zeit und dufteten sehr angenehm. Von den
Indianern interessirten uns hauptschlich zwei Gestalten: ein alter
Mann mit schnem, weiem Barte, vorstehender Nase, dicken Lippen und
schwrmerisch leidenden, halbgeschlossenen Augen. Um das kleine Haupt war
ein weier Turban geschlungen, der zur dunkeln Hautfarbe gut stand; sein
Anblick erinnerte an den eines schwer belasteten schlfrigen Kameles. Der
zweite war ein junger, kleiner, fast schwarzer Mann von geschmeidigem Bau;
sein glnzendes, gelocktes Haar hatte die reine schwarzblaue Frbung; seine
Zge waren edel und schn, die Gesichtshaut glnzend, und aus den dunkeln
Augen sprhte ein dsteres, melancholisches Feuer; sein Blick war abstoend
und anziehend zugleich, wie man es auch bei Zigeunern, Ungarn und Juden
findet. Beim Abschied theilten wir unter die Asiaten einige blanke
Silberstcke aus, was einen sehr guten Eindruck zu machen schien; denn als
wir von der Schiffswand abstieen, steckten die freundlichen Chinesen die
Kpfe zu den Luken heraus und winkten auf das herzlichste, was ich ebenso
erwiederte. Tags darauf hatte ich den Genu, bei einem schnen, sonnigen
Tage zum erstenmale im Meere zu schwimmen; wer sich im stehenden Wasser
gleich einem Pudel abgearbeitet hat, um sich auf der Oberflche zu
erhalten, und groer Schwimmproben nur wie einer mhsamen Uebung gedenkt,
der fhlt sich auf der Salzfluth wie ein Schwan von den blauen Wellen
getragen und erfrischt; dazu schien die Sonne so freundlich auf den
prchtigen Hafen, da es eine Lust war, sich in diesen Gewssern zu
bewegen. Nachdem wir das Bad gestrkt verlassen hatten, fischte man noch
einige Zeit im reichen Meere, und zog auch Austern heraus, die wir sogleich
verzehrten. Von dort begaben wir uns zu einer nicht so entzckenden, aber
sehr merkwrdigen Produktion. Ein Taucher sollte vor unsern Augen die
Tiefe des Meeres ergrnden; es war ein schauerlicher Anblick, und htt'
ich vorher geahnt, wie die Sache vor sich geht, nimmermehr htt' ich es zu
sehen gewnscht. Wir stiegen aus das Schiff, auf dem sich der arme Taucher
befand, der einzige unter achtzigtausend Menschen, der den Muth hat, dieses
Geschft zu betreiben; er sa schon, in ein Kautschuk-Gewand gekleidet auf
einer Bank. Man setzte ihm einen luftdichten Helm von schwerem Eisen auf
die Schultern, den man an den eisernen Saum des Kleides anschraubte; fr
die Augen befinden sich zwei Glasscheiben in dieser Kopfbedeckung, hinten
die Oeffnung, in welche eine Kautschukrhre eingeschraubt wird, durch die
man ihm mittelst einer Pumpe Luft zufhrt. Schon der Anzug ist schauerlich;
alles wird so zusammengepret und geschraubt, da man an ein Ersticken
denken mu; nun wurde ein schwerer Anker in die tiefe See geworfen, an dem
der Taucher auf dem Grunde einen Strick befestigen sollte; es war freilich
prosaischer als wenn er den goldenen Becher aus den Fluthen geholt htte,
aber das Wagstck war nicht minder gro. Schillers schner Jngling durfte
Mantel und Grtel wegwerfen, diesem armen jungen Manne wurden noch schwere
Gewichte angehngt, um ihn unter dem Wasser zu erhalten; auch begeisterten
ihn nicht die glhenden Augen einer holden Prinzessin; er stieg an einer
Strickleiter hinab und verschwand in den Fluthen; nur die stets weiter und
weiter werdenden Wasserringe zeigten, wo er versunken war. Lange, lange
gab er kein Zeichen; es war fr uns eine peinliche schreckliche Zeit; es
drngte sich uns der Gedanke auf, der arme Mann knne ein Opfer unserer
Neugierde geworden sein; htte ich mich nicht vor denen geschmt die dieses
Schauspiel kannten, so htte ich gefleht, da man den Mann von seiner
gewagten Arbeit zurck rufen solle; als unsre Angst aufs hchste gestiegen
war, gab er endlich das Zeichen, da seine Arbeit vollendet sei; nun wurden
die Maschinen in Bewegung gesetzt, und man zog den schwerbelasteten herauf,
und schraubte ihm schnell die drckende Brde ab; er war aufs hchste
ermattet und erschpft.

  Er athmete lang und athmete tief
  Und begrte das himmlische Licht,
  Und frohlockend es Einer dem Anderen rief:
  Er lebt, er ist da, es behielt ihn nicht.

Er gestand, da es ihm jedesmal Ueberwindung koste, sich den Fluthen
anzuvertrauen; besonders das erste Mal sei ihm das Brausen der
einstrmenden Luft in den metallenen Helm furchtbar gewesen; einmal ward
ihm am Grunde des Meeres bel, doch konnte er seinen Zustand durch ein
Zeichen kund geben; er bleibt aber immer mancherlei Gefahren ausgesetzt
-- der Schlag kann ihn vor Hitze rhren; wird zu rasch gepumpt und zu viel
Luft eingelassen, so erstickt er, was auch geschieht, wenn das Wasser einen
Eingang in seine Kopfbedeckung findet. Die Dirigenten gestanden mir, da
keiner von ihnen das Wagstck versuchen wrde; ich glaubte es gerne, sagte
mir dasselbe und bewunderte den Muth des Tauchers um so mehr; er ist ein
kaiserlicher Matrose und heit Nicolo Rendich; er hat edle, aber krankhaft
ernste Zge, und ist von feiner, fast schmchtiger Gestalt.--

Die Erscheinung einer Fata morgana auf dem Meere, die ich schon lngst zu
sehen gewnscht hatte, wurde mir eines Morgens in Triest zu Theil, obwohl
sie in diesem Hafen nicht sehr hufig ist. Wir waren nach dem Frhstck
auf den Balcon getreten, von welchem man die Aussicht auf die weite See
geniet, als ich ber dem Horizonte eine zweite Wasserflche zu sehen
glaubte, an deren unterer Seite Segelschiffe umgestrzt dahinflogen, und
nie gesehene Ksten sich dem Auge zeigten; es war der zauberhafte Anblick
eines Doppelmeeres, in dessen Scheidung sich die verschiedenartigsten
Gegenstnde darstellten; die schnste Sonne beschien das Schauspiel, das
lange genug dauerte, um dasselbe mit Mue betrachten zu knnen; zuletzt
zerrann das Bild wie ein schner Traum in blauen Dunst. -- Wir hielten
uns nur anderthalb Tage in Triest auf und durchschnitten dann am schnsten
Morgen auf dem prchtigen Dampfer Vulkan die adriatischen Fluthen, um ins
schne Hellas zu schwimmen.

Mein Gefhl, als der Hafen unsern Blicken entschwand, war das eines
Siegers; denn mein liebster Wunsch ward in diesem Augenblicke erfllt.
Tausend Plne und Hoffnungen durchkreuzten unsere Kpfe, so da dieser
Abschied einer von den heitersten war, den ich je erlebte.




Der erste Tag auf griechischer Erde.


  Den 8. September 1850.

Gegen fnf Uhr Morgens trat ich auf das Verdeck und ward fast berwltigt
von dem herrlichen Anblick, der sich mir darbot. In milden, rosenfarben
Umrissen ruhte der wundervolle, weit ausgedehnte Golf Patras in der
Dmmerung. Die Berge des Peloponnes und die hohen Felsenspitzen
von Rumelien glhten im Wiederscheine der kommenden Sonnenstrahlen;
zauberhaftes Halbdunkel lag auf den Ufern des blaugrnen ruhigen Meeres.
Der sdliche Himmel wlbte sich ins Unbegrenzte; die Farben waren in
groen, massenhaften Tnen aufgetragen, vom tiefsten Blau der fernen
Gebirge bis zum glnzendsten Rosenroth der leuchtenden Felsen; Man rhmt
als das Schnste in der Natur einen Morgen in den Alpen; ich habe ihn
gesehen, und es ist frwahr ein groes Schauspiel; doch bleibt die Pracht
und Gluth des Sdens unerreicht, und die leichten Nebel in den tiefen
Thlern ersetzen nicht den Zauber des Meeres. Links von uns sahen wir
Missolunghi schimmern, wo die dankbaren Griechen Lord Byron ein Denkmal
gesetzt haben; er starb hier, zum Befreiungskampfe fr ein Land gerstet,
dessen Reize er in unsterblichen Gedichten besungen hat. Vor uns lag in
dunklen Umrissen Patras; ihm zur Linken der Eingang des Meerbusens von
Lepanto, den der Schimmer des jungen Tages in ein Silberband verwandelte.
Pltzlich stieg in der Richtung von Korinth die Sonne empor, und die Natur
jauchzte in neuem Leben. Kaum aber sahen wir die goldenen Strahlen auf den
Wogen tanzen, als die Schnelle unseres Dampfers schon die hohen Gebirge
von Patras zwischen uns und die Sonne legte; dann sahen wir sie noch
einmal aufgehen, und diesmal blieb sie uns treu und erfreute uns mit ihrer
sdlichen Kraft. Nun sahen wir auch die Stadt vom Grn ppiger Weingrten
umgeben. Von einer venetianischen Festungsruine gekrnt, zieht sich ihre
lange, aber nicht sehr breite Husermasse lngs der Schiffsrhede hin.
Da wir seit Pola nicht gelandet waren, zeigte sich uns der Sden ohne
Uebergang. Die Berge waren meist entwaldet und felsig, desto lachender die
Ufer; bald umgaukelten unser Schiff leichte Fischerbarken mit neugierigen
Hellenen in weien Fustanellas und malerischem Fessi, die nach den neuen
Ankmmlingen sphten. Wie Schwne durchzogen sie mit ihren dreieckigen
kleinen Segeln die hellgrnen, durchsichtigen Fluthen. Als wir ungefhr
zweihundert Schritte vor der Stadt Anker geworfen hatten, nherten sich
mehrere Bote mit der Bitte, unser Schiff besehen zu drfen, was aber nicht
gestattet wurde, weil wir erstens keine =pratica= hatten, und diese Besuche
fr die beweglichen Gegenstnde etwas gefhrlich sind. Nachdem der Anker,
der Erste von uns, auf griechischer Erde Fu gefat hatte, konnten wir die
Stadt und ihr Treiben von weitem betrachten; es war ein ausgesucht schner
Tag, wie man sich ihn zum ersten Blicke in ein heiersehntes Land nur
wnschen kann; auch bemchtigte sich meiner die nur dem Reisenden bekannte
Wonne, wenn er das Ziel seiner Wnsche erreicht hat. Der uere Anblick
der Stadt hat einen sditalienischen Anstrich; die Huser sind in
unregelmigem, malerischen Gemenge gebaut, und berall blickt die
freundliche Rebe zwischen den Mauern durch. Patras ist an den Rcken
einer Anhhe gelegt, die sich unmittelbar an das hohe Gebirge lehnt; die
untersten Huser reichen bis an das Meer. Im Alterthum war es von
geringer Bedeutung; es enthlt auch mit Ausnahme einiger Sarkophage keine
Erinnerungen an dasselbe; unter den Venetianern ward es durch das ziemlich
bedeutende Fort wichtig; in der Geschichte Neugriechenlands aber wird es
unvergessen bleiben; denn das der Stadt nahe Kloster Megasderion war die
Wiege des aufstrebenden Hellas. Hier wurde von dem Erzbischof der Stadt
der Kampf gegen die Unglubigen fr heilig erklrt, und das Panier mit dem
weien Kreuze aufgesteckt. Auch durch die Zahl der Einwohner und durch den
Seehandel, dessen Hauptgegenstand getrocknete Trauben sind, ist Patras eine
der bedeutendsten Stdte Griechenlands. Von Tag zu Tag vergrert sich
sein Umfang. -- Da es Sonntag war, so trafen wir die ganze Bevlkerung
in malerischem Putz und regem Leben; Hunderte von Griechen mit den weiten
Fustanellen sah man den Quai entlang dem Ton der Glocken, die zur Messe
riefen, folgen; auch die Zahl der um uns kreisenden Barken nahm von Minute
zu Minute zu. Anmuthig und stolz lagen die schnen Shne von Hellas darin;
die Soldaten in blauem, mit Silber gesticktem Spencer, engem rothen Grtel,
faltenreicher Fustanelle, gestickten blauen Gamaschen und rothen Schuhen.
Die Zge der Griechen sind edel, ihr Haupt ruht frei auf dem stolzen
Nacken, und ihr schner Bau wird durch die Tracht hervorgehoben.

Nachdem ein Boot von unserm Schiffe zu dem Consul gesendet worden war,
entfaltete sich pltzlich ber einem Gebude am Meere das geliebte
sterreichische Banner; bald brachte uns auch ein griechisches Boot die
=pratica=, und gleich darauf kehrte das Unsere mit dem Consul zurck. Es
war ein magerer, schmchtiger Italiener, dessen hoher grauer Hut, gleich
ihm selbst, gar manche Jahre zhlen mochte; spieige graue Haare hingen vom
Kopfe herab, die spitze, scharfe Nase reichte fast bis ans Kinn; von
der Zahl seiner Zhne mag die Vergangenheit erzhlen; um den langen,
vorgebeugten Hals schlang sich eine weie, schnupftuchhnliche Cravatte,
und den drren Leib umhllte ein dunkelgrner Diplomatenfrack, dessen lange
Sche die Wichtigkeit seines Postens versinnlichten; bei alledem erfuhren
wir, da er gegen die Oesterreicher sehr freundlich ist, und ihnen allerlei
Festlichkeiten zu geben pflegt. Wir luden ihn zum Frhstck ein, whrend
dessen er erzhlte, da er Officier in der sterreichischen Armee war,
unter Haynau und Radetzky gedient habe, spter am Kampfe unter Ibrahim
Pascha betheiligt gewesen, dann nach Nubien gereist, und zuletzt als Consul
nach Patras gekommen sei, wo er nun schon seit 18 Jahren weilt. Wenn er ins
lebhafte Gesprch kam, konnte man ihn fr einen italienischen Improvisator
halten. In der letzten Zeit hatte er Gelegenheit seine diplomatische
Geschicklichkeit zu zeigen; eine Menge italienischer und ungarischer
Flchtlinge hatten sich nach Patras gezogen, ihn anfangs mit geringer
Achtung behandelt, aber spter mit Bittschriften an seine Regierung
bestrmt, -- um in die Heimath zurckkehren zu drfen. -- Zwei unserer
Herren begleiteten ihn bald nach dem Frhstck in seine Barke; wie
beneideten wir sie, die so bald das gelobte Land betreten durften, whrend
wir, bei diesem herrlichen Tage, bis Nachmittag warten muten; die Herren
versprachen uns bald abzuholen und uns von den herrlichen, in griechischer
Sonne gekochten Trauben und Feigen mitzubringen. Professor G. brachte
die Zeit auf dem Rderkasten zu, mit der Zeichnung des Golfpanorama's
beschftigt, das denn auch, wie alles, was er zeichnet, vortrefflich
glckte. Wir andern sprachen ber zuknftige Reiseplne, ergtzten uns an
dem immerwechselnden Schauspiele der Natur, an den kommenden und gehenden
Barken und ergnzten unsere Tagebcher; ein Schifflein voll Musikanten
umschwirrte mit lieblichen Gesngen unser Schiff; dennoch dnkte uns die
Zeit lange, ehe wir das Boot des Consuls erblickten; den beiden Herren
merkte man es an ihren muntern Gesichtern und ihrer lebhaften Beschreibung
an, wie befriedigt sie von ihrem Ausfluge waren. Wir wurden leider noch
einige Zeit durch einen Unternehmer, den der Consul mitgebracht hatte und
mit dem wir einen Contract wegen unserer Landreise nach Korinth und Nauplia
abschlieen muten, auf dem Schiffe zurck gehalten. Um halb zwei Uhr
wurden wir endlich flott und alles was Hnde und Fe hatte sprang in
die Boote des Vulkans. Jauchzend schaukelten wir zwischen malerischen
Kauffahrern dem Lande zu; Wonne durchzuckte mich, als ich zum ersten Male
den Fu auf hellenische Erde setzte. Acht Tage waren es erst, da ich von
Freude berauscht und lachend vom alten Freunde, dem Stephansthurm, Abschied
genommen hatte, und nun stand ich schon, durch den Dampf, die
Triebkraft der Neuzeit, befrdert, auf dem im voraus geliebten Boden der
Vergangenheit; die Schnelligkeit des Ueberganges wirkte zauberisch. Da
standen wir pltzlich auf einem Platze von Patras, umringt von Bildern,
deren Beschreibungen nur schwache Schatten wieder geben knnen. Da sa
eine Gruppe reicher Griechen mit blendender Fustanelle oder faltigen
dunkelblauen Beinkleidern, am Eingange eines Kaffeehauses ihre langen
Pfeifen schmauchend; daneben standen andere und spielten mit ihren
rosenkranzartigen Kugelschnren, welche die immerbewegte Hand des echten
Hellenen nie verlassen. Dort trieb der Sohn der Berge, in farblose Fetzen
gehllt, einen Zug von Pferden und Eseln, die die sen Trauben, seinen
einzigen Erwerb, in Krben und Scken von den hhern Weinbergen herab
tragen; hier feilschte ein Trupp lustiger Bursche im Sonntagsstaat um
die auf der Erde aufgehuften Frchte des Landes; dort wogte eine Gruppe
schreiender Kinder um einen greisen Popen mit wallendem Barte; weiterhin
durchkreuzte ein Trupp frhlicher Soldaten mit gleichem Schritt und Tritt
die Menge. Diese Bilder wurden von den verschiedenartigsten Gebuden
umrahmt; einige zeichneten sich durch netten Bau und reinere Farbe aus;
sie gehrten den reichen Kaufleuten, die hinter den grnen Jalousien in den
heien Stunden der Siesta pflegten; andere waren von Holz in verfallenem
Zustande; unter den Husern liefen, von hlzernen Sulen gesttzte
Gallerien, wo sich Buden im farbenreichsten Durcheinander befanden, in
denen man die den Sitten des Landes angemessenen Gegenstnde verkaufte.
Das Interessanteste waren alte Waffen, und typische auf Holz gemalte
Heiligenbilder, von denen ich mir eins kaufte. Die Gassen sind ziemlich
breit, laufen ber Berg und Thal, und bieten dem civilisirten Fu sehr
unbequeme Steinparthieen, auf welchen sprudelnde Quellen kleine Wasserflle
bilden; hin und wieder stt man auf einen Platz, in dessen Mitte sich
gewhnlich einige Bume mit einem echt orientalischen Brunnen befinden, an
welchem die Weiber mit ihren irdenen Krgen, alttestamentlich lagern;
zwei dieser Pltze tragen die Namen des Knigspaares. Auf meinen Wunsch
schritten wir einem Garten zu, der auf einer Anhhe lag; auf unebnem Wege,
an niedrigen Htten vorbei, welche aus morschem Geblk aber von Weinreben
umschlungen waren, schritten wir der Hhe zu. Als wir sie erreicht hatten,
wurden wir durch die zauberhafteste Aussicht auf den Golf berrascht. Zu
unsern Fen lag die Stadt, dann die Schiffe auf einem Spiegel, umkrnzt
von den grnen Bergketten des Parna.

Wir standen auf einer terrassenartigen Flche, unter welcher sich tiefe,
vor grauen Zeiten erbaute Gewlbe in den Berg hineinziehen sollen, die den
Schakalen zur Wohnung dienen; eine Gruppe mchtiger Feigenbume war von
Krbissen umrankt; auf die Erde waren Weinbeeren gestreut, welche die Sonne
zu jenen sen Rosinen austrocknete, die in den nordischen Gebcken eine
so wichtige Rolle spielen; so mu in den verschiedensten Himmelsgegenden
wachsen und gedeihen was den Gaumen kitzelt, und man schlingt den Bissen
hinunter, ohne an dessen Geschichte und weite Reisen zu denken. Hier
behandelt man die Rosinen nicht mit so viel Achtung wie in unsern Kchen:
sie werden haufenweise, mit dem Staube der Erde vermengt, in weite
schmutzige Krbe geworfen, dann dem hier so hufigen Langohr auf den Rcken
gepackt, der, unter der schweren Last chzend, sie nach der Rhede
bringt, wo sie mit den Fen in Tonnen eng verstampft und nach dem Westen
eingeschifft werden. Der erwnschte Garten war mit einer Mauer umschlossen,
durch deren gewlbte Thre wir eintraten; wir standen in einem Saal von
Weinreben, der durch die herrlichsten, schattigsten Gnge durchschnitten
war. Steinerne Sulen sttzten die sich emporschlingenden Ranken, leichte
hlzerne Stangen bildeten das Gerippe zum dichtesten Rebendache, durch das
nur hin und wieder der tief blaue Himmel freundlich durchblinkte. Tausende
von Trauben hingen lockend von der leichten Wlbung herab, von einer Gre,
wie sie nur die Mythe beschreibt. Die Sulen des Bltterdoms sttzten
sich auf niedrige Mauern, welche auf einer Seite in einem Gartenhuschen
endigten. Der Boden des breiten schattigen Platzes vor diesem war mit
groen Marmortafeln gepflastert, und auf einer denselben umgebenden
Steinbank ruhten zwei Grtner, in malerischer Stellung auf weiche Felle
hingestreckt; um die Idylle zu vollenden, stand ein tiefer klarer Brunnen
in der Mitte, in dem sich das Grn des Laubdaches und die Blue des Himmels
wiederspiegelten; am Rande desselben kosten zwei weie Tauben. Auf der
Erde lagen blaue Frchte, die wir fr Pflaumen hielten; es waren aber
die herabgefallenen Beeren der fabelhaft groen Trauben, die wir mit Lust
verzehrten. Wir durchschritten nun die einzelnen Laubgnge, mit denen sich
ppige Orangenhaine kreuzten; leider waren die Frchte, mit denen diese
prachtvollen Bume berladen waren, noch nicht reif. Pflanzen, die man bei
uns verkrppelt im warmen Glashause findet, wuchern hier in malerischer
Abwechslung; auch die Art der Anpflanzung ist in einem genialen
Durcheinander gehalten; man glaubt im Paradiese zu wandeln; eine solche
Vegetation hatte ich noch nie gesehen, solche Frchte noch nie gekostet.
Der Reiz dieses ppigen Gartens ward durch den Blick auf das Meer noch
erhht; der Konsul war ber unser Entzcken hoch erfreut und stimmte
in dasselbe ein. Wie selten mag er in den achtzehn Jahren mitfhlenden
Reisenden die Wunder dieser Gegend gezeigt haben! War er doch wieder einmal
unter seines Gleichen, unter civilisirten Menschen. Endlich kehrten wir
durch belebte Straen zurck und machten der Gemalin des Konsuls einen
Besuch im sterreichischen Konsulats-Gebude; sie ist eine recht artige
zierliche Venetianerin in mittleren Jahren, und spricht gut und gern
franzsisch. Man brachte uns in ihren etwas vernachligten Salon Grtel
aus Silber und Gold gestickt, in denen das Volk die Waffen trgt, da ich
einen solchen zu kaufen wnschte. Nachdem uns die Frau vom Hause zum Abend
eingeladen hatte, nahmen wir den Konsul in einer Barke des Vulkans zum
Speisen mit auf das Schiff. Wir waren in unserem groen Rderkasten wie
die Hringe eingepret, was die ohnehin starke Hitze noch vermehrte. Nach
Tische fhrte uns der gute alte Herr zu einer Musik, die auf dem Vorraume
des oben erwhnten Gartens von der Bande eines irregulren griechischen
Infanteriebataillons ausgefhrt werden sollte, und der die Bevlkerung
der ganzen Stadt in reichem Kostme beizuwohnen pflegte; wir unterschieden
schon vom Schiff aus die weien Fustanellen und hrten die Tne zu uns
herber rauschen. Die Siesta war vorber; schne Frauen mit reichem
Haarwuchs und malerischer Kleidung zeigten sich im Vorbergehen auf
den Balkonen -- auch in den Straen begegneten wir den reizendsten
Patraserinnen, die am Arme imposanter und edelgestalteter Mnner leider
schon den Rckweg einschlugen; wir schritten rasch vorwrts und fanden doch
noch einen ziemlich bedeutenden Kreis um das Musik-Corps versammelt, das
eben nicht spielte und sehr armselig ausgestattet war. Der Anblick
des Volkes, unter dem kein Klassenunterschied wahrzunehmen ist, war
interessant. Alle sind Brder eines Stammes, welche frher unter demselben
Joche geschmachtet und es vereint abgeschttelt haben. Die Theilung von
Leid und Freud begrndet die Gleichheit. Ueberall wo ein Volk von einem
andern unterjocht wird, findet sich diese Gleichheit der Zusammengehrigen,
wenigstens in der Gesinnung gegen die Unterdrcker. Alles strebt einem
Ziele der Befreiung zu und vergit sein eignes Ich. Die einzige etwas
hhere Stellung nehmen jene Familien im Lande ein, deren Vter mit
besonderer Auszeichnung im Freiheitskriege gekmpft haben. Nach unserer
Ankunft spielte die Musik noch ein Stck, worauf alles seiner Wege ging.
Die Sonne war hinter den uersten Spitzen von Rumelien verschwunden, und
die Abenddmmerung dauerte kaum eine Viertelstunde; wir erreichten also
gerade vor der tiefen Nacht das Haus des Konsuls. Seine Gemalin empfing
uns im Kreise ihrer Kinder; man unterhielt sich, so gut man konnte; etwas
spter kam der Klavierlehrer des Hauses mit seiner reizenden jungen Gattin
in der Nationaltracht. Die Konsulin hatte sie wahrscheinlich eingeladen, um
uns einen Begriff von den schnen Tchtern Griechenlands zu geben. Leider
sprach dieses liebliche Wesen, das an meiner Seite Platz nahm, nur seine
Muttersprache; der Gemal spielte mit gutem Vortrage einige bei uns schon
veraltete Melodien; spter lste ihn die eilfjhrige Tochter des Hauses in
ziemlicher Selbstzufriedenheit mit einem eingewerkelten Stckchen ab. Die
Produktionen der =enfants prmaturs= sind mir von jeher zuwider gewesen,
zumal wenn man der Mutter wegen eine entzckte Miene annehmen mu. Nach und
nach fllte sich das Zimmer mit den Honoratioren der Seestadt; unter ihnen
war der franzsische Konsul, den man seinem Aeuern nach eher fr einen
Lasttrger htte halten knnen; man trank Thee, das Vereinigungsmittel
aller Geselligkeit im neunzehnten Jahrhundert; auerdem wurde ein
grliches nationales Getrnk aus zerquetschten Krbiskernen herumgegeben;
der Hausherr bot den Herren lange Pfeifen an, und zum Schlu fhrten
die Damen und die Kinder, nach langem Bitten, einen griechischen
National-Reigen auf, der einen einfrmigen dstern Charakter hatte. Wir
dankten den Hauswirthen herzlich und fuhren bei herrlicher Sternennacht auf
unseren Vulkan zurck.




Eine Landreise durch Griechenland.


Der Kontrakt mit dem Manne, welcher unseren Zug durch Hellas fhren sollte,
war abgeschlossen worden; unser Schiff sollte uns in Nauplia wieder finden,
und wir traten die Landreise dorthin am herrlichsten Morgen an; unsere
Dienerschaft lieen wir bis auf einen Bedienten an Bord zurck; auch das
Gepck schrnkten wir auf das Nothwendigste ein. Wir hatten uns fr die
Strapatzen des Weges in die bizarrsten Anzge geworfen, und als wir uns
versammelten, um in die Khne zu steigen, htte man glauben sollen, eine
Komdianten-Gesellschaft sei im Begriff, eine Wanderung anzutreten; einige
hatten hohe Stiefel an, andere hielten die Blousen durch Grtel zusammen,
und waren gegen Raubanflle mit Schlgern, Dolchen und Flinten, gegen die
Sonnenhitze aber mit Regenschirmen bewaffnet. Der Verfasser zog vor, nur
ein chinesisches =parasol= von auerordentlich leichtem Stoffe mitzunehmen,
das ihm trotz des Gespttes der Uebrigen sehr gut zu Statten kam; fr
Zeiten des Unwetters hatte man sich schon in Triest mit den eigenthmlichen
istrianischen Marinaros von braunem Leder und Kapuzen versehen. Die Pferde
erwarteten uns vor der Wohnung des Konsuls, der uns im Frhneglig an den
Stufen seines Hauses empfing. Nur einige der Thiere und ihre Zumungen
waren ertrglich anzusehen; die armen Gule befanden sich im Zustande
furchtbarster Magerkeit, und ihr Geschirr war aus Ketten, Stricken und
Lederflecken zusammengeflickt.

Der Unternehmer, den wir den Lesern unter dem Namen Demetry vorstellen,
war aufs eifrigste bemht, die Thiere unter die Reiter zu vertheilen und
denselben ihre auerordentlichen Eigenschaften anzupreisen, wobei ihn der
Konsul, dessen equestrische Begriffe etwas schwach zu sein schienen, auf
das angelegentlichste untersttzte. Die Packpferde wurden so sehr mit
Speisen und Vorrthen beladen, da sie unter denselben fast unseren
Blicken entschwanden. Um dreiviertel auf Sieben verlie der lange Zug, der
Sicherheit wegen von Gensd'armen eskortirt, die Stadt Patras. Zuerst
ging es zwischen den fruchtbarsten Weinbergen, die sich hinter der Stadt
hinziehen, ber kleine Anhhen fort; berall beschftigte man sich auf
das frhlichste mit der reichen Weinlese. Lngs dem Wege waren Laubhtten
errichtet, um die Frchte zu schtzen, ich wunderte mich, auf den Anhhen,
zwischen Reben, Orangen und Granaten Schilfgruppen von ungewhnlicher Hhe
zu finden. Die Aussicht auf den blauen Golf und die Berge von Rumelien war
reizend; eine zauberhafte Ruhe lag auf der Landschaft und alles glnzte
im frischen Duft des Morgens; der von Steinen, Wassern und Bschen
durchkreuzte Weg senkte sich nach einiger Zeit und fhrte durch die
ausgetrockneten Betten breiter Giebche, in welchen zu unserem Erstaunen
die Vegetation am ppigsten war. Der Oleander wuchs in groen dunkelgrnen
Gruppen, aus denen die schnen rosenfarbenen Blthen hervorragten; auch die
stille, liebliche Myrte mit ihrem tief grauen Laube bildete Gebsche von
solcher Flle und Ueppigkeit in diesem sandigen Grunde, da, wer sie nur in
Tpfen gesehen hat, sie kaum wieder erkennt; unsere Richtung lief parallel
mit dem Ufer des Meeres; zum letztenmale zeigten sich die Umgebungen von
Patras im Morgensonnenlichte. Am Golf von Lepanto, durch die Seeschlacht
berhmt, sahen wir die Stadt desselben Namens liegen. Sie ist zwischen
hohen Bergen und dem Meere eingeengt; vor derselben liegt das Fort Rion
auf einer Landzunge, und auf unserer Seite tritt die Befestigung Antirion
ebenfalls in die Fluthen heraus; beide Werke haben griechische Besatzungen.
Der wichtige Sieg Don Juan d'Austria's wird hier recht anschaulich; man
erkennt, wie der trkischen Flotte kein Ausweg mehr blieb, als sie diese
schmale Meereslinie berschritten hatte; noch einmal spielte Lepanto eine
wichtige Rolle im Freiheitskampfe; jetzt ist es von gar keiner Bedeutung
mehr.

Ein schnes Bild nach dem andern entfaltete sich vor unseren Augen; denn
wo die Fluthen des Meeres schumen, und die Vegetation dem Reisenden immer
Unbekanntes bietet, fehlt es nie an neuem Reize; und je mehr wir uns dem
Meere nherten, je mehr nahm er zu. Nach einem dreistndigen Ritt war trotz
Enthusiasmus und Scherz, die uns begleiteten, der Krper ermdet, der Magen
leer, das Auffassungsvermgen geschwcht; wir waren daher sehr zufrieden,
als Demetry uns einen hellen Punkt auf grnem Grunde, am Saume einer
lieblichen Bucht als den Kani bezeichnete, in dem wir unser Gabelfrhstck
verzehren sollten. Als wir vor der Htte ankamen, wurden die Pferde den
Knechten bergeben und wir lagerten uns im Schatten des Gebudes. Die
Marinaro's vertraten die Stelle von Kissen und ein Tischtuch wurde auf den
Erdboden ausgebreitet; Flaschen und Gebcke holte man aus den Scken und
nach alter Sitte nahmen wir liegend ein strkendes Mahl ein, und ruhten
dann noch eine Stunde am frischen Meeresufer aus. Einige der Herren
schickten sich zur Siesta an; mein Bruder, =Dr.= F. und ich beschlossen
einen kleinen Streifzug in die herrlichen Umgebung zu machen. Unmittelbar
am Hause war die Pflanzenwelt durch teichartig ausgebreitete Quellen
erfrischt, wodurch sich knapp am Meere ein dichter fast undurchdringlicher
Hain gebildet hatte. Wo nicht die reich bebltterten Aeste den Weg
versperrten, erschwerten die schnsten Schlingpflanzen den Durchgang;
mit Mhe durchbrachen wir diese neckischen Ketten. Unser Hauptzweck war
Schildkrten zu fangen, deren wir zwei unterwegs aufgelesen hatten; doch
gelang es uns nicht. Eine mchtige drre Platane fiel uns auf, an der sich
statt der Bltter ein Wald von wildem Wein herauf gewunden hatte; wie ein
grner Wasserfall fielen die zierlichen Ranken herunter; die gebteste
Gartenkunst htte diese Krnze nicht so schn knpfen knnen. Gerne
htte ich diese Flle frischen Lebens, das die todten Glieder umspann,
gezeichnet, wenn ich Zeit dazu gehabt htte. Wir kosteten von den Frchten
der wilden Reben und fanden, da sie an Sigkeit unsern Gartentrauben
gleichkommen. Als wir an den Strand zurckkamen, fanden wir Professor
G. beschftigt, die Bucht mit ihrer Umgebung mit gewohnter Genialitt zu
zeichnen. Archivarius K. sa im Schatten eines Olivenbaumes und schrieb ein
Gedicht. Die Uebrigen verschliefen die schne Zeit zum Theil, einige aber
hatten sich in den Wellensand des Meeres gesetzt; wir gesellten uns zu
ihnen. Die Tiefen des Meeres wirken mit einem mystischen Reize auf mich,
mchtig und unwiderstehlich zieht mich die unergrndete Fluth an, und Alles
was ihr angehrt erfreut mich. So auch die kleinen Muscheln, die ich im
Sande whlend fand; man htte nicht eifriger Goldstcke suchen knnen, wie
ich jetzt diese lieblichen Kleinigkeiten. Doch bald wurde das Zeichen
zum Aufbruch gegeben und man schwang sich, oder man kroch, je nach der
Korpulenz, auf die Sttel. Immer neue Gegenden kamen und schwanden, es
folgte Bucht auf Bucht; bald gingen wir auf dem feinen Sande des Meeres,
bald durch Buschwerk und malerische Hohlwege, bald ber leicht gewellte
Hhen.

Man kann das Land wild und unkultivirt nennen, aber es liegt ein groer
Reiz in dieser ursprnglichen Natur, wenn auch groe gelbe Erdflecke brach
liegen, so steht doch dicht daneben die feine, schlanke Pinie mit ihrer
Nadelkrone, die grner ist als das frischeste Laub, die ppige Platane, die
ihre breiten Aeste den Schlingpflanzen und Reben zur Sttze darreicht, und
die liebliche Myrte mit dem poetischen Lorbeer verschlungen. Diese grnen
Anhaltspunkte fr das Auge sind noch hundertmal schner, wenn die kalte
Hand des nutzensuchenden Menschen nicht ihre geraden Ackerlinien dazwischen
gezogen hat. Ein groartiger Friede herrscht auf solcher Erde, die der
Pflug nicht durchwhlt hat; kein Schiff strt den Spiegel des tiefen blauen
Meeres, kein Kirchthurm, keine Ruine lenken den Blick von den stolzen,
sdlich glhenden Gebirgsmassen ab; wer ber die Monotonie dieser Lnder
klagt, hat ihren Reiz nicht empfunden, und ich kann das Gemth nur
beklagen, das sich hier nicht in Wonne aufschliet und die Luft des
alten Hellas mit Entzcken schlrft. Bald that die griechische Sonne ihre
Wirkung, und nach abermaligem dreistndigen Ritt sehnten wir uns nach
Erquickung; man nherte sich wieder einem Kani, welches von groen
Olivenbumen umwaldet war; einzelne Weingrten befanden sich in der
Nhe, und wir drckten daher unseren Fhrern den Wunsch aus, uns an den
griechischen Trauben zu laben; bald war eine Flle derselben und eine
herrliche Melone herbeigeschafft. Schon unterwegs hatten wir Gruppen zu
dreien und vieren, auf Eseln reitend getroffen, die Trauben zum Trocknen in
Schluchen auf den Markt grerer Stdte brachten. Diese Reiter haben
ein hchst pittoreskes Aussehen; die Art wie sie sich kleiden, der
eigenthmliche Sitz auf dem Esel, die edle Haltung gaben uns einen hohen
Begriff von der Schnheit des griechischen Volkes. Wir fanden mehrere
dieser Mnner im Kani; die Meisten waren stark bewaffnet, was ihre
natrliche Wrde erhhte. Als sie =Dr.= F. schnupfen sahen, baten sie
ihn um eine Prise, fr welche sie mit Grazie dankten. Sie lieen uns
ihre Kleider ohne Verlegenheit betrachten und behielten ihre stolze,
selbstbewute Haltung bei. Im Innern des Kani war ein budenhnlicher Raum,
in welchem die fr das gengsame Land nthigen Gegenstnde, Glser,
Schalen und Tpfe, feil geboten wurden; da darunter auch Liqueure von wenig
einladendem Geruche waren, so hielten wir den Rest unserer Rast im Freien.

Im Weiterreiten zeigte es sich, da mein Gaul mich ziemlich rasch von
der Stelle brachte, was nicht bei allen der Fall war. Archivarius K.
behauptete, der seinige sei wild und schlge aus; indessen hatte er
nur einen Zuckfu; der arme Herr hatte nie geritten und mute nun
sein Probestck durch zwlf Stunden auf schlechtem Sattel machen. Zwei
Gensd'armen erffneten unsern drolligen Zug; sie waren ein Gemisch von
Baiern und Griechen, der Kopf gehrte dem Vaterlande an, Gewand oder
Uniform war griechisch; hinter ihnen ritt in unzerstrbarer Ruhe Graf C.,
rauchend und stumm die neuen Eindrcke in sich aufnehmend; dann folgten
Frst J. und Baron K.; der erste sphte vergebens nach comfortablen Villas
mit schnen Bewohnerinnen; der letzte dressirte, als echter Reitersmann,
die Pferde des armen Demetry. =Dr.= F. machte den Weg mit gemchlicher
Ruhe, und ergtzte uns durch interessante Erzhlungen, die er uns
liebenswrdig vorzutragen wute; zuweilen erfrischte er sich durch eine
Prise; mein Bruder ritt gewhnlich neben ihm und schtzte sich durch einen
groen Regenschirm vor der Sonnenhitze. Nun kam G., zwischen die ledernen
Schanzen seines trkischen Sattels eingepfercht; beim Auf- und Absteigen
muten ihm mitleidige Seelen Hlfe leisten, denn auch er war des Reitens
ungewohnt, schickte sich jedoch recht gut in die anhaltende Bewegung. Ich
schwrmte auf meinem feurigen kleinen Schimmel von dem Einen zum Andern,
mein chinesisches =parasol= als Siegesfahne in der Hand, und ergtzte mich
an dem lustigen Witze der Gesellschaft. Als wir wieder einmal lngs dem
Meere und zuweilen auch darin ritten, wurden wir pltzlich von einem
vorbergehenden Guregen berfallen und muten in einer elenden Hirtenhtte
Obdach suchen; der Regen khlte und reinigte die Luft, und der Abend an
unserem Ufer war desto herrlicher, whrend in Rumelien schwarze Wolken den
Parna umhllten. Von einem Stdtchen angefangen, das wir anfangs fr unser
Nachtquartier hielten, wurde die Gegend wasserreich; wir hatten manchen
Bach zu durchwaten, in dessen Mitte der Oleander blhte. Bei einem dichten
Busche begann das Pferd des vor uns reitenden Gensd'armen sich zu bumen,
das Pferd des Frsten, neben dem ich gerade ritt, erschrak ebenfalls;
doch kamen wir glcklich vorber; der Frst aber forderte mich auf, zu
beobachten, wie es den Uebrigen bei diesem verhexten Strauche gehen wrde;
da erblickte ich unsern armen Archivarius, der auf dem dnnen Halse seines
Braunen einen verzweifelten Gleichgewichtstanz auszufhren genthigt war --
endlich lag er unrettbar im Grase. Ein mit Schilf bedeckter Esel war's, der
diesen Schrecken verbreitete; die Pferde hatten vor der beweglichen Masse
gescheut. Ich sprengte zu meinem lieben Archivarius, dem zum Glck nichts
geschehen war und der sogar auf das Schnellste wieder im Sattel sa und
ber seinen Unfall lachte. Etwas vor Sonnenuntergang erblickten wir
unser Nachtquartier, das Stdtchen Vostizza. Was die Ufer dieses Golfs so
berraschend schn macht, sind die in das Meer vorspringenden Erhhungen,
welche die kommenden Buchten verbergen und die schon durchwanderten
Meeresksten den Blicken entziehen. Vostizza liegt auf einer solchen
malerischen Erhhung. Mein Bruder und ich ritten nun mit Frst J. rasch
unserem Ziele entgegen; wir hatten ein breites Flubett zu passiren, dann
ging es eine steile Anhhe hinan, die wie eine Sandbank ausgewaschen ist;
es scheint, da das Meer einst bis dahin, folglich bei dreiig Klaftern
hher als jetzt, gereicht hat. Zwischen dieser Wand und dem Meere dehnt
sich eine freundliche grne Flche aus, mit Weingrten berst; einige
Huser erstrecken sich bis an das Meer; mitten unter diesen ragt eine
mchtige Platane empor, die die Sage aus den Zeiten des Pythagoras
herabstammen lt. Wir ritten in den oberen Theil der durchaus
unregelmigen Stadt ein. Der vorausgeeilte Koch des Demetry leitete uns in
das Haus, in dem wir die Nacht zubringen sollten. Es stellte ein Wirthshaus
vor. Zu ebener Erde befand sich ein groer Raum, der eine breite Oeffnung
auf die Strae statt eines Fensters hatte, und als Kche, Keller,
Vorrathskammer und Magazin diente; unsere im Entstehen begriffenen
Speisen waren von tausend und abermals tausend Fliegen bedeckt, was nicht
ermunternd wirkte. Auer den Fliegen hatten sich noch einige neugierige
Stdter versammelt, deren Geplapper mit dem Gesumme der Insecten ein
verwirrendes Concert gab. Ueber eine zitternde Holztreppe stolperten wir
in das obere Stockwerk, das zwei sogenannte Zimmer enthielt, in welchen
man sich nicht ber die neumodische Mbelflle beklagen konnte; vier nackte
Wnde waren nicht einmal wei zu nennen, so hatte sie der Schmutz bedeckt.
Auch die Nase wollte sich nicht in die griechische Zimmeratmosphre finden;
dies war keine sehr trstliche Aussicht nach einem zwlfstndigen Ritt;
ich meinte indessen, mit Stroh und unseren Marinaros knnten wir uns wohl
behelfen; der Frst aber behauptete, diese Unterkunft sei dem Contracte
nicht gem, den wir mit Demetry abgeschlossen htten; auch sei es unter
unserer Wrde, unser Hauptquartier in solchen Rumlichkeiten aufzuschlagen.
Ich stellte vor, es sei am einfachsten bei der herrlichen Nacht im Freien
zu campiren; der Frst jedoch bestand auf einer ernsten Unterredung mit
Demetry, und ich setzte mich unterdessen auf die Brstung des untern
Fensterraumes und betrachtete mir das Treiben der Hellenen. Es zogen einige
Zge von beladenen Eseln, Pferden und Maulthieren langsamen Schrittes
vorbei. Da es, auer in Athen, in Griechenland gar keine Wagen giebt, so
begegnet man dergleichen auf allen Straen, die auch mitten in den Orten
erbrmlich sind. Unsere Erscheinung lockte sehr bald mehrere Honoratioren
der Stadt herbei. Seit der englischen Blokade sind Fremde ein seltenes
Schauspiel fr griechische Augen; ich mu aber gestehen, da die Einwohner
artiger als in unseren fein civilisirten Lndern sind; nickt man ihnen
freundlich zu, so danken sie gleich mit dem Gru des Landes, indem sie
die Hand auf Herz und Stirn legen. Nach einiger Zeit kam Demetry mit den
Zurckgebliebenen an, und nun machte man seine Forderungen an ein besseres
Nachtquartier geltend; statt aller gefrchteten Einwendungen sprach er mit
einigen gut gekleideten Stdtern, und bat uns ihm zu folgen. Er fhrte
uns in den hher gelegenen Theil der Stadt und introducirte uns mit groer
Pfiffigkeit in das schn gelegene Haus eines kniglichen Beamten, der
nicht wenig erstaunt gewesen sein mu, sich pltzlich von einer so groen
Gesellschaft berfallen zu sehen. Dennoch gewhrte er uns die orientalische
Gastfreundschaft im vollsten Mae. In zwei groen, einigermaen mblirten
Zimmern des zweiten Stockwerkes, die uns eingerumt wurden, nisteten wir
uns auch bald ein. Der Hausherr war selbst zugegen, um auf das schnellste
fr alles Nthige zu sorgen, und drckte sich in gebrochenem Franzsisch
auf das freundlichste aus. Aus dem greren Zimmer fhrte ein hinflliger,
fast lebensgefhrlicher Balcon mit der herrlichsten Aussicht auf die
jenseitige Bucht; es war eine sdliche Nacht in ihrer vollen Milde und
Pracht, die Sterne funkelten wie Diamanten und das Schiff des Mondes
schwamm ruhig im blauen Aether; die Stadt mit ihren schnen Grten lag
in stiller Abendruhe, das Meer schimmerte im Wiederschein des Mondes; die
Natur feierte einen jener geheimnivollen Augenblicke der Erholung, in
welchem kein Blatt es wagt zu rauschen. Ueber mich kam ein innerliches
Sichgehenlassen nach der berstandenen Tageshitze, und erquickend wehte von
der See her ein Lftchen ber das schlafende Land; -- unterdessen war das
Abend- und Mittagsmal in einer Person aufgetragen worden, und wir sprachen
ihm, trotz der Fliegenschaaren tapfer zu. Der Hausherr holte aus seinem
Keller den besten Wein, den er besa, und sah mit Erwartung zu, als wir
die Glser ansetzten, um ihn zu kosten; aber nur die Gegenwart unseres
liebenswrdigen Wirthes hielt uns zurck unser Entsetzen ganz auszudrcken;
es war ein slich saures Getrnk, das aber durch den Geschmack des
Bockschlauches, in dem es aufbewahrt wird, untrinkbar geworden; berhaupt
konnte ich mich, so sehr ich fr Hellas schwrme, mit seinen Weinen nicht
befreunden. Ein heiteres Gesprch verschnte unser Mal; doch endlich
forderte der Krper seine Rechte und wir begaben uns zur Ruhe. Es waren
nur ein Bett und zwei Divans vorhanden; ein Theil der Gesellschaft richtete
sich auf dem Fuboden ein. Gegen fnf Uhr war schon Reveille; es wurde
rasch ein Frhstck eingenommen, nach welchem man uns in einen Keller
fhrte, wo zwei sehr schne antike Statuen lagen. Die Kunstpflege in
Vostizza scheint nicht sehr vorgerckt, da man diese schnen Marmorgebilde
zwischen Unrath in der grten Dunkelheit liegen lt. Das eine war eine
weibliche Figur, wahrscheinlich eine Ceres mit vortrefflichem Faltenwurf;
doch fehlte leider das Haupt; das andere eine schlanke Jnglingsgestalt,
deren Glieder ein schnes Ebenma zeigten; ein schner Mnnerkopf mit edlen
festen Zgen lag neben den beiden Statuen; der Marmor war durchsichtig wie
der, den man, wie man uns sagte, in Penthelikon brach; da diese Kunstwerke
dem Auge der Bewunderer entzogen, in so unwrdiger Umgebung liegen,
beweist, da bei den Neugriechen, wenn sie auch Muth, Verstand und List von
ihren Vorgngern geerbt haben, doch der schaffende Genius nicht mehr weilt;
die Blume jeder Kunst ist erstorben, und selbst von den Wurzeln derselben
finden wir keine Spur mehr, so da man auf ein neues Wachsthum nicht ferner
hoffen darf.

