The Project Gutenberg EBook of Ratsmdelgeschichten, by Helene Bhlau

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Ratsmdelgeschichten

Author: Helene Bhlau

Release Date: April 30, 2015 [EBook #48827]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMDELGESCHICHTEN ***




Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net. This file was produced from images
generously made available by The Internet Archive.






                In demselben Verlage sind von _Helene
             Bhlau_ weiterhin folgende Werke erschienen:

   Herzenswahn. Roman. Ein Band, brosch. 3 Mk. 60 Pf., elegant
   gebunden 4 Mk. 60 Pf.

   Neue Preu. (Kreuz-) Zeitung: Es ist ein feines psychologisches
   Gemlde von der zartesten Stimmung.

   Schlesische Zeitung: ... Wie ein ergreifendes Gedicht liest sich
   denn auch Herzenswahn; keuscher und schner ist kaum die
   undeutliche Sehnsucht eines jungen Mdchens nach hingebender,
   alles umfassender Liebe gemalt worden, wie in diesem Buche ...

   Reines Herzens schuldig. Roman. Ein Band, brosch. 6 Mk., elegant
   gebunden 7 Mk.

   Illustrierte Frauen-Zeitung: Seit langem hat uns keine Erzhlung
   so angesprochen, wie diese schlichte sich in dem engen Rahmen
   kleinstdtischen Getriebes abspielende Geschichte. Als echte
   Dichterin verschmht H. B. starke Motive und uerliche
   Wirkungen; sie wirkt von innen heraus, von Herzen zu Herzen, und
   immer ist der Eindruck nachhaltig und tief.

   Im Trosse der Kunst und andere Novellen. Ein Band, broschiert
   3 Mk. 60 Pf., elegant gebunden 4 Mk. 60 Pf.

   Mnchener Neueste Nachrichten: Der Verfasserin mu zugestanden
   werden, da sie die von ihr gewhlten Stoffe vortrefflich zu
   behandeln versteht; auch ist ihre Diktion flieend, so da
   niemand bereuen wird, der Lektre dieser Novellen einige Stunden
   der Mue gewidmet zu haben.

   Neue Preu. (Kreuz-) Zeitung: Helene Bhlau besitzt in hohem Mae
   die Gabe der Naturwahrheit. Ihre Geschichten sind so fest umrissen,
   da man sich besinnt, ob man nicht den Urbildern schon begegnet sei
   ... Die Verlagsbuchhandlung hat mit diesem Buche eine sehr
   dankenswerte Bereicherung der modernen Litteratur gebracht.

                            Helene Bhlau.
                        Ratsmdelgeschichten.

[Illustration: Die Mutter der Rathsmdel. Nach einem Miniaturbild,
gemalt von _Dora Arnd_, Freiburg i./B.]




                         Ratsmdelgeschichten


                                 von
                            Helene Bhlau,
                        Madame al-Raschid Bey.

                           Sechste Auflage.

                 J. C. C. Bruns' Verlag, Minden i. W.
          Herzogl. Schsische und Frstl. Schaumb.-Lippische
                       Hof-Verlagsbuchhandlung.

           Alle Rechte, auch das der bersetzung in fremde
                        Sprachen, vorbehalten.

          Hofbuchdruckerei von J. C. C. Bruns, Minden i. W.

                       Meiner Mutter gewidmet.




                         Inhalts-Verzeichnis.


   Erste Geschichte.                                          Seite.
   Ein dummer Streich trgt zwei schnen Kindern einen guten       1
      Freund frs ganze Leben ein
   Zweite Geschichte.
   Es geschehen Dinge, ber die man sich in unsern Tagen          37
      verwundern wrde
   Dritte Geschichte.
   Handelt von der alten Kummerfelden                            107
   Vierte Geschichte.
   Die Ratsmdel laufen einem Herzog in die Arme                 137
   Fnfte Geschichte.
   Das Damengrtchen                                             155
   Sechste Geschichte.
   Wie Frau Rat ber das Leben, ber Erziehung und ber die      205
      ersten Liebesbriefe ihrer Tchter dachte
   Letzte Geschichte.
   Das Gomelchen                                                 227




                          Erste Geschichte.

   Ein dummer Streich trgt zwei schnen Kindern einen guten Freund
                        frs ganze Leben ein.


Mitten im groen deutschen Reiche liegt ein weit und breit berhmtes
Stdtchen, Weimar im Thringerlande. Da regierte, als meine Gromutter
noch ein Kind war, ein sehr kluger und guter Frst, der durch seine Gte
und Weisheit groe Dichter, die zu jener Zeit lebten, dazu vermocht
hatte, bei ihm in seinem Stdtchen zu wohnen. Und da er ein so beraus
kluger Herr war, den jedermann liebte und verehrte, so kamen Dichter und
Gelehrte gerne von allen Seiten, lebten in der Stadt des Frsten und
schrieben dort so herrliche Dinge, da alle Welt darber in Staunen
geriet. Und noch jetzt ist das, was diese Mnner damals gedacht und
gedichtet haben, das Schnste, was wir kennen, und wird noch lange,
lange Zeit das Schnste bleiben.

Von diesen Mnnern ist alles oftmals erzhlt und genau beschrieben
worden, und die Menschen werden in Jahrhunderten noch von ihnen reden.
Aber neben ihnen wohnten in jenen Tagen gar viele Leute in der Stadt,
von denen niemand mehr spricht. Die hatten auch ihre Freuden und Leiden,
auch ihre guten Stunden, fhlten und empfanden tief, waren froh und
litten, hatten auch Herzen wie jene. Sie sind gestorben und vergessen.

Ueber viele gute Leute waren damals schwere Zeiten hereingebrochen,
Krieg und Not. Einige wenige leben noch, die von den vergangenen Zeiten
zu erzhlen wissen.

Von solchen habe ich es erfahren, da damals in der engen, winkeligen
Windischengasse in Weimar, die von jung und alt nur Wnschengasse
genannt wurde, in einem hohen, schmalen Hause ein Herr Rat wohnte mit
Frau und Kindern. Es waren zwei Buben, die in der Schule schon in den
oberen Klassen saen, und zwei jngere Mdchen, welche Rse und Marie
hieen und von den Nachbarsleuten, von den Gassenbuben und von jedermann
die Ratsmdel genannt wurden. Und in der Wnschengasse und darber
hinaus war wohl keiner, der die Ratsmdchen nicht kannte und nicht recht
wohl wute, da sie ein paar wilde Kreaturen waren, die ihrer Mutter Not
machten. Spielten Rse und Marie mit den Schulbuben auf der Gasse, da
that sich wohl ein Fensterchen in dem Hause auf, vor dem sie gerade ihr
Wesen trieben, und eine Frau in groer Haube oder ein guter, alter
Nachbar, der bedchtig das Wochenblatt las, rief hinaus: Rse, binde
deine Zpfe zusammen! Marie, patsche nicht in den Pftzen! Wollt ihr
wohl, Rse und Marie, oder es setzt etwas, wenn's der Vater hrt! An
dergleichen Zurufe von seiten der Nachbarsleute schienen die Ratsmdchen
gewhnt. Es machte ihnen wenig aus. Im Gegenteil wurden sie desto
lustiger, thaten, was sie wollten, machten ihre Sache in der Schule
schlecht und waren in jeder freien Stunde auf der Gasse oder irgendwo
vor der Stadt zu finden oder auch nicht zu finden. Sie hatten beide
absonderlich dicke Zpfe, die hingen ihnen schwer am Rcken herunter,
und wenn sie miteinander in ihren Ginghamkleidern ber die Strae
schlenderten, und ein Gassenbube wollte mit ihnen Neckereien treiben,
oder sie waren mit ihren guten Freunden in Streit geraten, da langten
sie ihre Zpfe vor und fuchtelten damit um sich her, da so ein
Vorwitziger, der mit ihnen angebunden, allen Respekt davor bekam. Denn
ein fester, straff geflochtener Zopf hat schon seine Wucht, wenn er
einem Bengel ber Nase und Wangen fhrt.

Die Zpfe haben den beiden manchen Spa eingebracht.

Rse und Marie konnten sich in ihr brunlich blondes Haar, wenn sie es
aufflochten, wie in einen Mantel wickeln. Und eine vornehme Dame, die
Prinze Karoline, die den Herrn Rat und auch die Kinder kannte, lie die
beiden munteren Mdchen manchmal zu sich auf das Schlo kommen und hatte
sie eines schnen Tages, um sich mit ihnen zu vergngen, sich auf zwei
Schemelchen setzen lassen, ihnen das Haar aufgeflochten und um sie
herumgekmmt, da es ihnen auch die Gesichter berdeckte, auch die
Kleider und Fe und noch ein gut Stck auf der Erde hin lag. Darauf
hatte sie allerlei vornehme Leute hereingerufen und sie raten lassen,
was fr wunderbare, glnzende Geschpfe da vor ihnen kauerten. Der
Anblick mochte ganz eigentmlich gewesen sein, so da niemand recht
wute, was er davon halten sollte, bis die Ratsmdel verlegen aufstanden
und sich das Haar aus den heien Gesichtern strichen.

Die Ratsmdel, das wissen wir nun schon, waren ein paar lose Vgel. Sie
hatten aber auch in der wunderlichen Zeit Dinge erlebt, von denen
heutzutage kein noch so wilder Junge sich eine Vorstellung machen kann;
von einem Mdchen gar nicht zu reden. -- Eine gute Weile lang sah man
tglich fremdes Kriegsvolk durch die Straen ziehen und hrte Kanonen
und schwerrollende Pulverwagen ber das Pflaster fahren. Mit Herzklopfen
lauschten die Leute im Stdtchen auf den dumpfen Kanonendonner, der bis
nach Weimar drhnte, als bei Jena die furchtbare Schlacht geschlagen
wurde, in der Napoleon den Sieg errang.

Und spter, da gab es in der Wnschengasse oftmals russische Soldaten,
Kosacken, die hatten dort ihr Lager aufgeschlagen. Die kauerten des
Nachts auf Stroh und schnarchten, und ihre Pferde standen neben ihnen
und lieen die Kpfe hangen. Damals haben die Ratsmdchen auch
Plnderung mit erlebt. Als die Franzosen in Weimar wirtschafteten, haben
sie gesehen, wie mir nichts, dir nichts, die Franzosen nahmen, was sie
fassen konnten; -- wie sie aus des Vaters Hause kamen und die schnen
Schinken aus der Vorratskammer forttrugen, und diese Schinken hatten sie
gar an rosa und blaue Schrpenbnder gehngt und so ber die Schultern
geworfen. Die Schrpenbnder aber waren die, welche die Mutter den
Mdchen sonst Sonntags um die Kleider geknpft hatte! Als Rse und Marie
das vom Fenster aus gesehen, da kamen sie weinend zu ihrer armen Mutter
gelaufen, die bleich im Lehnstuhl am Ofen sa, whrend der Vater sich
drauen mit den Franzosen abplagen mute.

An demselben Tage, an dem dies geschehen war, hockten die beiden wieder
auf dem Fensterbrett. Sie waren allein im Zimmer. Da sahen sie, wie ein
paar Franzosen in dem Konditorladen, der Rats gegenber lag, sich zu
schaffen machten. Dieser Konditorladen war den Mdchen von jeher als das
Verlockendste erschienen, was es auf der Welt geben konnte. Er gehrte
einer alten Frau Ortelli, und die Mdchen schauten mit Spannung durch
die Scheiben, was die lrmenden, schwadronierenden Franzosen wohl
vorhtten. Da sahen sie, und der Atem stockte ihnen, wie die Soldaten
aus einem Kasten die schnsten Figrchen, bunte Mnnerchen und allerhand
farbiges Viehzeug, hast du nicht gesehen, mit vollen Fusten zur Thre
hinauswarfen, dabei lachten und schrieen.

Da so etwas berhaupt mglich sei, hatten die Mdchen sich nicht
trumen lassen. Ohne etwas darber zu reden, sprangen sie beide wieder
von ihrem Fensterbrett; Rse nahm ein blau-getupftes Tragkrbchen, das
ihrer beider Eigentum war und hinter dem Ofen stand, und sie liefen
stumm und eilig einmtig miteinander die Treppe hinab und sammelten
unten die Zuckerfigrchen. Da war schon von den Herrlichkeiten manches
von vorberziehenden Soldaten und Pferden zerstampft und zertreten
worden, aber wie Rse und Marie ber dem Sammeln waren, half ihnen ein
freundlicher Franzose, ein Soldat, dabei.

Sie hatten solche und andere ganz unglaubliche Dinge erlebt. Ein alter
Kosack, der bei ihnen im Quartier lag und dem diese Mdchen gut
gefielen, wollte ihnen einmal einen Spa machen und hatte sie in seinem
zweirdrigen Wagen, den er Kibitka nannte, mit ber Land genommen; und
das war eine Fahrt gewesen, die sie ihr Lebtag nicht vergessen konnten.
Das ging wie der Wind, wie der Blitz!

Der alte Kosack in seinem Pelzrocke hieb auf die Pferde ein, da sie nur
so rasten und da die Funken sprhten; -- so fahren die Kosacken! -- und
der zweirdrige Wagen stie und flog, und die Mdchen klammerten sich an
dem schmalen Holzsitze fest, und der Atem verging ihnen, so schnitt
ihnen der Wind bei der Schnelligkeit, mit der sie fuhren, an den
Gesichtern hin. Der alte Kosack lachte und sagte immer: Nix, nix! und
fuhr weiter und weiter, und die Bume und Felder schwirrten nur so an
ihnen vorber, so schnell ging es, wie noch kein Mensch in Deutschland
je gefahren war. Und als der Kosack sie endlich vor ihrem Hause
abgesetzt hatte, da zitterten sie noch.

Dann einmal hatten ihre Brder von einem anderen Kosacken ein Pferd um
achtzehn Pfennige gekauft, das hatte der durstige Kerl los werden
wollen, da er es wegen Futtermangels doch nicht behalten konnte. Wie die
Brder aber das Pferd mit heimbrachten, da gab es Zank bei Rats, und die
armen Buben muten ihren Gaul mit schwerem Herzen wieder fortschaffen.
Aber so darunter und darber ging es dazumal her, da die Schuljungen
fr ein paar Pfennige zu einem Pferde kommen konnten, fr soviel, wie
sie jetzt wohl fr ein Dutzend Schukugeln anwenden.

Mit dem Essen und Trinken hingegen war es schlimmer bestellt, das nahm
ihnen die Einquartierung vor der Nase weg. -- Es gab, wenn die Soldaten
im Hause lagen und mit am Tische aen, eine braune Mehlbrhe, in die
waren Fleischstcke und Brotstcke hineingeschnitten, die sich einander
an Gre gleichkamen, aber es wurde damit wie folgt gehalten: die
Fleischstcke fr die Soldaten, die Brotstcke fr Eltern und Kinder. --
Das waren bse Zeiten! Die Mutter hatte den Kopf voller Sorgen und hatte
Not und immer Not, das Essen zu schaffen, und wute nicht, wo sie die
Kleider hernehmen sollte; denn mit dem Gelde ging es knapp zu. Sie
konnte auch nicht immer nach den Kindern sehen, wie sie es sonst wohl
gethan htte und konnte nicht nachkommen, ob es mit ihnen in der Schule
gut stnde.

So war es geschehen, da die Mdchen ein bichen wild aufwuchsen. Auch
als die Zeiten wieder ruhiger wurden, blieben sie noch immer ein paar
rechte Rangen, schwnzten die Stunden, so oft es sich thun lie; wurden
von dem Lehrer ihrer Faulheit wegen tchtig abgestraft, machten sich
aber wenig daraus; spielten in einem Wldchen, das das Schnzchen heit
und nahe bei der Stadt liegt, die lustigsten Spiele mit allerlei
Kindervolk; schrieen und lrmten und hatten nichts im Kopf, als wie sie
ihre Tage recht munter hinbringen knnten. In dem Wldchen war es eine
Lust, wie sie lebten. Da gab es Gruben und Hhlen, dichtes Buschwerk und
tausend Verstecke; dort hatten sie sich eingenistet und spielten Ruber
nach Herzenslust, hatten dort ihre Schlsser und Burgen. Da gab es Krieg
und Verteidigung, es wurde gefangen genommen und befreit, und Rse und
Marie waren immer dabei. Eine Schande aber blieb es, wie wenig sie
lernten, und da sie sich nicht die geringste Sorge um ihre Faulheit
machten.

Da wohnte in der Wnschengasse eine Jdin, welche die Kinder unter dem
Namen die dicke Nanni kannten. Sie hie Nanni Veit und war eine ltliche
Person, die sich um alles kmmerte, was die Nachbarn thaten. Sie war im
ganzen gutmtig, nur etwas neugierig und schwatzhaft und stand in dem
Rufe, reich und geizig zu sein. Die war auf die Ratsmdchen nicht gut zu
sprechen; denn sie kannte auch Mariens und Rsens Lehrer. Und als sie
wieder einmal eines schnen Tages ganz besonders ihren Aerger ber die
Mdchen gehabt hatte, da war sie zu der Frau Rat hinbergegangen. Die
Frau Rat hatte die Jungfer in die gute Stube gefhrt, und Rse und
Marie, denen es aus guten Grnden gar nicht recht wohl ums Herz war, da
die dicke Nanni bei der Mutter sa, lauschten an der Thre und stieen
sich gegenseitig vom Schlsselloch weg. Was sie aber erlauschten, das
waren schlimme Dinge.

Die dicke Nanni sagte, nachdem sie ihre Meinung ber das Wetter
ausgesprochen und bemerkt hatte, da den Fruchtknospen nach heuer wenig
Obst zu erwarten sei, ja, Frau Rat, das ist nun so, und wenn Ihr es
nicht belnehmen wollt, da mchte ich Euch mit meines Herzens Meinung
kommen. Da Ihr es nicht zu wissen scheint, da Rse und Marie die Schule
schwnzen, so wre es gut, dchte ich, wenn Ihr es wtet, und deshalb
habe ich mich heraufgemacht. -- Ihr stellt Euch das nicht so vor, aber
der Lehrer wei sich nicht mehr zu helfen; da ist kein Auskommen. Ich
sage Euch, Frau Rat -- so ging es fort. Die Jungfer redete der guten
Nachbarin zu, ein strengeres Regiment zu fhren. Die Mdchens wrden
nun zu gro.

Bald muten Rse und Marie vom Schlsselloche weghuschen, denn der Vater
kam die Treppe herauf und ging ernst und gemessen, wie es seine Art war,
an den beiden vorber, die sich ganz harmlos an das Fenster gestellt
hatten, und ging auch in das Zimmer hinein. Nun wagten sie nicht wieder,
zum Lauschen an die Thre zu schleichen.

Sie gingen in ihr Kmmerchen, das eine Treppe hher lag, setzten sich
miteinander auf Rsens Bett und kamen berein, da es die dicke Nanni
unten durchaus nichts anginge, wie sie es mit der Schule hielten, und
da es von ihr heimtckisch wre, sie in eine so dumme Verlegenheit zu
bringen. So eine alte Klatsche! sagte Rse. Da hrten sie unten die
Thre gehen, faten sich ein Herz und schlichen sachte oben die Treppe
herab, so weit nur, um zu hren, was es gbe, ohne da man sie bemerken
knnte. Und sie hrten, wie die Mutter mit ihrer eigentmlich weichen
Stimme sagte, und jetzt klang die Stimme leise zitternd: Ich danke Euch
noch einmal, Jungfer Veit. Ihr meint es gut, und ich nehme es auch gut
auf. Es sind bse Zeiten gewesen, und man hat noch schwer daran zu
tragen. Ihr habt mir einen guten Rat mit der Concordia Loisette gegeben,
ich werde es mir berlegen.

Was denn? sagte Rse zu Marien. Was wollen sie denn mit der Jungfer
Loisette? Gar nichts! flsterte Marie und atmete tief auf. Noch nie
war die Stimme der Mutter Rsen und Marien so zu Herzen gedrungen, wie
eben jetzt. Sie hatte geweint!

Daran ist die alte Nanni schuld! dachte Marie und bog sich etwas ber
das Gelnder. Da hrte sie, wie die Nanni sagte, etwas schnarrend, wie
es ihre Art war: Da habe ich heute eine Eile, kaum da ich mir den Weg
zu Euch, Frau Rat, absparen konnte; mu ich jetzt noch mit meiner
Dorothee das Korn in die Mhle tragen, was denkt Ihr, und habe vorher
noch die Wsche zum Einsprengen zu bringen!

Geizdrache! rief Marie leise hinunter.

Und die Mutter sagte zu Nanni: Ja, Jungfer Veiten, das solltet Ihr
nicht thun, wozu haben denn die Mller die Stlle voll Esel? Ihr solltet
doch das Korn nicht selber tragen.

Ja, ja, Frau Rat, wo es einen Groschen zu sparen giebt, da sollte man
es wohl thun. Das sagte sie so etwas anzglich, wie es ihre Art war.
Und Rse und Marie hatten einen rechten Aerger auf sie; sie setzten sich
nebeneinander auf der Treppenstufe zurecht und trauten sich nicht,
hinunterzugehen.

In Weimar gab es zu jener Zeit gar viele Mhlen. Da war die Burgmhle,
die Federwischmhle, die Lottenmhle, die Gassenmhle und noch manche
andere. Damals kauften sich die Leute nicht fertiges Mehl, sondern
ungemahlenes Korn, das die Bauern Markttags in die Stadt einfuhren, und
jede Familie lie sich des Jahres ein paarmal ihr Korn in einer jener
Mhlen mahlen und bestellte sich den Mllerknappen, da er das Korn
abhole. Der kam dann und lud den Kornsack auf seinen Esel. Das war
natrlich fr die Kinder jedesmal ein Fest.

So ein Geizdrache! sagte Rse wieder. Schleppt das Korn selbst! Man
sollte ihr doch einmal einen Streich spielen und ihr alle Esel ber den
Hals schicken.

Du bist klug, meinte Marie, das mchte ich sehen, wie das anginge?

Wir bestellen sie, sagte Rse; das soll keine Menschenseele verraten,
da wir sie bestellt haben.

Da rckten die beiden Mdchen eng aneinander und flsterten und
zischelten und kniffen sich vor Freude in die Finger. Eine wurde
bermtiger als die andere, und es dauerte nicht lange, da schlichen sie
die Treppe hinab bis hinunter in den Hausflur und in dem Hausflur
stieen sie sich vor lauter Unternehmungslust ein paarmal gegen die
Thrpfosten; das war so ihre Art, sich miteinander zu vergngen. Darauf
liefen sie in bester Laune die Gasse hinunter auf den Markt und hatten
alle Not und Sorge vergessen. Dort trafen sie einen Jungen, der ihr
guter Freund war, den nahmen sie mit und vertrauten ihm alles. Dann
schickten sie ihn in die Federwischmhle und warteten drauen vor der
Thre und lieen ihn dem Mller sagen: Die Jungfer Veit in der
Wnschengasse will um sechs Uhr mahlen lassen, einsckiges Korn, und der
Esel mchte kommen. Dann gingen sie in die Lottenmhle, in die
Burgmhle, und berall mute der Junge dieselbe Ausrichtung machen. Als
sie aber vor der Gassenmhle standen, da sagte der Junge, er wolle
lieber nicht hineingehen, denn es htte mit Budang neulich etwas
gesetzt, und da htte er es abgekriegt. -- Budang war der Sohn des
Mllers, und der Mller hie Loisette; dessen Vater war franzsischer
Mundkoch am Hofe gewesen. Der Sohn hie Heinrich und wurde von Jungen
und Mdchen Budang genannt; weshalb, das war nicht recht bekannt.
Wahrscheinlich hatten sie ihm einen franzsischen Namen geben wollen und
kannten nur ein einziges Wort, das ihnen franzsisch vorkam, das war
Pudding, das Gute, Se, die Seltenheit, die mancher nur dem Namen nach
kannte. So mochte wohl aus Pudding Budang unter ihnen entstanden sein,
denn sie sprachen alle sehr schlecht miteinander, gerade so, wie es auf
den Weimarischen Gassen noch heute Mode ist.

Die Gassenmhle war ein wunderliches Haus, hatte den Giebel nach der
Strae zu, die sehr abschssig ist und der Bornberg heit. In einen ganz
kleinen, dunklen Hof fhrte ein schmales Pfrtchen. Durch den Hof aber
flo ein klarer Bach, der ein groes, dsteres Mhlrad trieb.

Die Gassenmhle hatte ein geheimnisvolles Aussehen, und man glaubte, da
es darin spuke.

In der Mhle wohnte der Mller Loisette mit seiner Schwester Concordia
und dem Sohne Heinrich, der auf der Gasse Budang genannt wurde. Der war
ein hbscher Junge und etwas lter, als die Ratsmdel, sehr zierlich,
mit krausem Haar und dunklen Augen. Er hatte sich den Schulbuben und
Mdchen gegenber in Respekt gesetzt; wodurch, wuten sie auch nicht
recht, aber sie hatten Respekt vor ihm. Er war ein vorzglicher Schler,
lie sich nichts zu Schulden kommen und wute, wenn es darauf ankam,
eine tchtige Faust zu fhren, so da manche von ihm schon etwas
versprt hatten.

Er gehrte aber nicht zu dem Volke, das in dem Wldchen sein Wesen
trieb.

Jetzt standen also Rse, Marie und der Junge vor der Mhle und keines
wagte sich hinein. Da kam der Mhlknappe aus dem feuchten, khlen Hofe
und stellte sich breitspurig vor die Pforte, um eine Pfeife zu rauchen.
Rse trieb den Jungen an, seine Ausrichtung zu machen, so da er wohl
oder bel gehen mute, um seinen Spruch dem Knappen zu sagen.

Die Jungfer Veit in der Wnschengasse will mahlen lassen, einsckiges
Korn, und Ihr mchtet ihr einen Esel schicken, um sechs.

Jawohl, sagte der Knappe, heute um sechs.

Da schaute aber Budang zum Fenster heraus und guckte ein bichen in die
Luft und sah, ganz ohne etwas zu denken, die Ratsmdel stehen, erkannte
den Jungen, dem er etwas aufgeblitzt hatte, und nickte ihm zu, als
wollte er sagen: Wir kennen uns schon.

Das war dumm, da Budang guckte, sagte Marie. Und sie gingen nun
langsam in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, wieder zurck.
Als sie die Treppe hinauf stiegen, rief die Mutter gerade nach ihnen,
und sie antworteten etwas kleinlaut. Kommt gleich herauf und geht in
die Stube, sagte die Mutter. Sie hatte eine Schssel in der Hand und
mochte wohl in der Kche noch zu thun haben. Geht nur, ich komme
gleich, sagte sie, als die Mdchen noch standen und unentschlossen auf
die Schssel blickten. Im Zimmer war niemand, und Rse und Marie
drckten sich, etwas unbehaglich gestimmt, am Fenster herum. Rse
spielte mit dem Fingerhut der Mutter, lie ihn auf dem Fensterbrett hin
und her rollen, bis er hinunterfiel, und Marie schnippte mit der Schere
einen festen, schnen Zwirnfaden in kleine Endchen. Es wurde ihnen mit
der Zeit beklommen zu Mute. Da kam endlich die Mutter herein und sagte:
Ich bin recht bekmmert Euretwegen. Ihr seid doch schon groe Mdchen
und solltet verstehen, da es Eurer Mutter manchmal sauer wird, mit
allem fertig zu werden; aber da mssen mir fremde Leute sagen, was fr
faule, ungeratene Kinder ich habe. Ihr macht mir das Herz recht schwer.

Rse und Marie, als wren sie bis dahin blind gewesen, sahen mit einem
Male, wie ihre Mutter so bla war, und wie sich schon ein paar graue
Fdchen durch ihr dichtes Haar zogen, und das bewegte sie. Sie sahen
auch, da ihre Augen rot geweint waren. Keine wagte etwas zu erwidern,
aber beiden klopfte das Herz, und sie wnschten in diesem Augenblicke
nichts weiter, als die Mutter mge nicht so traurig aussehen. Lieber
htten sie vom Vater einen gehrigen Sermon bekommen, der wrde ihnen
das Herz nicht so beschwert haben, wie die wenigen, ruhigen Worte der
Mutter, die dieser so ganz aus der Seele kamen.

Morgen, sagte die Frau Rat, werdet Ihr zu der Jungfer Concordia
Loisette gehen, die wird Euch Nhstunden geben und zweimal die Woche
einen franzsischen Unterricht. Ich ermahne Euch zu nichts. Macht, was
Ihr wollt! denn wenn Euch Euer Herz nicht sagt, was Ihr von heute ab zu
thun habt, ist jede Rede unntz. Damit ging die Mutter wieder an ihre
Geschfte.

So! Das meinte sie vorhin auf dem Flur, wir sollen zu den Loisettens,
sagte Rse und sah Marie bedenklich an. Das hat uns die Veiten gut
eingebrockt. Da schlug die Wanduhr in der Stube halb sechs, und beide
sahen vor sich hin und schwiegen.

Marie, sagte Rse kleinlaut, in einer halben Stunde sind die Esel
da. Wie sie Marien anblickte, sah sie, da diese eine erbrmliche Miene
zog, und da ihr eine Thrne schon bis herunter an das runde Kinn
gelaufen war. Hast Du Angst? fragte Rse mit etwas unsicherer Stimme.

Ja! sagte Marie schwer bedrckt, denn es war ein bses
Zusammentreffen, der Mutter bedeutungsvolle Mahnung, die Aussicht, schon
am nchsten Tage in der Gassenmhle zu Jungfer Loisette gehen zu mssen,
und der Unfug, den sie gegen die Jdin eingeleitet hatten. Wie bald
konnten sie nun erwarten, da die Mller von allen Seiten der Stadt sich
in der Gasse vor dem Hause der Jungfer versammeln wrden, und da es da
Hallo gbe, das war vorauszusehen.

Rse, die eine ruhigere Gemtsart als ihre Schwester hatte und sich
nicht so leicht aus der Fassung bringen lie, sagte: Ach was!
herauskommen wird es schon nicht, und was wird denn Groes dabei sein,
einmal einen solchen Drachen zu rgern. Wir gehen jetzt gleich hinauf zu
Corniceliusens, das waren Beutlersleute, die der Jdin gerade gegenber
wohnten, und wenn es losgeht, fuhr die leichtsinnige Rse fort, dann
laufen wir hinunter in die Thorfahrt und gucken durch die Spalte. Sie
machten sich also schnell auf die Beine, um noch hinber zu den Nachbarn
zu kommen. Diese freuten sich, als die Ratsmdchen bei ihnen eintraten,
denn sie standen auf sehr gutem Fue miteinander, und der Beutlermeister
sagte zu seiner Frau: Geh und hole doch von den Backpflaumen!

Die Ratsmdchen waren schon oft so regaliert worden; aber heute konnten
sie sich auch nicht zu einer einzigen entschlieen; denn vor lauter
Aufregung und Angst wurde ihnen das Schlucken schwer, und sie
betrachteten die guten Pflaumen, als wren es Kieselsteine. Sie wagten
nicht, an das Fenster zu treten, und stellten sich beide neben den
Meister Cornicelius, der an einer Bauern-Lederhose arbeitete, mit seiner
kurzen, festen Nadel und dem blankgewichsten Faden ausholte und in das
Leder einstach, stetig und unaufhaltsam, als wre er durch ein Uhrwerk
aufgezogen und knnte erst aufhren, wenn dieses abgelaufen sei.

Ja, ja, ja! sagte der Beutler und schaute whrend seiner Arbeit mit
einem freundlichen Blick zu den Mdchen auf, die neben ihm standen und
zusahen. Fr wen wird denn die Lederhose? fragte Rse, die es fr
ntig fand, etwas zu reden.

Die ist auf Vorrat, Rschen, erwiderte der Beutler, ohne innezuhalten.

Ja, was ist denn das? rief mit einem Male die Beutlersfrau und trat
ans Fenster. Kinder, kommt schnell einmal her! Den Ratsmdchen aber
wurde es angst und bange; da hatten sie die Bescherung. Unten vor der
Thre der dicken Nanni waren die Mller mit samt den Eseln angelangt;
die Jungfer war eben auch schon aus dem Hause getreten, und der Lrm
ging los. Die Nachbarsleute rissen die Fenster auf, wer auf der Strae
war, kam zugelaufen; es sammelte sich von allen Seiten, und Mller und
Esel waren bald eingeschlossen von neugierigen Gaffern, mitten unter
ihnen die dicke Nanni. Sie hatte ein weies Linnen ber dem Arme hngen,
und die groe Haube sa ihr schief auf dem Ohre.

Die war in Rage; der Tausend, das ging wie Semmelbacken! Da hatte, wer
nur den Mund aufthat, ohne da er ausgesprochen, seine Antwort und zwar
eine doppelt gesalzene und gepfefferte. Die Meisterin ffnete jetzt das
Fenster und drngte die Mdchen, damit sie ja alles sehen sollten, ganz
vorne hin. Der Meister machte sich auch in die Hhe und stellte sich mit
eingestemmten Armen hinter die Frau. So waren die Ratsmdchen gefangen
und muten, sie mochten wollen oder nicht, mit ansehen, was sie
angerichtet hatten. Sie htten es sich noch vor zwei Stunden nicht
besser wnschen knnen. Jetzt aber htten sie sich am liebsten
verkriechen mgen. Die Herzen waren ihnen ganz gehrig schwer; denn so
einen Straenlrm veranlat zu haben, das ist keine Kleinigkeit. Aber so
viel hrten sie aus all dem Zank unten heraus, da die Jdin sich von
den Mllern selbst zum besten gehalten glaubte; sie hatte kein gutes
Gewissen gegen die Mller. Diese mochten noch so sehr auf ihrem Rechte
bestehen, sie hrte nicht darauf, sondern, nachdem sie ihrem Herzen Luft
gemacht, stemmte sie den linken Arm in die Seite, schaffte sich, wie es
ihre Art war, tchtig Platz, verschwand in ihrem Hause und warf die
Thre hinter sich zu. Nun rsonnierten die Mller noch eine Weile
untereinander, und erst nach und nach wurde der Menschenknuel unter dem
Fenster lichter; die Mller mit ihren Eseln zogen ab, und alles verlief
sich.

Da geht auch Budang! sagte Marie schchtern zu Rse.

Ja! sagte Rse.

Als die Mdchen miteinander die Treppe hinuntergingen, um nach Hause zu
laufen, da stand, als sie aus der Thre traten, Budang da, trat auf sie
zu und sagte: Das seid Ihr gewesen! Ich habe Euch wohl gesehen! Jetzt
hier am Fenster und vorhin. Schmen solltet Ihr Euch! Jetzt trat er
ihnen noch einen Schritt nher. Wenn Ihr Jungens wr't, sagte er mit
zorniger, leiser Stimme, da setzte es jetzt etwas; darauf knnt Ihr
Euch verlassen!

Damit lie Budang sie stehen. Er sah nur noch, da Marien die Thrnen in
den Augen standen, und es auch Rse schon um den Mund zuckte, aber was
ging ihn das an.

Die Mdchen waren sehr betroffen, es htte ihnen gar nichts Schlimmeres
passieren knnen, denn Budang stand hoch in ihrer Meinung, und sie
hatten nur immer ihren rger gehabt, da er es nicht mit ihnen hielt.
Sie waren ganz zerknirscht von Budangs offenbarer Verachtung, wie er sie
gegen sie gezeigt hatte.

In einem trostlosen, reuevollen Zustande kamen sie zu Hause an; der
wurde ihnen ganz unertrglich, so da sie am liebsten laut geweint
htten, als bei Tische die Brder von der Eselgeschichte erzhlten und
ihren Spa daran hatten. Die Brder bekamen aber von dem Vater einen
starken Verweis. Er wolle nicht, da seine Shne sich an solchen
Rpeleien vergngten, sagte er, und so etwas von Scham und rger, wie
die Mdchen jetzt fhlten, war noch nie in ihnen aufgestiegen. So frh
es nur anging, schlichen sie sich hinauf in ihre Kammer. Den andern Tag
sollten sie zur Jungfer Loisette in die Mhle gehen und wrden Budang
begegnen; das stand ihnen mit Entsetzen den ganzen Abend vor der Seele.
Sie konnten darber nicht zum Einschlafen kommen, und Marie kroch vor
lauter Angst zu Rsen ins Bette, legte den Arm um die Schwester, und so
schliefen die beiden Schelme, als sie trotz aller Sorge und Not gar zu
mde wurden, ein und schliefen bis in den hellen Morgen.

Das war eine schwere Stunde, als sie am anderen Tage nach der
Vesperzeit, von der Mutter jede mit einer Nharbeit ausgerstet, zu der
Jungfer Loisette geschickt wurden. Als sie vor der Gassenmhle standen
und sich nicht hineinwagten, hofften sie von Minute zu Minute, da etwas
geschehen wrde, um sie zu retten. Rse hatte vor lauter Angst und Scham
grausame Ideen, da es ihr z. B. recht gewesen, wenn die Mhle mitsamt
der Jungfer und Budang so vor ihnen in die Erde hineingerutscht wre. --
Aber was half's; sie muten sich entschlieen. Zaghaft gingen sie durch
das kleine Hfchen. ber das mchtige Rad rauschte der kalte, klare
Mhlbach, und sie hrten das Mahlwerk klopfen und hmmern. Als sie in
die Mhle traten, fhlten sie, wie die Dielen leise zitterten, denn alle
Rder waren in Arbeit, und aus dem Mehlraum drang es wie feiner Staub,
und das ganze Haus roch krftig nach frischem, trockenem Mehl. Alles war
rein und sauber, die Treppen schneewei, und die Mehl- und Kornscke
lagen rings an den Wnden in Reih und Glied aufgeschichtet. Mit
klopfendem Herzen stiegen sie die blanke Treppe zum ersten Stock hinauf,
wo die Mllersleute wohnten. Rse fate Mut und klopfte. Herein! rief
es. Rse ffnete, und sie traten beide in eine groe, niedere Stube. Da
kam ihnen die Mamsell Concordia Loisette entgegen; sie war ein feines
Persnchen, sehr klein und schmchtig. Rse war fast schon grer, als
sie. Die Mamsell Concordia hatte ein frisches Gesicht und lebhafte graue
Augen.

Nun, da kommt Ihr, sagte sie, da wollen wir einmal sehen, wie es um
Eure Nherei steht! Die Ratsmdchen aber achteten kaum auf das, was die
Mamsell sagte, denn in der groen Stube am Ofen sa Budang an einem
Tischchen und drehte ihnen den Rcken zu. Er nahm keinerlei Notiz von
ihrem Eintreten.

Die Jungfer Concordia sah sich die beiden Ratsmdchen, die demtig und
geduckt nebeneinander standen, lchelnd an und sagte, indem sie sich an
Rse wendete: Nun, wie ist es denn gekommen, da sie Euch so Hals ber
Kopf hierher geschickt haben? Ihr habt es wohl ein bichen arg
getrieben?

Da wurden die beiden rot bis hinter die Ohren und erwiderten nichts.
Concordia hatte sie in einem scherzenden, lustigen Tone gefragt, der
ihnen gut gefiel, und sie bekamen gleich eine gute Meinung von der
Jungfer.

Concordia deckte den Tisch und setzte hbsche, bunte Tassen darauf, die
groe Kaffeekanne und ein Stck selbstgebackenen Kuchen.

Das ist zum Schulanfang, sagte sie.

Da es so zugehen knne, hatten die beiden armen Snderlein sich nicht
vorgestellt. Dann nahm Concordia noch ein Glas mit drei frischen Rosen,
das im Fenster stand, und setzte es neben den Kuchen auf das weie Tuch.

Den Mdchen wurde es ganz feierlich zu Mute.

Alle nahmen ihre Sthle, auch Budang, und setzten sich um den Tisch. Als
die Jungfer eben eingieen wollte, da fiel eine von den drei Rosen aus.
Sie hatte daran gestoen, und die schnen rosa Blttchen lagen auf dem
weien Linnen. Die Jungfer nahm ein paar davon und streute sie in Rsens
und Mariens Tassen, that ein Stckchen Zucker dazu, go Milch darauf und
sagte: Das ist etwas sehr Gutes, dergleichen bekommt man nicht alle
Tage. Nehmt Ihr auch ein Trpfchen Kaffee dazu? Da nickten die beiden,
und es gefiel ihnen trotz der Verlegenheit, in der sie sich befanden,
auerordentlich.

Als Budang sah, da seine liebe Tante Concordia so sehr freundlich mit
den Mdchen war, stimmte ihn das gegen die Rangen auch milder, und er
rckte ihnen die Kuchenschssel hin. Da sahen sie ihn bedenklich an und
wurden rot. Sie trauten ihm nicht recht. Die Jungfer aber, der diese
Feier unversehens zu gro geworden war, sagte: Eure Lehrer sollen ja
recht unzufrieden mit Euch sein. Die Jungfer Veit sagte mir, da ihr die
Schule schwnzt und am faulsten von allen seid --? Ist das wahr?

Da nickte Marie, und der gute Bissen blieb ihr im Munde stecken. Nun,
ich will Euch einmal etwas sagen, begann die Jungfer nach einer Weile
und hatte eine Stimme, so hell, wie ein Glckchen, das geht nicht mehr,
da Ihr so faul seid; denn sehr bald werdet Ihr ganz groe Mdchen.
Zeigt doch dem Heinrich manchmal Eure Arbeiten; der wei, ob sie
schlecht sind oder gut. -- Nicht, Heinrich? wendete sie sich an ihn.
Das thtest Du? Du siehst den beiden ihre Sachen manchmal nach? Da
fhlte Heinrich sich geehrt und sagte: Ja!, machte aber eine khle und
gleichgltige Miene dazu.

Nun saen sie mit der Lehrmeisterin ber der Arbeit, und Budang war
hinausgegangen, und sie hatten allerlei verfngliche Fragen betreffs des
franzsischen Unterrichts, den sie bei der Jungfer beginnen sollten, zu
bestehen. Als die Stunde zu Ende war und sie die Treppe hinuntergingen,
da rief ihnen die Jungfer Concordia nach: Geht nur, und lat Euch von
Heinrich sein Marmottchen zeigen; er wartet unten im Eselstalle.

Richtig, da stand Budang und sagte ziemlich mrrisch: Kommt nur herein,
da ist etwas! Schchtern folgten ihm die Mdchen. Das war eine
Herrlichkeit in dem Eselstalle. Sechs Esel und ein kleines Eselchen mit
einem lockigen, dicken Kopf, das ihnen ber alle Maen verrckt und
fidel entgegensprang. -- Was war doch der Budang fr ein glcklicher
Junge!