Als wir in unsere Herberge zurckkehrten, fanden wir unsere Pferde schon
vor derselben. Wir dankten unserem freundlichen Wirthe und setzten unseren
Weg fort. Man durchstreifte einige Straen, denen von Patras in malerischem
Wirrwarr hnlich; um halb sieben Uhr verlieen wir die Stadt; die Sonne war
prchtig ber den Bergen von Korinth aufgegangen und kndigte einen sehr
heien Tag an. Am Ende des Ortes sahen wir die erste Palme, die sich
majesttisch, fnf Klafter hoch ber einen wsten Kirchhof erhob. Das
Sinnbild des Friedens war den Leichen entwachsen, um mit seinem schlanken
Schafte den Lebenden zu zeigen wo ihre Zukunft sei. Der untere Theil der
ehemaligen Bltter bildet die schuppige Rinde des Stammes, der jedes Jahr
eine neue Krone ansetzt, die nur an der hchsten Spitze einen grnen,
korbhnlichen Busch hat. Von der Stadt an fhrt der Weg langsam abwrts in
eine breite mit Weingrten bedeckte Flche, die bis an die hhern Gebirge
eben fortluft. Mehrere trockene Flubetten mit reichen Oleanderbschen,
durchkreuzten sie, und mndeten in das Meer; die Weingrten waren voll
Leben, und wir begegneten hufig Zgen von Arm und Reich in den buntesten
Gewndern auf Maulthieren und Eseln reitend, entweder aus den Laubhtten
mit gesegneter Rebenernte kommend oder in dieselben ziehend; diese
Winzerhtten bieten ein orientalisches Bild; einige Weiber mit verworrenen
schwarzen Haaren kochen das frugale Mal in denselben; vor ihnen steht der
Herr in ganzer mnnlicher Schnheit, malerischem Kleid und reichen Waffen,
die Kinder kriechen in den groen Melonenhaufen umher, die zwischen
den Reben zu voller Sigkeit und Feinheit heranwachsen, und deren
Vortrefflichkeit ich hier erst kennen lernte. Daneben stehen die Gruppen
der Lastthiere mit Bocksschluchen und Krben bepackt, um den gepreten
Most und die vollen Trauben aufzunehmen; die Rebe wird nicht, wie bei uns,
an Stcken gezogen, sie bildet entweder schattige, von leichten Stangen
gesttzte Dcher, oder sie wirft ihre grnen Ketten von Baum zu Baum; auch
schleicht sie auf der Erde hin, und webt ein frisches grnes Netz ber die
Ebene. Diese freundliche Flche ist nur so lang wie die Stadt; sobald diese
zu Ende ist, rcken die Berge wieder bis an das Ufer des Meeres, so da
sich der Weg zuweilen auf schwindelnden Felsen fortzieht. Wir staunten, wie
geschickt die Pferde, katzengleich, ohne zu straucheln, ber die steilsten
Spitzen hinber klettern; manchmal lief der Weg wirklich gefhrlich an der
Wand dahin, deren Fu die Wellen besplten, aus denen Felsenspitzen nicht
sehr einladend mit ihren phantastischen Kpfen herausragten; mitunter sieht
man statt der Felsen Sandkegel, die auf die bizarrste Weise ausgewaschen
dastehen. Mich unterhielt es, das schalkhafte Getreibe der Wellen zu
beobachten, wie sie solche Hhen bald schmeichelnd, bald strmisch
erklimmen, und ihren Grenzen einen fortwhrenden Krieg erklren; die Steine
sind oft wie geschliffen; der Weg ging so steil hinunter, da wir absitzen
muten und die Pferde uns nachliefen; dies ging jedoch bald vorber,
auch ward die glhend heie Luft durch einen Regen gekhlt. An den hohen
Felswnden wuchsen meist Pinus, Lorbeer und die immergrne Eiche, die
sich nur strauchartig erhebt, und kleine glnzende mit Stacheln gernderte
Bltter hat; die Frucht bertrifft an Gre bei Weitem unsere Eicheln. In
unsern Wiener Grten ist dieser Baum nicht eingefhrt; doch hatte ich die
Freude, mehrere Zweige, die ich mitbrachte, zu Hause Wurzel schlagen zu
sehen. Die Aeste, die sich malerisch ber unsern Weg beugten, waren von
Schlingpflanzen umstrickt, von denen ich so viel Samen in meine Reisetasche
sammelte, als ich konnte, um wo mglich davon fr meinen Garten Nutzen
zu ziehen. Nachdem wir noch einige Baien umritten hatten, zogen sich die
Felsen weiter vom Meere zurck, und wir befanden uns auf einer zwischen
zwei Buchten gelegenen Flche, die mit Wein und Oliven bedeckt war; auch
kamen wir vor dem strksten und schnsten Feigenbaume vorbei, den ich noch
gesehen habe; er stand in der Mitte eines Weingartens, seine Aeste
waren mit Krben beladen voll der schnsten Frchte; unsere griechischen
Begleiter strzten auf den Baum los und versahen uns mit den
vortrefflichsten Feigen und Trauben, die uns erhitzten und ermdeten
Wanderern eine wahre Labung gewhrten; nur wurde leider das Ma nicht
ganz eingehalten. Es giebt aber auch auf der Welt nichts seres und
verfhrerisches als das griechische Obst, und besonders die honigreiche
Feige.

Das Gebirge endigt unmittelbar und ziemlich gefhrlich fr den Reiter an
einem Flusse, ber den eine schne alte Brcke fhrt; da jedoch derselben
ein Bogen fehlte, muten wir durch das Wasser reiten. Dann ging es eine
lange Zeit durch eine schne Flche mit ppigen Weingrten; ein feines
summendes Gezirpe begleitete uns auf dem ganzen Wege; manchmal wurde es so
laut und durchdringend, da wir es fr den Gesang eines Vogels hielten, den
wir, einer Wachtel hnlich, hufig erblickten; als wir das Geschwirr aber
von einem einzelnen Olivenbaume herabschallen hrten, und keinen Vogel
darauf entdeckten, berzeugten wir uns, da der Ton von einer Zikade
herrhrte. Den bermigen Durst hatten wir durch Feigen und Trauben
gestillt; als sich nun aber auch der Hunger meldete, waren wir froh,
von Demetry zu hren, da sich am Ufer der sich vor unsern Augen neu
aufrollenden Bai ein Huschen befnde, in dem wir unser Frhstck einnehmen
knnten. Es war im Fluthensande gebaut, wenige Schritte vom Meere,
dessen khlender Wind uns zu Gute kam; denn die Hitze war auerordentlich
gestiegen. Das Dach dieses Kani war durchlchert wie der Hut eines
Bettlers; die brige Einrichtung ganz den frher beschriebenen Herbergen
hnlich. Vor den beiden elenden Gemchern des obern Stockes war ein Balcon,
unter dem wir unser Frhstck einnahmen, das aus Kuchen, Eiern und kaltem
Fleische bestand. Was dem Male fehlte, ersetzte die gute Laune, obwohl sich
einige Stimmen erhoben, die auf mehr Reisebequemlichkeit gehofft hatten.
=Dr.= F. klagte als echter, behaglicher Wiener ber Speise und
Trank; Professor G. und ich kmpften als echte Reise-Enthusiasten und
Hellas-Verehrer eifrig dagegen. Unterdessen zankten und schrien unsere
Fhrer, was uns Gelegenheit gab, den Klang der Landessprache kennen zu
lernen; mich begeisterte dieselbe so sehr, da ich mich auf den wankenden
Balcon ber uns schwang, und auf unsere Gesellschaft in einer Rede, die den
Klang der griechischen Sprache nachahmte, herabdonnerte, was die Heiterkeit
sehr vermehrte und sogar die Aufmerksamkeit der Griechen erregte. Die
neugriechische Sprache entbehrt im Munde des Volkes des Wohllautes,
der ihr, von Gebildeten gesprochen, eigen ist; sie erinnert an das
Altgriechische; auch suchen die gebildeten Kreise die klassischen Worte
immer mehr wieder einzufhren, und das slavische Element auszumrzen.

Nach kurzer Ruhe setzten wir uns wieder in Bewegung. Ich nahm mit Professor
G. die Spitze der Colonne ein, und im ruhigen, innigen Gesprche brachten
wir die angenehmsten Nachmittagsstunden zu. Hauptschlich besprachen wir
die magische Wirkung der Farbentne dieses Landes; er uerte sich
als echter Knstler darber und ich labte mich an seinem gesunden,
tiefdurchdachten Urtheile; whrend des Gesprchs ritten wir fast immer
durch den feinen Sand des Ufers, was den Reiz seiner Reden noch erhhte.
Die blauen Tiefen und hellgrnen Verflachungen des ewig bewegten Wassers
fesselten uns unwiderstehlich und lieferten den Beweis, wie richtig er
urtheilte; wie ergtzte es uns, in den Wellenschlag hineinzureiten und dies
unerschpfliche Schauspiel ganz nahe vor uns zu haben; welch ein Zauber
liegt in der Betrachtung der sich bumenden Wellen und ihres innern Lebens.
Die strkern unterdrcken und berrollen die schwchern, und ihre herrliche
Kraft und Macht verluft sich zuletzt sanft und lieblich auf dem glnzenden
reinen Sande in einem leichten, weien, eilig vorwrtstrippelnden Schaum;
pltzlich zieht sich dann die mystische Fluth zurck und nur die keckesten
Auslufer zerrinnen auf dem Sande. Kaum glaubt man sich im Trocknen, so
wlzt sich rasch eine noch mchtigere Welle, wie ein Schwarm zgelloser
Pferde, heran und leckt noch weiter wie die vorige mit ihren Zungen in
das Land hinein, um abermals in eitlem Schaum zu vergehen, wie das Streben
einer strmenden Seele, das Drngen eines bermthigen unbefriedigten
Gemths, das gleich den Wellen im Sande verrinnt. Es lag ein wilder Reiz
darin, die ngstlichen Pferde in das tobende Element zu fhren, und die
Wellen an ihren Hufen zerschellen zu lassen. Manchmal wurden die Thiere
durch die Kraft der Wogen zurckgedrngt, doch brachten sie unsere
Mahnungen bald wieder hinein, und wir genossen mit vollen Zgen das Leben
der Fluth. Einen Augenblick wand sich der Pfad aufwrts, und es rollten
sich neue Bilder vor uns auf; dies wiederholt sich, da in das Meer
hineingeschobene Hhen das ebene Ufer unterbrechen; es war ein
interessanter Anblick, wie die Gestalten unserer Reisegefhrten sich erst
auf dem gelben Sande des Gesteins abgrenzten, dann langsam hinaufklimmend
auf der Hhe wie Silhouetten im Blau des Aethers erschienen und dann
zwischen zwei Felsen verschwanden; die phantastischen Gestalten bildeten
einen romantischen Gegensatz zu der majesttischen Ruhe der Natur. Auf
einer dieser Hhen trafen wir auf die Ruinen eines Hauses, oder einer
Veste, die durch die Wuth der Trken zerstrt worden war.

Man findet im armen Hellas sehr hufig Spuren, die beweisen, wie furchtbar
die Hand der Moslim ber den christlichen Lndern gelegen hat, und wie
schwer sie im Unterliegen noch Rache an den Kmpfern gebt haben; noch
lange wird das Land an seinen Wunden bluten, und es wird einer festen Hand
bedrfen, um es auf jenen Standpunkt zu bringen, auf dem es den blutig
erkmpften Sieg benutzen kann. Von diesem Felsen herab, der wie ein Sockel
im Wasser steht, gelangten wir wieder durch Buschwerk und Reben reitend
an das Gestade, das wir nicht mehr verlieen, bis wir um fnf Uhr in den
kleinen Ort Sakoly kamen, der zur Nachtstation bestimmt war. Er ist auch im
Ufersande erbaut und hat eher ein trkisches als ein griechisches Ansehen;
die Rauchfnge blinkten uns wie Minarets entgegen; auer diesem kleinen
Schmucke ist in diesem Dorfe alles rmlich und auf der untersten
Kulturstufe. Wieder wurde uns in der Mitte des Dorfes ein Kani angewiesen,
in welchem sich ein kleines Zimmer mit zwei hlzernen Ruhebetten befand;
bis das Mal bereitet war, gingen wir am Strande spazieren, und die Khle
des Abends war im Vergleiche mit der vorangegangenen Hitze des Tages so
fhlbar, da wir uns nicht lange an der immer strker werdenden Brandung
ergtzen konnten; die Sonne war herrlich untergegangen und mit dem in
Griechenland so gefhrlichen Temperaturwechsel trat auch die Dunkelheit
ein; noch vor der Malzeit schrieb ich an meinem Tagebuche. Das unbequeme
Lager und die Insekten waren schuld, da wir erst spt einschliefen; wir
waren wie die Hringe zusammengepackt, was Anla zu manchem Streit und
manchem Scherz gab. Kaum hatte ich einige Stunden geruht, als Archivarius
K. mich weckte, weil er selbst nicht schlafen konnte und sich daher
langweilte; natrlich lieen wir nun auch den Andern keine Ruhe mehr; man
brachte das Frhstck und eine ziemliche Zeit vor Sonnenaufgang verlieen
wir unser Nachtquartier.

Mir war sehr unwohl und nur aus Rcksicht fr die brige Gesellschaft zwang
ich mich mitzureiten; mit Sehnsucht erwartete ich die warmen Strahlen der
Sonne. Die kahlen Bergspitzen entzndeten sich in reinster Gluth; gegen
Korinth wurde das Purpurband der Dmmerung immer klarer und wrmer, bis
es sich endlich in dem Augenblick, als die Sonne erschien, in ein goldenes
Strahlenmeer verwandelte; die See schickte im Augenblicke, als der Tag
erschien, goldene Schume an das Ufer, die Weinberge glnzten im lichtesten
Grn und die Pinie schwang sich leichter in der neu belebten Luft. Doch
mein Unwohlsein nahm immer zu, und eine Stunde nach Sonnenaufgang mute ich
mich im freien Felde am Strande lagern. Der liebe =Dr.= F. hllte mich in
Mntel und Marinaros ein, und stellte mich so weit her, da die Caravane
nach einer Stunde ihren Weg fortsetzen konnte. Er fhrte lngs dem immer
schner werdenden Golfe hin, zwar eben, aber durch mannigfaltiges Gestrpp
behindert; wir stieen heut fter auf Huser, die aber meist verlassen
waren, auch biblische Brunnen sahen wir hufig nahe dem Meere. An dem
Kani, wo wir frhstcken sollten, standen eine Menge Maulthiere mit Trauben
beladen; meine Begleiter strzten sogleich auf dieselben los, ich aber
ging, des Reitens mde zu Fue voraus. Gegen Mittag erreichten wir Sizia,
einen kleinen Ort am Gestade, wo uns Demetry ein fr diese Gegend recht
nettes, bunt angestrichenes Haus anwies; eine Terrasse hatte die Aussicht
auf das Meer; und das Zimmer schien ein Gemisch von orientalischem
Geschmack und europischer Civilisation; es fanden sich darin Divans,
goldberahmte Spiegel, etruskische Vasen und Steh-Uhren; doch das Schnste
und anregendste war die liebenswrdige Cousine des jungen Hausherrn; sie
mochte wohl eine Ahnung von unserer Ankunft gehabt haben, denn ihr Fe
sa zu nett auf den braunen Haaren, und der Stoff des mit Pelz verbrmten
Kleides war zu prachtvoll fr den alltglichen Gebrauch. Sie schien es gern
zu sehen, da man ihre schne Erscheinung bewunderte. Wir begaben uns
in den Salon und konnten hier die Einrichtung eines wohlhabenderen
griechischen Hauses betrachten. Im Orient ist Alles auf glnzende Farben
und Pracht berechnet; so gab man uns goldgestickte Handtcher; doch fehlt
neben dem verschwenderischen Luxus die gewhnlichste Bequemlichkeit,
whrend es bei uns eher umgekehrt ist. Fast in allen hellenischen Zimmern
hingen die Portrts des Knigspaares und der Freiheitskmpfer in einfachen
hlzernen Rahmen, wie auch Scenen aus dem Kampfe gegen die Trken; die
Bilder aber sind der Mnner und ihrer Thaten nicht wrdig, und zeugen von
geringer Kunstfertigkeit.

Nach kurzer Rast setzten wir unseren Weg gegen Korinth fort, der wieder
durch eine reich mit Weingrten bebaute Ebene am Meere hinfhrt; gegen
Abend lag das stolze Akrokorinth mit der Stadt Korinth an der uersten
Spitze des Golfs vor uns. Je nher das Meer ans Ufer tritt, desto
dunkelblauer wird seine Farbe und desto ruhiger seine Oberflche. Die
Bauart der Huser, wie der Schlag und die Tracht der Menschen nderte sich
in dieser breiten Ebene; Gesichtsfarbe und Zge nehmen etwas Zigeunerhaftes
an, und die Bekleidung ist leicht und von genialster Unordnung; man zieht
Stunden dahin, ohne da man sich der Stadt merklich nhert. Beim Untergang
der Sonne erglhte Akrokorinth und einige der hchsten Spitzen in
unaussprechlicher Schnheit; andere Berge waren orangenfarb und
violett, und nur die entferntesten Hhen hllten sich in jenes mystische
Schwarzblau, das die Sehnsucht und Phantasie ber sie hinaus trgt. Die
Farbe des Meeres war von einem Blau, wie ich es in der Natur noch niemals
gesehen habe; wir ritten still und bewundernd durch die frischgrne
Farbenpracht der Ebene, zwischen der die gelbe Erde an vielen Stellen
hervorleuchtete. Unterhalb Korinth flammten die uersten Spitzen des
Oelbaumes zum letzten Male in rosiger Gluth, worauf die Sonne hinter den
Bergen von Patras verschwand und der stille Duft der kurzen Dmmerung ber
die Gegend zog.

Nachdem wir schon glaubten, Korinth sehr nahe zu sein, floh es vor uns
wie ein zauberhaftes Trugbild; wir ritten und ritten und konnten es
nicht erreichen; die Luft nach dem Sonnenuntergang auf der Ebene war
bengstigend, und es bemchtigte sich unser wirklich ein unheimliches
Gefhl. Als gerade der Uebergang zur Nacht eingetreten war, nahten wir uns
endlich unserem Ziele. Schauerlich, ja entsetzlich erschienen die Ruinen
und tiefen Schlnde unterirdischer Gewlbe auf dem fahlen, wsten, gelben
Boden; wir ritten in einem Meer von Steinen; aus den schwarzen Tiefen
schien ein giftiger Hauch hervorzuquellen; einzelne Gestalten krochen wie
bse Schatten von Trmmer zu Trmmer; es war ein Bild der Zerstrung und
des Fluches -- wir glaubten durch eine Stadt des Todes zu gehen; endlich
kamen wir in einen etwas gesitteteren Stadttheil, wo wieder Leben zu
herrschen schien. Wir hielten auf einem kleinen Pltzchen vor einem
hellerleuchteten, recht gut aussehenden Hause, das uns wie ein Stern aus
trber Nacht entgegen leuchtete. Es gehrte der Familie N., bei welcher
uns unser Wirth ohne unser Wissen angekndigt hatte. Wir wuten uns anfangs
nicht recht in unsere Lage zu finden, bis wir zu unserem Entzcken deutsche
Laute hrten. Im selben Augenblick kam durch die dunkle Nacht eine groe
Gestalt auf uns zu und lud uns in deutscher Sprache ein abzusitzen und
bei der Familie N. die Nacht zuzubringen. Wir folgten dieser Stimme in
der Wste, die uns in diesem Augenblicke wirklich wie die eines Propheten
erschien, und traten unter die Thr des Hauses; hier waren Mnner und
Frauen in Nationaltracht, offenbar von unserer Ankunft benachrichtigt,
versammelt. Der Deutsche war ein seit mehreren Jahren hier wohnender Arzt,
Namens H. Er fhrte uns in einen reinlichen, hbsch eingerichteten Saal im
ersten Stock, und stellte uns hier der Tochter des Hauses vor. Eulalia, so
hie die Holde, erschien in einem prachtvollen Kostme, das ihre
blendende Schnheit noch hob -- und Helena selbst mchte, wenn sie htte
wiedererscheinen knnen, die Schnheit der griechischen Frauen nicht
wrdiger vertreten haben. Sie war eine Glanz-Erscheinung in der ersten
Jugendblthe, ihre schlanke, hohe Gestalt im vollsten Ebenmae zeigte
das herrliche Bild sdlicher Vollendung. Die Zge waren die einer antiken
Kamee; auf der elfenbeinartigen Haut des Gesichts zeichneten sich mit
stolzer Schrfe die dunklen Brauen ber den groen, langgeschnittenen
Augen, ab. Ihr prachtvolles Haar trug sie in Wellen um die blendenden
Schlfe, und auf dem Haupte sa der dunkle Fe mit der langen Quaste, die
um ihre Schultern spielte. Leider sprach sie nur griechisch und =Dr.= H.
mute den Dolmetscher machen. Ihr Vater ist Minister des Innern in Athen,
und bald wird auch sie dorthin ziehen, um einen Doctor zu heirathen. In
ihrer Begleitung waren noch mehrere Hausgenossen und ein Bruder ihres
Vaters, der einige Monate nach unserer Anwesenheit, in einem Parteistreite,
von den Bauern umgebracht wurde. Nachdem wir wieder allein waren, setzten
wir uns, ziemlich ermdet von unserem Ritte, um den Theetisch. Archivarius
K. war unwohl, und =Dr.= H., den wir zur Tafel gebeten hatten, lohnte uns
die Hflichkeit mit sehr interessanten Erzhlungen ber die Zustnde von
Hellas. Diese Erzhlungen fielen nicht zum Besten der Einheimischen aus;
brigens bte er nur Wiedervergeltung; denn der Ha der Griechen gegen die
Fremden ist so gro, da sie fr dieses Gefhl ein eigenes Wort in ihre
Sprache eingebrgert haben; nur vor den Aerzten haben sie einen ngstlichen
Respekt, weil sie von ihnen Schutz vor den frchterlichen Fiebern erwarten,
die gerade jetzt in Korinth sehr stark herrschten. Das Baden im Meere
und die Luft whrend der Dmmerung sind gefhrlich; bei der Migkeit der
Einwohner, und dem sonst guten Klima sind andere Uebel selten. Gefhrlicher
als das Fieber sind die Ruber; nach den Angaben des =Dr.= H. treibt der
grte Theil der Bevlkerung dieses Handwerk, und es sollen sich ehemalige
Genossen dieser Zunft, bis in die Hofatmosphre erhoben haben. Da alle
Mnner aus dem Befreiungskriege, Palikaren (Helden) genannt, das Recht
haben Waffen zu tragen, so wird ihnen das Rauben auerordentlich leicht
gemacht. Oft wird mitten in der Stadt ein Haus gemthlich belagert; so war
unser Nachtquartier in Vostizza einst von einer Bande, whrend einer
ganzen Nacht gefhrdet. Reisende thun daher wohl, sich von einer Anzahl
von Gensd'armen begleiten zu lassen. Werden solche gefhrliche Mnner
eingefangen, so solle es geschehen, da sie nach kurzer Haft zu Ehren und
Auszeichnung gelangen, da die Protection und Bestechlichkeit noch grer
ist, als in den gebildeten Lndern; so kommt es, da die Hchsten des
Landes nicht immer von der ausgesuchtesten Gesellschaft umgeben sind. Auch
Parteiungen sollen in einem hohen und traurigen Grade das Land zerwhlen.
Der Hauptstreit entspinnt sich zwischen den Familien, die sich im
Freiheitskampfe ausgezeichnet haben, und die ein Surrogat fr unsere
Aristokratie bilden. In jeder Stadt hat eine derselben die Oberhand,
whrend die andern sich bestreben, ihnen diese Macht zu entreien. In
Korinth sind es unsere freundlichen Wirthe, die N., welche die Wahlen
leiten und eine Art Herrschaft ausben. Diese Familie findet ihre Sttze in
der Gnade des Knigs; der Vater der schnen Eulalia ist, wie schon gesagt,
Kriegsminister, ein Bruder desselben Palikare und Flgeladjutant des
Knigs. Zieht dieser die Hand von ihnen ab, so sind sie, nach der
Behauptung des =Dr.= H., keine Stunde mehr sicher in ihren vier Mauern.
Wenn auch die Erzhlungen des =Doctros= nicht ganz von Uebertreibung frei
gewesen sein mgen, so waren sie doch immer interessant, zumal da es das
erstemal war, da wir mit Offenheit ber das Land und seine Gebruche reden
hrten. Als er die Schrecken des herrschenden Fiebers beschrieb, verschwand
unser Archivar pltzlich, und nach vollendetem Abendessen, fanden wir ihn
in starker Aufregung; er klagte ber heftige Schmerzen im Knie und sah
in der That fieberhaft aus; im Innern glaubte er wohl ein Opfer der
schrecklichen Epidemie zu sein; er war sehr aufgeregt, wollte aber dennoch
den Rath des Arztes nicht hren. Wir zwangen ihm kalte Umschlge auf, und
gingen erst zur Ruhe, als er sich etwas erholt hatte. Die Betten waren
breit und gemchlich, und die Einrichtung fr dieses Land luxuris; man
sah, da wir =sub umbra alarum=, im Hause eines Mannes waren, welcher
in der Gnade des Monarchen stand. Wir schliefen nach der groen Ermdung
vortrefflich; doch trotz der schwellenden Kissen und dem goldgestickten
Leinenzeug, fanden wir am Morgen die Spuren eines blutgierigen
Zwergenheeres auf unsern scheckigen Krpern; Pracht und Marter
nebeneinander! Schon in aller Frhe erschien der freundliche H. mit unsern
Pferden, um uns nach einem krftigen Frhstck auf das stolze, berhmte
Akrokorinth zu fhren. Es war fnf Uhr frh, und eine erfrischende
Morgenluft lie uns einen schnen Tag erwarten. Das zunehmende Licht zeigte
uns erst recht die Trmmer der einst so blhenden Stadt, aus denen
uns, trotz des mildernden Tageslichts, dennoch der Fluch des Himmels
entgegengrinste. Wo waren die Palste, wo die herrlichen Cypressenwlder,
wo die zahllosen Denkmale der alten Griechen? Wo wandelten die erhabenen
Gestalten der Priesterinnen? Alle Reize, die wir in den Klassikern
beschrieben finden, sind verschwunden; des Menschen Geist hat aufgehrt
zu herrschen, und es sind nur noch die Elemente in ihrer Macht, die uns
Bewunderung einflen. Das Meer, der Himmel und die Berge ziehen unsere
Blicke von der zweimal zerstrten Stadt ab, in der nur noch einzelne
Ueberreste der Nachwelt die einstige Gre zeigen. Zuerst geleitete uns der
Arzt zu den Trmmern des Neptuntempels; sie bestehen nur noch aus vier bis
fnf niedrigen Sulen, die im Zerfallen selbst mchtig sind. Zwei derselben
sind durch einen horizontalen Steinblock verbunden; einer davon droht ein
baldiger Untergang, da aus dem unteren Theile ein groes Stck ausgebrochen
ist, das man mit schlechten Steinchen und zerbrckeltem Mrtel ersetzt hat.
Stnde der Tempel in England oder Frankreich, so wrden ihn die Archologen
mit einem Glaskasten berdecken -- denn wo Mangel ist, achtet man den
Besitz, und wo, wie hier, die Flle ist, beachtet man sie kaum. Man kauft
hier die niedlichste etruskische Vase um ein Spottgeld, und hebt sie dann
zu Hause im Museum als ein Juwel auf; auch ich versumte die Gelegenheit
nicht, einige dieser schn geformten Gefe an mich zu bringen.

Hinter den Ruinen des Neptuntempels fngt das Erdreich an sich zu heben;
wir konnten auerhalb der Stadt, bis zu den Ruinen von Akrokorinth reiten;
alles um uns herum war wst, mit Ausnahme eines mchtigen Feigenbaumes,
der einen schnen trkischen Brunnen mit in Stein gehauenen Koransprchen
beschattete; ein mageres Mohrenweib fllte an demselben seine irdenen
Krge. =Dr.= H. erzhlte uns, da noch einige dieser Kinder des Aequators
aus den Zeiten Ibrahim Pascha's hier brig geblieben sind, whrend der
grte Theil durch die Wuth der fanatischen Hellenen fiel. Ueberhaupt sind
in Korinth die grlichsten Greuelscenen vollbracht worden; die Muselmnner
schlachteten die Wehrlosen mit tyrannischer Hand, und sind spter von den
siegenden Griechen mit heiem Rachegefhl gemordet worden.

Vom Brunnen aus ward der Weg immer steiler, und bald schwebten wir dem
mchtigen Felsen entlang auf schroffer Hhe; die Stadt verloren wir einige
Zeit aus den Augen, und von der sdlichen Seite der Hhe erblickten wir die
auerordentlich starken Festungswerke, die dem steilen Eingange gegenber
stehen. Mauern, Thrmchen und Batterien sind mit khnem Geiste und
praktischem Sinne auf die einzelnen Felsenvorsprnge gepflanzt, ein der
venetianischen Macht wrdiges Werk. Vor dem ersten schauerlichen Thore
stiegen wir von unseren Pferden ab, und muten das Ende des mhseligen
Weges zu Fu zurck legen. Wir pochten an das groe dunkle Thor und ein
recht schn uniformirter griechischer Husar ffnete uns von Innen die
geheimnivolle Pforte. Durch einen dsteren Bogen, vor welchem sich die
alte Fallbrcke befindet, gelangten wir an ein kleines Huschen, das jetzt
der stolzen Besatzung der mchtigen Festung zur Wohnung dient; sie besteht
aus zehn bis zwlf kmmerlich aussehenden Mnnern, denen nach den Begriffen
des Landes der Titel Soldat zukommt. Vor der Kasernenhtte lagen sechs
bis sieben venetianische Kanonen ohne Lafetten, als htten sie sich's,
des langen Wartens mde, bequem gemacht. Akrokorinth ist auf der ganz
unregelmig, sehr groen Oberflche des Felsens erbaut und umgiebt deren
Saum mit einer Mauer, auf der sich von Strecke zu Strecke kleine Thrmchen
erheben. Abgebrochene Felsenstcke, groe Haufen von Trmmersteinen, nackte
Wnde kleiner Huschen, einzelne Kanonen, Menschen- und Thierknochen liegen
hier im buntesten Gewirre durcheinander; von irgend einer Ordnung oder von
gangbaren Wegen ist keine Rede. In einer der vielen Felsenvertiefungen,
in der Nhe des Einganges, befinden sich die meisten Huserruinen, und
in ihrer Mitte eine kleine Kapelle, um welche Feigenbumchen sprossen.
In diesen Htten suchten die Einwohner von Korinth eine Zufluchtsttte,
nachdem die Griechen die Festung das erstemal den Trken abgerungen hatten.
=Dr.= H. machte uns auf zwei, zwischen diesen Trmmern hufig wuchernde
Pflanzen aufmerksam: die eine ist die giftige Eselsgurke, deren Frchte
bei der geringsten Berhrung die Samenkrner mit groer Gewalt
herausschleudern, was dem Unvorsichtigen, der das Auge darber hlt,
augenblicklich die Sehkraft kosten kann; ich schlo die meinen und stie
mit dem Fue an die Frucht, worauf ich die Samenkrner an den obern Theil
meines Hutes anprallen hrte. Die andere Pflanze umspann das Gestein mit
schnem dunkelgrnem Laube; ihre Blthe war von zauberhafter Weie und
mit einer zahllosen Menge feiner Staubfden gefllt; der sanfte liebliche
Geruch entsprach der zarten Blume; die Frucht war lnglich und gleich einer
kleinen grnen Gurke, das Innere derselben war mit rothen Krnern gefllt.
Doch weder Blume noch Frucht geben der Pflanze ihre Bedeutung, sondern die
kleinen dunkelgrnen Knspchen, welche unter dem Namen -- der Leser hat es
wohl schon errathen -- der Kapern auf den europischen Tafeln ihre Stelle
finden.

Wir hatten noch ein gutes Stck lngs der Umfangsmauern zu ersteigen,
bis wir endlich auf der hchsten Spitze Hellas, wie auf einer Karte
ausgebreitet, vor uns liegen sahen. Gegen die tiefliegende Stadt gewendet,
sahen wir das dunkle, schmale Band des Isthmus, zwischen zwei von der
Sonne beleuchteten Spiegelflchen, die wie zwei, gegen einander gestellte
Hyperbeln anzusehen waren. Diese fruchtbare Landenge ist leider unbewohnt
und unkultivirt, und nur einzelne Pinienwlder unterbrechen die Flche
des gelben Bodens, der als unbenutzter Schatz daliegt. Es war im Plan, die
Landenge mit Deutschen zu bevlkern; doch scheiterte derselbe durch
Mangel an Energie der Regierung, dem Fremdenhasse der Griechen gegenber.
Deutscher Flei htte ein ganz schnes Lndchen fr die Kultur erobern
knnen, und die vierhundert dazu bestimmten Familien, wrden den Nachbarn
gezeigt haben, wie reich und wie glcklich man auf einem solchen Boden
werden kann.

Die Breite des Isthmus, an sich unbedeutend, schrumpft von hier oben
gesehen, noch mehr zusammen. Jenseits des Meeres erhoben sich, unmittelbar
am Ufer, himmelhoch die Gebirge von Rumelien und Livadien; die Felsen sind
von Bumen entblt, der Sonne widerstandslos ausgesetzt, erhalten aber
dadurch jene zaubervolle, rosige Gluth, die je nach der Entfernung vom
Violett ins Schwarzblau berzugehen scheint. Die Berge knnen, wie die
Menschen, gemein oder wrdevoll erscheinen; die Hhen von Hellas erheben
sich in edlen Formen, wie seine antiken Heldengestalten; ein Helikon, ein
Libetrius, eine Cythero, ragen wie die Manen einer schnen Zeit hervor.
In der Richtung von Salamis und Athen hinderten uns Dnste die Gegenstnde
genau zu unterscheiden; an den gegenber liegenden Ufern des Meeres sahen
wir an unserer Seite des Isthmus, Lutraki, eine kleine Ansiedlung mit einem
Dpot des streichischen Lloyd und einem fr die Passagiere des Dampfers
bestimmten Wirthshause; jenseits der Landenge liegt Kalamachi, wo die
Reisenden wieder von einem Dampfer aufgenommen werden, um nach Athen zu
gelangen. Zu unseren Fen lag Korinth, von dieser Hhe betrachtet, weniger
schreckhaft, und trefflicher zu bersehen, wie auf jeder Karte; man sieht
von hier mehrere Thrme, mit denen die Trken die Stadt umgeben haben. Der
Boden senkt sich von der Stadt sanft zum Meere herab, das ungefhr in einer
kleinen halben Stunde zu erreichen sein mag. Vom Felsen von Akrokorinth bis
gegen Sigia, erstreckt sich eine ziemlich bedeutende Ebene, auf der, gegen
das Meer zu, groe, frische Weingrten liegen, whrend sich, dem Gebirge
von Morea zu, ein Olivenwald wohl eine Stunde weit zieht, dessen Frchte
den verschiedenen Eigenthmern jhrlich eine Gesammtsumme von 50,000
Thlr. einbringen sollen. Die Bume dieses Haines sind auf eine ziemliche
Entfernung von einander, gesetzt und gleichen an Hhe und Form groen
Weiden; ihre Farbe ist ernst, und je nach der Sorgsamkeit der Pflege,
farbloser oder dunkler; in Dalmatien, so bei Ragusa, wo man den Oelbaum mit
besonderer Umsicht behandelt, hat das Blatt einen dunklen, grnblauen
Ton. -- Die Ebene vor uns verluft sdwrts in einen schauerlich felsigen
Engpa, durch dessen Mitte die Strae nach Nauplia einem Flusse entlang
fhrt. Der Blick, der uns in das Innere von Morea geffnet war, fiel
auf hohes Gebirg, das aber in ungnstiger Beleuchtung farblos und wild
erschien, obwohl seine Umrisse hchst interessant sind. Der Gesammteindruck
des Rundbildes war erhaben, wild und einsam; nur selten gewahrte man die
Spuren der Menschenhand; besonders sah Morea wie eine stille Urgegend aus,
die der Mensch noch nicht geknechtet hat. Da unsere Zeit sehr beschrnkt
und der Weg nach Nauplia lang war, so muten wir diesen reichen Punkt
bald verlassen, nahmen aber unseren Rckweg zum Eingangsthor auf der
entgegengesetzten stlichen Seite, von der man Morea und den andern Theil
der Festung bequem bersehen kann; er fhrte uns an einem, in den Felsen
gehauenen Brunnen mit trefflichem Wasser vorbei, an dem Korinth berhaupt
reich ist; auch eine kleine Kaserne, in der einst Baiern hausten, stie
uns auf; sonst war Alles nackt und felsig. Einige Soldaten schlichen in
schrecklicher Uniformirung herum. Der Grieche in Nationaltracht und der
Grieche in frnkischer Uniform sind himmelweit verschieden; so stolz,
schlank und grazis er in Fustanella und Fe erscheint, so rmlich, mager
und erbrmlich sieht er in der Uniform aus. Durch dasselbe Thor, durch das
wir eingetreten waren, verlieen wir die Festung, welche die Griechen den
Trken nur durch List zu entreien vermochten. Schade, da dieses groe
Werk der Venetianer nun gnzlich zu Grunde geht. Die Mauern zerfallen, und
aus den meisten Kanonen mit dem stolzen Markuslwen lie die Regierung Geld
prgen. Akrokorinth gegenber ragt zwischen dem Gebirge von Morea noch eine
Felsenspitze mit einem festen Schlosse hervor, das der Familie N. gehrt.
Wir legten den steilen Theil des Rckweges zu Fue zurck; erst in der Nhe
des trkischen Brunnens bestiegen wir unsere Pferde wieder. Vor dem Hause
N. fanden wir den Archivarius und Professor G., die groer Ermdung wegen
in der Stadt zurckgeblieben waren; sie hatten sich die Merkwrdigkeiten
derselben besehen, und hatten so viel davon zu erzhlen, da mein Bruder,
=Dr.= F. und ich beschlossen, sie in aller Eile noch zu besichtigen.
=Dr.= H. fhrte uns eine Stiege hinauf in einen halbkreisfrmigen
Felsenausschnitt von ein bis zwei Klaftern Tiefe, unter dessen Vorsprung
die berchtigte Grotte der Aphrodite liegt. In der Mitte derselben befindet
sich eine schmale, niemals ergrndete Oeffnung, aus der eine Quelle des
frischesten Wassers hervorsprudelt und in einer Aushhlung des Felsens
etliche Schuh ber den Grund herabrieselt. In dieser Quelle badeten
die zweideutigen Priesterinnen der Venus, deren Tempel gerade ber dem
Felsenabhange stand; jeder berhmte Grieche, besonders Feldherr, mute ein
Mdchen als Priesterin in diesen Tempel stiften. In dem Innern der Hhle
verbreitet das frische Wasser eine wohlige Khle, mit der das sanfte
Pltschern lieblich harmonirt; den Boden bedeckt der feinste Sand, und aus
allen Felsspalten sprot frisches Grn; von der Hhe, wo einst der Tempel
stand, senkt sich zu beiden Seiten der Boden allmhlig in Hufeisenform
herab, so da man vom Lande aus im Innern der Hhle nicht gesehen wird und
nur die herrliche Aussicht auf das Meer geniet. In der Trkenzeit baute
ein Pascha dorthin, wo der Tempel einst stand, einen Palast und lie eine
Steintreppe in den untern Raum fhren, den er als Bad benutzte. Nun
sind Tempel und Palast verschwunden, vor Gottes Zorn ber diese sndige
Wirthschaft, und die Grten, Tempel und Theater sammt den 300,000
Einwohnern des alten Korinth sind zu Staub und Schutt geworden. Das jetzige
Korinth ist nicht grer als ein deutsches Dorf.

Als wir zurckkamen, stand die schne Eulalia unter dem Thorbogen, und
bezauberte Alle mit ihren Blicken; wir verabschiedeten uns bei ihr, dankten
fr die gtige Aufnahme, schwangen uns auf die Pferde und ritten gen
Nauplia; nur Professor G. sa nicht auf und glaubte zu Fue leichter
fortzukommen; doch auerhalb der Stadt arbeitete er sich mit Mhe und unter
fremder Hlfe auf den Sattel; wir brachten ihn auf, behauptend, er habe
die Lust am Gehen nur vorgeschtzt, um nicht vor den Augen der Braut von
Korinth die Sattelhhe strmen zu mssen. Es war wirklich gut, da wir aus
Eulaliens Bereich kamen; denn die Gestalt dieser Zauberin hatte berckend
auf uns Alle gewirkt. Diesmal begleitete uns eine grere Anzahl
Gensd'armen, weil die Felsschluchten, die wir zu durchziehen hatten, den
Rubern willkommene Schlupfwinkel bieten. In Nauplia erfuhren wir spter,
da die Nacht vor unserer Durchreise, eine Gesellschaft von achtzehn
Personen in einem dieser Engpsse geplndert worden war. Das Rauben ist
in Griechenland eine hergebrachte Sache. Es scheint, da die Moralitt
der Griechen nicht durch die Ideen von Knig, Vaterland und Nchstenliebe
gehoben wird; der eigne Vortheil ist ihr Leitstern; sogar die Heirathen
werden nicht aus Liebe, sondern durchgngig aus Convenienz geschlossen,
und der Gedanke, an Andern ein Unrecht zu begehen, verschwindet vor dem
Vergngen, den eigenen Sckel zu fllen.

Bald hatten wir die wste Ebene von Korinth auf schlechten, steinigen
Wegen durchschritten; an dem Flusse angekommen, befanden wir uns in einem
schmalen Thale, das wir bis Nauplia nicht mehr verlieen. Die Hhen rechts
und links vom Wege sind pittoresk, aber kahl und schauerlich; nur selten
erfreuten uns Piniengruppen und Oleandergebsche im Flubette; wie
begreift man, da hinter diesen Feldern von Felsstcken, diesen unzhligen
Erhhungen und Schluchten, der Ruber das bequemste Spiel hat! Die kleinste
Schaar kann aus sicherem Hinterhalt die Reisenden berfallen und wenn's
Noth thut, spurlos verschwinden machen. Man kann sich keine Gegend
vorstellen, die mehr den Stempel des Schreckens und der wsten Rauheit
an sich trgt. Der Karst allein wre mit dem Anfang unseres Weges zu
vergleichen. Von Zeit zu Zeit fanden wir Piquets der Land-Miliz zu unserem
Schutze aufgestellt; wir zhlten deren sieben; die guten Leute aber sahen
in der rmlichen Landestracht, mit den langen Flinten bewaffnet, so wenig
einladend aus, da wir das erste Piquet fr einen Haufen Ruber hielten.
Leider machten wir die Bekanntschaft von erklrten Wegelagerern nicht,
obwohl mancher dieser Genossenschaft bei uns vorbeigeschlichen sein mag;
aber die Gensd'armen verdarben ihnen die Lust; jeder von uns htte seine
heimliche Freude an einem kleinen unschuldigen, urwchsigen Abenteuer
gehabt. Zur Entschdigung kreisten fnf mchtige Adler ber unseren
Huptern, und zwei von ihnen hatten die Gewogenheit, uns so nahe zu kommen,
da man jede Feder unterscheiden konnte; dies waren die wrdigen Bewohner
dieser Steinwste. Wir hofften an einem derselben die Gewehre prfen zu
knnen, die wir auf der ganzen Reise mitgeschleppt hatten; doch ehe wir
angelegt hatten, waren die Frsten der Luft der Schuweite entschwunden.
Die Hitze war so unertrglich geworden, da ich meinen Durst an dem Wasser
eines romantisch gelegenen, halb verfallenen Mhlenkanals lschen mute. So
schn die Oleander und Reben waren, die diese Fluth umfchelten, so wenig
rein und klar war diese selbst. Endlich ffnete sich das schmale Thal und
stieg sanft zum Gebirge aufwrts. Ich ward hier lebhaft an unser heimisches
Alpenland erinnert, namentlich an das Nafeld bei Gastein; doch nur an die
Punkte, wo die Baumvegetation und die frischen Wiesen aufhren. Hier war
es, wo wir eine groe Heerde uns unbekannter Ziegen trafen, die, wie die
King Charles Hunde, lange schwarze, glnzende Haare mit feuerfarbener
Zeichnung hatten. Es wre der Mhe werth, diese schne Race bei uns
einzufhren. -- Gegen Ende des Thales nahmen wir unser Gabelfrhstck
im Hause eines Gensd'armerie-Piquets neben einer Kapelle, ein. Diese
unglcklichen, von einem Feldwebel kommandirten Menschen werden nur alle
sechs Monate abgelst; in dieser Gegend eine Ewigkeit! Der grte Theil der
Mannschaft hatte das Fieber, und auch der Kommandant, ein sehr hbscher,
freundlicher, junger Mann mute schwer an dieser Krankheit leiden. Er
empfing uns mit groer Artigkeit, und wollte sich uns auf alle mgliche
Weise verstndlich machen, was ihm aber doch nicht gelang; seine Freude war
jedoch gro, als Archivarius K. eine an die Wand geheftete Verordnung, mit
Hlfe des Altgriechischen, laut zu lesen und zu bersetzen versuchte. Sein
Zimmer, in dem wir frhstckten, war mit den verschiedenartigsten kleinen
Kupferstichen und Holzschnitten behangen, was immerhin beweist, da der
Bewohner Bcher in der Hand gehabt haben mu. Die Kapelle neben dem Hause
bestand, wie alle griechischen kleinen Gotteshuser, aus nackten,
hchstens vier bis fnf Schuh hohen Wnden, die durch eine lochartige Thre
unterbrochen werden; an der Seite steht auf einem Steine ein hlzernes,
meistens mit Heiligen bemaltes Kstchen, das die Stelle einer Armenkasse
vertritt; es mu eine groe religise Scheu dem sonst so ruberischen Volke
innewohnen, da nicht das kleinste Kettchen die Brettertruhe an den Stein
befestigt. -- Nach einer Rast von ungefhr einer Stunde setzten wir unseren
Weg fort; bald hatten wir eine stolz geformte Gebirgskette dicht vor uns.
Das Thal hatte sich nun zur Schlucht verengt, und wieder war rechts und
links vom Flusse alles mit Felsenstcken berset, die aber nicht aller
Vegetation entbehrten, wodurch die Landschaft zwar rauh, aber nicht mehr so
traurig erschien; die Schlucht wurde immer enger, die Quelle des Wassers,
das wir lange verfolgt hatten, schien in der Nhe einer Mhle dem Boden
zu entspringen; diese lag da wie eine Oase, ein kleiner Raum voll fetter,
bewsserter Erde, von Tausenden grner Felsspitzen umgeben, von denen sich
das herrliche dichte Laub der Granaten, Feigen, Reben und das hohe Rohr
sonderbar abhob. Um die Mhle sprudelten eine Unzahl von Wsserchen;
Olivenbume neigten freundlich ihr schattiges Haupt, und Hhner pickten
eifrig auf der freigebigen Erde. So schattig und sdlich erschien alles
dem Ankommenden, da es ihm ein Ersatz fr die Steinde ringsum war. Wir
strkten uns mit trefflichem Wasser und verlieen die freundliche Oase,
die mit Ruinen von im Freiheitskampfe zerstrter Huser umgeben war. Dieser
Engpa bildete den Schauplatz einer frchterlichen Metzelei; Tausende von
Trken fielen hier durch das Racheschwert der Griechen. Unser Weg wendete
sich ein wenig, und wir gelangten auf eine schmale Strae, auf welcher
wir uns zwischen himmelhohen Gebirgen durchwanden. Die bei der Mhle
entspringende Fluth fliet in den Meerbusen von Lepanto, whrend wir
sogleich zu einer von den schnsten Struchern umgebenen Quelle kamen,
deren zum bedeutenden Bache angeschwelltes Wasser, das wir bei zwanzigmal
zu durchwaten hatten, sich in den Golf von Nauplia ergiet; die
Wasserscheide ist daher auerordentlich schmal; der Weg blieb noch eine
lange Strecke von den langsam absteigenden Gebirgen eingeengt; die Wildheit
der Gegend hatte jedoch schon bei den Quellen des Baches geendet, die
Felsen verschwanden, und das ppigste Gebsch umgab das Wasser, das wir
scherzweise den Amphibien-Bach nannten, da er von Frschen und an seinen
Ufern lagernden Schildkrten wimmelte; diese wurden besonders hufig, als
sich der Pa wieder zum Thale erweiterte und sich rechts und links vom
Flusse drre, mit kleinem Buschwerk bewachsene Felder ausbreiteten. Als ich
Demetry fragte, warum das Volk diese Thiere nicht zur Speise verwendete,
gab er mir zur Antwort, da man sie fr heilig halte. Die Englnder aber
lassen sich durch diesen Glauben nicht abhalten, ihre Schiffe damit zu
beladen, und sie nach Alt-England zur Bereitung der leckeren =turtle soup=
zu bringen. Da sie einen Monat ohne Nahrung aushalten, so bekommen sie
unterwegs nichts zu fressen. Auch wir nahmen einige mit; die Kleinsten
waren grer, als das Innere der Hand, die Grten ber einen Schuh im
Durchmesser; es war nicht ganz leicht, diese Thiere zu fangen, da sie trotz
ihres unbehlflichen Baues ziemlich schnell fortkommen.

Das Thal zog sich noch einige Stunden gleichfrmig dahin, bis wir endlich
um vier Uhr, ziemlich ermattet, den Ausgang erreichend, eine herrliche
Aussicht genossen. Es war ein schner duftiger Nachmittag; die Sonne
glnzte im blauen Aether und warf deutliche Schatten auf die schne Ebene
von Napoli di Romania, das in hellen Farben glnzte. Die das schmale Thal
bildenden Bergketten liefen zur linken Seite in malerischen Bogen, bis an
den klaren Spiegel des Golfs, und endeten in dem schn geformten Palamides,
dessen Fu an der Meerstadt Nauplia wurzelt. Jede Zacke dieser gekrnten
Hhe zeichnete sich auf dem blauen Hintergrunde ab. Rund um denselben
schimmerte es von Husern und mchtigen Bumen, die im lieblichen
Farbenspiel verschwammen; gerade vor uns breitete sich die gesegnete Ebene
bis an den Rand des Meeres aus, und erinnerte mich an die lombardischen
Gefilde; Bume, Weingrten und Felder wechselten hier im buntesten Gewirre;
zur Rechten schlo der stolze Argos, dessen festes Schlo ebenfalls auf
einem Felsen ruht, die Bergreihe; der Ort Argos lehnt sich an dessen
Fu. Jenseits des schnen Golfes zeigen sich in dunklen Umrissen die
Gebirgsketten, deren letzte Auslufer das Kap St.Angelo und das Kap
Matapan bilden; zu unsern Fen, kaum ein paar hundert Schritte entfernt,
lag am Fue des Berges Mycene, die ehemalige Residenz Agamemnons; -- jetzt
ist sie ein kleiner verfallener Ort auf einem wsten Abhange. Ein Felsen
birgt die Hhle, in welcher der Atriden Sohn begraben sein soll. Leider
durften wir das alles nicht nher betrachten, da die Entfernung bis Nauplia
zu gro war.