Da seht die Esel, sagte er etwas spitzig und sah die Mdchen leicht
spttisch von der Seite an.

Budang, begann Rse und nahm sich zusammen, wir waren's.

Budang antwortete nichts. Das war den Ratsmdchen eigentlich sehr
rtselhaft und etwas unheimlich. Aber er zeigte ihnen einen lebenden
Hamster, den er im Eselstall in einer Kiste hatte und den er das
Marmottchen nannte und sagte ihnen, das sei ein franzsischer Name und
hiee auf deutsch das Murmeltier. Er lie sich das Hamsterchen in den
rmel kriechen, aber er erlaubte nicht, da Marie und Rse das Tier
anfaten, und alle drei machten im Eselstalle miteinander ab, da Rse
und Marie den nchsten Aufsatz mit Budang zusammen arbeiten wollten und
bestimmten die Stunde dazu. Und wirklich half ihnen Budang so treulich
dabei, da Rse, die nebenbei gesagt, eine miserable Schrift hatte, vom
Lehrer darunter gesetzt bekam: Gut gedacht, aber schlecht geschrieben.
Das war ihr nicht ganz angenehm, denn sie mute Budang die Unterschrift
zeigen. Budang lachte aber darber.

So saen die dreie, des Mllers Heinrich und die Ratsmdchen, wie es
sich gerade traf, oben bei Rats im Dachstbchen, oder in der groen
Stube bei der Jungfer Loisette miteinander und arbeiteten. Das ging
anders wie frher, wo den Mdchen die Schule und alles, was damit
zusammenhing, ein rechtes rgernis war. Budang hatte eine
auerordentliche Lust zum Arbeiten, es ging ihm leicht von der Hand, und
es machte Rsen und Marien den Eindruck, als vergnge er sich damit. Nie
war er schlechter Laune dabei und immer eigentmlich liebenswrdig. Die
Ratsmdchen waren ber diese Erfahrung erstaunt und sahen in Budang eine
Merkwrdigkeit, von der sie nicht recht wuten, was sie davon halten
sollten.

Einmal, als die Mdchen mit Budang ber dem Arbeiten saen, betrachtete
sich Rse den Freund, der sich mit seinem Lockenkopf ber das Buch
gebeugt hatte, ernsthaft und kaute an der Feder. Budang sa ihr
gegenber, da fuhr sie mit ihrem Finger leise in sein dickes, blondes
Haar, so da er mitten in seinem Eifer aufblickte. Budang, sagte sie
noch immer nachdenklich, Du willst wohl so ein groes Tier werden, wie
wir hier so viele haben? Damit meinte Rse, die sich mit Vorliebe
schlecht auszudrcken pflegte, die weltberhmten Dichter, von denen ich
im Anfang erzhlt habe und die zu jener Zeit in der Stadt wohnten.
Budang verstand sie, denn er war an derlei Redensarten von ihr gewhnt
und sagte ernsthaft: Ja, wer das knnte! -- So dumm zu fragen. Du
fragst doch manchmal wirklich dumm. -- Ich werde Arzt! fgte er hinzu;
und er wurde es spter auch. So? sagten die Mdchen, und wieder einmal
erschien ihnen der Freund in einem anderen Lichte und auerordentlich
verstndig, da er schon mit aller Ernsthaftigkeit vorsorgte und ber
Dinge bestimmt hatte, die ihn heute und auch morgen noch nichts
angingen.

Budang war den Mdchen ein guter Lehrmeister, denn da er kaum lter war,
als sie, trat ihnen sein Ernst, seine Gte, sein heitrer Flei recht
nahe, und es kam ihnen vor, als wenn sich diese Dinge gut mit ihren
Jahren vertrgen, denn bis jetzt hatten sie gemeint, mit ernster Arbeit
und was damit zusammenhngt, habe es bei ihnen noch vllig Zeit. Von
Budang hatten sie, ohne da sie es recht wuten, mehr gelernt, als ihr
lebelang vorher, und sie waren jetzt bald daran, aus zwei wilden, faulen
Nichtsnutzen ein paar allerliebste Mdchen zu werden.

So ging der Sommer hin.

Anfang August wurde in Weimar, wie wohl auch anderwrts, ein Volksfest
gefeiert, das Schtzenfest. Auf einer Wiese vor der Stadt da waren
Schaubuden errichtet, und in jeder war etwas Merkwrdiges und Nrrisches
zu sehen. Schon wochenlang vorher hatten die Herrlichkeiten, die es zu
betrachten geben wrde, die Gedanken der Ratsmdchen beschftigt. Als
endlich der Tag herankam, da holten sie die frisch gewaschenen weien
Kleider aus dem Schrank, die Mutter half ihnen bei dem Anziehen, und
statt ihrer schwarzen Lederschuhe setzte sie ihnen grne nagelneue
Stiefelchen auf den Tisch und flocht ihnen in die langen Zpfe grne
seidene Bnder.

So aufgeputzt stolzierten sie miteinander ber den Markt, zunchst der
Gassenmhle zu, mit der sie sich lngst ausgeshnt hatten. Budang guckte
schon zum Fenster heraus und rief ihnen entgegen: Kommt rasch herauf
zur Tante Concordia, rasch! -- Und Ihr habt ja grne Bnder und habt
auch grne Schuhe! Da lachten die beiden ber das ganze Gesicht, denn
sie wuten gar wohl, weshalb die gute Mutter sie mit dem schnen
Schuhwerk berrascht hatte. Es war ihnen sehr wohl und frhlich ums
Herz, und sie sprangen die Treppe hinauf. Oben stand Concordia und hielt
zwei Krnze in die Hhe, die waren prchtig voll gebunden aus schnen
rosa Malven.

Da rief Rse auf den ersten Blick: Die Malven hat der Budang stibitzt!
Ich wei auch, wo er sie her hat. ber Goethes Garten, da stehen
welche.

Dummes Zeug! sagte Jungfer Concordia. -- Aber ich glaube beinahe, es
war etwas Wahres daran, denn der Budang guckte so schlau. -- Die Jungfer
fhrte sie vor den Spiegel und drckte ihnen die Krnze fest in die
Stirne und sagte mit ihrer glockenhellen Stimme: Ihr seid doch
prchtige Mdel, Ihr Ratsmdchen, und nun macht, da Ihr auf das
Schtzenfest kommt!

Auf der Vogelwiese war ein Gedrnge, es schnurrte, lrmte und schrie von
allen Seiten und schon von weitem. Wie sie mit Budang die breite Allee
hinaufgingen und noch nicht recht wuten, wo sie ihren Groschen
anbringen sollten, da sahen sie zwei Mnner kommen: der eine, klein und
untersetzt, auf der Brust einen prchtigen Stern, der andere von
mchtiger Gestalt, stattlich im langen blauen Gehrock. Und alles machte
den Mnnern ehrerbietig Platz. Budang und die Ratsmdchen wuten gar
wohl, wer ihnen da entgegenkam. Der kleine war Karl August, der gute und
weise Frst, Groherzog von Weimar; der andere Goethe, der Dichter.
Budang zog die Mtze und sagte: Da kommen sie!

Und da waren sie auch schon ganz nahe, und die Mdchen standen und
knixten, und Budang wute nicht, was fr ein Gesicht er machen sollte,
als Karl August Rse und Marie an die Hand fate und sagte: Ei, da seid
Ihr ja auch, Ihr Mdchens. Kommt einmal mit! Und Du kannst auch
mitkommen! wendete er sich an Budang, dem das Blut zu Gesichte stieg.
Am Wege unter den Bumen stand die kleine, grne Jagddroschke von Karl
August, die jedermann kannte. Der Groherzog rief den Kutscher und lie
die Kinder sich hineinsetzen, hob selbst die zierliche Rse in den Wagen
und nickte ihr zu. Nun zu! rief er. Nun fahr Er die Blge einmal
tchtig in die Runde und schaffe Er sie wieder hierher! Ganz so sagte
er und nichts anders. Jetzt fuhren die dreie in der berhmten Droschke
ber die Vogelwiese und waren gar zufrieden mit sich und aller Welt; und
die Mdchen freuten sich, da Budang mit ihnen war; denn sie hatten ihn
lieb und wuten, da er es gut mit ihnen meinte. Und alle dreie hielten
sich an den Hnden, so halb aus Freude und halb, weil es sie verlegen
machte, mitten durch die vielen Leute zu fahren, und sie saen geputzt
nebeneinander, und die Sonne schien, und alle schauten ihnen nach. Das
war ein herrlicher Tag.

Die dreie aber blieben in guter Freundschaft ihr lebelang und gedachten
der glcklichen Jugend, als sie miteinander alt geworden waren.

Und das alles hat mir meine Gromutter erzhlt, und da ist kein Wort
hinzugesetzt. Sie hat das alles miterlebt, denn das Ratsmdel, die Rse,
ist meine liebe, gute Gromama.




                          Zweite Geschichte.

   Es geschehen Dinge, ber die man sich in unsern Tagen verwundern
                                wrde.


Das war eine schne, urwchsige Zeit, in der man zu Weimar lebte. Von
allen vier Windseiten ging Frische, die ganz Deutschland durchwehte,
auch ber das kleine Nest.

Es war kurze Zeit nach Beendigung des Freiheitskrieges, kurze Zeit nach
des groen Napoleons Sturz, und die Befriedigung, etwas erreicht und
errungen zu haben, lag wie eine gute, gesunde Luft, die jeder zu seinem
Wohl, zur Strkung seiner Menschenwrde und Kraft einatmen konnte, ber
den Landen ausgebreitet. Den Gemtern, die jahrelang unter Druck und Not
gelitten, die um ihr Hab und Gut und ihre Sicherheit sich gengstigt
hatten, war in dieser Zeit, von der ich rede, auch der Rausch des
Befreitseins und der Begeisterung geschwunden und hatte sich in das
Gefhl einer allgemeinen Genesung umgewandelt. Und welche Frische,
welche Hoffnungskraft erhebt sich in einem Menschen, der nach langer
Trbsal, nach schwerem Drucke gesundend aufatmet! und ein ganzes Volk,
das zu Leben wieder erwacht, welcher Reichtum, welche berflle an
Freude, an Heiterkeit, an Leichtsinn entfaltet sich da!

Der Ausdruck von Elend, von Aufruhr, der einstimmig aus den Vlkern sich
erhebt, ist die gewaltige Sprache, die das Menschengeschlecht mit dem
Schicksale spricht. Kein Donner der Elemente ist so groartig drohend,
wie die einige Stimme des murrenden und in Elend gesunkenen Volkes. Und
kein Ausdruck der Freude ist so mchtig, so herzerquickend, wie das
Aufleben des zu neuem Behagen erwachenden Volkes.

Kein Sonnentag gleicht der heiteren, lebendigen Ruhe, die nach Angst und
Kampf ber Drfern und Stdten liegt; das Unbedeutendste ist in solcher
Zeit Trger und Verknder einer groen Errungenschaft.

Jede frohe Scene zeigt uns das Gedeihen von Generationen, zeigt uns,
da die alte, bewhrte, auf hohe Ziele deutende Kraft des
Menschengeschlechts wieder siegreich durchgedrungen ist.

In der kleinen Stadt Weimar aber hatte diese Kraft gerade in den Jahren
der Bedrngnis ihre hchste Offenbarung gegeben; ungestrt von den
tiefgreifenden Unruhen ihrer Nation lebten in den Mauern des Stdtchens
die hervorragenden Menschen, die durch ihr Leben und ihr Wirken
verkndeten, da die Sterblichen Schpfermacht in sich tragen, da sie
dem, was wir gttlich nennen, verwandt sind.

Aber nicht jene Groen sind es, von denen ich erzhlen will, sondern
denen wende ich mich von neuem zu, die, whrend die Gewaltigen fr
Ewigkeit und Ruhm lebten, unscheinbar sich ihres unscheinbaren Daseins
freuten; denen neige ich mich zu, die vergessen sind; denen, deren
Lieblichkeit, Hoffen und Trumen wie Bltenregen niedersank, im
Niederfallen schon vergehend. Die beiden Ratsmdel sind es, die Rse
und Marie, mit den dicken Zpfen, die aus jener vergangenen Zeit wieder
auftauchen sollen, die beiden schelmischen Kinder, die in den
Kriegsunruhen aufgewachsen sind, die in ihrer Kindheit, in der
Wnschengasse, vor ihrem Hause die Franzosen haben kampieren sehen, die
mit dem Kosacken, der bei ihnen im Quartier lag, in seiner Kibitka ber
die guten deutschen Felder in Weimars Umgebung geflogen, gesaust und
gerasselt sind, denen die Plnderung des Stdtchens zu allerlei
merkwrdigen Erlebnissen verhalf -- die beiden Mdchen, die in der
unruhigen, sorgenvollen Zeit eine berschwnglich lustige, freie
Kindheit erlebt hatten, die das Glck genossen, weniger, als es in
ruhigeren Jahren der Fall gewesen wre, erzogen, beobachtet und gebildet
worden zu sein.

Zu welch einer frhlichen, gesegneten Generation gehrten die beiden
Ratsmdel, die mit ihren Kameraden und Kameradinnen ein sorgenloses,
unbedrcktes Leben fhrten!

In aller Harmlosigkeit schwnzten sie die Schule und trieben ihren
Schabernack, wie wir wissen, mit Nachbarn und Nachbarinnen.

Wie bedrckt und unfrei erscheint die Jugend in unseren Tagen, der das
Harmloseste als Vergehen, jeder Freiheitsdrang, der sie einmal von ihrem
ehrbaren Wege ablenkt, als schwer strafbar gekennzeichnet wird.

O, du arme heutige Jugend! Ahntest du, welchen Reichtum Jugend im
Anfange jenes Jahrhunderts umschlo, welchen berschwall von Leben! Du
knntest dich bitter beklagen, gekrnkt und betrogen wrdest du dir
erscheinen, von Anfang an gealtert, in Pflichten eingezwngt! Welchen
trbseligen Eindruck wrden deine krglichen Freiheitsstunden dir geben,
die man klug und berechnend wie eine Medizin, nach beranstrengung dir
zugemessen hat, wenn du vergleichen knntest! Wenn du wtest, was ich
wei!

Ja, ein unbefangenes, menschenfreundliches Auge findet, trotz aller
weisen, sachgemen Widerlegung, da es dir, o Jugend, bel in unseren
Tagen ergeht!

Doch auf und nieder bewegen sich die Ereignisse auf Erden, und es kommt
eine Zeit, wo die Jugend wieder aufatmen kann.

So ruhig und bedchtig geht es nicht fort, wie jetzt.

Aus Bewegung, aus Kampf, aus Besorgnis der Erwachsenen, der Alten,
werden ihr wieder unbeaufsichtigte, berckende Freiheitsstunden
erstehen, -- aber wann?

Jetzt zu jener vergangenen Zeit, die den jungen Herzen von damals ihre
Wnsche, ihre Rechte, ihr Streben nach Wundersamem, Bedeutungsvollem im
reichsten Mae erfllte.

Rse und Marie waren, wie wir aus dem ersten Teil ihrer Abenteuer und
Erlebnisse erfahren haben, noch zur rechten Zeit in die Hnde der
Jungfer Concordia geraten und zu der Freundschaft von deren Neffen, des
guten, vortrefflichen Budang, ehe alle Aussicht, da sie etwas lernten
und ein paar tchtige Mdchen wurden, bei ihnen verloren war. Ihr Budang
hatte ihnen treulich geholfen, da sie mit Ach und Krach bis zu einer
hheren Klasse ihrer Schule gekommen waren. Was fr ein guter,
prchtiger Junge war doch dieser Budang! Seit die beiden Mdchen ihn
kennen gelernt hatten, schien fr sie gesorgt.

Sie arbeiteten unter seiner Leitung, machten mit ihm und seinen Freunden
Streifzge in die Umgegend. Die Mutter unserer beiden, die Frau Rat,
konnte ruhig ihre Rangen dem ihr als ausgezeichnet bekannten Neffen der
Jungfer Concordia berlassen.

Sie hatte damals mit Bedacht Concordia als Lehrerin ihrer Kinder
ausgewhlt und freute sich, wie heimisch Rse und Marie in der
Gassenmhle, in der, wie wir wissen, Concordia mit ihrem Bruder, dem
Mller, und dessen Sohn Budang hauste, geworden waren.

Ich will jetzt wie folgt beginnen:

Im Winter wurde bei Rats eine einzige Stube geheizt. In der stand der
Arbeitstisch des Vaters, in der saen die Mutter, die Brder und die
beiden Ratsmdel. -- Alle Geduld miteinander bend, alle auf den Vater
Rcksicht nehmend, alle so still und besonnen wie mglich.

Die Ratskinder waren an diese bedachtsamen Winterstunden gewhnt, die
ihre starken Lebensgeister zu dem auerordentlichsten respektvollen
Schweigen herabdrckten.

Die Brder arbeiteten whrend dieser Zeit. Man hrte das Kritzeln der
Federn von Vater und Shnen. Die Mutter und die Mdchen waren mit
Nharbeiten beschftigt.

Ein Flstern, von dem Marie und Rse einen ausgedehnten Gebrauch
machten, war gestattet.

Die beiden hatten sich unausgesetzt zu erzhlen, trotzdem sie alles und
jedes miteinander erlebten, oder gerade deswegen. Sie hatten jede ihre
verschiedenen Auffassungen von den mancherlei Dingen, die sie tagsber
aufstberten; denn, gottlob, die wrdigen Stunden im Familienzimmer
whrten nicht lange, der Vater hatte durch sein Brgermeisteramt viel
auer dem Hause zu thun, und eine feste Regel war, um fnf Uhr etwa
wurde Schicht gemacht; da drehte er den Schlssel an seiner
Schreibtischklappe um.

Mit diesem Tone strmten die Lebensgeister zurck in die Gemter.

Die Augen leuchteten, Rse und Marie legten ihre Nharbeit beiseite,
brachten dem Vater bereifrig den Pelz und Hut, denn der Brgermeister
machte jetzt seinen ihm zutrglichen Gang um die Stadt, um dann mit
seinem alten Freunde, dem Kupferstecher Mller im Elephanten sein
behagliches Stndchen zu verschmauchen.

Kaum aber war er zur Thr hinaus, so langten Rse oder Marie hinter den
groen Ofen; da hatten sie einen Stock, an dem ein weies Tuch wie ein
Fhnlein befestigt war, den steckten sie zum Fenster hinaus. Das geschah
Abend fr Abend und mochte seinen guten Grund haben.

Denn nicht lange whrte es, da hrten die lauschenden Mdchen von ferne
einen munteren, rhythmischen Pfiff, so energisch, so lustig, so voller
Leben.

Es war eine charaktervolle Art zu pfeifen und immer gleichbleibend, nie
mit einem Tone von der gewohnten Art abweichend. Mit diesem Pfiffe
kndigte sich Budang an, der treue Kamerad.

Vorsichtig und freundlich steckte Budang, wenn das Signal gegeben war,
den blonden Ruschelkopf zur Thre hinein, um sich erst zu berzeugen, ob
das Feld auch rein sei, das heit, ob der Herr Rat auch wirklich nicht
mehr an seinem Arbeitstische sitze.

Nun komm nur, rief ihm dann die Mutter entgegen, und die Mdchen
standen schon bereit, ihn zu empfangen. Darauf machte Budang, ehe er
noch eintrat, ein Zeichen nach der Treppe zu, und zwei seiner Kameraden,
die auf einer der oberen Stufen auf seinen Wink lauerten, traten mit ihm
ein.

Der eine war Franz Horny, ein bildschner Junge von siebzehn Jahren. Er
wohnte an der Ecke der Wnschengasse und war von jeher ein guter Freund
der Ratsmdel gewesen, bei denen er auch in Achtung stand. Sie hielten
beide viel von seiner Fertigkeit im Zeichnen, hatten darin auch nicht
unrecht und bewiesen Geschmack; denn Franz Horny bildete sich in der
Folge zu einem guten Knstler aus, der in Amalfi in bester Jugend starb.
Sein Bild hngt sonderbarerweise dort in einer Kapelle und wird als
Heiligtum verehrt. Es mag aus Zufall dahin gekommen sein oder durch
irgend ein wunderliches Geschick.

Man erzhlt sich, da der schne, liebenswrdige Knstler in dem Orte,
in dem er gestorben, eine abgttische Verehrung von der Bevlkerung
erfahren habe. Er soll ein merkwrdiger und einnehmender Mensch gewesen
sein, dessen Schnheit und Talent auffallend waren. Dies habe ich von
Friedrich Preller, dem Maler der Odyssee und dem Jugendfreunde Hornys.
Zu der Zeit, als er mit seinen Kameraden die Winterabende bei den
Ratsmdchen sich vergngte, war er ein trumerischer, sanfter Junge, der
von allen gern gesehen wurde.

Der zweite Gefhrte, den Budang mitbrachte, war Schillers jngster Sohn
Ernst, frisch im Aussehen und Wesen, der seine freie Zeit gar zu gern in
Rats behaglichem Familienzimmer verbrachte. Das erste, nachdem die
Begrung vorber, war, da Budang sich zu seinen Gefhrten wendete, die
sogleich mit den Mdchen in ein lustiges Plaudern kommen wollten, und
sagte: Erst mssen sie zeigen, da sie mit ihren Arbeiten fertig
geworden sind.

Budang war seiner, von Jungfer Concordia erhaltenen Aufgabe, die Mdchen
zu berwachen, treu geblieben. Rse und Marie muten ihm ihre Arbeiten
bringen. Sie thaten es auch, wie etwas, was sich von selbst versteht,
mit allem Ernste.

Nun setzte er sich, nahm die Hefte vor, und war etwas nach seiner
Meinung gar zu unmglich geraten, so muten sich die beiden Faulpelze
daran machen und unter seiner und Ernst von Schillers Leitung die Sache
noch einmal schreiben.

Unangenehm war es fr alle Teile, wenn sie ihr Pensum, wie die Arbeiten
der Ratsmdel gelehrt benannt wurden, schlecht gelernt hatten. Da gab es
ein uerst langweiliges berhren ohne Ende, ehe man an die beliebte
Abendunterhaltung kam, und die Mdchen wurden von Budang hart
angelassen. In einer Ecke mhte sich Ernst von Schiller, abwechselnd mit
Budang, an Rse ab, die das Auswendiglernen so schwer zu stande brachte,
da es ein Skandal war, wie Rses Freunde sich ber diesen Mangel
ausdrckten.

Fr Marie, deren Gedchtnis vorteilhafter ausgestattet sein mochte,
gengte einfache Hilfe. Sie war ein fr allemal Franz Horny zugewiesen,
der sich seinem Amte mit Geduld und Bewunderung fr das schne Geschpf
unterzog.

Die Ratsmdel glichen zwei Knospen von lebensvollster Frische und Kraft.
An ihnen mochte nichts Angekrnkeltes sein, nichts, was nicht ebenmig
sich entfaltet hatte, und nichts, was nicht auf eine noch viel
lieblichere Vollendung hindeutete. Sie schienen mehr, als man gewhnlich
unter jugendfrisch versteht. Sie waren urwchsig, eigenartig und
harmlos, wie es junge, von Menschen unbehelligte Tiere sind.

Und unbehelligt waren sie, von aller Welt gern gesehen, die Freude der
Wnschengasse; wer blickte ihnen nicht nach, wenn sie mit ihren langen,
schweren Zpfen, die noch vor kurzem so manchem Gassenbuben um die Ohren
gesaust waren, die Strae hinabgingen? Sie bildeten den Stolz der
Untergebenen ihres Vaters, die Ratsmdel, denen man allen Respekt
erzeigen mute.

Ja, ihr Ruf war bis ins Schlo gedrungen, wie wir wissen. berall aber
fhlten sie sich gleich wohl, gleich sicher, ob auf den Gassen, ob im
Schlo, ob unter den wrdigen Bekannten ihres Vaters, oder unter ihren
guten Freunden und steckten bis ber den Kopf in Wohlbehagen. Die
urgesunden Geschpfe! Wer aber hatte auch solche Freunde, wie unsere
beiden?

Hatten sie die unumgngliche berhrungsstunde, den Anfang der schnen
Winterabende, hinter sich, und blickten Budangs Augen unter den dicken,
blonden Locken nicht mehr so strenge auf Beantwortung seiner Fragen
dringend, die den beiden oft sauer genug wurde, dann begannen die
behaglichen, unvergelichen Stunden. Was aber thaten, was unternahmen
sie an solch einem Abend? Sie spielten Lotto. Sie saen eng aneinander
gedrngt, die Mutter, die Brder, die Mdchen, die Freunde und spielten
Lotto um Pfeffernsse vom Konditor Ortelli, den die Franzosen damals
ausgeplndert hatten; aber mit welchem Eifer wurde gespielt, mit welchem
Feuer! und wie wurde gelacht! Worber sie wohl lachten? ber unschuldige
Scherze, ber eine Anekdote aus dem Leben der drei braven Jungen, ber
einen Ausspruch Rsens, die gro war in trocknen, vielsagenden
Bemerkungen; darber, da Budang eine Locke ber das Auge gefallen war,
und er gerade durch den Ringel blickte. Dergleichen konnte Rse und
Marie auer Rand und Band vor Lachen bringen, so da die Mutter sie
manchmal ermahnte, ja, sie aus dem Zimmer steckte, damit sie sich
drauen in der Dunkelheit und Klte einmal erst wieder auf sich selbst
besinnen sollten. Sie kamen dann jedesmal in unverminderter Heiterkeit
wieder herein und immer mit einer guten Idee, die ihnen wahrscheinlich
bei der Abkhlung gekommen war.

Sie schlugen eine Verkleidung vor, einen Tanz. Sie kamen mit der Bitte
zurck, die Freunde und Brder sollten sie im Stuhlschlitten fahren.

Durch solch einen lebensvollen Vorschlag entstanden die schnsten
Stunden. Er schien so ganz aus dem Herzen zu kommen, aus dem innersten
Verlangen heraus, und wie er von Herzen kam, so ging er zu Herzen, so
wurde er ausgefhrt, so wurde er auch von der Mutter gestattet, die eine
liebevolle Frau war und wohl wissen mochte, wie gttlich, wie
unwiederbringlich, wie leichthinschwindend die Jugend ist.

So haben die Ratsmdel herrliche Winterfahrten gemacht, bei
Sonnenuntergang, bei Mondschein; jede in einem Stuhlschlitten, Bruder
und Freunde hinter sich, die sie in Windeseile durch die Straen der
Stadt fuhren. So zog das leichte, lustige, vergngliche Gesindel auch an
dem Hause vorber, in dem _der_ lebte, der fr die Ewigkeit schuf.

Sie fuhren ber die hellen Lichtscheine, die aus den Fenstern Goethes
auf den Schnee fielen, und dachten sich nichts dabei, wuten wohl kaum,
da sie vorbergefahren.

Was kmmerten sich unsere Ratsmdchen um die groen Leute in Weimar.
Mochten die thun und schreiben, was sie wollten, die Ratsmdchen htten
nie und nimmer mit ihnen tauschen mgen! So im Schlitten sitzen, von
lieben Freunden geschoben zu werden, da es ist, als sprhten Funken,
und hinaus in den Mondenschein, unter bereiften Bumen, auf glatter
Schneebahn hinzufliegen, das ist Seligkeit, das ist Glck!

Und welche Streiche spielten sie, ber die man jetzt Ach und Weh
schreien wrde, steckten Budang in Mdchenkleider und gingen mit ihm
spazieren. Weshalb sie das thaten? Gott wei es! Sie wuten es
jedenfalls selbst nicht, thaten es grundlos, vergngten sich herrlich,
hatten alle dreie das Bewutsein eines wunderbaren Geheimnisses, wollten
sich ber jeden, der ihnen begegnete, totlachen, brachten harmlose
Spaziergnger durch ihr Gelchter in Verlegenheit, kauften sich bei
Ortelli Kuchen, den sie, nachdem Budang zu Hause sich wieder ausgeschlt
hatte bei einem Tchen Kaffee, das ihnen warm gestellt worden,
verzehrten, im sen Bewutsein, eine Heldenthat ausgefhrt zu haben.

In einem alten weimarischen Hause hatten sie zu jeder Zeit Zutritt,
konnten dahin mitbringen, wen sie mitbringen wollten, und blieben immer
willkommen, das war die Apotheke am Markte.

Der Apotheker stand mit Rats in Verwandtschaft. Er war ein gelehrter
Herr, mit dem Titel Professor, und zu der weimarischen Apotheke durch
seine Heirat gekommen; die Frau war Witwe des frheren Apothekers und
hatte ihrem zweiten Manne das blhende Geschft zugebracht.

Zu diesen Leuten gingen die Mdchen mit Vorliebe. Die Vettern und Basen
im Hause paten zu ihnen, und sie konnten immer sicher sein, dort eine
wohlgemute Gesellschaft zu treffen. Die Frau Professor hatte die
Genugthuung, wegen ihrer Kochkunst in der ganzen Bekanntschaft berhmt
zu sein; so gab es auch fr die beiden Schleckermuler, die zu Gaste
kamen, immer etwas Gutes zu schnabulieren, was ihnen zu jeder Zeit
gelegen war; denn bei Rats ging es nicht hoch her.

Und was war diese Apotheke fr ein sonderbares Haus! Ein alter,
reichverzierter Erker schmckte es, den ein steinernes, verzwicktes
Weiblein auf seinem Nacken zu tragen schien. Das alte Weib war unsern
beiden von jeher rtselhaft und unheimlich erschienen. Ein
langgestrecktes Gewlbe diente zum Apothekerladen. Dies Gewlbe war
auerordentlich finster. Nur soweit die niedere Glasthr und das einzige
Fenster Licht einlieen, machte es einen behaglichen, wohlthuenden
Eindruck; nur so weit schienen die verschiedentlichen Dfte, die aus
ungezhlten Bchsen und Bchschen, aus unendlichen Schiebksten
aufstiegen, angenehm und zutrglich zu sein. Die Mdchen hielten es fr
ausnehmend gesund, in der Apotheke tief Atem zu holen; und wenn einem
der Apothekerkinder etwas fehlte, setzte es sich hinunter zu den
Gehilfen und atmete fleiig.

Auch Rse und Marie hatten schon fters solch eine Kur sich
vorgeschrieben; aber sie hielten sich nur da auf, soweit das Tageslicht,
unverflscht durch Dmmerung, die sich weiter nach hinten in dem Raume
ausbreitete, eindrang.

Das Gewlbe war an seinem letzten Ende fast dunkel. Bei dem Scheine
eines Lmpchens hantierte dort ein widerwrtiger Gehilfe, vor dem Rse
und Marie ebenso wie ihre Vettern und Basen eine auerordentliche Scheu
hegten.

Aus seiner finstern Ecke drangen scharfe Gerche, die durchaus nicht
heilkrftig sein mochten. Der Gehilfe rieb, stie im Mrser und rhrte
in mchtigen, weien Schalen, die aus der Dmmerung gespenstisch
herausleuchteten. Um diesen ltlichen Gesellen, der einen gar
sonderbaren Blick hatte, spannen sich allerlei Sagen und Gerchte. Man
erzhlte sich, da dieser unheimliche Bursche in seinem kleinen,
wackeligen Schreibpult, das im Gewlbe stand, ein Buch bewahre, in dem
er den Sterbetag so manchen guten Weimaraners vierzehn Tage, bevor
derselbe eintrte, sich notiere, wie man sich seine Hemden auf den
Wschezettel aufschreibt.

Dies Verfahren des Gesellen hatte ihn mit einem furchterregenden Nimbus
umgeben.

Unter den weimarischen Leuten wrde sich ein jeder geweigert haben, das
Medizinflschchen oder Pulver, das er abzuholen kam, aus der Hand des
fatalen Gehilfen in Empfang zu nehmen, denn man sagte, da er es, ehe
man hinter seine Schliche gekommen sei, mit einem unheilbringenden
Lcheln berreicht habe. Was an dem Treiben des Gehilfen wahr sein
mochte, hat wohl schwerlich jemand erfahren; denn ich wei nicht, ob das
Buch der dem Tode geweihten Weimaraner, das in der Apotheke gefhrt
wurde, je zum Vorschein gekommen ist.

Der Gehilfe hatte jedenfalls ein einsames, unbehelligtes Leben. Wohl
mglich, da dies seiner Natur zusagte; es giebt ja sonderbare Kuze
genug auf Erden.

Er hatte unbedingt etwas Hmisches, Spttisches in seinem Wesen, machte
den kleineren Apothekerskindern Grimassen, wenn er an ihnen vorberging,
und versteckte der ganzen jungen Gesellschaft den Syrup, nach dem sie
allerseits groes Verlangen trugen, in die Giftkammer. Das verhinderte
die Apothekerskinder durchaus nicht, mit Gsten und ohne Gste auch dort
ihren Syrup aufzuspren und sich eine Gte daran zu thun. Sie wurden bei
ihrem Treiben in der verhngnisvollen Kammer von dem Gehilfen im stillen
beobachtet, und die unartige Bande bemerkte das gar wohl, und jedes
dachte bei sich: Da kann er lange warten, bis wir uns einmal
vergreifen, der Esel. Sie kannten ihren Syrupstopf, ^Syrupus simplex^!

Bei all und jeder Gelegenheit ging es im Apothekerhause festlich zu. War
das Geschft besonders gut und eintrglich, das heit, war das gute
Weimar eine hbsche Zeit lang von irgend einer Krankheit grndlich
heimgesucht, so lebten sie bei Apothekers besonders reichlich. Dann sa
die Familie mit Kind und Kegel vergngt und hilfreich bei einander, wenn
zur Zeit irgend einer Epidemie mehr Hnde im Geschft gebraucht wurden,
als gewhnlich, um Papier zu Pulverpckchen und zu den roten
Flaschenkppchen zuzuschneiden und allerlei nach Bedarf zu mrsern und
zu reiben. Sie thaten das mit ganz besonderem Behagen, und schwerlich
konnte man den braven Leuten nachsagen, sie htten die guten Bissen mit
dem Bewutsein zu sich genommen, da sie ihre vorzgliche Nahrung aus
dem Verderben ihrer Mitbrder zgen, wie die Bienen Honig aus den
Giftblumen. Sie dachten so wenig ber den Grund ihres Wohlstandes nach,
wie es Millionen andere auch nicht thun, die sich durch das Elend und
den Tod ihrer Mitgeschpfe nhren. Wohin sollte unsere Ehrbarkeit, Wrde
und Vortrefflichkeit geraten, wenn wir darber simulieren wollten! Gott
behte uns davor!

Apothekers verstanden es, festlich zu leben, und wohl den Kindern und
Vettern und Basen, denen das Schicksal solch ein Haus zugnglich gemacht
hat! Die knnen einer munteren Jugend gewi sein.

Eines Nachmittags in der allerschnsten Zeit, in der das Pfund Kirschen
zwei Pfennige kostete, war bei den guten Leuten die ganze Gesellschaft
versammelt, Rse und Marie mit ihren drei Freunden Budang, Horny und
Schiller, ferner die Wirte mit allen Kindern, der alte Kupferstecher
Mller mit drei erwachsenen Sprlingen, Mllersch Lotte, Mllersch
Ernst und Mllersch Heinrich.

Die einstige Gouvernante des Prinzen Konstantin, eines Sohnes Karl
Augusts, war auch zugegen. Die hielt mit der Apothekerin, die frher bei
Prinze Karoline Kammerfrau gewesen, gute Freundschaft und war eine
muntere, alte Person, die es sich nicht zweimal sagen lie, wenn es
irgendwo eine Feierlichkeit gab, bei der man sie gebrauchen konnte. Die
Dame war ein Frulein von Knebel.

Sie war bei Hofe und in der ganzen Stadt durch eine artige Geschichte,
die man allenthalben von ihr erzhlte, zu einer gewissen Berhmtheit
gelangt.

Eine drollige Geschichte stirbt so leicht nicht aus, und Frulein von
Knebel hatte sich mit guter Manier darin gefunden, die Heldin einer
Anekdote zu sein, die man nicht mde wurde, immer wieder bei guter
Gelegenheit anzubringen.

Ihr Zgling, Prinz Konstantin, war einst in eine solenne Hofgesellschaft
aus irgend einer knabenhaften Laune mit einem Purzelbaum zur Thr
hereingekommen und hatte allgemeines Entsetzen erregt. Seine Erzieherin,
die ihm folgte, war von dem etikettelosen Benehmen ihres Zglings bis
ins Innerste erstarrt, und die Herzogin Luise, die Mutter des kleinen
belthters, ging mit einem uerst ungndigen Blick auf Frulein von
Knebel zu, richtete ein paar das Benehmen des Prinzen rgende Worte an
sie und erhielt von ihr mit pathetischer, unschuldsreiner Stimme zur
Antwort: Hoheit, von _mir_ hat er das nicht gelernt!

Man denke sich!

Und wer die tiefempfundene Antwort gehrt hatte, dachte sich jedenfalls
das ehrbare, wrdige Frulein als Vorbild des unartigen Prinzen, daher
eine unbezwingliche Heiterkeit und die Langlebigkeit der kleinen
Geschichte. So ist Frulein von Knebel bei jung und alt, hoch und
niedrig bekannt geworden. Sie war berall gern gesehen, konnte einen
Spa vertragen und ging selbst nicht allzu zart und respektvoll mit
ihrer eigenen Persnlichkeit um.

An diesem Nachmittage war die Gesellschaft bei Apothekers eigentmlich
beschftigt. Auf dem groen Tisch stand ein Korb mit kleinen, losen
Heften, die von den Anwesenden geklebt oder genht wurden. Die
weiblichen Hnde befestigten die losen Bltter mit ein paar Stichen
ineinander und die mnnlichen klebten schmale rote, blaue oder grne
Papierstreifen um den Rcken der kleinen Broschren.

Was aber enthielten diese Bogen, da man sie in so heiterer Vereinigung
bei Wein und Kirschkuchen vergnglichst miteinander heftete?

Sie enthielten nichts Geringeres, als ein getreues Konterfei in
Kupferstich von zwei berchtigten Spiegesellen, Niklas Sommer und
William Becher, nebst deren kurz und bndig gefater Lebensbeschreibung,
zu Nutz und Frommen fr alle, die dieses Heftchen kaufen und lesen
wrden. Der alte Mller hatte die Portrts selbst in Kupfer gestochen,
die Lebensbilder selbst verfat, Papier- und Druckkosten selbst
getragen, und morgen sollten sie auf dem Markte, whrend ber die
genannten Delinquenten der Stab auf einem Gerst, das jetzt schon stand,
gebrochen wurde, zum Verkauf ausgeboten werden.

Der Kupferstecher war mit seiner Arbeit mit knapper Not halbwegs bis zum
bestimmten Termin fertig geworden und hatte noch, um das Werk zu
vollenden, die Hilfe seiner Nachbarn, der Apothekersleute und deren
Freunde und Verwandte in Anspruch nehmen mssen.

So sa die Gesellschaft und heftete unter Lachen und in allerbester
Stimmung schmausend die Lebensbeschreibung der beiden armen Trpfe, die
ihrem letzten Stndlein entgegensahen. Damals war die gute Zeit, in der
man sich ber gar viele Dinge weit weniger Skrupel machte, als in der
unsern; das, was in aller Ordnung vor sich ging, wurde harmlos und
unkritisch entgegengenommen. Man glaubte z. B. in der Wnschengasse
allgemein, da aus den Brotkrumen, die in den Honigtopf fielen, Ameisen
entstnden, und htete sich deshalb natrlich, Brotkrumen hineinfallen
zu lassen. Man glaubte tausend solche Dinge und befand sich wohl dabei.

Die beiden schlimmen Kerle waren von dem hochlblichen Gericht
verurteilt und muten wohl oder bel den Lohn fr ihre Thaten, den Tod,
erleiden. Dagegen konnte nichts einzuwenden sein, es war eine
abgemachte, durchaus erledigte Sache, die einfach und naturgem aussah,
so da hierbei nicht angebracht sein mochte, sich andern Gefhlen
hinzugeben, als einem angenehmen Gruseln, das ber diesen und jenen bei
der munteren Arbeit wohl einmal hinlief. Bedenken ber Todesstrafe oder
sonstige humane Bestrebungen hatten die Apothekersleute und ihre Gste
wohl schwerlich berhrt. Auch der Kontrast, der zwischen den beiden
machtlosen Schelmen, die der Tod schon am Wickel hatte, und die ihre
kurze Galgenfrist in einem von Gott und der Welt verlassenen Raume, von
allem Troste und Verkehr abgesperrt verbrachten, und der lebensfrohen
Sicherheit und Behaglichkeit, in der man hier beisammen sa, kam wohl
keinem recht zu Sinnen.

Ernst von Schiller bltterte in dem Bchelchen und war mit des
Kupferstechers Darstellung von William Bechers Gefangennahme nicht
einverstanden. Das soll ja eine tolle Geschichte gewesen sein, er mu
sich verzweifelt gewehrt haben! Sie haben das ein bichen kurz gehalten,
und so etwas gefllt gerade.

Ja, das schreibe einer, sagte der alte Mller; der Becher war ein
Prachtskerl, das lt sich nicht so leicht berichten, dazu gehrt
einer! Sie sprachen schon in der Zeitform, die das Vergangene
beherrscht, von den noch fr eine Weile, wahrscheinlich bis zum berma
bewut Lebenden. Aber was gehen eine so allerliebste, unschuldige
Gesellschaft die letzten Stunden, die Todesfurcht und alles menschliche
Weh zweier armen, so gut wie schon gerichteten Snder an!

Man lachte ber den Eifer des Frulein von Knebel, die mit einer wahren
Vehemenz heftete und einen ganz erklecklichen Haufen der Diebs- und
Mordsgeschichte vor sich aufgestapelt hatte, den sie eiferschtig
bewachte, da nicht etwa eins oder das andere Heft entwendet wurde, um
ihr den Ruhm zu nehmen, die grte Zahl gefertigt zu haben.

Frulein von Knebel war eine Person, die alles und jedes mit ganzer
Kraft betrieb.

Also hier sitzt die Familie mit ihren Gsten in Wohlsein beisammen, und
man denkt mit Behagen an die beiden armen Snder; die stecken
miteinander in dem gar festen Stbchen, zu dem keine menschliche Hilfe
mehr dringt.

Es liegt hoch oben in dem dstern Hause, das zu Strafe und Zucht der
frechen, unklugen, unglcklichen und infamen menschlichen Kreatur, die
sich nicht erziehen lassen will, erbaut wurde. Jetzt, in unseren Tagen,
ist das Haus in ein ehrenwertes Landesgericht umgewandelt, und statt der
Spitzbuben sitzen wrdige Mnner darin, ehrenwerte Landrte und
Landrichter, die frei und frhlich ein und aus gehen knnen, die mit
Behagen die Sonne, ganz wie die seligen Spitzbuben einst, durch die
vergitterten Fenster scheinen fhlen, die leben, atmen, ganz wie diese,
nur da sie durch ihre kluge und wrdige Lebenswahl freie, angesehene
Leute geblieben sind und bewahrt wurden vor strafflligen, verpnten,
unklugen Snden und Thorheiten, wie sie nur ein Unsinniger, ein
Verzweifelnder fertig bringt.

Die beiden Spitzbuben aber, Becher und Sommer, saen im Hause, als es
noch seine Leute hinter Schlo und Riegel hielt; die Wolken zogen
darber hin und zogen auch ber den Galgen, der auf zwei baumelnde
Gestalten in aller Gemtsruhe wartete. Die beiden Spitzbuben kannten
Weimars Umgegend, kannten den Galgen, sahen sich zappeln, sahen sich
baumeln. Das Haar stand ihnen zu Berge, die Kniee schlotterten ihnen,
die Zunge klebte am Gaumen, das Herz stie und klopfte. Die Hnde waren
na von kaltem Schwei, und die Apothekergesellschaft dachte ihrer in
Behagen bei dem Heften der Bogen, die den Tod, die letzte kommende Qual
der armen Burschen schon schilderten; und als unsere Gesellschaft gerade
im besten Heften und Kleben sich befand, jeder auch schon bei seinem
zweiten und dritten Stck Kirschkuchen angelangt war, bei gutem Appetit,
den muntere Arbeit frderte, da ffnete sich die Thre, die von dem
Zimmer aus direkt auf die Treppe fhrte, und herein trat vorsichtig, den
Kopf zuerst durch die Thrspalte steckend, der unheimliche Geselle unten
aus der Apotheke.

Diener, meine Herrschaften, sagte er mit seiner knarrigen Stimme und
grte mit der drren Hand, die aus einem allzu kurzen rmel sonderbar
hervorstand. Ich wollte nur oben vermelden, da es diesmal mit den
Bchern nichts ist. Sie haben den einen begnadigt. 's bleibt nur bei
Sommern. Wie aus einem tiefen Traum pltzlich erweckt, starrte die
Gesellschaft sprachlos den gefrchteten Todesverknder an, der heute
ausnahmsweise seine Rolle gendert und, wenn man recht gehrt hatte, der
Verknder eines erfreulichen Ereignisses geworden war. Aber man mochte
wohl nicht recht gehrt haben, denn es war nach der Botschaft des
Gehilfen ein augenscheinlicher, ungemtlicher Druck bei einigen Gliedern
der Gesellschaft zu konstatieren, und zwar gehrten diese Glieder
durchweg der Familie des Kupferstechers an. Die erste, die sich
sammelte, war Frulein von Knebel; die fragte den Gehilfen, der noch in
der Thr stand: Nun sag' Er mal, wie ist das denn gekommen, und gerade
Bechern?

Der Gehilfe zuckte, wie es seine Art war, die Achseln und blickte
spttisch auf die Gste, ohne etwas zu erwidern.

Nach einer Weile sagte er trocken: Gesegnete Mahlzeit! und wendete der
Gesellschaft langsam den Rcken, um aus der Thre zu gehen.

Das ist aber schrecklich! rief Anne Mller, die jngste der
Kupferstecherkinder, in enttuschtem Ton, da wird's nun nichts.

Seht mir das blutdrstige Geschpf an, sagte der Apotheker
schmunzelnd. Na, Anne, und er klopfte ihr auf die Schulter, da drangen
dicke Thrnen in Annas Augen und rannen ihr ber die roten, runden
Wangen.

Teufel auch, was hat sie denn? fragte der Apotheker und blickte die
Glieder der Kupferstecherfamilie der Reihe nach an. Na, was habt Ihr
denn? fragte er noch einmal; denn auch die andern Mllerskinder und
selbst der behagliche, rundliche Freund Kupferstecher konnte eine
gewisse Niedergeschlagenheit nicht verbergen. Was habt Ihr denn mit
Bechern gehabt, da Euch seine Begnadigung so zu Herzen geht; das ist
mir ja etwas ganz Neues, erzhlt doch! -- Kennt Ihr ihn denn?

I, bewahre, sagte der Kupferstecher, das ist den Kindern ihre Sache;
Anne, wollen wir's sagen? wendete er sich an seine Tochter, deren
Thrnen noch immer reichlich flossen; aber das merke Dir: Wer den
Schaden hat, braucht fr den Spott nicht zu sorgen. Erzhle!

Anne blickte unter Thrnen auf ihre Geschwister, die beide bellaunig
und verdrossen dasaen.

Der Vater hatte mir's geschenkt, begann Anne schluchzend und blieb im
Anfange stecken, denn ihre Thrnen machten ihr zu schaffen.

Na, ermunterte sie der Vater. Anne war aber jetzt erst recht ins
Weinen gekommen und schenkte der Aufforderung fortzufahren kein Gehr,
so da der Kupferstecher selbst das Wort nahm und sagte: Man mu immer
auf das junge Volk bedacht sein, das will sich bald so vergngen, bald
so. Ein armer Vater hat seine liebe Not! Vor ein Wochner sechse verehre
ich meiner Anne zu ihrem Geburtstag die beiden kleinen Zeichnungen, der
Kupferstecher schlug mit der Hand auf eins der Heftchen, und sagte
Anne, was ich damit vorhab, da sie in Kupfer gestochen werden sollen u.
s. w., und da der Erls, den ich damals dem armen Tierchen im voraus
verehrte, zu einer Partie nach Schwarzburg bestimmt sei. Nun haben wir's
gehabt, sagte er und schlug sich auf die runden Kniee. Jetzt knnen
wir den ganzen Schwindel einpacken, und die armen Kinder sind um ihr
Sommervergngen gekommen.

Das wei der liebe Himmel, rief die Apothekerin mitleidig und bewegt.
Wenn von oben etwas gethan wird, Gott sei's geklagt, da es immer am
unrechten Platze geschieht! Anne heulte unaufhaltsam, und die beiden
lteren Geschwister versanken in einen unergrndlichen Mimut.

Der Kupferstecher war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder,
hatte die Hnde in der Erregung ber dem Buchlein gefaltet und
schnippte mit den Daumen. Frulein von Knebel hatte sich ganz der
christlichen Pflicht zu trsten hingegeben und karessierte Annen auf
alle Weise, indessen die brige Gesellschaft nachdenklich auf die Hefte
blickte, die mit einem Male wert- und bedeutungslos vor ihnen lagen.

Der Kupferstecher blieb nach lngerem Aufundniedergehen stehen und sagte
mit einer komischen und bittersauren Miene: Ich bleibe dabei, es htte
dem Kerl nichts geschadet, wenn sie ihn morgen mitsamt dem andern ins
Jenseits spediert htten. Er schnippte mit der Hand in der Luft. Da
haben wir uns hineingerannt, allein das Papier vier Reichsthaler,
Druckkosten und dergleichen gar nicht gerechnet.

Ja, ja, ja, sagte der Apotheker und schttete ein Glas sen Weins
hinunter.

Die Gesellschaft hatte ein stilles und bedrcktes Aussehen angenommen.

Da klang pltzlich die helle, frische Stimme unseres guten Ratsmdels,
der Rse. Ich wte schon, wie man es machen knnte, sagte sie ruhig.

Na? fragte der Apotheker.

Streicht doch den Bechern aus und verkauft nur Sommer, das schadet ja
nichts, wenn Becher mit daran hngen bleibt.

Teufelsmdchen! rief der Kupferstecher berrascht. Das lt sich
hren! Ja, wenn man Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat!

Hoch Rse! rief der Apotheker und schwang sein Glschen. Neues Leben
fuhr in die Gesellschaft. Blaustifte wurden geholt, es wurde gestrichen,
gestrichen, gestrichen, der Begnadete wurde von dem Verurteilten, dem
armen, geschieden, wie das ja berall auf Erden der Fall ist.

Die Geschwister blickten wieder munter ihrer Sommerpartie entgegen, die
ihnen der Tod des armen Burschen, aller Berechnung nach, einbringen
sollte. Nur Anne sagte als Nachklang ihrer Schwermut mit weinerlicher
Stimme: Wenn sie den andern nur nicht auch begnadigen.

Rse wurde an diesem Abend auerordentlich gefeiert.

Ein heller Kopf ist etwas wert, sang der Apotheker in allerlei
schelmischen Melodieen und Variationen ihr zu. Rse war sein ganz
besonderer Liebling.

Als am Abend die Gesellschaft nach Hause ging, muten sie an dem Gerste
vorber, auf welchem ber dem armen Schelme Sommer der Stab am andern
Morgen in aller Frhe gebrochen werden sollte.

Als die lustigen Leute in der unheimlichen Nhe standen, da wurden sie
alle still und bedenklich.

Rse, die am Arme Budangs ging, sagte, indem sie sich fester an ihn
hing: Morgen wird Sommer doch auch, wie damals der andere, auf einer
Kuhhaut nach dem Galgen geschleift?

Ja, sagte Budang.

Ach, Budang, fuhr Rse nach einer Weile fort, ich will wirklich immer
recht gut sein!

Ja, das denke ich, sagte Budang lchelnd; aber Du bist mde, fgte
er hinzu, Du hngst Dich ja ganz schwer an meinen Arm. Pa auf, ich
will Dir noch etwas sagen.

Na, fragte Rse.

Die Schillers-Mdchen und Ernst, Ihr, Horny und ich, wir sind
miteinander zu Sperbers aufs Gut eingeladen. Wir wollen es jetzt noch
auf dem Weg bereden.

So? sagte Rse, das ist vom alten Sperber vernnftig, da er endlich
sich entschlossen hat.

Was hast Du denn zu versumen? fragte Budang.

Ich, da ich nicht wte! Ich kann nur solch ein Zaudern nicht leiden.
Vor vier Wochen lt er es bei uns durch die Butterfrau sagen, und
nichts wird dann wieder von ihm gehrt.

Ernst, rief Budang, wartet einmal. Ernst, Marie und Horny gingen
vorauf und blieben auf Budangs Ruf stehen.

Ihr seid wohl auch gerade im Sprechen? fragte Rse. Wie machen wir es
denn mit Sperbers?

Wir gehen, natrlich gehen wir, sagte Ernst von Schiller. Wir wollten
es nur oben bei Apothekers nicht bereden. Es pat doch nicht, wenn wir
halb Weimar dem alten Sperber auf den Hals bringen, und Mllers wren
ruhig mitgegangen, die machen alles mit. Nein, wir wollen unter uns
bleiben. Die Schwestern sind natrlich bereit und lassen Euch sagen, Ihr
sollt Eure rotpunktierten, hellen Kleider mitnehmen. Sie machen es auch
so.

Nun, und wann gehen wir? fragte Rse.

Heut' haben wir Freitag, erwiderte Marie, da dchte ich, wir setzten
Montag fest, da kommen wir um die Kirche, denn Sperber wrde uns auf
alle Flle hineinstecken, der hlt's nun einmal mit seinem Pfarrer.

Und wir mssen so schon bei Pastors schlafen, fuhr Rse dazwischen.
Wir wissen es, wie es dort ist, nicht, Du? sagte sie lachend zu Marie.

Ja, schade, da Ihr nicht bei Sperbers unterkommen knnt, meinte
Budang.

So waren sie bis vor Rses und Maries Haus gekommen. Groer Abschied,
und die Mdchen tappten miteinander die dunklen Treppen hinauf.

Am andern Morgen sah die Mutter mit ihnen die rotpunktierten Kleider
durch; beide bestrmten sie auf das innigste, liebenswrdigste und
berzeugendste, sie wollten ein neues Band auf ihre groen Hte, und sie
bekamen es und waren glcklich.

Mittlerweile war der unglckliche Sommer auf seiner Kuhhaut dem Tode
zugeschleift worden, und der Galgen trug seine Zierde zum letztenmal,
denn Sommer war Weimars letzter Gehenkter.

Am Montag, himmelfrh, brach von der Wnschengasse die Gesellschaft auf,
unsere fnf guten Freunde, die beiden Schillerschen Tchter und ein
kleines, mageres Pferdchen, das mit Ernst von Schiller in Beziehung
stand, da es von ihm schon zu manchem Spazierritt gemietet worden war,
wenn er einmal Lust bekam, auf Pferdesrcken sich dem Leben und seinen
Gefhlen hinzugeben.

Jetzt war es mit Shawls, mit Pckchen und Krben beladen. Die
rotpunktierten Kleider von den Ratsmdchen und den Schillerschen waren
sorgsam dem guten Tiere anvertraut worden, und Ernst bekam von den
Schwestern und von Rse und Marie wahrhaft begeisterte Erklrungen, die
seine Klugheit, seinen ausgezeichneten Verstand betrafen.

Er hatte nmlich die Gesellschaft mit der Idee und deren Ausfhrung, das
Pferdchen zu engagieren, berrascht. So zogen sie durch die morgenstille
Stadt, dem langgestreckten Ettersberge zu, nach dem Gute des alten
Sperber.

Welch schne Verbindung von erster Jugend, herrlicher Morgenfrische,
Aussicht auf ein paar gute Tage, allseitigem Wohlgefallen aneinander und
Sorglosigkeit gab unsere Gesellschaft ab!

Sie hatten einen tchtigen Marsch bis zum Gute des Herrn Sperber vor
sich, und ein gutes Stck muten sie ber Felder, ber schattenlose Wege
gehen; aber ein frischer Wind wehte den ganzen Tag. Das Korn stand in
Blte und duftete, und die Sonne lie die Wangen hher glhen; sie lie
die Zge der schnen Mdchen noch weicher, lebensvoller als sonst
erscheinen.

Budang, ein groer Botaniker, war bemht, die Gesellschaft auf allerlei
Merkwrdigkeiten aufmerksam zu machen, und es dauerte nicht lange, so
hatte das Pferdchen eine kleine Naturaliensammlung auf dem Rcken, und
die Mdchen rote Mohnkrnze auf den Kpfen.

Die Wege auf dem Ettersberg gaben dem Sammler reiche Ausbeute an
allerlei Versteinerungen, und die Mdchen wuten es schon, es gab fr
alle zu schleppen, wenn sie mit Budang dort lustwandelten.

Gegen Abend erst gelangten sie zu ihrem Ziele, denn der Weg war durch
allerliebste Aufenthalte, kleine Mahlzeiten, so viel als mglich
verlngert worden.

Vor dem Gutsthore kam ihnen eine wohlbekannte Gestalt entgegen. Das war
die Gutsbesitzerin selbst, die lustige, kleine Alte mit der groen, rosa
Schrze, dem Schlsselbunde, den nickenden Bndern an der Haube. Ein
Windzug bewegte ihr die weite Schrze und lie sie, bestrahlt von der
Abendsonne, flattern und in unerhrt Rosa-Farben-Tnen leuchten.

Die wartende Gestalt mochte auf die ankommenden Gste einen
verheiungsvollen Eindruck machen; denn mit Jubel und Winken und
heiteren Lauten, mit noch durch die Entfernung unverstndlichen Zurufen
nherte man sich ihr.

Und ebenso schien sie erfreut zu sein, als die mit rotem Mohn bekrnzten
Mdchen, das Pferdchen, die drei Kameraden herankamen, denn sie schlug
einmal ber das andere Mal die Hnde zusammen, man sah sie schon von
weitem lachen, und als die Gste so nahe waren, da man wagen konnte,
die Begrungsformeln etwas detaillierter und augenscheinlicher machen
zu knnen, schwenkte die kleine, runde Frau ihr Schlsselbund in der
Luft und lie es klingen und that dies mit auerordentlicher
Geschicklichkeit, bog sich dabei mit dem Oberkrper hin und her, im
Takte, je nachdem sie mit dem Schlsselbunde, das sie wie eine
Castagnette handhabte, klirrte und klapperte.

Die Gste kamen schlielich laufend auf ihre Wirtin zu, und auch das
Pferdchen wurde dazu veranlat, einen gelinden Trapp anzuschlagen. Nun
allerausfhrlichste Begrung, Umarmung, jedes bekam seinen festen Ku
von der Frau Gutsbesitzerin.

Nun, mein Alter wird Augen machen, wenn er Euch in den Krnzen sieht,
sagte sie und betrachtete die Mdchen. Seht nur einer, Klatschrosen!
Ja, die Jugend! Die liebe Jugend! Die verdammten Klatschrosen! Und hier
machen sie sich, ja, alles hat seinen Zweck auf Erden!

Sie klopfte Rse auf die Wangen. Aber habt Ihr denn gesehn, sie wies
auf Rsens Kranz, was das Zeugs dies Jahr gediehen ist? Da stecken ja
die Felder voll zum Erbarmen. Na, der Alte wird Augen machen, schlo
sie wieder. Wo habt Ihr denn den Klepper her? begann sie aufs neue und
klopfte dem Pferdchen auf die Schenkel, der soll sich wundern, wie es
ihm diese Tage gehen wird. Du alter Hckselsack, und wieder bekam das
magere Viehchen einen freundlichen Klapps von seiner Wirtin, der
gleichbedeutend war mit einer Anweisung auf ein paar tchtige Metzen
Hafer. Jetzt traten sie in den Gutshof ein.

Das war ein Gutshof! Jeder Mensch, dem Gott wohl will, sollte in schnen
Jugendtagen einmal auf solch einem Gutshof ein paar Tage, ein paar
Wochen gewesen sein, damit er wenigstens wei, was Behagen, was Flle,
was Sauberkeit, Ntzlichkeit, was gesunder, krftiger Geruch, was
schnes Vieh in gut gepflegten Stllen, was Wohlhabenheit und
Stattlichkeit ist; damit er erst begreifen lernt, welche Harmonie
zwischen dem schn geschichteten Misthaufen und der hohen, breiten Linde
auf solch einem Hofe besteht, wie sie beide miteinander ein Ganzes
bilden, einen einzigen Eindruck.

Da kommt er ja, mein Alter, rief die muntere Herrin des schnen
Hauses, und richtig, aus dem Laubengang, der um das Wohnhaus fhrte,
trat der alte Sperber, der wunderlich gut zu seinem Frauchen pate.

Auch er war eine kurze, rundliche Gestalt, wie es schien, behende, denn
auch er bewillkommnete die Gste schon von weitem mit den lebhaftesten
Bewegungen, und wie die Frau das Schlsselbund, so schwenkte er die
groe Tabakspfeife. Sein Gesicht hatte eine stark rtliche Frbung und
leuchtete vor Behagen.

Da kommt ja die Gesellschaft! rief der alte Sperber, als er schon
unter der Bande stand. Ihr habt's gut gemacht, da Ihr Euch Zeit
genommen, unser Jochen Henner hat Euch ja vor so ein sieben Stndchen in
Ltzendorf getroffen, danach erwarteten wir Euch um eins, zwei herum.

Der behagliche Alte zog seine dicke Uhr und hielt sie Budang unter die
Nase. Und was zeigt's jetzt? Jetzt geht's stark auf achte. Ihr mutet
dem Klepper wohl oft zureden, he? oder was habt Ihr denn eigentlich
gemacht? Das ist ein miserables Vieh, wie kommt Ihr denn dazu?

Das ist Ernst sein Reitpferd, sagte Rse einigermaen pikiert. Sie
fand, da das Pferdchen gar so bel nicht war, und da sich Ernst oft
sehr stattlich, wenn man nur den rechten Standpunkt hatte, darauf
ausnahm.

I, der Tausend, wohnt bei Euch in der Stadt ein nrrisches Volk, wenn
man das ein Reitpferd nennt! Meinetwegen!

Er rief einen Knecht herbei und befahl ihm, das Reitpferd in den Stall
zu fhren und abzuladen, und ging mit seinen frischen Gsten dem Hause
zu.

Schade, das ganze Gesindel kann nicht bei uns unterkommen, wir haben
Euch beide, da -- Euch beide -- er wies auf Rse und Marie. Ihr mt
eben zum Pfarrer, weil Ihr die Frau kennt; schlimm genug fr Euch. Das
murmelte er in den Bart und paffte blaue Wlkchen aus seinem
Pfeifenkopf. Sapperlotsches Volk, die Pastors, brummte er. Aber jetzt
wollen wir erst bei einander sitzen. brigens seid Ihr nur fr die Nacht
dort untergebracht. Am Tage werde ich mich hten, Euch drben zu lassen
in dem Gewirre. -- Teufel auch, es ist kein Spa, dort unterkriechen zu
mssen.

Uns macht es nichts aus, und wenn sie dort noch mehr htten,
versicherten die Mdchen. Es handelte sich hier um den groen
Kindersegen des Pfarrhauses, das durch diesen Umstand fr den
Gutsbesitzer Sperber, der ber alles seine Behaglichkeit und Ruhe
liebte, etwas Unheimliches hatte.

Er verehrte den wrdigen Pfarrherrn. Er war ihm ein angenehmer
Begleiter, um mit ihm ber Land zu gehen.

Sie spielten Tarok miteinander; doch bei allem, was er mit dem Pfarrer
vornahm, mute dieser durchaus von den Seinen isoliert sein. Ja, der
alte Sperber vermied es sorgfltig -- nur in den dringendsten Fllen
machte er eine Ausnahme -- sich nach des Pfarrers Frau und Kindern zu
erkundigen. Er bestritt auch auf das heftigste und wiederholt gegen
seine eigene Frau, da er wisse, ob der Pfarrer zehn, dreizehn oder
siebzehn Kinder habe, trotzdem er von der kleinen Gutsbesitzerin mit der
Anzahl dieser armen Kinder auf das nachdrcklichste und eindringlichste,
so oft er fragte, bekannt gemacht worden war. Er wollte es nicht wissen
und damit basta!

Der Pfarrer hatte nach dem Tode seiner ersten Frau zur Lebensgefhrtin
eine Elementarlehrerin gewhlt, die auch unsere Ratsmdel einmal unter
der Fuchtel gehabt und die sich jetzt zur Beherbergung ihrer beiden
frheren Zglinge erboten hatte.

Als der Pfarrer dem Gutsbesitzer vor einigen Jahren seine in Aussicht
stehende Verbindung mit dieser wrdigen Person anzeigte, mit besonderer
Hervorhebung eben dieser Eigenschaft, der Wrde, sah der Gutsbesitzer
ihn gleichgltig an, sagte: ^Bon^, pfiff ein Stckchen, um vielleicht
anzudeuten, da der gegenwrtige Augenblick ihm von auerordentlicher
Gleichgltigkeit sei.

Das Gutsbesitzerpaar hatte den einzigen Sohn in der Kriegszeit verloren.

Er war frs Vaterland gefallen, und die beiden Alten hatten den Verlust
tapfer getragen. Das schne Gut war ohne Erben; aber sie zeigten sich
beide gelassen darber, hatten ihre Einrichtungen getroffen, Stiftungen
bedacht und trugen ihren Kummer nicht zur Schau, hatten sich wohl auch
damit auf eine gottergebene Weise abgefunden und lebten in Wohlgefallen
aneinander ganz behaglich.

Das Abendessen, das die junge Gesellschaft bei ihren Wirten erwartete,
zeugte von lndlichem berflu an den Dingen, womit die Leute unten in
Weimar sparsam umgehen muten.

Rse und Marie hatten seit jeher den Eindruck von dem Gute des alten
Sperber gehabt, als wre in Wahrheit hier das Land, in dem Milch und
Honig fliet.

Bis in die Baumblte hinein erhielt die Frau Gutsbesitzerin die besten
pfelsorten noch so frisch und schmackhaft wie um Weihnachten und konnte
ihren Gsten immer berraschendes, Ausgesuchtes vorsetzen. Die alte
Sperber hatte ihre ganz besonderen Geheimnisse, hinter die sie niemanden
so leicht kommen lie. Sie buck berhmte Kuchen, und in welchen
scheinbar unvertilgbaren Massen! Rats hatten so manche Kiste,
vollgepackt mit verlockenden Dingen, zu allerlei Festen und zur Kirme
von der Frau Pate, wie die Gutsbesitzerin in der Wnschengasse benannt
wurde, geschickt bekommen.

Und das Bild der Frau Pate stand Marie und Rse vor der Seele, stets
umgeben von den verlockendsten Produkten lndlicher Koch- und
Gartenbaukunst.

Whrend des Abendessens war man uerst heiter, der Abendglanz des
sonnigen Tages, den die junge Gesellschaft in aller Mue im Freien
zugebracht hatte, in sorglosem Behagen, lag noch ber den Gesichtern
ausgebreitet, und die Stimmung aller schien wie von klarer Sommersonne
durchdrungen.

Nachdem sie allen Herrlichkeiten grndlich zugesprochen, spielten sie in
der groen Laube vor dem Hause Pfnderspiele; zwei junge Leute, die auf
dem Sperberschen Gute ihre Lehrjahre durchmachten, fanden sich noch zu
den brigen, und mitten unter der ausgelassenen Jugend vergngte sich
das Gutsbesitzerpaar auf das beste.

Die beiden Ratsmdel befanden sich in einem Taumel von Vergngen. Der
Gutsbesitzer that mit, als gehrte er zu dem jungen Volke und gewann bei
den Pfndern auch wohl einen Ku von den Mdchen.

Rse, der Schelm, war hellsehend genug, ihre Kchen keineswegs fr
etwas Gleichgltiges zu halten.

Bei einer Gelegenheit, wo es zweifelhaft erschien, ob der Wirt solch
einen artigen Gewinn gemacht hatte oder nicht, und man sich darber
stritt, sagte Rse, um die es sich handelte, zu Budang und Franz Horny:
Das nehmen wir bei dem guten Sperberchen nicht so genau, Ihr seid mir
die Rechten, so zu streiten, damit sprang Rse auf und fiel dem alten
Gutsbesitzer um den Hals und kte ihn auf das anmutigste. Du
Prachtmdchen, Du, sagte der gute Sperber und drckte das liebe
Geschpf gerhrt an sich. Ja, so ein Tchterchen zu haben! murmelte er
und strich Rse ber das dichte blonde Haar. Ja, meine Alte! und er
nickte seiner Frau mit feuchten Augen zu.

Als Rse zu Marie und Budang trat, blickte die Schwester sie unzufrieden
an. Siehst Du, Rse, sagte sie, was mut Du denn den Leuten die Nase
lang machen. Ich glaub's wohl, da sie sich fr ihr Gut ein paar Mdchen
wnschen oder auch ein paar Jungen. Nun hast Du den beiden das Herz
schwer gemacht.

I, gar. Na, Budang, sagte Rse mit schon von Thrnen unsicherer
Stimme, nun siehst Du einmal, wie Marie sein kann.

Damit wendete sich Rse ab und huckte sich neben die Gutsbesitzerin auf
ein Fubnkchen, das dort stand, legte ihren Kopf auf die Kniee der
kleinen Frau und lie sich wie eine Katze streicheln und im blonden Haar
krauen und knurrte dabei vor Behagen; vielleicht, um damit zu beweisen,
da sie sich trotz des rgers auerordentlich wohl befnde.

So macht sie's, sagte Marie zu den drei Kameraden, da mag zu Hause
geschehen, was da will, und wenn sie eine um die Ohren gekriegt hat. Wir
kennen das schon.

Franz Horny fragte: Dauert's lange bei ihr?

Bewahre, teilte Marie ihm mit, wenn wir irgend etwas Neues jetzt
anfangen, da ist alles vorbei; aber hrt nur!

Wie Marie vorausgesagt hatte, so geschah es; als man mitten in einem
neuen Spiele sich vergngte, war unsere Katze glatt und munter wieder
dabei. Nicht gar zu spt trennte man sich, denn die Ratsmdchen durften
die Pastorsleute nicht aus dem Bette holen. Die Gutsbesitzerin trieb die
beiden an, als es Zeit war, zu gehen, lud ihnen ihr Bndelchen auf und
entlie sie mit der Weisung, vernnftig zu sein und dort die Wirtschaft
nicht noch zu verschlimmern. Als sie durch den Pfarrgarten gingen, kam
ihnen ihre frhere Lehrmeisterin entgegen. Sie schien vor dem Hause
etwas zu lustwandeln.

Da kommt Ihr ja, rief sie den Mdchen zu. Ihr mt aber mit unten
schlafen, hat es Euch die Sperbern schon gesagt?

Ja, erwiderte Marie.

Nehmt's, wie es ist, fuhr die Pfarrerin trocken fort. --

Sie traten miteinander in den Hausflur ein; da drang aus einer halb
offenen Thr, aus der ein matter Lichtschein in die Dunkelheit fiel, ein
merkwrdiges Summen, Poltern, Kreischen, Quieken, Schimpfen, Rcken,
Zischen und Huschen.

Da schlafen die Kinder, teilte die Pfarrerin mit und ffnete die Thr
vollends. Welcher Anblick! In einem durch eine llampe, die mitten im
Zimmer von der Decke herabhing, dmmerig erleuchteten Raume bewegte es
sich auf eine berraschende Weise. berall schlpften rosige, weie
Gestalten. Auf den Betten sprang es, auf der Diele schlpfte es, und bei
dem ersten Schritte in dieses Reich zupfte es schon von allen Seiten den
Mdchen an den Rcken.

Da Euch doch gleich! rief die Pfarrerin und schwang in demselben
Augenblick einen Stock, den wohl ein guter Geist ihr whrend ihres
Eintrittes in die Hand gespielt haben mute, denn kurz vordem wuten
Marie und Rse, da sie unbewaffnet gewesen war.

Wollt Ihr wohl! rief sie, Ihr Pack, geht in die Betten!

Erheitert durch diese krftige Anrede wurde dem Befehle der Pfarrerin
auf schreiende, kreischende Weise nachgekommen. Sie gingen in die
Betten.

Marie und Rse folgten den Bewegungen ihrer frheren Lehrmeisterin, wie
diese sich ber das eine und andere Bett bog: in jedem lagen zwei bis
drei Pastorskinder fr die Nacht verpackt. Sie sahen, wie die Herrin
dieser Schlafstube Decken energisch feststopfte, bedeutungsvolle Pffe
austeilte und auf alle Weise bemerklich zu machen suchte, da sie Ruhe
wnsche.

In unklaren, kurzen Redensarten teilte sie, wie es schien, Befehle aus,
wie: Fort, Du da aus dem Bett, fort da in das Bett! Das Bett bleibt
frei!

Der haben sie schon bel mitgespielt, bemerkte Rse trocken zu Marie
gewendet. Sieh nur, wie verschlumpt sie ist. Du lieber Gott, sie war
zwar unsere Lehrerin, aber leid thut sie mir doch!

Es brauchte nur ein armer Sterblicher nach Rsens Meinung das Unglck
gehabt zu haben, Mariens oder ihr Lehrer gewesen zu sein, so schien er
ihnen fr eine fhlbare Wiedervergeltung des Jammers, den er ihnen
verursacht hatte, reif genug.

Aber dieses Ma, das ber die arme Pfarrerin ausgeschttet wurde,
erschien selbst Rsen berreichlich.

Ihr mt schon hier frlieb nehmen, sagte die Frau auer Atem. Hier
in dem Bett knnt Ihr schlafen. Sie wies auf ein breites Bett, das
wahrscheinlich drei Pfarrerskinder, die nun enger zu einander gesteckt
waren, den Gsten zuliebe hatten rumen mssen.

Macht's Euch bequem. Diesen khnen Ausspruch in dieser Umgebung that
die Pfarrerin auf eine sonderbare, fast spttische Weise, als wollte sie
sagen: Mache es sich hier einer bequem!

Na, legt Euch nur hin, sie werden es ja gndig heut Nacht machen ...
Da Ihr mir die Mdchen nicht strt! rief die Pfarrerin mit
Feldherrnstimme. Hier den Fritze, sie zeigte nach einem Bette, den
lat nur ruhig, der hat den Keuchhusten. Er macht es mit sich allein ab,
das ist das beste. Schlafet wohl, ich mu hinauf zu den zwei kleinen
Schreihlsen, wenn das nicht wre, da htte ich es anders mit Euch
eingerichtet.

Die Pfarrerin ging und lie die beiden Mdchen mit der heimtckischen
Gesellschaft allein. Kinder, die mit blinzelnden Augen warten, bis die
Mutter glcklich zur Thr hinaus ist, um dann unter den Decken
vorzuschlpfen und einen Hexensabbath nach ihrer Art zu feiern, sind das
heimtckischste, was man sich vorstellen kann.

Noch blieben sie ruhig, und die Mdchen begannen, sich auszuschlen,
vorsichtig, lautlos, denn es verlangte sie durchaus nicht danach, das
Schauspiel von vorhin, als sie eintraten, wiederholt zu sehen.

Sie saen miteinander in ihren Rckchen auf dem Bettrand und flochten
sich die Zopfenden fester; da regte es sich hinter ihnen, zwei Burschen
und ein Schwesterlein huckten da, befhlten die Zpfe der Gste, und der
kleinste Bube krabbelte vorsichtig mit den Fingerchen ber Rsens Hals.
--

Da sind sie, sagte Marie seufzend, die sich durchaus nicht gern um
ihren Schlaf bringen lie.

Ja, da waren sie. Jetzt noch schweigsam, vorsichtig, etwas scheu; aber
schon wichen diese mildernden Umstnde. Das Bbchen, das zaghaft ber
Rsens Hals hingetippt hatte, schlug jetzt, in erwachendem
Sicherheitsgefhl, mit der flachen Hand auf ihr weies Fellchen los.

Die machte kurzen Proze, langte sich den kleinen Schelm vor und zog ihm
ein paar Tchtige ber, denn sie fand es fr vorteilhaft, sogleich ein
Exempel zu statuieren. Statt der erwarteten Wirkung aber trat eine
allgemeine Begeisterung ber Rsens Handlungsweise ein.

Sie sprangen wie auf ein gegebenes Zeichen aus den Betten und bestrebten
sich allesamt und sonders, auf das Lager der armen, mden Dinger zu
gelangen. Sie berpurzelten sich, die greren stieen die kleinen
herab, die kleinen kniffen und bissen die greren in die Beine.

Schon hatten einige der kleinen Gestalten ihre weien Lmpchen verloren
und umkrochen, umpurzelten, ber und ber rosig, die beiden guten,
ratlosen Ratsmdchen.

Es schien bei Pfarrers, wie bei den alten Rmern, Sitte zu sein, in der
hchsten Regung der Begeisterung, wenn ein Schauspiel zum vollen Beifall
aufforderte, ein Kleidungsstck nach dem andern in die Hhe zu werfen,
bis die Begeisterung befriedigt, und die Kleider ein Ende erreicht
hatten.

Hier war das Ende schnell erreicht. Eines nach dem andern warf sein
Hemdchen den Mdchen an die Kpfe und freute sich seiner Nacktheit ganz
augenscheinlich.

Der Lrm wuchs, die Lage der Mdchen wurde wahrhaft bedrohlich, denn es
zerrte und ri an ihnen von allen Seiten.

Mit einem Male fing Fritzens Husten an. Der unglckliche Schlingel
huckte sich an einem Bettpfosten nieder und wrgte und keuchte zum
Erbarmen. Marie machte sich von dem zudringlichen Schwarm los, wickelte
den armen Jungen in ein Kittelchen ein, setzte ihn auf eine Bettdecke,
da er doch etwas Behaglichkeit hatte und ging zurck, Rsen zur Hlfe,
die eben einen ungefhr achtjhrigen Ruhestrer in der Mache hatte, ihn
mit Schlapps und Bengel auf das freigiebigste traktierte. Schlapps
schien den Pfarrerskindern ein neues, verheiungsvolles Wort zu sein,
denn im Chor wurde es freudig wiederholt. Ihr seid selbst ein
Schlapps! rief ein kleiner Dicker, zu den Mdchen gewendet.

Ja, sie sind Schlppse! rief es von allen Seiten. Das sind
Schlppse!

Ihr seid ein unerhrtes Volk, rsonnierte Rse dazwischen; das ist ja
eine miserable Wirtschaft bei Euch.

Ja, Schlapps! Ja, Schlppse! schrie es wieder durcheinander, quikend,
lachend, sprudelnd.

Jetzt schien der Hhepunkt, der diese Nacht unter den obwaltenden
Verhltnissen zu erreichen war, erreicht zu sein. Der arme Fritz
hustete, weinte und lamentierte aus vollem Halse, und die von
menschlichen Leiden unbehelligten Blger trieben ihre Ausgelassenheiten
und Frechheiten unentwegt weiter, und zum berflu entwischten noch
zwei, liefen zur Thr hinaus in den monddurchschienenen Garten. Rse
ging ganz erschreckt in ihrem Rckchen den beiden Flchtlingen nach,
durch den Mondschein, ber den groen Rasen im Garten. Der Tau rann ihr
ber die bloen Fe, das Unbehagen, so nachts im Pfarrgarten zu stehen,
trieb sie, umzukehren, ohne die Ausreier mitzubringen, die sie wie
Gespensterchen im Mondschein zwischen den Bschen hpfen und
aufschimmern sah. Sie war noch nicht lange wieder eingetreten und hatte
kaum auf dem Bette neben Marien Platz genommen, als die Thr aufging und
eine mchtige, gespenstische Gestalt in einem dunklen, faltigen Mantel
und einer Schirmmtze eintrat. Neben dieser Gestalt tauchten in
derselben Thr die beiden Ausreier auf.

Marsch, in die Betten, sagte das Gespenst in ruhigem, sachgemem Tone
und auf eine Weise, als wre es ihm nichts Neues, um diese Stunde hier
ein und aus zu gehen. Allons, allons, wird's bald, Ihr boshaftes Volk!

Du, das ist der Nachtwchter, sagte Rse, da hat er ja sein Horn.

Herr Jesses, ja, flsterte Marie und schlpfte unter die Decke.

Als alles in Frieden lag, wendete sich der Nachtwchter, der vollkommen
unterrichtet zu sein schien, an Rse und Marie und sagte: Die Jungfern
sind da in etwas Schnes hineingeraten. Ich dachte mir es gleich, da es
heute Nacht schn hergehen wrde und bin darum schon zeitig gekommen.
Ich sah vorhin die Jungfer auch im Garten stehen und wute schon, wie es
hier zuging.

Kommt er denn jede Nacht herein? fragte Rse.

Ja, ja, sagte der Nachtwchter, sonst ging's wohl nicht. Ich komme
gar oft und schaue nach, Stunde fr Stunde; aber nichts fr ungut, ich
werde mich schon vorsehen, da die Jungfern jetzt schlafen knnen.

So zog der Nachtwchter ab, und die Pfarrerskinder versanken in einen
respektvollen Schlaf, den ihnen die wrdige Erscheinung der hohen
Obrigkeit eingeflt hatte. Und auch Marie und Rse fanden endlich Ruhe
und bemerkten nicht, wie allstndlich, bis die Sonne aufging, der
Nachtwchter die Runde durch das groe Schlafzimmer machte, die Decken
der Pfarrerskinder zurechtrckte, wie er auch vor dem Bette der
Ratsmdchen stehen blieb und wohlgefllig auf sie hinblickte. Sie hrten
auch nicht, wie er jedesmal, wenn er aus dem Hause trat, in sein Horn
tutete und sein Lied absang. Das war Bestimmung des Pfarrerpaares, das
dadurch des Nachtwchters Umschau im Schlafzimmer kontrollieren konnte.

Er tutete aber auch an keiner Stelle des Dorfes mit der Befriedigung und
dem schnen Bewutsein der Pflichterfllung, wie in dem Garten des
Pfarrers.

Als der Nachtwchter nach seinem ersten Rundgange auf die Landstrae
trat, stand der Mond in vollster Klarheit am Himmel, schimmerte ber die
Felder und ber das Drfchen, das in sanfter Ruhe im Silberlichte lag,
in dem jetzt auch das unruhigste Haus, das dem Frieden des guten Dorfes
Abbruch gethan, durch den Nachtwchter beruhigt und eingeschchtert
worden war.

                   *       *       *       *       *

Am frhen Morgen schlpften die beiden Mdchen in die Kleider als htten
sie gestohlen und machten sich eiligst aus dem Staube, ehe alles im Haus
zum Leben erwachte. Sie banden sich die Schuhe in ihrer Hast auf der
Dorfstrae zu. Als sie in den Gutshof traten, kam ihnen Budang entgegen.
Na, wie habt Ihr denn geschlafen? rief er.

Da schlaf' einer, bekam er von Rse zur Antwort, das sind ja
miserable Zustnde dort! Jetzt kam auch der alte Sperber auf sie zu,
schlug die Mdels zum Morgengru auf die runden Schultern:

   Pastors Kinder und Mllers Vieh
   Gedeihen selten, -- oder nie.

fgte er belehrend hinzu.

Das mu wahr sein, brummte Rse.

Wenn das so bekannt ist, da man sogar einen Vers darauf gemacht hat,
da sollten die Pfarrer doch wahrhaftig lieber keine Kinder haben,
wenigstens nicht so viele, wie Deiner drben.

Da bin ich ganz Deiner Meinung, nickte der Gutsbesitzer nachdenklich.

Ja, aber mit dem Vers, Rse, wenn Du wtest, wie wenig es ntzt, ob
auf das Ding ein Vers gemacht ist oder nicht. -- Da unten, Eure
Gesellschaft, frag sie nur, was es der Welt ntzt, da sie solche
strafbare Massen zusammenschreiben -- in dem verruchten Nest! Sie werden
selbst sagen, wenn sie noch einen Tropfen gesunden Verstand brig
behalten haben, da alles beim Alten bleiben wird. Was schwarz und wei
dasteht, hilft verflucht wenig; nur die Dinge sind die wahren, die aus
den Tages- und Nachtstunden, wie aus ihrem Erdreiche selbst
herauswachsen. Das andere Zeugs taugt nichts! Es ist gut, da wir einmal
darauf kommen, ich mu sagen, mir ist's lieb, da zwischen mir und Eurem
verdrehten Weimar der gute, alte Ettersberg liegt. Bei Euch ist mir die
Wirtschaft mit der Dichtersbagage nachgerade zu berschwenglich
geworden! Das geht ja ber unsereins hinweg, als wren wir bis aufs
letzte im Preise gesunken! Na, mich hat Weimar lange nicht gesehen;
fragt einmal, was dazumal, ehe der Schwindel bei Euch losging, der alte
Sperber in Weimar galt, fragt einmal, ob er nicht berall der erste
gewesen ist. Ja, das waren damals noch Zeiten! -- Du lieber Gott! --

Der Gutsbesitzer ging gedankenversunken zwischen den beiden Mdchen.