In einem Hause, am Beginne der Ebene, die nun vor uns lag, fanden wir zu
unserer angenehmen Ueberraschung den streichischen Konsul, welcher nach
seiner Aussage, seit achtundzwanzig Stunden mit einigen Wagen auf uns
gewartet hatte und zu befrchten anfing, da wir, wie unsere achtzehn
Vorgnger, von Rubern angepackt worden seien. Der Mann war italienischer
Race; er trug einen blauen Paradefrack, und auf den Haaren ruhte eine
Kappe, wie sie die Marine-Offiziere tragen, doch mit einem ungeheuren
Lederschirm versehen; seine auerordentliche Beweglichkeit verrieth
seine Nationalitt, und wurde durch eine merkwrdige Zungenfertigkeit
untersttzt; wir erfuhren spter, da er, auer dem Amte eines Konsuls,
auch noch das eines Apothekers verwaltete; ich werde ihm fr seine
Aufmerksamkeit, uns Wagen entgegen zu bringen, ewig dankbar sein; denn wenn
wir auch ber Stock und Stein ganz jmmerlich und halsbrecherisch tanzen
muten, so war es doch eine Wohlthat, nach dem ermdenden Ritt auf
schlechten Satteln, von Sonnengluth gebraten, fahren zu knnen. Wir
waren bei vortrefflicher Laune und schickten uns lachend in die kleinen
Unannehmlichkeiten unserer Lage. Mein Bruder, Frst J., Baron K. und ich
nahmen eines dieser gebrechlichen, wankenden und schwankenden Wgelchen mit
Sturm ein. Wir preten uns mglichst in den engen Raum zusammen, und fort
ging's in sausendem Galopp; die alten Gule streckten und reckten ihre
Glieder, und unser Hypolitos erhielt sie mit einer langen Gerte und
furchtbarem Geschrei in Bewegung. Denkt man sich unter unserem Pferdelenker
einen schlanken, athletisch gebauten Helenen mit dem antiken Gtterfunken
auf der hohen leuchtenden Stirne, so ist man ganz auf dem Holzwege; er
erhob sich kaum einige Schuh ber die Erde, ersetzte jedoch, was ihm
an Gre fehlte, durch ein ungeheures Fe, das er anders, als seine
griechischen Brder, wie eine phrygische Mtze steif aufgestlpt trug;
eine schwarze Kravatte schnrte ihm den Hals zu, aus der, gleichfalls
der Landestracht ganz fremde Hemdkragen, wie Scheuleder hervorragten;
im Uebrigen war er mit der Fustanella, dem Spencer und den Gamaschen
bekleidet. Baron K. suchte ihm auf italienisch, welches die
Verbindungssprache im Oriente ist, begreiflich zu machen, da er nicht so
unsinnig ber alle Hindernisse dahin jagen solle; er aber hieb immer mehr
in seine Renner ein und erschreckte sie durch mitnendes Geheul; bald
entdeckten wir, da er weder seine Thiere, noch die Richtung, die wir bei
dieser =steeple chase= einhalten sollten, sehen konnte, da sein groer
Lederschirm weit ber seinen Augenpunkt hinaus ragte; pltzlich erhob er
sich, streckte das Kinn mit dem rothen Bart weit vor, fate seinen Schirm
mit beiden Hnden und blickte mit Erstaunen auf die rasenden Gule herab;
dann wendete er sich zu uns und fragte uns -- in deutscher Sprache, ob es
uns gefalle, etwas langsamer zu fahren. Baron K. versicherte ihm, da
dies unser heiester Wunsch sei. Wir erfuhren nun, da er von baierischen
Soldaten etwas deutsch gelernt hatte; seit der Emanzipation vom deutschen
Joche! und dem neu angefachten Fremdenhasse schien er seine Studien
ziemlich vernachligt zu haben. Kurz vor der Stadt, bei dem Anfange einer
schnen Allee, hielten wir, um die Ruine der altgriechischen Festung Tyrene
zu besehen. Ihr Ursprung verliert sich in die Zeit der Mythen, und die
Mauern scheinen Cyklopen-Arbeit; man glaubt sich eher in einem Haufen von
vulkanischen Auswrfen, als in einem von Menschenhnden zusammengestellten
Baue, und die Vollbringer desselben machen dem Geburtsorte des Herkules
alle Ehre; aber der Tag begann schon zu sinken und wir konnten uns auch
hier nicht so lange aufhalten, als das Interesse des Ortes es erfordert
htte. Die obenerwhnte Allee giebt dem Eingange von Nauplia ein
civilisirtes Ansehen; wir hielten am Thore, um die Stadt zu Fu zu
durchwandern; leider aber dunkelte es schon -- dennoch schien uns
Rumlichkeit und Bauart der Festung, Patras zu bertreffen, und eher das
Geprge eines italienischen Stdtchens zu tragen, was bei Patras nur in
der ueren Lage der Fall ist; dieses ist aber viel herrlicher und von der
Natur begnstigter gelegen, als Nauplia. Da die Nacht uns nicht erlaubte in
Einzelnheiten einzugehen, so lieen wir uns zum Hafen fhren, wo uns eine
Barke des uns vorausgeeilten werthen Vulkan aufnahm und an Bord brachte.

Das Gefhl, das uns bei dem Betreten unseres Schiffes beschlich, war, als
ob wir nach langer Trennung, in das heimathliche Haus zurckgekehrt wren;
wir freuten uns Abends, nach merkwrdig durchlebten Tagen, auf das Verdeck
zu treten, und dann in stiller Nacht, in den kleinen traulichen Kabinen
unsere Gedanken zu sammeln, und die frisch und mannigfaltig eingeprgten
Bilder vor unserem Geiste vorbeiziehen zu lassen. Nirgends lt sich's
besser nachdenken, als in solch einem kleinen Bretterraum, zwischen Himmel
und Wasser, und jedem Philosophen mcht' ich rathen, seinen Wohnort in dem
Winkel eines Schiffes aufzuschlagen. Im sogenannten Rderkasten, in welchem
wir gewhnlich unsern Imbi einnahmen, fanden wir das herrlichste Obst,
welches die Frau des Apotheker-Consuls dem Kapitn bergeben hatte; ein
wahres Wunder der Natur war darunter, eine zwei Schuh lange Traube, die
uns natrlich an das Prachtexemplar von Kanaan erinnerte, welches die
mannaphagen Hebrer von Kanaan in ein eben so gottseliges Entzcken
gebracht haben mag, wie uns. Wir hingen dieses Wunder der Naturkraft
unangetastet an die niedere Decke des Raumes, so da die unteren Beeren
bis auf den Tisch reichten. Als ich am spten Abend auf das Verdeck trat,
schien der Mond in sdlicher Pracht auf den Golf und dessen romantische
Ufer; seine Strahlen tanzten sanft auf den leicht bewegten Wellen, hinter
denen aus dem mystischen Dunkel einer sdlichen Nacht die Dcher und
Spitzen der Stadt hervorragten, ber der sich, gleich einem riesigen
Wchter, der graue Palamides erhob. In der Mitte des Silberspiegels lag,
von den Wellen sanft besplt, das vom geisterhaften Mondlicht erleuchtete
Festungswerk If, dessen Bauart und Name den trkischen Ursprung verrth.
Jetzt ist dieser, auf kleinen Riffen sich erhebende Thurm, ein Gefngni.
Es war ein Bild wie aus einem Walter Scott'schen Roman, und jeden
Augenblick erwartete man den taktmigen Ruderschlag eines Retterbootes;
doch heute Nacht muten die armen Gefangenen vergebens seufzen, und ich
glaube auch, da sich unter diesen hier kaum einer befand, der wrdig
gewesen wre, der Held eines Romans zu sein. -- Bald ward es auf dem
Verdecke immer stiller; der Schlaf breitete seine Fittige ber die lustigen
Reisenden; zuweilen nur hrte man halb im Traum, das beruhigende: Alles
wohl des wachsamen Nachtpostens. Erst am hellen Tage erwachte die
Gesellschaft zu neuen Unternehmungen gestrkt; der Vormittag war der
Besichtigung von Nauplia bestimmt. Die Stadt bestand schon, wenn auch
ohne Bedeutung, unter den alten Griechen; ihre groartigen Festungswerke
verdankt sie dem berall schaffenden Geiste der venetianischen Republik,
und auch ber ihren Thoren prangt der Markuslwe mit seinen sich weit
ausbreitenden Schwingen. Den trkischen Hnden wurde sie durch die Griechen
entrungen. Hier war es, wo sie ihren neuen Herrscher zum erstenmale
begrten, welcher lange Zeit in einem schlichten Hause auf einem kleinen
Platze dieser Stadt residirte, und erst in den folgenden Jahren, Athen zu
seiner Hauptstadt erkor. -- Zuerst wurde das Arsenal besichtigt; es steht
auf dem von den Venetianern schon dazu bestimmten Platze. Da die Griechen
alle Kriegsbedrfnisse aus dem Auslande kommen lassen, so gengen die
an den Umfangsmauern aufgestellten Htten, um die beschdigten Waffen
auszubessern, und allenfalls einige Kleinigkeiten neu anfertigen zu lassen.
Die Rumlichkeiten sind keineswegs sehenswerth, und nur als rhrende
Bestrebung eines so lang unterdrckten Volkes kann dieses Arsenal
denjenigen interessiren, der Antheil an dem Aufkeimen des Hellenenreiches
nimmt. Da die Kommandanten die Gte hatten, uns berall herumzufhren und
Alles zu erklren, so machte Frst J. als ausgezeichneter Militr einige
Bemerkungen, die ihnen sehr schmeichelhaft waren. Von hier gingen wir durch
Straen, die schon anfangen das Geprge des Orients zu tragen, nach dem
Landthore der Festung, und waren nach einer kleinen Strecke am Fue des
berhmten Palamides. Mchtig und stolz steigt der Fels aus dem Schoe der
Erde; nur von einer Seite steht er mit der Gebirgskette in Verbindung;
seine Farbe spielt vom Gelb in das Rothe, hin und wieder umwuchert ihn
der fleischige, gelbblhende Kaktus, dessen Frucht von den Einwohnern sehr
gerhmt wird. Gegen die Meerseite fhrt die, mit einem Parapet versehene
und mit Batterien bespickte Marmorstiege zur Festungskrone hinauf; leider
trbte sich das Wetter immer mehr, und zuletzt fiel gar ein feiner Regen.
Wir lieen uns aber doch nicht abhalten, die 692 Stufen, die in das Innere
des Adlernestes fhren, unter der Leitung des Kommandanten zu erklimmen.
Eine Wache griechischer Jger empfing uns an der Pforte. Von den oberen
Batterien bersieht man die Stadt in Vogelperspective. Dieselbe verbindet
sich mit dem Fu des Felsens und breitet sich auf einer Landzunge aus, die
der Golf umsplt. Die Huserhaufen scheinen uns von diesem Standpunkt,
fr das so arm bevlkerte Land, ziemlich bedeutend; vor unseren Augen
entwickelte sich ein enges Netz von Straen und Pltzen, in denen die
Bevlkerung emsig hin und her zog -- Kirchen, Huser, Baumpltze,
alles erschien kleiner, als es ist, scharf begrenzt von den mchtigen
Venetianer-Mauern, und der Stadtplan konnte nicht deutlicher aufgenommen
werden, als er uns von der Hhe des Palamides erschien. Von der Stadt aus
fhrt eine Erdenge zwischen Meer und Felsen zur Ebene, von der aus sich
eine zweite Stadt mit freundlichen Husern an den Berg zu lehnen scheint.
Am Fue dieser neuen, mit Grten umgebenen Ansiedlung, steht ein groer
Felsblock, in dessen eine Seite das kolossale Bild eines verwundeten Lwen
gehauen ist. Es wurde von Knig Ludwig zur Erinnerung an die in Hellas
gefallenen Baiern errichtet. -- In der Ferne sahen wir durch einen leichten
Nebelschleier Argos und die felsigen Riesenmauern, aus denen wir Tags zuvor
durch einen schmalen Thorweg herausgetreten waren. An der Rckseite des
Palamides erheben sich noch hhere Gebirge, die vom Inneren der Festung
nur durch einen groen, in Stein gesprengten Graben getrennt sind. Nach
der neueren Taktik mte zur Sicherung des Platzes ein Auenwerk auf dieser
dominirenden Hhe angebracht werden; doch hier kmpft man noch Mann gegen
Mann den muthigen Kampf des Alterthums, und schickt sich nicht die
von ferne zerstrenden Geschosse zu; auch ward der Palamides von den
Venetianern nur wegen der Sicherung des Hafens befestigt. Das Innere
des Platzes ist mit Wohnhusern und Kasernen angefllt, die auf dem
unregelmigsten Boden stehen; fast so bemerkenswerth, wie die mchtigen
venetianischen Ruinen, ist die malose Unordnung, die hier herrscht; die
Soldaten sehen wie die Hhnerdiebe aus, und selbst der Kommandant hatte
etwas Rohes und Ungebildetes. -- Nachdem wir das ganze Terrain mit seinen
Bastionen, Erhhungen und Vertiefungen abgegangen hatten, stiegen wir die
vom Regen schlpfrig gewordenen 692 Stufen wieder herab und durchwanderten
dann die Straen der Stadt. Die Huser sind fast alle hoch und schmal, und
in jedem Stockwerk mit einem Balcon versehen; zu ebener Erde sind offene
Buden, die an den engen, finsteren Straen hinlaufen. Die ziemlich
zahlreichen Kirchen sind im alt-byzantinischen Style erbaut; auch ein
katholisches Gotteshaus von ziemlich unkirchlicher Auenseite ward uns
gezeigt. Der Konsul sagte uns, da die Katholiken in dieser Stadt auf
jede Weise verfolgt werden. Die Altkirchler verbreiten die lcherlichsten
Mhrchen ber sie; so erzhlen sie, da die Geistlichen jeden Sterbenden
beim Administriren erdrosseln. Die Bevlkerung strt den Gottesdienst, wo
sie nur kann. Auf einem der kleinen Pltze sahen wir einen ziemlich plump
gearbeiteten Marmorsarkophag, der die Reste Ypsilantis enthlt, und diesem
Helden von seinem Bruder gesetzt worden ist. Das Haus und der Platz, wo
Knig Otto gewohnt hat, sind unbedeutend, hingegen interessirte uns ein
anderer, auf dem noch Huser aus der Trkenzeit stehen, die nur noch durch
ein Wunder zusammenhalten; denn die Sttzen und Gitter der balconartig
hervorragenden ersten Stockwerke -- einer Bauart angehrend, die wir spter
in Smyrna verherrlicht sahen -- waren zum Einstrzen morsch und faul;
dennoch ist der Anblick dieser bizarren Formen und lebhaften Farben
malerisch. Schon dies Alles erfllte meine Phantasie; wie aber ward sie
angeregt, als ich aus einer der wenigen Oeffnungen eine schne, in schwarze
europische Kleidung gehllte Dame herausblicken sah! Ein schlanker Mann
im franzsischen Frack stand hinter ihr; woher diese traumhafte Erscheinung
kam, blieb uns unerklrt; hchstens knnte ein Englnder-Paar die Idee
fassen, sich unter diesen Trmmern begraben zu lassen. Auf einem
der Festungswlle, unmittelbar am Meere, steht eine herrliche
dreihundertjhrige Dattelpalme, deren imposante Hhe sich aber leider nicht
ganz geltend machen kann, da ein groer Theil des schlanken Stammes, in
der Erde verschttet ist; auf unseren Wunsch, einige der in der Krone
wachsenden Frchte zu erlangen, stieg ein langer Grieche, in weiten blauen
Pluderhosen, mit groer Fertigkeit den schlanken Stamm hinan, und warf die
grnen Frchte, zum Jubel der untenstehenden Bevlkerung hinab. So schn
das Klima ist, so werden die Datteln doch nicht ganz reif und fallen
nutzlos zur Erde. Unmittelbar neben der Palme ist in der Festungsmauer ein
schner trkischer Brunnen mit fein gearbeiteten Koransprchen angebracht,
die der religise Sinn der Mohammedaner berall einfgt; auch mu man ihr
Talent, schne Punkte fr die Brunnen zu finden, bewundern, wie es hier
am Fue der Palme mit der Aussicht auf den schnen Golf in so hohem Mae
geschehen ist.

Wir kehrten zum Quai zurck, ruderten an Bord des Vulkans und sagten Napoli
di Romania Ade, um dem Pyrus zuzusteuern.




Athen.


  Den 14. September 1850 angekommen.

Um fnf Uhr Morgens wurde ich in meiner kleinen Kabine mit dem Rufe
geweckt: man sieht Athen! War's doch wie in den Kreuzzgen beim Anblick
von Jerusalem; alles strzte auf die Brcke des Schiffes, um das Hauptziel
unserer Reise schon von Weitem zu begren. Neugierde und Freude malte
sich auf jedem Gesichte, und weithin schweifte der prfende Blick. Die
azurblauen Wogen des schumenden Meeres spielten an eine breite, gelbe
Kste, die sich bald eben, bald etwas erhoben mit dem Lande verbindet.
Pflanzenleer und doch groartig lief die Flche weithin fort, bis sie
endlich von einem Halbkreise himmelhoher Berge begrenzt wurde. Am Ende
dieser Ebene sahen wir, von hohen Felsen umgeben, Athen als einen
weien Punkt; hinter diesem den Hymetus, die Akropolis und die andern
geschichtlich denkwrdigen Hhen, und weiter noch den Penthelikon
hervorragen; der Anblick war keineswegs so freundlich feenhaft, wie der
von Patras, sondern, kahl, ernst und erhaben. Es war ein Bild der
Vergangenheit, auf dem die Erinnerung groer Begebenheiten ruht. Unser
Schiff hatte sich dem kahlen Ufer genhert, auf dem man uns einen Haufen
Steine als das Grab des Themistokles zeigte. Pltzlich wendeten wir, und
liefen in einen kaum einige hundert Schritt breiten Kanal ein, der sich
zwischen den niedrigen felsigen Ufern durchwindet und keinen Ausweg zeigt,
bis sich ein breites Wasserbecken aufthut, und man in dem friedlichen
Pyrus einluft. Ein Halbkreis von neugebauten Husern umgiebt den Hafen,
in dem eine bedeutende Anzahl Schiffe ankerte. Am Quai und auf dem Wasser
ist reges Leben, ein Anblick, der freudig ergreift, wenn man bedenkt, da
noch vor wenigen Jahren nur einzelne Huser an diesen Ufern standen, der
Hafen leer von Schiffen war. Jetzt ist nur noch die Umgebung kahl und
todt. -- Wir fanden zwei franzsische Lloyddampfer und ein franzsisches
Geschwader vor, das von einer Fregatte mit einem Admiral angefhrt wurde.
Wieder umkreiste uns, wie in Patras, gleich nachdem wir geankert hatten,
eine groe Anzahl von Barken, mit einem einzigen lateinischen Segel von
einem Schiffer mit groer Geschicklichkeit gelenkt, der dasselbe bald
rechts, band links herumlegte, und pfeilschnell dahin scho. Diese
niedlichen Schiffchen sind ein Schmuck des Hafens. Ein Boot wurde, um die
Erlaubni landen zu drfen, ausgesendet; dann begrte uns Graf J.,
der streichische Geschftstrger. Gleich nach ihm erschien General G.,
Hofmarschall des Knigs, begleitet vom Hauptmann M., einem geborenen
Triestiner, der uns whrend unseres Aufenthalts in Athen zugetheilt wurde;
diese beiden Herren luden uns ein, im kniglichen Schlosse eine Wohnung
zu beziehen, ein Anerbieten, das mit Dank angenommen wurde. Wir verlieen
daher, nachdem wir unseren Anzug ein wenig geordnet hatten, auf mehrere
Tage den geliebten Vulkan. Am Quai erwartete uns ein vierspnniger Wagen
der Knigin; es war die erste Equipage, die wir seit langer Zeit gesehen
hatten. Blaue moderne Livree, groe mecklenburgische Pferde und eine
elegante Calesche paten wohl zusammen, machten aber einen sonderbaren
Gegensatz zu der wsten Umgebung.

Wir sprangen mit heien Erwartungen in den Wagen, und wurden auf weichen
Federpolstern auf der berhmten Strae von Pyrus nach Athen gefhrt, ein
dreiviertel Stunde langer, auerordentlich breiter, guter Weg, auf dem uns
nur der frchterliche Staub belstigte. Die Stadt war, seit der Einfahrt
in den Pirus unseren Blicken entschwunden, und erst am Ausgange eines
Olivenwaldes, durch den wir fuhren, erschien sie wieder. Dieser Hain ist
wegen seiner Ausdehnung und der Menge seiner Frchte berhmt im Lande;
doch war er dieses Jahr in schlechtem Zustande, da die Bume durch den
vorjhrigen strengen Winter gelitten hatten, und man erst in einigen
Jahren ihre vollstndige Heilung hofft. Von Strecke zu Strecke stand ein
Wirthshaus an der Strae, vor dem sich die interessantesten Gruppen von
Einwohnern zeigten; auch hier begegneten wir einzelnen Zgen aus Eseln und
Maulthieren, und sogar einigen schlechten Wagen. Nahe dem Pyrus sind noch
Ueberbleibsel der altgriechischen Befestigungen von Athen. Weingrten und
Olivenanpflanzungen wechseln ab; der Hain lichtet sich und der Eindruck
wird freundlicher und groartiger zugleich. Wir durchstrichen eine Ebene,
auf der ein berhmter Kampf gegen die Trken gekmpft wurde, und welche ein
Monument schmckt. Endlich zeigt sich die, durch die Geschichte geweihte
Stadt, in der die Phantasie begierig nach den Erinnerungen einstiger
Gre sucht. Vor allem Andern wird der Blick durch einen mchtigen Felsen
gefesselt, der wie auf marmornem Sockel eine Krone sonder Gleichen trgt:
die Akropolis mit ihren sulenreichen Tempeln und ihren hundert Mahnungen
an ihre groe Vergangenheit; sie leuchtet mit erhabenem Stolze von ihrem
Felsen herab; und wie man von den Gesichtszgen auf die Seele des Menschen
schlieen kann, so spricht dieses Denkmal die Gre der Zeit aus, in der
es entstand. In der Ebene zeigte sich zu unserer Rechten im schnsten
knstlerischen Ebenmae der Theseustempel, dessen gelblicher Marmor wie
mattes Gold erscheint. Vor uns lag die Stadt, deren Umfang nicht
sehr bedeutend ist; sie wird durch eine lange, ungepflasterte Strae
durchschnitten, die der hher gelegene knigliche Palast schliet, die aber
anfangs nur niedrige und unansehnliche Huser begrenzen; erst in der Nhe
des Palastes nimmt sie ein stdtisches, besseres Aussehen an; doch
schmckt sie gleich anfangs eine hohe prchtige Palme; auch ist die
Metropolitankirche, im byzantinischen Style, durch ihr typisches Aussehen
ehrwrdig, und erinnert an die altchristliche Zeit; sie erhebt sich kaum
vier Klafter ber den Erdboden und ist von geringem Umfange, was sonderbar
mit dem kniglichen Palaste kontrastirt. Vielleicht ist es, wie im
hebrischen Reiche, auch erst dem Nachfolger des ersten Knigs vergnnt,
dem Herrn einen wrdigen Tempel zu bauen, whrend der jetzige Regent, wie
David, nur fr seine eigene Unterkunft zu sorgen hat.

Die Huser gleichen denen von Patras, nur sind sie etwas mehr mit
den Bedrfnissen der Kultur versehen; der untere Theil ist meist zu
Verkaufslden verwendet; das Leben wird immer bewegter, je mehr man sich
dem groen Platze nhert, an dem der knigliche Palast auf einer Anhhe
steht; auf der linken Seite hat ein Triestiner ein schnes Gebude im
griechischen Geschmacke gebaut; die rechte Seite ist leer und lt einen
Blick auf den neuen Theil der Stadt offen, in dem sich einige recht nette
Huser befinden. In der Ferne glnzt das Meer und auf demselben zeichnen
sich in klarer Luft die herrlichen Sulen des Jupiter-Tempels ab; auf dem
Platze selbst sind groe, regelmige Pflanzungen von Cactus, Alon und
Cypressen angelegt, in deren Mitte ein Weg, mit breiten Marmorstiegen zum
Palaste hinan fhrt; rechts und links sind Alleen mit Fahrwegen. Diese
Pflanzungen stehen im Einklange mit den architektonischen Linien des
Palastes, der in ziemlich schmucklosem, griechischen Style dasteht;
nur leuchtet an den Wnden, Fenstern, Balconen und Terrassen der weie
griechische Marmor statt aller Zierrath hervor. Der ganze Bau ist ein
lngliches, zweistckiges Viereck; an der Front, gegen die Stadt, tragen
dorische Sulen einen Balcon ber der Einfahrt; von dieser fhrt eine
herrliche freischwebende Marmorstiege in das obere Stockwerk. Auf der
Meeresseite wird eine Terrasse von Sulen gesttzt, die zu ebener
Erde einen offenen Gang bilden, von dem aus breite Stufen zur Strae
hinabfhren; jenseits derselben liegt der mit den herrlichsten sdlichen
Gewchsen geschmckte Garten der Knigin; auf der Rckseite, gegen die
Gebirge zu, schwebt wieder ein Balcon ber der hinteren Einfahrt, von der
aus eine Wendeltreppe aus Marmor und Bronce hinaufsteigt. Da das
Aeuere des Palastes wenig verziert ist, so hat er von weitem leider ein
kasernenartiges Ansehen, welches der Reichthum des Materials erst in der
Nhe mildert; auf jeden Fall ist er aber viel zu gro fr die kleine Stadt,
ja sogar fr das kleine Land. Augenblicklich merkt man den leitenden
Geist des Knigs Ludwig von Baiern, welcher die Bauten nicht dem Bedrfni
anpate, sondern sie um ihrer selbst willen hinstellte. So mssen auch das
griechische Reich und seine Hauptstadt, sein Hof und seine Dynastie, erst
in diese Palastrume hineinwachsen. Die inneren Gemcher sind prachtvoll;
ein herrliches Thronzimmer fr den Knig, ein gleiches fr die Knigin,
groe in Fresco gemalte Speisesle, wundervolle von Gold strotzende
Tanzsle, Salons und groe Fremdenzimmer erffnen sich dem erstaunten
Auge. Das Ganze ist in vortrefflichem Geschmacke und bis zu Leuchter und
Tafelgeschirr im griechischen Style eingerichtet; ein schner Gedanke,
der besonders den Zimmern der Knigin ein zugleich freundliches
und knstlerisches Geprge giebt; man sieht ihnen an, da hier ein
liebenswrdiger Geist waltet; dieser ist es auch, der die Existenz
in diesem Lande mit seinem Zauber umgiebt. Wir sahen diese schnen
Rumlichkeiten erst im Laufe unseres Aufenthaltes, und wurden anfangs in
die uns angewiesenen Zimmer gefhrt, wo wir der Audienz bei der Knigin
harrten; unsere Fenster gingen auf den Garten gegen das Meer zu; doch
gewhrte mir ein Eckzimmer auch den Anblick der Stadt und der Akropolis.
Man kann sich nichts Schneres und Interessanteres denken, als die Aussicht
von dieser Hhe auf die malerische Umgebung mit ihren Denkmalen. Die klare
Luft des Sdens lie alles deutlich und scharf erkennen, und ber die
Spitzen der um den Palast stehenden hohen Palmen hinweg sah man ein Gemisch
sdlichen Zaubers und edler Einfachheit; es ist, als ob die Natur htte
zeigen wollen, wie edle Formen auch ohne ppige Flle, nur von Werken der
Kunst gekrnt, das Gemth ergreifen knnen; die hiesigen Gegenden sind
hohen und erhabenen Schnheiten zu vergleichen, whrend die lieblichen
Thler unseres theuren Deutschlands mehr einen naiven freundlichen Eindruck
hervorbringen. Der Garten der Knigin, in dem das Streben bemerklich ist,
die sdliche Vegetation mit der nrdlichen in schnen Gruppen zu verbinden,
giebt einen trefflichen Vordergrund zu der bedeutungsvollen Aussicht, und
einen malerischen Gegensatz zu den hellgelben kahlen Umrissen, die das Meer
wrdig schliet.

Nachdem unser Gepck aus dem Pyrus angelangt war, setzten wir uns
in Uniform und wurden nun zur Knigin-Regentin gefhrt. Im kunstreich
verzierten Thronsaale stand der weibliche Hofstaat; hier blieben unsere
Reisegefhrten; mein Bruder und ich wurden in den anstoenden Salon
gefhrt, wo uns die Knigin in einer eleganten geschmackvollen
Morgentoilette empfing. Sie ist von mittlerer Frauengre, und wei Wrde
und Anmuth in seltenem Mae in ihrem Wesen zu vereinigen. Ihre Zge
drcken Geist und Charakterstrke aus; ihr Gesprch ist liebenswrdig und
geistreich und steigert sich zum Enthusiasmus, wenn die Rede von ihrem
theuren Hellas ist. Sie ist die wahre Mutter ihres Volkes; denn nur eine
Mutter kann mit so vielem Interesse von jeder Einzelnheit sprechen, die
sich auf ihre Kinder bezieht. Auch geniet die Knigin die verdiente
Gegenliebe ihres Volkes, und wird berall, wo sie erscheint, mit
Begeisterung empfangen; von ihrer krftigen und einsichtsvollen
Regentschaft hrt man aller Orten mit Bewunderung sprechen. Ich htte
nicht geglaubt, da eine deutsche Prinzessin, gewhnt an die angenehmen
Bequemlichkeiten ihres Vaterlandes, sich so ganz in die griechischen Sitten
schicken, und es sogar in der Sprache zu solcher Vollendung wrde bringen
knnen. Nach einem Gesprch von einer viertel Stunde, fhrte uns die
Knigin in den Thronsaal und stellte uns ihre Damen vor, worauf ich ihr
unsere Reisegefhrten nannte. Die Oberhofmeisterin der Knigin, Frau von
P., ist unter den Hhergestellten am Hofe die einzige Deutsche; sie macht
durch ihr freundliches Benehmen und ihren heiteren Geist ihrer Nation Ehre.
Auer ihr hat die Basilissa (so wird die Knigin im Lande genannt) noch
zwei Griechinnen zu Hofdamen. Frulein Photanie M. und Frulein Penelope L.
Dieselben kleiden sich griechisch und besttigen die so berhmte Schnheit
der Frauen ihres Landes. Sie sprechen ziemlich gut franzsisch, und
scheinen berhaupt nicht ungebildet zu sein. Nachdem man uns zu einem
Spazierritt, auf fnf Uhr, eingeladen hatte, wurden wir von der Knigin
entlassen. Der brige Hofstaat ist ziemlich unbedeutend, und ich will hier
nur noch des Hofmarschalls Generals G. erwhnen, welcher, wie es deren an
allen Hfen giebt, eine Art Factotum ist; er ist einer der Wenigen,
welchem der Knig sein ganzes Vertrauen schenkt; auch soll er bei der
verhngnivollen Revolution sehr viel Charakterstrke bewiesen haben. Seine
Vergangenheit ist jedoch etwas dunkel, und es giebt bse Zungen, welche
derselben ruberische Gelste zuschreiben. Sein Aeueres entsprche dieser
letzten Behauptung; er hat eine finstere, etwas gemeine Physiognomie,
Hautfarbe und Haare sind auerordentlich dunkel; dagegen gewinnt seine
Erscheinung durch die herrliche griechische Tracht. -- Um fnf Uhr
versammelten wir uns in einem, gegen die Meerseite gelegenen, niedlichen
Cabinete; die Knigin schritt die breiten Marmorstufen hinab und schwang
sich mit groer Leichtigkeit auf ein trkisches Pferd, welches ihrer
harrte. Wir folgten ihrem Beispiel, und nun ging es in lanadirendem
Galoppe bei der Hauptwache des Palastes vorbei, ber den Schloplatz,
durch einen Triumphbogen von Myrten, der zur morgigen Feier der Revolution
errichtet worden war, die lange Strae hinunter zum Theseustempel. Die
Knigin wollte uns einen Ueberblick der Merkwrdigkeiten Athens geben.
In der Strae wurde sie mit Jubelruf empfangen, und Alles grte mit dem
Ausdrucke der grten Verehrung. Die Knigin zu Pferde ist eine wahrhaft
anmuthige und schne Erscheinung. Sie reitet ganz vortrefflich, hat einen
festen Sitz und fhrt das Pferd im schnellsten Galopp ber Stellen, welche
mancher berhmte Reiter bei uns kaum im Schritt passiren wrde. Die Pferde
des griechischen Hofes sind meist aus den asiatischen Gebirgen, haben einen
schuhartigen Beschlag und klettern wie Gemsen ber schwindelnde Hhen.
Wenn sie keinen Fu fassen knnen, rutschen sie auf den Hinterfen ber
Felsplatten, ohne zu strzen. Auch macht die Knigin ihre weitesten Reisen
zu Pferde, da von einem Fortkommen zu Wagen bis jetzt noch keine Rede
ist. -- Der Theseustempel ist eines der besterhaltenen Monumente in
Griechenland, und vielleicht eines der schnsten des Alterthums. Er ist
ziemlich gro, alle seine Sulen und der grte Theil der inneren Mauern
und des Daches sind erhalten. Der Marmor, aus dem er gebaut ist, war
ehemals wei, hat jedoch durch Zeit und Wetter einen schnen gelben Glanz
erhalten, der diesen groen Massen vortrefflich lt. Der Styl ist einfach
und durchaus rein. Auerordentlich wird dieses Kunstwerk durch den freien
Raum gehoben, auf dem es sich befindet; leider sieht man in den Sulen und
den Wnden Spuren von den nichts verschonenden trkischen Kugeln. In den
Metopen sind nur wenige Basreliefs, und diese nicht gut erhalten; man
glaubt, da sie die Thaten des Theseus vorstellen. Der innere Tempelraum
ist ganz mit Mauern umgeben, whrend im Alterthum nur drei Seiten eingefat
waren; die vierte Mauer ward errichtet, als dieser herrliche Tempel dem
christlichen Gottesdienst gewidmet wurde. Zur Zeit sind alle kirchlichen
Gerthe wieder heraus gerumt worden und man hat das Innere mit
ausgegrabenen Kunstschtzen ausgefllt, die aber, des nicht sehr groen
Raumes wegen, ohne viel Sorgfalt aufeinander gehuft sind; doch sieht
man immer hier lieber die Gtter der alten Mythe, als das Bild unseres
Erlsers, welches keineswegs in diese Mauern pat. Der Haupteingang von
der Stadtseite ist jetzt geschlossen. An der Seitenwand, die der Akropolis
zugewendet liegt, ffnet sich ebenfalls eine Thre, an welcher ein
griechischer Archolog die Knigin und uns empfing.

Wir konnten nur im Fluge die inneren Kunstschtze an uns vorber ziehen
lassen, die ich erst spter, nach sorgfltigerer Betrachtung, erwhnen
werde. Von hier aus folgten wir der Knigin durch die engen Seitenstraen
von Athen, zwischen die verschiedenartigsten Hindernisse durch, im
gestreckten Galopp zu dem Tempel der Winde, einem Octogon aus Quadern, in
welchem unter dem Dache die Winde in einem Basrelief dargestellt sind; eine
einzige Thre fhrt in das Innere desselben, Fenster sind nicht vorhanden.
Der Boden, auf welchem dieses Gebude steht, ist um eine Klafter vertieft,
was uns beweist, wie viel vom alten Athen verschttet ist. Die Ruinen eines
Aquaducts fhren zu diesem interessanten Tempel, von welchem ich ebenfalls
spter Gelegenheit haben werde, nher zu sprechen. Von da kamen wir zur
sogenannten Laterne des Diogenes, eigentlich dem Monumente des Lysokrates.
Es ist ein nicht sehr breites, ungefhr zwei Klaftern hohes Thrmchen,
dessen mit schnen aber sehr kleinen Basreliefs versehenes Dach auf vier
bis fnf niedlichen Sulen ruht, ehmals aber frei gestanden haben mag. Die
Spitze des Daches formt ein bouquetartiger Knopf, aus Delphinen gebildet.
In dem neu vermauerten, inneren Sulenraum scheint frher eine Bste oder
Statuette gestanden zu haben. Das Ganze ist eine sehr zierliche und
feine Arbeit. Von dort ging es zum Areopag und Pnyx; es sind dies massive
Felsenparthien, in welchen man noch Stufen bezeichnende Linien eingehauen
findet. In diesem Felsen zeigt man den in den Stein gearbeiteten
gefngniartigen Raum, in welchem das Grab des Sokrates gewesen sein soll,
welche Angabe jedoch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit fr sich hat.
-- Hierauf besahen wir das sogenannte Marktthor, einen Porticus von vier
Sulen. Flschlich hat es seinen Namen von einem groen Stein bekommen,
welcher bei demselben aufgestellt ist, und auf den die unter Hadrian
gesetzlichen Marktpreise eingehauen sind; dies war aber eine Gewohnheit
alter Zeiten, der man bei sehr vielen antiken Thoren begegnet. -- Noch
berhrten wir die Kolonnade und das Thor des Hadrian, die Ueberreste des
Tempels des Jupiter, das Grabmal des Philopopus und die Stelle, auf welcher
die Grten des Plato standen. Die Kolonnade des Hadrian besteht aus sechs,
vor einer aus Quadersteinen erbauten Mauer stehenden, rmischen Sulen,
auf welchen Vorsprnge ruhen, die mit der Mauer in Verbindung stehen. Eine
siebente Sule steht frei; es scheint, da die sechs anderen ehemals mit
Statuen geziert waren. An der Quadermauer sieht man noch Ueberreste einer
christlich-typischen Freskomalerei, da auch hier eine Kirche angeklext
war. Vor den Sulen ist eine Mauer gezogen, und in diesem von der Strae
abgeschlossenen Raume befinden sich ebenfalls ausgegrabene Alterthmer. Das
Thor des Hadrian, in der Nhe des Jupitertempels, ist ein groer breiter
Bogen, dem man den rmischen Ursprung ansieht, und der einem zweiten von
vier Sulen getragenen Thore als Fundament dient. Dieses an sich schne
Kunstwerk wird durch die Pracht und Gre der Sulen des Jupitertempels
verdunkelt; ihre Hhe mag 20 Klafter betragen, ihr Umfang entspricht der
Hhe und trotz dieser Dimensionen haben sie ein schnes und vollkommenes
Ebenma; es mgen bei 15 sein; 12 derselben sind in einer nhern Gruppe
beisammen, whrend drei in ziemlicher Entfernung abseits stehen. Die
grere Gruppe ist noch durch einzelne groe Steine verbunden, sonst ist
vom Dache nichts mehr brig. Auf einem der Sulencapitle sieht man noch
die Reste einer Steinhtte, welche einem fanatisch asketischen Derwische 20
Jahre als Wohnung gedient hat, whrend welcher Zeit er niemals auf die Erde
herabkam, sondern es vorzog, in diesen hhern Regionen einem Storche gleich
zu nisten, und sein frugales Mal an einem Seile aufzuziehen. Zu seinen
Fen wurde unterdessen Geschichte gemacht, und nicht wenig mute sich der
alte Herr wundern, als einstens statt seiner Glaubensgenossen siegreiche
Rajas erschienen, und er der einzige Diener des Halbmondes in Athen
verblieb, die einzige Stimme des Propheten in der Wste. -- Die Ausdehnung
des Jupitertempels mu auerordentlich gewesen sein; auch kann man noch die
festen Fundamente desselben in weiter Entfernung von den Sulen sehen.

In der Nhe derselben, im Felsen, befindet sich eine Quelle, in
welcher sich Calliope, die schne Muse, gebadet hat; daher fhrt dieses
wildromantische Wasser ihren Namen. Die antike Lieblichkeit des Ortes ist
entschwunden und es sind nur mehr die nackten, pittoresk geformten Felsen,
zwischen welchen das Wasser rieselt, vorhanden. Das Monument des Philopopus
liegt auf einem hohen Hgel, ziemlich entfernt von der Stadt, gegen das
Meer zu; es ist eine schirmartige, etwas gegen auen zu gekrmmte Mauer aus
Quadersteinen, an deren unterer Seite sich ein sehr beschdigtes Basrelief
befindet, den Triumphzug eines rmischen Imperators darstellend; ber
demselben sind Sulen angebracht, zwischen welchen sich arg verstmmelte
sitzende Figuren befinden. Die Erhhung, auf welcher dieser Bau steht,
heit der Mususberg und ist nach dem griechischen Dichter dieses Namens
benannt. Von dem Garten des Plato, auf der entgegengesetzten Seite, sieht
man nur mehr den etwas erhobenen Platz, der von einer kleinen Kapelle
gekrnt ist. Zwischen Weingrten und der Promenade Athens, einer breiten
Allee, mit sehr schmchtigen Bumen, kamen wir nach Sonnenuntergang zum
Palaste zurck, worauf man sich gleich nach einer fr die Damen
fabelhaft schnellen Toilette versammelte, um das Essen einzunehmen. Das
Gesammtministerium und die Hofchargen waren zur Tafel gezogen. Die Knigin
war so gndig, mir die hellenischen Staatenlenker selbst vorzustellen.
Einige unter diesen Herren hatten einen europischen Anstrich, und waren
sogar im Stande, franzsisch oder italienisch zu sprechen, was fr mich
von groer Erleichterung war, da ich es hasse, mich mittels eines Dragomans
verstndlich zu machen; man ist bei dieser Art der Unterhaltung immer
verkauft, und kann nicht wissen, wie sie den Sinn in den Worten der andern
Sprache wiedergeben. Doch beim Minister des Innern, dem Vater der schnen
Eulalia von Korinth, mute ich die Hlfe fremder Zungen in Anspruch nehmen.
Dieser Herr trgt das gewhnliche Landeskostme und ist dem Greisenalter
nahe; seine Faust schien mir eher fr das Schwert und den Pflug, als fr
die administrirende Feder geschaffen; doch bei dem ziemlich primitiven
Zustande des Landes mag diese Urnatur wohl geeignet sein, fr sein
Inneres zu sorgen; nur wre es gut, wenn noch zuweilen das verrostete
Palikarenschwert gezogen wrde, um das Land von den Ruberbanden zu
subern. Doch wo bliebe dann der letzte Zuflucht der Romantik? Ein
Griechenland ohne Ruber wre eine Schweiz ohne Berge. Auch ist es ganz
angenehm, wenn man in die Heimath zurckgekehrt, beim traulichen Theetische
erzhlen kann, man habe die schauerlichsten Gegenden durchwandernd, an den
Felsen das Blut der unglcklichen Schlachtopfer herunter rieseln sehen.
So lange es nicht persnliche Bekanntschaft mit diesen Helden der Romantik
gemacht hat, ist das Volk der Reisenden egoistisch genug, sich beim
Durchwandern der belberchtigten Gegenden eines heimlichen und
selbstgeflligen Schauers zu erfreuen. Darum lassen wir die Spinnen ihr
Netz ber das rostige Schwert weben, und danken wir dem Gesammtministerium
fr die Rettung und zuknftige Erhaltung der Ruberbanden! -- Vielleicht
gab ja selbst einer der wrdigen Mnner, die hier bei Tische saen, den
Stoff zu einer Episode der Klephtenpoesie. -- Das Diner wurde schnell und
elegant servirt, die Zubereitung der Speisen war vortrefflich, und nach
dem langen Ritt unser Appetit ebenso. Auf den Wnden des Ezimmers sind
Frchte, Wildpret und Fische in sinnreiche Arabesken verflochten. -- Nach
dem Essen entlie uns die liebenswrdige Hausfrau, und wir konnten einer
erquickenden Ruhe genieen.

Der andere Tag war ein Sonntag, und wir hatten Gelegenheit um acht Uhr in
der Kapelle des Knigs die Messe zu hren. Gleich nach dem katholischen
Gottesdienst ward alles, was sich auf die Gebruche unserer Kirche bezieht,
weggerumt, und der Pastor der Knigin mit seinem einfachen Ritus, zog ein.
Zuweilen, wenn ffentliche Feste es erheischen, wohnt das Knigspaar auch
den griechischen Funktionen bei.

Um die Sitte eines Landes und insbesondere einer Stadt kennen zu
lernen, kann es wohl nichts Erwnschteres geben, als die Abhaltung eines
ffentlichen Festes; dies wurde uns heute zu Theil. Am 16. September,
nach griechischem Kalender am 3., feiert Jung-Hellas die an diesem Tage
begonnene Revolution.

Als wir uns vom Palast in die Hauptstrae begaben, hatte die Knigin schon
den Triumphbogen von Myrtenreisern durchfahren und befand sich im Dome,
wo ein feierliches Gebet den Mittelpunkt des Festes ausmachte. Die Gasse
entlang bildeten griechische Linientruppen Spalier; ihr Aussehen war
unmilitrisch; man sah ihnen an, wie die Tracht europischer Soldaten
das freie Wesen dieser Leute beengte. Die feste Halsbinde, der plump
geschmckte Csako, gaben dem ernsten Sohne der sdlichen Berge einen
dster-krnklichen Anstrich. Ein Krper, der an die flatternde Jacke und
die faltenreiche Fustanella gewhnt ist, mag sich unter griechischer
Sonne gar peinlich in dem bis oben zugeknpften Tuchrocke und den langen
=inexpressibles= fhlen; und so schlpfen Hellas Jnglinge aus dem
malerischen Costme des Vaterlandes, um sich in eine Gliederpuppe zu
verwandeln, und hierdurch groe Aehnlichkeit mit unseren Nationalgarden zu
bekommen; doch die europische Civilisation erfordert es so, und da mu
der Schnheits-Enthusiast des 19. Jahrhunderts schweigen. Das Bataillon in
Landestracht sieht dagegen sehr schn und kriegerisch aus, und trgt sich
in gleicher Farbenpracht wie die Truppen, die wir schon Gelegenheit hatten
in Patras zu bewundern. -- Zwischen den bewaffneten Reihen wogte das Volk
im bunten Gewimmel; bald sah man europische Trachten, bald zeigten sich
die buntesten Gewnder des Landes; die Balcone und Fenster waren mit dem
schnsten Schmucke Neu-Athens geziert; es zeigten sich hier die Frauen
und Mdchen in reichster Farbenpracht. An den funkelnden Augen und schnen
regelmigen Zgen konnte man gar leicht die Vermischung des sdslavischen
und altgriechischen Blutes erkennen. Unter den reizenden Trachten des
weiblichen Geschlechtes waren fr uns die der Hydriotinnen neu. Statt
des rothen Fe tragen die reizenden Inselbewohnerinnen einen leichten
gazeartigen Schleier in zarten knstlichen Falten um Haupt, Nacken und
Brust. Die Kleider sind, wie die ihrer Schwestern vom festen Lande, aus
grellgefrbtem Seidenstoffe. -- Trotz der Bedeutung des Tages war das Volk
ruhig; kein enthusiastischer Jubel, ja selbst keine neugierige Schaulust,
waren bemerkbar; es sah eher aus, als befnden sich die Leute aus bloer
Gewohnheit da.

Nachdem wir den bunten Schimmer der Huser, welchen die glhende
Sonne erhhte, betrachtet hatten, begaben wir uns in den fr eine
Liliput-Hauptstadt allenfalls passenden Dom. Schon an der Pforte empfing
uns ein Qualm drckender Hitze und unsere Ohren vernahmen den monotonen
Gesang der griechischen Geistlichkeit. In der Mitte der Letzteren thronte
der Archimandrit, eine wrdige Gestalt vergangener Zeiten mit wallendem
schneeweien Barte. An der rechten Seite der Kirche, vor einem Thronsessel,
stand gleich einem Marmorbilde, die Knigin-Regentin in reichem,
pelzverbrmten Gewande; war auch etwas malerische Phantasie in dieses
Kostme hineingerathen, so hatte es doch in seinen Grundzgen den
orientalischen Schnitt. Da wir gerade gegenber, hinter den Sulenbogen
einen etwas erhhten Platz eingenommen hatten, so konnten wir die erhabene
Frau mit Mue betrachten. Ihre Gestalt schwamm in einem Goldmeere reicher
Stickerei. Auf dem Haupte glnzten im braunen Haare funkelnde Diamanten;
so war auch Brust und Nacken mit diesem Gesteine bedeckt; doch der Ausdruck
des Gesichtes und die ganze Haltung war kalt, und unbeweglich; es drckte
sich fast Widerwillen in den sonst so anmuthsvollen, freundlichen Zgen
aus. Die arme Dame mag gar wohl gedacht haben, wie ihr aufblhender Thron
vor Jahren an diesem schreckensvollen dritten September gebrandmarkt worden
ist. Gewi schwebte ihr das Bild der schreienden Horden und wankenden
Rathgeber vor den Augen; und nun sollte sie fr die Erhaltung derjenigen
Institutionen beten, welche ihr geliebtes Hellas dereinst in das Verderben
strzen muten! Auch preten sich ihre Lippen krampfhaft zusammen, statt
sich zum Gebete zu ffnen.

Wir verlieen bald den dumpfen Raum, um die Knigin nach Beendigung der
Hymnen an uns vorberfahren zu sehen. Ich hatte mir bei dieser Gelegenheit,
wenn auch keinen prachtvollen, doch einen originellen Zug gedacht; statt
dessen fuhren zwei vierspnnige baierisch zugestutzte Kutschen vor, in
welchen die Knigin mit einem Theil ihres Hofstaates fast gnzlich den
Blicken entschwand; einige vereinzelte sehr reich gekleidete Adjutanten und
ein Trupp Lanciers umschwirrten den Wagen, und pltzlich war der ganze Zug
unseren neugierigen Blicken entschwunden. Die Knigin entledigte sich ihrer
drckenden Kleiderpracht, worauf wir uns bei ihr zum Frhstck in einem
Garten-Pavillon versammelten. Derselbe besteht aus einem Holzgitter mit
leichtem Dache, und ist ber einem herrlichen Mosak erbaut, welches man
auf demselben Platze ausgegraben hat, und das sich rhmt, das grte der
Bekannten zu sein; es ist auerordentlich gut erhalten und scheint nach
den Arabesken und der Form zu schlieen, sich in einem antiken Badezimmer
befunden zu haben. Als wir uns zum vortrefflichen Gabelfrhstck setzten,
bemerkte die Knigin, da unsere Zahl dreizehn sei; augenblicklich ward ein
Katzentisch bereitet, und der arme uns zugetheilte Adjutant mute mit einer
Ecke des Laubpavillons vorlieb nehmen. Zwei Grnde mgen dieses komische
Verfahren bei der so geistreichen Knigin entschuldigen: erstens ist
das griechische Volk auerordentlich aberglubisch, und es scheint nicht
gerathen, offen diesen Sonderbarkeiten entgegen zu treten; zweitens trug
sich vor einigen Jahren ein eigener Zufall am griechischen Hofe zu:
man speiste zu dreizehn, in der krzesten Zeit darauf starb einer der
Tafelrunde; einige Tage darnach war die Gesellschaft wieder vereinigt und
abermals in der ominsen Zahl. Ein junger Englnder, der beide Male zugegen
war, uerte im Scherze, wer wohl diesmal das Opfer sein wrde; abermals
verging eine nicht lange Zeit, und der junge Britte war eine Leiche.