Na, sagte Rse begtigend, wie die Zeit fr den Herrn Paten bei uns
vergangen ist, so vergeht sie auch fr die andern.

Nur mit dem Unterschiede, setzte der Gutsbesitzer hinzu, den alten
Sperber haben sie bei Lebzeiten schon vergessen. Mit denen jetzt werden
sie's anders halten.

's ist auch natrlich, Pate, meinte Rse. Die haben auch ihren
redlichen Plack gehabt, bis sie so weit gekommen sind. Wir wollen's
ihnen gnnen, du lieber Himmel, und wenn ich dchte, ich sollte mein
lebelang wie unsere Weimarischen arbeiten, um schlielich berhmt zu
werden. Proste Mahlzeit, ich wrde mich bedanken!

Hr' einmal, Rse, unterbrach Budang sie, la Horny so etwas hren,
der hat so wie so gesagt, da wir dich das nchste Mal nicht mit ins
Theater nehmen, weil Du so unartig und unverschmt sprichst, und dann
will ich den Jammer nicht sehen.

Wenn Ihr Rse nicht mitnehmt, geh ich auch nicht, bekam Budang von
Marie zur Antwort, und die Sache war erledigt.

                   *       *       *       *       *

Ein berreichliches Frhstck versammelte die ganze Gesellschaft.
Whrenddem wurde beraten, was man weiter beginnen wollte, und schon im
voraus gab der Tag, da alle Wnsche betreffs der Unternehmungen
zusammenfielen, das heiterste und anmutigste Bild. Es war fr den
Nachmittag ein Gang auf des Paten groe Wiesen verabredet, auf denen
gerade Heuernte gehalten wurde. Sie zogen nach Tisch aus; die
Gutsbesitzerin hatte ihnen einen Korb voll verlockender Gegenstnde
gepackt, die Ernst Schillers Reitpferd aufgeladen wurden. Das gute Tier
mute seine Motion haben.

Dieser frhlichen Heufahrt, als sie am Nachmittage zur Ausfhrung kam,
gab Rse einen ganz besonderen, interessanten Beigeschmack.

Auf des Paten Wiese war ein groer Teich, an dessen Ufer die
Gesellschaft sich gelagert hatte.

Rse war wie besessen vor Vergngen ber das schne Wasser, hatte sich
platt an das Ufer gelegt und die Arme in den Teich gehngt, und diese
hbschen, festen Arme Fisch spielen lassen. -- Zu dieser Vorstellung
verlangte sie, da alle zusehen mten. -- Nun seht doch, seht doch!
rief sie. Wie sie in den Grund fahren, die beiden groen Hechte -- da
wird wohl etwas fr ihren Schnabel stecken; -- da, und nun sind sie
wieder oben und pltschern. Und whrend sie das erklrte, spritzte sie
um sich her, da die hellen Wasserfunken ber sie und die Zuschauer
hinfuhren. Darauf sprang sie in die Hhe -- um sich irgend eine andere
Vergnglichkeit auszudenken. Und nach unendlichem Gaukeln und Tollen
platschte Rse von einem Steg, der zum Schpfen in den Teich
hinausgebaut war, wie es kaum anders zu erwarten stand, endlich ins
Wasser.

Es wurde, whrend sie noch darin steckte, von Marie statistisch
bewiesen, da es das siebente Mal in Rses Leben war, da man sie aus
dem Wasser ziehen mute. Marie litt auch nicht, da einer der Kameraden
sich hineinstrzte, um die Schwester zu retten.

Wartet nur, ich will es schon sagen, wenn es ntig ist. Es wre ja
schade um die Anzge.

Rse, stehst Du, hast Du denn Grund?

Ja, prustete Rse, die tchtig getaucht war, und der das Wasser bis an
das Kinn ging.

Dann tapp vorwrts, kommandierte Marie mit aller Kaltbltigkeit. Die
beiden hatten Routine und benahmen sich bei solchen Gelegenheiten
tadellos.

Hier ist verdammter Schlick am Boden! Pfui Kuckuck! schimpfte Rse.

Warum bist Du 'rein gefallen! gab die Schwester zur Antwort.
Vorwrts!

Budang und Ernst von Schiller zogen den Fisch schlielich zum Ufer
hinauf.

Nehmt Euch in acht, nehmt einen Stock, da sie Euch nicht so sehr
anfat! ermahnte Marie bei dieser Prozedur fortwhrend. Ihr habt keine
Wsche weiter mit.

Da stand nun der arme Schelm, die Rse, in der warmen Sonne lebendig
zwar, aber triefend und tropfend. Um die allerliebste Gestalt lag das
dnne Kattunkleidchen wie ein Schleier, aus den Zpfen rannen
Wasserbchlein.

Ernst von Schiller war auf seinem geschmhten Reitpferd davon
galoppiert, um ihr vom Gute Kleider zu holen.

Franz Horny, der zuknftige Maler blickte wie versunken auf Rse hin und
sagte ruhig und trumerisch, wie es seine Art war, zu Budang: Giebt es
etwas Hbscheres, als unsere beiden Mdchen? Budang nickte ihm zu.

Inzwischen hatten sie Rsen ein Kmmerchen aus duftendem Heu
aufgeschichtet, in dem sie aus ihren nassen Kleidern in trockene
kriechen konnte, die durch Ernst von Schillers Bemhen und durch des
Pferdchens Anstrengung schnell genug da sein muten. Und so schnell, wie
es sich irgend erwarten lie, kam er auch angesprengt und schwenkte das
punktierte Kleid lustig, wie eine Fahne. Als er Marie alles berreichte,
sagte er in der lebendigen Erregung des schnellen Rittes: Famos ist es,
was fr Unsinn die Leute sagen, wenn man mit einer unverhofften
Nachricht kommt. Die Patin steht in der Thr, und ich rufe: Rse steckt
im Wasser bis ber die Ohren! Herr Je! schreit die Patin: Da ist sie
gewi na? Damit war sie aber schon in vollem Trab ins Haus hinein und
nach den Kleidern.

Marie reichte der Schwester die Sachen in das Heukmmerchen von oben
hinein. Und es dauerte nicht lange, da bohrte sich Rses
freudestrahlendes Gesicht durch die duftende Wand.

Ich bin jetzt schon ganz hbsch trocken! versicherte sie der
Gesellschaft. Es dauert gar nicht mehr lange, aber es geht so schwer,
ich mu mich auf den Knieen anziehen, sonst gucke ich oben bers Heu
heraus!

Na, mach nur, rief Marie, und trdle nicht!

Als Rse nun wieder im Schmucke des punktierten Gewandes, heiter und
lustig wie ein Morgenstern, durch ihre Heumauer kroch, stieg die
prchtige Laune hher und hher. Sie sprachen dem pfelwein der Patin
auf das lebhafteste zu, verzehrten, was sich von ihrem Vorrat verzehren
lie, alles, bis auf Glser und Teller, und verabredeten fr den andern
Tag abends einen Rettungsball zu Rsens Ehre. Die Volontre auf dem Gute
wollten sie veranlassen, noch einige Freunde und Mdchen aufzufordern,
denn die Sache sollte auerordentlich werden.

                   *       *       *       *       *

Und es kam zu diesem Balle. Es kam zu allem Glanze dieses Balles, es kam
noch zu den schnsten Stunden.

Die blumengeschmckten, hbschen Kinder tanzten bis in die stille Nacht
mit ihren lieben Kameraden, schienen die fremden Gste nur deshalb
gewnscht zu haben, um desto ungestrter mit den Freunden zusammen sein
zu knnen, und es war ihnen eine Erhhung des Vergngens, da sich auer
ihnen noch mehr festliche Gestalten im Garten und Haus bewegten. Durch
ihre frohen Gste bekamen sie wohl unbewut die Besttigung, da das
Leben wirklich schn, wirklich berreich sei. Was that es den
Ratsmdchen, da sie aus dem lustigen Treiben am spten Abend in das
Schlafzimmer der Pfarrerskinder schlpfen muten, da sie dort
nachtsber allerlei Abenteuer durchzumachen hatten, allerlei sonderbares
Zeug und viel Geschrei und Geznk.

Sie hatten sich auch bald in Respekt gesetzt durch tchtige Pffe, die
sie am Morgen von ihrem Bette aus, halb im Schlaf, jedem versetzten, der
sich ihnen nhern wollte, und sie blieben unbehelligter.

                   *       *       *       *       *

Tagelang hatten sie schon auf dem Gute die Zeit berdauert, die sie
anfangs bleiben wollten, da kam eines Morgens Franz Horny in den
Pfarrersgarten gelaufen und pfiff vor dem Fenster des groen
Schlafzimmers.

Die Mdchen hrten es und schlpften eiligst in ihre Kleider und standen
bald erwartungsvoll drauen vor der Thr.

Macht Euch fertig, rief Franz Horny, mit der Miene, als kme er, etwas
Herrliches zu verknden. Macht Euch fertig, wir gehen heut' alle
miteinander hinunter nach Weimar ins Theater. Wir wollen uns schon
hineindrngeln, da seid ohne Sorge. Sie geben ein neues Stck von
Goethe, den >Tasso<.

Wir sind dabei, meinte Marie. Und wer wollte Rsen erst nicht
mitnehmen?

La sein! Die kommt natrlich mit. Flten-Lobe wird uns schon wieder
einlassen!

Flten-Lobe? fragte Rse gedankenlos.

Ja doch, antwortete Horny.

Da es jedermann genau wisse: Etliche Thren und Pfrtlein im Theater
wurden besonders geschlossen, und ein junger Musiker hatte die Aufsicht,
er hie Lobe, blies die Flte, folglich Flten-Lobe.

Diesen verband eine warme Freundschaft mit unseren Helden, und diese
Freundschaft vermochte ihn, der Kasse des Theaters ein Schnippchen zu
schlagen, so da die leichtsinnige Gesellschaft auf Schleichwegen ihre
Kunstgensse umsonst hatte, was bei einem Kunstgenu von schner und
bedeutungsvoller Wirkung ist.

Wren die Ratsmdel auf bezahlte Theaterpltze angewiesen geblieben, da
htte es windig damit ausgesehen; aber deshalb, weil sie zwei schlimme
Schmeichelkatzen waren und mit aller Welt anbanden, und weil sie so
viele gute Freunde hatten, saen sie im Theater, wann sie Lust sprten,
hrten die herrlichsten Dinge, sahen vielberhmte Menschen -- und gaben
nie einen Heller dafr aus.

Heute also wurde >Tasso< gegeben. Das war unsern beiden recht. Besonders
wohl weil sie frs Leben gern etwas Neues sahen.

So verabschiedete sich die Gesellschaft mit tausend Dank und dem
Versprechen, sehr bald zurckzukehren, von ihren Wirten und zog mit dem
gepackten Pferdchen den Ettersberg hinab, Weimar zu, einem neuen Genusse
entgegen. --

Frau Rat empfing ihre Kinder auf das liebevollste und zrtlichste, ging
gern auf ihren Theaterplan ein, hatte dies und das an ihren Fhnchen
auszubessern, denn so ein paar bermtige Tage nehmen den Sommerstaat
ausgelassener Mdchen stark mit, und Frau Rat wollte, wenn die Kinder
auch auf Hintertreppen und Schleichwegen ins Theater gelangten, da sie
ihr, wenn sie glcklich darin sen, wenigstens keine Schande machten.

Sei Du gepriesen, Frau Rat!

Es soll Dich niemand schelten, der sich klger dnkt und in rechtlichen
Dingen korrekter zu denken gewohnt ist, als Du!

Budang und Franz holten die Mdchen ab, und die Mutter ermahnte noch zur
Vorsicht, wegen des Erwischtwerdens.

Da seien Sie auer Sorge, Frau Rat, sagte Budang, einigermaen in
seiner Ehre gekrnkt. Wenn die Mdchen mit uns sind, geschieht ihnen
nichts. Wir haben sie noch jedes Mal durchgebracht.

Und es ging auch diesmal vortrefflich. Flten-Lobe hatte die Thren
aufgelassen, die zum Einschlpfen erforderlich waren, und bald standen
sie in dem heiligen Raume, zuerst sehr bescheiden in einem Eckchen; aber
schon mit dem Vorhaben, sobald es thunlich, ein paar recht gute Pltze
zu erwischen.

Da ist er schon, sagte Franz Horny und blickte nach Goethes kleiner,
dsteren Loge, unter der herzoglichen. Dort in der Dmmerung sa er.

Der Vorhang ging auf, und Schnheit, Reinheit und Vollendung strmte
ber die Seelen hin. Weihe umhllte alle, andchtiges Schweigen erfllte
den Raum, und die Herzen der Schauenden schlugen in erhhtem Leben. Die
ernste Gestalt in der kleinen, dmmerigen Loge verschwand zu Zeiten, war
dann wieder gegenwrtig. Welch ein Abend war dies, welch ein Empfinden,
den Schpfer solcher Gre, solcher Schnheit nahe zu wissen! ber
unsere guten Freunde war alles Groe, was sie hrten, erhebend, mchtig
gekommen.

Sie waren alle verschnt und gaben ein Bild beseligter Jugend ab. Sie
sprachen kein Wort, aber sie hatten das einige Gefhl, da sie
miteinander genossen und das Vertrauen zu einander, da jeder verstand
und jeder entrckt war.

                   *       *       *       *       *

Nach dem Ende der Vorstellung blieben sie an einer Thre drauen auf dem
Platze stehen.

Ich will ihn heute noch einmal sehen, sagte Franz Horny leise zu den
Mdchen. Wir wollen hier warten. Und sie warteten. Ernst von Schiller
hatte sich auch noch zu ihnen gefunden. Bald gingen sie einer mchtigen,
schn schreitenden Gestalt nach, die in einen weiten Mantel gehllt war;
alle schweigend.

Sie gingen durch die Esplanade, die Frauenthorstrae und folgten der
Spur des grten Menschen.

Sie sahen ihn die Stufen zu seinem Hause ruhig hinanschreiten. Sie sahen
ihn eintreten und blickten hinauf nach den erleuchteten Fenstern.

So standen sie eine Zeitlang.

Marie sagte: Hrt einmal, weil alles jetzt gar so schn war, da wollen
wir auch einmal etwas thun: in Wielands Garten blhen jetzt die Lilien,
die ganze Partie um die Kaffeekche ist voll davon. Von Iris haben sie
auch ganze Klumpen in Blte -- und was man sonst noch findet. Ihr, sie
wies auf die Kameraden, Ihr sollt bersteigen und zusehen, was Ihr
bekommen knnt. Wir sagen es Wielands einmal, oder sagen es auch nicht,
wie es sich macht. Es wchst dort wie Unkraut. Die Blumen binden wir
dann in zwei groe Bschel an die Kettensteine hier vor der Treppe. Er
wird sie morgen schon sehen, aber es mssen tchtige Bschel sein, viel
Grnes dazu. Bast zum Binden, da wir sie an den Steinen festbekommen,
der hngt in Wielands Kaffeekche, links am Haken, hinter der Thr.

Die Freunde waren einverstanden und machten sich in aller Begeisterung
auf, um unschuldsvoll in Wielands Garten einzubrechen.

Ernst von Schiller, Budang und Horny kletterten glcklich ber, warfen
den Mdchen ganze Ladungen der frischesten, tauigsten Blumen zu und
Zweige Bandgrasbschel -- Rse und Marie rafften und banden mit
brennenden Wangen, was ihnen zufiel, zusammen -- und ehe die drei
glcklichen Diebe wieder zurckgestiegen waren, standen die Mdchen
schon bereit, jedes mit einem Riesenwerk von einem sommerlichen Strau
in dem Arme.

Der Tausend, so viel haben wir gelangt? rief Budang erstaunt.

So zogen sie denn wieder beladen zurck. Und bald duftete es um die
Prellsteine an den breiten Stufen, die zur Hausthr fhrten, von dem
Blumenopfer, das die begeisterten, von Lebensgenu und Jugendkraft
durchdrungenen Diebe gebracht hatten.

Whrend Rse sich noch an ihrem Strau etwas zu schaffen machte, sagte
sie: brigens ist es kein Wunder, wenn es ihm, sie zeigte hinauf nach
dem Fenster, so gelingt. Wenn man einmal ein groer Mensch von Natur
ist, da braucht man nur zu leben, und es macht sich von selbst, gerade
so, wie sich bei uns nichts macht. Mir thut Ernsten sein Vater leid, da
er so frh hat sterben mssen.

Ohne da sie noch ein Wort dazu sprach, steckte sie eine Knospe, die sie
aus dem groen Blumenreichtum brach, ihrem guten Freunde an die Brust.

Jetzt brachten die drei Kameraden die Mdchen nach Hause, und ber die
schnen Erlebnisse des Tages sanken die Trume.




                          Dritte Geschichte.

                 Handelt von der alten Kummerfelden.


So ungebunden das Leben unserer Ratsmdel sich gestaltete, so geschah es
doch, da sie hin und wieder ernstlich angehalten wurden, etwas
Vernnftiges zu treiben.

Die Mutter sah ihre Kinder als vollgiltige Geschpfe an, deren Willen
und Neigungen man bercksichtigen mute. Gegen das Erlernen von fremden
Sprachen und Musik hegten sie von frh an, wie gegen etwas vllig
berflssiges und Zeitverderbendes, einen heftigen, unberwindlichen
Widerwillen, der nach manchem Versuch, die Mdchen anders zu berzeugen,
geachtet worden war. Man hatte sie in der stark ausgesprochenen Neigung,
ihren Geist von jenem Ballast frei zu halten, schlielich nicht mehr
gehindert.

Frau Rat war der ruhigen berzeugung, da ihre Mdchen mit gesundem
Menschenverstand gengend versorgt seien, so da sie das Darum und Daran
zur Not entbehren konnten, ja, da man kaum bemerken wrde, da ihnen
etwas, worauf andere groen Wert legen, abgehe. Sie dankte ihrem Gott
dafr, da die beiden Rangen zu Handarbeiten einige Neigung zeigten, und
war froh, da es sich mit ihnen so und nicht anders gestaltet hatte,
denn htten sie in Musik und Sprachen bis ber die Ohren gesteckt und
dabei ihrer Hnde Arbeit verchtlich von oben herab behandelt, so wren
sie fr Frau Rat ein paar rechte Sorgenkinder geworden, denn diese baute
alle Hoffnung fr eines Mdchens Glck und Zufriedenheit auf deren
Flei, Ordnungsliebe und kluge Selbstthtigkeit im Hause, mochte das
Mdchen dann sein, wie es wollte, es wrde sich sicher als Frau dem
Manne doppelt ntzlich machen, denn wo auch Schnheit, Leidenschaft
vergeht, bleiben Ordnung, Behagen, Flei als liebgewordene Gewohnheit
zurck und treten in volle Rechte ein. -- Und Frau Rat erkannte bei
allem bermute und aller Unart ihrer Mdchen dennoch einen guten,
vertrauenerweckenden Kern in ihnen. In guter Einsicht hatte sie neben
dem krglichen Schulunterricht, den die beiden genossen, fr tchtige
Krfte gesorgt, die ihnen Anweisung in der Kunst weiblicher Handarbeit
erteilen sollten. -- Da war zuerst die Jungfer Concordia, die mit aller
Liebenswrdigkeit ihrer sanften Person auf unsere beiden eingewirkt
hatte und ihnen auch mit mancherlei Kenntnissen unvermerkt beigekommen
war.

Als Jungfer Concordia von Krnklichkeit oft heimgesucht wurde und die
Mdchen nicht immer um sich haben konnte, riet dieselbe der Mutter, Rse
und Marie zu der alten Kummerfelden zu thun, die in jeder Weise eine
vertrauenerweckende Persnlichkeit sei.

Und so geschah es; unser Kapitel soll von der alten, wunderlichen
Kummerfelden handeln und ihrer damals weit berhmten Nhschule. Die
besagte Madame Kummerfelden war, wie mnniglich bekannt, frher
Schauspielerin gewesen und zwar eine groe Knstlerin, vortreffliche
Darstellerin der Julia und Ophelia. In Hamburg, Frankfurt, Leipzig und
Weimar hatte sie einen guten Namen gehabt. Jetzt sa sie in einem
kleinen Huschen, das sie in Weimar den Entenfang nannten. Entenfang,
weil es an einem Wassergraben lag, in dem die Enten der Flederwischmhle
ihr Wesen trieben und vor einer Schleuse in der Nhe des Huschens Halt
machen muten.

Die Schleuse, die in einem versteckten, von dichtem Buschwerk
berwachsenen Winkel lag, hatte den Mller schon um manchen fetten
Braten gebracht, denn verdchtiges Gesindel wute von diesem Versteck
aus die Enten, die sich dort gern aufhielten, da sich daselbst allerlei
Vorzgliches fr ihren Geschmack staute, zu beschleichen und
wegzukapern.

So wohnte die Kummerfelden im Entenfang, und im Entenfang hielt sie ihre
vielbesuchten Nhstunden. -- Das kleine Haus, es steht noch, hatte sich
jedenfalls ein nrrischer Kauz vor langen Jahren nach seinem Behagen und
Geschmack erbaut, und der Geschmack bewies, da der Erbauer desselben
einiges berflssiges Geld besessen, denn auf die sonderbarste Manier
hatte er an unmotivierte Stellen und Ecken des Huschens kleine Sulen,
die nichts trugen und sttzten, anbringen lassen. Wo es ihm beliebt
hatte, klebte an der Wand, auf einem Konsol oder irgend einem Vorsprung,
ein Sulchen, auch ber den Thren standen sie zu dreien und vieren;
alle hatte man, wie die Wnde, gleichmig gelb bertncht, und sie
waren der rger der Kummerfelden, solange dieselbe das Huschen
bewohnte.

Sie hatte in einer erbosten Stunde berechnet, da an die dreihundert
Reichsthaler durch die verwnschten Sulen und Sulchen an den Wnden
und in den Ecken verbaut waren, und dieser tote Schatz war ihrem
praktischen Sinn ein wahrer Ekel.

Was ihr Haus aber lieb und wert machte, mochte eine Einrichtung sein,
die sie fr ihre Zwecke gar nicht besser wnschen konnte -- und von der
sie sich nicht ausreden lie, da der Erbauer des Huschens diese schon
in der Vorahnung ihrer knftigen Existenz darin habe treffen mssen.

Denn auch die Kummerfelden, wie jeder gute Sterbliche, hielt ihr eigenes
Dasein fr den Punkt, auf den alle Linien zuliefen. Die Einrichtung, die
sie so erfreute und die allerdings groen Einflu auf ihre Art zu leben
und zu wirken hatte, war folgende: Die beiden Hauptzimmer des Hauses,
ein greres und ein kleines, lagen wohl nebeneinander, wie das
gebruchlich ist, aber sie lagen nicht auf gleichem Niveau, sondern von
der kleinen Stube fhrten breite Stufen in das groe Zimmer hinab. --
Das war eine verzwickte Bauart -- aber, wie es sich herausstellen wird,
fr die Zwecke unserer Kummerfelden wie erfunden.

Die Alte hatte in dem oberen kleinen Zimmer ihr Bett, das ein
rotgeblmter Vorhang umschlo, und einen Schrank voll Raritten; darber
hingen ihre Lorbeerkrnze, die glckliche Jahre ihr eingebracht hatten,
wie Erntekrnze von der Decke herab.

Ferner hatte sie in diesem oberen Reich ihre Destillation. -- Sie war
die Erfinderin des Kummerfeldschen Wasch- und Schnheitswassers, das bis
heute noch in jeder Apotheke Deutschlands und weit ber Deutschland
hinaus zu haben ist. -- Und die Alte war der lebende Beweis, da ihrer
Erfindung zu trauen sei, denn trotz ihrer Jahre hatte sie ein frisches,
blhendes Aussehen und hielt viel auf sich. Sie trug eine Haube mit
Ohrenklappen und mchtigen Bndern, wie auer der ihren keine weiter im
Stdtchen anzutreffen sein mochte. Ihre Kleidung war von altem,
bewhrtem Schnitt, der von allerlei leichtfertigen Erfindungen lngst
berholt war, dem sie aber mit vollem Selbstbewutsein treu blieb. Das
Muster ihrer Kleidung mute stets ein geblmtes sein; sie liebte es,
einen freundlichen Eindruck zu machen, und ein geblmtes Kleid war ihr
das erste Erfordernis, um solch einen Eindruck hervorzubringen.

Die Mbel der Kummerfelden verrieten samt und sonders, da sie einer
praktischen, zugleich lebhaften Person, die es mit dem Leben leicht
nahm, angehrten. Die Kommode zum Beispiel gab Zeugnis davon. Diese
stand auf drei Kugelbeinen, das vierte ersetzte seit einer Reihe von
Jahren ein vorzglich passender, roter, irdener Blumentopf und gengte
beiden, der Kommode und der Kummerfelden, auf das beste. An einer lila
Schnur, die mit einem Nagel an dem Kommodenrand befestigt war, hing eine
zweizinkige Gabel herab, die als Brecheisen und Hebel dienen mute, um
den Schlssel zu ersetzen.

Mit dieser stach die Kummerfelden mit einer ausgezeichneten, nie
fehlenden Sicherheit in die drei Fcher hinein, ohne das Mbel jemals
lebensgefhrlich zu beschdigen, und jedes Fach zeigte, was dem
Verfahren nach natrlich war, eine Stichflche, hnlich der, die den
linken Zeigefinger einer fleiigen Nherin kennzeichnet.

Als Schmuck des Zimmers schien die Knstlerin ihre geblmten Gewnder zu
betrachten, die in aller Unschuld und Frhlichkeit an den Wnden umher
hingen. Das machte den Eindruck, als liebe die Kummerfelden sie um sich
versammelt zu sehen. Der einzige Stuhl des Zimmers stand vor dem
Himmelbette, war ein Lehnstuhl mit groen Ohren und hatte ein
auerordentlich freundschaftliches und gutmtiges Aussehen. ber dem
Bette, von dem Himmel herab, hingen die auserwhltesten Lorbeerkrnze,
mit gewaltigen Schleifen, die jedenfalls aus tiefen Grnden diesen
Ehrenplatz erhalten hatten. Auerdem aber hing ber dem Bette ein
rotseidener, verblichener Beutel, der das Schnupftuch fr die Nacht
barg, eine Ledertasche, in der sich zu jeder Zeit Zwieback und ein
strkendes Schlckchen befand. Die Kummerfelden litt, wie viele alte
Damen, an momentanen Schwchezufllen, die zu Zeiten in merkwrdig
kurzen Pausen wiederkehrten.

In einem anderen Beutel ber dem Kopfkissen, der an einer Schnur sich
bis auf das Bett herabziehen lie, lag ein Gebetbuch und das Testament
der alten Knstlerin.

In das Gebetbuch, an der Stelle, wo die Stogebete fr das letzte
Stndlein standen, hatte sie, der Vorsorge wegen, eine dicke Schnur
gelegt, da, wenn es einmal unvermutet ans Sterben kommen sollte, sie
sich mit leichter Mhe zurecht finden und einigermaen Trost verschaffen
konnte.

Einsame Menschen mssen sich fr die Nachtzeit in allen Dingen vorsehen,
denn es lebt und stirbt sich beschwerlich allein, und die sonderbarsten,
bequemsten und vorteilhaftesten Einrichtungen ersetzen zu manchen
Stunden die krglichste Gesellschaft nicht.

In dem oberen Stbchen blieb sie allein Herrin, kein fremder Fu durfte
es betreten, in dem unteren hingegen war das Reich ihrer Schlerinnen,
ihrer Elevinnen, wie sie dieselben vorzugsweise gern benannte.

Da wurde genht, gestickt, gestrickt und gestopft und endlos geplaudert.

Die Kummerfelden sa whrend der Unterrichtszeit auf der zweitobersten
Stufe der Treppe, welche die beiden Zimmer miteinander verband, und
hatte sich dort einen hchst behaglichen Sitz eingerichtet, mit Kissen
und Polstern. Das Stck Stufe, das ihr zum Sitz diente, war von ihr
selbst, um es sicher und bequem zu haben, etwas verlngert worden durch
ein festgenageltes Brett; und von diesem Throne herab berwachte sie
ihre Mdchen, von da herab tnten ihr munteres Lachen, ihre Verweise,
ihre Aufforderung zu einem Gange ins Freie, wunderbare Erzhlungen aus
ihrem bewegten Knstlerleben. Von hier aus las sie ihnen vor,
deklamierte sie ihre alten Rollen. Es war ein ganz prchtiger Platz, um
die Schlerinnen zu berblicken. Die Kummerfelden hatte scharfe Augen,
so leicht entging ihnen nichts. Sie kannte ihre Mdchen. Auerdem hatte
sie eine ganz besondere Schlauheit angewendet, um genau zu wissen, was
vorging. Sie hatte sich von jeher als schwerhrig angestellt, damit die
unten ungestrt alles und jedes laut miteinander plaudern konnten in dem
Glauben, ihre Meisterin verstnde nichts. Dabei waren aber die Ohren der
Alten unter der Mtze wie Luchsohren so scharf, und sie lachte sich ins
Fustchen, wenn die von ihr Getuschten ganz ungeniert und laut Dinge
sprachen, die sonst wohl gar nicht in ihrer Nhe oder doch im Flsterton
verhandelt worden wren.

Doch hatte sie diesen Betrug nicht aus Bosheit, sondern aus wahrem
Interesse an ihren Zglingen ausgespielt und lachte manchmal in sich
hinein ber die nrrische Welt, denn jede neue Generation, die auf ein
Jhrlein oder zwei bei ihr eingethan wurde, um zu lernen, benahm sich
genau wie die vorhergehende. Eine jede behandelte mit unerhrter
Wichtigkeit Dinge, von denen man der Art nach, wie die Mdels darber
sprachen, annehmen mute, da diese Dinge berhaupt zum allerersten und
unwiderruflich letzten Male auf Erden stattfinden wrden.

Hrt einmal, Ihr Sakramenter, rief die Kummerfelden von ihrem Throne
herab eines Tages, als sie es ihr da unten zu toll trieben, es war zur
Zeit, als auch die Ratsmdchen bei ihr saen. Hrt einmal, Ihr da
unterhaltet Euch doch nicht etwa von Liebesgeschichten? -- Ihr macht mir
gerade solche Gesichter.

I bewahre, rief eine Schlerin lustig, was denkt die Madame!

Ei Du! murmelte die Alte in ihre groe Haubenschleife hinein, da
Dich doch! -- Das lgt nun einmal, so lange die Welt steht! Damit
beruhigte sich die Kummerfelden wieder, da sie doch nichts an der Welt
ndern konnte.

Aber, sagte sie, im Falle Ihr einmal von Liebesgeschichten sprechen
solltet, und weil wir einmal darauf gekommen sind, will ich Euch doch
meine Geschichte mit dem Schauspieler Krakow erzhlen. Es ist zwar nicht
viel daran, aber doch genug, um zu sehen, da man auf alles gewrtig
sein mu im Leben.

Und mit wahrer Herzenslust legte sie los und erzhlte dies und das und
von Hamburg und von Bremen und sprach eifrig: Also denkt Euch! Ich
verlobe mich mit besagtem Herrn Schauspieler. Er war ein recht schner
Mensch von guten Gaben, war auch nichts gegen ihn einzuwenden, da ich
wte. Zurckgelegt hatte er noch nichts, das hatte ich gethan und alles
schien so leidlich in Ordnung.

Mir war von ihm ein goldener Ansteckekamm verehrt worden, und ich gab
ihm eine perlengestrickte Brse. Sie liegt noch oben in meinem
Schrankkasten, denn er mute mir, wie er das einem anstndigen
Frauenzimmer nicht verweigern konnte, bei der Auflsung unserer
Verbindung die Brse zurckgeben, und unsere Verlobung lste sich, durch
Gottes Schickung, folgendermaen:

Mein Verlobter bersandte mir zu meinem Geburtstag ein Krbchen mit
Mandeln und Rosinen, dazu ein Verschen, ber das Ihr staunen werdet, da
es bis jetzo noch nicht zutrifft und recht zeigt, was fr ein
verrterischer und verleumderischer Mensch mein Verlobter war. Schickt
mir also das Krbchen, und der Vers war so:

   Runzlich zwar, doch se;
   Nimm sie und i se.

Diesen Vers, wenn man das abgeschmackte Ding so nennen kann, verehrte er
mir.

Natrlich ist das runzlich, doch se eine Anspielung auf meine Person
gewesen. Ich war damals die jngste nicht mehr und Witwe, doch weit
entfernt von dergleichen, was er andeutete; was Ihr mir glauben werdet,
wenn Ihr bedenkt, wie ich jetzt, nachdem so viele Jahre darber
vergangen sind, noch aussehe.

Aber weiter, sagte die Kummerfelden: Ich konnte natrlich die
Beleidigung nicht auf mir sitzen lassen und schrieb ihm den Absagebrief,
wie es einem anstndigen Frauenzimmer geziemt. Er hat ihn auch ohne
weiteres angenommen und ist kurze Zeit darauf mit der Soubrette
durchgegangen, so da die ganze Angelegenheit den Anschein einer rechten
Verrterei trug. Mir hatte das Schicksal in diesem Falle wohlgewollt,
wenn man bedenkt, da er sich spter sein Lebtag mit der Soubrette
geprgelt hat und da er alles durchbrachte, was irgend sich
durchbringen lie. Ihr seht, fuhr sie fort, da es mit
Liebesgeschichten seinen Haken hat. Schwatzt nicht soviel darber, das
lockt das Bse an. Nehmt's, wie es kommt und grmt Euch nicht, wenn es
nichts wird, der ganze Handel ist des Aufhebens nicht wert, das man
darum macht. Nehmt Euch ein Exempel an mir, wie ich es mit dem
Schauspieler Krakow machte. Alles kurz und bndig und keine Zerrerei,
wenn es nichts wird. Kommt Ihr zu einer Heirat, mir soll's recht sein;
aber besser ist es allemal, es kommt nicht dazu; das heit, wenn man ein
resolutes Frauenzimmer ist und wei, was man will. Und ich bin eine
Verheiratete und sag das; merkt's Euch: kein solch Ding von einer
Jungfer, die von Angelegenheiten schnackt, die sie nicht kennt.

Ob Madame Kummerfeld durch ihre Erzhlung und ihre Ermahnungen in
Wahrheit glaubte, Eindruck auf die bervollen Herzen um sie her zu
machen? Wohl schwerlich.

Sie war zu sehr durch langjhrige Erfahrungen von der
Unverbesserlichkeit ihrer Schlerinnen berzeugt. Es mochte ein launiger
Einfall sein, der sie dazu veranlat hatte, und brigens stimmte sie mit
den Schlerinnen im Grunde des Herzens berein; auch sie fand, da es
eine schne Sache um das Lieben und Geliebtsein sei. Sie hatte auch das
Ihre genossen, war aber seit lange vollkommen mit ihrer Herzensruhe
einverstanden, wnschte es nicht besser und hatte ihren Spa an denen,
die noch mitten darin steckten oder gar eben erst begannen. Diesen
liebte sie es, ein paar herbe Bissen, wie eben jetzt, vorzuwerfen.

Was brauchen die Mdchen zu wissen! Sie wrden es schon erfahren!

Eine dumme, alte Gans, die es jungen Dingern lpperig macht!

Solcher Art waren die Ansichten der Kummerfelden.

Ja, man sollte sie einmal hren, wie unterschiedlich sie mit einem
Mdchen sprach kurz vor dessen Hochzeit, und mit einem, bei dem
vorderhand noch nichts in Aussicht stand. --

Die Kummerfelden war, wie alle klugen, liebevollen Leute, doppelzngig
im guten Sinn, und richtete deshalb im Verkehr mit den Mdchen gar wenig
Unheil an; trotz ihrer Geschwtzigkeit.

Sie hatte fr ihre Schlerinnen eine warme und teilnehmende Liebe,
fhrte auch in ihrem Tagebuch fr jedes der Mdchen eine Rubrik, in die
sie ihre Wahrnehmungen und ihr Urteil ber die Betreffende eintrug. Da
standen auch die Ratsmdel kurz und bndig als ihre Lieblinge
verzeichnet, ohne jeden weiteren Zusatz; den hielt die Kummerfelden in
dem Falle, in welchem sie ihren hchsten Ehrentitel gab, fr unntig.

Was fr liebenswerte Schuleinrichtungen und Gesetze hatte die prchtige
Frau fr ihre Mdchen gut geheien und erfunden!

Einrichtungen, die so ganz dem Empfinden der Jugend angepat waren. Da
gab es einen Lohn, der das lobenswerte Geschpf, dem er zuerteilt wurde,
mit heiligem Schauer berrieselte. Wer ganz vorzglich gearbeitet und
dies ununterbrochen eine Zeitlang durchgefhrt hatte, diese Auserwhlte
durfte whrend einer Unterrichtsstunde in den weien Schuhen der Julia,
Shakespeares Julia, auf den Treppenstufen erhht sitzen. Diese Schuhe
hatte die Kummerfelden in ihrer guten Zeit als Julia im Sarge getragen.
Keines der Mdchen konnte sich etwas Geheimnisvolleres als diese weien,
immer noch unverbrauchten Atlasschuhe denken, und die Glckliche, die
sie tragen durfte, fhlte sich durch dieselben und durch die Art, wie
die Kummerfelden sie ihr feierlich anlegte, aus den profanen
Lebenskreisen gehoben. Mit den Schuhen der Julia an den Fen, war dem
Mdchen der Vorhang, der ihm noch vor der Welt des Schnen hing, ein
wenig eingerissen. Julias Zauber, Julias Liebe, Julias selige Sprache
sank auf sie nieder, und sie fhlte sich geweiht und allem anderen
entrckt. Die Kummerfelden hatte die Schlerinnen wohl eingefhrt in die
Bedeutung dieser Attribute.

Sie hatte ihnen, von ihrem Sitzplatze auf der Treppe aus, ihre alte
Rolle wiederholt deklamiert, so wie sie es sonst in ihren jungen,
begeisterungsvollen Jahren gethan.

Und die Julia in der groen Haube mit Ohrenklappen, in dem geblmten
Kleide, hatte die Zuhrerinnen ganz hingenommen und zu Thrnen gerhrt
und tief erschttert.

Welche zaubervollen Stunden verstand die Gute den Mdchen zu bringen,
und wre sie noch sonderbarer, noch bei weitem grotesker und
befremdender gewesen, ihr gutes, reines Herz, ihre freundliche
Gesinnung, ihr heller Geist wre durch alles durchgedrungen und htte
sich durch jedes Hindernis hindurch offenbart.

Ein weiterer Ansporn fr Flei und Betragen war von den Schlerinnen
selbst ersonnen, von der Meisterin gut geheien und hatte sich als
Tradition von einer Klassengeneration auf die andere fortgeerbt. Die
Mdchen waren immer mit Eifer dahinter her, da soviel Hemden wie
mglich zu gleicher Zeit fertig wurden. Das Zuschneiden und vollendete
Nhen dieser wichtigen Kleidungsstcke lehrte die Kummerfelden mit Weihe
und Gesetzesstrenge, denn es erschien ihr als oberstes und erstes
Erfordernis weiblicher Bildung die untadelhafte Vollendung eines Hemdes.
Ein Mdchen, das in dieser Wissenschaft nicht auf erwnschter Hhe
stand, schien ihr ein Greuel, deshalb war es ihr recht, da sich aus dem
Empfinden der munteren Geschpfe selbst eine Art Feier, die die
Vollendung eines solchen Meisterwerkes begrte, herausgebildet hatte.

Die Mdchen sorgten nmlich dafr, wie schon gesagt, da soviel Hemden
wie mglich zu gleicher Zeit fertig wurden und richteten dies aus kluger
Berechnung ein, damit jede nach der Lehrstunde ihr neues Hemd ber das
Kleid ziehen konnte, und alle miteinander zogen dann derart ausstaffiert
im Zug durch die Straen auf Umwegen nach Hause.

Wenn die weiangethane Schar, im Gefhle ihres Fleies und einer schnen
Errungenschaft, bei der Kummerfelden aufbrach, da blickte ihnen diese
wohlwollend nach und freute sich ber die Hemden, die sie bergezogen
hatten. Weder bei ihr, noch bei den Schlerinnen kam ein Zweifel auf, ob
dieser muntere Triumphzug auch ganz in den Regeln des Anstandes sich
bewegte. Die Mdchen zogen im Schmucke ihrer vollendeten Kunstwerke
unangefochten dahin, hrten, wie ein paar verstndnisvolle Frauen, an
denen sie vorberkamen, sagten: Herrjes, da sind die Kummerfeldschen
schon wieder mit ihren Hemden fertig! Die Gassenbuben riefen ihnen
nach:

Kummerfeldsche Hemdenmtze!

Man schaute ihnen nach, jung und alt; aber durchaus nur wohlgefllig.
Die Einrichtung der Kummerfelden hatte den Charakter einer Sitte
angenommen, und einer Sitte, sie mag noch so dumm sein, bezeugt
jedermann Verstndnis und Achtung.

Auerdem machte der Zug der Hemdenmtze Propaganda fr die Nhschule.
Das wute die kluge Kummerfelden ganz wohl. Auf ihren Vorteil war sie
sehr bedacht.

Doch mochte sie eine jener Frauen sein, bei denen jede Regung sich in
Liebenswrdigkeit verwandelt, Berechnung in artige Laune und
Schrullenhaftigkeit in Reiz. Sie war so glcklich, alle ihre
Eigenschaften fr andere angenehm gestalten zu knnen, es mochte wohl
keines unter ihren Mdchen sein, dem sie nicht eine liebe Erinnerung
durchs ganze Leben geblieben ist.

Wenn sich nach langen, langen Jahren, die ber das Grab der Alten
hingegangen waren, alte Weimaranerinnen auf der Strae begegneten, die
in ihren jungen Jahren bei der Kummerfelden genht und sich vielleicht
seit jener Zeit kaum wieder gesprochen hatten, da stiegen ihnen so
liebwerte Bilder auf, und die Gestalt der Madame hielt ihnen gleichsam
ihre schne Jugendzeit wie ein gutes Lieblingsgericht, an dem sie nun
schon lange nicht mehr gekostet, wehmtig lchelnd entgegen.

Als unsere Rse eine alte, prchtige Frau geworden war, Gromutter und
Urgromutter, da kam ihr einmal nachts die Erinnerung an eine
wunderschne Geschichte: Die Abtei Balderoni, die die Kummerfelden
stckweis vorgelesen hatte und die sie nie zu Ende gebracht, denn sie
war darber gestorben. Und die Urgromutter dachte noch mit Bedauern
daran, da die Kummerfelden damals nicht hatte zu Ende kommen knnen.

Die Erzhlung, die die junge Rse entflammt, und die Art des Vortrages,
die sie hingenommen hatte, wirkte in der alten Frau, ber die ein
reiches Leben hingegangen war, in der dunklen, einsamen Nacht noch fort,
und sie fhlte sich berstrmt von Erinnerungen, die ein paar wenige
noch mit ihr teilten.

Es war ein unbedingt durchdringender Eindruck, den die Nhmeisterin auf
ihre Mdchen ausbte. Sie mochte vorschlagen, was sie wollte, man war
immer dabei, ihre Ideen durchzufhren.

So veranstaltete sie Spaziergnge mit ihren jngsten Schlerinnen, und
zwar ging sie mit ihrer Schar in den Park zu bestimmten Stunden, whrend
derer die Herrschaften dort zu promenieren pflegten. Da legte sich die
Kummerfelden mit ihren Elevinnen in Hinterhalt, wie die Jger auf den
Anstand, und lauerte, ob sich etwas Frstliches zeigen wrde, und wenn
sich etwas nherte, da kamen sie alle vor und gingen entgegen, und die
Kummerfelden machte einen so ausgezeichneten, unbertrefflichen Knix,
kautzte so tief, wie die Mdchen sich ausdrckten, da sie immer erst
nach einer langen Weile, wenn man schon alle Hoffnung aufgegeben hatte,
sie wiederzusehen, in die Hhe kam, mit einem unnachahmlichen,
wrdevollen Ausdruck, als wre nichts geschehen.

Sie hatte brigens whrend ihrer Versunkenheit alles um sich her bemerkt
und besonders das, da die Mdchen sich gewhnlich ihr Vorbild nicht zu
Herzen genommen und einen uerst leichtsinnigen Knix zu stande gebracht
hatten.

Denkt Ihr denn, sagte sie dann aufgebracht, da ich die Knixerei fr
mich mache? Da ich mir zur bung auf die Herrschaften warte, Ihr
Dummhte? Das nchste Mal, wenn wir ihrer wieder habhaft werden, bitte
ich mir Gehorsam aus, -- hrt Ihr? --! Ich knnte Euch ja auch vor
Sthlen Eure Knixe machen lassen und weshalb nicht; aber ich bin nicht
fr etwas Halbes, erst, wenn man in der Patsche sitzt, wei man, wie man
sich benimmt. Also das nchste Mal aufgepat!

Excellenz von Goethe bekam auch so manchen Knix von der Kummerfelden mit
ihrer Schar. Fr ihn hatte sie besonders weihevolle, doch nicht so tiefe
Verbeugungen, wie fr die Herrschaften in Bereitschaft. Jedem das
Seine, sagte sie. Geistige Gre ist aller Achtung wert, so lange wir
aber im Fleisch und nicht im Geiste wandeln, mu sie zurckstehen.

Im knftigen Leben ist das dann anders, versicherte sie ihren
Zuhrerinnen. -- Dann kommen dergleichen Unsinnigkeiten nicht mehr vor.
Hier mssen wir es mitmachen, und wer es nicht thut, zeigt, da er keine
rechte Auffassung und Wrdigung des Lebens hat, weder des irdischen,
noch des himmlischen.

Macht einer hier Verste, wird er sie auch dort machen, denn es kommt
alles auf die Klarheit an, da man die Dinge so ansieht, wie sie sind
und wie sie hier angesehen werden mssen.

Wer das thut, ist ein kluger und anstndiger Mensch, gegen den sich
nichts sagen lt.

Das waren weise Regeln der Kummerfelden.

Sie war eine nachsichtige Frau und lie um sich her Dinge geschehen, die
eine andere verpnt haben wrde.

Whrend der Nhstunden trieb sich nmlich vor den Fenstern des
Entenfangs allerlei lose Gesellschaft umher.

Die Kummerfelden gebrauchte deswegen eine Vorsicht, sie setzte in die
Nhe des Fensters immer die jngsten, den Jahren nach die
unschuldigsten, von denen sie wute, da sie noch keine
Liebesgeschichten anzettelten.

Die Ratsmdel hatten diesen Vorposten inne; aber wie es so geht, in
Ermangelung eines anderen Weges wurde so manches Briefchen geheimnisvoll
durch das offene Fenster oder durch eine Spalte geschoben und von den
Ratsmdchen der Besitzerin zugesteckt.

Rse und Marie selbst empfingen allerlei niedliche Schelchen auf diesem
Wege, eine Blume, ihre aus Papier ausgeschnittenen Namen: Marie und
Therese (Budang war in dieser Kunst Meister), eine Dte mit
allerfeinsten Malzbonbons, aber keine Briefchen; bis dahin hatten es
unsere beiden noch nicht gebracht. Sie berreichten der Kummerfelden die
schnsten der zugesteckten Bonbons, die sich dafr bestens bedankte und
selbige ganz munter auf ihrem Throne zerknackte, denn sie hatte gute
Zhne.

Das war die Kummerfelden mit ihrer Nhschule, ihrem Verstndnis fr die
liebe Jugend, ihren krftigen Ausdrcken und ihrer klugen, freundlichen
Seele.

Durch Madame Kummerfeld hatte Rse eine wertvolle Bekanntschaft gemacht,
nmlich die des Trmers Kesselring, der mit der Nhmeisterin in
Verwandtschaft stand, und zu dem Rse verschiedene Male auf den Turm
wegen einer Ausrichtung geschickt worden war. Er schrieb Noten und
Manuskripte ab, und da die Kummerfelden noch immer ihre Verbindungen mit
dem Theater hatte, konnte sie ihrem Vetter allerlei Arbeit vermitteln
und besorgen, was sie getreulich that, und so wurde Rse verschiedene
Male zu ihren Ausrichtungen bentzt. Die hatte sich, wie sie es berall
that, wo es ihr gefiel und wo sie sich wohl fhlte, auch bei dem Trmer
Kesselring und seinen Leuten einzuschmeicheln gewut und war auf der
Hhe des Stadtkirchen-Turmes ein immer gern gesehener Gast. --

Der Trmer wartete des Amtes, das sein hoher Titel bezeichnet, war
nebenbei Abschreiber, Schuhflicker, alles in einer Person, ein fleiiger
Mann, der auch allen Grund zu seinem Fleie haben mochte, denn es galt,
fr ein ganzes Huflein Kinder, die in dem Turme eingenistet waren, zu
sorgen. Kesselrings waren zufriedene und ordentliche Leute und machten
sich das Leben so angenehm, wie es in ihrer Lage irgend mglich war,
feierten ihren Weihnachten im Turmstbchen mit aller Festlichkeit, buken
zu Ostern und Pfingsten groe Kuchen, die sie durch die Turmwinde
hinablieen, damit sie im Backhause vollendet wrden. Sie leierten sie
dann wieder gebacken herauf, da ihnen der se Geruch in die Nase
stieg.

Rse, die diese Bekanntschaft merkwrdigerweise allein unterhielt, hatte
bei den Trmern schon Weihnachten mitgehalten und alle anderen
Festlichkeiten, auch die Taufe des jngsten Trmerleins.

Wie merkwrdig geheimnisvoll und fr ein junges Gemt tief anziehend war
ein Weihnachten auf dem Turm!

Wie in Wolken von fallendem Schnee umgeben, saen die guten Leute und
der Gast in dem behaglichen Stbchen bei dem brennenden Christbaum und
einem Karpfengericht. Der Wind trieb die Flocken an die Fenster und
verdeckte und berzog sie fast. Tief unten in der Stadt leuchteten
Lichter durch den Schneenebel, kein Gerusch klang herauf -- alles, was
den Turm umgab, war Weichheit, Reinheit, Frische, und der Trmer
Kesselring blies am offenen Fenster einen Choral in den sprhenden
Schnee hinaus.

Und welches Behagen, welche Lebensfreude war in dem engen, hellen Raum,
dem einzigen belebten Orte in solcher Hhe! Von Elementen umbraust,
hockte es sich so behaglich da oben. Rse kauerte mit den Kindern in
einer Ecke, und sie sahen dem Erlschen der Lichter am Baume zu.

Da brannte eins noch hell, das Stmpfchen war verzehrt; es flackerte
auf, es zischte ein wenig und flackerte wieder und flackerte noch einmal
und glimmte dann; ein wrziger Rauch wie von einem kleinen Opfer stieg
auf, und noch ein Glimmen, und es war verlscht -- verlscht fr ein
Jahr. Denn bis wieder die Lichter angezndet wurden, mute ein Frhjahr
hingehen, ein Sommer, -- ein Herbst, ein langes, langes Leben.

Was konnte dazwischen geschehen? Die Frage that Rsens Herzen wohl; was
kommen konnte, war nur Wiederholung von dem, was bis jetzt geschehen,
und das war so gut, so schn gewesen!

Und wie unbeschreiblich war es bei Kesselrings; wie sonderbar sich die
Karpfen auf Turmeshhe und auf dem rmlichen Tisch ausnahmen; so ganz
fremdartig, weihevoll und feierlich, und wie sie dufteten, als wren es
die schnsten Spiegelkarpfen, und waren doch so kleine, ruppige Dinger,
denen man, um ihnen Wichtigkeit fr den Magen zu verschaffen, eine
tchtige Portion Kartoffeln zur Begleitung beigeben mute.

Sie thaten aber, so klein sie waren, ihre volle Schuldigkeit, brachten
ber alle, die um den Tisch saen, herrlichste Weihnachtsgefhle, waren
fr aller Augen unantastbar vorzgliche Weihnachtskarpfen, an denen zu
kritteln ein Vergehen gewesen wre. Wie undeutliche, zum Herzen
sprechende Offenbarungen lagen sie auf dem Tisch und verschwanden wie
Erscheinungen in den rosigen Mndchen der Kinder, um nur Grten und
angenehme, se Erinnerung an ihre Gestalt und ihr ganzes weihevolles
Wesen zurckzulassen.

Der Pfefferkuchen, die pfel, die Nsse, die unter dem Baume lagen,
waren auch fr alle Anwesenden nicht gewhnlicher Pfefferkuchen -- nicht
gewhnliches Obst, Gott bewahre! Das waren mystische Dinge, die
Lebensfreude, die berflle bedeuten und glubig und frhlich
hingenommen wurden. Weihnachten bei guten, armen Leuten ist etwas
Wundervolles!

Auf dem Turm war die beschwerliche Einrichtung, da jede Stunde zur
Stadt herab getutet werden mute, und nicht nur jede volle Stunde,
sondern jede Viertelstunde mit grter Genauigkeit. Ein Uhrwerk gab es
noch da oben nicht. Das war eine Einrichtung, die ganz nach Rsens
Geschmack war.

Sie steckte oft ganze Nachmittage, ganze, lange Abende hindurch oben bei
Kesselrings, zu keinem anderen Zweck, als um pnktlich den Lauf der Zeit
der Stadt zuzublasen, dabei machte sie sich ihre Gedanken und kam sich
unbeschreiblich wichtig vor. Und so manche Stunde, in welcher in der
Stadt Weimar auf Dauer Hinstrebendes geschaffen wurde, so manche dieser
Stunden hat ein schner Mdchenmund vom Turme herab verkndet.




                          Vierte Geschichte.

           Die Ratsmdchen laufen einem Herzog in die Arme.


Frau Rat hielt darauf, da ihre beiden Mdchen alljhrlich in den ersten
Frhlingswochen eine Erholungskur gebrauchten, zur Krftigung ihrer
Gesundheit und Schnheit.

Sie hatte da einen harmlosen Kruterthee von dem Vetter Apotheker
ausgekundschaftet, den filtrierte sie in frhester Morgenstunde ihren
beiden Schelmen ein und lie sie danach in den frischen Morgen laufen.
Sie war nicht dafr, da man erst abwarte, bis Krankheit den Menschen
berkommen und sich gar eingenistet habe, ehe man etwas zur Strkung
thue, sondern hielt es fr klger, dem bel vorzubeugen, und fuhr auch
gut dabei: denn ihre Mdchen gediehen zu ihrer vollen Zufriedenheit, und
die jhrliche Frhlingskur schlug vorzglich bei ihnen an, sei das nun
dem schnen Morgengenu zuzuschreiben oder dem guten Appetit, den die
beiden sich auf ihren Spaziergngen holten. Trotz der Einfachheit des
Lebens bei Rats und mancher rmlichen Einrichtung wurden unsere beiden
in vielen Dingen auf das vorsichtigste gepflegt und behtet.

Frau Rat wute die Schnheit ihrer Kinder zu schtzen und bestrebte
sich, sie ihnen fr eine gute Dauer zu krftigen.

Denn diese Schnheit war deren einziges Erbteil, und Frau Rat wute aus
Erfahrung, welche Ruhe und Heiterkeit aus andauernder Schnheit
entspringt.

So wurden unsere beiden von frhester Jugend an mit Bedacht gestriegelt
und gebadet, wie zwei wertvolle Pferdchen. Die Mutter hat die Pflege des
wunderbaren Haares ihrer beiden eigens bernommen, flocht und kmmte es
selbst und wusch es ihnen regelmig mit Salzwasser, und das war kein
kleines Opfer, das die vielbeschftigte Frau brachte; aber sie htte um
keinen Preis die Pflege dieses groen Schatzes den leichtsinnigen,
unverstndigen Dingern selbst berlassen.

So geschah es durch die Frsorge und Liebe ihrer guten Mutter, da es
eine Freude war, die wohlversorgten Kreaturen anzusehen, trotzdem sie
sich auf Straen und Gassen herumtrieben, mit allerlei Volk verkehrten,
ein Leben fhrten wie ein paar lustige Buben und von jedermann als
Ausbnde angesehen wurden, die wenig gelernt und so wenig behalten von
aller Weisheit, die man in sie einzufllen bestrebt gewesen war, da es
eine Schande blieb. Die Mdchen verdankten ihren Morgenspaziergngen
mancherlei Gutes, das sie in ihrer Faulheit, wenn die Mutter sie nicht
hinausgetrieben htte, wohl schwerlich erfahren haben wrden.

Whrend dieser Gnge tauchten sie beide in der Stille der unberhrten
Frhlingsherrlichkeit wahrhaft unter und wurden von der Reinheit der neu
erwachten Natur durchdrungen. Sie lernten so das Schne und Stille
lieben, und die gute, sorgsame Frau Rat htte die beiden Tchter nchst
der Jungfer Concordia und der Madame Kummerfelden in keine bessere
Schule schicken knnen, als in die frhe Stunde, die ein erlauchter
Lehrer, der Frhling selbst, hielt. Sie kamen immer in einer etwas
gesnftigten Stimmung zurck, von der sich Gutes hoffen lie, und hatten
noch dazu von auerordentlichen Erlebnissen, die andern Sterblichen
selten oder nie begegneten, zu berichten. Fanden sie auch fr ihre
Mitteilungen meist wenig Glauben, so lieen sie sich doch durchaus nicht
stren, ihre gemeinschaftlichen Gnge zu einem Quell fr Wahrheit und
Dichtung werden zu lassen; bald war ihnen, als sie mitten im Grnen
saen, ein wildes Karnickel in den groen Hut gelaufen, der neben ihnen
lag, bald sonst sehr Ungewhnliches passiert. Einmal, und das ist eine
Geschichte, solcher unartigen Geschpfe wert, da hatten sie, da sie
nichts Besseres zu thun wuten, sich mit ihren Haaren zusammengeflochten
und zwar so fest, dicht und verzwickt, da sie sich schlielich nicht
wieder auseinander bekamen und einen alten Herrn, der an ihnen
vorberging, bitten muten, ihnen behilflich zu sein.

Sie konnten das Benehmen ihres Retters aus dieser Not gar nicht
sonderbar und grotesk genug beschreiben, wie er den gewaltigen Knuel,
der die goldene Haarflut Mariens und die brunlich-blond glnzende
Rsens zusammenfate, verwundert und bedenklich in der Hand gewogen; wie
er die beiden von oben bis unten betrachtet habe, wie wenn er sich
vergewissern wolle, ob es auch bei ihnen ganz richtig sei. Rse
berichtete auf das genaueste, wie der Herr neben ihnen gestanden. Sie
hatten ihre Kpfe so eng aneinander geflochten, da sie sich, als sie
sich erhoben, kaum bewegen konnten, und sie erzhlten lachend, wie er
nach lngerem, verwundertem Schweigen gesagt haben sollte: Nun teilen
mir die beiden holden Kinder aber mit, wie sie zu dem artigen, sie
werden mir verzeihen, dummen Streich gekommen sind? Denn, bei Gott, es
ist keine Kleinigkeit fr ungebte Hnde, solch einen allerliebsten
Knuel auseinander zu bringen.

Rse schnitt damit wohl etwas auf, da sie darauf erwidert habe: Man
kommt auf die eine Dummheit geradeso wie auf alle andern auch, ich wei
nicht, wodurch eigentlich, mein Herr. Da habe der alte Herr, der eine
gelbe Weste trug und ein rundes, weies Gesicht hatte, sehr gelacht.

Fremd war er, sagte Rse, sonst htten wir ihn gekannt. Jedenfalls
mute er irgend ein durchreisendes Licht sein, davon kommen ja
gewhnlich welche an. Ich machte auch so eine Andeutung, und nach seinem
Gesicht, das er zog, zu schlieen, werde ich nicht fehlgegriffen haben.
Unser alter Herr hat brigens gut daran gemut, bis er die Wirrschette
(wie sie in Weimar sagen) einigermaen auseinander bekam, und wir
konnten uns nicht rhren, ohne da er zauste, und er hatte gechzt und
gelchelt und gesthnt und um Vergebung gebeten ohne Ende.

Ei, was dem Menschen fr sonderbare Dinge passieren knnen, hat er in
allen Ausdrcken wiederholt.

Wird es mir einer glauben, was mir hier auf meinem harmlosen
Spaziergange passiert ist? Ich mchte mir von den beiden Demoisellen ein
Beglaubigungsschreiben ber das Begebnis berreichen lassen.

Das ist doch so merkwrdig nicht, hat Rse gesagt.

So, so, so, murmelte der Fremde. Was seid Ihr denn fr schlimme
Nixen, bringt Spaziergnger in Verlegenheit, alte, wrdige Herren in
Bedrngnis?

I bewahre, bekam er von Marie zur Antwort, wie htten wir sonst nach
Hause kommen sollen?

Macht nicht solches dummes Zeug, Ihr Mdchens, hat sie der Herr in der
gelben Weste ermahnt, Ihr knnt ja in Teufels Kche kommen!

Wie viel und wie wenig Glauben ihre Geschichtchen fanden, kmmerte sie
beide nicht; sie erzhlten sie dem, der sie hren wollte und nie kam es
vor, da eine die andere Lgen strafte. Sie hielten zusammen, und was
die eine sagte, vertrat ohne weiteres die andere. Ob es wahr oder nicht
wahr sein mochte, das stand in zweiter Linie, darauf kam es nicht an.
Das erste Bedingnis blieb, da sie einander beistanden wie ein paar
echte, rechte Spiegesellen. Dies Vertrauen, das eine zur anderen hatte,
mochte wohl auch der Grund sein, da sie sich miteinander so wohl und
sicher fhlten.

Da war es einmal, da ein unbeschreiblicher Maimorgen ber der Erde
ausgebreitet lag, Nachtigallen schlugen im weimarischen Park, der
Hollunder duftete, das junge Laub strmte sanfte, wrzige Gerche und
strahlendes Farbenlicht aus. Auf den taufeuchten Wegen lag es wie ein
Frhlingshauch, so da sie unbetreten erschienen.

Auf den Wiesen an der Ilm schimmerte noch ein leichter Frhnebel, aber
schon wrmte die Sonne und teilte all der zarten Frhlingspracht Kraft
zum Ausdauern mit.

Auf dem breiten Parkweg laufen unsere beiden Frhaufsteher, Hand in
Hand, und da sie sich immer und berall auf ihre Art vergngen mssen,
so laufen sie jetzt, da ihnen nichts Besseres einfllt, _rckwrts_ wie
die Krebse, dem wohlbekannten rmischen Hause zu, das sonnbeschienen,
weibeleuchtet, von einem dunkeln Lebensbaum beschattet, sulengetragen,
an des Parkes Hauptweg liegt. So trotten sie hin in allem Behagen und
mit dem ganzen Eifer, den sie fr jede Thorheit, auch fr die geringste,
anzuwenden gewohnt sind.

In dieser Morgenstunde sind sie vollends alleinige Herrinnen des Parkes
und knnen thun und treiben, was ihnen beliebt.

Sie unterhalten sich ber das Benehmen einer Gesellschaft Mdchen, die
damals mitten darin im weimarschen Leben steckten, lter als die
Ratsmdel waren und diese zu allerlei Vertraulichkeiten, zu Botengngen
u. dergl. sich herangezogen hatten.

Wir werden von dieser Gesellschaft noch erfahren.

Jetzt plauderten unsere beiden ber die Mdchen und rsonnierten ber
sie und ihre Liebeshndel, in die sie durch ihr Amt als Botengngerinnen
manch einen Blick gethan hatten, und bten eine scharfe Kritik an allem,
was diese Schnen betraf und was sie von ihnen erfahren und erlauscht
hatten. Und wie sie so rckwrts mit auffallender Sicherheit, jedenfalls
durch lange bung errungen, klatschend und plaudernd hineilten, fhlten
sie mit einem Male einen mchtigen Widerstand. Sie erschraken, guckten
mit groen Augen und fanden sich in den ausgebreiteten Armen eines
stmmigen Mannes, in den Armen ihres Landesherrn Karl August, der sie,
als er sie so eifrig dahertraben sah, aufgefangen hatte.

Schnen guten Morgen, sagte er ihnen, indem er sie festhielt, Ihr
seid mir schne Kerle, Euren Herzog umzurennen. Wenn ich nun nicht so
fest auf den Fen stnde, jetzt lge ich da, und Ihr kmt fr die Unart
direkt ins Zuchthaus. Donnerwetter, steht es denn mit Euch noch immer so
schlimm? Ich hrte, Ihr wret vernnftiger geworden?

Bis sieben Uhr ist das unser Park, Hoheit, erwiderte Rse schelmisch
befangen, als Karl August sie frei gelassen, und beide knixten tief und
^a tempo^ nach dem Rezepte der alten Kummerfelden. Zum Glck waren sie
nicht zusammengeflochten.

I der Tausend, sind wir hbsch und schlau geworden. Gute Gaben fr
junge Frauenzimmer. Aus der Schule nun endlich?

Ja, bald, Hoheit!

Gratuliere! Das soll ja fr Euch eine bse Zeit gewesen sein?
Kondoliere noch nachtrglich.

Wie man's nimmt, meinte Rse. Sie war so schlimm auch wieder nicht.
Man mu die Dinge nicht schwer nehmen; dann sind sie nicht schwer.

So, Ihr betrgt den lieben Herrgott, Ihr Tausendsapperloter? Dann
macht's nur so fort. Seht Ihr, da sind wir ja schon. Sie standen vor
dem rmischen Haus.

Habt Ihr schon gefrhstckt?

Noch nicht, Hoheit, wir haben erst Gesundheitsthee getrunken!

So fehlt Euch etwas? Wart Ihr krank?

Nein, uns fehlt gar nichts, wir trinken nur so.

Das lt sich hren, sagte Karl August lachend. Kommt mit und
frhstckt bei mir.

Die Mdchen sahen sich bedeutungsvoll an, ungefhr mit dem Ausdrucke,
als wollten sie sagen: Da htten wir ja wieder einmal etwas zu erzhlen;
aber dieser einverstndliche Blick verhinderte sie nicht, sich wieder
unterthnigst und vollendet zu verneigen und damit ihre Bereitwilligkeit
anzudeuten, da sie mit Vergngen die Ehre annehmen wrden.

Dann also vorwrts; ich bin hungrig, bin auch solch ein Frhauf wie
Ihr.

Und sie gingen miteinander, der Frst zwischen den beiden schnen
Kindern, die Stufen zu dem weien, in der Sonne leuchtenden Hause
hinauf.

Wir haben uns recht lange nicht gesprochen, dchte ich, fuhr er fort;
mein Gott, was das junge Volk heranwchst. Schade, da es mit allen
Dingen so schnell zu Ende geht, und es giebt Schnes! Kinder, es giebt
Schnes auf Erden!

Als sie miteinander bei dem Frhstck saen, das Karl August seinen
jungen Gsten zuliebe hatte durch allerlei Leckerbissen vervollstndigen
lassen, fragte er, nachdem sein Blick lange wohlgefllig auf den beiden
geruht:

Hat Goethe Euch krzlich gesehen? Der hat auch seine Freude an den
beiden Rangen. Darauf knnt Ihr Euch etwas zu gute thun.

brigens vortrefflich, da ich daran denke. Ihr verderbt mir meine
Gitterthr an der Wilhelmsallee; was fllt Euch denn ein; was macht Ihr
denn da? Seid Ihr denn nicht klug, Euch dort zu schaukeln? Rse und
Marie wurden feuerrot. Dort haben wir Euch krzlich vom Schlosse aus
beobachtet. Goethe hat das Opernglas dazu bentzt; er wollte wissen, was
fr zwei schne Mdchen solche Gassenbubenstreiche ausfhren. Schmt Ihr
Euch denn gar nicht, ist denn das Thor zum Schaukeln da?

Vor den Fenstern des Schlosses, da liegt eine schnbogige Brcke, die
ber die Ilm fhrt und die an ihrem Ende durch ein schmiedeeisernes Thor
abgeschlossen werden kann.

Unser Garten liegt ja gleich hinter dem Thor, Hoheit, entschuldigte
Marie sich, rot bergossen, da mssen wir manchmal auf den Schlssel
warten, wenn der Vater erst noch etwas zu thun hat, und was sollen wir
dann solange machen? Wir haben uns von jeher dort am Gitterthor
geschaukelt.

Meinetwegen thut's auch weiter, sagte Karl August lachend. Ich sehe
es mir gerne an, besonders, wenn Ihr die weien Kleider mit den blauen
Schleifen anhabt, da macht es sich artig. Ein Ende mu es ja doch einmal
nehmen.

Ach, das war neulich, am Sonntag Nachmittag, sagte Rse zu Marie
gewendet. Vollends Sonntag Nachmittag, da schaukeln wir uns oft dort,
da wei man so wie so nicht, was man anfangen soll.

Lesen thut Ihr wohl nie etwas? fragte Karl August.

Beide Mdchen blickten verlegen nieder.

Kennt Ihr denn so einiges, was meine Leute hier zu stande bringen?

Wir kennen alles, Hoheit, sagte Rse erschreckt und doch erleichtert,
immer noch mit niedergeschlagenen Augen.

Aber gelesen haben wir nichts, nicht wahr?

Nein, sagten beide einstimmig und entschieden.

Also durchs Schauspiel? gucke, gucke! Da geht Ihr wohl oft hinein?

Ja, Hoheit, immer!

Nun, diese Art Bildung mu fr Eure Eltern aber doch eine gehrige
Ausgabe sein?

Da saen sie beide, feuerrot, und blickten sich ratlos an.

Hrt einmal, Schelme, Diebsgesindel, sagte der Herzog freundlich,
haltet Ihr es denn wirklich fr mglich, Scherz beiseite, da man so
Jahre lang immer glcklich mit der grten Regelmigkeit sich in das
Theater einschleichen kann, ohne da sie einen wenigstens einmal
erwischen?

Die Mdchen blickten sich besorgt und immer noch purpurrot an.

Ich glaube, Ihr denkt es wahrhaftig! Ist denn Euch nie die Idee
gekommen, da Ihr von hherer Hand, als von Eurem Flten-Lobe, auf den
Schleichwegen beschtzt wurdet? O! Ihr Schelme! Ihr Diebsgesindel! rief
der gute Frst, auf das herzlichste lachend. Doch lat es Euch gesagt
sein, Ihr habt Euren Landesherrn mit seiner vollen Bewilligung
hintergangen. Was denkt Ihr denn? Und hintergeht ihn nur ruhig und so
guten Gewissens wie bisher weiter.

Jetzt, wo ein schner Dank am Platze war, wuten sie beide nichts
Gescheidtes zu sagen.

Lat das, lat das, sagte Karl August liebenswrdig. Macht es nur so
fort, ich und manch anderer haben unsern Spa gehabt und werden ihn, so
Gott will, noch lange haben, wenn wir Euch Gesindel sitzen sehen. Nehmt
nur Eure Pltze so, da ich kontrollieren kann, ob Ihr auch wirklich da
seid. Ich sehe Eure vergngten Gesichter gerne im Theater, auch wenn Ihr
sie auf Schleichwegen und zum Schaden unserer Kasse hineintragt.

Die drei plauderten noch lange miteinander.

Welch eine liebenswrdige Zeit war es, in die die schnen Jahre der
Ratsmdel fielen! Alle, die damals jung waren, waren gesegnet jung.

Die Ratsmdchen lieen es sich wohlschmecken im rmischen Hause.

Karl August zeigte und erklrte ihnen Bilder, die an den Wnden hingen,
und Rse und Marie nahmen Gelegenheit, ihrem Gnner den Kameraden Franz
Horny und dessen Talent zu empfehlen.

Ihr haltet ihn also fr begabt und vielversprechend? fragte der Frst
liebenswrdig spttisch.

Ja, Hoheit, sagten die Mdchen einmtig.

Dann, wenn Ihr ihn dafr haltet, werden wir uns nach dem jungen Mann
umsehen.

Ein Adjutant machte eine Meldung, und Karl August wendete sich zu seinen
Gsten.

Wir mssen leider voneinander Abschied nehmen. Meine Rte kommen, jetzt
mu regiert werden, sagte er lchelnd.

Lebt wohl, Ihr beiden Prachtmdchen! Nach Eurem Franz Horny will ich
mich einmal umschauen, lebt wohl!

Wie von einem frischen Winde getrieben, liefen die beiden, als sie die
Stufen des rmischen Hauses berschritten, nach Hause, um zu erzhlen.

Ob sie Glauben fanden oder nicht, das that nichts zur Sache. Was sie
wuten, wuten sie. Sie waren Manns genug, sich darber zu freuen, aus
tiefstem Herzen vergngt zu sein.




                          Fnfte Geschichte.

                          Das Damengrtchen.


Jene Gesellschaft lebenslustiger und gefeierter Mdchen, von denen
unsere beiden geplaudert, whrend sie ihrem Herzog in die Arme liefen,
hatten sie bei der alten Kummerfelden kennen gelernt. Als sie eines
Tages bei der Nhmeisterin eintraten, gewahrten sie zu ihrem hchsten
Erstaunen Personen versammelt, die sie nie dort zu sehen erwartet
htten, die ganze heilige Klerisei, mit welcher Bezeichnung sie den
Bekanntenkreis einer lteren Cousine beehrt hatten. Zu diesem Kreise
gehrten unter andern: Ulrike von Pogwisch, Ottilie von Pogwisch, Adele
Schopenhauer, lauter geistreiche Frauenzimmer, die bei den Ratsmdchen
eben deshalb nicht in allzu groer Achtung standen. Sie waren sich beide
vollkommen darber klar, da es bei weitem schnere Amsements auf Erden
gbe, als in verteilten Rollen zu lesen oder an geistreiche Freunde
geistreiche Briefe zu schreiben, oder als ^in corpore^, wie sie in
Weimar sagen, fr den Besitzer einer schnen Seele zu schwrmen. Rse
besonders machte sich nicht viel aus dieser Gesellschaft und wich den
Mdchen, wenn sie bei der Cousine waren, aus, wie sie nur immer konnte.

So war es den beiden eine fatale berraschung, diese Herrschaften bei
der Kummerfelden anzutreffen. Rse blieb einen Augenblick ganz verblfft
in der Thr stehen. Marie, flsterte sie, da wird's Ernst. Sie wollen
sich verloben. Umsonst thun die es nicht, da sie in ihren alten Tagen
noch nhen lernen. Die Mitglieder der geistreichen Gesellschaft waren
so ein fnf bis sechs Jahre lter, als unsere Ratsmdel, und erschienen
daher Rse und Marie als bedauernswert alte Geschpfe. Sie haben
Goethens August jetzt fest, das sollst Du sehen! flsterte Rse weiter,
als sie eingetreten waren und Platz genommen hatten, oder sonst einen
von ihren Schngeistern. Da wird nun drauf und dran nhen gelernt. Es
ist ein Skandal, und wenn sie auch etwas wegkriegen, in einem Jahr haben
sie's sicher wieder vergessen. Dann sitzt August Goethe, oder wen sie
jetzt haben, da und kann zusehen, wer ihm seine Sachen flickt. Die, sie
blickte geringschtzend auf die von ihr besprochenen Mdchen, die
thun's nicht, sie werden sich hten.

Sie werden ihn ja doch nicht alle heiraten! sagte Marie.

Nein, sie drfen's nicht, erwiderte Rse trocken; aber verliebt sind
sie alle. Alle, wie sie da sitzen, das ist bei ihnen eine
Heidenwirtschaft. Meinetwegen!

Ottilie von Pogwisch rief Rse und Marie so von oben herab zu:

Na, was macht Ihr denn?

Hohlsume, schmetterte Rse.

Kommt nur, rief Ottilie, und setzt Euch mit zu uns.

Gut, sagte Marie, und beide setzten sich unter die andern.

Aber was wollt Ihr denn eigentlich hier? fragte Marie, als sie sich
niedergelassen hatten.

Wir, wir wollen Eure Kummerfelden studieren, erwiderte Adele
Schopenhauer ziemlich ungeniert laut, da sie von der Schwerhrigkeit der
Meisterin berzeugt war. Wir sind vollkommen objektiv hier.

Das wird soviel heien, erwiderte Rse, die es drngte, auf dieses
geheimnisvolle Wort hin etwas Verstndnisvolles zu entgegnen, da Ihr
nichts lernen wollt hier?

Gewissermaen, ja, bekam sie zur Antwort. Es ist wenigstens
Nebensache. Adele zog ein Heftchen aus ihrer Tasche, sie hatte schon
damals ihre schriftstellerischen Anwandlungen, und sagte: Wir sind auf
Jagd nach Originalen; sie sollen jetzt mehr und mehr aussterben. Hier,
sie schlug mit der flachen Hand auf ihr Bchlein, hier wird
eingetragen, was sie auch thun und sagen mag, das tollste Zeug. Wir
wollen Eure Kummerfelden verewigen. Wenn Ihr es versteht, sie zum
Schwtzen zu bringen, dann thut's; je mehr, je besser!

Die Kummerfelden, oben auf ihrem Sitz, hielt sich muschenstill, und
Rse antwortete: Pfui, schmt Euch, das ist ja miserabel, herzukommen,
um sich ber sie lustig zu machen; das leiden wir nicht, das ist
betrgerisch. Lernt lieber etwas bei ihr, das ist gescheidter.

Die Kummerfelden hrte den Mdchen von ihrer Hhe herab behaglich zu und
schob eine Haubenklappe etwas vom Ohr, um noch besser zu lauschen. Rse
rsonnierte auf das heftigste und verwarf das Vorhaben der gefeierten
Mdchen als ganz abscheulich.

Am Abend schrieb die Kummerfelden in ihr Tagebuch: Ob ich das Honorar,
das die Frau Gromama (die Frau Gromama war die Grfin Henkel) den
beiden Pogwischs ausgesetzt hat, annehmen soll, ist mir zweifelhaft, da
die Mdchens, und ebenso die Adele nichts profitieren werden. Von den
Ratsmdchen aber schrieb sie folgendermaen:

Gott behte die freundlichen, wenn auch oft unartigen Geschpfe.
Wahrheit ist Vornehmheit. Herz und Mund auf dem rechten Flecke haben,
ist Glck fr sich und andere. Gesundheit ist Schnheit und Frische
Segen. Das sind meine Lieblinge!

Durch den Verkehr bei der Kummerfelden wurden die Ratsmdchen in dem
Hause bei Schopenhauers heimisch und fhlten sich auch dort wohl und
zufrieden. Johanna Schopenhauer, die Mutter Adelens, schien unsere
beiden fr zwei allerliebste Figuren anzusehen, die ihren Salon zierten,
in dem sich allabendlich bedeutende und berhmte Gste einfanden.

So lie sie die beiden oft durch Adele zu sich einladen, bald mit, bald
ohne Rats, bat die Mdchen, ihr bei dem Umherreichen von Thee und
Backwerk behilflich zu sein und erntete von allen Seiten Lob, da sie
die beiden Pagen sich zugelegt hatte.

So waren sie eines Abends auch zu Schopenhauers eingeladen; ihre
Gnnerin hatte angeordnet, da sie in weien Kleidern kommen sollten,
und als sie zu der ihnen bestimmten Stunde erschienen, wurden sie von
Madame Schopenhauer und Adele in deren gemeinschaftliches Schlafzimmer
gefhrt. Dort lsten sie ihnen die prchtigen Haare auf. Jedem von den
Mdchen drckten sie einen dichten Rosenkranz, aus den schnsten Rosen,
tief in die Stirne, und so verwandelten sich die zwei in Genien, wie sie
nicht anmutiger gedacht werden konnten.

Adele war ganz hingenommen von dem reizenden Anblick und zeigte sich
rckhaltlos liebenswrdig.

Whrend sie sich damit beschftigte, die Reize der beiden Mdchen schn
hervorzuheben, behandelte sie Rse und Marie in einer Art
Schaffensfreude wie zwei Kunstwerke, die aus ihrer Hand hervorgegangen
waren.

So, jetzt sind sie fertig! sagte Madame Schopenhauer, als Adele sie
ihr zur Prfung vorgefhrt hatte. Nun stelle sie hinaus und sieh zu,
wie es gelingt.

Den beiden Mdchen wurde jetzt die Anweisung gegeben, drauen auf der
erleuchteten Treppe Goethe zu erwarten, der nach lngerer Zeit zum
ersten Male wieder den Abend bei Madame Schopenhauer verbringen wollte.

Das fuhr den beiden doch etwas in die Glieder.

Ach, du groer Gott! rief Rse in einem wahren Schreckenston.

Hrt einmal, antwortete Adele, seid nicht dumm und verderbt uns
unseren schnen Plan nicht. Ihr stellt Euch drauen auf die Treppe hin
und wartet. Das knnt Ihr doch? Und wenn er kommt, sprecht Ihr kein
Wort, fat ruhig seine Hnde und fhrt ihn zu uns herein und nehmt ihm
erst vor der Thr seinen Mantel und Hut ab. Alles ganz ruhig und still;
und wenn er mit Euch spricht, so antwortet ohne Scheu, Ihr seid ja nicht
auf den Mund gefallen. Und nun allons, es wird nicht lange dauern!

Damit nahm sie Marie an der Hand; Rse folgte, und sie fhrte beide zur
Thre hinaus.

Im Nebenzimmer waren schon Gste versammelt. Man hrte eine lebhafte
Unterhaltung. Als Marie und Rse drauen auf der Treppe standen,
blickten sie sich verdutzt an.

Du groer Gott! murmelte Rse noch einmal. Marie zeigte sich
vollkommen gefat. Er mag nur kommen, sagte sie so ruhig, etwa wie ein
Jger, der sich bereit gemacht hat, einen Bren gehrig zu empfangen.
Jetzt ging die Hausthr. Das ist er! flsterte Rse.

Ungemein leichte, elastische Schritte hrten sie auf der Treppe. Der
Ankommende mochte wohl zwei Stufen auf einmal nehmen.

Das ist er nicht, sagten sie.

Das mu Schopenhauers Kater sein, meinte Rse leise. Pa auf! Da er
heute auch kommt, wundert mich!

Der Ankommende war Arthur Schopenhauer, der Sohn Johannas und der Bruder
Adeles.

Ein nrrischer Gast, der mit aller Welt so bel wie mglich stand. Wenn
er sich in den Gesellschaften seiner Mutter sehen lie, gab er die
sonderbarste Figur ab und brachte die gute, formgewandte Frau whrend
seines Aufenthaltes in ihrem Salon aus aller geistreichen Wrde und
Fassung durch Paradoxen, unartige Angewohnheiten, beiende Urteile und
Kritiken und berhrte ihre an Almanachszartheit gewhnte Seele durch
aufrhrerische Aussprche auf das unangenehmste. Dieser Strenfried der
schngeistigen Theeabende seiner Mutter strmte die Treppe herauf,
prallte um ein Haar mit den Ratsmdchen zusammen, sah auf, starrte sie
wie aus einem Traum erwacht an und sagte: Bei Brahma! was ist denn
los?

Wir sollen Goethe erwarten, antwortete Marie schchtern.

Das ist echte Weiberart! Knnen sie denn nicht aufhren drinn, den
Alten zu beschwindeln? polterte Frau Johannas Sohn. Wozu die Allotria?
Es ist ihnen nicht Einhalt zu thun, den Weibern! Sind sie mit Gottes
Hilfe soweit gekommen, da sie unschdlich geworden sind, da suchen sie
Krcken und Sttzen, exerzieren sich ein Vikariat ein, um zu
beschwindeln. So lernt's auch nur beizeiten, Ihr Schippchen! damit war
er an den beiden Mdchen vorbergestrzt.

Grobian, sagte Marie.

Grobian, wiederholte Rse, hr mal, grob ist er, mir aber lieber, als
alle zusammen drinnen mit ihrem Gethue, und garstig ist er auch, aber,
flink und behende, und seine Augen sind nicht bel.

Mein Geschmack ist er nicht, erwiderte Marie kurz, und ich kann nicht
sagen, da es mir recht wre, wenn Du Dich in den gerade vergucktest.

Schaf, wer redet davon, war Rsens krftige Antwort. Da ging die
Hausthr unten wieder.

Herrjes, das knnte er aber sein! flsterte Rse.

Es bewegte sich ruhig, mchtig, majesttisch die Treppe hinauf, das
waren andere Futritte, eine andere Gangart, als die heftige, strzende
des unliebenswrdigen Gastes von vorhin.

Rse hatte recht gehabt, er war es, Goethe war es.

Mit klopfendem Herzen standen die beiden schnen Geschpfe auf der
obersten Treppenstufe und blickten auf ihn, wie er langsam und bedchtig
die Treppe herauf geschritten kam, den Schlapphut auf dem Kopf, um die
mchtigen Schultern einen dunklen, faltenreichen Mantel.