Nach dem Frhstcke lie die Knigin eine kleine Pony-Equipage vorfahren,
in der sie meinen Bruder und mich eigenhndig fhrte, und uns Gelegenheit
gab, ihr Talent zum Kutschiren zu bewundern. Die brige Gesellschaft
folgte ihr zu Fue. Eine kleine Menagerie, bestehend aus Dammhirschen und
Gazellen, wurde uns gezeigt; hierauf geleitete uns die Knigin durch ihren
Garten, welcher ihr ganzes Vergngen und ihren ganzen Stolz ausmacht; auch
pflegte sie ihn scherzweise immer ihr kleines Reich zu nennen. Ehe sie
die Regentschaft des greren Reiches bernahm, bildete dieses
selbstgeschaffene und gepflegte Athene-Eldorado ihr Hauptvergngen; nun
wird leider der Garten unter den wichtigeren Geschften etwas leiden
mssen. Die Anlagen desselben sind im englischen Geschmacke; zwischen
Palmen und Orangen wird mit Mhe das deutsche Bumchen gehegt und gepflegt.
Die Blicke aus den einzelnen Partien auf die Ueberreste altgriechischer
Kunst sind herrlich und knnten nicht malerischer gewhlt sein. Es fehlt
nur an schattigen Pltzen und an grnen Rasenflecken, um den Garten
vollkommen zu nennen; der erste Fehler wird sich jedoch mit der Zeit geben,
da die ganze Schpfung erst das Werk einiger Jahre ist; im lteren Theile
steht schon eine Baumgruppe, in deren khlem Schatten das knigliche
Ehepaar zu frhstcken pflegt; fr den zweiten ist weniger zu hoffen, da
die Strahlen der Sonne zu glhend sind, um das ppige Wachsthum des Grases
zu erlauben. Fr Athen ist jedoch der Hofgarten ein Wunder; er ist so zu
sagen der einzige Punkt, wo das frische Grn des Laubes, und der Wechsel
der Blumenpracht zu sehen ist. Fr uns, die wir aus khleren Lndern
stammen, waren die Gewchse des Sdens von besonderer Merkwrdigkeit. Die
keimenden Palmen und saftigen Alon waren in solcher Menge unserem
Auge neu. Die letztere Pflanze nimmt sich besonders vortheilhaft in den
schneeweien Marmorvasen aus, welche sich auf den breiten Stufen gleichen
Gesteines befinden, die von der linken Palastseite, von Terrasse zu
Terrasse in den Garten hinunterfhren. Die erste Terrasse ist als breiter
Raum zum Vorfahren vor den Kolonnaden-Gang bestimmt. Die zweite etwas
tiefer liegende, ist mit sehr schnen Blumenanlagen zwischen Orangenbumen
besetzt, die aber im vorigen Winter von der strengen Klte so sehr gelitten
hatten, da man sie bis zum Boden schneiden mute; doch das Wachsthum unter
sdlicher Sonne ist so krftig und rasch, da sie nun schon die Hhe von
4 bis 5 Fu erreicht haben. Die Erndte ist jedoch auf einige Jahre
hinausgeschoben. In dem ziemlich bedeutenden Umfange des Gartens wurden
einige sehr schne Alterthmer ausgegraben, welche auf einem eigenen
Platze desselben aufbewahrt sind. Vor wenigen Jahren stie man auf eine
reichhaltige antike Wasserleitung, die nun theilweise den Pflanzen das so
nothwendige Labsal bringt; auch glaubt man den Platz gefunden zu haben, auf
welchem Socrates gelehrt haben soll: die Kontraste der Jahrhunderte bringen
den Schulplatz des grten Philosophen in eine englische Parkanlage! -- Da
uns die glhende Mittagshitze gar bald aus dem Garten trieb, ward es uns
gegnnt, die Gemcher des Knigs und der Knigin genau zu betrachten.
Dieselben vereinigten Pracht mit Wohnlichkeit und manch sinnige Idee und
hbsche Fresko-Malerei fand ich zwischen den griechischen Zierrathen; doch
berall leuchtete der Mnchner Knigsbau durch, und wirklich findet im
hiesigen Klima diese Bauart ihre grere Berechtigung. In des Knigs
Arbeitszimmer sieht man unter dem Plafond die berhmten Mnner des alten
Griechenlands; in einer Ecke steht ein Gipsabgu des Apoll von Belvedere,
als Reprsentanten der antiken Kunst; in einem andern Saale des Palastes
sieht man dagegen die Brustbilder der Helden neugriechischer Geschichte. An
den Wnden befinden sich zwei groe Oelgemlde vom Mnchner Maler He, den
Einzug des Knigs in Nauplia und Athen darstellend; die Bilder sind krftig
gemalt und enthalten viele fr das Land interessante Portrts. Noch ist in
diesem Raume, der den hervorragenden Werken der neueren Zeit gewidmet ist,
kein Reprsentant der vaterlndischen Kunst zu sehen; auch wre es schwer
in Neu-Griechenland einen solchen zu finden. -- Die groe Stiege, die an
diesen Saal stt, ist, wie schon erwhnt, von Bronce und weiem Marmor
aus dem Pentelikon; ein herrliches Werk! Die Steinstufen sind so fest
eingefgt, da die Doppelstiege lngs der Mauer frei und ohne sttzende
Sulen dahin luft. Die Knigin erzhlte uns, da es langer Zeit und groer
Mhe bedurfte, bis man Marmorblcke fand, welche so gnzlich ohne Sprnge
waren, da man dieses Meisterstck wagen konnte. Diese breiten, wahrhaft
majesttischen Stufenreihen fhren in eine Halle, die sich unmittelbar an
der groen Einfahrt in der Mitte des Palastes befindet. Die schnsten Rume
im Schlosse sind jedoch unstreitig die zwei groen Tanzsle im =entresol=,
die durch alle Stockwerke die Hhe des Schlosses erreichen. Die Hauptfarbe
derselben ist roth, mit reichen goldenen Verzierungen bedeckt. Die Mbel
sind mit den Wnden und Plafonds bereinstimmend und so aufgestellt, da
den Tanzenden genug Raum bleibt. Ein Maler war gerade beschftigt, den
oberen Theil des einen der beiden Sle mit mythischen Figuren zu fllen.
Wenn die schweren Kronleuchter und reichen Wnde in tausendfarbigem Lichte
schimmern, und die bunten schngestickten orientalischen Trachten sich
bei der Tanzmelodie hin und her bewegen, so mag der Anblick wirklich etwas
feenhaftes haben; auch werden diese Feste von allen Fremden als
wahrhaft pracht- und geschmackvoll gerhmt. Ob diese Feierlichkeiten den
Gewohnheiten und Geldmitteln des Landes entsprechen, getraue ich mich nicht
zu beurtheilen. Von hoher Seite versicherte man mich brigens, da das
griechische Volk die Pracht und den Glanz seines Thrones liebe.

Die Knigin, welche die Merkwrdigkeiten ihres Landes auf eine so grazise
und geistreiche Art zeigte, lud uns auf heute Nachmittag zu einer Fahrt
nach dem berhmten Eleusis ein. Die ganze Gesellschaft wurde in zwei
groen, bequemen Wagen untergebracht, und so rollten wir vom Schlosse aus
durch einen abgelegenen Theil der Stadt, worauf wir bald die heilige Strae
erreichten, welche unter den alten Griechen von Athen aus zum Tempel des
unbekannten Gottes fhrte. Anfangs fhrt man zwischen Olivenbumen und
Weingewinden dahin, bald aber gerth man in eine romantische wste Gegend;
man mu ein enges schluchtartiges Thal durchfahren, um auf die andere Seite
der Gebirgskette zu kommen, in welcher sich der Meerbusen befindet, an
dessen Ende Eleusis liegt. Links und rechts von der Thalstrae liegen auf
gelber Erde unzhlige Felsstcke, zwischen denen einzelne Pinien-Gruppen
gleich kleinen Oasen hervorragen, deren Nadeln von lebhafterem Grn sind,
als das Laub unserer Bume. Auer mehreren langsam dahin kriechenden
Schildkrten sahen wir keine Spur des Lebens, bis wir mitten in dieser
interessanten Wildni an das verfallene Nonnenkloster Daphne kamen. Noch
stehen einige Theile der festen frnkischen Ringmauer, der Kirche und der
erbrmlichen Htten der Nonnen. Ursprnglich ward hier ein Schlo fr die
Herzge von Athen, aus der Familie Laroche gebaut, deren Nachkommen noch in
Baiern bestehen sollen. Die Mauern deuten augenblicklich auf die nordischen
Schpfer derselben; spter wurde das Schlo zum Kloster eingerichtet
und die Kirche im byzantinischen Style noch spter gebaut. In der Kuppel
befindet sich ein groes Mosak, ein Christuskopf im typischen Styl. Da die
Kirche dem griechischen Kultus geweiht ist, so befindet sich hier natrlich
die stark vergoldete Wand zwischen der Gemeinde und dem Altare. Lange dicke
Kerzen auf hohen, freistehenden, bunten Leuchtern, warfen ein
dsteres Licht auf die groen, auf einzelnen Pulten aufgeschlagenen
Evangelium-Bcher, und auf das dunkle vom Rauche geschwrzte Gemuer. Die
Stille und Leblosigkeit dieses Gotteshauses gab dem Ganzen einen mystischen
Anstrich. In einer Seitenkapelle sind noch einige Grber, auf deren einem
das in Marmor gehauene Wappen der Laroche zu sehen ist. So findet man in
der Umgegend von Athen alle Geschichtsperioden durch die merkwrdigsten
Denkmale verewigt. In dem Klosterhofe sieht man noch einige Reste
gothischer Verzierungen. Die Mauern sind alle so massiv, da es scheint,
als ob diese Herzge sich nicht ganz sicher gefhlt htten. -- Kaum waren
wir einige Zeit in dem verfallenen Gemuer herumgeklettert, so regte
es sich pltzlich, und schwarze, unheimliche, hexenartige Gestalten
erschienen. In Fetzen nur zur Noth gehllt, mit wirren grauen Haaren und
drren Gliedern, gehrten sie ganz zu den leblosen Ueberbleibseln aus
vergangenen Zeiten; es fehlten nur Kessel und Besen, um das Bild zu
vollenden. Es waren dies die frommen Schwestern von Daphne, welche gerade
im Begriffe waren, trkischen Weizen und andere Hlsenfrchte auf den Boden
auszustreuen und zu trocknen. Mit ihrer Heiligkeit soll es jedoch
nicht sehr weit her sein; wenigstens ist der Erzbischof von Athen, ihr
geistlicher Vorstand, dieser Ansicht. Auf jeden Fall war ihr Aeueres nicht
nur abstoend, sondern sogar unschicklich, und sie scheinen eher eine
Rotte roher Bettlerinnen, als in sich gekehrter Nonnen. Wir verlieen
die malerischen Ruinen, nachdem die schwarzen Gespenster der Knigin
mildspendende Hand Segen kreischend gekt hatten. Bald waren wir am
Ausgang des Thales, und mit Wohlgefallen ruhte das Auge auf dem Meerbusen,
dem Dorfe Eleusis und den hohen schn geformten Gebirgen. Man beginnt die
Spuren der heiligen, in den Felsen gehauenen Strae zu sehen, da sich der
Weg ziemlich knapp zwischen dem Meere und den hheren Felsen hinzieht. Man
sieht aus diesen Spuren, wie auch auf der Akropolis und an mehreren anderen
Orten in Griechenland, da die Alten nur Geleise in den Stein hieben, und
da die Rder, welche gleiche Achsenbreite hatten, in denselben liefen,
so da sich die Pferde auf dem nackten Felsen forthelfen muten. Noch
interessanter jedoch wie diese Straenreste sind die Swasser-Seen, welche
sich unmittelbar an der rechten Seite der Strae befinden, whrend die
linke von den Wogen des Meeres besplt wird. Diese kleinen Seen sind
ebenfalls noch aus uralter Zeit; ihre Tiefe betrgt hchstens fnf Schuh,
sie liegen einige Schuh hher, als das Meer, in welches sie unter der
Strae abflieen. Diese ist nur durch eine kleine sehr niedrige Mauer
von den Seen getrennt. Es scheint, da der Zweck dieser Wasseranlagen
die Aufbewahrung von Fischen war. Der Zuflu kommt wahrscheinlich von
unterirdischen Quellen.--

Am Eingange von Eleusis lie die Knigin halten, und man stieg aus. Zuerst
besichtigten wir eine kleine, auerordentlich niedrige griechische Kapelle,
welche aus Trmmern von dem berhmten Tempel des unbekannten Gottes gebaut
wurde. Im Innern derselben befinden sich auch noch einzelne Theile von
alten Statuen und Inschriften, fr einen Archologen, der diese Zeichen
versteht, von groem Interesse. Als wir beschftigt waren, diese Trmmer
schnerer Zeiten zu bewundern, strmte die Bevlkerung des Dorfes die
Anhhe herab und umringte die geliebte Basilissa, welche sie mit den
freundlichsten Worten in der wohltnenden griechischen Sprache begrte.
Eine schne Sitte ist es, da, wenn das griechische Knigspaar in die
Nhe eines Dorfes kommt, die ganze Gemeinde jubelnd entgegenzieht, und ihr
zito in die Lfte schallen lt. Die Bevlkerung dieses Ortes, besonders
die Frauen, waren wieder ganz anders gekleidet, als in der Umgebung von
Athen; ich mchte sagen noch poetischer und geschmackvoller. Die Frauen
tragen lange dunkelgefrbte Rcke; ber denselben haben sie bis zum
Knie herab einen weien mit schwarzen Schnren geschmackvoll gestickten
Oberrock; auch das Mieder ist reich und bunt gestickt, Kopf und Hals hllt
ein weier Schleier ein, aus welchem lange Flechten ber den Nacken, oft
bis auf den Boden hngen. Der reiche Haarwuchs ist der Stolz dieser Frauen;
sie helfen sich auch knstlich durch das Eindrehen von brauner Wolle. Die
Mdchen tragen statt des Schleiers ihre Aussteuer auf dem Haupte, welche
in einer helmartigen Kappe besteht, mit Sturmband und Qustchen, deren
Bestandtheile durchlcherte Silber- und Goldmnzen bilden; oft recht
interessante kleine Mnzensammlungen. Man findet trkische, griechische,
sterreichische und spanische Geldstcke im buntesten Gemisch. Diese
ganz originelle Kopfbedeckung kleidet aber die regelmigen, ernsten
orientalischen Zge vortrefflich. Eine groe Anzahl der Frauen trgt
goldene Ringe mit den schnsten antiken Cameen, welche sie beim Ackern
zwischen den Schollen finden. Wir wanderten nun von der ganzen Gemeinde
gefolgt auf einen felsigen Hgel, der die Grundlage des Tempels bildete.
Man findet nur noch einzelne Mauertrmmer und Stcke von marmornen Sulen
des berhmten Heiligthums, in welchem die eleusischen Feste gefeiert
wurden, und es regt sich der Wunsch, da Ceres wieder einmal in dieser
Gegend ihr geliebtes Kind suchen mge und wenn sie kme, knnte man leider
zum zweitenmale wieder singen:

  Und auf ihrem Pfad begrte,
  Irrend nach des Kindes Spur,
  Ceres die verlass'ne Kste.
  Ach, da grnte keine Flur!
  Da sie hier vertraulich weile,
  Ist kein Obdach ihr gewhrt.
  Keines Tempels heitre Sule
  Zeuget, da man Gtter ehrt.

So streicht die Hand der Zeit ber die berhmtesten Gegenden dahin, und
oft ist mir schon in Griechenland das Gedicht Rckert's von dem Thale
eingefallen, in welchem eine Stadt, dann Wste, Felder, See und endlich
wieder eine Stadt gestanden hat. Ein wehmthiger Gedanke war es uns, der
Jugend der Neuzeit, ber die gebrochenen Steine dahin zu hpfen, die einst
das gebildetste Volk der Welt mit Mhe zusammentrug, um ein Gtterwerk zu
schaffen, welches der Ewigkeit trotzen sollte, und in welchem die antike
Jugend die mystischen Reigen der Ceres ausfhrte.

Wir wurden nun in zwei Huser von Landbewohnern gefhrt, in welchen die
prachtvollsten Mosak's dem Spiele der Kinder und dem Whlen der Schweine
ausgesetzt waren; quer ber einen derselben luft sogar die Hausmauer.
So werden diese herrlichen Werke durch unwissende Menschen dem Verderben
preisgegeben, da man sie doch mit der kleinsten Mhe vor der Unkenntni der
Bevlkerung schtzen knnte. Leider stehen dem griechischen Monarchen, der
den besten Willen zur Erhaltung dieser Schtze hat, nicht die Mittel zu
Gebote, diesen Wunsch auszufhren. -- Als wir aus der zweiten Behausung
heraustraten, bildeten die schlanken, romantisch gekleideten Frauen und
Mdchen von Eleusis einen Halbkreis vor der Knigin und stimmten nach einer
ziemlich monotonen Melodie einen rasch improvisirten Gesang an, zu
welchem sie, die Arme kreuzweis haltend, einen ernsten schwingenden Tanz
ausfhrten. Langsam neigten sie sich mit einem Schritte vorwrts, worauf
sie zwei kleine Schritte rckwrts machten; nach jeder Strophe traten sie
im Tacte mit den Sandalen auf den harten Boden. In diesem Tanze erkannte
man die Nachkommen der alten Helenen. Es waren die Reigen, wie man sie auf
den Vasen des alten Griechenlands gemalt sieht, ein interessanter schner
Anblick! Die Knigin sagte mir, da sich der Gesang auf ihre Anwesenheit
bezge. Im ersten Liede drckten sie ihre Freude aus, da wir Fremde der
Knigin die Nachricht der baldigen Ankunft des Knigs brchten; im zweiten
wurde die Basilissa mit einem Orangenbaum verglichen, an dessen Fu eine
frische Quelle sprudle. Das Volk soll eine eigene Gewandtheit in diesen
lieblichen Improvisationen haben!--

Wir besahen nun noch einen altgriechischen Hafendamm, welcher sich am Fue
des Stdtchens auf eine kleine Strecke in das Meer hineinzieht. Er zeichnet
sich durch seine auerordentlich groen Quadersteine aus. Hierauf lud uns
die Knigin zu einem Imbi ein, welchen Vorschlag wir dankbar annahmen. Es
war ein =gout champtre=. Man brachte in aller Eile einen schlechten Tisch
und einige Feldsessel; ein Koffer, der die erwnschte Ladung enthielt,
wurde erffnet, und wir strkten uns mit kaltem Fleische, Eiern und
Wein, angesichts des welthistorischen Eleusis. So ist das unglckliche
Menschengeschlecht! Geist, Herz und Magen sind leider ein nothwendiges
Triumvirat, welches in diesem armen Erdenleben nie getrennt werden kann.
-- Nach dem kurzen Mahle wollten die Mnner von Eleusis ihren Frauen nicht
zurckstehen und vollfhrten ebenfalls einen Tanz, dem der Frauen hnlich,
nur lebhafter und wilder. Der beste Tnzer des Ortes fhrte den Reigen an
und machte hchst possierliche, drehende Sprnge, mit denen eines Gemsbocks
vergleichbar, und an die bacchantischen Geberden antiker Darstellungen
erinnernd. Nachdem dies einige Zeit bewundert worden war, lie die
Knigin die Kinder des Dorfes um sich schaaren, stellte einige Fragen im
freundlichsten Tone an sie, und vertheilte hierauf unter dieselben die
vom Mahle brig gebliebenen Eier. Es war ein hbsches Bild, die zarte Frau
mitten unter den frischen, strmischen Kindern zu sehen; alle drngten sich
um sie, ein jedes wollte eine der Gaben haben; die Ungestmen wies sie mild
mit der Hand zurck, den Bescheidenen theilte sie ermunternd aus. Das war
ein Geschrei und ein Jubel! So wei sie durch liebenswrdige Art mit
den einfachsten Mitteln das Herz ihres Volkes zu gewinnen. Die ganze
Bevlkerung, jung und alt, strzte uns bis zum Wagen nach, und die Knigin
verlie den interessanten Ort unter dem weithin schallenden Jubelruf: zito
Basilissa! -- Die besonders enthusiastische Jugend lief noch einige Zeit
jauchzend neben dem Wagen her. Man sieht deutlich, da es die Knigin ist,
welche durch ihre Persnlichkeit den neu errichteten Thron von Griechenland
im Herzen des Volkes sttzt.--

Als wir durch die schnen Weingrten dahin fuhren, warfen die einzelnen
Landbewohner die schnsten Trauben ihres Besitzthums in den Wagen, welche
die Knigin dankend annahm; und dieses Zeichen der Liebe wurde nicht, wie
bei uns, mit feilem Geld belohnt; das freundliche Nicken der Knigin war
den Bauern der liebste Dank. Das Volk in Griechenland ist durch und durch
monarchisch, und kennt den Werth der frstlichen Huld und Gnade, ohne da
man ihm dieselbe durch thatschliche Bezahlung zu beweisen braucht. Am
spten Abend bei funkelnden Sternen kehrten wir nach Athen zurck.--

Des andern Morgens nahmen wir das Frhstck in unseren Zimmern ein; hierauf
fuhren wir um 9 Uhr in die in der Nhe des Palastes gelegenen Stallungen
des Knigs; sie sind gerumig und rein gehalten, und beherbergen eine
schne Auswahl orientalischer Pferde; die ausgezeichnetesten derselben
wurden uns im Hofe vorgefhrt. Der Knig und die Knigin lieben es sehr,
muntere Thiere zu reiten.

Da die Pferde hufig lanadiren und in bestndigem Springen und
Capriolen die Reitkunst des Knigs dem staunenden Volke zeigen, gehrt zum
griechischen guten Ton. -- Den smmtlichen Stallungen steht ein ehemaliger
bairischer Offizier vor, der sich auf die Reitkunst sehr gut zu verstehen
scheint. -- Von hier aus begaben wir uns zur neuerbauten Universitt;
sie ist im altgriechischen Geschmacke; der groe, noch nicht gnzlich
vollendete Saal wird durch einige sehr schne Sulen aus weiem Marmor
geziert. Das ganze Institut ist erst im Werden; doch nimmt man ein
erfreuliches Streben nach Bildung wahr, und die Bibliothek, welche meist
aus Geschenken des Inlandes und der Fremde besteht, ist wirklich nicht ohne
Bedeutung. Von diesem Symbole neuen Lebens fuhren wir zur Krone alter Gre
und Pracht hinan, zu der auf stolzem Fels erbauten Akropolis, welche Alles
berragt, was wir bis jetzt von antiker Kunst gesehen haben. Vom Fue der
Erhhung bis zu dem Thore der Umfassungsmauern geht der Weg ber kahle
Erdpartien und ist nach neugriechischer Sitte sehr schlecht; man mu
sich mit Mhe durch den Staub der Erde hinaufarbeiten, wo vor den alles
zerstrenden Zeiten der antike Grieche mit Begeisterung und heiligem
Schauer auf Marmorstufen zum selbstgeschaffenen Gttersitz emporschritt.
Schon aus der Ferne leuchteten dem Anbeter der hehren Minerva im blauen
Aether, gleich einer Sonnenburg, die stolzen Propylen entgegen. Eifriger
beflgelte er seine aufwrts strebenden Schritte und bald befand er sich
in einem Sulenwalde, in welchem die Werke eines Phidias, als Perlen der
menschlichen Kunst, ihm Begeisterung fr seine Gtterbilder und
Bewunderung fr sein mchtig schpferisches Geschlecht zustrahlten. Mit
enthusiastischer Kunstliebe betrachtete er die milden ernsten Zge der
Gttin, die jener aus dem nahen Steinblocke des Pentelikons geschaffen, und
die sein poetischer Geist sich selbst zur Schtzerin bestellt hat. Keine
ernsten, stillen Gebete in Furcht und Andacht vor dem hchsten Wesen
konnten diesen Lippen entquillen; ihre Stelle vertrat schallender Jubel
bei der Darbringung blumenbekrnzter Opfer, die der Ausdruck des poetischen
Naturergusses waren, deren eigentlichen Sinn aber das Lob des eigenen
Selbst bildete. Die christliche Furcht vor dem lenkenden Schpfer der
Welten, nahte sich ihnen nur in den ihnen unerklrlichen Naturerscheinungen
und im Tode! Die Akropolis war ein Diadem, mit welchem die stolze
Menschheit das eigene leuchtende Haupt schmckte. Doch dieser Krone fehlte
der reine erlsende Segen; die Spangen des eitlen Schmuckes brachen, und
der Alles versinnlichende Geist wich vor dem dornengekrnten Erlser, in
dessen Sinne die Jnger ihr knstlerisches Streben zu Domen vereinten,
welche sie, statt mit Perlen antiker Zeit, mit dem schlichten Sinnbilde des
Kreuzes schmckten. Die Spangen brachen, die Perlen wurden von den Fluthen
der Zeit hinweggesplt, und dennoch erkennt man in den Ueberbleibseln, da
die Geister, die diese Werke schufen, gro und erhaben gewesen waren; in
diesen Ruinen lebt noch jetzt ein poetischer Reiz und eine unwiderstehliche
Macht, die auch der Eigenliebe eines Christen des 19. Jahrhunderts
schmeichelt. Die Seele wird unwillkrlich von Stolz ergriffen bei dem
Gedanken, diese Werke haben einst Menschen geschaffen, aus Fleisch und Blut
wie du; und da die Attribute des heidnischen Kultus in den weiten
stillen Rumen fehlen, so hat die Phantasie freies Spiel, und auch das
christlichste Gemth kann sich an den Malen des alten Hellas erfreuen.
-- Wir traten in das Thor der Umfassungsmauer ein; nachdem wir dasselbe
durchschritten hatten, kamen wir zu einem Wachthuschen, welches leider
theilweise aus Ueberbleibseln von Kunstschtzen erbaut ist; rechts und
links lagen zusammengefallene Steine, gebrochene Sulen; dann gelangten
wir durch eine pfortenartige Mauerffnung in das Bereich der herrlichen
Propylen. Noch heute erkennt man die mchtigen Stufen, die bis zu den
Fluthen des Meeres gereicht haben sollen. Rechts und links erheben sich
gigantische Sulen, welche mehrere Eingangshallen zu dem eigentlichen
Sanctuarium bilden. Einst waren in den marmornen Boden derart Furchen
gezogen, da man zwischen den Stufen hindurch fahren konnte. Die
Sulenreihen werden von dem Innersten der Akropolis durch groe
Quadermauern getrennt; in der Mitte befindet sich ein dreifacher Eingang.
Rechts von den Propylen ragt auf einem Felsenvorsprunge der zierliche
Tempel der Victoria hervor, welchem wir nun zuerst unsere Aufmerksamkeit
schenkten; seine Dimensionen sind sehr gemessen und stehen im vollsten
Einklange; vier Wnde mit dorischen Sulen verziert, bilden das Gebude, an
dessen einer Seite eine schne Pforte in das Innere desselben fhrt. Um das
Gesimse laufen fein gearbeitete Basreliefs in sehr kleinem Mastabe.
Der Tempel hat durch seine freie Lage den reinen, blauen Aether als
Hintergrund, und durch seinen Miniaturbau, der in der letzten Zeit
hergestellt worden ist, etwas auerordentlich Anziehendes. Im Inneren
fanden wir ein ausnehmend schnes Basrelief der Siegesgttin an die Wand
gelehnt. Die Athenienser, um den Sieg zu fesseln, bauten nicht nur der
Gttin dieses Denkmal, sondern nannten es auch den Tempel der flgellosen
Victoria, in der Meinung, da die Siegbringende ihnen dann nicht
entfliehen knne. -- Hierauf begaben wir uns auf die linke Seite der
Propylen, wo sich auf dem linken Felsenvorsprung ein groes Gemach
befindet, in welchem im Mittelalter die Herzoge von Athen hausten. Jetzt
wird dieses Gemach und der unmittelbar davor befindliche Raum der Propylen
als Sammelort fr die aus der Erde gegrabenen Alterthmer gebraucht. Hier
sieht man steinerne Fe, Hnde, Arme, Kpfe aufgeschichtet; nur einiges
davon ist von grerer Bedeutung; doch wie gerne htten wir, wenn auch nur
den kleinsten Theil der werthlosesten Statue als Andenken mitgenommen! Dies
ist aber, wie natrlich, auf das strengste verboten, da Griechenland so
schon durch die Kunstliebhaber des gebildeten Europa seiner schnsten
Sculpturen und Vasen beraubt worden ist. Einige Mitglieder unserer
Gesellschaft erlaubten sich daher nur einzelne kleine Marmorstcke von
Sulen oder Mauern im Stillen als Andenken an den historischen Platz
einzustecken. Wie schade, da der griechischen Regierung und den
Erhaltungsgesellschaften das Geld, und dem Volke die Kunstliebe mangelt,
alle diese Schtze entweder systematisch in eigenen hierzu erbauten Localen
zu ordnen oder die brigen in verschiedenen Richtungen zerstreuten Theile
mit verstndigem Sinn und nach alter Ordnung zu sammeln und zu fgen, und
so wenigstens theilweise den Schatten alter Prachtdenkmale herzustellen.
Man hebt eine Erdscholle, sieht zwischen dem Schutt der Jahrhunderte die
Formen eines herrlichen Torso erscheinen, Athen und Europa jubeln ber den
groen Fund und der Torso erhlt seinen traurigen Ehrenplatz zwischen
den andern Bruchstcken; man erzhlt Wunder von dem neuaufgefundenen
Meisterwerke, schreibt es einem Phidias zu, lobt es in den Kunstblttern,
zeigt das wehmthige Conterfei in Kupfer gestochen den Blicken der
neugierigen Auenwelt, whrend in unmittelbarer Nhe der vom Rumpfe
abgebrochene Kopf, die schon lngst vorgefundenen Hnde und Fe hier den
Blicken der staunenden Reisenden als sinnlose Bruchstcke gezeigt
werden. Knnte nicht ein fleiiger Knstler diese vor Jahrhunderten
zusammengehrenden Glieder wieder zu einem vollendeten Gtterbilde
vereinen, das ein oder das andere fehlende kleine Glied mit seinem, durch
das Vorbild begeisterten Meiel ergnzen? oder sollte nicht ein geschickter
Architect, der sich in die Linien alter Kunstwerke hineingelebt hat, die
einzelnen groen, herumliegenden Sulenstcke durch das scharfmessende
Knstlerauge zusammenfgen knnen? doch es fehlen leider die Mittel zu
einem solchen groartigen Unternehmen, und bis jetzt sind nur einzelne
kleine Versuche gemacht worden, deren Gelingen jedoch gerade den Beweis
giebt, wie lohnend dieses groartige, wenn auch schwierige Werk wre. Man
wundert sich, wie der faltenreiche Krper einer von ihrer alten glnzenden
Stellung verdrngten Gttin auf der Akropolis ruht, whrend ihr lieblicher
Kopf in der Ebene ausgegraben wurde und nun vielleicht im Theseustempel
gezeigt wird; und doch ist dies auf ganz natrlichem, wenn auch
barbarischem Wege geschehen; der grause Trke fand dieses Standbild der
mythischen Dame auf der von ihm blutig erstrmten Burg, ihn erfllte keine
Begeisterung bei der Betrachtung des steinernen Kunstbildes, das Schwert
seines Propheten hatte er nur zur Zerstrung gezogen; bald hatte die
eiserne Faust des Barbaren ihren Zweck vollendet; der Kopf, dem Phidias
mit Begeisterung Leben einhauchte, und dem er durch seinen Meisel den Ruhm
einer Gottheit ertheilte, wich von dem blendenden Nacken, und nun war es
ein gar artiges Spiel, dieses vom Rumpf getrennte Haupt unter Siegesjubel
ber die Felsen des gewonnenen Platzes in die Ebene rollen zu lassen. Doch
nicht allein durch Mahommed's Shne fielen diese Opfer des Barbarismus,
sondern auch die Knechte christlicher Staaten wuten sich zu solchen
Lustbarkeiten zu schicken. Nun geziemte es den Kunstfreunden des 19.
Jahrhunderts im Schweie ihres Angesichts ihren respectiven Musen ein Opfer
zu bringen, die Gebeine ihrer Gtter zu sammeln, und sie auf den Platz des
alten Ruhmes wieder siegend aufzustellen; doch dies geschieht nicht, und
soll nicht geschehen; so lehrt es die Geschichte von Jahrtausenden.
Jede Periode hat auf dieser Erde ihre bestimmten Glanzpunkte, die in den
Kunstdenkmalen die Bewunderung der Mitmenschen auf sich ziehen; die Aufgabe
der Zeit ist es dann, diese Werke zu zerstren und der Nachwelt die Ruinen
zu berlassen, damit sie ahne -- lerne -- und selbst schaffe.--

Durch die Pforten der Propylen traten wir auf einen mit Steinen bersten
Raum, den eigentlich der alten Gtterwelt geweihten Platz der Burg. Hier
findet man noch in einem breiten groen Marmorblocke die Merkmale des
Punktes, auf welchem die berhmte Minerva gestanden hatte; hier zeichnet
sich in herrlichen Formen der Tempel der Erekthea; hier steht das
groartigste Meisterstck griechischer Architectur, das sulenreiche
gigantische Parthenon, in welchem einst der aus Gold und Elfenbein
gebildete Zeus des Phidias thronte. Gleich links, wenn man aus den
Propylen tritt, ruhen, an eine groe Quadermauer angelehnt, eine
Anzahl aus den Metopen des Parthenon entnommener Basreliefs von seltener
Schnheit; sie stellen einen Triumph- oder Heereszug dar, in dem man die
wundervollsten Gestalten entdeckt; sie sind aus der Blthe alter Kunstzeit.
Doch den Hauptschatz dieser Basreliefs hat, wie bekannt, Lord Elgin, der
Vertreter seiner kaufmnnischen Nation nach London in das brittische Museum
geschafft. Aus Dankbarkeit fr den gelungenen Raub hat er dem armen Athen
einen erbrmlichen Glockenthurm gebaut. So weit die mchtigen Klauen
des Leoparden reichen, so weit schlagen sie Wunden, um das Herzblut zu
gewinnen; und da die Klauen des Leoparden weit reichen, zeigen die Schtze
in seinem heimischen Lager.

Wir traten mit Begeisterung vor das erhabene Parthenon; die Faade ist noch
ziemlich gut erhalten und giebt der Phantasie die Umrisse und Hauptpunkte
an, aus welcher sie sich auf leichte Weise das herrliche alte Bild ergnzen
kann. Eine breite Kolonnade im einfachsten grandiosesten Style umgiebt den
geschlossenen, ebenfalls mit Sulen verzierten Tempelraum. Der First des
Tempels ist leider schon sehr beschdigt, und man sieht nur aus zwei kopf-
und armlosen Figuren, da einst in demselben eine Marmorgruppe gestanden
haben mu. Noch einige zerstckte Metopenspuren zeigen sich zwischen
dem Dache und den Sulen. So zierlich und klein die Dimensionen beim
Victoria-Tempel sind, so majesttisch und gro sind sie bei diesem
Werke alter Kunst; doch stehen beide in gleich reizendem, poetisch
architectonischem Einklange. Es liegt ein hinreiender Zauber in diesen
Marmor-Ruinen; die Werke sind mit gesundem Sinn durchdacht und mit
Begeisterung geschaffen worden; es bleibt uns ein Rthsel, wie die Mnner
alter Zeiten die Krfte und Mittel hatten, jene Steinmassen auf einander
zu thrmen; ja diese groen Knstler machten sogar architectonische
Berechnungen, an die unsere arme schwache Zeit gar nicht gewohnt ist
zu denken. So schtzten sie ihre aus colossalen Steinen und ohne Mrtel
errichteten Wunderbauten vor dem im Sden hufigen Erdbeben, indem sie
allen Sulen eine etwas schiefe Neigung gegen das Innere des Tempels gaben,
so da die breiten gegen einander gesttzten Quersteine denselben einen
Halt darboten; so gaben sie den Grundlinien des Parthenon eine gegen die
Mitte etwas einwrts gebogene Richtung, wodurch eine optische Tuschung
entsteht, und sie diese herrlichen Bauten den Blicken grer erscheinen
lassen. Fr die Gestalt eines Zeus konnte kein besseres Werk als Gttersitz
gewhlt werden; denn es spricht aus demselben der Ernst und die Gre
eines Donnergottes, und zu gleicher Zeit das poetisch Anziehende eines
Nymphen-Anbeters. -- Wir traten in das Innere. Wo einst das Dach war,
quillt nun das hellste Licht aus blauem Aether auf den durch die Zeit in
ein Goldgelb verwandelten Pentelikon-Marmor. Das Dach, zu dem das Rauchwerk
der Opfernden emporwallte, liegt in Stcke geborsten auf dem Boden, ber
den einst das Blut der Opferthiere in reichlichem Mae flo. Auch von dem
reichgeschmckten Bewohner dieser alten Marmorburg, vom Zeus des Phidias
hat man keine Spuren mehr. Den goldenen Haarwuchs und Mantel wird irgend
ein Eroberer zur Rundung und Auspolsterung seines Sckels gebraucht haben.
Man hat im Innern zwei alte ausgegrabene Marmorthrone aufgestellt. Hier
sitzen des Knigs und der Knigin Majestt bei archologischen Festen, die
zuweilen in diesen Rumen gefeiert werden. Wir dachten uns in die Zeiten
des atheniensischen Volkes zurck, als es mit dem Fall des Kreon die Knige
abschaffte; Professor K. aber nahm in antiker Begeisterung Platz auf dem
Knigssitze, und nun wurde ein von unserer Gesellschaft langgehegter Wunsch
zur Ausfhrung gebracht -- wir hatten nmlich vom Beginne der Reise an,
eine Flasche sterreichischen Weines mit aller Sorgfalt aufgehoben; nun
ward sie an das Tageslicht gebracht, und ihr Inhalt wurde auf das Wohl des
Vaterlandes ausgeleert. Die sdlichen Gebruche vermhlten sich mit
den nordischen. -- Archivarius K. sa gleich einem Barden aus alter
germanischer Zeit, mit dessen grauen Locken der Wind sein Spiel treibt, auf
dem marmornen Thronsessel. Wir bildeten um ihn einen Kreis, worauf er
einen der Stimmung des Augenblicks entsprechenden Trinkspruch mit weit
vernehmbarer Stimme ausbrachte, der unserem Vaterlande einen Gru weihte.
Wir hrten seinen Worten mit Begeisterung und Rhrung zu. Es war ein
poetischer, der Vaterlandsliebe geweihter Augenblick, der die schne
groartige Umgebung noch erhebender machte. Wir hatten unseren Vorsatz
erfllt, auf Attika's fester Burg von den heimischen Weinbergen einen Trunk
zu thun, in welchem wir in Liebe unseres theuren Vaterlandes gedachten.
Ehe wir den Saft gesunder Oesterreicher-Trauben an unsere Lippen setzten,
brachte ich, im Angesichte der Ueberreste alter Gren, auf der vor dem
Throne befindlichen Steinplatte, nach antiker Sitte und Gebrauch den
mythischen Gttern, deren kunstvollen Bildern einst in diesen Rumen
gehuldigt worden war, eine Libation. Nun that Jeder einen krftigen
Schluck, worauf ich die Flasche, um sie vor knftiger Entweihung zu
bewahren, an dem Marmor zerschellte. Die griechischen Officiere, welche uns
begleiteten, sahen dieser Scene verwundert zu; doch als sie ihnen
erklrt wurde, bckten sie sich und lasen von der zerbrochenen Flasche
Ueberbleibsel als Andenken auf. Es scheint, da unser Patriotismus den
ihrigen ebenfalls aufgefrischt hatte. -- Mein Bruder konnte leider dieser
Feierlichkeit nicht beiwohnen, weil ihn ein leichtes Unwohlsein zu Hause
hielt.

Vom Parthenon aus gingen wir durch ein Meer von Trmmern zum Tempel der
Erekthea. Auf einem massiven, um den nicht sehr groen Raum herumlaufenden
Mauerwerke von Marmorquadern erheben sich schlanke Karyatiden, welche den
mit Steinmetzarbeit geschmckten Oberbau auf ihren Huptern tragen. Der
reiche Faltenwurf des aufgeschrzten Gewandes, das volle wallende Haar
und die ernsten Zge dieser Figuren machen einen knstlerischen,
architectonisch vortrefflichen Eindruck. Die Formen und die reichen
Verzierungen des niedlichen malerischen Tempelchens erinnern unwillkrlich
an die schn geschnitzten Schrnke der Cinquecento-Zeit. An diesem
reizenden kleinen Werke hat Neugriechenland sich angestrengt und einige
fehlende Karyatiden durch neue gelungene Bildhauerkunst ersetzt. Auch bei
diesem Tempel, wie bei allen, mit Ausnahme des dem Theseus geweihten, fehlt
das Dach, wodurch sich die Ruinen mit noch schrferen Conturen auf dem
Himmel abzeichnen. Die hintere Seite ist an eine Quadermauer angelehnt,
wodurch die Aehnlichkeit mit einem Wandschrank noch mehr erhht wird. Auf
der andern Seite der Mauer befindet sich ein ziemlich groer Raum, der
von zwei Seiten mit schnen korinthischen Sulen umgeben ist. Welcher
griechischen Sulengattung der Vorzug zu geben ist, kann ich nicht
entscheiden; doch entzckten mich die des Parthenon, in ihrer massiven und
doch schlanken Form am meisten. Kein Schnrkelwerk, keine unntze Zierrath
verdirbt den groartigen Eindruck; es ist auch hier wie bei allem
Groen und Schnen, das keines Schmuckes bedarf, um zu imponiren und zur
Bewunderung hinzureien.

Wir wendeten unsere Schritte in den Tempelbau, welchen die Alten den
beiden Hauptbeschtzern Athens, Neptun und Minerva, geweiht haben; doch
das ernste, majesttische Gtterweib, das aus Jovis druendem Haupte
entsprungen war, erhielt die Oberhand ber den wilden Wassermann, indem das
kluge Volk von Athen Minerva's Geschenk, den Oelbaum, dem Neptun's, der
das Ro aus den Wellen entspringen lie, vorzog. Das Schnste an diesen
Tempelberresten ist die reich verzierte Eingangspforte, in deren Nhe man
uns eine im Felsen befindliche Vertiefung zeigte, aus welcher Neptun mit
seinem Dreizack eine Quelle gestoen haben soll.

Der griechische Archolog, ein sehr liebenswrdiger Gelehrter, fhrte
uns in ein Haus, in welchem sich eine bedeutende Sammlung ausgegrabener
Geschirre und anderer Gegenstnde befindet. Griechenlands irdene Vasen
zeichnen sich durch ihre grazisen und doch so einfachen Formen, und durch
ihre schn gewhlten schwarz und rothen Farben aus. Schwung und Poesie
finden sich bei den Ueberresten dieser Zeit in allen Gestalten wieder. --
Bemerkenswerth ist noch das an dem untern Theile der gegen die Meerseite
zugekehrten Seite des mchtigen Felsens gelegene Theater des Herodes,
welches nun langsam aus dem Schutte der Erde dem Tageslichte wiedergegeben
wird, so da man schon die alte Circusform, wie sie so herrlich in Verona
zu sehen ist, wahrnehmen kann; dasselbe wurde von einem Krsus errichtet,
der noch in den glcklichen Zeiten lebte, in denen man manchmal des
Geldes zu viel hatte. Ihm war es wie folgt gegangen: er hatte einen Schatz
gefunden, was damals auch schon zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehrte;
er wute keinen Gebrauch von den Massen Goldes zu machen; er wendete sich
in seinem Drangsal an Kaiser Hadrian, welcher ihm den Gedanken einflte,
den ihm so lstigen Schatz zu verbauen.

Wir verlieen die Akropolis mit dem erhebenden Gedanken, Groes --
Unvergngliches gesehen zu haben. Wir fhlten uns der Zeit nher, in
welcher ein Perikles gewaltet, und ahnten den Schpfungsgeist unerreichter
Knstler. Mit Bewunderung verlieen wir eine Stelle, auf welcher die
grten Geister Griechenlands sich bewegt hatten, und unsere Seele nahm den
Schatten des Bildes der Akropolis auf, wie sie war, als noch Einheit und
Leben in diesen Rumen herrschte, als noch der Weihrauch der reichen Opfer
zu dem ungetrbten Aether stieg, und der Jubel der freudetrunkenen Schaaren
in das ewig grne ppige Thal niederrauschte.

Von der Poesie ging es zur Prosa ber, und ich hatte nun die nicht sehr
angenehme Aufgabe, das diplomatische Corps zu empfangen. Dergleichen Dinge
waren kalte Douche auf den poetischen Enthusiasmus, in welchem das Herz
ber alte Gre schwelgte.

Um halb fnf Uhr setzte ich mich mit der Knigin zu Pferde, um wieder einen
kleinen Ausflug in die merkwrdige Umgebung Athens zu machen. Das Wetter
hatte sich bedeutend getrbt; die Gegend, durch welche uns die leichten
orientalischen Pferde trugen, bot in der dstern Beleuchtung ein Bild
der Melancholie. Nacktes, tiefgefrbtes Hgelwerk machte den Eindruck des
Erstorbenen, da ihm der Wiederschein der glhenden Sonne fehlte. Die Oliven
mit ihrem dstern Grau brachten kein Leben in die schwermthige Landschaft,
welche sich bald in ein weites Thal ffnete.

Am Eingange desselben stand in der Nhe der grauen Bume ein kleines
Kapellchen; vor demselben lagen im wsten Durcheinander Steinblcke. Hier
war es wo Byron dichtete, wo sein Mdchen von Athen entstand. Die weite
Aussicht, welche sich von diesem Punkte dem Blicke erffnet, zeigt
gleich einem Spiegel, die Seele des groen Dichters: Wehmuth und glhende
Sehnsucht, die von einem brennenden Sonnenstrahle zur ahnungsvollen tiefen
Gluth entzndet werden. Doch heute war es der griechischen Sonne nicht
gegnnt, diese Hgel und die weite Ebene mit dem Farbenschmelz des Sdens
zu bemalen; solche Tage sind es nicht, die der glhenden allzufeurigen
Dichtung gnstig sind; an Tagen wie heut kann das liebeskranke Herz
des Dichters nur in melancholischen Tnen singen. Es war ein Bild des
schmachtenden, nicht des siegestrunkenen Byron. Nur ein einziger Punkt der
Hoffnung schimmerte in weiter Entfernung in diesem trben Bilde: ein weies
Kirchlein, umgeben von einigen Husern und ppigen Bumen, war dem Auge
ein Trost; mit inniger Freude erfuhr ich, da eine Colonie deutscher
ausgedienter Soldaten dort wohne.

Fr die Verehrer alter Bauten sind in diesem Thale zwei Aquaducte das
Merkwrdigste; sie stammen aus der Rmerzeit und sind aus Ziegeln erbaut;
den grten Theil der Pfeiler hat jedoch die Zeit schon verschlungen. Was
bei diesen zwei Wasserleitungen fr den die Natur beugenden Willen der
Erbauer am meisten Staunen erregt, ist, da sie in demselben Thale in
entgegengesetzter Richtung laufen. Der Zweck dieser Bauten hat aufgehrt,
und die Pfeiler stehen nur mehr als traurige Merkmale einstiger Kultur
da. Mit einigem Kostenaufwande lieen sich diese Aquaducte wohl wieder
herstellen, was dem armen, dahingestorbenen Lande wenigstens einiges
neue Leben bringen wrde. -- Kaum hatten wir diese Ruinen angestaunt, so
berfiel uns ein ziemlich starker Regen; die Knigin spannte einen Schirm
auf, die Pferde wurden in ein lebhaftes Tempo versetzt und nun gings
eilends einem kleinen in der Nhe befindlichen kniglichen Maierhofe zu,
der sich an den Ufern eines frischen Baches befindet. Das Auge erblickt mit
Freude in seiner Umgebung einige saftige Kleefelder und Obstbume. Im Hofe
des nach deutscher Weise eingerichteten Gebudes verlieen wir die Pferde;
mit Stolz zeigte uns die Knigin einen herrlichen Kuhstall, der fr die,
nach deutscher Sitte den Kaffee Trinkenden, die Sahne liefert; auch hat
man sich am Hofe wirklich nicht ber die Milch zu beklagen, welche sonst
in sdlichen Lndern den nordischen Bewohnern so sehr abgeht. Eine breite
ppige, von einem einzigen Weinstocke gebildete Laube vor den Zimmern
des Maiers schtzte uns vor dem Regen. Die Knigin, welche sich einen
vortrefflichen Appetit durch die hufige Reitbewegung zu erhalten wei,
lie von der deutschen Hausfrau Pfannkuchen backen, welche in einem kleinen
finstern Zimmer verzehrt wurden; inde waren Wagen von Athen gekommen und
wir konnten trocken nach Hause fahren. Im Fluge wurde Toilette
gemacht, worauf man zum Diner ging, bei welchem Capitn W. von unserem
Geschftstrger Grafen J. der Knigin vorgestellt wurde. Da die lebhafte
Majestt fand, da man am heutigen Tage noch zu wenig Bewegung gemacht
hatte, so wurde nach Tisch noch = la guerre= gespielt. Die ganze
Herrengesellschaft befleiigte sich, ihr Spieltalent zu entwickeln, was
jedoch Manchem auf sehr komische Weise milang, wodurch es dem gebten
Billardspieler =Dr.= F. ein Leichtes wurde, obzusiegen. Mit diesem Triumphe
der Wiener Kunstfertigkeit endigte der heutige Tag.

Tags darauf besuchten mein Bruder und ich noch einmal in Begleitung des
Grafen C., des Archivarius K. und der beiden uns zugetheilten Adjutanten
den herrlichen Theseustempel, dessen im Innern befindliche Kunstschtze
wir noch nicht zur Genge betrachtet hatten; am heutigen Morgen konnten wir
alles mit Mue beschauen, ohne von den, mit Ausnahme des Professor G.,
fr Kunst minder schwrmenden Reisegenossen gestrt zu werden; dabei
untersttzte uns die angenehm belehrende Erklrung des griechischen
Archologen. Der merkwrdigste im Tempelraume befindliche Gegenstand
ist das Basrelief einer Heldenfigur aus der Zeit des Xerxes; es stellt
Aristion, einen Verwandten des Theseus vor. Diesem seltenen Denkmale
wenigstens schenkte man etwas Frsorge, und barg es in einem glsernen
Kasten vor dem Einflusse der Luft. Man sieht aus dem Profil dieses
Heldenbildes, in wie frher Zeit man in Griechenland schon ein Gefhl fr
Kunst hatte; ist die, spteren Zeiten vorbehaltene, schpferische Kraft
in diesem Werke auch noch gebunden, so lt sich doch ersehen, da einem
Volke, welches schon in der Kindheit solches zu leisten vermochte, eine
herrliche Zukunft bevorstehen mute. Die Zge und Gliedmaen der Figur sind
noch steif und ungehobelt, und man konnte aus denselben schlieen, wie
der Funke der Kunst von den alten ernsten, steinernen Aegyptern auf das
jugendfrische, lebhafte Volk der Griechen bergegangen war, und erst hier
unter den Einflssen einer glcklichen und krftigen Natur sich zu dem
hehren allbewunderten Flor entfaltet hat. Wenn wir dieses lteste Denkmal
griechischer Sculptur verlassen, so finden wir schon nebenan Grabsteine
aufgehuft, welche durch die sinnreiche Idee, die ihnen innewohnt, und
durch die Ausfhrung an Hellas Blthezeit erinnern.

Denn nach den granitenen, schon wegen des schwer zu bearbeitenden
Materials, kalten und steifen Bildern der gyptischen Schule, hat das
jngere Streben dem weichen weien Marmor des Pentelikon einen neuen
Geist eingehaucht. Der Knstler hat schon Scenen aus dem Leben mit seinem
mythischen Glauben verbunden und den mystischen Schleier gelftet, so da
der Beschauer den Ausdruck des Gedankens, der ihn geleitet, findet. Die
auf den Grabsteinen befindliche Figur des Sterbenden ist immer in sitzender
Stellung und hllt sich in einen Schleier, um das Scheiden von der Welt
darzustellen; um ihn herum stehen Verwandte und Freunde, welche durch ihre
Gebete die schmerzliche Trennung hindern wollen. Ist es eine Mutter, die in
dem Kreise der Ihrigen stirbt, so hat der Knstler ein Kind zu ihren Knieen
hingestellt, das einen Vogel im Hndchen hlt, wodurch er die hinfliehende
Seele der geliebten Mutter versinnlicht. Dieser Grabsteine sind sehr
viele aufbewahrt, und die mannigfaltigen Figuren auf denselben sind nicht
typisch, es ist Fleisch und Blut vom reichsten Faltenwurfe umwallt. Unter
den brigen Gegenstnden sind noch ein Sarkophag und eine treffliche Statue
bemerkenswerth. Die letztere stellt einen Jngling vor, den man als Apollo
bezeichnet; ob mit Recht, wei ich nicht, wiewohl der Gliederbau desselben
eines Gottes wrdig wre. Eine ziemlich colossale Statue mit gyptischer
Bekleidung trgt die Spuren spterer Kunst in der Art ihrer Bearbeitung.
Der Archolog sagte uns, sie stellte Antinous, den Liebling des Hadrian
vor. Sie ward auf dem Felde von Marathon gefunden; ich glaubte gern, da
dieses Werk der rmischen Periode angehrt, da man den leichten Gliederbau
griechischer Kunst darin vermit. In der Kolonnade des Hadrian, wohin wir
uns nun begaben, sind in deren vorderem abgeschlossenen Raume ebenfalls
Alterthmer aufbewahrt, unter denen wir noch mehrere Grabsteine nach Art
der eben beschriebenen fanden.