Als er auf dem letzten Treppenabsatz angekommen war, blieb er stehen,
blickte auf und gewahrte die beiden schnen Botinnen, die ihn
erwarteten. Der Anblick erstaunte ihn. Er verharrte einige Momente im
Anschauen der Mdchen.

Artig! Anmutig, sehr anmutig! rief er aus.

Die Genien gingen ihm ein paar Stufen entgegen und, als wre der Teufel
in sie gefahren, so waren sie mit einem Mal verndert. Ihre
Schchternheit, ihre Angst war gewichen, jede Bewegung wurde begeisterte
Hingebung und Grazie -- und sie empfanden, als flgen sie Goethe selig
entgegen.

Als sie die Arme ausstreckten, um seine Hnde scheu zu fassen, schaute
Goethe wie ergriffen auf die jugendlichen Gestalten und sagte mit
eigentmlich mchtiger Betonung:

   Dunkle Augen seh ich blinken
   Unter dichtem Blumenkranze!

Darauf ergriff er die Hnde der Mdchen, nickte ihnen freundlich zu und
lie sich hinauf geleiten.

Als er mit den beiden schnen Gestalten in das Zimmer seiner Freundin zu
den Gsten eintrat, war bemerkbar, da dieses Eintreten auf die
Anwesenden eine wunderbare Wirkung hatte.

Wie schn Sie Ihre Gste empfangen, Frau Johanna. Mit diesen Worten
begrte Goethe die Frau des Hauses. Haben Sie Dank dafr.

Das Zimmer, in das sie eintraten, war langgestreckt, fast ein Saal zu
nennen, vierfenstrig. Die Wnde mit der sonderbarsten Tapete bekleidet,
welche die Geschichte des Joseph in Egypten grau in grau darstellte. Die
Grube, in die die bsen Brder ihren jngsten gesteckt hatten, die
Kufer des guten, verwhnten Knaben, die Trume des Pharao, das
Wiedersehen mit dem alten Vater, all dies war an den Wnden des Salons
der Frau Johanna zu sehen. Der Saal ist unverndert geblieben noch bis
vor einigen Jahren. Jetzt dient er einer Restauration, und die bsen
Brder, der alte Vater, der gute Joseph, die alle in dem Salon der
Madame Schopenhauer auf die berhmten Leute, die sich dort bewegt haben,
herabgeblickt hatten, sind mit rosa lfarbe bertncht.

Diesen Abend wurden die Ratsmdchen auerordentlich gefeiert. Sie
bewegten sich unter den berhmten und geistreichen Leuten wohlgemut und
hrten von allen Seiten Artigkeiten. Goethe setzte sich eine Weile
whrend einer kleinen Auffhrung, die Adele, die Pogwischs und August
von Goethe veranstalteten, zwischen die beiden Schwestern. Er erzhlte
ihnen, da er sie gar wohl kenne und schon oft Freude an ihnen gehabt
habe.

Welche Flle, sagte er und strich Marie ber die goldschimmernde
Haarflut, die reizend an ihrer schlanken Gestalt hinabflo.

Rse und Marie bemerkten, da Arthur Schopenhauer und Goethe an diesem
Abend auf das eifrigste miteinander sich unterhielten.

Du, Dein Kater sprht Funken, sagte Marie zu Rse und zeigte auf
Arthur Schopenhauer, aus dessen Zgen das Leben, whrend er sprach,
wahrhaft leuchtete.

Ich hab's immer gesagt: das ist auch ein groes Tier, meinte Rse; da
wird ja wohl auch die Schopenhauerin einmal mit ihm zufrieden sein, wenn
er sich mit Goethen so niedlich macht. Die Adele hat's von mir zu hren
bekommen, da ich es unausstehlich finde, wenn sie an ihrem Bruder ewig
herumnrgelt.

Die beiden Damen Schopenhauer waren, wie stadtbekannt, in einer
unausgesetzten Unzufriedenheit mit dem Sohne und Bruder Arthur,
mitrauten ihm in allen Dingen; seine Neigung zur Philosophie, sein
Aufgehen darin erschien ihnen hchst sonderbar und wenig versprechend.
Sie hielten nicht viel von seinen Bestrebungen, drngten sich ihm als
Vorbilder auf und behandelten ihn nur als ^enfant terrible^. Alles an
ihm ist bengstigend, selbst seine Wahrheitsliebe, mit der er einem wie
mit einer Brste unter die Nase fhrt, sagte seine Mutter von ihm, und
derlei Aussprche der Mutter mochten wohl mit schuld daran sein, da man
ihm in ihren Gesellschaften wenig liebenswrdig entgegenkam. Er sa
gewhnlich allein und unbeachtet, auf das sonderbarste in einen Stuhl
hineingerkelt, und schien sich um niemanden zu kmmern.

An dem Abend aber, als er die Ratsmdchen auf der Treppe beinahe
umgerannt hatte, nherte er sich ihnen: Nun, Ihr Haareulen, sagte er,
wie geht's? -- Wie steht's? Ihr seid ja gut ausstaffiert, sorgt nur
dafr, da es nachher, wenn Ihr eingefangen habt, was Ihr einfangen
werdet, und die goldenen Fahnen davon geflattert sind, er schnippte
leicht in Rsens Haar mit dem Finger, da es dann nicht gar zu bel um
Euch und die, die mit Euch leben mssen, steht. In der Jugend geht alles
an, die hat ihre Zwecke, da mag es sein; aber pfui Teufel, alte Weiber,
da hat es seine Gefahr, da kann alles unertrglich sein. Denkt daran,
da Ihr alte Weiber werdet, und sorgt schon jetzt vor, da es dann
leidlich mit Euch auszuhalten sei. Schwatzt nicht, und wenn es jetzt
noch so niedlich klingt, spter ist es das nicht mehr, -- ist
unausstehlich, horrend! Seid anspruchslos, des Alters wegen.
Anspruchsvolle alte Weiber, -- grauenhaft! Soviel wie ein altes Weib
geben kann, auf soviel hat sie Anspruch im Entgegennehmen, versteht Ihr?
Verflucht wenig! Die Ratsmdchen hrten ihm verwundert und lchelnd zu.
Versucht, brummte er, ob Ihr es fertig bringt, Euer lebelang
freundlich zu bleiben und mitleidig! Diese zwei Dinge knnen vershnen.
Nebenbei sparsam und fleiig. Was ich Euch hier sage, ist vernnftig und
klug, wenn es Euch auch dumm vorkommt. Hrt auf einen, der klger ist,
als der brige Haufe, und Ihr bekommt's nicht alle Tage zu hren! Mit
der Jugend nimmt's rasch ein Ende. Heut seid Ihr vierzehn und fnfzehn
und nchstes Jahr sechzehn, dann kommt langsam siebzehn, achtzehn,
neunzehn. Seid Ihr erst zwanzig, dann geht es mit Riesenschritten:
fnfundzwanzig, dreiig, fnfunddreiig -- fnfzig, hu! und der kleine
Mensch mit dem groen Kopf schnitt eine greuliche Fratze.

Unrecht hat er nicht, sagte Rse, als er wieder von ihnen gegangen
war. Aber wenn man sich denkt, da es ein junger Mann ist, der so
spricht, dann kommt einem die Sache doch nrrisch vor.

Abgeschmackt, urteilte Marie.

I gar, das nicht, bemerkte Rse tiefsinnig.

Und sie hatte sich die Worte des wunderlichen Menschen frs Leben wohl
gemerkt. Als die Jugend von ihr gewichen war, die goldenen Fahnen
eingezogen, da blieb die reine Freundlichkeit, Anspruchslosigkeit
zurck, eine unerschpfliche Gte, mit der sie bis in das hohe Alter
Haus und Familie, Kind und Kindeskinder, beglckte und rhrte. Es blieb
ein Wesen zurck, aus lauter Liebe gestaltet. Ich wei nicht, wie ich es
nennen soll, ein altes Weib wurde unsere Rse nie; sie wurde so wenig
alt, als Gte und Anspruchslosigkeit je alt werden knnen. Wir nennen
sie noch heute unser Gomelchen. Der Name ist gekommen, ich wei nicht
wie. Er entstand, um etwas zu benennen, fr das sich kein Name
eingestellt hatte, fr etwas, das lauter Heiterkeit, Liebe,
Liebenswrdigkeit, Innigkeit, Frische und die Gte selbst ist. Sie wurde
ein Gomelchen, wie schon gesagt, nie alt, kein Mtterchen, ein
Gomelchen, nichts anderes. Der Philosoph hatte den herrlichen Mdchen
wohl, weil er Mitleid mit ihnen fhlte, einen Zauberspruch frs Leben
mitgegeben, der sie vor dem Alter schtzen sollte; diesen Spruch: Immer
an das alte Weib denken, hat Rse zu jeder Zeit wohl im Herzen
behalten.

Doch habe ich jetzt fnf, sechs, sieben Jahrzehnte vorgegriffen, in
Zeiten hinein, die den Ratsmdchen an jenem schnen Abend bei Johanna
Schopenhauer unendlich ferne lagen, in Zeiten hinein, in denen Enkel und
Urenkel der beiden schnen Kinder ihr Wesen treiben. Die Unterhaltung
aber des widerhaarigen Sohnes der geistreichen Mutter, die im Leben der
Ratsmdel die besten Frchte getragen, diese Unterhaltung hat ihnen am
selbigen Abend noch einen rechten rger gebracht. Sie waren whrend der
Standrede, die ihnen der Philosoph gehalten, belauscht und zwar von
Ottilie von Pogwisch und August von Goethe und wurden von beiden, die in
vertraulichem Einverstndnis zu sein schienen, gehrig damit gehnselt.

Der hat Euch gut zugerichtet, das ist recht, sagte Ottilie. Wenn's
nach mir ginge, er mte Euch alle Tage predigen: >Ihr habt es
vonnten<.

So, sagte Rse und wurde dunkelrot vor rger. Und Ihr? Wer soll denn
Euch thun?

Sie hatte auf Ottilie von Pogwisch von jeher einen rger, sie brauchten
nur in ein Gesprch miteinander zu kommen, so schwoll Rsen der Kamm.

Ich habe brigens mit Euch ein Hhnchen zu pflcken und die Adele auch,
kommt einmal mit, Ihr Galgenvgel, sagte Ottilie gutlaunig.

Sie ging voraus, und die Ratsmdchen folgten ihr. August von Goethe
flsterte ihnen zu: Lat Euch nicht ins Bockshorn jagen, ich habe etwas
verraten, was Ihr angerichtet habt, da Ihr's nur wit.

Es stellte sich eine sonderbare Thatsache heraus, da nmlich die
leichtsinnigen Ratsmdchen eine geringe Achtung vor der Unantastbarkeit
eines wohlverwahrten Briefes hatten, ja, da gerade die Verschlossenheit
eines solchen Briefchens eine unwiderstehliche Aufforderung an sie
enthielt, es zu ffnen.

Die geistreichen und unausgesetzt in schriftlichem Verkehr miteinander
stehenden jungen Damen, die Pogwischs, die Schopenhauer und deren
Freundinnen hatten Rse und Marie hin und wieder ein solches
wohlverwahrtes Briefchen mitgegeben, das sie da oder dort abliefern
sollten.

Diese Briefchen aber wurden von den beiden regelmig in dem wenig
belebten Durchgang des Wittumspalais gelesen.

Was fr ein sonderbares Gemuer war dieser alte Durchgang und ist es
noch, denn er wird wohl kaum seit jener Zeit eine Vernderung erlebt
haben.

Von der Esplanade, der jetzigen Schillerstrae, die damals von alten,
schnen Linden beschattet war, fhrte eine breite Treppe mit eisernem
Gelnder zu einer Gruppe tiefliegender Huser hinab. Neben dieser Treppe
in einem schattigen Grtchen wchst ein schner Muskateller-Birnbaum,
der wie kein anderer voll blht und voll trgt. Er stand schon damals
und steht noch heute. Auf der Treppe fanden und finden die Schulkinder
an frischen Julimorgen manch goldgelbes, zersprungenes Birnlein liegen,
das der Wind ber Nacht von dem Baum geweht hat.

Diese Treppe fhrte zu dem dunkeln Gang, der durch ein Nebengebude des
Wittumspalais geht und der wie geschaffen ist zum Lauern und Schlpfen
fr Liebesprchen und Gassenbuben.

Dort hockten die beiden Rangen auf den Stufen und lasen mit
auerordentlichem Hochgenu die Herzensgeheimnisse, welche die Damen fr
gut erachteten, einander mitzuteilen. Und die Ratsmdchen fanden nichts
auf der Welt so spahaft, so belustigend, als die pedantische
Rechenschaft, die eine jede der Freundinnen der anderen von ihrem
augenblicklichen Herzenszustande gab, so genau und ausfhrlich, da es
schien, als seien diese Frauenzimmer entschlossen, das Wesen der Liebe
ein fr allemal und endgltig zu ergrnden.

Rse und Marie wuten aufs genaueste, wie es um Ottilie und August von
Goethe stand. Sie hatten auch einen Brief von Adele an einen Verehrer
befrdert und natrlich gelesen, worin Adele zum grten Gaudium der
Ratsmdchen diesem auf einen Heiratsantrag folgendermaen erwiderte:

Mein Herz ist nicht mehr frei; wollen Sie mit meinem Verstande vorlieb
nehmen, so bin ich die Ihre.

Als die Ratsmdel diese Antwort gelesen hatten, gerieten sie auf ihrer
Treppe auer sich vor Vergngen, und Rse rief: Du, die ist praktisch;
das sollte man sich merken; aber miserabel ist es doch, und wenn er
darauf hereinfllt, ist er ein Esel, und es geschieht ihm alles recht.

Zu Rsens auerordentlicher Befriedigung ging er aber nicht auf Adelens
Vorschlag ein. Zu einer solchen behaglichen Stunde auf der
Wittumspalais-Treppe, whrend welcher Rse und Marie sich mit
Indiskretionen auf das harmloseste vergngten, wurden sie in ihrem
Treiben von August von Goethe belauscht und an die Pogwischs verraten.

Und jetzt, nachdem diese dem Sermon des jungen Schopenhauer, den er den
beiden Mdchen hielt, gefolgt waren, erachteten sie es auch an der Zeit,
ihrem Herzen Luft zu machen und beschuldigten Rsen und Marien einer
niedrigen und strafbaren Gesinnungsart, so da diese im Laufe einer
Viertelstunde des Fatalen genug erfuhren und ganz erstaunt und betreten
waren; wie schnell ein bel dem andern sich anschlieen kann.

Die Pogwischs hatten die Freude, die beiden Ratsmdchen, deren
glcklicher Gleichmut den Anschein hatte, als wre er nicht zu trben,
betreten und bedrckt vor sich stehen zu sehen. Sie blieben auch den
ganzen brigen Abend nachdenklich, hatten, wie es sich von ihnen
erwarten lie, keine Reue, aber einen auerordentlichen rger ber die
Pogwischs und einen noch greren ber August von Goethe, den Schwtzer.

Ich mchte den Menschen wahrhaftig sehen, der in solche Zettel, wie wir
sie herumtragen, nicht hineinsieht. Ich wei noch nicht einmal, ob ich
ihn bewundern wrde, ich mache mir nichts aus solchen widernatrlichen
Dingen; aber der Goethe soll schon merken, da er geklatscht hat! sagte
Rse resolut.

August von Goethe brachte diesen Abend die beiden Mdchen nach Hause.
Sie benahmen sich uerst khl und gehalten gegen ihn. Er erbat sich
ihre Verzeihung, die sie ihm aber auf das entschiedenste verweigerten.

Da kmen wir schn durchs Leben, sagte Marie, wenn es mit einer
Verzeihung abgethan wre. Was bringt zu Ehren? -- Sich wehren! Sie
kennen das doch, Herr von Goethe? sagte Rse und wollte recht
schnippisch sein. Wenn das bei Ihren Freundinnen, oben bei
Schopenhauers Mode ist, mir nichts, dir nichts zu verzeihen, bei uns ist
es das nicht.

Nun, ich mchte doch wissen, sagte August von Goethe, ob Ihr auch so
streng mit Euren vielen guten Freunden seid, mit denen man Euch
allerwegen sieht.

Viele gute Freunde? fragte Rse pikiert. Wir haben drei. Da ist
erstens Budang, zweitens Ernst von Schiller und drittens Franz Horny,
das sind sie.

Drei, das ist eine schlimme Zahl, da mu einer traurig abziehen, sagte
August von Goethe.

So, wie meinen Sie das? fragte Rse. Wir haben sie alle drei gleich
gern, einen wie den andern.

Zum Beispiel verloben knntet Ihr Euch doch nicht mit allen dreien,
sagte ihr Begleiter.

Wenn Sie das so meinen, erwiderte Rse, das geht freilich nicht; aber
es sieht Ihnen recht hnlich, da Sie dergleichen, worauf kein Mensch
kommen wrde, denken. Ich mchte Budang sehen, wenn wir ihm das
erzhlen; der wird schn bs auf Sie sein; der ist sehr gegen
dergleichen. Wir, Marie und ich, hassen auch Liebe und finden Leute
abgeschmackt, die ewig nichts weiter im Kopfe haben, als das! Es gefllt
uns gar nicht, da Sie solche Vermutungen aussprechen, gerade von Ihnen
gefllt uns das nicht, weil Sie selbst so viele gute Freundinnen hier
haben.

Warten Sie nur, Herr von Goethe, sagte Marie, wir haben Ihnen unsere
besten Freunde am Schnrchen hergenannt, damit Sie nicht denken, es
wren ihrer zwanzig. Wir werden Ihnen auch Ihre guten Freundinnen
vorzhlen, Sie sollen schon sehen, das werden wir Ihnen zur rechten Zeit
thun.

Marie, sagte Rse, was meinst Du denn?

Da zwinkerte Marie ihr zu, auf eine Weise, die Rse den Mut gab, im
vollen Vertrauen auf ihre Schwester, sich Herrn von Goethe lachend
zuzuwenden und mit ihr im Chore zu sagen: Ja, ja, wir werden Ihnen ein
Weihnachtsgeschenk machen. Nun, gute Nacht, adieu, Herr August von
Goethe!

Als die Mdchen in ihrer Stube, oben unter dem Dache, angelangt waren,
konnten sie sich vor Lachen und Vergngen kaum halten; denn Marie hatte
Rse ihren Plan, der ihr auf dem Wege so durch den Kopf gefahren war,
mitgeteilt und hatte von Rsen vollkommene und freudige Zustimmung
erhalten. Es wurde beschlossen, Herrn von Goethe zu Weihnachten mit
einem sonderbaren Geschenk zu berraschen.

Seit langer Zeit waren sie mit keiner glnzenderen Idee beschftigt
gewesen, und die, welche jetzt in Maries Kopf aufgestiegen war, schien
sie beide vollkommen zu beglcken; sie konnten lange nicht zur Ruhe
kommen und auch deshalb nicht, weil das aufgelste Haar die grte Mhe
verursachte. Es war ber die Maen verwirrt und zerzaust, und sie muten
sich beistehen, um es auseinander zu bekommen. Frau Rat durfte beileibe
nicht erfahren, da man es ihnen wieder aufgeflochten hatte; sie war der
Meinung, da dieses Lsen und Herumflattern dem Glanz der schnen
Flechten schade; auch liebte sie es nicht, wenn ihre beiden Mdchen sich
als zwei Haarungetme in der Gesellschaft zeigten.

                   *       *       *       *       *

Es war vor Weihnachten, eine prchtige Winterzeit! Der Schnee lag so
hoch und so bestndig, wie er seit Jahren nicht gelegen.

Die Winterfreuden hatten sich zu einer Mannigfaltigkeit herausgebildet,
wie seit Menschengedenken nicht.

Von den wunderlichsten, altmodischen Schlitten wimmelte es im Stdtchen;
denn jeder alte Schlingel von einem Schlitten, den man in gewhnlichen
Wintern nicht auf die Beine gebracht htte, weil es sich um ein paar
Tage Schneebahn nicht gelohnt htte, war leidlich ausstaffiert worden,
und so nrrisch bunt und wackelig, wie er war, sauste und flog er neben
hbschen anderen, nagelneuen durch die Straen. Die Gassenjungen hatten
diesen Winter eine erstaunliche Geschicklichkeit erreicht, auf die Kufen
zu springen und sich von den Schlitten mitnehmen zu lassen.

Unten an der Bibliothek, auf dem groen Rutschberge geschahen Wunder und
Zeichen; denn die Ksehtschen, auf denen die Sakramenter, die
Gassenbuben, die Eisbahn hinabrutschten, schienen diesen Winter zu ganz
anderen Geschpfen sich umgewandelt zu haben. Sie waren heimtckisch, in
ihrer Schnelligkeit unerreichbar geworden, flogen hin, wie Schwne, wie
Schneegnse, von der Bibliothek an fuhren sie ber die ganze Reitwiese
weg, wie im Flug an dem alten Reithaus vorbei, bis auf die festgefrorene
Eisdecke der Ilm. Ob sie es heut noch zu stande bringen? Kaum mochte es
einen Weimaraner geben, der nicht davon zu berichten gehabt htte, da
ihm eine Ksehtsche mit einem unverschmten Bengel darauf, die, wie vom
Himmel gefallen, auf ihn zu wetterte, an die Beine gefahren sei, mit
einer Wucht, wie eine wilde Bestie. Die Straen wimmelten von Raben und
Goldammern, wie noch keinen Winter. Alles hatte den Anschein von etwas
Auerordentlichem. Man sprte den erregenden Einflu eines gewaltigen,
unhemmbaren Elements.

Mit geheimem Behagen sah man die Schneewlle, die an den beiden Seiten
der schmalen Wegbahnen sich auftrmten, hher und hher werden. Es gab
in Weimar Wohnungen und Huschen, die buchstblich eingeschneit waren.

So lustig und unternehmend das Leben auf den Straen war, so behaglich
und angenehm befand man sich in den vier Wnden. Es wurde geheizt auf
Teufelsholen, wie man sich in Weimar ausdrckt, und es ging mchtig an
die Holzvorrte.

Die alten Damen hielten Spielchen und Kaffees ohne Ende; die Abende in
den Familien waren wunderhbsch, und die Weihnachtserwartungen schner
als je. Es schien mit den Schneemassen ein Geist der Gemtlichkeit mit
herabgekommen zu sein.

An solch einem Winternachmittag bereitete die Kummerfelden sich zum
Empfang von Gsten vor. Unten in der Stube, in der die Schlerinnen am
Vormittag gehaust hatten, wurde ein Tisch gedeckt; die Kummerfelden in
ihrem hellen, geblmten Kleid, die Prachthaube auf dem Kopf, eine
Bernsteinkette um das Handgelenk, sprang die siebenstufige Treppe, die
in ihr Schlafgemach fhrte, hurtig auf und ab, schleppte aus einem
Schubfach Tassen hervor, aus einem Beutel silberne Lffel, stach mit der
Gabel den Kommodenkasten auf, in welchem sie Zucker verwahrt hielt,
trabte unentwegt auf und nieder und brachte allerlei aus allen Ecken
herbeigeschleppt, schttete endlich auch frischen Tabak in die
Schnupftabaksdose und stellte diese mit auf den Tisch. Aus dem
gestrickten Beutel ber ihrem Bette wurden pfel gelangt, und im warmen
Ofen stand bald der Kaffee fix und fertig.

Nun knnten sie kommen, es wre alles so weit, sagte die Kummerfelden
und lie sich auf eine Treppenstufe nieder, schlang die Hnde um die
Kniee und sa da wie der liebe Herrgott am siebenten Schpfungstage,
mute aber so lnger sitzen, als ihr lieb war; denn die Gste kamen
nicht ganz pnktlich, jedenfalls wegen des vielen Schnees.

Und whrend die Kummerfelden sa und lauerte, tappte bedchtig zwischen
den hohen Schneewllen durch die Schtzengasse, die damals noch das
Pfrtchen hie, eine respektable Frauengestalt, bog bei der Schleuse
ein und trottete mit Filzschuhen, die den Eindruck von Khnen machten,
in denen die groe Frau sich behaglich, ohne da sie sich selbst dabei
anzustrengen hatte, fortschaffen lie. Die Filzschuhe fhrten sie durch
den wieder neugefallenen Schnee weich und geruschlos, wie es sich von
solch einer Frau ganz unwahrscheinlich und gespenstisch ausnahm. Ein
frischer, voller Schneewind fuhr gegen die steifen Falten ihres Mantels,
ohne sie in Schwung bringen zu knnen. Der Mantel htte seinem Schnitte,
seiner Ausdehnung und seinem eisenfesten Stoffe nach gut den berkragen
fr einen Winteranzug des Riesen Christophorus abgeben knnen. Gott
wei, aus welcher Zeit er stammen mochte! Er machte den Eindruck der
Unvergnglichkeit. Die groe Frau, die schwer und leise, in Wollmassen
gehllt, durch den Schnee geht, heit Fabian, aber ihr Name, unter dem
man sie in den weimarischen Gassen und Straen kennt, ist nicht dieser
ehrenwerte Name, den sie als Gattin des Zinngieers Fabian trgt;
sondern fr jung und alt heit sie die Rabenmutter; nicht wegen eines
hartherzigen Charakterzuges gegen ihre Kinder, sondern lediglich
deshalb, weil sie Winter fr Winter hinaus auf den Ettersberg wandert,
um den Raben Futter auszustreuen.

Sie war, wie groe, unbehilfliche Leute es oft sind, gut wie ein Kind.
Das wute jedermann von ihr. Ihre Freundlichkeit aber, mochte sie in
Worten oder Werken bestehen, hatte etwas Gewaltsames.

Sie liebte es, sich fr andere zu plagen, verstand es, mit allem und
jedem auszuhelfen, mit Kinderzeug, wo es Not that, mit Koch- und
Backrezepten, mit Heilmitteln und mit gutem Rat; wute zu einem Prozesse
oder sonstigen Rechtshndeln zuzureden oder abzureden, auch mit
Gelegenheitsgedichten griff sie ein, wenn es verlangt wurde, und
strengte ihr poetisches Empfinden bald zu Gunsten eines Brieftrgers an,
der einen Neujahrswunsch seinen Kunden berbringen wollte, bald zur
Verherrlichung einer Hochzeit oder Kindtaufe; verfate Bettelbriefe fr
Bedrftige, grauenhaft zum Herzen sprechend, und verwendete so mit
Freuden und in bester Laune ihre Krfte fr die Menschheit.

Whrend wir ber sie berichten, kommt sie, umtanzt von groen Flocken,
ihrem Ziele nher. Sie geht jetzt ber den schmalen Steg, der ber den
Wassergraben fhrt, direkt auf den Entenfang zu, in dem die Kummerfelden
sitzt und lauert.

Jetzt steht Frau Fabian vor dem Huschen und lugt in das Fenster hinein.

Richtig, da sitzt die Kummerfelden noch immer auf der Treppenstufe, und
da das Warten ein saures Geschft ist, so sieht sie griesgrmig aus.

Na, brummt Frau Fabian, als sie die Gastgeberin so sitzen sieht, was
fehlt ihr denn? Die groe Frau fhrt unter dem Mantel vor mit der Hand,
die in einem Buckskinhandschuh steckt, an dem der Zeigefinger sich
durchgearbeitet hat, so grndlich, da der Handschuh seine Spitze
vollkommen verloren, und der Finger aus einem sorgsam umsumten Strumpf
hervorsieht. Mit diesem Finger pocht die groe Frau mit aller Wucht
gegen die Fensterscheiben, so da die Kummerfelden auffhrt und mit
beiden Hnden vor Schreck nach ihrer Haube greift.

Das ist die Fabianen, ruft sie und luft, noch ganz desparat von dem
Schreck, nach der Thre, um zu ffnen. Ehe sie aber bis dahin gelangt,
schellt es drauen, da es der rmsten durch Mark und Bein dringt.

Nun schellt sie auch noch, als ob sie nicht schon Lrm genug gemacht
htte! murmelte die Kummerfelden. Und als sie die Thr geffnet, da
steht ihr Gast gromchtig vor ihr und schttelt den Schnee von der
Kappe, von den Schultern, aus den Falten.

Wee Gott, en paar Schaufeln voll! sagte sie mit ihrer dicken,
rollenden Stimme.

Komm nur herein, ermahnt die Kummerfelden, Du lt mir ja die ganze
Klte ins Haus; Du warst wohl gar auf dem Ettersberge?

Na ob, bekam sie zur Erwiderung aus einem Sprhregen von Eisstckchen,
Wassertropfen und Schnee heraus; die Fabianen schttelte ihr Lori aus,
wie sie ein schlangenartiges, langes Tuch zu benennen liebte, das sie so
ein vier-, fnfmal um den Hals geschlungen trug, so da ihr Hals dadurch
ein runderes und kopfartigeres Ansehen bekam, als der Kopf selbst.

Lufst Du denn immer noch herauf und ftterst die Raben? fragte die
Kummerfelden und kehrte in die Stube zurck, um dadurch ihren Gast zu
veranlassen, ihr zu folgen.

Ja wohl, sagte diese und trat in die Wrme ein, ja wohl. ber das
arme Viehzeug! Dies Jahr sieht's wahrhaftig elend genug aus.

Jetzt nahm sie den Mantel ab und hing ihn ber einen Stuhl am Ofen und
stand nun dunkellilla, feierlich mitten in der Stube. Gucke! -- Gucke!
sagte sie und hauchte in die roten Hnde und betrachtete den
Kaffeetisch. Du hast ja gut aufgefahren! Wenn ich so von drauen komme,
wo das Gevgel wegen eines verschimmelten Hppchens um sich hacken mu
wie der Teufel, damit es andere nicht stibitzen, da hat es doch
unsereins, wei Gott, recht zufriedenstellend. Das arme Vieh! das arme
Vieh! wiederholte sie und wiegte sich dabei von einem Fue auf den
andern, da das Haus schtterte. Sie wollte sich den Frost aus den Fen
trampeln, wie es schien. Ihre groen Filzschuhe aber hatte sie
manierlich drauen vor die Thr gestellt.

Wenn die hohe Justiz, sagte sie immerfort trampelnd, wenn die hohe
Justiz auch einmal zur rechten Zeit ein Einsehen htte! Ich bin doch
berzeugt, da sie irgend so einen armen Snder sitzen haben, so einen
Totschlger, Brudermrder oder sonst wen, oder wohl gar zwei, da sie
die nun jetzt richten thten, wo sie noch Nutzen stiften knnen! N, da
warten sie damit, und wenn sie die auch jetzt richten thten -- hngen
lassen wrden sie se doch nicht. Wir kennen die Justiz, nicht den
Tropfen Menschlichkeit hat se in sich, nicht den Tropfen! und keen
Verstndnis von nichts!

Die Kummerfelden sagte: Ach was, Fabianen, Du bist doch manchmal ein
rechter Husar in Deinen Ansichten.

Frau Fabian beunruhigte sich darber nicht, sondern sprang weiter von
einem Fue auf den andern, da es der Kummerfelden schlielich
schwindelnd wurde. Whrenddem huschte drauen im Schnee und im Gestber
eine kleine Person dem Steg und dem Entenfang zu.

Sie huschte wie ein Rttchen so scheu, und hinter ihr her durch die
Flocken und den Schneenebel da fuhr es huit, huit! Das waren
Schneeblle. Die kamen angeflogen, bald von da, bald von dort, immer
hinter ihr her, und kamen von den infamen Gassenbengeln, die nun einmal
ein huschendes, altes Persnchen nie in Ruhe lassen knnen. Es ist
schlecht von ihnen, aber sie lassen es nun einmal nicht. Das wute die
kleine Jungfer auch und sputete sich gewaltig. Ganz auer Atem zog sie
endlich an der Schelle im Entenfang; aber wie zaghaft, wie bescheiden!

Das ist die Jungfer Muskulus, sagte die Kummerfelden, die zieht
anders als Du, Fabian.

Hat seine Richtigkeit, erwiderte diese.

Sie sa schon ber dem Kaffee und brockte; denn sie hatte nach ihrer
Tour Appetit bekommen.

Hat seine Richtigkeit, wiederholte sie noch einmal wohlgefllig, um
gerade eine Pause im Schlucken auszufllen. Ene Frau, sagte sie,
whrend die Kummerfelden die Jungfer hereinlie, ene Frau, sie sprach
so laut, da die Kummerfelden es drauen auch hren konnte, ene Frau,
die acht Kinder hat und en unmndigen Mann, hrst Du, Kummerfelden, die
acht Kinder un en unmndigen Mann ... Ach Herrjes, was sag' ich da?
lacht sie voll und laut, die zieht anders an der Schelle wie eine
Jungfer. brigens, rief Frau Fabian unter Lachen und Schlucken, es ist
nicht so ohne! Man knnte so manches Mal sagen: acht Kinder un en
unmndigen Mann. Es knnte es jede Frau sagen, wenn auch nicht immer
acht Kinder!

Die Kummerfelden fuhr mit mibilligender Kopfbewegung zwischen diese
Betrachtung. Schrei doch nicht so, Du kannst es mir ja nachher sagen.
Sie war damit beschftigt, die Jungfer aus ihrer beschneiten Umhllung
zu wickeln.

Jetzt traten sie miteinander ein. Die Jungfer Muskulus trug eine
schwarze Lockenpercke, die sie bis tief in die Stirne hineinzuziehen
fr gut fand, und jahraus jahrein einen Hut, geschmckt mit dem
enormsten Veilchenkranz, so gro, da er kaum htte grer sein knnen.

Jetzt hingen Schneestcke in den seidenen Veilchen; die Gassenjungen
hatten sie ihr zugerichtet.

In einer Weile werden die Ratsmdchen da sein, sagte die Kummerfelden.

Na, fragte die Fabian, was wollen denn die?

Ja, lachte die Kummerfelden, wegen denen seid Ihr eingeladen. Ihr
sollt mir Euren Kaffee grndlich verdienen. Die Mdchen wollen Euch
allerschnstens bitten, da Ihr ihnen bei einer Angelegenheit helfen
sollt.

Was ist denn los? fragte die Frau Fabian, das wird eine schne
Pastete sein.

Es ist Ehre dabei einzulegen; es soll etwas zu Goethens kommen, bekam
sie zur Antwort.

Na nu? rief Fabian.

Nun schnitt die Kummerfelden ein geheimnisvolles Gesicht und that, als
sei sie selbst nicht recht mit der Geschichte einverstanden.

Aber bald verriet sie sich, und es zeigte sich, da sie Feuer und Flamme
fr den Plan war, -- ganz wie die dummen Ratsmdel, und sie teilte mit,
da es sich darum handle, einen kleinen Garten zu fabrizieren aus Moos
und mit einem Staket darum und einer Laube darin, gerade so einen
Garten, wie die Jungfer Muskulus jeden Weihnachten welche geliefert
habe, aber statt der Watteschfchen, die sie hineinzustellen gewohnt
sei, sollten Frauenzimmer in das Moos gesteckt werden.

Diese Frauenzimmer ... wartet, sagte die Kummerfelden, fuhr aber in
ihrem Bericht nicht fort, sondern tappte die Treppe nach ihrem Heiligtum
hinauf, kam mit einem Kstchen wieder zum Vorschein und stellte es vor
die beiden Weiber hin.

Frau Fabian nahm den Deckel ab. Potztausend! rief sie, was sollen
denn die? Das sind ja Puppen! -- Pppchen!

Na, na, na! rief die Jungfer Muskulus, darauf lasse ich mich nicht
ein, das scheint mir denn doch bedenklich! Dabei rckte sie sich ihre
dicke schwarze Percke zurecht und machte eine auffallend mitrauische
Miene: Das ist ja frevelhaft, Kummerfelden, Sie wollen doch nicht Ihren
Spott mit der alten Excellenz treiben?

Sie sein  Schaf, Muskulusen, antwortete die Kummerfelden, die, von
Frau Fabian hingerissen, auch in das beglckende weimarische Idiom zu
verfallen drohte.

Wie werd' ich einen Spott treiben? Vergessen Sie, was ich bin, ich bin
Knstlerin.

Man vergit das bei Dir vollkommen, das sei zu Deiner Ehre gesagt,
brummte Frau Fabian.

Die Muskulusen ist und bleibt ein Grnschnabel, fuhr die Kummerfelden
fort, und hat auch in nichts kein Einsehen, wie Du vorhin von der
Justiz bemerktest, Fabian.

Das is mit den ledigen Frauenzimmern und wenn se auch ene Percke
tragen, so dick, wie en Fusack, es is doch ewig was Halbes, bemerkte
Frau Fabian gedankenvoll. N, der Kummerfelden so was zuzumuten, da
sie de alte Excellenz nicht respektieren thte!

Jungfer Muskulus war unter ihrer Percke feuerrot geworden.

Na, nu, 's is gut, sagte Frau Fabian. Was kann ens dafr, wenn es
unverehelicht ist? Es kann auch ens nichts dafr, wenn es en Buckel hat.
Gewhnlich, fuhr Frau Fabian fort, haben die Kindsmdchen so ens
fallen lassen; man kann nicht genug dahinter her sein. Na, was hast Du
denn nun aber mit den Dckchen vor?

Das handelt sich nun eigentlich, sagte die Kummerfelden, nicht um die
alte Excellenz, sondern schon mehr um den jungen, um August von Goethe.

Na, sag' ich's nich, rief Frau Fabian, die Kummerfelden macht sich in
keiner Weise enes Verstoes schuldig. Wenn's auf August geht, dem thut's
nichts und schadet's nichts, im Gegenteil. Er treibt's zu arg, sag ich,
und mit den Puppen, da scheint Ihr mir aufs rechte anzuspielen, auf die
Frauenzimmer, meine ich.

Das ist's, bemerkte die Kummerfelden, ich mchte der Excellenz so
ganz verblmt zu verstehen geben, da es an der Zeit wre, seinem August
eine Frau auszusuchen, die dem gehrig auf dem Dache sitzt; denn das
thut Not, wie wir wissen. Aber eine Geistreiche darf's nicht sein; von
der Eigenschaft haben sie genug hier.

Frau Fabian fgte hinzu: Nur nichts Scharfes mehr in die Lauge, meinte
jene Kchin, die die Sauce versalzen hatte.

Fabian, mit Deinen Redensarten fhrst Du einem immer dazwischen, rief
die Kummerfelden ungeduldig. Ich will Excellenz Goethe zu verstehen
geben, da er eine Frau whlen soll, die auf gute Wsche hlt, die
sparsam ist, die nicht mit dreinredet und, wie gesagt, August gehrig --
-- -- Hier zwinkerte die Kummerfelden mit den Augen. Das sind die
Ratsmdchen, die mich darauf gebracht haben, die hatten die Idee, August
von Goethe ein Grtchen mit allen seinen guten Freundinnen
auszustaffieren. Ich wei nicht, aber sie mssen etwas mit ihm gehabt
haben -- das schien mir so.

Die Krawatschen! rief Frau Fabian wohlgefllig, und die Pppchens
haben die Mdchen wohl selbst genht?

Freilich, sagte die Kummerfelden lebhaft, und die Hemden haben alle
Zwickel, alles regelrecht.

Jetzt packte Frau Fabian die Puppen aus. Na nu, seht eins an, wer ist
denn die?

Sie hielt ein Pppchen in die Hhe, das ein rosa Kleid, dabei aber ganz
zerrissene Strmpfe an hatte.

Das ist ja die ... na, Ihr wit schon, das Mdchen hat ewig zerrissene
Strmpfe an. Die Lcher gucken ihr ber den Rand von ihren Schuhen, wie
hier genau zu sehen ist. So eine Frau bringt Unglck ins Haus und wenn
sie so schn wie ein Engel wre und klug wie eine Schlange.

Und die Lange, mit der kleinen Feder in der Hand? fragte Jungfer
Muskulus bescheiden.

Das ist die Schopenhauern, die Adele, fuhr Frau Fabian sie an, das
sieht doch jeder klar. Mit der hat's keine Gefahr nicht. Hlichkeit
entstellet immer, selbst das schnste Frauenzimmer. Mein Schatz wr se
nich, die Schopenhauern. Na, nu die beiden Madams? Sie hielt zwei
Pppchen in der Hand. Das sind zwei verehelichte; wie das die
Rackersmdchen herausgekriegt haben! Das ist die Madame so und so und
das die Madame die und die. Wir kennen Euch! Wir wissen Gott Lob, wer
Ihr sein sollt. Whrenddem sie sprach, hielt sie beide Figrchen sich
selbst nahe hin und redete so auf sie ein und drohte ihnen mit dem
Zeigefinger. Und die is wohl die rechte Braut, wie sie im Mrchen
sagen.

Sie hob ein Pppchen in die Hhe, das, in einer weien Schrze und mit
einem Kochlffel in der Hand, ein hausmtterliches Aussehen hatte.

So ist's, sagte die Kummerfelden. Und nun, Fabian, wenn Du es wissen
willst, nachher mut Du die Verse dazu machen; Du mut sagen, wen jedes
Pppchen vorstellen soll, und wie es sich mit jeder verhlt.

Gott soll mich bewahren! fuhr die groe Frau auf, das ist aber ene
Zumutung. Verse, die sich gewissermaen den goethischen mssen an die
Seite stellen lassen, so beim Kaffee 'rauszuschtteln, wo die ganze
Stube, mit Respekt zu sagen, voll weimarischer Grmichel sitzt, -- ich
danke -- und das sag' ich, wenn ich darauf einginge, was Schlechtes
drfte Excellenz schon gar nicht kriegen, was sollte der denn von der
Fabian denken?

Du darfst 'nauf in meine Stube gehen, sagte die Kummerfelden, da
setz' Dich auf den Lehnstuhl vors Bette und bleib ruhig sitzen. Aber Du
wirtschaftest mir dort nirgends herum, nicht wahr? Das kann ich nicht
leiden. Weit Du was, gehe nur gleich 'nauf. Bleistift und Papier liegen
schon auf der Bettdecke. Du wirst schon was 'rauskriegen, ich wei ja,
wie Dir's fleckt. Die Ratsmdchen werden auch gleich da sein; die freuen
sich, wenn Du schon dabei sitzest. Proviant bekommst Du mit hinauf. Und
wenn die Not gro ist, kriegst Du, na, Du weit schon, die Kummerfelden
zeigte auf ein Schrnkchen, in dem sie ihr Schnheitswasser in Flaschen
aufbewahrte. Aber nicht lauter Schnheitswasser allein.