Wir kehrten auch noch einmal zum Tempel der Winde zurck, der in meinen
Augen durch die Erklrungen des Archologen sehr an Interesse gewann. Zu
diesem Gebude fhrt, wie ich schon oben bemerkte, ein Aquadukt, dessen
nunmehr vertrocknete Wsser vor Zeiten eine Broncestatue des Neptun so
gleichmig bewegten, da er den Mittelpunkt eines Uhrwerks bildete, das
nach dem Lauf der Stunden Figuren zum Vorschein brachte, deren Alter und
Gre mit der Stundenzahl wuchs. Im ersten Zeitabschnitte zeigte sich ein
kleines Mdchen mit einem Fllhorn, in dem sich Knospen befanden; in
dem zweiten eine Jungfrau mit aufblhenden Knospen; zuletzt erschien die
Gestalt eines Weibes mit ganz erschlossenen Blthen. -- Auch befindet sich
an diesem Tempel eine Sonnenuhr, in deren Mittagspunkt ein Strich anzeigt,
da der Lauf der Erde sich seit zwei Tausend Jahren nicht im mindesten
gendert hat; denn noch heute werfen die Strahlen der Sonne genau um Mittag
den Schatten der Eisenstange auf dieses dem Stein eingefgte Merkmal. In
den Windrichtungen des Octogons befinden sich groe Basreliefs, welche die
verschiedenartigen Winde mit ihren Eigenschaften darstellen; die kalten
oder schdlichen haben ltere, brtige Gesichter, um die Rauheit
des Elements darzustellen. Die lauen Frhlingswinde erscheinen in
Jnglingsgestalt; da dieselben barfu sind, soll in versinnlichender Weise
der Griechen ausdrcken, wie leicht dieselben ber die Blumenteppiche
der neu erwachten Natur fortschreiten. Manche dieser Figuren tragen
musikalische Instrumente in der Hand, als Zeichen ihrer Lieblichkeit;
manche bringen Blumen und Frchte, als Merkmale, da sie dieselben
hervorrufen. Der den Atheniensern verhateste Wind hlt mit der Hand eine
groe Muschel vor den Mund, wodurch sein tnender Lrm ausgedrckt wird.

Von dem Tempel der Winde begaben wir uns in ein ehemals von den Trken zu
einem Dampfbade verwendetes Gemach; in welchem jetzt die Gypsabdrcke aller
nicht mehr in Griechenland vorhandenen Kunstschtze gezeigt werden. Hier
befinden sich auch die Abdrcke der von Lord Elgin gestohlenen Basreliefs
des Parthenon. Old England hatte die Gnade, den armen Griechen dieselben
zu schicken, um sie dadurch aufmerksam zu machen auf das, was sie verloren
haben. -- Von hier fuhren wir zu dem sogenannten Marktthore, welches
eigentlich, einige schon verkrzte herumstehende Sulen mit inbegriffen,
einen Rest des Tempels der Minerva bildet; der jetzige Name ist diesem
Porticus flschlich beigelegt. Wir besuchten auch noch die in der Nhe
dieser Ruinen befindliche katholische Kirche. Sie ist klein und im hchsten
Grade unansehnlich, so da wir in diesem Punkte von den Anglicanern
bertroffen werden, welche sich ein recht nettes gothisches Kirchlein
erbauten, whrend zum katholischen Gotteshause eine Moschee umgewandelt
wurde. -- Um ein Uhr fuhren wir mit der Knigin in einem =char  banc= dem
Gebirge zu. Bald aber trafen wir die kniglichen Pferde, welche des uns
bevorstehenden schlechten Weges halber bestiegen werden muten. Das
Wetter begnstigte uns am heutigen Nachmittage auerordentlich, so da die
interessanten Gebirgs-Parthieen noch malerischer hervortraten.

Die Kultur mangelte fast gnzlich; doch glnzte um so schner das frische
Grn der Pinien zwischen den Steinmassen und ber der gelben sdlichen
Erde. Bald muten unsere Pferde ber die schlpfrigen Felsen zu steigen
anfangen. Als wir auf der ersten Hhe anlangten, empfingen uns die zito's
der uns entgegengeeilten Bewohnerschaft des Dorfes Cassia, welches wir in
dem sich nun erweiternden Thale, zwischen einer der felsigen Gegend mit
Mhe abgewonnenen Vegetation, berhrten. Es war ein hbscher, pittoresker
Platz, dessen, zwischen den grauen Massen vertheiltes Grn dem Auge wohl
that. Die Freude der Bevlkerung, die Knigin zu sehen, war so gro und
laut, da das Pferd der Letzteren einigemal scheu zurckwich. Das Kostme
der Dorfbewohner war dem von Eleusis ganz hnlich; je tiefer man in das
Land eindringt, je hher man die Felsenburg erklimmt, desto orientalischer,
desto urwchsiger werden das Land und seine Bewohner; es sind kernige, an
alle Entbehrungen gewhnte Menschen, fest in ihrem abgeschlossenen Glauben,
krftig an Krper und Seele, und dadurch frei und stolz in ihrer Haltung,
in jeder Bewegung natrlich grazis. Spukte nicht die Verschmitztheit
der alten Griechen und die Schlauheit des Slaven in diesem ungezwungenen
Gebirgsvolke, so wrde ich es mit den felsenfesten Tyrolern vergleichen.
Diese dunkle Wolke wirft auf den Hirten der bergigen Halbinsel einen trben
Schatten. Doch gerade, da diese Berge in ihren Auslufern am Gestade des
Meeres Hafen bilden, mag diesem Volke die List des Krmers gegeben haben.
Ihr kriegerisch blutiger Sinn, welcher sie dahin brachte, sich hinter ihren
Felsburgen schtzend, den Feind mit lang genhrter Rachelust aus dem Lande
zu jagen, hat sich nicht, wie beim Tyroler, nach errungenem Siege friedlich
gelegt; der Kampf war zu lang und blutig, und mit der Zuthat des listigen
Elementes ist er in Ruberei ausgeartet, von welcher man selbst bei solchen
greren Ausflgen, wie wir ihn machten, nicht ganz sicher zu sein scheint;
denn wir sahen heute an mehreren Punkten des Weges Gensd'armen aufgestellt.
Zwar versicherte die Knigin, es sei eine unnthige Dienstbeflissenheit;
doch glaube ich wahrlich nicht, da diese Maregel ohne Grund genommen
wurde. Schon im Umfange des Ortes verengte sich der Weg durch steinige
Hindernisse; doch die Knigin, an dergleichen durch ihre groen Reisen im
Innern des Landes gewhnt, setzte leicht darber hinweg, und es ging bald
zu noch steileren, mit Pinien und Felsenspitzen malerisch beseten Hhen
hinauf, bald darauf abwrts ber gnzlich ungeebnetes Gestein, ber einen
Pfad, dem man in unseren Landen nicht einmal den ehrenwerthen Titel eines
Fusteiges geben knnte; und hier wuten die Pferde steigend und rutschend
vorwrts zu kommen. Je mehr wir uns unserem Ziele, der alten Grenzfestung
Phila nherten, desto wilder und enger wurden der Weg, und desto
mannigfaltiger die Formen der Felsen. Ueberall ragten die Pinien freundlich
hervor. Mich erinnerten diese Punkte an unser Salzkammergut und unser
Tyrol. Noch muten wir ber unregelmige Steinplatten, zwischen einer
Felswand und einem steilen Abhange, reiten und Angesichts der Feste eine
Thalschlucht passiren; dann befanden wir uns beim herrlichsten Wetter
an dem pittoresk und hochgelegenen Ziele unseres Ausflugs. Zwischen zwei
Thalengen auf der Endspitze eines breiten, ziemlich ppig bewachsenen
Plateau's liegen die Ruinen dieser interessanten Feste; sie bestehen
aus einem nicht sehr ausgedehnten Vierecke von kolossalen schmucklosen
Quadermauern; an den Ecken befinden sich vier Thrme, deren einer rund ist,
was uns bezeugt, da schon die griechischen Architekten die runden Mauern
zu errichten verstanden. Phila war ein Zufluchtsort der dreiig Tyrannen,
in welchem sie sich vor dem thtlichen Unwillen des atheniensischen Volkes
sicherten. Man sieht, da die Idee eines felsenfesten =buon retiro's=
nicht erst im Mittelalter entstand. Die dreiig Herren konnten von diesem
Adlerneste aus, auch ohne Pll'schen Tubus, die ihnen gefhrliche Stadt
Athen mit dem den Hintergrund bildenden Azurspiegel des Meeres durch den
Einschnitt der Gebirgsmassen betrachten. Die Ketten der Tyrannen sind
gebrochen, die schtzenden Mauern zerfallen, und nun spinnt der friedliche
Epheu, der gewhnliche Todtenschleier, wie ein wundersam ppiges grnes
Netz ber das alte Gemuer; die gefrchtete Burg ward ein romantisches
Ziel fr Spaziergnger. Die Aussicht auf Athen, auf die Akropolis und das
herrliche Meer war wahrhaft bezaubernd; zwischen der dunkleren Gebirgsmasse
schien es ein in Rahmen gefates Miniaturbild zu sein.

Nachdem sich die Pferde etwas von der Anstrengung erholt hatten, brachen
wir auf. Anfangs ritten wir wieder auf dem halsbrecherischen Felsenwege,
der sich an den Gebirgen lngs des schmalen Thales hinzieht; wir verlieen
jedoch bald die auf dem Herwege eingeschlagene Richtung, um, wenn mglich,
noch bedeutendere equestrische Gefahren zu bestehen. Es ging ber den
Bergrcken, von dem wir auf einer fr Gemsen allenfalls guten Promenade uns
abermals gegen ein schmales Thal abwrts senkten. Vor uns ffnete sich die
steinige Schlucht, um uns ragten Felsen aus dem niedern Gestrppe, und
wir selbst schwebten auf den halb rutschenden, halb vorwrts schreitenden
Pferden von Stein zu Stein lngs des steilen Abhanges; ein Fehltritt des
eifrigen Thieres und das betreffende Opfer ist ein Kind des Todes; dies
sind die Unterhaltungs-Ritte der schaulustigen Europer im alten Hellas,
dem einstigen Sanctuarium der Civilisation und des Fortschrittes. Die
Schlucht ward immer enger, und umsonst suchte mein Auge die Mauern des
Klosters, welches das Ziel der nunmehrigen Todesgefahren sein sollte. Statt
dessen entdeckte ich, da derjenige Theil der Karavane, der sich hinter
der Knigin, meinem Bruder und mir befand, der Gefahr, in welcher wir
schwebten, innegeworden zu sein schien; denn nordische und sdliche Reiter,
von deren Wagnissen man oft sprechen hrt, hatten den Sattel verlassen,
und fhrten gemthlich ihre Pferde am Zgel. Sie zogen es vor, ihre Fe
zu strapaziren, anstatt in der Luft ber den Abhngen zu schweben. Fr's
theure Leben war diese Maregel freilich besser; doch da wir sahen, da
die khne Basilissa die Gefahr nicht scheute, blieben mein Bruder und
ich sattelfest. Die merkwrdigste Stelle war uns noch vorbehalten. Da
ich Pfad nicht sagen kann, so werde ich mich des Ausdruckes Richtung
bedienen: wir kamen von der steilen Anhhe, und unsere Richtung sollte
nun dem Innern der Schlucht zugehen; der Punkt zum Umwenden bestand aber
nur aus einem Felsenvorsprung, auf welchem ein Pferd gerade Platz zum
Stehen hatte. Das Pferd der Knigin gelangte auf diesen schwindelnden Raum;
da ward die hohe Frau pltzlich der Gefahr inne, Ro und Reiterin wollten
nicht vorwrts, doch ein Schritt zurck, fhrte unfehlbar den Sturz in die
Schlucht herbei. Die Lage war peinlich; bald nahte jedoch die hlfreiche
Hand des deutschen Stallmeisters, welcher das Pferd der Knigin am Zgel
vorwrts fhrte, worauf wir ebenfalls diesen furchtbaren Punkt, Gott
sei Dank! glcklich passirten. Wir konnten nun das Ende der Schlucht, in
welcher ein Wasser rauschte, wahrnehmen; doch wo war das Kloster? Die Welt
schien mit Brettern verschlagen; wo sollten wir hier zwischen Felsen und
Pinien, in dieser Urnatur ein Werk menschlicher Hnde entdecken? Da sahen
wir pltzlich nach der Wendung des Pfades, da die Richtung, die wir
einschlugen, am Ende der Schlucht in noch sehr bedeutender Hhe durch eine
kleine Mauer zwischen den abhangenden Felsenmassen abgeschlossen war; doch
wo sollten wir das Kloster finden? Die Schlucht ging zu Ende, die kleine
Mauer war nur als eine Wegsperre zu betrachten; das Rthsel wurde immer
spannender, wir standen vor dem Holzthor dieser Mauer, die Angeln knarrten
und wir fanden uns pltzlich als Staffage im romantisch lieblichsten Bilde
stiller Einsamkeit. Wir waren wie mit einem Zauberschlag in den Klosterhof
versetzt. Von Auen drohte die Wildni, von Innen spann sich ein groer
Weinstock wie ein zarter Schutz ber den stillen Frieden des Gebetes; nur
das reine, blaue Auge des Himmels hatte Einla in diese Zuflucht frommer
Seelen. Der heutige Ritt mag das Bild des Lebens von so manchem Mnche
gewesen sein: er verlt den huslichen Herd, wo er noch zwischen den
Blumen des Gartens die frohen Kinderjahre zubrachte; er tritt hinaus in
die Welt, die sich ihm als eine breite Thalebene, in weiter Ferne mit
malerischen Bergen begrenzt, darstellt; muthig schreitet er vorwrts, der
Weg ist ja so flach, die Huser der Freunde und Beschtzer so nahe! Doch es
zieht ihn zu den Bergen; er will die in der Ferne schimmernden blauen Hhen
erklimmen, er naht ihrem Saume; das Werk ist leicht, so spricht er zu sich,
denn mein Auge kann ja den Weg bersehen, es reicht vom Ausgangspunkte bis
zum Ziele; doch die arme Seele vergit des Fues, der sie hintragen soll,
sie vergit, da ein Fu auch straucheln kann, da, wo Hhen sind, auch
Abgrnde ghnen; er folgt den Sinnen und traut der Festigkeit seines
Trittes. Das Thal wird enger, die Flche steigt empor, der Erde entwachsen
spitze Felsen, doch ist die Gefahr noch klein, er schreitet muthig
vorwrts; die Sonne steigt am Firmamente, und wirft ihre glhenden
Strahlen; der Pfad wird immer rauher; der Wanderer beginnt die Abgrnde
zu erblicken. Anfangs steigert dies seine Schaulust; er sieht ein Dorf vor
sich, die Bewohner kommen ihm mit Freudengeschrei entgegen, sein Stolz
hebt sich; doch ist er noch nicht befriedigt, er mu ber die letzten
Ansiedlungen wohlwollender Menschen hinaus; ihn treibt es strmisch
vorwrts; nach Ruhm geht sein Begehren: die Felsenburg mu er erklimmen,
sein Blick mu ber Regionen schweifen, wo nur der Adler haust; er achtet
nicht der Gefahren, denn schon glaubt er den ersehnten Punkt von weitem zu
erblicken; die Schluchten werden enger, schwindelnder die Hhen, er strebt
empor -- er hat das Ziel erreicht und findet eine Ruine gefallener Gre.
Da ergreift ihn zuerst die Mattigkeit, da schwindelt ihm vor dem grausen
Abgrund; in trber Verzweiflung irrt er in der Wildni fort, seine Wnsche
sind vereitelt, seine Hoffnungen sind gebrochen; immer drohender wird die
Gefahr, todtbringender jeder Schritt, immer steigt sein Weg, er kommt dem
Abgrund immer nher; da tritt er auf eine Felsenspitze, ihn umgibt rauhe
Wildni, die frische Vegetation hat ihn verlassen, er steht allein im
grauen Steinmeere! Jetzt sinkt sein Muth, jetzt ist er vernichtet,
seine Noth aufs Hchste gestiegen. Da erblickt er eine Mauer mit einem
verschlossenen Thore; mit Reue im Herzen strzt er entkrftet an der
Schwelle hin, er pocht an die Thre, er wei nicht, was sie ihm ffnen
soll, -- da knarren die Angeln und der mde Wanderer befindet sich im
stillen Klosterhofe; die Rebe breitet ihre Arme zum khlen Schatten aus,
das Kirchlein ladet ihn zum reuigen Gebete ein, ernste Freunde reichen ihm
die Hand und nehmen ihn in ihre friedliche Mitte auf.--

Dieses Kloster, dessen Andenken mich noch heute bewegt, ist, wie ich
schon frher bemerkt, mit einer Mauer umgeben, und hngt gleich einem
Schwalbenneste auf einem Felsenvorsprunge an dem steinigen Gebirge. Der
kleine, innere Raum derselben ist so gut eingetheilt, da er dem besten
englischen Reise-Necessaire Ehre machen wrde. Kleine steinerne Huschen,
welche das treueste Bild der menschlichen Abtdtung sind, finden an dem
Felsen und der Mauer angelehnt Platz. In dem winzigen Hofe befindet sich
noch eine etwas erhhte Terrasse, welche unter dem reichen Rebendache eine
malerische Bewegung in das ganze Bild bringt. Ueber diese Terrasse begiebt
man sich zu dem den Hintergrund bildenden Kirchlein. Wir traten mit
der Knigin in dasselbe ein. Es trgt den Typus der byzantinischen
Gotteshuser; ein mystisches Dunkel herrscht im Innern, welches daher
rhren mag, da das Ende des Kirchleins in dem Felsen eingehhlt ist. --
Als wir hierauf im reizenden Hofe, in welchem man nichts von den nahen
Abgrnden ahnt, kurze Zeit ruhten, bildete die Karavane die pittoreskeste
Skizze fr einen nach Originalitt haschenden Genremaler.

Europas fade Dandy-Kleidung, Frankreichs elegante Amazonentracht,
Neugriechenlands reiche Gewande fanden sich verkrpert in einem
altorientalischen, der Entsagung geweihten Klosterhofe. Man hatte sich auf
die Steine niedergelassen; es rappelte und trappelte im niedern dunklen
Klostergemuer, und eine hagere vergessene Mnchsgestalt trat mit
freundlicher Miene zwischen die bunte, jugendliche Welt. Der weie Bart des
altersschwachen Mannes wallte ber einen dunklen kurzen Kaftan, unter dem
blaue Pumphosen zum Knie reichten. Bein und Fu waren in weie Strmpfe und
schwarze Schuhe gekleidet. Auf dem gebckten Haupte sa eine Art persischer
Mtze; von den Schultern bis zur Hand waren die Arme wei bekleidet. Wie in
den Klstern des Occidentes brachte uns auch dieser Mnch freundliche Gaben
der Natur, in Honig, Brot und Trauben bestehend. Wir erkundigten uns, wo
die brigen frommen Brder wren. Man benachrichtigte uns, da sie mit
der Feldarbeit beschftiget seien. Im Ganzen wohnen deren sechs in dieser
Einsamkeit; ihre Einrichtung besteht so zu sagen aus nichts; sind die
Wohnungen im Gegensatze zu Oesterreichs herrlichen Abteien stallhnlich, so
ist auch der Geist im Vergleiche mit dem unserer reichen Benedictiner von
hchster Einfalt; doch pat diese Einfalt zu dem rauhen wilden Lande, und
der alte fromme Sinn, der hier herrscht, macht keinen geringern Eindruck,
als die hohe Wissenschaft in den Klstern unseres Vaterlandes.

Bald setzten wir uns wieder zu Pferde, und verlieen die uns so interessant
gewordene Schlucht, an deren Ende eine Hhle sein soll, in welcher, wie
uns die Knigin sagte, der sterreichische Gesandte, Freiherr von Prokesch
einen groen Schatz an alten Vasen gefunden hat. Auf einem nicht minder
malerischen Wege kamen wir wieder zu dem Dorfe Cassia zurck. Hier wurde
von Neuem auf einem herrlichen mit Pinien bewachsenen Pltzchen gelagert.
Feldsessel und ein kleiner Tisch wurden aufgestellt, und ein strkendes
Mahl eingenommen. Der Platz war lieblich, und die Ruhe that wohl. Ich
machte die Bemerkung, da Griechenlands uncultivirtes Volk gleich den
europischen Brdern eine groe Neigung hat, dem Essen hoher Personen
zuzusehen. Ich dachte mir schon oft, da die Leute sich einbilden mssen,
da Kniginnen auf andere Art essen, wie die brigen Menschenkinder; doch
hier war das Interesse gegenseitig, denn auch fr uns Reisende waren die
griechischen Zuseher interessant zu betrachten. Nachdem wir von unserem
Lager aufgebrochen, sprach die Knigin im lieblichsten Griechisch zu den
Kindern der Gemeinde. -- Wir setzten nun unseren Weg zu Pferde fort; als
wir in die Ebene gelangten, brach die Nacht herein und ein neues Schauspiel
bot sich unseren Blicken; mit mildem, ernstem Antlitze erschien der Mond im
Chor der Sterne. Wie Alles im Sden heller, feuriger, begeisterter ist, so
blinken auch die Gestirne mit einem eigenthmlichen, bezaubernden Glanze
herab. Im Norden scheint der Mond im Blau des Himmels seine Sttze zu
finden, whrend er in Attika's Gefilden frei im Aether schwebt und das
entzckte Auge noch in eine weitere unbekannte Entfernung zu blicken
glaubt. So hell leuchtete das Gestirn durch die Nacht, da die muthige
Knigin im raschen Galoppe, trotz der schlechten Strae zur Hauptstadt
reiten konnte. Die Wagen, welche uns entgegen gekommen waren, wurden zu
meinem groen Vergngen nicht benutzt, und frisch dahin sausend, kamen
wir durch die herrliche sdliche Nacht zum kniglichen Schlosse. Mit
Bewunderung gesteh' ich es, da die khne Basilissa es versteht, ihren
Gsten das Land und seine schnen Punkte zu zeigen und schtzen zu lehren.

Wir waren erschpft von dem langen, sieben Stunden whrenden Ritte; aber
nur der Krper war etwas mde, der Geist thtig, und so brachte uns der
herrliche, sdlich laue Mondschein zum Entschlu, noch einmal unsere etwas
angestrengten Glieder in Bewegung zu setzen. Es lag eine enthusiastische
Unersttlichkeit der Kunstliebhaber darin, die sie hinderte, sich die
Mdigkeit zuzugestehen. =L'apptit vient en mangeant= -- und daher war
auch die kleine Anzahl der Philhellenen und Antiquitten-Verehrer wirklich
selig, noch diesen Genu zum Schlusse des thatenreichen Tages zu haben. Zur
erhabenen Freude an den griechischen Kunstwerken kam auch etwas Bosheit;
wir ergtzten uns nmlich weidlich an den verzweifelten Mienen der
prosaischen Comforthelden. -- Das vortreffliche Diner ward rasch
eingenommen, und wir strzten uns hierauf, von der Basilissa angefhrt, in
die kniglichen Kutschen. Schon whrend der Fahrt hatten wir Gelegenheit
das klare, mild hingegossene Mondlicht zu bewundern und die Vortheile einer
solchen Beleuchtung zu wrdigen. Alles wirklich Erhabene tritt hell hervor,
whrend der niedere Erdenwust im Dunkeln liegt. Die einzelnen Farben
verschwinden, dem Ganzen einen sanften Ton eingebend, und die Formen der
Gegenstnde unterscheiden sich nur durch ihre Schatten. Am hochliegenden
Thore der Akropolis wren wir fast, in Bewunderung versunken, ein Opfer
unserer Kunstliebe geworden. Die Pferde, welche unseren Enthusiasmus nicht
zu theilen schienen, wollten den heiligen Weg (=via sacra=) nicht weiter
fortschreiten, und unser Wagen rutschte bedachtsam gegen die, dem steilen
Wege nahen Abhnge. Die Neugriechen, welche diese Strae aus gnzlichem
Mangel an Wagen nie befahren, sorgen nicht einmal fr die Beruhigung der
Reisenden; kein Gelnder gab uns die se Illusion einer Rettung. Die
Knigin ergriff daher unter verzweiflungsvollem Angstrufe das einzige uns
brigbleibende Mittel, und strzte sich aus dem Wagen. Das Hoffrulein,
welches durch die fr eine Griechin ungewohnte Emotion in eine Ohnmacht
verfiel, wurde dem helfenden Lakai, einem dicken Baiern, in die Arme
geworfen. Carl und ich retteten uns ebenfalls durch das von der Knigin
angegebene Mittel. Der Wagen, von unserer Wucht befreit, konnte durch die
Pferde erhalten werden, und zu Fu traten wir nun in das Thor des erhabenen
Gttersitzes ein.

Vom Vorhofe aus hatten wir den ersten zauberhaften Anblick auf das in einen
Silberspiegel verwandelte Meer. Mein Auge ruht immer mit gehobenem Gefhle
auf der weiten See; wie erst, wenn sie vom Vollmonde aus griechischem
Himmel beleuchtet ist?

Von jeher sehnte ich mich nach und trumte ich von dem Sden; nun fand ich
meine Trume verwirklicht und weit bertroffen. Mit welch' stolzem Gefhle
schritt ich ber die hellglnzenden Stufen der Propylen, deren Sulen
gleich Riesen aus der Gtterzeit um uns standen! Schwarz und eckig entwuchs
der dunklen Erde der zierlose Frankenthurm; klein und doch lieblich
erhaben, schwebte zwischen Meer und dunkelblauem Himmel der zarte
Victoria-Tempel, gleich einer Phantasie aus sdlichen Trumen. Herrlich
thrmte sich das stolze Parthenon, als sei es durch ein Gtterwort
erstanden. Leicht sttzten die Caryatiden den Tempel der Nymphe Erecthea.
Alles so schn, so gro, so phantasiereich und alles -- doch nur Ruinen!

Unwillkrlich fiel mir in diesem Raum voll Trmmern, vom Monde
schwrmerisch beleuchtet, der Gedanke ein: hier sei der Kirchhof der
Geschichte. Fnf Vlkerperioden wlzten sich ber diesen Platz, und nur die
erste fllt uns noch mit staunender Bewunderung. Die tiefe Poesie,
welche in den Werken der Griechen liegt, konnte ihnen kein anderes Volk
einhauchen. Der Rmer ist gro, aber erdrckend schwer; der Franke eckig,
stark und plump, und von des Trken grulicher, fanatischer Verwstung
zeugen nur kahle Schdel. Mit talentvollem Enthusiasmus fhrte uns die
Knigin auf die glcklichst gewhlten Standpunkte, von wo wir die einzelnen
Werke in ihrer ganzen Pracht sehen konnten. Sie betrachtet als Knigin
der Hellenen einen Theil des Ruhmes, der den alten Werken anhngt, als ihr
Erbtheil. Stundenlang htt' ich an diesen verschiedenen Punkten, meinen
Gedanken selbst berlassen, weilen mgen -- aber die Gesellschaft war zu
gro, zu viel Unbedeutendes mischte sich hinein. Ich hatte das Gefhl, hier
knnte ich dichten, Gedichte der Sehnsucht und Begeisterung. -- Wir traten
auf eine der Endspitzen des reich beladenen Felsens, von wo wir die neue
Stadt sehen konnten. Sie war in ruhiger Stille ausgebreitet, und nur
die beleuchteten Fenster zeigten, da Leben in ihr walte. Wie wenn ein
unmndiges Kind am Fu des Thrones seines berhmten Ahnen sitzt, lag sie
da; und die an unserer Seite stehende Basilissa, ist der Genius, der das
Band zwischen Einst und Jetzt knpft. -- Wir schieden mit vollem Herzen;
meine Seele hatten Tne anderer Zeiten durchrauscht. Die Knigin, um die
Ausdauer der Gesellschaft zu prfen, schritt nun, zu meiner groen Freude,
von hier aus zum Areopag, auf den Fels, von welchem der heilige Paulus zu
den Atheniensern vom unbekannten Gotte sprach. Auch hier war es himmlisch.
Die Knigin hpfte auf den Felsblcken so munter herum, als htte sie den
ganzen Tag geruht, zum groen Aerger der Comforthelden, welche lieber in
weichen Dunen vom rosigen Champagner getrumt htten. Als wir den Areopag
verlieen, sahen wir pltzlich, gegen die Meerseite zu, ein herrliches
Meteor fallen, so mchtig, als strzte der Mond herunter. Es verwandelte
seine Farben in Grn und Roth, und zeichnete seinen Weg durch einen langen
Funkenstreif. Man stieg in die ominse knigliche Kutsche und fuhr zu den
Sulen des Jupiter. Sie sind gro, wie alles Rmische; nur fehlt ihnen der
liebliche poetische Hauch der griechischen Gtterwerke; Pracht ohne Grazie.

Durch das Thor Hadrians kehrten wir in den kniglichen Palast zurck. Mein
Wunsch war, augenblicklich auf den Kirchhof der Geschichte zurckkehren
zu knnen, obwohl ich den ganzen Tag in Bewegung gewesen war. So lange ich
lebe, werde ich dieses Abends, und der Basilissa gedenken.




Ein Besuch in der Moschee von Smyrna.


Der erste Morgen in Kleinasien, der erste Morgen im osmanischen Reiche,
lachte uns freundlich entgegen; da lag der Orient mit seinen Reichthmern,
mit seiner Vegetation, mit seinen tausend Sinnenblendungen vor uns.
Asiens Blthe hatte sich vor uns entfaltet, die Welt lang gehegter Trume
erschlossen. Am reinen Meeresspiegel, auf leichter Erhhung, ruhte
die Stadt mit ihren tausend und abermals tausend Husern im
buntesten Farbengewirre vor uns. Schlanke Minarete, die Wegweiser des
Mohammedanismus, erhoben sich in ihrer eigenthmlich grazisen Bauart neben
den Kuppeln der Moscheen. Reiche Cypressen-Wlder beschirmen auf der Anhhe
mit stillem, majesttischem Ernste die Grber der Trken. Auf dem hchsten
Punkte liegt wie auf einer Terrasse die Ruine eines festen Schlosses,
welches man aus diesem, an geschichtlichen Erinnerungen so reichen Boden,
Alexander dem Groen zuschreibt. Im Hintergrunde erhebt sich das Gebirge
mit seinen tausendfltigen Formen, umschliet wie ein Halbmond den klaren
Golf und bildet an dem Ufer desselben die grnsten Abhnge und Thler,
aus welchen einzelne Ortschaften hervorblinken. Das schnste dieser Thler
fhrt von alten Zeiten her, dem tapferen Helden Richard Lwenherz zu Ehren,
den Namen Cordeleon; auf dem andern, dem linken Ufer zeigt sich auf einer
kleinen Landzunge ein von den Trken erbautes Fort, und ber alle diese
Pracht erhebt sich der blaue ungetrbte Azur. Jedes Minaret, jede Cypresse,
jede schn gewlbte Kuppel, jedes farbenreiche Haus war fr uns eine neue
Erscheinung, und spannte unsere Neubegier; selig priesen wir uns daher, als
die Barke an der Schiffswand herunter gelassen wurde, und wir mit mchtigem
Ruderschlage ber die Wellen hinhpfend uns den Zauberbildern nherten.
Der Ausdruck des Geistigen, die Verkrperung hherer Ideen ist das Erste,
welches der Reisende im fremden Orte suchen mu; in diesem Sinne bildeten
daher das ernste Minaret und die Moschee unser erstes Ziel auf Asiens
Wunderboden. Geblendet, und vom Uebermae des Entzckens verwirrt,
schritten wir durch die Straen und Bazare zu einem, an deren Ausgange
gelegenen, erhhten Platze, auf welchem in malerischen Formen die Moschee
Kiltgezagi steht. Vor den Aufgangsstufen zu der erhhten Terrasse, die das
Fundament des unseren Augen so nahen Gebudes bildet, steht ein von Bumen
umgebener Brunnen, welcher dem Totaleindrucke Frische und Leben gewhrt.
Ein schner Gedanke ist es, da man an den Stufen des Gotteshauses die im
Oriente so seltene Erfrischung von Wasser und Bumen bietet. Auf dem mit
einem Steingitter umgebenen erhhten Platze steht die aus einer groen
Kuppelwlbung bestehende Moschee. Rechts erhebt sich das schlanke Minaret,
in dessen Innerem eine kleine finstere Treppe zu der, unter dem in eine
Spitze auslaufenden Ende befindlichen Gallerie fhrt, von welcher herab der
Muezin fnfmal im Tage die Betstunde ausruft. Sowohl Minaret, als Moschee,
scheinen von einem graugelblichen Sandstein gebaut zu sein. Vor den drei
Eingangsthoren befindet sich eine schne Stufenreihe, welche auf eine
Terrasse mndet, die den Mohammedanern vor dem Eintritt in die Moschee als
Raum zu dem Vorbereitungsgebete dient. Ueber dem Mittelthore erhebt sich
ein kleines Thrmchen mit einem niedlichen Balkon, von dem herab der Iman
seine Gebete ertnen lt. -- Der Consul ersparte uns das Ausziehen unserer
Fubekleidung beim Eintritte, wodurch wir jedoch nach mohammedanischen
Begriffen ein Sacrilegium begingen. Erwartungsvoll betraten wir den der
Erbauung gewidmeten Raum und wurden augenblicklich an die im Perrckenstyle
erbauten Kirchen erinnert. Sulenreihen scheiden den Raum in drei Theile,
ber deren mittleren und grten sich die Kuppel erhebt. Mauern und Sulen
sind mit Gold und Farbenverzierungen geschmckt, die Grundfarbe aber ist
wei; in mehreren Theilen des Gebudes sind Koransprche angebracht. In der
Mitte der dem Thore gegenber stehenden Wand befindet sich der Platz, wo
der obenerwhnte Iman, der trkische Seelenhirt, die Hauptgebete spricht.
Auf der Wand hinter demselben sind die Goldverzierungen mit grerer
Verschwendung angebracht, und sowohl dieser Theil, als auch der Boden,
sind mit reichen Teppichen geschmckt. Der brige marmorne Fuboden ist mit
feinen Rohrmatten bedeckt, eine Einrichtung, welche fr die christlichen
Knie und Fe ebenfalls sehr vortheilhaft wre. Auf jener Stelle, an
welcher in unseren Kirchen sich gewhnlich der Altar befindet, hngen drei
Bilder; das mittlere stellt das Grab des Propheten dar, rechts sieht man
Medina und links Mecca mit seinen Minarets und Kuppeln. Diese Bilder
sind in einer eigenthmlichen, nicht ganz miglckten Vogelperspective
ausgefhrt. Das Material scheint eine Art Wasser- oder Deckfarbe zu sein.
Diese Conterfei's der fr die Mohammedaner heiligen Orte sind das Einzige,
was von trkischer Malerei besteht; denn anderes darf der wahre Glubige
nach dem strengen Ausspruche des Korans nicht darstellen. Dies mag ein
Grund sein, da man in Europa so lange ber die Sitten und Gebruche des
inneren trkischen Lebens im Dunkeln blieb, whrend der mohammedanische
Kolo durch den Umstand, da er keine Abbilder von Menschen, also keine
religisen, und keine Sittenbilder besitzen durfte, dazu beitrug, ihn
vor fremden Einflssen zu bewahren. Diese Befehle und Verbote des weisen
Propheten und seiner Ausleger vereinigten sich, wie eine aus tausenden von
Steinen zusammengesetzte Scheidewand, um die Unglubigen scharf von der
treuen Heerde des Propheten zu trennen. Nun beginnt die Aufklrung auch in
diese Gauen einzudringen; man findet die Idee des religisen Gehorsams
eine lcherliche Unbequemlichkeit, ber die man sich hinaussetzen mu; man
beginnt die kleineren Steine aus dem trefflich gefgten Verbande zu rcken,
und bedenkt nicht, da die greren gar bald nachstrzen mssen. Man fngt
unter dem Titel Mibruche auszurotten, an, alles dasjenige zu entfernen,
dessen offenbaren Nutzen man nicht augenblicklich einsieht, bis das durch
das erstere Gesttzte, zur Erhaltung des Ganzen Nothwendige, entweder mit
vollem Bewutsein gestrzt wird, oder zum Erstaunen der Neuerer ebenfalls
verschwindet. -- Rechts von diesem mit Bildern geschmckten Platze erhebt
sich eine schmale Stufenreihe und fhrt in ein von vier Sulen getragenes
Thrmchen. Der Eingang in dieses kleine, zierlich errichtete Schilderhaus
ist durch einen rothen Vorhang geschlossen. Ein, in eine Spitze
auslaufendes Dach ragt hoch an der Hauptwand empor und trgt diesem
Huschen zum Schutze am uersten Ende den Halbmond, dieses einst so
furchtbare Sinnbild der Mohammedaner, das gleich einer Sichel Stmme
und Vlker ohne Schonung dahin mhte. In diesem reichgeschmckten,
hocherhobenen Huschen ist es des Imans Aufgabe, fr das Wohl des Sultans
zu beten; ein Gebrauch, der fr einen monarchisch absoluten Staat, dessen
Oberhaupt zugleich der Vorsteher der Kirche ist, wie geschaffen erscheint;
denn unwillkrlich mu es dem Volke einen groen Eindruck machen, da sein
Herrscher einen eigenen, von allen andern Menschenkindern abgeschlossenen
Raum hat, zu welchen man nur wie auf einer Jacobsleiter emporsteigen kann,
und zwar auch nur der Priester, damit dieser in hheren Regionen, wie aus
den Wolken herab, das Gebet fr den Nachfolger Mohammeds ertnen lasse.
Diesem Huschen gegenber, auf der linken Seite der Wand, befindet sich
eine reiche, wei und goldverzierte Kanzel, auf welcher den Mohammedanern
ihr Buch der Bcher, oder vielmehr das einzige ihnen bekannte Buch
vorgelesen wird. Alle diese Einzelheiten der Moscheen haben groe
Aehnlichkeit mit denen unserer katholischen Kirchen. Dieses reich verzierte
kleine Gebude erinnerte an unser Sacraments-Huschen; die Kanzel ist ganz,
selbst der Form und den Zierrathen nach, denjenigen, welche wir in unseren
Gotteshusern haben, hnlich; ja selbst unseren Chor finden wir ber dem
Eingangsthore wieder; nur erhebt sich statt der Orgel in der Mitte eine
groe vergitterte Abtheilung, in welcher der Sultan dem Gottesdienste
beiwohnt. Als wir den Chor bestiegen, fanden wir wie natrlich den fr den
Groherrn bestimmten Raum geschlossen; auch in dieser Einrichtung zeigt
sich ein Beweis richtiger Berechnung; das andchtige Volk ahnt die Nhe
des Herrschers, und doch ist die Person desselben den fragenden Blicken
entzogen, wodurch die Neugier und eine Art mysteriser Verehrung in
der Menge genhrt wird. Bemerkenswerth ist die groe Anzahl von Lampen,
Straueneiern und Hirschgeweihen, welche in der Moschee hngen, und ihr
hiedurch den echt orientalischen bunten Reiz gewhren; man fragt natrlich,
was Straueneier und Hirschgeweihe in einem Gotteshause zu thun haben?
Auch wir thaten diese Frage, und lernten hiebei ein Stck mohammedanischen
Aberglaubens kennen; die Rechtglubigen hngen diese Gegenstnde in ihre
Moscheen auf um das schadenbringende Lob der Unglubigen unschdlich zu
machen; tritt nmlich ein Christ in die Moschee und lobt die Schnheit
des Baues oder die Pracht der Ausstattung, so mu sein herumschweifender
bewundernder Blick unwillkrlich auf die Jettatura fallen, und das Unglck,
welches seinem Lobe folgen mte, ist verhtet. Dieser Glaube, so bizarr
er ist, schadet nicht dem Effekte, den die Gegenstnde auf den Beschauer
machen. Der Total-Eindruck, den eine Moschee mit ihrer hohen Kuppel, mit
ihren Sulenreihen und Seitengallerien macht, ist erhebend, still
und groartig; nichts Abstoendes trifft das Auge des Christen, kein
berladener Prunk, keine allzugroe Entblung versetzen den Beschauer in
eine unangenehme Stimmung. Nur ein Kleinod vermit das Auge des Christen:
es ist der Altar. Dieser trostbringende Platz fr eine bedrngte Seele,
fehlt dem mohammedanischen Gotteshause, und dieser Mangel ist es, der fr
uns den Gottesdienst kalt und gefhllos macht; es fehlt die Einigung, das
alles umfassende, jedes Gebet einschlieende Opfer. Hiedurch entsteht eine
Leere im Gotteshaus; es drngt sich einem der Gedanke auf, da man sein
Gebet eben so gut zu Hause feiern knnte; da man hiezu keiner Synagoge,
keiner Moschee und keines Bethauses bedarf. Der Jude ist's, der dies am
wrmsten fhlt; sein Tempel ist zerstrt, sein Opferplatz vernichtet, die
Perle seiner Religion geraubt, und nachdem er nur glaubte in Sion opfern zu
knnen, so fhlt er jetzt in seiner Synagoge nur eine haltlose Sehnsucht,
ein klagendes Verlangen nach dem einstigen Glcke der Vter. Uns Jngern
des Messias war es vorbehalten, im prachtvollsten Tempel, wie in der
kleinsten Kapelle etwas Hheres zu finden, als es je im Weltwunder
Salomons vollbracht wurde. Mit Wehmuth suchen wir daher im Gotteshause
der Andersglubigen den verehrten Platz, zu welchem sich die Blicke der
betenden Schaar whrend der heiligen Handlung wenden. Obwohl es Freitag,
also der trkische Festtag war, erlebten wir in den Mauern der Moschee
dennoch keinen Gottesdienst. Die Stunde war zu frh und noch kein Betender
im Inneren angelangt. Eine Art Iman fhrte uns in den Rumen herum; er
trug einen Turban, einen gestreiften Seidenkaftan mit einer Binde und einen
Oberrock. Zu dieser Kleidung ein indolentes Gesicht mit gelber Hautfarbe
und schttern Bart, gaben ein ganz charakteristisches Bild. Als wir die
Moschee verlieen, um das Minaret zu besteigen, hatten wir auf der zum
Vorbereitungsgebete bestimmten Terrasse den erhebenden Anblick eines
im Gebete versunkenen Trken. Derselbe kniete auf einem nach trkischer
Gewohnheit selbst mitgebrachten Teppiche; sein Anzug bestand in einem
violettrothen faltenreichen Kaftan und einem schneeweien Turban; die
Schuhe hatte er ausgezogen und neben sich gestellt; in den Hnden bewegte
er den im Oriente so beliebten Kugelkranz, vom braunen Gesichte wallte
ber die Brust ein schneeweier Bart, seine Augen waren in tiefster Andacht
niedergeschlagen, seine Zge ernst und gesammelt; es war ein ergreifendes
Bild. Nur zuweilen blickte er schmerzlich, ngstlich herum, und durch unser
vielleicht zu lautes Gesprch gestrt, fielen seine dunklen schwrmerischen
Augen einen Augenblick auf uns. Als er die Neugier und geringe Achtung der
Unglubigen bemerkte, verfiel er in ein herzzerreiendes Weinen und sang
leise und schmerzlich wimmernd seine Gebete vor sich hin. Es war nicht der
Ausdruck des kalten gehssigen Vorwurfs gegen die neugierigen Christen,
es war ein wehmthiges Bedauern, ein stilles Jammern ber den unbewuten
Frevel, den wir wahrscheinlich in seinen Augen begangen. Mit Rhrung,
Mitleid und Achtung vor diesem frommen Beter verlieen wir den Platz und
betraten die kleine finstere Steintreppe, welche uns in das schmale kleine
Minaret fhrte. Wir stiegen nicht bis auf die ganze Hhe, sondern verlieen
auf einem Ausgangspunkte das Minaret und seine mysterise Stiege, um uns
auf die Seitendcher der Moschee zu begeben. Herrlich zeigte sich uns von
hier aus Smyrna, die stolze Frstin des Orients; reich entwickelte sich der
von Menschenhnden geschaffene Schmuck, reicher der, den Mutter Natur ihr
gnnte. Weithin streckten sich des silberblauen Kleides schne Flchen, und
majesttisch ruhte das gekrnte Haupt mit den Zacken und farbigen Gestirnen
seines Schmuckes auf grnem Pfhle. Mitten im Husermeere zeichnete sich
der zu unseren Fen gelegene kleine Platz, welcher den Bazar-Gassen
als Ausgangspunkt zum Gotteshause dient, als besonders belebt und
charakteristisch. Gedrngt fllten ihn Menschen in den verschiedensten
Trachten, in den mannigfaltigsten Haut- und Kleiderfarben, um die
unglubigen Gste zu erblicken, denen zu Ehren der Pascha eine Truppenzahl
vor die Moschee gestellt hatte. Als wir das Gewirre zu unseren Fen
mit Interesse betrachteten, hrten wir pltzlich ein eigenthmliches
Glockengelute; neugierig warteten wir de was da kommen wrde. Pltzlich
theilte sich die Menge und wir sahen braune Massen im pathetischen
gleichfrmigen Schritt und Tritt sich einherbewegen. Es war ein Zug
eigenthmlicher Art, ein Zug aus tausend und einer Nacht, ein Bild,
oder vielmehr eine Reihe von Bildern, wie sie Horace Vernet malt; eine
Erscheinung, die man sich mit der glhendsten Phantasie nicht vorstellen,
die man mit der beredtesten Feder nicht beschreiben kann; denn nur im
tiefsten Orient, in den Gefilden Asiens, in den reichen lebensvollen
Bazaren von Smyrna, Damaskus und Bagdad, nur da, wo Mohammeds Schwert
regiert, wo die Palme grnt und der Halbmond durch die Wste schimmert,
sieht man, was wir sahen: einen mit Waaren und Frchten reich beladenen Zug
von -- Kamelen. -- Sie erschienen vor uns, die Herolde, die Reprsentanten
des ltesten Welttheils. Dies Thier, welches des Arabers drftige Familie
gleich einem Schiffe durch die Sandwellen trgt, welches ihm Milch zum
einfachen Mahle giebt, welches ihm als schtzende Mauer gegen den Samum
dient und in der uersten Bedrngni als Opfer fllt, um den Gebieter
den verborgenen Keller zu erschlieen. Sollte da der Ankmmling nicht
verwundert fragen, warum dieses Thier, eines der ntzlichsten welches Gott
schuf, so hlich, ja fast geisterhaft schauerlich ist? Die Antwort, da
das wahrhaft Ntzliche, das streng Gengsame, gar oft auf dieser Erde in
einem widrigen, rauhen Kleide erscheint, mu gengen. Alles ist an diesem
Thiere eigenthmlich; schwankend und doch nicht ohne Wrde tritt der
weiche Polsterfu auf den heien Boden; lang dehnt sich am magern Halse der
schlangenartige Kopf, hoch wlbt sich gleich einem kahlen formlosen Berge
der schwerbeladene Rcken. Bald passiv, bald wuthentbrannt ist das kluge
Auge, ledern ist die dicke Haut, braun und doch eigentlich farblos der
ganze migeformte Krper. Bald verschwanden die Shne der Wste in den
Straen des Bazars. -- Wir kehrten auf das Minaret zurck, nachdem wir,
whrend wir die Dcher beschritten, auch das Innere der Kuppel auf einer
Gallerie besehen hatten, die rings um das Innere luft und einen so
niederen Rand hat, da Jeder, der an Schwindel leidet, es aufgeben sollte,
den Moscheenraum in der Vogelperspektive zu betrachten. Als wir das Minaret
verlassen hatten, war unser Trke aus dem Vorhofe verschwunden und
schien bereits in die Moschee eingetreten zu sein. Wir verlieen die
terrassenartige Erhhung und verloren uns im bunten Leben des Bazars.




Ein Besuch auf dem Sclavenmarkte von Smyrna.


Wir hatten den heiteren, lebensvollen Bazar einige Zeit durchwogt, als
ich mich an meinen Dragoman mit der Frage wandte, wo sich der Sclavenmarkt
befinde. Er ward verlegen und versicherte mich, es existire keiner mehr in
Smyrna. Da ich das Gegentheil gehrt hatte, begngte ich mich natrlich mit
dieser Antwort nicht und wendete mich an die Beamten unseres Consulates,
welche mir zu verstehen gaben, da die Trken vor den Christen so
thten, als gbe es keinen mehr, indem doch die Gebildeteren eine Art von
Schamgefhl ber diesen barbarischen Menschenverkauf htten. Ich dachte mir
aber, da man, aus Rcksicht fr die Muselmnner, einen so interessanten
Punkt zu sehen nicht unterlassen drfe, und bestand beharrlich auf meinem
Wunsche. Bald gab uns auch einer der Consulat-Beamten das Zeichen in ein
Thor einzutreten. Wir verstanden ihn, und folgten seinen Schritten. Im
Schutze eines Thorbogens, der unter einem Hause durchging, befanden sich in
reicher trkischer Kleidung die Menschenhndler. Sie rauchten, an die
Wand gelehnt, mit einem kalten, fast stupiden Ausdruck ihre Pfeifen
und Nargils. An ihrer Seite standen einige mnnliche Sclaven in weie
Linnentcher und braune Lodenstoffe gehllt. -- Diese schwarzen Mnner
unterzogen sich unseren neugierigen Blicken mit stumpfer Ruhe. Ihre
Gesichtszge sind abstoend, ihre Gestalt ist mager und schmchtig, ihre
Haltung, wie die aller Sdlnder, frei und fast edel. Aus dem Thorgange
traten wir nun in den inneren groen Hof. Hier bot sich uns ein Bild
des entsetzlichsten Jammers und Elendes dar. Auf dem grauen, theilweise
kothigen, theilweise staubigen Boden, lagen Gruppen von halb nackten,
graufarbigen Negerweibern. Zu fnf bis sechs waren sie an mehreren Stellen,
in den verschiedenartigsten Haltungen, auf Rohrmatten hingestreckt. Ihre
sprliche Bekleidung bestand aus blaugrauen Kotzen, in welche sie nach
Mglichkeit den mageren Leib hllten. Manche hatten um die wolligen Haare
Tcher gebunden, alles war auf diesem entsetzlichen Platze grau und wieder
grau; die Hautfarbe der Menschen, die Kleidung derselben, der Boden, die
sprlichen Pflanzen, die den Platz begrnzenden verfallenen Htten, alles
ein Ton des Entsetzens.

Einige dieser Weiber lachten mit grinsendem, dummem Ausdruck und machten
mit ihren langen, drren Hnden possierliche Bewegungen. Es scheint, da
unser Aeueres auf sie einen komischen Eindruck ausbte. Einige jedoch
starrten mit nichtssagenden Blicken unbeweglich in die Welt hinaus. Sie
schienen Krper ohne Seele.