Frau Fabian zog mit ihrer Tasse und einer groen Schnitte Kuchen die
Treppe hinauf, und der ^furor poticus^ stand schon deutlich auf der
gefurchten Dichterstirn zu lesen.

Unterdessen nherten sich dem Entenfang, so frisch und leicht, wie die
Schneeflocken, unsere zwei in allerbester Laune. Es giebt fr junge
Menschen nichts Schneres, als im dichten Schneefall zu gehen, zu
springen, zu wandeln, zu tollen. Geheimnisvoll, bedeutsam sinkt es
leise, leise nieder, legt sich zart auf Falten und Gewnder und es ist,
als ob vom Himmel Segen niederstrme, Erfreuliches, Heiteres,
Hoffnungsgefhle.

Die beiden Lustigen, die dem Entenfange zusteuerten, liefen durch den
Schnee, schrften in der flockenweichen Decke mit den Fen, da es
aufsprhte von Eiskrystallen um sie her. Sie berstrzten sich, fielen
mutwillig in die frische, kalte Herrlichkeit der Lnge nach hinein. Es
fehlte nur noch, da sie wie die vergngten Hunde mit den Nasen in dem
Schnee geschaufelt htten.

Jetzt schellten sie auch am Entenfang, erst Rse, dann Marie, dann
wieder Rse, wieder Marie, dabei lachend, bis die Kummerfelden sie
einlie und ihnen sagte, indem sie die Mdchen auf die frischen Wangen
klopfte: Ohne Spielerei und Narrenpossen knnt Ihr doch auf der
Gotteswelt nichts thun.

Die Mdchen traten jetzt ein. Sie hatten einen Korb mit sich voll Moos
und allerlei Gesparre.

Ihr habt mich in eine schne Lage gebracht, Ihr Racker! rief Frau
Fabian den beiden aus ihrem Lehnstuhl heraus entgegen. Ich sitz' nun
und schwitze, und das nennt die Kummerfelden einen zum Kaffee einladen.

Rse und Marie wurden erst reichlich regaliert, dann ging's an die
Arbeit. Das Grtchen wurde in Angriff genommen.

Eure Verse sind in guten Hnden, sagte Madame Kummerfelden, so
borstig die Fabianen auch ist, sie hat ein exquisites Herz, eine
Auerordentlichkeit von einem Herzen. Solche Leute sind fr die Poesie.
Beileibe soll man keine Bshaftigen daran lassen, die stiften nichts als
Unheil.

Und besser wird's bei Ihnen drum noch lange nicht, schrie Frau Fabian
von oben herab. Mit dem erschten wre ich so weit.

Na los! rief die Kummerfelden ganz erfreut.

Die groe Frau trat vor auf die erste der sieben Stufen.

Zeigt das Dckchen her mit den zerrissenen Strmpfen, auf die is es,
rief sie.

Rse hielt das Figrchen in die Hhe, und die Fabianen begann mit
gewaltiger Stimme:

   Meine Liebe ist stets auf den Strmpfen,
   Reit wohl zwanzigmal des Tags ein Loch.
   Meine Liebe lt sich nicht abstmpfen,
   Auch verschmht, lieb ich dich ewig doch!

Bravo! rief die Kummerfelden, das macht Dir alle Ehre.

Wollt ich meinen, erwiderte Frau Fabian, lachte kurz auf und versank
wieder in den Lehnstuhl.

Inzwischen wurde unten auf das lustigste gegessen und getrunken, geklebt
und gepappt, und es entstand ein allerliebstes Moosgrtchen.

Die Kummerfelden sagte den Ratsmdchen, da sie und Frau Fabian die
Sache auf die Kappe nehmen wrden. Uns geschieht damit nichts. Ihr
sollt es nur hineintragen und sagen: >Eine schne Empfehlung von der
Kummerfelden.<

Nach einer Weile war die Fabian wieder mit einem Vers zu stande gekommen
und donnerte folgendes herab, fr die kleine Figur mit dem Lffel:

   Fhrt der Weg zu Mannes Herz
   Durch die Kche ohne Scherz?
   Bist Du garstig oder schn,
   Mdchen! Du mut diesen gehn.
   Herz, Verstand, fr Haus und Kch' --
   Und -- die Liebe findet sich.

Fabian, Du bist ein herrliches Weib! rief die Kummerfelden ganz
begeistert der Freundin hinauf. Es steckt ein Philosoph in ihr, ich
hab' es immer gesagt. Und ein Charakter ist sie, so manchen Groschen
htte unsere Fabian fr Gelegenheitsverse einheimsen knnen, aber ihr
Lebtag hat sie die Kunst, ohne Lohn zu beanspruchen, gebt, das kann
keiner von all den Groen hier sagen, ja, ja, ne, ne!

Dank auch bestens, rief die Fabian herab, mit einem etwas zerstreuten
Ausdruck, ungefhr, als htte sie geniest, und die Kummerfelden htte
ihr Gesundheit gewnscht.

Das sonderbare Weihnachtsgeschenk fr Vater und Sohn Goethe kam
allmhlich in einer wunderbaren Vollendung zu stande.

Die Mdchen bauten am Grtchen, die Fabian an den Versen weiter; unter
anderen entstand ein Vers auf zwei Flammen August von Goethes, auf die
Frau eines Kammerrates und die des Polizeidirektors.

Diesen Vers in seiner Kraft, Wrze und Knappheit, seiner umfassenden
Keckheit, mit der er zwei Damen mit einmal erledigte und auf den Frau
Fabian besonders stolz war, diesen Vers wollen wir hier nicht bergehen.
Er lautete folgendermaen:

   Ob Kammer oder Polizei,
   Das steht noch zu erfragen,
   Wir wollen es nun einmal
   Mit allen beiden wagen.

Man war vollkommen befriedigt; Frau Fabian trank drei bis vier Likre
zur Strkung nach ihrer schweren geistigen Anstrengung und bekam eine
auerordentlich gute Laune, eine Laune, wie nur die Fabian sie haben
konnte, so ausdrucksvoll und krftig, da es eine Freude war, und da
der Tisch, an dem man sa, nicht aus dem Schttern herauskam, teils,
weil alle um ihn her unausgesetzt lachten, und weil die Fabian vor
lauter Lebenskraft zur Besttigung ihrer Meinung oftmals mit der Faust
zwischen die Tassen schlug.

I, der Tausend, sagte Mamsell Muskulus bewundernd, als die Frau einmal
ihre Schultern statt des Tisches getroffen hatte, wo sie hintrifft, da
wchst kein Gras.

Die kleine, scheue Muskulus war von jeder Kraftuerung immer ganz von
Bewunderung hingenommen, auch, wenn diese Kraftuerung sich gegen sie
selbst richtete. Die Ratsmdchen schafften das Grtchen, die Puppen, die
Verse noch an diesem selben Abend in die Wnschengasse, schleppten alles
hinauf in ihre kleine Stube, verbargen es sorgfltig und vergngten sich
abends, als alles schlief, bei verschlossener Thr damit zu spielen, um
allerhand Unsinn zu treiben, bis sie das Grtchen endlich mit groem
Stolz und vieler Vorsicht, da sie von niemandem ertappt wrden, am
heiligen Abend in das Goethesche Haus trugen. Sie hatten ausgemacht, es
unten, in der Leutestube mit einer schnen Empfehlung der Kummerfelden
abzugeben; als sie aber die Hausthr ffneten, da kam ihnen der
Geheimrat selbst entgegen. Sie blieben betroffen und verlegen mit ihrem
verdeckten Werke stehen und hofften, er wrde sie nicht bemerken und an
ihnen vorbergehen.

Er erkannte sie aber augenblicklich und sagte: Was bringen denn die
Ratsmdchen da?

Excellenz, sagte Rse, die Kummerfelden lt schn gren und hier
wre etwas.

Fr mich? fragte Goethe.

Ja, fr Euere Excellenz.

So tragt es hinauf, Ihr schnen Kinder, ich komme mit Euch.

Goethe lie sie vor sich her die breite und sanftansteigende Treppe
hinangehen. Als sie oben angelangt waren, ffnete er ihnen selbst die
Thre, lie sie in das lange, gelbe Gesellschaftszimmer eintreten. Es
war schon dmmerig, und Rse und Marie war es doch recht beklommen zu
Mute.

Da haben wir's, dachte Rse, es ist doch, als kmen wir zum lieben
Herrgott mit der Dummheit da an. Viel schlimmer wrde es auch nicht
sein, glaub ich. --

Goethe machte einen Tisch, auf dem einige Bcher lagen, frei. So,
sagte er, da steht nun Eure geheimnisvolle Gabe, wollt Ihr das Tuch
abheben?

Marie enthllte das Werk, und als Goethe das Grtchen sah und die
berschrift ber dem Thore gelesen hatte, lchelte er; es war noch eine
Aufschrift hinzugekommen, die besagte, da hier schne Damen versammelt
seien, da Schnheit und Geist zwar angenehm, da man aber die
ntzlichen Eigenschaften beileibe nicht gering achten mge.

Das ist ja eine artige Idee, rief Goethe.

Und als er eins der Pppchen in die Hhe genommen und den Zettel gelesen
hatte, welcher demselben an das kleine Maul befestigt war, lachte er,
da Rse und Marie ihn ganz verblfft ansahen, denn nie hatten sie sich
vorgestellt, da der Goethe lachen knnte. Er war ihnen immer als ein
majesttischer, etwas steifer, alter Herr erschienen.

Nun, Kinder, sagt mir, fragte er, wer die Verse gemacht hat.

Die Fabianen, antwortete Rse. Hier nennen die Leute sie die
Rabenmutter!

Ah die! sagte Goethe. Da knnt Ihr berichten, da ich mich
allerbestens bedanke fr ihre artigen Verse.

Er hielt eben das Figrchen mit den zerrissenen Strmpfen und das
Hausmtterchen in der Hand und betrachtete beide.

Ich werde das allerliebste Ding meinem Sohne heut' mitbescheren.

Rses und Maries Achtung vor ihrem Kunstwerke war wieder sehr gestiegen,
und sie fanden, da es in Wahrheit ein wundervolles Grtchen sei, und
da Goethens August seinen hbschen rger darber haben wrde.

Mit Frankfurter Brenden beschenkt, wurden sie von Goethe aufs
freundlichste entlassen und liefen seelenvergngt nach Hause.

Da ist noch viel Wunderbares passiert; aber wir wollen es hier von der
alten Kummerfelden genug sein lassen. Ich hab noch so manches von ihr
und der Rabenmutter geschrieben -- in einem zweiten und wohl auch
dritten Band der neuen Ratsmdel- und altweimarischen Geschichten -- was
mir mein liebes Gomelchen, das Ratsmdel, die Rse, von sich und andern
Leuten, die zu der schnen, guten, altweimarischen Zeit lebten, erzhlt
hat. Ich hab da eine lustige Geschichte, wie die Ratsmdchen und die
Kummerfelden von einem alten, sonderbaren Herrn Rat in seinem
geheimnisvollen Garten gekt worden sind und zwar, weil er alle drei
nicht ausstehen konnte, und weiter: Wie sich die Kummerfelden einen
alten Franzosen mit seiner Frau in dem Entenfang einlogiert hat und was
die getrieben haben und dann: Wie Rse und Marie sich verliebt und
verlobt haben und wie sie mit ihren Freunden Budang, Horny und Schiller
bei Nacht und Sturm ausgezogen sind, um die Gchhausen spuken zu sehen,
und eine dstere, rhrende Geschichte von zwei Schwestern, die oben im
alten Rdchen bei Weimar sich abgespielt hat; -- und von Apothekers und
Frau Rat Tiburtius und der Lawine -- und die Geschichte vom ehrbulichen
Weiblein, das oben ber Goethens Garten in einem Sommerhaus mit ihrem
brummigen Gatten wohnte und diesem einen schlimmen Streich spielte --
und von den behaglichen, spielerischen Leuten in der Marschallstrae,
die in allen Dingen dem Schicksal ber waren, und zuguterletzt, wie die
Enkelin der Ratsmdchen zum Blaustrumpf wurde. --

Nun wollen wir hier nur noch erwhnen, da die Fabian sehr entrstet
gewesen ist, als sie mit der Zeit erfuhr, da der August von Goethe
ihren guten Rat in den Wind geschlagen, indem er eine Frau nach seinem
eigenen Geschmacke und gegen die Ansichten der Kummerfelden und der
Rabenmutter gewhlt hat.




                         Sechste Geschichte.

   Wie Frau Rat ber das Leben, ber Erziehung und ber die ersten
                  Liebesbriefe ihrer Tchter dachte.


Wie zwei Vgel in einem herrlichen Garten harmlos leben, in dem die
wunderbarsten Seltenheiten grnen, blhen und Frchte tragen, so lebten
die beiden jungen Mdchen, Rse und Marie, in Weimar. Welche Wunder,
welche Auerordentlichkeiten sich auch um sie her begaben, sie
erachteten das berreich entfaltete Leben als nichts Erstaunenswertes,
so wenig sie ber ihre eigene Existenz erstaunten. Es war ganz in der
Ordnung, da gerade zu ihrer Zeit die Welt einmal gehrig in Gang kam.
Sie hatten ihre Freude daran, da es in Weimar so viel zu sehen und zu
erfahren gab, da im Theater alle Augenblicke etwas Neues, was man unter
allen Umstnden sehen mute, zur Auffhrung kam, da Budang ihnen hin
und wieder erklrte, sie lebten in einer Zeit, wie sie noch nicht auf
Erden dagewesen sei, von der man in Jahrtausenden noch reden wrde.

Das war den Ratsmdchen angenehm zu hren und trug das Seinige zu ihrem
Selbstbewutsein mit bei. Sie empfanden eine bewegte, schne Atmosphre
um sich her und gediehen in ihr. Die verschiedensten Kreise der
weimarischen Gesellschaft waren ihnen vertraut. Sie verkehrten, wie wir
es wissen, im Salon der Madame Schopenhauer; ebenso gern aber steckten
sie bei Kesselrings im Turm, bei Budangs Angehrigen, den Mllersleuten,
und dann wiederum erschienen ihnen Apothekers als die Krone der
Gesellschaft.

Die beiden thaten einen weiten Blick in das Leben schon in frhester
Jugend und genossen das Gute, Lebensvolle, da sich ihnen in den
verschiedensten Verhltnissen darbot, in vollen Zgen.

Durch diese kluge, freie Erziehung sprten sie im freundschaftlichen
Zusammenleben mit Leuten in weit voneinander getrennten Lebensstellungen
berall das Menschliche als die Hauptsache heraus; die Verhltnisse
verdeckten es ihnen nicht, wie es bei denen, die in einem engen
Gesichtskreis erzogen wurden, wohl meist der Fall ist.

Es war selten, da unsere beiden, wenn sie nach Hause zurckkehrten, von
einem Spaziergange, einer Besorgung in der Stadt, einer Gesellschaft
oder vom Markte, sie nicht erfllt von der Freundlichkeit der Menschen
waren, und mochte ihnen etwas Gutes durch das Marktweib, oder den
Handwerkermeister, oder durch Karl August, oder gar Geheimrat Goethe
selbst angethan worden sein, sie schienen nur eine Art von Dankbarkeit
und Wohlwollen in sich zu haben, eine einzige Art, die fr alle
herhalten mute.

Frau Rat hatte darber ihre Freude. Sie war es, die so zu fhlen ihren
beiden kleinen Gerechten gewnscht, die sie darauf hingeleitet hatte,
und war dankbar, als sie ihre Wnsche sich erfllen sah.

Die wenigsten Menschen kennen das, was man Lebensgenu nennt, und alle
guten Christen eifern mit Zorn, Predigen und Strafen dagegen, preisen
Pflichterfllung, Aufopferung, Enthaltsamkeit, berwindung als etwas
Ntzlicheres, Beglckenderes und Schneres an; statt aber gegen den
verpnten Lebensgenu zu eifern und berzeugungstreu zu predigen, sollte
man der Menschheit zurufen: Geniet den Tag, geniet jedes Wort der
Liebe, jede Freundlichkeit, jede Wrme, verzeiht ber jedes Ma, um
friedlich zu leben, nicht, weil es lobenswert ist, seid gut, nicht, weil
ihr deshalb als vortrefflich angesehen werdet -- nein, nur um friedlich
und erfreulich zu leben; helft auch deshalb nur einander, denn es ist
schn, es ist gttlich, zu leben, nicht grbeln, was danach kommt.
Dunkle Frage an ein unverbrchliches Schweigen gerichtet! Lernt zu
leben! Das Sterben wird uns gelehrt ohn' unser Dazuthun. Die Snd' mit
glnzenden Farben malen und das Dasein in seiner Trockenheit,
Pflichterfllung darstellen, nach hohen Zielen strebend, das ist ein
vielbeliebter Kunstgriff, um Rekruten fr die Tugend zu werben. Und man
wirbt auch damit. Ob es oft glckt? Ich wei es nicht. Die aber, welche
krftig wollen, bleiben von dergleichen gut gemeinten Lehren im
innersten Herzen unberhrt. Wir wachsen wie das Getreide auf dem Felde;
ist uns der Boden gnstig, wachsen wir gut, ist uns der Boden ungnstig,
wachsen wir schlecht. Wohl denen daher, die in gutem Boden stecken.

Die grte Wohlthat, die die Natur unseren beiden schnen Kindern
zugeteilt hatte, war die gesunde Freisinnigkeit ihrer Mutter.
berwindet Widerwrtiges, sagte sie ihnen, nicht, weil es berwunden
sein mu, sondern weil Ihr wit, da alles hier auf Erden wechselt und
nichts Bestand hat, und es ist unklug und macht blind und einseitig,
wenn wir uns von etwas ganz unterdrcken lassen. Die Ereignisse haben
nicht das Recht dazu, dies zu thun, sie knnen es eigentlich gar nicht.
Und weiter: Strebt danach, alles schn zu thun, das ist besser, als
gut; denn wenn Ihr nur die Dinge gut verrichten wollt, das ist nichts;
eine gute That kann mrrisch und unliebenswrdig gethan werden. Thut,
was Ihr thut, liebenswrdig und schn, dann werdet Ihr geliebt. Wenn ich
Euch doch die Liebe zur Schnheit in die Herzen pflanzen knnte fr alle
Zeit, dann lie ich Euch laufen, wohin Ihr wolltet. Die Liebe zur
Schnheit ist _die_ Liebe, die den Menschen am reinsten erscheinen lt,
die allerunschuldigste, denn sie lt vieles, wie berhebung, dummen
Stolz, Hrte, Wut nicht an ihn heran; die anderen guten Eigenschaften,
die er sich aneignen kann, bringen ihm leicht eine schlimmere mit ein;
da ist die Frmmigkeit, die bringt im Nu berhebung. Man hat es oft, da
soviel Frmmigkeit, soviel Hartherzigkeit da ist und Verachtung der
Nichtfrommen.

So empfahl Frau Rat ihren beiden Mdchen die Liebe zur Schnheit an als
moralischen Lebenshalt.

Und wenn viele Mtter Frau Rat verstehen wrden und die anspruchslose
Weisheit in sich aufnehmen knnten, ein heiteres, gutartiges,
freundliches und kraftvolles Geschlecht sollte entstehen. Schnheit ist
nur in Verbindung mit Kraft zu denken.

Frau Rat selbst war bewut und unbewut ganz durchdrungen von dieser
leisen Liebe zur Schnheit.

Das Titelbildchen, das sie uns als ganz junge Frau zeigt, hat etwas von
einer schnen Blume, ein Geschpf, das man sich nur gepflegt, behtet,
angebetet vorstellen kann; auf weichen Teppichen gehend, mit schnen
Dingen umgeben, verwhnt, verhtschelt, geliebkost.

Von alledem aber hatte sie nichts erfahren. Ein hartes Leben, einen
lteren, berernsten Gatten, Kargheit, Arbeit von frh bis spt, das war
ihr Schicksal.

Aber sie hat trotz alledem in ihrem Hause und unter ihren Kindern wie
ein Licht geleuchtet und wie eine Blume geblht. Ihre beiden Mdchen
hingen an ihr mit einer Bewunderung und Liebe, als verstnden sie die
unbesiegbare Schnheit ihrer Mutter, die in jeder Bewegung, in jedem
Wort noch lag, als Mdigkeit und Arbeit und Sorge Silberfden in das
Haar und Fltchen um Auge und Mund gezogen hatten. Das war keine
Schnheit, die abgenutzt werden konnte, das war echt, echt wie Gold.

Rse und Marie waren von dem Wesen ihrer Mutter oft ergriffen und oft
gebndigt.

Sie wurden wegen einer hlichen Antwort, einer Unfreundlichkeit
bestraft, whrend man ihnen manchen dummen Streich liebevoll hingehen
lie. Freiheit war ihnen in reichem Mae zugemessen; aber im gegebenen
Augenblick hatten sie sich zu fgen und zwar in aller Liebenswrdigkeit.

Da war die wunderschne Zeit herangekommen, die den Ratsmdchen die
ersten Liebesbriefchen einbrachte. Sie hatten diesen Augenblick schon
geraume Weile voraus kommen sehen und waren nicht umsonst
Botengngerinnen gewesen, die die Herzensgeheimnisse der Geistreichen
zwischen diesen aus und ein trugen.

Marie hatte einen glhenden und sehr schmeichelhaften Brief von einem
jungen Rheinlnder erhalten, der sich seit wenigen Monaten in Weimar
aufhielt und von dem schnen Mdchen sich ganz bezaubert fhlte. Rsen
hingegen war ein Gedicht zugesendet worden, das die Reize ihres Hutes
behandelte, den ein holder Jngling, der Verfasser der Verse, ihr bei
einer Landpartie getragen und mit zu sich genommen hatte, aus
Vergelichkeit, oder um Gelegenheit zu haben, seinem Herzen durch ein
paar tiefgefhlte Reime Luft zu machen.

Beide, Rse wie Marie, waren ber die ihnen zugedachte Sendung
auerordentlich erfreut und vertrauten ihr Geheimnis Budang an, lieen
ihn die Briefe lesen, fanden aber zu ihrem Erstaunen, da Budang die
Angelegenheit sehr khl und von oben herab behandelte.

Hrt einmal, macht keine Dummheiten; es ist ein rechtes Elend, da Ihr
damit anfangt, was fllt Euch denn ein?

So, sagten Marie und Rse, ich dchte, es wre nun Zeit. Es giebt
Mdchen, die in unserem Alter schon verlobt sind.

Jesus, rief Budang ganz erregt, das fehlte noch! Jetzt denken die an
so etwas! Ihr solltet Euch schmen!

Rse und Marie aber lchelten, und Rse sagte ruhig: Nein, das ist
jetzt in der Ordnung, wir wollen auf alle Flle heiraten, das haben wir
miteinander besprochen. Frher waren wir dagegen. Neulich haben wir uns
aber, als wir abends in der Wnschengasse auf und nieder gingen, darber
miteinander beraten. Marie will schon in allernchster Zeit sich
verloben, sagte sie mir. Sie hlt das fr gut und hbsch, es sehr frh
zu thun. Man bekommt dann mehr Ansehen, meint sie, und ich glaube, sie
hat recht.

So albern wie heute, unterbrach Budang sie, seid Ihr mir noch nicht
vorgekommen, gerade jetzt dachte ich, wie hbsch vernnftig und
ordentlich Ihr nach aller Mhe geworden seid, aber proste Mahlzeit. Die
beiden Esel htten wahrhaftig etwas Besseres thun knnen, als Euch die
Zettel zu schreiben. Das beste ist, thut das Briefzeugs fort, da es
Euch nicht noch mehr die Kpfe verdreht, oder gebt es mir, ich hebe es
Euch auf.

I, Gott bewahre, sagte Rse, die Briefe bleiben bei uns in unserm
Schrnkchen.

Meinetwegen! brummte Budang.

Die Ratsmdchen besaen jedes ein Schrnkchen, braun gestrichen, aus
Tannenholz und mit Rosen bemalt, in der Art, wie die altweimarischen
Tischler den Blumenschmuck auf den Bauerntruhen und Betten zu stande
brachten. Jedes war eine Elle hoch, nicht allzu tief, so da sie
auerordentlich handlich waren und bald dahin, bald dorthin von den
Besitzerinnen geschleppt wurden, je nachdem sie eine Nscherei, ein
Geheimnis verborgen hielten, und es den beiden wnschenswert erschien,
die Schrnkchen in sicherer Nhe zu haben. In diese Schrnkchen also
wurden die Liebesbriefe gesteckt, jede that den ihrigen in eine
Bonbonschachtel.

Sie holten sie tagsber wohl zehnmal heraus, beguckten sie sich
gegenseitig und waren sehr zufriedengestellt. Aber wie es so geht: Marie
erboste schlielich Rsen; sie hatte ihr gesagt, da das Gedicht auf den
Hut mit ihrem Brief nicht in Vergleich zu ziehen sei, hatte ihr die
Vorzge ihres Briefes und die Mangelhaftigkeiten des Gedichtes zu Gemte
gefhrt, so da Rse milaunig wurde, und beide in eine Znkerei
verfielen, die sich eine gute Weile hinzog.

Frau Rat hatte ihnen vom Nebenzimmer aus zugehrt. Als sie eintrat,
sagte sie ruhig: Was fllt Euch ein, Ihr Mdchens? Sie sahen ganz
verwildert aus, und Rse rief: Die Marie hat einen Liebesbrief im
Schrnkchen!

Herrgott! rief Marie ganz aufgebracht und schluchzend, die Klatsche!
Die hat auch einen!

So, sagte Frau Rat, zeigt sie mir.

Da brachten sie beide ihre Schrnkchen gutwillig angeschleppt. So, nun
schliet sie auf.

Sie schlossen sie auf, und jede nahm aus ihrer Bonbonschachtel den
Liebesbrief und berreichte ihn der Mutter.

Diese gebot Rsen, ein brennendes Licht zu holen und that keinen Blick
in die Zettel, die sie in der Hand hielt.

Sie war ganz ruhig und freundlich, strich Marien ber die Wangen, die
ihr von der Znkerei glhend rot geworden waren.

Als Rse wieder mit dem brennenden Licht zaghaft eintrat und es auf den
Tisch stellte, hielt die Mutter, ruhig lchelnd, die Briefchen ber die
Flamme.

Die beiden Mdchen schauten nun still zu, wie so merkwrdige Dinger
verbrannten. -- Und als die Mutter das verkohlte Papier auf den Tisch
fallen lie, und die Funken noch daran knisterten, betrachtete Rse und
Marie die kleinen, verkohlten Haufen sehr interessiert, und als das
letzte Fnkchen verlosch, sagte Rse: Jetzt ist das Schulmeisterlein
hinausgegangen.

Es war bei ihnen ein beliebtes Spiel, Funken in einem verkohlten
Papierknuel verlschen zu sehen.

Die munteren Fnkchen, welche sprhten und knisterten und vergingen, das
waren die Schulkinder, die nach Hause liefen, und der letzte Funke war
eben -- das Schulmeisterlein.

Frau Rat lachte hell auf bei Rses Bemerkung, schlo das Kind in die
Arme und kte es, und alle drei waren seelenvergngt. --

Um diese Zeit begab es sich, da der Groherzog Karl August aus Wien von
dem groen Kongre, der den verworrenen Streit der Vlker schlichten
sollte, zurckkehrte.

Empfangsfeierlichkeiten wurden vorbereitet. Die Weimaraner schmckten
ihre Huser, Ehrenpforten wurden gebaut. Die Schtzengilde, die
Feuerwehr, die Innungen, die Schulen, alles beriet sich. Es war ein so
wichtiges und emsiges Treiben im Stdtchen, als sollten die
Schtzengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen das Wohl des
ganzen Reiches schaffen und erwgen.

Der Brgermeister, unserer Ratsmdel Vater, hatte alle Hnde voll zu
thun. Frau Rat nhte fr die beiden Kinder neue, weie Kleider. Ihre
Mdchen waren dazu ausersehen, dem heimkehrenden Frsten in Gesellschaft
noch anderer hbscher Geschpfe Blumen und Lorbeerkrnze von einer
niederen Estrade aus auf den Weg zu streuen, whrend er vorberritt.

Die Stadtverordneten, die Schtzengilden, die Feuerwehr, die Innungen,
die Schulen hatten die Bestimmung getroffen, da die weigekleideten
Mdchen mit offenem Haar und in Krnzen den Frsten begren sollten.
Die Ratsmdchen, weil sie so gut zu einander paten und so hbsch
nebeneinander aussahen, sollten ganz vornan stehen. Und Rse war das Amt
berkommen, einen wunderschnen Lorbeerkranz Karl August gerad auf den
Degengriff zu werfen, oder doch wenigstens auf sein Pferd, wenn es ihr
mit dem Degen zu schwer wrde.

Es war eine auerordentliche Ehre fr sie, das sah sie selbst ein und
that sich etwas zu gute darauf. Das Wetter am Einzugstage war schn und
klar, die Luft krftig und frisch, die Fahnen wehten in der Sonne, vom
Winde bewegt. Es duftete nach Tannen und Grn von allen Husern herab,
vor jeder Thr. Musikbanden zogen durch die Gassen nach den
verschiedenen Versammlungsorten des Einholungszuges. Es pfiff,
trommelte, schrie, schimpfte, lachte, sang auf allen Straen, da es
eine wahre Freude war. Die weigekleideten Mdchen versammelten sich wie
Zge weier Tauben in der Esplanade. Die frische, sonnige Luft schien,
wie sie die Fahnen regte, auch die Gemter munter zu bewegen. Man war so
lustig, so ganz feiertglich und erwartungsvoll gestimmt.

Die Mdchen kletterten auf ihre Estrade, der Wind wehte in blondem,
braunem Haar, in weien, duftigen Falten, wehte ber der hbschen Schar
hin, wie ber ein blhendes Feld, etwa wie ber ein Mohnfeld, das in
weien, rosigen Farbentnen steht.

Alle Glocken begannen zu luten, voll und schn. Die weimarischen
Glocken sind von einem seltenen Wohlklang. Die eine haben sie im
Dreiigjhrigen Kriege gestohlen, von irgendwo ganz Besonderem her.
Freudenschsse klangen dumpf dazwischen. Da nherte sich der Zug. Den
Mdchen auf der Estrade klopfte das Herz, denn der Augenblick war sehr
feierlich.

Die Musik erklang, so eine recht herzhafte Musik.

Und als Karl August auf seinem Pferde von ferne zu sehen war, da reckten
sich alle Hlse. Du, Marie, rief Rse, da reitet ja der Ottokar Thon
neben ihm, -- gucke, gucke! Marie, sieh doch! rief Rse, ganz bewegt
von allem Festjubel, das ist er! Du kannst Dich darauf verlassen. Er
ist jetzt Adjutant, das mu er sein. Den haben wir aber in Jahren nicht
gesehen! Er soll ja ganz etwas Besonderes geworden sein, ist Ltzowscher
Jger, -- Du weit doch? --

Ja, ja, sagte die Schwester etwas gedankenlos.

Hre, Marie, rief Rse wieder, als die beiden Reiter herangekommen
waren, ich werfe dem Adjutanten meinen Kranz zu, das sollst Du sehen.

Du bist verrckt, sagte Marie, da knntest Du in eine schne
Bredouille kommen -- der Lorbeer ist fr den Herzog.

I gar, sagte Rse.

Da ritt der Herzog eben der Estrade zu, und die Mdchen jubelten hoch
auf, und der ganze Zug jubelte, und aus allen Fenstern ringsumher
schrieen und riefen sie. Der Wind wehte Rsen und Marien das lange Haar,
das sie so einhllte, da man nur ein Streifchen ihrer weien Kleider
sah, wie goldene Fahnen ber die Schultern, dem Herzog entgegen, ganz,
als htte es sich der Wind so ausgedacht.

Das mochte ein sonderbar hbscher Anblick sein; denn Karl August schaute
lchelnd und nickte zu den Mdchen hinauf, hielt sein Pferd an und
sprach ein paar Worte zu seinem Adjutanten.

In dem Augenblick flog Rsens Lorbeerkranz auf Karl August zu und
richtig, verfehlte ihn, weil ihr die Haarstrhnen ber das Gesicht
geflogen waren, da sie nicht recht sehen konnte, und der Kranz blieb an
dem Degenknauf des jungen Adjutanten hngen.

Da lchelte Karl August noch einmal, und als der junge Offizier den
Kranz loslsen wollte, um ihn dem zu berreichen, dem er bestimmt war,
da machte der Herzog eine Bewegung, die zu bedeuten schien: Da, wo er
ankam, lat ihn nur.

Der Adjutant war augenscheinlich verwirrt und wute nicht, was er mit
dem Kranze anfangen sollte; seine Blicke trafen die Spenderin der
schnen Ehre. Er lchelte ihr zu und schaute sie an -- und erkannte sie,
die er, als sie ein kleines Mdchen war, in der Wnschengasse oft
gesehen hatte.

Seine Eltern hatten Rats eine Zeit lang gegenber gewohnt, und er
erinnerte sich Rsens und Mariens wieder.

Herrjeh, sagte Rse ganz glcklich. Nun seht nur, jetzt reitet er mit
meinem Kranz davon. Das war ja wirklich Ottokar Thon!

Na freilich, besttigte Marie.

Und wie er aussah! -- nein, wie er aussah! -- Frher haben wir ihn gar
nicht gro angesehen, ich glaube, nicht einmal gegrt. Hast Du bemerkt,
wie er rot wurde, als der Kranz auf ihn fiel; das hat er sich nicht
trumen lassen, da er so einen groen Lorbeer bekommen wrde. Und hast
Du auch gesehen, Karl August hat ihm den Kranz geschenkt!

Ja, ja! sagte Marie ganz lustig. Du hast gut getroffen!

Hre, Marie, begann Rse wieder, whrend sie noch den beiden Reitern,
dem Herzog und seinem Adjutanten, nachschauten. So, wie der Ottokar
Thon, als er wie im Traum auf den Kranz sah und dann auf uns, so gut hat
mir noch nie ein Mensch gefallen, noch nie, wiederholte sie ernst. Er
gehrt zu den Ltzowschen Jgern, sagte sie noch einmal -- weit Du?
Aber wie streng er aussah.

Sonnenklar wute Rse, wer ihr gefiel und wer nicht, und war gewohnt,
den ersten Eindruck, den sie von jemandem empfing, Marien sofort
mitzuteilen.

Diesmal war aber der Eindruck glckverheiend, bedeutungsvoller, als sie
sich vorstellte, denn jener junge Adjutant, der neben seinem Herrn bei
dem Einzug dahinritt, der die Zeit des Kongresses mit ihm in Wien gelebt
hatte, wurde Jahre darauf Rsens Gatte.

Sie war ein Glckskind; die erste Bewegung ihres jungen Herzens, das
erste Sichhinneigen einem anderen Leben zu, war die Ankndigung einer
schnen Zukunft. Und der erste Blick, mit dem sie der Geliebte
angesehen, erschien ihr bis ins hohe Alter wie ein Wunder; denn
damals, sagte sie, wute ich so klar wie das, da er mir besser, als
jeder Mensch bisher gefiel, auch das, da wir einmal zu einander gehren
wrden. Davon erfahren wir aber erst Nheres und Breiteres im zweiten
Bande.

Der ruhige Ernst, der auf den Zgen des jungen Mannes lag, als er unter
Glockengelut mit seinem Frsten einritt, hatte seinen Ursprung in einer
tiefen und klaren Liebe, die dieser junge, einfache Soldat zu seinem
Vaterlande fhlte. Er hatte in Wien mit Trauer gesehen, wie weit der Weg
noch sein mute, ehe Deutschland wrdig und gro dastehen konnte.

Er hatte in dem reichen Leben, den Reden und Versammlungen, den Festen
und Feiern, den Plnen, wie ein Geheimnis, das man nicht verrt, um es
nicht zu entweihen, seine Gedanken ber die Mglichkeit, wie Deutschland
erhoben werden knne, niedergeschrieben.

Lange Jahre nach seinem frhen Tode ist jene Niederschrift bekannt
geworden, und staunend mute man die Klarheit und Sicherheit dieses
jungen, krftigen Geistes erkennen, der damals in Dunkelheit klar und
sicher Deutschland den Weg zur Gre vorschrieb, den es jetzt gegangen
ist.

Ein Geschichtsschreiber, Heinrich von Treitschke, hat dem frh
Gestorbenen ein Denkmal in seinem Werke gesetzt.

Er hat des jungen Adjutanten Tapferkeit, seine Klarheit und Sicherheit,
seine geniale Voraussicht im Gegensatz zu der groen, allgemeinen
Verworrenheit gepriesen und schliet die Worte, die er der Erinnerung an
jenen khnen, jungen Denker weiht, mit dem Ausspruche: Wie unheimlich
erscheint doch die schwerflssige Langsamkeit der nationalen Entwicklung
neben dem raschen Gedanken der kurzlebigen Einzelmenschen.

Welche Flle von Hoffenden, Denkenden und Strebenden geht ber die Erde
hin, scheinbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir sehen es oft mit
Trauer und Staunen. Und dennoch wirkt ein jeder; die Natur hlt mit
ihren Krften haus.

Denke man sich einen schnen, mchtigen Wald, unbersehbar; gttliche
Frische lebt in ihm. Es ist eine Welt fr sich, eine herrliche
Erscheinung, und er hat sich gebildet dadurch, da unzhlige groe und
krftige und geringe Bume, ungezhlte Daseinskrfte, mchtige und
zarte, sich zu einem Ganzen hier zusammenthaten, zu einem einzigen
Begriff, der alles einzelne in sich begrbt.

So ist es auch im menschlichen Leben: um einen Begriff, eine Erfahrung
zu schaffen, gehren Millionen, die diese Erfahrung an sich erprobten,
die diesen Begriff durch ihr Aufgehen in demselben bildeten.

Wie ein Baum uns nie die Erscheinung eines Waldes geben kann, so wrde
der erste Tugendhafte uns nie den Begriff der Tugend geben knnen, der
erste Leidende nicht den des Leidens, der erste Glckliche nicht den des
Glckes, der erste junge Mensch nicht den der Jugend.

Ungezhlte muten gelitten haben, ehe die Welt von Leiden reden konnte;
Millionen muten glcklich gewesen sein, ehe das Bild des Glckes,
Millionen muten sndigen, ehe das Bild der Snde entstand.

Ein Begriff ist der groe Wald, in dem das einzelne aufgeht, um ein
Ganzes bilden zu helfen. Und ich sage hier noch: Ungezhlte muten in
Jugend erblhen und wieder dahinwelken, ehe wir von Jugend als von einer
Glckseligkeit reden konnten.

Das Wort, der Begriff Jugend ist das Grab, in das Jugend aus
Jahrtausenden sank und ihr seliges Erbteil dem Worte berlie, so da es
Kraft hat, den, der es recht ausspricht, mit Wonne, Wehmut und allem
Wundervollen, das je gefhlt ist, zu berschtten.

Und diese Zeilen, diese munteren, harmlosen Geschichtchen haben weiter
kein Ziel, als das: dem reichgeschmckten Worte, an dessen Pracht und
Zauber die Geschlechter der Erde von Anbeginn an wirkten, noch ein
schimmerndes Flitterchen mehr anzufgen.




                          Letzte Geschichte.

                            Das Gomelchen.


Es sind viele, viele Jahre vergangen; unsere Ratsmdel sind alte
Mtterchen. Ihre lustigen Spiegesellen sind alle dahin!

Beide Schwestern sind miteinander alt geworden, beide sind glcklich
verheiratet gewesen, beide hatten Kinder und Enkel; Marie aber ist nun
auch schon heimgegangen, nur Rse erlebt es, da ihr die Urenkel in die
sonnige Stube kommen und sich bei ihr erlustigen.

Ich habe schon, da Rse und Marie noch als lebensfrohe Dinger in Weimar
ihr Wesen trieben, in diese Zeiten vorausgeschaut an dem Abend, als der
junge Arthur Schopenhauer mitten in ihre Jugendpracht hinein sagte:
Hrt einmal, Ihr Haareulen, denkt an das alte Weib; glaubt nicht, da
es so fortgeht; werdet gtig und mitleidig; schwtzt nicht; seid fleiig
und sparsam, damit es spter nicht allzu bel um Euch stehe.

Ich habe auch erzhlt, da Rse vollkommen damit einverstanden war und
das Benehmen des jungen, dsteren, nrrischen Philosophen nicht gerade
abgeschmackt fand. Abgeschmackt war ein Lieblingsausdruck der
Ratsmdel, mit dem sie sonst recht freigebig waren. Ist nun
Schopenhauer, der viel Geschmhte, viel Verehrte und Miverstandene,
daran schuld, da zwei so freundliche, kluge Altchen auf Erden lebten,
so soll er gelobt sein -- hat dies die Natur ohne sein Zureden auch zu
stande gebracht, so soll sie ebenso gelobt sein; denn sie that etwas,
wofr man ihr Dank schuldig ist. Sie hat gezeigt, da dem Alter der
Stachel genommen werden kann. Sie hat gezeigt, da es so bel mit dem
Altwerden nicht ist; da das Alter anmutig sein kann; da es Freunde,
Heiterkeit und Lebensfreude einbringt, wie man es sonst nur der lieben,
grnen Jugend zutraut. Der Name Gomelchen ist der alten Frau, die
frher das Ratsmdel war, wie eine weiche Federflocke angeflogen und an
ihr haften geblieben. Aus Gromama wurde Gomama, aus Gomama Gomo --
Gomelchen. Von den Lippen ihres ltesten Enkelkindes hat sie ihn zuerst
gehrt, und es war beinahe das erste Wrtchen, das dies Enkelkind
sprechen konnte, war Name und Schmeichelname zugleich. Und so ist er
geblieben, dieser Name -- ein Leben lang immer in Liebe, immer in
Zrtlichkeit ausgesprochen.

Ich bleibe bei dem Namen und meine, es sei genug, zu sagen und immer
wieder zu sagen, da sie Gomelchen heit -- und vergesse ganz, da
dieser Name fr andere gar keinen Klang hat und das nicht sagt, was er
mir sagt.

Mir selbst ist es, wenn ich ihn mir vorspreche, als glitte eine weiche
Welle ber mein Herz hin, als wrde es behaglicher, wrmer im Zimmer;
einen zarten Duft von Thee und schner Sahne und Reseda und Hyacinthen
meine ich zu spren, einen Duft, der die Seele mit Wehmut und Erinnerung
erfllt. Es legt sich mir eine leichte, wohlthuende Hand auf die Stirn,
ihre Hand. Die Fremde ist mir nicht mehr so fremd; Thrnen treten mir in
die Augen, und mein ganzes Herz will sich in Sehnsucht auflsen.