Andere standen an den verfallenen Thren ihrer Wohnungen, die in Europa fr
einen Stall zu schlecht wren. Eines der Weiber hatte an seinem Fue,
durch das lange Gehen in der furchtbaren Hitze, die Elephantiasis; hlflos
schmachtete dieses arme Wesen dahin; der Anblick machte mich fast krank vor
Mitleid und Ekel. In der Mitte des Platzes stand ein drrer Baum, an
dessen Aesten ein grauer Kfig mit drei grauen Papageien hing, welche ein
Trkenknabe feilbot, zu 23 frs. das Stck. So wird Mensch und Thier auf
einem Raume dem Nebenmenschen verkauft; -- ein erniedrigender Gedanke.--

Und mancher philantropisch winselnde Christ, der alle Tage den Grundsatz
der Liebe zum Nebenmenschen loben hrt und mitlobt, kauft um ein maloses
Geld eine solche gefiederte Bestie, whrend sein Nebenmensch um wenig
Geld verschachert wird. Falsch wre es jedoch, wenn man glaubte, da diese
Menschen durch das Freikaufen glcklich gemacht wrden; dazu mte mehr
geschehen, als es gewhnlich der Fall ist. In ihrem Vaterlande leben diese
Menschen in einem thierisch wsten Zustande, und nur durch die tiefe Stufe,
auf welcher sie stehen, ist die Mglichkeit gegeben, sie einzufangen, um
sie dann zu verkaufen.

Man mte also durch Missionen und Civilisirung des Inneren von Afrika
Hlfe zu bringen suchen; aber der Mensch will so selten auf den Grund gehen
und begngt sich gewhnlich nur mit momentaner scheinbarer Abhlfe! --
Wirklich elend sind diese Menschen schon von dem Augenblicke, in dem sie
von den Muselmnnern gekauft werden. Nackt werden sie aus ihrem Vaterlande
bis zu den Thoren Smyrna's gleich einer Heerde getrieben; erst auf dem
Markte bekommen sie dieses blau-graue Tuch. Die Nahrung, welche ihnen die
Sclavenhndler geben, ist ein grauer Brei. -- Diese =btes feroces=, wie
sie der christliche Dragoman nannte, kosten als Kinder, wenn sie lenksam
sind, 100-150 frs., sind sie aber stutziger Natur, nur 40-50 frs. -- Einer
der Mohrenknaben, welcher schon besser gehalten schien und im trkischen
Kostme war, spuckte auf uns, als wir ihn nher betrachten wollten, mit dem
Ausdruck des bittersten Unmuthes. Weie Sclaven kommen sehr selten auf
den Markt. Wir sahen unter allen diesen grulichen Erscheinungen nur
ein hellfarbiges, sehr schnes Weib, welches in reichem, eigenthmlichem
Kostme Speisen herumtrug. Einige behaupteten, es sei eine jdische
Aufseherin, andere sagten es sei eine zum Kauf dargebotene Circassierin.
Ihre Zge waren edel: schn gewlbte feine Brauen, lange scharf
geschnittene Augen, mit einem melancholisch tiefen Ausdruck, eine echt
orientalische Nase und ein zarter lnglicher Mund; ihr Teint war bla und
etwas broncirt; die Gestalt schn und wohlgebaut; ihr braunes Haar umfing
ein goldener Reif, der einen feinen Schleier hielt, welcher sie feenartig
umhllte. Mieder und Kleid waren von bunten orientalischen Stoffen, und so
war sie die einzige lichte Erscheinung in diesem Meere von grauen Farben.
Ich lie mir erzhlen, da die Sclaven nach dem Ankaufe eine ziemlich
gute Existenz htten. Sie werden wie Diener behandelt und das orientalisch
patriarchalische Verhltni erstreckt sich auch auf sie. Dies gab mir
einigen Trost und einige Beruhigung bei dem Scheiden von diesem Platze
des Entsetzens. Auch gewahrte ich wirklich spter auf dem Bazar einige
Mohrenweiber, in Begleitung ihrer verschleierten Herrinnen, mit recht
wohlgerundeten frhlichen Gesichtern.

Das furchtbare Elend ist schon im Urzustande dieser Menschen vorhanden und
dem knnte man nur durch Civilisation abhelfen.




Der Bazar von Smyrna.


Wer hat nicht tausend und eine Nacht gelesen? Wer hat nicht getrumt
von trkischem Luxus, orientalischer Flle und Pracht? und der mageren
Traumgestalt des Schtze tragenden Kamels? Wer hat nicht vom nutzbringenden
Hausfreunde des Orientalen, dem fleiigen Langohr gehrt? Alles dieses
findet der Leser vereinigt in einigen mit Holz und Tchern bedeckten
Straen von Smyrna, welche die Moslemin Bazar nennen. Als ich mich das
erste Mal in diesen langen, hohen, vor der Sonnenhitze geschtzten Straen
befand, glaubte ich zu trumen. Alles wogt in bunten Farben und mit dem
verwirrendsten Geschrei durcheinander. Auge, Ohr und Nase werden auf einmal
in Anspruch genommen, und es braucht lange Zeit, bis man anfngt sich
zurecht zu finden; und noch dann verwischt ein Bild das Andere, so da
es mir auerordentlich schwer wird, den Eindruck, den das Ganze auf mich
machte, wieder zu geben. -- Der Bazar befindet sich zwischen der Trken-
und der Frankenstadt. Er nimmt einen groen Raum ein und seine Gassen
kreuzen sich nach allen Richtungen. Inmitten derselben befinden sich auf
kleinen Pltzen Moscheen, Baumgruppen mit marmornen Brunnen und ffentliche
Badeorte, wodurch bei der unendlichen Anzahl von Buden eine angenehme und
malerische Abwechslung hervorgebracht wird. Da sich diese ffentlichen
Gebude im Mittelpunkt der Kaufwelt befinden, hat darin seinen Grund, da
der Bazar das Leben der Stadt, ja der ganzen Provinz vereinigt. So leer die
Gassen der eigentlichen Trkenstadt sind, so berfllt sind diese Rume.
Alle Geschfte werden hier abgeschlossen, alle Wnsche hier befriedigt. Die
Sendboten der entfernten Gegenden sind die gengsamen Kamele, welche unter
immerwhrendem Luten der Glocken an ihrem Halse, gewhnlich zu fnfen
hinter einander angebunden, schwer bepackt die Straen durchziehen; den
nthigen Raum um die Menge zu durchschreiten, verschafft ihnen das Geschrei
des mohammedanischen Treibers, welcher, im buntesten Kostme seinen
Tschibuk rauchend, auf einem kleinen Esel die Spitze der Caravane bildet.
Oft ist man genthigt, sich vor einem solchen Zuge in die Buden zu
flchten. Die meisten der Letzteren befinden sich in hlzernen Rumen,
welche sich an einander reihen und auf deren oberem Theile sich das Dach
stufenweise von einer Seite zur andern aufbaut. Das Geblke ist berall
sichtbar und hat die Naturfarbe. Gegen die Gasse zu befinden sich groe
breite Oeffnungen, wie bei unsern Jahrmarkt-Buden, nur in einem viel
greren Mastabe. Der eine Theil derselben erstreckt sich bis auf den
Boden und bildet hierdurch die Thre, welche eine Stufe von der Erde
trennt. Vor dem andern Theile befindet sich ein langer kistenartiger
Auslagetisch, auf welchem zwischen den aufgeschichteten Waaren gewhnlich
der Mohammedaner mit untergeschlagenen Beinen sitzt, pathetisch seine
Nargil raucht und seinen Kaffee aus kleinem Schlchen schlrft. Den
regelmig edel gebauten Kopf desselben umgiebt ein aus langen Tchern
grazis gewundener Turban; von dem Kinn wallt der mchtige Bart auf den
geffneten pelzverbrmten Kaftan; die Beine bekleiden bis zu den Knien
weite faltenreiche Hosen; der untere Theil ist bei den rmeren Leuten
gewhnlich entblt, bei den reicheren mit weien Strmpfen bedeckt. An
den Fen tragen sie schwarze Schuhe, oder in gebogene Spitzen auslaufende
gelbe Pantoffeln. Der Eindruck, den ein Mohammedaner im alten Kostme,
vom Aermsten bis zum Reichsten macht, ist wrdevoll und malerisch. -- Die
Oeffnung der Kauflden umgeben hlzerne Stangen, an welchen die Waaren im
buntesten Gewirre hngen; die schnsten sind die, in welchen man trkische
Stoffe, Teppiche und Kleidungsstcke verkauft. Wir traten in mehrere
derselben ein und ergtzten uns an der Ruhe und Unbeweglichkeit, welche die
Trken whrend dem Verkaufe beibehalten. Sie haben ein edles Vertrauen in
die Ehrlichkeit des Kufers, whrend die griechischen Kaufleute von einer
auerordentlichen Beweglichkeit und Geschwtzigkeit sind, und schlau jede
Bewegung des Kufers mit ihren dunkeln, verschmitzten Augen verfolgen. Die
Teppiche, deren wir mehrere kauften, sind meist aus Persien und zeichnen
sich durch Frische der Farben und schne Zeichnung aus; die Weichheit und
Wrme derselben ist bekannt.

Kleiderstoffe und Echarpen werden gewhnlich in einer Fabrik in Brussa
verfertigt; sie sind sehr fein und schmiegsam. Der Preis derselben ist
auerordentlich niedrig; nur anfangs erschraken wir ber die groen Summen
von Piastern, welche die Trken fr jeden Gegenstand fordern; bald waren
wir jedoch hierber aufgeklrt, indem wir erfuhren, da zehn dieser Piaster
nur 1 Gulden in Conventionsmnze ausmachen.

Eine besonders schne Auswahl und geschmackvolle Farbenpracht findet man
in gestickten Stoffen, welche fr Pantoffeln, Kappen, Kissen und Beutel
verwendet werden. Eine feine gelbe Seide, mit goldenen Fden untermischt,
giebt ihnen einen lebhaften Schimmer, welcher gegen den schwarzen, rothen
oder blauen Grund sehr gut contrastirt. Erst von den Kauflden aus hatten
wir etwas mehr Mue, das Getreibe um uns in den Straen zu betrachten.
Trken, Griechen, Armenier und Juden umwogten uns. -- Die Letzteren stachen
gewaltig durch ihren geistreichen, schlauen Ausdruck hervor, welcher zu
den gutmthigen Trken in lebhaftem Gegensatze steht, besonders da beide
Nationen fast ein und dasselbe Kostme tragen. Zwischen dem mnnlichen
Volke erschienen die Frauen der Trken, Stirn, Aug' und Nase mit schwarzem
Flor umhllt, der, wie man mir sagte, mit dem Alter immer undurchsichtiger
wird. Von dem Kopfe um das Kinn und den Leib schlingt sich ein weies Tuch;
unter demselben erscheinen beim Knchel blaue weite Beinkleider, welche
in gelben oder violetten Pantoffeln enden. Den Frauen folgen gewhnlich
schwarze Sclavinnen, welche sich nur in ein weies Tuch hllen und ihre
dicken aufgeschwollenen Gesichtszge den Blicken der Mnner Preis geben.
Zu den merkwrdigsten Erscheinungen der Bazarwelt gehren die berhmten
trkischen Lasttrger. Diese Leute haben ein matratzenartiges Kissen ber
Rcken und Schultern, auf welchem sie in vorgebeugter Stellung Lasten von
fnf Zentnern tragen. Man sagte uns, da einer auf diese Art ein ganzes
Clavier trage. Professor G. begegnete einem, welcher eine complete
Hauseinrichtung fortschleppte. Auch zu vieren tragen sie an schweren
Stangen kreuzweise auerordentliche Lasten. Oefters trafen wir auf
Mohammedaner mit grnem Turban, was besonders gut aussieht; es sind dies
Abkmmlinge des Propheten, die jetzt Melonen und Feigen in den Straen
Smyrna's verkaufen; so steigen und sinken die irdischen Gren.--

Wir unternahmen eine vollkommene Entdeckungsreise in die verschiedenen
Theile des Bazars. Das erste, was uns auffiel, waren die Vegetabilien,
welche hier verkauft werden. Ganze Berge von Melonen hufen sich auf den
Straen, tausende von Schachteln mit Feigen gefllt, welche die
Muselmnner mit dem Daumen kneten, sind fr die europischen Leckermuler
aufgeschichtet. Lager von herrlichen Sultanatrauben, breite Kuchen von
Honig und Mehl, alles dies lockt das Auge des Hungrigen an, und bringt gar
manchen Piaster zu Tage. Eigenthmlich sind eine Art Restaurateurs, welche
in ihren Boutiquen zwei aufrecht stehende Spiee immerwhrend drehen. An
dem einen derselben befinden sich aneinander geprete glhende Kohlen in
Sulenform, an dem andern sind hunderte von Fleischstckchen aufgespiet;
durch diese zwei beweglichen Colonnen wird das Hammelfleisch fr die
Moslemin gebraten.

Einige der Bazarstraen sind mit Juwelieren gefllt, bei welchen man die
schnsten gravirten Steine findet. Ich kaufte mir einige derselben,
unter andern einen Talisman, in dem ich mir aber meinen eigenen Namen
in trkischen Lettern von einem Mohammedaner in der Nhe einer Moschee
einstechen lie.

Diese kunstreichen Arbeiten werden mitten unter dem Volke in freier Luft
gemacht. In den Straen der Juweliere erfreuten wir uns an einem Zuge
trkischer Ehrlichkeit. Frst J. sah in einem glsernen Kasten einen
silbernen Ring mit grnem Talisman; ihn lockte die Form des Geschmeides,
und er gedachte es zu kaufen. Der Besitzer des Ringes war jedoch nicht
gegenwrtig. Da kamen die Nachbarn, erbrachen den Kasten und gaben einen
Preis an. Der Frst fand ihn zu hoch, man kam ins Handeln, worauf der
Kauf ohne Beisein des Herrn abgeschlossen wurde. Auf dem Wiener
Kohlmarkte knnte man sich auf diese Art nicht helfen; gleich wrde die
Sicherheitswache herbeieilen und ber Diebe und Ruber schreien; nur in
barbarischen und uncivilisirten Lndern ist so etwas mglich.

Wir muten sehr lachen, inmitten dieses Geschreies Lrmens und lebhaften
Treibens auch eine Schule anzutreffen, welche sich ebenfalls in
einem Kaufladen befindet, indem die Schullehrer einen Handel mit der
Gelehrsamkeit treiben; doch mu die mohammedanische Jugend viel fleiiger
sein, als die unsere, da sie in dem Mittelpunkt des Weltgebrauses
koranfest wird. Das Geschrei, welches dem Munde der Jugend entfuhr, war
auerordentlich; vielleicht, da sie auf diese Art die Zerstreuungen der
Welt zu bertnen suchen.

Besonders reizend in dem Bazar ist es, wenn der Blick durch die langen,
gedeckten, bunt ausstaffirten Rume schweift und am Ende auf einem, von
Bumen beschatteten Pltzchen ausruht, welches der Centralpunkt von vier
bis fnf Straen ist. Einzelne Strahlen der Sonne und blaue Himmelsblicke
dringen in diese Lichtungen ein und erhhen den orientalischen
Farbencontrast; doch neugierig spht wieder das Auge unter die
Bretterdcher und blickt in das Halbdunkel der sich ffnenden Straen;
berhaupt finden sich die schnsten Farbeneffekte und Wechsel von Licht
und Schatten in diesen sdlichen Regionen; vom Kleide des Menschen bis zur
Wolke am Himmel zeichnet sich alles krftig und lebendig, und darum findet
hier der Maler ein dankbares und doch schweres Feld fr seine Kunst; denn
nur wenige Bilder habe ich in Europa gesehen, welche den Ausdruck des
orientalischen Lebens wahr wieder geben; die wenigen aber, in denen dies
gelungen ist werden leicht als bertrieben gescholten.

Aus dem Bazar geriethen wir durch ein Seitengchen auf einen Lagerplatz
der Kamele. Ein hchst merkwrdiger Anblick, 40 bis 50 dieser Thiere in den
verschiedensten Gruppen beisammen zu sehen. Ihre gelbe Erdfarbe vermischte
sich geisterhaft mit dem unebenen Boden, auf welchem sie lagerten. Der Raum
war von verfallenen schmutzigen Husern umstellt. Viele ganz junge Thiere
schritten pathetisch unter den erwachsenen umher, und komisch war es,
wie diese hchstens vier Schuh hohen Kleinen auf ihren langen, mageren
Stelzfen, sich an ihre groen, unfrmlichen Mtter anschmiegten. Einige
unserer Begleiter holten eines dieser Jungen aus dem Thierknuel heraus,
so da wir es ganz in der Nhe besehen konnten. Es hatte einen hchst
gutmthigen Ausdruck und lie ruhig Alles ber sich ergehen; dagegen scho
uns die Mutter wthende, unheimliche Blicke zu. Die Kamele, deren gegen
10,000 sich in Smyrna und seiner Umgebung befinden sollen, werden aus der
Krimm gebracht, wo sich bedeutende Gestte befinden. Die Hhe dieser Thiere
ist sieben Fu, die Lnge vom Kopf bis zum Schweif mag gegen acht Fu
betragen. Der Leib ist erdfarb, zeigt das ganze Knochensystem und ist mit
einer dicken rudigen Haut mit sehr wenigen Haaren bedeckt. Zum Reiten
werden im Oriente nur die Dromedare bentzt, deren es in Smyrna keine
giebt. Die Kamele werden nur zum Lasttragen gebraucht. Ihr hoher Hcker
wird mit einer Decke umhllt, an welcher rechts und links groe mit
Riemen befestigte Krbe herabhngen. Hier werden diese Thiere mit einem
getrockneten Brei von schlechtem Mehl und Wasser genhrt. Als wir unser
Gefallen an der possierlichen Kameljugend dem Dragoman des Pascha's
ausdrckten, versicherte er uns, Seine Hoheit Halil Pascha wrde uns eins
derselben verehren. Einige der Reisegefhrten fanden dieses Anerbieten
sehr hbsch und den Transport des Thieres auf dem Dampfschiffe sehr leicht
ausfhrbar, die Mehrzahl strubte sich jedoch dagegen. -- Nach dieser
Episode kehrten wir wieder auf den Bazar zurck, um unsere mannigfachen
Einkufe der trkischen Landesprodukte fortzusetzen; ein immer neues
Interesse fanden wir an den wechselnden Bildern, welche sich auf einem
trkischen Bazar dem Blicke des Beschauers darbieten.




Ein trkisches Bad.


Aus den Moscheen und dem bunten Gewimmel des Bazars begaben wir uns zu dem
fr uns in Bereitschaft gesetzten Badehause. Dasselbe liegt im Bazar und
ist in Kuppelform gebaut, mit einfachen trkischen Verzierungen. Vor dem
Eingange befindet sich eine Terrasse, wie bei den Moscheen. Sie war von
einer groen Menschenmenge im buntesten Kostme umringt, welche vermuthlich
durch eine Compagnie tckischer Militrs angezogen wurde, die uns zu Ehren
vor dem Badehause Wache hielt.

Wir traten etwas befangen in den echt orientalischen Raum; er befindet sich
unmittelbar vor dem Badelokal und dient zur Entkleidung. Das Gemach endet
in einer schn gewlbten Kuppel; an den Wnden laufen steinerne Ruhebnke
herum, welche bestimmt sind den Muselmnnern bei den Vorbereitungen zum
Bade zu dienen. Ueber denselben sind hlzerne Stangen angebracht, die,
wenn man einzelne Abtheilungen zu haben wnscht, mit Wollzeugen berhngt
werden. Dem Eingange gegenber befindet sich ein Empor mit Divans, welches
hher gestellten Personen dient. Dasselbe war heute zu unserem Gebrauch mit
den herrlichsten orientalischen Stoffen geschmckt. Goldgestickte Polster,
Cachemirs, leichte Baumwollzeuge wechselten in den buntesten Farben, und
ihre Gruppirung zeigte den lebhaften, grazisen, trkischen Geschmack.
Weiche, elastische Teppiche aus Persien waren zur Wahrung des entkleideten
Fues ber die marmornen Steinplatten ausgebreitet. An den Stufen des
Empors erhebt sich ein Becken, aus dessen oberer Abtheilung ein in elf
Strahlen getheilter Springbrunnen das klarste, khlendste Wasser unter
lieblichem Gerusch in den Marmor wirft. An dem Rande des Beckens dufteten
die schnsten Blumenstrue mit sdlicher, balsamischer Kraft. Der
Gouverneur Halil Pascha hatte sie gleich den brigen luxurisen
Einrichtungen geschickt. Es war ein echtes Bild trkischer Sinnenblendung,
ein liebliches Durcheinander, welches doch einen inneren reizenden Einklang
hatte. Das Gemach war mit Dienern Halils, welche die kostbarsten Pfeifen
und Nargils bereit hielten, und mit gewhnlichen Badedienern gefllt. Man
mute an die Beschreibungen aus Tausend und eine Nacht denken, welche man
in unseren Gegenden fr bertrieben hlt, whrend sie mehr Wirklichkeit als
Traum sind. Man gab uns fortwhrend Winke, auf die Divans zu steigen und
uns zum Bade zu entkleiden. Ich genirte mich gewaltig, meine Toilette
=coram publico= zu machen und mute mich auch erst etwas an diese lebhaften
Eindrcke gewhnen. Daher fing ich damit an, mich nur auf dem Divan
niederzulassen und den vortrefflichen Taback des Paschas aus den reichen
Pfeifen zu schmauchen. Diese Rauchapparate kosten, wie man uns sagte,
zwischen 1000 und 3000 Gulden. Die Mundstcke sind aus eiergroem
Bernstein, mit funkelnden Diamanten besetzt. Whrend dieser Zeit
versammelte sich unsre ganze Reisegesellschaft, welche noch auf dem Bazar
mit Einkufen beschftigt gewesen war. Zum Bade entschlossen sich nur Baron
K., mein Bruder und ich. Die brige Gesellschaft war befangen und
frchtete sich vor der Hitze, welche bei einer solchen orientalischen
Krper-Reinigung herrschen soll. Alles was nicht Theil nahm, begab sich nun
auf die vor dem Badehause befindliche Terrasse, schmauchend und Scherbet
trinkend. Mein Princip ist es, auf Reisen Alles mitzumachen, was das Land
eigenthmliches bietet, da man ja um zu sehen und um zu lernen reist. Auf
dem Divan kam mir die Toilette lcherlich vor, daher begab ich mich mit
meinem Kammerdiener und dem mir zugetheilten Bade-Famulus in das erste
Vorbereitungsgemach. Bengstigt trat ich ein und wurde von einem Schwall
von feuchter Hitze fast erstickt. Zu meiner Beruhigung fand ich Baron
K. schon in seinem Badekostme postirt. Ich entkleidete mich, und die
dienenden Muselmnner schlangen mir um die Lenden eine weiche Baumwollbinde
und behingen mich mit einem weien Mantel aus gleichem Stoffe. An die
Fe erhielt ich erhhte Sandalen, die vor dem auf dem Marmor befindlichen
Wasser schtzen sollen. Ich wurde hierauf auf einem mit Kissen belegten
Stein-Divan installirt, und man reichte mir eine Pfeife. Nun hatte ich
Gelegenheit das Gemach zu betrachten. Es war von Stein und hatte die
Form eines lnglichen nicht sehr groen Rechteckes. Lngs der Wnde waren
ebenfalls Ruhebnke angebracht. Den Boden bedeckte eine halbe Zoll hohe
Fluth von Wasser, welche, da die Hitze von unten kommt, der Luft einen so
hohen Grad von Feuchtigkeit giebt. Kaum war ich in Transpiration, so begann
die Arbeit der Badediener. In diesem Vorbereitungszimmer kneten sie
den Krper, um ihn in strkeren Schwei zu bringen. Es schien hiebei
magnetischer Einflu vorhanden zu sein; auch spricht die uere Erscheinung
dieser Mnner sehr fr diese Behauptung. Es sind meist junge Leute mit
unendlich tiefen, schwarzen Augen, welche im ersten Augenblicke einen
nichtssagenden Eindruck machen; das innere Auge ist aber schwrmerisch,
melancholisch, und diesen ihren tiefen Blick heften sie unverwandt
und starr auf das Opfer, welches sie unter ihren Hnden haben. Ihre
Gesichtsfarbe ist fein, aber gelblich fahl; es fehlt ihnen jene jugendliche
Frische, die ihnen das Leben in der nassen Hitze nimmt. Ihre Gesichtsform
ist wie bei allen Muselmnnern, lang und eckig. Um den fein geschnittenen,
meist geschlossenen Mund, spielt oftmals ein wehmthig spttisches Lcheln,
das wohl hauptschlich uns Europern gegolten haben mag, die wir uns in
diese trkischen Gebruche gewi recht unbeholfen geschickt haben. Ihre
Gestalt ist schlank und schmchtig, die Hnde sind durch das Kneten
auffallend ausgebildet; die Haare tragen sie, nach mohammedanischer Sitte
gegen vorn zu, kurz geschoren. Ihre Bekleidung ist auerordentlich einfach:
gleich den Badenden tragen sie um die Lenden blaugraue mit rothen Streifen
versehene Wolltcher, auf den Schultern hngt der weie Mantel und auf dem
Kopfe haben sie weie anliegende Kppchen. Als die Transpiration, whrend
welcher wir immer liegend rauchten und mit Kaffee bewirthet wurden, durch
das Kneten und die ungeheuere Hitze den gehrigen Hhepunkt erreicht hatte,
legte man uns wieder die Sandalen an die Fe und wir wurden nun, von
der trkischen Bedienung gesttzt, in das dritte, das Hauptlokal gefhrt.
Unsere europische Bedienung lieen wir, da sie uns jetzt nichts mehr
ntzte, in dem frheren Gemache zurck. Die armen Leute, welche ihre
Kleidung nicht so leicht einrichten konnten, waren fast vor Hitze
vergangen. Die Temperatur in diesem dritten Gemache aber glaubten wir kaum
aushalten zu knnen; doch einmal schon so weit gekommen, wollten wir das
Ganze aus Neugierde berstehen. Wir klapperten mit den Sandalen auf dem
feuchten Boden muthig vorwrts. Dieser Saal ist wieder von einer groen,
khn gewlbten Kuppel gekrnt. In der Mitte befindet sich eine runde
Erhhung des Fubodens; sie betrgt nur ungefhr 2 Schuh und dient als
Ruheplatz. An vier Punkten der runden Wand sind kleine Bade-Cabinette
errichtet; die Wnde derselben bilden gegen den Mittelpunkt des
Hauptgemaches zu schiefe Winkel, welche mit kleinen Eingangsbgen endigen:
sie dienen nur zur Absonderung; denn gleich spanischen Wnden betrgt ihre
Hhe hchstens 1 Klafter. Der obere Theil ist gegen die Kuppel offen.
Wir wurden nun jeder in ein solches Cabinet gefhrt. Im Inneren desselben
befand sich eine hlzerne Pritsche und zwei Hhne fr warmes und kaltes
Wasser, welche in ein Marmorbecken mndeten. Die steinerne Wand war
mit tausenden von Schwaben tapeziert, welche aber bei der menschlichen
Annherung, Gott sei Dank, flohen. Mein Badediener nahm mir den Mantel ab,
nachdem er sich auch des seinigen entledigt hatte; ich mute mich auf die
Pritsche ausstrecken, worauf er meine Glieder mit einer blauen weichen
Brste tchtig rieb. Nachdem er das einige Zeit so fortgetrieben hatte,
nahm er ein groes Bndel aus Aloefasern, erzeugte in demselben, mittelst
warmen Wassers und Seife, eine groe Menge weien Schaumes, deutete mir
mit Zeichen an, die Augen zu schlieen und bergo mich nun wiederholt vom
Wirbel bis zur Zehe, indem er immer den Schaum mit heiem Wasser wegsplte.
Whrend dieser Operationen, reichte er mir mit indolenten Gebrden ganz
vortreffliche Scherbet-Limonade, welche in diesem furchtbaren Dunst sehr
erfrischend wirkte. Bei diesem Reinigungsvorgang kamen die Dragomanen fter
zu den kleinen Cabinetten, um nach unserem Befinden zu fragen. Mehrmals
wiederholten sie, ob wir das Bad gnzlich nach trkischer Sitte nehmen
wollten? Ich versicherte sie fortwhrend, da es unser Wunsch sei, und lie
daher alles lautlos ber mich ergehen. Als der Badediener mich fr gehrig
gereinigt hielt, schlang er mir ein weies Linnentuch turbanartig um die
feuchten Haare, machte mir durch Zeichen begreiflich, aufzustehen, warf mir
den Mantel um die Schulter, reichte mir die Sandalen und fhrte mich nun
in das allererste Gemach, wo die erhhten Divans zeltartig mit weien
Baumwollstoffen umgeben waren, um uns den Blicken der Neugierigen zu
entziehen. Carl und ich streckten uns auf die schwellenden Kissen, lieen
uns mit goldgestickten Tchern behngen und sollten uns nun nach der
ungewhnlichen Transpiration etwas abkhlen. Man reichte uns Pfeifen,
Kaffee, Scherbet und vortreffliches Wasser. Die Badediener knieten an
unserer Seite, uns knetend und bedienend. Das Ganze war stattlich und gab
uns ein recht lebhaftes Bild von orientalischer Ueppigkeit. Unsere
brigen Reisegesellschafter besuchten uns zuweilen und lachten ber unser
trkisches Aussehen. -- Da die Transpiration nicht aufhren wollte und wir
dem Besuch des Pascha auf unserem Schiffe entgegen sahen, so zogen wir uns
an und verlieen triefend das Badehaus. Ich knnte nicht sagen, da das Bad
eine angenehme Wirkung auf mich gemacht htte; man schwitzt so frchterlich
und kommt in eine bengstigende Unruhe und Mattigkeit; fr faule
Mohammedaner, die nach einer solchen Operation Stunden und Stunden im
=dolce far niente= zubringen, ihren Taback schmauchend und den Kaffee in
langen Zgen schlrfend, mag es recht gut sein.




Ein Morgen beim Pascha von Smyrna.


Der Pascha hatte uns auf eine so freundliche und zuvorkommende Weise seinen
Besuch abgestattet, da wir uns durch unseren Consul erkundigen lieen,
wann wir unseren Gegenbesuch machen knnten. Er hatte uns auf heute Morgen
zu sich gebeten, mit der Ankndigung, uns ein alt-trkisches Essen geben zu
wollen. Man kann sich unsere Freude denken, auch diesen originellen Moment
einer Reise im Orient durchkosten zu knnen. Wir legten bei unserem Consul
um 11 Uhr Mittags die volle Parade an, was sich ziemlich komisch zu dem
orientalischen Kostme und dem bunten Gewimmel auf den Straen ausnahm, und
begaben uns auf den schlechten, ziemlich vernachligten Quai; hier wartete
unser das aus dem schnsten geschnittenen Holze verfertigte lange, aber
ziemlich schmale Boot des Pascha, bemannt mit zwlf trkischen Matrosen,
welche in ihren weien Hemden und rothem Fe ein plumpes und sehr
nchternes Aussehen hatten. Das Einsteigen in das schmale Schiff unter das
scharlachrothe Dach war mit Sbeln und Sporen ziemlich beschwerlich; auch
fand nur ein Theil der Gesellschaft darin Platz. Fr die Andern war eine
zweite minder pompse Barke bereit. Wir stieen ab und im Fluge ging es
ber die schumenden Wogen der Trkenstadt zu, an deren Anfang Palste und
Kasernen sich befinden. Die Ruderer bewegen ihre schn geschnitzten langen
Ruder mit auerordentlicher Kraft und mit so viel Takt, als seien sie nach
dem Metronom einstudirt. Ich lie mir erzhlen, da diese Leute ganze Tage
in einem fort unter der glhendsten Hitze rudern, ohne abzusetzen, so da
sie zuletzt in eine Art fieberhafter Extase gerathen, und, fast ihrer Sinne
beraubt, in gleichmigen dumpfen Lauten sthnen.

Ich sa in der Barke auf einem rothseidenen eleganten Kissen, des kleinen
Raumes wegen mit gekreuzten Fen, was in der europischen Kleidung einen
nicht sehr malerischen Anblick gegeben haben mu. Wir nherten uns dem
Landungsplatze vor dem Palaste. Die Garden waren aufgestellt und echt
trkische Musik, in verwirrten wilden Tnen, lie sich bei unserem Anblicke
vom Ufer hren. Als wir das Land betraten, wurden uns mit prachtvollen
blauen, gold- und silbergestickten schweren Schabraken und mit herrlich
ciselirten Zumen versehene arabische Pferde des Pascha vorgefhrt. Wir
zogen jedoch vor, die kurze Strecke zu Fu zu machen. Die Garden umringten
uns, es erscholl eine von allen mglichen Instrumenten ausgefhrte
wirbelnde Musik, und so zogen wir mit orientalischem Pompe unter Zustrmen
der Menge in die inneren Palast-Rume Halil Paschas ein.

Lngs des ganzen Weges, bis zur Stiege des Gouverneurs, war eine groe
Anzahl bewaffneter Diener in alttrkischem Kostme aufgestellt. Sie waren
mit den schnsten Waffen, meist in gediegenem Silber, beladen. Die uns
begleitenden Garden trugen leider nicht mehr das alte Kostme, und sahen in
ihrem neuen ganz erbrmlich aus. So plump, so farblos, nichtssagend,
hngt ihnen der schmutzige Rock am Leibe, whrend das alte Kostme etwas
ehrwrdiges, geschichtlich interressantes und den lebhaften Farben des
Morgenlandes entsprechendes hat. Das Sprichwort Kleider machen Leute,
zeigt sich hier als wahr, nur im umgekehrten Falle wie in Europa; denn
das Volk hlt sich in Smyrna, wie man sagt, noch viel mehr wie in
Constantinopel, an die alten Vorschriften, wodurch es einen imposanten,
ernsten Eindruck macht, da dieses Kleid den Gesichtszgen, dem Bart und der
Gestalt der Mohammedaner wohl ansteht, whrend sich Autoritten und Militr
sehr kleinlich in ihren modernen Anzgen ausnehmen; wenn man sie ansieht,
mu man unwillkrlich an den Verfall des trkischen Reichs denken; denn mit
solchen Figuren, welche sich unter dem Volke matt verwischen, verliert
die himmlische Pforte ihre Sttzen, und die Christen des trkischen Reichs
werden bald aufhren, vor einem solchen europisch behosten Pascha oder
Bey, der ihnen sonst eine Geiel Gottes war, zu zittern; und so verliert
sich die groe Idee eines osmannischen Reiches, gleich der deutschen
Rheinfluth, im Sande: Kleider machen Leute.--

Der Palast Halil's ist nach trkischer Art von Holz, da die Moslim nach
ihrem Koran ihre Huser nur als vorbergehende zeltartige Ruhesttten
ansehen; denn sie haben mit den Christen nur Waffenstillstand, nicht Friede
geschlossen, da es ihre eigentliche Bestimmung ist, mit Feuer und Schwert
den Koran ber den Erdball zu verbreiten. An den untersten Stufen der
hlzernen Treppe empfing uns mit einer bedeutenden Anzahl Diener ein
Groer des Reiches, nach dem Pascha der erste Wrdentrger in der Stadt.
Er bekleidete eine Art Polizeistelle, und schien ein gutmthiger
mohammedanischer Spitzel zu sein, der in Wien fr diese Race, glaub' ich,
zu unbedeutend gewesen wre. Halil drfte seine politischen Eigenschaften
wohl erkennen, da er den ganzen Morgen auerordentlich freundlich mit ihm
war. Der arme Mann frchtet sich vermuthlich vor einem miliebigen Berichte
an das Constantinopolitanische Ministerium, welches so nicht gut gelaunt
gegen den Pascha sein soll, weil er der trkischen Reaktion angehrt. Da
wir die Bezeichnung Zopf hier nicht anwenden knnen, so wollen wir ihn
einen mohammedanischen Langbart nennen; dieser ist nmlich das Symbol
des alten Regimentes. Wir nannten diesen orientalischen Spitzel kurzweg
trkische Excellenz, weil ihn Gouverneur und Dragoman immer =son
excellence= titulirten. Er schlug wiederholt, als Zeichen der grten
Hochachtung, auf Bauch, Mund und Stirne. Wollte er damit ausdrcken, da
der Magen sein entwickeltester Theil und das Gehirn ihm und dem Munde
nachsteht -- ich wei das nicht; aber gewi ist es, da uns der Pascha am
obern Rande der Stiege mit demselben Zeichen bewillkommnete. Das Aeuere
des Paschas trgt den Ausdruck der Gutmthigkeit; er ist nicht sehr gro
aber auerordentlich fett, und um seinen Mund spielt ein freundliches
Lcheln. Sein Kopf ist breit und stark, sein Auge mild und nicht ohne
Geist. Aus dem Fe, welches ihm alle Augenblicke herunter zu rutschen
drohte, wobei er eine sehr komische Handbewegung machte, guckten ihm einige
braune Locken heraus. Um sein Kinn trgt der arme Mann, als Beamter der
Neuzeit, nur einen migen und kurzen Bart. Bei uns mu man sich gerade im
Gegensatze, wenn man Minister oder wenigstens Ministerial-Rath werden will,
als =fra diavolo= arrangiren. Dort bannt man die schwarze Reaktion mit
ihren Derwischartigen (jesuitischen) Umtrieben durch das Verkrzen des
Kinnwaldes, und bei uns thut sich das freie Ich, das liberale Bewutsein
der Neuzeit, in der mglichsten Gesichtsverlngerung durch den Bart kund.
Ueberall unterwirft sich der Mensch den selbst aufgedrungenen Formen.

Der Rock, den er trug, war von dunkelblauem Tuche mit auerordentlich
reicher Goldstickerei. Die =inexpressibles= von weiem Tuche mit
Goldstreifen. Um den Hals trug er das Zeichen, welches ihm als Schwager
des Sultans gebhrt. Es besteht aus einer Diamanten-Schnur und zwei kleinen
eben solchen Quasten, wie auch den in Brillanten gefaten Namenszug des
Sultans. Seine Brust schmckte der auf gleiche Art gefate russische
Andreasorden, den er erhielt, als er in dem Jahre 1827 als Friedensbote
nach Petersburg geschickt wurde, nachdem er sich in diesem Kriege
sehr ausgezeichnet hatte und der Einzige war, vor dem sich die Russen
frchteten. Um die Lenden hatte er einen herrlichen Sbel in =peau de
chagrin= und Diamanten gegrtet. In dem ersten gerumigen Stiegenhause war
eine noch grere Anzahl von Dienern versammelt; berhaupt macht die Menge
der Diener und Sklaven den Stolz der Trken aus. Halil fhrte uns mit
dem Zeichen der grten Aufmerksamkeit in einen an das Stiegengemach
anstoenden Salon, dessen lange Fensterreihen eine prachtvolle Aussicht
auf das wogende Meer darboten, und von diesem immer schnen Elemente
die wohlthuendste Brise einlieen. Wnde und Plafond des Gemaches waren
hellgrau angestrichen; in den Ecken liefen Goldstreifen mit orientalischen
Verzierungen. Auf zwei Seiten waren Fenster an Fenster, nur durch leichte
Balken getrennt. Auch ein Theil der Stadt und der ganze Hafen waren durch
dieselben sichtbar. An den Fensterbrstungen standen Divans, Sofa
und Lehnsthle. Zwischen den zwei in gerundeten Ecken befindlichen
Eingangsthren ist die Wand auerordentlich reich mit Gold verziert; in der
Mitte derselben befindet sich der Namenszug des Sultans mit goldenen Zgen
auf blauem Grunde; unter diesem sind in dem Holzgetfel kleine Schubladen
angebracht, in welchen man die werthvollsten Kleinodien, Andenken und
Schriften aufbewahrt. Es scheint dies das Familien-Sanctuarium zu sein,
und es hat auch durch einen groen, schrankartigen Tisch, welcher sich vor
demselben befindet, Aehnlichkeit mit einer Kapelle. Auf dem Boden liegen
feingearbeitete Matten. Die oben angefhrten Mbel beziehen die Trken
aus Triest und Wien. In diesem Gemache waren sie aus braunen, hbsch
geschnitzten Nubaumholz mit schwarzem Rohaarstoff berzogen. Der Pascha
wies meinem Bruder und mir Lehnsthle an der Fensterwand, gegen die Stadt
zu, an, so da wir in das Innere des Gemaches und auf das Meer sehen
konnten. Halil setzte sich an unsere Seite, die brigen Herren, die im
ersten Boote gefahren waren, vertheilten sich auf den Divans. Es entspann
sich nun zwischen uns und dem Gouverneur ein Gesprch mit Hlfe des
Dragoman, welcher in franzsischer Sprache verdolmetschte.

Den Fragen Halils merkte man an, da er nicht ohne Bildung sei, und seine
echt trkischen Schmeicheleien waren gut gewhlt, blumenreich und fast
witzig. Bald nach uns kam die Gesellschaft, welche im zweiten Boote Platz
gefunden hatte, an; die Herren wurden vom sterreichischen General-Consul
dem Pascha vorgestellt, welcher ihnen mit den freundlichsten Worten sagte,
er hoffe, Alle wrden ihre Pflicht thun, nur der Doctor mchte niemals
Gelegenheit dazu haben. Ich konnte mich ber die Verwunderung meiner
Freunde kaum des Lachens enthalten. Die eckigen, schlichten, hlichen
Fracks nahmen sich mitten im orientalischen Luxus so uerst komisch aus,
und ein dicker, liebenswrdiger Haus-, Hof- und Staats-Archivarius Seiner
apostolischen Majestt, dem man die Lachlust im Gesichte ansehen konnte,
einem Gouverneur und Pascha einer asiatischen Provinz der himmlischen
Pforte gegenber, gab ein gar mchtiges Genrebild. Nachdem auch diese
Herren sich niedergelassen hatten, strmte auf ein gegebenes Zeichen ein
Haufe von Dienern herein, welche auerordentlich schne, sieben bis acht
Schuh lange Tschibuks lanzenartig im Arme trugen. Sie vertheilten dieselben
unter uns, faten unsere Stellung scharf ins Auge und wuten die duftenden
Pfeifenkpfe so geschickt auf den Boden zu stellen, da das Mundstck
gerade in die Richtung unserer Lippen kam. Dieser Handgriff gehrt zum =bon
ton= der trkischen Dienerschaft. Nun knieten sie nieder, legten unter jede
Pfeife eine Metalltasse und fachten das vortreffliche Lieblingskraut der
Osmanli mittels Kohlen zur dampfenden Gluth an. Alles dieses geschieht mit
auerordentlicher Fertigkeit; nur Schade, da diese Diener ebenfalls die
neuere Kleidung tragen. Wir erkannten die Pfeifen aus dem Bade her; nur
erstaunten wir jetzt ber die Menge, welche den auerordentlichen Luxus
verrth, den man in diesem Punkte in der Trkei treibt. Der Sultan lie
schon einst ein Verbot gegen die groe Verschwendung in Pfeifen ergehen,
da sich mehrere seiner Paschas im vollsten Sinne des Wortes durch diesen
Artikel ruinirt haben. Fr unsern guten Halil ist dies nicht zu frchten,
indem er sehr reich ist; seine Einknfte schon als Gouverneur von Smyrna
betragen bei 80,000 Gulden. Whrend des Gesprches rief er pltzlich
unseren lieben =Dr.= F. zu sich, und lie ihm durch den Dragoman bedeuten,
er mge ihm den Puls greifen, indem es ihm eine Ehre sei, da er an ihm
dasselbe vollziehe, was er tglich an uns ausbe. Der Arzt that wie ihm
befohlen wurde, und versicherte Seiner Hoheit, da der Puls auerordentlich
stark und gesund sei, worber unser freundlicher Wirth in ein sehr
lebhaftes Gelchter ausbrach. Er befrug auch noch den Medicus, ob denn kein
Mittel gegen die Cholera gefunden sei. Als man ihm verneinend antwortete,
schien er nicht sehr zufrieden; denn die Furcht vor dieser Krankheit ist im
Orient ungeheuer gro. -- Wieder erschienen die Diener und brachten Kaffee.

Im Oriente wird dieses so oft gebrauchte Getrnk in kleinen Schlchen
aufgetischt, welche sich in eierbecherfrmigen Gestellen befinden.
Gewhnlich sind diese Gefe aus Porzellan; hier waren sie aus
rosenfarbenem Email mit Diamanten. Der Kaffee wird sehr warm, mit Satz und
ohne Zucker getrunken und ist nicht so schlecht wie man glaubt. Als
die Pfeifen zur Hlfte geraucht waren, wurden sie von den Dienern
hinausgetragen, und frisch gefllt zum neuen Gebrauche wieder
hereingebracht. Pltzlich hrte man Schellen klingen und drei stattliche,
bunt geschmckte Kameele erschienen, umgeben von malerisch gekleideten
Treibern, auf dem Platze vor dem Palast. Es sollte uns ein Schauspiel ganz
neuer Art geboten werden: ein Kameelkampf, von dem ich in Europa nicht
einmal reden hrte. Gegen das Sptjahr zu, besonders im Monat Dezember,
kommen die mnnlichen Thiere in eine eiferschtige Wuth, so da sie
sich gegenseitig jagen, beien und schlagen, gleich den Hhnen bei den
Wettkmpfen in England. Leider miglckte der heutige Versuch, indem es
noch zu frh im Jahre war. Nur das strkste dieser Thiere ging einmal,
gereizt durch die Treiber, auf ein schwcheres los, bi es ein paarmal,
wobei ihm der Schaum aus dem Maul lief; der Gegner jedoch sthnte nur
einigemale jmmerlich und wich dann feige zurck. War auch dieser Spa dem
Pascha miglckt, so hatte uns doch der Anblick dieser mchtigen Thiere
sehr interessirt; pltzlich verschwand der Gastgeber, aus welchem Grunde
ist uns bis jetzt noch nicht bekannt. Einige Zeit nachdem er auer Athem
zurckgekehrt war, lud er uns zur Tafel ein. Er ging vor uns, wie es
berhaupt im Orient Sitte zu sein scheint, mit wrdevollem Anstand in
das Stiegengemach, wo ihn die immer fortgesetzten Bcklinge seiner treuen
Diener empfingen. Von hier aus fhrte er uns durch eine kleine mit einem
schweren Vorhange versehene Thre in das Speise-Kabinet. Dies bot ein
liebliches Bild des phantastisch grazisen Morgenlandes. Die Wnde und der
Plafond waren zeltartig mit weien moirirten Tapeten bedeckt, welche mit
rothen Streifen und zierlichen Bouquets geschmckt waren. Auf der einen
Seite befand sich wieder eine hohe, lange Fensterreihe, unter welcher sich
ein breiter, grner, schwellender Divan hinzog. Holzgitter schtzen vor den
neugierigen Blicken des Volkes. Auf dem Boden lagen Rohrmatten und auerdem
noch reiche Teppiche, in der Mitte des Zimmers befanden sich zwei groe
gernderte Vermeil-Platten auf Dreifen, welche mit reichen Stoffen
behngt waren. Diese bildeten die Etische, an denen nach trkischem Brauch
immer nur sechs bis sieben Personen Platz nahmen. Die Gesellschaft theilte
sich demnach in zwei Theile. Wir lieen uns auf kleine weiche Sitze nieder,
mit der gespanntesten Erwartung auf das kommende Mahl. Halil Pascha, Frst
J., Baron K., der General-Consul, mein Bruder und ich saen an einer dieser
Platten. Jeder der Gste hatte einen schwarzen und weien mit Corallen
besetzten Lffel vor sich, ein goldgesticktes Handtuch aus Battist, welches
mit einem Schnupftuche viel Aehnlichkeit hatte, ein feines Weibrot, dessen
eine Hlfte in lngliche Rechtecke geschnitten war, und mehrere in Vermeil
und Silber elegant gearbeitete Untertchen, auf welchen sich kstliche
Sultana-Trauben, Sardellen, Caviar, Gurkensalat mit saurer Milch, Wasser-
und se Melonen befanden. Die letzteren waren durch die sdliche Sonne so
gereift, da sie auf der Zunge wie Zucker zerflossen. Diese verschiedenen
=hors d'oeuvres= it man nach Belieben whrend des Speisens, was keine
schlechte Einrichtung ist, da man beim orientalischen Mahle se und
saure Speisen durcheinander bekommt. Man schlang uns um Brust und Schoo
goldgestickte Linnentcher, was uns ein sehr spahaftes Aussehen gab;
diese Maregel ist jedoch hchst nothwendig, da man nur die ganz flssigen
Speisen mit dem Lffel it, whrend man alles andere mit den Hnden
zerreit. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so fllte sich das ganze
Gemach mit Dienern, die sich weidlich an unserer Verwunderung und unserem
ungeschickten Benehmen ergtzten. Man legte nun in die Mitte der Tafel ein
kleines, rundes, ledernes Kissen, auf welches man die Speisen, deren Zahl
ber 20 war, der Reihe nach in groen, weien und blauen chinesischen
Porzellan-Schsseln setzte. Da es einige europische Gourmands interessiren
knnte, so lasse ich den Speisezettel folgen. Den Eingang machte eine
Nudelsuppe, welche jedem franzsischen Koch Ehre gebracht htte; hierauf
folgte ein Schpsenbraten mit Reis gefllt, welcher sich durch sein zartes
und vortreffliches Fleisch auszeichnete. Die Suppe hatte man mit dem Lffel
gegessen, in diese Speise jedoch fuhr der Pascha mit seiner weichen dicken
Hand, und gab uns zu verstehen, wir mchten seinem khnen Beispiele folgen.
Alles strzte nun gleich wilden Thieren auf diesen Braten los, und bald
waren die triefenden Fasern abgelst und mit etwas Ungeschick in den
harrenden Mund gebracht; aus besonderer Bevorzugung und Artigkeit ri
der Gouverneur einen saftigen Knochen ab, den er mir mit liebenswrdigem
Lcheln gleich einer Blume berreichte. Wir waren einigermaen verlegen,
indem wir nicht wuten, wohin die berbleibenden Knochen legen; der Pascha
half uns jedoch bald aus dieser Ungewiheit, indem er uns andeutete, nur
alles auf die goldene Platte tropfen und fallen zu lassen; diese =beaux
restes= des orientalischen Magenluxus bleiben die ganze Tafel hindurch den
nicht sehr erbauten Augen der Gste Preis gegeben. Darauf kam eine flache,
sehr breite Mehlspeise von Butterteig, welche die Trken Brek nennen.
Halil benutzte eine glckliche Gelegenheit, whrend wir nicht auf die
Speise achteten, lftete die Mitte derselben, worauf zu unserer groen
Verwunderung ein Stieglitz scheu herausflog. Unser heiterer Wirth lachte
ber diesen Beweis trkischen Witzes, mit einem malosen Gebrlle; es
scheint, da diese naiven Ueberraschungen in Smyrna noch der hchste Grad
von gutem Geschmacke sind, denn der Pascha bat mich, ich mchte dieses
Intermezzo in meinem nchsten Briefe an meine Verwandten erwhnen.

Um diese Speise auf eine angenehme Art zu verschlingen, nahm er die fetten
Bltter des Kuchens und rollte sie so zu einer Kugel, welche er dann mit
Grazie in den weit aufgerissenen Mund warf. Nach diesem Gerichte brachte
man Limonade-Scherbet, in sehr eleganten, wahrscheinlich franzsischen oder
schsischen porzellanenen Rococo-Tassen. So schlecht dieses aus Citronen
bereitete Getrnk im Occident ist, so erfrischend und vortrefflich ist es
im Orient. Die Speisen wurden auerordentlich rasch gewechselt, so auch
verschwand der labende Trunk nur zu bald. Ihn ersetzte ein gebackener Fisch
mit kleinen Rosinen. Diese Zusammenstellung ist zwar etwas gewagt, aber in
der Wirklichkeit nicht so schlecht, wie man glaubt; dann folgte eine sehr
gute Mehlspeise, Kataif genannt, dann Patlitscha, ein Gericht Fleisch
mit einem Gemse Macedoine, dessen Hauptbestandtheil eine in der hiesigen
Gegend vorkommende sehr schmackhafte, paprikaartige Pflanze ist. Bei
diesen Speisen in halbweichem Zustande hilft man sich mit den rechteckig
geschnittenen Brotstcken, welche man auf den Zeigefinger legt, und so
mit diesem und dem Daumen sich bedient. Viele zarte Europerinnen und fein
gebildete Dandys werden ber dieses naturgeme Verfahren erschrecken. Ich
erlaube mir nur die Bemerkung, da es kein groer Unterschied ist, mit
rein gewaschenen, eigenen Fingern aus einer so groen Schssel zu essen,
in welcher man, wenn man einigermaen geschickt ist, mit seinem Nachbar
gar nicht in Berhrung zu kommen braucht, oder in einer zartfhlenden
europischen Gesellschaft die Speisen mit Bestecken zum Munde zu fhren,
deren sich schon Hunderte von Menschen bedient haben. Es kommt alles nur
auf Einbildung und Gewohnheit an. Der Gouverneur erzhlte uns, da ihm
das Essen mit dem Bestecke in St.Petersburg sehr schwer gefallen sei; die
Trken lachen ber die Sitten der unglubigen Franken ebenso, wie wir ber
die Ihrigen. Nach dem Patlitscha brachte man gute, gebratene Meerfische.
Hierauf krapfenartige Reiskugeln, bei welchen die Trken Mittel finden,
sie auf einmal mit der platten Hand in den Mund zu drcken. Nach diesen kam
Reis mit Paradiespfeln. Hierauf Hallioa, eine geleartige, sehr se
und gute Honigspeise, dann erschien Bombar, bestehend aus vortrefflichen
Wrsten mit Reis gefllt. Dies war vielleicht eine der schmackhaftesten
Speisen. Der Pascha nthigte uns durch die freundlichsten Worte, von allem
zu genieen. Als Frst J. einmal, ganz auer Athem, aussetzen wollte,
versicherte er ihn gleich, ein Militr msse noch mehr als die andern Leute
zu sich nehmen. Nun tischte man Lokma, einen durchsichtigen, meerfarbigen
Strudel auf, welcher durch seine Sigkeit fast widrig war. Hierauf kam
Lammfleisch, dann Kalbsragout, diesem folgte Tank-goksi, ein weier Brei,
welchen man aus fein gestoener Hhnerbrust und Mandeln macht. Ich
fand diese Speise furchtbar, einige der Gesellschaft lobten sie jedoch
auerordentlich. Dann erschien ein Gericht aus Truthahn. Bei einem der
angefhrten Fleische winkte Halil einem Diener, welcher mit den Hnden in
die Speise fuhr, um sie zur leichteren Behandlung der Essenden auseinander
zu reien. Ein kurzes und praktisches Verfahren. Nun kamen Maccaroni
mit Kse, ganz nach europischer Sitte. Hierauf vortreffliches
Pfirsich-Kompott, dann Kabak dolma, aus gefllten Krbissen zubereitet,
eine Speise, welche die europischen Feinschmecker sehr gut aufgenommen
htten, wenn sie nicht unmittelbar nach dem sen Kompotte gekommen wre.
Das Ende des reichen und gemischten Mahles, machte der Pilau, ein groer
Reishaufen, bestreut mit kleinen Rosinen. Nach geschlossener Speisenreihe
wurde Urchas, ein schwimmendes Kompott in eleganten glsernen Schalen
servirt. Dieses ziemlich starke, aber nicht sehr angenehme Getrnk vertritt
bei den Mohammedanern die Stelle des Weines. Whrend der Tafel gelang es
mir nur zweimal sehr frisches gutes Wasser zu bekommen. Nun war das Mahl,
dieses interessante Reiseereigni, beendet. Wir setzten uns auf den an der
Fensterreihe befindlichen grnen Divan, und man brachte uns in herrlichen
Kannen und Becken von Vermeil Wasser und Seife, um eine sehr nothwendige
Hndereinigung vorzunehmen, bei welcher der Pascha, der sich brigens auch
das Gesicht einseifte, ein Gebet zu murmeln schien. Nachdem diese Toilette
vollendet war, fhrte uns Halil wieder in den grauen Salon, und abermals
brachte man die Tabackspfeifen.

Jetzt lernten wir eine neue, den trkischen Groen hchst eigene Sitte
kennen; man vernahm nmlich in dem wohlgefllten Bauche des Paschas ein
dumpfes Rollen und Tnen wie vor einem herannahenden Gewitter. Pltzlich
drhnte das ganze Zimmer von einem Schall, welcher dem holdseligen Munde
des kaiserlichen Schwagers entfahren war. Da diese bauchrednerischen
Betonungen bei uns keineswegs blich sind, so muten wir in den groen
Mundstcken der Tschibuks Hlfe suchen, um nicht in ein Gelchter
auszubrechen. Von der trkischen Seite aus wurde dieser Beweis eines zu
copisen Diners sehr gleichgltig aufgenommen und die Osmanli schienen gar
nicht verlegen. Im Gegentheil, kaum war Smyrnas Pascha zu Ende, so hrten
wir auf der andern Seite des Zimmers ebenfalls einen lauten Seufzer ber
die Thorheit, so viel gegessen zu haben. Es war die Gemthsuerung der
trkischen Excellenz, welche am zweiten Tische whrend des Mahles prsidirt
hatte. Nun konnte unser convulsivisches Lachen kaum mehr verborgen bleiben;
erst spter erfuhren wir, da diese etwas lebhaften Magenuerungen im
Oriente nicht im geringsten unartig seien, sondern so behandelt wrden,
wie bei uns allenfalls das Niesen. Unsere Gedanken wurden von diesem sehr
komischen Thema durch einen gyptischen Mohrentanz abgelenkt, welchen der
Pascha auf demselben Platze, wo der Kamelkampf verunglckt war, auffhren
lie. Die Neger spielten selbst eine monotone Musik mit Trommeln und
Cinelli. Der Tanz war eigenthmlich, grazis und kriegerisch. Die Neger
schlugen mit Stcken gegen einander und machten mitunter Stze wie wilde
Tiger. Ein National-Tanz ist immer von groem Interesse, da sich in
demselben meist der Charakter des Volkes ausspricht. Die Tarantella
ist voll wilder Gluth, der Bolero edel und feurig, die Mazurka voll
leichtfertiger Anmuth, und in diesem Tanze sieht man die wilde,
kriegerische Horde, welche um die Leiche der Feinde oder um den erlegten
Lwen tanzt.

Als wir einige Zeit dies Schauspiel betrachtet hatten, fragte uns der
Pascha, ob wir nicht die Kaserne und die Truppen sehen wollten, welches
Anerbieten wir sehr gerne annahmen. Zum Abschied traten wir zu dem
Schreine, unter dem Namenszug des Sultans, der nun mit Champagner, Feigen,
Trauben und kstlichen Sultaninen berfllt war. Ich ergriff ein Glas
mit dem sprudelnden Frankenwein und bat den Pascha, ob wir nach unserer
europischen Sitte auf sein Wohl trinken drfen; er erwiederte unseren
Toast, indem er ebenfalls einen auf das Wohl unseres Monarchen ausbrachte.
Den Namen des Kaisers lispelte er nach trkischer Sitte nur mit leisen
Worten. Nun trank er noch auf unsere Gesundheit, und wir auf die des
Sultans. Ich sah bei dieser Gelegenheit, da die Trken, trotz des Korans,
dem perlenden Champagner keineswegs abhold sind; sie entschuldigen diese
stille Leidenschaft durch die Behauptung, dieser Wein sei nach Mohammeds
Tode erfunden worden. Wir verabschiedeten uns nun bei unserem herzlichen,
freundlichen Wirthe, den wir in der kurzen Zeit ganz lieb gewonnen hatten,
und wurden mit denselben Ceremonien entlassen, mit denen man uns empfangen
hatte. Wir begaben uns in die Kaserne; ein sehr gerumiges zweistckiges
Gebude, aus einem Mittel und zwei Seitentrakten bestehend; gegen die
vierte Seite zu ist es offen und ein Gitter schliet den groen Hof,
unmittelbar am Rande des Meeres, ab, wodurch auch die Luft in den schnen
fensterreichen Rumen immer gesund und frisch ist. Der in dem Gebude
kommandirende General, welcher seiner Charge nach ber zwei Regimenter
gesetzt ist, hatte in diesem Augenblicke nur ein Regiment in der Kaserne,
das andere war auf dem Marsche. Jedes Regiment hat zwei Oberste, vier
Oberstlieutenants, zwlf Majors und vier und zwanzig Lieutenants. Die
Mannschaft ist in vier Bataillone eingetheilt, das Bataillon in zwei
Compagnien.

Der General, welcher den Titel Militr-Gouverneur fhrt, empfing uns unter
dem Thore des dunkelroth angestrichenen Gebudes. Wir besuchten die Rume
des ersten Stockes; die Gnge sind auerordentlich hoch, breit, luftig und
von lobenswerther Reinlichkeit, die Zimmer gerumig und nett; vierzig
bis sechzig Menschen haben in demselben Platz. Der Mann hat einen magern
Strohsack, ein kleines Kissen und eine Wolldecke, alles von dunkler Farbe;
das ganze Bett hat in seinem Tornister Platz. Die Leute liegen am Boden
ziemlich dicht neben einander. Die Kleidung des Soldaten besteht aus einem
rothen niedern Fe, einem blauen Tuchspenser und weien Leinwandhosen; die
Fe sind nur auerhalb der Caserne mit schwarzen Schuhen bekleidet; in
der Kaserne gehen die Leute blofig herum, was viel zur Reinlichkeit
beitragen mag. Das Riemzeug ist von weiem Leder, die Patrontasche ziemlich
umfangreich. Die Gewehre sind gro und braun geschftet, die Tornister
schmal und hoch, mit braunem Leder berzogen. Ich konnte dem General nicht
genug meine Bewunderung ausdrcken und versicherte ihn, da man selbst
in Europa sich die Reinlichkeit des Militrgebudes zum Beispiel nehmen
knnte, was dem Kommandanten sehr zu schmeicheln schien. Man fhrte uns nun
in eine Art groen Erkers, welcher in der Mitte des mittleren Traktes im
ersten Stock ein Gastzimmer enthlt, von wo aus wir gebeten wurden, einigen
Bewegungen des Regimentes zuzusehen; wir versicherten die Herren, da wir,
statt auf den schwellenden Kissen des Divans zu ruhen, uns lieber in den
Hof begeben wollten, um die Truppen in der Nhe bewundern zu knnen. Diese
Aufmerksamkeit freute die zuvorkommenden Trken auerordentlich, was ich
spter durch einen Brief aus Constantinopel erfuhr. Von ihrem Sultan sind
sie keiner so nahen Betrachtung gewrdigt. Fr Seine osmanische Majestt
ist nmlich ein prachtvolles Zimmer im zweiten Stock eingerichtet; in jeder
Kaserne ist ein solches fr ihn bestimmt, von wo er dann die glubigen
Kinder Mohammeds wie aus den Wolken betrachtet, das heit nur sein Krper
zeigt sich bei diesem kriegerischen Schauspiele, denn der abgestumpfte
Geist des jugendlichen Frsten erfreut sich nicht an dergleichen Dingen;
er ergeht sich lieber im Genusse des umhllenden Tabacksrauches und denkt
lieber an das Heer seiner 700 Frauen, als an seine bewaffnete Armee;
wenn auch der Dragoman mit gewandtem Sinne mir sagte: =Cette chambre est
rserve pour le Grand-Sultan, puisque les soldats sont ses enfants et
le pre doit toujours loger parmi ses enfants=, was recht hbsch klingen
wrde, wenn es nicht eine leere Redensart wre. Das Regiment war im groen
Hofe aufgestellt, alle Offiziere waren zu Fu; ich glaube, da nur dem
General ein Pferd zusteht. Die vier Bataillone standen in einer Front, und
es begann ein kurzes Exerciren im Feuer. Zuerst scho jedes Bataillon der
Reihe nach, wobei das erste Glied nach alter Art niederkniete, wodurch alle
drei Glieder feuern konnten. Hierauf kam eine Dcharge der ganzen Front,
ein Lauffeuer und dann die Formirung eines ganzen Quarrs. Im Feuer
exercirten sie vortrefflich, die Dchargen waren wie ein Schlag und das
Laden fabelhaft rasch; mit den brigen Bewegungen ging es minder gut;
dieselben werden noch nach dem Beispiele eines Flgelmannes gemacht.
Besonders schlecht fiel das Defiliren aus, bei welchem ein langer schwarzer
Neger-Lieutenant die Richtung angab; die Musik tnte hierzu gar wild und
eigen. Einmal versuchten die guten Leute etwas aus Flotow's Martha zu
spielen, was aber ganz und gar milang. Das Commando der Trken in der
Landessprache ist wohltnend und laut, und wird rasch von den Truppen
ausgefhrt.

Nirgends kann man den Gesichtscharakter einer fremden Nation besser
beurtheilen, als in ihren Heeres-Abtheilungen. Wo alles gleich gekleidet
ist, nach gleicher Gre gerichtet wird, da fllt einem auch die Gleichheit
der Zge auf und es wird mglich, aus diesen neben einander gereihten
Gestalten einen allgemeinen Typus zu entnehmen. Der trkische besteht
in einer ziemlich kurzen, etwas zurck gelegten Stirne; starken, schn
gewlbten Augenbrauen, scharfen, lang geschnittenen Augen, einer langen,
schmalen an der untern Spitze gerundeten Nase, einem groen, schlaffen
Munde mit starker Unterlippe, und einem langen, ovalen Kinn; die Haut ist
olivenartig. Nur der Schnurrbart wird bei den trkischen Truppen getragen;
der volle Bart wre, wie wir oben gesagt haben, zu reactionr, und wrde
zu viel an den Janitscharen-Absolutismus erinnern. Nach der Defilirung der
Truppen drckten wir dem Generale unsere Bewunderung und unseren Dank aus
und verlieen hierauf die schne Kaserne.

Es scheint, da die Trken die Erfahrungen, die sie aus den Revolutionen
schpften, gut zu bentzen wuten, indem sich der Palast des Gouverneurs
in unmittelbarer Nhe der Behausung der Truppenmacht befindet. Ist auch die
trkische Monarchie im Innern morsch und schwach, so ist sie es doch nicht
durch die Revolution, und das Hinsterben eines alten Kolosses, der eine
groe Vergangenheit hat, ist nicht so erbrmlich, als die furchtsame
Schwche der europisch christlichen Staaten, die die Revolution hassen,
sie gerne umbringen wollten, aber die Mittel hierzu mit kindischer Schwche
scheuen und nur manchmal hinterrcks einen Ausfall wagen. Die religise
Idee ist es, die dies Reich noch zusammenhlt. Ist Mohammed einmal
begraben, so leuchtet auch sein Halbmond nicht mehr ber den schnsten und
reichsten Lnder der Erde. Soll die Trkei untergehen, so untergrabe man
ihre Religion. Will man die europischen Nationen strzen, so sge man
fleiig am Kreuze.

Da whrend des Morgens das Meer ziemlich bewegt geworden war, schlug man
unserer Gesellschaft vor, den Rckweg zum Consulate auf den Pferden des
Pascha durch die Stadt zu machen. Wir nahmen das Anerbieten nicht an, da
es uns in Verlegenheit setzte, auf diesen herrlich geschmckten Pferden zum
Schauspiel fr ganz Smyrna zu werden; wir htten auch in voller Uniform
zu Fue in der glhendsten Hitze auf dem schlechten Pflaster eine lange
Strecke gehen knnen. Ich aber liebe das bewegte Meer, und tanze gerne auf
den mchtigen Wogen, bestimmte mich daher die Fahrt wieder in der Barke
Halils zurck zu machen. Ein herrliches Vergngen versprach ich mir von
diesem wonnevollen Schaukeln durch den zauberhaften Hafen von Smyrna.
Meinem Beispiele schlossen sich mein Bruder, Graf C., der General-Consul
und der Dragoman an. Den Uebrigen schien das Heben und Sinken der
schumenden Wogen nicht zu behagen; sie zogen es vor, recht mhselig zu
Fue zu schleichen. Wir stieen frisch vom Ufer ab, und ich freute mich
meines Einfalles; rasch schwebten wir ber Berg und Thal im khlenden
Meerwinde dahin, die lustigsten Hafenscenen beobachtend. Das rothe Dach
schtzte uns vor den sengenden Strahlen und mit der grten Mue konnten
wir das herrliche Panorama der Stadt betrachten. Lange schon ruhten wir
wieder auf den Sopha's im Consulatsgebude in angenehmer Erinnerung des
heitern und merkwrdigen Morgens, als unsere Freunde keuchend und halbtodt
von Hitze und Mdigkeit daher kamen. Wir bedauerten sie, da sie nach einem
so copisen Male, so lange ber das halsbrecherische Pflaster hatten hinken
mssen. Ich lachte und dachte in meinem Innern, die hpfenden Wellen sind
doch besser als der holprige Weg.




Ein Ausflug nach Burnab.


  Smyrna den 20. September 1850.

Es war einer der schnen hellen Tage des Sdens, der Himmel rein, die Luft
warm und doch nicht drckend. Alles dies lud uns ein, das Anerbieten des
Consuls und Pascha's, einen Spazierritt nach Burnab zu machen, anzunehmen.
Um drei Uhr Nachmittag, nach einem strkenden Gabelfrhstck verlieen wir
das Verdeck des Vulkan. Bald hatte uns die Barke an Asiens Strand gebracht,
von wo uns einige Schritte zum Hause unseres Consuls fhrten. Hier warteten
unserer die Pferde des Pascha; es waren herrliche Thiere, in der reichsten
Zumung; die langen und breiten Schabracken strotzten von reichen
Goldstickereien, die Zume waren aus goldig glnzender Bronce, und die
Steigbgel aus demselben Metall stellten ganze Waffentrophen vor. Wir
setzten uns hoch zu Rosse und umgeben von einem bedeutenden Schwarm
trkischer Offiziere und einer Art irregulren Garde des Pascha, durchzogen
wir mit majesttischem Pferdegetrappel die Straen von Smyrna. Wir kamen
durch die Armenier-Stadt, um der Anhhe entlang in das freie Land
zu gelangen. Alles strzte zu den Fenstern und vor die Thren, die
herrlichsten orientalischen Physiognomien zeigten ihre neugierigen,
fein geschnittenen Augen hoffend, da sie einen asiatischen Frsten im
herrlichsten Anzuge einherziehen sehen wrden, whrend sie nur, o Ironie!
ein paar armselige Europer in quadrilirten Sommertrachten bedeckt mit
schwarzen Cylindern, auf den luxurisen Pferden Halil Pascha's erblickten.
Bald waren wir auf einem gar schnen, und -- schenkt man den Historikern
Glauben -- interessanten Punkte, auf dem hheren Theile Smyrnas, angelangt.
Es ist dies der von Platanen umschattete heilige Ort, an welchem der
erste Musensohn, der erste, von dem wir wissen, da er der Sprache die
bezaubernden Rosenfesseln des Rhythmus angelegt hat, an welchem Homer das
Licht der Welt erblickt hat. Ist es auch nicht der wahre Punkt, an welchem
der von den Gttern begeisterte Snger geboren ist, so ist doch wenigstens
die geschichtliche Fabel trefflich ersonnen; denn gar reizend wlbt sich
die Platane mit ihrem edlen schlanken Wuchse, ihren feinen glatten
Aesten, und der breiten, leichten, vielfach gezackten Bltterkrone an dem
diesseitigen Ufer eines Gewssers, whrend jenseits der stille, ernste
toderfllte Cypressenhain zum Himmel ragt; zudem erheben sich als Symbole
der spteren Geschichte zwischen den spitzen dunklen Bumen gleich weien
Geistergestalten die merkwrdigen Trken-Grber, whrend ber den Flu
die fr Smyrna so wichtige eigenthmlich gebaute und mit lebhaften Farben
bemalte Caravanenbrcke fhrt, ber welche tausend und tausende von Kamelen
die reichen Naturgaben auf den Stapelplatz der orientalischen Gewsser
bringen. Wir berschritten dieses alte Bauwerk und begaben uns in den
Todtenhain der Muselmnner. Ein eigenthmlicher Ernst, eine ergreifende
Wrde herrscht in diesen Rumen; in guter Ordnung und gehriger Entfernung
stehen die hohen Cypressen, diese lebenden und doch die Todesruhe
verkndenden Minarets des Pflanzenreiches. Zwischen denselben sind die
zahllosen Grber, welche aus aufrecht stehenden Steinplatten bestehen,
die meist auf und abwrts in einen Winkel auslaufen. Die Grber der Mnner
bezeichnen auf dem obern Theil angebrachte Turbane; die der Frauen sind
ungeschmckt wie berhaupt der Frau im Oriente keine Rolle eingerumt ist.
Vor mancher der Steinplatten erstreckt sich eine niedere Steineinfassung,
wie sie bei uns im Gebirge fter von Holz gemacht wird. Die neueren Grber
sind mit grellen Farben bemalt und statt dem Turban sieht man schon den
trkischen Fe darauf. Auf den Steinplatten stehn der Name des Todten und
Sprche aus dem Koran. Zwei Dinge gefallen mir bei den Trken: da sie
nie die Grber ihrer Vorfahren mit eigener Hand aufreien und vertilgen,
sondern dies Geschft der Zeit berlassen, und da sie keine steinerne,
beklemmende Platte den Gebeinen der Verstorbenen aufdrcken, sondern
sie dem Schooe der Mutter Erde anheimstellen. Ich ziehe einen solchen
Trkenfriedhof den unserigen weit vor; man findet hier viel mehr
Gediegenheit, Einfachheit und Naturreiz als in unseren Kirchhfen, wo man
oft eher geneigt ist zu glauben, man sehe ein theatralisch heidnisches
Freudenmonument, als eine christliche Grabsttte, oder endlich gar, wie
bei den Italienern, wo man auf einem groen mit Arkaden umgebenen Platz
die Reichern aufschichtet, whrend man dem Armen nur auf freiem Felde
einen Raum gnnt und sein Grab von dem eines Hundes nur durch eine kleine
nummerirte Holzmarke unterscheidet; will man Namen und Auskunft ber
einen Todten finden, so mu man in einem Bibliothekkasten, einen
Katalog nachschlagen lassen. Dies sind die Ergebnisse unserer groen
materialistischen Zeit, in welcher sich die Menschheit selbst als eine
von einem ungekannten Fluidum durchstrmte Fleischmasse betrachtet und
hiedurch, wie natrlich, die Achtung vor den todten Gebeinen verliert.
Unsere Vorfahren kannten noch den schnen Sinn, der sich in den
Trkenfriedhfen zeigt, und man findet denselben noch in manchen Theilen
des hohen Gebirges.

Wir verlieen die groen Cypressenhaine, bestiegen wieder unsere
schimmernden Rosse, und setzten unseren Weg nach Burnab fort. Wir
durchstreiften die fruchtbarste Gegend mit der ppigsten Vegetation; man
konnte sich hier den richtigsten Begriff von dem Reichthume der trkischen
Lnder machen; die herrlichsten Reben schlingen sich um die krftigen
Feigenbume; die berhmten Zuckermelonen von Smyrna wachsen zwischen dem
kornreichen trkischen Weizen; alles hat den Anstrich der Flle, doch sieht
man, da Mutter Natur die Hauptknstlerin in dieser herrlichen Kultur ist.
Hufig begegneten wir Kamelzgen und Maulthieren, mit den Frchten des
Landes beladen; von allen Seiten ward das Auge gespannt, berall erblickte
man Neues und Fesselndes. Als wir in eine breitere, nur mit einzelnen
Bumen bewachsene Ebene geriethen, fingen die mit langen Flinten und
Sbeln bewaffneten und bizarr gekleideten Garden des Pascha an, uns zu
umschwirren; immer rascher trieben sie ihre Pferde an, und hoben sie ihre
Stimmen zu wildem Geschrei; der Staub wirbelte unter den fliegenden
Hufen auf, und nach den verschiedenen Richtungen gegenseitig ihre Wege
durchkreuzend, gaben sie uns ein Bild kriegerischer Kmpfe; es nimmt sich
ganz gut aus, wenn solch ein brauner Sohn des Orients in der malerischen
Tracht, auf seinem kleinen feurigen Renner, zwischen den Bumen stubend
dahin fliegt, den Sbel schwingt, die lange Muskete zum Schusse anlegt,
sich in den khnsten Bewegungen hin und her schwingt und das wilde
Schlachtgeschrei ertnen lt. Wie bedauerte ich, da wir auf unseren
Parade-Rossen dergleichen nicht thun konnten; doch leider drfen diese
Reprsentations-Thiere nach trkischer Sitte nur im Schritte geritten
werden, indem sie der Pascha blos bei groen Gelegenheiten, wie beim
Einzuge in die Moschee braucht. Aus Artigkeit fr den freundlichen
Halil waren wir also verdammt, den ersten Theil des Weges im imposanten
Einzugsschritte mit zeitweiligen nicht sehr dazu passenden Lanaden zu
machen. Doch ward uns nach einiger Geduldprobe Hlfe verschafft; wir
kamen in eine Papiermhle und versicherten dort auf die artigste Weise den
trkischen Herrschaften, da wir gesonnen seien, diesen herrlichen Thieren
eine besondere Schonung angedeihen zu lassen. Artiger konnten wir die Sache
nicht wenden. Die Trken schienen hierber keineswegs bse zu sein, wir
sprangen von unseren Pferden ab und nahmen dafr leichtfigere Thiere aus
dem Gefolge, und nun ging es zu unserem Vergngen bald in einem schrferen
Tempo, und lachend und scherzend kam unser groer Schwarm im lebhaftesten
Gewhle nach Burnab. Dieser Ort, der Sommeraufenthalt der Franken, die
elegante =villeggiatura=, in welcher sich die verschiedenartigsten Stmme
Europa's dem Sommervergngen hingeben, liegt am Gebirge und sieht durch
seine vielen und reichbepflanzten Grten gar lieblich und heiter aus. Die
Ortschaft ist gro; nur Schade, da, wenn man in das Innere eindringt, man
von der Pflanzenflle und dem Huser-Comfort gar wenig steht, indem
alles mit hohen Mauern nach orientalischem Schnitte abgeschlossen ist. Im
trkischen Theile befindet sich ein Bazar, welcher jedoch schmutzig und
von kleiner Ausdehnung ist, so da das Innere der Straen gar wenig
Interessantes darbietet. Uns war es jedoch vergnnt einen tiefern Blick in
die Pracht und den Comfort der Bewohner dieser sdlichen Lnder zu thun.
Ein charakteristischer Unterschied zwischen dem orientalischen und dem
europischen Volke ist es, da die Bewohner Europa's mit ihren Schtzen
prunken, ihre Grten den Schaulustigen ffnen, gar hufig mit dem, was sie
durch ihr Geld erkauft haben, prahlen und alles Mgliche thun, um Leute zu
finden, welche das von ihnen Geschaffene bewundern. Der Orientale dagegen
huft seine Schtze mit stiller Eifersucht zwischen den vier schtzenden
Mauern auf, schafft sich daselbst ein Paradies, und geniet es im Stillen
mit den Eingeweihten des Hauses; hchstens erlaubt er der Fama, da sie
von den geheimnivollen unsichtbaren Wundern seines Hauses spricht. Dadurch
wird im Oriente das Niegesehene immer von Neuem bewundert, wenn in
Europa der Blick der Menge lngst davon gesttigt ist. Durch die Gte des
General-Consuls erhielten wir in den Garten eines sehr reichen Banquiers,
Namens B., eines gebornen Triestiners, Einla. Der Besitzer empfing uns
auf das Zuvorkommendste und fhrte uns in einen, in seinem Garten gelegenen
reizenden Salon, welcher uns das lebhafteste Bild des luxurisen Geschmacks
des Orients gab. Der mit Marmor belegte Boden war in zwei Abtheilungen
getrennt, so da der eine Theil erhht war. Hier lief lngs der Wand ein
Divan, zu dessen Fen reiche Teppiche gebreitet waren. An den mit einer
groen Anzahl Fenstern durchbrochenen Wnden hingen Armleuchter mit in
Goldrahmen gefaten Hohlspiegeln; in dem unteren Theile des Salons
befand sich ein fein gearbeitetes marmornes Doppelbecken, in welches
eilf Springquellstrahlen mit lieblichem Gepltscher niederrieselten. Das
abflieende Wasser derselben bildete auerhalb des Gebudes einen mit
Bumen beschatteten Teich, dessen von Stein ummauerte, ber den Boden
erhobene, von Goldfischen belebte Wasserflche sich unmittelbar an der
Fensterflur befindet. Durch diese Wasserflle ist es, da diesen reizenden
Salon eine immerwhrende wohlthuende Khle durchweht. Der Garten ist mit
Orangenbumchen und andern ppigen Gewchsen des Sdens bepflanzt. Nachdem
wir ihn durchschritten hatten, wurden uns in dem angenehmen Gartenhause die
herrlichsten Erfrischungen gereicht. Sie bestanden aus Gefrornem und dem
berhmten in Smyrna eingemachten Obste; es ist Sitte, dieses in allen
Husern bei der Ankunft fremder Gste zu reichen. Hierauf besuchten wir
das Haus eines Armeniers, von dessen Dachzimmer aus man die herrlichste
Aussicht auf das Thal, die Stadt und den prchtigen Golf hat. Glcklich
die Menschen, die dies Zauberbild von den Fenstern ihres Hauses aus sehen
knnen.

Auch der Garten des Armeniers ist ppig und giebt reichen Schatten; doch
das Schnste, was wir an reizender Natur sahen, war bei Herrn W., einem
reichen Englnder, der ebenfalls Kaufmann und Banquier ist. Als wir in den
Garten traten, fanden wir auf einem vor dem Hause gelegenen mit Cypressen
und anderen herrlichen Pflanzen reich umgebenen Platze eine elegante
Gesellschaft versammelt. Es war ein Bild des Wohllebens, wie diese Herren
und Damen in der herrlichen Abendluft sich dem =Dolce far niente= ergaben,
wie an ihrer Seite die Blumen den herrlichsten Duft verbreiteten, ein
Papagei sein lebhaftes Gefieder mit Stolz schttelte, die Bume still und
ruhig zum blauen endlosen Himmelsgewlbe ihr stolzes Haupt erhoben, wie das
schne mit einem Perron versehene Haus sich zwischen dem Grn zeigte, und
alles dies mit dem sdlichen Dufte und der reinsten Abenddmmerung in einem
stillen frohen Einklange stand; ein solches Bild prgt sich in das Herz
des Fremden ein und er denkt sich die Leute glcklich, welchen ein solcher
Wohnort zu Theil wird. Mistre W., die Schwiegertochter des Besitzers, eine
schne, wenn auch etwas zu starke Frau mit einem gar sanften, engelguten
Ausdrucke und regelmigen Zgen, kam uns entgegen und fhrte uns in
die Gemcher ihres Hauses. Hier herrschte europischer Luxus, in sdlich
wonnigem Klima. Die feinsten reichsten Mbel waren mit Geschmack und
Comfort gestellt; man sah es, da hier englischer Geist herrsche. Nach
einem ziemlich alltglichen Gesprch begab man sich wieder in den Garten,
welchen uns Mistre W. auf die freundlichste Art Gelegenheit gab zu
bewundern. Von einer Terrasse aus hatten wir abermals eine herrliche
Aussicht auf das Thal und die hohen Gebirge; diese schimmerten zauberhaft
im brechenden Lichte der vorgerckten Dmmerung. Als wir zurckkehrten,
wurden uns auch hier Confituren angeboten und Mr. W. Sohn, ein mageres
komisches Mnnchen mit weier Jacke und weiem Hute, stellte sich uns vor;
ein eigenthmlicher Kontrast zu seiner schwarzgekleideten, etwas starken
und doch schnen Frau. Nachdem wir den Garten verlassen und noch einen
andern durchschritten hatten, hielten wir uns noch einige Zeit bei Herrn B.
auf, worauf wir uns auf unsere Pferde schwangen und den Rckritt antraten.
Es war Nacht geworden, aber eine Nacht, wie keine Phantasie des Nordens sie
malen kann, eine Nacht, wie man sie nur an dem ppigen Strande
Kleinasiens mit Bewunderung geniet; klar bis in die Unendlichkeit war das
Himmelsgewlbe, kein Laut lie sich hren, Ruhe herrschte auf der
weiten Erde, Ruhe auf dem weiten Meere, und als Sieger ber den heien
lebensvollen Tag, stieg mchtig hinter Smyrna's edelgeformten Hhen
der groe, volle Mond auf. Scharf begrnzten sich die Schatten, silbern
schimmerte es durch das Laub, und wie mit einem Zauberschlag war das Land
in eine Mrchengegend umgewandelt.

Bald spornten wir unsere Pferde an, und im raschen Galopp ging es
wunderlich, grauenhaft heimlich, im unentschiedenen zitternden Mondlichte
der Stadt zu; wie ein Geisterreigen erschienen die Trkengrber zwischen
den dunklen, wehmthigen Cypressen; und nun ging's bis an die Stadt durch
einige ihrer engen Straen, und bald waren wir auf dem Verdecke des lieben
Vulkan, wo wir nach genossenem Male uns noch des herrlichen Anblicks auf
das silberglitzernde Meer, die weien, scharf beleuchteten Minarets und
Kuppeln, die groen Husermassen und die entfernten Berge erfreuten.




Beim Anblick von Corfu.


Der Morgen graute, die Sonne kam und ergo einen tiefen Frieden ber die
silberne Fluth und die hohen Berge Albaniens. Eifrig rauschte unser Dampfer
durch die salzigen Wellen. Rasch flogen wir an den kleineren Jonischen
Inseln vorbei, welche sich wie die Rcken groer Meer-Unthiere aus dem
Wasser erhoben; dann erblickten wir die uersten Spitzen der gesegneten
Insel Corfu. Eine ziemliche Strecke fhrt man lngs ihrer Ufer, bis man das
Festungswerk gewahrt, welches die Stadt krnt; dies englische Colonial-Fort
liee sich jedoch nur mit einer Dornenkrone vergleichen. Die Insel
besteht meist aus bergigem Terrain, und ist mit den frischesten, schnsten
Waldungen bewachsen; sie gewhrt dem Auge einen wohlthuenden Anblick. Das
ganze Land gleicht einem groen Park, in welchem sich einzelne freundliche
Ortschaften befinden. Auch diese sehen nett und wohlgebaut aus; sie machen
nicht den traurigen Eindruck mancher griechischer Drfer, welche vereinzelt
daliegen und sich in unregelmigen Formen aus dem uncultivirten Boden
erheben. Es ist ein erfreulicher Anblick, schn erbaute Villen inmitten
der sdlichen, von des Grtners Auge gepflegten Vegetation zu sehen. Dazu
kontrastiren die schn geformten Felsen an der Meereskste vortrefflich.
Man mu gestehen, da die Englnder es verstehen, allem, was ihnen
unterworfen ist, Cultur und Schnheit aufzuzwingen; denn auch das felsige
Malta soll mit dem frischesten Grn bersponnen sein. Je nher man der
Stadt kommt, desto mehr nehmen die Landhuser zu. In einiger Entfernung von
der Stadt war ein englisches Schiff geankert, welches auf einen im Meere
schwimmenden schwarzen Punkt Scheiben scho. Dieses kleine Seemanver
amsirte mich auerordentlich; es war komisch zu sehen, wie die Kugeln zehn
bis zwanzig mal hinter der Scheibe im Meere wieder aufhpften, so da es
wie Springbrunnen schumte. Nicht sehr oft trafen die seekundigen Britten
ihr freilich sehr kleines Ziel. Da wir die Schulinie passiren muten,
hegten einige die Besorgni, wir knnten getroffen werden; doch hielt
das Schieen, whrend wir durchfuhren, einige Zeit ein. Die, die Stadt
deckenden Felsen schwanden nun immer mehr und das schne Absteigquartier
der Britten entwickelte sich vor unseren Blicken. Schroff zeichnete sich
das hohe, spitze Fort auf dem blauen Himmel ab, terrassenfrmig breiteten
sich um dasselbe die herrlichsten Grten und schnst-gebauten Huser. Am
Fue dieser, die Stadt dominirenden Veste reihen sich steinerne Bastionen
aneinander, welche den Fluthen entwachsen; auf einer derselben, welche die
uerste Ecke bildet, befindet sich der prachtvolle Garten des Gouverneurs,
mit auerordentlich vollen und groen Bumen. Am Ende desselben gegen
die Stadt zu, steht ein groer, aus mehreren Trakten bestehender, grauer,
steinerner Palast, dessen Rume hohe grne Jalousien vor der Hitze
schtzen. Dieses weitlufige ernste Gebude ist der Sitz des Zwingherrn,
welchen die freie brittische Macht ber die armen Insulaner als Protector
gesetzt hat. -- Man glaubte in der Stadt, da wir landen wrden. Wir
steuerten aber in eine Art breiten Canals, welcher durch eine kahle,
felsige Insel unmittelbar vor der Stadt gebildet wird. Diese selbst hat
ein elegantes, reinliches Aussehen. Groe, schn gebaute Huser deuten
auf Wohlhabenheit und geben einen Beleg zu Englands praktischem Luxus und
kaufmnnischem Comfort. -- Den Ort umschlieen die lieblichsten dunkel
grnen Hgel, aus denen die freundlichen Cottages der Britten einladend
entgegen schimmern. Auf der, der Stadt gegenber liegenden Insel befindet
sich ebenfalls ein Befestigungswerk, in welches kein Fremder eingelassen
wird. Man erzhlte uns, da alle Morgen hundert englische Soldaten aus der
Stadt in Khnen auf diese Insel gebracht werden und Abends wieder zurck
kehren. Sie sollen der Regierung einen Schwur abgelegt haben und Niemand
wei, was sie auf diesem mysterisen Punkte zu thun haben -- man munkelt
jedoch, da sie durch einen Tunnel die beiden Inseln unter dem Meere
verbinden wollen. Unmittelbar vor der Stadt hielten wir einen Augenblick
an, um von einem dort ankernden Lloyd-Dampfer Nachrichten einzuholen, und
sogleich kam John Bull, mit wei angezogenen Matrosen dahergeschwommen;
es war der Hafen-Kapitn, der uns auf bereitwillige Weise die =Pratica=
brachte, um bei dieser Gelegenheit ein tchtiges Trinkgeld einzustecken.
Als man ihm antwortete, da wir auf keinen Fall landen wrden, wollte er
durchaus von unserem Kapitn erfahren, wer sich auf dem Schiffe befinde und
als er dies nicht erfuhr, ruderte er mit einem sehr finstern Gesicht
wieder ab. Whrend dieses Ruhepunktes konnten wir die Stadt mit aller Mue
betrachten; da es die Zeit der Siesta war, sah man auerordentlich wenig
Bewegung in den Straen. Auch die Zahl der Schiffe auf der Rhede war sehr
klein, da die Cholera auf den jonischen Inseln grassirte und hiedurch der
Handel auf einige Zeit gehemmt war. Bald schumten wieder unsere Rder und
fort ging es im Fluge.

Gegen das Ende der Insel nahen sich ihre Ufer der albanischen Kste; in
der Mitte dieses engen Gewssers befindet sich eine ganz kleine, bizarr
geformte Felsen-Masse, auf welcher ein ebenfalls ganz kleiner Leuchtthurm
ruht. Er fhrt einen sehr unappetitlichen Namen, man nennt ihn den
krtzigen, vermuthlich nach der eigenthmlichen Felsenbildung. Ein
Invalide vegetirt auf diesem kleinen Raume. Bald entschwanden die letzten
Spitzen der Inseln und frhlich steuerten wir unserem theuren Vaterlande
zu.




Zwei Tage in den Bocche di Cattaro.


Schon am frhesten Morgen warf ich mich in meine Kleider und war der Erste
auf dem Verdecke. Eine gesunde frische Luft, von Oesterreich's geliebtem
Boden, den ich zum erstenmal wieder erblickte, strkte meine Glieder und
mit stiller Wonne betrachtete ich den herrlichen Sonnenaufgang ber den
dunkelblauen Bergen Dalmatiens. Ein leichter, duftiger Nebel ruhte auf
den stillen Wassern und gab dem kommenden Gestirn einen rosig zauberhaften
Schein; doch bald fielen die hllenden Dnste und gro und prchtig
schien mir die Sonne in's dankbare Auge. Nun gab auch das neue Licht den
melancholischen Gebirgen Farbe und Leben; Felsen, Wlder und einzelne
kleine Ortschaften zeigten sich dem Blicke, der mit Ergtzen im Anschauen
des theuren Vaterlandes ruhte. Bald langten auch die Reisegefhrten an und
herzlich begrten wir uns auf sterreichischem Gewsser. Es erschien mir
als eine gute Vorbedeutung, da gerade bei der Ankunft im Vaterlande die
Sonne uns so prachtvoll und hell entgegenkam. Wir nahmen unser Frhstck
auf dem Verdecke in der heitersten Laune, und so kamen wir unter munteren
Gesprchen zu dem Eingange der berhmten =Bocche di Cattaro=. Durch einen
ziemlich schmalen Canal kommt man in die erste seeartige Meerenge. Der
Eindruck ist still und gro, wie der eines ruhigen reizenden Binnensee's;
man vergit das groe Meer hinter sich und vertieft sich mit Lust in den
Anblick der neuen lieblichen Landschaft. Hier sind nicht mehr die nackten
Felsen und gelben Flchen von Hellas, hier herrscht buntes, frisches
Leben und mige glckliche Civilisation. Man sieht nicht mehr die den
menschenleeren Rume; aus den ppigen Wldern erheben sich Huser, deren
Wohlstande man anmerkt, da sie unter dem sterreichischen Scepter stehen;
und doch hat auch der uncivilisirte Zustand Griechenlands seine besondern
Reize! Die belebte Landschaft unter sdlichem Himmel und die kahlen
rosenfarbenen Gebirge am blauen schumenden Meere von Lepanto, welch' ein
Kontrast! Gegen das Innere des Landes zu erheben sich hohe, felsige Berge
in uerst malerischen Gestalten, welche wohl ebenfalls in den hheren
Regionen kahl sind, jedoch mehr das Geprge des nrdlichen Gesteines
tragen. Gegen das Meer zu ist das Gebirge niedrig und hat runde, nicht
sehr schne Formen. Dasselbe ist meist von Myrten berwachsen. An den Ufern
ziehen sich frische grne Weinberge mit einigen Villen im italienischen
Geschmacke hin. Zwei Punkte sind es jedoch, die das Auge am meisten
fesseln: das malerisch gelegene Stdtchen Castelnuovo mit seinen eckigen
Forts, und das in byzantinischem Styl erbaute griechische Kloster Sabina;
ein hell erleuchteter Punkt im ppigsten Grn. Unser Schiff ankerte beim
Lazareth von Castelnuovo, welches sich eine halbe Stunde vom Stdtchen
unmittelbar unter dem Kloster am Meeresstrand befindet. Nachdem wir uns
einigermaen anstndig gekleidet hatten, fuhren wir ans Land und betraten
mit Jubel nach so vielen Erlebnissen zum erste Mal wieder den festen
werthen Boden Austria's. Unser erstes Ziel war das Kloster, welches unsere
Neugierde schon vom Schiffe aus gewaltig gereizt hatte. Wie angenehm waren
wir berrascht, die deutsche Eiche (=quercus germanica=) neben dem ppigen
Lorbeer zu finden und uns in deren wohlthuenden Schatten zu laben. Auch
Wiesen sahen wir nach so langer Zeit wieder, frische grne Wiesen, welch'
Entzcken! Und auf diesen Wiesen sprossen groe Orangen-Bume, umarmt vom
nordischen Epheu! Es war ein stilles, liebliches Pltzchen, das unmittelbar
vor dem Klosterthor lag: die lieblichste Vermlung der Schnheit des
Nordens mit der Glut des Sdens. Die heien Strahlen der Sonne wurden durch
das Bltterdach der Eiche in ein wohlthuendes Licht verwandelt, hie und
da blickte das tiefe Blau durch die Aeste auf einen weichen Sammetteppich.
Eine stolze Cypresse ragte in die reinen Lfte und zu ihrer Seite, an einer
alten Mauer, wiegte sich ein in der Frucht stehender Orangenbaum, dessen
Aeste den saftigen Reben zur Sttze dienten; spielend neigte sich die
glhende Granate an ihren zarten biegsamen Aesten herab. Am Fue des
leichten Abhanges ffneten sich die herrlichsten Blicke auf die ruhige,
spiegelklare See. Wir traten durch einen steinernen Bogen in einen
terrassenfrmigen Hof. Eine groe, eine kleine Kirche und das Kloster
erheben sich auf diesem Platze.

Durch Vermittelung unseres geflligen Kapitns lie man uns in das Innere
der Kirchen eintreten. Die zwei in dem Kloster wohnenden griechischen
Mnche fhrten uns umher. Einer derselben, ein ltlicher Mann mit langem
grauen Bart, sprach gebrochen italienisch, so da wir uns einigermaen mit
ihm verstndigen konnten. Im Inneren des Gotteshauses ist, der griechischen
Sitte gem, eine reich vergoldete Holzwand mit typischen Bildern vor
den Altar gezogen. Alle Christus- und Madonnenkpfe haben dieselben lang
gedehnten, nicht sehr schnen orientalischen Zge. Auerdem findet man noch
den geharnischten Georg und mehrere andere Heilige dargestellt. Einige der
hier befindlichen Bilder sind nicht ohne Kunstwerth. Von der Wlbung hingen
reiche silberne Lampen, Straueneier und plumpe Verzierungen aus Baumwolle,
goldenen und farbigen Bndern herab. Da ich den Mnch mit Erstaunen
um deren Bedeutung fragte, erwiederte er mir, da jeder Schiffer, beim
Auslaufen eines neuen ihm gehrigen Schiffes, einen solchen geschmacklosen
Zierrath an die Kirche spende. In der kleinen Kapelle, welche die zuerst
erbaute auf diesem Orte ist, befinden sich sehr schne fromme Gaben, unter
welchen sich besonders ein fein geschnitztes Kreuz und mehrere mit Juwelen
besetzte Bilder auszeichnen. Das Innere des Klosters, welches aus nur
wenigen Zimmern besteht, ist klein und in einem klglichen Styl gebaut.
Im Refectorium hngen einige alte schlechte Oelgemlde von russischen
gekrnten Huptern.

Wir nahmen Abschied von dem lieben alten Manne, der uns durch die heiligen
Rume geleitet hatte, betrachteten noch einmal die herrliche Aussicht
vom Klosterhofe aus, und setzten unsern Weg durch den Eichenhain nach
Castelnuovo fort. Unterwegs lockte uns eine kleine Capelle auf einer mit
Alon bewachsenen Anhhe an. Hier hatten wir den umfassendsten Rundblick.
Tief zu unseren Fen die begrenzte See; ber den mit Myrten bewachsenen
Hgeln schimmert silbern am blauen Horizont das unendliche Meer durch die
hheren Spitzen getheilt. Auf der einen Seite die mit Epheu umsponnenen
Mauern von Castelnuovo, nicht unweit davon trkisches Gebiet, auf der
andern Seite die Wasserstrae zu den brigen Bocche, an deren Ufern die
lieblichsten Villen hingestreut lagen, alles dieses von dem herrlichen
blauen Himmel berwlbt und von der mchtigen Sonne durchglht! Wendete man
sich um, so war die Aussicht gro, aber dster; die bizarrsten, bis in den
Himmel langenden, schauerlich grauen Felsengruppen zeichneten sich scharf
auf schwarzer Gewitterluft. Nur einzelne Huser hngen an der steinigen
Wand, umgeben von dunklen Cypressen. Das Ganze war geisterhaft, und doch
zog es das Auge mit dunkler Macht an. Diese Bergwnde schlieen, bis in die
Wolken ragend, die lieblichen Ufer der Bocche von dem dstern Montenegro
ab, welches theilweise schon auf den Bergspitzen beginnt. Die Aussicht war
so erhaben, einerseits mit sdlichen Reizen bezaubernd, andererseits durch
stolze Abgeschiedenheit Wehmuth erregend, da ich zu meinen Reisegefhrten
sagte, dieser Platz locke mich an, mir hier einst eine Villa in
venezianischem Geschmacke zu bauen, von deren Fenstern, Balkonen und
Terrassen man jedesmal eine andere Aussicht gensse. Dieser Vorschlag wurde
einstimmig mit Enthusiasmus aufgenommen. Wenn man reist, findet sich so
mancher Fleck auf der Erde, wo man in feuriger Bewunderung ausruft: Hier
lat uns Htten bauen! und viel zu thun htte man, wenn man berall diesen
heimlichen Wnschen nachgbe. Den Hauptreiz dieser Gegenden bildete das
glckliche Zusammentreffen der verschiedensten Naturerscheinungen: groes
Meer, stille, seeartige Gewsser, Vereinigung der sdlichen und nrdlichen
Vegetation, Palme und Eiche, Mittelgebirg und riesige Felsen.