Wie lange ist es nun schon her, da ich sie nicht sah, da ich nicht mit
ihr plauderte, wie lange! Und Gott mag es wissen, wann das Leben mich
wieder zu ihr fhrt. Aber ich will von ihr erzhlen, nicht von ihr
trumen.

Ich will von ihr erzhlen, darum, weil ich von den lustigen
Jugendstreichen, den sonnigen Kindertagen berichtete, und weil es nichts
Schneres, Erfreulicheres, Hoffnungssichereres giebt, als zu sehen, wie
das Schicksal es freundlich zult, da einer glckseligen Jugend ein
krftiges, gutes Dasein und ein lebensfreudiges Alter folgen kann.

Es wre doch wirklich schade, wenn einer oder der andere annehmen
knnte, da aus meinen beiden prchtigen Ratsmdeln ein paar verkmmerte
oder geschwtzige oder sonst unliebenswrdige, alte Weiber geworden
wren -- oder wenn es schner klingt: alte Damen. Denn wie selten
stehen Jugend und Alter im Einklang. Wie oft knnte man sich entsetzen,
wrde man das Zukunftsbild eines hbschen Mdchens voraussehen!

Um gut und wrdig und schn zu altern, mu man schon etwas an sich
haben, was man genial nennt. Ich wei, was ich damit sagen will. Man mu
ein groes Teil Liebe und Gte besitzen, ein so groes Teil, da, wenn
es vermessen werden knnte, vernnftige Leute meinen mten, es wre ein
strflicher Aufwand vom lieben Herrgott, einen unbekannten, unberhmten
Menschen, der auf der Gotteswelt nichts Besonderes gethan hat, so ppig
auszursten, und gar ein Weib -- das wre genug, um einen Frsten
auszustaffieren, der etwas Ordentliches, Ntzliches damit htte stiften
knnen, Hospitler, Besserungshuser, Waisenhuser, Vereine aller Art,
Witwenkassen, Pensionen, Zuchthuser, Nachtherbergen, Kaffee- und
Theestuben und Armenkchen.

Um ein Menschenherz ganz mit Liebe zu beleben, da es sein Lebtag alle
Schicksalsschlge, alles, was das Dasein mit sich bringt, ohne
Bitterkeit, Ungeduld und Hrte ber sich ergehen lt, braucht es so
viel an Liebe und Gte, da Tausende sonst vortrefflicher Leute, die
sich mit einem gebruchlichen Anteil von Liebe begngen, daran genug
htten.

Ein ganz guter, ganz liebevoller Mensch ist so selten wie ein groer
Dichter oder Knstler, so selten wie ein groer Philosoph. Die Natur hat
sich, wenn man die Legionen der Geschpfe berschaut, die erwhnte
Verschwendung nicht allzuoft zu Schulden kommen lassen, sonst wrde die
Welt ein anderes Ansehen haben. Ihr meint dennoch, da es nicht in der
Ordnung sei, wenn mit einer so groen Begabung an Liebe und Wohlwollen,
die das so ausgezeichnete Geschpf in die Reihe der Genies stellt, nicht
weiter erreicht wird, als wrdig, gut und freundlich zu altern. Das ist
scheinbar sehr wenig und ist doch viel; traurig ist, da die groe Masse
der Menschheit mit verkrppelten, verhrteten Herzen Abschied von der
Erde nimmt. Die Freundlichen, die Heiteren, die Gutes und Bses
weichherzig ohne Struben aufnehmen, das sind die wahren Helden, nicht
die, die dem Leben eckig und sparrig gegenberstehen.

Nun kurz und gut. -- Als unser Ratsmdel, die Rse, eine alte Frau
geworden war, da wohnte sie und wohnt noch im Hause ihrer Tochter und
hat da den oberen Stock inne. Ein Stbchen besonders, das ist so hell
und freundlich, wie es wenige giebt. Durch ein groes Fenster scheint
die Morgensonne herein und durch zwei Fenster die Mittagssonne. Blumen
gedeihen da oben und Blatt- und Schlingpflanzen wie in einem
Gewchshaus, und jahraus jahrein funkelt es hell auf glnzenden Blten
und Knospen. In diesem warmen, sonnigen Nest sitzt unser Ratsmdel, das
Gomelchen, seit das Alter ber sie gekommen ist, und wenn man sie sitzen
sieht, ist nichts als Heiterkeit und Behagen zu spren. Und was
eigentlich heit alt sein, sehr alt sein? Es heit in tausend und
millionen Fllen wohl nur: mde und mrbe gerttelt sein vom Leben,
abgestumpft von den tausendfachen Schmerzen, gewhnt an die Eingriffe
des Todes, gewhnt an alles und jedes. Die Schauspiele, die hier auf
Erden dargestellt werden, sind fr die Alten gar zu oft gegeben worden;
die jammervollsten rhren nicht mehr, die heiteren erfreuen nicht mehr,
die komischen machen nicht mehr lachen. Und die Alten denken wohl alle
wie jener, der kurz vor seinem Tode sagte: Es wre nun Zeit, da die
Welt unterginge!

Sehr alt sein heit, ganz vereinsamt sein, ganz in der Fremde leben.
Alle guten Freunde, die von uns wuten, wie schn, wie jung, wie
lebensvoll wir waren, die von uns wuten, wie wir litten und was uns
Gutes geschah, sind abgefallen, ins Grab gesunken. Es ist niemand mehr
da, der uns wirklich kennt; was haben die jungen, leichtsinnigen
Geschlechter mit uns zu thun? -- Sie meinen, die vor ihnen waren, die
glten nichts, die bedeuteten soviel wie Schatten und Trume. Ach, sie
sehen ja nichts, was war, was gewesen! -- Das sieht der Alte ganz allein
-- ganz allein, wie einer einen Geist erblickt, den die brigen nicht
gewahr werden.

Der Alte ist vereinsamt und bleibt vereinsamt; in seinem Herzen sitzt
Sehnsucht und Wehmut. Was lohnt es sich, zu reden, denkt er; es versteht
Dich doch keiner, es ist jeder mit sich und seiner Zeit vollauf
beschftigt. Nur im Traume sieht der Alte seine Zeitgenossen, -- lauter
Verstorbene. Es ist ein schwerer Stand, das hohe Alter.

Krperliches Leiden und krperlicher Verfall, Stumpfsinn und Bitterkeit
bedrcken die Lebenskrfte; Verschlossenheit und bellaunigkeit bringt
es ein, und die Kluft, die den Alten von den neuen Geschlechtern trennt,
wird immer weiter und weiter.

Von alledem aber, was hier steht und was ganz natrlich und
unvermeidlich zu sein scheint, wie das Alter selbst und der Tod, ist bei
dem Gomelchen, wie ich schon sagte, nichts zu finden.

Sie hat es nicht einmal zu dem gebracht, was man Wrde nennen mchte,
die zusammengesetzt ist aus etwas vornehmer Steifheit, Unnahbarkeit, aus
dem Unvermgen, sich lebendig zu rhren, aus dem Bewutsein der eigenen
Vortrefflichkeit, der reich gesammelten Erfahrung; nicht einmal zu _der_
Wrde hat sie es gebracht, die wie eine weich gepolsterte, schwerfllige
Kutsche fr die alten Leute bereit steht, in der sie sich bequem
niederlassen und umherfahren knnen, und auf der zuvorderst ein kleiner
Postillon sitzt und in sein Hrnchen blst: Vor dem grauen Haupte
sollst Du aufstehen und das Alter ehren. Nicht einmal dazu hat sie es
gebracht. Wenn im Haus etwas fehlt, ist sie die erste, die bereit ist,
es zu schaffen.

Lat das nur, lat das nur, das besorge ich; ich springe hinber und
bringe es in Ordnung! Dabei schaut sie nicht nach Wind und Wetter aus,
langt nach ihrem Schlsselbund, der unzertrennlich von ihr ist und mit
dem sie wie mit einem Glockenspiel zu klingen versteht, -- ehe man ihr
Kommen merkt, hrt man ihr Glckchen schon -- hat sie den Schlsselbund,
so schlgt sie ein Tuch um die Schulter, nicht etwa einen schnen
Pelzsammetmantel, wie es eigentlich einer Frau Geheimrtin ziemte, den
lt sie hngen, wo er hngt -- und macht so im Mtzchen und
Umschlagetuch ihre Verhandlung bei irgend einem Herrn Nachbar.

Sie ist eben immer noch das Ratsmdel; so wenig es der jungen, lustigen
Rse in den Kopf gekommen wre, eine Sammetmantille umzuhngen, um zu
Madame Ortelli, die Brgermeisters schrg gegenber wohnte, zu laufen,
so wenig fllt dies auch dem Gomelchen ein. Bis in die Fingerspitzen
pulsierte Leben in ihr; wie sie ein Kommodenfach zuschiebt, wie sie nht
und hkelt, wie sie die Hand giebt und einem ber Wangen und Stirn
streicht und wie sie die Treppen hinabluft, das ist alles so lebendig,
so leicht, so beweglich. Niemand auf Erden, glaube ich, versteht es, so
zu bewillkommnen, wie sie.

Wenn wir Kinder verreist waren und zurckkamen, und der Wagen unten vor
der Thr hielt, da schaute von oben aus dem zweiten Stock ihr Kopf
heraus, mit einem Spitzenhubchen umgeben und brunlich blonden,
aufgesteckten Locken an den Seiten. Im Nu war der Kopf verschwunden, und
ehe wir aus dem Wagen gestiegen und zur Hausthr eingetreten waren, da
stand das Gomelchen schon auf dem untersten Treppenabsatz mit
ausgebreiteten Armen, als wenn sie zwei Flgel htte und damit flatterte
-- so blieb sie stehen, und solche liebevoll glckselige Ksse und
zrtliches Streicheln haben wenige Menschen im Leben gesprt, wie die,
die dann auf dem Treppenabsatz bewillkommt wurden.

Wenn ich daran denke, da ich wieder so von ihr empfangen werden knnte,
so wird es mir, als freute ich mich auf einen ganz bestimmten,
wunderschnen Frhlingstag. Soviel ich wei, habe ich sie nie milaunig,
nie unbereit zu helfen gesehen und immer fleiig und beschftigt. Ich
wei auch nicht, da sie je mde und angegriffen sich gezeigt htte.
Krank war sie manches Mal, schwer krank; aber kaum, da die Krankheit
gehoben, so kam sie auch wieder zu voller Lebensfreudigkeit und
Anspruchslosigkeit.

Das Gomelchen ist die Jngste im Haus, so heit es immer. Sie ist es,
die alle Augenblicke etwas vor hat. Bald geht sie ins Theater und thut
es beinahe so begeistert und eifrig wie zu ihrer Ratsmdelzeit.
Einschleichen freilich, das geht nicht mehr; dafr ist sie jetzt
abonniert, vergit aber regelmig, ihr Billet mitzunehmen, jedenfalls
in Erinnerung an jene Zeiten, wo sie die Herrlichkeiten auch ohne Billet
zu genieen verstand. -- Ist es das Theater nicht, so geht sie zu guten
Freunden oder sieht gute Freunde bei sich, oder fhrt ein wenig ber
Land, um ihren Kaffee auswrts zu trinken. Gar oft spaziert sie so ganz
allein und bringt dann immer etwas mit heim, einen Bschel schnes Gras,
einen Strau Feldblumen oder einen herbstlich bunten Zweig. Wie manchmal
hat sie einer Enkelin solch einen selbstgepflckten Blumenschmuck in das
Zimmer gestellt!

Wenn man hrt, ein altes Mtterchen macht einen Gang in die Felder
hinaus, sprt dort allerlei schnen Dingen nach und kommt mit Mohn und
Kornblumen ganz beladen nach Hause, so scheint das absonderlich und
erstaunlich zu sein. Bei dem Gomelchen aber ist dies ganz natrlich, es
fllt niemandem auf, es wundert sich niemand darber. Wenn sie einen mit
ihren frischen, freundlichen Augen anschaut, vergit man, da sie eine
alte Frau ist, da sie alles Leiden, das auf der Menschheit liegt, wie
andere alte Leute auch, durchkostet hat, da sie alle teuren
Zeitgenossen verloren und jetzt vereinsamt mit ihren Erinnerungen
dasteht.

Und das Geheimnis, weshalb sie nicht gealtert ist wie die meisten
Sterblichen, mag wohl sein, da sie von jeher weit ber ihr eigenes
Interesse hinaus Herz fr Menschen und Dinge hatte.

Der Freund, der am treuesten mit ihr im Leben ausgehalten, der sie erst
vor kurzer Zeit verlassen hat, war ihr guter, alter Budang, ihr
allererster Freund. Er, dem die Jungfer Concordia die beiden wilden
Kreaturen anempfohlen, hat seine Ratsmdel nie aus den Augen verloren.

Uns Kindern war es immer ein wahres Fest, wenn der alte Herr
Medizinalrat, den sie frher auf Weimars Gassen Budang nannten, zu der
Gomel heraufkam. Das wei der liebe Gott, sagte das Gomelchen, als
ich, wie oft, bei ihr sa, und die Thr sich sachte aufthat, und ein
weilockiger Kopf hereinschaute, ein prchtiger Kopf mit lebendigen
Augen, die Locken wie aus Silber und wie Wlkchen aufgeplustert; das
wei der liebe Gott, gerade so, wie er mit seinem blonden Ruschelkopf in
der Wnschengasse bei uns hereinschaute, ob die Luft auch rein und der
Vater fort sei, so schaut der Alte auch jetzt durch den Thrspalt. Da
red' mir einer davon, da die Menschen sich ndern!

Der Alte aber blieb mit dem Kopf zwischen der Thre stecken und
deklamierte eine Stelle aus Shakespeare, die mit der augenblicklichen
Situation in keinerlei Verbindung stand, den Monolog des Hamlet. Er
sprach ihn englisch und das mit solcher Weihe und Hingebung, da es
einem wunderlich zu Mute wurde. Whrend er noch mitten darin war, trat
er ein und ging dabei im Zimmer auf und nieder, der feste, kleine,
zierliche Mann, der so sauber und frisch aussah wie aus dem Ei geschlt.
Er sah und hrte nicht, bis er seinen Monolog zu Ende gebracht hatte.

Darauf blieb er vor dem Gomelchen stehen und sagte: Das ist gro! Das
ist gttlich! -- Siehst Du, Rse, weshalb bist Du so trg' gewesen und
hast nichts gelernt. Nun hast Du nichts davon verstanden. Meine Schuld
ist es nicht; aber was fr ein Leben httest Du fhren knnen, wr'
etwas mehr in Deinen Kopf hineingegangen. Hier -- damit wies er auf
mich, die Kinder lernen doch hoffentlich, was Du nicht zu stande hast
bringen knnen?

Das Gomelchen strich der Enkelin zrtlich ber den Kopf, sah ihren
strengen Freund befangen lchelnd an und sagte: Soviel ich wei, sollen
sie es auch nicht besonders weit gebracht haben. Die hier hat ihre
Schularbeiten meistens bei mir gemacht und hat erschrecklich dabei
gesthnt.

Bei Dir? fragte der Medizinalrat frappiert, setzte sich nieder,
stemmte beide kleinen Hnde auf die Kniee: Da mgt Ihr etwas Schnes
miteinander zu stande gebracht haben! ... Rse, die Kinder hier im Haus
hast Du trotz der Erzieherin auf dem Gewissen, sagte er. Ich habe es
mir immer gedacht, da es bei den Enkeln wieder durchbrechen mte. Ich
wrde Dich geheiratet haben, aber ich hatte Respekt vor Euch!

Geh, schwtz nicht! sagte das Gomelchen lchelnd, wir htten Dich gar
nicht genommen.

brigens, fuhr der Medizinalrat fort, ich komme eigentlich heute, um
Dir etwas zu sagen: Gestern bist Du vor mir hergegangen und hast Dich
erschrecklich krumm gehalten, hast einen ordentlichen Buckel gemacht.
Thu das nicht. Ich denke noch, wer ist denn die Alte da? Wo bist Du denn
gewesen? Was hast Du denn gedacht? So nachlssige Haltung macht
frhzeitig alt; ich habe es von jeher nicht leiden knnen, wenn Du Dich
schlecht hieltest. Kummer braucht unsereins nicht mehr niederzudrcken,
Gott Lob, sagte er heiter. Wir wissen aus Erfahrung, da auf die ganze
Geschichte hier kein Verla ist; es kommt und geht und kommt und geht
ohne Ende, und damit basta! Wer das oft mit angesehen, wie wir, den lt
es ruhig.

Bleib mir vom Hals, Du alter Philosoph, das ist ja Dein Ernst nicht --
Du machst doch sonst keine Redensarten. So lang' man ein Herz im Leibe
hat, so lang' bleibt alles neu, als geschhe es zum ersten Male, das ist
meine Meinung, sagte das Gomelchen freundlich und behaglich. Mir war
es damals zu unserer jungen Zeit wohl und ich finde mich auch in der
neuen Zeit zurecht. Eins ist schade jetzt fr die Jungen; die Leute,
dcht ich, machten mehr Wesens aus allen Dingen als frher, das junge
Volk thut mir leid; oder kommt mir's nur so vor, da sie es so nicht
mehr haben, wie wir es hatten? Herr, mein Gott, wenn ich an unsere
lustigen Tage denke, wie wir Dich in Mdchenkleider gesteckt haben, wie
wir miteinander Schlitten gefahren sind; wie kein Tag verging, an dem
wir nicht etwas ausheckten -- und sag doch selbst, ist da irgend etwas
geschehen, an das wir nicht mit aller Ruhe und Freude zurckdenken
knnten? -- Doch gewi nicht! Und wenn ich mir vorstelle, einen einzigen
unserer Streiche, die wir miteinander verbten, liee sich hier ein
Mdel aus der hheren Tchterschule zu Schulden kommen, ich glaube, die
alten Jungfern, die ihnen die Weisheit einfllen und ihre Wege
berwachen, schickten auf den Stadtkirchturm, um Sturm luten zu lassen;
der Direktor beriefe ein Ehrengericht, und das Mdel wrde gebrandmarkt
frs Leben; warum? Weil sie rittlings auf der Ksehtsche den
Bibliotheksberg heruntergerutscht ist. Siehst Du, Budang, ich habe ein
warmes Herz fr alle Welt; aber es giebt keine irdische Strafe, die ich
einem Lehrer nicht gnnte. Und sie sind schlimmer geworden seit unserer
Zeit. Wohin es noch kommen wird, ich wei es nicht! Die Kinder heute
werden vor lauter Weisheit und Furcht dumm und blde.

Da hast Du recht, Rse, sagte der Medizinalrat. Seitdem die Welt
steht, hat sich eine tchtige Portion von Bosheit und Dummheit
abgelagert. Es giebt schreckliche Dinge in der Geschichte,
Christenverfolgungen, Judenverfolgungen, Hexenprozesse, Autodafs; aber
schlimmer war das nicht, als was die Leute heutzutage mit Erziehung und
Bildung bei Mann und Weib anrichten.

Du bist ein lieber, guter Mensch! rief das Gomelchen ganz bewegt und
klopfte dem alten Freund auf die Schulter. Siehst Du, das ist mir aus
der Seele gesprochen. Herr Gott, kommt denn nicht einmal ein
vernnftiger Mensch, der dem Unwesen ein Ende macht!

Nun, sagte der Medizinalrat, vielleicht einmal aus Deiner
Verwandtschaft und Nachkommenschaft, wer kann's wissen.

Na, mir sollte das recht sein, wenn ordentlich aufgerumt wrde. Das
ist's ja, die Leute jetzt wissen es gar nicht, wie schlecht es um sie
steht; denn wer kann vergleichen? Hier sitzen so ein paar Alte, die es
noch knnen. Und sag einmal selbst, was sind denn das fr vertrocknete
Ehrenmnnchen und junge alte Jngferchen jetzt? Jeder unschuldige
Backfisch hat die ernstesten Ideen ber seine Versorgung und arbeitet
auf seinen Lebensabend hin -- weit Du, Budang, das gefllt mir nicht,
das dauert mich. Frau Gomelchens Stimme wurde ganz bewegt.

La das, Rse, sagte der Medizinalrat. Du sollst nicht immer gleich
oben hinaus und nirgends an sein. Was meinst Du denn, wenn die Kinder
alle freigelassen und, wie Du es Dir frher auszumalen liebtest, alle
Lehrer gehangen oder verbannt wrden, so versichere ich Dich, solche
Schwesterprchen, wie Ihr wart, wrden doch nicht zu Dutzenden
umherlaufen. Ja, ja, sagte er und schaute die Enkelin mit seinen
lebendigen Augen an: Euer Gomelchen ist eine groe Raritt -- Gott
beht' sie.

Oft lang unterhielten sich die beiden von verflossenen Zeiten, lachten
ber Personen, die einst ihr Wesen in Weimar getrieben, nun aber lngst
zu Staub zerfallen waren. Was fr sonderbare, liebenswerte, nrrische
und vortreffliche Leute tauchten da aus der Vergessenheit auf und kamen
auf ein paar Augenblicke wieder zu einem Schimmer von Leben und Wirkung.

Die Zuhrerin, welche die guten Freunde oft bei ihren Unterhaltungen und
Erzhlungen hatten, war immer ganz Teilnahme. Es schien ihr dann, als
sehne sich das Gomelchen nach der Vergangenheit. Das rhrte und ergriff
sie so tief, da sie nicht wute, was sie der Guten Liebes anthun
sollte.

Einmal, nach einem Abend, als sie den Erinnerungen der beiden treuen
Kameraden gefolgt war, hatte sie einen wunderlichen, aber hbschen
Traum. Sie sah das Gomelchen in einem ihr wohlbekannten Zimmer. Die
Thre, die in den Garten fhrte, stand mit beiden Flgeln weit offen.
Sommerluft, Sonne und ein weicher Reseda- und Levkoyenduft drangen ein.
Da mit einem Male kam ein wunderschnes, blondes Mdchen vom Garten in
das Zimmer gesprungen, ein Mdchen, ganz von Sommerluft und Sonne
durchwrmt, belebt und rosig bergossen. Das war das Ratsmdel, die
Rse, das Gomelchen, als es noch jung war! Und das schne, glckliche
Mdchen lief auf die alte Frau zu, schlo sie in die Arme, drckte sie
an sich, dem ungestmen Geschpf glitt der breitrndrige Hut vom Kopfe.
Das Gomelchen aber machte sich die Arme frei, hielt das Mdchen von sich
ab, nickte lchelnd mit dem Kopf, ganz in Nachdenken versunken, schaute
sie von oben bis unten an und rief mit einer ganz unbeschreiblich
zaubervollen Stimme, in der alle Wehmut eines lebensfreudigen,
sehnschtigen Herzens zitterte: Ach, was waren das doch fr herrliche
Zeiten!

                   *       *       *       *       *

An einem Frhlingstage verlor das Gomelchen ihren alten, treuen Freund.
Sie empfing die Nachricht mit aller Ruhe. Seit Wochen schon hatte sie
seinen Tchtern bei der Pflege mit beigestanden und hatte gewut, da es
mit ihm zu Ende gehen mute. Die Tchter erzhlten, da die alte Frau
oft stundenlang bis in die Nacht hinein am Bette des sterbenden Freundes
gesessen, da sie lange, lange die Hand des Kranken in der ihrigen
gehalten, und da auf beiden Gesichtern dann eine wunderschne Ruhe
gelegen habe.

Noch bis zum letzten Tage, wenn es irgend anging, haben sie sich
wohlgelaunt unterhalten, verstndnisvoll und wehmtig, wie es nur zwei
so gute, alte Freunde miteinander thun knnen.

Als er gestorben war, hat sie bis zu seinem Begrbnis sein Haus nicht
verlassen, hat seine Tchter getrstet und aufrecht erhalten, hat
berall nach dem Rechten gesehen und ist des Tags wieder und wieder in
das stille Zimmer getreten, in dem ihr treuer Freund lag, hat sich ihn
immer wieder angeschaut, und ihr Herz mag wohl einen ergreifenden
Abschied genommen haben.

Nach dem Begrbnis holte eine Enkelin sie aus dem Hause ihres guten
Freundes Budang ab.

Frau Gomel nahm von den Tchtern Abschied. Die wollten sie gar nicht
gehen lassen und waren ganz aufgelst in Schmerz um ihren alten Vater,
der der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Sie htten die, die es so gut
mit ihnen meinte, gar zu gern bei sich behalten. Ihr mt nicht so
auer Euch sein, sagte das Gomelchen. Gnnt ihm seine Ruhe, wie Ihr
ihm sein Leben gnntet -- das eine wie das andere mu sein. Schaut Euch
die Welt mit seinen Augen an, dann habt Ihr ihn in Euch. -- Verget auch
nicht, heute Abend hinunter in den Park zu gehen. Jetzt schlagen die
Amseln, da hat er es nie versumt, hinzugehen, so lange er gesund war.
Geht nur -- das wird Euch wohl thun. Zu unserer Zeit sind wir gar oft
zum Amselschlag miteinander gegangen. Thut's nur heut' Abend und nehmt
Euch hbsch zusammen. Ihr habt es ja immer gut mit ihm gemacht und knnt
Euch zurckrufen, wie dankbar er war bis zum letzten Augenblick. Das ist
ein Trost, den haben wenig Menschen. Den meisten mgen die bitteren
Stunden, die sie einem Heimgegangenen zugefgt, mitten in den ersten
Schmerz hinein in die Erinnerung kommen. Bei Euch braucht das nicht zu
sein, Gott Lob. Lebt wohl, Ihr guten Mdchen, sagte das Gomelchen und
schlo eine jede in die Arme. Lebt wohl und seid recht gelassen, so wie
er es gern sehen wrde. Die Bltter fallen nun einmal im Herbste.

Und immer wieder nahm das Gomelchen Abschied von den Tchtern ihres
alten Freundes. Es war, als wenn sie versuchte, ob nicht das rechte
Trostwort sich vielleicht doch einstellen wrde. Auf dem Heimwege war
sie ganz schweigsam. Als sie aber ihre Treppe langsam und matt
hinaufstieg, sagte sie: Siehst Du, nun ist alles abgethan. Nun lebt von
meinen Guten keiner mehr; mit dem letzten, der sie kannte und liebte,
sind sie mir alle noch einmal gestorben. Enkelin und Gromutter gingen
miteinander in das sonnige Stbchen. Da legte sie sich nieder und
schaute mit einem so geduldigen, freundlichen Ausdruck vor sich hin, der
tief ergriff. Die alte, alte Sonne, die scheint unentwegt, sagte sie
und schaute auf das Lichtgefunkel, das auf den Blttern und Blten und
auf dem Teppich in Flecken und Ringen spielte. Kein Laut war im Zimmer
zu hren. So blieben sie beide schweigsam.

Hr einmal, sagte Frau Gomelchen freundlich, zieh doch das oberste
Kommodenfach auf und gieb mir einmal das Packet, das rechts liegt,
heraus.

Die Enkelin that so.

Gomelchen nahm es, ffnete es, da lagen zarte, gelbliche Spitzen in der
Papierhlle. Die hab ich Dir dieser Tage gekauft, Du hast ja so etwas
gern, sagte sie liebevoll und fate die Hand der Enkelin und sah sie
an, so wehmtig, beinahe wie hilfesuchend.

Da schlang diese die Arme um sie, und das Gomelchen fragte freundlich:
Wenn Du irgend etwas fr mich zu thun hast, das gieb nur her und sag
mir nur alles, was Du vorhast und was Du denkst. Das ist mir die
allergrte Freude.

Ach, mein Gomelchen! flsterte ihre gute Kameradin unter Thrnen und
hatte ganz die rhrende, freundliche Seele verstanden.

Und Ihr seid, der Budang und Du, immer gute Freunde gewesen, von damals
an, als er Euch bei der Eselsgeschichte erwischte, immer gute Freunde
und nie getrennt? fragte die Enkelin zaghaft nach einer Weile.

Immer gute Freunde und nie getrennt, heut' zum ersten Male getrennt,
wiederholte das Gomelchen. Als Student war er ein paar Jahr auswrts;
einen Katzensprung weit, in Jena; aber da kam er alle Nasen lang. Es hat
ihn nie in die Fremde gezogen. Ich reise erst nach meinem Tode, sagte er
immer, wenn das Gepck leichter ist -- und ich glaube, fgte Frau
Gomelchen lchelnd hinzu, er reist jetzt -- denn er hat stets
durchgesetzt, was er wollte. Es war ein nrrischer Kerl, ein ganz
nrrischer Kerl. Versunken in Erinnerung schaute sie vor sich hin. Ein
guter Jugendfreund, der einem durchs ganze Leben treu war, ist das
beste, was es giebt. Da bleibt das Dasein uns immer heimisch; der wei
alles, kannte alles, hat alles mit erlebt; Du kannst Dir gar nicht
denken, was fr ein Trost es alten Leuten ist, wenn sie einen guten
Freund fragen knnen: Weit Du denn auch noch, wie damals der und der
und die und die aussah -- und was sie sagten und was sie thaten, und
weit Du denn auch noch, als die Huser an der Ackerwand noch nicht
standen, und unten der ganze Park Feld und Gestrpp war, und wie sie in
der Esplanade unter den alten Bumen die Wsche trockneten, und wo
jetzt, auch in der Esplanade, der Goldschmied wohnt, als da noch der
uralte Turm stand, in dem der Hufschmied steckte? Und erinnerst Du Dich
noch an Mamsell Muskulusen, ihren Veilchenhut und an das grogeblmte
Kleid der Kummerfelden und an Adele Schopenhauers Gesicht, wenn der
Geist ber sie kam, und an den Brunnenkopf, den alten Lwen, der ihr so
hnelte? Gott gebe Dir, sagte das Gomelchen, da Du einen guten
Freund, ein gutes Herz Dein lebelang Dir nahe hast, dann ist das
Altwerden so schlimm nicht.

Habt Ihr Euch denn nie miteinander verzrnt und habt nie Streit
miteinander gehabt? fragte die Enkelin.

Da ich nicht wte, erwiderte das Gomelchen treuherzig. Von dem Tage
bei der Jungfer Concordia an, wo wir ihn zuerst lnger sprachen, haben
wir ihn, Marie und ich, immer stimiert und voller Respekt behandelt. Zu
Streit und rger htte es nie mit ihm kommen knnen. Das ging alles so
ruhig hin, man wute nicht wie.

Und hat er denn nicht einmal zu einer von den Ratsmdchen eine
wirkliche Liebe gefat? fragte die Enkelin.

I, gar! antwortete das Gomelchen, genau in dem Ton, als sagte dies die
junge Rse. Er ist immer unser guter Freund geblieben; als wir uns
verlobten, war er zwar nicht sehr erbaut davon, aber nur aus dem Grunde
nicht, weil er uns noch fr erschrecklich dumm hielt und weil er meinte,
wir htten noch mit dem Unsinn warten knnen. Mein Mann und er sind
dann ganz gute Freunde geworden, so da der Budang oft sagte: Siehst Du,
Rse, nun bin ich doch fr die viele Mhe, die ich mir mit Euch gab,
belohnt worden. Er wre fr meinen Mann ins Feuer gegangen!

Da leuchteten Gomelchens Augen von Liebe und Stolz auf.

Und hat denn der Budang nie eine Dummheit gemacht, ist denn sonst nie
etwas zwischen Euch gekommen?

Das mag schon sein -- ich werde mich schon manchmal ber ihn gergert
haben; aber das vergit sich, und ich habe immer ber die Freundschaft
meine eigenen Gedanken gehabt und die will ich Dir sagen, die kannst Du
Dir merken. Siehst Du, man mu gegen einen Freund zu allererst
wohlwollend sein, wohlwollend in jeder Hinsicht -- rger darf gar nicht
Platz greifen. -- Wenn Du Dir vorstellst, jemand, den Du lieb hast, habe
irgend eine Angewohnheit, die Dir nicht recht ist, und stellst Dir vor,
da er auf lange Zeit totkrank wird, Du frchtest ihn zu verlieren, --
da aber mit einem Male ist die Gefahr vorber -- er wird gesund, und Du
hrst ihn zum ersten Male wieder so recht nach Herzenslust schnaufen,
oder was er gerade fr eine Art, die Leute zu rgern, an sich hat -- Du
aber fhlst nur: Gott sei Dank, er schnauft wieder! und da hast Du auch
keine Spur von rger darber. So mu es sein. Du mut, wenn Du jemanden
liebst, immer im vollen Bewutsein Deiner Liebe und der Sorge, ihn zu
verlieren, leben, dann lssest Du nichts in Dir aufkommen, was rger und
Unwille und Ungerechtigkeit ist.

Ach, Du liebes Gomelchen, wer ist noch so gut wie Du! rief die Enkelin
und kte ihr die Hnde. Das ist wahr, in Deiner Liebe zu den Menschen
ist auch nicht ein Fnkchen rger mit hineingemischt; da ist wohl kein
Schlingel schlimm genug, der nicht bei Dir Trost fnde, wenn er zu Dir
kme. Ich habe oft gedacht: Bei Dir giebt es Gute und Bse gar nicht,
sondern nur Leute, mit denen man freundlich und hilfreich sein mu. Bist
Du denn immer so gewesen, auch frher so gut?

Hr einmal, Du, sagte das Gomelchen, Du bist eine rechte
Schmeichelkatze, was hast Du denn mit Deiner Alten? Von der ist
berhaupt nicht zu reden. Was machst Du denn fr ein Aufhebens! Wenn ein
altes Weib nicht so lieben drfte, wie es die Leute lieben will, wer
mchte da ein altes Weib sein! ich gewi nicht! sagte das Gomelchen.
Wir Alten, Gott Lob, knnen lieben, wie wir wollen. Wir suchen auf
Erden nichts mehr, glaub mir, keine Wichtigkeit mehr, auch keine
Gerechtigkeit, nichts -- gar nichts. Glaubst Du, der liebe Herrgott oben
wei etwas von Gerechtigkeit, von Hrte, von Liebe, von Lieblosigkeit,
von Wrde oder von Vortrefflichkeit? Bei ihm da oben hrt das dumme Zeug
auf, der ganze Wirrwarr, alles Gezerre, aller Streit. Da ist ewige Ruhe
und Stille. Und die Seele kommt zu ihm ganz unschuldig, wie der Wind und
der Blitz. Nicht wahr, der Blitz ist doch unschuldig, wenn er in einen
Baum gefahren ist, und der Wind ist unschuldig, wenn er im Meere
gewirtschaftet hat? Oder ist er ein bser Blitz oder ein ungerechter
Blitz -- oder irgend etwas dergleichen? Wenn alles, was menschlich ist,
von der Seele zurckgelassen, ist auch alles, was man so oder so nennt,
von ihr fortgenommen, alles, was bse oder gut ist. Siehst Du, und wir
alten Leute haben schon das meiste zurckgelassen. Die Seele ist schon
freier in uns -- das ist's -- und hin und wieder fhlt man's auch ganz
klar, in glckseligen oder schmerzlichen Augenblicken. Ach, mein
Herzenskind, sagte das Gomelchen, die ganze Welt steckt so voller
Ungerechtigkeit, voller Zank und Streit, voller Wichtigthun und
Widerstand, voller Verwirrung und Irrtum und Miverstndnis, da ein
armer Mensch bei seinem Freunde, zu dem er in Liebe und Vertrauen kommt,
nichts finden soll als eine weiche Ruhe und Stille, wie die Seele sie
bei ihrem Gott findet, bei dem das nicht ist, was wir gut und bse
nennen -- Frieden -- Frieden. Nicht dasselbe Spiel, das berall
getrieben wird, soll dem Armen auch bei dem Freund bereitet sein -- auch
nicht ein klein wenig davon. Mein Liebling, merke Dir das, denke nie,
nimm Dir nie vor, da Du Deinen guten Freund durch Deine Weisheit und
Vortrefflichkeit bessern oder beeinflussen willst. La das den
Lehrmeistern, den Gouvernanten, und wie all die ernsten Leute heien;
sei Du klger. Das Leben macht seine Sache ganz ohne Dein Zuthun.
Freunde sind nur da, um das, was das Leben anrichtet, vergessen zu
lassen. Gott gebe Dir, da Du verstehst, beglckend zu lieben.

Da fate das Gomelchen den Kopf der Enkelin mit beiden Hnden und zog
sie zu sich nieder, und in den Augen glnzten ihr helle Thrnen:
Lieben, geliebt werden, mein Herz, ist das einzige Glck auf Erden.
Meine selige Mutter wute wohl, was sie meinte, als sie sagte: >Liebt
das Schne mehr, als das Gute.< Sie konnte die wrdigen Leute nicht
leiden. >Alle vortrefflichen Leute wissen, da sie vortrefflich sind,
und sind deshalb hart und hochfahrend und bsartig, weil sie glauben,
die ganze Welt strafen zu mssen,< sagte sie; sei Du klger. Meine
Mutter hatte recht, anmutig die Thorheiten thun, die man nun einmal im
Leben thun mu, ist besser, als da man sie wrdig und vortrefflich
thut. Anmut lt keine Herzensbosheit, keine Wut, kein Wichtigthun
aufkommen. Gott behte Dich, mein Kind ... Weit Du, sagte Frau
Gomelchen, Du knntest heute den Thee bei mir trinken, mir ist so
vereinsamt zu Mute. Herr, mein Gott, ich wei gar nicht, ob ich Dir es
wnschen soll, alt zu werden. Das Abschiednehmen von den teuern Lieben,
einer geht -- und wieder einer geht -- und wieder einer -- und wieder
einer -- und der letzte geht -- 's gar zu jmmerlich. Mir ist's grad',
als wre ich die Hausherrin, die Wirtin; alle meine lieben Gste, die so
heiter waren, empfehlen sich, und ich bleib allein im Haus, und die
Lichter gehen aus -- und es wird de und Nacht -- und still.

Mein Gomelchen, rief die Enkelin bewegt. Wir sind bei Dir! -- Ich bin
bei Dir, mit mir rede von alten Zeiten.

Ja freilich, mein Herz, sagte das Gomelchen und lchelte unter
Thrnen, ich bin ein recht undankbares, altes Weib; aber es ist doch
so; es wird zu viel im Leben dem Herzen wieder abgefordert, gar zu viel.
Gottlob, da es Freuden und Freunde giebt, die sich unmerklich
vergessen. Das Leben ist eigentlich fr unbegabtere, gefhllosere
Geschpfe, als wir sind, berechnet, oder fr gttliche Geschpfe, die
ber allem stehen, ber dem Dasein selbst, ber Tod und Abschied, ber
jeder Not und Qual; fr solche mag es ein gutes Leben sein; aber die
arme Mittelsorte! fr solche Leutchen wie du und ich, fr die ist's
schlimm, die haben mehr als die einen, und weniger, als die andern, und
wissen sich nicht zu helfen, wenn's auch so ausschaut, als wten sie's.
Nun geh nur, und la es unten sagen, da Du Deinen Thee bei mir trinken
wirst, und komme auch gleich wieder.

Und wie gerne kam die Enkelin! Eine Theestunde bei Gomelchen hat die
Eigenschaft, Sorgen und Trauer weich mit Behagen zu berdecken. Zu
dieser Stunde wagt sich kein Leid der Welt in das blumenduftende,
hbsche Zimmer herein, in dem der Theekessel summt, und in dem das
freundlichste Herz seine Gste bewillkommnet, ein Herz, das jeden
Schmerz, bis in das hohe Alter hinein, wie ein Kind ohne Bitterkeit
berwinden kann, nicht dster, nicht verschlossen, ein Herz, das bis in
das hohe Alter die Augen im selben Augenblick weinen und lcheln lt.

Als die Enkelin wieder hereintrat, fand sie die liebe Frau gelassen,
doch mit zitternder Hand damit beschftigt, den Theetisch fr sich und
ihren Gast zu ordnen. Aus einer Bchse nahm sie Eingemachtes und fllte
es in eine kleine Krystallschale, die sie der Enkelin vor ihren Platz
stellte mit einer Miene, der man es ansah, wie gerne sie jemandem etwas
zu gute that.

Die Enkelin schaute ihr zu, fiel ihr um den Hals und flsterte: Wollte
Gott, es gbe viele Ratsmdel und viele Gomelchen auf der Welt, dann
wrden die Leute, wenn sie jung wren, mehr lustige Streiche machen, und
wenn sie alt geworden, da wre es erst recht hbsch; da htten sie
solche wundervolle Blumenstbchen wie Du, und alle Welt liebte sie, und
sie htten so gemtliche Theetische, und jede Freude she bei ihnen
doppelt wie Freude aus, und jeder Schmerz machte sie so unbeschreiblich
rhrend und liebenswert, wie er Dich macht, mein liebes, liebes
Gomelchen -- und die Enkelin hielt sie noch immer umfat. In beider
Augen schimmerten Thrnen, und sie setzten sich miteinander ganz
einverstndlich und voller Liebe zu einander hinter die summende
Theemaschine, das Gomelchen in ihren weichen, gemtlichen Lehnstuhl. Die
Lampe leuchtete unter dem groen rosa Schirm, und die Enkelin sagte:
Ich verstehe Dich, mein Gomelchen, das einzige, was auf Erden das Herz
ruhig und glcklich macht, ist: Gut miteinander zu sein.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden wie hier aufgefhrt korrigiert
(vorher/nachher):

   [S. 5]:
   ... bedchtig das Wochenblatt las, rief hinaus! Rse, ...
   ... bedchtig das Wochenblatt las, rief hinaus: Rse, ...

   [S. 57]:
   ... ber der Grund ihres Wohlstandes nach, wie es ...
   ... ber den Grund ihres Wohlstandes nach, wie es ...

   [S. 239]:
   ... miemandem auf, es wundert sich niemand darber. ...
   ... niemandem auf, es wundert sich niemand darber. ...

   [S. 247]:
   ... in der alle Wemut eines lebensfreudigen, sehnschtigen ...
   ... in der alle Wehmut eines lebensfreudigen, sehnschtigen ...

   [S. 248]:
   ... da hat er es nie versmt, hinzugehen, so lange er ...
   ... da hat er es nie versumt, hinzugehen, so lange er ...






End of the Project Gutenberg EBook of Ratsmdelgeschichten, by Helene Bhlau

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RATSMDELGESCHICHTEN ***

***** This file should be named 48827-8.txt or 48827-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/8/8/2/48827/

Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net. This file was produced from images
generously made available by The Internet Archive.

Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