Durch Weingrten und Haine bald steigend, bald sinkend, kamen wir endlich
zum Fort =spaniol=, welches Castelnuovo krnt. In der Nhe desselben
sahen wir ein verlassenes, dachloses Haus, dessen Wnde dermaen mit Epheu
bewachsen waren, da das Haus, wie die franzsischen Hecken, aus Bumen
geschnitten schien. Gleich daneben sa auf dem Wege ein uraltes Weib,
eine hexenartige Gestalt; sie ging uns um Almosen an; als wir sie nher
betrachteten, fanden wir, da ihr ganzes Gesicht mit kleinen Kreuzchen
bemalt war. Sie versicherte uns, der Pfarrer htte sie so gezeichnet;
vermuthlich geschah dies, um die arme Frau vor dem Aberglauben des Volkes,
welches in diesem Punkte in Dalmatien noch sehr zurck ist, zu schtzen.
Vielleicht ist dies Mtterchen der bse Geist, der in dem verfallenen, mit
Epheu besponnenen Gebude haust. Auf dem der Sonne ausgesetzten Castel war
eine glhende, drckende Hitze. Doch erfreute uns der so lange entbehrte
Anblick sterreichischer Soldaten. Die Weircke nehmen sich halt berall
gut aus, im tiefsten Sden wie im hchsten Norden. Wir besahen die
einzelnen Theile der Befestigungen, welche unter Carl=V.= von spanischen
Truppen gegen die Muselmnner gebaut wurden, nachdem der Kaiser das
Stdtchen Castelnuovo den Venezianern genommen hatte. Die vier Eckthrme
sind von einer auerordentlichen Festigkeit. In dem einen derselben
befindet sich eine sehr gut gebaute Cisterne; ber dem Eingangsthore ist
eine sehr schn ciselirte trkische Inschrift, welche von den Mohammedanern
gesetzt wurde, als sie das Fort den Spaniern abgerungen hatten. Beim
Eingange der Stadt befindet sich ein freier Raum, von welchem die
Volkstradition erzhlt, er sei fr die oft vorkommenden Zweikmpfe zwischen
Spaniern und Muselmnnern bestimmt gewesen. Die Stadt ist rmlich und
klein, mit engen und steilen Gchen. Am Ende derselben, gegen das Meer,
liegt abermals ein aus starken Quadern erbautes Fort, welches in trkischen
Hnden war; wir besuchten es ebenfalls. Auf allen diesen erhabenen Punkten
geniet man der schnsten Aussicht. Die innere Stadt ist ebenfalls mit
einer hohen Mauer umschlossen, durch die ein sehr steiles Eingangsthor
fhrt. Ueber diesen abschssigen, schlecht gepflasterten Thorweg soll einst
ein Bey im gestreckten Laufe hinunter gesprengt sein, man findet es fast
unglaublich; doch so unbehlflich ein Trke zu Fue ist, so gewandt und
keck ist er auf dem schuhartig beschlagenen Wstenrosse. Man zeigt auch dem
Reisenden eine roth bemalte Stelle der Stadtmauer, auf welcher die
Moslemin die blutigen Kpfe der Christen dem schaudernden Volke wiesen. Wir
verlieen die Stadt, fast verschmachtend vor Hitze, und kehrten durch
die khlenden Haine bei sinkender Sonne an den Mauern des uns so lieb
gewordenen Klosters vorbei, zum Lazareth zurck. Nun ging es sich gar
lieblich im stillen, friedlichen Abend. Erde, Meer und Lfte ruhten vom
schaffenden Tagesleben aus; und so thaten auch wir. Wir kehrten auf unser
Schiff zurck und strkten unsere mden Krper durch das auf dem Verdecke
aufgetragene Mittagsmahl. Nach Tisch verfingen wir uns in einen politischen
Streit, welcher einen Theil der Gesellschaft noch bis gegen eilf Uhr wach
erhielt. Des andern Tages in der Frhe setzte sich unser Dampfschiff wieder
in Bewegung, um uns in die brigen Theile der Bocche zu bringen. Kaum hat
man die Bucht, in welchem sich Kloster und Lazareth befinden, aus dem Auge
verloren, so ffnet sich ein neuer, vom Meere gebildeter See. An Schnheit
wohl der geringste, aber dennoch lieblich und freundlich. Die Berge, die
ihn umgeben, sind sanfter gewlbt, und sind Vegetation und Cultur ppiger;
fruchtbare Olivenwlder und reiche Weingrten, in denen sich die heiteren
Campagnen befinden, bedecken die sanft aufstrebenden Ufer. Dieser Theil
trgt mehr das Bild einer naiven Landschaft; den Gegensatz dazu bildet
die nchstkommende Bocche. Das Meer verengt sich zu einem mit hohen Felsen
umgebenen Canal; die laue Luft wird kalt und fast beengend, man glaubt sich
in ein Felsenlabyrinth ohne Ausweg verirrt zu haben. Pltzlich
erweitert sich das schroffe Ufer und man befindet sich in einem stillen
melancholischen Gewsser, welches einem abgelegenen Gebirgssee vergleichbar
ist. Die kahlen, rauhen Felsen zeichnen sich wiederspiegelnd in den tiefen
blauen Fluthen ab. Dem Eingang gegenber hngt ein niedlicher Ort an
der steinigen Wand. Auf diesem freundlichen Punkte ruht das Auge mit
Wohlgefallen; er gleicht einem zierlich gebauten Neste, an ernster
Kirchenwand. Auf dem blauen Spiegel ruhen zwei Inseln, auf welchen
sich Kirchen befinden. Der sonntgige Glockenschall begrte uns mit
christlichem Ernste; da wir auch eine Messe hren wollten, hielten wir
mit dem Dampfer, setzten uns in ein Boot und steuerten diesem Orte, Namens
Perasto, zu. Derselbe ist von den Venezianern erbaut und erinnert im
Kleinen an einzelne Theile der Hauptstadt des kaufmnnischen Volkes.
Die Sitze der Nobili, zierlich erbaute Palste mit Balkonen und maurisch
gemischten Fenstern, wechseln im lieblichen Gewirre mit einer fr diesen
Ort sehr groen Anzahl schn erbauter Kirchen, zwischen welchen sich einige
schlanke Cypressen erheben. Als wir an das Land stiegen, fanden wir eine
ziemliche Menge Volkes am Quai versammelt. Einzelne unter ihnen zeichneten
sich durch ihr schnes eigenthmliches Kostme aus. Die Trachten in
Dalmatien sind, wie berall im Sden, sehr mannigfach und originell. Als
wir nach einer Messe fragten, verwies man uns auf eine sptere Zeit. Wir
bentzten daher die Gelegenheit, einen Besuch auf einer dieser Inseln zu
machen, welche durch ihre Madonnenkirche berhmt ist. Das ganze kleine
Eiland gleicht einer schnen Terrasse, auf welcher die mit einer Kuppel
versehene Kirche im byzantinischen Styl ruht. -- Ein Fischer fand der
Legende nach das Madonnenbild auf einem kleinen unter der Terrasse
befindlichen Felsen; nachdem durch dieses Bild einige Wunder geschehen
waren, beschlo man, auf dem Gestein eine Kirche zu erbauen; da aber der
Raum zu klein war, warfen die frommen Brger von Perasto so lange Steine in
das Meer, bis sich aus dem Grunde hervor die kleine Insel bildete, auf der
sie nun die Kirche bauen konnten, welche in ihrem Innern mit sehr hbschen
marmornen Altren geschmckt ist. Doch damit die Fluthen nicht wieder
verschlingen, was mhselig zusammen geschleppt wurde, mu jeder
Schiffsbesitzer sein mit Steinen geflltes Fahrzeug bei der Insel in die
Fluthen ausladen. Als wir nach Perasto zurckkehrten, kndigte man uns an,
da wir die Messe fr heute versumt htten. Wir bestiegen wieder unseren
Dampfer und fuhren gen Cattaro. Aus dieser felsigen, melancholischen Bocche
kommt man in eine andere, an deren einem Ufer die schroffen Felswnde
bis Cattaro fortlaufen, whrend sich an dem andern eine der reizendsten
Landschaften dem Auge darbietet. Welcher dieser Bocche der Vorzug gebhrt,
ist schwer zu entscheiden; unstreitig ist aber die letzte die belebteste,
denn Haus an Haus steht lngs dem Abhange, mit zierlichen Grten umgeben,
in denen Palmen mit Cypressen und Orangenbume mit Granaten wechseln.
Einen besonderen Eindruck macht die Cypresse, welche bei den so hufigen
griechischen und katholischen Kirchen berall gen Himmel zeigt. -- Die
Huser, welche im frischesten Grn liegen, deuten alle auf Wohlstand;
sie gehren auch meist reichen Schiffskapitnen, deren Weiber zu Hause am
Spinnrocken plaudern, whrend die Mnner in den amerikanischen Gewssern
mit den Wogen kmpfen. Neben manchen Gebuden sieht man auch Schiffe,
welche auf eine glckliche Zurckkunft deuten sollen, in kleinen, gerade
fr die Gre des Fahrzeugs passenden Docks liegen. Ganz am Ende dieser
groen, langen und schnen Bocche liegt das Stdtchen Cattaro an einer
Felswand angelehnt, auf welcher sich in schwindelnder Hhe das Fort
befindet. Neben demselben geht eine, von der sterreichischen Regierung
gebaute, sehr kunstreiche Strae nach Montenegro, die bestimmt ist, den
Verkehr zu erleichtern; -- die Montenegriner aber lassen sie unbetreten
und ziehen es vor, die steilen Felsen hinunter zu klettern. Da Cattaro eine
Festung ist, sieht man beim Ankommen nur wenig von der Stadt, die auf einen
sehr engen Raum gebaut ist; man wre fast geneigt, es fr das Ende der
Welt zu halten, so umgeben es die drohenden Felsenmassen. Wir lieen unser
Fahrzeug auf einige Stunden halten. -- Auf der Rhede waren mehrere Schiffe,
unter andern der Dampfer Curtatone von der Kriegsmarine. Als wir gelandet
hatten durchliefen wir die Stadt, welche auer einem hbschen, halb
gothischen, halb byzantinischen Domportale und einigen im venezianischen
Style erbauten Husern nichts Bedeutendes aufzuweisen hat. Gegen vier
Uhr kehrten wir auf dem Wege, den wir am Morgen gekommen waren, bei der
herrlichsten Abendbeleuchtung zurck. Das Licht war gemildert und die
Konturen zeigten sich schrfer. Die verschiedenen Gegenstnde hatten noch
den sdlichen Anstrich, wenn gleich nicht in der Strke und Wrme wie
Griechenland. Dem felsigen Ufer, welches wir des Morgens unbercksichtigt
gelassen hatten, nahten wir uns jetzt mehr und sahen, da es groe
Naturreize aufweist, und an mehreren Orten mit den freundlichsten Drfchen
geschmckt ist. Abends ankerten wir wieder in der Bucht des Lazarethes.
Das Gefhl, welches sich in uns beim Anblick der Bocche geregt hatte, war
Staunen, da man bei uns in der Heimat nicht mehr von dieser herrlichen
Gegend wisse. Alles strmt nach Nizza, Florenz und andern halb sdlichen
Gegenden, whrend man nicht ahnt, da man im eigenen Vaterlande so viel
Schnes hat, welches allen Reiz der Vegetation vereinigt, und sich des
herrlichsten, immer sanften Klima's erfreut. Die venezianischen Palste
stehen leer, sie verlangen nur um 800 bis 1000 Gulden gekauft, und dann
bewohnt zu werden, um den Besitzern die herrlichsten Rumlichkeiten und
lieblichsten Aussichten darzubieten; aber nein, man rast in die Ferne, lt
sein Geld in Massen unter fremden Vlkern aufgehen, und begngt sich
mit einer schlechten Wohnung, nur um in der Fremde zu sein; fhlt sich
glcklich weil man sich modern findet und seufzt ber das uninteressante
langweilige Vaterland. Freilich ist die Civilisation in diesen sdlichen
Gegenden von Oesterreich nicht sehr fortgeschritten. Entschliet sich
aber einmal ein reicher, an Comfort gewhnter Mann, seine Wohnung hier
aufzuschlagen, so ist der Grund gelegt, und die Gescheidten werden sich
glcklich fhlen, ein solches Paradies, wo Palme und Eiche brderlich
wachsen, ihr eigen nennen zu knnen.




Ragusa.


Whrend des frhsten Morgens, im besten Schlummer, fuhren wir in den Hafen
von Gravosa ein, dem Hauptankerplatz der Stadt Ragusa. Als wir das Verdeck
erstiegen, sahen wir uns von sehr lieblichen Ufern umgeben; sanfte begrnte
Hgelketten schlingen sich um die tiefblaue Fluth, am Strande des Meeres
erheben sich Villen im venezianischen Geschmacke, umgeben von Cypressen und
andern sdlichen Gewchsen. Man kann nicht sagen, da die Gegend groartig
imposant ist, aber sie ist sanft und lieblich. Den Anblick der Stadt Ragusa
deckt die Hhe von Bella vista, wir muten uns daher an dieser Gegend
begngen lassen, was brigens fr einen Freund der Natur, wie ich es bin,
vollkommen lohnend war; der prachtvolle Morgen war blau, mild und wonnig.
Erst gegen Mittag besuchten wir die Stadt. So sehr ich mich auf den Anblick
dieses historisch interessanten Ortes freute, war ich doch recht froh, den
Morgen in der wrzigen frischen Luft, umgeben von der freundlichen Gegend,
auf dem Verdecke zuzubringen; wie sehr ich auch auf Reisen dafr bin,
jeden Augenblick zu bentzen, um sich umzusehen und seine Kenntnisse zu
bereichern, so ist es mir doch nicht unlieb, zuweilen einige Stunden unter
angenehmen Eindrcken in Ruhe zu verleben; denn es mu dem Reisenden, der
die Reise genieen will, die Mglichkeit werden, die erlebten Begebnisse
an seinem Geiste vorbeiziehen zu lassen, und sie in sein Tagebuch
aufzuzeichnen; nur durch solche Mittel prgen sich die gesehenen
Gegenstnde frs Leben in das Gedchtni ein, und wenn man lange wieder am
heimischen Herde sitzt, so blhen dann lebhaft und frisch die Erinnerungen
an das Erlebte auf. Ich machte es so, und arbeitete fleiig an meinem
Tagebuch. Mein Bruder mute leider diesen prchtigen Tag im Bette
zubringen, da er sich in der Bocche di Cattaro an dem Abend, als wir
Castelnuovo besahen, erkltet hatte. =Dr.= F. blieb den ersten Theil des
Morgens bei ihm, spter wanderte er mit K. ber die Bella vista in die
Stadt. Frst J. und Baron K. waren schon seit dem Morgen dort, um sich
die dem Lande eigenthmlichen Waffen zu kaufen und den, auf dem Schiffe
in folge des ziemlich groen Verbrauches mangelnden Wein, durch sehr
schlechten Dalmatiner zu ersetzen. Graf C. und ich blieben allein bei
meinem Bruder. Der aufmerksame =Dr.= F. hatte kaum die Stadt besehen, so
kehrte er wieder zurck und lste uns beim Kranken ab. Wir ruderten nun in
einer kleinen Barke auch dem Lande zu, und setzten uns in eine Calesche,
dem einzigen Wagen von Ragusa, um auf der vortrefflich gebauten, aber wie
frher erwhnt, ziemlich unntzen Kaiserstrae die Hgelspitze Bella vista
zu erreichen. Mit Recht fhrt der Punkt diesen wohlklingenden Namen, da
dort oben das Meer dreimal dem entzckten Blick erscheint. Von dem Punkt
aus strzen rasch die Felsen in die See hinunter, welche brausend und
schumend gegen die braunen zackigen Massen tobt. Auf denselben wachsen
hunderte von Alon, welche das Geprge des Sdens erhhen; zur Rechten
sieht man den lieblichen Hafen von Gravosa, ein Bild des Frohsinns; zur
Linken erscheinen die Kuppeln der Stadt, welche in einem kleinen Raume, am
Fue einer Anhhe erbaut ist. Auf dieser stehen Villen an Villen mit den
freundlichsten Grten umgeben, deren Zierde Palmen, Lorbeeren, Granaten,
Sensitiva's und andere sdliche Gewchse sind. An der uersten Spitze der
Stadt ragt ein hoher Felsen aus dem Meere, auf welchem das Fort S.Pietro
liegt. Der kahle Kamm der Anhhe ist von dem Fort Napoleone (oder
Fort =imperial=) gekrnt. Dies liebliche, durch das herrlichste Wetter
hervorgehobene Bild erinnerte mich lebhaft an die Beschreibungen und
Zeichnungen von Sicilien, whrend es von den griechischen Ansichten ganz
verschieden war. Auf dieser hier ruhte der Stempel des grandiosen und doch
lieblichen Italien, whrend die allgemeine Auffassung von Hellas schnen,
melancholischen, sehnschtigen Ernst ausdrckt. Wir waren aus dem Wagen
gestiegen und legten unsern Weg nach der Stadt zu Fue zurck. Die
Strae senkt sich ziemlich rasch, von Villen eingefat, zu den mchtigen
venezianischen Stadtmauern hinab. Man machte uns aufmerksam, da die
Landhuser durch eine Strecke leer und leblos aussehen; sie wurden 1805 von
Russen und Montenegrinern vereint geplndert. Die Franzosen vertheidigten
sich damals im Innern der Stadt. Da das Land arm und die Macht der Nobili
gebrochen ist, diese aber, weil ihre Besitzungen Majorate sind, dieselben
nicht verkaufen knnen, so sind die nackten Mauern der langsamen Zerstrung
der Zeit ausgesetzt. Durch zwei schief hinter einander stehende massive
Steinthore gelangten wir in eine breite, mit weien Quadern gepflasterte
Strae der innern Stadt. Wir glaubten nach Venedig versetzt zu sein. Gleich
am Beginne steht das im byzantinisch-gothischen Style erbaute Kloster der
Franziskaner; demselben folgt die schnste Reihe von Palsten der alten
Nobili. Ragusa war im Kleinen eine Republik wie Venedig, von Adeligen
beherrscht, an deren Spitze ein Doge stand, welcher jedoch alle Monate
neu aus den Senatoren gewhlt wurde. Whrend der kurzen Dauer seiner Wrde
durfte er die Rume des schn eingerichteten Dogenpalastes nicht verlassen;
nur bei einer bestimmten Festlichkeit zeigte er einen seiner Fe auerhalb
der Thre; diese Freiheit ist fr einen Prsidenten der Senatoren fast
einem Gefngni zu vergleichen; und doch ri sich jeder um die Wrde.
Damit aber keiner der Adeligen im Staate bermchtig werde, mute ein
Jeder seinen Besitz im Gebiete der Ragusanischen Republik an verschiedenen
Theilen zerstreut haben. In der Blthezeit franzsischer Herrschaft wurde
dieses aristokratische Institut aufgehoben; mit den brigen venezianischen
Landen kam auch diese einst selbstndige Stadt mit ihrem Gebiete an die
sterreichische Krone. Nun lebt nur mehr der Name der Nobili in deren
Shnen, die sich in den Prachtgebuden ihrer Vter rmlich erhalten. Der
Glanz ist geschwunden, aber der Ha zwischen den einzelnen Parteien der
Republik lebt noch in den machtlosen Enkeln fort. Wie sich alle inneren
Feindseligkeiten ausgleichen, wenn es gilt, sich gegen eine dritte Macht zu
vereinigen, so kokettirte im Jahre 1848 auch eine Partei in Ragusa mit
dem aufrhrerischen Venedig, mit dem die Stadt sonst in der grten
Feindseligkeit lebte. Von der an Palsten reichen Strae ziehen sich
schmale, finstere Gchen in die brige Stadt, und selbst diese engen
Verbindungen sind wieder durch schne Palste gebildet. Die breite Strae,
deren gutem Pflaster man ansieht, da es nie befahren wird, mndet auf den
pittoresken Platz der Moneta. Auch hier kann sich das Auge an der schnen
Architektur nicht satt sehen. Am bemerkenswerthesten ist das Mnzgebude,
mit den leichten venezianischen Bogenfenstern; die Hauptwache und neben
derselben ein schner steinerner Brunnen, in dessen zierlich gearbeitete
Becken leichte Springquellen das klarste und beste Wasser werfen; eine
architektonisch schne, wenn auch nicht groe Kirche, dem heiligen Blasius,
Schutzpatron von Ragusa, geweiht. Wir besuchten das Innere derselben, in
welchem mir am meisten die Stellung der Orgel auffiel, da sie unmittelbar
hinter dem Hochaltar an der Wand schwebt. Wir begaben uns dann auf die
=Piazza del duomo=, auf welcher der Dogenpalast, das Miniaturbild des
venezianischen und die Domkirche stehen; diese ist aus einem weilichen
Steine im rmischen Style gebaut. Man fhrte uns in eine mit Goldzierrathen
berfllte Kapelle in der Nhe des mittleren Schiffes, in welcher sich eine
unendliche Masse von Reliquien befinden, die durch Alter und geschmackvolle
Fassung merkwrdig sind. Etwas unangenehm zu sehen war der ganze Krper
eines Heiligen, dessen Hlle, mit Farbe und Wundmalen des Todes in Wachs
bossirt gezeigt wird. Die Geistlichkeit schien jedoch den Leib dieses
Heiligen besonders zu verehren. Mit Stolz zeigte man uns diese Sammlung und
wirklich habe ich auch noch nie so viele heilige Reliquien auf einem Orte
vereinigt gesehen. Unter den vielen sehenswerthen Dingen fiel mir eine
goldene Kanne nebst Becken auf; in diesem befanden sich die Symbole des
Meeres in dunklem Metall auf das zierlichste gearbeitet. Man sah Fische,
Eidechsen, Krebse, Molche und dergleichen Gethier. Ein Geistlicher drckte
mir sein Bedauern aus, da die Maschinerie dieses Kunstwerkes verdorben
sei, indem einst bei den Waschungen, in dem Augenblick als das Wasser auf
das Becken traf, die Thierchen durch die Kraft des Wasserdruckes lieblich
kreisten.

In der Perrckenzeit liebten die Geistlichen dergleichen bizarre
Kunstschtze, und in vielen Klstern findet man noch Gegenstnde dieser
Art. Von der Kirche gingen wir in den Dogenpalast. Zu ebener Erde luft
eine breite leichte Sulengallerie mit maurischen Bogen; einer der Pfeiler
ist aus dem Aesculaptempel von Epidaurus -- das heutige Ragusa vecchia, --
sein Capitl ist mit sinnigen =haut-reliefs= geziert, welche sich auf
die Kunst des heilenden Halbgottes beziehen. Einst hatte der Palast einen
zweiten Stock, welcher aber in dem furchtbaren Erdbeben 1760 einstrzte. Im
inneren Hofraume fhrt eine freie, sehr schne Arkadenstiege in den ersten
Stock. Am Fue derselben steht die hlzerne, leicht mit Blech berzogene
Bste eines Brgers der Republik, welcher derselben eine sehr groe Summe
vermachte. Fr eine solche patriotische That ist ein jeder Staat immer
auerordentlich dankbar. Die Pracht der innern Palast-Rume ist ganz
verschwunden, und statt eines Dogen herrscht jetzt in denselben ein
Bezirkshauptmann, bei welchem wir unsere brigen Reisegefhrten antrafen.
Sie hatten keine besonderen Waffengeschfte gemacht. Der Kreishauptmann
fhrte uns auf eine am Gebude befindliche Terrasse, von der man eine
schne Aussicht auf einige Palste, das Meer und den kleinen Hafen der
Stadt hat. Als wir den Herzogssitz verlieen, gingen wir an dem schnen,
aber ziemlich verfallenen Dominikaner-Kloster vorber, aus der Stadt
hinaus. Man wollte uns das am Meere befindliche Lazareth und den
Trken-Bazar zeigen. Der letztere ist ganz das Gegentheil von dem in
Smyrna; ein wster, leerer Raum, auf welchem die Trken dreimal die
Woche mit den Ragusanern Handel treiben. Zu meiner Freude sah ich einige
Mohammedaner in ihrer schnen Tracht hier versammelt, die mich an
mein liebes, schnes Smyrna erinnerten. In die Stadt zurckgekehrt,
durchstreiften wir noch einige palastreiche Gassen und beschlossen unseren
kurzen Aufenthalt in Ragusa mit einem Besuche im Franziskaner-Kloster,
welches sich an der Stadtmauer befindet. In der Kirche sind einige schne
Marmor-Altre. Das Interessanteste im Kloster ist jedoch ein Kreuzgang im
reinsten Style gebaut, welcher an den Wnden des Hofraumes herum luft,
und auf dessen leichten byzantinischen Sulen eine breite Terrasse mit fein
ciselirter Steinbalustrade ruht; sie dient den Mnchen zum Spaziergange. In
der Mitte des Hofes erhebt sich ein mchtiger Orangenbaum. Der freundliche,
uerst wohlwollende Prior zeigte uns jeden einzelnen Theil des Klosters,
worunter die neu errichtete Bibliothek von einiger Bedeutung ist. Beim
Thore fanden wir wieder unsere kostbare Kalesche und kehrten mit dem
Bezirkshauptmann ber die =Bella vista= nach Gravosa zurck. Ragusa hatte
mir mit seinen vielen historischen Erinnerungen einen sehr bedeutenden
Eindruck gemacht. Die Lage ist so schn, das Klima mild und die Stadt
berdie an Gegenstnden reich, die das kunstliebende Auge ergtzen. Der
Bezirkshauptmann begleitete uns auf das Schiff, da er uns nach Tisch die
berhmten Platanen von Canossa zeigen und des andern Morgens nach Curzola
und Sabioncello begleiten wollte. Wir htten uns gleich in Bewegung
gesetzt, da die Maschine schon geheizt war, aber unser guter K. hatte sich
so sehr in die Bibliotheken der Stadt vertieft, da er erst spt, zwischen
einem Franziskaner und Weltpriester, wie ein Strfling am Ufer erschien
und noch lange im Eifer des wissenschaftlichen Gesprches des Kahnes nicht
achtete, welchen wir um ihn sandten. Als er sich endlich wieder an Bord
einstellte, verlieen wir Gravosa und steuerten zwischen den Inseln
Callamota, Mezzo und Giupana nach Canossa, wo wir schon nach gesunkener
Sonne ankamen. Der Bezirkshauptmann erzhlte uns, da man noch heut zu Tag
auf der Insel Mezzo einen mantelartigen Ueberwurf Kaiser Carl's=V.= zeige:
ein hoher Beamte dieser Gegend machte seine Aufwartung bei dem Kaiser,
derselbe empfing ihn in der Eile in diesem Mantel und erlaubte dem
Aufwartenden, sich eine Gnade auszubitten; da damals noch Bewunderung fr
die kaiserliche Person herrschte, bat sich der Beamte den wei seidenen
Mantel, der des Kaisers Schultern bedeckte, zum Geschenke aus. -- Die
nchstfolgende Insel St.Andr ist rauh und kahl; die einzigen Bewohner
waren wenige Mnche in einem kleinen Kloster. Doch das Eiland ist durch
eine rhrende Geschichte, welche sich auf demselben zutrug, berhmt
geworden. Ein junger Nobile, der sich in den Mauern des Klosters befand,
wurde von einem Bauernmdchen, die das gegenber am Festlande liegende Val
di noce bewohnte, geliebt. Das Mdchen schwamm alle Abende ber die weite
Meerstrecke an einen Punkt, welchen ihr der junge Mnch durch ein Licht
anzeigte. Die Brder des Mdchens bekamen Kenntni von diesem Verhltni
und eines Abends, da die Schwester den Geliebten besuchen wollte, eilten
sie ihr in einem Kahne voraus. Als sie das Wasser von der Bewegung, die
sie im Schwimmen machte, rauschen hrten, zndeten sie ein Licht an. Das
Mdchen folgte dem leuchtenden Punkte und schwamm mit ngstlicher Hast auf
denselben zu. Die wilden Brder eilten jedoch immer weiter, die Schwester
dem Lichte nach, bis sie endlich zum Tode ermattet, in die Fluthen versank.
Sieht man die melancholische Gegend, das sanfte, blaue Meer, auf welchem
sich die letzten Strahlen der scheidenden Sonne brechen, so macht diese
traurige Geschichte einen tiefen Eindruck.--

Canossa ist der Landaufenthalt eines Ragusaner Nobile. Ueber einen
felsigen, uerst steilen Weg klimmten wir zum Eingange des Gartens hinan.
Hier herrschte wieder die sdliche Ueppigkeit im vollsten Mae. Mauerdichte
Laubgnge von Lorbeer und Buchs durchschnitten Wlder von blaugrnen
Oliven; gegen das Meer hin zogen sich lange Terrassen auf die schroffen
Felsen gebaut, und von Arkaden mit lieblichen Traubengewinden gekrnt.
Die frische, jugendkrftige Natur zeigte sich noch blhender im mystischen
Abendlichte. Wie wir die Haine mit stiller Bewunderung durchwanderten,
blieben wir pltzlich von Ueberraschung bewltigt stehen: wir befanden uns
vor der grten Eiche, die ich jemals gesehen habe. Zum Himmel strebt der
regelmige Stamm des riesigen Baumes, und erst in betrchtlicher Hhe
breitet er seine mchtigen Arme aus, die herumstehenden Bume mit seinem
Dache schtzend. Diese Eiche soll erst 150 Jahre zhlen. Ihr grnes,
reiches Laub wird also noch manche Generation erfreuen, da ja das
Sprichwort sagt: hundert Jahre wachse, hundert Jahre stehe und hundert
Jahre sterbe dieser Baum, auch trotzt er noch jetzt mit ganz jugendlicher
Kraft den Strmen der Zeit. Htte nur auch die deutsche Eiche diese Kraft,
die dem Baume von Canossa innewohnt! Wir lenkten unsere Schritte zu einem
mit einem steinernen Neptun gezierten Bassin. Die Springbrunnen, welche
einst die reichen Ahnen entzckten, fehlen den verarmten Enkeln, das
steinerne Werk einstiger Gre zerfllt nun zur Ruine; doch eben das gab
diesem Punkte ein melancholisch malerisches Aussehen. Durch die Risse des
Gemuers strebten Pflanzen aller Art und die Ketten des immer frischen
Epheu's hielten die lebensmden Steine und schlangen sich um die
verwitterten Glieder des trauernden Wassergottes. Es war eine gar wilde,
reizende Unordnung in der Umgebung dieses Platzes, aus der man sah,
mit welcher Lust die Natur sich der Kunst entledigt. Im stillen Abende
rauschten und flsterten die Bltter der Myrten und Granaten und erzhlten
sich wohl gar manches von der einstigen Pracht, welche in diesem Orte
waltete, als noch die Senatoren die freien Herrscher des Landes waren.
An den die knstlichen Brunnen ehemals speisenden Quellen stehn die
weitgerhmten Wunder der Gegend: die Platanen von Canossa. Es sind die zwei
riesigsten Bume Europa's. Mit ihren verzweigten, schattigen Aesten bilden
sie ein Gewlbe, unter welchem einmal ein ganzes sterreichisches Regiment
lagerte. Fr ihre ungeheure Gre sind sie noch jung, denn sie zhlen
ebenfalls nicht ber 150 Jahre. Der Umfang der ltern betrgt 27, der der
jngern 30 Schuh. Jeder Hauptast hat die Dicke eines betrchtlichen Baumes.
Zwei Aeste der beiden Bume sind in einander gewachsen. Die Rinde des
Hauptstammes ist frisch und glatt, und nirgendwo bemerkt man Spuren von
Alter. Die Platane ist schon an und fr sich ein herrlicher Baum, wie
zauberhaft erscheint sie erst in einer solchen Gre!

Als wir aus dem Garten auf unser Schiff zurckkehrten, war es finstere
Nacht; der reine, blaue Himmel hatte sich rasch mit schwarzen Wolken
umzogen. Wir fuhren nun die Nacht ber der Insel Curzola zu. Als wir
Morgens erwachten, befanden wir uns vor dem Stdtchen, welches den Namen
der Insel Curzola fhrt. Das Wetter war trbe und regnerisch, was keiner
Gegend vortheilhaft steht, besonders wenn sie so kahl ist, wie die Umgebung
der Stadt. -- Nach eingenommenem Frhstcke fuhren wir ans Land. Auch in
diesem Orte ist alles nach venezianischem Muster gebaut: hbsche kleine
Balkons, maurische Bogen mit grazisen Verzierungen und dergleichen
Schmuck, welcher dem Brgerhause einen unwiderstehlichen Reiz giebt. Unsere
Vorfahren haben diese Kunst verstanden und mit Recht konnte der rmste
Stdter das Aeuere seines Hauses malerisch, das Innere desselben wohnlich
nennen, wogegen die jetzige Architektur, selbst bei den Palsten kalt,
steif und unwohnlich ist. Nicht die gerade gemessene Linie und die
glatte Wand befriedigt den Schnheitssinn: das Auge sucht nach zierlich
geschlungenen Linien und heimlichen Ruhepunkten. Das altdeutsche Haus mit
Erker und Thrmchen und der venezianische leicht geschwungene
Fensterbogen, der auf den traulichen Balkon fhrt, sind mir lieber, als das
kasernenartige, wei angestrichene Gebude des 19. Jahrhunderts, welches
an die Kinderhuser aus Pappe erinnert. Mit den Zinsspekulationen und
berhaupt mit den Miethwohnungen hat die Poesie in diesem Fache aufgehrt.
Auch der Dom dieser kleinen Stadt erweckt durch seinen Bau Interesse. Als
wir in denselben eintraten, spielte irgend ein patriotischer Knstler
zu unserer Bewillkommnung den Radetzky-Marsch auf der Orgel, was sich in
diesen heiligen Rumen und auf diesem Kircheninstrumente gar sonderbar
ausnahm. Doch hre ich immer diesen Schwanengesang des verstorbenen Strau,
wo es auch sei, auerordentlich gern. Das Innere des Gotteshauses war
dster, aber ehrwrdig. In einer Seitenkapelle zeigte man uns, hinter
Sulen versteckt, einen schnen Titian. Wir bewunderten auch in diesem
Bilde die Farbenpracht und wrdevolle Composition des groen Meisters.
Beim Durchschreiten der engen und ernsten Gassen bemerkten wir an der Thre
eines verfallenen Palastes einen prachtvollen Thorhammer aus korinthischem
Metalle, welcher in knstlerisch ausgezeichneter Arbeit Neptun mit
zwei Meer-Rossen darstellt. Die Schnheit dieses Werkes ergriff uns
Kunstliebhaber so sehr, da wir von dem Instrumente Gebrauch machten, um
den allenfallsigen Bewohner der verfallenen Rume heraus zu beschwren, da
es in unserer Absicht lag, dieses Kunstwerk wo mglich an uns zu bringen.

Auf den ersten wohltnenden Klang des Metalles erschien kein dienstbarer
Geist, erst als wir anfingen strker zu poltern, ffnete sich die morsche
Thr und es zeigte sich eine gutmthige Hexe mit einem blinden Manne, ob
des Besuches sehr verwundert. Es mag auch schon lange Zeit verstrichen
sein, seit menschliche Wesen sich um diesen alten Herrn mit seiner Dienerin
erkundigt haben. Wir lobten den Meergott, was die Leute zu entzcken
schien; als wir jedoch um den Preis fragten, wollte der alte Herr nichts
davon wissen. Er versicherte, da ihm schon ein Englnder so viel
Silber geboten habe, als der schwere Hammer wiege. Dies erschreckte
uns einigermaen und wir empfahlen uns augenblicklich, um uns aus den
Stadtmauern hinaus auf den Schiffsbauplatz zu begeben. Hier werden sehr
viele und ganz vortreffliche Schiffe gebaut, welche der Stadt einen Ruf und
einen Werth geben.

Das Material kommt aus der Herzegovina und aus dem Thale der Narenta.
Der einzige Reichthum der Dalmatiner beruht auf dem schumenden, ewig
wechselnden Elemente, mit welchem sie ausdauernd im Kampfe stehen; sie
mssen auf den Fluthen ihr Glck suchen, da der grte Theil des Landes
ihnen nur glhende, unfruchtbare Steinpartien bietet. Wir kehrten nun auf
unser Schiff zurck und nherten uns der Halbinsel Sabioncello. Das Meer
war wieder bewegter geworden, daher der grere Theil der Gesellschaft
nicht den tanzenden Kahn besteigen wollte. Nur Graf C., Professor G. und
ich sprangen in das schaukelnde Fahrzeug und hpften beim strksten Regen
ber Berg und Thal dem Lande zu. Den Ort Sabioncello hatte man uns wegen
der merkwrdigen Kostme der Frauen gerhmt; es ist eigentlich nur eine
Reihe einzelner am Meere liegender Huser, welche von ppigen Grten, in
denen Palmen grnen, umgeben sind. Sie gehren reichen Schiffsbesitzern,
die den grten Theil ihrer Jugend auf Weltreisen zubringen und erst dann
mit Schtzen beladen einen gemchlichen huslichen Herd grnden. Wir traten
in das Haus des Podesta, welcher ebenfalls einst ein reisender Kapitn war
und dessen zwei Brder sich noch in diesem Augenblicke in Amerika befinden.
Der Zweck unseres Besuches war, eine der Trachten zu sehen, welche die
Frauen dieser Halbinsel schon seit Jahrhunderten unverndert tragen. Man
wies uns Sthle in einem recht reinlichen und anstndigen Salon an, welcher
mich an die Romane von Marryat erinnerte. An der Wand hingen Kupferstiche
in einfachen Rahmen, Seekarten und Perspective erhhten den Schmuck des
seemnnischen Zimmers, die Mbel waren von leichtem Holz und Rohr und mgen
wohl ehemals in der Cajte eines Schiffes gebraucht worden sein. Der Boden
war, wie auf einem Verdecke, auf das reinste gescheuert. Eine Glasthr
fhrte auf einen Balkon, welcher die Aussicht auf das Meer gab und von wo
gewi manchmal die Gattin dem kommenden Kauffahrer entgegen gesehen haben
mag; und noch jetzt ist es das Interesse und Vergngen des alten Kapitns,
mit seinem guten Fernrohr den Lauf der kommenden und gehenden Schiffe zu
verfolgen. Wir warteten nicht lange, bis die auffallend hbsche Tochter
des Podesta in der eigenthmlichen Tracht erschien. Auf dem Kopfe hatte sie
einen hohen Strohhut nach Mnnerart, an dessen schmalem Rande sich ein sehr
breites, farben- und faltenreiches Band aufstlpte und so denselben fast
ganz deckte. An der einen Seite des Hutes befanden sich fnf bis sechs
verschiedenfarbige groe Straufedern. Vom Rande des Hutes hingen an beiden
Seiten, in der Nhe der Ohren, kirschrothe leicht geschlungene Bndchen
herab. Zwei rabenschwarze Locken bildeten einen schnen Gegensatz zur
blendend weien Haut des feinen Gesichtes. Im reichen Zopfe steckten
goldene Nadeln nach Art der Rmerinnen. Um den weien Nacken schlangen sich
verschiedenartige Ketten von demselben Metalle; den Obertheil des Krpers
bedeckte ein brauner Spenser und ein kleines Tuch aus den schreiendsten
Farben zusammengesetzt. Das Mieder war ebenfalls vielfarbig und mit
goldenen Ketten und Mnzen geschmckt. Der Rock bestand aus einem rothen,
blauen und gelben breiten, horizontalen Streifen. Die kleinen Fchen
steckten in zierlichen Lederschuhen mit groen Bndermaschen geziert. Das
Ganze war ein Gemenge von bunten und schreienden Farben; wre der bizarre
Hut nicht gewesen, so knnte man die Tracht schn nennen. Bei Witwen ist
alles Farbige schwarz, doch die Form der Kleidung bleibt dieselbe. Graf
C. wollte als galanter Ritter das schne bescheidene Mdchen ansprechen,
leider verstand sie aber keine unserer Sprachen.

Unter einem reichen Ergu des Himmels kehrten wir befriedigt in unseren
schwimmenden Palast zurck und neckten die zurckgebliebenen Wasserscheuen
mit dem schnen Anblicke, der uns im Hause des Podesta zu Theil geworden
war.




Der vierte October auf offener See.


Um acht Uhr war die Stunde zur Abfahrt vom Hafen von Zara bestimmt. Es war
der Tag des Namensfestes unseres vielgeliebten Monarchen. Schon gestern
waren wir zu einem groen Diner beim Stellvertreter des Gouverneurs
eingeladen; derselbe brachte whrend des Speisens einen Toast auf den
Kaiser aus, welcher mit Jubel unter dem Schall der Musik und dem Donner der
Kanonen aufgenommen wurde. Heute kam noch in aller Frhe der liebenswrdige
Gastgeber, mit den brigen Generalen der Stadt, auf einer Barke zum Vulkan,
um von uns Abschied zu nehmen. Wir dankten ihm herzlich fr die rhrende
Freundlichkeit, welche er whrend der zwei Tage unserer Anwesenheit fr uns
gehabt hatte; denn er hatte alles aufgeboten, um uns auf irgend eine Art zu
unterhalten und uns das Andenken an diesen kleinen Ort angenehm zu machen.
Einen Tag war Soire und Theater, den zweiten fhrte er uns selbst in dem
Stdtchen herum, um uns die einzelnen Merkwrdigkeiten desselben zu zeigen.
Nach dem groen Diner, welches er uns gab, machte er mit uns eine Promenade
in die nicht uninteressanten Umgebungen von Zara. Am gestrigen Abend lie
er die Musik im beleuchteten Volksgarten spielen. Er hatte das Talent,
diese kleinen Feste wie aus der Erde zu zaubern; dadurch wurde uns der
Aufenthalt in Zara wirklich recht angenehm. Die Sehenswrdigkeiten des
Stdtchens sind nicht gro, obwohl es, wie alle Orte, welche unter der
venezianischen Botmigkeit standen, einige interessante Kirchen und
Festungswerke hat. Das Merkwrdigste der Neuzeit ist eine bombenfeste
Kaserne, welche sich durch ihren zweckmigen und schnen Bau auszeichnet.
Auch sehr schne Cisternen befinden sich unter dem Titel =cinque pazzi=
innerhalb der Festungsmauern.

Alle Flssigkeiten aus der Stadt vereinigen sich hier, werden mittelst Sand
filtrirt, und kommen in geniebarem Zustand heraus. Der Gedanke ist, wenn
auch nicht appetitlich, doch uerst sinnreich. Durch die =porta della
terra ferma=, welche im auerordentlich schnen venezianischen Style
aus schweren goldgelben Steinen aufgebaut ist, gelangt man, wie der Name
derselben ausdrckt, in das Land, welches in der Nhe der Stadt sehr flach
und monoton ist. Das Meer jedoch, welches jede Gegend mit einem eignen
Zauber hebt, die zahlreichen Inseln und die groen Bergketten, welche
Dalmatien von der sterreichischen Militrgrenze trennen, geben der
Landschaft besonders gegen Abend einen schnen melancholischen Ausdruck.
Die huser- und baumleeren Flchen erhalten durch die sinkende Sonne eine
Lilafarbe, welche ihnen einen schwermthigen Anstrich giebt, der zur Seele,
wenigstens zu meiner, spricht und sie mit einem sen Weh erfllt. Die
Vegetation ist arm und der Mangel an Wldern erinnert an die drckende,
ausraubende Herrschaft der See-Republik. Das Aufkommen neuer Baumkultur
vermindert leider die groe Anzahl von Ziegen, welche auer den Eseln die
Hauptviehzucht des Landes ausmachen. Durch den Mangel an Vegetation sengt
die Sonne berall und die Quellen sind versiegt.

In diesem Punkte, wie in vielen andern sind Dalmatien und Griechenland
vergleichbar. Beide sind in dieser Hinsicht zu bedauern und die Abhlfe
liee sich nur mit Gewaltmaregeln durchfhren, deren Nutzen das Volk erst
nach langen Jahren fhlen wrde; aber der Egoismus ist in der Welt zu weit
vorgedrungen. Alles denkt nur an den Augenblick. Und fr die Regierung,
wenn sie nicht vom Volke untersttzt wird, sind solche Maregeln eine
schwere Sache. Es gehrte hierzu der zhe, eigensinnige Wille einer
Frau, wie Englands Elisabeth, die in ihrem Eilande alle hlichen
und fehlerhaften Pferde umbringen lie, um die Race zu heben; es ward
durchgesetzt, aber freilich freuten sich erst die Enkel dessen.

Als es acht Uhr schlug und die Rder unseres Schiffes zu rauschen anfingen,
brachten uns die freundlichen Generale noch vom Ufer aus ein dreimaliges
Hoch, und unter dem Donner der Kanonen und den Tnen der Volkshymne,
welche dem Lande den Namenstag des Kaisers verkndeten, verlieen wir mit
aufgehiten Wimpeln die Stadt Zara. Es war ein imposanter Augenblick,
und stolz hob sich unser sterreichisches Selbstbewutsein. Gro ist der
Gedanke, da so ein Tag von den kalten Endspitzen Galiziens, bis in den
tiefsten Sden Dalmatiens gefeiert wird! Der Morgen war leider etwas trb,
das Meer jedoch zur groen Freude der Aengstlichen auerordentlich ruhig.
Den Vormittag brachten wir theils auf dem Verdecke, theils in den Cajten
zu, wozu uns ein unangenehmer Regen zwang, der das Verdeck berschwemmte.
Man schrieb Journale, rief politische Dispute hervor, welche gewhnlich vom
Graf C. ausgingen, und brachte so recht angenehm und heiter einige Stunden
zu. Als wir noch auf dem Verdecke dem schlechten Wetter trotzen wollten,
ward uns ein Schauspiel zu Theil, welches allgemeines Bedauern erregte. Wir
segelten gar weit vom Lande, als pltzlich ein armes Rothkehlchen ngstlich
um unsere Kpfe schwirrte; es suchte berall einen Ruhepunkt fr seine
matten Glieder, doch kaum hatte es sich auf ein Tau gesetzt, um sich etwas
Ruhe zu gnnen, so wich es wieder scheu vor den ihm neuen Gegenstnden
zurck. Zu einer Rckkehr auf das Land war keine Mglichkeit mehr. Es hatte
sich zu weit ber die trgerischen Fluthen gewagt. Mehrmals verloren wir
es aus dem Auge, doch bald erschien es wieder von Mattigkeit berwltiget;
endlich entschwand es unseren Blicken und fand vermuthlich in den Wellen
den Tod. Es erinnerte so lebhaft an den Eingang zu Lenau's Faust. Der
groe Dichter schildert dieses Bild mit so viel inniger Wrme und tiefer
Melancholie. Gern htten wir das arme Thierchen gerettet, doch ihm
beizukommen war keine Mglichkeit. Gegen die Essenszeit heiterte sich das
Wetter zu unserer groen Freude auf und wir konnten den schnen Tag nach
Mglichkeit feiern. Wir lieen die Tafel auf dem frisch geputzten Verdecke
bereiten, und setzten uns in voller Parade zum Male. Der Kapitn befahl,
die groen Kanonen zu laden um im Augenblicke des Toastes die Laute des
Geschtzes ber die Fluthen des sterreichischen Meeres donnern zu lassen.
Aus der Kellerprovision wurde der letzte gute Wein gereicht, mit dem man
whrend der Reise nicht sehr gespart hatte. An diesem Tage mute alles
glnzend sein; auch war er ja einer der letzten unserer schnen Reise,
die wir nur der Huld des Monarchen zu danken hatten. Alle Officiere des
Schiffes hatten wir zur Tafel gezogen. Um fnf Uhr versammelte man sich.
Die schweren Wolken, welche den Morgen getrbt hatten, zerstreuten sich an
Oesterreichs schnem Horizonte; alles war in der heitersten frhlichsten
Laune. Selbst mein Bruder, welcher vom hitzigen Fieberanfalle, Gott sei
Dank, wieder hergestellt war und der arme Kapitn, der sich seit einigen
Tagen leidend fhlte, erschienen. Heute wollte ja Niemand fehlen. In der
Mitte des Males erhoben wir uns, die Matrosen stiegen auf die Raen. Ich
brachte den Toast auf das Wohl des Kaisers mit innigem, vollem Herzen aus
und von allen Seiten des Schiffes, von oben und unten, tnte der freudige
Jubelschall, untersttzt vom Donner der Kanonen, und in demselben
Augenblick schwanden die Nebel und das Tagsgestirn stand glhend und
prchtig auf dem reinen Spiegel der sanften Fluthen. Himmel und Meer
erglnzten in goldener Pracht, und so vereinigte sich Wasser und Luft und
die scheidende Sonne, deren letzte Strahlen auf unseren hoch erhobenen
Champagner-Glsern wieder glitzerten, zur Feier des Tages. Nun folgte Toast
auf Toast und eine stille Wehmuth ergriff uns bei dem Gedanken, da wir zum
letztenmal an froher Tafelrunde auf dem theueren Vulkan sen. Auf jeden
neuen Jubelruf scholl die Antwort der Matrosen, welche auf dem Takelwerk
geblieben waren, gleich einem Echo, bis auch sie an die Reihe kamen und mit
Wein beschenkt wurden. Der Genu des feurigen Rebensaftes verfehlte seine
erheiternde Wirkung nicht, vom Ersten bis zum Letzten waren alle guter
Dinge, wie es sich an einem solchen Tag geziemt. Obwohl wir aus sdlichen
Lndern kommend, die Khle empfindlicher sprten, blieben wir doch noch bis
zum spten Abend auf dem Verdecke. Als es schon vllig dunkel war,
erscholl noch das Gott erhalte von den muntern und dankbaren Matrosen
in italienischer Sprache gesungen. Nachdem sie noch einige Liedchen
ausfhrten, begaben wir uns alle zur Ruhe der letzten Nacht, welche unsere
Reisegesellschaft hier zubrachte. Wie froh war ich, da wir wenigstens den
Abend noch so heiter und zufrieden verlebt hatten.


  Druck von Br & Hermann in Leipzig.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
wird gesperrt gesetzte Schrift "_gesperrt_" wiedergegeben, und Textanteile
in Antiqua-Schrift sind "=hervorgehoben=".

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Balcon"/"Balkon",
"Caravane"/"Karavane", "Caserne"/"Kaserne", "Costme"/"Kostme",
"Feste"(Burg)/"Veste", "Gebrden"/"Geberden", "Mahl"/"Mal",
"Meisel"/"Meiel", "Pirus"/"Pyrus",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 70/71:
  "Retterbottes" gendert in "Retterbootes"
  (erwartete man den taktmigen Ruderschlag eines Retterbootes)

  Seite 77:
  "keinesweg" gendert in "keineswegs"
  (der Anblick war keineswegs so freundlich feenhaft)

  Seite 98:
  "frckstcken" gendert in "frhstcken"
  (das knigliche Ehepaar zu frhstcken pflegt)

  Seite 111:
  "enem" gendert in "einem"
  (bald befand er sich in einem Sulenwalde)

  Seite 115:
  "von" gendert in "vom"
  (whrend in unmittelbarer Nhe der vom Rumpfe abgebrochene Kopf)

  Seite 121:
  "Ueberbleisel" gendert in "Ueberbleibsel"
  (lasen von der zerbrochenen Flasche Ueberbleibsel als Andenken auf)

  Seite 134:
  "." eingefgt
  (ein romantisches Ziel fr Spaziergnger. Die Aussicht auf Athen)

  Seite 136:
  "eben falls" gendert in "ebenfalls"
  (worauf wir ebenfalls diesen furchtbaren Punkt)

  Seite 145:
  "bber" gendert in "aber"
  (Der Rmer ist gro, aber erdrckend schwer)

  Seite 152:
  "Beiweis" gendert in "Beweis"
  (in dieser Einrichtung zeigt sich ein Beweis richtiger Berechnung)

  Seite 155:
  "Mosche" gendert in "Moschee"
  (Als wir die Moschee verlieen, um das Minaret zu besteigen)

  Seite 185/186:
  "inexbressibles" gendert in "inexpressibles"
  (Die =inexpressibles= von weiem Tuche mit Goldstreifen)

  Seite 194:
  "uaturgeme" gendert in "naturgeme"
  (Dandys werden ber dieses naturgeme Verfahren erschrecken)

  Seite 256:
  "," hinter "das" entfernt
  (erscholl noch das Gott erhalte)]






End of the Project Gutenberg EBook of Mein erster Ausflug, by 
Ferdinand Maximilian von sterreich

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN ERSTER AUSFLUG ***

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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

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Literary Archive Foundation

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